diff options
Diffstat (limited to '20786-8.txt')
| -rw-r--r-- | 20786-8.txt | 12854 |
1 files changed, 12854 insertions, 0 deletions
diff --git a/20786-8.txt b/20786-8.txt new file mode 100644 index 0000000..d7a0f6d --- /dev/null +++ b/20786-8.txt @@ -0,0 +1,12854 @@ +The Project Gutenberg eBook, An heiligen Wassern, by Jakob Christoph Heer + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + + + + +Title: An heiligen Wassern + Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge + + +Author: Jakob Christoph Heer + + + +Release Date: March 8, 2007 [eBook #20786] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AN HEILIGEN WASSERN*** + + +E-text prepared by Markus Brenner, gvb, and the Project Gutenberg Online +Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net) + + + +Anmerkungen zur Transkription: + + Die Originalausgabe enthält einige Druckfehler und + Unregelmäßigkeiten in der Zeichensetzung. Korrekturen + sind im Text durch geschweifte Klammern gekennzeichnet, + wie zum Beispiel {1}. Einzelheiten zu den Korrekturen + sowie weitere Anmerkungen befinden sich am Ende des + Textes. + + _ umschließt im Original gesperrt gesetzten Text. + % umschließt im Original in Antiquaschrift gesetzten Text. + [vz] steht für den Buchstaben "kleines z mit Hatschek". + + + + + +AN HEILIGEN WASSERN + +Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge + +von + +J. C. Heer + + + + + + + +[Illustration: An heiligen Wassern] + + + +51.-54. Auflage + + +[Illustration] + + +Stuttgart und Berlin 1910 +J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger + +Alle Rechte vorbehalten + + + + +I. + + +Dörfer und Flecken, selbst eine kleine Stadt, deren Wahrzeichen zwei +altersgraue Ruinen auf kahlem Felsen sind, erheben sich mit südlichen +Silhouetten am Strom, der seine grauen Wellen aus dem Hochgebirge wälzt. + +Im Thalwind erzittern die schlanken Ruten der Silberweiden und die +Blätter der Pappeln, welche die Wasser säumen, über die Hütten neigen +sich der Kastanien- und der Feigenbaum, die Rebe klettert über das +Gestein, das Land ist licht und üppig, als wär's der Traum eines +italienischen Malers. + +Von Stelle zu Stelle aber schaut durch grüne Waldeinschnitte ein fernes, +in sonniger Schönheit aufleuchtendes Schneehaupt in die Stromlandschaft +und erinnert den Wanderer, daß er just da im Hochgebirge geht, wo es +seine Zinken und Zacken am höchsten erhebt. + +Emsige Wildwasser, die aus dunklen Schluchten hervorbrechen, reden von +stillen Seitenthälern, die hinter träumenden Lärchenwäldern versteckt +bis an die ewigen Gletscher reichen. + +Fast unvermittelt berühren sich in dieser Gegend Nord und Süd. + +Vom alten Flecken Hospel, auf den ein graues Schloß niederschaut, führt +eine schmale, doch fahrbare Straße in eines dieser Seitenthäler, in das +vier Stunden lange Glotterthal, aus dessen Hintergrund die Krone, eines +der erhabensten Bergbilder des Landes, mit dem Licht ihrer Firnen bis +zum Strome herniedergrüßt. + +Ein heißer, brümelnder Junimittag. Auf dem Glotterweg, der sich zuerst +in manchen Kehren durch die Weinbergterrassen von Hospel windet, fährt +ein leichter Leiterwagen langsam bergan. Der Mann, der neben ihm geht, +ein halb sonntäglich gekleideter Vierziger, der für einen Gebirgsbauern +zu vornehm aussieht, trägt im glattrasierten Gesicht, das ein dunkler +Filz überschattet, und in der ganzen Erscheinung doch das Wesen der +Gebirgsbewohner dieser Gegend: hünenhafte Kraft, Ruhe und eine gewisse +Verschlagenheit. + +»Guten Tag, Presi,« rufen die Frauen, die mit umgeschlagenen roten +Tüchern im Sonnenbrand der Reben stehen. »Wohl, wohl, das langt wieder +eine Weile!« Und sie deuten lachend auf das Fäßchen, das auf einer +Strohunterlage im Wägelchen liegt. + +»Ja, es thut's!« erwiderte er den Gruß kurz, doch mit freundlichem Wort. +Er bläst die Rauchwolken einer Zigarre in die Luft und tätschelt den +Hals des Tieres: »Kleiner, es geht bergan, wehre dich, am Schmelzwerk +wartet die Galta auf dich, wehre dich.« + +Als habe das struppige zähe Pferd Verständnis für seine Zurede, reißt es +mit jeder Liebkosung stärker an den Strängen, aber von Zeit zu Zeit +nötigt es der steile ausgewaschene Weg, mit dem Wägelchen stille zu +stehen und Atem zu schöpfen. Dann fliegt ein Zug der Ungeduld über das +Gesicht des Mannes, doch er faßt sich, legt einen Stein unter das Rad +und wartet ruhig, bis das Tier von selber den mühsamen Zug wieder +aufnimmt. + +Langsam geht die Fahrt, doch wer ins Glotterthal fuhrwerkt, ist sich +dessen gewöhnt. + +»Am Schmelzwerk wartet die Galta auf dich,« wiederholt der Führer. Aber +von Hospel bis zum Schmelzwerk sind es drei Stunden zu Fuß, mit dem +Fuhrwerk noch mehr, und dann ist es noch eine Stunde nach dem Dorfe St. +Peter, das weltverloren unter den Firnfeldern der Krone liegt. + +Der Weg windet sich, wenn er die Rebberge von Hospel verlassen hat, in +eine Felsenschlucht, über der alte Föhren ihre blaugrünen Schirme +halten, dann berührt er in dem sich weitenden Thal die Dörfer Fegunden +und Tremis, die mit sonngedunkelten Holzhäusern auf grüner Wiesenhalde +liegen, und wird eben. + +Tief unter ihm gischtet der Fluß in der Felsenschlucht, die altersgrauen +Lärchen neigen sich darüber und schwanken im Luftzug, Bergnelken hangen +über die Ränder und verzieren den Abgrund mit blühendem Rot. + +Nur das Rauschen der Glotter und das gleichförmige Ticktack der +Merkhämmer einer großen Wasserleitung, die in entlegener Höhe +dahinführt, unterbrechen die Stille des Thales. + +Die Leitung heißt das »helige Wasser«[1] und befruchtet die +sonnenglühenden Weingärten, die Aecker und Wiesen Hospels und der fünf +Dörfer, die um den Flecken liegen. + + [1] _helig_ ist die ältere Sprachform für »heilig«. + +Wenn man drei Stunden bergauf und ebenhin über schmale Mattenstreifen +gegangen ist, kommt man zu der alten verwitterten Kapelle der Lieben +Frau, wo der Weg auf einem vielhundertjährigen vermoosten Brückenbogen +über die Schlucht nach dem Schmelzwerk St. Peter hinüberspringt. + +Um die halb zerfallenen Gebäude des ehemaligen Bergwerkes dehnt sich des +Teufels Garten. + +Auf Hügeln alter verglaster Schlacken blüht der rote Mohn, die +Königskerze reckt ihre goldigen Blütenschäfte, das Singrün spinnt seine +blauen Blumenketten um die Scherben, allerlei blühender Wust und viele +Brennesseln wuchern zwischen ihnen empor, stahlblaue Fliegen und +Schmetterlinge gaukeln über die wilde Pracht. + +An einem verkrüppelten Ahorn stand an jenem Nachmittage, wo Peter +Waldisch, der Präsident von St. Peter, durchs Thal fuhr, eine Mauleselin +angebunden. Sie schüttelte den Kopf, scharrte mit dem linken Vorderfuß +und erhob trotz dem Schatten, den ihr die Ruine spendete, von Zeit zu +Zeit ein klägliches Geschrei. Dann tauchte aus der wilden Ueppigkeit der +bunt bekränzte Schwarzkopf eines Mädchens auf, das auf den bloßen +braunen Armen ein übermächtiges Bündel von Blumen trug. »Ich komme, +Galta, ich komme,« rief sie dem Tier begütigend zu, dann verschwand die +ganze Gestalt wieder in den Wogen des Sommerwustes, bis sie so viel +Blumen an die Brust drückte, als ihr Arm fassen konnte. Da watete sie +endlich aus der Wirrnis. Ihr kurzes Röckchen schützte sie nur bis wenig +unter die Kniee, aber gewandt wie ein Wiesel wich sie den vielen +Brennesselbüschen aus, die ihre nackten Füße und Waden bedrohten. Eine +lebendig gewordene Bronzefigur, Gesicht, Arme, Füße sonnengebräunt, war +sie fast so wild wie die Wildnis, die sie durchschritt, im Kopf standen +ein paar feurige Augen, wie die einer Zigeunerin; doch sah man dem +Mädchen gleich an, daß es kein Bauernkind war, dafür war alles an ihr zu +zart und zu fein. + +Sie eilte mit leichten Füßen über die Brücke zu der alten Kapelle, +kniete nieder und steckte ihre Blumen in das hölzerne Vorgitter des +kleinen Gotteshauses, so daß es bekränzt war wie für ein Fest. + +»Das wird die Mutter Gottes freuen!« sagte sie, ihr Werk betrachtend. + +Plötzlich horchte sie neugierig und verwundert in die blaue warme Luft. +Ein Rollen wie von fernem Gewitter ging durch die Stille des +Nachmittags. Es war Lawinendonner, den die Luft von den Bergen +herniedertrug. Am schmalen Himmelsband über dem Thal waren weiße +Föhnstriche hingeweht, die Schläge der Frühsommerlawinen und kleinen +Gletscherbrüche lebhafter denn sonst. + +Jetzt blickte sie von der Kapelle den Weg hinab und legte die Hand zum +Schutz gegen die brennende Sonne über die dunklen Augen. + +Der Vater kam noch nicht, dafür zwei Kinder mit Tragkraxen, beide mit +Bergstöcken in der Hand. + +»Vroni! Josi!« Mit lebhaftem Ausbruch der Freude sprang sie ihnen +entgegen. + +»Hast schwer, Vroni? Hast schwer, Josi? Hättet ihr die Last meinem Vater +auf das Wägelchen gegeben, er ist heute nach Hospel gefahren, ich +erwarte ihn hier mit Vorspann.« + +Josi schüttelte nur den Kopf. Die beiden Geschwister stellten ihre +Kraxen auf die hölzerne Bank vor der Kapelle, wischten sich den Schweiß +aus der Stirn und setzten sich gelassen hin. Binia, die Blumensucherin, +betrachtete die beiden wohlgefällig. Vroni, unter deren niedrigem altem +Strohhut das Goldhaar hervorquoll und in glänzenden Fäden um die +geröteten Wangen flog, war nur ein Jahr, Josi, der kräftige Bursch, der +einen ähnlichen Hut trug, zwei Jahre älter als sie. Und sie war zwölf. + +»Sechzig Pfund hab' ich,« sagte Josi, die Beine schlenkernd, an denen +die schwergenagelten Holzschuhe klapperten, »die Vroni hat vierzig, ob +so viel Mehl wohl reicht bis zur Ernte?« + +»Es wird schon langen müssen, aber dann wird's gut, das Aeckerchen trägt +dieses Jahr viel Korn,« erwiderte Vroni hausmütterlich froh. + +Da ging wieder ein langhallender Donner durch die Ruhe des Thales. Josi +sprang auf: »Ja, es ist doch wahr. Die Wildleutlaue geht wieder los! +Sieben Jahr ist der Gletscher zurückgegangen und sieben Jahr gewachsen, +das letzte Jahr war ein schlechter Sommer und jetzt ist ein guter -- da +bricht der Eissturz los!« + +Binia ließ die Schwarzaugen funkeln, Vroni mahnte ab: »Sage nichts +Sündiges, schau' doch in die Kapelle, wie viel Marterkreuze von denen an +den Wänden stehen, die in die Felsen haben steigen müssen, wenn das +helige Wasser von der Wildleutlawine zerstört worden ist.« + +Die Kinder warfen einen schaudernden Blick in die Dämmerung der Kapelle. +Ihre Wände waren mit hölzernen und eisernen Täfelchen ganz bedeckt, auf +denen die Namen von Verunglückten und fromme Sprüche standen. + +»O, wie traurig,« sagte Vroni, »da ist es kein Wunder, wenn die Leute +bei uns nicht so laut singen und lachen mögen, wie draußen im großen +Thal und alle so still und ernst sind.« + +Aber die anderen hatten keine Lust, ihren Betrachtungen zu folgen. + +»Du, Vroni, erzähl' uns doch wieder einmal die Geschichte von den +heligen Wassern, du erzählst sie so schön,« schmeichelte Binia, indem +sie sich flink zwischen die Geschwister drängte und an die Freundin +schmiegte. + +»Das ist eine lange Geschichte,« warf Vroni ein, es war aber, als gehe +von den dunklen Augen Binias ein Zwang auf sie, sie lächelte und +streckte die rote Schürze zurecht: »Ja, nun so, wir kommen schon noch +heim.« + +Von ihrer Mutter hatte Vroni den Ruf einer geschickten Erzählerin +überkommen. Ihre blauen Augen gingen träumerisch ins Weite, sie +überlegte, faltete die Hände über dem Knie und begann: »Also, das ist so +lange her, daß es nirgends in den Büchern aufgeschrieben steht. Da gab +es neben uns rechten Leuten im Glotterthal noch Wildmännlein und +Wildweiblein, die in den Wäldern wohnten. Es geschah nun, daß einer von +den rechten Hirten ein Wildmädchen Namens Gabrisa, das mächtig schön +war, lieb gewann. Ihr dunkles Haar reichte bis auf den Boden, ihr +Gesicht war weiß und ihre Stimme tönte wie Glockenspiel. Allein ihrem +Geliebten mißfiel es, daß sie jedesmal, wenn Vollmond war, zu den +Ihrigen in den Wald verschwand. Einmal brachte er nun am Tag vor dem +Vollmond Wein von Hospel herauf. 'Trink, Gabrisa,' sagte er. 'Ist das +güldenes Wasser?' fragte sie, denn sie kannte den Wein nicht. Und er +antwortete: 'Ja, das ist güldenes Wasser.' Da trank Gabrisa und der Wein +schmeckte ihr gut. Als sie in den Wald eilen wollte, trugen sie die Füße +nicht, sie schwankte, fiel und schlief ein; als sie aber erwachte, +sprang sie in den Wald, wandte sich noch einmal nach dem Geliebten um +und sang ihm mit ihrer schönen Stimme zu: + + 'Güldenes Wasser, das macht mir Pyn, + Ich darf nit mehr dine Liebste syn!' + +Das Mädchen war verschwunden. Aus Zorn über den Schimpf, der Gabrisa und +damit sie alle getroffen, bannten die Wildleute die Wolken, daß sie ihr +Naß nicht mehr über Hospel und die fünf Dörfer ausleeren konnten, wo der +Wein, den sie getrunken hatte, gewachsen war. Die Rebberge verdorrten, +Aecker und Wiesen standen ab, es trat eine große Hungersnot und ein +großes Sterben ein, das nicht mehr aufhören wollte.« + +Die Erzählerin ruhte einen Augenblick, als ob sie sich sammeln wollte, +sie war so mit sich selbst beschäftigt, daß sie nicht sah, wie Josi, ihr +Bruder, die Augen unverwandt auf das blumenbekränzte Haupt Binias +geheftet hielt, auch diese selbst spürte es nicht, denn sie hatte ihre +Lebhaftigkeit gebändigt und hing mit ihren Blicken an Vroni. + +Ehe diese den Faden ihrer Geschichte wieder aufnehmen konnte, schrie +Galta, das arme Vieh, das die Kinder ganz vergessen hatten, so stark, +daß die pflichtvergessene Binia aufsprang und über die Brücke zu ihr +hinübereilte. + +Da sagte Josi unvermittelt, als hätte er von der Geschichte seiner +Schwester gar nichts gehört: »Bini ist aber ein schönes Mädchen!« + +Vroni sah den Bruder erstaunt an, erst nach einer Weile antwortete sie: +»Siehst du das erst jetzt, das habe ich schon lange gewußt.« + +Ihre Gedanken blieben bei der Erzählung haften, die Hände im Schoß, +spann sie die Geschichte weiter und merkte nicht einmal, wie nun auch +Josi sich leise von ihr weg über die Brücke zu Binia hinüberschlich. + +»Umsonst flehten die Hospeler die Wildleute an, daß sie den Bann lösen. +Sie antworteten: 'Das können wir nicht mehr, denn was geschehen, ist +geschehen und der Fluch gilt ewig. Als die 'trockenen Dörfer' sollt ihr +bekannt sein im Land zu aller Warnung.' Und sie sprangen in den Wald. + +Zu jener Zeit nun kamen die Venediger ins Glotterthal, gründeten das +Schmelzwerk und gruben Blei- und Silbererz, das sie verschmolzen, bis +das pure Metall in die Kannen rieselte. + +Für ihre Feuer, die nie ausgingen, brauchten sie gewaltig viel Holz. Als +sie aber den Arvenwald zwischen der Brücke und dem Dorf zu schlagen +anfingen, gerieten die Wildleute in große Angst, es würde die Zeit +kommen, wo sie nicht mehr genug süße Zirbelnüsse, ihren liebsten +Leckerbissen, fänden. Sie berieten lange hin und her, wie sie die Leute +von St. Peter bewegen könnten, ihnen ein großes Stück Wald zu schenken. +Eines Nachts erschien Gabrisa am Lager ihres ehemaligen Geliebten, +lächelte und sagte: 'Ich will dich und alle in St. Peter reich machen +mit güldenem Wasser, das ihr gerne trinket, so ihr uns Wildleuten den +Wald an der Thalhalde zwischen dem Dorf und der Kapelle schenkt, wo die +Zirbeln wachsen. Saget denen zu Hospel, daß wir Wasser auf ihre +verdorrten Reben, Felder und Wiesen führen wollen, wenn sie euch +gutwillig ein Dritteil ihrer Weinberge geben. + + 'Uns Wilden den Wald, euch Zahmen den Wyn, + Das söll treulich und ewig gehalten syn!' + +Gabrisa verschwand. Schon lange hätten die von St. Peter gern Weinberge +gehabt, aber die Reben wachsen nicht, wo die Gletscher sind. Darum ging +ihnen, was Gabrisa sagte, zu Herzen, sie redeten mit den Hospelern und +den fünf Dörfern; mürbe von der langen Not, traten diese dem Handel bei, +denn ihre Reben waren wertlos geworden. Wie Gabrisa gesagt, kam der +Vertrag zu stande und wurde beim Bildhaus von Tremis von den Abgesandten +der Wildleute und der Dörfer beschworen. + +Nur wunderte man sich, wie die Wildleute das Wasser in die hohen +Weinberge tragen oder führen werden, doch wußte man, daß sie in vielen +Künsten erfahren waren.« + +Erst jetzt merkte Vroni, daß sie auch vom Bruder im Stiche gelassen +worden war. Was verschlug's? Er hatte ja die Geschichte schon oft von +der Mutter gehört, die sie so schön wie niemand anders zu erzählen +verstand. Als sie nun die treulosen Zuhörer suchen ging, bot sich ihr +ein überraschender Anblick. + +Zur Seite der Ruine, wo die Mauleselin Galta stand, lag Binia auf dem +Haufen Grünfutter, den sie oder Josi dem Tier vorgeworfen hatte. Das +wilde Kind lachte mit seinen schwarzen Augen und seinen weißen Zähnen +den Burschen an und er hielt vor ihr stehend einen Strohhalm voll roter +glänzender Erdbeeren, die ersten des Jahres. + +»Mund auf und Augen zu!« sagte er zu der Daliegenden, die lustig zu ihm +emporschielte. + +»Aber nichts Wüstes hineinthun!« bat sie. + +»Was denkst auch, Bineli,« lachte Josi. + +Da schloß Binia die Augen zu, öffnete den Mund und Josi zog die roten +Erdbeeren lächelnd vom Halm und steckte dem Kinde eine um die andere +zwischen die roten Lippen. Plötzlich aber besann er sich anders, statt +einer Beere drückte er ihr einen Kuß auf den frischen Mund. + +Binia wollte zappeln, Vroni wollte rufen, das sei das Spiel zu weit +getrieben, aber beide lähmte die Ueberraschung. + +%»Deus benedicat vos!«% klang tief und feierlich eine Männerstimme aus +dem Innern der Ruine, ein schwarzbärtiges hageres Gesicht schaute durch +ein kleines Gitterfenster der Mauer auf die Kinder. + +»Der letzköpfige Pfaff!« schrieen sie wie aus einem Munde, ein großer +Schrecken war ihnen in die Glieder gefahren. Binia schirrte das Maultier +los, Josi und Vroni eilten nach der Kapelle zu ihren Kraxen, stülpten +die an einem Baum hängenden Hüte auf den Kopf und alle drei wollten +ihrer Wege gehen. + +Als sie sich aber auf der Brücke eben wieder begegneten und hastig +aneinander vorübereilen wollten, trat der Mann von vorhin schlarpend aus +der Ruine und mitten unter sie. Er war barhaupt, an den Füßen trug er +Holzsohlen, um die dunkle rauhe Kutte schlang sich ein weißer Strick, +von dem ein Rosenkranz niederhing. Ganz verwildert sah der bärtige +Einsiedler aus, in dessen bleichem Gesicht zwei unstete Augen loderten. + +%»Pax vobiscum!«% grüßte er sie. »Du bist Binia, die Tochter des Presi! +Du bist Josua, der Sohn des Wildheuers! Kniet nieder ihr zwei!« + +Er machte dazu mit seinen mageren Händen eine so feierliche Bewegung, +daß die bekränzte Binia unwillkürlich gehorchte und auf die Brücke +niederkniete. + +Verwirrt folgte der Bursche. + +Da legte er ihnen die Hände auf die glühenden Häupter und sagte tief und +getragen: »So wahr ich Kaplan Johannes heiße, liebet euch untereinander, +Josi und Binia.« + +Er murmelte über ihnen einen langen lateinischen Spruch wie ein Gebet. + +Vroni, welche die stille Zuschauerin war, kam das, was Kaplan Johannes +that, unheimlich und schrecklich vor. Ihre Augen irrten hilfesuchend +thalauf, thalab, doch wagte die Zitternde keinen Einspruch, dafür kam +ihr das Gewand des Mannes zu heilig vor. Zuletzt sagte sie gepreßt: »Wir +müssen ja gehen!« + +»So geht!« grollte die Baßstimme des Kaplans, er schleuderte Vroni einen +zornigen Blick zu, machte das Zeichen des Segens über den zweien und +lief über die Brücke. Bald bimmelte das Glöckchen der Kapelle Vesper +durchs Thal, aber die Kinder knieten bei den Klängen nicht, wie sie's +gewohnt waren, nieder. Ohne sich zu grüßen, liefen sie hastig und mit +roten Köpfen auseinander, Binia mit dem Tier über die Brücke thalaus, +Josi und Vroni, mit ihren Holzschuhen klappernd, die Kraxe auf dem +Rücken, den Stutz empor, der mit seinem Zickzack gleich hinter dem +Schmelzwerk beginnt und nach St. Peter führt. + +Da ragen, vom Weg nur durch die schreckliche, trichterartige Schlucht +der Glotter getrennt, die Weißen Bretter, drei senkrechte und glatte +Felswände, die aus der Tiefe der Schlucht wie weiße unbeschriebene +Tafeln bis zum Gletscher und ewigen Schnee des Glottergrates ansteigen. +Zwischen den drei Wänden ziehen sich zwei tiefe wilde Graben, in denen +sich ausgewitterte Felsen, Klippen und Türme erheben, ebenfalls bis in +die Höhe ewigen Winters, sie heißen die Wildleutfurren. In halber Höhe +aber geht wie eine dunkle Linie die Leitung der heligen Wasser quer über +die Felsen. Ein Rad, das oben klopft, sagt den Leuten im Thal, daß die +Wasser ruhig die furchtbare Strecke fließen. + +Schweigend waren die Geschwister eine Weile gegangen, da lehnte Josi die +Kraxe an die Halde, die den Weg säumt, und schaute gespannt zu der +Leitung empor. + +Nein, höher noch hinauf, zu dem blauschillernden Gletscher, der mit +einer Last reinen weißen Firnenschnees über die Wände hinausragte. An +seinem Rand stoben immer kleine weiße Rauchwolken auf, ein Rieseln und +Schäumen, wie das von Wasserfällen ging durch die Wildleutfurren +abwärts, verlor sich in ihren Klüften und knatternder Widerhall der +kleinen Lawinen füllte das Thal. + +»Hast du das auch schon gesehen?« fragte Josi. + +»Nein,« antwortete Vroni kurz und beklommen. + +»Eben darum kommt die Wildleutlaue. In den letzten Wintern ist mehr +Schnee auf den Gletscher gefallen, als die Sommer haben zu schmelzen +vermögen; der Gletscher ist gewachsen, er tritt über die Felsen hinaus, +man sieht ihn, wo man ihn vorher nicht hat sehen können. Jetzt, wo es +heiß wird, schmilzt der Schnee, das Wasser fließt in das hervorstehende +Eis; die Last wird zu groß, der Gletscherbruch kommt, die Wildleutlaue!« + +»Ums Himmels willen, Josi, laß uns gehen!« + +»O, dem Weg schadet es nichts; wenn die Luft beim Sturz nicht so sausen +würde, so könnten wir da ruhig zusehen, Eis und Schnee stürzen in die +Schlucht, die ist ja groß. Aber es ist wegen der heligen Wasser!« + +Vroni war unbekümmert um den Bruder, der ihr alles mit großen Worten +vortrug, aufgestanden, er folgte, in einer halben Stunde hatten sie den +Stutz, die Schlucht und die Weißen Bretter hinter sich, vor ihnen lag +auf dem sanften Oval des ebenen Thalhintergrundes ihr Heimatdorf, St. +Peter, das rings von hohen Bergen umsäumt ist. + +Einen Augenblick schauten die Geschwister, die das letzte Wegstück +schweigend zurückgelegt hatten, über die weißen Windungen des Sträßchens +am Stutz hinab und nach dem Teufelsgarten zurück. »Lug' dort, Bini!« +rief Josi. Das wilde Kind hatte sich hinter der Kapelle auf das Maultier +geschwungen und sprengte nun, eben noch unterscheidbar, wie ein +fliegender Schatten über die schmalen Matten des Thales gegen Tremis +hinab. Vroni sah es wohl, wie sich das treuherzige Gesicht Josis +verklärte, als er noch einen Schein der Gestalt erhaschen konnte. + +Ueber ihr frohmütiges Antlitz flog ein Schatten. + +»Du, Josi, was der Kaplan Johannes gethan hat, das ist schrecklich. Er +hat dir und Binia den bösen Segen gegeben. Jetzt, wenn ihr auch +wolltet, könnten du und Binia nie ein Paar werden.« + +Josi lachte trocken. + +»Er ist kein Gottesmann,« fuhr Vroni fort, »er ist ein Teufelsmann. Die +Mutter sagt's. Er ist nur ein davongelaufener Klosterschüler, er darf +niemand die Beichte abnehmen; die Leute nennen ihn nur Kaplan, weil +früher, zu Bergwerkszeiten, die Kapelle der Lieben Frau eine Kaplanei +gewesen ist.« + +Josi hatte das Bedürfnis zu widersprechen. + +»Aber hat er auf den Alpen mit seinen Tränken und Sprüchen nicht schon +manchmal krankes Vieh gesund gemacht? Denk' nur an die zwölf Stücke des +Bäliälplers. Sie hatten die Klauenseuche und man wollte sie schon töten, +da segnete sie Johannes und sie wurden in drei Tagen gesund.« + +»Ja -- und dafür starben dem Bäliälpler drei Wochen nachher die beiden +schönen Kinder, die bis dahin kerngesund gewesen waren; er und seine +Frau, die früher glücklich zusammen lebten, haben jetzt nichts als Zank +und Streit, er ist wild über sie, weil sie den letzköpfigen Pfaffen ohne +sein Wissen in den Stall geführt hat, und immer sitzt er zornig und +traurig im Wirtshaus.« + +»Die Kinder sind vielleicht auch sonst gestorben,« versetzte Josi kühl. +»Wir lassen den Kaplan nie in unseren Stall, haben wir deswegen weniger +Unglück mit dem Vieh als andere Leute? Nein, im ganzen Dorfe haben wir +am meisten. Drei Jahre hintereinander haben wir Jungvieh aufgezogen, es +wuchs und gedieh auf das schönste, aber jedesmal, wenn's bald hätte +verkauft werden können, ist's umgestanden. Die Loba, die der Vater am +Samstag verkauft hat, ist seit vier Jahren das erste Stück, das geraten +ist.« + +»Die Loba!« -- Vroni bückte sich tiefer unter ihrer Last; die Thränen, +die sie vergossen hatte, als der Händler das schöne liebe Rind +davongeführt hatte, drohten wieder zu kommen. Sie wurde traurig und +still. + +»Du erzählst der Mutter nichts von Kaplan Johannes, gelt, Vroni,« +versetzte Josi schmeichelnd, als sie durch die mit großen +Pflastersteinen besetzte Straße von St. Peter schritten. »Nein, gelt, du +sagst nichts!« + +»Ei, wie Josi betteln kann.« Das Gesicht Vronis hatte sich gehellt. +»Wenn du dich nie mehr mit dem Kaplan einlässest, will ich still sein.« + +Sie schritten durch die lose Reihe gebräunter Holzhäuser, Ställe und +Städel[2], die das Dorf bilden. Als sie am Gasthaus zum Bären +vorbeikamen, einem alten, massiven Steinbau gegenüber der Kirche, die +sich auf einem Felsenhügelchen erhebt, öffnete sich ein Fenster und eine +Männerstimme rief: »Vroni! -- Josi!« + + [2] _Stadel_, schweizerdeutscher Ausdruck für Heuschuppen. + +»Der Vater!« + +Freundlich reichte ihnen der bärtige Wildheuer ein Glas voll Wein: »Ihr +werdet wohl Durst haben!« + +Vroni nippte nur, Josi aber nahm einen tapferen Schluck. + +»Sagt der Mutter, es könne, bis ich heimkomme, etwas später werden, als +ich gemeint habe, der Presi ist nach Hospel gegangen und ich muß ihn +erwarten.« + +So der Vater. Die Kinder verabschiedeten sich, schlugen einen Seitenweg +ein, der durch Kartoffel- und Roggenäckerchen an den sonnigen Hang +hinüberführt, wo die Maiensässen[3] und Alpweiden der Leute von St. +Peter liegen. + + [3] _Maiensässen_ sind Berghäuser zwischen den Dörfern und den + Alpweiden, sie bilden beim sommerlichen Zug der Sennen und des + Viehs auf die Hochweiden den Zwischenaufenthalt, wo gewöhnlich im + Mai mehrere Wochen geruht wird. + +Da stand unter einem Felsblock ihr kleines Haus, auf dessen +steinbeschwerten Schindeln eine große Steinbrech blühte, jene Blume, von +der die Sage der Aelpler behauptet, daß sie nur auf den Dächern wachse, +unter denen der Friede wohne. Freundlich schauten die kleinen Fenster, +vor denen Stöcke roter Geranien prangten, gegen das Dorf. + +»Ja, die Wildheuerfränzi versteht sich auf Blumen.« So sprach man im +Dorf. »Blumen und Geschichten sind ihr Sonnenschein.« + +Erschöpft ließ Vroni die Kraxe auf die Bank vor dem Felsblock sinken, +auch Josi stellte die seine mit einem Ausruf der Erleichterung ab. + +Unter der Thüre erschien die Mutter, die Wildheuerfränzi, selbst in +ihren abgetragenen Kleidern eine hübsche Frau, von kräftigem Wuchs, +vollem, üppigem dunklem Haar, offenen Zügen und jenen großen, blauen, +vielsagenden Augen, die Vroni von ihr geerbt hatte. + +»Da seid ihr ja,« sagte sie erfreut, Josi aber rief: »Mutter, eine +Neuigkeit, die Wildleutlawine kommt!« + +Eine geraume Weile später sah man den Presi mit seinem Fuhrwerk gegen +das Dorf fahren. + + + + +II. + + +Der Gasthof zum Bären war ein Altertum des Dorfes St. Peter. Die +Ueberlieferung berichtete, das aristokratische Haus sei, als noch ein +Saumweg über die damals weniger vergletscherten Berge nach Welschland +geführt habe, eine Sust, eine Warenniederlage, gewesen, wo die Maultiere +gewechselt wurden. Man erzählte sich, die Knappen des Bergwerkes hätten, +wenn sie ihr Silber und Blei über die Berge nach Welschland führten oder +von dort mit dem Erlös zurückkamen, im Bären hart gezecht, aus silbernen +Bechern getrunken, mit silbernen Kugeln gekegelt und manchmal sommerlang +fröhliche Italienerinnen als Spielgefährtinnen in dem Haus einquartiert. + +Nur als Nachklang lebte die Erinnerung an diese üppigen Zeiten in St. +Peter fort, das Leben ging jetzt in Haus und Dorf den gemessenen stillen +Gang der einsamen Alpendörfer. Seit zwei- oder dreihundert Jahren stand +das Bergwerk still; so glänzend, wie es die Sage schilderte, mochte das +Knappenleben nie gewesen sein. Das Schmelzhaus war eine Ruine und der +alte Paßweg nach Welschland mit seinem Verkehr war verschollen, an den +Erzreichtum der Gegend erinnerten nur noch die schönen Drusen und +Gesteinsblüten, die man da und dort als Schmuck hinter den Fenstern der +Wohnungen sah. + +Für den vielhundertjährigen Bestand des Bären aber sprachen seine +massive Bauart und die Jagdtrophäen, die am Dachgebälk befestigt waren: +gebleichte Steinbock- und Wolfsschädel, besonders ein eingetrocknetes +mumienhaftes Bärenhaupt, das als Wahrzeichen des Hauses an einer Kette +gegen die Thüre und die Freitreppe hinunterhing, die mit schönem +eisernem Geländer zum Eingang emporführte. Die weißgrauen Zähne des +Hauptes waren vermorscht und verwittert; die Jagdzeichen reichten wohl +bis in die Zeit der Venediger zurück, denn so lange schon gab es im +Glotterthal weder Bär noch Wolf, und seit dem Anfang dieses Jahrhunderts +sind auf den Felsen und Firnfeldern der Krone die Steinböcke +ausgestorben. + +Ueber dem Fenster neben der Treppe prangte als eine neuere Zuthat am +alten Bau die Inschrift »Postbureau St. Peter« und der eidgenössische +Postschild. + +Die stattlichen Wirtschaftsräume des Bären befanden sich im ersten +Stock; helles Arvengetäfel, aus dem die dunkeln Astringe wie Augen +schauten, und alte geschnitzte Wappenzier an den Decken fesselten den +Eintretenden. Der Hauptschmuck der großen Stube war ein alter Leuchter, +der ein Meerweibchen darstellte, dessen Leib in ein Hirschgeweih +auslief. + +Am Eichentisch unter dem Leuchter saßen der Bärenwirt Peter Waldisch und +Hans Zuensteinen, der Garde[4]. + + [4] _Garde_ (französisch %garde%, Hüter) nennt man in den Thälern, wo + »Wässerwasserfuhren« bestehen, dasjenige Gemeinderatsmitglied, das + die Aufsicht über die Wasserleitung hat. + +Sie prüften das Fäßchen Eigengewächs, das jener gestern in Hospel +draußen geholt hatte. + +»Wie Feuer, meiner Treu!« sagte der rauhbärtige Garde, das eine Auge +zukneifend und durch das erhobene Glas blinzelnd, in dem der Weißwein +sonngolden erglänzte -- »aber, aber, Presi,« seine Stimme wurde +plötzlich sehr ernst, »die Abmachung mit Seppi Blatter ist nichts. Wenn +der ganze übrige Gemeinderat dafür ist, so bin ich dagegen. Man dürfte +ja Fränzi, Vroni und Josi nicht mehr ins Auge sehen. Sagt mir einmal +ehrlich, wie stark hat bei seiner Unterschrift der Hospeler die Hand +geführt?« + +Der Presi und Bärenwirt, der den rauhen untersetzten Garden um +Kopfeslänge überragte und neben ihm wie ein rechter Bauernaristokrat +erschien, lächelte verlegen und rückte auf dem Stuhl. + +»Wollt Ihr lieber das Los entscheiden lassen?« fragte er lauernd. + +Der Garde knurrte wieder, nach einer Weile fragte er aufs neue: »War +Seppi nüchtern?« + +»Man macht keinen Handel, es ist ein Glas Wein zur Ermutigung dabei. Ich +war grad in guter Laune, ich ließ ein paar Flaschen Hospeler fließen, +Seppi aber war ziemlich nüchtern.« + +Der Garde schüttelte bedächtig den Kopf, in den starken Furchen seines +breiten Gesichtes spiegelte sich Mißbilligung und Sorge, erst nach einer +Weile sagte er: »Das Ding ist nichts.« + +Dem Presi lag augenscheinlich daran, dem Gespräch eine andere Wendung zu +geben, lachend rief er: »Zum Wohl, Garde!« Und als nun die Gläser +zusammenklingelten, fuhr er fort: »Warum ich gestern so hellauf war, +Seppi Blatter, Bälzi und dem Bäliälpler ein Glas vom guten Hospeler +schenkte, will ich Euch verraten. Es ist eine Ueberraschung --. Ich +führe wieder eine Wirtin in den Bären.« + +Da sprang der schwerfällige Garde auf: »Was Ihr meldet, Presi! Wer +ists?« Die ehrliche Neugier stand ihm im Gesicht. + +»Unter vier Augen und nur zu Euch -- Frau Cresenz, die Schwester des +Kreuzwirtes in Hospel. Wir haben die Angelegenheit gestern ins reine +gebracht.« + +»Ich wünsche Euch Glück,« sprach der Garde feierlich und schüttelte dem +Wirt kräftig die Hand. Dann setzte er sich und knurrte in einem Ton vor +sich hin, der nicht entscheiden ließ, ob darin eine Zustimmung oder +Mißbilligung liege. + +»Was sagt Ihr dazu?« fragte der Presi. + +»Cresenz wird dem Bären schon wohl anstehen, sie hat sich als Witwe gut +erhalten, ist mit ihren fünfunddreißig Jahren eine hübsche Frau, sauber +und flink, sie versteht das Wirten und den Umgang mit den Leuten wie +keine andere, hat einen tadellosen Ruf, kurz, ich meine, Ihr führt eine +geschickte Frau ins Haus. Aber --« + +Der Garde stockte. + +»Aber?« -- wiederholte der Presi. + +»Cresenz ist aus einem so großen Gasthof und an das Fremdenleben so +gewöhnt, daß es ihr hier bei uns hinten, wo doch nur Bauern und Alpleute +sind, langweilig wird.« + +Der Bärenwirt lachte: »Falsch, Garde, falsch! -- Dafür ist gesorgt. Ein +schönes Stück wird schon sein, Bini zu ziehen. Das Kind ist verwildert; +denkt nur, gestern kam sie mir barfuß bis nach Tremis entgegen, es hat +mich geschämt vor den Leuten. Ich habe keine Zeit, mich mit ihr +abzugeben, die kropfige Susi, das Keifweib, wird nicht Herr über sie, +fahre ich aber einmal mit einem Donnerwetter dazwischen, so schilt sie +mich frank einen Rabenvater.« + +Die beiden Männer lachten herzlich -- es schien, der Streit von vorhin +sei in lauter Freundschaft aufgelöst. + +Da räusperte sich der Garde: »Haltet, wenn Ihr jetzt eine frische, +hübsche Frau bekommt, nur die Beth selig in Ehren und gutem Andenken.« + +Das Gesicht des Bärenwirts verfinsterte sich. + +»Aber das gebt Ihr doch zu,« sagte er mürrisch, »Frau Cresenz wird eine +bessere Wirtin als die arme selige Beth.« + +»Alle Leute im Dorf haben sie geliebt und verehrt, nur Ihr nicht. Sie +war eine Frau wie ein Engel, sie hat nur das Unglück gehabt, da sie +Euern hochfahrenden Plänen nicht hat folgen können und nicht hat wollen. +Sie war eine, wie wir alle im Dorfe sind: einfach und fromm, stets auf +den Frieden im Leben und die Seligkeit im Himmel bedacht, Ihr aber +gleicht von jeher mehr den Leuten draußen in der Welt, hastig und +unruhig seid Ihr immer voll Pläne, habt Ihr immer eine ganze Menge Dinge +umzutreiben. Da wird Euch allerdings Cresenz besser verstehen als Beth!« + +Der Presi lächelte überlegen: »Handel und Wandel, mein' ich, giebt dem +Leben das Salz und« -- er klopfte dabei auf den Tisch -- »mit Frau +Cresenz wage ich es. Der Bären soll ein Fremdengasthof werden, ich +nehm's mit dem Pfarrer und euch allen auf.« + +»Presi!« Das Blut war dem Garden in den Kopf geschossen. »Presi, das +thut Ihr nicht!« + +»Ihr werdet's schon erleben.« Die Augen des Bärenwirtes blitzten +übermütig und unternehmungslustig. + +»Der Pfarrer wird Euch von der Kanzel angreifen und alle werden mit ihm +gegen Euch sein!« + +»Der hochwürdige Herr soll das Geistliche besorgen, das Weltliche +besorgen wir schon.« Der Presi lachte und fuhr dann fort: »Ich will Euch +verraten, warum er keine Fremden will. Es sind jetzt vierzig Jahre, daß +er nach St. Peter gekommen ist. Da stieg über die Schneelücke herunter +der erste Fremde, ein berühmter Naturforscher, der mit seinen Führern +die Krone erklettert hatte. Die Leute von St. Peter erstaunten darüber +so sehr, daß sie den Pfarrer riefen. 'Vielleicht sind's Gespenster!' +sagte er und ordnete eine Prozession an, damit man ihnen entgegenziehe. +Als der Bergsteiger, seine Führer und Träger kamen, spritzte er ihnen +Weihwasser entgegen und schrie: %'Apage, apage, Satanas!'% Auf dieses +Zeichen trieben die von St. Peter die Fremden um das Dorf herum und +jagten sie den Stutz abwärts. Glaubt, Garde, wegen der Schande von +damals will der Pfarrer nichts von Fremden wissen, er fürchtet, die +Geschichte, wegen der wir von St. Peter in den Büchern als ein rauhes +und dummes Volk verschrieen sind, werde dadurch frisch!« + +Der Garde hatte sich beruhigt: »Der Pfarrer ist gegen den +Fremdenverkehr, weil er von ihm das Verderben des Dorfes fürchtet. Er +hat recht. In Grenseln, wo jetzt auch zwei Gasthöfe sind, hat erst +diesen Frühling ein Mädchen, das im einen diente, ein Uneheliches +bekommen. Denkt die Schande!« + +»Ja, aber die Forellen aus meiner Fischenz in der Glotter und den +Hospeler aus meinen Bergen würde ich gern etwas besser verkaufen, als es +bis jetzt geschehen ist.« + +»Werdet nicht zum Fluch von St. Peter, Presi, dafür hat Euch wahrlich +die Gemeinde Euer Amt nicht gegeben. -- Ich muß jetzt von etwas +sprechen, wovon man eigentlich nicht reden soll, so wunderbar heilig ist +es. Hat je eine Lawine das Dorf St. Peter getroffen? Nie! Und doch +wohnen wir unter den Firnfeldern der Krone und sie hätten freien Weg.« + +»Ich weiß schon, wohin Ihr zielt, aber ich bin nicht abergläubisch; die +armen Seelen kommen in die Hölle, nicht auf die Gletscher. Das sagt ja +der Pfarrer selbst,« höhnte der Wirt, »der wird's wissen!« + +In diesem Augenblick schaute ein etwa fünfzehnjähriger Junge blöd durch +die halbgeöffnete Thüre. + +»Nur hinein, Eusebi!« Lustig schob Binia den ungelenken schwächlichen +Burschen mit beiden Händen vom Flur in die Stube. + +»Was willst, Eusebi?« fragte der Garde freundlich. + +»S--s--sollst h--h--heim--k--k--ommen, V--v--vater. Ei-- ein R--rind ist +k--k--kr--rank auf d--d--er Alp.« + +Der Stotterer schämte sich seines Uebels, er wußte nicht wohin blicken. + +»Sei nur ruhig, Eusebi, ich komme!« Der Garde stand auf und der Presi +gab ihm bis auf die Freitreppe das Geleit. + +Dort säumten die Männer noch einen Augenblick. + +»Also wir müssen auf alles gefaßt sein, die Wildleutlaue kann jede +Stunde gehen,« sagte der Presi ernst.{1} + +»Ja, aber noch einmal gesagt, die Machenschaft mit Seppi Blatter ist +nichts,« erwiderte der Garde. »Im übrigen hoffe ich, daß ich bei der +Wassertröstung[5] das Amt niederlegen kann. Ich bin der Geschichte +satt.« + + [5] _Wassertröstungen_ nennt man die Gemeindeversammlungen, in denen + Beschlüsse über die Wasserleitungen gefaßt werden. + +»Das nicht, das nicht; über Seppi Blatter aber reden wir im +Gemeinderat.« + +Die Männer schüttelten sich die Hände. + +»Nichts für ungut!« sagte der Garde, »ich rede frei von der Leber, +anders hab' ich's nicht gelernt.« + +Binia aber rief: »Nicht wahr, Eusebi darf noch bei mir bleiben.« + +»Gewiß,« lächelte der Garde wohlgefällig, »ich habe nichts lieber, als +wenn er bei anderer Jugend ist.« Da riß die wilde Binia den scheuen +Jungen mit sich. + +Der Garde, der ganz aus Eisen zusammengesetzt schien, ging langsamen +Schrittes durch die kleinen Aecker zur Hütte des Wildheuers Seppi +Blatter. Er hatte schwer zu denken und wiegte den mächtigen Kopf: Was +für ein merkwürdiger Mann ist doch der Presi! St. Peter ist zu klein für +seine rastlose Betriebsamkeit. In allem hat er die Hand. Er hat seine +Schuldscheine auf Aeckerchen und Alpen, er beherrscht als Vermittler +zwischen den Sennen und den fremden Händlern den Käse- und Viehhandel, +er ist Posthalter und hat damit den Einblick in allen Verkehr und nun +will er noch Fremdenwirt werden. + +Dazu die schlechte voreilige Anbändelei mit Seppi Blatter! -- Was hat er +für einen Zweck dabei? Keinen! Eine Laune ist's, ein Stück sträflichen +Uebermutes. + +Da war er bei der Hütte angekommen. + +»He, fleißige Vroni, wo ist der Vater?« + +Vroni saß auf dem moosüberwachsenen Block, der das Häuschen schirmte, +sie flocht mit flinken Fingern an einem jener Strohbänder, woraus die +Glotterthalerinnen die zierlichen Hüte machen, die sie tragen. Nebenbei +überwachte sie die drei Ziegen, die, mit den Schellen klingelnd, +zwischen hohen roten Enzianen und blauem Eisenhut sich ihr Futter +naschten. + +»Vater, Mutter und Josi wildheuen an den Bockjeplanken; kann ich dem +Vater etwas ausrichten, Pate?« + +»Er soll unter Licht[6] bei mir vorbeikommen. Guten Abend, artiges +Kind --« + + [6] _unter Licht_, schweizerdeutsch, »in der Dämmerung«. + +Damit stoffelte[7] er den Berg hinan. Vroni hatte aber von ihm einen +Blick aufgefangen, der ihr zu denken gab. In seiner Freundlichkeit war +ein sorglicher Ton gewesen, der ihr in den Ohren nachklang. + + [7] _stoffeln_, schwerfällig gehen. + +Wie gestern rollte auch heute in einem fort Lawinendonner in stärkeren +und schwächeren Schlägen vom Gebirg, und plötzlich fiel ihr der Vater +ein. Sie wußte nicht warum. Doch! Er war am Morgen so blaß gewesen, er +hatte gesagt, er habe die ganze Nacht kein Auge geschlossen wegen des +Donners. + +Vroni bemerkte es in ihrem Sinnen nicht, daß eine behende Gestalt wie +ein Wiesel über die Felsen hinaufgeklettert kam, sie erschrak +ordentlich, als Binia ihren Arm um sie schlang. Und dann sah sie den +scheuen Eusebi unten stehen. + +»Komm, Sebi, komm!« Er kletterte, setzte sich zutraulich zu den zwei +Mädchen, seine Augen glänzten in stiller Freude. »Vroni und Bini wissen, +daß ich nicht so einfältig bin, wie die Leute meinen,« dachte er. + +»Vroni, wie geht die Geschichte von den heligen Wassern weiter, mir hat +die ganze Nacht von der Wildfrau Gabrisa geträumt, sie war aber nicht +schwarz, sondern blond wie du!« scherzte Binia. + +Vroni lachte, dann mahnte sie: »Du, von Josi darfst du keinen Kuß mehr +bekommen!« + +Eusebi riß die Augen auf: »K--k--kuß,« stammelte er verwundert. + +»So!« Lustig stellte Binia die weißen Zähne. »Erzähle jetzt nur, Vroni. +Josis Kuß war ja nur Spiel.« + +Da legte Vroni, wie sie es gewohnt war, die Hände über das Knie und sah +in die Weite: »Ich fange jetzt gleich an, wo ich gestern zu überdenken +aufgehört habe, ich mag das Gleiche nicht zweimal sagen.« + +»O, das macht mir und Sebi nichts, wenn du nur erzählst,« versicherte +Binia. + +Da begann Vroni: + +»Man wunderte sich, wie die Wildleute Wasser in die Weinberge +hinaufführen oder tragen werden und viele Leute gingen nach Hospel +hinaus, um es selber zu sehen. Die Wildleute fingen aber bei St. Peter +zu arbeiten an, sie hieben Bäume um und höhlten die dicken Stämme fast +ganz aus, so daß breite und tiefe Kännel entstanden. Den ersten legten +sie an das Gletscherthor, aus dem die Glotter ins Thal läuft, und dann +viele Hunderte daran, den Anfang des einen in das Ende des anderen, +immer fast eben hin. Von Zeit zu Zeit prüften sie, ob das Wasser +hindurchfließe, und wenn es lief, so tanzten sie vor Freude und +klatschten in die Hände. 'Alleweil sanft, alleweil sanft,' riefen sie +sich zu, und da ihnen der Boden des Thales zu rasch abwärts ging, zogen +sie die Kännel den Berg entlang, so daß sie viel höher als der Thalboden +zu liegen kamen und sich hoch am Berg dahinwanden. Die Thalleute +wunderten sich, daß sich die Wildleute so viel Mühe gaben, sie wußten +nicht, was werden solle. Die Wildleute aber riefen: + + 'Sunneschyn, ja Sunneschyn + Macht die ruchen[8] Wasser fyn!' + + [8] _ruch_, rauh. + +»Wo ein Baum stand, der die Kännel beschattet hätte, fällten sie ihn. So +zogen sie die Leitung der Sonnenseite des Thales entlang und hoch durch +ihren eigenen Wald zwischen dem Dorf und dem Schmelzwerk, wo jetzt die +Weißen Bretter sind: + + 'Durefüehren, durefüehren, + Zirble[9] aber nit anrüehren!' + + [9] _Zirble_, Zirbelbaum, Arve. + +»So riefen sie sich ängstlich zu. Den Leuten kam es seltsam vor, daß die +Wasserleitung im Wildmannliwald am Schatten gehen sollte, sie aber +sagten: + + 'E Wurzen[10] git dem Berg den Halt + Und wenn sie bricht, so fallt der Wald!' + + [10] _E Wurzen git_, eine Wurzel giebt. + +»So bauten sie die Kännel, viele Kirchtürme hoch über Hospel kam das +Wasser in die Weinberge, und vom langen Lauf an der Sonne war es ganz +warm. + +»'Aber es ist ja trüb, was sollen wir mit trübem Wasser anfangen?' +murrten die Weinbergleute. Die Wildleute jedoch tanzten wie närrisch um +die fertige Leitung und mahnten: + + 'Trüebe Wasser, güldige Wyn! + Grabend Gräben, lassend's yn!' + +»Die Leute folgten dem Rat, sie gruben Furchen zu den verdorrten +Weinstöcken und siehe, die Reben grünten und trieben Schosse, wo ein +Tröpflein hinkam, sproßte das Gras, die Bäume schlugen aus. Das ganze +Land um Hospel wurde schön wie ein Garten und prangte in Fruchtbarkeit. + +»Die Leute standen da, die Eltern zeigten das Wunder den abgemagerten +Kindern, die Greise weinten vor Freude und streckten die Hände ins +Wasser, daß sie merken, wie es riesele. + +»Da rief einer: 'O du heliges Wasser', und alle antworteten: 'Ja, +heliges Wasser, heliges Wasser!' Seither hat man die Leitung nie anders +genannt. + +»Die Dörfer des Thales, St. Peter, Tremis und Fegunden, und alle jene, +die von dem Ueberfluß der Hospeler Wasser erhielten, traten zu einer +Landsgemeinde zusammen. Sie beschworen, daß niemand das helige Wasser +letzen oder damit Vergeudung treiben dürfe, sie setzten Verbannung oder +Tod darauf, sie legten das Landbuch an, in dem jedes Grundstück +aufgezeichnet und ihm das Maß des Wassers bestimmt ist, das ihm zur +Tages- oder Nachtzeit zugeleitet werden darf, sie bestellten beeidigte +Wächter, die nachsahen, daß keiner zu viel und keiner zu wenig vom Segen +erhielt. Und alle drei Jahre legten die Leute den Finger auf das +Landbuch, daß sie ewig halten, was darin stehe. Von da an hatten die +von St. Peter Reben, die Wildleute aber zogen sich wieder tief in den +Wald zurück.« + +Während Vroni so sprach, schien es, als bewegten sich den steilen +Alpenweg hinab drei Bündel. Zuerst waren sie nur wie dunkle Punkte +gewesen, aber jetzt wurden sie größer und größer. Ihre Träger sah man +nicht, aber die Erzählerin jubelte, sich selber unterbrechend, doch: +»Sie kommen, schaut, wie viel Heu sie haben. Es ist das erste des +Jahres.« + +»Bis sie da sind, erzähle noch ein wenig, Vroni, es ist alles schön, was +du sagst,« schmeichelte Binia. Selbst der blöde Sebi nickte. + +Vroni, das sah man ihren glänzenden Augen an, war im Zug: + +»Das dauerte lange, lange Zeit. Die Menschen kamen auf die Welt und +starben, niemand wußte mehr etwas anderes, als daß die heligen Wasser +Jahr um Jahr Segen und Fruchtbarkeit spendeten. Unterdessen betrieben +die Venediger den Bergbau, sie lebten üppig und in Freuden, das +fröhliche Leben ging im Bären nie aus. Die von St. Peter wurden durch +den Wein, den sie an den Bergen von Hospel pflanzten und den Knappen +verkauften, sehr reich. Allein es kam die Zeit, wo die Bergleute alles +Holz, das an den Thalseiten wuchs, für ihre Feuer abgeschlagen hatten, +und wegen der Lawinen und Steinschläge wuchs das neue nur langsam nach. +Der Holzmangel war groß. Der Wald der Wildleute aber, der so nahe am +Schmelzwerk lag, stand in Schönheit und Pracht. Da boten die Venediger +denen von St. Peter so viel lötiges Silber, als sie in sieben Wochen +gewannen, wenn sie diesen Wald schlagen dürfen. Da man schon lange +keinen Wildmann mehr gesehen hatte und die Leute glaubten, die Wildleute +seien gestorben oder fortgewandert, so verkauften sie den Forst, der +nicht ihnen gehörte, und die Venediger schlugen ihn. Manchmal, wenn die +Bergknappen die Axt in einen der Bäume hackten, erscholl aber aus dem +Wald ein Klagen, wie wenn Kinder weinen würden, und aus den Gebüschen +hörte man das Geräusch der fliehenden Wildleute. Als die Knappen die Axt +an die älteste Arve legten, überpurzelte der mächtige Baum, es klirrte, +wie wenn im Boden eine Kette reißen würde, und ein Wildmannli, das +erschreckt forteilte, rief: + + 'Untrü, Untrü, du machst großes Weh, + Jetzt hebt[11] der Wald am Berg nit meh!' + + [11] _hebt_ = hält. + +»Das war der letzte Wildmann.« + +Vroni brach ab. Die Wildheuer, der Vater, die Mutter und Josi, mit ihren +Lasten waren herangekommen. Sie warfen ihre Bündel ab, streiften die +weißleinenen Kapuzen zurück, die ihre Köpfe vor dem Heustaub schützten, +und wuschen sich am Brunnen, der neben der Hütte summt, die erhitzten +Gesichter und die Hände. + +Vroni, die fast den ganzen Tag einsam gewesen war, begrüßte die +Ankömmlinge mit lebhafter Freude, aber sie dauerte nur einen Augenblick. +Warum zog sich die Stirne des Vaters so finster zusammen, als er Binias +ansichtig wurde, was war das für ein fremder, schmerzlicher Zug, der +über das braune Gesicht bis in den blonden Bart hineinzuckte? + +Plötzlich schrie er wie aus wilder Qual heraus Binia an: »Fort mit dir, +du Schlechthundekind!« + +Die Erschrockene und Verwirrte, die das böse Wort wie ein Blitz aus +heiterem Himmel traf, stand einen Augenblick fassungslos, dann flüchtete +sie so schnell wie eine Gemse. Hinter ihr drein Eusebi, der aber weit +zurückblieb. + +Fränzi und die Kinder standen verdutzt; erschreckt, vorwurfsvoll sagte +die Frau: »Seppi, Seppi! bist du letzköpfig geworden? Die Binia hat dir +ja nichts gethan!« + +Der verstörte Mann gab keine Antwort, er setzte sich auf den +Dengelstein, mit verbissener Wut begann er die Sicheln zu rüsten, als ob +sie in Stücke gehen müssen. + +Fränzi ging beleidigt ins Haus, Vroni standen die hellen Thränen der +Kränkung in den Augen, Josi machte sich mit dem Heu zu schaffen, damit +seine tiefe Verlegenheit nicht zu auffällig sei. + +»Vater, der Garde hat gesagt, Ihr sollt heute abend noch zu ihm kommen!« +wagte Vroni schüchtern zu melden. + +Da schnob Seppi Blatter: »Hole der, welcher hinkt, den Garden mit dem +Presi!« + +Weinend lief Vroni davon. Mutter und Kinder verstanden den Vater nicht +mehr. Den ganzen Tag war er einsilbig gewesen und hatte gebrütet. Und +jetzt war er so sinnlos wild, er, der Mann, der sonst immer von stiller +Gemütsheiterkeit war und gern einen Scherz machte, wenn ihn die Sorgen +nicht zu stark drückten. + +Etwas mußte gestern abend im Bären vorgefallen sein. + +Aber was? -- Wenn er es nicht freiwillig sagte, erfuhren es Mutter und +Kinder nicht. Das wußten sie schon. + +Als die Haushaltung in der kleinen Stube beim Abendbrot, bei +Wegwartekaffee, schwarzem hartem Roggenbrot und Käse, um den Tisch saß, +wollte Josi das Gespräch auf die Wildleutlaue bringen, aber da donnerte +ihn der Vater mit einem »Halt 's Maul!« an. + +Und als Fränzi sanft mahnte, er möchte doch zum Garden gehen, sagte er +ganz traurig: »Ich bin todmüde -- gute Nacht, alle zusammen.« + +Beklommen ging der Haushalt zur Ruhe und die harte Tagesarbeit brachte +Josi wenigstens bald den Schlaf. + +Er wurde furchtbar daraus geweckt. Ihm war im Traum, als rüttelte der +Wind am Haus, als knackte das Schindeldach -- er wurde munter -- das +Getöse dauerte fort, die Balken knarrten, die Ziegen im Stall begannen +zu meckern. Im Dorf bellten die Hunde und von weit her hörte er das Vieh +plärren. Er schlich sich erschrocken zur Luke, die von seinem Dachgemach +ins Freie ging. Der Himmel über den Bergen war sternklar, aber vom Stutz +herauf schwebte es wie ein grauer Nebel und die Luft wogte. Feiner +Schneestaub begann zu rieseln, die Gegend verfinsterte sich. + +Da wußte er es: Die Wildleutlaue an den Weißen Brettern ist gegangen. + +Jetzt fingen die Glocken zu läuten an, wie es Brauch ist in St. Peter, +wenn eine Lawine, ein Gewitter oder ein Brand im Thale wütet. »Betet, +betet!« läuteten sie. + +Halb angekleidet stieg Josi in die Stube hinunter. + +Welch ein Anblick! Die Mutter saß totenblaß auf einem Stuhl, vor ihr auf +dem Boden kniete, barfuß und nur halb bekleidet, der Vater, das Haupt in +ihren Schoß geneigt, seine sehnigen Hände um die ihrigen geschlungen. + +Der gewaltige Mann stöhnte, schluchzte und rang nach Worten, daß es +einen Stein hätte erbarmen müssen. + +Vroni saß am Tisch vorgelehnt, durch die Hände, mit denen sie das +Gesicht bedeckt hielt, drangen die Thränen, ihre junge Brust bebte vor +Leid. + +»Was giebt's?« fragte Josi; als er aber von keiner Seite Antwort +erhielt, fingen vor Angst auch ihm die Glieder an zu zittern, die Zähne +zu klappern. + +Da kam's aus der Brust des Vaters, als würde ihm das Herz abgedreht und +sich im Leib auch eine Lawine lösen: + +»O Fränzi -- liebe Fränzi -- ich habe es versprochen -- ich muß an die +Weißen Bretter steigen.« + +Ein Schrei drang aus der Hütte in die Nacht, er kam von Vroni. Die +Mutter saß entgeistert, sie hatte willenlos ihre Hände aus denen des +Vaters gelöst und strich ihm über den Scheitel. Sie flüsterte immer nur: +»Mein armer Seppi -- mein armer Seppi! Das also ist's, warum du nicht +hast reden können. Gott! Gott!« + +Ihr Streicheln und ihre Worte beruhigten den Knieenden, so daß er, wenn +auch nur stoßweise, sprechen konnte. + +»Ich habe dem Presi die drei Zinslein für das Aeckerchen bringen wollen. +Der Bäliälpler mit der krummen Nase hockte da -- der Wildheuer Bälzi mit +den wässerigen Augen und dem schwarzen Bocksbart. -- Wir haben um eine +Maß[12] gehäkelt[13]. -- Ich habe beide über den Tisch gezogen. -- Da +fingen sie an zu necken und zu hänseln. -- Ich sei wohl stark, aber doch +ein Hasenherz und wage mich nicht, wie sie, auf die Kronenplanken. Ich +höre eine Weile zu und sage nichts. Da kommt endlich der Presi und redet +von der Wildleutlaue. Er lacht, er spricht so drum her, es könnte einer +ein schönes Stück Geld verdienen, wenn er die Gemeinde nicht zum Los +kommen lasse. Ich meine, es geht auf Bälzi. 'Hast ja acht Kinder, laß +dich auf den Handel nicht ein!' sage ich. + + [12] Die _Maß_ ist das ehemalige schweizerische Einheitsmaß für + Flüssigkeiten. Sie faßt anderthalb Liter. + + [13] _Häkeln_, so viel wie Fingerziehen, ein beliebtes Kraftspiel der + Aelpler. + +»'He, es wird einer an die Bretter steigen müssen,' machte der Presi +unwirsch, 'er braucht ja nicht grad in die Ewigkeit zu fallen.' Ein Wort +giebt das andere. Plötzlich sagt er zu mir: 'Wenn einer noch drei +Zinslein schuldig ist, braucht er den Mund nicht so weit aufzumachen, +wie du, Seppi; gescheiter wär's, du stiegst an die Weißen Bretter.' + +»Ich bin wie vom Donner getroffen, ich rolle das Geld aus dem Sack auf +den Tisch, da höhnt er: 'Eben, eben, hast die Loba verkauft. Wenn ich's +schon nicht hätte erfahren sollen, so weiß ich's. Hättest mir wohl +vorher einen Deut thun können.' Ich darauf: 'Es darf doch noch einer +sein Rind verkaufen, ohne daß so und so viel Franken in den Fingern des +Presi bleiben.' + +»Da schlägt er auf den Tisch, brüllt, es sei traurig, wenn einer an der +Zahlung von vierhundert Franken sechs Jahre herumzerre. Und er kündigt +mir den Brief auf Martini. + +»Ich habe immer gehofft, er werde wieder gut zu mir, er ist sonst nicht +ungrad und wir sind alte Schul- und Militärkameraden, drum bin ich in +der Stube sitzen geblieben. Er ist auch wieder artig geworden, man +redet, man trinkt, da lacht er auf einmal: 'Wage den Streich, Seppi, +steige an die Weißen Bretter. Auf deinem Aeckerchen, das für vierhundert +Franken verschrieben ist, steht noch eine Schuld von hundertachtzig +Franken. Ich will nicht der Presi sein, wenn die Gemeinde dir nicht den +Brief abnimmt, sofern du die heligen Wasser wieder herstellst; sage ja, +und ich übernehm's auf meine Verantwortung, ich gebe dir gleich den +Vertrag. Die Genehmigung durch die Gemeinde bleibt vorbehalten. Soll ich +schreiben?' + +»'Nein, nein,' schreie ich und kann fast nicht reden, 'kennst du das +Vaterunser: Und führe mich nicht in Versuchung!' + +»'Ho,' meint er, 'es ist ein schöner Verdienst, du kannst an einem Tag +nicht mehr gewinnen. Du verdienst nicht so viel in einem Jahr. Und wenn +ich das Briefchen kündige, kommst du auch in Verlegenheit.' + +»'Ein dummer Teufel bist,' sagte Bälzi. + +»Ich trinke, die anderen lachen: 'Den Schlotter hast, aber keinen Mut!' +Da habe ich den Wein im Kopf gespürt, ich habe auf einmal den Acker +deutlich vor mir gesehen, wie er schuldenfrei voll Aehren steht. -- Hin +und her hat es mich gezerrt, daß mir ganz taumelig geworden ist. -- Der +Presi schreibt, die anderen zwei schwatzen auf mich ein, ich sehe +nichts, ich höre nichts. -- Da liegen die Scheine vor mir, der Presi +sagt: 'Du mußt unterschreiben, -- entweder den Empfang der Kündigung +oder den Vertrag, daß du an die Bretter gehst.' + +»Ich nehme die Kündigung, da schreit Bälzi: 'Du Großhans, wo willst du +zu Martini hundertachtzig Franken hernehmen? Da hast den anderen +Schein!' + +»Mir ist schwarz worden vor den Augen -- ich habe nicht mehr gesehen, +was ich unterschrieb -- als der Presi den einen Vertrag eingesteckt +hat, habe ich es gewußt, was ich gethan. + +»Da ist die Sünde!« Der bleiche Mann zog aus der offenen Weste ein +zerknittertes Papier hervor und warf es auf den Tisch. Dann neigte er +sein Haupt in den Schoß seines Weibes. + +Lautes Weinen erfüllte die Hütte; mit dem rauschenden Kienspanlicht, das +seinen flackernden Schein über die Gruppe des Elends warf, kämpfte das +Morgenrot. + + + + +III. + + +Die Wildleutlaue ist gegangen! + +In der Nacht schon standen die Leute in Gruppen vor den Häusern des +Bergdorfes, redeten miteinander, und als der Morgen kam, dachte niemand +ans Tagewerk. + +Im Bären saßen schon Gäste. Ihre Zahl wuchs, als die, welche an den +Stutz hinausgegangen waren, um die Größe der Verwüstung zu sehen, +zurückkehrten. Sie brachten den Bericht, den man erwartete: die Lawine +hatte die Leitung der heligen Wasser von den Weißen Brettern +hinuntergefegt und den Abgrund der Glotter mit Eis und Schnee gefüllt. + +Also ist heute Wassertröstung! Die Bauern erzählten sich die Schrecken +der Nacht: Die Scheiben klirrten, die Luft sprengte die Thüren auf, die +Betten wackelten, die Kinder schrieen, die Frauen riefen zu den +Heiligen. + +Die alten Sagen von den heligen Wassern hatten freien Lauf. Binia, die +der Lärm aus dem Bett geschreckt hatte, und wie ein aufgescheuchter +Vogel verwirrt und übernächtig von einem Gemach des Hauses zum anderen +flatterte und überall fortgeschickt wurde, hätte in der großen +Wirtsstube nur zu horchen brauchen, um den Rest der Geschichte zu +vernehmen, den ihr Vroni schuldig geblieben war. + +Nachdem die Venediger den Wildleutewald geschlagen hatten, kam an der +Stelle, wo die große Arve gestürzt war, ein weißer Fleck, der Felsen, +zum Vorschein und glänzte, als ob dort ein Stück Schnee nicht +weggegangen wäre. Mit jedem Gewitter und jeder Schneeschmelze wurde der +unheimliche Fleck größer, die Weißen Bretter wuchsen gespenstisch aus +dem dunklen Erdreich, die Wasser wühlten die Furren[14], schlechte Jahre +machten die Gletscher groß und eines Tages wischte ein Gletscherbruch +die Kännel der heligen Wasser, deren Befestigung immer schwieriger +wurde, in die Glotter hinab. + + [14] _Furre_ = Furche, Runse, Steilschlucht. + +Man sah darin die Strafe der Wildleute und nannte den Eisbruch -- die +Wildleutlawine! + +Als die Wasser gebrochen waren, kehrte in Hospel und in den Dörfern +wieder Dürre und Mangel ein. Der Zorn der Bewohner des großen Thales +wandte sich gegen die Venediger und die Leute von St. Peter, da sie +schuld an dem Unglück seien. Die Dörfer forderten sie durch Boten auf, +daß sie die Leitung wieder herstellen, doch wagte es niemand, an die +senkrechten Weißen Bretter hinaufzusteigen, Kännel darüber hinzuführen +und sie zu befestigen. Da stellten die Hospeler und die Dörfer im Thal +bei Tremis Wachen auf, sie ließen niemand weder nach St. Peter hinein, +noch von dort nach Hospel hinaus. »Unglück über uns!« klagten die von +St. Peter, aus Mangel zogen die Venediger über die Schneelücke ab, das +Bergwerk zerfiel und die Füchse wohnten in den Stollen. Die Not wurde +immer größer, denn die kleinen Aeckerchen, welche die Leute um das Dorf +hin anlegten, gaben nicht genug Brot, es fehlte das Holz und viele +Bewohner erfroren im Winter. Der Pfarrer erlag der Seuche, die im Dorfe +herrschte, niemand verkündete mehr das Wort Gottes. Da sagten die von +St. Peter. »Ehe wir gottlos werden wie die wilden Tiere, ehe unsere +Kinder ins Leben treten ohne Taufe, die Söhne und Töchter heiraten ohne +Trauung, die Greise sterben ohne Beichte und Sakrament, wollen wir uns +mit Gewalt den Thalweg erzwingen.« Mit Sensen und Gabeln fielen die +Männer und Frauen von St. Peter über die Wachen bei Tremis und töteten +sie, aber in der zweiten größeren Schlacht, die beim Bildhaus an der +Gemeindegrenze von St. Peter und Tremis geschlagen wurde, erlagen sie. +Die Krieger aus dem großen Thal drangen bis ins Dorf vor, raubten und +plünderten und die Bewohner mußten sich ihnen auf Gnade und Ungnade +ergeben. + +Da kam ein großes Versprechen zu stande, das für ewige Zeiten ins +Landrecht aufgenommen wurde. Die von St. Peter sollen die heligen Wasser +an den Weißen Brettern vorüberführen und sie vom Gletscher an bis zum +Bildhaus bei Tremis unterhalten, wie es das gemeinsame Wohl forderte, +dafür sollen sie ungehindert aus dem Thale verkehren können und ihre +Weinberge zurückerhalten, die vorderen Dörfer aber sollen die Leitung +von der Brücke an besorgen und Friede immerdar währen. + +Jetzt wußten die von St. Peter, daß ihnen nichts anderes übrig blieb, +als die heligen Wasser, sollte es auch alle Bürger kosten, an den Weißen +Brettern vorüberzuleiten. Sie bestimmten, daß das Los unter ihnen +entscheide, wer von ihnen die großen Eisenringe, in die man die Kännel +hängen wollte, hoch an den gräßlichen Felsen befestigen müsse. Des +Losens war kein Ende, einer nach dem andern stieg hinauf, schon waren +sieben gefallen, das Wehklagen des Dorfes füllte das Thal, und viele, +die das Los noch verschont hatte, wanderten heimlich mit ihren +Haushaltungen über die Schneeberge aus. Da war ein Ehrloser, Matthys Jul +mit Namen, der zu Hospel an einer Kette im Gefängnis lag, weil er einen +andern Mann im Zorn erschlagen hatte. Er anerbot sich, die Leitung +herzustellen, wenn er dadurch seine Freiheit und Ehre wiedererlange. Man +führte ihn an die Weißen Bretter und siehe da -- ihm gelang es, die +Reifen festzumachen und die Kännel zu legen. Die Merkhämmer klopften, +das Wasser floß nach langem Unterbruch wieder fröhlich durchs Thal; da +wurde beschworen, daß jede Blutschuld gesühnt sei, wenn der Thäter die +heligen Wasser an den Weißen Brettern aus dem Verderben rette. + +Alle zweimal sieben Jahre, bald ein paar Sommer früher, bald ein paar +Sommer später, saust die Wildleutlaue über die Weißen Bretter herunter +und zerstört die Wasserfuhre, immer muß dann ein Mann auf Leben und +Sterben an die Felsen emporsteigen, daß er die Kännel wieder füge, und +geheimnisvoll waltet, wenn sich kein Freiwilliger meldet, darüber das +Los. + +Als vielhundertjährige, durch Brauch und Sitte, ja sogar durch die +kirchlichen Anschauungen geweihte unablösbare Fron liegt die +Instandhaltung der heligen Wasser auf dem Dorf, der milde Segenspender +von Hospel ist der Drache von St. Peter, der die blühende Mannschaft des +Dorfes verschlingt. Dunkle Sagen melden von manchem Opfer, das +unfreiwillig an die Weißen Bretter emporgezwungen worden ist; mit den +Ueberlieferungen, die von den Unglücksfällen berichteten, welche an den +schrecklichen Wänden geschehen sind, könnte man ein Buch füllen. + +Auf einer der vielen Gedenktafeln im grauen Kirchlein an der Brücke, das +einst den fröhlichen Bergknappen als Gotteshaus diente, sagt eine +Inschrift, die auch schon halb verblaßt ist, kurz und schwer: »Welche +Trauer! Der Totfäll' ist kein End'!« + +Sollen die Opfer überhaupt nie enden? -- Die Sage tröstete, einst würde +ein Liebespaar St. Peter von der Blutfron an den heligen Wassern +erlösen, aber eine Jungfrau müsse darüber sterben. Wann? -- Ja, wohl +erst, wenn sich die andere Sage erfüllte, daß auf den Bergen, auf denen +jetzt die großen Gletscher liegen, Rosengärten blühen, der kreisende +Adler sich des fallenden Zickleins erbarmt und es der Mutter bringt. + +Heute ist Wassertröstung -- Losgemeinde. Nur scheu und verstohlen wagt +sich die Frage, die auf allen Herzen brennt, hervor: Wer wird an die +Weißen Bretter steigen müssen? -- Das Los -- das blinde Los, wen +trifft's? -- Sie liegt wie ein Alpdruck auf den Gemütern, denn keiner +weiß, ob nicht er aus der alten silbergetriebenen Urne des Dorfes, die +noch an die Bergwerksherrlichkeit erinnert, sich die Verdammnis ziehen +wird, als Bürger von St. Peter den Gang auf Leben und Sterben zu wagen. +Er -- oder wenn nicht er, sein Vater, sein Sohn oder sein Bruder. Auf +jedem Herzen liegt die Furcht und gräßliche Spannung. Da ist kein +Unterschied zwischen arm und reich, wer zwischen zwanzig und sechzig +Jahren und im Besitze der bürgerlichen Ehren steht, der muß dem Rufe +folgen, wenn er aus der Losurne an ihn ergeht. + +Auf die erste Nachmittagsstunde, nachdem die heligen Wasser gebrochen +waren, sollten die Bürger zur Losgemeinde einberufen werden. So +forderten es die alten Satzungen. Vom Fall der Lawine an bis zur Loswahl +standen in St. Peter alle Rechtshandlungen, die sich nicht auf die +heligen Wasser bezogen, Kauf, Verkauf, Taufe, Hochzeit und Begräbnis +still. Beim Ehrenverlust durfte niemand das Thal verlassen, alle hatten +dem Klang der Glocken zu folgen, die vom Mittag an eine Stunde lang zur +Wassertröstung läuteten. Die Satzungen drängten auf rasches Handeln, und +das war gewiß besser als die lange Ungewißheit; um so furchtbarer aber +lasteten die kurzen Morgenstunden auf dem Dorfe, denn noch war die +Abmachung zwischen dem Presi und Seppi Blatter nur wenigen bekannt, und +die schwiegen. + +Die einen, die im Bären saßen, stierten trübsinnig in das Glas und der +Wein mundete ihnen nicht, die anderen tranken und johlten dazu. + +St. Peter, das stille Dorf, wo die Leute kaum zu lachen und zu reden +wagten, war heute laut und lebendig, der Hälfte der Bewohner hatte die +Furcht und Spannung die Zunge gelöst. + +»Hört! -- hört!« Alle drängten sich um den Tisch, wo der bocksbärtige +Bälzi beim Schnaps hockte und prahlerisch wiederholte: »Ich weiß, was +ich weiß -- es kommt nicht zum Losen. Es meldet sich einer.« Allein er +blieb bei dunklen Andeutungen -- enttäuscht wandten sich die anderen von +ihm ab: »Er ist ein unzuverlässiger Lump. Gebt nichts auf den!« + +Doch hatte sich's schon einigemal zugetragen, daß sich unverhofft und in +den bittersten Nöten ein Freiwilliger für die gefahrvolle Arbeit +meldete. Im Anfang des Jahrhunderts ein armer, braver Knecht, der +umsonst beim harten Vater um die Hand der Meisterstochter gebeten hatte. +Er legte die Kännel, und die Gemeinde trat für ihn als Freiwerber ein. +Im Jahre 1819 fiel ein Freiwilliger, der geglaubt hatte, seinem toten +Vater, der wandeln mußte, die Ruhe zu verschaffen. Und nachdem zweimal +das Los gewählt, hatte sich vor vierzehn Jahren Hans Zuensteinen +freiwillig als Helfer gestellt; sein Gang war die Lösung eines Gelübdes, +das er für die glückliche Errettung seines Weibes aus dreitägigen Nöten +bei der Geburt Eusebis gethan hatte. + +Darauf hatte man ihm das Ehrenamt des Garden verliehen, das er +musterhaft verwaltete. + +Wunderbar wäre also nicht, wenn auch jetzt wieder einer, von den +geheimen Mächten des Lebens getrieben, aufstehen und den Bann von der +Gemeinde nehmen würde. + +Susi, die alte Trottel von Haushälterin, und Mägde aus dem Dorf +besorgten die Wirtschaft, der Presi ließ sich seit einer halben Stunde +nicht blicken, aber wenn die Gäste gehorcht hätten, so hätten sie seine +schweren Schritte durch die Decke über sich gehört. + +»Gott's Maria und Sankt Peter -- Räusche haben wir alle gehabt.« -- +Jetzt stand er im Selbstgespräch still und stützte sich auf den Tisch. +»Ich muß hinter sich machen.« Er nahm ein beschriebenes Blatt Papier, er +that, als wolle er es zerreißen. Er legte es aber wieder hin. »Was +angefangen ist, muß man vollenden.« Er lief und wiederholte: »Dumm« -- +»dumm« -- »dumm.« + +Der Mann kämpfte gegen sich selbst, daß ihm die hellen Schweißtropfen +auf der Stirne standen. Er hatte nichts Großes gegen Seppi Blatter; der +war ein geplagter Mann, der mit seinem Fleiß ein besseres Fortkommen +verdient hätte, und der Verkauf des Rindes war nicht von Wichtigkeit. +Man durfte als Presi nicht kleinlich sein. Der ganze Handel war ein +Streich des Uebermutes gewesen, in seiner Anheiterung hatte er, gereizt +von Seppis Widerstand, prüfen wollen, ob er ihn nicht doch herumbringe. +Ja, wenn die Sache zwischen ihm und Seppi geblieben wäre, dann hätte er +schon rückwärts krebsen können, aber der Bäliälpler wußte davon, Bälzi +-- und der Garde. Ohne den offenen oder heimlichen Spott dieser +herauszufordern, ging's nicht ab. Nun -- und ob! Wieder griff er nach +dem Papier. + +Da klopfte es. Der krummmäulige, bogennasige Bäliälpler, der vorher ein +rechter Mann gewesen war, aber seit dem Tod seiner zwei schönen Kinder +den Halt verloren hatte, trat ein. Er zog den Hut: »Presi, mich drückt's +-- in die Geschichte will ich nicht gesponnen sein. Ich habe nichts +gesehen und nichts gehört. Ich habe einen Rausch gehabt.« + +»Das war doch nur ein zu weit getriebener Scherz!« erwiderte der Presi +heiter; »natürlich kann Seppi nicht behaftet werden, wir müssen halt +losen!« + +Er hatte sich im Augenblick entschieden, der Bäliälpler schien ihm wie +ein Helfer der Vernunft und er begleitete ihn wie aus Dankbarkeit zur +Thüre. Da hörte er Binias glockenhelle Stimme: + +»Nein, nein, alte Susi, zu Fränzi lasse ich mich nicht schicken, Seppi +Blatter ist ein wüster Mann, der hat mir 'Schlechthundekind' zugerufen +und mich fortgejagt.« + +Der Presi traute seinen Sinnen nicht -- horchte -- schnob: »Binia, +daher!« und zog das Kind, das, nichts Gutes ahnend, flüchten wollte, in +sein Zimmer. + +»Wie hat dich Seppi Blatter genannt?« -- Die Kleine schwieg. Da rüttelte +er sie zornrot und wiederholte keuchend die Frage. + +»Schlechthundekind,« weinte die Kleine leis. + +»Schlechthundekind! Schlechthundekind! Schlechthundekind! Seppi, du mußt +ans Brett!« + +Wie ein wildes Tier lief der Presi hin und her, er stampfte, daß man es +in der Stube unten hörte. Binia erspähte die Gelegenheit, um aus dem +Zimmer zu wischen, wagte sich aber nicht an dem tobenden Manne vorbei, +kletterte die kleine Ofentreppe empor, und als der Falldeckel, der auf +den Estrich führte, wohl weil er durch Gerümpel verstellt war, dem Druck +ihrer kleinen Hände nicht nachgab, verkroch sie sich in ihrer Angst auf +den Specksteinofen. + +Da pochte es. + +»Herein! -- Ihr, Fränzi Blatter? Was wollt Ihr?« + +Der wilde Mann meisterte seinen Zorn -- er schob ihr einen Stuhl hin. + +Fränzi war eine arme Wildheuerin, aber die Bauern, die ihresgleichen +nicht aus dem Wege gingen, wurden kleinmütig vor ihr. Schon ihre +Erzählkunst, die sie an langen Winterabenden im Kreise der Dörfer übte, +gaben ihr etwas Geheimnisvolles, man betrachtete sie wie eine, die mehr +erlebt hat, mehr weiß, mehr denkt, mehr fühlt als die andern. Ob sie +gleich die Spuren schwerer Arbeit an sich trug, so war sie doch ein +Weib, dem der Wiederschein dessen, was sie reich in der Seele lebte, in +Augen und Angesicht lag und einen eigenartigen Reiz verlieh. Und vor +allem war sie eine rechtschaffene Frau. + +Der Presi und sie maßen sich einen Augenblick, sie den Gegner in +Bescheidenheit und tiefer Trauer. + +»Gebt mir das gemeine Papier zurück, Presi!« sagte sie, indem sie ihn +mit ihren großen blauen Augen ruhig, fast freundlich anblickte. + +»Geschrieben ist geschrieben, Fränzi!« In barschem und bedauerndem Ton +sprach es der Presi. + +»Ihr besteht auf einer erschlichenen Unterschrift -- -- du bestehst +darauf, Peter!« + +Der Presi zuckte zusammen und krümmte sich, als sie ihn duzte, sein +Gesicht wurde fahl. Eine Welt voll schöner und peinigender Erinnerungen +stand in ihm auf. + +»Peter! Es sind sechzehn Jahr', da hast du in der Nacht an mein +Fensterchen gepocht. Du hast in meinem Kämmerchen geweint und auf den +Knieen gefleht: 'Fränzi, erhöre mich, ich bin verloren, wenn du mich +nicht rettest, ich bin im Streit vom Vater gegangen, ich habe keinen +guten Menschen als dich!' Wir verlobten uns heimlich und sechs Wochen +warst du mir gut. Dann söhntest du dich mit dem Vater aus und nahmst auf +sein Drängen Beth. Du warst treulos gegen mich, treuloser gegen sie, +denn du hast sie nicht geliebt.« + +»Wozu das, Fränzi?« sagte der Presi dumpf und hilflos vor der Würde des +Weibes, das vor ihm saß. + +»Weil ich meinte, ich habe mit dem unendlichen Leid, das du mir damals +zufügtest, das Recht erworben, daß du meinen Mann und mein Haus in +Ehren haltest und ihnen unnötig nichts Leides anthuest.« + +Der Presi schluckte: »Ihr Frauen versteht nichts von dem -- und Fränzi +-- ich muß mein Geld und die Gemeinde einen Mann haben. Keiner ist wie +Seppi für das Werk geeignet. Es geschieht ihm auch nichts dabei!« + +»Ich will dir sagen, warum Seppi gehen muß. Du hast es ihm nie +verziehen, daß er mein Mann geworden ist. Du wolltest mich, das arme +Mädchen, nicht mehr für dich, aber du gönntest mich auch keinem anderen. +Wie David den Urias in den Krieg geschickt hat, schickst du Seppi an die +Weißen Bretter -- nicht daß du mich, das schon fast alte Weib, mehr +möchtest, aber du hassest ihn!« + +So sprach Fränzi mit ihrer tiefen und schönen Stimme. + +Der Presi zitterte und mußte sich halten. Zog ihm Fränzi Schleier von +den Augen? -- Ja! Vorgestern, wie er als Frischverlobter von Hospel +gegangen war, da war auf dem langen Weg die alte Zeit an ihm +vorübergezogen. Beth hatte er nicht geliebt, in Frau Cresenz war er auch +nicht recht verliebt, er nahm sie, weil sie eine tüchtige Wirtin war, +die sechs heimlichen Wochen mit Fränzi waren sein einziges sonniges, +großes Liebesglück gewesen. Er, Tölpel, hatte das jahrzehntelange Glück, +das vor ihm lag, verscherzt. Und dann hatte der Wildheuersepp, was er +selbst verloren, gefunden. Aus diesem Gefühl war er Seppi aufsässig +gewesen. -- Seit Fränzi gesprochen, wußte er es. + +»Gieb mir den Vertrag, Peter!« sagte Fränzi gütig. + +Er reckte sich, zauderte, dann donnerte er: »Ich lasse mein Kind von +euch nicht Schlechthundekind nennen!« + +Fränzi fuhr zusammen: »Peter, vergieb Seppi, er hat in seiner Qual nicht +gewußt, was er sagte!« + +Sie war aufgestanden, sie hatte seine Hände ergriffen, sie sank vor ihm +in die Kniee, umklammerte seine Fäuste: »Peter, Peter, sei barmherzig!« + +Seltsam! -- In ihrer wilden Erschütterung gefiel ihm Fränzi wieder -- er +mißtraute aber der Empfindung -- er fürchtete eine Uebereilung -- darum +war er hart gegen sie. Er schleuderte sie röchelnd von sich: »Das +Greinen und Betteln kann ich schon gar nicht leiden. -- -- Und das +'Schlechthundekind' muß gestraft sein!« + +Als er sie von sich stieß, löste sich Fränzis prächtiges dunkles Haar, +mit fliegender Brust stand sie einige Schritte entfernt vor ihm; die +Leidenschaft hatte sie um zehn Jahre verjüngt, aber ihre Stimme +zitterte. + +»Wenn nicht um meinet- und meiner Kinder willen, so sei's um deinet- und +Binias willen -- sei barmherzig gegen dich selbst -- und gegen dein +Kind!« + +Der Presi blickte das leidenschaftliche Weib begehrerisch an, wüste Züge +entstellten sein Gesicht und gaben ihm einen tierischen Ausdruck; die +Augen traten hervor und funkelten. Mit erstickter Stimme sagte er: +»Fränzi -- ich will alles wieder gut machen, Fränzi -- -- aber gieb mir +einen Kuß -- wie einst!« + +Sie starrte ihn verständnislos an; dann fragte sie allen Ernstes: »Bist +du wahnsinnig geworden, Peter, -- ich habe ja einen Mann und Kinder!« + +»Dann geh'!« knirschte er. + +»Ich gehe, aber noch einmal: mache das Böse gut -- sonst -- Peter -- bei +der seligen Beth -- die vom Himmel auf dich sieht -- bei den armen +Seelen, die im Eise stehen -- es kommt ein Schaden über dein Kind -- und +Beth -- das weißt du -- hat auf dem Totbett gesagt, ich möchte dich +mahnen, wenn Unglück für Binia im Verzuge sei. Peter, Peter, richte dich +nicht selbst!« + +»Seit wann bist du unter die Bußpfaffen gegangen, Fränzi?« Und mit +steigender, kreischender Stimme schrie er: »Jetzt mache, daß du +fortkommst, sonst --« + +Er hob den Stuhl zum Schlage gegen Fränzi. + +Da wich sie der Gewalt des Wütenden. + +In der Aufregung des Gesprächs hatten die beiden nicht bemerkt, wie zwei +dunkle, glühende Kinderaugen, wie ein blasses, schmerzentstelltes +Kindergesicht in fiebernder Spannung zwischen den Vorhängen des Ofens +hervor jedem ihrer Worte gefolgt waren. + +Als Fränzi gegangen war, sank der Presi auf einen Stuhl, hielt den Kopf +mit der Hand und stöhnte: »Daß ich nie gelernt habe, rückwärts zu +krebsen -- daß ich diesen harten Kopf nicht brechen kann. Fränzi, du +hast mehr als recht, -- mit sehenden Augen renne ich ins Unglück.« -- +Seine Lippen zuckten im Selbstgespräch. + +Da kam Susi: »Presi, die Gemeinderäte sind da -- es ist alles für die +Sitzung bereit.« + +Er warf einen Blick ins Freie. + +Rings von den Bergen herab stiegen die Sennen auf ihren Maultieren, sie +trugen das sonntägliche Gewand, viele waren von ihren Angehörigen +begleitet, die ebenfalls ritten, so daß jede Familie eine schöne Gruppe +bildete. Aber zur vollen Wirkung des Bildes fehlte die Farbenpracht der +Trachten, die an weltlich festlichen Tagen dem Glotterthaler Völklein +eigen ist. Man sah nur das schlichte Kirchenkleid, die Männer trugen +die dunklen Kittel ohne den Schmuck der Seidenstickereien, den schwarzen +Filz ohne Blumen, die Frauen hatten über die Büste dunkle Brusttücher +gekreuzt und an den Hüten flatterten die Bänder in gedämpften Farben. +Manche drehten im Reiten den Rosenkranz, kein Juchschrei tönte durch die +Berge; von weitem sah man, daß die Leute nicht lachen mochten und das +Wort im Herzen verschlossen. Wozu reden? Jeder und jede wußte, was die +Gedanken des anderen bewegte; wer einmal im Scherz gesagt hatte, er +würde den Gang an die Weißen Bretter wagen, trug heute ein doppelt +bekümmertes Sündergesicht zur Schau. In feierlicher Ruhe strömte das +Volk von allen Seiten ins Dorf und an den Häusern standen einzelne +Maultiere angebunden, besonders viele an der langen Stange vor dem +Bären. + +Im letzten Augenblick sah der Presi den Garden mit Seppi Blatter kommen, +beide waren sehr ernst und feierlich. Der Garde schien größer als sonst, +er trug seine Amtstracht, einen Hut mit wallenden blauschillernden +Hahnenfedern, das Schwert am Gurt, die Binde am Arm. + +Da ging der Presi, mit sich selbst noch in Streit, wie er das Zünglein +der Wage schwenken wolle, aus seiner Stube in die schwere Sitzung. + +Früh am Morgen war der Garde in die Wohnung Seppi Blatters gekommen und +hatte ihn in all seinem Kleinmut gefunden. »Begleitet mich zur Schau, +wie die Lawine gegangen ist, und ob nicht noch Nachbrüche zu fürchten +sind,« redete er ihm zu. Seppi that es wohl, daß sich in dieser Stunde +jemand um ihn kümmerte. Der Garde drang auf dem Weg in den Wildheuer, +daß er erzähle, wie der Vertrag mit dem Presi zu stande gekommen sei. +Als er den Verlauf gehört hatte, zog er ein paar Banknoten aus der +Brieftasche: »Da, Seppi, noch vor der Losgemeinde gehst du zum Presi und +tilgst den Brief. Ich werde dir kein harter Gläubiger sein. Wenn er +Haken macht, bin ich da! Die Geschichte ist nichts!« + +Seppi, der gemeint hatte, kein Mensch auf der Welt sei ihm mehr gut, +glaubte an ein Wunder. Alle Zerschlagenheit, die er zu Hause am Leib +gespürt, war in Lebenslust verwandelt. Schon das Kommen des Garden hatte +ihn aufgerichtet, das Angebot stimmte ihn fröhlich. »Darf ich es auch +annehmen?« fragte er glückselig, dann jubelte es in ihm: »Frei -- frei!« +Seine Zunge war gelöst, der sonst stille Mann sprudelte die Worte nur so +heraus: »O, Garde, glaubt nicht, daß es mir an Mut fehlt, an die Weißen +Bretter zu steigen, ich bin ja als Wildheuer häufig genug am Seil +gehangen und weiß wohl, daß mein Leben Tag um Tag an einem Faden hängt, +aber ich habe es nicht verwinden können, daß ich auf eine so mißliche +Art in die Pflicht gekommen bin, grad wie die Maus in die Falle -- und +ich habe es der Fränzi nicht sagen dürfen -- gekrümmt und geklemmt hat +es mich -- sie ist ein so himmelgutes Weib.« + +Die Männer waren auf die Unglücksstelle gekommen, mit dem Fernrohr +musterte der Garde die Zerstörungen an der Leitung, die Abbruchstelle +des Gletschers, und wohl eine Stunde lang tauschten die beiden ihre +Beobachtungen. »Es ist wie vor vierzehn Jahren, die Kännel sind alle +weg, ein weiterer Abbruch aber nicht zu fürchten.« Der Garde begann +behaglich aus seinen großen Erinnerungen zu erzählen, was jede Stelle +an den Weißen Brettern und in den Wildleutfurren für besondere +Schwierigkeiten habe und mit welchen Vorteilen man sie am besten +überwinde. Da wurde Seppi ganz still, sein braunes Gesicht rot und +röter. »Garde!« schrie er plötzlich, als sprengte es ihm die Brust, »ich +steige an die Weißen Bretter. Freiwillig gehe ich.« + +Der Garde maß ihn lange mit durchdringendem Blick; dann sagte er langsam +und tief: »Gut, so geht! Ihr sagt's im Anblick der Gefahr, also ist's +Euch ernst.« + +»Weiß Gott!« bestätigte Seppi. Der Garde reichte ihm die Hand: »Fränzis +und Eurer Kinder wegen sollte ich Euch zurückhalten, aber die Fron liegt +einmal auf der Gemeinde, und da hat der Presi recht, es ist keiner, der +das Werk eher zu stande brächte als Ihr; Gott, der es Euch eingegeben +hat, hinaufzusteigen, wird Euch schützen. Es liegt ein Segen auf der +freiwilligen That -- ich habe es erfahren.« + +Stumm gingen die Männer ins Dorf zurück, der Garde sagte: »Jetzt laßt +mich mit der Fränzi sprechen, wartet.« + +Sie war eben vom Presi zurückgekehrt, schweigend und mit gefalteten +Händen hörte sie die Rede des Garden. + +In herzzerbrechendem Ton sagte sie: »Wohl, wenn ihn Gott berufen hat, so +darf ich ihm nicht in den Arm fallen. Es wird schon ein Glück darauf +sein!« + +Der Garde erwiderte bewegt: »Ich danke Euch, Fränzi, -- ich bin amtsmüde +-- ich lege heute die Stelle im Gemeinderat nieder, -- Seppi Blatter mag +der neue Garde werden.« + +»O, Garde!« + +Aber Hans Zuensteinen war schon gegangen. -- -- + +Die Glocken erklangen, das Volk sammelte sich auf dem Kirchhof, der im +Nelkenschmuck rot erglüht war. + +Die Männer hatten die Hüte gezogen und standen in Gruppen, einzelne auch +mit Weib und Kind an den Gräbern Eigener, über welchen die Blumen +wogten. Wie war allen wohl, die im heiligen Boden ruhten. Aber auch in +ihr Leben hatte die Wildleutlawine die bangen Tage gebracht. War eine +Familie im Dorf, die in der Folge der Geschlechter nie ein Opfer der +heligen Wasser zu beweinen gehabt? -- Kaum eine! + +Endlich verstummten die Glocken, die Männer nahmen Abschied von den +Ihrigen -- Seppi, der soeben gekommen war, sprach mit Fränzi und den +Kindern -- und wären die anderen nicht ganz im eigenen Kummer gefangen +gewesen, so hätte ihnen die fahle, schmerzzerrissene Gruppe schon die +Lösung eines Geheimnisses gebracht. + +So blieben die Dörfler alle in dunkler Furcht und gräßlicher Spannung. +Nur Bälzi, der wein- und schnapsselig unter seinen bleichen Würmern +stand, hatte das Bild gesehen und lachte blöd. + +Vom Bären herüber bewegte sich der Zug des Gemeinderates, vor ihm her +trug der Weibel, der angedöselt war, so daß der Zweispitz auf seinem +Kopfe schwankte, die silberne Losurne. + +Hinter dem kleinen Zug schloß sich die Kirchenthüre. + +Da warfen sich die Frauen und Kinder auf die Kniee, ins blühende Gras; +das Gesicht gegen die Kirche gewendet, sandten sie die +leidenschaftlichen Fürbitten für die Ihrigen zum Himmel, ihr heißes +Murmeln schwoll wie Windesrauschen an und ab. Manche weinten, dicht an +die Mütter drängten sich die Kinder, die noch kaum wußten, was ihre +lallenden Gebete sollten. + +Fränzi, Vroni und Josi lagen mitten unter den anderen auf den Knieen und +ihre Thränen strömten reichlich. Nahe bei ihnen kniete Eusebi, das +flammende Beten der drei bewegte ihn so, daß er seine Stotterzunge +vergaß und mit Vroni im Gleichtakt seine Bitten in den Himmel +hinaufschickte. + +Am weißen Kirchturme, der eine etwas plumpe Nachahmung eines +italienischen Campanile war, schlich der Uhrzeiger mit tödlicher +Langsamkeit, so langsam, daß einmal eine Stimme schrie: »Die Uhr geht +nicht!« -- Aber sie ging. »Erst eine halbe Stunde tagen sie!« jammerten +die Weiber. + +Plötzlich schrie die Frau des Fenkenälplers auf: »Ich halt's nicht mehr +aus,« sie sprang an die Kirchenthüre, sie rüttelte am Schloß, sie schlug +wie besessen die Fäuste auf die Füllung der Thüre. Umsonst, die Männer +hatten sich eingesperrt. + +Noch eine halbe Stunde! -- Drei Weiber zugleich poltern an die Thür des +Gotteshauses, ein anderes liegt ohnmächtig in den Nelken, die Gebete +rauschen nicht mehr, sie rasen zum Himmel. + +Da knarrt das Schloß -- der Weibel tritt hervor. -- Tödliche Stille -- +»Seppi Blatter hat sich freiwillig gestellt!« -- Lautes Weinen bildet +die Auslösung der Spannung. + +Aus der Kirche ergießt sich die dunkle Schar der Männer. Die Weiber +stürzen schreiend auf sie zu und umhalsen sie: »Jetzt wollen wir wieder +friedlich zusammen leben und arbeiten! -- nie wollen wir zanken!« Und +der Bäliälpler und sein Weib, die einander nicht mehr leiden mochten, +versöhnen sich. + +Bälzi schreit: »Es lebe Seppi Blatter, der neue Garde!« und schwenkt den +Hut. + +Jetzt kommt Seppi Blatter selber, totenblaß, doch hoch aufgerichtet. + +»Vater!« -- ruft Josi und hält ihn umschlungen, »ein Held will ich sein +wie du -- ich gehe mit dir.« + +»Du bleibst bei der Mutter!« sagt Seppi bewegt. Fränzi ist an seine +Brust gesunken, sie schluchzt, als drehe sich ihr das Herz in der Brust. + +»Du himmelgutes Weib!« Er küßt ihr dunkles schwellendes Haar. »Kommt -- +kommt!« + +Dicht aneinandergedrängt bewegt sich das Vierblatt von Eltern und +Kindern am Bären vorbei. + +Die Leute ziehen vor ihm ehrfürchtig die Hüte. Auf der Freitreppe steht +der Presi. Wie er Seppi Blatter sieht, schwankt er ins Haus. Ihm ist +nicht gut. Die Ueberraschung, daß das Aeckerchen bezahlt worden ist und +Seppi Blatter freiwillig an die Bretter steigt, hat ihm einen großen +Stoß gegeben. + +Jetzt wallt das Volk in den Bären. Dem Schrecken darf ein Trunk im +stillen folgen. Laut sein ist nicht schicklich, aber in gedämpftem +Gespräch stoßen die Dörfler mit den Gläsern an: + +»Auf Seppi Blatter, den Freiwilligen, mögen ihm Gott und die Heiligen +fröhliche Wiederkehr schenken!« + + + + +IV. + + +Gegen Abend kam Hans Zuensteinen feierlich in die Wohnung Seppi +Blatters. In stummer Fassung saß die Haushaltung da, Frau Fränzi wie ein +Marterbild, Vroni mit den Thränen kämpfend, Josi voll Neugier und +freudiger Zuversicht. + +»Seppi Blatter,« sagte der Garde, »es ist alles geordnet, die bestellte +Mannschaft mit den Reifen und den Känneln nach dem Glottergrat +unterwegs. Sie übernachten in der oberen Balm[15], die Führung der +Posten übernehme ich selbst, wie's in meiner Pflicht liegt, und was von +uns aus zu Euerm Dienste gethan werden kann, wird treulich und +gewissenhaft besorgt. Und so Gott und die Heiligen wollen, Seppi +Blatter, daß Ihr gesund zurückkommt, so gehen also der Gardenhut, +Schwert und Binde in Eure Hand. Es sind Ehrenzeichen, die ich nicht +jedem abtreten würde. Euch aber schon und gern. Vierzehn Jahre war ich +auf dem Posten, fast zu lange, und ich habe Arbeit genug auf Acker und +Maiensäße und im Weinberg.« + + [15] _Balm_ bedeutet eine Stelle, wo der Felsen des Gebirgs überhängt. + +Seppi Blatter errötete. Als Garde war er und sein Haushalt jeder Not +überhoben, aber bescheiden sagte er: »Ich werde das Amt wohl nicht +versehen können, ich habe schon die Hände, aber nicht den Kopf dafür.« + +»Der findet sich schon, wenn Ihr einmal dabei seid -- im übrigen ist's +im Gemeinderat gut gegangen. Es wäre ungeschickt gewesen, wenn der +Vertrag der Losgemeinde hätte vorgelegt werden müssen. So sieht es +besser aus, auch für Euch, noch mehr für den Presi und dient dem +allgemeinen Frieden. Der Presi hat sich mit Euch einfach verrannt, aber, +wie er ist, wenn die vorderen Räder des Wagens in den Kot gefahren sind, +so hat er die Gnade nicht, 'Hüst' zu rufen. Nein, wenn die heilige +Jungfrau mit der ewigen Seligkeit auf dem Wagen säße, die Hinterräder +müssen auch hinein. Aber gewohlt hat's ihm, wie ein anderer an die +Deichsel gestanden ist und kehrt gemacht hat.« + +»Ihr, Garde!« + +»Mich haben die hundertachtzig Franken nicht gereut. Nur eins. Ueber +diese Vertragsgeschichte muß Gras wachsen. Es ist wegen des Presi. Wenn +sie bekannt würde, so wäre sie ein Fleck auf seiner Ehre. Ihr werdet, +wenn Ihr einmal als Garde mit ihm zu verkehren habt, sehen, daß er gar +nicht so ungrad, nicht so hart ist, wie er scheint, obgleich ihn von +Zeit zu Zeit der Teufel reitet und dann nichts mit ihm anzufangen ist.« + +Der Garde stand auf: »Also um ein Uhr.« + +Als Seppi und Fränzi Blatter ihm das Geleit unter die Hausthüre gaben, +blies der Senn auf der Fenkenalp durch seinen Milchtrichter den +Heligen-Wasser-Segen: + + »Die heligen Wasser behüte uns, Gott, + Behütet sie, ihr lieben Heiligen! + Sankt Peter nimm den Schlüssel zur Hand, + Thu' auf dem Seppi Blatter die Wand, + Führ' den Seppi auf dem bösen Weg, + Schließ' seinen Fuß fest an den Steg, + Du hast den Schlüssel und Gottes Gewalt, + Sorg', daß der Seppi Blatter nit fallt! + Die heligen Wasser behüte uns Gott, + Und ihr liebe Heilige alle!« + +Das klang und wogte durch die geröteten Berge, die den Wiederhall +zurückwarfen, als sängen Himmel und Erde. Und Fränzi umarmte ihren Mann. + +Rückblickend sagte der Garde, der schon einige Schritte gegangen: »Wenn +Ihr ein paar Stunden schlafen könnt, Blatter, so thut es!« + +Und als er den anderen aus Hörweite gegangen war, knurrte er: »Das +Wetter ist entsetzlich schön, kein Wölkchen am Himmel.« -- -- + +Mitternacht! Das Glöckchen von St. Peter läutet. Jetzt wissen die +Bewohner, die vom Schrecken des Tages ausruhen, daß der Pfarrer und der +Mesner mit den Sakramenten zu Seppi Blatter gehen. Nichts drängt die +Gefahr, die an den Weißen Brettern lauert, so brennend vor die Augen, +wie die Thatsache, daß selbst die allbarmherzige hoffnungsreiche Kirche +den halb verloren giebt, der an die Felsen steigt. + +Sie reicht ihm ihre Tröstungen. + +Der Priester spricht zu Seppi Blatter: »Du hast gebeichtet und den Leib +des Herrn gegessen. Du gehörst nicht mehr dieser Welt, lege ab die +irdischen Gedanken und sinne auf deine Seligkeit. Giebt dich Gott in +seiner grenzenlosen Güte der Erde zurück, so dank' es ihm ewiglich.« + +Da pocht es ans Fenster. Josi, der hinausblickt, sieht drei große gelbe +Augen, die gegen das Haus leuchten, die Windlichter für den Marsch durch +den dunklen Wald. Er sieht ein Trüppchen Männer. + +»Vater, ich will mit dir gehen!« fleht er. + +»Bist ein thörichter Bub[16].« Rauh sagt es Seppi Blatter. Josi weiß, es +ist nicht böse gemeint, aber die Thränen treten ihm in die Augen. + + [16] _Bube_, schweizerdeutsch, so viel wie Knabe ohne die + Nebenbedeutung des Verächtlichen, die das Wort im + Schriftdeutschen angenommen hat. + +Da pocht es zum zweitenmal scheu wie vorhin, als fehle denen draußen der +Mut, stark zu klopfen. + +Lautes Weinen erhebt sich in der Stube -- unter der Thür erscheint der +Garde, er zieht das dicke Nürnberger-Ei aus der Tasche. »Im Augenblick +ist es eins!« + +Garde und Pfarrer ziehen sich zurück, die Haushaltung Blatter ist +allein. Geduldig warten die Männer, da kommt vom Kirchturme herüber der +schwere scharfe Einsschlag. + +Seppi Blatter tritt unter die Hausthüre: »Ich bin bereit!« Fest und +mannhaft soll es klingen, aber es rasselt, daß es den Männern schier die +Brust zerreißt. Die Windlichter verschwinden gegen den dunkeln, +schauernden Alpenwald empor, sie sind nur noch winzige gelbe Punkte. + +Halberstickte Stimmen rufen in die Nacht: »Vater, behüt' dich Gott, +Vater!« -- Und hoch aus dem Wald kommt noch einmal seine Stimme zurück. + +»Er jauchzt, er hat Mut!« versetzt Josi mitten in Thränen. + +»Fränzi! hat er geschrieen -- der Mutter hat er gerufen!« Vroni will's +sagen, aber sie kann nicht sprechen vor Weh. + +Fränzi und die beiden Kinder sitzen in der Stube, gelähmt und stumm -- +sie weinen nicht mehr -- sie starren vor sich hin. + +Der alte Pfarrer hockt auf der Bank nebenan, den Mesner hat er +fortgeschickt. Der flackernde Kienspan beleuchtet die Strähnen weißen +Haares und die hundert feinen Fältchen seines bäuerlich ehrwürdigen +Gesichts. Er kann Fränzi jetzt nicht verlassen, aber er schweigt. Wozu +reden? + +Mit gesenkten Lidern, die mageren Hände ineinander gekrampft, sinnt er. +Indem er die Menge schwerer Gänge überdenkt, die ihm die Pflicht in +vierzig Jahren überbunden, geht sein eigenes Leben in traumhaften +Bildern an ihm vorbei. Er hat gekämpft und gelitten. Als er im +Uebereifer des unerfahrenen Vikars den fremden Naturforscher für einen +Abgesandten des Teufels genommen hatte, da regnete es Hohn auf ihn und +bitter erkannte er, daß man, um als Pfarrer durchzukommen, von der Welt +ebenso viel wissen muß, wie vom Himmel und der Hölle. Aus der Stadt, wo +der Gelehrte hauste, der ihn mit einer übertriebenen Schilderung der +Ankunft in St. Peter der Lächerlichkeit preisgab, ließ er Bücher kommen. +Er las sie und wurde irre am Glauben. In der Verzweiflung verbrannte er +die Schriften, bei dem alten Amtsbruder in Hospel suchte er Hilfe, +kehrte in den Glauben zurück und seit dreißig Jahren war er von inneren +Anfechtungen frei. Er pflegte sein Amt, wie ihm von oben geboten war, +nur mit einem Zusatz: dem Teufel- und Dämonenglauben, der ihn so +genarrt, war er abhold, ebenso dem Aberglauben. Wo gab es dessen mehr +als im Glotterthal? Er kränkte sich, daß seine Herde fast stärker als an +die Heilswahrheiten der christlichen Religion an Vorstellungen +festhielt, die heidnischen Ursprungs waren, so an der hartnäckigen +Einbildung, daß die Abgestorbenen zur Sündenreinigung nicht ins +Fegefeuer, sondern in den Schnee der Gletscher kommen, er ärgerte sich +am Totenkult, der zu St. Peter in tiefer Heimlichkeit blühte, und an +Johannes, dem falschen Kaplan, der, indem er sich an die Weiber hielt, +das Dorf in einen immer tieferen Aberglauben stieß. + +Das war sein Schmerz noch in alten Tagen, wo er doch gelernt hatte, +Leute und Leben zu nehmen, wie sie sind, und, wenn ihm etwas über die +Leber kroch, sich zu seinem Bienenstand zurückzuziehen. + +Vroni war mit einer Thräne an der Wimper eingeschlafen, die Schrecken +der gestrigen und heutigen Nacht forderten Auslösung. + +Josi weckte den Pfarrer aus seinem Brüten: »Es tagt, jetzt sind sie +schon über dem Wald.« + +Der Pfarrer erwiderte: »Um sechs Uhr ist Heligen-Wasser-Prozession, wenn +es euch recht ist, so gehe ich jetzt heim.« + +Da hob Fränzi das schmerzlich verträumte Haupt: »O geht nur. Ich will +wachen, ihr aber, Kinder, müßt noch etwas ruhen!« Sie brachte die in +einen bleiernen Schlummer gesunkene Vroni zur Ruhe. + +Sie aber wachte. + +Der Morgen war empfindlich kühl, der Himmel rein, die Felsen der Krone +standen wie die Mauern eines Münsters, ihre Firnen funkelten wie +frischgegossenes Silber, im Thal hing der Tau an Baum und Strauch. Ueber +den Stutz herauf erklang das Glöcklein der Lieben Frau an der Brücke. + +Die Windungen des Stutzes hinab bewegt sich die Wallfahrt. Die alte +Kirchenfahne, auf der St. Peter mit dem Schlüssel etwas ungeschickt +hingemalt ist, knistert leise. Der Mesner führt sie. Die weißen kurzen +Ueberhemden der paar Kreuzträger schimmern. Unter einem vom Alter +gelblich angelaufenen Himmel, der sich mit dem stahlblauen Firmament +nicht messen kann, und beim Zug über den Stutz hinunter manchmal +bedenklich schief zu stehen kommt, schreitet der Pfarrer. Er trägt das +Barett und ein langes Chorhemd, er schwingt den Rosenkranz und betet der +Gemeinde mit lauter Stimme vor. Die vier Stangen des Thronhimmels werden +vom Presi und drei Gemeinderäten gehalten, denn wenn jener schon ein +verdächtiger Sohn der Kirche ist, erfüllt er aus Klugheit alles +treulich, was sie nach Sitte und Brauch von ihm fordert. Hinter dem +Thronhimmel trippelt die Jugend mit hellen Stimmen, unter ihr Josi, +Vroni, Eusebi und die zierliche Binia, die mit ihren dunklen Augen +verfahren in die Welt blickt, dann die Frauen und Männer. + +So geht die Wallfahrt immer, wenn ein Mann an die Weißen Bretter steigen +muß. + +Wie die Teilnehmer die Felsen sehen können, spähen alle einen Augenblick +dort hinauf, aber an den hellschimmernden Wänden ist noch nichts weiter +zu entdecken, als daß die Kännel fehlen. Das Wasser der Glotter hat sich +durch die schauerlichen Eistrümmer gefressen, die in der Schlucht +liegen, und einzelne der niedergefegten Kännel ragen aus ihnen hervor. + +Die Prozession zieht am Schmelzwerk vorbei über die Brücke zur Kapelle +und kniet vor ihr nieder, aber die Gebete rauschen nicht so heiß wie +gestern um die Dorfkirche. Es handelt sich heute nicht um den eigenen +Mann, sondern um Wildheuer Seppi Blatter. Gewiß ist die Fürbitte für ihn +heilige Pflicht, aber bis sein Werk gethan ist, bis das Glöcklein +aufhört zu bimmeln und zu mahnen, kann man den Himmel noch genug +anrufen. + +Die Männer gehen oder schleichen sich hinweg und zurück gegen den Stutz, +die Knaben folgen dem Beispiel, nach einiger Zeit besteht die Gruppe der +Betenden vor der Kapelle nur noch aus einem Häufchen Weiber, die um +Fränzi knieen, die Neugierigen aber sammeln sich im Teufelsgarten, oder +etwas höher am Schmelzberg, und starren an die Weißen Bretter hinauf. + +Der Presi trägt eine rote Fahne, seitwärts von den Weißen Brettern +schimmert auch eine solche, eine dritte vermag man auf der mittleren +Spitze der Felsen zu erkennen. + +»Der Garde hält sie!« Josi, der, die Hände in den Hosensäcken geballt, +unter den Männern steht, hat Zutrauen zu ihm. + +Sonst sieht man noch nichts. Da regt sich die oberste Fahne. Es schwebt +etwas von oben die gräßlichen Felswände hinab, das wie ein Strohhalm +aussieht, der an Bindfäden hängt. »Sie sind am Werk!« Strohhalm um +Strohhalm senkt sich aus der Höhe, manchmal bleibt einer zu hoch, +manchmal kommt einer zu tief. Der Presi schwingt je nachdem die Fahne, +bald stark abwärts, bald fest aufwärts, und wenn sich die Halme +verschoben haben, so schwenkt er die Fahne seitwärts. Oft entsteht +Unordnung in den Halmen, dann schweben sie auf die Fahnenzeichen wieder +aufwärts und kommen hübsch hinunter. Auf dem ersten Strohhalm bewegt +sich ein kleines drolliges Wesen. + +»Das ist der Vater!« denkt Josi und freut sich, daß er solch einen Vater +hat. Die Augen des Knaben sind flehentlich auf den Glottermüller, der +das Gemeindefernrohr in den Händen hält, gerichtet. + +»Darfst einmal durchgucken!« quiekt der kahlköpfige Müller, der eine +Stimme wie ein Weib hat, »schau nur, wenn ihr das Mehl schon lieber in +Hospel holt als bei mir.« + +Jetzt hält es Josi! Durch das Glas scheinen die Bindfaden Seile, die +Strohhalme Kännel, auf einem davon steht ein Mann. Man kann sein Gesicht +nicht erkennen, aber man sieht jede Bewegung der Glieder, durch das Rohr +scheint alles nah und man erkennt erst recht, was für fürchterliche +Felsen die Weißen Bretter sind. Bis in alle Höhen keine Planke, nirgends +eine Rinne, wo ein Büschel Gras hervorwachsen könnte. Senkrecht sind +sie, kahl und nackt, entsetzlich glatt und hart. Nur in den +Wildleutfurren ist weiches Gestein, da ragen wie von Geistern gesetzt +die Klippen und Türme des harten Felsens, während der weichere Stein im +Laufe der Jahrhunderte abgewittert ist. + +Das alles sieht Josi mit klugem Auge, aber nun strecken sich die Hände +anderer nach dem Glas. Er reicht es weiter. Das Bild seines Vaters hat +er fest gefaßt, seiner Lebtag wird es ihm in Erinnerung bleiben, wie +der Mann dort oben zwischen Himmel und Erde auf den schwankenden Känneln +steht und sich von einem zum anderen schwingt. Immer deutlicher wird +übrigens auch ohne das Fernrohr seine Gestalt, sie tritt aus dem +Schatten, den der Schmelzberg bis jetzt auf die Wand geworfen hat, in +die Sonne, die auf die Weißen Bretter zu leuchten beginnt. Der Vater +prüft die gewaltigen eisernen Kloben, die Matthias Jul so fest in die +Felsen vermörtelt, verkeilt und verankert hat, daß sie jetzt noch +Jahrhunderte halten werden. Sie sind alle gut. Viele der leichten +eisernen Reife, die durch die kurzen verdickten Enden der Kloben gehen, +sind von der Gewalt der Lawine zerrissen und müssen ersetzt werden, +manche haben nicht gelitten, sondern die Kännel sind einfach aus ihnen +herausgeschleudert worden. Mit einer Stange, an der ein eiserner Haken +ist, holt Seppi die neuen Schlaufen ein, die an einem Seil an der Wand +herniederhangen. Das Einpassen in die Kloben geht leicht, die +Nietenköpfe des einen Endes passen in die Löcher des anderen Endes, mit +einem einzigen Griffe schließen sich die Reife. Im Lauf der Zeiten hat +man manche Vorteile gelernt, die Bearbeitung des Eisens und die +Handgriffe beim Legen der Leitung sind eine besondere Wissenschaft der +Leute von St. Peter, ein Stück bäuerlicher Ingenieurkunst. Und dafür, +daß immer ein genügender Vorrat von Seilen, Känneln und Schlaufen da +ist, sorgt der Garde; in Dingen, die das helige Wasser angehen, giebt es +keine Knauserei und keinen Widerspruch. + +Die Stunden wandern und die Spannung der Zuschauer ermattet. Seppi +Blatter arbeitet sicher. Von Zeit zu Zeit erneuert das Glöcklein der +Kapelle sein Bimmeln, es mahnt. »Betet, betet für den Mann, der einsam +an den Felsen schwebt!« Bis am Abend darf die gemeinsame Fürbitte nicht +aufhören. Die Frauen, die auch heraufgeschlichen sind, um an die Weißen +Bretter zu sehen, eilen wieder zur Kapelle, einzelne Männer folgen: »Man +darf nicht nachlässig sein in einer so ernsten Angelegenheit, wegen +Seppi Blatter nicht und wegen seiner selbst nicht; man könnte einen +Schaden auflesen, wenn man nicht aus vollem Herzen für ihn fleht.« + +Der Presi, der die Signalfahne seit einiger Zeit dem Glottermüller +übergeben hat, hält scharfe Ordnung; er jagt die müßigen Weiber zur +Kapelle hinunter: »Plärrt doch lieber, als Maulaffen feilzuhalten!« Den +Männern, die auch jetzt ihr Pfeifchen anstecken wollen, schnauzt er zu: +»Himmelsakrament, wer denkt ans Nebeln, solang einer da oben hängt!« und +Bälzi, der das Rauchen doch nicht läßt, schlägt er die Pfeife aus dem +Mund. + +Binia steht etwas verloren zwischen den Leuten. Sie ist nicht so behend +wie sonst und ihr Gesichtchen blaß. Die dunklen Augen schauen auf den +Teufelsgarten. Das ist nicht mehr der wilde unberührte Blumenjubel der +letzten Tage. Die Männer haben ihn mit ihren schweren Schuhen +niedergetreten, die Mädchen haben ihn abgerauft, die Buben haben den +Königskerzen die Köpfe abgeschlagen und wälzen sich jetzt scherzend auf +der verdorbenen Pracht. + +Binia sieht Josi, Josi sieht sie; aber die beiden Kinder, die sich so +gut waren, wissen nichts mehr miteinander anzufangen -- es ist etwas +zwischen ihnen, das vorgestern noch nicht war. + +»Bini, was machst auch für ein barmherziges Gesicht?« Sie schrickt +zusammen. Der Vater! Freundlich sagt er: »Du wirst gar verbrannt in der +glühenden Sonne, geh ein bißchen an den Schatten!« + +Folgsamer als je gehorcht sie. Sie wandelt zur Ruine hinüber. Dort +stehen und sitzen Männer, der Kaplan Johannes, Bälzi, der Gemeindeweibel +und andere. Die Schnapsflasche geht in der Runde, die Männer essen einen +Imbiß von der Hand, sie plaudern und lassen sich's wohl sein und sehen +die Augen Binias nicht. + +»Heut' giebt's keine Tafel zu malen, Kaplan, Seppi schafft gut,« sagt +der Weibel, der einen großen schönen Bart, aber einen schielenden Blick +hat. + +»Macht nichts -- ich bin nicht gern der Unglücksrabe,« antwortete der +Kaplan mit seiner hohlen Stimme. + +»Ich glaube beim Eid, Seppi Blatter fällt -- die elende Hitze -- und +erst dort oben -- man wird da unten dumm, dort oben aber wird einer +verrückt -- die Männer, die stürzen, thun's, weil sie vom Sonnenstich +wahnsinnig geworden sind.« Bälzi nahm einen Schluck. + +»St. Jörg und einundzwanzig, das wär' ein Unglück -- die Frau und die +zwei Kinder!« So der Weibel. + +Bälzi darauf: »Der Presi bekäme auch einen Schuh voll!« + +»Wieso?« fragt Peter Thugi, der ein rechter Mann und der Aelteste einer +weitverzweigten Familie ist. + +Bälzi erwidert: »Das glauben doch nur Kinder, daß Seppi Blatter +freiwillig an die Bretter gegangen ist. Man hat der Gemeinde Sand in die +Augen gestreut. Ist's nicht wahr, Weibel?« + +Dieser zwinkert zustimmend mit den Augen, aber er schweigt. + +Bälzi, dessen Blick vom Schnaps etwas verglast ist, lacht. »Der Presi +hat mir die Pfeife zerschlagen, auf die Garibaldi gemalt ist. Sie war +noch vom Vater selig. Aber jetzt schone ich ihn auch nicht mehr.« + +Er erzählt den Lauschenden das Gespräch im Bären: »Und ich will ein +brennender Mann werden, wenn's nicht wahr ist, er hat dem schlafenden +Seppi Blatter die Feder in die Hand gesteckt und sie ihm geführt.« + +Die Umstehenden fahren zurück. »Kaplan, was sagt Ihr dazu?« + +Der Schwarze antwortet, da -- ein gellender Schrei. + +»Gott's ewiger Hagel, des Presis Kind!« So rufen sich die Männer in +peinlicher Ueberraschung zu. Das Mädchen, das hinter einem abgestürzten +Mauerteil gekauert ist, springt wie besessen davon, es eilt am Vater +vorbei, es keucht den Stutz empor, es rennt ins Dorf zurück. + +Wie der Presi nach ein paar Stunden nach Binia fragt, da sagt man ihm: +»Sie ist heim zu Susi!« Da schüttelt er das Haupt und seufzt: »Sie ist +dieser Tage so seltsam.« + +Damit, was Bälzi über die Hitze sagte, hatte er recht. + +Die Sonne! die Sonne! Die Luft im Thal zwispert, von den Weißen Brettern +herunter kommt ein so heißer Strom, daß ihn selbst die erfrischenden +Schwäle, die aus der Schlucht aufsteigen, nicht zu kühlen vermögen. Wie +Blei fließt er in die Glieder, wie Spinnweb legt er sich um die +ermattenden Sinne. + +Der Mann, der über dem versammelten Dorf zwischen Himmel und Erde +schwebt, steht im wachsenden Brand des Juninachmittags. Die +Sonnenstrahlen liegen so auf den Weißen Brettern, daß die Augen +schmerzen, wenn man eine Weile hinsieht. Sie flimmern, als sehe man, wie +Licht und Hitze aus den Felsen strömen. + +Ja, bei bedecktem Himmel könnte Seppi Blatter sein Werk wohl vollenden, +aber in dieser mörderischen Glut, die Augen und Gehirn sengt. Der +Sonnenstich! + +Man sieht, daß er leidet. Seit einiger Zeit hat er die Kapuze seines +Hirtenhemdes zum Schutze vor der Sonne um den Kopf gezogen. Die +Aufregung wächst, die Frauen vor der Kapelle beten lauter. »Er kann's +nicht vollenden,« hört man. »O, Seppi ist zäh,« antworten andere. + +Jetzt ist die Arbeit soweit gediehen, daß Seppi mit dem Einlegen der +Kännel beginnen kann. Immer noch schweben sie, einer um den anderen, +viele Kirchtürme hoch, herab, und einen um den anderen stößt Seppi +Blatter, auf ihm stehend, in die Reifen, löst die Seile der +eingehängten, schwingt sich zum folgenden, und an den Felsen zeichnet +die wieder erstehende Leitung eine dunkle Linie. Oft aber verzögert sich +das Werk. Die sinkenden Kännel verfangen sich in den Seilen der +nächsten, dann löst sie auf ein Zeichen aus dem Thal ein Zug aus der +Höhe aus, und wenn sich ein Kännel befreit, schwankt das ganze Werk, als +müsse es den Mann dort oben herunterschütteln wie einen Apfel vom +sturmgerüttelten Baum. Oder Seppi Blatter löst die Kännel, die sich +verfangen haben und sich in seinem Bereich befinden, selber aus, dann +fliegen sie von der Felswand ab in die freie Luft und wieder schief +zurück, daß er sich blitzschnell ducken muß, damit sie ihn nicht durch +einen Schlag an den Kopf von seinem schmalen Stande werfen. + +Manchmal bei einem der entsetzlichen Schauspiele wagen die Zuschauer, +die doch des Schreckens gewöhnte Bergleute sind, nicht zu atmen, die +meisten Frauen, die das Schwanken des Gerüstes sehen, fliehen entsetzt +zu der Kapelle zurück. + +Selbst die harten Männer erliegen der furchtbaren Spannung. »Presi, gebt +doch das Zeichen zum Abbruch. Morgen ist wieder ein Tag!« + +Aber die Mehrheit ist der Ansicht, man solle, wenn Seppi Blatter nicht +selber den Abbruch wünsche, in Gottes Namen mit dem Werk fortfahren, es +sei auch mißlich, die Mannschaft auf dem Glottergrat im Freien +übernachten zu lassen. + +Dann und wann ruht Seppi Blatter eine Weile und stärkt sich an Speise +und Trank. Besonders lang um vier Uhr des Nachmittags, ehe er die +Führung der Leitung durch die größere Wildleutfurre in Angriff nimmt. + +Josi, der vom frühen Morgen nicht von seiner Stelle gewichen ist, ist +ins Gras gesunken und verbirgt sein Gesicht darin. Das starre +Hinaufsehen, die Hitze, das Entsetzen! Der Taumel hatte sich seiner +bemächtigt, ihm ist, glühendes Eisen senge sein Hirn, ruhelos wälzte er +sich. + +Fränzi und Vroni, die fast ununterbrochen vor dem Muttergottesbild +gekniet sind, sehen das Leiden des Knaben und erbarmen sich seiner, +obgleich das ihre nicht kleiner ist. + +Eusebi, der scheue Stotterer, steht in der Nähe und schaut mitleidig auf +ihn. + +Seine Mutter, die stolze Gardin, will ihn mit zur Kapelle nehmen: »Man +würde meinen, du gehörtest auch der Wildheuerin Fränzi!« Der blöde +Knabe sagt: »L--l--os[17], M--m--mutter, ich w--w--will da--da +bl--bleiben!«{2} + + [17] »_Los_!« -- schweizerdeutsch, »Höre!« + +Sie läßt ihn, sie kann gegen ihn nicht hart sein, obschon es sie gerade +heute ärgert, daß sie so ein häßliches Kind hat und die anderen so +blühende Jugend. Eben Fränzi. + +Seppi Blatter ist wieder an der Arbeit. In der großen Wildleutfurre! An +einem Seil schwingt er sich mit mächtigem Satz in das Innere der +schrecklichen Kluft und hängt an ihren Klippen. Fahnenzeichen! -- +Mehrere Kännel senken sich in die Schlucht und schweben frei. Und mit +mächtigem Schwunge holt er jeden einzelnen ein. Er verschwindet damit im +Innern der Kluft, wo man seine Thätigkeit nicht sehen kann. Kännel um +Kännel zieht er ein, jetzt wird die wachsende Leitung am Rand der +Schlucht wieder sichtbar, das Fürchterlichste ist gethan. Aber je +länger, je unsicherer werden Seppis Schwünge, zwei-, dreimal sieht man +ihn ansetzen, bis er das Ziel erreicht. + +Sechs Uhr! Erfrischende Kühle strömt durchs Thal, lebhafte Bewegung ist +unter dem Volk. + +Seppi Blatter hat über die ganzen Weißen Bretter hin die Kännel gelegt, +der Rest, der ihm zu thun bleibt, ist leicht. + +Da stupft Eusebi den daliegenden Josi: »Sch--sch--schau! +f--f--fer--fertig!« + +Josi schnellt auf, lächelt verträumt, sucht mit seinen rotgeschwollenen +Augen die Höhe und sieht, wie der Vater eben das zierliche Wasserrad +einsetzt, das den Merkhammer hebt und auf ein Brett fallen läßt, so daß +sein Schlag das ganze Thal durchtönt. + +Ein Fahnenzeichen gegen den Stutz empor, Männer, die am Eingang der +Leitung stehen, öffnen die heligen Wasser. In wenigen Augenblicken +werden sie durch die neuen Kännel fließen. Bald wird der Merkhammer das +erste Zeichen geben. + +Eine ungeheure Spannung hat sich des Völkleins bemächtigt, vor der +Kapelle kniet niemand mehr als die Wildheuerin Fränzi und Vroni. + +»Wollt Ihr's nicht hören?« fragt eine Nachbarin, aber so lange Seppi an +den Weißen Brettern ist, darf man in der Fürbitte nicht müde werden. Und +Fränzi und Vroni beten. + +Da horch: »Tick tack, tick tack.« Mit wachsender Schnelligkeit kommt's +aus der Höhe, der Merkhammer schlägt, andere Hämmer, die weiterhin in +die Leitung einschaltet sind, erheben ihr Spiel, das Echo ist erwacht, +das Thal hat seine Musik wieder, eine einförmige Musik, die doch wie ein +Psalm in die Ohren klingt. Sie bedeutet Erlösung aus dem Schrecken, +Segen und Fruchtbarkeit. + +Wie der Müller berauscht vor Freude aufhorcht, wenn nach langer +Trockenheit sein Rad wieder klappert, so lauschen die Leute von St. +Peter dem Hackbrettspiel der heligen Wasser und drücken sich vor Freude +die Hände. + +»Ja, Seppi Blatter ist ein Mann! -- Es lebe der neue Garde!« + +Der alte Pfarrer hebt segnend sein Kreuz gegen die wiederhergestellte +Leitung empor, das Glöcklein, das einen Augenblick zu bimmeln aufgehört +hat, setzt wieder ein, es ruft zum Dankgottesdienst, und die Berge +leuchten, vom Abendrot umspielt, wie Lichter der Andacht. + +Am schönsten leuchtet Josis Gesicht! + +Hoch an den Weißen Brettern sind nur noch zwei oder drei Stricke zu +lösen und die Arbeit, die gefahrvolle, ist glücklich gethan. Bald wird +man auf den Felsentafeln nur noch die Linie der Kännel sehen. + +Der Gottesdienst geht seinen Weg, da gellt ein einzelner Schrei: +»Seppi!« + +Der Schrei verzehn- und verhundertfacht sich -- ein dunkler Körper fällt +und wird größer im Fallen, er gleitet wie ein Schatten die Weißen +Bretter hinab. + +Seppi Blatter ist am Ende seines Werkes abgestürzt. Der Gottesdienst +schweigt. + +Josi ist brüllend wie ein Stier aufgesprungen und will sich in die +Glotter stürzen, in der sein Vater vor seinem Blick verschwunden ist. Da +halten ihn im letzten Augenblick starke Arme zurück. »Gottloser Bub!« Er +beißt, er kratzt, er schlägt um sich, aber die junge Kraft erlahmt, +röchelnd liegt der Knabe im Gras. + +Was war die Ursache des Sturzes? -- Hunderte haben hinaufgeblickt, aber +wenige wissen etwas Sicheres zu sagen. Der Glottermüller, der wieder das +Fernrohr geführt hat, versichert, Seppi habe bis zum letzten Augenblick +frei stehend gearbeitet, da schwankte er, faßte das Seil, das ihn in die +Höhe ziehen sollte, es senkte sich ein wenig, er ließ es los, im +gleichen Augenblicke aber wurde es von der Mannschaft, die den Ruck +Seppis für ein Zeichen genommen, in die Höhe gezogen, die Schleife am +Ende des Taues legte sich dabei um das Bein, das er in die Luft gestellt +hatte, die Arme des müden Mannes suchten den oberen Teil des Strickes +zu spät, da schleuderte ihn das steigende Seil, das ihn am Fuß gepackt +hatte, in die Tiefe. + +Von allen, die Zeugen des Unfalls gewesen waren, war keiner so blaß wie +der Presi. + +Der Schein an den Bergen war erloschen, nur noch die letzten Streifen +der Abendröte beleuchteten die traurige Heimkehr der Leute von St. +Peter. Sie führten eine an Gott und Menschen irre Familie in ihrer +Mitte, und im Schimmer der Mitternachtssterne kam ein zweiter dunkler +Zug, dem Kaplan Johannes mit einem Kienspanfeuer, das auf einer Pfanne +brannte, den Weg erleuchtete. + +Dieser Zug trug die Leiche Seppi Blatters, des Helden der heligen +Wasser. + + + + +V. + + +Die Wasser rauschten und die Merkhämmer schlugen. + +Mit herzlicher Teilnahme wurde Seppi Blatter bestattet. Vom Morgen an +stand der Sarg neben der Thüre des Häuschens, wo der Verunglückte mit +den Seinen friedlich gewohnt hatte. Auf dem Totenbaum lag der Federhut, +das Schwert und die Binde des Garden. Ein silberner Becher stand auf dem +Sarg. Als die Leidtragenden kamen, hob ihn jeder, trank einen kräftigen +Schluck und sprach: »Lebe wohl, Seppi Blatter, möge es dir wohl thun in +der Ewigkeit!« Und wenn zwei oder drei aus dem Becher getrunken hatten, +so füllte ihn der Weibel wieder mit goldenem Hospeler nach. + +O, man durfte sich den Hospeler schon mit andächtigen Sinnen zu Gemüte +führen. Die Begierde nach eigenem Wein hatte St. Peter in die Fron der +heligen Wasser gebracht. Im Feuer des Trunkes kreiste das Blut der +Gestürzten. + +Als der Presi erschien und zum Becher griff, schielten alle mit +verhaltener Neugier nach ihm. Sie meinten, es müßte sich etwas +Besonderes begeben. Aber der stolze, kraftvolle Mann hob den Becher mit +Würde und fester Hand und trat mit ruhiger Gelassenheit in ihren Kreis. + +Der Garde war viel bewegter; die nervige eiserne Hand bebte, als er +Seppi Blatter Lebewohl sagte. Ihm war, er müsse sich die grauen Haare +zerraufen, weil er ihn nicht von seinem plötzlichen Entschluß +zurückgehalten hatte. + +Man brachte die Gedenktafel, die Kaplan Johannes im Auftrag der Gemeinde +gemalt hatte, und legte sie auch auf den Totenbaum. In frischen Farben +leuchtete die Inschrift: + +»An den heligen Wassern ist bei Reparatur erfahlen und wohl versehen mit +den hl. Sakramenten gleich tot gewesen der ehrsame Seppi Blatter von St. +Peter. Gewählt worden zum Garden. Hat aber nicht angetretten. Sein +Lebenslauf ist 40 Jahr und 7 Tag. %R. I. P.% + + Mein lieber Freund, ich bitte dich, + Geh nicht vorbei und bett' für mich.« + +Jetzt trug man Seppi Blatter zu Grabe. Als sich die Gemeinde vom +Kirchhof verlief, gingen nur wenige, die an der Beerdigung teilgenommen +hatten, in den Bären. Dem Presi war's recht. Er wollte noch nach Hospel +hinausreiten und sattelte eben das Maultier. Er hatte plötzlich das +Bedürfnis, Frau Cresenz recht bald als Hausfrau in den Bären zu führen. +Mit der alten Susi war's nicht mehr gethan, ihr Kropf wurde ihr je +länger je hinderlicher bei der Arbeit, sie pfiff daraus wie eine +ungeschmierte Säge und ob sie fast nicht zu Atem kam, keifte sie +gleichwohl an einem Stück. + +Er wollte mit Cresenz über den Hochzeitstag reden. + +»Susi, wo steckt denn Bini wieder?« rief der Presi. + +»Sie hat sich wieder irgendwo versteckt. Verhext ist das Kind -- +verhext!« jammerte Susi, »und sie war sonst ein so liebes, artiges +Vögelchen, das den ganzen Tag gehüpft ist. Wer hat es ihm nur angethan?« + +»Ihr seid ein Kalb; Susi, bringt mir Binia nicht mit dem Hexenzeug ins +Geschwätz, sonst seid Ihr den letzten Tag im Haus!« + +Damit ritt der Presi davon, Susi heulte: »Nichts mehr sagen darf man, +nichts! Wie ein Schuhlumpen ist man geachtet. Gewiß bleib' ich nur wegen +des Kindes.« + +Schon ein paar Tage aber versteht sie Binia nicht mehr. Seit der +Wassertröstung sitzt das Mädchen irgendwo in einem Winkel des Hauses, +immer da, wo man sie nicht sucht, zerrt mit den Fingern der einen Hand +an den Fingern der anderen, beißt in die Fingerspitzen und starrt mit +den großen dunklen Augen ins Leere, wie wenn sie etwas sehen würde, was +nicht ist, etwas Grauenhaftes, Entsetzliches! Susi hatte sie mit der +Wallfahrt zur Lieben Frau an der Brücke geschickt, aber am Mittag kam +das Kind in der warmen Sonne schlotternd zurückgelaufen, nicht in die +Stube, nein, es rannte die Treppen hinauf bis unter das Dach. Als Susi +es suchen ging, da saß es mitten unter altem Gerümpel des Estrichs, +einen zerlumpten Rock seiner Mutter selig um das eigene Kleid gelegt. Es +wimmerte leise, leise. Nur etwas verstand Susi, was das Kind immer +wieder vor sich her stammelte: + +»Die Hand wird ihm aus dem Grab wachsen!« + +»Sage, Vögelchen, du unglückliches, wem wird die Hand aus dem Grab +wachsen. Wer sagt es?« + +Da warf die Kleine das Köpfchen mit dem ganzen Jähzorn zurück, den sie +vom Presi geerbt hat: »Susi, das ist schlecht von dir, daß du horchst, +was ich rede.« Sie fürchtete sich vor dem Kind; es war, als wolle es +wie ein wildes Tier aufspringen und sie zerreißen. + +Binia, die nicht schlief, hörte am Abend spät noch auf dem Flur von dem +schrecklichen Ausgang des Tages reden. Im Hemd kam sie in die Küche +gelaufen, klammerte sich an Susi und schrie: »{3}Verzeih mir, Susi, -- +bleibe bei mir -- ich fürchte mich -- ich fürchte mich gräßlich.« + +Da wachte die Magd am Bett der Kleinen. Als Binia die Augen schon einige +Zeit geschlossen hatte, schlug sie sie wieder auf und flüsterte: »Wenn +mich der Seppi Blatter schon 'Schlechthundekind' gerufen hat, so muß +ich, wenn ich groß bin, Josi Blatter doch heiraten.« + +Die entsetzte Susi schmeichelte: »Schlafe, schlafe, Schäfchen; wenn du +groß und ein schönes Mädchen sein wirst, kommen um dich viele Burschen +fragen.« + +Drauf Binia: »Ich liebe aber nur Josi. Weil der Vater Fränzi nicht +genommen hat, muß ich halt den Josi nehmen.« + +Seither war Susi überzeugt, das Kind sei besprochen und verhext. + +Dem wollte sie schon auf den Grund kommen. Als der Presi fortgeritten +und die letzten Gäste gegangen waren, suchte sie das Kind. In seinem +Kämmerchen kniete es am Bett. + +Sie war wohlwollend zu ihm. Es aber stellte sehr sonderbare Fragen: »Du, +Susi, hat mein Vater meine Mutter stark lieb gehabt?« -- Wie kam es auf +diese Frage? Seit drei Jahren war die selige Beth tot. Als das Kind in +sie drang, antwortete Susi: »Natürlich, du Närrchen, hat der Vater die +Mutter lieb gehabt.« + +Das Kind fuhr mit dem Köpfchen aus dem Kissen, richtete mit +unaussprechlicher Verachtung die Augen auf sie: »Du lügst, Susi, er hat +sie gar nicht geliebt. Ich frage dich nichts mehr!« + +Susi ging im Bewußtsein, daß sie gelogen habe, schamrot aus dem +Kämmerlein. + +Aber die Neugier trieb sie zu Binia zurück. Sie fuhr das Kind barsch an: +»Binia, wer hat dich besprochen -- du bist besessen.« + +»Laß mich,« schreit Binia, »ich bin krank -- geh!« + +Susi läßt sich nicht abweisen: »Der Kaplan Johannes schlarpt eben mit +dem Bettelsack durchs Dorf, der soll dich heilen. Ich rufe ihn!« + +»Nein, -- nein« -- kreischt die Kleine und zittert am ganzen Leib, und +wie Susi eine Bewegung gegen die Thüre macht, fällt sie ihr um die +Kniee. + +»Ums Himmels willen rufe den Kaplan nicht.« + +Susi drauf: »Gelt, der ist's, der dich besprochen hat! Jetzt haben wir's +schon -- dich und Josi. Ist Josi bei dir gewesen?« + +»Ja, wir sind auf der Brücke gekniet -- das war aber nur Scherz. -- -- +Nein, dir, erzähl' ich's nicht, du lügst und bist so dumm.« + +Und das Kind hat wieder den Trotzkopf aufgesetzt. + +Da bekreuzt sich die abergläubische Magd und geht: »Aber dem Presi darf +man nichts sagen -- nichts!« + +Wie sie fort ist, schluchzt und röchelt Binia. Niemand hat ihr etwas zu +leide gethan, sie hat nur gehört, was Fränzi und der Vater geredet, sie +hat nur gehört, was Kaplan Johannes zu den anderen Männern sagte: »Die +Hand wird ihm aus dem Grabe wachsen.« + +Alles das ist aber so schrecklich für ihr kleines, feuriges Herz. Sie +hat gemeint, einen so trefflichen Mann wie ihren Vater gebe es nicht +mehr. Ob er sie schon manchmal anschnauzte, war sie stolz gewesen auf +ihn, sie hatte ihn so unendlich lieb und wenn er nur einmal ein wenig +freundlich mit ihr redete, -- o, dann hätte sie am liebsten die kleinen +Arme um seinen Hals geschlungen und ihn vor Freude und Seligkeit in die +Wange gebissen. Und jetzt weiß sie so Entsetzliches von ihm. Er hat die +tote Mutter nicht geliebt, er hat Fränzi einen Kuß geben wollen, der +Schämdichnicht. + +Dann das Gräßliche, wie die Unterschrift Seppi Blatters entstanden ist, +die Unterschrift, wegen der dem Vater die Hand aus dem Grab wachsen +soll! + +Das ist zu viel für ihr Köpfchen, es hämmert darin, als sollte es +zerspringen. Ja, ja, die Fränzi hat recht, es ist ein Unsegen auf sie +gekommen. Darüber möchte sie mit jemand reden, aber nicht mit Susi, die +lügt, weil sie ihr alles ausreden will. An eine liebe Brust möchte sie +sich lehnen und weinen. Sie denkt an Fränzi, die mit ihrer Mutter gut +befreundet gewesen ist, Fränzi hat auch sie lieb, Fränzi lügt nicht. Ja, +mit Fränzi will sie reden. + +Aber sie darf nicht zu Fränzi gehen! Warum nicht? Sie weiß es im +Wirrwarr ihrer Gedanken nicht, es ist ihr aber, wie wenn Blut und Feuer +zwischen ihr und Fränzi, zwischen ihr, Vroni und Josi lägen. + +Und aus dem Gefühl tiefer Hilflosigkeit schreit sie: »Mutter -- Mutter +-- liebe tote Mutter!« -- -- + +Mit einigem Herzklopfen ritt der Presi auf seinem Wege nach Hospel über +die Unglücksstätte, sein kluger Verstand sagte ihm wohl, die +Kaufbriefgeschichte sei damit, daß an den Weißen Brettern der Hammer +wieder töne, noch nicht erledigt. War er mit Blindheit geschlagen +gewesen, daß er die tolle Angelegenheit nicht sofort am anderen Morgen +geordnet hatte? + +Nun zuckte und wühlte sie im Dorf, er hatte es aus den verlegenen Mienen +der Männer gelesen, die an der Beerdigung Seppi Blatters teilnahmen. + +Er schwitzte -- er sehnte sich nach Hospel, die Welt schien ihm dort +freier -- hier legte sich etwas wie Zentnerlast auf die Brust -- es war +zum Ersticken. Gut, daß er jetzt die Weißen Bretter, den Teufelsgarten +mit den zertretenen Blumen, das Schmelzwerk und die Kapelle hinter sich +hatte. + +Der hundertstimmige Schrei beim Sturz Seppi Blatters gellte ihm noch in +den Ohren. + +»Ta-ta-ta. Ich bin der Presi!« denkt er. + +Er kommt in das Kreuz nach Hospel, aber Frau Cresenz zeigt sich gar +nicht und der stolze Kreuzwirt, der behäbigste Gastwirt am Weg von der +Stadt bis zum Hochpaß, sein zukünftiger Schwager, empfängt ihn frostig. + +»Was hast, Kreuzwirt, warum magst mir nicht recht die Ehre geben?« + +»Von dir läuft ja die Schande auf allen Straßen. Und Seppi Blatter ist +so ein braver Mann gewesen. Ist's wahr, daß du ihm, wie er betrunken +gewesen ist und geschlafen hat, die Feder geführt hast?« + +Da schlägt der Presi die Faust auf den Tisch, springt auf: »Vor Gericht +müssen mir die räudigen Hunde -- Wer hat's gesagt?« + +»Von rechtschaffenen Leuten ist's hier im Kreuz verhandelt worden, +aber, daß ich dir die Namen nenne, giebt's nicht.« + +»Es ist eine elende Verleumdung. Horch, Joch, wie's zugegangen ist. Man +hat einen Mann haben müssen, mit dem Losen ist's gar eine mißliche +Sache.« Der Presi erzählte und schloß mit der Frage: »Was sprichst +jetzt?« + +»Ich sage, daß die Geschichte nicht sauber ist! Geplagt hast du Seppi, +das giebst ja selber zu. Wo hast du dir das Herz hergenommen, ihn grad +an dem Tag, wo du dich mit der Cresenz verlobt hast, mit dem Kaufbrief +zu kreuzigen? Das gefällt uns nicht. Wenn du Seppi Blatter die +hundertachtzig Franken aus Anlaß deiner Verlobung geschenkt hättest, so +hätte es mich und die Cresenz gefreut. Man hätte dann aus dir etwas +Glück gespürt. Jetzt aber kränkt sich Cresenz.« + +Der Presi wurde ganz klein -- das traf. Er wußte wohl, daß er sonst der +Gescheitere war als der vornehme hohle Kreuzwirt. Aber jetzt hatte der +recht! Und er murrte verlegen und stoßweise. + +Der Kreuzwirt fuhr fort: »Warum fragst du nicht, wo sie bleibt? Weil du +dich schämst, weil du weißt: es ist ein Schandfleck auf deiner Ehre!« + +»Ein Schandfleck auf meiner Ehre!« wiederholte der Presi. Sein Gesicht +war blutleer und seine Hand langte mechanisch nach dem +Zündhölzchenstein. + +»Laß den Stein liegen,« sagte der Kreuzwirt ruhig, »es ist jetzt genug +an Gewaltthätigkeit. Cresenz aber will sich besinnen, ob sie Bärenwirtin +von St. Peter werden will. Sie schreibt dir darüber in den nächsten +Tagen.« + +Als der Presi heimritt, kam er sich vor wie ein vom Hagelwetter +erschlagener Baum. Die Wut über die Verleumdung tötete ihn fast. »Die +schlechten Hunde -- die elenden Tröpfe -- -- Ist die Wahrheit nicht +genug?« stammelte er vor sich hin. + +Er sah die blauen, großen, vorwurfsvollen Augen Fränzis, die schönen und +guten Augen. O, wie er sie jetzt haßte! + +Schweißgebadet ritt er durch die Dämmerung. Jetzt sah er Seppi Blatter, +aber nicht den geringen Wildheuer, der gequält am Wirtstisch saß. Nein, +den Wasserstreiter, der freiwillig an die Bretter gestiegen war. Der +schaute ihn herausfordernd an, immer als hätte er die Frage auf den +Lippen: »Presi, wollen wir zusammen einen Hosenlupf[18] machen?« + + [18] _Hosenlupf_, ein beliebter Ringkampf der Aelpler. + +»Ich hab's nicht durchgezwungen -- das weißt -- bist ja selber +gegangen,« schnauzte der Presi. + +Und als ob er mit einem anderen im Zwiegespräch wäre, sagte er nach +einer Weile: »Ja, das gebe ich zu -- ich habe dich geplagt -- es ist +dumm gegangen an jenem Abend.« + +Bei der Kapelle stieg er nicht ab, um ein Gebet zu verrichten, wie es +die fromme Sitte heischt; er sah die frische Tafel Seppis, die während +seines Aufenthaltes zu Hospel in das kleine Gotteshaus gestellt worden +war, ihre Goldfarbe glänzte frisch -- frech, dachte der Presi und im +Vorbeireiten rief er: »Daß du mich nicht gar zu stark klemmst, Seppi +Blatter, sonst --! Weißt, ein wenig leid' ich's schon, hab's auch +verdient -- aber wenn du mich zu stark schuhriegelst -- du weißt, +Fränzi, Vroni und Josi sind noch nicht in der Ewigkeit.« + +»Halt 's Maul, räudiger Pfaff!« schrie er, als er am Schmelzwerk +vorüberjagte und den Kaplan Johannes singen hörte. Unaufhaltsam +vorwärts, den Stutz hinauf drängte er das arme Tier mit seinen Flüchen +und kam früher, als ihn jemand erwartet hatte, nach Haus. + +Im Bären saß tiefbekümmert der Garde. Er wartete nicht lang mit seinem +Bericht. Das Amt war auf ihn zurückgefallen -- für einstweilen, hatte +man im Gemeinderat gesagt -- das bedeutete aber in St. Peter für +Lebzeiten. + +»Presi, ich hab's zum Guten leiten wollen, aber die Sache steht bös. Die +Geschichte der Unterschrift Seppis geht vertrüdelt und verdreht durchs +Dorf. Es sind darum auch keine Leute im Bären.« + +»Die Gemeinde wird nicht die ganze Zeit saufen müssen, ich verlange es +gar nicht,« höhnte der Presi, »wenn sie wildeln und wüst thun wollen +über mich, so ist es mir schon lieber, sie erledigen es draußen, als mir +unter der Nase. Das könnte unlustig werden.« + +»Möchtet Ihr in diesen Tagen nicht einmal die Fränzi aufsuchen und mit +ihr im guten reden?« + +»Damit die Leute mit den Fingern auf mich weisen und sagen: 'Den hat das +Gewissen gedrückt!'« + +»Wir haben jetzt gewiß allen Anlaß, gegen den Haushalt rücksichtsvoll zu +sein.« + +»Aber ich nicht -- ich nicht! Lieber werde ich ein brünniger Mann[19].« +Der Presi wischte sich den Schweiß, der immer noch auf seiner Stirn +perlte, er war so müde wie lange nicht mehr. »Ueber diese Geschichte +wird schon Gras wachsen!« + + [19] _Brünniger Mann_, in der Volksvorstellung ein Mann, der nach + seinem Tod des Nachts brennend umherwandelt. + +»Lange keines,« knurrte der Garde, stand auf und ging. -- + +»Endlich Ruhe.« -- Auf der Straße verlor sich der schwere Schritt des +Garden und der Presi stützte den Kopf in beide Hände und ließ +nachdenklich die Lider auf die Augen fallen. + +Aber er brachte das Bild nicht weg. »O, es ist entsetzlich, einen Mann +einen ganzen Tag kämpfen zu sehen -- das geht nicht fort. -- Du bist ein +schlechter Hund, Seppi Blatter, daß du mir das angethan hast und, wie du +schon fertig warst, noch herunterflogst.« + +Der Presi ging in seine Kammer. -- -- + +Ueber den Unglücksfall an den heligen Wassern und die ihn begleitenden +Umstände wuchs lange kein Gras. Durch alle Gespräche zitterte der +Nachhall, weniger die Klage um Seppi Blatter selbst, als die Neugier, +wie er veranlaßt worden sei, an die Weißen Bretter zu steigen. Allein +nachdem es einige Wochen bös über den Presi gegangen war, so daß er es +für gut fand, mit den Leuten so herzbeweglich artig zu reden, wie nur er +es verstand, schlug die Stimmung um. Die Geschichte sei vielleicht doch +nicht so schlimm. Bälzi habe sie im Anfang nur aus Wut so ehrenrührig +für den Presi erzählt, und er sei ja ein ganz unzuverlässiger Mensch, +der Presi aber sei, wenn er die Laune habe, ganz gutherzig und habe +schon manchem, der sich nicht mehr zu raten und sich zu retten wußte, +aus der Klemme geholfen. »Und,« gaben die Leute zu, »er ist halt doch +der Gescheiteste unter uns allen.« + +Am meisten Beruhigung fanden die von Sankt Peter in der Sommerarbeit, +die sie schwer ins Joch schlug und sie auf Aecker, Alpen und in die +Weinberge zerstreute. + +Der Stimmungsumschlag erstreckte sich bis nach Hospel. Von Frau Cresenz +kam eines Tages ein Briefchen und am folgenden Tag ritt sie, vom +Kreuzwirt begleitet, den Silberschild der Hospelertracht vor der Brust, +das kokette Filzhütchen auf dem Haupt, vor den Bären. + +Der Presi empfing den Kreuzwirt und seine Schwester nicht zu freundlich, +denn die Beleidigung vom letzten Besuch saß ihm noch wie ein Dorn im +Fleisch, aber mit einem Scherzwort zog Frau Cresenz den Stachel heraus, +und gegen liebenswürdige Frauen war der sonst unbeugsame Mann +nachgiebig. + +Und Frau Cresenz war hübsch. Aus ihrem vom Ritt leichtgeröteten Gesicht +schauten muntere graue Augen, sie hatte kluge und angenehme Züge, eine +kühle Sprechweise und war in ihren Bewegungen, obgleich ihr Körper fast +zu stattlich war, von unleugbarer Anmut. + +»Die steht dem Bären wohl an,« schmunzelte der Presi in sich hinein und +zeigte den beiden das Haus. + +»Ja, da muß vieles anders und ordentlicher werden, da gehört wirklich +wieder eine Hausmutter hin.« Und die hübsche Frau Cresenz lächelt dem +Presi gutmütig verständnisvoll zu. + +Etwas beschämt sagt er: »Wir haben bis jetzt halt nur ein +Bauernwirtshaus geführt. Das muß natürlich für die Fremden alles anders +eingerichtet sein!« + +Als die drei die Treppe aufwärts in den zweiten Stock stiegen, trat die +alte Susi, die Röstpfanne, aus der der Kaffeeduft aufstieg, in den +runzeligen Händen, neugierig unter die Küchenthüre und sah ihnen nach. +Da machte Frau Cresenz am Geländer der Treppe einen Fingerstrich und +zeigte den Staub hinter dem Rücken des Presi dem Kreuzwirt. + +Nun war die Alte teufelswild und faustete hinter der kleinen +Gesellschaft her: »Nein, bei der bleibe ich nicht.« + +Der Presi hatte mit seinen Gästen den Estrich erreicht. Plötzlich +ertönte schallendes Gelächter der Frau Cresenz. Aus einem von allerlei +Gerümpel gebildeten Winkel starren sie zwei große Kinderaugen an, ein +ängstliches Gesicht schaut aus einem alten zerrissenen Tuch, das +malerisch über den Kopf geworfen ist. + +»Ist das Binia? Ach, das Kind habe ich ganz vergessen. -- Komm, du +artiger Fratz.« -- Die Kleine sieht die Augen des Vaters aufmunternd auf +sich gerichtet und kriecht hervor. Da reißt ihr Frau Cresenz lachend das +Tuch ab: »So, jetzt siehst du menschenähnlich aus, nun gieb mir die +Hand.« + +Sie sagt es mit kühler Freundlichkeit, aber der erschrockene scheue +Wildling rennt an ihr vorbei und wirbelt die Treppe hinunter. Die alte +Susi ruft ihr zu: »Hast die neue Mutter gesehen, die hochmütige?« + +»Die neue Mutter!« Nun muß sie auch darüber denken. Und das kleine +Köpfchen brennt doch schon von allem anderen, worüber ihm niemand +Auskunft giebt. Der Vater hat mit der Frau so lieb geredet. Nie, nie hat +er so mit der seligen Mutter gesprochen und auch nicht mit ihr. Doch, +aber es ist schon so lange her. Sie schleicht sich auf den Zehenspitzen +in ihr Kämmerchen empor. Denken -- denken will sie. + +Gegen Abend hört sie die Fremden fortreiten, das fröhliche Lebewohl, das +der Vater Frau Cresenz zugerufen hat, tönt ihr in die Ohren. Ihr aber +thut der Kopf so weh, ihre Zähne klappern, sie kriecht ins Bett. + +Da hört sie die Tritte des Vaters. Gewiß kommt er sie zu züchtigen. + +Sie mochte seine Absicht erraten haben, aber in den Zorn mengte sich die +Vatersorge. Binia war zwar immer ein eigenartiges Kind gewesen, oft +nachdenklich, oft ausgelassen lustig, aber seit einiger Zeit war sie so +blaß und scheu und allen ein Rätsel. + +Wäre er abergläubisch gewesen, er hätte geglaubt, die Drohung der Fränzi +sei schon in Erfüllung gegangen, Unsegen sei auf dem Kinde. + +Wie er sie nun am hellen Tag mit gläsernen Augen im Bette liegen sah, +entwaffnete die Sorge den letzten Zorn. + +Er setzte sich ans Lager, nahm die fiebernde Hand der Kleinen ganz +vorsichtig in seine Pratze und als sie, sich von ihm abwendend, leis +wimmerte, legte er ihr die andere Hand auf das seidenweiche dunkle Haar. +Das Kind zuckte zusammen. + +»Was machst du für Streiche, liebe Maus? Du hast eine heiße Stirn, bist +ja ganz krank. -- Binia -- Gemslein -- liebes Gemslein, schau mich +einmal an.« + +Sorge und Bangigkeit sprachen aus seinem Ton. + +Als das Kind die sanften und lieben Worte des rauhen Vaters hörte, die +es wie ein Klang aus fernem schönem Traum umwarben, überließ es ihm das +heiße Händchen, das es ihm hatte entziehen wollen, und halb freudig, +halb ängstlich blinzelte es mit den großen Augen nach ihm. + +»Hast du mich nicht mehr lieb, Bini?« + +»O doch -- doch -- Vater,« klang das feine Stimmchen, »aber -- --« Sie +schauerte. + +»Rede nur, Maus!« + +»Ich habe dich so viel zu fragen. Thust du mir nichts, wenn ich etwas +frage?« Der zarte Körper zitterte. + +»Nein, frage nur -- bist ja meine Maus!« + +»Warum bist du auch so lieb und gut jetzt, Vater?« Das tönte so fein und +scheu und ein bleiches Lächeln flog über die Lippen des Kindes. + +»Ich habe dich ja immer lieb gehabt, Gemslein. Weißt nicht mehr, wie ich +dich auf dem Arm getragen habe? Und weißt noch, wie ich dir manchen Kram +von Hospel mitgebracht habe?« + +An diesen Gedanken spann das Kind weiter. + +»Ja, die Mutter und ich haben jedesmal auf dich gewartet, bis du am +Abend heimkamst. Und dann hast du mich noch ein wenig auf die Kniee +genommen und ich habe darauf reiten dürfen. Die Mutter hat mich dann zu +Bett gebracht und hat meine Hand genommen wie du jetzt und wir haben +gebetet: 'Lieber Gott, lieber Herr Jesus Christus! Erhalte den lieben +Vater gesund.' Und dann hat sie die Kissen an mein Köpfchen gedrückt: +'Schlaf, schlaf, du liebes Engelchen.' Und manchmal ist eine Thräne auf +meine Wange gefallen, aber am Morgen, wenn ich sie gesucht habe, war sie +fort.« + +Rührend, als ob das fiebernde Kind gegen das Weinen kämpfte, klang das +Stimmchen, der Presi hatte den Kopf gesenkt, und als er nichts +antwortete, fuhr das Kind fort: + +»Seit die Mutter tot ist, besucht sie mich jede Nacht. O, sie ist so +schön, sie ist ganz weiß und hat Flügel an den Schultern. Und wenn sie +sieht, daß ich ihr altes Sonntagsbrusttuch bei mir im Bett habe, so +lächelt sie wunderschön. Nur das Tuch muß ich haben, dann kommt sie. -- +Aber, Vater, warum hat die Mutter auch so viel geweint, als sie lebte?« + +Der Presi war unruhig geworden, die Zärtlichkeit des Fiebergeplauders +regte ihn auf. + +Das Mündchen aber lief und lief: »Wie ist es schön gewesen, als ich noch +klein war. Josi und Vroni sind immer gekommen, er hat mich dann auf dem +Rücken getragen, und dafür hast du ihnen Kirschen vom Baum gerissen.« + +»Was hast vorhin fragen wollen, Bini?« unterbrach der Vater barsch das +plaudernde Kind. + +»Thust du mir nichts?« + +»Dumme Maus, du!« Sein Ton war wieder freundlich. + +Die Augen des Kindes öffneten sich -- es richtete sich im Bettchen halb +auf und zitternd, traumhaft kam's: + +»Du, Vater, wenn ich groß bin, darf ich dann die Frau Josi Blatters +werden?« + +Da verzerrte sich das Gesicht des Presi. -- Der Zug hoffnungsvollen +Zutrauens auf dem fiebergeröteten Kindergesicht erlosch, es stopfte den +Mund mit dem gekrümmten Finger, die Augen wurden schreckhaft groß, und +seine Gedanken taumelten nach einem Rettungsanker -- es schlang das +Aermchen um den Vater, es schrie: + +»Ich hab' nicht das sagen wollen, Vater -- nein -- ich habe fragen +wollen: Ist es wahr, daß dir die Hand aus dem Grab wachsen wird?« + +Da verglasen sich auch die Blicke des Presi, er ächzt -- und ächzt. +Plötzlich brüllt er: »Wer sagt das? -- Sagt es Fränzi?« + +Vor Furcht weiß das Kind nicht mehr, was es sprechen soll, was es +spricht. + +»Fränzi -- Vroni -- nein -- Josi -- oder nein --« Es will weiter reden. + +Aber der Presi schlägt ein so schauerliches Lachen an, wie wenn etwas in +ihm risse. Das Kind schweigt. + +»Und den willst du heiraten! -- Da also packst du mich, toter Seppi +Blatter. Deinem Buben will ich's eintränken.« + +Er faustet sinnlos gegen die Wände: »Jetzt wollen wir sehen, ob ein +lebendiger Presi nicht über einen toten Wildheuer Meister wird.« Er will +sein krankes Kind schlagen, aber es hat sich tief unter die Decke +verkrochen und hält sie mit krampfhaften Händen fest. + +Unter der Thür steht Susi, die irgend etwas berichten will; und schlägt +die Hände über dem Kopf zusammen. + +Der Presi schwankt aus der Kammer. + +Ein Riß war von dieser Stunde zwischen Vater und Kind. Binia lag einige +Tage krank, der Presi kümmerte sich nicht um sie; als sie mit blassen +Wänglein wieder in der Stube erschien, übersah er sie und vermied lange +Wochen sie anzureden, als er es endlich wieder that, da war es nur in +Gegenwart Dritter und seine Worte beschränkten sich auf kurze Befehle +und gleichgültige Dinge. + +Daran änderte auch die Hochzeit mit Frau Cresenz, die im Herbst +stattfand, wenig. + + + + +VI. + + +St. Peter ruht mit seinen Holzhäusern halb versunken im Schnee, wie die +Federkissen eines Brautfuders liegt er auf den Dächern, die Glotter +gurgelt unter dem Eis. Am Mittag stechende Sonne, blauer Himmel, ein +Licht von den Bergen, daß man die Hand über die Augen decken muß, +triefende Dächer und sonnenwarme Luft, des Nachts bittere Kälte, so daß +der Schnee im Flimmern der Sterne wie Millionen erbarmungslose +Glassplitterchen funkelt. + +Die Lichter leuchten freundlich aus den kleinen Fenstern ebenhin in den +Schnee. Von Haus zu Haus huscht es und eilt es. Bursche und Mädchen, +jung und alt sitzen um die Lewatöllampe zusammen, die Frauen spinnen den +Flachs, die Mädchen flechten mit raschen Fingern Strohbänder und nähen +Hüte, die Männer schnitzen an Holzschuhböden herum und nebeln mit den +Pfeifen. + +Man redet nicht viel, die von St. Peter sitzen gern still und feierlich +im Kreis. Am häufigsten noch hört man das Weib des Fenkenälplers, das +von Zeit zu Zeit von ihrem Mann einen Zug aus der Tabakspfeife bettelt. + +»Fenkenälpler, kauft der Vre doch ein artiges Klöbchen,« lacht der +krummmäulige Bäliälpler. »Wenn die Weiber rauchen, so schadet's dem +Hausfrieden nichts -- das meine raucht jetzt auch schon ins siebente +Jahr.« + +»Es ist halt doch nicht schön,« meinte die fröhliche Bertha Thugi, eine +Neunzehnjährige, die neben ihrem jüngeren Bruder Peter, dem Enkel des +alten Peter Thugi, sitzt, »daß bei uns so viele Weiber rauchen wie +Kamine. Mir gefallen Fränzi und die Gardin -- sie rauchen nicht.« + +»Jetzt will die das Rauchen der Weiber abschaffen, wie die neue +Bärenwirtin den Schnaps.« + +Die fromme, geizige Glottermüllerin, die den Mühlknecht hungern läßt, +mault: »Recht ist's. Zuerst haben die Männer gar nicht gewußt, wie die +neue Frau Presi genug rühmen. Schön und leutselig sei sie. Jetzt hat +man's. Nicht einmal ein Gläschen Gebranntes mag sie ums gute Geld den +Leuten gönnen. Sie meint wohl, in St. Peter seien alle vergüldet wie der +Presi.« + +Der Bäliälpler mit der Bogennase und dem krummen Maul aber brummt: »Was +mir gar nicht gefällt, sind die Handwerksleute von Hospel, die jetzt die +ganze Zeit im Bären lärmen. Er war doch von jeher ein schönes Haus. Aber +wißt ihr? Fremde Weltleute, Deutschländer, Franzosen, Englische und +Hispaniolen, wie's seit ein paar Jahren zu Grenseln, Serbig und im +Oberland sommers über hat, sollen mit ihren Weibern, Hunden und Katzen +in den Bären kommen und darein sitzen. Was meint ihr? Wozu ist an der +Straße eine Thür ausgebrochen worden und wird eine Stube gemacht? In +diese Truhe können die von St. Peter hocken und oben, wo wir bis jetzt +gesessen sind, in der schönen großen Stube, rutschen die fremden +Maulaffen herum, die den Unterschied zwischen einem Gemsbock und einem +Kalb nicht kennen.« + +»Protestieren soll man! -- Aber die Gemeinderäte, der Garde ausgenommen, +haben's wie unsere Maultiere, sie machen so.« Der glatzköpfige +Glottermüller, der eine Stimme hat wie ein Weib, aber selbst schon lange +gern Gemeinderat geworden wäre, nickt mit dem Kopf, bis alles lacht. Und +plötzlich ruft er, daß alle aufblicken: + +»Die Gemeinde soll man anfragen, ob wir Fremde in St. Peter dulden +wollen oder nicht. Das behaupte ich.« Wichtig blickt er um sich. + +»Der Pfarrer ist dagegen. Eine Todsünde sei's, Fremde nach St. Peter zu +rufen. Anstecken mit großen Fehlern und Sünden würden sie uns und +Schaden bringen an der heiligen Religion.« + +So der Bockjeälpler, der zwischen dem Reden immer schnalzt. + +»Hört! -- hört!« + +»Es ist nicht bloß deswegen!« meint der alte großbärtige Peter Thugi, +der bisher fleißig an seinen Löffeln und Kellen herumgeschnitzt, den +Abend noch kein Wörtchen gesagt hat und mit seiner tiefen Stimme sehr +langsam spricht, »es ist wegen der Dinge, von denen man nicht unnötig +reden soll -- wegen der armen Seelen!« + +Das Wort bringt eine merkwürdige Bewegung hervor. + +Alle Arbeit ruht, schweigend und feierlich schaut man nach dem alten +Manne und wer raucht, legt die Pfeife weg. + +»Wenn nur Fränzi da wäre,« fährt er fort, »sie könnte es besser erzählen +als ich, wie an den Firnen der Krone tausendmal tausend abgeschiedene +Seelen im Eise stehen und sehnsüchtig auf ihre Erlösung warten. Um ihre +Gebete zu verrichten, brauchen sie Frieden und Ruhe. Vom Thal herauf +mögen sie nichts hören als das heilige Glockengeläute. Lachen, +leichtfertiges Reden und großer Lärm thut ihnen weh. Namentlich +beleidigt es sie, wenn die Leute neugierig auf die Gletscher und Firnen +steigen. 'So weit die Welt grün ist, ist Lebendigenland, wo sie weiß +ist, ist Totenland.' Das haben sie schon manchem Gemsjäger gesagt, der +sein Tier ins weiße Revier verfolgte. Wenn nun aber die Fremden, die +nichts von den armen Seelen wissen, alle Tag tanzen und Sonntag machen? +Ich will's euch sagen: Es kommt ein mächtiges Unglück über St. Peter.« + +Der Erzähler schweigt; alle erwarten, daß er wieder beginne -- niemand +redet, der Bäliälpler nur mahnt: »Erzählt, Peter Thugi!« + +Da fährt Peter Thugi geheimnisvoll fort: + +»Es hat eine Zeit gegeben, wo es in St. Peter so weltlich zuging, wie es +wieder geschehen wird, wenn die Leute aus den Weltländern kommen. Alle +Tage waren Lustbarkeiten, sündiges Reden und Wollust. Das war, als noch +die Knappen im Schmelzwerk saßen. Da hat im Bären jeden Abend eine Musik +aufgespielt und immer war mit lustigen Weibsbildern Juhe und Juheien. +Als nun die von St. Peter, die solche Weltlichkeit duldeten, zu +Pfingsten in die Kirche kamen, saßen in den vordersten Bänken auf der +Weiberseite zwölf weiße Vorstehbräute[20], die niemand erkannte. Wie der +Gottesdienst vorüber war, schritten sie hinauf durch die Alpen zu den +Firnen der Krone. Vor einer Hütte, die jetzt schon lang nicht mehr +steht, begegneten sie dem frommen Sennen Sämi, der nicht mehr gehen +konnte und auf der Bank bei der Thüre saß. Da fragten sie ihn ängstlich, +ob wohl die Leute von St. Peter aus ihren betrübten und traurigen +Gesichtern gemerkt haben, warum sie zur Kirche gekommen seien. Der alte +Sämi spürte aus ihrem Ton, daß es etwas sehr Ernstes sei und meinte, ihm +können sie es schon verraten. Sie seien arme Seelen von der Krone, +antworteten sie, und haben die von St. Peter warnen wollen, daß sie das +tolle Leben im Dorf nicht länger dulden. Wenn sie es aber weiter litten, +so würde St. Peter von Lawinen verschüttet, denn die vielen tausend +armen Seelen, die jetzt mit ihren Leibern dem Firn Halt geben, würden +auswandern und dann stürze der Schnee der Krone aufs Dorf. Sie hätten +auf ihre Bitten die Erlaubnis bekommen, daß sie die von St. Peter warnen +dürfen, er möge es ihnen sagen, wenn es die Leute sonst nicht gemerkt +haben. Sie dürfen doch nie mehr kommen und die Mahnung gelte für ewig. +Erleichtert gingen die armen Seelen ihres Weges und sangen vor Freude, +daß sie die Botschaft einem so braven Manne wie Sämi hatten ausrichten +können. Sämi aber schickte Bericht ins Dorf über das merkwürdige +Erlebnis, und siehe da -- alle die in der Kirche gewesen, erkannten die +Vorstehbräute. Es waren gestorbene Mädchen von St. Peter. Die Leute +trieben die Musikanten und die leichten Weibsbilder fort, und seither +weiß man in unserem Dorf, was geschieht, wenn Wohlleben und Ueppigkeit +wieder kommen.« + + [20] _Vorstehbräute_, Kommunikantinnen. + +Der Kreis der andächtigen Zuhörer und Zuhörerinnen schauderte. + +»Der Presi bringt noch über uns alle gleiches Unglück wie über Seppi +Blatter!« unterbrach die böse Zunge des Glottermüllers das Schweigen. + +»Pst!« klang eine Weiberstimme aus dem Hintergrund durch den blauen +Tabaksnebel, »Bälzi weiß, wie der Presi den Leuten ein Schloß an den +Mund legt, die etwas wider ihn sagen.« + +Die Gesellschaft hätte lieber noch mehr Geschichten von den Toten gehört +und neigte nicht mehr zum Schwatzen. + +Bertha Thugi, die von der Erzählung ihres Großvaters bewegt war, meinte: +»Laßt uns doch die Wildheuerfränzi holen, sie weiß alle Geschichten des +Gebirges, die von den Lebendigen sowohl wie die von den Toten, sie weiß +die Ueberlieferungen und Sagen, sie hat manchmal bis um die Mitternacht +erzählt, so daß alle zitterten und man fast nicht mehr heimgehen +durfte.« + +»Fränzi ist aber nie ungebeten erschienen, sie hat aus ihrem Erzählen +immer eine Kunst gemacht, die geehrt sein wollte. Und jetzt lehnt sie +alles Erzählen ab. Sie habe keine Lust mehr zum Reden. Ich verstehe es +nach dem großen Unglück wohl.« + +So der alte Peter Thugi, und schweigend lichtet sich allmählich der +Kreis, die Totensagen summen in den Köpfen, die Sagen Fränzis. + +Würdig erträgt sie den Tod ihres Mannes. Als er stürzte, hatte sich ihr +wohl ein Schrei entrungen, ein entsetzlicher Schrei, als müßten auch ihr +Leib und Seele auseinanderbrechen. Und in den ersten Tagen lebte sie in +dumpfem Brüten dahin. Dann aber erhob sie sich plötzlich und ging an +ihre Arbeit wie sonst. Niemand hat sie je weinen gesehen, niemand je +klagen gehört. Nur die Strähnen gebleichten Haares in der dunklen Fülle +verrieten, daß sie gelitten hatte. Den Schmerz hatte sie in den +unergründlichen Tiefen des Glaubens begraben. + +»Vroni und Josi, tragt niemand etwas nach, es hat im Leiden und Sterben +eures Vaters eine höhere Hand gewaltet, und grübeln ist sündhaft.« So +mahnte sie, wenn die Kinder vor Beelendung über den Tod des Vaters fast +zerflossen. + +Ihrem kleinen Haushalt ging es seit dem schrecklichen Ende Seppi +Blatters nicht schlechter als zu seinen Lebzeiten. Es war, als hätte das +Unglück des Vaters Josi, den vierzehnjährigen, mit einem Schlage um +viele Jahre gereift. Das freundliche Knabengesicht mit den klugen +dunklen Augen war ernst und trotzig geworden, um ein Lächeln gab der +früher gesprächige Bursche nicht viel, menschenscheu vermied er das +Dorf. Ohne daß ihm jemand die Notwendigkeit klar gemacht hätte, +schleppte er im Lauf des Sommers genug Wildheu von den Planken, um die +paar Ziegen durch den Winter zu bringen, so daß die Mutter manchmal +mahnte: »Ueberthu dich nicht, du zäher Bub.« + +Der Acker hatte reichlich Frucht getragen. Als man Anfang Winter das +Korn im großen Backofen des Garden gleich fürs ganze Jahr verbuk, da +ergab es so viel große Laibe, daß die Kinder bis zur nächsten Ernte +nicht nach Hospel hinauszuwandern brauchten, um Mehl zu holen. + +Das war gut, woher das Geld nehmen? + +Es waren drollige Mahlzeiten, die Mutter und Kinder hielten. Josi, der +die Stelle des Hausvaters übernommen hatte, zertrümmerte mit Hammer und +Hackmesser das vom langen Liegen steinharte Brot. Die dunklen Splitter +stoben nur so davon, und ebenso stoben sie vom Käse, den noch der Vater +bereitet hatte. Vroni fing die Brocken auf, indem sie die offenen Arme +ausbreitete, und lachend knusperten die Kinder an den braunen Stücken, +die dem Gestein des Gebirges zum Verwechseln glichen. + +»Beiße dir keinen Zahn aus, Vroni!« scherzte Josi. Dann wies sie ihm +ihre Perlenreihe zwischen kirschroten Lippen, er zeigte als Antwort sein +blitzblankes Gebiß und zum Schluß der Mahlzeit nahm er die Tessel, einen +Holzstab, der auf dem Tisch lag, und schnitzte einen Kerb hinein, bald +auf Vronis, bald auf seiner, bald auf der Mutter Seite, damit man wisse, +wer das Tischgebet verrichtet hatte. + +Ein kleines, inniges Glück, dem die Trauer, die es durchbebte, Bestand +verbürgte. So hätte man den Haushalt Fränzis nennen mögen. Die +Geschichten, die sie nicht mehr in die Kreise der Burschen und Mädchen +tragen mochte, erzählte sie Josi und Vroni. Dann geschah es wohl, daß +Josi müde vom Tag einschlief, während Vroni gespannten Ohres lauschte. + +Oft sangen die drei das einzige Lied, zu dem sie eine Melodie wußten, +den einzigen weltlichen Gesang, den es im Glotterthal gab. Fränzi hatte +ihn zur Zeit, als sie mit Seppi selig verlobt war, auf dem Markt zu +Hospel von einem fahrenden Spielmann gehört und gekauft. Sie nannte ihn +»das Kirchhoflied«. Der Sang lautete: + + »Es liegt das Dorf im Abendstrahle, + Die Berge glühen Dom an Dom, + Im Frieden steh'n des Kirchhofs Male, + In wilden Wellen rauscht der Strom + An ihm dahin zur weiten See, + Wie klingt die Flut vor Wanderweh! + + Das Steingenelk, die Königskerzen + Erblüh'n voll Pracht im heiligen Rund, + Sie steigen aus gebroch'nen Herzen + Und jede Blume ist ein Mund. + O, wie das weint, o, wie das lacht, + Dem Flüstern horcht die Sommernacht! + + Des Dorfes Abgeschied'ne reden, + Es reden toter Bursch und Braut, + Man kennt und nennt im Ringe jeden -- + Da klagt ein Knöspchen frischbetaut: + 'Wir sind im Thal -- nur einer fehlt, + O, wie sich der in Heimweh quält.' + + Gebräunter Bursch ist fortgezogen, + Den Mund so rot, den Blick so hell, + Dahin mit Wellen und mit Wogen + Gewandert ist der Frohgesell, + Doch, als er stand an blauer See, + Da schrie sein Herz nach Berg und Schnee. + + Du armer Knabe! Schlaf am Meere! + Sieh, Gottes sind so Flut wie Firn, + Sieh, Gottes sind die Sternenheere, + Er schickt den Tropfen, der die Stirn + Mit frischem Gletschergruß umspült, + Der dir das heiße Heimweh kühlt!« + +Hatte Vroni ihr Kämmerlein aufgesucht, so hörte sie die Mutter noch eine +Weile in der Stube hantieren. Das letzte war immer, daß Fränzi die Thüre +oder ein Fensterchen öffnete und irgend einen Bissen auf den Tisch +stellte. Wenn am Morgen die Kinder kamen, waren die Fenster +verschlossen, der Bissen verschwunden. + +»Wozu das, Mutter?« fragte Vroni ahnungsvoll. + +»Für die armen Seelen, für den Vater, wenn er unter ihnen ist.« + +»Der Vater ist ja mit den heiligen Sakramenten in den Tod gegangen.« + +»Wer ist sicher, daß er an den heligen Wassern nicht doch noch etwas +gedacht oder gethan hat, was er büßen muß. Ein Tag hat tausendmal +tausend Augenblicke und in jedem können wir zur armen Seele werden. Gäbe +es sonst so viele Abgeschiedene, die in die Gletscher eingefroren sind, +daß man nicht über das Eis gehen kann, ohne daß man ihnen auf die +Häupter tritt? Die Krone ist voll Wehklagen der Frierenden, in den +Gletscherspalten hört man sie weinen und diejenigen, die hoch auf den +Bergen armen Seelen begegnet sind, werden nimmer froh, sie verlieren das +Lachen und die roten Wangen. Ihr habt Abrahämi nicht mehr gekannt. Er +war ein Gemsjäger. Einmal, als er hinter einem Felsblock auf eine Gemse +lauerte, sah er plötzlich zwei arme Seelen. Die eine kämmte ihr welliges +Haar, die andere sang, denn beide waren bald erlöst und freuten sich der +warmen Sonne. Es waren vornehme Mailänderinnen, die in ihrem Leben vor +vieler Weltfreude vergessen hatten, Armen Gutes zu thun. Sie erzählten +Abrahämi ihr verfehltes Leben so beweglich und ihre Schönheit war so +groß, daß er vor Mitleid und Liebe fast verging. Sie baten ihn, er möge +im Thale nicht erzählen, daß sie so schwer büßen, denn es könnte sonst +die Nachricht davon bis nach Mailand zu ihren Verwandten gelangen, und +das wäre ihnen nicht lieb. Als aber Abrahämi, der Gemsjäger, ins Thal +kam, konnte er es nicht verschweigen, was für schöne Frauen er auf dem +Gletscher gesehen habe. Da wurden seine Füße und seine Zunge lahm und +viele Jahre saß er so auf dem Dengelstein vor seinem Hause und schaute +in Sehnsucht nach den Firnen der Krone, ob er die schönen Frauen nicht +erspähen möchte. Eines Tages flogen zwei schneeweiße Tauben über das +Thal. Das waren die erlösten Seelen. Abrahämi mochte wieder aufstehen +und reden, doch lachen hat er nie mehr mögen, sondern immer gesagt: +'Kränkt keine arme Seele.'« + +So erzählte Fränzi und in Vroni erklangen die Glocken des Glaubens, daß +ihr ganzes Wesen erfüllt würde mit den Ahnungen der Sage. Und war Josi +trotzig und finster, so blühte in ihrem frischen, von blondem Haar +umspielten Gesicht stillinniges Leben auf. + +Wenn in der Nacht der Wind durch die Felsen weinte, die weißen Nebel am +mondbeschienenen Berghang schwebten, dann glaubte auch sie die Züge +jener Toten zu sehen, die von den Gletschern ins Thal steigen und es +durchwandeln. + +»Mutter, aber haben sie schon am Brot oder an der Milch gerührt?« + +»Nein, Vroni, die armen Seelen essen nicht und trinken nicht; wenn sie +nur den guten Willen sehen, so sind sie schon satt und freuen sich, daß +sie nicht vergessen sind, denn nichts auf der Welt thut ihnen so weh, +wie wenn niemand ihrer gedenkt.« + +Einmal, als Vroni schon schlief, kam über den hohen flimmernden Schnee +wahrhaftig eine arme Seele durch die Nacht geschwebt und gewandelt, eine +leichte, schlanke Kindergestalt, doch stieg sie nicht den Alpweg herab, +sondern huschte herüber von der schlafenden Kirche, die ihren Turm +gespenstisch in die nächtliche Winterlandschaft reckte. + +Fränzi erschrak. Wenn man eine arme Seele sieht, soll man nicht +neugierig sein, es kann sie kränken. Sie zog sich vor der Wandelnden +tief in ihr Stübchen zurück und betete den Segen. + +Da horch! Vor dem Fensterspalt bittet und bettelt ein süßes, feines +Stimmchen: »Fränzi, liebe Fränzi. Darf ich zu Euch hereinkommen?« + +Einen Augenblick staunt Fränzi, dann sagt sie überrascht: »Weiß Gott, +das ist Binia!« Sie öffnet die Thüre und zieht das schlotternde Kind, +das zum Schutz vor der grimmigen Kälte den Kirchenmantel der seligen +Beth um die Glieder geschlagen hat, in das Stübchen. + +»Ums Himmels willen, Bini, was willst du bei dem harten Frost und bald +um Mitternacht. Hat es im Bären ein Unglück gegeben?« + +Da lächelt Binia leise und schalkhaft, setzt sich dicht zu Fränzi auf +die Bank, nimmt mit einer scheuen Liebkosung ihre Hand, schlägt den +Blick nieder und sagt: »Nein, im Bären schläft alles, nur ich habe noch +gewacht und an mein seliges Mütterchen gedacht. Wie ich den Schlaf nicht +habe finden können, bin ich still aufgestanden, die Treppe +hinuntergetappt, durch das Fenster des Untergadens[21] hinausgeklettert +und bin zu Euch gekommen.« + + [21] _Untergaden_, schweizerdeutsch, Vorratskammer im Erdgeschoß. + +»O Gott und alle Heiligen! Nicht einmal recht angezogen bist du, +könntest dir ja den Tod holen in dieser Nacht. Warum kommst auch nicht +am schönen Tag?« + +Da verzieht sich das Gesichtchen des Kindes schmerzlich, zögernd sagt +es: »Ich meine, der Vater hätte es nicht gern, wenn er's wüßte. Und ich +weiß nicht, habt Ihr's gern, wenn ich zu Euch komme und Vroni und Josi? +Ich habe Euch vieles zu fragen, Fränzi.« + +»Närrchen, du liebes, warum sollten wir uns nicht freuen, wenn du +kommst?« Fränzi fuhr dem schüchternen Kinde liebkosend durchs dunkle +fliegende Seidenhaar. »Aber wenn's dein Vater nicht gern hat, so ist's +doch gescheiter, du gehst gleich wieder heim.« + +Da glitt das Kind hinab von seinem Sitz zu den Füßen Fränzis, umschlang +ihre Kniee und flehte weinerlich: »Nein, Fränzi, nein, sterben müßt' ich +und den Kopf würde es mir zersprengen, wenn ich jetzt nicht mit Euch +reden könnte.« + +»Nun, so laß es heraus, was so in dem armen Köpfchen brennt, daß es gar +nicht mehr schlafen kann,« sagte Fränzi mild und zog Binia zu sich +empor. + +Es war aber, als blieben die Worte der Kleinen im Halse stecken. + +»Ist's denn etwas so Schreckliches, Bini?« + +»O Fränzi, wie Ihr an der Wassertröstung so ernst mit meinem Vater auf +seiner Stube geredet habt, da saß ich auf dem Ofen, ich habe alles +gesehen und gehört.« + +Wunderfein erbebte das Stimmchen. + +Nun war's an Fränzi, zu erbleichen. Sie sah das Kind nicht mehr, sie sah +nur das furchtbare Erlebnis jener Stunde -- entgeistert blickte sie vor +sich hin. Sie bat: »Kind, armes Unglücksvögelchen, rede, -- rede! Gott +und die Heiligen mögen mir helfen, daß ich dir recht Antwort stehe. +Vielleicht ist's gut, daß du gekommen bist.« + +Da rann das Geständnis des gepreßten und geklemmten Kinderherzens, erst +scheu und zögernd, gleichsam nur in Tropfen hervor, strömte dann heiß +und leidenschaftlich und unter vielen Thränen. Nur von Josi sagte Binia +nichts, sonst alles. + +»Du süßer, lieber Vogel, so böse Dinge klopfen in deinem Herzchen.« + +Fränzi hatte genug zu thun, um ein klein wenig Ordnung in die verwirrte +Kinderseele zu bringen. Sie löste Binia alle Fragen auf, nur eine konnte +sie ihr nicht lösen: Wie es möglich ist, daß ein Kind Vater und Mutter +gleich heiß liebt, daß der Vater die Mutter aber nicht gut leiden mag. + +»Ihr seid sicher, daß dem Vater die Hand nicht aus dem Grabe wachsen +wird, wie der wüste Kaplan gesagt hat?« + +Feierlich nahm Fränzi die Hand des Kindes und ihre Augen begegneten dem +dunklen Sternenpaar Binias: »Ja. Nicht die böse Unterschrift hat meinen +seligen Seppi an die Weißen Bretter geführt, als ein Freiwilliger ist er +gegangen. Es hat sich alles gewandt und dein Vater ist unschuldig an +seinem Tod.« + +Binia dankte mit einem innigen Aufleuchten des Blicks: »Es ist kein +Unsegen auf mir?« + +»Deine selige Mutter wacht vom Himmel über dir und jede Nacht bin auch +ich in Gedanken bei dir.« + +Da küßte Binia die arbeitsharten Hände der mütterlichen Trösterin mit +brennendem Mund. + +Noch hatte das neugierige Kind viele Fragen, die Antwort forderten. + +»Ihr denkt, der Vater habe mich doch lieb? -- O, Fränzi, wenn Ihr +wüßtet, wie ich ihn liebe.« + +»Natürlich, du kleine Ungläubige -- jeder Vater hat in seinem Herzen ein +Plätzchen für sein Kind, und wenn es zu tiefinnerst versteckt wäre! Sei +liebevoll und demütig gegen den Vater; auf Kindern, die gegen ihre +Eltern ehrfürchtig sind, steht die Verheißung, daß es ihnen wohl +ergehe.« + +»Ich demütig -- das ist schwer. -- Wohl, wohl, ich will demütig sein!« +flüsterte Binia mit feinem Stimmchen und gesenkten Lidern, »aber --« + +»Was für Rätsel hast du denn noch, du grüblerisches Kind?« + +»Ich habe jetzt zwei Mütter, eine tote, die mir lieb über alles ist -- +und eine lebendige. Wie soll ich's da halten? Kränke ich die tote nicht, +wenn ich gut zu der lebendigen bin?« + +»Richte in deinem Herzen einen Altar auf für die tote, schmücke ihn mit +Blumen der Liebe; der lebendigen aber diene als gutes Kind, denn, Binia +-- Frau Cresenz ist eine wackere Frau.« + +Binia schwieg mit gesenktem Kopf. + +Da drang von der Kirche herüber der Einuhrschlag, er mahnte Fränzi an +die schwere Stunde, wo Seppi für immer Abschied genommen hatte. + +»Und nun sollte ich auch dich herzlich um etwas bitten, Vögelchen. In +grenzenlosem Leid hat dich der selige Seppi beschimpft. Vergieb ihm, +Binia!« + +Statt jeder Antwort preßte das Kind das Köpfchen an die Brust der Frau, +nicht anders, als wäre sie die Mutter. + +»O, Fränzi, ich höre Euer Herz -- das ist so ein liebes, warmes Herz.« + +»Ja, aber jetzt geh' -- jetzt geh', du Nachtwandlerin, ich kann dein +Bleiben nicht mehr verantworten.« Als Fränzi schon die Thüre +aufschließen wollte, bettelte Binia: »Zeigt mir doch noch Vroni, wie sie +schläft -- o, wie manchmal hat's mich an der ganzen Seele und am ganzen +Leib zu ihr gezogen.« + +Fränzi lächelte, sie führte die Bettlerin zu Vronis Lager, und Binia +preßte einen Kuß auf die roten Wangen der Freundin, die tief atmend auf +den gelösten Strähnen ihres Goldhaares ruhte. + +Die Schlafende regte sich, leise traten die beiden nächtlichen +Besucherinnen aus dem Kämmerchen zurück. + +»Willst Josi auch noch sehen?« + +»Ja, gern,« hauchte Binia und eine Blutwelle ergoß sich über ihr feines +Gesichtchen. Sie stiegen die schmale Treppe empor. Im Licht, das Fränzi +durch die Finger auf den Schläfer fallen ließ, sah Binia die Furche der +Willenskraft, die sich von der Stirne zur Nase Josis zog und das junge +Gesicht schon halb männlich erscheinen ließ. »Aber schön,« dachte Binia +bei sich selber, »ist Josi doch, so schlank, so braun.« + +Da fiel ihr plötzlich schwer aufs Gewissen, wie sie den arglosen +Schläfer wider ihren Willen, doch ohne die Fähigkeit, den Widerruf +vorzubringen, bei ihrem Vater verleumdet hatte; sie zitterte und sagte +kleinlaut: »Fränzi, ich muß gehen! Ich dank' Euch tausendmal, liebe +Fränzi.« + +Und über den mondbeschienenen Schnee lief Binia flink wie eine Gemse dem +unter schweren Winterlasten seufzenden Dorfe zu. + +»Ob ich's wohl noch erleben und sehen werde, wohin dich dein Weg führt, +du Kind mit den vielfragenden Augen und dem Rätselherzchen?« Mit diesem +Gedanken sah Fränzi der schlanken Gestalt nach, die in den schweren +nächtlichen Schlagschatten der Häuser verschwand. + +Als Vroni am nächsten Morgen sich zu Tische setzte, erzählte sie mit +strahlendem Gesicht, sie habe so lebhaft von Binia geträumt, wie wenn +sie selber bei ihr am Bett gestanden hätte. Mutter Fränzi lächelte, sie +weihte die Kinder so stark in das Geheimnis des nächtlichen Besuches +ein, als sie für gut fand. Josi aber sagte: »Das ist mir alles +gleichgültig, wenn mir die Giftkröte nur nie mehr über den Weg läuft.« + +Vroni lachte und drohte mit dem Finger: »Josi, Josi, ich erzähle es der +Mutter, was draußen im Teufelsgarten geschehen ist.« + +Mit zornrotem Gesicht stand er auf: »Ich will nichts mehr wissen vom +Kind eines schlechten Hundes, dem Vater selig bin ich's schuldig.« Er +schlug die Thüre ins Schloß und ging die Ziegen füttern. Fränzi war +neugierig, was draußen im Teufelsgarten geschehen sei, als ihr aber +Vroni gebeichtet hatte, sagte sie kein Wort. + +Die Geschichte machte ihr einige Tage schwer. + +Für Vroni blieb der unerwartete nächtliche Besuch Binias das große +freudige Ereignis des Winters, sie hoffte, die Freundin würde wieder +kommen, und erwartete sie mit wachenden Augen Abend für Abend. + +Binia kam aber nie wieder, Vroni und die Mutter bemerkten es jedoch +wohl, wie sie manchmal aus der Ferne sehnsüchtig nach ihnen und ihrem +Häuschen blickte, wie sie dann aber die Angst, sie würde vom Vater +bemerkt, fortjagte. + +Um Josi stand's nicht gut. + +Wenn er Holz im Walde sammelte, so setzte er sich oft auf die fertige +Bürde, stützte den Kopf in die beiden Hände und im winterlichen Walde, +der unter der Schneelast knackte, zogen mit furchtbarer Lebendigkeit die +Bilder noch einmal vorüber, wie sein Vater an den Weißen Brettern +gelitten hatte und gestorben war. Der Gram um den Vater machte ihn je +länger je mehr zu einem düsteren Groller. Der verbissene Arbeiter war +zuweilen hart und grob gegen Vroni, finster gegen die Mutter, und das +kleine, innige Glück des Haushaltes erhielt durch ihn manchen Stoß. + +»Sie sind alle, alle schuld, die von St. Peter, am meisten der Presi,« +grollte er. + +Eines Tages ging er doch durchs Dorf und stand plötzlich vor dem +verhaßten Mann. Da schrie der Presi ihn an. »Wie darfst du dich noch +unter rechten Leuten zeigen, du Lausbub, du!« Jetzt war Josi im Innern +mit dem Presi und mit denen von St. Peter fertig. + +»Besser ungerecht leiden als ungerecht thun,« erwiderte Fränzi mit einem +tiefen Seufzer, als der Bursche sein Erlebnis unter Thränen des Zorns +berichtete. + +Allein er gab sich damit nicht zufrieden, er hatte einen furchtbaren Haß +gegen den Presi gefaßt. + +»Anzünden! den Bären anzünden,« brüllte es in der Brust des +Schwerbeleidigten, der Gedanke setzte sich darin fest, daß, wie gräßlich +es sei, der Bären eines Tages verbrennen müsse. + +Aber Binia! -- Bah, Binia! -- Warum sollte er den Bären nicht anzünden? + +Oft warf er die Zündhölzchen, die er mitgenommen hatte, um im Wald ein +Feuer anzumachen, mit zitternden Fingern von sich. Aber die Furcht, daß +er eines Tages das Entsetzliche doch thun würde, quälte ihn. + +Hätte Josi mit kühlem Blut geurteilt, so würde er sich gestanden haben, +daß die Leute von St. Peter den Groll nicht verdienten, den er auf sie +warf. Sie erwiesen der verwaisten Familie jene Achtung und jenes stille +Wohlwollen, das würdig ertragenes Unglück überall findet, sie vergaßen +es nicht, daß Seppi Blatter im Gemeindedienst gefallen war, und hätte es +dessen bedurft, so würde Fränzi immer die Hilfe gefunden haben, die +notwendig gewesen wäre, den kleinen Haushalt aufrecht zu erhalten. + +Zuweilen streckte der Garde das hünenhafte Haupt mit einem freundlichen +Gruß in die Thüre. Er war seit dem Tode Seppi Blatters Vormund der +Kinder, redete aber Fränzi nichts in die täglichen Hantierungen, sondern +ging mit zufriedenem Knurren, einem besonderen Gruß an sein Patenkind +Vroni und mit dem Bewußtsein davon, daß da Vogtmühen[22] überflüssig +seien. + + [22] _Vogt_, schweizerdeutsch, Vormund. Vögtling, Mündel. + +Ein fast täglicher Gast im Haus Fränzis war der stille, blöde Eusebi, +der die Gewohnheit hatte, sich auf einen Schemel zu setzen, nichts zu +sagen, mit ein paar Hölzern zu spielen und zu hören, was geplaudert +wurde. Da saß der fünfzehnjährige Schwachkopf unbeweglich, aber bei +jedem freundlichen Wort ging ein Aufleuchten über sein Gesicht. Vroni +und Josi mochten ihn wohl leiden, ja jene liebte ihn schwesterlich. + +Eines Tages zog sie ihre alte Schulschiefertafel heraus und malte mit +ihm Buchstaben. Und siehe da, die kleine freundliche Schulmeisterin +brachte den armen Jungen, der wegen Blödsinn die Schule nicht hatte +besuchen können, zum Schreiben. + +»Eusebi, komm nur fleißig zu uns, dann lehre ich dich alles, was ich +selber kann, wir lautieren und stellen Redeübungen an, bis du nicht mehr +stotterst.« + +»Bist ein liebes V--vroneli,« stackelte er. + +Einmal, als Josi den beiden lange zugesehen und zugehört hatte, sagte +er: »Mutter, die Vroni bringt den Eusebi zuwege. Ganze Sätze redet er +mit ihr und stößt nirgends mehr an.« + +»Geb's Gott!« antwortete Fränzi. + +Auch Binia erhielt einen Spielgefährten ins Haus. + +Thöni Grieg war der achtzehnjährige Neffe der Frau Cresenz und des +Kreuzwirts in Hospel. Er hatte bis dahin das Kollegium in der Stadt +besucht, und wäre es nach der Ansicht seiner nächsten Verwandten +gegangen, so hätte er Jurist werden müssen. Er hatte aber das Pech, daß +er wegen loser Streiche von der Schule gewiesen wurde. Da beschloß man +im Familienrat, ihn Frau Cresenz und dem Schwager Präsidenten zur +weiteren Erziehung und Ausbildung zu übergeben. Der Aufenthalt im +abgelegenen St. Peter sollte eine empfindliche Strafe für ihn sein, die +Hand des Presi war hart genug, den Jungen im Zaum zu halten, und dabei +hatte er im Bären doch Gelegenheit, den Hotel-, den Fremden- und +Postdienst kennen zu lernen. + +Der Presi machte zuerst ein schiefes Gesicht zu dem Erzieheramt, das ihm +seine neue Verwandtschaft zudachte, aber um Frau Cresenz willen biß er +in den sauern Apfel. + +Und siehe da, als Thöni kam, erwiesen sich alle Befürchtungen und jedes +Mißtrauen als ungerechtfertigt. + +Der »schöne Thöni«, der »lustige Thöni«. Bald klangen die Worte durchs +Dorf. Er war ein schlank gewachsener, sauberer, anstelliger Bursche, der +immer gut gekleidet ging, städtische Manieren zur Schau trug und lebhaft +und drollig zu plaudern wußte. + +»Was hast du denn gemacht, Thöni, daß sie dich aus dem Kollegium gejagt +haben?« + +»Gewiß nicht viel, Herr Präsident. Heimlich Bier getrunken, wenn ich +Durst hatte, mit ein paar anderen dem Zeichenlehrer eine Katzenmusik +gebracht und am gleichen Abend vor der Wohnung des Professors des +Französischen, der ein schönes Töchterlein hat, ein bißchen gesungen.« + +Mit der offenherzigsten Miene der Welt machte Thöni sein Bekenntnis. + +»Donnerwetter, erst achtzehnjährig und schon die Mädchen ansingen! Wohl, +wohl, du kannst es mit der Zeit auf einen grünen Zweig bringen.« + +Der Presi lachte laut, doch wohlwollend, denn er war selbst ein feuriger +Bursche gewesen. + +Als großer achtzehnjähriger Herr übersah Thöni zuerst die +dreizehnjährige Binia halb, dann entdeckte er, daß sie ein allerliebstes +Gesichtchen habe, er spürte ihr rasches, heißblütiges Naturell heraus, +und wenn ihn niemand beobachtete, reizte er das Kind zu seiner +Unterhaltung auf das heftigste. + +»Du Wildkatze, weise mir deine blanken Zähne!« Binia wehrte sich tapfer. +»O, die sind viel zu gut, als daß ich sie einem fortgejagten Kollegianer +zeigen würde.« + +»Du giftige Katze!« Und der Bursche langte mit der Hand aus, als ob er +dem Mädchen eine Ohrfeige versetzen wollte, aber das ließ er klugerweise +bleiben. + +Ueber ihrem Zank stieg von Hospel herauf der Frühling ins Thal, die +Lawinen krachten und gingen durch die gewohnten Runsen. Das Spiel der +Klappern an den heligen Wassern, das winters über geruht hatte, erwachte +nach einem Frühlingsgang des Garden wieder und in St. Peter stritten die +Leute immer noch und heftiger, ob man die Fremden ins Thal kommen lassen +wolle oder nicht. + +Der Pfarrer predigte dagegen, der Garde sprach dem Presi ins Gewissen, +unbeirrt ging er seinen Weg; während man stritt, kam der Sommer, und es +erschienen, vom Kreuzwirt in Hospel dahin gewiesen, die ersten Fremden +im Bären von St. Peter. + +Die armen Seelen gaben kein Zeichen und die der Krone stürzten nicht +aufs Dorf. + + + + +VII. + + +»Das Dörfchen unter dem Donner der Lawinen.« -- »Das unberührte Idyll, +aus dem noch keine Kellnerserviette die Poesie gestäubt hat.« -- »Das +Thal des altertümlichen Volkslebens und der originellen Sitten.« + +Die Schlagwörter flogen nur so. Wie aus einem Taubenschlag flatterten +aus dem Bären mit jedem Morgen Gäste und Gästinnen durch das Dorf auf +die Maiensässen und die Alpweiden und mit Blumen beladen am Abend +zurück. Jeder kam sich wie ein kleiner Columbus vor, jede wie eine +Columbussin, die Glücklichen vergaßen ganz, daß sie der Kreuzwirt von +Hospel nach St. Peter gewiesen hatte, und genossen unbeeinträchtigte +Entdeckerfreuden. Wie hatte man die Krone, diesen kühnen und gewaltigen +Hochbau des Gebirges, so lang übersehen können? Und die schlanke, +zierliche Nadel des Bockje, auf dessen Spitze eine Tiergestalt zu ruhen +schien, nach der Volkssage ein Steinbock, der auf der Flucht vor dem +Jäger auf die Spitze geraten und, als er nicht weiter konnte, +versteinert war. Und dann das Dorf St. Peter mit den geheimnisvollen +alten Zeichen und Runen an den Holzhäusern, mit den Scheunen und +Städeln, die auf gemauerten Steinsäulen ruhten, so daß es beinahe wie +ein aus alter Zeit übriggebliebener Pfahlbau aussah. + +Nicht zuletzt liebten die Gäste den Bären, das Urbild eines alten +schönen Bergwirtshauses, befreundeten sie sich mit der immer +liebenswürdigen Bärenwirtin, bewunderten sie den Bärenwirt, die +hünenhafte Prachterscheinung eines Bergbewohners, einen Mann, der, wie +eng sein Gesichtskreis sein mochte, von fast bedrückender Gewalt des +Wesens war. Wer eines Führers bedurfte, nahm den lustigen Thöni mit, +der, gefällig und kurzweilig, sich an das Wesen eines jeden anschmiegte +und als ein fröhlicher Junge von einer gewissen Bildung auch das +Wohlwollen der Frauen genoß. + +»Hier ist es schön, entzückend schön,« schwärmten die Sommerfrischler +und flüsterten sich zu: »Nur nicht ausbringen, was für ein Dorado wir +gefunden haben, kennt erst die Welt St. Peter, dann seht nach, was im +Bären die Forellen kosten.« + +Weniger zufrieden waren die Dörfler. + +Zuerst staunte man billig über die Weltleute, dann sagte man: »Wozu die +Fremden? Zwar sind die Firnen und Gletscher der Krone noch nicht +gefallen. Aber was noch kommen wird, weiß man nicht. Und man hat, seit +die Welt steht, im Glotterthal zu essen gehabt, ohne ungebetene Gäste.« + +Ueberall streckten die Sommerfrischler die Köpfe durch Fenster und +Thüren, sie erkundigten sich nach Dingen, die niemand etwas angingen als +die von St. Peter selbst. Die fremden aufgeputzten Weiber glaubten den +Frauen des Dorfes gute Ratschläge über Wohnungslüftung und Kinderpflege +geben zu sollen, sie zuckten zu manchen Dingen, die sie sahen, die +Schultern und liefen durch die Aecker und Maiensässen, als ob das Land +im Glotterthal herrenlos wäre. + +Ein rotwangiger Springinsfeld, der sich kleidete wie ein Bajazz bei den +Buden, die man an den Märkten zu Hospel sieht, stellte sich mit seinem +Eisbeil vor ein paar Frauen, die auf dem Acker arbeiteten, und fragte: +»Na, sagen's 'mal, wo sind denn die schönen Sennen und Sennerinnen, die +vom Morgen bis zum Abend auf den Bergen stehen, die Hüte schwenken, +jauchzen und jodeln, und ihre Schweizerlieder singen?« + +»Meint Ihr, wir seien solche Narren!« antworteten die Weiber, »werken +müssen wir, daß die Rippen auseinanderbrechen möchten. Aber hudlig[23] +sind wir nicht.« + + [23] _hudlig_, schweizerdeutsch, so viel wie ehrlos, sittlich + geringwertig, bettelhaft. + +»Ja, die Fremden sind ein verrücktes Volk,« meinte der Fenkenälpler, die +dicke Bäliälplerin aber jammerte und zürnte: »Was mir geschehen ist! +Kommt, wie ich an nichts denke und meiner Wege gehe, so eine +Nichtsnutzin auf mich zu und sagt: 'Frau, Ihr raucht einen bösen +Knaster, Ihr verderbt die reine Alpenluft -- legt doch lieber die Pfeife +weg -- es schickt sich an uns Frauen ja gar nicht, daß wir Pfeifen +rauchen.' Da habe ich aber -- reine Alpenluft hin und reine Alpenluft +her -- ihr zu leid so genebelt, als ob die Hasen backen[24] würden.« + + [24] »_Die Hasen backen_«, sagt das Volk, wenn nach langem starkem + Regen die Nebel aus den Wäldern steigen. + +»Tausendmal recht habt Ihr gehabt,« erwiderte der Fenkenälpler. »In St. +Peter sind wir noch Meister -- und wir lassen die Fremden ja im Frieden +herumkalbern!« + +Schlimmer noch. Die Weiber von St. Peter wollten nicht mehr in den +Leinenhosen, die sie sonst sommers über zur Arbeit trugen, durchs Dorf +auf Alpe und Feld gehen. Die Fremden schauen sie so neugierig an und +lachen über das Kleid, klagten sie. + +»Wenn ich einmal einen lachen sehe, bekommt er Ohrfeigen,« quiekte der +Glottermüller. + +Der Presi aber rieb sich im Herbst die Hände: »Ta-ta-ta, das +Fremdenwesen geht gut. -- Schwager Kreuzwirt, ich danke Euch.« + +Die Dörfler mochten schimpfen, er war hellauf, wie seit Jahren nicht +mehr; er schlang den Arm um die Hüfte der stattlichen Frau Cresenz: »Gut +ging's!« Sie streifte seinen Arm ab und lachte: »Ihr seid doch kein +Jüngling mehr, Präsident.« + +Das Ehepaar redete sich mit »Ihr« an, die Frau nannte ihren Eheherrn +auch nie »Presi«, sondern »Präsident« und die Gäste waren noch +höflicher. Sie riefen ihn »Herr Präsident«. Das klang ihm freilich +schöner in die Ohren als das dörfliche »Presi«. + +Manchmal ärgerte er sich, wenn Frau Cresenz wie heute so kühl war, +manchmal aber schmeichelte er ihr erst recht. + +»Etwas Klügeres als Euch zu heiraten, hätte ich nicht thun können. Ihr +seid die Wirtin, wie sie im Buche steht, Ihr seid freundlich mit allen +Gästen, doch mit keinem zu viel, Ihr führt ein gutes Hausregiment. Aber +wißt, ein bißchen zärtlicher hätte ich Euch schon gern. Habt Ihr denn +gar nichts vom Thöni, hinter dem muß man ja immer mit dem Donnerwetter +her sein, daß er nicht beständig an den Schürzen der Mägde hängt.« + +»Nein, ich mag das Scharwenzeln und Thörichtthun nicht leiden. Das habe +ich schon meinem seligen Ersten immer gesagt.« + +»Mir aber geht's merkwürdig!« erwiderte der Presi fast ernst. »Die Beth +selig hat mich manchmal mit ihren braunen Augen so barmherzig angeschaut +und still gebettelt, ich möchte ihr etwas Liebes sagen oder mit der Hand +übers Haar fahren, oder sie nur ein bißchen schlimm ansehen. Ich aber +habe es nicht übers Herz gebracht. Doch jetzt möchte ich gern -- und +jetzt wollt Ihr nicht.« + +Frau Cresenz, der kühlen Frau, wurde es bei solchen Gesprächen +unbehaglich zu Mute, etwas hilflos sagte sie: »Ich schaue doch immer zum +Frieden.« + +»Ihr seid recht, Ihr seid mehr als recht, Präsidentin. Wenn ich nur +denke, wie Ihr Bini gezogen habt, den verlotterten Wildfang.« + +»Sagt, Präsident, das bleibt aber eine sonderbare Geschichte, wie das +Kind sich plötzlich bekehrt hat. Wißt Ihr noch, es war in der Nacht kurz +vor Neujahr, als ich immer behauptet habe, es habe gegeistert im Haus. +Da kam am Morgen die Wildkatze geschlichen. 'Ich will Euch jetzt Mutter +nennen und ganz artig sein.' Und sie schmeichelte um mich wie ein +Kätzchen. 'Hast dein Trotzherz gebrochen?' fragte ich. Da wird sie rot +und sagt: 'Ja -- die selige Mutter hat halt mit mir geredet und +gewünscht, daß ich Euch folge.'« + +»Ja, wenn die Beth selig dem Kind gute Gedanken giebt, so laßt sie nur +durchs Haus wandeln,« lachte der Presi. + +»Ich glaube selber, Bini sei enthext.« + +Das Gesicht des Presi verfinsterte sich: »Präsidentin, redet nicht so +dumm.« + +»He,« sagte Frau Cresenz verlegen, »die alte Susi lag mir, ehe sie zu +ihren Verwandten nach Tremis zog, immer im Ohr, Bini sei vom Kaplan +Johannes besprochen -- ich solle sie von einem Kapuziner entzaubern +lassen. Und ich habe es selber geglaubt, weil sie die erste Zeit gar so +bösartig gewesen ist.« + +Der gute Humor des Presi war verdorben. + +»Aber Ihr mögt ihr ja selber nicht recht ein gutes Wort gönnen,« warf +Frau Cresenz beklommen ein. + +»Das ist etwas anderes,« schnauzte der Presi, »aber ich leide es nicht, +daß man Bini zu einem Hexlein stempelt.« Er stand auf und machte einen +Gang durchs Haus von zu unterst bis zu oberst. + +Seine Gedanken waren beim letzköpfigen Pfaffen, der Binia besprochen +haben sollte. Er mochte den Halbnarren trotz dem thörichten Gerede nicht +übel leiden. + +Kaplan Johannes, der in St. Peter nur so zugelaufen war, wie in einem +Hause sich etwa ein herrenloser Hund oder eine Katze einnistet, war +schlauer als die Dörfler allesamt. Er hatte sich die durch die Fremden +veränderten Verhältnisse rasch zu nutze gemacht. Er lief etwas weniger +den Bauern- und Alpweibern nach, er tauschte für seinen Kräuterthee, der +gegen das Doggeli[25] schützen, Kreuzschmerzen vertreiben und das +Lungenfieber heben solle, etwas seltener Brot, Käse und Speck ein, dafür +begann er am Wege beim Schmelzwerk einen kleinen Mineralienhandel und +verkaufte den Gästen die glitzernden Siebensachen von Krystallen und +Erzen, die man im Gebirge um St. Peter findet, zu ansehnlichen Preisen. + + [25] _Doggeli_, schweizerdeutsch, Alpdrücken. + +»Woher er sie nur hat?« fragte sich der Presi. Und dann sagte er sich: +»Gelegentlich muß man ihn doch fortschaffen. Am Abend gröhlt und plärrt +der Narr im Schmelzwerk, daß nach Einbruch der Nacht kein Mensch mehr +den ohnehin verrufenen Weg zu gehen wagt. Auch laufen von ihm immer +erfundene oder wahre Geschichten, daß er an die Weiber ungebührliche +Zumutungen stelle. Ein widriger, unheimlicher{4} Geselle ist er schon, +und die häufigen Anfälle von Fallsucht, die er hat, machen ihn nicht +angenehmer. Es ist übrigens, als könne er sie selbst künstlich +hervorrufen, sie pflegen ihn zu überfallen, wenn ihm jemand eine Gabe +verweigert, und bloß um das schreckliche Bild nicht in der Stube zu +haben, schenken ihm manche Leute, was er begehrt. Der Bäliälpler hat +freilich ein besseres Mittel erfunden. Er hatte den letzköpfigen +Pfaffen, als er schäumte und zappelte, mit kaltem Wasser überschüttet. +Da war der Narr heulend davongelaufen und nie wieder gekommen. + +»Ba! Warum den schriftenlosen Vagabunden forttreiben. Die Gemeinde hängt +daran, daß jemand bei der Lieben Frau an der Brücke die üblichen +Glockenzeichen giebt, dazu ist Johannes gut genug. Und der Pfarrer, der +gegen den Fremdenverkehr gepredigt hat, muß auch seinen Pfahl im +Fleische haben, das ist lustig!« + +So dachte der Presi. Wie er vom Keller auf den Estrich gelangt war, kam +ihm Binia nachgelaufen: »Vater, der Garde ist da.« Nun ging ein Zug der +Ueberraschung und ehrlicher Freude über seine eherne Stirne und um +seinen willensstarken Mund. Er hatte sich schon lange heimlich gekränkt, +daß der Garde, seit Sommerfrischler kamen, den Bären mied. Ohne den +Garden aber, den einzigen Mann im Dorfe, den er aus Herzensgrund +achtete, konnte er fast nicht leben. + +Nun grüßte er ihn in der großen Stube rasch und herzlich. + +»Ich mag mich halt im Sommer nicht unter die Fremden setzen,« knurrte +der breite, schwerfällige Freund, »und in das neumodische geringe +Stübchen ebener Erde müßtet Ihr mich schon erst später einmal tot +hineintragen, lebendig gehe ich nicht über seine Schwelle.« + +»Wir wollen wieder einmal anstoßen wie früher, nehmt die Welt, wie sie +ist,« lachte der Presi. »Zum Wohl, Garde!« + +»Presi,« und der Garde blinzelte belustigt, »Ihr versteht es, gutes +Wetter zu machen.« + +Nun waren die beiden Männer im Zug. Als das Gespräch eine Weile +gegangen, murrte der Garde: + +»Ich geb's ja gern zu, daß unter den Fremden viele ehrbare und +rechtschaffene Leute sind, es wäre traurig, wenn's anders wäre, aber es +bleibt halt dabei, die Fremden verstehen uns nicht, wir sie nicht. Seit +sie kommen, ist eine verborgene Unruhe im Dorf, niemand weiß, wo hinaus +es will.« + +»Ta-ta-ta. Wo hinaus?« eiferte der Bärenwirt. »Daß sich die Leute an sie +gewöhnen -- in Grenseln und Serbig haben sie auch zuerst die Hände +hinter den Gästen geballt, jetzt aber stehen sie an allen Straßen, +verkaufen ihnen Edelweiß, tuten auf dem Alphorn und juheien sie an.« + +»Eben, eben,« zürnte der Garde, »sie sind hudlig geworden. Presi -- ich +habe ruhiges Blut, aber das erste Mädchen in St. Peter, das sich an den +Weg stellt und die Fremden ansingt, nehme ich bei den Zöpfen, führe es +zu seiner Mutter, und der sage ich alle Schande. So lang ich lebe, darf +unsere Gemeinde nicht hudlig werden.« + +Er schlug mit seiner Faust auf den Tisch. + +»Aber, Garde, ich will ja das auch nicht,« besänftigte der Bärenwirt. + +»Es kommt halt von selbst, ob Ihr wollt oder nicht -- aber das glaube +ich auch,« der alte eiserne Sprecher lachte grimmig, »ehe das Dorf +hudlig wird« -- eine Flamme schoß aus seinen Augen -- »ehe das Dorf +hudlig wird, geschehen böse Dinge -- giebt es Aufruhr und Unglück.« + +»Seid doch kein Rabenvogel! Die Leute finden ja mit der Zeit durch die +Fremden einen schönen Verdienst.« + +Der Garde schüttelte den Kopf, langsam und feierlich sagte er: »Ihr +kennt unser Völklein. Das paktiert nicht, das schweigt, das seufzt und +schimpft im stillen, das ballt die Fäuste im Sack, das besinnt sich +siebenmalsiebenmal, das betet, duldet und trägt, -- aber wenn's ihm +zuletzt aus der Seele in die Knochen fährt, -- dann würde ich mich +lieber vor hundert wütende Bullen stellen als vor die Gemeinde.« + +Dem Presi war nicht wohl bei dieser Rede, der Garde aber fuhr in seiner +feierlichen Art fort: + +»Denkt Euch, es gehe einmal einer von den unseren, bestochen durchs +Geld, mit einem Fremden auf die Krone. Was geschieht? In einer Nacht +brennt ihm die Hütte nieder. Entweder es kommt nicht aus, wer der +Brandstifter ist, dann trägt die Gemeinde die Schande. Oder er kommt aus +und die Landjäger holen ihn. Dann, Presi, würde ich um den Bären Sorge +tragen.« + +»Garde, malt den Teufel nicht an die Wand, ich ertrage es nicht.« Der +Presi war hastig geworden und verwarf aufstehend die Arme. »Keiner würde +dem Bären etwas zu leide thun -- keiner -- als etwa der Lausbub der +Fränzi.« + +»Die gottlose Rede nehmt zurück. -- Josi ist ja so ein ehrbarer Bursche. +Das habe ich aber schon lange gemerkt, daß Ihr Gift auf ihn habt. Jetzt +frage ich als Vogt des Buben: Was habt Ihr wider ihn?« + +Der Garde stellte sich vor den Presi, aber auch diesem leuchtete es bös +auf im Gesicht: »Der? -- Wißt Ihr, was der über mich gesagt hat? -- Die +Hand müsse mir aus dem Grab wachsen! So wagt er sich an Leute von Amt +und Ehre.« + +»Wann? wo? zu wem hat er's gesagt?« + +»Zu Binia hat er's gesagt.« + +Der Garde wiegte den schweren Kopf. »Bini lügt nicht. Ich will dem +Donnerhagel das Hirn säubern.« + +Mit zündelrotem Kopf lief er davon. Binia, die durchs Haus strich, hatte +auf das laute Wesen der Männer in der Küche das Schiebefenster gegen die +Stube geöffnet, um neugierig zu hören, was denn los sei. + +Jetzt war sie unglücklich, wie ein aus dem Nest gefallener Vogel: +»Mutter -- Mutter -- selige Mutter.« + +Ihre Hände verkrampften sich ineinander, ihre Augen wurden groß. + +Was hatte sie in einem Augenblick der Verwirrung Josi Schreckliches +angethan! + +Wenn sie der Vater einmal wieder mit der vollen Lichtfülle seiner Blicke +ansah, dann peitschte sie der Gedanke, sie müsse vor ihm niedersinken +und sprechen: »Vater, sei doch nicht so thöricht, daß du einem Kind, +was es im Fieber geredet, glaubst. Es hat gelogen, gräßlich gelogen, in +seiner Verwirrung. Nicht Josi Blatter, nein, der Kaplan Johannes hat das +Entsetzliche gesagt! Und ich glaube es nicht -- gewiß Gott, glaube ich +es nicht.« + +O, sie erinnerte sich wohl, was sie damals in ihren großen Schmerzen +ihrer Krankheit gefaselt hatte. Die Erinnerung daran brannte sie wie +höllisches Feuer, aber jedesmal war der Entschluß zum Bekenntnis erst im +Werden, wenn der Blick des Vaters schon wieder eisig und vernichtend wie +sonst geworden war. + +Er verzieh ihr jene Fieberbeichte nie. + +Hätte sie die Erinnerung an das, was sie über Josi gesagt hatte, nicht +immer gebrannt, so wäre sie beinahe ein glückliches Persönchen gewesen. + +Wie anders war's jetzt als damals, da sie die Verzweiflung durch die +Mitternacht und den hohen Schnee zu Fränzi gejagt hatte. Sie hatte das +trotzige Köpfchen gebändigt, nur hin und wieder ging noch ihr wildes +Blut mit ihr durch, erlag sie noch den Anfällen schmerzlichen Grübelns. +Ihrer seligen Mutter hatte sie, wie Fränzi ihr geraten, einen Altar im +Herzen errichtet, der neuen gehorchte sie, ohne tiefgründige Liebe zwar, +aber doch in herzlicher Achtung. + +Oft hatte sie das Heimweh nach Fränzi, ihr feuriges Herz glühte in +ehrfürchtiger Liebe für sie. Die hätte sie gern zur Mutter gehabt. Aber +wegen des Vaters wagte sie nie mehr einen Besuch bei ihr. + +Klagen wollte sie nicht. + +Die immer gemütliche kühle Frau Cresenz, der Lächeln und Lachen +Lebensberuf war, die kaum mehr wußte, daß sie lächelte und lachte, war +freundlich gegen sie. Sie sorgte namentlich, daß sie in Gebärde und +Bewegung, in Redensart und Kleid so vor die Gäste trat, wie es sich nach +ihrer Meinung für das Bärentöchterlein von St. Peter schickte. + +Es kamen aber immer wieder Augenblicke, wo Frau Cresenz die Kraft +versagte. Wenn Binia ihr dunkles Augenpaar groß und fragend in die Welt +stellte, schalt sie: »Kind, schau doch anders, es wird einem angst und +bang vor deinen sonderbaren Lichtern. Wohl, wohl, die sind dazu +angethan, einmal das Mannsvolk verrückt zu machen.« + +Binia war es manchmal, als möge die Stiefmutter sie wegen ihrer Augen +nicht leiden, aber noch unartiger war Frau Cresenz, wenn sie über kleine +Herzensangelegenheiten mit ihr reden wollte. + +»Dummes Kind, sprich nicht so geheimnisvoll -- es ist gar nicht nötig, +daß man alles in der Welt erkernt und ergrübelt, es ist sogar ungesund +-- recht thun, freundlich sein mit den Leuten, hie und da auch, wenn's +einem nicht drum ist, damit kommt man durchs Leben.« + +Wenn die neue Mutter so redete, schnürte es Binia die Brust zusammen. +»Freundlich sein, wenn's einem nicht drum ist. Das versteh' ich nicht.« +Traurig schüttelte sie das Köpfchen. Diese Kunst besaß aber die +Stiefmutter, gerade darum konnte sie dieselbe nicht von Herzen lieben. +Sie spürte, es war nichts Tiefes, Kernhaftes in dieser glatten, +liebenswürdigen Frau. + +Da gefiel ihr der Vater in seiner rauhen Wildheit doch viel mehr. In ihm +lag, das spürte auch sie, eine übermächtige, ungezügelte, wahre Kraft. +Er schleuderte die Beleidigungen ohne Besinnen hin, es war fast niemand +im Dorf, den er mit einem raschen Wort nicht schon tödlich verletzt +hatte, aber ein voller freundlicher Blick aus seinen dunklen Augen, ein +gutes Wort -- und alle, die ihn haßten, waren entwaffnet. + +Und wie die Fremden von ihm sprachen. Sie hörte immer noch den ernsten +alten Doktor, der so eifrig mit seinem Nachbar plauderte, daß er nicht +merkte, wie sie mit einem Gericht herzutrat: + +»Eine so gewaltige Gestalt wie der Herr Präsident, glaube ich, ist fast +eine Ueberlast für ein Dorf wie St. Peter. Den hätte die Geschichte +brauchen können, um einen großen Bauernführer aus ihm zu schnitzen.« + +Eines schnitt Binia wie ein Messer ins Herz, nämlich wenn der Vater mit +den fremden Frauen und Kindern redete. Wie klang das lieb und gütig, wie +war er aufmerksam gegen sie. Die Kleinen und die Backfische hingen an +ihm und einmal hörte sie eine fremde schöne Tochter sagen: »Mama, der +Herr Präsident ist doch der herrlichste Mann, den wir auf unseren Reisen +kennen gelernt haben.« + +Da entglitt ihr der Früchteteller, mit dem sie zudienend um die Tafel +schritt. + +Sie sah, wie der Vater höhnisch die Schulter zuckte. -- Am Abend betete +sie: »O Mutter -- Mutter -- sage ihm doch einmal im Traum, wie heiß ihn +mein Herzchen liebt.« + +Es lag Segen auf ihrem glühenden Wunsch. Nicht von heute auf morgen, +aber von Sommer zu Sommer. + +Binia wuchs und blühte auf, die Fremden hatten die helle Freude an der +feinen klugen Vierzehn-, dann Fünfzehnjährigen. + +Wie schön war das Leben! Sie hörte es gerne, wenn die Gäste über +allerlei plauderten und urteilten. Wie weit und groß mußte die Welt über +Hospel hinaus sein. Sie wunderte sich manchmal, wie artig die vornehmen +und gescheiten Leute zu ihr waren, besonders junge Mädchen, die nach St. +Peter kamen und ihr so lieb wurden, daß ihr das Wasser in die Augen +schoß, wenn sie am Ende des Sommers wieder weggingen. Was aber +schwatzten die klugen Männer Thörichtes zusammen. »Sie alpige Rose[26], +Sie sonderbares Herzensmädchen mit dem leichten, schwebenden Gang, haben +Sie eigentlich Ihre Augen grad in der Hölle und Ihr Lächeln im Himmel +geholt?« + + [26] _Alpige Rose_, eine Art Heckenrose, die in den Bergthälern + wächst. + +Binia fühlte es aber wohl: Wie die Gäste so freundlich zu ihr wurden, +wandte sich ihr auch die Liebe des Vaters in neuer Wärme zu und er wurde +heimlich stolz auf sie. + +Er kniff sie manchmal in die Wange: »Bini, fröhlicher Vogel, hast du +mich lieb?« + +»O Vater!« -- Stirn und Wangen glühten wie Pfirsiche, ein heiliger +Strahl des Glücks kam aus ihren dunklen Sternen und ihre schlanken Arme +umklammerten ihn, bis er mit herzgewinnendem Lächeln und glänzenden +Augen sagte: »Geh, thue deine Arbeit! Bist ein Mädchen wie von den +Tauben zusammengetragen.« + +Jetzt hätte sie es ihm schon verraten können, daß er über Josi ganz +falsch berichtet sei. Eine dunkle Gewalt hielt sie indessen zurück, die +Furcht, daß sie, sobald sie den Namen des guten Jungen ausspreche, die +Liebe des Vaters wieder verscherze. Er war so furchtbar heftig. Und mit +angstvollem Herzen schwieg sie, die Zeit der Verstimmung war zu +schmerzlich gewesen. + +Sie verwunderte sich, als der Garde einmal mitten in der Fremdenzeit in +den Bären gestoffelt kam, ernst und zornig, wie ihr schien. + +Eine Weile saß er mit dem Vater zusammen, sie hörte aber nur die Worte: +»Wenn Euch das Gewissen schlägt, so macht den bösen Schimpf rasch gut -- +ich glaube -- ich glaube -- die Fränzi lebt nicht mehr lang.« + +Elend wie noch nie eilte sie fort. Sie beobachtete in den folgenden +Tagen den Vater. Er war still und trübselig, und am anderen kam sie +gerade dazu, wie die Mutter zu ihm sagte: »Ihr hättet die arme Frau wohl +ruhig ihres Weges gehen lassen können, die ganze Gemeinde ist wild über +Euch. Wozu ihr wüste Namen nachrufen?« Worauf der Vater nur dumpf +erwiderte: »Sie hat mich halt auch einmal schwer beleidigt.« + +Wie abscheulich er ist! Binia that das Herz weh, sie weinte im stillen, +sie wußte, daß der Vater nur so böse gegen Fränzi war, weil er sich vor +ihr schämte. + +Ihr Frohsinn litt aber nicht nur unter dem herzlichen Erbarmen mit +Fränzi, der lieben guten, unter den Selbstvorwürfen wegen Josi, sondern +auch aus Aerger über Thöni, der mit allen Mägden anbändelte und Späße +trieb, ihre Verachtung aber mit allerlei Zänkereien erwiderte. + +Er bekam als Fremdenführer bald einen Mitbewerber. Bälzi, der Wildheuer +mit dem Ziegenbart, der zuerst am meisten über die Fremden geschimpft +hatte, fand, daß das Spazieren mit den Sommergästen eine weniger +anstrengende und gefährliche Arbeit sei als das Mähen des herrenlosen +Grases auf schwindliger Felsenplanke. Wie häufig ereignete es sich, daß +ein spielendes Windchen das kaum getrocknete Heu wie eine kleine Wolke +aufhob und auf Nimmerwiedersehen über alle Berge trug. Er kaufte sich +ein neues Wams, ein Seil und einen Gletscherpickel. Damit stolzierte er +vor dem Bären auf und ab, bot sich den Fremden als Führer an, und wenn +ihn einer fragte, ob er auch schon auf der Spitze der Krone gestanden +habe, sagte er im Brustton des Biedermannes: »Aber Herr, die kenne ich +ja so gut wie die Westentasche, in der ich die Zündhölzchen trage.« + +Es war aber ein ausdrücklicher Befehl des Presi, daß man die Fremden +abhalte, auf die Krone zu steigen. Er war fast unnötig. Die Gäste sahen +es dem Salonbergführer Thöni und dem schlotterigen Bälzi wohl an, daß +man sich ihnen nicht für so gefahrvolle Bergbesteigungen anvertrauen +durfte. + +Doch tauchten in der Sommergesellschaft oft Fremde mit dem vermessenen +Wunsche auf, die Krone zu erklettern. + +Thöni war im Anfang mit dem ungebetenen Partner nicht zufrieden, aber +schon im zweiten und namentlich im dritten Sommer zeigte es sich, daß +beide Beschäftigung genug fanden, besonders da Thöni auch sonst, das +eine Mal durch die Post, die während des Sommers einen lebhaften Verkehr +und jetzt einen Telegraphen besaß, das andere Mal durch die +Maultiertreiberei und die Lebensmittelzufuhr von Hospel nach St. Peter +in Anspruch genommen war. + +Der Presi billigte die neue Beschäftigung Bälzis stillschweigend, er +sagte den anderen: »Seht ihr's, man braucht nur zuzugreifen wie der +Kaplan Johannes und Bälzi, dann hat jeder durch den Fremdenverkehr +seinen angenehmen Verdienst.« + +Die halsstarrigen Bauern und Aelpler waren aber nicht zu überreden, nur +murrend, schwer und langsam gewöhnten sie sich daran, solange die +Sommergäste da waren, die Amtsgeschäfte, den Vieh- und Käsehandel mit +dem Presi im unteren Stübchen zu besorgen. + +Bälzi ging es einmal schlecht. Aus Rache, daß er sich in den Dienst der +Fremden gestellt, bereiteten ihm die schwärmenden Nachtburschen ein +kaltes Bad in der Glotter. + +Aber auch manche Vorurteile gegen die Sommerfrischler verschwanden im +Laufe der drei Jahre, die sie nun schon ins Thal kamen. + +Einzelnen Dörflern begann der Zustand zu behagen, es war im Bergthal +entschieden kurzweiliger geworden, und unter den Gästen, die erschienen, +gab es Leute, die sich ehrlich bemühten, sich mit ihnen auf einen +freundlichen Fuß zu setzen und die eigenartigen Verhältnisse des Thales +zu begreifen. Für solche Gäste hatten, soweit sie ihr Mißtrauen gegen +die Fremden ablegen konnten, auch manche von St. Peter einiges +Verständnis. Sogar der Pfarrer eiferte minder gegen sie, als er sah, daß +es unter ihnen kenntnisreiche Bienenfreunde gab, die der Zeidlerei im +Hochthal eine warme Wißbegier entgegen brachten, und die Damen bei ihm +die Leinensäcklein voll weißen Alpenhonigs, die unter den Fenstern des +Pfarrhauses hingen, kauften und mit großem Ruhm über seine Güte +wiederkamen. + +Sommer um Sommer wuchs die Zahl der Gäste. + +In der That! Wie viel bot dem das Glotterthal, der nicht nur für die +Felsendome und Firnen der Krone, sondern auch für das Volksleben ein +offenes Auge und Herz besaß. Da lebte ein Völkchen, das zwar nicht die +Hirtenunschuld zeigte, die manche Schwärmer in den abgelegenen +Alpenthälern suchen, ein Völklein, bei dem es so stark menschelte wie +überall in der Welt, das aber doch einige besondere Eigenschaften hatte. +Diese Bauern und Aelpler behalfen sich in allen Dingen selbst. Unter +ihnen gab es keine Handwerker. Maurer, Zimmermann, Schindler und +Dachdecker, Schneider und Schuster war jeder sich selbst. Den Lein und +die Wolle, in die man sich kleidete, zog, bleichte, spann und wob man +selbst; das Brot schmeichelte man, wenn es nicht in einem Jahr ging, in +zweien den steinichten Aeckerchen ab und ob sich die hellgoldenen +Roggenähren kaum recht aus dem Boden reckten, sie gaben ein +schmackhaftes dunkelbraunes Brot, und ein Schluck Hospeler darauf war +Gottes Wohlthat. Brot und Wein schmeckten auch den Fremden. + +Der Presi lachte, arbeitete und es ging ihm gut. Bevor aber die Fremden +zum viertenmal kamen, verbreitete sich im Dorfe die Nachricht, daß +Fränzi todkrank sei. + +Noch einmal sah Binia die mütterliche Freundin, aber sie lag schon mit +spindeldürren Händen zu Bett und war blaß wie der Tod. Lieb und gut +freilich war sie zu ihr wie immer: »Binia, liebes Kind, ich sterbe mit +dem heißen Wunsch, daß du glücklich werdest.« + +Wie entsetzlich wütete aber der Vater, als er vernahm, daß Frau Cresenz, +die immer eine gewisse Teilnahme für die Witwe des zu Tode gestürzten +Wildheuers bewiesen hatte, sie heimlich mit ein paar Flaschen guten +Weines zu Fränzi geschickt hatte: »Gottes Donnerwetter! Daß sie mit dem +Lotterbuben wieder anbändeln kann!« + +Mißtrauisch beobachtete er sie. + +Als Fränzi bald darauf starb, verschwamm vor den Augen Binias die Welt, +sie dachte: »Jetzt nehmen die Engel Gottes die Notenblätter zur Hand und +singen zu ihrer Ankunft im Himmel.« + +Der Tod der armen Frau versetzte den Vater in gärende Aufregung. Man +spürte es: Entsetzlich neu standen die Dinge, die sich vor vier Jahren +zugetragen, vor ihm -- der Abend mit Seppi Blatter -- die Unterredung +mit Fränzi -- Seppis Sturz an den Weißen Brettern -- das kranke Kind mit +seinen tollen Worten. + +Und in der Nacht nach Fränzis Tod hatte der Presi einen furchtbaren +Traum. + +Mit wunderbarer Deutlichkeit sah er den jungen Josi Blatter und Binia +hoch an den Weißen Brettern. Er fragte seine Tochter: »Wie kommst auch +du da hinauf?« Da stand plötzlich ein Dritter vor ihm und hob das +Grabscheit Seppi Blatters über den beiden zu wuchtigem Schlag. Statt der +richtigen Inschrift aber lautete der Spruch auf dem Täfelchen des +Scheites: »Was für die heligen Wasser verbrochen worden ist, wird an den +heligen Wassern gesühnt.« Und unter dem Schlag des Scheites blutete +Binia. + +Das war der Traum! Er wollte rufen: »Thut Binia nichts! Ich habe Seppi +Blatter nicht hinaufgeschickt.« Da erwachte er schweißtriefend in dem +Augenblick, als der Postbote, der alle Woche dreimal in der Morgenfrühe +mit den Postsachen nach Hospel ritt und sie am Abend von dort +zurückbrachte, an die noch geschlossene Hausthür pochte. + +Nur ein einfältiges, widerwärtiges Träumlein! Der Presi war nicht +abergläubisch, als nun aber Binia in der zwingenden Anmut ihrer sechzehn +Jahre, frisch, mit leuchtenden Kinderaugen unter dunklen Wimpern, einen +warmen »Guten Tag, Vater!« auf den Lippen, in die Stube schwebte, da riß +er sie stürmisch in seine Arme, und als er unter der knospenden +Mädchenfülle das rasche Pochen ihres heißen Herzens fühlte, +durchrieselte ihn die Angst. + +»Binia, lieber, lieber Vogel, versprich es mir, daß du nie, nie mit Josi +Blatter zusammenhältst, in deinem ganzen Leben nie!« + +Sie brach an seiner Brust in Thränen aus: »O Vater, ich hab' es dir +schon lange bekennen wollen, Josi Blatter ist ein ehrbarer Bub. Er hat +das, was Ihr meint, gar nicht gesagt. Gewiß Gott im Himmel nicht!« + +Er stutzte -- er starrte sie an -- er riß sie mit der ganzen Gewalt +seines Armes von seiner Brust hinweg, daß die leichte Gestalt an die +Wand taumelte. + +Und entsetzt kreischte er: »Schon so weit bist du, Seppi Blatter, daß +mein Kind für deinen Buben lügt?!« + + + + +VIII. + + +Das Haus des Garden, das gleich am Eingang des Dorfes, etwas abseits vom +Thalweg, gegen den Glottergrat hinausschaut, ist nächst dem Bären das +stattlichste von St. Peter. Außer einer Grundmauer aber, auf der die +unterste Reihe kleiner heller Fenster ruht, ist kein Stein an dem Bau. +Ein ländliches, sonnenverbranntes Holzhaus, auf einem Brett über den +Fenstern ein halb Dutzend goldener Immenstöcke, dann wieder Fenster im +braunen, von der Sonne zerrissenen Gebälk und gleich darüber das +steinbeschwerte, an den Enden durch Sparren fest aufs Gebälk geklammerte +Schindeldach. So steht es da. Das glühende Rot der Nelkenbüsche wächst +aus Töpfchen und Kistchen vor seinen Fenstern, verblaßte Malereien +schmücken seine Holzfelder, zwei gekreuzte Schwerter, das Hauszeichen +der Zuensteinen, Winkel, Triangeln, Kreuze und Bundhaken, die den +Aelplern in einer Art Geheimschrift die Gerechtsame des Hauses an Weide +und Wasser verurkunden, auch ineinandergeschobene Dreiecke, Schlüssel +und Feuerschlangen, die der Bauherr vor hundert Jahren mit schlichter +Kunst hingemalt hat, damit keine bösen Geister den Eintritt in die +Heimstätte finden. + +Die Sorge, die nicht nach Schutzbildern fragt, ist aber unvermutet ins +Haus getreten. Vor ein paar Wochen hat bei Ausbesserungsarbeiten an den +heligen Wassern ein fallendes faules Holzstück den Garden am Kopf leicht +verletzt, und vor wenigen Tagen ist aus der Wunde, die schon geheilt +schien, die Gesichtsrose entstanden. Mit einem unförmlich verschwollenen +Kopf, ein Tuch um die Stirne geschlagen, mit rot unterlaufenen Augen, +wälzt sich der arme Mann und stöhnt: »Grad jetzt bei der vielen Arbeit +-- und grad jetzt, wo Fränzi gestorben ist! Wohl, wohl, die werden im +Gemeinderat schön mit den Kindern wirtschaften. Nicht einmal die letzte +Ehre habe ich ihr geben können.« + +»Alter, fahre doch nicht so im Bett hin und her,« jammert die Gardin, +die hochgewachsene Frau mit dem verschwiegenen herben Gesicht, und +frischt das Tuch mit Wasser an. »Es sind ja noch vier Gemeinderäte. Die +können die Geschäfte auch einmal besorgen.« + +»Das macht alles der Presi -- und der hat immer einen Zahn auf Fränzi +und ihre Haushaltung gehabt.« -- -- Einen Augenblick schlummert der +Garde, dann fängt er wieder an: »Du, Frau, wie ist Fränzi eigentlich +gestorben?« + +»Wie Vroni erzählt hat, die fast nicht hat reden können vor Schluchzen, +leicht und schön.« + +»Die Frau -- sie war ja erst ein bißchen über vierzig -- ist leicht +gestorben, sagst du -- leicht von ihren Kindern weg?« stöhnt der Garde +verwundert. + +»Ich meine, wie einmal das Schlimmste überwunden gewesen ist. Am Morgen, +bevor sie gestorben ist, hat sie zu den Kindern gesagt: 'Mich hat der +Vater beim Namen gerufen, jetzt glaube ich auf meine Seligkeit, daß ich +sterben muß.' Eine Predigt hat sie ihnen gehalten, da steht ihr die +Sprache still, Josi holt den Pfarrer, sie nimmt die Sakramente, sie +schaut ruhig vor sich hin und ist wie ein Licht erlöscht.« + +Einen Augenblick herrscht Ruhe. Da schlägt die Uhr im Arvengehäuse mit +langsamen hellen Tönen Fünf. + +»Schlafe jetzt, Alter,« mahnt die Gardin, »denke, wie's Fränzi gegangen +ist, sie hat sich im vorigen Winter bei der Armseelenwacht erkältet, hat +nicht dazu gesehen, da ist der große Husten gekommen, der sie gelegt +hat.« + +Der Garde aber ächzt und stöhnt lauter. »Eben jetzt beginnt im Bären die +Gemeinderatssitzung, die über das Los Josis und Vronis entscheidet. Du, +Frau, Vroni wollen wir zu uns nehmen. Sie hat's um Eusebi verdient. -- +Die ganze Schule hat sie mit ihm nachgeholt. Und sie ist mein +Patenkind.« + +Die Gardin, die stolze Frau kämpft innerlich, sie will nicht Ja sagen, +aber den schwerkranken Mann noch weniger mit einem Nein aufregen. + +Zum Glück schlummert er, während er auf Antwort wartet, ein. -- -- + +Nachdem Fränzi gestorben war, schickte der Presi den Schreiber als +Stellvertreter des erkrankten Garden in die Wohnung der Waisen. Dieser +verrichtete bei der toten Fränzi, die in den abgemagerten Händen einen +Blumenstrauß hielt, ein Gebet, gab den Kindern ein paar kühle Trostworte +und sagte ihnen, sie möchten am Tag nach dem Leichenbegängnis abends +fünf Uhr im oberen Bärenstübchen erscheinen, damit der Gemeinderat mit +ihnen über ihre Zukunft rede. Dann verständigte der Presi die +Gemeinderäte, daß sie zu der anberaumten Sitzung erscheinen. Es kam +aber, wie er ausgerechnet hatte. Die Gardin schickte Bericht, ihr Mann +liege tief im Bett, man dürfe mit ihm kaum von der Angelegenheit +sprechen. Der Armenpfleger war mit einem Trupp Vieh ins Welschland +hinübergegangen und kam erst in vier oder fünf Tagen zurück. Der +Gutsverwalter, der eben das Wasser in seinen Weinbergen zu Hospel +besorgte, erklärte sich im vornherein mit den Beschlüssen, die gefaßt +würden, einverstanden, und der Kirchenvogt meldete, die Stunde sei für +ihn so ungeschickt, daß er vielleicht erst etwas später kommen könne. +Die anderen sollen nur anfangen mit den Bauern zu verhandeln, die Lust +hätten, Josi und Vroni in ihren Dienst zu nehmen. + +Im Stübchen saßen um fünf Uhr abends nur der Presi und der Schreiber, +ein kleiner, alter, kahlköpfiger Mann mit großer Hornbrille, +ausgemergeltem knochigem Gesicht und spindeldürren langen Fingern. + +»He, Schreiber, ist das wieder eine Sitzung. Kein Gemeinderat ist da!« + +»Fränzi hätte aber auch nicht zu einer ungeschickteren Zeit sterben +können,« erwiderte der Schreiber pfiffig, »jetzt, wo niemand weiß, wie +der Arbeit wehren.« + +»Ja, meint Ihr, die Geschichte komme mir gelegen, so grad, wo die ersten +Gäste eintreffen!« + +»Ihr nehmt's eben ernst mit dem Amt, Presi!« + +Der Geschmeichelte murrte: »Ja, und des Teufels Dank habe ich auch. Ich +mach's, und wenn die Sache gethan ist, geht das Schimpfen los und ganz +Sankt Peter brüllt, ich sei ein gewaltthätiger und eigenmächtiger +Sarras.« + +Beide lachten, dann fragte der Schreiber: »Hätte man über die Kinder +nicht eine Steigerung abhalten sollen?« + +»So, damit die Leute sagen, der Presi suche immer nur Gelegenheiten, daß +im Bären fleißig getrunken werde. Ich weiß schon, was man über mich +redet. Und dann? Wer käme zu dieser strengen Werkzeit an eine Gant? Die +Kinder Fränzis sind, denk' ich, auch nicht so begehrt. Im übrigen, +Schreiber, könnt Ihr wieder gehen, ins Protokoll setzt einfach, ich +hätte Vroni aus Liebe und Barmherzigkeit zu mir ins Haus genommen und +Josi habe der Gemeinderat als Knecht zu dem früheren Wildheuer und +jetzigen Bergführer Bälzi gegeben.« + +»Zu Bälzi!« Dem Schreiber fiel die Hornbrille von der Nase. + +Der Presi lächelte überlegen. + +»Ihr könnt eine Bemerkung in dem Sinn dazu setzen, Bälzi sei der +einzige, der sich um Josi beworben habe, und da er in der letzten Zeit +ein ordentlicher Mann geworden sei, so habe der Gemeinderat aus Mitleid +für seine große Familie ein mildes Werk gethan und ihm den Buben auf +Zusehen hin, wenigstens aber über den Sommer, als Knecht zum Wildheuen +gegeben. So, jetzt könnt Ihr gehen, ich habe mit den Kindern besonders +zu reden, schickt mir zuerst den Buben herein!« + +Mit einem kaum merklichen Kopfschütteln packte der Schreiber seine +Sachen zusammen. + +Draußen im Flur saßen die Geschwister in ihren abgestorbenen +Sonntagsgewändchen. Vor ihnen stand Bälzi und redete, die Hände lebhaft +verwerfend, auf Josi ein, der mit zusammengezogenen Brauen verächtlich +von ihm wegschaute und ihm kein Wort erwiderte. Vroni hatte verweinte +Augen. + +Jetzt stand Josi vor dem Presi, der überrascht war, was für eine +finstere Festigkeit im Gesicht des Achtzehnjährigen lag. Neugierig glitt +sein prüfender Blick über den Burschen und dann ließ er ihn, ohne ihn +anzureden, noch eine Weile stehen, indem er gegen das Fenster blickte. + +»Der Bursche,« dachte er, »ist in seiner Schlankheit und Kraft, mit dem +braunen, gescheiten Gesicht, mit den Blitzaugen verdammt hübsch. Es +giebt kein wirksameres Mittel, die Gedanken Binias, ohne daß sie eine +Ahnung hat, von ihm abzubringen, als daß sie ihn recht niedrig und in +schlechter Gesellschaft sieht -- grad mit Bälzi. So viel guten Sinn hat +das Kind.« + +»Herr Presi,« unterbrach Josi, der wie auf feurigen Kohlen stand, die +Ueberlegungen des Bärenwirtes, »Vroni und ich haben gemeint, wenn wir +nur in dem Häuschen bleiben könnten, wir wollten schon --« + +»Thorheiten,« schnitt ihm der Presi das Wort ab und maß ihn mit dem +Ausdruck des höchsten Unwillens, »warte, bis ich dich etwas frage, und +ein Bursch wie du, Josi, der über mich und andre die größten +Gemeinheiten sagt, muß einen Meister haben.« + +Mit glühendem Haß betrachtete er den sauberen Jungen. + +Josi standen die Flammen der Entrüstung im Gesicht: »Herr Presi, ich +weiß schon, was Ihr meint, die Mutter selig und der Garde haben mich +darüber zur Rede gestellt, aber es ist, weiß Gott, nicht wahr! Ich habe +es nicht gesagt.« + +»Soll ich dir jemand gegenüberstellen, der's gehört hat?« erwiderte der +Presi mit kalter Verachtung. -- »Binia hat's gehört, wie du es im +Schmelzwerk draußen gesagt hast,« fügte er nach einem Augenblick der +Ueberlegung bei. + +»Bini. -- Bini! -- -- Laßt Bini auf die Stube kommen!« Josi zitterte vor +Zorn am ganzen Leib. + +»Es nützt nichts mehr, es ist vom Gemeinderat schon entschieden, daß du +zu Bälzi gehst.« + +Der Presi rief im gleichen Augenblick Bälzi in die Stube und hielt nun +beiden eine donnernde Rede, wie sie sich als Herr und Knecht miteinander +zu vertragen haben. Mit einer Handbewegung entließ er sie. Vroni kam an +die Reihe und freundlich gewährte der Presi dem verschüchterten Kind die +Bitte, daß sie erst dem Garden Lebewohl sagen gehe, ehe sie als Magd in +den Bären trete. »Ich lasse ihm gute Besserung wünschen und werde ihn in +den nächsten Tagen besuchen.« + +Josi, der starke Josi, hatte, als er mit Bälzi die Treppe hinunterging, +vor Zorn und Schrecken die Thränen in den Augen, ihm war, als habe man +ihm mit einem Hammer auf den Kopf geschlagen. Bälzi aber sagte gutmütig: +»Greine doch nicht, wir wollen lieber einen Schoppen zusammen trinken +und auf gute Freundschaft anstoßen, ich will dir gewiß kein strenger +Meister sein.« Josi trank nicht. Als er vom Wirtstisch aufschaute, stand +Binia mit einem Ausdruck grenzenlosen Mitleides unter der Thüre, fast +als wolle sie auf ihn zueilen, aber er sah vor eigenem Leid ihre tiefe +Bewegung nicht. Dumpf und mit erstickter Stimme rief er: »Du Giftkröte, +wie hast du so über mich lügen können!« + +»Josi!« Mit einem Schrei des Entsetzens rannte Binia davon. + +Vor der Thüre nahmen die Geschwister herzbeklemmenden Abschied +voneinander. »Rede mit dem Garden!« mahnte und tröstete Vroni, »er meint +es gewiß gut mit dir.« Josi schüttelte aber traurig den Kopf; seit ihn +der Garde wegen der Verleumdung des Presi scharf angefahren, hatte er +auch zu ihm das Zutrauen verloren. Geheimnisvoll sagte er: »Sieh, Vroni, +ich weiß schon, was ich thun werde.« + +Bälzi drängte. Stolz wie ein Hahn führte er seinen Knecht, den ersten, +den er hatte, durch das Dorf, Josi aber ließ den Kopf hängen, er schämte +sich seines Meisters. + +Vroni berichtete dem ungeduldigen Garden. + +»Kind, du gehst nicht als Küchenhelferin in den Bären,« keuchte er, +»tritt in die andere Stube, ich halt's nicht mehr aus im Bett.« + +Sie hörte, wie er in einer Wut aus den Federn sprang. + +Einige Augenblicke später stand er zum Ausgehen gerüstet vor ihr. Aber +wie? Durch schmale Spalte nur schauten seine rotunterlaufenen Augen, das +hochgeschwollene Gesicht glänzte, aus den Blasen auf den Wangen floß das +Wasser in den Bart und die Lippen waren aufgerissen. + +»Garde,« sagte Vroni bestürzt, »wollt Ihr nicht warten, bis die Gardin +kommt?« + +Jammernd eilte diese zu dem schwankenden Manne und mahnte, er wütete +aber immer zu: »So geht's nicht in St. Peter, das leide ich nicht, bei +meiner Seligkeit leide ich es nicht. Presi, ich glaube es selber, die +Tatze muß dir aus dem Grab wachsen. -- Du bleibst bei uns, Vroni, du +gehst nicht in den Bären!« Liebkosend fuhr er ihr durchs blonde Haar. + +»O Pate,« lächelte das Kind aus allem Elend und die blauen Träumeraugen +ruhten voll innigen Vertrauens auf dem entstellten Gesicht, dann wandte +sie sich fragend an die Gardin. + +Allein die hatte für nichts Gedanken, als ihren Mann zurück ins Bett zu +bringen, sie hielt ihm in ihrer Not den Spiegel vor das Gesicht. Er fuhr +erschrocken zurück. »Teufel, so sehe ich aus -- da kann ich allerdings +nicht ins Dorf gehen. Nun, ein paar Tage mag es Josi schon bei Bälzi +aushalten.« + +Die Aufregung hatte dem Kranken geschadet, er verwirrte sich, er +kommandierte im Bett unaufhörlich wie am Glottergrat, als Seppi Blatter +an den Weißen Brettern stand: »Drei Fuß nachgeben!« -- »Links anhalten!« +-- »Zu viel!« -- »Etwas rechts!« -- »So ist's recht!« -- Zwischenhinein +schimpfte er auf den Presi, dann fragte er wieder: »Ist Vroni wirklich +da -- bringe sie doch herein, wenn sie da ist.« Mit Seufzen schickte +sich die Gardin in den Zuwachs, den ihr Haus erfuhr. + +Als am anderen Tag der Presi durch Thöni eine Nachfrage wegen Vroni +schickte, erwiderte der Garde: »Sagt dem Presi, der Teufel werde ihn +holen, bevor Vroni in seine Küche kommt.« + +Thöni machte ein langes Gesicht und der Presi fügte sich. + +In seiner schweren und langwierigen Krankheit ließ sich der Garde die +nötigen Dienste am willigsten von Vroni gefallen, die ihn mit ihrer +sonnigen Heiterkeit am meisten beruhigte. + +Sie hatte ihr schönes Heim. + +Ein Zug der Bedächtigkeit ging durch alles, was im Haus des Garden +gesprochen und gethan wurde; es war, als sei auch in der Woche ein +Abglanz vom Sonntag darin, und wenn die Sonne durch die Fenster schien, +sich im blanken Kupfer- und Zinngeschirr spiegelte, war es Vroni +feierlich zu Mut. Die Bäuerin, der Großknecht Meinrad, der Viehbub Bonzi +und die Magd Resi, alle arbeiteten fleißig, doch ohne Hast; während der +Garde krank lag, wurden Felder und Vieh grad so gut besorgt, wie wenn er +mithelfend hätte beim Werk sein können. + +Eusebi hatte zum Verdruß seiner Mutter eine stille närrische Freude, daß +nun Vroni im Hause weilte, er ging dem Mädchen auf Schritt und Tritt +nach, sah ihm bei seinen Hantierungen zu und half ihm dabei. + +Und was sagte der Garde in einem der fieberfreien Augenblicke, die jetzt +glücklicherweise wieder kamen, zu seiner Frau, die noch nicht recht +wußte, wie sich zu dem hereingeschneiten Gast stellen? + +»Ich finde, daß Vroni dem Haus wohl ansteht, es ist immer, als scheine +die Sonne darein, wenn doch nur ihr helles Haar glänzt.« + +An Vroni aber zehrte der heimliche Kummer um Josi. Sie wußte, was es +hieß, bei Bälzi Knecht zu sein. Harte Arbeit an den Flühen, Aufbruch im +Morgengrauen, Heimkehr in der Abenddämmerung und -- was schlimmer war -- +wenig Brot, viel Schelte, dazu das Beispiel eines schlechten Haushaltes, +in dem häufig gestritten wurde. Denn einen wetterwendischeren Menschen +als Bälzi gab es nicht. Er konnte in einem Augenblick die Freundlichkeit +selbst sein, im nächsten aber ein Teufel an Bosheit. Dann flogen nicht +nur die Worte, sondern was ihm in die Hände geriet. Und Josi, der +starke, trotzige, ließ sich gewiß keine Prügel gefallen. Entweder gab's +Händel, oder Josi verdarb in guter Freundschaft mit Bälzi. + +Ungefähr wie Vroni dachte Binia. + +Der wilde, schmerzvolle Zuruf des unglücklichen Burschen hatte sie +geschüttelt und gerüttelt. + +Vor ihrem Bett kniete sie am Abend: »Mutter -- Mutter -- ich bin schuld, +daß es Josi so schlecht geht -- Mutter, sage mir, wie kann ich das große +Unrecht wieder gut machen? -- Mutter, muß ich dem Vater folgen und gar +nicht mehr mit Josi reden?« + +Wie sie aber auch das brennende Köpfchen quälte, kam doch kein kluger +Gedanke darein. + +Sie wußte nur eins. Seit Josi keine Mutter mehr hatte, stand er ihrem +Herzen noch näher. Sie meinte immer, sie sollte ihm Fränzi ersetzen, und +sie war voll Liebe und Barmherzigkeit für ihn. + +Sie klammerte sich an den alten Glauben, daß es Kindern, deren Vater an +den heligen Wassern gefallen ist, besonders gut gehe, und ließ ihre +Augen leuchten: »Er wird schon einmal sehen, daß ich keine Giftkröte +bin!« + + + + +IX. + + +»So geht's zu in St. Peter. Man will nicht mehr für die Hinterlassenen +derer einstehen, die im Gemeindewerk gefallen sind. Wie wohl wäre es +einem wohlhabenden Bauern angestanden, wenn er Josi zu sich genommen +hätte, nicht als Knechtlein, sondern als Sohn, wie der Garde Vroni als +Tochter. Lest in den alten Protokollen, wie man für die Kinder derer, +die an den heligen Wassern gestürzt sind, stets besonders gut gesorgt +hat. Und sie wurden Leute, daß es eine Freude war. Jetzt aber kommt ein +neuer Brauch. Auf einen bösen Handel legt man einen bösen Handel, man +giebt den Buben rechtschaffener Eltern einem Lumpen. Was wird Josi bei +Bälzi? Ein Halunke! Und was hat die Gemeinde davon? Die Schande!« + +»Ich hätte ihn auch genommen, der Haushalt Blatter ist immer arbeitsam +gewesen.« + +»Einen Gotteslohn hätte man dabei verdient. Wahrhaftig, man schämt sich, +wenn man denkt, daß der selige Seppi und die selige Fränzi vom Himmel +herunter auf die von St. Peter schauen.« + +So schwirrte das Gespräch. + +Die Gemeinderäte, die ihre Pflicht versäumt hatten, ließen die Köpfe +hängen und kratzten sich hinter den Ohren, der Presi aber hielt sich an +das Haus voll Fremder und vermied den Verkehr mit den Dörflern. + +Er hatte auch seinen Verdruß. + +Bälzi, sein Schützling, war mit dem Bergführerberuf auf eine wenig +ehrenvolle Art zu Ende gekommen. Ein Gast vermißte sein Taschenmesser, +er sah es einige Tage später im Besitze Bälzis, der ihn auf einer +kleinen Gletscherwanderung begleitet hatte; der Gast behauptete, sich +deutlich zu erinnern, daß er es bei einem Imbiß am Rand des Eises habe +liegen lassen. Bälzi hätte es ihm einfach zurückgeben können, aber er +wurde frech und verlangte einen Finderlohn. Da kam's zum Bruch, und der +Presi hatte die Vorwürfe seiner Gäste, die nichts mehr von Bälzi wissen +wollten. + +Bald aber war es am Presi, zu lachen. + +Bälzi meldete ihm durch seine Aelteste, Josi Blatter sei aus dem Dienst +gelaufen, sie hätten zusammen ein Unwort gehabt. + +»Nun wird der Bursche kommen und man wird ihm einen neuen Dienst suchen +müssen.« + +Josi Blatter stellte sich aber weder dem Vormund noch den Behörden. +Niemand wußte, wo er war, niemand wurde aus ihm klug. + +Das Gerücht verbreitete sich, er treibe sich auf den Alpen umher. Aber +wovon lebte er? Die Leute sagten: »Er zieht den Kühen und Ziegen +heimlich die Milch aus dem Euter.« + +Der Presi höhnte: »Da seht Ihr den Tagedieb, von dem Ihr mit so viel +Erbarmen geredet habt. Ich habe den gekannt.« + +Niemand wagte mehr den Buben zu verteidigen. + +Allein die Stimmung im Dorf war auch dem Presi nicht günstig. Manchmal +schien es wohl, man würde sich an die Fremden gewöhnen, aber die Gäste, +die wieder ins Thal gekommen waren, thaten und redeten so manches, was +denen von St. Peter bis auf die Knochen ging. + +Da war ein dicker Gast, der wie ein Fäßchen daherkugelte und stets mit +den Leuten reden wollte, den sie aber in seiner fremden Mundart nur das +dritte Wort verstanden. Als er auf den Feldern um das Dorf die Histen, +die Holzgerüste sah, an denen die Bauern im Herbst ihren Roggen zum +Ausreifen aufzuhängen pflegen, fragte er spöttisch: »Hat man denn in St. +Peter so viel Diebe, Schelme und Mörder, daß man alle die Galgen +braucht?« + +Nun lief das Wort. Von Scherz und Humor wußten die Dörfler nicht viel, +ihr Leben war Arbeit und Andacht. »Wir einen Galgen? -- Mörder? -- Seit +Matthys Jul hat im Glotterthal kein Mensch einen anderen getötet. Und +Diebe? -- Wer schließt des Nachts die Thüre? Kein{5} Haus als der Bären +hat ein Schloß mit Schlüssel. Seit Menschengedenken ist kein Diebstahl +vorgekommen; die Briefe, die Päcklein und Wertsachen, die es zu besorgen +giebt, legt man einfach an den Weg. Hat jemand schon daran gerührt als +der Postbote, der sie aufnimmt und nach Hospel trägt? Aber die Fremden +wollen uns andere Sitten bringen! Merkt ihr, was für ein neues Leben +anfängt? Bälzi hat ein Messer gestohlen, und Josi Blatter ist Aufrührer +geworden, es kann schon so kommen, daß wir einen Galgen brauchen.« + +»O, der Fremde hat gewiß nur gescherzt.« + +»Dann hat er das heilige Brot beleidigt! Wer darf über die Histen, die +es reifen, spaßen?« + +Bald beleidigte irgend einer die heligen Wasser. + +»Man kann nicht schlafen, wenn der Wind thalherauf weht. Das tattert die +ganze Nacht. Geben Sie doch der verfluchten Klapperschlange etwas zu +fressen, daß das arme Vieh nicht weiter so hungerleidig schättert,« +sagte ein anderer. + +Die heligen Wasser, an denen so viele wackere Männer zu Tod gefallen +sind, die einen Flecken und fünf Dörfer erhalten und ernähren, eine +hungerleidige Schlange! + +Die von St. Peter bekreuzten sich. »Sünde über Sünde.« + +»Und die heilige Religion beleidigen sie!« + +Denn durch die Mägde war es bekannt geworden, daß manche Gäste im Bären +auch am Freitag Fleisch essen. Der Presi und die Frau Presi gaben es +also zu. + +»Merkt ihr, wenn wir solche Dinge dulden, so kommt Gottes Züchtigung +über uns. Unsere Buben können nicht mehr recht thun -- seht Josi +Blatter! Und er hat doch so rechtschaffene Eltern gehabt. Hudlig müssen +wir durch die neue Zeit zuletzt alle werden.« + +Vom Gemeinderat ging die Weisung, jedermann, der Josi Blatter antreffe, +möge ihn auffordern, daß er sich der Behörde stelle. + +»Josi Blatter, der Rebell,« dann kurzweg »der Rebell«. So sprach man in +St. Peter. Sein Umhertreiben erregte Aufsehen und Aergernis. Man war es +nicht gewöhnt, daß die jungen Leute sich dem Gehorsam der Behörden, der +Kirche und der Dorfschaft entzogen. Dazu gesellte sich die Furcht vor +Diebstahl. Aber weder die Sennen, die von den Alpen kamen, noch die +Dörfler wußten die Spur einer Entwendung zu melden. Es konnte den +Rebellen auch niemand auffordern, zurückzukehren, denn man sah ihn immer +nur von ferne, meist an den hohen Felsen über den Alpen, ja viele +glaubten, es sei überhaupt ein müßiges Gerede, daß er sich noch in der +Gegend aufhalte. Aber heute war es ein Dörfler, morgen einer der +kühneren Fremden, die hoch an den Flühen, wo Grünland und Weißland sich +scheiden, einen verdächtigen Jungen gesehen haben wollten. + +»Wir gehen nicht aus, man weiß nicht, was einem der geheimnisvolle +Vagant anthäte!« meinten die Furchtsameren, und unter den ängstlichen +Gästen kam St. Peter zum großen Aerger des Presi in den Ruf der +Unsicherheit. + +Ein Diebstahl -- eine Verurteilung -- dann wäre Josi Blatter für sein +Lebtag im Thal gerichtet und alles zu Ende. Gefängnis nahmen die zu St. +Peter furchtbar ernst, es genügten die roten Epauletten eines +Landjägers, der alle paar Jahre einmal ins Thal kam, um die +Bewohnerschaft in Aufregung zu versetzen. + +Gegen Ende des Sommers erwartete der Presi den Rebellen des Diebstahls +überführen zu können. Die Sonne schien noch warm, die Glotter aber, +deren Wasser stark zurückgegangen war, floß klarer als sonst. Nun +glaubte er Anzeichen dafür zu haben, daß aus seiner Fischenz +nächtlicherweile Forellen gestohlen würden. Thöni und ein paar Mann +legten sich in den Hinterhalt. Um Mitternacht watschelte es in dem +Glotterbach, eine Gestalt bückte sich und langte mit den Händen in die +Forellenverstecke, man faßte den Dieb -- Bälzi! + +Ganz St. Peter lachte, daß der Presi seinen ehemaligen Schützling +gefangen hatte, sogar mehr, als wenn der Rebell verhaftet worden wäre, +denn die Mißgunst gegen den Presi war größer als der Aerger über den +unbotmäßigen Jungen. + +Am meisten litt Vroni. Ihre letzte Hoffnung, daß Josi wieder auf gute +Wege komme, war wie Aprilschnee geschmolzen, der Garde wollte nichts +mehr von ihm hören, er war wütend auf sein Mündel. Nicht, weil Josi +seinem Meister entlaufen war, das fand er fast selbstverständlich, aber +weil er sich seinem Vormund nicht gestellt hatte. Von Zeit zu Zeit +fragte er Vroni im Ton des Verhörs, ob ihr Josi noch nie ein Zeichen +seiner Anwesenheit gegeben. + +Das war's ja eben, was sie am tiefsten kränkte -- er hatte sie +vergessen. + +Sie horchte fleißig in die Nacht, ob sie ihn nicht ums Haus streichen +höre, aber was sie erlauschte, war immer nur das Klagen des Windes in +den Felsen. + +Hatte er wohl das Thal verlassen und war ohne Abschied über Hospel +hinaus in die weite Welt gegangen, wie jener Bursche im Kirchhoflied? +Hinweg vom Grab des Vaters und der Mutter. + + »Gebräunter Bursch ist fortgezogen, + Den Mund so frisch, den Blick so hell + Dahin mit Wellen und mit Wogen + Gewandert ist der Frohgesell.« + +Oder war er einsam irgendwo auf den Bergen verunglückt? -- Sie hoffte es +fast, denn ein toter Bruder wäre ihr lieber gewesen als einer, der in +Unehren lebt. O, was mochten die Mutter und der brave Vater in ihrer +Abgeschiedenheit von Josi denken. + +Oft fielen die Thränen um ihn auf das Armseelenmahl, das sie für die +Toten rüstete. Und doch ging es ihr gut. Die stolze Gardin sprach zwar +von oben herab zu ihr, behandelte sie, wenn es der Garde nicht sah, wie +eine Magd und predigte ihr Bescheidenheit. + +»Ich bin ja gewiß bescheiden,« dachte sie dann, »wenn ich nur im Haus +bleiben darf.« + +Wenn sie aber besonders niedrige Dienste verrichtete, wenn sie die +Jauchetanse an den Rücken hängte oder den Mist der Schweine aus dem +Stall zog, dann knurrte der breite Garde: »Du darfst das nicht thun, +Vroni; laß das den anderen!« + +Eusebi freute sich darüber unbändig und begann den Vater nachzuahmen, +indem er sie von den rauhesten Arbeiten zurückhielt, die Gardin aber +schmollte: »Herrgott, ist Vroni, weil sie blondes Haar und ein sauberes +Gesichtchen hat, denn eine Prinzeß?« + +»Die ist mehr als eine Prinzeß, Gardin; merkst du nicht, daß uns Gott +das Mädchen eigens zum Trost ins Haus geschickt hat? Sieh dein +Schmerzenskind, den Eusebi, an. Denke, wie er noch vor zwei Jahren war +und wie er jetzt ist. Stottert er noch? Läßt er die Glieder noch so +elend hängen? -- Nein, es ist eine Freude, wie der Bursche alles +nachholt, was er in sechzehn Jahren versäumt hat.« So mahnte der Garde +voll Vaterglück. + +»Meinst du, es freue mich nicht auch?« fragte seine Frau, »meinst du, es +freue das Mutterherz nicht am meisten -- warum bin ich denn so viel +gewallfahrtet für Eusebi!« + +»Deine Wallfahrten in Ehren, dem Burschen aber haben nichts als +Geschwister gefehlt; doch hätten ihn sechs Brüder und sechs Schwestern +nicht so geweckt wie die einzige stille Vroni.« + +»Nun -- nun -- ich lasse ja sie gelten, wenn sie nur nicht einen so +geringen Bruder hätte.« + +»Daran ist der Presi schuld!« + +So tauschten Garde und Gardin ihre Meinungen. + +Nicht so bald, wie er es zu Vroni gesagt hatte, sondern erst gegen den +Herbst hin kam der Presi zu dem langsam genesenden Freunde auf Besuch. +Binia begleitete ihn. Aber zwischen den beiden Männern war nichts als +Streit und Zank. + +»Wenn der Bursche hinter die genagelte Thür in der Stadt kommt, wenn St. +Peter diese Schande hat oder wenn er, wie's den Anschein hat, verhungert +an den Bergen modert, so liegt's auf Eurem Gewissen, Presi. Ich hätte +mit dem Peitschenstiel auf Euch losgehen mögen, als Ihr den Waisenbuben +zu Bälzi gabt.« + +Da fuhr der Presi auf: »Gott's Donnerhagel! So ist mir noch niemand +gekommen! Garde -- Garde! -- Wißt Ihr noch, was der Lumpenhund gesagt +hat?« + +»Ihr seid der Presi, seid doch erhaben über ödes Geschwätz. Und nun +wollen wir Binia fragen, ob er' s wirklich gesagt hat!« + +Binia, die sich in der Küche bei Vroni leise nach dem verschwundenen +Josi erkundigte, kam auf den Ruf des Presi hochrot vor die entzweiten +Männer, und auf ihre Frage funkelte der Mut der Verzweiflung in ihren +Sammetaugen, ihre Nasenflügel und Lippen bebten. + +»Vater! -- Vater! -- er hat's nicht gesagt -- ich schwör's Euch noch +einmal wie am Tag nach Fränzis Tod -- er hat's nicht gesagt -- sondern +der Kaplan Johannes.« + +Ihre Stimme klang wie ein zersprungenes Glöckchen, sie stand da wie eine +kleine Märtyrerin. + +»Wie am Tag nach Fränzis Tod,« wiederholte der Garde und sah den Presi +mit zusammengezogenen Brauen scharf an. + +Da wurde der Presi bleich vor Scham und Zorn. »Hast du auch nicht +gesagt, du wolltest Josi heiraten?« Er stammelte es mehr, als daß er es +sprach. + +»Wohl, in meiner Verwirrung habe ich so viel geschwatzt, was ich nicht +hätte sagen sollen.« Angstvoll und entschlossen zugleich sprach Binia, +der Presi aber warf ihr einen Blick zu, als wolle er sie zu Boden +schmettern. + +»Hinaus mit dir und heute nicht mehr unter meine Augen!« + +»Was für einen Mut hat das Kind,« knurrte der Garde beruhigend, als sich +Binia geflüchtet hatte, »Presi, tragt dem Mädchen Sorge.« + +»Dem Kaplan will ich zünden!« schnob der Presi. + +Das kurze Gespräch hatte dem Garden ein Licht aufgesteckt. Darum also +haßte der Presi Josi so grimmig, weil Binia ein Auge auf den hübschen +Burschen geworfen hatte. Er wiegte, als der Presi gegangen war, den +Kopf. + +»Kinder -- Kinder! -- Aber sie wachsen wie die Tannen und die Tannen +sprengen mit den Wurzeln den Fels. Grad so die Jugend mit ihrer Liebe, +es muß nur eine echte sein!« Zwischen Binia und Josi lag allerdings +nicht nur ein Fels, sondern ein Berg. Und aus Josi wurde der Garde nicht +klug. War der Bursche wirklich so empfindlich, daß er wegen eines +unverdienten Donnerwetters seinen Vormund verleugnete? + +Da steckte ihm Vroni ein zweites Licht auf. Das sanfte Kind beichtete +aus freien Stücken, doch als ob sie sich für ihren Bruder tief in die +Erde schämen müsse: »Denkt, Pate, heute ging der Kaplan mit seinem +Bettelsack am Haus vorbei, und als er mich sah, kam er und sagte, Josi +lasse mich grüßen. Es gehe ihm wie einem Herrn.« + +Der Garde wußte jetzt, woher Kaplan Johannes die Mineralien für seinen +Sommerhandel bezog. + +Der Herbst kam, die Fremden reisten von St. Peter{6} fort, mit +klingendem Spiel zog das Vieh von den Bergen, voran die mit Enzianen +geschmückte Meisterkuh. Jetzt mußte sich Josi, wenn er noch lebte, +zeigen. Dem Winter, dem furchtbaren Höhenwinter würde er nicht trotzen, +der würde ihn schon zu den Menschen zwingen, da verließen ja selbst die +armen Seelen die Höhen, über die der Wind hinpfiff, und schlichen sich +nachts in die Häuser, und die ausgehungerten Gemstiere kamen zu den +Städeln und schnupperten nach dem aufgespeicherten Heu. + +In der Nacht von Allerheiligen auf Allerseelen gab Josi bestimmte Kunde +seiner Anwesenheit. Auf den Gräbern seiner Eltern lagen am Morgen +Bergastern und standen Kerzen, und die hatte Vroni nicht hingethan. + +Sie entzündete sie und es waren ihr zwei Hoffnungsflammen. + +Was litt sie um Josi immer noch! Wo sie ging und stand, flüsterten die +Leute: »Die Schwester des Rebellen!« und jetzt fragten sie: »Woher hat +er das Geld gehabt für die Kerzen?« Andere trösteten wohl: »Man +sieht's, daß er nicht verstockt ist, die Geschichte seines Vaters hat +ihm nur den Kopf zerrüttet und der Presi hat ihn mit seiner Schärfe ganz +um den Verstand gebracht.« Doch das war ein schlechter Trost. + +Der erste Schnee fiel, grimmige Kälte trat ein, Josi erschien nicht als +reumütiger Sünder im Dorf. Da waren die Leute überzeugt, daß er nun doch +verhungert sei, und erwarteten, daß man im Frühling sein Gerippe in +irgend einer Alphütte finden werde. + +Kaplan Johannes, den der Garde einmal zur Rede stellte, gab zu, daß Josi +eine Weile für ihn Krystalle gesucht habe, aber jetzt sei er, so +versicherte er, ohne Ziel in die Welt gewandert. + +Das war nicht glaubwürdig, wer in St. Peter geboren ist, geht nicht von +St. Peter fort, eher war Josi aus Mangel gestorben. + +»Aber vielleicht hat ihn das Kirchhoflied verführt!« seufzte Vroni. + +Der Presi kratzte sich im Haar: der Bube, der lieber verdarb als sich +ergab, kam ihm unheimlich vor. »Der ist noch zehnmal stärker als sein +Vater,« dachte er mit nagendem Verdruß. + +Und in den Abendgesellschaften der Dörfler lief dem toten Josi zu Ehren +wieder die alte Kaufbriefgeschichte mit allerlei Verzierungen. + +Josi aber lebte -- elender freilich als ein Tier -- er lebte hart am +Weg, auf dem die von St. Peter gingen. + +Das war sein und des letzköpfigen Pfaffen Geheimnis. + +Schon zu Lebzeiten der Mutter, damals, als die ersten Fremden gekommen +waren, hatte ihm Kaplan Johannes aufgelauert und ihn jammernd gebeten, +ihm Krystalle und Erze zu verschaffen, damit er sie, zu Pulver +verstampft, in seine Arzneien mischen könne. »Ja, freilich,« lachte +Josi, der vom Vater her die Fundorte der Mineralien, die man im Dorfe +nicht mehr als Spielzeug schätzte, an den Flühen des Bockje und der +Krone kannte. Und er brachte dem Kaplan hübsche Stücke, auf denen +Tautropfen saßen, die klar wie Thränen sind, blühendes Gestein, wie er +es grad beim Wildheuen erreichen konnte. %»Gracia et benedictio tibi«%, +sprach der Einsiedler mit seiner hohlen tiefen Stimme und gab ihm einen +funkelnden Franken. Seither blühte in tiefer Heimlichkeit vor der Mutter +und Vroni ein kleiner Handel zwischen den beiden. Nicht, daß der Kaplan +nun Josi für jeden quellklaren Quarz, für jeden braungoldenen Diamanten +der Zinkblende, für jeden Brocken, auf dem die grauglänzenden zierlichen +Blätter des Wasserbleis saßen, ein Geldstück gegeben hätte, meist +bezahlte er, wenn er die Stücke mit gierigem Blick in den Sack gesteckt +hatte, mit Segenswünschen und geheimnisvollen Andeutungen, er würde ihn +einmal zu großem Glück führen. Darüber lachte der trockene Bursche, und +als er sah, daß ihn der Kaplan betrog und die Drusen verkaufte, stellte +er die Lieferungen ein. + +Allein der Laurer ließ ihn nicht mehr los. Als Josi den ganzen Groll und +Grimm gegen den Presi und das Dorf im Herzen, von Bälzi, der ihn nach +hartem Tagewerk hatte schlagen wollen, fortgelaufen war, hatte ihn der +Kaplan, der in der Dämmerung mit dem Bettelsack von den Alpen kam, am +Fuß einer graubärtigen Wetterlärche überrascht. + +Der grinsende Pfaffe, der ihm die tiefste Teilnahme vorspiegelte, +entlockte der tobenden Brust des Flüchtlings eine Beichte, die nicht +vollständiger hätte sein können. Alles Elend, aller Haß einer von einem +schweren Unglück zerschmetterten und mißhandelten Seele lag frei vor dem +Schwarzen. + +»Sei kein Thor, Josi; stelle dich doch dem Garden nicht, suche mir +lieber Krystalle, ich will für deinen Unterhalt sorgen. Hier oder wo wir +verabreden, treffe ich dich jeden Tag,« überredete der Kaplan den +verirrten Jungen, und von dieser Stunde an bestand eine Art Herzensbund +zwischen ihnen. + +Furcht und Trotz halfen den Ratschlägen des Kaplans, am folgenden Tag +wurde Josi Strahler. Von den Felsen der Krone, wo sich sonst niemand +hinwagt, brachte er dem Kaplan die dunklen Morione, vom Bockje die +klaren Edelkrystalle, vom Schmelzberg die wunderfeinen Strahlen des +Grauspießglanzes und die zierlichen Eisenrosen, die im Stahlschimmer +leuchten. Immer trug er die Leiter bei sich, die ihm früher zum +Wildheuen gedient, unermüdlich kletterte er zu den Rissen, Höhlen und +Kammern der Felswände empor. Es gab aber Tage, oft mehrere +hintereinander, an denen sich Krystalle und Erze wie durch einen Zauber +vor ihm versteckten, an denen er wohl mit zerschrundenen, aber leeren +Händen zu Kaplan Johannes kam. Doch dieser blieb gütig, prophezeite ihm +in geheimnisvollen Formeln reiche Ernte am nächsten Tage, schüttelte +alles, was der Bettelsack Eßbares enthielt, vor dem Heißhunger des +Burschen aus, streichelte ihn und sprach ihm freundlich zu, als wolle er +ihn für die große Einsamkeit, in der er lebte, entschädigen, und +manchmal war Josi, der unheimliche Kaplan habe ihn leidenschaftlich +lieb. + +Aber das Heimweh kam. »Vroni! -- Vroni!« brüllte es in der Brust Josis, +und wenn er tief unter sich einen Menschen über die grüne Alpe gehen +sah, so hätte er hinabeilen und ihn umarmen mögen -- o, alle von St. +Peter, nur den Presi nicht. + +Kaplan Johannes sah das Heimweh, ein eigentümliches Lächeln ging über +sein finsteres Gesicht: »Josi, es ist ein Landjäger im Dorf, der es vor +dir bewachen muß; denke dir, Bälzis Weib hat vor dem Garden beschworen, +daß du im Schlaf gesagt hast, du zündest den Bären und St. Peter an. +Wegen Ungehorsam gegen die Behörden und Drohung auf Brandstiftung will +man dich verhaften, und jede Nacht stehen ein paar Häscher um das Haus +des Garden im Hinterhalt, denn man denkt, du kommest am ehesten dorthin, +weil du Vroni sehen möchtest. Also hüte dich! Und noch eins! Rühre +keinen Halm auf den Alpen an, sonst giebt es eine Treibjagd auf dich und +die höchsten Felsen retten dich nicht; sei vorsichtig, Josi. Ich füttere +dich ja, Rabe, selbst wenn ich für mich keinen Bissen habe.« + +Josi erblaßte -- zitterte -- also so weit war er: die Landjäger suchten +ihn. + +In seinem Schuldbewußtsein durchschaute er die Lüge des Kaplans vom Weib +Bälzis, das ihn verraten haben solle, nicht recht, er erinnerte sich nur +halb, daß er selbst bei der tollen Beichte unter der Wetterlärche etwas +vom Bärenanzünden gesagt hatte. Aber nur in der gräßlichsten Erregung. + +Nein! -- nein! -- Mochte ihn der Presi hängen lassen, eine +Brandstiftung that er dem Andenken seiner Eltern nicht zu leid. + +Bald erhielt er die Bestätigung dessen, was der Kaplan gesagt hatte, aus +unverdächtiger Quelle. Er traf unvermutet und so, daß er nicht mehr +ausweichen konnte, auf den Viehknecht des Bockjeälplers: »Fort, Rebell,« +lachte der gutmütig rohe Mensch rauh und laut, »fünfzig Franken erhält, +wer dich lebend oder tot ins Dorf bringt,« doch so, als ob er selber die +fünfzig Franken nicht verdienen wollte. + +Von diesem Tag an hielt sich Josi allen unsichtbar und lebte in den +höchsten Flühen. + +Was er litt! -- Die Nächte, die entsetzlichen Nächte, während deren er +irgendwo auf einer Planke lag, mit ihrem ehernen Schweigen und ihrer +Einsamkeit! Tief unten winkten die Lichter von St. Peter wie ein +Häuflein Sterne und riefen: »Komm, komm!« Und jeder leise Glockenklang, +den die Luft zu ihm emportrug, schmeichelte: »Komm, komm!« Vroni nie +sehen -- nie auf den Kirchhof treten, wo Vater und Mutter begraben sind +-- nie in der Dorfkirche beten. Jedes Stück Vieh, das er sah, entlockte +ihm fast Thränen, vorsichtig lief er hinzu, streichelte es, küßte es und +redete lieb mit ihm. »Gelt, wenn du ins Thal kommst, grüßest du mir +Vroni!« + +Im gräßlichen Alleinsein wurde Josi beinahe Philosoph. Er liebte seine +Krystalle, die wunder- und geheimnisvollen Blumen des Gesteins: »Warum +müßt ihr so schön aus der Erde wachsen, du wie ein Röschen, du wie eine +Thräne, die ein Engel vom Himmel hat fallen lassen, und du wie ein +Haufen Spieße für den Ameisenkrieg. Wer hat dich gemessen und +gezirkelt, du kantiger Edelkrystall, wer hat dich mit Rauch gefüllt und +die Haarsträhnen durch dich gezogen, du schöner Topas, und dich öden +weißen Stein mit Granatkörnern bestreut wie die Mutter selig am +Dreikönigstage die Brotmänner mit Wachholderbeeren?« + +O Wunder! Selbst die Krystalle drängen sich wie Bruder und Schwester +zusammen, sie suchen ihre Gespielen und auf manchem Stein stehen so +viele, groß und klein, wie wenn sich am Sonntag die Dörfler auf dem +Kirchhof zum stillen Plaudern sammeln. + +Nur er war einsam. + +Mitten in seinem Elend ahnte er aber, daß alles in der Welt zum Schönen +drängt, daß auch der Mensch leiden und sich öffnen muß, wie der harte +Fels, der Krystalle zeugt. Wie ein Fels wollte er werden, wenn er wieder +einmal als ehrlicher Bursch unter den Menschen wäre, Krystalle guter +Thaten zeugen, alles Rechte würde er thun, was Brauch und Sitte, was die +Vorgesetzten forderten, selbst Dienste bei Bälzi. + +Doch jetzt nicht ins Gefängnis, lieber sterben! + +Der Winter naht! Seit die Fremden fort sind und er keine Mineralien mehr +verkaufen kann, ist der Kaplan mürrisch gegen ihn, er bringt ihm das +Essen unregelmäßig und oft zu wenig. Da weiß es Josi plötzlich: Er ist +der Gefangene dieses halbverrückten und schlechten Mannes, Johannes hat +ihn dort unter der Wetterlärche verführt, daß es keine Rettung mehr +giebt. Und ein grimmiger Haß gegen den Kaplan zuckt auf in seiner Brust. + +Er kann es auf den Alpen nicht mehr aushalten vor Kälte. Ein Ausweg! +Fort von St. Peter, fort, wie der Bursch beim Kirchhoflied. Sterben +macht nichts, nur nicht ehrlos eingesperrt werden. In der grauenden +Frühe des Tages Allerheiligen läuft er, am Schmelzwerk vorbei, wo Kaplan +Johannes haust, das Thal hinaus. »Lebe wohl, seliger Vater, -- lebe +wohl, selige Mutter, -- und du, liebe Vroni, mit den schönen blauen +Augen.« + +Wie er nach Tremis kommt, tummeln sich schon Kinder auf der Straße, sie +springen vor ihm schreiend davon: »Ein wilder Mann -- ein wilder Mann!« +Da fällt es ihm ein: Er kann nicht in die Welt, sein dunkles Haar hängt +ihm in Strähnen über die Wangen, seine Kleider sind Fetzen, die Schuhe +zerlöchert, als ein Landstreicher würde er aufgegriffen. Auf das +Geschrei der Kinder streckt ein altes kropfiges Weib den Kopf aus dem +Fenster, Susi aus dem Bären. Sie erkennt ihn und nun regt sich doch in +ihr das Mitleid und die Neugier. Sie ruft ihn herein. + +Sie hat schon von seinem Rebellentum gehört; indem sie ihm den Kaffee +einschenkt, den er gierig trinkt, fragt sie ihn hundert Dinge. + +»Ist es wahr, daß du mit Bini verhext und besprochen bist?« + +Das behagliche Stübchen und der warme Trunk im Leib stimmen Josi ganz +weich: »O, Susi, ich habe gewiß andere Sorgen -- ich möchte wieder ein +rechter Mensch werden. Seht, morgen ist Allerseelen, und ich bin so arm, +daß ich für meinen seligen Vater und die selige Mutter nicht einmal zwei +Kerzchen kaufen kann.« + +Die tiefe Trauer, die seine Stimme durchbebte, sein elendes Aussehen und +seine Verwilderung weckten das Erbarmen Susis, sie schenkte ihm zwei +Wachskerzen und redete ihm mit ihrer pfeifenden Stimme mütterlich zu, +daß er sich dem Garden stelle, es gehe ihm gewiß nicht so böse. + +»Ich will's thun, Susi.« Aber wie er über die verlassenen Alpen des +Schmelzberges, auf denen die letzten Sonnenlichter des Jahres spielen, +die letzten Blumen blühen, mit weitem Umweg nach St. Peter geht, kämpft +er wieder. + +Erst tief in der Nacht schleicht er sich ins Dorf. Er kniet zwischen den +Kreuzen an den Gräbern der Eltern nieder, er steckt die Kerzen und +Astern auf die Hügel. Da kommt der Nachtwächter singend vom Oberdorf. Es +ist der breite Brummbaß des Fenkenälplers, der in der Kehrfolge der +Bürger den Dienst hat. Er möhnt: + + »Es ist nicht unsere Gerechtigkeit, + Daß Gott uns so viel Gut's erzeigt, + Es ist seine Gnade und Güte, + Ihr lieben Heiligen schützt uns vor Gefahr, + Vor Brand und Laue besonderbar, + Und dann, ihr Lieben, bitten wir noch, + Sperrt den Rebellen endlich ins Loch!« + +Der letzte Zusatz ist eine freie Erfindung des Sängers. Josi aber +schreit: »Hörst du' s, Vater -- hörst du's, Mutter, so geht es mir! -- +Ich lasse mich aber nicht einsperren!« + +In wildem Weh brüllt er es und rauft das Kirchhofgras, als wolle er +hinabflüchten zu den Toten. + +»Das alles haben der Presi und Binia über mich gebracht.« + +Schon sieht er, wie man ihn gefesselt durch das Dorf führt, auf der +Freitreppe steht der Bärenwirt mit einem Hohnlächeln. + +Da geht es ihm wie dem Fuchs, der vom Hunger gepeitscht, in die Falle +kriecht, von der er weiß, daß sie ihn verderben wird -- er flieht vom +Dorf zu Kaplan Johannes, den er doch haßt wie den Tod. + +Mit einem höllischen Lächeln gewährte der Letzköpfige dem Ausreißer +Schutz und Obdach in der Ruine. Den einzigen noch überdachten Raum +bewohnte der Einsiedler selbst. Da brach durch ein vergittertes Fenster +das Licht herein. Grad neben dem Viereck, das es auf den Boden +zeichnete, war das Lager des Schwarzen, ein Sack voll jener langen +Flechten, die wie riesige graue Bärte von den Aesten der alten +Lärchenbäume fluten, gegenüber der Thüre ein dreiteiliger Altar, den ein +Totenschädel schmückte, davor ein Betschemel. Und von der Decke hing +eine Ampel, in der ein Lichtfunke brannte. + +Sonst war das Gemach leer. + +Hinter ihm war ein zweites, ein niedriges Gewölbe, in das man nur +halbgebückt kriechen konnte, wohl, wie die rotgebrannten Steine vermuten +ließen, ein großer alter Ofenraum. + +In diesen Verschlag wies Johannes seinen Gast. Da war Josi vor jeder +Entdeckung sicher. Niemand wagte sich in die Zelle des unheimlichen +Kaplans; wenn je nach Wochen einmal ein Weiblein ins Schmelzwerk kam, um +ihn zu einer kranken Kuh zu holen, so pochte es draußen schüchtern an, +dann trat der Einsiedler heraus, gab ihr mit seiner Grabesstimme den +Segen und ging mit ihr. + +Er war gewiß ein unheimlicher Kauz, der Kaplan Johannes mit dem fahlen +Gesicht und den lodernden Augen. Vor seinem Altar sang er oft Lieder, +die stark weltlich klangen, sobald aber, das glaubte Josi zu bemerken, +Leute des Weges zogen, ging er mit wenigen Modulationen in einen frommen +Gesang über, wie man ihn am Altar der Dorfkirche hörte. + +Am Abend, wenn der Weg einsam war, sprach Johannes oft laut mit sich +selbst, schnitt Grimassen, verwarf die Arme, geriet in einen Taumel und +vergaß, daß Josi da war. + +»Die Mauer war hoch,« erzählte er klagend, »aber der Kastanienbaum war +höher. Johannes saß darunter und lernte. Er lernte Tag und Nacht. Einmal +aber im Herbst erzitterte der Kastanienbaum über seinem Haupt. Was +zitterst du? Da legte Johannes das Buch nieder und stieg auf den Baum. +Ein Ast ragte weit über die Mauer, vom Garten in einen Hof, der Ast +schwankte. Johannes schaute über die Mauer. Da sah er Graziella, die +Kastanien schüttelte. Sie hatte braune Arme und braune Augen und lachte +über den Klosterschüler. Eines Tages aber sagte sie: 'Wenn du mich lieb +hast, Johannes, steige nur vom Baum.' An der Mauer küßten sie sich. +Mehrmals. Als das Laub fiel, rüttelte Graziella wieder am Ast und lockte +-- die Falsche. Der Schüler kletterte am Kastanienbaum über die Mauer, +sie gab ihm einen Kuß, und dann warfen die Klosterbrüder ihn nieder -- +und dann« -- seine Stimme hob sich zu einem klagenden, wiehernden Geheul +-- »sie haben mich im Gefängnis mit kaltem Wasser begossen -- sie haben +sich vergriffen an mir, daß ich nicht mehr Johannes bin.« + +Er langte wie ein Wahnsinniger nach dem Kopf und hielt den Leib, als ob +er Schmerzen hätte. + +Josi graute es bei diesen Selbstgesprächen des Kaplans, schrecklicher +war es ihm aber, wenn Johannes ihn zu peinigen begann. + +Immer wieder kam er auf jenen Kuß zu sprechen, den er im Teufelsgarten +Binia gegeben. + +Ob er sie noch liebe? Ob er begehre, sie wieder zu küssen? Ob er sie +einmal nackend sehen wolle? Er könne ihm mit einem Alräunchen dazu +helfen. Er wisse, wo ein Alraun wachse, wie man die Wurzel ziehe und +schneide, daß daraus ein kleines wunderthätiges Männchen werde. + +Schamlos redete der Kaplan. + +Josi schoß dann das Blut in die Wangen und er preßte die Fäuste an die +Ohren -- o, es war schön gewesen hoch oben in der Einsamkeit des +Gebirges, das Gift dieses Elenden war entsetzlicher als sie. + +»Wann zündest du den Bären an? -- Du mußt es thun, solange keine Gäste +da sind, die Sünde wäre sonst zu groß. Heute ist eine so finstere Nacht, +willst du denen in St. Peter nicht etwas hell machen?« + +»Ihr seid ein Teufel, Johannes!« Da lachte der Kaplan widerwärtig: »Ich +glaube manchmal selbst, daß ich der Satan bin, aber dich habe ich lieb, +bleicher Knabe. Komm an mein Herz, Söhnchen!« + +Oft schien die Rede des Kaplans nicht nur Hohn, sondern als hange er mit +der ganzen Seele an Josi, denn gerade wenn ihr Vorrat am kleinsten war, +nötigte er ihn zu tapferem Essen und litt selber Hunger. + +»Im Sommer aber mußt du mir wieder Krystalle suchen, du mußt mein treuer +Sohn sein, du gehörst jetzt zu mir, nicht zu denen von St. Peter -- aber +-- aber -- Knabe, wenn du mich verraten würdest, ich tötete dich.« + +Er fuchtelte mit den Händen in der Luft herum und murmelte mit seiner +hohlen Stimme lateinische Verwünschungen. + +»Nur noch einmal die sonnige Vroni mit dem fliegenden Goldhaar sehen, +nur noch einmal sie mit ihrer Glockenstimme reden hören.« Müde und +traurig war Josi und ihn ekelte vor dem Kaplan. + +Aber er hatte den Mut nicht, zu Vroni zu gehen. + +Oft froren er und Johannes in der schlechtgeschützten Ruine. Der Wind, +der durch die Mauern blies, verjagte die Wärme des offenen Feuers, und +wahrscheinlich wäre Josi, der nie wie der Pfaffe in warme Bauernstuben +kam, vor Langeweile, Abscheu und Elend gestorben, hätte er nicht auf den +Rat des Kaplans, der darin Schätze vermutete, das alte Bergwerk zu +durchforschen angefangen. + +Die Entdeckungswanderungen gaben seinem Trübsinn eine Ableitung und die +Tiefen des Bergwerks schützten besser vor der Kälte als jedes Herdfeuer. + +Josi lächelte zwar zu den Hoffnungen des Kaplans, daß er Silbererz +finden werde, ungläubig, aber er wühlte sich mit großem Eifer durch das +Gewirre von Gängen, Gesenken, Stollen und Weitungen. Eine mühsame +Arbeit! Viele Gänge waren eingestürzt, in anderen tropfte das Wasser und +bildete kleine Teiche, die Luft war dumpf und feucht. Oft löschte ein +Tropfen seine Kerze aus, dann hatte er Arbeit genug, sich in Stunden +beklemmender Angst wieder durch die Finsternis ans Tageslicht zu tappen. +Wenn er wenigstens Erz gefunden hätte! Aber die Stollen waren wüst und +leer. Nein, endlich entdeckte er einen Schacht mit zuckerkörnigem +Bleiglanz, der nach den Ueberlieferungen von St. Peter am meisten +Silber enthielt. Ein alter Venediger hatte dabei seinen Schlegel und +sein Brecheisen stehen lassen. Damit machte er das Erz los und hatte +reiche Ernte. Er häufte den Reichtum für Kaplan Johannes, der wie er +selbst den Silbergehalt des Erzes weit überschätzte, und über dem +Tagewerk im Dunkel des Berges verfloß die Zeit. + +Als aber der Schnee zu schmelzen begann, der Frühling an den sonnigen +Berglehnen die ersten Blüten hervorlockte, war Josi so elend zu Mut, daß +der Gedanke, eines Tages aufgegriffen zu werden, alle Schrecken verlor. +Die Lust, auf die Berge zu steigen, war ihm vergangen. Er war wund am +Herzen und an den Füßen. + +Oft saß er im Teufelsgarten, kaum verborgen vor denen, die des Weges +gingen, ließ die Sonne auf den Rücken scheinen und horchte auf das +einförmige Klappern an den Weißen Brettern. + +Er dachte an seinen Vater, an das große Unglück, aber er hatte gegen +niemand einen Groll mehr, kaum gegen den Presi, ihm war alles +gleichgültig. + +Warum hatten ihn die Leute nicht in die Glotter springen lassen? + +Einmal schlief er an der warmen Sonne ein; da war ihm, er rieche +Veilchen, nein, eine Mücke krieche ihm durch den Flaum der Oberlippe, er +wollte die Hand erheben, aber sie sank ihm bleiern zurück. + +Schon eine Weile betrachtete Binia, die wie einst dem Vater +entgegengeritten war, den Schläfer. Zuerst mit mächtigem Erschrecken. +Auch sie hatte geglaubt, Josi sei tot. Aber der Sitzende, wenn er auch +bleich wie ein Toter war, atmete tief und ruhig. Wie namenlos arm war er +in seinen Lumpen und Fetzen, durch die der bloße Körper schimmerte. +Zwischen dem Filz der langen Haare floß das wässerige Blut offener +Wunden und die Frostbeulen an den bloßen Füßen schwärten. Sie schluchzte +vor Mitleid. Aber die Freude, daß sie den toten Josi lebendig fand, war +stärker als die Trauer über sein Elend. Als sie ein paar Läuse lustig +durch sein Haar spazieren sah, stutzte sie, dann kam mitten aus dem +tiefsten Mitleid der Schalk zum Durchbruch, sie strich ihm mit dem +Veilchensträußchen, das sie sich gesucht hatte, leicht unter der Nase +hin und lächelte, als seine Hand sich regte, aber wieder sank. + +Noch einmal wiederholte sie das Spiel. Da schoß er taumelnd auf. Er that +einen Schrei: »Binia!« Dann aber maß er sie mit einem finsteren, +verächtlichen Blick und wollte gehen. + +»Schau mich doch nicht so böse an, Josi,« bettelte sie mit feinem, +sanftem Stimmchen, indem sie bis in die dunklen Haare errötete und den +Blick wie eine Schuldige senkte. + +»Was willst du? Ich habe nichts mit dir zu thun,« erwiderte er mit +dunklem Groll. + +»O, ich freue mich, daß du noch am Leben bist, Josi, gewiß freue ich +mich.« + +Das tönte so lieb, so hingebend, daß er nun doch aufhorchte. Er erhob +sich und setzte sich in einiger Entfernung von Binia auf einen Stein. + +Zu nahe bei ihr wollte er nicht sein. Wie war sie schön geworden in den +paar Monaten, da er sie nicht gesehen! Wie ein Engel, dachte er. Die +Röte der Hagrose prangte duftig auf ihren Wangen, die großen, dunklen +Augen hatten die gleiche Lebhaftigkeit wie früher, und doch war noch +etwas hinzugekommen, was früher nicht darin war. Etwas Sanftes, etwas +unsäglich Liebes, Trauliches. Wie barmherzig sie ihn ansah. Sein letzter +Trotz zerschmolz wie Schnee an der Sonne. Und alles, was Kaplan Johannes +Häßliches gesagt hatte, war vor ihrer Reinheit und Schönheit aus seinem +Gedächtnis entschwunden. Aber er schämte sich wegen seines Aussehens, er +war ganz scheu. + +Sie fanden den ungezwungenen Ton von ehemals nicht wieder. »Wie groß ist +Josi geworden,« dachte Binia, »er ist ja beinahe ein junger Mann,« und +beide sahen sich verlegen an. + +»Wie geht es Vroni?« stotterte Josi. + +»Ihr geht es gut. Hast du sie nicht am Sonntag hier vorbeireiten sehen?« +fragte Binia. »Der Garde, die Gardin, Eusebi und Vroni sind zu einer +Taufe nach Hospel geritten. Sie trug die Tracht, das Hütchen mit den +langen Seidenbändern und ein buntes, seidenes Brusttuch, dazu Geschmeide +wie eine Bauerntochter. Wie unsäglich glücklich wird sie sein, wenn sie +hört, daß du lebst!« + +»Wie eine Bauerntochter,« dachte Josi. Er aber war arm wie jener +Lazarus, von dem einmal der Pfarrer gesprochen hatte. + +»Was sprechen die Leute von mir. -- Sagen sie, ich sei ein Halunke?« Er +lächelte bitter. + +Binia schwieg purpurrot. + +»O, sage es nur, ich weiß es schon -- aber weißt, wer mich dazu gemacht +hat?« + +Binia senkte den zierlichen Kopf. Nach einer langen Pause hauchte sie +kaum hörbar und in zitternder Scham: »Mein Vater.« + +»Ja, dein Vater!« bestätigte Josi vorwurfsvoll. + +Ihr stürzten die Thränen aus den Augen, mit einer raschen Wendung kniete +sie vor ihm. + +»O Josi! -- Josi! -- Ich weiß, daß ich an allem schuld bin. Aber -- o +Josi -- wenn du keinen Fetzen auf dem Leib hättest und noch zehnmal mehr +Läuse auf dem Kopf, ich liebte dich doch!« + +Ihre molligen kleinen Hände umspannten seine ausgemergelten Finger, sie +sah ihn so rührend demütig an und ihre Stimme bebte wie ein Glöckchen: +»Ich habe ohne Absicht über dich gelogen -- ich war so krank -- aber ich +will gewiß alles an dir gut machen, Josi!« + +Ihre Lippen berührten seine Hände, ihre Thränen liefen durch seine +Finger, er wollte reden, aber er schluchzte nur: »Bini -- Bini, wie lieb +bist du mit mir.« Der wunderbare erste Gruß aus einer Welt, die er +verloren hatte, ging über seine Kräfte. + +Da verzerrte sich Binias Gesicht: »Va --« + +Ein Peitschenhieb sauste durch die Luft -- das Blut strömte über die +Wangen Josis. + +Vor den beiden stand furchtbar der Presi. Sie hatten das Kommen seines +Wagens überhört, er hatte das Vorspanntier ohne Hüterin getroffen und +Binia gesucht. + +Einen Augenblick waltete die Ruhe grenzenloser Ueberraschung. + +Binia starrte entgeistert auf das blutüberströmte Haupt Josis. Da riß +sie der Presi hinweg. + + + + +X. + + +Was man in St. Peter erlebte! + +Vor einigen Tagen war es gewesen. Da hatte der Pfarrer, der zwischen Tag +und Nacht von Hospel kam, im Teufelsgarten ein unheimliches Stöhnen +gehört. Er war ihm als Diener des Herrn, der den Satan nicht zu fürchten +hat, nachgegangen und hatte Josi Blatter, den Rebellen, gefunden, den +man verhungert und erfroren glaubte. Er hatte Anzeige beim Garden, dem +Vormund des Burschen, gemacht, und dieser den schwerkranken, +blutrünstigen Jungen, der vor Entkräftung nicht mehr gehen konnte, mit +einem Wägelchen in seine Wohnung geholt. + +Und gestern war ein neues Ereignis gekommen. Der Presi hatte, ohne daß +er vorher mit einem Menschen davon gesprochen hätte, fast heimlich und +über Nacht Binia aus dem Dorf fortgeschafft. Wohin? -- Die Bärenwirtin +erzählte den Dörflern, die es hören wollten, sie sei in eine +Erziehungsanstalt verreist, wo sie die fremden Sprachen lerne, die man +im Verkehr mit den Sommerfrischlern brauche. + +»Es ist aber doch seltsam,« sagten die Leute, und sie ergingen sich in +allerlei Mutmaßungen, doch ohne die Ursache der plötzlichen Reise zu +ergründen. + +Und heute hatte der Gemeinderat einstimmig beschlossen, daß Kaplan +Johannes den Gemeindebann verlassen müsse, da er einem minderjährigen +jungen Menschen Unterschlauf gegeben und in der Auflehnung gegen die +Behörden unterstützt habe. + +Der Pfaffe schlug ein lautes Gejammer an und eilte in alle Häuser, wo er +auf Gehör rechnen konnte. »O, der meineidige Rebell. Wem als mir hat es +St. Peter zu danken, daß das Dorf noch steht. Ich schwöre es, er hat es +an allen vier Ecken anzünden wollen, nur mit den höchsten Formeln habe +ich ihm die Hände binden können. Aber wißt, wißt: Durch den Rebellen +Josi Blatter wird früher oder später ein Unglück, wie noch keines erlebt +worden ist, über das Glotterthal kommen. Ein Alraun hat es mir im +Spiegel gezeigt: Die Kirchhofkreuze hat man in St. Peter ausgerissen und +die ganze Gemeinde hat geschrieen: 'Laßt uns den Uebelthäter +erschlagen!' Und der Bären lag in Schutt und Asche.« + +Die Zähne der Weiber klapperten, doch die gruseligen Erzählungen +retteten den Kaplan nicht. Gerade die ruhigeren Bürger drangen darauf, +daß er jetzt mit fester Hand aus dem Thal vertrieben würde: »Er macht +das Dorf verrückt,« sagten sie, »denn die Weiber glauben ihm.« Der +Presi, der sich selber zürnte, daß er Johannes zu lange hatte gewähren +lassen, schickte kurzerhand ein paar Mann nach dem Schmelzwerk, die das +Gerümpel des Kaplans aus der Ruine warfen und sie so weit abbrachen, daß +sie sich nicht mehr zur bescheidensten Wohnstätte eignete. + +Dafür war besonders der Pfarrer dem Presi dankbar -- jetzt, in alten +Tagen, konnte er ungestört das Wort Gottes säen, der böse Feind, der +immer das Unkraut des Aberglaubens dazwischen gestreut hatte, war +vertrieben. Zum Dank dafür richtete der alte Priester, der es sonst für +klüger hielt, sich nicht unmittelbar in die Angelegenheit der Bauern zu +mischen, am Sonntag ein kräftiges Wort an seine Herde und bat darin, daß +man sich des wiedergefundenen Josi Blatter, der in aller Verirrung +nichts Böses gethan, in Liebe erbarme. + +Die einen hingen nun an Kaplan Johannes, die anderen am Pfarrer. + +Inzwischen genas Josi. + +Eines Tages spürte er das Gesicht Vronis über sich und er hatte einen +wunderschönen Traum: Er, Vroni, die Mutter und Binia saßen auf dem +Felsen über dem Haus, sie sangen: »Du armer Knabe, schlaf am Meere,« und +die goldenen Schwingen der Abendluft brachten ein leises Echo von den +Bergen zurück. Plötzlich aber fing es an zu regnen, die heiße Erde +kühlte sich, die Blumen erhoben die Häupter, die ganze Welt trank das +köstliche Naß. Der Regen kam aber nicht vom Himmel, es waren Thränen +Vronis! + +Ja, sie fielen auf seine Wange. Er erwachte, sah Vroni, lächelte, dann +fielen ihm die Augen müde wieder zu und er träumte weiter. + +Als ein wackerer Mann hatte sich der Garde des verlorenen Sohnes +erbarmt, der wiedergefunden war. Er schlachtete zwar kein Kalb zu seinen +Ehren, aber er beruhigte die Gardin, die über den unerwarteten +Familienzuwachs ungehalten war. + +»Hätte Fränzi zehn Kinder gehabt, ich glaube, du würdest mir alle zehn +an den Tisch bringen -- sind wir eigentlich das Waisenhaus von St. +Peter?« + +Sie war kein unbarmherziges, sondern ein zu Wohlthaten für andere +geneigtes Weib, das keinen Vorwurf der Härte auf sich kommen ließ, aber +Josi litt sie nicht wohl. Seit man ihn gereinigt und ihm das Haar +geschnitten hatte, war er in aller Verelendung, mit seinem blutroten +vernarbenden Riß über die Wange, der hübschere Bursche als Eusebi. Und +doch hätte sie auf der Welt nichts Lieberes gehabt als einen eigenen +schönen Sohn, als ein ganzes Haus voll schmucker Kinder, Knaben und +Mädchen. Heimlich neidete sie nicht nur alle Frauen, die hübsche Kinder +besaßen, sondern auch der Anblick fremder schöner Jugend bereitete ihr +Herzeleid. + +»Aber Frau, siehst du nicht, wie Eusebi wächst und erwacht? Nimm den +Segen nicht mit unchristlicher Rede von ihm. Ich habe eine Hoffnung, die +ist so groß, daß ich sie nicht verraten darf,« mahnte der Garde. + +»Thun wir nicht genug an Vroni?« fragte die Frau. + +»Was genug ist, weiß der Herrgott -- ich meine, bis er wieder ganz +gesund ist, bleibt der arme Bursche da.« + +Murrend fügte sich die stolze Garden. + +Vor dem Haus saß Josi auf dem Dengelstein, er sonnte die sich +kräftigenden Glieder und ein unsägliches Glück summte in seinem Kopf. +Der Garde hatte sehr ernst und väterlich mit ihm geredet. Alles hatte er +ihm bekennen müssen, was er das Jahr lang als Rebell erlebt hatte. Dann +hatte er ihm in die Hand versprochen, daß er sein Leben lang nie mehr +mit Kaplan Johannes verkehre und dem Presi nichts nachtragen wolle. + +»Nein -- nein,« versicherte Josi, er war ja überglücklich, daß er durch +den Streich des Presi wieder unter die rechten Menschen gekommen war. + +So viel war der grausame Hieb schon wert. + +Da schlarpte der letzköpfige Pfaffe heran und redete dem Burschen, der +in einem hübschen Kleid aus einem alten Sonntagsgewand des Garden +steckte, schmeichelnd zu: »Du liebes Söhnchen, komme mit mir -- bei +Fegunden baue ich eine Einsiedelei -- du bist es mir für den Winter +schuldig, daß du mir sommersüber Krystalle suchst. Im Herbst will ich +dich loslassen.« + +»Gebt Euch keine Mühe, Johannes, mit Euch bin ich fertig,« erwiderte +Josi, den Blick verachtungsvoll von seinem Peiniger wendend. + +Da wütete der Schwarze gräßlich: »O du räudiges Schaf -- du Lügner -- du +teuflischer Judas. -- Deinetwegen werde ich aus St. Peter vertrieben -- +Du Satansaas! -- du vom Teufel Gezeichneter -- du ekliger Dämon! -- ich +weiß es, du liebst den Balg des Presi noch, aber auf des Teufels +Großmutter reite ich, wenn ihr die Hände nacheinander streckt, zwischen +euch; meine weiße Seele werfe ich dafür hin, daß ihr nie zusammenkommt.« + +Josi lächelte über die Ohnmacht des Tobenden: »Thut, so wüst Ihr wollt, +ich glaube nicht an Eure schwarze Kunst.« + +Mit entsetzlichen Flüchen ging der Kaplan. Josi lächelte immer noch +verträumt in sich hinein. In die Schläfrigkeit der Genesung gaukelten +die lieblichsten Bilder: Binia und Vroni! -- Vroni und Binia! Es war +ihm, als habe die Begegnung mit Binia im Teufelsgarten allen seinen +Gedanken eine andere Richtung gegeben, sein Wesen mit Licht übergossen. + +Wie ein Engel war sie in den dunklen Kreis seines Elends getreten, er +schämte sich, daß er sie so viele Jahre in seinem Herzen nie anders als +die »Giftkröte« genannt hatte. Er sann allerlei schöne Namen aus für +sie. Glich sie nicht jenem leuchtenden Krystall, den man Tautropfen +nennt? + +»Tautröpfchen, Tautröpfchen, du liebes, wo bist du jetzt?« + +In seiner Brust brannte das Mitleid mit der, die seinetwegen aus dem +Thale hatte gehen müssen. + +Der Garde hatte ihn zwar eindringlich gemahnt, daß er sich jeden +Gedanken an Binia aus dem Kopf schlage, das sei überspanntes Zeug, aber +ihm klang es immer in den Ohren: »Wenn du keinen Fetzen auf dem Leib +hättest und noch zehnmal mehr Läuse auf dem Kopf -- o Josi -- ich liebte +dich doch.« Das rauschte wie Orgelton durch seine Sinne; wenn es auch +der Garde nicht ausdrücklich gewünscht hätte, so hätte er es schon um +Binia gethan: er sagte keinem Menschen, woher der häßliche rote Strich +auf seiner Wange kam. + +Dafür mußte er es freilich dulden, daß ihn jeder, der des Weges ging, +mit neugieriger Scheu betrachtete und die Leute von St. Peter es +einander zuraunten: »Seht, der Kaplan Johannes hat doch recht, der +Teufel hat den Rebellen gezeichnet, damit er ihn kennt, wenn er ihn +holen kann.« + +Die Geschichte machte dem Garden schwerer{7} als Josi selbst. Mit +gelassener Ruhe suchte er für den Burschen bei rechtschaffenen Leuten +einen neuen Dienst, erhielt aber überall ausweichenden Bescheid: »Ja, +als er zu Bälzi kam, hätten wir ihn auch genommen, aber jetzt --man weiß +nicht, was er in dem Jahr aufgelesen hat und einem ins Haus bringen +würde. Und hat er nicht St. Peter anzünden wollen?« + +Doch forderte wenigstens niemand mehr, daß man ihn ins Gefängnis werfe. +Den breiten, schwerfälligen Garden aber hielt das Dorf für einen +gutmütigen Narren. + +Der obdachlos gewordene Kaplan Johannes ging erst aus der Gemeinde, als +man ihn bei knappstem Futter einige Tage eingesperrt hatte. Sein +Abschied waren gräßliche Flüche auf den Presi: »Holt der Satan nicht +ihn,« schwor er mit rollenden Augen, »so holt er sein Kind.« + +Der Presi hatte aber genug Arbeit mit den Fremden, die wieder nach St. +Peter kamen und mit fröhlichem Lachen durch das Bergthal schweiften -- +Schweizer, Deutsche, Franzosen und -- der erste Engländer. Auf diesen +war er besonders stolz, erst die Engländer gaben seiner Meinung nach +einer Sommerfrische die Vornehmheit, die man sich wünschte. + +Ein Lord war nun freilich George Lemmy nicht, aber -- was fast +ebensoviel bedeutete -- ein Ingenieur der britischen Regierung in +Indien. + +Er war bergsteigermäßig gekleidet, trug Nagelschuhe, grünwollene +Strümpfe mit gewürfeltem Muster, graue Kniehosen, graue Jacke und grünen +Filz. Er war ein Dreißiger mit blondem, kurzgeschnittenem, zugespitztem +Bart, gelblichem, ausgemergeltem Gesicht, prachtvollen Zähnen, ein Mann +von beinahe schwächlichem Körperbau, aber von überraschender Energie des +grauen Auges und der Haltung. Er wußte immer genau, was er wollte, und +setzte es mit einer gewissen Schärfe durch. Und als der Presi die +wissenschaftlichen Apparate sah, die sich George{8} Lemmy nachführen +ließ, galt es ihm für ausgemacht, daß er ein Besonderer sei. + +»Nun, Herr Bärenwirt, hätte ich gern einen vertrauenswürdigen Mann oder +Burschen, der nicht ganz auf den Kopf gefallen ist, als Träger und +Begleiter.« Der Engländer sprach sein Deutsch gut, wenn auch mit stark +englischer Betonung. + +Der Presi stellte ihm den lustigen Thöni Grieg zur Verfügung. George +Lemmy pfiff eine Melodie vor sich her und maß den Burschen mit einem +scharfen Blick: »Well, ich will ihn prüfen!« Aber am dritten Tag kam er +wieder: »Ich mag Thöni nicht, er schwatzt mir zu viel, er ist +eingebildet wie ein Hahn und schwindelt, daß die ganze Geographie dieser +Gegend ins Wanken kommt.« + +Da machte der Presi ein langes Gesicht: Was verstand der frisch +angekommene Engländer von der Gegend? Er wagte einige Einwendungen, man +sei mit Thöni bis jetzt immer zufrieden gewesen, der Ingenieur aber +schlug seine Karten auf und erklärte dem Presi die Aufschneidereien +Thönis mit Heftigkeit. + +Der Presi stand und that so, als ob er auch etwas von den Karten +verstände, und seufzte verlegen. + +»Ich will mir selbst einen Mann suchen.« Damit klappte der Ingenieur die +Karten zusammen. Er hatte sich beim Presi in einen großen Respekt +gesetzt, Thöni aber, der sonst so aufgeblasene junge Herr, schlich herum +wie ein gezüchtigter Hund. Er wußte es schon, wie oft er die Fremden mit +den tollsten Angaben beschwindelt hatte. Jetzt war er an den Unrechten +geraten. Und der Presi sah's kommen: Sein erster Engländer fand in St. +Peter keinen, der mit ihm ging -- er reiste wieder ab. + +Nein, nach einer Stunde kehrte der Ingenieur zurück, pfiff vor sich her +und lachte befriedigt: »Ich habe ihn schon -- habe ihn schon« -- und +rief Josi Blatter, der etwas zögerte, vor dem Presi zu erscheinen, +lustig zu: »Komm, zeige dich, Boy!« + +»Teufel auch,« knirschte der Bärenwirt leis, und als er die rote Narbe +auf der Wange des Burschen sah, ging ihm doch ein Stich durch die Brust. + +»Josi, ist der Garde auch einverstanden, daß Ihr Bergführer werdet?« + +Josi war über zweierlei verwundert, über den freundlichen Ton, den der +Presi anschlug, und darüber, daß er ihn mit »Ihr« anredete. Er stotterte +es beinahe: »Ja, ich finde halt sonst nichts zu thun.« + +So war's! Mit schwerem Herzen hatte der Garde, als die Augen des Jungen +hoffnungsvoll aufflammten, eingewilligt, daß er mit dem Fremden gehe. +Nur aus bitterer Verlegenheit, nur weil sich niemand des Burschen +annehmen wollte, weil die Gardin stets über den ungebetenen Kostgänger +murrte, obgleich der kaum Wiedergenesene überall tüchtig zugriff, wo er +etwas zu thun sah. + +»Was denkt das Dorf? -- Wohl, er, er, der Garde, helfe mit am +Hudligwerden!« + +Als der Presi den Bescheid des Garden hörte, lächelte er sonderbar +befriedigt, aber Josis Gesicht verfinsterte sich, er erriet, was sein +Gegner dachte, und der Engländer mit den stechend klugen Augen merkte, +daß die beiden übers Kreuz standen. Lustig sagte er: »Bitte, besorgen +Sie meinem Boy ein Nest, er kann, wo er bis jetzt gewohnt hat, nicht +bleiben. Haben Sie im Bären einen Schlupf für ihn?« + +Das war nun dem Presi doch zu viel. Er ging zu den armen Leuten, die in +Josis Vaterhaus wohnten, und mietete dort für den Burschen das +Dachkämmerchen, in dem er zu Lebzeiten seiner Eltern geschlafen hatte. +Ein saurer Gang, aber der Presi wollte es mit dem Garden, der das +Häuschen und den Acker verwaltete, nicht ganz verderben und der grollte +ihm wegen Josi schwer. + +Als er zurückkam, meinte Thöni eifersüchtig: »Ihr werdet es doch nicht +zugeben, daß der Rebell Führer wird!« + +Da schnauzte ihn der Presi an: »Ich glaube, daß der eher auf einen +grünen Zweig kommt als du.« + +Thöni hatte seine Schwächen. Das wußten nicht nur der Bärenwirt und +seine Frau, sondern bald auch die Gäste. Die Damen, die in der +Sommerfrische waren, trieben häufig ihren heimlichen Ulk mit dem +fröhlichen Jungen, indem sie seine kleinstädtische Galanterie +herausforderten und dann mit ihrem Spott über ihn fielen. + +Das brachte den Wirtsleuten manchen stillen Aerger und oft donnerte der +Presi: »Herrgott, Thöni, so ziehe doch einmal die Bubenschuhe aus. Du +bist ja der Narr aller.« + +Dann stellte sich der schöne Thöni einige Tage beinahe hochmütig gegen +die Fremden, aber er erlag ihren Schelmereien immer wieder. + +Jetzt merkte er erst, wie wild der Presi über seinen Mißerfolg bei dem +Engländer war, und nachdem er zuerst mit dem größten Hohn auf Josi +Blatter gesehen, haßte er ihn. Eines nur ließ ihn den Engländer leicht +verschmerzen, die Lasten, die er dem Rebellen zu tragen aufbürdete! + +Jeden Morgen erwartete Josi seinen Ingenieur und schleppte ihm die +Instrumente, insbesondere den photographischen Apparat, nach. George +Lemmy photographierte, indem er dazu fortwährend pfiff, Berge, Häuser, +Bäume, Viehgruppen, spielende Kinder. Selten aber sprach er ein +überflüssiges oder gar ein freundliches Wort zu seinem Gehilfen, doch +gab es in seinem Verkehr so viel Neues zu sehen, daß Josi das Leben +überaus kurzweilig erschien. Er lernte die Instrumente handhaben und die +Furcht, sein Herr würde ihn eines Tages entlassen, verschwand vor dem +beglückenden Gefühl, daß er ihm nützlich sei. + +Freilich, hart genug ließ es ihm der Ingenieur werden, doch just, wenn +er mit den letzten Kräften noch aushielt, indem er an die guten Vorsätze +dachte, die er in der Einsamkeit seines Rebellentums gefaßt hatte, +lächelte sein Herr: »Boy, ich glaube, wir arbeiten gut zusammen.« + +George Lemmy war einer von denen, die mit sich selbst und anderen erst +zufrieden sind, wenn sie von der Mühe des Tages am Abend +zusammenbrechen. + +Eines Tages drohten ihm die von St. Peter, sie würden ihm die +Bildermaschine zusammenschlagen, wenn er sie und ihre Häuser damit nicht +unbehelligt ließe; nun war er wütend über die »Pfahlbauern«, wie er sie +nannte, und sein Zorn wuchs noch, als der Presi, der »Oberpfahlbauer«, +erklärte, er könne ihn nicht schützen, man müsse die von St. Peter +nehmen, wie sie seien. + +Abreisen! -- Allein George Lemmy war verliebt in das Glotterthal und +wandte nun seine Aufmerksamkeit den heligen Wassern zu. Ihretwegen war +er ja eigentlich ins Thal gewandert. + +Er war von Bräggen im Oberland nach Hospel gekommen und hatte dort +zufällig ein überraschendes Volksbild erlebt. Ein Ausrufer gab unter +Trommelschlag den Leuten, die aus der Kirche strömten, bekannt, daß die +Versteigerung eines »Baches« stattfinde. Neugierig schaute er zu, wie +sich die Bauern in ihren halbleinenen Hosen und roten Westen sammelten, +wie die Frauen, Mädchen und Buben sich in ihren malerischen Trachten an +die blumenumsponnene Kirchhofmauer lehnten, auf der Straße der +Präsident, der Garde und der Schreiber von Hospel Stellung nahmen und +einen von den hundert Fäden, in die sich die heligen Wasser beim Flecken +teilen, für den Sommer versteigerten. Sie schlugen ihn dem +Meistbietenden zu, der damit das Recht erlangte, den Faden Woche um +Woche während drei Tagen zu benutzen. Jedes Angebot malte der Schreiber +mit großen Zahlen an ein Scheunenthor, damit jedermann ein klares Bild +vom Gang der Steigerung erhalte, und aus dem Eifer, mit dem die Bauern +boten, spürte der Ingenieur, wie wichtig ihnen der Besitz des Wassers +sei. Bei der Gasttafel sprach er mit dem Kreuzwirt darüber: »Warum +versteigert man das Wasser nur für die ersten Tage der Woche?« -- »Nach +einem alten Gesetz gehört es Donnerstag, Freitag und Samstag jedermann, +also den Armen.« Und sie redeten von den heligen Wassern so lange, bis +den Ingenieur eine große Neugierde dafür gefaßt hatte. + +Jetzt studierte er sie. Er maß und photographierte ihren Einlaß am +Gletscher, folgte den Känneln, bestimmte an vielen Stellen zwischen St. +Peter und Hospel die Wärme des Wassers, merkte sich die Gefälle, die +Wassermengen, die durchflossen, verpfropfte zahlreiche Wasserproben und +zeichnete draußen in den Reben von Hospel die geeichten eisernen +Schaufeln und Scheiben, mit denen die Winzer die Verteilung des Wassers +besorgen. + +Josi verstand nicht alles und sah den Zweck nicht für alles ein, was der +Ingenieur that, aber er spitzte die Ohren und hörte es gerne, wenn +George Lemmy über die heligen Wasser sprach. + +Der Engländer forschte nach hundert kleinen Dingen, und wenn ihn die +anderen Gäste foppend fragten, ob er denn nicht mehr von der großen +Klapperschlange loskomme, antwortete er lachend: »Lassen Sie mich. Sie +ist ein merkwürdiges Stück Bauerngenie, ein Riesenlaboratorium der +Natur. Hier meine chemischen Ergebnisse: Die Leitung führt in ihren +Wassern jede Woche hundert Zentner Schlamm, darunter zehn Pfund reine +Phosphorsäure, sieben Pfund Kali und hundertfünfzehn Pfund Bittererde. +Stattliche Düngerfabrik, was? Und der analytischen Wertung entspricht +die praktische Erfahrung. Drüben am Hochpaß haben Sie die +Wässerwasserfuhre der Lissa. Als vor zwanzig Jahren ein Erdbeben sie auf +weite Strecken zerstörte, konnte, wie amtlich belegt ist, die +Berggemeinde Zuenzirbeln bald nur noch fünfzig Stück Vieh erhalten, +während vorher zweihundert reichliche Weide auf ihrem Gebiet gefunden. +So giebt es genug Nachweise, daß die sonnenwarmen Gletscherwasser den +Ertrag des Bodens verdrei- und verfünffachen. Lassen Sie also die +Heligen ruhig klappern -- ich erwäge sogar ernsthaft, ob ich der +britischen Regierung nicht vorschlagen will, daß sie vom Himalaja +herunter in benachbarte Distrikte Indiens ähnliche Leitungen baue.« + +Wörter, die Josi nie zuvor gehört, schwirrten ihm im Verkehr mit dem +Ingenieur um den Kopf und die heligen Wasser schienen ihm, seit sich +George Lemmy damit beschäftigte, selber viel wunderbarer als je zuvor. + +Eines Tages schritt er mit George Lemmy den schwindligen Weg über die +Kännel an den Weißen Brettern, und mit Staunen sahen Einheimische und +Fremde die beiden Akrobaten an den schimmernden Wänden. + +Josi war es ein unvergeßlicher Tag. Als er an der Stelle stand, wo sein +Vater gestürzt war, pochte sein Herz in der Brust, und als sie in der +Mitte des schrecklichen Pfades, das in leichten Dunst getauchte Thal +tief unter sich, eine Viertelstunde ruhten, da ging ihm der Mund über +und er erzählte dem Ingenieur das Leiden und Sterben des Vaters. + +George Lemmy sagte auffallend wenig dazu, er war und blieb der trockene +Engländer. Aber Josi fühlte doch seinen Blick der Teilnahme. Erst als +sie aufstanden, meinte Lemmy fast scherzhaft: »Josi, neunzehnjähriger +Boy, werde Ingenieur und führe die Leitung sicher durch die Felsen. Es +giebt jetzt in unserer Wissenschaft Mittel genug, daß man auch diese +Schlange zähmt. Nicht wahr, das wäre ein Streich für die Pfahlbauer von +St. Peter, wenn es keine Wasserfron mehr gäbe.« + +Ein jähes Feuer flammte aus den Augen Josis. + +Er schwieg, aber vor Erregung konnte er auf der zweiten Hälfte des +schmalen Weges fast nicht gehen. + +Als sie am Abend ins Dorf zurückkamen, schlang Vroni die Arme um den +Bruder: »O, was die Leute sagen! Weil du unnötig über die Kännel an den +Weißen Brettern gegangen bist, so habest du für die nächste +Wassertröstung das Los auf dich gezogen.« + +Da lächelte Josi kühl geheimnisvoll: »Die Leute sagen, wenn der Tag lang +ist, viele Thorheiten -- aber ich glaube selbst, daß ich einmal wie +unser Vater selig an die Weißen Bretter steigen muß.« + +Vroni sah ihn erbebend an: »Josi, du bist früher ein so artiger lieber +Bub gewesen, und jetzt bist du ein so Besonderer worden, so ein +Geheimnisvoller, daß es mir bald wie den anderen Leuten geht, daß ich +dich zu scheuen und zu fürchten anfange.« + +»Sei nicht so närrisch, Vroneli,« schmeichelte Josi und blickte zufällig +nach den Firnen der Krone. + +»Am Ende gehst auch noch dort hinauf, wo die armen Seelen hausen! Josi! +Versprich es mir, daß du es nicht thust. Denke an den seligen Vater, +denke an die selige Mutter!« + +Je inniger das Mädchen flehte, um so finsterer zog der Bruder das +Gesicht: »Alle Tage denke ich an sie, aber wenn George Lemmy es wünscht, +so gehe ich mit ihm auch auf die Krone. In jedem folge ich ihm.« + +»Dann stürzest du dich ins Unglück,« jammerte das Mädchen. Josi aber +schritt mit einem nachdenklichen Lächeln in sein Nachtquartier. + +»Was man doch um einen so lieben Bruder für Kummer hat!« Vronis schöne +blaue Augen wurden trüb. Als indessen der Anteil des fremden Ingenieurs +auch stark für die Sagen erwachte, die um die heligen Wasser gingen, und +ihn Josi, der im Erzählen nicht besonders gewandt war, zu ihr führte, +da hatte sie ihre helle Freude an dem aufmerksamen Zuhörer. + +Bei Vroni saß der Fremde an der vollen Quelle. Dem Bruder zuliebe +besiegte sie die Scheu vor ihm, und dem Ingenieur gefiel das blonde +schöne Mädchen, das seine Geschichten in der vollklingenden alten +Sprache des Thales erzählte, ausnehmend gut. + +Er behandelte es mit Auszeichnung. »Ein Brigante wie du bist, hat so ein +Edelweiß zur Schwester!« scherzte er zu Josi. + +»Und also fügt es Brauch und Gesetz,« erzählte sie mit errötenden +Wangen, die Hände über das Knie geschlagen, »wenn ein Jungknabe ein +Mädchen lieb hat und will mit ihm ein eigenes Feuer machen, so mag er +sich beim Garden melden, daß er ihm einen Sommer lang in der Bestellung +der heligen Wasser zudiene und in der Wasserpflicht erfahren in den +Stand des Hausvaters trete. + +»Wenn ein Jungknabe, der Knechtlein oder sonst geringen Standes ist, ein +Mädchen liebt und es vom Vater nicht erlangen kann, mag er die Liebe dem +Garden darlegen und glaubhaft darthun, daß die Jungfrau einer Seele mit +ihm sei, und legt er vor dem Garden und der Gemeinde das Gelübde ab, daß +er beim nächsten Leitungsbruch an die Weißen Bretter steige, so soll der +Gemeinderat Freiwerber für ihn werden. Will aber der Vater des Mädchens +nicht einwilligen, so sollen die Nachtbuben und wer will unstrafbar den +Lauf haben, ihn und sein Haus zu verhöhnen und dem Werber zu helfen, bis +der Vater die Jungfrau dem Jungknaben giebt.« + +Josi brannte das Gesicht, unruhig vor innerer Bewegung hörte er zu, +obgleich er die Satzungen schon kannte. + +Vroni sah es wohl. »Wegen Binia,« dachte sie. + +Die Freude des Ingenieurs an Josi wuchs und er befreundete sich auch mit +dem Garden. + +Eines Tages erfuhren die Geschwister aus dem Gespräch der beiden, wer +George Lemmy eigentlich sei. Er habe zuerst, erzählte er, an einer +Hochschule in England, dann zwei Jahre in der deutschen Schweiz studiert +und auf sommerlichen Exkursionen die Bergwelt lieb gewonnen. Später sei +er nach Indien gegangen, wo schon sein Vater Kolonialbeamter gewesen, +und dort baue er im Auftrag der Regierung Straßen und Eisenbahnen. Das +Klima sei aber unzuträglich, und nachdem er fünf Jahre in dem heißen +Land gearbeitet habe, sei er genötigt gewesen, längeren Urlaub zu +nehmen. Den Sommer verbringe er jetzt im Gebirge, doch nicht bloß, um +die Schönheiten des Landes zu genießen, sondern auch um einen oder zwei +tüchtige Bergführer anzuwerben. Er brauche die Leute als Pioniere beim +Bau von Straßen, die man bedürfe, um die kleinen wilden Gebirgsvölker, +welche die indische Nordgrenze unsicher machen, besser bekämpfen zu +können. Ein Führer, den er von früher her kenne, sei schon geworben, +Felix Indergand zu Bräggen, und im Herbst wollen sie gemeinsam nach +Indien reisen. + +»Felix Indergand kenne ich von manchem Markt, das ist ein +rechtschaffener und einsichtiger Mann,« sagte der Garde. »Da habt Ihr +einen Tüchtigen geworben.« + +»Und wenn ich nun auch den zweiten hätte,« antwortete Lemmy. + +Josi taumelten die Sinne, Tag und Nacht dachte er nichts anderes, als ob +wohl George Lemmy nicht ihn einladen würde, mit ihm nach Indien zu +gehen. Was würde er dann thun? Ein freudiges »Ja!« würde er ihm +zujubeln. St. Peter war für ihn doch kein Boden mehr und kein Glück. Was +sollte er im Dorf beginnen, wenn der Ingenieur wieder abgereist war? + +Vroni ahnte die Pläne des Bruders. Als Josi eines Tages freudvoll zu ihr +gestürmt kam, fragte sie erschreckt: »Hat dich Lemmy nach Indien +angeworben, daß du so rote Wangen hast?« + +»Nein,« erzählte er hastig, »aber weißt du, wo Binia ist, ich weiß es! +Der Knecht des Fenkenälplers war mit einer Viehherde im Welschland. Da +hat er sie gesehen, wie sie mitten unter Klosterschülerinnen ging. Das +Kloster heißt Santa Maria del Lago und liegt an einem schönen See. +Denke, er hat mit ihr geredet, aber es war eine Nonne dabei -- Bini läßt +dich und mich grüßen!« + +Josis Augen strahlten, der Gruß war für ihn eine Welt voll Sonne. + +Nun hoffte Vroni, der Gedanke an Binia werde Josi in St. Peter +zurückhalten, aber -- blieb er, so stieg er wohl bei der nächsten besten +Gelegenheit für Binia an die Weißen Bretter und fiel wie der Vater zu +Tode. + +Die Kunde, daß Binia im Kloster Santa Maria del Lago jenseits des +Hochpasses sei, erregte im Dorf große Verwunderung, namentlich als man +von Hospel aus erfuhr, die besondere Thätigkeit der Nonnen der frommen +Anstalt sei die Besserung solcher Mädchen aus wohlhabenden Familien, die +sich irgend einen leichtsinnigen Streich hatten zu schulden kommen +lassen oder auf deren Lebenswandel ein Makel lag. Fast mit Schaudern +sprach man von den grausamen Mitteln, welche die frommen Damen +anwenden, um ihre wilden Zöglinge zu zähmen, die Dunkelzelle, das +genagelte Scheit, auf das die Sünderinnen so und so viel Stunden knieen +müßten, den Hunger, das Nichtschlafenlassen, das Bespritzen mit kaltem +Wasser. + +Um so mehr erregte der Aufenthalt Binias an diesem Ort Aufsehen in St. +Peter. »Was hat sie verbrochen?« -- Darüber grübelte man, und dann löste +die alte Susi in Tremis den erstaunten Dörflern den Knoten: »Binia und +Josi Blatter haben vom Kaplan Johannes den bösen Segen empfangen, daß +sie nicht voneinander lassen können. Jetzt wird sie im Kloster enthext.« + +Da man nichts Besseres wußte, so glaubte man der Erzählung der Alten. Um +so mehr, als der Kaplan, der von seinem Fuchsbau an der Berghalde von +Fegunden aus immer etwa heimlich nach St. Peter kam, die Thatsache nicht +in Abrede stellte, sondern nur geheimnisvoll lächelte und die lodernden +Augen vielsagend spielen ließ. + +Nun sah man den Rebellen, der auf einer Wange das Zeichen des Teufels +trug, erst recht mit scheelen Blicken an. + +Dem Presi lag es schief, daß der Aufenthalt Binias bekannt geworden war, +ein Schatten fiel damit auf die Hausehre, obgleich es um das Kloster +nicht so schlimm stand, wie die Dörfler erzählten. Wäre er nur den +Warnungen des Kreuzwirtes in Hospel gefolgt! Von Anfang Sommer bis jetzt +war in quälender Gleichförmigkeit die Frage: »Wo ist denn Ihre alpige +Rose, Ihr Herzensmädchen?« Tage um Tage, Stunde um Stunde wiedergekehrt. +Dazu Ausdrücke des Bedauerns, die man nur mit Lügen beantworten konnte. +Und ihm selbst fehlte sie, die zärtliche Maus, das Vögelchen mit den +dunklen Augen, in denen eine so wunderliche Welt schimmerte. Die +Berichte der Priorin von Santa Maria del Lago über Binia lauteten auch +nicht sonderlich. Sie bete alle Tage zwei Stunden mit einer Schwester +für ihre Besserung, aber das Kind sei klug wie eine Schlange, so weit es +ohne Strafe durchschlüpfen könne, sei es immer bereit, sich über die +Nonnen lustig zu machen. Und im Hintergrund der Briefe versteckt sah der +Presi einen frommen Drachen, der auf eine Novize lauerte wie der Teufel +auf eine Seele. + +Nein -- nein, siebenmal nein! Keine Braut des Himmels wollte er, nein, +er selber wollte sich freuen an seinem lieben Vogel, an dem zärtlichen +Kind. + +Eher als den Nonnen gäbe er sie Josi Blatter, dem Rebellen. + +Aus Empörung über die sonderbare Liebeserklärung, deren Zeuge er im +Teufelsgarten gewesen war, hatte er Binia in der Meinung fortgeschafft, +daß sie das siebzehnjährige Köpfchen schon breche, wenn sie den +furchtbaren Ernst seines Willens sehe. Das war wohl nötig, denn Binia +und Josi Blatter kamen jetzt in das Alter, wo der Ernst des Lebens +beginnt. + +Dieser verfluchte Rebell! Er, den man schon tot gesagt hatte, lebte so +gesund. Jeder andere wäre in dem furchtbaren Jahr der Einsamkeit zu +Grunde gegangen, aber gerade er nicht, sondern er ging jetzt so +tröstlich mit seinem Engländer, als hätte er nie etwas anderes gethan. +Und merkwürdig, dachte der Presi, von dem Peitschenhieb, den er auf +seine Wange geführt, weiß im Dorf kein Mensch ein Wort. Der Bursche +schwieg auf alle Fragen, woher die Narbe komme, wie das Grab, und +ertrug es mit lachendem Mund, wenn die Leute sagten, der Hinkende habe +einen Hufstreich in sein Gesicht geführt. + +Dieses Benehmen verwirrte den Presi. Ihm war manchmal, er müsse Händel +mit dem Burschen anfangen, der schlank und gerade wie ein Bolz +heranwuchs, das Nächstliegende mit klugem Auge erfaßte, seine +Tagesarbeit mit zäher Ausdauer that und sich sonst nicht um die Welt +scherte. Den könnte man, dachte er, töten und begraben, am Morgen aber +stände er wieder da in blühender Lebendigkeit und schaute, wenig redend, +doch alles überlegend, mit seinem gescheiten Gesicht um sich. + +Ausnehmend gut gefiel Josi der Frau Cresenz. »Merkt Ihr nicht, +Präsident, daß das einer ist, der einmal euch allen in St. Peter über +den Kopf wächst? Ich würde den alten Span, an dem nichts ist, ruhen +lassen und zöge den Vorteil gegen mich. Stellt Josi Blatter als Führer +ein, wir machen Staat mit ihm.« + +»So, Präsidentin!« donnerte darauf der Bärenwirt, »dürfen mir die Gäste +nicht mehr selber sagen, was sie für thörichte Wünsche aushecken -- müßt +Ihr ihnen als Fürsprecher dienen? Gott's Wetter, da wird kein Heu dürr. +Wo habt Ihr den Verstand?« + +Eines Tages aber entstand in St. Peter ein großer Auflauf von +Einheimischen und Fremden. Auf der Spitze der Krone sah man zwei +schwarze Punkte -- zwei Bergsteiger! »Der Engländer und der Rebell,« +rieten die Leute gleich, »es sind gewiß keine anderen.« Was im Thal an +Fernrohren aufzutreiben war, richtete sich auf den in erhabener +Einsamkeit schwebenden Gipfel des reinen Firns. Seit vor fünfunddreißig +Jahren jener Naturforscher ins Thal gekommen und von der Krone über die +Schneelücke nach St. Peter niedergestiegen war, hatte niemand mehr die +wunderbare Spitze betreten. Von den Schleiern der Armenseelensage +geheiligt schien sie den Menschen nichts weiter zu sein als ein +göttlicher Altar des Lichtes, auf dem der Morgen und der Abend ihre +Fackeln anzündeten, die Sterne in bleicher Mitternacht ruhten und arme +Seelen sich büßend auf die Freuden des Paradieses vorbereiteten. + +Jetzt war der Bann gebrochen. Die Fremden jubelten, sie schwangen den +Kühnen zum Gruß mächtige Tücher und sahen durch die Ferngläser, wie die +zwei Männchen auf der Spitze die Grüße erwiderten. »Ein patenter +Bursche, dieser Boy des Ingenieurs!« widerhallte es im Bären. + +Die Frauen von St. Peter aber jammerten und die Männer tobten: »Jetzt +ziehen die armen Seelen aus, das Dorf muß untergehen, wäre doch der +Rebell im letzten Winter erfroren, der bringt Unglück über das ganze +Thal.« + +Die furchtbare Erregung wuchs, einzelne, die meinten, die Strafe des +Himmels breche sofort herein, rüsteten ihre Siebensachen zum Auszug, +andere stürmten zur Kirche: »Läutet die heiligen Glocken, damit die +armen Seelen bleiben.« + +Der Pfarrer, der nicht an die Abgeschiedenen im Eise glaubte, erhob +Einsprache -- umsonst -- die Glockenklänge rauschten durchs Thal und +vermehrten die Verwirrung. + +»Haben die von St. Peter schon wieder einen Heiligen zu verehren, den +niemand kennt als sie?« + +So fragten die Fremden verwundert, der Presi und Frau Cresenz aber gaben +ausweichenden Bescheid. + +Vroni weinte herzlich: »Nun ist er doch gegangen!« + +Als die beiden Bergsteiger in der Abenddämmerung todmüde, aber mit +erhobenen Häuptern in das Dorf schritten, da ballten sich die Fäuste und +die Zurufe der erzürnten Dörfler schwirrten an Josis Ohr: »Du +Teufelshund -- wärst du doch im letzten Winter beim Kaplan verreckt!« + +Und hinter den Häuserecken hervor flogen die Steine um die Köpfe der +beiden. + +Der Presi und der Garde gingen ihnen entgegen, beruhigten die +schimpfenden Aelpler und Bauern, und ihrem Ansehen gelang es, die +Tollkühnen, ohne daß sich die von St. Peter an ihnen vergriffen, in den +Bären zu führen. + +Da bereiteten die Gäste, die eben an der Tafel saßen, den Bergsteigern +einen begeisterten Empfang -- besonders Josi. + +George Lemmy nahm den Vorfall von der fröhlichsten Seite, mit dem Humor +seiner Rase fand er, es sei merk- und denkwürdig, ein solches Abenteuer +erlebt zu haben. + +»Bub! -- Unglücksbub! -- was hast du angestellt? -- du bist ja deines +Lebens nicht mehr sicher im Dorf, komm morgen zu mir, wir wollen +beraten, was zu thun ist,« knurrte der Garde und ging, nachdem er noch +mit dem Presi abgeredet hatte, daß Josi zur größeren Sicherheit im Bären +schlafe, mit tiefbekümmertem Gesicht. + +Seine Worte klangen Josi, obgleich ihn die Kletterei fast zu Tode +erschöpft, die ganze Nacht in den Ohren wie die Posaunen des Gerichts. + +»Vater -- Mutter,« jammerte er in sich hinein, »was habe ich thun +können, als mit meinem Herrn gehen.« Mit zerschlagenen Gliedern und +matten Sinnen erschien er am Morgen vor dem Ingenieur. + +»Ich komme mit dir zum Garden!« lachte der gutgelaunt. + +Der Presi sah, auf der Freitreppe stehend, den beiden nach. Er wollte +sich wegen der kühnen Bergbesteigung in einen großen Zorn auf Josi +Blatter hineinreden, aber es gelang ihm nicht, der Mut des Burschen +zwang ihn zu heimlicher Hochachtung vor ihm und er dachte an das Wort +der Frau Cresenz: »Das ist einer, der euch allen in St. Peter über den +Kopf wächst,« er dachte an Binia -- und seufzte. + +Am Nachmittag kam der Garde in den Bären und saß mit dem Presi lange im +oberen Stübchen. + +»Ich habe mit dem Pfarrer geredet,« berichtete der Garde, »er will die +Leute, indem er von Haus zu Haus geht, zur Ruhe mahnen und am Sonntag +einen Spruch, daß der Glaube an die armen Seelen im Eis eine wahrer +Frömmigkeit widersprechende Thorheit sei, in die Predigt flechten. Ich +aber mache mir eine Todsünde daraus, daß ich Josi mit dem Ingenieur habe +gehen lassen.« + +»Er ist ein Satan, der Rebell,« lachte der Presi, »ich fürchte, er ist +bald nicht mehr zu bändigen -- das kommt, weil Ihr ihn immer beschützt.« + +»O, ich habe ihm heute vor dem Ingenieur das Kapitel verlesen wie noch +nie, aber nicht mit gutem Gewissen, Ihr und ich, wir sind verantwortlich +für ihn und sein Thun. -- Ihr von lange her -- ich, seit ich ihm +gestattet habe, daß er mit George Lemmy gehe. -- Im übrigen giebt es +eine Aenderung im Leben Josi Blatters -- ladet auf den nächsten +passenden Tag den Gemeinderat ein. -- George Lemmy, der Ingenieur, will +ihn mit nach Indien nehmen. Wie ich den Burschen so recht in die Zange +gefaßt habe, hat mich der Engländer lachend unterbrochen: 'Unnötige +Mühe!' eine Lobrede auf Josi gehalten und bestimmt erklärt: 'Ich nehme +ihn mit mir!'« + +»Nach Indien!« Der Presi schoß auf. Hundert Gedanken kreuzten sich in +seinem Kopf, am vernehmlichsten der: »Endlich von einem Alpdruck +erlöst!« + +Er beruhigte sich aber und sagte: »Das will doch erwogen sein!« + +»Lemmy hat mir versprochen, daß er einen rechtschaffenen Mann aus ihm +mache -- einen Ingenieur, so weit es Josis geringe Schulbildung erlaubt +-- und, ich weiß nicht warum, ich habe ein seltsames Zutrauen zu dem +Manne. Ich reise übrigens morgen eigens nach Bräggen, um mit Felix +Indergand zu reden, der auch mit Lemmy über das große Wasser geht. +Schlaflos legt mich die Geschichte, aber nach allem, was geschehen ist, +kann Josi nicht in St. Peter bleiben.« + +»Das stimmt, das stimmt!« erwiderte der Presi kühl, »es ist ein +verdammter Streich, den uns die beiden gespielt haben. Im übrigen, wie +sind die Bedingungen? Muß die Gemeinde etwas für ihn zahlen?« + +»Nichts! Es ist freie Hin- und Rückfahrt verabredet, Josi muß wenigstens +drei Jahre bleiben und wird von Lemmy gehalten wie jeder andere, der +unter seiner Führung steht.« -- + +»So -- sonst hätte ich vielleicht einen Beitrag dran gethan!« -- + +Der Garde sah ihn mit einem Blick an, der ungefähr sagte: »So steht es +also um dein Gewissen, Presi!« + +Als er gegangen war, schritt der Presi schwer auf und ab: »Heimkommen, +Binia! -- Die Luft ist rein. -- Seppi Blatter, wir wollen dafür sorgen, +daß dein Spiel verloren ist!« -- Dann stutzte er: »Dieser Josi Blatter +-- der stirbt in Indien nicht. -- Der kommt eines Tages wieder heim -- +und dann ist die Not um Binia größer als jetzt. -- Das Kind muß jung +heiraten.« + +Nicht lange, und die Nachricht, daß Josi mit seinem Engländer in ein +fernes Land gehe, flog durchs Dorf. Man kränkte sich sonst in St. Peter, +wenn, was bei Jahrzehnten nicht vorkam, ein junger Bürger in die Fremde +zog. Nach der Meinung der Dörfler war es doch nirgends auf der Welt so +schön, lebte es sich so gut wie zu St. Peter. Und man betrachtete jeden +als einen Verlorenen, der sich außer Landes begab. Josi Blatter, den +Rebellen, aber ließ man gern ziehen. Die Kunde von seiner bevorstehenden +Abreise beruhigte die Leute, und die Gäste des Bären, die genußfreudige, +vom schlichten frommen Sinn der Dörfler durch eine Welt anderer +Anschauungen geschiedene Gesellschaft falterte unangefochten wie sonst +durch Dorf und Feld, auf dem bereits die Herbstblumen zu blühen +begannen. + +Von dem Sturm, der bei der ersten Besteigung der Krone das eingeborene +St. Peter bewegt hatte, hatten sie kaum Kenntnis erlangt. + +Aus dem großen Thal kamen ein paar junge Bergsteiger, die von der +überraschenden Besteigung der Krone gehört hatten, und wollten sie mit +Josi Blatter wiederholen. Er aber wies sie ab. + +Thöni indessen, der an dem Tag, wo die beiden den Gipfel der Krone +erstiegen hatten, in Hospel gewesen war und nach seiner Rückkehr mehr +vom Ruhm der Gäste als von der drohenden Haltung der Bauern reden gehört +hatte, wurmte die Eifersucht auf den Rebellen bis ins Mark. + +Er ließ sich heimlich von den jungen Steigern als Führer mieten. Als ob +er mit den Ehrgeizigen nur einen größeren Spaziergang auf den Gletscher, +aus dem die Glotter fließt, unternehmen wollte, ging er mit ihnen in der +Morgenfrühe weg. Erst am Nachmittag sah man erstaunt eine kleine Kolonne +auf dem unteren Firn der Krone. »Die Wahnsinnigen gehen auf einem +überhängenden Schneeflügel!« riefen plötzlich Stimmen, und man hatte es +kaum bemerkt, so brachen die fünf durch die Wächte. Zum Glück kollerten +sie nicht sehr tief einer Wand entlang, aber nun saßen sie auf einer +Felsenplanke, von der kein Ausweg zu sehen war. Sie schwenkten Tücher, +daß man sie holen möge. + +Und sicher war eins: Mußte das arme Fünfblatt dort über Nacht bleiben, +so erfror es. + +Der Presi wütete über Thöni, er sammelte dann eine Hilfskarawane, und +die von St. Peter ließen sich, obgleich sie sich über den neuen Frevel +wie über den ersten empörten und ihre Schadenfreude nicht verbargen, +sofort herbei, die Rettung der Gesellschaft zu versuchen. Denn wo +Menschenleben in Gefahr schwebten, waren sie, wie alle Leute der Berge +sind: sie kannten nur die Pflicht der Hilfe. + +Josi war in fiebernder Erregung: »Darf ich sie holen? Sie erfrieren, bis +die Mannschaft oben ist,« fragte er den Ingenieur. + +»Well, hole die Unglückseligen, Boy.« Und George Lemmy war, indem er die +Hände in die Hosentaschen steckte und ein Liedchen pfiff, selber +neugierig, wie der Bursche nun vorgehen würde. + +Eine -- zwei -- drei Stunden! -- Man sieht ihn! Wo scheinbar nur glatte +Wände sind, klettert der ehemalige Wildheuerbub wie ein Kaminfeger durch +Felsenrisse, eilt über schmale Kanten, ist wieder in einem Riß und +klettert aufwärts! + +Ein Dutzend Fernrohre folgen ihm. -- Noch eine Stunde -- die +Hilfskarawane ist erst auf den oberen Alpen -- da schwingt sich Josi auf +das Band, wo die fünf armen Knaben sitzen. + +Er hört die Jubelrufe aus dem Thale nicht, er weiß nur, daß er eilen +muß, die Leute zu bergen, denn St. Peter liegt schon im tiefen blauen +Schatten, nur noch an den Spitzen glänzt die Sonne. + +»Du lausiger Rebell, dich haben wir nicht gerufen,« empfängt ihn Thöni. + +»Grieg, seid artig, sonst lass' ich Euch beim Eid über Nacht da oben +hocken,« erwidert Josi. + +Die von Thöni Schlechtgeführten danken ihm überschwenglich, einer weint +vor Freude. Josi mahnt: »Nur Mut! -- gangbarer Fels und Schutt ist nicht +weit, aber ein Umweg ist nötig.« + +Er kennt die Gegend genau, er hat über der Planke manchen Tautropfen +gebrochen, er löst auch jetzt einen, den sein geübter Blick in einer +kleinen Höhle entdeckt hat, und steckt ihn wie zum Andenken in die +Westentasche. + +»Aufpassen!« ruft er. Die Lotserei beginnt, sie geht im Bogen und +Zickzack bergauf, bergab, den greifbaren Vorsprüngen entlang. Er würde +den halsbrecherischen Weg in einer Viertelstunde machen, aber er muß den +Ermüdeten und von jedem Selbstvertrauen Verlassenen die Füße einstellen, +die Handgriffe zeigen, die mutlos werdenden Zurückgebliebenen nachholen, +einen um den anderen am Seil herunterlassen, eine Stunde fieberhafter +Anstrengung vergeht, und sie sind noch nicht am Ziel -- die Nacht ist +gesunken -- aber jetzt! -- endlich! -- endlich hat die Gesellschaft ein +sanftes Geröllfeld erreicht -- Josi will jauchzen, er kann es nicht vor +Erschöpfung. Heiser nur sagt er: »Ihr seid auch da, Grieg!« + +Thöni spürt aber kaum den sicheren Boden, so fährt er Josi an: »Du +hättest uns nicht zu holen brauchen, du Laushund, ich wäre schon +losgekommen. Den Schimpf machen wir einmal handgreiflich aus!« + +»Gut, Ihr könnt Euch nur melden!« + +Um drei Uhr des Morgens kamen Josi, die Geretteten und die Hilfskolonne +im Dorfe an. Einheimische und Fremde wachten. Unter der Thüre des Bären, +wo ihm der Presi mit einem Ausdruck aufrichtiger herzlicher Achtung +entgegentrat und beide Hände reichte, brach er, den Jubel der +Glückwünschenden in den Ohren, zusammen. + +Kaum hatte er sich am Morgen erholt, als ihn der Presi in jene Stube +rufen ließ, wo sie sich nach dem Tod der Mutter gegenüber gestanden +hatten. Als der mißtrauisch dreinblickende Bursche eintrat, empfing ihn +der Bärenwirt fast feierlich. Er stand auf, stützte die Linke auf das +Pult und reichte ihm die Rechte: »Setzen wir uns! Ich bekenne, daß ich +Euch eine Weile unterschätzt habe, Blatter, sonst hätte ich Euch nicht +zu Bälzi gethan. Zunächst danke ich Euch, daß Ihr die fünf geholt habt. +Die Rettung ist ein Ehrenblatt für Euch.« + +Josi wurde feuerrot und verlegen, er stand bei dem Lob des Presi wie auf +Nadeln. Der Mann, der so mit Wärme und Achtung zu ihm sprach, war der, +der ihm die Peitsche ins Gesicht geschlagen. Er war aber auch Binias +Vater. Die Gedanken spannen sich ineinander und verwirrten ihn. + +»Ihr wollt also jetzt mit George Lemmy nach Indien. Das ist ein +abenteuerlicher Plan. Der Gemeinderat hat indes einstimmig beschlossen, +daß man Euch kein Hindernis in den Weg legen will. Im Frühling werdet +Ihr ja volljährig und dann seid Ihr ohnehin der Vormundschaft +entlassen.« + +Der Presi stand auf und langte in ein Pultfach: »Wenn man ins Leben +geht, dann ist es von besonderer Wichtigkeit, daß man die Freiheit, sich +zu wenden und zu kehren hat. Die besitzt man nur mit Geld. Ich möchte +Euch einen Reisepfennig mitgeben. -- Ihr seht, wenn ich gebe, bin ich +nicht klein!« + +Er reichte Josi etliche Blätter Banknoten. Der junge Mann fuhr auf, er +wollte reden, aber das Wort blieb ihm in der Kehle stecken. Nur ein +seltsames »Herr Presi!« würgte er hervor. + +So viel Geld hatte er natürlich noch nie beisammen gesehen, dachte der +Presi, mißverstand seine Bewegung und hielt sie für Gier. + +»Ich will keinen Dank, die Blätter sind für das Herunterholen der +Jungen, es ist Rechnung und Gegenrechnung -- nehmt sie herzhaft.« + +Eine verwirrende Liebenswürdigkeit lag in seinem Ton. + +»Ich will noch einmal so viel zulegen, Blatter. Gebt mir nur das +Versprechen in die Hand -- daß Ihr -- wenn Ihr je aus Indien zurückkehrt +-- mit Binia nichts zu schaffen haben wollt. -- -- Es kann nicht sein -- +es darf nicht sein. -- Ich sage es Euch in heiligem Ernst: Ich leide es +nicht -- ich leide es nicht.« + +Düster und trotzig waren seine letzten Worte. + +Nun aber brach Josi los: »Herr Presi, glaubt Ihr, daß ich meinen Vater +schände? Um wie viel weniger Geld habt Ihr ihn in jener Nacht +gekreuzigt, daß er an die Weißen Bretter steige. Ihr meint, ich nehme je +einen Rappen[27] an aus Eurer Hand?« + + [27] _Rappen_, schweizerdeutsch, so viel wie ein Centime. + +Etwas Ergreifendes, Rührendes lag im Zorn des Burschen, eine durch +Bescheidenheit gezügelte heiße Entrüstung. + +Seppi Blatter und Fränzi in einem, ein verdammt schöner Bursche, dachte +der Presi. + +»Und Binia?« fragte er mit einem leisen Seufzer, schon halb verstimmt. + +In den Augen Josis loderte es, er keuchte: »Herr Presi, ich bin kein +Hudel. Behaltet das Geld, ich behalte mir das Recht, das Mädchen um +seine Hand zu fragen, das mir am besten gefällt. Und im Glotterthal +ist's ja noch so: Keine Jungfrau steht so hoch, ein ehrbarer Bursch darf +um ihre Hand anhalten.« + +Seine Stimme bebte, der Presi lachte scharf: »Gewiß darf er darum +anhalten -- es kommt aber nicht aufs Fragen, sondern auf den Bescheid +an, den er erhält. -- -- Wollt Ihr das Geld, Blatter?« + +Das letzte sprach er mit hartem, höhnischem Klang. + +»Nein, Herr Presi!« + +Das tönte nicht herausfordernd, aber als wären die Worte von Granit. + +»Du Steckgrind -- ein Rebell bist und bleibst du!« -- Der Presi schrie +es. -- »Mit dir habe ich es gut gemeint. Ich habe wollen Frieden +zwischen mir und dir machen -- du bist aber ein Thor -- ein +wahnsinniger, verstockter Thor -- -- he, du und Binia? -- Wo nimmt auch +so ein Fötzel das Recht her, an so etwas zu denken?« + +»Herr Presi, in drei Jahren wollen wir wieder zusammen reden, helf' mir +der Himmel, daß Ihr mich dann nicht mehr so verachten könnt.« + +Josi sagte es bescheiden -- doch das Wort war Oel ins Feuer. + +»Gottes Heilige hören es -- die Tatze soll mir eher aus dem Grabe +wachsen, eher soll ein Traum, den ich einmal gehabt habe, in Erfüllung +gehen und Binia von einem Gespenst erschlagen werden -- als daß ihr zwei +zusammenkommt.« + +»Ihr redet entsetzlich!« Helle Thränen liefen Josi über die braunen +Wangen. »Lebt wohl, Herr Presi!« + +»Dich mögen in Indien die Königstiger fressen!« + +Er donnerte es dem Forttaumelnden nach -- -- + +»Ihr redet entsetzlich!« Dem Presi klang der Ausruf Josis im Ohre fort, +es lag darin etwas so Wundes, wie wenn ein Tier aus tiefsten Nöten +schreit. Aus sich selber wiederholte er: »Ich redete entsetzlich!« Ihm +war, er müsse Josi zurückrufen, er müsse ihm noch etwas sagen. Ein +seltsamer Einfall kam ihm. Er wollte zu George Lemmy sprechen: »Laßt +mir Josi Blatter da -- er paßt mir als Bergführer.« Eine sonderbare +Empfindung durchrieselte ihn. Er könnte, war ihm, den schönen, +gescheiten, rechtschaffenen, heimlich stolzen Burschen unendlich lieb +haben -- lieb wie einen Sohn, -- er staunte, wie ihm der Gedanke +angeflogen kam -- er sperrte sich wütend dagegen -- er zitterte -- er +schwitzte und schnaufte. + +»Ich muß noch einmal mit ihm reden! -- Seppi Blatter -- Fränzi. -- Habt +ihr Gewalt über mein Herz?« + +Nach drei Tagen aber sammelte sich in der Morgenfrühe ein Häuflein +Dörfler vor dem Bären, um Josi Blatter, den Abenteurer, abreisen zu +sehen. Der Bärenwirt stand auf der Freitreppe und winkte, wie ein Wirt +winkt, wenn ein so angesehener Gast wie George Lemmy geht. -- + +»Jetzt habe ich doch nicht mit ihm geredet.« Seit einer Weile saß der +Presi, den Kopf stützend, am Tisch. Und wütender über sich selbst als +über Josi, murmelte er: + +»Binia erschlagen -- nein -- nein -- das ist Wahnsinn.« + +Bei sich selbst war er überzeugt, daß Josi Blatter in drei Jahren als +Freier vor ihm stünde. + +»Nun wohl -- dann Gewalt gegen Gewalt.« + +Da kam Thöni: »Ich führe das Gepäck des Engländers nach Hospel!« + +»Gut -- doch noch etwas! Der Schwager Kreuzwirt fährt Ende dieser Woche +oder Anfang der nächsten über den Hochpaß. Ich lasse ihn um den großen +Gefallen ersuchen, daß er Binia aus dem Kloster heimbringt.« + +Als Thöni gegangen war, lächelte der Presi glücklich: »Binia -- wenn du +schon an dem Burschen hängst und thöricht bist wie alle Weiber -- mein +lieber Herzensvogel bist du doch!« + + + + +XI. + + +»Josi Blatter bleibt ein verkehrter und geheimnisvoller Kerl bis ans +Ende,« sagten die zu St. Peter, als sie sahen, daß er mit seinem +Engländer das Glotterthal nicht auf dem Weg über Tremis, Fegunden und +Hospel verließ, den doch alle ordentlichen Menschen gingen, sondern sich +mit ihm vom Haus des Garden über die unwegsame Schneelücke wandte. + +An der Grenze zwischen Weltland und Weißland erhebt sich ein altes +verwittertes Holzkreuz, bei dem die Hirten sommers über ihren +Sonntagsdienst halten. Bis dorthin, wo man eben noch die Kirche in der +tiefen Thalspalte sieht, begleitete Vroni ihren Bruder, bei dem Kreuz +knieten die Geschwister nieder und verrichteten zum Abschied eine +gemeinsame Andacht. + +Mit Thränen in den Augen blickte Vroni Josi nach. Als sie aber immer +noch ihr Tüchlein schwenkte, da stapfte er schon unentwegt mit seinem +Herrn in die große wilde Gebirgseinsamkeit hinein. + +Ernst, doch unverzagt hatte er die letzten Tage verlebt. Sie aber war +vor Schmerzen vergangen: den Vater, die Mutter hatte sie schon verloren +-- und nun verlor sie auch den Bruder. Sie konnte nicht glauben, daß er +je wieder nach St. Peter komme. In ihrem Kopf und in ihrem Herzen summte +das Kirchhoflied: + + »Und als er stand an blauer See, + Da schrie sein Herz nach Berg und Schnee.« + +Sterben wird er vor Heimweh! + +Während seine sanfte Schwester mit den großen Blauaugen in Thränen +träumte, was doch so ein lieber Bruder für ein böser Mensch sei, schritt +Josi tapfer in die Zukunft und mit seinem Herrn quer über Gletscher und +Hochgebirge. Drüben in einer kleinen Stadt wollten sie Felix Indergand, +der in einigen Tagen nachzukommen versprochen hatte, erwarten und dann +von Genua aus die große Reise nach Indien antreten. + +Ein herrliches Wandern. Die Luft war blau und herbstlich still. Aus der +Höhe ertönte der Ruf der Zugvögel. Die vom Sommer ausgelaugten und +ausgewitterten Gletscher lagen wie riesige Leichen da. Wenn es wahr +wäre, was die Sage behauptet, wenn die Venediger wirklich bei ihrer +Säumerei über die Schneelücke in Stürmen und Wettern Ladungen Silbers +verloren hatten, so würde man sie jetzt wohl finden können. + +Doch Josi dachte an etwas anderes. Konnte er nach Indien gehen, ohne zu +Binia, die er für ewig verloren hatte, lebewohl gesagt zu haben? + +Unter einem überhängenden Felsen, bei den Resten alter Jägerfeuer +übernachteten sie. »Brigante, solche Nächte unter freiem Himmel wird es +auch bei unserer Arbeit in Indien genug geben, nur ist es dann nicht so +still wie hier, sondern die wilden Tiere schreien und brüllen ringsum!« + +Allein als George Lemmy nachsah, schlief Josi schon. + +Am Morgen standen sie auf einem mächtigen Firngrat, einem +wunderherrlichen silbernen Wall, wo der Himmel so nahe schien, als +könnte man den dunkelblauen Teppich mit der Hand streicheln. »Boy, wo +ist jetzt das Glotterthal?« + +Im gewaltigen Eisland, das sich gegen Norden dehnte, war ein kleiner +dunkler Streifen wie ein Nebelchen sichtbar. Da konnte es Josi kaum +fassen, daß er sein ganzes bisheriges Leben in der schwarzen Spalte +zugebracht habe. + +Dort saß Vroni. + +Wie sonnig lag die Erde! Weithin dehnte sich im Süden unter ihnen, wo +die Berge ausgingen, geheimnisvolle Bläue. Ist das wohl das Meer? dachte +Josi. Da wies ihn George Lemmy auf weiße Flecken, die in der Bläue +schwammen, und sagte: »Das sind die italienischen Städte.« + +Am folgenden Tag wanderten sie einem lebendigen klaren Wasser entlang +durch eine grüne Berglandschaft und kamen auf die schöne Straße, die vom +Hochpaß herniederführt. + +George Lemmy aber hinkte, er war beim Abstieg durch den Wald über eine +Wurzel gestrauchelt und hatte den Fuß leicht verstaucht. + +Im ersten Dorf nahmen sie ein Wägelchen und fuhren durch den goldenen +Abend. + +Kirchen, Klöster und Schlösser hoben ihre Türme aus Kastanienhainen und +in der Ferne schimmerte eine Stadt. Fröhliches Volk in bunten Trachten +kam ihnen entgegen, Landleute, die vom Markt heimzogen, riefen ihnen den +Gruß in einer fremden Sprache zu. + +Der Kutscher, der wohl an Fremde gewöhnt war, wies mit der Peitsche +nach allen Sehenswürdigkeiten und erklärte den beiden in mangelhaftem +Deutsch ihre Namen und Bedeutung. + +Jetzt blitzte ihnen ein blauer See entgegen. + +Auf einem felsigen Vorsprung erhob sich ein Kloster aus mächtigen +Bäumen, unter denen ein Zickzackweg zu dem großen alten Bau +hinaufführte. An weißen Kapellen vorbei, die den Weg schmückten, sah man +das von Epheu umrankte Thor und durch die Bäume, die reichlich Frucht +trugen, blitzte neben dem Kloster der See. + +»Das sehr berühmte Kloster Santa Maria del Lago mit den +dreihundertjährigen Pinien,« erklärte der Fuhrmann. + +Da überzwirbelte dem starken Josi das Herz. + +Gleich hinter dem Hügel, auf dem das Kloster steht, lag die Stadt, und +vor einem kleinen netten Gasthof hielt nach der Weisung George Lemmys +das Fuhrwerk an. Da übernachteten sie. + +Als Josi am Morgen nach George Lemmy sah, lachte dieser: »Josi, +Brigante! Ich bin also zum Ruhen verdonnert, der Fuß ist elend +geschwollen. Ich fürchte aber, daß du ein schlechter Krankenwärter bist, +darum bleibe mir ein gutes Stück, mehr als dieses Zimmer lang ist, vom +Leib. Die Wirtin wird dich unten füttern, doch strecke alle Tage den +Kopf einmal herein. Da hast du etwas Klingendes in die leere Weste und +hörst du: Wein, Wurst und Brot bestellt man hier zu Lande mit den +Worten: %Preg' un po' de vin u e un cu de gin com pan!% + +Und nun versuche einmal, wie sich' s auf eigenen Füßen geht.« + +Josi war glücklich. Einige Tage frei. Und er war jetzt so nah bei +Binia! Aber die Welt war ihm so fremd, daß er kaum wagte, sich zu +rühren. Durfte er zu dem Kloster hingehen und nach Binia fragen? Nein, +nein! Der Knecht hatte es schon thun dürfen, denn er war ein alter +stoppelbärtiger Mann ohne alles Verdächtige. Ihm aber würde alle Welt es +ansehen, daß ihn die Liebe zu Binia hingetrieben. + +Lange schaute er den Handwerkern zu, die unter den Bögen der Häuser das +Kupfer schmiedeten, das Leder klopften und das Holz bearbeiteten. Ein +Schneider, der die Brille tief auf die Nase gerückt hatte, sang beim +Flicken alter Kleider. Da fiel Josi das Kirchhoflied ein, das er mit der +Mutter, mit Vroni und Binia gesungen, aber freilich, wenn er an den +Presi dachte, war ihm nicht ums Singen. + +Eine Weile später strich er doch um das Klostergut und sang: + + »Das Steingenelk, die Königskerzen + Erblühn voll Pracht im heil'gen Rund, + Sie steigen aus gebrochnen Herzen + Und jede Blume ist ein Mund!« + +Da horch! Wie er gegen den See hinkommt, antwortet jenseits der +epheuumsponnenen Klostermauer eine silberne Stimme mit der gleichen +Melodie. + + »O wie das weint, o wie das lacht, + Dem Flüstern horcht die Sommernacht!« + +Nur einige Takte, dann bricht das Lied ab. -- Er hört eine keifende +Frauenstimme, dann helles Lachen von jungen Mädchen. + +Er rennt davon. + +Binia hat ihm geantwortet. Wer sollte sonst Worte und Melodie kennen? +In der fremden Welt hat er ihre Stimme gehört. Es wird ihm feierlich zu +Mut. Gewiß wird er sie auch sehen. + +Aber, wie er so überlegte, wurde er ganz traurig. Was nützte es, sie zu +sehen? Er wußte ja jetzt bestimmt und fest, daß sie nie zusammenkommen +würden. Ihm war, der gräßliche Wunsch im Mund des Presi, Binia möge eher +durch eine fremde Hand fallen, als daß sie mit ihm durchs Leben gehe, +habe allen Segen, der auf seiner Liebe zu Binia ruhen könnte, +hinweggenommen! + +Und doch war, seit er ihre Stimme gehört, sein ganzes Wesen in einem +Aufruhr der Hoffnung. -- Binia sehen! sie sehen! + +Am Abend wandte er sich an den Wirt, der einen großen weißen Schurz über +seine leutselige Seele und seinen dicken Bauch gespannt hatte und vom +Viehhändlerverkehr her etwas Deutsch radebrechte. Er fragte ihn, ob die +Klosterschülerinnen in die Stadt zur Kirche kämen. + +Nein, antwortete der Gastwirt, sie hätten eine eigene Kirche, die +Klosterfrauen kämen nur an hohen Festen in die Stadt, aber sie besuchen +mit den naschhaften Mädchen oft den Markt. Morgen sei es Donnerstag, ja, +da kämen sie wahrscheinlich. Er möge um acht Uhr dort sein, wenn er die +Verwandte sehen wolle, aber ansprechen dürfe er sie nicht, dazu müsse er +sich schon im Kloster selbst anmelden. + +»Die Verwandte!« Josi lächelte ein wenig über die Vorstellung des +Wirtes. + +Am Morgen war er früh auf dem Markt. Als es acht Uhr schlug, entdeckte +er die kleine Klosterschule, einige Nonnen führten die Schar Mädchen, +die mit braunen und blonden Zöpfen einherwandelten und ihre Blicke +neugierig über die Menge der auf dem Markt gehäuften Früchte warfen. + +Binia war die Zierlichste und Schönste unter ihnen -- so schön, daß er +sie kaum ansehen durfte. Sie errötete, sie fuhr ein wenig zusammen, als +sie ihn bemerkte, dann schaute sie auf die andere Seite und hielt sich +dicht an die Schar der übrigen. Sie sandte keinen Blick zurück. + +»Jetzt sieht sie mich nicht einmal an,« dachte Josi, und schämte sich, +daß er sich so fest eingebildet hatte, Binia liebe ihn sterblich. + +Er war enttäuscht, er wagte es nicht, der dutzendköpfigen Gesellschaft, +die sich in eine Gasse verlor, zu folgen. Unruhig und verlegen schaute +er in das bunte fremde Gewühl der Käufer und Verkäufer. Sollte er +bleiben, sollte er gehen? Eine Viertelstunde, da drückte ihm ein blasser +Junge, der einen Bündel Schuhe über die Schultern gehängt hatte, einen +Papierstreifen in die Hand. Der Knabe erwartete ein Trinkgeld und ging +erbost über Josi, der vor lauter Neugier das Geben vergaß, mit einem +%»Brutto Tedesc«% davon. + +»Um elf Uhr vor der kleinen Pforte am See. Binia.« Josi hatte genug +Arbeit, die paar Worte zu entziffern, das Blatt zitterte in seinen +Händen. »Wohl, wohl sie liebt mich,« jauchzte es in ihm. + +Wie lange es nicht elf Uhr wurde! + +Pochenden Herzens stand er vor dem Pförtchen unter einem Kastanienbaum, +der seine Aeste in die Flut senkte. Da bimmelte das Glöcklein im +Kloster; während es noch tönte, ging die kleine Thür in der Epheumauer +auf. + +Im hellen Sommergewand, im Bergerehut, gerade so leicht und flüchtig +wie einst, huschte Binia hervor, eine Gärtnerin hob warnend den Finger +auf und rief ihr etwas wie eine Mahnung nach, dann schloß sich das +Pförtchen wieder. + +Man sah, wie Binia das Herzchen flog. »Josi, wie kommst du auch da her?« +rief sie. + +Eine ziemlich verlegene Begegnung. Ihm glüht der Kopf, er weiß nichts zu +sagen. + +Binia ist so schön, daß er es kaum wagt, ihr die Hand zu geben, und wie +er die weichen Finger in den seinen hält, da ist ihm, er halte einen +jungen Vogel, dessen Brust er schlagen fühlt. + +Auch Binia ist verlegen. Sie verdeckt es, indem sie hastig erzählt, sie +sei vom Markt, ehe es eine Aufseherin bemerkte, unter dem Vorwand, sie +bedürfe neuer Schuhe, in eine Werkstätte geschlüpft, habe dort die Zeile +geschrieben und nach der Heimkehr die Gärtnerin bestochen. + +Nun lachte sie schelmisch auf, faßte Josi bei der Hand und zog den +Willenlosen von der Klostermauer hinweg unter den Bäumen hindurch, bis +sie an eine kleine stille Bucht kamen, wo eine Quelle in den See lief. +Dort stand sie mit ihm still. + +»Gelt, das ist schön hier, Josi,« sagte sie, »der See und die weißen +Segel und der Duft um die Berge, aber im Kloster ist's häßlich!« + +Traurig erwiderte Josi: »O Binia, ich gehe jetzt in die weite Welt -- +ich gehe nach Indien. Noch einmal aber habe ich dich sehen wollen. -- +Grad wie ein Engel bist du ja gegen mich gewesen im Teufelsgarten und +weißt nicht, wie du mir dort in meiner unsäglichen Schmach wohlgethan +hast! -- Also lebe wohl, Bineli -- ich wünsche dir tausendmal Glück und +alles Gute!« + +Er streckte ihr die Hand entgegen. + +Binia machte ein sehr betrübtes und rührendes Schmollmündchen, das +bebte, als wollte es weinen: + +»Aber Josi.« + +Da hörten sie aus der Ferne nach ihr rufen. Plötzlich blitzte es in +ihren Augen auf, sie hob sich auf die Zehenspitzen, sie legte die +Handmuschel an den Mund, als wollte sie laut Antwort geben, sie lächelte +aber nur: »Ich komme nicht!« + +Josi war ganz verwundert: »Binia!« + +»O, Euphemia, die alte Gärtnerin, wird sich schon herauslügen, daß ihr +nichts geschieht. Du glaubst gar nicht, Josi, wie hinter diesen Mauern +alle gut lügen können. Ich allein kann's nicht -- ich bin zu ungeschickt +dazu.« + +Binia machte ein halb lustiges, halb verzweifeltes Gesicht, hielt den +Fingerknöchel an die weißen Zähne und schaute den Burschen mit ihren +dunklen Lichtern ganz komisch an. -- »Josi,« schmeichelte sie, »weil du +da bist, mag ich nicht stillsitzen, mir zappeln die Füße, heute wollen +wir zusammen durch Luft und Sonne laufen, bis das Abendrot scheint. Ich +dürste nach ein bißchen Freiheit. Ich habe einen Brief vom Vater +bekommen, daß mich morgen der Kreuzwirt von Hospel abholt, und ich +wieder nach St. Peter zurückkehren kann. Da können mir, wenn ich ihnen +auswische, die heiligen Frauen nicht mehr viel thun. O glaube mir, Josi, +das sind furchtbar grausame Weiber!« + +Ein Zittern lief durch Binias schlanke Gestalt. + +»Komm, Josi, wir wandern, ich kann jetzt gewiß nicht grad wieder ins +Kloster hinein!« + +Sie zog ihn mit. -- Die Liebe zu Binia und der Trotz gegen den Presi +besiegten seine Vorsätze. Still wie Flüchtlinge gingen sie eine Weile +durch Bäume und Gesträuch, dann dem See entlang, dann planlos bergauf. +Sie entdeckten bald, daß man sie nicht verfolge, auf der Höhe stieß +Binia einen Jauchzer aus und sie setzte sich. + +»Josi, es ist so schön von dir, daß du gekommen bist. Niemand stört uns +in dieser fremden, sonnigen Welt. Ach, wie garstig, man sieht deine +Narbe immer noch!« + +Mit feiner, liebkosender Hand glitt Binia darüber hin, er sah das Licht +rosig durch ihr kleines Ohr schimmern, die Spitzen ihres dunklen +Seidenhaares berührten sein Gesicht und der Pfirsichflaum der Wange +streifte ihn. + +Er verging fast vor Seligkeit, aber die jubelnden Stimmen des Glückes +vermochten die Sorge nicht ganz zu übertönen. »Du, Binia,« hob er etwas +beklommen wieder an, »es ist mir gar nicht recht.« -- + +»Was bist du für ein schöner Bursch geworden, Josi,« unterbrach sie ihn, +»berichte mir von daheim -- ich bin so neugierig.« + +Während er erzählte, gingen die feinsten Spiele über ihr Gesicht, es +wurde fröhlicher und fröhlicher -- als er ihr schilderte, wie er Thöni +von der Planke geholt hatte, klatschte sie in die Hände: »Josi, das ist +herrlich -- ich möchte dir gern etwas Liebes anthun, aber ich weiß nicht +was!« Und mit demütiger Stimme: »Ich weiß nicht, warum ich dich so lieb +habe, Josi.« + +»Sieh, grad so geht es mir mit dir, Bini!« + +»Das ist merkwürdig,« erwiderte sie träumerisch und ihre Stimme wurde +wieder hoch und fein. »Am Wassertröstungsmorgen, als ich sah, wie deine +Mutter wegen meines Vaters litt, da war's, als stände plötzlich in +meiner Brust mit feurigen Buchstaben: 'Ich liebe Josi!' Und als der +Vater mißverstand, was ich im Fieber redete, als er dich haßte, da wurde +die Liebe nur größer; als er dich zu Bälzi als Knecht gab, da wuchs sie, +als du Rebell wurdest, da starb ich fast, und als dich mein Vater +schlug, da wußte ich's wohl: 'Jetzt rinnt das Blut Josis um mich, jetzt +kann ich ihn nicht mehr lassen, selbst um meine Seligkeit nicht! Und so +ist's mit mir: Würdest du sagen: 'Steige auf jenen Schneeberg', so würde +ich steigen, bis ich vor Müdigkeit umsänke, und würdest du befehlen: +'Schwimme über diesen See', so würde ich mit meinen Armen rudern, bis -- +du ziehst so ein finsteres Gesicht, Josi -- ich bin ganz unglücklich -- +du denkst gewiß, es sei schlecht von mir, daß ich mit dir gehe, obgleich +es mein Vater nicht gern hat -- aber ich habe dich halt so lieb!« + +Sie senkte ihr Gesicht schalkhaft und schämig. + +»O Binia,« antwortete er, »du hast recht -- ich will mich mit dir an dem +schönen Tag freuen -- es ist vielleicht der einzige, den wir erleben.« + +Sie gingen weithin über die sonnigen Hügel mit den prangenden +Herbstfarben, aber eine leise jugendliche Scheu schritt noch zwischen +ihnen, die manches, was sie sagen wollten, zurückhielt. Um so mehr +redeten ihre Augen. Immer und immer wieder betrachtete eins verstohlen +das andere. + +Vor sich an einer Höhe sahen sie in die welkenden Bäume hineingespannt +die Netze eines Vogelstellers. Neugierig wie Kinder liefen sie hinzu und +beschauten die malerisch hängenden Garne. Ein halbes Dutzend Amseln hing +mit todesbangen Blicken darin. Binia zog einen Vogel um den anderen +vorsichtig heraus, betrachtete lächelnd jedes Tierchen, preßte ihm einen +Kuß auf den Schnabel und gab ihm die Freiheit. Die Vögel flatterten erst +ängstlich, spürten dann die Befreiung, flogen in die Höhe und freudiges +Geschrei stieg aus dem reinen Blau auf die Erde zurück. + +Josi staunte Binia nur an: »Du herrliches Kind! Wenn aber der Mann käme, +dem diese Vögel gehören!« + +»O, ich habe den Nonnen manchmal den Spaß verdorben, und sie haben die +Thäterin nie erwischt. Ich hätte mich auch für ein glückliches +Vogelherzchen die ganze Woche einsperren lassen. -- -- Josi« -- ihre +Finger berührten seine Hand -- »vielleicht bin ich auch einmal so ein +armes Schelmchen -- und dann kommt jemand Barmherziger und löst mich.« + +Ein Strahl ihres dunklen Auges traf ihn, ihr Mund aber lächelte +herzgewinnend. + +»Bini, ich habe mir schon fast den Kopf zerbrochen, wie wir trotz dem +großen Zorn deines Vaters zusammenkommen könnten,« stammelte Josi. »Und +ich weiß es -- es bleibt mir nichts anders übrig, als daß ich für unsere +Liebe an die Weißen Bretter steige.« + +Da lehnte sie ihr Köpfchen schluchzend an seine Brust: »Das willst du +für mich thun, Josi! Nein -- nein. -- Das darfst du nicht. -- Du würdest +fallen, wie dein Vater gefallen ist. -- Und denke an meinen Vater -- ich +habe ihn, wenn er auch manchmal wüst und böse ist, doch so stark lieb; +ich möchte nicht, daß die Nachtbuben kämen, um dem Gemeinderat im Werben +zu helfen, und die rasselnden Ketten um das Haus schleiften und riefen: +'Presi, gebt die Binia heraus!' Ich glaube, da würde er auch erst recht +wild über dich.« + +Sie sah ihn hilflos an. + +»Binia, so thöricht bin ich nicht. Ich plane es anders! Kein Mensch weiß +es, was ich thun will, dir aber, liebes Bineli, will ich es verraten. -- +In drei Jahren komme ich wieder heim, dann will ich St. Peter aus der +Blutfron an den Weißen Brettern befreien. Um zu lernen, wie ich's +angreifen muß, gehe ich mit George Lemmy nach Indien.« + +»Josi! -- Du willst St. Peter aus der Blutfron befreien.« -- Ein +überirdischer Glanz lag in ihren Augen und das Wort tönte wie ein +Schrei. Sie schaute ihn staunend an, sie preßte seine Hände. »Josi, +kannst du das? -- Josi, ich glaube, das hat dir Gott eingegeben. -- Ich +halte dich nicht zurück -- nein, lieber Josi, thu's -- thu's! -- Meine +Gedanken sind mit dir, wenn du an den Brettern schaffen wirst.« + +Weiter, weiter führte sie die Sonne unter Kastanienbäumen dahin, die +ihre stachlichten Früchte auf den Boden fallen ließen. Tief unter ihnen +gegen den See hin jauchzten die Winzer in den Reben. + +Sie sahen aber das Leuchten der Natur nicht, sie hatten zu viel von +Brust zu Brust zu tauschen. + +Binia glühte für Josis Plan. + +»Josi, jetzt weiß ich, warum ich dich so lieb habe. Du hast halt ein +großes, mutiges Herz -- und als ich es noch nicht wußte, habe ich es +doch schon geahnt, denn es strahlt aus deinen Augen. Und jetzt ist mir, +ein Thor habe sich vor uns aufgethan, durch das unsere Liebe hinaus in +den Frühling wandern kann. Es kommt alles, alles gut! Sieh, nur ein +festes Vertrauen braucht es, dann werden zuletzt alle Träume und Wunder +wahr -- auch das unserer Liebe und unseres Glücks. Gewiß ist mein Vater +der erste, der dich mit Freuden empfängt, wenn du die Blutfron von St. +Peter nimmst. Er hat Sinn für alles Große.« + +»Bini, wenn du so redest, so fange ich selber wieder zu glauben und zu +hoffen an -- du liebes, liebes Kind.« Er schlang den Arm um ihre Hüfte +und so wanderten sie in heiligem Glück. + +»Das ist ein herrlicher Tag,« jubelte Binia. + +Auch Josi schwamm in stiller Seligkeit. Der Gedanke an den Fluch des +Presi verschwand vor der blühenden Wirklichkeit. So schön hatte er sich +das Leben nie gedacht. Wie das nur kam, daß er so allein mit Binia durch +die lachende Welt wandern durfte? Womit hatte er es nur verdient? Rein +wie der milde blaue Herbsthimmel erschien ihm sein Leben, es war ihm, +als müßte es nun immer so bleiben und als stände nun die Zeit über ihm +und Binia stille. + +Wie lange ist so ein glücklicher Tag! + +Unvermerkt lenkten sie ihre Schritte abwärts, und mit freundlichem Zuruf +grüßte Binia das bunte Völklein der Winzer, dieses reichte ihnen dafür +Trauben und Pfirsiche über Mauern und Häge und lachte dem wandernden +Pärchen zu. Und wenn sie aus den Blicken der Erntenden waren, schob +eines dem anderen scherzend die Beeren in den Mund. + +»Ich habe gar nicht gemeint, Josi, daß du so lieb und artig sein +könntest,« lachte Binia. + +Als sie zu einer weinumrankten Osteria kamen, wo man die Aussicht auf +den Spiegel des Sees frei genießt, setzten sie sich auf eine Bank im +Garten. Die Wirtin, eine freundliche alte Frau, fragte, ob sie etwas zu +essen und zu trinken wünschen. + +Als aber der Wein und das Essen vor ihnen stand, da nippten sie nur an +den Gläsern. Die Wirtin schaute ihnen etwas betrübt zu und versicherte +sie, daß die Speisen gut seien. Da langte Binia keck zu und legte ein +paar Schnitten des rötlichen Fleisches in den Teller Josis. Sie selber +möge nichts. Und sie plauderte mit der Wirtin. + +Josi, der von der Unterhaltung nichts verstand, sah, wie Binia plötzlich +erglühte. + +Als die Wirtin gegangen war, fragte er Binia, warum sie so rot geworden +sei. + +Sie senkte, aufs neue errötend, das Köpfchen, schlug die Augen auf und +lächelte kaum merkbar: »Wenn ich's nur sagen dürfte -- sie -- hat +gefragt -- ob wir Brautleute seien.« + +Da übergossen sich auch Josis Wangen mit dunklem Rot und seine Narbe +trat deutlich hervor. Zögernd fragte er: »Was hast du ihr geantwortet?« + +»Es hat mich halt so schön angemutet, da habe ich 'Ja' gesagt.« Sie +flüsterte es mit feiner Stimme, sie lehnte sich zurück, daß er sie nicht +sehen konnte, sie schmiegte sich so an ihn, daß ihr weiches Haar, das +sich um die Schläfen wand, sein Ohr berührte und umschlang mit ihrem Arm +seinen Arm. + +»Hätte ich es nicht thun sollen, Josi?« + +Da suchten sich ihre Hände, und als sie sich gefunden hatten, flüsterte +sie: »Jetzt sind wir aber auch wirklich Brautleute.« + +Josis Augen strahlten. + +Da trat die Wirtin wieder zu ihnen. Von einem noch blühenden Stock +schnitt sie die Rosen und gab sie Binia mit einem Glückwunsch. Binia +steckte die Knospen an die Brust und nun drängte sie zum Fortgehen. Sie +wollte mit Josi allein sein. + +Das erste Stück Weges gingen sie schweigend. Da sagte Binia wie im +Traum: »Ringe haben wir noch nicht!« + +»Ich habe dir aber ein Andenken, Bineli -- einen Tautropfen von der +Krone. 'Tautropfen' habe ich dich immer genannt, wenn ich an dich +dachte, Bineli.« + +»Das ist lieb,« sagte sie leuchtenden Blicks. »Ich möchte gern ein +Tautropfen sein, so rein, so frisch, so sonnenvoll, damit ich dir immer +gefalle, Josi. Ich habe ein Kettelchen mit einer Kapsel von meiner +Mutter selig, darein lege ich den Tropfen. Dann ruht er gewiß an einer +treuen Brust. -- Ich gebe dir diesen Mädchenreif -- er ist zu klein für +deinen Finger. -- Aber trag ihn auf dir. -- Küsse ihn jede Nacht und +denke an mich.« + +Sie schmiegte sich zärtlich an ihn, er küßte sie auf die Schläfe. + +Da küßte sie ihn auf den Mund -- er sie wieder. + +Auf dem See lag ein weicher Abend und hüllte die Welt in Licht und +goldigen Duft. Binia sah in süßer Träumerei vor sich hin. »In drei +Jahren kommst du wieder, Josi. Und ich will dir treu warten und dann +alle Tage hinaus gegen den Stutz schauen, ob du gegangen kommst.« + +In der Dämmerung erreichten sie die Nähe der Stadt wieder. Binia war +still. Die lange Wanderung hatte sie müde gemacht und ihre tolle +Entweichung aus dem Kloster lag nun doch schwer auf ihren Gedanken. + +»Was wird man dir anthun, arme Bini?« + +Sie zwang sich zu einem Lächeln: »Auf einem kantigen Scheit werde ich +neben der Nonne knieen müssen, welche die Nachtwache hat, und beten.« + +»O, du armes Kind,« erwiderte Josi voll tiefen Mitleides. + +»Nein, ich bin reich, ich denke dann immer an dich und an den langen +schönen Tag.« + +Wie mild und innig das von ihren Lippen floß. Josi wußte nicht, sollte +er jauchzen vor Glück oder weinen, daß sie seinetwegen in so grausame +Strafe kam. + +Am mondbeglänzten See betrachteten sie die kleinen Heiligtümer noch +einmal. + +»Jetzt sind wir verlobt,« hauchte Binia, »jetzt bin ich deine Braut.« + +Sie umarmten sich. Binia weinte vor Ergriffenheit, aber sie waren nun in +die Nähe des Klosteraufganges gekommen und plötzlich drückte sie Josi +heftig die Hand und küßte ihn leidenschaftlich: »Lebewohl, lieber, +lieber Josi, wir sehen uns gewiß wieder und es kommt alles gut.« + +Dann riß sie sich los, kam nach ein paar Schritten noch einmal zurück: +»Josi!« Ein schmerzlicher Schrei aus blassem Gesicht, und dann +verschwand die flüchtige Gestalt im dunklen Laubengang. Josi stand und +starrte in die Dunkelheit, dann hörte er den schrillen Anschlag der +Klosterglocke. Als Binia nach einiger Zeit nicht wiederkam, da riß auch +er sich von der Stelle los. + +Wachte er oder träumte er? Er küßte das Ringlein Binias, er dachte so +innig, so heiß an sie, die jetzt um ihn litt. Aber auch der Fluch des +Presi peinigte ihn wieder. + +Als er am anderen Tag den Kopf ins Zimmer George Lemmys steckte, rief +dieser lustig: »Boy, der Fuß ist schon fast besser -- Felix Indergand +ist da -- morgen reisen wir!« + +Da trat Indergand, der starke, kräftige Mann mit dem offenen Gesicht, +unter die Thüre: »Blatter, eben ist der Kreuzwirt von Hospel mit seiner +Nichte aus der Stadt gefahren.« + +Mit nassen Augen ging Josi in einen Winkel und faltete die Hände: »An +die Weißen Bretter für Binia!« dachte er. »Was man im Namen der heligen +Wasser thut, das muß unabwendbar geschehen. Ich will's glauben wie die +zu St. Peter und dem Himmel mit einer That für den schönen Tag danken.« + + + + +XII. + + +Im Bären ist es, seit die Fremden fort sind, sonntäglich still. Der +Presi sitzt in der großen Stube am Tisch unter dem Meerweibchen, raucht +seine Zigarre und erwartet den Garden. + +Draußen im Flur hört er Binias Stimme. »Wie sie schön singt!« + +Der Presi hat eine aufrichtige Freude über die Wiederkehr Binias. Nicht +bloß weil damit ein böser, übereilter Streich gut gemacht ist, sondern +weil der Anblick des Mädchens sein Herz erquickt. Seine Augen bleiben, +so oft er es sieht, an dem Kinde hängen. Sie ist zwischen Siebzehn und +Achtzehn und der Aufenthalt auf Santa Maria del Lago hat ihr nicht im +geringsten geschadet. Sie ist frisch und schön, sie ist größer geworden, +die Gesichtsfarbe heller, aber sie ist kein Dorfmädchen, dafür sind ihre +Glieder zu zart. An der ganzen lieben Gestalt sieht man eigentlich +nichts als die Augen, die unter den langen Wimpern so groß und dunkel +sind, die so lebendig leuchten, daß einem darüber ganz warm ums Herz +wird. + +Frau Cresenz hat gesagt, Binia habe die Augen von ihm, vom Presi, sie +sei überhaupt sein Ebenbild, aber nur so, wie ein feines junges +Tännchen einer Wettertanne gleiche. + +Ueber diesen schmeichelhaften Vergleich lächelt er jetzt. Binia singt. + +»Wenn sie nur nicht immer dieses häßliche Kirchhoflied singen würde,« +denkt er. »Aber es ist das einzige Lied, das sie kennt. Und das beste, +sie singt. Sie hat es seit dem Tod der seligen Beth nie mehr gethan. Ihr +Gesang beweist, daß ihr die Abreise Josi Blatters gleichgültig ist. Ja, +das Kind wird schon noch vernünftig, die Luft ist jetzt rein. Es ist +gut, daß ich mit dem Burschen nicht mehr geredet habe.« + +Das Lied Binias bricht ab. Sie hat draußen ein kleines Wortgefecht mit +Thöni. Sie zanken sich wie ehedem. + +Da kommt der Bursche in die Stube: »Es ist da ein Brief für Euch, +Präsident!« Und geht. + +Der Presi liest, über sein vergnügtes Gesicht fliegen die Schatten +tiefer und tiefer, vom Vergnügen sieht man keine Spur mehr -- nur +zuckende Wetter. + +»Gott's Donnerhagel, daß ich es an dem Tage nicht merkte, wo sie über +die Schneelücke gingen. -- Ein Telegramm -- sie hätte im Kloster bleiben +müssen. Ah -- ah -- eigens bereitgestellt habe ich sie ihm. O, was bin +ich für ein Kalb!« So führt er mit rotem Kopf das Selbstgespräch und +knirscht vor Wut. + +In dem Augenblick, wo der Presi so ächzt, tritt der Garde mit schwerem +Tritt in die Stube und sieht die Verwüstung in seinem Gesicht. + +»Was giebt's, Presi?« Da reichte ihm dieser nur den Brief der Priorin +von Santa Maria del Lago. Draußen hatte Binia ihren Gesang wieder +aufgenommen. + +Als der Garde den Brief zusammenfaltete und ruhig auf den Tisch legte, +stöhnte der Presi: »He, das ist eine schöne Geschichte -- wenn man da +nicht verrückt wird. -- Ich schaffe das Kind wegen dem Rebellen fort, +daß sie einander aus den Augen sind, ich meine, es sei alles gut, und +biete den beiden die Gelegenheit, daß sie einen ganzen Tag ungestört +miteinander herumludern können. Das wird schön zu- und hergegangen sein +-- der lausige Blatter -- und mein Kind!« + +Er preßte die Pratze an die Stirne. + +»Schämt Euch, Presi! Ihr kennt Euer Kind -- ich kenne Josi. Da ist gewiß +weniger geschehen, als wenn die Bursche und Mädchen in Hospel draußen +auf dem Tanzplatz sind. Rechte Liebe ist ehrfürchtig, eines für das +andere.« + +»Das ist keine rechte, das ist eine schlechte. Ich mag halt den +Wildheuerbuben nicht leiden.« + +Da legte der Garde die schwere Hand auf die seines Freundes und Gegners. + +»Hört, Presi! Im Frühjahr vor einem Jahr, damals, als Fränzi starb, habe +ich mehr aus Zorn über Euch als aus Barmherzigkeit Vroni zu mir +genommen. Und seither ist sie uns zum Segen und Sonnenschein geworden, +daß wir nicht mehr leben könnten ohne sie!« + +»Ja, das weiß das ganze Dorf, daß Ihr als alter Knabe verliebt seid in +das Jüngferchen. Sie ist auch ein artiges Kind. Ihr hättet es mir wohl +in den Bären geben können.« + +Mit einem höhnischen Lächeln sagt es der Presi. Der Garde aber fuhr in +ehrlicher Entrüstung los: »Verliebt. -- Presi, schaut, wie viel graue +Haare ich habe im Bart. Wißt Ihr, wie die gekommen sind? Die stammen +von Eusebi und meinem Weib. Schier hintersinnt hat es sich, daß der +Bube, für den sie so viel gelitten hat und für den ich an die Weißen +Bretter gestiegen bin, als ein Blödling aufgewachsen ist. Wir haben +keine wahre Lebensfreude gehabt, der Bub hat nicht erwachen wollen und +die Gardin hat sich halb zu Tode gekränkt, daß ihr just so einer als +einziger beschieden war. Als er fünfzehn gewesen ist, hat er immer noch +nur blöde zugeschaut, wie die anderen gearbeitet haben, und hat mit den +Steinchen gespielt. Meint, Presi, das hat mir und der Gardin ins Herz +geschnitten, wir haben oft den ganzen Tag gar nicht zusammen reden +mögen. Jetzt aber, seit Vroni da ist, ist er wie ausgewechselt. Fröhlich +sichelt er neben ihr oder hält mit den Knechten die Mahd, die schwachen +Arme sind stark geworden, er stottert kaum mehr und hat Freude am Reden. +Das Herz geht mir auf, wenn ich daran denke. Lacht nur, aber es ist, wie +wenn ein Wunder des Glückes über den Burschen gegangen wäre.« + +Der Presi streckte dem Garden hell und lustig auflachend die Hand hin: +»Ich verstehe Euch schon, ich wünsche Euch Glück zur Schwiegertochter. +Ich hätte einen anderen Geschmack gehabt, Garde.« + +Einen Augenblick verwirrte der Spott des Presi den Garden, dann +erwiderte er ruhig: »Ich wollte gern, das Mädchen, das artige, gute, +nähme Eusebi, ich darf es ihm nicht zumuten -- nein -- nein -- ich +dränge sie nicht zusammen. Die zwei müssen sich von selber finden.« + +Als er den Hohn sah, der über das sauber rasierte Gesicht des Presi +spielte, versetzte er barsch: »Ich gebe Vroni, auch wenn sie Eusebi +nicht nimmt, eine Aussteuer, wie sie in St. Peter keine Bauerntochter +bekommt, ich wünsche nur, daß sie noch ein paar Jährchen bei uns +bleibt.« + +»Ihr werdet ihr schon etwas Rechtes geben müssen, Ihr erzieht ja das +Kind, als wär's vom Herrenhaus zu Hospel. Ist's denn richtig, daß sie +eine eigene Mauleselin besitzt?« + +»Wohl, wohl, die besitzt sie. Ihr werdet sehen, wie schön sie auf der +Blanka zur Weinlese reitet!« + +»Nun, wenn Armeleutekinder so verzogen werden, so kann's in St. Peter +gut kommen!« + +»Presi, seid doch still! -- Eure Fremden verderben das Thal, da wäre +viel zu reden. Jetzt hat der Glottermüller auch eine Wirtschaft +aufgethan. Das böse Beispiel.« + +»Ja, was ist denn an Vroni Besonderes,« lenkte der Presi ab, »daß Ihr +dem Kinde ein Maultier geschenkt habt.« + +»Es ist etwas geschehen, was ich nicht habe erwarten dürfen, Presi. +Gerade wie Josi fortgereist ist, bin ich mit Eusebi an die +Militäreinschreibung zu Hospel geritten. Fast gezittert habe ich vor dem +Tag und gefürchtet, Eusebi werde vor Scham, daß man ihn nicht zum +Militär nehme, wieder ein Blöder. Ich sitze während der Prüfung der +Rekruten im Kreuz und mache mir trübe Gedanken. Da kommt Eusebi früher +als ich ihn erwartet geeilt. 'Vater,' jauchzt er, 'man hat mich +angenommen.' Er zittert vor Seligkeit, daß er das Glas nicht halten +kann, das ich ihm biete. Und ich kann nicht 'zum Wohlsein, Soldat!' +sagen, so hat mich die Freude, die ich nicht habe zeigen wollen, +gedrückt und gewürgt. 'Weißt, Vater,' erzählt er, 'wie mich so einer +mit Augengläsern angesehen hat, ist mir immer gewesen, Vroni stehe +hinter mir und sage mir das, was ich antworten solle.' Ich aber denke +jetzt immer nur: 'Eusebi ist Soldat, er ist kein Blöder mehr!' Ihr +hättet mir das schönste Heimwesen im Glotterthal schenken können, so +gefreut hätte es mich nicht. Da meint Eusebi: 'Darf ich Vroni nicht ein +Krämlein bringen?' -- 'Allerwegen,' antworte ich, 'deine Schulmeisterin +muß einen Kram haben,' ich gehe zum Maultierhändler Imahorn in Hospel +und von vierzehn Stuten kaufe ich die schönste, und wie wir heimkommen, +sage ich: 'Die ist für dich, Vroni, weil Eusebi zum Militär angenommen +worden ist!' Einem anderen, Presi, aber habe ich auch gedankt, ich habe +zweihundert Franken ins Spendgut von St. Peter gelegt, und bin noch +heute aus Vaterfreude in Vroni und in unseren Herrgott vernarrt.« + +Der Presi wiegte bei der warmen Rede des Garden spöttisch das Haupt, +aber seine Stimmung war eine bessere geworden. Auf den Brief der Priorin +deutend, murrte er: »Und nun meint Ihr -- das ist doch Eurer Rede +Sinn --, daß ich Josi auch auf einen Esel setzen soll? Die zwei +achtbarsten Männer von St. Peter die Schwiegerväter der Wildheuerkinder +und so eine Art Gegenschwäher!« + +Mit lachendem Hohn stieß er sein Glas an das des Garden. »Sagt ehrlich, +wenn es Eusebi so tagt im oberen Stübchen, was wär's mit ihm und Binia? +Der Bund zwischen zwei ehrenwerten Familien wäre doch eine andere Freude +als nur eine Verwandtschaft durch die Wildheuerkinder.« + +Man wußte nicht recht, war es Scherz oder Ernst, so eigentümlich sprach +er es, der Garde aber schüttelte den mächtigen Kopf: »Etwas langsam ist +halt Eusebi immer noch, Binia aber, das Prachtkind, ist ein rasches, +heftiges Blut. Das paßt wohl nicht zusammen.« + +»Aber zum Rebellen, der sich in den Bergen herumtreibt, paßt die +Rebellin, die aus dem Kloster läuft -- -- nicht wahr, Garde,« sagte der +Presi halb höhnisch, halb lustig. + +»Ho!« erwiderte sein Gastfreund, »ich meine, Josi Blatter wäre mir an +Eurer Statt so lieb wie Thöni Grieg.« + +»Ta-ta-ta, wie kommt Ihr auf Thöni Grieg! Er und Binia verkehren ja wie +Hund und Katze. Jetzt will ich aber doch die Vagantin einvernehmen. Bini +-- Bini!« -- Er stand auf und rief es durch die Thüre. + +Das Mädchen, das mit seinem Gesang aufgehört hatte, als die beiden +Männer laut geworden waren, erschien, nichts ahnend, mit +freudestrahlendem Gesicht. + +»Da lies diesen Brief,« sagte der Presi streng. Ein Blick Binias in das +Schreiben, sie wurde dunkelrot und zitterte. + +»Was habt ihr an dem Tag gethan? -- rede nur, der Garde darf es auch +hören.« Es klang nicht eben bös, wie es der Presi sagte. + +Binia stutzte einen Augenblick, ihre Röte ging in Totenblässe über. Sie +warf sich vor ihm auf die Kniee, umschlang die seinen und hauchte leise, +doch fein und klar: »Vater, ich darf's fast nicht sagen, wie ungehorsam +wir gewesen sind. -- Josi und ich haben uns -- verlobt.« + +Der Presi sprang auf, nahm sein Glas und warf es neben die Knieende auf +den Boden, daß es in hundert Stücke zersplitterte. + +»Und ihr meint, ich sei der Narr im Spiel!« keucht er heiser, taumelt +und will mit den Fäusten auf sie los, aber der Garde hält ihn: »Laßt sie +ausreden!« und wie der Presi sich nicht setzt, umspannt er ihn mit +seinen eisernen Armen und drückt ihn auf den Stuhl. »Hockt ab, Presi, +und hört. Dann sprecht!« + +Binia wollte sich flüchten. »Bleibe, Kind!« knurrte sie der Garde an. + +Der Presi schnaubte und zischte: »Der Hund! der Hund! Wie wagt er sich +an dich? He, schöne Augen hast du ihm gemacht, du!« + +Wie ein Marmorbild stand Binia mit dem Rücken an der Wand, an die sie +hingetaumelt war, nur die wogende Brust und die bebenden Nasenflügel +verrieten das pulsierende Leben. + +»Vater -- tötet mich -- aber ich sage es! -- Ihr seid mit Fränzi verlobt +gewesen, Ihr habt sie ohne Grund verlassen; ich aber muß an Josi gut +machen, was Ihr an ihr bös gemacht habt. Das hat mir die selige Mutter +eingegeben; ich liebe Josi, Vater, ich kann sterben, aber ich lasse ihn +nicht, ich habe alles gehört, was Ihr am Wassertröstungstag mit der +Fränzi geredet habt. Da ist mir die Liebe gekommen.« + +Wie merkwürdig die feine verhaltene Stimme klang, ein Singen war es, +mehr als ein Reden, ein sonderbares Singen, wie wenn der Wind durch die +Waldwipfel streift, ein Ton, als flüstere er aus schweigender Höhe. + +Die Stimme brach, die Unglückliche schwankte und tappte der Wand entlang +gegen die Thüre. + +»Du --« + +Von schaumbedeckten Lippen zischte das gräßliche Wort, das Wort, das ein +reines Mädchen tötet. + +»Presi! Ihr habt Euch vergangen!« stößt der Garde mit einem Blick +hervor, als wolle er sich auf ihn stürzen. + +Der Presi röchelte. Plötzlich schoß er auf und faustete. Dann sank er +entkräftet auf einen Stuhl -- ächzte -- und nach einer Weile stöhnte er +wirr: »Jetzt ist es klar. -- Fränzi -- das hat mich immer gewundert, +wohin das Kind an jenem Morgen aus meiner Stube verschwunden ist. -- -- +Bini -- Bini. -- -- Seppi Blatter -- Fränzi -- ihr seid grausam gegen +mich!« + +Der Presi schwieg, nur die Lippen zitterten. Erst als seine Wut in eine +weinerliche Wehmut überging, die dem gewaltigen Mann fast komisch stand, +sagte der Garde feierlich: »Ich will Euch eine Geschichte erzählen, ich +habe sie von Fränzi.« + +Der Presi krümmte sich unter dem Namen. + +»Hört, Presi! Auf der Burg zu Hospel saß ein Ritter. Seine Tochter +liebte einen Knappen. Zornig darüber ließ der Vater den Jüngling über +den Felsen, auf dem die Burg stand, werfen, die Jungfrau aber stürzte +sich aus Verzweiflung in den Strom. Bald darauf machte der Ritter eine +Bußfahrt nach Rom. Als er über den Gletscher kam, da standen im Eis weit +voneinander die armen Seelen der Liebenden. Sein Töchterlein lächelte. +Da fragte der Ritter: 'Warum lächelst du, Kind, während du doch so +frierst?' Sie antwortete: 'O Vater, siehst du nicht, daß ich und mein +Liebster bald beisammen sind?' Er sah zwischen ihnen nur das weite +harte Eis. Als er aber nach drei Jahren zurückkehrte, da waren die armen +Seelen einander so nahe gekommen, daß sie sich mit den Händen +erreichten. Bestürzt darüber, daß das Eis barmherziger war als er und +nachgab, bereute er seine Härte bitterlich. Da hörte er eines Tages eine +Stimme vom Berg: 'Vater, trauere nicht mehr!' Da wußte er, daß die große +Liebe das Eis ganz überwunden hatte und die armen Seelen dicht beisammen +standen.« + +»Wozu das?« fragte der Presi dumpf. »An die armen Seelen glaube ich +nicht!« + +»So -- meinetwegen -- aber glaubt Ihr, Ihr seid stärker als der Ritter +von Hospel? -- Ihr seid stärker als der Gletscher?« + +Der Presi stöhnte. + +»Josi und Binia,« fuhr der Garde mit getragener Stimme fort, »es giebt +kein schöneres Paar im Glotterthale, aber auch nicht zwei so wilde +Herzen wie sie.« + +»Ich mag aber nicht der Narr sein im Spiel,« stöhnte der Presi in wehem +Zorn, -- »ich will nicht, daß mein Kind nur so über mich +hinwegschreitet. -- Das verzeihe ich Bini nie!« + +»O Presi, das Verzeihen werdet Ihr schon lernen. Ich an Eurer Stelle +würde auf ein schönes Alter denken. Wenn Ihr aber den Kopf zu stark +setzt, so seht zu! Dann kommt der Tag, wo Ihr auf den Knieen zur Lieben +Frau an der Brücke rutschen würdet, wenn Ihr Bini nur Josi geben könntet +und sie friedlich wüßtet. Gönnt ihnen beizeiten ein grünes Plätzchen zum +Glück, sonst steigen auch sie auf die Berge und halten dort oben wie der +Knappe und das Fräulein Hochzeit als schuldige Seelen.« + +»Ihr meint an den Weißen Brettern!« + +Der Presi sprach es mit stieren Augen. Er zitterte und sein Gesicht +hatte sich verzerrt. + +»Was sagt Ihr?« fragte der Garde überrascht. + +»O Garde -- es ist nur ein schrecklicher Traum, aber er ängstigt mich. +Ich habe Binia mit blutendem Haupt neben dem jungen Blatter an den +Weißen Brettern gesehen.« + +»Herrgott im Himmel, was sagt Ihr, Presi? Das herrliche Kind, wie nicht +alle hundert Jahre eins im Berglande wächst, stand blutend an den Weißen +Brettern?« + +»Ja, mein Kind, meine Bini, die ich so unendlich liebe und die mich so +elend macht.« + +Und die Wehmut überwog den Zorn. + +»Presi! Träume sind Schäume, sagt man, der Traum aber kommt aus dem +Gewissen -- es steht böse darin -- macht Ordnung -- an Seppi Blatter, an +Fränzi habt Ihr es verbrochen -- macht es am Sohn gut -- spürt Ihr +nicht, wie das Schicksal Josis und Binias Zug um Zug über Euch ist. -- +Merkt Ihr es nicht, Presi? -- Macht Ordnung!« + +Wie Hammerschläge fallen die Worte des Garden auf die Brust des Presi. +Er bebt, er schwitzt. + +»Wohl, ich merk' es -- ich merk' es, Garde, sonst hätte mir das meine +Binia nicht angethan -- ich hätte den Josi Blatter nicht nach Indien +gehen lassen sollen. -- O Garde! -- Mir ist, ich könnte ihn lieb haben.« + +Wie aus gebrochenem Leib stöhnte es der Presi. + +Schon glaubte der Garde ihn gewonnen zu haben. Da trat Frau Cresenz in +die Stube und wischte die Scherben des zerschmetterten Glases zusammen. +Ohne daß sie recht wußte, was vorgefallen war, jammerte sie: »Das Kind +ist halt ganz der Vater, das kann man nicht ändern, das sind zwei harte +Köpfe.« Und dann wandte sie sich an den Presi und tröstete ihn mit +fraulicher Milde, aber mit Worten, die nicht tief geholt waren und nicht +tief gingen. + +Der Garde hätte viel darum gegeben, die Frau wäre nicht gekommen oder +wenigstens rasch wieder gegangen, als sie aber blieb, da wurde er über +die Störung wild und ging selbst. + +»Sie ist eine wohlmeinende und rechtschaffene Frau, aber das Weib, die +Mutter von unergründlich tiefem Herzen, das an diesen Posten gehört, ist +sie nicht.« + +So knurrte er, als er über die steinerne Treppe hinunterschritt. + +Als er am anderen Tag mit dem Presi reden wollte, war dieser hart wie +Glas, die beiden gewaltigen Männer, die sich sonst so gut verstanden +hatten, überwarfen sich und der Verkehr von Haus zu Haus hörte auf. Nur +Vroni und Binia sahen sich noch zuweilen. + +»Bini ist eine Spinnerin geworden!« + +So sagten die Leute von St. Peter und streckten dabei den Zeigefinger +gegen die Stirn. Man munkelte, sie sei im Kloster Madonna del Lago +mißhandelt worden. Um den bösen Segen, den sie und Josi von Kaplan +Johannes empfangen haben, zu vertreiben, hätten ihr die Nonnen jede +Nacht unter Gebet so viel Wasser, Tropfen um Tropfen, auf das Haupt +gespritzt, daß mit dem bösen Segen auch ein Stück guter Seele von ihr +gewichen sei. Und das suche und suche sie in Gedanken. + +Die thörichten Leute! Binia war allerdings, nachdem sie aus dem Kloster +gekommen, eine Weile blaß und wankte wie ein Schatten einher, aber nicht +die Nonnen hatten sie, den lustigen Wildling von ehemals, zu der +Schweigerin gemacht, die, wieviel in ihr lebte, der Welt nichts als die +großen dunklen Augen wies. + +Ein einziges, gräßliches Wort des Vaters! + +Und jetzt warb er nicht um sie wie einst -- er setzte sich nicht an ihr +Bett, er flüsterte nicht: »Meine Maus -- mein Gemslein.« Er sagte nicht: +»Du lieber, lieber Vogel.« Jetzt war auch keine Fränzi mehr da, die ihr +zu mitternächtiger Stunde das wirre Köpfchen zurechtsetzte. + +Droben in ihrem Kämmerlein schluchzte sie: »Mutter -- liebe tote Mutter: +Es ist schrecklich -- wie mich der Vater verachtet. -- Und er ist doch +so ein herrlicher Mann. -- Und Josi muß ich halt lieben.« + +Manchmal wußte sie nicht, war es die Empörung gegen den Vater, war es +die Liebe zu ihm, die stärker in ihr wüteten. Ein Blick -- ein +herzliches Wort -- sie wäre jubelnd an seine Brust geeilt. Aber sein Ton +blieb kalt wie das Eis der Gletscher, sein sonnenhelles Auge wurde, +sobald er sie erblickte, lauernd und mißgünstig. Und das entsetzliche +Wort, das er ihr entgegengeschleudert -- das saß! + +Allein es ist nun wunderbar! In einem jungen Herzen kann die Hoffnung +nie sterben. Dazu muß der Mensch alt sein -- alt -- alt! Mißhandelt ein +junges Herz, zerbrecht es. Ein Sonnenstrahl, und lächelnd liest es seine +Scherben auf, streicht mit zitternder Hand darüber, und es ist fast das +feurige Herz von zuvor. + +Wie ein Tännling ist die Jugend. Ein Stein saust aus der Höhe und +schlägt ihm die Kerze ab, die er so lustig in das Spiel der Winde erhob. +Was thut der arme Tännling? -- Er richtet ein Zweiglein gerade auf, das +wächst emsig Tag und Nacht und wird zur Kerze, und kaum der Forstmann +erkennt noch, daß der Tanne einmal die Krone abgeschlagen war. Aber eine +junge, kerngesunde Tanne muß es sein, sonst bringt sie das Wunder nicht +zu stande. + +Binia war eine junge, kerngesunde Tanne. + +Sie wurde die stille Wohlthäterin des Dorfes und übte ihren Herzensberuf +mit der Frische und Wärme der Jugend. Sie guckte mit einem guten Lächeln +in die Hütten, wo ein Weib, wo Kinder krank lagen, und plauderte Liebes +mit ihnen. Sie gewann die Herzen und versöhnte. Wenn sie fort war, lag +eine Blume auf dem Bett oder es klang ein Wort nach, das Glück +verbreitete -- und ihre größte Kunst -- sie wußte jedem das, was er +bedurfte, so zu geben, daß es kein Almosen war. + +»Redet einmal mit Binia, die weiß schon Rat,« sprach man im Dorf, »sie +hat noch das bessere Herz als die selige Beth.« + +Und seltsam! Der Presi ließ sie gewähren. Wie der Name Josi Blatter, so +schwand auch die tolle Besprechungsgeschichte aus den Gesprächen der +Leute von St. Peter, sie sagten nur: + +»Wie ein Engel geht sie durchs Thal.« + +Unter den Gästen war niemand, der sie nicht liebte. Manche junge +vornehme Töchter stellten sich wie Schwestern zu ihr: »Binia, Sie liebes +gescheites Bergkind, wenn wir Sie nur mit in die Stadt nehmen könnten, +man bekommt ja ein heißes Heimweh nach Ihnen.« + +Einer aber verging fast vor Eifersucht, wenn ein junger Herr der alpigen +Rose ein Röslein schenkte. + +Thöni Grieg! + +Die schmähliche Versteigung an der Krone, die ihn dem Gelächter des +Dorfes preisgegeben hatte, war der Anlaß, daß er nacheinander die +Bubenschuhe, zuerst den einen, dann den anderen, ausgezogen hatte. Und +nach dem großen Donnerwetter von damals stellte sich der Presi besser +als je zu ihm. + +Thöni besorgt die Post, die im Sommer wichtig genug war, gewissenhaft, +ebenso die Zufuhr der Lebensmittel von Hospel und war den Fremden im +Haus durch sein fröhliches Temperament ein angenehmer Gesellschafter. + +Mit Binia aber zankte er sich immer noch. Und wie! + +»Mache ein anderes Gesicht gegen mich, du Wildkatze mit den +Teufelsaugen!« + +»Thöni, schäme dich doch, dich hat man ja von den Kronenplanken holen +müssen.« + +»Ich würde schweigen, wenn ich wegen einem Rebellen in Santa Maria del +Lago versorgt gewesen wäre.« + +Wütend lief Binia davon. Sie wußte wohl, daß ihr der Vater mit Santa +Maria del Lago einen Schimpf angethan hatte -- einen Schimpf, den sie +erst verdient hatte, als sie mit Josi in die prangende herbstliche Welt +hinausgelaufen war. Aber sonderbar, der Tag glänzte wie ein Stern in +ihren Gedanken, sie lächelte jedesmal verträumt, wenn sie seiner +gedachte. + +Doch wenn sie dann vor sich hin staunte, so fuhr Thöni wie ein wildes +Tier dazwischen. + +»Jetzt denkst du schon wieder an den lausigen Rebellen. Ich töte ihn, +wenn er je wieder nach St. Peter kommt. Binia, jetzt gieb mir einmal +ein gutes Wort -- oder -- oder --« + +Ein verzehrender Blick traf sie. Eines Tages wußte sie es: Hinter seinen +Beleidigungen stand die wütende Eifersucht. + +Sie fürchtete Thöni und er merkte es. + +»O, ich thue dir nichts,« sagte er vorwurfsvoll, »aber wenn du nicht +anders zu mir wirst, so stelle ich an mir selbst ein Unglück an.« + +»Thöni,« erwiderte sie kühl, »wenn du das nur über die Lippen bringst, +so ist es kein Schade für dich. Du machst ja jetzt Bälzis Kind den Hof.« + +»O, nur aus Verzweiflung, daß du, statt mit mir lieb zu sein, mich +kratzen möchtest.« + +»Dann wollt' ich aber sie nicht sein!« spottete Binia. + +Sie gab ihm kein gutes Wort. + +Zwischen Thöni und Bälzis Aeltester, die im Bären Magd geworden war, kam +es so weit, daß Frau Cresenz, um den Unwillen der Gäste gegen die +Liebeleien zu beschwichtigen, das sonst anstellige Mädchen mitten im +Sommer entlassen mußte. Jeden Abend, oft noch sehr spät, lief er aus dem +Haus, man munkelte, zu ihr. + +Es geschah aber heimlich und hinter dem Rücken des Presi, und Frau +Cresenz schwieg, sie fürchtete die Händel. + +So ging der Sommer. + +Da machte Binia in den letzten Tagen zufällig eine merkwürdige +Erfahrung. Ein alter ehrbarer Schweizermann, der ihr sehr streng +geschienen hatte, den sie aber doch liebte, sagte Abschied nehmend zum +Vater: »Schön ist's im Glotterthal -- und ein Meitli[28] habt Ihr +schon, Herr Präsident, daß man noch einmal jung werden möchte!« + + [28] _Meitli_, schweizerdeutsch, so viel wie Mädchen, Tochter. + +Nun horchte sie mit pochender Brust auf die Antwort des Vaters. + +»Ja, meint Ihr, ich habe den Vogel nicht auch lieb? -- Für wen rackere +ich mich denn? Ich hätte den Mut für das Vielerlei des Geschäftes nicht +ohne das sonnige Kind!« + +Das sagte der Vater, der ihr nie ein warmes Wort, einen vollen +rückhaltslosen Blick gab. + +Sie mußte an sich halten, daß sie nicht laut aufjauchzte, sie rannte und +sprang wie ein Reh und die Gäste fragten: »Haben Sie denn Sonntag in den +Augen, Binia?« + +»Ja freilich, das Leben ist halt schön!« lachte sie und fort war das +Reh. + +»Ist das eine liebe Hexe -- eine herzbezwingende Gestalt,« redeten die +Gäste hinter ihr. + +Es war im Herbst, der Vater zählte mehrere Rollen Silber und Gold -- er +schmunzelte, er lachte, er trank Hospeler dazu. Dann redete er irgend +etwas mit Frau Cresenz, die ihn bald wieder verließ, und plötzlich sah +Binia, wie er vor sich hin faustete: »Sie ist ein Affe -- sie ist ein +verdammter Affe. -- Die selige Beth hat doch nicht immer Ja gesagt,« +hörte sie ihn murmeln. + +Binia kannte den Vater genau. Er konnte den Widerspruch nicht leiden, +aber wenn ihm von Zeit zu Zeit niemand ernsthaft widersprach, so war es +ihm auch nicht wohl. Und daß er der toten Mutter ehrenvoll gedachte, +freute sie tausendmal. + +Heute war der Vater entschieden verstimmt über Frau Cresenz. »Der Affe! +Niemand hat man, mit dem man ein vernünftiges Wort reden kann, als +Thöni.« + +»Als Thöni!« Binia glühten die Wangen vor Eifersucht, sie hob sich auf +die Zehenspitzen und von rückwärts, so daß der Vater sie nicht sehen +konnte, lief sie auf ihn zu, schlang die leichten Arme um ihn und +drückte ihren frischen roten Mund mit süßem Kuß auf seinen Mund. »Kind! +-- Binia! -- Was willst?« -- Der Presi war ganz erschrocken. + +Sie lächelte ihn an, fröhlich und schmerzlich zugleich, flehentlich und +hoffnungsvoll. + +»Kehre mir das Herz nicht um mit deinem Lachen -- ich ertrage es nicht.« +Der Presi sagte es unsicher. + +»Wohl, wohl, umkehren möcht' ich's dir, Vater, ich möchte die Liebe +darin sehen! Vater -- ich halte es auch nicht mehr aus, ohne daß du ein +bißchen lieb mit mir bist.« + +Da war der harte Presi überwunden, es ging ein glückliches Lächeln über +sein eben noch finsteres Gesicht. Und er nahm ihre beiden Hände: »Ja, +Vogel, ich muß mit dir reden. -- Du bist ja jetzt in einem Alter, wo man +keinen Tag sicher ist, wenn ein junger Mann den fröhlichen Finken +einfangen will. -- Kind, ich habe nur dich und wünsche, daß du glücklich +werdest. Ich gebe dir die Wahl frei und will dir nicht einreden, wen du +heiraten sollst, das ist ganz deine Angelegenheit.« + +Mit rotem Köpfchen saß Binia da -- sie schluckte, als wollte sie etwas +sagen. + +Ein mißtrauischer Blick des Vaters, dann sagte er streng: »Es giebt +einen Namen, der in unserem Haus nicht mehr ausgesprochen wird. +Verstehst du! -- Im übrigen habe ich dir die Jugendthorheit verziehen.« +-- -- + +Binia steht sinnend in ihrer Kammer. + +Zwei Jahre noch -- dann kommt Josi -- er kommt wie ein Held -- er tritt +mit einer That vor das Volk, so gewaltig, wie noch keine im Bergland +geschehen ist -- er erlöst St. Peter von der Blutfron an den Weißen +Brettern und alle jubeln: »Josi Blatter ist größer als Matthys Jul.« + +Und er besiegt den Vater. + +So lang will sie tapfer kämpfen, den Vater nicht reizen, aber Josi treu +sein im Herzen. + +Und unter Thränen lächelnd küßte sie den Tautropfen, den er ihr gegeben +hat. + + + + +XIII. + + +»Pate! -- Ein Brief von Josi! Er ist gesund, es geht ihm gut.« Mit +strahlendem Gesicht jubelt es die sonst zur Stille geneigte Vroni und +hält den in großen ungefügen Buchstaben gemalten Brief in zitternden +Händen. »Hört, wie er lautet: + +»Liebes Schwesterlein! Ich will Dir auch wieder einmal berichten, wie's +mir geht. Es geht mir gut und George Lemmy ist recht mit mir, aber +scharf und vom Schaffen klöpft[29] mir schier der Rücken. Das ist +gesund. Wir sind jetzt an einem Berg, der heißt Himalaja. Die Stadt +heißt Srinigar, aber wir sind nicht darin. Wir machen eine Straße. +Liebes Vroneli, Du wirst denken, ich schreibe nicht schön. Das kommt vom +Felsensprengen und Du mußt nicht lachen. Thue Dich gar nicht kümmern +wegen mir. Bet und denk an die Mutter selig. -- Und an den Vater selig, +was ich auch thue. Es ist dann noch etwas wegen der Binia, aber sie hat +es Dir gewiß schon erzählt. Und wenn ich in der Nacht zwei Sternlein +beisammen sehe, so sage ich: 'Du liebes Bineli -- du liebes Vroneli'. +Ich muß manchmal in den Hemdärmel beißen, sonst würde ich brüllen[30]. +Der Indergand vertreibt mir etwa das Heimweh. Das Papier ist aus. Ich +lasse das Bineli tausendmal grüßen, Dich auch, den Eusebi und alle. Und +ich komme dann schon wieder heim. Schreibe mir recht bald. Dein treuer +Bruder Josi. Die Adresse steht auf dem Umschlag.« + + [29] _klöpft_, schweizerdeutsch, so viel wie »bricht«. + + [30] _brüllen_, schweizerdeutsch, »heftig weinen«. + +Noch am gleichen Tag schrieb Vroni einen viel größeren Brief, als sie +empfangen, an Josi. Wie in ihrer Hand die Feder gut lief! + +Aber über eine Stelle hinweg wollte sie nicht gehen, auf diese fielen +ein paar Tropfen, die den schönen Brief fast verdarben. + +Die unglückselige Liebe zu Binia! Sie wollte dem Bruder nichts +Betrübliches schreiben, aber sie wußte schon, daß aus dieser Liebe +nichts Gutes entstehen konnte. Binia war fast noch die Schlimmere als +Josi. Auch jetzt kam sie gelaufen und bat und bettelte, daß sie den +Brief lesen dürfe. Als sie ihren Namen darin sah, wurde sie ganz +überstellig und tanzte mit Vroni. Und unter den Brief Vronis schrieb +sie: + +»Tausendmal geliebter Josi! Denke nur immer an die zuckenden Vögel von +Santa Maria del Lago und lasse die Hoffnung nicht fahren. Sie haben +schon den Tod gesehen, und nun fliegen sie doch über Land und Meer. In +herzlicher Liebe und Treue. Dein Bineli.« + +Vroni sah den Gruß mit Schmerzen, der trotzige Mut Binias, die doch mehr +einer wehrlosen Blume als einer Kämpferin glich, kam ihr wie eine +Vermessenheit vor. + +Von diesem Kummer abgesehen, ging es Vroni gut. + +Wenn sie am Sonntagmorgen mit dem Garden, der Gardin und Eusebi im +Glotterhütchen, unter dem die zwei blonden Zöpfe niederhingen, mit +blauen lachenden Augen, das hellseidene gefranste Brusttuch über die +junge Fülle gekreuzt, das silberbeschlagene Betbuch und den +Rosmarinstrauß in den Händen, sittig die Kirchentreppe zum Kirchhof +hinaufschritt, so flüsterten die Leute: »Wenn nichts Ungeschicktes +dazwischen kommt, so giebt die keine Wildheuerin.« + +Am hübschesten aber war die Zwanzigjährige wohl, wenn sie mit Rechen und +Gabel frisch und gesund im Morgentau über die Wiesen schritt. Etwas vom +stillen Wesen der Gardenfamilie war auf sie übergegangen, ein rasches +Vorwärts, ein lautes Thun war nicht ihre Sache, aber was sie in Ruhe +that, ging ihr mühelos und anmutig von der Hand. Und wo sie in stillem +Frohsinn mitwerkte, lief allen alles leicht, die Knechte sogar sagten +es. + +Und sie selber wünschte sich nichts Schöneres, als das wandernde +Sommerleben der Bauernleute von St. Peter. Für ein paar Tage ritt man, +das Notwendigste zum Unterhalt mitnehmend, nach Hospel in die Reben, wo +jeder Bauer von St. Peter ein kleines Haus besaß, dann hielt man sich +einige Tage auf der Maiensässe auf, um dort das Vieh grasen zu lassen +oder zu heuen, wieder etwas später arbeitete man auf dem Acker beim Dorf +und am Sonntag ritt die Familie auf die Alpen zu Besuch. + +Da saß der ganze Haushalt mit den Knechten vor der Hütte, die Glocken +des Viehes klangen friedlich in die tiefe Stille und die Enzianen +standen wie im Gebet. + +»Vroni, erzähle eine Geschichte,« sagte das eine Mal der Garde, das +andere Mal die Gardin, selbst Bonzi, der Viehknecht, war ein dankbarer +Zuhörer, und mancher, der des Weges kam, setzte sich auch hinzu, Vronis +Glockenspiel hatte bald eine kleine Gemeinde, darunter junge hübsche +Burschen, die sich nicht bloß wegen der Geschichten in den Kreis +drängten. + +»Sie ist halt grad wie die Fränzi selig, darum hält sie der Garde so in +Ehren.« + +So sprach man im Dorfe, und niemand war Vroni gram, die Burschen aber +waren ihr gut. + +»Frau,« sagte der Garde, »wir müssen uns entscheiden. Es geht um das +Mädchen wie um frisches Brot. Vor vierzehn Tagen hat der Fenkenälpler +gefragt, ob sein Aeltester am Sonntag zum Mittagessen kommen dürfe. Er +würde Vroni gern einen Antrag machen. Heute ist der alte Peter Thugi +gekommen und hat so eindringlich gebeten, wir möchten sie dem jungen +Peter geben, er sei ein so guter und ehrbarer Mann. Ich habe aber beiden +abgewinkt.« + +»Hättest du doch lieber zugesagt,« schmollte die Gardin, »Vroni setzt +sich sonst noch in den Kopf, sie bekomme Eusebi.« + +»Geschehe nichts Schlimmeres!« erwiderte der Garde. + +»Und ich meine, es wäre jetzt, wo Eusebi im Militärdienst ist, gerade +die rechte Gelegenheit, daß wir Vroni aus dem Haus bringen, natürlich in +allen Ehren. Ich habe nichts gegen sie -- es geht mir nur so stark gegen +das Herz, daß unser einziger ein Wildheuermädchen nehmen soll. Hätte ich +drei Buben, so könnte einer schon Vroni nehmen -- aber der einzige. Wir +sollten doch auch auf eine gute Verwandtschaft sehen! Und Eusebi ist so +zuweg, daß er überall anfragen darf.« + +»Das thätest du deinem Buben zuleide, daß du Vroni in seiner Abwesenheit +gehen ließest. -- Nein, Gardin, Vroni bleibt da!« + +Mit Festigkeit erklärte es der Garde. + +Frisch und lebensfroh kam Eusebi vom Dienst zurück. »Vater, ich habe +mich furchtbar zusammennehmen müssen, daß ich immer nachgekommen bin, +aber es ist gut gegangen.« Das spürte man Eusebi an. Er erzählte seine +Erlebnisse so hellauf, wie ihn noch nie jemand gesehen. + +»Ja, aber Eusebi,« lachte der Garde, »bei uns giebt's auch Neuigkeiten. +Vroni bleibt wohl nicht mehr lang da, die Burschen im Dorf gucken sich +fast die Augen aus nach ihr, und zwei, die ich nicht verraten will, +haben sich schon als Freier gemeldet.« + +Vroni, die dabei stand, als der Garde so redete, glühte wie eine Rose +auf: »Ich will aber keinen, ich bleibe bei euch, Garde. Und wer wollte +sich auch im Ernst um mich kümmern? Es ist mir am wohlsten, wenn ich +ledig bleibe.« + +Schön war sie in ihrer tiefen Verlegenheit, wie sie, das Haupt gesenkt, +mit zitternden Fingern an den Haften ihres Mieders nestelte. + +Eusebi aber riß an seinem Schnurrbärtchen, daß es ihm in den zuckenden +Fingern geblieben wäre, wär's nicht so fest angewachsen gewesen. Wie +unvorsichtig war es, denn der blonde Schnurrbart machte sein Gesicht +beinahe hübsch! + +Am Abend überraschte die Gardin ihren Sohn, wie er bei Vroni am +Herdfeuer in der Küche stand und das Blondhaar des abwehrenden Mädchens +zu streicheln versuchte und immer wiederholte: »Gelt, liebe Vroni, es +ist dir doch nicht ernst, daß du ledig bleiben willst?« + +Halb freute, halb ärgerte sich die Gardin. Nein, das war nicht mehr der +scheue, blöde Eusebi. Mit einem Scheit jagte sie ihn aus der Küche und +Vroni hielt sie eine Predigt. + +Der erwachende Eusebi warb aber so freimütig um Vroni, daß ihre Stellung +zwischen Sohn und Mutter immer schwieriger wurde und sie Mühe hatte, +sich in den Augen der Gardin untadelig zu benehmen. + +Bald aber überschattete ein trauriges Ereignis das im Hause aufblühende +sanfte Liebesspiel. + +Mehr als ein halbes Jahr, nachdem Vroni ihren Brief mit dem Zusatz von +Binia an Josi geschickt hatte, mitten im tiefen Winter, kam das +Schreiben, mit vielen Stempeln bedeckt, an zwei Stellen etwas +durchschnitten, an sie zurück und auf der Rückseite stand: %»Addressee +died in the cholera-hospital at Srinigar.«% Diensteifrig hatte Thöni +schon die Uebersetzung auf den Umschlag gefügt: »Der Adressat ist im +Cholerahospital zu Srinigar gestorben.« Darunter stand irgend ein +Stempel. + +Vroni hielt die Botschaft noch in den bebenden Händen, da kam schon +Binia in aufgeregter Hast dahergeeilt; »Vroni, liebe Vroni, gelt, das +ist nicht wahr, er lebt!« + +Vroni aber, die, ihrer Sinne nicht mächtig, auf einen Schemel gesunken +war, rief immer nur, daß sich die Wände hätten erbarmen mögen: »Es ist +halt nach dem Kirchhoflied gegangen, Josi, mein Herzensbruder, ist tot +-- o, als er ging, habe ich es gewußt, daß er sterben würde!« + +Die großen dunklen Augen Binias erweiterten sich schreckhaft. + +Das bereitwillige Eingehen auf die Todesbotschaft und der Zusammenbruch +Vronis erschütterten sie mehr als die erste Nachricht, um ihren Mund +zuckte das Weinen, sie wankte hinaus in die Winterdämmerung. »Es ist +nicht wahr! -- Diejenigen, die gelobt haben, für die heligen Wasser an +die Weißen Bretter zu steigen, können ja nicht krank werden und nicht +sterben, bis ihr Gelübde erfüllt ist.« + +Im Volksglauben suchte sie Trost. + +Zuerst mißtraute auch der Garde und das ganze Dorf der Todesbotschaft. +Hatte man Josi Blatter nicht schon einmal für tot gehalten und dann war +er doch wieder lebendig zum Vorschein gekommen! + +»Hat er sich gemeldet?« fragte man Vroni. »Nein, das nicht -- ich habe +nichts gesehen und nichts gehört.« + +»Dann lebt er, dem nächsten Verwandten muß sich ein Sterbender melden, +und ginge sein Weg über das weite Meer. Vor zwei Jahren hat sich in +Tremis einer, der in Amerika gestorben ist, seinem Bruder angezeigt.« + +Allein die Tröstungen des Volksglaubens hielten nicht stand vor der +herben Wirklichkeit. Der Garde nahm den Brief bei der ersten Gelegenheit +mit in die Stadt und legte ihn der Post vor. Da versicherte man ihn, die +Stempel seien echt, das Schreiben sei durchschnitten, weil es auf der +Rückkehr aus dem Choleragebiet geräuchert worden sei, und die Cholera +sei eine Krankheit, die den gesundesten Mann in einer Stunde wegblase. + +Der Garde erbat sich aus Bräggen die Adresse Indergands; als sie +anlangte, schrieb er an den Kameraden Josis, Vroni sandte noch einmal +einen Brief an Josis eigene Adresse, es kamen aber keine Antworten, ja +nicht einmal mehr die Briefe zurück, auch das große amtliche Schreiben +nicht, mit dem sich der Gemeinderat von St. Peter an den schweizerischen +Konsul in Kalkutta wandte, und unter Angabe der näheren Umstände um +einen Totenschein für Blatter ersuchte. + +Unterdessen war man schon wieder in den Sommer gekommen, und Vroni sagte +die Totengebete für den Bruder her, und das Schönste deuchte sie immer +das Kirchhoflied: + + »Du armer Knabe! Schlaf am Meere! + Sieh, Gottes sind so Flut wie Firn, + Sieh, Gottes sind die Sternenheere, + Er schickt ein Tröpfchen, das die Stirn + Mit frischem Gletschergruß umspült + Und dir das heiße Heimweh kühlt!« + +Die tiefe Trauer des Mädchens hielt auch im Dorf das Andenken an Josi +Blatter noch eine Weile rege. + +In einer seltsamen Gewitterbeleuchtung erschien den Dörflern das kurze +Leben Josis. Sein Vater war zu Tode gestürzt, durch die Schuld des Presi +war der Bursche auf einen bösen Weg gekommen, er hatte zuletzt die armen +Seelen beleidigt, aber schlecht war Josi doch eigentlich nie gewesen, +großmütig hatte er sogar sich selbst für die fünf Verstiegenen in die +Schanze geschlagen. + +»Ueber den Presi aber, der dieses junge Leben zu Grunde gerichtet hat, +wird es kommen!« + +Das flüsterte stetig durchs Dorf. + +Niemand bewies Vroni so herzliche Teilnahme wie Eusebi, und die Gardin +wurde darüber eifersüchtig auf sie. Als eines Tages, just wie der Garde +und Eusebi auf der Alp waren, eine leidende Fremde, die in Vronis blauen +Augen das tiefe Gemüt entdeckt hatte, das Mädchen als Begleiterin +anstellen wollte, riet die Gardin Vroni dringend zu: »Du bekommst es +gewiß besser als bei uns -- du wirst vielleicht in ein paar Jahren +schon eine reiche Erbin!« + +Da stürzten Vroni die Thränen hervor. Das war ein Blitz aus heiterem +Himmel. Vor ihrem Bett im Kämmerlein kniete sie und schluchzte +herzzerbrechend und stundenlang. + +Sie merkte es nicht, wie die Männer heimkamen, wie Eusebi, er, der +Langsame, die Treppe heraufstürmte, wie er etwas schüchtern die Thür +öffnete und in das Kämmerchen trat, sie spürte es erst, als er immer +noch etwas scheu ihr weiches blondes Haar streichelte und sagte: »Vroni, +weine nicht.« + +»O Eusebi, ich soll fort -- und ich kann nicht. Es ist mir ja nirgends +wohl als bei euch!« + +»Sei ruhig, Vroni, ich habe dich ja lieb,« tröstete er herzlich. + +Da blickte sie mitten aus den Thränen einen Augenblick sonnig und +gläubig auf, aber nur einen Augenblick: + +»Eusebi, rede nicht so -- du weißt, ich bin ein armes Mädchen, obwohl +ihr mich wie eine Tochter gehalten habt. Es ist besser, ich gehe.« + +Da rannte Eusebi aus der Kammer: »Mutter, wenn Vroni fortgeht, so gehe +ich auch.« + +»Sei kein Narr, Eusebi,« sagte diese überlegen und kühl, »hat je ein +Bauer ein Wildheuerkind geheiratet?« + +Eusebi tobte und stürmte in die Stube: »Hast du's gehört, Vater -- Vroni +geht fort.« + +Der Garde saß breit am Tisch und stützte den Kopf in beide Fäuste: +»Thorheiten -- Thorheiten,« murmelte er vor sich hin. + +Da jagte Eusebi, der lebendig geworden, wieder fort, hinauf in sein +eigenes Kämmerlein, kam aber bald zurück und die Bäuerin schlug die +Hände zusammen. + +»Seit wann trägt man das Sonntagsgewand zum Werktagsfeierabend?« +spottete sie. + +»Ich trag' es, weil ich jetzt fortgehe, Mutter -- mit Vroni zusammen +suche ich einen Dienst.« + +Die Gardin kannte ihren zahmen Eusebi nicht mehr, seine Augen blitzten +nur so. Da nahm sie ein Scheit, drohte dem schnurrbärtigen Sohn und rief +zornig: »Auf der Stelle legst du das Sonntaggewändchen ab, du, -- du --« + +Eusebi hatte das Scheit, das die Mutter hochhielt, ergriffen, mit einem +Ruck warf er es weit weg: »Mutter, so geht es nicht mehr!« + +Da schrie die Gardin in die Stube: »Alter, hörst du nichts. Eusebi will +mir nicht mehr folgen. O, der Lümmel -- der Lümmel!« + +»Nein, beim Eid folge ich Euch nicht mehr,« trotzte Eusebi, »ich gehe +jetzt mit Vroni.« + +»Das ist der Segen und der Sonnenschein, von dem der Alte immer geredet +hat. -- Einen ungeratenen Buben habe ich jetzt durch sie -- Garde -- +Garde -- bist du taub geworden, warum hilfst du mir nicht?« Und sie riß +ihm die eine Armstütze vom dicken grauen Haupt hinweg. + +Da merkt sie erst, wie der Garde so stark, daß er es nicht mehr +verhalten mochte, vor sich hin lachte. + +»Was ist auch das, du lachst!« Sie war verwirrt und wütend. + +»Ich lache, weil der Eusebi ein Mann geworden ist. Ich kann dir nicht +sagen, wie gut er mir jetzt gefällt.« + +Die großgewachsene Gardin wurde ganz zahm, ernüchtert grollte sie: »O, +ihr wüsten Männer!« + +In dem Augenblick kam Vroni sonntäglich gerüstet und schluchzte: »Nur +danken möcht' ich euch für alles Liebe und Gute, aber Streit soll es +meinet -- --« Ihre Stimme erstickte. + +»So lebe wohl, liebes Vroneli,« sagte der Garde, nicht traurig, sondern +gemütlich, »Eusebi wird schon recht zu dir schauen.« + +Die Gardin war starr. + +Und Eusebi sagte tief bewegt: »Also lebet wohl, ich habe halt Vroni zu +lieb, ich gehe jetzt mit ihr -- behüte dich Gott, Vater -- behüte dich +Gott, Mutter!« + +Als er nun aber Vroni, die, gerüttelt von Leid, die Stube schon +verlassen hatte, folgte, da rief die Gardin ihrem Manne zu: »Du +Rabenvater, deinen Einzigen lässest du nur so in die Fremde gehen -- +wenn er jetzt ein armes Knechtlein wird -- der Sohn des Garden von St. +Peter.« + +Sie weinte aus heißem mütterlichem Herzen und der Garde knurrte: »Man +muß ihm halt dann und wann einen Napoleon[31] schicken.« + + [31] _Napoleon_, ein Zwanzigfrankenstück. + +Da eilte die Gardin unter die Hausthüre und schrie aus Leibeskräften: +»Eusebi -- lieber Eusebi -- komm zurück.« + +Die beiden Flüchtlinge waren noch nicht weit gegangen, denn Vroni suchte +Eusebi durchaus zu bereden, daß er zu den Eltern zurückkehre, sie wolle +kein Glück auf einen Streit bauen. Vor dem Disput mit Vroni aber hörte +Eusebi die Mutter nicht rufen. + +Nun schritt das junge Paar vorwärts. + +Da schrie die Gardin in ihrer Herzensangst: »Vroni! -- liebes Vroneli -- +kehr um!« und wirr durcheinander: »Vroni -- Eusebi -- Vroneli -- Eusebi, +ums Himmels willen -- kommt doch wieder!« + +Da stutzten die Flüchtlinge, und jetzt ertönte hinter der Mutter der +fröhliche Ruf des Vaters: »Kommt jetzt nur wieder!« + +Eusebi zog sein Mädchen mit einem Juchschrei zurück; halb noch ergrimmt, +halb gerührt wischte die Gardin die Thränen ab und grollte dem Garden: +»Ich habe nicht gemeint, daß du ernster Mann in deinen alten Tagen noch +so ein Erzschalk sein könntest, aber drei sind stärker als eines, ich +merke es und will mit euch in Liebe auskommen. Gieb sie nur zusammen.« + +Vroni lag an der Brust des Garden und der neigte sich auf sie und küßte +sie. »Du warst immer mein Kind, jetzt bist du's erst recht, du sanfte, +stille Wunderthäterin, die meinen Eusebi aus einem Thoren zu einem +ganzen Manne gemacht hat.« + +Die Gardin streckte Vroni die Hand hin und schluchzte: + +»In mein Herz kann ich fast niemand einlassen, das ist so herb, aber +jetzt, Vroni, bist du drinnen -- nenne mich Mutter und eine gute Mutter +will ich dir sein!« + +In die Wohnung des Garden flutete das Abendgold. Feierlich bewegt stand +der Alte, den funkelnden Zinnteller in der Hand. Er brach einen Bissen +Käse wie ein Felsklötzchen und schenkte braungoldenen Hospeler in ein +einziges Glas. + +»Nehmet, esset und trinket!« Er reichte die Hälfte des Bissens, der ein +einziges Stück gewesen war, Eusebi, die andere Hälfte Vroni und bot +ihnen das Glas. + +»Eusebius Zuensteinen und Veronika Blatter. Ich verlobe euch nach dem +alten Brauch des Thales. Ihr kennt den nicht, der den Käse bereitet, und +den nicht, der den Wein gekeltert hat. Väter haben es vor mehr als +hundert Jahren gethan und sie haben nicht gewußt, für wen. Also sollt +auch ihr thun, damit kein Geschlecht ohne den Segen der vorangegangenen +sei. Die Ahnen segnen euch und wünschen euch Glück. Eusebi, Hochzeiter! +-- Vroni, -- Braut!« + +»Amen!« sprach die Gardin, die mit gefalteten Händen hinter den +Liebenden stand. + + + + +XIV. + + +%»Died in the cholera-hospital at Srinigar!«% Thöni jubelte das Wort wie +Siegesbotschaft durch das Haus. Der Presi sah vergnügt in das Spiel der +Schneeflocken, die dicht und schwer herniederwirbelten. + +Da zog es doch plötzlich wie ein Seufzer durch seine Brust: »Ich hätte +Josi Blatter in St. Peter zurückhalten sollen!« + +Wie er es wider Willen dachte, schritt vor dem Fenster Kaplan Johannes +durch das Schneegestöber und wies ihm eine drohende Grimasse. + +Die plötzliche Erscheinung des Halbverrückten, der seit seiner +Vertreibung einen dämonischen Haß auf ihn und Binia warf, peinigte den +Presi, ohne daß er wußte warum, wie Schicksalsdrohung. Es giebt aber +einen Helfer in der Freude und einen Sorgenbrecher im Leid. + +Die trostlose Binia überraschte den Vater und Thöni, die zusammen vom +besten Hospeler zechten. Da stieß der schon lallende Vater sein Glas ins +Leere: »Zum Wohl, Seppi Blatter -- hörst du, dein Bub' ist gestorben. +-- Was willst du jetzt noch?« Er lachte hellauf. + +Thöni, der nüchterner war, folgte dem Beispiel: »Josi Blatter, du +Laushund. -- Ja so, da ist Binia. -- Komm, trinke auch eins auf deinen +toten Schatz!« + +»Schändet die Toten nicht.« Mit dem gellenden Ruf sprang sie zu den +beiden Männern und wischte die vor ihnen stehenden Flaschen und Gläser +mit leichtem Arm vom Tisch. + +»Josi lebt -- er lebt!« bebte ihre Stimme. »Ihr könntet ihm sonst nicht +zum Wohlsein trinken. Der Blitz vom Himmel würde in den Bären fahren!« + +»Binia, wenn du so wild bist, bist du teufelsschön,« lallte Thöni. + +Der Vater wollte über ihre Keckheit wüten, aber es ging nicht mehr wohl +an. Am anderen und in den folgenden Tagen sagte er kein Wort, er war +stillverdrießlich, und das war ein Zeichen, daß er sich selbst grollte. + +Seit Binias empörtem Ruf: »Er lebt!« glaubte auch er nicht mehr, daß +Josi Blatter tot sei. Nein, der stand ja immer wieder auf, wenn er schon +begraben war. Um so stärker jedoch bekräftigte der Presi die +Todesnachricht, wenn andere Leute darein Zweifel setzten: »Ta-ta-ta!« +sagte er, »es giebt auf der Welt nichts Zuverlässigeres als die +englische Post!« + +Unterdessen begann eine seltsame Zeit für Binia. Sie mußte an ein Wort +der alten thörichten Susi denken: »Schlafe, schlafe, Schäfchen, wenn du +groß und ein schönes Mädchen sein wirst, kommen um dich viele Burschen +fragen.« + +Darauf hatte sie erwidert: »Ich liebe aber nur Josi.« + +Nun war beides in Erfüllung gegangen: viele Freier kamen, und sie liebte +nur Josi. + +Gegen den Vater hatte sie Gewissensbisse. Sie fühlte sich ihm heiß +verpflichtet, daß er sie nicht zwingen wollte, irgend einem jungen +Manne, der ihm gerade gefiel, die Hand zu reichen. Das war ein großes +Zugeständnis. Für Josi jedoch wollte sie die Liebe aller Freier +ausschlagen, darüber würde er kommen. Die Todesnachricht auf dem Brief +war gewiß ein Irrtum. + +Der erste Freier war ein ungeschlachter Holzhändler aus dem Oberland. +Als er sich mit ein paar Schoppen Hospeler Mut getrunken hatte, stieß er +sie mit dem Ellenbogen in die Seite: »He, Kind, luge einmal meine +Geldkatze an -- was meinst -- wollen wir einander heiraten? -- Ich bin +halt keiner von denen, die lange 'ich bitte und ich bete' stammeln und +Küsse betteln -- dummes Zeug -- gerade recht geheiratet muß sein.« + +»Wenn's nur so geht, ist leicht ledig bleiben,« lachte Binia. + +Der Presi war es zufrieden, daß sie den ersten, die nach ihrer Hand +trachteten, Körbe gab, denn es schien ihm nicht vornehm, daß ein Mädchen +gleich auf einen, der ihm freundlich thut, mit offenen Armen zueilt, und +er hatte den Vogel doch am liebsten im Haus. Der Gedanke, sich einmal +von Binia trennen zu müssen, fiel ihm schwer. + +Doch in St. Peter hätte kein junger Mann so recht den Mut gehabt, der +Schwiegersohn des gefürchteten Presi zu werden. Binia allein hielt den +alten freundschaftlichen Verkehr mit dem Dorfe noch aufrecht. Und sie +war mehr die Freundin der Armen und Gedrückten, als der wohlhabenden +Haushaltungen mit heiratsfähigen Söhnen. + +»Vater, gebt mir noch zwanzig Franken -- ich habe keinen Rappen mehr.« +Sie wußte so drollig zu betteln. + +»Ich spare -- und du verschwendest -- will wieder einer eine Geiß +kaufen?« + +»Ja, aber wer, sag' ich dir halt nicht --« + +Der Presi, der nicht geizig war, lachte und gab ihr den Betrag. Was +verschlug es? Es ging ja auch viel Geld ein. Und es mußte ein leidliches +Verhältnis mit dem Dorf unterhalten sein. + +Die von St. Peter schauten beinahe teilnahmlos zu, wie die Touristen mit +ihren Bergstöcken durch die Gegend klapperten. Besteigungen der Krone +fanden jetzt jeden Sommer mehreremal, ja häufig statt und der Bären war +ein echtes, rechtes Bergsteigerquartier geworden. + +Gegen den Presi aber, der diese neue Zeit gebracht hatte, herrschte ein +dumpfer Groll. Die Dörfler fühlten sich in St. Peter wie nicht mehr zu +Hause, und wenn die Bauern auch viel Milch und allerlei anderes zu +erhöhten Preisen in den Bären verkaufen konnten, so sprachen sie doch am +liebsten von der alten Zeit, wo der Sommer in ruhigen Prächten durch das +Thal gegangen war. + +Thöni diente nicht mehr als Bergführer, er war in allen Dingen die +rechte Hand des Presi. An seiner Stelle geleiteten jetzt Führer von +Serbig und Grenseln, Leute, die gemerkt hatten, daß auch in St. Peter +ein schönes Stück Geld zu verdienen sei, die Touristen auf die Berge. + +Mit Schrecken sah Binia die wachsende Freundschaft zwischen dem Vater +und Thöni. + +Thöni war, so vornehm er sich gab, eigentlich doch ein recht gemeiner +Kerl. Wenn er einen freien Augenblick hatte, stand er unten vor dem Haus +bei den Führern und unter vielem Lachen redeten sie miteinander wüste +Dinge. + +Dann fuhr der Vater wohl mit einem »Gott's Sterndonnerwetter, Thöni!« +dazwischen. -- Wenn er ihm aber in seiner handfesten Art das Kapitel +verlesen hatte, so ging alles langehin wieder glatt und gut, er hatte +seine Freude an dem jungen Mann, der sich gewählt wie ein Fremder +kleidete, den wohlgepflegten Schnurrbart kühn in die Welt stellte und +seine vielen Geschäfte mit spielender Leichtigkeit erledigte. + +Und wie wußte Thöni dem Vater zu Willen zu sein und sich seinen Launen +anzupassen! Darin war er unübertrefflich. + +Wie eine Hornisse aber schoß er durch das Haus, wenn er in irgend einem +Gast einen Freier für Binia witterte. Und sie kamen immer zahlreicher, +die Freier; aus dem Unter- und Oberland kamen die reichen Händler, die +jungen Hotelbesitzer, und unter den Gästen waren nicht wenige, die für +Binia schwärmten. + +Der Vogel aber entschlüpfte. In Binias ganzem Wesen lag wie in ihrem +schlanken Leib die Kraft stählerner Geschmeidigkeit und stählernen +Widerstandes. Wo sie ein echtes Gefühl spürte, da lohnte sie es wohl mit +einem Blick, daß der Freier meinte, er habe in seinem Leben noch nichts +Süßeres gesehen, aber durch alles, was sie that und ließ, klang es bald +schelmisch, bald traurig: »Seht ihr nicht, daß ich frei sein will? -- +Was zwingt ihr mich, es euch zu sagen?« Wer ihr mit zudringlichen +Huldigungen zu nahe trat, den blitzte sie mit einem Blick oder einem +Wort nieder, daß er sich schämte und zahm wurde wie ein kleines +Maultier. + +Jetzt lächelte aber der Vater nicht mehr, wenn sie einen Freier +zurückwies. Mißtrauisch und grimmig loderte es aus seinen Augen. »Kind,« +stieß er hervor, »wenn du meinst, du könnest mich narren!« Und der Zorn +zuckte um seine Brauen. + +Frau Cresenz tröstete dann auf ihre Art. + +»Was sich zankt, das liebt sich,« meinte sie mit kühlem Lächeln. »Ihr +werdet sehen, das Blatt zwischen Thöni und Binia wendet sich. Nur sich +nicht einmischen und nicht drängen.« + +Dem Presi kam eine Verbindung zwischen Thöni und Binia selber nicht mehr +so unsinnig vor wie damals, als er den Garden wegen des sonderbaren +Gedankens ausgelacht hatte. + +Das Kind blieb dann doch in St. Peter. Sie zu zwingen hatte er aber das +Herz nicht. Sie war ja noch so jung. + +Die Zeit schritt, der Tag kam, wo Eusebi und Vroni, das glückliche Paar, +Hochzeit hielten. + +So ein schönes Fest hatte man in St. Peter noch kaum erlebt. Ein junger +Verwandter der Gardenfamilie und Binia führten das Brautpaar, und wie +lieblich war Vroni mit der niedlichen kleinen Krone auf dem blonden +Haupt, wie hübsch der einst so häßliche Eusebi, wie sah man es ihm an, +daß das Glück den Menschen verschönt. + +Ans Glück dachte Binia am Morgen nach der Hochzeit, da donnerte sie der +Vater an: »He, das Wildheuerkind ist am Ziel! Aber deinem Spiel schaue +ich jetzt nicht mehr zu. -- Meinst du, du dürfest um den toten Rebellen +noch ein paar Jahre greinen. -- Nichts da! Wenn du jetzt deinem Vater +nach vielem Leid eine Freude bereiten willst, so zankst du dich mit +Thöni nicht mehr, sondern überlegst ernstlich, ob du nicht im Frieden +seine Frau werden könntest. Ich habe einen schönen Plan und daran hänge +ich. Der Bären ist für unsere Gäste zu klein geworden, ich baue drüben +gegen die Maiensässen hin ein Chalet im Berneroberländerstil, daß es +mit seinen Balkonen ganz St. Peter überscheint. Und nun meine ich, wenn +Thöni Direktor und du Frau Direktor des Hotels zur 'Krone' würdest, so +wäre für dich gesorgt und ich könnte mein Haupt ruhig niederlegen. +Thöni,« fuhr er fort, »ist aus guter Familie, er versteht das Geschäft +und ich habe ihn mit der Zeit und namentlich in diesem Jahr lieb +gewonnen -- er ist lenksam und hört auf mich.« + +Das letzte sagte der Presi mit besonderem Nachdruck. + +Binia sah den Vater nur noch durch Thränen. + +»O, Vater,« stöhnte sie, »mir thun Kopf und Herz weh. -- -- Baue doch +lieber nicht. -- Denke an die Leute von St. Peter, die uns jetzt schon +wegen der Fremden im Bären grollen.« + +»Ho, mit denen von St. Peter nehme ich es auf,« erwiderte er hart und es +blitzte so bös aus seinen Augen, daß sie verstummte. + +Thöni zankte, wütete, schmeichelte, er weinte vor ihr. »O Bini -- Bini,« +suchte er sie zu überreden, »wir hätten's so schön zusammen!« + +»Thöni, ich nehme den, der mich freut, aber nicht einen, der schon mit +so vielen Mädchen gelaufen ist.« + +Sie sagte es ernst und bekümmert -- sie hatte eine geheime Furcht vor +ihm. + +Doch war die Zeit da, wo Josi nach seinem Versprechen hätte zurückkehren +müssen. Sie war in fieberischer Erregung, sie stand stundenlang am +Fenster und schaute auf die Straße in den Herbstsonnenschein, später +schaute sie in die Schneeflocken und am strahlenden Dreikönigstag sah +sie, wie die Kinder ihre Häspel mit den drei papiernen Sternen drehten +und hörte ihren Ruf: + + »Die heiligen drei Könige mit ihrem Stern, + Sie kommen von fern und suchen den Herrn!« + +So hatte sie als kleines Mädchen neben Josi den Windhaspel getragen und +sich innig gefreut, wenn die drei Rosen, die gewöhnlich nicht spielen +wollten, liefen. + +Kein Brief kam an Vroni -- kein Lebenszeichen von Josi -- er kam nicht +und kam nicht. Und zum Neubau fällte man das Holz. + +Ja, wenn ihr dummes Köpfchen nur einsehen wollte, daß Josi gestorben +ist. Mit Entsetzen gestand sie es sich: Sie sah sein liebes, offenes +Gesicht nicht mehr so klar wie einst. Ihr war, leise und langsam senke +sich ein feiner Nebel zwischen ihm und ihr und sein Bild weiche in die +Ferne. Sie streckte die Arme aus nach ihm: »Josi, zeige mir deine +schwieligen Hände -- ich kann sie mir nicht mehr so recht vorstellen. -- +Josi, lache mit deinem trockenen und doch so herzinnigen Lachen, es +klingt mir nicht mehr deutlich im Ohr. Mutter! -- Mutter! -- Hilf mir, +daß ich nicht wanke!« + +Und ein Wunder geschah! Für viele Wochen gab Thöni Grieg manchmal sein +wildes, eifersüchtiges Drängen auf, er schwieg, nur in seinen Augen lag +etwas Unerklärliches, etwas wie Haß und Drohung. + +Er war nicht mehr der schöne Thöni, der lustige Thöni, er war ein +reizbarer, übellauniger Herr mit einem aufgedunsenen rötlichen Gesicht. +Sobald der Vater aus dem Haus gegangen war, wurde er nachlässig und +grob, er kam alle paar Augenblicke aus der Poststube und schenkte sich +Wein ein. Ein paarmal fanden Frau Cresenz oder Binia auch in der Ablage +geleerte Flaschen. Und auf ihre Vorhalte grollte er: »Was hat das +Weibervolk im Bureau zu thun, was geht euch die Poststube an?« + +Binia aber liebte die Post, besonders das Telegraphieren, so viel als +möglich besorgte sie mit flinken Fingern die Depeschen selbst. + +»Das ist langweilig,« sagte sie vorwurfsvoll, »daß du immer die +Schlüssel ziehst. Früher wußte ich alles, was auf der Post ging -- hast +du so eine Lumpenordnung, daß man nicht mehr hineinsehen darf?« + +»Eben, gerade Ordnung habe ich, du Wildkatze,« höhnte er. + +»Dann mache doch die Sendungen bereit, die noch liegen!« + +»Ich gehe jetzt Revolverschießen,« trotzte er + +»Wozu brauchst du einen Revolver?« + +»Er ist für solche, die nach St. Peter kommen, aber nicht hergehören,« +lachte er seltsam. + +Binia kam ein fürchterlicher Verdacht, aber sie wagte ihn kaum zu +denken. »Nein, so bodenlos schlecht ist Thöni doch nicht,« beruhigte sie +sich selbst. + +Im übrigen schoß er, wenn er ausging, nicht immer mit dem Revolver, +sondern saß ebenso häufig im Wirtschäftchen des Glottermüllers oder bei +irgend einem hübschen Mädchen. + +Frau Cresenz und Binia, Gäste und Dorf sahen es, der schöne Thöni, der +lustige Thöni, hatte einen Wurm, die einen sagten im Kopf, die anderen +im Leib. + +Zuletzt sah es auch der Presi: »Thöni, du gefällst mir nicht mehr -- +weiß der Kuckuck, was du hast und was mit dir ist.« + +»Ich meine, man sollte jetzt einmal bauen, das Holz liegt schon lange +genug,« gab Thöni mürrisch zurück. + +»Natürlich wir bauen jetzt,« antwortete der Presi fest. + +Als man den ersten Spatenstich führte, rief er Binia auf seine Stube. Er +streifte sie mit forschendem, sorgenvollem Blick; dann hob er an: +»Binia, du verlobst dich jetzt mit Thöni, spätestens im Frühjahr +heiratet ihr. Ich habe dir Zeit gegeben, eine Wahl nach deinem Sinn zu +treffen, du hast sie verwirkt. Jetzt befehle ich dir!« + +Binia stand totenblaß; mutlos und verschüchtert wagte sie keinen +Widerspruch. + +Man baute, aber im schlechtesten Zeichen. Die Werkleute brachten die +»Krone« nicht vorwärts. Als hätte Gott selbst einen Zorn darauf, regnete +und wetterte es im Glotterthal den ganzen Sommer durch und der Presi +eilte in hundert Nöten zwischen dem Bären und der Baustelle hin und her. +Zum erstenmal, seit Fremde nach St. Peter kamen, füllte sich der Bären +nicht. Und er wünschte das Trüpplein von Sommerfrischlern, das da war, +wieder nach Hospel zurück und weiter. »Herr Präsident,« fragten sie Tag +um Tag und jede Stunde, »glauben Sie, wir bekommen bald schönes Wetter?« +-- »Ich weiß es nicht. In hundert Jahren kann der Sommer ja auch im +Glotterthal einmal herzlich schlecht sein.« Mit verhaltener Wut sagte er +es. Die Maulaffen! Wer litt mehr unter dem schlechten Wetter als er. + +Und zum erstenmal waren die Fremden mit dem Bären nicht zufrieden. »Der +Herr Präsident ist mürrisch,« klagten sie, »Herr Grieg, der früher so +jovial war, unaufmerksam und grob. Frau Cresenz lächelt so seelenlos wie +ein Automat. Und Binia, die alpige Rose, hat alle Schelmerei verloren +oder dann zuckt sie so heftig und seltsam heraus, daß es wie ein Lachen +im Fieber ist.« + +Die Freier blieben aus. Nur einer wandte sich noch an sie, ein junger +stiller Gelehrter. + +Er hatte ihr die paar Blumen gebracht, die trotz dem schlechten Wetter +an den Bergen gewachsen waren, aber sonst eine große Zurückhaltung gegen +sie beobachtet. Am Abend, bevor er abreiste, erst nahm er ihre Hand: +»Fräulein Waldisch -- Binia,« sagte er tief bewegt, »diese Hand ist zu +klein und zu mollig für Ihr rauhes Bergthal. -- Kommen Sie mit mir in +die Stadt -- ich liebe Sie -- werden Sie meine Braut -- meine herzliebe +Frau.« -- -- + +Es war so ein gediegener Mann und redete so warm. + +Binia wurde dunkelrot und ihre Hand zitterte: »Herr Doktor!« Sie senkte +das Köpfchen. »Ich passe nicht in die Stadt, ich kann ja kaum recht +lesen und schreiben und bin ein schlichtes Bergkind.« + +Da drang er heiß in sie: »O Binia! für mich ist das genug -- ich bin +selbst ein einfacher Mann. Was Sie an Wissen nicht haben, das ersetzen +Sie mir hundertmal mit Ihrer sonnigen Natürlichkeit, mit Ihrem klugen +Auge, mit der Wärme Ihres Gemütes. Ich habe eine liebe alte Mutter +daheim -- sie ist auch schlicht und kann keine überbildete Tochter +brauchen.« + +Bei dem Wort »Mutter« begann Binia zu schluchzen. Eine Mutter! In ihrem +Leben noch einmal eine Mutter. Das war ein stürmischer Angriff. + +»Die oberflächlichen Leute meinen,« fuhr der junge Mann fort, »Sie seien +nur ein überaus gescheites, allerliebstes Naturkind, aber ich will es +Ihnen sagen: Sie sind ein großes, liebeheischendes, heißes Herz -- und +wenn ich Sie verstanden habe, wenn Sie es sind, Binia, so gehen Sie um +Ihres eigenen Glücks willen nicht kalt an mir vorbei. Darf ich mit dem +Herrn Präsidenten reden?« + +Wie die Männerstimme zitterte! + +»Nein -- nein -- Herr Doktor, nein,« erwiderte sie angstvoll, »ich ehre +Sie -- ich will Ihnen ein Geheimnis verraten -- ich bin verlobt.« -- -- + +Da ging der junge Mann in tiefer Trauer. Er schrieb ihr aber später: +»Ich weiß, was ich verloren habe, Sie einzige -- tausend-, tausendmal +Glück!« + +Ueber diesen Brief weinte sie bitterlich. Sie wußte es, sie hätte froh +werden können mit dem Manne. Und, seine Hand wäre Rettung vor Thöni +Grieg gewesen. + +Wozu diese wahnsinnige Treue für Josi? Das fünfte Jahr erfüllte sich +jetzt bald, daß er fortgegangen war. + +Tiefen Kummer bereitete ihr die durch das schlechte Sommerwetter +entstandene Stimmung im Dorf. + +Wenn man nur mit dem Vater reden, ihn warnen dürfte, aber er ist wie ein +Pulverfaß. Man darf nicht an ihm rühren. Alles muß sich vor ihm drücken. +Thöni -- Frau Cresenz -- am meisten sie selbst: »Bini,« donnert er sie +an, »Gott's Hagel -- ich mache das Wetter nicht, lasse mich mit den +Kälbern im Dorf in Ruh'.« + +»Binia,« sagten die von St. Peter, »Ihr seid ja lieb und gut, aber wir +wollen nichts aus dem Bären, es klebt Unglück daran,« und einige Weiber +erklärten es frei heraus: »Kommt uns nicht mehr ins Haus. Wenn Ihr schon +so lieb lächeln und reden könnt, mit Euren dunklen Augen seid Ihr doch +eine Hexe und der Bären ist das Unglück von St. Peter.« + +Eine furchtbare Zeit war gekommen. Immer lagen Nebel an den Bergen; wenn +die Sonne am Morgen auch ein wenig schien, so donnerten am Nachmittag +doch wieder die Gewitter, und wenn sich die Wolken ein wenig lichteten, +sah man neue Runsen an den Bergen. Die oberen Alpen wurden spät +schneefrei, ehe das Gras gewachsen war, deckte sie schon wieder Schnee, +ein früher Reif vernichtete die Ernte und am Glottergrat rückte der +Gletscher vor. Die Wildleutlaue rüstete sich! + +Not herrschte bei Menschen und Vieh, ein Angstgefühl legte sich über das +Dorf, als dürfe es nie mehr auf bessere Zeiten hoffen, und der gräßliche +Kaplan Johannes, der wieder von Fegunden heraufgekommen war, verließ St. +Peter nicht mehr. + +Binia wußte es. Dieser Wahnsinnige lebte fast nur von dem Haß gegen den +Vater, der ihn vor Jahren hatte aus der Gemeinde treiben lassen. Er +wühlte und hetzte im Dorf mit den dunkelsten Künsten des Aberglaubens. +Entsetzlicher noch! Der böse Narr hatte seine Begierde auf sie geworfen. +Sie fürchtete ihn wie die Taube den Habicht; seit er ihr letzthin +zugerufen: »Jungfer, merkt Ihr, wie mein Korn reif wird?« zitterte sie +vor ihm und ahnte schwere Ereignisse. + +Gewiß trieb der dämonische Kaplan die von St. Peter zu einer thörichten +That, um in einer Stunde der Verwirrung seine düstere Seele an den +Bildern erfüllter Rache zu ergötzen. + +Ein ungeheuer peinlicher Vorfall, von dem zum Glück der Vater selbst +nichts erfuhr, trat dazu. + +Eine fremde vornehme Dame, die mit ihrem Hund hergekommen war, +verlangte, daß man das Tier wie einen Gast bediene. Thöni, der Thor, +der sich in das Gesicht der Dame vergaffte, gab es zu, allerdings nur in +einem besonderen Zimmer. Die Mägde hatten zu dem Hund »Guten Tag, Herr +Walo!« zu sagen, wenn er auf den Stuhl sprang, ihm ein weißes Tuch +vorzubinden und dann je auf besonderem Teller fünf Gerichte vorzulegen, +zuletzt wie zu einem Gast zu sprechen: »Wünschen wohl gespeist zu haben, +Herr Walo!« und die Dame überwachte die Bedienung ihres Viehes. + +Mit flammendem Gesicht schaffte Binia Ordnung, aber die Mägde +schwatzten, und nun lief die Geschichte im Dorf. + +»Jetzt, wo wir und unser Vieh Mangel leiden,« staunten die Leute +entsetzt. + +Kaplan Johannes trug die Erzählung von Haus zu Haus: »Merkt ihr,« fragte +er, »aus dem Wetter nichts? Geht nach Hospel, dort sind sie froh über +den Regen, der dann und wann fällt. Merkt ihr nichts?« + +»Wohl, wohl!« erwiderten die Dörfler, »die armen Seelen wollen die +todsündige Völlerei im Bären nicht, sie wollen den Neubau nicht, die +Zwingburg, die uns hudlig machen soll. In den fürchterlichen Wettern +geben sie uns ihre Zeichen.« + +»Wir sind ja schon hudlig,« antworteten andere ingrimmig: »die drei +Kleinsten Bälzis stehen am Weg und strecken den Fremden die Hände um +Almosen hin. Die Haushaltung hat nichts zu beißen und zu brechen. Und +noch viele müssen vor Elend auch zu betteln anfangen. Das ist das Werk +des Presi.« + +Der Garde mahnte zur Ruhe, der Pfarrer predigte gegen den Aberglauben +und wies seiner Herde in Chroniken nach, daß es auch früher schon so +schlimme Jahre gegeben habe. + +Die Dörfler aber schrieen ihm zu: »Pfarrer, Ihr hütet die heilige +Religion nicht. Wißt ihr es nicht? Der Presi will in dem Neubau heimlich +eine Kapelle für die Ungläubigen einrichten, wie eine zu Grenseln steht, +und wenn Ihr nicht helft, müssen wir selbst Ordnung schaffen. Wir sind +nicht gewaltthätig und den Fremden wollen wir nichts thun, aber +wenigstens den Neubau dulden wir nicht.« + +»Man muß mit dem Presi in Güte reden!« meinten einige Ruhige, wie der +Fenken- und der Bockjeälpler. + +»Wenn wir das thun,« erwiderten aber die anderen, »sind wir verloren. -- +Er ist ein alter Fuchs, er weiß schon, wie er zu sprechen hat, daß +keiner von uns mehr etwas sagen kann.« + +Der Glottermüller hatte mit seinem Wirtschäftchen gute Zeiten, aber auch +in den eigenen Stuben sammelten sich da und dort die Dörfler. + +»Wir müssen es hinter den Garden stecken,« meinten sie, »er kommt dem +Presi am ehesten bei. Der Glottermüller muß mit ihm gehen. Der Kaplan +Johannes auch.« + +Der Garde seufzte, als Bauer um Bauer in seine Wohnung kam und ihm +zuredete, daß er Vermittler zwischen der Gemeinde und dem Presi werde. +»Ich bin nicht mehr sein Freund!« erklärte er. -- »Aber Ihr seid der +Garde!« drangen sie in ihn. -- »Dann gehe ich allein,« sagte er. -- +»Nein, wenigstens einer muß mit,« erwiderten sie, »damit der Presi +spürt, daß es Ernst gilt.« + +Nach gewaltigem Sträuben fügte sich der Garde in den sauren Gang und +darein, daß der Glottermüller ihn begleite. + +Es war im Herbst und nach vielen Wochen der Verdüsterung stand der +Himmel in reinem Blau, nur hingen an der Krone so drohende Wächten, wie +man sie niemals zuvor gesehen. Durch das Dorf flog es von Mund zu Mund: +»Schaut, seit die Fremden fort sind, ist der Himmel uns wieder +wohlgesinnt.« + +Würdig empfing der Presi die beiden Abgesandten von St. Peter, würdevoll +wie ein König antwortete er ihnen, sich mit der Hand auf sein Pult +stützend: »Ihr Männer von St. Peter. Meint ihr, daß ich die Gemeinde +weniger lieb habe als ihr? -- Aber in einer thörichten Sache lasse ich +mich nicht von euch zwingen. Wir sind alle freie Männer. Wir beugen uns +vor nichts als vor den Ueberlieferungen unserer Väter und den Gesetzen +des Landes. Ueberlieferung und Gesetz ist aber, daß jeder bei uns frei +bauen darf, wie er will. Ich habe kein minderes Recht als ihr, der Bären +und die Krone stehen unter dem Schutz des Gesetzes, der das Eigentum +heiligt. Wer daran rührt, ist dem Gericht verfallen. Nicht anders ist es +mit den Fremden, die ins Thal kommen. Sie sind nicht, wie ihr meint, +vogelfrei, sie stehen unter dem Schirm mächtiger Verträge. Wehe dem, der +die verletzt! Und also habe ich eine gerechte Sache, wenn ich ein neues +Haus aufschließe und Gäste darein führe, und ich will es euch beweisen, +daß ich euerm ungerechten Verlangen nicht nachkomme. Thöni -- Binia!« + +»Presi, seid barmherzig,« bat der Garde, »sonst gerät die Gemeinde ins +Unglück. Was Ihr sagt, ist wohl wahr -- aber es ist nicht gut -- es ist +nicht gut.« + +Scheu kam Binia geschlichen, sie konnte den Garden fast nicht ansehen, +Thöni aber erschien wie ein großer Herr. + +»Thöni Grieg und Binia Waldisch,« wandte sich der Presi stolz und +feierlich an die beiden, »vor der Gemeinde St. Peter verlobe ich euch, +auf daß ihr in Frieden und Glück das neuerbaute Haus zur Krone führt. +Binia, hole mir Bissen und Wein, daß ich sie euch reiche.« + +Sie zitterte. Wie im Verscheiden sagte sie: »Nein -- ich kann nicht, +Vater.« + +Da wurde er kreideweiß: »Du Elende!« knirschte er mit einem +entsetzlichen Blick der Wut, »vor der Gemeinde machst du mich zu +Schanden -- möge Gott dich dafür schlagen!« + +Der Glottermüller verlor seine Haltung und quiekte mit seiner hohen +Weiberstimme: »Das ist ja abscheulich! Ich gehe, lebt wohl!« + +»Ja,« bebte die Stimme des Presi, »sagt es dem Dorfe nur, was für eine +Ungeratene ich zum Kinde habe.« + +Da nahm der Garde die Hand des Presi und mit Thränen in den Augen sprach +er: »Gewaltthat auf Gewaltthat! -- Sünde auf Sünde -- Presi! alter +Freund -- muß ich es wirklich erleben, daß Ihr Euch selbst, Euer Kind, +Euer Haus, das ganze Dorf zusammenschlagt!« + +»Was, alter Freund?« erwiderte der Bärenwirt kalt und hohnvoll, »einer, +der es mit den Kälbern hält, -- ein Tropf seid Ihr, Garde!« + +»Alte Männer schlagen sich nicht. -- Ihr schlagt Euch selbst.« + +Der Garde keuchte es, er ging und in einer Ecke lag Binia, das Häuflein +Unglück. + +Am anderen Tag aber flog die Kunde von Mund zu Mund: »Nun hat sich Binia +doch mit Thöni Grieg verlobt.« Schreckliche Gerüchte waren im Umlauf. +Drei Stunden sei der Presi auf dem Boden gelegen und habe mit Armen und +Beinen ausgeschlagen. »Ich kann nicht mehr leben. Mein Kind hat mich vor +der Gemeinde zu Schanden gemacht.« Da habe sich Binia auf ihn geworfen +und verzweifelt gerufen: »Vater -- lebe! -- ich will Thöni nehmen!« + +Der Presi hatte den Sieg über sein Kind und die Abgeordneten +davongetragen, aber der Bären lag in Acht und Bann, furchtbare Erregung +und Empörung gegen ihn herrschte im Dorf. + +So kommt der Winter, ein verkehrter Winter! Es fällt viel Schnee, aber +er hält nicht. Die Lawinen donnern Tag um Tag und ihre Luftstöße +erschüttern die Hütten. Jetzt tritt endlich bittere Kälte ein. Da +geschieht ein schreckliches Wunder. Eine Windsbraut fährt über die +Krone, sie wirbelt den Firnenschnee wie Gewitterwolken auf, die Wolken +verfinstern das Thal, sie sausen herab, sie drehen sich und prasseln +aufs Dorf. -- Die Glocken läuten. + +»Wohl denen, die tot sind,« schreien die Leute. »St. Peter geht unter -- +die armen Seelen ziehen aus -- für die Zeit, die uns bleibt, haben wir +noch genug zu essen, und daß unser armes Vieh an Seuchen stirbt, kann +nichts mehr schaden.« + +Da schleicht ein Wort heimlich durch das geängstigte St. Peter, das Wort +»Ahorn!« Wo sich zweie treffen, redet der eine geheimnisvoll von hundert +Dingen, bis er unauffällig das Wort »Ahorn« ins Gespräch mengen kann. +»Ahorn!« erwidert der Angeredete feierlich. Außer dem Garden, den man +immer noch einer alten Freundschaft für den Presi verdächtig hält, dem +Pfarrer und einigen anderen, denen man nicht traut, ist ganz St. Peter +in einem geheimen Bund, dessen Mitglieder sich im Wort »Ahorn« erkennen. +Wer die Losung spricht, weiß es: Im Namen der armen Seelen muß der +Bären, das Sündenhaus, fallen und der Neubau zerstört werden. Es giebt +sonst keine Rettung für das Dorf. Wen das schreckliche Los trifft, der +muß den Bären und die Krone anzünden. Sonst ihm selbst »Ahorn«. Es giebt +keinen Verräter im Bergland. Sonst auch ihm »Ahorn«. Wer es aber thut, +der soll, auch wenn er dem Gericht in die Hände fällt, in der Gemeinde +nicht ehrlos sein, sondern alle anderen sollen für seinen Haushalt +einstehen. + +Was die von St. Peter thun wollen, ist aber so fürchterlich, daß sie +selber davor zurückbeben. Sie losen noch nicht, erst zu äußerst soll es +geschehen -- gerade ehe die Fremden wieder erscheinen. + +»Ahorn« und Wildleutlaue! So kommt der Frühling. + +Der Presi und Thöni sind nach Hospel geritten. Am offenen Fenster steht +im Abendsonnenschein Binia und träumt. Ihre Wänglein sind bleich, die +Augen noch dunkler und größer als früher. Auf dem Kirchhof sprießt das +erste flaumige Grün und auf dem Kirschbaum, der sich bräutlich schmückt, +flötet eine Amsel. + +Eine Amsel. -- Sie denkt an Santa Maria del Lago. -- Jetzt ist sie +selbst der gefangene Vogel, aber keine barmherzige Hand kommt und +schneidet sie aus dem Netz. + +Josi, dessen Bild ihr so gräßlich entschwebt ist, steht wieder in +Klarheit vor ihr. + +Die Reue wütet in ihrer Seele. In einer augenblicklichen Wallung des +kindlichen Gefühls hat sie dem Vater das Opfer gebracht, daß sie sich +mit Thöni verlobte. Ist der Vater des Opfers wert? -- Nein, wie könnte +er sonst die Freundschaft mit Thöni halten, dem Schuft. + +Und der Vater ist ein Thor. Die Gier Thönis wehrte sie ab, da kam er +gerade, allerdings nicht ganz nüchtern, dazu. Thöni ließ sie los, da +lachte der Vater glückselig. »Haltet euch nur, Kinder, vor mir braucht +ihr nicht so scheu zu thun.« Und Thöni überredet den Vater, heimlich sei +sie gar nicht leid zu ihm. Sie aber hat es noch nie dazu gebracht, Thöni +nur den kleinen Finger zu strecken oder sich eine Berührung von ihm +gefallen zu lassen. Allein an den mißverstandenen Augenblick, an Thönis +Vorspiegelungen klammert sich der Vater und betäubt sein schlechtes +Gewissen. + +Ob er nun glücklich ist? -- Nein, er ist ein armer, armer Mann! Er fällt +aus den Kleidern, er beginnt zu ergrauen, er lächelt wohl darüber, daß +kein Mensch den Bären betritt, aber der Haß des Dorfes peinigt ihn, die +Beleidigung, die er dem Garden angethan hat, tötet ihn fast. + +Er könnte ein herrlicher Mann sein, das Dorf würde an ihm hangen, aber +die Welt mag sterben, er setzt seinen eigenen Willen durch. + +Und sie -- und sie -- dieses viel zu starken Vaters Kind -- sie ist +schwach geworden -- nach unsäglicher Treue doch treulos. + +Wie sie als Kind gethan, wenn sie hilflos war, beißt sie in die Finger +und schaut mit großen traurigen Augen in die sonnige Frühlingswelt. + +Da rennen Leute die Straße daher und kreischen: »Es ist ein Toter +auferstanden -- Josi Blatter, der Rebell!« + +Sie schreit auf -- sie fällt in die Kniee, sie flüstert: »Er lebt!« und +vor ihr versinkt die Welt. + + + + +XV. + + +Geheimnisvoll, wie er gegangen war, kam Josi Blatter! + +Durch den Donner der Lawinen, durch den rauschenden Föhnsturm des Märzen +schritt er am Spätnachmittag von der Schneelücke herunter. + +Lange bevor er St. Peter erreichte, hatte man im Dorf den einsamen +Wanderer bemerkt. »Ein Mann, ein Tier oder ein Gespenst!« rieten die +Leute und waren eher geneigt, an etwas Wunderbares als an etwas +Natürliches zu glauben. Was für ein Christ konnte um diese Zeit der +höchsten Gefahr über die Schneelücke steigen, an der selbst im +Hochsommer hundertfache Gefahren lauern. Der Wanderer aber schritt +unentwegt näher und sprach zu den verwundert Spähenden und Harrenden: +»Grüß euch Gott,« gerade wie es die zu St. Peter sprechen. + +»Alle Heiligen. -- Das ist Josi Blatter -- das ist der Rebell!« Die +Frauen und Kinder bekreuzten sich, man hörte ängstliche Stimmen: »Ist er +lebendig oder tot?« und die abergläubisch Erschrockenen fuhren zurück. + +Er mußte wohl lebendig sein, wie er in Nagelschuhen, den Rucksack über +die Schultern gehängt, den eisenbeschlagenen Bergstock in starker Hand, +so fest und gelassen kam. Es war, als wolle er gerade zum Kirchhof +gehen, und in scheuer Entfernung folgten ihm die Dörfler: »Der ist jetzt +ein schöner Mann geworden!« meinten einige. Er aber wandte sich um. +»Bäliälplerin, wißt Ihr, welche Nummer das Grabscheit meiner seligen +Schwester Vroni hat? Ich möchte für sie beten.« + +Alle, die es hörten, schrieen auf und wichen zurück. Der junge Peter +Thugi nur grüßte ihn herzlich: »Josi, was denkst du? Deine Schwester +Vroni ist nicht gestorben, sie ist ganz gesund, tritt nur ins Haus des +Garden.« + +Josi wankten die Kniee; als ob er stürzen wolle, pflanzte er sich an den +Bergstock. Er konnte nicht reden. + +Jetzt sind sie vor der Wohnung des Garden. »Lebe wohl, Josi!« sagt Peter +Thugi. Der murmelt aber nur finster: »Warum hat mir der Garde das +gethan?« + +»Josi Blatter, der Rebell, ist auferstanden!« tönt es wie Feuerruf durch +das Dorf, halb St. Peter sammelt sich vor der Wohnung des Garden. + +Er sitzt mit der spinnenden Vroni in der Stube. Da sieht er den Auflauf. +Im gleichen Augenblick pocht es an der Thüre und Vroni öffnet. + +»Josi! -- Alle Heiligen -- Josi!« Mit blutleeren Wangen weicht sie +zurück -- dann stürzt sie wieder vorwärts und umhalst ihn jubelnd und +weinend. »Du lebst, Josi, -- du lebst!« Allein der Ankömmling bleibt an +der Schwelle stehen, stellt den Bergstock nicht an die Wand, legt den +Rucksack nicht ab, und als der Garde ihm entgegengeht und sagt: »Komm +doch herein, Josi,« da bleibt er noch wie angewurzelt unter der Thüre. +»Ja, darf ich?« fragt er gedrückt. »Lange eng machen will ich euch +nicht. Ich weiß jetzt, daß ich überzählig bin.« + +Finster und wankend steht er an der Thüre: »Ehe ich eintrete,« preßt er +hervor, »muß ich doch fragen, wie Ihr mir habt so einen Brief schreiben +können, Garde. Vroni lebt und ist nicht tot! -- O Vroneli, du lebst -- +du lebst!« Er will sie umarmen, aber sie tritt zurück und schlägt die +Hände über dem Kopf zusammen. + +»Mutter Gottes, was Josi redet,« jammert sie. »Ich gestorben und der +Vater einen Brief? -- Josi, hat dir die fremde Welt das Hirn verrückt?« +Ihre Augen nehmen einen schreckhaften Ausdruck an. + +Der erste, der sich in der grenzenlosen Verwirrung faßt, ist der Garde: +»So komm doch herein, Josi,« redet er ihm freundlich zu, »wir wollen +über alles im Frieden reden. Vroni, jetzt hole zu essen und zu trinken, +mit dem Wiederfortgehen drängt es gewiß nicht, Josi.« + +Der sitzt nun am Tisch und schluchzt in die Hände: »Vroni lebt!« + +Der Garde ist tief erschüttert. »Ein Brief -- ein Brief! sagst du, +Josi.« Er langt in ein Schubfach des Buffert. »Da ist auch ein Brief, +aus dem wir nicht klug geworden sind.« Josi schaut auf -- er dreht und +dreht den Brief in zitternden Händen. »Vor vier Jahren! Da war ich +allerdings in der Gegend von Srinigar! Vor zweien noch. Auch die Cholera +war dort. Ein paar hundert hat man alle Tage verscharrt. Es ist +abscheulich drauf und drunter gegangen. Da hat mich vielleicht die Post +nicht gleich gefunden und hat geglaubt, ich liege auf dem Karren. Solche +Dinge sind in der großen Verwirrung vorgekommen, viele Angestellte der +Post sind gestorben, es hat neue gegeben, und die waren nicht immer +zuverlässig. So ist ein Irrtum denkbar.« Er wirft einen Blick in den +Brief: »Und Binia hat das Wort von den Vögeln geschrieben: 'Laß die +Hoffnung nicht fahren.'« Er erbebt. + +Vroni ist mit dem Hospeler, dem Brot und Rauchfleisch zurück, sie deckt +den Tisch mit weißem Linnen und der Garde sagt, indem er dem jungen +Manne noch einmal die Hand schüttelt: »Josi, gottwillkommen, ich merke +schon, es ist viel aufzuklären.« + +Die Geschwister, von denen eines geglaubt, das andere sei tot, umarmen +sich wieder und wieder: »Josi, du lebst« -- »Du lebst auch, Vroni!« + +Plötzlich sagt Josi: »Aber wie so lange kein Brief gekommen ist, hab' +ich doch wieder einen gesandt. Darauf ist Euer Brief, Garde, gekommen, +und ich habe Euch noch zweimal geschrieben, aber keine Antwort erhalten. +Ich verstehe die Welt nicht mehr.« Er langt in die Brusttasche. »Da ist +Euer Brief, Garde!« + +Der Garde liest, wird bleich, wird rot und wieder bleich: »Nicht selig +werden will ich, wenn ich das geschrieben habe, so gotteslästerliche +Dinge -- schau! -- schau! -- Vroni!« + +Und sie liest: + +»Lieber Vögtling Josi! In gar großer Betrübnis melden wir Dir, daß das +gute, liebe Vroneli nach langem Leiden gestorben ist. Eine Kuh hat es im +Winter sehr unbarmherzig auf das Herz geschlagen. Es hat sich zu unserem +großen Leidwesen legen müssen und nimmer mögen genesen. Aber Deinen +Brief hat es noch mit mageren Händchen gehalten und sich noch auf dem +Todbett daran gefreut. Es ist so traurig, daß ich nicht alles schreiben +mag. Auch sonst geschieht nichts Gutes in St. Peter. Du hast damit, daß +Du auf die Krone gingest, ein großes Unglück angestellt. Kein Frieden, +keine Ruhe ist mehr in der Gemeinde! Sei froh, daß Du fort bist! Die +Bini hält in vierzehn Tagen Hochzeit mit Thöni Grieg. Wer hätte gedacht, +daß sie den Fötzel nehme! Aber der Presi hat es halt wollen. Und das +Vroneli hat noch am Tag, wo es gestorben ist, gesagt, es sei ihm recht, +daß es die Hochzeit nicht mehr erlebe, es hätte keine Freude daran wegen +Dir. Es hat Dich noch tausendmal grüßen lassen. Du sollst für die Selige +beten. Lebe wohl, Josi, und tröste Dich! Auf Wiedersehen kann ich nicht +sagen, denn Du wirst jetzt wohl nie mehr nach St. Peter kommen. Hans +Zuensteinen, Garde.« + +Vroni schaudert vor Entsetzen. Der Garde läuft wütend hin und her: +»Merkst du nicht, wer den Brief geschrieben hat, Vroni?« Er nimmt ihn +wieder. »Gerade meine Buchstaben sind es im Anfang, aber zuletzt sind es +andere.« Er wühlt mit zitternden Händen im Buffert. »Da ist noch etwas +Geschriebenes von Thöni Grieg. -- Da schau, schau! -- Da am Ende hat es +von seinen Buchstaben -- du unseliger Hund! -- Thöni, du unseliger Hund. +-- Und du nennst dich nur Fötzel -- und bist so ein Schuft!« + +Josi schluchzt: »Ich habe nicht auf die Buchstaben gesehen, mich hat der +Brief halt gerade so angetönt, als ob er von Euch wäre -- ich habe so +viele Thränen darauf vergossen. Thöni -- das hast du mir gethan! -- Und +Bini ist gewiß auch nicht sein Weib.« + +Da öffnet sich die Thüre ein wenig, man hört draußen Eusebis gedämpfte +Stimme. »Schau nur schnell, Bini -- er ist wirklich und wahrhaftig da -- +aber zittere nicht so!« + +Ein Schrei, wie wenn eine Saite sich zerfasert und springt: »Josi!« +Binia fällt an der Schwelle nieder, sie stößt gegen die Thüre und diese +öffnet sich breit. + +Josi macht eine taumelnde Bewegung gegen Binia. »Bineli!« schreit er in +seliger Freude, aber er fährt zurück, tonlos stammelt er: »Sie trägt +doch einen Ring!« Er ruft: »Geh fort, Bini, geh fort -- ich halte es +nicht aus -- ich kann dich nicht ansehen -- -- fort, fort -- Frau Thöni +Grieg!« + +Eine Welt voll Elend liegt in den abgerissenen Worten. Vroni müht sich +um die Gestürzte und begleitet sie aus dem Haus. + +Der Garde nimmt Eusebi beim Rockärmel: »Wie hast du auch Bini +hereinbringen können,« knurrt er wild. + +»Wir haben Sägeträmmel in der Glotter geflößt, da kommt ein Bub Bälzis +gesprungen: 'Josi Blatter ist wieder in St. Peter!' Ich renne heim, wie +ich vor das Haus komme, stehen die Leute da -- mitten unter ihnen wie +eine arme gestorbene Seele Binia. Sie nimmt meine Hände. 'Ich komme +gerade von daheim, ist es wahr, ist Josi da?' Ein Stein hätte sich ihrer +erbarmen müssen. Und gebettelt hat sie: 'Laß mich nur durch die +Thürspalte lugen wie er jetzt ist.' Ihr hättet auch nicht widerstehen +können, Vater!« + +Der Garde knurrt wieder etwas, Eusebi hört es nicht mehr. Er hat sich zu +Josi gewandt: »Josi -- Schwager -- lieber Schwager.« + +»Ja so -- du bist es, Eusebi!« stammelt Josi. »Dich habe ich nicht +gleich wieder erkannt. Was bist auch für ein Mann geworden -- und ich +habe dich immer noch im Gedächtnis gehabt, wie du so ein blöder Bub +gewesen bist!« + +»Schwager!« wiederholt Eusebi. + +»Wie rufst du mir! -- 'Schwager?' -- das ist eine spaßige Welt.« + +»Du weißt noch nicht, daß Vroneli meine Frau ist -- meine liebe, herzige +Frau.« + +»Eusebi, was sagst -- Vroni, deine Frau!« Josi stürzt von einer +Ueberraschung in die andere. + +»Und du weißt noch nicht,« sagt Eusebi, »daß wir ein so liebes, herziges +Kind haben, komm und beschau's!« + +Der Glückliche zieht den von allem Neuen auf den Kopf geschlagenen Josi +in die Nebenstube: »Siehst, da liegt es und schläft und weiß nicht, daß +du gekommen bist. Es ist jährig, und weil es gesund ist, so schläft es +bei allem Lärm.« + +»Wie heißt es?« fragt Josi. + +»Joseli heißt es wie du und dir zu Ehren.« + +»Joseli heißt es und mir zu Ehren,« wiederholt er wie in tiefem Traum. + +Der Kleine in seinem Bettchen wimmert, erwacht; wie er den Vater sieht, +streckt er lachend die Aermchen, und Eusebi nimmt den Kleinen liebkosend +auf den Arm: »Joseli!« + +»Schwager!« sagt er, »wie mich das freut -- wie mich das freut, daß du +wiedergekommen bist. Vroni hat so viel getrauert um dich, jetzt mein' +ich, ist sie dann erst recht glücklich mit mir, weißt, das ist eine +Frau, wie die Fränzi selig, wie deine Mutter -- o so himmelgut.« + +Wie die beiden Männer wieder in die Wohnstube treten, ist Vroni, die +junge Frau, eben von der Begleitung Binias zurückgekehrt und auf einen +Stuhl gesunken. Mit gefalteten Händen spricht sie: »Bini ist +heimgegangen -- aber was jetzt geschieht, weiß Gott!« + +Da kommt die Gardin mit den Knechten und Vroni ist glücklich, wie die +Mutter Josi herzlich begegnet: »Tausend, was für ein schöner Mann Ihr +seid! Einen so braunen Bart! So freie Augen! Hochgewachsen und stark. +Und die häßliche Narbe sieht man nicht mehr.« Sie schüttete einen ganzen +Korb voll neugieriger Fragen vor ihm aus. + +Der Garde sagt aber ernst: »Ich gehe noch ins Dorf, es muß in der ersten +Frühe ein zuverlässiger Bote nach Hospel auf die Post! Schweigt zunächst +über die Briefe, St. Peter ist schon halb toll, wird noch das Verbrechen +Thönis bekannt, so haben wir den offenen Aufruhr gegen den Bären.« Er +geht und die unaufschiebbaren Abendarbeiten, welche Eusebi und die +Gardin in Anspruch nehmen, fügen es, daß die Geschwister allein sind. + +Leise sänftigen sich die Wogen des überraschenden Wiedersehens. + +Josi sitzt am Tisch und weint still vor sich hin. Der Sturm hat ihn +überwältigt. + +Da streichelt ihn Vroni und fragt: »Wie hast auch den Heimweg wieder +gefunden, Josi, nach mehr als fünf Jahren?« + +Mit geröteten Augen schaut er auf: »Ich will es dir nur bekennen,« +erzählt er, »ich wäre nicht wieder gekommen, hätte mich Felix Indergand +nicht mit Gewalt zurückgeschleppt. Wie zwei Brüder haben wir zusammen +gelebt. Wenn ich fast umgekommen bin vor Weh, daß du gestorben seiest, +und Binia an mir so schlecht gewesen ist, so hat er manchmal meine Hand +genommen und so warm geredet, daß ich ganz tröstlich geworden bin. 'Was +willst im fremden Land freudlos leben?' sagte der gute Felix, 'kreuzige +dich nicht so stark, Untreu' ist schon vielen geschehen.' Und wenn ich +von dir, Vroni, erzählt habe, sagte er: 'Gerade so ist die Beate, mein +liebes Schwesterkind zu Bräggen.' Und er meint, ich soll sie um ihre +Hand fragen. Er drängte mich. Und nun, Vroni, gab ich ihm ein +Versprechen, das mich reut, aber wenn man keinen lieben Menschen auf +dieser Welt mehr zu haben meint, thut man einem guten Freunde viel zu +Gefallen. Jedes Jahr am Fridolinstag fährt das Mädchen von Bräggen in +die Stadt zu seinem alten Oheim, dem Chorherrn Fridolin Indergand, um +ihm als Patenkind Glück zu wünschen. Also auch morgen. Und ich muß +ohnehin in die Stadt gehen, um nachzusehen, ob mein Geldlein richtig auf +die Bank angewiesen worden ist. Da kann ich sie sehen, ohne daß sie vom +Plan weiß. Sie muß in Hospel übernachten. Doch ist mir so sonderbar! Ich +hätte schon vor drei Tagen in St. Peter sein können, aber ich meinte: +'Nur geschwind beten auf den Gräbern und durch das Dorf laufen.' -- Und, +Vroni, um die Beate kümmere ich mich nicht -- ich kann nicht -- sieh, +wer von Bini ein Reiflein hat, der hat keine andere mehr lieb! Immerhin +will ich dem Freund das Versprechen halten.« + +So berichtete Josi. + +»Schon morgen willst du wieder fort, Josi, Herzensbruder? Sei nicht so +bitter, glaube mir, Binia hat gräßlich um dich gelitten. Sie ist zu der +Verlobung mit Grieg gezwungen worden.« Und in fliegenden Zügen schildert +ihm Vroni die Ereignisse der Zeit. + +»Sie hat gräßlich gelitten um mich.« Tonlos sagt es Josi und weint. + +»Daß ich auch so flennen muß,« stammelt er, »es ist ja eine Schande, +wenn ein Mann greint, aber ich kann mich nicht wehren -- ich flenne vor +Freude, weil es dir so gut gegangen ist, Vroni, -- wer hätte gedacht, +daß Eusebi so ein Mann, wer hätte gedacht, daß wir die nächsten +Verwandten des Garden würden -- ich flenne, weil dein Kind Joseli heißt +-- weil ich wieder in St. Peter bin, wo Vater und Mutter begraben sind. +Ich weine aus Wut über Thöni Grieg, erschlagen könnte ich ihn vor Grimm +-- ich weine, weil es mir das Herz vertrüdelt und bricht, daß ich Bini +wiedergesehen habe. -- Und schmerzenreich ist sie gewesen um mich, sagst +du, schmerzenreich und ist jetzt doch Thönis Braut!« + +Josi hat alle Fassung verloren. + +Da kommt der Garde zurück. Wie er hört, daß Josi schon am Morgen in die +Stadt gehen will und von dem Versprechen erfährt, das er Indergand +gegeben, seufzt er erleichtert auf. Er setzt sich Josi gegenüber und +nimmt seine Hand. »Ich meine,« sagt er herzlich, »ich sei auch dein +Vater, Josi, und will offen mit dir reden. Wie du zu Bini standest, weiß +ich und der Herrgott, der ins Herz sieht, weiß ebenso gut, wie schwer es +mir wird, ihr ein Leid anzuthun. Daß du aber morgen die Beate Indergand +sehen willst, das ist des Himmels Wink. Kämpfe, kämpfe, Josi, gegen dein +Herz! Es wird jetzt schon eine Aenderung im Bären geben, Thöni Grieg +kann nicht in St. Peter bleiben, ich könnte mich nicht zähmen, wenn ich +ihn träfe, den unseligen Hund. Was da aber komme, Josi, hüte dich vor +Binia! Der Bären wankt. Zu maßlos hat der Presi gewütet. Ein +Volksgericht bereitet sich vor, wie es in alten Zeiten gegeben hat -- +und, lieber Josi, ich möchte dich, wenn der Bären gestürzt ist, nicht +unter den blutenden Opfern finden. Darum, um Gottes willen, Hand weg von +Binia. So wenig zu ihr wie zu den Feinden des Presi -- mein Haus soll +rein bleiben von Schuld -- und wenn dir die Beate ein wenig gefällt, so +sei freundlich zu ihr. Es ist Gottes Hilfe zu deiner Rettung.« + +»O, wäre Bini nur nicht verlobt,« stöhnt Josi, »ich holte sie jauchzend +mitten aus der Wut derer von St. Peter, aber ich kann nicht der +Nachgänger Thöni Griegs sein -- nein, beim Himmel nicht -- und nicht mit +einem Stecklein könnte ich sie mehr anlangen.« + +»Josi, geh' zur Ruhe,« mahnt Vroni, »du bebst ja am ganzen Leib -- du +bist krank.« + +Josi steht auf. + +»Noch eins, Josi,« sagt der Garde, »so schwer es dir und mir fallen mag +-- gegen das Dorf wollen wir über Thönis That schweigen und wenigstens +jetzt auch noch nicht vor Gericht klagen. Die Wildleutlawine hat sich +gerüstet und das ist immer eine schwere Zeit -- ein Wort von uns, und +sie kann den Bären mit den heligen Wassern zusammenschlagen. Gieb mir +die Hand darauf, Josi, daß du ruhig bist.« + +Stumm reichen sich die Männer die Hände, zuletzt sagt der Garde: »Mit +dem Presi will ich aber morgen doch reden -- nicht seinetwegen -- aber +wegen des armen Dorfes.« + +Zum erstenmal schlief Josi wieder in der Heimat, doch wirre Träume +quälten ihn, am meisten der, Binia schwebe in irgend einer großen +Gefahr und rufe mit ihrem Vogelstimmchen: »Josi -- Josi -- ich bitte +dich -- hilf mir.« Schreiende Amseln flogen die ganze Nacht um ihn und +einmal war ihm, jetzt sei wirklich eine an die Kammerscheiben +geschossen. Er wollte aufstehen, aber mit bleiernen Gliedern blieb er +liegen. Im ersten Grauen des Morgens sah er ganz bestimmt etwas Weißes +vor seinem Fenster. Er stand auf. Ein Briefchen, durch das ein Faden +gezogen war, hing am Fensterhaken. + +»Bini!« schrie er. + +Sie schrieb: »Ich muß mich vor Dir rechtfertigen, sonst sterbe ich. Bei +dem schönen, unvergeßlichen Tag von Santa Maria del Lago, sei heute um +Mitternacht im Teufelsgarten. Dein unglücklicher Vogel Binia.« + +Josi biß sich auf die Lippen und sein Gesicht verfinsterte sich. +»Thorheiten, Bini,« flüsterte er, und beim frühen Morgenessen sagte er +zu Vroni: »Schwesterlein, ich habe es mir überlegt. Ich muß wieder in +die Fremde. Je bälder je besser. Am Sonntag noch wollen wir miteinander +zur Kirche gehen, dann reise ich wieder ab.« + +Und seltsam! Vroni war über seine Rede wohl traurig, das Wasser trat ihr +in die Augen, aber sie widersprach ihm nicht. + +Sie dachte an Binia und ihre ahnungsreiche Seele witterte Gefahr für +Josi. + +Er zögerte und zögerte fortzugehen, er scherzte noch mit Joseli, der +erwacht war, und dann war es immer, als wolle er noch etwas sagen oder +fragen. + +»Du kommst gewiß zu spät,« mahnte Vroni. + +Jetzt endlich ging er, er ging den erinnerungs- und schmerzenreichen +Weg über den Stutz hinunter, am Teufelsgarten und am Schmelzwerk vorbei. + +Als er zu den Weißen Brettern aufschaute, erschrak er. Es rieselte weiß +in den Wildleutfurren und knatterte in einem fort. »Gerade wie damals,« +dachte er, »als ich mit Vroni Mehl holen ging. Aber so früh im Jahre!« + +Er dachte an den Vater -- er dachte an seinen eigenen großen Plan, als +ein zweiter und stärkerer Matthys Jul und für Binia die heligen Wasser +den sicheren Weg durch die Felsen zu führen und St. Peter aus der +Blutfron zu lösen. + +In seinen sehnigen Armen zuckte das Leben, ein wunderbarer Anreiz lag in +dem Gedanken. + +Bah -- Bini ist für ihn verloren -- er will wieder fort, die in St. +Peter mögen selber sehen, wie sie mit den heligen Wassern fertig werden. + +Im Teufelsgarten dufteten die ersten Veilchen. Eine wunderliche Stunde +kam ihm ins Gedächtnis. + +»O Binia! -- Binia!« seufzte er. + +Er hatte nicht den Mut gehabt, Vroni zu Binia zu schicken und ihr sagen +zu lassen, sie möchte von dem Stelldichein abstehen. Ein Wort, wenn auch +nur zu Vroni, wäre ihm doch wie ein schnöder Verrat am geliebten Bild +erschienen. + +»Glaube mir, sie hat gräßlich um dich gelitten -- sie ist zur Verlobung +mit Thöni gezwungen worden.« Die Worte Vronis klangen ihm in den Ohren. +Und Binia ist in Gefahr. + +»Ich kann sie aber doch nicht treffen -- sie ist die Braut Thöni +Griegs,« murmelte er, und der Gedanke an Binia und an die Warnung des +Garden quälte ihn so, daß er im reinen Frühlingstag vor Weh fast starb. +Da kam ihm Kaplan Johannes entgegen. Der Schwarze mit dem Bettelsack +stutzte einen Augenblick -- dann schlug er ein höllisches widriges +Lachen an. »Guten Tag, Söhnchen! -- Bist du wieder da, du undankbares +Aas!« + +»Schweige, Pfaff!« Und Josi machte eine drohende Bewegung mit seinem +Stock. + +Ein entsetzlicher Haß loderte aus den Augen des Verrückten, Josi aber +hatte eine sonderbare Empfindung: »Wie wenn mir einer Gift angeworfen +hätte.« + +In Tremis streckte die alte verkrümmte Susi ihren Kopf aus dem Fenster. +»Je, je,« lachte sie verwundert, »der zweimal verloren gegangene Rebell! +-- Jetzt seht Ihr aber schön aus. Bini muß jetzt wohl den Thöni fahren +lassen. Hä-hä hä!« + +»Haltet Euer altes Maul!« rief er ihr verdrossen zu, er eilte vorwärts +und kam in Hospel eben recht auf die Post. + +Der Wagen rollte das große Thal entlang. Ein betagtes Ehepaar und ein +junges Mädchen teilten sich mit Josi in den Raum des offenen Gefährtes. +Das Mädchen glich Vroni und war blond wie sie. Er hörte bald, daß sie +erst in Hospel eingestiegen sei, wo sie übernachtet habe. Die drei +sprachen dann aber wieder von gleichgültigen Dingen, namentlich vom +Segen der heligen Wasser zu Hospel und den fünf Dörfern, wo ihr erster +lauer Strom die Aprikosen- und Pfirsichblüten geöffnet hatte. + +»Ihr seid von Bräggen,« wandte sich Josi höflich an das Mädchen, »sagt, +ist Felix Indergand gut heimgekommen von seiner weiten Reise?« + +»Vorgestern,« antwortete sie frisch, »kennt Ihr ihn?« + +»Freilich, freilich, warum nicht. Wir waren in Indien zusammen, wir +haben uns erst vor wenigen Tagen getrennt.« + +»Da seid Ihr Josi Blatter von St. Peter im Glotterthal?« + +Zwei hübsche Augen richteten sich auf ihn, ein herzliches Lächeln +umspielte die Lippen des Mädchens. + +»Felix,« fuhr sie fort, »hat uns viel von Euch erzählt, er sagte, ohne +Euch hätte er es niemals ausgehalten in dem fremden Land, aber wenn er +fast vergangen sei vor Heimweh, dann habet Ihr ihn immer so lieb +angesehen mit Euren braunen Augen.« + +Sie lächelte wieder und betrachtete Josi, der unter ihren Blicken +unruhig wurde. + +Himmel, dachte er, das ist wirklich ein frisches liebes Mädchen. + +Bei einem der nächsten Dörfer stiegen die alten Leute aus -- die Jugend +fuhr bis in die Nähe der Stadt allein durch den Frühling und plauderte. + +Beate Indergand war Waise, ein stattliches Bauernheimwesen lastete auf +ihr und ihrer Mutter, und wenn Josi nicht zu viel in ihre Worte legte, +so dachte sie ernstlich, sich männliche Hilfe zu suchen. + +»Ja, in Bräggen,« scherzte er, »giebt es gewiß Bursche genug, die gern +zu Euch in den Dienst treten, zu so einer Jungfrau wie Ihr, Beate.« + +»Seid doch still,« antwortete sie, »die Bursche bei uns lungern lieber +vor den Gasthöfen herum.« + +Da stellte sich Josi, wie wenn er Lust hätte, bei ihr als Knecht +einzutreten. + +»Ach, geht,« sagte sie errötend, »so ein gescheiter, schöner Mann wie +Ihr, der in Indien Aufseher gewesen ist, wird doch nicht Knecht, das +könnte ich gar nicht leiden.« + +Und sie sah ihn so sonderbar fröhlich und gütig, mit so viel Achtung an, +daß er ganz verwirrt wurde. + +»Kommt aber,« sprach sie, »nur sonst bald einmal nach Bräggen, Felix +wird eine große Freude haben und Euch alles bieten. Wir lassen Euch dann +selbstverständlich ein paar Tage nicht los.« + +Sie blinzelte ihn freundlich an, dann sagte sie: »Ja, etwas muß ich Euch +noch erzählen. Wie ich gestern mit der Post im Kreuz zu Hospel +angekommen bin, saßen zwei Männer von St. Peter da, der Präsident und +ein jüngerer Herr, Thöni haben sie ihn genannt. Ich frage sie, ob Ihr +schon daheim seid. Da sagt der Präsident: 'Der ist ja gestorben!' der +jüngere aber wird grün und gelb wie eine Leiche und wiederholt auf +spaßige Art: 'Ja, der ist gestorben!' Jetzt bin ich eifrig geworden und +habe erzählt, was ich von Felix über Euch wußte: wie Ihr, obgleich noch +so jung, geachtet und angesehen und Aufseher über mehr als hundert +Arbeiter gewesen seid und gute Zeugnisse bekommen habt, worin steht, daß +man Euch wieder an einen guten Posten stellen wird, wenn Ihr Euch wieder +meldet. Die haben Mund und Augen aufgesperrt, der Präsident hat vor +Schlucken nichts sagen können als: 'So -- so -- -- Josi Blatter -- so -- +so!' Der jüngere aber hat die Gläser nur so gestürzt. Es war ganz +sonderbar. Da hat aber der Kreuzwirt auf einmal gesagt: 'Die Maultiere +sind bereit -- reitet heim, ihr habt ja eine große Neuigkeit zu +bringen.'« + +»So lieb habt Ihr von mir geredet,« dankte Josi, seine Wangen glühten, +er versprach den Besuch zu Bräggen und nahm ihre Hand. »Ihr seid so ein +artiges Mädchen!« + +»Ihr gefallt mir auch gut -- ich bin sonst nicht von der Art, daß einer +nur meine Hand nehmen darf, sondern recht wählerisch,« lächelte sie. + +Da hielt die Postkutsche im letzten Dorf, ein Mann stieg ein, und weil +Josi und Beate nichts Gleichgültiges sprechen wollten, so wurden beide +still. + +Es wäre gewiß ein schöner Traum: Ein freundliches Gut im grünen +Oberland, darauf gesegnete Arbeit, das Lachen eines so jungen sonnigen +Weibes wie Beate, am Feierabend das Geplauder des liebsten Freundes, der +in schweren Jahren genug Proben wankloser Treue abgelegt hat, und dazu +den Frieden der Heimat. + +Josi weiß es. Aber er ist kaum allein, so bereut er das Versprechen, +nach Bräggen zu kommen, bitterlich. Es wäre ein Unrecht an der sonnigen, +arglosen Beate, wenn er ihr Liebe heuchelte, während er doch ein anderes +Bild im Herzen trägt: Binia, das feurige Herz, die mutvolle Seele. Da +giebt es keine Rettung. + +Indem er sich Beate vorzustellen sucht, sieht er immer Binia, ihr +glänzendes Augenpaar, die frischen Lippen, das rosige Ohr und er geht +mit ihr am Gestade von Santa Maria del Lago. + +Wie einen Diebstahl an ihr empfindet er jedes gute Wort, das er Beate +gegeben hat. + +»Felix, ich kann dir nicht helfen!« sagt er für sich, und dann: »Bini! +-- Bini! -- Ich komme, wenn es das Leben kostete, in den Teufelsgarten +-- ich muß deine dunklen Augen sehen -- deinen Ruf 'Josi' hören. -- +Dann aber fort, wieder zu George Lemmy nach Indien -- morgen schon fort +-- trotz Garde, Vroni und Joseli -- fort -- fort! ein einsamer +heimatloser Mann. + +»Wie gern wäre ich für dich an die Weißen Bretter gestiegen, aber -- o +Bineli -- weil du mit Grieg gegangen bist, habe ich den Mut nicht +mehr.« + + + + +XVI. + + +Einen Tag zurück. + +Binia ist vom Haus des Garden wieder daheim. Mit verkrampften Händen +sitzt sie am Rand des Bettes. Die dunkle Flut ihrer Haare ist ihr zu +beiden Seiten niedergeglitten, zwei brennende Augen schauen zwischen den +Strähnen hervor. Das Gesicht ist starr und blaß wie ein Steinbildnis, +aber im Blick funkelt das Leben, strömt die Leidenschaft. Sie stößt +einen Ton hervor, wie ein kleines Kind, das seufzt. Es beben die Lippen: +»Er ist gekommen wie ein Held -- er ist schön wie ein Held!« + +Dann wimmert sie und beißt sich die Fingerknöchel wund. »Wie hat er mich +genannt? -- Frau Thöni Grieg!« Das Wort brennt sie wie eine Hölle im +Herzen! »Es ist nicht wahr. Nein. In Ewigkeit nein. -- Ich werde es +nicht.« + +Sie schleudert den Reifen weit von sich. + +Sie wankt zum Schrank, sie nimmt aus einer kleinen bemalten Truhe ein +goldenes Kettchen, sie öffnet die Kapsel die daran hängt, und ein +Tautropfen glänzt. Sie küßt ihn mit glühenden Lippen und sagt: »Wie ein +Tautropfen so frisch, so rein, so sonnenvoll habe ich wollen sein, damit +ich dir immer gefalle, Josi.« + +Die Stimme erbebt zart und fein. Da merkt sie erst, daß ihr die Haare +niedergefallen sind. Sie tritt vor den Spiegel und ordnet sie. Und nun +lächelt sie doch. Sie ist wohl blaß und ihre Wänglein sind schmal, aber +ihre gewölbte Stirn ist rein -- und die Lippen sind rein. + +Und sie stammelt: »Das Herz ist rein! -- Und er liebt mich noch -- ich +habe es ihm angesehen -- ich will demütig sein gegen ihn -- o, so +demütig -- und wenn er mich nicht mehr will --« + +Ein Schrei! + +Und nun staunt sie wieder: »Wenn der Vater nicht will, wenn Thöni nicht +will. Sie wollen nicht!« + +Kämpfen, kämpfen will sie jetzt um Josi bis ans Ende -- gegen Thöni -- +gegen den Vater -- gegen die ganze Welt. Nein, um das einzige große +Glück ihrer Liebe darf sie sich nicht betrügen lassen. + +Und wenn sie Josi fortjagt, so will sie zu ihm hinkriechen und betteln: +»Dulde mich bei dir!« + +Sie sinnt und nach einer Weile tönt wieder ihr kleiner Schrei. + +In den fliegenden Gedanken hat sie etwas Sonderbares gehört und gesehen; +die Leute haben gesagt, Josi habe geglaubt, Vroni sei tot. Und auf dem +Tisch des Garden lagen zwei Briefe. -- Ein alter Verdacht zuckt auf: +»Warum hat Thöni die Postschlüssel immer abgezogen?« Ist sie +hellseherisch geworden aus langer, unbegreiflicher Blindheit? + +»In verbrecherischer Weise hat sich Thöni zwischen mich und Josi +gestellt.« + +Mit einem Schlag hat sie die sichere Ueberzeugung gewonnen. + +»Ja, jetzt Kampf!« Ihre Augen flammen auf, alles an ihr lebt und bebt. +»Du wirst sehen, Vater, du armer, in einen Verbrecher vernarrter Thor, +wie ich Thöni liebe.« + +Mit fieberglühendem Köpfchen schwankt sie hinab in die Postablage. Sie +hat die Hand am Telegraphenapparat: »Postdirektion. In St. Peter ist ein +Postverbrechen geschehen. Ich bitte um Untersuchung. Binia Waldisch.« Da +läßt sie die Hand sinken -- der Schrecken lähmt sie. Der Vater ist der +Posthalter, nicht Thöni. Hat je ein Kind seinen Vater den Gerichten +ausgeliefert? + +Wie mit Wasser begossen schleicht sie davon. Sie weiß ja nicht einmal, +ob ihr brennender Verdacht gerechtfertigt ist. Und nun noch ein +furchtbarer Gedanke: »Wenn der Vater in seinem wilden Haß auf Josi der +Anstifter der Briefunterschlagungen wäre?« + +»Schäme dich, Binia,« flüstert sie, »so ist er nicht. -- Unerhörte +Gewaltthaten haben dir sein Bild verdunkelt, aber du mußt ihm nur in die +Augen sehen, in die lieben und schönen Augen, dann siehst du einen +gewaltigen Mann, der sich eher würde zerbrechen lassen, als daß er mit +Absicht und wissentlich bei einer Schlechtigkeit mithülfe. -- Er ist das +Opfer -- armer, armer Vater!« + +Ehe es Morgen wird, will sie hinter den Geheimnissen Thönis sein. + +Sie sieht, wie ihr die Blicke der Frau Cresenz mißtrauisch folgen -- sie +geht in ihre Kammer -- -- sie liest den Ring Thönis knirschend auf -- +aber sie bringt ihn nicht mehr an den Finger -- sie läßt ihn in die +Tasche gleiten. + +»Mutter,« flüstert sie, »jetzt sollte dein armes Kind klug sein wie eine +Schlange.« + +Sie steigt in die große Wohnstube hinab -- sie näht -- aber die Nadeln +brechen und der Faden reißt. Und dennoch denkt sie: »Wie ich heucheln +gelernt habe! Nähen -- und das Herz zerspringt.« + +Sie denkt an alles, was sie mit Josi gemeinsam erlebt hat. Sie sieht die +Bilder, als schaue sie in einen Guckkasten: den kleinen Buben, der das +wilde Kind herumträgt -- den Kuß im Teufelsgarten -- den schlafenden +Josi, den sie mit Fränzi beschaut -- Josi, das Knechtlein, das +zerschmettert mit Bälzi geht -- Josi, der unter dem Peitschenhieb des +Vaters blutet -- Josi, der zu Madonna del Lago erwartungsvoll vor der +Gartenpforte steht. + +Wie hat sie auch nur einen Augenblick vor dem Zorn des Vaters schwanken, +einen Augenblick glauben können, Josi sei tot. + +Da kommen die Männer heim. + +»Hole mir Wein, Bini, ich habe noch einen verdammten Durst,« johlt +Thöni, -- »schau mich nicht so verächtlich an, Bini, und so seltsam. So, +schwillt dir der Kamm wieder, weil der Rebell und Halunke da ist. Es +nützt dir nichts. -- Am Sonntag muß der Pfarrer unsere Ehe verkündigen!« + +»Ins Bett mit dir, Thöni,« keucht und donnert der Presi, der müde und +elend auf einen Stuhl gesunken ist. + +»Von Euch laß ich mich nicht mehr so anfahren, Presi,« mault Thöni unter +der Thür zurück, »wenn ich im Kot bin, so seid Ihr auch drin.« + +»Geh jetzt,« sagt der Presi matt, »schlafe den Rausch aus. Gelt, Bini, +du machst keine Thorheiten wegen des Rebellen!« Thöni schwankt ohne +»Gute Nacht« fort. + +Sie antwortet dem Vater nicht. Das Linnen, an dem sie arbeitet, ist ihr +vom Schoß geglitten. Sie hat das letzte Wort Thönis anders gefaßt als +der Vater -- für sie ist es ein Schuldbekenntnis, daß an Josi ein +Verbrechen geschehen sei. + +»Ich gehe jetzt auch zu Bett, es ist mir nicht recht wohl. Gute Nacht, +Binia.« Der Vater sagt es so gütig, wie er seit langem nicht mehr +geredet hat, aber tiefbekümmert, als hätte er etwas Schweres erlebt. + +Binia schläft nicht. + +Mitten in der Nacht wandelt sie barfuß und gespensterhaft durch das +Haus. Leicht gekleidet schleicht sie von ihrer Kammer durch den Gang zu +Thönis Zimmer. Sie lauscht eine Weile an der Thüre. Der drinnen +schnarcht laut. Sie öffnet die Kammer, läuft auf den bloßen Zehen zu +Thönis Kleidern und zieht daraus den Schlüsselbund, er klirrt leise, der +Schläfer wendet sich auf die Seite, sie huscht in den Mondschatten, aber +einen Augenblick später schnarcht er weiter, sie huscht zurück durch +Gang und Treppen abwärts bis zur Postablage. + +Sie entzündet Licht, schließt Pult und Truhen auf und findet, was sie +sucht, in einer kleinen Schublade -- Briefe -- die Notschreie Josis um +sein totes Schwesterlein und um sie. + +Sie küßt sie -- ihre Augen blitzen -- ein bleiches Lächeln geht über ihr +Gesicht. »Darum hast du so viel trinken müssen, Thöni, du Schuft! Aber +ein Narr bist du wie alle, die Schlechtes thun. Sonst hättest du die +Briefe vernichtet.« Aus der Ferne hört sie den gleichförmigen Gesang des +Wächters, der mit seinem Spieß taktmäßig auf das Straßenpflaster +schlägt. Sie löscht das Licht aus, bis er vorübergegangen ist. + +Dann entzündet sie es wieder. Ein jubelndes Triumphgefühl steigt in ihr +auf -- sie will am Morgen die Briefe dem Vater vorlegen -- Thöni ist +geschlagen, das Feld für Josi frei. -- Und vor Josi will sie sich +rechtfertigen -- so bald als möglich. + +Sie schreibt in fliegender Hast ein paar Zeilen, die ihn in den +Teufelsgarten bestellen, steigt durch den Untergaden ins Freie und hängt +den Brief mit Hilfe einer Stange, einer Nadel und eines Fadens an die +Haken des Fensters, hinter dem Josi schlafen muß, und kehrt leis zurück. + +Alles was sie thut, thut sie wie im Traum -- sie ist ihrer Sinne nicht +mächtig, so hämmert die Brust -- sie taumelt durchs Haus, sie tritt +wieder in Thönis Zimmer, sie steckt den Schlüssel in seine Kleider, sie +betrachtet einen Augenblick den Schläfer, sie hebt die geballte Faust: +»Josi hast du gemartert und schläfst so gut.« + +In ihren Augen funkelt der Haß, sie flüstert: »Weiß Gott, ich könnte +Judith sein.« + +Fort eilt sie und nun ist ihr doch, sie höre etwas. -- Das Entsetzen +rüttelt sie -- sie hat den Vater seufzen gehört -- aber sie hat nicht +gewagt, sich umzusehen. War es nur Einbildung der gespannten Sinne, daß +er unter der Thür seiner Kammer stand? + +Wie eine Bildsäule lehnt sie noch im Morgenrot mit gefalteten Händen an +ihrem Bett, blaß und aufgeregt, aber in furchtbarer Entschlossenheit. + +Sie muß mit dem Vater reden -- rasch -- rasch. + +Am Morgen aber meldet Frau Cresenz, der Vater sei krank, und wie Binia +doch zu ihm heraufsteigen will, da fleht jene, daß sie ihm Ruhe gönne. + +Daran hätte sich Binia nicht gekehrt, es handelte sich jetzt gewiß um +mehr als Ruhe, aber -- ihr selber liegen die Erregungen der Nacht wie +Blei in den Gliedern -- sie hätte die Kraft nicht, mit dem Vater zu +reden, wie sie müßte -- sie könnte nur weinen. + +»Wohl, wohl,« meint Frau Cresenz, »das wird eine heitere Wirtschaft auf +den Sommer, der Präsident ächzt, du bist so zitterig wie Espenlaub und +von Thöni mag ich schon gar nicht reden -- der war heute früh wie eine +Leiche -- die Post hat er nicht besorgt -- er hockt schon wieder beim +Glottermüller und säuft. -- Und ich überlege, ob ich nicht fortlaufen +will.« -- -- + +Der Presi sitzt in seiner Stube im Lehnstuhl und stöhnt: »So viel Elend! +-- Die Dörfler drohen mit Aufruhr -- der Garde ist wild über mich -- die +Wildleutlaue steht in Sicht -- und nun ist auch der Rebell wieder da -- +der unheimliche Rebell, von dem man nicht weiß, woher er in allen Dingen +seine Stärke hat.« + +Wie sonderbar hat er es im Kreuz zu Hospel vernommen, daß der zurück +ist. Die Bräggerin plauderte so harmlos, als ob sie nichts merke. Thöni +aber stürzte Glas auf Glas und in seinem Rausch sagte er auf dem +Heimritt immer nur, er werde den Rebellen töten. + +Er hat sich an der letzköpfigen Aufregung Thönis geärgert -- er konnte +nicht schlafen vor Verdruß. -- Da -- da -- hört er eine Thür gehen -- er +streckt den Kopf aus dem Schlafgemach -- -- Binia schleicht +leichtgekleidet und barfuß aus Thönis Kammer und huscht hinüber, wo sie +und die Mägde schlafen -- Bini -- seine Bini. -- Ist's möglich -- sie in +der Nacht bei Thöni -- sie, die sich immer gegen ihn gewehrt und +gesperrt hat -- sie, das wilde und doch so keusche Blut ist so wohlfeil +geworden. + +Er ächzt -- er stöhnt. -- Es ist unfaßbar, daß Binia zu Thöni gegangen +sei, aber was das Auge sieht, glaubt das Herz. Er hat gestern abend +einen Groll gegen ihn gefaßt -- und die Wahrheit -- er hat schon lange +etwas gegen ihn. Wie, wenn Thöni doch nicht der rechte Schwiegersohn +wäre? Es ist ihm furchtbar zu Mute. Er hat mit der Verlobung das Dorf +schlagen wollen, nun ist ihm, er habe sich selber und Binia geschlagen. +Das arme Kind -- der liebe, lose Vogel -- ob ihm nun die Wiederkehr Josi +Blatters nicht das Herz bricht. Und in heißen Stößen spürt der Presi, +wie er Binia liebt, die arme Maus, die sich mit Thöni vergessen hat. -- +Er möchte sie schlagen vor Wut, er möchte vor ihr niederknieen: »Bini, +meine einzige, sage es deinem alten Vater, was er gesehen hat, sei nicht +wahr.« Aber er kann das Kind nicht rufen. Vor eigener Scham. Sein Herz +klagt ihn schreiend an: »Ich habe sie mißhandelt. Und der Mensch ist wie +ein Pferd. Das edelste Tier wird, wenn es genug Schläge bekommen hat, +störrisch und stürzt sich in den Abgrund.« + +So ist Binia gestürzt, sein herrliches Kind -- sein ist die Schuld -- er +darf ihr nicht mehr in die Augen sehen. + +»Möge dich Gott schlagen,« hat er einmal gesagt -- und Gott hat sie +geschlagen. + +Es ist schrecklich. -- Eine Umkehr giebt es nicht mehr, nur Eile vor dem +Rebellen. Am Sonntag muß der Pfarrer die Ehe Thönis und Binias +verkündigen. Ein Glück ist in diesem grenzenlosen Elend: Binia weiß +jetzt, daß das Spiel mit Josi Blatter aus ist -- das ist vorbei! + +Es ist ein furchtbar bleiches Lächeln der Genugthuung, das um die Lippen +des Presi spielt. + +Josi Blatter bringt er nicht aus dem Kopf. Er ist in Ehren und mit guten +Zeugnissen aus der weiten Welt zurückgekehrt. -- -- Ja, er ist halt +Fränzis Sohn, das ist seine geheimnisvolle Kraft. + +Der Presi keucht und schwitzt. Da pocht es, Frau Cresenz bringt ihm +einen Brief, den der Viehhüter Bonzi abgegeben hat. Er trägt die +knorrige Schrift des Garden. + +Der Presi ahnt nichts Gutes, erst als Frau Cresenz gegangen ist, öffnet +er das Schreiben. + +»Presi!« schreibt der Garde, »ich laufe Euch nicht nach, aber wenn Ihr +zu mir kommen wolltet, so hätte ich Ernstes mit Euch zu reden. Ich habe +die Beweise in den Händen, daß Thöni Grieg an Josi Blatter einen +gottlosen Brief geschrieben, die Schrift gefälscht und das Schreiben mit +meinem Namen mißbräuchlich unterzeichnet hat. Ferner besitze ich von der +Post in Hospel die Bescheinigung, daß zwei eingeschriebene Briefe, +darunter der des Gemeinderates an den Konsul in Kalkutta, im Postbuch +nicht vermerkt und also nicht durch Hospel gegangen sind. Thöni Grieg +hat also diese und andere unterschlagen. Ich hoffe, daß Ihr nicht +Mitwisser des Verbrechens seid.« + +Der Presi liest den Brief nicht zu Ende -- er neigt das blasse Haupt auf +die Seite -- seine Hände zucken -- er will aufstehen -- es geht nicht +-- mit vorgelegten Armen läßt er den Kopf fallen. -- Aus der Brust des +Gerichteten stöhnt es, wie wenn eine gewaltige Eiche sich zum Falle +rüstet. + +Der Sturz einer Eiche. Wer das Bild einmal gesehen hat, vergißt es nie! +Es seufzen tief unter der Erde die Wurzelgrüfte, es bebt die Krone, die +Vögel flattern schreiend heraus, die Käfer kriechen aus der Rinde und +rennen davon, quiekend würgt es in den Stammfasern, als ob sich +Jahrhunderte trennen, es ist ein Knistern und Brechen, ein +geheimnisvolles Raunen von Abschiedsstimmen -- das Fallen einer Eiche +ist eine ganze Schlacht. + +Eine würgende, ächzende Schlacht ist in dieser Stunde das Leben des +Presi. + +Er zweifelt nicht. Er wütet nicht, aber sein leises Zittern ist +schrecklicher als ein lauter Ausbruch der Wut. + +Wenn die Eiche vor dem Falle erbebt, so sagen die Holzleute: »Der Baum +redet!« + +Der Presi redet. + +Mit zuckenden Lippen murmelt er: »Nein, Garde. -- Gott weiß es -- ich +bin unschuldig -- Bini -- Vogel -- meine Ehre und deine Ehre durch einen +Schuft dahin.« + +Sein Wort klingt wie eine sanfte, feierliche Knabenstimme. Die dünnen +spärlichen Thränen des Alters rinnen über seine Wangen. Er merkt es +erst, wie sie auf seine Hände fallen. Die Thränen beelenden ihn noch +mehr. Sechsundzwanzig Jahre hat er nicht geweint. Er hat es beim Tode +der Beth nicht gethan, sondern das letzte Mal, als er Fränzi um ihre +Hand bat. + +»Fränzi. -- Seppi Blatter,« stöhnt er, »erbarmet euch meiner -- ich gebe +nach!« + +»Ich gebe nach -- ich will hinter sich machen -- zuerst mit Bini. -- -- +Ja, wenn es ginge! Aber sie ist aus Thönis Kammer gekommen!« + +Und das Wort Thönis: »Wenn ich im Kot bin, seid Ihr auch drin,« tönt in +seinem Ohr wie die Posaune des Gerichts. + +Da murmelt er in seinen wilden Schmerzen: »Für den Rebellen thut sie es +schon noch,« doch er hat es kaum gesagt, so rauft er sich das Haar: +»Nein -- nein -- das gilt nicht -- das habe ich nicht gedacht.« Er zuckt +in der gräßlichen Furcht, daß dieser eine schlechte Gedanke schon wieder +ein neues Verhängnis zeitige, und die Stunde ist da, von der der Garde +gesprochen hat. »Auf den Knieen würdet Ihr zur Lieben Frau an der Brücke +rutschen, wenn Ihr Bini nur dem Josi geben könntet und Ihr sie friedlich +wüßtet.« + +Die Stunde ist da -- sie ist gekommen wie ein Dieb über Nacht. + +O, wie der wilde Presi zahm ist und betet. + +Ein schönes Alter. -- Nein, kein schönes Alter. -- Binias Augen reden: +Vater, warum hast du mich in die Hand eines Schuftes gezwungen und ich +hätte glücklich sein können mit Josi Blatter, der ehrenvoll aus der +Fremde heimgekommen ist. + +»Frieden. -- Frieden! --« + +Wieder sinkt sein Kopf. Er sieht es nicht, wie Frau Cresenz angstvoll +kommt und geht. Er weiß nicht, wie viele Stunden er in brütender +Vernichtung sitzt, er hört es nicht, wie der wachsende Föhnsturm pfeift +und an den Fenstern rüttelt. + +Sein Leib ist lahm, seine Glieder sind gebrochen, endlich aber steht er +schwankend auf, er nimmt Rock und Hut und steigt die Treppe hinab. »Wo +ist Bini?« fragt er Frau Cresenz. Er leidet furchtbare Angst um das Kind +-- es ist ihm, es schwebe in drohender Lebensgefahr -- und doch, nein, +er möchte sie nicht sehen -- er schämt sich vor Binia und für sie. + +»Sie hat so stark den Föhn im Kopf -- sie hat nicht mehr stehen können +-- sie ist in ihre Kammer gegangen,« jammert Frau Cresenz. »Um tausend +Gotteswillen redet jetzt nicht mit ihr.« + +»Föhn im Kopf,« grollt der Presi dumpf -- »ich gehe jetzt zum Garden -- +und ich hoffe, daß mir Thöni nicht begegnet -- sonst muß er sterben.« + +Das letzte sagt der Presi so fest, wie es ein Richter sagen würde. + +Frau Cresenz schlägt die Hände über dem Kopf zusammen: »Was giebt es +auch, Präsident, was giebt es?« + +Da schleudert er ihr den Brief des Garden vor die Füße und geht. + +Allein in der Dämmerung geht er nicht gleich zum Garden, er schwankt, +ohne zu wissen, was er thut, hinüber zum Neubau, steht eine Weile davor, +schüttelt den Kopf und wendet sich wieder zum Gehen. + +Da hört er plötzlich ein gräßliches Lachen. Kaplan Johannes mit dem +Bettelsack steht neben ihm. »Herr Presi, merkt Ihr es nicht, es kommt +ein Wetter. Geht doch lieber zum Glottermüller, dort zahlt einer Wein, +so viel man will, und erzählt den Leuten lustige und traurige +Geschichten aus dem Bären von St. Peter.« + +»Du räudiger Pfaff!« schreit der Presi, er stürzt sich auf den Kaplan +und mißhandelt ihn. Unter heulenden Flüchen flüchtet der Letzköpfige, +er droht: »Ich will doch einmal mit Eurer Tochter tanzen!« + +Das andere versteht der Presi nicht. + +»Zu allem Elend den Hohn. Aber warum sollte man mich nicht auslachen, +mich, den alten Thor, der sein Kind in die Arme eines Verbrechers +gezwungen hat. Und der Schuft hockt noch in St. Peter? Eine Axt will ich +nehmen und ihn erschlagen.« + +Er schwankt nun aber doch zum Garden, zu dem schwer beleidigten +ehemaligen Freund. Bitter wie noch kein Gang in seinem Leben wird ihm +der Besuch. »Garde,« keucht er, »verzeiht mir, und Josi Blatter lasse +ich danken, daß er nicht klagt.« + +Mehr würgt er nicht hervor, der Garde will ihm die Beweise vorlegen, +aber ein Blick, und der Presi nimmt plötzlich den Hut und stürmt fort. + +Beim Garden hat er das Glück gesehen, das innige Familienglück um Vroni, +in seinem Haus aber wütet das Unglück. + +Er stürmt durch die Nacht. Wer nicht ein Dörfler ist, fände jetzt den +Weg nicht. Der Föhnsturm singt an den Felsen ringsum, er stöhnt, er +jauchzt und die Wolken hangen so tief ins Thal, daß sie das Dorf fast +erdrücken. Ferne Lawinen donnern, es regnet in starken einzelnen +Tropfen. Jeder Regentropfen thut dem Presi im brennenden Gesichte wohl. + +Zuletzt kommt er doch wieder heim; der wirre Mann ächzt: »Präsidentin, +ich muß zu Bett -- ich glaube, es ist meine letzte Nacht -- ich habe +mein Herz gewendet -- aber ich weiß schon -- es kommt noch mehr -- es +kommt noch mehr.« Gräßliche Furcht rüttelt ihn. + +Früh schon ist der Bären dunkel. Einige Stunden später steht im +Wettersturm ein Mann vor dem unglücklichen Haus, und wie es elf Uhr +schlägt, öffnet er die Thüre. + +»Bist du es, Thöni?« kreischt Frau Cresenz, die ihn trotz dem Sturme +gehört hat, angstvoll. Keine Antwort. Da rennt sie halb angekleidet die +Treppe hinunter, Thöni kommt aber schon wieder aus der Postablage und +eilt ins Freie. + +»Thöni, was thust du?« schreit sie angstvoll. + +»Lebt wohl, Tante, Frau Präsident,« ruft er. »Nach der Postkasse fragt +nicht -- ich gehe nach Amerika -- und der Revolver ist für Verfolger +geladen.« + +»Er geht den rechten Weg,« knirscht der machtlose Presi, der sich ans +Fenster geschleppt hat. + +Eine Nacht ist eingefallen, wie man sie im Bergland selten erlebt. + +Der Föhn fährt in Stößen von den Gipfeln, heiß im einen Augenblick, im +nächsten bis ins Mark erkältend. Die Wolken jagen sich, stieben schwarz +und schwer über die Hausdächer dahin, die Blitze erleuchten das Thal +taghell, die schäumenden Wasser der Glotter erglänzen. Dann ist wieder +pechschwarze Nacht. Jetzt spielen die Feuerflammen um die Krone, der +Firn funkelt und leuchtet. Unaufhörlich knattert der Schnee- und +Eisbruch im Gebirg, an den Bergwänden verfängt sich der schmetternde +Donner, rollt und grollt, das Krachen der frischen Schläge wird +verstärkt durch den Wiederhall der vorangehenden und rings im Gebirg +sind die Runsen los. Die Berge wanken, es ist, als ob, was tausend Jahre +fest und starr gewesen ist, plötzlich lebendig würde und wandern müsse. +Es ist ein Bild wie Weltuntergang! + +Die Wetterglocken von St. Peter wimmern durch den Aufruhr der Elemente. + +In allen Häusern brennt Licht, um den Tisch sammeln sich bleiche +Gesichter, in den Händen der Beter beben die Kruzifixe, und selbst die +Gottlosen falten die Hände und seufzen: »Herr! -- Herr!« -- + +»Es ist eine Totennacht,« flüstern die Aelpler. In dieser Nacht steht +nach uralter Sage ein geheimnisvolles, im Bergland begrabenes Kriegsvolk +auf und zieht zur Heimat. Da darf niemand ins Freie blicken, denn wer +die Reiter sieht, wird vor Schrecken siech: + + Es donnern die reitenden Boten: + »Gebt Raum für das irrende Heer, + Es fahren, die Goten, die toten, + Vom Bergland ans heilige Meer.« + + Frau Hulder auf leuchtendem Schimmel + Sprengt jauchzend den Reitern voran, + Sie ziehn auf der Erde, am Himmel; + Sie kämpfen und brechen sich Bahn. + + Von reisigen Vätern und Söhnen, + Wallt klirrend der Heerzug durchs Thal, -- + Die Trommeln, die Hörner erdröhnen -- + Sie reiten in brennender Qual. + + Schaut -- allen die fahren und fliegen, + Strömt aus den Wunden das Blut, + Die weinenden Mütter, sie wiegen + Im Arm die erschlagene Brut. + + So reiten und ziehen die Goten, + Der schallende Hornruf ergellt: + »Hu-hoi, hu-hoi! Wir Toten + Sind Herren der lachenden Welt.« + +In dieser Nacht schwitzt der Presi Blut: »Es kommt noch mehr -- es kommt +noch mehr!« + +Ja, Herr Presi, es kommt noch mehr. + +In dieser Nacht stehen im Teufelsgarten eng aneinander geschmiegt zwei +Liebende. Und zärtlich spricht der junge Mann: »Bini, weil ich dich rein +erfinde wie einen Tautropfen, will ich das große Gelübde meiner Jugend +halten.« + +»Josi« -- es tönt wie ein kleiner Schrei, »Josi, mein Held!« Sie umarmen +sich, sie küssen sich, sie flüstern es einander selig zu, daß es kein +Leben mehr giebt als eines im anderen. + +In dieser Nacht flieht ein Mann, den das schlechte Gewissen jagt, +thalaus. + +Wie er am Teufelsgarten vorbeirennen will, zuckt eine Blitzschlange +durch die Glotterschlucht und erleuchtet sie taghell. Er sieht das +engverschlungene Paar. Aus dem Revolver blitzen die Schüsse, die Kugeln +zischen. Die Schlucht wird dunkel, am Glottergrat kracht es und ein +gewaltiger Donner erstickt die Stimmen eines Kampfes, der im +Teufelsgarten wütet, und übertönt den Sturz eines Mannes, der in der +Glotterschlucht versinkt. + +Im ersten Morgengrauen geht das Liebespaar blaß und eng aneinander +geschmiegt den Stutz empor und der Mann flüstert dem bebenden Mädchen +zu: »Arme Bini -- das habe ich nicht gewollt -- so elend müssen wir sein +-- nun mag uns Gott helfen.« + +Wie er es sagt, schießt johlend Kaplan Johannes am Wegrand auf. + +»Hoho! -- Rebell und Hexe,« lacht er drohend, »ich komme auch an eure +Hochzeit.« + +Und während des Männerkampfes im Teufelsgarten ist die Wildleutlawine +gegangen. + + + + +XVII. + + +Die Wildleutlawine ist gegangen! -- Man hat es in dem Aufruhr der +Elemente zu St. Peter kaum bemerkt, aber der Morgen bringt die +erschreckende Kunde. -- Und heute ist Wassertröstung -- Losgemeinde! Ein +Mann muß auf Leben und Sterben an die Weißen Bretter steigen und +geheimnisvoll waltet das Los. + +Der Sturm der Nacht hat sich gesänftigt, der Himmel hat sich gereinigt, +mit unschuldigem Kinderlächeln schaut er auf die Welt, und der Föhn, der +gewaltige Geselle, schmeichelt um die ergrünenden Berghalden wie ein +verliebter Bursch, der von seinem Mädchen Blumen bettelt. + +Die goldenen Primelsterne leuchten auf den Matten, die Enzianen öffnen +die blauen Augen. + +Die von St. Peter achten es nicht, die Sorge hält ihre Augen. Der Tag +entwickelt die alten Bilder! Aus der Runde reiten die Bauern auf ihren +Maultieren zur Kirche, sie tragen die dunkle Tracht und die Frauen und +Töchter drehen im Reiten den Rosenkranz. Finster feierliche Ruhe waltet, +tiefer als je an einer Wassertröstung. Da und dort grollt es flüsternd: +»Schon nach elf Jahren. Merkt Ihr es!« Und die dumpfe Antwort lautet: +»Ahorn!« Durch die ganze Gemeinde schleicht das Wort: »In zwölf Wochen +spätestens sollen Bären und Krone brennen.« + +Wie einsam steht der Bären, das schöne alte Wirtshaus! An die Stangen +vor ihm bindet kein Bauer sein Maultier an. Frau Cresenz tritt ein +paarmal angstvoll unter die Thüre, aber die Ziehenden reiten grußlos +vorbei und stellen die Tiere vor die Häuser der Verwandten oder vor die +Glottermühle. + +Verfemt ist der Bären! Nein! Wie die Glocken zu läuten anheben, +schreitet wie ehemals der Gemeinderat in würdigem Zug die Freitreppe +hernieder, voran der Weibel mit der silbernen Losurne, dann der Presi +und der Garde, der den Federnhut, das Schwert und die Binde trägt. + +Die Männer sind von der Wichtigkeit ihres Amtes ganz durchdrungen. Der +kurze Garde ist frisch, aus dem grauen Bart schauen gesunde rote Wangen, +die klugen und guten Augen unter den buschigen Brauen sind hell. Der +Presi jedoch, der wohl um den Kopf größer ist, schaut abgezehrt aus, und +die paar mächtigen Furchen im glatten Gesicht scheinen noch länger, noch +tiefer geschnitten. Man würde glauben, er wäre von den beiden der +ältere, wie er aber so mit den anderen geht, muß jeder, der ihn sieht, +denken: »Er ist halt doch der Presi!« + +Als letzte fast treten Josi und Eusebi, die sich von Vroni verabschiedet +haben, in die Kirche, jener ruhig, aber bleich. Die Neugier der Dörfler, +die nach ihm sehen, ist ihm zuwider. + +Mit einem seltsamen sorgenden Blick begleitet Vroni den Bruder. + +Er hat kein Wort von Beate Indergand erzählt, blaß, müde und stumm ist +er im Lauf des Vormittags heimgekommen. + +»Jetzt geht er am Ende noch als Freiwilliger an die Weißen Bretter,« +denkt Vroni. »Kaum ist so ein lieber Bruder da, hat man schon wieder +seine Qual um ihn.« + +Der Weibel riegelt die Thüre vor den Weibern zu, die betend und jammernd +im Kirchhof knieen. Mitten unter ihnen kniet totenfahl Binia. + +Ein Zittern läuft durch ihren Körper, mit der schmalen Hand stützt sie +sich auf die Erde des Kirchhofs -- auf den Staub der Dahingegangenen. + +-- Sie zuckt. -- Todesgedanken und sie ist noch so jung. Aber was ist +nicht im Teufelsgarten Entsetzliches geschehen? -- Und steht dort nicht +lächelnd der gräßliche Kaplan? + +In der Kirche hat sich der Gemeinderat um den altertümlichen Altar +gestellt und der Presi spricht das Heligen-Wasser-Gebet. In den +geschnitzten Stühlen harren hundertundsiebzehn Bürger, den dunklen Filz +vor dem Gesichte, und beten es mit. Nun sinken die Hüte und wie aus Erz +gegossen, ein feierliches Antlitz am anderen, stehen die Männer. Durch +die gelben, roten, blauen und grünen Scherben, welche die +Heiligenfiguren in den Fenstern zusammensetzen, fallen die farbigen +Bündel der Sonne in den golddurchsponnenen Raum und zeichnen dem einen +ein gelbes, dem anderen ein rotes, blaues oder grünes Mal auf das Kleid, +und von draußen rauschen die brünstigen Gebete der Frauen. + +Nun redet der Presi und jeder spürt es, so schön, so warm und +eindringlich hat er noch nie gesprochen. Jeder denkt: »Es ist ein +Elend, daß man diesem Manne ein Leid anthun muß. Wie spricht er +furchtlos in die Hundertundsiebzehn, unter denen kaum einer ist, der ihn +nicht grimmig haßt. Wie wenn er es nicht wüßte, so frei steht er da. Und +doch weiß er es, er hat gewiß eine Ahnung vom Ahornbund. Nur nachgeben +kann er nicht. Darum muß man den Bären verderben.« + +Jetzt verkündet er die alten Satzungen und fragt, ob sich niemand +freiwillig meldet. + +»So ein Knechtlein wäre oder sonst einer geringen Standes, der liebt ein +Mädchen und der Vater will es nicht zugeben, so mag er sich melden, an +die Weißen Bretter steigen für seine Liebe und der Gemeinderat wird ihm +Freiwerber sein!« + +Schweigen. + +»So einer wäre, der hätte heimliche oder offenbare Schuld, will aber die +heligen Wasser richten, mag er frei vortreten, und wenn er an die Weißen +Bretter steigt, so soll ihm, was er vergangen hat, nicht mehr angesehen +sein, als es unsere Altvordern dem Matthys Jul angesehen haben. Gar +nicht. Der Gemeinderat mag dann vor Gericht den Brauch des Thales +darlegen und im Namen der Gemeinde um seine Freiheit bitten.« + +Schweigen! Der gräßliche Sturz Seppi Blatters lebt noch zu frisch in der +Erinnerung aller. Hätten die Gemeinderäte aber vom Altar nach Josi +Blatter geblickt, so hätten sie wohl gesehen, wie er den kalten Schweiß +von der Stirne strich. + +»So lasset uns denn losen,« spricht der Presi. »Nach alter Sitte ist 77 +die Loszahl. Will es jemand anders oder soll es gelten?« + +Schweigen! Jeder der Männer hebt seinen Filz vor den Mund, das Summen +des Vaterunsers füllt den Raum. + +Der Presi hebt den Losbecher, spricht sein Gebet darüber, verschließt +ihn mit dem silbernen Deckel, rüttelt ihn und wendet ihn dreimal +feierlich. Das Gleiche thun der Garde und die folgenden Mitglieder des +Gemeinderates, und der letzte, der es thut, stellt den Becher wieder auf +den Altar. + +Der Presi spricht mit lauter klarer Stimme: »In Gottes, in Jesu Christi, +in der Jungfrau Maria, in St. Peters und aller Heiligen Namen -- so +wollen wir losen.« Und er hebt den Deckel der Urne ab. + +Da formt sich bankweise der Zug zum Altar. Mann hinter Mann schreiten +sie feierlich heran, die von St. Peter, nur die Alten und Bresthaften +bleiben zurück. Am Altar thut jeder einen Stoßseufzer, langt in die +Urne, und von den Stufen hinunter bewegt sich der Zug zurück in die +Stühle. Dort betet jeder wieder in seinen Hut und öffnet sein Los. Den +letzten Gliedern der Gemeinde folgt der Gemeinderat, und das letzte Los +nimmt der Presi selbst. + +Langsam und feierlich vollendet sich die Zeremonie, kaum mit einem Laut +verrät sich die grenzenlose Spannung, die über der Gemeinde liegt, denn +es gilt als ein Zeichen der Schwäche, sich hastig oder neugierig zu +zeigen, oder Freude zu äußern, wenn die schreckliche Zahl glücklich +vorbeigegangen ist. + +Doch leuchtet jetzt manches Auge mutiger. + +»In Gottes, in Jesu Christi, in der heiligen Jungfrau Maria, in St. +Peters und aller Heiligen Namen, der, den das Los getroffen hat, mag +stehen bleiben.« + +Alle anderen setzen sich, nur der junge Peter Thugi ragt einsam aus +ihnen. Jede Farbe ist aus seinem Gesicht gewichen. + +»Peter Thugi, habt Ihr das Los?« fragt der Presi feierlich. + +»Ja,« sagt der junge Mann, es klingt wie ein Schluchzer. Seine junge +Frau ist ihm kürzlich gestorben, er steht mit zwei Kindern und dem alten +Großvater allein, ist aber sonst fast mit dem ganzen Dorf verwandt und +nicht mittellos. + +In einen seltsamen klagenden Laut löst sich das Erbarmen der Männer aus. + +Ein feierlicher Augenblick. + +Da schnellt Josi Blatter aus der Menge auf: »Presi und Gemeinderat, darf +ich reden?« fragt er bewegt. + +»Sprecht, Blatter,« sagt der Presi, indem er den jungen Mann neugierig, +doch mit warmer Achtung mißt. + +Josi errötet und verwirrt sich unter den vielen Blicken, die verwundert +und mißtrauisch auf ihn gerichtet sind. + +Will er an die Stelle Peter Thugis treten? + +Er schluckt ein paarmal; unsicher zuerst, dann immer fester redet er: + +»Herr Presi, ihr Gemeinderäte und Bürger von St. Peter! Obwohl ich nur +ein schlichter Mann und erst vor wenigen Tagen aus der Fremde +zurückgekehrt bin, wage ich es, zu euch zu sprechen. Meiner Lebtag hat +es mich beelendet, wie mein Vater selig an den Weißen Brettern gefallen +ist. Ich bin in der Fremde Felsensprenger gewesen, und wenn ihr es +zugebt und mir die nötige Hilfe leistet, so will ich von jetzt an bis +zum Allerheiligentag für die heligen Wasser eine Leitung durch die +Felsen der Weißen Bretter führen, daß alle Kännel überflüssig sind, und +die Blutfron von St. Peter lösen. Es ist die Erfüllung eines Gelübdes +für ein großes Glück, das ich erlebt habe, und ich thue es ohne Lohn.« + +Mächtige Bewegung. Man hört dumpfes Murren: »Was er sagt, kann niemand +thun!« und halblaute Rufe: »Prahler! -- Großhans! -- Gotteslästerer!« +Der Presi aber donnert: »Laßt ihn reden. -- Josi Blatter, Ihr habt das +Wort.« + +»Es giebt jetzt ein weißes Pulver,« fährt Josi fort, »das ist wohl +hundertmal stärker an Gewalt als das schwarze und heißt Dynamit. Man +sprengt damit die Wege für die Eisenbahnen durch die Berge, und wenn ihr +euch draußen in der Welt erkundigen wollt, so werdet ihr erfahren, daß +damit Werke errichtet worden sind, gegen die ein Gang durch die Weißen +Bretter nur ein Spiel ist.« + +Der Bockjeälpler ruft: »Einen Tunnel habe ich auch schon gesehen.« +Andere Stimmen sagen: »Hört -- vielleicht hat der Plan doch Hände und +Füße,« wieder andere grollen: »Nichts Neues in St. Peter, wir haben am +Alten genug.« Dritte drängen: »Nur reden,« und vierte mahnen drohend: +»Nein, abhocken, Rebell.« + +So schwirren die Rufe. + +Da mahnt der Garde: »Er hat das Wort vom Presi!« + +Der Bockjeälpler ruft: »Aber er kommt nicht durch die Wildleutfurren!« + +Josi Blatter fährt fort: »Durch die Wildleutfurren baue ich eine Mauer, +setze den Kanal darauf, darüber ein stark steiles Dach aus den dicksten +Balken, darüber ein zweites wasserdichtes aus Steinplatten, die ich mit +Zement, einem gelben Pulver, verbinde. Ich lehne das Dach dicht an die +Felsen der Furren, die ich ein gutes Stück empor so verbauen will, daß +die Lawine keinen Angriff findet, wenn sie kommt, und daß sie machtlos +über die Steinplatten niederpoltern muß. Trägt man zu dem Werk ein wenig +Sorge, so hält es tausend Jahre.« + +»Hm -- es scheint, er versteht etwas!« -- »Laßt euch nicht ein, das ist +Aufruhr und Todsünde.« -- »Er ist noch der alte Rebell,« verwirren sich +die Stimmen. + +Eine unbeschreibliche Erregung herrscht in der Kirche, das Klopfen der +geängstigten Frauen, das durch die schwere Thüre dringt, vermehrt sie. + +Josi kann vor dem Lärm um ihn nicht weiter reden, fast hoffnungslos +sitzt er ab. + +Da reckt sich der Presi machtvoll, mit funkelnden Augen und mit +glührotem Kopf vor der Gemeinde auf. »Ihr Männer von St. Peter,« spricht +er mit zwingendem Klang der Stimme, »wir wollen das Angebot Josi +Blatters nicht leicht nehmen. Er hat von den Ingenieuren der englischen +Regierung in Indien gute Zeugnisse erhalten, er war der Kopf einer +Abteilung von über hundert Mann. Und die Engländer sind ein tüchtiges +Volk. Prüft also das großherzige Anerbieten, es handelt sich, wenn das +Werk gerät, um eine wunderbare Wohlthat für uns, unsere Kinder und +Kindeskinder. Weil aber die Angelegenheit so wichtig ist, so meine ich, +die Gemeinde sollte eine Abordnung in die Stadt schicken und beim +Regierungsrat fragen, was vom Plan Josi Blatters zu halten sei. Ohne ihn +können wir nicht vorwärts gehen, er müßte auch zwischen uns und den +äußeren Gemeinden vermitteln, daß die heligen Wasser einen Sommer lang +stillstehen dürfen. Wir wollen aber rasch handeln, damit wir in acht +Tagen wieder Gemeinde halten und entscheiden können, ob wir das Werk +annehmen oder nicht. Ich weiß, daß ihr mir alle grollt, aber Gott im +Himmel weiß es auch: Wenn ich schon nicht immer eure Ansichten teile, +habe ich es doch immer gut mit St. Peter gemeint. Ich will das Amt, das +ich zwanzig Jahr bekleide, vor euerm Groll in der Maigemeinde +niederlegen. -- Folgt nur jetzt noch einmal meinem Rat. Nehmt das +Angebot Josi Blatters ernst, ich bitte euch herzlich darum.« + +Mit hinreißender Wärme, mit strahlendem Auge, zuletzt mit einer +Bescheidenheit, die die Herzen bezwang, hat der Presi geredet und alle +verwirrt. Ist das der hochmütige Mann, der dem Dorf den harten +höhnischen Bescheid gegeben hat? + +Sein Auge sucht Josi Blatter -- ein kleines, unendlich schönes Lächeln +geht um seinen Mund -- ein Lächeln, bei dem Josi ist, es schmelze der +Haß aller Jahre hinweg. + +Er ist wonnig bestürzt über den Blick. + +Nun aber hält der Glottermüller mit seiner hohen Weiberstimme auch eine +Rede: »Nur nichts Neues. Die Wasserfron ist St. Peter von Gott +auferlegt, daß wir nicht übermütig werden in Bosheit. Josi Blatter ist +ein Aufrührer und bleibt ein Aufrührer, und wie früher gegen das Dorf, +wendet er sich jetzt gegen Gott und seinen Himmel. Ich sage: Nichts +Neues! -- Keine Abordnung!« + +»Nichts Neues! -- Keine Abordnung!« fielen einige ein, andere riefen: +»Fort mit der Blutfron!« + +Peter Thugi saß da wie ein Gerichteter, dem man das Leben zu schenken im +Begriffe steht. + +Mit Hilfe seiner großen Verwandtschaft beschloß die Gemeinde, die +Abordnung an den Regierungsrat zu schicken, und bestellte sie aus dem +Glottermüller, zwei weiteren Anhängern des Alten, dem Garden und dem +Bockjeälpler, der halb an Josi Blatter glaubte. Den Presi aber überging +die Gemeinde in der Wahl. + +Bis die Abordnung über die Antwort der Regierung Bericht erstatte, solle +Peter Thugi bei seinem Los behaftet sein. + +Ein Krieg hätte das Dorf nicht mehr aufregen können als der erstaunliche +Ausgang der Losgemeinde. + +»Der Presi,« höhnten einige grimmig, »hat uns mit seiner +schlangengescheiten Zunge wieder einmal erwischt. Hütet euch.« + +»Daß Josi Blatter mit seinem Gelübde gerade auf die Zeit zurückgekehrt +ist, wo die Wildleutlawine gegangen ist, bedeutet etwas -- ein großes +Glück oder ein noch größeres Unglück,« meinten andere. + +Nach der Losgemeinde hat Eusebi noch einen Gang zu machen. Vroni wandelt +mit Josi durch das ergrünende Feld und schaut den schweigsamen Bruder +mit ihren blauen treuen Augen traurig, doch mit grenzenloser Bewunderung +an. + +»Josi,« sagt sie, »du bist also der Mann, der uns geweissagt ist in den +alten Heligen-Wasser-Sagen, die da melden: Es wird einer kommen, der +stärker ist als Matthys Jul, und wird St. Peter von der Blutfron an den +Weißen Brettern erlösen. Du bist also der Mann, Josi!« + +»Ich hoffe es!« erwidert er mit einem bleichen Lächeln. + +»O Josi,« versetzt sie, »es ist schwer, dieses Mannes Schwester zu sein +-- -- und in den alten Sagen steht auch, es müsse eine Jungfrau über dem +Werke sterben.« + +Er zuckt heftig zusammen, er schlingt den Arm um die Hüfte Vronis. »Ich +weiß nur, daß ich mein Gelübde erfüllen muß,« sagt er ernst, »es ist für +Binia, dafür, daß sie rein und treu geblieben ist. Und wenn es sein muß, +sterben wir beide für das Werk, aber gewiß nicht eines allein.« + +Da sieht Vroni das grüne Feld nicht mehr, durch das Peter Thugi, der vom +Los Getroffene, mit seinen Kleinen kommt. Er spricht zu ihnen: »Seht, +das ist der Mann, der euren Vater retten wird;« er wendet sich zu den +Geschwistern: »O Josi -- könnte ich es dir einmal danken, was du an +diesen Kleinen thun willst.« + +»Siehst du, Vroni,« sagt Josi bewegt, »und ich kann nicht glauben, daß +ein Segen zuletzt in einem Unglück endet. -- Wenn es aber wäre -- so +thue ich doch, was ich muß.« + + + + +XVIII. + + +Der Presi sitzt im Bären auf seinem Zimmer, aber es ist nicht der Presi, +der das Zünglein der Wage wie schon oft in der Gemeindeversammlung mit +hinreißendem Wort geschwenkt hat, er ist ein alter gebrochener Mann. +»Seppi Blatter -- Fränzi,« stöhnt er, »seid ihr jetzt mit mir zufrieden? +-- Ob das Herz entzwei kracht, ich habe mich gewendet -- ich habe für +euern Josi geredet -- ich will noch mehr thun, ich will ihm zu seinem +Werk helfen -- ich will Frieden -- Frieden -- mit euch und eurem Sohne +Josi -- den ich geschlagen habe -- den ich achte und liebe.« + +Seit er den jungen Mann gesehen hat, wie er sich in Bescheidenheit +erhob, wie er mutig und mutiger redete, faßt er es nicht mehr, wie er +Josi Blatter jemals hat gram sein können. Sein Plan ist groß. Wie er ist +noch keiner im Bergland aufgestanden. Josi und Binia! Wenn's sein könnte +-- aber -- -- er brütet wieder. + +Da schwankt Binia zu ihm herein, blaß, müd und auf den schmalen Wänglein +doch einen Schimmer des Glücks. + +O, sie ist rührend schön, die blasse Binia. + +Sie nimmt die Hand des Vaters in ihre Händchen: »Vater, ich danke dir, +daß du für Josi eingestanden bist.« Ein schmerzliches Lächeln geht über +ihr bleiches Antlitz. + +»Du liebst ihn noch, Vogel, Herzensvogel -- gelt, ich kann für dich -- +und für Josi Blatter viel thun.« Sein Haupt zittert, sie sinkt vor ihm +nieder -- er streichelt ihren Scheitel: »Kind -- ich möchte Frieden +machen. -- Bini -- ich möchte noch einmal glücklich sein -- und wenn es +nur ein Jährchen wäre. -- Bini, ich wollte, deine Mutter lebte noch. +Beth, mein guter Engel. -- Ich wäre mit ihr nicht so weit gekommen und +das Hintersichkrebsen wäre nicht so schwer. -- Josi Blatter ist ein Mann +wie ein Held -- ich will für ihn kämpfen. Wenn mich die von St. Peter +schon nicht in die Abordnung gewählt haben, so gehe ich doch für ihn in +die Stadt, und ob das Dorf mich haßt, so bin ich vor der Regierung noch +der Presi von St. Peter. -- Soll ich gehen, Kind?« + +»Ja, Vater, ja.« + +Herzzerbrechend weint die knieende Binia. + +»Bini -- Gemslein,« hebt der Presi wieder an, »ich kann deine blassen +Wangen nicht mehr sehen -- sie töten mich -- Bini, bekomme rote Wänglein +-- laß die Geschichte von Thöni nur erst still werden -- dann nimm in +Gottes Namen Josi -- ich habe ihn lieb -- und lache wieder einmal mit +deinem glücklichen Kinderlachen.« + +Binia zuckt und windet sich in Qualen des Glücks -- und des Elends. +Wahnsinnig küßt sie die Hände des Vaters und dann schaut sie ihn an so +rührend, so hoffnungslos. Und ihr Stimmchen bebt wundersam: »Vater, es +ist zum Kinderlachen zu spät!« + +Da wird er in gräßlicher Angst plötzlich wieder der alte, böse Presi. Er +zischt sie an: »Zu spät -- Bini, du hast wohl können so eine Komödie +machen, bis du dich zu Thöni gefunden hast. Du bist ja doch zu weit mit +ihm gekommen.« + +»Nein --. Vater -- nein!« Es tönt wie ein zersprungenes Glöcklein. + +»Warum bist du denn so blaß -- so hinfällig? -- Ich habe es ja selber +gesehen, wie du aus seiner Kammer gekommen bist.« + +Binia wimmert nur, etwas Schweres schließt ihr den Mund. -- Sie schwankt +empor, sie tappt davon wie eine Trunkene. + +Sie ist in ihrer Kammer, sie kniet an ihrem Bett: »Mutter -- Mutter -- +es ist entsetzlich -- das glaubt der Vater -- ich hätte mich mit Thöni +vergangen! -- Und ich darf ihm die Wahrheit nicht sagen, warum ich mein +Kinderlachen verloren habe. Er würde daran sterben.« + +Und sie wimmert, wie der Engel wimmerte, den man aus dem Himmel stieß. + +»Mutter -- Mutter -- wie sind wir unglücklich. -- Aber gelt, Mutter, +liebe Mutter, Josis Werk kann uns erlösen -- er, der so viele erlöst, +kann auch uns befreien. Ich bin an allem schuld. -- Und den gräßlichen +Vorwurf des Vaters muß ich tragen -- Mutter -- um des Vaters selber +willen -- hilf mir schweigen.« + +Was Binia noch sonst sagt, ist stammelndes Gebet. + +Der Presi aber ist noch nicht zu Ende mit seinem Zorn, die furchtbare +Angst um Binia erzeugt seine Wut immer neu. Er rennt hinunter zu Frau +Cresenz, er donnert sie an: »Was sagt Ihr eigentlich zu der Geschichte +von den Briefen -- was sagt Ihr zu dem elenden Gesichtchen meiner Bini? +-- Wohl, wohl, Ihr habt mir mit Eurem Neffen einen saubern Schuft ins +Haus gebracht. -- He, Frau Cresenz -- gestupst und getrieben habt Ihr +Tag und Nacht an mir, daß ich Bini dem Thöni gebe -- und er hat mich +getrieben, daß ich den verfluchten Neubau angefangen habe.« + +Frau Cresenz, die kühle und geduldige Frau, wischt sich, wie er nicht +aufhört zu wüten, mit der Schürze die Thränen ab: »Präsident,« sagt sie +entrüstet, »ungerecht bleibt Ihr, bis Ihr sterbt! Ich habe auf Thöni, +den Speivogel, gar nicht viel gehalten. Denkt aber an den Wintertag, an +dem Ihr mit Thöni, aus Freude darüber, daß Blatter tot sei, wie toll +getrunken und die Gläser miteinander ins Leere gestoßen habt: 'Zum Wohl, +Seppi Blatter, zum Wohl, Josi Blatter, du Laushund.' Habt Ihr da nicht +geahnt, daß es ein Unglück giebt?« + +»Schweigt!« schreit der Presi entsetzt, ihm ist, als zünde ihm jemand +mit einer Fackel ins Gesicht; er ist seiner Zunge nicht mächtig, er +würde sonst Frau Cresenz nicht so lange haben reden lassen. + +»Als die Todesnachricht falsch war,« fährt sie fort, »und Blatter wieder +schrieb, da hat der Thor, der euch alles von den Augen absah, gemeint, +es sei euch ein Gefallen, wenn Blatter tot bliebe. Er hat den ersten +Brief unterschlagen, dann hat er nicht mehr rückwärts können, hat falsch +geschrieben und es ist gekommen, wie's gekommen ist. Daß er ein Schelm +und fremd geworden ist, daran seid Ihr schuld.« + +Plötzlich versteht der Presi die Handlungsweise Thönis. + +Er taumelt fort, er holt im Untergaden einen mächtigen Karst, rennt +damit in der beginnenden Dämmerung durch das Dorf, und erschrocken +sehen es die von St. Peter. + +»Was hat der Presi?« fragen sie, »was will er mit seiner Hacke?« + +Er eilt zum Neubau, der bis zum ersten Stockwerk gediehen ist. Mit +wuchtigem Arm schlägt er die Zinken in Mauer und Balken, er reißt vom +Werk, um dessen willen er das Dorf bis ins Mark beleidigt hat, so viel +ein, als seiner Wut nachgiebt, er lebt in der wilden Gier, alles zu +vernichten, was ihn an den unseligen Thöni mahnt. Aus scheuer Entfernung +sehen ihm die maßlos erstaunten Dörfler zu. »Er ist letzköpfig +geworden!« meinen die einen, die anderen: »Nein, seht, er hat doch ein +Herz für uns.« Wie er sich beobachtet spürt, stutzt er, dann ruft er den +Nähertretenden zu: »Nehmt von dem verfluchten Holz, so viel ihr wollt, +verbrennt es. Sagt es den armen Leuten, daß sie's holen mögen. Bringt +eure Aexte und Kärste, helft mir!« + +Der Garde kommt und streckt dem Presi die Hand hin: »Presi, etwas +Besseres habt Ihr in Euerm Leben nie gethan!« + +»Gewendet habe ich mich, Garde,« sagt er und die Dörfler staunen. + +»Der Presi hat sich gewendet.« -- Wenige lächeln, es ist kein Spott oder +Hohn im Dorf, offen oder heimlich ist ihm jedes Herz dankbar. Wie er den +Karst auf den Schultern mit dem Garden durch die Frühlingsnacht +heimwärts schreitet, lüften die Dörfler, die unter den Thüren stehen, +achtungsvoll die Hüte vor ihrem Presi. + +»Man kann vielleicht den entsetzlichen Ahornbund abschütteln,« flüstern +sie einander zu, »und für St. Peter kommt wieder eine bessere Zeit.« + +Und die Frühlingssterne, die zu schimmern beginnen, sehen den +zertrümmerten Bau, der nie ein Haus geworden ist. + +Seltsam! -- Seit langen Jahren geht durch die Brust des Presi ein Hauch +des Friedens -- er wütet nicht mehr, nur eine heiße Wehmut um Binia +schleicht noch durch sein Herz. + +»Wie -- wenn Josi Blatter sie so stark liebte, daß er sie trotz allem, +was vorgefallen ist, doch zu Ehren annähme!« -- Um Binias willen muß er +Josi Blatter den Weg zu seinem Werke leicht machen und den noch +zögernden Garden überredet er mit dem Feuer eines Jünglings von der +Ausführbarkeit des Befreiungswerkes, das Josi plant. + +Ohne daß er es weiß, hat er dafür schon das Beste gethan. + +Die Dörfler sagen: »Wenn das Wunder möglich ist, daß der Neubau des +Presi durch seine Hand zergeht, so ist auch das andere möglich, daß Josi +Blatters Plan gut ist.« + +Das schwer erschütterte Vertrauen in die Zukunft erwacht wieder in dem +geängstigten Dorf. + +Es sind so wunderliche Zeitläufte in St. Peter, daß man sich aus dem +Verschwinden Thöni Griegs nicht viel macht. Vor ein paar Jahren hat er +schon gesagt, er gehe nach Amerika, gestern hat er es beim Glottermüller +mit dem Zusatz wiederholt, es sei in der Umgebung des Presi nicht mehr +auszuhalten. Jetzt ist er halt gegangen, und Binia wird froh sein. + +Einige Tage später durchfliegt eine neue Kunde das Dorf und nimmt alle +Teilnahme so gefangen, daß die von St. Peter vor Spannung nicht mehr +arbeiten mögen. + +Die Regierung ist mächtig für den Plan Josi Blatters eingenommen, der +ihn selbst den Herren dargelegt hat. + +Vor etwa vierzig Jahren ist einmal ein Regierungsrat nach St. Peter +gekommen und hat der Einweihung einer Kirchenfahne beigewohnt. Seither +hat man in der Stadt das stille St. Peter vergessen. Nun erlebt es das +Dorf, daß zur zweiten Wassertröstung zwei Regierungräte auf einmal +kommen. Die liebenswürdigen, gescheiten Herren verstehen besser zu reden +als der glatzhäuptige Glottermüller, der quiekende Unglücksrabe. + +»Josi Blatter, der großherzige Mann,« sagen sie, »soll sein Gelübde +lösen, die Leitung nach den neuen technischen Grundsätzen bauen und +treulich sollen ihm Staat und Gemeinde helfen. Der Staat liefert ihm die +Spreng- und Baumittel, die Gemeinde mag sich zu den Hilfstagewerken +verpflichten, die nötig sind.« + +»Ja, wenn die Regierung dafür einsteht,« meinen die von St. Peter, »so +ist der Plan gewiß gut,« und freudig zeichnen die Bauern ihre Tagewerke. + +Umsonst ruft der letzköpfige Kaplan sein »Wehe -- wehe -- wehe!« durchs +Dorf, ihm antwortet der jubelnde Ruf: »Ab mit der Blutfron -- ab -- ab! +-- es lebe Josi Blatter, der Felsensprenger! Das Werk ist für uns, +unsere Kinder und Kindeskinder.« + +Eine gute That! -- Sie ist selbst heiliges Wasser, das befruchtet. Die +Unglückstafeln an den Weißen Brettern werden verrosten, die Losgemeinde +wird eine Sage sein, frei giebt man die heligen Wasser in der Kinder, in +der Enkel Hand. + +Und der »Ahornbund« liegt am Boden. + +Josi hat die Herren aus der Stadt in den Bären begleiten müssen, aber +jetzt sind sie fort. + +Zum erstenmal, seit sie vom Teufelsgarten kamen, sehen sich die +Liebenden wieder. Es ist ein schweres Wiedersehen! + +Aber nun steht Binia doch so selig, so demütig in Josis Arm -- und er +küßt ihren Scheitel: »Bineli -- mein Bineli.« Und »Josi« antwortet sie. + +Sie vergessen einen Herzschlag lang eine blutende Wunde -- sie sind am +Ziel. Ihre stille Verlobung von Santa Maria del Lago gilt wieder und er +geht jetzt an das Werk seiner Dankbarkeit, auf dem ihre heißen +Segenswünsche ruhen. + +Aber dann freilich ist noch eine That nötig, die fast schwerer als die +Befreiung St. Peters von der Blutfron ist, die Selbsterlösung aus einem +Schein der Schuld, den ein übermächtiges Verhängnis auf sie geladen hat. + +Nur wie ein ferner Stern, der blinkt, steht jenseits der großen Dinge +vor ihnen das Glück. + +Einen Herzschlag lang atmen sie auf, sie hoffen und ihre Augen glänzen +ineinander. + +Da kommt der Presi, sieht es -- sieht es -- er lächelt ihnen glücklich +und mit seinem herzinnigsten Lachen zu, er meint ein Wunder zu erleben +-- er schwankt, ob er noch an das glauben will, was er doch mit eigenen +Augen gesehen hat, daß Binia aus der Kammer Thönis trat. + +Einen Blick hat sie Josi gegeben so voll Wärme, voll Treue, voll +Reinheit und Unschuld, wie ihn nur das Mädchen findet, das sich in +seiner Liebe treu, rein und unschuldig weiß. + +Diese Entdeckung blitzt wie Sonne ins Vaterherz. + +Josi ist an sein Werk gegangen, dem er nun bis zur Vollendung mehr +gehört als der Welt. + +Da nimmt der Presi die Hand seines Kindes: »Bini -- Vogel -- Gemslein,« +dringt er in sie, »jetzt darfst du's deinem Vater schon sagen: Hast du +Thöni wirklich nie gern gehabt?« + +»Du thust mir furchtbar weh, Vater!« antwortet sie schamvoll, »glaubst +du, ich dürfte einem so herrlichen Mann wie meinem Josi in die Augen +sehen, wenn ich mich nicht treu wüßte, meinem Josi, der nur aus +Dankbarkeit gegen den Himmel an die Weißen Bretter geht, weil er mich +trotz allem Gegenschein treu erfunden hat.« Und im Sturm der Wallung +kann sie nicht mehr schweigen. »Als du mich aus Thönis Kammer kommen +sahst, habe ich nur die Schlüssel geholt, um mich der Briefe zu +bemächtigen, die er unterschlagen hat, -- da sind sie.« + +Sie reißt die Notschreie Josis aus dem Mieder, legt sie vor den Vater +und will sich flüchten. Er aber zieht sie an seine Brust: »Vogel -- +Herzensvogel -- und das hast du nicht gewagt, mir zu sagen, und hast +mich in der verzehrenden Angst gelassen -- du Grausame. -- Aber jetzt +rote Wänglein, Kind!« + +Binia ist, das Herz zerspringe ihr, sie müsse dem Vater mehr und alles +verraten, sie müsse ihm jetzt auch sagen: »Vater, uns ist ein Unglück +geschehen, hilf uns in entsetzlicher Not,« aber das unendliche Glück, +das in seinen Augen strahlt, schließt ihr den Mund. + +»O Bini -- Bini,« lacht und jubelt der Presi. »Aus Beelendung über dich +bin ich so rückwärts gekrebst -- gezittert und gebetet habe ich, daß +Josi sich doch deiner erbarmen möge. -- Und nun ist das Wunder +geschehen, daß das Kind besser ist, als der Vater erhoffte. Jetzt will +ich auf ein schönes, ruhiges Alter mit dir und Josi denken. -- Ich mag +die Unruhe nicht mehr -- ich gebe das Fremdenwesen auf!« + +Der Presi spricht es in einem Taumel des Glücks. Aber Binia weint +bitterlich -- sie schluchzt vor Leid: »O Vater, sobald Josi sein Werk +vollendet hat, so wollen wir mit ihm von St. Peter fort in ein fernes +Land ziehen, und dort will ich dein graues Haupt hüten und pflegen.« + +Leidenschaftlich stößt sie es hervor. + +»Ein sonderbarer Gedanke, Kind. Hat ihn dir Josi eingegeben?« fragt er +ernst und erstaunt. + +»Nein, Vater, ich mir selbst!« bebt ihr Mund. + +»Was denkst du,« spricht er nach einigem Besinnen, »ich kann nicht fort +von St. Peter. Wer so lange in St. Peter gelebt hat wie ich, muß in St. +Peter sterben.« -- + +Da schaut sie ihn in unendlicher Hilflosigkeit an und geht. + +»Sie ist ein merkwürdiges Kind, jetzt wie früher,« denkt der Presi, aber +er ist selig über das Bekenntnis, das sie ihm abgelegt hat. Er baut +Pläne des Glücks für Binia, für Josi, für sich. Er ist beinahe wieder +der alte Feuerkopf. + +Und er schüttelt den Kopf: »Wie ich so lange habe ein Narr sein und Josi +widerstehen können!« + +»Präsident,« meint Frau Cresenz, »wir sollten doch langsam auf unsere +Vorbereitungen für den Sommer denken, wenn Ihr die Krone aufgegeben +habt, so werden wir um so mehr zum Bären sehen müssen.« + +Er lacht sie nur seltsam an und sagt: »Ja, Präsidentin, ich gehe morgen +nach Hospel hinaus zu Malermeister Serbiger. Er muß mir eine große Tafel +malen, auf der steht: 'Pension und Hotel zum Bären in St. Peter sind +geschlossen', und die Tafel lasse ich auf zwei hohe Pfähle am Eingang +des Glotterwegs aufstellen. Auch schicke ich einen gedruckten Brief an +alle früheren Gäste, daß ich das Fremdenwesen aus Altersrücksichten +aufgegeben habe.« + +Sprachlos schlägt Frau Cresenz die Hände über dem Kopf zusammen, dann +aber jammert sie: »Wenn Ihr das thut, so gehe ich aus dem Haus -- ich +bin es nicht anders gewöhnt, als daß ich im Sommer eine Pension leite -- +und bedenkt doch, Präsident, wie man Euch, wenn Ihr jetzt dem Dorf so +stark nachgebt, auslachen wird.« + +»Gott's Donner, Präsidentin,« zürnt er, »ob ein paar Kälber lachen oder +nicht, darauf kommt es mir nicht an, aber Euer Neffe, Herr Thöni, hat +mir das Sommerleben verleidet -- ich will jetzt ein wenig glücklich +sein.« -- -- + +Frau Cresenz aber ist unglücklich -- eines Tages erscheint der Kreuzwirt +von Hospel im Bären, die Männer rechnen im Frieden die Reingewinne aus +den Büchern des Gasthofes während der zehn letzten Jahre aus, ein +Drittel der Summe zahlt der Presi Frau Cresenz in Banknoten vor und legt +aus eigenen Stücken noch tausend Franken darauf: »Da, Präsidentin, ist +Euer Anteil.« + +Die Großmut in Dingen des Geldes gefällt dem Kreuzwirt. »Schwager,« sagt +er, »es thut mir leid, daß es so ungeschickt hat gehen müssen. Wäre ich +bei den Hospelern gewesen, die den Zigarren rauchenden Thöni hoch auf +der Post über den Paß haben fahren sehen, hätte ich ihn heruntergelangt +und ihm eine Tracht Ohrfeigen mit nach Amerika gegeben, dem Lausbuben, +der seinen nächsten Verwandten nicht einmal ein Lebewohl und 'Es ist mir +leid' gesagt hat.« + +Binia, die den Rechnenden eben noch eine Erfrischung bringt, muß sich an +der Stuhllehne des Vaters halten. + +»Thöni über den Paß gefahren!« staunt sie. Ja, ist denn das schreckliche +Erlebnis im Teufelsgarten, das ihr Tag und Nacht mit fürchterlicher +Deutlichkeit vor den Sinnen steht, nur ein böser Traum? + +Herzlich dankt sie der Stiefmutter, die nie hart gegen sie gewesen ist, +und der Kreuzwirt und Frau Cresenz reiten gerade so vom Bären, wie sie +vor elf Jahren zugeritten sind. + +Eine ziemlich friedliche Ehe, die auf ein gemeinsames blühendes Geschäft +aufgebaut worden ist, hat ein friedliches Ende gefunden. + +Der Presi ist wieder da angekommen, wo er vor elf Jahren stand, der +Bären ist wieder ein Dorfwirtshaus -- mit Binia und einer Magd haust er +allein. + +Aber er ist es zufrieden, er spürt nichts von Heimweh nach dem lebhaften +Treiben der früheren Sommer, nach dem kühlen Lächeln der Frau Cresenz, +er lebt ganz in Binia, dem wiedergefundenen Kinde. + +Und der Bären ist nicht öde. Aus der weiten Umgegend kommen Leute, die +von dem Wunderwerk gehört haben, das an den Weißen Brettern im +Glotterthal ausgeführt wird. Sie reden bei ihrem Schoppen Kluges und +Thörichtes darüber. Thun sie das letztere, dann zuckt es um die Brauen +des Presi: »Ta-ta-ta, wenn jemand von einer Sache nichts versteht, so +soll er nicht darüber sprechen, letzte Woche sind die Ingenieure der +Regierung dagewesen, sie sagen, das Werk sei vortrefflich.« + +Auch die Dörfler kommen wieder in den Bären, wie eine ferne drückende +Sage liegt der »Ahorn« hinter ihnen; sie begegnen dem Presi mit jener +Hochachtung, die das beschämte Unrecht für den Gegner hat, der edel +nachgiebt, sie freuen sich über den Sommer, der wie einst in friedlichen +Prächten ins Thal zieht. + +Der Garde und der Presi, die wieder versöhnten Freunde, sprechen mit +wahrer Erhebung von Josis Werk. + +In der größeren Wildleutfurre ist die Mauer schon erstellt, die Leitung +darauf gelegt, das Schutzdach aus Holz und Stein gebaut, die Furre +selbst hochhin ausgeebnet und in der kleineren Wildleutfurre geht die +Arbeit auch bald zu Ende. An einem Kranseil, das vom Glotterweg bis in +die entlegene Höhe der heligen Wasser reicht, steigen Hilfsarbeiter, +schweben die Hölzer, die Deckplatten, die Zementsäcke zu Josi, dem +Befreier, empor. + +Dynamitfuhre um Dynamitfuhre kommt und Josi baut jetzt den Wasserweg +durch die Weißen Bretter selbst. Er ist von der Sonne braun gesengt, er +ist abgezehrt von der Arbeit, aber er liebt die Mühe und die große +beständige Lebensgefahr, die sein Werk mit sich bringt. Wer um +Sonnenaufgang von St. Peter nach Hospel geht, hört sein Hämmern in der +fernen Höhe, wer gegen Sonnenuntergang von dort zurückkehrt, hört es +noch. Wenn das Ave-Maria-Glöcklein von St. Peter verklungen ist, wenn +das letzte Sonnenrot an den Firnen zergeht, dann hallen seine +Sprengschüsse durch das Thal. Im Wiederhall ertönen die Bergwände; +heraus, herein durch das Gebirge rollt das Echo, und wenn man es schon +lange gestorben glaubt, erwacht es noch einmal grollend in einem fernen +Schlund des Gebirges. + +»Zum Wohl, Garde, trinken wir eins auf Josi!« lacht der Bärenwirt. + +»Presi, jetzt werdet Ihr wohl keine bösen Träume mehr haben,« erwidert +der Garde froh. + +»Nein, ich fasse es nicht mehr, wie ich mich einmal über ein dummes +Träumchen habe ängstigen können,« sagt der Presi, um den eine ganz neue +Welt gesponnen ist. »Ich zähle im Kalender die Tage bis zu +Allerheiligen, bis im Bären Hochzeitsleben jauchzt.« + +Ein hoffnungsvolles Lächeln geht über das Gesicht des Presi. Wie der +Garde aber nach Hause stoffelt, seufzt er und ist nachdenklich. Auch er +zählt die Tage bis Allerheiligen, aber aus einem anderen Grund. + +Mehr denn zehn Jahre hat der Presi gewütet in Gewaltsamkeit und +Ungerechtigkeit wie ein Uebermensch. Eines Tages nun fällt ihm ein, +glücklich zu sein. Aber steht die Vergangenheit nicht drohend hinter +diesem Glück? Und um den Liebesbund Josis und Binias schwebt auch etwas +so Uebermenschliches, um diese rührende Hingabe, um diese hohe Treue von +langen Jahren her. Kommen wohl Josi und Binia, das herrliche Paar, wie +noch keines im Bergland gewachsen ist, ein Held der That und eine Heldin +der Treue, zum Ziel? + +So fragt sich der Garde sorgenvoll und traut dem Dorffrieden nicht. + +Josis Werk ist zu schwer, zu wuchtig für das kleine St. Peter. Wohl hat +es, als die Regierung seinen Plan gutgeheißen hat, Josi zugejauchzt, und +wenn einzelne Gegner wie der Glottermüller übrig blieben, so schwiegen +sie. Aber seit dem Tag, da die von der Regierung gesandte Dynamitfuhre +kam, regte sich im Volk wieder abergläubische Furcht. Alle, selbst die +Frauen, eilten damals hinaus in den Teufelsgarten, um den Pulverwagen zu +sehen. Das von vier Gendarmen bewachte Fuhrwerk, das eine schwarze Fahne +mit der Aufschrift »Dynamit« trug, erschreckte sie aber. Es sei ein +mächtiger Sarg gewesen, jammerten sie, umsonst erklärten die +militärpflichtigen Männer, es sei ein Militärcaisson, die Vorstellung +des Sarges ist geblieben. Und ein Sarg bedeutet Unglück. + +Die Weiber wollten nicht mehr zugeben, daß die Männer, Brüder und Söhne +die zugesagten Arbeiten leisten, einzelne Bürger zahlen die +versprochenen Tagewerke in Geld, andere bleiben einfach aus, die Hilfe, +die Josi braucht, fehlt. + +Er stand mit seinem so glücklich begonnenen Werk allein und in der +großen Verlegenheit erbat sich der Gemeinderat Ersatz von der Regierung. +Unter der Führung eines Aufsehers kam wirklich eine Schar Hilfsarbeiter +ins Thal und richtete sich im Schmelzwerk wohnlich ein, aber die +Kolonne, die hell und dunkel gestreifte Kleider trug und in der es +verwegene, rohe Gesichter genug gab, gefiel denen von St. Peter nicht. + +Das Wort »Zuchthaussträflinge« flog durch das Dorf, es erzeugte einen +Sturm der Furcht und Erbitterung, denn Sitte war es bis jetzt gewesen, +daß an den heligen Wassern nur rühren durfte, wer in bürgerlichen +Rechten und Ehren stand, und selbst der bedächtige und nüchterne Garde +wurde zornig über den Schimpf, den die Regierung den heligen Wassern +durch die Entsendung der Sträflingskolonne angethan. Der Gemeinderat +ersuchte die Herren um die Zurückziehung der Mannschaft. Die Sträflinge +verließen das Glotterthal, dafür berichtete die Regierung zurück, die +von St. Peter mögen nun selber zuschauen, wie sie mit dem Werk an den +Weißen Brettern fertig würden. + +Als der Bescheid im Dorf bekannt wurde, war man gewaltig empört: »Das +sind die Herren, die so schön haben reden können -- jetzt wollen sie +nichts mehr wissen von dem Verbrechen, das an den Weißen Brettern +begangen wird.« + +Ueber das Dynamit, das Josi bei seinen Sprengungen brauchte, kamen immer +entsetzlichere Gerüchte in Umlauf. + +Eine Spur »Teufelssalz«, so groß wie eine Prise, sei so stark, daß man +damit einen ganzen Berg in den Himmel sprengen könne, die Königs- und +Fürstenmörder brauchen es, aber bevor es einer anwenden könne, müsse er +schon einen Menschen umgebracht haben, sonst würde ihm das Salz die +Hände durchfressen. Josi Blatter jedoch -- das haben einige zuverlässige +Männer gesehen -- ist so gefeit, daß er die Patronen in den Säcken und +Taschen seines Kleides herumträgt, ohne daß ihm das mindeste geschieht. + +Also muß auch er jemand getötet haben. + +Das Gewand voll Teufelssalz, so sagen die Dörfler, steigt er am Sonntag +von den heligen Wassern hernieder nach St. Peter -- und bis auf wenige +haben sie alle ein Grauen vor dem gelassenen Mann, der sich um sie nicht +kümmert. + +Sein erstes ist ein »guter Tag« in dem Bären, dann geht er, den +Bräuchen des Thales treu, zur Kirche, nach dem Gottesdienst zum Garden +und Vroni und bleibt bei ihnen in den Nachmittag hinein. Allein eine +Hoffnung Vronis geht nicht in Erfüllung. Sie hat gemeint, er würde ihr +nun viele merkwürdige Dinge aus dem Wunderland Indien erzählen, aber es +ist, als wäre das Schweigen der Einsamkeit, in der er die Woche lang +arbeitet, auf ihn übergegangen, nur sein Blick ist warm, sein trockenes +Lächeln herzinnig wie immer, und gegenüber allen Sorgen des Garden um +das Werk bewahrt er eine stille, freudige Zuversicht. »Auch ohne +Hilfsarbeiter,« versichert er, »werde ich es auf Allerheiligen +vollenden.« Am liebsten spielt und scherzt er mit Joseli, man sieht es, +das Büblein ist ihm lieb, und wenn Vroni den beiden zuschaut, dann +erkennt sie in Josi, dem unheimlich starken Mann, den tröstlichen Knaben +wieder, mit dem sie und Binia die Jugend durchlacht und durchspielt +haben. + +Am Nachmittag geht Josi in den Bären zu Binia. + +Bebendes Glück! -- Ohne diese Stunden müßte Binia sterben wie ein Vogel +ohne Sonne und Luft. O, wie ist der Vater lieb zu Josi, wie verstehen +sich die beiden Männer gut, der alte Feuerkopf und der junge ruhige +Mann. + +Der Presi ist noch viel stärker für Josi als je für Thöni unglückseligen +Angedenkens eingenommen. Die beste Flasche aus dem Keller und der beste +Bissen aus der Küche des Bären wandern mit Bonzi, dem Viehhüter, der +Vronis ländliches Essen auf die Arbeitsstätte Josis schafft, zu den +heligen Wassern empor. Und bei jeder Sendung des Vaters liegt ein Wort +von Binia! + +»Herzlieber Josi! -- Es hat manchmal Zeiten gegeben, wo ich mir den Kopf +zerbrach, wozu denn die ungestüme, thörichte Bini auf der Welt sei? -- +Jetzt aber weiß ich es. Um den herrlichsten Mann im Bergland ein wenig +glücklich zu machen. Wenn es kein Mensch weiß, so zerspringt mein Herz +doch schier vor Stolz, daß du wegen der tollen, unnützen Bini die +Blutfron von St. Peter nimmst. Wenn ich schon gestorben bin, so denk' +ich es doch noch: Josi hat es für mich gethan. Und ich weiß es, du bist +stark, so stark, daß du auch uns erlösest. Lieber Josi, du thust nichts, +wobei nicht mein Herz und meine Seele wären!« + +Von ihm kam zwar kein Brief zurück, aber wenn es dunkel geworden war, +sah man in einem der Felsenfenster, die Josi von seinem Tunnel her gegen +das Thal geöffnet hatte, ein Licht. + +Das bedeutet: »Gute Nacht, liebe Bini!« Und wenn das Licht schon lang +verschwunden ist, so steht sie noch am Fenster, staunt in die Stille und +denkt mit gefalteten Händen an Josi. + +Was im Teufelsgarten geschehen ist, kommt ihr nicht mehr so gräßlich +vor, daß sie deswegen nicht ein wenig lächeln dürfte, wenn sie an Josi +denkt. Es ist kein Verbrechen, es ist nicht einmal eine That des Zorns, +es ist nur ein Unglück geschehen. Welche Mäßigung hat Josi in dem +entsetzlichen Kampf bewiesen, wie übermenschlich ruhig ist er darin +geblieben. Sie hat sich vor ihm gerechtfertigt, sie steht selig in +seinem Arm. Da zuckt ein langer Blitz auf und ab, in überirdischem Licht +erglänzen die Firnen des Glottergrats und vor ihnen steht Thöni. Die +Kugeln seines Revolvers zischen um ihre Köpfe. Sie schreit. Im gleichen +Augenblick aber hat Josi auch schon die Waffe aus Thönis Hand auf den +Weg geschlagen. Dann liegt Dunkelheit in der Schlucht. Wie aber wieder +eine Blitzrute durch das Thal fährt, ist Thöni in der Macht Josis, der +ihm die Arme eisern umklammert hält. »Grieg,« ruft er, »sei vernünftig +und laß uns in Ruhe, du weißt, daß ich ältere Rechte auf Binia habe als +du. Ich klage wegen der Briefe nicht gegen dich, aber gieb Frieden.« Und +sie kniet vor dem gefesselten Burschen, sie fleht: »Thöni, um Gottes +willen, mache dich und uns nicht unglücklich!« Er faucht eine Weile +unter Josis überlegener Kraft, dann stöhnt er: »Laßt los, laßt los, +Blatter, -- ich gebe nach!« Da giebt ihn Josi frei, der Unglückliche +rafft im Fliehen seinen Revolver auf, er eilt über die Brücke, aber wie +sie noch stehen, kehrt er mit der frisch geladenen Waffe zurück und +schießt wahnsinnig in die Finsternis. Ein Blitz -- Dunkelheit. Josi eilt +auf Thöni los, der will fliehen, wieder ein Blitz, da rennt der +Flüchtling quer über die Straße und der Irrende versinkt vor ihren Augen +in die Glotterschlucht. Aus unglücklichem Herzen schreit Josi: »Grieg, +kann ich Euch helfen, wo seid Ihr?« Keine Antwort -- die Wildleutlaue +geht -- sie erleben einen langen, langen Augenblick, wo sie meinen, das +Weltende sei da. Und wie sie ihrer Sinne wieder mächtig sind, suchen sie +voll Verzweiflung Thöni -- können aber keine Spur mehr von ihm +entdecken. Ein Unglück ist geschehen, aber kein Verbrechen! -- Es ist an +Josi nichts Ungerechtes -- es war nur so gräßlich zu sehen, wie Thöni +versank. + +Josi war in jenem grauenden Morgen ganz untröstlich. Er wollte den Fall +anzeigen, dann besann er sich wieder. »Zuerst kommt das Gelübde -- dann +das Recht der Menschen.« + +So ist's gegangen. Warum sollten sie nicht doch noch glücklich werden +können -- ihre Gewissen sind rein. Aber fort -- fort von St. Peter. Hier +kommen sie vor dem Schrecken jener Nacht doch nie mehr zur Ruhe. In der +Fremde aber ist es schon möglich, daß sie ihr Kinderlachen wiederfindet. + +Mit vorsichtigem Wort tippt sie Tag um Tag am Vater, daß er den Bären +verkaufe, daß er mit ihr und Josi in die Ferne ziehe: »Alles hier mahnt +mich an Thöni,« redet sie ihm mit flehenden Augen zu, »aber ich +verspreche es dir, Vater, draußen will ich wieder lachen wie ein Kind +und glücklich -- o so glücklich sein!« + +Und seltsam! -- Die Furcht vor Thöni wirkt ansteckend auf den Presi, ihm +ist, er müsse dem Geflohenen noch ein Opfer bringen, er beginnt sich den +Verkauf des Bären zu überlegen, und während der Bann der schrecklichen +Nacht langsam von Binia weicht, schleicht es sich langsam, aber mit +aller Macht ins Bewußtsein des Presi, daß er mit Thöni noch nicht fertig +ist. + +Manchmal ist es Binia, sie müsse den Vater über das schreckliche +Ereignis der Wetternacht ins Vertrauen ziehen, aber dann hat sie wieder +das sonderbare Gefühl, sie würde ihm die letzte Ruhe rauben, er weiß es +ja nicht, daß sie, getrieben von der Uebergewalt einer grenzenlosen +Liebe, die selbst die Toten nicht fürchtet, draußen im Teufelsgarten +gewesen ist. + +Einmal, als Josi wiederkam, brachte er die überraschende Kunde mit, daß +sein Werk zu mehr als zwei Dritteln vollendet sei und man jetzt auf der +näheren Seite ohne Gefahr in den Felsengang eintreten und durch die +Felsen der ersten zwei Bretter und über die Wildleutfurren wandeln +könne. + +Da gab ihm Bini einen glühenden Kuß: und ihr kleiner Schrei: »Josi, mein +Held!« verriet ihre Freude über die Meldung. + +Sie und der Vater beschlossen, Josi am anderen Tag an den Weißen +Brettern einen Besuch zu machen. + +Da klangen die Kirchenglocken. + +Als sie aber mit gesenktem Köpfchen, das Betbuch, das weiße Tüchlein und +den Rosmarinzweig in den Händen, sittsam die Kirchhoftreppe +emporschritt, wichen links und rechts die Frauen zurück: »Das +Teufelsmädchen -- das dem Rebellen den Daumen hält!« + +Der überraschten Binia entglitt das Betbuch und es fiel zu Boden. + +»Seht ihr es, daß sie eine Teufelin ist, sie kann das Betbuch nicht mehr +halten,« riefen die Weiber. + +Vroni hob der Erschrockenen das silberbeschlagene Büchlein auf: »Binia, +ich bleibe bei dir!« + +Weiter ging Binia den Dornenweg, doch jetzt erhobenen Hauptes, mit +glühenden Wangen, blitzenden Augen. »Vroni,« sagte sie, »gehe von mir, +es könnte auch dir schaden.« + +Sie tritt in die Kirche, sie will sich in die kleine Bank setzen, wo das +Wappen der seligen Mutter, ein Steinbock, gemalt ist. Da tritt die +Glottermüllerin, das häßliche, scheinheilige Weib, vor sie, speit mit +zahnlosem Mund vor ihr aus, weist mit dem Zeigefinger auf den nassen +Fleck am Boden und sagt: »Das bannt -- darüber hinaus kommst du nicht, +Hexe!« + +Und richtig, Binia weicht zurück. + +»He, seht,« schreit die Glottermüllerin, »sie ist eine Teufelin -- ja, +sie hält dem Rebellen an den Weißen Brettern wirklich und wahrhaftig den +Hexendaumen.« + +Da ist Josi plötzlich an Binias Seite. Ihm ist es nicht besser ergangen. +Die Männer haben die Fäuste gegen ihn geballt. Nun reicht er ihr vor der +ganzen Gemeinde die Hand: »Komm, Binia, wir gehen wieder,« und den Kopf +zurückwerfend, sagt er: »Schämt euch, ihr Unvernünftigen von St. Peter!« + +Damit wendet sich das Paar. + +Am Altar steht aber schon, das weiße Heilandskreuz auf der dunklen +Soutane, der greise Pfarrer. Er erhebt das kleine Handkruzifix, tritt +schwankend vor und spricht mit der gebrechlichen, meckernden Stimme und +dem wackelnden Kopfe des hohen Alters: + +»Josi Blatter und Binia Waldisch, im Namen Gottes und aller Heiligen, +bleibet! Ich schütze euch mit dem heiligen Kreuz. Ihr aber von St. +Peter, hütet euch. In euern Hütten und Häusern geht ein alter +heidnischer Teufelsglaube um, der nach Opfern schreit, ihr seid eine +unchristliche räudige Rotte geworden und gehorcht dem Baalspfaffen +Johannes mehr als der heiligen Kirche. Ich, euer rechtmäßiger Pfarrer, +sage euch: Wenn ihr, ihr Tollen von St. Peter, nicht aufhört mit eurer +Bosheit, so lege ich die Siegel der Kirche an dieses Gotteshaus, an eure +Glocken, ich verweigere euch die Sakramente und ein christliches Grab, +leben und sterben sollt ihr wie das wilde Getier. Wer von euch am +Aberglauben hängen bleiben will, verlasse jetzt gleich das Gotteshaus.« + +In seinen Stuhl zurückgesunken erwartete der alte Priester, seine +Gebete murmelnd, die Wirkung seiner Worte, doch auf der Seite der Männer +sah er nichts als finsteren Trotz, auf der Seite der Frauen herrschte +das Heulen der Furcht. Erst nach einer Weile begann er, noch zitternd +vor Erregung, den Gottesdienst. + +Als der Presi hörte, was für einen Schimpf man seinen Kindern zugefügt +hatte, wütete und tobte er gegen das Dorf wie in alter Zeit: »Keiner +außer dem Garden bekommt im Bären mehr einen Trunk, von heute an ist er +kein Wirtshaus mehr!« Dem Pfarrer aber, seinem ehemaligen Feind, ging er +mannlich danken. + +Am anderen Tag stieg er, den grünen Asersack[32] an der knorrigen Hand, +mit Binia hinauf durch die Alpen, wo das Vieh zum Abzug rüstete. Es war +ein sonniger und klarer Tag, Binia hatte wieder rote Wänglein, ihr +glückliches Kinderlachen erwachte für einen Augenblick wieder und +läutete über die Enzianen dahin und im Arm trug sie die Bergastern, um +das Werk Josis zu schmücken. + + [32] _Asersack_, schweizerdeutsch, Sack für den Mundvorrat. + +Der Presi baute Luftschlösser. Ja, den Bären will er verkaufen auf die +Zeit, wo Josi sein Gelübde gelöst hat, seine Kapitalien flüssig machen +und dann dem Zug des Glückes und der Liebe folgen. »Josi,« sagt er zu +Binia, »wird in der weiten Welt schon ein schönes Plätzchen für uns +wissen. Unter dem thörichten Volk von St. Peter ist es mir verleidet.« + +Sie erreichten die Höhe der heligen Wasser, sie standen am Eingang der +Weißen Bretter, wo die trübe Flut, die aus dem Hintergrund des Thales +kam, durch einen Kännel abgelenkt in eine Runse floß und in lustigen +Bächlein in die blauen Tiefen des Glotterthals niederschäumte. + +Mit heiligem Schauer betrat Binia den Felsengang Josis, der sich +mannshoch wölbte, und der Presi betrachtete das Werk in Bewunderung. +Anderthalb Fuß breit und einen Fuß tief zog sich am Grund des Stollens +der neue Wässerwassergraben dahin, neben ihm ein genügend breiter +erhöhter Felsenweg für den Garden, die Wände waren mit Hammer und Meißel +ausgeglichen und die Risse des Gesteins mit Zement ausgegossen. Da und +dort fiel durch ein Felsenfenster ein Bündel Tageslicht in das stille, +halbdunkle Gestein. Nun schritten sie unter dem Balkendach der +Wildleutfurre, weiter durch das mittlere Weiße Brett, wieder über die +Wildleutfurre -- da sieh -- da horch -- im Dunkel vor ihnen glüht ein +roter Lichtfunke und tönt Hammerschlag. An das Gestein hingeknäuelt +arbeitet Josi im Schein der Grubenlampe. + +Ein kleiner Ruf Binias -- er läßt das Werkzeug fallen: »Bini -- meine +Bini -- Vater gottwillkommen!« + +Die schöne, feine Bini hat Josi zu Ehren ihr bestes Kleid angezogen, sie +steht, in den Händen den Strohhut, um den sie zum Schutz ein weißes +Tüchlein geschlagen hat, demütig erglühend vor dem bestaubten +Felsensprenger, der im schlechtesten Gewand bei der Arbeit ist. + +»Da errichtest du wirklich ein Werk der Wohlfahrt für die Ewigkeit, +Josi,« grüßt der Presi im Vaterstolz. + +Ein paar Stunden weilt der freundliche Besuch in der sonnigen Höhe. Am +Eingang des Felsenkanals sitzen die Liebenden mit dem Presi, der sein +Reisesäcklein auspackt, und die Gläser der dreie klingen auf glückliche +Vollendung des Werkes zusammen. + +Ueber das Glotterthal sind die blauen Schleier des Nachmittags +hingegossen, die Bergwelt mit ihren Firnen steht weit im Kreise still +und feierlich in Verklärung da, Haupt an Haupt, Firn an Firn, am +erhabensten die Krone. + +»Josi,« flüstert Binia und ihr weiches dunkles Haar streift ihn, »heute +ist es schön wie zu Santa Maria del Lago -- es ist so schön, daß man vor +Glück sterben könnte.« + +Da rollt es von der Krone dumpf -- ein seltsames Zeichen im Herbst, wo +sonst die Gletscher friedlich sind. Aber man lebt eben in einem Jahr, wo +die Natur ausgleicht, was der vorausgegangene schlechte Sommer zu viel +an Schnee auf das Gebirge gehäuft hat. Darum schaffen und donnern die +Gletscher bis spät ins Jahr hinein. + +Glückselig steigen Vater und Tochter von der Leitung, von dem Werk, wie +es sonst keines im Berglande giebt, durch den Abendnebelflor des +Herbstes zu Thal und hören noch den jauchzenden Nachruf Josis. Den +anderen Tag ist der Presi draußen in Hospel und unterhandelt mit dem +Kreuzwirt, der bei der Ausrechnung mit Frau Cresenz ein gieriges Auge +auf den Bären geworfen hat und im eigenen Vorteil den Fremdenverkehr im +Glotterthal aufrecht erhalten will, am dritten geht er in die Stadt und +tritt mit starken Einschlägen alle Kapitalbriefe gegen Bargeld an die +Bank ab. + +Inzwischen erlebt aber Binia etwas, was der Mutigen beinahe die letzte +Hoffnung raubt. + +Die Magd kommt weinend gelaufen, sie macht das Kreuz vor ihr und sagt: +»Ihr seid eine Hexe und haltet es mit dem Teufel -- ich gehe jetzt +gleich aus dem Haus.« + +»Aber Cleophi, seid nicht närrisch!« Und Binia lächelt ihr gütig zu. + +»Wohl, wohl, Ihr seid eine Teufelin -- der Kaplan und selbst die alte +Susi in Tremis sagten es und Kinder haben ja im Teufelsgarten den Ring +Eures ehemaligen Verlobten gefunden, den Ring, mit dem Ihr Euch in der +Totennacht dem Satan angelobt habt. Kaplan Johannes geht mit ihm durchs +Dorf, alles weiß es: Es scheint nur, daß Euer Liebster das Werk an den +Weißen Brettern selber baue, er schafft aber nicht, er thut nur so am +Tag, und in der Nacht baut es der Teufel. Dafür müßt Ihr mit dem Satan +siebenmal um das Bockje reiten.« + +»Geht, Cleophi, geht -- da ist Euer Lohn.« + +Totenblaß steht Binia. Sie hat bei dem Kampf im Teufelsgarten Thöni den +Ring vor die Füße geworfen. Jetzt ist er in den Händen des gräßlichen +Kaplans, und nun ist er ein neues Mittel für den Verrückten, gegen sie +zu hetzen. Und wird man nicht, wie man den Ring gefunden hat, Thöni +finden? + +Sie beißt hilflos in die Fingerknöchel: »Warum hat uns denn der Himmel +vor den Kugeln Thönis bewahrt, wenn Josi und ich an einem Schein von +Schuld und am Aberglauben des Dorfes sterben sollen?« + +Der Garde, der mit Peter Thugi das Wasserrad, das in die Leitung +eingeschaltet werden soll, auf den Berg schaffte, hat Josi das +Versprechen abgenommen, daß er die paar Wochen, die noch zur Vollendung +nötig sind, an den Weißen Brettern bleibe. Er kommt nicht mehr zu Thal. +Auch der Garde ist im tiefsten Herzen überzeugt, daß Josis Werk gut ist, +aber er kennt die furchtbare Empörung im Dorf. Wo er zum Guten redet, +begegnet er höhnischem, kaltem Lächeln und drohendem Schweigen, die +Gemeinde horcht nur noch auf den bösen verrückten Kaplan Johannes. + +Eine Weile hat ihr allerdings die wohlgemeinte Warnung und Drohung des +Pfarrers Zügel angelegt, aber jetzt knurren die Dörfler: »Der Alte wagt +es nicht, uns die Kirche zu verschließen, wir wollen ihn schon +meistern,« und die Weiber hangen an Kaplan Johannes. »Er hat ein +besseres Herz für uns als der Pfarrer, der nichts von unseren alten +heiligen Sagen wissen will.« Und wenn ein Halbvernünftiger noch den +Einwurf erhebt, man wolle doch nicht so stark zu einem Verrückten +halten, sonst komme man gewiß an ein böses Ziel, antworten die anderen: +»Kaplan Johannes ist schon närrisch, aber gerade denen, die Gott etwas +geschlagen hat, giebt er dafür besondere Weisheiten. Der Kaplan Johannes +sieht und weiß mehr als sieben Pfarrer.« + +Er hat gute Zeiten, sein Bettelsack ist immer voll, wo er geht, rufen +die Weiber: »Kommt doch ein wenig zu uns herein, Johannes!« Klagt ein +Bauer: »Meine Kühe fressen nicht mehr und geben keine Milch,« so +antwortet Johannes: »Merkt Ihr es, merkt Ihr es! Das kommt vom +Teufelssalz. Das ganze Thal riecht nach Schwefel.« Nun spüren auch die +Dörfler den Geruch. In irgend einem Haus ist eine schwere Geburt. »Seht +Ihr,« flüstern es die Frauen einander zu, »die Kinder können nicht mehr +zur Welt kommen. Das rührt vom Sprengen her!« + +Die von St. Peter spüren es kaum, wie der Kaplan ein Netz des +Aberglaubens um sie zieht. + +Und plötzlich geht die feste Sage unter denen von St. Peter, es sei eine +weiße arme Seele durch das Dorf gewandelt und habe dreimal gerufen: + + »O weh, o weh -- am Teufelssalz + Stirbt dieser Tage Jung's und Alt's!« + +So in drei Nächten! + +Und warum rollen die Gletscher im Herbst, wo sie doch sonst schweigen? +Das bedeutet: »Am letzten Weinmonat geht St. Peter mit Menschen und Vieh +unter. In dem Augenblick, wo der Wasserhammer der neuen Leitung +einsetzt, verlassen die erzürnten armen Seelen die Krone, die Firnen +fallen mit so schrecklichem Donner auf das Dorf, daß das bloße Hören +schon tötet!« + +Drei Männer nur noch, der Presi, der Garde und der Pfarrer, und einige +stille, wie Eusebi und Peter Thugi, glauben an Josis Werk. + +Die Regierung hat sich übrigens auch nicht ganz von dem Werk +zurückgezogen, wie sie drohte, sie meldet, sie hoffe, die Leute von St. +Peter haben sich, da das Werk einen so erfreulichen Fortgang nehme, +wegen des Dynamites beruhigt, und lade den Gemeinderat ein, auf den Tag +der Vollendung, den letzten Weinmonat, ein hübsches Gemeindefestchen zu +Ehren Josi Blatters zu veranstalten. Sie wolle sich dabei vertreten +lassen und ersuche Josi Blatter, daß er die letzten rettenden Schüsse +auf diesen Tag verspare, an dem man, während im Thal die Glocken läuten, +in feierlicher Prozession an die Weißen Bretter ziehen wolle. + +Dazu schütteln der Garde und der Presi wehmütig und ungläubig die +greisen Häupter, aber es ist gut, wenn auf diesen Tag jemand von der +Regierung kommt -- vielleicht ist dann ein Mann der Staatsgewalt am +nötigsten -- es wird der Tag sein, wo in St. Peter der Aufruhr +losbricht, denn so sind die Leute des Thales -- sie warten in der +Voraussetzung, daß doch irgend noch ein Ereignis geschehen und ihre That +überflüssig machen könnte, den letzten Augenblick zum Handeln ab. + +Aber dann -- -- + +In diesen Tagen der äußersten Spannung, die durch die Stille des Dorfes +noch unheimlicher wurde, sagte der Presi einmal zu Binia: »Der Garde hat +mich gefragt, wie denn dein Ring, der jetzt denen im Dorf so viel zu +reden giebt, in den Teufelsgarten gekommen sei. Ich habe geantwortet, du +habest ihn Thöni zurückgegeben und er habe ihn wohl auf der Flucht +fortgeworfen. Ist es so?« + +Ahnungslos fragt der Presi, Binia aber schwankt vor Entsetzen. Sie wagt +es nicht mehr, dem Vater das gräßliche Geheimnis länger vorzuenthalten. +Jeder der schönen Herbsttage, die kommen und gehen, vermehrt die Gefahr, +daß Thönis Leiche gefunden werde, denn die Wasser der Glotter fließen +immer spärlicher und immer klarer, und der arme Vater darf doch nicht +ungerüstet von der Entdeckung der Leiche überrascht werden. + +Zögernd legte sie, die Hände gefaltet, die Augen auf den Boden geheftet, +mit leiser und feiner Stimme die furchtbare Beichte ab. Als sie erzählt, +wie sie Josi in den Teufelsgarten bestellt habe und dann heimlich durch +die Wetternacht dort hinausgegangen sei, da lodern die Augen des Presi +noch einmal in alter Zornglut auf und mit böser Stimme sagt er: »Gott's +Donner! Du giebst es mir recht zu schmecken, daß du immer ein Trotzkopf +gegen deinen Vater gewesen bist. Da kommt ja eine höllische Geschichte +aus.« + +Binia nimmt seine Hand, sie beichtet mit dem Mut der Verzweiflung. +Plötzlich wird der rote Kopf des Presi blaß. Weil sie vor ihm in die +Kniee sinkt und schreit: + +»So ist's gegangen! verzeihe mir, Vater -- verzeihe mir!« da zieht er +sie mit zitternden Armen empor und preßt die leichte, schöne Gestalt +seines Kindes stürmisch an seine breite Brust. + +»Bini -- arme Bini,« stöhnt er, »da ist nichts zu verzeihen -- du bist +den Weg gegangen, den du hast gehen müssen, und es ist geschehen, was +hat geschehen müssen. -- Es ist Schicksal -- --« + +Seine Stimme bricht schluchzend ab und plötzlich fühlt Binia, wie zwei +warme Thränen über die Wangen des Mannes rollen, den sie nie zuvor hat +weinen gesehen. In mächtiger Bewegung halten sich Vater und Kind +umschlungen, eine Stille waltete in dem Gemach, als ginge ein Engel auf +leisen Sohlen an den zweien vorbei. + +So halten sie sich in Glück und Elend lange, lange. + +Das Leben des Presi hat durch die Beichte Binias einen Stoß erhalten wie +noch nie. + +Er findet den Mut nicht, in der gräßlichen Angelegenheit irgend etwas zu +thun. Er klammert sich an die Hoffnung, Thönis Leiche würde schon +deswegen nicht gefunden, weil sie niemand suche. Ein halbes Jahr ist +jetzt vorüber, seit die That geschehen ist, und niemand kümmert sich um +Thöni mehr. Ist es nicht bei Unglücksfällen schon häufig genug +vorgekommen, daß man mit dem größten Eifer die Leichen solcher, die in +die Glotter gestürzt sind, nicht mehr hat finden können? Entweder lagen +sie in den Schlünden der Schlucht verborgen oder der mächtige +Wasserschwall des Sommers hatte sie weiter geschwemmt und in den Strom +hinausgeführt. So mochte es auch mit der Leiche Thönis gegangen sein. + +Viel mehr als die Angst vor einer Entdeckung quälen den Presi die +Erinnerungen an Thöni, das Bewußtsein, daß er die Verantwortung für das +unglückliche Leben trägt. + +»Thöni, der mir alles von den Augen absah, hat gemeint, es sei mir ein +Gefallen, wenn Josi tot bliebe. Er hat den ersten Brief unterschlagen, +dann hat er nicht mehr rückwärts gehen können, hat falsch geschrieben, +und es ist gekommen, wie's hat kommen müssen. Daß er ein Schelm und +fremd geworden ist, daran bin ich schuld.« + +Das tönt ihm unaufhörlich durch die Sinne. + +Das Schrecklichste aber! Er glaubt nicht daran, daß Thöni selber in die +Glotter gelaufen sei. Es klingt so unglaubwürdig. Sein Kind redet es +sich nur so ein, um nicht in dem Gedanken, sie liebe einen Totschläger, +umzukommen -- -- aber der Presi wagt es nicht, sie noch einmal darüber +zu fragen -- nein -- nein -- er zittert nur davor, eines Tages könnte in +Josi doch die Selbstanklage erwachen, wie sie in seiner Brust erwacht +ist, und es würde die zwei, die nicht ohne einander leben können, +trennen. + +Ein Fluch des Unglücks ginge dann von ihm und seinen Gewaltthaten noch +in das folgende Geschlecht hinein. + +Das sinnt der Presi in entsetzlicher Furcht. Er glaubt nicht mehr an ein +schönes Alter, aber wenn er die dunklen Augen Binias traurig auf sich +gerichtet sieht, so lächelt er sie mit seinem wärmsten Lächeln an, hebt +den gebeugten Rücken und meint vor ihr verbergen zu können, wie rasch er +zusammenfällt und aus den Kleidern schwindet. + +O, es ist rührend, wie sich der alte Mann zu verstellen sucht, daß Binia +nicht sehe, wie er hoffnungslos leidet. + +Hoffnungslos! -- Nein, wenn er sein herrliches Kind sich anschaut, wie +es mutig und geduldig seine Leiden trägt, wie es auf Josi wie auf einen +Felsen baut, glaubt und harrt, dann ist auch ihm, der Held der heligen +Wasser sei so stark, daß er selbst das Ereignis in der Glotterschlucht +besiege. + +Um den Vater müht sich Binia treu und hingebungsvoll, sie sinnt Tag und +Nacht nur darüber, wie sie den Gram von seiner Stirne scheuche. + +»Kind -- Herzensvogel,« sagt er, »wie bist du mit deinem Vater lieb.« + +Seine Auswanderungspläne hat er aufgegeben -- in St. Peter hat er +gelebt, in St. Peter will er sterben -- steigt Josi von seinem Werk +herunter, so wird er ihm sagen: »Nimm meine Binia -- schenke ihr Glück, +viel Glück -- zieht fort -- mein Segen begleitet euch -- ich aber +erwarte mein letztes Stündlein in St. Peter.« + +In drei Tagen wird Josi kommen, aber niemand wagt auch nur das +bescheidenste Festchen vorzubereiten. Der Handel um den Bären stockt. +Aus Scheu vor Frau Cresenz, aus der Furcht vor dem eigenen Gewissen, aus +Sorge, es könnte in seiner Abwesenheit Binia ein Leid geschehen, wagt es +der Presi nicht mehr, nach Hospel hinauszugehen. Die ganze blinde Wut +des Volksaberglaubens hat sich auf das arme Kind geworfen, sie erfährt +Beleidigungen, wo sie geht und wo sie steht, und die Dörfler schlagen +das Kreuz und speien vor ihr. + +Der Verkauf des Bären würde die Aufregung im Dorf noch steigern. + +Er hat einen furchtbaren Groll auf die von St. Peter, aber ändern kann +er an der entsetzlichen Lage nichts, er vertraut nur auf die heilige +Scheu, die denn doch jeder im Dorfe hat, ein Leben anzutasten. Nein, das +thun sie nicht, obwohl sie entsetzlich sind in ihrem drohenden +Schweigen. + +Was geschehen mag, er wird noch einmal als Presi auf seinem Posten +stehen -- und so stark sein, daß er sie bändigt. -- -- + +Ja, Presi, Ihr werdet Euch schon noch einmal auf den Posten stellen +müssen -- in St. Peter stehen die Dinge bös. + + + + +XIX. + + +Ein neuer Ahornbund ist entstanden, furchtbarer als der erste, so +furchtbar, daß ihn niemand auszuführen wagt und jeder zittert vor dem +Los, das ihn treffen könnte. + +Ehe der Hammer an den Weißen Brettern schlägt, muß zur Rettung St. +Peters ein Mord begangen sein. Josi Blatter, der sich gegen den Himmel +gewendet hat, muß fallen, die armen Seelen auf der Krone müssen versöhnt +werden. + +In der Nacht halten die Männer seitab vom Dorf unter Wetterlärchen ihre +ernsten Beratungen. Leichten Herzens thun sie den Schritt nicht, jeder +ist ganz durchdrungen von dem Gedanken, was für eine schreckliche That +ein Mord ist. Seit Matthys Jul, der fern im Dämmerschein der Sage steht, +hat im Glotterthale kein Mann einen anderen getötet. Es ist aber doch +besser, es falle nur einer, nur Josi Blatter, der Rebell, als daß das +ganze Dorf untergehe. + +Nicht Josi Blatter ist der Retter von St. Peter, sondern der ist es, der +ihn erschlägt. + +Man kann ihn aber nicht erschlagen, er ist droben in den Felsen, er +steht in einem schmalen Gang, in dem nur ein Mann auf einmal gehen kann, +und er ist Herr des Teufelssalzes, er ist mit dem Satan im Bund, und +wenn Hunderte gegen ihn streiten, so überwältigt er sie mit einer +einzigen Patrone, die er nach dem nächsten Stein schleudert. + +Die Männer stehen ratlos. Nur noch zwei Tage, dann wird der Hammer von +den Weißen Brettern schlagen. + +Seit man Binias Ring gefunden hat, ist Kaplan Johannes dem Schicksal +Thönis auf der Spur. Warum sind Josi Blatter und Binia Waldisch in der +Wetternacht über den Stutz heraufgekommen, in der Nacht, wo Thöni Grieg +geflohen ist? Warum haben seine Verwandten in Hospel nie die geringste +Nachricht von ihm bekommen? Er klettert Tag um Tag an den Felsenufern +der Glotter und späht in die Wasser. + +Heute hat Johannes in einem Felsenschlund beim Bildhaus an der Grenze +von Tremis, in dem das Wasser quirlt und brodelt, etwas auftauchen +sehen, was ein Bein und ein Schuh sein könnte -- nein, was ein Bein und +ein Schuh ist. + +Wie die Männer von ihren heimlichen Beratungen heimkommen, herrscht +unter den Weibern schon Wehklagen: es stehe einer außerhalb der Brücke +in der Glotter, er strecke den Arm gegen die Weißen Bretter und stöhne +immer nur: »Der dort oben -- der dort oben« -- und hinterher seufzte er: +»Und Binia Waldisch!« + +Abergläubisches Entsetzen füllt das Dorf. Es ist kein Schlaf in St. +Peter -- nur Beten und Gejammer: »Warum haben wir den Bau an den Weißen +Brettern zugegeben, warum haben wir uns durch den Presi verführen +lassen?« Und dazu die dumpfe Antwort: »Auf ihn und sein Kind mag es +kommen.« + +In der Nacht sinkt ein dichter kalter Nebel ins Thal, ehe der Tag +dämmert, klopft der Mesner schreckensbleich an die Thüren: »Ich kann +nicht zur Frühmesse läuten, es steht einer in weißem Gewand an der +Kirchenthüre!« + +Mit ihren Laternen gehen die Dörfler in festgeschlossener Schar zum +Gotteshaus. + +Es steht keiner an der Kirchenthüre, aber ein großer Zettel klebt daran, +sie lesen ihn mit Entsetzen und die Frauen fahren kreischend zurück. + +»Gerechte Bürger von St. Peter!« heißt es auf dem Blatt. »Ich, Thöni +Grieg, klage es euch. Aus den Wassern der Glotter schreie ich seit dem +Fridolinstag um ein ehrliches Begräbnis in geweihter Erde, während mein +Blut sündig an den Weißen Brettern vermauert wird. Ihr kennt meine +Mörder. Begrabt mich und schafft Gerechtigkeit. Die armen Seelen wissen, +was ich leide, und ziehen aus.« + +Das Dorf ist ratlos, das Grauen liegt allen in den Gliedern, einer raunt +es dem anderen zu: »Wenn die Toten zu schreiben anfangen, dann ist es +Zeit, daß wir handeln.« + +Da schlarpt Kaplan Johannes mit lodernden Augen heran. »Seht ihr, die +Toten reden! Was wollt ihr mehr? Ich will euch etwas sagen, aber die +Zunge soll dem verdorren, der Satan soll dem ins Blut fahren, der mich +verrät. Bevor ihr den Mord am Rebellen sühnen könnt, müßt ihr Binia +Waldisch, die Teufelin, schlagen; erst wenn sie im Blute liegt, ist er +schwach und leicht zu bewältigen. Wozu der Schrecken, wozu das Erbarmen? +Lest, wie sie Thöni getötet und sein Blut nach der Stadt gebracht haben, +damit man das Teufelssalz hat bereiten können. Die erste Schuldige ist +Binia Waldisch, die Tochter des Presi; sie müßt ihr schlagen, sonst geht +St. Peter unter.« + +Die Männer schaudern: »Das thun wir, so wahr uns Gott helfe, nicht. Mann +gegen Mann, so ist's in den alten Zeiten gehalten worden, aber eine +Jungfrau tötet, selbst wenn sie eine Teufelin wäre, keiner. Eher mag St. +Peter untergehen.« + +Da rollt der Gletscher. + +»Hört ihr's -- St. Peter geht unter!« wehklagen die Frauen, und der +Kaplan lächelt: »Ihr könnt die Hexe mit weltlichen Waffen nicht +umbringen, die heiligen Grabkreuze müßt ihr aus der Erde reißen und sie +damit schlagen.« + +»Johannes,« grollen die Männer und ballen gegen ihn die Fäuste, »seid +Ihr der Satan, der uns ins Unglück bringen will? Eine Jungfrau mit +Grabkreuzen erschlagen! Das ist unerhört im Bergland. Thäten wir das +unseren heiligen Toten zu leid, daß wir ihre stillen Gräber schänden, so +geschähe es uns gerecht, wenn unser alter Pfarrer uns das Gotteshaus +verschlösse und die Glocken bannte. Dann müßten wir ja auch zu Grunde +gehen, es giebt ja genug Meldungen im Gebirge, wie Dörfer vergangen +sind, denen die Kirche den Segen entzogen hat. Die Weiber sind +unfruchtbar geworden, der Sohn hat das Beil gegen den Vater erhoben, wie +die Wölfe haben sich die Bewohner zerrissen und die letzten sich in +Verzweiflung über die Felsen gestürzt. Kaplan -- Ihr wollt uns zu Grunde +richten -- seht Euch vor, wenn Ihr uns schlecht ratet, so seid Ihr der +erste, den wir erschlagen.« + +Da hat der Kaplan einen Anfall der Fallsucht, wie er ihn selbst +hervorrufen kann. Er stürzt, er zuckt, er schäumt, er schreit. + +»Er ist seiner selbst nicht mehr mächtig, jetzt redet Gott aus ihm,« +mahnt der Glottermüller und streckt die gefalteten Hände zum Himmel. Was +aber Johannes spricht, ist entsetzlich: »Thöni Grieg -- du mußt +aufstehen, sie müssen einen Toten zeugen hören, daß St. Peter +untergeht.« + +Ja, wenn ein Toter aufersteht, wenn Thöni Grieg in der Glotter liegt, so +wollen sie dem Kaplan glauben und das Entsetzliche thun, Binia Waldisch, +die Mörderin, erschlagen. + +Während aber die Dörfler auf dem Kirchhof noch beraten, ertönt der Ruf: +»Der Pfarrer kommt -- der Pfarrer!« + +Da springt der Kaplan auf: »Er will euch überreden. -- Eilt an die +Glotter und seht. -- Vor dem Bildhaus zu Tremis schwimmt Thöni Grieg in +der Schlucht.« + +Halb in Groll, halb in Furcht und Scham flieht die Gemeinde vor ihrem +Pfarrer. Er liest den Anschlag an der Kirchenthüre, sein weißes Haupt +zittert, er stammelt: »Jetzt muß ich Wort halten!« Weinend schleicht der +alte trostlose Mann ins Pfarrhaus zurück. »Sie haben sich dem +Baalspfaffen ergeben, sie haben sich von der heiligen Kirche gewandt, +wohlan, so muß ich mein Wort halten.« + + + + +XX. + + +Mann, Weib und Kind sind durch die Nebel des kalten Herbstmorgens, der +schon an den Winter mahnt, über den Stutz hinab thalaus geeilt, aber +Kaplan Johannes ist nicht mehr bei ihnen. + +Sie mögen Thöni Grieg selbst suchen, das Entsetzen wird um so größer +sein, wenn sie ihn finden. + +Der Garde weilt beim Presi: »Binia retten, was auch geschehen sei, auf +eine blutige That darf keine blutige That folgen. Und die Gier des +Verrückten trachtet nach dem Kind. Gebt sie in meine Obhut -- Presi +-- ich bürge für sie. -- Aber rasch -- rasch --« + +Der Presi spürt die bittere Not der Stunde: »Wohin wollt Ihr mit ihr, +Garde?« + +»Ich geleite sie auf den Berg, daß sie zu Josi gehe. Dort ist sie +sicher; wenn er will, kommt keine Maus in seinen Gang, und bis am Morgen +ist auch schon Mannschaft zum Schutz beider an den Weißen Brettern. +-- Presi, telegraphiert in die äußeren Gemeinden um Hilfe.« + +Der Presi will es thun -- er kommt kreideweiß aus der Postablage zurück +-- der Draht ist abgeschnitten. + +»Dann holt Eusebi die Mannschaften -- ein paar Stunden später sind sie +doch da -- nur ein Verbrechen darf nicht geschehen -- eher mögen unsere +Häuser zerstört werden.« + +In dem sonst so schwerfälligen Garden lebt und bebt alles, die klugen +und guten Augen unter den buschigen Brauen sprühen Feuer, er ist wieder +jung. + +»Ja, zu Josi!« klingt das Stimmchen der erschrockenen Binia fein und +traumhaft und ihre Finger spielen, ohne daß sie es weiß, mit dem +Tautropfen, den sie aus der Kapsel des Halskettchens geholt hat. »Komm +mit mir, Vater, es ist mir so angst um dich, wir wollen uns nicht +trennen.« + +Sie kniet vor ihm, er aber antwortet fast streng: »Heute gehört der +Presi in die Gemeinde, das weißt du, Kind!« Dann in überströmendem +Gefühl: »Geh, Binia! -- Auf Wiedersehen, Herzensvogel -- grüße mir +Josi.« Er reißt sie an seine Brust: »Liebe Bini -- sollte es anders +kommen -- sollte ich morgen nicht mehr leben -- doch wenn nur du lebst +-- ich habe einmal einen sonderbaren Traum gehabt -- aber ich glaube +nicht mehr daran -- geh zu Josi -- geh in Gottes Namen.« + +Mit sanfter Gewalt löst der Garde die schluchzende Binia aus den Armen +des Vaters: »Ich will dich führen, Binia! -- Komm -- komm.« + +Vater und Kind nehmen Abschied wie für die Ewigkeit. + +Der Garde führt Binia im kalten, dichten Nebel durchs öde Dorf gegen die +Alpen empor. Er redet herzlich zu der Schwankenden, die doch tapfer +geblieben ist: »Und nun, Binia,« fragt er, »was für eine Bewandtnis hat +es mit der furchtbaren Anklage, die gegen dich und Josi erhoben +wird --« + +Da beichtet sie dem alten Freund, wie sie dem Vater gebeichtet hat. + +»Binia!« sagt der Garde stillstehend und faßt ihre beiden Hände: »Jemand +anders als du könnte es mir nicht vorgeben, daß der betrunkene Thöni +selber in die Glotter gelaufen ist -- aber wenn es einen Menschen giebt, +dem ich glaube, so bist du es, denn du hast, wo andere gestrauchelt +wären, immer den Mut der Wahrheit besessen.« + +Sie sehen sich in die Augen, der Garde und Binia. O, sie hat es wohl +gefühlt, daß der Vater ihrer Erzählung nicht ganz vertraute, und nun ist +sie endlich glücklich, daß wenigstens der Garde sie in ihrem tiefen +Elend versteht. + +Noch zuckt ein Strahl der Hoffnung, daß alles gut kommen werde, durch +ihre Brust, da aber taucht Kaplan Johannes gespenstisch aus dem Nebel +auf und lacht sein gräßlichstes Lachen: »Wir tanzen doch, Jungfrau -- +wir tanzen an den Weißen Brettern!« + +Irrsinnige Gier lodert in seinen Blicken. + +Ehe der Garde sich auf ihn stürzen kann, verschwindet er so rasch, wie +er aufgetaucht ist, im Nebel. + +Binia zittert und der Garde muß sie wohl oder übel noch ein gutes Stück +begleiten. + +Da dringt das helle Tageslicht durch das Grau -- es liegt unter ihnen -- +eine blasse Sonne scheint durch weiße Wolken -- über das Gebirge ziehen +dunklere Streifen und Bänke her -- es rüstet zum Schneien -- aber in der +Felsenhöhe winkt der sichere Hort. + +»Fürchte dich nicht, Binia,« mahnt der Garde, »gewiß geht eher St. Peter +unter, als daß deinem Haupt ein Leid geschieht.« + +Hoch oben trennen sie sich. -- Binia geht langsam, Schritt für Schritt, +sie steigt in die falbe, schweigende Einöde -- sie ist auf der Flucht -- +ihre Lippen zittern: »Zu Josi!« + +Einen Augenblick noch sah ihr der Garde nach, dann wendete er sich in +Selbstvorwürfen: »Der Mensch meint, er mache ein Ding gut, und er macht +es böse. -- Es wäre in diesem Augenblick viel wert, wenn das Dorf wüßte, +was für ein Verbrechen Thöni Grieg an Josi begangen hat.« -- -- + +Eusebi ist auf dem Weg nach Hilfe und der Garde eilt zu den Dörflern +hinaus, die die Leiche in der Glotter suchen. Vielleicht bringt er sie +im letzten Augenblick zur Vernunft. + +Im Bären aber kämpft ein alter, einsamer Mann, er kämpft wie der +angeschossene Adler, der jäher als je zuvor gegen den Himmel steigt. Er +kämpft wie die Forelle an der Angel, die auf den Grund des Wassers +schießt und sich in Schlamm und Kies verbohrt. Aber der Adler fällt +rauschend in die Hochgebirgstannen, die Forelle verliert die Kraft und +muß aufwärts steigen. + +Der Presi weiß es: er ist der Adler -- er ist die Forelle -- seine +Stunde ist da. + +Er sitzt und betet -- er blickt über sein Leben -- er sieht alle seine +Missethaten gegen Fränzi und Seppi Blatter -- gegen die selige Beth -- +gegen Josi -- gegen Binia -- und er hat Thöni auf dem Gewissen. Eine +furchtbare Angst um Binia überfällt ihn. Sie ist wohl sicher in Josis +Felsenwerk -- aber er hätte sie nicht gehen lassen sollen -- in seiner +grenzenlosen Verlassenheit gewinnt der alte Traum Macht über ihn -- und +er weiß jetzt, wer der dritte ist, der am Haupt seines Kindes rühren +wird -- es ist der schreckliche Kaplan, der den Haß gegen ihn und eine +verbrecherische Leidenschaft für das Kind in einer Blutthat ertränken +möchte. + +Er sollte jetzt der Presi sein -- er sollte handeln -- sollte reden -- +aber die Kraft versagt. -- Das Dorf ist totenstill -- er weiß nicht, was +draußen an der Glotter geschieht -- wie Binia ihr Ziel erreicht. -- Die +Furcht lähmt ihn und kein Mensch kümmert sich um ihn. + +Doch, die bebende Vroni steckt den Kopf herein und harrt den langen Tag +als Samariterin bei ihm aus. + +Sie kommen so furchtbar lange nicht, die den toten Thöni bringen. +Mittag. -- Abend. -- Da naht endlich der traurige Zug, in dessen Mitte +die Leiche auf einer Bahre liegt. + +Die Männer des Gebirges haben die Hüte gezogen, finster und gemessen +schreiten sie und reden nichts. + +Noch einmal ist ihr furchtbarer Entschluß, den sie nur im höchsten +Taumel des Schreckens faßten, erschüttert worden. + +Denn der Garde hat geredet, er hat allen, die sehen wollten, den +falschen, entsetzlichen Brief Thönis gezeigt, und das Mitleid mit dem, +der in der Glotter lag, ist dahin. -- Hätte ihn Josi erschlagen, man +könnte nichts dawider haben. + +Nein, sie können Binia nichts thun -- selbst das entstellte Gesicht +Thönis, den man unter unendlichen Mühen aus den Tiefen der Glotter +geholt hat, giebt ihnen den Mut nicht mehr. + +Da ziehen die Sprengschüsse Josis lang hinhallend durch das Gebirge und +die Donnerschläge von den Weißen Brettern jagen die Furcht neu in die +vom Totenfund erregten Herzen, die wie unter dem Bann einer höheren +Fügung stehen. Morgen schlägt der Hammer -- morgen fallen die Lawinen +von der Krone -- morgen geht St. Peter unter. + +Die Fäuste ballen sich, die Blicke steigen drohend gegen die Felsen +empor. »Der braucht wohl noch zu sprengen,« knirschen die Männer, »in +dieser Nacht muß doch noch das Gericht ergehen.« + +Wohin mit der Leiche? -- Auf den Kirchhof. Die Bahre steht. Um sie +knieen im sinkenden Abend die Dörfler. + +Von der Freitreppe des Bären schreitet im Sonntagsstaat würdig und +feierlich der Presi, der den schrecklichen Anfall vom Morgen überwunden +hat. Zitternd, doch hochaufgerichtet steigt er langsam zum Kirchhof +empor und scheu geben die Dörfler Raum. + +Er zieht den Hut, tritt an die Bahre und nimmt die schneeweiße Hand des +Ertrunkenen. Ruhig spricht er, so daß es alle hören können: »Thöni +Grieg, du weißt es, daß ich dich erschlagen habe, daß Josi und Binia +unschuldig sind. -- Garde und Gemeinde, ich ergebe mich euch als der +Mörder Thöni Griegs!« + +So spricht der Presi! + +Was er erwartet, erfüllt sich aber nicht. Das Volk stürzt sich nicht auf +ihn, sondern stutzt in Verwirrung und Hohngelächter erschallt ringsum. +Die Rede des Garden und des Presi widersprechen sich. -- Der Garde +schluchzt laut auf: »O Presi, was habt Ihr gesagt!« Er fällt seinem +Freund an die Brust. + +Ein unbeschreiblicher Aufruhr entsteht. Die Dörfler schreien: »Sie +spielen Komödie -- der Garde draußen, der Presi hier -- sie lügen -- +Josi Blatter und Binia Waldisch sind die Mörder. -- Die Führer der +Gemeinde sind auch des Teufels und mit ihnen gegen uns verschworen.« + +Zu diesem Aufruhr kommt von der Kirchenthüre herüber ein zweiter -- ein +entsetzliches Geschrei: »Wehe St. Peter -- wehe -- wehe -- wir sind +exkommuniziert.« + +Ein Blitz, der in den Kirchhof gefahren wäre, hätte die Verwirrung nicht +vermehren können. + +Wo am Morgen die Schrift des Kaplans hing, klebt eine andere. Der +Pfarrer{9} schreibt: + +»An die räudige heidnische Rotte von St. Peter. Im Namen der heiligen +Kirche sind die Siegel an dieses Gotteshaus gelegt. Wer sie bricht, der +sei einem Selbstmörder gleich geachtet, wer am Strang der Glocke zieht, +den soll die Religion nicht lossprechen in seinem Sterben, und wer in +der heiligen Erde wühlt, soll selbst kein geweihtes Grab finden. Das +soll so lang gelten, als ihr nicht mit dem rechtmäßigen Pfarrer Frieden +macht und von dem Baalspfaffen Johannes und seinem Teufelsglauben laßt!« + +Darunter steht das Pfarramtssiegel. -- Die Leiche Thöni Griegs ist über +dem Schrecken, den die neue Botschaft erregt, vergessen. Man sucht den +Pfarrer, man findet ihn nicht, in aller Heimlichkeit hat der alte +gekränkte Mann das Thal verlassen, einige, die an der Glotter standen, +haben ihn sogar gesehen. + +Da liegt ein Toter, der begraben sein sollte, und übermorgen ist +Allerheiligen -- dann Allerseelen! Kirche und Kirchhof aber sind +gesperrt. + +Nun rüttelt und schüttelt das Entsetzen ein ganzes Dorf. + +»Die Regierung hat uns ins Elend geführt, unsere alten Vorsteher lügen +uns an, die Kirche giebt uns auf -- und alles kommt vom Rebellen und der +Hexe -- den Mördern. -- Gut, wenn man will, daß wir wilde Tiere werden, +so wollen wir wilde Tiere sein und uns unseres Lebens wehren -- der +Rebell und die Hexe müssen sterben.« + +So rasen die von St. Peter. + +Der Presi schwankt, wie er sieht, daß seine Selbstaufopferung nichts +hilft, davon -- die Dörfler beachten es im Aufruhr kaum -- der Garde +will reden -- aber ihm antwortet der hundertstimmige Ruf kreischender +Weiber und tobender Männer: »Wir wollen nichts mehr von euch -- ihr seid +alle Verräter.« + +Die neblige Herbstnacht ist hereingesunken -- das Grauen wächst. + +Da schwingt sich Kaplan Johannes mit einer qualmenden Kienfackel auf die +Bahre und beleuchtet das zerwaschene Gesicht des Toten; der Ruf läuft +durch die dunklen Gruppen: »Wir haben niemand mehr, der sich unser +erbarmt, als Johannes -- Kaplan, führt uns -- sagt uns, was sollen wir +thun?« + +Der Schwarze lächelt höllisch: »Erschlagt die Teufelin und den Rebellen +-- sie ist bei ihm an den Weißen Brettern, ich öffne euch den Weg.« + +Da ruft der alte greise Peter Thugi: »Ergebt euch nicht in die Gewalt +des Schwarzen -- ihr werdet es bereuen.« + +Im gleichen Augenblick aber ertönt ein seltsames klirrendes Geräusch +durch den Kirchhof. Alle erschaudern. Wahnsinnige Weiber haben die +ersten Kreuze ausgerissen. Die Männer knirschen dumpf: »Jetzt können wir +nicht mehr zurück -- vorwärts also -- wir müssen Totschläger sein!« + +Das vom Entsetzen gerüttelte Dorf rüstet sich zum schrecklichen Auszug +an die Weißen Bretter, die Grabkreuze klirren durch die Nacht. Hinter +Kaplan Johannes, der das Kreuz Seppi Blatters an sich gerissen hat und +den Weg mit seiner Kienfackel beleuchtet, zieht die heulende, betende +Schar, die sich der Hölle ergeben hat. Sie hat aber das Dorf kaum +verlassen, da röten sich die nächtlichen Nebel und schon rennen die +Ausziehenden schreiend zurück: »Es brennt in St. Peter. -- Feurio! -- +Feurio!« + +Die unbestimmt in die Nebel flutende, wogende, wachsende Glut reißt alle +ins Dorf zurück. -- »Vielleicht ist es unser Haus -- vielleicht ist es +unser Vieh, das verbrennt,« jammern sie; es scheint durch die +schwelenden Nebel, als stehe das ganze Dorf in Flammen. + +Fluchend sieht es der Kaplan, wie seine Herde die Kreuze von sich wirft +und zu ihren Häusern rennt. + +Wie die Erschrockenen aber zurückkommen, brennt der Bären, steigen die +Lohen schon prasselnd durch das Dach in die Nebel empor. Der Bären, das +alte schöne Haus, der Stolz von St. Peter, das Wahrzeichen des Dorfes, +brennt. Sie stehen erschüttert davor -- und ihre erste Eingebung ist: +retten -- helfen, -- das Gewissen für die bürgerliche Pflicht erwacht. + +Wie aber einige zur Kirche hinauf eilen und die Sturmglocken ziehen +wollen, prallen sie wieder an die Siegel des Pfarrers. Es brennt und +man darf nicht läuten. + +Die Verzweiflung packt das Dorf. -- Die Leiche Thöni Griegs, die noch +auf dem Kirchhof steht, steigert das Entsetzen. Das Brandlicht fliegt +über sie und giebt den Zügen einen Schein des Lebens. -- -- + +»Wer hat den Bären angezündet?« -- »Ein Voreiliger vom Ahorn!« So redet +ihnen das schlechte Gewissen ein. »Wo ist der Presi? Wenn er im Haus +verbrennte?« -- Einige Beherzte steigen in den Bau, er ist nicht darin. + +Da predigt von der Kirchhofmauer herunter der schwarze Kaplan, der +schrecklich im Schein der Flammen steht, mit seiner hohlen Grabesstimme: +»Meine fromme Gemeinde. Dich rufen heiligere Pflichten -- wir müssen +Teufelstöter sein -- folgt ihr mir, so wird zu Allerheiligen ein +erlösendes Wunder für alle geschehen, die mit mir sind -- folgt ihr mir +nicht, so seid ihr um Mitternacht schon in der Gewalt des Feindes -- der +Presi ist auf dem besten Tier nach Hospel geritten und bietet die +äußeren Dörfer gegen uns auf. Er hat das Haus angezündet, um uns +aufzuhalten.« + +Das erste glauben die Dörfler, das letzte nicht, denn zu sehr hat der +Presi sein schönes Heim geliebt. + +Das Entsetzen steigt. -- Mord und Feuersbrunst in der Gemeinde -- und +morgen militärische Besetzung oder Untergang. -- Dazu den Zorn und die +Strafen der Kirche. + +Der Brand, dem man nicht wehrt, wirft seine rauschenden Funkengarben auf +das Dorf, Frauen und Kinder flehen die Männer auf den Knieen an, daß sie +das Dorf retten, der Garde mahnt mit Thränen in den Augen zur Vernunft. + +Endlich, endlich arbeitet die Feuerspritze, er kommandiert, +Wasserstrahlen fliegen auf die Kirche und die nächsten Häuser. Die Nacht +ist windstill, die riesige Lohe des Bären verfließt wie eine feurige +Wolke im Nebel, die gewaltigen Mauern halten stand, aber aus den +berstenden Fenstern zischen die Flammen und zerstören die alten +Jagdtrophäen am Dachgebälk und prasselnd fällt das graue Bärenhaupt auf +die Straße und zersplittert. + +Aus dem Erdgeschoß ist einiges gerettet worden und nun schreit Bälzi: +»Der Wein! der Wein! Laßt uns doch den Wein holen!« + +Er dringt mit einigen Burschen in den Keller, sie wälzen die Fässer auf +die Straße, und da man sich wegen der steigenden Hitze zurückziehen muß, +zum Kirchhof hinauf. + +Die Flaschen, Krüge, Becher und Gläser kreisen. + +»Wenn doch St. Peter untergehen muß,« gröhlen die Männer, »so wollen wir +noch trinken. Zum Wohl -- zum Wohl!« + +Ein gräßliches Bild! Der Brand nimmt schon ab, die Gefahr für das Dorf +ist vorbei, der Bären ist ein riesiger glühender Ofen, auf dem Kirchhof +aber beraten die Trunkenen zwischen betenden Frauen und schreienden +Kindern, was sie jetzt anfangen wollen. + +Einen Augenblick ist es, als siege die Vernunft, der Garde und noch +einige haben sich auf den Kaplan geworfen, haben ihn gefesselt und +wollten den Tobenden abführen. + +Da fliegt eine Nachricht herbei, die den letzten Funken der Besinnung +löscht: »Wir sind verraten. -- Die wehrfähige Mannschaft der vorderen +Dörfer ist im Anzug -- sie sind schon an der Brücke -- sie helfen dem +Rebellen -- sie sind gegen die von St. Peter.« + +Die Bestürzten bitten, drohen, sie kämpfen, sie machen den gebundenen +Kaplan Johannes mit Gewalt frei: »Er allein kann uns jetzt helfen!« +rufen sie. Er aber schreit, das Grabkreuz Seppi Blatters wieder +ergreifend: »Vertraut mir, ihr Frommen. -- Zu Allerheiligen erlöse ich +euch alle -- denn ich bin nicht Kaplan Johannes, wie ihr meint -- +sondern ich bin St. Peter, euer Schutzpatron, ich richte unter euch +meine Kirche ein -- und wer in den Himmel kommen will, folgt mir!« + +Der helle Wahnsinn steht in den Augen des Schrecklichen, der sein +Grabkreuz schwingt -- die Hälfte der Dörfler weicht über die +Gotteslästerung entsetzt von ihm zurück: »Wir haben uns einem Narren +ergeben!« stammeln sie. + +Zwanzig, dreißig Frauen aber, die noch in Furcht und Entsetzen an ihn +glauben, scharen sich um ihn, eine Zahl Männer ahmen das Beispiel nach, +doch viele unter ihnen verhalten sich schweigsam und drohend: »Wir gehen +mit,« knurren sie finster, »denn nach allem, was sich ereignet hat, +können wir nicht mehr zurück, aber wenn er uns ins Unglück führt, ist er +der erste, der fallen muß.« -- -- + +Siegesgewiß lächelt der wahnsinnige Kaplan: »Kommt, kommt, ihr Getreuen +-- an den Weißen Brettern wird sich das Glück der Gemeinde erfüllen.« + +»Auch Ihr, Peter Thugi?« -- Der Garde, der den Mut verloren hat, sagt es +traurig und vorwurfsvoll. -- + +»Garde,« erwidert der junge Mann, »wenn Josi oder Binia ein Härchen +gekrümmt wird, so kehre ich nicht zurück zu meinen Kleinen -- mich +schämt das Leben an, wenn er untergehen soll, der mich gerettet hat!« + +Der Zug der Verzweiflung zieht, während es leise zu schneien beginnt, in +die Nacht. + +Umsonst hat der Garde noch einmal geredet -- jetzt sitzt er still in +seiner Wohnung und weint über seine verirrte Gemeinde. + +Vroni steht tröstend bei ihm, aber ihr ist todesangst um Binia. Die alte +Sage! + +Eusebi kommt so lange mit der Hilfe nicht. + +Da horch! Gleichmäßige, taktfeste Schritte von Männern schallen von der +Straße, die sich mit dem Flaum des fallenden Schnees bedeckt. In guter +Ordnung rückt die waffenfähige Mannschaft der äußeren Dörfer in St. +Peter ein, die Befehle tönen ruhig durch die Nacht, im Haus des Garden +atmet man auf aus grimmiger Not. + +»Wo ist mein Mann, Eusebi Zuensteinen?« fragt Vroni die Ankommenden. + +»Mit dem ersten Zug der Unsrigen ist er vor dem Dorf an die Weißen +Bretter empor geschwenkt. -- Josi Blatter darf nichts geschehen,« +antworten die Männer. + +Draußen im Lande weiß man es: Das Werk Josi Blatters ist gut. Mit denen +von St. Peter aber, die man schon lange als harte, abergläubische Köpfe +kennt, muß man scharf rechnen, sie haben mit dem, was heute geschehen +ist, die Ehre des ganzen Berglandes beleidigt. + +Daß Josi Blatter, der Held der heligen Wasser, ein Mörder sei, will +niemand glauben; daß die von St. Peter sich unter die Anführung des +verrückten Kaplans stellten, den man als einen gemeingefährlichen +Vagabunden kennt, daß sie nach dem Leben eines durch seine +Rechtschaffenheit und Schönheit bekannten Mädchens trachten, erfüllt die +Mannschaft mit solcher Wut, daß die Führer Mühe haben, sie von +unüberlegten Thaten gegen die Dörfler zurückzuhalten. + +Morgen wird aber ja schon die gerichtliche Untersuchung walten, bis in +die Stadt ist man durch Eusebi und den Pfarrer über den Plan derer von +St. Peter unterrichtet und empört. + +Wenn den zwei Liebenden ein Leid geschähe, wehe dann dem Dorf. + +Nun aber sind die Männer enttäuscht -- in St. Peter brennen nur wenige +Lichter -- wo sie eintreten, treffen sie nur betende Frauen -- aber +keinen Mann, der Auskunft über die Ereignisse des Tages gäbe. + +Endlich greifen sie einen auf -- den betrunkenen Bälzi, der in seinem +Rausch den schrecklichen Ahornbund verrät. Sie sperren den Gefesselten +in die Gemeindescheune. + +Da bringen einige von jenen, die mit Eusebi an die Weißen Bretter +emporgestiegen sind, auf einer Notbahre von Tannenreisern einen Mann. +Die erste falsche Nachricht sagt, es sei Josi Blatter, der erschlagen +worden sei, aber es ist der Presi, der machtlos röchelt. + +»Wohin mit ihm?« fragen die Träger. -- »In mein Haus,« erwidert der +erschütterte Garde, und wie er in das Gesicht seines Freundes blickt, da +weiß er, daß er einen vor sich hat, der nicht mehr lange leben wird. + +Auf dem Weg zu seinen Kindern ist der Presi hilflos zusammengesunken. + +Da liegt er nun in der Kammer des Garden, aber er kann nicht sterben: +»Mein Traum,« stöhnt er, »mein entsetzlicher Traum -- dazu die alte +Sage, daß eine Jungfrau bluten muß, ehe St. Peter von der Wasserfron +erlöst ist. Garde, seht Ihr nicht -- meine arme Bini blutet.« + +In schrecklichen Gesichtern lebt der Sterbende. + +»Ich kann nicht selig werden, es sei denn, ich wisse meine Bini mit Josi +glücklich und daß er unschuldig ist. Nur kein Fluch von mir in ein +folgendes Geschlecht. -- Seppi Blatter -- Fränzi -- macht es mir nicht +zu streng.« + +Der Garde hält die Hand des Bebenden, selbst ein unglücklicher Mann, +fühlt er verzehrendes Mitleid mit ihm und tröstet: »O Presi -- es leben +allerdings mächtige Wahrheiten in den alten Sagen, in Träumen wohnt +tiefer Sinn, aber glaubt, eine Vatertreue, wie die Eure, vermag die +verhängten Schicksale zu brechen. Es wird Euch vor Gott groß angesehen +sein, daß Ihr Euer Kind in dem Augenblick, wo Ihr seiner bedurftet, +dahin ziehen ließet, wo seine Sicherheit und sein Glück liegen, -- daß +Ihr die Folgen einer unglücklichen Stunde vor dem erregten Volk selber +tragen wolltet, -- daß Ihr Eure letzte Kraft dahin wandtet, wo Ihr +glaubtet, Eure Kinder hätten Eures Schutzes nötig. Presi, gebt die +Hoffnung nicht auf.« + +So tröstet der treue Freund feierlich und unablässig und zitternd horcht +der Presi. + +Der Garde, der es spürt, wie das Leben seines Freundes schwinden will, +sagt: »Ihr habt mehr gethan -- um sie zu retten, habt Ihr das Haus, das +Euch lieb war wie Euer Leben, in Brand gesteckt. Bekennt es nur!« + +Aber der Sterbende verzerrt sein Gesicht und knirscht. + +Mit tiefem Kummer sieht es der Garde: Sein Freund ist noch der alte +Presi. Er würde, wenn er seine Kinder nicht mehr sähe, mit einem +schrecklichen Geheimnis ins Grab steigen und auf St. Peter den Verdacht +der Brandstiftung ruhen lassen. + +»Bekennt Ihr,« fragt der Garde, »wenn Josi und Binia unversehrt durch +diese Thüre treten?« + +Da schluchzt der Presi, aber er schweigt. + +»Josi und Binia sind unschuldig -- es kann ihnen nichts geschehen -- +jetzt nicht und vor Gericht nicht -- ich werde mit ihnen kämpfen -- sie +müssen glücklich werden, die so viel gelitten haben!« + +So mahnt und tröstet der Garde, und aus seiner vollen Brust strömt der +Glaube in die Brust des Presi über, ergebungs- und hoffnungsvoll +erwartet er, während seine Pulse schon schwächer und schwächer gehen, +die Botschaft von den Weißen Brettern. + +Ehe er weiß, wie es sich an den heligen Wassern entschieden hat, kann er +nicht sterben. + + + + +XXI. + + +»Zu Josi!« Durch die letzten Bergastern, durch die öden herbstfalben +Weiden schwankt Binia langsam empor -- empor -- sie folgt, ohne daß sie +es weiß, dem Weg, den sie mit dem Vater gegangen ist. Oft steht sie +still, dann greift ihr Fuß, indem sie flüstert: »Zu Josi!« wieder +mechanisch aus. Dann blickt sie wieder zurück in die Nebel: »Vater -- +Vater!« Die Kindesliebe zieht sie zurück. Doch sie geht wieder vorwärts. +Alle ihre Regungen sind aber fast nur Traum und die Stimmen sonniger +Vergangenheit reden lauter in ihr als die Gegenwart. + +Zu viel hat sie gelitten und leidet sie noch. Da erreicht sie die +Stelle, wo die heligen Wasser vom Geröll auf die Weißen Bretter +übergehen. Ein seltsamer Gedanke kommt ihr: In ihrem Schutz kann mir und +Josi nichts geschehen! -- Aber die alte Sage -- sie bebt. Wird sie für +Josis Werk sterben müssen? + +Sie wandelt durch den Felsengang, da glänzt tief im Hintergrund ein +Licht. + +»Josi!« Er meißelt am Boden hingekniet und sieht sie nicht. »Josi!« +schreit sie. + +Er fährt auf und läßt den Hammer fallen. »Bini!« Er umarmt sie. Im +flackernden Grubenlicht sieht er nicht, wie bleich sie ist. + +»Bini -- dich hat in dieser Stunde Gott zu mir geführt. Engel -- du +kommst, um mein Werk zu segnen -- die Leitung vollendet sich. -- Schau! +-- Durch dieses Bohrloch blitzt von drüben schon der Tag.« + +In seinem abgezehrten Gesicht sieht sie eine fast überirdische Freude, +sie schluchzt: »Josi, der Kaplan Johannes hat in der Glotter Thöni Grieg +gefunden -- mein Leben ist im Dorf verwirkt -- meine letzte Zuflucht +bist du.« + +Sie legt ihre kleinen Hände in seine großen arbeitsharten und neigt ihr +Köpfchen auf seine Schulter und weint bitterlich. + +Da küßt er sie auf den Scheitel: »Sei ruhig, liebes Bineli -- du weißt +es, ich habe Thöni Grieg nicht zu fürchten -- mit uns ist die Wahrheit +-- sei nicht so traurig; wie du einst zu mir, so sage ich heute zu dir: +Glaube, vertraue -- das Glück wird doch noch wahr.« + +Er steht vor ihr im Vollgefühl des vollendeten Werkes. Und nun ertönt +ihr kleiner Schrei: »Josi, mein Held!« + +Binia geht es wundersam -- Bei Josi, dem starken Manne, der ihr milde +zulächelt, sinkt alles Schwere, was sie erlebt hat, wie ein wüster +schwerer Traum von ihr. Ihr ist, an seiner Seite könnte sie einem ganzen +Schwarm von Feinden entgegengehen, und selbst wenn alle so gräßlich wie +Kaplan Johannes wären, würde ihr kein Leid geschehen. + +Mit glänzenden Augen schaut sie Josi an. + +»Hast du Mut, Bini?« lächelt er. »Zeige es mir. -- Ich wäre glücklich, +wenn du mit deiner lieben Hand die letzten Schüsse entzünden wolltest. +Das wäre mir ein größeres Fest, als wenn morgen die Regierung nach St. +Peter käme und mich unter Glockengeläute vom Berg holte. -- Wozu das? -- +Für dich ist's ja gebaut und gethan! -- Weihe es, Binia!« -- -- + +Sein ermunternder Blick ruht auf ihr. Er schiebt die Patronen in die +Löcher und setzt die Zünder auf. »Hier und hier -- hier und hier -- da +und da.« + +Demütig und mutig nimmt sie die Lunte und legt sie an die Zünder, die +leise zu summen beginnen. + +»Zurück, so weit ich dich führe, und sei stark, Bini.« + +Josi zählt. -- »Jetzt.« -- Es kracht. -- Ein Donnerwetter geht durch die +Felsen, als ob das ganze Gebirge stürzen müsse -- jauchzend reicht Josi +Binia die Hand: »Gott segne den neuen Lauf der heligen Wasser -- die +Blutfron ist gelöst!« + +Ueber das Nebelmeer unter ihnen rollt der Hall und rollt zurück. -- Der +Rauch zieht an ihnen vorbei und durch das Thor herein, das sich geöffnet +hat, glänzt ein Schein des Abendrotes, das über Tremis steht. + +Mit wuchtigen Hieben glättet Josi die Stelle. Doch nach einiger Zeit +sagt er zu dem Mädchen, das am Rand des Wassergrabens kauert und ihm +bewundernd zuschaut: »Für heute Feierabend -- Bini -- dir zu Ehren.« + +Da wird sie wieder etwas ängstlich: »O, Josi! -- wir sollten fliehen. -- +Wir sind selbst hier oben nicht sicher -- es ist mir, es geschehe +Schreckliches in St. Peter!« + +Sie drängt sich schmeichelnd und Schutz suchend an den strahlenden Mann. + +»Fliehen! -- Ich fürchte mich nicht vor denen von St. Peter. Und den +Vater verlassen wir nicht, Bini.« + +»O mein Vater, -- mein armer Vater! -- Nein -- gelt, lieber Josi, wir +verlassen ihn nicht! -- Wir wollen wieder zu ihm niedersteigen,« fleht +sie. + +»Sieh, Bini,« antwortet er tröstlich, »wir haben einen geraden Weg, den +müssen wir gehen: Bevor die Wasser laufen, scheiden wir nicht von den +Weißen Brettern -- bevor wir wissen, ob der Vater nicht doch mit uns +kommen will, gehen wir nicht von St. Peter -- und bevor ich mich nicht +vor dem Gericht von jedem Verdacht wegen Thöni Grieg gereinigt habe, +wirst du nicht mein Weib -- dann aber Glück zu, mein herzlieber, reiner +Tautropfen.« + +Weich und demütig erwidert sie: »Dein Weg ist mein Weg, Josi!« + +In weltferner Einsamkeit hoch über den Menschen halten sie Feierabend. +Ueber dem grauen Nebel der Tiefe, der wie ein See in die Berge gegossen +liegt, geht der Tag zur Rüste, sie sehen nicht und hören nicht, wie +unter ihnen in St. Peter der Aufruhr braust, sie sehen auch die Sterne +nicht, denn Schneewolken ziehen schwerer und schwerer über das Gebirg -- +zwischen lauter Wolken sind sie mit ihrer Liebe allein. + +Josi hat von lange her eine Felsennische heimelig eingerichtet, da +flackert jetzt ein Feuer, die Milch, die der pflichttreue Bonzi wie +sonst heraufgeschafft hat, siedet im Topf; auf einem Teppich, der über +eine Felsenbank gelegt ist, sitzt das Paar Wange an Wange und in der +stillen Felsenheimlichkeit vergißt es die armseligen Menschen, die sich +in den Qualen des Aberglaubens winden, und nichts bleibt ihnen bewußt +als ihre starke Liebe. Alle Stürme sind zur Stille gekommen, die Seelen +der Gehetzten ruhen in seligem Traum. + +»Josi,« erbebt die Stimme Binias fein und weich, »eine alte Sage geht, +daß über der Befreiung St. Peters aus der Blutfron eine Jungfrau sterben +muß -- sie hat mir meinen Gang zu dir schwer gemacht -- aber jetzt ist +mir, es wäre mir leicht, das Leben für dich und dein Werk hinzugeben!« + +Und in unendlicher Treue hangen ihre Augen an ihm. + +»Rede nicht so --, Bini,« erwidert er sanft, »nein, wir wandern ins +Leben -- du und ich -- und wir wollen unserer Liebe im Frieden froh +werden und schaffen, bis es Abend ist!« + +»Ins Leben!« wiederholt sie traumhaft. + +Er streichelt ihr dunkles Haar, müde läßt sie das Köpfchen an seine +Brust sinken, lange Leiden fordern Auslösung, und sorglich bettet er die +in einen bleiernen Schlaf Versunkene in die Felsenecke. -- Das Feuerchen +flackert und beleuchtet zwei Friedliche. -- + +Etwas Sonderbares weckt Josi aus seinem halben Schlummer. Ihm fehlt in +der Morgenfrühe das leise Klingen der Glocke von St. Peter, und +plötzlich erinnert er sich, daß er es auch am Abend nicht gehört hat. +Nun wird er doch unruhig. Ist in St. Peter so Schlimmes geschehen, daß +der alte Pfarrer seine Drohung wahr gemacht hat? + +Besorgt zündet er in das Gesicht der schlafenden Binia. Sie lächelt +innig im Traum und von ihren Lippen zittern die Worte: »Die Vögel, sie +fliegen über Land und Meer.« + +»Schlafe, armes Kind, das so viel erduldet hat, schlafe -- das Rauschen +der Wasser, das Schlagen des Hammers mag dich wecken.« Er geht leise +davon, er schreitet sein Werk ab, im Schein der Lampe legt er da und +dort noch Hand an, er setzt am äußeren Ende der Leitung das kleine +zierliche Wasserrad ein, das den Merkhammer treiben soll. + +Es schneit ruhig und feierlich, die Flocken fallen leis und weich ins +Morgengrauen und tiefe Stille waltet ringsum. Da ist ihm doch, er höre +Stimmen aus der Tiefe und klirrende Töne -- aber so unbestimmt, daß er +nicht klug daraus wird, was er hört. + +Er wandert rasch, die ruhig schlafende Binia im Vorbeigehen betrachtend, +das ganze Werk zurück -- er lenkt den Auslaufkännel am Eingang der +Felsen vom Abgrund zurück und hinein in die neue Leitung. + +Eilig strömen die Wasser. + +Da horch! -- Stimmen schwellen im Schneegestöber -- eine Schar +Gestalten, die -- sonderbar genug -- Grabkreuze tragen -- Männer und +Weiber tauchen gespenstisch in den Flocken auf -- er erkennt den +schwarzen Kaplan -- er hört die hohe Stimme des Glottermüllers: »Wir +müssen sie totschlagen, ehe das Rad geht -- vorwärts!« + +Josi stellt sich ruhig einige Schritte vor dem Eingang seines Werkes +auf, aber seine Hand langt in die Tasche und seine Augen funkeln. + +Die Schar steht vor ihm. + +»Halt -- oder ich sprenge euch alle samt und sonders in die Luft.« +Hochaufgerichtet, eine Dynamitpatrone in der erhobenen Hand, donnert er +es ihnen entgegen. -- Die Männer stutzen, aber Kaplan Johannes ruft: +»Die heiligen Kreuze sind stärker als das teuflische Salz!« -- Und er +will mit dem erhobenen schweren Grabkreuz in wahnsinniger Wut auf Josi +los. + +Da geschieht etwas Entsetzliches. + +Aus dem Felsengang stürzt Binia -- sie stürmt an Josi vorbei -- sie +läuft unter das erhobene Kreuz des Kaplans -- sie schreit flehentlich: +»Schlagt mich, Kaplan -- aber tötet meinen Josi nicht.« + +Schon saust das Kreuz gegen das junge schöne Haupt hernieder und »Josi!« +schreit Binia in Todesnot. + +Da sinkt der Kaplan selbst. + +Er stöhnt unter den Fäusten Peter Thugis, der ihn im letzten Augenblick +niedergerissen hat. + +Einige der verdutzten Männer machen Miene, dem Schwarzen zu helfen, aber +jetzt ist Josi neben der in die Kniee gesunkenen blassen Binia, er hält +in finsterer Entschlossenheit die Patrone hoch und sein funkelnder Blick +hat den Stein schon erspäht, an den er sie schleudern könnte. + +»Die Waffen weg, oder ihr fliegt!« schreit er. + +Ein furchtbarer Augenblick, ein Mann gegen einen Schwarm -- einzelne der +Gestalten tauchen, wie Gespenster verschwinden, in das Schneegestöber +zurück. -- Die schwarzen Kreuze und Scheiter fallen in den weißen, +reinen Schnee. + +Nur der Glottermüller mit einem kleinen Häuflein steht noch, aber sie +wagen keine That. + +Da horch -- der Hammer schlägt -- er schlägt rasch und rascher, laut und +lauter -- und rings im Gebirgskreis bleibt es still -- die Lawinen +fallen nicht -- es schneit nur leise und feierlich. -- Die letzten +Kreuze sinken -- aus der Tiefe tönt der Ruf: »Josi, wir kommen -- Josi, +halte aus -- die Hilfe ist da!« -- Es ist Eusebi, der ruft. -- Und durch +den Schnee blitzen schon Waffen und Wehr. + +Wie Peter Thugi die erlösenden Zurufe hört, läßt seine Faust etwas von +dem sich windenden Kaplan. Der kann entfliehen und springt in gewaltigen +Sätzen bergwärts. Hinter ihm die letzten Kreuzträger. + +Um Josi, der die halb ohnmächtige Binia im Arm hält, und Peter Thugi, +den Freund, steht die Entsatzmannschaft, und Eusebi Zuensteinen vergießt +die hellen Thränen der Freude, daß sein Schwager gerettet ist. + +Josi dankt Peter auf den Knieen für die rettende That. + +»Wer sollte es besser wissen, Josi,« erwidert Thugi, »was du für St. +Peter gethan hast, als ich.« + +Andächtig horchen die hundert Männer dem Schlagen des Hammers und +schütteln Josi und Binia die Hand. + +Ein sonderbarer Zug bewegt sich in dem fallenden Schnee thalwärts. -- In +der Mitte geht Josi, nicht wie ein Held, sondern wie ein Geschlagener -- +er weiß es, er muß mit Binia an ein Sterbebett treten. Und Binia +schluchzt herzzerbrechend. Aber daß sie noch gehen kann, ist ein Wunder. + +Wer ist der größere, Josi, der die Blutfron von St. Peter genommen hat, +oder der Presi, der Vater, der bis in den Tod für sein Kind gekämpft +hat? + +Ja, ja, arme Bini, ruhige Jahre werden dir nun wohl thun, denn zuletzt +verliert auch der Stahl seine Biegsamkeit und bricht. + +Sie sehen den verwüsteten Bären; Josi ist bereit, noch heute den +Gerichtsbeamten, die schon eingerückt sind, Rede und Antwort zu stehen. + +Das Paar tritt in die Wohnung des Garden -- es sinkt an das Bett des +Presi. + +Man hat ihm die Fenster öffnen müssen, damit er das Schlagen des neuen +Hammers an den Weißen Brettern hört. Seitdem ist er ruhig und nun +richtet er sich auf vom Lager. Er schluchzt -- die dünnen Thränen +fließen über seine abgehärmten Wangen. -- »Seppi Blatter -- Fränzi -- +ihr habt mir's nicht zu streng gemacht. -- -- Und Josi, wenn du wegen +Thöni Grieg etwas auf dem Gewissen hast, -- so nehme ich es dir ab.« + +Da antwortet Josi: »Nein, Vater, ich bin frei von Schuld. Thöni Grieg +ist zehn Schritt vor mir gestürzt.« + +»Garde, ich habe den Bären angezündet,« spricht der Presi laut, dann +murmelt er: »Und St. Peter habe ich lieb gehabt. -- Seid glücklich -- +Josi -- Bini.« Einen Blick unsäglicher Liebe noch wendet er auf das Paar +-- er sinkt zurück und der Todesengel schwebt durch das Haus. + + + + +XXII. + + +Ein Trauerspiel im Bergland. Was die von St. Peter gethan haben, +erscheint dem Bergvolke selbst, erscheint der Welt unbegreiflich. Das +Dorf wollte den schlagen, der ihm die größte Wohlthat erwiesen hat, den +es mit Ehren wie seinen Erlöser feiern sollte. Unbegreiflich? -- Als ob +der Wechselruf »Hosianna!« und »Kreuziget ihn!« nicht die Jahrhunderte +herab durch die Blätter der Geschichte jauchzte und klagte. Als ob es +nicht bis in die blühende Gegenwart hinein der Beispiele genug gäbe, wo +nicht nur ein kleines, weltfernes Dorf, sondern große mächtige, +gebildete Völker sich unter dem Druck eines Zwangsgedankens verwirren +und eine Weile den Weg der Vernunft nicht finden können. Als ob die +Gestalt des bösen Narren, des Kaplans Johannes, der hetzend die dunklen +Regungen der Volksseele mißbraucht, nicht überall auf der Lauer stehe, +um seinen Bettelsack aus der allgemeinen Verirrung zu füllen und seine +nächtliche Seele in den Bildern des Schreckens schwelgen zu lassen. -- +-- + +In bebender Zerknirschung liegt St. Peter. + +Jahrhunderte hat sein Völklein unter dem Donner der Lawinen friedlich +und still gelebt, Geschlecht um Geschlecht hat mannlich getragen, was +eine übermächtige Natur an Gefahren und blutenden Opfern über sein +Dasein verhängte. Im Schoß des stillen Lebens blühten innige Sitten und +Bräuche, die Wunderblume der Sage hielt ihre Kelche offen und atmete +ihre Düfte aus. Da führte ein Feuerkopf die Unruhe, die Hast einer neuen +Zeit in die Enge des Thales, in die Schmalheit der Volksanschauungen. +Die Dörfler sahen, was Eltern und Altvordern groß und heilig gegolten, +von einem Schwarm leichter Menschen, der kein Verständnis für ihr +eigenartiges Fühlen besaß, mißachtet, in den Stimmen der Lawinen hörten +die Geängstigten den Zorn des Himmels reden. Und siehe da -- die +Wunderblume der Sage vergiftete ihren Duft. In Fleisch und Knochen +schlich sich, von einem geheimnisvollen Narren vertragen, das Fieber des +Aberglaubens. + +Die Stimmung ist vorbereitet. -- Da geschieht das Unfaßbare, daß einer +vom Dorf das Verhängnis lösen will, das wie Gottes Züchtigung darüber +schwebt -- da ereignet sich das Schreckliche, daß ein verborgener Mord, +so glaubt das Völklein, ans Tageslicht kommt -- eine tragische Folge der +Umstände schaltet alle Hemmungen der Vernunft aus. + +So hat das Entsetzliche geschehen können! -- -- + +Zwei Abgesandte der Regierung sind da; der Hammer an der rettenden +Leitung schlägt, von einem Fest zur Einweihung des Werkes spricht +niemand. + +Eine unheimliche Stille brütet über St. Peter. Mächtiger als die ernsten +Patrouillen, die das Dorf auf und ab schreiten, spricht es in die +Gewissen, daß das schöne alte Haus zum Bären in schwarzen Ruinen aus der +weißen feierlichen Schneelandschaft ragt. St. Peter ist ohne den Bären +nicht mehr St. Peter. + +Wer hat die Flamme hineingeworfen? -- In der Gemeindescheune halten die +herbeigeeilten Gerichtsbehörden an einem Tisch die Verhöre, zu denen +ihnen der Verrat Bälzis die Unterlagen bietet. Mit finsteren, trotzigen +Mienen kommt Bauer um Bauer und antwortet auf die Fragen. Daß er Kreuze +aus dem Kirchhof ausgerissen hat, giebt jeder zu. Den Ahornbund aber +verrät keiner. Und keiner nennt den Brandstifter, die +Untersuchungsbeamten aber bestehen darauf, daß es irgend einer vom Bunde +sei, und halten den Verdacht auf den Presi für eine Ausflucht. Sie +fassen einen heißen Groll gegen das verstockte Dorf und drohen mit +langen Einquartierungen auf Kosten der Gemeinde. + +Da tritt erschüttert der Garde herein: »Ich kann euch die Untersuchung +erleichtern. Keiner von denen, die ihr verhört habt, hat den Bären +angezündet. Das hat ein Vater für sein Kind gethan. Ich sage es euch im +Auftrage des Presi Peter Waldisch, der soeben gestorben ist.« + +O, die da sitzen und die Not eines Dorfes schreiben, sie haben den Presi +schon gekannt, den gewaltthätigen Mann, der, die anderen alle um +Haupteslänge überragend, nie klein gewesen in seinem Zorn, aber auch so +groß in seiner Liebe, daß ihm die That wohl zuzutrauen ist. + +Sie sprechen bewegt: »Immer war er der Presi -- sich selbst getreu bis +in den Tod -- in der Enge der Berge, wo der gewaltige Mann überall +anstieß, hat er werden müssen, wie er war -- in der Welt aber wäre er +nach Kopf und Herz ein Großer geworden -- denn Kernholz, aus dem das +Volk seine starken Führer schnitzt, war an ihm von der Sohle bis zum +Scheitel.« + +Während sie noch flüsternd dem toten Presi ihr Kränzlein winden, tritt +Josi Blatter an den Tisch und wünscht wegen Thöni Grieg verhört zu +werden. Ruhig und fest erzählt er den Hergang im Teufelsgarten, ruhig +und fest antwortet er auf die Kreuz- und Querfragen, die Gesichter der +Untersuchenden, die zuerst wohlwollend auf den Helden der heligen Wasser +blickten, werden ernst. Die Darstellung klingt unglaubwürdig. + +»Ihr besteht darauf, daß es nicht Totschlag in Notwehr war?« + +»Ich bestehe darauf.« + +»Ihr habt das Werk an den Weißen Brettern nicht zur Sühne gebaut?« + +»Nein, meiner Braut Binia Waldisch zu Ehren.« + +»Ihr verzichtet auf die altgebräuchliche Rechtswohlthat, die seit +Matthys Jul denen zugebilligt wird, die für die heligen Wasser an die +Weißen Bretter steigen?« + +»Ich verzichte!« + +Josi steht -- es geht nicht anders -- unter der Anklage, in Notwehr +Thöni Grieg erschlagen zu haben -- aber wenigstens so hart sind die +Männer des Gerichtes nicht, daß sie ihm eine Haft auferlegen. Sein +Ehrenwort, sich der Untersuchung immer zur Verfügung zu halten, genügt. + +Kaplan Johannes ist nicht zurückgekehrt. Von seinen eigenen Anhängern +zuletzt in die Enge getrieben, hat er sich auf die Felsen geflüchtet, +die vom Neuschnee schlüpfrig waren, er ist gestürzt und erst im Frühjahr +hat man seinen zerschmetterten Leichnam in einem Abgrund gefunden. + +Während der Untersuchung über die Vorfälle in St. Peter, die mehrere +Tage in Anspruch nimmt, ist der alte Pfarrer zurückgekommen und hat +seine Siegel von der Kirche genommen. St. Peter kann seine Toten +begraben, heute in aller Stille Thöni Grieg, morgen in herzlicher Trauer +den Presi, der den Dörflern nie bewunderungswürdiger schien als in +seinem Tod. Man hat die Kreuze und Scheiter des Kirchhofs gesammelt und +wieder in die Gräber gesteckt. Der Pfarrer hat sie neu geweiht, und wie +nun die Glocken zum Begräbnis des Presi wieder erklingen, da geht ein +aufschluchzendes Weinen der Zerknirschung, doch auch neue Lebenshoffnung +durch das Dorf. + +Am Schluß der Grabpredigt sagt der alte Pfarrer: »Ich weiß, daß auch ich +schuldig bin und euch nicht hätte verlassen sollen, und vor den Behörden +der Kirche will ich für euch um ein gnädiges Urteil bitten. Ich lasse +euch als Vermächtnis meiner Amtsthätigkeit, die ich niederlege, die +Schlüssel zum Gotteshaus und den Glocken zurück. Hoffentlich für ewig. +-- Eine junge starke Kraft möge euch besser führen, als es mir altem +kraftlosen Manne gelungen ist!« -- -- + +Langsam schreitet der Prozeß, es ist, als könne sich das arme Dorf nicht +mehr erheben aus seiner Schande, als müsse es daran zu Grunde gehen. + +Wie aber vor dem Volk des Berglandes die Gestalten Josi Blatters und +Thöni Griegs durch die Untersuchung in immer schärferen Umrissen +erscheinen, wie der gefälschte Brief Thönis bekannt wird, wie man den +Leidensgang und die hohe Treue der Liebenden erfährt, da fliegen ihnen +alle Herzen zu, der gerechte Sinn des Volkes erwacht. »Selbst wenn er +eine That des Zornes begangen hätte,« spricht das Volk, »müßte er +freigesprochen werden, sie wäre Gottes Gericht über den Schuft.« + +Es ist aber keine That des Zornes geschehen. -- Und für Josi und Binia +spricht mit glühendem Feuer der Garde, der Ehrenmann des Dorfes, der in +aller Verwirrung wie ein Fels des Rechtes dagestanden ist. + +Tausend Umstände zeugen für das Paar. + +Im Winter noch steigt Josi ein paarmal zu seinem Werk empor, prüft es, +vollendet noch da und dort etwas -- sobald er aber das gerichtliche +Verfahren hinter sich hat, will er mit Binia über das Meer ziehen und in +einem fernen Erdenwinkel Glück und Vergessen suchen. + +Eines Tages aber erhält er den Besuch seines Freundes Felix Indergand. +Der spricht nicht mehr von Beate, dagegen redet er Josi herzlich zu: +»Ziehe nicht fort, Josi! -- Siehe, wer zwischen den Bergen geboren ist, +findet nur zwischen den Bergen das volle Lebensglück. Wir beide haben es +erfahren, wie öde und leer das Herz in der Fremde bleibt, das deckt alle +Liebe nicht zu. Thue es deiner herrlichen Braut nicht an, das Bergkind +würde in der Ferne rasch welken. Komm, wenn du doch nicht zu St. Peter +bleiben magst, zu uns ins grüne Oberland, ich will ein Gütchen für dich +erhandeln. Dort lebe in meiner Nähe und sei glücklich mit deinem Weib.« + +Josi geht die warme Rede seines Freundes zu Herzen -- er willigt ein. + +Endlich, wie schon die ersten Frühlingsblumen blühen, ist der +Gerichtstag für ihn und die von St. Peter da, das Landvolk ist wie an +einem Markttag auf der Fahrt in die Stadt. + +Die Tribünen des Gerichtssaales sind gefüllt und zweimal entsteht eine +mächtige Bewegung unter den Zuschauern. + +Das erste Mal, wie eine hoheitsvolle jugendliche Gestalt in tiefer +Trauer als Zeugin vor die Schranken tritt. Manchmal, wenn ihre Liebe zu +Josi vor der Menge zur Sprache kommt, erbebt sie, Blutwelle um Blutwelle +geht über das feine Gesicht und hilflos fragt sie: »Ja, muß ich das auch +sagen?« Auf manche harmlose Fragen antwortet sie in so heißer Scham, +dann mit einem blitzenden Wahrheitsmut, daß die Schauer der +Ergriffenheit durch den Zuschauerraum gehen. + +»Der Garde von St. Peter hat recht,« flüstert sich die Menge zu, »Binia +Waldisch kann keine Unwahrheit sagen!« + +Und dann, wie ein eben eingetroffener Brief aus Indien zur Verlesung +kommt: + +»Josi Blatter, über den Sie mich gerichtlich anfragen, hat sich in fünf +Jahren als ein Mann ohne das geringste Falsch bewährt. Er ist so fest +und treu wie Ihre Berge, und die wanken nicht. Sie würden eine Schmach +auf Ihr Land laden, wenn Sie ihm nicht vollen Glauben schenken und einen +Makel auf ihm ruhen ließen. George Lemmy, Oberingenieur der britischen +Regierung in Indien.« + +Ein Stündchen später ist der volle Freispruch da. + +Ein kleiner, schluchzender Schrei bebt durch den Saal: »Josi, mein +Held,« und Hunderte schluchzen mit und ein Jubelruf pflanzt sich fort +durch die Straßen der Stadt. + +»So geht ihr nun ins Oberland, ihr Vielgeprüften!« sagt der Garde, der +mit Vroni und Eusebi dem Paar die Hände reicht, »wenn zwei glücklich +werden können auf dieser wandelbaren Erde -- so seid ihr es, ihr heißen +Herzen von unwandelbarer Treue.« -- + +Auch St. Peter hat keinen bösen Tag. + +Die Richter wissen, daß es jetzt nicht gilt, das arme, verirrte, von +einem Wahnsinnigen verführte Dorf, für das der alte ehrwürdige Garde mit +Thränen in den Augen bittet, noch tiefer in Unglück und Schande zu +drücken, sondern zu beruhigen und zu versöhnen, sie legen leichte +Strafen auf die Grabschänder, und willig tragen die Dörfler das +verhängte Maß. -- -- + +Wie ein reinigendes Gewitter haben der »böse Tag« und seine Folgen auf +die von St. Peter gewirkt. Ein Jahrhundert ruhiger Entwickelung hätte +die Sinnesart des Völkleins nicht so geändert und geweckt wie der Sturm. + +Und sonderbar, wie sich das Urteil über den toten Presi gewendet hat. +Seinen einst so verhaßten Namen nennt man in St. Peter in glühender +Ehrfurcht. Vor dem frommen Glauben der Bergleute hat nicht Peter Thugi, +der jüngere, im letzten Augenblick den Schlag des Kaplans vom Haupt +Binias gewandt. Nein, aus dem alten Fluch, daß eine Jungfrau über der +Befreiung St. Peters von der Wasserfron an den Weißen Brettern sterben +müsse, hat sie die Aufopferung des Presi gerettet; indem er selber in +den Tod ging, schützte er das Leben seines Kindes und bewahrte das Dorf +vor noch entsetzlicherem Unglück. + +Als ein Held erlösender Vatertreue steht er im Gedächtnis des +Berglandes. + +Sogar sein Werk, die Einführung des Fremdenverkehrs in das Thal, ist +nicht untergegangen. Ein Jahr stand der Bären als eine Ruine da. Dann +kam denen von St. Peter die Ruine und die Ruhe der Sommer, die man so +geliebt hatte, wie eine Anklage vor. Die Gemeinde wünschte, daß das Haus +von einem tüchtigen Wirt wieder aufgebaut würde. Die Fremden falterten +darauf wie einst durch das Glotterthal und die Bevölkerung hat nichts +wider sie einzuwenden. + +Von den alten Sagen spricht niemand mehr gern, wie man die schönen einst +geliebt hat, verabscheut man sie. + +In einem Thal des Oberlandes aber lebt ein junges Ehepaar in halber +Verborgenheit und tiefem Frieden. + +Nach einigen Jahren indes findet doch ein kleiner Zug von Männern, an +ihrer Spitze Hans Zuensteinen, der alte Garde, und der jüngere Thugi, +der neue Garde, den Weg in den Winkel des Glücks. + +Die Männer drehen vor Josi Blatter und seiner schönen jungen Frau +verlegen die Hüte und der alte Garde spricht: »Josi Blatter, es ist +vieles anders geworden in unserem Dorf, aber den rechten Frieden und die +rechte Freudigkeit haben wir noch nicht. Es ist uns, St. Peter sei noch +nicht ganz aufgerichtet, so lange du und Binia uns fehlen. Wir wissen, +daß dein Werk gut ist, die Gemeinde will dich in Ehren halten und zum +Zeichen haben dich gestern die hundertzwanzig Bürger von St. Peter +einstimmig zu ihrem Presi gewählt. Denn ich bin alt und den Aemtern +nicht mehr gewachsen. Wir brauchen einen starken, aufrechten Mann. Josi, +versage uns die Freude und Ehre nicht!« + +Die anderen bestätigen die warme Rede: »So ist es, wir bitten dich.« + +Josi will antworten, aber er kann nicht -- er geht zur Thüre hinaus -- +in einer stillen Ecke schluchzt er: »Hört ihr es, Vater -- Mutter -- +ich, euer verachteter Bub, Presi von St. Peter.« -- Wie er sich aber +gefaßt hat und den Männern sein »Nein« entgegenbringen will, da fällt +ihm Binia um den Hals: »Josi, ja, wir wollen nach St. Peter +zurückkehren, dessen Kinder wir sind und wo die Gräber der Eltern +liegen. Ich stelle mich zu den Männern.« + +Mit einem Jawort ziehen sie. + +In St. Peter waltet Josi Blatter seit vielen Jahren als Presi in Stärke +und Weisheit. Das Dorf hat sich vollends aus seiner Schande erhoben, es +blüht unter seiner Führung und unter dem Segen des guten Beispiels, das +die feine Binia den Frauen von St. Peter giebt. + +Die Blutfron an den Weißen Brettern, der Lostag, die Schreckensarbeit +des Kännellegens tönt einem jungen Geschlecht wie eine Sage ins Ohr und +langsam verrosten in der Kapelle zur Lieben Frau die Unglückstafeln. Das +Werk Josis hat sich bewährt. Die Wildleutlaue mag donnernd gehen, die +heligen Wasser fließen, sie rauschen und spenden Segen. + + + +Druck der +Union Deutsche Verlagsgesellschaft +in Stuttgart + + + +Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger +Stuttgart und Berlin + + +Geh. = Geheftet, Lnbd. = Leinenband, Ledbd. = Lederband, Hlbfrzbd. = +Halbfranzband + +_Althof, Paul_ (Alice Gurschner), Die wunderbare Brücke und andere + Geschichten Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Das verlorene Wort. Roman Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Andreas-Salomé, Lou_, Fenitschka -- Eine Ausschweifung. + Zwei Erzählungen Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Ma. Ein Porträt. 4. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Menschenkinder. Novellensammlung. + 2. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Ruth. Erzählung. 5. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Aus fremder Seele. 2. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +--"-- Im Zwischenland. Fünf Geschichten. + 2. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +_Anzengruber, Ludwig_, Letzte Dorfgänge. + 2. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Wolken und Sunn'schein. 5. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +_Arminius, W._, Der Weg zur Erkenntnis. Roman + Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Yorcks Offiziere. Roman von 1812/13. + 2. u. 3. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +_Auerbach, Berthold_, Sämtliche Schwarzwälder Dorfgeschichten. + Volks-Ausg. in 10 Bdn. Geh. M. 10.--, in 5 Lnbdn. M. 13.-- +--"-- Barfüßele. Erzählung. + 40. u. 41. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Auf der Höhe. Roman. Volks-Ausg. in 4 Bdn. + Geh. M. 4.--, in 2 Lnbdn. M. 6.-- +--"-- Das Landhaus am Rhein. Roman. Volks-Ausgabe in 4 Bänden + Geh. M. 4.--, in 2 Lnbdn. M. 6.-- +--"-- Drei einzige Töchter. Novellen. Min.-Ausg. + 4. Aufl. In Leinenband M. 3.-- +--"-- Waldfried. Vaterl. Familiengeschichte. + 2. Aufl. Geh. M. 6.--, Lnbd. M. 7.50 +_Baumbach, Rudolf_, Erzählungen und Märchen. + 15. u. 16. Tsd. Lnbd. M. 3.--, Ledbd. M. 5.-- +--"-- Es war einmal. Märchen. + 15. u. 16. Tsd. Lnbd. M. 3.80, Ledbd. M. 5.80 +--"-- Aus der Jugendzeit. 9. Tsd. Lnbd. M. 6.20, Ledbd. M. 8.-- +--"-- Neue Märchen. 8. Tsd. Lnbd. M. 4.--, Ledbd. M. 6.-- +--"-- Sommermärchen. 38. u. 39. Tsd. Lnbd. M. 4.20, Ledbd. M. 6.-- +_Bertsch, Hugo_, Bilderbogen aus meinem Leben. + 2. u. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Bob, der Sonderling. 4. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Die Geschwister. Mit Vorwort von Adolf Milbrandt. + 10. u. 11. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +_Böhlau, Helene_, Salin Kaliske. Novellen. + 2. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Boy-Ed, Ida_, Die säende Hand. Roman. + 4. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Um Helena. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Ein königlicher Kaufmann. Hanseatischer Roman. + 8.-10. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Die Lampe der Psyche. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Die große Stimme. Novellen. 3. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +_Bülow, Frieda v._, Kara. Roman Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +_Burckhard, Max_, Simon Thums. Roman. + 2. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Busse Carl_, Die Schüler von Polajewo. Novellen + Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Träume. Mit Illustrationen von Kunz Meyer + Geh. M. 2.60, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Im polnischen Wind. Ostmärkische Geschichten + Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +_Dove, A._, Caracosa. Roman. 2 Bände. + 2. Aufl. Geh. M. 7.--, in 2 Lnbdn. M. 9.-- +_Ebner-Eschenbach, Marie v._, Bo[vz]ena. Erzähl. + 8. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Erzählungen. 5. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Margarete. 6. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +_Ebner-Eschenbach, Moriz v._, %Hypnosis perennis% -- Ein Wunder + des h. Sebastian. Zwei Wien. Gesch. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +_Eckstein, Ernst_, Nero. Roman. 8. Aufl. Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.-- +_El-Correi_, Das Tal des Traumes (%Val di sogno%). Roman. + 2. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Am stillen Ufer. Roman vom Gardasee Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +_Engel, Eduard_, Paraskewúla u. a. Novellen Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +_Fontane, Theodor_, Ellernklipp. 4. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Grete Minde. 7. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Quitt. Roman. 5. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Vor dem Sturm. Roman. 11. u. 12. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Unwiederbringlich. Roman. + 5. u. 6. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Franzos, K. E._, Der Gott des alten Doktors. + 2. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +--"-- Die Juden von Barnow. Geschichten. + 8. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Ein Kampf ums Recht. Roman. 2 Bde. + 6. Aufl. Geh. M. 6.--, in 1 Lnbd. M. 7.50 +--"-- Ungeschickte Leute. Geschichten. + 3. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Junge Liebe. Novellen. + 4. Aufl. Min.-Ausg. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +--"-- Mann und Weib. Novellen. 2. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Der kleine Martin. Erzählung. 3. Aufl. Geh. M. 1.--, Lnbd. M. 2.-- +--"-- Moschko von Parma. Erzählung. 4. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +--"-- Neue Novellen. 2. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +--"-- Tragische Novellen. 2. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Der Pojaz. Eine Gesch. a. d. Osten. + 6.-8. Aufl. Geh. M. 4.50, Lnbd. M. 5.50 +--"-- Der Präsident. Erzählung. 4. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +--"-- Die Reise nach dem Schicksal. Erzählg. + 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Die Schatten. Erzählung. 2. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Judith Trachtenberg. Erzählung. + 5. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Der Wahrheitsucher. Roman. 2 Bde. + 3. Aufl. Geh. M. 6.--, in 2 Lnbdn. M. 8.-- +--"-- Leib Weihnachtskuchen und sein Kind. + 3. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +_Fulda, L._, Lebensfragmente. Novellen. + 3. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +_Gleichen-Rußwurm, A. v._, Vergeltung. Roman + Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +_Grasberger, H._, Aus der ewigen Stadt. Novellen + Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.20 +_Grimm, Herman_, Unüberwindliche Mächte. Roman. 2 Bände. + 3. Aufl. Geh. M. 8.--, in 2 Lnbdn. M. 10.-- +--"-- Novellen. 3. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +_Grisebach, Ed._, Kin-ku-ki-kuan. Chines. Novellenbuch + Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Haushofer, Max_, Geschichten zwischen Diesseits und Jenseits. + Ein moderner Totentanz. 2. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Planetenfeuer. Ein Zukunftsroman Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +_Heer, J. C._, Joggeli. Geschichte e. Jugend. + 16. u. 17. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Der König der Bernina. Roman. + 51.-55. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Der König der Bernina. Roman. + 50. (Jubil.-) Aufl. Mit Porträt Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Laubgewind. Roman. 33.-36. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Felix Notvest. Roman. 17.-20. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- An heiligen Wassern. Roman. + 51.-54. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Der Wetterwart. Roman. 45.-50. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +_Heilborn, Ernst_, Kleefeld. Roman Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +_Herzog, Rudolf_, Der Abenteurer. Roman. Mit Porträt. + 26.-30. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Der Adjutant. Roman. 5. u. 6. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Der Graf von Gleichen. Ein Gegenwartsroman. + 14.-18. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Es gibt ein Glück ... Novellen. + 6.-10. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Hanseaten. Roman. 41.-45. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Das Lebenslied. Roman. 32.-36. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Die vom Niederrhein. Roman. + 26.-30. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Der alten Sehnsucht Lied. Erzählungen. + 8. u. 9. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Die Wiskottens. Roman. 66.-70. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Die Wiskottens. Roman. + 50. (Jubiläums-) Aufl. Mit Porträt Geh. M. 6.--, Lnbd. M. 7.-- +--"-- Das goldene Zeitalter. Roman. + 5. u. 6. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +_Heyse, Paul_, L'Arrabbiata. Novelle. + 12. Aufl. Geh. M. 1.20, Lnbd. M. 2.40 +--"-- L'Arrabbiata und andere Novellen. + 9. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Buch der Freundschaft. Novellen. + 7. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Die Geburt der Venus. 5. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- In der Geisterstunde. 4. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Über allen Gipfeln. Roman. 10. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Das Haus »Zum unglaubigen Thomas« und andere Novellen + Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Kinder der Welt. Roman. 2 Bde. + 23.-25. Aufl. Geh. M. 4.80, Lnbd. M. 6.80 +--"-- Helldunkles Leben. Novellen. + 2.-4. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Himmlische u. irdische Liebe u. a. Novellen. + 2. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Neue Märchen. 4. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Marthas Briefe an Maria. 2. Aufl. Geh. M. 1.--, Lnbd. M. 2.-- +--"-- Melusine und andere Novellen. 5. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Menschen und Schicksale. Charakterbilder. + 2.-4. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Merlin. Roman. 6. u. 7. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Ninon und andere Novellen. 4. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Novellen. Auswahl fürs Haus. 3 Bände. + 12. u. 13. Aufl. Geh. M. 7.50, in 3 Lnbdn. M. 10.-- +--"-- Novellen vom Gardasee. 6. u. 7. Aufl. Geh. M. 2.40, Lnbd. M. 3.40 +--"-- Meraner Novellen. 11. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Neue Novellen. Min.-Ausgabe. 6. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Im Paradiese. Roman. 2 Bde. + 13. Aufl. Geh. M. 4.80, in 2. Lnbdn. M. 6.80 +--"-- Das Rätsel des Lebens. 4. Aufl. Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.-- +--"-- Der Roman der Stiftsdame. + 13. u. 14. Aufl. Geh. M. 2.40, Lnbd. M. 3.40 +--"-- Der Sohn seines Vaters u. a. Novellen. + 3. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Crone Stäudlin. Roman. 4. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Gegen den Strom. Eine weltliche Klostergeschichte. + 5. u. 6. Aufl. Geh. M. 2.40, Lnbd. M. 3.40 +--"-- Moralische Unmöglichkeiten u. a. Nov. + 3. Aufl. Geh. M. 4.50, Lnbd. M. 5.50 +--"-- Victoria regia und andere Novellen. + 2.-4. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Villa Falconieri und andere Novellen. + 2. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Aus den Vorbergen. Vier Novellen. + 3. Aufl. Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.-- +--"-- Vroni und andere Novellen Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Weihnachtsgeschichten. 4. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Unvergeßbare Worte u. a. Novellen. + 5. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Xaverl und andere Novellen Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +_Hillern, Wilhelmine v._, Der Gewaltigste. + 4. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- 's Reis am Weg. 3. Aufl. Geh. M. 1.50, Lnbd. M. 2.50 +--"-- Ein Sklave der Freiheit. Roman. + 3. Aufl. Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.-- +--"-- Ein alter Streit. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Hobrecht, Max_, Von der Ostgrenze. Drei Nov. + Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.20 +_Höcker, Paul Oskar_, Väterchen. Roman Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Hofe, Ernst v._, Sehnsucht. Roman Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Hoffmann, Hans_, Bozener Märchen. 2. Aufl. Lnbd. M. 3.50 +--"-- Ostseemärchen. 2. Aufl. Lnbd. M. 4.-- +_Holm, Adolf_, Holsteinische Gewächse Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +--"-- Köst und Kinnerbeer. Und sowat mehr. Zwei Erzählungen + Lnbd. M. 2.40 +_Hopfen, Hans_, Der letzte Hieb. 5. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +_Huch, Ricarda_, Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren. Roman. + 9. u. 10. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +Jugenderinnerungen eines alten Mannes, s. _Kügelgen_ +_Junghans, Sophie_, Schwertlilie. Roman. + 2. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +_Kaiser, Isabelle_, Seine Majestät! Novellen Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Wenn die Sonne untergeht. Novellen. + 3. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +_Keller, Gottfried_, Der grüne Heinrich. Roman. 3 Bände. + 56.-60. Aufl. Geh. M. 9.--, Lnbd. M. 11.40, Hlbfrzbd. M. 15.-- +--"-- Martin Salander. Roman. + 39-43. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 3.80, Hlbfrzbd. M. 5.-- +--"-- Die Leute von Seldwyla. 2 Bände. + 64.-68. Aufl. Geh. M. 6.--, Lnbd. M. 7.60, Hlbfrzbd. M. 10.-- +--"-- Züricher Novellen. + 58.-62. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 3.80, Hlbfrzbd. M. 5.-- +--"-- Das Sinngedicht. Novellen. Sieben Legenden. + 50.-54. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 3.80, Hlbfrzbd. M. 5.-- +--"-- Sieben Legenden. Miniatur-Ausg. + 7. Aufl. Geh. M. 2.30, Lnbd. M. 3.-- +--"-- Romeo und Julia auf dem Dorfe. Erzählung. Miniatur-Ausg. + 7. Aufl. Geh. M. 2.30, Lnbd. M. 3.-- +_Kossak, Marg._, Krone des Lebens. Nord. Novellen + Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Kügelgen, Wilhelm v._, Jugenderinnerungen eines alten Mannes. + Original-Ausg. 25. Aufl. Geh. M. 1.80, Lnbd. M. 2.40 +_Kurz, Isolde_, Unsere Carlotta. Erzählung Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +--"-- Italienische Erzählungen Lnbd. M. 5.50 +--"-- Frutti di Mare. Zwei Erzählungen Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +--"-- Genesung. Sein Todfeind. Gedankenschuld. Drei Erzählungen + Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Lebensfluten. Novellen. 2. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Florentiner Novellen. 4. u. 5. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Phantasieen und Märchen Lnbd. M. 3.-- +--"-- Die Stadt des Lebens. Schilderungen aus der florentinischen + Renaissance. 5. u. 6. Aufl. + Mit 16 Abbildungen Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.50 +_Laistner, Ludwig_, Novellen aus alter Zeit Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +_Langmann, Philipp_, Realistische Erzählungen + Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +--"-- Leben und Musik. Roman Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Ein junger Mann von 1895 u. and. Novellen + Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +--"-- Verflogene Rufe. Novellen Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +_Lilienfein, Heinrich_, Ideale des Teufels. Eine boshafte Kulturfahrt + Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Lindau, Paul_, Die blaue Laterne. Berliner Roman. 2 Bände. + 5. u. 6. Aufl. Geh. M. 6.--, in 1 Lnbd. M. 7.50 +--"-- Arme Mädchen. Roman. 10. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Spitzen. Roman. 9. u. 10. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Der Zug nach dem Westen. Roman. + 11. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +_Mauthner, Fritz_, Hypatia. Roman. 2. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Aus dem Märchenbuch der Wahrheit. Fabeln und Gedichte in Prosa. + 2. Aufl. von »_Lügenohr_« Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Meyer-Förster, Wilh._, Eldena. Roman. + 2. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Meyerhof-Hildeck, Leonie_, Das Ewig-Lebendige. Roman. + 2. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Töchter der Zeit. Münchner Roman Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Muellenbach, E._ (Lenbach), Abseits. Erzählungen + Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Aphrodite und andere Novellen Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Vom heißen Stein. Roman Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Niessen-Deiters, Leonore_, Leute mit und ohne Frack. Erzählungen und + Skizzen. + Buchschmuck von _Hans Deiters_ Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Im Liebesfalle. Buchschmuck von _Hans Deiters_ + Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Mitmenschen. Buchschmuck von _Hans Deiters_ + Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Olfers, Marie v._, Neue Novellen Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Die Vernunftheirat und andere Novellen Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Pantenius, Th. H._, Kurländische Geschichten. + 2. Tsd. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Petri, Julius_, Pater peccavi! Roman Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_du Prel, Karl_, Das Kreuz am Ferner. + 3. Aufl. Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.-- +_Proelß, Joh._, Bilderstürmer! Roman. + 2. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +_Raberti, Rubert_, Immaculata. Roman. 2 Bde. + Geh. M. 8.--, in 2 Lnbdn. M. 10.-- +_Redwitz, O. v._, Haus Wartenberg. Roman. + 7. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Hymen. Ein Roman. 5. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +_Riehl, W. H._, Aus der Ecke. Novellen. + 5. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Am Feierabend. Sechs Novellen. + 4. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Geschichten aus alter Zeit. 1. Reihe. + 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Geschichten aus alter Zeit. 2. Reihe. + 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Lebensrätsel. Fünf Novellen. 4. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Ein ganzer Mann. Roman. 4. Aufl. Geh. M. 6.--, Lnbd. M. 7.-- +--"-- Kulturgeschichtliche Novellen. + 6. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Neues Novellenbuch. + 3. Aufl. (6. Abdruck) Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +_Roquette, Otto_, Das Buchstabierbuch der Leidenschaft. Roman. 2 Bände + Geh. M. 4.--, in 1 Lnbd. M. 5.-- +_Saitschick, R._, Aus der Tiefe. Ein Lebensbuch + Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +_Seidel, Heinrich_, Leberecht Hühnchen. Gesamtausgabe. + 7. Aufl. (36.-40. Tsd.) Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Vorstadtgeschichten. Gesamtausgabe. 1. Reihe. + 2. Aufl. (4. u. 5. Tsd.) Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Vorstadtgeschichten. Gesamtausgabe. 2. Reihe + Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Heimatgeschichten. Gesamtausgabe. 1. Reihe. + 2. Aufl. (3. Tsd.) Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Heimatgeschichten. Gesamtausgabe. 2. Reihe + Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Phantasiestücke. Gesamtausgabe Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Von Perlin nach Berlin. Aus meinem Leben. Gesamtausgabe + Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Reinhard Flemmings Abenteuer zu Wasser und zu Lande. 3 Bände. + 9. Tsd. Geh. je M. 3.--, Lnbd. je M. 4.-- +--"-- Wintermärchen. 2 Bände. 4. Tsd. Geh. je M. 3.--, Lnbd. je M. 4.-- +--"-- Ludolf Marcipanis und anderes. Aus dem Nachlasse herausg. + von _H. W. Seidel_. 2. Tsd. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Skowronnek, R._, Der Bruchhof. Roman. + 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Stegemann, Hermann_, Der Gebieter. Roman Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Stille Wasser. Roman Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Stratz, Rudolph_, Alt-Heidelberg, du Feine ... Roman einer Studentin. + 9. u. 10. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Buch der Liebe. Sechs Novellen. + 3. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Die ewige Burg. Roman. 5. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Für Dich. Roman. 16.-20. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Ich harr' des Glücks. Novellen. + 4. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Gib mir die Hand. Roman. 6.-9. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Herzblut. Roman. 13.-15. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Der du von dem Himmel bist. Roman. + 6. u. 7. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Die törichte Jungfrau. Roman. 5. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Der arme Konrad. Roman. 4. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Montblanc. Roman. 6. u. 7. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Du bist die Ruh'. Roman. 6.-8. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Der weiße Tod. Roman aus der Gletscherwelt. + 16.-18. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Es war ein Traum. Berl. Novellen. + 5. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Die letzte Wahl. Roman. 4. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +_Sudermann, Hermann_, Es war. Roman. + 47.-49. Aufl. Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.--, Hlbfrzbd. M. 6.50 +--"-- Geschwister. Zwei Novellen. + 30.-34. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50, Hlbfrzbd. M. 5.-- +--"-- Jolanthes Hochzeit. Erzählung. + 28.-30. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--, Hlbfrzbd. M. 3.50 +--"-- Der Katzensteg. Rom. + 76.-80. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50, Hlbfrzbd. M. 5.-- +--"-- Das Hohe Lied. Rom. + 51.-55. Aufl. Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.--, Hlbfrzbd. M. 7.-- +--"-- Frau Sorge. Roman. 116.-125. Aufl. Mit Jugendbildnis + Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50, Hlbfrzbd. M. 5.-- +--"-- Frau Sorge. Roman. 100. (Jubil.-) Aufl. Mit Porträt. + Buchschmuck von _J. B. Eissarz_ Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.-- +--"-- Im Zwielicht. Zwanglose Geschichten. + 33. u. 34. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--, Hlbfrzbd. M. 3.50 +_Telmann, Konrad_, Trinacria Geb. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +_Trojan, Johannes_, Das Wustrower Königsschießen u. a. Humoresken. + 2. u. 3. verm. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.-- +_Voß, Richard_, Alpentragödie. Roman aus dem Engadin. + 5. u. 6. Aufl. Geh. M. 4.50, Lnbd. M. 5.50 +--"-- Römische Dorfgeschichten. 4. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Du mein Italien! Aus meinem römischen Leben. + 2. u. 3. Aufl. Geh. M. 4.50, Lnbd. M. 5.50 +--"-- Richards Junge (Der Schönheitssucher). Roman. + 3. Aufl. Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.-- +_Widmann, J. V._, Touristennovellen Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +_Wilbrandt, Adolf_, Adams Söhne. Roman. + 3. Aufl. Geh. M. 4.50, Lnbd. M. 5.50 +--"-- Das lebende Bild u. a. Geschichten. + 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Dämonen u. andere Geschichten. + 3. u. 4. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Der Dornenweg. Roman. 4. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Erika. Das Kind. Erzählungen. 3. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Fesseln. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Feuerblumen. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Franz. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Die glückliche Frau. Roman. 4. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Fridolins heimliche Ehe. 4. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Schleichendes Gift. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Hermann Ifinger. Roman. 6. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Irma. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Hildegard Mahlmann. Roman. 4. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Ein Mecklenburger. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Meister Amor. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Novellen Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- %Opus 23% u. andere Geschichten. + 1. u. 2. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Die Osterinsel. Roman. 5. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Vater Robinson. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Familie Roland. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Die Rothenburger. Roman. 8. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Der Sänger. Roman. 4. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Die Schwestern. Roman. 2. u. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Sommerfäden. Roman. 2. u. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Am Strom der Zeit. Roman. + 2. u. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Vater und Sohn u. andere Geschichten. + 2. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Villa Maria. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Große Zeiten u. andere Geschichten. + 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +_Wildenbruch, E. v._, Schwester-Seele. Roman. + 18. u. 19. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +_Worms, C._, Aus roter Dämmerung. 2. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +--"-- Du bist mein. Zeitroman. 2. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Erdkinder. Roman. 4. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50 +--"-- Die Stillen im Lande. Drei Erzähl. + 2. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- +--"-- Thoms friert. Roman. 2. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.-- +--"-- Überschwemmung. Eine balt. Gesch. + 2. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50 +_Zimmermann, M. G._, Tante Eulalia's Romfahrt + Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.-- + + + * * * * * + + + +Korrekturen und Anmerkungen zur Transkription: + + 1. Fehlender Punkt im Original. + + 2. Im Original wird an dieser Stelle Euesbis Stottern durch + Trennstriche angezeigt; hier und im Weiteren in doppelte + Bindestriche umgeändert. + + 3. Fehlendes Anführungszeichen im Originaltext. + + 4. Im Originaltext "umheimlicher", korrigiert zu "unheimlicher". + + 5. Im Originaltext "kein", korrigiert zu "Kein". + + 6. Überflüssiges Komma im Originaltext; gelöscht. + + 7. Nach "schwerer" scheint "zu schaffen" zu fehlen. + + 8. Im Originaltext "Georg", korrigiert zu "George". + + 9. Im Originaltext "Pfarerr", korrigiert zu "Pfarrer". + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AN HEILIGEN WASSERN*** + + +******* This file should be named 20786-8.txt or 20786-8.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +http://www.gutenberg.org/dirs/2/0/7/8/20786 + + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://www.gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://www.gutenberg.org/about/contact + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: +http://www.gutenberg.org/fundraising/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + |
