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+The Project Gutenberg eBook, An heiligen Wassern, by Jakob Christoph Heer
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: An heiligen Wassern
+ Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge
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+Author: Jakob Christoph Heer
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+Release Date: March 8, 2007 [eBook #20786]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AN HEILIGEN WASSERN***
+
+
+E-text prepared by Markus Brenner, gvb, and the Project Gutenberg Online
+Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net)
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+Anmerkungen zur Transkription:
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+ Die Originalausgabe enthält einige Druckfehler und
+ Unregelmäßigkeiten in der Zeichensetzung. Korrekturen
+ sind im Text durch geschweifte Klammern gekennzeichnet,
+ wie zum Beispiel {1}. Einzelheiten zu den Korrekturen
+ sowie weitere Anmerkungen befinden sich am Ende des
+ Textes.
+
+ _ umschließt im Original gesperrt gesetzten Text.
+ % umschließt im Original in Antiquaschrift gesetzten Text.
+ [vz] steht für den Buchstaben "kleines z mit Hatschek".
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+AN HEILIGEN WASSERN
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+Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge
+
+von
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+J. C. Heer
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+[Illustration: An heiligen Wassern]
+
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+51.-54. Auflage
+
+
+[Illustration]
+
+
+Stuttgart und Berlin 1910
+J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
+
+Alle Rechte vorbehalten
+
+
+
+
+I.
+
+
+Dörfer und Flecken, selbst eine kleine Stadt, deren Wahrzeichen zwei
+altersgraue Ruinen auf kahlem Felsen sind, erheben sich mit südlichen
+Silhouetten am Strom, der seine grauen Wellen aus dem Hochgebirge wälzt.
+
+Im Thalwind erzittern die schlanken Ruten der Silberweiden und die
+Blätter der Pappeln, welche die Wasser säumen, über die Hütten neigen
+sich der Kastanien- und der Feigenbaum, die Rebe klettert über das
+Gestein, das Land ist licht und üppig, als wär's der Traum eines
+italienischen Malers.
+
+Von Stelle zu Stelle aber schaut durch grüne Waldeinschnitte ein fernes,
+in sonniger Schönheit aufleuchtendes Schneehaupt in die Stromlandschaft
+und erinnert den Wanderer, daß er just da im Hochgebirge geht, wo es
+seine Zinken und Zacken am höchsten erhebt.
+
+Emsige Wildwasser, die aus dunklen Schluchten hervorbrechen, reden von
+stillen Seitenthälern, die hinter träumenden Lärchenwäldern versteckt
+bis an die ewigen Gletscher reichen.
+
+Fast unvermittelt berühren sich in dieser Gegend Nord und Süd.
+
+Vom alten Flecken Hospel, auf den ein graues Schloß niederschaut, führt
+eine schmale, doch fahrbare Straße in eines dieser Seitenthäler, in das
+vier Stunden lange Glotterthal, aus dessen Hintergrund die Krone, eines
+der erhabensten Bergbilder des Landes, mit dem Licht ihrer Firnen bis
+zum Strome herniedergrüßt.
+
+Ein heißer, brümelnder Junimittag. Auf dem Glotterweg, der sich zuerst
+in manchen Kehren durch die Weinbergterrassen von Hospel windet, fährt
+ein leichter Leiterwagen langsam bergan. Der Mann, der neben ihm geht,
+ein halb sonntäglich gekleideter Vierziger, der für einen Gebirgsbauern
+zu vornehm aussieht, trägt im glattrasierten Gesicht, das ein dunkler
+Filz überschattet, und in der ganzen Erscheinung doch das Wesen der
+Gebirgsbewohner dieser Gegend: hünenhafte Kraft, Ruhe und eine gewisse
+Verschlagenheit.
+
+»Guten Tag, Presi,« rufen die Frauen, die mit umgeschlagenen roten
+Tüchern im Sonnenbrand der Reben stehen. »Wohl, wohl, das langt wieder
+eine Weile!« Und sie deuten lachend auf das Fäßchen, das auf einer
+Strohunterlage im Wägelchen liegt.
+
+»Ja, es thut's!« erwiderte er den Gruß kurz, doch mit freundlichem Wort.
+Er bläst die Rauchwolken einer Zigarre in die Luft und tätschelt den
+Hals des Tieres: »Kleiner, es geht bergan, wehre dich, am Schmelzwerk
+wartet die Galta auf dich, wehre dich.«
+
+Als habe das struppige zähe Pferd Verständnis für seine Zurede, reißt es
+mit jeder Liebkosung stärker an den Strängen, aber von Zeit zu Zeit
+nötigt es der steile ausgewaschene Weg, mit dem Wägelchen stille zu
+stehen und Atem zu schöpfen. Dann fliegt ein Zug der Ungeduld über das
+Gesicht des Mannes, doch er faßt sich, legt einen Stein unter das Rad
+und wartet ruhig, bis das Tier von selber den mühsamen Zug wieder
+aufnimmt.
+
+Langsam geht die Fahrt, doch wer ins Glotterthal fuhrwerkt, ist sich
+dessen gewöhnt.
+
+»Am Schmelzwerk wartet die Galta auf dich,« wiederholt der Führer. Aber
+von Hospel bis zum Schmelzwerk sind es drei Stunden zu Fuß, mit dem
+Fuhrwerk noch mehr, und dann ist es noch eine Stunde nach dem Dorfe St.
+Peter, das weltverloren unter den Firnfeldern der Krone liegt.
+
+Der Weg windet sich, wenn er die Rebberge von Hospel verlassen hat, in
+eine Felsenschlucht, über der alte Föhren ihre blaugrünen Schirme
+halten, dann berührt er in dem sich weitenden Thal die Dörfer Fegunden
+und Tremis, die mit sonngedunkelten Holzhäusern auf grüner Wiesenhalde
+liegen, und wird eben.
+
+Tief unter ihm gischtet der Fluß in der Felsenschlucht, die altersgrauen
+Lärchen neigen sich darüber und schwanken im Luftzug, Bergnelken hangen
+über die Ränder und verzieren den Abgrund mit blühendem Rot.
+
+Nur das Rauschen der Glotter und das gleichförmige Ticktack der
+Merkhämmer einer großen Wasserleitung, die in entlegener Höhe
+dahinführt, unterbrechen die Stille des Thales.
+
+Die Leitung heißt das »helige Wasser«[1] und befruchtet die
+sonnenglühenden Weingärten, die Aecker und Wiesen Hospels und der fünf
+Dörfer, die um den Flecken liegen.
+
+ [1] _helig_ ist die ältere Sprachform für »heilig«.
+
+Wenn man drei Stunden bergauf und ebenhin über schmale Mattenstreifen
+gegangen ist, kommt man zu der alten verwitterten Kapelle der Lieben
+Frau, wo der Weg auf einem vielhundertjährigen vermoosten Brückenbogen
+über die Schlucht nach dem Schmelzwerk St. Peter hinüberspringt.
+
+Um die halb zerfallenen Gebäude des ehemaligen Bergwerkes dehnt sich des
+Teufels Garten.
+
+Auf Hügeln alter verglaster Schlacken blüht der rote Mohn, die
+Königskerze reckt ihre goldigen Blütenschäfte, das Singrün spinnt seine
+blauen Blumenketten um die Scherben, allerlei blühender Wust und viele
+Brennesseln wuchern zwischen ihnen empor, stahlblaue Fliegen und
+Schmetterlinge gaukeln über die wilde Pracht.
+
+An einem verkrüppelten Ahorn stand an jenem Nachmittage, wo Peter
+Waldisch, der Präsident von St. Peter, durchs Thal fuhr, eine Mauleselin
+angebunden. Sie schüttelte den Kopf, scharrte mit dem linken Vorderfuß
+und erhob trotz dem Schatten, den ihr die Ruine spendete, von Zeit zu
+Zeit ein klägliches Geschrei. Dann tauchte aus der wilden Ueppigkeit der
+bunt bekränzte Schwarzkopf eines Mädchens auf, das auf den bloßen
+braunen Armen ein übermächtiges Bündel von Blumen trug. »Ich komme,
+Galta, ich komme,« rief sie dem Tier begütigend zu, dann verschwand die
+ganze Gestalt wieder in den Wogen des Sommerwustes, bis sie so viel
+Blumen an die Brust drückte, als ihr Arm fassen konnte. Da watete sie
+endlich aus der Wirrnis. Ihr kurzes Röckchen schützte sie nur bis wenig
+unter die Kniee, aber gewandt wie ein Wiesel wich sie den vielen
+Brennesselbüschen aus, die ihre nackten Füße und Waden bedrohten. Eine
+lebendig gewordene Bronzefigur, Gesicht, Arme, Füße sonnengebräunt, war
+sie fast so wild wie die Wildnis, die sie durchschritt, im Kopf standen
+ein paar feurige Augen, wie die einer Zigeunerin; doch sah man dem
+Mädchen gleich an, daß es kein Bauernkind war, dafür war alles an ihr zu
+zart und zu fein.
+
+Sie eilte mit leichten Füßen über die Brücke zu der alten Kapelle,
+kniete nieder und steckte ihre Blumen in das hölzerne Vorgitter des
+kleinen Gotteshauses, so daß es bekränzt war wie für ein Fest.
+
+»Das wird die Mutter Gottes freuen!« sagte sie, ihr Werk betrachtend.
+
+Plötzlich horchte sie neugierig und verwundert in die blaue warme Luft.
+Ein Rollen wie von fernem Gewitter ging durch die Stille des
+Nachmittags. Es war Lawinendonner, den die Luft von den Bergen
+herniedertrug. Am schmalen Himmelsband über dem Thal waren weiße
+Föhnstriche hingeweht, die Schläge der Frühsommerlawinen und kleinen
+Gletscherbrüche lebhafter denn sonst.
+
+Jetzt blickte sie von der Kapelle den Weg hinab und legte die Hand zum
+Schutz gegen die brennende Sonne über die dunklen Augen.
+
+Der Vater kam noch nicht, dafür zwei Kinder mit Tragkraxen, beide mit
+Bergstöcken in der Hand.
+
+»Vroni! Josi!« Mit lebhaftem Ausbruch der Freude sprang sie ihnen
+entgegen.
+
+»Hast schwer, Vroni? Hast schwer, Josi? Hättet ihr die Last meinem Vater
+auf das Wägelchen gegeben, er ist heute nach Hospel gefahren, ich
+erwarte ihn hier mit Vorspann.«
+
+Josi schüttelte nur den Kopf. Die beiden Geschwister stellten ihre
+Kraxen auf die hölzerne Bank vor der Kapelle, wischten sich den Schweiß
+aus der Stirn und setzten sich gelassen hin. Binia, die Blumensucherin,
+betrachtete die beiden wohlgefällig. Vroni, unter deren niedrigem altem
+Strohhut das Goldhaar hervorquoll und in glänzenden Fäden um die
+geröteten Wangen flog, war nur ein Jahr, Josi, der kräftige Bursch, der
+einen ähnlichen Hut trug, zwei Jahre älter als sie. Und sie war zwölf.
+
+»Sechzig Pfund hab' ich,« sagte Josi, die Beine schlenkernd, an denen
+die schwergenagelten Holzschuhe klapperten, »die Vroni hat vierzig, ob
+so viel Mehl wohl reicht bis zur Ernte?«
+
+»Es wird schon langen müssen, aber dann wird's gut, das Aeckerchen trägt
+dieses Jahr viel Korn,« erwiderte Vroni hausmütterlich froh.
+
+Da ging wieder ein langhallender Donner durch die Ruhe des Thales. Josi
+sprang auf: »Ja, es ist doch wahr. Die Wildleutlaue geht wieder los!
+Sieben Jahr ist der Gletscher zurückgegangen und sieben Jahr gewachsen,
+das letzte Jahr war ein schlechter Sommer und jetzt ist ein guter -- da
+bricht der Eissturz los!«
+
+Binia ließ die Schwarzaugen funkeln, Vroni mahnte ab: »Sage nichts
+Sündiges, schau' doch in die Kapelle, wie viel Marterkreuze von denen an
+den Wänden stehen, die in die Felsen haben steigen müssen, wenn das
+helige Wasser von der Wildleutlawine zerstört worden ist.«
+
+Die Kinder warfen einen schaudernden Blick in die Dämmerung der Kapelle.
+Ihre Wände waren mit hölzernen und eisernen Täfelchen ganz bedeckt, auf
+denen die Namen von Verunglückten und fromme Sprüche standen.
+
+»O, wie traurig,« sagte Vroni, »da ist es kein Wunder, wenn die Leute
+bei uns nicht so laut singen und lachen mögen, wie draußen im großen
+Thal und alle so still und ernst sind.«
+
+Aber die anderen hatten keine Lust, ihren Betrachtungen zu folgen.
+
+»Du, Vroni, erzähl' uns doch wieder einmal die Geschichte von den
+heligen Wassern, du erzählst sie so schön,« schmeichelte Binia, indem
+sie sich flink zwischen die Geschwister drängte und an die Freundin
+schmiegte.
+
+»Das ist eine lange Geschichte,« warf Vroni ein, es war aber, als gehe
+von den dunklen Augen Binias ein Zwang auf sie, sie lächelte und
+streckte die rote Schürze zurecht: »Ja, nun so, wir kommen schon noch
+heim.«
+
+Von ihrer Mutter hatte Vroni den Ruf einer geschickten Erzählerin
+überkommen. Ihre blauen Augen gingen träumerisch ins Weite, sie
+überlegte, faltete die Hände über dem Knie und begann: »Also, das ist so
+lange her, daß es nirgends in den Büchern aufgeschrieben steht. Da gab
+es neben uns rechten Leuten im Glotterthal noch Wildmännlein und
+Wildweiblein, die in den Wäldern wohnten. Es geschah nun, daß einer von
+den rechten Hirten ein Wildmädchen Namens Gabrisa, das mächtig schön
+war, lieb gewann. Ihr dunkles Haar reichte bis auf den Boden, ihr
+Gesicht war weiß und ihre Stimme tönte wie Glockenspiel. Allein ihrem
+Geliebten mißfiel es, daß sie jedesmal, wenn Vollmond war, zu den
+Ihrigen in den Wald verschwand. Einmal brachte er nun am Tag vor dem
+Vollmond Wein von Hospel herauf. 'Trink, Gabrisa,' sagte er. 'Ist das
+güldenes Wasser?' fragte sie, denn sie kannte den Wein nicht. Und er
+antwortete: 'Ja, das ist güldenes Wasser.' Da trank Gabrisa und der Wein
+schmeckte ihr gut. Als sie in den Wald eilen wollte, trugen sie die Füße
+nicht, sie schwankte, fiel und schlief ein; als sie aber erwachte,
+sprang sie in den Wald, wandte sich noch einmal nach dem Geliebten um
+und sang ihm mit ihrer schönen Stimme zu:
+
+ 'Güldenes Wasser, das macht mir Pyn,
+ Ich darf nit mehr dine Liebste syn!'
+
+Das Mädchen war verschwunden. Aus Zorn über den Schimpf, der Gabrisa und
+damit sie alle getroffen, bannten die Wildleute die Wolken, daß sie ihr
+Naß nicht mehr über Hospel und die fünf Dörfer ausleeren konnten, wo der
+Wein, den sie getrunken hatte, gewachsen war. Die Rebberge verdorrten,
+Aecker und Wiesen standen ab, es trat eine große Hungersnot und ein
+großes Sterben ein, das nicht mehr aufhören wollte.«
+
+Die Erzählerin ruhte einen Augenblick, als ob sie sich sammeln wollte,
+sie war so mit sich selbst beschäftigt, daß sie nicht sah, wie Josi, ihr
+Bruder, die Augen unverwandt auf das blumenbekränzte Haupt Binias
+geheftet hielt, auch diese selbst spürte es nicht, denn sie hatte ihre
+Lebhaftigkeit gebändigt und hing mit ihren Blicken an Vroni.
+
+Ehe diese den Faden ihrer Geschichte wieder aufnehmen konnte, schrie
+Galta, das arme Vieh, das die Kinder ganz vergessen hatten, so stark,
+daß die pflichtvergessene Binia aufsprang und über die Brücke zu ihr
+hinübereilte.
+
+Da sagte Josi unvermittelt, als hätte er von der Geschichte seiner
+Schwester gar nichts gehört: »Bini ist aber ein schönes Mädchen!«
+
+Vroni sah den Bruder erstaunt an, erst nach einer Weile antwortete sie:
+»Siehst du das erst jetzt, das habe ich schon lange gewußt.«
+
+Ihre Gedanken blieben bei der Erzählung haften, die Hände im Schoß,
+spann sie die Geschichte weiter und merkte nicht einmal, wie nun auch
+Josi sich leise von ihr weg über die Brücke zu Binia hinüberschlich.
+
+»Umsonst flehten die Hospeler die Wildleute an, daß sie den Bann lösen.
+Sie antworteten: 'Das können wir nicht mehr, denn was geschehen, ist
+geschehen und der Fluch gilt ewig. Als die 'trockenen Dörfer' sollt ihr
+bekannt sein im Land zu aller Warnung.' Und sie sprangen in den Wald.
+
+Zu jener Zeit nun kamen die Venediger ins Glotterthal, gründeten das
+Schmelzwerk und gruben Blei- und Silbererz, das sie verschmolzen, bis
+das pure Metall in die Kannen rieselte.
+
+Für ihre Feuer, die nie ausgingen, brauchten sie gewaltig viel Holz. Als
+sie aber den Arvenwald zwischen der Brücke und dem Dorf zu schlagen
+anfingen, gerieten die Wildleute in große Angst, es würde die Zeit
+kommen, wo sie nicht mehr genug süße Zirbelnüsse, ihren liebsten
+Leckerbissen, fänden. Sie berieten lange hin und her, wie sie die Leute
+von St. Peter bewegen könnten, ihnen ein großes Stück Wald zu schenken.
+Eines Nachts erschien Gabrisa am Lager ihres ehemaligen Geliebten,
+lächelte und sagte: 'Ich will dich und alle in St. Peter reich machen
+mit güldenem Wasser, das ihr gerne trinket, so ihr uns Wildleuten den
+Wald an der Thalhalde zwischen dem Dorf und der Kapelle schenkt, wo die
+Zirbeln wachsen. Saget denen zu Hospel, daß wir Wasser auf ihre
+verdorrten Reben, Felder und Wiesen führen wollen, wenn sie euch
+gutwillig ein Dritteil ihrer Weinberge geben.
+
+ 'Uns Wilden den Wald, euch Zahmen den Wyn,
+ Das söll treulich und ewig gehalten syn!'
+
+Gabrisa verschwand. Schon lange hätten die von St. Peter gern Weinberge
+gehabt, aber die Reben wachsen nicht, wo die Gletscher sind. Darum ging
+ihnen, was Gabrisa sagte, zu Herzen, sie redeten mit den Hospelern und
+den fünf Dörfern; mürbe von der langen Not, traten diese dem Handel bei,
+denn ihre Reben waren wertlos geworden. Wie Gabrisa gesagt, kam der
+Vertrag zu stande und wurde beim Bildhaus von Tremis von den Abgesandten
+der Wildleute und der Dörfer beschworen.
+
+Nur wunderte man sich, wie die Wildleute das Wasser in die hohen
+Weinberge tragen oder führen werden, doch wußte man, daß sie in vielen
+Künsten erfahren waren.«
+
+Erst jetzt merkte Vroni, daß sie auch vom Bruder im Stiche gelassen
+worden war. Was verschlug's? Er hatte ja die Geschichte schon oft von
+der Mutter gehört, die sie so schön wie niemand anders zu erzählen
+verstand. Als sie nun die treulosen Zuhörer suchen ging, bot sich ihr
+ein überraschender Anblick.
+
+Zur Seite der Ruine, wo die Mauleselin Galta stand, lag Binia auf dem
+Haufen Grünfutter, den sie oder Josi dem Tier vorgeworfen hatte. Das
+wilde Kind lachte mit seinen schwarzen Augen und seinen weißen Zähnen
+den Burschen an und er hielt vor ihr stehend einen Strohhalm voll roter
+glänzender Erdbeeren, die ersten des Jahres.
+
+»Mund auf und Augen zu!« sagte er zu der Daliegenden, die lustig zu ihm
+emporschielte.
+
+»Aber nichts Wüstes hineinthun!« bat sie.
+
+»Was denkst auch, Bineli,« lachte Josi.
+
+Da schloß Binia die Augen zu, öffnete den Mund und Josi zog die roten
+Erdbeeren lächelnd vom Halm und steckte dem Kinde eine um die andere
+zwischen die roten Lippen. Plötzlich aber besann er sich anders, statt
+einer Beere drückte er ihr einen Kuß auf den frischen Mund.
+
+Binia wollte zappeln, Vroni wollte rufen, das sei das Spiel zu weit
+getrieben, aber beide lähmte die Ueberraschung.
+
+%»Deus benedicat vos!«% klang tief und feierlich eine Männerstimme aus
+dem Innern der Ruine, ein schwarzbärtiges hageres Gesicht schaute durch
+ein kleines Gitterfenster der Mauer auf die Kinder.
+
+»Der letzköpfige Pfaff!« schrieen sie wie aus einem Munde, ein großer
+Schrecken war ihnen in die Glieder gefahren. Binia schirrte das Maultier
+los, Josi und Vroni eilten nach der Kapelle zu ihren Kraxen, stülpten
+die an einem Baum hängenden Hüte auf den Kopf und alle drei wollten
+ihrer Wege gehen.
+
+Als sie sich aber auf der Brücke eben wieder begegneten und hastig
+aneinander vorübereilen wollten, trat der Mann von vorhin schlarpend aus
+der Ruine und mitten unter sie. Er war barhaupt, an den Füßen trug er
+Holzsohlen, um die dunkle rauhe Kutte schlang sich ein weißer Strick,
+von dem ein Rosenkranz niederhing. Ganz verwildert sah der bärtige
+Einsiedler aus, in dessen bleichem Gesicht zwei unstete Augen loderten.
+
+%»Pax vobiscum!«% grüßte er sie. »Du bist Binia, die Tochter des Presi!
+Du bist Josua, der Sohn des Wildheuers! Kniet nieder ihr zwei!«
+
+Er machte dazu mit seinen mageren Händen eine so feierliche Bewegung,
+daß die bekränzte Binia unwillkürlich gehorchte und auf die Brücke
+niederkniete.
+
+Verwirrt folgte der Bursche.
+
+Da legte er ihnen die Hände auf die glühenden Häupter und sagte tief und
+getragen: »So wahr ich Kaplan Johannes heiße, liebet euch untereinander,
+Josi und Binia.«
+
+Er murmelte über ihnen einen langen lateinischen Spruch wie ein Gebet.
+
+Vroni, welche die stille Zuschauerin war, kam das, was Kaplan Johannes
+that, unheimlich und schrecklich vor. Ihre Augen irrten hilfesuchend
+thalauf, thalab, doch wagte die Zitternde keinen Einspruch, dafür kam
+ihr das Gewand des Mannes zu heilig vor. Zuletzt sagte sie gepreßt: »Wir
+müssen ja gehen!«
+
+»So geht!« grollte die Baßstimme des Kaplans, er schleuderte Vroni einen
+zornigen Blick zu, machte das Zeichen des Segens über den zweien und
+lief über die Brücke. Bald bimmelte das Glöckchen der Kapelle Vesper
+durchs Thal, aber die Kinder knieten bei den Klängen nicht, wie sie's
+gewohnt waren, nieder. Ohne sich zu grüßen, liefen sie hastig und mit
+roten Köpfen auseinander, Binia mit dem Tier über die Brücke thalaus,
+Josi und Vroni, mit ihren Holzschuhen klappernd, die Kraxe auf dem
+Rücken, den Stutz empor, der mit seinem Zickzack gleich hinter dem
+Schmelzwerk beginnt und nach St. Peter führt.
+
+Da ragen, vom Weg nur durch die schreckliche, trichterartige Schlucht
+der Glotter getrennt, die Weißen Bretter, drei senkrechte und glatte
+Felswände, die aus der Tiefe der Schlucht wie weiße unbeschriebene
+Tafeln bis zum Gletscher und ewigen Schnee des Glottergrates ansteigen.
+Zwischen den drei Wänden ziehen sich zwei tiefe wilde Graben, in denen
+sich ausgewitterte Felsen, Klippen und Türme erheben, ebenfalls bis in
+die Höhe ewigen Winters, sie heißen die Wildleutfurren. In halber Höhe
+aber geht wie eine dunkle Linie die Leitung der heligen Wasser quer über
+die Felsen. Ein Rad, das oben klopft, sagt den Leuten im Thal, daß die
+Wasser ruhig die furchtbare Strecke fließen.
+
+Schweigend waren die Geschwister eine Weile gegangen, da lehnte Josi die
+Kraxe an die Halde, die den Weg säumt, und schaute gespannt zu der
+Leitung empor.
+
+Nein, höher noch hinauf, zu dem blauschillernden Gletscher, der mit
+einer Last reinen weißen Firnenschnees über die Wände hinausragte. An
+seinem Rand stoben immer kleine weiße Rauchwolken auf, ein Rieseln und
+Schäumen, wie das von Wasserfällen ging durch die Wildleutfurren
+abwärts, verlor sich in ihren Klüften und knatternder Widerhall der
+kleinen Lawinen füllte das Thal.
+
+»Hast du das auch schon gesehen?« fragte Josi.
+
+»Nein,« antwortete Vroni kurz und beklommen.
+
+»Eben darum kommt die Wildleutlaue. In den letzten Wintern ist mehr
+Schnee auf den Gletscher gefallen, als die Sommer haben zu schmelzen
+vermögen; der Gletscher ist gewachsen, er tritt über die Felsen hinaus,
+man sieht ihn, wo man ihn vorher nicht hat sehen können. Jetzt, wo es
+heiß wird, schmilzt der Schnee, das Wasser fließt in das hervorstehende
+Eis; die Last wird zu groß, der Gletscherbruch kommt, die Wildleutlaue!«
+
+»Ums Himmels willen, Josi, laß uns gehen!«
+
+»O, dem Weg schadet es nichts; wenn die Luft beim Sturz nicht so sausen
+würde, so könnten wir da ruhig zusehen, Eis und Schnee stürzen in die
+Schlucht, die ist ja groß. Aber es ist wegen der heligen Wasser!«
+
+Vroni war unbekümmert um den Bruder, der ihr alles mit großen Worten
+vortrug, aufgestanden, er folgte, in einer halben Stunde hatten sie den
+Stutz, die Schlucht und die Weißen Bretter hinter sich, vor ihnen lag
+auf dem sanften Oval des ebenen Thalhintergrundes ihr Heimatdorf, St.
+Peter, das rings von hohen Bergen umsäumt ist.
+
+Einen Augenblick schauten die Geschwister, die das letzte Wegstück
+schweigend zurückgelegt hatten, über die weißen Windungen des Sträßchens
+am Stutz hinab und nach dem Teufelsgarten zurück. »Lug' dort, Bini!«
+rief Josi. Das wilde Kind hatte sich hinter der Kapelle auf das Maultier
+geschwungen und sprengte nun, eben noch unterscheidbar, wie ein
+fliegender Schatten über die schmalen Matten des Thales gegen Tremis
+hinab. Vroni sah es wohl, wie sich das treuherzige Gesicht Josis
+verklärte, als er noch einen Schein der Gestalt erhaschen konnte.
+
+Ueber ihr frohmütiges Antlitz flog ein Schatten.
+
+»Du, Josi, was der Kaplan Johannes gethan hat, das ist schrecklich. Er
+hat dir und Binia den bösen Segen gegeben. Jetzt, wenn ihr auch
+wolltet, könnten du und Binia nie ein Paar werden.«
+
+Josi lachte trocken.
+
+»Er ist kein Gottesmann,« fuhr Vroni fort, »er ist ein Teufelsmann. Die
+Mutter sagt's. Er ist nur ein davongelaufener Klosterschüler, er darf
+niemand die Beichte abnehmen; die Leute nennen ihn nur Kaplan, weil
+früher, zu Bergwerkszeiten, die Kapelle der Lieben Frau eine Kaplanei
+gewesen ist.«
+
+Josi hatte das Bedürfnis zu widersprechen.
+
+»Aber hat er auf den Alpen mit seinen Tränken und Sprüchen nicht schon
+manchmal krankes Vieh gesund gemacht? Denk' nur an die zwölf Stücke des
+Bäliälplers. Sie hatten die Klauenseuche und man wollte sie schon töten,
+da segnete sie Johannes und sie wurden in drei Tagen gesund.«
+
+»Ja -- und dafür starben dem Bäliälpler drei Wochen nachher die beiden
+schönen Kinder, die bis dahin kerngesund gewesen waren; er und seine
+Frau, die früher glücklich zusammen lebten, haben jetzt nichts als Zank
+und Streit, er ist wild über sie, weil sie den letzköpfigen Pfaffen ohne
+sein Wissen in den Stall geführt hat, und immer sitzt er zornig und
+traurig im Wirtshaus.«
+
+»Die Kinder sind vielleicht auch sonst gestorben,« versetzte Josi kühl.
+»Wir lassen den Kaplan nie in unseren Stall, haben wir deswegen weniger
+Unglück mit dem Vieh als andere Leute? Nein, im ganzen Dorfe haben wir
+am meisten. Drei Jahre hintereinander haben wir Jungvieh aufgezogen, es
+wuchs und gedieh auf das schönste, aber jedesmal, wenn's bald hätte
+verkauft werden können, ist's umgestanden. Die Loba, die der Vater am
+Samstag verkauft hat, ist seit vier Jahren das erste Stück, das geraten
+ist.«
+
+»Die Loba!« -- Vroni bückte sich tiefer unter ihrer Last; die Thränen,
+die sie vergossen hatte, als der Händler das schöne liebe Rind
+davongeführt hatte, drohten wieder zu kommen. Sie wurde traurig und
+still.
+
+»Du erzählst der Mutter nichts von Kaplan Johannes, gelt, Vroni,«
+versetzte Josi schmeichelnd, als sie durch die mit großen
+Pflastersteinen besetzte Straße von St. Peter schritten. »Nein, gelt, du
+sagst nichts!«
+
+»Ei, wie Josi betteln kann.« Das Gesicht Vronis hatte sich gehellt.
+»Wenn du dich nie mehr mit dem Kaplan einlässest, will ich still sein.«
+
+Sie schritten durch die lose Reihe gebräunter Holzhäuser, Ställe und
+Städel[2], die das Dorf bilden. Als sie am Gasthaus zum Bären
+vorbeikamen, einem alten, massiven Steinbau gegenüber der Kirche, die
+sich auf einem Felsenhügelchen erhebt, öffnete sich ein Fenster und eine
+Männerstimme rief: »Vroni! -- Josi!«
+
+ [2] _Stadel_, schweizerdeutscher Ausdruck für Heuschuppen.
+
+»Der Vater!«
+
+Freundlich reichte ihnen der bärtige Wildheuer ein Glas voll Wein: »Ihr
+werdet wohl Durst haben!«
+
+Vroni nippte nur, Josi aber nahm einen tapferen Schluck.
+
+»Sagt der Mutter, es könne, bis ich heimkomme, etwas später werden, als
+ich gemeint habe, der Presi ist nach Hospel gegangen und ich muß ihn
+erwarten.«
+
+So der Vater. Die Kinder verabschiedeten sich, schlugen einen Seitenweg
+ein, der durch Kartoffel- und Roggenäckerchen an den sonnigen Hang
+hinüberführt, wo die Maiensässen[3] und Alpweiden der Leute von St.
+Peter liegen.
+
+ [3] _Maiensässen_ sind Berghäuser zwischen den Dörfern und den
+ Alpweiden, sie bilden beim sommerlichen Zug der Sennen und des
+ Viehs auf die Hochweiden den Zwischenaufenthalt, wo gewöhnlich im
+ Mai mehrere Wochen geruht wird.
+
+Da stand unter einem Felsblock ihr kleines Haus, auf dessen
+steinbeschwerten Schindeln eine große Steinbrech blühte, jene Blume, von
+der die Sage der Aelpler behauptet, daß sie nur auf den Dächern wachse,
+unter denen der Friede wohne. Freundlich schauten die kleinen Fenster,
+vor denen Stöcke roter Geranien prangten, gegen das Dorf.
+
+»Ja, die Wildheuerfränzi versteht sich auf Blumen.« So sprach man im
+Dorf. »Blumen und Geschichten sind ihr Sonnenschein.«
+
+Erschöpft ließ Vroni die Kraxe auf die Bank vor dem Felsblock sinken,
+auch Josi stellte die seine mit einem Ausruf der Erleichterung ab.
+
+Unter der Thüre erschien die Mutter, die Wildheuerfränzi, selbst in
+ihren abgetragenen Kleidern eine hübsche Frau, von kräftigem Wuchs,
+vollem, üppigem dunklem Haar, offenen Zügen und jenen großen, blauen,
+vielsagenden Augen, die Vroni von ihr geerbt hatte.
+
+»Da seid ihr ja,« sagte sie erfreut, Josi aber rief: »Mutter, eine
+Neuigkeit, die Wildleutlawine kommt!«
+
+Eine geraume Weile später sah man den Presi mit seinem Fuhrwerk gegen
+das Dorf fahren.
+
+
+
+
+II.
+
+
+Der Gasthof zum Bären war ein Altertum des Dorfes St. Peter. Die
+Ueberlieferung berichtete, das aristokratische Haus sei, als noch ein
+Saumweg über die damals weniger vergletscherten Berge nach Welschland
+geführt habe, eine Sust, eine Warenniederlage, gewesen, wo die Maultiere
+gewechselt wurden. Man erzählte sich, die Knappen des Bergwerkes hätten,
+wenn sie ihr Silber und Blei über die Berge nach Welschland führten oder
+von dort mit dem Erlös zurückkamen, im Bären hart gezecht, aus silbernen
+Bechern getrunken, mit silbernen Kugeln gekegelt und manchmal sommerlang
+fröhliche Italienerinnen als Spielgefährtinnen in dem Haus einquartiert.
+
+Nur als Nachklang lebte die Erinnerung an diese üppigen Zeiten in St.
+Peter fort, das Leben ging jetzt in Haus und Dorf den gemessenen stillen
+Gang der einsamen Alpendörfer. Seit zwei- oder dreihundert Jahren stand
+das Bergwerk still; so glänzend, wie es die Sage schilderte, mochte das
+Knappenleben nie gewesen sein. Das Schmelzhaus war eine Ruine und der
+alte Paßweg nach Welschland mit seinem Verkehr war verschollen, an den
+Erzreichtum der Gegend erinnerten nur noch die schönen Drusen und
+Gesteinsblüten, die man da und dort als Schmuck hinter den Fenstern der
+Wohnungen sah.
+
+Für den vielhundertjährigen Bestand des Bären aber sprachen seine
+massive Bauart und die Jagdtrophäen, die am Dachgebälk befestigt waren:
+gebleichte Steinbock- und Wolfsschädel, besonders ein eingetrocknetes
+mumienhaftes Bärenhaupt, das als Wahrzeichen des Hauses an einer Kette
+gegen die Thüre und die Freitreppe hinunterhing, die mit schönem
+eisernem Geländer zum Eingang emporführte. Die weißgrauen Zähne des
+Hauptes waren vermorscht und verwittert; die Jagdzeichen reichten wohl
+bis in die Zeit der Venediger zurück, denn so lange schon gab es im
+Glotterthal weder Bär noch Wolf, und seit dem Anfang dieses Jahrhunderts
+sind auf den Felsen und Firnfeldern der Krone die Steinböcke
+ausgestorben.
+
+Ueber dem Fenster neben der Treppe prangte als eine neuere Zuthat am
+alten Bau die Inschrift »Postbureau St. Peter« und der eidgenössische
+Postschild.
+
+Die stattlichen Wirtschaftsräume des Bären befanden sich im ersten
+Stock; helles Arvengetäfel, aus dem die dunkeln Astringe wie Augen
+schauten, und alte geschnitzte Wappenzier an den Decken fesselten den
+Eintretenden. Der Hauptschmuck der großen Stube war ein alter Leuchter,
+der ein Meerweibchen darstellte, dessen Leib in ein Hirschgeweih
+auslief.
+
+Am Eichentisch unter dem Leuchter saßen der Bärenwirt Peter Waldisch und
+Hans Zuensteinen, der Garde[4].
+
+ [4] _Garde_ (französisch %garde%, Hüter) nennt man in den Thälern, wo
+ »Wässerwasserfuhren« bestehen, dasjenige Gemeinderatsmitglied, das
+ die Aufsicht über die Wasserleitung hat.
+
+Sie prüften das Fäßchen Eigengewächs, das jener gestern in Hospel
+draußen geholt hatte.
+
+»Wie Feuer, meiner Treu!« sagte der rauhbärtige Garde, das eine Auge
+zukneifend und durch das erhobene Glas blinzelnd, in dem der Weißwein
+sonngolden erglänzte -- »aber, aber, Presi,« seine Stimme wurde
+plötzlich sehr ernst, »die Abmachung mit Seppi Blatter ist nichts. Wenn
+der ganze übrige Gemeinderat dafür ist, so bin ich dagegen. Man dürfte
+ja Fränzi, Vroni und Josi nicht mehr ins Auge sehen. Sagt mir einmal
+ehrlich, wie stark hat bei seiner Unterschrift der Hospeler die Hand
+geführt?«
+
+Der Presi und Bärenwirt, der den rauhen untersetzten Garden um
+Kopfeslänge überragte und neben ihm wie ein rechter Bauernaristokrat
+erschien, lächelte verlegen und rückte auf dem Stuhl.
+
+»Wollt Ihr lieber das Los entscheiden lassen?« fragte er lauernd.
+
+Der Garde knurrte wieder, nach einer Weile fragte er aufs neue: »War
+Seppi nüchtern?«
+
+»Man macht keinen Handel, es ist ein Glas Wein zur Ermutigung dabei. Ich
+war grad in guter Laune, ich ließ ein paar Flaschen Hospeler fließen,
+Seppi aber war ziemlich nüchtern.«
+
+Der Garde schüttelte bedächtig den Kopf, in den starken Furchen seines
+breiten Gesichtes spiegelte sich Mißbilligung und Sorge, erst nach einer
+Weile sagte er: »Das Ding ist nichts.«
+
+Dem Presi lag augenscheinlich daran, dem Gespräch eine andere Wendung zu
+geben, lachend rief er: »Zum Wohl, Garde!« Und als nun die Gläser
+zusammenklingelten, fuhr er fort: »Warum ich gestern so hellauf war,
+Seppi Blatter, Bälzi und dem Bäliälpler ein Glas vom guten Hospeler
+schenkte, will ich Euch verraten. Es ist eine Ueberraschung --. Ich
+führe wieder eine Wirtin in den Bären.«
+
+Da sprang der schwerfällige Garde auf: »Was Ihr meldet, Presi! Wer
+ists?« Die ehrliche Neugier stand ihm im Gesicht.
+
+»Unter vier Augen und nur zu Euch -- Frau Cresenz, die Schwester des
+Kreuzwirtes in Hospel. Wir haben die Angelegenheit gestern ins reine
+gebracht.«
+
+»Ich wünsche Euch Glück,« sprach der Garde feierlich und schüttelte dem
+Wirt kräftig die Hand. Dann setzte er sich und knurrte in einem Ton vor
+sich hin, der nicht entscheiden ließ, ob darin eine Zustimmung oder
+Mißbilligung liege.
+
+»Was sagt Ihr dazu?« fragte der Presi.
+
+»Cresenz wird dem Bären schon wohl anstehen, sie hat sich als Witwe gut
+erhalten, ist mit ihren fünfunddreißig Jahren eine hübsche Frau, sauber
+und flink, sie versteht das Wirten und den Umgang mit den Leuten wie
+keine andere, hat einen tadellosen Ruf, kurz, ich meine, Ihr führt eine
+geschickte Frau ins Haus. Aber --«
+
+Der Garde stockte.
+
+»Aber?« -- wiederholte der Presi.
+
+»Cresenz ist aus einem so großen Gasthof und an das Fremdenleben so
+gewöhnt, daß es ihr hier bei uns hinten, wo doch nur Bauern und Alpleute
+sind, langweilig wird.«
+
+Der Bärenwirt lachte: »Falsch, Garde, falsch! -- Dafür ist gesorgt. Ein
+schönes Stück wird schon sein, Bini zu ziehen. Das Kind ist verwildert;
+denkt nur, gestern kam sie mir barfuß bis nach Tremis entgegen, es hat
+mich geschämt vor den Leuten. Ich habe keine Zeit, mich mit ihr
+abzugeben, die kropfige Susi, das Keifweib, wird nicht Herr über sie,
+fahre ich aber einmal mit einem Donnerwetter dazwischen, so schilt sie
+mich frank einen Rabenvater.«
+
+Die beiden Männer lachten herzlich -- es schien, der Streit von vorhin
+sei in lauter Freundschaft aufgelöst.
+
+Da räusperte sich der Garde: »Haltet, wenn Ihr jetzt eine frische,
+hübsche Frau bekommt, nur die Beth selig in Ehren und gutem Andenken.«
+
+Das Gesicht des Bärenwirts verfinsterte sich.
+
+»Aber das gebt Ihr doch zu,« sagte er mürrisch, »Frau Cresenz wird eine
+bessere Wirtin als die arme selige Beth.«
+
+»Alle Leute im Dorf haben sie geliebt und verehrt, nur Ihr nicht. Sie
+war eine Frau wie ein Engel, sie hat nur das Unglück gehabt, da sie
+Euern hochfahrenden Plänen nicht hat folgen können und nicht hat wollen.
+Sie war eine, wie wir alle im Dorfe sind: einfach und fromm, stets auf
+den Frieden im Leben und die Seligkeit im Himmel bedacht, Ihr aber
+gleicht von jeher mehr den Leuten draußen in der Welt, hastig und
+unruhig seid Ihr immer voll Pläne, habt Ihr immer eine ganze Menge Dinge
+umzutreiben. Da wird Euch allerdings Cresenz besser verstehen als Beth!«
+
+Der Presi lächelte überlegen: »Handel und Wandel, mein' ich, giebt dem
+Leben das Salz und« -- er klopfte dabei auf den Tisch -- »mit Frau
+Cresenz wage ich es. Der Bären soll ein Fremdengasthof werden, ich
+nehm's mit dem Pfarrer und euch allen auf.«
+
+»Presi!« Das Blut war dem Garden in den Kopf geschossen. »Presi, das
+thut Ihr nicht!«
+
+»Ihr werdet's schon erleben.« Die Augen des Bärenwirtes blitzten
+übermütig und unternehmungslustig.
+
+»Der Pfarrer wird Euch von der Kanzel angreifen und alle werden mit ihm
+gegen Euch sein!«
+
+»Der hochwürdige Herr soll das Geistliche besorgen, das Weltliche
+besorgen wir schon.« Der Presi lachte und fuhr dann fort: »Ich will Euch
+verraten, warum er keine Fremden will. Es sind jetzt vierzig Jahre, daß
+er nach St. Peter gekommen ist. Da stieg über die Schneelücke herunter
+der erste Fremde, ein berühmter Naturforscher, der mit seinen Führern
+die Krone erklettert hatte. Die Leute von St. Peter erstaunten darüber
+so sehr, daß sie den Pfarrer riefen. 'Vielleicht sind's Gespenster!'
+sagte er und ordnete eine Prozession an, damit man ihnen entgegenziehe.
+Als der Bergsteiger, seine Führer und Träger kamen, spritzte er ihnen
+Weihwasser entgegen und schrie: %'Apage, apage, Satanas!'% Auf dieses
+Zeichen trieben die von St. Peter die Fremden um das Dorf herum und
+jagten sie den Stutz abwärts. Glaubt, Garde, wegen der Schande von
+damals will der Pfarrer nichts von Fremden wissen, er fürchtet, die
+Geschichte, wegen der wir von St. Peter in den Büchern als ein rauhes
+und dummes Volk verschrieen sind, werde dadurch frisch!«
+
+Der Garde hatte sich beruhigt: »Der Pfarrer ist gegen den
+Fremdenverkehr, weil er von ihm das Verderben des Dorfes fürchtet. Er
+hat recht. In Grenseln, wo jetzt auch zwei Gasthöfe sind, hat erst
+diesen Frühling ein Mädchen, das im einen diente, ein Uneheliches
+bekommen. Denkt die Schande!«
+
+»Ja, aber die Forellen aus meiner Fischenz in der Glotter und den
+Hospeler aus meinen Bergen würde ich gern etwas besser verkaufen, als es
+bis jetzt geschehen ist.«
+
+»Werdet nicht zum Fluch von St. Peter, Presi, dafür hat Euch wahrlich
+die Gemeinde Euer Amt nicht gegeben. -- Ich muß jetzt von etwas
+sprechen, wovon man eigentlich nicht reden soll, so wunderbar heilig ist
+es. Hat je eine Lawine das Dorf St. Peter getroffen? Nie! Und doch
+wohnen wir unter den Firnfeldern der Krone und sie hätten freien Weg.«
+
+»Ich weiß schon, wohin Ihr zielt, aber ich bin nicht abergläubisch; die
+armen Seelen kommen in die Hölle, nicht auf die Gletscher. Das sagt ja
+der Pfarrer selbst,« höhnte der Wirt, »der wird's wissen!«
+
+In diesem Augenblick schaute ein etwa fünfzehnjähriger Junge blöd durch
+die halbgeöffnete Thüre.
+
+»Nur hinein, Eusebi!« Lustig schob Binia den ungelenken schwächlichen
+Burschen mit beiden Händen vom Flur in die Stube.
+
+»Was willst, Eusebi?« fragte der Garde freundlich.
+
+»S--s--sollst h--h--heim--k--k--ommen, V--v--vater. Ei-- ein R--rind ist
+k--k--kr--rank auf d--d--er Alp.«
+
+Der Stotterer schämte sich seines Uebels, er wußte nicht wohin blicken.
+
+»Sei nur ruhig, Eusebi, ich komme!« Der Garde stand auf und der Presi
+gab ihm bis auf die Freitreppe das Geleit.
+
+Dort säumten die Männer noch einen Augenblick.
+
+»Also wir müssen auf alles gefaßt sein, die Wildleutlaue kann jede
+Stunde gehen,« sagte der Presi ernst.{1}
+
+»Ja, aber noch einmal gesagt, die Machenschaft mit Seppi Blatter ist
+nichts,« erwiderte der Garde. »Im übrigen hoffe ich, daß ich bei der
+Wassertröstung[5] das Amt niederlegen kann. Ich bin der Geschichte
+satt.«
+
+ [5] _Wassertröstungen_ nennt man die Gemeindeversammlungen, in denen
+ Beschlüsse über die Wasserleitungen gefaßt werden.
+
+»Das nicht, das nicht; über Seppi Blatter aber reden wir im
+Gemeinderat.«
+
+Die Männer schüttelten sich die Hände.
+
+»Nichts für ungut!« sagte der Garde, »ich rede frei von der Leber,
+anders hab' ich's nicht gelernt.«
+
+Binia aber rief: »Nicht wahr, Eusebi darf noch bei mir bleiben.«
+
+»Gewiß,« lächelte der Garde wohlgefällig, »ich habe nichts lieber, als
+wenn er bei anderer Jugend ist.« Da riß die wilde Binia den scheuen
+Jungen mit sich.
+
+Der Garde, der ganz aus Eisen zusammengesetzt schien, ging langsamen
+Schrittes durch die kleinen Aecker zur Hütte des Wildheuers Seppi
+Blatter. Er hatte schwer zu denken und wiegte den mächtigen Kopf: Was
+für ein merkwürdiger Mann ist doch der Presi! St. Peter ist zu klein für
+seine rastlose Betriebsamkeit. In allem hat er die Hand. Er hat seine
+Schuldscheine auf Aeckerchen und Alpen, er beherrscht als Vermittler
+zwischen den Sennen und den fremden Händlern den Käse- und Viehhandel,
+er ist Posthalter und hat damit den Einblick in allen Verkehr und nun
+will er noch Fremdenwirt werden.
+
+Dazu die schlechte voreilige Anbändelei mit Seppi Blatter! -- Was hat er
+für einen Zweck dabei? Keinen! Eine Laune ist's, ein Stück sträflichen
+Uebermutes.
+
+Da war er bei der Hütte angekommen.
+
+»He, fleißige Vroni, wo ist der Vater?«
+
+Vroni saß auf dem moosüberwachsenen Block, der das Häuschen schirmte,
+sie flocht mit flinken Fingern an einem jener Strohbänder, woraus die
+Glotterthalerinnen die zierlichen Hüte machen, die sie tragen. Nebenbei
+überwachte sie die drei Ziegen, die, mit den Schellen klingelnd,
+zwischen hohen roten Enzianen und blauem Eisenhut sich ihr Futter
+naschten.
+
+»Vater, Mutter und Josi wildheuen an den Bockjeplanken; kann ich dem
+Vater etwas ausrichten, Pate?«
+
+»Er soll unter Licht[6] bei mir vorbeikommen. Guten Abend, artiges
+Kind --«
+
+ [6] _unter Licht_, schweizerdeutsch, »in der Dämmerung«.
+
+Damit stoffelte[7] er den Berg hinan. Vroni hatte aber von ihm einen
+Blick aufgefangen, der ihr zu denken gab. In seiner Freundlichkeit war
+ein sorglicher Ton gewesen, der ihr in den Ohren nachklang.
+
+ [7] _stoffeln_, schwerfällig gehen.
+
+Wie gestern rollte auch heute in einem fort Lawinendonner in stärkeren
+und schwächeren Schlägen vom Gebirg, und plötzlich fiel ihr der Vater
+ein. Sie wußte nicht warum. Doch! Er war am Morgen so blaß gewesen, er
+hatte gesagt, er habe die ganze Nacht kein Auge geschlossen wegen des
+Donners.
+
+Vroni bemerkte es in ihrem Sinnen nicht, daß eine behende Gestalt wie
+ein Wiesel über die Felsen hinaufgeklettert kam, sie erschrak
+ordentlich, als Binia ihren Arm um sie schlang. Und dann sah sie den
+scheuen Eusebi unten stehen.
+
+»Komm, Sebi, komm!« Er kletterte, setzte sich zutraulich zu den zwei
+Mädchen, seine Augen glänzten in stiller Freude. »Vroni und Bini wissen,
+daß ich nicht so einfältig bin, wie die Leute meinen,« dachte er.
+
+»Vroni, wie geht die Geschichte von den heligen Wassern weiter, mir hat
+die ganze Nacht von der Wildfrau Gabrisa geträumt, sie war aber nicht
+schwarz, sondern blond wie du!« scherzte Binia.
+
+Vroni lachte, dann mahnte sie: »Du, von Josi darfst du keinen Kuß mehr
+bekommen!«
+
+Eusebi riß die Augen auf: »K--k--kuß,« stammelte er verwundert.
+
+»So!« Lustig stellte Binia die weißen Zähne. »Erzähle jetzt nur, Vroni.
+Josis Kuß war ja nur Spiel.«
+
+Da legte Vroni, wie sie es gewohnt war, die Hände über das Knie und sah
+in die Weite: »Ich fange jetzt gleich an, wo ich gestern zu überdenken
+aufgehört habe, ich mag das Gleiche nicht zweimal sagen.«
+
+»O, das macht mir und Sebi nichts, wenn du nur erzählst,« versicherte
+Binia.
+
+Da begann Vroni:
+
+»Man wunderte sich, wie die Wildleute Wasser in die Weinberge
+hinaufführen oder tragen werden und viele Leute gingen nach Hospel
+hinaus, um es selber zu sehen. Die Wildleute fingen aber bei St. Peter
+zu arbeiten an, sie hieben Bäume um und höhlten die dicken Stämme fast
+ganz aus, so daß breite und tiefe Kännel entstanden. Den ersten legten
+sie an das Gletscherthor, aus dem die Glotter ins Thal läuft, und dann
+viele Hunderte daran, den Anfang des einen in das Ende des anderen,
+immer fast eben hin. Von Zeit zu Zeit prüften sie, ob das Wasser
+hindurchfließe, und wenn es lief, so tanzten sie vor Freude und
+klatschten in die Hände. 'Alleweil sanft, alleweil sanft,' riefen sie
+sich zu, und da ihnen der Boden des Thales zu rasch abwärts ging, zogen
+sie die Kännel den Berg entlang, so daß sie viel höher als der Thalboden
+zu liegen kamen und sich hoch am Berg dahinwanden. Die Thalleute
+wunderten sich, daß sich die Wildleute so viel Mühe gaben, sie wußten
+nicht, was werden solle. Die Wildleute aber riefen:
+
+ 'Sunneschyn, ja Sunneschyn
+ Macht die ruchen[8] Wasser fyn!'
+
+ [8] _ruch_, rauh.
+
+»Wo ein Baum stand, der die Kännel beschattet hätte, fällten sie ihn. So
+zogen sie die Leitung der Sonnenseite des Thales entlang und hoch durch
+ihren eigenen Wald zwischen dem Dorf und dem Schmelzwerk, wo jetzt die
+Weißen Bretter sind:
+
+ 'Durefüehren, durefüehren,
+ Zirble[9] aber nit anrüehren!'
+
+ [9] _Zirble_, Zirbelbaum, Arve.
+
+»So riefen sie sich ängstlich zu. Den Leuten kam es seltsam vor, daß die
+Wasserleitung im Wildmannliwald am Schatten gehen sollte, sie aber
+sagten:
+
+ 'E Wurzen[10] git dem Berg den Halt
+ Und wenn sie bricht, so fallt der Wald!'
+
+ [10] _E Wurzen git_, eine Wurzel giebt.
+
+»So bauten sie die Kännel, viele Kirchtürme hoch über Hospel kam das
+Wasser in die Weinberge, und vom langen Lauf an der Sonne war es ganz
+warm.
+
+»'Aber es ist ja trüb, was sollen wir mit trübem Wasser anfangen?'
+murrten die Weinbergleute. Die Wildleute jedoch tanzten wie närrisch um
+die fertige Leitung und mahnten:
+
+ 'Trüebe Wasser, güldige Wyn!
+ Grabend Gräben, lassend's yn!'
+
+»Die Leute folgten dem Rat, sie gruben Furchen zu den verdorrten
+Weinstöcken und siehe, die Reben grünten und trieben Schosse, wo ein
+Tröpflein hinkam, sproßte das Gras, die Bäume schlugen aus. Das ganze
+Land um Hospel wurde schön wie ein Garten und prangte in Fruchtbarkeit.
+
+»Die Leute standen da, die Eltern zeigten das Wunder den abgemagerten
+Kindern, die Greise weinten vor Freude und streckten die Hände ins
+Wasser, daß sie merken, wie es riesele.
+
+»Da rief einer: 'O du heliges Wasser', und alle antworteten: 'Ja,
+heliges Wasser, heliges Wasser!' Seither hat man die Leitung nie anders
+genannt.
+
+»Die Dörfer des Thales, St. Peter, Tremis und Fegunden, und alle jene,
+die von dem Ueberfluß der Hospeler Wasser erhielten, traten zu einer
+Landsgemeinde zusammen. Sie beschworen, daß niemand das helige Wasser
+letzen oder damit Vergeudung treiben dürfe, sie setzten Verbannung oder
+Tod darauf, sie legten das Landbuch an, in dem jedes Grundstück
+aufgezeichnet und ihm das Maß des Wassers bestimmt ist, das ihm zur
+Tages- oder Nachtzeit zugeleitet werden darf, sie bestellten beeidigte
+Wächter, die nachsahen, daß keiner zu viel und keiner zu wenig vom Segen
+erhielt. Und alle drei Jahre legten die Leute den Finger auf das
+Landbuch, daß sie ewig halten, was darin stehe. Von da an hatten die
+von St. Peter Reben, die Wildleute aber zogen sich wieder tief in den
+Wald zurück.«
+
+Während Vroni so sprach, schien es, als bewegten sich den steilen
+Alpenweg hinab drei Bündel. Zuerst waren sie nur wie dunkle Punkte
+gewesen, aber jetzt wurden sie größer und größer. Ihre Träger sah man
+nicht, aber die Erzählerin jubelte, sich selber unterbrechend, doch:
+»Sie kommen, schaut, wie viel Heu sie haben. Es ist das erste des
+Jahres.«
+
+»Bis sie da sind, erzähle noch ein wenig, Vroni, es ist alles schön, was
+du sagst,« schmeichelte Binia. Selbst der blöde Sebi nickte.
+
+Vroni, das sah man ihren glänzenden Augen an, war im Zug:
+
+»Das dauerte lange, lange Zeit. Die Menschen kamen auf die Welt und
+starben, niemand wußte mehr etwas anderes, als daß die heligen Wasser
+Jahr um Jahr Segen und Fruchtbarkeit spendeten. Unterdessen betrieben
+die Venediger den Bergbau, sie lebten üppig und in Freuden, das
+fröhliche Leben ging im Bären nie aus. Die von St. Peter wurden durch
+den Wein, den sie an den Bergen von Hospel pflanzten und den Knappen
+verkauften, sehr reich. Allein es kam die Zeit, wo die Bergleute alles
+Holz, das an den Thalseiten wuchs, für ihre Feuer abgeschlagen hatten,
+und wegen der Lawinen und Steinschläge wuchs das neue nur langsam nach.
+Der Holzmangel war groß. Der Wald der Wildleute aber, der so nahe am
+Schmelzwerk lag, stand in Schönheit und Pracht. Da boten die Venediger
+denen von St. Peter so viel lötiges Silber, als sie in sieben Wochen
+gewannen, wenn sie diesen Wald schlagen dürfen. Da man schon lange
+keinen Wildmann mehr gesehen hatte und die Leute glaubten, die Wildleute
+seien gestorben oder fortgewandert, so verkauften sie den Forst, der
+nicht ihnen gehörte, und die Venediger schlugen ihn. Manchmal, wenn die
+Bergknappen die Axt in einen der Bäume hackten, erscholl aber aus dem
+Wald ein Klagen, wie wenn Kinder weinen würden, und aus den Gebüschen
+hörte man das Geräusch der fliehenden Wildleute. Als die Knappen die Axt
+an die älteste Arve legten, überpurzelte der mächtige Baum, es klirrte,
+wie wenn im Boden eine Kette reißen würde, und ein Wildmannli, das
+erschreckt forteilte, rief:
+
+ 'Untrü, Untrü, du machst großes Weh,
+ Jetzt hebt[11] der Wald am Berg nit meh!'
+
+ [11] _hebt_ = hält.
+
+»Das war der letzte Wildmann.«
+
+Vroni brach ab. Die Wildheuer, der Vater, die Mutter und Josi, mit ihren
+Lasten waren herangekommen. Sie warfen ihre Bündel ab, streiften die
+weißleinenen Kapuzen zurück, die ihre Köpfe vor dem Heustaub schützten,
+und wuschen sich am Brunnen, der neben der Hütte summt, die erhitzten
+Gesichter und die Hände.
+
+Vroni, die fast den ganzen Tag einsam gewesen war, begrüßte die
+Ankömmlinge mit lebhafter Freude, aber sie dauerte nur einen Augenblick.
+Warum zog sich die Stirne des Vaters so finster zusammen, als er Binias
+ansichtig wurde, was war das für ein fremder, schmerzlicher Zug, der
+über das braune Gesicht bis in den blonden Bart hineinzuckte?
+
+Plötzlich schrie er wie aus wilder Qual heraus Binia an: »Fort mit dir,
+du Schlechthundekind!«
+
+Die Erschrockene und Verwirrte, die das böse Wort wie ein Blitz aus
+heiterem Himmel traf, stand einen Augenblick fassungslos, dann flüchtete
+sie so schnell wie eine Gemse. Hinter ihr drein Eusebi, der aber weit
+zurückblieb.
+
+Fränzi und die Kinder standen verdutzt; erschreckt, vorwurfsvoll sagte
+die Frau: »Seppi, Seppi! bist du letzköpfig geworden? Die Binia hat dir
+ja nichts gethan!«
+
+Der verstörte Mann gab keine Antwort, er setzte sich auf den
+Dengelstein, mit verbissener Wut begann er die Sicheln zu rüsten, als ob
+sie in Stücke gehen müssen.
+
+Fränzi ging beleidigt ins Haus, Vroni standen die hellen Thränen der
+Kränkung in den Augen, Josi machte sich mit dem Heu zu schaffen, damit
+seine tiefe Verlegenheit nicht zu auffällig sei.
+
+»Vater, der Garde hat gesagt, Ihr sollt heute abend noch zu ihm kommen!«
+wagte Vroni schüchtern zu melden.
+
+Da schnob Seppi Blatter: »Hole der, welcher hinkt, den Garden mit dem
+Presi!«
+
+Weinend lief Vroni davon. Mutter und Kinder verstanden den Vater nicht
+mehr. Den ganzen Tag war er einsilbig gewesen und hatte gebrütet. Und
+jetzt war er so sinnlos wild, er, der Mann, der sonst immer von stiller
+Gemütsheiterkeit war und gern einen Scherz machte, wenn ihn die Sorgen
+nicht zu stark drückten.
+
+Etwas mußte gestern abend im Bären vorgefallen sein.
+
+Aber was? -- Wenn er es nicht freiwillig sagte, erfuhren es Mutter und
+Kinder nicht. Das wußten sie schon.
+
+Als die Haushaltung in der kleinen Stube beim Abendbrot, bei
+Wegwartekaffee, schwarzem hartem Roggenbrot und Käse, um den Tisch saß,
+wollte Josi das Gespräch auf die Wildleutlaue bringen, aber da donnerte
+ihn der Vater mit einem »Halt 's Maul!« an.
+
+Und als Fränzi sanft mahnte, er möchte doch zum Garden gehen, sagte er
+ganz traurig: »Ich bin todmüde -- gute Nacht, alle zusammen.«
+
+Beklommen ging der Haushalt zur Ruhe und die harte Tagesarbeit brachte
+Josi wenigstens bald den Schlaf.
+
+Er wurde furchtbar daraus geweckt. Ihm war im Traum, als rüttelte der
+Wind am Haus, als knackte das Schindeldach -- er wurde munter -- das
+Getöse dauerte fort, die Balken knarrten, die Ziegen im Stall begannen
+zu meckern. Im Dorf bellten die Hunde und von weit her hörte er das Vieh
+plärren. Er schlich sich erschrocken zur Luke, die von seinem Dachgemach
+ins Freie ging. Der Himmel über den Bergen war sternklar, aber vom Stutz
+herauf schwebte es wie ein grauer Nebel und die Luft wogte. Feiner
+Schneestaub begann zu rieseln, die Gegend verfinsterte sich.
+
+Da wußte er es: Die Wildleutlaue an den Weißen Brettern ist gegangen.
+
+Jetzt fingen die Glocken zu läuten an, wie es Brauch ist in St. Peter,
+wenn eine Lawine, ein Gewitter oder ein Brand im Thale wütet. »Betet,
+betet!« läuteten sie.
+
+Halb angekleidet stieg Josi in die Stube hinunter.
+
+Welch ein Anblick! Die Mutter saß totenblaß auf einem Stuhl, vor ihr auf
+dem Boden kniete, barfuß und nur halb bekleidet, der Vater, das Haupt in
+ihren Schoß geneigt, seine sehnigen Hände um die ihrigen geschlungen.
+
+Der gewaltige Mann stöhnte, schluchzte und rang nach Worten, daß es
+einen Stein hätte erbarmen müssen.
+
+Vroni saß am Tisch vorgelehnt, durch die Hände, mit denen sie das
+Gesicht bedeckt hielt, drangen die Thränen, ihre junge Brust bebte vor
+Leid.
+
+»Was giebt's?« fragte Josi; als er aber von keiner Seite Antwort
+erhielt, fingen vor Angst auch ihm die Glieder an zu zittern, die Zähne
+zu klappern.
+
+Da kam's aus der Brust des Vaters, als würde ihm das Herz abgedreht und
+sich im Leib auch eine Lawine lösen:
+
+»O Fränzi -- liebe Fränzi -- ich habe es versprochen -- ich muß an die
+Weißen Bretter steigen.«
+
+Ein Schrei drang aus der Hütte in die Nacht, er kam von Vroni. Die
+Mutter saß entgeistert, sie hatte willenlos ihre Hände aus denen des
+Vaters gelöst und strich ihm über den Scheitel. Sie flüsterte immer nur:
+»Mein armer Seppi -- mein armer Seppi! Das also ist's, warum du nicht
+hast reden können. Gott! Gott!«
+
+Ihr Streicheln und ihre Worte beruhigten den Knieenden, so daß er, wenn
+auch nur stoßweise, sprechen konnte.
+
+»Ich habe dem Presi die drei Zinslein für das Aeckerchen bringen wollen.
+Der Bäliälpler mit der krummen Nase hockte da -- der Wildheuer Bälzi mit
+den wässerigen Augen und dem schwarzen Bocksbart. -- Wir haben um eine
+Maß[12] gehäkelt[13]. -- Ich habe beide über den Tisch gezogen. -- Da
+fingen sie an zu necken und zu hänseln. -- Ich sei wohl stark, aber doch
+ein Hasenherz und wage mich nicht, wie sie, auf die Kronenplanken. Ich
+höre eine Weile zu und sage nichts. Da kommt endlich der Presi und redet
+von der Wildleutlaue. Er lacht, er spricht so drum her, es könnte einer
+ein schönes Stück Geld verdienen, wenn er die Gemeinde nicht zum Los
+kommen lasse. Ich meine, es geht auf Bälzi. 'Hast ja acht Kinder, laß
+dich auf den Handel nicht ein!' sage ich.
+
+ [12] Die _Maß_ ist das ehemalige schweizerische Einheitsmaß für
+ Flüssigkeiten. Sie faßt anderthalb Liter.
+
+ [13] _Häkeln_, so viel wie Fingerziehen, ein beliebtes Kraftspiel der
+ Aelpler.
+
+»'He, es wird einer an die Bretter steigen müssen,' machte der Presi
+unwirsch, 'er braucht ja nicht grad in die Ewigkeit zu fallen.' Ein Wort
+giebt das andere. Plötzlich sagt er zu mir: 'Wenn einer noch drei
+Zinslein schuldig ist, braucht er den Mund nicht so weit aufzumachen,
+wie du, Seppi; gescheiter wär's, du stiegst an die Weißen Bretter.'
+
+»Ich bin wie vom Donner getroffen, ich rolle das Geld aus dem Sack auf
+den Tisch, da höhnt er: 'Eben, eben, hast die Loba verkauft. Wenn ich's
+schon nicht hätte erfahren sollen, so weiß ich's. Hättest mir wohl
+vorher einen Deut thun können.' Ich darauf: 'Es darf doch noch einer
+sein Rind verkaufen, ohne daß so und so viel Franken in den Fingern des
+Presi bleiben.'
+
+»Da schlägt er auf den Tisch, brüllt, es sei traurig, wenn einer an der
+Zahlung von vierhundert Franken sechs Jahre herumzerre. Und er kündigt
+mir den Brief auf Martini.
+
+»Ich habe immer gehofft, er werde wieder gut zu mir, er ist sonst nicht
+ungrad und wir sind alte Schul- und Militärkameraden, drum bin ich in
+der Stube sitzen geblieben. Er ist auch wieder artig geworden, man
+redet, man trinkt, da lacht er auf einmal: 'Wage den Streich, Seppi,
+steige an die Weißen Bretter. Auf deinem Aeckerchen, das für vierhundert
+Franken verschrieben ist, steht noch eine Schuld von hundertachtzig
+Franken. Ich will nicht der Presi sein, wenn die Gemeinde dir nicht den
+Brief abnimmt, sofern du die heligen Wasser wieder herstellst; sage ja,
+und ich übernehm's auf meine Verantwortung, ich gebe dir gleich den
+Vertrag. Die Genehmigung durch die Gemeinde bleibt vorbehalten. Soll ich
+schreiben?'
+
+»'Nein, nein,' schreie ich und kann fast nicht reden, 'kennst du das
+Vaterunser: Und führe mich nicht in Versuchung!'
+
+»'Ho,' meint er, 'es ist ein schöner Verdienst, du kannst an einem Tag
+nicht mehr gewinnen. Du verdienst nicht so viel in einem Jahr. Und wenn
+ich das Briefchen kündige, kommst du auch in Verlegenheit.'
+
+»'Ein dummer Teufel bist,' sagte Bälzi.
+
+»Ich trinke, die anderen lachen: 'Den Schlotter hast, aber keinen Mut!'
+Da habe ich den Wein im Kopf gespürt, ich habe auf einmal den Acker
+deutlich vor mir gesehen, wie er schuldenfrei voll Aehren steht. -- Hin
+und her hat es mich gezerrt, daß mir ganz taumelig geworden ist. -- Der
+Presi schreibt, die anderen zwei schwatzen auf mich ein, ich sehe
+nichts, ich höre nichts. -- Da liegen die Scheine vor mir, der Presi
+sagt: 'Du mußt unterschreiben, -- entweder den Empfang der Kündigung
+oder den Vertrag, daß du an die Bretter gehst.'
+
+»Ich nehme die Kündigung, da schreit Bälzi: 'Du Großhans, wo willst du
+zu Martini hundertachtzig Franken hernehmen? Da hast den anderen
+Schein!'
+
+»Mir ist schwarz worden vor den Augen -- ich habe nicht mehr gesehen,
+was ich unterschrieb -- als der Presi den einen Vertrag eingesteckt
+hat, habe ich es gewußt, was ich gethan.
+
+»Da ist die Sünde!« Der bleiche Mann zog aus der offenen Weste ein
+zerknittertes Papier hervor und warf es auf den Tisch. Dann neigte er
+sein Haupt in den Schoß seines Weibes.
+
+Lautes Weinen erfüllte die Hütte; mit dem rauschenden Kienspanlicht, das
+seinen flackernden Schein über die Gruppe des Elends warf, kämpfte das
+Morgenrot.
+
+
+
+
+III.
+
+
+Die Wildleutlaue ist gegangen!
+
+In der Nacht schon standen die Leute in Gruppen vor den Häusern des
+Bergdorfes, redeten miteinander, und als der Morgen kam, dachte niemand
+ans Tagewerk.
+
+Im Bären saßen schon Gäste. Ihre Zahl wuchs, als die, welche an den
+Stutz hinausgegangen waren, um die Größe der Verwüstung zu sehen,
+zurückkehrten. Sie brachten den Bericht, den man erwartete: die Lawine
+hatte die Leitung der heligen Wasser von den Weißen Brettern
+hinuntergefegt und den Abgrund der Glotter mit Eis und Schnee gefüllt.
+
+Also ist heute Wassertröstung! Die Bauern erzählten sich die Schrecken
+der Nacht: Die Scheiben klirrten, die Luft sprengte die Thüren auf, die
+Betten wackelten, die Kinder schrieen, die Frauen riefen zu den
+Heiligen.
+
+Die alten Sagen von den heligen Wassern hatten freien Lauf. Binia, die
+der Lärm aus dem Bett geschreckt hatte, und wie ein aufgescheuchter
+Vogel verwirrt und übernächtig von einem Gemach des Hauses zum anderen
+flatterte und überall fortgeschickt wurde, hätte in der großen
+Wirtsstube nur zu horchen brauchen, um den Rest der Geschichte zu
+vernehmen, den ihr Vroni schuldig geblieben war.
+
+Nachdem die Venediger den Wildleutewald geschlagen hatten, kam an der
+Stelle, wo die große Arve gestürzt war, ein weißer Fleck, der Felsen,
+zum Vorschein und glänzte, als ob dort ein Stück Schnee nicht
+weggegangen wäre. Mit jedem Gewitter und jeder Schneeschmelze wurde der
+unheimliche Fleck größer, die Weißen Bretter wuchsen gespenstisch aus
+dem dunklen Erdreich, die Wasser wühlten die Furren[14], schlechte Jahre
+machten die Gletscher groß und eines Tages wischte ein Gletscherbruch
+die Kännel der heligen Wasser, deren Befestigung immer schwieriger
+wurde, in die Glotter hinab.
+
+ [14] _Furre_ = Furche, Runse, Steilschlucht.
+
+Man sah darin die Strafe der Wildleute und nannte den Eisbruch -- die
+Wildleutlawine!
+
+Als die Wasser gebrochen waren, kehrte in Hospel und in den Dörfern
+wieder Dürre und Mangel ein. Der Zorn der Bewohner des großen Thales
+wandte sich gegen die Venediger und die Leute von St. Peter, da sie
+schuld an dem Unglück seien. Die Dörfer forderten sie durch Boten auf,
+daß sie die Leitung wieder herstellen, doch wagte es niemand, an die
+senkrechten Weißen Bretter hinaufzusteigen, Kännel darüber hinzuführen
+und sie zu befestigen. Da stellten die Hospeler und die Dörfer im Thal
+bei Tremis Wachen auf, sie ließen niemand weder nach St. Peter hinein,
+noch von dort nach Hospel hinaus. »Unglück über uns!« klagten die von
+St. Peter, aus Mangel zogen die Venediger über die Schneelücke ab, das
+Bergwerk zerfiel und die Füchse wohnten in den Stollen. Die Not wurde
+immer größer, denn die kleinen Aeckerchen, welche die Leute um das Dorf
+hin anlegten, gaben nicht genug Brot, es fehlte das Holz und viele
+Bewohner erfroren im Winter. Der Pfarrer erlag der Seuche, die im Dorfe
+herrschte, niemand verkündete mehr das Wort Gottes. Da sagten die von
+St. Peter. »Ehe wir gottlos werden wie die wilden Tiere, ehe unsere
+Kinder ins Leben treten ohne Taufe, die Söhne und Töchter heiraten ohne
+Trauung, die Greise sterben ohne Beichte und Sakrament, wollen wir uns
+mit Gewalt den Thalweg erzwingen.« Mit Sensen und Gabeln fielen die
+Männer und Frauen von St. Peter über die Wachen bei Tremis und töteten
+sie, aber in der zweiten größeren Schlacht, die beim Bildhaus an der
+Gemeindegrenze von St. Peter und Tremis geschlagen wurde, erlagen sie.
+Die Krieger aus dem großen Thal drangen bis ins Dorf vor, raubten und
+plünderten und die Bewohner mußten sich ihnen auf Gnade und Ungnade
+ergeben.
+
+Da kam ein großes Versprechen zu stande, das für ewige Zeiten ins
+Landrecht aufgenommen wurde. Die von St. Peter sollen die heligen Wasser
+an den Weißen Brettern vorüberführen und sie vom Gletscher an bis zum
+Bildhaus bei Tremis unterhalten, wie es das gemeinsame Wohl forderte,
+dafür sollen sie ungehindert aus dem Thale verkehren können und ihre
+Weinberge zurückerhalten, die vorderen Dörfer aber sollen die Leitung
+von der Brücke an besorgen und Friede immerdar währen.
+
+Jetzt wußten die von St. Peter, daß ihnen nichts anderes übrig blieb,
+als die heligen Wasser, sollte es auch alle Bürger kosten, an den Weißen
+Brettern vorüberzuleiten. Sie bestimmten, daß das Los unter ihnen
+entscheide, wer von ihnen die großen Eisenringe, in die man die Kännel
+hängen wollte, hoch an den gräßlichen Felsen befestigen müsse. Des
+Losens war kein Ende, einer nach dem andern stieg hinauf, schon waren
+sieben gefallen, das Wehklagen des Dorfes füllte das Thal, und viele,
+die das Los noch verschont hatte, wanderten heimlich mit ihren
+Haushaltungen über die Schneeberge aus. Da war ein Ehrloser, Matthys Jul
+mit Namen, der zu Hospel an einer Kette im Gefängnis lag, weil er einen
+andern Mann im Zorn erschlagen hatte. Er anerbot sich, die Leitung
+herzustellen, wenn er dadurch seine Freiheit und Ehre wiedererlange. Man
+führte ihn an die Weißen Bretter und siehe da -- ihm gelang es, die
+Reifen festzumachen und die Kännel zu legen. Die Merkhämmer klopften,
+das Wasser floß nach langem Unterbruch wieder fröhlich durchs Thal; da
+wurde beschworen, daß jede Blutschuld gesühnt sei, wenn der Thäter die
+heligen Wasser an den Weißen Brettern aus dem Verderben rette.
+
+Alle zweimal sieben Jahre, bald ein paar Sommer früher, bald ein paar
+Sommer später, saust die Wildleutlaue über die Weißen Bretter herunter
+und zerstört die Wasserfuhre, immer muß dann ein Mann auf Leben und
+Sterben an die Felsen emporsteigen, daß er die Kännel wieder füge, und
+geheimnisvoll waltet, wenn sich kein Freiwilliger meldet, darüber das
+Los.
+
+Als vielhundertjährige, durch Brauch und Sitte, ja sogar durch die
+kirchlichen Anschauungen geweihte unablösbare Fron liegt die
+Instandhaltung der heligen Wasser auf dem Dorf, der milde Segenspender
+von Hospel ist der Drache von St. Peter, der die blühende Mannschaft des
+Dorfes verschlingt. Dunkle Sagen melden von manchem Opfer, das
+unfreiwillig an die Weißen Bretter emporgezwungen worden ist; mit den
+Ueberlieferungen, die von den Unglücksfällen berichteten, welche an den
+schrecklichen Wänden geschehen sind, könnte man ein Buch füllen.
+
+Auf einer der vielen Gedenktafeln im grauen Kirchlein an der Brücke, das
+einst den fröhlichen Bergknappen als Gotteshaus diente, sagt eine
+Inschrift, die auch schon halb verblaßt ist, kurz und schwer: »Welche
+Trauer! Der Totfäll' ist kein End'!«
+
+Sollen die Opfer überhaupt nie enden? -- Die Sage tröstete, einst würde
+ein Liebespaar St. Peter von der Blutfron an den heligen Wassern
+erlösen, aber eine Jungfrau müsse darüber sterben. Wann? -- Ja, wohl
+erst, wenn sich die andere Sage erfüllte, daß auf den Bergen, auf denen
+jetzt die großen Gletscher liegen, Rosengärten blühen, der kreisende
+Adler sich des fallenden Zickleins erbarmt und es der Mutter bringt.
+
+Heute ist Wassertröstung -- Losgemeinde. Nur scheu und verstohlen wagt
+sich die Frage, die auf allen Herzen brennt, hervor: Wer wird an die
+Weißen Bretter steigen müssen? -- Das Los -- das blinde Los, wen
+trifft's? -- Sie liegt wie ein Alpdruck auf den Gemütern, denn keiner
+weiß, ob nicht er aus der alten silbergetriebenen Urne des Dorfes, die
+noch an die Bergwerksherrlichkeit erinnert, sich die Verdammnis ziehen
+wird, als Bürger von St. Peter den Gang auf Leben und Sterben zu wagen.
+Er -- oder wenn nicht er, sein Vater, sein Sohn oder sein Bruder. Auf
+jedem Herzen liegt die Furcht und gräßliche Spannung. Da ist kein
+Unterschied zwischen arm und reich, wer zwischen zwanzig und sechzig
+Jahren und im Besitze der bürgerlichen Ehren steht, der muß dem Rufe
+folgen, wenn er aus der Losurne an ihn ergeht.
+
+Auf die erste Nachmittagsstunde, nachdem die heligen Wasser gebrochen
+waren, sollten die Bürger zur Losgemeinde einberufen werden. So
+forderten es die alten Satzungen. Vom Fall der Lawine an bis zur Loswahl
+standen in St. Peter alle Rechtshandlungen, die sich nicht auf die
+heligen Wasser bezogen, Kauf, Verkauf, Taufe, Hochzeit und Begräbnis
+still. Beim Ehrenverlust durfte niemand das Thal verlassen, alle hatten
+dem Klang der Glocken zu folgen, die vom Mittag an eine Stunde lang zur
+Wassertröstung läuteten. Die Satzungen drängten auf rasches Handeln, und
+das war gewiß besser als die lange Ungewißheit; um so furchtbarer aber
+lasteten die kurzen Morgenstunden auf dem Dorfe, denn noch war die
+Abmachung zwischen dem Presi und Seppi Blatter nur wenigen bekannt, und
+die schwiegen.
+
+Die einen, die im Bären saßen, stierten trübsinnig in das Glas und der
+Wein mundete ihnen nicht, die anderen tranken und johlten dazu.
+
+St. Peter, das stille Dorf, wo die Leute kaum zu lachen und zu reden
+wagten, war heute laut und lebendig, der Hälfte der Bewohner hatte die
+Furcht und Spannung die Zunge gelöst.
+
+»Hört! -- hört!« Alle drängten sich um den Tisch, wo der bocksbärtige
+Bälzi beim Schnaps hockte und prahlerisch wiederholte: »Ich weiß, was
+ich weiß -- es kommt nicht zum Losen. Es meldet sich einer.« Allein er
+blieb bei dunklen Andeutungen -- enttäuscht wandten sich die anderen von
+ihm ab: »Er ist ein unzuverlässiger Lump. Gebt nichts auf den!«
+
+Doch hatte sich's schon einigemal zugetragen, daß sich unverhofft und in
+den bittersten Nöten ein Freiwilliger für die gefahrvolle Arbeit
+meldete. Im Anfang des Jahrhunderts ein armer, braver Knecht, der
+umsonst beim harten Vater um die Hand der Meisterstochter gebeten hatte.
+Er legte die Kännel, und die Gemeinde trat für ihn als Freiwerber ein.
+Im Jahre 1819 fiel ein Freiwilliger, der geglaubt hatte, seinem toten
+Vater, der wandeln mußte, die Ruhe zu verschaffen. Und nachdem zweimal
+das Los gewählt, hatte sich vor vierzehn Jahren Hans Zuensteinen
+freiwillig als Helfer gestellt; sein Gang war die Lösung eines Gelübdes,
+das er für die glückliche Errettung seines Weibes aus dreitägigen Nöten
+bei der Geburt Eusebis gethan hatte.
+
+Darauf hatte man ihm das Ehrenamt des Garden verliehen, das er
+musterhaft verwaltete.
+
+Wunderbar wäre also nicht, wenn auch jetzt wieder einer, von den
+geheimen Mächten des Lebens getrieben, aufstehen und den Bann von der
+Gemeinde nehmen würde.
+
+Susi, die alte Trottel von Haushälterin, und Mägde aus dem Dorf
+besorgten die Wirtschaft, der Presi ließ sich seit einer halben Stunde
+nicht blicken, aber wenn die Gäste gehorcht hätten, so hätten sie seine
+schweren Schritte durch die Decke über sich gehört.
+
+»Gott's Maria und Sankt Peter -- Räusche haben wir alle gehabt.« --
+Jetzt stand er im Selbstgespräch still und stützte sich auf den Tisch.
+»Ich muß hinter sich machen.« Er nahm ein beschriebenes Blatt Papier, er
+that, als wolle er es zerreißen. Er legte es aber wieder hin. »Was
+angefangen ist, muß man vollenden.« Er lief und wiederholte: »Dumm« --
+»dumm« -- »dumm.«
+
+Der Mann kämpfte gegen sich selbst, daß ihm die hellen Schweißtropfen
+auf der Stirne standen. Er hatte nichts Großes gegen Seppi Blatter; der
+war ein geplagter Mann, der mit seinem Fleiß ein besseres Fortkommen
+verdient hätte, und der Verkauf des Rindes war nicht von Wichtigkeit.
+Man durfte als Presi nicht kleinlich sein. Der ganze Handel war ein
+Streich des Uebermutes gewesen, in seiner Anheiterung hatte er, gereizt
+von Seppis Widerstand, prüfen wollen, ob er ihn nicht doch herumbringe.
+Ja, wenn die Sache zwischen ihm und Seppi geblieben wäre, dann hätte er
+schon rückwärts krebsen können, aber der Bäliälpler wußte davon, Bälzi
+-- und der Garde. Ohne den offenen oder heimlichen Spott dieser
+herauszufordern, ging's nicht ab. Nun -- und ob! Wieder griff er nach
+dem Papier.
+
+Da klopfte es. Der krummmäulige, bogennasige Bäliälpler, der vorher ein
+rechter Mann gewesen war, aber seit dem Tod seiner zwei schönen Kinder
+den Halt verloren hatte, trat ein. Er zog den Hut: »Presi, mich drückt's
+-- in die Geschichte will ich nicht gesponnen sein. Ich habe nichts
+gesehen und nichts gehört. Ich habe einen Rausch gehabt.«
+
+»Das war doch nur ein zu weit getriebener Scherz!« erwiderte der Presi
+heiter; »natürlich kann Seppi nicht behaftet werden, wir müssen halt
+losen!«
+
+Er hatte sich im Augenblick entschieden, der Bäliälpler schien ihm wie
+ein Helfer der Vernunft und er begleitete ihn wie aus Dankbarkeit zur
+Thüre. Da hörte er Binias glockenhelle Stimme:
+
+»Nein, nein, alte Susi, zu Fränzi lasse ich mich nicht schicken, Seppi
+Blatter ist ein wüster Mann, der hat mir 'Schlechthundekind' zugerufen
+und mich fortgejagt.«
+
+Der Presi traute seinen Sinnen nicht -- horchte -- schnob: »Binia,
+daher!« und zog das Kind, das, nichts Gutes ahnend, flüchten wollte, in
+sein Zimmer.
+
+»Wie hat dich Seppi Blatter genannt?« -- Die Kleine schwieg. Da rüttelte
+er sie zornrot und wiederholte keuchend die Frage.
+
+»Schlechthundekind,« weinte die Kleine leis.
+
+»Schlechthundekind! Schlechthundekind! Schlechthundekind! Seppi, du mußt
+ans Brett!«
+
+Wie ein wildes Tier lief der Presi hin und her, er stampfte, daß man es
+in der Stube unten hörte. Binia erspähte die Gelegenheit, um aus dem
+Zimmer zu wischen, wagte sich aber nicht an dem tobenden Manne vorbei,
+kletterte die kleine Ofentreppe empor, und als der Falldeckel, der auf
+den Estrich führte, wohl weil er durch Gerümpel verstellt war, dem Druck
+ihrer kleinen Hände nicht nachgab, verkroch sie sich in ihrer Angst auf
+den Specksteinofen.
+
+Da pochte es.
+
+»Herein! -- Ihr, Fränzi Blatter? Was wollt Ihr?«
+
+Der wilde Mann meisterte seinen Zorn -- er schob ihr einen Stuhl hin.
+
+Fränzi war eine arme Wildheuerin, aber die Bauern, die ihresgleichen
+nicht aus dem Wege gingen, wurden kleinmütig vor ihr. Schon ihre
+Erzählkunst, die sie an langen Winterabenden im Kreise der Dörfer übte,
+gaben ihr etwas Geheimnisvolles, man betrachtete sie wie eine, die mehr
+erlebt hat, mehr weiß, mehr denkt, mehr fühlt als die andern. Ob sie
+gleich die Spuren schwerer Arbeit an sich trug, so war sie doch ein
+Weib, dem der Wiederschein dessen, was sie reich in der Seele lebte, in
+Augen und Angesicht lag und einen eigenartigen Reiz verlieh. Und vor
+allem war sie eine rechtschaffene Frau.
+
+Der Presi und sie maßen sich einen Augenblick, sie den Gegner in
+Bescheidenheit und tiefer Trauer.
+
+»Gebt mir das gemeine Papier zurück, Presi!« sagte sie, indem sie ihn
+mit ihren großen blauen Augen ruhig, fast freundlich anblickte.
+
+»Geschrieben ist geschrieben, Fränzi!« In barschem und bedauerndem Ton
+sprach es der Presi.
+
+»Ihr besteht auf einer erschlichenen Unterschrift -- -- du bestehst
+darauf, Peter!«
+
+Der Presi zuckte zusammen und krümmte sich, als sie ihn duzte, sein
+Gesicht wurde fahl. Eine Welt voll schöner und peinigender Erinnerungen
+stand in ihm auf.
+
+»Peter! Es sind sechzehn Jahr', da hast du in der Nacht an mein
+Fensterchen gepocht. Du hast in meinem Kämmerchen geweint und auf den
+Knieen gefleht: 'Fränzi, erhöre mich, ich bin verloren, wenn du mich
+nicht rettest, ich bin im Streit vom Vater gegangen, ich habe keinen
+guten Menschen als dich!' Wir verlobten uns heimlich und sechs Wochen
+warst du mir gut. Dann söhntest du dich mit dem Vater aus und nahmst auf
+sein Drängen Beth. Du warst treulos gegen mich, treuloser gegen sie,
+denn du hast sie nicht geliebt.«
+
+»Wozu das, Fränzi?« sagte der Presi dumpf und hilflos vor der Würde des
+Weibes, das vor ihm saß.
+
+»Weil ich meinte, ich habe mit dem unendlichen Leid, das du mir damals
+zufügtest, das Recht erworben, daß du meinen Mann und mein Haus in
+Ehren haltest und ihnen unnötig nichts Leides anthuest.«
+
+Der Presi schluckte: »Ihr Frauen versteht nichts von dem -- und Fränzi
+-- ich muß mein Geld und die Gemeinde einen Mann haben. Keiner ist wie
+Seppi für das Werk geeignet. Es geschieht ihm auch nichts dabei!«
+
+»Ich will dir sagen, warum Seppi gehen muß. Du hast es ihm nie
+verziehen, daß er mein Mann geworden ist. Du wolltest mich, das arme
+Mädchen, nicht mehr für dich, aber du gönntest mich auch keinem anderen.
+Wie David den Urias in den Krieg geschickt hat, schickst du Seppi an die
+Weißen Bretter -- nicht daß du mich, das schon fast alte Weib, mehr
+möchtest, aber du hassest ihn!«
+
+So sprach Fränzi mit ihrer tiefen und schönen Stimme.
+
+Der Presi zitterte und mußte sich halten. Zog ihm Fränzi Schleier von
+den Augen? -- Ja! Vorgestern, wie er als Frischverlobter von Hospel
+gegangen war, da war auf dem langen Weg die alte Zeit an ihm
+vorübergezogen. Beth hatte er nicht geliebt, in Frau Cresenz war er auch
+nicht recht verliebt, er nahm sie, weil sie eine tüchtige Wirtin war,
+die sechs heimlichen Wochen mit Fränzi waren sein einziges sonniges,
+großes Liebesglück gewesen. Er, Tölpel, hatte das jahrzehntelange Glück,
+das vor ihm lag, verscherzt. Und dann hatte der Wildheuersepp, was er
+selbst verloren, gefunden. Aus diesem Gefühl war er Seppi aufsässig
+gewesen. -- Seit Fränzi gesprochen, wußte er es.
+
+»Gieb mir den Vertrag, Peter!« sagte Fränzi gütig.
+
+Er reckte sich, zauderte, dann donnerte er: »Ich lasse mein Kind von
+euch nicht Schlechthundekind nennen!«
+
+Fränzi fuhr zusammen: »Peter, vergieb Seppi, er hat in seiner Qual nicht
+gewußt, was er sagte!«
+
+Sie war aufgestanden, sie hatte seine Hände ergriffen, sie sank vor ihm
+in die Kniee, umklammerte seine Fäuste: »Peter, Peter, sei barmherzig!«
+
+Seltsam! -- In ihrer wilden Erschütterung gefiel ihm Fränzi wieder -- er
+mißtraute aber der Empfindung -- er fürchtete eine Uebereilung -- darum
+war er hart gegen sie. Er schleuderte sie röchelnd von sich: »Das
+Greinen und Betteln kann ich schon gar nicht leiden. -- -- Und das
+'Schlechthundekind' muß gestraft sein!«
+
+Als er sie von sich stieß, löste sich Fränzis prächtiges dunkles Haar,
+mit fliegender Brust stand sie einige Schritte entfernt vor ihm; die
+Leidenschaft hatte sie um zehn Jahre verjüngt, aber ihre Stimme
+zitterte.
+
+»Wenn nicht um meinet- und meiner Kinder willen, so sei's um deinet- und
+Binias willen -- sei barmherzig gegen dich selbst -- und gegen dein
+Kind!«
+
+Der Presi blickte das leidenschaftliche Weib begehrerisch an, wüste Züge
+entstellten sein Gesicht und gaben ihm einen tierischen Ausdruck; die
+Augen traten hervor und funkelten. Mit erstickter Stimme sagte er:
+»Fränzi -- ich will alles wieder gut machen, Fränzi -- -- aber gieb mir
+einen Kuß -- wie einst!«
+
+Sie starrte ihn verständnislos an; dann fragte sie allen Ernstes: »Bist
+du wahnsinnig geworden, Peter, -- ich habe ja einen Mann und Kinder!«
+
+»Dann geh'!« knirschte er.
+
+»Ich gehe, aber noch einmal: mache das Böse gut -- sonst -- Peter -- bei
+der seligen Beth -- die vom Himmel auf dich sieht -- bei den armen
+Seelen, die im Eise stehen -- es kommt ein Schaden über dein Kind -- und
+Beth -- das weißt du -- hat auf dem Totbett gesagt, ich möchte dich
+mahnen, wenn Unglück für Binia im Verzuge sei. Peter, Peter, richte dich
+nicht selbst!«
+
+»Seit wann bist du unter die Bußpfaffen gegangen, Fränzi?« Und mit
+steigender, kreischender Stimme schrie er: »Jetzt mache, daß du
+fortkommst, sonst --«
+
+Er hob den Stuhl zum Schlage gegen Fränzi.
+
+Da wich sie der Gewalt des Wütenden.
+
+In der Aufregung des Gesprächs hatten die beiden nicht bemerkt, wie zwei
+dunkle, glühende Kinderaugen, wie ein blasses, schmerzentstelltes
+Kindergesicht in fiebernder Spannung zwischen den Vorhängen des Ofens
+hervor jedem ihrer Worte gefolgt waren.
+
+Als Fränzi gegangen war, sank der Presi auf einen Stuhl, hielt den Kopf
+mit der Hand und stöhnte: »Daß ich nie gelernt habe, rückwärts zu
+krebsen -- daß ich diesen harten Kopf nicht brechen kann. Fränzi, du
+hast mehr als recht, -- mit sehenden Augen renne ich ins Unglück.« --
+Seine Lippen zuckten im Selbstgespräch.
+
+Da kam Susi: »Presi, die Gemeinderäte sind da -- es ist alles für die
+Sitzung bereit.«
+
+Er warf einen Blick ins Freie.
+
+Rings von den Bergen herab stiegen die Sennen auf ihren Maultieren, sie
+trugen das sonntägliche Gewand, viele waren von ihren Angehörigen
+begleitet, die ebenfalls ritten, so daß jede Familie eine schöne Gruppe
+bildete. Aber zur vollen Wirkung des Bildes fehlte die Farbenpracht der
+Trachten, die an weltlich festlichen Tagen dem Glotterthaler Völklein
+eigen ist. Man sah nur das schlichte Kirchenkleid, die Männer trugen
+die dunklen Kittel ohne den Schmuck der Seidenstickereien, den schwarzen
+Filz ohne Blumen, die Frauen hatten über die Büste dunkle Brusttücher
+gekreuzt und an den Hüten flatterten die Bänder in gedämpften Farben.
+Manche drehten im Reiten den Rosenkranz, kein Juchschrei tönte durch die
+Berge; von weitem sah man, daß die Leute nicht lachen mochten und das
+Wort im Herzen verschlossen. Wozu reden? Jeder und jede wußte, was die
+Gedanken des anderen bewegte; wer einmal im Scherz gesagt hatte, er
+würde den Gang an die Weißen Bretter wagen, trug heute ein doppelt
+bekümmertes Sündergesicht zur Schau. In feierlicher Ruhe strömte das
+Volk von allen Seiten ins Dorf und an den Häusern standen einzelne
+Maultiere angebunden, besonders viele an der langen Stange vor dem
+Bären.
+
+Im letzten Augenblick sah der Presi den Garden mit Seppi Blatter kommen,
+beide waren sehr ernst und feierlich. Der Garde schien größer als sonst,
+er trug seine Amtstracht, einen Hut mit wallenden blauschillernden
+Hahnenfedern, das Schwert am Gurt, die Binde am Arm.
+
+Da ging der Presi, mit sich selbst noch in Streit, wie er das Zünglein
+der Wage schwenken wolle, aus seiner Stube in die schwere Sitzung.
+
+Früh am Morgen war der Garde in die Wohnung Seppi Blatters gekommen und
+hatte ihn in all seinem Kleinmut gefunden. »Begleitet mich zur Schau,
+wie die Lawine gegangen ist, und ob nicht noch Nachbrüche zu fürchten
+sind,« redete er ihm zu. Seppi that es wohl, daß sich in dieser Stunde
+jemand um ihn kümmerte. Der Garde drang auf dem Weg in den Wildheuer,
+daß er erzähle, wie der Vertrag mit dem Presi zu stande gekommen sei.
+Als er den Verlauf gehört hatte, zog er ein paar Banknoten aus der
+Brieftasche: »Da, Seppi, noch vor der Losgemeinde gehst du zum Presi und
+tilgst den Brief. Ich werde dir kein harter Gläubiger sein. Wenn er
+Haken macht, bin ich da! Die Geschichte ist nichts!«
+
+Seppi, der gemeint hatte, kein Mensch auf der Welt sei ihm mehr gut,
+glaubte an ein Wunder. Alle Zerschlagenheit, die er zu Hause am Leib
+gespürt, war in Lebenslust verwandelt. Schon das Kommen des Garden hatte
+ihn aufgerichtet, das Angebot stimmte ihn fröhlich. »Darf ich es auch
+annehmen?« fragte er glückselig, dann jubelte es in ihm: »Frei -- frei!«
+Seine Zunge war gelöst, der sonst stille Mann sprudelte die Worte nur so
+heraus: »O, Garde, glaubt nicht, daß es mir an Mut fehlt, an die Weißen
+Bretter zu steigen, ich bin ja als Wildheuer häufig genug am Seil
+gehangen und weiß wohl, daß mein Leben Tag um Tag an einem Faden hängt,
+aber ich habe es nicht verwinden können, daß ich auf eine so mißliche
+Art in die Pflicht gekommen bin, grad wie die Maus in die Falle -- und
+ich habe es der Fränzi nicht sagen dürfen -- gekrümmt und geklemmt hat
+es mich -- sie ist ein so himmelgutes Weib.«
+
+Die Männer waren auf die Unglücksstelle gekommen, mit dem Fernrohr
+musterte der Garde die Zerstörungen an der Leitung, die Abbruchstelle
+des Gletschers, und wohl eine Stunde lang tauschten die beiden ihre
+Beobachtungen. »Es ist wie vor vierzehn Jahren, die Kännel sind alle
+weg, ein weiterer Abbruch aber nicht zu fürchten.« Der Garde begann
+behaglich aus seinen großen Erinnerungen zu erzählen, was jede Stelle
+an den Weißen Brettern und in den Wildleutfurren für besondere
+Schwierigkeiten habe und mit welchen Vorteilen man sie am besten
+überwinde. Da wurde Seppi ganz still, sein braunes Gesicht rot und
+röter. »Garde!« schrie er plötzlich, als sprengte es ihm die Brust, »ich
+steige an die Weißen Bretter. Freiwillig gehe ich.«
+
+Der Garde maß ihn lange mit durchdringendem Blick; dann sagte er langsam
+und tief: »Gut, so geht! Ihr sagt's im Anblick der Gefahr, also ist's
+Euch ernst.«
+
+»Weiß Gott!« bestätigte Seppi. Der Garde reichte ihm die Hand: »Fränzis
+und Eurer Kinder wegen sollte ich Euch zurückhalten, aber die Fron liegt
+einmal auf der Gemeinde, und da hat der Presi recht, es ist keiner, der
+das Werk eher zu stande brächte als Ihr; Gott, der es Euch eingegeben
+hat, hinaufzusteigen, wird Euch schützen. Es liegt ein Segen auf der
+freiwilligen That -- ich habe es erfahren.«
+
+Stumm gingen die Männer ins Dorf zurück, der Garde sagte: »Jetzt laßt
+mich mit der Fränzi sprechen, wartet.«
+
+Sie war eben vom Presi zurückgekehrt, schweigend und mit gefalteten
+Händen hörte sie die Rede des Garden.
+
+In herzzerbrechendem Ton sagte sie: »Wohl, wenn ihn Gott berufen hat, so
+darf ich ihm nicht in den Arm fallen. Es wird schon ein Glück darauf
+sein!«
+
+Der Garde erwiderte bewegt: »Ich danke Euch, Fränzi, -- ich bin amtsmüde
+-- ich lege heute die Stelle im Gemeinderat nieder, -- Seppi Blatter mag
+der neue Garde werden.«
+
+»O, Garde!«
+
+Aber Hans Zuensteinen war schon gegangen. -- --
+
+Die Glocken erklangen, das Volk sammelte sich auf dem Kirchhof, der im
+Nelkenschmuck rot erglüht war.
+
+Die Männer hatten die Hüte gezogen und standen in Gruppen, einzelne auch
+mit Weib und Kind an den Gräbern Eigener, über welchen die Blumen
+wogten. Wie war allen wohl, die im heiligen Boden ruhten. Aber auch in
+ihr Leben hatte die Wildleutlawine die bangen Tage gebracht. War eine
+Familie im Dorf, die in der Folge der Geschlechter nie ein Opfer der
+heligen Wasser zu beweinen gehabt? -- Kaum eine!
+
+Endlich verstummten die Glocken, die Männer nahmen Abschied von den
+Ihrigen -- Seppi, der soeben gekommen war, sprach mit Fränzi und den
+Kindern -- und wären die anderen nicht ganz im eigenen Kummer gefangen
+gewesen, so hätte ihnen die fahle, schmerzzerrissene Gruppe schon die
+Lösung eines Geheimnisses gebracht.
+
+So blieben die Dörfler alle in dunkler Furcht und gräßlicher Spannung.
+Nur Bälzi, der wein- und schnapsselig unter seinen bleichen Würmern
+stand, hatte das Bild gesehen und lachte blöd.
+
+Vom Bären herüber bewegte sich der Zug des Gemeinderates, vor ihm her
+trug der Weibel, der angedöselt war, so daß der Zweispitz auf seinem
+Kopfe schwankte, die silberne Losurne.
+
+Hinter dem kleinen Zug schloß sich die Kirchenthüre.
+
+Da warfen sich die Frauen und Kinder auf die Kniee, ins blühende Gras;
+das Gesicht gegen die Kirche gewendet, sandten sie die
+leidenschaftlichen Fürbitten für die Ihrigen zum Himmel, ihr heißes
+Murmeln schwoll wie Windesrauschen an und ab. Manche weinten, dicht an
+die Mütter drängten sich die Kinder, die noch kaum wußten, was ihre
+lallenden Gebete sollten.
+
+Fränzi, Vroni und Josi lagen mitten unter den anderen auf den Knieen und
+ihre Thränen strömten reichlich. Nahe bei ihnen kniete Eusebi, das
+flammende Beten der drei bewegte ihn so, daß er seine Stotterzunge
+vergaß und mit Vroni im Gleichtakt seine Bitten in den Himmel
+hinaufschickte.
+
+Am weißen Kirchturme, der eine etwas plumpe Nachahmung eines
+italienischen Campanile war, schlich der Uhrzeiger mit tödlicher
+Langsamkeit, so langsam, daß einmal eine Stimme schrie: »Die Uhr geht
+nicht!« -- Aber sie ging. »Erst eine halbe Stunde tagen sie!« jammerten
+die Weiber.
+
+Plötzlich schrie die Frau des Fenkenälplers auf: »Ich halt's nicht mehr
+aus,« sie sprang an die Kirchenthüre, sie rüttelte am Schloß, sie schlug
+wie besessen die Fäuste auf die Füllung der Thüre. Umsonst, die Männer
+hatten sich eingesperrt.
+
+Noch eine halbe Stunde! -- Drei Weiber zugleich poltern an die Thür des
+Gotteshauses, ein anderes liegt ohnmächtig in den Nelken, die Gebete
+rauschen nicht mehr, sie rasen zum Himmel.
+
+Da knarrt das Schloß -- der Weibel tritt hervor. -- Tödliche Stille --
+»Seppi Blatter hat sich freiwillig gestellt!« -- Lautes Weinen bildet
+die Auslösung der Spannung.
+
+Aus der Kirche ergießt sich die dunkle Schar der Männer. Die Weiber
+stürzen schreiend auf sie zu und umhalsen sie: »Jetzt wollen wir wieder
+friedlich zusammen leben und arbeiten! -- nie wollen wir zanken!« Und
+der Bäliälpler und sein Weib, die einander nicht mehr leiden mochten,
+versöhnen sich.
+
+Bälzi schreit: »Es lebe Seppi Blatter, der neue Garde!« und schwenkt den
+Hut.
+
+Jetzt kommt Seppi Blatter selber, totenblaß, doch hoch aufgerichtet.
+
+»Vater!« -- ruft Josi und hält ihn umschlungen, »ein Held will ich sein
+wie du -- ich gehe mit dir.«
+
+»Du bleibst bei der Mutter!« sagt Seppi bewegt. Fränzi ist an seine
+Brust gesunken, sie schluchzt, als drehe sich ihr das Herz in der Brust.
+
+»Du himmelgutes Weib!« Er küßt ihr dunkles schwellendes Haar. »Kommt --
+kommt!«
+
+Dicht aneinandergedrängt bewegt sich das Vierblatt von Eltern und
+Kindern am Bären vorbei.
+
+Die Leute ziehen vor ihm ehrfürchtig die Hüte. Auf der Freitreppe steht
+der Presi. Wie er Seppi Blatter sieht, schwankt er ins Haus. Ihm ist
+nicht gut. Die Ueberraschung, daß das Aeckerchen bezahlt worden ist und
+Seppi Blatter freiwillig an die Bretter steigt, hat ihm einen großen
+Stoß gegeben.
+
+Jetzt wallt das Volk in den Bären. Dem Schrecken darf ein Trunk im
+stillen folgen. Laut sein ist nicht schicklich, aber in gedämpftem
+Gespräch stoßen die Dörfler mit den Gläsern an:
+
+»Auf Seppi Blatter, den Freiwilligen, mögen ihm Gott und die Heiligen
+fröhliche Wiederkehr schenken!«
+
+
+
+
+IV.
+
+
+Gegen Abend kam Hans Zuensteinen feierlich in die Wohnung Seppi
+Blatters. In stummer Fassung saß die Haushaltung da, Frau Fränzi wie ein
+Marterbild, Vroni mit den Thränen kämpfend, Josi voll Neugier und
+freudiger Zuversicht.
+
+»Seppi Blatter,« sagte der Garde, »es ist alles geordnet, die bestellte
+Mannschaft mit den Reifen und den Känneln nach dem Glottergrat
+unterwegs. Sie übernachten in der oberen Balm[15], die Führung der
+Posten übernehme ich selbst, wie's in meiner Pflicht liegt, und was von
+uns aus zu Euerm Dienste gethan werden kann, wird treulich und
+gewissenhaft besorgt. Und so Gott und die Heiligen wollen, Seppi
+Blatter, daß Ihr gesund zurückkommt, so gehen also der Gardenhut,
+Schwert und Binde in Eure Hand. Es sind Ehrenzeichen, die ich nicht
+jedem abtreten würde. Euch aber schon und gern. Vierzehn Jahre war ich
+auf dem Posten, fast zu lange, und ich habe Arbeit genug auf Acker und
+Maiensäße und im Weinberg.«
+
+ [15] _Balm_ bedeutet eine Stelle, wo der Felsen des Gebirgs überhängt.
+
+Seppi Blatter errötete. Als Garde war er und sein Haushalt jeder Not
+überhoben, aber bescheiden sagte er: »Ich werde das Amt wohl nicht
+versehen können, ich habe schon die Hände, aber nicht den Kopf dafür.«
+
+»Der findet sich schon, wenn Ihr einmal dabei seid -- im übrigen ist's
+im Gemeinderat gut gegangen. Es wäre ungeschickt gewesen, wenn der
+Vertrag der Losgemeinde hätte vorgelegt werden müssen. So sieht es
+besser aus, auch für Euch, noch mehr für den Presi und dient dem
+allgemeinen Frieden. Der Presi hat sich mit Euch einfach verrannt, aber,
+wie er ist, wenn die vorderen Räder des Wagens in den Kot gefahren sind,
+so hat er die Gnade nicht, 'Hüst' zu rufen. Nein, wenn die heilige
+Jungfrau mit der ewigen Seligkeit auf dem Wagen säße, die Hinterräder
+müssen auch hinein. Aber gewohlt hat's ihm, wie ein anderer an die
+Deichsel gestanden ist und kehrt gemacht hat.«
+
+»Ihr, Garde!«
+
+»Mich haben die hundertachtzig Franken nicht gereut. Nur eins. Ueber
+diese Vertragsgeschichte muß Gras wachsen. Es ist wegen des Presi. Wenn
+sie bekannt würde, so wäre sie ein Fleck auf seiner Ehre. Ihr werdet,
+wenn Ihr einmal als Garde mit ihm zu verkehren habt, sehen, daß er gar
+nicht so ungrad, nicht so hart ist, wie er scheint, obgleich ihn von
+Zeit zu Zeit der Teufel reitet und dann nichts mit ihm anzufangen ist.«
+
+Der Garde stand auf: »Also um ein Uhr.«
+
+Als Seppi und Fränzi Blatter ihm das Geleit unter die Hausthüre gaben,
+blies der Senn auf der Fenkenalp durch seinen Milchtrichter den
+Heligen-Wasser-Segen:
+
+ »Die heligen Wasser behüte uns, Gott,
+ Behütet sie, ihr lieben Heiligen!
+ Sankt Peter nimm den Schlüssel zur Hand,
+ Thu' auf dem Seppi Blatter die Wand,
+ Führ' den Seppi auf dem bösen Weg,
+ Schließ' seinen Fuß fest an den Steg,
+ Du hast den Schlüssel und Gottes Gewalt,
+ Sorg', daß der Seppi Blatter nit fallt!
+ Die heligen Wasser behüte uns Gott,
+ Und ihr liebe Heilige alle!«
+
+Das klang und wogte durch die geröteten Berge, die den Wiederhall
+zurückwarfen, als sängen Himmel und Erde. Und Fränzi umarmte ihren Mann.
+
+Rückblickend sagte der Garde, der schon einige Schritte gegangen: »Wenn
+Ihr ein paar Stunden schlafen könnt, Blatter, so thut es!«
+
+Und als er den anderen aus Hörweite gegangen war, knurrte er: »Das
+Wetter ist entsetzlich schön, kein Wölkchen am Himmel.« -- --
+
+Mitternacht! Das Glöckchen von St. Peter läutet. Jetzt wissen die
+Bewohner, die vom Schrecken des Tages ausruhen, daß der Pfarrer und der
+Mesner mit den Sakramenten zu Seppi Blatter gehen. Nichts drängt die
+Gefahr, die an den Weißen Brettern lauert, so brennend vor die Augen,
+wie die Thatsache, daß selbst die allbarmherzige hoffnungsreiche Kirche
+den halb verloren giebt, der an die Felsen steigt.
+
+Sie reicht ihm ihre Tröstungen.
+
+Der Priester spricht zu Seppi Blatter: »Du hast gebeichtet und den Leib
+des Herrn gegessen. Du gehörst nicht mehr dieser Welt, lege ab die
+irdischen Gedanken und sinne auf deine Seligkeit. Giebt dich Gott in
+seiner grenzenlosen Güte der Erde zurück, so dank' es ihm ewiglich.«
+
+Da pocht es ans Fenster. Josi, der hinausblickt, sieht drei große gelbe
+Augen, die gegen das Haus leuchten, die Windlichter für den Marsch durch
+den dunklen Wald. Er sieht ein Trüppchen Männer.
+
+»Vater, ich will mit dir gehen!« fleht er.
+
+»Bist ein thörichter Bub[16].« Rauh sagt es Seppi Blatter. Josi weiß, es
+ist nicht böse gemeint, aber die Thränen treten ihm in die Augen.
+
+ [16] _Bube_, schweizerdeutsch, so viel wie Knabe ohne die
+ Nebenbedeutung des Verächtlichen, die das Wort im
+ Schriftdeutschen angenommen hat.
+
+Da pocht es zum zweitenmal scheu wie vorhin, als fehle denen draußen der
+Mut, stark zu klopfen.
+
+Lautes Weinen erhebt sich in der Stube -- unter der Thür erscheint der
+Garde, er zieht das dicke Nürnberger-Ei aus der Tasche. »Im Augenblick
+ist es eins!«
+
+Garde und Pfarrer ziehen sich zurück, die Haushaltung Blatter ist
+allein. Geduldig warten die Männer, da kommt vom Kirchturme herüber der
+schwere scharfe Einsschlag.
+
+Seppi Blatter tritt unter die Hausthüre: »Ich bin bereit!« Fest und
+mannhaft soll es klingen, aber es rasselt, daß es den Männern schier die
+Brust zerreißt. Die Windlichter verschwinden gegen den dunkeln,
+schauernden Alpenwald empor, sie sind nur noch winzige gelbe Punkte.
+
+Halberstickte Stimmen rufen in die Nacht: »Vater, behüt' dich Gott,
+Vater!« -- Und hoch aus dem Wald kommt noch einmal seine Stimme zurück.
+
+»Er jauchzt, er hat Mut!« versetzt Josi mitten in Thränen.
+
+»Fränzi! hat er geschrieen -- der Mutter hat er gerufen!« Vroni will's
+sagen, aber sie kann nicht sprechen vor Weh.
+
+Fränzi und die beiden Kinder sitzen in der Stube, gelähmt und stumm --
+sie weinen nicht mehr -- sie starren vor sich hin.
+
+Der alte Pfarrer hockt auf der Bank nebenan, den Mesner hat er
+fortgeschickt. Der flackernde Kienspan beleuchtet die Strähnen weißen
+Haares und die hundert feinen Fältchen seines bäuerlich ehrwürdigen
+Gesichts. Er kann Fränzi jetzt nicht verlassen, aber er schweigt. Wozu
+reden?
+
+Mit gesenkten Lidern, die mageren Hände ineinander gekrampft, sinnt er.
+Indem er die Menge schwerer Gänge überdenkt, die ihm die Pflicht in
+vierzig Jahren überbunden, geht sein eigenes Leben in traumhaften
+Bildern an ihm vorbei. Er hat gekämpft und gelitten. Als er im
+Uebereifer des unerfahrenen Vikars den fremden Naturforscher für einen
+Abgesandten des Teufels genommen hatte, da regnete es Hohn auf ihn und
+bitter erkannte er, daß man, um als Pfarrer durchzukommen, von der Welt
+ebenso viel wissen muß, wie vom Himmel und der Hölle. Aus der Stadt, wo
+der Gelehrte hauste, der ihn mit einer übertriebenen Schilderung der
+Ankunft in St. Peter der Lächerlichkeit preisgab, ließ er Bücher kommen.
+Er las sie und wurde irre am Glauben. In der Verzweiflung verbrannte er
+die Schriften, bei dem alten Amtsbruder in Hospel suchte er Hilfe,
+kehrte in den Glauben zurück und seit dreißig Jahren war er von inneren
+Anfechtungen frei. Er pflegte sein Amt, wie ihm von oben geboten war,
+nur mit einem Zusatz: dem Teufel- und Dämonenglauben, der ihn so
+genarrt, war er abhold, ebenso dem Aberglauben. Wo gab es dessen mehr
+als im Glotterthal? Er kränkte sich, daß seine Herde fast stärker als an
+die Heilswahrheiten der christlichen Religion an Vorstellungen
+festhielt, die heidnischen Ursprungs waren, so an der hartnäckigen
+Einbildung, daß die Abgestorbenen zur Sündenreinigung nicht ins
+Fegefeuer, sondern in den Schnee der Gletscher kommen, er ärgerte sich
+am Totenkult, der zu St. Peter in tiefer Heimlichkeit blühte, und an
+Johannes, dem falschen Kaplan, der, indem er sich an die Weiber hielt,
+das Dorf in einen immer tieferen Aberglauben stieß.
+
+Das war sein Schmerz noch in alten Tagen, wo er doch gelernt hatte,
+Leute und Leben zu nehmen, wie sie sind, und, wenn ihm etwas über die
+Leber kroch, sich zu seinem Bienenstand zurückzuziehen.
+
+Vroni war mit einer Thräne an der Wimper eingeschlafen, die Schrecken
+der gestrigen und heutigen Nacht forderten Auslösung.
+
+Josi weckte den Pfarrer aus seinem Brüten: »Es tagt, jetzt sind sie
+schon über dem Wald.«
+
+Der Pfarrer erwiderte: »Um sechs Uhr ist Heligen-Wasser-Prozession, wenn
+es euch recht ist, so gehe ich jetzt heim.«
+
+Da hob Fränzi das schmerzlich verträumte Haupt: »O geht nur. Ich will
+wachen, ihr aber, Kinder, müßt noch etwas ruhen!« Sie brachte die in
+einen bleiernen Schlummer gesunkene Vroni zur Ruhe.
+
+Sie aber wachte.
+
+Der Morgen war empfindlich kühl, der Himmel rein, die Felsen der Krone
+standen wie die Mauern eines Münsters, ihre Firnen funkelten wie
+frischgegossenes Silber, im Thal hing der Tau an Baum und Strauch. Ueber
+den Stutz herauf erklang das Glöcklein der Lieben Frau an der Brücke.
+
+Die Windungen des Stutzes hinab bewegt sich die Wallfahrt. Die alte
+Kirchenfahne, auf der St. Peter mit dem Schlüssel etwas ungeschickt
+hingemalt ist, knistert leise. Der Mesner führt sie. Die weißen kurzen
+Ueberhemden der paar Kreuzträger schimmern. Unter einem vom Alter
+gelblich angelaufenen Himmel, der sich mit dem stahlblauen Firmament
+nicht messen kann, und beim Zug über den Stutz hinunter manchmal
+bedenklich schief zu stehen kommt, schreitet der Pfarrer. Er trägt das
+Barett und ein langes Chorhemd, er schwingt den Rosenkranz und betet der
+Gemeinde mit lauter Stimme vor. Die vier Stangen des Thronhimmels werden
+vom Presi und drei Gemeinderäten gehalten, denn wenn jener schon ein
+verdächtiger Sohn der Kirche ist, erfüllt er aus Klugheit alles
+treulich, was sie nach Sitte und Brauch von ihm fordert. Hinter dem
+Thronhimmel trippelt die Jugend mit hellen Stimmen, unter ihr Josi,
+Vroni, Eusebi und die zierliche Binia, die mit ihren dunklen Augen
+verfahren in die Welt blickt, dann die Frauen und Männer.
+
+So geht die Wallfahrt immer, wenn ein Mann an die Weißen Bretter steigen
+muß.
+
+Wie die Teilnehmer die Felsen sehen können, spähen alle einen Augenblick
+dort hinauf, aber an den hellschimmernden Wänden ist noch nichts weiter
+zu entdecken, als daß die Kännel fehlen. Das Wasser der Glotter hat sich
+durch die schauerlichen Eistrümmer gefressen, die in der Schlucht
+liegen, und einzelne der niedergefegten Kännel ragen aus ihnen hervor.
+
+Die Prozession zieht am Schmelzwerk vorbei über die Brücke zur Kapelle
+und kniet vor ihr nieder, aber die Gebete rauschen nicht so heiß wie
+gestern um die Dorfkirche. Es handelt sich heute nicht um den eigenen
+Mann, sondern um Wildheuer Seppi Blatter. Gewiß ist die Fürbitte für ihn
+heilige Pflicht, aber bis sein Werk gethan ist, bis das Glöcklein
+aufhört zu bimmeln und zu mahnen, kann man den Himmel noch genug
+anrufen.
+
+Die Männer gehen oder schleichen sich hinweg und zurück gegen den Stutz,
+die Knaben folgen dem Beispiel, nach einiger Zeit besteht die Gruppe der
+Betenden vor der Kapelle nur noch aus einem Häufchen Weiber, die um
+Fränzi knieen, die Neugierigen aber sammeln sich im Teufelsgarten, oder
+etwas höher am Schmelzberg, und starren an die Weißen Bretter hinauf.
+
+Der Presi trägt eine rote Fahne, seitwärts von den Weißen Brettern
+schimmert auch eine solche, eine dritte vermag man auf der mittleren
+Spitze der Felsen zu erkennen.
+
+»Der Garde hält sie!« Josi, der, die Hände in den Hosensäcken geballt,
+unter den Männern steht, hat Zutrauen zu ihm.
+
+Sonst sieht man noch nichts. Da regt sich die oberste Fahne. Es schwebt
+etwas von oben die gräßlichen Felswände hinab, das wie ein Strohhalm
+aussieht, der an Bindfäden hängt. »Sie sind am Werk!« Strohhalm um
+Strohhalm senkt sich aus der Höhe, manchmal bleibt einer zu hoch,
+manchmal kommt einer zu tief. Der Presi schwingt je nachdem die Fahne,
+bald stark abwärts, bald fest aufwärts, und wenn sich die Halme
+verschoben haben, so schwenkt er die Fahne seitwärts. Oft entsteht
+Unordnung in den Halmen, dann schweben sie auf die Fahnenzeichen wieder
+aufwärts und kommen hübsch hinunter. Auf dem ersten Strohhalm bewegt
+sich ein kleines drolliges Wesen.
+
+»Das ist der Vater!« denkt Josi und freut sich, daß er solch einen Vater
+hat. Die Augen des Knaben sind flehentlich auf den Glottermüller, der
+das Gemeindefernrohr in den Händen hält, gerichtet.
+
+»Darfst einmal durchgucken!« quiekt der kahlköpfige Müller, der eine
+Stimme wie ein Weib hat, »schau nur, wenn ihr das Mehl schon lieber in
+Hospel holt als bei mir.«
+
+Jetzt hält es Josi! Durch das Glas scheinen die Bindfaden Seile, die
+Strohhalme Kännel, auf einem davon steht ein Mann. Man kann sein Gesicht
+nicht erkennen, aber man sieht jede Bewegung der Glieder, durch das Rohr
+scheint alles nah und man erkennt erst recht, was für fürchterliche
+Felsen die Weißen Bretter sind. Bis in alle Höhen keine Planke, nirgends
+eine Rinne, wo ein Büschel Gras hervorwachsen könnte. Senkrecht sind
+sie, kahl und nackt, entsetzlich glatt und hart. Nur in den
+Wildleutfurren ist weiches Gestein, da ragen wie von Geistern gesetzt
+die Klippen und Türme des harten Felsens, während der weichere Stein im
+Laufe der Jahrhunderte abgewittert ist.
+
+Das alles sieht Josi mit klugem Auge, aber nun strecken sich die Hände
+anderer nach dem Glas. Er reicht es weiter. Das Bild seines Vaters hat
+er fest gefaßt, seiner Lebtag wird es ihm in Erinnerung bleiben, wie
+der Mann dort oben zwischen Himmel und Erde auf den schwankenden Känneln
+steht und sich von einem zum anderen schwingt. Immer deutlicher wird
+übrigens auch ohne das Fernrohr seine Gestalt, sie tritt aus dem
+Schatten, den der Schmelzberg bis jetzt auf die Wand geworfen hat, in
+die Sonne, die auf die Weißen Bretter zu leuchten beginnt. Der Vater
+prüft die gewaltigen eisernen Kloben, die Matthias Jul so fest in die
+Felsen vermörtelt, verkeilt und verankert hat, daß sie jetzt noch
+Jahrhunderte halten werden. Sie sind alle gut. Viele der leichten
+eisernen Reife, die durch die kurzen verdickten Enden der Kloben gehen,
+sind von der Gewalt der Lawine zerrissen und müssen ersetzt werden,
+manche haben nicht gelitten, sondern die Kännel sind einfach aus ihnen
+herausgeschleudert worden. Mit einer Stange, an der ein eiserner Haken
+ist, holt Seppi die neuen Schlaufen ein, die an einem Seil an der Wand
+herniederhangen. Das Einpassen in die Kloben geht leicht, die
+Nietenköpfe des einen Endes passen in die Löcher des anderen Endes, mit
+einem einzigen Griffe schließen sich die Reife. Im Lauf der Zeiten hat
+man manche Vorteile gelernt, die Bearbeitung des Eisens und die
+Handgriffe beim Legen der Leitung sind eine besondere Wissenschaft der
+Leute von St. Peter, ein Stück bäuerlicher Ingenieurkunst. Und dafür,
+daß immer ein genügender Vorrat von Seilen, Känneln und Schlaufen da
+ist, sorgt der Garde; in Dingen, die das helige Wasser angehen, giebt es
+keine Knauserei und keinen Widerspruch.
+
+Die Stunden wandern und die Spannung der Zuschauer ermattet. Seppi
+Blatter arbeitet sicher. Von Zeit zu Zeit erneuert das Glöcklein der
+Kapelle sein Bimmeln, es mahnt. »Betet, betet für den Mann, der einsam
+an den Felsen schwebt!« Bis am Abend darf die gemeinsame Fürbitte nicht
+aufhören. Die Frauen, die auch heraufgeschlichen sind, um an die Weißen
+Bretter zu sehen, eilen wieder zur Kapelle, einzelne Männer folgen: »Man
+darf nicht nachlässig sein in einer so ernsten Angelegenheit, wegen
+Seppi Blatter nicht und wegen seiner selbst nicht; man könnte einen
+Schaden auflesen, wenn man nicht aus vollem Herzen für ihn fleht.«
+
+Der Presi, der die Signalfahne seit einiger Zeit dem Glottermüller
+übergeben hat, hält scharfe Ordnung; er jagt die müßigen Weiber zur
+Kapelle hinunter: »Plärrt doch lieber, als Maulaffen feilzuhalten!« Den
+Männern, die auch jetzt ihr Pfeifchen anstecken wollen, schnauzt er zu:
+»Himmelsakrament, wer denkt ans Nebeln, solang einer da oben hängt!« und
+Bälzi, der das Rauchen doch nicht läßt, schlägt er die Pfeife aus dem
+Mund.
+
+Binia steht etwas verloren zwischen den Leuten. Sie ist nicht so behend
+wie sonst und ihr Gesichtchen blaß. Die dunklen Augen schauen auf den
+Teufelsgarten. Das ist nicht mehr der wilde unberührte Blumenjubel der
+letzten Tage. Die Männer haben ihn mit ihren schweren Schuhen
+niedergetreten, die Mädchen haben ihn abgerauft, die Buben haben den
+Königskerzen die Köpfe abgeschlagen und wälzen sich jetzt scherzend auf
+der verdorbenen Pracht.
+
+Binia sieht Josi, Josi sieht sie; aber die beiden Kinder, die sich so
+gut waren, wissen nichts mehr miteinander anzufangen -- es ist etwas
+zwischen ihnen, das vorgestern noch nicht war.
+
+»Bini, was machst auch für ein barmherziges Gesicht?« Sie schrickt
+zusammen. Der Vater! Freundlich sagt er: »Du wirst gar verbrannt in der
+glühenden Sonne, geh ein bißchen an den Schatten!«
+
+Folgsamer als je gehorcht sie. Sie wandelt zur Ruine hinüber. Dort
+stehen und sitzen Männer, der Kaplan Johannes, Bälzi, der Gemeindeweibel
+und andere. Die Schnapsflasche geht in der Runde, die Männer essen einen
+Imbiß von der Hand, sie plaudern und lassen sich's wohl sein und sehen
+die Augen Binias nicht.
+
+»Heut' giebt's keine Tafel zu malen, Kaplan, Seppi schafft gut,« sagt
+der Weibel, der einen großen schönen Bart, aber einen schielenden Blick
+hat.
+
+»Macht nichts -- ich bin nicht gern der Unglücksrabe,« antwortete der
+Kaplan mit seiner hohlen Stimme.
+
+»Ich glaube beim Eid, Seppi Blatter fällt -- die elende Hitze -- und
+erst dort oben -- man wird da unten dumm, dort oben aber wird einer
+verrückt -- die Männer, die stürzen, thun's, weil sie vom Sonnenstich
+wahnsinnig geworden sind.« Bälzi nahm einen Schluck.
+
+»St. Jörg und einundzwanzig, das wär' ein Unglück -- die Frau und die
+zwei Kinder!« So der Weibel.
+
+Bälzi darauf: »Der Presi bekäme auch einen Schuh voll!«
+
+»Wieso?« fragt Peter Thugi, der ein rechter Mann und der Aelteste einer
+weitverzweigten Familie ist.
+
+Bälzi erwidert: »Das glauben doch nur Kinder, daß Seppi Blatter
+freiwillig an die Bretter gegangen ist. Man hat der Gemeinde Sand in die
+Augen gestreut. Ist's nicht wahr, Weibel?«
+
+Dieser zwinkert zustimmend mit den Augen, aber er schweigt.
+
+Bälzi, dessen Blick vom Schnaps etwas verglast ist, lacht. »Der Presi
+hat mir die Pfeife zerschlagen, auf die Garibaldi gemalt ist. Sie war
+noch vom Vater selig. Aber jetzt schone ich ihn auch nicht mehr.«
+
+Er erzählt den Lauschenden das Gespräch im Bären: »Und ich will ein
+brennender Mann werden, wenn's nicht wahr ist, er hat dem schlafenden
+Seppi Blatter die Feder in die Hand gesteckt und sie ihm geführt.«
+
+Die Umstehenden fahren zurück. »Kaplan, was sagt Ihr dazu?«
+
+Der Schwarze antwortet, da -- ein gellender Schrei.
+
+»Gott's ewiger Hagel, des Presis Kind!« So rufen sich die Männer in
+peinlicher Ueberraschung zu. Das Mädchen, das hinter einem abgestürzten
+Mauerteil gekauert ist, springt wie besessen davon, es eilt am Vater
+vorbei, es keucht den Stutz empor, es rennt ins Dorf zurück.
+
+Wie der Presi nach ein paar Stunden nach Binia fragt, da sagt man ihm:
+»Sie ist heim zu Susi!« Da schüttelt er das Haupt und seufzt: »Sie ist
+dieser Tage so seltsam.«
+
+Damit, was Bälzi über die Hitze sagte, hatte er recht.
+
+Die Sonne! die Sonne! Die Luft im Thal zwispert, von den Weißen Brettern
+herunter kommt ein so heißer Strom, daß ihn selbst die erfrischenden
+Schwäle, die aus der Schlucht aufsteigen, nicht zu kühlen vermögen. Wie
+Blei fließt er in die Glieder, wie Spinnweb legt er sich um die
+ermattenden Sinne.
+
+Der Mann, der über dem versammelten Dorf zwischen Himmel und Erde
+schwebt, steht im wachsenden Brand des Juninachmittags. Die
+Sonnenstrahlen liegen so auf den Weißen Brettern, daß die Augen
+schmerzen, wenn man eine Weile hinsieht. Sie flimmern, als sehe man, wie
+Licht und Hitze aus den Felsen strömen.
+
+Ja, bei bedecktem Himmel könnte Seppi Blatter sein Werk wohl vollenden,
+aber in dieser mörderischen Glut, die Augen und Gehirn sengt. Der
+Sonnenstich!
+
+Man sieht, daß er leidet. Seit einiger Zeit hat er die Kapuze seines
+Hirtenhemdes zum Schutze vor der Sonne um den Kopf gezogen. Die
+Aufregung wächst, die Frauen vor der Kapelle beten lauter. »Er kann's
+nicht vollenden,« hört man. »O, Seppi ist zäh,« antworten andere.
+
+Jetzt ist die Arbeit soweit gediehen, daß Seppi mit dem Einlegen der
+Kännel beginnen kann. Immer noch schweben sie, einer um den anderen,
+viele Kirchtürme hoch, herab, und einen um den anderen stößt Seppi
+Blatter, auf ihm stehend, in die Reifen, löst die Seile der
+eingehängten, schwingt sich zum folgenden, und an den Felsen zeichnet
+die wieder erstehende Leitung eine dunkle Linie. Oft aber verzögert sich
+das Werk. Die sinkenden Kännel verfangen sich in den Seilen der
+nächsten, dann löst sie auf ein Zeichen aus dem Thal ein Zug aus der
+Höhe aus, und wenn sich ein Kännel befreit, schwankt das ganze Werk, als
+müsse es den Mann dort oben herunterschütteln wie einen Apfel vom
+sturmgerüttelten Baum. Oder Seppi Blatter löst die Kännel, die sich
+verfangen haben und sich in seinem Bereich befinden, selber aus, dann
+fliegen sie von der Felswand ab in die freie Luft und wieder schief
+zurück, daß er sich blitzschnell ducken muß, damit sie ihn nicht durch
+einen Schlag an den Kopf von seinem schmalen Stande werfen.
+
+Manchmal bei einem der entsetzlichen Schauspiele wagen die Zuschauer,
+die doch des Schreckens gewöhnte Bergleute sind, nicht zu atmen, die
+meisten Frauen, die das Schwanken des Gerüstes sehen, fliehen entsetzt
+zu der Kapelle zurück.
+
+Selbst die harten Männer erliegen der furchtbaren Spannung. »Presi, gebt
+doch das Zeichen zum Abbruch. Morgen ist wieder ein Tag!«
+
+Aber die Mehrheit ist der Ansicht, man solle, wenn Seppi Blatter nicht
+selber den Abbruch wünsche, in Gottes Namen mit dem Werk fortfahren, es
+sei auch mißlich, die Mannschaft auf dem Glottergrat im Freien
+übernachten zu lassen.
+
+Dann und wann ruht Seppi Blatter eine Weile und stärkt sich an Speise
+und Trank. Besonders lang um vier Uhr des Nachmittags, ehe er die
+Führung der Leitung durch die größere Wildleutfurre in Angriff nimmt.
+
+Josi, der vom frühen Morgen nicht von seiner Stelle gewichen ist, ist
+ins Gras gesunken und verbirgt sein Gesicht darin. Das starre
+Hinaufsehen, die Hitze, das Entsetzen! Der Taumel hatte sich seiner
+bemächtigt, ihm ist, glühendes Eisen senge sein Hirn, ruhelos wälzte er
+sich.
+
+Fränzi und Vroni, die fast ununterbrochen vor dem Muttergottesbild
+gekniet sind, sehen das Leiden des Knaben und erbarmen sich seiner,
+obgleich das ihre nicht kleiner ist.
+
+Eusebi, der scheue Stotterer, steht in der Nähe und schaut mitleidig auf
+ihn.
+
+Seine Mutter, die stolze Gardin, will ihn mit zur Kapelle nehmen: »Man
+würde meinen, du gehörtest auch der Wildheuerin Fränzi!« Der blöde
+Knabe sagt: »L--l--os[17], M--m--mutter, ich w--w--will da--da
+bl--bleiben!«{2}
+
+ [17] »_Los_!« -- schweizerdeutsch, »Höre!«
+
+Sie läßt ihn, sie kann gegen ihn nicht hart sein, obschon es sie gerade
+heute ärgert, daß sie so ein häßliches Kind hat und die anderen so
+blühende Jugend. Eben Fränzi.
+
+Seppi Blatter ist wieder an der Arbeit. In der großen Wildleutfurre! An
+einem Seil schwingt er sich mit mächtigem Satz in das Innere der
+schrecklichen Kluft und hängt an ihren Klippen. Fahnenzeichen! --
+Mehrere Kännel senken sich in die Schlucht und schweben frei. Und mit
+mächtigem Schwunge holt er jeden einzelnen ein. Er verschwindet damit im
+Innern der Kluft, wo man seine Thätigkeit nicht sehen kann. Kännel um
+Kännel zieht er ein, jetzt wird die wachsende Leitung am Rand der
+Schlucht wieder sichtbar, das Fürchterlichste ist gethan. Aber je
+länger, je unsicherer werden Seppis Schwünge, zwei-, dreimal sieht man
+ihn ansetzen, bis er das Ziel erreicht.
+
+Sechs Uhr! Erfrischende Kühle strömt durchs Thal, lebhafte Bewegung ist
+unter dem Volk.
+
+Seppi Blatter hat über die ganzen Weißen Bretter hin die Kännel gelegt,
+der Rest, der ihm zu thun bleibt, ist leicht.
+
+Da stupft Eusebi den daliegenden Josi: »Sch--sch--schau!
+f--f--fer--fertig!«
+
+Josi schnellt auf, lächelt verträumt, sucht mit seinen rotgeschwollenen
+Augen die Höhe und sieht, wie der Vater eben das zierliche Wasserrad
+einsetzt, das den Merkhammer hebt und auf ein Brett fallen läßt, so daß
+sein Schlag das ganze Thal durchtönt.
+
+Ein Fahnenzeichen gegen den Stutz empor, Männer, die am Eingang der
+Leitung stehen, öffnen die heligen Wasser. In wenigen Augenblicken
+werden sie durch die neuen Kännel fließen. Bald wird der Merkhammer das
+erste Zeichen geben.
+
+Eine ungeheure Spannung hat sich des Völkleins bemächtigt, vor der
+Kapelle kniet niemand mehr als die Wildheuerin Fränzi und Vroni.
+
+»Wollt Ihr's nicht hören?« fragt eine Nachbarin, aber so lange Seppi an
+den Weißen Brettern ist, darf man in der Fürbitte nicht müde werden. Und
+Fränzi und Vroni beten.
+
+Da horch: »Tick tack, tick tack.« Mit wachsender Schnelligkeit kommt's
+aus der Höhe, der Merkhammer schlägt, andere Hämmer, die weiterhin in
+die Leitung einschaltet sind, erheben ihr Spiel, das Echo ist erwacht,
+das Thal hat seine Musik wieder, eine einförmige Musik, die doch wie ein
+Psalm in die Ohren klingt. Sie bedeutet Erlösung aus dem Schrecken,
+Segen und Fruchtbarkeit.
+
+Wie der Müller berauscht vor Freude aufhorcht, wenn nach langer
+Trockenheit sein Rad wieder klappert, so lauschen die Leute von St.
+Peter dem Hackbrettspiel der heligen Wasser und drücken sich vor Freude
+die Hände.
+
+»Ja, Seppi Blatter ist ein Mann! -- Es lebe der neue Garde!«
+
+Der alte Pfarrer hebt segnend sein Kreuz gegen die wiederhergestellte
+Leitung empor, das Glöcklein, das einen Augenblick zu bimmeln aufgehört
+hat, setzt wieder ein, es ruft zum Dankgottesdienst, und die Berge
+leuchten, vom Abendrot umspielt, wie Lichter der Andacht.
+
+Am schönsten leuchtet Josis Gesicht!
+
+Hoch an den Weißen Brettern sind nur noch zwei oder drei Stricke zu
+lösen und die Arbeit, die gefahrvolle, ist glücklich gethan. Bald wird
+man auf den Felsentafeln nur noch die Linie der Kännel sehen.
+
+Der Gottesdienst geht seinen Weg, da gellt ein einzelner Schrei:
+»Seppi!«
+
+Der Schrei verzehn- und verhundertfacht sich -- ein dunkler Körper fällt
+und wird größer im Fallen, er gleitet wie ein Schatten die Weißen
+Bretter hinab.
+
+Seppi Blatter ist am Ende seines Werkes abgestürzt. Der Gottesdienst
+schweigt.
+
+Josi ist brüllend wie ein Stier aufgesprungen und will sich in die
+Glotter stürzen, in der sein Vater vor seinem Blick verschwunden ist. Da
+halten ihn im letzten Augenblick starke Arme zurück. »Gottloser Bub!« Er
+beißt, er kratzt, er schlägt um sich, aber die junge Kraft erlahmt,
+röchelnd liegt der Knabe im Gras.
+
+Was war die Ursache des Sturzes? -- Hunderte haben hinaufgeblickt, aber
+wenige wissen etwas Sicheres zu sagen. Der Glottermüller, der wieder das
+Fernrohr geführt hat, versichert, Seppi habe bis zum letzten Augenblick
+frei stehend gearbeitet, da schwankte er, faßte das Seil, das ihn in die
+Höhe ziehen sollte, es senkte sich ein wenig, er ließ es los, im
+gleichen Augenblicke aber wurde es von der Mannschaft, die den Ruck
+Seppis für ein Zeichen genommen, in die Höhe gezogen, die Schleife am
+Ende des Taues legte sich dabei um das Bein, das er in die Luft gestellt
+hatte, die Arme des müden Mannes suchten den oberen Teil des Strickes
+zu spät, da schleuderte ihn das steigende Seil, das ihn am Fuß gepackt
+hatte, in die Tiefe.
+
+Von allen, die Zeugen des Unfalls gewesen waren, war keiner so blaß wie
+der Presi.
+
+Der Schein an den Bergen war erloschen, nur noch die letzten Streifen
+der Abendröte beleuchteten die traurige Heimkehr der Leute von St.
+Peter. Sie führten eine an Gott und Menschen irre Familie in ihrer
+Mitte, und im Schimmer der Mitternachtssterne kam ein zweiter dunkler
+Zug, dem Kaplan Johannes mit einem Kienspanfeuer, das auf einer Pfanne
+brannte, den Weg erleuchtete.
+
+Dieser Zug trug die Leiche Seppi Blatters, des Helden der heligen
+Wasser.
+
+
+
+
+V.
+
+
+Die Wasser rauschten und die Merkhämmer schlugen.
+
+Mit herzlicher Teilnahme wurde Seppi Blatter bestattet. Vom Morgen an
+stand der Sarg neben der Thüre des Häuschens, wo der Verunglückte mit
+den Seinen friedlich gewohnt hatte. Auf dem Totenbaum lag der Federhut,
+das Schwert und die Binde des Garden. Ein silberner Becher stand auf dem
+Sarg. Als die Leidtragenden kamen, hob ihn jeder, trank einen kräftigen
+Schluck und sprach: »Lebe wohl, Seppi Blatter, möge es dir wohl thun in
+der Ewigkeit!« Und wenn zwei oder drei aus dem Becher getrunken hatten,
+so füllte ihn der Weibel wieder mit goldenem Hospeler nach.
+
+O, man durfte sich den Hospeler schon mit andächtigen Sinnen zu Gemüte
+führen. Die Begierde nach eigenem Wein hatte St. Peter in die Fron der
+heligen Wasser gebracht. Im Feuer des Trunkes kreiste das Blut der
+Gestürzten.
+
+Als der Presi erschien und zum Becher griff, schielten alle mit
+verhaltener Neugier nach ihm. Sie meinten, es müßte sich etwas
+Besonderes begeben. Aber der stolze, kraftvolle Mann hob den Becher mit
+Würde und fester Hand und trat mit ruhiger Gelassenheit in ihren Kreis.
+
+Der Garde war viel bewegter; die nervige eiserne Hand bebte, als er
+Seppi Blatter Lebewohl sagte. Ihm war, er müsse sich die grauen Haare
+zerraufen, weil er ihn nicht von seinem plötzlichen Entschluß
+zurückgehalten hatte.
+
+Man brachte die Gedenktafel, die Kaplan Johannes im Auftrag der Gemeinde
+gemalt hatte, und legte sie auch auf den Totenbaum. In frischen Farben
+leuchtete die Inschrift:
+
+»An den heligen Wassern ist bei Reparatur erfahlen und wohl versehen mit
+den hl. Sakramenten gleich tot gewesen der ehrsame Seppi Blatter von St.
+Peter. Gewählt worden zum Garden. Hat aber nicht angetretten. Sein
+Lebenslauf ist 40 Jahr und 7 Tag. %R. I. P.%
+
+ Mein lieber Freund, ich bitte dich,
+ Geh nicht vorbei und bett' für mich.«
+
+Jetzt trug man Seppi Blatter zu Grabe. Als sich die Gemeinde vom
+Kirchhof verlief, gingen nur wenige, die an der Beerdigung teilgenommen
+hatten, in den Bären. Dem Presi war's recht. Er wollte noch nach Hospel
+hinausreiten und sattelte eben das Maultier. Er hatte plötzlich das
+Bedürfnis, Frau Cresenz recht bald als Hausfrau in den Bären zu führen.
+Mit der alten Susi war's nicht mehr gethan, ihr Kropf wurde ihr je
+länger je hinderlicher bei der Arbeit, sie pfiff daraus wie eine
+ungeschmierte Säge und ob sie fast nicht zu Atem kam, keifte sie
+gleichwohl an einem Stück.
+
+Er wollte mit Cresenz über den Hochzeitstag reden.
+
+»Susi, wo steckt denn Bini wieder?« rief der Presi.
+
+»Sie hat sich wieder irgendwo versteckt. Verhext ist das Kind --
+verhext!« jammerte Susi, »und sie war sonst ein so liebes, artiges
+Vögelchen, das den ganzen Tag gehüpft ist. Wer hat es ihm nur angethan?«
+
+»Ihr seid ein Kalb; Susi, bringt mir Binia nicht mit dem Hexenzeug ins
+Geschwätz, sonst seid Ihr den letzten Tag im Haus!«
+
+Damit ritt der Presi davon, Susi heulte: »Nichts mehr sagen darf man,
+nichts! Wie ein Schuhlumpen ist man geachtet. Gewiß bleib' ich nur wegen
+des Kindes.«
+
+Schon ein paar Tage aber versteht sie Binia nicht mehr. Seit der
+Wassertröstung sitzt das Mädchen irgendwo in einem Winkel des Hauses,
+immer da, wo man sie nicht sucht, zerrt mit den Fingern der einen Hand
+an den Fingern der anderen, beißt in die Fingerspitzen und starrt mit
+den großen dunklen Augen ins Leere, wie wenn sie etwas sehen würde, was
+nicht ist, etwas Grauenhaftes, Entsetzliches! Susi hatte sie mit der
+Wallfahrt zur Lieben Frau an der Brücke geschickt, aber am Mittag kam
+das Kind in der warmen Sonne schlotternd zurückgelaufen, nicht in die
+Stube, nein, es rannte die Treppen hinauf bis unter das Dach. Als Susi
+es suchen ging, da saß es mitten unter altem Gerümpel des Estrichs,
+einen zerlumpten Rock seiner Mutter selig um das eigene Kleid gelegt. Es
+wimmerte leise, leise. Nur etwas verstand Susi, was das Kind immer
+wieder vor sich her stammelte:
+
+»Die Hand wird ihm aus dem Grab wachsen!«
+
+»Sage, Vögelchen, du unglückliches, wem wird die Hand aus dem Grab
+wachsen. Wer sagt es?«
+
+Da warf die Kleine das Köpfchen mit dem ganzen Jähzorn zurück, den sie
+vom Presi geerbt hat: »Susi, das ist schlecht von dir, daß du horchst,
+was ich rede.« Sie fürchtete sich vor dem Kind; es war, als wolle es
+wie ein wildes Tier aufspringen und sie zerreißen.
+
+Binia, die nicht schlief, hörte am Abend spät noch auf dem Flur von dem
+schrecklichen Ausgang des Tages reden. Im Hemd kam sie in die Küche
+gelaufen, klammerte sich an Susi und schrie: »{3}Verzeih mir, Susi, --
+bleibe bei mir -- ich fürchte mich -- ich fürchte mich gräßlich.«
+
+Da wachte die Magd am Bett der Kleinen. Als Binia die Augen schon einige
+Zeit geschlossen hatte, schlug sie sie wieder auf und flüsterte: »Wenn
+mich der Seppi Blatter schon 'Schlechthundekind' gerufen hat, so muß
+ich, wenn ich groß bin, Josi Blatter doch heiraten.«
+
+Die entsetzte Susi schmeichelte: »Schlafe, schlafe, Schäfchen; wenn du
+groß und ein schönes Mädchen sein wirst, kommen um dich viele Burschen
+fragen.«
+
+Drauf Binia: »Ich liebe aber nur Josi. Weil der Vater Fränzi nicht
+genommen hat, muß ich halt den Josi nehmen.«
+
+Seither war Susi überzeugt, das Kind sei besprochen und verhext.
+
+Dem wollte sie schon auf den Grund kommen. Als der Presi fortgeritten
+und die letzten Gäste gegangen waren, suchte sie das Kind. In seinem
+Kämmerchen kniete es am Bett.
+
+Sie war wohlwollend zu ihm. Es aber stellte sehr sonderbare Fragen: »Du,
+Susi, hat mein Vater meine Mutter stark lieb gehabt?« -- Wie kam es auf
+diese Frage? Seit drei Jahren war die selige Beth tot. Als das Kind in
+sie drang, antwortete Susi: »Natürlich, du Närrchen, hat der Vater die
+Mutter lieb gehabt.«
+
+Das Kind fuhr mit dem Köpfchen aus dem Kissen, richtete mit
+unaussprechlicher Verachtung die Augen auf sie: »Du lügst, Susi, er hat
+sie gar nicht geliebt. Ich frage dich nichts mehr!«
+
+Susi ging im Bewußtsein, daß sie gelogen habe, schamrot aus dem
+Kämmerlein.
+
+Aber die Neugier trieb sie zu Binia zurück. Sie fuhr das Kind barsch an:
+»Binia, wer hat dich besprochen -- du bist besessen.«
+
+»Laß mich,« schreit Binia, »ich bin krank -- geh!«
+
+Susi läßt sich nicht abweisen: »Der Kaplan Johannes schlarpt eben mit
+dem Bettelsack durchs Dorf, der soll dich heilen. Ich rufe ihn!«
+
+»Nein, -- nein« -- kreischt die Kleine und zittert am ganzen Leib, und
+wie Susi eine Bewegung gegen die Thüre macht, fällt sie ihr um die
+Kniee.
+
+»Ums Himmels willen rufe den Kaplan nicht.«
+
+Susi drauf: »Gelt, der ist's, der dich besprochen hat! Jetzt haben wir's
+schon -- dich und Josi. Ist Josi bei dir gewesen?«
+
+»Ja, wir sind auf der Brücke gekniet -- das war aber nur Scherz. -- --
+Nein, dir, erzähl' ich's nicht, du lügst und bist so dumm.«
+
+Und das Kind hat wieder den Trotzkopf aufgesetzt.
+
+Da bekreuzt sich die abergläubische Magd und geht: »Aber dem Presi darf
+man nichts sagen -- nichts!«
+
+Wie sie fort ist, schluchzt und röchelt Binia. Niemand hat ihr etwas zu
+leide gethan, sie hat nur gehört, was Fränzi und der Vater geredet, sie
+hat nur gehört, was Kaplan Johannes zu den anderen Männern sagte: »Die
+Hand wird ihm aus dem Grabe wachsen.«
+
+Alles das ist aber so schrecklich für ihr kleines, feuriges Herz. Sie
+hat gemeint, einen so trefflichen Mann wie ihren Vater gebe es nicht
+mehr. Ob er sie schon manchmal anschnauzte, war sie stolz gewesen auf
+ihn, sie hatte ihn so unendlich lieb und wenn er nur einmal ein wenig
+freundlich mit ihr redete, -- o, dann hätte sie am liebsten die kleinen
+Arme um seinen Hals geschlungen und ihn vor Freude und Seligkeit in die
+Wange gebissen. Und jetzt weiß sie so Entsetzliches von ihm. Er hat die
+tote Mutter nicht geliebt, er hat Fränzi einen Kuß geben wollen, der
+Schämdichnicht.
+
+Dann das Gräßliche, wie die Unterschrift Seppi Blatters entstanden ist,
+die Unterschrift, wegen der dem Vater die Hand aus dem Grab wachsen
+soll!
+
+Das ist zu viel für ihr Köpfchen, es hämmert darin, als sollte es
+zerspringen. Ja, ja, die Fränzi hat recht, es ist ein Unsegen auf sie
+gekommen. Darüber möchte sie mit jemand reden, aber nicht mit Susi, die
+lügt, weil sie ihr alles ausreden will. An eine liebe Brust möchte sie
+sich lehnen und weinen. Sie denkt an Fränzi, die mit ihrer Mutter gut
+befreundet gewesen ist, Fränzi hat auch sie lieb, Fränzi lügt nicht. Ja,
+mit Fränzi will sie reden.
+
+Aber sie darf nicht zu Fränzi gehen! Warum nicht? Sie weiß es im
+Wirrwarr ihrer Gedanken nicht, es ist ihr aber, wie wenn Blut und Feuer
+zwischen ihr und Fränzi, zwischen ihr, Vroni und Josi lägen.
+
+Und aus dem Gefühl tiefer Hilflosigkeit schreit sie: »Mutter -- Mutter
+-- liebe tote Mutter!« -- --
+
+Mit einigem Herzklopfen ritt der Presi auf seinem Wege nach Hospel über
+die Unglücksstätte, sein kluger Verstand sagte ihm wohl, die
+Kaufbriefgeschichte sei damit, daß an den Weißen Brettern der Hammer
+wieder töne, noch nicht erledigt. War er mit Blindheit geschlagen
+gewesen, daß er die tolle Angelegenheit nicht sofort am anderen Morgen
+geordnet hatte?
+
+Nun zuckte und wühlte sie im Dorf, er hatte es aus den verlegenen Mienen
+der Männer gelesen, die an der Beerdigung Seppi Blatters teilnahmen.
+
+Er schwitzte -- er sehnte sich nach Hospel, die Welt schien ihm dort
+freier -- hier legte sich etwas wie Zentnerlast auf die Brust -- es war
+zum Ersticken. Gut, daß er jetzt die Weißen Bretter, den Teufelsgarten
+mit den zertretenen Blumen, das Schmelzwerk und die Kapelle hinter sich
+hatte.
+
+Der hundertstimmige Schrei beim Sturz Seppi Blatters gellte ihm noch in
+den Ohren.
+
+»Ta-ta-ta. Ich bin der Presi!« denkt er.
+
+Er kommt in das Kreuz nach Hospel, aber Frau Cresenz zeigt sich gar
+nicht und der stolze Kreuzwirt, der behäbigste Gastwirt am Weg von der
+Stadt bis zum Hochpaß, sein zukünftiger Schwager, empfängt ihn frostig.
+
+»Was hast, Kreuzwirt, warum magst mir nicht recht die Ehre geben?«
+
+»Von dir läuft ja die Schande auf allen Straßen. Und Seppi Blatter ist
+so ein braver Mann gewesen. Ist's wahr, daß du ihm, wie er betrunken
+gewesen ist und geschlafen hat, die Feder geführt hast?«
+
+Da schlägt der Presi die Faust auf den Tisch, springt auf: »Vor Gericht
+müssen mir die räudigen Hunde -- Wer hat's gesagt?«
+
+»Von rechtschaffenen Leuten ist's hier im Kreuz verhandelt worden,
+aber, daß ich dir die Namen nenne, giebt's nicht.«
+
+»Es ist eine elende Verleumdung. Horch, Joch, wie's zugegangen ist. Man
+hat einen Mann haben müssen, mit dem Losen ist's gar eine mißliche
+Sache.« Der Presi erzählte und schloß mit der Frage: »Was sprichst
+jetzt?«
+
+»Ich sage, daß die Geschichte nicht sauber ist! Geplagt hast du Seppi,
+das giebst ja selber zu. Wo hast du dir das Herz hergenommen, ihn grad
+an dem Tag, wo du dich mit der Cresenz verlobt hast, mit dem Kaufbrief
+zu kreuzigen? Das gefällt uns nicht. Wenn du Seppi Blatter die
+hundertachtzig Franken aus Anlaß deiner Verlobung geschenkt hättest, so
+hätte es mich und die Cresenz gefreut. Man hätte dann aus dir etwas
+Glück gespürt. Jetzt aber kränkt sich Cresenz.«
+
+Der Presi wurde ganz klein -- das traf. Er wußte wohl, daß er sonst der
+Gescheitere war als der vornehme hohle Kreuzwirt. Aber jetzt hatte der
+recht! Und er murrte verlegen und stoßweise.
+
+Der Kreuzwirt fuhr fort: »Warum fragst du nicht, wo sie bleibt? Weil du
+dich schämst, weil du weißt: es ist ein Schandfleck auf deiner Ehre!«
+
+»Ein Schandfleck auf meiner Ehre!« wiederholte der Presi. Sein Gesicht
+war blutleer und seine Hand langte mechanisch nach dem
+Zündhölzchenstein.
+
+»Laß den Stein liegen,« sagte der Kreuzwirt ruhig, »es ist jetzt genug
+an Gewaltthätigkeit. Cresenz aber will sich besinnen, ob sie Bärenwirtin
+von St. Peter werden will. Sie schreibt dir darüber in den nächsten
+Tagen.«
+
+Als der Presi heimritt, kam er sich vor wie ein vom Hagelwetter
+erschlagener Baum. Die Wut über die Verleumdung tötete ihn fast. »Die
+schlechten Hunde -- die elenden Tröpfe -- -- Ist die Wahrheit nicht
+genug?« stammelte er vor sich hin.
+
+Er sah die blauen, großen, vorwurfsvollen Augen Fränzis, die schönen und
+guten Augen. O, wie er sie jetzt haßte!
+
+Schweißgebadet ritt er durch die Dämmerung. Jetzt sah er Seppi Blatter,
+aber nicht den geringen Wildheuer, der gequält am Wirtstisch saß. Nein,
+den Wasserstreiter, der freiwillig an die Bretter gestiegen war. Der
+schaute ihn herausfordernd an, immer als hätte er die Frage auf den
+Lippen: »Presi, wollen wir zusammen einen Hosenlupf[18] machen?«
+
+ [18] _Hosenlupf_, ein beliebter Ringkampf der Aelpler.
+
+»Ich hab's nicht durchgezwungen -- das weißt -- bist ja selber
+gegangen,« schnauzte der Presi.
+
+Und als ob er mit einem anderen im Zwiegespräch wäre, sagte er nach
+einer Weile: »Ja, das gebe ich zu -- ich habe dich geplagt -- es ist
+dumm gegangen an jenem Abend.«
+
+Bei der Kapelle stieg er nicht ab, um ein Gebet zu verrichten, wie es
+die fromme Sitte heischt; er sah die frische Tafel Seppis, die während
+seines Aufenthaltes zu Hospel in das kleine Gotteshaus gestellt worden
+war, ihre Goldfarbe glänzte frisch -- frech, dachte der Presi und im
+Vorbeireiten rief er: »Daß du mich nicht gar zu stark klemmst, Seppi
+Blatter, sonst --! Weißt, ein wenig leid' ich's schon, hab's auch
+verdient -- aber wenn du mich zu stark schuhriegelst -- du weißt,
+Fränzi, Vroni und Josi sind noch nicht in der Ewigkeit.«
+
+»Halt 's Maul, räudiger Pfaff!« schrie er, als er am Schmelzwerk
+vorüberjagte und den Kaplan Johannes singen hörte. Unaufhaltsam
+vorwärts, den Stutz hinauf drängte er das arme Tier mit seinen Flüchen
+und kam früher, als ihn jemand erwartet hatte, nach Haus.
+
+Im Bären saß tiefbekümmert der Garde. Er wartete nicht lang mit seinem
+Bericht. Das Amt war auf ihn zurückgefallen -- für einstweilen, hatte
+man im Gemeinderat gesagt -- das bedeutete aber in St. Peter für
+Lebzeiten.
+
+»Presi, ich hab's zum Guten leiten wollen, aber die Sache steht bös. Die
+Geschichte der Unterschrift Seppis geht vertrüdelt und verdreht durchs
+Dorf. Es sind darum auch keine Leute im Bären.«
+
+»Die Gemeinde wird nicht die ganze Zeit saufen müssen, ich verlange es
+gar nicht,« höhnte der Presi, »wenn sie wildeln und wüst thun wollen
+über mich, so ist es mir schon lieber, sie erledigen es draußen, als mir
+unter der Nase. Das könnte unlustig werden.«
+
+»Möchtet Ihr in diesen Tagen nicht einmal die Fränzi aufsuchen und mit
+ihr im guten reden?«
+
+»Damit die Leute mit den Fingern auf mich weisen und sagen: 'Den hat das
+Gewissen gedrückt!'«
+
+»Wir haben jetzt gewiß allen Anlaß, gegen den Haushalt rücksichtsvoll zu
+sein.«
+
+»Aber ich nicht -- ich nicht! Lieber werde ich ein brünniger Mann[19].«
+Der Presi wischte sich den Schweiß, der immer noch auf seiner Stirn
+perlte, er war so müde wie lange nicht mehr. »Ueber diese Geschichte
+wird schon Gras wachsen!«
+
+ [19] _Brünniger Mann_, in der Volksvorstellung ein Mann, der nach
+ seinem Tod des Nachts brennend umherwandelt.
+
+»Lange keines,« knurrte der Garde, stand auf und ging. --
+
+»Endlich Ruhe.« -- Auf der Straße verlor sich der schwere Schritt des
+Garden und der Presi stützte den Kopf in beide Hände und ließ
+nachdenklich die Lider auf die Augen fallen.
+
+Aber er brachte das Bild nicht weg. »O, es ist entsetzlich, einen Mann
+einen ganzen Tag kämpfen zu sehen -- das geht nicht fort. -- Du bist ein
+schlechter Hund, Seppi Blatter, daß du mir das angethan hast und, wie du
+schon fertig warst, noch herunterflogst.«
+
+Der Presi ging in seine Kammer. -- --
+
+Ueber den Unglücksfall an den heligen Wassern und die ihn begleitenden
+Umstände wuchs lange kein Gras. Durch alle Gespräche zitterte der
+Nachhall, weniger die Klage um Seppi Blatter selbst, als die Neugier,
+wie er veranlaßt worden sei, an die Weißen Bretter zu steigen. Allein
+nachdem es einige Wochen bös über den Presi gegangen war, so daß er es
+für gut fand, mit den Leuten so herzbeweglich artig zu reden, wie nur er
+es verstand, schlug die Stimmung um. Die Geschichte sei vielleicht doch
+nicht so schlimm. Bälzi habe sie im Anfang nur aus Wut so ehrenrührig
+für den Presi erzählt, und er sei ja ein ganz unzuverlässiger Mensch,
+der Presi aber sei, wenn er die Laune habe, ganz gutherzig und habe
+schon manchem, der sich nicht mehr zu raten und sich zu retten wußte,
+aus der Klemme geholfen. »Und,« gaben die Leute zu, »er ist halt doch
+der Gescheiteste unter uns allen.«
+
+Am meisten Beruhigung fanden die von Sankt Peter in der Sommerarbeit,
+die sie schwer ins Joch schlug und sie auf Aecker, Alpen und in die
+Weinberge zerstreute.
+
+Der Stimmungsumschlag erstreckte sich bis nach Hospel. Von Frau Cresenz
+kam eines Tages ein Briefchen und am folgenden Tag ritt sie, vom
+Kreuzwirt begleitet, den Silberschild der Hospelertracht vor der Brust,
+das kokette Filzhütchen auf dem Haupt, vor den Bären.
+
+Der Presi empfing den Kreuzwirt und seine Schwester nicht zu freundlich,
+denn die Beleidigung vom letzten Besuch saß ihm noch wie ein Dorn im
+Fleisch, aber mit einem Scherzwort zog Frau Cresenz den Stachel heraus,
+und gegen liebenswürdige Frauen war der sonst unbeugsame Mann
+nachgiebig.
+
+Und Frau Cresenz war hübsch. Aus ihrem vom Ritt leichtgeröteten Gesicht
+schauten muntere graue Augen, sie hatte kluge und angenehme Züge, eine
+kühle Sprechweise und war in ihren Bewegungen, obgleich ihr Körper fast
+zu stattlich war, von unleugbarer Anmut.
+
+»Die steht dem Bären wohl an,« schmunzelte der Presi in sich hinein und
+zeigte den beiden das Haus.
+
+»Ja, da muß vieles anders und ordentlicher werden, da gehört wirklich
+wieder eine Hausmutter hin.« Und die hübsche Frau Cresenz lächelt dem
+Presi gutmütig verständnisvoll zu.
+
+Etwas beschämt sagt er: »Wir haben bis jetzt halt nur ein
+Bauernwirtshaus geführt. Das muß natürlich für die Fremden alles anders
+eingerichtet sein!«
+
+Als die drei die Treppe aufwärts in den zweiten Stock stiegen, trat die
+alte Susi, die Röstpfanne, aus der der Kaffeeduft aufstieg, in den
+runzeligen Händen, neugierig unter die Küchenthüre und sah ihnen nach.
+Da machte Frau Cresenz am Geländer der Treppe einen Fingerstrich und
+zeigte den Staub hinter dem Rücken des Presi dem Kreuzwirt.
+
+Nun war die Alte teufelswild und faustete hinter der kleinen
+Gesellschaft her: »Nein, bei der bleibe ich nicht.«
+
+Der Presi hatte mit seinen Gästen den Estrich erreicht. Plötzlich
+ertönte schallendes Gelächter der Frau Cresenz. Aus einem von allerlei
+Gerümpel gebildeten Winkel starren sie zwei große Kinderaugen an, ein
+ängstliches Gesicht schaut aus einem alten zerrissenen Tuch, das
+malerisch über den Kopf geworfen ist.
+
+»Ist das Binia? Ach, das Kind habe ich ganz vergessen. -- Komm, du
+artiger Fratz.« -- Die Kleine sieht die Augen des Vaters aufmunternd auf
+sich gerichtet und kriecht hervor. Da reißt ihr Frau Cresenz lachend das
+Tuch ab: »So, jetzt siehst du menschenähnlich aus, nun gieb mir die
+Hand.«
+
+Sie sagt es mit kühler Freundlichkeit, aber der erschrockene scheue
+Wildling rennt an ihr vorbei und wirbelt die Treppe hinunter. Die alte
+Susi ruft ihr zu: »Hast die neue Mutter gesehen, die hochmütige?«
+
+»Die neue Mutter!« Nun muß sie auch darüber denken. Und das kleine
+Köpfchen brennt doch schon von allem anderen, worüber ihm niemand
+Auskunft giebt. Der Vater hat mit der Frau so lieb geredet. Nie, nie hat
+er so mit der seligen Mutter gesprochen und auch nicht mit ihr. Doch,
+aber es ist schon so lange her. Sie schleicht sich auf den Zehenspitzen
+in ihr Kämmerchen empor. Denken -- denken will sie.
+
+Gegen Abend hört sie die Fremden fortreiten, das fröhliche Lebewohl, das
+der Vater Frau Cresenz zugerufen hat, tönt ihr in die Ohren. Ihr aber
+thut der Kopf so weh, ihre Zähne klappern, sie kriecht ins Bett.
+
+Da hört sie die Tritte des Vaters. Gewiß kommt er sie zu züchtigen.
+
+Sie mochte seine Absicht erraten haben, aber in den Zorn mengte sich die
+Vatersorge. Binia war zwar immer ein eigenartiges Kind gewesen, oft
+nachdenklich, oft ausgelassen lustig, aber seit einiger Zeit war sie so
+blaß und scheu und allen ein Rätsel.
+
+Wäre er abergläubisch gewesen, er hätte geglaubt, die Drohung der Fränzi
+sei schon in Erfüllung gegangen, Unsegen sei auf dem Kinde.
+
+Wie er sie nun am hellen Tag mit gläsernen Augen im Bette liegen sah,
+entwaffnete die Sorge den letzten Zorn.
+
+Er setzte sich ans Lager, nahm die fiebernde Hand der Kleinen ganz
+vorsichtig in seine Pratze und als sie, sich von ihm abwendend, leis
+wimmerte, legte er ihr die andere Hand auf das seidenweiche dunkle Haar.
+Das Kind zuckte zusammen.
+
+»Was machst du für Streiche, liebe Maus? Du hast eine heiße Stirn, bist
+ja ganz krank. -- Binia -- Gemslein -- liebes Gemslein, schau mich
+einmal an.«
+
+Sorge und Bangigkeit sprachen aus seinem Ton.
+
+Als das Kind die sanften und lieben Worte des rauhen Vaters hörte, die
+es wie ein Klang aus fernem schönem Traum umwarben, überließ es ihm das
+heiße Händchen, das es ihm hatte entziehen wollen, und halb freudig,
+halb ängstlich blinzelte es mit den großen Augen nach ihm.
+
+»Hast du mich nicht mehr lieb, Bini?«
+
+»O doch -- doch -- Vater,« klang das feine Stimmchen, »aber -- --« Sie
+schauerte.
+
+»Rede nur, Maus!«
+
+»Ich habe dich so viel zu fragen. Thust du mir nichts, wenn ich etwas
+frage?« Der zarte Körper zitterte.
+
+»Nein, frage nur -- bist ja meine Maus!«
+
+»Warum bist du auch so lieb und gut jetzt, Vater?« Das tönte so fein und
+scheu und ein bleiches Lächeln flog über die Lippen des Kindes.
+
+»Ich habe dich ja immer lieb gehabt, Gemslein. Weißt nicht mehr, wie ich
+dich auf dem Arm getragen habe? Und weißt noch, wie ich dir manchen Kram
+von Hospel mitgebracht habe?«
+
+An diesen Gedanken spann das Kind weiter.
+
+»Ja, die Mutter und ich haben jedesmal auf dich gewartet, bis du am
+Abend heimkamst. Und dann hast du mich noch ein wenig auf die Kniee
+genommen und ich habe darauf reiten dürfen. Die Mutter hat mich dann zu
+Bett gebracht und hat meine Hand genommen wie du jetzt und wir haben
+gebetet: 'Lieber Gott, lieber Herr Jesus Christus! Erhalte den lieben
+Vater gesund.' Und dann hat sie die Kissen an mein Köpfchen gedrückt:
+'Schlaf, schlaf, du liebes Engelchen.' Und manchmal ist eine Thräne auf
+meine Wange gefallen, aber am Morgen, wenn ich sie gesucht habe, war sie
+fort.«
+
+Rührend, als ob das fiebernde Kind gegen das Weinen kämpfte, klang das
+Stimmchen, der Presi hatte den Kopf gesenkt, und als er nichts
+antwortete, fuhr das Kind fort:
+
+»Seit die Mutter tot ist, besucht sie mich jede Nacht. O, sie ist so
+schön, sie ist ganz weiß und hat Flügel an den Schultern. Und wenn sie
+sieht, daß ich ihr altes Sonntagsbrusttuch bei mir im Bett habe, so
+lächelt sie wunderschön. Nur das Tuch muß ich haben, dann kommt sie. --
+Aber, Vater, warum hat die Mutter auch so viel geweint, als sie lebte?«
+
+Der Presi war unruhig geworden, die Zärtlichkeit des Fiebergeplauders
+regte ihn auf.
+
+Das Mündchen aber lief und lief: »Wie ist es schön gewesen, als ich noch
+klein war. Josi und Vroni sind immer gekommen, er hat mich dann auf dem
+Rücken getragen, und dafür hast du ihnen Kirschen vom Baum gerissen.«
+
+»Was hast vorhin fragen wollen, Bini?« unterbrach der Vater barsch das
+plaudernde Kind.
+
+»Thust du mir nichts?«
+
+»Dumme Maus, du!« Sein Ton war wieder freundlich.
+
+Die Augen des Kindes öffneten sich -- es richtete sich im Bettchen halb
+auf und zitternd, traumhaft kam's:
+
+»Du, Vater, wenn ich groß bin, darf ich dann die Frau Josi Blatters
+werden?«
+
+Da verzerrte sich das Gesicht des Presi. -- Der Zug hoffnungsvollen
+Zutrauens auf dem fiebergeröteten Kindergesicht erlosch, es stopfte den
+Mund mit dem gekrümmten Finger, die Augen wurden schreckhaft groß, und
+seine Gedanken taumelten nach einem Rettungsanker -- es schlang das
+Aermchen um den Vater, es schrie:
+
+»Ich hab' nicht das sagen wollen, Vater -- nein -- ich habe fragen
+wollen: Ist es wahr, daß dir die Hand aus dem Grab wachsen wird?«
+
+Da verglasen sich auch die Blicke des Presi, er ächzt -- und ächzt.
+Plötzlich brüllt er: »Wer sagt das? -- Sagt es Fränzi?«
+
+Vor Furcht weiß das Kind nicht mehr, was es sprechen soll, was es
+spricht.
+
+»Fränzi -- Vroni -- nein -- Josi -- oder nein --« Es will weiter reden.
+
+Aber der Presi schlägt ein so schauerliches Lachen an, wie wenn etwas in
+ihm risse. Das Kind schweigt.
+
+»Und den willst du heiraten! -- Da also packst du mich, toter Seppi
+Blatter. Deinem Buben will ich's eintränken.«
+
+Er faustet sinnlos gegen die Wände: »Jetzt wollen wir sehen, ob ein
+lebendiger Presi nicht über einen toten Wildheuer Meister wird.« Er will
+sein krankes Kind schlagen, aber es hat sich tief unter die Decke
+verkrochen und hält sie mit krampfhaften Händen fest.
+
+Unter der Thür steht Susi, die irgend etwas berichten will; und schlägt
+die Hände über dem Kopf zusammen.
+
+Der Presi schwankt aus der Kammer.
+
+Ein Riß war von dieser Stunde zwischen Vater und Kind. Binia lag einige
+Tage krank, der Presi kümmerte sich nicht um sie; als sie mit blassen
+Wänglein wieder in der Stube erschien, übersah er sie und vermied lange
+Wochen sie anzureden, als er es endlich wieder that, da war es nur in
+Gegenwart Dritter und seine Worte beschränkten sich auf kurze Befehle
+und gleichgültige Dinge.
+
+Daran änderte auch die Hochzeit mit Frau Cresenz, die im Herbst
+stattfand, wenig.
+
+
+
+
+VI.
+
+
+St. Peter ruht mit seinen Holzhäusern halb versunken im Schnee, wie die
+Federkissen eines Brautfuders liegt er auf den Dächern, die Glotter
+gurgelt unter dem Eis. Am Mittag stechende Sonne, blauer Himmel, ein
+Licht von den Bergen, daß man die Hand über die Augen decken muß,
+triefende Dächer und sonnenwarme Luft, des Nachts bittere Kälte, so daß
+der Schnee im Flimmern der Sterne wie Millionen erbarmungslose
+Glassplitterchen funkelt.
+
+Die Lichter leuchten freundlich aus den kleinen Fenstern ebenhin in den
+Schnee. Von Haus zu Haus huscht es und eilt es. Bursche und Mädchen,
+jung und alt sitzen um die Lewatöllampe zusammen, die Frauen spinnen den
+Flachs, die Mädchen flechten mit raschen Fingern Strohbänder und nähen
+Hüte, die Männer schnitzen an Holzschuhböden herum und nebeln mit den
+Pfeifen.
+
+Man redet nicht viel, die von St. Peter sitzen gern still und feierlich
+im Kreis. Am häufigsten noch hört man das Weib des Fenkenälplers, das
+von Zeit zu Zeit von ihrem Mann einen Zug aus der Tabakspfeife bettelt.
+
+»Fenkenälpler, kauft der Vre doch ein artiges Klöbchen,« lacht der
+krummmäulige Bäliälpler. »Wenn die Weiber rauchen, so schadet's dem
+Hausfrieden nichts -- das meine raucht jetzt auch schon ins siebente
+Jahr.«
+
+»Es ist halt doch nicht schön,« meinte die fröhliche Bertha Thugi, eine
+Neunzehnjährige, die neben ihrem jüngeren Bruder Peter, dem Enkel des
+alten Peter Thugi, sitzt, »daß bei uns so viele Weiber rauchen wie
+Kamine. Mir gefallen Fränzi und die Gardin -- sie rauchen nicht.«
+
+»Jetzt will die das Rauchen der Weiber abschaffen, wie die neue
+Bärenwirtin den Schnaps.«
+
+Die fromme, geizige Glottermüllerin, die den Mühlknecht hungern läßt,
+mault: »Recht ist's. Zuerst haben die Männer gar nicht gewußt, wie die
+neue Frau Presi genug rühmen. Schön und leutselig sei sie. Jetzt hat
+man's. Nicht einmal ein Gläschen Gebranntes mag sie ums gute Geld den
+Leuten gönnen. Sie meint wohl, in St. Peter seien alle vergüldet wie der
+Presi.«
+
+Der Bäliälpler mit der Bogennase und dem krummen Maul aber brummt: »Was
+mir gar nicht gefällt, sind die Handwerksleute von Hospel, die jetzt die
+ganze Zeit im Bären lärmen. Er war doch von jeher ein schönes Haus. Aber
+wißt ihr? Fremde Weltleute, Deutschländer, Franzosen, Englische und
+Hispaniolen, wie's seit ein paar Jahren zu Grenseln, Serbig und im
+Oberland sommers über hat, sollen mit ihren Weibern, Hunden und Katzen
+in den Bären kommen und darein sitzen. Was meint ihr? Wozu ist an der
+Straße eine Thür ausgebrochen worden und wird eine Stube gemacht? In
+diese Truhe können die von St. Peter hocken und oben, wo wir bis jetzt
+gesessen sind, in der schönen großen Stube, rutschen die fremden
+Maulaffen herum, die den Unterschied zwischen einem Gemsbock und einem
+Kalb nicht kennen.«
+
+»Protestieren soll man! -- Aber die Gemeinderäte, der Garde ausgenommen,
+haben's wie unsere Maultiere, sie machen so.« Der glatzköpfige
+Glottermüller, der eine Stimme hat wie ein Weib, aber selbst schon lange
+gern Gemeinderat geworden wäre, nickt mit dem Kopf, bis alles lacht. Und
+plötzlich ruft er, daß alle aufblicken:
+
+»Die Gemeinde soll man anfragen, ob wir Fremde in St. Peter dulden
+wollen oder nicht. Das behaupte ich.« Wichtig blickt er um sich.
+
+»Der Pfarrer ist dagegen. Eine Todsünde sei's, Fremde nach St. Peter zu
+rufen. Anstecken mit großen Fehlern und Sünden würden sie uns und
+Schaden bringen an der heiligen Religion.«
+
+So der Bockjeälpler, der zwischen dem Reden immer schnalzt.
+
+»Hört! -- hört!«
+
+»Es ist nicht bloß deswegen!« meint der alte großbärtige Peter Thugi,
+der bisher fleißig an seinen Löffeln und Kellen herumgeschnitzt, den
+Abend noch kein Wörtchen gesagt hat und mit seiner tiefen Stimme sehr
+langsam spricht, »es ist wegen der Dinge, von denen man nicht unnötig
+reden soll -- wegen der armen Seelen!«
+
+Das Wort bringt eine merkwürdige Bewegung hervor.
+
+Alle Arbeit ruht, schweigend und feierlich schaut man nach dem alten
+Manne und wer raucht, legt die Pfeife weg.
+
+»Wenn nur Fränzi da wäre,« fährt er fort, »sie könnte es besser erzählen
+als ich, wie an den Firnen der Krone tausendmal tausend abgeschiedene
+Seelen im Eise stehen und sehnsüchtig auf ihre Erlösung warten. Um ihre
+Gebete zu verrichten, brauchen sie Frieden und Ruhe. Vom Thal herauf
+mögen sie nichts hören als das heilige Glockengeläute. Lachen,
+leichtfertiges Reden und großer Lärm thut ihnen weh. Namentlich
+beleidigt es sie, wenn die Leute neugierig auf die Gletscher und Firnen
+steigen. 'So weit die Welt grün ist, ist Lebendigenland, wo sie weiß
+ist, ist Totenland.' Das haben sie schon manchem Gemsjäger gesagt, der
+sein Tier ins weiße Revier verfolgte. Wenn nun aber die Fremden, die
+nichts von den armen Seelen wissen, alle Tag tanzen und Sonntag machen?
+Ich will's euch sagen: Es kommt ein mächtiges Unglück über St. Peter.«
+
+Der Erzähler schweigt; alle erwarten, daß er wieder beginne -- niemand
+redet, der Bäliälpler nur mahnt: »Erzählt, Peter Thugi!«
+
+Da fährt Peter Thugi geheimnisvoll fort:
+
+»Es hat eine Zeit gegeben, wo es in St. Peter so weltlich zuging, wie es
+wieder geschehen wird, wenn die Leute aus den Weltländern kommen. Alle
+Tage waren Lustbarkeiten, sündiges Reden und Wollust. Das war, als noch
+die Knappen im Schmelzwerk saßen. Da hat im Bären jeden Abend eine Musik
+aufgespielt und immer war mit lustigen Weibsbildern Juhe und Juheien.
+Als nun die von St. Peter, die solche Weltlichkeit duldeten, zu
+Pfingsten in die Kirche kamen, saßen in den vordersten Bänken auf der
+Weiberseite zwölf weiße Vorstehbräute[20], die niemand erkannte. Wie der
+Gottesdienst vorüber war, schritten sie hinauf durch die Alpen zu den
+Firnen der Krone. Vor einer Hütte, die jetzt schon lang nicht mehr
+steht, begegneten sie dem frommen Sennen Sämi, der nicht mehr gehen
+konnte und auf der Bank bei der Thüre saß. Da fragten sie ihn ängstlich,
+ob wohl die Leute von St. Peter aus ihren betrübten und traurigen
+Gesichtern gemerkt haben, warum sie zur Kirche gekommen seien. Der alte
+Sämi spürte aus ihrem Ton, daß es etwas sehr Ernstes sei und meinte, ihm
+können sie es schon verraten. Sie seien arme Seelen von der Krone,
+antworteten sie, und haben die von St. Peter warnen wollen, daß sie das
+tolle Leben im Dorf nicht länger dulden. Wenn sie es aber weiter litten,
+so würde St. Peter von Lawinen verschüttet, denn die vielen tausend
+armen Seelen, die jetzt mit ihren Leibern dem Firn Halt geben, würden
+auswandern und dann stürze der Schnee der Krone aufs Dorf. Sie hätten
+auf ihre Bitten die Erlaubnis bekommen, daß sie die von St. Peter warnen
+dürfen, er möge es ihnen sagen, wenn es die Leute sonst nicht gemerkt
+haben. Sie dürfen doch nie mehr kommen und die Mahnung gelte für ewig.
+Erleichtert gingen die armen Seelen ihres Weges und sangen vor Freude,
+daß sie die Botschaft einem so braven Manne wie Sämi hatten ausrichten
+können. Sämi aber schickte Bericht ins Dorf über das merkwürdige
+Erlebnis, und siehe da -- alle die in der Kirche gewesen, erkannten die
+Vorstehbräute. Es waren gestorbene Mädchen von St. Peter. Die Leute
+trieben die Musikanten und die leichten Weibsbilder fort, und seither
+weiß man in unserem Dorf, was geschieht, wenn Wohlleben und Ueppigkeit
+wieder kommen.«
+
+ [20] _Vorstehbräute_, Kommunikantinnen.
+
+Der Kreis der andächtigen Zuhörer und Zuhörerinnen schauderte.
+
+»Der Presi bringt noch über uns alle gleiches Unglück wie über Seppi
+Blatter!« unterbrach die böse Zunge des Glottermüllers das Schweigen.
+
+»Pst!« klang eine Weiberstimme aus dem Hintergrund durch den blauen
+Tabaksnebel, »Bälzi weiß, wie der Presi den Leuten ein Schloß an den
+Mund legt, die etwas wider ihn sagen.«
+
+Die Gesellschaft hätte lieber noch mehr Geschichten von den Toten gehört
+und neigte nicht mehr zum Schwatzen.
+
+Bertha Thugi, die von der Erzählung ihres Großvaters bewegt war, meinte:
+»Laßt uns doch die Wildheuerfränzi holen, sie weiß alle Geschichten des
+Gebirges, die von den Lebendigen sowohl wie die von den Toten, sie weiß
+die Ueberlieferungen und Sagen, sie hat manchmal bis um die Mitternacht
+erzählt, so daß alle zitterten und man fast nicht mehr heimgehen
+durfte.«
+
+»Fränzi ist aber nie ungebeten erschienen, sie hat aus ihrem Erzählen
+immer eine Kunst gemacht, die geehrt sein wollte. Und jetzt lehnt sie
+alles Erzählen ab. Sie habe keine Lust mehr zum Reden. Ich verstehe es
+nach dem großen Unglück wohl.«
+
+So der alte Peter Thugi, und schweigend lichtet sich allmählich der
+Kreis, die Totensagen summen in den Köpfen, die Sagen Fränzis.
+
+Würdig erträgt sie den Tod ihres Mannes. Als er stürzte, hatte sich ihr
+wohl ein Schrei entrungen, ein entsetzlicher Schrei, als müßten auch ihr
+Leib und Seele auseinanderbrechen. Und in den ersten Tagen lebte sie in
+dumpfem Brüten dahin. Dann aber erhob sie sich plötzlich und ging an
+ihre Arbeit wie sonst. Niemand hat sie je weinen gesehen, niemand je
+klagen gehört. Nur die Strähnen gebleichten Haares in der dunklen Fülle
+verrieten, daß sie gelitten hatte. Den Schmerz hatte sie in den
+unergründlichen Tiefen des Glaubens begraben.
+
+»Vroni und Josi, tragt niemand etwas nach, es hat im Leiden und Sterben
+eures Vaters eine höhere Hand gewaltet, und grübeln ist sündhaft.« So
+mahnte sie, wenn die Kinder vor Beelendung über den Tod des Vaters fast
+zerflossen.
+
+Ihrem kleinen Haushalt ging es seit dem schrecklichen Ende Seppi
+Blatters nicht schlechter als zu seinen Lebzeiten. Es war, als hätte das
+Unglück des Vaters Josi, den vierzehnjährigen, mit einem Schlage um
+viele Jahre gereift. Das freundliche Knabengesicht mit den klugen
+dunklen Augen war ernst und trotzig geworden, um ein Lächeln gab der
+früher gesprächige Bursche nicht viel, menschenscheu vermied er das
+Dorf. Ohne daß ihm jemand die Notwendigkeit klar gemacht hätte,
+schleppte er im Lauf des Sommers genug Wildheu von den Planken, um die
+paar Ziegen durch den Winter zu bringen, so daß die Mutter manchmal
+mahnte: »Ueberthu dich nicht, du zäher Bub.«
+
+Der Acker hatte reichlich Frucht getragen. Als man Anfang Winter das
+Korn im großen Backofen des Garden gleich fürs ganze Jahr verbuk, da
+ergab es so viel große Laibe, daß die Kinder bis zur nächsten Ernte
+nicht nach Hospel hinauszuwandern brauchten, um Mehl zu holen.
+
+Das war gut, woher das Geld nehmen?
+
+Es waren drollige Mahlzeiten, die Mutter und Kinder hielten. Josi, der
+die Stelle des Hausvaters übernommen hatte, zertrümmerte mit Hammer und
+Hackmesser das vom langen Liegen steinharte Brot. Die dunklen Splitter
+stoben nur so davon, und ebenso stoben sie vom Käse, den noch der Vater
+bereitet hatte. Vroni fing die Brocken auf, indem sie die offenen Arme
+ausbreitete, und lachend knusperten die Kinder an den braunen Stücken,
+die dem Gestein des Gebirges zum Verwechseln glichen.
+
+»Beiße dir keinen Zahn aus, Vroni!« scherzte Josi. Dann wies sie ihm
+ihre Perlenreihe zwischen kirschroten Lippen, er zeigte als Antwort sein
+blitzblankes Gebiß und zum Schluß der Mahlzeit nahm er die Tessel, einen
+Holzstab, der auf dem Tisch lag, und schnitzte einen Kerb hinein, bald
+auf Vronis, bald auf seiner, bald auf der Mutter Seite, damit man wisse,
+wer das Tischgebet verrichtet hatte.
+
+Ein kleines, inniges Glück, dem die Trauer, die es durchbebte, Bestand
+verbürgte. So hätte man den Haushalt Fränzis nennen mögen. Die
+Geschichten, die sie nicht mehr in die Kreise der Burschen und Mädchen
+tragen mochte, erzählte sie Josi und Vroni. Dann geschah es wohl, daß
+Josi müde vom Tag einschlief, während Vroni gespannten Ohres lauschte.
+
+Oft sangen die drei das einzige Lied, zu dem sie eine Melodie wußten,
+den einzigen weltlichen Gesang, den es im Glotterthal gab. Fränzi hatte
+ihn zur Zeit, als sie mit Seppi selig verlobt war, auf dem Markt zu
+Hospel von einem fahrenden Spielmann gehört und gekauft. Sie nannte ihn
+»das Kirchhoflied«. Der Sang lautete:
+
+ »Es liegt das Dorf im Abendstrahle,
+ Die Berge glühen Dom an Dom,
+ Im Frieden steh'n des Kirchhofs Male,
+ In wilden Wellen rauscht der Strom
+ An ihm dahin zur weiten See,
+ Wie klingt die Flut vor Wanderweh!
+
+ Das Steingenelk, die Königskerzen
+ Erblüh'n voll Pracht im heiligen Rund,
+ Sie steigen aus gebroch'nen Herzen
+ Und jede Blume ist ein Mund.
+ O, wie das weint, o, wie das lacht,
+ Dem Flüstern horcht die Sommernacht!
+
+ Des Dorfes Abgeschied'ne reden,
+ Es reden toter Bursch und Braut,
+ Man kennt und nennt im Ringe jeden --
+ Da klagt ein Knöspchen frischbetaut:
+ 'Wir sind im Thal -- nur einer fehlt,
+ O, wie sich der in Heimweh quält.'
+
+ Gebräunter Bursch ist fortgezogen,
+ Den Mund so rot, den Blick so hell,
+ Dahin mit Wellen und mit Wogen
+ Gewandert ist der Frohgesell,
+ Doch, als er stand an blauer See,
+ Da schrie sein Herz nach Berg und Schnee.
+
+ Du armer Knabe! Schlaf am Meere!
+ Sieh, Gottes sind so Flut wie Firn,
+ Sieh, Gottes sind die Sternenheere,
+ Er schickt den Tropfen, der die Stirn
+ Mit frischem Gletschergruß umspült,
+ Der dir das heiße Heimweh kühlt!«
+
+Hatte Vroni ihr Kämmerlein aufgesucht, so hörte sie die Mutter noch eine
+Weile in der Stube hantieren. Das letzte war immer, daß Fränzi die Thüre
+oder ein Fensterchen öffnete und irgend einen Bissen auf den Tisch
+stellte. Wenn am Morgen die Kinder kamen, waren die Fenster
+verschlossen, der Bissen verschwunden.
+
+»Wozu das, Mutter?« fragte Vroni ahnungsvoll.
+
+»Für die armen Seelen, für den Vater, wenn er unter ihnen ist.«
+
+»Der Vater ist ja mit den heiligen Sakramenten in den Tod gegangen.«
+
+»Wer ist sicher, daß er an den heligen Wassern nicht doch noch etwas
+gedacht oder gethan hat, was er büßen muß. Ein Tag hat tausendmal
+tausend Augenblicke und in jedem können wir zur armen Seele werden. Gäbe
+es sonst so viele Abgeschiedene, die in die Gletscher eingefroren sind,
+daß man nicht über das Eis gehen kann, ohne daß man ihnen auf die
+Häupter tritt? Die Krone ist voll Wehklagen der Frierenden, in den
+Gletscherspalten hört man sie weinen und diejenigen, die hoch auf den
+Bergen armen Seelen begegnet sind, werden nimmer froh, sie verlieren das
+Lachen und die roten Wangen. Ihr habt Abrahämi nicht mehr gekannt. Er
+war ein Gemsjäger. Einmal, als er hinter einem Felsblock auf eine Gemse
+lauerte, sah er plötzlich zwei arme Seelen. Die eine kämmte ihr welliges
+Haar, die andere sang, denn beide waren bald erlöst und freuten sich der
+warmen Sonne. Es waren vornehme Mailänderinnen, die in ihrem Leben vor
+vieler Weltfreude vergessen hatten, Armen Gutes zu thun. Sie erzählten
+Abrahämi ihr verfehltes Leben so beweglich und ihre Schönheit war so
+groß, daß er vor Mitleid und Liebe fast verging. Sie baten ihn, er möge
+im Thale nicht erzählen, daß sie so schwer büßen, denn es könnte sonst
+die Nachricht davon bis nach Mailand zu ihren Verwandten gelangen, und
+das wäre ihnen nicht lieb. Als aber Abrahämi, der Gemsjäger, ins Thal
+kam, konnte er es nicht verschweigen, was für schöne Frauen er auf dem
+Gletscher gesehen habe. Da wurden seine Füße und seine Zunge lahm und
+viele Jahre saß er so auf dem Dengelstein vor seinem Hause und schaute
+in Sehnsucht nach den Firnen der Krone, ob er die schönen Frauen nicht
+erspähen möchte. Eines Tages flogen zwei schneeweiße Tauben über das
+Thal. Das waren die erlösten Seelen. Abrahämi mochte wieder aufstehen
+und reden, doch lachen hat er nie mehr mögen, sondern immer gesagt:
+'Kränkt keine arme Seele.'«
+
+So erzählte Fränzi und in Vroni erklangen die Glocken des Glaubens, daß
+ihr ganzes Wesen erfüllt würde mit den Ahnungen der Sage. Und war Josi
+trotzig und finster, so blühte in ihrem frischen, von blondem Haar
+umspielten Gesicht stillinniges Leben auf.
+
+Wenn in der Nacht der Wind durch die Felsen weinte, die weißen Nebel am
+mondbeschienenen Berghang schwebten, dann glaubte auch sie die Züge
+jener Toten zu sehen, die von den Gletschern ins Thal steigen und es
+durchwandeln.
+
+»Mutter, aber haben sie schon am Brot oder an der Milch gerührt?«
+
+»Nein, Vroni, die armen Seelen essen nicht und trinken nicht; wenn sie
+nur den guten Willen sehen, so sind sie schon satt und freuen sich, daß
+sie nicht vergessen sind, denn nichts auf der Welt thut ihnen so weh,
+wie wenn niemand ihrer gedenkt.«
+
+Einmal, als Vroni schon schlief, kam über den hohen flimmernden Schnee
+wahrhaftig eine arme Seele durch die Nacht geschwebt und gewandelt, eine
+leichte, schlanke Kindergestalt, doch stieg sie nicht den Alpweg herab,
+sondern huschte herüber von der schlafenden Kirche, die ihren Turm
+gespenstisch in die nächtliche Winterlandschaft reckte.
+
+Fränzi erschrak. Wenn man eine arme Seele sieht, soll man nicht
+neugierig sein, es kann sie kränken. Sie zog sich vor der Wandelnden
+tief in ihr Stübchen zurück und betete den Segen.
+
+Da horch! Vor dem Fensterspalt bittet und bettelt ein süßes, feines
+Stimmchen: »Fränzi, liebe Fränzi. Darf ich zu Euch hereinkommen?«
+
+Einen Augenblick staunt Fränzi, dann sagt sie überrascht: »Weiß Gott,
+das ist Binia!« Sie öffnet die Thüre und zieht das schlotternde Kind,
+das zum Schutz vor der grimmigen Kälte den Kirchenmantel der seligen
+Beth um die Glieder geschlagen hat, in das Stübchen.
+
+»Ums Himmels willen, Bini, was willst du bei dem harten Frost und bald
+um Mitternacht. Hat es im Bären ein Unglück gegeben?«
+
+Da lächelt Binia leise und schalkhaft, setzt sich dicht zu Fränzi auf
+die Bank, nimmt mit einer scheuen Liebkosung ihre Hand, schlägt den
+Blick nieder und sagt: »Nein, im Bären schläft alles, nur ich habe noch
+gewacht und an mein seliges Mütterchen gedacht. Wie ich den Schlaf nicht
+habe finden können, bin ich still aufgestanden, die Treppe
+hinuntergetappt, durch das Fenster des Untergadens[21] hinausgeklettert
+und bin zu Euch gekommen.«
+
+ [21] _Untergaden_, schweizerdeutsch, Vorratskammer im Erdgeschoß.
+
+»O Gott und alle Heiligen! Nicht einmal recht angezogen bist du,
+könntest dir ja den Tod holen in dieser Nacht. Warum kommst auch nicht
+am schönen Tag?«
+
+Da verzieht sich das Gesichtchen des Kindes schmerzlich, zögernd sagt
+es: »Ich meine, der Vater hätte es nicht gern, wenn er's wüßte. Und ich
+weiß nicht, habt Ihr's gern, wenn ich zu Euch komme und Vroni und Josi?
+Ich habe Euch vieles zu fragen, Fränzi.«
+
+»Närrchen, du liebes, warum sollten wir uns nicht freuen, wenn du
+kommst?« Fränzi fuhr dem schüchternen Kinde liebkosend durchs dunkle
+fliegende Seidenhaar. »Aber wenn's dein Vater nicht gern hat, so ist's
+doch gescheiter, du gehst gleich wieder heim.«
+
+Da glitt das Kind hinab von seinem Sitz zu den Füßen Fränzis, umschlang
+ihre Kniee und flehte weinerlich: »Nein, Fränzi, nein, sterben müßt' ich
+und den Kopf würde es mir zersprengen, wenn ich jetzt nicht mit Euch
+reden könnte.«
+
+»Nun, so laß es heraus, was so in dem armen Köpfchen brennt, daß es gar
+nicht mehr schlafen kann,« sagte Fränzi mild und zog Binia zu sich
+empor.
+
+Es war aber, als blieben die Worte der Kleinen im Halse stecken.
+
+»Ist's denn etwas so Schreckliches, Bini?«
+
+»O Fränzi, wie Ihr an der Wassertröstung so ernst mit meinem Vater auf
+seiner Stube geredet habt, da saß ich auf dem Ofen, ich habe alles
+gesehen und gehört.«
+
+Wunderfein erbebte das Stimmchen.
+
+Nun war's an Fränzi, zu erbleichen. Sie sah das Kind nicht mehr, sie sah
+nur das furchtbare Erlebnis jener Stunde -- entgeistert blickte sie vor
+sich hin. Sie bat: »Kind, armes Unglücksvögelchen, rede, -- rede! Gott
+und die Heiligen mögen mir helfen, daß ich dir recht Antwort stehe.
+Vielleicht ist's gut, daß du gekommen bist.«
+
+Da rann das Geständnis des gepreßten und geklemmten Kinderherzens, erst
+scheu und zögernd, gleichsam nur in Tropfen hervor, strömte dann heiß
+und leidenschaftlich und unter vielen Thränen. Nur von Josi sagte Binia
+nichts, sonst alles.
+
+»Du süßer, lieber Vogel, so böse Dinge klopfen in deinem Herzchen.«
+
+Fränzi hatte genug zu thun, um ein klein wenig Ordnung in die verwirrte
+Kinderseele zu bringen. Sie löste Binia alle Fragen auf, nur eine konnte
+sie ihr nicht lösen: Wie es möglich ist, daß ein Kind Vater und Mutter
+gleich heiß liebt, daß der Vater die Mutter aber nicht gut leiden mag.
+
+»Ihr seid sicher, daß dem Vater die Hand nicht aus dem Grabe wachsen
+wird, wie der wüste Kaplan gesagt hat?«
+
+Feierlich nahm Fränzi die Hand des Kindes und ihre Augen begegneten dem
+dunklen Sternenpaar Binias: »Ja. Nicht die böse Unterschrift hat meinen
+seligen Seppi an die Weißen Bretter geführt, als ein Freiwilliger ist er
+gegangen. Es hat sich alles gewandt und dein Vater ist unschuldig an
+seinem Tod.«
+
+Binia dankte mit einem innigen Aufleuchten des Blicks: »Es ist kein
+Unsegen auf mir?«
+
+»Deine selige Mutter wacht vom Himmel über dir und jede Nacht bin auch
+ich in Gedanken bei dir.«
+
+Da küßte Binia die arbeitsharten Hände der mütterlichen Trösterin mit
+brennendem Mund.
+
+Noch hatte das neugierige Kind viele Fragen, die Antwort forderten.
+
+»Ihr denkt, der Vater habe mich doch lieb? -- O, Fränzi, wenn Ihr
+wüßtet, wie ich ihn liebe.«
+
+»Natürlich, du kleine Ungläubige -- jeder Vater hat in seinem Herzen ein
+Plätzchen für sein Kind, und wenn es zu tiefinnerst versteckt wäre! Sei
+liebevoll und demütig gegen den Vater; auf Kindern, die gegen ihre
+Eltern ehrfürchtig sind, steht die Verheißung, daß es ihnen wohl
+ergehe.«
+
+»Ich demütig -- das ist schwer. -- Wohl, wohl, ich will demütig sein!«
+flüsterte Binia mit feinem Stimmchen und gesenkten Lidern, »aber --«
+
+»Was für Rätsel hast du denn noch, du grüblerisches Kind?«
+
+»Ich habe jetzt zwei Mütter, eine tote, die mir lieb über alles ist --
+und eine lebendige. Wie soll ich's da halten? Kränke ich die tote nicht,
+wenn ich gut zu der lebendigen bin?«
+
+»Richte in deinem Herzen einen Altar auf für die tote, schmücke ihn mit
+Blumen der Liebe; der lebendigen aber diene als gutes Kind, denn, Binia
+-- Frau Cresenz ist eine wackere Frau.«
+
+Binia schwieg mit gesenktem Kopf.
+
+Da drang von der Kirche herüber der Einuhrschlag, er mahnte Fränzi an
+die schwere Stunde, wo Seppi für immer Abschied genommen hatte.
+
+»Und nun sollte ich auch dich herzlich um etwas bitten, Vögelchen. In
+grenzenlosem Leid hat dich der selige Seppi beschimpft. Vergieb ihm,
+Binia!«
+
+Statt jeder Antwort preßte das Kind das Köpfchen an die Brust der Frau,
+nicht anders, als wäre sie die Mutter.
+
+»O, Fränzi, ich höre Euer Herz -- das ist so ein liebes, warmes Herz.«
+
+»Ja, aber jetzt geh' -- jetzt geh', du Nachtwandlerin, ich kann dein
+Bleiben nicht mehr verantworten.« Als Fränzi schon die Thüre
+aufschließen wollte, bettelte Binia: »Zeigt mir doch noch Vroni, wie sie
+schläft -- o, wie manchmal hat's mich an der ganzen Seele und am ganzen
+Leib zu ihr gezogen.«
+
+Fränzi lächelte, sie führte die Bettlerin zu Vronis Lager, und Binia
+preßte einen Kuß auf die roten Wangen der Freundin, die tief atmend auf
+den gelösten Strähnen ihres Goldhaares ruhte.
+
+Die Schlafende regte sich, leise traten die beiden nächtlichen
+Besucherinnen aus dem Kämmerchen zurück.
+
+»Willst Josi auch noch sehen?«
+
+»Ja, gern,« hauchte Binia und eine Blutwelle ergoß sich über ihr feines
+Gesichtchen. Sie stiegen die schmale Treppe empor. Im Licht, das Fränzi
+durch die Finger auf den Schläfer fallen ließ, sah Binia die Furche der
+Willenskraft, die sich von der Stirne zur Nase Josis zog und das junge
+Gesicht schon halb männlich erscheinen ließ. »Aber schön,« dachte Binia
+bei sich selber, »ist Josi doch, so schlank, so braun.«
+
+Da fiel ihr plötzlich schwer aufs Gewissen, wie sie den arglosen
+Schläfer wider ihren Willen, doch ohne die Fähigkeit, den Widerruf
+vorzubringen, bei ihrem Vater verleumdet hatte; sie zitterte und sagte
+kleinlaut: »Fränzi, ich muß gehen! Ich dank' Euch tausendmal, liebe
+Fränzi.«
+
+Und über den mondbeschienenen Schnee lief Binia flink wie eine Gemse dem
+unter schweren Winterlasten seufzenden Dorfe zu.
+
+»Ob ich's wohl noch erleben und sehen werde, wohin dich dein Weg führt,
+du Kind mit den vielfragenden Augen und dem Rätselherzchen?« Mit diesem
+Gedanken sah Fränzi der schlanken Gestalt nach, die in den schweren
+nächtlichen Schlagschatten der Häuser verschwand.
+
+Als Vroni am nächsten Morgen sich zu Tische setzte, erzählte sie mit
+strahlendem Gesicht, sie habe so lebhaft von Binia geträumt, wie wenn
+sie selber bei ihr am Bett gestanden hätte. Mutter Fränzi lächelte, sie
+weihte die Kinder so stark in das Geheimnis des nächtlichen Besuches
+ein, als sie für gut fand. Josi aber sagte: »Das ist mir alles
+gleichgültig, wenn mir die Giftkröte nur nie mehr über den Weg läuft.«
+
+Vroni lachte und drohte mit dem Finger: »Josi, Josi, ich erzähle es der
+Mutter, was draußen im Teufelsgarten geschehen ist.«
+
+Mit zornrotem Gesicht stand er auf: »Ich will nichts mehr wissen vom
+Kind eines schlechten Hundes, dem Vater selig bin ich's schuldig.« Er
+schlug die Thüre ins Schloß und ging die Ziegen füttern. Fränzi war
+neugierig, was draußen im Teufelsgarten geschehen sei, als ihr aber
+Vroni gebeichtet hatte, sagte sie kein Wort.
+
+Die Geschichte machte ihr einige Tage schwer.
+
+Für Vroni blieb der unerwartete nächtliche Besuch Binias das große
+freudige Ereignis des Winters, sie hoffte, die Freundin würde wieder
+kommen, und erwartete sie mit wachenden Augen Abend für Abend.
+
+Binia kam aber nie wieder, Vroni und die Mutter bemerkten es jedoch
+wohl, wie sie manchmal aus der Ferne sehnsüchtig nach ihnen und ihrem
+Häuschen blickte, wie sie dann aber die Angst, sie würde vom Vater
+bemerkt, fortjagte.
+
+Um Josi stand's nicht gut.
+
+Wenn er Holz im Walde sammelte, so setzte er sich oft auf die fertige
+Bürde, stützte den Kopf in die beiden Hände und im winterlichen Walde,
+der unter der Schneelast knackte, zogen mit furchtbarer Lebendigkeit die
+Bilder noch einmal vorüber, wie sein Vater an den Weißen Brettern
+gelitten hatte und gestorben war. Der Gram um den Vater machte ihn je
+länger je mehr zu einem düsteren Groller. Der verbissene Arbeiter war
+zuweilen hart und grob gegen Vroni, finster gegen die Mutter, und das
+kleine, innige Glück des Haushaltes erhielt durch ihn manchen Stoß.
+
+»Sie sind alle, alle schuld, die von St. Peter, am meisten der Presi,«
+grollte er.
+
+Eines Tages ging er doch durchs Dorf und stand plötzlich vor dem
+verhaßten Mann. Da schrie der Presi ihn an. »Wie darfst du dich noch
+unter rechten Leuten zeigen, du Lausbub, du!« Jetzt war Josi im Innern
+mit dem Presi und mit denen von St. Peter fertig.
+
+»Besser ungerecht leiden als ungerecht thun,« erwiderte Fränzi mit einem
+tiefen Seufzer, als der Bursche sein Erlebnis unter Thränen des Zorns
+berichtete.
+
+Allein er gab sich damit nicht zufrieden, er hatte einen furchtbaren Haß
+gegen den Presi gefaßt.
+
+»Anzünden! den Bären anzünden,« brüllte es in der Brust des
+Schwerbeleidigten, der Gedanke setzte sich darin fest, daß, wie gräßlich
+es sei, der Bären eines Tages verbrennen müsse.
+
+Aber Binia! -- Bah, Binia! -- Warum sollte er den Bären nicht anzünden?
+
+Oft warf er die Zündhölzchen, die er mitgenommen hatte, um im Wald ein
+Feuer anzumachen, mit zitternden Fingern von sich. Aber die Furcht, daß
+er eines Tages das Entsetzliche doch thun würde, quälte ihn.
+
+Hätte Josi mit kühlem Blut geurteilt, so würde er sich gestanden haben,
+daß die Leute von St. Peter den Groll nicht verdienten, den er auf sie
+warf. Sie erwiesen der verwaisten Familie jene Achtung und jenes stille
+Wohlwollen, das würdig ertragenes Unglück überall findet, sie vergaßen
+es nicht, daß Seppi Blatter im Gemeindedienst gefallen war, und hätte es
+dessen bedurft, so würde Fränzi immer die Hilfe gefunden haben, die
+notwendig gewesen wäre, den kleinen Haushalt aufrecht zu erhalten.
+
+Zuweilen streckte der Garde das hünenhafte Haupt mit einem freundlichen
+Gruß in die Thüre. Er war seit dem Tode Seppi Blatters Vormund der
+Kinder, redete aber Fränzi nichts in die täglichen Hantierungen, sondern
+ging mit zufriedenem Knurren, einem besonderen Gruß an sein Patenkind
+Vroni und mit dem Bewußtsein davon, daß da Vogtmühen[22] überflüssig
+seien.
+
+ [22] _Vogt_, schweizerdeutsch, Vormund. Vögtling, Mündel.
+
+Ein fast täglicher Gast im Haus Fränzis war der stille, blöde Eusebi,
+der die Gewohnheit hatte, sich auf einen Schemel zu setzen, nichts zu
+sagen, mit ein paar Hölzern zu spielen und zu hören, was geplaudert
+wurde. Da saß der fünfzehnjährige Schwachkopf unbeweglich, aber bei
+jedem freundlichen Wort ging ein Aufleuchten über sein Gesicht. Vroni
+und Josi mochten ihn wohl leiden, ja jene liebte ihn schwesterlich.
+
+Eines Tages zog sie ihre alte Schulschiefertafel heraus und malte mit
+ihm Buchstaben. Und siehe da, die kleine freundliche Schulmeisterin
+brachte den armen Jungen, der wegen Blödsinn die Schule nicht hatte
+besuchen können, zum Schreiben.
+
+»Eusebi, komm nur fleißig zu uns, dann lehre ich dich alles, was ich
+selber kann, wir lautieren und stellen Redeübungen an, bis du nicht mehr
+stotterst.«
+
+»Bist ein liebes V--vroneli,« stackelte er.
+
+Einmal, als Josi den beiden lange zugesehen und zugehört hatte, sagte
+er: »Mutter, die Vroni bringt den Eusebi zuwege. Ganze Sätze redet er
+mit ihr und stößt nirgends mehr an.«
+
+»Geb's Gott!« antwortete Fränzi.
+
+Auch Binia erhielt einen Spielgefährten ins Haus.
+
+Thöni Grieg war der achtzehnjährige Neffe der Frau Cresenz und des
+Kreuzwirts in Hospel. Er hatte bis dahin das Kollegium in der Stadt
+besucht, und wäre es nach der Ansicht seiner nächsten Verwandten
+gegangen, so hätte er Jurist werden müssen. Er hatte aber das Pech, daß
+er wegen loser Streiche von der Schule gewiesen wurde. Da beschloß man
+im Familienrat, ihn Frau Cresenz und dem Schwager Präsidenten zur
+weiteren Erziehung und Ausbildung zu übergeben. Der Aufenthalt im
+abgelegenen St. Peter sollte eine empfindliche Strafe für ihn sein, die
+Hand des Presi war hart genug, den Jungen im Zaum zu halten, und dabei
+hatte er im Bären doch Gelegenheit, den Hotel-, den Fremden- und
+Postdienst kennen zu lernen.
+
+Der Presi machte zuerst ein schiefes Gesicht zu dem Erzieheramt, das ihm
+seine neue Verwandtschaft zudachte, aber um Frau Cresenz willen biß er
+in den sauern Apfel.
+
+Und siehe da, als Thöni kam, erwiesen sich alle Befürchtungen und jedes
+Mißtrauen als ungerechtfertigt.
+
+Der »schöne Thöni«, der »lustige Thöni«. Bald klangen die Worte durchs
+Dorf. Er war ein schlank gewachsener, sauberer, anstelliger Bursche, der
+immer gut gekleidet ging, städtische Manieren zur Schau trug und lebhaft
+und drollig zu plaudern wußte.
+
+»Was hast du denn gemacht, Thöni, daß sie dich aus dem Kollegium gejagt
+haben?«
+
+»Gewiß nicht viel, Herr Präsident. Heimlich Bier getrunken, wenn ich
+Durst hatte, mit ein paar anderen dem Zeichenlehrer eine Katzenmusik
+gebracht und am gleichen Abend vor der Wohnung des Professors des
+Französischen, der ein schönes Töchterlein hat, ein bißchen gesungen.«
+
+Mit der offenherzigsten Miene der Welt machte Thöni sein Bekenntnis.
+
+»Donnerwetter, erst achtzehnjährig und schon die Mädchen ansingen! Wohl,
+wohl, du kannst es mit der Zeit auf einen grünen Zweig bringen.«
+
+Der Presi lachte laut, doch wohlwollend, denn er war selbst ein feuriger
+Bursche gewesen.
+
+Als großer achtzehnjähriger Herr übersah Thöni zuerst die
+dreizehnjährige Binia halb, dann entdeckte er, daß sie ein allerliebstes
+Gesichtchen habe, er spürte ihr rasches, heißblütiges Naturell heraus,
+und wenn ihn niemand beobachtete, reizte er das Kind zu seiner
+Unterhaltung auf das heftigste.
+
+»Du Wildkatze, weise mir deine blanken Zähne!« Binia wehrte sich tapfer.
+»O, die sind viel zu gut, als daß ich sie einem fortgejagten Kollegianer
+zeigen würde.«
+
+»Du giftige Katze!« Und der Bursche langte mit der Hand aus, als ob er
+dem Mädchen eine Ohrfeige versetzen wollte, aber das ließ er klugerweise
+bleiben.
+
+Ueber ihrem Zank stieg von Hospel herauf der Frühling ins Thal, die
+Lawinen krachten und gingen durch die gewohnten Runsen. Das Spiel der
+Klappern an den heligen Wassern, das winters über geruht hatte, erwachte
+nach einem Frühlingsgang des Garden wieder und in St. Peter stritten die
+Leute immer noch und heftiger, ob man die Fremden ins Thal kommen lassen
+wolle oder nicht.
+
+Der Pfarrer predigte dagegen, der Garde sprach dem Presi ins Gewissen,
+unbeirrt ging er seinen Weg; während man stritt, kam der Sommer, und es
+erschienen, vom Kreuzwirt in Hospel dahin gewiesen, die ersten Fremden
+im Bären von St. Peter.
+
+Die armen Seelen gaben kein Zeichen und die der Krone stürzten nicht
+aufs Dorf.
+
+
+
+
+VII.
+
+
+»Das Dörfchen unter dem Donner der Lawinen.« -- »Das unberührte Idyll,
+aus dem noch keine Kellnerserviette die Poesie gestäubt hat.« -- »Das
+Thal des altertümlichen Volkslebens und der originellen Sitten.«
+
+Die Schlagwörter flogen nur so. Wie aus einem Taubenschlag flatterten
+aus dem Bären mit jedem Morgen Gäste und Gästinnen durch das Dorf auf
+die Maiensässen und die Alpweiden und mit Blumen beladen am Abend
+zurück. Jeder kam sich wie ein kleiner Columbus vor, jede wie eine
+Columbussin, die Glücklichen vergaßen ganz, daß sie der Kreuzwirt von
+Hospel nach St. Peter gewiesen hatte, und genossen unbeeinträchtigte
+Entdeckerfreuden. Wie hatte man die Krone, diesen kühnen und gewaltigen
+Hochbau des Gebirges, so lang übersehen können? Und die schlanke,
+zierliche Nadel des Bockje, auf dessen Spitze eine Tiergestalt zu ruhen
+schien, nach der Volkssage ein Steinbock, der auf der Flucht vor dem
+Jäger auf die Spitze geraten und, als er nicht weiter konnte,
+versteinert war. Und dann das Dorf St. Peter mit den geheimnisvollen
+alten Zeichen und Runen an den Holzhäusern, mit den Scheunen und
+Städeln, die auf gemauerten Steinsäulen ruhten, so daß es beinahe wie
+ein aus alter Zeit übriggebliebener Pfahlbau aussah.
+
+Nicht zuletzt liebten die Gäste den Bären, das Urbild eines alten
+schönen Bergwirtshauses, befreundeten sie sich mit der immer
+liebenswürdigen Bärenwirtin, bewunderten sie den Bärenwirt, die
+hünenhafte Prachterscheinung eines Bergbewohners, einen Mann, der, wie
+eng sein Gesichtskreis sein mochte, von fast bedrückender Gewalt des
+Wesens war. Wer eines Führers bedurfte, nahm den lustigen Thöni mit,
+der, gefällig und kurzweilig, sich an das Wesen eines jeden anschmiegte
+und als ein fröhlicher Junge von einer gewissen Bildung auch das
+Wohlwollen der Frauen genoß.
+
+»Hier ist es schön, entzückend schön,« schwärmten die Sommerfrischler
+und flüsterten sich zu: »Nur nicht ausbringen, was für ein Dorado wir
+gefunden haben, kennt erst die Welt St. Peter, dann seht nach, was im
+Bären die Forellen kosten.«
+
+Weniger zufrieden waren die Dörfler.
+
+Zuerst staunte man billig über die Weltleute, dann sagte man: »Wozu die
+Fremden? Zwar sind die Firnen und Gletscher der Krone noch nicht
+gefallen. Aber was noch kommen wird, weiß man nicht. Und man hat, seit
+die Welt steht, im Glotterthal zu essen gehabt, ohne ungebetene Gäste.«
+
+Ueberall streckten die Sommerfrischler die Köpfe durch Fenster und
+Thüren, sie erkundigten sich nach Dingen, die niemand etwas angingen als
+die von St. Peter selbst. Die fremden aufgeputzten Weiber glaubten den
+Frauen des Dorfes gute Ratschläge über Wohnungslüftung und Kinderpflege
+geben zu sollen, sie zuckten zu manchen Dingen, die sie sahen, die
+Schultern und liefen durch die Aecker und Maiensässen, als ob das Land
+im Glotterthal herrenlos wäre.
+
+Ein rotwangiger Springinsfeld, der sich kleidete wie ein Bajazz bei den
+Buden, die man an den Märkten zu Hospel sieht, stellte sich mit seinem
+Eisbeil vor ein paar Frauen, die auf dem Acker arbeiteten, und fragte:
+»Na, sagen's 'mal, wo sind denn die schönen Sennen und Sennerinnen, die
+vom Morgen bis zum Abend auf den Bergen stehen, die Hüte schwenken,
+jauchzen und jodeln, und ihre Schweizerlieder singen?«
+
+»Meint Ihr, wir seien solche Narren!« antworteten die Weiber, »werken
+müssen wir, daß die Rippen auseinanderbrechen möchten. Aber hudlig[23]
+sind wir nicht.«
+
+ [23] _hudlig_, schweizerdeutsch, so viel wie ehrlos, sittlich
+ geringwertig, bettelhaft.
+
+»Ja, die Fremden sind ein verrücktes Volk,« meinte der Fenkenälpler, die
+dicke Bäliälplerin aber jammerte und zürnte: »Was mir geschehen ist!
+Kommt, wie ich an nichts denke und meiner Wege gehe, so eine
+Nichtsnutzin auf mich zu und sagt: 'Frau, Ihr raucht einen bösen
+Knaster, Ihr verderbt die reine Alpenluft -- legt doch lieber die Pfeife
+weg -- es schickt sich an uns Frauen ja gar nicht, daß wir Pfeifen
+rauchen.' Da habe ich aber -- reine Alpenluft hin und reine Alpenluft
+her -- ihr zu leid so genebelt, als ob die Hasen backen[24] würden.«
+
+ [24] »_Die Hasen backen_«, sagt das Volk, wenn nach langem starkem
+ Regen die Nebel aus den Wäldern steigen.
+
+»Tausendmal recht habt Ihr gehabt,« erwiderte der Fenkenälpler. »In St.
+Peter sind wir noch Meister -- und wir lassen die Fremden ja im Frieden
+herumkalbern!«
+
+Schlimmer noch. Die Weiber von St. Peter wollten nicht mehr in den
+Leinenhosen, die sie sonst sommers über zur Arbeit trugen, durchs Dorf
+auf Alpe und Feld gehen. Die Fremden schauen sie so neugierig an und
+lachen über das Kleid, klagten sie.
+
+»Wenn ich einmal einen lachen sehe, bekommt er Ohrfeigen,« quiekte der
+Glottermüller.
+
+Der Presi aber rieb sich im Herbst die Hände: »Ta-ta-ta, das
+Fremdenwesen geht gut. -- Schwager Kreuzwirt, ich danke Euch.«
+
+Die Dörfler mochten schimpfen, er war hellauf, wie seit Jahren nicht
+mehr; er schlang den Arm um die Hüfte der stattlichen Frau Cresenz: »Gut
+ging's!« Sie streifte seinen Arm ab und lachte: »Ihr seid doch kein
+Jüngling mehr, Präsident.«
+
+Das Ehepaar redete sich mit »Ihr« an, die Frau nannte ihren Eheherrn
+auch nie »Presi«, sondern »Präsident« und die Gäste waren noch
+höflicher. Sie riefen ihn »Herr Präsident«. Das klang ihm freilich
+schöner in die Ohren als das dörfliche »Presi«.
+
+Manchmal ärgerte er sich, wenn Frau Cresenz wie heute so kühl war,
+manchmal aber schmeichelte er ihr erst recht.
+
+»Etwas Klügeres als Euch zu heiraten, hätte ich nicht thun können. Ihr
+seid die Wirtin, wie sie im Buche steht, Ihr seid freundlich mit allen
+Gästen, doch mit keinem zu viel, Ihr führt ein gutes Hausregiment. Aber
+wißt, ein bißchen zärtlicher hätte ich Euch schon gern. Habt Ihr denn
+gar nichts vom Thöni, hinter dem muß man ja immer mit dem Donnerwetter
+her sein, daß er nicht beständig an den Schürzen der Mägde hängt.«
+
+»Nein, ich mag das Scharwenzeln und Thörichtthun nicht leiden. Das habe
+ich schon meinem seligen Ersten immer gesagt.«
+
+»Mir aber geht's merkwürdig!« erwiderte der Presi fast ernst. »Die Beth
+selig hat mich manchmal mit ihren braunen Augen so barmherzig angeschaut
+und still gebettelt, ich möchte ihr etwas Liebes sagen oder mit der Hand
+übers Haar fahren, oder sie nur ein bißchen schlimm ansehen. Ich aber
+habe es nicht übers Herz gebracht. Doch jetzt möchte ich gern -- und
+jetzt wollt Ihr nicht.«
+
+Frau Cresenz, der kühlen Frau, wurde es bei solchen Gesprächen
+unbehaglich zu Mute, etwas hilflos sagte sie: »Ich schaue doch immer zum
+Frieden.«
+
+»Ihr seid recht, Ihr seid mehr als recht, Präsidentin. Wenn ich nur
+denke, wie Ihr Bini gezogen habt, den verlotterten Wildfang.«
+
+»Sagt, Präsident, das bleibt aber eine sonderbare Geschichte, wie das
+Kind sich plötzlich bekehrt hat. Wißt Ihr noch, es war in der Nacht kurz
+vor Neujahr, als ich immer behauptet habe, es habe gegeistert im Haus.
+Da kam am Morgen die Wildkatze geschlichen. 'Ich will Euch jetzt Mutter
+nennen und ganz artig sein.' Und sie schmeichelte um mich wie ein
+Kätzchen. 'Hast dein Trotzherz gebrochen?' fragte ich. Da wird sie rot
+und sagt: 'Ja -- die selige Mutter hat halt mit mir geredet und
+gewünscht, daß ich Euch folge.'«
+
+»Ja, wenn die Beth selig dem Kind gute Gedanken giebt, so laßt sie nur
+durchs Haus wandeln,« lachte der Presi.
+
+»Ich glaube selber, Bini sei enthext.«
+
+Das Gesicht des Presi verfinsterte sich: »Präsidentin, redet nicht so
+dumm.«
+
+»He,« sagte Frau Cresenz verlegen, »die alte Susi lag mir, ehe sie zu
+ihren Verwandten nach Tremis zog, immer im Ohr, Bini sei vom Kaplan
+Johannes besprochen -- ich solle sie von einem Kapuziner entzaubern
+lassen. Und ich habe es selber geglaubt, weil sie die erste Zeit gar so
+bösartig gewesen ist.«
+
+Der gute Humor des Presi war verdorben.
+
+»Aber Ihr mögt ihr ja selber nicht recht ein gutes Wort gönnen,« warf
+Frau Cresenz beklommen ein.
+
+»Das ist etwas anderes,« schnauzte der Presi, »aber ich leide es nicht,
+daß man Bini zu einem Hexlein stempelt.« Er stand auf und machte einen
+Gang durchs Haus von zu unterst bis zu oberst.
+
+Seine Gedanken waren beim letzköpfigen Pfaffen, der Binia besprochen
+haben sollte. Er mochte den Halbnarren trotz dem thörichten Gerede nicht
+übel leiden.
+
+Kaplan Johannes, der in St. Peter nur so zugelaufen war, wie in einem
+Hause sich etwa ein herrenloser Hund oder eine Katze einnistet, war
+schlauer als die Dörfler allesamt. Er hatte sich die durch die Fremden
+veränderten Verhältnisse rasch zu nutze gemacht. Er lief etwas weniger
+den Bauern- und Alpweibern nach, er tauschte für seinen Kräuterthee, der
+gegen das Doggeli[25] schützen, Kreuzschmerzen vertreiben und das
+Lungenfieber heben solle, etwas seltener Brot, Käse und Speck ein, dafür
+begann er am Wege beim Schmelzwerk einen kleinen Mineralienhandel und
+verkaufte den Gästen die glitzernden Siebensachen von Krystallen und
+Erzen, die man im Gebirge um St. Peter findet, zu ansehnlichen Preisen.
+
+ [25] _Doggeli_, schweizerdeutsch, Alpdrücken.
+
+»Woher er sie nur hat?« fragte sich der Presi. Und dann sagte er sich:
+»Gelegentlich muß man ihn doch fortschaffen. Am Abend gröhlt und plärrt
+der Narr im Schmelzwerk, daß nach Einbruch der Nacht kein Mensch mehr
+den ohnehin verrufenen Weg zu gehen wagt. Auch laufen von ihm immer
+erfundene oder wahre Geschichten, daß er an die Weiber ungebührliche
+Zumutungen stelle. Ein widriger, unheimlicher{4} Geselle ist er schon,
+und die häufigen Anfälle von Fallsucht, die er hat, machen ihn nicht
+angenehmer. Es ist übrigens, als könne er sie selbst künstlich
+hervorrufen, sie pflegen ihn zu überfallen, wenn ihm jemand eine Gabe
+verweigert, und bloß um das schreckliche Bild nicht in der Stube zu
+haben, schenken ihm manche Leute, was er begehrt. Der Bäliälpler hat
+freilich ein besseres Mittel erfunden. Er hatte den letzköpfigen
+Pfaffen, als er schäumte und zappelte, mit kaltem Wasser überschüttet.
+Da war der Narr heulend davongelaufen und nie wieder gekommen.
+
+»Ba! Warum den schriftenlosen Vagabunden forttreiben. Die Gemeinde hängt
+daran, daß jemand bei der Lieben Frau an der Brücke die üblichen
+Glockenzeichen giebt, dazu ist Johannes gut genug. Und der Pfarrer, der
+gegen den Fremdenverkehr gepredigt hat, muß auch seinen Pfahl im
+Fleische haben, das ist lustig!«
+
+So dachte der Presi. Wie er vom Keller auf den Estrich gelangt war, kam
+ihm Binia nachgelaufen: »Vater, der Garde ist da.« Nun ging ein Zug der
+Ueberraschung und ehrlicher Freude über seine eherne Stirne und um
+seinen willensstarken Mund. Er hatte sich schon lange heimlich gekränkt,
+daß der Garde, seit Sommerfrischler kamen, den Bären mied. Ohne den
+Garden aber, den einzigen Mann im Dorfe, den er aus Herzensgrund
+achtete, konnte er fast nicht leben.
+
+Nun grüßte er ihn in der großen Stube rasch und herzlich.
+
+»Ich mag mich halt im Sommer nicht unter die Fremden setzen,« knurrte
+der breite, schwerfällige Freund, »und in das neumodische geringe
+Stübchen ebener Erde müßtet Ihr mich schon erst später einmal tot
+hineintragen, lebendig gehe ich nicht über seine Schwelle.«
+
+»Wir wollen wieder einmal anstoßen wie früher, nehmt die Welt, wie sie
+ist,« lachte der Presi. »Zum Wohl, Garde!«
+
+»Presi,« und der Garde blinzelte belustigt, »Ihr versteht es, gutes
+Wetter zu machen.«
+
+Nun waren die beiden Männer im Zug. Als das Gespräch eine Weile
+gegangen, murrte der Garde:
+
+»Ich geb's ja gern zu, daß unter den Fremden viele ehrbare und
+rechtschaffene Leute sind, es wäre traurig, wenn's anders wäre, aber es
+bleibt halt dabei, die Fremden verstehen uns nicht, wir sie nicht. Seit
+sie kommen, ist eine verborgene Unruhe im Dorf, niemand weiß, wo hinaus
+es will.«
+
+»Ta-ta-ta. Wo hinaus?« eiferte der Bärenwirt. »Daß sich die Leute an sie
+gewöhnen -- in Grenseln und Serbig haben sie auch zuerst die Hände
+hinter den Gästen geballt, jetzt aber stehen sie an allen Straßen,
+verkaufen ihnen Edelweiß, tuten auf dem Alphorn und juheien sie an.«
+
+»Eben, eben,« zürnte der Garde, »sie sind hudlig geworden. Presi -- ich
+habe ruhiges Blut, aber das erste Mädchen in St. Peter, das sich an den
+Weg stellt und die Fremden ansingt, nehme ich bei den Zöpfen, führe es
+zu seiner Mutter, und der sage ich alle Schande. So lang ich lebe, darf
+unsere Gemeinde nicht hudlig werden.«
+
+Er schlug mit seiner Faust auf den Tisch.
+
+»Aber, Garde, ich will ja das auch nicht,« besänftigte der Bärenwirt.
+
+»Es kommt halt von selbst, ob Ihr wollt oder nicht -- aber das glaube
+ich auch,« der alte eiserne Sprecher lachte grimmig, »ehe das Dorf
+hudlig wird« -- eine Flamme schoß aus seinen Augen -- »ehe das Dorf
+hudlig wird, geschehen böse Dinge -- giebt es Aufruhr und Unglück.«
+
+»Seid doch kein Rabenvogel! Die Leute finden ja mit der Zeit durch die
+Fremden einen schönen Verdienst.«
+
+Der Garde schüttelte den Kopf, langsam und feierlich sagte er: »Ihr
+kennt unser Völklein. Das paktiert nicht, das schweigt, das seufzt und
+schimpft im stillen, das ballt die Fäuste im Sack, das besinnt sich
+siebenmalsiebenmal, das betet, duldet und trägt, -- aber wenn's ihm
+zuletzt aus der Seele in die Knochen fährt, -- dann würde ich mich
+lieber vor hundert wütende Bullen stellen als vor die Gemeinde.«
+
+Dem Presi war nicht wohl bei dieser Rede, der Garde aber fuhr in seiner
+feierlichen Art fort:
+
+»Denkt Euch, es gehe einmal einer von den unseren, bestochen durchs
+Geld, mit einem Fremden auf die Krone. Was geschieht? In einer Nacht
+brennt ihm die Hütte nieder. Entweder es kommt nicht aus, wer der
+Brandstifter ist, dann trägt die Gemeinde die Schande. Oder er kommt aus
+und die Landjäger holen ihn. Dann, Presi, würde ich um den Bären Sorge
+tragen.«
+
+»Garde, malt den Teufel nicht an die Wand, ich ertrage es nicht.« Der
+Presi war hastig geworden und verwarf aufstehend die Arme. »Keiner würde
+dem Bären etwas zu leide thun -- keiner -- als etwa der Lausbub der
+Fränzi.«
+
+»Die gottlose Rede nehmt zurück. -- Josi ist ja so ein ehrbarer Bursche.
+Das habe ich aber schon lange gemerkt, daß Ihr Gift auf ihn habt. Jetzt
+frage ich als Vogt des Buben: Was habt Ihr wider ihn?«
+
+Der Garde stellte sich vor den Presi, aber auch diesem leuchtete es bös
+auf im Gesicht: »Der? -- Wißt Ihr, was der über mich gesagt hat? -- Die
+Hand müsse mir aus dem Grab wachsen! So wagt er sich an Leute von Amt
+und Ehre.«
+
+»Wann? wo? zu wem hat er's gesagt?«
+
+»Zu Binia hat er's gesagt.«
+
+Der Garde wiegte den schweren Kopf. »Bini lügt nicht. Ich will dem
+Donnerhagel das Hirn säubern.«
+
+Mit zündelrotem Kopf lief er davon. Binia, die durchs Haus strich, hatte
+auf das laute Wesen der Männer in der Küche das Schiebefenster gegen die
+Stube geöffnet, um neugierig zu hören, was denn los sei.
+
+Jetzt war sie unglücklich, wie ein aus dem Nest gefallener Vogel:
+»Mutter -- Mutter -- selige Mutter.«
+
+Ihre Hände verkrampften sich ineinander, ihre Augen wurden groß.
+
+Was hatte sie in einem Augenblick der Verwirrung Josi Schreckliches
+angethan!
+
+Wenn sie der Vater einmal wieder mit der vollen Lichtfülle seiner Blicke
+ansah, dann peitschte sie der Gedanke, sie müsse vor ihm niedersinken
+und sprechen: »Vater, sei doch nicht so thöricht, daß du einem Kind,
+was es im Fieber geredet, glaubst. Es hat gelogen, gräßlich gelogen, in
+seiner Verwirrung. Nicht Josi Blatter, nein, der Kaplan Johannes hat das
+Entsetzliche gesagt! Und ich glaube es nicht -- gewiß Gott, glaube ich
+es nicht.«
+
+O, sie erinnerte sich wohl, was sie damals in ihren großen Schmerzen
+ihrer Krankheit gefaselt hatte. Die Erinnerung daran brannte sie wie
+höllisches Feuer, aber jedesmal war der Entschluß zum Bekenntnis erst im
+Werden, wenn der Blick des Vaters schon wieder eisig und vernichtend wie
+sonst geworden war.
+
+Er verzieh ihr jene Fieberbeichte nie.
+
+Hätte sie die Erinnerung an das, was sie über Josi gesagt hatte, nicht
+immer gebrannt, so wäre sie beinahe ein glückliches Persönchen gewesen.
+
+Wie anders war's jetzt als damals, da sie die Verzweiflung durch die
+Mitternacht und den hohen Schnee zu Fränzi gejagt hatte. Sie hatte das
+trotzige Köpfchen gebändigt, nur hin und wieder ging noch ihr wildes
+Blut mit ihr durch, erlag sie noch den Anfällen schmerzlichen Grübelns.
+Ihrer seligen Mutter hatte sie, wie Fränzi ihr geraten, einen Altar im
+Herzen errichtet, der neuen gehorchte sie, ohne tiefgründige Liebe zwar,
+aber doch in herzlicher Achtung.
+
+Oft hatte sie das Heimweh nach Fränzi, ihr feuriges Herz glühte in
+ehrfürchtiger Liebe für sie. Die hätte sie gern zur Mutter gehabt. Aber
+wegen des Vaters wagte sie nie mehr einen Besuch bei ihr.
+
+Klagen wollte sie nicht.
+
+Die immer gemütliche kühle Frau Cresenz, der Lächeln und Lachen
+Lebensberuf war, die kaum mehr wußte, daß sie lächelte und lachte, war
+freundlich gegen sie. Sie sorgte namentlich, daß sie in Gebärde und
+Bewegung, in Redensart und Kleid so vor die Gäste trat, wie es sich nach
+ihrer Meinung für das Bärentöchterlein von St. Peter schickte.
+
+Es kamen aber immer wieder Augenblicke, wo Frau Cresenz die Kraft
+versagte. Wenn Binia ihr dunkles Augenpaar groß und fragend in die Welt
+stellte, schalt sie: »Kind, schau doch anders, es wird einem angst und
+bang vor deinen sonderbaren Lichtern. Wohl, wohl, die sind dazu
+angethan, einmal das Mannsvolk verrückt zu machen.«
+
+Binia war es manchmal, als möge die Stiefmutter sie wegen ihrer Augen
+nicht leiden, aber noch unartiger war Frau Cresenz, wenn sie über kleine
+Herzensangelegenheiten mit ihr reden wollte.
+
+»Dummes Kind, sprich nicht so geheimnisvoll -- es ist gar nicht nötig,
+daß man alles in der Welt erkernt und ergrübelt, es ist sogar ungesund
+-- recht thun, freundlich sein mit den Leuten, hie und da auch, wenn's
+einem nicht drum ist, damit kommt man durchs Leben.«
+
+Wenn die neue Mutter so redete, schnürte es Binia die Brust zusammen.
+»Freundlich sein, wenn's einem nicht drum ist. Das versteh' ich nicht.«
+Traurig schüttelte sie das Köpfchen. Diese Kunst besaß aber die
+Stiefmutter, gerade darum konnte sie dieselbe nicht von Herzen lieben.
+Sie spürte, es war nichts Tiefes, Kernhaftes in dieser glatten,
+liebenswürdigen Frau.
+
+Da gefiel ihr der Vater in seiner rauhen Wildheit doch viel mehr. In ihm
+lag, das spürte auch sie, eine übermächtige, ungezügelte, wahre Kraft.
+Er schleuderte die Beleidigungen ohne Besinnen hin, es war fast niemand
+im Dorf, den er mit einem raschen Wort nicht schon tödlich verletzt
+hatte, aber ein voller freundlicher Blick aus seinen dunklen Augen, ein
+gutes Wort -- und alle, die ihn haßten, waren entwaffnet.
+
+Und wie die Fremden von ihm sprachen. Sie hörte immer noch den ernsten
+alten Doktor, der so eifrig mit seinem Nachbar plauderte, daß er nicht
+merkte, wie sie mit einem Gericht herzutrat:
+
+»Eine so gewaltige Gestalt wie der Herr Präsident, glaube ich, ist fast
+eine Ueberlast für ein Dorf wie St. Peter. Den hätte die Geschichte
+brauchen können, um einen großen Bauernführer aus ihm zu schnitzen.«
+
+Eines schnitt Binia wie ein Messer ins Herz, nämlich wenn der Vater mit
+den fremden Frauen und Kindern redete. Wie klang das lieb und gütig, wie
+war er aufmerksam gegen sie. Die Kleinen und die Backfische hingen an
+ihm und einmal hörte sie eine fremde schöne Tochter sagen: »Mama, der
+Herr Präsident ist doch der herrlichste Mann, den wir auf unseren Reisen
+kennen gelernt haben.«
+
+Da entglitt ihr der Früchteteller, mit dem sie zudienend um die Tafel
+schritt.
+
+Sie sah, wie der Vater höhnisch die Schulter zuckte. -- Am Abend betete
+sie: »O Mutter -- Mutter -- sage ihm doch einmal im Traum, wie heiß ihn
+mein Herzchen liebt.«
+
+Es lag Segen auf ihrem glühenden Wunsch. Nicht von heute auf morgen,
+aber von Sommer zu Sommer.
+
+Binia wuchs und blühte auf, die Fremden hatten die helle Freude an der
+feinen klugen Vierzehn-, dann Fünfzehnjährigen.
+
+Wie schön war das Leben! Sie hörte es gerne, wenn die Gäste über
+allerlei plauderten und urteilten. Wie weit und groß mußte die Welt über
+Hospel hinaus sein. Sie wunderte sich manchmal, wie artig die vornehmen
+und gescheiten Leute zu ihr waren, besonders junge Mädchen, die nach St.
+Peter kamen und ihr so lieb wurden, daß ihr das Wasser in die Augen
+schoß, wenn sie am Ende des Sommers wieder weggingen. Was aber
+schwatzten die klugen Männer Thörichtes zusammen. »Sie alpige Rose[26],
+Sie sonderbares Herzensmädchen mit dem leichten, schwebenden Gang, haben
+Sie eigentlich Ihre Augen grad in der Hölle und Ihr Lächeln im Himmel
+geholt?«
+
+ [26] _Alpige Rose_, eine Art Heckenrose, die in den Bergthälern
+ wächst.
+
+Binia fühlte es aber wohl: Wie die Gäste so freundlich zu ihr wurden,
+wandte sich ihr auch die Liebe des Vaters in neuer Wärme zu und er wurde
+heimlich stolz auf sie.
+
+Er kniff sie manchmal in die Wange: »Bini, fröhlicher Vogel, hast du
+mich lieb?«
+
+»O Vater!« -- Stirn und Wangen glühten wie Pfirsiche, ein heiliger
+Strahl des Glücks kam aus ihren dunklen Sternen und ihre schlanken Arme
+umklammerten ihn, bis er mit herzgewinnendem Lächeln und glänzenden
+Augen sagte: »Geh, thue deine Arbeit! Bist ein Mädchen wie von den
+Tauben zusammengetragen.«
+
+Jetzt hätte sie es ihm schon verraten können, daß er über Josi ganz
+falsch berichtet sei. Eine dunkle Gewalt hielt sie indessen zurück, die
+Furcht, daß sie, sobald sie den Namen des guten Jungen ausspreche, die
+Liebe des Vaters wieder verscherze. Er war so furchtbar heftig. Und mit
+angstvollem Herzen schwieg sie, die Zeit der Verstimmung war zu
+schmerzlich gewesen.
+
+Sie verwunderte sich, als der Garde einmal mitten in der Fremdenzeit in
+den Bären gestoffelt kam, ernst und zornig, wie ihr schien.
+
+Eine Weile saß er mit dem Vater zusammen, sie hörte aber nur die Worte:
+»Wenn Euch das Gewissen schlägt, so macht den bösen Schimpf rasch gut --
+ich glaube -- ich glaube -- die Fränzi lebt nicht mehr lang.«
+
+Elend wie noch nie eilte sie fort. Sie beobachtete in den folgenden
+Tagen den Vater. Er war still und trübselig, und am anderen kam sie
+gerade dazu, wie die Mutter zu ihm sagte: »Ihr hättet die arme Frau wohl
+ruhig ihres Weges gehen lassen können, die ganze Gemeinde ist wild über
+Euch. Wozu ihr wüste Namen nachrufen?« Worauf der Vater nur dumpf
+erwiderte: »Sie hat mich halt auch einmal schwer beleidigt.«
+
+Wie abscheulich er ist! Binia that das Herz weh, sie weinte im stillen,
+sie wußte, daß der Vater nur so böse gegen Fränzi war, weil er sich vor
+ihr schämte.
+
+Ihr Frohsinn litt aber nicht nur unter dem herzlichen Erbarmen mit
+Fränzi, der lieben guten, unter den Selbstvorwürfen wegen Josi, sondern
+auch aus Aerger über Thöni, der mit allen Mägden anbändelte und Späße
+trieb, ihre Verachtung aber mit allerlei Zänkereien erwiderte.
+
+Er bekam als Fremdenführer bald einen Mitbewerber. Bälzi, der Wildheuer
+mit dem Ziegenbart, der zuerst am meisten über die Fremden geschimpft
+hatte, fand, daß das Spazieren mit den Sommergästen eine weniger
+anstrengende und gefährliche Arbeit sei als das Mähen des herrenlosen
+Grases auf schwindliger Felsenplanke. Wie häufig ereignete es sich, daß
+ein spielendes Windchen das kaum getrocknete Heu wie eine kleine Wolke
+aufhob und auf Nimmerwiedersehen über alle Berge trug. Er kaufte sich
+ein neues Wams, ein Seil und einen Gletscherpickel. Damit stolzierte er
+vor dem Bären auf und ab, bot sich den Fremden als Führer an, und wenn
+ihn einer fragte, ob er auch schon auf der Spitze der Krone gestanden
+habe, sagte er im Brustton des Biedermannes: »Aber Herr, die kenne ich
+ja so gut wie die Westentasche, in der ich die Zündhölzchen trage.«
+
+Es war aber ein ausdrücklicher Befehl des Presi, daß man die Fremden
+abhalte, auf die Krone zu steigen. Er war fast unnötig. Die Gäste sahen
+es dem Salonbergführer Thöni und dem schlotterigen Bälzi wohl an, daß
+man sich ihnen nicht für so gefahrvolle Bergbesteigungen anvertrauen
+durfte.
+
+Doch tauchten in der Sommergesellschaft oft Fremde mit dem vermessenen
+Wunsche auf, die Krone zu erklettern.
+
+Thöni war im Anfang mit dem ungebetenen Partner nicht zufrieden, aber
+schon im zweiten und namentlich im dritten Sommer zeigte es sich, daß
+beide Beschäftigung genug fanden, besonders da Thöni auch sonst, das
+eine Mal durch die Post, die während des Sommers einen lebhaften Verkehr
+und jetzt einen Telegraphen besaß, das andere Mal durch die
+Maultiertreiberei und die Lebensmittelzufuhr von Hospel nach St. Peter
+in Anspruch genommen war.
+
+Der Presi billigte die neue Beschäftigung Bälzis stillschweigend, er
+sagte den anderen: »Seht ihr's, man braucht nur zuzugreifen wie der
+Kaplan Johannes und Bälzi, dann hat jeder durch den Fremdenverkehr
+seinen angenehmen Verdienst.«
+
+Die halsstarrigen Bauern und Aelpler waren aber nicht zu überreden, nur
+murrend, schwer und langsam gewöhnten sie sich daran, solange die
+Sommergäste da waren, die Amtsgeschäfte, den Vieh- und Käsehandel mit
+dem Presi im unteren Stübchen zu besorgen.
+
+Bälzi ging es einmal schlecht. Aus Rache, daß er sich in den Dienst der
+Fremden gestellt, bereiteten ihm die schwärmenden Nachtburschen ein
+kaltes Bad in der Glotter.
+
+Aber auch manche Vorurteile gegen die Sommerfrischler verschwanden im
+Laufe der drei Jahre, die sie nun schon ins Thal kamen.
+
+Einzelnen Dörflern begann der Zustand zu behagen, es war im Bergthal
+entschieden kurzweiliger geworden, und unter den Gästen, die erschienen,
+gab es Leute, die sich ehrlich bemühten, sich mit ihnen auf einen
+freundlichen Fuß zu setzen und die eigenartigen Verhältnisse des Thales
+zu begreifen. Für solche Gäste hatten, soweit sie ihr Mißtrauen gegen
+die Fremden ablegen konnten, auch manche von St. Peter einiges
+Verständnis. Sogar der Pfarrer eiferte minder gegen sie, als er sah, daß
+es unter ihnen kenntnisreiche Bienenfreunde gab, die der Zeidlerei im
+Hochthal eine warme Wißbegier entgegen brachten, und die Damen bei ihm
+die Leinensäcklein voll weißen Alpenhonigs, die unter den Fenstern des
+Pfarrhauses hingen, kauften und mit großem Ruhm über seine Güte
+wiederkamen.
+
+Sommer um Sommer wuchs die Zahl der Gäste.
+
+In der That! Wie viel bot dem das Glotterthal, der nicht nur für die
+Felsendome und Firnen der Krone, sondern auch für das Volksleben ein
+offenes Auge und Herz besaß. Da lebte ein Völkchen, das zwar nicht die
+Hirtenunschuld zeigte, die manche Schwärmer in den abgelegenen
+Alpenthälern suchen, ein Völklein, bei dem es so stark menschelte wie
+überall in der Welt, das aber doch einige besondere Eigenschaften hatte.
+Diese Bauern und Aelpler behalfen sich in allen Dingen selbst. Unter
+ihnen gab es keine Handwerker. Maurer, Zimmermann, Schindler und
+Dachdecker, Schneider und Schuster war jeder sich selbst. Den Lein und
+die Wolle, in die man sich kleidete, zog, bleichte, spann und wob man
+selbst; das Brot schmeichelte man, wenn es nicht in einem Jahr ging, in
+zweien den steinichten Aeckerchen ab und ob sich die hellgoldenen
+Roggenähren kaum recht aus dem Boden reckten, sie gaben ein
+schmackhaftes dunkelbraunes Brot, und ein Schluck Hospeler darauf war
+Gottes Wohlthat. Brot und Wein schmeckten auch den Fremden.
+
+Der Presi lachte, arbeitete und es ging ihm gut. Bevor aber die Fremden
+zum viertenmal kamen, verbreitete sich im Dorfe die Nachricht, daß
+Fränzi todkrank sei.
+
+Noch einmal sah Binia die mütterliche Freundin, aber sie lag schon mit
+spindeldürren Händen zu Bett und war blaß wie der Tod. Lieb und gut
+freilich war sie zu ihr wie immer: »Binia, liebes Kind, ich sterbe mit
+dem heißen Wunsch, daß du glücklich werdest.«
+
+Wie entsetzlich wütete aber der Vater, als er vernahm, daß Frau Cresenz,
+die immer eine gewisse Teilnahme für die Witwe des zu Tode gestürzten
+Wildheuers bewiesen hatte, sie heimlich mit ein paar Flaschen guten
+Weines zu Fränzi geschickt hatte: »Gottes Donnerwetter! Daß sie mit dem
+Lotterbuben wieder anbändeln kann!«
+
+Mißtrauisch beobachtete er sie.
+
+Als Fränzi bald darauf starb, verschwamm vor den Augen Binias die Welt,
+sie dachte: »Jetzt nehmen die Engel Gottes die Notenblätter zur Hand und
+singen zu ihrer Ankunft im Himmel.«
+
+Der Tod der armen Frau versetzte den Vater in gärende Aufregung. Man
+spürte es: Entsetzlich neu standen die Dinge, die sich vor vier Jahren
+zugetragen, vor ihm -- der Abend mit Seppi Blatter -- die Unterredung
+mit Fränzi -- Seppis Sturz an den Weißen Brettern -- das kranke Kind mit
+seinen tollen Worten.
+
+Und in der Nacht nach Fränzis Tod hatte der Presi einen furchtbaren
+Traum.
+
+Mit wunderbarer Deutlichkeit sah er den jungen Josi Blatter und Binia
+hoch an den Weißen Brettern. Er fragte seine Tochter: »Wie kommst auch
+du da hinauf?« Da stand plötzlich ein Dritter vor ihm und hob das
+Grabscheit Seppi Blatters über den beiden zu wuchtigem Schlag. Statt der
+richtigen Inschrift aber lautete der Spruch auf dem Täfelchen des
+Scheites: »Was für die heligen Wasser verbrochen worden ist, wird an den
+heligen Wassern gesühnt.« Und unter dem Schlag des Scheites blutete
+Binia.
+
+Das war der Traum! Er wollte rufen: »Thut Binia nichts! Ich habe Seppi
+Blatter nicht hinaufgeschickt.« Da erwachte er schweißtriefend in dem
+Augenblick, als der Postbote, der alle Woche dreimal in der Morgenfrühe
+mit den Postsachen nach Hospel ritt und sie am Abend von dort
+zurückbrachte, an die noch geschlossene Hausthür pochte.
+
+Nur ein einfältiges, widerwärtiges Träumlein! Der Presi war nicht
+abergläubisch, als nun aber Binia in der zwingenden Anmut ihrer sechzehn
+Jahre, frisch, mit leuchtenden Kinderaugen unter dunklen Wimpern, einen
+warmen »Guten Tag, Vater!« auf den Lippen, in die Stube schwebte, da riß
+er sie stürmisch in seine Arme, und als er unter der knospenden
+Mädchenfülle das rasche Pochen ihres heißen Herzens fühlte,
+durchrieselte ihn die Angst.
+
+»Binia, lieber, lieber Vogel, versprich es mir, daß du nie, nie mit Josi
+Blatter zusammenhältst, in deinem ganzen Leben nie!«
+
+Sie brach an seiner Brust in Thränen aus: »O Vater, ich hab' es dir
+schon lange bekennen wollen, Josi Blatter ist ein ehrbarer Bub. Er hat
+das, was Ihr meint, gar nicht gesagt. Gewiß Gott im Himmel nicht!«
+
+Er stutzte -- er starrte sie an -- er riß sie mit der ganzen Gewalt
+seines Armes von seiner Brust hinweg, daß die leichte Gestalt an die
+Wand taumelte.
+
+Und entsetzt kreischte er: »Schon so weit bist du, Seppi Blatter, daß
+mein Kind für deinen Buben lügt?!«
+
+
+
+
+VIII.
+
+
+Das Haus des Garden, das gleich am Eingang des Dorfes, etwas abseits vom
+Thalweg, gegen den Glottergrat hinausschaut, ist nächst dem Bären das
+stattlichste von St. Peter. Außer einer Grundmauer aber, auf der die
+unterste Reihe kleiner heller Fenster ruht, ist kein Stein an dem Bau.
+Ein ländliches, sonnenverbranntes Holzhaus, auf einem Brett über den
+Fenstern ein halb Dutzend goldener Immenstöcke, dann wieder Fenster im
+braunen, von der Sonne zerrissenen Gebälk und gleich darüber das
+steinbeschwerte, an den Enden durch Sparren fest aufs Gebälk geklammerte
+Schindeldach. So steht es da. Das glühende Rot der Nelkenbüsche wächst
+aus Töpfchen und Kistchen vor seinen Fenstern, verblaßte Malereien
+schmücken seine Holzfelder, zwei gekreuzte Schwerter, das Hauszeichen
+der Zuensteinen, Winkel, Triangeln, Kreuze und Bundhaken, die den
+Aelplern in einer Art Geheimschrift die Gerechtsame des Hauses an Weide
+und Wasser verurkunden, auch ineinandergeschobene Dreiecke, Schlüssel
+und Feuerschlangen, die der Bauherr vor hundert Jahren mit schlichter
+Kunst hingemalt hat, damit keine bösen Geister den Eintritt in die
+Heimstätte finden.
+
+Die Sorge, die nicht nach Schutzbildern fragt, ist aber unvermutet ins
+Haus getreten. Vor ein paar Wochen hat bei Ausbesserungsarbeiten an den
+heligen Wassern ein fallendes faules Holzstück den Garden am Kopf leicht
+verletzt, und vor wenigen Tagen ist aus der Wunde, die schon geheilt
+schien, die Gesichtsrose entstanden. Mit einem unförmlich verschwollenen
+Kopf, ein Tuch um die Stirne geschlagen, mit rot unterlaufenen Augen,
+wälzt sich der arme Mann und stöhnt: »Grad jetzt bei der vielen Arbeit
+-- und grad jetzt, wo Fränzi gestorben ist! Wohl, wohl, die werden im
+Gemeinderat schön mit den Kindern wirtschaften. Nicht einmal die letzte
+Ehre habe ich ihr geben können.«
+
+»Alter, fahre doch nicht so im Bett hin und her,« jammert die Gardin,
+die hochgewachsene Frau mit dem verschwiegenen herben Gesicht, und
+frischt das Tuch mit Wasser an. »Es sind ja noch vier Gemeinderäte. Die
+können die Geschäfte auch einmal besorgen.«
+
+»Das macht alles der Presi -- und der hat immer einen Zahn auf Fränzi
+und ihre Haushaltung gehabt.« -- -- Einen Augenblick schlummert der
+Garde, dann fängt er wieder an: »Du, Frau, wie ist Fränzi eigentlich
+gestorben?«
+
+»Wie Vroni erzählt hat, die fast nicht hat reden können vor Schluchzen,
+leicht und schön.«
+
+»Die Frau -- sie war ja erst ein bißchen über vierzig -- ist leicht
+gestorben, sagst du -- leicht von ihren Kindern weg?« stöhnt der Garde
+verwundert.
+
+»Ich meine, wie einmal das Schlimmste überwunden gewesen ist. Am Morgen,
+bevor sie gestorben ist, hat sie zu den Kindern gesagt: 'Mich hat der
+Vater beim Namen gerufen, jetzt glaube ich auf meine Seligkeit, daß ich
+sterben muß.' Eine Predigt hat sie ihnen gehalten, da steht ihr die
+Sprache still, Josi holt den Pfarrer, sie nimmt die Sakramente, sie
+schaut ruhig vor sich hin und ist wie ein Licht erlöscht.«
+
+Einen Augenblick herrscht Ruhe. Da schlägt die Uhr im Arvengehäuse mit
+langsamen hellen Tönen Fünf.
+
+»Schlafe jetzt, Alter,« mahnt die Gardin, »denke, wie's Fränzi gegangen
+ist, sie hat sich im vorigen Winter bei der Armseelenwacht erkältet, hat
+nicht dazu gesehen, da ist der große Husten gekommen, der sie gelegt
+hat.«
+
+Der Garde aber ächzt und stöhnt lauter. »Eben jetzt beginnt im Bären die
+Gemeinderatssitzung, die über das Los Josis und Vronis entscheidet. Du,
+Frau, Vroni wollen wir zu uns nehmen. Sie hat's um Eusebi verdient. --
+Die ganze Schule hat sie mit ihm nachgeholt. Und sie ist mein
+Patenkind.«
+
+Die Gardin, die stolze Frau kämpft innerlich, sie will nicht Ja sagen,
+aber den schwerkranken Mann noch weniger mit einem Nein aufregen.
+
+Zum Glück schlummert er, während er auf Antwort wartet, ein. -- --
+
+Nachdem Fränzi gestorben war, schickte der Presi den Schreiber als
+Stellvertreter des erkrankten Garden in die Wohnung der Waisen. Dieser
+verrichtete bei der toten Fränzi, die in den abgemagerten Händen einen
+Blumenstrauß hielt, ein Gebet, gab den Kindern ein paar kühle Trostworte
+und sagte ihnen, sie möchten am Tag nach dem Leichenbegängnis abends
+fünf Uhr im oberen Bärenstübchen erscheinen, damit der Gemeinderat mit
+ihnen über ihre Zukunft rede. Dann verständigte der Presi die
+Gemeinderäte, daß sie zu der anberaumten Sitzung erscheinen. Es kam
+aber, wie er ausgerechnet hatte. Die Gardin schickte Bericht, ihr Mann
+liege tief im Bett, man dürfe mit ihm kaum von der Angelegenheit
+sprechen. Der Armenpfleger war mit einem Trupp Vieh ins Welschland
+hinübergegangen und kam erst in vier oder fünf Tagen zurück. Der
+Gutsverwalter, der eben das Wasser in seinen Weinbergen zu Hospel
+besorgte, erklärte sich im vornherein mit den Beschlüssen, die gefaßt
+würden, einverstanden, und der Kirchenvogt meldete, die Stunde sei für
+ihn so ungeschickt, daß er vielleicht erst etwas später kommen könne.
+Die anderen sollen nur anfangen mit den Bauern zu verhandeln, die Lust
+hätten, Josi und Vroni in ihren Dienst zu nehmen.
+
+Im Stübchen saßen um fünf Uhr abends nur der Presi und der Schreiber,
+ein kleiner, alter, kahlköpfiger Mann mit großer Hornbrille,
+ausgemergeltem knochigem Gesicht und spindeldürren langen Fingern.
+
+»He, Schreiber, ist das wieder eine Sitzung. Kein Gemeinderat ist da!«
+
+»Fränzi hätte aber auch nicht zu einer ungeschickteren Zeit sterben
+können,« erwiderte der Schreiber pfiffig, »jetzt, wo niemand weiß, wie
+der Arbeit wehren.«
+
+»Ja, meint Ihr, die Geschichte komme mir gelegen, so grad, wo die ersten
+Gäste eintreffen!«
+
+»Ihr nehmt's eben ernst mit dem Amt, Presi!«
+
+Der Geschmeichelte murrte: »Ja, und des Teufels Dank habe ich auch. Ich
+mach's, und wenn die Sache gethan ist, geht das Schimpfen los und ganz
+Sankt Peter brüllt, ich sei ein gewaltthätiger und eigenmächtiger
+Sarras.«
+
+Beide lachten, dann fragte der Schreiber: »Hätte man über die Kinder
+nicht eine Steigerung abhalten sollen?«
+
+»So, damit die Leute sagen, der Presi suche immer nur Gelegenheiten, daß
+im Bären fleißig getrunken werde. Ich weiß schon, was man über mich
+redet. Und dann? Wer käme zu dieser strengen Werkzeit an eine Gant? Die
+Kinder Fränzis sind, denk' ich, auch nicht so begehrt. Im übrigen,
+Schreiber, könnt Ihr wieder gehen, ins Protokoll setzt einfach, ich
+hätte Vroni aus Liebe und Barmherzigkeit zu mir ins Haus genommen und
+Josi habe der Gemeinderat als Knecht zu dem früheren Wildheuer und
+jetzigen Bergführer Bälzi gegeben.«
+
+»Zu Bälzi!« Dem Schreiber fiel die Hornbrille von der Nase.
+
+Der Presi lächelte überlegen.
+
+»Ihr könnt eine Bemerkung in dem Sinn dazu setzen, Bälzi sei der
+einzige, der sich um Josi beworben habe, und da er in der letzten Zeit
+ein ordentlicher Mann geworden sei, so habe der Gemeinderat aus Mitleid
+für seine große Familie ein mildes Werk gethan und ihm den Buben auf
+Zusehen hin, wenigstens aber über den Sommer, als Knecht zum Wildheuen
+gegeben. So, jetzt könnt Ihr gehen, ich habe mit den Kindern besonders
+zu reden, schickt mir zuerst den Buben herein!«
+
+Mit einem kaum merklichen Kopfschütteln packte der Schreiber seine
+Sachen zusammen.
+
+Draußen im Flur saßen die Geschwister in ihren abgestorbenen
+Sonntagsgewändchen. Vor ihnen stand Bälzi und redete, die Hände lebhaft
+verwerfend, auf Josi ein, der mit zusammengezogenen Brauen verächtlich
+von ihm wegschaute und ihm kein Wort erwiderte. Vroni hatte verweinte
+Augen.
+
+Jetzt stand Josi vor dem Presi, der überrascht war, was für eine
+finstere Festigkeit im Gesicht des Achtzehnjährigen lag. Neugierig glitt
+sein prüfender Blick über den Burschen und dann ließ er ihn, ohne ihn
+anzureden, noch eine Weile stehen, indem er gegen das Fenster blickte.
+
+»Der Bursche,« dachte er, »ist in seiner Schlankheit und Kraft, mit dem
+braunen, gescheiten Gesicht, mit den Blitzaugen verdammt hübsch. Es
+giebt kein wirksameres Mittel, die Gedanken Binias, ohne daß sie eine
+Ahnung hat, von ihm abzubringen, als daß sie ihn recht niedrig und in
+schlechter Gesellschaft sieht -- grad mit Bälzi. So viel guten Sinn hat
+das Kind.«
+
+»Herr Presi,« unterbrach Josi, der wie auf feurigen Kohlen stand, die
+Ueberlegungen des Bärenwirtes, »Vroni und ich haben gemeint, wenn wir
+nur in dem Häuschen bleiben könnten, wir wollten schon --«
+
+»Thorheiten,« schnitt ihm der Presi das Wort ab und maß ihn mit dem
+Ausdruck des höchsten Unwillens, »warte, bis ich dich etwas frage, und
+ein Bursch wie du, Josi, der über mich und andre die größten
+Gemeinheiten sagt, muß einen Meister haben.«
+
+Mit glühendem Haß betrachtete er den sauberen Jungen.
+
+Josi standen die Flammen der Entrüstung im Gesicht: »Herr Presi, ich
+weiß schon, was Ihr meint, die Mutter selig und der Garde haben mich
+darüber zur Rede gestellt, aber es ist, weiß Gott, nicht wahr! Ich habe
+es nicht gesagt.«
+
+»Soll ich dir jemand gegenüberstellen, der's gehört hat?« erwiderte der
+Presi mit kalter Verachtung. -- »Binia hat's gehört, wie du es im
+Schmelzwerk draußen gesagt hast,« fügte er nach einem Augenblick der
+Ueberlegung bei.
+
+»Bini. -- Bini! -- -- Laßt Bini auf die Stube kommen!« Josi zitterte vor
+Zorn am ganzen Leib.
+
+»Es nützt nichts mehr, es ist vom Gemeinderat schon entschieden, daß du
+zu Bälzi gehst.«
+
+Der Presi rief im gleichen Augenblick Bälzi in die Stube und hielt nun
+beiden eine donnernde Rede, wie sie sich als Herr und Knecht miteinander
+zu vertragen haben. Mit einer Handbewegung entließ er sie. Vroni kam an
+die Reihe und freundlich gewährte der Presi dem verschüchterten Kind die
+Bitte, daß sie erst dem Garden Lebewohl sagen gehe, ehe sie als Magd in
+den Bären trete. »Ich lasse ihm gute Besserung wünschen und werde ihn in
+den nächsten Tagen besuchen.«
+
+Josi, der starke Josi, hatte, als er mit Bälzi die Treppe hinunterging,
+vor Zorn und Schrecken die Thränen in den Augen, ihm war, als habe man
+ihm mit einem Hammer auf den Kopf geschlagen. Bälzi aber sagte gutmütig:
+»Greine doch nicht, wir wollen lieber einen Schoppen zusammen trinken
+und auf gute Freundschaft anstoßen, ich will dir gewiß kein strenger
+Meister sein.« Josi trank nicht. Als er vom Wirtstisch aufschaute, stand
+Binia mit einem Ausdruck grenzenlosen Mitleides unter der Thüre, fast
+als wolle sie auf ihn zueilen, aber er sah vor eigenem Leid ihre tiefe
+Bewegung nicht. Dumpf und mit erstickter Stimme rief er: »Du Giftkröte,
+wie hast du so über mich lügen können!«
+
+»Josi!« Mit einem Schrei des Entsetzens rannte Binia davon.
+
+Vor der Thüre nahmen die Geschwister herzbeklemmenden Abschied
+voneinander. »Rede mit dem Garden!« mahnte und tröstete Vroni, »er meint
+es gewiß gut mit dir.« Josi schüttelte aber traurig den Kopf; seit ihn
+der Garde wegen der Verleumdung des Presi scharf angefahren, hatte er
+auch zu ihm das Zutrauen verloren. Geheimnisvoll sagte er: »Sieh, Vroni,
+ich weiß schon, was ich thun werde.«
+
+Bälzi drängte. Stolz wie ein Hahn führte er seinen Knecht, den ersten,
+den er hatte, durch das Dorf, Josi aber ließ den Kopf hängen, er schämte
+sich seines Meisters.
+
+Vroni berichtete dem ungeduldigen Garden.
+
+»Kind, du gehst nicht als Küchenhelferin in den Bären,« keuchte er,
+»tritt in die andere Stube, ich halt's nicht mehr aus im Bett.«
+
+Sie hörte, wie er in einer Wut aus den Federn sprang.
+
+Einige Augenblicke später stand er zum Ausgehen gerüstet vor ihr. Aber
+wie? Durch schmale Spalte nur schauten seine rotunterlaufenen Augen, das
+hochgeschwollene Gesicht glänzte, aus den Blasen auf den Wangen floß das
+Wasser in den Bart und die Lippen waren aufgerissen.
+
+»Garde,« sagte Vroni bestürzt, »wollt Ihr nicht warten, bis die Gardin
+kommt?«
+
+Jammernd eilte diese zu dem schwankenden Manne und mahnte, er wütete
+aber immer zu: »So geht's nicht in St. Peter, das leide ich nicht, bei
+meiner Seligkeit leide ich es nicht. Presi, ich glaube es selber, die
+Tatze muß dir aus dem Grab wachsen. -- Du bleibst bei uns, Vroni, du
+gehst nicht in den Bären!« Liebkosend fuhr er ihr durchs blonde Haar.
+
+»O Pate,« lächelte das Kind aus allem Elend und die blauen Träumeraugen
+ruhten voll innigen Vertrauens auf dem entstellten Gesicht, dann wandte
+sie sich fragend an die Gardin.
+
+Allein die hatte für nichts Gedanken, als ihren Mann zurück ins Bett zu
+bringen, sie hielt ihm in ihrer Not den Spiegel vor das Gesicht. Er fuhr
+erschrocken zurück. »Teufel, so sehe ich aus -- da kann ich allerdings
+nicht ins Dorf gehen. Nun, ein paar Tage mag es Josi schon bei Bälzi
+aushalten.«
+
+Die Aufregung hatte dem Kranken geschadet, er verwirrte sich, er
+kommandierte im Bett unaufhörlich wie am Glottergrat, als Seppi Blatter
+an den Weißen Brettern stand: »Drei Fuß nachgeben!« -- »Links anhalten!«
+-- »Zu viel!« -- »Etwas rechts!« -- »So ist's recht!« -- Zwischenhinein
+schimpfte er auf den Presi, dann fragte er wieder: »Ist Vroni wirklich
+da -- bringe sie doch herein, wenn sie da ist.« Mit Seufzen schickte
+sich die Gardin in den Zuwachs, den ihr Haus erfuhr.
+
+Als am anderen Tag der Presi durch Thöni eine Nachfrage wegen Vroni
+schickte, erwiderte der Garde: »Sagt dem Presi, der Teufel werde ihn
+holen, bevor Vroni in seine Küche kommt.«
+
+Thöni machte ein langes Gesicht und der Presi fügte sich.
+
+In seiner schweren und langwierigen Krankheit ließ sich der Garde die
+nötigen Dienste am willigsten von Vroni gefallen, die ihn mit ihrer
+sonnigen Heiterkeit am meisten beruhigte.
+
+Sie hatte ihr schönes Heim.
+
+Ein Zug der Bedächtigkeit ging durch alles, was im Haus des Garden
+gesprochen und gethan wurde; es war, als sei auch in der Woche ein
+Abglanz vom Sonntag darin, und wenn die Sonne durch die Fenster schien,
+sich im blanken Kupfer- und Zinngeschirr spiegelte, war es Vroni
+feierlich zu Mut. Die Bäuerin, der Großknecht Meinrad, der Viehbub Bonzi
+und die Magd Resi, alle arbeiteten fleißig, doch ohne Hast; während der
+Garde krank lag, wurden Felder und Vieh grad so gut besorgt, wie wenn er
+mithelfend hätte beim Werk sein können.
+
+Eusebi hatte zum Verdruß seiner Mutter eine stille närrische Freude, daß
+nun Vroni im Hause weilte, er ging dem Mädchen auf Schritt und Tritt
+nach, sah ihm bei seinen Hantierungen zu und half ihm dabei.
+
+Und was sagte der Garde in einem der fieberfreien Augenblicke, die jetzt
+glücklicherweise wieder kamen, zu seiner Frau, die noch nicht recht
+wußte, wie sich zu dem hereingeschneiten Gast stellen?
+
+»Ich finde, daß Vroni dem Haus wohl ansteht, es ist immer, als scheine
+die Sonne darein, wenn doch nur ihr helles Haar glänzt.«
+
+An Vroni aber zehrte der heimliche Kummer um Josi. Sie wußte, was es
+hieß, bei Bälzi Knecht zu sein. Harte Arbeit an den Flühen, Aufbruch im
+Morgengrauen, Heimkehr in der Abenddämmerung und -- was schlimmer war --
+wenig Brot, viel Schelte, dazu das Beispiel eines schlechten Haushaltes,
+in dem häufig gestritten wurde. Denn einen wetterwendischeren Menschen
+als Bälzi gab es nicht. Er konnte in einem Augenblick die Freundlichkeit
+selbst sein, im nächsten aber ein Teufel an Bosheit. Dann flogen nicht
+nur die Worte, sondern was ihm in die Hände geriet. Und Josi, der
+starke, trotzige, ließ sich gewiß keine Prügel gefallen. Entweder gab's
+Händel, oder Josi verdarb in guter Freundschaft mit Bälzi.
+
+Ungefähr wie Vroni dachte Binia.
+
+Der wilde, schmerzvolle Zuruf des unglücklichen Burschen hatte sie
+geschüttelt und gerüttelt.
+
+Vor ihrem Bett kniete sie am Abend: »Mutter -- Mutter -- ich bin schuld,
+daß es Josi so schlecht geht -- Mutter, sage mir, wie kann ich das große
+Unrecht wieder gut machen? -- Mutter, muß ich dem Vater folgen und gar
+nicht mehr mit Josi reden?«
+
+Wie sie aber auch das brennende Köpfchen quälte, kam doch kein kluger
+Gedanke darein.
+
+Sie wußte nur eins. Seit Josi keine Mutter mehr hatte, stand er ihrem
+Herzen noch näher. Sie meinte immer, sie sollte ihm Fränzi ersetzen, und
+sie war voll Liebe und Barmherzigkeit für ihn.
+
+Sie klammerte sich an den alten Glauben, daß es Kindern, deren Vater an
+den heligen Wassern gefallen ist, besonders gut gehe, und ließ ihre
+Augen leuchten: »Er wird schon einmal sehen, daß ich keine Giftkröte
+bin!«
+
+
+
+
+IX.
+
+
+»So geht's zu in St. Peter. Man will nicht mehr für die Hinterlassenen
+derer einstehen, die im Gemeindewerk gefallen sind. Wie wohl wäre es
+einem wohlhabenden Bauern angestanden, wenn er Josi zu sich genommen
+hätte, nicht als Knechtlein, sondern als Sohn, wie der Garde Vroni als
+Tochter. Lest in den alten Protokollen, wie man für die Kinder derer,
+die an den heligen Wassern gestürzt sind, stets besonders gut gesorgt
+hat. Und sie wurden Leute, daß es eine Freude war. Jetzt aber kommt ein
+neuer Brauch. Auf einen bösen Handel legt man einen bösen Handel, man
+giebt den Buben rechtschaffener Eltern einem Lumpen. Was wird Josi bei
+Bälzi? Ein Halunke! Und was hat die Gemeinde davon? Die Schande!«
+
+»Ich hätte ihn auch genommen, der Haushalt Blatter ist immer arbeitsam
+gewesen.«
+
+»Einen Gotteslohn hätte man dabei verdient. Wahrhaftig, man schämt sich,
+wenn man denkt, daß der selige Seppi und die selige Fränzi vom Himmel
+herunter auf die von St. Peter schauen.«
+
+So schwirrte das Gespräch.
+
+Die Gemeinderäte, die ihre Pflicht versäumt hatten, ließen die Köpfe
+hängen und kratzten sich hinter den Ohren, der Presi aber hielt sich an
+das Haus voll Fremder und vermied den Verkehr mit den Dörflern.
+
+Er hatte auch seinen Verdruß.
+
+Bälzi, sein Schützling, war mit dem Bergführerberuf auf eine wenig
+ehrenvolle Art zu Ende gekommen. Ein Gast vermißte sein Taschenmesser,
+er sah es einige Tage später im Besitze Bälzis, der ihn auf einer
+kleinen Gletscherwanderung begleitet hatte; der Gast behauptete, sich
+deutlich zu erinnern, daß er es bei einem Imbiß am Rand des Eises habe
+liegen lassen. Bälzi hätte es ihm einfach zurückgeben können, aber er
+wurde frech und verlangte einen Finderlohn. Da kam's zum Bruch, und der
+Presi hatte die Vorwürfe seiner Gäste, die nichts mehr von Bälzi wissen
+wollten.
+
+Bald aber war es am Presi, zu lachen.
+
+Bälzi meldete ihm durch seine Aelteste, Josi Blatter sei aus dem Dienst
+gelaufen, sie hätten zusammen ein Unwort gehabt.
+
+»Nun wird der Bursche kommen und man wird ihm einen neuen Dienst suchen
+müssen.«
+
+Josi Blatter stellte sich aber weder dem Vormund noch den Behörden.
+Niemand wußte, wo er war, niemand wurde aus ihm klug.
+
+Das Gerücht verbreitete sich, er treibe sich auf den Alpen umher. Aber
+wovon lebte er? Die Leute sagten: »Er zieht den Kühen und Ziegen
+heimlich die Milch aus dem Euter.«
+
+Der Presi höhnte: »Da seht Ihr den Tagedieb, von dem Ihr mit so viel
+Erbarmen geredet habt. Ich habe den gekannt.«
+
+Niemand wagte mehr den Buben zu verteidigen.
+
+Allein die Stimmung im Dorf war auch dem Presi nicht günstig. Manchmal
+schien es wohl, man würde sich an die Fremden gewöhnen, aber die Gäste,
+die wieder ins Thal gekommen waren, thaten und redeten so manches, was
+denen von St. Peter bis auf die Knochen ging.
+
+Da war ein dicker Gast, der wie ein Fäßchen daherkugelte und stets mit
+den Leuten reden wollte, den sie aber in seiner fremden Mundart nur das
+dritte Wort verstanden. Als er auf den Feldern um das Dorf die Histen,
+die Holzgerüste sah, an denen die Bauern im Herbst ihren Roggen zum
+Ausreifen aufzuhängen pflegen, fragte er spöttisch: »Hat man denn in St.
+Peter so viel Diebe, Schelme und Mörder, daß man alle die Galgen
+braucht?«
+
+Nun lief das Wort. Von Scherz und Humor wußten die Dörfler nicht viel,
+ihr Leben war Arbeit und Andacht. »Wir einen Galgen? -- Mörder? -- Seit
+Matthys Jul hat im Glotterthal kein Mensch einen anderen getötet. Und
+Diebe? -- Wer schließt des Nachts die Thüre? Kein{5} Haus als der Bären
+hat ein Schloß mit Schlüssel. Seit Menschengedenken ist kein Diebstahl
+vorgekommen; die Briefe, die Päcklein und Wertsachen, die es zu besorgen
+giebt, legt man einfach an den Weg. Hat jemand schon daran gerührt als
+der Postbote, der sie aufnimmt und nach Hospel trägt? Aber die Fremden
+wollen uns andere Sitten bringen! Merkt ihr, was für ein neues Leben
+anfängt? Bälzi hat ein Messer gestohlen, und Josi Blatter ist Aufrührer
+geworden, es kann schon so kommen, daß wir einen Galgen brauchen.«
+
+»O, der Fremde hat gewiß nur gescherzt.«
+
+»Dann hat er das heilige Brot beleidigt! Wer darf über die Histen, die
+es reifen, spaßen?«
+
+Bald beleidigte irgend einer die heligen Wasser.
+
+»Man kann nicht schlafen, wenn der Wind thalherauf weht. Das tattert die
+ganze Nacht. Geben Sie doch der verfluchten Klapperschlange etwas zu
+fressen, daß das arme Vieh nicht weiter so hungerleidig schättert,«
+sagte ein anderer.
+
+Die heligen Wasser, an denen so viele wackere Männer zu Tod gefallen
+sind, die einen Flecken und fünf Dörfer erhalten und ernähren, eine
+hungerleidige Schlange!
+
+Die von St. Peter bekreuzten sich. »Sünde über Sünde.«
+
+»Und die heilige Religion beleidigen sie!«
+
+Denn durch die Mägde war es bekannt geworden, daß manche Gäste im Bären
+auch am Freitag Fleisch essen. Der Presi und die Frau Presi gaben es
+also zu.
+
+»Merkt ihr, wenn wir solche Dinge dulden, so kommt Gottes Züchtigung
+über uns. Unsere Buben können nicht mehr recht thun -- seht Josi
+Blatter! Und er hat doch so rechtschaffene Eltern gehabt. Hudlig müssen
+wir durch die neue Zeit zuletzt alle werden.«
+
+Vom Gemeinderat ging die Weisung, jedermann, der Josi Blatter antreffe,
+möge ihn auffordern, daß er sich der Behörde stelle.
+
+»Josi Blatter, der Rebell,« dann kurzweg »der Rebell«. So sprach man in
+St. Peter. Sein Umhertreiben erregte Aufsehen und Aergernis. Man war es
+nicht gewöhnt, daß die jungen Leute sich dem Gehorsam der Behörden, der
+Kirche und der Dorfschaft entzogen. Dazu gesellte sich die Furcht vor
+Diebstahl. Aber weder die Sennen, die von den Alpen kamen, noch die
+Dörfler wußten die Spur einer Entwendung zu melden. Es konnte den
+Rebellen auch niemand auffordern, zurückzukehren, denn man sah ihn immer
+nur von ferne, meist an den hohen Felsen über den Alpen, ja viele
+glaubten, es sei überhaupt ein müßiges Gerede, daß er sich noch in der
+Gegend aufhalte. Aber heute war es ein Dörfler, morgen einer der
+kühneren Fremden, die hoch an den Flühen, wo Grünland und Weißland sich
+scheiden, einen verdächtigen Jungen gesehen haben wollten.
+
+»Wir gehen nicht aus, man weiß nicht, was einem der geheimnisvolle
+Vagant anthäte!« meinten die Furchtsameren, und unter den ängstlichen
+Gästen kam St. Peter zum großen Aerger des Presi in den Ruf der
+Unsicherheit.
+
+Ein Diebstahl -- eine Verurteilung -- dann wäre Josi Blatter für sein
+Lebtag im Thal gerichtet und alles zu Ende. Gefängnis nahmen die zu St.
+Peter furchtbar ernst, es genügten die roten Epauletten eines
+Landjägers, der alle paar Jahre einmal ins Thal kam, um die
+Bewohnerschaft in Aufregung zu versetzen.
+
+Gegen Ende des Sommers erwartete der Presi den Rebellen des Diebstahls
+überführen zu können. Die Sonne schien noch warm, die Glotter aber,
+deren Wasser stark zurückgegangen war, floß klarer als sonst. Nun
+glaubte er Anzeichen dafür zu haben, daß aus seiner Fischenz
+nächtlicherweile Forellen gestohlen würden. Thöni und ein paar Mann
+legten sich in den Hinterhalt. Um Mitternacht watschelte es in dem
+Glotterbach, eine Gestalt bückte sich und langte mit den Händen in die
+Forellenverstecke, man faßte den Dieb -- Bälzi!
+
+Ganz St. Peter lachte, daß der Presi seinen ehemaligen Schützling
+gefangen hatte, sogar mehr, als wenn der Rebell verhaftet worden wäre,
+denn die Mißgunst gegen den Presi war größer als der Aerger über den
+unbotmäßigen Jungen.
+
+Am meisten litt Vroni. Ihre letzte Hoffnung, daß Josi wieder auf gute
+Wege komme, war wie Aprilschnee geschmolzen, der Garde wollte nichts
+mehr von ihm hören, er war wütend auf sein Mündel. Nicht, weil Josi
+seinem Meister entlaufen war, das fand er fast selbstverständlich, aber
+weil er sich seinem Vormund nicht gestellt hatte. Von Zeit zu Zeit
+fragte er Vroni im Ton des Verhörs, ob ihr Josi noch nie ein Zeichen
+seiner Anwesenheit gegeben.
+
+Das war's ja eben, was sie am tiefsten kränkte -- er hatte sie
+vergessen.
+
+Sie horchte fleißig in die Nacht, ob sie ihn nicht ums Haus streichen
+höre, aber was sie erlauschte, war immer nur das Klagen des Windes in
+den Felsen.
+
+Hatte er wohl das Thal verlassen und war ohne Abschied über Hospel
+hinaus in die weite Welt gegangen, wie jener Bursche im Kirchhoflied?
+Hinweg vom Grab des Vaters und der Mutter.
+
+ »Gebräunter Bursch ist fortgezogen,
+ Den Mund so frisch, den Blick so hell
+ Dahin mit Wellen und mit Wogen
+ Gewandert ist der Frohgesell.«
+
+Oder war er einsam irgendwo auf den Bergen verunglückt? -- Sie hoffte es
+fast, denn ein toter Bruder wäre ihr lieber gewesen als einer, der in
+Unehren lebt. O, was mochten die Mutter und der brave Vater in ihrer
+Abgeschiedenheit von Josi denken.
+
+Oft fielen die Thränen um ihn auf das Armseelenmahl, das sie für die
+Toten rüstete. Und doch ging es ihr gut. Die stolze Gardin sprach zwar
+von oben herab zu ihr, behandelte sie, wenn es der Garde nicht sah, wie
+eine Magd und predigte ihr Bescheidenheit.
+
+»Ich bin ja gewiß bescheiden,« dachte sie dann, »wenn ich nur im Haus
+bleiben darf.«
+
+Wenn sie aber besonders niedrige Dienste verrichtete, wenn sie die
+Jauchetanse an den Rücken hängte oder den Mist der Schweine aus dem
+Stall zog, dann knurrte der breite Garde: »Du darfst das nicht thun,
+Vroni; laß das den anderen!«
+
+Eusebi freute sich darüber unbändig und begann den Vater nachzuahmen,
+indem er sie von den rauhesten Arbeiten zurückhielt, die Gardin aber
+schmollte: »Herrgott, ist Vroni, weil sie blondes Haar und ein sauberes
+Gesichtchen hat, denn eine Prinzeß?«
+
+»Die ist mehr als eine Prinzeß, Gardin; merkst du nicht, daß uns Gott
+das Mädchen eigens zum Trost ins Haus geschickt hat? Sieh dein
+Schmerzenskind, den Eusebi, an. Denke, wie er noch vor zwei Jahren war
+und wie er jetzt ist. Stottert er noch? Läßt er die Glieder noch so
+elend hängen? -- Nein, es ist eine Freude, wie der Bursche alles
+nachholt, was er in sechzehn Jahren versäumt hat.« So mahnte der Garde
+voll Vaterglück.
+
+»Meinst du, es freue mich nicht auch?« fragte seine Frau, »meinst du, es
+freue das Mutterherz nicht am meisten -- warum bin ich denn so viel
+gewallfahrtet für Eusebi!«
+
+»Deine Wallfahrten in Ehren, dem Burschen aber haben nichts als
+Geschwister gefehlt; doch hätten ihn sechs Brüder und sechs Schwestern
+nicht so geweckt wie die einzige stille Vroni.«
+
+»Nun -- nun -- ich lasse ja sie gelten, wenn sie nur nicht einen so
+geringen Bruder hätte.«
+
+»Daran ist der Presi schuld!«
+
+So tauschten Garde und Gardin ihre Meinungen.
+
+Nicht so bald, wie er es zu Vroni gesagt hatte, sondern erst gegen den
+Herbst hin kam der Presi zu dem langsam genesenden Freunde auf Besuch.
+Binia begleitete ihn. Aber zwischen den beiden Männern war nichts als
+Streit und Zank.
+
+»Wenn der Bursche hinter die genagelte Thür in der Stadt kommt, wenn St.
+Peter diese Schande hat oder wenn er, wie's den Anschein hat, verhungert
+an den Bergen modert, so liegt's auf Eurem Gewissen, Presi. Ich hätte
+mit dem Peitschenstiel auf Euch losgehen mögen, als Ihr den Waisenbuben
+zu Bälzi gabt.«
+
+Da fuhr der Presi auf: »Gott's Donnerhagel! So ist mir noch niemand
+gekommen! Garde -- Garde! -- Wißt Ihr noch, was der Lumpenhund gesagt
+hat?«
+
+»Ihr seid der Presi, seid doch erhaben über ödes Geschwätz. Und nun
+wollen wir Binia fragen, ob er' s wirklich gesagt hat!«
+
+Binia, die sich in der Küche bei Vroni leise nach dem verschwundenen
+Josi erkundigte, kam auf den Ruf des Presi hochrot vor die entzweiten
+Männer, und auf ihre Frage funkelte der Mut der Verzweiflung in ihren
+Sammetaugen, ihre Nasenflügel und Lippen bebten.
+
+»Vater! -- Vater! -- er hat's nicht gesagt -- ich schwör's Euch noch
+einmal wie am Tag nach Fränzis Tod -- er hat's nicht gesagt -- sondern
+der Kaplan Johannes.«
+
+Ihre Stimme klang wie ein zersprungenes Glöckchen, sie stand da wie eine
+kleine Märtyrerin.
+
+»Wie am Tag nach Fränzis Tod,« wiederholte der Garde und sah den Presi
+mit zusammengezogenen Brauen scharf an.
+
+Da wurde der Presi bleich vor Scham und Zorn. »Hast du auch nicht
+gesagt, du wolltest Josi heiraten?« Er stammelte es mehr, als daß er es
+sprach.
+
+»Wohl, in meiner Verwirrung habe ich so viel geschwatzt, was ich nicht
+hätte sagen sollen.« Angstvoll und entschlossen zugleich sprach Binia,
+der Presi aber warf ihr einen Blick zu, als wolle er sie zu Boden
+schmettern.
+
+»Hinaus mit dir und heute nicht mehr unter meine Augen!«
+
+»Was für einen Mut hat das Kind,« knurrte der Garde beruhigend, als sich
+Binia geflüchtet hatte, »Presi, tragt dem Mädchen Sorge.«
+
+»Dem Kaplan will ich zünden!« schnob der Presi.
+
+Das kurze Gespräch hatte dem Garden ein Licht aufgesteckt. Darum also
+haßte der Presi Josi so grimmig, weil Binia ein Auge auf den hübschen
+Burschen geworfen hatte. Er wiegte, als der Presi gegangen war, den
+Kopf.
+
+»Kinder -- Kinder! -- Aber sie wachsen wie die Tannen und die Tannen
+sprengen mit den Wurzeln den Fels. Grad so die Jugend mit ihrer Liebe,
+es muß nur eine echte sein!« Zwischen Binia und Josi lag allerdings
+nicht nur ein Fels, sondern ein Berg. Und aus Josi wurde der Garde nicht
+klug. War der Bursche wirklich so empfindlich, daß er wegen eines
+unverdienten Donnerwetters seinen Vormund verleugnete?
+
+Da steckte ihm Vroni ein zweites Licht auf. Das sanfte Kind beichtete
+aus freien Stücken, doch als ob sie sich für ihren Bruder tief in die
+Erde schämen müsse: »Denkt, Pate, heute ging der Kaplan mit seinem
+Bettelsack am Haus vorbei, und als er mich sah, kam er und sagte, Josi
+lasse mich grüßen. Es gehe ihm wie einem Herrn.«
+
+Der Garde wußte jetzt, woher Kaplan Johannes die Mineralien für seinen
+Sommerhandel bezog.
+
+Der Herbst kam, die Fremden reisten von St. Peter{6} fort, mit
+klingendem Spiel zog das Vieh von den Bergen, voran die mit Enzianen
+geschmückte Meisterkuh. Jetzt mußte sich Josi, wenn er noch lebte,
+zeigen. Dem Winter, dem furchtbaren Höhenwinter würde er nicht trotzen,
+der würde ihn schon zu den Menschen zwingen, da verließen ja selbst die
+armen Seelen die Höhen, über die der Wind hinpfiff, und schlichen sich
+nachts in die Häuser, und die ausgehungerten Gemstiere kamen zu den
+Städeln und schnupperten nach dem aufgespeicherten Heu.
+
+In der Nacht von Allerheiligen auf Allerseelen gab Josi bestimmte Kunde
+seiner Anwesenheit. Auf den Gräbern seiner Eltern lagen am Morgen
+Bergastern und standen Kerzen, und die hatte Vroni nicht hingethan.
+
+Sie entzündete sie und es waren ihr zwei Hoffnungsflammen.
+
+Was litt sie um Josi immer noch! Wo sie ging und stand, flüsterten die
+Leute: »Die Schwester des Rebellen!« und jetzt fragten sie: »Woher hat
+er das Geld gehabt für die Kerzen?« Andere trösteten wohl: »Man
+sieht's, daß er nicht verstockt ist, die Geschichte seines Vaters hat
+ihm nur den Kopf zerrüttet und der Presi hat ihn mit seiner Schärfe ganz
+um den Verstand gebracht.« Doch das war ein schlechter Trost.
+
+Der erste Schnee fiel, grimmige Kälte trat ein, Josi erschien nicht als
+reumütiger Sünder im Dorf. Da waren die Leute überzeugt, daß er nun doch
+verhungert sei, und erwarteten, daß man im Frühling sein Gerippe in
+irgend einer Alphütte finden werde.
+
+Kaplan Johannes, den der Garde einmal zur Rede stellte, gab zu, daß Josi
+eine Weile für ihn Krystalle gesucht habe, aber jetzt sei er, so
+versicherte er, ohne Ziel in die Welt gewandert.
+
+Das war nicht glaubwürdig, wer in St. Peter geboren ist, geht nicht von
+St. Peter fort, eher war Josi aus Mangel gestorben.
+
+»Aber vielleicht hat ihn das Kirchhoflied verführt!« seufzte Vroni.
+
+Der Presi kratzte sich im Haar: der Bube, der lieber verdarb als sich
+ergab, kam ihm unheimlich vor. »Der ist noch zehnmal stärker als sein
+Vater,« dachte er mit nagendem Verdruß.
+
+Und in den Abendgesellschaften der Dörfler lief dem toten Josi zu Ehren
+wieder die alte Kaufbriefgeschichte mit allerlei Verzierungen.
+
+Josi aber lebte -- elender freilich als ein Tier -- er lebte hart am
+Weg, auf dem die von St. Peter gingen.
+
+Das war sein und des letzköpfigen Pfaffen Geheimnis.
+
+Schon zu Lebzeiten der Mutter, damals, als die ersten Fremden gekommen
+waren, hatte ihm Kaplan Johannes aufgelauert und ihn jammernd gebeten,
+ihm Krystalle und Erze zu verschaffen, damit er sie, zu Pulver
+verstampft, in seine Arzneien mischen könne. »Ja, freilich,« lachte
+Josi, der vom Vater her die Fundorte der Mineralien, die man im Dorfe
+nicht mehr als Spielzeug schätzte, an den Flühen des Bockje und der
+Krone kannte. Und er brachte dem Kaplan hübsche Stücke, auf denen
+Tautropfen saßen, die klar wie Thränen sind, blühendes Gestein, wie er
+es grad beim Wildheuen erreichen konnte. %»Gracia et benedictio tibi«%,
+sprach der Einsiedler mit seiner hohlen tiefen Stimme und gab ihm einen
+funkelnden Franken. Seither blühte in tiefer Heimlichkeit vor der Mutter
+und Vroni ein kleiner Handel zwischen den beiden. Nicht, daß der Kaplan
+nun Josi für jeden quellklaren Quarz, für jeden braungoldenen Diamanten
+der Zinkblende, für jeden Brocken, auf dem die grauglänzenden zierlichen
+Blätter des Wasserbleis saßen, ein Geldstück gegeben hätte, meist
+bezahlte er, wenn er die Stücke mit gierigem Blick in den Sack gesteckt
+hatte, mit Segenswünschen und geheimnisvollen Andeutungen, er würde ihn
+einmal zu großem Glück führen. Darüber lachte der trockene Bursche, und
+als er sah, daß ihn der Kaplan betrog und die Drusen verkaufte, stellte
+er die Lieferungen ein.
+
+Allein der Laurer ließ ihn nicht mehr los. Als Josi den ganzen Groll und
+Grimm gegen den Presi und das Dorf im Herzen, von Bälzi, der ihn nach
+hartem Tagewerk hatte schlagen wollen, fortgelaufen war, hatte ihn der
+Kaplan, der in der Dämmerung mit dem Bettelsack von den Alpen kam, am
+Fuß einer graubärtigen Wetterlärche überrascht.
+
+Der grinsende Pfaffe, der ihm die tiefste Teilnahme vorspiegelte,
+entlockte der tobenden Brust des Flüchtlings eine Beichte, die nicht
+vollständiger hätte sein können. Alles Elend, aller Haß einer von einem
+schweren Unglück zerschmetterten und mißhandelten Seele lag frei vor dem
+Schwarzen.
+
+»Sei kein Thor, Josi; stelle dich doch dem Garden nicht, suche mir
+lieber Krystalle, ich will für deinen Unterhalt sorgen. Hier oder wo wir
+verabreden, treffe ich dich jeden Tag,« überredete der Kaplan den
+verirrten Jungen, und von dieser Stunde an bestand eine Art Herzensbund
+zwischen ihnen.
+
+Furcht und Trotz halfen den Ratschlägen des Kaplans, am folgenden Tag
+wurde Josi Strahler. Von den Felsen der Krone, wo sich sonst niemand
+hinwagt, brachte er dem Kaplan die dunklen Morione, vom Bockje die
+klaren Edelkrystalle, vom Schmelzberg die wunderfeinen Strahlen des
+Grauspießglanzes und die zierlichen Eisenrosen, die im Stahlschimmer
+leuchten. Immer trug er die Leiter bei sich, die ihm früher zum
+Wildheuen gedient, unermüdlich kletterte er zu den Rissen, Höhlen und
+Kammern der Felswände empor. Es gab aber Tage, oft mehrere
+hintereinander, an denen sich Krystalle und Erze wie durch einen Zauber
+vor ihm versteckten, an denen er wohl mit zerschrundenen, aber leeren
+Händen zu Kaplan Johannes kam. Doch dieser blieb gütig, prophezeite ihm
+in geheimnisvollen Formeln reiche Ernte am nächsten Tage, schüttelte
+alles, was der Bettelsack Eßbares enthielt, vor dem Heißhunger des
+Burschen aus, streichelte ihn und sprach ihm freundlich zu, als wolle er
+ihn für die große Einsamkeit, in der er lebte, entschädigen, und
+manchmal war Josi, der unheimliche Kaplan habe ihn leidenschaftlich
+lieb.
+
+Aber das Heimweh kam. »Vroni! -- Vroni!« brüllte es in der Brust Josis,
+und wenn er tief unter sich einen Menschen über die grüne Alpe gehen
+sah, so hätte er hinabeilen und ihn umarmen mögen -- o, alle von St.
+Peter, nur den Presi nicht.
+
+Kaplan Johannes sah das Heimweh, ein eigentümliches Lächeln ging über
+sein finsteres Gesicht: »Josi, es ist ein Landjäger im Dorf, der es vor
+dir bewachen muß; denke dir, Bälzis Weib hat vor dem Garden beschworen,
+daß du im Schlaf gesagt hast, du zündest den Bären und St. Peter an.
+Wegen Ungehorsam gegen die Behörden und Drohung auf Brandstiftung will
+man dich verhaften, und jede Nacht stehen ein paar Häscher um das Haus
+des Garden im Hinterhalt, denn man denkt, du kommest am ehesten dorthin,
+weil du Vroni sehen möchtest. Also hüte dich! Und noch eins! Rühre
+keinen Halm auf den Alpen an, sonst giebt es eine Treibjagd auf dich und
+die höchsten Felsen retten dich nicht; sei vorsichtig, Josi. Ich füttere
+dich ja, Rabe, selbst wenn ich für mich keinen Bissen habe.«
+
+Josi erblaßte -- zitterte -- also so weit war er: die Landjäger suchten
+ihn.
+
+In seinem Schuldbewußtsein durchschaute er die Lüge des Kaplans vom Weib
+Bälzis, das ihn verraten haben solle, nicht recht, er erinnerte sich nur
+halb, daß er selbst bei der tollen Beichte unter der Wetterlärche etwas
+vom Bärenanzünden gesagt hatte. Aber nur in der gräßlichsten Erregung.
+
+Nein! -- nein! -- Mochte ihn der Presi hängen lassen, eine
+Brandstiftung that er dem Andenken seiner Eltern nicht zu leid.
+
+Bald erhielt er die Bestätigung dessen, was der Kaplan gesagt hatte, aus
+unverdächtiger Quelle. Er traf unvermutet und so, daß er nicht mehr
+ausweichen konnte, auf den Viehknecht des Bockjeälplers: »Fort, Rebell,«
+lachte der gutmütig rohe Mensch rauh und laut, »fünfzig Franken erhält,
+wer dich lebend oder tot ins Dorf bringt,« doch so, als ob er selber die
+fünfzig Franken nicht verdienen wollte.
+
+Von diesem Tag an hielt sich Josi allen unsichtbar und lebte in den
+höchsten Flühen.
+
+Was er litt! -- Die Nächte, die entsetzlichen Nächte, während deren er
+irgendwo auf einer Planke lag, mit ihrem ehernen Schweigen und ihrer
+Einsamkeit! Tief unten winkten die Lichter von St. Peter wie ein
+Häuflein Sterne und riefen: »Komm, komm!« Und jeder leise Glockenklang,
+den die Luft zu ihm emportrug, schmeichelte: »Komm, komm!« Vroni nie
+sehen -- nie auf den Kirchhof treten, wo Vater und Mutter begraben sind
+-- nie in der Dorfkirche beten. Jedes Stück Vieh, das er sah, entlockte
+ihm fast Thränen, vorsichtig lief er hinzu, streichelte es, küßte es und
+redete lieb mit ihm. »Gelt, wenn du ins Thal kommst, grüßest du mir
+Vroni!«
+
+Im gräßlichen Alleinsein wurde Josi beinahe Philosoph. Er liebte seine
+Krystalle, die wunder- und geheimnisvollen Blumen des Gesteins: »Warum
+müßt ihr so schön aus der Erde wachsen, du wie ein Röschen, du wie eine
+Thräne, die ein Engel vom Himmel hat fallen lassen, und du wie ein
+Haufen Spieße für den Ameisenkrieg. Wer hat dich gemessen und
+gezirkelt, du kantiger Edelkrystall, wer hat dich mit Rauch gefüllt und
+die Haarsträhnen durch dich gezogen, du schöner Topas, und dich öden
+weißen Stein mit Granatkörnern bestreut wie die Mutter selig am
+Dreikönigstage die Brotmänner mit Wachholderbeeren?«
+
+O Wunder! Selbst die Krystalle drängen sich wie Bruder und Schwester
+zusammen, sie suchen ihre Gespielen und auf manchem Stein stehen so
+viele, groß und klein, wie wenn sich am Sonntag die Dörfler auf dem
+Kirchhof zum stillen Plaudern sammeln.
+
+Nur er war einsam.
+
+Mitten in seinem Elend ahnte er aber, daß alles in der Welt zum Schönen
+drängt, daß auch der Mensch leiden und sich öffnen muß, wie der harte
+Fels, der Krystalle zeugt. Wie ein Fels wollte er werden, wenn er wieder
+einmal als ehrlicher Bursch unter den Menschen wäre, Krystalle guter
+Thaten zeugen, alles Rechte würde er thun, was Brauch und Sitte, was die
+Vorgesetzten forderten, selbst Dienste bei Bälzi.
+
+Doch jetzt nicht ins Gefängnis, lieber sterben!
+
+Der Winter naht! Seit die Fremden fort sind und er keine Mineralien mehr
+verkaufen kann, ist der Kaplan mürrisch gegen ihn, er bringt ihm das
+Essen unregelmäßig und oft zu wenig. Da weiß es Josi plötzlich: Er ist
+der Gefangene dieses halbverrückten und schlechten Mannes, Johannes hat
+ihn dort unter der Wetterlärche verführt, daß es keine Rettung mehr
+giebt. Und ein grimmiger Haß gegen den Kaplan zuckt auf in seiner Brust.
+
+Er kann es auf den Alpen nicht mehr aushalten vor Kälte. Ein Ausweg!
+Fort von St. Peter, fort, wie der Bursch beim Kirchhoflied. Sterben
+macht nichts, nur nicht ehrlos eingesperrt werden. In der grauenden
+Frühe des Tages Allerheiligen läuft er, am Schmelzwerk vorbei, wo Kaplan
+Johannes haust, das Thal hinaus. »Lebe wohl, seliger Vater, -- lebe
+wohl, selige Mutter, -- und du, liebe Vroni, mit den schönen blauen
+Augen.«
+
+Wie er nach Tremis kommt, tummeln sich schon Kinder auf der Straße, sie
+springen vor ihm schreiend davon: »Ein wilder Mann -- ein wilder Mann!«
+Da fällt es ihm ein: Er kann nicht in die Welt, sein dunkles Haar hängt
+ihm in Strähnen über die Wangen, seine Kleider sind Fetzen, die Schuhe
+zerlöchert, als ein Landstreicher würde er aufgegriffen. Auf das
+Geschrei der Kinder streckt ein altes kropfiges Weib den Kopf aus dem
+Fenster, Susi aus dem Bären. Sie erkennt ihn und nun regt sich doch in
+ihr das Mitleid und die Neugier. Sie ruft ihn herein.
+
+Sie hat schon von seinem Rebellentum gehört; indem sie ihm den Kaffee
+einschenkt, den er gierig trinkt, fragt sie ihn hundert Dinge.
+
+»Ist es wahr, daß du mit Bini verhext und besprochen bist?«
+
+Das behagliche Stübchen und der warme Trunk im Leib stimmen Josi ganz
+weich: »O, Susi, ich habe gewiß andere Sorgen -- ich möchte wieder ein
+rechter Mensch werden. Seht, morgen ist Allerseelen, und ich bin so arm,
+daß ich für meinen seligen Vater und die selige Mutter nicht einmal zwei
+Kerzchen kaufen kann.«
+
+Die tiefe Trauer, die seine Stimme durchbebte, sein elendes Aussehen und
+seine Verwilderung weckten das Erbarmen Susis, sie schenkte ihm zwei
+Wachskerzen und redete ihm mit ihrer pfeifenden Stimme mütterlich zu,
+daß er sich dem Garden stelle, es gehe ihm gewiß nicht so böse.
+
+»Ich will's thun, Susi.« Aber wie er über die verlassenen Alpen des
+Schmelzberges, auf denen die letzten Sonnenlichter des Jahres spielen,
+die letzten Blumen blühen, mit weitem Umweg nach St. Peter geht, kämpft
+er wieder.
+
+Erst tief in der Nacht schleicht er sich ins Dorf. Er kniet zwischen den
+Kreuzen an den Gräbern der Eltern nieder, er steckt die Kerzen und
+Astern auf die Hügel. Da kommt der Nachtwächter singend vom Oberdorf. Es
+ist der breite Brummbaß des Fenkenälplers, der in der Kehrfolge der
+Bürger den Dienst hat. Er möhnt:
+
+ »Es ist nicht unsere Gerechtigkeit,
+ Daß Gott uns so viel Gut's erzeigt,
+ Es ist seine Gnade und Güte,
+ Ihr lieben Heiligen schützt uns vor Gefahr,
+ Vor Brand und Laue besonderbar,
+ Und dann, ihr Lieben, bitten wir noch,
+ Sperrt den Rebellen endlich ins Loch!«
+
+Der letzte Zusatz ist eine freie Erfindung des Sängers. Josi aber
+schreit: »Hörst du' s, Vater -- hörst du's, Mutter, so geht es mir! --
+Ich lasse mich aber nicht einsperren!«
+
+In wildem Weh brüllt er es und rauft das Kirchhofgras, als wolle er
+hinabflüchten zu den Toten.
+
+»Das alles haben der Presi und Binia über mich gebracht.«
+
+Schon sieht er, wie man ihn gefesselt durch das Dorf führt, auf der
+Freitreppe steht der Bärenwirt mit einem Hohnlächeln.
+
+Da geht es ihm wie dem Fuchs, der vom Hunger gepeitscht, in die Falle
+kriecht, von der er weiß, daß sie ihn verderben wird -- er flieht vom
+Dorf zu Kaplan Johannes, den er doch haßt wie den Tod.
+
+Mit einem höllischen Lächeln gewährte der Letzköpfige dem Ausreißer
+Schutz und Obdach in der Ruine. Den einzigen noch überdachten Raum
+bewohnte der Einsiedler selbst. Da brach durch ein vergittertes Fenster
+das Licht herein. Grad neben dem Viereck, das es auf den Boden
+zeichnete, war das Lager des Schwarzen, ein Sack voll jener langen
+Flechten, die wie riesige graue Bärte von den Aesten der alten
+Lärchenbäume fluten, gegenüber der Thüre ein dreiteiliger Altar, den ein
+Totenschädel schmückte, davor ein Betschemel. Und von der Decke hing
+eine Ampel, in der ein Lichtfunke brannte.
+
+Sonst war das Gemach leer.
+
+Hinter ihm war ein zweites, ein niedriges Gewölbe, in das man nur
+halbgebückt kriechen konnte, wohl, wie die rotgebrannten Steine vermuten
+ließen, ein großer alter Ofenraum.
+
+In diesen Verschlag wies Johannes seinen Gast. Da war Josi vor jeder
+Entdeckung sicher. Niemand wagte sich in die Zelle des unheimlichen
+Kaplans; wenn je nach Wochen einmal ein Weiblein ins Schmelzwerk kam, um
+ihn zu einer kranken Kuh zu holen, so pochte es draußen schüchtern an,
+dann trat der Einsiedler heraus, gab ihr mit seiner Grabesstimme den
+Segen und ging mit ihr.
+
+Er war gewiß ein unheimlicher Kauz, der Kaplan Johannes mit dem fahlen
+Gesicht und den lodernden Augen. Vor seinem Altar sang er oft Lieder,
+die stark weltlich klangen, sobald aber, das glaubte Josi zu bemerken,
+Leute des Weges zogen, ging er mit wenigen Modulationen in einen frommen
+Gesang über, wie man ihn am Altar der Dorfkirche hörte.
+
+Am Abend, wenn der Weg einsam war, sprach Johannes oft laut mit sich
+selbst, schnitt Grimassen, verwarf die Arme, geriet in einen Taumel und
+vergaß, daß Josi da war.
+
+»Die Mauer war hoch,« erzählte er klagend, »aber der Kastanienbaum war
+höher. Johannes saß darunter und lernte. Er lernte Tag und Nacht. Einmal
+aber im Herbst erzitterte der Kastanienbaum über seinem Haupt. Was
+zitterst du? Da legte Johannes das Buch nieder und stieg auf den Baum.
+Ein Ast ragte weit über die Mauer, vom Garten in einen Hof, der Ast
+schwankte. Johannes schaute über die Mauer. Da sah er Graziella, die
+Kastanien schüttelte. Sie hatte braune Arme und braune Augen und lachte
+über den Klosterschüler. Eines Tages aber sagte sie: 'Wenn du mich lieb
+hast, Johannes, steige nur vom Baum.' An der Mauer küßten sie sich.
+Mehrmals. Als das Laub fiel, rüttelte Graziella wieder am Ast und lockte
+-- die Falsche. Der Schüler kletterte am Kastanienbaum über die Mauer,
+sie gab ihm einen Kuß, und dann warfen die Klosterbrüder ihn nieder --
+und dann« -- seine Stimme hob sich zu einem klagenden, wiehernden Geheul
+-- »sie haben mich im Gefängnis mit kaltem Wasser begossen -- sie haben
+sich vergriffen an mir, daß ich nicht mehr Johannes bin.«
+
+Er langte wie ein Wahnsinniger nach dem Kopf und hielt den Leib, als ob
+er Schmerzen hätte.
+
+Josi graute es bei diesen Selbstgesprächen des Kaplans, schrecklicher
+war es ihm aber, wenn Johannes ihn zu peinigen begann.
+
+Immer wieder kam er auf jenen Kuß zu sprechen, den er im Teufelsgarten
+Binia gegeben.
+
+Ob er sie noch liebe? Ob er begehre, sie wieder zu küssen? Ob er sie
+einmal nackend sehen wolle? Er könne ihm mit einem Alräunchen dazu
+helfen. Er wisse, wo ein Alraun wachse, wie man die Wurzel ziehe und
+schneide, daß daraus ein kleines wunderthätiges Männchen werde.
+
+Schamlos redete der Kaplan.
+
+Josi schoß dann das Blut in die Wangen und er preßte die Fäuste an die
+Ohren -- o, es war schön gewesen hoch oben in der Einsamkeit des
+Gebirges, das Gift dieses Elenden war entsetzlicher als sie.
+
+»Wann zündest du den Bären an? -- Du mußt es thun, solange keine Gäste
+da sind, die Sünde wäre sonst zu groß. Heute ist eine so finstere Nacht,
+willst du denen in St. Peter nicht etwas hell machen?«
+
+»Ihr seid ein Teufel, Johannes!« Da lachte der Kaplan widerwärtig: »Ich
+glaube manchmal selbst, daß ich der Satan bin, aber dich habe ich lieb,
+bleicher Knabe. Komm an mein Herz, Söhnchen!«
+
+Oft schien die Rede des Kaplans nicht nur Hohn, sondern als hange er mit
+der ganzen Seele an Josi, denn gerade wenn ihr Vorrat am kleinsten war,
+nötigte er ihn zu tapferem Essen und litt selber Hunger.
+
+»Im Sommer aber mußt du mir wieder Krystalle suchen, du mußt mein treuer
+Sohn sein, du gehörst jetzt zu mir, nicht zu denen von St. Peter -- aber
+-- aber -- Knabe, wenn du mich verraten würdest, ich tötete dich.«
+
+Er fuchtelte mit den Händen in der Luft herum und murmelte mit seiner
+hohlen Stimme lateinische Verwünschungen.
+
+»Nur noch einmal die sonnige Vroni mit dem fliegenden Goldhaar sehen,
+nur noch einmal sie mit ihrer Glockenstimme reden hören.« Müde und
+traurig war Josi und ihn ekelte vor dem Kaplan.
+
+Aber er hatte den Mut nicht, zu Vroni zu gehen.
+
+Oft froren er und Johannes in der schlechtgeschützten Ruine. Der Wind,
+der durch die Mauern blies, verjagte die Wärme des offenen Feuers, und
+wahrscheinlich wäre Josi, der nie wie der Pfaffe in warme Bauernstuben
+kam, vor Langeweile, Abscheu und Elend gestorben, hätte er nicht auf den
+Rat des Kaplans, der darin Schätze vermutete, das alte Bergwerk zu
+durchforschen angefangen.
+
+Die Entdeckungswanderungen gaben seinem Trübsinn eine Ableitung und die
+Tiefen des Bergwerks schützten besser vor der Kälte als jedes Herdfeuer.
+
+Josi lächelte zwar zu den Hoffnungen des Kaplans, daß er Silbererz
+finden werde, ungläubig, aber er wühlte sich mit großem Eifer durch das
+Gewirre von Gängen, Gesenken, Stollen und Weitungen. Eine mühsame
+Arbeit! Viele Gänge waren eingestürzt, in anderen tropfte das Wasser und
+bildete kleine Teiche, die Luft war dumpf und feucht. Oft löschte ein
+Tropfen seine Kerze aus, dann hatte er Arbeit genug, sich in Stunden
+beklemmender Angst wieder durch die Finsternis ans Tageslicht zu tappen.
+Wenn er wenigstens Erz gefunden hätte! Aber die Stollen waren wüst und
+leer. Nein, endlich entdeckte er einen Schacht mit zuckerkörnigem
+Bleiglanz, der nach den Ueberlieferungen von St. Peter am meisten
+Silber enthielt. Ein alter Venediger hatte dabei seinen Schlegel und
+sein Brecheisen stehen lassen. Damit machte er das Erz los und hatte
+reiche Ernte. Er häufte den Reichtum für Kaplan Johannes, der wie er
+selbst den Silbergehalt des Erzes weit überschätzte, und über dem
+Tagewerk im Dunkel des Berges verfloß die Zeit.
+
+Als aber der Schnee zu schmelzen begann, der Frühling an den sonnigen
+Berglehnen die ersten Blüten hervorlockte, war Josi so elend zu Mut, daß
+der Gedanke, eines Tages aufgegriffen zu werden, alle Schrecken verlor.
+Die Lust, auf die Berge zu steigen, war ihm vergangen. Er war wund am
+Herzen und an den Füßen.
+
+Oft saß er im Teufelsgarten, kaum verborgen vor denen, die des Weges
+gingen, ließ die Sonne auf den Rücken scheinen und horchte auf das
+einförmige Klappern an den Weißen Brettern.
+
+Er dachte an seinen Vater, an das große Unglück, aber er hatte gegen
+niemand einen Groll mehr, kaum gegen den Presi, ihm war alles
+gleichgültig.
+
+Warum hatten ihn die Leute nicht in die Glotter springen lassen?
+
+Einmal schlief er an der warmen Sonne ein; da war ihm, er rieche
+Veilchen, nein, eine Mücke krieche ihm durch den Flaum der Oberlippe, er
+wollte die Hand erheben, aber sie sank ihm bleiern zurück.
+
+Schon eine Weile betrachtete Binia, die wie einst dem Vater
+entgegengeritten war, den Schläfer. Zuerst mit mächtigem Erschrecken.
+Auch sie hatte geglaubt, Josi sei tot. Aber der Sitzende, wenn er auch
+bleich wie ein Toter war, atmete tief und ruhig. Wie namenlos arm war er
+in seinen Lumpen und Fetzen, durch die der bloße Körper schimmerte.
+Zwischen dem Filz der langen Haare floß das wässerige Blut offener
+Wunden und die Frostbeulen an den bloßen Füßen schwärten. Sie schluchzte
+vor Mitleid. Aber die Freude, daß sie den toten Josi lebendig fand, war
+stärker als die Trauer über sein Elend. Als sie ein paar Läuse lustig
+durch sein Haar spazieren sah, stutzte sie, dann kam mitten aus dem
+tiefsten Mitleid der Schalk zum Durchbruch, sie strich ihm mit dem
+Veilchensträußchen, das sie sich gesucht hatte, leicht unter der Nase
+hin und lächelte, als seine Hand sich regte, aber wieder sank.
+
+Noch einmal wiederholte sie das Spiel. Da schoß er taumelnd auf. Er that
+einen Schrei: »Binia!« Dann aber maß er sie mit einem finsteren,
+verächtlichen Blick und wollte gehen.
+
+»Schau mich doch nicht so böse an, Josi,« bettelte sie mit feinem,
+sanftem Stimmchen, indem sie bis in die dunklen Haare errötete und den
+Blick wie eine Schuldige senkte.
+
+»Was willst du? Ich habe nichts mit dir zu thun,« erwiderte er mit
+dunklem Groll.
+
+»O, ich freue mich, daß du noch am Leben bist, Josi, gewiß freue ich
+mich.«
+
+Das tönte so lieb, so hingebend, daß er nun doch aufhorchte. Er erhob
+sich und setzte sich in einiger Entfernung von Binia auf einen Stein.
+
+Zu nahe bei ihr wollte er nicht sein. Wie war sie schön geworden in den
+paar Monaten, da er sie nicht gesehen! Wie ein Engel, dachte er. Die
+Röte der Hagrose prangte duftig auf ihren Wangen, die großen, dunklen
+Augen hatten die gleiche Lebhaftigkeit wie früher, und doch war noch
+etwas hinzugekommen, was früher nicht darin war. Etwas Sanftes, etwas
+unsäglich Liebes, Trauliches. Wie barmherzig sie ihn ansah. Sein letzter
+Trotz zerschmolz wie Schnee an der Sonne. Und alles, was Kaplan Johannes
+Häßliches gesagt hatte, war vor ihrer Reinheit und Schönheit aus seinem
+Gedächtnis entschwunden. Aber er schämte sich wegen seines Aussehens, er
+war ganz scheu.
+
+Sie fanden den ungezwungenen Ton von ehemals nicht wieder. »Wie groß ist
+Josi geworden,« dachte Binia, »er ist ja beinahe ein junger Mann,« und
+beide sahen sich verlegen an.
+
+»Wie geht es Vroni?« stotterte Josi.
+
+»Ihr geht es gut. Hast du sie nicht am Sonntag hier vorbeireiten sehen?«
+fragte Binia. »Der Garde, die Gardin, Eusebi und Vroni sind zu einer
+Taufe nach Hospel geritten. Sie trug die Tracht, das Hütchen mit den
+langen Seidenbändern und ein buntes, seidenes Brusttuch, dazu Geschmeide
+wie eine Bauerntochter. Wie unsäglich glücklich wird sie sein, wenn sie
+hört, daß du lebst!«
+
+»Wie eine Bauerntochter,« dachte Josi. Er aber war arm wie jener
+Lazarus, von dem einmal der Pfarrer gesprochen hatte.
+
+»Was sprechen die Leute von mir. -- Sagen sie, ich sei ein Halunke?« Er
+lächelte bitter.
+
+Binia schwieg purpurrot.
+
+»O, sage es nur, ich weiß es schon -- aber weißt, wer mich dazu gemacht
+hat?«
+
+Binia senkte den zierlichen Kopf. Nach einer langen Pause hauchte sie
+kaum hörbar und in zitternder Scham: »Mein Vater.«
+
+»Ja, dein Vater!« bestätigte Josi vorwurfsvoll.
+
+Ihr stürzten die Thränen aus den Augen, mit einer raschen Wendung kniete
+sie vor ihm.
+
+»O Josi! -- Josi! -- Ich weiß, daß ich an allem schuld bin. Aber -- o
+Josi -- wenn du keinen Fetzen auf dem Leib hättest und noch zehnmal mehr
+Läuse auf dem Kopf, ich liebte dich doch!«
+
+Ihre molligen kleinen Hände umspannten seine ausgemergelten Finger, sie
+sah ihn so rührend demütig an und ihre Stimme bebte wie ein Glöckchen:
+»Ich habe ohne Absicht über dich gelogen -- ich war so krank -- aber ich
+will gewiß alles an dir gut machen, Josi!«
+
+Ihre Lippen berührten seine Hände, ihre Thränen liefen durch seine
+Finger, er wollte reden, aber er schluchzte nur: »Bini -- Bini, wie lieb
+bist du mit mir.« Der wunderbare erste Gruß aus einer Welt, die er
+verloren hatte, ging über seine Kräfte.
+
+Da verzerrte sich Binias Gesicht: »Va --«
+
+Ein Peitschenhieb sauste durch die Luft -- das Blut strömte über die
+Wangen Josis.
+
+Vor den beiden stand furchtbar der Presi. Sie hatten das Kommen seines
+Wagens überhört, er hatte das Vorspanntier ohne Hüterin getroffen und
+Binia gesucht.
+
+Einen Augenblick waltete die Ruhe grenzenloser Ueberraschung.
+
+Binia starrte entgeistert auf das blutüberströmte Haupt Josis. Da riß
+sie der Presi hinweg.
+
+
+
+
+X.
+
+
+Was man in St. Peter erlebte!
+
+Vor einigen Tagen war es gewesen. Da hatte der Pfarrer, der zwischen Tag
+und Nacht von Hospel kam, im Teufelsgarten ein unheimliches Stöhnen
+gehört. Er war ihm als Diener des Herrn, der den Satan nicht zu fürchten
+hat, nachgegangen und hatte Josi Blatter, den Rebellen, gefunden, den
+man verhungert und erfroren glaubte. Er hatte Anzeige beim Garden, dem
+Vormund des Burschen, gemacht, und dieser den schwerkranken,
+blutrünstigen Jungen, der vor Entkräftung nicht mehr gehen konnte, mit
+einem Wägelchen in seine Wohnung geholt.
+
+Und gestern war ein neues Ereignis gekommen. Der Presi hatte, ohne daß
+er vorher mit einem Menschen davon gesprochen hätte, fast heimlich und
+über Nacht Binia aus dem Dorf fortgeschafft. Wohin? -- Die Bärenwirtin
+erzählte den Dörflern, die es hören wollten, sie sei in eine
+Erziehungsanstalt verreist, wo sie die fremden Sprachen lerne, die man
+im Verkehr mit den Sommerfrischlern brauche.
+
+»Es ist aber doch seltsam,« sagten die Leute, und sie ergingen sich in
+allerlei Mutmaßungen, doch ohne die Ursache der plötzlichen Reise zu
+ergründen.
+
+Und heute hatte der Gemeinderat einstimmig beschlossen, daß Kaplan
+Johannes den Gemeindebann verlassen müsse, da er einem minderjährigen
+jungen Menschen Unterschlauf gegeben und in der Auflehnung gegen die
+Behörden unterstützt habe.
+
+Der Pfaffe schlug ein lautes Gejammer an und eilte in alle Häuser, wo er
+auf Gehör rechnen konnte. »O, der meineidige Rebell. Wem als mir hat es
+St. Peter zu danken, daß das Dorf noch steht. Ich schwöre es, er hat es
+an allen vier Ecken anzünden wollen, nur mit den höchsten Formeln habe
+ich ihm die Hände binden können. Aber wißt, wißt: Durch den Rebellen
+Josi Blatter wird früher oder später ein Unglück, wie noch keines erlebt
+worden ist, über das Glotterthal kommen. Ein Alraun hat es mir im
+Spiegel gezeigt: Die Kirchhofkreuze hat man in St. Peter ausgerissen und
+die ganze Gemeinde hat geschrieen: 'Laßt uns den Uebelthäter
+erschlagen!' Und der Bären lag in Schutt und Asche.«
+
+Die Zähne der Weiber klapperten, doch die gruseligen Erzählungen
+retteten den Kaplan nicht. Gerade die ruhigeren Bürger drangen darauf,
+daß er jetzt mit fester Hand aus dem Thal vertrieben würde: »Er macht
+das Dorf verrückt,« sagten sie, »denn die Weiber glauben ihm.« Der
+Presi, der sich selber zürnte, daß er Johannes zu lange hatte gewähren
+lassen, schickte kurzerhand ein paar Mann nach dem Schmelzwerk, die das
+Gerümpel des Kaplans aus der Ruine warfen und sie so weit abbrachen, daß
+sie sich nicht mehr zur bescheidensten Wohnstätte eignete.
+
+Dafür war besonders der Pfarrer dem Presi dankbar -- jetzt, in alten
+Tagen, konnte er ungestört das Wort Gottes säen, der böse Feind, der
+immer das Unkraut des Aberglaubens dazwischen gestreut hatte, war
+vertrieben. Zum Dank dafür richtete der alte Priester, der es sonst für
+klüger hielt, sich nicht unmittelbar in die Angelegenheit der Bauern zu
+mischen, am Sonntag ein kräftiges Wort an seine Herde und bat darin, daß
+man sich des wiedergefundenen Josi Blatter, der in aller Verirrung
+nichts Böses gethan, in Liebe erbarme.
+
+Die einen hingen nun an Kaplan Johannes, die anderen am Pfarrer.
+
+Inzwischen genas Josi.
+
+Eines Tages spürte er das Gesicht Vronis über sich und er hatte einen
+wunderschönen Traum: Er, Vroni, die Mutter und Binia saßen auf dem
+Felsen über dem Haus, sie sangen: »Du armer Knabe, schlaf am Meere,« und
+die goldenen Schwingen der Abendluft brachten ein leises Echo von den
+Bergen zurück. Plötzlich aber fing es an zu regnen, die heiße Erde
+kühlte sich, die Blumen erhoben die Häupter, die ganze Welt trank das
+köstliche Naß. Der Regen kam aber nicht vom Himmel, es waren Thränen
+Vronis!
+
+Ja, sie fielen auf seine Wange. Er erwachte, sah Vroni, lächelte, dann
+fielen ihm die Augen müde wieder zu und er träumte weiter.
+
+Als ein wackerer Mann hatte sich der Garde des verlorenen Sohnes
+erbarmt, der wiedergefunden war. Er schlachtete zwar kein Kalb zu seinen
+Ehren, aber er beruhigte die Gardin, die über den unerwarteten
+Familienzuwachs ungehalten war.
+
+»Hätte Fränzi zehn Kinder gehabt, ich glaube, du würdest mir alle zehn
+an den Tisch bringen -- sind wir eigentlich das Waisenhaus von St.
+Peter?«
+
+Sie war kein unbarmherziges, sondern ein zu Wohlthaten für andere
+geneigtes Weib, das keinen Vorwurf der Härte auf sich kommen ließ, aber
+Josi litt sie nicht wohl. Seit man ihn gereinigt und ihm das Haar
+geschnitten hatte, war er in aller Verelendung, mit seinem blutroten
+vernarbenden Riß über die Wange, der hübschere Bursche als Eusebi. Und
+doch hätte sie auf der Welt nichts Lieberes gehabt als einen eigenen
+schönen Sohn, als ein ganzes Haus voll schmucker Kinder, Knaben und
+Mädchen. Heimlich neidete sie nicht nur alle Frauen, die hübsche Kinder
+besaßen, sondern auch der Anblick fremder schöner Jugend bereitete ihr
+Herzeleid.
+
+»Aber Frau, siehst du nicht, wie Eusebi wächst und erwacht? Nimm den
+Segen nicht mit unchristlicher Rede von ihm. Ich habe eine Hoffnung, die
+ist so groß, daß ich sie nicht verraten darf,« mahnte der Garde.
+
+»Thun wir nicht genug an Vroni?« fragte die Frau.
+
+»Was genug ist, weiß der Herrgott -- ich meine, bis er wieder ganz
+gesund ist, bleibt der arme Bursche da.«
+
+Murrend fügte sich die stolze Garden.
+
+Vor dem Haus saß Josi auf dem Dengelstein, er sonnte die sich
+kräftigenden Glieder und ein unsägliches Glück summte in seinem Kopf.
+Der Garde hatte sehr ernst und väterlich mit ihm geredet. Alles hatte er
+ihm bekennen müssen, was er das Jahr lang als Rebell erlebt hatte. Dann
+hatte er ihm in die Hand versprochen, daß er sein Leben lang nie mehr
+mit Kaplan Johannes verkehre und dem Presi nichts nachtragen wolle.
+
+»Nein -- nein,« versicherte Josi, er war ja überglücklich, daß er durch
+den Streich des Presi wieder unter die rechten Menschen gekommen war.
+
+So viel war der grausame Hieb schon wert.
+
+Da schlarpte der letzköpfige Pfaffe heran und redete dem Burschen, der
+in einem hübschen Kleid aus einem alten Sonntagsgewand des Garden
+steckte, schmeichelnd zu: »Du liebes Söhnchen, komme mit mir -- bei
+Fegunden baue ich eine Einsiedelei -- du bist es mir für den Winter
+schuldig, daß du mir sommersüber Krystalle suchst. Im Herbst will ich
+dich loslassen.«
+
+»Gebt Euch keine Mühe, Johannes, mit Euch bin ich fertig,« erwiderte
+Josi, den Blick verachtungsvoll von seinem Peiniger wendend.
+
+Da wütete der Schwarze gräßlich: »O du räudiges Schaf -- du Lügner -- du
+teuflischer Judas. -- Deinetwegen werde ich aus St. Peter vertrieben --
+Du Satansaas! -- du vom Teufel Gezeichneter -- du ekliger Dämon! -- ich
+weiß es, du liebst den Balg des Presi noch, aber auf des Teufels
+Großmutter reite ich, wenn ihr die Hände nacheinander streckt, zwischen
+euch; meine weiße Seele werfe ich dafür hin, daß ihr nie zusammenkommt.«
+
+Josi lächelte über die Ohnmacht des Tobenden: »Thut, so wüst Ihr wollt,
+ich glaube nicht an Eure schwarze Kunst.«
+
+Mit entsetzlichen Flüchen ging der Kaplan. Josi lächelte immer noch
+verträumt in sich hinein. In die Schläfrigkeit der Genesung gaukelten
+die lieblichsten Bilder: Binia und Vroni! -- Vroni und Binia! Es war
+ihm, als habe die Begegnung mit Binia im Teufelsgarten allen seinen
+Gedanken eine andere Richtung gegeben, sein Wesen mit Licht übergossen.
+
+Wie ein Engel war sie in den dunklen Kreis seines Elends getreten, er
+schämte sich, daß er sie so viele Jahre in seinem Herzen nie anders als
+die »Giftkröte« genannt hatte. Er sann allerlei schöne Namen aus für
+sie. Glich sie nicht jenem leuchtenden Krystall, den man Tautropfen
+nennt?
+
+»Tautröpfchen, Tautröpfchen, du liebes, wo bist du jetzt?«
+
+In seiner Brust brannte das Mitleid mit der, die seinetwegen aus dem
+Thale hatte gehen müssen.
+
+Der Garde hatte ihn zwar eindringlich gemahnt, daß er sich jeden
+Gedanken an Binia aus dem Kopf schlage, das sei überspanntes Zeug, aber
+ihm klang es immer in den Ohren: »Wenn du keinen Fetzen auf dem Leib
+hättest und noch zehnmal mehr Läuse auf dem Kopf -- o Josi -- ich liebte
+dich doch.« Das rauschte wie Orgelton durch seine Sinne; wenn es auch
+der Garde nicht ausdrücklich gewünscht hätte, so hätte er es schon um
+Binia gethan: er sagte keinem Menschen, woher der häßliche rote Strich
+auf seiner Wange kam.
+
+Dafür mußte er es freilich dulden, daß ihn jeder, der des Weges ging,
+mit neugieriger Scheu betrachtete und die Leute von St. Peter es
+einander zuraunten: »Seht, der Kaplan Johannes hat doch recht, der
+Teufel hat den Rebellen gezeichnet, damit er ihn kennt, wenn er ihn
+holen kann.«
+
+Die Geschichte machte dem Garden schwerer{7} als Josi selbst. Mit
+gelassener Ruhe suchte er für den Burschen bei rechtschaffenen Leuten
+einen neuen Dienst, erhielt aber überall ausweichenden Bescheid: »Ja,
+als er zu Bälzi kam, hätten wir ihn auch genommen, aber jetzt --man weiß
+nicht, was er in dem Jahr aufgelesen hat und einem ins Haus bringen
+würde. Und hat er nicht St. Peter anzünden wollen?«
+
+Doch forderte wenigstens niemand mehr, daß man ihn ins Gefängnis werfe.
+Den breiten, schwerfälligen Garden aber hielt das Dorf für einen
+gutmütigen Narren.
+
+Der obdachlos gewordene Kaplan Johannes ging erst aus der Gemeinde, als
+man ihn bei knappstem Futter einige Tage eingesperrt hatte. Sein
+Abschied waren gräßliche Flüche auf den Presi: »Holt der Satan nicht
+ihn,« schwor er mit rollenden Augen, »so holt er sein Kind.«
+
+Der Presi hatte aber genug Arbeit mit den Fremden, die wieder nach St.
+Peter kamen und mit fröhlichem Lachen durch das Bergthal schweiften --
+Schweizer, Deutsche, Franzosen und -- der erste Engländer. Auf diesen
+war er besonders stolz, erst die Engländer gaben seiner Meinung nach
+einer Sommerfrische die Vornehmheit, die man sich wünschte.
+
+Ein Lord war nun freilich George Lemmy nicht, aber -- was fast
+ebensoviel bedeutete -- ein Ingenieur der britischen Regierung in
+Indien.
+
+Er war bergsteigermäßig gekleidet, trug Nagelschuhe, grünwollene
+Strümpfe mit gewürfeltem Muster, graue Kniehosen, graue Jacke und grünen
+Filz. Er war ein Dreißiger mit blondem, kurzgeschnittenem, zugespitztem
+Bart, gelblichem, ausgemergeltem Gesicht, prachtvollen Zähnen, ein Mann
+von beinahe schwächlichem Körperbau, aber von überraschender Energie des
+grauen Auges und der Haltung. Er wußte immer genau, was er wollte, und
+setzte es mit einer gewissen Schärfe durch. Und als der Presi die
+wissenschaftlichen Apparate sah, die sich George{8} Lemmy nachführen
+ließ, galt es ihm für ausgemacht, daß er ein Besonderer sei.
+
+»Nun, Herr Bärenwirt, hätte ich gern einen vertrauenswürdigen Mann oder
+Burschen, der nicht ganz auf den Kopf gefallen ist, als Träger und
+Begleiter.« Der Engländer sprach sein Deutsch gut, wenn auch mit stark
+englischer Betonung.
+
+Der Presi stellte ihm den lustigen Thöni Grieg zur Verfügung. George
+Lemmy pfiff eine Melodie vor sich her und maß den Burschen mit einem
+scharfen Blick: »Well, ich will ihn prüfen!« Aber am dritten Tag kam er
+wieder: »Ich mag Thöni nicht, er schwatzt mir zu viel, er ist
+eingebildet wie ein Hahn und schwindelt, daß die ganze Geographie dieser
+Gegend ins Wanken kommt.«
+
+Da machte der Presi ein langes Gesicht: Was verstand der frisch
+angekommene Engländer von der Gegend? Er wagte einige Einwendungen, man
+sei mit Thöni bis jetzt immer zufrieden gewesen, der Ingenieur aber
+schlug seine Karten auf und erklärte dem Presi die Aufschneidereien
+Thönis mit Heftigkeit.
+
+Der Presi stand und that so, als ob er auch etwas von den Karten
+verstände, und seufzte verlegen.
+
+»Ich will mir selbst einen Mann suchen.« Damit klappte der Ingenieur die
+Karten zusammen. Er hatte sich beim Presi in einen großen Respekt
+gesetzt, Thöni aber, der sonst so aufgeblasene junge Herr, schlich herum
+wie ein gezüchtigter Hund. Er wußte es schon, wie oft er die Fremden mit
+den tollsten Angaben beschwindelt hatte. Jetzt war er an den Unrechten
+geraten. Und der Presi sah's kommen: Sein erster Engländer fand in St.
+Peter keinen, der mit ihm ging -- er reiste wieder ab.
+
+Nein, nach einer Stunde kehrte der Ingenieur zurück, pfiff vor sich her
+und lachte befriedigt: »Ich habe ihn schon -- habe ihn schon« -- und
+rief Josi Blatter, der etwas zögerte, vor dem Presi zu erscheinen,
+lustig zu: »Komm, zeige dich, Boy!«
+
+»Teufel auch,« knirschte der Bärenwirt leis, und als er die rote Narbe
+auf der Wange des Burschen sah, ging ihm doch ein Stich durch die Brust.
+
+»Josi, ist der Garde auch einverstanden, daß Ihr Bergführer werdet?«
+
+Josi war über zweierlei verwundert, über den freundlichen Ton, den der
+Presi anschlug, und darüber, daß er ihn mit »Ihr« anredete. Er stotterte
+es beinahe: »Ja, ich finde halt sonst nichts zu thun.«
+
+So war's! Mit schwerem Herzen hatte der Garde, als die Augen des Jungen
+hoffnungsvoll aufflammten, eingewilligt, daß er mit dem Fremden gehe.
+Nur aus bitterer Verlegenheit, nur weil sich niemand des Burschen
+annehmen wollte, weil die Gardin stets über den ungebetenen Kostgänger
+murrte, obgleich der kaum Wiedergenesene überall tüchtig zugriff, wo er
+etwas zu thun sah.
+
+»Was denkt das Dorf? -- Wohl, er, er, der Garde, helfe mit am
+Hudligwerden!«
+
+Als der Presi den Bescheid des Garden hörte, lächelte er sonderbar
+befriedigt, aber Josis Gesicht verfinsterte sich, er erriet, was sein
+Gegner dachte, und der Engländer mit den stechend klugen Augen merkte,
+daß die beiden übers Kreuz standen. Lustig sagte er: »Bitte, besorgen
+Sie meinem Boy ein Nest, er kann, wo er bis jetzt gewohnt hat, nicht
+bleiben. Haben Sie im Bären einen Schlupf für ihn?«
+
+Das war nun dem Presi doch zu viel. Er ging zu den armen Leuten, die in
+Josis Vaterhaus wohnten, und mietete dort für den Burschen das
+Dachkämmerchen, in dem er zu Lebzeiten seiner Eltern geschlafen hatte.
+Ein saurer Gang, aber der Presi wollte es mit dem Garden, der das
+Häuschen und den Acker verwaltete, nicht ganz verderben und der grollte
+ihm wegen Josi schwer.
+
+Als er zurückkam, meinte Thöni eifersüchtig: »Ihr werdet es doch nicht
+zugeben, daß der Rebell Führer wird!«
+
+Da schnauzte ihn der Presi an: »Ich glaube, daß der eher auf einen
+grünen Zweig kommt als du.«
+
+Thöni hatte seine Schwächen. Das wußten nicht nur der Bärenwirt und
+seine Frau, sondern bald auch die Gäste. Die Damen, die in der
+Sommerfrische waren, trieben häufig ihren heimlichen Ulk mit dem
+fröhlichen Jungen, indem sie seine kleinstädtische Galanterie
+herausforderten und dann mit ihrem Spott über ihn fielen.
+
+Das brachte den Wirtsleuten manchen stillen Aerger und oft donnerte der
+Presi: »Herrgott, Thöni, so ziehe doch einmal die Bubenschuhe aus. Du
+bist ja der Narr aller.«
+
+Dann stellte sich der schöne Thöni einige Tage beinahe hochmütig gegen
+die Fremden, aber er erlag ihren Schelmereien immer wieder.
+
+Jetzt merkte er erst, wie wild der Presi über seinen Mißerfolg bei dem
+Engländer war, und nachdem er zuerst mit dem größten Hohn auf Josi
+Blatter gesehen, haßte er ihn. Eines nur ließ ihn den Engländer leicht
+verschmerzen, die Lasten, die er dem Rebellen zu tragen aufbürdete!
+
+Jeden Morgen erwartete Josi seinen Ingenieur und schleppte ihm die
+Instrumente, insbesondere den photographischen Apparat, nach. George
+Lemmy photographierte, indem er dazu fortwährend pfiff, Berge, Häuser,
+Bäume, Viehgruppen, spielende Kinder. Selten aber sprach er ein
+überflüssiges oder gar ein freundliches Wort zu seinem Gehilfen, doch
+gab es in seinem Verkehr so viel Neues zu sehen, daß Josi das Leben
+überaus kurzweilig erschien. Er lernte die Instrumente handhaben und die
+Furcht, sein Herr würde ihn eines Tages entlassen, verschwand vor dem
+beglückenden Gefühl, daß er ihm nützlich sei.
+
+Freilich, hart genug ließ es ihm der Ingenieur werden, doch just, wenn
+er mit den letzten Kräften noch aushielt, indem er an die guten Vorsätze
+dachte, die er in der Einsamkeit seines Rebellentums gefaßt hatte,
+lächelte sein Herr: »Boy, ich glaube, wir arbeiten gut zusammen.«
+
+George Lemmy war einer von denen, die mit sich selbst und anderen erst
+zufrieden sind, wenn sie von der Mühe des Tages am Abend
+zusammenbrechen.
+
+Eines Tages drohten ihm die von St. Peter, sie würden ihm die
+Bildermaschine zusammenschlagen, wenn er sie und ihre Häuser damit nicht
+unbehelligt ließe; nun war er wütend über die »Pfahlbauern«, wie er sie
+nannte, und sein Zorn wuchs noch, als der Presi, der »Oberpfahlbauer«,
+erklärte, er könne ihn nicht schützen, man müsse die von St. Peter
+nehmen, wie sie seien.
+
+Abreisen! -- Allein George Lemmy war verliebt in das Glotterthal und
+wandte nun seine Aufmerksamkeit den heligen Wassern zu. Ihretwegen war
+er ja eigentlich ins Thal gewandert.
+
+Er war von Bräggen im Oberland nach Hospel gekommen und hatte dort
+zufällig ein überraschendes Volksbild erlebt. Ein Ausrufer gab unter
+Trommelschlag den Leuten, die aus der Kirche strömten, bekannt, daß die
+Versteigerung eines »Baches« stattfinde. Neugierig schaute er zu, wie
+sich die Bauern in ihren halbleinenen Hosen und roten Westen sammelten,
+wie die Frauen, Mädchen und Buben sich in ihren malerischen Trachten an
+die blumenumsponnene Kirchhofmauer lehnten, auf der Straße der
+Präsident, der Garde und der Schreiber von Hospel Stellung nahmen und
+einen von den hundert Fäden, in die sich die heligen Wasser beim Flecken
+teilen, für den Sommer versteigerten. Sie schlugen ihn dem
+Meistbietenden zu, der damit das Recht erlangte, den Faden Woche um
+Woche während drei Tagen zu benutzen. Jedes Angebot malte der Schreiber
+mit großen Zahlen an ein Scheunenthor, damit jedermann ein klares Bild
+vom Gang der Steigerung erhalte, und aus dem Eifer, mit dem die Bauern
+boten, spürte der Ingenieur, wie wichtig ihnen der Besitz des Wassers
+sei. Bei der Gasttafel sprach er mit dem Kreuzwirt darüber: »Warum
+versteigert man das Wasser nur für die ersten Tage der Woche?« -- »Nach
+einem alten Gesetz gehört es Donnerstag, Freitag und Samstag jedermann,
+also den Armen.« Und sie redeten von den heligen Wassern so lange, bis
+den Ingenieur eine große Neugierde dafür gefaßt hatte.
+
+Jetzt studierte er sie. Er maß und photographierte ihren Einlaß am
+Gletscher, folgte den Känneln, bestimmte an vielen Stellen zwischen St.
+Peter und Hospel die Wärme des Wassers, merkte sich die Gefälle, die
+Wassermengen, die durchflossen, verpfropfte zahlreiche Wasserproben und
+zeichnete draußen in den Reben von Hospel die geeichten eisernen
+Schaufeln und Scheiben, mit denen die Winzer die Verteilung des Wassers
+besorgen.
+
+Josi verstand nicht alles und sah den Zweck nicht für alles ein, was der
+Ingenieur that, aber er spitzte die Ohren und hörte es gerne, wenn
+George Lemmy über die heligen Wasser sprach.
+
+Der Engländer forschte nach hundert kleinen Dingen, und wenn ihn die
+anderen Gäste foppend fragten, ob er denn nicht mehr von der großen
+Klapperschlange loskomme, antwortete er lachend: »Lassen Sie mich. Sie
+ist ein merkwürdiges Stück Bauerngenie, ein Riesenlaboratorium der
+Natur. Hier meine chemischen Ergebnisse: Die Leitung führt in ihren
+Wassern jede Woche hundert Zentner Schlamm, darunter zehn Pfund reine
+Phosphorsäure, sieben Pfund Kali und hundertfünfzehn Pfund Bittererde.
+Stattliche Düngerfabrik, was? Und der analytischen Wertung entspricht
+die praktische Erfahrung. Drüben am Hochpaß haben Sie die
+Wässerwasserfuhre der Lissa. Als vor zwanzig Jahren ein Erdbeben sie auf
+weite Strecken zerstörte, konnte, wie amtlich belegt ist, die
+Berggemeinde Zuenzirbeln bald nur noch fünfzig Stück Vieh erhalten,
+während vorher zweihundert reichliche Weide auf ihrem Gebiet gefunden.
+So giebt es genug Nachweise, daß die sonnenwarmen Gletscherwasser den
+Ertrag des Bodens verdrei- und verfünffachen. Lassen Sie also die
+Heligen ruhig klappern -- ich erwäge sogar ernsthaft, ob ich der
+britischen Regierung nicht vorschlagen will, daß sie vom Himalaja
+herunter in benachbarte Distrikte Indiens ähnliche Leitungen baue.«
+
+Wörter, die Josi nie zuvor gehört, schwirrten ihm im Verkehr mit dem
+Ingenieur um den Kopf und die heligen Wasser schienen ihm, seit sich
+George Lemmy damit beschäftigte, selber viel wunderbarer als je zuvor.
+
+Eines Tages schritt er mit George Lemmy den schwindligen Weg über die
+Kännel an den Weißen Brettern, und mit Staunen sahen Einheimische und
+Fremde die beiden Akrobaten an den schimmernden Wänden.
+
+Josi war es ein unvergeßlicher Tag. Als er an der Stelle stand, wo sein
+Vater gestürzt war, pochte sein Herz in der Brust, und als sie in der
+Mitte des schrecklichen Pfades, das in leichten Dunst getauchte Thal
+tief unter sich, eine Viertelstunde ruhten, da ging ihm der Mund über
+und er erzählte dem Ingenieur das Leiden und Sterben des Vaters.
+
+George Lemmy sagte auffallend wenig dazu, er war und blieb der trockene
+Engländer. Aber Josi fühlte doch seinen Blick der Teilnahme. Erst als
+sie aufstanden, meinte Lemmy fast scherzhaft: »Josi, neunzehnjähriger
+Boy, werde Ingenieur und führe die Leitung sicher durch die Felsen. Es
+giebt jetzt in unserer Wissenschaft Mittel genug, daß man auch diese
+Schlange zähmt. Nicht wahr, das wäre ein Streich für die Pfahlbauer von
+St. Peter, wenn es keine Wasserfron mehr gäbe.«
+
+Ein jähes Feuer flammte aus den Augen Josis.
+
+Er schwieg, aber vor Erregung konnte er auf der zweiten Hälfte des
+schmalen Weges fast nicht gehen.
+
+Als sie am Abend ins Dorf zurückkamen, schlang Vroni die Arme um den
+Bruder: »O, was die Leute sagen! Weil du unnötig über die Kännel an den
+Weißen Brettern gegangen bist, so habest du für die nächste
+Wassertröstung das Los auf dich gezogen.«
+
+Da lächelte Josi kühl geheimnisvoll: »Die Leute sagen, wenn der Tag lang
+ist, viele Thorheiten -- aber ich glaube selbst, daß ich einmal wie
+unser Vater selig an die Weißen Bretter steigen muß.«
+
+Vroni sah ihn erbebend an: »Josi, du bist früher ein so artiger lieber
+Bub gewesen, und jetzt bist du ein so Besonderer worden, so ein
+Geheimnisvoller, daß es mir bald wie den anderen Leuten geht, daß ich
+dich zu scheuen und zu fürchten anfange.«
+
+»Sei nicht so närrisch, Vroneli,« schmeichelte Josi und blickte zufällig
+nach den Firnen der Krone.
+
+»Am Ende gehst auch noch dort hinauf, wo die armen Seelen hausen! Josi!
+Versprich es mir, daß du es nicht thust. Denke an den seligen Vater,
+denke an die selige Mutter!«
+
+Je inniger das Mädchen flehte, um so finsterer zog der Bruder das
+Gesicht: »Alle Tage denke ich an sie, aber wenn George Lemmy es wünscht,
+so gehe ich mit ihm auch auf die Krone. In jedem folge ich ihm.«
+
+»Dann stürzest du dich ins Unglück,« jammerte das Mädchen. Josi aber
+schritt mit einem nachdenklichen Lächeln in sein Nachtquartier.
+
+»Was man doch um einen so lieben Bruder für Kummer hat!« Vronis schöne
+blaue Augen wurden trüb. Als indessen der Anteil des fremden Ingenieurs
+auch stark für die Sagen erwachte, die um die heligen Wasser gingen, und
+ihn Josi, der im Erzählen nicht besonders gewandt war, zu ihr führte,
+da hatte sie ihre helle Freude an dem aufmerksamen Zuhörer.
+
+Bei Vroni saß der Fremde an der vollen Quelle. Dem Bruder zuliebe
+besiegte sie die Scheu vor ihm, und dem Ingenieur gefiel das blonde
+schöne Mädchen, das seine Geschichten in der vollklingenden alten
+Sprache des Thales erzählte, ausnehmend gut.
+
+Er behandelte es mit Auszeichnung. »Ein Brigante wie du bist, hat so ein
+Edelweiß zur Schwester!« scherzte er zu Josi.
+
+»Und also fügt es Brauch und Gesetz,« erzählte sie mit errötenden
+Wangen, die Hände über das Knie geschlagen, »wenn ein Jungknabe ein
+Mädchen lieb hat und will mit ihm ein eigenes Feuer machen, so mag er
+sich beim Garden melden, daß er ihm einen Sommer lang in der Bestellung
+der heligen Wasser zudiene und in der Wasserpflicht erfahren in den
+Stand des Hausvaters trete.
+
+»Wenn ein Jungknabe, der Knechtlein oder sonst geringen Standes ist, ein
+Mädchen liebt und es vom Vater nicht erlangen kann, mag er die Liebe dem
+Garden darlegen und glaubhaft darthun, daß die Jungfrau einer Seele mit
+ihm sei, und legt er vor dem Garden und der Gemeinde das Gelübde ab, daß
+er beim nächsten Leitungsbruch an die Weißen Bretter steige, so soll der
+Gemeinderat Freiwerber für ihn werden. Will aber der Vater des Mädchens
+nicht einwilligen, so sollen die Nachtbuben und wer will unstrafbar den
+Lauf haben, ihn und sein Haus zu verhöhnen und dem Werber zu helfen, bis
+der Vater die Jungfrau dem Jungknaben giebt.«
+
+Josi brannte das Gesicht, unruhig vor innerer Bewegung hörte er zu,
+obgleich er die Satzungen schon kannte.
+
+Vroni sah es wohl. »Wegen Binia,« dachte sie.
+
+Die Freude des Ingenieurs an Josi wuchs und er befreundete sich auch mit
+dem Garden.
+
+Eines Tages erfuhren die Geschwister aus dem Gespräch der beiden, wer
+George Lemmy eigentlich sei. Er habe zuerst, erzählte er, an einer
+Hochschule in England, dann zwei Jahre in der deutschen Schweiz studiert
+und auf sommerlichen Exkursionen die Bergwelt lieb gewonnen. Später sei
+er nach Indien gegangen, wo schon sein Vater Kolonialbeamter gewesen,
+und dort baue er im Auftrag der Regierung Straßen und Eisenbahnen. Das
+Klima sei aber unzuträglich, und nachdem er fünf Jahre in dem heißen
+Land gearbeitet habe, sei er genötigt gewesen, längeren Urlaub zu
+nehmen. Den Sommer verbringe er jetzt im Gebirge, doch nicht bloß, um
+die Schönheiten des Landes zu genießen, sondern auch um einen oder zwei
+tüchtige Bergführer anzuwerben. Er brauche die Leute als Pioniere beim
+Bau von Straßen, die man bedürfe, um die kleinen wilden Gebirgsvölker,
+welche die indische Nordgrenze unsicher machen, besser bekämpfen zu
+können. Ein Führer, den er von früher her kenne, sei schon geworben,
+Felix Indergand zu Bräggen, und im Herbst wollen sie gemeinsam nach
+Indien reisen.
+
+»Felix Indergand kenne ich von manchem Markt, das ist ein
+rechtschaffener und einsichtiger Mann,« sagte der Garde. »Da habt Ihr
+einen Tüchtigen geworben.«
+
+»Und wenn ich nun auch den zweiten hätte,« antwortete Lemmy.
+
+Josi taumelten die Sinne, Tag und Nacht dachte er nichts anderes, als ob
+wohl George Lemmy nicht ihn einladen würde, mit ihm nach Indien zu
+gehen. Was würde er dann thun? Ein freudiges »Ja!« würde er ihm
+zujubeln. St. Peter war für ihn doch kein Boden mehr und kein Glück. Was
+sollte er im Dorf beginnen, wenn der Ingenieur wieder abgereist war?
+
+Vroni ahnte die Pläne des Bruders. Als Josi eines Tages freudvoll zu ihr
+gestürmt kam, fragte sie erschreckt: »Hat dich Lemmy nach Indien
+angeworben, daß du so rote Wangen hast?«
+
+»Nein,« erzählte er hastig, »aber weißt du, wo Binia ist, ich weiß es!
+Der Knecht des Fenkenälplers war mit einer Viehherde im Welschland. Da
+hat er sie gesehen, wie sie mitten unter Klosterschülerinnen ging. Das
+Kloster heißt Santa Maria del Lago und liegt an einem schönen See.
+Denke, er hat mit ihr geredet, aber es war eine Nonne dabei -- Bini läßt
+dich und mich grüßen!«
+
+Josis Augen strahlten, der Gruß war für ihn eine Welt voll Sonne.
+
+Nun hoffte Vroni, der Gedanke an Binia werde Josi in St. Peter
+zurückhalten, aber -- blieb er, so stieg er wohl bei der nächsten besten
+Gelegenheit für Binia an die Weißen Bretter und fiel wie der Vater zu
+Tode.
+
+Die Kunde, daß Binia im Kloster Santa Maria del Lago jenseits des
+Hochpasses sei, erregte im Dorf große Verwunderung, namentlich als man
+von Hospel aus erfuhr, die besondere Thätigkeit der Nonnen der frommen
+Anstalt sei die Besserung solcher Mädchen aus wohlhabenden Familien, die
+sich irgend einen leichtsinnigen Streich hatten zu schulden kommen
+lassen oder auf deren Lebenswandel ein Makel lag. Fast mit Schaudern
+sprach man von den grausamen Mitteln, welche die frommen Damen
+anwenden, um ihre wilden Zöglinge zu zähmen, die Dunkelzelle, das
+genagelte Scheit, auf das die Sünderinnen so und so viel Stunden knieen
+müßten, den Hunger, das Nichtschlafenlassen, das Bespritzen mit kaltem
+Wasser.
+
+Um so mehr erregte der Aufenthalt Binias an diesem Ort Aufsehen in St.
+Peter. »Was hat sie verbrochen?« -- Darüber grübelte man, und dann löste
+die alte Susi in Tremis den erstaunten Dörflern den Knoten: »Binia und
+Josi Blatter haben vom Kaplan Johannes den bösen Segen empfangen, daß
+sie nicht voneinander lassen können. Jetzt wird sie im Kloster enthext.«
+
+Da man nichts Besseres wußte, so glaubte man der Erzählung der Alten. Um
+so mehr, als der Kaplan, der von seinem Fuchsbau an der Berghalde von
+Fegunden aus immer etwa heimlich nach St. Peter kam, die Thatsache nicht
+in Abrede stellte, sondern nur geheimnisvoll lächelte und die lodernden
+Augen vielsagend spielen ließ.
+
+Nun sah man den Rebellen, der auf einer Wange das Zeichen des Teufels
+trug, erst recht mit scheelen Blicken an.
+
+Dem Presi lag es schief, daß der Aufenthalt Binias bekannt geworden war,
+ein Schatten fiel damit auf die Hausehre, obgleich es um das Kloster
+nicht so schlimm stand, wie die Dörfler erzählten. Wäre er nur den
+Warnungen des Kreuzwirtes in Hospel gefolgt! Von Anfang Sommer bis jetzt
+war in quälender Gleichförmigkeit die Frage: »Wo ist denn Ihre alpige
+Rose, Ihr Herzensmädchen?« Tage um Tage, Stunde um Stunde wiedergekehrt.
+Dazu Ausdrücke des Bedauerns, die man nur mit Lügen beantworten konnte.
+Und ihm selbst fehlte sie, die zärtliche Maus, das Vögelchen mit den
+dunklen Augen, in denen eine so wunderliche Welt schimmerte. Die
+Berichte der Priorin von Santa Maria del Lago über Binia lauteten auch
+nicht sonderlich. Sie bete alle Tage zwei Stunden mit einer Schwester
+für ihre Besserung, aber das Kind sei klug wie eine Schlange, so weit es
+ohne Strafe durchschlüpfen könne, sei es immer bereit, sich über die
+Nonnen lustig zu machen. Und im Hintergrund der Briefe versteckt sah der
+Presi einen frommen Drachen, der auf eine Novize lauerte wie der Teufel
+auf eine Seele.
+
+Nein -- nein, siebenmal nein! Keine Braut des Himmels wollte er, nein,
+er selber wollte sich freuen an seinem lieben Vogel, an dem zärtlichen
+Kind.
+
+Eher als den Nonnen gäbe er sie Josi Blatter, dem Rebellen.
+
+Aus Empörung über die sonderbare Liebeserklärung, deren Zeuge er im
+Teufelsgarten gewesen war, hatte er Binia in der Meinung fortgeschafft,
+daß sie das siebzehnjährige Köpfchen schon breche, wenn sie den
+furchtbaren Ernst seines Willens sehe. Das war wohl nötig, denn Binia
+und Josi Blatter kamen jetzt in das Alter, wo der Ernst des Lebens
+beginnt.
+
+Dieser verfluchte Rebell! Er, den man schon tot gesagt hatte, lebte so
+gesund. Jeder andere wäre in dem furchtbaren Jahr der Einsamkeit zu
+Grunde gegangen, aber gerade er nicht, sondern er ging jetzt so
+tröstlich mit seinem Engländer, als hätte er nie etwas anderes gethan.
+Und merkwürdig, dachte der Presi, von dem Peitschenhieb, den er auf
+seine Wange geführt, weiß im Dorf kein Mensch ein Wort. Der Bursche
+schwieg auf alle Fragen, woher die Narbe komme, wie das Grab, und
+ertrug es mit lachendem Mund, wenn die Leute sagten, der Hinkende habe
+einen Hufstreich in sein Gesicht geführt.
+
+Dieses Benehmen verwirrte den Presi. Ihm war manchmal, er müsse Händel
+mit dem Burschen anfangen, der schlank und gerade wie ein Bolz
+heranwuchs, das Nächstliegende mit klugem Auge erfaßte, seine
+Tagesarbeit mit zäher Ausdauer that und sich sonst nicht um die Welt
+scherte. Den könnte man, dachte er, töten und begraben, am Morgen aber
+stände er wieder da in blühender Lebendigkeit und schaute, wenig redend,
+doch alles überlegend, mit seinem gescheiten Gesicht um sich.
+
+Ausnehmend gut gefiel Josi der Frau Cresenz. »Merkt Ihr nicht,
+Präsident, daß das einer ist, der einmal euch allen in St. Peter über
+den Kopf wächst? Ich würde den alten Span, an dem nichts ist, ruhen
+lassen und zöge den Vorteil gegen mich. Stellt Josi Blatter als Führer
+ein, wir machen Staat mit ihm.«
+
+»So, Präsidentin!« donnerte darauf der Bärenwirt, »dürfen mir die Gäste
+nicht mehr selber sagen, was sie für thörichte Wünsche aushecken -- müßt
+Ihr ihnen als Fürsprecher dienen? Gott's Wetter, da wird kein Heu dürr.
+Wo habt Ihr den Verstand?«
+
+Eines Tages aber entstand in St. Peter ein großer Auflauf von
+Einheimischen und Fremden. Auf der Spitze der Krone sah man zwei
+schwarze Punkte -- zwei Bergsteiger! »Der Engländer und der Rebell,«
+rieten die Leute gleich, »es sind gewiß keine anderen.« Was im Thal an
+Fernrohren aufzutreiben war, richtete sich auf den in erhabener
+Einsamkeit schwebenden Gipfel des reinen Firns. Seit vor fünfunddreißig
+Jahren jener Naturforscher ins Thal gekommen und von der Krone über die
+Schneelücke nach St. Peter niedergestiegen war, hatte niemand mehr die
+wunderbare Spitze betreten. Von den Schleiern der Armenseelensage
+geheiligt schien sie den Menschen nichts weiter zu sein als ein
+göttlicher Altar des Lichtes, auf dem der Morgen und der Abend ihre
+Fackeln anzündeten, die Sterne in bleicher Mitternacht ruhten und arme
+Seelen sich büßend auf die Freuden des Paradieses vorbereiteten.
+
+Jetzt war der Bann gebrochen. Die Fremden jubelten, sie schwangen den
+Kühnen zum Gruß mächtige Tücher und sahen durch die Ferngläser, wie die
+zwei Männchen auf der Spitze die Grüße erwiderten. »Ein patenter
+Bursche, dieser Boy des Ingenieurs!« widerhallte es im Bären.
+
+Die Frauen von St. Peter aber jammerten und die Männer tobten: »Jetzt
+ziehen die armen Seelen aus, das Dorf muß untergehen, wäre doch der
+Rebell im letzten Winter erfroren, der bringt Unglück über das ganze
+Thal.«
+
+Die furchtbare Erregung wuchs, einzelne, die meinten, die Strafe des
+Himmels breche sofort herein, rüsteten ihre Siebensachen zum Auszug,
+andere stürmten zur Kirche: »Läutet die heiligen Glocken, damit die
+armen Seelen bleiben.«
+
+Der Pfarrer, der nicht an die Abgeschiedenen im Eise glaubte, erhob
+Einsprache -- umsonst -- die Glockenklänge rauschten durchs Thal und
+vermehrten die Verwirrung.
+
+»Haben die von St. Peter schon wieder einen Heiligen zu verehren, den
+niemand kennt als sie?«
+
+So fragten die Fremden verwundert, der Presi und Frau Cresenz aber gaben
+ausweichenden Bescheid.
+
+Vroni weinte herzlich: »Nun ist er doch gegangen!«
+
+Als die beiden Bergsteiger in der Abenddämmerung todmüde, aber mit
+erhobenen Häuptern in das Dorf schritten, da ballten sich die Fäuste und
+die Zurufe der erzürnten Dörfler schwirrten an Josis Ohr: »Du
+Teufelshund -- wärst du doch im letzten Winter beim Kaplan verreckt!«
+
+Und hinter den Häuserecken hervor flogen die Steine um die Köpfe der
+beiden.
+
+Der Presi und der Garde gingen ihnen entgegen, beruhigten die
+schimpfenden Aelpler und Bauern, und ihrem Ansehen gelang es, die
+Tollkühnen, ohne daß sich die von St. Peter an ihnen vergriffen, in den
+Bären zu führen.
+
+Da bereiteten die Gäste, die eben an der Tafel saßen, den Bergsteigern
+einen begeisterten Empfang -- besonders Josi.
+
+George Lemmy nahm den Vorfall von der fröhlichsten Seite, mit dem Humor
+seiner Rase fand er, es sei merk- und denkwürdig, ein solches Abenteuer
+erlebt zu haben.
+
+»Bub! -- Unglücksbub! -- was hast du angestellt? -- du bist ja deines
+Lebens nicht mehr sicher im Dorf, komm morgen zu mir, wir wollen
+beraten, was zu thun ist,« knurrte der Garde und ging, nachdem er noch
+mit dem Presi abgeredet hatte, daß Josi zur größeren Sicherheit im Bären
+schlafe, mit tiefbekümmertem Gesicht.
+
+Seine Worte klangen Josi, obgleich ihn die Kletterei fast zu Tode
+erschöpft, die ganze Nacht in den Ohren wie die Posaunen des Gerichts.
+
+»Vater -- Mutter,« jammerte er in sich hinein, »was habe ich thun
+können, als mit meinem Herrn gehen.« Mit zerschlagenen Gliedern und
+matten Sinnen erschien er am Morgen vor dem Ingenieur.
+
+»Ich komme mit dir zum Garden!« lachte der gutgelaunt.
+
+Der Presi sah, auf der Freitreppe stehend, den beiden nach. Er wollte
+sich wegen der kühnen Bergbesteigung in einen großen Zorn auf Josi
+Blatter hineinreden, aber es gelang ihm nicht, der Mut des Burschen
+zwang ihn zu heimlicher Hochachtung vor ihm und er dachte an das Wort
+der Frau Cresenz: »Das ist einer, der euch allen in St. Peter über den
+Kopf wächst,« er dachte an Binia -- und seufzte.
+
+Am Nachmittag kam der Garde in den Bären und saß mit dem Presi lange im
+oberen Stübchen.
+
+»Ich habe mit dem Pfarrer geredet,« berichtete der Garde, »er will die
+Leute, indem er von Haus zu Haus geht, zur Ruhe mahnen und am Sonntag
+einen Spruch, daß der Glaube an die armen Seelen im Eis eine wahrer
+Frömmigkeit widersprechende Thorheit sei, in die Predigt flechten. Ich
+aber mache mir eine Todsünde daraus, daß ich Josi mit dem Ingenieur habe
+gehen lassen.«
+
+»Er ist ein Satan, der Rebell,« lachte der Presi, »ich fürchte, er ist
+bald nicht mehr zu bändigen -- das kommt, weil Ihr ihn immer beschützt.«
+
+»O, ich habe ihm heute vor dem Ingenieur das Kapitel verlesen wie noch
+nie, aber nicht mit gutem Gewissen, Ihr und ich, wir sind verantwortlich
+für ihn und sein Thun. -- Ihr von lange her -- ich, seit ich ihm
+gestattet habe, daß er mit George Lemmy gehe. -- Im übrigen giebt es
+eine Aenderung im Leben Josi Blatters -- ladet auf den nächsten
+passenden Tag den Gemeinderat ein. -- George Lemmy, der Ingenieur, will
+ihn mit nach Indien nehmen. Wie ich den Burschen so recht in die Zange
+gefaßt habe, hat mich der Engländer lachend unterbrochen: 'Unnötige
+Mühe!' eine Lobrede auf Josi gehalten und bestimmt erklärt: 'Ich nehme
+ihn mit mir!'«
+
+»Nach Indien!« Der Presi schoß auf. Hundert Gedanken kreuzten sich in
+seinem Kopf, am vernehmlichsten der: »Endlich von einem Alpdruck
+erlöst!«
+
+Er beruhigte sich aber und sagte: »Das will doch erwogen sein!«
+
+»Lemmy hat mir versprochen, daß er einen rechtschaffenen Mann aus ihm
+mache -- einen Ingenieur, so weit es Josis geringe Schulbildung erlaubt
+-- und, ich weiß nicht warum, ich habe ein seltsames Zutrauen zu dem
+Manne. Ich reise übrigens morgen eigens nach Bräggen, um mit Felix
+Indergand zu reden, der auch mit Lemmy über das große Wasser geht.
+Schlaflos legt mich die Geschichte, aber nach allem, was geschehen ist,
+kann Josi nicht in St. Peter bleiben.«
+
+»Das stimmt, das stimmt!« erwiderte der Presi kühl, »es ist ein
+verdammter Streich, den uns die beiden gespielt haben. Im übrigen, wie
+sind die Bedingungen? Muß die Gemeinde etwas für ihn zahlen?«
+
+»Nichts! Es ist freie Hin- und Rückfahrt verabredet, Josi muß wenigstens
+drei Jahre bleiben und wird von Lemmy gehalten wie jeder andere, der
+unter seiner Führung steht.« --
+
+»So -- sonst hätte ich vielleicht einen Beitrag dran gethan!« --
+
+Der Garde sah ihn mit einem Blick an, der ungefähr sagte: »So steht es
+also um dein Gewissen, Presi!«
+
+Als er gegangen war, schritt der Presi schwer auf und ab: »Heimkommen,
+Binia! -- Die Luft ist rein. -- Seppi Blatter, wir wollen dafür sorgen,
+daß dein Spiel verloren ist!« -- Dann stutzte er: »Dieser Josi Blatter
+-- der stirbt in Indien nicht. -- Der kommt eines Tages wieder heim --
+und dann ist die Not um Binia größer als jetzt. -- Das Kind muß jung
+heiraten.«
+
+Nicht lange, und die Nachricht, daß Josi mit seinem Engländer in ein
+fernes Land gehe, flog durchs Dorf. Man kränkte sich sonst in St. Peter,
+wenn, was bei Jahrzehnten nicht vorkam, ein junger Bürger in die Fremde
+zog. Nach der Meinung der Dörfler war es doch nirgends auf der Welt so
+schön, lebte es sich so gut wie zu St. Peter. Und man betrachtete jeden
+als einen Verlorenen, der sich außer Landes begab. Josi Blatter, den
+Rebellen, aber ließ man gern ziehen. Die Kunde von seiner bevorstehenden
+Abreise beruhigte die Leute, und die Gäste des Bären, die genußfreudige,
+vom schlichten frommen Sinn der Dörfler durch eine Welt anderer
+Anschauungen geschiedene Gesellschaft falterte unangefochten wie sonst
+durch Dorf und Feld, auf dem bereits die Herbstblumen zu blühen
+begannen.
+
+Von dem Sturm, der bei der ersten Besteigung der Krone das eingeborene
+St. Peter bewegt hatte, hatten sie kaum Kenntnis erlangt.
+
+Aus dem großen Thal kamen ein paar junge Bergsteiger, die von der
+überraschenden Besteigung der Krone gehört hatten, und wollten sie mit
+Josi Blatter wiederholen. Er aber wies sie ab.
+
+Thöni indessen, der an dem Tag, wo die beiden den Gipfel der Krone
+erstiegen hatten, in Hospel gewesen war und nach seiner Rückkehr mehr
+vom Ruhm der Gäste als von der drohenden Haltung der Bauern reden gehört
+hatte, wurmte die Eifersucht auf den Rebellen bis ins Mark.
+
+Er ließ sich heimlich von den jungen Steigern als Führer mieten. Als ob
+er mit den Ehrgeizigen nur einen größeren Spaziergang auf den Gletscher,
+aus dem die Glotter fließt, unternehmen wollte, ging er mit ihnen in der
+Morgenfrühe weg. Erst am Nachmittag sah man erstaunt eine kleine Kolonne
+auf dem unteren Firn der Krone. »Die Wahnsinnigen gehen auf einem
+überhängenden Schneeflügel!« riefen plötzlich Stimmen, und man hatte es
+kaum bemerkt, so brachen die fünf durch die Wächte. Zum Glück kollerten
+sie nicht sehr tief einer Wand entlang, aber nun saßen sie auf einer
+Felsenplanke, von der kein Ausweg zu sehen war. Sie schwenkten Tücher,
+daß man sie holen möge.
+
+Und sicher war eins: Mußte das arme Fünfblatt dort über Nacht bleiben,
+so erfror es.
+
+Der Presi wütete über Thöni, er sammelte dann eine Hilfskarawane, und
+die von St. Peter ließen sich, obgleich sie sich über den neuen Frevel
+wie über den ersten empörten und ihre Schadenfreude nicht verbargen,
+sofort herbei, die Rettung der Gesellschaft zu versuchen. Denn wo
+Menschenleben in Gefahr schwebten, waren sie, wie alle Leute der Berge
+sind: sie kannten nur die Pflicht der Hilfe.
+
+Josi war in fiebernder Erregung: »Darf ich sie holen? Sie erfrieren, bis
+die Mannschaft oben ist,« fragte er den Ingenieur.
+
+»Well, hole die Unglückseligen, Boy.« Und George Lemmy war, indem er die
+Hände in die Hosentaschen steckte und ein Liedchen pfiff, selber
+neugierig, wie der Bursche nun vorgehen würde.
+
+Eine -- zwei -- drei Stunden! -- Man sieht ihn! Wo scheinbar nur glatte
+Wände sind, klettert der ehemalige Wildheuerbub wie ein Kaminfeger durch
+Felsenrisse, eilt über schmale Kanten, ist wieder in einem Riß und
+klettert aufwärts!
+
+Ein Dutzend Fernrohre folgen ihm. -- Noch eine Stunde -- die
+Hilfskarawane ist erst auf den oberen Alpen -- da schwingt sich Josi auf
+das Band, wo die fünf armen Knaben sitzen.
+
+Er hört die Jubelrufe aus dem Thale nicht, er weiß nur, daß er eilen
+muß, die Leute zu bergen, denn St. Peter liegt schon im tiefen blauen
+Schatten, nur noch an den Spitzen glänzt die Sonne.
+
+»Du lausiger Rebell, dich haben wir nicht gerufen,« empfängt ihn Thöni.
+
+»Grieg, seid artig, sonst lass' ich Euch beim Eid über Nacht da oben
+hocken,« erwidert Josi.
+
+Die von Thöni Schlechtgeführten danken ihm überschwenglich, einer weint
+vor Freude. Josi mahnt: »Nur Mut! -- gangbarer Fels und Schutt ist nicht
+weit, aber ein Umweg ist nötig.«
+
+Er kennt die Gegend genau, er hat über der Planke manchen Tautropfen
+gebrochen, er löst auch jetzt einen, den sein geübter Blick in einer
+kleinen Höhle entdeckt hat, und steckt ihn wie zum Andenken in die
+Westentasche.
+
+»Aufpassen!« ruft er. Die Lotserei beginnt, sie geht im Bogen und
+Zickzack bergauf, bergab, den greifbaren Vorsprüngen entlang. Er würde
+den halsbrecherischen Weg in einer Viertelstunde machen, aber er muß den
+Ermüdeten und von jedem Selbstvertrauen Verlassenen die Füße einstellen,
+die Handgriffe zeigen, die mutlos werdenden Zurückgebliebenen nachholen,
+einen um den anderen am Seil herunterlassen, eine Stunde fieberhafter
+Anstrengung vergeht, und sie sind noch nicht am Ziel -- die Nacht ist
+gesunken -- aber jetzt! -- endlich! -- endlich hat die Gesellschaft ein
+sanftes Geröllfeld erreicht -- Josi will jauchzen, er kann es nicht vor
+Erschöpfung. Heiser nur sagt er: »Ihr seid auch da, Grieg!«
+
+Thöni spürt aber kaum den sicheren Boden, so fährt er Josi an: »Du
+hättest uns nicht zu holen brauchen, du Laushund, ich wäre schon
+losgekommen. Den Schimpf machen wir einmal handgreiflich aus!«
+
+»Gut, Ihr könnt Euch nur melden!«
+
+Um drei Uhr des Morgens kamen Josi, die Geretteten und die Hilfskolonne
+im Dorfe an. Einheimische und Fremde wachten. Unter der Thüre des Bären,
+wo ihm der Presi mit einem Ausdruck aufrichtiger herzlicher Achtung
+entgegentrat und beide Hände reichte, brach er, den Jubel der
+Glückwünschenden in den Ohren, zusammen.
+
+Kaum hatte er sich am Morgen erholt, als ihn der Presi in jene Stube
+rufen ließ, wo sie sich nach dem Tod der Mutter gegenüber gestanden
+hatten. Als der mißtrauisch dreinblickende Bursche eintrat, empfing ihn
+der Bärenwirt fast feierlich. Er stand auf, stützte die Linke auf das
+Pult und reichte ihm die Rechte: »Setzen wir uns! Ich bekenne, daß ich
+Euch eine Weile unterschätzt habe, Blatter, sonst hätte ich Euch nicht
+zu Bälzi gethan. Zunächst danke ich Euch, daß Ihr die fünf geholt habt.
+Die Rettung ist ein Ehrenblatt für Euch.«
+
+Josi wurde feuerrot und verlegen, er stand bei dem Lob des Presi wie auf
+Nadeln. Der Mann, der so mit Wärme und Achtung zu ihm sprach, war der,
+der ihm die Peitsche ins Gesicht geschlagen. Er war aber auch Binias
+Vater. Die Gedanken spannen sich ineinander und verwirrten ihn.
+
+»Ihr wollt also jetzt mit George Lemmy nach Indien. Das ist ein
+abenteuerlicher Plan. Der Gemeinderat hat indes einstimmig beschlossen,
+daß man Euch kein Hindernis in den Weg legen will. Im Frühling werdet
+Ihr ja volljährig und dann seid Ihr ohnehin der Vormundschaft
+entlassen.«
+
+Der Presi stand auf und langte in ein Pultfach: »Wenn man ins Leben
+geht, dann ist es von besonderer Wichtigkeit, daß man die Freiheit, sich
+zu wenden und zu kehren hat. Die besitzt man nur mit Geld. Ich möchte
+Euch einen Reisepfennig mitgeben. -- Ihr seht, wenn ich gebe, bin ich
+nicht klein!«
+
+Er reichte Josi etliche Blätter Banknoten. Der junge Mann fuhr auf, er
+wollte reden, aber das Wort blieb ihm in der Kehle stecken. Nur ein
+seltsames »Herr Presi!« würgte er hervor.
+
+So viel Geld hatte er natürlich noch nie beisammen gesehen, dachte der
+Presi, mißverstand seine Bewegung und hielt sie für Gier.
+
+»Ich will keinen Dank, die Blätter sind für das Herunterholen der
+Jungen, es ist Rechnung und Gegenrechnung -- nehmt sie herzhaft.«
+
+Eine verwirrende Liebenswürdigkeit lag in seinem Ton.
+
+»Ich will noch einmal so viel zulegen, Blatter. Gebt mir nur das
+Versprechen in die Hand -- daß Ihr -- wenn Ihr je aus Indien zurückkehrt
+-- mit Binia nichts zu schaffen haben wollt. -- -- Es kann nicht sein --
+es darf nicht sein. -- Ich sage es Euch in heiligem Ernst: Ich leide es
+nicht -- ich leide es nicht.«
+
+Düster und trotzig waren seine letzten Worte.
+
+Nun aber brach Josi los: »Herr Presi, glaubt Ihr, daß ich meinen Vater
+schände? Um wie viel weniger Geld habt Ihr ihn in jener Nacht
+gekreuzigt, daß er an die Weißen Bretter steige. Ihr meint, ich nehme je
+einen Rappen[27] an aus Eurer Hand?«
+
+ [27] _Rappen_, schweizerdeutsch, so viel wie ein Centime.
+
+Etwas Ergreifendes, Rührendes lag im Zorn des Burschen, eine durch
+Bescheidenheit gezügelte heiße Entrüstung.
+
+Seppi Blatter und Fränzi in einem, ein verdammt schöner Bursche, dachte
+der Presi.
+
+»Und Binia?« fragte er mit einem leisen Seufzer, schon halb verstimmt.
+
+In den Augen Josis loderte es, er keuchte: »Herr Presi, ich bin kein
+Hudel. Behaltet das Geld, ich behalte mir das Recht, das Mädchen um
+seine Hand zu fragen, das mir am besten gefällt. Und im Glotterthal
+ist's ja noch so: Keine Jungfrau steht so hoch, ein ehrbarer Bursch darf
+um ihre Hand anhalten.«
+
+Seine Stimme bebte, der Presi lachte scharf: »Gewiß darf er darum
+anhalten -- es kommt aber nicht aufs Fragen, sondern auf den Bescheid
+an, den er erhält. -- -- Wollt Ihr das Geld, Blatter?«
+
+Das letzte sprach er mit hartem, höhnischem Klang.
+
+»Nein, Herr Presi!«
+
+Das tönte nicht herausfordernd, aber als wären die Worte von Granit.
+
+»Du Steckgrind -- ein Rebell bist und bleibst du!« -- Der Presi schrie
+es. -- »Mit dir habe ich es gut gemeint. Ich habe wollen Frieden
+zwischen mir und dir machen -- du bist aber ein Thor -- ein
+wahnsinniger, verstockter Thor -- -- he, du und Binia? -- Wo nimmt auch
+so ein Fötzel das Recht her, an so etwas zu denken?«
+
+»Herr Presi, in drei Jahren wollen wir wieder zusammen reden, helf' mir
+der Himmel, daß Ihr mich dann nicht mehr so verachten könnt.«
+
+Josi sagte es bescheiden -- doch das Wort war Oel ins Feuer.
+
+»Gottes Heilige hören es -- die Tatze soll mir eher aus dem Grabe
+wachsen, eher soll ein Traum, den ich einmal gehabt habe, in Erfüllung
+gehen und Binia von einem Gespenst erschlagen werden -- als daß ihr zwei
+zusammenkommt.«
+
+»Ihr redet entsetzlich!« Helle Thränen liefen Josi über die braunen
+Wangen. »Lebt wohl, Herr Presi!«
+
+»Dich mögen in Indien die Königstiger fressen!«
+
+Er donnerte es dem Forttaumelnden nach -- --
+
+»Ihr redet entsetzlich!« Dem Presi klang der Ausruf Josis im Ohre fort,
+es lag darin etwas so Wundes, wie wenn ein Tier aus tiefsten Nöten
+schreit. Aus sich selber wiederholte er: »Ich redete entsetzlich!« Ihm
+war, er müsse Josi zurückrufen, er müsse ihm noch etwas sagen. Ein
+seltsamer Einfall kam ihm. Er wollte zu George Lemmy sprechen: »Laßt
+mir Josi Blatter da -- er paßt mir als Bergführer.« Eine sonderbare
+Empfindung durchrieselte ihn. Er könnte, war ihm, den schönen,
+gescheiten, rechtschaffenen, heimlich stolzen Burschen unendlich lieb
+haben -- lieb wie einen Sohn, -- er staunte, wie ihm der Gedanke
+angeflogen kam -- er sperrte sich wütend dagegen -- er zitterte -- er
+schwitzte und schnaufte.
+
+»Ich muß noch einmal mit ihm reden! -- Seppi Blatter -- Fränzi. -- Habt
+ihr Gewalt über mein Herz?«
+
+Nach drei Tagen aber sammelte sich in der Morgenfrühe ein Häuflein
+Dörfler vor dem Bären, um Josi Blatter, den Abenteurer, abreisen zu
+sehen. Der Bärenwirt stand auf der Freitreppe und winkte, wie ein Wirt
+winkt, wenn ein so angesehener Gast wie George Lemmy geht. --
+
+»Jetzt habe ich doch nicht mit ihm geredet.« Seit einer Weile saß der
+Presi, den Kopf stützend, am Tisch. Und wütender über sich selbst als
+über Josi, murmelte er:
+
+»Binia erschlagen -- nein -- nein -- das ist Wahnsinn.«
+
+Bei sich selbst war er überzeugt, daß Josi Blatter in drei Jahren als
+Freier vor ihm stünde.
+
+»Nun wohl -- dann Gewalt gegen Gewalt.«
+
+Da kam Thöni: »Ich führe das Gepäck des Engländers nach Hospel!«
+
+»Gut -- doch noch etwas! Der Schwager Kreuzwirt fährt Ende dieser Woche
+oder Anfang der nächsten über den Hochpaß. Ich lasse ihn um den großen
+Gefallen ersuchen, daß er Binia aus dem Kloster heimbringt.«
+
+Als Thöni gegangen war, lächelte der Presi glücklich: »Binia -- wenn du
+schon an dem Burschen hängst und thöricht bist wie alle Weiber -- mein
+lieber Herzensvogel bist du doch!«
+
+
+
+
+XI.
+
+
+»Josi Blatter bleibt ein verkehrter und geheimnisvoller Kerl bis ans
+Ende,« sagten die zu St. Peter, als sie sahen, daß er mit seinem
+Engländer das Glotterthal nicht auf dem Weg über Tremis, Fegunden und
+Hospel verließ, den doch alle ordentlichen Menschen gingen, sondern sich
+mit ihm vom Haus des Garden über die unwegsame Schneelücke wandte.
+
+An der Grenze zwischen Weltland und Weißland erhebt sich ein altes
+verwittertes Holzkreuz, bei dem die Hirten sommers über ihren
+Sonntagsdienst halten. Bis dorthin, wo man eben noch die Kirche in der
+tiefen Thalspalte sieht, begleitete Vroni ihren Bruder, bei dem Kreuz
+knieten die Geschwister nieder und verrichteten zum Abschied eine
+gemeinsame Andacht.
+
+Mit Thränen in den Augen blickte Vroni Josi nach. Als sie aber immer
+noch ihr Tüchlein schwenkte, da stapfte er schon unentwegt mit seinem
+Herrn in die große wilde Gebirgseinsamkeit hinein.
+
+Ernst, doch unverzagt hatte er die letzten Tage verlebt. Sie aber war
+vor Schmerzen vergangen: den Vater, die Mutter hatte sie schon verloren
+-- und nun verlor sie auch den Bruder. Sie konnte nicht glauben, daß er
+je wieder nach St. Peter komme. In ihrem Kopf und in ihrem Herzen summte
+das Kirchhoflied:
+
+ »Und als er stand an blauer See,
+ Da schrie sein Herz nach Berg und Schnee.«
+
+Sterben wird er vor Heimweh!
+
+Während seine sanfte Schwester mit den großen Blauaugen in Thränen
+träumte, was doch so ein lieber Bruder für ein böser Mensch sei, schritt
+Josi tapfer in die Zukunft und mit seinem Herrn quer über Gletscher und
+Hochgebirge. Drüben in einer kleinen Stadt wollten sie Felix Indergand,
+der in einigen Tagen nachzukommen versprochen hatte, erwarten und dann
+von Genua aus die große Reise nach Indien antreten.
+
+Ein herrliches Wandern. Die Luft war blau und herbstlich still. Aus der
+Höhe ertönte der Ruf der Zugvögel. Die vom Sommer ausgelaugten und
+ausgewitterten Gletscher lagen wie riesige Leichen da. Wenn es wahr
+wäre, was die Sage behauptet, wenn die Venediger wirklich bei ihrer
+Säumerei über die Schneelücke in Stürmen und Wettern Ladungen Silbers
+verloren hatten, so würde man sie jetzt wohl finden können.
+
+Doch Josi dachte an etwas anderes. Konnte er nach Indien gehen, ohne zu
+Binia, die er für ewig verloren hatte, lebewohl gesagt zu haben?
+
+Unter einem überhängenden Felsen, bei den Resten alter Jägerfeuer
+übernachteten sie. »Brigante, solche Nächte unter freiem Himmel wird es
+auch bei unserer Arbeit in Indien genug geben, nur ist es dann nicht so
+still wie hier, sondern die wilden Tiere schreien und brüllen ringsum!«
+
+Allein als George Lemmy nachsah, schlief Josi schon.
+
+Am Morgen standen sie auf einem mächtigen Firngrat, einem
+wunderherrlichen silbernen Wall, wo der Himmel so nahe schien, als
+könnte man den dunkelblauen Teppich mit der Hand streicheln. »Boy, wo
+ist jetzt das Glotterthal?«
+
+Im gewaltigen Eisland, das sich gegen Norden dehnte, war ein kleiner
+dunkler Streifen wie ein Nebelchen sichtbar. Da konnte es Josi kaum
+fassen, daß er sein ganzes bisheriges Leben in der schwarzen Spalte
+zugebracht habe.
+
+Dort saß Vroni.
+
+Wie sonnig lag die Erde! Weithin dehnte sich im Süden unter ihnen, wo
+die Berge ausgingen, geheimnisvolle Bläue. Ist das wohl das Meer? dachte
+Josi. Da wies ihn George Lemmy auf weiße Flecken, die in der Bläue
+schwammen, und sagte: »Das sind die italienischen Städte.«
+
+Am folgenden Tag wanderten sie einem lebendigen klaren Wasser entlang
+durch eine grüne Berglandschaft und kamen auf die schöne Straße, die vom
+Hochpaß herniederführt.
+
+George Lemmy aber hinkte, er war beim Abstieg durch den Wald über eine
+Wurzel gestrauchelt und hatte den Fuß leicht verstaucht.
+
+Im ersten Dorf nahmen sie ein Wägelchen und fuhren durch den goldenen
+Abend.
+
+Kirchen, Klöster und Schlösser hoben ihre Türme aus Kastanienhainen und
+in der Ferne schimmerte eine Stadt. Fröhliches Volk in bunten Trachten
+kam ihnen entgegen, Landleute, die vom Markt heimzogen, riefen ihnen den
+Gruß in einer fremden Sprache zu.
+
+Der Kutscher, der wohl an Fremde gewöhnt war, wies mit der Peitsche
+nach allen Sehenswürdigkeiten und erklärte den beiden in mangelhaftem
+Deutsch ihre Namen und Bedeutung.
+
+Jetzt blitzte ihnen ein blauer See entgegen.
+
+Auf einem felsigen Vorsprung erhob sich ein Kloster aus mächtigen
+Bäumen, unter denen ein Zickzackweg zu dem großen alten Bau
+hinaufführte. An weißen Kapellen vorbei, die den Weg schmückten, sah man
+das von Epheu umrankte Thor und durch die Bäume, die reichlich Frucht
+trugen, blitzte neben dem Kloster der See.
+
+»Das sehr berühmte Kloster Santa Maria del Lago mit den
+dreihundertjährigen Pinien,« erklärte der Fuhrmann.
+
+Da überzwirbelte dem starken Josi das Herz.
+
+Gleich hinter dem Hügel, auf dem das Kloster steht, lag die Stadt, und
+vor einem kleinen netten Gasthof hielt nach der Weisung George Lemmys
+das Fuhrwerk an. Da übernachteten sie.
+
+Als Josi am Morgen nach George Lemmy sah, lachte dieser: »Josi,
+Brigante! Ich bin also zum Ruhen verdonnert, der Fuß ist elend
+geschwollen. Ich fürchte aber, daß du ein schlechter Krankenwärter bist,
+darum bleibe mir ein gutes Stück, mehr als dieses Zimmer lang ist, vom
+Leib. Die Wirtin wird dich unten füttern, doch strecke alle Tage den
+Kopf einmal herein. Da hast du etwas Klingendes in die leere Weste und
+hörst du: Wein, Wurst und Brot bestellt man hier zu Lande mit den
+Worten: %Preg' un po' de vin u e un cu de gin com pan!%
+
+Und nun versuche einmal, wie sich' s auf eigenen Füßen geht.«
+
+Josi war glücklich. Einige Tage frei. Und er war jetzt so nah bei
+Binia! Aber die Welt war ihm so fremd, daß er kaum wagte, sich zu
+rühren. Durfte er zu dem Kloster hingehen und nach Binia fragen? Nein,
+nein! Der Knecht hatte es schon thun dürfen, denn er war ein alter
+stoppelbärtiger Mann ohne alles Verdächtige. Ihm aber würde alle Welt es
+ansehen, daß ihn die Liebe zu Binia hingetrieben.
+
+Lange schaute er den Handwerkern zu, die unter den Bögen der Häuser das
+Kupfer schmiedeten, das Leder klopften und das Holz bearbeiteten. Ein
+Schneider, der die Brille tief auf die Nase gerückt hatte, sang beim
+Flicken alter Kleider. Da fiel Josi das Kirchhoflied ein, das er mit der
+Mutter, mit Vroni und Binia gesungen, aber freilich, wenn er an den
+Presi dachte, war ihm nicht ums Singen.
+
+Eine Weile später strich er doch um das Klostergut und sang:
+
+ »Das Steingenelk, die Königskerzen
+ Erblühn voll Pracht im heil'gen Rund,
+ Sie steigen aus gebrochnen Herzen
+ Und jede Blume ist ein Mund!«
+
+Da horch! Wie er gegen den See hinkommt, antwortet jenseits der
+epheuumsponnenen Klostermauer eine silberne Stimme mit der gleichen
+Melodie.
+
+ »O wie das weint, o wie das lacht,
+ Dem Flüstern horcht die Sommernacht!«
+
+Nur einige Takte, dann bricht das Lied ab. -- Er hört eine keifende
+Frauenstimme, dann helles Lachen von jungen Mädchen.
+
+Er rennt davon.
+
+Binia hat ihm geantwortet. Wer sollte sonst Worte und Melodie kennen?
+In der fremden Welt hat er ihre Stimme gehört. Es wird ihm feierlich zu
+Mut. Gewiß wird er sie auch sehen.
+
+Aber, wie er so überlegte, wurde er ganz traurig. Was nützte es, sie zu
+sehen? Er wußte ja jetzt bestimmt und fest, daß sie nie zusammenkommen
+würden. Ihm war, der gräßliche Wunsch im Mund des Presi, Binia möge eher
+durch eine fremde Hand fallen, als daß sie mit ihm durchs Leben gehe,
+habe allen Segen, der auf seiner Liebe zu Binia ruhen könnte,
+hinweggenommen!
+
+Und doch war, seit er ihre Stimme gehört, sein ganzes Wesen in einem
+Aufruhr der Hoffnung. -- Binia sehen! sie sehen!
+
+Am Abend wandte er sich an den Wirt, der einen großen weißen Schurz über
+seine leutselige Seele und seinen dicken Bauch gespannt hatte und vom
+Viehhändlerverkehr her etwas Deutsch radebrechte. Er fragte ihn, ob die
+Klosterschülerinnen in die Stadt zur Kirche kämen.
+
+Nein, antwortete der Gastwirt, sie hätten eine eigene Kirche, die
+Klosterfrauen kämen nur an hohen Festen in die Stadt, aber sie besuchen
+mit den naschhaften Mädchen oft den Markt. Morgen sei es Donnerstag, ja,
+da kämen sie wahrscheinlich. Er möge um acht Uhr dort sein, wenn er die
+Verwandte sehen wolle, aber ansprechen dürfe er sie nicht, dazu müsse er
+sich schon im Kloster selbst anmelden.
+
+»Die Verwandte!« Josi lächelte ein wenig über die Vorstellung des
+Wirtes.
+
+Am Morgen war er früh auf dem Markt. Als es acht Uhr schlug, entdeckte
+er die kleine Klosterschule, einige Nonnen führten die Schar Mädchen,
+die mit braunen und blonden Zöpfen einherwandelten und ihre Blicke
+neugierig über die Menge der auf dem Markt gehäuften Früchte warfen.
+
+Binia war die Zierlichste und Schönste unter ihnen -- so schön, daß er
+sie kaum ansehen durfte. Sie errötete, sie fuhr ein wenig zusammen, als
+sie ihn bemerkte, dann schaute sie auf die andere Seite und hielt sich
+dicht an die Schar der übrigen. Sie sandte keinen Blick zurück.
+
+»Jetzt sieht sie mich nicht einmal an,« dachte Josi, und schämte sich,
+daß er sich so fest eingebildet hatte, Binia liebe ihn sterblich.
+
+Er war enttäuscht, er wagte es nicht, der dutzendköpfigen Gesellschaft,
+die sich in eine Gasse verlor, zu folgen. Unruhig und verlegen schaute
+er in das bunte fremde Gewühl der Käufer und Verkäufer. Sollte er
+bleiben, sollte er gehen? Eine Viertelstunde, da drückte ihm ein blasser
+Junge, der einen Bündel Schuhe über die Schultern gehängt hatte, einen
+Papierstreifen in die Hand. Der Knabe erwartete ein Trinkgeld und ging
+erbost über Josi, der vor lauter Neugier das Geben vergaß, mit einem
+%»Brutto Tedesc«% davon.
+
+»Um elf Uhr vor der kleinen Pforte am See. Binia.« Josi hatte genug
+Arbeit, die paar Worte zu entziffern, das Blatt zitterte in seinen
+Händen. »Wohl, wohl sie liebt mich,« jauchzte es in ihm.
+
+Wie lange es nicht elf Uhr wurde!
+
+Pochenden Herzens stand er vor dem Pförtchen unter einem Kastanienbaum,
+der seine Aeste in die Flut senkte. Da bimmelte das Glöcklein im
+Kloster; während es noch tönte, ging die kleine Thür in der Epheumauer
+auf.
+
+Im hellen Sommergewand, im Bergerehut, gerade so leicht und flüchtig
+wie einst, huschte Binia hervor, eine Gärtnerin hob warnend den Finger
+auf und rief ihr etwas wie eine Mahnung nach, dann schloß sich das
+Pförtchen wieder.
+
+Man sah, wie Binia das Herzchen flog. »Josi, wie kommst du auch da her?«
+rief sie.
+
+Eine ziemlich verlegene Begegnung. Ihm glüht der Kopf, er weiß nichts zu
+sagen.
+
+Binia ist so schön, daß er es kaum wagt, ihr die Hand zu geben, und wie
+er die weichen Finger in den seinen hält, da ist ihm, er halte einen
+jungen Vogel, dessen Brust er schlagen fühlt.
+
+Auch Binia ist verlegen. Sie verdeckt es, indem sie hastig erzählt, sie
+sei vom Markt, ehe es eine Aufseherin bemerkte, unter dem Vorwand, sie
+bedürfe neuer Schuhe, in eine Werkstätte geschlüpft, habe dort die Zeile
+geschrieben und nach der Heimkehr die Gärtnerin bestochen.
+
+Nun lachte sie schelmisch auf, faßte Josi bei der Hand und zog den
+Willenlosen von der Klostermauer hinweg unter den Bäumen hindurch, bis
+sie an eine kleine stille Bucht kamen, wo eine Quelle in den See lief.
+Dort stand sie mit ihm still.
+
+»Gelt, das ist schön hier, Josi,« sagte sie, »der See und die weißen
+Segel und der Duft um die Berge, aber im Kloster ist's häßlich!«
+
+Traurig erwiderte Josi: »O Binia, ich gehe jetzt in die weite Welt --
+ich gehe nach Indien. Noch einmal aber habe ich dich sehen wollen. --
+Grad wie ein Engel bist du ja gegen mich gewesen im Teufelsgarten und
+weißt nicht, wie du mir dort in meiner unsäglichen Schmach wohlgethan
+hast! -- Also lebe wohl, Bineli -- ich wünsche dir tausendmal Glück und
+alles Gute!«
+
+Er streckte ihr die Hand entgegen.
+
+Binia machte ein sehr betrübtes und rührendes Schmollmündchen, das
+bebte, als wollte es weinen:
+
+»Aber Josi.«
+
+Da hörten sie aus der Ferne nach ihr rufen. Plötzlich blitzte es in
+ihren Augen auf, sie hob sich auf die Zehenspitzen, sie legte die
+Handmuschel an den Mund, als wollte sie laut Antwort geben, sie lächelte
+aber nur: »Ich komme nicht!«
+
+Josi war ganz verwundert: »Binia!«
+
+»O, Euphemia, die alte Gärtnerin, wird sich schon herauslügen, daß ihr
+nichts geschieht. Du glaubst gar nicht, Josi, wie hinter diesen Mauern
+alle gut lügen können. Ich allein kann's nicht -- ich bin zu ungeschickt
+dazu.«
+
+Binia machte ein halb lustiges, halb verzweifeltes Gesicht, hielt den
+Fingerknöchel an die weißen Zähne und schaute den Burschen mit ihren
+dunklen Lichtern ganz komisch an. -- »Josi,« schmeichelte sie, »weil du
+da bist, mag ich nicht stillsitzen, mir zappeln die Füße, heute wollen
+wir zusammen durch Luft und Sonne laufen, bis das Abendrot scheint. Ich
+dürste nach ein bißchen Freiheit. Ich habe einen Brief vom Vater
+bekommen, daß mich morgen der Kreuzwirt von Hospel abholt, und ich
+wieder nach St. Peter zurückkehren kann. Da können mir, wenn ich ihnen
+auswische, die heiligen Frauen nicht mehr viel thun. O glaube mir, Josi,
+das sind furchtbar grausame Weiber!«
+
+Ein Zittern lief durch Binias schlanke Gestalt.
+
+»Komm, Josi, wir wandern, ich kann jetzt gewiß nicht grad wieder ins
+Kloster hinein!«
+
+Sie zog ihn mit. -- Die Liebe zu Binia und der Trotz gegen den Presi
+besiegten seine Vorsätze. Still wie Flüchtlinge gingen sie eine Weile
+durch Bäume und Gesträuch, dann dem See entlang, dann planlos bergauf.
+Sie entdeckten bald, daß man sie nicht verfolge, auf der Höhe stieß
+Binia einen Jauchzer aus und sie setzte sich.
+
+»Josi, es ist so schön von dir, daß du gekommen bist. Niemand stört uns
+in dieser fremden, sonnigen Welt. Ach, wie garstig, man sieht deine
+Narbe immer noch!«
+
+Mit feiner, liebkosender Hand glitt Binia darüber hin, er sah das Licht
+rosig durch ihr kleines Ohr schimmern, die Spitzen ihres dunklen
+Seidenhaares berührten sein Gesicht und der Pfirsichflaum der Wange
+streifte ihn.
+
+Er verging fast vor Seligkeit, aber die jubelnden Stimmen des Glückes
+vermochten die Sorge nicht ganz zu übertönen. »Du, Binia,« hob er etwas
+beklommen wieder an, »es ist mir gar nicht recht.« --
+
+»Was bist du für ein schöner Bursch geworden, Josi,« unterbrach sie ihn,
+»berichte mir von daheim -- ich bin so neugierig.«
+
+Während er erzählte, gingen die feinsten Spiele über ihr Gesicht, es
+wurde fröhlicher und fröhlicher -- als er ihr schilderte, wie er Thöni
+von der Planke geholt hatte, klatschte sie in die Hände: »Josi, das ist
+herrlich -- ich möchte dir gern etwas Liebes anthun, aber ich weiß nicht
+was!« Und mit demütiger Stimme: »Ich weiß nicht, warum ich dich so lieb
+habe, Josi.«
+
+»Sieh, grad so geht es mir mit dir, Bini!«
+
+»Das ist merkwürdig,« erwiderte sie träumerisch und ihre Stimme wurde
+wieder hoch und fein. »Am Wassertröstungsmorgen, als ich sah, wie deine
+Mutter wegen meines Vaters litt, da war's, als stände plötzlich in
+meiner Brust mit feurigen Buchstaben: 'Ich liebe Josi!' Und als der
+Vater mißverstand, was ich im Fieber redete, als er dich haßte, da wurde
+die Liebe nur größer; als er dich zu Bälzi als Knecht gab, da wuchs sie,
+als du Rebell wurdest, da starb ich fast, und als dich mein Vater
+schlug, da wußte ich's wohl: 'Jetzt rinnt das Blut Josis um mich, jetzt
+kann ich ihn nicht mehr lassen, selbst um meine Seligkeit nicht! Und so
+ist's mit mir: Würdest du sagen: 'Steige auf jenen Schneeberg', so würde
+ich steigen, bis ich vor Müdigkeit umsänke, und würdest du befehlen:
+'Schwimme über diesen See', so würde ich mit meinen Armen rudern, bis --
+du ziehst so ein finsteres Gesicht, Josi -- ich bin ganz unglücklich --
+du denkst gewiß, es sei schlecht von mir, daß ich mit dir gehe, obgleich
+es mein Vater nicht gern hat -- aber ich habe dich halt so lieb!«
+
+Sie senkte ihr Gesicht schalkhaft und schämig.
+
+»O Binia,« antwortete er, »du hast recht -- ich will mich mit dir an dem
+schönen Tag freuen -- es ist vielleicht der einzige, den wir erleben.«
+
+Sie gingen weithin über die sonnigen Hügel mit den prangenden
+Herbstfarben, aber eine leise jugendliche Scheu schritt noch zwischen
+ihnen, die manches, was sie sagen wollten, zurückhielt. Um so mehr
+redeten ihre Augen. Immer und immer wieder betrachtete eins verstohlen
+das andere.
+
+Vor sich an einer Höhe sahen sie in die welkenden Bäume hineingespannt
+die Netze eines Vogelstellers. Neugierig wie Kinder liefen sie hinzu und
+beschauten die malerisch hängenden Garne. Ein halbes Dutzend Amseln hing
+mit todesbangen Blicken darin. Binia zog einen Vogel um den anderen
+vorsichtig heraus, betrachtete lächelnd jedes Tierchen, preßte ihm einen
+Kuß auf den Schnabel und gab ihm die Freiheit. Die Vögel flatterten erst
+ängstlich, spürten dann die Befreiung, flogen in die Höhe und freudiges
+Geschrei stieg aus dem reinen Blau auf die Erde zurück.
+
+Josi staunte Binia nur an: »Du herrliches Kind! Wenn aber der Mann käme,
+dem diese Vögel gehören!«
+
+»O, ich habe den Nonnen manchmal den Spaß verdorben, und sie haben die
+Thäterin nie erwischt. Ich hätte mich auch für ein glückliches
+Vogelherzchen die ganze Woche einsperren lassen. -- -- Josi« -- ihre
+Finger berührten seine Hand -- »vielleicht bin ich auch einmal so ein
+armes Schelmchen -- und dann kommt jemand Barmherziger und löst mich.«
+
+Ein Strahl ihres dunklen Auges traf ihn, ihr Mund aber lächelte
+herzgewinnend.
+
+»Bini, ich habe mir schon fast den Kopf zerbrochen, wie wir trotz dem
+großen Zorn deines Vaters zusammenkommen könnten,« stammelte Josi. »Und
+ich weiß es -- es bleibt mir nichts anders übrig, als daß ich für unsere
+Liebe an die Weißen Bretter steige.«
+
+Da lehnte sie ihr Köpfchen schluchzend an seine Brust: »Das willst du
+für mich thun, Josi! Nein -- nein. -- Das darfst du nicht. -- Du würdest
+fallen, wie dein Vater gefallen ist. -- Und denke an meinen Vater -- ich
+habe ihn, wenn er auch manchmal wüst und böse ist, doch so stark lieb;
+ich möchte nicht, daß die Nachtbuben kämen, um dem Gemeinderat im Werben
+zu helfen, und die rasselnden Ketten um das Haus schleiften und riefen:
+'Presi, gebt die Binia heraus!' Ich glaube, da würde er auch erst recht
+wild über dich.«
+
+Sie sah ihn hilflos an.
+
+»Binia, so thöricht bin ich nicht. Ich plane es anders! Kein Mensch weiß
+es, was ich thun will, dir aber, liebes Bineli, will ich es verraten. --
+In drei Jahren komme ich wieder heim, dann will ich St. Peter aus der
+Blutfron an den Weißen Brettern befreien. Um zu lernen, wie ich's
+angreifen muß, gehe ich mit George Lemmy nach Indien.«
+
+»Josi! -- Du willst St. Peter aus der Blutfron befreien.« -- Ein
+überirdischer Glanz lag in ihren Augen und das Wort tönte wie ein
+Schrei. Sie schaute ihn staunend an, sie preßte seine Hände. »Josi,
+kannst du das? -- Josi, ich glaube, das hat dir Gott eingegeben. -- Ich
+halte dich nicht zurück -- nein, lieber Josi, thu's -- thu's! -- Meine
+Gedanken sind mit dir, wenn du an den Brettern schaffen wirst.«
+
+Weiter, weiter führte sie die Sonne unter Kastanienbäumen dahin, die
+ihre stachlichten Früchte auf den Boden fallen ließen. Tief unter ihnen
+gegen den See hin jauchzten die Winzer in den Reben.
+
+Sie sahen aber das Leuchten der Natur nicht, sie hatten zu viel von
+Brust zu Brust zu tauschen.
+
+Binia glühte für Josis Plan.
+
+»Josi, jetzt weiß ich, warum ich dich so lieb habe. Du hast halt ein
+großes, mutiges Herz -- und als ich es noch nicht wußte, habe ich es
+doch schon geahnt, denn es strahlt aus deinen Augen. Und jetzt ist mir,
+ein Thor habe sich vor uns aufgethan, durch das unsere Liebe hinaus in
+den Frühling wandern kann. Es kommt alles, alles gut! Sieh, nur ein
+festes Vertrauen braucht es, dann werden zuletzt alle Träume und Wunder
+wahr -- auch das unserer Liebe und unseres Glücks. Gewiß ist mein Vater
+der erste, der dich mit Freuden empfängt, wenn du die Blutfron von St.
+Peter nimmst. Er hat Sinn für alles Große.«
+
+»Bini, wenn du so redest, so fange ich selber wieder zu glauben und zu
+hoffen an -- du liebes, liebes Kind.« Er schlang den Arm um ihre Hüfte
+und so wanderten sie in heiligem Glück.
+
+»Das ist ein herrlicher Tag,« jubelte Binia.
+
+Auch Josi schwamm in stiller Seligkeit. Der Gedanke an den Fluch des
+Presi verschwand vor der blühenden Wirklichkeit. So schön hatte er sich
+das Leben nie gedacht. Wie das nur kam, daß er so allein mit Binia durch
+die lachende Welt wandern durfte? Womit hatte er es nur verdient? Rein
+wie der milde blaue Herbsthimmel erschien ihm sein Leben, es war ihm,
+als müßte es nun immer so bleiben und als stände nun die Zeit über ihm
+und Binia stille.
+
+Wie lange ist so ein glücklicher Tag!
+
+Unvermerkt lenkten sie ihre Schritte abwärts, und mit freundlichem Zuruf
+grüßte Binia das bunte Völklein der Winzer, dieses reichte ihnen dafür
+Trauben und Pfirsiche über Mauern und Häge und lachte dem wandernden
+Pärchen zu. Und wenn sie aus den Blicken der Erntenden waren, schob
+eines dem anderen scherzend die Beeren in den Mund.
+
+»Ich habe gar nicht gemeint, Josi, daß du so lieb und artig sein
+könntest,« lachte Binia.
+
+Als sie zu einer weinumrankten Osteria kamen, wo man die Aussicht auf
+den Spiegel des Sees frei genießt, setzten sie sich auf eine Bank im
+Garten. Die Wirtin, eine freundliche alte Frau, fragte, ob sie etwas zu
+essen und zu trinken wünschen.
+
+Als aber der Wein und das Essen vor ihnen stand, da nippten sie nur an
+den Gläsern. Die Wirtin schaute ihnen etwas betrübt zu und versicherte
+sie, daß die Speisen gut seien. Da langte Binia keck zu und legte ein
+paar Schnitten des rötlichen Fleisches in den Teller Josis. Sie selber
+möge nichts. Und sie plauderte mit der Wirtin.
+
+Josi, der von der Unterhaltung nichts verstand, sah, wie Binia plötzlich
+erglühte.
+
+Als die Wirtin gegangen war, fragte er Binia, warum sie so rot geworden
+sei.
+
+Sie senkte, aufs neue errötend, das Köpfchen, schlug die Augen auf und
+lächelte kaum merkbar: »Wenn ich's nur sagen dürfte -- sie -- hat
+gefragt -- ob wir Brautleute seien.«
+
+Da übergossen sich auch Josis Wangen mit dunklem Rot und seine Narbe
+trat deutlich hervor. Zögernd fragte er: »Was hast du ihr geantwortet?«
+
+»Es hat mich halt so schön angemutet, da habe ich 'Ja' gesagt.« Sie
+flüsterte es mit feiner Stimme, sie lehnte sich zurück, daß er sie nicht
+sehen konnte, sie schmiegte sich so an ihn, daß ihr weiches Haar, das
+sich um die Schläfen wand, sein Ohr berührte und umschlang mit ihrem Arm
+seinen Arm.
+
+»Hätte ich es nicht thun sollen, Josi?«
+
+Da suchten sich ihre Hände, und als sie sich gefunden hatten, flüsterte
+sie: »Jetzt sind wir aber auch wirklich Brautleute.«
+
+Josis Augen strahlten.
+
+Da trat die Wirtin wieder zu ihnen. Von einem noch blühenden Stock
+schnitt sie die Rosen und gab sie Binia mit einem Glückwunsch. Binia
+steckte die Knospen an die Brust und nun drängte sie zum Fortgehen. Sie
+wollte mit Josi allein sein.
+
+Das erste Stück Weges gingen sie schweigend. Da sagte Binia wie im
+Traum: »Ringe haben wir noch nicht!«
+
+»Ich habe dir aber ein Andenken, Bineli -- einen Tautropfen von der
+Krone. 'Tautropfen' habe ich dich immer genannt, wenn ich an dich
+dachte, Bineli.«
+
+»Das ist lieb,« sagte sie leuchtenden Blicks. »Ich möchte gern ein
+Tautropfen sein, so rein, so frisch, so sonnenvoll, damit ich dir immer
+gefalle, Josi. Ich habe ein Kettelchen mit einer Kapsel von meiner
+Mutter selig, darein lege ich den Tropfen. Dann ruht er gewiß an einer
+treuen Brust. -- Ich gebe dir diesen Mädchenreif -- er ist zu klein für
+deinen Finger. -- Aber trag ihn auf dir. -- Küsse ihn jede Nacht und
+denke an mich.«
+
+Sie schmiegte sich zärtlich an ihn, er küßte sie auf die Schläfe.
+
+Da küßte sie ihn auf den Mund -- er sie wieder.
+
+Auf dem See lag ein weicher Abend und hüllte die Welt in Licht und
+goldigen Duft. Binia sah in süßer Träumerei vor sich hin. »In drei
+Jahren kommst du wieder, Josi. Und ich will dir treu warten und dann
+alle Tage hinaus gegen den Stutz schauen, ob du gegangen kommst.«
+
+In der Dämmerung erreichten sie die Nähe der Stadt wieder. Binia war
+still. Die lange Wanderung hatte sie müde gemacht und ihre tolle
+Entweichung aus dem Kloster lag nun doch schwer auf ihren Gedanken.
+
+»Was wird man dir anthun, arme Bini?«
+
+Sie zwang sich zu einem Lächeln: »Auf einem kantigen Scheit werde ich
+neben der Nonne knieen müssen, welche die Nachtwache hat, und beten.«
+
+»O, du armes Kind,« erwiderte Josi voll tiefen Mitleides.
+
+»Nein, ich bin reich, ich denke dann immer an dich und an den langen
+schönen Tag.«
+
+Wie mild und innig das von ihren Lippen floß. Josi wußte nicht, sollte
+er jauchzen vor Glück oder weinen, daß sie seinetwegen in so grausame
+Strafe kam.
+
+Am mondbeglänzten See betrachteten sie die kleinen Heiligtümer noch
+einmal.
+
+»Jetzt sind wir verlobt,« hauchte Binia, »jetzt bin ich deine Braut.«
+
+Sie umarmten sich. Binia weinte vor Ergriffenheit, aber sie waren nun in
+die Nähe des Klosteraufganges gekommen und plötzlich drückte sie Josi
+heftig die Hand und küßte ihn leidenschaftlich: »Lebewohl, lieber,
+lieber Josi, wir sehen uns gewiß wieder und es kommt alles gut.«
+
+Dann riß sie sich los, kam nach ein paar Schritten noch einmal zurück:
+»Josi!« Ein schmerzlicher Schrei aus blassem Gesicht, und dann
+verschwand die flüchtige Gestalt im dunklen Laubengang. Josi stand und
+starrte in die Dunkelheit, dann hörte er den schrillen Anschlag der
+Klosterglocke. Als Binia nach einiger Zeit nicht wiederkam, da riß auch
+er sich von der Stelle los.
+
+Wachte er oder träumte er? Er küßte das Ringlein Binias, er dachte so
+innig, so heiß an sie, die jetzt um ihn litt. Aber auch der Fluch des
+Presi peinigte ihn wieder.
+
+Als er am anderen Tag den Kopf ins Zimmer George Lemmys steckte, rief
+dieser lustig: »Boy, der Fuß ist schon fast besser -- Felix Indergand
+ist da -- morgen reisen wir!«
+
+Da trat Indergand, der starke, kräftige Mann mit dem offenen Gesicht,
+unter die Thüre: »Blatter, eben ist der Kreuzwirt von Hospel mit seiner
+Nichte aus der Stadt gefahren.«
+
+Mit nassen Augen ging Josi in einen Winkel und faltete die Hände: »An
+die Weißen Bretter für Binia!« dachte er. »Was man im Namen der heligen
+Wasser thut, das muß unabwendbar geschehen. Ich will's glauben wie die
+zu St. Peter und dem Himmel mit einer That für den schönen Tag danken.«
+
+
+
+
+XII.
+
+
+Im Bären ist es, seit die Fremden fort sind, sonntäglich still. Der
+Presi sitzt in der großen Stube am Tisch unter dem Meerweibchen, raucht
+seine Zigarre und erwartet den Garden.
+
+Draußen im Flur hört er Binias Stimme. »Wie sie schön singt!«
+
+Der Presi hat eine aufrichtige Freude über die Wiederkehr Binias. Nicht
+bloß weil damit ein böser, übereilter Streich gut gemacht ist, sondern
+weil der Anblick des Mädchens sein Herz erquickt. Seine Augen bleiben,
+so oft er es sieht, an dem Kinde hängen. Sie ist zwischen Siebzehn und
+Achtzehn und der Aufenthalt auf Santa Maria del Lago hat ihr nicht im
+geringsten geschadet. Sie ist frisch und schön, sie ist größer geworden,
+die Gesichtsfarbe heller, aber sie ist kein Dorfmädchen, dafür sind ihre
+Glieder zu zart. An der ganzen lieben Gestalt sieht man eigentlich
+nichts als die Augen, die unter den langen Wimpern so groß und dunkel
+sind, die so lebendig leuchten, daß einem darüber ganz warm ums Herz
+wird.
+
+Frau Cresenz hat gesagt, Binia habe die Augen von ihm, vom Presi, sie
+sei überhaupt sein Ebenbild, aber nur so, wie ein feines junges
+Tännchen einer Wettertanne gleiche.
+
+Ueber diesen schmeichelhaften Vergleich lächelt er jetzt. Binia singt.
+
+»Wenn sie nur nicht immer dieses häßliche Kirchhoflied singen würde,«
+denkt er. »Aber es ist das einzige Lied, das sie kennt. Und das beste,
+sie singt. Sie hat es seit dem Tod der seligen Beth nie mehr gethan. Ihr
+Gesang beweist, daß ihr die Abreise Josi Blatters gleichgültig ist. Ja,
+das Kind wird schon noch vernünftig, die Luft ist jetzt rein. Es ist
+gut, daß ich mit dem Burschen nicht mehr geredet habe.«
+
+Das Lied Binias bricht ab. Sie hat draußen ein kleines Wortgefecht mit
+Thöni. Sie zanken sich wie ehedem.
+
+Da kommt der Bursche in die Stube: »Es ist da ein Brief für Euch,
+Präsident!« Und geht.
+
+Der Presi liest, über sein vergnügtes Gesicht fliegen die Schatten
+tiefer und tiefer, vom Vergnügen sieht man keine Spur mehr -- nur
+zuckende Wetter.
+
+»Gott's Donnerhagel, daß ich es an dem Tage nicht merkte, wo sie über
+die Schneelücke gingen. -- Ein Telegramm -- sie hätte im Kloster bleiben
+müssen. Ah -- ah -- eigens bereitgestellt habe ich sie ihm. O, was bin
+ich für ein Kalb!« So führt er mit rotem Kopf das Selbstgespräch und
+knirscht vor Wut.
+
+In dem Augenblick, wo der Presi so ächzt, tritt der Garde mit schwerem
+Tritt in die Stube und sieht die Verwüstung in seinem Gesicht.
+
+»Was giebt's, Presi?« Da reichte ihm dieser nur den Brief der Priorin
+von Santa Maria del Lago. Draußen hatte Binia ihren Gesang wieder
+aufgenommen.
+
+Als der Garde den Brief zusammenfaltete und ruhig auf den Tisch legte,
+stöhnte der Presi: »He, das ist eine schöne Geschichte -- wenn man da
+nicht verrückt wird. -- Ich schaffe das Kind wegen dem Rebellen fort,
+daß sie einander aus den Augen sind, ich meine, es sei alles gut, und
+biete den beiden die Gelegenheit, daß sie einen ganzen Tag ungestört
+miteinander herumludern können. Das wird schön zu- und hergegangen sein
+-- der lausige Blatter -- und mein Kind!«
+
+Er preßte die Pratze an die Stirne.
+
+»Schämt Euch, Presi! Ihr kennt Euer Kind -- ich kenne Josi. Da ist gewiß
+weniger geschehen, als wenn die Bursche und Mädchen in Hospel draußen
+auf dem Tanzplatz sind. Rechte Liebe ist ehrfürchtig, eines für das
+andere.«
+
+»Das ist keine rechte, das ist eine schlechte. Ich mag halt den
+Wildheuerbuben nicht leiden.«
+
+Da legte der Garde die schwere Hand auf die seines Freundes und Gegners.
+
+»Hört, Presi! Im Frühjahr vor einem Jahr, damals, als Fränzi starb, habe
+ich mehr aus Zorn über Euch als aus Barmherzigkeit Vroni zu mir
+genommen. Und seither ist sie uns zum Segen und Sonnenschein geworden,
+daß wir nicht mehr leben könnten ohne sie!«
+
+»Ja, das weiß das ganze Dorf, daß Ihr als alter Knabe verliebt seid in
+das Jüngferchen. Sie ist auch ein artiges Kind. Ihr hättet es mir wohl
+in den Bären geben können.«
+
+Mit einem höhnischen Lächeln sagt es der Presi. Der Garde aber fuhr in
+ehrlicher Entrüstung los: »Verliebt. -- Presi, schaut, wie viel graue
+Haare ich habe im Bart. Wißt Ihr, wie die gekommen sind? Die stammen
+von Eusebi und meinem Weib. Schier hintersinnt hat es sich, daß der
+Bube, für den sie so viel gelitten hat und für den ich an die Weißen
+Bretter gestiegen bin, als ein Blödling aufgewachsen ist. Wir haben
+keine wahre Lebensfreude gehabt, der Bub hat nicht erwachen wollen und
+die Gardin hat sich halb zu Tode gekränkt, daß ihr just so einer als
+einziger beschieden war. Als er fünfzehn gewesen ist, hat er immer noch
+nur blöde zugeschaut, wie die anderen gearbeitet haben, und hat mit den
+Steinchen gespielt. Meint, Presi, das hat mir und der Gardin ins Herz
+geschnitten, wir haben oft den ganzen Tag gar nicht zusammen reden
+mögen. Jetzt aber, seit Vroni da ist, ist er wie ausgewechselt. Fröhlich
+sichelt er neben ihr oder hält mit den Knechten die Mahd, die schwachen
+Arme sind stark geworden, er stottert kaum mehr und hat Freude am Reden.
+Das Herz geht mir auf, wenn ich daran denke. Lacht nur, aber es ist, wie
+wenn ein Wunder des Glückes über den Burschen gegangen wäre.«
+
+Der Presi streckte dem Garden hell und lustig auflachend die Hand hin:
+»Ich verstehe Euch schon, ich wünsche Euch Glück zur Schwiegertochter.
+Ich hätte einen anderen Geschmack gehabt, Garde.«
+
+Einen Augenblick verwirrte der Spott des Presi den Garden, dann
+erwiderte er ruhig: »Ich wollte gern, das Mädchen, das artige, gute,
+nähme Eusebi, ich darf es ihm nicht zumuten -- nein -- nein -- ich
+dränge sie nicht zusammen. Die zwei müssen sich von selber finden.«
+
+Als er den Hohn sah, der über das sauber rasierte Gesicht des Presi
+spielte, versetzte er barsch: »Ich gebe Vroni, auch wenn sie Eusebi
+nicht nimmt, eine Aussteuer, wie sie in St. Peter keine Bauerntochter
+bekommt, ich wünsche nur, daß sie noch ein paar Jährchen bei uns
+bleibt.«
+
+»Ihr werdet ihr schon etwas Rechtes geben müssen, Ihr erzieht ja das
+Kind, als wär's vom Herrenhaus zu Hospel. Ist's denn richtig, daß sie
+eine eigene Mauleselin besitzt?«
+
+»Wohl, wohl, die besitzt sie. Ihr werdet sehen, wie schön sie auf der
+Blanka zur Weinlese reitet!«
+
+»Nun, wenn Armeleutekinder so verzogen werden, so kann's in St. Peter
+gut kommen!«
+
+»Presi, seid doch still! -- Eure Fremden verderben das Thal, da wäre
+viel zu reden. Jetzt hat der Glottermüller auch eine Wirtschaft
+aufgethan. Das böse Beispiel.«
+
+»Ja, was ist denn an Vroni Besonderes,« lenkte der Presi ab, »daß Ihr
+dem Kinde ein Maultier geschenkt habt.«
+
+»Es ist etwas geschehen, was ich nicht habe erwarten dürfen, Presi.
+Gerade wie Josi fortgereist ist, bin ich mit Eusebi an die
+Militäreinschreibung zu Hospel geritten. Fast gezittert habe ich vor dem
+Tag und gefürchtet, Eusebi werde vor Scham, daß man ihn nicht zum
+Militär nehme, wieder ein Blöder. Ich sitze während der Prüfung der
+Rekruten im Kreuz und mache mir trübe Gedanken. Da kommt Eusebi früher
+als ich ihn erwartet geeilt. 'Vater,' jauchzt er, 'man hat mich
+angenommen.' Er zittert vor Seligkeit, daß er das Glas nicht halten
+kann, das ich ihm biete. Und ich kann nicht 'zum Wohlsein, Soldat!'
+sagen, so hat mich die Freude, die ich nicht habe zeigen wollen,
+gedrückt und gewürgt. 'Weißt, Vater,' erzählt er, 'wie mich so einer
+mit Augengläsern angesehen hat, ist mir immer gewesen, Vroni stehe
+hinter mir und sage mir das, was ich antworten solle.' Ich aber denke
+jetzt immer nur: 'Eusebi ist Soldat, er ist kein Blöder mehr!' Ihr
+hättet mir das schönste Heimwesen im Glotterthal schenken können, so
+gefreut hätte es mich nicht. Da meint Eusebi: 'Darf ich Vroni nicht ein
+Krämlein bringen?' -- 'Allerwegen,' antworte ich, 'deine Schulmeisterin
+muß einen Kram haben,' ich gehe zum Maultierhändler Imahorn in Hospel
+und von vierzehn Stuten kaufe ich die schönste, und wie wir heimkommen,
+sage ich: 'Die ist für dich, Vroni, weil Eusebi zum Militär angenommen
+worden ist!' Einem anderen, Presi, aber habe ich auch gedankt, ich habe
+zweihundert Franken ins Spendgut von St. Peter gelegt, und bin noch
+heute aus Vaterfreude in Vroni und in unseren Herrgott vernarrt.«
+
+Der Presi wiegte bei der warmen Rede des Garden spöttisch das Haupt,
+aber seine Stimmung war eine bessere geworden. Auf den Brief der Priorin
+deutend, murrte er: »Und nun meint Ihr -- das ist doch Eurer Rede
+Sinn --, daß ich Josi auch auf einen Esel setzen soll? Die zwei
+achtbarsten Männer von St. Peter die Schwiegerväter der Wildheuerkinder
+und so eine Art Gegenschwäher!«
+
+Mit lachendem Hohn stieß er sein Glas an das des Garden. »Sagt ehrlich,
+wenn es Eusebi so tagt im oberen Stübchen, was wär's mit ihm und Binia?
+Der Bund zwischen zwei ehrenwerten Familien wäre doch eine andere Freude
+als nur eine Verwandtschaft durch die Wildheuerkinder.«
+
+Man wußte nicht recht, war es Scherz oder Ernst, so eigentümlich sprach
+er es, der Garde aber schüttelte den mächtigen Kopf: »Etwas langsam ist
+halt Eusebi immer noch, Binia aber, das Prachtkind, ist ein rasches,
+heftiges Blut. Das paßt wohl nicht zusammen.«
+
+»Aber zum Rebellen, der sich in den Bergen herumtreibt, paßt die
+Rebellin, die aus dem Kloster läuft -- -- nicht wahr, Garde,« sagte der
+Presi halb höhnisch, halb lustig.
+
+»Ho!« erwiderte sein Gastfreund, »ich meine, Josi Blatter wäre mir an
+Eurer Statt so lieb wie Thöni Grieg.«
+
+»Ta-ta-ta, wie kommt Ihr auf Thöni Grieg! Er und Binia verkehren ja wie
+Hund und Katze. Jetzt will ich aber doch die Vagantin einvernehmen. Bini
+-- Bini!« -- Er stand auf und rief es durch die Thüre.
+
+Das Mädchen, das mit seinem Gesang aufgehört hatte, als die beiden
+Männer laut geworden waren, erschien, nichts ahnend, mit
+freudestrahlendem Gesicht.
+
+»Da lies diesen Brief,« sagte der Presi streng. Ein Blick Binias in das
+Schreiben, sie wurde dunkelrot und zitterte.
+
+»Was habt ihr an dem Tag gethan? -- rede nur, der Garde darf es auch
+hören.« Es klang nicht eben bös, wie es der Presi sagte.
+
+Binia stutzte einen Augenblick, ihre Röte ging in Totenblässe über. Sie
+warf sich vor ihm auf die Kniee, umschlang die seinen und hauchte leise,
+doch fein und klar: »Vater, ich darf's fast nicht sagen, wie ungehorsam
+wir gewesen sind. -- Josi und ich haben uns -- verlobt.«
+
+Der Presi sprang auf, nahm sein Glas und warf es neben die Knieende auf
+den Boden, daß es in hundert Stücke zersplitterte.
+
+»Und ihr meint, ich sei der Narr im Spiel!« keucht er heiser, taumelt
+und will mit den Fäusten auf sie los, aber der Garde hält ihn: »Laßt sie
+ausreden!« und wie der Presi sich nicht setzt, umspannt er ihn mit
+seinen eisernen Armen und drückt ihn auf den Stuhl. »Hockt ab, Presi,
+und hört. Dann sprecht!«
+
+Binia wollte sich flüchten. »Bleibe, Kind!« knurrte sie der Garde an.
+
+Der Presi schnaubte und zischte: »Der Hund! der Hund! Wie wagt er sich
+an dich? He, schöne Augen hast du ihm gemacht, du!«
+
+Wie ein Marmorbild stand Binia mit dem Rücken an der Wand, an die sie
+hingetaumelt war, nur die wogende Brust und die bebenden Nasenflügel
+verrieten das pulsierende Leben.
+
+»Vater -- tötet mich -- aber ich sage es! -- Ihr seid mit Fränzi verlobt
+gewesen, Ihr habt sie ohne Grund verlassen; ich aber muß an Josi gut
+machen, was Ihr an ihr bös gemacht habt. Das hat mir die selige Mutter
+eingegeben; ich liebe Josi, Vater, ich kann sterben, aber ich lasse ihn
+nicht, ich habe alles gehört, was Ihr am Wassertröstungstag mit der
+Fränzi geredet habt. Da ist mir die Liebe gekommen.«
+
+Wie merkwürdig die feine verhaltene Stimme klang, ein Singen war es,
+mehr als ein Reden, ein sonderbares Singen, wie wenn der Wind durch die
+Waldwipfel streift, ein Ton, als flüstere er aus schweigender Höhe.
+
+Die Stimme brach, die Unglückliche schwankte und tappte der Wand entlang
+gegen die Thüre.
+
+»Du --«
+
+Von schaumbedeckten Lippen zischte das gräßliche Wort, das Wort, das ein
+reines Mädchen tötet.
+
+»Presi! Ihr habt Euch vergangen!« stößt der Garde mit einem Blick
+hervor, als wolle er sich auf ihn stürzen.
+
+Der Presi röchelte. Plötzlich schoß er auf und faustete. Dann sank er
+entkräftet auf einen Stuhl -- ächzte -- und nach einer Weile stöhnte er
+wirr: »Jetzt ist es klar. -- Fränzi -- das hat mich immer gewundert,
+wohin das Kind an jenem Morgen aus meiner Stube verschwunden ist. -- --
+Bini -- Bini. -- -- Seppi Blatter -- Fränzi -- ihr seid grausam gegen
+mich!«
+
+Der Presi schwieg, nur die Lippen zitterten. Erst als seine Wut in eine
+weinerliche Wehmut überging, die dem gewaltigen Mann fast komisch stand,
+sagte der Garde feierlich: »Ich will Euch eine Geschichte erzählen, ich
+habe sie von Fränzi.«
+
+Der Presi krümmte sich unter dem Namen.
+
+»Hört, Presi! Auf der Burg zu Hospel saß ein Ritter. Seine Tochter
+liebte einen Knappen. Zornig darüber ließ der Vater den Jüngling über
+den Felsen, auf dem die Burg stand, werfen, die Jungfrau aber stürzte
+sich aus Verzweiflung in den Strom. Bald darauf machte der Ritter eine
+Bußfahrt nach Rom. Als er über den Gletscher kam, da standen im Eis weit
+voneinander die armen Seelen der Liebenden. Sein Töchterlein lächelte.
+Da fragte der Ritter: 'Warum lächelst du, Kind, während du doch so
+frierst?' Sie antwortete: 'O Vater, siehst du nicht, daß ich und mein
+Liebster bald beisammen sind?' Er sah zwischen ihnen nur das weite
+harte Eis. Als er aber nach drei Jahren zurückkehrte, da waren die armen
+Seelen einander so nahe gekommen, daß sie sich mit den Händen
+erreichten. Bestürzt darüber, daß das Eis barmherziger war als er und
+nachgab, bereute er seine Härte bitterlich. Da hörte er eines Tages eine
+Stimme vom Berg: 'Vater, trauere nicht mehr!' Da wußte er, daß die große
+Liebe das Eis ganz überwunden hatte und die armen Seelen dicht beisammen
+standen.«
+
+»Wozu das?« fragte der Presi dumpf. »An die armen Seelen glaube ich
+nicht!«
+
+»So -- meinetwegen -- aber glaubt Ihr, Ihr seid stärker als der Ritter
+von Hospel? -- Ihr seid stärker als der Gletscher?«
+
+Der Presi stöhnte.
+
+»Josi und Binia,« fuhr der Garde mit getragener Stimme fort, »es giebt
+kein schöneres Paar im Glotterthale, aber auch nicht zwei so wilde
+Herzen wie sie.«
+
+»Ich mag aber nicht der Narr sein im Spiel,« stöhnte der Presi in wehem
+Zorn, -- »ich will nicht, daß mein Kind nur so über mich
+hinwegschreitet. -- Das verzeihe ich Bini nie!«
+
+»O Presi, das Verzeihen werdet Ihr schon lernen. Ich an Eurer Stelle
+würde auf ein schönes Alter denken. Wenn Ihr aber den Kopf zu stark
+setzt, so seht zu! Dann kommt der Tag, wo Ihr auf den Knieen zur Lieben
+Frau an der Brücke rutschen würdet, wenn Ihr Bini nur Josi geben könntet
+und sie friedlich wüßtet. Gönnt ihnen beizeiten ein grünes Plätzchen zum
+Glück, sonst steigen auch sie auf die Berge und halten dort oben wie der
+Knappe und das Fräulein Hochzeit als schuldige Seelen.«
+
+»Ihr meint an den Weißen Brettern!«
+
+Der Presi sprach es mit stieren Augen. Er zitterte und sein Gesicht
+hatte sich verzerrt.
+
+»Was sagt Ihr?« fragte der Garde überrascht.
+
+»O Garde -- es ist nur ein schrecklicher Traum, aber er ängstigt mich.
+Ich habe Binia mit blutendem Haupt neben dem jungen Blatter an den
+Weißen Brettern gesehen.«
+
+»Herrgott im Himmel, was sagt Ihr, Presi? Das herrliche Kind, wie nicht
+alle hundert Jahre eins im Berglande wächst, stand blutend an den Weißen
+Brettern?«
+
+»Ja, mein Kind, meine Bini, die ich so unendlich liebe und die mich so
+elend macht.«
+
+Und die Wehmut überwog den Zorn.
+
+»Presi! Träume sind Schäume, sagt man, der Traum aber kommt aus dem
+Gewissen -- es steht böse darin -- macht Ordnung -- an Seppi Blatter, an
+Fränzi habt Ihr es verbrochen -- macht es am Sohn gut -- spürt Ihr
+nicht, wie das Schicksal Josis und Binias Zug um Zug über Euch ist. --
+Merkt Ihr es nicht, Presi? -- Macht Ordnung!«
+
+Wie Hammerschläge fallen die Worte des Garden auf die Brust des Presi.
+Er bebt, er schwitzt.
+
+»Wohl, ich merk' es -- ich merk' es, Garde, sonst hätte mir das meine
+Binia nicht angethan -- ich hätte den Josi Blatter nicht nach Indien
+gehen lassen sollen. -- O Garde! -- Mir ist, ich könnte ihn lieb haben.«
+
+Wie aus gebrochenem Leib stöhnte es der Presi.
+
+Schon glaubte der Garde ihn gewonnen zu haben. Da trat Frau Cresenz in
+die Stube und wischte die Scherben des zerschmetterten Glases zusammen.
+Ohne daß sie recht wußte, was vorgefallen war, jammerte sie: »Das Kind
+ist halt ganz der Vater, das kann man nicht ändern, das sind zwei harte
+Köpfe.« Und dann wandte sie sich an den Presi und tröstete ihn mit
+fraulicher Milde, aber mit Worten, die nicht tief geholt waren und nicht
+tief gingen.
+
+Der Garde hätte viel darum gegeben, die Frau wäre nicht gekommen oder
+wenigstens rasch wieder gegangen, als sie aber blieb, da wurde er über
+die Störung wild und ging selbst.
+
+»Sie ist eine wohlmeinende und rechtschaffene Frau, aber das Weib, die
+Mutter von unergründlich tiefem Herzen, das an diesen Posten gehört, ist
+sie nicht.«
+
+So knurrte er, als er über die steinerne Treppe hinunterschritt.
+
+Als er am anderen Tag mit dem Presi reden wollte, war dieser hart wie
+Glas, die beiden gewaltigen Männer, die sich sonst so gut verstanden
+hatten, überwarfen sich und der Verkehr von Haus zu Haus hörte auf. Nur
+Vroni und Binia sahen sich noch zuweilen.
+
+»Bini ist eine Spinnerin geworden!«
+
+So sagten die Leute von St. Peter und streckten dabei den Zeigefinger
+gegen die Stirn. Man munkelte, sie sei im Kloster Madonna del Lago
+mißhandelt worden. Um den bösen Segen, den sie und Josi von Kaplan
+Johannes empfangen haben, zu vertreiben, hätten ihr die Nonnen jede
+Nacht unter Gebet so viel Wasser, Tropfen um Tropfen, auf das Haupt
+gespritzt, daß mit dem bösen Segen auch ein Stück guter Seele von ihr
+gewichen sei. Und das suche und suche sie in Gedanken.
+
+Die thörichten Leute! Binia war allerdings, nachdem sie aus dem Kloster
+gekommen, eine Weile blaß und wankte wie ein Schatten einher, aber nicht
+die Nonnen hatten sie, den lustigen Wildling von ehemals, zu der
+Schweigerin gemacht, die, wieviel in ihr lebte, der Welt nichts als die
+großen dunklen Augen wies.
+
+Ein einziges, gräßliches Wort des Vaters!
+
+Und jetzt warb er nicht um sie wie einst -- er setzte sich nicht an ihr
+Bett, er flüsterte nicht: »Meine Maus -- mein Gemslein.« Er sagte nicht:
+»Du lieber, lieber Vogel.« Jetzt war auch keine Fränzi mehr da, die ihr
+zu mitternächtiger Stunde das wirre Köpfchen zurechtsetzte.
+
+Droben in ihrem Kämmerlein schluchzte sie: »Mutter -- liebe tote Mutter:
+Es ist schrecklich -- wie mich der Vater verachtet. -- Und er ist doch
+so ein herrlicher Mann. -- Und Josi muß ich halt lieben.«
+
+Manchmal wußte sie nicht, war es die Empörung gegen den Vater, war es
+die Liebe zu ihm, die stärker in ihr wüteten. Ein Blick -- ein
+herzliches Wort -- sie wäre jubelnd an seine Brust geeilt. Aber sein Ton
+blieb kalt wie das Eis der Gletscher, sein sonnenhelles Auge wurde,
+sobald er sie erblickte, lauernd und mißgünstig. Und das entsetzliche
+Wort, das er ihr entgegengeschleudert -- das saß!
+
+Allein es ist nun wunderbar! In einem jungen Herzen kann die Hoffnung
+nie sterben. Dazu muß der Mensch alt sein -- alt -- alt! Mißhandelt ein
+junges Herz, zerbrecht es. Ein Sonnenstrahl, und lächelnd liest es seine
+Scherben auf, streicht mit zitternder Hand darüber, und es ist fast das
+feurige Herz von zuvor.
+
+Wie ein Tännling ist die Jugend. Ein Stein saust aus der Höhe und
+schlägt ihm die Kerze ab, die er so lustig in das Spiel der Winde erhob.
+Was thut der arme Tännling? -- Er richtet ein Zweiglein gerade auf, das
+wächst emsig Tag und Nacht und wird zur Kerze, und kaum der Forstmann
+erkennt noch, daß der Tanne einmal die Krone abgeschlagen war. Aber eine
+junge, kerngesunde Tanne muß es sein, sonst bringt sie das Wunder nicht
+zu stande.
+
+Binia war eine junge, kerngesunde Tanne.
+
+Sie wurde die stille Wohlthäterin des Dorfes und übte ihren Herzensberuf
+mit der Frische und Wärme der Jugend. Sie guckte mit einem guten Lächeln
+in die Hütten, wo ein Weib, wo Kinder krank lagen, und plauderte Liebes
+mit ihnen. Sie gewann die Herzen und versöhnte. Wenn sie fort war, lag
+eine Blume auf dem Bett oder es klang ein Wort nach, das Glück
+verbreitete -- und ihre größte Kunst -- sie wußte jedem das, was er
+bedurfte, so zu geben, daß es kein Almosen war.
+
+»Redet einmal mit Binia, die weiß schon Rat,« sprach man im Dorf, »sie
+hat noch das bessere Herz als die selige Beth.«
+
+Und seltsam! Der Presi ließ sie gewähren. Wie der Name Josi Blatter, so
+schwand auch die tolle Besprechungsgeschichte aus den Gesprächen der
+Leute von St. Peter, sie sagten nur:
+
+»Wie ein Engel geht sie durchs Thal.«
+
+Unter den Gästen war niemand, der sie nicht liebte. Manche junge
+vornehme Töchter stellten sich wie Schwestern zu ihr: »Binia, Sie liebes
+gescheites Bergkind, wenn wir Sie nur mit in die Stadt nehmen könnten,
+man bekommt ja ein heißes Heimweh nach Ihnen.«
+
+Einer aber verging fast vor Eifersucht, wenn ein junger Herr der alpigen
+Rose ein Röslein schenkte.
+
+Thöni Grieg!
+
+Die schmähliche Versteigung an der Krone, die ihn dem Gelächter des
+Dorfes preisgegeben hatte, war der Anlaß, daß er nacheinander die
+Bubenschuhe, zuerst den einen, dann den anderen, ausgezogen hatte. Und
+nach dem großen Donnerwetter von damals stellte sich der Presi besser
+als je zu ihm.
+
+Thöni besorgt die Post, die im Sommer wichtig genug war, gewissenhaft,
+ebenso die Zufuhr der Lebensmittel von Hospel und war den Fremden im
+Haus durch sein fröhliches Temperament ein angenehmer Gesellschafter.
+
+Mit Binia aber zankte er sich immer noch. Und wie!
+
+»Mache ein anderes Gesicht gegen mich, du Wildkatze mit den
+Teufelsaugen!«
+
+»Thöni, schäme dich doch, dich hat man ja von den Kronenplanken holen
+müssen.«
+
+»Ich würde schweigen, wenn ich wegen einem Rebellen in Santa Maria del
+Lago versorgt gewesen wäre.«
+
+Wütend lief Binia davon. Sie wußte wohl, daß ihr der Vater mit Santa
+Maria del Lago einen Schimpf angethan hatte -- einen Schimpf, den sie
+erst verdient hatte, als sie mit Josi in die prangende herbstliche Welt
+hinausgelaufen war. Aber sonderbar, der Tag glänzte wie ein Stern in
+ihren Gedanken, sie lächelte jedesmal verträumt, wenn sie seiner
+gedachte.
+
+Doch wenn sie dann vor sich hin staunte, so fuhr Thöni wie ein wildes
+Tier dazwischen.
+
+»Jetzt denkst du schon wieder an den lausigen Rebellen. Ich töte ihn,
+wenn er je wieder nach St. Peter kommt. Binia, jetzt gieb mir einmal
+ein gutes Wort -- oder -- oder --«
+
+Ein verzehrender Blick traf sie. Eines Tages wußte sie es: Hinter seinen
+Beleidigungen stand die wütende Eifersucht.
+
+Sie fürchtete Thöni und er merkte es.
+
+»O, ich thue dir nichts,« sagte er vorwurfsvoll, »aber wenn du nicht
+anders zu mir wirst, so stelle ich an mir selbst ein Unglück an.«
+
+»Thöni,« erwiderte sie kühl, »wenn du das nur über die Lippen bringst,
+so ist es kein Schade für dich. Du machst ja jetzt Bälzis Kind den Hof.«
+
+»O, nur aus Verzweiflung, daß du, statt mit mir lieb zu sein, mich
+kratzen möchtest.«
+
+»Dann wollt' ich aber sie nicht sein!« spottete Binia.
+
+Sie gab ihm kein gutes Wort.
+
+Zwischen Thöni und Bälzis Aeltester, die im Bären Magd geworden war, kam
+es so weit, daß Frau Cresenz, um den Unwillen der Gäste gegen die
+Liebeleien zu beschwichtigen, das sonst anstellige Mädchen mitten im
+Sommer entlassen mußte. Jeden Abend, oft noch sehr spät, lief er aus dem
+Haus, man munkelte, zu ihr.
+
+Es geschah aber heimlich und hinter dem Rücken des Presi, und Frau
+Cresenz schwieg, sie fürchtete die Händel.
+
+So ging der Sommer.
+
+Da machte Binia in den letzten Tagen zufällig eine merkwürdige
+Erfahrung. Ein alter ehrbarer Schweizermann, der ihr sehr streng
+geschienen hatte, den sie aber doch liebte, sagte Abschied nehmend zum
+Vater: »Schön ist's im Glotterthal -- und ein Meitli[28] habt Ihr
+schon, Herr Präsident, daß man noch einmal jung werden möchte!«
+
+ [28] _Meitli_, schweizerdeutsch, so viel wie Mädchen, Tochter.
+
+Nun horchte sie mit pochender Brust auf die Antwort des Vaters.
+
+»Ja, meint Ihr, ich habe den Vogel nicht auch lieb? -- Für wen rackere
+ich mich denn? Ich hätte den Mut für das Vielerlei des Geschäftes nicht
+ohne das sonnige Kind!«
+
+Das sagte der Vater, der ihr nie ein warmes Wort, einen vollen
+rückhaltslosen Blick gab.
+
+Sie mußte an sich halten, daß sie nicht laut aufjauchzte, sie rannte und
+sprang wie ein Reh und die Gäste fragten: »Haben Sie denn Sonntag in den
+Augen, Binia?«
+
+»Ja freilich, das Leben ist halt schön!« lachte sie und fort war das
+Reh.
+
+»Ist das eine liebe Hexe -- eine herzbezwingende Gestalt,« redeten die
+Gäste hinter ihr.
+
+Es war im Herbst, der Vater zählte mehrere Rollen Silber und Gold -- er
+schmunzelte, er lachte, er trank Hospeler dazu. Dann redete er irgend
+etwas mit Frau Cresenz, die ihn bald wieder verließ, und plötzlich sah
+Binia, wie er vor sich hin faustete: »Sie ist ein Affe -- sie ist ein
+verdammter Affe. -- Die selige Beth hat doch nicht immer Ja gesagt,«
+hörte sie ihn murmeln.
+
+Binia kannte den Vater genau. Er konnte den Widerspruch nicht leiden,
+aber wenn ihm von Zeit zu Zeit niemand ernsthaft widersprach, so war es
+ihm auch nicht wohl. Und daß er der toten Mutter ehrenvoll gedachte,
+freute sie tausendmal.
+
+Heute war der Vater entschieden verstimmt über Frau Cresenz. »Der Affe!
+Niemand hat man, mit dem man ein vernünftiges Wort reden kann, als
+Thöni.«
+
+»Als Thöni!« Binia glühten die Wangen vor Eifersucht, sie hob sich auf
+die Zehenspitzen und von rückwärts, so daß der Vater sie nicht sehen
+konnte, lief sie auf ihn zu, schlang die leichten Arme um ihn und
+drückte ihren frischen roten Mund mit süßem Kuß auf seinen Mund. »Kind!
+-- Binia! -- Was willst?« -- Der Presi war ganz erschrocken.
+
+Sie lächelte ihn an, fröhlich und schmerzlich zugleich, flehentlich und
+hoffnungsvoll.
+
+»Kehre mir das Herz nicht um mit deinem Lachen -- ich ertrage es nicht.«
+Der Presi sagte es unsicher.
+
+»Wohl, wohl, umkehren möcht' ich's dir, Vater, ich möchte die Liebe
+darin sehen! Vater -- ich halte es auch nicht mehr aus, ohne daß du ein
+bißchen lieb mit mir bist.«
+
+Da war der harte Presi überwunden, es ging ein glückliches Lächeln über
+sein eben noch finsteres Gesicht. Und er nahm ihre beiden Hände: »Ja,
+Vogel, ich muß mit dir reden. -- Du bist ja jetzt in einem Alter, wo man
+keinen Tag sicher ist, wenn ein junger Mann den fröhlichen Finken
+einfangen will. -- Kind, ich habe nur dich und wünsche, daß du glücklich
+werdest. Ich gebe dir die Wahl frei und will dir nicht einreden, wen du
+heiraten sollst, das ist ganz deine Angelegenheit.«
+
+Mit rotem Köpfchen saß Binia da -- sie schluckte, als wollte sie etwas
+sagen.
+
+Ein mißtrauischer Blick des Vaters, dann sagte er streng: »Es giebt
+einen Namen, der in unserem Haus nicht mehr ausgesprochen wird.
+Verstehst du! -- Im übrigen habe ich dir die Jugendthorheit verziehen.«
+-- --
+
+Binia steht sinnend in ihrer Kammer.
+
+Zwei Jahre noch -- dann kommt Josi -- er kommt wie ein Held -- er tritt
+mit einer That vor das Volk, so gewaltig, wie noch keine im Bergland
+geschehen ist -- er erlöst St. Peter von der Blutfron an den Weißen
+Brettern und alle jubeln: »Josi Blatter ist größer als Matthys Jul.«
+
+Und er besiegt den Vater.
+
+So lang will sie tapfer kämpfen, den Vater nicht reizen, aber Josi treu
+sein im Herzen.
+
+Und unter Thränen lächelnd küßte sie den Tautropfen, den er ihr gegeben
+hat.
+
+
+
+
+XIII.
+
+
+»Pate! -- Ein Brief von Josi! Er ist gesund, es geht ihm gut.« Mit
+strahlendem Gesicht jubelt es die sonst zur Stille geneigte Vroni und
+hält den in großen ungefügen Buchstaben gemalten Brief in zitternden
+Händen. »Hört, wie er lautet:
+
+»Liebes Schwesterlein! Ich will Dir auch wieder einmal berichten, wie's
+mir geht. Es geht mir gut und George Lemmy ist recht mit mir, aber
+scharf und vom Schaffen klöpft[29] mir schier der Rücken. Das ist
+gesund. Wir sind jetzt an einem Berg, der heißt Himalaja. Die Stadt
+heißt Srinigar, aber wir sind nicht darin. Wir machen eine Straße.
+Liebes Vroneli, Du wirst denken, ich schreibe nicht schön. Das kommt vom
+Felsensprengen und Du mußt nicht lachen. Thue Dich gar nicht kümmern
+wegen mir. Bet und denk an die Mutter selig. -- Und an den Vater selig,
+was ich auch thue. Es ist dann noch etwas wegen der Binia, aber sie hat
+es Dir gewiß schon erzählt. Und wenn ich in der Nacht zwei Sternlein
+beisammen sehe, so sage ich: 'Du liebes Bineli -- du liebes Vroneli'.
+Ich muß manchmal in den Hemdärmel beißen, sonst würde ich brüllen[30].
+Der Indergand vertreibt mir etwa das Heimweh. Das Papier ist aus. Ich
+lasse das Bineli tausendmal grüßen, Dich auch, den Eusebi und alle. Und
+ich komme dann schon wieder heim. Schreibe mir recht bald. Dein treuer
+Bruder Josi. Die Adresse steht auf dem Umschlag.«
+
+ [29] _klöpft_, schweizerdeutsch, so viel wie »bricht«.
+
+ [30] _brüllen_, schweizerdeutsch, »heftig weinen«.
+
+Noch am gleichen Tag schrieb Vroni einen viel größeren Brief, als sie
+empfangen, an Josi. Wie in ihrer Hand die Feder gut lief!
+
+Aber über eine Stelle hinweg wollte sie nicht gehen, auf diese fielen
+ein paar Tropfen, die den schönen Brief fast verdarben.
+
+Die unglückselige Liebe zu Binia! Sie wollte dem Bruder nichts
+Betrübliches schreiben, aber sie wußte schon, daß aus dieser Liebe
+nichts Gutes entstehen konnte. Binia war fast noch die Schlimmere als
+Josi. Auch jetzt kam sie gelaufen und bat und bettelte, daß sie den
+Brief lesen dürfe. Als sie ihren Namen darin sah, wurde sie ganz
+überstellig und tanzte mit Vroni. Und unter den Brief Vronis schrieb
+sie:
+
+»Tausendmal geliebter Josi! Denke nur immer an die zuckenden Vögel von
+Santa Maria del Lago und lasse die Hoffnung nicht fahren. Sie haben
+schon den Tod gesehen, und nun fliegen sie doch über Land und Meer. In
+herzlicher Liebe und Treue. Dein Bineli.«
+
+Vroni sah den Gruß mit Schmerzen, der trotzige Mut Binias, die doch mehr
+einer wehrlosen Blume als einer Kämpferin glich, kam ihr wie eine
+Vermessenheit vor.
+
+Von diesem Kummer abgesehen, ging es Vroni gut.
+
+Wenn sie am Sonntagmorgen mit dem Garden, der Gardin und Eusebi im
+Glotterhütchen, unter dem die zwei blonden Zöpfe niederhingen, mit
+blauen lachenden Augen, das hellseidene gefranste Brusttuch über die
+junge Fülle gekreuzt, das silberbeschlagene Betbuch und den
+Rosmarinstrauß in den Händen, sittig die Kirchentreppe zum Kirchhof
+hinaufschritt, so flüsterten die Leute: »Wenn nichts Ungeschicktes
+dazwischen kommt, so giebt die keine Wildheuerin.«
+
+Am hübschesten aber war die Zwanzigjährige wohl, wenn sie mit Rechen und
+Gabel frisch und gesund im Morgentau über die Wiesen schritt. Etwas vom
+stillen Wesen der Gardenfamilie war auf sie übergegangen, ein rasches
+Vorwärts, ein lautes Thun war nicht ihre Sache, aber was sie in Ruhe
+that, ging ihr mühelos und anmutig von der Hand. Und wo sie in stillem
+Frohsinn mitwerkte, lief allen alles leicht, die Knechte sogar sagten
+es.
+
+Und sie selber wünschte sich nichts Schöneres, als das wandernde
+Sommerleben der Bauernleute von St. Peter. Für ein paar Tage ritt man,
+das Notwendigste zum Unterhalt mitnehmend, nach Hospel in die Reben, wo
+jeder Bauer von St. Peter ein kleines Haus besaß, dann hielt man sich
+einige Tage auf der Maiensässe auf, um dort das Vieh grasen zu lassen
+oder zu heuen, wieder etwas später arbeitete man auf dem Acker beim Dorf
+und am Sonntag ritt die Familie auf die Alpen zu Besuch.
+
+Da saß der ganze Haushalt mit den Knechten vor der Hütte, die Glocken
+des Viehes klangen friedlich in die tiefe Stille und die Enzianen
+standen wie im Gebet.
+
+»Vroni, erzähle eine Geschichte,« sagte das eine Mal der Garde, das
+andere Mal die Gardin, selbst Bonzi, der Viehknecht, war ein dankbarer
+Zuhörer, und mancher, der des Weges kam, setzte sich auch hinzu, Vronis
+Glockenspiel hatte bald eine kleine Gemeinde, darunter junge hübsche
+Burschen, die sich nicht bloß wegen der Geschichten in den Kreis
+drängten.
+
+»Sie ist halt grad wie die Fränzi selig, darum hält sie der Garde so in
+Ehren.«
+
+So sprach man im Dorfe, und niemand war Vroni gram, die Burschen aber
+waren ihr gut.
+
+»Frau,« sagte der Garde, »wir müssen uns entscheiden. Es geht um das
+Mädchen wie um frisches Brot. Vor vierzehn Tagen hat der Fenkenälpler
+gefragt, ob sein Aeltester am Sonntag zum Mittagessen kommen dürfe. Er
+würde Vroni gern einen Antrag machen. Heute ist der alte Peter Thugi
+gekommen und hat so eindringlich gebeten, wir möchten sie dem jungen
+Peter geben, er sei ein so guter und ehrbarer Mann. Ich habe aber beiden
+abgewinkt.«
+
+»Hättest du doch lieber zugesagt,« schmollte die Gardin, »Vroni setzt
+sich sonst noch in den Kopf, sie bekomme Eusebi.«
+
+»Geschehe nichts Schlimmeres!« erwiderte der Garde.
+
+»Und ich meine, es wäre jetzt, wo Eusebi im Militärdienst ist, gerade
+die rechte Gelegenheit, daß wir Vroni aus dem Haus bringen, natürlich in
+allen Ehren. Ich habe nichts gegen sie -- es geht mir nur so stark gegen
+das Herz, daß unser einziger ein Wildheuermädchen nehmen soll. Hätte ich
+drei Buben, so könnte einer schon Vroni nehmen -- aber der einzige. Wir
+sollten doch auch auf eine gute Verwandtschaft sehen! Und Eusebi ist so
+zuweg, daß er überall anfragen darf.«
+
+»Das thätest du deinem Buben zuleide, daß du Vroni in seiner Abwesenheit
+gehen ließest. -- Nein, Gardin, Vroni bleibt da!«
+
+Mit Festigkeit erklärte es der Garde.
+
+Frisch und lebensfroh kam Eusebi vom Dienst zurück. »Vater, ich habe
+mich furchtbar zusammennehmen müssen, daß ich immer nachgekommen bin,
+aber es ist gut gegangen.« Das spürte man Eusebi an. Er erzählte seine
+Erlebnisse so hellauf, wie ihn noch nie jemand gesehen.
+
+»Ja, aber Eusebi,« lachte der Garde, »bei uns giebt's auch Neuigkeiten.
+Vroni bleibt wohl nicht mehr lang da, die Burschen im Dorf gucken sich
+fast die Augen aus nach ihr, und zwei, die ich nicht verraten will,
+haben sich schon als Freier gemeldet.«
+
+Vroni, die dabei stand, als der Garde so redete, glühte wie eine Rose
+auf: »Ich will aber keinen, ich bleibe bei euch, Garde. Und wer wollte
+sich auch im Ernst um mich kümmern? Es ist mir am wohlsten, wenn ich
+ledig bleibe.«
+
+Schön war sie in ihrer tiefen Verlegenheit, wie sie, das Haupt gesenkt,
+mit zitternden Fingern an den Haften ihres Mieders nestelte.
+
+Eusebi aber riß an seinem Schnurrbärtchen, daß es ihm in den zuckenden
+Fingern geblieben wäre, wär's nicht so fest angewachsen gewesen. Wie
+unvorsichtig war es, denn der blonde Schnurrbart machte sein Gesicht
+beinahe hübsch!
+
+Am Abend überraschte die Gardin ihren Sohn, wie er bei Vroni am
+Herdfeuer in der Küche stand und das Blondhaar des abwehrenden Mädchens
+zu streicheln versuchte und immer wiederholte: »Gelt, liebe Vroni, es
+ist dir doch nicht ernst, daß du ledig bleiben willst?«
+
+Halb freute, halb ärgerte sich die Gardin. Nein, das war nicht mehr der
+scheue, blöde Eusebi. Mit einem Scheit jagte sie ihn aus der Küche und
+Vroni hielt sie eine Predigt.
+
+Der erwachende Eusebi warb aber so freimütig um Vroni, daß ihre Stellung
+zwischen Sohn und Mutter immer schwieriger wurde und sie Mühe hatte,
+sich in den Augen der Gardin untadelig zu benehmen.
+
+Bald aber überschattete ein trauriges Ereignis das im Hause aufblühende
+sanfte Liebesspiel.
+
+Mehr als ein halbes Jahr, nachdem Vroni ihren Brief mit dem Zusatz von
+Binia an Josi geschickt hatte, mitten im tiefen Winter, kam das
+Schreiben, mit vielen Stempeln bedeckt, an zwei Stellen etwas
+durchschnitten, an sie zurück und auf der Rückseite stand: %»Addressee
+died in the cholera-hospital at Srinigar.«% Diensteifrig hatte Thöni
+schon die Uebersetzung auf den Umschlag gefügt: »Der Adressat ist im
+Cholerahospital zu Srinigar gestorben.« Darunter stand irgend ein
+Stempel.
+
+Vroni hielt die Botschaft noch in den bebenden Händen, da kam schon
+Binia in aufgeregter Hast dahergeeilt; »Vroni, liebe Vroni, gelt, das
+ist nicht wahr, er lebt!«
+
+Vroni aber, die, ihrer Sinne nicht mächtig, auf einen Schemel gesunken
+war, rief immer nur, daß sich die Wände hätten erbarmen mögen: »Es ist
+halt nach dem Kirchhoflied gegangen, Josi, mein Herzensbruder, ist tot
+-- o, als er ging, habe ich es gewußt, daß er sterben würde!«
+
+Die großen dunklen Augen Binias erweiterten sich schreckhaft.
+
+Das bereitwillige Eingehen auf die Todesbotschaft und der Zusammenbruch
+Vronis erschütterten sie mehr als die erste Nachricht, um ihren Mund
+zuckte das Weinen, sie wankte hinaus in die Winterdämmerung. »Es ist
+nicht wahr! -- Diejenigen, die gelobt haben, für die heligen Wasser an
+die Weißen Bretter zu steigen, können ja nicht krank werden und nicht
+sterben, bis ihr Gelübde erfüllt ist.«
+
+Im Volksglauben suchte sie Trost.
+
+Zuerst mißtraute auch der Garde und das ganze Dorf der Todesbotschaft.
+Hatte man Josi Blatter nicht schon einmal für tot gehalten und dann war
+er doch wieder lebendig zum Vorschein gekommen!
+
+»Hat er sich gemeldet?« fragte man Vroni. »Nein, das nicht -- ich habe
+nichts gesehen und nichts gehört.«
+
+»Dann lebt er, dem nächsten Verwandten muß sich ein Sterbender melden,
+und ginge sein Weg über das weite Meer. Vor zwei Jahren hat sich in
+Tremis einer, der in Amerika gestorben ist, seinem Bruder angezeigt.«
+
+Allein die Tröstungen des Volksglaubens hielten nicht stand vor der
+herben Wirklichkeit. Der Garde nahm den Brief bei der ersten Gelegenheit
+mit in die Stadt und legte ihn der Post vor. Da versicherte man ihn, die
+Stempel seien echt, das Schreiben sei durchschnitten, weil es auf der
+Rückkehr aus dem Choleragebiet geräuchert worden sei, und die Cholera
+sei eine Krankheit, die den gesundesten Mann in einer Stunde wegblase.
+
+Der Garde erbat sich aus Bräggen die Adresse Indergands; als sie
+anlangte, schrieb er an den Kameraden Josis, Vroni sandte noch einmal
+einen Brief an Josis eigene Adresse, es kamen aber keine Antworten, ja
+nicht einmal mehr die Briefe zurück, auch das große amtliche Schreiben
+nicht, mit dem sich der Gemeinderat von St. Peter an den schweizerischen
+Konsul in Kalkutta wandte, und unter Angabe der näheren Umstände um
+einen Totenschein für Blatter ersuchte.
+
+Unterdessen war man schon wieder in den Sommer gekommen, und Vroni sagte
+die Totengebete für den Bruder her, und das Schönste deuchte sie immer
+das Kirchhoflied:
+
+ »Du armer Knabe! Schlaf am Meere!
+ Sieh, Gottes sind so Flut wie Firn,
+ Sieh, Gottes sind die Sternenheere,
+ Er schickt ein Tröpfchen, das die Stirn
+ Mit frischem Gletschergruß umspült
+ Und dir das heiße Heimweh kühlt!«
+
+Die tiefe Trauer des Mädchens hielt auch im Dorf das Andenken an Josi
+Blatter noch eine Weile rege.
+
+In einer seltsamen Gewitterbeleuchtung erschien den Dörflern das kurze
+Leben Josis. Sein Vater war zu Tode gestürzt, durch die Schuld des Presi
+war der Bursche auf einen bösen Weg gekommen, er hatte zuletzt die armen
+Seelen beleidigt, aber schlecht war Josi doch eigentlich nie gewesen,
+großmütig hatte er sogar sich selbst für die fünf Verstiegenen in die
+Schanze geschlagen.
+
+»Ueber den Presi aber, der dieses junge Leben zu Grunde gerichtet hat,
+wird es kommen!«
+
+Das flüsterte stetig durchs Dorf.
+
+Niemand bewies Vroni so herzliche Teilnahme wie Eusebi, und die Gardin
+wurde darüber eifersüchtig auf sie. Als eines Tages, just wie der Garde
+und Eusebi auf der Alp waren, eine leidende Fremde, die in Vronis blauen
+Augen das tiefe Gemüt entdeckt hatte, das Mädchen als Begleiterin
+anstellen wollte, riet die Gardin Vroni dringend zu: »Du bekommst es
+gewiß besser als bei uns -- du wirst vielleicht in ein paar Jahren
+schon eine reiche Erbin!«
+
+Da stürzten Vroni die Thränen hervor. Das war ein Blitz aus heiterem
+Himmel. Vor ihrem Bett im Kämmerlein kniete sie und schluchzte
+herzzerbrechend und stundenlang.
+
+Sie merkte es nicht, wie die Männer heimkamen, wie Eusebi, er, der
+Langsame, die Treppe heraufstürmte, wie er etwas schüchtern die Thür
+öffnete und in das Kämmerchen trat, sie spürte es erst, als er immer
+noch etwas scheu ihr weiches blondes Haar streichelte und sagte: »Vroni,
+weine nicht.«
+
+»O Eusebi, ich soll fort -- und ich kann nicht. Es ist mir ja nirgends
+wohl als bei euch!«
+
+»Sei ruhig, Vroni, ich habe dich ja lieb,« tröstete er herzlich.
+
+Da blickte sie mitten aus den Thränen einen Augenblick sonnig und
+gläubig auf, aber nur einen Augenblick:
+
+»Eusebi, rede nicht so -- du weißt, ich bin ein armes Mädchen, obwohl
+ihr mich wie eine Tochter gehalten habt. Es ist besser, ich gehe.«
+
+Da rannte Eusebi aus der Kammer: »Mutter, wenn Vroni fortgeht, so gehe
+ich auch.«
+
+»Sei kein Narr, Eusebi,« sagte diese überlegen und kühl, »hat je ein
+Bauer ein Wildheuerkind geheiratet?«
+
+Eusebi tobte und stürmte in die Stube: »Hast du's gehört, Vater -- Vroni
+geht fort.«
+
+Der Garde saß breit am Tisch und stützte den Kopf in beide Fäuste:
+»Thorheiten -- Thorheiten,« murmelte er vor sich hin.
+
+Da jagte Eusebi, der lebendig geworden, wieder fort, hinauf in sein
+eigenes Kämmerlein, kam aber bald zurück und die Bäuerin schlug die
+Hände zusammen.
+
+»Seit wann trägt man das Sonntagsgewand zum Werktagsfeierabend?«
+spottete sie.
+
+»Ich trag' es, weil ich jetzt fortgehe, Mutter -- mit Vroni zusammen
+suche ich einen Dienst.«
+
+Die Gardin kannte ihren zahmen Eusebi nicht mehr, seine Augen blitzten
+nur so. Da nahm sie ein Scheit, drohte dem schnurrbärtigen Sohn und rief
+zornig: »Auf der Stelle legst du das Sonntaggewändchen ab, du, -- du --«
+
+Eusebi hatte das Scheit, das die Mutter hochhielt, ergriffen, mit einem
+Ruck warf er es weit weg: »Mutter, so geht es nicht mehr!«
+
+Da schrie die Gardin in die Stube: »Alter, hörst du nichts. Eusebi will
+mir nicht mehr folgen. O, der Lümmel -- der Lümmel!«
+
+»Nein, beim Eid folge ich Euch nicht mehr,« trotzte Eusebi, »ich gehe
+jetzt mit Vroni.«
+
+»Das ist der Segen und der Sonnenschein, von dem der Alte immer geredet
+hat. -- Einen ungeratenen Buben habe ich jetzt durch sie -- Garde --
+Garde -- bist du taub geworden, warum hilfst du mir nicht?« Und sie riß
+ihm die eine Armstütze vom dicken grauen Haupt hinweg.
+
+Da merkt sie erst, wie der Garde so stark, daß er es nicht mehr
+verhalten mochte, vor sich hin lachte.
+
+»Was ist auch das, du lachst!« Sie war verwirrt und wütend.
+
+»Ich lache, weil der Eusebi ein Mann geworden ist. Ich kann dir nicht
+sagen, wie gut er mir jetzt gefällt.«
+
+Die großgewachsene Gardin wurde ganz zahm, ernüchtert grollte sie: »O,
+ihr wüsten Männer!«
+
+In dem Augenblick kam Vroni sonntäglich gerüstet und schluchzte: »Nur
+danken möcht' ich euch für alles Liebe und Gute, aber Streit soll es
+meinet -- --« Ihre Stimme erstickte.
+
+»So lebe wohl, liebes Vroneli,« sagte der Garde, nicht traurig, sondern
+gemütlich, »Eusebi wird schon recht zu dir schauen.«
+
+Die Gardin war starr.
+
+Und Eusebi sagte tief bewegt: »Also lebet wohl, ich habe halt Vroni zu
+lieb, ich gehe jetzt mit ihr -- behüte dich Gott, Vater -- behüte dich
+Gott, Mutter!«
+
+Als er nun aber Vroni, die, gerüttelt von Leid, die Stube schon
+verlassen hatte, folgte, da rief die Gardin ihrem Manne zu: »Du
+Rabenvater, deinen Einzigen lässest du nur so in die Fremde gehen --
+wenn er jetzt ein armes Knechtlein wird -- der Sohn des Garden von St.
+Peter.«
+
+Sie weinte aus heißem mütterlichem Herzen und der Garde knurrte: »Man
+muß ihm halt dann und wann einen Napoleon[31] schicken.«
+
+ [31] _Napoleon_, ein Zwanzigfrankenstück.
+
+Da eilte die Gardin unter die Hausthüre und schrie aus Leibeskräften:
+»Eusebi -- lieber Eusebi -- komm zurück.«
+
+Die beiden Flüchtlinge waren noch nicht weit gegangen, denn Vroni suchte
+Eusebi durchaus zu bereden, daß er zu den Eltern zurückkehre, sie wolle
+kein Glück auf einen Streit bauen. Vor dem Disput mit Vroni aber hörte
+Eusebi die Mutter nicht rufen.
+
+Nun schritt das junge Paar vorwärts.
+
+Da schrie die Gardin in ihrer Herzensangst: »Vroni! -- liebes Vroneli --
+kehr um!« und wirr durcheinander: »Vroni -- Eusebi -- Vroneli -- Eusebi,
+ums Himmels willen -- kommt doch wieder!«
+
+Da stutzten die Flüchtlinge, und jetzt ertönte hinter der Mutter der
+fröhliche Ruf des Vaters: »Kommt jetzt nur wieder!«
+
+Eusebi zog sein Mädchen mit einem Juchschrei zurück; halb noch ergrimmt,
+halb gerührt wischte die Gardin die Thränen ab und grollte dem Garden:
+»Ich habe nicht gemeint, daß du ernster Mann in deinen alten Tagen noch
+so ein Erzschalk sein könntest, aber drei sind stärker als eines, ich
+merke es und will mit euch in Liebe auskommen. Gieb sie nur zusammen.«
+
+Vroni lag an der Brust des Garden und der neigte sich auf sie und küßte
+sie. »Du warst immer mein Kind, jetzt bist du's erst recht, du sanfte,
+stille Wunderthäterin, die meinen Eusebi aus einem Thoren zu einem
+ganzen Manne gemacht hat.«
+
+Die Gardin streckte Vroni die Hand hin und schluchzte:
+
+»In mein Herz kann ich fast niemand einlassen, das ist so herb, aber
+jetzt, Vroni, bist du drinnen -- nenne mich Mutter und eine gute Mutter
+will ich dir sein!«
+
+In die Wohnung des Garden flutete das Abendgold. Feierlich bewegt stand
+der Alte, den funkelnden Zinnteller in der Hand. Er brach einen Bissen
+Käse wie ein Felsklötzchen und schenkte braungoldenen Hospeler in ein
+einziges Glas.
+
+»Nehmet, esset und trinket!« Er reichte die Hälfte des Bissens, der ein
+einziges Stück gewesen war, Eusebi, die andere Hälfte Vroni und bot
+ihnen das Glas.
+
+»Eusebius Zuensteinen und Veronika Blatter. Ich verlobe euch nach dem
+alten Brauch des Thales. Ihr kennt den nicht, der den Käse bereitet, und
+den nicht, der den Wein gekeltert hat. Väter haben es vor mehr als
+hundert Jahren gethan und sie haben nicht gewußt, für wen. Also sollt
+auch ihr thun, damit kein Geschlecht ohne den Segen der vorangegangenen
+sei. Die Ahnen segnen euch und wünschen euch Glück. Eusebi, Hochzeiter!
+-- Vroni, -- Braut!«
+
+»Amen!« sprach die Gardin, die mit gefalteten Händen hinter den
+Liebenden stand.
+
+
+
+
+XIV.
+
+
+%»Died in the cholera-hospital at Srinigar!«% Thöni jubelte das Wort wie
+Siegesbotschaft durch das Haus. Der Presi sah vergnügt in das Spiel der
+Schneeflocken, die dicht und schwer herniederwirbelten.
+
+Da zog es doch plötzlich wie ein Seufzer durch seine Brust: »Ich hätte
+Josi Blatter in St. Peter zurückhalten sollen!«
+
+Wie er es wider Willen dachte, schritt vor dem Fenster Kaplan Johannes
+durch das Schneegestöber und wies ihm eine drohende Grimasse.
+
+Die plötzliche Erscheinung des Halbverrückten, der seit seiner
+Vertreibung einen dämonischen Haß auf ihn und Binia warf, peinigte den
+Presi, ohne daß er wußte warum, wie Schicksalsdrohung. Es giebt aber
+einen Helfer in der Freude und einen Sorgenbrecher im Leid.
+
+Die trostlose Binia überraschte den Vater und Thöni, die zusammen vom
+besten Hospeler zechten. Da stieß der schon lallende Vater sein Glas ins
+Leere: »Zum Wohl, Seppi Blatter -- hörst du, dein Bub' ist gestorben.
+-- Was willst du jetzt noch?« Er lachte hellauf.
+
+Thöni, der nüchterner war, folgte dem Beispiel: »Josi Blatter, du
+Laushund. -- Ja so, da ist Binia. -- Komm, trinke auch eins auf deinen
+toten Schatz!«
+
+»Schändet die Toten nicht.« Mit dem gellenden Ruf sprang sie zu den
+beiden Männern und wischte die vor ihnen stehenden Flaschen und Gläser
+mit leichtem Arm vom Tisch.
+
+»Josi lebt -- er lebt!« bebte ihre Stimme. »Ihr könntet ihm sonst nicht
+zum Wohlsein trinken. Der Blitz vom Himmel würde in den Bären fahren!«
+
+»Binia, wenn du so wild bist, bist du teufelsschön,« lallte Thöni.
+
+Der Vater wollte über ihre Keckheit wüten, aber es ging nicht mehr wohl
+an. Am anderen und in den folgenden Tagen sagte er kein Wort, er war
+stillverdrießlich, und das war ein Zeichen, daß er sich selbst grollte.
+
+Seit Binias empörtem Ruf: »Er lebt!« glaubte auch er nicht mehr, daß
+Josi Blatter tot sei. Nein, der stand ja immer wieder auf, wenn er schon
+begraben war. Um so stärker jedoch bekräftigte der Presi die
+Todesnachricht, wenn andere Leute darein Zweifel setzten: »Ta-ta-ta!«
+sagte er, »es giebt auf der Welt nichts Zuverlässigeres als die
+englische Post!«
+
+Unterdessen begann eine seltsame Zeit für Binia. Sie mußte an ein Wort
+der alten thörichten Susi denken: »Schlafe, schlafe, Schäfchen, wenn du
+groß und ein schönes Mädchen sein wirst, kommen um dich viele Burschen
+fragen.«
+
+Darauf hatte sie erwidert: »Ich liebe aber nur Josi.«
+
+Nun war beides in Erfüllung gegangen: viele Freier kamen, und sie liebte
+nur Josi.
+
+Gegen den Vater hatte sie Gewissensbisse. Sie fühlte sich ihm heiß
+verpflichtet, daß er sie nicht zwingen wollte, irgend einem jungen
+Manne, der ihm gerade gefiel, die Hand zu reichen. Das war ein großes
+Zugeständnis. Für Josi jedoch wollte sie die Liebe aller Freier
+ausschlagen, darüber würde er kommen. Die Todesnachricht auf dem Brief
+war gewiß ein Irrtum.
+
+Der erste Freier war ein ungeschlachter Holzhändler aus dem Oberland.
+Als er sich mit ein paar Schoppen Hospeler Mut getrunken hatte, stieß er
+sie mit dem Ellenbogen in die Seite: »He, Kind, luge einmal meine
+Geldkatze an -- was meinst -- wollen wir einander heiraten? -- Ich bin
+halt keiner von denen, die lange 'ich bitte und ich bete' stammeln und
+Küsse betteln -- dummes Zeug -- gerade recht geheiratet muß sein.«
+
+»Wenn's nur so geht, ist leicht ledig bleiben,« lachte Binia.
+
+Der Presi war es zufrieden, daß sie den ersten, die nach ihrer Hand
+trachteten, Körbe gab, denn es schien ihm nicht vornehm, daß ein Mädchen
+gleich auf einen, der ihm freundlich thut, mit offenen Armen zueilt, und
+er hatte den Vogel doch am liebsten im Haus. Der Gedanke, sich einmal
+von Binia trennen zu müssen, fiel ihm schwer.
+
+Doch in St. Peter hätte kein junger Mann so recht den Mut gehabt, der
+Schwiegersohn des gefürchteten Presi zu werden. Binia allein hielt den
+alten freundschaftlichen Verkehr mit dem Dorfe noch aufrecht. Und sie
+war mehr die Freundin der Armen und Gedrückten, als der wohlhabenden
+Haushaltungen mit heiratsfähigen Söhnen.
+
+»Vater, gebt mir noch zwanzig Franken -- ich habe keinen Rappen mehr.«
+Sie wußte so drollig zu betteln.
+
+»Ich spare -- und du verschwendest -- will wieder einer eine Geiß
+kaufen?«
+
+»Ja, aber wer, sag' ich dir halt nicht --«
+
+Der Presi, der nicht geizig war, lachte und gab ihr den Betrag. Was
+verschlug es? Es ging ja auch viel Geld ein. Und es mußte ein leidliches
+Verhältnis mit dem Dorf unterhalten sein.
+
+Die von St. Peter schauten beinahe teilnahmlos zu, wie die Touristen mit
+ihren Bergstöcken durch die Gegend klapperten. Besteigungen der Krone
+fanden jetzt jeden Sommer mehreremal, ja häufig statt und der Bären war
+ein echtes, rechtes Bergsteigerquartier geworden.
+
+Gegen den Presi aber, der diese neue Zeit gebracht hatte, herrschte ein
+dumpfer Groll. Die Dörfler fühlten sich in St. Peter wie nicht mehr zu
+Hause, und wenn die Bauern auch viel Milch und allerlei anderes zu
+erhöhten Preisen in den Bären verkaufen konnten, so sprachen sie doch am
+liebsten von der alten Zeit, wo der Sommer in ruhigen Prächten durch das
+Thal gegangen war.
+
+Thöni diente nicht mehr als Bergführer, er war in allen Dingen die
+rechte Hand des Presi. An seiner Stelle geleiteten jetzt Führer von
+Serbig und Grenseln, Leute, die gemerkt hatten, daß auch in St. Peter
+ein schönes Stück Geld zu verdienen sei, die Touristen auf die Berge.
+
+Mit Schrecken sah Binia die wachsende Freundschaft zwischen dem Vater
+und Thöni.
+
+Thöni war, so vornehm er sich gab, eigentlich doch ein recht gemeiner
+Kerl. Wenn er einen freien Augenblick hatte, stand er unten vor dem Haus
+bei den Führern und unter vielem Lachen redeten sie miteinander wüste
+Dinge.
+
+Dann fuhr der Vater wohl mit einem »Gott's Sterndonnerwetter, Thöni!«
+dazwischen. -- Wenn er ihm aber in seiner handfesten Art das Kapitel
+verlesen hatte, so ging alles langehin wieder glatt und gut, er hatte
+seine Freude an dem jungen Mann, der sich gewählt wie ein Fremder
+kleidete, den wohlgepflegten Schnurrbart kühn in die Welt stellte und
+seine vielen Geschäfte mit spielender Leichtigkeit erledigte.
+
+Und wie wußte Thöni dem Vater zu Willen zu sein und sich seinen Launen
+anzupassen! Darin war er unübertrefflich.
+
+Wie eine Hornisse aber schoß er durch das Haus, wenn er in irgend einem
+Gast einen Freier für Binia witterte. Und sie kamen immer zahlreicher,
+die Freier; aus dem Unter- und Oberland kamen die reichen Händler, die
+jungen Hotelbesitzer, und unter den Gästen waren nicht wenige, die für
+Binia schwärmten.
+
+Der Vogel aber entschlüpfte. In Binias ganzem Wesen lag wie in ihrem
+schlanken Leib die Kraft stählerner Geschmeidigkeit und stählernen
+Widerstandes. Wo sie ein echtes Gefühl spürte, da lohnte sie es wohl mit
+einem Blick, daß der Freier meinte, er habe in seinem Leben noch nichts
+Süßeres gesehen, aber durch alles, was sie that und ließ, klang es bald
+schelmisch, bald traurig: »Seht ihr nicht, daß ich frei sein will? --
+Was zwingt ihr mich, es euch zu sagen?« Wer ihr mit zudringlichen
+Huldigungen zu nahe trat, den blitzte sie mit einem Blick oder einem
+Wort nieder, daß er sich schämte und zahm wurde wie ein kleines
+Maultier.
+
+Jetzt lächelte aber der Vater nicht mehr, wenn sie einen Freier
+zurückwies. Mißtrauisch und grimmig loderte es aus seinen Augen. »Kind,«
+stieß er hervor, »wenn du meinst, du könnest mich narren!« Und der Zorn
+zuckte um seine Brauen.
+
+Frau Cresenz tröstete dann auf ihre Art.
+
+»Was sich zankt, das liebt sich,« meinte sie mit kühlem Lächeln. »Ihr
+werdet sehen, das Blatt zwischen Thöni und Binia wendet sich. Nur sich
+nicht einmischen und nicht drängen.«
+
+Dem Presi kam eine Verbindung zwischen Thöni und Binia selber nicht mehr
+so unsinnig vor wie damals, als er den Garden wegen des sonderbaren
+Gedankens ausgelacht hatte.
+
+Das Kind blieb dann doch in St. Peter. Sie zu zwingen hatte er aber das
+Herz nicht. Sie war ja noch so jung.
+
+Die Zeit schritt, der Tag kam, wo Eusebi und Vroni, das glückliche Paar,
+Hochzeit hielten.
+
+So ein schönes Fest hatte man in St. Peter noch kaum erlebt. Ein junger
+Verwandter der Gardenfamilie und Binia führten das Brautpaar, und wie
+lieblich war Vroni mit der niedlichen kleinen Krone auf dem blonden
+Haupt, wie hübsch der einst so häßliche Eusebi, wie sah man es ihm an,
+daß das Glück den Menschen verschönt.
+
+Ans Glück dachte Binia am Morgen nach der Hochzeit, da donnerte sie der
+Vater an: »He, das Wildheuerkind ist am Ziel! Aber deinem Spiel schaue
+ich jetzt nicht mehr zu. -- Meinst du, du dürfest um den toten Rebellen
+noch ein paar Jahre greinen. -- Nichts da! Wenn du jetzt deinem Vater
+nach vielem Leid eine Freude bereiten willst, so zankst du dich mit
+Thöni nicht mehr, sondern überlegst ernstlich, ob du nicht im Frieden
+seine Frau werden könntest. Ich habe einen schönen Plan und daran hänge
+ich. Der Bären ist für unsere Gäste zu klein geworden, ich baue drüben
+gegen die Maiensässen hin ein Chalet im Berneroberländerstil, daß es
+mit seinen Balkonen ganz St. Peter überscheint. Und nun meine ich, wenn
+Thöni Direktor und du Frau Direktor des Hotels zur 'Krone' würdest, so
+wäre für dich gesorgt und ich könnte mein Haupt ruhig niederlegen.
+Thöni,« fuhr er fort, »ist aus guter Familie, er versteht das Geschäft
+und ich habe ihn mit der Zeit und namentlich in diesem Jahr lieb
+gewonnen -- er ist lenksam und hört auf mich.«
+
+Das letzte sagte der Presi mit besonderem Nachdruck.
+
+Binia sah den Vater nur noch durch Thränen.
+
+»O, Vater,« stöhnte sie, »mir thun Kopf und Herz weh. -- -- Baue doch
+lieber nicht. -- Denke an die Leute von St. Peter, die uns jetzt schon
+wegen der Fremden im Bären grollen.«
+
+»Ho, mit denen von St. Peter nehme ich es auf,« erwiderte er hart und es
+blitzte so bös aus seinen Augen, daß sie verstummte.
+
+Thöni zankte, wütete, schmeichelte, er weinte vor ihr. »O Bini -- Bini,«
+suchte er sie zu überreden, »wir hätten's so schön zusammen!«
+
+»Thöni, ich nehme den, der mich freut, aber nicht einen, der schon mit
+so vielen Mädchen gelaufen ist.«
+
+Sie sagte es ernst und bekümmert -- sie hatte eine geheime Furcht vor
+ihm.
+
+Doch war die Zeit da, wo Josi nach seinem Versprechen hätte zurückkehren
+müssen. Sie war in fieberischer Erregung, sie stand stundenlang am
+Fenster und schaute auf die Straße in den Herbstsonnenschein, später
+schaute sie in die Schneeflocken und am strahlenden Dreikönigstag sah
+sie, wie die Kinder ihre Häspel mit den drei papiernen Sternen drehten
+und hörte ihren Ruf:
+
+ »Die heiligen drei Könige mit ihrem Stern,
+ Sie kommen von fern und suchen den Herrn!«
+
+So hatte sie als kleines Mädchen neben Josi den Windhaspel getragen und
+sich innig gefreut, wenn die drei Rosen, die gewöhnlich nicht spielen
+wollten, liefen.
+
+Kein Brief kam an Vroni -- kein Lebenszeichen von Josi -- er kam nicht
+und kam nicht. Und zum Neubau fällte man das Holz.
+
+Ja, wenn ihr dummes Köpfchen nur einsehen wollte, daß Josi gestorben
+ist. Mit Entsetzen gestand sie es sich: Sie sah sein liebes, offenes
+Gesicht nicht mehr so klar wie einst. Ihr war, leise und langsam senke
+sich ein feiner Nebel zwischen ihm und ihr und sein Bild weiche in die
+Ferne. Sie streckte die Arme aus nach ihm: »Josi, zeige mir deine
+schwieligen Hände -- ich kann sie mir nicht mehr so recht vorstellen. --
+Josi, lache mit deinem trockenen und doch so herzinnigen Lachen, es
+klingt mir nicht mehr deutlich im Ohr. Mutter! -- Mutter! -- Hilf mir,
+daß ich nicht wanke!«
+
+Und ein Wunder geschah! Für viele Wochen gab Thöni Grieg manchmal sein
+wildes, eifersüchtiges Drängen auf, er schwieg, nur in seinen Augen lag
+etwas Unerklärliches, etwas wie Haß und Drohung.
+
+Er war nicht mehr der schöne Thöni, der lustige Thöni, er war ein
+reizbarer, übellauniger Herr mit einem aufgedunsenen rötlichen Gesicht.
+Sobald der Vater aus dem Haus gegangen war, wurde er nachlässig und
+grob, er kam alle paar Augenblicke aus der Poststube und schenkte sich
+Wein ein. Ein paarmal fanden Frau Cresenz oder Binia auch in der Ablage
+geleerte Flaschen. Und auf ihre Vorhalte grollte er: »Was hat das
+Weibervolk im Bureau zu thun, was geht euch die Poststube an?«
+
+Binia aber liebte die Post, besonders das Telegraphieren, so viel als
+möglich besorgte sie mit flinken Fingern die Depeschen selbst.
+
+»Das ist langweilig,« sagte sie vorwurfsvoll, »daß du immer die
+Schlüssel ziehst. Früher wußte ich alles, was auf der Post ging -- hast
+du so eine Lumpenordnung, daß man nicht mehr hineinsehen darf?«
+
+»Eben, gerade Ordnung habe ich, du Wildkatze,« höhnte er.
+
+»Dann mache doch die Sendungen bereit, die noch liegen!«
+
+»Ich gehe jetzt Revolverschießen,« trotzte er
+
+»Wozu brauchst du einen Revolver?«
+
+»Er ist für solche, die nach St. Peter kommen, aber nicht hergehören,«
+lachte er seltsam.
+
+Binia kam ein fürchterlicher Verdacht, aber sie wagte ihn kaum zu
+denken. »Nein, so bodenlos schlecht ist Thöni doch nicht,« beruhigte sie
+sich selbst.
+
+Im übrigen schoß er, wenn er ausging, nicht immer mit dem Revolver,
+sondern saß ebenso häufig im Wirtschäftchen des Glottermüllers oder bei
+irgend einem hübschen Mädchen.
+
+Frau Cresenz und Binia, Gäste und Dorf sahen es, der schöne Thöni, der
+lustige Thöni, hatte einen Wurm, die einen sagten im Kopf, die anderen
+im Leib.
+
+Zuletzt sah es auch der Presi: »Thöni, du gefällst mir nicht mehr --
+weiß der Kuckuck, was du hast und was mit dir ist.«
+
+»Ich meine, man sollte jetzt einmal bauen, das Holz liegt schon lange
+genug,« gab Thöni mürrisch zurück.
+
+»Natürlich wir bauen jetzt,« antwortete der Presi fest.
+
+Als man den ersten Spatenstich führte, rief er Binia auf seine Stube. Er
+streifte sie mit forschendem, sorgenvollem Blick; dann hob er an:
+»Binia, du verlobst dich jetzt mit Thöni, spätestens im Frühjahr
+heiratet ihr. Ich habe dir Zeit gegeben, eine Wahl nach deinem Sinn zu
+treffen, du hast sie verwirkt. Jetzt befehle ich dir!«
+
+Binia stand totenblaß; mutlos und verschüchtert wagte sie keinen
+Widerspruch.
+
+Man baute, aber im schlechtesten Zeichen. Die Werkleute brachten die
+»Krone« nicht vorwärts. Als hätte Gott selbst einen Zorn darauf, regnete
+und wetterte es im Glotterthal den ganzen Sommer durch und der Presi
+eilte in hundert Nöten zwischen dem Bären und der Baustelle hin und her.
+Zum erstenmal, seit Fremde nach St. Peter kamen, füllte sich der Bären
+nicht. Und er wünschte das Trüpplein von Sommerfrischlern, das da war,
+wieder nach Hospel zurück und weiter. »Herr Präsident,« fragten sie Tag
+um Tag und jede Stunde, »glauben Sie, wir bekommen bald schönes Wetter?«
+-- »Ich weiß es nicht. In hundert Jahren kann der Sommer ja auch im
+Glotterthal einmal herzlich schlecht sein.« Mit verhaltener Wut sagte er
+es. Die Maulaffen! Wer litt mehr unter dem schlechten Wetter als er.
+
+Und zum erstenmal waren die Fremden mit dem Bären nicht zufrieden. »Der
+Herr Präsident ist mürrisch,« klagten sie, »Herr Grieg, der früher so
+jovial war, unaufmerksam und grob. Frau Cresenz lächelt so seelenlos wie
+ein Automat. Und Binia, die alpige Rose, hat alle Schelmerei verloren
+oder dann zuckt sie so heftig und seltsam heraus, daß es wie ein Lachen
+im Fieber ist.«
+
+Die Freier blieben aus. Nur einer wandte sich noch an sie, ein junger
+stiller Gelehrter.
+
+Er hatte ihr die paar Blumen gebracht, die trotz dem schlechten Wetter
+an den Bergen gewachsen waren, aber sonst eine große Zurückhaltung gegen
+sie beobachtet. Am Abend, bevor er abreiste, erst nahm er ihre Hand:
+»Fräulein Waldisch -- Binia,« sagte er tief bewegt, »diese Hand ist zu
+klein und zu mollig für Ihr rauhes Bergthal. -- Kommen Sie mit mir in
+die Stadt -- ich liebe Sie -- werden Sie meine Braut -- meine herzliebe
+Frau.« -- --
+
+Es war so ein gediegener Mann und redete so warm.
+
+Binia wurde dunkelrot und ihre Hand zitterte: »Herr Doktor!« Sie senkte
+das Köpfchen. »Ich passe nicht in die Stadt, ich kann ja kaum recht
+lesen und schreiben und bin ein schlichtes Bergkind.«
+
+Da drang er heiß in sie: »O Binia! für mich ist das genug -- ich bin
+selbst ein einfacher Mann. Was Sie an Wissen nicht haben, das ersetzen
+Sie mir hundertmal mit Ihrer sonnigen Natürlichkeit, mit Ihrem klugen
+Auge, mit der Wärme Ihres Gemütes. Ich habe eine liebe alte Mutter
+daheim -- sie ist auch schlicht und kann keine überbildete Tochter
+brauchen.«
+
+Bei dem Wort »Mutter« begann Binia zu schluchzen. Eine Mutter! In ihrem
+Leben noch einmal eine Mutter. Das war ein stürmischer Angriff.
+
+»Die oberflächlichen Leute meinen,« fuhr der junge Mann fort, »Sie seien
+nur ein überaus gescheites, allerliebstes Naturkind, aber ich will es
+Ihnen sagen: Sie sind ein großes, liebeheischendes, heißes Herz -- und
+wenn ich Sie verstanden habe, wenn Sie es sind, Binia, so gehen Sie um
+Ihres eigenen Glücks willen nicht kalt an mir vorbei. Darf ich mit dem
+Herrn Präsidenten reden?«
+
+Wie die Männerstimme zitterte!
+
+»Nein -- nein -- Herr Doktor, nein,« erwiderte sie angstvoll, »ich ehre
+Sie -- ich will Ihnen ein Geheimnis verraten -- ich bin verlobt.« -- --
+
+Da ging der junge Mann in tiefer Trauer. Er schrieb ihr aber später:
+»Ich weiß, was ich verloren habe, Sie einzige -- tausend-, tausendmal
+Glück!«
+
+Ueber diesen Brief weinte sie bitterlich. Sie wußte es, sie hätte froh
+werden können mit dem Manne. Und, seine Hand wäre Rettung vor Thöni
+Grieg gewesen.
+
+Wozu diese wahnsinnige Treue für Josi? Das fünfte Jahr erfüllte sich
+jetzt bald, daß er fortgegangen war.
+
+Tiefen Kummer bereitete ihr die durch das schlechte Sommerwetter
+entstandene Stimmung im Dorf.
+
+Wenn man nur mit dem Vater reden, ihn warnen dürfte, aber er ist wie ein
+Pulverfaß. Man darf nicht an ihm rühren. Alles muß sich vor ihm drücken.
+Thöni -- Frau Cresenz -- am meisten sie selbst: »Bini,« donnert er sie
+an, »Gott's Hagel -- ich mache das Wetter nicht, lasse mich mit den
+Kälbern im Dorf in Ruh'.«
+
+»Binia,« sagten die von St. Peter, »Ihr seid ja lieb und gut, aber wir
+wollen nichts aus dem Bären, es klebt Unglück daran,« und einige Weiber
+erklärten es frei heraus: »Kommt uns nicht mehr ins Haus. Wenn Ihr schon
+so lieb lächeln und reden könnt, mit Euren dunklen Augen seid Ihr doch
+eine Hexe und der Bären ist das Unglück von St. Peter.«
+
+Eine furchtbare Zeit war gekommen. Immer lagen Nebel an den Bergen; wenn
+die Sonne am Morgen auch ein wenig schien, so donnerten am Nachmittag
+doch wieder die Gewitter, und wenn sich die Wolken ein wenig lichteten,
+sah man neue Runsen an den Bergen. Die oberen Alpen wurden spät
+schneefrei, ehe das Gras gewachsen war, deckte sie schon wieder Schnee,
+ein früher Reif vernichtete die Ernte und am Glottergrat rückte der
+Gletscher vor. Die Wildleutlaue rüstete sich!
+
+Not herrschte bei Menschen und Vieh, ein Angstgefühl legte sich über das
+Dorf, als dürfe es nie mehr auf bessere Zeiten hoffen, und der gräßliche
+Kaplan Johannes, der wieder von Fegunden heraufgekommen war, verließ St.
+Peter nicht mehr.
+
+Binia wußte es. Dieser Wahnsinnige lebte fast nur von dem Haß gegen den
+Vater, der ihn vor Jahren hatte aus der Gemeinde treiben lassen. Er
+wühlte und hetzte im Dorf mit den dunkelsten Künsten des Aberglaubens.
+Entsetzlicher noch! Der böse Narr hatte seine Begierde auf sie geworfen.
+Sie fürchtete ihn wie die Taube den Habicht; seit er ihr letzthin
+zugerufen: »Jungfer, merkt Ihr, wie mein Korn reif wird?« zitterte sie
+vor ihm und ahnte schwere Ereignisse.
+
+Gewiß trieb der dämonische Kaplan die von St. Peter zu einer thörichten
+That, um in einer Stunde der Verwirrung seine düstere Seele an den
+Bildern erfüllter Rache zu ergötzen.
+
+Ein ungeheuer peinlicher Vorfall, von dem zum Glück der Vater selbst
+nichts erfuhr, trat dazu.
+
+Eine fremde vornehme Dame, die mit ihrem Hund hergekommen war,
+verlangte, daß man das Tier wie einen Gast bediene. Thöni, der Thor,
+der sich in das Gesicht der Dame vergaffte, gab es zu, allerdings nur in
+einem besonderen Zimmer. Die Mägde hatten zu dem Hund »Guten Tag, Herr
+Walo!« zu sagen, wenn er auf den Stuhl sprang, ihm ein weißes Tuch
+vorzubinden und dann je auf besonderem Teller fünf Gerichte vorzulegen,
+zuletzt wie zu einem Gast zu sprechen: »Wünschen wohl gespeist zu haben,
+Herr Walo!« und die Dame überwachte die Bedienung ihres Viehes.
+
+Mit flammendem Gesicht schaffte Binia Ordnung, aber die Mägde
+schwatzten, und nun lief die Geschichte im Dorf.
+
+»Jetzt, wo wir und unser Vieh Mangel leiden,« staunten die Leute
+entsetzt.
+
+Kaplan Johannes trug die Erzählung von Haus zu Haus: »Merkt ihr,« fragte
+er, »aus dem Wetter nichts? Geht nach Hospel, dort sind sie froh über
+den Regen, der dann und wann fällt. Merkt ihr nichts?«
+
+»Wohl, wohl!« erwiderten die Dörfler, »die armen Seelen wollen die
+todsündige Völlerei im Bären nicht, sie wollen den Neubau nicht, die
+Zwingburg, die uns hudlig machen soll. In den fürchterlichen Wettern
+geben sie uns ihre Zeichen.«
+
+»Wir sind ja schon hudlig,« antworteten andere ingrimmig: »die drei
+Kleinsten Bälzis stehen am Weg und strecken den Fremden die Hände um
+Almosen hin. Die Haushaltung hat nichts zu beißen und zu brechen. Und
+noch viele müssen vor Elend auch zu betteln anfangen. Das ist das Werk
+des Presi.«
+
+Der Garde mahnte zur Ruhe, der Pfarrer predigte gegen den Aberglauben
+und wies seiner Herde in Chroniken nach, daß es auch früher schon so
+schlimme Jahre gegeben habe.
+
+Die Dörfler aber schrieen ihm zu: »Pfarrer, Ihr hütet die heilige
+Religion nicht. Wißt ihr es nicht? Der Presi will in dem Neubau heimlich
+eine Kapelle für die Ungläubigen einrichten, wie eine zu Grenseln steht,
+und wenn Ihr nicht helft, müssen wir selbst Ordnung schaffen. Wir sind
+nicht gewaltthätig und den Fremden wollen wir nichts thun, aber
+wenigstens den Neubau dulden wir nicht.«
+
+»Man muß mit dem Presi in Güte reden!« meinten einige Ruhige, wie der
+Fenken- und der Bockjeälpler.
+
+»Wenn wir das thun,« erwiderten aber die anderen, »sind wir verloren. --
+Er ist ein alter Fuchs, er weiß schon, wie er zu sprechen hat, daß
+keiner von uns mehr etwas sagen kann.«
+
+Der Glottermüller hatte mit seinem Wirtschäftchen gute Zeiten, aber auch
+in den eigenen Stuben sammelten sich da und dort die Dörfler.
+
+»Wir müssen es hinter den Garden stecken,« meinten sie, »er kommt dem
+Presi am ehesten bei. Der Glottermüller muß mit ihm gehen. Der Kaplan
+Johannes auch.«
+
+Der Garde seufzte, als Bauer um Bauer in seine Wohnung kam und ihm
+zuredete, daß er Vermittler zwischen der Gemeinde und dem Presi werde.
+»Ich bin nicht mehr sein Freund!« erklärte er. -- »Aber Ihr seid der
+Garde!« drangen sie in ihn. -- »Dann gehe ich allein,« sagte er. --
+»Nein, wenigstens einer muß mit,« erwiderten sie, »damit der Presi
+spürt, daß es Ernst gilt.«
+
+Nach gewaltigem Sträuben fügte sich der Garde in den sauren Gang und
+darein, daß der Glottermüller ihn begleite.
+
+Es war im Herbst und nach vielen Wochen der Verdüsterung stand der
+Himmel in reinem Blau, nur hingen an der Krone so drohende Wächten, wie
+man sie niemals zuvor gesehen. Durch das Dorf flog es von Mund zu Mund:
+»Schaut, seit die Fremden fort sind, ist der Himmel uns wieder
+wohlgesinnt.«
+
+Würdig empfing der Presi die beiden Abgesandten von St. Peter, würdevoll
+wie ein König antwortete er ihnen, sich mit der Hand auf sein Pult
+stützend: »Ihr Männer von St. Peter. Meint ihr, daß ich die Gemeinde
+weniger lieb habe als ihr? -- Aber in einer thörichten Sache lasse ich
+mich nicht von euch zwingen. Wir sind alle freie Männer. Wir beugen uns
+vor nichts als vor den Ueberlieferungen unserer Väter und den Gesetzen
+des Landes. Ueberlieferung und Gesetz ist aber, daß jeder bei uns frei
+bauen darf, wie er will. Ich habe kein minderes Recht als ihr, der Bären
+und die Krone stehen unter dem Schutz des Gesetzes, der das Eigentum
+heiligt. Wer daran rührt, ist dem Gericht verfallen. Nicht anders ist es
+mit den Fremden, die ins Thal kommen. Sie sind nicht, wie ihr meint,
+vogelfrei, sie stehen unter dem Schirm mächtiger Verträge. Wehe dem, der
+die verletzt! Und also habe ich eine gerechte Sache, wenn ich ein neues
+Haus aufschließe und Gäste darein führe, und ich will es euch beweisen,
+daß ich euerm ungerechten Verlangen nicht nachkomme. Thöni -- Binia!«
+
+»Presi, seid barmherzig,« bat der Garde, »sonst gerät die Gemeinde ins
+Unglück. Was Ihr sagt, ist wohl wahr -- aber es ist nicht gut -- es ist
+nicht gut.«
+
+Scheu kam Binia geschlichen, sie konnte den Garden fast nicht ansehen,
+Thöni aber erschien wie ein großer Herr.
+
+»Thöni Grieg und Binia Waldisch,« wandte sich der Presi stolz und
+feierlich an die beiden, »vor der Gemeinde St. Peter verlobe ich euch,
+auf daß ihr in Frieden und Glück das neuerbaute Haus zur Krone führt.
+Binia, hole mir Bissen und Wein, daß ich sie euch reiche.«
+
+Sie zitterte. Wie im Verscheiden sagte sie: »Nein -- ich kann nicht,
+Vater.«
+
+Da wurde er kreideweiß: »Du Elende!« knirschte er mit einem
+entsetzlichen Blick der Wut, »vor der Gemeinde machst du mich zu
+Schanden -- möge Gott dich dafür schlagen!«
+
+Der Glottermüller verlor seine Haltung und quiekte mit seiner hohen
+Weiberstimme: »Das ist ja abscheulich! Ich gehe, lebt wohl!«
+
+»Ja,« bebte die Stimme des Presi, »sagt es dem Dorfe nur, was für eine
+Ungeratene ich zum Kinde habe.«
+
+Da nahm der Garde die Hand des Presi und mit Thränen in den Augen sprach
+er: »Gewaltthat auf Gewaltthat! -- Sünde auf Sünde -- Presi! alter
+Freund -- muß ich es wirklich erleben, daß Ihr Euch selbst, Euer Kind,
+Euer Haus, das ganze Dorf zusammenschlagt!«
+
+»Was, alter Freund?« erwiderte der Bärenwirt kalt und hohnvoll, »einer,
+der es mit den Kälbern hält, -- ein Tropf seid Ihr, Garde!«
+
+»Alte Männer schlagen sich nicht. -- Ihr schlagt Euch selbst.«
+
+Der Garde keuchte es, er ging und in einer Ecke lag Binia, das Häuflein
+Unglück.
+
+Am anderen Tag aber flog die Kunde von Mund zu Mund: »Nun hat sich Binia
+doch mit Thöni Grieg verlobt.« Schreckliche Gerüchte waren im Umlauf.
+Drei Stunden sei der Presi auf dem Boden gelegen und habe mit Armen und
+Beinen ausgeschlagen. »Ich kann nicht mehr leben. Mein Kind hat mich vor
+der Gemeinde zu Schanden gemacht.« Da habe sich Binia auf ihn geworfen
+und verzweifelt gerufen: »Vater -- lebe! -- ich will Thöni nehmen!«
+
+Der Presi hatte den Sieg über sein Kind und die Abgeordneten
+davongetragen, aber der Bären lag in Acht und Bann, furchtbare Erregung
+und Empörung gegen ihn herrschte im Dorf.
+
+So kommt der Winter, ein verkehrter Winter! Es fällt viel Schnee, aber
+er hält nicht. Die Lawinen donnern Tag um Tag und ihre Luftstöße
+erschüttern die Hütten. Jetzt tritt endlich bittere Kälte ein. Da
+geschieht ein schreckliches Wunder. Eine Windsbraut fährt über die
+Krone, sie wirbelt den Firnenschnee wie Gewitterwolken auf, die Wolken
+verfinstern das Thal, sie sausen herab, sie drehen sich und prasseln
+aufs Dorf. -- Die Glocken läuten.
+
+»Wohl denen, die tot sind,« schreien die Leute. »St. Peter geht unter --
+die armen Seelen ziehen aus -- für die Zeit, die uns bleibt, haben wir
+noch genug zu essen, und daß unser armes Vieh an Seuchen stirbt, kann
+nichts mehr schaden.«
+
+Da schleicht ein Wort heimlich durch das geängstigte St. Peter, das Wort
+»Ahorn!« Wo sich zweie treffen, redet der eine geheimnisvoll von hundert
+Dingen, bis er unauffällig das Wort »Ahorn« ins Gespräch mengen kann.
+»Ahorn!« erwidert der Angeredete feierlich. Außer dem Garden, den man
+immer noch einer alten Freundschaft für den Presi verdächtig hält, dem
+Pfarrer und einigen anderen, denen man nicht traut, ist ganz St. Peter
+in einem geheimen Bund, dessen Mitglieder sich im Wort »Ahorn« erkennen.
+Wer die Losung spricht, weiß es: Im Namen der armen Seelen muß der
+Bären, das Sündenhaus, fallen und der Neubau zerstört werden. Es giebt
+sonst keine Rettung für das Dorf. Wen das schreckliche Los trifft, der
+muß den Bären und die Krone anzünden. Sonst ihm selbst »Ahorn«. Es giebt
+keinen Verräter im Bergland. Sonst auch ihm »Ahorn«. Wer es aber thut,
+der soll, auch wenn er dem Gericht in die Hände fällt, in der Gemeinde
+nicht ehrlos sein, sondern alle anderen sollen für seinen Haushalt
+einstehen.
+
+Was die von St. Peter thun wollen, ist aber so fürchterlich, daß sie
+selber davor zurückbeben. Sie losen noch nicht, erst zu äußerst soll es
+geschehen -- gerade ehe die Fremden wieder erscheinen.
+
+»Ahorn« und Wildleutlaue! So kommt der Frühling.
+
+Der Presi und Thöni sind nach Hospel geritten. Am offenen Fenster steht
+im Abendsonnenschein Binia und träumt. Ihre Wänglein sind bleich, die
+Augen noch dunkler und größer als früher. Auf dem Kirchhof sprießt das
+erste flaumige Grün und auf dem Kirschbaum, der sich bräutlich schmückt,
+flötet eine Amsel.
+
+Eine Amsel. -- Sie denkt an Santa Maria del Lago. -- Jetzt ist sie
+selbst der gefangene Vogel, aber keine barmherzige Hand kommt und
+schneidet sie aus dem Netz.
+
+Josi, dessen Bild ihr so gräßlich entschwebt ist, steht wieder in
+Klarheit vor ihr.
+
+Die Reue wütet in ihrer Seele. In einer augenblicklichen Wallung des
+kindlichen Gefühls hat sie dem Vater das Opfer gebracht, daß sie sich
+mit Thöni verlobte. Ist der Vater des Opfers wert? -- Nein, wie könnte
+er sonst die Freundschaft mit Thöni halten, dem Schuft.
+
+Und der Vater ist ein Thor. Die Gier Thönis wehrte sie ab, da kam er
+gerade, allerdings nicht ganz nüchtern, dazu. Thöni ließ sie los, da
+lachte der Vater glückselig. »Haltet euch nur, Kinder, vor mir braucht
+ihr nicht so scheu zu thun.« Und Thöni überredet den Vater, heimlich sei
+sie gar nicht leid zu ihm. Sie aber hat es noch nie dazu gebracht, Thöni
+nur den kleinen Finger zu strecken oder sich eine Berührung von ihm
+gefallen zu lassen. Allein an den mißverstandenen Augenblick, an Thönis
+Vorspiegelungen klammert sich der Vater und betäubt sein schlechtes
+Gewissen.
+
+Ob er nun glücklich ist? -- Nein, er ist ein armer, armer Mann! Er fällt
+aus den Kleidern, er beginnt zu ergrauen, er lächelt wohl darüber, daß
+kein Mensch den Bären betritt, aber der Haß des Dorfes peinigt ihn, die
+Beleidigung, die er dem Garden angethan hat, tötet ihn fast.
+
+Er könnte ein herrlicher Mann sein, das Dorf würde an ihm hangen, aber
+die Welt mag sterben, er setzt seinen eigenen Willen durch.
+
+Und sie -- und sie -- dieses viel zu starken Vaters Kind -- sie ist
+schwach geworden -- nach unsäglicher Treue doch treulos.
+
+Wie sie als Kind gethan, wenn sie hilflos war, beißt sie in die Finger
+und schaut mit großen traurigen Augen in die sonnige Frühlingswelt.
+
+Da rennen Leute die Straße daher und kreischen: »Es ist ein Toter
+auferstanden -- Josi Blatter, der Rebell!«
+
+Sie schreit auf -- sie fällt in die Kniee, sie flüstert: »Er lebt!« und
+vor ihr versinkt die Welt.
+
+
+
+
+XV.
+
+
+Geheimnisvoll, wie er gegangen war, kam Josi Blatter!
+
+Durch den Donner der Lawinen, durch den rauschenden Föhnsturm des Märzen
+schritt er am Spätnachmittag von der Schneelücke herunter.
+
+Lange bevor er St. Peter erreichte, hatte man im Dorf den einsamen
+Wanderer bemerkt. »Ein Mann, ein Tier oder ein Gespenst!« rieten die
+Leute und waren eher geneigt, an etwas Wunderbares als an etwas
+Natürliches zu glauben. Was für ein Christ konnte um diese Zeit der
+höchsten Gefahr über die Schneelücke steigen, an der selbst im
+Hochsommer hundertfache Gefahren lauern. Der Wanderer aber schritt
+unentwegt näher und sprach zu den verwundert Spähenden und Harrenden:
+»Grüß euch Gott,« gerade wie es die zu St. Peter sprechen.
+
+»Alle Heiligen. -- Das ist Josi Blatter -- das ist der Rebell!« Die
+Frauen und Kinder bekreuzten sich, man hörte ängstliche Stimmen: »Ist er
+lebendig oder tot?« und die abergläubisch Erschrockenen fuhren zurück.
+
+Er mußte wohl lebendig sein, wie er in Nagelschuhen, den Rucksack über
+die Schultern gehängt, den eisenbeschlagenen Bergstock in starker Hand,
+so fest und gelassen kam. Es war, als wolle er gerade zum Kirchhof
+gehen, und in scheuer Entfernung folgten ihm die Dörfler: »Der ist jetzt
+ein schöner Mann geworden!« meinten einige. Er aber wandte sich um.
+»Bäliälplerin, wißt Ihr, welche Nummer das Grabscheit meiner seligen
+Schwester Vroni hat? Ich möchte für sie beten.«
+
+Alle, die es hörten, schrieen auf und wichen zurück. Der junge Peter
+Thugi nur grüßte ihn herzlich: »Josi, was denkst du? Deine Schwester
+Vroni ist nicht gestorben, sie ist ganz gesund, tritt nur ins Haus des
+Garden.«
+
+Josi wankten die Kniee; als ob er stürzen wolle, pflanzte er sich an den
+Bergstock. Er konnte nicht reden.
+
+Jetzt sind sie vor der Wohnung des Garden. »Lebe wohl, Josi!« sagt Peter
+Thugi. Der murmelt aber nur finster: »Warum hat mir der Garde das
+gethan?«
+
+»Josi Blatter, der Rebell, ist auferstanden!« tönt es wie Feuerruf durch
+das Dorf, halb St. Peter sammelt sich vor der Wohnung des Garden.
+
+Er sitzt mit der spinnenden Vroni in der Stube. Da sieht er den Auflauf.
+Im gleichen Augenblick pocht es an der Thüre und Vroni öffnet.
+
+»Josi! -- Alle Heiligen -- Josi!« Mit blutleeren Wangen weicht sie
+zurück -- dann stürzt sie wieder vorwärts und umhalst ihn jubelnd und
+weinend. »Du lebst, Josi, -- du lebst!« Allein der Ankömmling bleibt an
+der Schwelle stehen, stellt den Bergstock nicht an die Wand, legt den
+Rucksack nicht ab, und als der Garde ihm entgegengeht und sagt: »Komm
+doch herein, Josi,« da bleibt er noch wie angewurzelt unter der Thüre.
+»Ja, darf ich?« fragt er gedrückt. »Lange eng machen will ich euch
+nicht. Ich weiß jetzt, daß ich überzählig bin.«
+
+Finster und wankend steht er an der Thüre: »Ehe ich eintrete,« preßt er
+hervor, »muß ich doch fragen, wie Ihr mir habt so einen Brief schreiben
+können, Garde. Vroni lebt und ist nicht tot! -- O Vroneli, du lebst --
+du lebst!« Er will sie umarmen, aber sie tritt zurück und schlägt die
+Hände über dem Kopf zusammen.
+
+»Mutter Gottes, was Josi redet,« jammert sie. »Ich gestorben und der
+Vater einen Brief? -- Josi, hat dir die fremde Welt das Hirn verrückt?«
+Ihre Augen nehmen einen schreckhaften Ausdruck an.
+
+Der erste, der sich in der grenzenlosen Verwirrung faßt, ist der Garde:
+»So komm doch herein, Josi,« redet er ihm freundlich zu, »wir wollen
+über alles im Frieden reden. Vroni, jetzt hole zu essen und zu trinken,
+mit dem Wiederfortgehen drängt es gewiß nicht, Josi.«
+
+Der sitzt nun am Tisch und schluchzt in die Hände: »Vroni lebt!«
+
+Der Garde ist tief erschüttert. »Ein Brief -- ein Brief! sagst du,
+Josi.« Er langt in ein Schubfach des Buffert. »Da ist auch ein Brief,
+aus dem wir nicht klug geworden sind.« Josi schaut auf -- er dreht und
+dreht den Brief in zitternden Händen. »Vor vier Jahren! Da war ich
+allerdings in der Gegend von Srinigar! Vor zweien noch. Auch die Cholera
+war dort. Ein paar hundert hat man alle Tage verscharrt. Es ist
+abscheulich drauf und drunter gegangen. Da hat mich vielleicht die Post
+nicht gleich gefunden und hat geglaubt, ich liege auf dem Karren. Solche
+Dinge sind in der großen Verwirrung vorgekommen, viele Angestellte der
+Post sind gestorben, es hat neue gegeben, und die waren nicht immer
+zuverlässig. So ist ein Irrtum denkbar.« Er wirft einen Blick in den
+Brief: »Und Binia hat das Wort von den Vögeln geschrieben: 'Laß die
+Hoffnung nicht fahren.'« Er erbebt.
+
+Vroni ist mit dem Hospeler, dem Brot und Rauchfleisch zurück, sie deckt
+den Tisch mit weißem Linnen und der Garde sagt, indem er dem jungen
+Manne noch einmal die Hand schüttelt: »Josi, gottwillkommen, ich merke
+schon, es ist viel aufzuklären.«
+
+Die Geschwister, von denen eines geglaubt, das andere sei tot, umarmen
+sich wieder und wieder: »Josi, du lebst« -- »Du lebst auch, Vroni!«
+
+Plötzlich sagt Josi: »Aber wie so lange kein Brief gekommen ist, hab'
+ich doch wieder einen gesandt. Darauf ist Euer Brief, Garde, gekommen,
+und ich habe Euch noch zweimal geschrieben, aber keine Antwort erhalten.
+Ich verstehe die Welt nicht mehr.« Er langt in die Brusttasche. »Da ist
+Euer Brief, Garde!«
+
+Der Garde liest, wird bleich, wird rot und wieder bleich: »Nicht selig
+werden will ich, wenn ich das geschrieben habe, so gotteslästerliche
+Dinge -- schau! -- schau! -- Vroni!«
+
+Und sie liest:
+
+»Lieber Vögtling Josi! In gar großer Betrübnis melden wir Dir, daß das
+gute, liebe Vroneli nach langem Leiden gestorben ist. Eine Kuh hat es im
+Winter sehr unbarmherzig auf das Herz geschlagen. Es hat sich zu unserem
+großen Leidwesen legen müssen und nimmer mögen genesen. Aber Deinen
+Brief hat es noch mit mageren Händchen gehalten und sich noch auf dem
+Todbett daran gefreut. Es ist so traurig, daß ich nicht alles schreiben
+mag. Auch sonst geschieht nichts Gutes in St. Peter. Du hast damit, daß
+Du auf die Krone gingest, ein großes Unglück angestellt. Kein Frieden,
+keine Ruhe ist mehr in der Gemeinde! Sei froh, daß Du fort bist! Die
+Bini hält in vierzehn Tagen Hochzeit mit Thöni Grieg. Wer hätte gedacht,
+daß sie den Fötzel nehme! Aber der Presi hat es halt wollen. Und das
+Vroneli hat noch am Tag, wo es gestorben ist, gesagt, es sei ihm recht,
+daß es die Hochzeit nicht mehr erlebe, es hätte keine Freude daran wegen
+Dir. Es hat Dich noch tausendmal grüßen lassen. Du sollst für die Selige
+beten. Lebe wohl, Josi, und tröste Dich! Auf Wiedersehen kann ich nicht
+sagen, denn Du wirst jetzt wohl nie mehr nach St. Peter kommen. Hans
+Zuensteinen, Garde.«
+
+Vroni schaudert vor Entsetzen. Der Garde läuft wütend hin und her:
+»Merkst du nicht, wer den Brief geschrieben hat, Vroni?« Er nimmt ihn
+wieder. »Gerade meine Buchstaben sind es im Anfang, aber zuletzt sind es
+andere.« Er wühlt mit zitternden Händen im Buffert. »Da ist noch etwas
+Geschriebenes von Thöni Grieg. -- Da schau, schau! -- Da am Ende hat es
+von seinen Buchstaben -- du unseliger Hund! -- Thöni, du unseliger Hund.
+-- Und du nennst dich nur Fötzel -- und bist so ein Schuft!«
+
+Josi schluchzt: »Ich habe nicht auf die Buchstaben gesehen, mich hat der
+Brief halt gerade so angetönt, als ob er von Euch wäre -- ich habe so
+viele Thränen darauf vergossen. Thöni -- das hast du mir gethan! -- Und
+Bini ist gewiß auch nicht sein Weib.«
+
+Da öffnet sich die Thüre ein wenig, man hört draußen Eusebis gedämpfte
+Stimme. »Schau nur schnell, Bini -- er ist wirklich und wahrhaftig da --
+aber zittere nicht so!«
+
+Ein Schrei, wie wenn eine Saite sich zerfasert und springt: »Josi!«
+Binia fällt an der Schwelle nieder, sie stößt gegen die Thüre und diese
+öffnet sich breit.
+
+Josi macht eine taumelnde Bewegung gegen Binia. »Bineli!« schreit er in
+seliger Freude, aber er fährt zurück, tonlos stammelt er: »Sie trägt
+doch einen Ring!« Er ruft: »Geh fort, Bini, geh fort -- ich halte es
+nicht aus -- ich kann dich nicht ansehen -- -- fort, fort -- Frau Thöni
+Grieg!«
+
+Eine Welt voll Elend liegt in den abgerissenen Worten. Vroni müht sich
+um die Gestürzte und begleitet sie aus dem Haus.
+
+Der Garde nimmt Eusebi beim Rockärmel: »Wie hast du auch Bini
+hereinbringen können,« knurrt er wild.
+
+»Wir haben Sägeträmmel in der Glotter geflößt, da kommt ein Bub Bälzis
+gesprungen: 'Josi Blatter ist wieder in St. Peter!' Ich renne heim, wie
+ich vor das Haus komme, stehen die Leute da -- mitten unter ihnen wie
+eine arme gestorbene Seele Binia. Sie nimmt meine Hände. 'Ich komme
+gerade von daheim, ist es wahr, ist Josi da?' Ein Stein hätte sich ihrer
+erbarmen müssen. Und gebettelt hat sie: 'Laß mich nur durch die
+Thürspalte lugen wie er jetzt ist.' Ihr hättet auch nicht widerstehen
+können, Vater!«
+
+Der Garde knurrt wieder etwas, Eusebi hört es nicht mehr. Er hat sich zu
+Josi gewandt: »Josi -- Schwager -- lieber Schwager.«
+
+»Ja so -- du bist es, Eusebi!« stammelt Josi. »Dich habe ich nicht
+gleich wieder erkannt. Was bist auch für ein Mann geworden -- und ich
+habe dich immer noch im Gedächtnis gehabt, wie du so ein blöder Bub
+gewesen bist!«
+
+»Schwager!« wiederholt Eusebi.
+
+»Wie rufst du mir! -- 'Schwager?' -- das ist eine spaßige Welt.«
+
+»Du weißt noch nicht, daß Vroneli meine Frau ist -- meine liebe, herzige
+Frau.«
+
+»Eusebi, was sagst -- Vroni, deine Frau!« Josi stürzt von einer
+Ueberraschung in die andere.
+
+»Und du weißt noch nicht,« sagt Eusebi, »daß wir ein so liebes, herziges
+Kind haben, komm und beschau's!«
+
+Der Glückliche zieht den von allem Neuen auf den Kopf geschlagenen Josi
+in die Nebenstube: »Siehst, da liegt es und schläft und weiß nicht, daß
+du gekommen bist. Es ist jährig, und weil es gesund ist, so schläft es
+bei allem Lärm.«
+
+»Wie heißt es?« fragt Josi.
+
+»Joseli heißt es wie du und dir zu Ehren.«
+
+»Joseli heißt es und mir zu Ehren,« wiederholt er wie in tiefem Traum.
+
+Der Kleine in seinem Bettchen wimmert, erwacht; wie er den Vater sieht,
+streckt er lachend die Aermchen, und Eusebi nimmt den Kleinen liebkosend
+auf den Arm: »Joseli!«
+
+»Schwager!« sagt er, »wie mich das freut -- wie mich das freut, daß du
+wiedergekommen bist. Vroni hat so viel getrauert um dich, jetzt mein'
+ich, ist sie dann erst recht glücklich mit mir, weißt, das ist eine
+Frau, wie die Fränzi selig, wie deine Mutter -- o so himmelgut.«
+
+Wie die beiden Männer wieder in die Wohnstube treten, ist Vroni, die
+junge Frau, eben von der Begleitung Binias zurückgekehrt und auf einen
+Stuhl gesunken. Mit gefalteten Händen spricht sie: »Bini ist
+heimgegangen -- aber was jetzt geschieht, weiß Gott!«
+
+Da kommt die Gardin mit den Knechten und Vroni ist glücklich, wie die
+Mutter Josi herzlich begegnet: »Tausend, was für ein schöner Mann Ihr
+seid! Einen so braunen Bart! So freie Augen! Hochgewachsen und stark.
+Und die häßliche Narbe sieht man nicht mehr.« Sie schüttete einen ganzen
+Korb voll neugieriger Fragen vor ihm aus.
+
+Der Garde sagt aber ernst: »Ich gehe noch ins Dorf, es muß in der ersten
+Frühe ein zuverlässiger Bote nach Hospel auf die Post! Schweigt zunächst
+über die Briefe, St. Peter ist schon halb toll, wird noch das Verbrechen
+Thönis bekannt, so haben wir den offenen Aufruhr gegen den Bären.« Er
+geht und die unaufschiebbaren Abendarbeiten, welche Eusebi und die
+Gardin in Anspruch nehmen, fügen es, daß die Geschwister allein sind.
+
+Leise sänftigen sich die Wogen des überraschenden Wiedersehens.
+
+Josi sitzt am Tisch und weint still vor sich hin. Der Sturm hat ihn
+überwältigt.
+
+Da streichelt ihn Vroni und fragt: »Wie hast auch den Heimweg wieder
+gefunden, Josi, nach mehr als fünf Jahren?«
+
+Mit geröteten Augen schaut er auf: »Ich will es dir nur bekennen,«
+erzählt er, »ich wäre nicht wieder gekommen, hätte mich Felix Indergand
+nicht mit Gewalt zurückgeschleppt. Wie zwei Brüder haben wir zusammen
+gelebt. Wenn ich fast umgekommen bin vor Weh, daß du gestorben seiest,
+und Binia an mir so schlecht gewesen ist, so hat er manchmal meine Hand
+genommen und so warm geredet, daß ich ganz tröstlich geworden bin. 'Was
+willst im fremden Land freudlos leben?' sagte der gute Felix, 'kreuzige
+dich nicht so stark, Untreu' ist schon vielen geschehen.' Und wenn ich
+von dir, Vroni, erzählt habe, sagte er: 'Gerade so ist die Beate, mein
+liebes Schwesterkind zu Bräggen.' Und er meint, ich soll sie um ihre
+Hand fragen. Er drängte mich. Und nun, Vroni, gab ich ihm ein
+Versprechen, das mich reut, aber wenn man keinen lieben Menschen auf
+dieser Welt mehr zu haben meint, thut man einem guten Freunde viel zu
+Gefallen. Jedes Jahr am Fridolinstag fährt das Mädchen von Bräggen in
+die Stadt zu seinem alten Oheim, dem Chorherrn Fridolin Indergand, um
+ihm als Patenkind Glück zu wünschen. Also auch morgen. Und ich muß
+ohnehin in die Stadt gehen, um nachzusehen, ob mein Geldlein richtig auf
+die Bank angewiesen worden ist. Da kann ich sie sehen, ohne daß sie vom
+Plan weiß. Sie muß in Hospel übernachten. Doch ist mir so sonderbar! Ich
+hätte schon vor drei Tagen in St. Peter sein können, aber ich meinte:
+'Nur geschwind beten auf den Gräbern und durch das Dorf laufen.' -- Und,
+Vroni, um die Beate kümmere ich mich nicht -- ich kann nicht -- sieh,
+wer von Bini ein Reiflein hat, der hat keine andere mehr lieb! Immerhin
+will ich dem Freund das Versprechen halten.«
+
+So berichtete Josi.
+
+»Schon morgen willst du wieder fort, Josi, Herzensbruder? Sei nicht so
+bitter, glaube mir, Binia hat gräßlich um dich gelitten. Sie ist zu der
+Verlobung mit Grieg gezwungen worden.« Und in fliegenden Zügen schildert
+ihm Vroni die Ereignisse der Zeit.
+
+»Sie hat gräßlich gelitten um mich.« Tonlos sagt es Josi und weint.
+
+»Daß ich auch so flennen muß,« stammelt er, »es ist ja eine Schande,
+wenn ein Mann greint, aber ich kann mich nicht wehren -- ich flenne vor
+Freude, weil es dir so gut gegangen ist, Vroni, -- wer hätte gedacht,
+daß Eusebi so ein Mann, wer hätte gedacht, daß wir die nächsten
+Verwandten des Garden würden -- ich flenne, weil dein Kind Joseli heißt
+-- weil ich wieder in St. Peter bin, wo Vater und Mutter begraben sind.
+Ich weine aus Wut über Thöni Grieg, erschlagen könnte ich ihn vor Grimm
+-- ich weine, weil es mir das Herz vertrüdelt und bricht, daß ich Bini
+wiedergesehen habe. -- Und schmerzenreich ist sie gewesen um mich, sagst
+du, schmerzenreich und ist jetzt doch Thönis Braut!«
+
+Josi hat alle Fassung verloren.
+
+Da kommt der Garde zurück. Wie er hört, daß Josi schon am Morgen in die
+Stadt gehen will und von dem Versprechen erfährt, das er Indergand
+gegeben, seufzt er erleichtert auf. Er setzt sich Josi gegenüber und
+nimmt seine Hand. »Ich meine,« sagt er herzlich, »ich sei auch dein
+Vater, Josi, und will offen mit dir reden. Wie du zu Bini standest, weiß
+ich und der Herrgott, der ins Herz sieht, weiß ebenso gut, wie schwer es
+mir wird, ihr ein Leid anzuthun. Daß du aber morgen die Beate Indergand
+sehen willst, das ist des Himmels Wink. Kämpfe, kämpfe, Josi, gegen dein
+Herz! Es wird jetzt schon eine Aenderung im Bären geben, Thöni Grieg
+kann nicht in St. Peter bleiben, ich könnte mich nicht zähmen, wenn ich
+ihn träfe, den unseligen Hund. Was da aber komme, Josi, hüte dich vor
+Binia! Der Bären wankt. Zu maßlos hat der Presi gewütet. Ein
+Volksgericht bereitet sich vor, wie es in alten Zeiten gegeben hat --
+und, lieber Josi, ich möchte dich, wenn der Bären gestürzt ist, nicht
+unter den blutenden Opfern finden. Darum, um Gottes willen, Hand weg von
+Binia. So wenig zu ihr wie zu den Feinden des Presi -- mein Haus soll
+rein bleiben von Schuld -- und wenn dir die Beate ein wenig gefällt, so
+sei freundlich zu ihr. Es ist Gottes Hilfe zu deiner Rettung.«
+
+»O, wäre Bini nur nicht verlobt,« stöhnt Josi, »ich holte sie jauchzend
+mitten aus der Wut derer von St. Peter, aber ich kann nicht der
+Nachgänger Thöni Griegs sein -- nein, beim Himmel nicht -- und nicht mit
+einem Stecklein könnte ich sie mehr anlangen.«
+
+»Josi, geh' zur Ruhe,« mahnt Vroni, »du bebst ja am ganzen Leib -- du
+bist krank.«
+
+Josi steht auf.
+
+»Noch eins, Josi,« sagt der Garde, »so schwer es dir und mir fallen mag
+-- gegen das Dorf wollen wir über Thönis That schweigen und wenigstens
+jetzt auch noch nicht vor Gericht klagen. Die Wildleutlawine hat sich
+gerüstet und das ist immer eine schwere Zeit -- ein Wort von uns, und
+sie kann den Bären mit den heligen Wassern zusammenschlagen. Gieb mir
+die Hand darauf, Josi, daß du ruhig bist.«
+
+Stumm reichen sich die Männer die Hände, zuletzt sagt der Garde: »Mit
+dem Presi will ich aber morgen doch reden -- nicht seinetwegen -- aber
+wegen des armen Dorfes.«
+
+Zum erstenmal schlief Josi wieder in der Heimat, doch wirre Träume
+quälten ihn, am meisten der, Binia schwebe in irgend einer großen
+Gefahr und rufe mit ihrem Vogelstimmchen: »Josi -- Josi -- ich bitte
+dich -- hilf mir.« Schreiende Amseln flogen die ganze Nacht um ihn und
+einmal war ihm, jetzt sei wirklich eine an die Kammerscheiben
+geschossen. Er wollte aufstehen, aber mit bleiernen Gliedern blieb er
+liegen. Im ersten Grauen des Morgens sah er ganz bestimmt etwas Weißes
+vor seinem Fenster. Er stand auf. Ein Briefchen, durch das ein Faden
+gezogen war, hing am Fensterhaken.
+
+»Bini!« schrie er.
+
+Sie schrieb: »Ich muß mich vor Dir rechtfertigen, sonst sterbe ich. Bei
+dem schönen, unvergeßlichen Tag von Santa Maria del Lago, sei heute um
+Mitternacht im Teufelsgarten. Dein unglücklicher Vogel Binia.«
+
+Josi biß sich auf die Lippen und sein Gesicht verfinsterte sich.
+»Thorheiten, Bini,« flüsterte er, und beim frühen Morgenessen sagte er
+zu Vroni: »Schwesterlein, ich habe es mir überlegt. Ich muß wieder in
+die Fremde. Je bälder je besser. Am Sonntag noch wollen wir miteinander
+zur Kirche gehen, dann reise ich wieder ab.«
+
+Und seltsam! Vroni war über seine Rede wohl traurig, das Wasser trat ihr
+in die Augen, aber sie widersprach ihm nicht.
+
+Sie dachte an Binia und ihre ahnungsreiche Seele witterte Gefahr für
+Josi.
+
+Er zögerte und zögerte fortzugehen, er scherzte noch mit Joseli, der
+erwacht war, und dann war es immer, als wolle er noch etwas sagen oder
+fragen.
+
+»Du kommst gewiß zu spät,« mahnte Vroni.
+
+Jetzt endlich ging er, er ging den erinnerungs- und schmerzenreichen
+Weg über den Stutz hinunter, am Teufelsgarten und am Schmelzwerk vorbei.
+
+Als er zu den Weißen Brettern aufschaute, erschrak er. Es rieselte weiß
+in den Wildleutfurren und knatterte in einem fort. »Gerade wie damals,«
+dachte er, »als ich mit Vroni Mehl holen ging. Aber so früh im Jahre!«
+
+Er dachte an den Vater -- er dachte an seinen eigenen großen Plan, als
+ein zweiter und stärkerer Matthys Jul und für Binia die heligen Wasser
+den sicheren Weg durch die Felsen zu führen und St. Peter aus der
+Blutfron zu lösen.
+
+In seinen sehnigen Armen zuckte das Leben, ein wunderbarer Anreiz lag in
+dem Gedanken.
+
+Bah -- Bini ist für ihn verloren -- er will wieder fort, die in St.
+Peter mögen selber sehen, wie sie mit den heligen Wassern fertig werden.
+
+Im Teufelsgarten dufteten die ersten Veilchen. Eine wunderliche Stunde
+kam ihm ins Gedächtnis.
+
+»O Binia! -- Binia!« seufzte er.
+
+Er hatte nicht den Mut gehabt, Vroni zu Binia zu schicken und ihr sagen
+zu lassen, sie möchte von dem Stelldichein abstehen. Ein Wort, wenn auch
+nur zu Vroni, wäre ihm doch wie ein schnöder Verrat am geliebten Bild
+erschienen.
+
+»Glaube mir, sie hat gräßlich um dich gelitten -- sie ist zur Verlobung
+mit Thöni gezwungen worden.« Die Worte Vronis klangen ihm in den Ohren.
+Und Binia ist in Gefahr.
+
+»Ich kann sie aber doch nicht treffen -- sie ist die Braut Thöni
+Griegs,« murmelte er, und der Gedanke an Binia und an die Warnung des
+Garden quälte ihn so, daß er im reinen Frühlingstag vor Weh fast starb.
+Da kam ihm Kaplan Johannes entgegen. Der Schwarze mit dem Bettelsack
+stutzte einen Augenblick -- dann schlug er ein höllisches widriges
+Lachen an. »Guten Tag, Söhnchen! -- Bist du wieder da, du undankbares
+Aas!«
+
+»Schweige, Pfaff!« Und Josi machte eine drohende Bewegung mit seinem
+Stock.
+
+Ein entsetzlicher Haß loderte aus den Augen des Verrückten, Josi aber
+hatte eine sonderbare Empfindung: »Wie wenn mir einer Gift angeworfen
+hätte.«
+
+In Tremis streckte die alte verkrümmte Susi ihren Kopf aus dem Fenster.
+»Je, je,« lachte sie verwundert, »der zweimal verloren gegangene Rebell!
+-- Jetzt seht Ihr aber schön aus. Bini muß jetzt wohl den Thöni fahren
+lassen. Hä-hä hä!«
+
+»Haltet Euer altes Maul!« rief er ihr verdrossen zu, er eilte vorwärts
+und kam in Hospel eben recht auf die Post.
+
+Der Wagen rollte das große Thal entlang. Ein betagtes Ehepaar und ein
+junges Mädchen teilten sich mit Josi in den Raum des offenen Gefährtes.
+Das Mädchen glich Vroni und war blond wie sie. Er hörte bald, daß sie
+erst in Hospel eingestiegen sei, wo sie übernachtet habe. Die drei
+sprachen dann aber wieder von gleichgültigen Dingen, namentlich vom
+Segen der heligen Wasser zu Hospel und den fünf Dörfern, wo ihr erster
+lauer Strom die Aprikosen- und Pfirsichblüten geöffnet hatte.
+
+»Ihr seid von Bräggen,« wandte sich Josi höflich an das Mädchen, »sagt,
+ist Felix Indergand gut heimgekommen von seiner weiten Reise?«
+
+»Vorgestern,« antwortete sie frisch, »kennt Ihr ihn?«
+
+»Freilich, freilich, warum nicht. Wir waren in Indien zusammen, wir
+haben uns erst vor wenigen Tagen getrennt.«
+
+»Da seid Ihr Josi Blatter von St. Peter im Glotterthal?«
+
+Zwei hübsche Augen richteten sich auf ihn, ein herzliches Lächeln
+umspielte die Lippen des Mädchens.
+
+»Felix,« fuhr sie fort, »hat uns viel von Euch erzählt, er sagte, ohne
+Euch hätte er es niemals ausgehalten in dem fremden Land, aber wenn er
+fast vergangen sei vor Heimweh, dann habet Ihr ihn immer so lieb
+angesehen mit Euren braunen Augen.«
+
+Sie lächelte wieder und betrachtete Josi, der unter ihren Blicken
+unruhig wurde.
+
+Himmel, dachte er, das ist wirklich ein frisches liebes Mädchen.
+
+Bei einem der nächsten Dörfer stiegen die alten Leute aus -- die Jugend
+fuhr bis in die Nähe der Stadt allein durch den Frühling und plauderte.
+
+Beate Indergand war Waise, ein stattliches Bauernheimwesen lastete auf
+ihr und ihrer Mutter, und wenn Josi nicht zu viel in ihre Worte legte,
+so dachte sie ernstlich, sich männliche Hilfe zu suchen.
+
+»Ja, in Bräggen,« scherzte er, »giebt es gewiß Bursche genug, die gern
+zu Euch in den Dienst treten, zu so einer Jungfrau wie Ihr, Beate.«
+
+»Seid doch still,« antwortete sie, »die Bursche bei uns lungern lieber
+vor den Gasthöfen herum.«
+
+Da stellte sich Josi, wie wenn er Lust hätte, bei ihr als Knecht
+einzutreten.
+
+»Ach, geht,« sagte sie errötend, »so ein gescheiter, schöner Mann wie
+Ihr, der in Indien Aufseher gewesen ist, wird doch nicht Knecht, das
+könnte ich gar nicht leiden.«
+
+Und sie sah ihn so sonderbar fröhlich und gütig, mit so viel Achtung an,
+daß er ganz verwirrt wurde.
+
+»Kommt aber,« sprach sie, »nur sonst bald einmal nach Bräggen, Felix
+wird eine große Freude haben und Euch alles bieten. Wir lassen Euch dann
+selbstverständlich ein paar Tage nicht los.«
+
+Sie blinzelte ihn freundlich an, dann sagte sie: »Ja, etwas muß ich Euch
+noch erzählen. Wie ich gestern mit der Post im Kreuz zu Hospel
+angekommen bin, saßen zwei Männer von St. Peter da, der Präsident und
+ein jüngerer Herr, Thöni haben sie ihn genannt. Ich frage sie, ob Ihr
+schon daheim seid. Da sagt der Präsident: 'Der ist ja gestorben!' der
+jüngere aber wird grün und gelb wie eine Leiche und wiederholt auf
+spaßige Art: 'Ja, der ist gestorben!' Jetzt bin ich eifrig geworden und
+habe erzählt, was ich von Felix über Euch wußte: wie Ihr, obgleich noch
+so jung, geachtet und angesehen und Aufseher über mehr als hundert
+Arbeiter gewesen seid und gute Zeugnisse bekommen habt, worin steht, daß
+man Euch wieder an einen guten Posten stellen wird, wenn Ihr Euch wieder
+meldet. Die haben Mund und Augen aufgesperrt, der Präsident hat vor
+Schlucken nichts sagen können als: 'So -- so -- -- Josi Blatter -- so --
+so!' Der jüngere aber hat die Gläser nur so gestürzt. Es war ganz
+sonderbar. Da hat aber der Kreuzwirt auf einmal gesagt: 'Die Maultiere
+sind bereit -- reitet heim, ihr habt ja eine große Neuigkeit zu
+bringen.'«
+
+»So lieb habt Ihr von mir geredet,« dankte Josi, seine Wangen glühten,
+er versprach den Besuch zu Bräggen und nahm ihre Hand. »Ihr seid so ein
+artiges Mädchen!«
+
+»Ihr gefallt mir auch gut -- ich bin sonst nicht von der Art, daß einer
+nur meine Hand nehmen darf, sondern recht wählerisch,« lächelte sie.
+
+Da hielt die Postkutsche im letzten Dorf, ein Mann stieg ein, und weil
+Josi und Beate nichts Gleichgültiges sprechen wollten, so wurden beide
+still.
+
+Es wäre gewiß ein schöner Traum: Ein freundliches Gut im grünen
+Oberland, darauf gesegnete Arbeit, das Lachen eines so jungen sonnigen
+Weibes wie Beate, am Feierabend das Geplauder des liebsten Freundes, der
+in schweren Jahren genug Proben wankloser Treue abgelegt hat, und dazu
+den Frieden der Heimat.
+
+Josi weiß es. Aber er ist kaum allein, so bereut er das Versprechen,
+nach Bräggen zu kommen, bitterlich. Es wäre ein Unrecht an der sonnigen,
+arglosen Beate, wenn er ihr Liebe heuchelte, während er doch ein anderes
+Bild im Herzen trägt: Binia, das feurige Herz, die mutvolle Seele. Da
+giebt es keine Rettung.
+
+Indem er sich Beate vorzustellen sucht, sieht er immer Binia, ihr
+glänzendes Augenpaar, die frischen Lippen, das rosige Ohr und er geht
+mit ihr am Gestade von Santa Maria del Lago.
+
+Wie einen Diebstahl an ihr empfindet er jedes gute Wort, das er Beate
+gegeben hat.
+
+»Felix, ich kann dir nicht helfen!« sagt er für sich, und dann: »Bini!
+-- Bini! -- Ich komme, wenn es das Leben kostete, in den Teufelsgarten
+-- ich muß deine dunklen Augen sehen -- deinen Ruf 'Josi' hören. --
+Dann aber fort, wieder zu George Lemmy nach Indien -- morgen schon fort
+-- trotz Garde, Vroni und Joseli -- fort -- fort! ein einsamer
+heimatloser Mann.
+
+»Wie gern wäre ich für dich an die Weißen Bretter gestiegen, aber -- o
+Bineli -- weil du mit Grieg gegangen bist, habe ich den Mut nicht
+mehr.«
+
+
+
+
+XVI.
+
+
+Einen Tag zurück.
+
+Binia ist vom Haus des Garden wieder daheim. Mit verkrampften Händen
+sitzt sie am Rand des Bettes. Die dunkle Flut ihrer Haare ist ihr zu
+beiden Seiten niedergeglitten, zwei brennende Augen schauen zwischen den
+Strähnen hervor. Das Gesicht ist starr und blaß wie ein Steinbildnis,
+aber im Blick funkelt das Leben, strömt die Leidenschaft. Sie stößt
+einen Ton hervor, wie ein kleines Kind, das seufzt. Es beben die Lippen:
+»Er ist gekommen wie ein Held -- er ist schön wie ein Held!«
+
+Dann wimmert sie und beißt sich die Fingerknöchel wund. »Wie hat er mich
+genannt? -- Frau Thöni Grieg!« Das Wort brennt sie wie eine Hölle im
+Herzen! »Es ist nicht wahr. Nein. In Ewigkeit nein. -- Ich werde es
+nicht.«
+
+Sie schleudert den Reifen weit von sich.
+
+Sie wankt zum Schrank, sie nimmt aus einer kleinen bemalten Truhe ein
+goldenes Kettchen, sie öffnet die Kapsel die daran hängt, und ein
+Tautropfen glänzt. Sie küßt ihn mit glühenden Lippen und sagt: »Wie ein
+Tautropfen so frisch, so rein, so sonnenvoll habe ich wollen sein, damit
+ich dir immer gefalle, Josi.«
+
+Die Stimme erbebt zart und fein. Da merkt sie erst, daß ihr die Haare
+niedergefallen sind. Sie tritt vor den Spiegel und ordnet sie. Und nun
+lächelt sie doch. Sie ist wohl blaß und ihre Wänglein sind schmal, aber
+ihre gewölbte Stirn ist rein -- und die Lippen sind rein.
+
+Und sie stammelt: »Das Herz ist rein! -- Und er liebt mich noch -- ich
+habe es ihm angesehen -- ich will demütig sein gegen ihn -- o, so
+demütig -- und wenn er mich nicht mehr will --«
+
+Ein Schrei!
+
+Und nun staunt sie wieder: »Wenn der Vater nicht will, wenn Thöni nicht
+will. Sie wollen nicht!«
+
+Kämpfen, kämpfen will sie jetzt um Josi bis ans Ende -- gegen Thöni --
+gegen den Vater -- gegen die ganze Welt. Nein, um das einzige große
+Glück ihrer Liebe darf sie sich nicht betrügen lassen.
+
+Und wenn sie Josi fortjagt, so will sie zu ihm hinkriechen und betteln:
+»Dulde mich bei dir!«
+
+Sie sinnt und nach einer Weile tönt wieder ihr kleiner Schrei.
+
+In den fliegenden Gedanken hat sie etwas Sonderbares gehört und gesehen;
+die Leute haben gesagt, Josi habe geglaubt, Vroni sei tot. Und auf dem
+Tisch des Garden lagen zwei Briefe. -- Ein alter Verdacht zuckt auf:
+»Warum hat Thöni die Postschlüssel immer abgezogen?« Ist sie
+hellseherisch geworden aus langer, unbegreiflicher Blindheit?
+
+»In verbrecherischer Weise hat sich Thöni zwischen mich und Josi
+gestellt.«
+
+Mit einem Schlag hat sie die sichere Ueberzeugung gewonnen.
+
+»Ja, jetzt Kampf!« Ihre Augen flammen auf, alles an ihr lebt und bebt.
+»Du wirst sehen, Vater, du armer, in einen Verbrecher vernarrter Thor,
+wie ich Thöni liebe.«
+
+Mit fieberglühendem Köpfchen schwankt sie hinab in die Postablage. Sie
+hat die Hand am Telegraphenapparat: »Postdirektion. In St. Peter ist ein
+Postverbrechen geschehen. Ich bitte um Untersuchung. Binia Waldisch.« Da
+läßt sie die Hand sinken -- der Schrecken lähmt sie. Der Vater ist der
+Posthalter, nicht Thöni. Hat je ein Kind seinen Vater den Gerichten
+ausgeliefert?
+
+Wie mit Wasser begossen schleicht sie davon. Sie weiß ja nicht einmal,
+ob ihr brennender Verdacht gerechtfertigt ist. Und nun noch ein
+furchtbarer Gedanke: »Wenn der Vater in seinem wilden Haß auf Josi der
+Anstifter der Briefunterschlagungen wäre?«
+
+»Schäme dich, Binia,« flüstert sie, »so ist er nicht. -- Unerhörte
+Gewaltthaten haben dir sein Bild verdunkelt, aber du mußt ihm nur in die
+Augen sehen, in die lieben und schönen Augen, dann siehst du einen
+gewaltigen Mann, der sich eher würde zerbrechen lassen, als daß er mit
+Absicht und wissentlich bei einer Schlechtigkeit mithülfe. -- Er ist das
+Opfer -- armer, armer Vater!«
+
+Ehe es Morgen wird, will sie hinter den Geheimnissen Thönis sein.
+
+Sie sieht, wie ihr die Blicke der Frau Cresenz mißtrauisch folgen -- sie
+geht in ihre Kammer -- -- sie liest den Ring Thönis knirschend auf --
+aber sie bringt ihn nicht mehr an den Finger -- sie läßt ihn in die
+Tasche gleiten.
+
+»Mutter,« flüstert sie, »jetzt sollte dein armes Kind klug sein wie eine
+Schlange.«
+
+Sie steigt in die große Wohnstube hinab -- sie näht -- aber die Nadeln
+brechen und der Faden reißt. Und dennoch denkt sie: »Wie ich heucheln
+gelernt habe! Nähen -- und das Herz zerspringt.«
+
+Sie denkt an alles, was sie mit Josi gemeinsam erlebt hat. Sie sieht die
+Bilder, als schaue sie in einen Guckkasten: den kleinen Buben, der das
+wilde Kind herumträgt -- den Kuß im Teufelsgarten -- den schlafenden
+Josi, den sie mit Fränzi beschaut -- Josi, das Knechtlein, das
+zerschmettert mit Bälzi geht -- Josi, der unter dem Peitschenhieb des
+Vaters blutet -- Josi, der zu Madonna del Lago erwartungsvoll vor der
+Gartenpforte steht.
+
+Wie hat sie auch nur einen Augenblick vor dem Zorn des Vaters schwanken,
+einen Augenblick glauben können, Josi sei tot.
+
+Da kommen die Männer heim.
+
+»Hole mir Wein, Bini, ich habe noch einen verdammten Durst,« johlt
+Thöni, -- »schau mich nicht so verächtlich an, Bini, und so seltsam. So,
+schwillt dir der Kamm wieder, weil der Rebell und Halunke da ist. Es
+nützt dir nichts. -- Am Sonntag muß der Pfarrer unsere Ehe verkündigen!«
+
+»Ins Bett mit dir, Thöni,« keucht und donnert der Presi, der müde und
+elend auf einen Stuhl gesunken ist.
+
+»Von Euch laß ich mich nicht mehr so anfahren, Presi,« mault Thöni unter
+der Thür zurück, »wenn ich im Kot bin, so seid Ihr auch drin.«
+
+»Geh jetzt,« sagt der Presi matt, »schlafe den Rausch aus. Gelt, Bini,
+du machst keine Thorheiten wegen des Rebellen!« Thöni schwankt ohne
+»Gute Nacht« fort.
+
+Sie antwortet dem Vater nicht. Das Linnen, an dem sie arbeitet, ist ihr
+vom Schoß geglitten. Sie hat das letzte Wort Thönis anders gefaßt als
+der Vater -- für sie ist es ein Schuldbekenntnis, daß an Josi ein
+Verbrechen geschehen sei.
+
+»Ich gehe jetzt auch zu Bett, es ist mir nicht recht wohl. Gute Nacht,
+Binia.« Der Vater sagt es so gütig, wie er seit langem nicht mehr
+geredet hat, aber tiefbekümmert, als hätte er etwas Schweres erlebt.
+
+Binia schläft nicht.
+
+Mitten in der Nacht wandelt sie barfuß und gespensterhaft durch das
+Haus. Leicht gekleidet schleicht sie von ihrer Kammer durch den Gang zu
+Thönis Zimmer. Sie lauscht eine Weile an der Thüre. Der drinnen
+schnarcht laut. Sie öffnet die Kammer, läuft auf den bloßen Zehen zu
+Thönis Kleidern und zieht daraus den Schlüsselbund, er klirrt leise, der
+Schläfer wendet sich auf die Seite, sie huscht in den Mondschatten, aber
+einen Augenblick später schnarcht er weiter, sie huscht zurück durch
+Gang und Treppen abwärts bis zur Postablage.
+
+Sie entzündet Licht, schließt Pult und Truhen auf und findet, was sie
+sucht, in einer kleinen Schublade -- Briefe -- die Notschreie Josis um
+sein totes Schwesterlein und um sie.
+
+Sie küßt sie -- ihre Augen blitzen -- ein bleiches Lächeln geht über ihr
+Gesicht. »Darum hast du so viel trinken müssen, Thöni, du Schuft! Aber
+ein Narr bist du wie alle, die Schlechtes thun. Sonst hättest du die
+Briefe vernichtet.« Aus der Ferne hört sie den gleichförmigen Gesang des
+Wächters, der mit seinem Spieß taktmäßig auf das Straßenpflaster
+schlägt. Sie löscht das Licht aus, bis er vorübergegangen ist.
+
+Dann entzündet sie es wieder. Ein jubelndes Triumphgefühl steigt in ihr
+auf -- sie will am Morgen die Briefe dem Vater vorlegen -- Thöni ist
+geschlagen, das Feld für Josi frei. -- Und vor Josi will sie sich
+rechtfertigen -- so bald als möglich.
+
+Sie schreibt in fliegender Hast ein paar Zeilen, die ihn in den
+Teufelsgarten bestellen, steigt durch den Untergaden ins Freie und hängt
+den Brief mit Hilfe einer Stange, einer Nadel und eines Fadens an die
+Haken des Fensters, hinter dem Josi schlafen muß, und kehrt leis zurück.
+
+Alles was sie thut, thut sie wie im Traum -- sie ist ihrer Sinne nicht
+mächtig, so hämmert die Brust -- sie taumelt durchs Haus, sie tritt
+wieder in Thönis Zimmer, sie steckt den Schlüssel in seine Kleider, sie
+betrachtet einen Augenblick den Schläfer, sie hebt die geballte Faust:
+»Josi hast du gemartert und schläfst so gut.«
+
+In ihren Augen funkelt der Haß, sie flüstert: »Weiß Gott, ich könnte
+Judith sein.«
+
+Fort eilt sie und nun ist ihr doch, sie höre etwas. -- Das Entsetzen
+rüttelt sie -- sie hat den Vater seufzen gehört -- aber sie hat nicht
+gewagt, sich umzusehen. War es nur Einbildung der gespannten Sinne, daß
+er unter der Thür seiner Kammer stand?
+
+Wie eine Bildsäule lehnt sie noch im Morgenrot mit gefalteten Händen an
+ihrem Bett, blaß und aufgeregt, aber in furchtbarer Entschlossenheit.
+
+Sie muß mit dem Vater reden -- rasch -- rasch.
+
+Am Morgen aber meldet Frau Cresenz, der Vater sei krank, und wie Binia
+doch zu ihm heraufsteigen will, da fleht jene, daß sie ihm Ruhe gönne.
+
+Daran hätte sich Binia nicht gekehrt, es handelte sich jetzt gewiß um
+mehr als Ruhe, aber -- ihr selber liegen die Erregungen der Nacht wie
+Blei in den Gliedern -- sie hätte die Kraft nicht, mit dem Vater zu
+reden, wie sie müßte -- sie könnte nur weinen.
+
+»Wohl, wohl,« meint Frau Cresenz, »das wird eine heitere Wirtschaft auf
+den Sommer, der Präsident ächzt, du bist so zitterig wie Espenlaub und
+von Thöni mag ich schon gar nicht reden -- der war heute früh wie eine
+Leiche -- die Post hat er nicht besorgt -- er hockt schon wieder beim
+Glottermüller und säuft. -- Und ich überlege, ob ich nicht fortlaufen
+will.« -- --
+
+Der Presi sitzt in seiner Stube im Lehnstuhl und stöhnt: »So viel Elend!
+-- Die Dörfler drohen mit Aufruhr -- der Garde ist wild über mich -- die
+Wildleutlaue steht in Sicht -- und nun ist auch der Rebell wieder da --
+der unheimliche Rebell, von dem man nicht weiß, woher er in allen Dingen
+seine Stärke hat.«
+
+Wie sonderbar hat er es im Kreuz zu Hospel vernommen, daß der zurück
+ist. Die Bräggerin plauderte so harmlos, als ob sie nichts merke. Thöni
+aber stürzte Glas auf Glas und in seinem Rausch sagte er auf dem
+Heimritt immer nur, er werde den Rebellen töten.
+
+Er hat sich an der letzköpfigen Aufregung Thönis geärgert -- er konnte
+nicht schlafen vor Verdruß. -- Da -- da -- hört er eine Thür gehen -- er
+streckt den Kopf aus dem Schlafgemach -- -- Binia schleicht
+leichtgekleidet und barfuß aus Thönis Kammer und huscht hinüber, wo sie
+und die Mägde schlafen -- Bini -- seine Bini. -- Ist's möglich -- sie in
+der Nacht bei Thöni -- sie, die sich immer gegen ihn gewehrt und
+gesperrt hat -- sie, das wilde und doch so keusche Blut ist so wohlfeil
+geworden.
+
+Er ächzt -- er stöhnt. -- Es ist unfaßbar, daß Binia zu Thöni gegangen
+sei, aber was das Auge sieht, glaubt das Herz. Er hat gestern abend
+einen Groll gegen ihn gefaßt -- und die Wahrheit -- er hat schon lange
+etwas gegen ihn. Wie, wenn Thöni doch nicht der rechte Schwiegersohn
+wäre? Es ist ihm furchtbar zu Mute. Er hat mit der Verlobung das Dorf
+schlagen wollen, nun ist ihm, er habe sich selber und Binia geschlagen.
+Das arme Kind -- der liebe, lose Vogel -- ob ihm nun die Wiederkehr Josi
+Blatters nicht das Herz bricht. Und in heißen Stößen spürt der Presi,
+wie er Binia liebt, die arme Maus, die sich mit Thöni vergessen hat. --
+Er möchte sie schlagen vor Wut, er möchte vor ihr niederknieen: »Bini,
+meine einzige, sage es deinem alten Vater, was er gesehen hat, sei nicht
+wahr.« Aber er kann das Kind nicht rufen. Vor eigener Scham. Sein Herz
+klagt ihn schreiend an: »Ich habe sie mißhandelt. Und der Mensch ist wie
+ein Pferd. Das edelste Tier wird, wenn es genug Schläge bekommen hat,
+störrisch und stürzt sich in den Abgrund.«
+
+So ist Binia gestürzt, sein herrliches Kind -- sein ist die Schuld -- er
+darf ihr nicht mehr in die Augen sehen.
+
+»Möge dich Gott schlagen,« hat er einmal gesagt -- und Gott hat sie
+geschlagen.
+
+Es ist schrecklich. -- Eine Umkehr giebt es nicht mehr, nur Eile vor dem
+Rebellen. Am Sonntag muß der Pfarrer die Ehe Thönis und Binias
+verkündigen. Ein Glück ist in diesem grenzenlosen Elend: Binia weiß
+jetzt, daß das Spiel mit Josi Blatter aus ist -- das ist vorbei!
+
+Es ist ein furchtbar bleiches Lächeln der Genugthuung, das um die Lippen
+des Presi spielt.
+
+Josi Blatter bringt er nicht aus dem Kopf. Er ist in Ehren und mit guten
+Zeugnissen aus der weiten Welt zurückgekehrt. -- -- Ja, er ist halt
+Fränzis Sohn, das ist seine geheimnisvolle Kraft.
+
+Der Presi keucht und schwitzt. Da pocht es, Frau Cresenz bringt ihm
+einen Brief, den der Viehhüter Bonzi abgegeben hat. Er trägt die
+knorrige Schrift des Garden.
+
+Der Presi ahnt nichts Gutes, erst als Frau Cresenz gegangen ist, öffnet
+er das Schreiben.
+
+»Presi!« schreibt der Garde, »ich laufe Euch nicht nach, aber wenn Ihr
+zu mir kommen wolltet, so hätte ich Ernstes mit Euch zu reden. Ich habe
+die Beweise in den Händen, daß Thöni Grieg an Josi Blatter einen
+gottlosen Brief geschrieben, die Schrift gefälscht und das Schreiben mit
+meinem Namen mißbräuchlich unterzeichnet hat. Ferner besitze ich von der
+Post in Hospel die Bescheinigung, daß zwei eingeschriebene Briefe,
+darunter der des Gemeinderates an den Konsul in Kalkutta, im Postbuch
+nicht vermerkt und also nicht durch Hospel gegangen sind. Thöni Grieg
+hat also diese und andere unterschlagen. Ich hoffe, daß Ihr nicht
+Mitwisser des Verbrechens seid.«
+
+Der Presi liest den Brief nicht zu Ende -- er neigt das blasse Haupt auf
+die Seite -- seine Hände zucken -- er will aufstehen -- es geht nicht
+-- mit vorgelegten Armen läßt er den Kopf fallen. -- Aus der Brust des
+Gerichteten stöhnt es, wie wenn eine gewaltige Eiche sich zum Falle
+rüstet.
+
+Der Sturz einer Eiche. Wer das Bild einmal gesehen hat, vergißt es nie!
+Es seufzen tief unter der Erde die Wurzelgrüfte, es bebt die Krone, die
+Vögel flattern schreiend heraus, die Käfer kriechen aus der Rinde und
+rennen davon, quiekend würgt es in den Stammfasern, als ob sich
+Jahrhunderte trennen, es ist ein Knistern und Brechen, ein
+geheimnisvolles Raunen von Abschiedsstimmen -- das Fallen einer Eiche
+ist eine ganze Schlacht.
+
+Eine würgende, ächzende Schlacht ist in dieser Stunde das Leben des
+Presi.
+
+Er zweifelt nicht. Er wütet nicht, aber sein leises Zittern ist
+schrecklicher als ein lauter Ausbruch der Wut.
+
+Wenn die Eiche vor dem Falle erbebt, so sagen die Holzleute: »Der Baum
+redet!«
+
+Der Presi redet.
+
+Mit zuckenden Lippen murmelt er: »Nein, Garde. -- Gott weiß es -- ich
+bin unschuldig -- Bini -- Vogel -- meine Ehre und deine Ehre durch einen
+Schuft dahin.«
+
+Sein Wort klingt wie eine sanfte, feierliche Knabenstimme. Die dünnen
+spärlichen Thränen des Alters rinnen über seine Wangen. Er merkt es
+erst, wie sie auf seine Hände fallen. Die Thränen beelenden ihn noch
+mehr. Sechsundzwanzig Jahre hat er nicht geweint. Er hat es beim Tode
+der Beth nicht gethan, sondern das letzte Mal, als er Fränzi um ihre
+Hand bat.
+
+»Fränzi. -- Seppi Blatter,« stöhnt er, »erbarmet euch meiner -- ich gebe
+nach!«
+
+»Ich gebe nach -- ich will hinter sich machen -- zuerst mit Bini. -- --
+Ja, wenn es ginge! Aber sie ist aus Thönis Kammer gekommen!«
+
+Und das Wort Thönis: »Wenn ich im Kot bin, seid Ihr auch drin,« tönt in
+seinem Ohr wie die Posaune des Gerichts.
+
+Da murmelt er in seinen wilden Schmerzen: »Für den Rebellen thut sie es
+schon noch,« doch er hat es kaum gesagt, so rauft er sich das Haar:
+»Nein -- nein -- das gilt nicht -- das habe ich nicht gedacht.« Er zuckt
+in der gräßlichen Furcht, daß dieser eine schlechte Gedanke schon wieder
+ein neues Verhängnis zeitige, und die Stunde ist da, von der der Garde
+gesprochen hat. »Auf den Knieen würdet Ihr zur Lieben Frau an der Brücke
+rutschen, wenn Ihr Bini nur dem Josi geben könntet und Ihr sie friedlich
+wüßtet.«
+
+Die Stunde ist da -- sie ist gekommen wie ein Dieb über Nacht.
+
+O, wie der wilde Presi zahm ist und betet.
+
+Ein schönes Alter. -- Nein, kein schönes Alter. -- Binias Augen reden:
+Vater, warum hast du mich in die Hand eines Schuftes gezwungen und ich
+hätte glücklich sein können mit Josi Blatter, der ehrenvoll aus der
+Fremde heimgekommen ist.
+
+»Frieden. -- Frieden! --«
+
+Wieder sinkt sein Kopf. Er sieht es nicht, wie Frau Cresenz angstvoll
+kommt und geht. Er weiß nicht, wie viele Stunden er in brütender
+Vernichtung sitzt, er hört es nicht, wie der wachsende Föhnsturm pfeift
+und an den Fenstern rüttelt.
+
+Sein Leib ist lahm, seine Glieder sind gebrochen, endlich aber steht er
+schwankend auf, er nimmt Rock und Hut und steigt die Treppe hinab. »Wo
+ist Bini?« fragt er Frau Cresenz. Er leidet furchtbare Angst um das Kind
+-- es ist ihm, es schwebe in drohender Lebensgefahr -- und doch, nein,
+er möchte sie nicht sehen -- er schämt sich vor Binia und für sie.
+
+»Sie hat so stark den Föhn im Kopf -- sie hat nicht mehr stehen können
+-- sie ist in ihre Kammer gegangen,« jammert Frau Cresenz. »Um tausend
+Gotteswillen redet jetzt nicht mit ihr.«
+
+»Föhn im Kopf,« grollt der Presi dumpf -- »ich gehe jetzt zum Garden --
+und ich hoffe, daß mir Thöni nicht begegnet -- sonst muß er sterben.«
+
+Das letzte sagt der Presi so fest, wie es ein Richter sagen würde.
+
+Frau Cresenz schlägt die Hände über dem Kopf zusammen: »Was giebt es
+auch, Präsident, was giebt es?«
+
+Da schleudert er ihr den Brief des Garden vor die Füße und geht.
+
+Allein in der Dämmerung geht er nicht gleich zum Garden, er schwankt,
+ohne zu wissen, was er thut, hinüber zum Neubau, steht eine Weile davor,
+schüttelt den Kopf und wendet sich wieder zum Gehen.
+
+Da hört er plötzlich ein gräßliches Lachen. Kaplan Johannes mit dem
+Bettelsack steht neben ihm. »Herr Presi, merkt Ihr es nicht, es kommt
+ein Wetter. Geht doch lieber zum Glottermüller, dort zahlt einer Wein,
+so viel man will, und erzählt den Leuten lustige und traurige
+Geschichten aus dem Bären von St. Peter.«
+
+»Du räudiger Pfaff!« schreit der Presi, er stürzt sich auf den Kaplan
+und mißhandelt ihn. Unter heulenden Flüchen flüchtet der Letzköpfige,
+er droht: »Ich will doch einmal mit Eurer Tochter tanzen!«
+
+Das andere versteht der Presi nicht.
+
+»Zu allem Elend den Hohn. Aber warum sollte man mich nicht auslachen,
+mich, den alten Thor, der sein Kind in die Arme eines Verbrechers
+gezwungen hat. Und der Schuft hockt noch in St. Peter? Eine Axt will ich
+nehmen und ihn erschlagen.«
+
+Er schwankt nun aber doch zum Garden, zu dem schwer beleidigten
+ehemaligen Freund. Bitter wie noch kein Gang in seinem Leben wird ihm
+der Besuch. »Garde,« keucht er, »verzeiht mir, und Josi Blatter lasse
+ich danken, daß er nicht klagt.«
+
+Mehr würgt er nicht hervor, der Garde will ihm die Beweise vorlegen,
+aber ein Blick, und der Presi nimmt plötzlich den Hut und stürmt fort.
+
+Beim Garden hat er das Glück gesehen, das innige Familienglück um Vroni,
+in seinem Haus aber wütet das Unglück.
+
+Er stürmt durch die Nacht. Wer nicht ein Dörfler ist, fände jetzt den
+Weg nicht. Der Föhnsturm singt an den Felsen ringsum, er stöhnt, er
+jauchzt und die Wolken hangen so tief ins Thal, daß sie das Dorf fast
+erdrücken. Ferne Lawinen donnern, es regnet in starken einzelnen
+Tropfen. Jeder Regentropfen thut dem Presi im brennenden Gesichte wohl.
+
+Zuletzt kommt er doch wieder heim; der wirre Mann ächzt: »Präsidentin,
+ich muß zu Bett -- ich glaube, es ist meine letzte Nacht -- ich habe
+mein Herz gewendet -- aber ich weiß schon -- es kommt noch mehr -- es
+kommt noch mehr.« Gräßliche Furcht rüttelt ihn.
+
+Früh schon ist der Bären dunkel. Einige Stunden später steht im
+Wettersturm ein Mann vor dem unglücklichen Haus, und wie es elf Uhr
+schlägt, öffnet er die Thüre.
+
+»Bist du es, Thöni?« kreischt Frau Cresenz, die ihn trotz dem Sturme
+gehört hat, angstvoll. Keine Antwort. Da rennt sie halb angekleidet die
+Treppe hinunter, Thöni kommt aber schon wieder aus der Postablage und
+eilt ins Freie.
+
+»Thöni, was thust du?« schreit sie angstvoll.
+
+»Lebt wohl, Tante, Frau Präsident,« ruft er. »Nach der Postkasse fragt
+nicht -- ich gehe nach Amerika -- und der Revolver ist für Verfolger
+geladen.«
+
+»Er geht den rechten Weg,« knirscht der machtlose Presi, der sich ans
+Fenster geschleppt hat.
+
+Eine Nacht ist eingefallen, wie man sie im Bergland selten erlebt.
+
+Der Föhn fährt in Stößen von den Gipfeln, heiß im einen Augenblick, im
+nächsten bis ins Mark erkältend. Die Wolken jagen sich, stieben schwarz
+und schwer über die Hausdächer dahin, die Blitze erleuchten das Thal
+taghell, die schäumenden Wasser der Glotter erglänzen. Dann ist wieder
+pechschwarze Nacht. Jetzt spielen die Feuerflammen um die Krone, der
+Firn funkelt und leuchtet. Unaufhörlich knattert der Schnee- und
+Eisbruch im Gebirg, an den Bergwänden verfängt sich der schmetternde
+Donner, rollt und grollt, das Krachen der frischen Schläge wird
+verstärkt durch den Wiederhall der vorangehenden und rings im Gebirg
+sind die Runsen los. Die Berge wanken, es ist, als ob, was tausend Jahre
+fest und starr gewesen ist, plötzlich lebendig würde und wandern müsse.
+Es ist ein Bild wie Weltuntergang!
+
+Die Wetterglocken von St. Peter wimmern durch den Aufruhr der Elemente.
+
+In allen Häusern brennt Licht, um den Tisch sammeln sich bleiche
+Gesichter, in den Händen der Beter beben die Kruzifixe, und selbst die
+Gottlosen falten die Hände und seufzen: »Herr! -- Herr!« --
+
+»Es ist eine Totennacht,« flüstern die Aelpler. In dieser Nacht steht
+nach uralter Sage ein geheimnisvolles, im Bergland begrabenes Kriegsvolk
+auf und zieht zur Heimat. Da darf niemand ins Freie blicken, denn wer
+die Reiter sieht, wird vor Schrecken siech:
+
+ Es donnern die reitenden Boten:
+ »Gebt Raum für das irrende Heer,
+ Es fahren, die Goten, die toten,
+ Vom Bergland ans heilige Meer.«
+
+ Frau Hulder auf leuchtendem Schimmel
+ Sprengt jauchzend den Reitern voran,
+ Sie ziehn auf der Erde, am Himmel;
+ Sie kämpfen und brechen sich Bahn.
+
+ Von reisigen Vätern und Söhnen,
+ Wallt klirrend der Heerzug durchs Thal, --
+ Die Trommeln, die Hörner erdröhnen --
+ Sie reiten in brennender Qual.
+
+ Schaut -- allen die fahren und fliegen,
+ Strömt aus den Wunden das Blut,
+ Die weinenden Mütter, sie wiegen
+ Im Arm die erschlagene Brut.
+
+ So reiten und ziehen die Goten,
+ Der schallende Hornruf ergellt:
+ »Hu-hoi, hu-hoi! Wir Toten
+ Sind Herren der lachenden Welt.«
+
+In dieser Nacht schwitzt der Presi Blut: »Es kommt noch mehr -- es kommt
+noch mehr!«
+
+Ja, Herr Presi, es kommt noch mehr.
+
+In dieser Nacht stehen im Teufelsgarten eng aneinander geschmiegt zwei
+Liebende. Und zärtlich spricht der junge Mann: »Bini, weil ich dich rein
+erfinde wie einen Tautropfen, will ich das große Gelübde meiner Jugend
+halten.«
+
+»Josi« -- es tönt wie ein kleiner Schrei, »Josi, mein Held!« Sie umarmen
+sich, sie küssen sich, sie flüstern es einander selig zu, daß es kein
+Leben mehr giebt als eines im anderen.
+
+In dieser Nacht flieht ein Mann, den das schlechte Gewissen jagt,
+thalaus.
+
+Wie er am Teufelsgarten vorbeirennen will, zuckt eine Blitzschlange
+durch die Glotterschlucht und erleuchtet sie taghell. Er sieht das
+engverschlungene Paar. Aus dem Revolver blitzen die Schüsse, die Kugeln
+zischen. Die Schlucht wird dunkel, am Glottergrat kracht es und ein
+gewaltiger Donner erstickt die Stimmen eines Kampfes, der im
+Teufelsgarten wütet, und übertönt den Sturz eines Mannes, der in der
+Glotterschlucht versinkt.
+
+Im ersten Morgengrauen geht das Liebespaar blaß und eng aneinander
+geschmiegt den Stutz empor und der Mann flüstert dem bebenden Mädchen
+zu: »Arme Bini -- das habe ich nicht gewollt -- so elend müssen wir sein
+-- nun mag uns Gott helfen.«
+
+Wie er es sagt, schießt johlend Kaplan Johannes am Wegrand auf.
+
+»Hoho! -- Rebell und Hexe,« lacht er drohend, »ich komme auch an eure
+Hochzeit.«
+
+Und während des Männerkampfes im Teufelsgarten ist die Wildleutlawine
+gegangen.
+
+
+
+
+XVII.
+
+
+Die Wildleutlawine ist gegangen! -- Man hat es in dem Aufruhr der
+Elemente zu St. Peter kaum bemerkt, aber der Morgen bringt die
+erschreckende Kunde. -- Und heute ist Wassertröstung -- Losgemeinde! Ein
+Mann muß auf Leben und Sterben an die Weißen Bretter steigen und
+geheimnisvoll waltet das Los.
+
+Der Sturm der Nacht hat sich gesänftigt, der Himmel hat sich gereinigt,
+mit unschuldigem Kinderlächeln schaut er auf die Welt, und der Föhn, der
+gewaltige Geselle, schmeichelt um die ergrünenden Berghalden wie ein
+verliebter Bursch, der von seinem Mädchen Blumen bettelt.
+
+Die goldenen Primelsterne leuchten auf den Matten, die Enzianen öffnen
+die blauen Augen.
+
+Die von St. Peter achten es nicht, die Sorge hält ihre Augen. Der Tag
+entwickelt die alten Bilder! Aus der Runde reiten die Bauern auf ihren
+Maultieren zur Kirche, sie tragen die dunkle Tracht und die Frauen und
+Töchter drehen im Reiten den Rosenkranz. Finster feierliche Ruhe waltet,
+tiefer als je an einer Wassertröstung. Da und dort grollt es flüsternd:
+»Schon nach elf Jahren. Merkt Ihr es!« Und die dumpfe Antwort lautet:
+»Ahorn!« Durch die ganze Gemeinde schleicht das Wort: »In zwölf Wochen
+spätestens sollen Bären und Krone brennen.«
+
+Wie einsam steht der Bären, das schöne alte Wirtshaus! An die Stangen
+vor ihm bindet kein Bauer sein Maultier an. Frau Cresenz tritt ein
+paarmal angstvoll unter die Thüre, aber die Ziehenden reiten grußlos
+vorbei und stellen die Tiere vor die Häuser der Verwandten oder vor die
+Glottermühle.
+
+Verfemt ist der Bären! Nein! Wie die Glocken zu läuten anheben,
+schreitet wie ehemals der Gemeinderat in würdigem Zug die Freitreppe
+hernieder, voran der Weibel mit der silbernen Losurne, dann der Presi
+und der Garde, der den Federnhut, das Schwert und die Binde trägt.
+
+Die Männer sind von der Wichtigkeit ihres Amtes ganz durchdrungen. Der
+kurze Garde ist frisch, aus dem grauen Bart schauen gesunde rote Wangen,
+die klugen und guten Augen unter den buschigen Brauen sind hell. Der
+Presi jedoch, der wohl um den Kopf größer ist, schaut abgezehrt aus, und
+die paar mächtigen Furchen im glatten Gesicht scheinen noch länger, noch
+tiefer geschnitten. Man würde glauben, er wäre von den beiden der
+ältere, wie er aber so mit den anderen geht, muß jeder, der ihn sieht,
+denken: »Er ist halt doch der Presi!«
+
+Als letzte fast treten Josi und Eusebi, die sich von Vroni verabschiedet
+haben, in die Kirche, jener ruhig, aber bleich. Die Neugier der Dörfler,
+die nach ihm sehen, ist ihm zuwider.
+
+Mit einem seltsamen sorgenden Blick begleitet Vroni den Bruder.
+
+Er hat kein Wort von Beate Indergand erzählt, blaß, müde und stumm ist
+er im Lauf des Vormittags heimgekommen.
+
+»Jetzt geht er am Ende noch als Freiwilliger an die Weißen Bretter,«
+denkt Vroni. »Kaum ist so ein lieber Bruder da, hat man schon wieder
+seine Qual um ihn.«
+
+Der Weibel riegelt die Thüre vor den Weibern zu, die betend und jammernd
+im Kirchhof knieen. Mitten unter ihnen kniet totenfahl Binia.
+
+Ein Zittern läuft durch ihren Körper, mit der schmalen Hand stützt sie
+sich auf die Erde des Kirchhofs -- auf den Staub der Dahingegangenen.
+
+-- Sie zuckt. -- Todesgedanken und sie ist noch so jung. Aber was ist
+nicht im Teufelsgarten Entsetzliches geschehen? -- Und steht dort nicht
+lächelnd der gräßliche Kaplan?
+
+In der Kirche hat sich der Gemeinderat um den altertümlichen Altar
+gestellt und der Presi spricht das Heligen-Wasser-Gebet. In den
+geschnitzten Stühlen harren hundertundsiebzehn Bürger, den dunklen Filz
+vor dem Gesichte, und beten es mit. Nun sinken die Hüte und wie aus Erz
+gegossen, ein feierliches Antlitz am anderen, stehen die Männer. Durch
+die gelben, roten, blauen und grünen Scherben, welche die
+Heiligenfiguren in den Fenstern zusammensetzen, fallen die farbigen
+Bündel der Sonne in den golddurchsponnenen Raum und zeichnen dem einen
+ein gelbes, dem anderen ein rotes, blaues oder grünes Mal auf das Kleid,
+und von draußen rauschen die brünstigen Gebete der Frauen.
+
+Nun redet der Presi und jeder spürt es, so schön, so warm und
+eindringlich hat er noch nie gesprochen. Jeder denkt: »Es ist ein
+Elend, daß man diesem Manne ein Leid anthun muß. Wie spricht er
+furchtlos in die Hundertundsiebzehn, unter denen kaum einer ist, der ihn
+nicht grimmig haßt. Wie wenn er es nicht wüßte, so frei steht er da. Und
+doch weiß er es, er hat gewiß eine Ahnung vom Ahornbund. Nur nachgeben
+kann er nicht. Darum muß man den Bären verderben.«
+
+Jetzt verkündet er die alten Satzungen und fragt, ob sich niemand
+freiwillig meldet.
+
+»So ein Knechtlein wäre oder sonst einer geringen Standes, der liebt ein
+Mädchen und der Vater will es nicht zugeben, so mag er sich melden, an
+die Weißen Bretter steigen für seine Liebe und der Gemeinderat wird ihm
+Freiwerber sein!«
+
+Schweigen.
+
+»So einer wäre, der hätte heimliche oder offenbare Schuld, will aber die
+heligen Wasser richten, mag er frei vortreten, und wenn er an die Weißen
+Bretter steigt, so soll ihm, was er vergangen hat, nicht mehr angesehen
+sein, als es unsere Altvordern dem Matthys Jul angesehen haben. Gar
+nicht. Der Gemeinderat mag dann vor Gericht den Brauch des Thales
+darlegen und im Namen der Gemeinde um seine Freiheit bitten.«
+
+Schweigen! Der gräßliche Sturz Seppi Blatters lebt noch zu frisch in der
+Erinnerung aller. Hätten die Gemeinderäte aber vom Altar nach Josi
+Blatter geblickt, so hätten sie wohl gesehen, wie er den kalten Schweiß
+von der Stirne strich.
+
+»So lasset uns denn losen,« spricht der Presi. »Nach alter Sitte ist 77
+die Loszahl. Will es jemand anders oder soll es gelten?«
+
+Schweigen! Jeder der Männer hebt seinen Filz vor den Mund, das Summen
+des Vaterunsers füllt den Raum.
+
+Der Presi hebt den Losbecher, spricht sein Gebet darüber, verschließt
+ihn mit dem silbernen Deckel, rüttelt ihn und wendet ihn dreimal
+feierlich. Das Gleiche thun der Garde und die folgenden Mitglieder des
+Gemeinderates, und der letzte, der es thut, stellt den Becher wieder auf
+den Altar.
+
+Der Presi spricht mit lauter klarer Stimme: »In Gottes, in Jesu Christi,
+in der Jungfrau Maria, in St. Peters und aller Heiligen Namen -- so
+wollen wir losen.« Und er hebt den Deckel der Urne ab.
+
+Da formt sich bankweise der Zug zum Altar. Mann hinter Mann schreiten
+sie feierlich heran, die von St. Peter, nur die Alten und Bresthaften
+bleiben zurück. Am Altar thut jeder einen Stoßseufzer, langt in die
+Urne, und von den Stufen hinunter bewegt sich der Zug zurück in die
+Stühle. Dort betet jeder wieder in seinen Hut und öffnet sein Los. Den
+letzten Gliedern der Gemeinde folgt der Gemeinderat, und das letzte Los
+nimmt der Presi selbst.
+
+Langsam und feierlich vollendet sich die Zeremonie, kaum mit einem Laut
+verrät sich die grenzenlose Spannung, die über der Gemeinde liegt, denn
+es gilt als ein Zeichen der Schwäche, sich hastig oder neugierig zu
+zeigen, oder Freude zu äußern, wenn die schreckliche Zahl glücklich
+vorbeigegangen ist.
+
+Doch leuchtet jetzt manches Auge mutiger.
+
+»In Gottes, in Jesu Christi, in der heiligen Jungfrau Maria, in St.
+Peters und aller Heiligen Namen, der, den das Los getroffen hat, mag
+stehen bleiben.«
+
+Alle anderen setzen sich, nur der junge Peter Thugi ragt einsam aus
+ihnen. Jede Farbe ist aus seinem Gesicht gewichen.
+
+»Peter Thugi, habt Ihr das Los?« fragt der Presi feierlich.
+
+»Ja,« sagt der junge Mann, es klingt wie ein Schluchzer. Seine junge
+Frau ist ihm kürzlich gestorben, er steht mit zwei Kindern und dem alten
+Großvater allein, ist aber sonst fast mit dem ganzen Dorf verwandt und
+nicht mittellos.
+
+In einen seltsamen klagenden Laut löst sich das Erbarmen der Männer aus.
+
+Ein feierlicher Augenblick.
+
+Da schnellt Josi Blatter aus der Menge auf: »Presi und Gemeinderat, darf
+ich reden?« fragt er bewegt.
+
+»Sprecht, Blatter,« sagt der Presi, indem er den jungen Mann neugierig,
+doch mit warmer Achtung mißt.
+
+Josi errötet und verwirrt sich unter den vielen Blicken, die verwundert
+und mißtrauisch auf ihn gerichtet sind.
+
+Will er an die Stelle Peter Thugis treten?
+
+Er schluckt ein paarmal; unsicher zuerst, dann immer fester redet er:
+
+»Herr Presi, ihr Gemeinderäte und Bürger von St. Peter! Obwohl ich nur
+ein schlichter Mann und erst vor wenigen Tagen aus der Fremde
+zurückgekehrt bin, wage ich es, zu euch zu sprechen. Meiner Lebtag hat
+es mich beelendet, wie mein Vater selig an den Weißen Brettern gefallen
+ist. Ich bin in der Fremde Felsensprenger gewesen, und wenn ihr es
+zugebt und mir die nötige Hilfe leistet, so will ich von jetzt an bis
+zum Allerheiligentag für die heligen Wasser eine Leitung durch die
+Felsen der Weißen Bretter führen, daß alle Kännel überflüssig sind, und
+die Blutfron von St. Peter lösen. Es ist die Erfüllung eines Gelübdes
+für ein großes Glück, das ich erlebt habe, und ich thue es ohne Lohn.«
+
+Mächtige Bewegung. Man hört dumpfes Murren: »Was er sagt, kann niemand
+thun!« und halblaute Rufe: »Prahler! -- Großhans! -- Gotteslästerer!«
+Der Presi aber donnert: »Laßt ihn reden. -- Josi Blatter, Ihr habt das
+Wort.«
+
+»Es giebt jetzt ein weißes Pulver,« fährt Josi fort, »das ist wohl
+hundertmal stärker an Gewalt als das schwarze und heißt Dynamit. Man
+sprengt damit die Wege für die Eisenbahnen durch die Berge, und wenn ihr
+euch draußen in der Welt erkundigen wollt, so werdet ihr erfahren, daß
+damit Werke errichtet worden sind, gegen die ein Gang durch die Weißen
+Bretter nur ein Spiel ist.«
+
+Der Bockjeälpler ruft: »Einen Tunnel habe ich auch schon gesehen.«
+Andere Stimmen sagen: »Hört -- vielleicht hat der Plan doch Hände und
+Füße,« wieder andere grollen: »Nichts Neues in St. Peter, wir haben am
+Alten genug.« Dritte drängen: »Nur reden,« und vierte mahnen drohend:
+»Nein, abhocken, Rebell.«
+
+So schwirren die Rufe.
+
+Da mahnt der Garde: »Er hat das Wort vom Presi!«
+
+Der Bockjeälpler ruft: »Aber er kommt nicht durch die Wildleutfurren!«
+
+Josi Blatter fährt fort: »Durch die Wildleutfurren baue ich eine Mauer,
+setze den Kanal darauf, darüber ein stark steiles Dach aus den dicksten
+Balken, darüber ein zweites wasserdichtes aus Steinplatten, die ich mit
+Zement, einem gelben Pulver, verbinde. Ich lehne das Dach dicht an die
+Felsen der Furren, die ich ein gutes Stück empor so verbauen will, daß
+die Lawine keinen Angriff findet, wenn sie kommt, und daß sie machtlos
+über die Steinplatten niederpoltern muß. Trägt man zu dem Werk ein wenig
+Sorge, so hält es tausend Jahre.«
+
+»Hm -- es scheint, er versteht etwas!« -- »Laßt euch nicht ein, das ist
+Aufruhr und Todsünde.« -- »Er ist noch der alte Rebell,« verwirren sich
+die Stimmen.
+
+Eine unbeschreibliche Erregung herrscht in der Kirche, das Klopfen der
+geängstigten Frauen, das durch die schwere Thüre dringt, vermehrt sie.
+
+Josi kann vor dem Lärm um ihn nicht weiter reden, fast hoffnungslos
+sitzt er ab.
+
+Da reckt sich der Presi machtvoll, mit funkelnden Augen und mit
+glührotem Kopf vor der Gemeinde auf. »Ihr Männer von St. Peter,« spricht
+er mit zwingendem Klang der Stimme, »wir wollen das Angebot Josi
+Blatters nicht leicht nehmen. Er hat von den Ingenieuren der englischen
+Regierung in Indien gute Zeugnisse erhalten, er war der Kopf einer
+Abteilung von über hundert Mann. Und die Engländer sind ein tüchtiges
+Volk. Prüft also das großherzige Anerbieten, es handelt sich, wenn das
+Werk gerät, um eine wunderbare Wohlthat für uns, unsere Kinder und
+Kindeskinder. Weil aber die Angelegenheit so wichtig ist, so meine ich,
+die Gemeinde sollte eine Abordnung in die Stadt schicken und beim
+Regierungsrat fragen, was vom Plan Josi Blatters zu halten sei. Ohne ihn
+können wir nicht vorwärts gehen, er müßte auch zwischen uns und den
+äußeren Gemeinden vermitteln, daß die heligen Wasser einen Sommer lang
+stillstehen dürfen. Wir wollen aber rasch handeln, damit wir in acht
+Tagen wieder Gemeinde halten und entscheiden können, ob wir das Werk
+annehmen oder nicht. Ich weiß, daß ihr mir alle grollt, aber Gott im
+Himmel weiß es auch: Wenn ich schon nicht immer eure Ansichten teile,
+habe ich es doch immer gut mit St. Peter gemeint. Ich will das Amt, das
+ich zwanzig Jahr bekleide, vor euerm Groll in der Maigemeinde
+niederlegen. -- Folgt nur jetzt noch einmal meinem Rat. Nehmt das
+Angebot Josi Blatters ernst, ich bitte euch herzlich darum.«
+
+Mit hinreißender Wärme, mit strahlendem Auge, zuletzt mit einer
+Bescheidenheit, die die Herzen bezwang, hat der Presi geredet und alle
+verwirrt. Ist das der hochmütige Mann, der dem Dorf den harten
+höhnischen Bescheid gegeben hat?
+
+Sein Auge sucht Josi Blatter -- ein kleines, unendlich schönes Lächeln
+geht um seinen Mund -- ein Lächeln, bei dem Josi ist, es schmelze der
+Haß aller Jahre hinweg.
+
+Er ist wonnig bestürzt über den Blick.
+
+Nun aber hält der Glottermüller mit seiner hohen Weiberstimme auch eine
+Rede: »Nur nichts Neues. Die Wasserfron ist St. Peter von Gott
+auferlegt, daß wir nicht übermütig werden in Bosheit. Josi Blatter ist
+ein Aufrührer und bleibt ein Aufrührer, und wie früher gegen das Dorf,
+wendet er sich jetzt gegen Gott und seinen Himmel. Ich sage: Nichts
+Neues! -- Keine Abordnung!«
+
+»Nichts Neues! -- Keine Abordnung!« fielen einige ein, andere riefen:
+»Fort mit der Blutfron!«
+
+Peter Thugi saß da wie ein Gerichteter, dem man das Leben zu schenken im
+Begriffe steht.
+
+Mit Hilfe seiner großen Verwandtschaft beschloß die Gemeinde, die
+Abordnung an den Regierungsrat zu schicken, und bestellte sie aus dem
+Glottermüller, zwei weiteren Anhängern des Alten, dem Garden und dem
+Bockjeälpler, der halb an Josi Blatter glaubte. Den Presi aber überging
+die Gemeinde in der Wahl.
+
+Bis die Abordnung über die Antwort der Regierung Bericht erstatte, solle
+Peter Thugi bei seinem Los behaftet sein.
+
+Ein Krieg hätte das Dorf nicht mehr aufregen können als der erstaunliche
+Ausgang der Losgemeinde.
+
+»Der Presi,« höhnten einige grimmig, »hat uns mit seiner
+schlangengescheiten Zunge wieder einmal erwischt. Hütet euch.«
+
+»Daß Josi Blatter mit seinem Gelübde gerade auf die Zeit zurückgekehrt
+ist, wo die Wildleutlawine gegangen ist, bedeutet etwas -- ein großes
+Glück oder ein noch größeres Unglück,« meinten andere.
+
+Nach der Losgemeinde hat Eusebi noch einen Gang zu machen. Vroni wandelt
+mit Josi durch das ergrünende Feld und schaut den schweigsamen Bruder
+mit ihren blauen treuen Augen traurig, doch mit grenzenloser Bewunderung
+an.
+
+»Josi,« sagt sie, »du bist also der Mann, der uns geweissagt ist in den
+alten Heligen-Wasser-Sagen, die da melden: Es wird einer kommen, der
+stärker ist als Matthys Jul, und wird St. Peter von der Blutfron an den
+Weißen Brettern erlösen. Du bist also der Mann, Josi!«
+
+»Ich hoffe es!« erwidert er mit einem bleichen Lächeln.
+
+»O Josi,« versetzt sie, »es ist schwer, dieses Mannes Schwester zu sein
+-- -- und in den alten Sagen steht auch, es müsse eine Jungfrau über dem
+Werke sterben.«
+
+Er zuckt heftig zusammen, er schlingt den Arm um die Hüfte Vronis. »Ich
+weiß nur, daß ich mein Gelübde erfüllen muß,« sagt er ernst, »es ist für
+Binia, dafür, daß sie rein und treu geblieben ist. Und wenn es sein muß,
+sterben wir beide für das Werk, aber gewiß nicht eines allein.«
+
+Da sieht Vroni das grüne Feld nicht mehr, durch das Peter Thugi, der vom
+Los Getroffene, mit seinen Kleinen kommt. Er spricht zu ihnen: »Seht,
+das ist der Mann, der euren Vater retten wird;« er wendet sich zu den
+Geschwistern: »O Josi -- könnte ich es dir einmal danken, was du an
+diesen Kleinen thun willst.«
+
+»Siehst du, Vroni,« sagt Josi bewegt, »und ich kann nicht glauben, daß
+ein Segen zuletzt in einem Unglück endet. -- Wenn es aber wäre -- so
+thue ich doch, was ich muß.«
+
+
+
+
+XVIII.
+
+
+Der Presi sitzt im Bären auf seinem Zimmer, aber es ist nicht der Presi,
+der das Zünglein der Wage wie schon oft in der Gemeindeversammlung mit
+hinreißendem Wort geschwenkt hat, er ist ein alter gebrochener Mann.
+»Seppi Blatter -- Fränzi,« stöhnt er, »seid ihr jetzt mit mir zufrieden?
+-- Ob das Herz entzwei kracht, ich habe mich gewendet -- ich habe für
+euern Josi geredet -- ich will noch mehr thun, ich will ihm zu seinem
+Werk helfen -- ich will Frieden -- Frieden -- mit euch und eurem Sohne
+Josi -- den ich geschlagen habe -- den ich achte und liebe.«
+
+Seit er den jungen Mann gesehen hat, wie er sich in Bescheidenheit
+erhob, wie er mutig und mutiger redete, faßt er es nicht mehr, wie er
+Josi Blatter jemals hat gram sein können. Sein Plan ist groß. Wie er ist
+noch keiner im Bergland aufgestanden. Josi und Binia! Wenn's sein könnte
+-- aber -- -- er brütet wieder.
+
+Da schwankt Binia zu ihm herein, blaß, müd und auf den schmalen Wänglein
+doch einen Schimmer des Glücks.
+
+O, sie ist rührend schön, die blasse Binia.
+
+Sie nimmt die Hand des Vaters in ihre Händchen: »Vater, ich danke dir,
+daß du für Josi eingestanden bist.« Ein schmerzliches Lächeln geht über
+ihr bleiches Antlitz.
+
+»Du liebst ihn noch, Vogel, Herzensvogel -- gelt, ich kann für dich --
+und für Josi Blatter viel thun.« Sein Haupt zittert, sie sinkt vor ihm
+nieder -- er streichelt ihren Scheitel: »Kind -- ich möchte Frieden
+machen. -- Bini -- ich möchte noch einmal glücklich sein -- und wenn es
+nur ein Jährchen wäre. -- Bini, ich wollte, deine Mutter lebte noch.
+Beth, mein guter Engel. -- Ich wäre mit ihr nicht so weit gekommen und
+das Hintersichkrebsen wäre nicht so schwer. -- Josi Blatter ist ein Mann
+wie ein Held -- ich will für ihn kämpfen. Wenn mich die von St. Peter
+schon nicht in die Abordnung gewählt haben, so gehe ich doch für ihn in
+die Stadt, und ob das Dorf mich haßt, so bin ich vor der Regierung noch
+der Presi von St. Peter. -- Soll ich gehen, Kind?«
+
+»Ja, Vater, ja.«
+
+Herzzerbrechend weint die knieende Binia.
+
+»Bini -- Gemslein,« hebt der Presi wieder an, »ich kann deine blassen
+Wangen nicht mehr sehen -- sie töten mich -- Bini, bekomme rote Wänglein
+-- laß die Geschichte von Thöni nur erst still werden -- dann nimm in
+Gottes Namen Josi -- ich habe ihn lieb -- und lache wieder einmal mit
+deinem glücklichen Kinderlachen.«
+
+Binia zuckt und windet sich in Qualen des Glücks -- und des Elends.
+Wahnsinnig küßt sie die Hände des Vaters und dann schaut sie ihn an so
+rührend, so hoffnungslos. Und ihr Stimmchen bebt wundersam: »Vater, es
+ist zum Kinderlachen zu spät!«
+
+Da wird er in gräßlicher Angst plötzlich wieder der alte, böse Presi. Er
+zischt sie an: »Zu spät -- Bini, du hast wohl können so eine Komödie
+machen, bis du dich zu Thöni gefunden hast. Du bist ja doch zu weit mit
+ihm gekommen.«
+
+»Nein --. Vater -- nein!« Es tönt wie ein zersprungenes Glöcklein.
+
+»Warum bist du denn so blaß -- so hinfällig? -- Ich habe es ja selber
+gesehen, wie du aus seiner Kammer gekommen bist.«
+
+Binia wimmert nur, etwas Schweres schließt ihr den Mund. -- Sie schwankt
+empor, sie tappt davon wie eine Trunkene.
+
+Sie ist in ihrer Kammer, sie kniet an ihrem Bett: »Mutter -- Mutter --
+es ist entsetzlich -- das glaubt der Vater -- ich hätte mich mit Thöni
+vergangen! -- Und ich darf ihm die Wahrheit nicht sagen, warum ich mein
+Kinderlachen verloren habe. Er würde daran sterben.«
+
+Und sie wimmert, wie der Engel wimmerte, den man aus dem Himmel stieß.
+
+»Mutter -- Mutter -- wie sind wir unglücklich. -- Aber gelt, Mutter,
+liebe Mutter, Josis Werk kann uns erlösen -- er, der so viele erlöst,
+kann auch uns befreien. Ich bin an allem schuld. -- Und den gräßlichen
+Vorwurf des Vaters muß ich tragen -- Mutter -- um des Vaters selber
+willen -- hilf mir schweigen.«
+
+Was Binia noch sonst sagt, ist stammelndes Gebet.
+
+Der Presi aber ist noch nicht zu Ende mit seinem Zorn, die furchtbare
+Angst um Binia erzeugt seine Wut immer neu. Er rennt hinunter zu Frau
+Cresenz, er donnert sie an: »Was sagt Ihr eigentlich zu der Geschichte
+von den Briefen -- was sagt Ihr zu dem elenden Gesichtchen meiner Bini?
+-- Wohl, wohl, Ihr habt mir mit Eurem Neffen einen saubern Schuft ins
+Haus gebracht. -- He, Frau Cresenz -- gestupst und getrieben habt Ihr
+Tag und Nacht an mir, daß ich Bini dem Thöni gebe -- und er hat mich
+getrieben, daß ich den verfluchten Neubau angefangen habe.«
+
+Frau Cresenz, die kühle und geduldige Frau, wischt sich, wie er nicht
+aufhört zu wüten, mit der Schürze die Thränen ab: »Präsident,« sagt sie
+entrüstet, »ungerecht bleibt Ihr, bis Ihr sterbt! Ich habe auf Thöni,
+den Speivogel, gar nicht viel gehalten. Denkt aber an den Wintertag, an
+dem Ihr mit Thöni, aus Freude darüber, daß Blatter tot sei, wie toll
+getrunken und die Gläser miteinander ins Leere gestoßen habt: 'Zum Wohl,
+Seppi Blatter, zum Wohl, Josi Blatter, du Laushund.' Habt Ihr da nicht
+geahnt, daß es ein Unglück giebt?«
+
+»Schweigt!« schreit der Presi entsetzt, ihm ist, als zünde ihm jemand
+mit einer Fackel ins Gesicht; er ist seiner Zunge nicht mächtig, er
+würde sonst Frau Cresenz nicht so lange haben reden lassen.
+
+»Als die Todesnachricht falsch war,« fährt sie fort, »und Blatter wieder
+schrieb, da hat der Thor, der euch alles von den Augen absah, gemeint,
+es sei euch ein Gefallen, wenn Blatter tot bliebe. Er hat den ersten
+Brief unterschlagen, dann hat er nicht mehr rückwärts können, hat falsch
+geschrieben und es ist gekommen, wie's gekommen ist. Daß er ein Schelm
+und fremd geworden ist, daran seid Ihr schuld.«
+
+Plötzlich versteht der Presi die Handlungsweise Thönis.
+
+Er taumelt fort, er holt im Untergaden einen mächtigen Karst, rennt
+damit in der beginnenden Dämmerung durch das Dorf, und erschrocken
+sehen es die von St. Peter.
+
+»Was hat der Presi?« fragen sie, »was will er mit seiner Hacke?«
+
+Er eilt zum Neubau, der bis zum ersten Stockwerk gediehen ist. Mit
+wuchtigem Arm schlägt er die Zinken in Mauer und Balken, er reißt vom
+Werk, um dessen willen er das Dorf bis ins Mark beleidigt hat, so viel
+ein, als seiner Wut nachgiebt, er lebt in der wilden Gier, alles zu
+vernichten, was ihn an den unseligen Thöni mahnt. Aus scheuer Entfernung
+sehen ihm die maßlos erstaunten Dörfler zu. »Er ist letzköpfig
+geworden!« meinen die einen, die anderen: »Nein, seht, er hat doch ein
+Herz für uns.« Wie er sich beobachtet spürt, stutzt er, dann ruft er den
+Nähertretenden zu: »Nehmt von dem verfluchten Holz, so viel ihr wollt,
+verbrennt es. Sagt es den armen Leuten, daß sie's holen mögen. Bringt
+eure Aexte und Kärste, helft mir!«
+
+Der Garde kommt und streckt dem Presi die Hand hin: »Presi, etwas
+Besseres habt Ihr in Euerm Leben nie gethan!«
+
+»Gewendet habe ich mich, Garde,« sagt er und die Dörfler staunen.
+
+»Der Presi hat sich gewendet.« -- Wenige lächeln, es ist kein Spott oder
+Hohn im Dorf, offen oder heimlich ist ihm jedes Herz dankbar. Wie er den
+Karst auf den Schultern mit dem Garden durch die Frühlingsnacht
+heimwärts schreitet, lüften die Dörfler, die unter den Thüren stehen,
+achtungsvoll die Hüte vor ihrem Presi.
+
+»Man kann vielleicht den entsetzlichen Ahornbund abschütteln,« flüstern
+sie einander zu, »und für St. Peter kommt wieder eine bessere Zeit.«
+
+Und die Frühlingssterne, die zu schimmern beginnen, sehen den
+zertrümmerten Bau, der nie ein Haus geworden ist.
+
+Seltsam! -- Seit langen Jahren geht durch die Brust des Presi ein Hauch
+des Friedens -- er wütet nicht mehr, nur eine heiße Wehmut um Binia
+schleicht noch durch sein Herz.
+
+»Wie -- wenn Josi Blatter sie so stark liebte, daß er sie trotz allem,
+was vorgefallen ist, doch zu Ehren annähme!« -- Um Binias willen muß er
+Josi Blatter den Weg zu seinem Werke leicht machen und den noch
+zögernden Garden überredet er mit dem Feuer eines Jünglings von der
+Ausführbarkeit des Befreiungswerkes, das Josi plant.
+
+Ohne daß er es weiß, hat er dafür schon das Beste gethan.
+
+Die Dörfler sagen: »Wenn das Wunder möglich ist, daß der Neubau des
+Presi durch seine Hand zergeht, so ist auch das andere möglich, daß Josi
+Blatters Plan gut ist.«
+
+Das schwer erschütterte Vertrauen in die Zukunft erwacht wieder in dem
+geängstigten Dorf.
+
+Es sind so wunderliche Zeitläufte in St. Peter, daß man sich aus dem
+Verschwinden Thöni Griegs nicht viel macht. Vor ein paar Jahren hat er
+schon gesagt, er gehe nach Amerika, gestern hat er es beim Glottermüller
+mit dem Zusatz wiederholt, es sei in der Umgebung des Presi nicht mehr
+auszuhalten. Jetzt ist er halt gegangen, und Binia wird froh sein.
+
+Einige Tage später durchfliegt eine neue Kunde das Dorf und nimmt alle
+Teilnahme so gefangen, daß die von St. Peter vor Spannung nicht mehr
+arbeiten mögen.
+
+Die Regierung ist mächtig für den Plan Josi Blatters eingenommen, der
+ihn selbst den Herren dargelegt hat.
+
+Vor etwa vierzig Jahren ist einmal ein Regierungsrat nach St. Peter
+gekommen und hat der Einweihung einer Kirchenfahne beigewohnt. Seither
+hat man in der Stadt das stille St. Peter vergessen. Nun erlebt es das
+Dorf, daß zur zweiten Wassertröstung zwei Regierungräte auf einmal
+kommen. Die liebenswürdigen, gescheiten Herren verstehen besser zu reden
+als der glatzhäuptige Glottermüller, der quiekende Unglücksrabe.
+
+»Josi Blatter, der großherzige Mann,« sagen sie, »soll sein Gelübde
+lösen, die Leitung nach den neuen technischen Grundsätzen bauen und
+treulich sollen ihm Staat und Gemeinde helfen. Der Staat liefert ihm die
+Spreng- und Baumittel, die Gemeinde mag sich zu den Hilfstagewerken
+verpflichten, die nötig sind.«
+
+»Ja, wenn die Regierung dafür einsteht,« meinen die von St. Peter, »so
+ist der Plan gewiß gut,« und freudig zeichnen die Bauern ihre Tagewerke.
+
+Umsonst ruft der letzköpfige Kaplan sein »Wehe -- wehe -- wehe!« durchs
+Dorf, ihm antwortet der jubelnde Ruf: »Ab mit der Blutfron -- ab -- ab!
+-- es lebe Josi Blatter, der Felsensprenger! Das Werk ist für uns,
+unsere Kinder und Kindeskinder.«
+
+Eine gute That! -- Sie ist selbst heiliges Wasser, das befruchtet. Die
+Unglückstafeln an den Weißen Brettern werden verrosten, die Losgemeinde
+wird eine Sage sein, frei giebt man die heligen Wasser in der Kinder, in
+der Enkel Hand.
+
+Und der »Ahornbund« liegt am Boden.
+
+Josi hat die Herren aus der Stadt in den Bären begleiten müssen, aber
+jetzt sind sie fort.
+
+Zum erstenmal, seit sie vom Teufelsgarten kamen, sehen sich die
+Liebenden wieder. Es ist ein schweres Wiedersehen!
+
+Aber nun steht Binia doch so selig, so demütig in Josis Arm -- und er
+küßt ihren Scheitel: »Bineli -- mein Bineli.« Und »Josi« antwortet sie.
+
+Sie vergessen einen Herzschlag lang eine blutende Wunde -- sie sind am
+Ziel. Ihre stille Verlobung von Santa Maria del Lago gilt wieder und er
+geht jetzt an das Werk seiner Dankbarkeit, auf dem ihre heißen
+Segenswünsche ruhen.
+
+Aber dann freilich ist noch eine That nötig, die fast schwerer als die
+Befreiung St. Peters von der Blutfron ist, die Selbsterlösung aus einem
+Schein der Schuld, den ein übermächtiges Verhängnis auf sie geladen hat.
+
+Nur wie ein ferner Stern, der blinkt, steht jenseits der großen Dinge
+vor ihnen das Glück.
+
+Einen Herzschlag lang atmen sie auf, sie hoffen und ihre Augen glänzen
+ineinander.
+
+Da kommt der Presi, sieht es -- sieht es -- er lächelt ihnen glücklich
+und mit seinem herzinnigsten Lachen zu, er meint ein Wunder zu erleben
+-- er schwankt, ob er noch an das glauben will, was er doch mit eigenen
+Augen gesehen hat, daß Binia aus der Kammer Thönis trat.
+
+Einen Blick hat sie Josi gegeben so voll Wärme, voll Treue, voll
+Reinheit und Unschuld, wie ihn nur das Mädchen findet, das sich in
+seiner Liebe treu, rein und unschuldig weiß.
+
+Diese Entdeckung blitzt wie Sonne ins Vaterherz.
+
+Josi ist an sein Werk gegangen, dem er nun bis zur Vollendung mehr
+gehört als der Welt.
+
+Da nimmt der Presi die Hand seines Kindes: »Bini -- Vogel -- Gemslein,«
+dringt er in sie, »jetzt darfst du's deinem Vater schon sagen: Hast du
+Thöni wirklich nie gern gehabt?«
+
+»Du thust mir furchtbar weh, Vater!« antwortet sie schamvoll, »glaubst
+du, ich dürfte einem so herrlichen Mann wie meinem Josi in die Augen
+sehen, wenn ich mich nicht treu wüßte, meinem Josi, der nur aus
+Dankbarkeit gegen den Himmel an die Weißen Bretter geht, weil er mich
+trotz allem Gegenschein treu erfunden hat.« Und im Sturm der Wallung
+kann sie nicht mehr schweigen. »Als du mich aus Thönis Kammer kommen
+sahst, habe ich nur die Schlüssel geholt, um mich der Briefe zu
+bemächtigen, die er unterschlagen hat, -- da sind sie.«
+
+Sie reißt die Notschreie Josis aus dem Mieder, legt sie vor den Vater
+und will sich flüchten. Er aber zieht sie an seine Brust: »Vogel --
+Herzensvogel -- und das hast du nicht gewagt, mir zu sagen, und hast
+mich in der verzehrenden Angst gelassen -- du Grausame. -- Aber jetzt
+rote Wänglein, Kind!«
+
+Binia ist, das Herz zerspringe ihr, sie müsse dem Vater mehr und alles
+verraten, sie müsse ihm jetzt auch sagen: »Vater, uns ist ein Unglück
+geschehen, hilf uns in entsetzlicher Not,« aber das unendliche Glück,
+das in seinen Augen strahlt, schließt ihr den Mund.
+
+»O Bini -- Bini,« lacht und jubelt der Presi. »Aus Beelendung über dich
+bin ich so rückwärts gekrebst -- gezittert und gebetet habe ich, daß
+Josi sich doch deiner erbarmen möge. -- Und nun ist das Wunder
+geschehen, daß das Kind besser ist, als der Vater erhoffte. Jetzt will
+ich auf ein schönes, ruhiges Alter mit dir und Josi denken. -- Ich mag
+die Unruhe nicht mehr -- ich gebe das Fremdenwesen auf!«
+
+Der Presi spricht es in einem Taumel des Glücks. Aber Binia weint
+bitterlich -- sie schluchzt vor Leid: »O Vater, sobald Josi sein Werk
+vollendet hat, so wollen wir mit ihm von St. Peter fort in ein fernes
+Land ziehen, und dort will ich dein graues Haupt hüten und pflegen.«
+
+Leidenschaftlich stößt sie es hervor.
+
+»Ein sonderbarer Gedanke, Kind. Hat ihn dir Josi eingegeben?« fragt er
+ernst und erstaunt.
+
+»Nein, Vater, ich mir selbst!« bebt ihr Mund.
+
+»Was denkst du,« spricht er nach einigem Besinnen, »ich kann nicht fort
+von St. Peter. Wer so lange in St. Peter gelebt hat wie ich, muß in St.
+Peter sterben.« --
+
+Da schaut sie ihn in unendlicher Hilflosigkeit an und geht.
+
+»Sie ist ein merkwürdiges Kind, jetzt wie früher,« denkt der Presi, aber
+er ist selig über das Bekenntnis, das sie ihm abgelegt hat. Er baut
+Pläne des Glücks für Binia, für Josi, für sich. Er ist beinahe wieder
+der alte Feuerkopf.
+
+Und er schüttelt den Kopf: »Wie ich so lange habe ein Narr sein und Josi
+widerstehen können!«
+
+»Präsident,« meint Frau Cresenz, »wir sollten doch langsam auf unsere
+Vorbereitungen für den Sommer denken, wenn Ihr die Krone aufgegeben
+habt, so werden wir um so mehr zum Bären sehen müssen.«
+
+Er lacht sie nur seltsam an und sagt: »Ja, Präsidentin, ich gehe morgen
+nach Hospel hinaus zu Malermeister Serbiger. Er muß mir eine große Tafel
+malen, auf der steht: 'Pension und Hotel zum Bären in St. Peter sind
+geschlossen', und die Tafel lasse ich auf zwei hohe Pfähle am Eingang
+des Glotterwegs aufstellen. Auch schicke ich einen gedruckten Brief an
+alle früheren Gäste, daß ich das Fremdenwesen aus Altersrücksichten
+aufgegeben habe.«
+
+Sprachlos schlägt Frau Cresenz die Hände über dem Kopf zusammen, dann
+aber jammert sie: »Wenn Ihr das thut, so gehe ich aus dem Haus -- ich
+bin es nicht anders gewöhnt, als daß ich im Sommer eine Pension leite --
+und bedenkt doch, Präsident, wie man Euch, wenn Ihr jetzt dem Dorf so
+stark nachgebt, auslachen wird.«
+
+»Gott's Donner, Präsidentin,« zürnt er, »ob ein paar Kälber lachen oder
+nicht, darauf kommt es mir nicht an, aber Euer Neffe, Herr Thöni, hat
+mir das Sommerleben verleidet -- ich will jetzt ein wenig glücklich
+sein.« -- --
+
+Frau Cresenz aber ist unglücklich -- eines Tages erscheint der Kreuzwirt
+von Hospel im Bären, die Männer rechnen im Frieden die Reingewinne aus
+den Büchern des Gasthofes während der zehn letzten Jahre aus, ein
+Drittel der Summe zahlt der Presi Frau Cresenz in Banknoten vor und legt
+aus eigenen Stücken noch tausend Franken darauf: »Da, Präsidentin, ist
+Euer Anteil.«
+
+Die Großmut in Dingen des Geldes gefällt dem Kreuzwirt. »Schwager,« sagt
+er, »es thut mir leid, daß es so ungeschickt hat gehen müssen. Wäre ich
+bei den Hospelern gewesen, die den Zigarren rauchenden Thöni hoch auf
+der Post über den Paß haben fahren sehen, hätte ich ihn heruntergelangt
+und ihm eine Tracht Ohrfeigen mit nach Amerika gegeben, dem Lausbuben,
+der seinen nächsten Verwandten nicht einmal ein Lebewohl und 'Es ist mir
+leid' gesagt hat.«
+
+Binia, die den Rechnenden eben noch eine Erfrischung bringt, muß sich an
+der Stuhllehne des Vaters halten.
+
+»Thöni über den Paß gefahren!« staunt sie. Ja, ist denn das schreckliche
+Erlebnis im Teufelsgarten, das ihr Tag und Nacht mit fürchterlicher
+Deutlichkeit vor den Sinnen steht, nur ein böser Traum?
+
+Herzlich dankt sie der Stiefmutter, die nie hart gegen sie gewesen ist,
+und der Kreuzwirt und Frau Cresenz reiten gerade so vom Bären, wie sie
+vor elf Jahren zugeritten sind.
+
+Eine ziemlich friedliche Ehe, die auf ein gemeinsames blühendes Geschäft
+aufgebaut worden ist, hat ein friedliches Ende gefunden.
+
+Der Presi ist wieder da angekommen, wo er vor elf Jahren stand, der
+Bären ist wieder ein Dorfwirtshaus -- mit Binia und einer Magd haust er
+allein.
+
+Aber er ist es zufrieden, er spürt nichts von Heimweh nach dem lebhaften
+Treiben der früheren Sommer, nach dem kühlen Lächeln der Frau Cresenz,
+er lebt ganz in Binia, dem wiedergefundenen Kinde.
+
+Und der Bären ist nicht öde. Aus der weiten Umgegend kommen Leute, die
+von dem Wunderwerk gehört haben, das an den Weißen Brettern im
+Glotterthal ausgeführt wird. Sie reden bei ihrem Schoppen Kluges und
+Thörichtes darüber. Thun sie das letztere, dann zuckt es um die Brauen
+des Presi: »Ta-ta-ta, wenn jemand von einer Sache nichts versteht, so
+soll er nicht darüber sprechen, letzte Woche sind die Ingenieure der
+Regierung dagewesen, sie sagen, das Werk sei vortrefflich.«
+
+Auch die Dörfler kommen wieder in den Bären, wie eine ferne drückende
+Sage liegt der »Ahorn« hinter ihnen; sie begegnen dem Presi mit jener
+Hochachtung, die das beschämte Unrecht für den Gegner hat, der edel
+nachgiebt, sie freuen sich über den Sommer, der wie einst in friedlichen
+Prächten ins Thal zieht.
+
+Der Garde und der Presi, die wieder versöhnten Freunde, sprechen mit
+wahrer Erhebung von Josis Werk.
+
+In der größeren Wildleutfurre ist die Mauer schon erstellt, die Leitung
+darauf gelegt, das Schutzdach aus Holz und Stein gebaut, die Furre
+selbst hochhin ausgeebnet und in der kleineren Wildleutfurre geht die
+Arbeit auch bald zu Ende. An einem Kranseil, das vom Glotterweg bis in
+die entlegene Höhe der heligen Wasser reicht, steigen Hilfsarbeiter,
+schweben die Hölzer, die Deckplatten, die Zementsäcke zu Josi, dem
+Befreier, empor.
+
+Dynamitfuhre um Dynamitfuhre kommt und Josi baut jetzt den Wasserweg
+durch die Weißen Bretter selbst. Er ist von der Sonne braun gesengt, er
+ist abgezehrt von der Arbeit, aber er liebt die Mühe und die große
+beständige Lebensgefahr, die sein Werk mit sich bringt. Wer um
+Sonnenaufgang von St. Peter nach Hospel geht, hört sein Hämmern in der
+fernen Höhe, wer gegen Sonnenuntergang von dort zurückkehrt, hört es
+noch. Wenn das Ave-Maria-Glöcklein von St. Peter verklungen ist, wenn
+das letzte Sonnenrot an den Firnen zergeht, dann hallen seine
+Sprengschüsse durch das Thal. Im Wiederhall ertönen die Bergwände;
+heraus, herein durch das Gebirge rollt das Echo, und wenn man es schon
+lange gestorben glaubt, erwacht es noch einmal grollend in einem fernen
+Schlund des Gebirges.
+
+»Zum Wohl, Garde, trinken wir eins auf Josi!« lacht der Bärenwirt.
+
+»Presi, jetzt werdet Ihr wohl keine bösen Träume mehr haben,« erwidert
+der Garde froh.
+
+»Nein, ich fasse es nicht mehr, wie ich mich einmal über ein dummes
+Träumchen habe ängstigen können,« sagt der Presi, um den eine ganz neue
+Welt gesponnen ist. »Ich zähle im Kalender die Tage bis zu
+Allerheiligen, bis im Bären Hochzeitsleben jauchzt.«
+
+Ein hoffnungsvolles Lächeln geht über das Gesicht des Presi. Wie der
+Garde aber nach Hause stoffelt, seufzt er und ist nachdenklich. Auch er
+zählt die Tage bis Allerheiligen, aber aus einem anderen Grund.
+
+Mehr denn zehn Jahre hat der Presi gewütet in Gewaltsamkeit und
+Ungerechtigkeit wie ein Uebermensch. Eines Tages nun fällt ihm ein,
+glücklich zu sein. Aber steht die Vergangenheit nicht drohend hinter
+diesem Glück? Und um den Liebesbund Josis und Binias schwebt auch etwas
+so Uebermenschliches, um diese rührende Hingabe, um diese hohe Treue von
+langen Jahren her. Kommen wohl Josi und Binia, das herrliche Paar, wie
+noch keines im Bergland gewachsen ist, ein Held der That und eine Heldin
+der Treue, zum Ziel?
+
+So fragt sich der Garde sorgenvoll und traut dem Dorffrieden nicht.
+
+Josis Werk ist zu schwer, zu wuchtig für das kleine St. Peter. Wohl hat
+es, als die Regierung seinen Plan gutgeheißen hat, Josi zugejauchzt, und
+wenn einzelne Gegner wie der Glottermüller übrig blieben, so schwiegen
+sie. Aber seit dem Tag, da die von der Regierung gesandte Dynamitfuhre
+kam, regte sich im Volk wieder abergläubische Furcht. Alle, selbst die
+Frauen, eilten damals hinaus in den Teufelsgarten, um den Pulverwagen zu
+sehen. Das von vier Gendarmen bewachte Fuhrwerk, das eine schwarze Fahne
+mit der Aufschrift »Dynamit« trug, erschreckte sie aber. Es sei ein
+mächtiger Sarg gewesen, jammerten sie, umsonst erklärten die
+militärpflichtigen Männer, es sei ein Militärcaisson, die Vorstellung
+des Sarges ist geblieben. Und ein Sarg bedeutet Unglück.
+
+Die Weiber wollten nicht mehr zugeben, daß die Männer, Brüder und Söhne
+die zugesagten Arbeiten leisten, einzelne Bürger zahlen die
+versprochenen Tagewerke in Geld, andere bleiben einfach aus, die Hilfe,
+die Josi braucht, fehlt.
+
+Er stand mit seinem so glücklich begonnenen Werk allein und in der
+großen Verlegenheit erbat sich der Gemeinderat Ersatz von der Regierung.
+Unter der Führung eines Aufsehers kam wirklich eine Schar Hilfsarbeiter
+ins Thal und richtete sich im Schmelzwerk wohnlich ein, aber die
+Kolonne, die hell und dunkel gestreifte Kleider trug und in der es
+verwegene, rohe Gesichter genug gab, gefiel denen von St. Peter nicht.
+
+Das Wort »Zuchthaussträflinge« flog durch das Dorf, es erzeugte einen
+Sturm der Furcht und Erbitterung, denn Sitte war es bis jetzt gewesen,
+daß an den heligen Wassern nur rühren durfte, wer in bürgerlichen
+Rechten und Ehren stand, und selbst der bedächtige und nüchterne Garde
+wurde zornig über den Schimpf, den die Regierung den heligen Wassern
+durch die Entsendung der Sträflingskolonne angethan. Der Gemeinderat
+ersuchte die Herren um die Zurückziehung der Mannschaft. Die Sträflinge
+verließen das Glotterthal, dafür berichtete die Regierung zurück, die
+von St. Peter mögen nun selber zuschauen, wie sie mit dem Werk an den
+Weißen Brettern fertig würden.
+
+Als der Bescheid im Dorf bekannt wurde, war man gewaltig empört: »Das
+sind die Herren, die so schön haben reden können -- jetzt wollen sie
+nichts mehr wissen von dem Verbrechen, das an den Weißen Brettern
+begangen wird.«
+
+Ueber das Dynamit, das Josi bei seinen Sprengungen brauchte, kamen immer
+entsetzlichere Gerüchte in Umlauf.
+
+Eine Spur »Teufelssalz«, so groß wie eine Prise, sei so stark, daß man
+damit einen ganzen Berg in den Himmel sprengen könne, die Königs- und
+Fürstenmörder brauchen es, aber bevor es einer anwenden könne, müsse er
+schon einen Menschen umgebracht haben, sonst würde ihm das Salz die
+Hände durchfressen. Josi Blatter jedoch -- das haben einige zuverlässige
+Männer gesehen -- ist so gefeit, daß er die Patronen in den Säcken und
+Taschen seines Kleides herumträgt, ohne daß ihm das mindeste geschieht.
+
+Also muß auch er jemand getötet haben.
+
+Das Gewand voll Teufelssalz, so sagen die Dörfler, steigt er am Sonntag
+von den heligen Wassern hernieder nach St. Peter -- und bis auf wenige
+haben sie alle ein Grauen vor dem gelassenen Mann, der sich um sie nicht
+kümmert.
+
+Sein erstes ist ein »guter Tag« in dem Bären, dann geht er, den
+Bräuchen des Thales treu, zur Kirche, nach dem Gottesdienst zum Garden
+und Vroni und bleibt bei ihnen in den Nachmittag hinein. Allein eine
+Hoffnung Vronis geht nicht in Erfüllung. Sie hat gemeint, er würde ihr
+nun viele merkwürdige Dinge aus dem Wunderland Indien erzählen, aber es
+ist, als wäre das Schweigen der Einsamkeit, in der er die Woche lang
+arbeitet, auf ihn übergegangen, nur sein Blick ist warm, sein trockenes
+Lächeln herzinnig wie immer, und gegenüber allen Sorgen des Garden um
+das Werk bewahrt er eine stille, freudige Zuversicht. »Auch ohne
+Hilfsarbeiter,« versichert er, »werde ich es auf Allerheiligen
+vollenden.« Am liebsten spielt und scherzt er mit Joseli, man sieht es,
+das Büblein ist ihm lieb, und wenn Vroni den beiden zuschaut, dann
+erkennt sie in Josi, dem unheimlich starken Mann, den tröstlichen Knaben
+wieder, mit dem sie und Binia die Jugend durchlacht und durchspielt
+haben.
+
+Am Nachmittag geht Josi in den Bären zu Binia.
+
+Bebendes Glück! -- Ohne diese Stunden müßte Binia sterben wie ein Vogel
+ohne Sonne und Luft. O, wie ist der Vater lieb zu Josi, wie verstehen
+sich die beiden Männer gut, der alte Feuerkopf und der junge ruhige
+Mann.
+
+Der Presi ist noch viel stärker für Josi als je für Thöni unglückseligen
+Angedenkens eingenommen. Die beste Flasche aus dem Keller und der beste
+Bissen aus der Küche des Bären wandern mit Bonzi, dem Viehhüter, der
+Vronis ländliches Essen auf die Arbeitsstätte Josis schafft, zu den
+heligen Wassern empor. Und bei jeder Sendung des Vaters liegt ein Wort
+von Binia!
+
+»Herzlieber Josi! -- Es hat manchmal Zeiten gegeben, wo ich mir den Kopf
+zerbrach, wozu denn die ungestüme, thörichte Bini auf der Welt sei? --
+Jetzt aber weiß ich es. Um den herrlichsten Mann im Bergland ein wenig
+glücklich zu machen. Wenn es kein Mensch weiß, so zerspringt mein Herz
+doch schier vor Stolz, daß du wegen der tollen, unnützen Bini die
+Blutfron von St. Peter nimmst. Wenn ich schon gestorben bin, so denk'
+ich es doch noch: Josi hat es für mich gethan. Und ich weiß es, du bist
+stark, so stark, daß du auch uns erlösest. Lieber Josi, du thust nichts,
+wobei nicht mein Herz und meine Seele wären!«
+
+Von ihm kam zwar kein Brief zurück, aber wenn es dunkel geworden war,
+sah man in einem der Felsenfenster, die Josi von seinem Tunnel her gegen
+das Thal geöffnet hatte, ein Licht.
+
+Das bedeutet: »Gute Nacht, liebe Bini!« Und wenn das Licht schon lang
+verschwunden ist, so steht sie noch am Fenster, staunt in die Stille und
+denkt mit gefalteten Händen an Josi.
+
+Was im Teufelsgarten geschehen ist, kommt ihr nicht mehr so gräßlich
+vor, daß sie deswegen nicht ein wenig lächeln dürfte, wenn sie an Josi
+denkt. Es ist kein Verbrechen, es ist nicht einmal eine That des Zorns,
+es ist nur ein Unglück geschehen. Welche Mäßigung hat Josi in dem
+entsetzlichen Kampf bewiesen, wie übermenschlich ruhig ist er darin
+geblieben. Sie hat sich vor ihm gerechtfertigt, sie steht selig in
+seinem Arm. Da zuckt ein langer Blitz auf und ab, in überirdischem Licht
+erglänzen die Firnen des Glottergrats und vor ihnen steht Thöni. Die
+Kugeln seines Revolvers zischen um ihre Köpfe. Sie schreit. Im gleichen
+Augenblick aber hat Josi auch schon die Waffe aus Thönis Hand auf den
+Weg geschlagen. Dann liegt Dunkelheit in der Schlucht. Wie aber wieder
+eine Blitzrute durch das Thal fährt, ist Thöni in der Macht Josis, der
+ihm die Arme eisern umklammert hält. »Grieg,« ruft er, »sei vernünftig
+und laß uns in Ruhe, du weißt, daß ich ältere Rechte auf Binia habe als
+du. Ich klage wegen der Briefe nicht gegen dich, aber gieb Frieden.« Und
+sie kniet vor dem gefesselten Burschen, sie fleht: »Thöni, um Gottes
+willen, mache dich und uns nicht unglücklich!« Er faucht eine Weile
+unter Josis überlegener Kraft, dann stöhnt er: »Laßt los, laßt los,
+Blatter, -- ich gebe nach!« Da giebt ihn Josi frei, der Unglückliche
+rafft im Fliehen seinen Revolver auf, er eilt über die Brücke, aber wie
+sie noch stehen, kehrt er mit der frisch geladenen Waffe zurück und
+schießt wahnsinnig in die Finsternis. Ein Blitz -- Dunkelheit. Josi eilt
+auf Thöni los, der will fliehen, wieder ein Blitz, da rennt der
+Flüchtling quer über die Straße und der Irrende versinkt vor ihren Augen
+in die Glotterschlucht. Aus unglücklichem Herzen schreit Josi: »Grieg,
+kann ich Euch helfen, wo seid Ihr?« Keine Antwort -- die Wildleutlaue
+geht -- sie erleben einen langen, langen Augenblick, wo sie meinen, das
+Weltende sei da. Und wie sie ihrer Sinne wieder mächtig sind, suchen sie
+voll Verzweiflung Thöni -- können aber keine Spur mehr von ihm
+entdecken. Ein Unglück ist geschehen, aber kein Verbrechen! -- Es ist an
+Josi nichts Ungerechtes -- es war nur so gräßlich zu sehen, wie Thöni
+versank.
+
+Josi war in jenem grauenden Morgen ganz untröstlich. Er wollte den Fall
+anzeigen, dann besann er sich wieder. »Zuerst kommt das Gelübde -- dann
+das Recht der Menschen.«
+
+So ist's gegangen. Warum sollten sie nicht doch noch glücklich werden
+können -- ihre Gewissen sind rein. Aber fort -- fort von St. Peter. Hier
+kommen sie vor dem Schrecken jener Nacht doch nie mehr zur Ruhe. In der
+Fremde aber ist es schon möglich, daß sie ihr Kinderlachen wiederfindet.
+
+Mit vorsichtigem Wort tippt sie Tag um Tag am Vater, daß er den Bären
+verkaufe, daß er mit ihr und Josi in die Ferne ziehe: »Alles hier mahnt
+mich an Thöni,« redet sie ihm mit flehenden Augen zu, »aber ich
+verspreche es dir, Vater, draußen will ich wieder lachen wie ein Kind
+und glücklich -- o so glücklich sein!«
+
+Und seltsam! -- Die Furcht vor Thöni wirkt ansteckend auf den Presi, ihm
+ist, er müsse dem Geflohenen noch ein Opfer bringen, er beginnt sich den
+Verkauf des Bären zu überlegen, und während der Bann der schrecklichen
+Nacht langsam von Binia weicht, schleicht es sich langsam, aber mit
+aller Macht ins Bewußtsein des Presi, daß er mit Thöni noch nicht fertig
+ist.
+
+Manchmal ist es Binia, sie müsse den Vater über das schreckliche
+Ereignis der Wetternacht ins Vertrauen ziehen, aber dann hat sie wieder
+das sonderbare Gefühl, sie würde ihm die letzte Ruhe rauben, er weiß es
+ja nicht, daß sie, getrieben von der Uebergewalt einer grenzenlosen
+Liebe, die selbst die Toten nicht fürchtet, draußen im Teufelsgarten
+gewesen ist.
+
+Einmal, als Josi wiederkam, brachte er die überraschende Kunde mit, daß
+sein Werk zu mehr als zwei Dritteln vollendet sei und man jetzt auf der
+näheren Seite ohne Gefahr in den Felsengang eintreten und durch die
+Felsen der ersten zwei Bretter und über die Wildleutfurren wandeln
+könne.
+
+Da gab ihm Bini einen glühenden Kuß: und ihr kleiner Schrei: »Josi, mein
+Held!« verriet ihre Freude über die Meldung.
+
+Sie und der Vater beschlossen, Josi am anderen Tag an den Weißen
+Brettern einen Besuch zu machen.
+
+Da klangen die Kirchenglocken.
+
+Als sie aber mit gesenktem Köpfchen, das Betbuch, das weiße Tüchlein und
+den Rosmarinzweig in den Händen, sittsam die Kirchhoftreppe
+emporschritt, wichen links und rechts die Frauen zurück: »Das
+Teufelsmädchen -- das dem Rebellen den Daumen hält!«
+
+Der überraschten Binia entglitt das Betbuch und es fiel zu Boden.
+
+»Seht ihr es, daß sie eine Teufelin ist, sie kann das Betbuch nicht mehr
+halten,« riefen die Weiber.
+
+Vroni hob der Erschrockenen das silberbeschlagene Büchlein auf: »Binia,
+ich bleibe bei dir!«
+
+Weiter ging Binia den Dornenweg, doch jetzt erhobenen Hauptes, mit
+glühenden Wangen, blitzenden Augen. »Vroni,« sagte sie, »gehe von mir,
+es könnte auch dir schaden.«
+
+Sie tritt in die Kirche, sie will sich in die kleine Bank setzen, wo das
+Wappen der seligen Mutter, ein Steinbock, gemalt ist. Da tritt die
+Glottermüllerin, das häßliche, scheinheilige Weib, vor sie, speit mit
+zahnlosem Mund vor ihr aus, weist mit dem Zeigefinger auf den nassen
+Fleck am Boden und sagt: »Das bannt -- darüber hinaus kommst du nicht,
+Hexe!«
+
+Und richtig, Binia weicht zurück.
+
+»He, seht,« schreit die Glottermüllerin, »sie ist eine Teufelin -- ja,
+sie hält dem Rebellen an den Weißen Brettern wirklich und wahrhaftig den
+Hexendaumen.«
+
+Da ist Josi plötzlich an Binias Seite. Ihm ist es nicht besser ergangen.
+Die Männer haben die Fäuste gegen ihn geballt. Nun reicht er ihr vor der
+ganzen Gemeinde die Hand: »Komm, Binia, wir gehen wieder,« und den Kopf
+zurückwerfend, sagt er: »Schämt euch, ihr Unvernünftigen von St. Peter!«
+
+Damit wendet sich das Paar.
+
+Am Altar steht aber schon, das weiße Heilandskreuz auf der dunklen
+Soutane, der greise Pfarrer. Er erhebt das kleine Handkruzifix, tritt
+schwankend vor und spricht mit der gebrechlichen, meckernden Stimme und
+dem wackelnden Kopfe des hohen Alters:
+
+»Josi Blatter und Binia Waldisch, im Namen Gottes und aller Heiligen,
+bleibet! Ich schütze euch mit dem heiligen Kreuz. Ihr aber von St.
+Peter, hütet euch. In euern Hütten und Häusern geht ein alter
+heidnischer Teufelsglaube um, der nach Opfern schreit, ihr seid eine
+unchristliche räudige Rotte geworden und gehorcht dem Baalspfaffen
+Johannes mehr als der heiligen Kirche. Ich, euer rechtmäßiger Pfarrer,
+sage euch: Wenn ihr, ihr Tollen von St. Peter, nicht aufhört mit eurer
+Bosheit, so lege ich die Siegel der Kirche an dieses Gotteshaus, an eure
+Glocken, ich verweigere euch die Sakramente und ein christliches Grab,
+leben und sterben sollt ihr wie das wilde Getier. Wer von euch am
+Aberglauben hängen bleiben will, verlasse jetzt gleich das Gotteshaus.«
+
+In seinen Stuhl zurückgesunken erwartete der alte Priester, seine
+Gebete murmelnd, die Wirkung seiner Worte, doch auf der Seite der Männer
+sah er nichts als finsteren Trotz, auf der Seite der Frauen herrschte
+das Heulen der Furcht. Erst nach einer Weile begann er, noch zitternd
+vor Erregung, den Gottesdienst.
+
+Als der Presi hörte, was für einen Schimpf man seinen Kindern zugefügt
+hatte, wütete und tobte er gegen das Dorf wie in alter Zeit: »Keiner
+außer dem Garden bekommt im Bären mehr einen Trunk, von heute an ist er
+kein Wirtshaus mehr!« Dem Pfarrer aber, seinem ehemaligen Feind, ging er
+mannlich danken.
+
+Am anderen Tag stieg er, den grünen Asersack[32] an der knorrigen Hand,
+mit Binia hinauf durch die Alpen, wo das Vieh zum Abzug rüstete. Es war
+ein sonniger und klarer Tag, Binia hatte wieder rote Wänglein, ihr
+glückliches Kinderlachen erwachte für einen Augenblick wieder und
+läutete über die Enzianen dahin und im Arm trug sie die Bergastern, um
+das Werk Josis zu schmücken.
+
+ [32] _Asersack_, schweizerdeutsch, Sack für den Mundvorrat.
+
+Der Presi baute Luftschlösser. Ja, den Bären will er verkaufen auf die
+Zeit, wo Josi sein Gelübde gelöst hat, seine Kapitalien flüssig machen
+und dann dem Zug des Glückes und der Liebe folgen. »Josi,« sagt er zu
+Binia, »wird in der weiten Welt schon ein schönes Plätzchen für uns
+wissen. Unter dem thörichten Volk von St. Peter ist es mir verleidet.«
+
+Sie erreichten die Höhe der heligen Wasser, sie standen am Eingang der
+Weißen Bretter, wo die trübe Flut, die aus dem Hintergrund des Thales
+kam, durch einen Kännel abgelenkt in eine Runse floß und in lustigen
+Bächlein in die blauen Tiefen des Glotterthals niederschäumte.
+
+Mit heiligem Schauer betrat Binia den Felsengang Josis, der sich
+mannshoch wölbte, und der Presi betrachtete das Werk in Bewunderung.
+Anderthalb Fuß breit und einen Fuß tief zog sich am Grund des Stollens
+der neue Wässerwassergraben dahin, neben ihm ein genügend breiter
+erhöhter Felsenweg für den Garden, die Wände waren mit Hammer und Meißel
+ausgeglichen und die Risse des Gesteins mit Zement ausgegossen. Da und
+dort fiel durch ein Felsenfenster ein Bündel Tageslicht in das stille,
+halbdunkle Gestein. Nun schritten sie unter dem Balkendach der
+Wildleutfurre, weiter durch das mittlere Weiße Brett, wieder über die
+Wildleutfurre -- da sieh -- da horch -- im Dunkel vor ihnen glüht ein
+roter Lichtfunke und tönt Hammerschlag. An das Gestein hingeknäuelt
+arbeitet Josi im Schein der Grubenlampe.
+
+Ein kleiner Ruf Binias -- er läßt das Werkzeug fallen: »Bini -- meine
+Bini -- Vater gottwillkommen!«
+
+Die schöne, feine Bini hat Josi zu Ehren ihr bestes Kleid angezogen, sie
+steht, in den Händen den Strohhut, um den sie zum Schutz ein weißes
+Tüchlein geschlagen hat, demütig erglühend vor dem bestaubten
+Felsensprenger, der im schlechtesten Gewand bei der Arbeit ist.
+
+»Da errichtest du wirklich ein Werk der Wohlfahrt für die Ewigkeit,
+Josi,« grüßt der Presi im Vaterstolz.
+
+Ein paar Stunden weilt der freundliche Besuch in der sonnigen Höhe. Am
+Eingang des Felsenkanals sitzen die Liebenden mit dem Presi, der sein
+Reisesäcklein auspackt, und die Gläser der dreie klingen auf glückliche
+Vollendung des Werkes zusammen.
+
+Ueber das Glotterthal sind die blauen Schleier des Nachmittags
+hingegossen, die Bergwelt mit ihren Firnen steht weit im Kreise still
+und feierlich in Verklärung da, Haupt an Haupt, Firn an Firn, am
+erhabensten die Krone.
+
+»Josi,« flüstert Binia und ihr weiches dunkles Haar streift ihn, »heute
+ist es schön wie zu Santa Maria del Lago -- es ist so schön, daß man vor
+Glück sterben könnte.«
+
+Da rollt es von der Krone dumpf -- ein seltsames Zeichen im Herbst, wo
+sonst die Gletscher friedlich sind. Aber man lebt eben in einem Jahr, wo
+die Natur ausgleicht, was der vorausgegangene schlechte Sommer zu viel
+an Schnee auf das Gebirge gehäuft hat. Darum schaffen und donnern die
+Gletscher bis spät ins Jahr hinein.
+
+Glückselig steigen Vater und Tochter von der Leitung, von dem Werk, wie
+es sonst keines im Berglande giebt, durch den Abendnebelflor des
+Herbstes zu Thal und hören noch den jauchzenden Nachruf Josis. Den
+anderen Tag ist der Presi draußen in Hospel und unterhandelt mit dem
+Kreuzwirt, der bei der Ausrechnung mit Frau Cresenz ein gieriges Auge
+auf den Bären geworfen hat und im eigenen Vorteil den Fremdenverkehr im
+Glotterthal aufrecht erhalten will, am dritten geht er in die Stadt und
+tritt mit starken Einschlägen alle Kapitalbriefe gegen Bargeld an die
+Bank ab.
+
+Inzwischen erlebt aber Binia etwas, was der Mutigen beinahe die letzte
+Hoffnung raubt.
+
+Die Magd kommt weinend gelaufen, sie macht das Kreuz vor ihr und sagt:
+»Ihr seid eine Hexe und haltet es mit dem Teufel -- ich gehe jetzt
+gleich aus dem Haus.«
+
+»Aber Cleophi, seid nicht närrisch!« Und Binia lächelt ihr gütig zu.
+
+»Wohl, wohl, Ihr seid eine Teufelin -- der Kaplan und selbst die alte
+Susi in Tremis sagten es und Kinder haben ja im Teufelsgarten den Ring
+Eures ehemaligen Verlobten gefunden, den Ring, mit dem Ihr Euch in der
+Totennacht dem Satan angelobt habt. Kaplan Johannes geht mit ihm durchs
+Dorf, alles weiß es: Es scheint nur, daß Euer Liebster das Werk an den
+Weißen Brettern selber baue, er schafft aber nicht, er thut nur so am
+Tag, und in der Nacht baut es der Teufel. Dafür müßt Ihr mit dem Satan
+siebenmal um das Bockje reiten.«
+
+»Geht, Cleophi, geht -- da ist Euer Lohn.«
+
+Totenblaß steht Binia. Sie hat bei dem Kampf im Teufelsgarten Thöni den
+Ring vor die Füße geworfen. Jetzt ist er in den Händen des gräßlichen
+Kaplans, und nun ist er ein neues Mittel für den Verrückten, gegen sie
+zu hetzen. Und wird man nicht, wie man den Ring gefunden hat, Thöni
+finden?
+
+Sie beißt hilflos in die Fingerknöchel: »Warum hat uns denn der Himmel
+vor den Kugeln Thönis bewahrt, wenn Josi und ich an einem Schein von
+Schuld und am Aberglauben des Dorfes sterben sollen?«
+
+Der Garde, der mit Peter Thugi das Wasserrad, das in die Leitung
+eingeschaltet werden soll, auf den Berg schaffte, hat Josi das
+Versprechen abgenommen, daß er die paar Wochen, die noch zur Vollendung
+nötig sind, an den Weißen Brettern bleibe. Er kommt nicht mehr zu Thal.
+Auch der Garde ist im tiefsten Herzen überzeugt, daß Josis Werk gut ist,
+aber er kennt die furchtbare Empörung im Dorf. Wo er zum Guten redet,
+begegnet er höhnischem, kaltem Lächeln und drohendem Schweigen, die
+Gemeinde horcht nur noch auf den bösen verrückten Kaplan Johannes.
+
+Eine Weile hat ihr allerdings die wohlgemeinte Warnung und Drohung des
+Pfarrers Zügel angelegt, aber jetzt knurren die Dörfler: »Der Alte wagt
+es nicht, uns die Kirche zu verschließen, wir wollen ihn schon
+meistern,« und die Weiber hangen an Kaplan Johannes. »Er hat ein
+besseres Herz für uns als der Pfarrer, der nichts von unseren alten
+heiligen Sagen wissen will.« Und wenn ein Halbvernünftiger noch den
+Einwurf erhebt, man wolle doch nicht so stark zu einem Verrückten
+halten, sonst komme man gewiß an ein böses Ziel, antworten die anderen:
+»Kaplan Johannes ist schon närrisch, aber gerade denen, die Gott etwas
+geschlagen hat, giebt er dafür besondere Weisheiten. Der Kaplan Johannes
+sieht und weiß mehr als sieben Pfarrer.«
+
+Er hat gute Zeiten, sein Bettelsack ist immer voll, wo er geht, rufen
+die Weiber: »Kommt doch ein wenig zu uns herein, Johannes!« Klagt ein
+Bauer: »Meine Kühe fressen nicht mehr und geben keine Milch,« so
+antwortet Johannes: »Merkt Ihr es, merkt Ihr es! Das kommt vom
+Teufelssalz. Das ganze Thal riecht nach Schwefel.« Nun spüren auch die
+Dörfler den Geruch. In irgend einem Haus ist eine schwere Geburt. »Seht
+Ihr,« flüstern es die Frauen einander zu, »die Kinder können nicht mehr
+zur Welt kommen. Das rührt vom Sprengen her!«
+
+Die von St. Peter spüren es kaum, wie der Kaplan ein Netz des
+Aberglaubens um sie zieht.
+
+Und plötzlich geht die feste Sage unter denen von St. Peter, es sei eine
+weiße arme Seele durch das Dorf gewandelt und habe dreimal gerufen:
+
+ »O weh, o weh -- am Teufelssalz
+ Stirbt dieser Tage Jung's und Alt's!«
+
+So in drei Nächten!
+
+Und warum rollen die Gletscher im Herbst, wo sie doch sonst schweigen?
+Das bedeutet: »Am letzten Weinmonat geht St. Peter mit Menschen und Vieh
+unter. In dem Augenblick, wo der Wasserhammer der neuen Leitung
+einsetzt, verlassen die erzürnten armen Seelen die Krone, die Firnen
+fallen mit so schrecklichem Donner auf das Dorf, daß das bloße Hören
+schon tötet!«
+
+Drei Männer nur noch, der Presi, der Garde und der Pfarrer, und einige
+stille, wie Eusebi und Peter Thugi, glauben an Josis Werk.
+
+Die Regierung hat sich übrigens auch nicht ganz von dem Werk
+zurückgezogen, wie sie drohte, sie meldet, sie hoffe, die Leute von St.
+Peter haben sich, da das Werk einen so erfreulichen Fortgang nehme,
+wegen des Dynamites beruhigt, und lade den Gemeinderat ein, auf den Tag
+der Vollendung, den letzten Weinmonat, ein hübsches Gemeindefestchen zu
+Ehren Josi Blatters zu veranstalten. Sie wolle sich dabei vertreten
+lassen und ersuche Josi Blatter, daß er die letzten rettenden Schüsse
+auf diesen Tag verspare, an dem man, während im Thal die Glocken läuten,
+in feierlicher Prozession an die Weißen Bretter ziehen wolle.
+
+Dazu schütteln der Garde und der Presi wehmütig und ungläubig die
+greisen Häupter, aber es ist gut, wenn auf diesen Tag jemand von der
+Regierung kommt -- vielleicht ist dann ein Mann der Staatsgewalt am
+nötigsten -- es wird der Tag sein, wo in St. Peter der Aufruhr
+losbricht, denn so sind die Leute des Thales -- sie warten in der
+Voraussetzung, daß doch irgend noch ein Ereignis geschehen und ihre That
+überflüssig machen könnte, den letzten Augenblick zum Handeln ab.
+
+Aber dann -- --
+
+In diesen Tagen der äußersten Spannung, die durch die Stille des Dorfes
+noch unheimlicher wurde, sagte der Presi einmal zu Binia: »Der Garde hat
+mich gefragt, wie denn dein Ring, der jetzt denen im Dorf so viel zu
+reden giebt, in den Teufelsgarten gekommen sei. Ich habe geantwortet, du
+habest ihn Thöni zurückgegeben und er habe ihn wohl auf der Flucht
+fortgeworfen. Ist es so?«
+
+Ahnungslos fragt der Presi, Binia aber schwankt vor Entsetzen. Sie wagt
+es nicht mehr, dem Vater das gräßliche Geheimnis länger vorzuenthalten.
+Jeder der schönen Herbsttage, die kommen und gehen, vermehrt die Gefahr,
+daß Thönis Leiche gefunden werde, denn die Wasser der Glotter fließen
+immer spärlicher und immer klarer, und der arme Vater darf doch nicht
+ungerüstet von der Entdeckung der Leiche überrascht werden.
+
+Zögernd legte sie, die Hände gefaltet, die Augen auf den Boden geheftet,
+mit leiser und feiner Stimme die furchtbare Beichte ab. Als sie erzählt,
+wie sie Josi in den Teufelsgarten bestellt habe und dann heimlich durch
+die Wetternacht dort hinausgegangen sei, da lodern die Augen des Presi
+noch einmal in alter Zornglut auf und mit böser Stimme sagt er: »Gott's
+Donner! Du giebst es mir recht zu schmecken, daß du immer ein Trotzkopf
+gegen deinen Vater gewesen bist. Da kommt ja eine höllische Geschichte
+aus.«
+
+Binia nimmt seine Hand, sie beichtet mit dem Mut der Verzweiflung.
+Plötzlich wird der rote Kopf des Presi blaß. Weil sie vor ihm in die
+Kniee sinkt und schreit:
+
+»So ist's gegangen! verzeihe mir, Vater -- verzeihe mir!« da zieht er
+sie mit zitternden Armen empor und preßt die leichte, schöne Gestalt
+seines Kindes stürmisch an seine breite Brust.
+
+»Bini -- arme Bini,« stöhnt er, »da ist nichts zu verzeihen -- du bist
+den Weg gegangen, den du hast gehen müssen, und es ist geschehen, was
+hat geschehen müssen. -- Es ist Schicksal -- --«
+
+Seine Stimme bricht schluchzend ab und plötzlich fühlt Binia, wie zwei
+warme Thränen über die Wangen des Mannes rollen, den sie nie zuvor hat
+weinen gesehen. In mächtiger Bewegung halten sich Vater und Kind
+umschlungen, eine Stille waltete in dem Gemach, als ginge ein Engel auf
+leisen Sohlen an den zweien vorbei.
+
+So halten sie sich in Glück und Elend lange, lange.
+
+Das Leben des Presi hat durch die Beichte Binias einen Stoß erhalten wie
+noch nie.
+
+Er findet den Mut nicht, in der gräßlichen Angelegenheit irgend etwas zu
+thun. Er klammert sich an die Hoffnung, Thönis Leiche würde schon
+deswegen nicht gefunden, weil sie niemand suche. Ein halbes Jahr ist
+jetzt vorüber, seit die That geschehen ist, und niemand kümmert sich um
+Thöni mehr. Ist es nicht bei Unglücksfällen schon häufig genug
+vorgekommen, daß man mit dem größten Eifer die Leichen solcher, die in
+die Glotter gestürzt sind, nicht mehr hat finden können? Entweder lagen
+sie in den Schlünden der Schlucht verborgen oder der mächtige
+Wasserschwall des Sommers hatte sie weiter geschwemmt und in den Strom
+hinausgeführt. So mochte es auch mit der Leiche Thönis gegangen sein.
+
+Viel mehr als die Angst vor einer Entdeckung quälen den Presi die
+Erinnerungen an Thöni, das Bewußtsein, daß er die Verantwortung für das
+unglückliche Leben trägt.
+
+»Thöni, der mir alles von den Augen absah, hat gemeint, es sei mir ein
+Gefallen, wenn Josi tot bliebe. Er hat den ersten Brief unterschlagen,
+dann hat er nicht mehr rückwärts gehen können, hat falsch geschrieben,
+und es ist gekommen, wie's hat kommen müssen. Daß er ein Schelm und
+fremd geworden ist, daran bin ich schuld.«
+
+Das tönt ihm unaufhörlich durch die Sinne.
+
+Das Schrecklichste aber! Er glaubt nicht daran, daß Thöni selber in die
+Glotter gelaufen sei. Es klingt so unglaubwürdig. Sein Kind redet es
+sich nur so ein, um nicht in dem Gedanken, sie liebe einen Totschläger,
+umzukommen -- -- aber der Presi wagt es nicht, sie noch einmal darüber
+zu fragen -- nein -- nein -- er zittert nur davor, eines Tages könnte in
+Josi doch die Selbstanklage erwachen, wie sie in seiner Brust erwacht
+ist, und es würde die zwei, die nicht ohne einander leben können,
+trennen.
+
+Ein Fluch des Unglücks ginge dann von ihm und seinen Gewaltthaten noch
+in das folgende Geschlecht hinein.
+
+Das sinnt der Presi in entsetzlicher Furcht. Er glaubt nicht mehr an ein
+schönes Alter, aber wenn er die dunklen Augen Binias traurig auf sich
+gerichtet sieht, so lächelt er sie mit seinem wärmsten Lächeln an, hebt
+den gebeugten Rücken und meint vor ihr verbergen zu können, wie rasch er
+zusammenfällt und aus den Kleidern schwindet.
+
+O, es ist rührend, wie sich der alte Mann zu verstellen sucht, daß Binia
+nicht sehe, wie er hoffnungslos leidet.
+
+Hoffnungslos! -- Nein, wenn er sein herrliches Kind sich anschaut, wie
+es mutig und geduldig seine Leiden trägt, wie es auf Josi wie auf einen
+Felsen baut, glaubt und harrt, dann ist auch ihm, der Held der heligen
+Wasser sei so stark, daß er selbst das Ereignis in der Glotterschlucht
+besiege.
+
+Um den Vater müht sich Binia treu und hingebungsvoll, sie sinnt Tag und
+Nacht nur darüber, wie sie den Gram von seiner Stirne scheuche.
+
+»Kind -- Herzensvogel,« sagt er, »wie bist du mit deinem Vater lieb.«
+
+Seine Auswanderungspläne hat er aufgegeben -- in St. Peter hat er
+gelebt, in St. Peter will er sterben -- steigt Josi von seinem Werk
+herunter, so wird er ihm sagen: »Nimm meine Binia -- schenke ihr Glück,
+viel Glück -- zieht fort -- mein Segen begleitet euch -- ich aber
+erwarte mein letztes Stündlein in St. Peter.«
+
+In drei Tagen wird Josi kommen, aber niemand wagt auch nur das
+bescheidenste Festchen vorzubereiten. Der Handel um den Bären stockt.
+Aus Scheu vor Frau Cresenz, aus der Furcht vor dem eigenen Gewissen, aus
+Sorge, es könnte in seiner Abwesenheit Binia ein Leid geschehen, wagt es
+der Presi nicht mehr, nach Hospel hinauszugehen. Die ganze blinde Wut
+des Volksaberglaubens hat sich auf das arme Kind geworfen, sie erfährt
+Beleidigungen, wo sie geht und wo sie steht, und die Dörfler schlagen
+das Kreuz und speien vor ihr.
+
+Der Verkauf des Bären würde die Aufregung im Dorf noch steigern.
+
+Er hat einen furchtbaren Groll auf die von St. Peter, aber ändern kann
+er an der entsetzlichen Lage nichts, er vertraut nur auf die heilige
+Scheu, die denn doch jeder im Dorfe hat, ein Leben anzutasten. Nein, das
+thun sie nicht, obwohl sie entsetzlich sind in ihrem drohenden
+Schweigen.
+
+Was geschehen mag, er wird noch einmal als Presi auf seinem Posten
+stehen -- und so stark sein, daß er sie bändigt. -- --
+
+Ja, Presi, Ihr werdet Euch schon noch einmal auf den Posten stellen
+müssen -- in St. Peter stehen die Dinge bös.
+
+
+
+
+XIX.
+
+
+Ein neuer Ahornbund ist entstanden, furchtbarer als der erste, so
+furchtbar, daß ihn niemand auszuführen wagt und jeder zittert vor dem
+Los, das ihn treffen könnte.
+
+Ehe der Hammer an den Weißen Brettern schlägt, muß zur Rettung St.
+Peters ein Mord begangen sein. Josi Blatter, der sich gegen den Himmel
+gewendet hat, muß fallen, die armen Seelen auf der Krone müssen versöhnt
+werden.
+
+In der Nacht halten die Männer seitab vom Dorf unter Wetterlärchen ihre
+ernsten Beratungen. Leichten Herzens thun sie den Schritt nicht, jeder
+ist ganz durchdrungen von dem Gedanken, was für eine schreckliche That
+ein Mord ist. Seit Matthys Jul, der fern im Dämmerschein der Sage steht,
+hat im Glotterthale kein Mann einen anderen getötet. Es ist aber doch
+besser, es falle nur einer, nur Josi Blatter, der Rebell, als daß das
+ganze Dorf untergehe.
+
+Nicht Josi Blatter ist der Retter von St. Peter, sondern der ist es, der
+ihn erschlägt.
+
+Man kann ihn aber nicht erschlagen, er ist droben in den Felsen, er
+steht in einem schmalen Gang, in dem nur ein Mann auf einmal gehen kann,
+und er ist Herr des Teufelssalzes, er ist mit dem Satan im Bund, und
+wenn Hunderte gegen ihn streiten, so überwältigt er sie mit einer
+einzigen Patrone, die er nach dem nächsten Stein schleudert.
+
+Die Männer stehen ratlos. Nur noch zwei Tage, dann wird der Hammer von
+den Weißen Brettern schlagen.
+
+Seit man Binias Ring gefunden hat, ist Kaplan Johannes dem Schicksal
+Thönis auf der Spur. Warum sind Josi Blatter und Binia Waldisch in der
+Wetternacht über den Stutz heraufgekommen, in der Nacht, wo Thöni Grieg
+geflohen ist? Warum haben seine Verwandten in Hospel nie die geringste
+Nachricht von ihm bekommen? Er klettert Tag um Tag an den Felsenufern
+der Glotter und späht in die Wasser.
+
+Heute hat Johannes in einem Felsenschlund beim Bildhaus an der Grenze
+von Tremis, in dem das Wasser quirlt und brodelt, etwas auftauchen
+sehen, was ein Bein und ein Schuh sein könnte -- nein, was ein Bein und
+ein Schuh ist.
+
+Wie die Männer von ihren heimlichen Beratungen heimkommen, herrscht
+unter den Weibern schon Wehklagen: es stehe einer außerhalb der Brücke
+in der Glotter, er strecke den Arm gegen die Weißen Bretter und stöhne
+immer nur: »Der dort oben -- der dort oben« -- und hinterher seufzte er:
+»Und Binia Waldisch!«
+
+Abergläubisches Entsetzen füllt das Dorf. Es ist kein Schlaf in St.
+Peter -- nur Beten und Gejammer: »Warum haben wir den Bau an den Weißen
+Brettern zugegeben, warum haben wir uns durch den Presi verführen
+lassen?« Und dazu die dumpfe Antwort: »Auf ihn und sein Kind mag es
+kommen.«
+
+In der Nacht sinkt ein dichter kalter Nebel ins Thal, ehe der Tag
+dämmert, klopft der Mesner schreckensbleich an die Thüren: »Ich kann
+nicht zur Frühmesse läuten, es steht einer in weißem Gewand an der
+Kirchenthüre!«
+
+Mit ihren Laternen gehen die Dörfler in festgeschlossener Schar zum
+Gotteshaus.
+
+Es steht keiner an der Kirchenthüre, aber ein großer Zettel klebt daran,
+sie lesen ihn mit Entsetzen und die Frauen fahren kreischend zurück.
+
+»Gerechte Bürger von St. Peter!« heißt es auf dem Blatt. »Ich, Thöni
+Grieg, klage es euch. Aus den Wassern der Glotter schreie ich seit dem
+Fridolinstag um ein ehrliches Begräbnis in geweihter Erde, während mein
+Blut sündig an den Weißen Brettern vermauert wird. Ihr kennt meine
+Mörder. Begrabt mich und schafft Gerechtigkeit. Die armen Seelen wissen,
+was ich leide, und ziehen aus.«
+
+Das Dorf ist ratlos, das Grauen liegt allen in den Gliedern, einer raunt
+es dem anderen zu: »Wenn die Toten zu schreiben anfangen, dann ist es
+Zeit, daß wir handeln.«
+
+Da schlarpt Kaplan Johannes mit lodernden Augen heran. »Seht ihr, die
+Toten reden! Was wollt ihr mehr? Ich will euch etwas sagen, aber die
+Zunge soll dem verdorren, der Satan soll dem ins Blut fahren, der mich
+verrät. Bevor ihr den Mord am Rebellen sühnen könnt, müßt ihr Binia
+Waldisch, die Teufelin, schlagen; erst wenn sie im Blute liegt, ist er
+schwach und leicht zu bewältigen. Wozu der Schrecken, wozu das Erbarmen?
+Lest, wie sie Thöni getötet und sein Blut nach der Stadt gebracht haben,
+damit man das Teufelssalz hat bereiten können. Die erste Schuldige ist
+Binia Waldisch, die Tochter des Presi; sie müßt ihr schlagen, sonst geht
+St. Peter unter.«
+
+Die Männer schaudern: »Das thun wir, so wahr uns Gott helfe, nicht. Mann
+gegen Mann, so ist's in den alten Zeiten gehalten worden, aber eine
+Jungfrau tötet, selbst wenn sie eine Teufelin wäre, keiner. Eher mag St.
+Peter untergehen.«
+
+Da rollt der Gletscher.
+
+»Hört ihr's -- St. Peter geht unter!« wehklagen die Frauen, und der
+Kaplan lächelt: »Ihr könnt die Hexe mit weltlichen Waffen nicht
+umbringen, die heiligen Grabkreuze müßt ihr aus der Erde reißen und sie
+damit schlagen.«
+
+»Johannes,« grollen die Männer und ballen gegen ihn die Fäuste, »seid
+Ihr der Satan, der uns ins Unglück bringen will? Eine Jungfrau mit
+Grabkreuzen erschlagen! Das ist unerhört im Bergland. Thäten wir das
+unseren heiligen Toten zu leid, daß wir ihre stillen Gräber schänden, so
+geschähe es uns gerecht, wenn unser alter Pfarrer uns das Gotteshaus
+verschlösse und die Glocken bannte. Dann müßten wir ja auch zu Grunde
+gehen, es giebt ja genug Meldungen im Gebirge, wie Dörfer vergangen
+sind, denen die Kirche den Segen entzogen hat. Die Weiber sind
+unfruchtbar geworden, der Sohn hat das Beil gegen den Vater erhoben, wie
+die Wölfe haben sich die Bewohner zerrissen und die letzten sich in
+Verzweiflung über die Felsen gestürzt. Kaplan -- Ihr wollt uns zu Grunde
+richten -- seht Euch vor, wenn Ihr uns schlecht ratet, so seid Ihr der
+erste, den wir erschlagen.«
+
+Da hat der Kaplan einen Anfall der Fallsucht, wie er ihn selbst
+hervorrufen kann. Er stürzt, er zuckt, er schäumt, er schreit.
+
+»Er ist seiner selbst nicht mehr mächtig, jetzt redet Gott aus ihm,«
+mahnt der Glottermüller und streckt die gefalteten Hände zum Himmel. Was
+aber Johannes spricht, ist entsetzlich: »Thöni Grieg -- du mußt
+aufstehen, sie müssen einen Toten zeugen hören, daß St. Peter
+untergeht.«
+
+Ja, wenn ein Toter aufersteht, wenn Thöni Grieg in der Glotter liegt, so
+wollen sie dem Kaplan glauben und das Entsetzliche thun, Binia Waldisch,
+die Mörderin, erschlagen.
+
+Während aber die Dörfler auf dem Kirchhof noch beraten, ertönt der Ruf:
+»Der Pfarrer kommt -- der Pfarrer!«
+
+Da springt der Kaplan auf: »Er will euch überreden. -- Eilt an die
+Glotter und seht. -- Vor dem Bildhaus zu Tremis schwimmt Thöni Grieg in
+der Schlucht.«
+
+Halb in Groll, halb in Furcht und Scham flieht die Gemeinde vor ihrem
+Pfarrer. Er liest den Anschlag an der Kirchenthüre, sein weißes Haupt
+zittert, er stammelt: »Jetzt muß ich Wort halten!« Weinend schleicht der
+alte trostlose Mann ins Pfarrhaus zurück. »Sie haben sich dem
+Baalspfaffen ergeben, sie haben sich von der heiligen Kirche gewandt,
+wohlan, so muß ich mein Wort halten.«
+
+
+
+
+XX.
+
+
+Mann, Weib und Kind sind durch die Nebel des kalten Herbstmorgens, der
+schon an den Winter mahnt, über den Stutz hinab thalaus geeilt, aber
+Kaplan Johannes ist nicht mehr bei ihnen.
+
+Sie mögen Thöni Grieg selbst suchen, das Entsetzen wird um so größer
+sein, wenn sie ihn finden.
+
+Der Garde weilt beim Presi: »Binia retten, was auch geschehen sei, auf
+eine blutige That darf keine blutige That folgen. Und die Gier des
+Verrückten trachtet nach dem Kind. Gebt sie in meine Obhut -- Presi
+-- ich bürge für sie. -- Aber rasch -- rasch --«
+
+Der Presi spürt die bittere Not der Stunde: »Wohin wollt Ihr mit ihr,
+Garde?«
+
+»Ich geleite sie auf den Berg, daß sie zu Josi gehe. Dort ist sie
+sicher; wenn er will, kommt keine Maus in seinen Gang, und bis am Morgen
+ist auch schon Mannschaft zum Schutz beider an den Weißen Brettern.
+-- Presi, telegraphiert in die äußeren Gemeinden um Hilfe.«
+
+Der Presi will es thun -- er kommt kreideweiß aus der Postablage zurück
+-- der Draht ist abgeschnitten.
+
+»Dann holt Eusebi die Mannschaften -- ein paar Stunden später sind sie
+doch da -- nur ein Verbrechen darf nicht geschehen -- eher mögen unsere
+Häuser zerstört werden.«
+
+In dem sonst so schwerfälligen Garden lebt und bebt alles, die klugen
+und guten Augen unter den buschigen Brauen sprühen Feuer, er ist wieder
+jung.
+
+»Ja, zu Josi!« klingt das Stimmchen der erschrockenen Binia fein und
+traumhaft und ihre Finger spielen, ohne daß sie es weiß, mit dem
+Tautropfen, den sie aus der Kapsel des Halskettchens geholt hat. »Komm
+mit mir, Vater, es ist mir so angst um dich, wir wollen uns nicht
+trennen.«
+
+Sie kniet vor ihm, er aber antwortet fast streng: »Heute gehört der
+Presi in die Gemeinde, das weißt du, Kind!« Dann in überströmendem
+Gefühl: »Geh, Binia! -- Auf Wiedersehen, Herzensvogel -- grüße mir
+Josi.« Er reißt sie an seine Brust: »Liebe Bini -- sollte es anders
+kommen -- sollte ich morgen nicht mehr leben -- doch wenn nur du lebst
+-- ich habe einmal einen sonderbaren Traum gehabt -- aber ich glaube
+nicht mehr daran -- geh zu Josi -- geh in Gottes Namen.«
+
+Mit sanfter Gewalt löst der Garde die schluchzende Binia aus den Armen
+des Vaters: »Ich will dich führen, Binia! -- Komm -- komm.«
+
+Vater und Kind nehmen Abschied wie für die Ewigkeit.
+
+Der Garde führt Binia im kalten, dichten Nebel durchs öde Dorf gegen die
+Alpen empor. Er redet herzlich zu der Schwankenden, die doch tapfer
+geblieben ist: »Und nun, Binia,« fragt er, »was für eine Bewandtnis hat
+es mit der furchtbaren Anklage, die gegen dich und Josi erhoben
+wird --«
+
+Da beichtet sie dem alten Freund, wie sie dem Vater gebeichtet hat.
+
+»Binia!« sagt der Garde stillstehend und faßt ihre beiden Hände: »Jemand
+anders als du könnte es mir nicht vorgeben, daß der betrunkene Thöni
+selber in die Glotter gelaufen ist -- aber wenn es einen Menschen giebt,
+dem ich glaube, so bist du es, denn du hast, wo andere gestrauchelt
+wären, immer den Mut der Wahrheit besessen.«
+
+Sie sehen sich in die Augen, der Garde und Binia. O, sie hat es wohl
+gefühlt, daß der Vater ihrer Erzählung nicht ganz vertraute, und nun ist
+sie endlich glücklich, daß wenigstens der Garde sie in ihrem tiefen
+Elend versteht.
+
+Noch zuckt ein Strahl der Hoffnung, daß alles gut kommen werde, durch
+ihre Brust, da aber taucht Kaplan Johannes gespenstisch aus dem Nebel
+auf und lacht sein gräßlichstes Lachen: »Wir tanzen doch, Jungfrau --
+wir tanzen an den Weißen Brettern!«
+
+Irrsinnige Gier lodert in seinen Blicken.
+
+Ehe der Garde sich auf ihn stürzen kann, verschwindet er so rasch, wie
+er aufgetaucht ist, im Nebel.
+
+Binia zittert und der Garde muß sie wohl oder übel noch ein gutes Stück
+begleiten.
+
+Da dringt das helle Tageslicht durch das Grau -- es liegt unter ihnen --
+eine blasse Sonne scheint durch weiße Wolken -- über das Gebirge ziehen
+dunklere Streifen und Bänke her -- es rüstet zum Schneien -- aber in der
+Felsenhöhe winkt der sichere Hort.
+
+»Fürchte dich nicht, Binia,« mahnt der Garde, »gewiß geht eher St. Peter
+unter, als daß deinem Haupt ein Leid geschieht.«
+
+Hoch oben trennen sie sich. -- Binia geht langsam, Schritt für Schritt,
+sie steigt in die falbe, schweigende Einöde -- sie ist auf der Flucht --
+ihre Lippen zittern: »Zu Josi!«
+
+Einen Augenblick noch sah ihr der Garde nach, dann wendete er sich in
+Selbstvorwürfen: »Der Mensch meint, er mache ein Ding gut, und er macht
+es böse. -- Es wäre in diesem Augenblick viel wert, wenn das Dorf wüßte,
+was für ein Verbrechen Thöni Grieg an Josi begangen hat.« -- --
+
+Eusebi ist auf dem Weg nach Hilfe und der Garde eilt zu den Dörflern
+hinaus, die die Leiche in der Glotter suchen. Vielleicht bringt er sie
+im letzten Augenblick zur Vernunft.
+
+Im Bären aber kämpft ein alter, einsamer Mann, er kämpft wie der
+angeschossene Adler, der jäher als je zuvor gegen den Himmel steigt. Er
+kämpft wie die Forelle an der Angel, die auf den Grund des Wassers
+schießt und sich in Schlamm und Kies verbohrt. Aber der Adler fällt
+rauschend in die Hochgebirgstannen, die Forelle verliert die Kraft und
+muß aufwärts steigen.
+
+Der Presi weiß es: er ist der Adler -- er ist die Forelle -- seine
+Stunde ist da.
+
+Er sitzt und betet -- er blickt über sein Leben -- er sieht alle seine
+Missethaten gegen Fränzi und Seppi Blatter -- gegen die selige Beth --
+gegen Josi -- gegen Binia -- und er hat Thöni auf dem Gewissen. Eine
+furchtbare Angst um Binia überfällt ihn. Sie ist wohl sicher in Josis
+Felsenwerk -- aber er hätte sie nicht gehen lassen sollen -- in seiner
+grenzenlosen Verlassenheit gewinnt der alte Traum Macht über ihn -- und
+er weiß jetzt, wer der dritte ist, der am Haupt seines Kindes rühren
+wird -- es ist der schreckliche Kaplan, der den Haß gegen ihn und eine
+verbrecherische Leidenschaft für das Kind in einer Blutthat ertränken
+möchte.
+
+Er sollte jetzt der Presi sein -- er sollte handeln -- sollte reden --
+aber die Kraft versagt. -- Das Dorf ist totenstill -- er weiß nicht, was
+draußen an der Glotter geschieht -- wie Binia ihr Ziel erreicht. -- Die
+Furcht lähmt ihn und kein Mensch kümmert sich um ihn.
+
+Doch, die bebende Vroni steckt den Kopf herein und harrt den langen Tag
+als Samariterin bei ihm aus.
+
+Sie kommen so furchtbar lange nicht, die den toten Thöni bringen.
+Mittag. -- Abend. -- Da naht endlich der traurige Zug, in dessen Mitte
+die Leiche auf einer Bahre liegt.
+
+Die Männer des Gebirges haben die Hüte gezogen, finster und gemessen
+schreiten sie und reden nichts.
+
+Noch einmal ist ihr furchtbarer Entschluß, den sie nur im höchsten
+Taumel des Schreckens faßten, erschüttert worden.
+
+Denn der Garde hat geredet, er hat allen, die sehen wollten, den
+falschen, entsetzlichen Brief Thönis gezeigt, und das Mitleid mit dem,
+der in der Glotter lag, ist dahin. -- Hätte ihn Josi erschlagen, man
+könnte nichts dawider haben.
+
+Nein, sie können Binia nichts thun -- selbst das entstellte Gesicht
+Thönis, den man unter unendlichen Mühen aus den Tiefen der Glotter
+geholt hat, giebt ihnen den Mut nicht mehr.
+
+Da ziehen die Sprengschüsse Josis lang hinhallend durch das Gebirge und
+die Donnerschläge von den Weißen Brettern jagen die Furcht neu in die
+vom Totenfund erregten Herzen, die wie unter dem Bann einer höheren
+Fügung stehen. Morgen schlägt der Hammer -- morgen fallen die Lawinen
+von der Krone -- morgen geht St. Peter unter.
+
+Die Fäuste ballen sich, die Blicke steigen drohend gegen die Felsen
+empor. »Der braucht wohl noch zu sprengen,« knirschen die Männer, »in
+dieser Nacht muß doch noch das Gericht ergehen.«
+
+Wohin mit der Leiche? -- Auf den Kirchhof. Die Bahre steht. Um sie
+knieen im sinkenden Abend die Dörfler.
+
+Von der Freitreppe des Bären schreitet im Sonntagsstaat würdig und
+feierlich der Presi, der den schrecklichen Anfall vom Morgen überwunden
+hat. Zitternd, doch hochaufgerichtet steigt er langsam zum Kirchhof
+empor und scheu geben die Dörfler Raum.
+
+Er zieht den Hut, tritt an die Bahre und nimmt die schneeweiße Hand des
+Ertrunkenen. Ruhig spricht er, so daß es alle hören können: »Thöni
+Grieg, du weißt es, daß ich dich erschlagen habe, daß Josi und Binia
+unschuldig sind. -- Garde und Gemeinde, ich ergebe mich euch als der
+Mörder Thöni Griegs!«
+
+So spricht der Presi!
+
+Was er erwartet, erfüllt sich aber nicht. Das Volk stürzt sich nicht auf
+ihn, sondern stutzt in Verwirrung und Hohngelächter erschallt ringsum.
+Die Rede des Garden und des Presi widersprechen sich. -- Der Garde
+schluchzt laut auf: »O Presi, was habt Ihr gesagt!« Er fällt seinem
+Freund an die Brust.
+
+Ein unbeschreiblicher Aufruhr entsteht. Die Dörfler schreien: »Sie
+spielen Komödie -- der Garde draußen, der Presi hier -- sie lügen --
+Josi Blatter und Binia Waldisch sind die Mörder. -- Die Führer der
+Gemeinde sind auch des Teufels und mit ihnen gegen uns verschworen.«
+
+Zu diesem Aufruhr kommt von der Kirchenthüre herüber ein zweiter -- ein
+entsetzliches Geschrei: »Wehe St. Peter -- wehe -- wehe -- wir sind
+exkommuniziert.«
+
+Ein Blitz, der in den Kirchhof gefahren wäre, hätte die Verwirrung nicht
+vermehren können.
+
+Wo am Morgen die Schrift des Kaplans hing, klebt eine andere. Der
+Pfarrer{9} schreibt:
+
+»An die räudige heidnische Rotte von St. Peter. Im Namen der heiligen
+Kirche sind die Siegel an dieses Gotteshaus gelegt. Wer sie bricht, der
+sei einem Selbstmörder gleich geachtet, wer am Strang der Glocke zieht,
+den soll die Religion nicht lossprechen in seinem Sterben, und wer in
+der heiligen Erde wühlt, soll selbst kein geweihtes Grab finden. Das
+soll so lang gelten, als ihr nicht mit dem rechtmäßigen Pfarrer Frieden
+macht und von dem Baalspfaffen Johannes und seinem Teufelsglauben laßt!«
+
+Darunter steht das Pfarramtssiegel. -- Die Leiche Thöni Griegs ist über
+dem Schrecken, den die neue Botschaft erregt, vergessen. Man sucht den
+Pfarrer, man findet ihn nicht, in aller Heimlichkeit hat der alte
+gekränkte Mann das Thal verlassen, einige, die an der Glotter standen,
+haben ihn sogar gesehen.
+
+Da liegt ein Toter, der begraben sein sollte, und übermorgen ist
+Allerheiligen -- dann Allerseelen! Kirche und Kirchhof aber sind
+gesperrt.
+
+Nun rüttelt und schüttelt das Entsetzen ein ganzes Dorf.
+
+»Die Regierung hat uns ins Elend geführt, unsere alten Vorsteher lügen
+uns an, die Kirche giebt uns auf -- und alles kommt vom Rebellen und der
+Hexe -- den Mördern. -- Gut, wenn man will, daß wir wilde Tiere werden,
+so wollen wir wilde Tiere sein und uns unseres Lebens wehren -- der
+Rebell und die Hexe müssen sterben.«
+
+So rasen die von St. Peter.
+
+Der Presi schwankt, wie er sieht, daß seine Selbstaufopferung nichts
+hilft, davon -- die Dörfler beachten es im Aufruhr kaum -- der Garde
+will reden -- aber ihm antwortet der hundertstimmige Ruf kreischender
+Weiber und tobender Männer: »Wir wollen nichts mehr von euch -- ihr seid
+alle Verräter.«
+
+Die neblige Herbstnacht ist hereingesunken -- das Grauen wächst.
+
+Da schwingt sich Kaplan Johannes mit einer qualmenden Kienfackel auf die
+Bahre und beleuchtet das zerwaschene Gesicht des Toten; der Ruf läuft
+durch die dunklen Gruppen: »Wir haben niemand mehr, der sich unser
+erbarmt, als Johannes -- Kaplan, führt uns -- sagt uns, was sollen wir
+thun?«
+
+Der Schwarze lächelt höllisch: »Erschlagt die Teufelin und den Rebellen
+-- sie ist bei ihm an den Weißen Brettern, ich öffne euch den Weg.«
+
+Da ruft der alte greise Peter Thugi: »Ergebt euch nicht in die Gewalt
+des Schwarzen -- ihr werdet es bereuen.«
+
+Im gleichen Augenblick aber ertönt ein seltsames klirrendes Geräusch
+durch den Kirchhof. Alle erschaudern. Wahnsinnige Weiber haben die
+ersten Kreuze ausgerissen. Die Männer knirschen dumpf: »Jetzt können wir
+nicht mehr zurück -- vorwärts also -- wir müssen Totschläger sein!«
+
+Das vom Entsetzen gerüttelte Dorf rüstet sich zum schrecklichen Auszug
+an die Weißen Bretter, die Grabkreuze klirren durch die Nacht. Hinter
+Kaplan Johannes, der das Kreuz Seppi Blatters an sich gerissen hat und
+den Weg mit seiner Kienfackel beleuchtet, zieht die heulende, betende
+Schar, die sich der Hölle ergeben hat. Sie hat aber das Dorf kaum
+verlassen, da röten sich die nächtlichen Nebel und schon rennen die
+Ausziehenden schreiend zurück: »Es brennt in St. Peter. -- Feurio! --
+Feurio!«
+
+Die unbestimmt in die Nebel flutende, wogende, wachsende Glut reißt alle
+ins Dorf zurück. -- »Vielleicht ist es unser Haus -- vielleicht ist es
+unser Vieh, das verbrennt,« jammern sie; es scheint durch die
+schwelenden Nebel, als stehe das ganze Dorf in Flammen.
+
+Fluchend sieht es der Kaplan, wie seine Herde die Kreuze von sich wirft
+und zu ihren Häusern rennt.
+
+Wie die Erschrockenen aber zurückkommen, brennt der Bären, steigen die
+Lohen schon prasselnd durch das Dach in die Nebel empor. Der Bären, das
+alte schöne Haus, der Stolz von St. Peter, das Wahrzeichen des Dorfes,
+brennt. Sie stehen erschüttert davor -- und ihre erste Eingebung ist:
+retten -- helfen, -- das Gewissen für die bürgerliche Pflicht erwacht.
+
+Wie aber einige zur Kirche hinauf eilen und die Sturmglocken ziehen
+wollen, prallen sie wieder an die Siegel des Pfarrers. Es brennt und
+man darf nicht läuten.
+
+Die Verzweiflung packt das Dorf. -- Die Leiche Thöni Griegs, die noch
+auf dem Kirchhof steht, steigert das Entsetzen. Das Brandlicht fliegt
+über sie und giebt den Zügen einen Schein des Lebens. -- --
+
+»Wer hat den Bären angezündet?« -- »Ein Voreiliger vom Ahorn!« So redet
+ihnen das schlechte Gewissen ein. »Wo ist der Presi? Wenn er im Haus
+verbrennte?« -- Einige Beherzte steigen in den Bau, er ist nicht darin.
+
+Da predigt von der Kirchhofmauer herunter der schwarze Kaplan, der
+schrecklich im Schein der Flammen steht, mit seiner hohlen Grabesstimme:
+»Meine fromme Gemeinde. Dich rufen heiligere Pflichten -- wir müssen
+Teufelstöter sein -- folgt ihr mir, so wird zu Allerheiligen ein
+erlösendes Wunder für alle geschehen, die mit mir sind -- folgt ihr mir
+nicht, so seid ihr um Mitternacht schon in der Gewalt des Feindes -- der
+Presi ist auf dem besten Tier nach Hospel geritten und bietet die
+äußeren Dörfer gegen uns auf. Er hat das Haus angezündet, um uns
+aufzuhalten.«
+
+Das erste glauben die Dörfler, das letzte nicht, denn zu sehr hat der
+Presi sein schönes Heim geliebt.
+
+Das Entsetzen steigt. -- Mord und Feuersbrunst in der Gemeinde -- und
+morgen militärische Besetzung oder Untergang. -- Dazu den Zorn und die
+Strafen der Kirche.
+
+Der Brand, dem man nicht wehrt, wirft seine rauschenden Funkengarben auf
+das Dorf, Frauen und Kinder flehen die Männer auf den Knieen an, daß sie
+das Dorf retten, der Garde mahnt mit Thränen in den Augen zur Vernunft.
+
+Endlich, endlich arbeitet die Feuerspritze, er kommandiert,
+Wasserstrahlen fliegen auf die Kirche und die nächsten Häuser. Die Nacht
+ist windstill, die riesige Lohe des Bären verfließt wie eine feurige
+Wolke im Nebel, die gewaltigen Mauern halten stand, aber aus den
+berstenden Fenstern zischen die Flammen und zerstören die alten
+Jagdtrophäen am Dachgebälk und prasselnd fällt das graue Bärenhaupt auf
+die Straße und zersplittert.
+
+Aus dem Erdgeschoß ist einiges gerettet worden und nun schreit Bälzi:
+»Der Wein! der Wein! Laßt uns doch den Wein holen!«
+
+Er dringt mit einigen Burschen in den Keller, sie wälzen die Fässer auf
+die Straße, und da man sich wegen der steigenden Hitze zurückziehen muß,
+zum Kirchhof hinauf.
+
+Die Flaschen, Krüge, Becher und Gläser kreisen.
+
+»Wenn doch St. Peter untergehen muß,« gröhlen die Männer, »so wollen wir
+noch trinken. Zum Wohl -- zum Wohl!«
+
+Ein gräßliches Bild! Der Brand nimmt schon ab, die Gefahr für das Dorf
+ist vorbei, der Bären ist ein riesiger glühender Ofen, auf dem Kirchhof
+aber beraten die Trunkenen zwischen betenden Frauen und schreienden
+Kindern, was sie jetzt anfangen wollen.
+
+Einen Augenblick ist es, als siege die Vernunft, der Garde und noch
+einige haben sich auf den Kaplan geworfen, haben ihn gefesselt und
+wollten den Tobenden abführen.
+
+Da fliegt eine Nachricht herbei, die den letzten Funken der Besinnung
+löscht: »Wir sind verraten. -- Die wehrfähige Mannschaft der vorderen
+Dörfer ist im Anzug -- sie sind schon an der Brücke -- sie helfen dem
+Rebellen -- sie sind gegen die von St. Peter.«
+
+Die Bestürzten bitten, drohen, sie kämpfen, sie machen den gebundenen
+Kaplan Johannes mit Gewalt frei: »Er allein kann uns jetzt helfen!«
+rufen sie. Er aber schreit, das Grabkreuz Seppi Blatters wieder
+ergreifend: »Vertraut mir, ihr Frommen. -- Zu Allerheiligen erlöse ich
+euch alle -- denn ich bin nicht Kaplan Johannes, wie ihr meint --
+sondern ich bin St. Peter, euer Schutzpatron, ich richte unter euch
+meine Kirche ein -- und wer in den Himmel kommen will, folgt mir!«
+
+Der helle Wahnsinn steht in den Augen des Schrecklichen, der sein
+Grabkreuz schwingt -- die Hälfte der Dörfler weicht über die
+Gotteslästerung entsetzt von ihm zurück: »Wir haben uns einem Narren
+ergeben!« stammeln sie.
+
+Zwanzig, dreißig Frauen aber, die noch in Furcht und Entsetzen an ihn
+glauben, scharen sich um ihn, eine Zahl Männer ahmen das Beispiel nach,
+doch viele unter ihnen verhalten sich schweigsam und drohend: »Wir gehen
+mit,« knurren sie finster, »denn nach allem, was sich ereignet hat,
+können wir nicht mehr zurück, aber wenn er uns ins Unglück führt, ist er
+der erste, der fallen muß.« -- --
+
+Siegesgewiß lächelt der wahnsinnige Kaplan: »Kommt, kommt, ihr Getreuen
+-- an den Weißen Brettern wird sich das Glück der Gemeinde erfüllen.«
+
+»Auch Ihr, Peter Thugi?« -- Der Garde, der den Mut verloren hat, sagt es
+traurig und vorwurfsvoll. --
+
+»Garde,« erwidert der junge Mann, »wenn Josi oder Binia ein Härchen
+gekrümmt wird, so kehre ich nicht zurück zu meinen Kleinen -- mich
+schämt das Leben an, wenn er untergehen soll, der mich gerettet hat!«
+
+Der Zug der Verzweiflung zieht, während es leise zu schneien beginnt, in
+die Nacht.
+
+Umsonst hat der Garde noch einmal geredet -- jetzt sitzt er still in
+seiner Wohnung und weint über seine verirrte Gemeinde.
+
+Vroni steht tröstend bei ihm, aber ihr ist todesangst um Binia. Die alte
+Sage!
+
+Eusebi kommt so lange mit der Hilfe nicht.
+
+Da horch! Gleichmäßige, taktfeste Schritte von Männern schallen von der
+Straße, die sich mit dem Flaum des fallenden Schnees bedeckt. In guter
+Ordnung rückt die waffenfähige Mannschaft der äußeren Dörfer in St.
+Peter ein, die Befehle tönen ruhig durch die Nacht, im Haus des Garden
+atmet man auf aus grimmiger Not.
+
+»Wo ist mein Mann, Eusebi Zuensteinen?« fragt Vroni die Ankommenden.
+
+»Mit dem ersten Zug der Unsrigen ist er vor dem Dorf an die Weißen
+Bretter empor geschwenkt. -- Josi Blatter darf nichts geschehen,«
+antworten die Männer.
+
+Draußen im Lande weiß man es: Das Werk Josi Blatters ist gut. Mit denen
+von St. Peter aber, die man schon lange als harte, abergläubische Köpfe
+kennt, muß man scharf rechnen, sie haben mit dem, was heute geschehen
+ist, die Ehre des ganzen Berglandes beleidigt.
+
+Daß Josi Blatter, der Held der heligen Wasser, ein Mörder sei, will
+niemand glauben; daß die von St. Peter sich unter die Anführung des
+verrückten Kaplans stellten, den man als einen gemeingefährlichen
+Vagabunden kennt, daß sie nach dem Leben eines durch seine
+Rechtschaffenheit und Schönheit bekannten Mädchens trachten, erfüllt die
+Mannschaft mit solcher Wut, daß die Führer Mühe haben, sie von
+unüberlegten Thaten gegen die Dörfler zurückzuhalten.
+
+Morgen wird aber ja schon die gerichtliche Untersuchung walten, bis in
+die Stadt ist man durch Eusebi und den Pfarrer über den Plan derer von
+St. Peter unterrichtet und empört.
+
+Wenn den zwei Liebenden ein Leid geschähe, wehe dann dem Dorf.
+
+Nun aber sind die Männer enttäuscht -- in St. Peter brennen nur wenige
+Lichter -- wo sie eintreten, treffen sie nur betende Frauen -- aber
+keinen Mann, der Auskunft über die Ereignisse des Tages gäbe.
+
+Endlich greifen sie einen auf -- den betrunkenen Bälzi, der in seinem
+Rausch den schrecklichen Ahornbund verrät. Sie sperren den Gefesselten
+in die Gemeindescheune.
+
+Da bringen einige von jenen, die mit Eusebi an die Weißen Bretter
+emporgestiegen sind, auf einer Notbahre von Tannenreisern einen Mann.
+Die erste falsche Nachricht sagt, es sei Josi Blatter, der erschlagen
+worden sei, aber es ist der Presi, der machtlos röchelt.
+
+»Wohin mit ihm?« fragen die Träger. -- »In mein Haus,« erwidert der
+erschütterte Garde, und wie er in das Gesicht seines Freundes blickt, da
+weiß er, daß er einen vor sich hat, der nicht mehr lange leben wird.
+
+Auf dem Weg zu seinen Kindern ist der Presi hilflos zusammengesunken.
+
+Da liegt er nun in der Kammer des Garden, aber er kann nicht sterben:
+»Mein Traum,« stöhnt er, »mein entsetzlicher Traum -- dazu die alte
+Sage, daß eine Jungfrau bluten muß, ehe St. Peter von der Wasserfron
+erlöst ist. Garde, seht Ihr nicht -- meine arme Bini blutet.«
+
+In schrecklichen Gesichtern lebt der Sterbende.
+
+»Ich kann nicht selig werden, es sei denn, ich wisse meine Bini mit Josi
+glücklich und daß er unschuldig ist. Nur kein Fluch von mir in ein
+folgendes Geschlecht. -- Seppi Blatter -- Fränzi -- macht es mir nicht
+zu streng.«
+
+Der Garde hält die Hand des Bebenden, selbst ein unglücklicher Mann,
+fühlt er verzehrendes Mitleid mit ihm und tröstet: »O Presi -- es leben
+allerdings mächtige Wahrheiten in den alten Sagen, in Träumen wohnt
+tiefer Sinn, aber glaubt, eine Vatertreue, wie die Eure, vermag die
+verhängten Schicksale zu brechen. Es wird Euch vor Gott groß angesehen
+sein, daß Ihr Euer Kind in dem Augenblick, wo Ihr seiner bedurftet,
+dahin ziehen ließet, wo seine Sicherheit und sein Glück liegen, -- daß
+Ihr die Folgen einer unglücklichen Stunde vor dem erregten Volk selber
+tragen wolltet, -- daß Ihr Eure letzte Kraft dahin wandtet, wo Ihr
+glaubtet, Eure Kinder hätten Eures Schutzes nötig. Presi, gebt die
+Hoffnung nicht auf.«
+
+So tröstet der treue Freund feierlich und unablässig und zitternd horcht
+der Presi.
+
+Der Garde, der es spürt, wie das Leben seines Freundes schwinden will,
+sagt: »Ihr habt mehr gethan -- um sie zu retten, habt Ihr das Haus, das
+Euch lieb war wie Euer Leben, in Brand gesteckt. Bekennt es nur!«
+
+Aber der Sterbende verzerrt sein Gesicht und knirscht.
+
+Mit tiefem Kummer sieht es der Garde: Sein Freund ist noch der alte
+Presi. Er würde, wenn er seine Kinder nicht mehr sähe, mit einem
+schrecklichen Geheimnis ins Grab steigen und auf St. Peter den Verdacht
+der Brandstiftung ruhen lassen.
+
+»Bekennt Ihr,« fragt der Garde, »wenn Josi und Binia unversehrt durch
+diese Thüre treten?«
+
+Da schluchzt der Presi, aber er schweigt.
+
+»Josi und Binia sind unschuldig -- es kann ihnen nichts geschehen --
+jetzt nicht und vor Gericht nicht -- ich werde mit ihnen kämpfen -- sie
+müssen glücklich werden, die so viel gelitten haben!«
+
+So mahnt und tröstet der Garde, und aus seiner vollen Brust strömt der
+Glaube in die Brust des Presi über, ergebungs- und hoffnungsvoll
+erwartet er, während seine Pulse schon schwächer und schwächer gehen,
+die Botschaft von den Weißen Brettern.
+
+Ehe er weiß, wie es sich an den heligen Wassern entschieden hat, kann er
+nicht sterben.
+
+
+
+
+XXI.
+
+
+»Zu Josi!« Durch die letzten Bergastern, durch die öden herbstfalben
+Weiden schwankt Binia langsam empor -- empor -- sie folgt, ohne daß sie
+es weiß, dem Weg, den sie mit dem Vater gegangen ist. Oft steht sie
+still, dann greift ihr Fuß, indem sie flüstert: »Zu Josi!« wieder
+mechanisch aus. Dann blickt sie wieder zurück in die Nebel: »Vater --
+Vater!« Die Kindesliebe zieht sie zurück. Doch sie geht wieder vorwärts.
+Alle ihre Regungen sind aber fast nur Traum und die Stimmen sonniger
+Vergangenheit reden lauter in ihr als die Gegenwart.
+
+Zu viel hat sie gelitten und leidet sie noch. Da erreicht sie die
+Stelle, wo die heligen Wasser vom Geröll auf die Weißen Bretter
+übergehen. Ein seltsamer Gedanke kommt ihr: In ihrem Schutz kann mir und
+Josi nichts geschehen! -- Aber die alte Sage -- sie bebt. Wird sie für
+Josis Werk sterben müssen?
+
+Sie wandelt durch den Felsengang, da glänzt tief im Hintergrund ein
+Licht.
+
+»Josi!« Er meißelt am Boden hingekniet und sieht sie nicht. »Josi!«
+schreit sie.
+
+Er fährt auf und läßt den Hammer fallen. »Bini!« Er umarmt sie. Im
+flackernden Grubenlicht sieht er nicht, wie bleich sie ist.
+
+»Bini -- dich hat in dieser Stunde Gott zu mir geführt. Engel -- du
+kommst, um mein Werk zu segnen -- die Leitung vollendet sich. -- Schau!
+-- Durch dieses Bohrloch blitzt von drüben schon der Tag.«
+
+In seinem abgezehrten Gesicht sieht sie eine fast überirdische Freude,
+sie schluchzt: »Josi, der Kaplan Johannes hat in der Glotter Thöni Grieg
+gefunden -- mein Leben ist im Dorf verwirkt -- meine letzte Zuflucht
+bist du.«
+
+Sie legt ihre kleinen Hände in seine großen arbeitsharten und neigt ihr
+Köpfchen auf seine Schulter und weint bitterlich.
+
+Da küßt er sie auf den Scheitel: »Sei ruhig, liebes Bineli -- du weißt
+es, ich habe Thöni Grieg nicht zu fürchten -- mit uns ist die Wahrheit
+-- sei nicht so traurig; wie du einst zu mir, so sage ich heute zu dir:
+Glaube, vertraue -- das Glück wird doch noch wahr.«
+
+Er steht vor ihr im Vollgefühl des vollendeten Werkes. Und nun ertönt
+ihr kleiner Schrei: »Josi, mein Held!«
+
+Binia geht es wundersam -- Bei Josi, dem starken Manne, der ihr milde
+zulächelt, sinkt alles Schwere, was sie erlebt hat, wie ein wüster
+schwerer Traum von ihr. Ihr ist, an seiner Seite könnte sie einem ganzen
+Schwarm von Feinden entgegengehen, und selbst wenn alle so gräßlich wie
+Kaplan Johannes wären, würde ihr kein Leid geschehen.
+
+Mit glänzenden Augen schaut sie Josi an.
+
+»Hast du Mut, Bini?« lächelt er. »Zeige es mir. -- Ich wäre glücklich,
+wenn du mit deiner lieben Hand die letzten Schüsse entzünden wolltest.
+Das wäre mir ein größeres Fest, als wenn morgen die Regierung nach St.
+Peter käme und mich unter Glockengeläute vom Berg holte. -- Wozu das? --
+Für dich ist's ja gebaut und gethan! -- Weihe es, Binia!« -- --
+
+Sein ermunternder Blick ruht auf ihr. Er schiebt die Patronen in die
+Löcher und setzt die Zünder auf. »Hier und hier -- hier und hier -- da
+und da.«
+
+Demütig und mutig nimmt sie die Lunte und legt sie an die Zünder, die
+leise zu summen beginnen.
+
+»Zurück, so weit ich dich führe, und sei stark, Bini.«
+
+Josi zählt. -- »Jetzt.« -- Es kracht. -- Ein Donnerwetter geht durch die
+Felsen, als ob das ganze Gebirge stürzen müsse -- jauchzend reicht Josi
+Binia die Hand: »Gott segne den neuen Lauf der heligen Wasser -- die
+Blutfron ist gelöst!«
+
+Ueber das Nebelmeer unter ihnen rollt der Hall und rollt zurück. -- Der
+Rauch zieht an ihnen vorbei und durch das Thor herein, das sich geöffnet
+hat, glänzt ein Schein des Abendrotes, das über Tremis steht.
+
+Mit wuchtigen Hieben glättet Josi die Stelle. Doch nach einiger Zeit
+sagt er zu dem Mädchen, das am Rand des Wassergrabens kauert und ihm
+bewundernd zuschaut: »Für heute Feierabend -- Bini -- dir zu Ehren.«
+
+Da wird sie wieder etwas ängstlich: »O, Josi! -- wir sollten fliehen. --
+Wir sind selbst hier oben nicht sicher -- es ist mir, es geschehe
+Schreckliches in St. Peter!«
+
+Sie drängt sich schmeichelnd und Schutz suchend an den strahlenden Mann.
+
+»Fliehen! -- Ich fürchte mich nicht vor denen von St. Peter. Und den
+Vater verlassen wir nicht, Bini.«
+
+»O mein Vater, -- mein armer Vater! -- Nein -- gelt, lieber Josi, wir
+verlassen ihn nicht! -- Wir wollen wieder zu ihm niedersteigen,« fleht
+sie.
+
+»Sieh, Bini,« antwortet er tröstlich, »wir haben einen geraden Weg, den
+müssen wir gehen: Bevor die Wasser laufen, scheiden wir nicht von den
+Weißen Brettern -- bevor wir wissen, ob der Vater nicht doch mit uns
+kommen will, gehen wir nicht von St. Peter -- und bevor ich mich nicht
+vor dem Gericht von jedem Verdacht wegen Thöni Grieg gereinigt habe,
+wirst du nicht mein Weib -- dann aber Glück zu, mein herzlieber, reiner
+Tautropfen.«
+
+Weich und demütig erwidert sie: »Dein Weg ist mein Weg, Josi!«
+
+In weltferner Einsamkeit hoch über den Menschen halten sie Feierabend.
+Ueber dem grauen Nebel der Tiefe, der wie ein See in die Berge gegossen
+liegt, geht der Tag zur Rüste, sie sehen nicht und hören nicht, wie
+unter ihnen in St. Peter der Aufruhr braust, sie sehen auch die Sterne
+nicht, denn Schneewolken ziehen schwerer und schwerer über das Gebirg --
+zwischen lauter Wolken sind sie mit ihrer Liebe allein.
+
+Josi hat von lange her eine Felsennische heimelig eingerichtet, da
+flackert jetzt ein Feuer, die Milch, die der pflichttreue Bonzi wie
+sonst heraufgeschafft hat, siedet im Topf; auf einem Teppich, der über
+eine Felsenbank gelegt ist, sitzt das Paar Wange an Wange und in der
+stillen Felsenheimlichkeit vergißt es die armseligen Menschen, die sich
+in den Qualen des Aberglaubens winden, und nichts bleibt ihnen bewußt
+als ihre starke Liebe. Alle Stürme sind zur Stille gekommen, die Seelen
+der Gehetzten ruhen in seligem Traum.
+
+»Josi,« erbebt die Stimme Binias fein und weich, »eine alte Sage geht,
+daß über der Befreiung St. Peters aus der Blutfron eine Jungfrau sterben
+muß -- sie hat mir meinen Gang zu dir schwer gemacht -- aber jetzt ist
+mir, es wäre mir leicht, das Leben für dich und dein Werk hinzugeben!«
+
+Und in unendlicher Treue hangen ihre Augen an ihm.
+
+»Rede nicht so --, Bini,« erwidert er sanft, »nein, wir wandern ins
+Leben -- du und ich -- und wir wollen unserer Liebe im Frieden froh
+werden und schaffen, bis es Abend ist!«
+
+»Ins Leben!« wiederholt sie traumhaft.
+
+Er streichelt ihr dunkles Haar, müde läßt sie das Köpfchen an seine
+Brust sinken, lange Leiden fordern Auslösung, und sorglich bettet er die
+in einen bleiernen Schlaf Versunkene in die Felsenecke. -- Das Feuerchen
+flackert und beleuchtet zwei Friedliche. --
+
+Etwas Sonderbares weckt Josi aus seinem halben Schlummer. Ihm fehlt in
+der Morgenfrühe das leise Klingen der Glocke von St. Peter, und
+plötzlich erinnert er sich, daß er es auch am Abend nicht gehört hat.
+Nun wird er doch unruhig. Ist in St. Peter so Schlimmes geschehen, daß
+der alte Pfarrer seine Drohung wahr gemacht hat?
+
+Besorgt zündet er in das Gesicht der schlafenden Binia. Sie lächelt
+innig im Traum und von ihren Lippen zittern die Worte: »Die Vögel, sie
+fliegen über Land und Meer.«
+
+»Schlafe, armes Kind, das so viel erduldet hat, schlafe -- das Rauschen
+der Wasser, das Schlagen des Hammers mag dich wecken.« Er geht leise
+davon, er schreitet sein Werk ab, im Schein der Lampe legt er da und
+dort noch Hand an, er setzt am äußeren Ende der Leitung das kleine
+zierliche Wasserrad ein, das den Merkhammer treiben soll.
+
+Es schneit ruhig und feierlich, die Flocken fallen leis und weich ins
+Morgengrauen und tiefe Stille waltet ringsum. Da ist ihm doch, er höre
+Stimmen aus der Tiefe und klirrende Töne -- aber so unbestimmt, daß er
+nicht klug daraus wird, was er hört.
+
+Er wandert rasch, die ruhig schlafende Binia im Vorbeigehen betrachtend,
+das ganze Werk zurück -- er lenkt den Auslaufkännel am Eingang der
+Felsen vom Abgrund zurück und hinein in die neue Leitung.
+
+Eilig strömen die Wasser.
+
+Da horch! -- Stimmen schwellen im Schneegestöber -- eine Schar
+Gestalten, die -- sonderbar genug -- Grabkreuze tragen -- Männer und
+Weiber tauchen gespenstisch in den Flocken auf -- er erkennt den
+schwarzen Kaplan -- er hört die hohe Stimme des Glottermüllers: »Wir
+müssen sie totschlagen, ehe das Rad geht -- vorwärts!«
+
+Josi stellt sich ruhig einige Schritte vor dem Eingang seines Werkes
+auf, aber seine Hand langt in die Tasche und seine Augen funkeln.
+
+Die Schar steht vor ihm.
+
+»Halt -- oder ich sprenge euch alle samt und sonders in die Luft.«
+Hochaufgerichtet, eine Dynamitpatrone in der erhobenen Hand, donnert er
+es ihnen entgegen. -- Die Männer stutzen, aber Kaplan Johannes ruft:
+»Die heiligen Kreuze sind stärker als das teuflische Salz!« -- Und er
+will mit dem erhobenen schweren Grabkreuz in wahnsinniger Wut auf Josi
+los.
+
+Da geschieht etwas Entsetzliches.
+
+Aus dem Felsengang stürzt Binia -- sie stürmt an Josi vorbei -- sie
+läuft unter das erhobene Kreuz des Kaplans -- sie schreit flehentlich:
+»Schlagt mich, Kaplan -- aber tötet meinen Josi nicht.«
+
+Schon saust das Kreuz gegen das junge schöne Haupt hernieder und »Josi!«
+schreit Binia in Todesnot.
+
+Da sinkt der Kaplan selbst.
+
+Er stöhnt unter den Fäusten Peter Thugis, der ihn im letzten Augenblick
+niedergerissen hat.
+
+Einige der verdutzten Männer machen Miene, dem Schwarzen zu helfen, aber
+jetzt ist Josi neben der in die Kniee gesunkenen blassen Binia, er hält
+in finsterer Entschlossenheit die Patrone hoch und sein funkelnder Blick
+hat den Stein schon erspäht, an den er sie schleudern könnte.
+
+»Die Waffen weg, oder ihr fliegt!« schreit er.
+
+Ein furchtbarer Augenblick, ein Mann gegen einen Schwarm -- einzelne der
+Gestalten tauchen, wie Gespenster verschwinden, in das Schneegestöber
+zurück. -- Die schwarzen Kreuze und Scheiter fallen in den weißen,
+reinen Schnee.
+
+Nur der Glottermüller mit einem kleinen Häuflein steht noch, aber sie
+wagen keine That.
+
+Da horch -- der Hammer schlägt -- er schlägt rasch und rascher, laut und
+lauter -- und rings im Gebirgskreis bleibt es still -- die Lawinen
+fallen nicht -- es schneit nur leise und feierlich. -- Die letzten
+Kreuze sinken -- aus der Tiefe tönt der Ruf: »Josi, wir kommen -- Josi,
+halte aus -- die Hilfe ist da!« -- Es ist Eusebi, der ruft. -- Und durch
+den Schnee blitzen schon Waffen und Wehr.
+
+Wie Peter Thugi die erlösenden Zurufe hört, läßt seine Faust etwas von
+dem sich windenden Kaplan. Der kann entfliehen und springt in gewaltigen
+Sätzen bergwärts. Hinter ihm die letzten Kreuzträger.
+
+Um Josi, der die halb ohnmächtige Binia im Arm hält, und Peter Thugi,
+den Freund, steht die Entsatzmannschaft, und Eusebi Zuensteinen vergießt
+die hellen Thränen der Freude, daß sein Schwager gerettet ist.
+
+Josi dankt Peter auf den Knieen für die rettende That.
+
+»Wer sollte es besser wissen, Josi,« erwidert Thugi, »was du für St.
+Peter gethan hast, als ich.«
+
+Andächtig horchen die hundert Männer dem Schlagen des Hammers und
+schütteln Josi und Binia die Hand.
+
+Ein sonderbarer Zug bewegt sich in dem fallenden Schnee thalwärts. -- In
+der Mitte geht Josi, nicht wie ein Held, sondern wie ein Geschlagener --
+er weiß es, er muß mit Binia an ein Sterbebett treten. Und Binia
+schluchzt herzzerbrechend. Aber daß sie noch gehen kann, ist ein Wunder.
+
+Wer ist der größere, Josi, der die Blutfron von St. Peter genommen hat,
+oder der Presi, der Vater, der bis in den Tod für sein Kind gekämpft
+hat?
+
+Ja, ja, arme Bini, ruhige Jahre werden dir nun wohl thun, denn zuletzt
+verliert auch der Stahl seine Biegsamkeit und bricht.
+
+Sie sehen den verwüsteten Bären; Josi ist bereit, noch heute den
+Gerichtsbeamten, die schon eingerückt sind, Rede und Antwort zu stehen.
+
+Das Paar tritt in die Wohnung des Garden -- es sinkt an das Bett des
+Presi.
+
+Man hat ihm die Fenster öffnen müssen, damit er das Schlagen des neuen
+Hammers an den Weißen Brettern hört. Seitdem ist er ruhig und nun
+richtet er sich auf vom Lager. Er schluchzt -- die dünnen Thränen
+fließen über seine abgehärmten Wangen. -- »Seppi Blatter -- Fränzi --
+ihr habt mir's nicht zu streng gemacht. -- -- Und Josi, wenn du wegen
+Thöni Grieg etwas auf dem Gewissen hast, -- so nehme ich es dir ab.«
+
+Da antwortet Josi: »Nein, Vater, ich bin frei von Schuld. Thöni Grieg
+ist zehn Schritt vor mir gestürzt.«
+
+»Garde, ich habe den Bären angezündet,« spricht der Presi laut, dann
+murmelt er: »Und St. Peter habe ich lieb gehabt. -- Seid glücklich --
+Josi -- Bini.« Einen Blick unsäglicher Liebe noch wendet er auf das Paar
+-- er sinkt zurück und der Todesengel schwebt durch das Haus.
+
+
+
+
+XXII.
+
+
+Ein Trauerspiel im Bergland. Was die von St. Peter gethan haben,
+erscheint dem Bergvolke selbst, erscheint der Welt unbegreiflich. Das
+Dorf wollte den schlagen, der ihm die größte Wohlthat erwiesen hat, den
+es mit Ehren wie seinen Erlöser feiern sollte. Unbegreiflich? -- Als ob
+der Wechselruf »Hosianna!« und »Kreuziget ihn!« nicht die Jahrhunderte
+herab durch die Blätter der Geschichte jauchzte und klagte. Als ob es
+nicht bis in die blühende Gegenwart hinein der Beispiele genug gäbe, wo
+nicht nur ein kleines, weltfernes Dorf, sondern große mächtige,
+gebildete Völker sich unter dem Druck eines Zwangsgedankens verwirren
+und eine Weile den Weg der Vernunft nicht finden können. Als ob die
+Gestalt des bösen Narren, des Kaplans Johannes, der hetzend die dunklen
+Regungen der Volksseele mißbraucht, nicht überall auf der Lauer stehe,
+um seinen Bettelsack aus der allgemeinen Verirrung zu füllen und seine
+nächtliche Seele in den Bildern des Schreckens schwelgen zu lassen. --
+--
+
+In bebender Zerknirschung liegt St. Peter.
+
+Jahrhunderte hat sein Völklein unter dem Donner der Lawinen friedlich
+und still gelebt, Geschlecht um Geschlecht hat mannlich getragen, was
+eine übermächtige Natur an Gefahren und blutenden Opfern über sein
+Dasein verhängte. Im Schoß des stillen Lebens blühten innige Sitten und
+Bräuche, die Wunderblume der Sage hielt ihre Kelche offen und atmete
+ihre Düfte aus. Da führte ein Feuerkopf die Unruhe, die Hast einer neuen
+Zeit in die Enge des Thales, in die Schmalheit der Volksanschauungen.
+Die Dörfler sahen, was Eltern und Altvordern groß und heilig gegolten,
+von einem Schwarm leichter Menschen, der kein Verständnis für ihr
+eigenartiges Fühlen besaß, mißachtet, in den Stimmen der Lawinen hörten
+die Geängstigten den Zorn des Himmels reden. Und siehe da -- die
+Wunderblume der Sage vergiftete ihren Duft. In Fleisch und Knochen
+schlich sich, von einem geheimnisvollen Narren vertragen, das Fieber des
+Aberglaubens.
+
+Die Stimmung ist vorbereitet. -- Da geschieht das Unfaßbare, daß einer
+vom Dorf das Verhängnis lösen will, das wie Gottes Züchtigung darüber
+schwebt -- da ereignet sich das Schreckliche, daß ein verborgener Mord,
+so glaubt das Völklein, ans Tageslicht kommt -- eine tragische Folge der
+Umstände schaltet alle Hemmungen der Vernunft aus.
+
+So hat das Entsetzliche geschehen können! -- --
+
+Zwei Abgesandte der Regierung sind da; der Hammer an der rettenden
+Leitung schlägt, von einem Fest zur Einweihung des Werkes spricht
+niemand.
+
+Eine unheimliche Stille brütet über St. Peter. Mächtiger als die ernsten
+Patrouillen, die das Dorf auf und ab schreiten, spricht es in die
+Gewissen, daß das schöne alte Haus zum Bären in schwarzen Ruinen aus der
+weißen feierlichen Schneelandschaft ragt. St. Peter ist ohne den Bären
+nicht mehr St. Peter.
+
+Wer hat die Flamme hineingeworfen? -- In der Gemeindescheune halten die
+herbeigeeilten Gerichtsbehörden an einem Tisch die Verhöre, zu denen
+ihnen der Verrat Bälzis die Unterlagen bietet. Mit finsteren, trotzigen
+Mienen kommt Bauer um Bauer und antwortet auf die Fragen. Daß er Kreuze
+aus dem Kirchhof ausgerissen hat, giebt jeder zu. Den Ahornbund aber
+verrät keiner. Und keiner nennt den Brandstifter, die
+Untersuchungsbeamten aber bestehen darauf, daß es irgend einer vom Bunde
+sei, und halten den Verdacht auf den Presi für eine Ausflucht. Sie
+fassen einen heißen Groll gegen das verstockte Dorf und drohen mit
+langen Einquartierungen auf Kosten der Gemeinde.
+
+Da tritt erschüttert der Garde herein: »Ich kann euch die Untersuchung
+erleichtern. Keiner von denen, die ihr verhört habt, hat den Bären
+angezündet. Das hat ein Vater für sein Kind gethan. Ich sage es euch im
+Auftrage des Presi Peter Waldisch, der soeben gestorben ist.«
+
+O, die da sitzen und die Not eines Dorfes schreiben, sie haben den Presi
+schon gekannt, den gewaltthätigen Mann, der, die anderen alle um
+Haupteslänge überragend, nie klein gewesen in seinem Zorn, aber auch so
+groß in seiner Liebe, daß ihm die That wohl zuzutrauen ist.
+
+Sie sprechen bewegt: »Immer war er der Presi -- sich selbst getreu bis
+in den Tod -- in der Enge der Berge, wo der gewaltige Mann überall
+anstieß, hat er werden müssen, wie er war -- in der Welt aber wäre er
+nach Kopf und Herz ein Großer geworden -- denn Kernholz, aus dem das
+Volk seine starken Führer schnitzt, war an ihm von der Sohle bis zum
+Scheitel.«
+
+Während sie noch flüsternd dem toten Presi ihr Kränzlein winden, tritt
+Josi Blatter an den Tisch und wünscht wegen Thöni Grieg verhört zu
+werden. Ruhig und fest erzählt er den Hergang im Teufelsgarten, ruhig
+und fest antwortet er auf die Kreuz- und Querfragen, die Gesichter der
+Untersuchenden, die zuerst wohlwollend auf den Helden der heligen Wasser
+blickten, werden ernst. Die Darstellung klingt unglaubwürdig.
+
+»Ihr besteht darauf, daß es nicht Totschlag in Notwehr war?«
+
+»Ich bestehe darauf.«
+
+»Ihr habt das Werk an den Weißen Brettern nicht zur Sühne gebaut?«
+
+»Nein, meiner Braut Binia Waldisch zu Ehren.«
+
+»Ihr verzichtet auf die altgebräuchliche Rechtswohlthat, die seit
+Matthys Jul denen zugebilligt wird, die für die heligen Wasser an die
+Weißen Bretter steigen?«
+
+»Ich verzichte!«
+
+Josi steht -- es geht nicht anders -- unter der Anklage, in Notwehr
+Thöni Grieg erschlagen zu haben -- aber wenigstens so hart sind die
+Männer des Gerichtes nicht, daß sie ihm eine Haft auferlegen. Sein
+Ehrenwort, sich der Untersuchung immer zur Verfügung zu halten, genügt.
+
+Kaplan Johannes ist nicht zurückgekehrt. Von seinen eigenen Anhängern
+zuletzt in die Enge getrieben, hat er sich auf die Felsen geflüchtet,
+die vom Neuschnee schlüpfrig waren, er ist gestürzt und erst im Frühjahr
+hat man seinen zerschmetterten Leichnam in einem Abgrund gefunden.
+
+Während der Untersuchung über die Vorfälle in St. Peter, die mehrere
+Tage in Anspruch nimmt, ist der alte Pfarrer zurückgekommen und hat
+seine Siegel von der Kirche genommen. St. Peter kann seine Toten
+begraben, heute in aller Stille Thöni Grieg, morgen in herzlicher Trauer
+den Presi, der den Dörflern nie bewunderungswürdiger schien als in
+seinem Tod. Man hat die Kreuze und Scheiter des Kirchhofs gesammelt und
+wieder in die Gräber gesteckt. Der Pfarrer hat sie neu geweiht, und wie
+nun die Glocken zum Begräbnis des Presi wieder erklingen, da geht ein
+aufschluchzendes Weinen der Zerknirschung, doch auch neue Lebenshoffnung
+durch das Dorf.
+
+Am Schluß der Grabpredigt sagt der alte Pfarrer: »Ich weiß, daß auch ich
+schuldig bin und euch nicht hätte verlassen sollen, und vor den Behörden
+der Kirche will ich für euch um ein gnädiges Urteil bitten. Ich lasse
+euch als Vermächtnis meiner Amtsthätigkeit, die ich niederlege, die
+Schlüssel zum Gotteshaus und den Glocken zurück. Hoffentlich für ewig.
+-- Eine junge starke Kraft möge euch besser führen, als es mir altem
+kraftlosen Manne gelungen ist!« -- --
+
+Langsam schreitet der Prozeß, es ist, als könne sich das arme Dorf nicht
+mehr erheben aus seiner Schande, als müsse es daran zu Grunde gehen.
+
+Wie aber vor dem Volk des Berglandes die Gestalten Josi Blatters und
+Thöni Griegs durch die Untersuchung in immer schärferen Umrissen
+erscheinen, wie der gefälschte Brief Thönis bekannt wird, wie man den
+Leidensgang und die hohe Treue der Liebenden erfährt, da fliegen ihnen
+alle Herzen zu, der gerechte Sinn des Volkes erwacht. »Selbst wenn er
+eine That des Zornes begangen hätte,« spricht das Volk, »müßte er
+freigesprochen werden, sie wäre Gottes Gericht über den Schuft.«
+
+Es ist aber keine That des Zornes geschehen. -- Und für Josi und Binia
+spricht mit glühendem Feuer der Garde, der Ehrenmann des Dorfes, der in
+aller Verwirrung wie ein Fels des Rechtes dagestanden ist.
+
+Tausend Umstände zeugen für das Paar.
+
+Im Winter noch steigt Josi ein paarmal zu seinem Werk empor, prüft es,
+vollendet noch da und dort etwas -- sobald er aber das gerichtliche
+Verfahren hinter sich hat, will er mit Binia über das Meer ziehen und in
+einem fernen Erdenwinkel Glück und Vergessen suchen.
+
+Eines Tages aber erhält er den Besuch seines Freundes Felix Indergand.
+Der spricht nicht mehr von Beate, dagegen redet er Josi herzlich zu:
+»Ziehe nicht fort, Josi! -- Siehe, wer zwischen den Bergen geboren ist,
+findet nur zwischen den Bergen das volle Lebensglück. Wir beide haben es
+erfahren, wie öde und leer das Herz in der Fremde bleibt, das deckt alle
+Liebe nicht zu. Thue es deiner herrlichen Braut nicht an, das Bergkind
+würde in der Ferne rasch welken. Komm, wenn du doch nicht zu St. Peter
+bleiben magst, zu uns ins grüne Oberland, ich will ein Gütchen für dich
+erhandeln. Dort lebe in meiner Nähe und sei glücklich mit deinem Weib.«
+
+Josi geht die warme Rede seines Freundes zu Herzen -- er willigt ein.
+
+Endlich, wie schon die ersten Frühlingsblumen blühen, ist der
+Gerichtstag für ihn und die von St. Peter da, das Landvolk ist wie an
+einem Markttag auf der Fahrt in die Stadt.
+
+Die Tribünen des Gerichtssaales sind gefüllt und zweimal entsteht eine
+mächtige Bewegung unter den Zuschauern.
+
+Das erste Mal, wie eine hoheitsvolle jugendliche Gestalt in tiefer
+Trauer als Zeugin vor die Schranken tritt. Manchmal, wenn ihre Liebe zu
+Josi vor der Menge zur Sprache kommt, erbebt sie, Blutwelle um Blutwelle
+geht über das feine Gesicht und hilflos fragt sie: »Ja, muß ich das auch
+sagen?« Auf manche harmlose Fragen antwortet sie in so heißer Scham,
+dann mit einem blitzenden Wahrheitsmut, daß die Schauer der
+Ergriffenheit durch den Zuschauerraum gehen.
+
+»Der Garde von St. Peter hat recht,« flüstert sich die Menge zu, »Binia
+Waldisch kann keine Unwahrheit sagen!«
+
+Und dann, wie ein eben eingetroffener Brief aus Indien zur Verlesung
+kommt:
+
+»Josi Blatter, über den Sie mich gerichtlich anfragen, hat sich in fünf
+Jahren als ein Mann ohne das geringste Falsch bewährt. Er ist so fest
+und treu wie Ihre Berge, und die wanken nicht. Sie würden eine Schmach
+auf Ihr Land laden, wenn Sie ihm nicht vollen Glauben schenken und einen
+Makel auf ihm ruhen ließen. George Lemmy, Oberingenieur der britischen
+Regierung in Indien.«
+
+Ein Stündchen später ist der volle Freispruch da.
+
+Ein kleiner, schluchzender Schrei bebt durch den Saal: »Josi, mein
+Held,« und Hunderte schluchzen mit und ein Jubelruf pflanzt sich fort
+durch die Straßen der Stadt.
+
+»So geht ihr nun ins Oberland, ihr Vielgeprüften!« sagt der Garde, der
+mit Vroni und Eusebi dem Paar die Hände reicht, »wenn zwei glücklich
+werden können auf dieser wandelbaren Erde -- so seid ihr es, ihr heißen
+Herzen von unwandelbarer Treue.« --
+
+Auch St. Peter hat keinen bösen Tag.
+
+Die Richter wissen, daß es jetzt nicht gilt, das arme, verirrte, von
+einem Wahnsinnigen verführte Dorf, für das der alte ehrwürdige Garde mit
+Thränen in den Augen bittet, noch tiefer in Unglück und Schande zu
+drücken, sondern zu beruhigen und zu versöhnen, sie legen leichte
+Strafen auf die Grabschänder, und willig tragen die Dörfler das
+verhängte Maß. -- --
+
+Wie ein reinigendes Gewitter haben der »böse Tag« und seine Folgen auf
+die von St. Peter gewirkt. Ein Jahrhundert ruhiger Entwickelung hätte
+die Sinnesart des Völkleins nicht so geändert und geweckt wie der Sturm.
+
+Und sonderbar, wie sich das Urteil über den toten Presi gewendet hat.
+Seinen einst so verhaßten Namen nennt man in St. Peter in glühender
+Ehrfurcht. Vor dem frommen Glauben der Bergleute hat nicht Peter Thugi,
+der jüngere, im letzten Augenblick den Schlag des Kaplans vom Haupt
+Binias gewandt. Nein, aus dem alten Fluch, daß eine Jungfrau über der
+Befreiung St. Peters von der Wasserfron an den Weißen Brettern sterben
+müsse, hat sie die Aufopferung des Presi gerettet; indem er selber in
+den Tod ging, schützte er das Leben seines Kindes und bewahrte das Dorf
+vor noch entsetzlicherem Unglück.
+
+Als ein Held erlösender Vatertreue steht er im Gedächtnis des
+Berglandes.
+
+Sogar sein Werk, die Einführung des Fremdenverkehrs in das Thal, ist
+nicht untergegangen. Ein Jahr stand der Bären als eine Ruine da. Dann
+kam denen von St. Peter die Ruine und die Ruhe der Sommer, die man so
+geliebt hatte, wie eine Anklage vor. Die Gemeinde wünschte, daß das Haus
+von einem tüchtigen Wirt wieder aufgebaut würde. Die Fremden falterten
+darauf wie einst durch das Glotterthal und die Bevölkerung hat nichts
+wider sie einzuwenden.
+
+Von den alten Sagen spricht niemand mehr gern, wie man die schönen einst
+geliebt hat, verabscheut man sie.
+
+In einem Thal des Oberlandes aber lebt ein junges Ehepaar in halber
+Verborgenheit und tiefem Frieden.
+
+Nach einigen Jahren indes findet doch ein kleiner Zug von Männern, an
+ihrer Spitze Hans Zuensteinen, der alte Garde, und der jüngere Thugi,
+der neue Garde, den Weg in den Winkel des Glücks.
+
+Die Männer drehen vor Josi Blatter und seiner schönen jungen Frau
+verlegen die Hüte und der alte Garde spricht: »Josi Blatter, es ist
+vieles anders geworden in unserem Dorf, aber den rechten Frieden und die
+rechte Freudigkeit haben wir noch nicht. Es ist uns, St. Peter sei noch
+nicht ganz aufgerichtet, so lange du und Binia uns fehlen. Wir wissen,
+daß dein Werk gut ist, die Gemeinde will dich in Ehren halten und zum
+Zeichen haben dich gestern die hundertzwanzig Bürger von St. Peter
+einstimmig zu ihrem Presi gewählt. Denn ich bin alt und den Aemtern
+nicht mehr gewachsen. Wir brauchen einen starken, aufrechten Mann. Josi,
+versage uns die Freude und Ehre nicht!«
+
+Die anderen bestätigen die warme Rede: »So ist es, wir bitten dich.«
+
+Josi will antworten, aber er kann nicht -- er geht zur Thüre hinaus --
+in einer stillen Ecke schluchzt er: »Hört ihr es, Vater -- Mutter --
+ich, euer verachteter Bub, Presi von St. Peter.« -- Wie er sich aber
+gefaßt hat und den Männern sein »Nein« entgegenbringen will, da fällt
+ihm Binia um den Hals: »Josi, ja, wir wollen nach St. Peter
+zurückkehren, dessen Kinder wir sind und wo die Gräber der Eltern
+liegen. Ich stelle mich zu den Männern.«
+
+Mit einem Jawort ziehen sie.
+
+In St. Peter waltet Josi Blatter seit vielen Jahren als Presi in Stärke
+und Weisheit. Das Dorf hat sich vollends aus seiner Schande erhoben, es
+blüht unter seiner Führung und unter dem Segen des guten Beispiels, das
+die feine Binia den Frauen von St. Peter giebt.
+
+Die Blutfron an den Weißen Brettern, der Lostag, die Schreckensarbeit
+des Kännellegens tönt einem jungen Geschlecht wie eine Sage ins Ohr und
+langsam verrosten in der Kapelle zur Lieben Frau die Unglückstafeln. Das
+Werk Josis hat sich bewährt. Die Wildleutlaue mag donnernd gehen, die
+heligen Wasser fließen, sie rauschen und spenden Segen.
+
+
+
+Druck der
+Union Deutsche Verlagsgesellschaft
+in Stuttgart
+
+
+
+Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
+Stuttgart und Berlin
+
+
+Geh. = Geheftet, Lnbd. = Leinenband, Ledbd. = Lederband, Hlbfrzbd. =
+Halbfranzband
+
+_Althof, Paul_ (Alice Gurschner), Die wunderbare Brücke und andere
+ Geschichten Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Das verlorene Wort. Roman Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+_Andreas-Salomé, Lou_, Fenitschka -- Eine Ausschweifung.
+ Zwei Erzählungen Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
+--"-- Ma. Ein Porträt. 4. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
+--"-- Menschenkinder. Novellensammlung.
+ 2. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Ruth. Erzählung. 5. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Aus fremder Seele. 2. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
+--"-- Im Zwischenland. Fünf Geschichten.
+ 2. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+_Anzengruber, Ludwig_, Letzte Dorfgänge.
+ 2. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Wolken und Sunn'schein. 5. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
+_Arminius, W._, Der Weg zur Erkenntnis. Roman
+ Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Yorcks Offiziere. Roman von 1812/13.
+ 2. u. 3. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+_Auerbach, Berthold_, Sämtliche Schwarzwälder Dorfgeschichten.
+ Volks-Ausg. in 10 Bdn. Geh. M. 10.--, in 5 Lnbdn. M. 13.--
+--"-- Barfüßele. Erzählung.
+ 40. u. 41. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
+--"-- Auf der Höhe. Roman. Volks-Ausg. in 4 Bdn.
+ Geh. M. 4.--, in 2 Lnbdn. M. 6.--
+--"-- Das Landhaus am Rhein. Roman. Volks-Ausgabe in 4 Bänden
+ Geh. M. 4.--, in 2 Lnbdn. M. 6.--
+--"-- Drei einzige Töchter. Novellen. Min.-Ausg.
+ 4. Aufl. In Leinenband M. 3.--
+--"-- Waldfried. Vaterl. Familiengeschichte.
+ 2. Aufl. Geh. M. 6.--, Lnbd. M. 7.50
+_Baumbach, Rudolf_, Erzählungen und Märchen.
+ 15. u. 16. Tsd. Lnbd. M. 3.--, Ledbd. M. 5.--
+--"-- Es war einmal. Märchen.
+ 15. u. 16. Tsd. Lnbd. M. 3.80, Ledbd. M. 5.80
+--"-- Aus der Jugendzeit. 9. Tsd. Lnbd. M. 6.20, Ledbd. M. 8.--
+--"-- Neue Märchen. 8. Tsd. Lnbd. M. 4.--, Ledbd. M. 6.--
+--"-- Sommermärchen. 38. u. 39. Tsd. Lnbd. M. 4.20, Ledbd. M. 6.--
+_Bertsch, Hugo_, Bilderbogen aus meinem Leben.
+ 2. u. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Bob, der Sonderling. 4. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
+--"-- Die Geschwister. Mit Vorwort von Adolf Milbrandt.
+ 10. u. 11. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
+_Böhlau, Helene_, Salin Kaliske. Novellen.
+ 2. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+_Boy-Ed, Ida_, Die säende Hand. Roman.
+ 4. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Um Helena. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Ein königlicher Kaufmann. Hanseatischer Roman.
+ 8.-10. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Die Lampe der Psyche. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Die große Stimme. Novellen. 3. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
+_Bülow, Frieda v._, Kara. Roman Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+_Burckhard, Max_, Simon Thums. Roman.
+ 2. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+_Busse Carl_, Die Schüler von Polajewo. Novellen
+ Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
+--"-- Träume. Mit Illustrationen von Kunz Meyer
+ Geh. M. 2.60, Lnbd. M. 3.50
+--"-- Im polnischen Wind. Ostmärkische Geschichten
+ Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+_Dove, A._, Caracosa. Roman. 2 Bände.
+ 2. Aufl. Geh. M. 7.--, in 2 Lnbdn. M. 9.--
+_Ebner-Eschenbach, Marie v._, Bo[vz]ena. Erzähl.
+ 8. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Erzählungen. 5. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Margarete. 6. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
+_Ebner-Eschenbach, Moriz v._, %Hypnosis perennis% -- Ein Wunder
+ des h. Sebastian. Zwei Wien. Gesch. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
+_Eckstein, Ernst_, Nero. Roman. 8. Aufl. Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.--
+_El-Correi_, Das Tal des Traumes (%Val di sogno%). Roman.
+ 2. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Am stillen Ufer. Roman vom Gardasee Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+_Engel, Eduard_, Paraskewúla u. a. Novellen Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+_Fontane, Theodor_, Ellernklipp. 4. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Grete Minde. 7. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
+--"-- Quitt. Roman. 5. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Vor dem Sturm. Roman. 11. u. 12. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Unwiederbringlich. Roman.
+ 5. u. 6. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+_Franzos, K. E._, Der Gott des alten Doktors.
+ 2. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
+--"-- Die Juden von Barnow. Geschichten.
+ 8. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Ein Kampf ums Recht. Roman. 2 Bde.
+ 6. Aufl. Geh. M. 6.--, in 1 Lnbd. M. 7.50
+--"-- Ungeschickte Leute. Geschichten.
+ 3. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
+--"-- Junge Liebe. Novellen.
+ 4. Aufl. Min.-Ausg. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
+--"-- Mann und Weib. Novellen. 2. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
+--"-- Der kleine Martin. Erzählung. 3. Aufl. Geh. M. 1.--, Lnbd. M. 2.--
+--"-- Moschko von Parma. Erzählung. 4. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
+--"-- Neue Novellen. 2. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
+--"-- Tragische Novellen. 2. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
+--"-- Der Pojaz. Eine Gesch. a. d. Osten.
+ 6.-8. Aufl. Geh. M. 4.50, Lnbd. M. 5.50
+--"-- Der Präsident. Erzählung. 4. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
+--"-- Die Reise nach dem Schicksal. Erzählg.
+ 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Die Schatten. Erzählung. 2. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Judith Trachtenberg. Erzählung.
+ 5. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Der Wahrheitsucher. Roman. 2 Bde.
+ 3. Aufl. Geh. M. 6.--, in 2 Lnbdn. M. 8.--
+--"-- Leib Weihnachtskuchen und sein Kind.
+ 3. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
+_Fulda, L._, Lebensfragmente. Novellen.
+ 3. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
+_Gleichen-Rußwurm, A. v._, Vergeltung. Roman
+ Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+_Grasberger, H._, Aus der ewigen Stadt. Novellen
+ Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.20
+_Grimm, Herman_, Unüberwindliche Mächte. Roman. 2 Bände.
+ 3. Aufl. Geh. M. 8.--, in 2 Lnbdn. M. 10.--
+--"-- Novellen. 3. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+_Grisebach, Ed._, Kin-ku-ki-kuan. Chines. Novellenbuch
+ Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+_Haushofer, Max_, Geschichten zwischen Diesseits und Jenseits.
+ Ein moderner Totentanz. 2. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Planetenfeuer. Ein Zukunftsroman Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+_Heer, J. C._, Joggeli. Geschichte e. Jugend.
+ 16. u. 17. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Der König der Bernina. Roman.
+ 51.-55. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Der König der Bernina. Roman.
+ 50. (Jubil.-) Aufl. Mit Porträt Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Laubgewind. Roman. 33.-36. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Felix Notvest. Roman. 17.-20. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- An heiligen Wassern. Roman.
+ 51.-54. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Der Wetterwart. Roman. 45.-50. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+_Heilborn, Ernst_, Kleefeld. Roman Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
+_Herzog, Rudolf_, Der Abenteurer. Roman. Mit Porträt.
+ 26.-30. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Der Adjutant. Roman. 5. u. 6. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
+--"-- Der Graf von Gleichen. Ein Gegenwartsroman.
+ 14.-18. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Es gibt ein Glück ... Novellen.
+ 6.-10. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Hanseaten. Roman. 41.-45. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Das Lebenslied. Roman. 32.-36. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Die vom Niederrhein. Roman.
+ 26.-30. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Der alten Sehnsucht Lied. Erzählungen.
+ 8. u. 9. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
+--"-- Die Wiskottens. Roman. 66.-70. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Die Wiskottens. Roman.
+ 50. (Jubiläums-) Aufl. Mit Porträt Geh. M. 6.--, Lnbd. M. 7.--
+--"-- Das goldene Zeitalter. Roman.
+ 5. u. 6. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
+_Heyse, Paul_, L'Arrabbiata. Novelle.
+ 12. Aufl. Geh. M. 1.20, Lnbd. M. 2.40
+--"-- L'Arrabbiata und andere Novellen.
+ 9. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Buch der Freundschaft. Novellen.
+ 7. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Die Geburt der Venus. 5. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- In der Geisterstunde. 4. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
+--"-- Über allen Gipfeln. Roman. 10. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Das Haus »Zum unglaubigen Thomas« und andere Novellen
+ Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Kinder der Welt. Roman. 2 Bde.
+ 23.-25. Aufl. Geh. M. 4.80, Lnbd. M. 6.80
+--"-- Helldunkles Leben. Novellen.
+ 2.-4. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Himmlische u. irdische Liebe u. a. Novellen.
+ 2. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Neue Märchen. 4. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Marthas Briefe an Maria. 2. Aufl. Geh. M. 1.--, Lnbd. M. 2.--
+--"-- Melusine und andere Novellen. 5. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Menschen und Schicksale. Charakterbilder.
+ 2.-4. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Merlin. Roman. 6. u. 7. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Ninon und andere Novellen. 4. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Novellen. Auswahl fürs Haus. 3 Bände.
+ 12. u. 13. Aufl. Geh. M. 7.50, in 3 Lnbdn. M. 10.--
+--"-- Novellen vom Gardasee. 6. u. 7. Aufl. Geh. M. 2.40, Lnbd. M. 3.40
+--"-- Meraner Novellen. 11. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Neue Novellen. Min.-Ausgabe. 6. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Im Paradiese. Roman. 2 Bde.
+ 13. Aufl. Geh. M. 4.80, in 2. Lnbdn. M. 6.80
+--"-- Das Rätsel des Lebens. 4. Aufl. Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.--
+--"-- Der Roman der Stiftsdame.
+ 13. u. 14. Aufl. Geh. M. 2.40, Lnbd. M. 3.40
+--"-- Der Sohn seines Vaters u. a. Novellen.
+ 3. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Crone Stäudlin. Roman. 4. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Gegen den Strom. Eine weltliche Klostergeschichte.
+ 5. u. 6. Aufl. Geh. M. 2.40, Lnbd. M. 3.40
+--"-- Moralische Unmöglichkeiten u. a. Nov.
+ 3. Aufl. Geh. M. 4.50, Lnbd. M. 5.50
+--"-- Victoria regia und andere Novellen.
+ 2.-4. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Villa Falconieri und andere Novellen.
+ 2. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Aus den Vorbergen. Vier Novellen.
+ 3. Aufl. Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.--
+--"-- Vroni und andere Novellen Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Weihnachtsgeschichten. 4. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Unvergeßbare Worte u. a. Novellen.
+ 5. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Xaverl und andere Novellen Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+_Hillern, Wilhelmine v._, Der Gewaltigste.
+ 4. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- 's Reis am Weg. 3. Aufl. Geh. M. 1.50, Lnbd. M. 2.50
+--"-- Ein Sklave der Freiheit. Roman.
+ 3. Aufl. Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.--
+--"-- Ein alter Streit. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+_Hobrecht, Max_, Von der Ostgrenze. Drei Nov.
+ Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.20
+_Höcker, Paul Oskar_, Väterchen. Roman Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+_Hofe, Ernst v._, Sehnsucht. Roman Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+_Hoffmann, Hans_, Bozener Märchen. 2. Aufl. Lnbd. M. 3.50
+--"-- Ostseemärchen. 2. Aufl. Lnbd. M. 4.--
+_Holm, Adolf_, Holsteinische Gewächse Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
+--"-- Köst und Kinnerbeer. Und sowat mehr. Zwei Erzählungen
+ Lnbd. M. 2.40
+_Hopfen, Hans_, Der letzte Hieb. 5. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
+_Huch, Ricarda_, Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren. Roman.
+ 9. u. 10. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+Jugenderinnerungen eines alten Mannes, s. _Kügelgen_
+_Junghans, Sophie_, Schwertlilie. Roman.
+ 2. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+_Kaiser, Isabelle_, Seine Majestät! Novellen Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
+--"-- Wenn die Sonne untergeht. Novellen.
+ 3. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
+_Keller, Gottfried_, Der grüne Heinrich. Roman. 3 Bände.
+ 56.-60. Aufl. Geh. M. 9.--, Lnbd. M. 11.40, Hlbfrzbd. M. 15.--
+--"-- Martin Salander. Roman.
+ 39-43. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 3.80, Hlbfrzbd. M. 5.--
+--"-- Die Leute von Seldwyla. 2 Bände.
+ 64.-68. Aufl. Geh. M. 6.--, Lnbd. M. 7.60, Hlbfrzbd. M. 10.--
+--"-- Züricher Novellen.
+ 58.-62. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 3.80, Hlbfrzbd. M. 5.--
+--"-- Das Sinngedicht. Novellen. Sieben Legenden.
+ 50.-54. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 3.80, Hlbfrzbd. M. 5.--
+--"-- Sieben Legenden. Miniatur-Ausg.
+ 7. Aufl. Geh. M. 2.30, Lnbd. M. 3.--
+--"-- Romeo und Julia auf dem Dorfe. Erzählung. Miniatur-Ausg.
+ 7. Aufl. Geh. M. 2.30, Lnbd. M. 3.--
+_Kossak, Marg._, Krone des Lebens. Nord. Novellen
+ Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+_Kügelgen, Wilhelm v._, Jugenderinnerungen eines alten Mannes.
+ Original-Ausg. 25. Aufl. Geh. M. 1.80, Lnbd. M. 2.40
+_Kurz, Isolde_, Unsere Carlotta. Erzählung Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
+--"-- Italienische Erzählungen Lnbd. M. 5.50
+--"-- Frutti di Mare. Zwei Erzählungen Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
+--"-- Genesung. Sein Todfeind. Gedankenschuld. Drei Erzählungen
+ Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Lebensfluten. Novellen. 2. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Florentiner Novellen. 4. u. 5. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Phantasieen und Märchen Lnbd. M. 3.--
+--"-- Die Stadt des Lebens. Schilderungen aus der florentinischen
+ Renaissance. 5. u. 6. Aufl.
+ Mit 16 Abbildungen Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.50
+_Laistner, Ludwig_, Novellen aus alter Zeit Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+_Langmann, Philipp_, Realistische Erzählungen
+ Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
+--"-- Leben und Musik. Roman Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Ein junger Mann von 1895 u. and. Novellen
+ Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
+--"-- Verflogene Rufe. Novellen Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
+_Lilienfein, Heinrich_, Ideale des Teufels. Eine boshafte Kulturfahrt
+ Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+_Lindau, Paul_, Die blaue Laterne. Berliner Roman. 2 Bände.
+ 5. u. 6. Aufl. Geh. M. 6.--, in 1 Lnbd. M. 7.50
+--"-- Arme Mädchen. Roman. 10. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Spitzen. Roman. 9. u. 10. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Der Zug nach dem Westen. Roman.
+ 11. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+_Mauthner, Fritz_, Hypatia. Roman. 2. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Aus dem Märchenbuch der Wahrheit. Fabeln und Gedichte in Prosa.
+ 2. Aufl. von »_Lügenohr_« Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+_Meyer-Förster, Wilh._, Eldena. Roman.
+ 2. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+_Meyerhof-Hildeck, Leonie_, Das Ewig-Lebendige. Roman.
+ 2. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
+--"-- Töchter der Zeit. Münchner Roman Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+_Muellenbach, E._ (Lenbach), Abseits. Erzählungen
+ Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Aphrodite und andere Novellen Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Vom heißen Stein. Roman Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+_Niessen-Deiters, Leonore_, Leute mit und ohne Frack. Erzählungen und
+ Skizzen.
+ Buchschmuck von _Hans Deiters_ Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Im Liebesfalle. Buchschmuck von _Hans Deiters_
+ Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Mitmenschen. Buchschmuck von _Hans Deiters_
+ Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+_Olfers, Marie v._, Neue Novellen Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Die Vernunftheirat und andere Novellen Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+_Pantenius, Th. H._, Kurländische Geschichten.
+ 2. Tsd. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+_Petri, Julius_, Pater peccavi! Roman Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+_du Prel, Karl_, Das Kreuz am Ferner.
+ 3. Aufl. Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.--
+_Proelß, Joh._, Bilderstürmer! Roman.
+ 2. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+_Raberti, Rubert_, Immaculata. Roman. 2 Bde.
+ Geh. M. 8.--, in 2 Lnbdn. M. 10.--
+_Redwitz, O. v._, Haus Wartenberg. Roman.
+ 7. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Hymen. Ein Roman. 5. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+_Riehl, W. H._, Aus der Ecke. Novellen.
+ 5. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Am Feierabend. Sechs Novellen.
+ 4. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Geschichten aus alter Zeit. 1. Reihe.
+ 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Geschichten aus alter Zeit. 2. Reihe.
+ 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Lebensrätsel. Fünf Novellen. 4. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Ein ganzer Mann. Roman. 4. Aufl. Geh. M. 6.--, Lnbd. M. 7.--
+--"-- Kulturgeschichtliche Novellen.
+ 6. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Neues Novellenbuch.
+ 3. Aufl. (6. Abdruck) Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+_Roquette, Otto_, Das Buchstabierbuch der Leidenschaft. Roman. 2 Bände
+ Geh. M. 4.--, in 1 Lnbd. M. 5.--
+_Saitschick, R._, Aus der Tiefe. Ein Lebensbuch
+ Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
+_Seidel, Heinrich_, Leberecht Hühnchen. Gesamtausgabe.
+ 7. Aufl. (36.-40. Tsd.) Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Vorstadtgeschichten. Gesamtausgabe. 1. Reihe.
+ 2. Aufl. (4. u. 5. Tsd.) Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Vorstadtgeschichten. Gesamtausgabe. 2. Reihe
+ Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Heimatgeschichten. Gesamtausgabe. 1. Reihe.
+ 2. Aufl. (3. Tsd.) Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Heimatgeschichten. Gesamtausgabe. 2. Reihe
+ Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Phantasiestücke. Gesamtausgabe Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Von Perlin nach Berlin. Aus meinem Leben. Gesamtausgabe
+ Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Reinhard Flemmings Abenteuer zu Wasser und zu Lande. 3 Bände.
+ 9. Tsd. Geh. je M. 3.--, Lnbd. je M. 4.--
+--"-- Wintermärchen. 2 Bände. 4. Tsd. Geh. je M. 3.--, Lnbd. je M. 4.--
+--"-- Ludolf Marcipanis und anderes. Aus dem Nachlasse herausg.
+ von _H. W. Seidel_. 2. Tsd. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+_Skowronnek, R._, Der Bruchhof. Roman.
+ 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+_Stegemann, Hermann_, Der Gebieter. Roman Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
+--"-- Stille Wasser. Roman Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+_Stratz, Rudolph_, Alt-Heidelberg, du Feine ... Roman einer Studentin.
+ 9. u. 10. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Buch der Liebe. Sechs Novellen.
+ 3. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
+--"-- Die ewige Burg. Roman. 5. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Für Dich. Roman. 16.-20. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Ich harr' des Glücks. Novellen.
+ 4. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Gib mir die Hand. Roman. 6.-9. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Herzblut. Roman. 13.-15. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Der du von dem Himmel bist. Roman.
+ 6. u. 7. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Die törichte Jungfrau. Roman. 5. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Der arme Konrad. Roman. 4. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Montblanc. Roman. 6. u. 7. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Du bist die Ruh'. Roman. 6.-8. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Der weiße Tod. Roman aus der Gletscherwelt.
+ 16.-18. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Es war ein Traum. Berl. Novellen.
+ 5. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Die letzte Wahl. Roman. 4. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+_Sudermann, Hermann_, Es war. Roman.
+ 47.-49. Aufl. Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.--, Hlbfrzbd. M. 6.50
+--"-- Geschwister. Zwei Novellen.
+ 30.-34. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50, Hlbfrzbd. M. 5.--
+--"-- Jolanthes Hochzeit. Erzählung.
+ 28.-30. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--, Hlbfrzbd. M. 3.50
+--"-- Der Katzensteg. Rom.
+ 76.-80. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50, Hlbfrzbd. M. 5.--
+--"-- Das Hohe Lied. Rom.
+ 51.-55. Aufl. Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.--, Hlbfrzbd. M. 7.--
+--"-- Frau Sorge. Roman. 116.-125. Aufl. Mit Jugendbildnis
+ Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50, Hlbfrzbd. M. 5.--
+--"-- Frau Sorge. Roman. 100. (Jubil.-) Aufl. Mit Porträt.
+ Buchschmuck von _J. B. Eissarz_ Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.--
+--"-- Im Zwielicht. Zwanglose Geschichten.
+ 33. u. 34. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--, Hlbfrzbd. M. 3.50
+_Telmann, Konrad_, Trinacria Geb. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+_Trojan, Johannes_, Das Wustrower Königsschießen u. a. Humoresken.
+ 2. u. 3. verm. Aufl. Geh. M. 2.--, Lnbd. M. 3.--
+_Voß, Richard_, Alpentragödie. Roman aus dem Engadin.
+ 5. u. 6. Aufl. Geh. M. 4.50, Lnbd. M. 5.50
+--"-- Römische Dorfgeschichten. 4. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Du mein Italien! Aus meinem römischen Leben.
+ 2. u. 3. Aufl. Geh. M. 4.50, Lnbd. M. 5.50
+--"-- Richards Junge (Der Schönheitssucher). Roman.
+ 3. Aufl. Geh. M. 5.--, Lnbd. M. 6.--
+_Widmann, J. V._, Touristennovellen Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+_Wilbrandt, Adolf_, Adams Söhne. Roman.
+ 3. Aufl. Geh. M. 4.50, Lnbd. M. 5.50
+--"-- Das lebende Bild u. a. Geschichten.
+ 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Dämonen u. andere Geschichten.
+ 3. u. 4. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Der Dornenweg. Roman. 4. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Erika. Das Kind. Erzählungen. 3. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Fesseln. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Feuerblumen. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Franz. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Die glückliche Frau. Roman. 4. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Fridolins heimliche Ehe. 4. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
+--"-- Schleichendes Gift. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Hermann Ifinger. Roman. 6. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Irma. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Hildegard Mahlmann. Roman. 4. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Ein Mecklenburger. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Meister Amor. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Novellen Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- %Opus 23% u. andere Geschichten.
+ 1. u. 2. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Die Osterinsel. Roman. 5. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Vater Robinson. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Familie Roland. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Die Rothenburger. Roman. 8. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Der Sänger. Roman. 4. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Die Schwestern. Roman. 2. u. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Sommerfäden. Roman. 2. u. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Am Strom der Zeit. Roman.
+ 2. u. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Vater und Sohn u. andere Geschichten.
+ 2. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Villa Maria. Roman. 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Große Zeiten u. andere Geschichten.
+ 3. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+_Wildenbruch, E. v._, Schwester-Seele. Roman.
+ 18. u. 19. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+_Worms, C._, Aus roter Dämmerung. 2. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
+--"-- Du bist mein. Zeitroman. 2. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Erdkinder. Roman. 4. Aufl. Geh. M. 3.50, Lnbd. M. 4.50
+--"-- Die Stillen im Lande. Drei Erzähl.
+ 2. Aufl. Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
+--"-- Thoms friert. Roman. 2. Aufl. Geh. M. 4.--, Lnbd. M. 5.--
+--"-- Überschwemmung. Eine balt. Gesch.
+ 2. Aufl. Geh. M. 2.50, Lnbd. M. 3.50
+_Zimmermann, M. G._, Tante Eulalia's Romfahrt
+ Geh. M. 3.--, Lnbd. M. 4.--
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+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
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+throughout numerous locations. Its business office is located at
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
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+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit:
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
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