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+The Project Gutenberg EBook of Heimatlos, by Johanna Spyri
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Heimatlos
+ Geschichten für Kinder und auch für solche, welche die
+ Kinder lieb haben, 1. Band
+
+Author: Johanna Spyri
+
+Release Date: March 8, 2007 [EBook #20780]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HEIMATLOS ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This file is
+gratefully uploaded to the PG collection in honor of
+Distributed Proofreaders having posted over 10,000 ebooks.
+
+
+
+
+
+
+
+ _Heimatlos._
+
+
+ Zwei Geschichten für Kinder
+ und
+ auch für solche, welche die Kinder lieb haben.
+
+
+ Von
+ Johanna Spyri.
+
+
+ Siebzehnte Auflage.
+ _Mit vier Bildern._
+
+
+ Gotha.
+ _Friedrich Andreas Perthes_ A.-G.
+
+
+
+ Alle Rechte vorbehalten.
+
+
+
+Inhalt.
+ Seite
+
+Am Silser- und am Gardasee 1
+
+Wie Wiselis Weg gefunden wird 129
+
+
+
+
+Am Silser- und am Gardasee.
+
+
+[Illustration: Frontispiz]
+
+[Illustration: Das Büblein schaute mit den großen, dunklen Augen lange
+hinaus dem Vater nach]
+
+
+
+
+Erstes Kapitel.
+
+Im stillen Hause.
+
+
+Im Ober-Engadin, an der Straße gegen den Maloja hinauf, liegt ein
+einsames Dörfchen, das heißt Sils. Da geht man von der Straße
+querfeldein, und hinten, ganz nahe an den Bergen, liegt ein kleiner Ort,
+der heißt Sils-Maria. Da standen zwei Häuschen einander gegenüber, ein
+wenig abseits im Felde. Die hatten beide uralte hölzerne Haustüren und
+ganz kleine Fenster tief in der Mauer drinnen. Beim einen Haus war ein
+kleines Stück Garten, da wuchs Kraut und Kohl und es standen auch vier
+Blumenstöcke darin, die sahen aber mager aus und aufgeschossen wie das
+Kraut. Beim anderen Häuschen war gar nichts als ein kleiner Stall neben
+der Tür; da krochen zwei Hühner aus und ein. Dies Häuschen war noch
+ziemlich kleiner als das andere, und die hölzerne Tür war schwarz vor
+Alter.
+
+Aus dieser Tür trat jeden Morgen um dieselbe Zeit ein großer Mann, der
+mußte sich bücken, um hinauszukommen. Der große Mann hatte ganz
+glänzend schwarze Haare und schwarze Augen, und unter der schön
+geformten Nase fing gleich ein so dichter, schwarzer Bart an, daß man
+vom übrigen Gesichte nichts mehr sah als die weißen Zähne, die zwischen
+den Barthaaren durchblitzten, wenn der Mann einmal sprach; aber er
+sprach sehr wenig. Alle Leute in Sils kannten den Mann, aber niemand
+nannte ihn bei einem Namen, er hieß bei allen nur »der Italiener«. Er
+ging regelmäßig den schmalen Weg querüber gegen Sils hin und den Maloja
+hinauf. Dort wurde viel an der Straße gebaut, und da hatte der Italiener
+seine Arbeit. Ging er aber nicht den Weg hinauf, so ging er hinunter,
+dem Bade St. Moritz zu; dort baute man Häuser, und er fand auch seine
+Arbeit. Da blieb er den Tag über und kehrte erst am Abend wieder ins
+Häuschen zurück. Gewöhnlich, wenn er am Morgen aus der Tür trat, stand
+hinter ihm ein Büblein; das stellte sich auf die Türschwelle, wenn der
+Vater draußen war, und schaute mit den großen, dunklen Augen lange
+hinaus dem Vater nach, oder sonst wohin, man hätte nicht sagen können,
+wohin, denn es war, als ob die dunklen Augen über alles wegschauten, was
+vor ihnen lag, und auf etwas hin, das niemand sehen konnte.
+
+Am Sonntagnachmittag, wenn die Sonne schien, dann traten die beiden auch
+manchmal miteinander aus dem Häuschen und gingen nebeneinander her die
+Straße hinauf. Und wenn man sie so ansah, so sah man ganz dasselbe vor
+sich in den zwei Gestalten, nur bei dem Büblein alles im kleinen, aber
+es war ganz wie vom Vater abgeschnitten, bis auf den schwarzen Bart, den
+hatte es nicht, sondern ein schmales, bleiches Gesichtchen war da zu
+sehen, mit dem schöngeformten Näschen in der Mitte, und um den Mund
+herum lag etwas Trauriges, wie wenn er nicht lachen möchte. Das konnte
+man beim Vater nicht sehen vor dem Bart.
+
+Wenn nun die beiden so nebeneinander hergingen, dann sagte keiner ein
+Wort zu dem anderen; meistens summte der Vater leise ein Lied, manchmal
+auch lauter, und das Büblein hörte zu. Wenn es aber regnete am Sonntag,
+dann saß der Vater daheim im Häuschen auf der Bank am Fenster, und das
+Büblein saß neben ihm, und sie sagten wieder nichts zueinander. Aber der
+Vater zog eine Mundharmonika hervor und spielte eine Melodie nach der
+anderen, und das Büblein hörte aufmerksam zu. Manchmal nahm er auch
+einen Kamm oder ein Baumblatt und lockte Melodien daraus hervor, oder er
+schnitt ein Stück Holz zurecht und pfiff darauf ein Lied. Es war, als
+gäbe es keinen Gegenstand, dem er nicht Musik entlocken könnte. Aber
+einmal hatte er eine Geige mit nach Hause gebracht, die hatte das
+Büblein so entzückt, daß es sie nie wieder vergessen konnte. Der Vater
+hatte viele Lieder und Melodien darauf gespielt und das Büblein
+unverwandt zugeschaut, nicht nur zugehört; und wie der Vater die Geige
+weggelegt hatte, da hatte sie das Büblein leise genommen und probiert,
+wie man die Melodien herausbringe. Und es mußte es so gar schlecht nicht
+gemacht haben, denn der Vater hatte gelächelt und gesagt: »So komm!« und
+hatte seine großen Finger auf die kleinen gelegt mit der linken Hand,
+und mit der rechten die Hand des Bübleins mitsamt dem Bogen in die
+seinige genommen, und so hatten sie eine gute Zeitlang fortgegeigt
+allerlei Melodien.
+
+Die folgenden Tage, wenn der Vater fort war, hatte das Büblein fort und
+fort probiert und gegeigt, bis es eine Melodie herausgebracht hatte;
+aber da war auf einmal die Geige wieder verschwunden und kam nie wieder
+zum Vorschein. Zuweilen, wenn sie so zusammensaßen, fing der Vater auch
+an zu singen, erst nur leise und dann immer deutlicher, wenn er einmal
+daran war. Dann sang das Büblein auch mit, und wenn es die Worte nicht
+recht mitsingen konnte, so sang es doch die Töne; denn der Vater sang
+immer italienisch, und es verstand vieles, aber es war ihm nicht so
+recht bekannt und geläufig zum Singen. Da aber war eine Melodie, die
+konnte es besser als alle anderen, denn der Vater hatte sie
+vielhundertmal gesungen.
+
+Sie gehörte zu einem langen Lied, das fing so an:
+
+ #»Una sera
+ In Peschiera« –#
+
+Es war eine ganz wehmütige Melodie, die einer zu der kurzweiligen
+Romanze gemacht hatte, und sie gefiel dem Büblein besonders wohl, so daß
+es sie immer mit Freuden und ganz andächtig absang, und es tönte gut,
+denn das Büblein hatte eine helle, glockenreine Stimme, die floß so
+schön mit des Vaters kräftigem Baß zusammen. Auch jedesmal, wenn dieses
+Lied zu Ende gesungen war, klopfte der Vater den Kleinen freundlich auf
+die Schulter und sagte: #»Bene, _Encrico,_ va bene.«# So nannte aber nur
+der Vater den Knaben, bei allen anderen Leuten hieß er nur »Rico«. Da
+war auch noch eine Base, die mit in dem Häuschen wohnte, die flickte und
+kochte und alles in Ordnung hielt. Im Winter saß sie am Ofen und spann,
+da mußte Rico immer nachdenken, wie er seine Gänge einrichten könne,
+denn sobald er die Tür aufmachte, sagte die Base: »Laß doch einmal diese
+Tür in Ruh’, es wird ja ganz kalt in der Stube.« Er war dann oft lange
+allein mit der Base. Der Vater hatte in der Zeit irgendwo unten im Tale
+Arbeit und blieb viele Wochen lang fort.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+In der Schule.
+
+
+Rico war bald neun Jahre alt und hatte schon zwei Winter hindurch die
+Schule besucht, denn im Sommer gab es da droben in den Bergen keine
+Schule; da hatte der Lehrer seinen Acker zu bebauen und zu grasen und zu
+hauen wie alle anderen Leute, zur Schule hatte dann niemand Zeit. Das
+tat aber dem Rico nicht besonders leid, er wußte sich schon zu
+unterhalten. Wenn er sich am Morgen dort auf die Schwelle gestellt
+hatte, so blieb er stehen, schaute hinaus mit träumenden Augen und
+bewegte sich nicht, und so konnte er stundenlang stehen, wenn nicht
+drüben am anderen Häuschen die Türe aufging und ein kleines Mädchen
+herauskam und lachend zu ihm herüberschaute; dann lief Rico schnell
+hinüber, und die Kinder hatten sich schon wieder viel zu sagen seit
+gestern Abend, wo sie sich zuletzt gesehen hatten, ehe Stineli ins Haus
+gerufen wurde. Stineli hieß das Mädchen und war gerade so alt wie Rico;
+sie hatten miteinander angefangen in die Schule zu gehen und waren in
+derselben Klasse, und schon von jeher waren sie immer beieinander
+gewesen, denn es war ja nur ein schmaler Weg zwischen ihren Wohnungen
+und sie waren die allerbesten Freunde.
+
+Rico hatte auch nur diese einzige Freundschaft, denn mit den Buben
+ringsherum hatte er keine Freude, und wenn sie sich prügelten und auf
+dem Boden herumwarfen und sich auf die Köpfe stellten, dann ging er
+davon und schaute nicht einmal zurück. Wenn sie aber riefen: »Jetzt
+wollen wir einmal den Rico abprügeln«, dann stand er still und stellte
+sich geradeauf hin und machte gar nichts; aber er schaute sie mit den
+dunkeln Augen so merkwürdig an, daß ihn keiner packte.
+
+Aber beim Stineli war’s ihm wohl zumute. Es hatte ein lustiges
+Stumpfnäschen und darüber zwei braune Augen, die lachten immerfort, und
+um den Kopf hatte es zwei dicke, braune Zöpfe gebunden, die sahen sehr
+sauber aus, denn das Stineli war ein ordentliches Mädchen und wußte sich
+zu helfen; es war auch in einer guten Schule Tag für Tag. Stineli war
+wohl kaum neun Jahre alt, aber es war die älteste Tochter und mußte der
+Mutter überall helfen, und da war viel zu tun. Denn nach dem Stineli
+kamen noch: das Trudi und der Sami und der Peterli, und das Urschli und
+das Anne-Deteli und der Kunzli, und dann noch das Ungetaufte. Immerfort
+rief man nach dem Stineli aus allen Ecken, und es war dabei so flink
+geworden, daß ihm alles aus der Hand lief wie von selbst. Den Kleinen
+hatte es immer schon drei Strümpfe und zwei Schuhe angezogen und
+festgebunden, eh’ das Trudi dem einen, dem es helfen sollte, nur die
+Beine dazu in die rechte Stellung gebracht hatte. Und wenn in der Stube
+die kleinen Kinder und in der Küche die Mutter miteinander dem Stineli
+riefen, dann rief der Vater noch aus dem Stall herüber, er hatte dort
+die Kappe verlegt oder die Peitsche war verknüpft, und das Stineli mußte
+ihm helfen, denn es fand die Kappe immer gleich, sie war meistens auf
+dem Futterkasten, und seine gelenkigen Finger brachten die
+Peitschenschnur gleich auseinander. So war das Stineli immerfort im
+Laufen und am Arbeiten, aber es war ganz lustig und munter dabei, und im
+Winter war es froh über die Schule, denn dann wanderte es dahin und
+wieder heim mit dem Rico, und in der Pause gingen sie auch zusammen. Und
+im Sommer war es wieder froh, da gab es schöne Sonntagabende, da es
+hinaus durfte; dann zog es aus mit dem Rico, der schon lange drüben
+unter der Tür gewartet hatte, und sie liefen Hand in Hand über die große
+Wiese hin nach der bewaldeten Anhöhe drüben, die weit in den See
+hinausgeht wie eine Insel. Dort oben saßen sie unter den Tannen und
+schauten in den grünen See hinunter und hatten einander so viel zu
+erzählen und zu fragen, und es war ihnen so wohl, daß das Stineli sich
+die ganze Woche und durch alles durch freute, denn es wurde immer wieder
+Sonntag.
+
+In dem Häuschen aber war noch jemand, der dann und wann nach dem Stineli
+rief, das war die alte Großmutter. Die rief aber nicht, damit es ihr
+noch helfe, sondern sie hatte ihm etwa einen Blutzger zu geben, der ihr
+in die Hand kam, oder sonst etwas, denn Stineli war ihr Liebling und sie
+sah es mehr als sonst irgend jemand, wie viel das Stineli schon tun
+mußte für sein Alter, mehr als die meisten Kinder. Darum gab sie ihm
+gern etwas, daß es auch wie andere Kinder am Jahrmarkt etwas kaufen
+könne, etwa ein rotes Bändeli oder ein Nadelbüchsli. Die Großmutter war
+auch gegen Rico sehr gut und sah die Kinder gern beisammen und tat auch
+manchmal etwas für das Stineli, daß es mit dem Rico noch ein wenig
+draußen bleiben durfte.
+
+An den Sommerabenden saß sie immer vor dem Häuschen auf dem Holzstumpf,
+der da lag; und oft standen Stineli und Rico bei ihr und sie erzählte
+ihnen etwas. Wenn dann die Betglocke zu läuten anfing vom Türmchen, so
+sagte sie: »Jetzt müßt ihr jedes ein Vaterunser beten, und das dürft ihr
+nie vergessen, daß man am Abend sein Vaterunser beten muß; dazu läutet
+die Betglocke.«
+
+»Und seht, Kinder«, sagte die Großmutter von Zeit zu Zeit einmal wieder,
+»ich habe schon lange gelebt und viel gesehen, und ich kenne nicht
+einen, der nicht einmal in seinem Leben sein Vaterunser nötig gehabt
+hätte, aber manchen, der es mit Angst gesucht und nicht mehr gefunden
+hat, wenn die Not da war.« Dann standen Stineli und Rico ganz andächtig
+da und jedes betete ein Vaterunser.
+
+Jetzt war es Mai und eine kleine Zeit mußte die Schule noch dauern,
+lange konnte es nicht mehr sein, denn es grünte unter den Bäumen und
+große Strecken waren ganz frei von Schnee. Rico stand schon unter der
+Tür seit einer guten Weile und stellte diese Betrachtungen an. Dabei
+schaute er immer wieder nach der Tür drüben, ob sie noch nicht aufgehen
+wollte. Jetzt ging sie auf und Stineli kam herausgesprungen.
+
+»Bist du schon lang dagestanden? Hast du wieder gestaunt, Rico?« rief es
+lachend. »Siehst du, heut’ ist es noch früh, wir können langsam gehen.«
+
+Jetzt nahmen sie einander bei der Hand und wanderten der Schule zu.
+
+»Denkst du immer noch an den See?« fragte Stineli im Gehen.
+
+»Ja gewiß«, versicherte Rico mit ernstem Gesicht, »und manchmal träumt
+es mir auch davon und ich sehe so große, rote Blumen daran und drüben
+die violetten Berge.«
+
+»Ach, das gilt nicht, was es einem träumt«, sagte Stineli lebhaft; »es
+hat mir auch einmal geträumt, der Peterli kletterte ganz allein auf die
+allerhöchste Tanne hinauf, und wie er auf dem obersten Zweiglein saß, da
+war’s nur noch ein Vogel, und er rief herunter: ›Stineli, zieh mir die
+Strümpf’ an.‹ Jetzt siehst du doch, daß das nichts sein kann.«
+
+Rico mußte stark nachdenken, wie das sei, denn sein Traum konnte doch
+sein und war nur wie etwas, das ihm wieder in den Sinn kam. Aber jetzt
+waren sie nahe beim Schulhaus angelangt und ein ganzer Trupp Kinder
+lärmte von der anderen Seite daher. Sie traten alle miteinander ein, und
+bald nachher kam auch der Lehrer. Der war ein alter Mann mit dünnen,
+grauen Haaren, denn er war schon undenklich lang Lehrer gewesen, so daß
+ihm darüber die Haare grau geworden und ausgefallen waren. Es ging nun
+an ein strenges Buchstabieren und Syllabieren, dann kam das Einmaleins
+an die Reihe und zuletzt kam der Gesang. Da holte der Lehrer seine alte
+Geige hervor und stimmte sie, und nun ging es an und alle sangen aus
+voller Kehle:
+
+ »Ihr Schäflein hinunter
+ Von sonniger Höh’«,
+
+und der Lehrer geigte dazu.
+
+Nun schaute aber der Rico so gespannt auf die Geige und des Lehrers
+Finger, wie dieser die Saiten griff, daß Rico darüber ganz das Singen
+vergaß und keinen Ton mehr von sich gab. Jetzt fiel mit einem Male die
+ganze Sängerherde einen halben Ton hinunter, da wurde die Geige auch
+unsicher und fiel nach, und die Sänger fielen noch tiefer, und man kann
+gar nicht wissen, wie tief hinunter alles miteinander gefallen wäre, –
+aber jetzt warf der Lehrer die Geige auf den Tisch und rief erzürnt:
+»Was ist das für ein Gesang! Ihr unvernünftigen Schreier! Wenn ich doch
+wissen könnte, wer mir so falsch singt und einen ganzen Gesang
+verdirbt!«
+
+Da sagte ein kleiner Bube, der neben Rico saß: »Ich weiß schon, warum es
+so gegangen ist; allemal geht es so, wenn der Rico aufhört zu singen.«
+
+Dem Lehrer war es selbst nicht so ganz unbekannt, daß die Geige am
+sichersten ging, wenn Rico fest mitsang.
+
+»Rico, Rico, was muß ich hören«, sagte er ernsthaft, zu diesem gewandt.
+»Du bist sonst ein ordentliches Büblein, aber Unachtsamkeit ist ein
+großer Fehler, das hast du jetzt gesehen. Ein einziger unachtsamer
+Schüler kann einen ganzen Gesang verderben. Jetzt wollen wir noch einmal
+anfangen, und daß du aufpassest, Rico!«
+
+Nun setzte Rico mit fester, klarer Stimme ein, und die Geige folgte
+nach, und alle Kinder sangen aus allen Kräften mit, so daß es ganz
+herrlich anzuhören war bis zum Schluß. Da war der Lehrer sehr zufrieden
+und rieb sich die Hände und tat noch ein paar feste Striche auf der
+Geige und sagte vergnüglich: »Es ist auch ein Instrument danach.«
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+Des alten Schullehrers Geige.
+
+
+Vor der Tür hatten sich Stineli und Rico bald aus dem Rudel
+herausgemacht und zogen zusammen ihren Weg.
+
+»Hast du vor lauter Staunen nicht mehr mitgesungen, Rico?« fragte jetzt
+Stineli. »Ist dir etwa auf einmal der See in den Sinn gekommen?«
+
+»Nein, etwas anderes«, sagte Rico; »ich weiß jetzt, wie man spielt: ›Ihr
+Schäflein hinunter‹. Wenn ich nur eine Geige hätte!«
+
+Der Wunsch mußte Rico schwer auf dem Herzen liegen, denn er kam mit
+einem tiefen Seufzer heraus. Stineli war gleich ganz voller Teilnahme
+und unternehmender Gedanken.
+
+»Wir wollen eine kaufen zusammen«, rief es plötzlich in großer Freude
+über die Hilfe, die ihm in den Sinn gekommen war. »Ich habe ganz viele
+Blutzger von der Großmutter, etwa zwölf; wie viele hast du?«
+
+»Gar keinen«, sagte Rico traurig; »der Vater hat mir ein paar gegeben,
+ehe er fortging. Aber die Base hat gesagt, ich mache nur unnützes Zeug
+damit, und hat sie genommen und ganz hoch hinauf in den Kasten gelegt;
+man kann sie nicht mehr erlangen.«
+
+Aber Stineli ließ sich nicht so bald entmutigen. »Vielleicht haben wir
+doch genug Geld, und die Großmutter gibt mir schon noch ein wenig«,
+sagte es tröstend; »weißt du, Rico, eine Geige kostet nicht so viel; es
+ist nur altes Holz und vier Saiten darüber gespannt, das kostet nicht
+viel. Du mußt nur morgen den Lehrer fragen, was eine Geige kostet, und
+nachher suchen wir eine.«
+
+So blieb es ausgemacht, und Stineli dachte, es wolle daheim tun, was es
+nur könne, und ganz früh aufstehen und das Feuer anmachen, eh’ nur die
+Mutter auf sei; denn wenn es so immerfort etwas tat von früh bis spät,
+steckte ihm gewöhnlich die Großmutter einen Blutzger in den Sack.
+
+Am folgenden Morgen, als die Schule aus war, ging Stineli allein hinaus
+und an der Ecke vom Schulhaus stand es still hinter dem Holzhaufen und
+wartete auf den Rico, der jetzt den Lehrer fragen sollte wegen der
+Geige. Er kam lange nicht heraus, und Stineli guckte immer wieder mit
+Ungeduld hinter dem Holze hervor, aber es waren nur die anderen Buben,
+die noch da und dort herumstanden. Aber jetzt – richtig, Rico kam um den
+Holzhaufen herum. Da war er.
+
+»Was hat er gesagt, was kostet sie?« rief Stineli mit angehaltenem Atem
+vor Erwartung.
+
+»Ich habe nicht fragen mögen«, antwortete Rico verzagt.
+
+»O, wie schade!« sagte Stineli und stand ganz verblüfft da, aber nicht
+lange. »Es ist gleich, Rico«, sagte es wieder fröhlich und nahm ihn bei
+der Hand zum Heimgehen, »du kannst nur morgen fragen. Ich habe auch
+schon wieder einen Blutzger bekommen heute früh von der Großmutter, weil
+ich schon auf war, als sie in die Küche kam.«
+
+Nun ging es aber am folgenden Tage wieder ganz gleich und am dritten
+auch; Rico blieb immer eine halbe Stunde lang vor der Wohnstube des
+Lehrers stehen und mochte nicht hineingehen und seine Frage tun. Da
+dachte Stineli heimlich: Wenn er noch drei Tage lang nicht fragt, dann
+frag’ ich. Aber am vierten Tage, als Rico wieder nachdenklich und
+zaghaft an der Tür stand, ging diese plötzlich auf, und der Lehrer trat
+eilig heraus und stieß so gewaltig gegen den Rico an, daß das
+federleichte Büblein ein gutes Stück rückwärts flog. In großem Erstaunen
+und ziemlichem Unwillen stand der Lehrer da. »Was ist das, Rico?« fragte
+er jetzt, als der Kleine wieder am Platze stand. »Warum kommst du an
+eine Tür und klopfest nicht an, wenn du da etwas zu verrichten hast;
+wenn du aber nichts da zu verrichten hast, warum entfernst du dich
+nicht? Solltest du mir aber etwas zu berichten haben, so kannst du’s
+gleich hier sagen. Was wolltest du?«
+
+»Was kostet eine Geige?« stürzte Rico vor lauter Angst in voller Hast
+heraus.
+
+Des Lehrers mißbilligendes Erstaunen wuchs sichtlich. »Rico, was muß ich
+von dir denken?« fragte er mit gestrenger Miene; »kommst du extra an die
+Tür deines Lehrers, um unnütze Fragen an ihn zu tun? oder hast du eine
+Absicht? Was hast du damit sagen wollen?«
+
+»Ich habe nichts sagen wollen«, entgegnete Rico schüchtern, »nur fragen,
+was eine Geige kostet.«
+
+»Du hast mich nicht verstanden, Rico; paß jetzt auf, was ich dir sage:
+ein Mensch spricht etwas aus und denkt sich dabei einen Zweck; oder er
+denkt sich nichts dabei, das sind unnütze Worte. Nun paß auf, Rico: hast
+du soeben diese Frage getan aus gar keinem Grunde, oder aus Neugierde,
+oder hat dich jemand geschickt, der gern eine Geige anschaffen wollte?«
+
+»Ich wollte gern eine kaufen«, sagte Rico ein wenig herzhafter; aber er
+erschrak sehr, als der Lehrer mit einem Male in hellem Zorn ihn anfuhr:
+»Was? Was sagst du da? So ein – verlorenes, unvernünftiges, welsches
+Büblein, wie du eins bist, eine Geige kaufen? Weißt du denn, was eine
+Geige ist? Weißt du, wie alt ich war und was ich gelernt hatte, eh’ ich
+eine Geige anschaffen konnte? Lehrer war ich, fertiger Lehrer,
+zweiundzwanzig Jahre alt und stand in meinem Beruf! Und dann so ein
+Büblein, wie du eins bist! Und jetzt will ich dir sagen, was eine Geige
+kostet, so kannst du deinen Unverstand bemessen. Sechs harte Gulden habe
+ich bezahlt dafür; kannst du dir die Summe vergegenwärtigen? Wir wollen
+sie gleich einmal in Blutzger auflösen: Enthält ein Gulden 100 Blutzger,
+so enthalten sechs Gulden 6 × 100 gleich? – gleich? – Nun Rico, du bist
+sonst keiner von den Ungeschickten, – gleich?«
+
+»Gleich 600 Blutzger«, ergänzte Rico leise, denn der Schrecken versagte
+ihm die Stimme, nun er die Summe überschaute und Stinelis zwölf Blutzger
+damit verglich.
+
+»Und dann, Büblein«, fuhr der Lehrer im Zuge weiter fort, »was meinst
+du? Meinst du, es nimmt einer eine Geige nur in die Hand und spielt? Da
+muß einer anders dran, bis er so weit ist. Komm gleich einmal da herein«
+– und der Lehrer machte die Tür auf und nahm die Geige von der Wand –;
+»da, nimm sie einmal in den Arm und den Bogen in die Hand; so, Büblein,
+und wenn du mir nun #c d e f# herausbringst, so geb’ ich dir gleich
+einen halben Gulden.« Rico hatte wirklich die Geige im Arm; seine Augen
+leuchteten auf wie Feuer. #c d e f# – spielte er fest und völlig
+korrekt. »Du Erzblitzbub«, rief der Lehrer vor Bewunderung aus, »woher
+kannst du das? Wer hat dich’s gelehrt? Wie kannst du die Töne
+finden?«
+
+[Illustration: Jetzt spielte Rico mit aller Sicherheit und
+freudestrahlenden Augen]
+
+»Ich kann noch etwas, wenn ich’s spielen darf«, sagte Rico und schaute
+mit Verlangen auf das Instrument in seinem Arm.
+
+»Spiel’s!« bedeutete der Lehrer. Jetzt spielte Rico mit aller Sicherheit
+und freudestrahlenden Augen:
+
+ »Ihr Schäflein hinunter
+ Von sonniger Höh’,
+ Der Tag ging schon unter,
+ Für heute ade!«
+
+Der Lehrer hatte sich auf einen Stuhl niedergelassen und die Brille
+aufgesetzt. Er schaute mit ernster Prüfung jetzt auf Ricos Finger, dann
+auf seine funkelnden Augen, dann wieder auf die Finger. Rico hatte
+fertig gespielt.
+
+»Komm hier zu mir her, Rico!«
+
+Der Lehrer rückte seinen Stuhl ins Licht, und Rico mußte sich gerade vor
+ihm aufstellen. »So, nun muß ich ein Wort mit dir reden. Dein Vater ist
+ein Welscher, Rico, und siehst du, dort unten gehen allerhand Dinge, von
+denen wir hier in den Bergen nichts wissen. Nun sieh mir in die Augen
+und sag mir aufrichtig und der Wahrheit gemäß: Wie bist du dazu
+gekommen, diese Melodie ohne Fehler auf meiner Geige zu spielen?«
+
+Rico schaute den Lehrer mit ganz ehrlichen Augen an und sagte: »Ich habe
+sie Euch abgelernt in der Singschule, wo wir sie so viel singen.«
+
+Diese Worte gaben der Sache eine ganz andere Wendung. Der Lehrer stand
+auf und ging einige Male hin und her. So war er selbst der Urheber
+dieser wunderbaren Erscheinung; da waren also keine Schwarzkünste dabei
+im Spiel. Mit versöhntem Gemüte zog er jetzt seinen Beutel hervor: »Da
+ist ein halber Gulden, Rico, er gehört dir mit Recht. Nun fahr so fort
+und sei recht aufmerksam auf das Geigenspiel, solange du zur Schule
+gehst, so kannst du’s zu etwas bringen, und in zwölf bis vierzehn Jahren
+wird die Zeit da sein, da du auch eine Geige anschaffen kannst. Jetzt
+kannst du gehen.«
+
+Rico warf noch einen Blick auf die Geige, dann ging er mit der
+allertiefsten Betrübnis im Herzen.
+
+Stineli kam hinter dem Holzstoß hervorgerannt: »Diesmal bist du aber
+lang geblieben, hast du gefragt?«
+
+»Es ist alles verloren«, sagte Rico, und seine Augenbrauen kamen vor
+Leid so nah zusammen, daß _ein_ dicker, schwarzer Strich war über die
+Augen hin. »Eine Geige kostet sechshundert Blutzger, und in vierzehn
+Jahren kann ich eine kaufen, wenn schon lange alles tot ist; wer wollte
+noch am Leben sein in vierzehn Jahren. Da, das kannst du haben, ich
+will’s nicht.« Damit drückte er den halben Gulden in Stinelis Hand.
+
+»Sechshundert Blutzger!« wiederholte Stineli voller Entsetzen. »Aber
+woher hast du das viele Geld hier?«
+
+Rico erzählte nun alles, wie es gegangen war bei dem Lehrer, und endete
+wieder mit dem Worte des größten Leides: »Jetzt ist alles verloren.«
+
+Stineli wollte ihm wenigstens seinen halben Gulden aufdringen als einen
+ganz kleinen Trost; aber er war ganz ergrimmt über den unschuldigen
+halben Gulden und wollte ihn nicht ansehen.
+
+Da sagte Stineli: »So will ich ihn zu meinen Blutzgern tun und dann
+wollen wir das Geld alles miteinander teilen und alles gehört uns
+zusammen.«
+
+Diesmal war auch Stineli sehr niedergeschlagen; als es aber mit Rico um
+die Ecke kam, wo es ins Feld hineinging, lag der schmale Fußweg so schön
+trocken in der Sonne bis zur Haustür hin, und dort flimmerte das
+Plätzchen davor auch ganz weiß und trocken, und Stineli rief:
+
+»Sieh, sieh, nun wird’s Sommer, Rico, und wir können wieder in den Wald
+hinauf; dann freut’s dich auch wieder. Wollen wir schon am Sonntag
+gehen?«
+
+»Es freut mich gar nichts mehr«, sagte Rico; »aber wenn du gehen willst,
+so will ich schon mitkommen.«
+
+An der Tür wurde es noch ganz ausgemacht, am Sonntag wollten sie
+hinübergehen auf die Waldhöhe, und dem Stineli kam schon wieder die
+Freude obenauf. Es tat auch noch die Woche durch, was es nur vermochte,
+und es gab viel zu tun; der Peterli und der Sami und das Urschli hatten
+die Röteln, und im Stall war eine Geiß krank, der mußte man öfter heißes
+Wasser bringen, und Stineli mußte da- und dorthin laufen und überall
+Hand anlegen, sobald es nur aus der Schule kam, und am Samstag den
+ganzen Tag lang, bis spät am Abend, da mußte es noch den Stalleimer
+fegen. Da sagte aber auch der Vater am Abend: »Das Stineli ist ein
+handliches.«
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+Der ferne, schöne See ohne Namen.
+
+
+Als am Sonntagmorgen Stineli die Augen aufmachte, hatte es eine große
+Freude im Herzen und wußte zuerst gar nicht warum, bis es sich besann,
+daß es Sonntag war und die Großmutter noch am Abend spät gesagt hatte:
+»Morgen mußt du Sonntag haben, den ganzen Nachmittag; er gehört dir!«
+
+Als das Mittagessen vorbei war und Stineli alle Teller weggetragen und
+den Tisch abgewaschen hatte, rief der Peterli: »Komm zu mir, Stineli«,
+und die zwei anderen im Bett schrieen: »Nein, zu mir!« Und der Vater
+sagte: »Das Stineli muß nach der Geiß sehen.«
+
+Aber nun ging die Großmutter in die Küche hinaus und winkte dem Stineli
+nach. »Geh du jetzt in Frieden«, sagte sie, »der Geiß und den Kindern
+will ich schon nachgehen, und wenn’s Betglocke läutet, kommt ordentlich
+heim.« Die Großmutter wußte schon, daß ihrer zwei waren.
+
+Jetzt schoß Stineli davon wie ein Vogel, dem man die Käfigtür aufgemacht
+hat, und drüben stand Rico, der hatte lange schon gewartet. Nun zogen
+sie aus über die Wiese hin, der Waldhöhe zu. Die Sonne schien an allen
+Bergen und der Himmel lag blau darüber. Auf der Schattenseite mußten sie
+noch ein wenig im Schnee gehen bis hinauf, aber da kam die Sonne von
+vorn und flimmerte über den See, und da waren schöne, trockene Plätzchen
+am Abhang, steil über dem Wasser. Da saßen die Kinder hin; es pfiff ein
+scharfer Wind über die Höhe und sauste ihnen um die Ohren. Stineli war
+lauter Freude und Genuß. Ein Mal über das andere rief es aus:
+
+»Sieh, sieh, Rico, die Sonne, wie schön! Jetzt wird’s Sommer; sieh, wie
+es glitzert auf dem See. Es kann gar keinen schöneren See geben, als der
+ist«, sagte es jetzt zuversichtlich.
+
+»Ja, ja, Stineli, du solltest nur einmal den See sehen, den ich meine!«
+und Rico schaute so verloren über den See hin, als finge, was er ansehen
+wollte, erst dort an, wo man nichts mehr sah.
+
+»Siehst du, dort stehen nicht so schwarze Tannen mit Nadeln, da sind so
+glänzende, grüne Blätter und große, rote Blumen, und die Berge stehen
+nicht so hoch und schwarz und so nah, nur weit drüben liegen sie ganz
+violett, und am Himmel und auf dem See ist alles golden und so still und
+warm; da tut der Wind nicht so und die Füße hat man nicht so voll
+Schnee, dann kann man immer so am sonnigen Boden sitzen und zuschauen.«
+
+Stineli war bald hingerissen; es sah schon die roten Blumen und den
+goldenen See vor sich, das mußte doch so schön sein.
+
+»Vielleicht kannst du wieder einmal dahin gehen an den See und alles
+wieder sehen; weißt du den Weg?«
+
+»Man geht auf den Maloja. Dort bin ich schon mit dem Vater gewesen: da
+hat er mir die Straße gezeigt, die geht den ganzen Weg hinunter, immer
+so hin und her, und weit unten ist der See, aber noch so weit, daß man
+fast nicht hinkommen kann.«
+
+»Ach, das ist ganz leicht«, meinte Stineli, »du müßtest nur immer weiter
+gehen, so kämst du sicher zuletzt dahin.«
+
+»Aber der Vater hat mir noch etwas gesagt; siehst du, Stineli: wenn man
+auf dem Wege ist und in ein Wirtshaus hineingeht und ißt und schläft da,
+so muß man immer bezahlen, da muß man wieder Geld haben.«
+
+»O, Geld haben wir jetzt so viel«, rief Stineli triumphierend. Aber Rico
+triumphierte nicht mit.
+
+»Das ist gerade so viel wie nichts, das weiß ich noch von der Geige
+her«, sagte er traurig.
+
+»So bleib du lieber daheim, Rico; sieh, es ist doch daheim so schön.«
+
+Eine Weile lang saß Rico nachdenklich da, seinen Kopf auf den Ellbogen
+gestützt, und seine Augenbrauen kamen wieder ganz zusammen. Jetzt kehrte
+er sich wieder zu Stineli, das unterdessen von dem weichen, grünen Moos
+ausrupfte und ein Bettlein machte, zwei Kissen und eine Decke, die
+wollte es dem kranken Urschli bringen. »Du sagst, ich soll nur daheim
+bleiben, Stineli«, sagte er mit gefalteter Stirne; »aber siehst du, mir
+ist es gerade so, wie wenn ich nicht wüßte, wo ich daheim bin.«
+
+»Ach, was sagst du«, rief Stineli und warf vor Erstaunen eine ganze Hand
+voll Moos weg. »Hier bist du daheim, natürlich. Da ist man immer daheim,
+wo man seinen Vater und seine Mutter –«; hier hielt es plötzlich inne:
+Rico hatte ja gar keine Mutter, und der Vater war schon so lang wieder
+fort, und die Base? – Stineli kam der Base nie zu nah, sie hatte ihm nie
+ein gutes Wort gegeben; es wußte gar nicht mehr, was sagen. Aber Stineli
+konnte in einem so unsicheren Zustande nicht lange bleiben. Rico hatte
+wieder zu staunen angefangen; auf einmal faßte es ihn am Arm und rief:
+
+»Nun möchte ich doch etwas wissen, wie heißt der See, wo es so schön
+ist?«
+
+Rico besann sich. »Ich weiß es nicht«, sagte er, selbst verwundert
+darüber.
+
+Da schlug Stineli vor, sie wollten jemand fragen, wie er heißen könne;
+denn wenn Rico doch einmal viel Geld hätte und gehen könnte, so müßte er
+ja den Weg erfragen und einen Namen wissen. Nun fingen sie an zu
+beraten, wen man fragen könnte; den Lehrer oder die Großmutter. Da fiel
+es Rico ein, der Vater werde es am besten wissen; den wollte er fragen,
+sobald er heimkomme.
+
+Unterdessen war die Zeit vergangen und auf einmal hörten die Kinder ganz
+in der Ferne ein leises Läuten. Sie kannten den Ton, es war die
+Betglocke. Sie sprangen gleich beide vom Boden auf und rannten
+miteinander Hand in Hand durch Gestrüpp und Schnee die Halde hinunter
+und über die Wiese hin, und es hatte noch nicht lange verläutet, so
+standen sie schon an der Tür, wo die Großmutter nach ihnen aussah.
+
+Stineli mußte nun gleich ins Haus hinein, und die Großmutter sagte nur
+schnell: »Geh du auch gleich hinein, Rico, und bleib nicht mehr stehen
+vor der Tür.«
+
+Das hatte die Großmutter noch nie zu ihm gesagt, obschon er es immer
+tat, denn es gelüstete ihm nie, in das Haus hineinzugehen, und er stand
+immer erst eine Zeitlang vor der Haustür, ehe er’s tat. Er gehorchte
+aber der Großmutter aufs Wort und ging gleich hinein.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+Ein trauriges Haus, aber der See hat einen Namen.
+
+
+Die Base war nicht in der Stube, so ging er wieder hinaus und machte die
+Küchentür auf. Da stand sie; aber ehe er nur eintreten konnte, hob sie
+den Finger in die Höh’ und machte: »Bst! Bst! Mach nicht alle Türen auf
+und zu und einen Lärm, als kämen ihrer vier. Geh in die Stube hinein und
+halte dich still. Der Vater liegt oben in der Kammer; sie haben ihn auf
+einem Wagen gebracht, er ist krank.«
+
+Rico ging hinein und setzte sich auf die Bank an der Wand und bewegte
+sich nicht. So saß er eine gute halbe Stunde lang; die Base fuhr noch
+immer in der Küche herum. Da dachte Rico, er wolle ganz leise in die
+Kammer hineinschauen, vielleicht wollte der Vater auch etwas zu Abend
+essen, es war schon lange Zeit dazu.
+
+Er schlich hinter dem Ofen die kleine Treppe hinauf und kroch in die
+Kammer hinein. Nach einiger Zeit kam er wieder und ging gleich in die
+Küche hinaus und bis nahe zur Base heran. Dann sagte er leise: »Base,
+kommt!«
+
+Diese wollte ihn eben tüchtig anfahren, als ihre Blicke auf sein Gesicht
+fielen: es war völlig ohne Farbe, Wangen und Lippen weiß wie ein Tuch,
+und aus den Augen schaute er so schwarz, daß ihn die Base fast
+fürchtete.
+
+»Was hast du?« fragte sie hastig und folgte ihm unwillkürlich.
+
+Er ging leise das Treppchen hinauf und in die Kammer hinein. Da lag der
+Vater mit starren Augen auf seinem Bett; er war tot.
+
+»Ach, du mein Gott«, schrie die Base und lief mit Lärm zur Tür hinaus,
+die auf der anderen Seite auf den Gang führte, die Treppe hinunter und
+gleich hinüber in die Stube hinein und rief, der Nachbar und die
+Großmutter sollten herüberkommen, und von da lief sie zum Lehrer und zum
+Gemeindevorsteher.
+
+So kam eins ums andere und trat in die stille Kammer hinein, bis sie
+voll von Menschen war, denn einer hörte draußen vom anderen, was
+geschehen sei. Und mitten in dem Gewimmel und den vielen klaghaften
+Worten von all’ den Nachbarn stand Rico an dem Bette, lautlos und
+unbeweglich, und schaute den Vater an. – Die ganze Woche durch kamen
+täglich noch Leute ins Haus, die den Vater ansehen und von der Base
+hören wollten, wie alles zugegangen sei, so daß es Rico ein Mal über das
+andere erzählen hörte: Sein Vater hatte drunten im St. Gallischen an
+einer Eisenbahn Arbeit gehabt. Beim Steinsprengen hatte er eine tiefe
+Wunde in den Kopf bekommen, und da er nun doch nicht mehr arbeiten
+konnte, wollte er heimgehen, um sich zu pflegen, bis es besser würde.
+Aber die lange Reise, teils zu Fuß, teils auf offenen Fuhrwagen, hatte
+er nicht ertragen können, war am Sonntag gegen Abend daheim angelangt
+und hatte sich auf sein Bett gelegt, um nicht wieder aufzustehen; ohne
+daß ihn jemand gesehen hatte, war er verschieden; denn Rico hatte ihn
+schon starr ausgestreckt auf dem Bette gefunden. Am Sonntag darauf wurde
+der Mann begraben. Rico war der einzige Leidtragende, der dem Sarge
+folgte, einige gute Nachbarn hatten sich noch angeschlossen; so ging
+der Zug hinüber nach Sils. Dort hörte Rico, wie der Herr Pfarrer in der
+Kirche laut ablas: »Der Verstorbene hieß Enrico Trevillo und war
+gebürtig aus Peschiera am Gardasee.«
+
+Da war es Rico, als hörte er etwas, das er ganz gut gewußt, aber gar
+nicht mehr hatte zusammenfinden können. Immer hatte er auch den See vor
+sich gesehen, wenn er mit dem Vater gesungen hatte:
+
+ #»Una sera
+ In Peschiera.«#
+
+Aber er hatte nicht gewußt, warum. Leise mußte er die Namen wiederholen,
+eine Menge alter Lieder stiegen damit vor seinen Augen auf.
+
+Als er allein zurückgewandert kam, sah er die Großmutter auf dem
+Holzstumpf sitzen und neben ihr das Stineli. Sie winkte ihn zu sich.
+Dann steckte sie ihm ein Stück Birnbrot in die Tasche, wie sie vorher
+dem Stineli getan hatte, und sagte, nun sollten sie spazieren gehen, an
+dem Tage müsse Rico nicht allein sein. Da wanderten die Kinder zusammen
+in den hellen Abend hinaus. Die Großmutter blieb auf ihrem Holze sitzen
+und schaute mitleidig dem schwarzen Büblein nach, bis sie nichts mehr
+von den Kindern sehen konnte. Dann sagte sie leise für sich:
+
+ »Doch was Er tut und läßt geschehn,
+ Das nimmt ein gutes End’!«
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+Ricos Mutter.
+
+
+Über den Weg von Sils her kam an einem Stab der Lehrer gegangen. Er
+hatte an dem Begräbnis teilgenommen. Er hustete und keuchte, und als er
+nun bei der Großmutter angekommen war und einen »Guten Abend« geboten
+hatte, setzte er hinzu: »Wenn es Euch recht ist, Nachbarin, so sitze ich
+einen Augenblick neben Euch, denn ich habe es stark in dem Hals und auf
+der Brust; aber was kann unsereins sagen mit bald siebzig Jahren, wenn
+man solche begräbt, wie den heute. Er war noch nicht fünfunddreißig und
+ein Mann wie ein Baum.«
+
+Der Lehrer hatte sich neben die Großmutter niedergesetzt.
+
+»Es gibt mir auch zu denken«, sagte diese, »daß ich, eine Alte,
+Fünfundsiebzigjährige, übrig bleibe und da und dort ein Junges fort muß,
+von dem man denkt, es wäre noch nötig gewesen.«
+
+»Die Alten werden auch noch zu etwas gut sein. Wo wäre sonst ein
+Beispiel für die Jungen?« bemerkte der Lehrer. »Aber was meint Ihr,
+Nachbarin, was soll nun aus dem Büblein werden da drüben?«
+
+»Ja, was soll aus dem Büblein werden?« wiederholte die Großmutter; »ich
+frage auch so, und wenn ich nur auf die Menschen sehen wollte, so wüßte
+ich keine Antwort. Aber es ist noch ein Vater im Himmel, der die
+verlassenen Kinder sieht. Er wird auch einen Weg für das Büblein
+finden.«
+
+»Sagt mir einmal, Nachbarin: wie ging es zu, daß der Italiener die
+Tochter von Eurer Nachbarin da drüben zur Frau bekam? Man weiß doch nie,
+woher solche fremde Menschen kommen und was mit ihnen ist.«
+
+»Es ging eben, wie es geht, Nachbar. Ihr wißt ja, meine alte Bekannte,
+die Frau Anne-Dete, hatte alle ihre Kinder verloren und auch den Mann,
+und lebte allein drüben im Häuschen mit dem Marie-Seppli, das ein
+lustiges Töchterlein war. Es mögen jetzt elf oder zwölf Jahre sein, da
+kam der Trevillo zuerst hierher. Er hatte Arbeit oben am Maloja und kam
+etwa hier herunter mit den Burschen, und kaum hatten das Marie-Seppli
+und er einander gesehen, so wurden sie einig, sie wollten einander
+haben. Und das muß man dem Trevillo nachsagen, er war nicht nur ein
+schöner Bursche, der jedem gefallen konnte, sondern auch ein anständiger
+und rechtschaffener Mensch, die Anne-Dete hatte selber ihre Freude an
+ihm. Sie hätte nun freilich gern gewollt, die beiden blieben bei ihr im
+Häuschen, und der Trevillo hätte es gern getan, er konnte es gut mit der
+Mutter, und dem Marie-Seppli tat er, was es nur wollte. Er war aber
+manchmal mit ihm nach dem Maloja hinaufspaziert und hatte die Straße
+hinuntergeschaut, die man so sieht, wie sie weit ins Tal hinabgeht, und
+er hatte ihr erzählt, wie es unten sei, wo er daheim war. Da hatte sich
+das Marie-Seppli in den Kopf gesetzt, es wolle dort hinunter, und es
+half alles nichts, wie auch die Mutter anhielt und jammerte, sie könnten
+nicht leben da unten. Da sagte aber der Trevillo, deswegen müsse sie
+nicht Angst haben, er habe ein Gütlein und ein Häuschen unten; er sei
+nur lieber ein wenig in die Welt hinausgezogen. – Jetzt hatte er das
+Marie-Seppli gewonnen, und nach der Hochzeit wollte es auf der Stelle
+den Berg hinunter. Es schrieb dann etwa der Mutter, daß es ihm gut gehe
+und der Trevillo der beste Mann sei.
+
+»Aber nach etwa fünf oder sechs Jahren trat eines Tages der Trevillo
+drüben in der Stube ein bei der Anne-Dete und hatte ein Büblein an der
+Hand und sagte: ›Da, Mutter, das ist noch das einzige, was ich vom
+Marie-Seppli habe; es liegt begraben dort unten mit seinen anderen
+kleinen Kindern. Der war sein erstes und sein liebstes.‹
+
+»So hat sie’s mir erzählt. Dann sei er auf die Bank niedergesessen, wo
+er zuerst das Marie-Seppli gesehen hatte, und habe gesagt: da wolle er
+bleiben mit seinem Büblein, wenn’s der Mutter recht sei; denn dort unten
+habe er’s nicht mehr ausgehalten.
+
+»Das war Freud’ und Leid miteinander für die Anne-Dete. Der kleine Rico
+war etwas zu vier Jahren und war ein zahmes, nachdenkliches Büblein,
+ohne Lärm und Unart, es war ihre letzte Freude, ein Jahr nachher starb
+sie schon, und man riet dem Trevillo, die Base der Anne-Dete zu sich zu
+nehmen für den Haushalt und das Kind.«
+
+»So, so«, machte der Lehrer, als die Großmutter schwieg; »das habe ich
+alles nicht so gewußt. Es kann nun sein, daß sich etwa Verwandte von dem
+Trevillo zeigen mit der Zeit, und man kann sie anhalten, etwas für den
+Knaben zu tun.«
+
+»Verwandte«, seufzte die Großmutter, »die Base ist auch eine Verwandte,
+von ihr bekommt er wenig gute Worte im Jahr.«
+
+Der Lehrer stand mühsam auf von seinem Sitz. »Mit mir geht’s bergab,
+Nachbarin«, sagte er kopfschüttelnd; »ich weiß nicht, wo meine Kräfte
+hingekommen sind.«
+
+Die Großmutter ermunterte ihn und sagte: er sei ja noch ein junger Mann
+im Vergleich zu ihr. Sie mußte sich aber doch verwundern, wie langsam er
+davonging.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel.
+
+Ein kostbares Vermächtnis und ein kostbares Vaterunser.
+
+
+Es kamen nun viele schöne Sommertage, und wo die Großmutter nur konnte,
+richtete sie es ein, daß das Stineli einen freien Augenblick bekam; aber
+es gab immer mehr zu tun in dem Hause. Rico stand manche Stunde auf
+seiner Schwelle und staunte und sah nach der Tür drüben, ob das Stineli
+komme.
+
+Gegen den September, wenn die Leute oft noch vor den Häusern saßen, um
+sich der letzten warmen Abende zu freuen, da saß auch der Lehrer noch
+etwa vor seiner Tür; aber er sah ganz abgemagert aus und keuchte immer
+mehr, und eines Morgens, als er aufstehen wollte, hatte er die Kraft
+nicht mehr und fiel wieder auf sein Kissen zurück. Da lag er denn ganz
+still und fing an, allerlei zu bedenken, und wie es kommen würde, wenn
+er sterben müßte. Er hatte keine Kinder, und seine Frau war schon lange
+gestorben, nur eine alte Magd war noch bei ihm im Hause. Er mußte
+hauptsächlich nachdenken, wohin alle die Sachen kämen, die ihm
+angehörten, wenn er nicht mehr da wäre, und da seine Geige ihm gerade
+gegenüber an der Wand hing, so sagte er zu sich: »Die müßte ich auch
+dalassen.« Und der Tag kam ihm in den Sinn, da der Rico hier vor ihm
+gestanden und gegeigt hatte, und er hätte sie dem Büblein fast eher
+gegönnt als einem fernen Vetter, der vom Geigen gar nichts verstand. So
+dachte er bei sich, wenn er sie um ein billiges geben würde, so könnte
+sie der Rico vielleicht erstehen; der Vater hatte ihm doch wohl ein
+kleines hinterlassen. Da fiel ihm aber ein, daß, wenn er die Geige
+verlassen müsse, er das Geld auch nicht mehr brauchen könne. Aber er
+konnte doch ein Instrument, für das er sechs harte Gulden auf den Tisch
+gelegt hatte, nicht nur so weggeben. So dachte er immer schärfer darüber
+nach, wie es zu machen wäre, daß er die Geige nicht so für nichts
+hergeben müßte, daß sie ihm doch irgend etwas eintrüge; aber immer
+zuletzt kam ihm wieder klar vor Augen, daß dorthin, wohin er die Geige
+nicht mitnehmen konnte, er auch nichts anderes fortzubringen imstande
+war, und daß all sein Gut da zurückbleiben würde.
+
+Das Fieber nahm unterdessen mehr und mehr überhand bei ihm, und gegen
+Abend und die ganze Nacht durch lag er in einem großen Kampf von vielen
+Gedanken, und es stiegen alte Dinge vor seinen Augen auf, die er schon
+lange vergessen hatte, und verfolgten ihn, so daß er am Morgen ganz
+erschöpft dalag und nur noch einen Gedanken hatte: er wollte gern etwas
+Gutes tun, gleich auf der Stelle ein gutes Werk verrichten.
+
+Er klopfte mit dem Stock an die Wand, bis die alte Magd hereinkam, und
+diese schickte er zur Großmutter hinaus, sie solle zu ihm kommen, aber
+bald.
+
+Die Großmutter trat auch bald nachher in seine Stube, und eh’ sie nur
+recht fragen konnte, wie es ihm gehe, sagte er: »Seid so gut und nehmt
+dort die Geige herunter und bringt sie dem Waisenbüblein; ich will sie
+ihm schenken, er soll Sorg’ dazu haben.«
+
+Die Großmutter mußte sich aufs höchste verwundern und einmal über das
+andere ausrufen: »Was wird der Rico machen! Was wird der Rico sagen!«
+
+Dann bemerkte sie, daß der Lehrer ein wenig unruhig wurde, so, wie wenn
+die Sache Eile hätte. So verließ sie ihn bald und eilte nun, so sehr sie
+konnte, mit ihrem Geschenk unter dem Arm übers Feld, denn sie konnte
+selbst kaum erwarten, daß der Rico sein Glück erfahre.
+
+Der stand unter der Haustür; auf den Wink der Großmutter kam er ihr
+entgegengelaufen.
+
+»Da, Rico«, sagte sie und hielt ihm die Geige hin, »die schickt dir der
+Lehrer zum Geschenk, sie ist dein.«
+
+Rico stand da wie im Traume, aber es war so; die Großmutter streckte ihm
+wirklich die Geige entgegen.
+
+»Nimm sie, Rico, sie ist dein«, wiederholte sie.
+
+Zitternd vor Freude und innerer Aufregung ergriff Rico jetzt seine
+Geige, nahm sie in den Arm und schaute sie unverwandt an, so, als könne
+sie ihm wieder wegkommen, wenn er einmal weggehen würde.
+
+»Du sollst auch Sorg’ dazu haben«, ergänzte die Großmutter ihren
+Auftrag; sie mußte aber ein wenig lachen, es kam ihr nicht vor, daß die
+Ermahnung nötig sei. »Und Rico, denk auch an den Lehrer und vergiß nie,
+was er an dir getan hat; er ist sehr krank.«
+
+Nun trat die Großmutter in ihr Haus ein, und Rico eilte mit seinem
+Schatz in seine Kammer hinauf, dort war er immer ganz allein.
+
+Da saß er hin und strich und geigte fort und fort und vergaß Essen und
+Trinken und alle Zeit. Erst als es schon fast dunkeln wollte, stand er
+auf und ging die Treppe hinunter. Die Base kam aus der Küche und sagte:
+»Du kannst denn morgen wieder essen, heut’ hast du dich aufgeführt, daß
+dir nichts gehört.«
+
+Rico empfand keinen Hunger, obschon er seit dem frühen Morgen nichts
+gegessen hatte; so hatte er auch jetzt nicht ans Essen gedacht und ging
+ganz getrost ins andere Haus hinüber und gleich in die Küche hinein, er
+suchte die Großmutter. Stineli stand am Herd und machte das Feuer an.
+Wie es des Rico ansichtig wurde, mußte es ganz laut aufjauchzen, denn
+schon den ganzen Tag durch, seit die Großmutter erzählt hatte, was
+begegnet war, hatte ihm der Boden unter den Füßen gebrannt, daß es nicht
+hinaus konnte, um seine Freude beim Rico auszulassen; aber es durfte
+keinen Augenblick fort. Nun war es aber auch wie außer sich und rief
+einmal ums andere: »Jetzt hast du sie! Jetzt hast du sie!«
+
+Auf den Lärm kam die Großmutter aus der Stube, und Rico ging gleich zu
+ihr heran und sagte: »Großmutter, kann ich gehen und dem Lehrer danken,
+wenn er schon krank ist?«
+
+Die Großmutter besann sich ein wenig, denn der Lehrer hatte schon am
+Morgen recht schwer krank ausgesehen; dann sagte sie: »Wart ein wenig,
+Rico, ich will mit dir gehen«, und ging, die saubere Schürze anzuziehen.
+Dann wanderten sie miteinander dem Schulhaus zu. Die Großmutter trat
+zuerst ein; dann kam ihr Rico leise nach, die Geige im Arm, denn diese
+hatte er noch keinen Augenblick weggelegt, seit sie ihm gehörte.
+
+Der Lehrer lag sehr ermattet da; Rico trat an das Bett heran und schaute
+dabei auf seine Geige, und er konnte fast nichts sagen, aber seine Augen
+funkelten so, daß der Lehrer ihn wohl verstanden hatte; er warf einen
+frohen Blick auf den Knaben und nickte mit dem Kopfe. Dann winkte er die
+Großmutter zu sich heran. Rico trat auf die Seite und der Lehrer sagte
+mit schwacher Stimme: »Großmutter, es wäre mir recht, wenn Ihr mir ein
+Vaterunser beten wolltet; es wird mir so bang.«
+
+Jetzt hörte man die Betglocke herüberläuten; Rico faltete schnell seine
+Hände, und die Großmutter faltete die ihrigen und betete ihr Vaterunser.
+Dann wurde es ganz still in der Stube. Die Großmutter beugte sich ein
+wenig und drückte dem alten Nachbar die Augen zu, denn er war
+verschieden. Dann nahm sie den Rico an der Hand und ging leise hinaus
+mit ihm.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+Am Silser See.
+
+
+Das Stineli kam gar nicht mehr ins Gleichgewicht vor Freude die ganze
+Woche durch; aber es kam ihm auch vor, als habe diese Woche zehn Tage
+mehr als jede andere, denn es wollte gar nicht Sonntag werden.
+
+Als er aber doch endlich kam und eine goldene Sonne über die Herbsthöhen
+leuchtete, und es mit dem Rico oben unter den Tannen ankam, und der
+glitzernde See vor ihnen lag, da kam eine solche Freude über das
+Stineli, daß es rings im Moos herumhüpfen und jauchzen mußte; und dann
+setzte es sich auf den äußersten Rand am Abhang, daß es alles sehen
+konnte, die sonnigen Höhen und den See und weit hinüber den blauen
+Himmel.
+
+Nun rief es: »Komm, Rico, da wollen wir singen, lang, lang!«
+
+Da setzte sich der Rico neben das Stineli hin und machte seine Geige
+zurecht, denn die war mitgekommen.
+
+Nun fing er an und die Kinder sangen:
+
+ »Ihr Schäflein hinunter
+ Von sonniger Höh’« –
+
+alle Verse durch, aber Stineli hatte noch lange nicht genug.
+
+»Wir wollen immer weiter singen«, sagte es und sang weiter:
+
+ »Ihr Schäflein hinüber
+ Auf die lustige Höh',
+ Die Sonne steht drüber
+ Und der Wind geht am See.«
+
+Und nun sang der Rico den Vers auch mit und freute sich und sagte:
+
+»Sing noch weiter!«
+
+Das Stineli war ganz begeistert vor Freude und schaute auf und ab und
+sang wieder:
+
+ »Und die Schäflein, und die Schäflein,
+ Und der Himmel, so blau,
+ Und rot’ und weiße Blumen
+ Auf der grasgrünen Au’.«
+
+Und Rico geigte und sang mit und sagte:
+
+»Sing noch weiter!«
+
+Da schaute das Stineli den Rico lachend an und sang:
+
+ »Und ein Bub’ ist so traurig,
+ Und ein Mädle das lacht,
+ Und ein See ist wie der andre
+ Von Wasser gemacht.«
+
+Und Rico lachte auch und sang und sagte:
+
+»Sing noch weiter!«
+
+Da fing das Stineli noch einmal an und sang hintereinander; und Rico
+geigte immerfort dazu, und es sang:
+
+ »Und die Schäflein, und die Schäflein,
+ Die springen herum,
+ Und sind alleweil fröhlich,
+ Und wissen auch nicht warum.
+
+ Und ein Bub’ und ein Mädle,
+ Die sitzen am See,
+ Und tät er nichts denken,
+ So tät’s ihm nicht weh.«
+
+Und nun fingen sie wieder von vorne an und sangen ihr Lied
+hintereinander durch und hatten ein großes Wohlgefallen daran, und wenn
+sie es fertig gesungen hatten, so fingen sie noch einmal an und dann
+noch einmal und sangen das Lied wohl zehnmal durch, und je mehr sie es
+sangen, desto besser gefiel es ihnen.
+
+Rico spielte dann noch einige Melodien, die er vom Vater her wußte, aber
+nach einer Weile kamen sie wieder auf ihr Lied zurück und fingen aufs
+neue zu singen an.
+
+Aber mittendrin hörte Stineli auf und rief: »Jetzt kommt es mir in den
+Sinn, wie du an den See hinunter kannst und doch kein Geld brauchst.«
+
+Rico hielt plötzlich inne und schaute erwartungsvoll auf das Stineli.
+
+»Siehst du«, fuhr es eifrig fort, »jetzt hast du eine Geige und kannst
+ein Lied. Da mußt du bei jedem Wirtshaus unter die Stubentür gehen und
+das Lied singen und geigen; dann geben dir die Leute etwas zu essen und
+lassen dich schlafen da, denn sie sehen dann, daß du nicht ein Bettler
+bist. So kannst du gehen bis an den See, und im Heimweg kannst du es
+wieder so machen.«
+
+Rico wurde ganz nachdenklich, aber Stineli ließ ihm keine Zeit zum
+Staunen, es wollte gleich noch einmal singen.
+
+Vor lauter Gesang hörten sie auch gar nichts von der Betglocke, und erst
+als es zu dunkeln anfing, merkten sie, daß es Zeit war, heimzugehen, und
+schon von fern sahen sie die Großmutter, wie sie ängstlich umherschaute.
+
+Aber diesmal war Stineli zu sehr im Feuer, um von einer Besorgnis
+gedämpft zu werden. Es rannte auf die Großmutter zu und rief: »Du kannst
+nicht glauben, Großmutter, wie gut der Rico geigen kann, und wir haben
+jetzt ein eigenes Lied, nur für uns. Wir wollen dir’s gleich singen.«
+
+Und eh’ die Großmutter nur ein Wort sagen konnte, sangen sie schon mit
+heller Stimme zu der Geige ihr ganzes Lied durch, und die Großmutter
+hörte die frischen Stimmen gerne. Sie war auf das Holz niedergesessen,
+und wie die Kinder nun zu Ende waren, sagte sie: »Komm, Rico, jetzt mußt
+du mir auch noch ein Lied spielen und wir wollen es miteinander singen.
+Kannst du das Lied: ›Ich singe dir mit Herz und Mund‹?«
+
+Rico hatte es vielleicht auch schon gehört, aber er wußte es nicht mehr
+recht und meinte, erst müsse es die Großmutter einmal singen; dann wolle
+er leise nachgeigen, nachher könne er’s dann schon.
+
+»Jetzt werd’ ich noch Vorsinger mit meiner Zitterstimme«, sagte die
+Großmutter, aber sie sang ganz vergnügt einen Vers durch, und wenn die
+Stimme ein wenig zitterte, so war sie doch ganz richtig und Rico konnte
+ihr gut die Melodie abnehmen, er hatte sie auch vorher schon gehört.
+
+Nun fingen sie an, und vor jedem Vers sagte die Großmutter den Kindern
+die Worte vor, und so sangen sie fröhlich alle miteinander:
+
+ »Ich singe dir mit Herz und Mund,
+ Herr, meines Herzens Lust.
+ Ich sing’ und mach’ auf Erden kund,
+ Was mir von dir bewußt.
+
+ Ich weiß, daß du der Brunn’n der Gnad’
+ Und ew’ge Quelle bist,
+ Daraus uns allen früh und spat
+ Viel Heil und Gutes fließt. –
+
+ Was kränkst du dich in deinem Sinn?
+ Und grämst dich Tag und Nacht?
+ Nimm deine Sorg’ und wirf sie hin
+ Auf den, der dich gemacht.
+
+ Er hat noch niemals was versehn,
+ In seinem Regiment,
+ Nein, was er tut und läßt geschehn,
+ Das nimmt ein gutes End’.
+
+ Ei nun, so laß ihn ferner tun
+ Und red’ ihm nicht darein,
+ So wirst du hier im Frieden ruhn
+ Und ewig fröhlich sein.«
+
+»So«, sagte die Großmutter zufrieden, »das war ein rechter Abendsegen,
+jetzt könnt ihr in Frieden zur Ruhe gehen, Kinder.«
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel.
+
+Ein rätselhaftes Ereignis.
+
+
+Als Rico in das Häuschen eintrat, später als sonst, denn über dem Gesang
+war wohl noch eine halbe Stunde vergangen, schoß ihm die Base entgegen.
+
+»Fängst du jetzt so an?« rief sie. »Das Essen stand eine Stunde lang auf
+dem Tisch, jetzt ist’s fort. Geh nur gleich in deine Kammer, und wenn du
+ein ganzer Vagabund und Lump wirst, so bin ich nicht schuld; ich wollte
+lieber ich weiß nicht was tun, als einen Buben hüten, wie du einer
+bist.«
+
+Rico hatte nie ein einziges Wörtlein geantwortet, wenn die Base ihn
+schmähte; aber an dem Abend schaute er sie an und sagte: »Ich kann Euch
+schon aus dem Wege gehen, Base.«
+
+Sie schob den Riegel an der Haustür vor, daß es klatschte, dann fuhr sie
+in die Stube hinein und schlug die Tür hinter sich zu. Rico ging in
+seine dunkle Kammer hinauf. –
+
+Am folgenden Tage, als drüben die ganze große Haushaltung, Eltern,
+Großmutter und alle Kinder beim Abendessen saßen, kam die Base
+herübergelaufen und rief in die Stube hinein: ob sie etwas vom Rico
+wüßten; sie wisse nicht, wo er sei.
+
+»Der wird schon kommen, wenn’s ans Abendessen geht«, antwortete der
+Vater geruhlich.
+
+Nun kam aber die Base ganz in die Stube hinein, denn sie hatte gedacht,
+sie könne den Buben nur herausrufen, er werde wohl da sein. Nun
+erzählte sie, er sei schon zum Morgenessen nicht gekommen und zum
+Mittagessen nicht, und im Bett sei er auch nicht gewesen, das sei noch
+wie gestern Abend, und sie glaubte fast, der sei schon am frühesten
+Morgen vor Tag auf seine Lumpereien ausgegangen, denn der Riegel sei
+schon inwendig von der Haustür weggeschoben gewesen, als sie auftun
+wollte; sie habe aber zuerst gemeint, sie habe vor Ärger vergessen, ihn
+zu stoßen, denn es wisse kein Mensch, was sie für Ärger habe.
+
+»Dem hat’s etwas gegeben«, sagte der Vater unentwegt. »Er wird etwa in
+eine Spalte hineingefallen sein am Berg oben; das gibt es manchmal mit
+so schmalen Buben, die überall herumklettern. Ihr hättet es ein wenig
+früher sagen sollen«, fuhr er langsam fort, »man wird ihn etwa suchen
+müssen, und des Nachts sieht man nichts.«
+
+Jetzt fuhr die Base los und machte einen furchtbaren Lärm. Sie habe wohl
+gedacht, man werde ihr noch Vorwürfe machen wollen; so gehe es immer,
+wenn man schon jahrelang so viel ertragen und dazu geschwiegen habe.
+
+»Es glaubt es kein Mensch« – rief sie aus und sagte damit eine große
+Wahrheit –, »was für ein heimtückischer, hinterlistiger, verstockter
+Bube der ist, und wie er mir das Leben schwer gemacht hat seit vier
+Jahren; ein Vagabund wird er, ein Landstreicher und schädlicher Lump!«
+
+Die Großmutter hatte schon lange zu essen aufgehört. Sie war vom Tisch
+aufgestanden und vor die Base hingetreten, die immer noch lärmte.
+
+»Hört auf, Nachbarin, hört auf«, hatte die Großmutter zweimal gesagt,
+bevor die andere nachgab. »Ich kenne den Rico auch; seit man das Büblein
+seiner Großmutter brachte, habe ich es immer gekannt. Wenn ich aber an
+Eurer Stelle wäre, so würde ich kein Wörtlein mehr sagen, aber ein wenig
+nachsinnen, ob das Büblein, dem ein Unglück begegnet sein kann und das
+vielleicht schon da droben steht vor dem lieben Gott, ob es da niemanden
+anzuklagen hat, der in seiner Verlassenheit noch schweres Unrecht an ihm
+getan hat mit bösen Worten.«
+
+Der Base war es schon ein paarmal aufgestiegen, wie Rico sie am Abend
+angeschaut und gesagt hatte: »Ich kann Euch schon aus dem Wege gehen.«
+Sie hatte auch so furchtbar gelärmt, um diese Gedanken zu übertönen. Sie
+durfte die Großmutter nicht ansehen und sagte, sie müsse gehen,
+vielleicht sei der Rico doch nun heimgekommen, was sie jetzt gern genug
+gesehen hätte.
+
+Von dem Tage an sagte die Base nie mehr ein Wort gegen den Rico vor der
+Großmutter, aber auch sonst nicht mehr viele. Sie glaubte, wie alle
+anderen Leute auch, er sei tot, und war froh, daß niemand wußte, was er
+am letzten Abend zu ihr gesagt hatte.
+
+Am Morgen nach der Nachricht ging Stinelis Vater in die Tenne hinaus und
+suchte eine Stange; er hatte gesagt, er wolle ein paar Nachbarn rufen,
+man müsse doch den Buben suchen, etwa gegen den Gletscher hinein und
+oben bei den Rüfenen.
+
+Stineli war ihm nachgeschlichen, und der Vater sagte: »Es ist recht,
+komm, hilf mir suchen, du kannst besser in die Winkel hinein als ich.«
+
+Erst als eine hohe Bohnenstange gefunden war, sagte es: »Aber, Vater,
+wenn der Rico vielleicht der Straße nach gegangen wäre, dann könnte er
+doch in nichts hineingefallen sein?«
+
+»Freilich kann er«, entgegnete der Vater. »Solch’ unvernünftige Buben
+kommen vom Wege ab und in die Rüfenen hinein, sie wissen gar nicht wie;
+und der war sonst ein wenig ein Verstaunter.«
+
+Daß der Rico dies war, wußte Stineli besser als irgend jemand, und von
+dem Augenblick an kam eine große Angst in sein Herz und wuchs mit jedem
+Tage, so daß es vor Qual und Unruhe nicht mehr essen und nicht mehr
+schlafen konnte und alle Arbeit tat, als wäre es nicht dabei.
+
+Der Rico wurde nicht gefunden; kein Mensch hatte etwas von ihm gesehen.
+Man suchte ihn nicht mehr, und bald fanden die Leute einen Trost und
+sagten: »Es ist dem Waisenbüblein wohl geschehen, es war doch verlassen
+und hatte niemand mehr.«
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel.
+
+Ein wenig Licht.
+
+
+Aber Stineli wurde stiller und magerer von Tag zu Tag. Die kleinen
+Kinder schrieen: »Das Stineli will nichts erzählen und lacht nicht
+mehr.« Die Mutter sagte zum Vater: »Siehst du’s denn nicht? Es ist ja
+nicht mehr das gleiche.« Und der Vater sagte: »Es kommt vom Wachsen, man
+muß ihm ein wenig Geißmilch geben am Morgen im Stall.«
+
+Aber als drei Wochen so vergangen waren, da nahm die Großmutter eines
+Abends das Stineli in ihre Kammer hinauf und sagte: »Sieh, Stineli, ich
+kann es wohl begreifen, daß du den Rico nicht vergessen kannst; aber du
+mußt doch denken, daß der liebe Gott ihn weggenommen hat, und wenn es so
+sein mußte, so war es gut für den Rico, das werden wir dann einmal
+sehen.«
+
+Da fing das Stineli so zu weinen an, wie es die Großmutter nie an ihm
+erlebt hatte, und es schluchzte überlaut: »Der liebe Gott hat es ja
+nicht getan, ich habe es getan, Großmutter; darum muß ich fast sterben
+vor Angst, denn ich habe den Rico aufgestiftet, an den See hinabzugehen,
+und nun ist er in die Rüfenen hineingefallen und ist tot, und es hat ihm
+noch so weh getan, und ich bin an allem schuld.« Und Stineli weinte und
+schluchzte zum Erbarmen.
+
+Der Großmutter war wie eine schwere Last vom Herzen gefallen; sie hatte
+den Rico verloren gegeben und heimlich hatte sie der quälende Gedanke
+verfolgt, das arme Büblein sei der bösen Behandlung entlaufen und liege
+vielleicht drüben im Wasser, oder sei im Wald zugrunde gegangen. Jetzt
+stieg auf einmal eine neue Hoffnung in ihr auf.
+
+Sie beruhigte das Stineli so weit, daß es ihr die ganze Geschichte von
+dem See erzählen konnte, von der sie gar nichts wußte: wie der Rico
+immer von dem See gesprochen und es ihn dahin gezogen hatte und wie
+Stineli den Weg auffand. Es war ganz sicher, daß Rico sich dahin auf den
+Weg gemacht hatte; aber des Vaters Worte von den Rüfenen hatten das
+Stineli ganz um alle Hoffnung gebracht.
+
+Die Großmutter nahm das Kind bei der Hand und zog es zu sich heran.
+»Komm, Stineli«, sagte sie liebreich, »ich muß dir nun etwas erklären.
+Weißt du, wie’s in dem alten Liede heißt, das wir noch mit dem Rico
+gesungen haben am letzten Abend?
+
+ ›Denn was er tut und läßt geschehn,
+ Das nimmt ein gutes End’.‹
+
+»Siehst du, wenn nun auch der liebe Gott es nicht selbst getan hat, so
+wie wenn er den Rico gleich in seinem Bette hätte sterben lassen, so war
+doch die Sache in seiner Hand, als du etwas Verkehrtes tatest, denn
+einem solchen kleinen Stineli wäre er schon noch Meister geworden. Und
+daß du etwas recht Verkehrtes getan hast, wirst du jetzt für dein Lebtag
+wissen, und was da herauskommen kann, wenn Kinder in die Welt
+hinauslaufen und Sachen unternehmen wollen, die sie gar nicht kennen,
+und niemandem ein Wort davon sagen, keinen Eltern und keiner Großmutter,
+die es gut mit ihnen meinen. Aber nun hat das der liebe Gott so
+geschehen lassen, und nun dürfen wir bestimmt hoffen, daß alles noch ein
+gutes Ende nehmen kann.
+
+»Jetzt denk daran, Stineli, und vergiß nie mehr, was du da erfahren
+hast. Weil es dir aber recht von Herzen leid ist, so darfst du jetzt
+auch gehen und den lieben Gott bitten, daß er doch noch etwas Gutes
+mache aus dem verkehrten Zeug, das ihr da angestellt habt, du und der
+Rico. Dann darfst du auch wieder fröhlich sein, Stineli, und ich bin es
+mit dir, denn ich glaube zuversichtlich, daß der Rico noch am Leben ist,
+und daß ihn der liebe Gott nicht verläßt.«
+
+Von dem Tage an wurde Stineli wieder munter, und wenn ihm auch der Rico
+auf jedem Schritt mangelte, so hatte es doch keine Angst und keine
+Vorwürfe mehr im Herzen, und Tag für Tag schaute es nach der Straße
+hinüber, ob nicht etwa der Rico dort vom Maloja herunterkomme. So ging
+die Zeit dahin, aber vom Rico hörte man nichts mehr.
+
+
+
+
+Elftes Kapitel.
+
+Eine lange Reise.
+
+
+Rico hatte sich an jenem Sonntagabend in seiner dunkeln Kammer auf
+seinen Stuhl gesetzt. Da wollte er bleiben, bis die Base zu Bett
+gegangen war.
+
+Nachdem Stineli die Entdeckung gemacht hatte, wie die Reise nach dem See
+auszuführen wäre, kam Rico die Sache so leicht vor, daß er sich nur noch
+besinnen wollte, wann er am besten gehen könne, denn er hatte ein Gefühl
+davon, die Base würde ihn vielleicht zurückhalten, wenn er schon wußte,
+daß er ihr nicht stark mangeln würde.
+
+Als sie dann beim Heimkommen so auf ihn losschalt, dachte er: »So will
+ich gleich auf der Stelle gehen, sobald sie im Bette ist.«
+
+Als er nun so im Dunkeln auf seinem Stuhl saß, dachte er nach, wie
+angenehm es sein werde, wenn er nun viele Tage lang die Base nie mehr
+werde schelten hören, und welche große Büschel von den roten Blumen er
+dem Stineli mitbringen wolle, wenn er zurückkomme. Und dann sah er die
+sonnigen Ufer und die violetten Berge vor sich und war entschlafen.
+
+Er war aber nicht in einer sehr bequemen Lage, denn die Geige hatte er
+nicht aus der Hand gelegt; so erwachte er wieder nach einiger Zeit, es
+war aber noch ganz dunkel. Nun kam ihm aber gleich alles klar in den
+Sinn. Er war noch in seinem Sonntagswämschen, das war gut; seine Kappe
+hatte er noch von gestern her auf dem Kopf, die Geige nahm er unter den
+Arm, und so ging er leise die Treppe hinunter, schob den Riegel weg und
+zog in die kühle Morgenluft hinaus.
+
+Über den Bergen fing es schon leise an zu tagen und in Sils krähten die
+Hähne. Er ging tüchtig drauf los, damit er von den Häusern weg und auf
+die große Straße komme. Nun war er da und wanderte vergnügt weiter, denn
+da war ihm alles so wohl bekannt, er war oft mit dem Vater da
+hinaufgegangen. Wie lang es aber ging, bis man auf den Maloja kam, wußte
+er nicht mehr so recht, und es kam ihm lange vor, als er schon mehr als
+zwei gute Stunden immerfort gewandert war.
+
+Aber nun kam nach und nach der helle Tag, und als er nach noch einer
+guten Stunde auf dem Platze vor dem Wirtshaus oben am Maloja angekommen
+war, da, wo er oft mit dem Vater die Straße hinuntergeschaut hatte, da
+lag ein sonniger Morgen über den Bergen und die Tannenwipfel waren alle
+wie von Gold. Rico setzte sich an den Rand der Straße nieder, er war
+schon recht müde, und nun merkte er auch, daß er nichts mehr gegessen
+hatte seit dem vorhergehenden Mittag. Aber er war nicht verzagt, denn
+nun ging es bergab und nachher konnte unversehens der See kommen. Wie er
+so dasaß, kam der große Postwagen herangerasselt; den hatte er schon oft
+gesehen, wenn er bei Sils vorbeifuhr, und immer dabei gedacht, das
+höchste Glück auf Erden genieße ein Kutscher, der immerfort mit einer
+Peitsche auf einem Bock sitzen und fünf Rosse regieren könne. Nun sah
+er einmal den Glücklichen in der Nähe, denn der Postwagen hielt still,
+und Rico verwandte nun kein Auge von dem merkwürdigen Manne, der von
+seinem hohen Sitz herunterkam, ins Wirtshaus eintrat und mit mehreren
+ungeheuren Stücken Schwarzbrot, über welchen ein gewaltig großer Brocken
+Käse lag, wieder aus dem Hause trat.
+
+Nun zog der Kutscher ein festes Messer hervor und zerstückte sein Brot,
+und einem Pferd nach dem anderen steckte er einen guten Bissen ins Maul.
+Zwischenein kam er selbst an die Reihe, auf sein Stück Brot kam aber
+immer ein markiges Stück Käse. Wie sie nun alle zusammen so vergnüglich
+aßen, schaute der Kutscher ein wenig um sich, und mit einem Male rief
+er: »He, kleiner Musikant, willst du auch mithalten? Komm her!«
+
+Erst seit Rico das Essen vor sich gesehen, hatte er gemerkt, wie sehr er
+Hunger hatte. Er folgte gern der Einladung und trat zu dem Kutscher
+heran. Der schnitt ihm ein ganz erstaunlich großes Stück Käse ab und
+legte dieses auf ein noch viel dickeres Stück Brot, so daß Rico kaum
+wußte, wie er die Dinge bewältigen konnte.
+
+Er mußte seine Geige ein wenig auf den Boden legen. Der Kutscher schaute
+wohlgefällig zu, wie Rico in sein Frühstück biß, und während er selbst
+sein Geschäft fortsetzte, sagte er:
+
+»Du bist noch ein kleiner Geiger, kannst du auch etwas?«
+
+»Ja, zwei Lieder, und dann noch das vom Vater«, antwortete Rico.
+
+»So, und wo willst du denn hin auf deinen zwei kleinen Beinen?« fuhr der
+Kutscher fort.
+
+»Nach Peschiera am Gardasee«, war Ricos ernsthafte Antwort.
+
+Jetzt entfuhr dem Kutscher ein so kräftiges Gelächter, daß der Rico ganz
+erstaunt zu ihm aufschauen mußte.
+
+»Du bist ein guter Fuhrwerker, du«, lachte der Kutscher noch einmal;
+»weißt du denn nicht, wie weit das ist, und daß ein schmales
+Musikäntlein, wie du eins bist, sich beide Füße mitsamt den Sohlen
+durchlaufen würde, bevor es noch einen Tropfen Wasser vom Gardasee
+gesehen hätte? Wer schickt dich denn dort hinunter?«
+
+»Ich gehe selber aus mir«, sagte Rico.
+
+»Ein solcher ist mir noch nicht vorgekommen«, lachte der Kutscher
+gutmütig. »Wo bist du daheim, Musikant?«
+
+»Ich weiß es nicht recht, vielleicht am Gardasee«, erwiderte Rico völlig
+ernsthaft.
+
+»Ist das eine Antwort!« Jetzt schaute der Kutscher den Knaben vor sich
+genau an. Wie ein verlaufenes Bettelbüblein sah der Rico nicht aus. Der
+schwarze Lockenkopf über dem Sonntagswämschen sah ganz stattlich aus,
+und das feine Gesichtchen mit den ernsthaften Augen trug einen edlen
+Stempel und man schaute es gern noch einmal an, wenn man es gesehen
+hatte.
+
+Dem Kutscher mochte es auch so gehen, er schaute den Rico fest an und
+dann noch einmal erst recht, dann sagte er freundlich: »Du trägst deinen
+Paß auf dem Gesicht mit, Büblein, und es ist kein schlechter, wenn du
+schon nicht weißt, wo du daheim bist. Was gibst du mir nun, wenn ich
+dich neben mich auf den Bock nehme und dich weit hinunterbringe?«
+
+Rico staunte, als wäre es fast nicht möglich, daß der Mann diese Worte
+wirklich ausgesprochen habe. Auf dem hohen Postwagen ins Tal hinunter
+gefahren, ein solches Glück hätte er nie für sich möglich gehalten. Aber
+was konnte er dem Kutscher geben?
+
+»Ich habe gar nichts als eine Geige, und die kann ich Euch nicht geben«,
+sagte der Rico traurig nach einigem Besinnen.
+
+»Ja, mit dem Kasten wüßte ich auch nichts anzufangen«, lachte der
+Kutscher. »Komm, nun sitzen wir auf, – und du kannst mir ein wenig Musik
+machen.«
+
+Rico traute seinen Ohren nicht; aber wahrhaftig! der Kutscher schob ihn
+über die Räder auf den hohen Sitz hinauf und kletterte nach. Die
+Reisenden waren wieder eingestiegen, der Wagen wurde zugeschlagen und
+nun ging’s die Straße hinunter, die bekannte Straße, die Rico so oft
+sich von oben her angeschaut und verlangt hatte, da hinunter zu kommen.
+Nun war die Erfüllung da und in welcher Weise! Hoch oben zwischen Himmel
+und Erde flog der Rico dahin und konnte immer noch fast nicht glauben,
+daß er es selber sei.
+
+Den Kutscher wunderte es nun doch ein wenig, wem denn das Büblein neben
+ihm gehören könnte.
+
+»Sag mir einmal, du kleine, fahrende Habe, wo ist denn dein Vater?«
+fragte er nach einem festen Peitschenknall.
+
+»Der ist tot«, antwortete Rico.
+
+»So, und wo ist deine Mutter?«
+
+»Die ist tot.«
+
+»So, und dann hat man noch etwa einen Großvater und eine Großmutter, wo
+sind diese?«
+
+»Die sind tot.«
+
+»So, so, aber etwa einen Bruder oder eine Schwester hast du ja sicher;
+wo sind die hingekommen?«
+
+»Sie sind tot«, war Ricos fortwährende traurige Antwort.
+
+Da nun der Kutscher sah, daß da alles tot war, ließ er die
+Verwandtschaft in Ruhe und fragte nur: »Wie hieß dein Vater?«
+
+»Enrico Trevillo von Peschiera am Gardasee«, erwiderte Rico.
+
+Nun legte der Mann sich die Dinge ein wenig zurecht und dachte bei sich:
+das ist ein verschlepptes Büblein von da unten herauf, und es ist gut,
+daß es wieder an seinen Ort kommt. Damit ließ er die Sache liegen.
+
+Als nun nach der ersten steil abwärts gehenden Strecke der Bergstraße
+der Weg etwas ebener wurde, sagte der Kutscher: »So, Musikant, nun spiel
+einmal ein lustiges Liedlein auf.«
+
+Da nahm Rico die Geige vor und war so wohlgemut da oben auf seinem
+Thron, unter dem blauen Himmel hinfahrend, daß er mit der hellsten
+Stimme anfing und kräftig darauflos sang:
+
+ »Ihr Schäflein hinunter von sonniger Höh’.«
+
+Nun saßen zuoberst auf dem Postwagen drei Studenten, die machten eine
+Ferienreise, und wie nun das Lied weiterging und Rico mit aller Lust und
+Fröhlichkeit Stinelis Verse sang, da gab es auf einmal oben auf dem
+Wagen ein lautes Hallo und Gelächter und die Studenten riefen: »Halt,
+Geiger, fang noch einmal an, wir singen auch mit.«
+
+Da fing Rico wieder an, und nun fielen die Studenten ein und sangen mit
+aller Macht:
+
+ »Und die Schäflein, und die Schäflein« –
+
+und dazwischen lachten sie so ungeheuer, daß man nichts mehr hörte von
+Ricos Geige, und dann sangen sie wieder und einer sang zwischenein ganz
+allein:
+
+ »Und tät’ er nichts denken,
+ So tät’ ihm nichts weh!«
+
+Dann fielen die anderen wieder ein und sangen, so laut sie konnten:
+
+ »Und die Schäflein, und die Schäflein« –
+
+und so ging es eine ganze Weile lang fort, und wenn Rico einmal etwas
+innehielt, so riefen sie: »Weiter, Geiger, nicht aufhören!« und warfen
+ihm kleine Geldstücke zu, immer wieder, daß er einen ganzen Haufen in
+der Kappe hatte.
+
+Drinnen im Wagen machten die Reisenden alle Fenster auf und steckten die
+Köpfe heraus, um den frohen Gesang zu hören. Dann fing Rico von neuem
+an, und die Studenten brachen von neuem los und teilten das Lied in Soli
+und Chöre. Da sang die Solostimme ganz feierlich:
+
+ »Und ein See ist wie ein andrer
+ Von Wasser gemacht« –
+
+und dann wieder:
+
+ »Und tät’ er nichts denken,
+ So tät’ ihm nichts weh« –
+
+und dazwischen fiel der Chor ein, und sie sangen mit aller Kraft:
+
+ »Und die Schäflein, und die Schäflein« –
+
+und nachher wollten sie sich wieder totlachen und konnten eine ganze
+Weile nicht fortfahren vor Gelächter.
+
+Aber nun hielt auf einmal der Kutscher still, denn es mußte ein Halt
+gemacht und ein Mittagessen eingenommen werden. Als er den Rico
+hinunterschwang, hielt er ihm sorgfältig seine Kappe fest, denn da war
+all das Geld drin, und Rico hatte genug zu tun, seine Geige zu halten.
+
+Der Kutscher war ganz vergnügt, als er die Kappe in Ricos Hand abgab und
+sagte: »So ist’s recht, nun kannst du auch Mittag haben.«
+
+Die Studenten sprangen hinunter, einer nach dem anderen, und alle
+wollten nun den Geiger sehen, denn sie hatten ihn nicht recht sehen
+können von ihrem Sitze aus, und als sie nun das schmächtige Männlein
+sahen, da ging die Verwunderung und die Heiterkeit erst recht wieder an;
+sie hätten der guten Stimme nach einen größeren Menschen erwartet, nun
+war der Spaß doppelt groß. Sie nahmen das Büblein in ihre Mitte und
+zogen mit Gesang ins Wirtshaus ein. Da mußte denn an dem schöngedeckten
+Tisch der Rico zwischen zwei der Herren sitzen und sie sagten, er sei
+nun ihr Gast, und legten ihm alle drei miteinander jeder ein Stück auf
+den Teller, denn keiner wollte ihm weniger geben, und ein solches
+Mittagessen hatte Rico in seinem ganzen Leben noch nie eingenommen.
+
+»Und von wem hast du dein schönes Lied, Geigerlein?« fragte nun einer
+von den dreien.
+
+»Vom Stineli, es hat es selbst gemacht«, antwortete Rico ernsthaft.
+
+Die drei sahen sich an und brachen in ein neues, schallendes Lachen aus.
+
+»Das ist schön vom Stineli«, rief der eine, »nun wollen wir es gleich
+hoch leben lassen.«
+
+Rico mußte auch anstoßen und tat es ganz fröhlich auf Stinelis
+Gesundheit.
+
+Nun war die Zeit um, und als man wieder zum Wagen herantrat, kam ein
+dicker Mann auf Rico zu, der hatte einen so gewaltigen Stock in der
+Hand, daß man denken mußte, er habe einen jungen Baum ausgerissen. Er
+war in einen festen, gelb-braunen Stoff gekleidet von oben bis unten.
+
+»Komm her, Kleiner«, sagte er, »du hast so schön gesungen. Ich habe dich
+gehört hier drinnen im Wagen, und ich habe es auch mit den Schafen zu
+tun wie du; siehst du, ich bin ein Schafhändler, und weil du so schön
+von den Schafen singen kannst, mußt du von mir auch etwas haben.« Damit
+legte er ein schönes Stück Silbergeld in Ricos Hand, denn die Kappe war
+indessen geleert und alles in die Tasche gesteckt worden.
+
+Dann stieg der Mann in den Wagen an seinen Platz und Rico wurde vom
+Kutscher wie eine Feder hinaufgehoben; dann ging’s wieder davon.
+
+Wenn der Wagen nicht zu rasch fuhr, wollten die Studenten immer gleich
+Musik haben, und Rico spielte alle Melodien, deren er sich nur erinnern
+konnte vom Vater her, und zuletzt spielte er noch: »Ich singe dir mit
+Herz und Mund.«
+
+An dieser Melodie mußten die Studenten ganz sanft entschlafen sein, denn
+es war alles still geworden, und nun schwieg die Geige auch, und der
+Abendwind kam milde herangeweht, und leise stiegen die Sternlein auf am
+Himmel eins nach dem anderen, bis sie strahlten ringsum, wo Rico hinsah.
+Und er dachte an Stineli und die Großmutter, was sie nun tun, und es
+fiel ihm ein, daß um diese Zeit die Betglocke läutete und die beiden
+ihr Vaterunser beteten. Das wollte er auch tun; es war dann so, wie wenn
+er bei ihnen wäre, und Rico faltete die Hände und betete unter dem
+leuchtenden Sternenhimmel andächtig sein Vaterunser.
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel.
+
+Es geht noch weiter.
+
+
+Rico war auch entschlafen. Er erwachte daran, daß ihn der Kutscher
+packte, um ihn herunterzunehmen. Nun stieg alles aus und herunter, und
+die drei Studenten kamen noch auf den Rico zu und schüttelten ihm die
+Hand und wünschten ihm viel Glück auf seine Reise. Und einer rief: »Grüß
+uns auch freundlich das Stineli!«
+
+Dann verschwanden sie in einer Straße und Rico hörte, wie sie noch
+einmal anstimmten: »Und die Schäflein, und die Schäflein.«
+
+Nun stand Rico da in der dunkeln Nacht und hatte gar keinen Begriff, wo
+er war, und auch nicht, was er tun sollte. Da fiel ihm ein, daß er nicht
+einmal dem Kutscher gedankt hatte, der ihn doch so weit hatte mitfahren
+lassen, und er wollte es gleich noch tun.
+
+Aber der Kutscher war mitsamt den Pferden verschwunden, und es war
+dunkel ringsum: nur drüben hing eine Laterne, auf diese ging Rico zu.
+Sie hing an der Stalltür, wo die Pferde eben hineingeführt wurden.
+Daneben stand der Mann mit dem dicken Stock, er schien auf den Kutscher
+zu warten. Rico stellte sich auch hin und wartete desgleichen.
+
+Der Schafhändler mußte ihn in der Dunkelheit nicht gleich erkannt haben;
+auf einmal sagte er erstaunt: »Was, bist du auch noch da, Kleiner, wo
+mußt du denn deine Nacht zubringen?«
+
+»Ich weiß nicht, wo«, antwortete Rico.
+
+»Das wäre der Tausend! um elf Uhr in der Nacht ein solches bißchen von
+einem Buben wie du, und im fremden Lande –«
+
+Der Schafhändler mußte seine Worte völlig herausblasen, denn in der
+Erregung kam er nicht gut zu Atem; er endigte aber seinen Satz nicht,
+denn der Kutscher kam aus dem Stalle, und Rico lief gleich auf ihn zu
+und sagte: »Ich habe Euch noch danken wollen, daß Ihr mich mitgenommen
+habt.«
+
+»Das ist gerade gut, daß du noch kommst, jetzt hätte ich dich über den
+Rossen vergessen und wollte dich doch da einem Bekannten übergeben. Eben
+wollte ich Euch fragen, guter Freund«, fuhr er, zum Schafhändler
+gewandt, fort, »ob Ihr nicht das Büblein mitnehmen würdet, weil Ihr doch
+ins Bergamaskische hinabgeht. Es muß an den Gardasee hinunter,
+irgendwohin; es ist so eins von denen, die so hin und her – Ihr versteht
+mich schon.«
+
+Dem Schafhändler kamen allerhand Geschichten von gestohlenen und
+verlorenen Kindern vor Augen, er schaute Rico im Schein der Laterne
+mitleidsvoll an und sagte halblaut zum Kutscher: »Er sieht auch so aus,
+als ob es nicht sein rechtes Futteral wäre, in dem er steckt. Er wird
+wohl in ein Herrenmäntelchen hineingehören. Ich nehme ihn mit.«
+
+Nachdem er noch einen Schafhandel mit dem Kutscher besprochen, nahmen
+die beiden Abschied voneinander, und der Schafhändler winkte Rico, daß
+er mit ihm kommen solle.
+
+Nach einer kurzen Wanderung trat der Mann in ein Haus und unmittelbar in
+eine große Wirtsstube ein, wo er sich mit Rico in einer Ecke niederließ.
+
+»Nun wollen wir einmal deine Barschaft ansehen«, sagte er zu Rico, »daß
+wir wissen, was sie erleiden mag. Wohin mußt du unten am See?«
+
+»Nach Peschiera am Gardasee«, war Ricos unveränderliche Antwort. Er zog
+nun seine Geldstücke alle hervor, ein artiges Häuflein kleiner Münzen
+und oben darauf das größere Silberstück.
+
+»Hast du nur das eine gute Stück?« fragte der Händler.
+
+»Ja, nur das, von Euch hab’ ich’s«, entgegnete Rico.
+
+Das gefiel dem Mann, daß er allein ein großes Stück gegeben hatte und
+daß es der Junge gut wußte; er bekam Lust, ihm gleich noch etwas zu
+geben. Als nun gerade das Essen vor sie hingestellt wurde, nickte der
+behäbige Mann seinem kleinen Nachbar zu und sagte: »Das bezahl’ ich und
+das Nachtlager auch; so kommst du morgen aus mit deinem Vermögen.«
+
+Rico war so müde von all dem Singen und Geigen und Fahren den ganzen
+Tag, daß er kaum mehr essen konnte, und in der großen Kammer, wo er
+zusammen mit seinem Beschützer die Nacht zuzubringen hatte, war er kaum
+in sein Bett gestiegen, als er sofort in einen tiefen Schlaf sank.
+
+Am frühen Morgen wurde Rico von einer kräftigen Hand aus seinem festen
+Schlaf aufgerüttelt. Er sprang eilends aus seinem Bett; sein Begleiter
+stand schon reisefertig da mit dem Stock in der Hand.
+
+Es währte aber gar nicht lang, so stand auch Rico zur Abreise bereit,
+die Geige im Arm. Erst traten die beiden in die Wirtsstube ein und Ricos
+Begleiter rief nach Kaffee. Dann ermunterte er den Jungen, er solle nur
+recht viel davon zu sich nehmen, denn nun komme eine lange Fahrt und
+eine solche, die Appetit mache.
+
+Als das Geschäft zur Zufriedenheit abgetan war, zogen die Reisenden aus,
+und nach einer Strecke Wegs kamen sie um eine Ecke herum, und – wie
+mußte Rico da die Augen auftun – auf einmal sah er einen großen,
+flimmernden See vor sich, und ganz erregt sagte er: »Jetzt kommt der
+Gardasee.«
+
+»Noch lange nicht, Bürschlein; jetzt sind wir am Comersee«, erklärte
+sein Schutzherr. Nun stiegen sie in ein Schiff und fuhren viele Stunden
+lang dahin. Und Rico schaute bald nach den sonnigen Ufern, bald in die
+blauen Wellen, und es wehte ihn heimatlich an. – Jetzt legte er mit
+einem Male sein Silberstück auf den Tisch.
+
+»Was, was, hast du schon zuviel Geld«, fragte der Schafhändler, der, mit
+beiden Armen auf seinen Stock gestützt, erstaunt dem Unternehmen zusah.
+
+»Heute muß ich bezahlen«, sagte Rico, »Ihr habt’s gesagt.«
+
+»Du gibst doch acht, wenn man dir etwas sagt, das ist etwas Gutes; aber
+sein Geld legt man nicht nur so auf den Tisch, gib mir’s einmal her.«
+
+Damit stand er auf und ging, sich nach der Bezahlung umzusehen. Als er
+aber seinen dicken Lederbeutel hervorzog, der ganz voll solcher
+Silberstücke war, denn er war auf einer Handelsreise begriffen, da
+konnte er’s nicht übers Herz bringen, des Bübleins einziges Stück
+herzugeben, und er brachte es wieder zurück samt der Karte und sagte:
+
+»Da, du kannst’s morgen noch besser brauchen; jetzt bist du noch bei mir
+und wer weiß, wie es dir nachher geht. Wenn du einmal da unten ankommst
+und ich nicht mehr bei dir bin, findest du dann auch ein Haus, wo du
+hinein mußt?«
+
+»Nein, ich weiß kein Haus«, antwortete Rico. Der Mann hatte ein großes
+heimliches Erstaunen zu bewältigen, denn des Bübleins Geschichte kam ihm
+sehr geheimnisvoll vor. Er ließ aber nichts merken und fragte auch nicht
+weiter; er dachte, da komme er doch nicht ins klare; der Kutscher müsse
+ihm dann einmal Aufschluß geben, der wisse wohl mehr von allem, als das
+Büblein selbst. Mit diesem hatte er großes Mitleid, denn es mußte nun
+bald noch seinen Schutz verlieren.
+
+Als das Schiff stillstand, nahm der Mann Rico an die Hand und sagte: »So
+verlier’ ich dich nicht und du kommst besser nach, denn jetzt heißt’s
+gut marschieren; die warten nicht.«
+
+Rico hatte zu tun, den guten Schritten nachzukommen. Er schaute weder
+rechts noch links und auf einmal stand er vor einer langen Reihe ganz
+sonderbarer Rollwagen. Da stieg er auf einem Treppchen hinein, dem
+Begleiter nach, und nun fuhr Rico zum ersten Male in seinem Leben auf
+einer Eisenbahn. Nachdem man so eine Stunde lang gefahren war, stand der
+Schafhändler auf und sagte: »Jetzt kommt’s an mich, da sind wir in
+Bergamo, und du bleibst ruhig sitzen, bis dich einer herausholt, denn
+ich habe alles eingerichtet, dann steigst du aus und bist da.«
+
+»Bin ich dann in Peschiera am Gardasee?« fragte Rico. Das bestätigte
+sein Beschützer. Nun bedankte sich Rico recht schön, denn er hatte wohl
+verstanden, wie viele Guttaten ihm dieser Mann erwiesen hatte, und so
+schieden sie und es tat jedem leid, daß er vom anderen wegkam.
+
+Rico saß nun ganz still in seiner Ecke und hatte Zeit zum Staunen, denn
+es bekümmerte sich kein Mensch mehr um ihn. So mochte er wohl gegen drei
+Stunden unbeweglich dagesessen haben, als der Zug wieder einmal anhielt,
+wie schon mehrere Male.
+
+Jetzt trat ein Wagenführer herein, nahm den Rico beim Arm und zog ihn in
+Eile aus dem Wagen und die Treppe hinunter. Dann deutete er die Anhöhe
+hinab und sagte: »Peschiera«, und im Nu war er wieder im Wagen droben
+und verschwunden, der Zug sauste weiter.
+
+
+
+
+Dreizehntes Kapitel.
+
+Am fernen, schönen See.
+
+
+Rico entfernte sich einige Schritte von dem Gebäude, wo der Zug
+angehalten hatte, und schaute um sich, dieses weiße Haus, der kahle
+Platz davor, der schnurgerade Weg in der Ferne, alles kam ihm so fremd
+vor, das hatte er in seinem Leben nie gesehen und er dachte bei sich:
+»Ich bin nicht am rechten Ort.« Er ging traurig weiter, den Weg hinab,
+zwischen den Bäumen durch; nun machte der Weg eine Wendung, und Rico
+stand da wie im Traum und rührte sich nicht mehr. Vor ihm lag funkelnd
+im hellen Sonnenschein der himmelblaue See mit den warmen, stillen
+Ufern, und drüben kamen die Berge gegeneinander, in der Mitte lag die
+sonnige Bucht, und die freundlichen Häuser daran schimmerten herüber.
+Das kannte Rico, das hatte er gesehen, da hatte er gestanden, gerade da,
+diese Bäume kannte er; wo war das Häuschen? Da mußte es stehen, ganz
+nah; es war nicht da.
+
+Aber da unten war die alte Straße, o, die kannte er so gut, und dort
+schimmerten die großen, roten Blumen aus den grünen Blättern; da mußte
+auch eine schmale, steinerne Brücke sein, dort über den Ausfluß vom See,
+dort war er so oft hinübergegangen; man konnte sie nicht sehen.
+
+Plötzlich rannte Rico, von brennendem Verlangen getrieben, hinauf auf
+die Straße und hinüber, da war die kleine Brücke – er wußte alles –, da
+war er darübergegangen und jemand hielt ihn an der Hand – die Mutter.
+Mit einem Male kam das Gesicht der Mutter ganz klar vor seine Augen, wie
+er es nie mehr gesehen hatte, viele Jahre; da hatte sie neben ihm
+gestanden und ihn angeschaut mit den liebevollen Augen, und den Rico
+übernahm es, wie noch nie in seinem Leben.
+
+Neben der kleinen Brücke warf er sich auf den Boden und weinte und
+schluchzte laut: »O, Mutter, wo bist du? Wo bin ich daheim, Mutter?«
+
+So lag er lange Zeit und mußte sein großes Leid ausweinen, und es war,
+als wollte sein Herz zerspringen und als sei es ein Ausbruch von allem
+Weh, das ihn bisher stumm und starr gemacht, wo es ihn getroffen hatte.
+
+Als sich Rico vom Boden erhob, war die Sonne schon weit unten und ein
+goldener Abendschein lag auf dem See. Nun wurden die Berge violett, und
+ein rosiger Duft lag rings über den Ufern. So hatte Rico seinen See im
+Sinne gehabt und im Traum gesehen, und noch viel schöner war alles, nun
+er es wieder mit seinen Augen sah. Rico dachte in einem fort, wie er so
+dasaß und schaute und nicht genug schauen konnte: »Wenn ich doch das
+alles dem Stineli zeigen könnte!«
+
+Nun war die Sonne untergegangen und das Licht erlosch ringsumher. Rico
+stand auf und schritt der Straße zu, wo er die roten Blumen gesehen. Von
+der Straße ging ein schmaler Weg dahin. Da standen sie, ein Busch am
+anderen, es war aber wie ein Garten anzusehen; es war freilich nur ein
+ganz offener Zaun darum herum, und im Garten waren Blumen und Bäume und
+Weinranken, alles durch- und ineinander zu sehen.
+
+Da droben am Ende stand ein schmuckes Haus mit offener Tür, und im
+Garten ging ein junger Bursche hin und her und schnitt da und dort große
+goldgelbe Trauben von den Reben und pfiff wohlgemut ein Lied dazu.
+
+Rico schaute die Blumen an und dachte: »Wenn Stineli diese sehen
+könnte!« und stand lange unbeweglich am Zaun.
+
+Jetzt erblickte ihn der Bursche und rief ihm zu: »Komm herein, Geiger,
+und spiel ein schönes Liedchen, wenn du eins kannst.«
+
+Das rief ihm der Knabe italienisch zu, und dem Rico war es ganz
+sonderbar dabei; er verstand, was er hörte, aber er hätte nicht so
+sprechen können. Er trat in den Garten ein, und der Bursche wollte mit
+ihm reden; wie er aber sah, daß Rico nicht antworten konnte, deutete er
+auf die offene Tür und machte dem Rico verständlich, daß er dort spielen
+solle.
+
+Rico näherte sich der Tür, sie führte gleich in ein Zimmer hinein. Da
+stand ein Bettchen darin und daneben saß eine Frau und machte etwas aus
+roten Schnüren. Rico stellte sich vor die Schwelle und fing an sein Lied
+zu spielen und zu singen:
+
+ »Ihr Schäflein hinunter.«
+
+Als er fertig war, erhob sich aus dem kleinen Bett ein bleicher Kopf von
+einem Knaben, der rief heraus:
+
+»Spiel noch einmal!«
+
+Rico spielte eine andere Melodie.
+
+»Spiel noch einmal«, tönte es wieder.
+
+So ging es hintereinander fünf- bis sechsmal und immer wieder ertönte
+aus dem Bett: »Spiel noch einmal!«
+
+Nun wußte Rico nichts mehr; er nahm seine Geige herunter und wollte
+fortgehen. Da fing der Kleine an zu schreien: »Bleib da, spiel wieder,
+spiel noch einmal!« Und die Frau war aufgestanden und kam zu Rico her.
+Sie gab ihm etwas in die Hand, und Rico wußte erst nicht, was sie
+wollte; aber es kam ihm wieder in den Sinn, daß Stineli gesagt hatte:
+wenn er an einer Tür geige, so gäben ihm die Leute etwas. Dann fragte
+die Frau freundlich, woher er komme und wohin er gehe? Rico konnte nicht
+antworten. Sie fragte, ob er mit seinen Eltern da sei? da nickte er
+Nein; ob er allein sei? er nickte Ja; wohin er jetzt gehen wolle so am
+Abend? Rico schüttelte unsicher den Kopf. Da kam die Frau ein Mitleid an
+mit dem kleinen Fremden und sie rief den Burschen herbei und befahl ihm,
+er solle mit dem Knaben nach dem Wirtshaus zur »Goldenen Sonne« gehen,
+da verstehe der Wirt vielleicht die Sprache des kleinen Musikanten, denn
+er sei lange fort gewesen. Dem solle er sagen, er solle den Knaben über
+Nacht behalten auf ihre Rechnung und ihn auch morgen auf den rechten Weg
+stellen, wohin er müsse, er sei ja noch so jung – »nur ein paar Jahre
+älter als der meinige«, setzte sie mitleidsvoll hinzu –, und er solle
+ihm auch etwas zu essen geben.
+
+Der Kleine aus dem Bett schrie wieder: »Er muß noch einmal spielen«, und
+ließ nicht ab, bis die Mutter sagte: »Er kommt ja morgen wieder, jetzt
+muß er aber schlafen und du auch.«
+
+Der Bursche ging nun dem Rico voran, und dieser wußte nun wohl, wohin er
+komme, er hatte die Worte der Frau verstanden.
+
+Es war gute zehn Minuten bis zum Städtchen hin. Da mitten in einem
+Gäßchen trat der Bursche in ein Haus und unmittelbar in eine große
+Wirtsstube ein, die war dick voller Tabaksrauch und eine Menge Männer
+saßen an den Tischen herum.
+
+Der Bursche richtete seinen Auftrag aus, und der Wirt sagte: »Es ist
+gut«, und die Wirtin kam auch gleich herbei und beide sahen sich den
+Rico von oben bis unten an. Wie aber die Gäste, die am nächsten Tische
+saßen, die Geige sahen, riefen gleich mehrere von ihnen: »Da gibt’s
+Musik«, und einer rief: »Spiel auf, Kleiner, gleich, lustig!« Und sie
+riefen alle so durcheinander, daß der Wirt kaum fragen konnte, was der
+Rico für eine Sprache rede und woher er komme. Rico antwortete nun in
+seiner Sprache, daß er über den Maloja heruntergekommen sei, und daß er
+alles verstehe, was sie hier sagen, aber nicht so reden könne. Der Wirt
+verstand ihn und sagte, er sei auch schon da droben gewesen und sie
+wollten noch miteinander reden, aber jetzt solle er etwas geigen, denn
+die Gäste riefen noch immerfort, sie wollten Musik haben.
+
+Da fing Rico gehorsam an zu spielen, und zwar wie immer mit seinem
+Liede, und sang dazu. Aber von den Gästen verstand keiner ein Wort von
+dem Gesang, und die Melodie kam den Zuhörern wohl ein wenig einfach vor.
+Die einen fingen an zu schwatzen und zu lärmen, die anderen riefen, sie
+wollten etwas anderes, einen Tanz oder etwas Schönes.
+
+Rico sang unentwegt sein Lied zu Ende, denn wenn er es einmal angefangen
+hatte, dann sang er es durch. Wie er nun fertig war, besann er sich:
+einen Tanz konnte er nicht spielen, er kannte keinen; das Lied von der
+Großmutter ging noch langsamer, und sie konnten wieder nichts verstehen;
+jetzt kam ihm in den Sinn und er stimmte an:
+
+ #»Una sera
+ In Peschiera« –#
+
+Kaum waren die ersten melodischen Töne dieses Liedes erklungen, so
+entstand eine völlige Stille, und mit einem Male ertönten von da und
+dort und von allen Tischen her die Stimmen, und es wurde ein Chor, so
+schön wie Rico nie einen gehört hatte, daß er ganz in Begeisterung kam
+und immer feuriger spielte, und die Männer alle sangen immer eifriger,
+und war ein Vers zu Ende, so fing Rico gleich mit festem Zuge den neuen
+an, denn er wußte noch wohl von dem Vater her, wo es aufhörte. Und wie
+nun der Schluß kam, da brach aber nach dem schönen Gesang ein solcher
+Lärm los, wie Rico noch keinen gehört hatte. Alle die Menschen riefen
+und schrieen durcheinander und schlugen vor Freuden die Fäuste auf den
+Tisch, und dann kamen sie alle mit ihren Gläsern auf den Rico los, und
+aus jedem sollte er trinken, und zwei schüttelten ihm die Hände und
+einer die Schultern, und alle miteinander schrieen ihn an und machten
+vor lauter Freudenspektakel dem Rico angst und bange, daß er immer
+blässer wurde. Er hatte aber ihr eigenes Peschiera-Lied gespielt, das
+nur ihnen gehörte und das nie ein Fremder lernen konnte, und er hatte es
+fest und rein gespielt, als wäre er einer von Peschiera; das konnten die
+lebhaft empfindenden Peschierianer gar nicht genug aussprechen und sich
+freuen über den Wundergeiger und Brüderschaft mit ihm trinken.
+
+Nun aber kam die Wirtin dazwischen mit einem Teller voll Reis und einem
+großen Stück Huhn oben darauf; sie winkte dem Rico und sagte es den
+Leuten, sie sollten ihn in Ruh’ lassen, er müsse nun essen, er sei ja
+kreideweiß vor Anstrengung. Dann stellte sie seinen Teller auf einen
+kleinen Tisch in der Ecke und setzte sich zu ihm und ermunterte ihn,
+brav zu essen, das könne einem so mageren Bürschchen nur gut tun.
+
+Rico fand auch sein Nachtessen vortrefflich, denn seit dem Kaffee am
+frühen Morgen hatte er keinen Bissen mehr gesehen, und zu dem Fasten
+hatte er so viel erlebt heute!
+
+Sobald er auch seinen Teller leer hatte, fielen ihm die Augen zu vor
+Müdigkeit. Der Wirt war auch an den Tisch getreten und lobte den Rico
+für sein Spiel und fragte ihn, wem er angehöre und wohin er wolle. Rico
+sagte, indem er seine Augen mit Mühe offen hielt, er gehöre niemandem,
+und er wolle nirgendshin.
+
+Da ermunterte ihn der Wirt freundlich, er solle nur ohne Kummer schlafen
+gehen, morgen könne er dann die Frau Menotti wieder besuchen, die ihn
+hierher geschickt habe; die sei eine gar gute Frau und könne ihn
+vielleicht als Knechtlein gebrauchen, wenn er nicht wisse, wohin.
+
+Aber die Wirtin riß den Mann immer noch am Ärmel, so als ob er nicht
+sagen sollte, was er sagte; er redete aber doch fertig, denn er begriff
+nicht, was sie wollte.
+
+Nun fingen die Männer an den Tischen wieder zu lärmen an, sie wollten
+noch einmal ihr Lied gespielt haben. Da rief aber die Wirtin: »Nein,
+nein, am Sonntag dann wieder; er fällt ja um vor Müdigkeit.« Damit nahm
+sie den Rico an der Hand und führte ihn hinauf in eine große Kammer, da
+hing das Roßgeschirr an der Wand, und in der einen Ecke war Korn
+aufgeschüttet, und in der anderen stand sein Bett. In wenigen Minuten
+lag Rico darin und schlief tief und fest.
+
+Später, als in dem Hause alles still geworden war, da saß der Wirt noch
+an dem Tischchen, wo Rico gesessen, und die Frau stand vor ihm – denn
+sie war noch am Aufräumen – und sagte mit Eifer: »Den mußt du der Frau
+Menotti nicht wieder zuschicken; ein solches Bürschchen kann ich gerade
+gebrauchen zu allerhand Geschäften, und hast du denn nicht bemerkt, wie
+er geigen kann? Sie wurden ja alle wie wild davon. Gib acht, das gibt
+einen Geiger ab, wie keiner ist von unseren dreien, und Tänze spielen
+lernt der schon, dann hast du ihn für nichts an allen Tanztagen und
+kannst ihn noch ausleihen. Den mußt du gar nicht mehr aus der Hand
+lassen, er sieht manierlich aus und gefällt mir; den behalten wir.«
+
+»Es ist mir auch recht«, sagte der Wirt und sah ein, daß seine Frau
+etwas Vorteilhaftes ausgedacht hatte.
+
+
+
+
+Vierzehntes Kapitel.
+
+Neue Freundschaft und die alte nicht vergessen.
+
+
+Am Morgen darauf stand die Wirtin unter der Haustür und hielt ihre
+Umschau über das Wetter und was sich etwa über Nacht ereignet habe. Da
+kam der Bursche der Frau Menotti dahergegangen; der war zugleich Herr
+und Knecht auf dem schönen, fruchtreichen Gute der Frau, denn er
+verstand die Garten- und Feldarbeit und regierte und besorgte alles
+selbst und hatte es gut. Darum pfiff er auch fortwährend.
+
+Als er nun vor der Wirtin stand, stellte er das Pfeifen ein wenig ein
+und sagte: wenn der junge Musikant von gestern Abend noch nicht weiter
+sei, so solle er zur Frau Menotti herüberkommen, das Büblein wolle ihn
+noch einmal geigen hören.
+
+»Ja, ja, wenn es der Frau Menotti nur nicht zu stark pressiert«, sagte
+die Wirtin, indem sie beide Arme in die Seite stemmte, zum Zeichen, daß
+sie nicht in der Eile sei. »Vorderhand liegt der Musikant oben in seinem
+guten Bett und schläft noch tapfer, und ich gönne ihm seinen Schlaf. Der
+Frau Menotti könnt Ihr sagen, ich wolle ihn einmal vorbeischicken, denn
+er gehe nicht weiter, sondern ich habe ihn auf- und angenommen für gut;
+denn er ist ein verlassenes Waisenkind, das nicht wußte, wohin, und nun
+ist er wohl versorgt«, setzte sie mit Nachdruck hinzu.
+
+Der Bursche ging mit seinem Auftrag.
+
+Die Wirtin ließ den Rico ganz fertig schlafen, denn sie war eine
+gutmütige Frau, nur dachte sie zuerst an den eigenen Profit und dann
+nachher an den der anderen. Als Rico endlich von selbst erwachte, hatte
+er alle Müdigkeit ausgeschlafen und kam ganz frisch die Treppe herunter.
+Da winkte ihm die Wirtin in die Küche hinein und stellte ein großes
+Becken voll Kaffee vor ihn auf den Tisch und legte einen schönen, gelben
+Maiskuchen daneben. Dann sagte sie:
+
+»So kannst du’s alle Tage haben, wenn du willst, und am Mittag und Abend
+noch viel besser, denn da kocht man für die Gäste und da bleibt immer
+etwas übrig. Dann kannst du für mich auslaufen und daneben geigen,
+wenn’s nötig ist, und kannst bei uns daheim sein, und hast deine eigene
+Kammer und mußt nicht mehr in der Welt herumziehen. Jetzt kannst du nur
+sagen, ob du willst.«
+
+Da antwortete Rico zufrieden: »Ja, ich will«, denn so viel konnte er
+ganz gut in der Wirtin Sprache sagen.
+
+Nun ging sie gleich mit ihm durch das ganze Haus und durch die Scheune
+und den Stall und in den Krautgarten und zum Hühnerhof, und von all den
+Plätzen aus erklärte sie ihm die Umgebung und die Richtung, wo es zum
+Krämer ging und zum Schuhmacher und noch zu mehreren anderen wichtigen
+Leuten. Rico gab genau acht, und um ihn zu prüfen, schickte die Wirtin
+ihn gleich an drei oder vier Orte, allerhand Sachen zu holen, wie Öl,
+Seife und Faden und einen geflickten Stiefel, denn sie hatte bemerkt,
+daß Rico einzelne Worte ganz gut sagen konnte.
+
+Rico besorgte alles richtig, das gefiel der Wirtin wohl und gegen Abend
+sagte sie: »Nun kannst du mit der Geige zur Frau Menotti gehen und dort
+bleiben, bis es Nacht wird.«
+
+Darüber freute sich Rico sehr, denn da kam er an dem See vorbei und
+nachher zu den schönen Blumen.
+
+Am See angekommen, lief er nach der kleinen Brücke und saß ein wenig
+nieder, denn da lag wieder alle die Schönheit vor ihm, das Wasser und
+die Berge im goldenen Duft, und er konnte fast nicht mehr weg.
+
+Aber er tat es doch, denn er wußte, daß er nun tun mußte, was ihn die
+Wirtin hieß, weil er dafür bei ihr wohnen durfte.
+
+Als er in den Garten trat, hörte ihn schon das Büblein – denn die Tür
+stand immer offen – und es rief: »Komm und spiel wieder!«
+
+Die Frau Menotti kam heraus und gab dem Rico freundlich die Hand und zog
+ihn in das Zimmer hinein. Es war eine große Stube, und man sah durch die
+breite Tür schön in den Garten und auf die Blumen hinaus. Das kleine
+Bett des kranken Bübleins stand gerade der Tür gegenüber und daneben
+standen nur Tische und Stühle und schöne Kasten im Zimmer, aber kein
+Bett mehr, denn des Nachts wurde das kleine Bett ins Nebenzimmer
+gebracht, wo auch dasjenige der Mutter stand; und am Morgen trug man das
+Bettchen mit dem Insassen wieder in die schöne, frohe Stube hinaus, wo
+jeden Morgen die Sonne einen glänzenden Streifen über den ganzen
+Fußboden hinwarf und das Herz des Bübleins fröhlich machte. Neben dem
+Bettchen standen zwei kleine Krücken, und von Zeit zu Zeit nahm die
+Mutter den Kleinen aus seinem Bett und leitete ihn auf den Krücken ein
+paarmal die Stube auf und nieder, denn er konnte weder gehen noch
+stehen; seine Beinchen waren völlig lahm, er hatte sie nie gebrauchen
+können.
+
+Als Rico in die Tür trat, schnellte sich das Büblein empor an einer
+langen Schnur, die von der Decke bis auf sein Bett herunterhing, denn es
+konnte nicht aus eigener Kraft aufsitzen. Rico trat herzu und schaute
+das Büblein schweigend an. Es hatte ganz dünne Ärmchen und kleine magere
+Finger und ein so kleines Gesicht, wie Rico nie an einem Buben gesehen
+hatte, und aus dem Gesichtchen heraus schauten zwei große Augen den Rico
+ganz durchdringend an, denn das Büblein, das wenig Neues vor Augen sah
+und nach viel neuen und nie gesehenen Dingen dürstete, schaute alles
+ganz scharf an, das auf seinen einsamen Weg kam.
+
+»Wie heißest du?« fragte das Büblein jetzt.
+
+»Rico«, war die Antwort.
+
+»Und ich Silvio. Wie alt bist du?« fragte es weiter.
+
+»Bald elf Jahre alt.«
+
+»Und ich auch bald«, sagte das Büblein.
+
+»Ach, Silvio, was du sagst«, fiel die Mutter ein; »noch nicht völlig
+vier bist du, so schnell geht’s nicht.«
+
+»Spiel wieder!« sagte nun der kleine Silvio.
+
+Die Mutter setzte sich an ihren Platz neben dem Bettchen, und Rico
+stellte sich etwas weiter unten hin und fing an zu geigen. Silvio
+konnte es nicht genug bekommen; sobald der Rico ein Stück fertig hatte,
+so ertönte sein: »Spiel wieder!«
+
+So hatte Rico alle seine Stücke wohl sechsmal durchgespielt; da ging die
+Mutter weg und kam wieder mit einem Teller voll von den goldgelben
+Trauben und sagte, nun müsse Rico ausruhen und sich auf den Stuhl setzen
+an das Bett und Trauben essen mit dem Silvio.
+
+Dann ging sie ein wenig in den Garten hinaus und sah ihren Sachen nach
+und war froh darüber, denn sie konnte fast gar nie von dem Bette des
+Kleinen weggehen, er litt es nicht und schrie dann immer jämmerlich; so
+war es eine rechte Wohltat für die Frau, daß sie einmal hinausgehen
+konnte.
+
+Unterdessen verstanden sich die beiden drinnen vortrefflich, denn auf
+Silvios Fragen konnte Rico ganz gut antworten; auch konnte er sich
+leicht verständlich machen, wo er etwa nicht gleich das rechte Wort
+wußte, und die Unterhaltung war dem Silvio sehr kurzweilig. Die Mutter
+konnte auch die Blumenbeete und die Weinreben und die schönen
+Feigenbäume im Acker und ringsum alles ansehen, ohne daß der Silvio ein
+einziges Mal gerufen hätte.
+
+Aber als sie nun hereinkam und es bald zu dämmern anfing und Rico
+aufstand, um fortzugehen, da schlug der Silvio einen großen Lärm an und
+hielt den Rico fest am Wämschen mit beiden Händen und wollte ihn nicht
+loslassen, wenn er nicht gleich verspreche, er komme morgen wieder und
+alle Tage. Aber die Frau Menotti war eine vorsichtige Frau; sie hatte
+den Bericht der Wirtin auch ziemlich verstanden und beschwichtigte nun
+den Silvio und versprach ihm, gleich in den ersten Tagen zu der Wirtin
+zu gehen und mit ihr zu sprechen, denn der Rico könne nichts
+versprechen so von sich aus, er müsse folgen.
+
+Endlich ließ der Kleine das Wämschen los und gab Rico die Hand, und
+dieser ging ungern aus der Stube weg. Er wäre lieber dageblieben, wo es
+so still war und alles so gut aussah und Silvio und die Mutter so
+freundlich mit ihm waren. –
+
+Es vergingen wenige Tage, da trat eines Abends die Frau Menotti ganz
+aufgeputzt in die »Goldene Sonne« ein, und die Wirtin lief ihr entgegen
+und führte sie in den oberen Saal hinauf. Da fragte denn Frau Menotti
+ganz höflich, ob es der Frau Wirtin nicht ungelegen wäre, ihr für ein
+paar Abende der Woche den Rico zu überlassen; er unterhalte ihr das
+kranke Büblein so gut und sie wollte gern erkenntlich sein dafür in
+jeder gewünschten Weise.
+
+Es schmeichelte der Wirtin, daß die wohlangesehene Frau Menotti sie so
+um einen Dienst zu bitten kam, und es wurde gleich festgesetzt, daß Rico
+an jedem freien Abend kommen würde, und Frau Menotti übernahm dagegen,
+für Ricos Bekleidung zu sorgen, so daß die Wirtin überaus befriedigt war
+mit der Einrichtung; denn nun hatte sie keinen Heller für den Knaben
+auszugeben und den reinen Gewinn von ihm. So schieden die Frauen beide
+in der größten Zufriedenheit voneinander. –
+
+So vergingen für Rico die Tage. In kurzer Zeit sprach er so geläufig
+italienisch, als hätte er es immer gekonnt. Und einmal hatte er es auch
+gekonnt; so fiel ihm eins nach dem anderen ohne Mühe wieder ein, und er
+hatte ein gutes Ohr und sprach wie ein völliger Italiener, so daß sich
+alle Leute darüber verwundern mußten. Die Wirtin konnte ihn so gut
+brauchen, wie sie nicht einmal erwartet hatte, denn seine Geschäfte
+machte er so sauber und ordentlich, wie sie selbst manches nicht machen
+konnte, denn sie hatte die Geduld nicht, und wenn etwas mußte
+aufgerüstet werden zu einem Fest, etwa zu einer Hochzeit, so mußte es
+Rico tun, denn er wußte, was schön war, und konnte es machen. Wenn er
+seine Aufträge ausrichten mußte, so war er wieder da, ehe die Wirtin nur
+denken konnte, er sei am Ort angekommen, denn er brauchte keine Zeit zur
+Unterhaltung. Wenn jemand ihn ausfragen wollte, so kehrte er sich auf
+der Stelle um und ging davon. Das gefiel der Wirtin besonders, als sie
+es bemerkte, und es flößte ihr einen solchen Respekt ein vor dem Jungen,
+daß sie ihn selbst nicht ausfragte, und so kam es, daß eigentlich
+niemand wußte, wie er nach Peschiera gekommen war; aber es hatte sich
+eine Geschichte verbreitet, die nahm jedermann an, daß er als ein
+verlassenes Waisenkind da droben in den Bergen schlecht gehalten und bös
+behandelt worden, da sei er entlaufen und habe viele Gefahren bestanden
+auf der langen Reise und sei endlich hier angekommen, wo die Leute nicht
+so roh seien wie in den Bergen, und hier sei er gern. Und wenn die
+Wirtin die Geschichte erzählte, so ermangelte sie nicht, hinzuzusetzen:
+er verdiene es auch, daß es ihm so gut gegangen sei und er den Schutz
+unter ihrem Dache gefunden habe.
+
+Als der erste Tanzsonntag kam, da versammelten sich in der »Goldenen
+Sonne« so erstaunlich viele Leute, daß man gar nicht wußte, wo sie alle
+untergebracht werden könnten, denn jeder wollte den kleinen fremden
+Musikanten sehen und hören, und diejenigen, die ihn schon gehört hatten
+am ersten Abend, kamen zuallererst und wollten mit ihrem Lied beginnen.
+
+Die Wirtin lief hin und her im Feuer der Arbeit und glänzte, als wäre
+sie selbst zur »Goldenen Sonne« geworden, und wenn sie auf ihren Mann
+traf, so sagte sie jedesmal siegreich: »Hab’ ich’s nicht gesagt?«
+
+Rico hörte erst einen Tanz an von den drei Geigern, die gekommen waren,
+und die Melodien fielen ihm so ins Ohr und in die Finger, daß er gleich
+nachher mitspielen konnte, und nun wußte er den Tanz für immer. So kam
+es, daß er am späten Abend, als man aufhörte zu tanzen, alle Tänze
+mitspielen konnte, die überhaupt gespielt wurden, denn jeden hatte man
+zu öfteren Malen durchgenommen.
+
+Am Ende mußte auch noch das Peschiera-Lied gesungen werden, von Rico
+begleitet, und war schon den ganzen Abend ein Lärm gewesen, so kamen nun
+die Gemüter erst noch recht ins Feuer und es ging zu, daß Rico ein
+paarmal dachte: jetzt fahren sie aufeinander und schlagen sich alle tot.
+Aber es war alles in Freundschaft gemeint. Und ihm selbst wurde eine so
+ohrenzerreißende Anerkennung gespendet, daß er nur immer dachte: wenn’s
+doch bald fertig wäre, denn nichts war dem Rico so tief zuwider, wie ein
+großer Lärm.
+
+Am Abend sagte die Wirtin zu ihrem Manne: »Hast’s gesehen? Schon das
+nächste Mal brauchen wir nur noch zwei Geiger.«
+
+Und der Mann war sehr zufrieden und sagte: »Man muß dem Buben etwas
+geben.«
+
+Zwei Tage nachher war Tanz droben in Desenzano, und Rico wurde auch mit
+den Geigern hingeschickt; jetzt konnte man ihn schon ausleihen. Es war
+da derselbe Lärm und Spektakel, und wenn auch das Peschiera-Lied nicht
+mußte gesungen werden, so ging es nun über anderen Dingen ganz gleich
+laut zu, und Rico dachte von Anfang bis zu Ende: »Wenn’s nur fertig
+wäre!«
+
+Er brachte eine ganze Tasche voll Geld heim; das ließ er alles ungezählt
+auf den Tisch hinausrollen, als er zurückkam, denn es gehörte der
+Wirtin, und sie lobte ihn und stellte ein schönes Stück Apfelkuchen vor
+ihn hin. Am Sonntag nachher war schon wieder Tanz drüben in Riva, und
+diesmal freute sich Rico, denn Riva war jener Ort drüben über dem See,
+wo dieser von Peschiera aus anzusehen war wie eine sonnige Bucht, um die
+herum die freundlichen weißen Häuser lagen und herüberschimmerten.
+
+Da fuhren die Musikanten zusammen am Nachmittag über den goldenen See im
+offenen Kahn unter dem blauen Himmel hin, und Rico dachte: »Wenn ich so
+mit dem Stineli hinüberfahren könnte! Wie müßte es staunen über den See,
+an den es nicht glauben wollte!«
+
+Aber drüben ging derselbe Lärm los und Rico wünschte wieder
+fortzukommen, denn von drüben herüber Riva anzusehen im stillen
+Abendschein, war so viel schöner, als hier mittendrin im Tumult zu
+sitzen.
+
+Wenn aber keine Tanztage waren, da konnte Rico jeden Abend zu dem
+kleinen Silvio gehen und lange da bleiben, denn die Wirtin wollte sich
+der Frau Menotti dienstbar erzeigen. Da ging Rico gern hin, das war
+seine Freude. Kam er am See vorbei, so ging er gegen die schmale
+Steinbrücke hin und setzte sich eine Weile auf den Boden; denn dies war
+der einzige Ort, wo er das Gefühl hatte, er sei vielleicht daheim. Da
+kam ihm am allerlebendigsten alles vor die Augen, wie es war, da er noch
+daheim war. Denn was er vor sich sah, hatte er damals so gesehen, und
+hier sah er auch am deutlichsten die Mutter vor sich. Dort hatte sie am
+See gestanden und etwas ausgewaschen, und von Zeit zu Zeit sah sie ihn
+an und sagte ihm liebevolle Worte, und er saß auf demselben Plätzchen,
+wo er jetzt saß. Das alles wußte er so genau. Da ging er immer mit Zwang
+weg, aber er wußte, daß Silvio nach ihm lauschte. Wenn er dann durch den
+Garten kam, so wurde es ihm auch wieder wohl und er trat gern in das
+stille, saubere Haus. Frau Menotti war in einer Weise freundlich mit
+ihm, wie sonst niemand, das fühlte er wohl; sie hatte ein großes Mitleid
+mit dem verlassenen Waislein, wie sie ihn nannte, sie hatte die
+Geschichte auch gehört von seinem Entfliehen. Sie fragte den Rico nie
+etwas von seinem Leben in den Bergen, denn sie dachte, es wecke ihm nur
+traurige Erinnerungen. Sie fühlte auch, daß der Rico nicht die Pflege
+hatte, die ein Büblein von seinem Alter und von so stiller Art bedurft
+hätte; aber sie konnte nichts machen, als ihn bei sich haben, soviel es
+anging. Sie legte ihm aber manchmal die Hand auf den Kopf und sagte
+mitleidig: »Du armes Waislein!«
+
+Dem kleinen Silvio wurde der Rico täglich unentbehrlicher; schon am
+Morgen fing er an zu jammern und nach dem Rico zu begehren, und wenn
+seine Schmerzen da waren, so schrie er noch mehr und wollte sich nicht
+mehr beruhigen, wenn der Rico nicht kommen konnte. Denn seit der Rico so
+fließend sprechen konnte, hatte Silvio eine neue unversiegende Quelle
+der Kurzweil bei ihm gefunden; das war sein Erzählen.
+
+Rico hatte angefangen, dem Silvio vom Stineli zu erzählen, und da ihm
+selbst dabei so wohl wurde und sein ganzes Herz aufging, so wurde er
+dabei so lebendig und so unterhaltend, daß er nicht mehr zu kennen war.
+Er wußte hundert Geschichten zu erzählen, wie das Stineli einmal den
+Sami gerade noch am Bein erwischte, als er ins Wasserloch fallen wollte,
+und nun immerzu aus aller Kraft am Bein ziehen und dazu oben hinaus
+schreien mußte, während der Sami unten durch schrie, bis der Vater ganz
+langsam herbeikam, denn er nahm immer an, Kinder schrieen von Natur und
+ohne Not. – Und wie es dem Peterli Figuren ausschnitt und dem Urschli
+Hausgerät machte aus allen Stoffen, von Holz und Moos und Grashalmen.
+Und wie alle Kinder nach dem Stineli schrieen, wenn sie krank waren,
+weil sie dann vergaßen, was ihnen weh tat, wenn es sie verkurzweilte.
+Und dann erzählte Rico, wie er mit dem Stineli auszog, und wie es dann
+schön war, und seine Augen leuchteten dann so zündend und der ganze Rico
+wurde so erstaunlich belebt, daß der kleine Silvio ganz ins Feuer kam
+und immer mehr hören wollte. Und wenn Rico einmal stille hielt, so rief
+er gleich: »Erzähl wieder vom Stineli!« Eines Abends aber kam Silvio in
+die alleräußerste Aufregung, als Rico fortgehen wollte und dazu sagte,
+morgen und am Sonntag dürfe er nicht kommen.
+
+Silvio schrie nach der Mutter, als wäre das Haus in Flammen und er läge
+mitten drin, und als sie im höchsten Schrecken aus dem Garten
+hereingestürzt kam, rief er immer zu: »Der Rico darf nie mehr ins
+Wirtshaus, er muß dableiben. Er muß immer da sein. Du mußt dableiben,
+Rico, du mußt, du mußt!«
+
+Da sagte Rico: »Ich wollte schon, aber ich muß doch gehen.«
+
+Die Frau Menotti war in großer Verlegenheit; sie wußte wohl, was der
+Rico den Wirtsleuten wert war, und daß sie ihn nicht bekäme, unter
+keiner Bedingung. So beschwichtigte sie den Silvio, wie sie nur konnte,
+und den Rico zog sie an sich und sagte voller Mitleid: »Ach du armes
+Waislein!«
+
+Da schrie Silvio in seinem Zorn: »Was ist ein Waislein? Ich will auch
+ein Waislein sein!«
+
+Nun kam auch die Frau Menotti in Aufruhr und rief: »Ach Silvio, willst
+du dich noch versündigen? Sieh, ein Waislein ist ein armes Kind, daß
+keinen Vater und keine Mutter hat und gar nirgends auf der Welt daheim
+ist.«
+
+Rico hatte seine dunkeln Augen auf die Frau geheftet, sie sahen immer
+schwärzer aus, sie bemerkte es aber nicht. Sie hatte gar nicht mehr an
+den Rico gedacht, als sie Silvio in der Aufregung die Erklärung gab.
+Rico schlich leise zur Tür hinaus und fort. Frau Menotti dachte, er sei
+so leise fortgegangen, damit der Kleine nicht noch einmal aufgebracht
+werde, und es war ihr recht. Sie setzte sich nun an das Bettchen und
+sagte: »Hör, Silvio, ich will dir’s erklären und dann mußt du diesen
+Lärm nicht mehr machen. Siehst du, die Buben kann man einander nicht nur
+so wegnehmen, denn wenn ich der Wirtin nun den Rico nehmen wollte, so
+könnte sie kommen und mir den Silvio nehmen. Dann könntest du den Garten
+und die Blumen nie mehr sehen und müßtest allein in der Kammer schlafen,
+wo das Roßgeschirr hängt und wo der Rico so ungern hineingeht; er hat
+dir’s ja schon manchmal erzählt. Was wolltest du dann machen?«
+
+»Wieder heimgehen«, sagte der Kleine entschlossen. Er blieb aber nunmehr
+still und legte sich aufs Ohr.
+
+Rico ging durch den Garten und über die Straße weg hinab an den See. Da
+setzte er sich auf sein Plätzchen nieder und legte seinen Kopf in beide
+Hände und sagte in trostlosem Ton: »Jetzt weiß ich’s, Mutter; auf der
+ganzen Welt bin ich nirgends daheim, gar nirgends!«
+
+Und so saß er bis in die Nacht hinein in seiner großen Traurigkeit und
+wäre am liebsten nicht mehr aufgestanden, aber in seine Kammer mußte er
+endlich doch wieder zurückkehren.
+
+
+
+
+Fünfzehntes Kapitel.
+
+Silvio wünscht mit Nachdruck.
+
+
+In dem kleinen Silvio arbeitete aber die Aufregung weiter, und als er
+nun wußte, daß der Rico zwei Tage hintereinander keinen Augenblick
+kommen würde, fing er schon am frühen Morgen an mit Grimm auszurufen:
+»Nun kommt der Rico nicht! Nun kommt der Rico nicht!« und fuhr mit
+kleinen Zwischenpausen so fort bis zum Abend, und am folgenden Tag fing
+er wieder an beizeiten. Am dritten Tage aber hatte ihn diese Tätigkeit
+so ausgetrocknet, daß er war wie ein Häuflein Stroh, das ein kleiner
+Funke gleich in helle Flammen bringen kann.
+
+Rico erschien am Abend noch ganz angewidert von dem Tanzlärm, bei dem er
+gewesen war. Seit er nun wußte, daß er nirgends daheim war, hatte der
+Gedanke an das Stineli eine neue Gewalt bekommen, und er sagte bei sich:
+»Da ist nur das Stineli auf der ganzen Welt, zu dem ich gehöre und das
+sich um mich bekümmert.« Und es kam ein großes Heimweh nach dem Stineli
+über ihn. Er saß auch kaum an Silvios Bett, so sagte er: »Siehst du,
+Silvio, nur einzig beim Stineli ist es einem wohl und sonst gar
+nirgends.« Kaum waren diese Worte ausgesprochen, so schnellte sich der
+Kleine augenblicklich in die Höhe und rief mit aller Kraft: »Mutter, ich
+will das Stineli haben. Das Stineli muß kommen; einzig nur beim Stineli
+ist es einem wohl und sonst gar nirgends!«
+
+Die Mutter war herzugetreten, und da sie oft Ricos Erzählungen vom
+Stineli und seinen kleinen Geschwistern mit vieler Befriedigung zugehört
+hatte, wußte sie schon, von wem die Rede war, und sagte: »Ja, ja, mir
+wär’ es schon recht, ich könnte ein Stineli schon brauchen für dich und
+mich; wenn ich nur eins hätte!«
+
+Aber auf diese unbestimmte Auslassung ging Silvio gar nicht ein, denn er
+war völlig Feuer und Flamme für seine Sache.
+
+»Jetzt kannst du gleich eins haben«, rief er weiter; »der Rico weiß, wo
+es ist, er muß es holen; ich will das Stineli haben alle Tage und
+immerfort; morgen muß es der Rico holen, er weiß, wo es ist.«
+
+Wie nun die Mutter sah, daß der Kleine sich alles ausdachte und ganzen
+Ernst aus der Sache machen wollte, fing sie an, ihn auf alle Weise
+abzumahnen und auf andere Gedanken zu bringen, denn sie hatte mehrmals
+erzählen hören, was für unglaubliche Gefahren der Rico auf seiner Reise
+zu bestehen hatte, und wie es das größte Wunder sei, daß er lebendig
+habe bis nach Peschiera herunterkommen können, und was für ein
+schreckhaft wildes Volk dort oben in den Bergen lebe. So wußte sie ja,
+daß kein Mensch so ein Mädchen herunterholen würde, am wenigsten ein
+zartes Bürschlein wie Rico; er konnte ja ganz elend zugrunde gehen,
+wenn er so etwas beginnen würde, und dann hätte sie die Verantwortung
+auf sich. Das wollte sie nicht auch noch, sie hatte schon genug.
+
+Sie stellte dem Silvio die ganze Unmöglichkeit der Sache vor und sprach
+ihm von vielen schreckhaften Ereignissen und bösen Menschen, die den
+Rico verfolgen und umbringen könnten. Aber diesmal half alles nichts.
+Der kleine Silvio mußte sich die Sache in den Kopf gesetzt haben, wie
+noch nichts in seinem Leben; denn was die Mutter auch vorbrachte und wie
+sehr sie in Eifer geriet vor Besorgnis, sobald sie innehielt, sagte
+Silvio: »Der Rico muß es holen, er weiß, wo es ist.«
+
+Da sagte die Mutter: »Und wenn er’s auch weiß, meinst du denn, der Rico
+wolle so in die Gefahr und ins Gottversuchen hinauslaufen, wenn er es
+haben kann wie hier und gar zu keinen bösen Menschen mehr gehen muß?«
+
+Da sah Silvio den Rico an und sagte: »Du willst schon gehen und das
+Stineli holen, Rico, oder nicht?«
+
+»Ja, ich will«, antwortete Rico fest.
+
+»Ach, ihr barmherzigen Heiligen, was soll das werden, jetzt wird mir der
+Rico auch noch unvernünftig!« rief die Mutter ganz erschrocken. »So weiß
+man sich ja gar nicht mehr zu helfen. Nimm die Geige, Rico, und spiel
+und sing etwas, ich muß in den Garten«, und damit lief Frau Menotti
+eilends unter die Feigenbäume hinaus, denn sie nahm an, der Silvio
+vergesse am schnellsten seinen Einfall wieder, wenn er nicht mehr an ihr
+zwingen könne.
+
+Aber die beiden guten Freunde drinnen spielten nicht und sangen nicht,
+sondern brachten sich gegenseitig ganz ins Fieber mit allerhand
+Vorstellungen, wie das Stineli geholt werden müsse und wie es dann
+nachher zugehen werde, wenn es da sei. Rico vergaß gänzlich,
+fortzugehen, obschon es dunkel geworden war, denn die Frau Menotti kam
+absichtlich noch nicht herein, sie hoffte, der Silvio entschlafe dann
+vorher. Endlich trat sie aber doch ein und Rico ging gleich, aber mit
+Silvio hatte sie noch einen schweren Stand. Er wollte durchaus nicht die
+Augen zumachen, bis die Mutter versprechen würde, der Rico müsse das
+Stineli holen; das konnte sie aber nicht versprechen, und so kam Silvio
+zu keiner Ruhe, bis die Mutter sagte: »Sei nun zufrieden, über Nacht
+kommt dann alles in Ordnung.« Denn sie dachte, über Nacht vergesse er
+sein Begehren, wie schon viele, und es komme ihm etwas Neues in den
+Sinn.
+
+Da wurde Silvio still und schlief ein. Aber die Mutter hatte sich
+verrechnet. Noch war sie am Morgen kaum recht erwacht, so rief Silvio
+aus seinem Bettchen herauf: »Ist alles in Ordnung, Mutter?«
+
+Als sie dies unmöglich bejahen konnte, ging ein solcher Sturm los, wie
+sie desgleichen an dem Büblein noch nie erlebt hatte, und den ganzen Tag
+ging das Unwetter fort bis zum späten Abend, und am Morgen darauf fing
+Silvio gerade so wieder an, wie er am Abend aufgehört hatte.
+
+Eine solche Beharrlichkeit auf demselben Begehren hatte Silvio noch nie
+an den Tag gelegt. Wenn er schrie und lärmte, konnte sie’s noch
+ertragen; aber wenn nun die Stunden der großen Schmerzen kamen, da
+wimmerte Silvio fortwährend in der kläglichsten Weise: »Nur beim Stineli
+ist es einem wohl und sonst gar nirgends!«
+
+Das schnitt der Mutter ins Herz und war ihr wie ein Vorwurf, so als
+wollte sie nicht tun, was ihm wohlmachen könnte; aber wie hätte sie auch
+nur daran denken können, sie hatte ja den Rico selbst auf Silvios
+Frage: »Weißt du auch den rechten Weg zum Stineli?« antworten hören:
+»Nein, ich weiß keinen Weg, aber ich finde ihn dann schon.«
+
+Von Tag zu Tag hoffte sie, durch einen glücklichen Umstand komme dem
+Silvio eine neue Forderung in den Sinn, denn so war es sonst immer
+gewesen; sie konnte darauf rechnen: hatte er etwas begehrt, wenn ihm
+wohl war, so verwarf er es sicher, sobald seine Schmerzen kamen. Aber
+diesmal war es anders, und es hatte seinen guten Grund. Ricos
+Erzählungen und Aussprüche über das Stineli hatten in dem empfindlichen
+Gemüte des kranken Silvio die feste Überzeugung hervorgebracht, daß ihm
+nie mehr etwas weh tun würde, wenn das Stineli bei ihm wäre. So
+gebärdete sich Silvio jammervoller von Tag zu Tag, und seine Mutter
+wußte nicht, wo sie Rat und Beistand finden könnte.
+
+
+
+
+Sechzehntes Kapitel.
+
+Ein Rat zur Freude für viele.
+
+
+In diesem Zustande der Unruhe war es für die Frau Menotti ein rechter
+Trost, als sie einmal wieder nach langer Zeit den wohlmeinenden alten
+Herrn Pfarrer im langen schwarzen Rock durch den Garten kommen sah, der
+von Zeit zu Zeit den kleinen Kranken besuchte. Sie sprang auf von ihrem
+Stuhl und rief erfreut: »Sieh, Silvio, da kommt der gute Herr Pfarrer!«
+und ging ihm entgegen. Silvio aber in seinem Groll über alle Dinge
+rief, so laut er konnte, der Mutter nach: »Ich wollte lieber, das
+Stineli käme!«
+
+Dann kroch er aber eilends unter die Decke, damit der Herr Pfarrer nicht
+wissen könne, woher die Stimme kam. Die Mutter war sehr erschrocken und
+bat im Eintreten den Herrn Pfarrer, er solle doch den Empfang nicht übel
+nehmen, er sei auch nicht so ernst gemeint. Silvio rührte sich nicht, er
+sagte nur ganz heimlich unter der Decke: »Doch, es ist mir sicher
+ernst.«
+
+Der Herr Pfarrer mußte geahnt haben, woher die Stimme kam; er trat
+gleich an das Bett heran, und obwohl er kein Haar von Silvio sah, sagte
+er: »Gott grüß’ dich, mein Sohn, wie steht es mit der Gesundheit, und
+warum verkriechst du dich in unterirdische Höhlen wie ein kleiner Dachs?
+Komm hervor und erkläre mir: was verstehst du unter einem Stineli?«
+
+Nun kroch Silvio hervor, denn er hatte Respekt vor dem Herrn Pfarrer, da
+er nun so nah war. Er streckte schnell seine kleine magere Hand zum
+Gruße aus und sagte: »Dem Rico sein Stineli.«
+
+Nun mußte die Mutter erklärend dazwischentreten, denn der Herr Pfarrer
+schüttelte verwundert den Kopf, indem er sich an Silvios Bett
+niedersetzte. Sie erzählte ihm nun die ganze Sache mit dem Stineli, und
+wie der kleine Silvio sich in den Kopf gesetzt habe, es werde ihm nie
+mehr wohl, wenn das Stineli nicht zu ihm komme, und wie der Rico nun
+auch unvernünftig geworden sei und meine, er könne das Mädchen holen,
+während er keinen Weg und Steg wisse und es ja so weit weg oben in den
+Bergen wohne, wo niemand zukomme, und man gar nicht wissen könne, was
+für ein erschreckliches Volk da sei. Denn man könne sich denken, wie es
+da zugehen müsse, wenn ein zartes Büblein, wie der Rico, lieber den
+größten Gefahren entgegenlaufe und sie bestehe, als unter solchen Leuten
+zu bleiben. Wenn alles anders wäre, fügte Frau Menotti hinzu, so wäre
+ihr kein Geld zu viel, so ein Mädchen kommen zu lassen, um dem Silvio
+das Verlangen zu stillen und jemand für ihn zu haben, denn manchmal
+werde es ihr fast zu viel mit allem, was sie zu tragen habe, und sie
+meine, sie könne nicht mehr fortkommen. Und der Rico, der sonst recht
+vernünftig rede, meine, kein Mensch könne ihr so gut in allem beistehen,
+wie dieses Stineli. Er müsse es gut kennen, und wenn es so sei, wie er
+es beschreibe, so könnte es auch noch eine Rettung sein für so ein
+Mädchen, wenn es von da droben wegkomme; aber da wüßte sie ja von keinem
+Menschen, der ihr einen solchen Dienst tun würde.
+
+Der Herr Pfarrer hatte ganz ernsthaft zugehört und kein Wort gesagt, bis
+die Frau Menotti fertig war. Er hätte auch nicht gut dazwischenkommen
+können mit Worten, denn sie hatte ihr Herz lange nicht ausgeschüttet und
+es war ihr so voll geworden, daß Frau Menotti bei dem großen Andrang der
+Worte fast um den Atem gekommen war.
+
+Als nun alles still war, nahm der Herr Pfarrer erst ganz ruhig noch eine
+Prise zu der vorhergehenden; dann sagte er gelassen:
+
+»Hm, hm, Frau Menotti, ich glaube fast, Ihr habt von den Leuten da
+droben eine Meinung, die fast erschrecklich ist; es gibt doch auch noch
+Christen da, und seit man so allerhand Mittel erfunden hat, um weiter zu
+kommen, wird es auch noch möglich sein, daß einer ohne Gefahr dort
+hinaufkommt. Das wird man etwa in Erfahrung bringen können, man muß sich
+besinnen.«
+
+Hier mußte der Herr Pfarrer sich erst wieder ein wenig stärken aus
+seiner Dose, dann fügte er bei: »Es gibt allerlei Händler, die von da
+oben herunter nach Bergamo kommen, Schafhändler und Roßhändler, die
+müssen die Wege wissen. Man kann sich erkundigen und dann muß man sich
+bestimmen; es wird etwa ein Mittel gefunden werden. Wenn Euch viel dran
+liegt, Frau Menotti, so will ich mich etwa umsehen; ich komme alle Jahre
+ein- oder zweimal nach Bergamo, so könnte ich die Sache ein wenig in die
+Hand nehmen.«
+
+Frau Menotti war von solcher Dankbarkeit, daß sie gar nicht wußte, wie
+sie diese dem Herrn Pfarrer ausdrücken sollte. Mit einem Male waren ihr
+alle die schweren Gedanken abgenommen, die sie so viele Tage und Nächte
+lang verfolgt hatten, und in die sie sich immer mehr verwickelt hatte,
+je mehr sie sich damit abgab, so daß sie keinen Ausweg mehr vor sich
+gesehen hatte. Nun hatte der Herr Pfarrer die ganze Last auf sich
+genommen, und sie konnte den Silvio von nun an auf ihn verweisen.
+
+Silvio hatte das ganze Gespräch über mit seinen grauen Augen den Herrn
+Pfarrer fast durchbohrt vor Spannung. Als dieser nun aufstand und dem
+Kleinen die Hand zum Abschied bot, patschte Silvio die seinige ganz
+gewaltig hinein, so als wollte er sagen: diesmal gilt’s mir! Der Herr
+Pfarrer versprach, Bericht zu geben, sobald er seine Erkundigungen
+eingezogen hätte und wüßte, ob die Sache ausführbar wäre, oder ob Silvio
+von seinem Begehren abstehen müsse.
+
+Nun vergingen die Wochen eine nach der anderen, aber der Silvio hielt
+sich gut. Er hatte eine bestimmte Hoffnung vor Augen, und dazu war der
+Rico auf einmal so unterhaltend und lebendig geworden, wie noch nie. In
+den war es gefahren wie ein zündender Freudenfunke, als er den Ausspruch
+des Herrn Pfarrers vernommen hatte, und seither war ein neues Leben in
+ihm. Er wußte dem Silvio mehr zu erzählen als je, und nahm er seine
+Geige zur Hand, so kamen so herzerquickende Töne und Weisen daraus
+hervor, daß die Frau Menotti gar nicht mehr aus dem Zimmer weg mochte
+und sich nicht genug verwundern konnte, woher der Rico das alles nahm.
+
+Rico hatte auch nur in dieser Stube rechte Freude an seiner Geige; in
+dem weiten, hohen Raum tönte es so schön und da war es so still und
+luftig, da war kein Tabaksqualm und kein Menschentumult, und er mußte
+nicht bei den Tänzen bleiben, sondern konnte spielen, was ihn freute.
+Mit jedem Tage kam auch Rico lieber in das Haus, und oft, wenn er
+eintrat, dachte er: so ist es wohl einem zumute, der heimkommt. Aber er
+war ja doch nicht daheim, er durfte nur für ein paar Stunden kommen und
+mußte immer wieder gehen.
+
+In der letzten Zeit war aber etwas in den Rico gefahren, das die Wirtin
+manchmal in große Verwunderung setzte. Wenn sie etwa das schmutzige,
+zerbrochene Abfallbecken vor ihn hinstellte und sagte: »Da, Rico, bring
+es den Hühnern!« – so stellte er sich etwas auf die Seite und legte die
+Hände auf den Rücken, zum Zeichen, daß er das Becken nicht berühren
+möge, und sagte ruhig: »Ich wollte lieber, das täte jemand anders!«
+
+Und wenn sie die alten Schuhe hervorbrachte und Rico in die Hand geben
+wollte, daß er sie zum Schuhflicker hintrage, so tat Rico wieder
+desgleichen und sagte: »Ich wollte lieber, es ginge ein anderer.«
+
+Die Wirtin aber war eine kluge Frau und hatte ihre Augen im Kopfe, um
+damit zu sehen, was vorging, und so war es ihr nicht entgangen, wie Rico
+sich seit einiger Zeit verändert hatte und wie er aussah. Frau Menotti
+hatte ihn immer gut gekleidet, seit sie die Verpflichtung dazu
+übernommen hatte; da aber dem Rico alles gut stand und er immer mehr
+aussah wie ein Herrensöhnchen, so hatte die Frau Menotti ihre Freude
+daran und kleidete ihn in gute Stoffe, und Rico ging sorgsam und
+ordentlich damit um, denn er mochte gern, was schön anzusehen war, und
+Schmutz und Unordnung war ihm zuwider wie der Lärm. Das sah die Wirtin
+alles an, und dazu war ihr wohlbewußt, wie der Rico ganz so, wie er das
+erste Mal getan, immer noch wenn er von den Tanzbelustigungen aus der
+Umgegend zurückkehrte, seine Tasche vor ihr ausleerte und das Geld
+hinrollen ließ, ohne eine Miene zu machen, als ob er nur etwas davon
+begehrte.
+
+Er brachte auch immer mehr, denn er war nicht nur Tanzgeiger, wie die
+anderen; man wollte auch immer noch seine Lieder hören nach dem Tanzen
+und allerhand Melodien, die er wußte. So war der Wirtin daran gelegen,
+den Rico willig zu erhalten, und sie ließ ihn in Ruhe mit den Hühnern
+und den alten Schuhen und begehrte diese Dienste nicht mehr von ihm.
+
+Über all’ diesen Ereignissen waren an die drei Jahre dahingegangen, seit
+der Rico der Peschiera erschienen war. Er war nun ein vierzehnjähriger
+aufgeschossener Junge geworden, und wer ihn ansah, der hatte sein
+Wohlgefallen an ihm.
+
+Wieder leuchteten die goldenen Herbsttage über den Gardasee und der
+blaue Himmel lag auf der stillen Flut. Im Garten hingen die Trauben
+golden an den Ranken und die roten Oleanderblumen funkelten im lichten
+Sonnenschein. In Silvios Stube war es ganz still; denn die Mutter war
+draußen, um Trauben und Feigen zum Abend hereinzuholen. Silvio lauschte
+auf Ricos Tritt, denn es war die Zeit, da er gewöhnlich kam. Jetzt ging
+das Pförtchen auf am Zaun; Silvio schoß auf. Ein langer schwarzer Rock
+kam hereingewandert, es war der Herr Pfarrer. Diesmal kroch Silvio nicht
+ins Loch; er streckte seine Hand, so weit er konnte, dem Herrn Pfarrer
+entgegen, lange eh’ dieser nur halbwegs im Garten angekommen war. Der
+Empfang gefiel ihm aber; er trat gleich in die Stube ein und an Silvios
+Bett hin, obschon er die Mutter hinten im Garten sah, und sagte: »So
+ist’s recht, mein Sohn, und wie steht es mit der Gesundheit?« – »Gut«,
+entgegnete Silvio schnell. Er schaute in höchster Spannung den Herrn
+Pfarrer an und fragte dann halblaut: »Wann kann der Rico gehen?«
+
+Der Herr Pfarrer setzte sich an dem Bett nieder und sagte mit
+feierlichem Ton: »Morgen um fünf Uhr wird der Rico reisen, mein
+Söhnchen.«
+
+Frau Menotti war eben eingetreten, und nun ging es an ein Fragen und
+Verwundern von ihrer Seite, daß der Herr Pfarrer Mühe hatte, sie zu
+beschwichtigen, damit er ungestört seinen Bericht auseinanderlegen
+könnte. Es gelang ihm endlich, und Silvio hielt seine Augen auf ihn
+geheftet wie ein kleiner Sperber, als nun die Erzählung kam.
+
+Der Herr Pfarrer kam eben von Bergamo her, wo er zwei Tage zugebracht
+hatte. Da hatte er mit Hilfe seiner Freunde einen Roßhändler ermittelt,
+der kam schon seit 30 Jahren jeden Herbst nach Bergamo und kannte alle
+Wege und Gegenden von da bis noch weit über die Berge hinaus, wo Rico
+hin mußte. Er wußte auch, wie man in die Berge hinaufkommen konnte, ohne
+nur auszusteigen und zu schlafen unterwegs. Den Weg machte er selbst und
+wollte den Rico mitnehmen, wenn er am Morgen mit dem ersten Zuge in
+Bergamo ankomme. Der Mann kannte auch alle Kutscher und Kondukteure und
+wollte für die Rückkehr den Jungen und seine Begleiterin den Leuten
+übergeben und anempfehlen, so daß sie sicher reisen würden.
+
+So fand der Herr Pfarrer, man könne nun den Rico in Frieden ziehen
+lassen, und gab seinen Segen zu der Reise.
+
+Als er aber schon am Gartenzaun stand, kehrte die Frau Menotti, die ihn
+begleitet hatte, noch einmal um und fragte voller Besorgnis: »Ach, Herr
+Pfarrer, wird auch sicher keine Lebensgefahr dabei sein, oder daß der
+Rico auf den verirrlichen Wegen sich verlieren könnte und dann in den
+wilden Bergen umherirren müßte?«
+
+Der Herr Pfarrer beruhigte die Frau nochmals, und nun ging sie zurück
+und bedachte, was nun alles für den Rico zu tun sei. Dieser trat eben in
+den Garten ein, und das Freudengeschrei, welches ihm Silvio nun
+entgegensandte, war so erstaunlich, daß Rico in drei Sprüngen an dem
+Bett war, um zu sehen, was sich da ereignet habe.
+
+»Was hast du? was hast du?« fragte Rico immerzu, und Silvio rief in
+einem fort: »Ich will’s sagen! Ich will’s sagen!« vor lauter Angst, die
+Mutter komme ihm zuvor. Diese ließ aber nun die Buben mit ihrer Freude
+allein und ging ihrem Geschäfte nach, denn das war nun das Wichtigste.
+Sie holte einen Reisesack hervor und stopfte unten hinein ein ungeheures
+Stück geräuchertes Fleisch und einen halben Laib Brot und ein großes
+Paket gedörrter Pflaumen und Feigen und eine Flasche Wein, gut in ein
+Tuch gewickelt, und dann kamen die Kleider, zwei Hemden, ein Paar
+Strümpfe und ein Paar Schuhe und Taschentücher, und bei alledem war der
+Frau nicht anders zumute, als reiste Rico nach dem fernsten Weltteil,
+und sie merkte nun erst recht, wie lieb ihr der Rico war, so daß sie
+ohne ihn fast nicht mehr sein konnte.
+
+Sie mußte auch zwischen dem Packen immer wieder niedersitzen und denken:
+»Wenn es nur auch kein Unglück gibt!«
+
+Nun kam sie herunter mit dem Sack und ermahnte den Rico, jetzt gleich
+hinzugehen und der Wirtin alles gut zu erklären und sie zu bitten, daß
+sie ihn auch gehen lasse und nichts dagegen habe, und den Sack könne er
+gleich auf die Bahn bringen.
+
+Rico war zum höchsten erstaunt über sein Gepäck; er tat aber folgsam,
+wie ihm geheißen wurde, und ging dann zur Wirtin. Er erzählte dieser,
+daß er in die Berge hinauf müsse und das Stineli herunterholen, und es
+komme vom Herrn Pfarrer her, daß er gleich morgen um fünf Uhr fort
+müsse. Das flößte der Wirtin schon ein wenig Respekt ein, daß der Herr
+Pfarrer mit der Sache zu tun habe. Sie wollte aber wissen, wer das
+Stineli sei und was es im Sinn habe; sie dachte gleich, das könnte etwas
+für sie sein. Sie brachte aber nur in Erfahrung, daß das Stineli ein
+Mädchen sei, das Stineli heiße, und daß es zur Frau Menotti komme. Da
+ließ sie die Sache gehen, denn der Frau Menotti wollte sie nichts in den
+Weg legen; sie war zufrieden genug, daß diese den Rico ihr so ruhig
+überlassen hatte. Sie nahm auch an, das Stineli sei natürlich Ricos
+Schwester, er sage es nur nicht, wie er überhaupt nie etwas von seinen
+Familienverhältnissen gesagt hatte.
+
+So erzählte sie auch noch denselben Abend allen Gästen, die ins Haus
+kamen, der Rico hole morgen seine Schwester herunter, denn er habe
+erfahren, wie gut man es hier unten haben könne.
+
+Nun wollte sie aber auch zeigen, wie sie es mit dem Rico meinte. Sie
+holte einen großen Korb vom Estrich herunter und steckte ihn ganz voller
+Würste und Käse und Eier und Brotschnitten mit fingerdicker Butter
+dazwischen und sagte:
+
+»Auf der Reise mußt du keinen Hunger haben, und das übrige kannst du
+schon dort oben brauchen; da wirst du nicht zu viel finden, und im
+Heimweg mußt du auch noch etwas haben. Denn du kommst doch wieder, Rico,
+sicher?«
+
+»Sicher«, sagte Rico, »in acht Tagen bin ich wieder da.«
+
+Nun trug Rico noch seine Geige zur Frau Menotti, denn die hätte er sonst
+niemandem anvertraut, und nun nahm er Abschied für acht Tage, denn nach
+Verfluß dieser Zeit konnte er wohl wieder da sein, wenn alles gut ging.
+
+
+
+
+Siebzehntes Kapitel.
+
+Über die Berge zurück.
+
+
+Am Morgen lang vor fünf Uhr stand Rico fertig auf der Station und konnte
+kaum erwarten, daß es vorwärts ging. Nun saß er im Wagen wie vor drei
+Jahren, aber nicht mehr so furchtsam in die Ecke gedrückt, mit der
+Geige in der Hand; jetzt brauchte er eine ganze Bank, denn neben ihm
+lagen Sack und Korb, die nahmen einen guten Platz ein. In Bergamo traf
+er richtig mit dem Roßhändler zusammen und nun reisten sie ungestört
+weiter, noch ein gutes Stück in demselben Wagen, dann über den See. Dann
+stiegen sie aus und wanderten gegen ein Wirtshaus hin, da standen schon
+die Pferde angespannt an dem großen Postwagen. Da erinnerte sich Rico
+deutlich, wie er hier gestanden in der Nacht, ganz allein, nachdem die
+Studenten dorthinüber gegangen waren, und drüben sah er die Stalltür, wo
+er die Laterne hangen gesehen und dann den Schafhändler wiedergefunden
+hatte. Es war schon Abend und bald bestieg man den Postwagen und fuhr
+den Bergen zu. Diesmal saß Rico mit seinem Begleiter im Wagen, und kaum
+hatte er sich auch recht in seine Ecke gesetzt, als ihm die Augen
+zufielen, denn vor Aufregung hatte er die vorhergehende Nacht keine
+Stunde geschlafen. Nun holte er es nach; ohne nur einmal zu erwachen,
+schlief Rico fort, bis die Sonne hoch am Himmel stand und der Wagen ganz
+langsam fuhr, und als er seinen Kopf aus dem Fenster steckte, erblickte
+Rico zu seiner unbeschreiblichen Verwunderung, daß der Wagen die
+Zickzackstraße hinauffuhr, die auf den Maloja führt und die er so wohl
+kannte.
+
+Aus dem Fenster konnte er nicht viel sehen, nur von Zeit zu Zeit eine
+Wendung der Straße; aber jetzt hätte er so gern alles gesehen ringsum.
+Nun hielt der Wagen still, man war auf der Höhe angekommen. Da stand das
+Wirtshaus, da am Wege hatte er sich hingesetzt und mit dem Kutscher
+gesprochen. Alle Reisenden stiegen einen Augenblick aus, den Pferden
+wurde ein Futter gegeben. Rico stieg auch aus dem Wagen; er ging zum
+Kutscher hin und fragte ganz demütig: »Darf ich mit Euch auf dem Bock
+fahren bis nach Sils?«
+
+»Steig auf«, sagte der Kutscher.
+
+Und nun stieg alles wieder ein und auf und im lustigen Trab ging es
+abwärts und die ebene Straße dahin. Jetzt kam der See. Dort lag die
+waldige Halbinsel, und dort – das waren die weißen Häuser von Sils, und
+drüben lag Sils-Maria. Das Kirchlein schimmerte in der Morgensonne, und
+dort gegen den Berg hin sah er die beiden Häuschen.
+
+Jetzt fing Ricos Herz stark zu klopfen an. Wo konnte Stineli sein? Nur
+noch wenige Schritte, und der Postwagen hielt an in Sils.
+
+Stineli hatte seit Ricos Verschwinden viele harte Tage erlebt. Die
+Kinder wurden größer, und es gab immer mehr Arbeit und das meiste fiel
+auf Stineli; denn es war das älteste von den Kindern und neben den Alten
+war es doch das Jüngste; so hieß es bald: »Das Stineli kann dies tun, es
+ist ja alt genug«, und dann gleich nachher: »Das kann Stineli
+verrichten, denn es ist noch jung.« Die Freude konnte es mit niemandem
+mehr recht teilen, seit der Rico fort war, wenn es noch einen Augenblick
+Zeit dazu gehabt hätte.
+
+Vor dem Jahre war dann die gute Großmutter gestorben, und von da an gab
+es für Stineli auch keine freien Augenblicke mehr; denn vom Morgen bis
+am Abend war da so viel Arbeit zu tun, daß man nie fertig wurde, sondern
+nur immer mittendrin war.
+
+Aber Stineli hatte seinen guten Mut nie verloren, obschon es um die
+Großmutter stark hatte weinen müssen und jetzt noch jeden Tag ein
+paarmal dachte: ohne die Großmutter und den Rico sei es nicht mehr so
+schön auf der Welt, wie es einmal gewesen war. An einem sonnigen
+Samstagmorgen kam es mit einem großen Bündel Stroh auf dem Kopfe hinter
+der Scheune hervor; es wollte schöne Strohwische machen zum Fegen am
+Abend. Die Sonne schien schön auf den trockenen Weg gegen Sils hin und
+es stand still und schaute hinüber. Da kam ein Bursche des Weges, den es
+nicht kannte, das war kein Silser, das sah es sogleich. Und wie er näher
+kam, stand er still und schaute das Stineli an, und es schaute ihn auch
+an und war verwundert; aber mit einem Male warf es sein Strohbündel weit
+weg und sprang auf den Stillstehenden zu und rief: »O Rico, bist du noch
+am Leben? Bist du wieder da? Aber du bist groß, Rico! Zuerst habe ich
+dich gar nicht mehr erkannt; aber wie ich dir ins Gesicht sah, da habe
+ich dich gleich erkannt; es hat ja kein Mensch sonst so ein Gesicht wie
+du!«
+
+Und Stineli stand ganz glühend rot vor Freude vor dem Rico, und der Rico
+stand kreideweiß vor innerer Erregung und konnte zuerst gar nichts sagen
+und schaute nur das Stineli an. Dann sagte er: »Du bist auch so groß,
+Stineli, aber sonst bist du noch wie vorher. Je näher ich dem Hause kam,
+je mehr wurde es mir angst, du seiest vielleicht anders geworden.«
+
+»O Rico, daß du wieder da bist!« jubelte das Stineli, »o wenn das die
+Großmutter wüßte! Aber du mußt hereinkommen, Rico, die werden sich alle
+verwundern!« Stineli lief voraus und machte die Tür auf, und Rico ging
+hinein. Die Kinder versteckten sich sogleich immer eins hinter das
+andere, und die Mutter stand auf und grüßte den Rico fremd und fragte,
+was ihm gefällig sei. Weder sie, noch eins der Kinder hatte ihn mehr
+erkannt. Jetzt traten auch Trudi und Sami in die Stube und grüßten im
+Vorbeigehen.
+
+»Kennt ihr ihn denn alle nicht?« brach nun das Stineli aus; »es ist ja
+der Rico!«
+
+Jetzt ging das Verwundern von allen Seiten an, und man war gerade noch
+daran, als der Vater eintrat zum Essen.
+
+Rico ging ihm entgegen und bot ihm die Hand. Der Vater nahm sie und
+schaute den Jungen an.
+
+»Ist’s etwa einer von den Verwandten?« sagte er dann, denn er kannte
+diese nie so genau, wenn sie etwa kamen.
+
+»Jetzt kennt ihn der Vater auch nicht«, sagte Stineli ein wenig empört.
+»Es ist ja der Rico, Vater!«
+
+»So, so, das ist recht«, bemerkte der Vater und schaute ihn nun noch
+einmal an, von oben bis unten, dann fügte er bei: »Du darfst dich sehen
+lassen, hast du etwas von einer Hantierung gelernt? Komm, sitz zu mit
+uns, da kannst du’s erzählen, wie es mit dir gegangen ist.«
+
+Rico setzte sich nicht gleich, er schaute immer wieder nach der Tür;
+endlich fragte er zögernd: »Wo ist die Großmutter?« Der Vater sagte, sie
+liege drüben in Sils, nicht weit vom alten Lehrer weg. Rico hatte wohl
+mit der Frage gezögert, weil er die Antwort fürchtete, da er die
+Großmutter nirgends sah. Er setzte sich nun zu Tisch mit den anderen,
+aber erst war er ganz still und essen konnte er auch nicht; er hatte die
+Großmutter so lieb gehabt.
+
+Aber nun wollte der Vater etwas erzählen hören, wo der Rico hingekommen
+sei an jenem Tage, da sie nach ihm in der Rüfe herumstocherten, und was
+er in der Fremde erlebt habe. Da erzählte denn Rico alles, wie es ihm
+ergangen war, und kam so bald auf die Frau Menotti und den Silvio zu
+sprechen und erklärte nun deutlich, warum er hierher gekommen sei, und
+daß er mit dem Stineli nach Peschiera zurückkehren wolle, sobald es dem
+Vater und der Mutter recht sei. Das Stineli machte die Augen ganz weit
+auf während Ricos Erzählung, es hatte ja von allem noch gar kein Wort
+gehört. Wie ein Freudenfeuer leuchtete es auf in seinem Herzen: mit dem
+Rico an seinen schönen See hinuntergehen und wieder alle Tage mit ihm
+zusammensein bei der guten Frau und dem kranken Silvio, der so nach ihm
+begehrte.
+
+Erst schwieg der Vater eine Zeitlang, denn er überstürzte nie ein Ding,
+dann sagte er: »Es ist recht, wenn eins unter die Fremden kommt, es
+lernt etwas; aber das Stineli kann nicht gehen, von dem ist keine Rede.
+Es ist nötig daheim; es kann ein anderes gehen, etwa das Trudi.«
+
+»Ja ja, so ist’s besser«, sagte die Mutter; »ohne das Stineli kann ich
+es nicht machen.« Da hob das Trudi seinen Kopf vom Teller auf und sagte:
+»So ist es mir auch recht, es ist doch nur immer ein Kindergeschrei bei
+uns.«
+
+Das Stineli sagte kein einziges Wort; es sah nur ganz gespannt den Rico
+an, ob er nichts mehr sagen werde, weil der Vater so bestimmt abgesagt
+hatte, und ob er nun das Trudi mitnehmen wolle. Aber der Rico sah den
+Vater unerschrocken an und sagte:
+
+»Ja, so geht es nicht. Der kranke Silvio will präzis das Stineli haben
+und kein anderes, und er weiß schon, was er will; er würde nur das
+Trudi wieder heimschicken, dann hätte es den Weg vergebens gemacht. Und
+dann hat mir die Frau Menotti auch noch gesagt: wenn das Stineli mit dem
+Silvio gut auskomme, so könne es alle Monate seine fünf Gulden
+heimschicken, wenn man es so begehre; und daß der Silvio und das Stineli
+gut zusammen fertig werden, weiß ich im voraus so gut, wie wenn ich es
+gerade vor mir sähe.«
+
+Der Vater stellte seinen Teller beiseite und setzte die Kappe auf. Er
+war fertig mit Essen, und zum strengen Nachdenken hatte er gern die
+Kappe auf dem Kopf; es war so, wie wenn sie ihm die Gedanken besser
+zusammenhielte.
+
+Jetzt überdachte er im stillen, wie er sich abmühen mußte, bis er nur
+einen einzigen baren Gulden in die Hand bekam, und dann sagte er zu
+sich: »Fünf Gulden jeden Monat bar in die Hand, ohne auch nur einen
+Finger aufzuheben!« Dann schob er die Kappe auf die eine Seite und dann
+auf die andere, dann sagte er: »Es kann gehen; es wird ein anderes auch
+etwas tun können im Haus.«
+
+Stinelis Augen leuchteten. Die Mutter sah aber ein wenig seufzend alle
+die kleinen Köpfe und Teller, denn wer sollte das alles säubern helfen?
+Und das Trudi gab dem Peterli einen Ellbogenstoß und sagte: »Sitz einmal
+still!«, obschon er diesmal völlig ruhig seine Bohnen aß.
+
+Der Vater hatte aber noch einmal an seiner Kappe gerutscht, es war ihm
+noch etwas in den Sinn gekommen. »Das Stineli ist aber noch nicht
+konfirmiert«, sagte er; »es wird, denk’ ich wohl, noch konfirmiert sein
+müssen.«
+
+»Ich werde erst in zwei Jahren konfirmiert, Vater«, sagte Stineli
+eifrig; »so kann ich ganz gut jetzt für zwei Jahre fortgehen, und dann
+kann ich ja wieder heimkommen.«
+
+Das war ein guter Ausweg, nun waren auf einmal alle zufrieden. Der Vater
+und die Mutter dachten: wenn alles krumm gehe ohne das Stineli, so sei
+es doch nur für eine Zeit, die werde auch umgehen, und nachher sei es
+wieder da, und das Trudi dachte: »Sobald es wieder da ist, gehe ich, und
+dann können sie sehen, wann ich wiederkomme.« Aber der Rico und das
+Stineli sahen einander an, und die helle Freude lachte ihnen aus den
+Augen.
+
+Da der Vater die Sache nun als abgemacht ansah, stand er vom Tische auf
+und sagte: »Sie können dann morgen gehen, so weiß man, woran man ist.«
+
+Aber die Mutter schlug einen großen Jammer auf und sagte, so schnell
+werde es ja nicht sein müssen, und jammerte immerfort, bis der Vater
+sagte: »So können sie am Montag gehen«, denn weiter hinaus wollte er es
+nicht verschieben, weil er dachte, es töne nun so fort, bis das Weggehen
+vorbei sei.
+
+Für Stineli gab es nun Arbeit; das begriff der Rico wohl und er machte
+sich an den Sami und sagte ihm, er wolle sehen, ob es in Sils-Maria noch
+sei wie früher; und dann sollte er noch einen Sack und einen Korb von
+Sils herüberholen, da könnte ihm der Sami tragen helfen. So zogen sie
+aus. Zuerst stand Rico vor seinem ehemaligen Häuschen still und schaute
+die alte Haustüre an und den Hühnerstall; es war noch alles ganz gleich.
+Er fragte den Sami, wer drin wohne, ob die Base noch ganz allein sei.
+Aber die Base war schon lange fortgezogen, hinauf nach Silvaplana, und
+kein Mensch sah sie mehr, denn in Sils-Maria zeigte sie sich nie mehr.
+
+In dem Häuschen wohnten Leute, von denen Rico nichts wußte. Überall, wo
+er mit Sami hinkam, vor den alten bekannten Häusern und aus den Scheunen
+starrten ihn die Leute fremd an, kein einziger kannte ihn mehr. Wie sie
+am Abend nach Sils hinübergingen, da schwenkte Rico gegen den Kirchhof
+ein; er wollte auf das Grab der Großmutter gehen, aber Sami wußte nicht
+recht, wo es war.
+
+Mit Sack und Korb beladen, kehrten die beiden, als es dunkelte, zum
+Hause zurück. Da stand Stineli noch am Brunnen und fegte den Stalleimer
+zum letzten Male, und als nun der Rico neben ihm stand, sagte es
+strahlend vor Freuden und Fegeifer: »Ich kann es noch fast nicht
+glauben, Rico!«
+
+»Aber ich«, sagte dieser so sicher, daß ihn das Stineli erstaunt ansehen
+mußte. »Aber weißt du, Stineli«, fügte er hinzu, »du hast es auch nicht
+so lange ausdenken können wie ich.«
+
+Aber Stineli mußte sich noch ein paarmal wundern, daß der Rico so
+bestimmt etwas sagen konnte; das hatte es früher nicht an ihm gekannt.
+
+Dem Rico hatte man ein Bett zurecht gemacht, oben in der Dachkammer; da
+schleppte er seine Sachen hinauf, denn erst morgen wollte er alles
+auspacken. Wie nun am folgenden Tage, am hellen, schönen Sonntag, alle
+um den Tisch saßen, da kam Rico und schüttete gerade vor das Urschli und
+den Peterli hin einen solchen Haufen von Pflaumen und Feigen, wie sie in
+ihrem ganzen Leben noch keinen gesehen hatten, und Feigen hatten sie
+auch noch gar nie gegessen; und seine Masse Würste und Fleisch und Eier
+stellte er mitten auf den Tisch. Und nachdem das große Erstaunen darüber
+ein wenig nachgelassen hatte, ging eine Schmauserei an, wie sie da noch
+nicht stattgefunden hatte, und bis zum späten Abend knupperten die
+Kinder im höchsten Vergnügen an den süßen Feigen herum.
+
+
+
+
+Achtzehntes Kapitel.
+
+Zwei frohe Reisende.
+
+
+Am Montag mußte die Reise erst am Abend vor sich gehen, das hatte der
+Roßhändler dem Rico deutlich alles gesagt, so daß dieser nun perfekt
+seinen Weg wußte. Nachdem nun der Abschied genommen war, wanderten Rico
+und Stineli gegen Sils hin, und am Häuschen stand die Mutter und alle
+die kleinen Kinder um sie herum und schauten ihnen nach. Der Sami ging
+neben ihnen her und trug den Sack auf dem Kopfe, und den Korb trug Rico
+auf der einen und Stineli auf der anderen Seite. Stinelis Kleider hatten
+gerade beide angefüllt.
+
+Bei der Kirche in Sils sagte Stineli: »Wenn uns die Großmutter noch
+sehen könnte! Wir wollen ihr doch noch Lebewohl sagen, nicht, Rico?« Er
+wollte gern und sagte Stineli, daß er schon dagewesen wäre und sie nicht
+gefunden hätte; aber Stineli wußte schon, wo die Großmutter lag.
+
+Als der Postwagen heranfuhr und stillehielt, rief der Kutscher herunter:
+»Sind die zwei da, die an den Gardasee hinunter müssen? Ich habe schon
+gestern nachgefragt!«
+
+Der Roßhändler hatte sie gut empfohlen, und nun rief der Kutscher: »Hier
+herauf, die anderen haben gefroren, der Wagen ist voll, ihr seid jung.«
+
+Damit half er ihnen auf den Sitz hinter dem Bock, oben auf dem Wagen,
+und nahm eine dicke Roßdecke hervor, die deckte und stopfte er um die
+beiden, daß sie ganz eingewickelt dasaßen, und nun ging’s vorwärts.
+
+Zum ersten Male, seit sie sich wiedergesehen hatten, saßen nun Rico und
+Stineli allein beieinander und konnten sich ungestört erzählen von
+allem, was sie in den ganzen drei Jahren erlebt hatten. Das taten sie
+nun auch recht nach Herzenslust von Anfang an, und unter dem funkelnden
+Sternenhimmel fuhren sie dahin und hatten keinen Schlaf die ganze Nacht
+vor lauter Genuß und Vergnügen. Am Morgen kamen sie auf den See, und
+gerade um dieselbe Stunde, wie Rico in Peschiera angekommen war, so
+langten auch sie an und kamen den Weg hinunter, dem See zu. Aber Rico
+wollte nicht, daß das Stineli den See sehe, bis es an seinem Plätzchen
+angekommen war. So führte er es nun zwischen den Bäumen durch, bis sie
+auf einmal bei der kleinen Brücke herauskamen ins Freie.
+
+Da lag der See in der Abendsonne, und Rico und Stineli saßen an der
+niederen Halde hin und schauten hinüber. So wie ihn Rico geschildert
+hatte, so war er, aber noch viel schöner, denn solche Farben hatte
+Stineli noch nie gesehen. Es schaute hin und her nach den violetten
+Bergen und auf die goldene Flut und rief endlich voller Entzücken: »Er
+ist noch schöner als der Silsersee.«
+
+Rico hatte ihn aber auch noch nie so schön gesehen als jetzt, da er mit
+dem Stineli dran saß.
+
+Im stillen hatte Rico noch eine Freude; – wie konnte er den Silvio und
+seine Mutter überraschen! Kein Mensch hatte gedacht, daß er so bald
+zurücksein könnte. Bevor acht Tage um waren, erwartete sie niemand, und
+nun saßen sie schon da am See. Bis die Sonne unter war, blieben sie an
+der Halde sitzen. Rico mußte dem Stineli zeigen, wo die Mutter stand,
+wenn sie wusch am See und er dasaß und auf sie wartete, und er mußte
+erzählen, wie sie miteinander über die schmale Brücke kamen und sie ihn
+an der Hand hielt.
+
+»Aber wo seid ihr dann hingegangen?« fragte Stineli. »Hast du nie das
+Haus gefunden, wo ihr hineingegangen seid?«
+
+Rico verneinte es. »Wenn ich da hinaufgehe, vom See gegen die
+Schienenbahn hinauf, dann ist’s auf einmal, als sei ich da mit der
+Mutter gestanden und habe auf einem Tritt gesessen und vor uns die roten
+Blumen gesehen; aber es ist nichts mehr da, und den Weg hinauf kenne ich
+nicht, den habe ich nie gesehen.«
+
+Endlich standen sie auf und gingen dem Garten zu; Rico trug den Sack und
+Stineli den Korb. Wie sie in den Garten eintraten, mußte Stineli
+überlaut ausrufen: »O wie schön, o die schönen Blumen!«
+
+Das hatte den Silvio aufgeschnellt wie eine Feder. Er schrie aus
+Leibeskräften: »Der Rico kommt mit dem Stineli!«
+
+Die Mutter glaubte, das Fieber habe ihn gepackt; sie warf ihre Sachen
+dahinten im Kasten, wo sie herumkramte, alle übereinander und kam
+herbeigelaufen.
+
+In dem Augenblick aber trat der lebendige Rico unter die Tür, und vor
+Schrecken und Freude hätte es die gute Frau fast umgeworfen, denn bis
+auf diesen Augenblick hatte sie heimlich immerfort die schwersten
+Befürchtungen ausgestanden, das Unternehmen könnte dem Rico doch ans
+Leben gehen.
+
+Hinter dem Rico kam ein Mädchen hervor mit einem so freundlichen
+Gesicht, daß es der Frau Menotti sogleich das Herz gewann, denn sie war
+eine Frau von schnellen Eindrücken. Erst mußte sie aber dem Rico beide
+Hände fast abschütteln vor Freude, und währenddessen ging Stineli
+schnell an das Bettchen heran und begrüßte den Silvio, und es legte
+seinen Arm um des Bübleins schmale Schultern und lachte ihm ganz
+freundlich ins Gesicht, so, als hätten sie sich schon lang gekannt und
+gern gehabt, und der Silvio packte es gleich um den Hals und zog es ganz
+auf sein Gesicht herunter. Dann legte das Stineli dem Silvio ein
+Geschenk aufs Bett, das es in die nächste Tasche gesteckt hatte, um es
+gleich bei der Hand zu haben. Es war ein Kunstwerk, das der Peterli von
+jeher allen anderen Freuden vorgezogen hatte: ein Tannzapfen, dem in
+jede kleine Öffnung zwischen den harten Schuppen ein dünner Draht
+eingesteckt war. Oben auf dem Draht war je ein komisches Figürchen von
+Pantoffelholz festgemacht. Alle diese Figürchen zappelten aber so lustig
+gegeneinander und verbeugten sich und hatten von Rötel und Kohle so
+feurig bemalte Gesichter, daß der Silvio nicht mehr aus dem Lachen kam.
+
+Unterdessen hatte die Mutter von Rico das Notwendigste vernommen, daß er
+sicher und glücklich wieder da sei, und sie kehrte sich nun zum Stineli
+und begrüßte es mit aller Herzlichkeit, und Stineli sagte mehr mit
+seinen freundlichen Augen als mit seinem Munde, denn es konnte gar nicht
+italienisch und mußte sich mit seinen romanischen Worten helfen, wie es
+konnte. Aber es war nicht von schwerer Gemütsart und fand sich gleich
+zurecht, und wo es das Wort nicht fand, da beschrieb es die Sache gleich
+mit den Fingern und allerhand Zeichen, was dem Silvio unbeschreiblich
+kurzweilig vorkam, denn es war wie ein Spiel, wo es immer etwas zu
+erraten gab.
+
+Nun ging die Frau Menotti an den Kasten, wo alles bereit lag, was man
+zum Essen brauchte, Teller und Tischtuch und das kalte Huhn und die
+Früchte und der Wein. Sowie Stineli das bemerkte, lief es augenblicklich
+der Frau Menotti nach und trug herzu und deckte den Tisch und war so
+erstaunlich flink, daß der Frau Menotti gar nichts mehr übrig blieb zu
+tun, als nur verwundert zuzusehen; und bevor sie nur Zeit hatte zu
+denken, was nun folge, hatte schon der Silvio alles auf seinem Brett,
+verschnitten und vorgelegt ganz ordentlich, wie es sein mußte, und die
+rasche Bedienung gefiel dem Silvio.
+
+Da setzte sich Frau Menotti hin und sagte: »So habe ich es lange nicht
+gehabt, aber jetzt komm und sitz auch, Stineli, und iß mit uns.«
+
+Nun aßen alle fröhlich und saßen beisammen, so als hätten sie immer
+zueinander gehört und müßten auch immer so zusammenbleiben. Dann fing
+der Rico an von der Reise zu berichten, und derweilen stand Stineli auf
+und räumte leise alles wieder weg in den Kasten hinein, denn es wußte
+nun schon, wo jedes Ding seinen Platz hatte. Dann setzte es sich ganz
+nahe an Silvios Bett und machte Figuren mit seinen gelenkigen Fingern,
+so daß davon der Schatten auf die Wand fiel, und alle Augenblicke lachte
+der Silvio hell auf und rief aus: »Ein Hase! Ein Tier mit Hörnern! Eine
+Spinne mit langen Beinen!«
+
+So verfloß der erste Abend so schnell und vergnüglich, daß keines
+begreifen konnte, wo die Zeit hingekommen war, als es nun zehn Uhr
+schlug. Rico stand auf vom Tisch, denn er wußte, daß er nun gehen mußte;
+es war aber eine schwarze Wolke über sein Gesicht gekommen. Er sagte
+kurz: »Gute Nacht!« und ging hinaus. Aber das Stineli lief ihm nach und
+im Garten nahm es ihn bei der Hand und sagte: »Nun darfst du nicht
+traurig werden, Rico; es ist so schön hier, ich kann dir gar nicht
+sagen, wie es mir gefällt und wie froh ich bin, und das habe ich alles
+dir zu danken. Und morgen kommst du wieder und alle Tage; freut es dich
+nicht, Rico?«
+
+»Ja«, sagte er und schaute das Stineli ganz schwarz an, »und alle
+Abende, wenn’s am schönsten ist, muß ich fort und weg und gehöre zu
+niemandem.«
+
+»Ach, so mußt du nicht denken, Rico«, ermunterte ihn Stineli; »nun haben
+wir doch immer zueinander gehört und ich habe mich drei Jahre lang immer
+darauf gefreut, wenn wir wieder einmal zusammenkommen werden, und wenn
+es daheim manchmal so zuging, daß ich lieber nicht mehr hätte dabei sein
+wollen, dann dachte ich immer: Wenn ich nur einmal wieder mit dem Rico
+sein könnte, so wollte ich alles gern tun. Und nun ist alles so
+gekommen, daß ich gar keine größere Freude wüßte, und jetzt willst du
+dich gar nicht mit mir freuen, Rico?«
+
+»Doch, ich will«, sagte Rico und schaute das Stineli heller an. Er
+gehörte doch zu jemand, Stinelis Worte hatten ihn wieder ins
+Gleichgewicht gebracht. Sie gaben einander noch einmal die Hand, dann
+ging der Rico zum Garten hinaus!
+
+Als Stineli in die Stube zurückkam und nach der Mutter Anweisung dem
+Silvio »Gute Nacht« sagen wollte, da ging ein neuer Kampf an; er wollte
+es durchaus nicht von sich weglassen und rief ein Mal ums andere: »Das
+Stineli muß bei mir bleiben und immer an meinem Bette sitzen, es sagt
+lustige Worte und lacht mit den Augen.«
+
+Da half nun keine Ermahnung, bis zuletzt die Mutter sagte: »So halt du
+jetzt das Stineli fest die ganze Nacht, daß es nicht schlafen kann, dann
+ist es morgen krank wie du und kann nicht aufstehen und du siehst es
+nicht mehr für lange Zeit.«
+
+Da ließ Silvio endlich Stinelis Arm los, den er fest umklammert hatte,
+und sagte:
+
+»Geh, schlaf, Stineli; aber komm früh am Morgen wieder!«
+
+Das versprach Stineli; und nun zeigte Frau Menotti ihm ein sauberes
+Kämmerlein, das auf den Garten hinausschaute, von wo ein lieblicher
+Blumenduft durch das offene Fenster heraufstieg. –
+
+Mit jedem Tage wurde das Stineli nun dem kleinen Silvio unentbehrlicher;
+wenn es nur zur Tür hinausging, so sah er das für ein Unglück an. Dafür
+war er aber auch ordentlich und gut, wenn es bei ihm war, und tat alles,
+was es ihn hieß, und plagte seine Mutter gar nicht mehr. Es war auch,
+als ob das nervöse Büblein wirklich seit Stinelis Ankunft seine großen
+Schmerzen verloren habe, denn noch hatte er nie gejammert, seit es an
+seinem Bette saß, und doch war nun schon mancher Tag hingegangen seit
+jenem ersten Abend, da es erschienen war.
+
+Stineli hatte aber auch eine unerschöpfliche Fundgrube von
+Unterhaltungen, und alles, was es nur in die Hand nahm, und was es tat
+und sagte, wurde zur anmutigsten Kurzweil für den Silvio, denn das
+Stineli hatte sich von ganz klein auf nach den kleinen Kindern richten
+müssen und immerfort darauf bedacht sein, sie zufrieden zu erhalten mit
+Worten und Händen und Blicken und auf jegliche Weise mit jeder Bewegung.
+
+So war Stineli unbewußt in seinem Sein und ganzen Wesen schon die
+allerangenehmste Unterhaltung, die es für ein kleines, empfindliches, an
+sein Bettchen gefesseltes Büblein nur geben konnte. Das gelehrige
+Stineli hatte auch bald dem Silvio alle seine Worte abgelauscht und
+schwatzte ganz unverzagt mit Silvio drauf los, und wo es die Worte noch
+verkehrte, da hatte der Silvio einen Hauptspaß daran, und die Sache war
+für ihn wie ein absichtlich erfundenes Vergnügen.
+
+Die Mutter konnte nie den Rico in den Garten treten sehen, ohne daß sie
+ihm entgegenlief, denn jetzt durfte sie laufen, wohin sie nur wollte und
+wann es ihr gefiel, und sie mußte ihn noch ein wenig auf die Seite
+nehmen, um ihm zu sagen, welchen Schatz er ihr ins Haus gebracht habe,
+wie glücklich und froh der kleine Silvio sei, wie in seinem ganzen armen
+Leben noch nie, und wie sie nur gar nicht begreife, daß es ein solches
+Mädchen geben könne: mit dem Silvio sei es ganz kindlich und gerade so,
+als habe es selbst die größte Freude an den Dingen, die dem Büblein
+Kurzweil machten; mit ihr könne es so vernünftig reden und habe eine
+Erfahrung in der Arbeit und im Einrichten, wie kaum eine Frau; und seit
+sie dieses Stineli im Hause habe, gehe alles wie von selbst und sie habe
+alle Tage Sonntag. Kurz, Frau Menotti konnte gar nicht genug Worte
+finden, um das Stineli in allen seinen Eigenschaften zu bewundern und zu
+loben, und der Rico hörte ihr gern zu.
+
+Wenn sie dann alle drinnen beisammensaßen und immer eins das andere
+freundlicher ansah, so als wollte keines mehr gern vom anderen
+weggehen, dann hätte man denken müssen, das seien die glücklichsten
+Menschen weit umher, denen nichts mehr mangele. Aber mit jedem Abend
+wurde die Wolke auf Ricos Gesicht ein wenig dunkler und schwärzer,
+sobald es zehn Uhr schlug, und wenn es auch Frau Menotti in ihrer frohen
+Stimmung nicht merkte, so sah es doch das Stineli ganz gut und heimlich
+bekümmerte es sich und dachte: »Es ist, wie wenn ein Gewitter kommen
+wollte!«
+
+
+
+
+Neunzehntes Kapitel.
+
+Wolken am schönen Gardasee.
+
+
+Es kam ein schöner Herbstsonntag, und drüben in Riva sollte am Abend
+Tanz sein und Rico hinüberfahren, um zu spielen. So konnte er den Tag
+nicht mit Stineli und den anderen zubringen; das war schon mehrmals
+verhandelt worden die Woche durch, denn es war ein Ereignis für alle,
+wenn Rico nicht kam, und Stineli suchte alles mögliche hervor, um der
+Sache noch eine gute Seite abzugewinnen: »Du fährst dann im Sonnenschein
+über den See und kommst unter dem Sternenhimmel wieder zurück, und wir
+denken die ganze Zeit an dich«, hatte es ihm gesagt, als er zuerst
+anzeigte, daß ein Tanzsonntag folge.
+
+Rico kam am Samstagabend mit seiner Geige, denn Stinelis größte Freude
+war sein Spiel. Rico spielte schöne Weisen, eine nach der anderen, aber
+sie waren alle traurig, und es war auch, als machten sie ihn wieder
+traurig, denn er schaute auf seine Geige mit einer Düsterkeit, als tue
+sie ihm das größte Leid an.
+
+Auf einmal steckte er seinen Bogen weg, lang noch ehe es zehn geschlagen
+hatte, und sagte: »Ich will gehen.«
+
+Frau Menotti wollte ihn festhalten, sie begriff nicht, was ihm einfiel.
+Stineli hatte ihn immer angesehen, während er spielte; jetzt sagte es
+nur: »Ich gehe noch ein paar Schritte mit dir.«
+
+»Nein!« rief Silvio, »geh nicht fort, bleib da, Stineli!«
+
+»Ja, ja, Stineli«, sagte Rico, »bleib du nur da und laß mich gehen!«
+
+Dabei sah er Stineli gerade so an wie damals, als er vom Lehrer weg dem
+Holzstoß zu kam und sagte: »Es ist alles verloren!«
+
+Stineli ging zu Silvios Bett und sagte leise: »Sei brav, Silvio; morgen
+erzähl’ ich dir die allerlustigste Geschichte vom Peterli, aber mach
+jetzt keinen Lärm.«
+
+Silvio hielt sich wirklich still, und Stineli ging dem Rico nach. Als
+sie am Gartenzaun standen, kehrte Rico sich um und deutete auf die
+erleuchtete Stube, die so wohnlich aussah vom Garten her, und sagte:
+
+»Geh wieder, Stineli; dort gehörst du hinein und bist daheim dort, und
+ich gehöre auf die Straße, ich bin nur ein Heimatloser, und so wird es
+immer sein; darum laß mich nur gehen!«
+
+»Nein, nein, so lass’ ich dich nicht gehen; Rico, wo gehst du jetzt
+hin?«
+
+»An den See«, sagte Rico und ging der Brücke zu. Stineli ging mit. Als
+sie an der Halde standen, hörten sie unten die leisen Wellen flüstern
+und lauschten eine Weile. Dann sagte Rico:
+
+»Siehst du, Stineli, wenn du nicht da wärst, so ginge ich gleich fort,
+weit fort, aber ich wüßte auch nicht wohin. Ich muß doch immer ein
+Heimatloser sein und mein ganzes Leben lang so in Wirtshäusern geigen,
+wo sie lärmen, wie wenn sie von Sinnen wären, und in einer Kammer
+schlafen, wo ich lieber nicht mehr hineinginge; und du gehörst nun zu
+ihnen in das schöne Haus, und ich gehöre nirgends hin. Und siehst du,
+wenn ich da hinabsehe, so denke ich: hätte mich doch die Mutter hier
+hineingeworfen, ehe sie sterben mußte, so wäre ich kein Heimatloser
+geworden.«
+
+Stineli hatte mit Kummer im Herzen dem Rico zugehört; aber wie er diese
+letzten Worte sagte, da bekam es einen großen Schrecken und rief aus: »O
+Rico, so etwas darfst du gar nicht sagen. Du hast gewiß lange dein
+Unser-Vater nicht mehr gebetet, darum sind dir diese bösen Gedanken
+gekommen.«
+
+»Nein, ich habe es nicht mehr gebetet, ich kann es nicht mehr.«
+
+Das war dem Stineli ein erschreckliches Wort.
+
+»O, wenn das die Großmutter wüßte, Rico«, rief es jammernd aus, »sie
+müßte noch einen rechten Kummer für dich ausstehen. Weißt du, wie sie
+gesagt hat: ›Wer sein Unser-Vater vergißt, dem geht es schlecht!‹ O
+komm, Rico, du mußt es wieder lernen, ich will dich’s gleich lehren. Du
+kannst es bald wieder.«
+
+Und Stineli fing an und sagte mit warmer Teilnahme seines Herzens
+zweimal hintereinander dem Rico das Unser-Vater vor. Wie es nun so tief
+beteiligt den Worten folgte, so bemerkte Stineli, daß da gerade für den
+Rico viel Trostreiches darin vorkam, und wie es zu Ende war, sagte es:
+
+»Siehst du, Rico, weil doch dem lieben Gott das ganze Reich gehört, so
+kann er dir schon noch eine Heimat finden, und ihm gehört auch alle
+Kraft, daß er sie dir geben kann.«
+
+»Jetzt kannst du sehen, Stineli«, entgegnete Rico, »wenn der liebe Gott
+eine Heimat in seinem Reich für mich hätte und auch die Kraft hat, daß
+er mir sie geben könnte, so _will_ er nicht.«
+
+»Ja, aber du mußt auch etwas bedenken«, fuhr Stineli fort, »der liebe
+Gott kann auch bei sich selbst sagen: ›Wenn der Rico etwas von mir will,
+so kann er auch einmal beten und kann mir’s sagen.‹«
+
+Dagegen wußte Rico nichts mehr einzuwenden. Er schwieg eine kleine
+Weile, dann sagte er:
+
+»Sag noch einmal das Unser-Vater, ich will’s wieder lernen.«
+
+Stineli sagte es noch einmal, dann konnte es der Rico wieder und hatte
+sich’s recht eingeprägt. Nun gingen sie friedlich heim, jedes auf seine
+Seite, und Rico mußte noch immer an das Reich und die Kraft denken.
+
+An dem Abend aber, wie er in seiner stillen Kammer war, betete er von
+Herzen demütig, denn er fühlte, daß er im Unrecht war, zu denken, der
+liebe Gott sollte ihm geben, was ihm mangelte, und er hatte ihn ja gar
+nie darum gebeten.
+
+Stineli trat gedankenvoll in den Garten ein. Es erwog bei sich selbst,
+ob es über alles mit der Frau Menotti reden wollte; vielleicht könnte
+sie für den Rico eine andere Beschäftigung finden, als dies Geigen zum
+Tanz in den Wirtshäusern, das ihm so zuwider war. Aber der Gedanke, die
+Frau Menotti mit seinen Angelegenheiten zu beschäftigen, verging ihm,
+als es in die Stube eingetreten war. Silvio lag glühendrot auf seinem
+Kissen und atmete heftig und ungleich, und am Bette saß die Mutter und
+weinte ganz kläglich. Silvio hatte einmal wieder einen seiner Anfälle
+und große Schmerzen gehabt, und ein wenig Zorn, daß das Stineli fort
+war, mochte das Fieber noch vermehrt haben. Die Mutter war so
+niedergeschlagen, wie Stineli sie noch nie gesehen hatte. Als sie sich
+endlich ein wenig ermuntern konnte, sagte sie:
+
+»Komm, Stineli, setz dich da neben mich, ich möchte dir etwas sagen.
+Sieh, es liegt mir etwas so schwer auf dem Herzen, daß ich manchmal
+meine, ich könne es fast nicht mehr tragen. Du bist freilich jung, aber
+du bist ein vernünftiges Mädchen und hast schon viel gesehen, und ich
+meine, es würde mir schon leichter werden, wenn ich mit dir darüber
+reden könnte. Du siehst ja, wie es mit dem Silvio ist, mit meinem
+einzigen Söhnlein. Nun habe ich aber nicht nur das Leid seiner
+Krankheit, die ja nie heilen kann, sondern ich muß oft bei mir selbst
+sagen: es ist vielleicht eine Strafe von Gott, weil wir unrechtes Gut
+behalten haben und genießen, wenn wir es schon nicht an uns ziehen und
+behalten wollten. Ich will dir’s aber von Anfang an erzählen.
+
+»Als wir uns verheirateten, der Menotti und ich – er hatte mich von Riva
+herübergeholt, wo mein Vater noch ist –, da hatte Menotti hier einen
+guten Freund, der wollte eben fort, weil ihm das Land verleidet war,
+denn er hatte seine Frau verloren. Er hatte ein Häuschen und einen
+großen Acker und Feld, nicht besonders gutes Land, aber eine große
+Strecke. Da wollte er, daß mein Mann alles übernehme, und sagte, das
+Land trage ja nicht so viel, er solle es ihm in Ordnung halten und das
+Haus dazu, bis er wiederkomme in ein paar Jahren. So machten es die
+Freunde aus, und sie hielten viel voneinander und machten nichts aus
+wegen Zinsen. Mein Mann sagte: ›Du mußt deine Sache recht haben, wenn du
+wiederkommst‹, denn er wollte alles gut verwerten und verstand sich auf
+den Landbau, und sein Freund wußte es wohl und überließ ihm alles. Aber
+gleich ein Jahr darauf wurde die Eisenbahn gebaut, das Häuschen mußte
+weg mit dem Garten, und der Acker wurde gebraucht, der Schienenweg geht
+darüber. So löste mein Mann viel mehr Geld, als jenes wert war, und
+kaufte hier weiter unten gutes Land und den Garten und baute das Haus,
+alles aus dem Geld, und das Land trug mehr als das Doppelte ein hier
+unten, so daß wir die reichsten Ernten hatten. Ich sagte aber manchmal
+zu meinem Mann: ›Es gehört uns doch nicht, und wir leben im Überfluß aus
+dem Gut eines anderen; wenn wir nur wüßten, wo er wäre!‹ Aber mein Mann
+beruhigte mich und sagte: ›Ich halte ihm alles in Ordnung, und wenn er
+kommt, ist alles sein, und vom Gewinn, den ich beiseite gelegt, muß er
+auch seinen Teil haben.‹
+
+»Dann bekamen wir den Silvio, und wie ich entdeckte, daß das Büblein
+elend war, da mußte ich mehr und mehr zu meinem Mann sagen: ›Wir leben
+von unrechtem Gut, es ist eine Strafe über uns.‹ Und manchmal war es mir
+so schwer, daß ich fast lieber arm gewesen wäre und ohne Obdach. Aber
+mein Mann tröstete mich wieder und sagte: ›Du wirst sehen, wie er mit
+mir zufrieden sein wird, wenn er kommt.‹ Aber er kam nie. Da starb mein
+Mann schon vor vier Jahren; ach, was habe ich seitdem ausgestanden und
+muß immer denken: wie kann ich nur dem unrechten Gut abkommen ohne
+Unrecht, denn ich sollte es doch in guter Ordnung halten, bis der Freund
+wiederkommt, und dann denk’ ich wieder: wenn er nun irgendwo im Elend
+wäre und ich lebe unterdessen so gut aus dem Seinigen und weiß nichts
+von ihm.«
+
+Stineli hatte ein großes Mitleid mit der Frau Menotti, denn es konnte
+sich so gut denken, wie es der Frau zumute war, die sich ein Unrecht
+vorwarf, das sie nicht ändern konnte. Und es tröstete die Frau Menotti
+und sagte ihr: wenn man ein Unrecht gar nicht wolle und es so gern gut
+machen möchte, dann dürfe man recht zuversichtlich den lieben Gott
+bitten, daß er helfe, denn er könne schon etwas Gutes machen aus dem,
+was wir verkehrt gemacht haben, und er wolle es auch tun, wenn es uns um
+das Verkehrte recht leid sei. Das wisse es alles von der Großmutter her,
+denn es habe sich auch einmal nicht mehr zu helfen gewußt und eine große
+Angst ausgestanden.
+
+Dann erzählte Stineli von dem See, den Rico immer im Sinn gehabt, und
+wie es schuld an seinem Fortlaufen gewesen sei und gefürchtet habe, er
+sei ums Leben gekommen. Und es sagte, es sei ihm dann auch ganz wohl
+geworden, wie es so gebetet und alles dem lieben Gott überlassen habe,
+und Frau Menotti müsse es nun auch so machen, dann werde es ihr ganz
+leicht werden ums Herz, denn sie könne dann immer fröhlich denken:
+»Jetzt hat der liebe Gott die Sache übernommen.« Die Frau Menotti wurde
+ganz fromm gestimmt von Stinelis Worten und sagte, sie wolle nun in
+Frieden zur Ruhe gehen, es habe ihr recht wohl gemacht mit seiner
+Zuversicht.
+
+
+
+
+Zwanzigstes Kapitel.
+
+In der Heimat.
+
+
+Als der goldene Sonntagmorgen über den Garten mit den roten Blumen
+leuchtete, trat Frau Menotti heraus und setzte sich auf die Rasenbank am
+Zaun. Sie schaute ringsum und hatte ihre eigenen Gedanken dabei. Hier
+die Oleanderblumen und die Lorbeerhecke dahinter, dort die vollen
+Feigenbäume und die goldenen Weinranken dazwischen, – da sagte sie leise
+für sich: »Gott weiß, ich wäre froh, wenn mir das Unrecht vom Gewissen
+genommen würde; aber so schön, wie es hier ist, würde ich’s nirgends
+mehr finden.«
+
+Jetzt trat der Rico in den Garten; er mußte ja heut’ Nachmittag fort,
+und so den ganzen Tag, ohne einmal zu kommen, konnte er’s nicht gut
+aushalten. Als er gerade nach der Stube gehen wollte, rief ihn Frau
+Menotti und sagte:
+
+»Setz dich einen Augenblick hier zu mir; wer weiß, wie lange wir hier
+noch nebeneinander sitzen werden!«
+
+Rico erschrak.
+
+»Warum denn, Frau Menotti, Ihr geht doch nicht fort?«
+
+Nun mußte Frau Menotti ablenken, ihre Geschichte konnte sie nicht
+erzählen. Es kam ihr in den Sinn, was Stineli ihr gestern Abend vom Rico
+gesagt hatte; sie war aber so von ihrer eigenen Sache erfüllt gewesen,
+daß sie es nicht recht verstanden hatte. Jetzt fing es an, sie ein wenig
+zu wundern, da es ihr wieder in den Sinn kam.
+
+»Sag einmal, Rico«, fing sie an, »warst du denn früher schon einmal da,
+daß du den See wiedersehen wolltest, wie mir gestern das Stineli erzählt
+hat?«
+
+»Ja, wie ich klein war«, sagte Rico, »dann kam ich fort.«
+
+»Wie kamst du denn hierher, als du klein warst?«
+
+»Hier kam ich auf die Welt.«
+
+»Was, hier? Was war denn dein Vater, daß er aus den Bergen hier
+herunterkam?«
+
+»Er war nicht aus den Bergen, nur die Mutter!«
+
+»Was du sagst, Rico. Dein Vater war doch nicht von hier?«
+
+»Doch, er war von hier.«
+
+»Das hast du alles nicht erzählt, das ist ja so merkwürdig! Du hast doch
+keinen Namen von hier; wie hieß denn dein Vater?«
+
+»Wie ich hieß er: Enrico Trevillo.«
+
+Frau Menotti fuhr von der Bank auf, als treffe sie ein Anfall.
+
+»Was sagst du da, Rico«, rief sie, »was hast du gerade jetzt gesagt?«
+
+»Meines Vaters Namen«, sagte Rico ruhig.
+
+Frau Menotti hatte nicht mehr zugehört, sie war an die Tür gelaufen.
+
+»Stineli, gib mir ein Halstuch«, rief sie hinein. »Ich muß zum Herrn
+Pfarrer auf der Stelle, mir zittern alle Glieder.«
+
+Stineli brachte erstaunt ein Halstuch.
+
+»Komm ein paar Schritte mit mir, Rico«, sagte Frau Menotti im Weggehen;
+»ich muß dich noch etwas fragen.«
+
+Zweimal noch mußte Rico sagen, wie sein Vater hieß, und zum dritten Male
+fragte Frau Menotti ihn noch an der Tür des Pfarrers, ob er auch sicher
+sei. Dann trat sie in das Haus ein. Rico kehrte zurück und war
+verwundert über den Zustand der Frau Menotti.
+
+Rico hatte seine Geige mitgebracht, er wußte, daß es dem Stineli
+jedesmal Freude machte, wenn sie mitkam. Als er nun damit in der Stube
+anlangte, traf er den Silvio und das Stineli in der besten Stimmung;
+denn Stineli hatte seinem Versprechen gemäß die Geschichte vom Peterli
+erzählt und damit sich und den Silvio in die größte Heiterkeit versetzt.
+Als dieser nun die Geige erblickte, rief er gleich: »Nun wollen wir
+singen, mit dem Stineli wollen wir die Schäflein singen.« Stineli hatte
+sein Lied nie mehr gehört, seit es entstanden war; denn Rico spielte
+jetzt viele schöne Weisen, und es hatte lange niemand mehr an das Lied
+gedacht. Daß aber der kleine Silvio das deutsche Lied singen wollte,
+überraschte es sehr, denn es wußte nicht, wie viele hundert Male Rico es
+ihm vorgesungen hatte in den drei Jahren. Stineli hatte die größte
+Freude, daß es das alte Lied wieder einmal mit Rico singen sollte, und
+nun ging’s an, und richtig: Silvio sang aus allen Kräften mit, und ohne
+daß er ein einziges Wort verstand, hatte er sie alle dem Tone nach
+behalten durch das viele Anhören. Aber diesmal war das Lachen am
+Stineli; denn Silvio sprach seine Worte meistens so ganz verwunderlich
+aus, daß es vor Lachen gar nicht singen konnte, und wie nun der Silvio
+das Stineli so mit dem ganzen Gesicht lachen sah, da fing auch er an,
+und dann sang er noch vernehmlicher und lauter, daß das Stineli noch
+mehr lachen mußte, und dazu geigte der Rico mit aller Kraft sein:
+»Schäflein hinunter«.
+
+So tönte schon von weitem das singende Gelächter der Frau Menotti
+entgegen, als sie sich ihrem Garten näherte, und sie konnte nicht recht
+fassen, wie das so sein konnte in dieser ereignisvollen Stunde. Eilends
+kam sie durch den Garten und trat in die Stube ein; sie mußte sich
+gleich auf dem ersten Stuhle niederlassen, denn der Schrecken und die
+Freude und das Laufen und die Erwartung aller kommenden Dinge hatten sie
+überwältigt, und sie mußte erst zu sich kommen. Die Sänger waren
+verstummt und schauten verwundert auf die Mutter. Jetzt hatte sie sich
+gesammelt.
+
+»Rico«, sagte sie, feierlicher als sonst, »Rico, sieh um dich! Dieses
+Haus, dieser Garten, das Feld, alles, was du hier sehen und nicht sehen
+kannst von oben bis unten, das gehört alles dir; du bist der Besitzer,
+es ist dein väterliches Erbgut. Da ist deine Heimat; dein Name steht im
+Taufbuch, du bist der Sohn von Enrico Trevillo, und der war meines
+Mannes nächster Freund.«
+
+Stineli hatte bei den ersten zwei Worten schon alles begriffen und
+unaussprechliche Freude überstrahlte sein Gesicht. Rico saß wie
+versteinert auf seinem Stuhl und gab keinen Laut von sich. Aber der
+Silvio, große Kurzweil ahnend, brach in Jubel aus und rief:
+
+»O jetzt gehört auf einmal das Haus dem Rico! Wo muß er schlafen?«
+
+»Muß? Muß? Silvio!« sagte die Mutter. »In allen Stuben kann er sein, wo
+er will; er kann uns alle drei heut’ noch da hinausstellen, wenn er
+will, und ganz mutterseelenallein im Hause bleiben.«
+
+»Dann ging ich lieber auch zu euch hinaus«, sagte Rico.
+
+»Ach, du guter Rico!« rief Frau Menotti aus; »wenn du uns da drinnen
+haben willst, wie bleiben wir so gern! Siehst du, ich habe mir schon im
+Heimweg ein wenig ausgedacht, wie wir es machen könnten. Ich könnte dir
+das halbe Haus abnehmen und so mit dem Garten und dem Land; so gehörte
+die eine Hälfte von allem dir und die andere dem Silvio.«
+
+»Dann geb’ ich meine Hälfte dem Stineli«, rief Silvio.
+
+»Und ich die meine auch«, sagte Rico.
+
+»Oho, nun gehört alles dem Stineli!« frohlockte der Kleine aus seinem
+Bett heraus, »der Garten und das Haus und alles, was drin ist, die
+Stühle und die Tische und ich und der Rico und seine Geige. Jetzt wollen
+wir wieder singen!«
+
+Aber so abgemacht, wie der Silvio die Sache auffaßte, kam sie dem Rico
+nicht vor. Er hatte unterdessen über die Worte der Frau Menotti
+nachgedacht und fragte nun zaghaft:
+
+»Aber wie könnte das sein, daß das Haus von Silvios Vater mein wäre,
+darum, daß mein Vater sein Freund war?«
+
+Da fiel es der Frau Menotti erst ein, daß ja der Rico von dem ganzen
+Hergang der Sache noch nichts wußte, und sie fing gleich an und erzählte
+die ganze Geschichte von vorn an und noch viel weitläufiger, als sie am
+Abend vorher alles dem Stineli erzählt hatte. Und wie sie zu Ende war,
+da hatten die drei alles völlig begriffen, und bei allen dreien ging ein
+unbeschreiblicher Jubel los, denn da war gar kein Hindernis mehr, daß
+Rico auf der Stelle in sein Haus einziehe und es nie wieder verlasse.
+
+Mitten aus dem Jubel heraus aber sagte Rico:
+
+»Weil doch alles so ist, Frau Menotti, so muß ja nun gar nichts anders
+werden in dem Hause; ich komme nun auch und bin daheim hier, und wir
+bleiben so zusammen, und Ihr seid unsere Mutter.«
+
+»O Rico, daß du es bist, daß du es bist! Wie hat doch der liebe Gott das
+alles so schön herausgeführt! Daß ich es alles dir zu übergeben habe und
+doch dableiben kann mit dem besten Gewissen. Ich will dir auch eine
+Mutter sein, Rico, sieh, du bist mir ja auch lange schon lieb wie ein
+eigenes Kind. Jetzt mußt du mich auch Mutter nennen, und das Stineli
+auch, und wir sind die glücklichste Haushaltung in ganz Peschiera.«
+
+»Jetzt müssen wir unser Lied fertig singen«, rief der Silvio, dem es so
+ums Singen und Jauchzen war, daß er einen Ausweg haben mußte, und Rico
+und Stineli begannen noch einmal den Gesang in der größten Fröhlichkeit,
+denn es war ihnen nicht minder wohl ums Herz. Als sie aber damit fertig
+waren, sagte Stineli:
+
+»Nun möchte ich noch ein Lied mit dir singen, Rico; weißt du, was für
+eines?«
+
+»Ja, ich weiß es«, antwortete Rico, »und ich will auch gern mithalten;
+wir wollen gleich beim Vers der Großmutter anfangen«, und er stimmte an
+und sang so schön und tief heraus, wie er noch gar nie gesungen hatte,
+und Stineli sang mit seinem ganzen Herzen dazu:
+
+ »Er hat noch niemals was versehn
+ In seinem Regiment,
+ Und was er tut und läßt geschehn,
+ Das nimmt ein gutes End’.
+
+ Ei nun, so laß ihn ferner tun
+ Und red ihm nicht darein,
+ So wirst du hier im Frieden ruhn
+ Und ewig fröhlich sein.«
+
+Aber nach Riva ging der Rico nicht an dem Tage. Die Mutter Menotti hatte
+ihm geraten, gleich hinzugehen und der Wirtin seine veränderten
+Verhältnisse mitzuteilen, einen Geiger nach Riva zu beordern und gleich
+heute noch in sein Haus einzuziehen. Dieser Vorschlag gefiel dem Rico,
+und er eilte gleich fort. Die Wirtin hörte ihm mit der größten
+Verwunderung zu, als er ihr seine Mitteilungen machte; als er fertig
+war, rief sie ihren Mann herbei und bezeugte eine laute Freude und
+wünschte dem Rico allen Segen in sein Haus, und es kam ihr recht von
+Herzen. Sie verlor ihn ungern, aber sie hatte schon seit einiger Zeit
+den Verdacht gehegt, die Wirtin zu den »Drei Kronen« fahnde auf den Rico
+und mache ihn ihr noch abspenstig; das hätte sie nicht ertragen. Nun war
+der gefürchteten Tat der Riegel gestoßen, und daß der Rico ein Gutsherr
+geworden war, mochte sie ihm gönnen, denn sie hatte ihn immer wohl
+gemocht. Und der Mann hatte seine besondere Freude an der Sache, denn er
+hatte den Vater gekannt und konnte gar nicht begreifen, daß es ihm nie
+in den Sinn gekommen war, wie ihm der Rico aufs Haar gleich sehe. So
+nahm Rico einen freundlichen Abschied aus dem Hause, und als ihm die
+Wirtin unter der Tür noch einmal die Hand gab, empfahl sie sich noch
+für alle Fälle, wenn er etwa mit der Zeit einmal einen Anlaß von seinem
+Haus aus zu geben hätte. Noch an demselben Abend wußte ganz Peschiera
+die ganze Geschichte des Rico, wie sie sich zugetragen hatte, und dann
+noch viel dazu, und jedermann mochte dem Rico sein Glück gönnen, und
+einer sagte zum anderen: »Er paßt gerade als Herr auf sein Gütlein, als
+wäre er eigens dazu geschaffen worden.«
+
+Die Mutter Menotti aber wußte nicht, wie sie es dem neuen Besitzer gut
+genug machen wollte in seinem Hause. Sie rüstete das große Zimmer auf
+mit den zwei Fenstern über den Garten und auf den See hinab; von der
+Wand schauten schöne weiße Marmorfigürchen herunter, auf den Tisch kam
+ein duftender Blumenstrauß, und das ganze Zimmer sah so sauber und
+festlich aus, daß der Rico unter der Tür stehen blieb vor Erstaunen, wie
+er jetzt, vom Stineli geführt, heraufkam, wo die Mutter Menotti ihn
+empfangen wollte. Als diese ihn aber bei der Hand nahm und zum Fenster
+führte, wo er auf den flimmernden See hinunter und bis zu den violetten
+Bergen hinübersah, da stieg dem Rico so vieles auf im Herzen, daß es ihm
+vor Freude und Dank übervoll wurde und er nur leise sagen konnte:
+
+»O wie schön! nun darf ich daheim sein!«
+
+In der wohnlichen Stube mit den offenen Türen auf den Blumengarten wurde
+von dem Abend an, da Rico sein Haus bezogen hatte, von den vier
+Bewohnern desselben ein Tag nach dem anderen in solcher Fröhlichkeit und
+ungetrübtem Glücke verlebt, daß keines von allen bemerkte, wie rasch die
+Zeit dahinging.
+
+Am Tage ging der Rico seinem pfeifenden Burschen nach zu den
+Feigenbäumen und auf den Acker hinaus ins Maiskorn, denn das mußte er
+nun alles behandeln lernen. Dann dachte der Bursche bei sich selbst:
+»Ich kann freilich mehr als mein Meister«, und der Hochmut stieg ihm ein
+wenig in den Kopf gegen den Rico; aber am Abend klangen aus der
+erleuchteten Stube so schöne und herzgewinnende Weisen in den Garten
+hinaus, daß der Bursche sich an die Hecke lehnte und stundenlang
+lauschte, denn Musik ging ihm über alles. Dann sagte er zu sich: »Mein
+Meister kann doch mehr als ich«, und bekam einen großen Respekt vor ihm.
+
+
+
+
+Einundzwanzigstes Kapitel.
+
+Sonnenschein am Gardasee.
+
+
+So waren zwei Jahre dahingeflogen, immer ein Tag genußreicher als der
+andere. Da wußte Stineli, daß nun die Zeit seiner Abreise gekommen war,
+und es mußte stark mit sich kämpfen, daß es nicht den Mut verlor, denn
+fortgehen und vielleicht nie wiederkommen, das war der schwerste
+Gedanke, der noch je auf sein Herz gefallen war. Auch der Rico wußte,
+was nun sein sollte, und er sagte manchen Tag lang nur noch die
+notwendigsten Worte. Da wurde es der Mutter Menotti ganz unheimlich
+zumute und sie forschte der unbekannten Ursache nach, denn sie hatte
+schon lange vergessen, daß das Stineli sollte konfirmiert werden. Als
+nun diese Besorgnis herauskam, sagte die Mutter Menotti beruhigend: »Man
+kann schon noch ein Jahr warten«, und so lebten alle in Freuden ein
+Jahr weiter.
+
+Aber im dritten Jahr kam Bericht von Bergamo, es sei da einer angekommen
+aus den Bergen herunter, der habe Befehl, das Stineli mit nach Hause zu
+nehmen. Nun mußte es sein; der kleine Silvio gebärdete sich wie ein
+Besessener, aber es half nichts, gegen das Schicksal konnte er nicht
+aufkommen. Die Mutter Menotti sagte die letzten drei Tage hintereinander
+nur immerzu: »Komm nur auch wieder, Stineli; versprich dem Vater, was er
+will, wenn er dich nur wieder gehen läßt.«
+
+Der Rico sagte gar nichts mehr. So reiste das Stineli ab, und von dem
+Tage an lag es über dem Hause wie eine graue, schwere Wolke, wenn
+draußen die Sonne noch so schön schien. So blieb es vom November an bis
+zum Osterfest, da alle Leute sich freuten; aber in dem Hause blieb es
+ganz still. Und als das Fest vorüber war und draußen im Garten alles
+blühte und duftete, viel schöner als je, da saß eines Abends Rico neben
+dem Silvio und spielte die allertraurigste Melodie, die er kannte, und
+machte den kleinen Silvio ganz tiefsinnig; aber mit einem Male ertönte
+aus dem Garten eine Stimme dazwischen: »Rico, Rico, hast du keinen
+fröhlicheren Empfang für mich?«
+
+Der Silvio schrie auf wie außer sich. Rico warf die Geige auf das Bett
+und sprang hinaus. Die Mutter stürzte mit Schrecken herbei. Da erschien
+auf der Schwelle mit dem Rico das Stineli. Und wie seine Augen wieder in
+die Stube hereinlachten – da war der langverlorene Sonnenschein
+zurückgekehrt, und es gab ein Wiedersehen von solcher Freude, wie sich
+keins von allen hatte vorstellen können in der Trennung. Da saßen sie
+wieder am Tisch bei Silvios Bett und es ging an ein Fragen und Erzählen
+und Berichten und wieder an ein Frohlocken über das Ende der schweren
+Trennungszeit; und es war ein solcher Festabend, daß man hätte denken
+können, diesen vier Menschen könne gar nichts mehr mangeln zu einem
+fertigen Glück. Aber dem Rico mußte es ganz anders sein. Mitten in der
+Fröhlichkeit fing er auf einmal zu staunen an, wie vorzeiten; doch
+währte es nicht so lange wie damals, er mußte ziemlich bald einen
+befriedigenden Endpunkt gefunden haben, denn plötzlich war das Staunen
+vorbei, und mit der größten Bestimmtheit sprach er die Worte aus:
+
+»Das Stineli muß auf der Stelle meine Frau werden, sonst kommt es uns
+noch einmal fort, wir halten es nicht aus.«
+
+Der Silvio geriet sogleich in die äußerste Begeisterung für dieses
+Unternehmen, und es währte gar nicht lange, so waren alle einig darüber,
+daß es so sein müsse und gar nicht anders sein könnte. –
+
+Am schönsten Maitage, der je über Peschiera geleuchtet hatte, bewegte
+sich ein langer Festzug von der Kirche her der »Goldenen Sonne«
+entgegen. Voran kam der hochgewachsene Rico stattlich dahergeschritten,
+an seiner Seite das frohäugige Stineli mit einem frischen
+Blumenkränzlein auf dem Kopf; dann kam in weichgepolstertem Wägelchen,
+von zwei fröhlichen Peschierabuben gezogen, der kleine Silvio,
+freudeglänzend wie ein Triumphator, darauf folgte die Mutter Menotti,
+ganz gerührt und ergriffen in ihrem rauschenden Hochzeitsstaat, nach ihr
+der Bursche mit einem Blumenstrauß, der ihm die ganze Brust bedeckte;
+und nun wogte ganz Peschiera daher in der allerlautesten Teilnahme; denn
+das schöne Paar wollten alle sehen und mit feiern. Es war wie ein
+allgemeines Familienfest der Leute von Peschiera, nun der verlorene und
+wiedergekehrte Peschierianer daranging, sein festes Haus zu gründen in
+seiner Heimat.
+
+Die Siegesfreude der Wirtin zur »Goldenen Sonne«, als sie den Zug vor
+ihrem Hause ankommen sah, ist nicht zu beschreiben! Wo auch je nachher
+von irgendeiner Hochzeit, hoch oder niedrig, die Rede war, da sagte sie
+mit Überlegenheit:
+
+»Das ist alles gar nichts gegen Ricos Hochzeit in der ›Goldenen Sonne‹!«
+
+In dem Hause am Blumengarten ging der Sonnenschein nicht mehr verloren;
+aber Stineli sorgte auch dafür, daß das Unser-Vater nie wieder vergessen
+wurde, und jeden Sonntagabend ertönte das Lied der Großmutter im hellen
+Chor den Garten hinaus.
+
+
+
+
+Wie Wiselis Weg gefunden wird.
+
+
+[Illustration: Auf dem Schlittweg]
+
+
+
+
+Erstes Kapitel.
+
+Auf dem Schlittweg.
+
+
+Draußen vor der Stadt Bern liegt ein Dörflein an einer Halde. Ich kann
+hier nicht wohl sagen, wie es heißt, aber ich will es ein wenig
+beschreiben; wer dann dahinkommt, der kann es gleich erkennen. Oben auf
+der Anhöhe steht ein einzelnes Haus mit einem Garten daran, voll schöner
+Blumen von allen Arten; das gehört dem Oberst Ritter und heißt »Auf der
+Halde«. Von da geht es hinunter; dann steht auf einem kleinen, ebenen
+Platze die Kirche und daneben das Pfarrhaus, – dort hat die Frau des
+Obersten als Pfarrerstochter ihre fröhliche Kindheit verlebt. Etwas
+weiter unten hin kommt das Schulhaus und noch einige Häuser beisammen,
+und dann links am Wege noch ein Häuschen ganz allein; davor liegt auch
+ein Gärtchen mit ein paar Rosen und ein paar Nelken und ein paar
+Resedastöckchen, daneben aber mit Zichorien und Spinat bepflanzt und mit
+einer niederen Hecke von Johannisbeersträuchern umgeben. Alles ist da
+immer in bester Ordnung und kein Unkraut zu sehen. Dann geht der Weg
+wieder bergab die ganze, lange Halde hinunter bis auf die große Straße,
+die der Aare entlang geht ins Land hinaus.
+
+Diese ganze, lange Halde bildete zur Winterszeit den herrlichsten
+Schlittweg, der weit und breit zu finden war; wohl zehn Minuten lang
+konnte man da auf dem Schlitten sitzen bleiben, ohne abzusteigen; denn
+war man vom Hause des Obersten an bei diesem ersten, steilen Absatz
+einmal recht in den Zug gekommen, so gingen die Schlitten vorwärts ohne
+Nachhilfe bis hinunter auf die Aarestraße. Diese unvergleichliche
+Schlittenbahn machte denn auch das Lebensglück einer großen Schar von
+Kindern aus, die alle, sobald nur die alte Schulstubentür sich öffnete,
+sich herausstürzten, ihre Schlitten vom Haufen rissen, den sie im Vorhof
+bildeten, und mit Windeseile dem Schlittweg zurannten, wo die Stunden
+verflogen, man wußte nicht wie, denn unten am Berge war man immer im
+Augenblick, und beim Heraufsteigen dachte man so eifrig ans nächste
+Hinunterfahren, daß es unmerklich schnell getan war. So brach immer zum
+großen Schrecken der Kinder die Nacht herein, lang ehe sie erwartet war,
+denn dies war die Zeit, da fast alle nach Hause gehen mußten. Da folgte
+dann gewöhnlich noch ein ziemlich stürmisches Ende, denn da wollte man
+schnell noch einmal fahren und dann noch einmal und dann nur noch ein
+einziges Mal, und so mußte dann alles noch in größter Eile zugehen, das
+Aufsitzen und das Abfahren und wieder die Rückkehr den Berg hinauf. Da
+war auch ein Gesetz errichtet worden, daß keiner sollte hinunterfahren,
+während die anderen hinaufstiegen, sondern hintereinander sollten alle
+abfahren und miteinander alle zurückkehren, damit kein Gedränge und
+Schlittenverwickelungen entstehen könnten. Manchmal aber gab es doch
+allerlei ungesetzliche Verwirrungen, besonders auf diesen drangvollen
+Schlußfahrten, da dann keiner zuletzt sein und etwa noch zu kurz kommen
+wollte. So war es auch an einem hellen Januarabend, da vor Kälte die
+Schlittenbahn laut knisterte unter den Füßen der Kinder und der Schnee
+nebenan auf den Feldern so hart gefroren war, daß man hätte darauf
+fahren können wie auf einer festen Straße. Die Kinder aber waren alle
+glühend rot und heiß dazu, denn eben waren sie im angestrengten Lauf den
+ganzen Berg heraufgeeilt, ihre Schlitten nachziehend und sie nun stracks
+umwendend und sich darauf stürzend, denn es hatte Eile; drüben stand
+schon hell der Mond am Himmel und die Betglocke hatte auch schon
+geläutet. Die Buben hatten aber alle gerufen: »Noch einmal! Noch
+einmal!« Und die Mädchen waren einverstanden. Aber beim Aufsitzen gab es
+eine Verwirrung und einen großen Lärm: drei Buben wollten durchaus auf
+demselben Platze mit ihren Schlitten stehen, und keiner wollte auch nur
+einen Zoll zurückweichen und später abfahren. So drückten sie einander
+auf die Seite hin, und der breite Chäppi wurde von den beiden anderen so
+gegen den Rand des Weges hin gestoßen, daß er ganz in den Schnee
+hineinsank mit seinem schweren Keßlerschlitten und fühlte, daß er unter
+ihm stecken blieb. Eine große Wut ergriff ihn beim Gedanken, daß die
+anderen nun abfahren möchten; er schaute um sich. Da fiel sein Blick auf
+ein kleines, schmales Mädchen, das neben ihm im Schnee stand; es war
+ganz bleich und hielt beide Arme in seine Schürze gewickelt, um wärmer
+zu haben, aber es zitterte doch vor Frost an seinem ganzen dünnen
+Körperchen. Das schien dem Chäppi ein passender Gegenstand zu sein,
+seine Wut daran auszulassen.
+
+»Kannst du einem nicht aus dem Wege gehen, du lumpiges Ding du? du
+brauchst nicht hier zu stehen, du hast ja nicht einmal einen Schlitten.
+Wart nur, ich will dir schon aus dem Wege helfen.« Damit stieß der
+Chäppi seinen Stiefel in den Schnee hinein, um dem Kinde eine
+Schneewolke entgegenzuwerfen. Es floh zurück, so daß es bis an die Kniee
+in den Schnee hineinsank, und sagte schüchtern: »Ich wollte nur
+zusehen!« Der Chäppi stieß eben seinen Stiefel noch einmal in den Schnee
+hinein, als ihn von hinten eine so erschütternde Ohrfeige traf, daß er
+fast vom Schlitten herunterfuhr. »Wart du!« rief er außer sich vor
+Erbitterung, denn sein Ohr sauste, wie es noch kaum je gesaust hatte,
+und mit geballter Faust kehrte er sich um, seinen Feind zu treffen. Da
+stand einer hinter ihm, der hatte eben seinen Schlitten zurechtgestellt
+zum Abfahren, und schaute nun ganz ruhig auf den Chäppi nieder und
+sagte: »Probier’s!« Es war Chäppis Klassengenosse, der elfjährige Otto
+Ritter, der öfter mit dem Chäppi kleine Verschiedenheiten auszugleichen
+hatte. Otto war ein schlanker, aufgeschossener Junge, lange nicht so
+breit wie der Chäppi; aber dieser hatte schon mehr als einmal erfahren,
+daß Otto eine merkwürdige Gewandtheit in Händen und Füßen besaß, gegen
+welche der Chäppi sich nicht zu helfen wußte. Er schlug nicht zu, aber
+die geballte Faust hielt er immer in die Höhe und wuterfüllt rief er:
+»Laß du mich gehen, ich habe nichts mit dir zu tun!« – »Aber ich mit
+dir«, entgegnete Otto kriegerisch. »Was brauchst du das Wiseli
+dorthinein zu jagen und ihm noch Schnee anzuwerfen; ich habe dich wohl
+gesehen, du Feigling, der ein Kleines verfolgt, das sich nicht wehren
+kann.« Damit kehrte er verächtlich dem Chäppi den Rücken und wandte sich
+dem Schneefelde zu, wo das bleiche Wiseli noch immer stand und zitterte.
+»Komm heraus aus dem Schnee, Wiseli«, sagte Otto beschützend. »Siehst
+du, du klapperst ja vor Frost. Hast du wirklich gar keinen Schlitten und
+hast nur zusehen müssen? Da, nimm den meinen und fahr einmal hinunter,
+schnell, siehst du, da fahren sie schon.« Das bleiche, schüchterne
+Wiseli wußte gar nicht, wie ihm geschah; zwei-, dreimal hatte es
+zugeschaut, wie eines nach dem anderen auf seinem Schlitten saß, und
+gedacht: »Wenn ich nur ein einziges Mal ganz hinten aufsitzen dürfte«,
+wo schon drei auf einem Schlitten saßen. Nun sollte es allein
+hinunterfahren dürfen und dazu auf dem allerschönsten Schlitten mit dem
+Löwenkopf vorn, der immer allen anderen zuvorkam, weil er so leicht war
+und hoch mit Eisen beschlagen. Vor lauter Glück stand Wiseli ganz
+unschlüssig da und schaute nach dem Chäppi, ob er es nicht vielleicht zu
+prügeln gedenke zur Strafe für sein Glück. Aber der saß jetzt ganz
+abgekühlt da, so als wäre gar nichts geschehen, und Otto stand so
+schutzverheißend daneben, daß ihm der Mut kam, sein Glück zu erfassen;
+es setzte sich wirklich auf den schönen Schlitten, und da nun Otto
+mahnte: »Mach, mach, Wiseli, fahr ab«, so gehorchte es, und hinunter
+ging’s, wie vom Winde getragen. In der kürzesten Zeit hörte Otto die
+ganze Gesellschaft wieder herankeuchen, und er rief entgegen: »Wiseli,
+bleib unter den Vordersten und sitz gleich noch einmal auf und fahr zu;
+nachher müssen wir gehen.« Das glückliche Wiseli setzte sich noch einmal
+hin und genoß noch einmal die langersehnte Freude. Dann brachte es
+seinen Schlitten und dankte ganz schüchtern seinem Wohltäter, mehr mit
+den freudestrahlenden Augen, als mit Worten, dann rannte es eilig davon.
+Otto fühlte sich sehr befriedigt. »Wo ist das Miezi?« rief er in die
+sich zerstreuende Gesellschaft hinein. »Da ist es«, ertönte eine
+fröhliche Kinderstimme, und aus dem Knäuel heraus trat ein rundes,
+rotbackiges kleines Mädchen, das der Bruder Otto als kräftiger
+Schutzmann bei der Hand faßte und nun mit ihm dem väterlichen Hause
+zueilte, denn es war heute spät geworden; die erlaubte Zeit des
+Schlittens war ziemlich lange überschritten.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+Daheim, wo’s gut ist.
+
+
+Als Otto und seine Schwester durch die lange, steinerne Hausflur
+hereinstürmten, trat die alte Trine aus einer Tür und hielt ihr Licht in
+die Höhe, um besser zu sehen, was dahergetrappelt kam. »So, endlich!«
+sagte sie, halb zankend, halb wohlgefällig. »Die Mutter hat schon lange
+nachgefragt, aber da war kein Bein zu sehen, und acht Uhr hat’s
+geschlagen vor weiß kein Mensch wie langer Zeit.« Die alte Trine war
+schon Magd in der Familie gewesen, als die Mutter der beiden Kinder zur
+Welt kam; so hatte sie große Rechte im Hause und fühlte sich durchaus
+als Glied desselben, eigentlich als Haupt, denn an Alter und Erfahrung
+war sie die erste. Die alte Trine war durchaus vernarrt in beide Kinder
+ihrer Herrschaft und sehr stolz auf alle ihre Anlagen und Eigenschaften;
+das ließ sie aber nicht merken, sondern sprach immer im Tone halber
+Entrüstung von ihnen, denn das fand sie heilsam zu ihrer Erziehung.
+»Schuhe aus, Pantoffeln an!« rief sie jetzt, Ordnung gebietend; der
+Befehl wurde aber gleich darauf von ihr selbst vollzogen, denn sofort
+kniete sie vor Otto hin, der sich auf einem Sessel niedergelassen hatte,
+und zog ihm die nassen Schuhe aus. Die kleine Schwester stand
+unterdessen mitten in der Stube still und rührte sich nicht, was sonst
+nicht ihre Art war, so daß die alte Trine während ihrer Arbeit ein
+paarmal hinüberschielte. Jetzt war Otto gerüstet, und Miezchen sollte
+auf dem Sessel sitzen; aber es stand noch auf demselben Platze und
+rührte sich nicht. »Nu, nu, wollen wir warten, bis es Sommer wird, dann
+trocknen die Schuhe von selbst«, sagte die Trine, auf ihren Knieen
+harrend. »Bst! bst! Trine, ich habe etwas gehört; wer ist in der großen
+Stube?« fragte Miezchen und hob den Zeigefinger etwas drohend in die
+Höhe. »Alles Leute mit trockenen Schuhen, und andere kommen nicht
+hinein. Jetzt wag’s und sitz nieder«, mahnte Trine. Aber anstatt zu
+sitzen, machte Miezchen einen Sprung und rief: »Jetzt hab’ ich’s wieder
+gehört, so lacht der Onkel Max.« – »Was?« schrie Otto und war mit einem
+Satz bei der Tür. – »Wart! wart!« schrie Miezchen nach und wollte gleich
+mit zur Tür hinaus; aber jetzt wurde es abgefaßt und auf den Stuhl
+gesetzt, die alte Trine hatte jedoch einen schweren Stand mit den
+zappelnden Füßchen. Indessen gelang die Arbeit, und nun stürzte Miezchen
+zur Tür hinaus und hinüber in die große Stube hinein und direkt auf den
+Onkel Max los, der richtig dort im Lehnstuhl saß. Da war nun ein großer
+Freudenlärm und ein Grüßen und ein Willkommenrufen in allen Tönen, und
+in das Gelärm der Kinder stimmte der Onkel Max wacker mit ein, und es
+währte geraume Zeit, bis sich der Tumult etwas gelegt hatte und die
+Festfreude einen ruhigen Charakter annahm. Denn ein Fest für die Kinder
+war die Erscheinung des Onkels jedesmal und aus triftigen Gründen. Der
+Onkel Max war ihr besonderer Freund; er war fast immer auf Reisen und
+kam nur alle paar Jahre einmal zum Besuch; dann gab er sich aber mit den
+Kindern ab, als gehörten sie ihm selber an, und was er für wunderbar
+herrliche Sachen in allen Taschen für sie brachte, das war gar mit
+nichts zu vergleichen, denn es war alles ganz fremdartig und zauberhaft.
+Der Onkel Max war ein Naturforscher und reiste in allen Winkeln der Erde
+umher und aus jedem brachte er etwas Eigentümliches mit.
+
+Endlich saß die Gesellschaft geordnet um den Tisch herum und die
+dampfende Schüssel brachte noch völlige Besänftigung in die aufgeregten
+Gemüter, denn von der Schlittbahn wurde immer ein richtiger Appetit
+mitgebracht. »So«, sagte der Papa, über den Tisch hinüberblickend, wo an
+der Seite der Mutter das Töchterchen fleißig arbeitete, »so, so, heut’
+hat also das Miezchen keine Hand für seinen Papa, noch hab’ ich keinen
+Gruß bekommen, und jetzt ist keine Zeit mehr dazu.«
+
+Etwas zerknirscht schaute das Miezchen von seinem Teller auf und sagte:
+»Aber Papa, aber ich habe es nicht mit Fleiß getan und jetzt will ich
+gleich –«, und damit stieß sie mit großer Anstrengung den Sessel zurück;
+aber der Papa rief: »Nein, nein, jetzt nur keine Ruhestörung. Da gib die
+Hand über den Tisch hin, das übrige wollen wir nachher bestellen; so
+ist’s recht, Miezchen.« – »Wie hat man eigentlich das Kind getauft,
+Marie? Ich war zwar auch dabei, aber ich habe keine Ahnung davon,
+welcher Name in der Kirche ausgesprochen wurde, Miezchen doch nicht?«
+sagte der Onkel lachend. »Wirklich warst du dabei, Max«, entgegnete
+seine Schwester, »da du des Kindes Pate bist. Es erhielt damals den
+Namen Marie; sein Papa machte daraus ein Miezchen, und Otto hat den
+Namen noch recht unnütz vervielfältigt.« – »O nein, Mama, wirklich nicht
+unnütz«, rief Otto ernsthaft herüber. »Siehst du, Onkel, das geht nach
+ganz bestimmten Regeln. Wenn dies kleine nichtige Wesen ordentlich und
+sanftmütig ist, dann nenn’ ich es Miezchen; das geschieht aber selten,
+und im gewöhnlichen Leben nenn’ ich es daher Miezi. Wird es aber bös,
+dann sieht es ganz aus wie ein kleiner Katzenreuel und muß Miez genannt
+werden, der Miez.«
+
+»Ja, ja, Otto«, tönte es nun zurück, »und wenn du bös wirst, dann siehst
+du ganz aus wie ein – wie ein –« »Wie ein Mann«, ergänzte Otto, und da
+dem Miezchen eben kein Vergleich zu Gebote stand, so arbeitete es jetzt
+um so emsiger an seinem Brei herum. Der Onkel lachte laut auf. »Das
+Miezchen behält recht«, rief er; »seinen Geschäften obliegen ist besser,
+als auf Schmähungen antworten.« »Aber, Kinder«, setzte er nach einer
+Weile hinzu, »nun bin ich mehr als ein Jahr nicht hier gewesen und ihr
+habt mir noch gar nichts erzählt; was habt ihr denn alles erlebt
+unterdessen?« Die neuesten Ereignisse erfüllten zunächst den Sinn der
+Kinder: so wurde gleich mit großer Lebhaftigkeit, meistens im Chor, die
+eben erlebte Geschichte erzählt, wie der Chäppi das Wiseli behandelt,
+wie es fror und im Schnee stand und keinen Schlitten hatte und endlich
+doch noch zu zwei Fahrten kam. »So ist’s recht, Otto«, sagte der Papa;
+»du mußt deinem Namen Ehre machen, für die Wehrlosen und Verfolgten mußt
+du immer ein Ritter sein. Wer ist das Wiseli?« – »Du kannst das Kind
+und seine Mutter kaum kennen«, sagte die Mama, zu ihrem Manne gewandt;
+»aber der Onkel Max kennt Wiselis Mutter recht gut. Du kannst dich doch
+noch auf den mageren Leineweber besinnen, Max, der unser Nachbar war. Er
+hatte ein einziges Kind mit großen braunen Augen, das oft bei uns im
+Pfarrhaus war und so schön singen konnte; kommt dir da die Erinnerung
+daran wieder?«
+
+Bevor aber die weiteren Erinnerungen zur Verhandlung kamen, steckte die
+alte Trine ihren Kopf zur Tür herein und rief: »Der Schreiner Andres
+möchte gern der Frau Oberst einen Bericht abgeben, wenn er nicht stört.«
+Diese harmlosen Worte bewirkten eine wahre Verheerung in der
+Gesellschaft. Die Mutter legte den Servierlöffel, mit dem sie soeben dem
+Onkel entgegenkommen wollte, beiseite, sagte eilig: »Um Entschuldigung,
+ihr Herren!« und ging davon. Otto sprang so stürmisch auf, daß er seinen
+Stuhl hintenhinaus warf und dann selbst darüber stürzte, als er
+fortgaloppieren wollte. Das Miezchen hatte ähnliche Taten vor, aber der
+Onkel hatte seine ersten Bewegungen zum Aufruhr gesehen und hielt es nun
+mit beiden Armen fest. Aber es zappelte jämmerlich und schrie: »Laß los,
+Onkel, laß los. Im Ernst, ich muß gehen.«
+
+»Wohin denn, Miezchen?«
+
+»Zum Schreiner Andres. Laß schnell los! Hilf, Papa, hilf!«
+
+»Wenn du mir sagst, was du vom Schreiner Andres willst, so lass’ ich
+dich los.«
+
+»Das Schaf hat nur noch zwei Beine und keinen Schwanz, und nur der
+Schreiner Andres kann ihm helfen. Jetzt laß los.« Nun stürmte auch das
+Miezchen fort. Die Herren schauten einander an, und Onkel Max schlug
+ein helles Gelächter auf und rief: »Wer ist denn der Schreiner Andres,
+um den deine ganze Familie sich zu reißen scheint?«
+
+»Das mußt du besser wissen als ich«, entgegnete der Oberst; »es wird
+wohl ein Jugendfreund von dir sein, und das Fieber der Verehrung wird
+auch dich noch ergreifen, es muß in eurer Familie sein, bei uns hat es
+die Mutter verbreitet. Ich kann dir so viel sagen, daß der Schreiner
+Andres völlig der Grundstein meines Hauses ist, auf dem alles feststeht
+und entschieden auseinandergehen würde, sollte dem Hause dieser Halt
+entkommen. Der Schreiner Andres ist hier Rat, Trost, Heil und Hilfe
+in der Bedrängnis. Strebt meine Frau nach einem Hausgerät, von dem
+sie gar nicht weiß, wie es aussehen soll, noch wozu man es braucht,
+– der Schreiner Andres erfindet es und schafft es zur Stelle. Bricht
+Feuers- oder Wassersnot in der Küche oder im Waschhaus los, – der
+Schreiner Andres greift in die Elemente und bringt das Feuer ins Stocken
+und das Wasser in Fluß. Macht mein Sohn einen recht dummen Streich, –
+der Schreiner Andres dreht ihn wieder zurecht. Schmeißt meine Tochter
+das sämtliche Hausgeräte entzwei, – der Schreiner Andres leimt es wieder
+zusammen. So ist der Schreiner Andres recht eigentlich die stützende
+Säule meines Hauses, und wenn diese zusammenbrechen würde, so gingen wir
+alle in Trümmer.«
+
+Die Mutter war unterdessen wieder eingetreten, und wohl zu ihrem Besten
+schilderte der Vater die Verdienste des Schreiners Andres so eingehend.
+Onkel Max lachte, daß es schallte.
+
+»Lacht ihr nur! Lacht ihr nur!« sagte die Mutter. »Ich weiß schon, was
+ich an dem Schreiner Andres habe.«
+
+»Und ich auch«, bemerkte der Vater mit spöttischem Lächeln.
+
+»Und ich auch!« behauptete das Miezchen herzhaft, das wieder auf seinem
+Platze saß.
+
+»Und ich auch!« brummte der Otto, dem der Knöchel noch sauste von seinem
+Sturz über den Stuhl hin.
+
+»So, nun sind wir alle einer Meinung«, bemerkte die Mutter, »nun können
+die Kinder in Frieden zu Bette gehen.« Auf diese Anzeige hin drohte dem
+Frieden gleich eine Störung; aber es half nichts, die alte Trine stand
+schon vor der Tür und wachte, daß die Hausordnung nicht überschritten
+werde. Die Kinder mußten abtreten, und gleich nachher verschwand die
+Mutter auch noch einmal, denn die Kinder schliefen nicht ein, ohne daß
+die Mutter zum Nachtgebet noch an ihre Betten gekommen war.
+
+Als nun alles still und ruhig war, kam die Mutter wieder zu den Herren
+zurück und setzte sich nun so recht zum Bleiben hin.
+
+»Endlich«, sagte da der Oberst hoch aufatmend, als habe er die Feinde
+hinter sich. »Siehst du, Max, erst gehört meine Frau dem Schreiner
+Andres, dann ihren Kindern und dann ihrem Mann, wenn noch etwas übrig
+bleibt.«
+
+»Und siehst du, Max«, sagte die Mutter lachend, »wenn mein Mann noch so
+arg höhnt: er mag unseren guten Schreiner Andres gerade so gern wie wir
+alle; gestehe es nur ein, Mann! Eben hat mir Andres auch für dich noch
+einen Auftrag übergeben, er hat seine jährliche Summe gebracht und
+bittet um deinen Beistand.«
+
+»Das ist wahr«, sagte der Oberst; »einen ordentlicheren, fleißigeren,
+zuverlässigeren Mann kenne ich nicht. Dem würde ich Weib und Kind und
+Hab’ und Gut und alles anvertrauen wie keinem anderen; das ist der
+ehrlichste, wackerste Mann in unserer ganzen Gemeinde und noch weit
+darüber hinaus.«
+
+»Jetzt siehst du, Max«, sagte die Frau lachend; »ich konnte doch nicht
+mehr sagen.« Ihr Bruder lachte mit über den Eifer, in den der Oberst
+unversehens gefallen war. Dann entgegnete er: »Nun habt ihr mir alle so
+viel von eurem Wundermann vorerzählt, daß ich wirklich wissen möchte,
+woher er stammt und wie er aussieht. Habe ich ihn denn noch nicht
+gesehen hier?«
+
+»Ach, du hast ihn ja so gut gekannt, Max«, entgegnete seine Schwester;
+»du mußt dich durchaus noch des Andres erinnern, mit dem wir zur Schule
+gingen. Weißt du denn nicht mehr, wie zwei Brüder zusammen in derselben
+Klasse mit dir waren? Der ältere war damals schon ein rechter
+Taugenichts; er war gar nicht dumm, aber tat nichts und blieb darum
+stecken und kam dann mit dem viel jüngeren Bruder in eine Klasse
+zusammen, in welcher du auch warst. Du mußt dich gewiß erinnern, er hieß
+Jörg und hatte ganz schwarzes, steifes Haar. Er bewarf uns, wo er
+konnte, mit irgend etwas, mit unreifen Äpfeln und Birnen und dann mit
+Schneeballen, und rief uns überall nach: ›Aristokratenbrut!‹«
+
+»O der, der«, rief Onkel Max lachend, »ja, nun weiß ich auf einmal
+alles. Richtig, ›Aristokratenbrut‹ rief er uns beständig nach; ich
+möchte nur wissen, wie ihm das Wort in den Sinn kam. Er war ein
+widerwärtiger Kerl; ich weiß. Da sah ich ihn einmal einen viel kleineren
+Jungen ganz unbarmherzig durchprügeln; dem half ich aber, dafür rief er
+mir wohl zwölfmal nach: ›Aristokratenbrut!‹ Ach, nun weiß ich auch auf
+einmal, wer der andere war; das war der magere, kleine Andres, sein
+Bruder, das ist gewiß euer Andres, und dann ist das auch der Andres mit
+den Veilchen, nicht wahr, Marie? O, jetzt versteh’ ich schon die dicke
+Freundschaft«, lachte Onkel Max auf’s neue auf. – »Was Veilchen, das muß
+ich wissen«, fiel der Oberst ein. – »O, die Geschichte ist mir auf
+einmal vor Augen, als wäre sie gestern geschehen«, sagte der Onkel ganz
+angeregt von seinen Erinnerungen; »die muß ich dir erzählen, Otto. Du
+weißt vielleicht durch deine Frau, daß wir hier im Dorfe in jenen
+glücklichen Zeiten unserer Kindheit einen alten Schullehrer hatten, der
+fand, daß alle Mängel und Gebrechen der Schulkinder aus ihnen heraus- und
+alle Fähigkeiten und guten Eigenschaften in sie hineingeprügelt werden
+könnten. So war er genötigt, sehr viel zu prügeln, um den einen oder
+andern guten Zweck zu erreichen, manchmal auch beide auf einmal. Einmal
+nun war ihm der magere Andres unter die Hand gekommen; dem schlug er nun
+so kräftig seine wohlgemeinte Ermahnung auf den Rücken, daß der Andres
+laut aufschrie. In diesem Augenblick stand meine kleine Schwester, die
+kürzlich in die Schule eingetreten war und sich noch nicht so recht in
+die daselbst herrschenden Gebräuche eingelebt hatte, plötzlich auf von
+ihrem Sitze auf der ersten Bank und schritt eilig der Tür zu. Einen
+Augenblick hielt der Schullehrer inne mit seiner Arbeit und rief ihr
+nach: ›Wo läufst du hin?‹ Marie kehrte sich um; die hellen Tränen liefen
+ihr über die Backen herunter und sie sagte ganz aufrichtig: ›Ich will
+heimgehen und es dem Papa sagen.‹ ›Wart, ich will dir‹, rief jetzt der
+Schullehrer in großer Überraschung und stürzte vom Andres weg auf die
+kleine Marie los; die prügelte er aber nicht, er nahm sie nur beim Arm
+und setzte sie ziemlich fest auf ihren Platz hin; dann sagte er noch
+einmal: ›Wart, ich will dir!‹ Damit war aber alles abgetan; auch der
+Andres wurde in Ruhe gelassen, und so nahm alles einen friedlichen
+Ausgang. Aber die Tränen, die meine Schwester für den Andres vergossen,
+und ihr Einschreiten gegen den Tyrannenstock wurden nicht vergessen. Von
+dem Tag an lag jeden Morgen ein Büschel Veilchen auf ihrem Platz und
+durchduftete den ganzen Schulraum, und nachher kam noch ein anmutigerer
+Duft von dem Platz her, denn da lagen große Erdbeersträuße mit den
+prächtigsten dunkelroten Beeren, wie sie sonst nirgends zu sehen waren,
+und so ging es das ganze Jahr durch immerfort; wie sich dann aber die
+Freundschaft zu dem erstaunlich hohen Grad entwickelt hat, wo sie nun
+angelangt ist, das muß meine Schwester wissen und uns mitteilen.« – Der
+Oberst hatte seine Freude an der Geschichte der Tränen und der Veilchen
+und forderte seine Frau auf, weiter zu erzählen. Sie sagte mit Lachen:
+»Erdbeeren und Veilchen blühen deiner Ansicht nach das ganze Jahr durch,
+Max; das ist aber nicht ganz so. Hingegen wurde der gute Andres wirklich
+das ganze Jahr durch nicht müde, mir irgend etwas Erfreuliches aus Feld
+und Wald aufzufinden und an meinen Platz zu legen, solange wir
+miteinander zur Schule gingen. Er trat dann lange vor mir aus und kam in
+die Lehre zu einem Schreiner nach der Stadt; er kam dann immer öfter
+nach Hause, ich verlor ihn nie ganz aus den Augen, und als mein Mann
+dies Gut kaufte und wir uns eben verheiratet hatten, handelte es sich
+darum, daß Andres sich etwas ankaufen und sich selbständig niederlassen
+wollte; er hatte seine Eltern verloren und stand ganz allein, aber als
+ein tüchtiger Arbeiter da. Er hatte seine Augen auf das Häuschen mit dem
+sauberen kleinen Garten dort unterhalb der Kirche gerichtet, konnte es
+aber nicht ankaufen, da der Verkäufer sogleich bares Geld haben und
+Andres erst solches durch seine Arbeit gewinnen mußte. Aber wir kannten
+ihn und seine Arbeit. Mein Mann kaufte das Gütchen an für ihn, und er
+hat es keinen Augenblick zu bereuen gehabt.« – »Nein, wahrhaftig nicht«,
+fiel hier der Oberst ein; »der brave Andres hat längst sein Gut
+vollständig abgezahlt und seither bringt er mir jedes Jahr um diese Zeit
+eine ganz hübsche Summe, den Gewinn seiner Jahresarbeit; die lege ich
+ihm gut an und habe meine Freude an dem Gedeihen des wackeren Menschen.
+Er ist jetzt schon ein ganz wohlhabender Mann, und nun nimmt sein
+Besitztum jährlich sehr zu, er kann sein Häuschen noch zu einem großen
+Haus machen, der brave Andres; es ist nur schade, daß er wie ein
+Einsiedler lebt und darum sein erarbeitetes Gut gar nicht genießen
+kann.« – »Hat er denn keine Frau und Familie, und wo ist der bitterböse
+Jörg schließlich hingekommen?« fragte Onkel Max weiter. – »Nein, er hat
+gar niemanden«, antwortete die Schwester, »er lebt völlig allein,
+wirklich wie ein Einsiedler. Er hat eine lange, traurige Geschichte
+erlebt, die ich mit angesehen habe, und die ihm gewiß alle Lust benommen
+hat, je eine Frau zu suchen. Der Bruder Jörg hat erst hier einige Jahre
+herumvagabondiert, hat nie gearbeitet, sondern gehofft, durch
+furchtbares Schimpfen auf alle diejenigen, die keine Lumpe waren wie er,
+endlich doch noch sein Glück zu machen, und als ihm dies nicht gelang,
+auch der gute Andres ihm endlich nicht mehr aus seinen Schulden und
+allem Bösen heraushelfen konnte und auch nicht mehr wollte, da ist er
+verschwunden, wohin, hat man nie recht gewußt; jedermann war froh, daß
+er nur fort war.« – »Was war denn die traurige Geschichte, Marie?«
+fragte der Bruder; »die muß ich auch noch wissen.« »Und ich auch«, sagte
+der Oberst und zündete zu der Erzählung vergnüglich eine neue Zigarre
+an.
+
+»Aber Mann«, bemerkte die Frau Oberst, »dir habe ich dieses Erlebnis
+wohl schon sechsmal erzählt.« – »So?« entgegnete ruhig der Oberst; »es
+gefällt mir, wie es scheint.« – »So fang an!« ermunterte der Onkel. –
+»Du mußt dich noch jenes Kindes erinnern können, Max«, begann seine
+Schwester, »von dem ich heut’ abend schon einmal gesprochen habe, das
+ganz in unserer Nähe wohnte. Es gehörte dem bleichen, mageren Leineweber
+an, den wir immerfort sein Weberschifflein hin- und herwerfen hörten,
+wenn wir in unserem Garten standen. Das Kind sah zart und nett aus und
+hatte große, lustig glänzende Augen und so schöne braune Haare. Es hieß
+Aloise.« – »In meinem Leben habe ich keine Aloise gekannt«, warf Onkel
+Max ein. – »O, ich weiß schon warum«, fuhr seine Schwester fort, »wir
+nannten sie auch nie so, besonders du nicht; Wisi nannten wir sie, zum
+Schrecken unserer seligen Mama. Weißt du denn nicht mehr, wie oft du
+selbst sagtest, wenn wir am Klavier Lieder singen wollten mit Mama und
+es so leise tönte: ›Man muß das Wisi holen, sonst geht’s nicht?‹« –
+Jetzt stieg die Erinnerung mit einem Male in Onkel Maxens Gedächtnis
+auf; er lachte hell heraus und rief: »O, das ist’s, das Wisi, ja gewiß,
+das Wisi kenn’ ich wohl, ich seh’ es deutlich vor Augen mit dem lustigen
+Gesicht, wie es am Klavier stand und so tapfer darauf los sang. Ich
+mochte es gern, das Wisi; es war auch nett anzusehen. Das ist ja wahr:
+die gute Mutter hatte immer einen Schreckensanfall, wenn ich ›Wisi‹
+sagte; ich habe aber nie gewußt, wie das Wisi eigentlich hieß.«
+
+»Freilich hast du«, bemerkte die Schwester, »denn jedesmal sagte die
+Mama, es sei eine Barbarei, aus dem schönen Namen Aloise ein Wisi zu
+machen.« – »Das habe ich wohl jedesmal überhört«, meinte Onkel Max;
+»aber wo ist denn das Wisi hingekommen?«
+
+»Du weißt, es war in derselben Klasse mit mir in der Schule, wir sind
+miteinander von Klasse zu Klasse gestiegen bis hinauf zur sechsten, da
+kann ich mich denn ganz gut erinnern, wie alle diese Jahre durch der
+Andres als treuster Freund und Beschützer dem Wisi zur Seite stand in
+Freud’ und Leid, und es konnte den Freund gut brauchen. Meistens, wenn
+es zur Schule kam und die Tafel mit Rechnungen bedeckt bringen sollte,
+wie wir anderen auch, da stand nicht eine Zahl darauf; es legte sie aber
+mit dem lustigsten Gesicht auf die Schulbank hin, und im folgenden
+Augenblick stand alles darauf, was darauf stehen sollte, denn der Andres
+hatte schnell die Tafel genommen und die Rechnungen darauf gesetzt.
+Öfter geschah’s auch, daß Wisi in seiner raschen Weise mit dem Ellbogen
+eine Scheibe eingeschlagen hatte in der Schulstube, oder es hatte im
+Garten an des Schulmeisters Pflaumenbaum geschüttelt, und wenn dann
+Gericht über diese Untaten gehalten wurde, dann blieb regelmäßig alles
+auf dem Andres sitzen; nicht daß er von jemand angeklagt wurde, sondern
+er selbst sagte gleich halblaut: er meine, er habe die Scheibe
+zerdrückt, und er glaube auch, er habe einmal an dem Pflaumenbaum
+gerüttelt, und so bekam er die Strafe. Wir Kinder wußten immer ganz gut,
+wie es war; aber wir ließen es so gehen, wir waren so gewöhnt daran, daß
+es so sei, und dann hatten wir alle das lustige Wisi so gern, daß wir’s
+ihm immer gönnten, wenn es ungestraft davonkam. Und Äpfel und Birnen und
+Nüsse hatte Wisi immer alle Taschen voll, die kamen alle vom Andres,
+denn was er nur hatte und erlangen konnte, das steckte er alles dem Wisi
+in den Schulsack. Ich dachte manchmal darüber nach, wie es denn auch so
+sein könne, daß der ganz stille Andres gerade das allerlustigste und
+aufgeweckteste Kind der ganzen Schule am liebsten habe, und dann sann
+ich darüber nach, ob es nun auch gerade den stillen Andres besonders
+gern habe. Es war wohl immer freundlich mit ihm, aber so war es auch mit
+den anderen, und als ich einmal ernstlich unsere Mama darüber fragte,
+wie das wohl sei, da schüttelte sie ein wenig den Kopf und sagte: ›Ich
+fürchte, ich fürchte, diese artige Aloise ist ein wenig leichtsinnig und
+kann noch in eine schwere Schule kommen.‹ Diese Worte gaben mir viel zu
+denken und kamen mir immer wieder in den Sinn. Als wir dann zusammen in
+den Religionsunterricht gingen, da kam Wisi regelmäßig am Sonntagabend
+zu uns herüber und wir sangen Choräle zusammen am Klavier; daran hatte
+es damals sehr große Freude, es konnte alle die schönen Lieder auswendig
+und sang sie mit so heller Stimme; wir hatten auch recht unsere Freude
+an den Abenden, Mama und ich, und auch darüber, daß Wisi so gern in den
+Unterricht ging und ihn wirklich zu Herzen nahm. Es war nun ein großes
+Mädchen geworden und sah recht gut aus; seine lustigen Augen hatte es
+noch, und wenn es auch nie so kräftig aussah, wie die Bauernmädchen im
+Dorf, so hatte es doch eine so blühende Farbe damals und war netter als
+sie alle. Damals war der Andres noch in der Stadt als Lehrjunge, er kam
+aber immer über den Sonntag heim. Dann kam er auch jedesmal zu uns ins
+Pfarrhaus, einen Besuch zu machen, und am liebsten sprach er dann immer
+mit mir von den vergangenen Tagen der Schule, und dann kamen wir immer
+bald auf das Wisi zu sprechen; das kam so im Zusammenhang, und
+schließlich sprachen wir dann nur noch von ihm. Dem Andres ging ganz das
+Herz und der Mund auf bei diesen Erinnerungen, und während alle Welt
+längst das Wisi nie anders als so genannt hatte, nannte er es
+unwandelbar das ›Wiseli‹, und das kam dann so ganz eigen zärtlich
+heraus. Da kam denn auch ein Sonntag – wir waren noch nicht achtzehn
+Jahre alt, Wisi und ich –, als es gegen Abend bei uns eintrat und ganz
+rosig aussah, und wie wir nun zusammensaßen – Mama war auch mit uns –,
+da sagte denn Wisi, es sei gekommen, uns mitzuteilen, daß es sich mit
+dem jungen Fabrikarbeiter versprochen habe, der seit kurzer Zeit im
+Dorfe wohnte, und daß sie gleich heiraten könnten, da er eine gute
+Anstellung habe unten in der Fabrik, und so hätten sie denn schon alles
+festgesetzt, daß sie gleich in zwölf Tagen zusammenkommen könnten. Ich
+war so erstaunt, und so traurig kam mir die Sache vor, daß ich kein Wort
+sagen konnte; eine Zeitlang sagte die Mutter auch nichts, sie sah ganz
+bekümmert aus. Dann aber sprach sie ernstlich mit dem Wisi und stellte
+ihm vor, wie leichtsinnig es sei, daß es sich so schnell mit dem
+Fabrikarbeiter eingelassen habe, es kenne ihn ja kaum, und da sei doch
+ein anderer, der ihm jahrelang nachgegangen sei und ihm gezeigt habe,
+wie lieb es ihm sei, und zuletzt fragte sie es dringend, ob denn nicht
+alles noch rückgängig gemacht werden, oder doch eine gute Zeit lang
+hinausgeschoben werden und es noch bei seinem Vater bleiben könnte, es
+sei ja noch so jung. Da fing es denn zu weinen an und sagte, es habe ja
+ganz bestimmt sein Wort gegeben, und alles sei eingerichtet auf die
+Zeit, und dem Vater sei’s recht. Nun sagte die Mutter nichts mehr, aber
+das arme Wisi weinte immer ärger; da nahm sie es denn bei der Hand und
+zog es zum Klavier hin, an den Platz, wo es immer stand, wenn wir
+zusammen sangen, und sagte in ihrem freundlichen Ton zu ihm: ›Trockne
+nun deine Tränen, wir wollen noch einmal zusammen singen‹; dann schlug
+sie uns das Lied auf und wir sangen zusammen:
+
+ ›Befiehl du deine Wege,
+ Und was dein Herze kränkt,
+ Der allertreusten Pflege
+ Des, der den Himmel lenkt.
+
+ Der Wolken, Luft und Winden
+ Gibt Wege, Lauf und Bahn,
+ Der wird auch Wege finden,
+ Da dein Fuß gehen kann.‹
+
+Wisi ging dann wieder ziemlich getröstet von uns, die Mutter hatte ihm
+noch einige freundliche Worte gesagt; aber mich hatte die Sache recht
+traurig gemacht, ich hatte ein ganz bestimmtes Gefühl, daß das arme Wisi
+seine frohen Tage nun hinter sich hatte, und dann dauerte mich der
+Andres unsäglich; was würde der sagen? Er sagte aber nie etwas, gar kein
+Wort, aber ein paar Jahre lang ging er herum wie ein Schatten und war
+noch stiller geworden als vorher, ich habe auch seither nie mehr sein
+still-fröhliches Gesicht gesehen, wie er es damals doch oft haben
+konnte.«
+
+»Der arme Kerl!« rief Onkel Max aus; »hat er denn keine andere Frau
+genommen?« – »Ach nein, Max«, entgegnete seine Schwester ein wenig
+strafend, »wie konnte er denn, wie kannst du so etwas sagen, er ist ja
+die Treue selbst.« – »Das konnte ich ja nicht wissen, liebe Schwester«,
+erwiderte der Bruder begütigend; »ich konnte doch nicht voraussehen, daß
+dein vielseitig begabter Freund nun auch noch die Unwandelbarkeit an
+sich trägt. Aber das Wisi, erzähl weiter von dem, ich hoffe wirklich,
+das lustige Wisi ist nicht unglücklich geworden, es würde mich arg
+dauern.« – »Ich merke schon, Max«, sagte die Schwester, »daß du heimlich
+es mit dem Wisi hältst und kein Mitleid hast mit dem treuen Andres, dem
+es doch fast das Herz abgedrückt hat, daß das Wisi für ihn verloren
+war.« – »Doch, doch«, versicherte der Onkel, »ich habe ja alle Teilnahme
+für den Ehrenmann; aber weiter, wie ging’s mit dem Wisi, es hat doch
+seine lustigen Augen nicht verweint?« – »Doch, ich glaube manchmal
+wohl«, fuhr die Schwester fort; »ich habe es nicht mehr oft gesehen, es
+hatte gleich viel zu tun; ich glaube, der Mann war nicht eben böse, aber
+er hatte etwas Rohes, er konnte so grob und unfreundlich sein, auch mit
+seinen kleinen Kindern schon; Wisi hatte gewiß wenig Freude mehr. Er
+hatte mehrere nette Kinder, aber sie waren alle sehr zart, es verlor sie
+wieder eins nach dem anderen; fünf hatte es begraben müssen, nur ein
+einziges ist ihm geblieben, ein feines, zartes Geschöpfchen, ein kleines
+Wiseli, es ist nicht viel größer als unser Miezchen und ist doch gut
+drei Jahre älter. Wisis Gesundheit hatte durch das alles so gelitten,
+daß man deutlich sehen konnte, was kommen würde, und nun ist es auch da,
+eine schnelle Auszehrung rafft ihr Leben hin; ich fürchte, es ist gar
+keine Hoffnung mehr.« – »Nein«, rief Onkel Max ganz erschrocken aus,
+»das kann doch nicht sein, ist’s wirklich so? Kann man da nichts machen,
+Marie? Wir wollen doch gleich nachsehen, vielleicht ist noch zu helfen.«
+– »Ach nein, da ist nicht mehr zu helfen«, sagte die Schwester traurig;
+»da war überhaupt nicht mehr zu helfen. Wisi war für all’ die Arbeit und
+Anstrengung viel zu zart.« – »Und was macht nun der Mann?« fragte Onkel
+Max. – »Ach, den habe ich ja ganz vergessen, das hatte das kranke Wisi
+auch noch durchzumachen. Es wird nun bald ein Jahr sein, da wurde ihm in
+der Fabrik der eine Arm und das Bein so zerschlagen, daß man ihn halbtot
+nach Hause brachte; er wurde dann ganz elend, arbeiten konnte er gar
+nichts mehr; er muß kein besonders geduldiger Kranker gewesen sein. Wisi
+hatte ihn nun noch zu verpflegen zu allem anderen, er starb dann
+ungefähr ein halbes Jahr nach dem Unfall. Seither lebt Wisi allein mit
+dem Kinde.« – »Und so blieb denn von allem gar nichts mehr übrig, als
+ein kleines Wiseli? Was macht man damit? Aber nein, so traurig wird’s
+doch nicht kommen müssen; das Wisi kann noch gesund werden und alles
+noch kommen, wie es hätte sein sollen von Anfang an.« – »Nein, nein,
+dazu ist es zu spät«, entgegnete die Schwester sehr bestimmt; »das arme
+Wisi hat seinen Leichtsinn schwer büßen müssen. Aber auch hier ist es
+spät geworden«, – und fast erschrocken stand sie auf, denn über dem
+Gespräch war die Mitternachtsstunde vorübergegangen, und seit einiger
+Zeit schon war der Oberst ganz stille geworden, er hatte sich in seinen
+Lehnstuhl zurückgelegt und war fest eingeschlafen. Onkel Max hatte zwar
+keinen Schlaf, denn mit der Erzählung von dem armen Wisi waren ihm alle
+Jugenderinnerungen so lebendig aufgestiegen, daß er noch eine Menge von
+Dingen und Persönlichkeiten besprechen wollte; aber seine Schwester war
+unerbittlich, sie hielt die Lichter in der Hand und drängte zum
+Aufbruch. So half denn nichts; um aber nicht allein die unwillkommene
+Störung zu tragen, weckte er seinen Schwager mit einem so gewaltigen
+Ruck an seinem Stuhl, daß der Oberst mit einem Schrecken emporschoß, als
+sei eine feindliche Bombe auf ihn gefahren. Aber sein Schwager klopfte
+ihm friedlich auf die Schulter und sagte: »Es war nur eine leise Mahnung
+von seiten deiner Frau, daß wir uns zurückziehen möchten.« Der Rückzug
+wurde dann vollzogen, und bald stand das Haus auf der Höhe ganz still im
+Mondschein da, und unten am Berg stand eins, da sollte es auch bald
+stille werden; jetzt brannte noch ein schwaches Lämpchen drinnen und
+warf seinen matten Schimmer durch das schmale Schubfenster in die
+monderhellte Nacht hinaus.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+Auch noch daheim.
+
+
+Um die gleiche Zeit, da die Kinder des Obersten ihrem Hause zugingen,
+rannte das kleine Wiseli aus allen Kräften den Berg hinunter, denn es
+wußte, daß es länger fortgeblieben war, als die Mutter erwartete, und
+das tat es sonst nicht. Aber heute war sein Glück so groß gewesen, daß
+es einen Augenblick das Heimgehen vergessen hatte; jetzt lief es um so
+mehr drauf zu und wäre fast in einen Mann hineingerannt, der eben aus
+der Tür des Häuschens trat, als es hineinstürmen wollte; er ging ihm
+aber ganz leise aus dem Wege, und das Wiseli sprang vorwärts in die
+Stube hinein und auf die Mutter zu, die auf einem kleinen Stuhl am
+Fenster saß und zu Wiselis Erstaunen noch kein Licht angezündet hatte.
+»Mutter, bist du böse, daß ich so lang nicht komme?« rief es, indem es
+sie mit beiden Armen um den Hals faßte. »Nein, nein, Wiseli«, antwortete
+sie freundlich; »aber ich bin froh, daß du da bist.« Jetzt fing das
+Wiseli der Mutter von seinem großen Erlebnis zu erzählen an, wie gut der
+Otto mit ihm gewesen, und wie es zweimal mit dem allerschönsten
+Schlitten hatte den Berg hinunterfahren können. Wie es dann mit seiner
+Erzählung fertig war und die Mutter noch so still dasaß, fiel ihm erst
+ein, daß sie das sonst nicht tat, und es fragte verwundert: »Aber warum
+hast du noch kein Licht, Mutter?«
+
+»Ich bin so müde heut’ abend, Wiseli«, antwortete sie; »ich konnte nicht
+aufstehen und Licht machen. Hol das Lämpchen herein und bring mir einen
+Schluck Wasser mit, ich habe so großen Durst.« Wiseli lief in die Küche
+und kam bald zurück, in der einen Hand das Licht und in der anderen eine
+Flasche, darinnen ein roter Saft schimmerte, so hell und einladend, daß
+die durstende Kranke erfreut ausrief: »Was bringst du mir Schönes,
+Wiseli?« – »Ich weiß nicht«, sagte das Kind, »es stand auf dem
+Küchentisch, sieh, wie es funkelt.« Die Mutter nahm die Flasche in die
+Hand und roch daran. »O«, sagte sie, begierig wieder riechend, »es ist
+wie frische Himbeeren aus dem Wald, gib mir schnell ein wenig Wasser
+dazu, Wiseli.« Das Kind goß von dem roten Saft in ein Glas und füllte es
+mit Wasser, und mit durstigen Zügen trank die Mutter den erquickenden
+Beerensaft hinunter. »O, wie das erfrischt!« sagte sie und übergab das
+leere Glas dem Kinde. »Stell es weg, Wiseli, aber nicht weit; mir ist,
+ich könnte alles austrinken, so durstig bin ich. Wer hat mir denn diese
+große Erquickung gebracht? Gewiß die Trine, es kommt von der Frau
+Oberst.« – »War denn die Trine bei dir in der Stube, Mutter?« fragte das
+Kind. – Die Mutter verneinte dies. – »Dann ist es nicht die Trine, das
+weiß ich«, sagte das Wiseli bestimmt; »sie geht jedesmal in die Stube,
+wenn sie etwas bringt. Aber der Schreiner Andres war ja bei dir, hat er
+dies nicht mitgebracht?« – »Ach was, Wiseli«, fiel die Mutter ganz
+lebhaft ein; »was sagst du denn, der Schreiner Andres war nie bei mir,
+was kommt dir in den Sinn?« – »Er war sicher, sicher, ganz bestimmt hier
+drinnen«, beteuerte Wiseli; »gerade wie ich hereinkam, trat er so
+schnell aus der Tür, daß ich fast an ihn heranrannte: hast du denn
+nichts gehört?« Die Mutter war eine Zeitlang ganz stille, dann sagte
+sie: »Ich habe schon gehört, daß jemand leise die Küchentür aufmachte;
+erst meinte ich, du seist’s, und – es ist wahr, erst nachher hörte ich
+dich hereinrennen. Bist du sicher, Wiseli, daß es der Schreiner Andres
+war, der zu unserer Tür herauskam?« Wiseli war seiner Sache so sicher
+und konnte so genau der Mutter sagen, wie der Rock und die Kappe vom
+Schreiner Andres aussahen und wie er erschrocken war, als es so mit
+einem Male an ihn heranrannte, daß die Mutter auch davon überzeugt
+wurde; sie sagte wie für sich: »Dann war es der Andres, er hat es
+ausgedacht, was mir so gut tun könnte.« – »Jetzt kommt mir auch etwas in
+den Sinn, Mutter«, rief auf einmal das Wiseli ganz erregt aus, »jetzt
+weiß ich gewiß, wer einmal den großen Topf Honig in die Küche gestellt
+hat, von dem du so gern aßest, und vor ein paar Tagen die Apfelkuchen;
+weißt du, Mutter, du wolltest durch die Trine danken lassen, als sie dir
+etwas Gekochtes brachte, und sie sagte, sie wisse von allem dem gar
+nichts. Das hat sicher alles der Schreiner Andres heimlich in die Küche
+gestellt.«
+
+[Illustration: Es hielt ihre Hand fest in der seinigen]
+
+»Das glaube ich auch«, sagte die Mutter und wischte sich die Augen. –
+»Es ist ja nichts Trauriges«, sagte Wiseli ein wenig erschrocken, als
+sie die Mutter immer wieder die Augen wischen sah.
+
+»Du mußt ihm einmal danken, Wiseli, ich kann es nicht mehr. Sag es ihm
+einmal, ich lass’ ihm danken für alles Gute; er hat es so gut mit mir
+gemeint. Komm, sitz ein wenig zu mir heran«, fuhr sie leise fort; »gib
+mir auch noch einmal zu trinken, und dann komm und sag mir das Verslein,
+was ich dich gelehrt habe.«
+
+Wiseli holte noch einmal Wasser und goß von dem frischen Saft hinein,
+und die Mutter trank noch einmal begierig davon; dann legte sie müde
+ihren Kopf auf das niedere Gesims am Fenster und winkte das Wiseli zu
+sich. Es fand aber, da liege die Mutter zu hart, holte ein Kissen aus
+ihrem Bett herbei und legte es sorgfältig unter den Kopf; dann setzte es
+sich dicht neben sie auf den Schemel und hielt ihre Hand fest in der
+seinigen, und wie sie gewünscht hatte, sagte es nun andächtig sein
+Verslein her:
+
+ »Befiehl du deine Wege,
+ Und was dein Herze kränkt,
+ Der allertreusten Pflege
+ Des, der den Himmel lenkt.
+
+ Der Wolken, Luft und Winden
+ Gibt Wege, Lauf und Bahn,
+ Der wird auch Wege finden,
+ Da dein Fuß gehen kann.«
+
+Als Wiseli zu Ende war, sah es, daß die Mutter am Entschlafen war, sie
+sagte nur noch mit leisem Ton: »Denk daran, Wiseli! Und wenn du einmal
+keinen Weg mehr vor dir siehst und es dir ganz schwer wird, dann denk in
+deinem Herzen:
+
+ ›Er wird auch Wege finden,
+ Da dein Fuß gehen kann.‹«
+
+Nun legte die Mutter sich müde hin und entschlief, und Wiseli wollte sie
+nicht wecken. Es legte sich mäuschenstille an sie heran, und bald
+schlief es auch ganz fest. So brannte die kleine, matte Lampe in dem
+stillen Stübchen fort, immer matter, bis sie von selbst erlosch und das
+Häuschen dunkel dastand auf dem hellen Mondscheinplatz.
+
+Als am folgenden Morgen die Nachbarin um das Haus herum zum Brunnen
+ging, schaute sie durch das niedere Fenster in das Stübchen herein, wie
+sie immer tat im Vorbeimarsch. Da sah sie, wie Wiselis Mutter auf dem
+Kissen schlief und wie das Kind daneben stand und weinte. Das kam ihr so
+sonderbar vor, sie mußte nachsehen, was da geschehen sei. Sie machte ein
+wenig die Tür auf und sagte: »Was hast du, Wiseli; ist die Mutter
+kränker?« Wiseli schluchzte zum Erbarmen und stöhnte hervor: »Ich weiß
+nicht, was die Mutter hat.«
+
+Das arme Kind ahnte wohl, was mit der Mutter war, aber es konnte ja
+nicht begreifen, daß es sie verloren hatte. Sie war ja noch da, aber sie
+war entschlafen für das ganze Erdenleben, sie hörte nicht mehr, wie ihr
+Wiseli sie rief. Die Nachbarin trat zu dem Kissen am Fenster und schaute
+die schlafende Frau an; dann trat sie erschrocken zurück und sagte: »Geh
+schnell, Wiseli, lauf und hol deinen Vetter-Götti, er soll auf der
+Stelle herkommen, du hast ja sonst niemand, und es muß jemand zu der
+Sache sehen; lauf recht, ich will warten, bis du wiederkommst.« Das Kind
+lief davon, aber es konnte nicht lange so weiter laufen, sein Herz war
+so schwer und alle seine Glieder zitterten so sehr, daß Wiseli auf
+einmal mitten auf dem Wege sich hinsetzen und laut weinen mußte, denn
+jetzt wurde es ihm immer deutlicher in seinem Herzen, daß die Mutter
+nicht mehr erwachen werde. Es stand dann wieder auf und lief weiter,
+aber zu weinen konnte es nicht mehr aufhören, denn in seinem Herzen
+wurde der Jammer immer größer. Am Buchenrain, wohl eine Viertelstunde
+von der Kirche weg, stand das Haus von dem Vetter-Götti, wo Wiseli jetzt
+eben ankam und weinend unter die Tür trat. Die Base stand in der Küche
+und fragte kurz: »Was ist mit dir?« Wiseli sagte halblaut zwischen dem
+Schluchzen durch, die Nachbarin habe es geschickt, daß der Vetter-Götti
+schnell komme zur Mutter. Die Base sah das Kind an, sie mochte denken,
+es sei mit der Mutter schlimm, denn weniger barsch, als sie sonst
+redete, sagte sie: »Ich will es ihm sagen, geh nur wieder heim, er ist
+jetzt nicht da.« Da kehrte Wiseli wieder um und kam schneller zurück,
+als es vorwärts gekommen war, denn es ging ja noch zur Mutter. Die
+Nachbarin stand vor der Tür, drinnen hatte sie nicht warten wollen, es
+war ihr nicht heimlich. Aber das Wiseli schlich hinein und setzte sich
+ganz nahe zur Mutter, so wie es die Nacht durch neben ihr gesessen
+hatte; da saß es ganz still und weinte und von Zeit zu Zeit sagte es
+halblaut: »Mutter!« Sie gab keine Antwort mehr. Da sagte Wiseli, sich zu
+ihr hinbeugend: »Gelt, Mutter, du hörst mich wohl, wenn du jetzt schon
+im Himmel bist, und ich dich nicht mehr hören kann.« So saß das Wiseli
+noch neben seiner Mutter und hielt sie fest, als schon die Mittagszeit
+vorüber war. Da trat der Vetter-Götti in das Stübchen, schaute sich ein
+wenig darin um und rief dann die Nachbarin herein. »Ihr müßt die Frau
+hier zurecht machen, Ihr wißt schon, wie ich meine«, sagte er, »so daß
+alles fertig ist zum Wegholen. Dann nehmt den Schlüssel zu Euch, daß da
+nichts wegkommt.« Dann wandte er sich zu Wiseli und sagte: »Wo sind
+deine Kleider, Kleines? Such sie zusammen und pack sie in ein
+Bündelchen, dann gehen wir.« – »Wohin gehen wir denn?« fragte Wiseli
+zaghaft. – »Heim gehen wir«, war die Antwort; »an den Buchenrain, da
+kannst du bei uns sein, du hast niemand mehr auf der Welt, als deinen
+Vetter-Götti.« Das Wiseli befiel ein lähmender Schrecken, – nach dem
+Buchenrain sollte es gehen und da daheim sein. Es hatte von jeher eine
+große Furcht vor der Base gehabt und jedesmal eine Zeitlang vor der Tür
+gewartet, wenn es dem Vetter-Götti etwas hatte berichten müssen, aus
+lauter Angst, die Base fahre es an. Dann war der älteste Sohn im Hause,
+der gewalttätige Chäppi, und dann kamen noch der Hans und der Rudi, die
+warfen allen Kindern Steine nach. Bei denen sollte es nun daheim sein.
+
+Das Wiseli stand bleich und unbeweglich vor Schrecken da. »Du mußt dich
+nicht fürchten, Kleines«, sagte der Vetter-Götti freundlich; »es sind
+wohl mehr Leute bei uns im Hause als da, aber das ist desto lustiger für
+dich.« Wiseli legte still seine Sachen zusammen in ein Tuch und knüpfte
+je zwei Zipfel davon kreuzweis ineinander; dann band es sein Tüchlein um
+den Kopf und stand fertig da.
+
+»So«, sagte der Vetter, »nun gehen wir«, und schritt der Tür zu. Auf
+einmal schluchzte Wiseli laut auf: »Dann muß ja die Mutter ganz allein
+sein.«
+
+Es war wieder zu ihr hingelaufen und hielt sie fest.
+
+Der Vetter-Götti stand ein wenig verblüfft da; er wußte nicht recht, wie
+er dem Kinde erklären sollte, wie es mit seiner Mutter sei, wenn es das
+nicht von selbst begriff, denn Erklären war nicht seine Sache, das hatte
+er nie probiert; er sagte also: »Komm jetzt, komm! Ein Kleines, wie du
+eins bist, muß folgen; komm und mach nur kein Geschrei, das hilft gar
+nichts.« Wiseli würgte sein Schluchzen hinunter und folgte lautlos dem
+Vetter-Götti durch die Tür nach. Nur einmal sah es noch zurück und sagte
+ganz leise: »Behüte Gott, Mutter!« Dann wanderte es mit seinem
+Bündelchen am Arm aus dem kleinen Hause, wo es daheim gewesen war. Eben
+als die beiden miteinander querfeldein gingen, kam von oben herunter die
+Trine gegangen, einen gedeckten Korb am Arm tragend. Noch stand die
+Nachbarin unter der Tür und schaute dem Vetter-Götti und dem Kinde nach.
+Die Trine trat auf sie zu und sagte: »Heute bring’ ich der kranken Frau
+was Rechtes, aber ein wenig spät, wir haben den Herrn Onkel zum Besuch,
+da wird es immer spät.« – »Und wenn Ihr auch am Morgen früh gekommen
+wäret, so wäret Ihr zu spät gekommen heut’, sie ist in der Nacht
+gestorben.« – »Es wird doch nicht sein«, rief die Trine erschrocken aus;
+»ach du mein Trost, was wird meine Frau sagen.« Damit kehrte die Trine
+um und lief stracks ihren Weg zurück.
+
+Die Nachbarin trat in das stille Stüblein ein und machte Wiselis Mutter
+so zurecht, wie sie in ihrem letzten Bettlein liegen mußte.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+Beim Vetter-Götti.
+
+
+Als das Wiseli hinter dem Vetter-Götti drein in das Haus hereintrat am
+Buchenrain, da kamen die drei Buben aus der Scheune hergestürzt, liefen
+hinter der Ankommenden her in die Stube herein und stellten sich mitten
+drin auf, und alle drei sperrten die Augen auf an das Wiseli hinan, das
+ganz schüchtern dastand. Aus der Küche kam die Base herein und schaute
+das Wiseli ebenfalls an, wie wenn sie es noch nie gesehen hätte.
+
+Der Vetter-Götti setzte sich hinter den Tisch und sagte: »Ich meine, man
+könnte etwas nehmen; das Kleine hat, denk’ ich, heut’ noch wenig gehabt.
+Komm, sitz ab«, sagte er, zu Wiseli gewandt, das immer noch auf
+demselben Platze stand, sein Bündelchen in der Hand. Es gehorchte. Jetzt
+holte die Base Most und Käse und legte das große Schwarzbrot auf den
+Tisch. Der Vetter-Götti schnitt ein tüchtiges Stück ab und legte einen
+Brocken Käse darauf, dann schob er es vor das Kind hin: »Da, iß,
+Kleines, wirst wohl Hunger haben.«
+
+»Nein, ich danke«, sagte Wiseli leise; es hätte keinen Brosamen
+herunterschlucken können, denn Leid und Angst und Weh schnürten es so
+zusammen bis an den Hals hinauf, daß es kaum atmen konnte. Die Buben
+standen immer da und starrten es an. »Mußt dich nicht fürchten«, sagte
+der Vetter-Götti ermunternd, »iß nur zu.« Aber das Wiseli saß
+unbeweglich und berührte sein Brot nicht. Die Base war bis jetzt auch
+geblieben und hatte das Kind angeschaut von oben bis unten, mit beiden
+Armen in die Seite gestemmt. »Wenn’s dir nicht recht ist, so kannst du’s
+nur bleiben lassen«, sagte sie nun, kehrte sich um und ging wieder in
+die Küche.
+
+Als der Vetter-Götti sich genugsam erfrischt hatte, stand er auf und
+sagte: »Nimm’s in die Tasche, nachher kommt’s dir schon, daß du essen
+magst, mußt dich nur nicht fürchten.« Damit ging auch er in die Küche
+hinaus. Wiseli wollte gehorchen und die beiden Stücke in die Tasche
+stecken, aber diese war viel zu klein, es legte wieder alles auf den
+Tisch.
+
+»Ich will dir schon helfen«, sagte Chäppi, schnappte die Stücke vom
+Tisch weg und wollte sie zu dem offenen Mund führen, sie fuhren aber in
+die Luft hinauf, denn der Hans hatte von unten herauf Chäppis Hand einen
+tüchtigen Puff gegeben, damit ihr die Beute entfalle und er sie
+erwische; in dem Augenblick aber huschte der Rudi schnell auf den Boden
+und haschte den Fang weg. Jetzt stürzten die beiden Größeren auf ihn,
+und einer fiel über den anderen hinaus, und nun ging es an ein Schlagen
+und Raufen und Lärmen und Heulen, daß es dem Wiseli angst und bange
+wurde. Jetzt machte der Vater die Küchentür wieder auf und rief in die
+Stube hinein: »Was ist das?« Da riefen die drei Buben am Boden alle
+durcheinander, und es tönte immer wieder: »Das Wiseli wollte nicht«,
+»das Wiseli hatte keinen« und »weil das Wiseli keins wollte«. Da rief
+der Vater noch lauter: »Wenn das nicht aufhört da drinnen, so will ich
+mit dem Lederriemen kommen!« Dann schlug er die Tür wieder zu. Das »da
+drinnen« hörte aber noch nicht auf, sondern sowie die Tür zu war, ging’s
+erst recht los, denn der Hans hatte erfunden, daß das wirksamste Mittel,
+den Feind zu erschrecken, sei, ihm in die Haare zu fahren, was die
+anderen sogleich auch begriffen, und so standen sie nun alle drei jeder
+mit beiden Händen an den Haaren eines anderen reißend und dazu ein
+fürchterliches Geschrei ausstoßend. In der Küche saß die Base auf einem
+Schemel und schälte Kartoffeln. Als ihr Mann die Stubentür wieder
+zugemacht hatte, sagte sie: »Was hast du mit dem Kind im Sinn? Warum
+hast du es gleich mit heimgenommen?«
+
+»Es wird, denk’ ich, bei jemandem sein müssen; ich bin der Vetter-Götti,
+und andere Verwandte hat es keine mehr. Und du kannst es ja schon
+brauchen; so etwas wie du dort machst, kann es dann machen. So kannst du
+etwas Besonderes tun. Du sagst ja immer, die Buben geben dir mehr zu
+tun, als eben recht.«
+
+»Ja wegen dessen«, warf die Base hin, »das wird eine schöne Hilfe sein.
+Du kannst ja hören, wie es zugeht drinnen in der ersten Viertelstunde
+schon, daß es da ist.«
+
+»Das habe ich schon manchmal gehört, lang eh’ das Kleine da war; es hat,
+denk’ ich, nicht viel damit zu tun«, sagte der Vetter ruhig.
+
+»So«, entgegnete die Base eifrig, »hast du denn nicht gehört, daß sie
+alle miteinander etwas von dem Wiseli riefen?«
+
+»Sie werden etwas rufen müssen, das war nie anders«, meinte der Vetter.
+»Diesem Kleinen wirst du, denk’ ich, wohl noch Meister werden, es ist
+kein bösartiges, das habe ich schon gemerkt, es kann auch folgen,
+besser als die Buben.« Das war der Base fast zu viel. »Ich meine, es war
+nicht nötig, daß man es jetzt schon gegen die Buben aufstifte«, sagte
+sie, die Häute immer schneller von den Kartoffeln abreißend, »und dann
+möchte ich nur das wissen, wo das Kind schlafen soll.«
+
+Der Vetter schob ein paarmal die Kappe auf seinem Kopf hin und her, dann
+sagte er geruhlich: »Man kann nicht alles an einem Tag machen. Es wird
+wohl bis jetzt in einem Bett geschlafen haben, denk’ ich, und das wird
+es wieder bekommen. Morgen will ich dann zum Pfarrer gehen; heut’ kann
+es auf der Ofenbank schlafen, da ist’s ja warm. Dann kann man einen
+Verschlag machen, wo es in unsere Kammer hineingeht; da kann man sein
+Bett hineinschieben.«
+
+»Ich habe mein Lebtag nie gehört, daß man zuerst das Kind bringt und
+dann acht Tage nachher das Bett, das dazu gehört«, warf die Base hin,
+»und dann möcht’ ich auch wissen, wer das bezahlen muß, wenn man noch
+bauen soll, um des Kindes willen.«
+
+»Wenn uns die Gemeinde das Kleine zuerkennt, so muß sie auch etwas an
+den Unterhalt geben«, erklärte der Vetter; »ich nehme es dann noch immer
+billiger an, als ein anderer es tun würde; es ist ihm auch am wohlsten
+bei uns.«
+
+Mit dieser Überzeugung ging der Vetter in den Stall hinaus und rief noch
+zurück, der Chäppi solle ihm nachkommen. Es war schwierig für die Base,
+sich Gehör zu verschaffen drinnen in der Stube, als sie den Auftrag
+ausrichten wollte. Da standen noch die drei im hitzigsten Gefecht, vom
+lautesten Kriegsgeschrei begleitet. »Es nimmt mich nur wunder, daß du
+dem so zusiehst und kein Wort zum Frieden sagst«, warf die Base dem
+Wiseli hin, das sich scheu an die Wand drückte und sich kaum rühren
+durfte. Nun wurde der Chäppi in den Stall geschickt, und die beiden
+anderen liefen ihm nach. »Kannst du stricken?« fragte dann die Base das
+Wiseli; es sagte schüchtern: ja, Strümpfe könne es stricken. »So nimm
+die«, sagte die Base und nahm aus dem Schrank einen großen braunen
+Strumpf heraus mit einem Garn fast so dick wie Wiselis Finger. »Du bist
+am Fuß, gib acht, daß er nicht zu kurz wird, er ist für den
+Vetter-Götti.« Nun ging sie wieder in die Küche, und Wiseli setzte sich
+auf die Ofenbank und mußte den langen Strumpf auf seinem Schoß
+zusammenhalten, der war so schwer, daß er ihm ganz die Hände
+herunterzog, wenn er hing, so daß es die Nadeln nicht führen konnte. Es
+hatte aber kaum recht angefangen an seiner Arbeit, als die Base wieder
+hereinkam. »Du kannst jetzt herauskommen in die Küche«, sagte sie; »du
+kannst sehen, wie ich alles mache, so kannst du mir an die Hand gehen
+nach und nach.« Wiseli gehorchte und sah draußen der Base zu, so viel es
+konnte; aber immer schossen ihm wieder die Tränen in die Augen, und dann
+sah es nichts mehr, denn es mußte denken, wie es war, wenn es so der
+Mutter nachlief in die Küche, und wie sie mit ihm redete und es immer
+wieder streichelte, und es an ihr hing. Es fühlte aber wohl, daß es
+nicht herausweinen dürfe, und schluckte und schluckte, daß es fast
+meinte, es werde erwürgt. Die Base sagte ein paarmal: »Gib acht! so
+weißt du’s nachher.« Sie ließ es dann aber stehen und fuhr in der Küche
+herum. So ging es eine gute Zeit lang, dann hörte man ein ganz
+erschreckliches Gestampfe auf dem Hausgang, und die Base sagte: »Mach
+schnell die Tür auf, sie kommen«; denn der Lärm kam vom Vetter und den
+Buben her, die draußen den Schnee von den Schuhen stampften. Wiseli
+machte die Tür nach der Stube auf und die Base hob eine große Pfanne vom
+Feuer und fuhr eilends damit in die Stube hinein, wo sie den ganzen
+Haufen geschwelter Kartoffeln auf den Schiefertafeltisch ausschüttete.
+Dann lief sie zurück und brachte ein großes Becken voll saurer Milch
+herein und sagte: »Leg auf den Tisch, was in der Schublade liegt, so
+können sie zusitzen.« Wiseli zog schnell die Schublade aus, da lagen
+fünf Löffel und fünf Messer, die legte es hin, und nun war der
+Abendtisch fertig. Der Vetter und die Buben waren hereingekommen und
+saßen gleich fest auf den Bänken am Tisch den Fenstern entlang. Unten am
+Tisch stand ein Stuhl; darauf hin wies nun der Vetter-Götti und sagte:
+»Es kann, denk’ ich, dort sitzen, oder nicht?«
+
+»Freilich«, sagte die Base, die auch einen Stuhl für sich bereit hatte
+auf der Seite gegen die Küche zu, sie saß aber nur eine Sekunde darauf
+still, dann lief sie wieder in die Küche und kam zurück und saß
+geschwind wieder zu einem Löffel voll Milch nieder; dann lief sie von
+neuem. Es wußte niemand, warum das so sein mußte, denn das Kochen war ja
+ganz zu Ende; aber es war immer so, und wenn der Vetter einmal sagte:
+»Sitz doch und iß einmal«, so kam sie erst recht in die Eile und sagte,
+sie habe nicht Zeit, so lang zu sitzen, und der Sache draußen werde wohl
+jemand nachsehen müssen. Als sie jetzt zum zweiten Male hereingeschossen
+kam und eilig eine Kartoffel schälte, fiel ihr Wiselis Untätigkeit auf,
+das neben ihr saß, die Hände in den Schoß gelegt. »Warum issest du
+nicht?« fuhr sie es an. »Es hat keinen Löffel«, sagte Rudi, der auf der
+anderen Seite neben ihm saß und schon lange den Grund herausgefunden
+hatte, warum jemand an einem Tisch sitzen kann, ohne zu essen, solange
+noch etwas da ist. »Ja so«, sagte die Base; »wem wäre es aber auch in
+den Sinn gekommen, daß man auf einmal sechs Löffel haben muß, man
+brauchte ja immer nur fünf, und ein Messer wird auch sein müssen. Warum
+kannst du aber auch nichts sagen? du wirst wohl wissen, daß man zum
+Essen einen Löffel braucht.« Diese Worte waren an das Wiseli gerichtet.
+
+Es schaute die Base scheu an und sagte leise: »Es ist gleich, ich
+brauche keinen, ich habe keinen Hunger.« – »Warum nicht?« fragte die
+Base; »bist du anders gewöhnt? Ich habe nicht im Sinn, zu ändern.« – »Es
+ist, denk’ ich, besser, man lasse das Kleine zuerst ein wenig gehen, man
+muß es nicht zu fürchten machen«, sagte der Vetter-Götti
+beschwichtigend; »es kommt schon besser.« Nun ließ man das Wiseli in
+Ruh’, die anderen setzten ihre Tätigkeit noch eine gute Zeit lang fort.
+Das Kind saß unbeweglich dabei, bis endlich der Vater aufstand, noch
+einmal die Pelzkappe vom Nagel nahm und nach der Stallaterne suchte,
+denn der Fleck sei krank geworden, da mußte er noch einmal hinaus. Der
+Tisch war schnell wieder in Ordnung. Die Kartoffelschalen wurden mit den
+Händen in das leere Milchbecken heruntergewischt, dann die Schiefertafel
+abgewaschen, und wie die Base damit zu Ende war, sagte sie, zu Wiseli
+gewandt: »Du hast gesehen, wie ich’s mache, das kannst du von nun an
+tun.« Jetzt setzte sich der Chäppi wieder fest hinter den Tisch; er
+hatte seinen Griffel und sein Rechenbuch geholt und machte Anstalten,
+seine Rechnungsaufgaben vor sich auf den Tisch zu schreiben. Erst
+starrte er aber eine Weile auf das Wiseli hin, das seinen braunen
+Strumpf wieder vorgenommen hatte, aber sehr hilflos dasaß, denn es
+konnte keine Masche sehen in seinem Winkel, und zum Tisch zu sitzen, auf
+dem die trübe Öllampe stand, wagte es nicht.
+
+»Du wirst auch etwas tun können«, rief auf einmal Chäppi erbost zu ihm
+hinüber, »du bist nicht das Geschickteste in der Schule.« Wiseli wußte
+nicht, was sagen, es war ja gar nicht in der Schule gewesen heute, und
+es wußte nicht, was zu tun war, es war ja überhaupt ganz aus aller
+Ordnung und Fassung. »Wenn ich rechnen muß, so mußt du auch, oder dann
+tu’ ich’s auch nicht«, rief der Chäppi wieder. Wiseli hielt sich
+mäuschenstill. »So, dann ist’s recht«, fuhr Chäppi lärmend fort, »so tu’
+ich keinen Strich mehr an der Arbeit.« Damit warf er seinen Griffel weg.
+»So, so, dann tu’ ich auch nichts«, rief der Hans aus und steckte ganz
+erleichtert sein Einmaleins wieder in den Schulsack, denn das Lernen war
+ihm das Bitterste, das er kannte. – »Ich will es schon dem Lehrer sagen,
+wer an allem schuld ist«, fing Chäppi wieder an, »du kannst dann nur
+sehen, wie es dir geht.« So hätte Chäppi wohl noch eine Zeitlang seinem
+bösen Wesen Luft gemacht, wenn nicht der Vater schon aus dem Stall
+zurückgekommen wäre. Er trug zwei große, leere Futtersäcke auf der
+Achsel herein und kam damit auf den Tisch zugeschritten. »Mach Platz«,
+sagte er zu Chäppi, der beide Ellbogen auf den Tisch gestemmt hielt und
+den Kopf darauf. Dann breitete er die Säcke aus, faltete sie zusammen,
+noch einmal und noch einmal; dann ging er nach der Ofenbank und legte
+das Paket darauf hin. »So«, sagte er befriedigt, »das ist gut! Und wo
+hast dein Bündelchen, Kleines?« Wiseli holte es aus einer Ecke hervor,
+wo es bis jetzt gelegen hatte, und schaute mit Erstaunen zu, wie der
+Vetter-Götti das Bündelchen am oberen Ende des Pakets auf die Ofenbank
+hin drückte, daß es nicht so ganz kugelrund bleibe.
+
+»So, da kannst du schlafen«, sagte er nun, zu Wiseli sich umkehrend;
+»frieren mußt du nicht, der Ofen ist heiß, und auf das Bündelchen kannst
+du den Kopf legen, so liegst du wie im Bett. Und mit euch dreien ist’s
+auch Zeit ins Bett, hurtig!« Damit nahm er die Öllampe vom Tisch und
+ging der Küche zu, die drei Buben stampften hinter ihm her. Bei der Tür
+kehrte er sich noch einmal um und sagte: »So schlaf wohl. Mußt nicht
+mehr nachsinnen heut’, denn es kommt dann schon besser.« Dann ging er
+hinaus. Nun kam die Base noch einmal herein mit einem Öllämpchen in der
+Hand und beschaute sich das Lager. »Kannst du liegen da?« fragte sie.
+»Du hast es ja warm hier am Ofen, manches hat kein Bett und muß dazu
+erst noch frieren; es kann dir auch noch so gehen, sei du nur froh, daß
+du einstweilen unter einem guten Dach bist. Gute Nacht!« – »Gute Nacht!«
+sagte Wiseli leise zurück; die Base hatte es aber jedenfalls nicht
+gehört, denn sie war schon halb draußen, als sie gute Nacht wünschte,
+und hatte die Tür gleich hinter sich zugemacht. Jetzt saß Wiseli da in
+der dunkeln Stube, alles war auf einmal ganz still ringsum, es hörte
+keinen Ton mehr. Der Mond schien ein wenig durch das eine Fenster
+herein, so daß Wiseli wieder erkennen konnte, wo die Ofenbank war,
+darauf es schlafen sollte. Es ging nun gleich dahin und setzte sich auf
+sein Lager. Zum ersten Male heute, seit es die Mutter verlassen hatte,
+war es nun allein und konnte sich besinnen, was mit ihm war. Die ganze
+Zeit bis jetzt war es in einer steten Spannung gewesen, denn alles hatte
+ihm Angst und Furcht eingeflößt, was es gesehen und gehört hatte, seit
+es von der Mutter weg war, und noch hatte es gar nicht weiter gedacht,
+nur von einem Augenblick auf den anderen sich gefürchtet. Nun saß es da,
+zum ersten Male in seinem Leben ohne die Mutter, und ganz klar und
+deutlich kam ihm nun der Gedanke, daß es sie gar nie mehr sehen werde,
+daß es gar nie mehr mit ihr reden und sie hören könnte. Jetzt kam auf
+einmal ein solches Gefühl der Verlassenheit über das Wiseli, daß es ihm
+gerade vorkam, als sei es mutterseelenallein und verloren auf der Welt,
+und gar kein Mensch kümmere sich mehr um es, und so müsse es nun ganz
+allein und im Dunkeln bleiben und umkommen. Und über das Wiseli kam ein
+solches Elend, daß es den Kopf auf sein Bündelchen drückte und ganz
+bitterlich zu weinen anfing und trostlos einmal über das andere sagte:
+»Mutter, kannst du mich nicht hören? Mutter, hörst du mich nicht?« Aber
+die Mutter hatte dem Wiseli oft gesagt, wenn es einem Menschen schlimm
+gehe und er leiden müsse, dann sei er froh, daß er zum lieben Gott im
+Himmel schreien könne, der höre ihn immer an und wolle ihm gern helfen,
+wenn gar keine Menschen ihm mehr zuhören wollen oder helfen können. Das
+kam dem Wiseli in den Sinn, und auf einmal saß es wieder auf und
+schluchzte laut: »Ach, lieber Gott im Himmel, hilf mir auch. Es ist
+mir so angst, und die Mutter hört mich nicht mehr!« Und so betete es
+zwei- oder dreimal, und dann wurde es ein wenig stiller und ruhiger; es
+gab ihm einen Trost ins Herz, nun es fühlte, daß doch der liebe Gott im
+Himmel noch da sei, zu dem es eben gerufen hatte, so war es doch nicht
+ganz, ganz allein. Jetzt stiegen ihm auch die Worte auf, die ihm die
+Mutter ganz zuletzt noch gesagt hatte: »Wenn du einmal keinen Weg mehr
+vor dir siehst und es dir ganz schwer wird« – so war es jetzt schon
+gekommen, und doch hatte es noch nicht gewußt, wie das kommen konnte,
+als die Mutter so sagte –, dann, hatte sie gesagt, solle es daran
+denken, wie es heiße in seinem Liede:
+
+ »Er wird auch Wege finden,
+ Da dein Fuß gehen kann.«
+
+Jetzt verstand auch Wiseli mit einem Male, was die Worte bedeuteten, die
+es vorher nur so hingesagt hatte, denn es war noch nie in der Angst
+gewesen. Aber jetzt war es ja geradeso, daß es gar keinen Weg mehr vor
+sich sah und dachte, mit ihm sei es ganz aus, denn vor ihm stand gar
+nichts mehr als ein großer Schrecken vor jedem Augenblick in des
+Vetter-Göttis Haus. Es kam aber jetzt ein rechter Trost in sein Herz,
+wie es wieder und wieder so sagte:
+
+ »Er wird auch Wege finden,
+ Da dein Fuß gehen kann.«
+
+So hatte Wiseli noch gar nie empfunden, was es sei, einen lieben Gott im
+Himmel zu haben, zu dem man rufen kann, wenn man sonst von gar niemandem
+mehr gehört wird; gar nie bis jetzt hatte es gewußt, wie wohl das tun
+kann. Es faltete jetzt ganz still seine Hände und fing sein Lied von
+vorn an, denn es wollte so gern noch etwas mehr vor dem lieben Gott
+sagen und zu ihm hinauf beten; es sagte auch jedes Wort mit seinem
+ganzen Herzen, wie nie vorher:
+
+ »Befiehl du deine Wege,
+ Und was dein Herze kränkt,
+ Der allertreusten Pflege
+ Des, der den Himmel lenkt.
+
+ Der Wolken, Luft und Winden
+ Gibt Wege, Lauf und Bahn,
+ Der wird auch Wege finden,
+ Da dein Fuß gehen kann.«
+
+Es war eine beruhigende Zuversicht in des Kindes Herz gefallen; nachdem
+es mit Vertrauen die letzten Worte noch einmal gesagt hatte, legte es
+seinen Kopf wieder auf das Bündelchen und schlief augenblicklich ein.
+
+Jetzt träumte es dem Wiseli, es sehe einen schönen, weißen Weg vor sich,
+ganz trocken und hell von der Sonne beschienen, der ging zwischen lauter
+roten Nelken und Rosen durch, und war so lockend anzusehn, daß man
+gleich hätte darauf hüpfen und springen mögen. Und neben dem Wiseli
+stand seine Mutter und hielt es liebevoll bei der Hand, wie immer, und
+dabei zeigte sie auf den Weg hin und sagte: »Sieh, Wiseli, das ist dein
+Weg! Habe ich nicht zu dir gesagt:
+
+ ›Er wird auch Wege finden,
+ Da dein Fuß gehen kann‹?«
+
+Und das Wiseli war sehr glücklich in seinem Traume, und auf seinem
+Bündelchen schlief es so gut, als läge es in einem weichen Bette.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+Wie es weiter geht und Sommer wird.
+
+
+Als die alte Trine mit dem Bericht auf die Halde zurückkam, daß Wiselis
+Mutter gestorben und das Kind soeben von seinem Vetter-Götti geholt
+worden sei, entstand ein großer Aufruhr im Hause. Die Mutter konnte sich
+des Klagens und Jammerns nicht erwehren darüber, daß sie den Besuch bei
+der Kranken nicht mehr gemacht hatte, den sie zu machen sich schon seit
+einigen Tagen bestimmt vorgenommen; aber sie hatte keine Ahnung gehabt,
+daß das Ende der armen Frau so nahe sein konnte; sie war sehr betrübt
+und ergriffen.
+
+Derweilen lief Otto mit ungeheuren Schritten der Aufregung das Zimmer
+auf und nieder und rief zornentbrannt einmal ums andere aus: »Es ist
+eine Ungerechtigkeit! Es ist eine Ungerechtigkeit! Aber wenn er ihm
+etwas zuleide tut, dann kann er nachher nur seine Rippen zählen, wie
+manche davon noch ganz ist!«
+
+»Wen meinst du denn eigentlich, Otto, von wem sprichst du?« unterbrach
+die Mutter den eifernden Sohn.
+
+»Vom Chäppi«, erwiderte er; »was kann er dem Wiseli alles tun, wenn es
+mit ihm zusammenwohnen muß! Das ist eine Ungerechtigkeit! Aber er soll
+es nur probieren –.« Hier wurde Otto wieder unterbrochen, indem ein
+wiederholtes, heftiges Stampfen seine Stimme übertönte.
+
+»Was machst du für ein hirnerschütterndes Gerumpel, du Miez hinter dem
+Ofen!« rief er aus, indem er seine Aufregung nun nach dieser Seite
+wandte. Miezchen kam hinter dem Ofen hervor und stampfte noch einmal mit
+großer Gewalt auf den Boden, denn es war bemüht, seine Füße wieder in
+die völlig nassen Stiefel hineinzuzwingen, welche ihm die alte Trine vor
+kurzer Zeit mit der größten Mühe ausgezogen hatte. Die Arbeit war sehr
+schwierig, und feuerrot von Anstrengung keuchte Miezchen hervor: »Du
+kannst sehen, daß ich so tun muß; kein Mensch kann in diese Stiefel
+hineinkommen ohne Stampfen.«
+
+»Und warum müssen denn die Stiefel wieder an die Füße, da ich sie gerade
+eben weggenommen habe, damit sie nicht mehr dran seien? möchte ich
+wissen«, sagte die Trine, die noch im Zimmer stand.
+
+»Ich gehe nach dem Buchenraine und hole auf der Stelle das Wiseli zu
+uns, es kann mein Bett haben«, erklärte das Miezchen entschlossen.
+Ebenso entschlossen kam jetzt die alte Trine auf das Miezchen
+zugeschritten, hob es in die Höhe, setzte es fest auf einen Stuhl und
+zog mit einem Ruck den halb angezwängten Stiefel wieder weg, fand aber
+doch für gut, das zappelnde Kind zu beschwichtigen, indem sie zustimmend
+sagte: »Schon recht! Schon recht! Aber ich will’s schon für dich
+besorgen, du brauchst nicht zwei Paar Strümpfe und zwei Paar Schuhe
+dafür durchzumachen. Dein Bett kannst du schon geben, du kannst dann nur
+in die Rumpelkammer hinaufziehen zum Schlafen, da ist Platz genug.« Aber
+das Miezchen hatte ganz andere Gedanken. Es hatte aufgefunden, daß es
+sich plötzlich von einem großen und täglich wiederkehrenden Ungemach
+befreien könne, und hatte fest im Sinne, es zu tun. Jeden Abend nämlich,
+gerade wenn Miezchen im besten Zuge der Unterhaltung war, erscholl auf
+einmal der Befehl, aufzupacken und ins Bett zu gehen. Hierauf erfolgten
+jedesmal große innere, häufig auch äußere Kämpfe, die waren peinlich und
+dazu noch nutzlos. Wenn es nun sein Bett an das Wiseli verschenkt hatte,
+so war mit einem Male allem abgeholfen, denn da war keins mehr
+vorhanden, und Miezchen konnte für immer aufbleiben. Diese Aussicht
+beglückte das Miezchen so sehr, daß alle seine Gedanken darauf
+gerichtet waren und es erst gar nicht bemerkte, wie die schlaue Trine
+nur darauf bedacht war, ohne Kampf der nassen Stiefel habhaft zu werden,
+ihr aber gar nicht einfiel, das Wiseli zu holen. Als sie nun befriedigt
+mit ihren Stiefeln davonging und Miezchen die Täuschung entdeckte, fing
+es einen so mörderlichen Lärm an, daß Otto sich beide Ohren zuhalten und
+die Mutter ernstlich einschreiten mußte. Sie versprach dann dem
+Miezchen, die Sache mit dem Papa besprechen zu wollen, sobald er erst
+wieder zu Hause sein würde, denn er war an dem Morgen dieses Tages mit
+Onkel Max abgereist, um einen lange verabredeten Besuch bei einem alten
+Freund zu machen. So wurde denn endlich die Ruhe und der Friede im Hause
+wiederhergestellt. Erst nach vier Tagen kamen die Herren von ihrem
+Ausfluge zurück, und die Mutter hielt Wort: das erste, was sie mit dem
+Vater besprach noch am Abend seiner Ankunft, war Wiselis Verwaistsein
+und sein neues Unterkommen, und es wurde gleich beschlossen, der Vater
+sollte am folgenden Tag hingehen, um sich mit dem Herrn Pfarrer zu
+beraten, was etwa für Wiseli getan werden könnte. Dies wurde denn
+ausgeführt, und der Oberst brachte die Nachricht, daß am vergangenen
+Sonntag, zwei Tage vorher, der Gemeindevorstand die Sache schon geordnet
+hatte, wie sie nun bleiben würde. Wiseli sollte ein Unterkommen haben,
+und da seine Mutter nichts hinterlassen hatte, mußte die Gemeinde für
+das Kind sorgen, bis es selbst sein Brot verdienen konnte. Nun hatte der
+Vetter-Götti sich gleich angeboten, das Kind um ein weniges bei sich zu
+behalten, da er einen Akt der Wohltätigkeit an ihm auszuüben gedachte.
+Er war als ein rechtschaffener Mensch bekannt, und da seine Forderung so
+billig war, wurde ihm von dem Vorstand das Kind sehr bereitwillig
+zuerkannt, und so war es denn fest und unabänderlich, daß Wiselis neue
+Heimat das Haus des Vetter-Götti geworden war.
+
+»Es ist eigentlich gut so«, sagte der Oberst zu seiner Frau; »das Kind
+ist wohlversorgt da; was hätte man auch mit ihm machen wollen, es ist ja
+noch viel zu klein, um irgendwo angestellt zu werden, und alle
+elternlosen Kinder kannst du doch nicht ins Haus nehmen, du müßtest denn
+ein Waisenhaus gründen.« Seine Frau war ein wenig bestürzt über die
+Nachricht, daß schon alles festgesetzt sei; sie hatte gehofft, es würde
+sich noch ein anderes Unterkommen für das Kind finden, denn das zarte
+Wiseli in dem Hause zu wissen, wo es viel Roheit hören und fühlen mußte,
+tat ihr sehr leid; doch hätte auch sie keinen bestimmten Rat gewußt, und
+nun war auch weiter nichts mehr zu tun, als die Sache anzunehmen und
+sich etwa nach dem Kinde umzusehen. Als am Morgen darauf Otto und
+Miezchen hörten, wie es mit Wiseli stehe, da brach freilich noch einmal
+ein Sturm los; Otto erklärte Wiselis Versorgung für die Versorgung eines
+Daniel in der Löwengrube und probierte dabei seine Faust auf dem Tisch,
+offenbar mit dem heimlichen Wunsch, sie so auf Chäppis Rücken wirken zu
+lassen. Das Miezchen lärmte und heulte ein wenig, teils aus Mitleid für
+Wiseli, teils aus Teilnahme für sich selbst und seine vereitelten
+Hoffnungen auf ein glückliches Entrinnen aus der täglichen Betthaft.
+Aber auch diese Aufregung ging vorüber wie jede andere, und die Tage
+gingen wieder ihren gewohnten Gang.
+
+Unterdessen hatte Wiseli nach und nach sich ein wenig eingelebt in dem
+Hause des Vetter-Götti. Sein Bett war angekommen, es schlief nicht mehr
+auf der Ofenbank, sondern, wie der Vetter gesagt hatte, in einem
+Verschlag in dem schmalen Gang zwischen der Kammer des Vetters und der
+Base und derjenigen der Buben. In dem Verschlag hatte gerade sein Bett
+Platz und eine kleine Kiste, worin seine Kleider lagen und auf welche es
+steigen mußte, um in sein Bett zu kommen, denn da war sonst gar kein
+Raum mehr. Sich zu waschen am Morgen, mußte es an den Brunnen gehen, und
+wenn es etwa gar kalt war, so sagte die Base, das könne es bleiben
+lassen und sich dann an einem anderen Tag waschen, wenn es wärmer sei.
+Aber daran war Wiseli nicht gewöhnt; seine Mutter hatte es gelehrt, sich
+recht sauber zu halten, und Wiseli wollte lieber frieren, als so
+aussehen, wie es die Mutter ungern sehen würde. Freilich daheim war es
+anders gewesen, wenn es am Morgen bei der Mutter in der Stube sich hatte
+fertig machen können, und sie dabei immer so freundliche Worte zu ihm
+geredet hatte und dann den Kaffee auf den Tisch stellte und sie beide
+nebeneinander saßen, und es fröhlich seine Brocken aß, ehe es zur Schule
+mußte. Das war jetzt ganz anders, und alles war so anders, sein ganzes
+Leben vom Morgen bis am Abend so anders, daß oft, oft beim Erinnern an
+die Mutter und an die Tage, die es bei ihr gehabt, dem Wiseli das Wasser
+in die Augen schoß, und es ihm so das Herz zusammenschnürte, daß es
+meinte, es könne nicht mehr weiter. Aber es wehrte sich tapfer, denn der
+Vetter-Götti hatte es ungern, wenn es weinte oder traurig war, und die
+Base schmälte dann mehr als je, sie konnte es gar nicht leiden. Am
+liebsten war Wiseli der Augenblick, da es von allen weg allein in seinen
+Verschlag steigen und so recht an die Mutter denken und sein Lied sagen
+konnte. Da kam ein großer Trost in sein Herz. Es dachte dann an seinen
+schönen Traum und war ganz sicher, daß der liebe Gott ihm einen Weg
+suche, so wie ihn die Mutter gezeigt hatte. Wenn ihm dann auch etwa in
+den Sinn kam, wie viele Menschen es auf der Welt gibt, für die der liebe
+Gott zu sorgen und Wege bereit zu machen hat, und ihm dann etwa der
+Zweifel aufstieg, ob er es vielleicht vergesse über all’ den vielen,
+dann kam ihm gleich der gute Trost ins Herz, daß ja die Mutter droben im
+Himmel sei und gewiß den lieben Gott daran erinnere, daß er auch seinen
+Weg nicht vergesse. Das machte das Wiseli dann ganz zuversichtlich und
+froh, und es wurde nie mehr so unglücklich, wie am ersten Abend auf der
+Ofenbank, sondern jeden Abend schlief es mit der ganz frohen Zuversicht
+im Herzen ein:
+
+ »Er wird auch Wege finden,
+ Da dein Fuß gehen kann.«
+
+So verging der Winter und der sonnige Frühling kam. Die Bäume wurden
+grün und alle Wiesen standen voller Schlüsselblumen und weißer Anemonen,
+und im Wald rief lustig der Kuckuck, und schöne, warme Lüfte zogen durch
+das Land und machten alle Herzen fröhlich, so daß jeder wieder gern
+leben mochte.
+
+Auch Wiselis Herz erfreuten die Blumen und der Sonnenschein, wenn es am
+Morgen in die Schule ging und nachher wieder nach dem Buchenrain
+zurückkehrte. Sonst blieb ihm keine Zeit, sich daran zu erfreuen, denn
+es mußte nun streng arbeiten: jeder Augenblick, der neben der Schule
+übrig blieb, mußte zu irgendeiner Arbeit benutzt werden, und manchen
+halben Tag der Woche mußte es daheim bleiben und durfte gar nicht zur
+Schule gehen, weil da viel Nötigeres zu tun war, wie der Vetter-Götti
+und hauptsächlich die Base sagten. Die Frühlingsarbeiten hatten im Felde
+begonnen und im Garten war allerhand zu tun, da mußte es mithelfen, und
+wenn die Base draußen war, mußte es kochen und nachher das Geschirr
+abwaschen, den Trog für die Schweinchen zurecht machen und in die
+Scheune hinübertragen. Neben alledem mußten die Hemden und Hosen der
+Buben geflickt werden, und noch so vieles war zu tun, daß Wiseli nie
+wußte, wenn es fertig war. Den ganzen Tag durch hieß es an allen Ecken,
+wo es etwas zu tun gab: »Das kann das Kind machen, es hat ja sonst
+nichts zu tun«, so daß es dem Wiseli manchmal ganz schwindelig wurde,
+weil es gar nicht wußte, wo anfangen und wie fertig werden. Es wußte
+auch wohl, daß, wenn es damit anfing, daß es mit dem Kartoffelsamen nach
+dem Acker rannte, wo der Vetter schaufelte und danach rief, die Base
+sicher schmälen würde, daß es nicht zuvor in der Küche Feuer zum
+Abendessen gemacht hatte, wie sie befohlen, und machte sie zuvor das
+Feuer an, so zankte wieder der Chäppi, daß es nicht zuerst das Loch in
+seinem Wamsärmel hatte flicken können, er hatte es ihm ja schon lang
+gesagt, und jedes rief ihm zu: »Warum machst du denn das nicht, du hast
+ja sonst nichts zu tun!« So war Wiseli ganz froh, wenn es in die Schule
+gehen konnte, da hatte es doch eine Zeitlang Ruhe und wußte, was es tun
+mußte, und dazu war es auch der Ort, wo es noch freundliche Worte bekam,
+denn jedesmal, wenn die Zeit der Pause kam, oder beim Heraustreten aus
+der Schule, kam der Otto zu Wiseli heran und war freundlich mit ihm und
+brachte immer wieder eine Einladung von seiner Mutter, daß es etwa am
+Sonntagabend zu ihnen komme, sie wollten dann allerlei Spiele zusammen
+machen. Das konnte nun Wiseli nie ausführen, denn am Sonntag mußte es
+den Kaffee machen, und die Base erlaubte ihm nicht, fortzugehen an dem
+einzigen Tag, da es ihr etwas helfen könne, wie sie sagte. Aber es tat
+doch dem Wiseli sehr wohl, daß Otto es immer wieder einlud, und nur
+schon, daß er freundliche Worte zu ihm redete, es hörte deren sonst von
+niemand mehr. Noch einen Grund hatte Wiseli, warum es gern zur Schule
+ging; es mußte jedesmal an dem sauberen Gärtchen vom Schreiner Andres
+vorbei; da schaute es so gern hinein und paßte da an der niederen Hecke
+immer und immer wieder die Gelegenheit ab, den Schreiner Andres zu
+sehen, denn es hatte ihm ja noch etwas von der Mutter auszurichten, das
+hatte es gar nicht vergessen. Aber in das Haus hineinzugehen, dazu war
+Wiseli zu schüchtern, es kannte den Mann auch zu wenig, um einen solchen
+Schritt zu tun, auch hatte es eine eigene Art von Scheu vor ihm, weil er
+so still war und es nur immer, wo es ihn noch getroffen, ganz freundlich
+angesehen, aber fast nie etwas, oder nur so ein flüchtiges Wort zu ihm
+gesagt hatte. Noch hatte Wiseli nie den Schreiner Andres erblicken
+können, wie oft es auch an der Hecke stillgestanden und nach ihm
+ausgeschaut hatte.
+
+Mai und Juni waren vorbei und die langen Sommertage waren gekommen, da
+es auf dem Felde immer mehr Arbeit gibt und alle Arbeit so heiß macht.
+Das merkte auch das Wiseli, wenn es vom Vetter hinausgerufen wurde und
+mit einem großen schweren Rechen das Heu zusammenbringen mußte, oder mit
+der breiten hölzernen Gabel wieder auseinanderwerfen, daß es an der
+Sonne trockne. Oft mußte es so den ganzen Tag draußen helfen, und am
+Abend war es dann so müde, daß es seine Arme kaum mehr bewegen konnte.
+Das hätte es aber nicht geachtet, denn es dachte, das müsse so sein;
+aber wenn es dann etwa am Abend einen Augenblick still saß, dann rief
+ihm der Chäppi gleich zu: »Du wirst so gut Rechnungen zu machen haben,
+wie ich; du meinst, du müssest nichts tun, und in der Schule kannst du
+ja nie etwas.« Das tat dem Wiseli weh, denn es hätte gern recht fleißig
+alles gelernt und wäre gern regelmäßig zur Schule gegangen, damit es
+alles gut begreifen und erlernen könnte, wie viele andere, und es wußte
+recht wohl, daß es fast überall zurück war. Es mußte ja so oft
+unterbrechen und hatte dann gar keinen Zusammenhang, wußte auch gar
+nicht, was die Aufgaben für die Schule waren. Wenn es dann so ohne
+Arbeit kam und dazu ungeschickt antwortete und vieles gar nicht wußte,
+schämte es sich so sehr und besonders, wenn der Lehrer ihm dann so vor
+allen Kindern sagte: »Das hätte ich von dir nicht erwartet, Wiseli, du
+warst immer am geschicktesten.« Dann meinte es oft, es müsse in den
+Boden hineinkriechen vor Scham, und nachher weinte es auf dem ganzen
+Heimweg. Aber dem Chäppi durfte es nicht antworten, es wisse ja nicht,
+was machen, sonst schimpfte und lärmte er so lange, bis die Base
+hereinkam und auf Chäppis Anklagen hin dem Wiseli erst recht seine
+Nachlässigkeit vorwarf. Dann zerdrückte das Kind manchmal seine Tränen
+und erst nachher auf seinem Kissen durfte es ihnen den Lauf lassen, und
+sie kamen dann auch recht heiß und schwer, denn es war ihm so, als
+hätten der liebe Gott und die Mutter es ganz vergessen und kein Mensch
+auf der Welt kümmere sich um sein Leben. In seinem Kummer konnte es oft
+lange sein Trostlied nicht sagen; es kam aber zu keiner Ruhe und konnte
+nie einschlafen, bis es die Worte wieder recht zusammengefunden und sie
+mit Andacht hatte sagen können, wenn ihm auch die frohe Zuversicht nicht
+recht im Herzen aufgehen wollte. So war das Wiseli auch entschlafen an
+einem schönen Juliabend, und am Morgen darauf stand es zaghaft unten am
+Tisch, als die Buben sich zur Schule rüsteten; es wagte nicht, zu
+fragen, ob es auch gehen dürfe, denn die Base schien keine Zeit zu einer
+Antwort übrig zu haben und der Vetter war schon zur Tür hinausgegangen.
+
+Jetzt liefen die Buben davon. Wiseli schaute ihnen nach durch das offene
+Fenster, wo sie zwischen den hohen Wiesenblumen hinsprangen und über
+ihren Köpfen die weißen Schmetterlinge in der Morgensonne umherflogen.
+Die Base hatte eine große Wäsche vorbereitet, mußte es wohl diese Woche
+am Waschtrog zubringen? Richtig, sie rief schon nach ihm aus der Küche.
+Jetzt rief auch der Vetter-Götti seinen Namen; er stand am Brunnen und
+sah es am Fenster. »Mach, mach, Wiseli, es ist Zeit, die Buben sind ja
+weit voraus. Das Heu ist drinnen, mach, daß du in die Schule kommst!«
+
+Das ließ sich Wiseli nicht zweimal sagen. Wie ein Blitz erfaßte es
+seinen Schulsack und flog zur Tür hinaus.
+
+»Sag dem Lehrer«, rief der Vetter nach, »es gebe jetzt eine Zeitlang
+keine Absenzen, er soll’s nicht so genau nehmen, wir haben streng mit
+dem Heu zu tun gehabt.« Wiseli lief ganz glücklich davon; so mußte es
+denn nicht an den Waschtrog hin, es durfte die ganze Woche in die Schule
+gehen. Wie war es so schön ringsum! Von allen Bäumen pfiffen die Vögel,
+und das Gras duftete, und in der Sonne leuchteten die roten Margeritli
+und die gelben Glisserli. Wiseli konnte nicht stille stehen, es war
+keine Zeit dazu, aber es fühlte wohl, wie schön es war, und lief voller
+Freuden mittendurch.
+
+An demselben Abend, als eben alle Kinder aus der dumpfen Schulstube in
+den sonnigen Abendschein hinausstürmen wollten, rief der Lehrer
+ernsthaften Angesichts in den Tumult hinein: »Wer hat die Woche?«
+
+»Der Otto, der Otto!« rief die ganze Schar und stürmte davon.
+
+»Otto«, sagte der Lehrer in ernstem Ton, »gestern ist hier nicht
+aufgeräumt worden. Einmal will ich dir verzeihen; aber laß mich dies
+nicht zum zweiten Male erfahren, sonst müßte die Strafe folgen.«
+
+Otto schaute einen Augenblick auf all’ die Nußschalen und Papierfetzen
+und Apfelschnitze, die am Boden herumlagen und sollten aufgelesen sein;
+dann wandte er eilends den Kopf weg und lief ebenfalls zur Tür hinaus,
+denn der Lehrer war auch schon durch seine Tür verschwunden. Draußen
+stand Otto auf dem sonnigen Platz still und schaute in den goldenen
+Abend hinaus und dachte: »Jetzt könnte ich heimgehen, und dann kriegte
+ich die Kappe voll Kirschen, und dann könnte ich auf dem Braunen ins
+Feld hinausreiten, wenn der Knecht das Heu holt, und nun soll ich
+drinnen auf dem Boden Papierfetzen zusammenlesen?« – und Otto wurde
+durch seine Gedanken so aufgeregt, daß er ganz grimmig vor sich hin
+sagte: »Ich wollte, es käme gerade jetzt der jüngste Tag, und das
+Schulhaus und alles miteinander flöge in tausend Stücken in die Luft
+hinauf!« Es blieb aber ringsum still und ruhig und von dem alles
+beendenden Erdbeben waren keine Anzeichen da. Da kehrte sich endlich
+Otto wieder der Schultür zu mit einem furchtbaren Grimm auf seinem
+Gesicht, denn er wußte ja, in den sauren Apfel mußte nun gebissen
+werden, oder morgen folgte die erniedrigende Strafe des Festsitzens, die
+wollte er nicht an sich kommen lassen. Er trat ein, aber beim ersten
+Schritt blieb er verwundert stehen: völlig aufgeräumt lag die Schulstube
+vor ihm, kein Fetzchen und kein Stäubchen nirgends mehr zu sehen; die
+Fenster standen offen und lieblich strömte die Abendluft in die geputzte
+Stube hinein. In dem Augenblick trat der Lehrer aus seiner Stube und
+schaute verwundert um sich und auf den starrenden Otto. Dann ging er zu
+diesem hin und sagte ermunternd: »Du darfst wirklich dein Werk
+anstaunen, das hätte ich dir nicht zugetraut. Du bist ein guter Schüler,
+aber im Aufräumen hast du heute alle übertroffen, was sonst bei dir
+nicht der Fall war.« Damit ging der Lehrer fort, und als sich Otto noch
+mit einem letzten Blick überzeugt hatte, daß er die Wirklichkeit vor
+sich sah, sprang er vor Freuden in zwei Sätzen die Treppe hinunter und
+über den Platz weg, stürmte die Halde hinauf, und erst als er der Mutter
+das wunderbare Ereignis mitteilte, fing er an zu denken, wie es sich
+wohl so begeben hatte.
+
+»Aus Versehen wird wohl keiner für dich aufgeräumt haben«, sagte die
+Mutter; »hast du etwa einen guten Freund, der sich so edelmütig für dich
+aufopfert? Denk doch einmal nach, wie es sein könnte.«
+
+»Ich weiß es«, sagte Miezchen entschieden, das eifrig zugehört hatte.
+
+»Ja, wer denn?« rief Otto, teils neugierig, teils ungläubig.
+
+»Der Mauserhans«, erklärte Miezchen mit voller Überzeugung, »weil du ihm
+einen Apfel gegeben hast vor einem Jahr.«
+
+»Ja, oder der Wilhelm Tell, weil ich ihm den seinigen nicht genommen
+habe vor ein paar Jahren. Das wäre wohl ebenso wahrscheinlich, du Wunder
+von einem Miez.« Damit rannte Otto davon, denn jetzt war’s die höchste
+Zeit, wollte er den Ritt ins Heu nicht verlieren.
+
+Unterdessen sprang das Wiseli mit vergnügtem Herzen den Berg hinunter,
+vorbei an des Schreiners Andres Gärtchen, und tat noch ein paar Sprünge,
+dann machte es aber plötzlich Kehrum und tat die letzten Sprünge wieder
+zurück, denn es hatte im Vorbeilaufen so schöne, rote Nelken offen
+gesehen in dem Garten, die mußte es noch einmal ansehen, wenn es schon
+ein wenig spät war; es dachte: »Den Buben komme ich doch nach, die
+machen erst auf allen Wegen noch Kugelschieben.« Die Nelken leuchteten
+in der Abendsonne so schön und dufteten so herrlich über die niedere
+Hecke herüber dem Wiseli zu, daß es fast nicht mehr von der Stelle fort
+konnte, so wohl gefiel es ihm da. Da trat auf einmal der Schreiner
+Andres aus seiner Tür heraus in das Gärtchen und kam gerade auf das
+Wiseli zu. Er bot ihm die Hand über die Hecke und sagte ganz freundlich:
+»Willst du eine Nelke, Wiseli?«
+
+»Ja, gern«, antwortete es, »und dann sollte ich Euch auch noch etwas
+ausrichten von der Mutter.«
+
+»Von der Mutter?« fragte der Schreiner Andres im höchsten Erstaunen und
+ließ die Nelken aus der Hand fallen, die er eben abgebrochen hatte.
+Wiseli sprang um die Hecke herum und las sie auf; dann sah es zu dem
+Manne auf, der ganz still dastand, und sagte: »Ja, noch zuallerletzt,
+als die Mutter sonst nichts mehr mochte, hat sie von dem schönen Saft
+getrunken, den Ihr in die Küche gestellt hattet, und er hat ihr so
+wohlgetan, und dann hatte sie mir aufgetragen, ich soll Euch sagen, sie
+danke Euch vielmal dafür und auch noch für alles Gute, und sie sagte
+noch: ›Er hat es gut mit mir gemeint.‹« Jetzt sah Wiseli, wie dem
+Schreiner Andres große Tränen über die Wangen hinunterliefen; er wollte
+etwas sagen, aber es kam nichts heraus. Dann drückte er dem Wiseli stark
+die Hand, kehrte sich um und ging ins Haus hinein.
+
+Das Wiseli stand ganz verwundert da. Kein Mensch hatte um seine Mutter
+geweint, und es selbst hatte nur weinen dürfen, wenn es niemand sah,
+denn der Vetter wollte ja kein Geschrei, hatte er gesagt, und vor der
+Base durfte es noch weniger weinen. Und nun war auf einmal jemand da,
+dem kamen die Tränen, weil es etwas von der Mutter gesagt hatte. Dem
+Wiseli wurde es so zumut’, als wäre der Schreiner Andres sein liebster
+Freund auf der Welt, und es faßte eine große Liebe zu ihm. Jetzt rannte
+es mit seinen Nelken davon und war wie der Blitz am Buchenrain
+angelangt, und das war gut, denn eben sah es, wie die beiden Buben dem
+Haus zuliefen, und es durfte um alles nicht nach ihnen daheim ankommen.
+
+An diesem Abend betete Wiseli mit so frohem Herzen, daß es gar nicht
+begriff, wie es gestern so verzagt hatte sein können und gar keine
+Zuversicht und Freude gehabt hatte, sein Lied zu sagen. Der liebe Gott
+hatte es gewiß nicht vergessen, das wollte es nicht mehr denken, heute
+hatte er ihm ja so viel Freude geschickt, und beim Einschlafen sah
+Wiseli noch das gute Gesicht des Schreiners Andres vor sich mit den
+Tränen drin.
+
+Am folgenden Tage, es war nun Mittwoch, erlebte Otto vollständig
+dieselbe überraschende Tatsache, wie am Tage vorher, denn er hatte sich
+nicht enthalten können, mit den anderen aus der Schulstube
+hinauszurennen im ersten Augenblick der Befreiung und noch diesen und
+jenen Sprung zu tun. Als er dann mit gedrücktem Gemüte an seine Arbeit
+gehen wollte und die Tür aufmachte – siehe, da war schon alles getan und
+die Stube in bester Ordnung. Nun fing aber die Sache an, seine Neugierde
+zu stacheln; auch hatte er einen so lebendigen Dank im Herzen für den
+unbekannten Wohltäter, daß es ihn drängte, den auszusprechen. Am
+Donnerstag wollte er aufpassen, wie die Sache zugehe. Als nun die
+Schulstunden zu Ende waren und alles forteilte, stand Otto einen
+Augenblick nachdenklich an seinem Platz, er wußte nicht recht, wo er am
+besten dem Wohltäter aufpassen konnte. Aber mit einem Male faßte ihn
+eine Schar rüstiger Kerle, seine Klassengenossen, an allen Ecken an, und
+die Stimmen riefen durcheinander: »Komm heraus! Heraus mit dir! Wir
+machen Räuber, du bist der Anführer.« Otto wehrte sich ein wenig. »Ich
+habe ja die Woche«, rief er. »Ach was«, scholl es zurück, »wegen einer
+Viertelstunde. Komm!« Otto ließ sich fortreißen, in der Stille verließ
+er sich schon ein wenig auf seinen unbekannten Freund, der ihn vor der
+Strafe schützen würde; er fand es unbeschreiblich angenehm, ein solche
+Fürsorge im Rücken zu haben. Aus der Viertelstunde wurde auch mehr als
+eine Stunde, und Otto wäre verloren gewesen. Er keuchte nach der
+Schulstube, um sein Schicksal zu vernehmen, und stieß dabei die Tür mit
+solchem Gepolter auf, daß der Lehrer augenblicklich aus seiner Stube ins
+Lehrzimmer heraustrat. »Was hast du gewollt, Otto?« fragte der Lehrer.
+»Nur noch einmal nachsehen«, stotterte Otto, »ob auch sicher alles in
+Ordnung sei.«
+
+»Musterhaft«, bemerkte der Lehrer. »Dein Eifer ist löblich, aber die
+Türen halb einzuschlagen dabei ist nicht notwendig.« Otto ging sehr
+wohlgemut von dannen. Am Freitag war er entschlossen, den Fleck nicht zu
+räumen, bis er im klaren war, denn da kam für ihn nur noch der
+Samstagmorgen; da gab es freilich immer noch eine Haupträumerei. »Otto«,
+rief der Lehrer, als am Freitag die Glocke vier Uhr schlug, »trag mir
+schnell das Zettelchen zum Herrn Pfarrer, er gibt dir Schriften zurück;
+in fünf Minuten bist du wieder da zum Aufräumen.« Das war Otto nicht
+ganz recht, aber er mußte gehen, auch konnte er ja gleich wieder da
+sein. In wenig Sprüngen war er im Pfarrhaus. Der Herr Pfarrer hatte noch
+jemandem Bescheid zu geben; die Frau Pfarrerin rief Otto in den Garten
+hinaus, er mußte ihr berichten, wie es der Mama gehe und dem Papa und
+dem Miezchen und dem Onkel Max und den Verwandten in Deutschland, und
+dann kam der Herr Pfarrer, und Otto mußte erklären, wie er zu der
+Kommission gekommen war, und was ihm der Lehrer sonst noch aufgetragen
+habe. Endlich hatte dann Otto seine Papiere erhalten und pfeilschnell
+war er drüben, riß die Tür der Schulstube auf: – alles in Ordnung, alles
+still, kein menschliches Wesen zu sehen.
+
+»Nun habe ich mich die ganze Woche nicht ein einziges Mal nach den
+grausigen Fetzen bücken müssen«, dachte Otto befriedigt; »aber wer hat
+das Schauerliche nur tun können, ohne daß er mußte?« Das wollte er nun
+um jeden Preis wissen.
+
+Am Samstag waren die Schulstunden um elf Uhr zu Ende. Otto ließ alle
+Kinder hinausgehen, und wie nun die Schulstube leer war, da ging er vor
+die Tür hinaus, schloß sie zu und lehnte sich mit dem Rücken daran; so
+mußte er doch gewiß sehen, ob da jemand hineingehen wolle, denn damit
+wollte er lieber beginnen, als mit der schweren Arbeit. Er stand und
+stand – es kam niemand. Er hörte die Uhr halb zwölf schlagen – es kam
+niemand. Auf den Nachmittag stand aber ein Ausflug bevor, es sollte früh
+Mittag gemacht werden heut’, er sollte so schnell wie möglich zu Hause
+sein. Er mußte also hinein an die Arbeit, es grauste ihm. Er machte die
+Tür auf – da – Otto starrte noch mehr als das erste Mal – wahrhaftig es
+war so, es war alles getan, schöner als je. Dem Otto wurde es ganz
+eigentümlich zumut’, es schwebte ihm etwas wie eine Geistergeschichte
+vor. Ganz leise, wie nie sonst, schlich er zur Tür hinaus. Gerade in
+diesem Augenblick kam ebenso leise etwas aus des Lehrers Küche
+herausgeschlichen, und auf einmal stand das Wiseli ganz nahe vor ihm;
+beide fuhren zusammen vor Schrecken, und das Wiseli wurde über und über
+rot, so, als hätte es der Otto auf einem Unrecht erwischt. Jetzt ging
+diesem ein Licht auf.
+
+»Sicher hast du das für mich gemacht die ganze Woche lang, Wiseli«, rief
+er aus; »das tut doch gewiß sonst kein Mensch, wenn er nicht muß.«
+
+»Es hat mich aber so gefreut, es zu tun, wie du gar nicht glaubst«, gab
+Wiseli zur Antwort.
+
+»Nein, nein, das mußt du nicht sagen, Wiseli; so etwas zu tun, kann
+keinen Menschen auf der Welt freuen«, sagte Otto überzeugt.
+
+»Doch gewiß, gewiß«, versicherte Wiseli, »ich habe die ganze Zeit lang
+mich immer auf den Abend gefreut, wenn ich es wieder tun durfte, und
+während ich aufräumte, habe ich mich erst recht immerzu gefreut, weil
+ich immer gedacht habe: jetzt kommt der Otto und findet alles fertig
+und ist froh.«
+
+»Aber wie kam es dir denn in den Sinn, daß du das für mich tun
+wolltest?« fragte Otto noch immer verwundert.
+
+»Ich wußte schon, daß du es nicht gern tust, und ich habe schon immer
+gedacht, wenn ich nur auch einmal dem Otto etwas geben könnte, wie du
+mir den Schlitten, weißt noch? Aber ich hatte gar nie etwas.«
+
+»Das ist viel mehr wert, als einen Schlitten leihen, was du für mich
+jetzt getan hast; das will ich dir auch nicht vergessen, Wiseli«, und
+Otto gab ihm ganz gerührt die Hand. Wiselis Augen leuchteten vor Freude
+wie lange nicht mehr. Aber nun wollte Otto noch wissen, wie es denn
+wieder in die Stube hineingekommen sei, da er doch gewartet hatte, bis
+alle Kinder draußen waren.
+
+»O ich bin gar nicht hinausgegangen«, sagte Wiseli; »ich verbarg mich
+schnell hinter dem Kasten, ich dachte, du gehest schon noch ein wenig
+hinaus, wie jeden Tag vorher.«
+
+»Aber wie konntest du immer hinaus, ohne daß ich dich sah?« wollte Otto
+noch wissen.
+
+»Wenn du am Herumlaufen warst mit den anderen, konnte ich schon hinaus,
+ich horchte schon auf, und gestern und heute, wie ich nicht sicher war,
+ging ich durch des Lehrers Stube und fragte die Frau Lehrerin, ob sie
+etwas zu verrichten habe, sie gibt mir manchmal einen Auftrag
+auszurichten, und dann ging ich durch die Küche fort; gestern war ich
+gerade hinter der Küchentür, als du in die Schulstube hineinranntest.«
+
+Jetzt wußte Otto die ganze Geistergeschichte. Er bot dem Wiseli noch
+einmal die Hand. »Danke, Wiseli«, sagte er herzlich; und dann lief eins
+da hinaus, das andere dort hinaus, und beiden war es ganz wohl zumute.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+Das Alte und auch etwas Neues.
+
+
+Der Sommer war vergangen und auch die schönen Herbsttage waren wohl zu
+Ende. Es wurde kühl und nebelig am Abend, und in den feuchten Wiesen
+fraßen die Kühe das letzte Gras ab, und hier und da flackerten auf den
+Wiesen kleine Feuer auf, denn die Hirtenbuben brieten Kartoffeln da und
+wärmten sich die Hände.
+
+An einem solchen nebelgrauen Abend kam Otto aus der Schule heimgerannt
+und erklärte seiner Mutter, er müsse nachsehen, was das Wiseli mache,
+denn seit den Herbstferien war es noch gar nie in die Schule gekommen,
+wohl acht Tage lang nicht. Otto steckte seine Vesperäpfel zu sich und
+eilte fort. Am Buchenrain angekommen, sah er den Rudi vor der Haustür am
+Boden sitzen und von einem Haufen Birnen, die neben ihm lagen, eine nach
+der anderen zerbeißen.
+
+»Wo ist das Wiseli?« fragte Otto.
+
+»Draußen«, war die Antwort.
+
+»Wo draußen?«
+
+»Auf der Wiese.«
+
+»Auf welcher Wiese?«
+
+»Ich weiß nicht«, und Rudi knackte weiter an seinen Birnen.
+
+»Du stirbst einmal nicht am Gescheitsein«, bemerkte Otto und ging aufs
+Geratewohl die große Wiese hin, die sich vom Haus bis gegen den Wald
+hinaufzog. Jetzt entdeckte er drei schwarze Punkte unter einem Birnbaum
+und ging darauf zu. Richtig, da bückte sich Wiseli, um die Birnen
+zusammenzulesen, dort saß der Chäppi rittlings auf seinem Birnenkratten,
+und zuhinterst lag der Hans rücklings über den vollen Korb hin und
+schaukelte sich so darauf, daß der Korb jeden Augenblick umzustürzen
+drohte. Chäppi sah ihm zu und lachte bei jedem Rucke.
+
+Als Wiseli den Otto herankommen sah, kam ein ganzer Sonnenschein auf
+sein Gesicht. »Guten Abend, Wiseli«, rief er von weitem, »warum bist du
+so lange nicht in die Schule gekommen?« Wiseli streckte ganz erfreut dem
+Otto die Hand entgegen. »Wir haben so viel zu tun, darum durfte ich
+nicht kommen«, sagte es; »sieh nur, wieviel Birnen es gibt! Ich muß vom
+Morgen bis zum Abend auflesen, soviel ich nur kann.«
+
+»Du hast ja ganz nasse Schuhe und Strümpfe«, bemerkte Otto; »bah, hier
+ist’s nicht gemütlich, frierst du nicht, wenn du so naß bist?«
+
+»Es schaudert mich nur manchmal ein wenig, sonst ist es mir eher heiß
+vom Auflesen.« In diesem Augenblick gab der Hans seinem Korb einen
+solchen Ruck, daß alles übereinander auf den Boden hinrollte; der Hans,
+der Korb und alle Birnen, die fuhren nach allen Richtungen hin.
+
+»Oh, oh!« sagte Wiseli kläglich, »nun muß man die alle wieder
+zusammenlesen.«
+
+»Und die auch«, rief Chäppi und lachte heraus, als die Birne, die er
+geworfen hatte, dem Wiseli an die Schläfe fuhr, daß es ganz bleich wurde
+und ihm vor Schmerz das Wasser in die Augen kam. Kaum hatte Otto das
+gesehen, als er auf den Chäppi losfuhr, ihn samt seinem Kratten umwarf
+und ihn fest im Genick packte. »Hör auf, ich muß ersticken«, gurgelte
+der Chäppi; jetzt lachte er nicht mehr. – »Ich will machen, daß du daran
+denkst, daß du es mit mir zu tun hast, wenn du so mit dem Wiseli
+verfährst«, rief Otto zornglühend. »Hast du genug? Willst du daran
+denken?« – »Ja, ja, laß nur los!« bat Chäppi, mürbe gemacht. Nun ließ
+Otto los. »Jetzt hast du’s gespürt«, sagte er; »wenn du dem Wiseli noch
+einmal etwas zuleide tust, so packe ich dich so, daß du noch einen
+Schrecken hast davon, wenn du siebzig Jahr alt bist. Leb wohl, Wiseli.«
+Damit kehrte sich Otto um und ging mit seinem Zorn nach Hause.
+
+Hier suchte er gleich seine Mutter auf und schüttete seine ganze
+Empörung vor ihr aus, daß das Wiseli eine solche Behandlung erdulden
+müsse. Er war auch ganz entschlossen, auf der Stelle zum Herrn Pfarrer
+zu gehen und den Vetter-Götti und seine ganze Familie anzuklagen, daß
+man ihnen das Wiseli entreiße. Die Mutter hörte ruhig zu, bis Otto sich
+ein wenig abgekühlt hatte, dann sagte sie:
+
+»Sieh, lieber Junge, das würde gar nichts nützen, das Kind würde man dem
+Vetter-Götti nicht wegnehmen, nur ihn reizen, wenn er so etwas hörte. Er
+meint es selbst nicht böse mit dem Kinde, und es ist kein genügender
+Grund da, ihm Wiseli ganz wegzunehmen. Ich weiß wohl, daß das arme Kind
+jetzt ein hartes Brot ißt, ich habe es auch gar nicht vergessen, ich
+schaue immer danach aus, ob mir der liebe Gott nicht einen Weg auftue,
+da dem Kinde in einer gründlichen Weise könnte geholfen werden; die
+Sache liegt mir auch am Herzen, das kannst du glauben, Otto. Wenn du
+unterdessen das Wiseli schützen und den rohen Chäppi ein wenig zähmen
+kannst, ohne selbst dabei roh zu werden, so bin ich ganz damit
+einverstanden.«
+
+Otto beruhigte sich am besten im Gedanken, daß die Mutter doch auch
+immerfort nach einem anderen Wege für das Wiseli ausschaute. Er selber
+dachte alle möglichen Rettungswege aus, aber alle führten in die Luft
+hinauf und hatten keinen Boden, und er sah ein, daß das Wiseli da nicht
+darauf wandeln konnte, und als er dann zu Weihnachten seine Wünsche
+aufschreiben durfte, da schrieb er ganz desperat mit ungeheuren
+Buchstaben, so als müßte man sie vom Himmel herunter lesen können, auf
+sein Papier: »Ich wünsche, daß das Christkind das Wiseli befreie.«
+
+Nun war der kalte Januar wieder da und der Schlittweg war so prächtig
+glatt und fest, daß die Kinder gar nicht genug bekommen konnten, die
+herrliche Bahn zu benutzen. Es kam auch eben eine helle Mondnacht nach
+der anderen, und Otto hatte auf einmal den Einfall, am allerschönsten
+müßte das Schlittenfahren im Mondschein sein, die ganze Gesellschaft
+sollte sich am Abend um sieben Uhr zusammenfinden und die
+Mondscheinfahrten ausführen, denn es war der Tag des Vollmonds, da mußte
+es prächtig werden. Mit Jubel wurde der Vorschlag angenommen und die
+Schlittbahngenossen trennten sich gegen fünf Uhr wie gewöhnlich, da die
+Nacht einbrach, um sich um sieben Uhr wieder zusammenzufinden. Weniger
+Anklang fand der Vorschlag bei Ottos Mutter, als er ihr mitgeteilt
+wurde, und sie wurde gar nicht von der Begeisterung hingerissen, mit
+welcher die Kinder beide auf einmal und in den lautesten Tönen ihr das
+Wundervolle dieser Unternehmung schilderten. Sie stellte ihnen die
+Kälte des späten Abends vor, die Unsicherheit der Fahrten bei dem
+ungewissen Licht und alle Gefahren, die besonders das Miezchen bedrohen
+könnten. Aber die Einwendungen entflammten immer mehr den brennenden
+Wunsch, und Miezchen flehte, als hinge seine einzige Lebensfreude an
+dieser Schlittenfahrt; Otto versprach auch hoch und teuer, er würde dem
+Miezchen nichts geschehen lassen, sondern immer in seiner nächsten Nähe
+bleiben. Endlich willigte die Mutter ein. Mit großem Jubel und
+wohlverpackt zogen die Kinder ein paar Stunden nachher in die helle
+Nacht hinaus. Es ging alles ganz nach Wunsch, die Schlittbahn war
+unvergleichlich, und das Geheimnisvolle der dunkeln Stellen, wo der
+Mondschein nicht hinfiel, erhöhte den Reiz der Unternehmung. Eine Menge
+Kinder hatte sich eingefunden, alle waren in der fröhlichsten Stimmung.
+Otto ließ sie alle vorausfahren, dann kam er und zuletzt mußte das
+Miezchen kommen, damit ihm keiner in den Rücken fahren konnte; so hatte
+es Otto eingerichtet, er konnte dabei auch immer von Zeit zu Zeit mit
+einem schnellen Blick gewahren, ob Miezchen richtig nachkomme. Als nun
+alles so herrlich vonstatten ging, fiel einem der Buben ein, nun müßte
+einmal der ganze Zug »anhängen«, nämlich ein Schlitten an den anderen
+gebunden werden und so herunterfahren, das müßte im Mondenschein ein
+ganz besonderes Juxstück abgeben. Unter großem Lärm und allgemeiner
+Zustimmung ging man gleich ans Werk. Für Miezchen fand Otto die Fahrt
+doch ein wenig gefährlich, denn manchmal gab es dabei einen großartigen
+Umsturz sämtlicher Schlitten und Menschen darauf; das konnte er für das
+kleine Wesen nicht riskieren. Er ließ seinen Schlitten zuletzt anbinden,
+der Miezchens aber wurde freigelassen. So fuhr es, wie immer, hinter
+dem Bruder her, nur konnte er jetzt nicht, wie sonst, seinen Schlitten
+langsamer fahren lassen, wenn Miezchen zurückblieb, denn er war in der
+Gewalt des Zuges. Jetzt ging es los, und herrlich und ohne Anstand glitt
+die lange, lange Kette die glatte Bahn hinunter.
+
+Mit einem Mal hörte Otto ein ganz furchtbares Geschrei, und er kannte
+die Stimme wohl, die es ausstieß, es war Miezchens Stimme. Was war da
+geschehen? Otto hatte keine Wahl, er mußte die Lustpartie zu Ende
+machen, wie groß auch sein Schrecken war. Aber kaum unten angelangt, riß
+er sein Schlittenseil los und rannte den Berg hinan; alle anderen hinter
+ihm drein, denn fast alle hatten das Geschrei vernommen und wollten auch
+sehen, was los war. An der halben Höhe des Berges stand das Miezchen
+neben seinem Schlitten und schrie aus allen seinen Kräften und weinte
+ganze Bäche dazu. Atemlos stürzte Otto nun herzu und rief: »Was hast du?
+Was hast du?«
+
+»Er hat mich – er hat mich – er hat mich«, schluchzte Miezchen und kam
+nicht weiter vor innerem Aufruhr.
+
+»Was hat er? Wer denn? Wo? Wer?« stürzte Otto heraus.
+
+»Der Mann dort, der Mann, er hat mich – er hat mich totschlagen wollen
+und hat mir – und hat mir – furchtbare Worte nachgerufen.«
+
+So viel kam endlich heraus unter immer neuem Geschrei.
+
+»So sei doch nur still jetzt, hör’ Miezchen, tu’ doch nicht so, er hat
+dich ja doch nicht totgeschlagen; hat er dich denn wirklich geschlagen?«
+fragte Otto ganz zahm und teilnehmend, denn er hatte Angst.
+
+»Nein«, schluchzte Miezchen, neuerdings überwältigt; »aber er wollte,
+mit einem Stecken, – so hat er ihn aufgestreckt und hat gesagt: ›Wart
+du!‹ Und ganz furchtbare Worte hat er mir nachgerufen.«
+
+»So hat er dir eigentlich gar nichts getan«, sagte Otto und atmete
+beruhigt auf.
+
+»Aber er hat ja – er hat ja – und ihr wart alle schon weit fort, und ich
+war ganz allein«, – und vor Mitleid für seinen Zustand und nachwirkendem
+Schrecken brach Miezchen noch einmal in lautes Weinen aus.
+
+»Bscht! Bscht!« beschwichtigte Otto; »sei doch still jetzt, ich gehe nun
+nicht mehr von dir weg, und der Mann kommt nicht mehr, und wenn du nun
+gleich ganz still sein willst, so geb’ ich dir den roten Zuckerhahn vom
+Christbaum, weißt du?«
+
+Das wirkte. Mit einem Male trocknete Miezchen seine Tränen weg und gab
+keinen Laut mehr von sich, denn den großen, roten Zuckerhahn vom
+Christbaum zu erlangen, war Miezchens allergrößter Wunsch gewesen, er
+war aber bei der Teilung auf Ottos Teil gefallen und Miezchen hatte den
+Verlust nie verschmerzen können. Wie nun alles im Geleise war und die
+Kinder den Berg hinanstiegen, wurde verhandelt, was es denn für ein Mann
+könne gewesen sein, der das Miezchen habe totschlagen wollen.
+
+»Ach was, totschlagen«, rief Otto dazwischen; »ich habe schon lange
+gemerkt, was es war, wir haben ja im Herunterfahren den großen Mann mit
+dem dicken Stock auch angetroffen, er mußte unseren Schlitten ausweichen
+in den Schnee hinein, das machte ihn böse, und wie er dann hintenan das
+Miezi allein antraf, hat er es ein wenig erschreckt und seinen Zorn an
+ihm ausgelassen.«
+
+Die Erklärung fand allgemeine Zustimmung, das war ja so natürlich, daß
+jedes meinte, es sei ihm selber so in den Sinn gekommen; so ward auch
+die Sache gleich völlig vergessen und lustig drauf los geschlittet.
+Endlich aber mußte auch dies Vergnügen ein Ende nehmen, denn es hatte
+längst acht Uhr geschlagen, die Zeit, da aufgebrochen werden sollte. Im
+Heimweg schärfte der Otto dem Miezchen ein, zu Hause nichts zu erzählen
+von dem Vorfall, sonst könnte die Mutter Angst bekommen, und dann
+dürften sie gar nie mehr im Mondschein schlitten gehen: den Zuckerhahn
+müsse es gleich haben, aber noch daraufhin versprechen, nichts zu
+erzählen. Miezchen versprach hoch und teuer, kein Wort sagen zu wollen;
+die Spuren seiner Tränen waren auch längst vergangen und konnten nichts
+mehr verraten.
+
+Längst schon schliefen Otto und Miezchen auf ihren Kissen, und der rote
+Zuckerhahn spazierte durch Miezchens Träume und erfüllte sein Herz mit
+einer so großen Freude, daß es jauchzte im Schlaf. Da klopfte es unten
+an die Haustür mit solcher Gewalt, daß der Oberst und seine Frau vom
+Tisch auffuhren, an dem sie eben in Gemütlichkeit gesessen und sich über
+ihre Kinder unterhalten hatten, und die alte Trine in strafendem Tone
+oben zum Fenster hinausrief: »Was ist das für eine Manier!«
+
+»Es ist ein großes Unglück begegnet«, tönte es von unten herauf; »der
+Herr Oberst soll doch herunterkommen, sie haben den Schreiner Andres tot
+gefunden.«
+
+Damit lief der Bote wieder davon. Der Oberst und seine Frau hatten genug
+gehört, denn auch die hatten sich dem offenen Fenster genähert.
+Augenblicklich warf der Oberst seinen Mantel um und eilte dem Hause des
+Schreiners zu. Als er in die Stube hineintrat, fand er schon eine Menge
+Leute da; man hatte den Friedensrichter und Gemeindammann geholt, und
+eine Schar Neugieriger und Teilnehmender war mit ihnen eingedrungen.
+Andres lag am Boden im Blute und gab kein Lebenszeichen von sich; der
+Oberst näherte sich.
+
+»Ist denn jemand nach dem Doktor gelaufen?« fragte er, »hier muß vor
+allem der Doktor her.«
+
+Es war niemand dahin gegangen; da sei ja doch nichts mehr zu machen,
+meinten die Leute.
+
+»Lauf, was du kannst, zum Doktor«, befahl der Oberst einem Burschen, der
+dastand; »sag ihm, ich lass’ ihn bitten, er soll auf der Stelle kommen.«
+Dann half er selbst den Andres vom Boden aufheben und in die Kammer
+hinein auf sein Bett legen. Erst jetzt trat der Oberst an die
+schwatzenden Leute heran, um zu hören, wie der Vorfall sich zugetragen
+hatte, ob jemand etwas Näheres wisse. Der Müllerssohn trat vor und
+erzählte, er sei vor einer halben Stunde da vorbeigekommen, und da er
+noch Licht gesehen in des Schreiners Stube, habe er im Vorbeiweg schnell
+fragen wollen, ob seine Aussteuersachen auch zur Zeit fertig werden. Er
+habe die Tür der Stube offen stehend, den Andres tot im Blut liegend am
+Boden gefunden. Der Matten-Joggi, der dabeistand, habe ihm lachend ein
+Goldstück entgegengestreckt, wie er hereingetreten sei. Er habe dann
+nach Leuten gerufen, daß der Gemeindammann auf den Platz komme und wer
+sonst noch dahin gehöre.
+
+Der Matten-Joggi, der so hieß, weil er unten in der Matte wohnte, war
+ein völlig törichter Mensch, der damit ernährt wurde, daß ihn die Bauern
+in den geringen Geschäften etwa mithelfen ließen, wo Steine und Sand
+herumzutragen, Obst aufzulesen, oder im Winter Holzbündelchen zu machen
+waren. Daß er boshafte Taten ausgeübt hätte, hatte man bis jetzt nicht
+gehört. Der Müllerssohn hatte ihm gesagt, er solle da bleiben, bis auch
+der Präsident noch da sein werde. So stand Joggi noch immer in einer
+Ecke, hielt seine Faust fest zugeklemmt und lachte halblaut. Jetzt trat
+der Doktor in die Stube und hinter ihm her auch noch der Präsident. Der
+Gemeindevorstand stellte sich nun mitten in die Stube und beratschlagte.
+Der Doktor ging direkt in die Kammer hinein und der Oberst folgte ihm
+nach. Der Doktor untersuchte genau den unbeweglichen Körper.
+
+»Da haben wir’s«, rief er auf einmal aus, »hier auf den Hinterkopf ist
+Andres geschlagen worden, da ist eine große Wunde.«
+
+»Aber er ist doch nicht tot, Doktor, was sagst du?«
+
+»Nein, nein, er atmet ganz leise, aber er ist bös dran.«
+
+Nun wollte der Doktor allerlei haben, Wasser und Schwämme und Weißzeug
+und noch vieles, und die Leute draußen liefen alle durcheinander und
+suchten und rissen alles von der Wand und aus dem Küchenkasten und
+brachten Haufen von Sachen in die Kammer hinein, aber nichts von dem,
+was der Doktor brauchte.
+
+»Da muß eine Frau her, die Verstand hat und weiß, was ein Kranker ist«,
+rief der Doktor ungeduldig. Alle schrieen durcheinander; aber wenn einer
+eine wußte, so rief ein anderer: »Die kann nicht kommen.«
+
+»Lauf einer auf die Halde«, befahl der Oberst, »meine Frau soll mir die
+Trine herunterschicken!« Es lief einer davon.
+
+»Deine Frau wird dir aber nicht danken«, sagte der Doktor, »denn ich
+lasse die Pflegerin drei bis vier Tage und Nächte nicht von dem Bett
+weg.«
+
+»Sei nur unbesorgt«, entgegnete der Oberst, »für den Andres gäbe meine
+Frau alles her, nicht nur die alte Trine.«
+
+Keuchend und beladen kam die Trine an, viel schneller, als man hätte
+hoffen können, denn sie stand schon lange ganz parat mit einem großen
+Korb am Arm, und die Frau Oberst stand neben ihr und lauschte, ob einer
+gelaufen komme. Sie hatte nicht annehmen können, daß der Andres wirklich
+tot sei, und hatte alles ausgedacht, was man brauchen könnte, um ihm
+wieder aufzuhelfen. So hatte sie Schwamm und Verbandzeug, Wein und Öl
+und warme Flanelle in einen Korb gepackt, und Trine hatte nur zu rennen,
+wie der Bote kam. Der Doktor war sehr zufrieden.
+
+»Alles fort jetzt, gute Nacht, Oberst, und mach, daß die ganze Bande zum
+Haus hinauskommt!« rief er und schloß die Tür zu, nachdem der Oberst
+hinausgetreten war. Der Gemeinderat war noch am Beratschlagen; da aber
+der Oberst erklärte, nun müsse gleich alles zum Haus hinaus, so faßten
+die Männer den Beschluß, für einmal müsse der Joggi eingesperrt werden,
+dann wollte man weiter schreiten. Es mußten also zwei Männer den Joggi
+in die Mitte nehmen, daß er nicht fortlaufen könne, und ihn so nach dem
+Armenhaus bringen und in eine Kammer einsperren. Der Joggi ging aber
+ganz willig davon und lachte, und von Zeit zu Zeit guckte er vergnügt in
+seine Faust hinein.
+
+Gleich am anderen Morgen eilte die Frau Oberst in voller Sorge nach dem
+Häuschen des Andres hinunter. Trine kam leise aus der Kammer heraus und
+brachte die frohe Nachricht: Andres sei gegen Morgen schon ein wenig zum
+Bewußtsein gekommen. Schon sei auch der Doktor dagewesen und habe den
+Kranken über Erwarten gut getroffen; ihr aber habe er recht
+eingeschärft, daß sie keinen Menschen in die Kammer hineinlasse, Andres
+dürfe auch noch kein Wort reden, wenn er auch wollte, nicht; nur der
+Doktor und die Wärterin sollen vor seine Augen kommen, erklärte die
+Trine in großem Amtseifer. Damit war die Frau Oberst ganz einverstanden
+und höchst erfreut kehrte sie mit ihren Nachrichten nach Hause zurück.
+
+So vergingen acht Tage. Jeden Morgen ging die Oberstin nach dem Hause
+des Kranken, um genau Bericht zu bekommen und zu hören, ob etwas
+mangele, das dann schnell herbeigeschafft werden mußte. Otto und
+Miezchen mußten jeden Tag aufs neue besänftigt werden, daß sie ihren
+kranken Freund noch nicht besuchen durften, aber da war immer noch keine
+Erlaubnis vom Doktor. Die Trine war noch durchaus unentbehrlich, wurde
+auch täglich vom Doktor gelobt für ihre sorgfältige Pflege. Nach Verfluß
+der acht Tage schlug der Doktor seinem Freunde, dem Oberst, vor, nun
+einmal den Kranken zu besuchen, zu der Zeit, da er selbst dort sein
+würde, denn jetzt war der Augenblick gekommen, da Andres wieder reden
+durfte, und der Doktor wollte ihn in Gegenwart des Obersten darüber
+befragen, was er selbst von dem unglücklichen Vorfall wisse. Andres
+hatte große Freude, dem Herrn Oberst die Hand drücken zu dürfen, er
+hatte ja schon lange bemerkt, woher ihm alles Gute und alle Sorgfalt für
+sein Wiederaufkommen kam. Dann besann er sich, so gut er konnte, um die
+Fragen der beiden Herren zu beantworten. Er wußte aber nur folgendes zu
+sagen: Er hatte seine Summe beisammen, die er jährlich dem Herrn Oberst
+zur Verwahrung brachte; diese wollte er noch einmal überzählen, um
+seiner Sache sicher zu sein. Er hatte am späten Abend sich hingesetzt,
+den Rücken gegen die Fenster und die Tür gekehrt. Mitten im Zählen hörte
+er jemand hereinkommen; eh’ er aber aufgeschaut hatte, fiel ein
+furchtbarer Schlag auf seinen Kopf; von da an wußte er nichts mehr. –
+Also hatte Andres eine Summe Geldes auf dem Tisch gehabt; davon war aber
+gar nichts mehr gesehen worden, als das einzige Stück in Joggis Hand. Wo
+könnte denn das andere Geld hingekommen sein, wenn wirklich Joggi der
+Übeltäter war? Als Andres vernahm, wie der Joggi gefunden worden und nun
+eingesperrt sei, wurde er ganz unruhig.
+
+»Sie sollen ihn doch gehen lassen, den armen Joggi«, sagte er; »der tut
+ja keinem Kinde etwas zuleide, der hat mich nicht geschlagen.«
+
+Andres hatte aber auch auf keinen anderen Menschen den leisesten
+Verdacht. Er habe keine Feinde, sagte er, und kenne keinen Menschen, der
+ihm so etwas hätte antun wollen.
+
+»Es kann auch ein Fremder gewesen sein«, bemerkte der Doktor, indem er
+die niedrigen Fenster ansah; »wenn Ihr da beim hellen Licht einen Haufen
+Geld auf dem Tische liegen habt und zählt, so kann das von außen jeder
+sehen und Lust zum Teilen bekommen.«
+
+»Es muß sein«, sagte der Andres gelassen, »ich habe nie an so etwas
+gedacht, es war immer alles offen.«
+
+»Es ist gut, daß Ihr noch etwas im Trocknen habt, Andres«, bemerkte der
+Oberst. »Laßt’s Euch nicht zu Herzen gehen; das beste ist, daß Ihr
+wieder gesund werdet.«
+
+»Gewiß, Herr Oberst«, erwiderte Andres, ihm die Hand schüttelnd, die er
+zum Abschied hinhielt, »ich habe nur zu danken; der liebe Gott hat mir
+ja sonst schon viel mehr gegeben als ich brauche.«
+
+Die Herren verließen den friedlichen Andres, und vor der Tür sagte der
+Doktor: »Dem ist wohler als dem anderen, der ihn zusammenschlagen
+wollte.«
+
+Vom Joggi wurde eine traurige Geschichte umhergeboten, die alle Buben in
+der Schule beschäftigte und in große Teilnahme versetzte. Auch Otto
+brachte sie nach Hause und mußte sie jeden Tag ein paarmal wiederholen,
+denn jedesmal, wenn er daran dachte, machte sie ihm aufs neue einen
+großen Eindruck. Als man den Joggi an dem Abend lachend ins Armenhaus
+gebracht hatte, da war er aufgefordert worden, sein Goldstück abzugeben
+an einen seiner Führer, den Sohn des Friedensrichters. Joggi aber
+klemmte seine Faust noch besser zusammen und wollte nichts hergeben.
+Aber die beiden waren stärker als er; sie rissen ihm mit Gewalt die
+Faust auf, und der Friedensrichterssohn, der manchen Kratz von dem Joggi
+erhalten hatte während der Arbeit, sagte, als er das Goldstück endlich
+in Händen hatte: »So, jetzt wart nur, Joggi, du wirst schon deinen Lohn
+bekommen. Wart nur, bis sie kommen; sie werden dir’s dann schon zeigen.«
+
+Da hatte der Joggi angefangen furchtbar zu schreien und zu jammern, denn
+er glaubte, er werde geköpft, und seither aß er nicht und trank nicht
+und stöhnte und jammerte fortwährend, denn die Furcht und Angst vor dem
+Köpfen verfolgte ihn beständig. Schon zweimal war der Präsident und der
+Gemeindammann bei ihm gewesen und hatten ihm gesagt, er solle nur alles
+sagen, was er getan habe, er werde nicht geköpft. Er wußte nichts zu
+sagen, als er habe beim Andres ins Fenster geschaut, und der sei am
+Boden gelegen; er sei zu ihm hineingegangen und habe ihn ein wenig
+gestoßen, da sei er tot gewesen. Da habe er etwas glänzen sehen in einer
+Ecke und habe es geholt, und dann sei der Müllerssohn gekommen und dann
+noch viele. Hatte der Joggi so viel gesagt, so fing er wieder zu stöhnen
+an und hörte nicht mehr auf.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel.
+
+Wie es dem Kranken und jemandem besser ging.
+
+
+Seit dem Tage, da der Oberst den Andres besucht hatte, blieb seine Frau
+auch nicht mehr draußen in der Stube, wenn sie kam, um nach dem Kranken
+zu sehen. Täglich ging sie nun zu ihm hinein, setzte sich eine Weile
+lang an sein Bett hin zu einer gemütlichen kleinen Unterhaltung und
+freute sich jedesmal über die Fortschritte der Genesung. Zweimal schon
+waren auch Otto und Miezchen dagewesen und hatten ihrem Freunde allerlei
+Stärkungen zugetragen, und Andres sagte ganz gerührt zu der Trine: wenn
+selbst ein König krank wäre, man könnte ihm nicht mehr Teilnahme zeigen.
+Der Doktor war sehr zufrieden mit dem Verlaufe der Sache, und als er
+eben einmal beim Herauskommen auf den hereintretenden Oberst traf, sagte
+er zu ihm:
+
+»Es geht vortrefflich. Deine Frau kann nun ihre Trine wieder heimnehmen,
+die hat gute Dienste geleistet. Nur sollte für eine kleine Zeit noch
+jemand da sein, oder etwa herkommen; der arme verlassene Kerl muß doch
+essen und hat keine Frau und kein Kind und gar nichts. Vielleicht weiß
+deine Frau Rat.«
+
+Der Oberst richtete seinen Auftrag aus, und am folgenden Morgen setzte
+seine Frau bei ihrem Besuch sich zurecht am Bette des Andres und sagte:
+
+»Jetzt muß ich etwas mit Euch reden, Andres; ist es Euch recht?«
+
+»Gewiß, gewiß, mehr als recht«, erwiderte er und stützte seinen Kopf auf
+den Ellbogen, um recht zuhören zu können.
+
+»Ich will nun die Trine wieder heimkommen lassen, weil es so ordentlich
+geht«, fing die Oberstin an.
+
+»Ach, Frau Oberst, glauben Sie mir«, fiel der Andres ein, »ich wollte
+sie jeden Tag heimschicken; ich weiß ja wohl, wie sie Ihnen mangeln
+mußte.«
+
+»Ich hätte sie nicht hereingelassen, wenn sie Euch gefolgt hätte«, fuhr
+die Frau Oberst fort; »aber jetzt ist es anders, da der Doktor sie
+entläßt. Er sagte aber, was ich auch längst dachte, jemand solltet Ihr
+haben, wenigstens noch für ein paar Wochen, der Euch das Essen bereitet
+oder doch bei mir holt, und für allerlei kleine Hilfsleistungen. Ich
+habe nun gedacht, Andres, wenn Ihr für diese Zeit das Wiseli zu Euch
+nehmen würdet.«
+
+Kaum hatte der Andres den Namen aussprechen gehört, als er von seinem
+Ellbogen auf und in die Höhe schoß.
+
+»Nein, nein, Frau Oberst, nein, sicher nicht«, rief er und wurde ganz
+rot vor Anstrengung; »so etwas können Sie nicht denken. Ich sollte hier
+drinnen im Bett liegen, und draußen in der Küche sollte das schwache
+Kindlein für mich arbeiten! Ach um’s Himmels willen, wie dürfte ich noch
+an seine Mutter unter dem Boden denken, wie würde sie mich ansehen, wenn
+sie so etwas wüßte. Nein, nein, Frau Oberst, meiner Lebtag nicht, lieber
+nicht essen, lieber nicht mehr aufkommen, als so etwas tun.«
+
+Die Oberstin hatte ihn ganz ruhig fertig reden lassen; jetzt, da er sich
+auf sein Kissen zurücklegte, sagte sie beruhigend:
+
+»Es ist nicht so schlimm, was ich ausgedacht habe, Andres; denkt jetzt
+nur ruhig ein wenig nach. Ihr wißt ja, wo das Wiseli versorgt ist. Meint
+Ihr, es habe dort nichts zu tun, oder nur besonders leichte Arbeit?
+Recht tüchtig muß es dran und bekommt so wenig freundliche Worte dazu.
+Würdet Ihr ihm etwa auch keine geben? Wißt Ihr, was Wiselis Mutter tun
+würde, wenn sie jetzt neben uns stände? Mit Tränen würde sie Euch
+danken, würdet Ihr das Kind jetzt in Euer Haus nehmen, wo es gute Tage
+hätte, das weiß ich schon, und Ihr solltet sehen, wie gern es die
+kleinen Dienstleistungen für Euch täte.«
+
+Jetzt mußte dem Andres auf einmal alles anders vorkommen. Er wischte
+sich die Augen; dann sagte er kleinlaut:
+
+»Ach, ach! Wie könnte ich aber zu dem Kinde kommen? Sie geben es gewiß
+nicht weg, und dann müßte man ja doch auch wissen, ob es wollte.«
+
+»Es ist jetzt schon gut, kümmert Euch nicht weiter, Andres«, sagte die
+Frau Oberst fröhlich und stand von ihrem Sessel auf; »ich will nun
+selbst sehen, wie’s geht, denn mir liegt die Sache nach allen Seiten hin
+am Herzen.«
+
+Damit nahm sie Abschied von Andres; als sie aber schon unter der Tür
+war, rief er ihr noch einmal ängstlich nach:
+
+»Aber nur, wenn es will, das Wiseli, nur, wenn es will; bitte, Frau
+Oberst!«
+
+Sie versprach noch einmal, das Kind sollte nur freiwillig erscheinen,
+oder dann gar nicht, und verließ das Haus. Sie ging aber nicht den Berg
+hinan, sondern hinunter, dem Buchenrain zu, denn sie wollte sogleich
+versuchen, das Wiseli dahin zu bringen, wo sie es so gern haben wollte.
+
+Am Buchenrain angekommen, traf die Frau Oberst gerade mit dem
+Vetter-Götti zusammen, wie er ins Haus hineintreten wollte. Er begrüßte
+sie, ein wenig erstaunt über den Besuch, und sie teilte ihm gleich beim
+Eintreten in die Stube mit, warum sie gekommen sei, und wie sehr sie
+hoffe, keinen Abschlag zu bekommen, denn es liege ihr viel daran, daß
+das Wiseli die Pflege zu Ende führen könne, was es schon zu tun imstande
+sei. Da die Base in der Küche die Unterhaltung hörte, kam sie auch
+herein und war noch erstaunter als ihr Mann, den Besuch vorzufinden. Er
+erklärte ihr, warum die Frau Oberst gekommen sei, und sie meinte gleich,
+das sei schon nichts, von dem Kinde werde niemand eine besondere Hilfe
+erwarten. Da sagte aber der Mann: was recht sei, müsse man gelten
+lassen; das Wiseli könne helfen, wo es sei, es sei anstellig bei allen
+Geschäften; er würde das Kind nicht einmal gern fort lassen, es sei
+folgsam und gelehrig. So für vierzehn Tage wollte er nichts dawider
+haben, daß es den Andres ein wenig verpflege; bis dahin werde er wohl
+wieder auf sein, daß es heim könne, denn länger könnte es dann nicht
+fort sein, dann kommen schon so allerhand Geschäfte, die ihm zukommen,
+denn da müsse man schon für den Frühling rüsten.
+
+»Ja, ja«, setzte jetzt die Frau ein, »es kommt mir nicht in den Sinn,
+immer wieder von vorn mit ihm anzufangen; jetzt habe ich ihm alles mit
+Mühe gezeigt, das kann es nun anwenden; der Andres soll nur selber eins
+anziehen, wenn er eins braucht.«
+
+»Ja, wegen vierzehn Tagen«, sagte der Mann beschwichtigend, »da wollen
+wir auch nichts sagen, man muß einander etwas zu Gefallen tun.«
+
+»Ich danke Euch für den Dienst«, sagte nun die Frau Oberst, indem sie
+aufstand; »der Andres wird Euch gewiß auch recht dankbar sein. Kann ich
+das Wiseli gleich mit mir nehmen?«
+
+Die Base murrte etwas, es werde nicht so stark pressieren; aber der Mann
+fand es am besten so. Je schneller es gehe, je früher sei es wieder da,
+meinte er; denn er stellte durchaus auf vierzehn Tage ab. Wiseli wurde
+herbeigerufen, und der Vetter-Götti sagte ihm, es solle schnell sein
+Bündelchen Kleider zusammenmachen, weiter nichts. Wiseli gehorchte
+sogleich; fragen durfte es nicht, warum. Seit es sein Bündelchen in das
+Haus gebracht hatte, war nun gerade ein Jahr verflossen; es war nichts
+Neues hinzugekommen, als sein schwarzes Röcklein, das hatte es an, es
+war aber nun fertig getragen und hing wie ein Fetzchen an dem Kinde
+herab, und Wiseli schaute ein wenig scheu die Frau Oberst an, als es nun
+mit seinem leichten Bündelchen dastand. Sie verstand den schüchternen
+Blick und sagte:
+
+»Komm nur, Wiseli, wir gehen nicht weit, es geht schon so.«
+
+Dann nahm sie schnell Abschied von den Leuten, und als Wiseli dem
+Vetter-Götti die Hand gab, sagte er:
+
+»Du kommst bald wieder heim, es ist nicht zum Abschiednehmen.«
+
+Jetzt trippelte das Wiseli schweigend und sehr verwundert in seinem
+Herzen hinter der Frau Oberst her, die rasch über den beschneiten
+Feldweg hinschritt, so, als befürchtete sie, man könnte sie samt dem
+Wiseli wieder zurückholen. Als aber der Buchenrain gar nicht mehr zu
+sehen war, da kehrte sie sich um und stand still.
+
+»Wiseli«, sagte sie freundlich, »kennst du den Schreiner Andres?«
+
+»Ja freilich«, antwortete Wiseli, und ein Lichtstrahl schoß aus des
+Kindes Augen, als es den Namen hörte. Die Frau Oberst war ein wenig
+erstaunt.
+
+»Er ist krank«, fuhr sie fort; »willst du ihn ein wenig verpflegen und
+für ihn tun, was nötig ist, und etwa vierzehn Tage bei ihm bleiben?«
+
+Mehr als Wiselis schnelle und kurze Antwort: »Ja, gern!« sagte der Frau
+Oberst sein Gesicht, das ganz von einer hohen Freudenröte übergossen
+wurde. Die Oberstin sah das gern; doch mußte sie sich verwundern, daß
+Wiseli eine so besondere Freude zeigte, denn sie wußte nichts von seinem
+Erlebnis mit dem Andres, aber das Wiseli hatte es nie vergessen. Sie
+gingen nun wieder weiter. Aber nach einer Weile fügte die Frau Oberst
+noch bei:
+
+»Du mußt es dann dem Schreiner Andres sagen, daß du so gern zu ihm
+gekommen bist, Wiseli, er glaubt es sonst nicht; vergiß es nicht.«
+
+»Nein, nein«, versicherte das Kind, »ich denke schon daran.«
+
+Nun waren sie bei dem Hause angekommen. Hier fand die Frau Oberst für
+gut, das Wiseli seinen Weg allein machen zu lassen; denn nach allem, was
+sie bemerkt hatte, mußte es ihm nicht schwer werden, ihn zu finden. Sie
+verabschiedete das Kind an der Ecke und sagte ihm, am Morgen werde sie
+wieder herunterkommen und sehen, wie es ihm gehe in dem neuen Haushalt,
+und wenn der Schreiner Andres etwas brauche, das nicht da sei, so solle
+es zu ihr kommen. Wiseli schritt nun getrost durch das Gärtchen und
+machte die Haustür auf; es wußte, daß der Andres drinnen in der Kammer
+liege hinter der Stube. So trat es leise in die Stube ein; da war
+niemand drin, aber es war schön aufgeräumt noch von der alten Trine her.
+Es schaute alles gut an, wie es sein müsse. An der Wand hinten in der
+Stube stand schön geordnet und zu einem rechten Bett aufgerüstet das
+große hölzerne Lager, das man die Kutsche nennt; der Vorhang war fast
+zugezogen darüber weg, aber Wiseli konnte doch sehen, wie schön und
+sauber es aussah, und es wunderte sich, wer da schlafe. Jetzt klopfte es
+leise an die Kammertür, und auf den Ruf des Andres trat es ein und blieb
+ein wenig scheu an der Tür stehen. Andres richtete sich auf in seinem
+Bett, zu sehen, wer da sei.
+
+»Ach, ach«, sagte er, halb erfreut und halb erschrocken, »bist du es,
+Wiseli? Komm, gib mir die Hand.« Wiseli gehorchte.
+
+»Bist du auch nicht ungern zu mir gekommen?«
+
+»Nein, nein«, antwortete Wiseli zuversichtlich. Aber der Schreiner
+Andres war noch nicht beruhigt.
+
+»Ich meine nur, Wiseli«, fuhr er wieder fort, »du wärest vielleicht
+lieber nicht gekommen; aber die Frau Oberst ist so gut, und du hast
+ihr vielleicht einen Gefallen tun wollen.«
+
+[Illustration: So trat es leise in die Stube ein]
+
+»Nein, nein«, versicherte Wiseli noch einmal, »sie hat gar nicht gesagt,
+daß es ihr ein Gefallen sei; sie hat mich gefragt, ob ich gehen wolle,
+und ich wäre auf der ganzen Welt nirgends so gern hingegangen, wie zu
+Euch.«
+
+Diese Worte mußten den Andres ganz beruhigt haben; er fragte nichts
+mehr, er legte seinen Kopf auf sein Kissen zurück und schaute stumm das
+Wiseli an; dann mußte er sich auf einmal umkehren und ein Mal über das
+andere seine Augen wischen.
+
+»Was muß ich jetzt tun?« fragte Wiseli, als er sich immer noch nicht
+umkehrte. Jetzt wandte er sich und sagte mit dem freundlichsten Tone:
+
+»Ich weiß es gewiß nicht, Wiseli; tu du nur, was du willst, wenn du nur
+ein wenig bei mir bleiben willst.«
+
+Wiseli wußte gar nicht, wie ihm geschah. Seit es seine Mutter zum
+letzten Male gehört, hatte niemand mehr so zu ihm geredet; es war
+gerade, als spüre es die Liebe seiner Mutter wieder in Andres’ Worten
+und Weise. Es mußte mit beiden Händen seine Hand nehmen, so wie es oft
+die Mutter gefaßt hatte, und so stand es eine Weile an dem Bett, und es
+war ihm so wohl, daß es gar nichts sagen konnte, aber es dachte: »Jetzt
+weiß es die Mutter auch und hat eine Freude.«
+
+Gerade so dachte der Andres mit stillem Glück in seinem Herzen: »Jetzt
+weiß es die Mutter auch und hat eine Freude.«
+
+Dann sagte auf einmal das Wiseli:
+
+»Jetzt muß ich Euch gewiß etwas kochen, es ist schon über Mittag. Was
+muß ich kochen?«
+
+»Koch du nur, was du willst«, sagte der Andres. Aber dem Wiseli war es
+darum zu tun, dem Kranken die Sache recht zu machen, und es fragte so
+lange hin und her, bis es gemerkt hatte, was er essen müsse: eine gute
+Suppe und ein Stück von dem Fleisch, das im Kasten war, und dann bestand
+er darauf, das Wiseli müsse noch einen Milchbrei für sich kochen. Es
+wußte recht gut Bescheid in der Küche, denn es hatte wirklich etwas
+gelernt bei der Base, wenn auch unter harten Worten; das konnte es doch
+nun gut gebrauchen. So hatte es in kurzer Zeit alles bereit gemacht, und
+der Kranke wünschte, daß es ein Tischchen an sein Bett rücke und neben
+ihm sitze zum Essen, daß er es auch sehen könne und wisse, daß es noch
+da sei. Ein so vergnügtes Mittagsmahl hatte Wiseli lange nicht genossen,
+und auch der Schreiner Andres nicht. Als sie damit zu Ende waren, stand
+das Kind auf; aber Andres sah das nicht gern und sagte:
+
+»Wohin willst du, Wiseli? Willst du nicht noch ein wenig dableiben, oder
+wird es dir ein bißchen langweilig bei mir?«
+
+»Nein, gewiß nicht«, versicherte Wiseli; »aber nach dem Essen muß man
+immer aufwaschen und alles wieder sauber auf das Gestell hinaufräumen.«
+
+»Ich weiß schon, wie man’s macht«, gestand Andres; »ich habe gedacht,
+heute nur, so zum ersten Male, könntest du ja nur alles zusammenstellen
+und dann etwa morgen einmal aufwaschen.«
+
+»Wenn aber die Frau Oberst das sähe, so müßte ich mich fast zu Tode
+schämen«, und Wiseli machte ein ganz ernsthaftes Gesicht zu seiner
+Versicherung.
+
+»Ja ja, du hast recht«, beschwichtigte nun Andres. »Mach nur alles, wie
+du meinst, und geradeso, wie es dir recht ist.«
+
+Nun ging das Wiseli an seine Arbeit und putzte und räumte und ordnete,
+daß alles glänzte in seiner Küche. Dann stand es einen Augenblick still
+und schaute ringsum und sagte ganz befriedigt: »So, nun kann die Frau
+Oberst kommen.« Dann kam es wieder in die Stube hinein und warf einen
+fröhlichen Blick auf das schöne, große Bett auf der Kutsche hinter dem
+Vorhang, denn der Schreiner Andres hatte ihm gesagt, da müsse es
+schlafen, und der kleine Kasten in der Ecke gehöre auch ihm, da könne es
+alles hineinräumen, was ihm angehöre. Es legte nun die Sachen aus seinem
+Bündelchen alle ordentlich hinein, das war auch sehr bald getan, denn es
+war wenig darin, und nun ging es und setzte sich voller Freuden wieder
+an das Bett des Kranken, der schon lange nach der Tür geschaut hatte, ob
+es noch nicht komme. Kaum war es wieder an dem Bett, so fragte es: »Habt
+Ihr auch einen Strumpf, an dem ich stricken kann?«
+
+»Nein, nein«, antwortete Andres, »du hast ja jetzt gearbeitet, und wir
+wollen nun ein wenig vergnügt zusammen reden über allerlei.«
+
+Aber Wiseli war gut geschult worden; zuerst in unvergeßlicher
+Freundlichkeit von der Mutter, und dann von der Base mit Worten, die
+auch nicht vergessen wurden, vor lauter Furcht, sie wieder zu hören. Es
+sagte ganz überzeugt:
+
+»Ich darf nicht nur so dasitzen, weil es doch nicht Sonntag ist, aber
+ich kann reden und an dem Strumpf stricken miteinander.«
+
+Das gefiel dem Andres nun auch wieder, und er ermunterte das Wiseli von
+neuem, nur immer zu tun, was es meine, und einen Strumpf könne es auch
+holen, wenn es wolle, er habe aber keinen. Nun holte Wiseli den
+seinigen und setzte sich damit wieder an das Bett hin, und es hatte
+recht gehabt, es konnte gut reden und stricken miteinander. Der
+Schreiner Andres hatte aber auch gleich ein Gespräch angefangen, das dem
+Wiseli das allerwillkommenste war. Er hatte gleich von der Mutter zu
+reden begonnen, und Wiseli hatte so gern fortgefahren, denn noch nie und
+mit keinem Menschen hatte es von seiner Mutter reden können, und es
+dachte doch immer an sie und alles, was es mit ihr erlebt hatte, und nun
+wollte der Schreiner Andres so gern von allem wissen, immer noch mehr,
+und das Wiseli wurde immer wärmer und erzählte fort und fort, als könne
+es nicht mehr aufhören, und so hörte der Andres zu mit gespannter
+Aufmerksamkeit, und gerade so, als wolle er am liebsten nicht mehr
+aufhören zuzuhören.
+
+In dieser Weise verging nun dem Wiseli ein Tag nach dem anderen. Für
+jeden geringsten Dienst, den es leistete, dankte ihm der Andres, als ob
+es ihm die größte Wohltat erwiesen hätte, und was es nur tat, gefiel dem
+guten Mann, und er mußte es loben dafür. Er wurde in wenig Tagen so
+frisch und munter bei der Pflege, daß er durchaus aufstehen wollte, und
+der Doktor war ganz erstaunt, wie gut es mit ihm ging und wie fröhlich
+und wohlgemut auf einmal der Schreiner Andres aussah. Er saß nun den
+ganzen Tag am Fenster, wo die Sonne hinkam, und schaute dem Wiseli nach
+auf Schritt und Tritt, so als ob er es gar nie genug sehen könnte, wie
+es einen Kasten aufmachte und dann wieder zu, und wie ihm unter den
+Händen alles so sauber und ordentlich wurde, wie er es vorher nie
+gesehen hatte, oder doch meinte, es nie gesehen zu haben. Dem Wiseli
+aber war es so wohl in dem stillen Häuschen, da es nur liebevolle Worte
+hörte, und unter den freundlichen Augen, die es immerfort begleiteten,
+daß es gar nicht daran denken durfte, wie bald die vierzehn Tage zu Ende
+sein würden und es wieder nach dem Buchenrain zurückkehren mußte.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+Es geschieht etwas Unerwartetes.
+
+
+In dem Hause auf der Halde wurde viel vom Schreiner Andres und dem
+Wiseli gesprochen. Jeden Morgen ging die Frau Oberst nachzusehen, wie es
+bei dem Kranken stehe, und jedesmal brachte sie wieder einen
+erfreulicheren Bericht nach Hause. Das brachte alle zusammen in die
+freudigste Stimmung, und Otto und Miezchen machten einen Plan, wie ein
+großes Genesungsfest müßte gefeiert werden in des Schreiners Andres
+Stube, aber noch solange Wiseli da war; das sollte eine Hauptfreude und
+für Andres und Wiseli eine große Überraschung werden. Es mußte aber noch
+ein Fest gefeiert werden vorher, denn heute war des Vaters Geburtstag,
+und schon am frühen Morgen hatten allerlei von Otto und Miezchen
+erfundene Feierlichkeiten stattgefunden, doch der Hauptmoment des Tages
+war jetzt gekommen, da es zur Mittagstafel ging. Ganz feierlich hatten
+Otto und Miezchen sich schon hingesetzt in großer Erwartung aller der
+Dinge, die da kommen sollten. Nun erschienen auch Vater und Mutter, und
+das frohe Mahl nahm seinen Anfang. Nachdem das erste Gericht
+vergnüglich verzehrt worden war, erschien eine zugedeckte Schüssel; das
+war entschieden das Geburtstagsgericht. Der Deckel wurde aufgehoben, und
+ein prächtiger Blumenkohl stand da, so frisch, als hätte man ihn eben im
+Garten geholt.
+
+»Das ist ja eine prächtige Blume«, sagte der Vater, »die muß man loben.
+Aber eigentlich«, fuhr er etwas enttäuscht fort, »suchte ich etwas
+anderes unter dem Deckel, Artischocken suchte ich; kann man die nicht
+auch finden irgendwo, wie Blumenkohl? Du weißt, liebe Marie, ich schaue
+an gedeckten Tischen nach keinem anderen Gerichte so aus, wie nach
+Artischocken.«
+
+Mit einem Male schrie das Miezchen auf:
+
+»Eben! Eben! Geradeso hat er mir gerufen zweimal, furchtbar, und _so_
+hat er den Stecken aufgehoben und _so_« – und Miezchen fuhr ganz
+aufgeregt mit ihren Armen in der Luft herum –, aber urplötzlich schwieg
+sie und fuhr schnell herunter mit ihren Armen bis unter den Tisch und
+war ganz blutrot geworden, und ihr gegenüber saß Otto mit zornigen Augen
+und schoß flammende Blicke zu Miezchen hinüber.
+
+»Was ist das für eine seltsame Verherrlichung meines Geburtstages?«
+fragte der Vater mit Staunen. Ȇber den Tisch hin schreit meine Tochter,
+als wollte man sie umbringen, und unter dem Tisch durch versetzt mir
+mein Sohn so entsetzliche Stiefelstöße, daß ich blaue Flecken bekomme.
+Ich möchte wissen, Otto, wo du diese angenehme Unterhaltung gelernt
+hast.«
+
+Jetzt war die Reihe an Otto, feuerrot zu werden bis unter die Haare
+hinauf. Er hatte dem Miezchen unter dem Tisch durch einige deutliche
+Mahnungen geben wollen, daß es schweigen solle, hatte aber den unrechten
+Platz getroffen und mit seinem Stiefel des Vaters Bein in erstaunlicher
+Weise bearbeitet. Das hatte Otto nun entdeckt; er durfte nicht mehr
+aufschauen.
+
+»Nun Miezchen«, fing der Vater wieder an, »was ist denn aus deiner
+Räubergeschichte geworden, du kamst ja gar nicht zu Ende. Also
+›Artischocke‹ hat der furchtbare Mann dich genannt und den Stecken
+erhoben und dann?«
+
+»Dann, dann«, stotterte Miezchen kleinlaut – denn es hatte begriffen,
+daß es auf einmal alles verraten hatte, und daß der Otto den Zuckerhahn
+zurückfordern würde –, »dann hat er mich doch nicht totgeschlagen.«
+
+»So, das war eine Artigkeit von ihm«, lachte der Vater, »und dann
+weiter?«
+
+»Dann weiter gar nichts mehr«, wimmerte Miezchen.
+
+»So, so, die Geschichte nimmt also ein fröhliches Ende. Der Stecken
+bleibt in der Luft, und Miezchen geht als kleine Artischocke nach Hause.
+Jetzt wollen wir gleich anstoßen auf alle wohlgeratenen Artischocken und
+auf des Schreiners Andres Gesundheit!«
+
+Damit hob der Vater sein Glas, und die Tischgesellschaft stimmte ein. Es
+standen aber alle ein wenig still vom Tisch auf, denn in jedem waren
+allerlei schwere Gedanken aufgestiegen, nur der Vater blieb
+unangefochten, setzte sich zu seiner Zeitung und steckte eine Zigarre
+an. Otto schlich ins andere Zimmer hinüber, drückte sich in eine Ecke
+und dachte darüber nach, wie es sein werde, wenn alle anderen wieder im
+Mondschein schlitten würden und er nie mehr dabei sein dürfte, denn er
+wußte, daß die Mutter dies von nun an verbieten würde. Miezchen kroch
+ins Schlafzimmer hinein, kauerte sich neben dem Bett auf das Schemelchen
+nieder, nahm den roten Zuckerhahn auf den Schoß und war sehr traurig,
+daß es ihn zum letzten Male sehen sollte. Die Mutter blieb eine Zeitlang
+stumm und sinnend am Fenster stehen und bewegte Gedanken in ihrem Herzen
+hin und her, die sie immer mehr und aufregender beschäftigen mußten,
+denn jetzt fing sie an, im Zimmer hin und her zu gehen, und plötzlich
+verließ sie es und lief hierhin und dahin, nach dem Miezchen suchend.
+Sie fand es endlich noch hinter seinem Bett auf dem Schemel sitzend, in
+seine traurigen Betrachtungen versunken.
+
+»Miezchen«, sagte die Mutter, »jetzt erzähl mir recht, wo und wann ein
+Mann dir drohte, und was er dir nachgerufen hat.«
+
+Miezchen erzählte, was es wußte, es kam aber nicht viel mehr heraus, als
+es schon gesagt hatte. Nachgerufen hatte ihm der Mann das Wort, das der
+Papa über Tisch gesagt hatte, behauptete es. Die Mutter kehrte in das
+Zimmer zurück, wo der Vater saß, ging gleich zu ihm heran und sagte in
+erregtem Ton:
+
+»Ich muß es dir wirklich sagen, es kommt mir immer wahrscheinlicher
+vor.«
+
+Der Oberst legte seine Zeitung weg und schaute erstaunt seine Frau an.
+
+»Siehst du«, fuhr diese fort, »die Szene am Tisch hat mir mit einem Male
+einen Gedanken erweckt, und je mehr ich ihn verfolge, je fester
+gestaltet er sich vor meinen Augen.«
+
+»Setz dich doch und teil mir ihn mit«, sagte der Oberst, ganz neugierig
+geworden. Seine Frau setzte sich neben ihn hin und fuhr fort:
+
+»Du hast Miezchens Aufregung gesehen, sie war sichtlich erschreckt
+worden von dem Mann, von dem sie sprach, es war nicht Spaß gewesen:
+darum ist es klar, daß er das Kind nicht ›Artischocke‹ genannt hat. Wird
+er es nicht viel eher ›Aristokratin‹ oder ›Aristokratenbrut‹ genannt
+haben? Du weißt, wer uns vorzeiten diesen Titel nachrief, meinem Bruder
+und mir. Diesen Augenblick habe ich von Miezchen gehört, daß der Vorfall
+sich an dem Abend ereignet hatte, da die Kinder im Mondschein auf der
+Schlittbahn waren. An demselben Abend noch wurde Andres halb erschlagen
+gefunden. Seit Jahren war der unheimliche Jörg verschwunden, und im
+ersten Augenblick, da man wieder Spuren von ihm hat, geschieht die
+Gewalttätigkeit an seinem Bruder, dem kein anderer je etwas zuleide
+getan hat, als er. Macht dir das nicht auch Gedanken?«
+
+»Wahrhaftig, da könnte was dran sein«, entgegnete der Oberst
+nachdenklich; »da muß ich sofort handeln.«
+
+Er stand auf, rief nach seinem Knecht, und wenige Minuten nachher fuhr
+er im scharfen Trab zur Stadt hinunter. Von da an fuhr der Oberst jeden
+Tag einmal nach der Stadt, um zu hören, ob Berichte eingegangen seien.
+Am vierten Tage, als er nach Hause kam am Abend und seine Frau noch an
+Miezchens Bett verweilte, ließ er sie schnell rufen, denn er hatte ihr
+Wichtiges zu erzählen. Sie setzten sich dann zusammen, und der Oberst
+teilte seiner Frau mit, was er in der Stadt vernommen hatte. Auf seine
+Aussagen hin hatte die Polizei sogleich heimlich nach dem Jörg gesucht,
+und er war ohne große Mühe gefunden worden, denn er war ganz sicher, daß
+kein Mensch ihn gesehen hatte, da er nur des Nachts in sein Dorf
+gekommen und gleich wieder verschwunden war. So war er zunächst nur
+nach der Stadt hinuntergegangen und hatte sich in den Wirtshäusern
+herumgetrieben. Als er nun festgenommen und verhört wurde, leugnete er
+zuerst alles; als er aber hörte, der Oberst Ritter habe schlagende
+Beweise gegen ihn vorzubringen, da entfiel ihm der Mut, denn er dachte,
+der Herr Oberst müsse ihn gesehen haben, sonst wäre es unmöglich, daß er
+gerade auf ihn geraten hätte, da er frisch aus neapolitanischen
+Kriegsdiensten zurückgekommen war. Daß ein einziges Wort, das er einem
+kleinen Kinde angeworfen hatte, ihn hatte verraten können, davon hatte
+er keine Ahnung. Er fing dann an, furchtbar auf den Obersten zu
+schimpfen, und sagte, er habe immer gedacht, diese Aristokratenbrut
+werde ihn noch ins Unglück bringen. Im weiteren Verhör gestand er dann,
+er habe seinen Bruder aufsuchen und Geld von ihm entlehnen wollen. Als
+er durch das erleuchtete Fenster ihn erblickte, wie er eben eine gute
+Summe Geld vor sich liegen hatte, da kam ihm der Gedanke, den Andres
+niederzuschlagen und das Geld zu nehmen. Töten habe er ihn nicht
+gewollt, nur ein wenig bewußtlos machen, damit er ihn nicht kenne. Der
+größte Teil der Summe wurde noch bei ihm gefunden; diese wurde ihm
+abgenommen und dann der Jörg in den Turm gesetzt.
+
+Als dieser Vorgang bekannt wurde, gab es eine ungeheure Aufregung im
+ganzen Dorfe, denn eine solche Geschichte war noch gar nicht
+vorgefallen, seit es stand. Besonders in der Schule kam alles aus der
+Ordnung, so stark beteiligten sich alle Schüler an der aufregenden
+Begebenheit. Otto war einige Tage ganz außer Atem, da er beständig
+da- und dorthin zu laufen hatte, wo noch ein näherer Umstand von der
+Sache zu hören war. Am dritten Abend nach der Verbreitung der Nachricht
+kam er aber so nach Hause gestürzt, daß ihn die Mutter ermahnen mußte,
+erst einen Augenblick stillzusitzen, da er vor Atemlosigkeit kein Wort
+hervorbrachte und doch durchaus wieder eine Neuigkeit erzählen wollte.
+Endlich konnte er sie in Worte bringen. Man hatte den Joggi, der bis
+dahin eingesperrt geblieben war, herausholen wollen, aber der arme Tropf
+hatte immerfort seine große Furcht beibehalten, und nun glaubte er, man
+hole ihn zum Köpfen ab, und sperrte sich ganz furchtbar, die Kammer zu
+verlassen. Dann hatten zwei Männer ihn mit aller Gewalt herausgeschleppt,
+er hatte aber so geschrieen und getan, daß alle Leute herbeiliefen, und
+dann hatte er sich noch mehr gefürchtet, und auf einmal, nachdem er
+herausgekommen, war er davongeschossen wie ein Pfeil und in die nächste
+Scheune hinein in den hintersten Winkel des Stalles. Da hockte er ganz
+zusammengeballt mit einem furchtbar erschrockenen Gesicht, und kein
+Mensch konnte ihn von der Stelle bringen. Schon seit gestern hockte er
+so ohne Bewegung, und der Bauer hatte gesagt, wenn er nicht bald
+aufstehe, wolle er ihn mit der Heugabel fortbringen.
+
+»Das ist ja eine ganz traurige Geschichte, Kinder«, sagte die Mutter,
+als Otto fertig erzählt hatte. »Der arme Joggi! Was muß er nun leiden in
+seiner Angst, die ihm niemand wegnehmen kann, da er nicht versteht, was
+man ihm erklären könnte, und der arme, gutmütige Joggi ist ja ganz
+unschuldig. Ach, Kinder, hättet ihr mir doch gleich das ganze Erlebnis
+erzählt, als ihr am Abend von der Schlittbahn kamt; euer Verheimlichen
+hat recht Trauriges zur Folge gehabt. Könnten wir doch den armen
+Menschen trösten und wieder fröhlich machen.«
+
+Das Miezchen war ganz weich geworden. »Ich will ihm den roten Zuckerhahn
+geben«, schluchzte es.
+
+Auch Otto war ein wenig zerknirscht. Er sagte zwar etwas verächtlich:
+»Ja noch gar, einen Zuckerhahn einem erwachsenen Menschen geben! Behalt
+du den nur für dich.« Aber dann bat er die Mutter, ihm und Miezchen zu
+erlauben, dem Joggi etwas zu essen in den Stall zu bringen, er hatte gar
+nichts gehabt, seit er dort kauerte, zwei ganze Tage lang.
+
+Das erlaubte die Mutter gern, und es wurde sogleich ein Korb geholt und
+Wurst und Brot und Käse hineingesteckt. Dann gingen die Kinder den Berg
+hinunter, dem Stalle zu.
+
+Mit einem ganz weißen, erschreckten Gesicht kauerte der Joggi hinten im
+Winkel und rührte sich nicht. Die Kinder kamen ein wenig näher. Otto
+zeigte dem Zusammengekrümmten den offenen Korb und sagte:
+
+»Komm hervor, Joggi, komm, das ist alles für dich zum essen.«
+
+Joggi bewegte sich nicht.
+
+»Komm doch, Joggi«, mahnte Otto weiter, »siehst du, sonst kommt der
+Bauer und sticht dich mit der Heugabel hervor.«
+
+Joggi stieß einen erschreckten Ton aus und krümmte sich noch enger
+zusammen in den Winkel hinein, wie in ein Loch.
+
+Jetzt ging Miezchen vorwärts und kam ganz nahe an den Joggi heran, hielt
+den Mund an sein Ohr und flüsterte hinein: »Komm du nur mit mir, Joggi,
+sie dürfen dich nicht köpfen, der Papa hilft dir schon, und siehst du,
+das Christkindlein hat dir einen roten Zuckerhahn gebracht«; und
+Miezchen nahm ganz heimlich den Zuckerhahn aus seiner Tasche und steckte
+ihn dem Joggi zu.
+
+Diese heimlichen Trostesworte hatten eine wunderbar wirksame Kraft. Der
+Joggi schaute das Miezchen an, ganz ohne Schrecken, dann schaute er auf
+seinen roten Zuckerhahn, und dann fing er an zu lachen, was er seit
+vielen Tagen nicht mehr getan hatte. Dann stand er auf, und nun ging
+Otto voran aus dem Stall heraus, dann kam das Miezchen und ihm folgte
+der Joggi auf dem Fuß. Draußen aber, als Otto dem Joggi sagte: »Das
+kannst du mitnehmen, wir gehen nun heim und du auch, dort hinunter«, –
+da schüttelte Joggi den Kopf und stellte sich hinter das Miezchen. So
+gingen alle drei weiter, der Halde zu, voran der Otto, dann Miezchen,
+dann der Joggi. Die Mutter sah den Zug herankommen, und ihr Herz wurde
+ganz erleichtert, als sie sah, wie der Joggi hinter dem Miezchen
+herschritt, den roten Zuckerhahn in der Hand hielt und immerfort
+vergnüglich lachte. So traten die drei ins Haus und in die Stube, und
+hier holte das Miezchen geschäftig einen Stuhl, nahm den Eßkorb zur Hand
+und winkte dem Joggi, daß er komme. Als er dann am Tische saß, legte es
+alles, was im Korb war, vor ihn hin und sagte beschützend: »Iß du jetzt
+nur, Joggi, und iß du nur alles auf und sei nun ganz fröhlich.« Da
+lachte der Joggi und aß die beiden großen Würste und das ganze Brot und
+das ungeheure Stück Käse ganz fertig und dann noch die Krumen. Den roten
+Zuckerhahn hielt er die ganze Zeit über fest mit seiner linken Hand und
+schaute ihn an von Zeit zu Zeit und lachte unbeschreiblich vergnüglich,
+denn Wurst und Brot hatte er wohl auch schon bekommen, aber einen roten
+Zuckerhahn hatte ihm in seinem ganzen Leben noch nie jemand geschenkt.
+Endlich ging der Joggi die Halde hinunter. Voller Freuden schauten die
+Mutter, Otto und Miezchen ihm nach: er hielt seinen Zuckerhahn bald in
+der einen, bald in der anderen Hand, lachte immerzu und hatte seinen
+Schrecken gänzlich vergessen. –
+
+Seit drei Tagen hatte die Frau Oberst den Schreiner Andres nicht
+besucht. Es hatte sich so vieles ereignet in diesen Tagen, daß sie gar
+nicht begriff, wie die Zeit dahingegangen war; doch konnte sie ja ruhig
+sein, sie wußte, daß der Andres gut verpflegt und besorgt und dazu auf
+dem besten Wege der Genesung war.
+
+Ihr Mann hatte gleich am Morgen nach seiner Rückkehr aus der Stadt den
+Andres besucht, um ihm die Entdeckung und die Festnahme seines Bruders
+selbst mitzuteilen. Andres hatte ganz ruhig zugehört und dann gesagt:
+»Er hat es so haben wollen; es wäre doch besser gewesen, er hätte mich
+um ein wenig Geld gebeten, ich hätte ihm ja schon gegeben; aber er hat
+immer lieber geprügelt, als gute Worte gegeben.«
+
+Jetzt trat die Frau Oberst am sonnigen Wintermorgen aus ihrer Tür und
+stieg fröhlichen Herzens den Berg hinunter, denn sie beschäftigte sich
+in ihrem Innern mit einem Gedanken, der ihr wohlgefiel. Als sie die
+Haustür aufmachte beim Schreiner Andres, kam Wiseli eben aus der Stube
+heraus. Seine Augen waren ganz aufgeschwollen und hochrot vom Weinen. Es
+gab der Frau Oberst nur flüchtig die Hand und schoß scheu in die Küche
+hinein, um sich zu verbergen. So hatte die Frau Oberst das Wiseli noch
+gar nie gesehen. Was konnte da begegnet sein? Sie trat in die Stube ein.
+Da saß am sonnigen Fenster der Andres und sah aus, als sei ein noch nie
+erlebtes Unheil über ihn hereingebrochen.
+
+»Was ist denn hier geschehen?« fragte die Frau Oberst und vergaß im
+Schrecken, »guten Tag« zu sagen.
+
+»Ach, Frau Oberst«, stöhnte Andres, »ich wollte, das Kind wäre nie in
+mein Haus gekommen!«
+
+»Was«, rief sie noch erschrockener aus, »das Wiseli? Kann dieses Kind
+Euch ein Leid angetan haben?«
+
+»Ach, um’s Himmels willen, nein, Frau Oberst, so meine ich’s nicht«,
+entgegnete Andres in Aufregung; »aber nun ist das Kind bei mir gewesen
+und hat mir ein Leben gemacht in meinem Häuschen, wie im Paradies, und
+jetzt muß ich das Kind wieder hergeben, und alles wird viel öder und
+leerer um mich her sein, als vorher. Ich kann es nicht aushalten; Sie
+können sich gar nicht denken, wie lieb mir das Kind ist; ich kann es
+nicht aushalten, wenn sie mir’s wegnehmen. Morgen muß es gehen, der
+Vetter-Götti hat schon zweimal den Buben geschickt; es müsse nun zurück,
+morgen müsse es sein. Und dann ist noch etwas, das mir fast das Herz
+zersprengt: seitdem der Vetter-Götti geschickt hat, ist das Kind ganz
+still geworden und weint heimlich; es will es nicht so zeigen, aber man
+kann’s wohl sehen, es macht ihm so schwer, zu gehen, und morgen muß es
+sein. Ich übertreibe nicht, Frau Oberst, aber das kann ich sagen: alles,
+was ich seit dreißig Jahren erspart und erarbeitet habe, gäbe ich seinem
+Vetter-Götti, wenn er mir das Kind ließe.«
+
+Die Frau Oberst hatte den aufgeregten Andres ganz fertig reden lassen;
+jetzt sagte sie ruhig: »Das würde ich nicht tun an Eurer Stelle, ich
+würde es ganz anders machen.«
+
+Andres schaute sie fragend an.
+
+»Seht, Andres, so würde ich es machen: ich würde sagen: ›All’ mein
+wohlverdientes Gut will ich jemandem zurücklassen, der mir lieb ist. Ich
+will das Wiseli an Kindes Statt annehmen, ich will sein Vater sein, und
+es soll von Stund an als mein Kind in meinem Hause bleiben.‹ Würde es
+Euch nicht gefallen so, Andres?«
+
+Der Andres hatte lautlos zugehört und seine Augen waren immer größer
+geworden. Jetzt ergriff er vor Bewegung die Hand der Frau Oberst und
+drückte sie gewaltig zusammen, dann keuchte er hervor:
+
+»Kann man das wirklich machen? Könnte ich das mit dem Wiseli tun, so daß
+ich sagen könnte: das Wiseli ist mein Kind, mein eigenes Kind, und
+niemand hat mehr ein Recht an das Kind, und kein Mensch kann es mir mehr
+nehmen?«
+
+»Das könnt Ihr, Andres«, versicherte die Frau Oberst, »geradeso! Sobald
+das Wiseli Euer Kind ist, hat kein Mensch mehr ein Recht auf das Kind,
+Ihr seid der Vater. Und seht, Andres, weil ich mir gedacht hatte, Ihr
+könntet den Wunsch haben, das Wiseli zu behalten, so habe ich meinen
+Mann gebeten, heute nicht fortzugehen, im Fall Ihr etwa gern gleich nach
+der Stadt in die Kanzlei fahren würdet, daß alles bald festgesetzt
+werde, denn zu Fuß könnt Ihr noch nicht gehen.«
+
+Andres wußte gar nicht, was er tat vor Aufregung und Freude. Er lief
+dahin und dorthin und suchte den Sonntagsrock; dann rief er ein Mal ums
+andere: »Ist es auch sicher wahr? Kann’s auch sein?« Dann stand er
+wieder vor die Frau Oberst hin und fragte: »Kann es jetzt sein, gleich
+jetzt, heut’ noch?«
+
+»Gleich jetzt«, versicherte sie; doch gab sie nun dem Schreiner Andres
+die Hand zum Abschied, sie mußte gehen und ihrem Manne mitteilen, daß
+Andres schon reisefertig sei.
+
+»Ihr solltet es dem Wiseli erst am Abend sagen, wenn alles gut
+eingeleitet ist und Ihr wieder ruhig daheim seid«, bemerkte die Frau
+Oberst noch unter der Tür; »meint Ihr nicht?«
+
+»Ja, sicher, sicher«, gab Andres zur Antwort; »jetzt könnt’ ich’s fast
+nicht sagen.«
+
+Als die Tür sich schloß, setzte sich Andres auf seinen Stuhl nieder und
+zitterte an Händen und Füßen so sehr, daß er meinte, er könne nie mehr
+davon aufstehen, so war ihm die Freude und Aufregung in alle Glieder
+gefahren. Es währte aber kaum eine halbe Stunde, da kam schon des
+Obersten Wagen angefahren und hielt still am Gärtchen des Schreiners,
+und zu Wiselis unbeschreiblichem Erstaunen stieg der Knecht von seinem
+Sitz herunter, kam herein, und nach wenigen Minuten sah es, wie er
+wieder herauskam, den Schreiner Andres mit beiden Armen festhielt und
+ihm dann in den Wagen hinein half. Wiseli schaute dem Fuhrwerk nach, als
+bewege sich etwas Unfaßliches vor seinen Augen, denn der Schreiner
+Andres hatte kein Wort mehr zu ihm sagen können, nicht einmal, daß er
+ausfahren werde. So wie er sich niedergesetzt hatte, war er sitzen
+geblieben, bis der Knecht ihn herausholte, und das Wiseli hatte sich
+immer noch verborgen gehalten. Jetzt ging es in die Stube hinein und saß
+ans Fenster, wo sonst der Schreiner Andres saß, und konnte gar nichts
+anderes mehr denken als nur immerzu: »Heute ist der letzte Tag, und
+morgen muß ich zum Vetter-Götti.« Als der Mittag herankam, ging Wiseli
+in die Küche hinaus und machte zurecht, was der Andres essen sollte;
+aber er kam nicht, und es wollte nichts berühren, bis er auch dabei
+war. So ging es wieder hinein, und auf der Stelle stand der traurige
+Gedanke wieder vor ihm und es mußte ihm wieder nachhangen. Aber endlich
+wurde es so müde davon, daß sein Kopf ihm auf die Schulter fiel und es
+fest einschlief; aber noch im Schlaf mußte es immer sagen: »Und morgen
+muß ich zum Vetter-Götti.« Und Wiseli sah nicht, wie leise der helle
+Abendschein in die Stube hineinfiel und einen schönen Tag verkündigte.
+
+Wiseli schoß auf, als jemand die Stubentür öffnete; es war der Schreiner
+Andres. Das Glück leuchtete ihm aus den Augen wie heller Sonnenschein,
+so hatte ihn Wiseli noch nie gesehen. Es schaute verwundert zu ihm auf.
+Jetzt mußte er auf seinen Stuhl sitzen und Atem holen vor Bewegung,
+nicht vor Erschöpfung; dann rief er mit triumphierender Stimme:
+
+»Es ist wahr, Wiseli, es ist alles wirklich wahr! Die Herren haben alle
+›Ja‹ gesagt. Du gehörst mir, ich bin dein Vater, sag mir einmal
+›Vater‹!«
+
+Wiseli war ganz schneeweiß geworden; es stand da und starrte den Andres
+an, aber es sagte kein Wort und bewegte sich nicht.
+
+»Ja so, ja so«, fing Andres wieder an; »du kannst es ja nicht begreifen,
+es kommt mir alles durcheinander vor Freuden; jetzt will ich von vorn
+anfangen. Siehst du, Wiseli, jetzt eben habe ich es in der Kanzlei
+verschrieben: du bist jetzt mein Kind und ich bin dein Vater, und du
+bleibst hier bei mir für immer und gehst nie mehr zurück zum
+Vetter-Götti, hier bist du daheim, hier bei mir.«
+
+Jetzt hatte Wiseli alles begriffen. Auf einmal sprang es auf den Andres
+zu und umfaßte ihn mit beiden Armen und rief: »Vater! Vater!« Der
+Andres brachte kein Wort mehr hervor und das Wiseli auch nicht, denn es
+kam ihm so viel zusammen im Herzen und in den Gedanken, daß es ganz
+überwältigt wurde. Aber mit einem Male war es, als ob ihm ein helles
+Licht aufginge; es schaute den Andres mit leuchtenden Augen an und rief
+frohlockend: »O Vater, jetzt weiß ich alles, wie es zugegangen ist und
+wer dazu geholfen hat.«
+
+»So, so, und wer denn, Wiseli?« fragte er.
+
+»Die Mutter!« war die rasche Antwort.
+
+»Die Mutter?« wiederholte Andres, ein wenig erstaunt, »wie meinst du
+das, Wiseli? wie meinst du das?«
+
+Jetzt erzählte das Kind, wie es die Mutter gesehen hatte, ganz deutlich,
+wie sie es bei der Hand genommen und ihm einen sonnigen Weg gezeigt und
+gesagt hatte: »Sieh, Wiseli, das ist dein Weg.« – »Und jetzt, Vater«,
+rief Wiseli immer eifriger fort, »jetzt ist mir auf einmal in den Sinn
+gekommen, wie der Weg war, gerade so, wie der draußen im Garten, wenn
+die Sonne darauf scheint und die Nelken so rot glühen und auf der
+anderen Seite die Rosen, und die Mutter hat ihn schon gekannt und hat
+gewiß das ganze Jahr am lieben Gott angehalten, daß ich dürfe auf den
+Weg kommen, sie hat schon gewußt, wie gut ich es bei dir haben würde,
+wie sonst nirgends auf der ganzen Welt. Das glaubst du jetzt auch,
+Vater, daß alles so gegangen ist, nicht wahr, seit du weißt, daß die
+Mutter mir den Weg bei den Nelken gezeigt hat?«
+
+Der gute Andres konnte nichts sagen, die hellen Tränen liefen ihm die
+Wangen hinunter; dabei aber lachte ihm eine solche Freude aus den nassen
+Augen, daß es dem Wiseli nicht bange wurde. Als er aber endlich etwas
+sagen wollte, da hörte man nichts davon, denn in dem Augenblick wurde
+mit einem ungeheuren Knall die Tür aufgeschlagen und herein sprang mit
+einem Satz bis mitten in die Stube der Otto, dann machte er noch einen
+großen Sprung über einen Stuhl weg und rief: »Juhe, wir haben’s
+gewonnen, und das Wiseli ist erlöst!« Hinter ihm stürzte das Miezchen
+hervor, rannte gleich auf seinen Freund los und sagte mit
+bedeutungsvollem Winken gegen die Tür hin: »Jetzt, Andres, wirst du
+gleich sehen, was kommt zum Genesungsfest!«, und eh’ es noch fertig
+gesprochen, arbeitete der Bäckerjunge sich zur Tür herein mit einem so
+ungeheuren Brett auf dem Kopf, daß er in der Tür stecken blieb und nicht
+damit weiterdringen konnte. Aber von hinten kam eine kräftige Hand, die
+hob und schob und stützte das wankende Gebäude, bis es glücklich in der
+Stube angelangt und auf den Tisch gesetzt war, den es gänzlich bedeckte,
+von oben bis unten. Denn Otto und Miezchen hatten ersonnen, aus ihren
+Sparbüchsen zum Genesungsfest den allergrößten Rahmkuchen machen zu
+lassen, den ein Mensch machen könnte. Da er nun zu klein geworden wäre
+als runder Kuchen, so hatte man ihn viereckig gemacht, so daß er den
+Ofen ausfüllte von vorn bis hinten und nun den ganzen Tisch bedeckte.
+Auf den Boden hin stellte nun die Trine, die hinter dem Bäckerjungen
+hilfreich hereingekommen war, ihren großen Korb nieder; da war ein
+schöner Braten darin und stärkender Wein dazu, denn die Frau Oberst
+hatte gesagt, heute habe der Andres gewiß noch keinen Bissen gegessen,
+und vielleicht noch dazu das Wiseli nicht, und so war es auch, und jetzt
+merkte es auch das Wiseli auf einmal, als es alle die einladenden Sachen
+vor sich sah. Nun setzte sich die ganze Gesellschaft zu Tisch, und man
+konnte gar nicht absehen, wer von allen das fröhlichste Gesicht am
+Tische hatte. Vor allem mußte der Riesenkuchen in der Mitte zerschnitten
+und die Hälfte auf den Boden gelegt werden, daß man Platz bekam, und nun
+folgte ein Festessen von so fröhlicher Art, daß noch gar nie ein
+fröhlicheres stattgefunden hat, denn jedem, das an diesem Tisch saß, war
+sein höchster Wunsch in Erfüllung gegangen.
+
+Wie es nun spät geworden war unter all der Freude und man endlich vom
+Tisch aufstehen mußte – denn die Trine stand schon lange bereit zum
+Abholen –, da sagte Andres: »Heut’ habt ihr das Fest bereitet, aber auf
+den Sonntag will ich auch eins bereiten, dann kommt ihr wieder, und das
+soll das Fest des Einstandes sein für mein Töchterchen.«
+
+Nun schüttelten sich alle die Hände in der frohen Aussicht auf ein neues
+herrliches Fest und auf die immerwährende Befriedigung, das Wiseli beim
+Schreiner Andres zu wissen. Unter der Tür aber gab Wiseli dem Otto noch
+einmal die Hand und sagte:
+
+»Ich danke dir hunderttausendmal für alles Gute, Otto. Der Chäppi hat
+mir auch nie mehr etwas an den Kopf geworfen, weil er nicht durfte; das
+habe ich nur dir zu danken.«
+
+»Und ich danke dir auch, Wiseli«, entgegnete Otto; »ich habe gar nie
+mehr die Fetzen auflesen müssen in der Schule; das habe ich nur dir zu
+danken.«
+
+»Und ich auch«, behauptete Miezchen, denn es wollte nicht weniger
+erfreuliche Erfahrungen gemacht haben.
+
+Als nun in dem Stübchen alles still geworden war und der Mondschein
+leise durchs Fenster hereinkam, bei dem der Schreiner Andres abgesessen
+war, während das Wiseli noch alles aufräumen wollte, da kam es zu ihm
+heran und sagte, indem es seine Hände faltete:
+
+»Vater, soll ich nicht den Liedervers der Mutter dir laut vorbeten? Ich
+hab’ ihn heut’ Abend immer wieder leise für mich sagen müssen, den will
+ich gewiß mein ganzes Leben lang nie vergessen.«
+
+Andres war sehr zufrieden, den Vers zu hören, und Wiseli schaute zu den
+Sternen auf und sagte tief aus seinem Herzen heraus:
+
+ »Befiehl du deine Wege,
+ Und was dein Herze kränkt,
+ Der allertreu’sten Pflege
+ Des, der den Himmel lenkt.
+
+ Der Wolken, Luft und Winden
+ Gibt Wege, Lauf und Bahn,
+ Der wird auch Wege finden,
+ Da dein Fuß gehen kann.«
+
+ * * * * *
+
+Von diesem Tage an war und blieb das allerglücklichste Haus im ganzen
+Dorf und im ganzen Land das Häuschen des Schreiners Andres mit dem
+sonnigen Nelkengarten. – Wo seither das Wiseli sich blicken ließ, da
+waren alle Leute so freundlich mit ihm, daß es nur staunen mußte. Denn
+vorher hatten sie es nie beachtet, und der Vetter-Götti und die Base
+gingen nie am Haus vorbei, ohne schnell hereinzukommen und ihm die Hand
+zu geben und zu sagen, es solle auch zu ihnen kommen.
+
+Über diese Wendung war das Wiseli froh, denn es hatte immer einen
+heimlichen Schrecken gehabt beim Gedanken, was der Vetter-Götti zu allem
+sagen werde. So war Wiseli von aller Angst befreit und ging fröhlich
+seinen Weg; im stillen aber dachte es oftmals: »Der Otto und die
+Seinigen waren gut mit mir, als es mir schlecht ging und ich gar niemand
+mehr auf der Welt hatte; aber die anderen Leute sind erst freundlich mit
+mir geworden, seit es mir gut geht und ich einen Vater habe; ich weiß
+ganz gut, wer es am besten mit mir meint.«
+
+
+Druck von Friedrich Andreas Perthes, Aktiengesellschaft, Gotha.
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Diese elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der ca. 1920 erschienenen siebzehnten Auflage erstellt; das
+Buch bildet den ersten Band der Serie »Geschichten für Kinder und auch
+für solche, welche die Kinder lieb haben« von Johanna Spyri. Die
+nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller im elektronischem
+Buch gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+S. 025: sa daß es Rico ein Mal über das andere -> so daß
+S. 028: in den Korpf gesetzt -> Kopf
+S. 070: schanten zwei große Augen -> schauten
+S. 073: [Punkt ergänzt] wollten mit ihrem Lied beginnen.
+S. 152: [öffnendes Anführungszeichen ergänzt] »Ach nein, Max«
+S. 165: [öffnendes Anführungszeichen ergänzt] »und dann möchte ich
+S. 199: kein Wort sagen zn wollen -> zu
+S. 232: denn ich dem Augenblick -> in dem Augenblick
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the scans of a
+seventeenth edition copy, published ca. 1920; the book forms the first
+volume of the series »Geschichten für Kinder und auch für solche, welche
+die Kinder lieb haben« by Johanna Spyri. The table below lists all
+corrections applied to the original text.
+
+p. 025: sa daß es Rico ein Mal über das andere -> so daß
+p. 028: in den Korpf gesetzt -> Kopf
+p. 070: schanten zwei große Augen -> schauten
+p. 073: [added period] wollten mit ihrem Lied beginnen.
+p. 152: [added opening quotes] »Ach nein, Max«
+p. 165: [added quotes] Kartoffeln abreißend, »und dann möchte ich
+p. 199: kein Wort sagen zn wollen -> zu
+p. 232: denn ich dem Augenblick -> in dem Augenblick
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Heimatlos, by Johanna Spyri
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HEIMATLOS ***
+
+***** This file should be named 20780-0.txt or 20780-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
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+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
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+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
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+works. See paragraph 1.E below.
+
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+collection are in the public domain in the United States. If an
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+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
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+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
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+electronic work or group of works on different terms than are set
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+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+1.F.
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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+works, and the medium on which they may be stored, may contain
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
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+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
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+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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index 0000000..ec02e30
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--- /dev/null
+++ b/20780-8.txt
@@ -0,0 +1,7119 @@
+The Project Gutenberg EBook of Heimatlos, by Johanna Spyri
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Heimatlos
+ Geschichten für Kinder und auch für solche, welche die
+ Kinder lieb haben, 1. Band
+
+Author: Johanna Spyri
+
+Release Date: March 8, 2007 [EBook #20780]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HEIMATLOS ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This file is
+gratefully uploaded to the PG collection in honor of
+Distributed Proofreaders having posted over 10,000 ebooks.
+
+
+
+
+
+
+
+ _Heimatlos._
+
+
+ Zwei Geschichten für Kinder
+ und
+ auch für solche, welche die Kinder lieb haben.
+
+
+ Von
+ Johanna Spyri.
+
+
+ Siebzehnte Auflage.
+ _Mit vier Bildern._
+
+
+ Gotha.
+ _Friedrich Andreas Perthes_ A.-G.
+
+
+
+ Alle Rechte vorbehalten.
+
+
+
+Inhalt.
+ Seite
+
+Am Silser- und am Gardasee 1
+
+Wie Wiselis Weg gefunden wird 129
+
+
+
+
+Am Silser- und am Gardasee.
+
+
+[Illustration: Frontispiz]
+
+[Illustration: Das Büblein schaute mit den großen, dunklen Augen lange
+hinaus dem Vater nach]
+
+
+
+
+Erstes Kapitel.
+
+Im stillen Hause.
+
+
+Im Ober-Engadin, an der Straße gegen den Maloja hinauf, liegt ein
+einsames Dörfchen, das heißt Sils. Da geht man von der Straße
+querfeldein, und hinten, ganz nahe an den Bergen, liegt ein kleiner Ort,
+der heißt Sils-Maria. Da standen zwei Häuschen einander gegenüber, ein
+wenig abseits im Felde. Die hatten beide uralte hölzerne Haustüren und
+ganz kleine Fenster tief in der Mauer drinnen. Beim einen Haus war ein
+kleines Stück Garten, da wuchs Kraut und Kohl und es standen auch vier
+Blumenstöcke darin, die sahen aber mager aus und aufgeschossen wie das
+Kraut. Beim anderen Häuschen war gar nichts als ein kleiner Stall neben
+der Tür; da krochen zwei Hühner aus und ein. Dies Häuschen war noch
+ziemlich kleiner als das andere, und die hölzerne Tür war schwarz vor
+Alter.
+
+Aus dieser Tür trat jeden Morgen um dieselbe Zeit ein großer Mann, der
+mußte sich bücken, um hinauszukommen. Der große Mann hatte ganz
+glänzend schwarze Haare und schwarze Augen, und unter der schön
+geformten Nase fing gleich ein so dichter, schwarzer Bart an, daß man
+vom übrigen Gesichte nichts mehr sah als die weißen Zähne, die zwischen
+den Barthaaren durchblitzten, wenn der Mann einmal sprach; aber er
+sprach sehr wenig. Alle Leute in Sils kannten den Mann, aber niemand
+nannte ihn bei einem Namen, er hieß bei allen nur »der Italiener«. Er
+ging regelmäßig den schmalen Weg querüber gegen Sils hin und den Maloja
+hinauf. Dort wurde viel an der Straße gebaut, und da hatte der Italiener
+seine Arbeit. Ging er aber nicht den Weg hinauf, so ging er hinunter,
+dem Bade St. Moritz zu; dort baute man Häuser, und er fand auch seine
+Arbeit. Da blieb er den Tag über und kehrte erst am Abend wieder ins
+Häuschen zurück. Gewöhnlich, wenn er am Morgen aus der Tür trat, stand
+hinter ihm ein Büblein; das stellte sich auf die Türschwelle, wenn der
+Vater draußen war, und schaute mit den großen, dunklen Augen lange
+hinaus dem Vater nach, oder sonst wohin, man hätte nicht sagen können,
+wohin, denn es war, als ob die dunklen Augen über alles wegschauten, was
+vor ihnen lag, und auf etwas hin, das niemand sehen konnte.
+
+Am Sonntagnachmittag, wenn die Sonne schien, dann traten die beiden auch
+manchmal miteinander aus dem Häuschen und gingen nebeneinander her die
+Straße hinauf. Und wenn man sie so ansah, so sah man ganz dasselbe vor
+sich in den zwei Gestalten, nur bei dem Büblein alles im kleinen, aber
+es war ganz wie vom Vater abgeschnitten, bis auf den schwarzen Bart, den
+hatte es nicht, sondern ein schmales, bleiches Gesichtchen war da zu
+sehen, mit dem schöngeformten Näschen in der Mitte, und um den Mund
+herum lag etwas Trauriges, wie wenn er nicht lachen möchte. Das konnte
+man beim Vater nicht sehen vor dem Bart.
+
+Wenn nun die beiden so nebeneinander hergingen, dann sagte keiner ein
+Wort zu dem anderen; meistens summte der Vater leise ein Lied, manchmal
+auch lauter, und das Büblein hörte zu. Wenn es aber regnete am Sonntag,
+dann saß der Vater daheim im Häuschen auf der Bank am Fenster, und das
+Büblein saß neben ihm, und sie sagten wieder nichts zueinander. Aber der
+Vater zog eine Mundharmonika hervor und spielte eine Melodie nach der
+anderen, und das Büblein hörte aufmerksam zu. Manchmal nahm er auch
+einen Kamm oder ein Baumblatt und lockte Melodien daraus hervor, oder er
+schnitt ein Stück Holz zurecht und pfiff darauf ein Lied. Es war, als
+gäbe es keinen Gegenstand, dem er nicht Musik entlocken könnte. Aber
+einmal hatte er eine Geige mit nach Hause gebracht, die hatte das
+Büblein so entzückt, daß es sie nie wieder vergessen konnte. Der Vater
+hatte viele Lieder und Melodien darauf gespielt und das Büblein
+unverwandt zugeschaut, nicht nur zugehört; und wie der Vater die Geige
+weggelegt hatte, da hatte sie das Büblein leise genommen und probiert,
+wie man die Melodien herausbringe. Und es mußte es so gar schlecht nicht
+gemacht haben, denn der Vater hatte gelächelt und gesagt: »So komm!« und
+hatte seine großen Finger auf die kleinen gelegt mit der linken Hand,
+und mit der rechten die Hand des Bübleins mitsamt dem Bogen in die
+seinige genommen, und so hatten sie eine gute Zeitlang fortgegeigt
+allerlei Melodien.
+
+Die folgenden Tage, wenn der Vater fort war, hatte das Büblein fort und
+fort probiert und gegeigt, bis es eine Melodie herausgebracht hatte;
+aber da war auf einmal die Geige wieder verschwunden und kam nie wieder
+zum Vorschein. Zuweilen, wenn sie so zusammensaßen, fing der Vater auch
+an zu singen, erst nur leise und dann immer deutlicher, wenn er einmal
+daran war. Dann sang das Büblein auch mit, und wenn es die Worte nicht
+recht mitsingen konnte, so sang es doch die Töne; denn der Vater sang
+immer italienisch, und es verstand vieles, aber es war ihm nicht so
+recht bekannt und geläufig zum Singen. Da aber war eine Melodie, die
+konnte es besser als alle anderen, denn der Vater hatte sie
+vielhundertmal gesungen.
+
+Sie gehörte zu einem langen Lied, das fing so an:
+
+ #»Una sera
+ In Peschiera« --#
+
+Es war eine ganz wehmütige Melodie, die einer zu der kurzweiligen
+Romanze gemacht hatte, und sie gefiel dem Büblein besonders wohl, so daß
+es sie immer mit Freuden und ganz andächtig absang, und es tönte gut,
+denn das Büblein hatte eine helle, glockenreine Stimme, die floß so
+schön mit des Vaters kräftigem Baß zusammen. Auch jedesmal, wenn dieses
+Lied zu Ende gesungen war, klopfte der Vater den Kleinen freundlich auf
+die Schulter und sagte: #»Bene, _Encrico,_ va bene.«# So nannte aber nur
+der Vater den Knaben, bei allen anderen Leuten hieß er nur »Rico«. Da
+war auch noch eine Base, die mit in dem Häuschen wohnte, die flickte und
+kochte und alles in Ordnung hielt. Im Winter saß sie am Ofen und spann,
+da mußte Rico immer nachdenken, wie er seine Gänge einrichten könne,
+denn sobald er die Tür aufmachte, sagte die Base: »Laß doch einmal diese
+Tür in Ruh', es wird ja ganz kalt in der Stube.« Er war dann oft lange
+allein mit der Base. Der Vater hatte in der Zeit irgendwo unten im Tale
+Arbeit und blieb viele Wochen lang fort.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+In der Schule.
+
+
+Rico war bald neun Jahre alt und hatte schon zwei Winter hindurch die
+Schule besucht, denn im Sommer gab es da droben in den Bergen keine
+Schule; da hatte der Lehrer seinen Acker zu bebauen und zu grasen und zu
+hauen wie alle anderen Leute, zur Schule hatte dann niemand Zeit. Das
+tat aber dem Rico nicht besonders leid, er wußte sich schon zu
+unterhalten. Wenn er sich am Morgen dort auf die Schwelle gestellt
+hatte, so blieb er stehen, schaute hinaus mit träumenden Augen und
+bewegte sich nicht, und so konnte er stundenlang stehen, wenn nicht
+drüben am anderen Häuschen die Türe aufging und ein kleines Mädchen
+herauskam und lachend zu ihm herüberschaute; dann lief Rico schnell
+hinüber, und die Kinder hatten sich schon wieder viel zu sagen seit
+gestern Abend, wo sie sich zuletzt gesehen hatten, ehe Stineli ins Haus
+gerufen wurde. Stineli hieß das Mädchen und war gerade so alt wie Rico;
+sie hatten miteinander angefangen in die Schule zu gehen und waren in
+derselben Klasse, und schon von jeher waren sie immer beieinander
+gewesen, denn es war ja nur ein schmaler Weg zwischen ihren Wohnungen
+und sie waren die allerbesten Freunde.
+
+Rico hatte auch nur diese einzige Freundschaft, denn mit den Buben
+ringsherum hatte er keine Freude, und wenn sie sich prügelten und auf
+dem Boden herumwarfen und sich auf die Köpfe stellten, dann ging er
+davon und schaute nicht einmal zurück. Wenn sie aber riefen: »Jetzt
+wollen wir einmal den Rico abprügeln«, dann stand er still und stellte
+sich geradeauf hin und machte gar nichts; aber er schaute sie mit den
+dunkeln Augen so merkwürdig an, daß ihn keiner packte.
+
+Aber beim Stineli war's ihm wohl zumute. Es hatte ein lustiges
+Stumpfnäschen und darüber zwei braune Augen, die lachten immerfort, und
+um den Kopf hatte es zwei dicke, braune Zöpfe gebunden, die sahen sehr
+sauber aus, denn das Stineli war ein ordentliches Mädchen und wußte sich
+zu helfen; es war auch in einer guten Schule Tag für Tag. Stineli war
+wohl kaum neun Jahre alt, aber es war die älteste Tochter und mußte der
+Mutter überall helfen, und da war viel zu tun. Denn nach dem Stineli
+kamen noch: das Trudi und der Sami und der Peterli, und das Urschli und
+das Anne-Deteli und der Kunzli, und dann noch das Ungetaufte. Immerfort
+rief man nach dem Stineli aus allen Ecken, und es war dabei so flink
+geworden, daß ihm alles aus der Hand lief wie von selbst. Den Kleinen
+hatte es immer schon drei Strümpfe und zwei Schuhe angezogen und
+festgebunden, eh' das Trudi dem einen, dem es helfen sollte, nur die
+Beine dazu in die rechte Stellung gebracht hatte. Und wenn in der Stube
+die kleinen Kinder und in der Küche die Mutter miteinander dem Stineli
+riefen, dann rief der Vater noch aus dem Stall herüber, er hatte dort
+die Kappe verlegt oder die Peitsche war verknüpft, und das Stineli mußte
+ihm helfen, denn es fand die Kappe immer gleich, sie war meistens auf
+dem Futterkasten, und seine gelenkigen Finger brachten die
+Peitschenschnur gleich auseinander. So war das Stineli immerfort im
+Laufen und am Arbeiten, aber es war ganz lustig und munter dabei, und im
+Winter war es froh über die Schule, denn dann wanderte es dahin und
+wieder heim mit dem Rico, und in der Pause gingen sie auch zusammen. Und
+im Sommer war es wieder froh, da gab es schöne Sonntagabende, da es
+hinaus durfte; dann zog es aus mit dem Rico, der schon lange drüben
+unter der Tür gewartet hatte, und sie liefen Hand in Hand über die große
+Wiese hin nach der bewaldeten Anhöhe drüben, die weit in den See
+hinausgeht wie eine Insel. Dort oben saßen sie unter den Tannen und
+schauten in den grünen See hinunter und hatten einander so viel zu
+erzählen und zu fragen, und es war ihnen so wohl, daß das Stineli sich
+die ganze Woche und durch alles durch freute, denn es wurde immer wieder
+Sonntag.
+
+In dem Häuschen aber war noch jemand, der dann und wann nach dem Stineli
+rief, das war die alte Großmutter. Die rief aber nicht, damit es ihr
+noch helfe, sondern sie hatte ihm etwa einen Blutzger zu geben, der ihr
+in die Hand kam, oder sonst etwas, denn Stineli war ihr Liebling und sie
+sah es mehr als sonst irgend jemand, wie viel das Stineli schon tun
+mußte für sein Alter, mehr als die meisten Kinder. Darum gab sie ihm
+gern etwas, daß es auch wie andere Kinder am Jahrmarkt etwas kaufen
+könne, etwa ein rotes Bändeli oder ein Nadelbüchsli. Die Großmutter war
+auch gegen Rico sehr gut und sah die Kinder gern beisammen und tat auch
+manchmal etwas für das Stineli, daß es mit dem Rico noch ein wenig
+draußen bleiben durfte.
+
+An den Sommerabenden saß sie immer vor dem Häuschen auf dem Holzstumpf,
+der da lag; und oft standen Stineli und Rico bei ihr und sie erzählte
+ihnen etwas. Wenn dann die Betglocke zu läuten anfing vom Türmchen, so
+sagte sie: »Jetzt müßt ihr jedes ein Vaterunser beten, und das dürft ihr
+nie vergessen, daß man am Abend sein Vaterunser beten muß; dazu läutet
+die Betglocke.«
+
+»Und seht, Kinder«, sagte die Großmutter von Zeit zu Zeit einmal wieder,
+»ich habe schon lange gelebt und viel gesehen, und ich kenne nicht
+einen, der nicht einmal in seinem Leben sein Vaterunser nötig gehabt
+hätte, aber manchen, der es mit Angst gesucht und nicht mehr gefunden
+hat, wenn die Not da war.« Dann standen Stineli und Rico ganz andächtig
+da und jedes betete ein Vaterunser.
+
+Jetzt war es Mai und eine kleine Zeit mußte die Schule noch dauern,
+lange konnte es nicht mehr sein, denn es grünte unter den Bäumen und
+große Strecken waren ganz frei von Schnee. Rico stand schon unter der
+Tür seit einer guten Weile und stellte diese Betrachtungen an. Dabei
+schaute er immer wieder nach der Tür drüben, ob sie noch nicht aufgehen
+wollte. Jetzt ging sie auf und Stineli kam herausgesprungen.
+
+»Bist du schon lang dagestanden? Hast du wieder gestaunt, Rico?« rief es
+lachend. »Siehst du, heut' ist es noch früh, wir können langsam gehen.«
+
+Jetzt nahmen sie einander bei der Hand und wanderten der Schule zu.
+
+»Denkst du immer noch an den See?« fragte Stineli im Gehen.
+
+»Ja gewiß«, versicherte Rico mit ernstem Gesicht, »und manchmal träumt
+es mir auch davon und ich sehe so große, rote Blumen daran und drüben
+die violetten Berge.«
+
+»Ach, das gilt nicht, was es einem träumt«, sagte Stineli lebhaft; »es
+hat mir auch einmal geträumt, der Peterli kletterte ganz allein auf die
+allerhöchste Tanne hinauf, und wie er auf dem obersten Zweiglein saß, da
+war's nur noch ein Vogel, und er rief herunter: 'Stineli, zieh mir die
+Strümpf' an.' Jetzt siehst du doch, daß das nichts sein kann.«
+
+Rico mußte stark nachdenken, wie das sei, denn sein Traum konnte doch
+sein und war nur wie etwas, das ihm wieder in den Sinn kam. Aber jetzt
+waren sie nahe beim Schulhaus angelangt und ein ganzer Trupp Kinder
+lärmte von der anderen Seite daher. Sie traten alle miteinander ein, und
+bald nachher kam auch der Lehrer. Der war ein alter Mann mit dünnen,
+grauen Haaren, denn er war schon undenklich lang Lehrer gewesen, so daß
+ihm darüber die Haare grau geworden und ausgefallen waren. Es ging nun
+an ein strenges Buchstabieren und Syllabieren, dann kam das Einmaleins
+an die Reihe und zuletzt kam der Gesang. Da holte der Lehrer seine alte
+Geige hervor und stimmte sie, und nun ging es an und alle sangen aus
+voller Kehle:
+
+ »Ihr Schäflein hinunter
+ Von sonniger Höh'«,
+
+und der Lehrer geigte dazu.
+
+Nun schaute aber der Rico so gespannt auf die Geige und des Lehrers
+Finger, wie dieser die Saiten griff, daß Rico darüber ganz das Singen
+vergaß und keinen Ton mehr von sich gab. Jetzt fiel mit einem Male die
+ganze Sängerherde einen halben Ton hinunter, da wurde die Geige auch
+unsicher und fiel nach, und die Sänger fielen noch tiefer, und man kann
+gar nicht wissen, wie tief hinunter alles miteinander gefallen wäre, --
+aber jetzt warf der Lehrer die Geige auf den Tisch und rief erzürnt:
+»Was ist das für ein Gesang! Ihr unvernünftigen Schreier! Wenn ich doch
+wissen könnte, wer mir so falsch singt und einen ganzen Gesang
+verdirbt!«
+
+Da sagte ein kleiner Bube, der neben Rico saß: »Ich weiß schon, warum es
+so gegangen ist; allemal geht es so, wenn der Rico aufhört zu singen.«
+
+Dem Lehrer war es selbst nicht so ganz unbekannt, daß die Geige am
+sichersten ging, wenn Rico fest mitsang.
+
+»Rico, Rico, was muß ich hören«, sagte er ernsthaft, zu diesem gewandt.
+»Du bist sonst ein ordentliches Büblein, aber Unachtsamkeit ist ein
+großer Fehler, das hast du jetzt gesehen. Ein einziger unachtsamer
+Schüler kann einen ganzen Gesang verderben. Jetzt wollen wir noch einmal
+anfangen, und daß du aufpassest, Rico!«
+
+Nun setzte Rico mit fester, klarer Stimme ein, und die Geige folgte
+nach, und alle Kinder sangen aus allen Kräften mit, so daß es ganz
+herrlich anzuhören war bis zum Schluß. Da war der Lehrer sehr zufrieden
+und rieb sich die Hände und tat noch ein paar feste Striche auf der
+Geige und sagte vergnüglich: »Es ist auch ein Instrument danach.«
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+Des alten Schullehrers Geige.
+
+
+Vor der Tür hatten sich Stineli und Rico bald aus dem Rudel
+herausgemacht und zogen zusammen ihren Weg.
+
+»Hast du vor lauter Staunen nicht mehr mitgesungen, Rico?« fragte jetzt
+Stineli. »Ist dir etwa auf einmal der See in den Sinn gekommen?«
+
+»Nein, etwas anderes«, sagte Rico; »ich weiß jetzt, wie man spielt: 'Ihr
+Schäflein hinunter'. Wenn ich nur eine Geige hätte!«
+
+Der Wunsch mußte Rico schwer auf dem Herzen liegen, denn er kam mit
+einem tiefen Seufzer heraus. Stineli war gleich ganz voller Teilnahme
+und unternehmender Gedanken.
+
+»Wir wollen eine kaufen zusammen«, rief es plötzlich in großer Freude
+über die Hilfe, die ihm in den Sinn gekommen war. »Ich habe ganz viele
+Blutzger von der Großmutter, etwa zwölf; wie viele hast du?«
+
+»Gar keinen«, sagte Rico traurig; »der Vater hat mir ein paar gegeben,
+ehe er fortging. Aber die Base hat gesagt, ich mache nur unnützes Zeug
+damit, und hat sie genommen und ganz hoch hinauf in den Kasten gelegt;
+man kann sie nicht mehr erlangen.«
+
+Aber Stineli ließ sich nicht so bald entmutigen. »Vielleicht haben wir
+doch genug Geld, und die Großmutter gibt mir schon noch ein wenig«,
+sagte es tröstend; »weißt du, Rico, eine Geige kostet nicht so viel; es
+ist nur altes Holz und vier Saiten darüber gespannt, das kostet nicht
+viel. Du mußt nur morgen den Lehrer fragen, was eine Geige kostet, und
+nachher suchen wir eine.«
+
+So blieb es ausgemacht, und Stineli dachte, es wolle daheim tun, was es
+nur könne, und ganz früh aufstehen und das Feuer anmachen, eh' nur die
+Mutter auf sei; denn wenn es so immerfort etwas tat von früh bis spät,
+steckte ihm gewöhnlich die Großmutter einen Blutzger in den Sack.
+
+Am folgenden Morgen, als die Schule aus war, ging Stineli allein hinaus
+und an der Ecke vom Schulhaus stand es still hinter dem Holzhaufen und
+wartete auf den Rico, der jetzt den Lehrer fragen sollte wegen der
+Geige. Er kam lange nicht heraus, und Stineli guckte immer wieder mit
+Ungeduld hinter dem Holze hervor, aber es waren nur die anderen Buben,
+die noch da und dort herumstanden. Aber jetzt -- richtig, Rico kam um den
+Holzhaufen herum. Da war er.
+
+»Was hat er gesagt, was kostet sie?« rief Stineli mit angehaltenem Atem
+vor Erwartung.
+
+»Ich habe nicht fragen mögen«, antwortete Rico verzagt.
+
+»O, wie schade!« sagte Stineli und stand ganz verblüfft da, aber nicht
+lange. »Es ist gleich, Rico«, sagte es wieder fröhlich und nahm ihn bei
+der Hand zum Heimgehen, »du kannst nur morgen fragen. Ich habe auch
+schon wieder einen Blutzger bekommen heute früh von der Großmutter, weil
+ich schon auf war, als sie in die Küche kam.«
+
+Nun ging es aber am folgenden Tage wieder ganz gleich und am dritten
+auch; Rico blieb immer eine halbe Stunde lang vor der Wohnstube des
+Lehrers stehen und mochte nicht hineingehen und seine Frage tun. Da
+dachte Stineli heimlich: Wenn er noch drei Tage lang nicht fragt, dann
+frag' ich. Aber am vierten Tage, als Rico wieder nachdenklich und
+zaghaft an der Tür stand, ging diese plötzlich auf, und der Lehrer trat
+eilig heraus und stieß so gewaltig gegen den Rico an, daß das
+federleichte Büblein ein gutes Stück rückwärts flog. In großem Erstaunen
+und ziemlichem Unwillen stand der Lehrer da. »Was ist das, Rico?« fragte
+er jetzt, als der Kleine wieder am Platze stand. »Warum kommst du an
+eine Tür und klopfest nicht an, wenn du da etwas zu verrichten hast;
+wenn du aber nichts da zu verrichten hast, warum entfernst du dich
+nicht? Solltest du mir aber etwas zu berichten haben, so kannst du's
+gleich hier sagen. Was wolltest du?«
+
+»Was kostet eine Geige?« stürzte Rico vor lauter Angst in voller Hast
+heraus.
+
+Des Lehrers mißbilligendes Erstaunen wuchs sichtlich. »Rico, was muß ich
+von dir denken?« fragte er mit gestrenger Miene; »kommst du extra an die
+Tür deines Lehrers, um unnütze Fragen an ihn zu tun? oder hast du eine
+Absicht? Was hast du damit sagen wollen?«
+
+»Ich habe nichts sagen wollen«, entgegnete Rico schüchtern, »nur fragen,
+was eine Geige kostet.«
+
+»Du hast mich nicht verstanden, Rico; paß jetzt auf, was ich dir sage:
+ein Mensch spricht etwas aus und denkt sich dabei einen Zweck; oder er
+denkt sich nichts dabei, das sind unnütze Worte. Nun paß auf, Rico: hast
+du soeben diese Frage getan aus gar keinem Grunde, oder aus Neugierde,
+oder hat dich jemand geschickt, der gern eine Geige anschaffen wollte?«
+
+»Ich wollte gern eine kaufen«, sagte Rico ein wenig herzhafter; aber er
+erschrak sehr, als der Lehrer mit einem Male in hellem Zorn ihn anfuhr:
+»Was? Was sagst du da? So ein -- verlorenes, unvernünftiges, welsches
+Büblein, wie du eins bist, eine Geige kaufen? Weißt du denn, was eine
+Geige ist? Weißt du, wie alt ich war und was ich gelernt hatte, eh' ich
+eine Geige anschaffen konnte? Lehrer war ich, fertiger Lehrer,
+zweiundzwanzig Jahre alt und stand in meinem Beruf! Und dann so ein
+Büblein, wie du eins bist! Und jetzt will ich dir sagen, was eine Geige
+kostet, so kannst du deinen Unverstand bemessen. Sechs harte Gulden habe
+ich bezahlt dafür; kannst du dir die Summe vergegenwärtigen? Wir wollen
+sie gleich einmal in Blutzger auflösen: Enthält ein Gulden 100 Blutzger,
+so enthalten sechs Gulden 6 x 100 gleich? -- gleich? -- Nun Rico, du bist
+sonst keiner von den Ungeschickten, -- gleich?«
+
+»Gleich 600 Blutzger«, ergänzte Rico leise, denn der Schrecken versagte
+ihm die Stimme, nun er die Summe überschaute und Stinelis zwölf Blutzger
+damit verglich.
+
+»Und dann, Büblein«, fuhr der Lehrer im Zuge weiter fort, »was meinst
+du? Meinst du, es nimmt einer eine Geige nur in die Hand und spielt? Da
+muß einer anders dran, bis er so weit ist. Komm gleich einmal da herein«
+-- und der Lehrer machte die Tür auf und nahm die Geige von der Wand --;
+»da, nimm sie einmal in den Arm und den Bogen in die Hand; so, Büblein,
+und wenn du mir nun #c d e f# herausbringst, so geb' ich dir gleich
+einen halben Gulden.« Rico hatte wirklich die Geige im Arm; seine Augen
+leuchteten auf wie Feuer. #c d e f# -- spielte er fest und völlig
+korrekt. »Du Erzblitzbub«, rief der Lehrer vor Bewunderung aus, »woher
+kannst du das? Wer hat dich's gelehrt? Wie kannst du die Töne
+finden?«
+
+[Illustration: Jetzt spielte Rico mit aller Sicherheit und
+freudestrahlenden Augen]
+
+»Ich kann noch etwas, wenn ich's spielen darf«, sagte Rico und schaute
+mit Verlangen auf das Instrument in seinem Arm.
+
+»Spiel's!« bedeutete der Lehrer. Jetzt spielte Rico mit aller Sicherheit
+und freudestrahlenden Augen:
+
+ »Ihr Schäflein hinunter
+ Von sonniger Höh',
+ Der Tag ging schon unter,
+ Für heute ade!«
+
+Der Lehrer hatte sich auf einen Stuhl niedergelassen und die Brille
+aufgesetzt. Er schaute mit ernster Prüfung jetzt auf Ricos Finger, dann
+auf seine funkelnden Augen, dann wieder auf die Finger. Rico hatte
+fertig gespielt.
+
+»Komm hier zu mir her, Rico!«
+
+Der Lehrer rückte seinen Stuhl ins Licht, und Rico mußte sich gerade vor
+ihm aufstellen. »So, nun muß ich ein Wort mit dir reden. Dein Vater ist
+ein Welscher, Rico, und siehst du, dort unten gehen allerhand Dinge, von
+denen wir hier in den Bergen nichts wissen. Nun sieh mir in die Augen
+und sag mir aufrichtig und der Wahrheit gemäß: Wie bist du dazu
+gekommen, diese Melodie ohne Fehler auf meiner Geige zu spielen?«
+
+Rico schaute den Lehrer mit ganz ehrlichen Augen an und sagte: »Ich habe
+sie Euch abgelernt in der Singschule, wo wir sie so viel singen.«
+
+Diese Worte gaben der Sache eine ganz andere Wendung. Der Lehrer stand
+auf und ging einige Male hin und her. So war er selbst der Urheber
+dieser wunderbaren Erscheinung; da waren also keine Schwarzkünste dabei
+im Spiel. Mit versöhntem Gemüte zog er jetzt seinen Beutel hervor: »Da
+ist ein halber Gulden, Rico, er gehört dir mit Recht. Nun fahr so fort
+und sei recht aufmerksam auf das Geigenspiel, solange du zur Schule
+gehst, so kannst du's zu etwas bringen, und in zwölf bis vierzehn Jahren
+wird die Zeit da sein, da du auch eine Geige anschaffen kannst. Jetzt
+kannst du gehen.«
+
+Rico warf noch einen Blick auf die Geige, dann ging er mit der
+allertiefsten Betrübnis im Herzen.
+
+Stineli kam hinter dem Holzstoß hervorgerannt: »Diesmal bist du aber
+lang geblieben, hast du gefragt?«
+
+»Es ist alles verloren«, sagte Rico, und seine Augenbrauen kamen vor
+Leid so nah zusammen, daß _ein_ dicker, schwarzer Strich war über die
+Augen hin. »Eine Geige kostet sechshundert Blutzger, und in vierzehn
+Jahren kann ich eine kaufen, wenn schon lange alles tot ist; wer wollte
+noch am Leben sein in vierzehn Jahren. Da, das kannst du haben, ich
+will's nicht.« Damit drückte er den halben Gulden in Stinelis Hand.
+
+»Sechshundert Blutzger!« wiederholte Stineli voller Entsetzen. »Aber
+woher hast du das viele Geld hier?«
+
+Rico erzählte nun alles, wie es gegangen war bei dem Lehrer, und endete
+wieder mit dem Worte des größten Leides: »Jetzt ist alles verloren.«
+
+Stineli wollte ihm wenigstens seinen halben Gulden aufdringen als einen
+ganz kleinen Trost; aber er war ganz ergrimmt über den unschuldigen
+halben Gulden und wollte ihn nicht ansehen.
+
+Da sagte Stineli: »So will ich ihn zu meinen Blutzgern tun und dann
+wollen wir das Geld alles miteinander teilen und alles gehört uns
+zusammen.«
+
+Diesmal war auch Stineli sehr niedergeschlagen; als es aber mit Rico um
+die Ecke kam, wo es ins Feld hineinging, lag der schmale Fußweg so schön
+trocken in der Sonne bis zur Haustür hin, und dort flimmerte das
+Plätzchen davor auch ganz weiß und trocken, und Stineli rief:
+
+»Sieh, sieh, nun wird's Sommer, Rico, und wir können wieder in den Wald
+hinauf; dann freut's dich auch wieder. Wollen wir schon am Sonntag
+gehen?«
+
+»Es freut mich gar nichts mehr«, sagte Rico; »aber wenn du gehen willst,
+so will ich schon mitkommen.«
+
+An der Tür wurde es noch ganz ausgemacht, am Sonntag wollten sie
+hinübergehen auf die Waldhöhe, und dem Stineli kam schon wieder die
+Freude obenauf. Es tat auch noch die Woche durch, was es nur vermochte,
+und es gab viel zu tun; der Peterli und der Sami und das Urschli hatten
+die Röteln, und im Stall war eine Geiß krank, der mußte man öfter heißes
+Wasser bringen, und Stineli mußte da- und dorthin laufen und überall
+Hand anlegen, sobald es nur aus der Schule kam, und am Samstag den
+ganzen Tag lang, bis spät am Abend, da mußte es noch den Stalleimer
+fegen. Da sagte aber auch der Vater am Abend: »Das Stineli ist ein
+handliches.«
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+Der ferne, schöne See ohne Namen.
+
+
+Als am Sonntagmorgen Stineli die Augen aufmachte, hatte es eine große
+Freude im Herzen und wußte zuerst gar nicht warum, bis es sich besann,
+daß es Sonntag war und die Großmutter noch am Abend spät gesagt hatte:
+»Morgen mußt du Sonntag haben, den ganzen Nachmittag; er gehört dir!«
+
+Als das Mittagessen vorbei war und Stineli alle Teller weggetragen und
+den Tisch abgewaschen hatte, rief der Peterli: »Komm zu mir, Stineli«,
+und die zwei anderen im Bett schrieen: »Nein, zu mir!« Und der Vater
+sagte: »Das Stineli muß nach der Geiß sehen.«
+
+Aber nun ging die Großmutter in die Küche hinaus und winkte dem Stineli
+nach. »Geh du jetzt in Frieden«, sagte sie, »der Geiß und den Kindern
+will ich schon nachgehen, und wenn's Betglocke läutet, kommt ordentlich
+heim.« Die Großmutter wußte schon, daß ihrer zwei waren.
+
+Jetzt schoß Stineli davon wie ein Vogel, dem man die Käfigtür aufgemacht
+hat, und drüben stand Rico, der hatte lange schon gewartet. Nun zogen
+sie aus über die Wiese hin, der Waldhöhe zu. Die Sonne schien an allen
+Bergen und der Himmel lag blau darüber. Auf der Schattenseite mußten sie
+noch ein wenig im Schnee gehen bis hinauf, aber da kam die Sonne von
+vorn und flimmerte über den See, und da waren schöne, trockene Plätzchen
+am Abhang, steil über dem Wasser. Da saßen die Kinder hin; es pfiff ein
+scharfer Wind über die Höhe und sauste ihnen um die Ohren. Stineli war
+lauter Freude und Genuß. Ein Mal über das andere rief es aus:
+
+»Sieh, sieh, Rico, die Sonne, wie schön! Jetzt wird's Sommer; sieh, wie
+es glitzert auf dem See. Es kann gar keinen schöneren See geben, als der
+ist«, sagte es jetzt zuversichtlich.
+
+»Ja, ja, Stineli, du solltest nur einmal den See sehen, den ich meine!«
+und Rico schaute so verloren über den See hin, als finge, was er ansehen
+wollte, erst dort an, wo man nichts mehr sah.
+
+»Siehst du, dort stehen nicht so schwarze Tannen mit Nadeln, da sind so
+glänzende, grüne Blätter und große, rote Blumen, und die Berge stehen
+nicht so hoch und schwarz und so nah, nur weit drüben liegen sie ganz
+violett, und am Himmel und auf dem See ist alles golden und so still und
+warm; da tut der Wind nicht so und die Füße hat man nicht so voll
+Schnee, dann kann man immer so am sonnigen Boden sitzen und zuschauen.«
+
+Stineli war bald hingerissen; es sah schon die roten Blumen und den
+goldenen See vor sich, das mußte doch so schön sein.
+
+»Vielleicht kannst du wieder einmal dahin gehen an den See und alles
+wieder sehen; weißt du den Weg?«
+
+»Man geht auf den Maloja. Dort bin ich schon mit dem Vater gewesen: da
+hat er mir die Straße gezeigt, die geht den ganzen Weg hinunter, immer
+so hin und her, und weit unten ist der See, aber noch so weit, daß man
+fast nicht hinkommen kann.«
+
+»Ach, das ist ganz leicht«, meinte Stineli, »du müßtest nur immer weiter
+gehen, so kämst du sicher zuletzt dahin.«
+
+»Aber der Vater hat mir noch etwas gesagt; siehst du, Stineli: wenn man
+auf dem Wege ist und in ein Wirtshaus hineingeht und ißt und schläft da,
+so muß man immer bezahlen, da muß man wieder Geld haben.«
+
+»O, Geld haben wir jetzt so viel«, rief Stineli triumphierend. Aber Rico
+triumphierte nicht mit.
+
+»Das ist gerade so viel wie nichts, das weiß ich noch von der Geige
+her«, sagte er traurig.
+
+»So bleib du lieber daheim, Rico; sieh, es ist doch daheim so schön.«
+
+Eine Weile lang saß Rico nachdenklich da, seinen Kopf auf den Ellbogen
+gestützt, und seine Augenbrauen kamen wieder ganz zusammen. Jetzt kehrte
+er sich wieder zu Stineli, das unterdessen von dem weichen, grünen Moos
+ausrupfte und ein Bettlein machte, zwei Kissen und eine Decke, die
+wollte es dem kranken Urschli bringen. »Du sagst, ich soll nur daheim
+bleiben, Stineli«, sagte er mit gefalteter Stirne; »aber siehst du, mir
+ist es gerade so, wie wenn ich nicht wüßte, wo ich daheim bin.«
+
+»Ach, was sagst du«, rief Stineli und warf vor Erstaunen eine ganze Hand
+voll Moos weg. »Hier bist du daheim, natürlich. Da ist man immer daheim,
+wo man seinen Vater und seine Mutter --«; hier hielt es plötzlich inne:
+Rico hatte ja gar keine Mutter, und der Vater war schon so lang wieder
+fort, und die Base? -- Stineli kam der Base nie zu nah, sie hatte ihm nie
+ein gutes Wort gegeben; es wußte gar nicht mehr, was sagen. Aber Stineli
+konnte in einem so unsicheren Zustande nicht lange bleiben. Rico hatte
+wieder zu staunen angefangen; auf einmal faßte es ihn am Arm und rief:
+
+»Nun möchte ich doch etwas wissen, wie heißt der See, wo es so schön
+ist?«
+
+Rico besann sich. »Ich weiß es nicht«, sagte er, selbst verwundert
+darüber.
+
+Da schlug Stineli vor, sie wollten jemand fragen, wie er heißen könne;
+denn wenn Rico doch einmal viel Geld hätte und gehen könnte, so müßte er
+ja den Weg erfragen und einen Namen wissen. Nun fingen sie an zu
+beraten, wen man fragen könnte; den Lehrer oder die Großmutter. Da fiel
+es Rico ein, der Vater werde es am besten wissen; den wollte er fragen,
+sobald er heimkomme.
+
+Unterdessen war die Zeit vergangen und auf einmal hörten die Kinder ganz
+in der Ferne ein leises Läuten. Sie kannten den Ton, es war die
+Betglocke. Sie sprangen gleich beide vom Boden auf und rannten
+miteinander Hand in Hand durch Gestrüpp und Schnee die Halde hinunter
+und über die Wiese hin, und es hatte noch nicht lange verläutet, so
+standen sie schon an der Tür, wo die Großmutter nach ihnen aussah.
+
+Stineli mußte nun gleich ins Haus hinein, und die Großmutter sagte nur
+schnell: »Geh du auch gleich hinein, Rico, und bleib nicht mehr stehen
+vor der Tür.«
+
+Das hatte die Großmutter noch nie zu ihm gesagt, obschon er es immer
+tat, denn es gelüstete ihm nie, in das Haus hineinzugehen, und er stand
+immer erst eine Zeitlang vor der Haustür, ehe er's tat. Er gehorchte
+aber der Großmutter aufs Wort und ging gleich hinein.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+Ein trauriges Haus, aber der See hat einen Namen.
+
+
+Die Base war nicht in der Stube, so ging er wieder hinaus und machte die
+Küchentür auf. Da stand sie; aber ehe er nur eintreten konnte, hob sie
+den Finger in die Höh' und machte: »Bst! Bst! Mach nicht alle Türen auf
+und zu und einen Lärm, als kämen ihrer vier. Geh in die Stube hinein und
+halte dich still. Der Vater liegt oben in der Kammer; sie haben ihn auf
+einem Wagen gebracht, er ist krank.«
+
+Rico ging hinein und setzte sich auf die Bank an der Wand und bewegte
+sich nicht. So saß er eine gute halbe Stunde lang; die Base fuhr noch
+immer in der Küche herum. Da dachte Rico, er wolle ganz leise in die
+Kammer hineinschauen, vielleicht wollte der Vater auch etwas zu Abend
+essen, es war schon lange Zeit dazu.
+
+Er schlich hinter dem Ofen die kleine Treppe hinauf und kroch in die
+Kammer hinein. Nach einiger Zeit kam er wieder und ging gleich in die
+Küche hinaus und bis nahe zur Base heran. Dann sagte er leise: »Base,
+kommt!«
+
+Diese wollte ihn eben tüchtig anfahren, als ihre Blicke auf sein Gesicht
+fielen: es war völlig ohne Farbe, Wangen und Lippen weiß wie ein Tuch,
+und aus den Augen schaute er so schwarz, daß ihn die Base fast
+fürchtete.
+
+»Was hast du?« fragte sie hastig und folgte ihm unwillkürlich.
+
+Er ging leise das Treppchen hinauf und in die Kammer hinein. Da lag der
+Vater mit starren Augen auf seinem Bett; er war tot.
+
+»Ach, du mein Gott«, schrie die Base und lief mit Lärm zur Tür hinaus,
+die auf der anderen Seite auf den Gang führte, die Treppe hinunter und
+gleich hinüber in die Stube hinein und rief, der Nachbar und die
+Großmutter sollten herüberkommen, und von da lief sie zum Lehrer und zum
+Gemeindevorsteher.
+
+So kam eins ums andere und trat in die stille Kammer hinein, bis sie
+voll von Menschen war, denn einer hörte draußen vom anderen, was
+geschehen sei. Und mitten in dem Gewimmel und den vielen klaghaften
+Worten von all' den Nachbarn stand Rico an dem Bette, lautlos und
+unbeweglich, und schaute den Vater an. -- Die ganze Woche durch kamen
+täglich noch Leute ins Haus, die den Vater ansehen und von der Base
+hören wollten, wie alles zugegangen sei, so daß es Rico ein Mal über das
+andere erzählen hörte: Sein Vater hatte drunten im St. Gallischen an
+einer Eisenbahn Arbeit gehabt. Beim Steinsprengen hatte er eine tiefe
+Wunde in den Kopf bekommen, und da er nun doch nicht mehr arbeiten
+konnte, wollte er heimgehen, um sich zu pflegen, bis es besser würde.
+Aber die lange Reise, teils zu Fuß, teils auf offenen Fuhrwagen, hatte
+er nicht ertragen können, war am Sonntag gegen Abend daheim angelangt
+und hatte sich auf sein Bett gelegt, um nicht wieder aufzustehen; ohne
+daß ihn jemand gesehen hatte, war er verschieden; denn Rico hatte ihn
+schon starr ausgestreckt auf dem Bette gefunden. Am Sonntag darauf wurde
+der Mann begraben. Rico war der einzige Leidtragende, der dem Sarge
+folgte, einige gute Nachbarn hatten sich noch angeschlossen; so ging
+der Zug hinüber nach Sils. Dort hörte Rico, wie der Herr Pfarrer in der
+Kirche laut ablas: »Der Verstorbene hieß Enrico Trevillo und war
+gebürtig aus Peschiera am Gardasee.«
+
+Da war es Rico, als hörte er etwas, das er ganz gut gewußt, aber gar
+nicht mehr hatte zusammenfinden können. Immer hatte er auch den See vor
+sich gesehen, wenn er mit dem Vater gesungen hatte:
+
+ #»Una sera
+ In Peschiera.«#
+
+Aber er hatte nicht gewußt, warum. Leise mußte er die Namen wiederholen,
+eine Menge alter Lieder stiegen damit vor seinen Augen auf.
+
+Als er allein zurückgewandert kam, sah er die Großmutter auf dem
+Holzstumpf sitzen und neben ihr das Stineli. Sie winkte ihn zu sich.
+Dann steckte sie ihm ein Stück Birnbrot in die Tasche, wie sie vorher
+dem Stineli getan hatte, und sagte, nun sollten sie spazieren gehen, an
+dem Tage müsse Rico nicht allein sein. Da wanderten die Kinder zusammen
+in den hellen Abend hinaus. Die Großmutter blieb auf ihrem Holze sitzen
+und schaute mitleidig dem schwarzen Büblein nach, bis sie nichts mehr
+von den Kindern sehen konnte. Dann sagte sie leise für sich:
+
+ »Doch was Er tut und läßt geschehn,
+ Das nimmt ein gutes End'!«
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+Ricos Mutter.
+
+
+Über den Weg von Sils her kam an einem Stab der Lehrer gegangen. Er
+hatte an dem Begräbnis teilgenommen. Er hustete und keuchte, und als er
+nun bei der Großmutter angekommen war und einen »Guten Abend« geboten
+hatte, setzte er hinzu: »Wenn es Euch recht ist, Nachbarin, so sitze ich
+einen Augenblick neben Euch, denn ich habe es stark in dem Hals und auf
+der Brust; aber was kann unsereins sagen mit bald siebzig Jahren, wenn
+man solche begräbt, wie den heute. Er war noch nicht fünfunddreißig und
+ein Mann wie ein Baum.«
+
+Der Lehrer hatte sich neben die Großmutter niedergesetzt.
+
+»Es gibt mir auch zu denken«, sagte diese, »daß ich, eine Alte,
+Fünfundsiebzigjährige, übrig bleibe und da und dort ein Junges fort muß,
+von dem man denkt, es wäre noch nötig gewesen.«
+
+»Die Alten werden auch noch zu etwas gut sein. Wo wäre sonst ein
+Beispiel für die Jungen?« bemerkte der Lehrer. »Aber was meint Ihr,
+Nachbarin, was soll nun aus dem Büblein werden da drüben?«
+
+»Ja, was soll aus dem Büblein werden?« wiederholte die Großmutter; »ich
+frage auch so, und wenn ich nur auf die Menschen sehen wollte, so wüßte
+ich keine Antwort. Aber es ist noch ein Vater im Himmel, der die
+verlassenen Kinder sieht. Er wird auch einen Weg für das Büblein
+finden.«
+
+»Sagt mir einmal, Nachbarin: wie ging es zu, daß der Italiener die
+Tochter von Eurer Nachbarin da drüben zur Frau bekam? Man weiß doch nie,
+woher solche fremde Menschen kommen und was mit ihnen ist.«
+
+»Es ging eben, wie es geht, Nachbar. Ihr wißt ja, meine alte Bekannte,
+die Frau Anne-Dete, hatte alle ihre Kinder verloren und auch den Mann,
+und lebte allein drüben im Häuschen mit dem Marie-Seppli, das ein
+lustiges Töchterlein war. Es mögen jetzt elf oder zwölf Jahre sein, da
+kam der Trevillo zuerst hierher. Er hatte Arbeit oben am Maloja und kam
+etwa hier herunter mit den Burschen, und kaum hatten das Marie-Seppli
+und er einander gesehen, so wurden sie einig, sie wollten einander
+haben. Und das muß man dem Trevillo nachsagen, er war nicht nur ein
+schöner Bursche, der jedem gefallen konnte, sondern auch ein anständiger
+und rechtschaffener Mensch, die Anne-Dete hatte selber ihre Freude an
+ihm. Sie hätte nun freilich gern gewollt, die beiden blieben bei ihr im
+Häuschen, und der Trevillo hätte es gern getan, er konnte es gut mit der
+Mutter, und dem Marie-Seppli tat er, was es nur wollte. Er war aber
+manchmal mit ihm nach dem Maloja hinaufspaziert und hatte die Straße
+hinuntergeschaut, die man so sieht, wie sie weit ins Tal hinabgeht, und
+er hatte ihr erzählt, wie es unten sei, wo er daheim war. Da hatte sich
+das Marie-Seppli in den Kopf gesetzt, es wolle dort hinunter, und es
+half alles nichts, wie auch die Mutter anhielt und jammerte, sie könnten
+nicht leben da unten. Da sagte aber der Trevillo, deswegen müsse sie
+nicht Angst haben, er habe ein Gütlein und ein Häuschen unten; er sei
+nur lieber ein wenig in die Welt hinausgezogen. -- Jetzt hatte er das
+Marie-Seppli gewonnen, und nach der Hochzeit wollte es auf der Stelle
+den Berg hinunter. Es schrieb dann etwa der Mutter, daß es ihm gut gehe
+und der Trevillo der beste Mann sei.
+
+»Aber nach etwa fünf oder sechs Jahren trat eines Tages der Trevillo
+drüben in der Stube ein bei der Anne-Dete und hatte ein Büblein an der
+Hand und sagte: 'Da, Mutter, das ist noch das einzige, was ich vom
+Marie-Seppli habe; es liegt begraben dort unten mit seinen anderen
+kleinen Kindern. Der war sein erstes und sein liebstes.'
+
+»So hat sie's mir erzählt. Dann sei er auf die Bank niedergesessen, wo
+er zuerst das Marie-Seppli gesehen hatte, und habe gesagt: da wolle er
+bleiben mit seinem Büblein, wenn's der Mutter recht sei; denn dort unten
+habe er's nicht mehr ausgehalten.
+
+»Das war Freud' und Leid miteinander für die Anne-Dete. Der kleine Rico
+war etwas zu vier Jahren und war ein zahmes, nachdenkliches Büblein,
+ohne Lärm und Unart, es war ihre letzte Freude, ein Jahr nachher starb
+sie schon, und man riet dem Trevillo, die Base der Anne-Dete zu sich zu
+nehmen für den Haushalt und das Kind.«
+
+»So, so«, machte der Lehrer, als die Großmutter schwieg; »das habe ich
+alles nicht so gewußt. Es kann nun sein, daß sich etwa Verwandte von dem
+Trevillo zeigen mit der Zeit, und man kann sie anhalten, etwas für den
+Knaben zu tun.«
+
+»Verwandte«, seufzte die Großmutter, »die Base ist auch eine Verwandte,
+von ihr bekommt er wenig gute Worte im Jahr.«
+
+Der Lehrer stand mühsam auf von seinem Sitz. »Mit mir geht's bergab,
+Nachbarin«, sagte er kopfschüttelnd; »ich weiß nicht, wo meine Kräfte
+hingekommen sind.«
+
+Die Großmutter ermunterte ihn und sagte: er sei ja noch ein junger Mann
+im Vergleich zu ihr. Sie mußte sich aber doch verwundern, wie langsam er
+davonging.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel.
+
+Ein kostbares Vermächtnis und ein kostbares Vaterunser.
+
+
+Es kamen nun viele schöne Sommertage, und wo die Großmutter nur konnte,
+richtete sie es ein, daß das Stineli einen freien Augenblick bekam; aber
+es gab immer mehr zu tun in dem Hause. Rico stand manche Stunde auf
+seiner Schwelle und staunte und sah nach der Tür drüben, ob das Stineli
+komme.
+
+Gegen den September, wenn die Leute oft noch vor den Häusern saßen, um
+sich der letzten warmen Abende zu freuen, da saß auch der Lehrer noch
+etwa vor seiner Tür; aber er sah ganz abgemagert aus und keuchte immer
+mehr, und eines Morgens, als er aufstehen wollte, hatte er die Kraft
+nicht mehr und fiel wieder auf sein Kissen zurück. Da lag er denn ganz
+still und fing an, allerlei zu bedenken, und wie es kommen würde, wenn
+er sterben müßte. Er hatte keine Kinder, und seine Frau war schon lange
+gestorben, nur eine alte Magd war noch bei ihm im Hause. Er mußte
+hauptsächlich nachdenken, wohin alle die Sachen kämen, die ihm
+angehörten, wenn er nicht mehr da wäre, und da seine Geige ihm gerade
+gegenüber an der Wand hing, so sagte er zu sich: »Die müßte ich auch
+dalassen.« Und der Tag kam ihm in den Sinn, da der Rico hier vor ihm
+gestanden und gegeigt hatte, und er hätte sie dem Büblein fast eher
+gegönnt als einem fernen Vetter, der vom Geigen gar nichts verstand. So
+dachte er bei sich, wenn er sie um ein billiges geben würde, so könnte
+sie der Rico vielleicht erstehen; der Vater hatte ihm doch wohl ein
+kleines hinterlassen. Da fiel ihm aber ein, daß, wenn er die Geige
+verlassen müsse, er das Geld auch nicht mehr brauchen könne. Aber er
+konnte doch ein Instrument, für das er sechs harte Gulden auf den Tisch
+gelegt hatte, nicht nur so weggeben. So dachte er immer schärfer darüber
+nach, wie es zu machen wäre, daß er die Geige nicht so für nichts
+hergeben müßte, daß sie ihm doch irgend etwas eintrüge; aber immer
+zuletzt kam ihm wieder klar vor Augen, daß dorthin, wohin er die Geige
+nicht mitnehmen konnte, er auch nichts anderes fortzubringen imstande
+war, und daß all sein Gut da zurückbleiben würde.
+
+Das Fieber nahm unterdessen mehr und mehr überhand bei ihm, und gegen
+Abend und die ganze Nacht durch lag er in einem großen Kampf von vielen
+Gedanken, und es stiegen alte Dinge vor seinen Augen auf, die er schon
+lange vergessen hatte, und verfolgten ihn, so daß er am Morgen ganz
+erschöpft dalag und nur noch einen Gedanken hatte: er wollte gern etwas
+Gutes tun, gleich auf der Stelle ein gutes Werk verrichten.
+
+Er klopfte mit dem Stock an die Wand, bis die alte Magd hereinkam, und
+diese schickte er zur Großmutter hinaus, sie solle zu ihm kommen, aber
+bald.
+
+Die Großmutter trat auch bald nachher in seine Stube, und eh' sie nur
+recht fragen konnte, wie es ihm gehe, sagte er: »Seid so gut und nehmt
+dort die Geige herunter und bringt sie dem Waisenbüblein; ich will sie
+ihm schenken, er soll Sorg' dazu haben.«
+
+Die Großmutter mußte sich aufs höchste verwundern und einmal über das
+andere ausrufen: »Was wird der Rico machen! Was wird der Rico sagen!«
+
+Dann bemerkte sie, daß der Lehrer ein wenig unruhig wurde, so, wie wenn
+die Sache Eile hätte. So verließ sie ihn bald und eilte nun, so sehr sie
+konnte, mit ihrem Geschenk unter dem Arm übers Feld, denn sie konnte
+selbst kaum erwarten, daß der Rico sein Glück erfahre.
+
+Der stand unter der Haustür; auf den Wink der Großmutter kam er ihr
+entgegengelaufen.
+
+»Da, Rico«, sagte sie und hielt ihm die Geige hin, »die schickt dir der
+Lehrer zum Geschenk, sie ist dein.«
+
+Rico stand da wie im Traume, aber es war so; die Großmutter streckte ihm
+wirklich die Geige entgegen.
+
+»Nimm sie, Rico, sie ist dein«, wiederholte sie.
+
+Zitternd vor Freude und innerer Aufregung ergriff Rico jetzt seine
+Geige, nahm sie in den Arm und schaute sie unverwandt an, so, als könne
+sie ihm wieder wegkommen, wenn er einmal weggehen würde.
+
+»Du sollst auch Sorg' dazu haben«, ergänzte die Großmutter ihren
+Auftrag; sie mußte aber ein wenig lachen, es kam ihr nicht vor, daß die
+Ermahnung nötig sei. »Und Rico, denk auch an den Lehrer und vergiß nie,
+was er an dir getan hat; er ist sehr krank.«
+
+Nun trat die Großmutter in ihr Haus ein, und Rico eilte mit seinem
+Schatz in seine Kammer hinauf, dort war er immer ganz allein.
+
+Da saß er hin und strich und geigte fort und fort und vergaß Essen und
+Trinken und alle Zeit. Erst als es schon fast dunkeln wollte, stand er
+auf und ging die Treppe hinunter. Die Base kam aus der Küche und sagte:
+»Du kannst denn morgen wieder essen, heut' hast du dich aufgeführt, daß
+dir nichts gehört.«
+
+Rico empfand keinen Hunger, obschon er seit dem frühen Morgen nichts
+gegessen hatte; so hatte er auch jetzt nicht ans Essen gedacht und ging
+ganz getrost ins andere Haus hinüber und gleich in die Küche hinein, er
+suchte die Großmutter. Stineli stand am Herd und machte das Feuer an.
+Wie es des Rico ansichtig wurde, mußte es ganz laut aufjauchzen, denn
+schon den ganzen Tag durch, seit die Großmutter erzählt hatte, was
+begegnet war, hatte ihm der Boden unter den Füßen gebrannt, daß es nicht
+hinaus konnte, um seine Freude beim Rico auszulassen; aber es durfte
+keinen Augenblick fort. Nun war es aber auch wie außer sich und rief
+einmal ums andere: »Jetzt hast du sie! Jetzt hast du sie!«
+
+Auf den Lärm kam die Großmutter aus der Stube, und Rico ging gleich zu
+ihr heran und sagte: »Großmutter, kann ich gehen und dem Lehrer danken,
+wenn er schon krank ist?«
+
+Die Großmutter besann sich ein wenig, denn der Lehrer hatte schon am
+Morgen recht schwer krank ausgesehen; dann sagte sie: »Wart ein wenig,
+Rico, ich will mit dir gehen«, und ging, die saubere Schürze anzuziehen.
+Dann wanderten sie miteinander dem Schulhaus zu. Die Großmutter trat
+zuerst ein; dann kam ihr Rico leise nach, die Geige im Arm, denn diese
+hatte er noch keinen Augenblick weggelegt, seit sie ihm gehörte.
+
+Der Lehrer lag sehr ermattet da; Rico trat an das Bett heran und schaute
+dabei auf seine Geige, und er konnte fast nichts sagen, aber seine Augen
+funkelten so, daß der Lehrer ihn wohl verstanden hatte; er warf einen
+frohen Blick auf den Knaben und nickte mit dem Kopfe. Dann winkte er die
+Großmutter zu sich heran. Rico trat auf die Seite und der Lehrer sagte
+mit schwacher Stimme: »Großmutter, es wäre mir recht, wenn Ihr mir ein
+Vaterunser beten wolltet; es wird mir so bang.«
+
+Jetzt hörte man die Betglocke herüberläuten; Rico faltete schnell seine
+Hände, und die Großmutter faltete die ihrigen und betete ihr Vaterunser.
+Dann wurde es ganz still in der Stube. Die Großmutter beugte sich ein
+wenig und drückte dem alten Nachbar die Augen zu, denn er war
+verschieden. Dann nahm sie den Rico an der Hand und ging leise hinaus
+mit ihm.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+Am Silser See.
+
+
+Das Stineli kam gar nicht mehr ins Gleichgewicht vor Freude die ganze
+Woche durch; aber es kam ihm auch vor, als habe diese Woche zehn Tage
+mehr als jede andere, denn es wollte gar nicht Sonntag werden.
+
+Als er aber doch endlich kam und eine goldene Sonne über die Herbsthöhen
+leuchtete, und es mit dem Rico oben unter den Tannen ankam, und der
+glitzernde See vor ihnen lag, da kam eine solche Freude über das
+Stineli, daß es rings im Moos herumhüpfen und jauchzen mußte; und dann
+setzte es sich auf den äußersten Rand am Abhang, daß es alles sehen
+konnte, die sonnigen Höhen und den See und weit hinüber den blauen
+Himmel.
+
+Nun rief es: »Komm, Rico, da wollen wir singen, lang, lang!«
+
+Da setzte sich der Rico neben das Stineli hin und machte seine Geige
+zurecht, denn die war mitgekommen.
+
+Nun fing er an und die Kinder sangen:
+
+ »Ihr Schäflein hinunter
+ Von sonniger Höh'« --
+
+alle Verse durch, aber Stineli hatte noch lange nicht genug.
+
+»Wir wollen immer weiter singen«, sagte es und sang weiter:
+
+ »Ihr Schäflein hinüber
+ Auf die lustige Höh',
+ Die Sonne steht drüber
+ Und der Wind geht am See.«
+
+Und nun sang der Rico den Vers auch mit und freute sich und sagte:
+
+»Sing noch weiter!«
+
+Das Stineli war ganz begeistert vor Freude und schaute auf und ab und
+sang wieder:
+
+ »Und die Schäflein, und die Schäflein,
+ Und der Himmel, so blau,
+ Und rot' und weiße Blumen
+ Auf der grasgrünen Au'.«
+
+Und Rico geigte und sang mit und sagte:
+
+»Sing noch weiter!«
+
+Da schaute das Stineli den Rico lachend an und sang:
+
+ »Und ein Bub' ist so traurig,
+ Und ein Mädle das lacht,
+ Und ein See ist wie der andre
+ Von Wasser gemacht.«
+
+Und Rico lachte auch und sang und sagte:
+
+»Sing noch weiter!«
+
+Da fing das Stineli noch einmal an und sang hintereinander; und Rico
+geigte immerfort dazu, und es sang:
+
+ »Und die Schäflein, und die Schäflein,
+ Die springen herum,
+ Und sind alleweil fröhlich,
+ Und wissen auch nicht warum.
+
+ Und ein Bub' und ein Mädle,
+ Die sitzen am See,
+ Und tät er nichts denken,
+ So tät's ihm nicht weh.«
+
+Und nun fingen sie wieder von vorne an und sangen ihr Lied
+hintereinander durch und hatten ein großes Wohlgefallen daran, und wenn
+sie es fertig gesungen hatten, so fingen sie noch einmal an und dann
+noch einmal und sangen das Lied wohl zehnmal durch, und je mehr sie es
+sangen, desto besser gefiel es ihnen.
+
+Rico spielte dann noch einige Melodien, die er vom Vater her wußte, aber
+nach einer Weile kamen sie wieder auf ihr Lied zurück und fingen aufs
+neue zu singen an.
+
+Aber mittendrin hörte Stineli auf und rief: »Jetzt kommt es mir in den
+Sinn, wie du an den See hinunter kannst und doch kein Geld brauchst.«
+
+Rico hielt plötzlich inne und schaute erwartungsvoll auf das Stineli.
+
+»Siehst du«, fuhr es eifrig fort, »jetzt hast du eine Geige und kannst
+ein Lied. Da mußt du bei jedem Wirtshaus unter die Stubentür gehen und
+das Lied singen und geigen; dann geben dir die Leute etwas zu essen und
+lassen dich schlafen da, denn sie sehen dann, daß du nicht ein Bettler
+bist. So kannst du gehen bis an den See, und im Heimweg kannst du es
+wieder so machen.«
+
+Rico wurde ganz nachdenklich, aber Stineli ließ ihm keine Zeit zum
+Staunen, es wollte gleich noch einmal singen.
+
+Vor lauter Gesang hörten sie auch gar nichts von der Betglocke, und erst
+als es zu dunkeln anfing, merkten sie, daß es Zeit war, heimzugehen, und
+schon von fern sahen sie die Großmutter, wie sie ängstlich umherschaute.
+
+Aber diesmal war Stineli zu sehr im Feuer, um von einer Besorgnis
+gedämpft zu werden. Es rannte auf die Großmutter zu und rief: »Du kannst
+nicht glauben, Großmutter, wie gut der Rico geigen kann, und wir haben
+jetzt ein eigenes Lied, nur für uns. Wir wollen dir's gleich singen.«
+
+Und eh' die Großmutter nur ein Wort sagen konnte, sangen sie schon mit
+heller Stimme zu der Geige ihr ganzes Lied durch, und die Großmutter
+hörte die frischen Stimmen gerne. Sie war auf das Holz niedergesessen,
+und wie die Kinder nun zu Ende waren, sagte sie: »Komm, Rico, jetzt mußt
+du mir auch noch ein Lied spielen und wir wollen es miteinander singen.
+Kannst du das Lied: 'Ich singe dir mit Herz und Mund'?«
+
+Rico hatte es vielleicht auch schon gehört, aber er wußte es nicht mehr
+recht und meinte, erst müsse es die Großmutter einmal singen; dann wolle
+er leise nachgeigen, nachher könne er's dann schon.
+
+»Jetzt werd' ich noch Vorsinger mit meiner Zitterstimme«, sagte die
+Großmutter, aber sie sang ganz vergnügt einen Vers durch, und wenn die
+Stimme ein wenig zitterte, so war sie doch ganz richtig und Rico konnte
+ihr gut die Melodie abnehmen, er hatte sie auch vorher schon gehört.
+
+Nun fingen sie an, und vor jedem Vers sagte die Großmutter den Kindern
+die Worte vor, und so sangen sie fröhlich alle miteinander:
+
+ »Ich singe dir mit Herz und Mund,
+ Herr, meines Herzens Lust.
+ Ich sing' und mach' auf Erden kund,
+ Was mir von dir bewußt.
+
+ Ich weiß, daß du der Brunn'n der Gnad'
+ Und ew'ge Quelle bist,
+ Daraus uns allen früh und spat
+ Viel Heil und Gutes fließt. --
+
+ Was kränkst du dich in deinem Sinn?
+ Und grämst dich Tag und Nacht?
+ Nimm deine Sorg' und wirf sie hin
+ Auf den, der dich gemacht.
+
+ Er hat noch niemals was versehn,
+ In seinem Regiment,
+ Nein, was er tut und läßt geschehn,
+ Das nimmt ein gutes End'.
+
+ Ei nun, so laß ihn ferner tun
+ Und red' ihm nicht darein,
+ So wirst du hier im Frieden ruhn
+ Und ewig fröhlich sein.«
+
+»So«, sagte die Großmutter zufrieden, »das war ein rechter Abendsegen,
+jetzt könnt ihr in Frieden zur Ruhe gehen, Kinder.«
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel.
+
+Ein rätselhaftes Ereignis.
+
+
+Als Rico in das Häuschen eintrat, später als sonst, denn über dem Gesang
+war wohl noch eine halbe Stunde vergangen, schoß ihm die Base entgegen.
+
+»Fängst du jetzt so an?« rief sie. »Das Essen stand eine Stunde lang auf
+dem Tisch, jetzt ist's fort. Geh nur gleich in deine Kammer, und wenn du
+ein ganzer Vagabund und Lump wirst, so bin ich nicht schuld; ich wollte
+lieber ich weiß nicht was tun, als einen Buben hüten, wie du einer
+bist.«
+
+Rico hatte nie ein einziges Wörtlein geantwortet, wenn die Base ihn
+schmähte; aber an dem Abend schaute er sie an und sagte: »Ich kann Euch
+schon aus dem Wege gehen, Base.«
+
+Sie schob den Riegel an der Haustür vor, daß es klatschte, dann fuhr sie
+in die Stube hinein und schlug die Tür hinter sich zu. Rico ging in
+seine dunkle Kammer hinauf. --
+
+Am folgenden Tage, als drüben die ganze große Haushaltung, Eltern,
+Großmutter und alle Kinder beim Abendessen saßen, kam die Base
+herübergelaufen und rief in die Stube hinein: ob sie etwas vom Rico
+wüßten; sie wisse nicht, wo er sei.
+
+»Der wird schon kommen, wenn's ans Abendessen geht«, antwortete der
+Vater geruhlich.
+
+Nun kam aber die Base ganz in die Stube hinein, denn sie hatte gedacht,
+sie könne den Buben nur herausrufen, er werde wohl da sein. Nun
+erzählte sie, er sei schon zum Morgenessen nicht gekommen und zum
+Mittagessen nicht, und im Bett sei er auch nicht gewesen, das sei noch
+wie gestern Abend, und sie glaubte fast, der sei schon am frühesten
+Morgen vor Tag auf seine Lumpereien ausgegangen, denn der Riegel sei
+schon inwendig von der Haustür weggeschoben gewesen, als sie auftun
+wollte; sie habe aber zuerst gemeint, sie habe vor Ärger vergessen, ihn
+zu stoßen, denn es wisse kein Mensch, was sie für Ärger habe.
+
+»Dem hat's etwas gegeben«, sagte der Vater unentwegt. »Er wird etwa in
+eine Spalte hineingefallen sein am Berg oben; das gibt es manchmal mit
+so schmalen Buben, die überall herumklettern. Ihr hättet es ein wenig
+früher sagen sollen«, fuhr er langsam fort, »man wird ihn etwa suchen
+müssen, und des Nachts sieht man nichts.«
+
+Jetzt fuhr die Base los und machte einen furchtbaren Lärm. Sie habe wohl
+gedacht, man werde ihr noch Vorwürfe machen wollen; so gehe es immer,
+wenn man schon jahrelang so viel ertragen und dazu geschwiegen habe.
+
+»Es glaubt es kein Mensch« -- rief sie aus und sagte damit eine große
+Wahrheit --, »was für ein heimtückischer, hinterlistiger, verstockter
+Bube der ist, und wie er mir das Leben schwer gemacht hat seit vier
+Jahren; ein Vagabund wird er, ein Landstreicher und schädlicher Lump!«
+
+Die Großmutter hatte schon lange zu essen aufgehört. Sie war vom Tisch
+aufgestanden und vor die Base hingetreten, die immer noch lärmte.
+
+»Hört auf, Nachbarin, hört auf«, hatte die Großmutter zweimal gesagt,
+bevor die andere nachgab. »Ich kenne den Rico auch; seit man das Büblein
+seiner Großmutter brachte, habe ich es immer gekannt. Wenn ich aber an
+Eurer Stelle wäre, so würde ich kein Wörtlein mehr sagen, aber ein wenig
+nachsinnen, ob das Büblein, dem ein Unglück begegnet sein kann und das
+vielleicht schon da droben steht vor dem lieben Gott, ob es da niemanden
+anzuklagen hat, der in seiner Verlassenheit noch schweres Unrecht an ihm
+getan hat mit bösen Worten.«
+
+Der Base war es schon ein paarmal aufgestiegen, wie Rico sie am Abend
+angeschaut und gesagt hatte: »Ich kann Euch schon aus dem Wege gehen.«
+Sie hatte auch so furchtbar gelärmt, um diese Gedanken zu übertönen. Sie
+durfte die Großmutter nicht ansehen und sagte, sie müsse gehen,
+vielleicht sei der Rico doch nun heimgekommen, was sie jetzt gern genug
+gesehen hätte.
+
+Von dem Tage an sagte die Base nie mehr ein Wort gegen den Rico vor der
+Großmutter, aber auch sonst nicht mehr viele. Sie glaubte, wie alle
+anderen Leute auch, er sei tot, und war froh, daß niemand wußte, was er
+am letzten Abend zu ihr gesagt hatte.
+
+Am Morgen nach der Nachricht ging Stinelis Vater in die Tenne hinaus und
+suchte eine Stange; er hatte gesagt, er wolle ein paar Nachbarn rufen,
+man müsse doch den Buben suchen, etwa gegen den Gletscher hinein und
+oben bei den Rüfenen.
+
+Stineli war ihm nachgeschlichen, und der Vater sagte: »Es ist recht,
+komm, hilf mir suchen, du kannst besser in die Winkel hinein als ich.«
+
+Erst als eine hohe Bohnenstange gefunden war, sagte es: »Aber, Vater,
+wenn der Rico vielleicht der Straße nach gegangen wäre, dann könnte er
+doch in nichts hineingefallen sein?«
+
+»Freilich kann er«, entgegnete der Vater. »Solch' unvernünftige Buben
+kommen vom Wege ab und in die Rüfenen hinein, sie wissen gar nicht wie;
+und der war sonst ein wenig ein Verstaunter.«
+
+Daß der Rico dies war, wußte Stineli besser als irgend jemand, und von
+dem Augenblick an kam eine große Angst in sein Herz und wuchs mit jedem
+Tage, so daß es vor Qual und Unruhe nicht mehr essen und nicht mehr
+schlafen konnte und alle Arbeit tat, als wäre es nicht dabei.
+
+Der Rico wurde nicht gefunden; kein Mensch hatte etwas von ihm gesehen.
+Man suchte ihn nicht mehr, und bald fanden die Leute einen Trost und
+sagten: »Es ist dem Waisenbüblein wohl geschehen, es war doch verlassen
+und hatte niemand mehr.«
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel.
+
+Ein wenig Licht.
+
+
+Aber Stineli wurde stiller und magerer von Tag zu Tag. Die kleinen
+Kinder schrieen: »Das Stineli will nichts erzählen und lacht nicht
+mehr.« Die Mutter sagte zum Vater: »Siehst du's denn nicht? Es ist ja
+nicht mehr das gleiche.« Und der Vater sagte: »Es kommt vom Wachsen, man
+muß ihm ein wenig Geißmilch geben am Morgen im Stall.«
+
+Aber als drei Wochen so vergangen waren, da nahm die Großmutter eines
+Abends das Stineli in ihre Kammer hinauf und sagte: »Sieh, Stineli, ich
+kann es wohl begreifen, daß du den Rico nicht vergessen kannst; aber du
+mußt doch denken, daß der liebe Gott ihn weggenommen hat, und wenn es so
+sein mußte, so war es gut für den Rico, das werden wir dann einmal
+sehen.«
+
+Da fing das Stineli so zu weinen an, wie es die Großmutter nie an ihm
+erlebt hatte, und es schluchzte überlaut: »Der liebe Gott hat es ja
+nicht getan, ich habe es getan, Großmutter; darum muß ich fast sterben
+vor Angst, denn ich habe den Rico aufgestiftet, an den See hinabzugehen,
+und nun ist er in die Rüfenen hineingefallen und ist tot, und es hat ihm
+noch so weh getan, und ich bin an allem schuld.« Und Stineli weinte und
+schluchzte zum Erbarmen.
+
+Der Großmutter war wie eine schwere Last vom Herzen gefallen; sie hatte
+den Rico verloren gegeben und heimlich hatte sie der quälende Gedanke
+verfolgt, das arme Büblein sei der bösen Behandlung entlaufen und liege
+vielleicht drüben im Wasser, oder sei im Wald zugrunde gegangen. Jetzt
+stieg auf einmal eine neue Hoffnung in ihr auf.
+
+Sie beruhigte das Stineli so weit, daß es ihr die ganze Geschichte von
+dem See erzählen konnte, von der sie gar nichts wußte: wie der Rico
+immer von dem See gesprochen und es ihn dahin gezogen hatte und wie
+Stineli den Weg auffand. Es war ganz sicher, daß Rico sich dahin auf den
+Weg gemacht hatte; aber des Vaters Worte von den Rüfenen hatten das
+Stineli ganz um alle Hoffnung gebracht.
+
+Die Großmutter nahm das Kind bei der Hand und zog es zu sich heran.
+»Komm, Stineli«, sagte sie liebreich, »ich muß dir nun etwas erklären.
+Weißt du, wie's in dem alten Liede heißt, das wir noch mit dem Rico
+gesungen haben am letzten Abend?
+
+ 'Denn was er tut und läßt geschehn,
+ Das nimmt ein gutes End'.'
+
+»Siehst du, wenn nun auch der liebe Gott es nicht selbst getan hat, so
+wie wenn er den Rico gleich in seinem Bette hätte sterben lassen, so war
+doch die Sache in seiner Hand, als du etwas Verkehrtes tatest, denn
+einem solchen kleinen Stineli wäre er schon noch Meister geworden. Und
+daß du etwas recht Verkehrtes getan hast, wirst du jetzt für dein Lebtag
+wissen, und was da herauskommen kann, wenn Kinder in die Welt
+hinauslaufen und Sachen unternehmen wollen, die sie gar nicht kennen,
+und niemandem ein Wort davon sagen, keinen Eltern und keiner Großmutter,
+die es gut mit ihnen meinen. Aber nun hat das der liebe Gott so
+geschehen lassen, und nun dürfen wir bestimmt hoffen, daß alles noch ein
+gutes Ende nehmen kann.
+
+»Jetzt denk daran, Stineli, und vergiß nie mehr, was du da erfahren
+hast. Weil es dir aber recht von Herzen leid ist, so darfst du jetzt
+auch gehen und den lieben Gott bitten, daß er doch noch etwas Gutes
+mache aus dem verkehrten Zeug, das ihr da angestellt habt, du und der
+Rico. Dann darfst du auch wieder fröhlich sein, Stineli, und ich bin es
+mit dir, denn ich glaube zuversichtlich, daß der Rico noch am Leben ist,
+und daß ihn der liebe Gott nicht verläßt.«
+
+Von dem Tage an wurde Stineli wieder munter, und wenn ihm auch der Rico
+auf jedem Schritt mangelte, so hatte es doch keine Angst und keine
+Vorwürfe mehr im Herzen, und Tag für Tag schaute es nach der Straße
+hinüber, ob nicht etwa der Rico dort vom Maloja herunterkomme. So ging
+die Zeit dahin, aber vom Rico hörte man nichts mehr.
+
+
+
+
+Elftes Kapitel.
+
+Eine lange Reise.
+
+
+Rico hatte sich an jenem Sonntagabend in seiner dunkeln Kammer auf
+seinen Stuhl gesetzt. Da wollte er bleiben, bis die Base zu Bett
+gegangen war.
+
+Nachdem Stineli die Entdeckung gemacht hatte, wie die Reise nach dem See
+auszuführen wäre, kam Rico die Sache so leicht vor, daß er sich nur noch
+besinnen wollte, wann er am besten gehen könne, denn er hatte ein Gefühl
+davon, die Base würde ihn vielleicht zurückhalten, wenn er schon wußte,
+daß er ihr nicht stark mangeln würde.
+
+Als sie dann beim Heimkommen so auf ihn losschalt, dachte er: »So will
+ich gleich auf der Stelle gehen, sobald sie im Bette ist.«
+
+Als er nun so im Dunkeln auf seinem Stuhl saß, dachte er nach, wie
+angenehm es sein werde, wenn er nun viele Tage lang die Base nie mehr
+werde schelten hören, und welche große Büschel von den roten Blumen er
+dem Stineli mitbringen wolle, wenn er zurückkomme. Und dann sah er die
+sonnigen Ufer und die violetten Berge vor sich und war entschlafen.
+
+Er war aber nicht in einer sehr bequemen Lage, denn die Geige hatte er
+nicht aus der Hand gelegt; so erwachte er wieder nach einiger Zeit, es
+war aber noch ganz dunkel. Nun kam ihm aber gleich alles klar in den
+Sinn. Er war noch in seinem Sonntagswämschen, das war gut; seine Kappe
+hatte er noch von gestern her auf dem Kopf, die Geige nahm er unter den
+Arm, und so ging er leise die Treppe hinunter, schob den Riegel weg und
+zog in die kühle Morgenluft hinaus.
+
+Über den Bergen fing es schon leise an zu tagen und in Sils krähten die
+Hähne. Er ging tüchtig drauf los, damit er von den Häusern weg und auf
+die große Straße komme. Nun war er da und wanderte vergnügt weiter, denn
+da war ihm alles so wohl bekannt, er war oft mit dem Vater da
+hinaufgegangen. Wie lang es aber ging, bis man auf den Maloja kam, wußte
+er nicht mehr so recht, und es kam ihm lange vor, als er schon mehr als
+zwei gute Stunden immerfort gewandert war.
+
+Aber nun kam nach und nach der helle Tag, und als er nach noch einer
+guten Stunde auf dem Platze vor dem Wirtshaus oben am Maloja angekommen
+war, da, wo er oft mit dem Vater die Straße hinuntergeschaut hatte, da
+lag ein sonniger Morgen über den Bergen und die Tannenwipfel waren alle
+wie von Gold. Rico setzte sich an den Rand der Straße nieder, er war
+schon recht müde, und nun merkte er auch, daß er nichts mehr gegessen
+hatte seit dem vorhergehenden Mittag. Aber er war nicht verzagt, denn
+nun ging es bergab und nachher konnte unversehens der See kommen. Wie er
+so dasaß, kam der große Postwagen herangerasselt; den hatte er schon oft
+gesehen, wenn er bei Sils vorbeifuhr, und immer dabei gedacht, das
+höchste Glück auf Erden genieße ein Kutscher, der immerfort mit einer
+Peitsche auf einem Bock sitzen und fünf Rosse regieren könne. Nun sah
+er einmal den Glücklichen in der Nähe, denn der Postwagen hielt still,
+und Rico verwandte nun kein Auge von dem merkwürdigen Manne, der von
+seinem hohen Sitz herunterkam, ins Wirtshaus eintrat und mit mehreren
+ungeheuren Stücken Schwarzbrot, über welchen ein gewaltig großer Brocken
+Käse lag, wieder aus dem Hause trat.
+
+Nun zog der Kutscher ein festes Messer hervor und zerstückte sein Brot,
+und einem Pferd nach dem anderen steckte er einen guten Bissen ins Maul.
+Zwischenein kam er selbst an die Reihe, auf sein Stück Brot kam aber
+immer ein markiges Stück Käse. Wie sie nun alle zusammen so vergnüglich
+aßen, schaute der Kutscher ein wenig um sich, und mit einem Male rief
+er: »He, kleiner Musikant, willst du auch mithalten? Komm her!«
+
+Erst seit Rico das Essen vor sich gesehen, hatte er gemerkt, wie sehr er
+Hunger hatte. Er folgte gern der Einladung und trat zu dem Kutscher
+heran. Der schnitt ihm ein ganz erstaunlich großes Stück Käse ab und
+legte dieses auf ein noch viel dickeres Stück Brot, so daß Rico kaum
+wußte, wie er die Dinge bewältigen konnte.
+
+Er mußte seine Geige ein wenig auf den Boden legen. Der Kutscher schaute
+wohlgefällig zu, wie Rico in sein Frühstück biß, und während er selbst
+sein Geschäft fortsetzte, sagte er:
+
+»Du bist noch ein kleiner Geiger, kannst du auch etwas?«
+
+»Ja, zwei Lieder, und dann noch das vom Vater«, antwortete Rico.
+
+»So, und wo willst du denn hin auf deinen zwei kleinen Beinen?« fuhr der
+Kutscher fort.
+
+»Nach Peschiera am Gardasee«, war Ricos ernsthafte Antwort.
+
+Jetzt entfuhr dem Kutscher ein so kräftiges Gelächter, daß der Rico ganz
+erstaunt zu ihm aufschauen mußte.
+
+»Du bist ein guter Fuhrwerker, du«, lachte der Kutscher noch einmal;
+»weißt du denn nicht, wie weit das ist, und daß ein schmales
+Musikäntlein, wie du eins bist, sich beide Füße mitsamt den Sohlen
+durchlaufen würde, bevor es noch einen Tropfen Wasser vom Gardasee
+gesehen hätte? Wer schickt dich denn dort hinunter?«
+
+»Ich gehe selber aus mir«, sagte Rico.
+
+»Ein solcher ist mir noch nicht vorgekommen«, lachte der Kutscher
+gutmütig. »Wo bist du daheim, Musikant?«
+
+»Ich weiß es nicht recht, vielleicht am Gardasee«, erwiderte Rico völlig
+ernsthaft.
+
+»Ist das eine Antwort!« Jetzt schaute der Kutscher den Knaben vor sich
+genau an. Wie ein verlaufenes Bettelbüblein sah der Rico nicht aus. Der
+schwarze Lockenkopf über dem Sonntagswämschen sah ganz stattlich aus,
+und das feine Gesichtchen mit den ernsthaften Augen trug einen edlen
+Stempel und man schaute es gern noch einmal an, wenn man es gesehen
+hatte.
+
+Dem Kutscher mochte es auch so gehen, er schaute den Rico fest an und
+dann noch einmal erst recht, dann sagte er freundlich: »Du trägst deinen
+Paß auf dem Gesicht mit, Büblein, und es ist kein schlechter, wenn du
+schon nicht weißt, wo du daheim bist. Was gibst du mir nun, wenn ich
+dich neben mich auf den Bock nehme und dich weit hinunterbringe?«
+
+Rico staunte, als wäre es fast nicht möglich, daß der Mann diese Worte
+wirklich ausgesprochen habe. Auf dem hohen Postwagen ins Tal hinunter
+gefahren, ein solches Glück hätte er nie für sich möglich gehalten. Aber
+was konnte er dem Kutscher geben?
+
+»Ich habe gar nichts als eine Geige, und die kann ich Euch nicht geben«,
+sagte der Rico traurig nach einigem Besinnen.
+
+»Ja, mit dem Kasten wüßte ich auch nichts anzufangen«, lachte der
+Kutscher. »Komm, nun sitzen wir auf, -- und du kannst mir ein wenig Musik
+machen.«
+
+Rico traute seinen Ohren nicht; aber wahrhaftig! der Kutscher schob ihn
+über die Räder auf den hohen Sitz hinauf und kletterte nach. Die
+Reisenden waren wieder eingestiegen, der Wagen wurde zugeschlagen und
+nun ging's die Straße hinunter, die bekannte Straße, die Rico so oft
+sich von oben her angeschaut und verlangt hatte, da hinunter zu kommen.
+Nun war die Erfüllung da und in welcher Weise! Hoch oben zwischen Himmel
+und Erde flog der Rico dahin und konnte immer noch fast nicht glauben,
+daß er es selber sei.
+
+Den Kutscher wunderte es nun doch ein wenig, wem denn das Büblein neben
+ihm gehören könnte.
+
+»Sag mir einmal, du kleine, fahrende Habe, wo ist denn dein Vater?«
+fragte er nach einem festen Peitschenknall.
+
+»Der ist tot«, antwortete Rico.
+
+»So, und wo ist deine Mutter?«
+
+»Die ist tot.«
+
+»So, und dann hat man noch etwa einen Großvater und eine Großmutter, wo
+sind diese?«
+
+»Die sind tot.«
+
+»So, so, aber etwa einen Bruder oder eine Schwester hast du ja sicher;
+wo sind die hingekommen?«
+
+»Sie sind tot«, war Ricos fortwährende traurige Antwort.
+
+Da nun der Kutscher sah, daß da alles tot war, ließ er die
+Verwandtschaft in Ruhe und fragte nur: »Wie hieß dein Vater?«
+
+»Enrico Trevillo von Peschiera am Gardasee«, erwiderte Rico.
+
+Nun legte der Mann sich die Dinge ein wenig zurecht und dachte bei sich:
+das ist ein verschlepptes Büblein von da unten herauf, und es ist gut,
+daß es wieder an seinen Ort kommt. Damit ließ er die Sache liegen.
+
+Als nun nach der ersten steil abwärts gehenden Strecke der Bergstraße
+der Weg etwas ebener wurde, sagte der Kutscher: »So, Musikant, nun spiel
+einmal ein lustiges Liedlein auf.«
+
+Da nahm Rico die Geige vor und war so wohlgemut da oben auf seinem
+Thron, unter dem blauen Himmel hinfahrend, daß er mit der hellsten
+Stimme anfing und kräftig darauflos sang:
+
+ »Ihr Schäflein hinunter von sonniger Höh'.«
+
+Nun saßen zuoberst auf dem Postwagen drei Studenten, die machten eine
+Ferienreise, und wie nun das Lied weiterging und Rico mit aller Lust und
+Fröhlichkeit Stinelis Verse sang, da gab es auf einmal oben auf dem
+Wagen ein lautes Hallo und Gelächter und die Studenten riefen: »Halt,
+Geiger, fang noch einmal an, wir singen auch mit.«
+
+Da fing Rico wieder an, und nun fielen die Studenten ein und sangen mit
+aller Macht:
+
+ »Und die Schäflein, und die Schäflein« --
+
+und dazwischen lachten sie so ungeheuer, daß man nichts mehr hörte von
+Ricos Geige, und dann sangen sie wieder und einer sang zwischenein ganz
+allein:
+
+ »Und tät' er nichts denken,
+ So tät' ihm nichts weh!«
+
+Dann fielen die anderen wieder ein und sangen, so laut sie konnten:
+
+ »Und die Schäflein, und die Schäflein« --
+
+und so ging es eine ganze Weile lang fort, und wenn Rico einmal etwas
+innehielt, so riefen sie: »Weiter, Geiger, nicht aufhören!« und warfen
+ihm kleine Geldstücke zu, immer wieder, daß er einen ganzen Haufen in
+der Kappe hatte.
+
+Drinnen im Wagen machten die Reisenden alle Fenster auf und steckten die
+Köpfe heraus, um den frohen Gesang zu hören. Dann fing Rico von neuem
+an, und die Studenten brachen von neuem los und teilten das Lied in Soli
+und Chöre. Da sang die Solostimme ganz feierlich:
+
+ »Und ein See ist wie ein andrer
+ Von Wasser gemacht« --
+
+und dann wieder:
+
+ »Und tät' er nichts denken,
+ So tät' ihm nichts weh« --
+
+und dazwischen fiel der Chor ein, und sie sangen mit aller Kraft:
+
+ »Und die Schäflein, und die Schäflein« --
+
+und nachher wollten sie sich wieder totlachen und konnten eine ganze
+Weile nicht fortfahren vor Gelächter.
+
+Aber nun hielt auf einmal der Kutscher still, denn es mußte ein Halt
+gemacht und ein Mittagessen eingenommen werden. Als er den Rico
+hinunterschwang, hielt er ihm sorgfältig seine Kappe fest, denn da war
+all das Geld drin, und Rico hatte genug zu tun, seine Geige zu halten.
+
+Der Kutscher war ganz vergnügt, als er die Kappe in Ricos Hand abgab und
+sagte: »So ist's recht, nun kannst du auch Mittag haben.«
+
+Die Studenten sprangen hinunter, einer nach dem anderen, und alle
+wollten nun den Geiger sehen, denn sie hatten ihn nicht recht sehen
+können von ihrem Sitze aus, und als sie nun das schmächtige Männlein
+sahen, da ging die Verwunderung und die Heiterkeit erst recht wieder an;
+sie hätten der guten Stimme nach einen größeren Menschen erwartet, nun
+war der Spaß doppelt groß. Sie nahmen das Büblein in ihre Mitte und
+zogen mit Gesang ins Wirtshaus ein. Da mußte denn an dem schöngedeckten
+Tisch der Rico zwischen zwei der Herren sitzen und sie sagten, er sei
+nun ihr Gast, und legten ihm alle drei miteinander jeder ein Stück auf
+den Teller, denn keiner wollte ihm weniger geben, und ein solches
+Mittagessen hatte Rico in seinem ganzen Leben noch nie eingenommen.
+
+»Und von wem hast du dein schönes Lied, Geigerlein?« fragte nun einer
+von den dreien.
+
+»Vom Stineli, es hat es selbst gemacht«, antwortete Rico ernsthaft.
+
+Die drei sahen sich an und brachen in ein neues, schallendes Lachen aus.
+
+»Das ist schön vom Stineli«, rief der eine, »nun wollen wir es gleich
+hoch leben lassen.«
+
+Rico mußte auch anstoßen und tat es ganz fröhlich auf Stinelis
+Gesundheit.
+
+Nun war die Zeit um, und als man wieder zum Wagen herantrat, kam ein
+dicker Mann auf Rico zu, der hatte einen so gewaltigen Stock in der
+Hand, daß man denken mußte, er habe einen jungen Baum ausgerissen. Er
+war in einen festen, gelb-braunen Stoff gekleidet von oben bis unten.
+
+»Komm her, Kleiner«, sagte er, »du hast so schön gesungen. Ich habe dich
+gehört hier drinnen im Wagen, und ich habe es auch mit den Schafen zu
+tun wie du; siehst du, ich bin ein Schafhändler, und weil du so schön
+von den Schafen singen kannst, mußt du von mir auch etwas haben.« Damit
+legte er ein schönes Stück Silbergeld in Ricos Hand, denn die Kappe war
+indessen geleert und alles in die Tasche gesteckt worden.
+
+Dann stieg der Mann in den Wagen an seinen Platz und Rico wurde vom
+Kutscher wie eine Feder hinaufgehoben; dann ging's wieder davon.
+
+Wenn der Wagen nicht zu rasch fuhr, wollten die Studenten immer gleich
+Musik haben, und Rico spielte alle Melodien, deren er sich nur erinnern
+konnte vom Vater her, und zuletzt spielte er noch: »Ich singe dir mit
+Herz und Mund.«
+
+An dieser Melodie mußten die Studenten ganz sanft entschlafen sein, denn
+es war alles still geworden, und nun schwieg die Geige auch, und der
+Abendwind kam milde herangeweht, und leise stiegen die Sternlein auf am
+Himmel eins nach dem anderen, bis sie strahlten ringsum, wo Rico hinsah.
+Und er dachte an Stineli und die Großmutter, was sie nun tun, und es
+fiel ihm ein, daß um diese Zeit die Betglocke läutete und die beiden
+ihr Vaterunser beteten. Das wollte er auch tun; es war dann so, wie wenn
+er bei ihnen wäre, und Rico faltete die Hände und betete unter dem
+leuchtenden Sternenhimmel andächtig sein Vaterunser.
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel.
+
+Es geht noch weiter.
+
+
+Rico war auch entschlafen. Er erwachte daran, daß ihn der Kutscher
+packte, um ihn herunterzunehmen. Nun stieg alles aus und herunter, und
+die drei Studenten kamen noch auf den Rico zu und schüttelten ihm die
+Hand und wünschten ihm viel Glück auf seine Reise. Und einer rief: »Grüß
+uns auch freundlich das Stineli!«
+
+Dann verschwanden sie in einer Straße und Rico hörte, wie sie noch
+einmal anstimmten: »Und die Schäflein, und die Schäflein.«
+
+Nun stand Rico da in der dunkeln Nacht und hatte gar keinen Begriff, wo
+er war, und auch nicht, was er tun sollte. Da fiel ihm ein, daß er nicht
+einmal dem Kutscher gedankt hatte, der ihn doch so weit hatte mitfahren
+lassen, und er wollte es gleich noch tun.
+
+Aber der Kutscher war mitsamt den Pferden verschwunden, und es war
+dunkel ringsum: nur drüben hing eine Laterne, auf diese ging Rico zu.
+Sie hing an der Stalltür, wo die Pferde eben hineingeführt wurden.
+Daneben stand der Mann mit dem dicken Stock, er schien auf den Kutscher
+zu warten. Rico stellte sich auch hin und wartete desgleichen.
+
+Der Schafhändler mußte ihn in der Dunkelheit nicht gleich erkannt haben;
+auf einmal sagte er erstaunt: »Was, bist du auch noch da, Kleiner, wo
+mußt du denn deine Nacht zubringen?«
+
+»Ich weiß nicht, wo«, antwortete Rico.
+
+»Das wäre der Tausend! um elf Uhr in der Nacht ein solches bißchen von
+einem Buben wie du, und im fremden Lande --«
+
+Der Schafhändler mußte seine Worte völlig herausblasen, denn in der
+Erregung kam er nicht gut zu Atem; er endigte aber seinen Satz nicht,
+denn der Kutscher kam aus dem Stalle, und Rico lief gleich auf ihn zu
+und sagte: »Ich habe Euch noch danken wollen, daß Ihr mich mitgenommen
+habt.«
+
+»Das ist gerade gut, daß du noch kommst, jetzt hätte ich dich über den
+Rossen vergessen und wollte dich doch da einem Bekannten übergeben. Eben
+wollte ich Euch fragen, guter Freund«, fuhr er, zum Schafhändler
+gewandt, fort, »ob Ihr nicht das Büblein mitnehmen würdet, weil Ihr doch
+ins Bergamaskische hinabgeht. Es muß an den Gardasee hinunter,
+irgendwohin; es ist so eins von denen, die so hin und her -- Ihr versteht
+mich schon.«
+
+Dem Schafhändler kamen allerhand Geschichten von gestohlenen und
+verlorenen Kindern vor Augen, er schaute Rico im Schein der Laterne
+mitleidsvoll an und sagte halblaut zum Kutscher: »Er sieht auch so aus,
+als ob es nicht sein rechtes Futteral wäre, in dem er steckt. Er wird
+wohl in ein Herrenmäntelchen hineingehören. Ich nehme ihn mit.«
+
+Nachdem er noch einen Schafhandel mit dem Kutscher besprochen, nahmen
+die beiden Abschied voneinander, und der Schafhändler winkte Rico, daß
+er mit ihm kommen solle.
+
+Nach einer kurzen Wanderung trat der Mann in ein Haus und unmittelbar in
+eine große Wirtsstube ein, wo er sich mit Rico in einer Ecke niederließ.
+
+»Nun wollen wir einmal deine Barschaft ansehen«, sagte er zu Rico, »daß
+wir wissen, was sie erleiden mag. Wohin mußt du unten am See?«
+
+»Nach Peschiera am Gardasee«, war Ricos unveränderliche Antwort. Er zog
+nun seine Geldstücke alle hervor, ein artiges Häuflein kleiner Münzen
+und oben darauf das größere Silberstück.
+
+»Hast du nur das eine gute Stück?« fragte der Händler.
+
+»Ja, nur das, von Euch hab' ich's«, entgegnete Rico.
+
+Das gefiel dem Mann, daß er allein ein großes Stück gegeben hatte und
+daß es der Junge gut wußte; er bekam Lust, ihm gleich noch etwas zu
+geben. Als nun gerade das Essen vor sie hingestellt wurde, nickte der
+behäbige Mann seinem kleinen Nachbar zu und sagte: »Das bezahl' ich und
+das Nachtlager auch; so kommst du morgen aus mit deinem Vermögen.«
+
+Rico war so müde von all dem Singen und Geigen und Fahren den ganzen
+Tag, daß er kaum mehr essen konnte, und in der großen Kammer, wo er
+zusammen mit seinem Beschützer die Nacht zuzubringen hatte, war er kaum
+in sein Bett gestiegen, als er sofort in einen tiefen Schlaf sank.
+
+Am frühen Morgen wurde Rico von einer kräftigen Hand aus seinem festen
+Schlaf aufgerüttelt. Er sprang eilends aus seinem Bett; sein Begleiter
+stand schon reisefertig da mit dem Stock in der Hand.
+
+Es währte aber gar nicht lang, so stand auch Rico zur Abreise bereit,
+die Geige im Arm. Erst traten die beiden in die Wirtsstube ein und Ricos
+Begleiter rief nach Kaffee. Dann ermunterte er den Jungen, er solle nur
+recht viel davon zu sich nehmen, denn nun komme eine lange Fahrt und
+eine solche, die Appetit mache.
+
+Als das Geschäft zur Zufriedenheit abgetan war, zogen die Reisenden aus,
+und nach einer Strecke Wegs kamen sie um eine Ecke herum, und -- wie
+mußte Rico da die Augen auftun -- auf einmal sah er einen großen,
+flimmernden See vor sich, und ganz erregt sagte er: »Jetzt kommt der
+Gardasee.«
+
+»Noch lange nicht, Bürschlein; jetzt sind wir am Comersee«, erklärte
+sein Schutzherr. Nun stiegen sie in ein Schiff und fuhren viele Stunden
+lang dahin. Und Rico schaute bald nach den sonnigen Ufern, bald in die
+blauen Wellen, und es wehte ihn heimatlich an. -- Jetzt legte er mit
+einem Male sein Silberstück auf den Tisch.
+
+»Was, was, hast du schon zuviel Geld«, fragte der Schafhändler, der, mit
+beiden Armen auf seinen Stock gestützt, erstaunt dem Unternehmen zusah.
+
+»Heute muß ich bezahlen«, sagte Rico, »Ihr habt's gesagt.«
+
+»Du gibst doch acht, wenn man dir etwas sagt, das ist etwas Gutes; aber
+sein Geld legt man nicht nur so auf den Tisch, gib mir's einmal her.«
+
+Damit stand er auf und ging, sich nach der Bezahlung umzusehen. Als er
+aber seinen dicken Lederbeutel hervorzog, der ganz voll solcher
+Silberstücke war, denn er war auf einer Handelsreise begriffen, da
+konnte er's nicht übers Herz bringen, des Bübleins einziges Stück
+herzugeben, und er brachte es wieder zurück samt der Karte und sagte:
+
+»Da, du kannst's morgen noch besser brauchen; jetzt bist du noch bei mir
+und wer weiß, wie es dir nachher geht. Wenn du einmal da unten ankommst
+und ich nicht mehr bei dir bin, findest du dann auch ein Haus, wo du
+hinein mußt?«
+
+»Nein, ich weiß kein Haus«, antwortete Rico. Der Mann hatte ein großes
+heimliches Erstaunen zu bewältigen, denn des Bübleins Geschichte kam ihm
+sehr geheimnisvoll vor. Er ließ aber nichts merken und fragte auch nicht
+weiter; er dachte, da komme er doch nicht ins klare; der Kutscher müsse
+ihm dann einmal Aufschluß geben, der wisse wohl mehr von allem, als das
+Büblein selbst. Mit diesem hatte er großes Mitleid, denn es mußte nun
+bald noch seinen Schutz verlieren.
+
+Als das Schiff stillstand, nahm der Mann Rico an die Hand und sagte: »So
+verlier' ich dich nicht und du kommst besser nach, denn jetzt heißt's
+gut marschieren; die warten nicht.«
+
+Rico hatte zu tun, den guten Schritten nachzukommen. Er schaute weder
+rechts noch links und auf einmal stand er vor einer langen Reihe ganz
+sonderbarer Rollwagen. Da stieg er auf einem Treppchen hinein, dem
+Begleiter nach, und nun fuhr Rico zum ersten Male in seinem Leben auf
+einer Eisenbahn. Nachdem man so eine Stunde lang gefahren war, stand der
+Schafhändler auf und sagte: »Jetzt kommt's an mich, da sind wir in
+Bergamo, und du bleibst ruhig sitzen, bis dich einer herausholt, denn
+ich habe alles eingerichtet, dann steigst du aus und bist da.«
+
+»Bin ich dann in Peschiera am Gardasee?« fragte Rico. Das bestätigte
+sein Beschützer. Nun bedankte sich Rico recht schön, denn er hatte wohl
+verstanden, wie viele Guttaten ihm dieser Mann erwiesen hatte, und so
+schieden sie und es tat jedem leid, daß er vom anderen wegkam.
+
+Rico saß nun ganz still in seiner Ecke und hatte Zeit zum Staunen, denn
+es bekümmerte sich kein Mensch mehr um ihn. So mochte er wohl gegen drei
+Stunden unbeweglich dagesessen haben, als der Zug wieder einmal anhielt,
+wie schon mehrere Male.
+
+Jetzt trat ein Wagenführer herein, nahm den Rico beim Arm und zog ihn in
+Eile aus dem Wagen und die Treppe hinunter. Dann deutete er die Anhöhe
+hinab und sagte: »Peschiera«, und im Nu war er wieder im Wagen droben
+und verschwunden, der Zug sauste weiter.
+
+
+
+
+Dreizehntes Kapitel.
+
+Am fernen, schönen See.
+
+
+Rico entfernte sich einige Schritte von dem Gebäude, wo der Zug
+angehalten hatte, und schaute um sich, dieses weiße Haus, der kahle
+Platz davor, der schnurgerade Weg in der Ferne, alles kam ihm so fremd
+vor, das hatte er in seinem Leben nie gesehen und er dachte bei sich:
+»Ich bin nicht am rechten Ort.« Er ging traurig weiter, den Weg hinab,
+zwischen den Bäumen durch; nun machte der Weg eine Wendung, und Rico
+stand da wie im Traum und rührte sich nicht mehr. Vor ihm lag funkelnd
+im hellen Sonnenschein der himmelblaue See mit den warmen, stillen
+Ufern, und drüben kamen die Berge gegeneinander, in der Mitte lag die
+sonnige Bucht, und die freundlichen Häuser daran schimmerten herüber.
+Das kannte Rico, das hatte er gesehen, da hatte er gestanden, gerade da,
+diese Bäume kannte er; wo war das Häuschen? Da mußte es stehen, ganz
+nah; es war nicht da.
+
+Aber da unten war die alte Straße, o, die kannte er so gut, und dort
+schimmerten die großen, roten Blumen aus den grünen Blättern; da mußte
+auch eine schmale, steinerne Brücke sein, dort über den Ausfluß vom See,
+dort war er so oft hinübergegangen; man konnte sie nicht sehen.
+
+Plötzlich rannte Rico, von brennendem Verlangen getrieben, hinauf auf
+die Straße und hinüber, da war die kleine Brücke -- er wußte alles --, da
+war er darübergegangen und jemand hielt ihn an der Hand -- die Mutter.
+Mit einem Male kam das Gesicht der Mutter ganz klar vor seine Augen, wie
+er es nie mehr gesehen hatte, viele Jahre; da hatte sie neben ihm
+gestanden und ihn angeschaut mit den liebevollen Augen, und den Rico
+übernahm es, wie noch nie in seinem Leben.
+
+Neben der kleinen Brücke warf er sich auf den Boden und weinte und
+schluchzte laut: »O, Mutter, wo bist du? Wo bin ich daheim, Mutter?«
+
+So lag er lange Zeit und mußte sein großes Leid ausweinen, und es war,
+als wollte sein Herz zerspringen und als sei es ein Ausbruch von allem
+Weh, das ihn bisher stumm und starr gemacht, wo es ihn getroffen hatte.
+
+Als sich Rico vom Boden erhob, war die Sonne schon weit unten und ein
+goldener Abendschein lag auf dem See. Nun wurden die Berge violett, und
+ein rosiger Duft lag rings über den Ufern. So hatte Rico seinen See im
+Sinne gehabt und im Traum gesehen, und noch viel schöner war alles, nun
+er es wieder mit seinen Augen sah. Rico dachte in einem fort, wie er so
+dasaß und schaute und nicht genug schauen konnte: »Wenn ich doch das
+alles dem Stineli zeigen könnte!«
+
+Nun war die Sonne untergegangen und das Licht erlosch ringsumher. Rico
+stand auf und schritt der Straße zu, wo er die roten Blumen gesehen. Von
+der Straße ging ein schmaler Weg dahin. Da standen sie, ein Busch am
+anderen, es war aber wie ein Garten anzusehen; es war freilich nur ein
+ganz offener Zaun darum herum, und im Garten waren Blumen und Bäume und
+Weinranken, alles durch- und ineinander zu sehen.
+
+Da droben am Ende stand ein schmuckes Haus mit offener Tür, und im
+Garten ging ein junger Bursche hin und her und schnitt da und dort große
+goldgelbe Trauben von den Reben und pfiff wohlgemut ein Lied dazu.
+
+Rico schaute die Blumen an und dachte: »Wenn Stineli diese sehen
+könnte!« und stand lange unbeweglich am Zaun.
+
+Jetzt erblickte ihn der Bursche und rief ihm zu: »Komm herein, Geiger,
+und spiel ein schönes Liedchen, wenn du eins kannst.«
+
+Das rief ihm der Knabe italienisch zu, und dem Rico war es ganz
+sonderbar dabei; er verstand, was er hörte, aber er hätte nicht so
+sprechen können. Er trat in den Garten ein, und der Bursche wollte mit
+ihm reden; wie er aber sah, daß Rico nicht antworten konnte, deutete er
+auf die offene Tür und machte dem Rico verständlich, daß er dort spielen
+solle.
+
+Rico näherte sich der Tür, sie führte gleich in ein Zimmer hinein. Da
+stand ein Bettchen darin und daneben saß eine Frau und machte etwas aus
+roten Schnüren. Rico stellte sich vor die Schwelle und fing an sein Lied
+zu spielen und zu singen:
+
+ »Ihr Schäflein hinunter.«
+
+Als er fertig war, erhob sich aus dem kleinen Bett ein bleicher Kopf von
+einem Knaben, der rief heraus:
+
+»Spiel noch einmal!«
+
+Rico spielte eine andere Melodie.
+
+»Spiel noch einmal«, tönte es wieder.
+
+So ging es hintereinander fünf- bis sechsmal und immer wieder ertönte
+aus dem Bett: »Spiel noch einmal!«
+
+Nun wußte Rico nichts mehr; er nahm seine Geige herunter und wollte
+fortgehen. Da fing der Kleine an zu schreien: »Bleib da, spiel wieder,
+spiel noch einmal!« Und die Frau war aufgestanden und kam zu Rico her.
+Sie gab ihm etwas in die Hand, und Rico wußte erst nicht, was sie
+wollte; aber es kam ihm wieder in den Sinn, daß Stineli gesagt hatte:
+wenn er an einer Tür geige, so gäben ihm die Leute etwas. Dann fragte
+die Frau freundlich, woher er komme und wohin er gehe? Rico konnte nicht
+antworten. Sie fragte, ob er mit seinen Eltern da sei? da nickte er
+Nein; ob er allein sei? er nickte Ja; wohin er jetzt gehen wolle so am
+Abend? Rico schüttelte unsicher den Kopf. Da kam die Frau ein Mitleid an
+mit dem kleinen Fremden und sie rief den Burschen herbei und befahl ihm,
+er solle mit dem Knaben nach dem Wirtshaus zur »Goldenen Sonne« gehen,
+da verstehe der Wirt vielleicht die Sprache des kleinen Musikanten, denn
+er sei lange fort gewesen. Dem solle er sagen, er solle den Knaben über
+Nacht behalten auf ihre Rechnung und ihn auch morgen auf den rechten Weg
+stellen, wohin er müsse, er sei ja noch so jung -- »nur ein paar Jahre
+älter als der meinige«, setzte sie mitleidsvoll hinzu --, und er solle
+ihm auch etwas zu essen geben.
+
+Der Kleine aus dem Bett schrie wieder: »Er muß noch einmal spielen«, und
+ließ nicht ab, bis die Mutter sagte: »Er kommt ja morgen wieder, jetzt
+muß er aber schlafen und du auch.«
+
+Der Bursche ging nun dem Rico voran, und dieser wußte nun wohl, wohin er
+komme, er hatte die Worte der Frau verstanden.
+
+Es war gute zehn Minuten bis zum Städtchen hin. Da mitten in einem
+Gäßchen trat der Bursche in ein Haus und unmittelbar in eine große
+Wirtsstube ein, die war dick voller Tabaksrauch und eine Menge Männer
+saßen an den Tischen herum.
+
+Der Bursche richtete seinen Auftrag aus, und der Wirt sagte: »Es ist
+gut«, und die Wirtin kam auch gleich herbei und beide sahen sich den
+Rico von oben bis unten an. Wie aber die Gäste, die am nächsten Tische
+saßen, die Geige sahen, riefen gleich mehrere von ihnen: »Da gibt's
+Musik«, und einer rief: »Spiel auf, Kleiner, gleich, lustig!« Und sie
+riefen alle so durcheinander, daß der Wirt kaum fragen konnte, was der
+Rico für eine Sprache rede und woher er komme. Rico antwortete nun in
+seiner Sprache, daß er über den Maloja heruntergekommen sei, und daß er
+alles verstehe, was sie hier sagen, aber nicht so reden könne. Der Wirt
+verstand ihn und sagte, er sei auch schon da droben gewesen und sie
+wollten noch miteinander reden, aber jetzt solle er etwas geigen, denn
+die Gäste riefen noch immerfort, sie wollten Musik haben.
+
+Da fing Rico gehorsam an zu spielen, und zwar wie immer mit seinem
+Liede, und sang dazu. Aber von den Gästen verstand keiner ein Wort von
+dem Gesang, und die Melodie kam den Zuhörern wohl ein wenig einfach vor.
+Die einen fingen an zu schwatzen und zu lärmen, die anderen riefen, sie
+wollten etwas anderes, einen Tanz oder etwas Schönes.
+
+Rico sang unentwegt sein Lied zu Ende, denn wenn er es einmal angefangen
+hatte, dann sang er es durch. Wie er nun fertig war, besann er sich:
+einen Tanz konnte er nicht spielen, er kannte keinen; das Lied von der
+Großmutter ging noch langsamer, und sie konnten wieder nichts verstehen;
+jetzt kam ihm in den Sinn und er stimmte an:
+
+ #»Una sera
+ In Peschiera« --#
+
+Kaum waren die ersten melodischen Töne dieses Liedes erklungen, so
+entstand eine völlige Stille, und mit einem Male ertönten von da und
+dort und von allen Tischen her die Stimmen, und es wurde ein Chor, so
+schön wie Rico nie einen gehört hatte, daß er ganz in Begeisterung kam
+und immer feuriger spielte, und die Männer alle sangen immer eifriger,
+und war ein Vers zu Ende, so fing Rico gleich mit festem Zuge den neuen
+an, denn er wußte noch wohl von dem Vater her, wo es aufhörte. Und wie
+nun der Schluß kam, da brach aber nach dem schönen Gesang ein solcher
+Lärm los, wie Rico noch keinen gehört hatte. Alle die Menschen riefen
+und schrieen durcheinander und schlugen vor Freuden die Fäuste auf den
+Tisch, und dann kamen sie alle mit ihren Gläsern auf den Rico los, und
+aus jedem sollte er trinken, und zwei schüttelten ihm die Hände und
+einer die Schultern, und alle miteinander schrieen ihn an und machten
+vor lauter Freudenspektakel dem Rico angst und bange, daß er immer
+blässer wurde. Er hatte aber ihr eigenes Peschiera-Lied gespielt, das
+nur ihnen gehörte und das nie ein Fremder lernen konnte, und er hatte es
+fest und rein gespielt, als wäre er einer von Peschiera; das konnten die
+lebhaft empfindenden Peschierianer gar nicht genug aussprechen und sich
+freuen über den Wundergeiger und Brüderschaft mit ihm trinken.
+
+Nun aber kam die Wirtin dazwischen mit einem Teller voll Reis und einem
+großen Stück Huhn oben darauf; sie winkte dem Rico und sagte es den
+Leuten, sie sollten ihn in Ruh' lassen, er müsse nun essen, er sei ja
+kreideweiß vor Anstrengung. Dann stellte sie seinen Teller auf einen
+kleinen Tisch in der Ecke und setzte sich zu ihm und ermunterte ihn,
+brav zu essen, das könne einem so mageren Bürschchen nur gut tun.
+
+Rico fand auch sein Nachtessen vortrefflich, denn seit dem Kaffee am
+frühen Morgen hatte er keinen Bissen mehr gesehen, und zu dem Fasten
+hatte er so viel erlebt heute!
+
+Sobald er auch seinen Teller leer hatte, fielen ihm die Augen zu vor
+Müdigkeit. Der Wirt war auch an den Tisch getreten und lobte den Rico
+für sein Spiel und fragte ihn, wem er angehöre und wohin er wolle. Rico
+sagte, indem er seine Augen mit Mühe offen hielt, er gehöre niemandem,
+und er wolle nirgendshin.
+
+Da ermunterte ihn der Wirt freundlich, er solle nur ohne Kummer schlafen
+gehen, morgen könne er dann die Frau Menotti wieder besuchen, die ihn
+hierher geschickt habe; die sei eine gar gute Frau und könne ihn
+vielleicht als Knechtlein gebrauchen, wenn er nicht wisse, wohin.
+
+Aber die Wirtin riß den Mann immer noch am Ärmel, so als ob er nicht
+sagen sollte, was er sagte; er redete aber doch fertig, denn er begriff
+nicht, was sie wollte.
+
+Nun fingen die Männer an den Tischen wieder zu lärmen an, sie wollten
+noch einmal ihr Lied gespielt haben. Da rief aber die Wirtin: »Nein,
+nein, am Sonntag dann wieder; er fällt ja um vor Müdigkeit.« Damit nahm
+sie den Rico an der Hand und führte ihn hinauf in eine große Kammer, da
+hing das Roßgeschirr an der Wand, und in der einen Ecke war Korn
+aufgeschüttet, und in der anderen stand sein Bett. In wenigen Minuten
+lag Rico darin und schlief tief und fest.
+
+Später, als in dem Hause alles still geworden war, da saß der Wirt noch
+an dem Tischchen, wo Rico gesessen, und die Frau stand vor ihm -- denn
+sie war noch am Aufräumen -- und sagte mit Eifer: »Den mußt du der Frau
+Menotti nicht wieder zuschicken; ein solches Bürschchen kann ich gerade
+gebrauchen zu allerhand Geschäften, und hast du denn nicht bemerkt, wie
+er geigen kann? Sie wurden ja alle wie wild davon. Gib acht, das gibt
+einen Geiger ab, wie keiner ist von unseren dreien, und Tänze spielen
+lernt der schon, dann hast du ihn für nichts an allen Tanztagen und
+kannst ihn noch ausleihen. Den mußt du gar nicht mehr aus der Hand
+lassen, er sieht manierlich aus und gefällt mir; den behalten wir.«
+
+»Es ist mir auch recht«, sagte der Wirt und sah ein, daß seine Frau
+etwas Vorteilhaftes ausgedacht hatte.
+
+
+
+
+Vierzehntes Kapitel.
+
+Neue Freundschaft und die alte nicht vergessen.
+
+
+Am Morgen darauf stand die Wirtin unter der Haustür und hielt ihre
+Umschau über das Wetter und was sich etwa über Nacht ereignet habe. Da
+kam der Bursche der Frau Menotti dahergegangen; der war zugleich Herr
+und Knecht auf dem schönen, fruchtreichen Gute der Frau, denn er
+verstand die Garten- und Feldarbeit und regierte und besorgte alles
+selbst und hatte es gut. Darum pfiff er auch fortwährend.
+
+Als er nun vor der Wirtin stand, stellte er das Pfeifen ein wenig ein
+und sagte: wenn der junge Musikant von gestern Abend noch nicht weiter
+sei, so solle er zur Frau Menotti herüberkommen, das Büblein wolle ihn
+noch einmal geigen hören.
+
+»Ja, ja, wenn es der Frau Menotti nur nicht zu stark pressiert«, sagte
+die Wirtin, indem sie beide Arme in die Seite stemmte, zum Zeichen, daß
+sie nicht in der Eile sei. »Vorderhand liegt der Musikant oben in seinem
+guten Bett und schläft noch tapfer, und ich gönne ihm seinen Schlaf. Der
+Frau Menotti könnt Ihr sagen, ich wolle ihn einmal vorbeischicken, denn
+er gehe nicht weiter, sondern ich habe ihn auf- und angenommen für gut;
+denn er ist ein verlassenes Waisenkind, das nicht wußte, wohin, und nun
+ist er wohl versorgt«, setzte sie mit Nachdruck hinzu.
+
+Der Bursche ging mit seinem Auftrag.
+
+Die Wirtin ließ den Rico ganz fertig schlafen, denn sie war eine
+gutmütige Frau, nur dachte sie zuerst an den eigenen Profit und dann
+nachher an den der anderen. Als Rico endlich von selbst erwachte, hatte
+er alle Müdigkeit ausgeschlafen und kam ganz frisch die Treppe herunter.
+Da winkte ihm die Wirtin in die Küche hinein und stellte ein großes
+Becken voll Kaffee vor ihn auf den Tisch und legte einen schönen, gelben
+Maiskuchen daneben. Dann sagte sie:
+
+»So kannst du's alle Tage haben, wenn du willst, und am Mittag und Abend
+noch viel besser, denn da kocht man für die Gäste und da bleibt immer
+etwas übrig. Dann kannst du für mich auslaufen und daneben geigen,
+wenn's nötig ist, und kannst bei uns daheim sein, und hast deine eigene
+Kammer und mußt nicht mehr in der Welt herumziehen. Jetzt kannst du nur
+sagen, ob du willst.«
+
+Da antwortete Rico zufrieden: »Ja, ich will«, denn so viel konnte er
+ganz gut in der Wirtin Sprache sagen.
+
+Nun ging sie gleich mit ihm durch das ganze Haus und durch die Scheune
+und den Stall und in den Krautgarten und zum Hühnerhof, und von all den
+Plätzen aus erklärte sie ihm die Umgebung und die Richtung, wo es zum
+Krämer ging und zum Schuhmacher und noch zu mehreren anderen wichtigen
+Leuten. Rico gab genau acht, und um ihn zu prüfen, schickte die Wirtin
+ihn gleich an drei oder vier Orte, allerhand Sachen zu holen, wie Öl,
+Seife und Faden und einen geflickten Stiefel, denn sie hatte bemerkt,
+daß Rico einzelne Worte ganz gut sagen konnte.
+
+Rico besorgte alles richtig, das gefiel der Wirtin wohl und gegen Abend
+sagte sie: »Nun kannst du mit der Geige zur Frau Menotti gehen und dort
+bleiben, bis es Nacht wird.«
+
+Darüber freute sich Rico sehr, denn da kam er an dem See vorbei und
+nachher zu den schönen Blumen.
+
+Am See angekommen, lief er nach der kleinen Brücke und saß ein wenig
+nieder, denn da lag wieder alle die Schönheit vor ihm, das Wasser und
+die Berge im goldenen Duft, und er konnte fast nicht mehr weg.
+
+Aber er tat es doch, denn er wußte, daß er nun tun mußte, was ihn die
+Wirtin hieß, weil er dafür bei ihr wohnen durfte.
+
+Als er in den Garten trat, hörte ihn schon das Büblein -- denn die Tür
+stand immer offen -- und es rief: »Komm und spiel wieder!«
+
+Die Frau Menotti kam heraus und gab dem Rico freundlich die Hand und zog
+ihn in das Zimmer hinein. Es war eine große Stube, und man sah durch die
+breite Tür schön in den Garten und auf die Blumen hinaus. Das kleine
+Bett des kranken Bübleins stand gerade der Tür gegenüber und daneben
+standen nur Tische und Stühle und schöne Kasten im Zimmer, aber kein
+Bett mehr, denn des Nachts wurde das kleine Bett ins Nebenzimmer
+gebracht, wo auch dasjenige der Mutter stand; und am Morgen trug man das
+Bettchen mit dem Insassen wieder in die schöne, frohe Stube hinaus, wo
+jeden Morgen die Sonne einen glänzenden Streifen über den ganzen
+Fußboden hinwarf und das Herz des Bübleins fröhlich machte. Neben dem
+Bettchen standen zwei kleine Krücken, und von Zeit zu Zeit nahm die
+Mutter den Kleinen aus seinem Bett und leitete ihn auf den Krücken ein
+paarmal die Stube auf und nieder, denn er konnte weder gehen noch
+stehen; seine Beinchen waren völlig lahm, er hatte sie nie gebrauchen
+können.
+
+Als Rico in die Tür trat, schnellte sich das Büblein empor an einer
+langen Schnur, die von der Decke bis auf sein Bett herunterhing, denn es
+konnte nicht aus eigener Kraft aufsitzen. Rico trat herzu und schaute
+das Büblein schweigend an. Es hatte ganz dünne Ärmchen und kleine magere
+Finger und ein so kleines Gesicht, wie Rico nie an einem Buben gesehen
+hatte, und aus dem Gesichtchen heraus schauten zwei große Augen den Rico
+ganz durchdringend an, denn das Büblein, das wenig Neues vor Augen sah
+und nach viel neuen und nie gesehenen Dingen dürstete, schaute alles
+ganz scharf an, das auf seinen einsamen Weg kam.
+
+»Wie heißest du?« fragte das Büblein jetzt.
+
+»Rico«, war die Antwort.
+
+»Und ich Silvio. Wie alt bist du?« fragte es weiter.
+
+»Bald elf Jahre alt.«
+
+»Und ich auch bald«, sagte das Büblein.
+
+»Ach, Silvio, was du sagst«, fiel die Mutter ein; »noch nicht völlig
+vier bist du, so schnell geht's nicht.«
+
+»Spiel wieder!« sagte nun der kleine Silvio.
+
+Die Mutter setzte sich an ihren Platz neben dem Bettchen, und Rico
+stellte sich etwas weiter unten hin und fing an zu geigen. Silvio
+konnte es nicht genug bekommen; sobald der Rico ein Stück fertig hatte,
+so ertönte sein: »Spiel wieder!«
+
+So hatte Rico alle seine Stücke wohl sechsmal durchgespielt; da ging die
+Mutter weg und kam wieder mit einem Teller voll von den goldgelben
+Trauben und sagte, nun müsse Rico ausruhen und sich auf den Stuhl setzen
+an das Bett und Trauben essen mit dem Silvio.
+
+Dann ging sie ein wenig in den Garten hinaus und sah ihren Sachen nach
+und war froh darüber, denn sie konnte fast gar nie von dem Bette des
+Kleinen weggehen, er litt es nicht und schrie dann immer jämmerlich; so
+war es eine rechte Wohltat für die Frau, daß sie einmal hinausgehen
+konnte.
+
+Unterdessen verstanden sich die beiden drinnen vortrefflich, denn auf
+Silvios Fragen konnte Rico ganz gut antworten; auch konnte er sich
+leicht verständlich machen, wo er etwa nicht gleich das rechte Wort
+wußte, und die Unterhaltung war dem Silvio sehr kurzweilig. Die Mutter
+konnte auch die Blumenbeete und die Weinreben und die schönen
+Feigenbäume im Acker und ringsum alles ansehen, ohne daß der Silvio ein
+einziges Mal gerufen hätte.
+
+Aber als sie nun hereinkam und es bald zu dämmern anfing und Rico
+aufstand, um fortzugehen, da schlug der Silvio einen großen Lärm an und
+hielt den Rico fest am Wämschen mit beiden Händen und wollte ihn nicht
+loslassen, wenn er nicht gleich verspreche, er komme morgen wieder und
+alle Tage. Aber die Frau Menotti war eine vorsichtige Frau; sie hatte
+den Bericht der Wirtin auch ziemlich verstanden und beschwichtigte nun
+den Silvio und versprach ihm, gleich in den ersten Tagen zu der Wirtin
+zu gehen und mit ihr zu sprechen, denn der Rico könne nichts
+versprechen so von sich aus, er müsse folgen.
+
+Endlich ließ der Kleine das Wämschen los und gab Rico die Hand, und
+dieser ging ungern aus der Stube weg. Er wäre lieber dageblieben, wo es
+so still war und alles so gut aussah und Silvio und die Mutter so
+freundlich mit ihm waren. --
+
+Es vergingen wenige Tage, da trat eines Abends die Frau Menotti ganz
+aufgeputzt in die »Goldene Sonne« ein, und die Wirtin lief ihr entgegen
+und führte sie in den oberen Saal hinauf. Da fragte denn Frau Menotti
+ganz höflich, ob es der Frau Wirtin nicht ungelegen wäre, ihr für ein
+paar Abende der Woche den Rico zu überlassen; er unterhalte ihr das
+kranke Büblein so gut und sie wollte gern erkenntlich sein dafür in
+jeder gewünschten Weise.
+
+Es schmeichelte der Wirtin, daß die wohlangesehene Frau Menotti sie so
+um einen Dienst zu bitten kam, und es wurde gleich festgesetzt, daß Rico
+an jedem freien Abend kommen würde, und Frau Menotti übernahm dagegen,
+für Ricos Bekleidung zu sorgen, so daß die Wirtin überaus befriedigt war
+mit der Einrichtung; denn nun hatte sie keinen Heller für den Knaben
+auszugeben und den reinen Gewinn von ihm. So schieden die Frauen beide
+in der größten Zufriedenheit voneinander. --
+
+So vergingen für Rico die Tage. In kurzer Zeit sprach er so geläufig
+italienisch, als hätte er es immer gekonnt. Und einmal hatte er es auch
+gekonnt; so fiel ihm eins nach dem anderen ohne Mühe wieder ein, und er
+hatte ein gutes Ohr und sprach wie ein völliger Italiener, so daß sich
+alle Leute darüber verwundern mußten. Die Wirtin konnte ihn so gut
+brauchen, wie sie nicht einmal erwartet hatte, denn seine Geschäfte
+machte er so sauber und ordentlich, wie sie selbst manches nicht machen
+konnte, denn sie hatte die Geduld nicht, und wenn etwas mußte
+aufgerüstet werden zu einem Fest, etwa zu einer Hochzeit, so mußte es
+Rico tun, denn er wußte, was schön war, und konnte es machen. Wenn er
+seine Aufträge ausrichten mußte, so war er wieder da, ehe die Wirtin nur
+denken konnte, er sei am Ort angekommen, denn er brauchte keine Zeit zur
+Unterhaltung. Wenn jemand ihn ausfragen wollte, so kehrte er sich auf
+der Stelle um und ging davon. Das gefiel der Wirtin besonders, als sie
+es bemerkte, und es flößte ihr einen solchen Respekt ein vor dem Jungen,
+daß sie ihn selbst nicht ausfragte, und so kam es, daß eigentlich
+niemand wußte, wie er nach Peschiera gekommen war; aber es hatte sich
+eine Geschichte verbreitet, die nahm jedermann an, daß er als ein
+verlassenes Waisenkind da droben in den Bergen schlecht gehalten und bös
+behandelt worden, da sei er entlaufen und habe viele Gefahren bestanden
+auf der langen Reise und sei endlich hier angekommen, wo die Leute nicht
+so roh seien wie in den Bergen, und hier sei er gern. Und wenn die
+Wirtin die Geschichte erzählte, so ermangelte sie nicht, hinzuzusetzen:
+er verdiene es auch, daß es ihm so gut gegangen sei und er den Schutz
+unter ihrem Dache gefunden habe.
+
+Als der erste Tanzsonntag kam, da versammelten sich in der »Goldenen
+Sonne« so erstaunlich viele Leute, daß man gar nicht wußte, wo sie alle
+untergebracht werden könnten, denn jeder wollte den kleinen fremden
+Musikanten sehen und hören, und diejenigen, die ihn schon gehört hatten
+am ersten Abend, kamen zuallererst und wollten mit ihrem Lied beginnen.
+
+Die Wirtin lief hin und her im Feuer der Arbeit und glänzte, als wäre
+sie selbst zur »Goldenen Sonne« geworden, und wenn sie auf ihren Mann
+traf, so sagte sie jedesmal siegreich: »Hab' ich's nicht gesagt?«
+
+Rico hörte erst einen Tanz an von den drei Geigern, die gekommen waren,
+und die Melodien fielen ihm so ins Ohr und in die Finger, daß er gleich
+nachher mitspielen konnte, und nun wußte er den Tanz für immer. So kam
+es, daß er am späten Abend, als man aufhörte zu tanzen, alle Tänze
+mitspielen konnte, die überhaupt gespielt wurden, denn jeden hatte man
+zu öfteren Malen durchgenommen.
+
+Am Ende mußte auch noch das Peschiera-Lied gesungen werden, von Rico
+begleitet, und war schon den ganzen Abend ein Lärm gewesen, so kamen nun
+die Gemüter erst noch recht ins Feuer und es ging zu, daß Rico ein
+paarmal dachte: jetzt fahren sie aufeinander und schlagen sich alle tot.
+Aber es war alles in Freundschaft gemeint. Und ihm selbst wurde eine so
+ohrenzerreißende Anerkennung gespendet, daß er nur immer dachte: wenn's
+doch bald fertig wäre, denn nichts war dem Rico so tief zuwider, wie ein
+großer Lärm.
+
+Am Abend sagte die Wirtin zu ihrem Manne: »Hast's gesehen? Schon das
+nächste Mal brauchen wir nur noch zwei Geiger.«
+
+Und der Mann war sehr zufrieden und sagte: »Man muß dem Buben etwas
+geben.«
+
+Zwei Tage nachher war Tanz droben in Desenzano, und Rico wurde auch mit
+den Geigern hingeschickt; jetzt konnte man ihn schon ausleihen. Es war
+da derselbe Lärm und Spektakel, und wenn auch das Peschiera-Lied nicht
+mußte gesungen werden, so ging es nun über anderen Dingen ganz gleich
+laut zu, und Rico dachte von Anfang bis zu Ende: »Wenn's nur fertig
+wäre!«
+
+Er brachte eine ganze Tasche voll Geld heim; das ließ er alles ungezählt
+auf den Tisch hinausrollen, als er zurückkam, denn es gehörte der
+Wirtin, und sie lobte ihn und stellte ein schönes Stück Apfelkuchen vor
+ihn hin. Am Sonntag nachher war schon wieder Tanz drüben in Riva, und
+diesmal freute sich Rico, denn Riva war jener Ort drüben über dem See,
+wo dieser von Peschiera aus anzusehen war wie eine sonnige Bucht, um die
+herum die freundlichen weißen Häuser lagen und herüberschimmerten.
+
+Da fuhren die Musikanten zusammen am Nachmittag über den goldenen See im
+offenen Kahn unter dem blauen Himmel hin, und Rico dachte: »Wenn ich so
+mit dem Stineli hinüberfahren könnte! Wie müßte es staunen über den See,
+an den es nicht glauben wollte!«
+
+Aber drüben ging derselbe Lärm los und Rico wünschte wieder
+fortzukommen, denn von drüben herüber Riva anzusehen im stillen
+Abendschein, war so viel schöner, als hier mittendrin im Tumult zu
+sitzen.
+
+Wenn aber keine Tanztage waren, da konnte Rico jeden Abend zu dem
+kleinen Silvio gehen und lange da bleiben, denn die Wirtin wollte sich
+der Frau Menotti dienstbar erzeigen. Da ging Rico gern hin, das war
+seine Freude. Kam er am See vorbei, so ging er gegen die schmale
+Steinbrücke hin und setzte sich eine Weile auf den Boden; denn dies war
+der einzige Ort, wo er das Gefühl hatte, er sei vielleicht daheim. Da
+kam ihm am allerlebendigsten alles vor die Augen, wie es war, da er noch
+daheim war. Denn was er vor sich sah, hatte er damals so gesehen, und
+hier sah er auch am deutlichsten die Mutter vor sich. Dort hatte sie am
+See gestanden und etwas ausgewaschen, und von Zeit zu Zeit sah sie ihn
+an und sagte ihm liebevolle Worte, und er saß auf demselben Plätzchen,
+wo er jetzt saß. Das alles wußte er so genau. Da ging er immer mit Zwang
+weg, aber er wußte, daß Silvio nach ihm lauschte. Wenn er dann durch den
+Garten kam, so wurde es ihm auch wieder wohl und er trat gern in das
+stille, saubere Haus. Frau Menotti war in einer Weise freundlich mit
+ihm, wie sonst niemand, das fühlte er wohl; sie hatte ein großes Mitleid
+mit dem verlassenen Waislein, wie sie ihn nannte, sie hatte die
+Geschichte auch gehört von seinem Entfliehen. Sie fragte den Rico nie
+etwas von seinem Leben in den Bergen, denn sie dachte, es wecke ihm nur
+traurige Erinnerungen. Sie fühlte auch, daß der Rico nicht die Pflege
+hatte, die ein Büblein von seinem Alter und von so stiller Art bedurft
+hätte; aber sie konnte nichts machen, als ihn bei sich haben, soviel es
+anging. Sie legte ihm aber manchmal die Hand auf den Kopf und sagte
+mitleidig: »Du armes Waislein!«
+
+Dem kleinen Silvio wurde der Rico täglich unentbehrlicher; schon am
+Morgen fing er an zu jammern und nach dem Rico zu begehren, und wenn
+seine Schmerzen da waren, so schrie er noch mehr und wollte sich nicht
+mehr beruhigen, wenn der Rico nicht kommen konnte. Denn seit der Rico so
+fließend sprechen konnte, hatte Silvio eine neue unversiegende Quelle
+der Kurzweil bei ihm gefunden; das war sein Erzählen.
+
+Rico hatte angefangen, dem Silvio vom Stineli zu erzählen, und da ihm
+selbst dabei so wohl wurde und sein ganzes Herz aufging, so wurde er
+dabei so lebendig und so unterhaltend, daß er nicht mehr zu kennen war.
+Er wußte hundert Geschichten zu erzählen, wie das Stineli einmal den
+Sami gerade noch am Bein erwischte, als er ins Wasserloch fallen wollte,
+und nun immerzu aus aller Kraft am Bein ziehen und dazu oben hinaus
+schreien mußte, während der Sami unten durch schrie, bis der Vater ganz
+langsam herbeikam, denn er nahm immer an, Kinder schrieen von Natur und
+ohne Not. -- Und wie es dem Peterli Figuren ausschnitt und dem Urschli
+Hausgerät machte aus allen Stoffen, von Holz und Moos und Grashalmen.
+Und wie alle Kinder nach dem Stineli schrieen, wenn sie krank waren,
+weil sie dann vergaßen, was ihnen weh tat, wenn es sie verkurzweilte.
+Und dann erzählte Rico, wie er mit dem Stineli auszog, und wie es dann
+schön war, und seine Augen leuchteten dann so zündend und der ganze Rico
+wurde so erstaunlich belebt, daß der kleine Silvio ganz ins Feuer kam
+und immer mehr hören wollte. Und wenn Rico einmal stille hielt, so rief
+er gleich: »Erzähl wieder vom Stineli!« Eines Abends aber kam Silvio in
+die alleräußerste Aufregung, als Rico fortgehen wollte und dazu sagte,
+morgen und am Sonntag dürfe er nicht kommen.
+
+Silvio schrie nach der Mutter, als wäre das Haus in Flammen und er läge
+mitten drin, und als sie im höchsten Schrecken aus dem Garten
+hereingestürzt kam, rief er immer zu: »Der Rico darf nie mehr ins
+Wirtshaus, er muß dableiben. Er muß immer da sein. Du mußt dableiben,
+Rico, du mußt, du mußt!«
+
+Da sagte Rico: »Ich wollte schon, aber ich muß doch gehen.«
+
+Die Frau Menotti war in großer Verlegenheit; sie wußte wohl, was der
+Rico den Wirtsleuten wert war, und daß sie ihn nicht bekäme, unter
+keiner Bedingung. So beschwichtigte sie den Silvio, wie sie nur konnte,
+und den Rico zog sie an sich und sagte voller Mitleid: »Ach du armes
+Waislein!«
+
+Da schrie Silvio in seinem Zorn: »Was ist ein Waislein? Ich will auch
+ein Waislein sein!«
+
+Nun kam auch die Frau Menotti in Aufruhr und rief: »Ach Silvio, willst
+du dich noch versündigen? Sieh, ein Waislein ist ein armes Kind, daß
+keinen Vater und keine Mutter hat und gar nirgends auf der Welt daheim
+ist.«
+
+Rico hatte seine dunkeln Augen auf die Frau geheftet, sie sahen immer
+schwärzer aus, sie bemerkte es aber nicht. Sie hatte gar nicht mehr an
+den Rico gedacht, als sie Silvio in der Aufregung die Erklärung gab.
+Rico schlich leise zur Tür hinaus und fort. Frau Menotti dachte, er sei
+so leise fortgegangen, damit der Kleine nicht noch einmal aufgebracht
+werde, und es war ihr recht. Sie setzte sich nun an das Bettchen und
+sagte: »Hör, Silvio, ich will dir's erklären und dann mußt du diesen
+Lärm nicht mehr machen. Siehst du, die Buben kann man einander nicht nur
+so wegnehmen, denn wenn ich der Wirtin nun den Rico nehmen wollte, so
+könnte sie kommen und mir den Silvio nehmen. Dann könntest du den Garten
+und die Blumen nie mehr sehen und müßtest allein in der Kammer schlafen,
+wo das Roßgeschirr hängt und wo der Rico so ungern hineingeht; er hat
+dir's ja schon manchmal erzählt. Was wolltest du dann machen?«
+
+»Wieder heimgehen«, sagte der Kleine entschlossen. Er blieb aber nunmehr
+still und legte sich aufs Ohr.
+
+Rico ging durch den Garten und über die Straße weg hinab an den See. Da
+setzte er sich auf sein Plätzchen nieder und legte seinen Kopf in beide
+Hände und sagte in trostlosem Ton: »Jetzt weiß ich's, Mutter; auf der
+ganzen Welt bin ich nirgends daheim, gar nirgends!«
+
+Und so saß er bis in die Nacht hinein in seiner großen Traurigkeit und
+wäre am liebsten nicht mehr aufgestanden, aber in seine Kammer mußte er
+endlich doch wieder zurückkehren.
+
+
+
+
+Fünfzehntes Kapitel.
+
+Silvio wünscht mit Nachdruck.
+
+
+In dem kleinen Silvio arbeitete aber die Aufregung weiter, und als er
+nun wußte, daß der Rico zwei Tage hintereinander keinen Augenblick
+kommen würde, fing er schon am frühen Morgen an mit Grimm auszurufen:
+»Nun kommt der Rico nicht! Nun kommt der Rico nicht!« und fuhr mit
+kleinen Zwischenpausen so fort bis zum Abend, und am folgenden Tag fing
+er wieder an beizeiten. Am dritten Tage aber hatte ihn diese Tätigkeit
+so ausgetrocknet, daß er war wie ein Häuflein Stroh, das ein kleiner
+Funke gleich in helle Flammen bringen kann.
+
+Rico erschien am Abend noch ganz angewidert von dem Tanzlärm, bei dem er
+gewesen war. Seit er nun wußte, daß er nirgends daheim war, hatte der
+Gedanke an das Stineli eine neue Gewalt bekommen, und er sagte bei sich:
+»Da ist nur das Stineli auf der ganzen Welt, zu dem ich gehöre und das
+sich um mich bekümmert.« Und es kam ein großes Heimweh nach dem Stineli
+über ihn. Er saß auch kaum an Silvios Bett, so sagte er: »Siehst du,
+Silvio, nur einzig beim Stineli ist es einem wohl und sonst gar
+nirgends.« Kaum waren diese Worte ausgesprochen, so schnellte sich der
+Kleine augenblicklich in die Höhe und rief mit aller Kraft: »Mutter, ich
+will das Stineli haben. Das Stineli muß kommen; einzig nur beim Stineli
+ist es einem wohl und sonst gar nirgends!«
+
+Die Mutter war herzugetreten, und da sie oft Ricos Erzählungen vom
+Stineli und seinen kleinen Geschwistern mit vieler Befriedigung zugehört
+hatte, wußte sie schon, von wem die Rede war, und sagte: »Ja, ja, mir
+wär' es schon recht, ich könnte ein Stineli schon brauchen für dich und
+mich; wenn ich nur eins hätte!«
+
+Aber auf diese unbestimmte Auslassung ging Silvio gar nicht ein, denn er
+war völlig Feuer und Flamme für seine Sache.
+
+»Jetzt kannst du gleich eins haben«, rief er weiter; »der Rico weiß, wo
+es ist, er muß es holen; ich will das Stineli haben alle Tage und
+immerfort; morgen muß es der Rico holen, er weiß, wo es ist.«
+
+Wie nun die Mutter sah, daß der Kleine sich alles ausdachte und ganzen
+Ernst aus der Sache machen wollte, fing sie an, ihn auf alle Weise
+abzumahnen und auf andere Gedanken zu bringen, denn sie hatte mehrmals
+erzählen hören, was für unglaubliche Gefahren der Rico auf seiner Reise
+zu bestehen hatte, und wie es das größte Wunder sei, daß er lebendig
+habe bis nach Peschiera herunterkommen können, und was für ein
+schreckhaft wildes Volk dort oben in den Bergen lebe. So wußte sie ja,
+daß kein Mensch so ein Mädchen herunterholen würde, am wenigsten ein
+zartes Bürschlein wie Rico; er konnte ja ganz elend zugrunde gehen,
+wenn er so etwas beginnen würde, und dann hätte sie die Verantwortung
+auf sich. Das wollte sie nicht auch noch, sie hatte schon genug.
+
+Sie stellte dem Silvio die ganze Unmöglichkeit der Sache vor und sprach
+ihm von vielen schreckhaften Ereignissen und bösen Menschen, die den
+Rico verfolgen und umbringen könnten. Aber diesmal half alles nichts.
+Der kleine Silvio mußte sich die Sache in den Kopf gesetzt haben, wie
+noch nichts in seinem Leben; denn was die Mutter auch vorbrachte und wie
+sehr sie in Eifer geriet vor Besorgnis, sobald sie innehielt, sagte
+Silvio: »Der Rico muß es holen, er weiß, wo es ist.«
+
+Da sagte die Mutter: »Und wenn er's auch weiß, meinst du denn, der Rico
+wolle so in die Gefahr und ins Gottversuchen hinauslaufen, wenn er es
+haben kann wie hier und gar zu keinen bösen Menschen mehr gehen muß?«
+
+Da sah Silvio den Rico an und sagte: »Du willst schon gehen und das
+Stineli holen, Rico, oder nicht?«
+
+»Ja, ich will«, antwortete Rico fest.
+
+»Ach, ihr barmherzigen Heiligen, was soll das werden, jetzt wird mir der
+Rico auch noch unvernünftig!« rief die Mutter ganz erschrocken. »So weiß
+man sich ja gar nicht mehr zu helfen. Nimm die Geige, Rico, und spiel
+und sing etwas, ich muß in den Garten«, und damit lief Frau Menotti
+eilends unter die Feigenbäume hinaus, denn sie nahm an, der Silvio
+vergesse am schnellsten seinen Einfall wieder, wenn er nicht mehr an ihr
+zwingen könne.
+
+Aber die beiden guten Freunde drinnen spielten nicht und sangen nicht,
+sondern brachten sich gegenseitig ganz ins Fieber mit allerhand
+Vorstellungen, wie das Stineli geholt werden müsse und wie es dann
+nachher zugehen werde, wenn es da sei. Rico vergaß gänzlich,
+fortzugehen, obschon es dunkel geworden war, denn die Frau Menotti kam
+absichtlich noch nicht herein, sie hoffte, der Silvio entschlafe dann
+vorher. Endlich trat sie aber doch ein und Rico ging gleich, aber mit
+Silvio hatte sie noch einen schweren Stand. Er wollte durchaus nicht die
+Augen zumachen, bis die Mutter versprechen würde, der Rico müsse das
+Stineli holen; das konnte sie aber nicht versprechen, und so kam Silvio
+zu keiner Ruhe, bis die Mutter sagte: »Sei nun zufrieden, über Nacht
+kommt dann alles in Ordnung.« Denn sie dachte, über Nacht vergesse er
+sein Begehren, wie schon viele, und es komme ihm etwas Neues in den
+Sinn.
+
+Da wurde Silvio still und schlief ein. Aber die Mutter hatte sich
+verrechnet. Noch war sie am Morgen kaum recht erwacht, so rief Silvio
+aus seinem Bettchen herauf: »Ist alles in Ordnung, Mutter?«
+
+Als sie dies unmöglich bejahen konnte, ging ein solcher Sturm los, wie
+sie desgleichen an dem Büblein noch nie erlebt hatte, und den ganzen Tag
+ging das Unwetter fort bis zum späten Abend, und am Morgen darauf fing
+Silvio gerade so wieder an, wie er am Abend aufgehört hatte.
+
+Eine solche Beharrlichkeit auf demselben Begehren hatte Silvio noch nie
+an den Tag gelegt. Wenn er schrie und lärmte, konnte sie's noch
+ertragen; aber wenn nun die Stunden der großen Schmerzen kamen, da
+wimmerte Silvio fortwährend in der kläglichsten Weise: »Nur beim Stineli
+ist es einem wohl und sonst gar nirgends!«
+
+Das schnitt der Mutter ins Herz und war ihr wie ein Vorwurf, so als
+wollte sie nicht tun, was ihm wohlmachen könnte; aber wie hätte sie auch
+nur daran denken können, sie hatte ja den Rico selbst auf Silvios
+Frage: »Weißt du auch den rechten Weg zum Stineli?« antworten hören:
+»Nein, ich weiß keinen Weg, aber ich finde ihn dann schon.«
+
+Von Tag zu Tag hoffte sie, durch einen glücklichen Umstand komme dem
+Silvio eine neue Forderung in den Sinn, denn so war es sonst immer
+gewesen; sie konnte darauf rechnen: hatte er etwas begehrt, wenn ihm
+wohl war, so verwarf er es sicher, sobald seine Schmerzen kamen. Aber
+diesmal war es anders, und es hatte seinen guten Grund. Ricos
+Erzählungen und Aussprüche über das Stineli hatten in dem empfindlichen
+Gemüte des kranken Silvio die feste Überzeugung hervorgebracht, daß ihm
+nie mehr etwas weh tun würde, wenn das Stineli bei ihm wäre. So
+gebärdete sich Silvio jammervoller von Tag zu Tag, und seine Mutter
+wußte nicht, wo sie Rat und Beistand finden könnte.
+
+
+
+
+Sechzehntes Kapitel.
+
+Ein Rat zur Freude für viele.
+
+
+In diesem Zustande der Unruhe war es für die Frau Menotti ein rechter
+Trost, als sie einmal wieder nach langer Zeit den wohlmeinenden alten
+Herrn Pfarrer im langen schwarzen Rock durch den Garten kommen sah, der
+von Zeit zu Zeit den kleinen Kranken besuchte. Sie sprang auf von ihrem
+Stuhl und rief erfreut: »Sieh, Silvio, da kommt der gute Herr Pfarrer!«
+und ging ihm entgegen. Silvio aber in seinem Groll über alle Dinge
+rief, so laut er konnte, der Mutter nach: »Ich wollte lieber, das
+Stineli käme!«
+
+Dann kroch er aber eilends unter die Decke, damit der Herr Pfarrer nicht
+wissen könne, woher die Stimme kam. Die Mutter war sehr erschrocken und
+bat im Eintreten den Herrn Pfarrer, er solle doch den Empfang nicht übel
+nehmen, er sei auch nicht so ernst gemeint. Silvio rührte sich nicht, er
+sagte nur ganz heimlich unter der Decke: »Doch, es ist mir sicher
+ernst.«
+
+Der Herr Pfarrer mußte geahnt haben, woher die Stimme kam; er trat
+gleich an das Bett heran, und obwohl er kein Haar von Silvio sah, sagte
+er: »Gott grüß' dich, mein Sohn, wie steht es mit der Gesundheit, und
+warum verkriechst du dich in unterirdische Höhlen wie ein kleiner Dachs?
+Komm hervor und erkläre mir: was verstehst du unter einem Stineli?«
+
+Nun kroch Silvio hervor, denn er hatte Respekt vor dem Herrn Pfarrer, da
+er nun so nah war. Er streckte schnell seine kleine magere Hand zum
+Gruße aus und sagte: »Dem Rico sein Stineli.«
+
+Nun mußte die Mutter erklärend dazwischentreten, denn der Herr Pfarrer
+schüttelte verwundert den Kopf, indem er sich an Silvios Bett
+niedersetzte. Sie erzählte ihm nun die ganze Sache mit dem Stineli, und
+wie der kleine Silvio sich in den Kopf gesetzt habe, es werde ihm nie
+mehr wohl, wenn das Stineli nicht zu ihm komme, und wie der Rico nun
+auch unvernünftig geworden sei und meine, er könne das Mädchen holen,
+während er keinen Weg und Steg wisse und es ja so weit weg oben in den
+Bergen wohne, wo niemand zukomme, und man gar nicht wissen könne, was
+für ein erschreckliches Volk da sei. Denn man könne sich denken, wie es
+da zugehen müsse, wenn ein zartes Büblein, wie der Rico, lieber den
+größten Gefahren entgegenlaufe und sie bestehe, als unter solchen Leuten
+zu bleiben. Wenn alles anders wäre, fügte Frau Menotti hinzu, so wäre
+ihr kein Geld zu viel, so ein Mädchen kommen zu lassen, um dem Silvio
+das Verlangen zu stillen und jemand für ihn zu haben, denn manchmal
+werde es ihr fast zu viel mit allem, was sie zu tragen habe, und sie
+meine, sie könne nicht mehr fortkommen. Und der Rico, der sonst recht
+vernünftig rede, meine, kein Mensch könne ihr so gut in allem beistehen,
+wie dieses Stineli. Er müsse es gut kennen, und wenn es so sei, wie er
+es beschreibe, so könnte es auch noch eine Rettung sein für so ein
+Mädchen, wenn es von da droben wegkomme; aber da wüßte sie ja von keinem
+Menschen, der ihr einen solchen Dienst tun würde.
+
+Der Herr Pfarrer hatte ganz ernsthaft zugehört und kein Wort gesagt, bis
+die Frau Menotti fertig war. Er hätte auch nicht gut dazwischenkommen
+können mit Worten, denn sie hatte ihr Herz lange nicht ausgeschüttet und
+es war ihr so voll geworden, daß Frau Menotti bei dem großen Andrang der
+Worte fast um den Atem gekommen war.
+
+Als nun alles still war, nahm der Herr Pfarrer erst ganz ruhig noch eine
+Prise zu der vorhergehenden; dann sagte er gelassen:
+
+»Hm, hm, Frau Menotti, ich glaube fast, Ihr habt von den Leuten da
+droben eine Meinung, die fast erschrecklich ist; es gibt doch auch noch
+Christen da, und seit man so allerhand Mittel erfunden hat, um weiter zu
+kommen, wird es auch noch möglich sein, daß einer ohne Gefahr dort
+hinaufkommt. Das wird man etwa in Erfahrung bringen können, man muß sich
+besinnen.«
+
+Hier mußte der Herr Pfarrer sich erst wieder ein wenig stärken aus
+seiner Dose, dann fügte er bei: »Es gibt allerlei Händler, die von da
+oben herunter nach Bergamo kommen, Schafhändler und Roßhändler, die
+müssen die Wege wissen. Man kann sich erkundigen und dann muß man sich
+bestimmen; es wird etwa ein Mittel gefunden werden. Wenn Euch viel dran
+liegt, Frau Menotti, so will ich mich etwa umsehen; ich komme alle Jahre
+ein- oder zweimal nach Bergamo, so könnte ich die Sache ein wenig in die
+Hand nehmen.«
+
+Frau Menotti war von solcher Dankbarkeit, daß sie gar nicht wußte, wie
+sie diese dem Herrn Pfarrer ausdrücken sollte. Mit einem Male waren ihr
+alle die schweren Gedanken abgenommen, die sie so viele Tage und Nächte
+lang verfolgt hatten, und in die sie sich immer mehr verwickelt hatte,
+je mehr sie sich damit abgab, so daß sie keinen Ausweg mehr vor sich
+gesehen hatte. Nun hatte der Herr Pfarrer die ganze Last auf sich
+genommen, und sie konnte den Silvio von nun an auf ihn verweisen.
+
+Silvio hatte das ganze Gespräch über mit seinen grauen Augen den Herrn
+Pfarrer fast durchbohrt vor Spannung. Als dieser nun aufstand und dem
+Kleinen die Hand zum Abschied bot, patschte Silvio die seinige ganz
+gewaltig hinein, so als wollte er sagen: diesmal gilt's mir! Der Herr
+Pfarrer versprach, Bericht zu geben, sobald er seine Erkundigungen
+eingezogen hätte und wüßte, ob die Sache ausführbar wäre, oder ob Silvio
+von seinem Begehren abstehen müsse.
+
+Nun vergingen die Wochen eine nach der anderen, aber der Silvio hielt
+sich gut. Er hatte eine bestimmte Hoffnung vor Augen, und dazu war der
+Rico auf einmal so unterhaltend und lebendig geworden, wie noch nie. In
+den war es gefahren wie ein zündender Freudenfunke, als er den Ausspruch
+des Herrn Pfarrers vernommen hatte, und seither war ein neues Leben in
+ihm. Er wußte dem Silvio mehr zu erzählen als je, und nahm er seine
+Geige zur Hand, so kamen so herzerquickende Töne und Weisen daraus
+hervor, daß die Frau Menotti gar nicht mehr aus dem Zimmer weg mochte
+und sich nicht genug verwundern konnte, woher der Rico das alles nahm.
+
+Rico hatte auch nur in dieser Stube rechte Freude an seiner Geige; in
+dem weiten, hohen Raum tönte es so schön und da war es so still und
+luftig, da war kein Tabaksqualm und kein Menschentumult, und er mußte
+nicht bei den Tänzen bleiben, sondern konnte spielen, was ihn freute.
+Mit jedem Tage kam auch Rico lieber in das Haus, und oft, wenn er
+eintrat, dachte er: so ist es wohl einem zumute, der heimkommt. Aber er
+war ja doch nicht daheim, er durfte nur für ein paar Stunden kommen und
+mußte immer wieder gehen.
+
+In der letzten Zeit war aber etwas in den Rico gefahren, das die Wirtin
+manchmal in große Verwunderung setzte. Wenn sie etwa das schmutzige,
+zerbrochene Abfallbecken vor ihn hinstellte und sagte: »Da, Rico, bring
+es den Hühnern!« -- so stellte er sich etwas auf die Seite und legte die
+Hände auf den Rücken, zum Zeichen, daß er das Becken nicht berühren
+möge, und sagte ruhig: »Ich wollte lieber, das täte jemand anders!«
+
+Und wenn sie die alten Schuhe hervorbrachte und Rico in die Hand geben
+wollte, daß er sie zum Schuhflicker hintrage, so tat Rico wieder
+desgleichen und sagte: »Ich wollte lieber, es ginge ein anderer.«
+
+Die Wirtin aber war eine kluge Frau und hatte ihre Augen im Kopfe, um
+damit zu sehen, was vorging, und so war es ihr nicht entgangen, wie Rico
+sich seit einiger Zeit verändert hatte und wie er aussah. Frau Menotti
+hatte ihn immer gut gekleidet, seit sie die Verpflichtung dazu
+übernommen hatte; da aber dem Rico alles gut stand und er immer mehr
+aussah wie ein Herrensöhnchen, so hatte die Frau Menotti ihre Freude
+daran und kleidete ihn in gute Stoffe, und Rico ging sorgsam und
+ordentlich damit um, denn er mochte gern, was schön anzusehen war, und
+Schmutz und Unordnung war ihm zuwider wie der Lärm. Das sah die Wirtin
+alles an, und dazu war ihr wohlbewußt, wie der Rico ganz so, wie er das
+erste Mal getan, immer noch wenn er von den Tanzbelustigungen aus der
+Umgegend zurückkehrte, seine Tasche vor ihr ausleerte und das Geld
+hinrollen ließ, ohne eine Miene zu machen, als ob er nur etwas davon
+begehrte.
+
+Er brachte auch immer mehr, denn er war nicht nur Tanzgeiger, wie die
+anderen; man wollte auch immer noch seine Lieder hören nach dem Tanzen
+und allerhand Melodien, die er wußte. So war der Wirtin daran gelegen,
+den Rico willig zu erhalten, und sie ließ ihn in Ruhe mit den Hühnern
+und den alten Schuhen und begehrte diese Dienste nicht mehr von ihm.
+
+Über all' diesen Ereignissen waren an die drei Jahre dahingegangen, seit
+der Rico der Peschiera erschienen war. Er war nun ein vierzehnjähriger
+aufgeschossener Junge geworden, und wer ihn ansah, der hatte sein
+Wohlgefallen an ihm.
+
+Wieder leuchteten die goldenen Herbsttage über den Gardasee und der
+blaue Himmel lag auf der stillen Flut. Im Garten hingen die Trauben
+golden an den Ranken und die roten Oleanderblumen funkelten im lichten
+Sonnenschein. In Silvios Stube war es ganz still; denn die Mutter war
+draußen, um Trauben und Feigen zum Abend hereinzuholen. Silvio lauschte
+auf Ricos Tritt, denn es war die Zeit, da er gewöhnlich kam. Jetzt ging
+das Pförtchen auf am Zaun; Silvio schoß auf. Ein langer schwarzer Rock
+kam hereingewandert, es war der Herr Pfarrer. Diesmal kroch Silvio nicht
+ins Loch; er streckte seine Hand, so weit er konnte, dem Herrn Pfarrer
+entgegen, lange eh' dieser nur halbwegs im Garten angekommen war. Der
+Empfang gefiel ihm aber; er trat gleich in die Stube ein und an Silvios
+Bett hin, obschon er die Mutter hinten im Garten sah, und sagte: »So
+ist's recht, mein Sohn, und wie steht es mit der Gesundheit?« -- »Gut«,
+entgegnete Silvio schnell. Er schaute in höchster Spannung den Herrn
+Pfarrer an und fragte dann halblaut: »Wann kann der Rico gehen?«
+
+Der Herr Pfarrer setzte sich an dem Bett nieder und sagte mit
+feierlichem Ton: »Morgen um fünf Uhr wird der Rico reisen, mein
+Söhnchen.«
+
+Frau Menotti war eben eingetreten, und nun ging es an ein Fragen und
+Verwundern von ihrer Seite, daß der Herr Pfarrer Mühe hatte, sie zu
+beschwichtigen, damit er ungestört seinen Bericht auseinanderlegen
+könnte. Es gelang ihm endlich, und Silvio hielt seine Augen auf ihn
+geheftet wie ein kleiner Sperber, als nun die Erzählung kam.
+
+Der Herr Pfarrer kam eben von Bergamo her, wo er zwei Tage zugebracht
+hatte. Da hatte er mit Hilfe seiner Freunde einen Roßhändler ermittelt,
+der kam schon seit 30 Jahren jeden Herbst nach Bergamo und kannte alle
+Wege und Gegenden von da bis noch weit über die Berge hinaus, wo Rico
+hin mußte. Er wußte auch, wie man in die Berge hinaufkommen konnte, ohne
+nur auszusteigen und zu schlafen unterwegs. Den Weg machte er selbst und
+wollte den Rico mitnehmen, wenn er am Morgen mit dem ersten Zuge in
+Bergamo ankomme. Der Mann kannte auch alle Kutscher und Kondukteure und
+wollte für die Rückkehr den Jungen und seine Begleiterin den Leuten
+übergeben und anempfehlen, so daß sie sicher reisen würden.
+
+So fand der Herr Pfarrer, man könne nun den Rico in Frieden ziehen
+lassen, und gab seinen Segen zu der Reise.
+
+Als er aber schon am Gartenzaun stand, kehrte die Frau Menotti, die ihn
+begleitet hatte, noch einmal um und fragte voller Besorgnis: »Ach, Herr
+Pfarrer, wird auch sicher keine Lebensgefahr dabei sein, oder daß der
+Rico auf den verirrlichen Wegen sich verlieren könnte und dann in den
+wilden Bergen umherirren müßte?«
+
+Der Herr Pfarrer beruhigte die Frau nochmals, und nun ging sie zurück
+und bedachte, was nun alles für den Rico zu tun sei. Dieser trat eben in
+den Garten ein, und das Freudengeschrei, welches ihm Silvio nun
+entgegensandte, war so erstaunlich, daß Rico in drei Sprüngen an dem
+Bett war, um zu sehen, was sich da ereignet habe.
+
+»Was hast du? was hast du?« fragte Rico immerzu, und Silvio rief in
+einem fort: »Ich will's sagen! Ich will's sagen!« vor lauter Angst, die
+Mutter komme ihm zuvor. Diese ließ aber nun die Buben mit ihrer Freude
+allein und ging ihrem Geschäfte nach, denn das war nun das Wichtigste.
+Sie holte einen Reisesack hervor und stopfte unten hinein ein ungeheures
+Stück geräuchertes Fleisch und einen halben Laib Brot und ein großes
+Paket gedörrter Pflaumen und Feigen und eine Flasche Wein, gut in ein
+Tuch gewickelt, und dann kamen die Kleider, zwei Hemden, ein Paar
+Strümpfe und ein Paar Schuhe und Taschentücher, und bei alledem war der
+Frau nicht anders zumute, als reiste Rico nach dem fernsten Weltteil,
+und sie merkte nun erst recht, wie lieb ihr der Rico war, so daß sie
+ohne ihn fast nicht mehr sein konnte.
+
+Sie mußte auch zwischen dem Packen immer wieder niedersitzen und denken:
+»Wenn es nur auch kein Unglück gibt!«
+
+Nun kam sie herunter mit dem Sack und ermahnte den Rico, jetzt gleich
+hinzugehen und der Wirtin alles gut zu erklären und sie zu bitten, daß
+sie ihn auch gehen lasse und nichts dagegen habe, und den Sack könne er
+gleich auf die Bahn bringen.
+
+Rico war zum höchsten erstaunt über sein Gepäck; er tat aber folgsam,
+wie ihm geheißen wurde, und ging dann zur Wirtin. Er erzählte dieser,
+daß er in die Berge hinauf müsse und das Stineli herunterholen, und es
+komme vom Herrn Pfarrer her, daß er gleich morgen um fünf Uhr fort
+müsse. Das flößte der Wirtin schon ein wenig Respekt ein, daß der Herr
+Pfarrer mit der Sache zu tun habe. Sie wollte aber wissen, wer das
+Stineli sei und was es im Sinn habe; sie dachte gleich, das könnte etwas
+für sie sein. Sie brachte aber nur in Erfahrung, daß das Stineli ein
+Mädchen sei, das Stineli heiße, und daß es zur Frau Menotti komme. Da
+ließ sie die Sache gehen, denn der Frau Menotti wollte sie nichts in den
+Weg legen; sie war zufrieden genug, daß diese den Rico ihr so ruhig
+überlassen hatte. Sie nahm auch an, das Stineli sei natürlich Ricos
+Schwester, er sage es nur nicht, wie er überhaupt nie etwas von seinen
+Familienverhältnissen gesagt hatte.
+
+So erzählte sie auch noch denselben Abend allen Gästen, die ins Haus
+kamen, der Rico hole morgen seine Schwester herunter, denn er habe
+erfahren, wie gut man es hier unten haben könne.
+
+Nun wollte sie aber auch zeigen, wie sie es mit dem Rico meinte. Sie
+holte einen großen Korb vom Estrich herunter und steckte ihn ganz voller
+Würste und Käse und Eier und Brotschnitten mit fingerdicker Butter
+dazwischen und sagte:
+
+»Auf der Reise mußt du keinen Hunger haben, und das übrige kannst du
+schon dort oben brauchen; da wirst du nicht zu viel finden, und im
+Heimweg mußt du auch noch etwas haben. Denn du kommst doch wieder, Rico,
+sicher?«
+
+»Sicher«, sagte Rico, »in acht Tagen bin ich wieder da.«
+
+Nun trug Rico noch seine Geige zur Frau Menotti, denn die hätte er sonst
+niemandem anvertraut, und nun nahm er Abschied für acht Tage, denn nach
+Verfluß dieser Zeit konnte er wohl wieder da sein, wenn alles gut ging.
+
+
+
+
+Siebzehntes Kapitel.
+
+Über die Berge zurück.
+
+
+Am Morgen lang vor fünf Uhr stand Rico fertig auf der Station und konnte
+kaum erwarten, daß es vorwärts ging. Nun saß er im Wagen wie vor drei
+Jahren, aber nicht mehr so furchtsam in die Ecke gedrückt, mit der
+Geige in der Hand; jetzt brauchte er eine ganze Bank, denn neben ihm
+lagen Sack und Korb, die nahmen einen guten Platz ein. In Bergamo traf
+er richtig mit dem Roßhändler zusammen und nun reisten sie ungestört
+weiter, noch ein gutes Stück in demselben Wagen, dann über den See. Dann
+stiegen sie aus und wanderten gegen ein Wirtshaus hin, da standen schon
+die Pferde angespannt an dem großen Postwagen. Da erinnerte sich Rico
+deutlich, wie er hier gestanden in der Nacht, ganz allein, nachdem die
+Studenten dorthinüber gegangen waren, und drüben sah er die Stalltür, wo
+er die Laterne hangen gesehen und dann den Schafhändler wiedergefunden
+hatte. Es war schon Abend und bald bestieg man den Postwagen und fuhr
+den Bergen zu. Diesmal saß Rico mit seinem Begleiter im Wagen, und kaum
+hatte er sich auch recht in seine Ecke gesetzt, als ihm die Augen
+zufielen, denn vor Aufregung hatte er die vorhergehende Nacht keine
+Stunde geschlafen. Nun holte er es nach; ohne nur einmal zu erwachen,
+schlief Rico fort, bis die Sonne hoch am Himmel stand und der Wagen ganz
+langsam fuhr, und als er seinen Kopf aus dem Fenster steckte, erblickte
+Rico zu seiner unbeschreiblichen Verwunderung, daß der Wagen die
+Zickzackstraße hinauffuhr, die auf den Maloja führt und die er so wohl
+kannte.
+
+Aus dem Fenster konnte er nicht viel sehen, nur von Zeit zu Zeit eine
+Wendung der Straße; aber jetzt hätte er so gern alles gesehen ringsum.
+Nun hielt der Wagen still, man war auf der Höhe angekommen. Da stand das
+Wirtshaus, da am Wege hatte er sich hingesetzt und mit dem Kutscher
+gesprochen. Alle Reisenden stiegen einen Augenblick aus, den Pferden
+wurde ein Futter gegeben. Rico stieg auch aus dem Wagen; er ging zum
+Kutscher hin und fragte ganz demütig: »Darf ich mit Euch auf dem Bock
+fahren bis nach Sils?«
+
+»Steig auf«, sagte der Kutscher.
+
+Und nun stieg alles wieder ein und auf und im lustigen Trab ging es
+abwärts und die ebene Straße dahin. Jetzt kam der See. Dort lag die
+waldige Halbinsel, und dort -- das waren die weißen Häuser von Sils, und
+drüben lag Sils-Maria. Das Kirchlein schimmerte in der Morgensonne, und
+dort gegen den Berg hin sah er die beiden Häuschen.
+
+Jetzt fing Ricos Herz stark zu klopfen an. Wo konnte Stineli sein? Nur
+noch wenige Schritte, und der Postwagen hielt an in Sils.
+
+Stineli hatte seit Ricos Verschwinden viele harte Tage erlebt. Die
+Kinder wurden größer, und es gab immer mehr Arbeit und das meiste fiel
+auf Stineli; denn es war das älteste von den Kindern und neben den Alten
+war es doch das Jüngste; so hieß es bald: »Das Stineli kann dies tun, es
+ist ja alt genug«, und dann gleich nachher: »Das kann Stineli
+verrichten, denn es ist noch jung.« Die Freude konnte es mit niemandem
+mehr recht teilen, seit der Rico fort war, wenn es noch einen Augenblick
+Zeit dazu gehabt hätte.
+
+Vor dem Jahre war dann die gute Großmutter gestorben, und von da an gab
+es für Stineli auch keine freien Augenblicke mehr; denn vom Morgen bis
+am Abend war da so viel Arbeit zu tun, daß man nie fertig wurde, sondern
+nur immer mittendrin war.
+
+Aber Stineli hatte seinen guten Mut nie verloren, obschon es um die
+Großmutter stark hatte weinen müssen und jetzt noch jeden Tag ein
+paarmal dachte: ohne die Großmutter und den Rico sei es nicht mehr so
+schön auf der Welt, wie es einmal gewesen war. An einem sonnigen
+Samstagmorgen kam es mit einem großen Bündel Stroh auf dem Kopfe hinter
+der Scheune hervor; es wollte schöne Strohwische machen zum Fegen am
+Abend. Die Sonne schien schön auf den trockenen Weg gegen Sils hin und
+es stand still und schaute hinüber. Da kam ein Bursche des Weges, den es
+nicht kannte, das war kein Silser, das sah es sogleich. Und wie er näher
+kam, stand er still und schaute das Stineli an, und es schaute ihn auch
+an und war verwundert; aber mit einem Male warf es sein Strohbündel weit
+weg und sprang auf den Stillstehenden zu und rief: »O Rico, bist du noch
+am Leben? Bist du wieder da? Aber du bist groß, Rico! Zuerst habe ich
+dich gar nicht mehr erkannt; aber wie ich dir ins Gesicht sah, da habe
+ich dich gleich erkannt; es hat ja kein Mensch sonst so ein Gesicht wie
+du!«
+
+Und Stineli stand ganz glühend rot vor Freude vor dem Rico, und der Rico
+stand kreideweiß vor innerer Erregung und konnte zuerst gar nichts sagen
+und schaute nur das Stineli an. Dann sagte er: »Du bist auch so groß,
+Stineli, aber sonst bist du noch wie vorher. Je näher ich dem Hause kam,
+je mehr wurde es mir angst, du seiest vielleicht anders geworden.«
+
+»O Rico, daß du wieder da bist!« jubelte das Stineli, »o wenn das die
+Großmutter wüßte! Aber du mußt hereinkommen, Rico, die werden sich alle
+verwundern!« Stineli lief voraus und machte die Tür auf, und Rico ging
+hinein. Die Kinder versteckten sich sogleich immer eins hinter das
+andere, und die Mutter stand auf und grüßte den Rico fremd und fragte,
+was ihm gefällig sei. Weder sie, noch eins der Kinder hatte ihn mehr
+erkannt. Jetzt traten auch Trudi und Sami in die Stube und grüßten im
+Vorbeigehen.
+
+»Kennt ihr ihn denn alle nicht?« brach nun das Stineli aus; »es ist ja
+der Rico!«
+
+Jetzt ging das Verwundern von allen Seiten an, und man war gerade noch
+daran, als der Vater eintrat zum Essen.
+
+Rico ging ihm entgegen und bot ihm die Hand. Der Vater nahm sie und
+schaute den Jungen an.
+
+»Ist's etwa einer von den Verwandten?« sagte er dann, denn er kannte
+diese nie so genau, wenn sie etwa kamen.
+
+»Jetzt kennt ihn der Vater auch nicht«, sagte Stineli ein wenig empört.
+»Es ist ja der Rico, Vater!«
+
+»So, so, das ist recht«, bemerkte der Vater und schaute ihn nun noch
+einmal an, von oben bis unten, dann fügte er bei: »Du darfst dich sehen
+lassen, hast du etwas von einer Hantierung gelernt? Komm, sitz zu mit
+uns, da kannst du's erzählen, wie es mit dir gegangen ist.«
+
+Rico setzte sich nicht gleich, er schaute immer wieder nach der Tür;
+endlich fragte er zögernd: »Wo ist die Großmutter?« Der Vater sagte, sie
+liege drüben in Sils, nicht weit vom alten Lehrer weg. Rico hatte wohl
+mit der Frage gezögert, weil er die Antwort fürchtete, da er die
+Großmutter nirgends sah. Er setzte sich nun zu Tisch mit den anderen,
+aber erst war er ganz still und essen konnte er auch nicht; er hatte die
+Großmutter so lieb gehabt.
+
+Aber nun wollte der Vater etwas erzählen hören, wo der Rico hingekommen
+sei an jenem Tage, da sie nach ihm in der Rüfe herumstocherten, und was
+er in der Fremde erlebt habe. Da erzählte denn Rico alles, wie es ihm
+ergangen war, und kam so bald auf die Frau Menotti und den Silvio zu
+sprechen und erklärte nun deutlich, warum er hierher gekommen sei, und
+daß er mit dem Stineli nach Peschiera zurückkehren wolle, sobald es dem
+Vater und der Mutter recht sei. Das Stineli machte die Augen ganz weit
+auf während Ricos Erzählung, es hatte ja von allem noch gar kein Wort
+gehört. Wie ein Freudenfeuer leuchtete es auf in seinem Herzen: mit dem
+Rico an seinen schönen See hinuntergehen und wieder alle Tage mit ihm
+zusammensein bei der guten Frau und dem kranken Silvio, der so nach ihm
+begehrte.
+
+Erst schwieg der Vater eine Zeitlang, denn er überstürzte nie ein Ding,
+dann sagte er: »Es ist recht, wenn eins unter die Fremden kommt, es
+lernt etwas; aber das Stineli kann nicht gehen, von dem ist keine Rede.
+Es ist nötig daheim; es kann ein anderes gehen, etwa das Trudi.«
+
+»Ja ja, so ist's besser«, sagte die Mutter; »ohne das Stineli kann ich
+es nicht machen.« Da hob das Trudi seinen Kopf vom Teller auf und sagte:
+»So ist es mir auch recht, es ist doch nur immer ein Kindergeschrei bei
+uns.«
+
+Das Stineli sagte kein einziges Wort; es sah nur ganz gespannt den Rico
+an, ob er nichts mehr sagen werde, weil der Vater so bestimmt abgesagt
+hatte, und ob er nun das Trudi mitnehmen wolle. Aber der Rico sah den
+Vater unerschrocken an und sagte:
+
+»Ja, so geht es nicht. Der kranke Silvio will präzis das Stineli haben
+und kein anderes, und er weiß schon, was er will; er würde nur das
+Trudi wieder heimschicken, dann hätte es den Weg vergebens gemacht. Und
+dann hat mir die Frau Menotti auch noch gesagt: wenn das Stineli mit dem
+Silvio gut auskomme, so könne es alle Monate seine fünf Gulden
+heimschicken, wenn man es so begehre; und daß der Silvio und das Stineli
+gut zusammen fertig werden, weiß ich im voraus so gut, wie wenn ich es
+gerade vor mir sähe.«
+
+Der Vater stellte seinen Teller beiseite und setzte die Kappe auf. Er
+war fertig mit Essen, und zum strengen Nachdenken hatte er gern die
+Kappe auf dem Kopf; es war so, wie wenn sie ihm die Gedanken besser
+zusammenhielte.
+
+Jetzt überdachte er im stillen, wie er sich abmühen mußte, bis er nur
+einen einzigen baren Gulden in die Hand bekam, und dann sagte er zu
+sich: »Fünf Gulden jeden Monat bar in die Hand, ohne auch nur einen
+Finger aufzuheben!« Dann schob er die Kappe auf die eine Seite und dann
+auf die andere, dann sagte er: »Es kann gehen; es wird ein anderes auch
+etwas tun können im Haus.«
+
+Stinelis Augen leuchteten. Die Mutter sah aber ein wenig seufzend alle
+die kleinen Köpfe und Teller, denn wer sollte das alles säubern helfen?
+Und das Trudi gab dem Peterli einen Ellbogenstoß und sagte: »Sitz einmal
+still!«, obschon er diesmal völlig ruhig seine Bohnen aß.
+
+Der Vater hatte aber noch einmal an seiner Kappe gerutscht, es war ihm
+noch etwas in den Sinn gekommen. »Das Stineli ist aber noch nicht
+konfirmiert«, sagte er; »es wird, denk' ich wohl, noch konfirmiert sein
+müssen.«
+
+»Ich werde erst in zwei Jahren konfirmiert, Vater«, sagte Stineli
+eifrig; »so kann ich ganz gut jetzt für zwei Jahre fortgehen, und dann
+kann ich ja wieder heimkommen.«
+
+Das war ein guter Ausweg, nun waren auf einmal alle zufrieden. Der Vater
+und die Mutter dachten: wenn alles krumm gehe ohne das Stineli, so sei
+es doch nur für eine Zeit, die werde auch umgehen, und nachher sei es
+wieder da, und das Trudi dachte: »Sobald es wieder da ist, gehe ich, und
+dann können sie sehen, wann ich wiederkomme.« Aber der Rico und das
+Stineli sahen einander an, und die helle Freude lachte ihnen aus den
+Augen.
+
+Da der Vater die Sache nun als abgemacht ansah, stand er vom Tische auf
+und sagte: »Sie können dann morgen gehen, so weiß man, woran man ist.«
+
+Aber die Mutter schlug einen großen Jammer auf und sagte, so schnell
+werde es ja nicht sein müssen, und jammerte immerfort, bis der Vater
+sagte: »So können sie am Montag gehen«, denn weiter hinaus wollte er es
+nicht verschieben, weil er dachte, es töne nun so fort, bis das Weggehen
+vorbei sei.
+
+Für Stineli gab es nun Arbeit; das begriff der Rico wohl und er machte
+sich an den Sami und sagte ihm, er wolle sehen, ob es in Sils-Maria noch
+sei wie früher; und dann sollte er noch einen Sack und einen Korb von
+Sils herüberholen, da könnte ihm der Sami tragen helfen. So zogen sie
+aus. Zuerst stand Rico vor seinem ehemaligen Häuschen still und schaute
+die alte Haustüre an und den Hühnerstall; es war noch alles ganz gleich.
+Er fragte den Sami, wer drin wohne, ob die Base noch ganz allein sei.
+Aber die Base war schon lange fortgezogen, hinauf nach Silvaplana, und
+kein Mensch sah sie mehr, denn in Sils-Maria zeigte sie sich nie mehr.
+
+In dem Häuschen wohnten Leute, von denen Rico nichts wußte. Überall, wo
+er mit Sami hinkam, vor den alten bekannten Häusern und aus den Scheunen
+starrten ihn die Leute fremd an, kein einziger kannte ihn mehr. Wie sie
+am Abend nach Sils hinübergingen, da schwenkte Rico gegen den Kirchhof
+ein; er wollte auf das Grab der Großmutter gehen, aber Sami wußte nicht
+recht, wo es war.
+
+Mit Sack und Korb beladen, kehrten die beiden, als es dunkelte, zum
+Hause zurück. Da stand Stineli noch am Brunnen und fegte den Stalleimer
+zum letzten Male, und als nun der Rico neben ihm stand, sagte es
+strahlend vor Freuden und Fegeifer: »Ich kann es noch fast nicht
+glauben, Rico!«
+
+»Aber ich«, sagte dieser so sicher, daß ihn das Stineli erstaunt ansehen
+mußte. »Aber weißt du, Stineli«, fügte er hinzu, »du hast es auch nicht
+so lange ausdenken können wie ich.«
+
+Aber Stineli mußte sich noch ein paarmal wundern, daß der Rico so
+bestimmt etwas sagen konnte; das hatte es früher nicht an ihm gekannt.
+
+Dem Rico hatte man ein Bett zurecht gemacht, oben in der Dachkammer; da
+schleppte er seine Sachen hinauf, denn erst morgen wollte er alles
+auspacken. Wie nun am folgenden Tage, am hellen, schönen Sonntag, alle
+um den Tisch saßen, da kam Rico und schüttete gerade vor das Urschli und
+den Peterli hin einen solchen Haufen von Pflaumen und Feigen, wie sie in
+ihrem ganzen Leben noch keinen gesehen hatten, und Feigen hatten sie
+auch noch gar nie gegessen; und seine Masse Würste und Fleisch und Eier
+stellte er mitten auf den Tisch. Und nachdem das große Erstaunen darüber
+ein wenig nachgelassen hatte, ging eine Schmauserei an, wie sie da noch
+nicht stattgefunden hatte, und bis zum späten Abend knupperten die
+Kinder im höchsten Vergnügen an den süßen Feigen herum.
+
+
+
+
+Achtzehntes Kapitel.
+
+Zwei frohe Reisende.
+
+
+Am Montag mußte die Reise erst am Abend vor sich gehen, das hatte der
+Roßhändler dem Rico deutlich alles gesagt, so daß dieser nun perfekt
+seinen Weg wußte. Nachdem nun der Abschied genommen war, wanderten Rico
+und Stineli gegen Sils hin, und am Häuschen stand die Mutter und alle
+die kleinen Kinder um sie herum und schauten ihnen nach. Der Sami ging
+neben ihnen her und trug den Sack auf dem Kopfe, und den Korb trug Rico
+auf der einen und Stineli auf der anderen Seite. Stinelis Kleider hatten
+gerade beide angefüllt.
+
+Bei der Kirche in Sils sagte Stineli: »Wenn uns die Großmutter noch
+sehen könnte! Wir wollen ihr doch noch Lebewohl sagen, nicht, Rico?« Er
+wollte gern und sagte Stineli, daß er schon dagewesen wäre und sie nicht
+gefunden hätte; aber Stineli wußte schon, wo die Großmutter lag.
+
+Als der Postwagen heranfuhr und stillehielt, rief der Kutscher herunter:
+»Sind die zwei da, die an den Gardasee hinunter müssen? Ich habe schon
+gestern nachgefragt!«
+
+Der Roßhändler hatte sie gut empfohlen, und nun rief der Kutscher: »Hier
+herauf, die anderen haben gefroren, der Wagen ist voll, ihr seid jung.«
+
+Damit half er ihnen auf den Sitz hinter dem Bock, oben auf dem Wagen,
+und nahm eine dicke Roßdecke hervor, die deckte und stopfte er um die
+beiden, daß sie ganz eingewickelt dasaßen, und nun ging's vorwärts.
+
+Zum ersten Male, seit sie sich wiedergesehen hatten, saßen nun Rico und
+Stineli allein beieinander und konnten sich ungestört erzählen von
+allem, was sie in den ganzen drei Jahren erlebt hatten. Das taten sie
+nun auch recht nach Herzenslust von Anfang an, und unter dem funkelnden
+Sternenhimmel fuhren sie dahin und hatten keinen Schlaf die ganze Nacht
+vor lauter Genuß und Vergnügen. Am Morgen kamen sie auf den See, und
+gerade um dieselbe Stunde, wie Rico in Peschiera angekommen war, so
+langten auch sie an und kamen den Weg hinunter, dem See zu. Aber Rico
+wollte nicht, daß das Stineli den See sehe, bis es an seinem Plätzchen
+angekommen war. So führte er es nun zwischen den Bäumen durch, bis sie
+auf einmal bei der kleinen Brücke herauskamen ins Freie.
+
+Da lag der See in der Abendsonne, und Rico und Stineli saßen an der
+niederen Halde hin und schauten hinüber. So wie ihn Rico geschildert
+hatte, so war er, aber noch viel schöner, denn solche Farben hatte
+Stineli noch nie gesehen. Es schaute hin und her nach den violetten
+Bergen und auf die goldene Flut und rief endlich voller Entzücken: »Er
+ist noch schöner als der Silsersee.«
+
+Rico hatte ihn aber auch noch nie so schön gesehen als jetzt, da er mit
+dem Stineli dran saß.
+
+Im stillen hatte Rico noch eine Freude; -- wie konnte er den Silvio und
+seine Mutter überraschen! Kein Mensch hatte gedacht, daß er so bald
+zurücksein könnte. Bevor acht Tage um waren, erwartete sie niemand, und
+nun saßen sie schon da am See. Bis die Sonne unter war, blieben sie an
+der Halde sitzen. Rico mußte dem Stineli zeigen, wo die Mutter stand,
+wenn sie wusch am See und er dasaß und auf sie wartete, und er mußte
+erzählen, wie sie miteinander über die schmale Brücke kamen und sie ihn
+an der Hand hielt.
+
+»Aber wo seid ihr dann hingegangen?« fragte Stineli. »Hast du nie das
+Haus gefunden, wo ihr hineingegangen seid?«
+
+Rico verneinte es. »Wenn ich da hinaufgehe, vom See gegen die
+Schienenbahn hinauf, dann ist's auf einmal, als sei ich da mit der
+Mutter gestanden und habe auf einem Tritt gesessen und vor uns die roten
+Blumen gesehen; aber es ist nichts mehr da, und den Weg hinauf kenne ich
+nicht, den habe ich nie gesehen.«
+
+Endlich standen sie auf und gingen dem Garten zu; Rico trug den Sack und
+Stineli den Korb. Wie sie in den Garten eintraten, mußte Stineli
+überlaut ausrufen: »O wie schön, o die schönen Blumen!«
+
+Das hatte den Silvio aufgeschnellt wie eine Feder. Er schrie aus
+Leibeskräften: »Der Rico kommt mit dem Stineli!«
+
+Die Mutter glaubte, das Fieber habe ihn gepackt; sie warf ihre Sachen
+dahinten im Kasten, wo sie herumkramte, alle übereinander und kam
+herbeigelaufen.
+
+In dem Augenblick aber trat der lebendige Rico unter die Tür, und vor
+Schrecken und Freude hätte es die gute Frau fast umgeworfen, denn bis
+auf diesen Augenblick hatte sie heimlich immerfort die schwersten
+Befürchtungen ausgestanden, das Unternehmen könnte dem Rico doch ans
+Leben gehen.
+
+Hinter dem Rico kam ein Mädchen hervor mit einem so freundlichen
+Gesicht, daß es der Frau Menotti sogleich das Herz gewann, denn sie war
+eine Frau von schnellen Eindrücken. Erst mußte sie aber dem Rico beide
+Hände fast abschütteln vor Freude, und währenddessen ging Stineli
+schnell an das Bettchen heran und begrüßte den Silvio, und es legte
+seinen Arm um des Bübleins schmale Schultern und lachte ihm ganz
+freundlich ins Gesicht, so, als hätten sie sich schon lang gekannt und
+gern gehabt, und der Silvio packte es gleich um den Hals und zog es ganz
+auf sein Gesicht herunter. Dann legte das Stineli dem Silvio ein
+Geschenk aufs Bett, das es in die nächste Tasche gesteckt hatte, um es
+gleich bei der Hand zu haben. Es war ein Kunstwerk, das der Peterli von
+jeher allen anderen Freuden vorgezogen hatte: ein Tannzapfen, dem in
+jede kleine Öffnung zwischen den harten Schuppen ein dünner Draht
+eingesteckt war. Oben auf dem Draht war je ein komisches Figürchen von
+Pantoffelholz festgemacht. Alle diese Figürchen zappelten aber so lustig
+gegeneinander und verbeugten sich und hatten von Rötel und Kohle so
+feurig bemalte Gesichter, daß der Silvio nicht mehr aus dem Lachen kam.
+
+Unterdessen hatte die Mutter von Rico das Notwendigste vernommen, daß er
+sicher und glücklich wieder da sei, und sie kehrte sich nun zum Stineli
+und begrüßte es mit aller Herzlichkeit, und Stineli sagte mehr mit
+seinen freundlichen Augen als mit seinem Munde, denn es konnte gar nicht
+italienisch und mußte sich mit seinen romanischen Worten helfen, wie es
+konnte. Aber es war nicht von schwerer Gemütsart und fand sich gleich
+zurecht, und wo es das Wort nicht fand, da beschrieb es die Sache gleich
+mit den Fingern und allerhand Zeichen, was dem Silvio unbeschreiblich
+kurzweilig vorkam, denn es war wie ein Spiel, wo es immer etwas zu
+erraten gab.
+
+Nun ging die Frau Menotti an den Kasten, wo alles bereit lag, was man
+zum Essen brauchte, Teller und Tischtuch und das kalte Huhn und die
+Früchte und der Wein. Sowie Stineli das bemerkte, lief es augenblicklich
+der Frau Menotti nach und trug herzu und deckte den Tisch und war so
+erstaunlich flink, daß der Frau Menotti gar nichts mehr übrig blieb zu
+tun, als nur verwundert zuzusehen; und bevor sie nur Zeit hatte zu
+denken, was nun folge, hatte schon der Silvio alles auf seinem Brett,
+verschnitten und vorgelegt ganz ordentlich, wie es sein mußte, und die
+rasche Bedienung gefiel dem Silvio.
+
+Da setzte sich Frau Menotti hin und sagte: »So habe ich es lange nicht
+gehabt, aber jetzt komm und sitz auch, Stineli, und iß mit uns.«
+
+Nun aßen alle fröhlich und saßen beisammen, so als hätten sie immer
+zueinander gehört und müßten auch immer so zusammenbleiben. Dann fing
+der Rico an von der Reise zu berichten, und derweilen stand Stineli auf
+und räumte leise alles wieder weg in den Kasten hinein, denn es wußte
+nun schon, wo jedes Ding seinen Platz hatte. Dann setzte es sich ganz
+nahe an Silvios Bett und machte Figuren mit seinen gelenkigen Fingern,
+so daß davon der Schatten auf die Wand fiel, und alle Augenblicke lachte
+der Silvio hell auf und rief aus: »Ein Hase! Ein Tier mit Hörnern! Eine
+Spinne mit langen Beinen!«
+
+So verfloß der erste Abend so schnell und vergnüglich, daß keines
+begreifen konnte, wo die Zeit hingekommen war, als es nun zehn Uhr
+schlug. Rico stand auf vom Tisch, denn er wußte, daß er nun gehen mußte;
+es war aber eine schwarze Wolke über sein Gesicht gekommen. Er sagte
+kurz: »Gute Nacht!« und ging hinaus. Aber das Stineli lief ihm nach und
+im Garten nahm es ihn bei der Hand und sagte: »Nun darfst du nicht
+traurig werden, Rico; es ist so schön hier, ich kann dir gar nicht
+sagen, wie es mir gefällt und wie froh ich bin, und das habe ich alles
+dir zu danken. Und morgen kommst du wieder und alle Tage; freut es dich
+nicht, Rico?«
+
+»Ja«, sagte er und schaute das Stineli ganz schwarz an, »und alle
+Abende, wenn's am schönsten ist, muß ich fort und weg und gehöre zu
+niemandem.«
+
+»Ach, so mußt du nicht denken, Rico«, ermunterte ihn Stineli; »nun haben
+wir doch immer zueinander gehört und ich habe mich drei Jahre lang immer
+darauf gefreut, wenn wir wieder einmal zusammenkommen werden, und wenn
+es daheim manchmal so zuging, daß ich lieber nicht mehr hätte dabei sein
+wollen, dann dachte ich immer: Wenn ich nur einmal wieder mit dem Rico
+sein könnte, so wollte ich alles gern tun. Und nun ist alles so
+gekommen, daß ich gar keine größere Freude wüßte, und jetzt willst du
+dich gar nicht mit mir freuen, Rico?«
+
+»Doch, ich will«, sagte Rico und schaute das Stineli heller an. Er
+gehörte doch zu jemand, Stinelis Worte hatten ihn wieder ins
+Gleichgewicht gebracht. Sie gaben einander noch einmal die Hand, dann
+ging der Rico zum Garten hinaus!
+
+Als Stineli in die Stube zurückkam und nach der Mutter Anweisung dem
+Silvio »Gute Nacht« sagen wollte, da ging ein neuer Kampf an; er wollte
+es durchaus nicht von sich weglassen und rief ein Mal ums andere: »Das
+Stineli muß bei mir bleiben und immer an meinem Bette sitzen, es sagt
+lustige Worte und lacht mit den Augen.«
+
+Da half nun keine Ermahnung, bis zuletzt die Mutter sagte: »So halt du
+jetzt das Stineli fest die ganze Nacht, daß es nicht schlafen kann, dann
+ist es morgen krank wie du und kann nicht aufstehen und du siehst es
+nicht mehr für lange Zeit.«
+
+Da ließ Silvio endlich Stinelis Arm los, den er fest umklammert hatte,
+und sagte:
+
+»Geh, schlaf, Stineli; aber komm früh am Morgen wieder!«
+
+Das versprach Stineli; und nun zeigte Frau Menotti ihm ein sauberes
+Kämmerlein, das auf den Garten hinausschaute, von wo ein lieblicher
+Blumenduft durch das offene Fenster heraufstieg. --
+
+Mit jedem Tage wurde das Stineli nun dem kleinen Silvio unentbehrlicher;
+wenn es nur zur Tür hinausging, so sah er das für ein Unglück an. Dafür
+war er aber auch ordentlich und gut, wenn es bei ihm war, und tat alles,
+was es ihn hieß, und plagte seine Mutter gar nicht mehr. Es war auch,
+als ob das nervöse Büblein wirklich seit Stinelis Ankunft seine großen
+Schmerzen verloren habe, denn noch hatte er nie gejammert, seit es an
+seinem Bette saß, und doch war nun schon mancher Tag hingegangen seit
+jenem ersten Abend, da es erschienen war.
+
+Stineli hatte aber auch eine unerschöpfliche Fundgrube von
+Unterhaltungen, und alles, was es nur in die Hand nahm, und was es tat
+und sagte, wurde zur anmutigsten Kurzweil für den Silvio, denn das
+Stineli hatte sich von ganz klein auf nach den kleinen Kindern richten
+müssen und immerfort darauf bedacht sein, sie zufrieden zu erhalten mit
+Worten und Händen und Blicken und auf jegliche Weise mit jeder Bewegung.
+
+So war Stineli unbewußt in seinem Sein und ganzen Wesen schon die
+allerangenehmste Unterhaltung, die es für ein kleines, empfindliches, an
+sein Bettchen gefesseltes Büblein nur geben konnte. Das gelehrige
+Stineli hatte auch bald dem Silvio alle seine Worte abgelauscht und
+schwatzte ganz unverzagt mit Silvio drauf los, und wo es die Worte noch
+verkehrte, da hatte der Silvio einen Hauptspaß daran, und die Sache war
+für ihn wie ein absichtlich erfundenes Vergnügen.
+
+Die Mutter konnte nie den Rico in den Garten treten sehen, ohne daß sie
+ihm entgegenlief, denn jetzt durfte sie laufen, wohin sie nur wollte und
+wann es ihr gefiel, und sie mußte ihn noch ein wenig auf die Seite
+nehmen, um ihm zu sagen, welchen Schatz er ihr ins Haus gebracht habe,
+wie glücklich und froh der kleine Silvio sei, wie in seinem ganzen armen
+Leben noch nie, und wie sie nur gar nicht begreife, daß es ein solches
+Mädchen geben könne: mit dem Silvio sei es ganz kindlich und gerade so,
+als habe es selbst die größte Freude an den Dingen, die dem Büblein
+Kurzweil machten; mit ihr könne es so vernünftig reden und habe eine
+Erfahrung in der Arbeit und im Einrichten, wie kaum eine Frau; und seit
+sie dieses Stineli im Hause habe, gehe alles wie von selbst und sie habe
+alle Tage Sonntag. Kurz, Frau Menotti konnte gar nicht genug Worte
+finden, um das Stineli in allen seinen Eigenschaften zu bewundern und zu
+loben, und der Rico hörte ihr gern zu.
+
+Wenn sie dann alle drinnen beisammensaßen und immer eins das andere
+freundlicher ansah, so als wollte keines mehr gern vom anderen
+weggehen, dann hätte man denken müssen, das seien die glücklichsten
+Menschen weit umher, denen nichts mehr mangele. Aber mit jedem Abend
+wurde die Wolke auf Ricos Gesicht ein wenig dunkler und schwärzer,
+sobald es zehn Uhr schlug, und wenn es auch Frau Menotti in ihrer frohen
+Stimmung nicht merkte, so sah es doch das Stineli ganz gut und heimlich
+bekümmerte es sich und dachte: »Es ist, wie wenn ein Gewitter kommen
+wollte!«
+
+
+
+
+Neunzehntes Kapitel.
+
+Wolken am schönen Gardasee.
+
+
+Es kam ein schöner Herbstsonntag, und drüben in Riva sollte am Abend
+Tanz sein und Rico hinüberfahren, um zu spielen. So konnte er den Tag
+nicht mit Stineli und den anderen zubringen; das war schon mehrmals
+verhandelt worden die Woche durch, denn es war ein Ereignis für alle,
+wenn Rico nicht kam, und Stineli suchte alles mögliche hervor, um der
+Sache noch eine gute Seite abzugewinnen: »Du fährst dann im Sonnenschein
+über den See und kommst unter dem Sternenhimmel wieder zurück, und wir
+denken die ganze Zeit an dich«, hatte es ihm gesagt, als er zuerst
+anzeigte, daß ein Tanzsonntag folge.
+
+Rico kam am Samstagabend mit seiner Geige, denn Stinelis größte Freude
+war sein Spiel. Rico spielte schöne Weisen, eine nach der anderen, aber
+sie waren alle traurig, und es war auch, als machten sie ihn wieder
+traurig, denn er schaute auf seine Geige mit einer Düsterkeit, als tue
+sie ihm das größte Leid an.
+
+Auf einmal steckte er seinen Bogen weg, lang noch ehe es zehn geschlagen
+hatte, und sagte: »Ich will gehen.«
+
+Frau Menotti wollte ihn festhalten, sie begriff nicht, was ihm einfiel.
+Stineli hatte ihn immer angesehen, während er spielte; jetzt sagte es
+nur: »Ich gehe noch ein paar Schritte mit dir.«
+
+»Nein!« rief Silvio, »geh nicht fort, bleib da, Stineli!«
+
+»Ja, ja, Stineli«, sagte Rico, »bleib du nur da und laß mich gehen!«
+
+Dabei sah er Stineli gerade so an wie damals, als er vom Lehrer weg dem
+Holzstoß zu kam und sagte: »Es ist alles verloren!«
+
+Stineli ging zu Silvios Bett und sagte leise: »Sei brav, Silvio; morgen
+erzähl' ich dir die allerlustigste Geschichte vom Peterli, aber mach
+jetzt keinen Lärm.«
+
+Silvio hielt sich wirklich still, und Stineli ging dem Rico nach. Als
+sie am Gartenzaun standen, kehrte Rico sich um und deutete auf die
+erleuchtete Stube, die so wohnlich aussah vom Garten her, und sagte:
+
+»Geh wieder, Stineli; dort gehörst du hinein und bist daheim dort, und
+ich gehöre auf die Straße, ich bin nur ein Heimatloser, und so wird es
+immer sein; darum laß mich nur gehen!«
+
+»Nein, nein, so lass' ich dich nicht gehen; Rico, wo gehst du jetzt
+hin?«
+
+»An den See«, sagte Rico und ging der Brücke zu. Stineli ging mit. Als
+sie an der Halde standen, hörten sie unten die leisen Wellen flüstern
+und lauschten eine Weile. Dann sagte Rico:
+
+»Siehst du, Stineli, wenn du nicht da wärst, so ginge ich gleich fort,
+weit fort, aber ich wüßte auch nicht wohin. Ich muß doch immer ein
+Heimatloser sein und mein ganzes Leben lang so in Wirtshäusern geigen,
+wo sie lärmen, wie wenn sie von Sinnen wären, und in einer Kammer
+schlafen, wo ich lieber nicht mehr hineinginge; und du gehörst nun zu
+ihnen in das schöne Haus, und ich gehöre nirgends hin. Und siehst du,
+wenn ich da hinabsehe, so denke ich: hätte mich doch die Mutter hier
+hineingeworfen, ehe sie sterben mußte, so wäre ich kein Heimatloser
+geworden.«
+
+Stineli hatte mit Kummer im Herzen dem Rico zugehört; aber wie er diese
+letzten Worte sagte, da bekam es einen großen Schrecken und rief aus: »O
+Rico, so etwas darfst du gar nicht sagen. Du hast gewiß lange dein
+Unser-Vater nicht mehr gebetet, darum sind dir diese bösen Gedanken
+gekommen.«
+
+»Nein, ich habe es nicht mehr gebetet, ich kann es nicht mehr.«
+
+Das war dem Stineli ein erschreckliches Wort.
+
+»O, wenn das die Großmutter wüßte, Rico«, rief es jammernd aus, »sie
+müßte noch einen rechten Kummer für dich ausstehen. Weißt du, wie sie
+gesagt hat: 'Wer sein Unser-Vater vergißt, dem geht es schlecht!' O
+komm, Rico, du mußt es wieder lernen, ich will dich's gleich lehren. Du
+kannst es bald wieder.«
+
+Und Stineli fing an und sagte mit warmer Teilnahme seines Herzens
+zweimal hintereinander dem Rico das Unser-Vater vor. Wie es nun so tief
+beteiligt den Worten folgte, so bemerkte Stineli, daß da gerade für den
+Rico viel Trostreiches darin vorkam, und wie es zu Ende war, sagte es:
+
+»Siehst du, Rico, weil doch dem lieben Gott das ganze Reich gehört, so
+kann er dir schon noch eine Heimat finden, und ihm gehört auch alle
+Kraft, daß er sie dir geben kann.«
+
+»Jetzt kannst du sehen, Stineli«, entgegnete Rico, »wenn der liebe Gott
+eine Heimat in seinem Reich für mich hätte und auch die Kraft hat, daß
+er mir sie geben könnte, so _will_ er nicht.«
+
+»Ja, aber du mußt auch etwas bedenken«, fuhr Stineli fort, »der liebe
+Gott kann auch bei sich selbst sagen: 'Wenn der Rico etwas von mir will,
+so kann er auch einmal beten und kann mir's sagen.'«
+
+Dagegen wußte Rico nichts mehr einzuwenden. Er schwieg eine kleine
+Weile, dann sagte er:
+
+»Sag noch einmal das Unser-Vater, ich will's wieder lernen.«
+
+Stineli sagte es noch einmal, dann konnte es der Rico wieder und hatte
+sich's recht eingeprägt. Nun gingen sie friedlich heim, jedes auf seine
+Seite, und Rico mußte noch immer an das Reich und die Kraft denken.
+
+An dem Abend aber, wie er in seiner stillen Kammer war, betete er von
+Herzen demütig, denn er fühlte, daß er im Unrecht war, zu denken, der
+liebe Gott sollte ihm geben, was ihm mangelte, und er hatte ihn ja gar
+nie darum gebeten.
+
+Stineli trat gedankenvoll in den Garten ein. Es erwog bei sich selbst,
+ob es über alles mit der Frau Menotti reden wollte; vielleicht könnte
+sie für den Rico eine andere Beschäftigung finden, als dies Geigen zum
+Tanz in den Wirtshäusern, das ihm so zuwider war. Aber der Gedanke, die
+Frau Menotti mit seinen Angelegenheiten zu beschäftigen, verging ihm,
+als es in die Stube eingetreten war. Silvio lag glühendrot auf seinem
+Kissen und atmete heftig und ungleich, und am Bette saß die Mutter und
+weinte ganz kläglich. Silvio hatte einmal wieder einen seiner Anfälle
+und große Schmerzen gehabt, und ein wenig Zorn, daß das Stineli fort
+war, mochte das Fieber noch vermehrt haben. Die Mutter war so
+niedergeschlagen, wie Stineli sie noch nie gesehen hatte. Als sie sich
+endlich ein wenig ermuntern konnte, sagte sie:
+
+»Komm, Stineli, setz dich da neben mich, ich möchte dir etwas sagen.
+Sieh, es liegt mir etwas so schwer auf dem Herzen, daß ich manchmal
+meine, ich könne es fast nicht mehr tragen. Du bist freilich jung, aber
+du bist ein vernünftiges Mädchen und hast schon viel gesehen, und ich
+meine, es würde mir schon leichter werden, wenn ich mit dir darüber
+reden könnte. Du siehst ja, wie es mit dem Silvio ist, mit meinem
+einzigen Söhnlein. Nun habe ich aber nicht nur das Leid seiner
+Krankheit, die ja nie heilen kann, sondern ich muß oft bei mir selbst
+sagen: es ist vielleicht eine Strafe von Gott, weil wir unrechtes Gut
+behalten haben und genießen, wenn wir es schon nicht an uns ziehen und
+behalten wollten. Ich will dir's aber von Anfang an erzählen.
+
+»Als wir uns verheirateten, der Menotti und ich -- er hatte mich von Riva
+herübergeholt, wo mein Vater noch ist --, da hatte Menotti hier einen
+guten Freund, der wollte eben fort, weil ihm das Land verleidet war,
+denn er hatte seine Frau verloren. Er hatte ein Häuschen und einen
+großen Acker und Feld, nicht besonders gutes Land, aber eine große
+Strecke. Da wollte er, daß mein Mann alles übernehme, und sagte, das
+Land trage ja nicht so viel, er solle es ihm in Ordnung halten und das
+Haus dazu, bis er wiederkomme in ein paar Jahren. So machten es die
+Freunde aus, und sie hielten viel voneinander und machten nichts aus
+wegen Zinsen. Mein Mann sagte: 'Du mußt deine Sache recht haben, wenn du
+wiederkommst', denn er wollte alles gut verwerten und verstand sich auf
+den Landbau, und sein Freund wußte es wohl und überließ ihm alles. Aber
+gleich ein Jahr darauf wurde die Eisenbahn gebaut, das Häuschen mußte
+weg mit dem Garten, und der Acker wurde gebraucht, der Schienenweg geht
+darüber. So löste mein Mann viel mehr Geld, als jenes wert war, und
+kaufte hier weiter unten gutes Land und den Garten und baute das Haus,
+alles aus dem Geld, und das Land trug mehr als das Doppelte ein hier
+unten, so daß wir die reichsten Ernten hatten. Ich sagte aber manchmal
+zu meinem Mann: 'Es gehört uns doch nicht, und wir leben im Überfluß aus
+dem Gut eines anderen; wenn wir nur wüßten, wo er wäre!' Aber mein Mann
+beruhigte mich und sagte: 'Ich halte ihm alles in Ordnung, und wenn er
+kommt, ist alles sein, und vom Gewinn, den ich beiseite gelegt, muß er
+auch seinen Teil haben.'
+
+»Dann bekamen wir den Silvio, und wie ich entdeckte, daß das Büblein
+elend war, da mußte ich mehr und mehr zu meinem Mann sagen: 'Wir leben
+von unrechtem Gut, es ist eine Strafe über uns.' Und manchmal war es mir
+so schwer, daß ich fast lieber arm gewesen wäre und ohne Obdach. Aber
+mein Mann tröstete mich wieder und sagte: 'Du wirst sehen, wie er mit
+mir zufrieden sein wird, wenn er kommt.' Aber er kam nie. Da starb mein
+Mann schon vor vier Jahren; ach, was habe ich seitdem ausgestanden und
+muß immer denken: wie kann ich nur dem unrechten Gut abkommen ohne
+Unrecht, denn ich sollte es doch in guter Ordnung halten, bis der Freund
+wiederkommt, und dann denk' ich wieder: wenn er nun irgendwo im Elend
+wäre und ich lebe unterdessen so gut aus dem Seinigen und weiß nichts
+von ihm.«
+
+Stineli hatte ein großes Mitleid mit der Frau Menotti, denn es konnte
+sich so gut denken, wie es der Frau zumute war, die sich ein Unrecht
+vorwarf, das sie nicht ändern konnte. Und es tröstete die Frau Menotti
+und sagte ihr: wenn man ein Unrecht gar nicht wolle und es so gern gut
+machen möchte, dann dürfe man recht zuversichtlich den lieben Gott
+bitten, daß er helfe, denn er könne schon etwas Gutes machen aus dem,
+was wir verkehrt gemacht haben, und er wolle es auch tun, wenn es uns um
+das Verkehrte recht leid sei. Das wisse es alles von der Großmutter her,
+denn es habe sich auch einmal nicht mehr zu helfen gewußt und eine große
+Angst ausgestanden.
+
+Dann erzählte Stineli von dem See, den Rico immer im Sinn gehabt, und
+wie es schuld an seinem Fortlaufen gewesen sei und gefürchtet habe, er
+sei ums Leben gekommen. Und es sagte, es sei ihm dann auch ganz wohl
+geworden, wie es so gebetet und alles dem lieben Gott überlassen habe,
+und Frau Menotti müsse es nun auch so machen, dann werde es ihr ganz
+leicht werden ums Herz, denn sie könne dann immer fröhlich denken:
+»Jetzt hat der liebe Gott die Sache übernommen.« Die Frau Menotti wurde
+ganz fromm gestimmt von Stinelis Worten und sagte, sie wolle nun in
+Frieden zur Ruhe gehen, es habe ihr recht wohl gemacht mit seiner
+Zuversicht.
+
+
+
+
+Zwanzigstes Kapitel.
+
+In der Heimat.
+
+
+Als der goldene Sonntagmorgen über den Garten mit den roten Blumen
+leuchtete, trat Frau Menotti heraus und setzte sich auf die Rasenbank am
+Zaun. Sie schaute ringsum und hatte ihre eigenen Gedanken dabei. Hier
+die Oleanderblumen und die Lorbeerhecke dahinter, dort die vollen
+Feigenbäume und die goldenen Weinranken dazwischen, -- da sagte sie leise
+für sich: »Gott weiß, ich wäre froh, wenn mir das Unrecht vom Gewissen
+genommen würde; aber so schön, wie es hier ist, würde ich's nirgends
+mehr finden.«
+
+Jetzt trat der Rico in den Garten; er mußte ja heut' Nachmittag fort,
+und so den ganzen Tag, ohne einmal zu kommen, konnte er's nicht gut
+aushalten. Als er gerade nach der Stube gehen wollte, rief ihn Frau
+Menotti und sagte:
+
+»Setz dich einen Augenblick hier zu mir; wer weiß, wie lange wir hier
+noch nebeneinander sitzen werden!«
+
+Rico erschrak.
+
+»Warum denn, Frau Menotti, Ihr geht doch nicht fort?«
+
+Nun mußte Frau Menotti ablenken, ihre Geschichte konnte sie nicht
+erzählen. Es kam ihr in den Sinn, was Stineli ihr gestern Abend vom Rico
+gesagt hatte; sie war aber so von ihrer eigenen Sache erfüllt gewesen,
+daß sie es nicht recht verstanden hatte. Jetzt fing es an, sie ein wenig
+zu wundern, da es ihr wieder in den Sinn kam.
+
+»Sag einmal, Rico«, fing sie an, »warst du denn früher schon einmal da,
+daß du den See wiedersehen wolltest, wie mir gestern das Stineli erzählt
+hat?«
+
+»Ja, wie ich klein war«, sagte Rico, »dann kam ich fort.«
+
+»Wie kamst du denn hierher, als du klein warst?«
+
+»Hier kam ich auf die Welt.«
+
+»Was, hier? Was war denn dein Vater, daß er aus den Bergen hier
+herunterkam?«
+
+»Er war nicht aus den Bergen, nur die Mutter!«
+
+»Was du sagst, Rico. Dein Vater war doch nicht von hier?«
+
+»Doch, er war von hier.«
+
+»Das hast du alles nicht erzählt, das ist ja so merkwürdig! Du hast doch
+keinen Namen von hier; wie hieß denn dein Vater?«
+
+»Wie ich hieß er: Enrico Trevillo.«
+
+Frau Menotti fuhr von der Bank auf, als treffe sie ein Anfall.
+
+»Was sagst du da, Rico«, rief sie, »was hast du gerade jetzt gesagt?«
+
+»Meines Vaters Namen«, sagte Rico ruhig.
+
+Frau Menotti hatte nicht mehr zugehört, sie war an die Tür gelaufen.
+
+»Stineli, gib mir ein Halstuch«, rief sie hinein. »Ich muß zum Herrn
+Pfarrer auf der Stelle, mir zittern alle Glieder.«
+
+Stineli brachte erstaunt ein Halstuch.
+
+»Komm ein paar Schritte mit mir, Rico«, sagte Frau Menotti im Weggehen;
+»ich muß dich noch etwas fragen.«
+
+Zweimal noch mußte Rico sagen, wie sein Vater hieß, und zum dritten Male
+fragte Frau Menotti ihn noch an der Tür des Pfarrers, ob er auch sicher
+sei. Dann trat sie in das Haus ein. Rico kehrte zurück und war
+verwundert über den Zustand der Frau Menotti.
+
+Rico hatte seine Geige mitgebracht, er wußte, daß es dem Stineli
+jedesmal Freude machte, wenn sie mitkam. Als er nun damit in der Stube
+anlangte, traf er den Silvio und das Stineli in der besten Stimmung;
+denn Stineli hatte seinem Versprechen gemäß die Geschichte vom Peterli
+erzählt und damit sich und den Silvio in die größte Heiterkeit versetzt.
+Als dieser nun die Geige erblickte, rief er gleich: »Nun wollen wir
+singen, mit dem Stineli wollen wir die Schäflein singen.« Stineli hatte
+sein Lied nie mehr gehört, seit es entstanden war; denn Rico spielte
+jetzt viele schöne Weisen, und es hatte lange niemand mehr an das Lied
+gedacht. Daß aber der kleine Silvio das deutsche Lied singen wollte,
+überraschte es sehr, denn es wußte nicht, wie viele hundert Male Rico es
+ihm vorgesungen hatte in den drei Jahren. Stineli hatte die größte
+Freude, daß es das alte Lied wieder einmal mit Rico singen sollte, und
+nun ging's an, und richtig: Silvio sang aus allen Kräften mit, und ohne
+daß er ein einziges Wort verstand, hatte er sie alle dem Tone nach
+behalten durch das viele Anhören. Aber diesmal war das Lachen am
+Stineli; denn Silvio sprach seine Worte meistens so ganz verwunderlich
+aus, daß es vor Lachen gar nicht singen konnte, und wie nun der Silvio
+das Stineli so mit dem ganzen Gesicht lachen sah, da fing auch er an,
+und dann sang er noch vernehmlicher und lauter, daß das Stineli noch
+mehr lachen mußte, und dazu geigte der Rico mit aller Kraft sein:
+»Schäflein hinunter«.
+
+So tönte schon von weitem das singende Gelächter der Frau Menotti
+entgegen, als sie sich ihrem Garten näherte, und sie konnte nicht recht
+fassen, wie das so sein konnte in dieser ereignisvollen Stunde. Eilends
+kam sie durch den Garten und trat in die Stube ein; sie mußte sich
+gleich auf dem ersten Stuhle niederlassen, denn der Schrecken und die
+Freude und das Laufen und die Erwartung aller kommenden Dinge hatten sie
+überwältigt, und sie mußte erst zu sich kommen. Die Sänger waren
+verstummt und schauten verwundert auf die Mutter. Jetzt hatte sie sich
+gesammelt.
+
+»Rico«, sagte sie, feierlicher als sonst, »Rico, sieh um dich! Dieses
+Haus, dieser Garten, das Feld, alles, was du hier sehen und nicht sehen
+kannst von oben bis unten, das gehört alles dir; du bist der Besitzer,
+es ist dein väterliches Erbgut. Da ist deine Heimat; dein Name steht im
+Taufbuch, du bist der Sohn von Enrico Trevillo, und der war meines
+Mannes nächster Freund.«
+
+Stineli hatte bei den ersten zwei Worten schon alles begriffen und
+unaussprechliche Freude überstrahlte sein Gesicht. Rico saß wie
+versteinert auf seinem Stuhl und gab keinen Laut von sich. Aber der
+Silvio, große Kurzweil ahnend, brach in Jubel aus und rief:
+
+»O jetzt gehört auf einmal das Haus dem Rico! Wo muß er schlafen?«
+
+»Muß? Muß? Silvio!« sagte die Mutter. »In allen Stuben kann er sein, wo
+er will; er kann uns alle drei heut' noch da hinausstellen, wenn er
+will, und ganz mutterseelenallein im Hause bleiben.«
+
+»Dann ging ich lieber auch zu euch hinaus«, sagte Rico.
+
+»Ach, du guter Rico!« rief Frau Menotti aus; »wenn du uns da drinnen
+haben willst, wie bleiben wir so gern! Siehst du, ich habe mir schon im
+Heimweg ein wenig ausgedacht, wie wir es machen könnten. Ich könnte dir
+das halbe Haus abnehmen und so mit dem Garten und dem Land; so gehörte
+die eine Hälfte von allem dir und die andere dem Silvio.«
+
+»Dann geb' ich meine Hälfte dem Stineli«, rief Silvio.
+
+»Und ich die meine auch«, sagte Rico.
+
+»Oho, nun gehört alles dem Stineli!« frohlockte der Kleine aus seinem
+Bett heraus, »der Garten und das Haus und alles, was drin ist, die
+Stühle und die Tische und ich und der Rico und seine Geige. Jetzt wollen
+wir wieder singen!«
+
+Aber so abgemacht, wie der Silvio die Sache auffaßte, kam sie dem Rico
+nicht vor. Er hatte unterdessen über die Worte der Frau Menotti
+nachgedacht und fragte nun zaghaft:
+
+»Aber wie könnte das sein, daß das Haus von Silvios Vater mein wäre,
+darum, daß mein Vater sein Freund war?«
+
+Da fiel es der Frau Menotti erst ein, daß ja der Rico von dem ganzen
+Hergang der Sache noch nichts wußte, und sie fing gleich an und erzählte
+die ganze Geschichte von vorn an und noch viel weitläufiger, als sie am
+Abend vorher alles dem Stineli erzählt hatte. Und wie sie zu Ende war,
+da hatten die drei alles völlig begriffen, und bei allen dreien ging ein
+unbeschreiblicher Jubel los, denn da war gar kein Hindernis mehr, daß
+Rico auf der Stelle in sein Haus einziehe und es nie wieder verlasse.
+
+Mitten aus dem Jubel heraus aber sagte Rico:
+
+»Weil doch alles so ist, Frau Menotti, so muß ja nun gar nichts anders
+werden in dem Hause; ich komme nun auch und bin daheim hier, und wir
+bleiben so zusammen, und Ihr seid unsere Mutter.«
+
+»O Rico, daß du es bist, daß du es bist! Wie hat doch der liebe Gott das
+alles so schön herausgeführt! Daß ich es alles dir zu übergeben habe und
+doch dableiben kann mit dem besten Gewissen. Ich will dir auch eine
+Mutter sein, Rico, sieh, du bist mir ja auch lange schon lieb wie ein
+eigenes Kind. Jetzt mußt du mich auch Mutter nennen, und das Stineli
+auch, und wir sind die glücklichste Haushaltung in ganz Peschiera.«
+
+»Jetzt müssen wir unser Lied fertig singen«, rief der Silvio, dem es so
+ums Singen und Jauchzen war, daß er einen Ausweg haben mußte, und Rico
+und Stineli begannen noch einmal den Gesang in der größten Fröhlichkeit,
+denn es war ihnen nicht minder wohl ums Herz. Als sie aber damit fertig
+waren, sagte Stineli:
+
+»Nun möchte ich noch ein Lied mit dir singen, Rico; weißt du, was für
+eines?«
+
+»Ja, ich weiß es«, antwortete Rico, »und ich will auch gern mithalten;
+wir wollen gleich beim Vers der Großmutter anfangen«, und er stimmte an
+und sang so schön und tief heraus, wie er noch gar nie gesungen hatte,
+und Stineli sang mit seinem ganzen Herzen dazu:
+
+ »Er hat noch niemals was versehn
+ In seinem Regiment,
+ Und was er tut und läßt geschehn,
+ Das nimmt ein gutes End'.
+
+ Ei nun, so laß ihn ferner tun
+ Und red ihm nicht darein,
+ So wirst du hier im Frieden ruhn
+ Und ewig fröhlich sein.«
+
+Aber nach Riva ging der Rico nicht an dem Tage. Die Mutter Menotti hatte
+ihm geraten, gleich hinzugehen und der Wirtin seine veränderten
+Verhältnisse mitzuteilen, einen Geiger nach Riva zu beordern und gleich
+heute noch in sein Haus einzuziehen. Dieser Vorschlag gefiel dem Rico,
+und er eilte gleich fort. Die Wirtin hörte ihm mit der größten
+Verwunderung zu, als er ihr seine Mitteilungen machte; als er fertig
+war, rief sie ihren Mann herbei und bezeugte eine laute Freude und
+wünschte dem Rico allen Segen in sein Haus, und es kam ihr recht von
+Herzen. Sie verlor ihn ungern, aber sie hatte schon seit einiger Zeit
+den Verdacht gehegt, die Wirtin zu den »Drei Kronen« fahnde auf den Rico
+und mache ihn ihr noch abspenstig; das hätte sie nicht ertragen. Nun war
+der gefürchteten Tat der Riegel gestoßen, und daß der Rico ein Gutsherr
+geworden war, mochte sie ihm gönnen, denn sie hatte ihn immer wohl
+gemocht. Und der Mann hatte seine besondere Freude an der Sache, denn er
+hatte den Vater gekannt und konnte gar nicht begreifen, daß es ihm nie
+in den Sinn gekommen war, wie ihm der Rico aufs Haar gleich sehe. So
+nahm Rico einen freundlichen Abschied aus dem Hause, und als ihm die
+Wirtin unter der Tür noch einmal die Hand gab, empfahl sie sich noch
+für alle Fälle, wenn er etwa mit der Zeit einmal einen Anlaß von seinem
+Haus aus zu geben hätte. Noch an demselben Abend wußte ganz Peschiera
+die ganze Geschichte des Rico, wie sie sich zugetragen hatte, und dann
+noch viel dazu, und jedermann mochte dem Rico sein Glück gönnen, und
+einer sagte zum anderen: »Er paßt gerade als Herr auf sein Gütlein, als
+wäre er eigens dazu geschaffen worden.«
+
+Die Mutter Menotti aber wußte nicht, wie sie es dem neuen Besitzer gut
+genug machen wollte in seinem Hause. Sie rüstete das große Zimmer auf
+mit den zwei Fenstern über den Garten und auf den See hinab; von der
+Wand schauten schöne weiße Marmorfigürchen herunter, auf den Tisch kam
+ein duftender Blumenstrauß, und das ganze Zimmer sah so sauber und
+festlich aus, daß der Rico unter der Tür stehen blieb vor Erstaunen, wie
+er jetzt, vom Stineli geführt, heraufkam, wo die Mutter Menotti ihn
+empfangen wollte. Als diese ihn aber bei der Hand nahm und zum Fenster
+führte, wo er auf den flimmernden See hinunter und bis zu den violetten
+Bergen hinübersah, da stieg dem Rico so vieles auf im Herzen, daß es ihm
+vor Freude und Dank übervoll wurde und er nur leise sagen konnte:
+
+»O wie schön! nun darf ich daheim sein!«
+
+In der wohnlichen Stube mit den offenen Türen auf den Blumengarten wurde
+von dem Abend an, da Rico sein Haus bezogen hatte, von den vier
+Bewohnern desselben ein Tag nach dem anderen in solcher Fröhlichkeit und
+ungetrübtem Glücke verlebt, daß keines von allen bemerkte, wie rasch die
+Zeit dahinging.
+
+Am Tage ging der Rico seinem pfeifenden Burschen nach zu den
+Feigenbäumen und auf den Acker hinaus ins Maiskorn, denn das mußte er
+nun alles behandeln lernen. Dann dachte der Bursche bei sich selbst:
+»Ich kann freilich mehr als mein Meister«, und der Hochmut stieg ihm ein
+wenig in den Kopf gegen den Rico; aber am Abend klangen aus der
+erleuchteten Stube so schöne und herzgewinnende Weisen in den Garten
+hinaus, daß der Bursche sich an die Hecke lehnte und stundenlang
+lauschte, denn Musik ging ihm über alles. Dann sagte er zu sich: »Mein
+Meister kann doch mehr als ich«, und bekam einen großen Respekt vor ihm.
+
+
+
+
+Einundzwanzigstes Kapitel.
+
+Sonnenschein am Gardasee.
+
+
+So waren zwei Jahre dahingeflogen, immer ein Tag genußreicher als der
+andere. Da wußte Stineli, daß nun die Zeit seiner Abreise gekommen war,
+und es mußte stark mit sich kämpfen, daß es nicht den Mut verlor, denn
+fortgehen und vielleicht nie wiederkommen, das war der schwerste
+Gedanke, der noch je auf sein Herz gefallen war. Auch der Rico wußte,
+was nun sein sollte, und er sagte manchen Tag lang nur noch die
+notwendigsten Worte. Da wurde es der Mutter Menotti ganz unheimlich
+zumute und sie forschte der unbekannten Ursache nach, denn sie hatte
+schon lange vergessen, daß das Stineli sollte konfirmiert werden. Als
+nun diese Besorgnis herauskam, sagte die Mutter Menotti beruhigend: »Man
+kann schon noch ein Jahr warten«, und so lebten alle in Freuden ein
+Jahr weiter.
+
+Aber im dritten Jahr kam Bericht von Bergamo, es sei da einer angekommen
+aus den Bergen herunter, der habe Befehl, das Stineli mit nach Hause zu
+nehmen. Nun mußte es sein; der kleine Silvio gebärdete sich wie ein
+Besessener, aber es half nichts, gegen das Schicksal konnte er nicht
+aufkommen. Die Mutter Menotti sagte die letzten drei Tage hintereinander
+nur immerzu: »Komm nur auch wieder, Stineli; versprich dem Vater, was er
+will, wenn er dich nur wieder gehen läßt.«
+
+Der Rico sagte gar nichts mehr. So reiste das Stineli ab, und von dem
+Tage an lag es über dem Hause wie eine graue, schwere Wolke, wenn
+draußen die Sonne noch so schön schien. So blieb es vom November an bis
+zum Osterfest, da alle Leute sich freuten; aber in dem Hause blieb es
+ganz still. Und als das Fest vorüber war und draußen im Garten alles
+blühte und duftete, viel schöner als je, da saß eines Abends Rico neben
+dem Silvio und spielte die allertraurigste Melodie, die er kannte, und
+machte den kleinen Silvio ganz tiefsinnig; aber mit einem Male ertönte
+aus dem Garten eine Stimme dazwischen: »Rico, Rico, hast du keinen
+fröhlicheren Empfang für mich?«
+
+Der Silvio schrie auf wie außer sich. Rico warf die Geige auf das Bett
+und sprang hinaus. Die Mutter stürzte mit Schrecken herbei. Da erschien
+auf der Schwelle mit dem Rico das Stineli. Und wie seine Augen wieder in
+die Stube hereinlachten -- da war der langverlorene Sonnenschein
+zurückgekehrt, und es gab ein Wiedersehen von solcher Freude, wie sich
+keins von allen hatte vorstellen können in der Trennung. Da saßen sie
+wieder am Tisch bei Silvios Bett und es ging an ein Fragen und Erzählen
+und Berichten und wieder an ein Frohlocken über das Ende der schweren
+Trennungszeit; und es war ein solcher Festabend, daß man hätte denken
+können, diesen vier Menschen könne gar nichts mehr mangeln zu einem
+fertigen Glück. Aber dem Rico mußte es ganz anders sein. Mitten in der
+Fröhlichkeit fing er auf einmal zu staunen an, wie vorzeiten; doch
+währte es nicht so lange wie damals, er mußte ziemlich bald einen
+befriedigenden Endpunkt gefunden haben, denn plötzlich war das Staunen
+vorbei, und mit der größten Bestimmtheit sprach er die Worte aus:
+
+»Das Stineli muß auf der Stelle meine Frau werden, sonst kommt es uns
+noch einmal fort, wir halten es nicht aus.«
+
+Der Silvio geriet sogleich in die äußerste Begeisterung für dieses
+Unternehmen, und es währte gar nicht lange, so waren alle einig darüber,
+daß es so sein müsse und gar nicht anders sein könnte. --
+
+Am schönsten Maitage, der je über Peschiera geleuchtet hatte, bewegte
+sich ein langer Festzug von der Kirche her der »Goldenen Sonne«
+entgegen. Voran kam der hochgewachsene Rico stattlich dahergeschritten,
+an seiner Seite das frohäugige Stineli mit einem frischen
+Blumenkränzlein auf dem Kopf; dann kam in weichgepolstertem Wägelchen,
+von zwei fröhlichen Peschierabuben gezogen, der kleine Silvio,
+freudeglänzend wie ein Triumphator, darauf folgte die Mutter Menotti,
+ganz gerührt und ergriffen in ihrem rauschenden Hochzeitsstaat, nach ihr
+der Bursche mit einem Blumenstrauß, der ihm die ganze Brust bedeckte;
+und nun wogte ganz Peschiera daher in der allerlautesten Teilnahme; denn
+das schöne Paar wollten alle sehen und mit feiern. Es war wie ein
+allgemeines Familienfest der Leute von Peschiera, nun der verlorene und
+wiedergekehrte Peschierianer daranging, sein festes Haus zu gründen in
+seiner Heimat.
+
+Die Siegesfreude der Wirtin zur »Goldenen Sonne«, als sie den Zug vor
+ihrem Hause ankommen sah, ist nicht zu beschreiben! Wo auch je nachher
+von irgendeiner Hochzeit, hoch oder niedrig, die Rede war, da sagte sie
+mit Überlegenheit:
+
+»Das ist alles gar nichts gegen Ricos Hochzeit in der 'Goldenen Sonne'!«
+
+In dem Hause am Blumengarten ging der Sonnenschein nicht mehr verloren;
+aber Stineli sorgte auch dafür, daß das Unser-Vater nie wieder vergessen
+wurde, und jeden Sonntagabend ertönte das Lied der Großmutter im hellen
+Chor den Garten hinaus.
+
+
+
+
+Wie Wiselis Weg gefunden wird.
+
+
+[Illustration: Auf dem Schlittweg]
+
+
+
+
+Erstes Kapitel.
+
+Auf dem Schlittweg.
+
+
+Draußen vor der Stadt Bern liegt ein Dörflein an einer Halde. Ich kann
+hier nicht wohl sagen, wie es heißt, aber ich will es ein wenig
+beschreiben; wer dann dahinkommt, der kann es gleich erkennen. Oben auf
+der Anhöhe steht ein einzelnes Haus mit einem Garten daran, voll schöner
+Blumen von allen Arten; das gehört dem Oberst Ritter und heißt »Auf der
+Halde«. Von da geht es hinunter; dann steht auf einem kleinen, ebenen
+Platze die Kirche und daneben das Pfarrhaus, -- dort hat die Frau des
+Obersten als Pfarrerstochter ihre fröhliche Kindheit verlebt. Etwas
+weiter unten hin kommt das Schulhaus und noch einige Häuser beisammen,
+und dann links am Wege noch ein Häuschen ganz allein; davor liegt auch
+ein Gärtchen mit ein paar Rosen und ein paar Nelken und ein paar
+Resedastöckchen, daneben aber mit Zichorien und Spinat bepflanzt und mit
+einer niederen Hecke von Johannisbeersträuchern umgeben. Alles ist da
+immer in bester Ordnung und kein Unkraut zu sehen. Dann geht der Weg
+wieder bergab die ganze, lange Halde hinunter bis auf die große Straße,
+die der Aare entlang geht ins Land hinaus.
+
+Diese ganze, lange Halde bildete zur Winterszeit den herrlichsten
+Schlittweg, der weit und breit zu finden war; wohl zehn Minuten lang
+konnte man da auf dem Schlitten sitzen bleiben, ohne abzusteigen; denn
+war man vom Hause des Obersten an bei diesem ersten, steilen Absatz
+einmal recht in den Zug gekommen, so gingen die Schlitten vorwärts ohne
+Nachhilfe bis hinunter auf die Aarestraße. Diese unvergleichliche
+Schlittenbahn machte denn auch das Lebensglück einer großen Schar von
+Kindern aus, die alle, sobald nur die alte Schulstubentür sich öffnete,
+sich herausstürzten, ihre Schlitten vom Haufen rissen, den sie im Vorhof
+bildeten, und mit Windeseile dem Schlittweg zurannten, wo die Stunden
+verflogen, man wußte nicht wie, denn unten am Berge war man immer im
+Augenblick, und beim Heraufsteigen dachte man so eifrig ans nächste
+Hinunterfahren, daß es unmerklich schnell getan war. So brach immer zum
+großen Schrecken der Kinder die Nacht herein, lang ehe sie erwartet war,
+denn dies war die Zeit, da fast alle nach Hause gehen mußten. Da folgte
+dann gewöhnlich noch ein ziemlich stürmisches Ende, denn da wollte man
+schnell noch einmal fahren und dann noch einmal und dann nur noch ein
+einziges Mal, und so mußte dann alles noch in größter Eile zugehen, das
+Aufsitzen und das Abfahren und wieder die Rückkehr den Berg hinauf. Da
+war auch ein Gesetz errichtet worden, daß keiner sollte hinunterfahren,
+während die anderen hinaufstiegen, sondern hintereinander sollten alle
+abfahren und miteinander alle zurückkehren, damit kein Gedränge und
+Schlittenverwickelungen entstehen könnten. Manchmal aber gab es doch
+allerlei ungesetzliche Verwirrungen, besonders auf diesen drangvollen
+Schlußfahrten, da dann keiner zuletzt sein und etwa noch zu kurz kommen
+wollte. So war es auch an einem hellen Januarabend, da vor Kälte die
+Schlittenbahn laut knisterte unter den Füßen der Kinder und der Schnee
+nebenan auf den Feldern so hart gefroren war, daß man hätte darauf
+fahren können wie auf einer festen Straße. Die Kinder aber waren alle
+glühend rot und heiß dazu, denn eben waren sie im angestrengten Lauf den
+ganzen Berg heraufgeeilt, ihre Schlitten nachziehend und sie nun stracks
+umwendend und sich darauf stürzend, denn es hatte Eile; drüben stand
+schon hell der Mond am Himmel und die Betglocke hatte auch schon
+geläutet. Die Buben hatten aber alle gerufen: »Noch einmal! Noch
+einmal!« Und die Mädchen waren einverstanden. Aber beim Aufsitzen gab es
+eine Verwirrung und einen großen Lärm: drei Buben wollten durchaus auf
+demselben Platze mit ihren Schlitten stehen, und keiner wollte auch nur
+einen Zoll zurückweichen und später abfahren. So drückten sie einander
+auf die Seite hin, und der breite Chäppi wurde von den beiden anderen so
+gegen den Rand des Weges hin gestoßen, daß er ganz in den Schnee
+hineinsank mit seinem schweren Keßlerschlitten und fühlte, daß er unter
+ihm stecken blieb. Eine große Wut ergriff ihn beim Gedanken, daß die
+anderen nun abfahren möchten; er schaute um sich. Da fiel sein Blick auf
+ein kleines, schmales Mädchen, das neben ihm im Schnee stand; es war
+ganz bleich und hielt beide Arme in seine Schürze gewickelt, um wärmer
+zu haben, aber es zitterte doch vor Frost an seinem ganzen dünnen
+Körperchen. Das schien dem Chäppi ein passender Gegenstand zu sein,
+seine Wut daran auszulassen.
+
+»Kannst du einem nicht aus dem Wege gehen, du lumpiges Ding du? du
+brauchst nicht hier zu stehen, du hast ja nicht einmal einen Schlitten.
+Wart nur, ich will dir schon aus dem Wege helfen.« Damit stieß der
+Chäppi seinen Stiefel in den Schnee hinein, um dem Kinde eine
+Schneewolke entgegenzuwerfen. Es floh zurück, so daß es bis an die Kniee
+in den Schnee hineinsank, und sagte schüchtern: »Ich wollte nur
+zusehen!« Der Chäppi stieß eben seinen Stiefel noch einmal in den Schnee
+hinein, als ihn von hinten eine so erschütternde Ohrfeige traf, daß er
+fast vom Schlitten herunterfuhr. »Wart du!« rief er außer sich vor
+Erbitterung, denn sein Ohr sauste, wie es noch kaum je gesaust hatte,
+und mit geballter Faust kehrte er sich um, seinen Feind zu treffen. Da
+stand einer hinter ihm, der hatte eben seinen Schlitten zurechtgestellt
+zum Abfahren, und schaute nun ganz ruhig auf den Chäppi nieder und
+sagte: »Probier's!« Es war Chäppis Klassengenosse, der elfjährige Otto
+Ritter, der öfter mit dem Chäppi kleine Verschiedenheiten auszugleichen
+hatte. Otto war ein schlanker, aufgeschossener Junge, lange nicht so
+breit wie der Chäppi; aber dieser hatte schon mehr als einmal erfahren,
+daß Otto eine merkwürdige Gewandtheit in Händen und Füßen besaß, gegen
+welche der Chäppi sich nicht zu helfen wußte. Er schlug nicht zu, aber
+die geballte Faust hielt er immer in die Höhe und wuterfüllt rief er:
+»Laß du mich gehen, ich habe nichts mit dir zu tun!« -- »Aber ich mit
+dir«, entgegnete Otto kriegerisch. »Was brauchst du das Wiseli
+dorthinein zu jagen und ihm noch Schnee anzuwerfen; ich habe dich wohl
+gesehen, du Feigling, der ein Kleines verfolgt, das sich nicht wehren
+kann.« Damit kehrte er verächtlich dem Chäppi den Rücken und wandte sich
+dem Schneefelde zu, wo das bleiche Wiseli noch immer stand und zitterte.
+»Komm heraus aus dem Schnee, Wiseli«, sagte Otto beschützend. »Siehst
+du, du klapperst ja vor Frost. Hast du wirklich gar keinen Schlitten und
+hast nur zusehen müssen? Da, nimm den meinen und fahr einmal hinunter,
+schnell, siehst du, da fahren sie schon.« Das bleiche, schüchterne
+Wiseli wußte gar nicht, wie ihm geschah; zwei-, dreimal hatte es
+zugeschaut, wie eines nach dem anderen auf seinem Schlitten saß, und
+gedacht: »Wenn ich nur ein einziges Mal ganz hinten aufsitzen dürfte«,
+wo schon drei auf einem Schlitten saßen. Nun sollte es allein
+hinunterfahren dürfen und dazu auf dem allerschönsten Schlitten mit dem
+Löwenkopf vorn, der immer allen anderen zuvorkam, weil er so leicht war
+und hoch mit Eisen beschlagen. Vor lauter Glück stand Wiseli ganz
+unschlüssig da und schaute nach dem Chäppi, ob er es nicht vielleicht zu
+prügeln gedenke zur Strafe für sein Glück. Aber der saß jetzt ganz
+abgekühlt da, so als wäre gar nichts geschehen, und Otto stand so
+schutzverheißend daneben, daß ihm der Mut kam, sein Glück zu erfassen;
+es setzte sich wirklich auf den schönen Schlitten, und da nun Otto
+mahnte: »Mach, mach, Wiseli, fahr ab«, so gehorchte es, und hinunter
+ging's, wie vom Winde getragen. In der kürzesten Zeit hörte Otto die
+ganze Gesellschaft wieder herankeuchen, und er rief entgegen: »Wiseli,
+bleib unter den Vordersten und sitz gleich noch einmal auf und fahr zu;
+nachher müssen wir gehen.« Das glückliche Wiseli setzte sich noch einmal
+hin und genoß noch einmal die langersehnte Freude. Dann brachte es
+seinen Schlitten und dankte ganz schüchtern seinem Wohltäter, mehr mit
+den freudestrahlenden Augen, als mit Worten, dann rannte es eilig davon.
+Otto fühlte sich sehr befriedigt. »Wo ist das Miezi?« rief er in die
+sich zerstreuende Gesellschaft hinein. »Da ist es«, ertönte eine
+fröhliche Kinderstimme, und aus dem Knäuel heraus trat ein rundes,
+rotbackiges kleines Mädchen, das der Bruder Otto als kräftiger
+Schutzmann bei der Hand faßte und nun mit ihm dem väterlichen Hause
+zueilte, denn es war heute spät geworden; die erlaubte Zeit des
+Schlittens war ziemlich lange überschritten.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+Daheim, wo's gut ist.
+
+
+Als Otto und seine Schwester durch die lange, steinerne Hausflur
+hereinstürmten, trat die alte Trine aus einer Tür und hielt ihr Licht in
+die Höhe, um besser zu sehen, was dahergetrappelt kam. »So, endlich!«
+sagte sie, halb zankend, halb wohlgefällig. »Die Mutter hat schon lange
+nachgefragt, aber da war kein Bein zu sehen, und acht Uhr hat's
+geschlagen vor weiß kein Mensch wie langer Zeit.« Die alte Trine war
+schon Magd in der Familie gewesen, als die Mutter der beiden Kinder zur
+Welt kam; so hatte sie große Rechte im Hause und fühlte sich durchaus
+als Glied desselben, eigentlich als Haupt, denn an Alter und Erfahrung
+war sie die erste. Die alte Trine war durchaus vernarrt in beide Kinder
+ihrer Herrschaft und sehr stolz auf alle ihre Anlagen und Eigenschaften;
+das ließ sie aber nicht merken, sondern sprach immer im Tone halber
+Entrüstung von ihnen, denn das fand sie heilsam zu ihrer Erziehung.
+»Schuhe aus, Pantoffeln an!« rief sie jetzt, Ordnung gebietend; der
+Befehl wurde aber gleich darauf von ihr selbst vollzogen, denn sofort
+kniete sie vor Otto hin, der sich auf einem Sessel niedergelassen hatte,
+und zog ihm die nassen Schuhe aus. Die kleine Schwester stand
+unterdessen mitten in der Stube still und rührte sich nicht, was sonst
+nicht ihre Art war, so daß die alte Trine während ihrer Arbeit ein
+paarmal hinüberschielte. Jetzt war Otto gerüstet, und Miezchen sollte
+auf dem Sessel sitzen; aber es stand noch auf demselben Platze und
+rührte sich nicht. »Nu, nu, wollen wir warten, bis es Sommer wird, dann
+trocknen die Schuhe von selbst«, sagte die Trine, auf ihren Knieen
+harrend. »Bst! bst! Trine, ich habe etwas gehört; wer ist in der großen
+Stube?« fragte Miezchen und hob den Zeigefinger etwas drohend in die
+Höhe. »Alles Leute mit trockenen Schuhen, und andere kommen nicht
+hinein. Jetzt wag's und sitz nieder«, mahnte Trine. Aber anstatt zu
+sitzen, machte Miezchen einen Sprung und rief: »Jetzt hab' ich's wieder
+gehört, so lacht der Onkel Max.« -- »Was?« schrie Otto und war mit einem
+Satz bei der Tür. -- »Wart! wart!« schrie Miezchen nach und wollte gleich
+mit zur Tür hinaus; aber jetzt wurde es abgefaßt und auf den Stuhl
+gesetzt, die alte Trine hatte jedoch einen schweren Stand mit den
+zappelnden Füßchen. Indessen gelang die Arbeit, und nun stürzte Miezchen
+zur Tür hinaus und hinüber in die große Stube hinein und direkt auf den
+Onkel Max los, der richtig dort im Lehnstuhl saß. Da war nun ein großer
+Freudenlärm und ein Grüßen und ein Willkommenrufen in allen Tönen, und
+in das Gelärm der Kinder stimmte der Onkel Max wacker mit ein, und es
+währte geraume Zeit, bis sich der Tumult etwas gelegt hatte und die
+Festfreude einen ruhigen Charakter annahm. Denn ein Fest für die Kinder
+war die Erscheinung des Onkels jedesmal und aus triftigen Gründen. Der
+Onkel Max war ihr besonderer Freund; er war fast immer auf Reisen und
+kam nur alle paar Jahre einmal zum Besuch; dann gab er sich aber mit den
+Kindern ab, als gehörten sie ihm selber an, und was er für wunderbar
+herrliche Sachen in allen Taschen für sie brachte, das war gar mit
+nichts zu vergleichen, denn es war alles ganz fremdartig und zauberhaft.
+Der Onkel Max war ein Naturforscher und reiste in allen Winkeln der Erde
+umher und aus jedem brachte er etwas Eigentümliches mit.
+
+Endlich saß die Gesellschaft geordnet um den Tisch herum und die
+dampfende Schüssel brachte noch völlige Besänftigung in die aufgeregten
+Gemüter, denn von der Schlittbahn wurde immer ein richtiger Appetit
+mitgebracht. »So«, sagte der Papa, über den Tisch hinüberblickend, wo an
+der Seite der Mutter das Töchterchen fleißig arbeitete, »so, so, heut'
+hat also das Miezchen keine Hand für seinen Papa, noch hab' ich keinen
+Gruß bekommen, und jetzt ist keine Zeit mehr dazu.«
+
+Etwas zerknirscht schaute das Miezchen von seinem Teller auf und sagte:
+»Aber Papa, aber ich habe es nicht mit Fleiß getan und jetzt will ich
+gleich --«, und damit stieß sie mit großer Anstrengung den Sessel zurück;
+aber der Papa rief: »Nein, nein, jetzt nur keine Ruhestörung. Da gib die
+Hand über den Tisch hin, das übrige wollen wir nachher bestellen; so
+ist's recht, Miezchen.« -- »Wie hat man eigentlich das Kind getauft,
+Marie? Ich war zwar auch dabei, aber ich habe keine Ahnung davon,
+welcher Name in der Kirche ausgesprochen wurde, Miezchen doch nicht?«
+sagte der Onkel lachend. »Wirklich warst du dabei, Max«, entgegnete
+seine Schwester, »da du des Kindes Pate bist. Es erhielt damals den
+Namen Marie; sein Papa machte daraus ein Miezchen, und Otto hat den
+Namen noch recht unnütz vervielfältigt.« -- »O nein, Mama, wirklich nicht
+unnütz«, rief Otto ernsthaft herüber. »Siehst du, Onkel, das geht nach
+ganz bestimmten Regeln. Wenn dies kleine nichtige Wesen ordentlich und
+sanftmütig ist, dann nenn' ich es Miezchen; das geschieht aber selten,
+und im gewöhnlichen Leben nenn' ich es daher Miezi. Wird es aber bös,
+dann sieht es ganz aus wie ein kleiner Katzenreuel und muß Miez genannt
+werden, der Miez.«
+
+»Ja, ja, Otto«, tönte es nun zurück, »und wenn du bös wirst, dann siehst
+du ganz aus wie ein -- wie ein --« »Wie ein Mann«, ergänzte Otto, und da
+dem Miezchen eben kein Vergleich zu Gebote stand, so arbeitete es jetzt
+um so emsiger an seinem Brei herum. Der Onkel lachte laut auf. »Das
+Miezchen behält recht«, rief er; »seinen Geschäften obliegen ist besser,
+als auf Schmähungen antworten.« »Aber, Kinder«, setzte er nach einer
+Weile hinzu, »nun bin ich mehr als ein Jahr nicht hier gewesen und ihr
+habt mir noch gar nichts erzählt; was habt ihr denn alles erlebt
+unterdessen?« Die neuesten Ereignisse erfüllten zunächst den Sinn der
+Kinder: so wurde gleich mit großer Lebhaftigkeit, meistens im Chor, die
+eben erlebte Geschichte erzählt, wie der Chäppi das Wiseli behandelt,
+wie es fror und im Schnee stand und keinen Schlitten hatte und endlich
+doch noch zu zwei Fahrten kam. »So ist's recht, Otto«, sagte der Papa;
+»du mußt deinem Namen Ehre machen, für die Wehrlosen und Verfolgten mußt
+du immer ein Ritter sein. Wer ist das Wiseli?« -- »Du kannst das Kind
+und seine Mutter kaum kennen«, sagte die Mama, zu ihrem Manne gewandt;
+»aber der Onkel Max kennt Wiselis Mutter recht gut. Du kannst dich doch
+noch auf den mageren Leineweber besinnen, Max, der unser Nachbar war. Er
+hatte ein einziges Kind mit großen braunen Augen, das oft bei uns im
+Pfarrhaus war und so schön singen konnte; kommt dir da die Erinnerung
+daran wieder?«
+
+Bevor aber die weiteren Erinnerungen zur Verhandlung kamen, steckte die
+alte Trine ihren Kopf zur Tür herein und rief: »Der Schreiner Andres
+möchte gern der Frau Oberst einen Bericht abgeben, wenn er nicht stört.«
+Diese harmlosen Worte bewirkten eine wahre Verheerung in der
+Gesellschaft. Die Mutter legte den Servierlöffel, mit dem sie soeben dem
+Onkel entgegenkommen wollte, beiseite, sagte eilig: »Um Entschuldigung,
+ihr Herren!« und ging davon. Otto sprang so stürmisch auf, daß er seinen
+Stuhl hintenhinaus warf und dann selbst darüber stürzte, als er
+fortgaloppieren wollte. Das Miezchen hatte ähnliche Taten vor, aber der
+Onkel hatte seine ersten Bewegungen zum Aufruhr gesehen und hielt es nun
+mit beiden Armen fest. Aber es zappelte jämmerlich und schrie: »Laß los,
+Onkel, laß los. Im Ernst, ich muß gehen.«
+
+»Wohin denn, Miezchen?«
+
+»Zum Schreiner Andres. Laß schnell los! Hilf, Papa, hilf!«
+
+»Wenn du mir sagst, was du vom Schreiner Andres willst, so lass' ich
+dich los.«
+
+»Das Schaf hat nur noch zwei Beine und keinen Schwanz, und nur der
+Schreiner Andres kann ihm helfen. Jetzt laß los.« Nun stürmte auch das
+Miezchen fort. Die Herren schauten einander an, und Onkel Max schlug
+ein helles Gelächter auf und rief: »Wer ist denn der Schreiner Andres,
+um den deine ganze Familie sich zu reißen scheint?«
+
+»Das mußt du besser wissen als ich«, entgegnete der Oberst; »es wird
+wohl ein Jugendfreund von dir sein, und das Fieber der Verehrung wird
+auch dich noch ergreifen, es muß in eurer Familie sein, bei uns hat es
+die Mutter verbreitet. Ich kann dir so viel sagen, daß der Schreiner
+Andres völlig der Grundstein meines Hauses ist, auf dem alles feststeht
+und entschieden auseinandergehen würde, sollte dem Hause dieser Halt
+entkommen. Der Schreiner Andres ist hier Rat, Trost, Heil und Hilfe
+in der Bedrängnis. Strebt meine Frau nach einem Hausgerät, von dem
+sie gar nicht weiß, wie es aussehen soll, noch wozu man es braucht,
+-- der Schreiner Andres erfindet es und schafft es zur Stelle. Bricht
+Feuers- oder Wassersnot in der Küche oder im Waschhaus los, -- der
+Schreiner Andres greift in die Elemente und bringt das Feuer ins Stocken
+und das Wasser in Fluß. Macht mein Sohn einen recht dummen Streich, --
+der Schreiner Andres dreht ihn wieder zurecht. Schmeißt meine Tochter
+das sämtliche Hausgeräte entzwei, -- der Schreiner Andres leimt es wieder
+zusammen. So ist der Schreiner Andres recht eigentlich die stützende
+Säule meines Hauses, und wenn diese zusammenbrechen würde, so gingen wir
+alle in Trümmer.«
+
+Die Mutter war unterdessen wieder eingetreten, und wohl zu ihrem Besten
+schilderte der Vater die Verdienste des Schreiners Andres so eingehend.
+Onkel Max lachte, daß es schallte.
+
+»Lacht ihr nur! Lacht ihr nur!« sagte die Mutter. »Ich weiß schon, was
+ich an dem Schreiner Andres habe.«
+
+»Und ich auch«, bemerkte der Vater mit spöttischem Lächeln.
+
+»Und ich auch!« behauptete das Miezchen herzhaft, das wieder auf seinem
+Platze saß.
+
+»Und ich auch!« brummte der Otto, dem der Knöchel noch sauste von seinem
+Sturz über den Stuhl hin.
+
+»So, nun sind wir alle einer Meinung«, bemerkte die Mutter, »nun können
+die Kinder in Frieden zu Bette gehen.« Auf diese Anzeige hin drohte dem
+Frieden gleich eine Störung; aber es half nichts, die alte Trine stand
+schon vor der Tür und wachte, daß die Hausordnung nicht überschritten
+werde. Die Kinder mußten abtreten, und gleich nachher verschwand die
+Mutter auch noch einmal, denn die Kinder schliefen nicht ein, ohne daß
+die Mutter zum Nachtgebet noch an ihre Betten gekommen war.
+
+Als nun alles still und ruhig war, kam die Mutter wieder zu den Herren
+zurück und setzte sich nun so recht zum Bleiben hin.
+
+»Endlich«, sagte da der Oberst hoch aufatmend, als habe er die Feinde
+hinter sich. »Siehst du, Max, erst gehört meine Frau dem Schreiner
+Andres, dann ihren Kindern und dann ihrem Mann, wenn noch etwas übrig
+bleibt.«
+
+»Und siehst du, Max«, sagte die Mutter lachend, »wenn mein Mann noch so
+arg höhnt: er mag unseren guten Schreiner Andres gerade so gern wie wir
+alle; gestehe es nur ein, Mann! Eben hat mir Andres auch für dich noch
+einen Auftrag übergeben, er hat seine jährliche Summe gebracht und
+bittet um deinen Beistand.«
+
+»Das ist wahr«, sagte der Oberst; »einen ordentlicheren, fleißigeren,
+zuverlässigeren Mann kenne ich nicht. Dem würde ich Weib und Kind und
+Hab' und Gut und alles anvertrauen wie keinem anderen; das ist der
+ehrlichste, wackerste Mann in unserer ganzen Gemeinde und noch weit
+darüber hinaus.«
+
+»Jetzt siehst du, Max«, sagte die Frau lachend; »ich konnte doch nicht
+mehr sagen.« Ihr Bruder lachte mit über den Eifer, in den der Oberst
+unversehens gefallen war. Dann entgegnete er: »Nun habt ihr mir alle so
+viel von eurem Wundermann vorerzählt, daß ich wirklich wissen möchte,
+woher er stammt und wie er aussieht. Habe ich ihn denn noch nicht
+gesehen hier?«
+
+»Ach, du hast ihn ja so gut gekannt, Max«, entgegnete seine Schwester;
+»du mußt dich durchaus noch des Andres erinnern, mit dem wir zur Schule
+gingen. Weißt du denn nicht mehr, wie zwei Brüder zusammen in derselben
+Klasse mit dir waren? Der ältere war damals schon ein rechter
+Taugenichts; er war gar nicht dumm, aber tat nichts und blieb darum
+stecken und kam dann mit dem viel jüngeren Bruder in eine Klasse
+zusammen, in welcher du auch warst. Du mußt dich gewiß erinnern, er hieß
+Jörg und hatte ganz schwarzes, steifes Haar. Er bewarf uns, wo er
+konnte, mit irgend etwas, mit unreifen Äpfeln und Birnen und dann mit
+Schneeballen, und rief uns überall nach: 'Aristokratenbrut!'«
+
+»O der, der«, rief Onkel Max lachend, »ja, nun weiß ich auf einmal
+alles. Richtig, 'Aristokratenbrut' rief er uns beständig nach; ich
+möchte nur wissen, wie ihm das Wort in den Sinn kam. Er war ein
+widerwärtiger Kerl; ich weiß. Da sah ich ihn einmal einen viel kleineren
+Jungen ganz unbarmherzig durchprügeln; dem half ich aber, dafür rief er
+mir wohl zwölfmal nach: 'Aristokratenbrut!' Ach, nun weiß ich auch auf
+einmal, wer der andere war; das war der magere, kleine Andres, sein
+Bruder, das ist gewiß euer Andres, und dann ist das auch der Andres mit
+den Veilchen, nicht wahr, Marie? O, jetzt versteh' ich schon die dicke
+Freundschaft«, lachte Onkel Max auf's neue auf. -- »Was Veilchen, das muß
+ich wissen«, fiel der Oberst ein. -- »O, die Geschichte ist mir auf
+einmal vor Augen, als wäre sie gestern geschehen«, sagte der Onkel ganz
+angeregt von seinen Erinnerungen; »die muß ich dir erzählen, Otto. Du
+weißt vielleicht durch deine Frau, daß wir hier im Dorfe in jenen
+glücklichen Zeiten unserer Kindheit einen alten Schullehrer hatten, der
+fand, daß alle Mängel und Gebrechen der Schulkinder aus ihnen heraus- und
+alle Fähigkeiten und guten Eigenschaften in sie hineingeprügelt werden
+könnten. So war er genötigt, sehr viel zu prügeln, um den einen oder
+andern guten Zweck zu erreichen, manchmal auch beide auf einmal. Einmal
+nun war ihm der magere Andres unter die Hand gekommen; dem schlug er nun
+so kräftig seine wohlgemeinte Ermahnung auf den Rücken, daß der Andres
+laut aufschrie. In diesem Augenblick stand meine kleine Schwester, die
+kürzlich in die Schule eingetreten war und sich noch nicht so recht in
+die daselbst herrschenden Gebräuche eingelebt hatte, plötzlich auf von
+ihrem Sitze auf der ersten Bank und schritt eilig der Tür zu. Einen
+Augenblick hielt der Schullehrer inne mit seiner Arbeit und rief ihr
+nach: 'Wo läufst du hin?' Marie kehrte sich um; die hellen Tränen liefen
+ihr über die Backen herunter und sie sagte ganz aufrichtig: 'Ich will
+heimgehen und es dem Papa sagen.' 'Wart, ich will dir', rief jetzt der
+Schullehrer in großer Überraschung und stürzte vom Andres weg auf die
+kleine Marie los; die prügelte er aber nicht, er nahm sie nur beim Arm
+und setzte sie ziemlich fest auf ihren Platz hin; dann sagte er noch
+einmal: 'Wart, ich will dir!' Damit war aber alles abgetan; auch der
+Andres wurde in Ruhe gelassen, und so nahm alles einen friedlichen
+Ausgang. Aber die Tränen, die meine Schwester für den Andres vergossen,
+und ihr Einschreiten gegen den Tyrannenstock wurden nicht vergessen. Von
+dem Tag an lag jeden Morgen ein Büschel Veilchen auf ihrem Platz und
+durchduftete den ganzen Schulraum, und nachher kam noch ein anmutigerer
+Duft von dem Platz her, denn da lagen große Erdbeersträuße mit den
+prächtigsten dunkelroten Beeren, wie sie sonst nirgends zu sehen waren,
+und so ging es das ganze Jahr durch immerfort; wie sich dann aber die
+Freundschaft zu dem erstaunlich hohen Grad entwickelt hat, wo sie nun
+angelangt ist, das muß meine Schwester wissen und uns mitteilen.« -- Der
+Oberst hatte seine Freude an der Geschichte der Tränen und der Veilchen
+und forderte seine Frau auf, weiter zu erzählen. Sie sagte mit Lachen:
+»Erdbeeren und Veilchen blühen deiner Ansicht nach das ganze Jahr durch,
+Max; das ist aber nicht ganz so. Hingegen wurde der gute Andres wirklich
+das ganze Jahr durch nicht müde, mir irgend etwas Erfreuliches aus Feld
+und Wald aufzufinden und an meinen Platz zu legen, solange wir
+miteinander zur Schule gingen. Er trat dann lange vor mir aus und kam in
+die Lehre zu einem Schreiner nach der Stadt; er kam dann immer öfter
+nach Hause, ich verlor ihn nie ganz aus den Augen, und als mein Mann
+dies Gut kaufte und wir uns eben verheiratet hatten, handelte es sich
+darum, daß Andres sich etwas ankaufen und sich selbständig niederlassen
+wollte; er hatte seine Eltern verloren und stand ganz allein, aber als
+ein tüchtiger Arbeiter da. Er hatte seine Augen auf das Häuschen mit dem
+sauberen kleinen Garten dort unterhalb der Kirche gerichtet, konnte es
+aber nicht ankaufen, da der Verkäufer sogleich bares Geld haben und
+Andres erst solches durch seine Arbeit gewinnen mußte. Aber wir kannten
+ihn und seine Arbeit. Mein Mann kaufte das Gütchen an für ihn, und er
+hat es keinen Augenblick zu bereuen gehabt.« -- »Nein, wahrhaftig nicht«,
+fiel hier der Oberst ein; »der brave Andres hat längst sein Gut
+vollständig abgezahlt und seither bringt er mir jedes Jahr um diese Zeit
+eine ganz hübsche Summe, den Gewinn seiner Jahresarbeit; die lege ich
+ihm gut an und habe meine Freude an dem Gedeihen des wackeren Menschen.
+Er ist jetzt schon ein ganz wohlhabender Mann, und nun nimmt sein
+Besitztum jährlich sehr zu, er kann sein Häuschen noch zu einem großen
+Haus machen, der brave Andres; es ist nur schade, daß er wie ein
+Einsiedler lebt und darum sein erarbeitetes Gut gar nicht genießen
+kann.« -- »Hat er denn keine Frau und Familie, und wo ist der bitterböse
+Jörg schließlich hingekommen?« fragte Onkel Max weiter. -- »Nein, er hat
+gar niemanden«, antwortete die Schwester, »er lebt völlig allein,
+wirklich wie ein Einsiedler. Er hat eine lange, traurige Geschichte
+erlebt, die ich mit angesehen habe, und die ihm gewiß alle Lust benommen
+hat, je eine Frau zu suchen. Der Bruder Jörg hat erst hier einige Jahre
+herumvagabondiert, hat nie gearbeitet, sondern gehofft, durch
+furchtbares Schimpfen auf alle diejenigen, die keine Lumpe waren wie er,
+endlich doch noch sein Glück zu machen, und als ihm dies nicht gelang,
+auch der gute Andres ihm endlich nicht mehr aus seinen Schulden und
+allem Bösen heraushelfen konnte und auch nicht mehr wollte, da ist er
+verschwunden, wohin, hat man nie recht gewußt; jedermann war froh, daß
+er nur fort war.« -- »Was war denn die traurige Geschichte, Marie?«
+fragte der Bruder; »die muß ich auch noch wissen.« »Und ich auch«, sagte
+der Oberst und zündete zu der Erzählung vergnüglich eine neue Zigarre
+an.
+
+»Aber Mann«, bemerkte die Frau Oberst, »dir habe ich dieses Erlebnis
+wohl schon sechsmal erzählt.« -- »So?« entgegnete ruhig der Oberst; »es
+gefällt mir, wie es scheint.« -- »So fang an!« ermunterte der Onkel. --
+»Du mußt dich noch jenes Kindes erinnern können, Max«, begann seine
+Schwester, »von dem ich heut' abend schon einmal gesprochen habe, das
+ganz in unserer Nähe wohnte. Es gehörte dem bleichen, mageren Leineweber
+an, den wir immerfort sein Weberschifflein hin- und herwerfen hörten,
+wenn wir in unserem Garten standen. Das Kind sah zart und nett aus und
+hatte große, lustig glänzende Augen und so schöne braune Haare. Es hieß
+Aloise.« -- »In meinem Leben habe ich keine Aloise gekannt«, warf Onkel
+Max ein. -- »O, ich weiß schon warum«, fuhr seine Schwester fort, »wir
+nannten sie auch nie so, besonders du nicht; Wisi nannten wir sie, zum
+Schrecken unserer seligen Mama. Weißt du denn nicht mehr, wie oft du
+selbst sagtest, wenn wir am Klavier Lieder singen wollten mit Mama und
+es so leise tönte: 'Man muß das Wisi holen, sonst geht's nicht?'« --
+Jetzt stieg die Erinnerung mit einem Male in Onkel Maxens Gedächtnis
+auf; er lachte hell heraus und rief: »O, das ist's, das Wisi, ja gewiß,
+das Wisi kenn' ich wohl, ich seh' es deutlich vor Augen mit dem lustigen
+Gesicht, wie es am Klavier stand und so tapfer darauf los sang. Ich
+mochte es gern, das Wisi; es war auch nett anzusehen. Das ist ja wahr:
+die gute Mutter hatte immer einen Schreckensanfall, wenn ich 'Wisi'
+sagte; ich habe aber nie gewußt, wie das Wisi eigentlich hieß.«
+
+»Freilich hast du«, bemerkte die Schwester, »denn jedesmal sagte die
+Mama, es sei eine Barbarei, aus dem schönen Namen Aloise ein Wisi zu
+machen.« -- »Das habe ich wohl jedesmal überhört«, meinte Onkel Max;
+»aber wo ist denn das Wisi hingekommen?«
+
+»Du weißt, es war in derselben Klasse mit mir in der Schule, wir sind
+miteinander von Klasse zu Klasse gestiegen bis hinauf zur sechsten, da
+kann ich mich denn ganz gut erinnern, wie alle diese Jahre durch der
+Andres als treuster Freund und Beschützer dem Wisi zur Seite stand in
+Freud' und Leid, und es konnte den Freund gut brauchen. Meistens, wenn
+es zur Schule kam und die Tafel mit Rechnungen bedeckt bringen sollte,
+wie wir anderen auch, da stand nicht eine Zahl darauf; es legte sie aber
+mit dem lustigsten Gesicht auf die Schulbank hin, und im folgenden
+Augenblick stand alles darauf, was darauf stehen sollte, denn der Andres
+hatte schnell die Tafel genommen und die Rechnungen darauf gesetzt.
+Öfter geschah's auch, daß Wisi in seiner raschen Weise mit dem Ellbogen
+eine Scheibe eingeschlagen hatte in der Schulstube, oder es hatte im
+Garten an des Schulmeisters Pflaumenbaum geschüttelt, und wenn dann
+Gericht über diese Untaten gehalten wurde, dann blieb regelmäßig alles
+auf dem Andres sitzen; nicht daß er von jemand angeklagt wurde, sondern
+er selbst sagte gleich halblaut: er meine, er habe die Scheibe
+zerdrückt, und er glaube auch, er habe einmal an dem Pflaumenbaum
+gerüttelt, und so bekam er die Strafe. Wir Kinder wußten immer ganz gut,
+wie es war; aber wir ließen es so gehen, wir waren so gewöhnt daran, daß
+es so sei, und dann hatten wir alle das lustige Wisi so gern, daß wir's
+ihm immer gönnten, wenn es ungestraft davonkam. Und Äpfel und Birnen und
+Nüsse hatte Wisi immer alle Taschen voll, die kamen alle vom Andres,
+denn was er nur hatte und erlangen konnte, das steckte er alles dem Wisi
+in den Schulsack. Ich dachte manchmal darüber nach, wie es denn auch so
+sein könne, daß der ganz stille Andres gerade das allerlustigste und
+aufgeweckteste Kind der ganzen Schule am liebsten habe, und dann sann
+ich darüber nach, ob es nun auch gerade den stillen Andres besonders
+gern habe. Es war wohl immer freundlich mit ihm, aber so war es auch mit
+den anderen, und als ich einmal ernstlich unsere Mama darüber fragte,
+wie das wohl sei, da schüttelte sie ein wenig den Kopf und sagte: 'Ich
+fürchte, ich fürchte, diese artige Aloise ist ein wenig leichtsinnig und
+kann noch in eine schwere Schule kommen.' Diese Worte gaben mir viel zu
+denken und kamen mir immer wieder in den Sinn. Als wir dann zusammen in
+den Religionsunterricht gingen, da kam Wisi regelmäßig am Sonntagabend
+zu uns herüber und wir sangen Choräle zusammen am Klavier; daran hatte
+es damals sehr große Freude, es konnte alle die schönen Lieder auswendig
+und sang sie mit so heller Stimme; wir hatten auch recht unsere Freude
+an den Abenden, Mama und ich, und auch darüber, daß Wisi so gern in den
+Unterricht ging und ihn wirklich zu Herzen nahm. Es war nun ein großes
+Mädchen geworden und sah recht gut aus; seine lustigen Augen hatte es
+noch, und wenn es auch nie so kräftig aussah, wie die Bauernmädchen im
+Dorf, so hatte es doch eine so blühende Farbe damals und war netter als
+sie alle. Damals war der Andres noch in der Stadt als Lehrjunge, er kam
+aber immer über den Sonntag heim. Dann kam er auch jedesmal zu uns ins
+Pfarrhaus, einen Besuch zu machen, und am liebsten sprach er dann immer
+mit mir von den vergangenen Tagen der Schule, und dann kamen wir immer
+bald auf das Wisi zu sprechen; das kam so im Zusammenhang, und
+schließlich sprachen wir dann nur noch von ihm. Dem Andres ging ganz das
+Herz und der Mund auf bei diesen Erinnerungen, und während alle Welt
+längst das Wisi nie anders als so genannt hatte, nannte er es
+unwandelbar das 'Wiseli', und das kam dann so ganz eigen zärtlich
+heraus. Da kam denn auch ein Sonntag -- wir waren noch nicht achtzehn
+Jahre alt, Wisi und ich --, als es gegen Abend bei uns eintrat und ganz
+rosig aussah, und wie wir nun zusammensaßen -- Mama war auch mit uns --,
+da sagte denn Wisi, es sei gekommen, uns mitzuteilen, daß es sich mit
+dem jungen Fabrikarbeiter versprochen habe, der seit kurzer Zeit im
+Dorfe wohnte, und daß sie gleich heiraten könnten, da er eine gute
+Anstellung habe unten in der Fabrik, und so hätten sie denn schon alles
+festgesetzt, daß sie gleich in zwölf Tagen zusammenkommen könnten. Ich
+war so erstaunt, und so traurig kam mir die Sache vor, daß ich kein Wort
+sagen konnte; eine Zeitlang sagte die Mutter auch nichts, sie sah ganz
+bekümmert aus. Dann aber sprach sie ernstlich mit dem Wisi und stellte
+ihm vor, wie leichtsinnig es sei, daß es sich so schnell mit dem
+Fabrikarbeiter eingelassen habe, es kenne ihn ja kaum, und da sei doch
+ein anderer, der ihm jahrelang nachgegangen sei und ihm gezeigt habe,
+wie lieb es ihm sei, und zuletzt fragte sie es dringend, ob denn nicht
+alles noch rückgängig gemacht werden, oder doch eine gute Zeit lang
+hinausgeschoben werden und es noch bei seinem Vater bleiben könnte, es
+sei ja noch so jung. Da fing es denn zu weinen an und sagte, es habe ja
+ganz bestimmt sein Wort gegeben, und alles sei eingerichtet auf die
+Zeit, und dem Vater sei's recht. Nun sagte die Mutter nichts mehr, aber
+das arme Wisi weinte immer ärger; da nahm sie es denn bei der Hand und
+zog es zum Klavier hin, an den Platz, wo es immer stand, wenn wir
+zusammen sangen, und sagte in ihrem freundlichen Ton zu ihm: 'Trockne
+nun deine Tränen, wir wollen noch einmal zusammen singen'; dann schlug
+sie uns das Lied auf und wir sangen zusammen:
+
+ 'Befiehl du deine Wege,
+ Und was dein Herze kränkt,
+ Der allertreusten Pflege
+ Des, der den Himmel lenkt.
+
+ Der Wolken, Luft und Winden
+ Gibt Wege, Lauf und Bahn,
+ Der wird auch Wege finden,
+ Da dein Fuß gehen kann.'
+
+Wisi ging dann wieder ziemlich getröstet von uns, die Mutter hatte ihm
+noch einige freundliche Worte gesagt; aber mich hatte die Sache recht
+traurig gemacht, ich hatte ein ganz bestimmtes Gefühl, daß das arme Wisi
+seine frohen Tage nun hinter sich hatte, und dann dauerte mich der
+Andres unsäglich; was würde der sagen? Er sagte aber nie etwas, gar kein
+Wort, aber ein paar Jahre lang ging er herum wie ein Schatten und war
+noch stiller geworden als vorher, ich habe auch seither nie mehr sein
+still-fröhliches Gesicht gesehen, wie er es damals doch oft haben
+konnte.«
+
+»Der arme Kerl!« rief Onkel Max aus; »hat er denn keine andere Frau
+genommen?« -- »Ach nein, Max«, entgegnete seine Schwester ein wenig
+strafend, »wie konnte er denn, wie kannst du so etwas sagen, er ist ja
+die Treue selbst.« -- »Das konnte ich ja nicht wissen, liebe Schwester«,
+erwiderte der Bruder begütigend; »ich konnte doch nicht voraussehen, daß
+dein vielseitig begabter Freund nun auch noch die Unwandelbarkeit an
+sich trägt. Aber das Wisi, erzähl weiter von dem, ich hoffe wirklich,
+das lustige Wisi ist nicht unglücklich geworden, es würde mich arg
+dauern.« -- »Ich merke schon, Max«, sagte die Schwester, »daß du heimlich
+es mit dem Wisi hältst und kein Mitleid hast mit dem treuen Andres, dem
+es doch fast das Herz abgedrückt hat, daß das Wisi für ihn verloren
+war.« -- »Doch, doch«, versicherte der Onkel, »ich habe ja alle Teilnahme
+für den Ehrenmann; aber weiter, wie ging's mit dem Wisi, es hat doch
+seine lustigen Augen nicht verweint?« -- »Doch, ich glaube manchmal
+wohl«, fuhr die Schwester fort; »ich habe es nicht mehr oft gesehen, es
+hatte gleich viel zu tun; ich glaube, der Mann war nicht eben böse, aber
+er hatte etwas Rohes, er konnte so grob und unfreundlich sein, auch mit
+seinen kleinen Kindern schon; Wisi hatte gewiß wenig Freude mehr. Er
+hatte mehrere nette Kinder, aber sie waren alle sehr zart, es verlor sie
+wieder eins nach dem anderen; fünf hatte es begraben müssen, nur ein
+einziges ist ihm geblieben, ein feines, zartes Geschöpfchen, ein kleines
+Wiseli, es ist nicht viel größer als unser Miezchen und ist doch gut
+drei Jahre älter. Wisis Gesundheit hatte durch das alles so gelitten,
+daß man deutlich sehen konnte, was kommen würde, und nun ist es auch da,
+eine schnelle Auszehrung rafft ihr Leben hin; ich fürchte, es ist gar
+keine Hoffnung mehr.« -- »Nein«, rief Onkel Max ganz erschrocken aus,
+»das kann doch nicht sein, ist's wirklich so? Kann man da nichts machen,
+Marie? Wir wollen doch gleich nachsehen, vielleicht ist noch zu helfen.«
+-- »Ach nein, da ist nicht mehr zu helfen«, sagte die Schwester traurig;
+»da war überhaupt nicht mehr zu helfen. Wisi war für all' die Arbeit und
+Anstrengung viel zu zart.« -- »Und was macht nun der Mann?« fragte Onkel
+Max. -- »Ach, den habe ich ja ganz vergessen, das hatte das kranke Wisi
+auch noch durchzumachen. Es wird nun bald ein Jahr sein, da wurde ihm in
+der Fabrik der eine Arm und das Bein so zerschlagen, daß man ihn halbtot
+nach Hause brachte; er wurde dann ganz elend, arbeiten konnte er gar
+nichts mehr; er muß kein besonders geduldiger Kranker gewesen sein. Wisi
+hatte ihn nun noch zu verpflegen zu allem anderen, er starb dann
+ungefähr ein halbes Jahr nach dem Unfall. Seither lebt Wisi allein mit
+dem Kinde.« -- »Und so blieb denn von allem gar nichts mehr übrig, als
+ein kleines Wiseli? Was macht man damit? Aber nein, so traurig wird's
+doch nicht kommen müssen; das Wisi kann noch gesund werden und alles
+noch kommen, wie es hätte sein sollen von Anfang an.« -- »Nein, nein,
+dazu ist es zu spät«, entgegnete die Schwester sehr bestimmt; »das arme
+Wisi hat seinen Leichtsinn schwer büßen müssen. Aber auch hier ist es
+spät geworden«, -- und fast erschrocken stand sie auf, denn über dem
+Gespräch war die Mitternachtsstunde vorübergegangen, und seit einiger
+Zeit schon war der Oberst ganz stille geworden, er hatte sich in seinen
+Lehnstuhl zurückgelegt und war fest eingeschlafen. Onkel Max hatte zwar
+keinen Schlaf, denn mit der Erzählung von dem armen Wisi waren ihm alle
+Jugenderinnerungen so lebendig aufgestiegen, daß er noch eine Menge von
+Dingen und Persönlichkeiten besprechen wollte; aber seine Schwester war
+unerbittlich, sie hielt die Lichter in der Hand und drängte zum
+Aufbruch. So half denn nichts; um aber nicht allein die unwillkommene
+Störung zu tragen, weckte er seinen Schwager mit einem so gewaltigen
+Ruck an seinem Stuhl, daß der Oberst mit einem Schrecken emporschoß, als
+sei eine feindliche Bombe auf ihn gefahren. Aber sein Schwager klopfte
+ihm friedlich auf die Schulter und sagte: »Es war nur eine leise Mahnung
+von seiten deiner Frau, daß wir uns zurückziehen möchten.« Der Rückzug
+wurde dann vollzogen, und bald stand das Haus auf der Höhe ganz still im
+Mondschein da, und unten am Berg stand eins, da sollte es auch bald
+stille werden; jetzt brannte noch ein schwaches Lämpchen drinnen und
+warf seinen matten Schimmer durch das schmale Schubfenster in die
+monderhellte Nacht hinaus.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+Auch noch daheim.
+
+
+Um die gleiche Zeit, da die Kinder des Obersten ihrem Hause zugingen,
+rannte das kleine Wiseli aus allen Kräften den Berg hinunter, denn es
+wußte, daß es länger fortgeblieben war, als die Mutter erwartete, und
+das tat es sonst nicht. Aber heute war sein Glück so groß gewesen, daß
+es einen Augenblick das Heimgehen vergessen hatte; jetzt lief es um so
+mehr drauf zu und wäre fast in einen Mann hineingerannt, der eben aus
+der Tür des Häuschens trat, als es hineinstürmen wollte; er ging ihm
+aber ganz leise aus dem Wege, und das Wiseli sprang vorwärts in die
+Stube hinein und auf die Mutter zu, die auf einem kleinen Stuhl am
+Fenster saß und zu Wiselis Erstaunen noch kein Licht angezündet hatte.
+»Mutter, bist du böse, daß ich so lang nicht komme?« rief es, indem es
+sie mit beiden Armen um den Hals faßte. »Nein, nein, Wiseli«, antwortete
+sie freundlich; »aber ich bin froh, daß du da bist.« Jetzt fing das
+Wiseli der Mutter von seinem großen Erlebnis zu erzählen an, wie gut der
+Otto mit ihm gewesen, und wie es zweimal mit dem allerschönsten
+Schlitten hatte den Berg hinunterfahren können. Wie es dann mit seiner
+Erzählung fertig war und die Mutter noch so still dasaß, fiel ihm erst
+ein, daß sie das sonst nicht tat, und es fragte verwundert: »Aber warum
+hast du noch kein Licht, Mutter?«
+
+»Ich bin so müde heut' abend, Wiseli«, antwortete sie; »ich konnte nicht
+aufstehen und Licht machen. Hol das Lämpchen herein und bring mir einen
+Schluck Wasser mit, ich habe so großen Durst.« Wiseli lief in die Küche
+und kam bald zurück, in der einen Hand das Licht und in der anderen eine
+Flasche, darinnen ein roter Saft schimmerte, so hell und einladend, daß
+die durstende Kranke erfreut ausrief: »Was bringst du mir Schönes,
+Wiseli?« -- »Ich weiß nicht«, sagte das Kind, »es stand auf dem
+Küchentisch, sieh, wie es funkelt.« Die Mutter nahm die Flasche in die
+Hand und roch daran. »O«, sagte sie, begierig wieder riechend, »es ist
+wie frische Himbeeren aus dem Wald, gib mir schnell ein wenig Wasser
+dazu, Wiseli.« Das Kind goß von dem roten Saft in ein Glas und füllte es
+mit Wasser, und mit durstigen Zügen trank die Mutter den erquickenden
+Beerensaft hinunter. »O, wie das erfrischt!« sagte sie und übergab das
+leere Glas dem Kinde. »Stell es weg, Wiseli, aber nicht weit; mir ist,
+ich könnte alles austrinken, so durstig bin ich. Wer hat mir denn diese
+große Erquickung gebracht? Gewiß die Trine, es kommt von der Frau
+Oberst.« -- »War denn die Trine bei dir in der Stube, Mutter?« fragte das
+Kind. -- Die Mutter verneinte dies. -- »Dann ist es nicht die Trine, das
+weiß ich«, sagte das Wiseli bestimmt; »sie geht jedesmal in die Stube,
+wenn sie etwas bringt. Aber der Schreiner Andres war ja bei dir, hat er
+dies nicht mitgebracht?« -- »Ach was, Wiseli«, fiel die Mutter ganz
+lebhaft ein; »was sagst du denn, der Schreiner Andres war nie bei mir,
+was kommt dir in den Sinn?« -- »Er war sicher, sicher, ganz bestimmt hier
+drinnen«, beteuerte Wiseli; »gerade wie ich hereinkam, trat er so
+schnell aus der Tür, daß ich fast an ihn heranrannte: hast du denn
+nichts gehört?« Die Mutter war eine Zeitlang ganz stille, dann sagte
+sie: »Ich habe schon gehört, daß jemand leise die Küchentür aufmachte;
+erst meinte ich, du seist's, und -- es ist wahr, erst nachher hörte ich
+dich hereinrennen. Bist du sicher, Wiseli, daß es der Schreiner Andres
+war, der zu unserer Tür herauskam?« Wiseli war seiner Sache so sicher
+und konnte so genau der Mutter sagen, wie der Rock und die Kappe vom
+Schreiner Andres aussahen und wie er erschrocken war, als es so mit
+einem Male an ihn heranrannte, daß die Mutter auch davon überzeugt
+wurde; sie sagte wie für sich: »Dann war es der Andres, er hat es
+ausgedacht, was mir so gut tun könnte.« -- »Jetzt kommt mir auch etwas in
+den Sinn, Mutter«, rief auf einmal das Wiseli ganz erregt aus, »jetzt
+weiß ich gewiß, wer einmal den großen Topf Honig in die Küche gestellt
+hat, von dem du so gern aßest, und vor ein paar Tagen die Apfelkuchen;
+weißt du, Mutter, du wolltest durch die Trine danken lassen, als sie dir
+etwas Gekochtes brachte, und sie sagte, sie wisse von allem dem gar
+nichts. Das hat sicher alles der Schreiner Andres heimlich in die Küche
+gestellt.«
+
+[Illustration: Es hielt ihre Hand fest in der seinigen]
+
+»Das glaube ich auch«, sagte die Mutter und wischte sich die Augen. --
+»Es ist ja nichts Trauriges«, sagte Wiseli ein wenig erschrocken, als
+sie die Mutter immer wieder die Augen wischen sah.
+
+»Du mußt ihm einmal danken, Wiseli, ich kann es nicht mehr. Sag es ihm
+einmal, ich lass' ihm danken für alles Gute; er hat es so gut mit mir
+gemeint. Komm, sitz ein wenig zu mir heran«, fuhr sie leise fort; »gib
+mir auch noch einmal zu trinken, und dann komm und sag mir das Verslein,
+was ich dich gelehrt habe.«
+
+Wiseli holte noch einmal Wasser und goß von dem frischen Saft hinein,
+und die Mutter trank noch einmal begierig davon; dann legte sie müde
+ihren Kopf auf das niedere Gesims am Fenster und winkte das Wiseli zu
+sich. Es fand aber, da liege die Mutter zu hart, holte ein Kissen aus
+ihrem Bett herbei und legte es sorgfältig unter den Kopf; dann setzte es
+sich dicht neben sie auf den Schemel und hielt ihre Hand fest in der
+seinigen, und wie sie gewünscht hatte, sagte es nun andächtig sein
+Verslein her:
+
+ »Befiehl du deine Wege,
+ Und was dein Herze kränkt,
+ Der allertreusten Pflege
+ Des, der den Himmel lenkt.
+
+ Der Wolken, Luft und Winden
+ Gibt Wege, Lauf und Bahn,
+ Der wird auch Wege finden,
+ Da dein Fuß gehen kann.«
+
+Als Wiseli zu Ende war, sah es, daß die Mutter am Entschlafen war, sie
+sagte nur noch mit leisem Ton: »Denk daran, Wiseli! Und wenn du einmal
+keinen Weg mehr vor dir siehst und es dir ganz schwer wird, dann denk in
+deinem Herzen:
+
+ 'Er wird auch Wege finden,
+ Da dein Fuß gehen kann.'«
+
+Nun legte die Mutter sich müde hin und entschlief, und Wiseli wollte sie
+nicht wecken. Es legte sich mäuschenstille an sie heran, und bald
+schlief es auch ganz fest. So brannte die kleine, matte Lampe in dem
+stillen Stübchen fort, immer matter, bis sie von selbst erlosch und das
+Häuschen dunkel dastand auf dem hellen Mondscheinplatz.
+
+Als am folgenden Morgen die Nachbarin um das Haus herum zum Brunnen
+ging, schaute sie durch das niedere Fenster in das Stübchen herein, wie
+sie immer tat im Vorbeimarsch. Da sah sie, wie Wiselis Mutter auf dem
+Kissen schlief und wie das Kind daneben stand und weinte. Das kam ihr so
+sonderbar vor, sie mußte nachsehen, was da geschehen sei. Sie machte ein
+wenig die Tür auf und sagte: »Was hast du, Wiseli; ist die Mutter
+kränker?« Wiseli schluchzte zum Erbarmen und stöhnte hervor: »Ich weiß
+nicht, was die Mutter hat.«
+
+Das arme Kind ahnte wohl, was mit der Mutter war, aber es konnte ja
+nicht begreifen, daß es sie verloren hatte. Sie war ja noch da, aber sie
+war entschlafen für das ganze Erdenleben, sie hörte nicht mehr, wie ihr
+Wiseli sie rief. Die Nachbarin trat zu dem Kissen am Fenster und schaute
+die schlafende Frau an; dann trat sie erschrocken zurück und sagte: »Geh
+schnell, Wiseli, lauf und hol deinen Vetter-Götti, er soll auf der
+Stelle herkommen, du hast ja sonst niemand, und es muß jemand zu der
+Sache sehen; lauf recht, ich will warten, bis du wiederkommst.« Das Kind
+lief davon, aber es konnte nicht lange so weiter laufen, sein Herz war
+so schwer und alle seine Glieder zitterten so sehr, daß Wiseli auf
+einmal mitten auf dem Wege sich hinsetzen und laut weinen mußte, denn
+jetzt wurde es ihm immer deutlicher in seinem Herzen, daß die Mutter
+nicht mehr erwachen werde. Es stand dann wieder auf und lief weiter,
+aber zu weinen konnte es nicht mehr aufhören, denn in seinem Herzen
+wurde der Jammer immer größer. Am Buchenrain, wohl eine Viertelstunde
+von der Kirche weg, stand das Haus von dem Vetter-Götti, wo Wiseli jetzt
+eben ankam und weinend unter die Tür trat. Die Base stand in der Küche
+und fragte kurz: »Was ist mit dir?« Wiseli sagte halblaut zwischen dem
+Schluchzen durch, die Nachbarin habe es geschickt, daß der Vetter-Götti
+schnell komme zur Mutter. Die Base sah das Kind an, sie mochte denken,
+es sei mit der Mutter schlimm, denn weniger barsch, als sie sonst
+redete, sagte sie: »Ich will es ihm sagen, geh nur wieder heim, er ist
+jetzt nicht da.« Da kehrte Wiseli wieder um und kam schneller zurück,
+als es vorwärts gekommen war, denn es ging ja noch zur Mutter. Die
+Nachbarin stand vor der Tür, drinnen hatte sie nicht warten wollen, es
+war ihr nicht heimlich. Aber das Wiseli schlich hinein und setzte sich
+ganz nahe zur Mutter, so wie es die Nacht durch neben ihr gesessen
+hatte; da saß es ganz still und weinte und von Zeit zu Zeit sagte es
+halblaut: »Mutter!« Sie gab keine Antwort mehr. Da sagte Wiseli, sich zu
+ihr hinbeugend: »Gelt, Mutter, du hörst mich wohl, wenn du jetzt schon
+im Himmel bist, und ich dich nicht mehr hören kann.« So saß das Wiseli
+noch neben seiner Mutter und hielt sie fest, als schon die Mittagszeit
+vorüber war. Da trat der Vetter-Götti in das Stübchen, schaute sich ein
+wenig darin um und rief dann die Nachbarin herein. »Ihr müßt die Frau
+hier zurecht machen, Ihr wißt schon, wie ich meine«, sagte er, »so daß
+alles fertig ist zum Wegholen. Dann nehmt den Schlüssel zu Euch, daß da
+nichts wegkommt.« Dann wandte er sich zu Wiseli und sagte: »Wo sind
+deine Kleider, Kleines? Such sie zusammen und pack sie in ein
+Bündelchen, dann gehen wir.« -- »Wohin gehen wir denn?« fragte Wiseli
+zaghaft. -- »Heim gehen wir«, war die Antwort; »an den Buchenrain, da
+kannst du bei uns sein, du hast niemand mehr auf der Welt, als deinen
+Vetter-Götti.« Das Wiseli befiel ein lähmender Schrecken, -- nach dem
+Buchenrain sollte es gehen und da daheim sein. Es hatte von jeher eine
+große Furcht vor der Base gehabt und jedesmal eine Zeitlang vor der Tür
+gewartet, wenn es dem Vetter-Götti etwas hatte berichten müssen, aus
+lauter Angst, die Base fahre es an. Dann war der älteste Sohn im Hause,
+der gewalttätige Chäppi, und dann kamen noch der Hans und der Rudi, die
+warfen allen Kindern Steine nach. Bei denen sollte es nun daheim sein.
+
+Das Wiseli stand bleich und unbeweglich vor Schrecken da. »Du mußt dich
+nicht fürchten, Kleines«, sagte der Vetter-Götti freundlich; »es sind
+wohl mehr Leute bei uns im Hause als da, aber das ist desto lustiger für
+dich.« Wiseli legte still seine Sachen zusammen in ein Tuch und knüpfte
+je zwei Zipfel davon kreuzweis ineinander; dann band es sein Tüchlein um
+den Kopf und stand fertig da.
+
+»So«, sagte der Vetter, »nun gehen wir«, und schritt der Tür zu. Auf
+einmal schluchzte Wiseli laut auf: »Dann muß ja die Mutter ganz allein
+sein.«
+
+Es war wieder zu ihr hingelaufen und hielt sie fest.
+
+Der Vetter-Götti stand ein wenig verblüfft da; er wußte nicht recht, wie
+er dem Kinde erklären sollte, wie es mit seiner Mutter sei, wenn es das
+nicht von selbst begriff, denn Erklären war nicht seine Sache, das hatte
+er nie probiert; er sagte also: »Komm jetzt, komm! Ein Kleines, wie du
+eins bist, muß folgen; komm und mach nur kein Geschrei, das hilft gar
+nichts.« Wiseli würgte sein Schluchzen hinunter und folgte lautlos dem
+Vetter-Götti durch die Tür nach. Nur einmal sah es noch zurück und sagte
+ganz leise: »Behüte Gott, Mutter!« Dann wanderte es mit seinem
+Bündelchen am Arm aus dem kleinen Hause, wo es daheim gewesen war. Eben
+als die beiden miteinander querfeldein gingen, kam von oben herunter die
+Trine gegangen, einen gedeckten Korb am Arm tragend. Noch stand die
+Nachbarin unter der Tür und schaute dem Vetter-Götti und dem Kinde nach.
+Die Trine trat auf sie zu und sagte: »Heute bring' ich der kranken Frau
+was Rechtes, aber ein wenig spät, wir haben den Herrn Onkel zum Besuch,
+da wird es immer spät.« -- »Und wenn Ihr auch am Morgen früh gekommen
+wäret, so wäret Ihr zu spät gekommen heut', sie ist in der Nacht
+gestorben.« -- »Es wird doch nicht sein«, rief die Trine erschrocken aus;
+»ach du mein Trost, was wird meine Frau sagen.« Damit kehrte die Trine
+um und lief stracks ihren Weg zurück.
+
+Die Nachbarin trat in das stille Stüblein ein und machte Wiselis Mutter
+so zurecht, wie sie in ihrem letzten Bettlein liegen mußte.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+Beim Vetter-Götti.
+
+
+Als das Wiseli hinter dem Vetter-Götti drein in das Haus hereintrat am
+Buchenrain, da kamen die drei Buben aus der Scheune hergestürzt, liefen
+hinter der Ankommenden her in die Stube herein und stellten sich mitten
+drin auf, und alle drei sperrten die Augen auf an das Wiseli hinan, das
+ganz schüchtern dastand. Aus der Küche kam die Base herein und schaute
+das Wiseli ebenfalls an, wie wenn sie es noch nie gesehen hätte.
+
+Der Vetter-Götti setzte sich hinter den Tisch und sagte: »Ich meine, man
+könnte etwas nehmen; das Kleine hat, denk' ich, heut' noch wenig gehabt.
+Komm, sitz ab«, sagte er, zu Wiseli gewandt, das immer noch auf
+demselben Platze stand, sein Bündelchen in der Hand. Es gehorchte. Jetzt
+holte die Base Most und Käse und legte das große Schwarzbrot auf den
+Tisch. Der Vetter-Götti schnitt ein tüchtiges Stück ab und legte einen
+Brocken Käse darauf, dann schob er es vor das Kind hin: »Da, iß,
+Kleines, wirst wohl Hunger haben.«
+
+»Nein, ich danke«, sagte Wiseli leise; es hätte keinen Brosamen
+herunterschlucken können, denn Leid und Angst und Weh schnürten es so
+zusammen bis an den Hals hinauf, daß es kaum atmen konnte. Die Buben
+standen immer da und starrten es an. »Mußt dich nicht fürchten«, sagte
+der Vetter-Götti ermunternd, »iß nur zu.« Aber das Wiseli saß
+unbeweglich und berührte sein Brot nicht. Die Base war bis jetzt auch
+geblieben und hatte das Kind angeschaut von oben bis unten, mit beiden
+Armen in die Seite gestemmt. »Wenn's dir nicht recht ist, so kannst du's
+nur bleiben lassen«, sagte sie nun, kehrte sich um und ging wieder in
+die Küche.
+
+Als der Vetter-Götti sich genugsam erfrischt hatte, stand er auf und
+sagte: »Nimm's in die Tasche, nachher kommt's dir schon, daß du essen
+magst, mußt dich nur nicht fürchten.« Damit ging auch er in die Küche
+hinaus. Wiseli wollte gehorchen und die beiden Stücke in die Tasche
+stecken, aber diese war viel zu klein, es legte wieder alles auf den
+Tisch.
+
+»Ich will dir schon helfen«, sagte Chäppi, schnappte die Stücke vom
+Tisch weg und wollte sie zu dem offenen Mund führen, sie fuhren aber in
+die Luft hinauf, denn der Hans hatte von unten herauf Chäppis Hand einen
+tüchtigen Puff gegeben, damit ihr die Beute entfalle und er sie
+erwische; in dem Augenblick aber huschte der Rudi schnell auf den Boden
+und haschte den Fang weg. Jetzt stürzten die beiden Größeren auf ihn,
+und einer fiel über den anderen hinaus, und nun ging es an ein Schlagen
+und Raufen und Lärmen und Heulen, daß es dem Wiseli angst und bange
+wurde. Jetzt machte der Vater die Küchentür wieder auf und rief in die
+Stube hinein: »Was ist das?« Da riefen die drei Buben am Boden alle
+durcheinander, und es tönte immer wieder: »Das Wiseli wollte nicht«,
+»das Wiseli hatte keinen« und »weil das Wiseli keins wollte«. Da rief
+der Vater noch lauter: »Wenn das nicht aufhört da drinnen, so will ich
+mit dem Lederriemen kommen!« Dann schlug er die Tür wieder zu. Das »da
+drinnen« hörte aber noch nicht auf, sondern sowie die Tür zu war, ging's
+erst recht los, denn der Hans hatte erfunden, daß das wirksamste Mittel,
+den Feind zu erschrecken, sei, ihm in die Haare zu fahren, was die
+anderen sogleich auch begriffen, und so standen sie nun alle drei jeder
+mit beiden Händen an den Haaren eines anderen reißend und dazu ein
+fürchterliches Geschrei ausstoßend. In der Küche saß die Base auf einem
+Schemel und schälte Kartoffeln. Als ihr Mann die Stubentür wieder
+zugemacht hatte, sagte sie: »Was hast du mit dem Kind im Sinn? Warum
+hast du es gleich mit heimgenommen?«
+
+»Es wird, denk' ich, bei jemandem sein müssen; ich bin der Vetter-Götti,
+und andere Verwandte hat es keine mehr. Und du kannst es ja schon
+brauchen; so etwas wie du dort machst, kann es dann machen. So kannst du
+etwas Besonderes tun. Du sagst ja immer, die Buben geben dir mehr zu
+tun, als eben recht.«
+
+»Ja wegen dessen«, warf die Base hin, »das wird eine schöne Hilfe sein.
+Du kannst ja hören, wie es zugeht drinnen in der ersten Viertelstunde
+schon, daß es da ist.«
+
+»Das habe ich schon manchmal gehört, lang eh' das Kleine da war; es hat,
+denk' ich, nicht viel damit zu tun«, sagte der Vetter ruhig.
+
+»So«, entgegnete die Base eifrig, »hast du denn nicht gehört, daß sie
+alle miteinander etwas von dem Wiseli riefen?«
+
+»Sie werden etwas rufen müssen, das war nie anders«, meinte der Vetter.
+»Diesem Kleinen wirst du, denk' ich, wohl noch Meister werden, es ist
+kein bösartiges, das habe ich schon gemerkt, es kann auch folgen,
+besser als die Buben.« Das war der Base fast zu viel. »Ich meine, es war
+nicht nötig, daß man es jetzt schon gegen die Buben aufstifte«, sagte
+sie, die Häute immer schneller von den Kartoffeln abreißend, »und dann
+möchte ich nur das wissen, wo das Kind schlafen soll.«
+
+Der Vetter schob ein paarmal die Kappe auf seinem Kopf hin und her, dann
+sagte er geruhlich: »Man kann nicht alles an einem Tag machen. Es wird
+wohl bis jetzt in einem Bett geschlafen haben, denk' ich, und das wird
+es wieder bekommen. Morgen will ich dann zum Pfarrer gehen; heut' kann
+es auf der Ofenbank schlafen, da ist's ja warm. Dann kann man einen
+Verschlag machen, wo es in unsere Kammer hineingeht; da kann man sein
+Bett hineinschieben.«
+
+»Ich habe mein Lebtag nie gehört, daß man zuerst das Kind bringt und
+dann acht Tage nachher das Bett, das dazu gehört«, warf die Base hin,
+»und dann möcht' ich auch wissen, wer das bezahlen muß, wenn man noch
+bauen soll, um des Kindes willen.«
+
+»Wenn uns die Gemeinde das Kleine zuerkennt, so muß sie auch etwas an
+den Unterhalt geben«, erklärte der Vetter; »ich nehme es dann noch immer
+billiger an, als ein anderer es tun würde; es ist ihm auch am wohlsten
+bei uns.«
+
+Mit dieser Überzeugung ging der Vetter in den Stall hinaus und rief noch
+zurück, der Chäppi solle ihm nachkommen. Es war schwierig für die Base,
+sich Gehör zu verschaffen drinnen in der Stube, als sie den Auftrag
+ausrichten wollte. Da standen noch die drei im hitzigsten Gefecht, vom
+lautesten Kriegsgeschrei begleitet. »Es nimmt mich nur wunder, daß du
+dem so zusiehst und kein Wort zum Frieden sagst«, warf die Base dem
+Wiseli hin, das sich scheu an die Wand drückte und sich kaum rühren
+durfte. Nun wurde der Chäppi in den Stall geschickt, und die beiden
+anderen liefen ihm nach. »Kannst du stricken?« fragte dann die Base das
+Wiseli; es sagte schüchtern: ja, Strümpfe könne es stricken. »So nimm
+die«, sagte die Base und nahm aus dem Schrank einen großen braunen
+Strumpf heraus mit einem Garn fast so dick wie Wiselis Finger. »Du bist
+am Fuß, gib acht, daß er nicht zu kurz wird, er ist für den
+Vetter-Götti.« Nun ging sie wieder in die Küche, und Wiseli setzte sich
+auf die Ofenbank und mußte den langen Strumpf auf seinem Schoß
+zusammenhalten, der war so schwer, daß er ihm ganz die Hände
+herunterzog, wenn er hing, so daß es die Nadeln nicht führen konnte. Es
+hatte aber kaum recht angefangen an seiner Arbeit, als die Base wieder
+hereinkam. »Du kannst jetzt herauskommen in die Küche«, sagte sie; »du
+kannst sehen, wie ich alles mache, so kannst du mir an die Hand gehen
+nach und nach.« Wiseli gehorchte und sah draußen der Base zu, so viel es
+konnte; aber immer schossen ihm wieder die Tränen in die Augen, und dann
+sah es nichts mehr, denn es mußte denken, wie es war, wenn es so der
+Mutter nachlief in die Küche, und wie sie mit ihm redete und es immer
+wieder streichelte, und es an ihr hing. Es fühlte aber wohl, daß es
+nicht herausweinen dürfe, und schluckte und schluckte, daß es fast
+meinte, es werde erwürgt. Die Base sagte ein paarmal: »Gib acht! so
+weißt du's nachher.« Sie ließ es dann aber stehen und fuhr in der Küche
+herum. So ging es eine gute Zeit lang, dann hörte man ein ganz
+erschreckliches Gestampfe auf dem Hausgang, und die Base sagte: »Mach
+schnell die Tür auf, sie kommen«; denn der Lärm kam vom Vetter und den
+Buben her, die draußen den Schnee von den Schuhen stampften. Wiseli
+machte die Tür nach der Stube auf und die Base hob eine große Pfanne vom
+Feuer und fuhr eilends damit in die Stube hinein, wo sie den ganzen
+Haufen geschwelter Kartoffeln auf den Schiefertafeltisch ausschüttete.
+Dann lief sie zurück und brachte ein großes Becken voll saurer Milch
+herein und sagte: »Leg auf den Tisch, was in der Schublade liegt, so
+können sie zusitzen.« Wiseli zog schnell die Schublade aus, da lagen
+fünf Löffel und fünf Messer, die legte es hin, und nun war der
+Abendtisch fertig. Der Vetter und die Buben waren hereingekommen und
+saßen gleich fest auf den Bänken am Tisch den Fenstern entlang. Unten am
+Tisch stand ein Stuhl; darauf hin wies nun der Vetter-Götti und sagte:
+»Es kann, denk' ich, dort sitzen, oder nicht?«
+
+»Freilich«, sagte die Base, die auch einen Stuhl für sich bereit hatte
+auf der Seite gegen die Küche zu, sie saß aber nur eine Sekunde darauf
+still, dann lief sie wieder in die Küche und kam zurück und saß
+geschwind wieder zu einem Löffel voll Milch nieder; dann lief sie von
+neuem. Es wußte niemand, warum das so sein mußte, denn das Kochen war ja
+ganz zu Ende; aber es war immer so, und wenn der Vetter einmal sagte:
+»Sitz doch und iß einmal«, so kam sie erst recht in die Eile und sagte,
+sie habe nicht Zeit, so lang zu sitzen, und der Sache draußen werde wohl
+jemand nachsehen müssen. Als sie jetzt zum zweiten Male hereingeschossen
+kam und eilig eine Kartoffel schälte, fiel ihr Wiselis Untätigkeit auf,
+das neben ihr saß, die Hände in den Schoß gelegt. »Warum issest du
+nicht?« fuhr sie es an. »Es hat keinen Löffel«, sagte Rudi, der auf der
+anderen Seite neben ihm saß und schon lange den Grund herausgefunden
+hatte, warum jemand an einem Tisch sitzen kann, ohne zu essen, solange
+noch etwas da ist. »Ja so«, sagte die Base; »wem wäre es aber auch in
+den Sinn gekommen, daß man auf einmal sechs Löffel haben muß, man
+brauchte ja immer nur fünf, und ein Messer wird auch sein müssen. Warum
+kannst du aber auch nichts sagen? du wirst wohl wissen, daß man zum
+Essen einen Löffel braucht.« Diese Worte waren an das Wiseli gerichtet.
+
+Es schaute die Base scheu an und sagte leise: »Es ist gleich, ich
+brauche keinen, ich habe keinen Hunger.« -- »Warum nicht?« fragte die
+Base; »bist du anders gewöhnt? Ich habe nicht im Sinn, zu ändern.« -- »Es
+ist, denk' ich, besser, man lasse das Kleine zuerst ein wenig gehen, man
+muß es nicht zu fürchten machen«, sagte der Vetter-Götti
+beschwichtigend; »es kommt schon besser.« Nun ließ man das Wiseli in
+Ruh', die anderen setzten ihre Tätigkeit noch eine gute Zeit lang fort.
+Das Kind saß unbeweglich dabei, bis endlich der Vater aufstand, noch
+einmal die Pelzkappe vom Nagel nahm und nach der Stallaterne suchte,
+denn der Fleck sei krank geworden, da mußte er noch einmal hinaus. Der
+Tisch war schnell wieder in Ordnung. Die Kartoffelschalen wurden mit den
+Händen in das leere Milchbecken heruntergewischt, dann die Schiefertafel
+abgewaschen, und wie die Base damit zu Ende war, sagte sie, zu Wiseli
+gewandt: »Du hast gesehen, wie ich's mache, das kannst du von nun an
+tun.« Jetzt setzte sich der Chäppi wieder fest hinter den Tisch; er
+hatte seinen Griffel und sein Rechenbuch geholt und machte Anstalten,
+seine Rechnungsaufgaben vor sich auf den Tisch zu schreiben. Erst
+starrte er aber eine Weile auf das Wiseli hin, das seinen braunen
+Strumpf wieder vorgenommen hatte, aber sehr hilflos dasaß, denn es
+konnte keine Masche sehen in seinem Winkel, und zum Tisch zu sitzen, auf
+dem die trübe Öllampe stand, wagte es nicht.
+
+»Du wirst auch etwas tun können«, rief auf einmal Chäppi erbost zu ihm
+hinüber, »du bist nicht das Geschickteste in der Schule.« Wiseli wußte
+nicht, was sagen, es war ja gar nicht in der Schule gewesen heute, und
+es wußte nicht, was zu tun war, es war ja überhaupt ganz aus aller
+Ordnung und Fassung. »Wenn ich rechnen muß, so mußt du auch, oder dann
+tu' ich's auch nicht«, rief der Chäppi wieder. Wiseli hielt sich
+mäuschenstill. »So, dann ist's recht«, fuhr Chäppi lärmend fort, »so tu'
+ich keinen Strich mehr an der Arbeit.« Damit warf er seinen Griffel weg.
+»So, so, dann tu' ich auch nichts«, rief der Hans aus und steckte ganz
+erleichtert sein Einmaleins wieder in den Schulsack, denn das Lernen war
+ihm das Bitterste, das er kannte. -- »Ich will es schon dem Lehrer sagen,
+wer an allem schuld ist«, fing Chäppi wieder an, »du kannst dann nur
+sehen, wie es dir geht.« So hätte Chäppi wohl noch eine Zeitlang seinem
+bösen Wesen Luft gemacht, wenn nicht der Vater schon aus dem Stall
+zurückgekommen wäre. Er trug zwei große, leere Futtersäcke auf der
+Achsel herein und kam damit auf den Tisch zugeschritten. »Mach Platz«,
+sagte er zu Chäppi, der beide Ellbogen auf den Tisch gestemmt hielt und
+den Kopf darauf. Dann breitete er die Säcke aus, faltete sie zusammen,
+noch einmal und noch einmal; dann ging er nach der Ofenbank und legte
+das Paket darauf hin. »So«, sagte er befriedigt, »das ist gut! Und wo
+hast dein Bündelchen, Kleines?« Wiseli holte es aus einer Ecke hervor,
+wo es bis jetzt gelegen hatte, und schaute mit Erstaunen zu, wie der
+Vetter-Götti das Bündelchen am oberen Ende des Pakets auf die Ofenbank
+hin drückte, daß es nicht so ganz kugelrund bleibe.
+
+»So, da kannst du schlafen«, sagte er nun, zu Wiseli sich umkehrend;
+»frieren mußt du nicht, der Ofen ist heiß, und auf das Bündelchen kannst
+du den Kopf legen, so liegst du wie im Bett. Und mit euch dreien ist's
+auch Zeit ins Bett, hurtig!« Damit nahm er die Öllampe vom Tisch und
+ging der Küche zu, die drei Buben stampften hinter ihm her. Bei der Tür
+kehrte er sich noch einmal um und sagte: »So schlaf wohl. Mußt nicht
+mehr nachsinnen heut', denn es kommt dann schon besser.« Dann ging er
+hinaus. Nun kam die Base noch einmal herein mit einem Öllämpchen in der
+Hand und beschaute sich das Lager. »Kannst du liegen da?« fragte sie.
+»Du hast es ja warm hier am Ofen, manches hat kein Bett und muß dazu
+erst noch frieren; es kann dir auch noch so gehen, sei du nur froh, daß
+du einstweilen unter einem guten Dach bist. Gute Nacht!« -- »Gute Nacht!«
+sagte Wiseli leise zurück; die Base hatte es aber jedenfalls nicht
+gehört, denn sie war schon halb draußen, als sie gute Nacht wünschte,
+und hatte die Tür gleich hinter sich zugemacht. Jetzt saß Wiseli da in
+der dunkeln Stube, alles war auf einmal ganz still ringsum, es hörte
+keinen Ton mehr. Der Mond schien ein wenig durch das eine Fenster
+herein, so daß Wiseli wieder erkennen konnte, wo die Ofenbank war,
+darauf es schlafen sollte. Es ging nun gleich dahin und setzte sich auf
+sein Lager. Zum ersten Male heute, seit es die Mutter verlassen hatte,
+war es nun allein und konnte sich besinnen, was mit ihm war. Die ganze
+Zeit bis jetzt war es in einer steten Spannung gewesen, denn alles hatte
+ihm Angst und Furcht eingeflößt, was es gesehen und gehört hatte, seit
+es von der Mutter weg war, und noch hatte es gar nicht weiter gedacht,
+nur von einem Augenblick auf den anderen sich gefürchtet. Nun saß es da,
+zum ersten Male in seinem Leben ohne die Mutter, und ganz klar und
+deutlich kam ihm nun der Gedanke, daß es sie gar nie mehr sehen werde,
+daß es gar nie mehr mit ihr reden und sie hören könnte. Jetzt kam auf
+einmal ein solches Gefühl der Verlassenheit über das Wiseli, daß es ihm
+gerade vorkam, als sei es mutterseelenallein und verloren auf der Welt,
+und gar kein Mensch kümmere sich mehr um es, und so müsse es nun ganz
+allein und im Dunkeln bleiben und umkommen. Und über das Wiseli kam ein
+solches Elend, daß es den Kopf auf sein Bündelchen drückte und ganz
+bitterlich zu weinen anfing und trostlos einmal über das andere sagte:
+»Mutter, kannst du mich nicht hören? Mutter, hörst du mich nicht?« Aber
+die Mutter hatte dem Wiseli oft gesagt, wenn es einem Menschen schlimm
+gehe und er leiden müsse, dann sei er froh, daß er zum lieben Gott im
+Himmel schreien könne, der höre ihn immer an und wolle ihm gern helfen,
+wenn gar keine Menschen ihm mehr zuhören wollen oder helfen können. Das
+kam dem Wiseli in den Sinn, und auf einmal saß es wieder auf und
+schluchzte laut: »Ach, lieber Gott im Himmel, hilf mir auch. Es ist
+mir so angst, und die Mutter hört mich nicht mehr!« Und so betete es
+zwei- oder dreimal, und dann wurde es ein wenig stiller und ruhiger; es
+gab ihm einen Trost ins Herz, nun es fühlte, daß doch der liebe Gott im
+Himmel noch da sei, zu dem es eben gerufen hatte, so war es doch nicht
+ganz, ganz allein. Jetzt stiegen ihm auch die Worte auf, die ihm die
+Mutter ganz zuletzt noch gesagt hatte: »Wenn du einmal keinen Weg mehr
+vor dir siehst und es dir ganz schwer wird« -- so war es jetzt schon
+gekommen, und doch hatte es noch nicht gewußt, wie das kommen konnte,
+als die Mutter so sagte --, dann, hatte sie gesagt, solle es daran
+denken, wie es heiße in seinem Liede:
+
+ »Er wird auch Wege finden,
+ Da dein Fuß gehen kann.«
+
+Jetzt verstand auch Wiseli mit einem Male, was die Worte bedeuteten, die
+es vorher nur so hingesagt hatte, denn es war noch nie in der Angst
+gewesen. Aber jetzt war es ja geradeso, daß es gar keinen Weg mehr vor
+sich sah und dachte, mit ihm sei es ganz aus, denn vor ihm stand gar
+nichts mehr als ein großer Schrecken vor jedem Augenblick in des
+Vetter-Göttis Haus. Es kam aber jetzt ein rechter Trost in sein Herz,
+wie es wieder und wieder so sagte:
+
+ »Er wird auch Wege finden,
+ Da dein Fuß gehen kann.«
+
+So hatte Wiseli noch gar nie empfunden, was es sei, einen lieben Gott im
+Himmel zu haben, zu dem man rufen kann, wenn man sonst von gar niemandem
+mehr gehört wird; gar nie bis jetzt hatte es gewußt, wie wohl das tun
+kann. Es faltete jetzt ganz still seine Hände und fing sein Lied von
+vorn an, denn es wollte so gern noch etwas mehr vor dem lieben Gott
+sagen und zu ihm hinauf beten; es sagte auch jedes Wort mit seinem
+ganzen Herzen, wie nie vorher:
+
+ »Befiehl du deine Wege,
+ Und was dein Herze kränkt,
+ Der allertreusten Pflege
+ Des, der den Himmel lenkt.
+
+ Der Wolken, Luft und Winden
+ Gibt Wege, Lauf und Bahn,
+ Der wird auch Wege finden,
+ Da dein Fuß gehen kann.«
+
+Es war eine beruhigende Zuversicht in des Kindes Herz gefallen; nachdem
+es mit Vertrauen die letzten Worte noch einmal gesagt hatte, legte es
+seinen Kopf wieder auf das Bündelchen und schlief augenblicklich ein.
+
+Jetzt träumte es dem Wiseli, es sehe einen schönen, weißen Weg vor sich,
+ganz trocken und hell von der Sonne beschienen, der ging zwischen lauter
+roten Nelken und Rosen durch, und war so lockend anzusehn, daß man
+gleich hätte darauf hüpfen und springen mögen. Und neben dem Wiseli
+stand seine Mutter und hielt es liebevoll bei der Hand, wie immer, und
+dabei zeigte sie auf den Weg hin und sagte: »Sieh, Wiseli, das ist dein
+Weg! Habe ich nicht zu dir gesagt:
+
+ 'Er wird auch Wege finden,
+ Da dein Fuß gehen kann'?«
+
+Und das Wiseli war sehr glücklich in seinem Traume, und auf seinem
+Bündelchen schlief es so gut, als läge es in einem weichen Bette.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+Wie es weiter geht und Sommer wird.
+
+
+Als die alte Trine mit dem Bericht auf die Halde zurückkam, daß Wiselis
+Mutter gestorben und das Kind soeben von seinem Vetter-Götti geholt
+worden sei, entstand ein großer Aufruhr im Hause. Die Mutter konnte sich
+des Klagens und Jammerns nicht erwehren darüber, daß sie den Besuch bei
+der Kranken nicht mehr gemacht hatte, den sie zu machen sich schon seit
+einigen Tagen bestimmt vorgenommen; aber sie hatte keine Ahnung gehabt,
+daß das Ende der armen Frau so nahe sein konnte; sie war sehr betrübt
+und ergriffen.
+
+Derweilen lief Otto mit ungeheuren Schritten der Aufregung das Zimmer
+auf und nieder und rief zornentbrannt einmal ums andere aus: »Es ist
+eine Ungerechtigkeit! Es ist eine Ungerechtigkeit! Aber wenn er ihm
+etwas zuleide tut, dann kann er nachher nur seine Rippen zählen, wie
+manche davon noch ganz ist!«
+
+»Wen meinst du denn eigentlich, Otto, von wem sprichst du?« unterbrach
+die Mutter den eifernden Sohn.
+
+»Vom Chäppi«, erwiderte er; »was kann er dem Wiseli alles tun, wenn es
+mit ihm zusammenwohnen muß! Das ist eine Ungerechtigkeit! Aber er soll
+es nur probieren --.« Hier wurde Otto wieder unterbrochen, indem ein
+wiederholtes, heftiges Stampfen seine Stimme übertönte.
+
+»Was machst du für ein hirnerschütterndes Gerumpel, du Miez hinter dem
+Ofen!« rief er aus, indem er seine Aufregung nun nach dieser Seite
+wandte. Miezchen kam hinter dem Ofen hervor und stampfte noch einmal mit
+großer Gewalt auf den Boden, denn es war bemüht, seine Füße wieder in
+die völlig nassen Stiefel hineinzuzwingen, welche ihm die alte Trine vor
+kurzer Zeit mit der größten Mühe ausgezogen hatte. Die Arbeit war sehr
+schwierig, und feuerrot von Anstrengung keuchte Miezchen hervor: »Du
+kannst sehen, daß ich so tun muß; kein Mensch kann in diese Stiefel
+hineinkommen ohne Stampfen.«
+
+»Und warum müssen denn die Stiefel wieder an die Füße, da ich sie gerade
+eben weggenommen habe, damit sie nicht mehr dran seien? möchte ich
+wissen«, sagte die Trine, die noch im Zimmer stand.
+
+»Ich gehe nach dem Buchenraine und hole auf der Stelle das Wiseli zu
+uns, es kann mein Bett haben«, erklärte das Miezchen entschlossen.
+Ebenso entschlossen kam jetzt die alte Trine auf das Miezchen
+zugeschritten, hob es in die Höhe, setzte es fest auf einen Stuhl und
+zog mit einem Ruck den halb angezwängten Stiefel wieder weg, fand aber
+doch für gut, das zappelnde Kind zu beschwichtigen, indem sie zustimmend
+sagte: »Schon recht! Schon recht! Aber ich will's schon für dich
+besorgen, du brauchst nicht zwei Paar Strümpfe und zwei Paar Schuhe
+dafür durchzumachen. Dein Bett kannst du schon geben, du kannst dann nur
+in die Rumpelkammer hinaufziehen zum Schlafen, da ist Platz genug.« Aber
+das Miezchen hatte ganz andere Gedanken. Es hatte aufgefunden, daß es
+sich plötzlich von einem großen und täglich wiederkehrenden Ungemach
+befreien könne, und hatte fest im Sinne, es zu tun. Jeden Abend nämlich,
+gerade wenn Miezchen im besten Zuge der Unterhaltung war, erscholl auf
+einmal der Befehl, aufzupacken und ins Bett zu gehen. Hierauf erfolgten
+jedesmal große innere, häufig auch äußere Kämpfe, die waren peinlich und
+dazu noch nutzlos. Wenn es nun sein Bett an das Wiseli verschenkt hatte,
+so war mit einem Male allem abgeholfen, denn da war keins mehr
+vorhanden, und Miezchen konnte für immer aufbleiben. Diese Aussicht
+beglückte das Miezchen so sehr, daß alle seine Gedanken darauf
+gerichtet waren und es erst gar nicht bemerkte, wie die schlaue Trine
+nur darauf bedacht war, ohne Kampf der nassen Stiefel habhaft zu werden,
+ihr aber gar nicht einfiel, das Wiseli zu holen. Als sie nun befriedigt
+mit ihren Stiefeln davonging und Miezchen die Täuschung entdeckte, fing
+es einen so mörderlichen Lärm an, daß Otto sich beide Ohren zuhalten und
+die Mutter ernstlich einschreiten mußte. Sie versprach dann dem
+Miezchen, die Sache mit dem Papa besprechen zu wollen, sobald er erst
+wieder zu Hause sein würde, denn er war an dem Morgen dieses Tages mit
+Onkel Max abgereist, um einen lange verabredeten Besuch bei einem alten
+Freund zu machen. So wurde denn endlich die Ruhe und der Friede im Hause
+wiederhergestellt. Erst nach vier Tagen kamen die Herren von ihrem
+Ausfluge zurück, und die Mutter hielt Wort: das erste, was sie mit dem
+Vater besprach noch am Abend seiner Ankunft, war Wiselis Verwaistsein
+und sein neues Unterkommen, und es wurde gleich beschlossen, der Vater
+sollte am folgenden Tag hingehen, um sich mit dem Herrn Pfarrer zu
+beraten, was etwa für Wiseli getan werden könnte. Dies wurde denn
+ausgeführt, und der Oberst brachte die Nachricht, daß am vergangenen
+Sonntag, zwei Tage vorher, der Gemeindevorstand die Sache schon geordnet
+hatte, wie sie nun bleiben würde. Wiseli sollte ein Unterkommen haben,
+und da seine Mutter nichts hinterlassen hatte, mußte die Gemeinde für
+das Kind sorgen, bis es selbst sein Brot verdienen konnte. Nun hatte der
+Vetter-Götti sich gleich angeboten, das Kind um ein weniges bei sich zu
+behalten, da er einen Akt der Wohltätigkeit an ihm auszuüben gedachte.
+Er war als ein rechtschaffener Mensch bekannt, und da seine Forderung so
+billig war, wurde ihm von dem Vorstand das Kind sehr bereitwillig
+zuerkannt, und so war es denn fest und unabänderlich, daß Wiselis neue
+Heimat das Haus des Vetter-Götti geworden war.
+
+»Es ist eigentlich gut so«, sagte der Oberst zu seiner Frau; »das Kind
+ist wohlversorgt da; was hätte man auch mit ihm machen wollen, es ist ja
+noch viel zu klein, um irgendwo angestellt zu werden, und alle
+elternlosen Kinder kannst du doch nicht ins Haus nehmen, du müßtest denn
+ein Waisenhaus gründen.« Seine Frau war ein wenig bestürzt über die
+Nachricht, daß schon alles festgesetzt sei; sie hatte gehofft, es würde
+sich noch ein anderes Unterkommen für das Kind finden, denn das zarte
+Wiseli in dem Hause zu wissen, wo es viel Roheit hören und fühlen mußte,
+tat ihr sehr leid; doch hätte auch sie keinen bestimmten Rat gewußt, und
+nun war auch weiter nichts mehr zu tun, als die Sache anzunehmen und
+sich etwa nach dem Kinde umzusehen. Als am Morgen darauf Otto und
+Miezchen hörten, wie es mit Wiseli stehe, da brach freilich noch einmal
+ein Sturm los; Otto erklärte Wiselis Versorgung für die Versorgung eines
+Daniel in der Löwengrube und probierte dabei seine Faust auf dem Tisch,
+offenbar mit dem heimlichen Wunsch, sie so auf Chäppis Rücken wirken zu
+lassen. Das Miezchen lärmte und heulte ein wenig, teils aus Mitleid für
+Wiseli, teils aus Teilnahme für sich selbst und seine vereitelten
+Hoffnungen auf ein glückliches Entrinnen aus der täglichen Betthaft.
+Aber auch diese Aufregung ging vorüber wie jede andere, und die Tage
+gingen wieder ihren gewohnten Gang.
+
+Unterdessen hatte Wiseli nach und nach sich ein wenig eingelebt in dem
+Hause des Vetter-Götti. Sein Bett war angekommen, es schlief nicht mehr
+auf der Ofenbank, sondern, wie der Vetter gesagt hatte, in einem
+Verschlag in dem schmalen Gang zwischen der Kammer des Vetters und der
+Base und derjenigen der Buben. In dem Verschlag hatte gerade sein Bett
+Platz und eine kleine Kiste, worin seine Kleider lagen und auf welche es
+steigen mußte, um in sein Bett zu kommen, denn da war sonst gar kein
+Raum mehr. Sich zu waschen am Morgen, mußte es an den Brunnen gehen, und
+wenn es etwa gar kalt war, so sagte die Base, das könne es bleiben
+lassen und sich dann an einem anderen Tag waschen, wenn es wärmer sei.
+Aber daran war Wiseli nicht gewöhnt; seine Mutter hatte es gelehrt, sich
+recht sauber zu halten, und Wiseli wollte lieber frieren, als so
+aussehen, wie es die Mutter ungern sehen würde. Freilich daheim war es
+anders gewesen, wenn es am Morgen bei der Mutter in der Stube sich hatte
+fertig machen können, und sie dabei immer so freundliche Worte zu ihm
+geredet hatte und dann den Kaffee auf den Tisch stellte und sie beide
+nebeneinander saßen, und es fröhlich seine Brocken aß, ehe es zur Schule
+mußte. Das war jetzt ganz anders, und alles war so anders, sein ganzes
+Leben vom Morgen bis am Abend so anders, daß oft, oft beim Erinnern an
+die Mutter und an die Tage, die es bei ihr gehabt, dem Wiseli das Wasser
+in die Augen schoß, und es ihm so das Herz zusammenschnürte, daß es
+meinte, es könne nicht mehr weiter. Aber es wehrte sich tapfer, denn der
+Vetter-Götti hatte es ungern, wenn es weinte oder traurig war, und die
+Base schmälte dann mehr als je, sie konnte es gar nicht leiden. Am
+liebsten war Wiseli der Augenblick, da es von allen weg allein in seinen
+Verschlag steigen und so recht an die Mutter denken und sein Lied sagen
+konnte. Da kam ein großer Trost in sein Herz. Es dachte dann an seinen
+schönen Traum und war ganz sicher, daß der liebe Gott ihm einen Weg
+suche, so wie ihn die Mutter gezeigt hatte. Wenn ihm dann auch etwa in
+den Sinn kam, wie viele Menschen es auf der Welt gibt, für die der liebe
+Gott zu sorgen und Wege bereit zu machen hat, und ihm dann etwa der
+Zweifel aufstieg, ob er es vielleicht vergesse über all' den vielen,
+dann kam ihm gleich der gute Trost ins Herz, daß ja die Mutter droben im
+Himmel sei und gewiß den lieben Gott daran erinnere, daß er auch seinen
+Weg nicht vergesse. Das machte das Wiseli dann ganz zuversichtlich und
+froh, und es wurde nie mehr so unglücklich, wie am ersten Abend auf der
+Ofenbank, sondern jeden Abend schlief es mit der ganz frohen Zuversicht
+im Herzen ein:
+
+ »Er wird auch Wege finden,
+ Da dein Fuß gehen kann.«
+
+So verging der Winter und der sonnige Frühling kam. Die Bäume wurden
+grün und alle Wiesen standen voller Schlüsselblumen und weißer Anemonen,
+und im Wald rief lustig der Kuckuck, und schöne, warme Lüfte zogen durch
+das Land und machten alle Herzen fröhlich, so daß jeder wieder gern
+leben mochte.
+
+Auch Wiselis Herz erfreuten die Blumen und der Sonnenschein, wenn es am
+Morgen in die Schule ging und nachher wieder nach dem Buchenrain
+zurückkehrte. Sonst blieb ihm keine Zeit, sich daran zu erfreuen, denn
+es mußte nun streng arbeiten: jeder Augenblick, der neben der Schule
+übrig blieb, mußte zu irgendeiner Arbeit benutzt werden, und manchen
+halben Tag der Woche mußte es daheim bleiben und durfte gar nicht zur
+Schule gehen, weil da viel Nötigeres zu tun war, wie der Vetter-Götti
+und hauptsächlich die Base sagten. Die Frühlingsarbeiten hatten im Felde
+begonnen und im Garten war allerhand zu tun, da mußte es mithelfen, und
+wenn die Base draußen war, mußte es kochen und nachher das Geschirr
+abwaschen, den Trog für die Schweinchen zurecht machen und in die
+Scheune hinübertragen. Neben alledem mußten die Hemden und Hosen der
+Buben geflickt werden, und noch so vieles war zu tun, daß Wiseli nie
+wußte, wenn es fertig war. Den ganzen Tag durch hieß es an allen Ecken,
+wo es etwas zu tun gab: »Das kann das Kind machen, es hat ja sonst
+nichts zu tun«, so daß es dem Wiseli manchmal ganz schwindelig wurde,
+weil es gar nicht wußte, wo anfangen und wie fertig werden. Es wußte
+auch wohl, daß, wenn es damit anfing, daß es mit dem Kartoffelsamen nach
+dem Acker rannte, wo der Vetter schaufelte und danach rief, die Base
+sicher schmälen würde, daß es nicht zuvor in der Küche Feuer zum
+Abendessen gemacht hatte, wie sie befohlen, und machte sie zuvor das
+Feuer an, so zankte wieder der Chäppi, daß es nicht zuerst das Loch in
+seinem Wamsärmel hatte flicken können, er hatte es ihm ja schon lang
+gesagt, und jedes rief ihm zu: »Warum machst du denn das nicht, du hast
+ja sonst nichts zu tun!« So war Wiseli ganz froh, wenn es in die Schule
+gehen konnte, da hatte es doch eine Zeitlang Ruhe und wußte, was es tun
+mußte, und dazu war es auch der Ort, wo es noch freundliche Worte bekam,
+denn jedesmal, wenn die Zeit der Pause kam, oder beim Heraustreten aus
+der Schule, kam der Otto zu Wiseli heran und war freundlich mit ihm und
+brachte immer wieder eine Einladung von seiner Mutter, daß es etwa am
+Sonntagabend zu ihnen komme, sie wollten dann allerlei Spiele zusammen
+machen. Das konnte nun Wiseli nie ausführen, denn am Sonntag mußte es
+den Kaffee machen, und die Base erlaubte ihm nicht, fortzugehen an dem
+einzigen Tag, da es ihr etwas helfen könne, wie sie sagte. Aber es tat
+doch dem Wiseli sehr wohl, daß Otto es immer wieder einlud, und nur
+schon, daß er freundliche Worte zu ihm redete, es hörte deren sonst von
+niemand mehr. Noch einen Grund hatte Wiseli, warum es gern zur Schule
+ging; es mußte jedesmal an dem sauberen Gärtchen vom Schreiner Andres
+vorbei; da schaute es so gern hinein und paßte da an der niederen Hecke
+immer und immer wieder die Gelegenheit ab, den Schreiner Andres zu
+sehen, denn es hatte ihm ja noch etwas von der Mutter auszurichten, das
+hatte es gar nicht vergessen. Aber in das Haus hineinzugehen, dazu war
+Wiseli zu schüchtern, es kannte den Mann auch zu wenig, um einen solchen
+Schritt zu tun, auch hatte es eine eigene Art von Scheu vor ihm, weil er
+so still war und es nur immer, wo es ihn noch getroffen, ganz freundlich
+angesehen, aber fast nie etwas, oder nur so ein flüchtiges Wort zu ihm
+gesagt hatte. Noch hatte Wiseli nie den Schreiner Andres erblicken
+können, wie oft es auch an der Hecke stillgestanden und nach ihm
+ausgeschaut hatte.
+
+Mai und Juni waren vorbei und die langen Sommertage waren gekommen, da
+es auf dem Felde immer mehr Arbeit gibt und alle Arbeit so heiß macht.
+Das merkte auch das Wiseli, wenn es vom Vetter hinausgerufen wurde und
+mit einem großen schweren Rechen das Heu zusammenbringen mußte, oder mit
+der breiten hölzernen Gabel wieder auseinanderwerfen, daß es an der
+Sonne trockne. Oft mußte es so den ganzen Tag draußen helfen, und am
+Abend war es dann so müde, daß es seine Arme kaum mehr bewegen konnte.
+Das hätte es aber nicht geachtet, denn es dachte, das müsse so sein;
+aber wenn es dann etwa am Abend einen Augenblick still saß, dann rief
+ihm der Chäppi gleich zu: »Du wirst so gut Rechnungen zu machen haben,
+wie ich; du meinst, du müssest nichts tun, und in der Schule kannst du
+ja nie etwas.« Das tat dem Wiseli weh, denn es hätte gern recht fleißig
+alles gelernt und wäre gern regelmäßig zur Schule gegangen, damit es
+alles gut begreifen und erlernen könnte, wie viele andere, und es wußte
+recht wohl, daß es fast überall zurück war. Es mußte ja so oft
+unterbrechen und hatte dann gar keinen Zusammenhang, wußte auch gar
+nicht, was die Aufgaben für die Schule waren. Wenn es dann so ohne
+Arbeit kam und dazu ungeschickt antwortete und vieles gar nicht wußte,
+schämte es sich so sehr und besonders, wenn der Lehrer ihm dann so vor
+allen Kindern sagte: »Das hätte ich von dir nicht erwartet, Wiseli, du
+warst immer am geschicktesten.« Dann meinte es oft, es müsse in den
+Boden hineinkriechen vor Scham, und nachher weinte es auf dem ganzen
+Heimweg. Aber dem Chäppi durfte es nicht antworten, es wisse ja nicht,
+was machen, sonst schimpfte und lärmte er so lange, bis die Base
+hereinkam und auf Chäppis Anklagen hin dem Wiseli erst recht seine
+Nachlässigkeit vorwarf. Dann zerdrückte das Kind manchmal seine Tränen
+und erst nachher auf seinem Kissen durfte es ihnen den Lauf lassen, und
+sie kamen dann auch recht heiß und schwer, denn es war ihm so, als
+hätten der liebe Gott und die Mutter es ganz vergessen und kein Mensch
+auf der Welt kümmere sich um sein Leben. In seinem Kummer konnte es oft
+lange sein Trostlied nicht sagen; es kam aber zu keiner Ruhe und konnte
+nie einschlafen, bis es die Worte wieder recht zusammengefunden und sie
+mit Andacht hatte sagen können, wenn ihm auch die frohe Zuversicht nicht
+recht im Herzen aufgehen wollte. So war das Wiseli auch entschlafen an
+einem schönen Juliabend, und am Morgen darauf stand es zaghaft unten am
+Tisch, als die Buben sich zur Schule rüsteten; es wagte nicht, zu
+fragen, ob es auch gehen dürfe, denn die Base schien keine Zeit zu einer
+Antwort übrig zu haben und der Vetter war schon zur Tür hinausgegangen.
+
+Jetzt liefen die Buben davon. Wiseli schaute ihnen nach durch das offene
+Fenster, wo sie zwischen den hohen Wiesenblumen hinsprangen und über
+ihren Köpfen die weißen Schmetterlinge in der Morgensonne umherflogen.
+Die Base hatte eine große Wäsche vorbereitet, mußte es wohl diese Woche
+am Waschtrog zubringen? Richtig, sie rief schon nach ihm aus der Küche.
+Jetzt rief auch der Vetter-Götti seinen Namen; er stand am Brunnen und
+sah es am Fenster. »Mach, mach, Wiseli, es ist Zeit, die Buben sind ja
+weit voraus. Das Heu ist drinnen, mach, daß du in die Schule kommst!«
+
+Das ließ sich Wiseli nicht zweimal sagen. Wie ein Blitz erfaßte es
+seinen Schulsack und flog zur Tür hinaus.
+
+»Sag dem Lehrer«, rief der Vetter nach, »es gebe jetzt eine Zeitlang
+keine Absenzen, er soll's nicht so genau nehmen, wir haben streng mit
+dem Heu zu tun gehabt.« Wiseli lief ganz glücklich davon; so mußte es
+denn nicht an den Waschtrog hin, es durfte die ganze Woche in die Schule
+gehen. Wie war es so schön ringsum! Von allen Bäumen pfiffen die Vögel,
+und das Gras duftete, und in der Sonne leuchteten die roten Margeritli
+und die gelben Glisserli. Wiseli konnte nicht stille stehen, es war
+keine Zeit dazu, aber es fühlte wohl, wie schön es war, und lief voller
+Freuden mittendurch.
+
+An demselben Abend, als eben alle Kinder aus der dumpfen Schulstube in
+den sonnigen Abendschein hinausstürmen wollten, rief der Lehrer
+ernsthaften Angesichts in den Tumult hinein: »Wer hat die Woche?«
+
+»Der Otto, der Otto!« rief die ganze Schar und stürmte davon.
+
+»Otto«, sagte der Lehrer in ernstem Ton, »gestern ist hier nicht
+aufgeräumt worden. Einmal will ich dir verzeihen; aber laß mich dies
+nicht zum zweiten Male erfahren, sonst müßte die Strafe folgen.«
+
+Otto schaute einen Augenblick auf all' die Nußschalen und Papierfetzen
+und Apfelschnitze, die am Boden herumlagen und sollten aufgelesen sein;
+dann wandte er eilends den Kopf weg und lief ebenfalls zur Tür hinaus,
+denn der Lehrer war auch schon durch seine Tür verschwunden. Draußen
+stand Otto auf dem sonnigen Platz still und schaute in den goldenen
+Abend hinaus und dachte: »Jetzt könnte ich heimgehen, und dann kriegte
+ich die Kappe voll Kirschen, und dann könnte ich auf dem Braunen ins
+Feld hinausreiten, wenn der Knecht das Heu holt, und nun soll ich
+drinnen auf dem Boden Papierfetzen zusammenlesen?« -- und Otto wurde
+durch seine Gedanken so aufgeregt, daß er ganz grimmig vor sich hin
+sagte: »Ich wollte, es käme gerade jetzt der jüngste Tag, und das
+Schulhaus und alles miteinander flöge in tausend Stücken in die Luft
+hinauf!« Es blieb aber ringsum still und ruhig und von dem alles
+beendenden Erdbeben waren keine Anzeichen da. Da kehrte sich endlich
+Otto wieder der Schultür zu mit einem furchtbaren Grimm auf seinem
+Gesicht, denn er wußte ja, in den sauren Apfel mußte nun gebissen
+werden, oder morgen folgte die erniedrigende Strafe des Festsitzens, die
+wollte er nicht an sich kommen lassen. Er trat ein, aber beim ersten
+Schritt blieb er verwundert stehen: völlig aufgeräumt lag die Schulstube
+vor ihm, kein Fetzchen und kein Stäubchen nirgends mehr zu sehen; die
+Fenster standen offen und lieblich strömte die Abendluft in die geputzte
+Stube hinein. In dem Augenblick trat der Lehrer aus seiner Stube und
+schaute verwundert um sich und auf den starrenden Otto. Dann ging er zu
+diesem hin und sagte ermunternd: »Du darfst wirklich dein Werk
+anstaunen, das hätte ich dir nicht zugetraut. Du bist ein guter Schüler,
+aber im Aufräumen hast du heute alle übertroffen, was sonst bei dir
+nicht der Fall war.« Damit ging der Lehrer fort, und als sich Otto noch
+mit einem letzten Blick überzeugt hatte, daß er die Wirklichkeit vor
+sich sah, sprang er vor Freuden in zwei Sätzen die Treppe hinunter und
+über den Platz weg, stürmte die Halde hinauf, und erst als er der Mutter
+das wunderbare Ereignis mitteilte, fing er an zu denken, wie es sich
+wohl so begeben hatte.
+
+»Aus Versehen wird wohl keiner für dich aufgeräumt haben«, sagte die
+Mutter; »hast du etwa einen guten Freund, der sich so edelmütig für dich
+aufopfert? Denk doch einmal nach, wie es sein könnte.«
+
+»Ich weiß es«, sagte Miezchen entschieden, das eifrig zugehört hatte.
+
+»Ja, wer denn?« rief Otto, teils neugierig, teils ungläubig.
+
+»Der Mauserhans«, erklärte Miezchen mit voller Überzeugung, »weil du ihm
+einen Apfel gegeben hast vor einem Jahr.«
+
+»Ja, oder der Wilhelm Tell, weil ich ihm den seinigen nicht genommen
+habe vor ein paar Jahren. Das wäre wohl ebenso wahrscheinlich, du Wunder
+von einem Miez.« Damit rannte Otto davon, denn jetzt war's die höchste
+Zeit, wollte er den Ritt ins Heu nicht verlieren.
+
+Unterdessen sprang das Wiseli mit vergnügtem Herzen den Berg hinunter,
+vorbei an des Schreiners Andres Gärtchen, und tat noch ein paar Sprünge,
+dann machte es aber plötzlich Kehrum und tat die letzten Sprünge wieder
+zurück, denn es hatte im Vorbeilaufen so schöne, rote Nelken offen
+gesehen in dem Garten, die mußte es noch einmal ansehen, wenn es schon
+ein wenig spät war; es dachte: »Den Buben komme ich doch nach, die
+machen erst auf allen Wegen noch Kugelschieben.« Die Nelken leuchteten
+in der Abendsonne so schön und dufteten so herrlich über die niedere
+Hecke herüber dem Wiseli zu, daß es fast nicht mehr von der Stelle fort
+konnte, so wohl gefiel es ihm da. Da trat auf einmal der Schreiner
+Andres aus seiner Tür heraus in das Gärtchen und kam gerade auf das
+Wiseli zu. Er bot ihm die Hand über die Hecke und sagte ganz freundlich:
+»Willst du eine Nelke, Wiseli?«
+
+»Ja, gern«, antwortete es, »und dann sollte ich Euch auch noch etwas
+ausrichten von der Mutter.«
+
+»Von der Mutter?« fragte der Schreiner Andres im höchsten Erstaunen und
+ließ die Nelken aus der Hand fallen, die er eben abgebrochen hatte.
+Wiseli sprang um die Hecke herum und las sie auf; dann sah es zu dem
+Manne auf, der ganz still dastand, und sagte: »Ja, noch zuallerletzt,
+als die Mutter sonst nichts mehr mochte, hat sie von dem schönen Saft
+getrunken, den Ihr in die Küche gestellt hattet, und er hat ihr so
+wohlgetan, und dann hatte sie mir aufgetragen, ich soll Euch sagen, sie
+danke Euch vielmal dafür und auch noch für alles Gute, und sie sagte
+noch: 'Er hat es gut mit mir gemeint.'« Jetzt sah Wiseli, wie dem
+Schreiner Andres große Tränen über die Wangen hinunterliefen; er wollte
+etwas sagen, aber es kam nichts heraus. Dann drückte er dem Wiseli stark
+die Hand, kehrte sich um und ging ins Haus hinein.
+
+Das Wiseli stand ganz verwundert da. Kein Mensch hatte um seine Mutter
+geweint, und es selbst hatte nur weinen dürfen, wenn es niemand sah,
+denn der Vetter wollte ja kein Geschrei, hatte er gesagt, und vor der
+Base durfte es noch weniger weinen. Und nun war auf einmal jemand da,
+dem kamen die Tränen, weil es etwas von der Mutter gesagt hatte. Dem
+Wiseli wurde es so zumut', als wäre der Schreiner Andres sein liebster
+Freund auf der Welt, und es faßte eine große Liebe zu ihm. Jetzt rannte
+es mit seinen Nelken davon und war wie der Blitz am Buchenrain
+angelangt, und das war gut, denn eben sah es, wie die beiden Buben dem
+Haus zuliefen, und es durfte um alles nicht nach ihnen daheim ankommen.
+
+An diesem Abend betete Wiseli mit so frohem Herzen, daß es gar nicht
+begriff, wie es gestern so verzagt hatte sein können und gar keine
+Zuversicht und Freude gehabt hatte, sein Lied zu sagen. Der liebe Gott
+hatte es gewiß nicht vergessen, das wollte es nicht mehr denken, heute
+hatte er ihm ja so viel Freude geschickt, und beim Einschlafen sah
+Wiseli noch das gute Gesicht des Schreiners Andres vor sich mit den
+Tränen drin.
+
+Am folgenden Tage, es war nun Mittwoch, erlebte Otto vollständig
+dieselbe überraschende Tatsache, wie am Tage vorher, denn er hatte sich
+nicht enthalten können, mit den anderen aus der Schulstube
+hinauszurennen im ersten Augenblick der Befreiung und noch diesen und
+jenen Sprung zu tun. Als er dann mit gedrücktem Gemüte an seine Arbeit
+gehen wollte und die Tür aufmachte -- siehe, da war schon alles getan und
+die Stube in bester Ordnung. Nun fing aber die Sache an, seine Neugierde
+zu stacheln; auch hatte er einen so lebendigen Dank im Herzen für den
+unbekannten Wohltäter, daß es ihn drängte, den auszusprechen. Am
+Donnerstag wollte er aufpassen, wie die Sache zugehe. Als nun die
+Schulstunden zu Ende waren und alles forteilte, stand Otto einen
+Augenblick nachdenklich an seinem Platz, er wußte nicht recht, wo er am
+besten dem Wohltäter aufpassen konnte. Aber mit einem Male faßte ihn
+eine Schar rüstiger Kerle, seine Klassengenossen, an allen Ecken an, und
+die Stimmen riefen durcheinander: »Komm heraus! Heraus mit dir! Wir
+machen Räuber, du bist der Anführer.« Otto wehrte sich ein wenig. »Ich
+habe ja die Woche«, rief er. »Ach was«, scholl es zurück, »wegen einer
+Viertelstunde. Komm!« Otto ließ sich fortreißen, in der Stille verließ
+er sich schon ein wenig auf seinen unbekannten Freund, der ihn vor der
+Strafe schützen würde; er fand es unbeschreiblich angenehm, ein solche
+Fürsorge im Rücken zu haben. Aus der Viertelstunde wurde auch mehr als
+eine Stunde, und Otto wäre verloren gewesen. Er keuchte nach der
+Schulstube, um sein Schicksal zu vernehmen, und stieß dabei die Tür mit
+solchem Gepolter auf, daß der Lehrer augenblicklich aus seiner Stube ins
+Lehrzimmer heraustrat. »Was hast du gewollt, Otto?« fragte der Lehrer.
+»Nur noch einmal nachsehen«, stotterte Otto, »ob auch sicher alles in
+Ordnung sei.«
+
+»Musterhaft«, bemerkte der Lehrer. »Dein Eifer ist löblich, aber die
+Türen halb einzuschlagen dabei ist nicht notwendig.« Otto ging sehr
+wohlgemut von dannen. Am Freitag war er entschlossen, den Fleck nicht zu
+räumen, bis er im klaren war, denn da kam für ihn nur noch der
+Samstagmorgen; da gab es freilich immer noch eine Haupträumerei. »Otto«,
+rief der Lehrer, als am Freitag die Glocke vier Uhr schlug, »trag mir
+schnell das Zettelchen zum Herrn Pfarrer, er gibt dir Schriften zurück;
+in fünf Minuten bist du wieder da zum Aufräumen.« Das war Otto nicht
+ganz recht, aber er mußte gehen, auch konnte er ja gleich wieder da
+sein. In wenig Sprüngen war er im Pfarrhaus. Der Herr Pfarrer hatte noch
+jemandem Bescheid zu geben; die Frau Pfarrerin rief Otto in den Garten
+hinaus, er mußte ihr berichten, wie es der Mama gehe und dem Papa und
+dem Miezchen und dem Onkel Max und den Verwandten in Deutschland, und
+dann kam der Herr Pfarrer, und Otto mußte erklären, wie er zu der
+Kommission gekommen war, und was ihm der Lehrer sonst noch aufgetragen
+habe. Endlich hatte dann Otto seine Papiere erhalten und pfeilschnell
+war er drüben, riß die Tür der Schulstube auf: -- alles in Ordnung, alles
+still, kein menschliches Wesen zu sehen.
+
+»Nun habe ich mich die ganze Woche nicht ein einziges Mal nach den
+grausigen Fetzen bücken müssen«, dachte Otto befriedigt; »aber wer hat
+das Schauerliche nur tun können, ohne daß er mußte?« Das wollte er nun
+um jeden Preis wissen.
+
+Am Samstag waren die Schulstunden um elf Uhr zu Ende. Otto ließ alle
+Kinder hinausgehen, und wie nun die Schulstube leer war, da ging er vor
+die Tür hinaus, schloß sie zu und lehnte sich mit dem Rücken daran; so
+mußte er doch gewiß sehen, ob da jemand hineingehen wolle, denn damit
+wollte er lieber beginnen, als mit der schweren Arbeit. Er stand und
+stand -- es kam niemand. Er hörte die Uhr halb zwölf schlagen -- es kam
+niemand. Auf den Nachmittag stand aber ein Ausflug bevor, es sollte früh
+Mittag gemacht werden heut', er sollte so schnell wie möglich zu Hause
+sein. Er mußte also hinein an die Arbeit, es grauste ihm. Er machte die
+Tür auf -- da -- Otto starrte noch mehr als das erste Mal -- wahrhaftig es
+war so, es war alles getan, schöner als je. Dem Otto wurde es ganz
+eigentümlich zumut', es schwebte ihm etwas wie eine Geistergeschichte
+vor. Ganz leise, wie nie sonst, schlich er zur Tür hinaus. Gerade in
+diesem Augenblick kam ebenso leise etwas aus des Lehrers Küche
+herausgeschlichen, und auf einmal stand das Wiseli ganz nahe vor ihm;
+beide fuhren zusammen vor Schrecken, und das Wiseli wurde über und über
+rot, so, als hätte es der Otto auf einem Unrecht erwischt. Jetzt ging
+diesem ein Licht auf.
+
+»Sicher hast du das für mich gemacht die ganze Woche lang, Wiseli«, rief
+er aus; »das tut doch gewiß sonst kein Mensch, wenn er nicht muß.«
+
+»Es hat mich aber so gefreut, es zu tun, wie du gar nicht glaubst«, gab
+Wiseli zur Antwort.
+
+»Nein, nein, das mußt du nicht sagen, Wiseli; so etwas zu tun, kann
+keinen Menschen auf der Welt freuen«, sagte Otto überzeugt.
+
+»Doch gewiß, gewiß«, versicherte Wiseli, »ich habe die ganze Zeit lang
+mich immer auf den Abend gefreut, wenn ich es wieder tun durfte, und
+während ich aufräumte, habe ich mich erst recht immerzu gefreut, weil
+ich immer gedacht habe: jetzt kommt der Otto und findet alles fertig
+und ist froh.«
+
+»Aber wie kam es dir denn in den Sinn, daß du das für mich tun
+wolltest?« fragte Otto noch immer verwundert.
+
+»Ich wußte schon, daß du es nicht gern tust, und ich habe schon immer
+gedacht, wenn ich nur auch einmal dem Otto etwas geben könnte, wie du
+mir den Schlitten, weißt noch? Aber ich hatte gar nie etwas.«
+
+»Das ist viel mehr wert, als einen Schlitten leihen, was du für mich
+jetzt getan hast; das will ich dir auch nicht vergessen, Wiseli«, und
+Otto gab ihm ganz gerührt die Hand. Wiselis Augen leuchteten vor Freude
+wie lange nicht mehr. Aber nun wollte Otto noch wissen, wie es denn
+wieder in die Stube hineingekommen sei, da er doch gewartet hatte, bis
+alle Kinder draußen waren.
+
+»O ich bin gar nicht hinausgegangen«, sagte Wiseli; »ich verbarg mich
+schnell hinter dem Kasten, ich dachte, du gehest schon noch ein wenig
+hinaus, wie jeden Tag vorher.«
+
+»Aber wie konntest du immer hinaus, ohne daß ich dich sah?« wollte Otto
+noch wissen.
+
+»Wenn du am Herumlaufen warst mit den anderen, konnte ich schon hinaus,
+ich horchte schon auf, und gestern und heute, wie ich nicht sicher war,
+ging ich durch des Lehrers Stube und fragte die Frau Lehrerin, ob sie
+etwas zu verrichten habe, sie gibt mir manchmal einen Auftrag
+auszurichten, und dann ging ich durch die Küche fort; gestern war ich
+gerade hinter der Küchentür, als du in die Schulstube hineinranntest.«
+
+Jetzt wußte Otto die ganze Geistergeschichte. Er bot dem Wiseli noch
+einmal die Hand. »Danke, Wiseli«, sagte er herzlich; und dann lief eins
+da hinaus, das andere dort hinaus, und beiden war es ganz wohl zumute.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+Das Alte und auch etwas Neues.
+
+
+Der Sommer war vergangen und auch die schönen Herbsttage waren wohl zu
+Ende. Es wurde kühl und nebelig am Abend, und in den feuchten Wiesen
+fraßen die Kühe das letzte Gras ab, und hier und da flackerten auf den
+Wiesen kleine Feuer auf, denn die Hirtenbuben brieten Kartoffeln da und
+wärmten sich die Hände.
+
+An einem solchen nebelgrauen Abend kam Otto aus der Schule heimgerannt
+und erklärte seiner Mutter, er müsse nachsehen, was das Wiseli mache,
+denn seit den Herbstferien war es noch gar nie in die Schule gekommen,
+wohl acht Tage lang nicht. Otto steckte seine Vesperäpfel zu sich und
+eilte fort. Am Buchenrain angekommen, sah er den Rudi vor der Haustür am
+Boden sitzen und von einem Haufen Birnen, die neben ihm lagen, eine nach
+der anderen zerbeißen.
+
+»Wo ist das Wiseli?« fragte Otto.
+
+»Draußen«, war die Antwort.
+
+»Wo draußen?«
+
+»Auf der Wiese.«
+
+»Auf welcher Wiese?«
+
+»Ich weiß nicht«, und Rudi knackte weiter an seinen Birnen.
+
+»Du stirbst einmal nicht am Gescheitsein«, bemerkte Otto und ging aufs
+Geratewohl die große Wiese hin, die sich vom Haus bis gegen den Wald
+hinaufzog. Jetzt entdeckte er drei schwarze Punkte unter einem Birnbaum
+und ging darauf zu. Richtig, da bückte sich Wiseli, um die Birnen
+zusammenzulesen, dort saß der Chäppi rittlings auf seinem Birnenkratten,
+und zuhinterst lag der Hans rücklings über den vollen Korb hin und
+schaukelte sich so darauf, daß der Korb jeden Augenblick umzustürzen
+drohte. Chäppi sah ihm zu und lachte bei jedem Rucke.
+
+Als Wiseli den Otto herankommen sah, kam ein ganzer Sonnenschein auf
+sein Gesicht. »Guten Abend, Wiseli«, rief er von weitem, »warum bist du
+so lange nicht in die Schule gekommen?« Wiseli streckte ganz erfreut dem
+Otto die Hand entgegen. »Wir haben so viel zu tun, darum durfte ich
+nicht kommen«, sagte es; »sieh nur, wieviel Birnen es gibt! Ich muß vom
+Morgen bis zum Abend auflesen, soviel ich nur kann.«
+
+»Du hast ja ganz nasse Schuhe und Strümpfe«, bemerkte Otto; »bah, hier
+ist's nicht gemütlich, frierst du nicht, wenn du so naß bist?«
+
+»Es schaudert mich nur manchmal ein wenig, sonst ist es mir eher heiß
+vom Auflesen.« In diesem Augenblick gab der Hans seinem Korb einen
+solchen Ruck, daß alles übereinander auf den Boden hinrollte; der Hans,
+der Korb und alle Birnen, die fuhren nach allen Richtungen hin.
+
+»Oh, oh!« sagte Wiseli kläglich, »nun muß man die alle wieder
+zusammenlesen.«
+
+»Und die auch«, rief Chäppi und lachte heraus, als die Birne, die er
+geworfen hatte, dem Wiseli an die Schläfe fuhr, daß es ganz bleich wurde
+und ihm vor Schmerz das Wasser in die Augen kam. Kaum hatte Otto das
+gesehen, als er auf den Chäppi losfuhr, ihn samt seinem Kratten umwarf
+und ihn fest im Genick packte. »Hör auf, ich muß ersticken«, gurgelte
+der Chäppi; jetzt lachte er nicht mehr. -- »Ich will machen, daß du daran
+denkst, daß du es mit mir zu tun hast, wenn du so mit dem Wiseli
+verfährst«, rief Otto zornglühend. »Hast du genug? Willst du daran
+denken?« -- »Ja, ja, laß nur los!« bat Chäppi, mürbe gemacht. Nun ließ
+Otto los. »Jetzt hast du's gespürt«, sagte er; »wenn du dem Wiseli noch
+einmal etwas zuleide tust, so packe ich dich so, daß du noch einen
+Schrecken hast davon, wenn du siebzig Jahr alt bist. Leb wohl, Wiseli.«
+Damit kehrte sich Otto um und ging mit seinem Zorn nach Hause.
+
+Hier suchte er gleich seine Mutter auf und schüttete seine ganze
+Empörung vor ihr aus, daß das Wiseli eine solche Behandlung erdulden
+müsse. Er war auch ganz entschlossen, auf der Stelle zum Herrn Pfarrer
+zu gehen und den Vetter-Götti und seine ganze Familie anzuklagen, daß
+man ihnen das Wiseli entreiße. Die Mutter hörte ruhig zu, bis Otto sich
+ein wenig abgekühlt hatte, dann sagte sie:
+
+»Sieh, lieber Junge, das würde gar nichts nützen, das Kind würde man dem
+Vetter-Götti nicht wegnehmen, nur ihn reizen, wenn er so etwas hörte. Er
+meint es selbst nicht böse mit dem Kinde, und es ist kein genügender
+Grund da, ihm Wiseli ganz wegzunehmen. Ich weiß wohl, daß das arme Kind
+jetzt ein hartes Brot ißt, ich habe es auch gar nicht vergessen, ich
+schaue immer danach aus, ob mir der liebe Gott nicht einen Weg auftue,
+da dem Kinde in einer gründlichen Weise könnte geholfen werden; die
+Sache liegt mir auch am Herzen, das kannst du glauben, Otto. Wenn du
+unterdessen das Wiseli schützen und den rohen Chäppi ein wenig zähmen
+kannst, ohne selbst dabei roh zu werden, so bin ich ganz damit
+einverstanden.«
+
+Otto beruhigte sich am besten im Gedanken, daß die Mutter doch auch
+immerfort nach einem anderen Wege für das Wiseli ausschaute. Er selber
+dachte alle möglichen Rettungswege aus, aber alle führten in die Luft
+hinauf und hatten keinen Boden, und er sah ein, daß das Wiseli da nicht
+darauf wandeln konnte, und als er dann zu Weihnachten seine Wünsche
+aufschreiben durfte, da schrieb er ganz desperat mit ungeheuren
+Buchstaben, so als müßte man sie vom Himmel herunter lesen können, auf
+sein Papier: »Ich wünsche, daß das Christkind das Wiseli befreie.«
+
+Nun war der kalte Januar wieder da und der Schlittweg war so prächtig
+glatt und fest, daß die Kinder gar nicht genug bekommen konnten, die
+herrliche Bahn zu benutzen. Es kam auch eben eine helle Mondnacht nach
+der anderen, und Otto hatte auf einmal den Einfall, am allerschönsten
+müßte das Schlittenfahren im Mondschein sein, die ganze Gesellschaft
+sollte sich am Abend um sieben Uhr zusammenfinden und die
+Mondscheinfahrten ausführen, denn es war der Tag des Vollmonds, da mußte
+es prächtig werden. Mit Jubel wurde der Vorschlag angenommen und die
+Schlittbahngenossen trennten sich gegen fünf Uhr wie gewöhnlich, da die
+Nacht einbrach, um sich um sieben Uhr wieder zusammenzufinden. Weniger
+Anklang fand der Vorschlag bei Ottos Mutter, als er ihr mitgeteilt
+wurde, und sie wurde gar nicht von der Begeisterung hingerissen, mit
+welcher die Kinder beide auf einmal und in den lautesten Tönen ihr das
+Wundervolle dieser Unternehmung schilderten. Sie stellte ihnen die
+Kälte des späten Abends vor, die Unsicherheit der Fahrten bei dem
+ungewissen Licht und alle Gefahren, die besonders das Miezchen bedrohen
+könnten. Aber die Einwendungen entflammten immer mehr den brennenden
+Wunsch, und Miezchen flehte, als hinge seine einzige Lebensfreude an
+dieser Schlittenfahrt; Otto versprach auch hoch und teuer, er würde dem
+Miezchen nichts geschehen lassen, sondern immer in seiner nächsten Nähe
+bleiben. Endlich willigte die Mutter ein. Mit großem Jubel und
+wohlverpackt zogen die Kinder ein paar Stunden nachher in die helle
+Nacht hinaus. Es ging alles ganz nach Wunsch, die Schlittbahn war
+unvergleichlich, und das Geheimnisvolle der dunkeln Stellen, wo der
+Mondschein nicht hinfiel, erhöhte den Reiz der Unternehmung. Eine Menge
+Kinder hatte sich eingefunden, alle waren in der fröhlichsten Stimmung.
+Otto ließ sie alle vorausfahren, dann kam er und zuletzt mußte das
+Miezchen kommen, damit ihm keiner in den Rücken fahren konnte; so hatte
+es Otto eingerichtet, er konnte dabei auch immer von Zeit zu Zeit mit
+einem schnellen Blick gewahren, ob Miezchen richtig nachkomme. Als nun
+alles so herrlich vonstatten ging, fiel einem der Buben ein, nun müßte
+einmal der ganze Zug »anhängen«, nämlich ein Schlitten an den anderen
+gebunden werden und so herunterfahren, das müßte im Mondenschein ein
+ganz besonderes Juxstück abgeben. Unter großem Lärm und allgemeiner
+Zustimmung ging man gleich ans Werk. Für Miezchen fand Otto die Fahrt
+doch ein wenig gefährlich, denn manchmal gab es dabei einen großartigen
+Umsturz sämtlicher Schlitten und Menschen darauf; das konnte er für das
+kleine Wesen nicht riskieren. Er ließ seinen Schlitten zuletzt anbinden,
+der Miezchens aber wurde freigelassen. So fuhr es, wie immer, hinter
+dem Bruder her, nur konnte er jetzt nicht, wie sonst, seinen Schlitten
+langsamer fahren lassen, wenn Miezchen zurückblieb, denn er war in der
+Gewalt des Zuges. Jetzt ging es los, und herrlich und ohne Anstand glitt
+die lange, lange Kette die glatte Bahn hinunter.
+
+Mit einem Mal hörte Otto ein ganz furchtbares Geschrei, und er kannte
+die Stimme wohl, die es ausstieß, es war Miezchens Stimme. Was war da
+geschehen? Otto hatte keine Wahl, er mußte die Lustpartie zu Ende
+machen, wie groß auch sein Schrecken war. Aber kaum unten angelangt, riß
+er sein Schlittenseil los und rannte den Berg hinan; alle anderen hinter
+ihm drein, denn fast alle hatten das Geschrei vernommen und wollten auch
+sehen, was los war. An der halben Höhe des Berges stand das Miezchen
+neben seinem Schlitten und schrie aus allen seinen Kräften und weinte
+ganze Bäche dazu. Atemlos stürzte Otto nun herzu und rief: »Was hast du?
+Was hast du?«
+
+»Er hat mich -- er hat mich -- er hat mich«, schluchzte Miezchen und kam
+nicht weiter vor innerem Aufruhr.
+
+»Was hat er? Wer denn? Wo? Wer?« stürzte Otto heraus.
+
+»Der Mann dort, der Mann, er hat mich -- er hat mich totschlagen wollen
+und hat mir -- und hat mir -- furchtbare Worte nachgerufen.«
+
+So viel kam endlich heraus unter immer neuem Geschrei.
+
+»So sei doch nur still jetzt, hör' Miezchen, tu' doch nicht so, er hat
+dich ja doch nicht totgeschlagen; hat er dich denn wirklich geschlagen?«
+fragte Otto ganz zahm und teilnehmend, denn er hatte Angst.
+
+»Nein«, schluchzte Miezchen, neuerdings überwältigt; »aber er wollte,
+mit einem Stecken, -- so hat er ihn aufgestreckt und hat gesagt: 'Wart
+du!' Und ganz furchtbare Worte hat er mir nachgerufen.«
+
+»So hat er dir eigentlich gar nichts getan«, sagte Otto und atmete
+beruhigt auf.
+
+»Aber er hat ja -- er hat ja -- und ihr wart alle schon weit fort, und ich
+war ganz allein«, -- und vor Mitleid für seinen Zustand und nachwirkendem
+Schrecken brach Miezchen noch einmal in lautes Weinen aus.
+
+»Bscht! Bscht!« beschwichtigte Otto; »sei doch still jetzt, ich gehe nun
+nicht mehr von dir weg, und der Mann kommt nicht mehr, und wenn du nun
+gleich ganz still sein willst, so geb' ich dir den roten Zuckerhahn vom
+Christbaum, weißt du?«
+
+Das wirkte. Mit einem Male trocknete Miezchen seine Tränen weg und gab
+keinen Laut mehr von sich, denn den großen, roten Zuckerhahn vom
+Christbaum zu erlangen, war Miezchens allergrößter Wunsch gewesen, er
+war aber bei der Teilung auf Ottos Teil gefallen und Miezchen hatte den
+Verlust nie verschmerzen können. Wie nun alles im Geleise war und die
+Kinder den Berg hinanstiegen, wurde verhandelt, was es denn für ein Mann
+könne gewesen sein, der das Miezchen habe totschlagen wollen.
+
+»Ach was, totschlagen«, rief Otto dazwischen; »ich habe schon lange
+gemerkt, was es war, wir haben ja im Herunterfahren den großen Mann mit
+dem dicken Stock auch angetroffen, er mußte unseren Schlitten ausweichen
+in den Schnee hinein, das machte ihn böse, und wie er dann hintenan das
+Miezi allein antraf, hat er es ein wenig erschreckt und seinen Zorn an
+ihm ausgelassen.«
+
+Die Erklärung fand allgemeine Zustimmung, das war ja so natürlich, daß
+jedes meinte, es sei ihm selber so in den Sinn gekommen; so ward auch
+die Sache gleich völlig vergessen und lustig drauf los geschlittet.
+Endlich aber mußte auch dies Vergnügen ein Ende nehmen, denn es hatte
+längst acht Uhr geschlagen, die Zeit, da aufgebrochen werden sollte. Im
+Heimweg schärfte der Otto dem Miezchen ein, zu Hause nichts zu erzählen
+von dem Vorfall, sonst könnte die Mutter Angst bekommen, und dann
+dürften sie gar nie mehr im Mondschein schlitten gehen: den Zuckerhahn
+müsse es gleich haben, aber noch daraufhin versprechen, nichts zu
+erzählen. Miezchen versprach hoch und teuer, kein Wort sagen zu wollen;
+die Spuren seiner Tränen waren auch längst vergangen und konnten nichts
+mehr verraten.
+
+Längst schon schliefen Otto und Miezchen auf ihren Kissen, und der rote
+Zuckerhahn spazierte durch Miezchens Träume und erfüllte sein Herz mit
+einer so großen Freude, daß es jauchzte im Schlaf. Da klopfte es unten
+an die Haustür mit solcher Gewalt, daß der Oberst und seine Frau vom
+Tisch auffuhren, an dem sie eben in Gemütlichkeit gesessen und sich über
+ihre Kinder unterhalten hatten, und die alte Trine in strafendem Tone
+oben zum Fenster hinausrief: »Was ist das für eine Manier!«
+
+»Es ist ein großes Unglück begegnet«, tönte es von unten herauf; »der
+Herr Oberst soll doch herunterkommen, sie haben den Schreiner Andres tot
+gefunden.«
+
+Damit lief der Bote wieder davon. Der Oberst und seine Frau hatten genug
+gehört, denn auch die hatten sich dem offenen Fenster genähert.
+Augenblicklich warf der Oberst seinen Mantel um und eilte dem Hause des
+Schreiners zu. Als er in die Stube hineintrat, fand er schon eine Menge
+Leute da; man hatte den Friedensrichter und Gemeindammann geholt, und
+eine Schar Neugieriger und Teilnehmender war mit ihnen eingedrungen.
+Andres lag am Boden im Blute und gab kein Lebenszeichen von sich; der
+Oberst näherte sich.
+
+»Ist denn jemand nach dem Doktor gelaufen?« fragte er, »hier muß vor
+allem der Doktor her.«
+
+Es war niemand dahin gegangen; da sei ja doch nichts mehr zu machen,
+meinten die Leute.
+
+»Lauf, was du kannst, zum Doktor«, befahl der Oberst einem Burschen, der
+dastand; »sag ihm, ich lass' ihn bitten, er soll auf der Stelle kommen.«
+Dann half er selbst den Andres vom Boden aufheben und in die Kammer
+hinein auf sein Bett legen. Erst jetzt trat der Oberst an die
+schwatzenden Leute heran, um zu hören, wie der Vorfall sich zugetragen
+hatte, ob jemand etwas Näheres wisse. Der Müllerssohn trat vor und
+erzählte, er sei vor einer halben Stunde da vorbeigekommen, und da er
+noch Licht gesehen in des Schreiners Stube, habe er im Vorbeiweg schnell
+fragen wollen, ob seine Aussteuersachen auch zur Zeit fertig werden. Er
+habe die Tür der Stube offen stehend, den Andres tot im Blut liegend am
+Boden gefunden. Der Matten-Joggi, der dabeistand, habe ihm lachend ein
+Goldstück entgegengestreckt, wie er hereingetreten sei. Er habe dann
+nach Leuten gerufen, daß der Gemeindammann auf den Platz komme und wer
+sonst noch dahin gehöre.
+
+Der Matten-Joggi, der so hieß, weil er unten in der Matte wohnte, war
+ein völlig törichter Mensch, der damit ernährt wurde, daß ihn die Bauern
+in den geringen Geschäften etwa mithelfen ließen, wo Steine und Sand
+herumzutragen, Obst aufzulesen, oder im Winter Holzbündelchen zu machen
+waren. Daß er boshafte Taten ausgeübt hätte, hatte man bis jetzt nicht
+gehört. Der Müllerssohn hatte ihm gesagt, er solle da bleiben, bis auch
+der Präsident noch da sein werde. So stand Joggi noch immer in einer
+Ecke, hielt seine Faust fest zugeklemmt und lachte halblaut. Jetzt trat
+der Doktor in die Stube und hinter ihm her auch noch der Präsident. Der
+Gemeindevorstand stellte sich nun mitten in die Stube und beratschlagte.
+Der Doktor ging direkt in die Kammer hinein und der Oberst folgte ihm
+nach. Der Doktor untersuchte genau den unbeweglichen Körper.
+
+»Da haben wir's«, rief er auf einmal aus, »hier auf den Hinterkopf ist
+Andres geschlagen worden, da ist eine große Wunde.«
+
+»Aber er ist doch nicht tot, Doktor, was sagst du?«
+
+»Nein, nein, er atmet ganz leise, aber er ist bös dran.«
+
+Nun wollte der Doktor allerlei haben, Wasser und Schwämme und Weißzeug
+und noch vieles, und die Leute draußen liefen alle durcheinander und
+suchten und rissen alles von der Wand und aus dem Küchenkasten und
+brachten Haufen von Sachen in die Kammer hinein, aber nichts von dem,
+was der Doktor brauchte.
+
+»Da muß eine Frau her, die Verstand hat und weiß, was ein Kranker ist«,
+rief der Doktor ungeduldig. Alle schrieen durcheinander; aber wenn einer
+eine wußte, so rief ein anderer: »Die kann nicht kommen.«
+
+»Lauf einer auf die Halde«, befahl der Oberst, »meine Frau soll mir die
+Trine herunterschicken!« Es lief einer davon.
+
+»Deine Frau wird dir aber nicht danken«, sagte der Doktor, »denn ich
+lasse die Pflegerin drei bis vier Tage und Nächte nicht von dem Bett
+weg.«
+
+»Sei nur unbesorgt«, entgegnete der Oberst, »für den Andres gäbe meine
+Frau alles her, nicht nur die alte Trine.«
+
+Keuchend und beladen kam die Trine an, viel schneller, als man hätte
+hoffen können, denn sie stand schon lange ganz parat mit einem großen
+Korb am Arm, und die Frau Oberst stand neben ihr und lauschte, ob einer
+gelaufen komme. Sie hatte nicht annehmen können, daß der Andres wirklich
+tot sei, und hatte alles ausgedacht, was man brauchen könnte, um ihm
+wieder aufzuhelfen. So hatte sie Schwamm und Verbandzeug, Wein und Öl
+und warme Flanelle in einen Korb gepackt, und Trine hatte nur zu rennen,
+wie der Bote kam. Der Doktor war sehr zufrieden.
+
+»Alles fort jetzt, gute Nacht, Oberst, und mach, daß die ganze Bande zum
+Haus hinauskommt!« rief er und schloß die Tür zu, nachdem der Oberst
+hinausgetreten war. Der Gemeinderat war noch am Beratschlagen; da aber
+der Oberst erklärte, nun müsse gleich alles zum Haus hinaus, so faßten
+die Männer den Beschluß, für einmal müsse der Joggi eingesperrt werden,
+dann wollte man weiter schreiten. Es mußten also zwei Männer den Joggi
+in die Mitte nehmen, daß er nicht fortlaufen könne, und ihn so nach dem
+Armenhaus bringen und in eine Kammer einsperren. Der Joggi ging aber
+ganz willig davon und lachte, und von Zeit zu Zeit guckte er vergnügt in
+seine Faust hinein.
+
+Gleich am anderen Morgen eilte die Frau Oberst in voller Sorge nach dem
+Häuschen des Andres hinunter. Trine kam leise aus der Kammer heraus und
+brachte die frohe Nachricht: Andres sei gegen Morgen schon ein wenig zum
+Bewußtsein gekommen. Schon sei auch der Doktor dagewesen und habe den
+Kranken über Erwarten gut getroffen; ihr aber habe er recht
+eingeschärft, daß sie keinen Menschen in die Kammer hineinlasse, Andres
+dürfe auch noch kein Wort reden, wenn er auch wollte, nicht; nur der
+Doktor und die Wärterin sollen vor seine Augen kommen, erklärte die
+Trine in großem Amtseifer. Damit war die Frau Oberst ganz einverstanden
+und höchst erfreut kehrte sie mit ihren Nachrichten nach Hause zurück.
+
+So vergingen acht Tage. Jeden Morgen ging die Oberstin nach dem Hause
+des Kranken, um genau Bericht zu bekommen und zu hören, ob etwas
+mangele, das dann schnell herbeigeschafft werden mußte. Otto und
+Miezchen mußten jeden Tag aufs neue besänftigt werden, daß sie ihren
+kranken Freund noch nicht besuchen durften, aber da war immer noch keine
+Erlaubnis vom Doktor. Die Trine war noch durchaus unentbehrlich, wurde
+auch täglich vom Doktor gelobt für ihre sorgfältige Pflege. Nach Verfluß
+der acht Tage schlug der Doktor seinem Freunde, dem Oberst, vor, nun
+einmal den Kranken zu besuchen, zu der Zeit, da er selbst dort sein
+würde, denn jetzt war der Augenblick gekommen, da Andres wieder reden
+durfte, und der Doktor wollte ihn in Gegenwart des Obersten darüber
+befragen, was er selbst von dem unglücklichen Vorfall wisse. Andres
+hatte große Freude, dem Herrn Oberst die Hand drücken zu dürfen, er
+hatte ja schon lange bemerkt, woher ihm alles Gute und alle Sorgfalt für
+sein Wiederaufkommen kam. Dann besann er sich, so gut er konnte, um die
+Fragen der beiden Herren zu beantworten. Er wußte aber nur folgendes zu
+sagen: Er hatte seine Summe beisammen, die er jährlich dem Herrn Oberst
+zur Verwahrung brachte; diese wollte er noch einmal überzählen, um
+seiner Sache sicher zu sein. Er hatte am späten Abend sich hingesetzt,
+den Rücken gegen die Fenster und die Tür gekehrt. Mitten im Zählen hörte
+er jemand hereinkommen; eh' er aber aufgeschaut hatte, fiel ein
+furchtbarer Schlag auf seinen Kopf; von da an wußte er nichts mehr. --
+Also hatte Andres eine Summe Geldes auf dem Tisch gehabt; davon war aber
+gar nichts mehr gesehen worden, als das einzige Stück in Joggis Hand. Wo
+könnte denn das andere Geld hingekommen sein, wenn wirklich Joggi der
+Übeltäter war? Als Andres vernahm, wie der Joggi gefunden worden und nun
+eingesperrt sei, wurde er ganz unruhig.
+
+»Sie sollen ihn doch gehen lassen, den armen Joggi«, sagte er; »der tut
+ja keinem Kinde etwas zuleide, der hat mich nicht geschlagen.«
+
+Andres hatte aber auch auf keinen anderen Menschen den leisesten
+Verdacht. Er habe keine Feinde, sagte er, und kenne keinen Menschen, der
+ihm so etwas hätte antun wollen.
+
+»Es kann auch ein Fremder gewesen sein«, bemerkte der Doktor, indem er
+die niedrigen Fenster ansah; »wenn Ihr da beim hellen Licht einen Haufen
+Geld auf dem Tische liegen habt und zählt, so kann das von außen jeder
+sehen und Lust zum Teilen bekommen.«
+
+»Es muß sein«, sagte der Andres gelassen, »ich habe nie an so etwas
+gedacht, es war immer alles offen.«
+
+»Es ist gut, daß Ihr noch etwas im Trocknen habt, Andres«, bemerkte der
+Oberst. »Laßt's Euch nicht zu Herzen gehen; das beste ist, daß Ihr
+wieder gesund werdet.«
+
+»Gewiß, Herr Oberst«, erwiderte Andres, ihm die Hand schüttelnd, die er
+zum Abschied hinhielt, »ich habe nur zu danken; der liebe Gott hat mir
+ja sonst schon viel mehr gegeben als ich brauche.«
+
+Die Herren verließen den friedlichen Andres, und vor der Tür sagte der
+Doktor: »Dem ist wohler als dem anderen, der ihn zusammenschlagen
+wollte.«
+
+Vom Joggi wurde eine traurige Geschichte umhergeboten, die alle Buben in
+der Schule beschäftigte und in große Teilnahme versetzte. Auch Otto
+brachte sie nach Hause und mußte sie jeden Tag ein paarmal wiederholen,
+denn jedesmal, wenn er daran dachte, machte sie ihm aufs neue einen
+großen Eindruck. Als man den Joggi an dem Abend lachend ins Armenhaus
+gebracht hatte, da war er aufgefordert worden, sein Goldstück abzugeben
+an einen seiner Führer, den Sohn des Friedensrichters. Joggi aber
+klemmte seine Faust noch besser zusammen und wollte nichts hergeben.
+Aber die beiden waren stärker als er; sie rissen ihm mit Gewalt die
+Faust auf, und der Friedensrichterssohn, der manchen Kratz von dem Joggi
+erhalten hatte während der Arbeit, sagte, als er das Goldstück endlich
+in Händen hatte: »So, jetzt wart nur, Joggi, du wirst schon deinen Lohn
+bekommen. Wart nur, bis sie kommen; sie werden dir's dann schon zeigen.«
+
+Da hatte der Joggi angefangen furchtbar zu schreien und zu jammern, denn
+er glaubte, er werde geköpft, und seither aß er nicht und trank nicht
+und stöhnte und jammerte fortwährend, denn die Furcht und Angst vor dem
+Köpfen verfolgte ihn beständig. Schon zweimal war der Präsident und der
+Gemeindammann bei ihm gewesen und hatten ihm gesagt, er solle nur alles
+sagen, was er getan habe, er werde nicht geköpft. Er wußte nichts zu
+sagen, als er habe beim Andres ins Fenster geschaut, und der sei am
+Boden gelegen; er sei zu ihm hineingegangen und habe ihn ein wenig
+gestoßen, da sei er tot gewesen. Da habe er etwas glänzen sehen in einer
+Ecke und habe es geholt, und dann sei der Müllerssohn gekommen und dann
+noch viele. Hatte der Joggi so viel gesagt, so fing er wieder zu stöhnen
+an und hörte nicht mehr auf.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel.
+
+Wie es dem Kranken und jemandem besser ging.
+
+
+Seit dem Tage, da der Oberst den Andres besucht hatte, blieb seine Frau
+auch nicht mehr draußen in der Stube, wenn sie kam, um nach dem Kranken
+zu sehen. Täglich ging sie nun zu ihm hinein, setzte sich eine Weile
+lang an sein Bett hin zu einer gemütlichen kleinen Unterhaltung und
+freute sich jedesmal über die Fortschritte der Genesung. Zweimal schon
+waren auch Otto und Miezchen dagewesen und hatten ihrem Freunde allerlei
+Stärkungen zugetragen, und Andres sagte ganz gerührt zu der Trine: wenn
+selbst ein König krank wäre, man könnte ihm nicht mehr Teilnahme zeigen.
+Der Doktor war sehr zufrieden mit dem Verlaufe der Sache, und als er
+eben einmal beim Herauskommen auf den hereintretenden Oberst traf, sagte
+er zu ihm:
+
+»Es geht vortrefflich. Deine Frau kann nun ihre Trine wieder heimnehmen,
+die hat gute Dienste geleistet. Nur sollte für eine kleine Zeit noch
+jemand da sein, oder etwa herkommen; der arme verlassene Kerl muß doch
+essen und hat keine Frau und kein Kind und gar nichts. Vielleicht weiß
+deine Frau Rat.«
+
+Der Oberst richtete seinen Auftrag aus, und am folgenden Morgen setzte
+seine Frau bei ihrem Besuch sich zurecht am Bette des Andres und sagte:
+
+»Jetzt muß ich etwas mit Euch reden, Andres; ist es Euch recht?«
+
+»Gewiß, gewiß, mehr als recht«, erwiderte er und stützte seinen Kopf auf
+den Ellbogen, um recht zuhören zu können.
+
+»Ich will nun die Trine wieder heimkommen lassen, weil es so ordentlich
+geht«, fing die Oberstin an.
+
+»Ach, Frau Oberst, glauben Sie mir«, fiel der Andres ein, »ich wollte
+sie jeden Tag heimschicken; ich weiß ja wohl, wie sie Ihnen mangeln
+mußte.«
+
+»Ich hätte sie nicht hereingelassen, wenn sie Euch gefolgt hätte«, fuhr
+die Frau Oberst fort; »aber jetzt ist es anders, da der Doktor sie
+entläßt. Er sagte aber, was ich auch längst dachte, jemand solltet Ihr
+haben, wenigstens noch für ein paar Wochen, der Euch das Essen bereitet
+oder doch bei mir holt, und für allerlei kleine Hilfsleistungen. Ich
+habe nun gedacht, Andres, wenn Ihr für diese Zeit das Wiseli zu Euch
+nehmen würdet.«
+
+Kaum hatte der Andres den Namen aussprechen gehört, als er von seinem
+Ellbogen auf und in die Höhe schoß.
+
+»Nein, nein, Frau Oberst, nein, sicher nicht«, rief er und wurde ganz
+rot vor Anstrengung; »so etwas können Sie nicht denken. Ich sollte hier
+drinnen im Bett liegen, und draußen in der Küche sollte das schwache
+Kindlein für mich arbeiten! Ach um's Himmels willen, wie dürfte ich noch
+an seine Mutter unter dem Boden denken, wie würde sie mich ansehen, wenn
+sie so etwas wüßte. Nein, nein, Frau Oberst, meiner Lebtag nicht, lieber
+nicht essen, lieber nicht mehr aufkommen, als so etwas tun.«
+
+Die Oberstin hatte ihn ganz ruhig fertig reden lassen; jetzt, da er sich
+auf sein Kissen zurücklegte, sagte sie beruhigend:
+
+»Es ist nicht so schlimm, was ich ausgedacht habe, Andres; denkt jetzt
+nur ruhig ein wenig nach. Ihr wißt ja, wo das Wiseli versorgt ist. Meint
+Ihr, es habe dort nichts zu tun, oder nur besonders leichte Arbeit?
+Recht tüchtig muß es dran und bekommt so wenig freundliche Worte dazu.
+Würdet Ihr ihm etwa auch keine geben? Wißt Ihr, was Wiselis Mutter tun
+würde, wenn sie jetzt neben uns stände? Mit Tränen würde sie Euch
+danken, würdet Ihr das Kind jetzt in Euer Haus nehmen, wo es gute Tage
+hätte, das weiß ich schon, und Ihr solltet sehen, wie gern es die
+kleinen Dienstleistungen für Euch täte.«
+
+Jetzt mußte dem Andres auf einmal alles anders vorkommen. Er wischte
+sich die Augen; dann sagte er kleinlaut:
+
+»Ach, ach! Wie könnte ich aber zu dem Kinde kommen? Sie geben es gewiß
+nicht weg, und dann müßte man ja doch auch wissen, ob es wollte.«
+
+»Es ist jetzt schon gut, kümmert Euch nicht weiter, Andres«, sagte die
+Frau Oberst fröhlich und stand von ihrem Sessel auf; »ich will nun
+selbst sehen, wie's geht, denn mir liegt die Sache nach allen Seiten hin
+am Herzen.«
+
+Damit nahm sie Abschied von Andres; als sie aber schon unter der Tür
+war, rief er ihr noch einmal ängstlich nach:
+
+»Aber nur, wenn es will, das Wiseli, nur, wenn es will; bitte, Frau
+Oberst!«
+
+Sie versprach noch einmal, das Kind sollte nur freiwillig erscheinen,
+oder dann gar nicht, und verließ das Haus. Sie ging aber nicht den Berg
+hinan, sondern hinunter, dem Buchenrain zu, denn sie wollte sogleich
+versuchen, das Wiseli dahin zu bringen, wo sie es so gern haben wollte.
+
+Am Buchenrain angekommen, traf die Frau Oberst gerade mit dem
+Vetter-Götti zusammen, wie er ins Haus hineintreten wollte. Er begrüßte
+sie, ein wenig erstaunt über den Besuch, und sie teilte ihm gleich beim
+Eintreten in die Stube mit, warum sie gekommen sei, und wie sehr sie
+hoffe, keinen Abschlag zu bekommen, denn es liege ihr viel daran, daß
+das Wiseli die Pflege zu Ende führen könne, was es schon zu tun imstande
+sei. Da die Base in der Küche die Unterhaltung hörte, kam sie auch
+herein und war noch erstaunter als ihr Mann, den Besuch vorzufinden. Er
+erklärte ihr, warum die Frau Oberst gekommen sei, und sie meinte gleich,
+das sei schon nichts, von dem Kinde werde niemand eine besondere Hilfe
+erwarten. Da sagte aber der Mann: was recht sei, müsse man gelten
+lassen; das Wiseli könne helfen, wo es sei, es sei anstellig bei allen
+Geschäften; er würde das Kind nicht einmal gern fort lassen, es sei
+folgsam und gelehrig. So für vierzehn Tage wollte er nichts dawider
+haben, daß es den Andres ein wenig verpflege; bis dahin werde er wohl
+wieder auf sein, daß es heim könne, denn länger könnte es dann nicht
+fort sein, dann kommen schon so allerhand Geschäfte, die ihm zukommen,
+denn da müsse man schon für den Frühling rüsten.
+
+»Ja, ja«, setzte jetzt die Frau ein, »es kommt mir nicht in den Sinn,
+immer wieder von vorn mit ihm anzufangen; jetzt habe ich ihm alles mit
+Mühe gezeigt, das kann es nun anwenden; der Andres soll nur selber eins
+anziehen, wenn er eins braucht.«
+
+»Ja, wegen vierzehn Tagen«, sagte der Mann beschwichtigend, »da wollen
+wir auch nichts sagen, man muß einander etwas zu Gefallen tun.«
+
+»Ich danke Euch für den Dienst«, sagte nun die Frau Oberst, indem sie
+aufstand; »der Andres wird Euch gewiß auch recht dankbar sein. Kann ich
+das Wiseli gleich mit mir nehmen?«
+
+Die Base murrte etwas, es werde nicht so stark pressieren; aber der Mann
+fand es am besten so. Je schneller es gehe, je früher sei es wieder da,
+meinte er; denn er stellte durchaus auf vierzehn Tage ab. Wiseli wurde
+herbeigerufen, und der Vetter-Götti sagte ihm, es solle schnell sein
+Bündelchen Kleider zusammenmachen, weiter nichts. Wiseli gehorchte
+sogleich; fragen durfte es nicht, warum. Seit es sein Bündelchen in das
+Haus gebracht hatte, war nun gerade ein Jahr verflossen; es war nichts
+Neues hinzugekommen, als sein schwarzes Röcklein, das hatte es an, es
+war aber nun fertig getragen und hing wie ein Fetzchen an dem Kinde
+herab, und Wiseli schaute ein wenig scheu die Frau Oberst an, als es nun
+mit seinem leichten Bündelchen dastand. Sie verstand den schüchternen
+Blick und sagte:
+
+»Komm nur, Wiseli, wir gehen nicht weit, es geht schon so.«
+
+Dann nahm sie schnell Abschied von den Leuten, und als Wiseli dem
+Vetter-Götti die Hand gab, sagte er:
+
+»Du kommst bald wieder heim, es ist nicht zum Abschiednehmen.«
+
+Jetzt trippelte das Wiseli schweigend und sehr verwundert in seinem
+Herzen hinter der Frau Oberst her, die rasch über den beschneiten
+Feldweg hinschritt, so, als befürchtete sie, man könnte sie samt dem
+Wiseli wieder zurückholen. Als aber der Buchenrain gar nicht mehr zu
+sehen war, da kehrte sie sich um und stand still.
+
+»Wiseli«, sagte sie freundlich, »kennst du den Schreiner Andres?«
+
+»Ja freilich«, antwortete Wiseli, und ein Lichtstrahl schoß aus des
+Kindes Augen, als es den Namen hörte. Die Frau Oberst war ein wenig
+erstaunt.
+
+»Er ist krank«, fuhr sie fort; »willst du ihn ein wenig verpflegen und
+für ihn tun, was nötig ist, und etwa vierzehn Tage bei ihm bleiben?«
+
+Mehr als Wiselis schnelle und kurze Antwort: »Ja, gern!« sagte der Frau
+Oberst sein Gesicht, das ganz von einer hohen Freudenröte übergossen
+wurde. Die Oberstin sah das gern; doch mußte sie sich verwundern, daß
+Wiseli eine so besondere Freude zeigte, denn sie wußte nichts von seinem
+Erlebnis mit dem Andres, aber das Wiseli hatte es nie vergessen. Sie
+gingen nun wieder weiter. Aber nach einer Weile fügte die Frau Oberst
+noch bei:
+
+»Du mußt es dann dem Schreiner Andres sagen, daß du so gern zu ihm
+gekommen bist, Wiseli, er glaubt es sonst nicht; vergiß es nicht.«
+
+»Nein, nein«, versicherte das Kind, »ich denke schon daran.«
+
+Nun waren sie bei dem Hause angekommen. Hier fand die Frau Oberst für
+gut, das Wiseli seinen Weg allein machen zu lassen; denn nach allem, was
+sie bemerkt hatte, mußte es ihm nicht schwer werden, ihn zu finden. Sie
+verabschiedete das Kind an der Ecke und sagte ihm, am Morgen werde sie
+wieder herunterkommen und sehen, wie es ihm gehe in dem neuen Haushalt,
+und wenn der Schreiner Andres etwas brauche, das nicht da sei, so solle
+es zu ihr kommen. Wiseli schritt nun getrost durch das Gärtchen und
+machte die Haustür auf; es wußte, daß der Andres drinnen in der Kammer
+liege hinter der Stube. So trat es leise in die Stube ein; da war
+niemand drin, aber es war schön aufgeräumt noch von der alten Trine her.
+Es schaute alles gut an, wie es sein müsse. An der Wand hinten in der
+Stube stand schön geordnet und zu einem rechten Bett aufgerüstet das
+große hölzerne Lager, das man die Kutsche nennt; der Vorhang war fast
+zugezogen darüber weg, aber Wiseli konnte doch sehen, wie schön und
+sauber es aussah, und es wunderte sich, wer da schlafe. Jetzt klopfte es
+leise an die Kammertür, und auf den Ruf des Andres trat es ein und blieb
+ein wenig scheu an der Tür stehen. Andres richtete sich auf in seinem
+Bett, zu sehen, wer da sei.
+
+»Ach, ach«, sagte er, halb erfreut und halb erschrocken, »bist du es,
+Wiseli? Komm, gib mir die Hand.« Wiseli gehorchte.
+
+»Bist du auch nicht ungern zu mir gekommen?«
+
+»Nein, nein«, antwortete Wiseli zuversichtlich. Aber der Schreiner
+Andres war noch nicht beruhigt.
+
+»Ich meine nur, Wiseli«, fuhr er wieder fort, »du wärest vielleicht
+lieber nicht gekommen; aber die Frau Oberst ist so gut, und du hast
+ihr vielleicht einen Gefallen tun wollen.«
+
+[Illustration: So trat es leise in die Stube ein]
+
+»Nein, nein«, versicherte Wiseli noch einmal, »sie hat gar nicht gesagt,
+daß es ihr ein Gefallen sei; sie hat mich gefragt, ob ich gehen wolle,
+und ich wäre auf der ganzen Welt nirgends so gern hingegangen, wie zu
+Euch.«
+
+Diese Worte mußten den Andres ganz beruhigt haben; er fragte nichts
+mehr, er legte seinen Kopf auf sein Kissen zurück und schaute stumm das
+Wiseli an; dann mußte er sich auf einmal umkehren und ein Mal über das
+andere seine Augen wischen.
+
+»Was muß ich jetzt tun?« fragte Wiseli, als er sich immer noch nicht
+umkehrte. Jetzt wandte er sich und sagte mit dem freundlichsten Tone:
+
+»Ich weiß es gewiß nicht, Wiseli; tu du nur, was du willst, wenn du nur
+ein wenig bei mir bleiben willst.«
+
+Wiseli wußte gar nicht, wie ihm geschah. Seit es seine Mutter zum
+letzten Male gehört, hatte niemand mehr so zu ihm geredet; es war
+gerade, als spüre es die Liebe seiner Mutter wieder in Andres' Worten
+und Weise. Es mußte mit beiden Händen seine Hand nehmen, so wie es oft
+die Mutter gefaßt hatte, und so stand es eine Weile an dem Bett, und es
+war ihm so wohl, daß es gar nichts sagen konnte, aber es dachte: »Jetzt
+weiß es die Mutter auch und hat eine Freude.«
+
+Gerade so dachte der Andres mit stillem Glück in seinem Herzen: »Jetzt
+weiß es die Mutter auch und hat eine Freude.«
+
+Dann sagte auf einmal das Wiseli:
+
+»Jetzt muß ich Euch gewiß etwas kochen, es ist schon über Mittag. Was
+muß ich kochen?«
+
+»Koch du nur, was du willst«, sagte der Andres. Aber dem Wiseli war es
+darum zu tun, dem Kranken die Sache recht zu machen, und es fragte so
+lange hin und her, bis es gemerkt hatte, was er essen müsse: eine gute
+Suppe und ein Stück von dem Fleisch, das im Kasten war, und dann bestand
+er darauf, das Wiseli müsse noch einen Milchbrei für sich kochen. Es
+wußte recht gut Bescheid in der Küche, denn es hatte wirklich etwas
+gelernt bei der Base, wenn auch unter harten Worten; das konnte es doch
+nun gut gebrauchen. So hatte es in kurzer Zeit alles bereit gemacht, und
+der Kranke wünschte, daß es ein Tischchen an sein Bett rücke und neben
+ihm sitze zum Essen, daß er es auch sehen könne und wisse, daß es noch
+da sei. Ein so vergnügtes Mittagsmahl hatte Wiseli lange nicht genossen,
+und auch der Schreiner Andres nicht. Als sie damit zu Ende waren, stand
+das Kind auf; aber Andres sah das nicht gern und sagte:
+
+»Wohin willst du, Wiseli? Willst du nicht noch ein wenig dableiben, oder
+wird es dir ein bißchen langweilig bei mir?«
+
+»Nein, gewiß nicht«, versicherte Wiseli; »aber nach dem Essen muß man
+immer aufwaschen und alles wieder sauber auf das Gestell hinaufräumen.«
+
+»Ich weiß schon, wie man's macht«, gestand Andres; »ich habe gedacht,
+heute nur, so zum ersten Male, könntest du ja nur alles zusammenstellen
+und dann etwa morgen einmal aufwaschen.«
+
+»Wenn aber die Frau Oberst das sähe, so müßte ich mich fast zu Tode
+schämen«, und Wiseli machte ein ganz ernsthaftes Gesicht zu seiner
+Versicherung.
+
+»Ja ja, du hast recht«, beschwichtigte nun Andres. »Mach nur alles, wie
+du meinst, und geradeso, wie es dir recht ist.«
+
+Nun ging das Wiseli an seine Arbeit und putzte und räumte und ordnete,
+daß alles glänzte in seiner Küche. Dann stand es einen Augenblick still
+und schaute ringsum und sagte ganz befriedigt: »So, nun kann die Frau
+Oberst kommen.« Dann kam es wieder in die Stube hinein und warf einen
+fröhlichen Blick auf das schöne, große Bett auf der Kutsche hinter dem
+Vorhang, denn der Schreiner Andres hatte ihm gesagt, da müsse es
+schlafen, und der kleine Kasten in der Ecke gehöre auch ihm, da könne es
+alles hineinräumen, was ihm angehöre. Es legte nun die Sachen aus seinem
+Bündelchen alle ordentlich hinein, das war auch sehr bald getan, denn es
+war wenig darin, und nun ging es und setzte sich voller Freuden wieder
+an das Bett des Kranken, der schon lange nach der Tür geschaut hatte, ob
+es noch nicht komme. Kaum war es wieder an dem Bett, so fragte es: »Habt
+Ihr auch einen Strumpf, an dem ich stricken kann?«
+
+»Nein, nein«, antwortete Andres, »du hast ja jetzt gearbeitet, und wir
+wollen nun ein wenig vergnügt zusammen reden über allerlei.«
+
+Aber Wiseli war gut geschult worden; zuerst in unvergeßlicher
+Freundlichkeit von der Mutter, und dann von der Base mit Worten, die
+auch nicht vergessen wurden, vor lauter Furcht, sie wieder zu hören. Es
+sagte ganz überzeugt:
+
+»Ich darf nicht nur so dasitzen, weil es doch nicht Sonntag ist, aber
+ich kann reden und an dem Strumpf stricken miteinander.«
+
+Das gefiel dem Andres nun auch wieder, und er ermunterte das Wiseli von
+neuem, nur immer zu tun, was es meine, und einen Strumpf könne es auch
+holen, wenn es wolle, er habe aber keinen. Nun holte Wiseli den
+seinigen und setzte sich damit wieder an das Bett hin, und es hatte
+recht gehabt, es konnte gut reden und stricken miteinander. Der
+Schreiner Andres hatte aber auch gleich ein Gespräch angefangen, das dem
+Wiseli das allerwillkommenste war. Er hatte gleich von der Mutter zu
+reden begonnen, und Wiseli hatte so gern fortgefahren, denn noch nie und
+mit keinem Menschen hatte es von seiner Mutter reden können, und es
+dachte doch immer an sie und alles, was es mit ihr erlebt hatte, und nun
+wollte der Schreiner Andres so gern von allem wissen, immer noch mehr,
+und das Wiseli wurde immer wärmer und erzählte fort und fort, als könne
+es nicht mehr aufhören, und so hörte der Andres zu mit gespannter
+Aufmerksamkeit, und gerade so, als wolle er am liebsten nicht mehr
+aufhören zuzuhören.
+
+In dieser Weise verging nun dem Wiseli ein Tag nach dem anderen. Für
+jeden geringsten Dienst, den es leistete, dankte ihm der Andres, als ob
+es ihm die größte Wohltat erwiesen hätte, und was es nur tat, gefiel dem
+guten Mann, und er mußte es loben dafür. Er wurde in wenig Tagen so
+frisch und munter bei der Pflege, daß er durchaus aufstehen wollte, und
+der Doktor war ganz erstaunt, wie gut es mit ihm ging und wie fröhlich
+und wohlgemut auf einmal der Schreiner Andres aussah. Er saß nun den
+ganzen Tag am Fenster, wo die Sonne hinkam, und schaute dem Wiseli nach
+auf Schritt und Tritt, so als ob er es gar nie genug sehen könnte, wie
+es einen Kasten aufmachte und dann wieder zu, und wie ihm unter den
+Händen alles so sauber und ordentlich wurde, wie er es vorher nie
+gesehen hatte, oder doch meinte, es nie gesehen zu haben. Dem Wiseli
+aber war es so wohl in dem stillen Häuschen, da es nur liebevolle Worte
+hörte, und unter den freundlichen Augen, die es immerfort begleiteten,
+daß es gar nicht daran denken durfte, wie bald die vierzehn Tage zu Ende
+sein würden und es wieder nach dem Buchenrain zurückkehren mußte.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+Es geschieht etwas Unerwartetes.
+
+
+In dem Hause auf der Halde wurde viel vom Schreiner Andres und dem
+Wiseli gesprochen. Jeden Morgen ging die Frau Oberst nachzusehen, wie es
+bei dem Kranken stehe, und jedesmal brachte sie wieder einen
+erfreulicheren Bericht nach Hause. Das brachte alle zusammen in die
+freudigste Stimmung, und Otto und Miezchen machten einen Plan, wie ein
+großes Genesungsfest müßte gefeiert werden in des Schreiners Andres
+Stube, aber noch solange Wiseli da war; das sollte eine Hauptfreude und
+für Andres und Wiseli eine große Überraschung werden. Es mußte aber noch
+ein Fest gefeiert werden vorher, denn heute war des Vaters Geburtstag,
+und schon am frühen Morgen hatten allerlei von Otto und Miezchen
+erfundene Feierlichkeiten stattgefunden, doch der Hauptmoment des Tages
+war jetzt gekommen, da es zur Mittagstafel ging. Ganz feierlich hatten
+Otto und Miezchen sich schon hingesetzt in großer Erwartung aller der
+Dinge, die da kommen sollten. Nun erschienen auch Vater und Mutter, und
+das frohe Mahl nahm seinen Anfang. Nachdem das erste Gericht
+vergnüglich verzehrt worden war, erschien eine zugedeckte Schüssel; das
+war entschieden das Geburtstagsgericht. Der Deckel wurde aufgehoben, und
+ein prächtiger Blumenkohl stand da, so frisch, als hätte man ihn eben im
+Garten geholt.
+
+»Das ist ja eine prächtige Blume«, sagte der Vater, »die muß man loben.
+Aber eigentlich«, fuhr er etwas enttäuscht fort, »suchte ich etwas
+anderes unter dem Deckel, Artischocken suchte ich; kann man die nicht
+auch finden irgendwo, wie Blumenkohl? Du weißt, liebe Marie, ich schaue
+an gedeckten Tischen nach keinem anderen Gerichte so aus, wie nach
+Artischocken.«
+
+Mit einem Male schrie das Miezchen auf:
+
+»Eben! Eben! Geradeso hat er mir gerufen zweimal, furchtbar, und _so_
+hat er den Stecken aufgehoben und _so_« -- und Miezchen fuhr ganz
+aufgeregt mit ihren Armen in der Luft herum --, aber urplötzlich schwieg
+sie und fuhr schnell herunter mit ihren Armen bis unter den Tisch und
+war ganz blutrot geworden, und ihr gegenüber saß Otto mit zornigen Augen
+und schoß flammende Blicke zu Miezchen hinüber.
+
+»Was ist das für eine seltsame Verherrlichung meines Geburtstages?«
+fragte der Vater mit Staunen. Ȇber den Tisch hin schreit meine Tochter,
+als wollte man sie umbringen, und unter dem Tisch durch versetzt mir
+mein Sohn so entsetzliche Stiefelstöße, daß ich blaue Flecken bekomme.
+Ich möchte wissen, Otto, wo du diese angenehme Unterhaltung gelernt
+hast.«
+
+Jetzt war die Reihe an Otto, feuerrot zu werden bis unter die Haare
+hinauf. Er hatte dem Miezchen unter dem Tisch durch einige deutliche
+Mahnungen geben wollen, daß es schweigen solle, hatte aber den unrechten
+Platz getroffen und mit seinem Stiefel des Vaters Bein in erstaunlicher
+Weise bearbeitet. Das hatte Otto nun entdeckt; er durfte nicht mehr
+aufschauen.
+
+»Nun Miezchen«, fing der Vater wieder an, »was ist denn aus deiner
+Räubergeschichte geworden, du kamst ja gar nicht zu Ende. Also
+'Artischocke' hat der furchtbare Mann dich genannt und den Stecken
+erhoben und dann?«
+
+»Dann, dann«, stotterte Miezchen kleinlaut -- denn es hatte begriffen,
+daß es auf einmal alles verraten hatte, und daß der Otto den Zuckerhahn
+zurückfordern würde --, »dann hat er mich doch nicht totgeschlagen.«
+
+»So, das war eine Artigkeit von ihm«, lachte der Vater, »und dann
+weiter?«
+
+»Dann weiter gar nichts mehr«, wimmerte Miezchen.
+
+»So, so, die Geschichte nimmt also ein fröhliches Ende. Der Stecken
+bleibt in der Luft, und Miezchen geht als kleine Artischocke nach Hause.
+Jetzt wollen wir gleich anstoßen auf alle wohlgeratenen Artischocken und
+auf des Schreiners Andres Gesundheit!«
+
+Damit hob der Vater sein Glas, und die Tischgesellschaft stimmte ein. Es
+standen aber alle ein wenig still vom Tisch auf, denn in jedem waren
+allerlei schwere Gedanken aufgestiegen, nur der Vater blieb
+unangefochten, setzte sich zu seiner Zeitung und steckte eine Zigarre
+an. Otto schlich ins andere Zimmer hinüber, drückte sich in eine Ecke
+und dachte darüber nach, wie es sein werde, wenn alle anderen wieder im
+Mondschein schlitten würden und er nie mehr dabei sein dürfte, denn er
+wußte, daß die Mutter dies von nun an verbieten würde. Miezchen kroch
+ins Schlafzimmer hinein, kauerte sich neben dem Bett auf das Schemelchen
+nieder, nahm den roten Zuckerhahn auf den Schoß und war sehr traurig,
+daß es ihn zum letzten Male sehen sollte. Die Mutter blieb eine Zeitlang
+stumm und sinnend am Fenster stehen und bewegte Gedanken in ihrem Herzen
+hin und her, die sie immer mehr und aufregender beschäftigen mußten,
+denn jetzt fing sie an, im Zimmer hin und her zu gehen, und plötzlich
+verließ sie es und lief hierhin und dahin, nach dem Miezchen suchend.
+Sie fand es endlich noch hinter seinem Bett auf dem Schemel sitzend, in
+seine traurigen Betrachtungen versunken.
+
+»Miezchen«, sagte die Mutter, »jetzt erzähl mir recht, wo und wann ein
+Mann dir drohte, und was er dir nachgerufen hat.«
+
+Miezchen erzählte, was es wußte, es kam aber nicht viel mehr heraus, als
+es schon gesagt hatte. Nachgerufen hatte ihm der Mann das Wort, das der
+Papa über Tisch gesagt hatte, behauptete es. Die Mutter kehrte in das
+Zimmer zurück, wo der Vater saß, ging gleich zu ihm heran und sagte in
+erregtem Ton:
+
+»Ich muß es dir wirklich sagen, es kommt mir immer wahrscheinlicher
+vor.«
+
+Der Oberst legte seine Zeitung weg und schaute erstaunt seine Frau an.
+
+»Siehst du«, fuhr diese fort, »die Szene am Tisch hat mir mit einem Male
+einen Gedanken erweckt, und je mehr ich ihn verfolge, je fester
+gestaltet er sich vor meinen Augen.«
+
+»Setz dich doch und teil mir ihn mit«, sagte der Oberst, ganz neugierig
+geworden. Seine Frau setzte sich neben ihn hin und fuhr fort:
+
+»Du hast Miezchens Aufregung gesehen, sie war sichtlich erschreckt
+worden von dem Mann, von dem sie sprach, es war nicht Spaß gewesen:
+darum ist es klar, daß er das Kind nicht 'Artischocke' genannt hat. Wird
+er es nicht viel eher 'Aristokratin' oder 'Aristokratenbrut' genannt
+haben? Du weißt, wer uns vorzeiten diesen Titel nachrief, meinem Bruder
+und mir. Diesen Augenblick habe ich von Miezchen gehört, daß der Vorfall
+sich an dem Abend ereignet hatte, da die Kinder im Mondschein auf der
+Schlittbahn waren. An demselben Abend noch wurde Andres halb erschlagen
+gefunden. Seit Jahren war der unheimliche Jörg verschwunden, und im
+ersten Augenblick, da man wieder Spuren von ihm hat, geschieht die
+Gewalttätigkeit an seinem Bruder, dem kein anderer je etwas zuleide
+getan hat, als er. Macht dir das nicht auch Gedanken?«
+
+»Wahrhaftig, da könnte was dran sein«, entgegnete der Oberst
+nachdenklich; »da muß ich sofort handeln.«
+
+Er stand auf, rief nach seinem Knecht, und wenige Minuten nachher fuhr
+er im scharfen Trab zur Stadt hinunter. Von da an fuhr der Oberst jeden
+Tag einmal nach der Stadt, um zu hören, ob Berichte eingegangen seien.
+Am vierten Tage, als er nach Hause kam am Abend und seine Frau noch an
+Miezchens Bett verweilte, ließ er sie schnell rufen, denn er hatte ihr
+Wichtiges zu erzählen. Sie setzten sich dann zusammen, und der Oberst
+teilte seiner Frau mit, was er in der Stadt vernommen hatte. Auf seine
+Aussagen hin hatte die Polizei sogleich heimlich nach dem Jörg gesucht,
+und er war ohne große Mühe gefunden worden, denn er war ganz sicher, daß
+kein Mensch ihn gesehen hatte, da er nur des Nachts in sein Dorf
+gekommen und gleich wieder verschwunden war. So war er zunächst nur
+nach der Stadt hinuntergegangen und hatte sich in den Wirtshäusern
+herumgetrieben. Als er nun festgenommen und verhört wurde, leugnete er
+zuerst alles; als er aber hörte, der Oberst Ritter habe schlagende
+Beweise gegen ihn vorzubringen, da entfiel ihm der Mut, denn er dachte,
+der Herr Oberst müsse ihn gesehen haben, sonst wäre es unmöglich, daß er
+gerade auf ihn geraten hätte, da er frisch aus neapolitanischen
+Kriegsdiensten zurückgekommen war. Daß ein einziges Wort, das er einem
+kleinen Kinde angeworfen hatte, ihn hatte verraten können, davon hatte
+er keine Ahnung. Er fing dann an, furchtbar auf den Obersten zu
+schimpfen, und sagte, er habe immer gedacht, diese Aristokratenbrut
+werde ihn noch ins Unglück bringen. Im weiteren Verhör gestand er dann,
+er habe seinen Bruder aufsuchen und Geld von ihm entlehnen wollen. Als
+er durch das erleuchtete Fenster ihn erblickte, wie er eben eine gute
+Summe Geld vor sich liegen hatte, da kam ihm der Gedanke, den Andres
+niederzuschlagen und das Geld zu nehmen. Töten habe er ihn nicht
+gewollt, nur ein wenig bewußtlos machen, damit er ihn nicht kenne. Der
+größte Teil der Summe wurde noch bei ihm gefunden; diese wurde ihm
+abgenommen und dann der Jörg in den Turm gesetzt.
+
+Als dieser Vorgang bekannt wurde, gab es eine ungeheure Aufregung im
+ganzen Dorfe, denn eine solche Geschichte war noch gar nicht
+vorgefallen, seit es stand. Besonders in der Schule kam alles aus der
+Ordnung, so stark beteiligten sich alle Schüler an der aufregenden
+Begebenheit. Otto war einige Tage ganz außer Atem, da er beständig
+da- und dorthin zu laufen hatte, wo noch ein näherer Umstand von der
+Sache zu hören war. Am dritten Abend nach der Verbreitung der Nachricht
+kam er aber so nach Hause gestürzt, daß ihn die Mutter ermahnen mußte,
+erst einen Augenblick stillzusitzen, da er vor Atemlosigkeit kein Wort
+hervorbrachte und doch durchaus wieder eine Neuigkeit erzählen wollte.
+Endlich konnte er sie in Worte bringen. Man hatte den Joggi, der bis
+dahin eingesperrt geblieben war, herausholen wollen, aber der arme Tropf
+hatte immerfort seine große Furcht beibehalten, und nun glaubte er, man
+hole ihn zum Köpfen ab, und sperrte sich ganz furchtbar, die Kammer zu
+verlassen. Dann hatten zwei Männer ihn mit aller Gewalt herausgeschleppt,
+er hatte aber so geschrieen und getan, daß alle Leute herbeiliefen, und
+dann hatte er sich noch mehr gefürchtet, und auf einmal, nachdem er
+herausgekommen, war er davongeschossen wie ein Pfeil und in die nächste
+Scheune hinein in den hintersten Winkel des Stalles. Da hockte er ganz
+zusammengeballt mit einem furchtbar erschrockenen Gesicht, und kein
+Mensch konnte ihn von der Stelle bringen. Schon seit gestern hockte er
+so ohne Bewegung, und der Bauer hatte gesagt, wenn er nicht bald
+aufstehe, wolle er ihn mit der Heugabel fortbringen.
+
+»Das ist ja eine ganz traurige Geschichte, Kinder«, sagte die Mutter,
+als Otto fertig erzählt hatte. »Der arme Joggi! Was muß er nun leiden in
+seiner Angst, die ihm niemand wegnehmen kann, da er nicht versteht, was
+man ihm erklären könnte, und der arme, gutmütige Joggi ist ja ganz
+unschuldig. Ach, Kinder, hättet ihr mir doch gleich das ganze Erlebnis
+erzählt, als ihr am Abend von der Schlittbahn kamt; euer Verheimlichen
+hat recht Trauriges zur Folge gehabt. Könnten wir doch den armen
+Menschen trösten und wieder fröhlich machen.«
+
+Das Miezchen war ganz weich geworden. »Ich will ihm den roten Zuckerhahn
+geben«, schluchzte es.
+
+Auch Otto war ein wenig zerknirscht. Er sagte zwar etwas verächtlich:
+»Ja noch gar, einen Zuckerhahn einem erwachsenen Menschen geben! Behalt
+du den nur für dich.« Aber dann bat er die Mutter, ihm und Miezchen zu
+erlauben, dem Joggi etwas zu essen in den Stall zu bringen, er hatte gar
+nichts gehabt, seit er dort kauerte, zwei ganze Tage lang.
+
+Das erlaubte die Mutter gern, und es wurde sogleich ein Korb geholt und
+Wurst und Brot und Käse hineingesteckt. Dann gingen die Kinder den Berg
+hinunter, dem Stalle zu.
+
+Mit einem ganz weißen, erschreckten Gesicht kauerte der Joggi hinten im
+Winkel und rührte sich nicht. Die Kinder kamen ein wenig näher. Otto
+zeigte dem Zusammengekrümmten den offenen Korb und sagte:
+
+»Komm hervor, Joggi, komm, das ist alles für dich zum essen.«
+
+Joggi bewegte sich nicht.
+
+»Komm doch, Joggi«, mahnte Otto weiter, »siehst du, sonst kommt der
+Bauer und sticht dich mit der Heugabel hervor.«
+
+Joggi stieß einen erschreckten Ton aus und krümmte sich noch enger
+zusammen in den Winkel hinein, wie in ein Loch.
+
+Jetzt ging Miezchen vorwärts und kam ganz nahe an den Joggi heran, hielt
+den Mund an sein Ohr und flüsterte hinein: »Komm du nur mit mir, Joggi,
+sie dürfen dich nicht köpfen, der Papa hilft dir schon, und siehst du,
+das Christkindlein hat dir einen roten Zuckerhahn gebracht«; und
+Miezchen nahm ganz heimlich den Zuckerhahn aus seiner Tasche und steckte
+ihn dem Joggi zu.
+
+Diese heimlichen Trostesworte hatten eine wunderbar wirksame Kraft. Der
+Joggi schaute das Miezchen an, ganz ohne Schrecken, dann schaute er auf
+seinen roten Zuckerhahn, und dann fing er an zu lachen, was er seit
+vielen Tagen nicht mehr getan hatte. Dann stand er auf, und nun ging
+Otto voran aus dem Stall heraus, dann kam das Miezchen und ihm folgte
+der Joggi auf dem Fuß. Draußen aber, als Otto dem Joggi sagte: »Das
+kannst du mitnehmen, wir gehen nun heim und du auch, dort hinunter«, --
+da schüttelte Joggi den Kopf und stellte sich hinter das Miezchen. So
+gingen alle drei weiter, der Halde zu, voran der Otto, dann Miezchen,
+dann der Joggi. Die Mutter sah den Zug herankommen, und ihr Herz wurde
+ganz erleichtert, als sie sah, wie der Joggi hinter dem Miezchen
+herschritt, den roten Zuckerhahn in der Hand hielt und immerfort
+vergnüglich lachte. So traten die drei ins Haus und in die Stube, und
+hier holte das Miezchen geschäftig einen Stuhl, nahm den Eßkorb zur Hand
+und winkte dem Joggi, daß er komme. Als er dann am Tische saß, legte es
+alles, was im Korb war, vor ihn hin und sagte beschützend: »Iß du jetzt
+nur, Joggi, und iß du nur alles auf und sei nun ganz fröhlich.« Da
+lachte der Joggi und aß die beiden großen Würste und das ganze Brot und
+das ungeheure Stück Käse ganz fertig und dann noch die Krumen. Den roten
+Zuckerhahn hielt er die ganze Zeit über fest mit seiner linken Hand und
+schaute ihn an von Zeit zu Zeit und lachte unbeschreiblich vergnüglich,
+denn Wurst und Brot hatte er wohl auch schon bekommen, aber einen roten
+Zuckerhahn hatte ihm in seinem ganzen Leben noch nie jemand geschenkt.
+Endlich ging der Joggi die Halde hinunter. Voller Freuden schauten die
+Mutter, Otto und Miezchen ihm nach: er hielt seinen Zuckerhahn bald in
+der einen, bald in der anderen Hand, lachte immerzu und hatte seinen
+Schrecken gänzlich vergessen. --
+
+Seit drei Tagen hatte die Frau Oberst den Schreiner Andres nicht
+besucht. Es hatte sich so vieles ereignet in diesen Tagen, daß sie gar
+nicht begriff, wie die Zeit dahingegangen war; doch konnte sie ja ruhig
+sein, sie wußte, daß der Andres gut verpflegt und besorgt und dazu auf
+dem besten Wege der Genesung war.
+
+Ihr Mann hatte gleich am Morgen nach seiner Rückkehr aus der Stadt den
+Andres besucht, um ihm die Entdeckung und die Festnahme seines Bruders
+selbst mitzuteilen. Andres hatte ganz ruhig zugehört und dann gesagt:
+»Er hat es so haben wollen; es wäre doch besser gewesen, er hätte mich
+um ein wenig Geld gebeten, ich hätte ihm ja schon gegeben; aber er hat
+immer lieber geprügelt, als gute Worte gegeben.«
+
+Jetzt trat die Frau Oberst am sonnigen Wintermorgen aus ihrer Tür und
+stieg fröhlichen Herzens den Berg hinunter, denn sie beschäftigte sich
+in ihrem Innern mit einem Gedanken, der ihr wohlgefiel. Als sie die
+Haustür aufmachte beim Schreiner Andres, kam Wiseli eben aus der Stube
+heraus. Seine Augen waren ganz aufgeschwollen und hochrot vom Weinen. Es
+gab der Frau Oberst nur flüchtig die Hand und schoß scheu in die Küche
+hinein, um sich zu verbergen. So hatte die Frau Oberst das Wiseli noch
+gar nie gesehen. Was konnte da begegnet sein? Sie trat in die Stube ein.
+Da saß am sonnigen Fenster der Andres und sah aus, als sei ein noch nie
+erlebtes Unheil über ihn hereingebrochen.
+
+»Was ist denn hier geschehen?« fragte die Frau Oberst und vergaß im
+Schrecken, »guten Tag« zu sagen.
+
+»Ach, Frau Oberst«, stöhnte Andres, »ich wollte, das Kind wäre nie in
+mein Haus gekommen!«
+
+»Was«, rief sie noch erschrockener aus, »das Wiseli? Kann dieses Kind
+Euch ein Leid angetan haben?«
+
+»Ach, um's Himmels willen, nein, Frau Oberst, so meine ich's nicht«,
+entgegnete Andres in Aufregung; »aber nun ist das Kind bei mir gewesen
+und hat mir ein Leben gemacht in meinem Häuschen, wie im Paradies, und
+jetzt muß ich das Kind wieder hergeben, und alles wird viel öder und
+leerer um mich her sein, als vorher. Ich kann es nicht aushalten; Sie
+können sich gar nicht denken, wie lieb mir das Kind ist; ich kann es
+nicht aushalten, wenn sie mir's wegnehmen. Morgen muß es gehen, der
+Vetter-Götti hat schon zweimal den Buben geschickt; es müsse nun zurück,
+morgen müsse es sein. Und dann ist noch etwas, das mir fast das Herz
+zersprengt: seitdem der Vetter-Götti geschickt hat, ist das Kind ganz
+still geworden und weint heimlich; es will es nicht so zeigen, aber man
+kann's wohl sehen, es macht ihm so schwer, zu gehen, und morgen muß es
+sein. Ich übertreibe nicht, Frau Oberst, aber das kann ich sagen: alles,
+was ich seit dreißig Jahren erspart und erarbeitet habe, gäbe ich seinem
+Vetter-Götti, wenn er mir das Kind ließe.«
+
+Die Frau Oberst hatte den aufgeregten Andres ganz fertig reden lassen;
+jetzt sagte sie ruhig: »Das würde ich nicht tun an Eurer Stelle, ich
+würde es ganz anders machen.«
+
+Andres schaute sie fragend an.
+
+»Seht, Andres, so würde ich es machen: ich würde sagen: 'All' mein
+wohlverdientes Gut will ich jemandem zurücklassen, der mir lieb ist. Ich
+will das Wiseli an Kindes Statt annehmen, ich will sein Vater sein, und
+es soll von Stund an als mein Kind in meinem Hause bleiben.' Würde es
+Euch nicht gefallen so, Andres?«
+
+Der Andres hatte lautlos zugehört und seine Augen waren immer größer
+geworden. Jetzt ergriff er vor Bewegung die Hand der Frau Oberst und
+drückte sie gewaltig zusammen, dann keuchte er hervor:
+
+»Kann man das wirklich machen? Könnte ich das mit dem Wiseli tun, so daß
+ich sagen könnte: das Wiseli ist mein Kind, mein eigenes Kind, und
+niemand hat mehr ein Recht an das Kind, und kein Mensch kann es mir mehr
+nehmen?«
+
+»Das könnt Ihr, Andres«, versicherte die Frau Oberst, »geradeso! Sobald
+das Wiseli Euer Kind ist, hat kein Mensch mehr ein Recht auf das Kind,
+Ihr seid der Vater. Und seht, Andres, weil ich mir gedacht hatte, Ihr
+könntet den Wunsch haben, das Wiseli zu behalten, so habe ich meinen
+Mann gebeten, heute nicht fortzugehen, im Fall Ihr etwa gern gleich nach
+der Stadt in die Kanzlei fahren würdet, daß alles bald festgesetzt
+werde, denn zu Fuß könnt Ihr noch nicht gehen.«
+
+Andres wußte gar nicht, was er tat vor Aufregung und Freude. Er lief
+dahin und dorthin und suchte den Sonntagsrock; dann rief er ein Mal ums
+andere: »Ist es auch sicher wahr? Kann's auch sein?« Dann stand er
+wieder vor die Frau Oberst hin und fragte: »Kann es jetzt sein, gleich
+jetzt, heut' noch?«
+
+»Gleich jetzt«, versicherte sie; doch gab sie nun dem Schreiner Andres
+die Hand zum Abschied, sie mußte gehen und ihrem Manne mitteilen, daß
+Andres schon reisefertig sei.
+
+»Ihr solltet es dem Wiseli erst am Abend sagen, wenn alles gut
+eingeleitet ist und Ihr wieder ruhig daheim seid«, bemerkte die Frau
+Oberst noch unter der Tür; »meint Ihr nicht?«
+
+»Ja, sicher, sicher«, gab Andres zur Antwort; »jetzt könnt' ich's fast
+nicht sagen.«
+
+Als die Tür sich schloß, setzte sich Andres auf seinen Stuhl nieder und
+zitterte an Händen und Füßen so sehr, daß er meinte, er könne nie mehr
+davon aufstehen, so war ihm die Freude und Aufregung in alle Glieder
+gefahren. Es währte aber kaum eine halbe Stunde, da kam schon des
+Obersten Wagen angefahren und hielt still am Gärtchen des Schreiners,
+und zu Wiselis unbeschreiblichem Erstaunen stieg der Knecht von seinem
+Sitz herunter, kam herein, und nach wenigen Minuten sah es, wie er
+wieder herauskam, den Schreiner Andres mit beiden Armen festhielt und
+ihm dann in den Wagen hinein half. Wiseli schaute dem Fuhrwerk nach, als
+bewege sich etwas Unfaßliches vor seinen Augen, denn der Schreiner
+Andres hatte kein Wort mehr zu ihm sagen können, nicht einmal, daß er
+ausfahren werde. So wie er sich niedergesetzt hatte, war er sitzen
+geblieben, bis der Knecht ihn herausholte, und das Wiseli hatte sich
+immer noch verborgen gehalten. Jetzt ging es in die Stube hinein und saß
+ans Fenster, wo sonst der Schreiner Andres saß, und konnte gar nichts
+anderes mehr denken als nur immerzu: »Heute ist der letzte Tag, und
+morgen muß ich zum Vetter-Götti.« Als der Mittag herankam, ging Wiseli
+in die Küche hinaus und machte zurecht, was der Andres essen sollte;
+aber er kam nicht, und es wollte nichts berühren, bis er auch dabei
+war. So ging es wieder hinein, und auf der Stelle stand der traurige
+Gedanke wieder vor ihm und es mußte ihm wieder nachhangen. Aber endlich
+wurde es so müde davon, daß sein Kopf ihm auf die Schulter fiel und es
+fest einschlief; aber noch im Schlaf mußte es immer sagen: »Und morgen
+muß ich zum Vetter-Götti.« Und Wiseli sah nicht, wie leise der helle
+Abendschein in die Stube hineinfiel und einen schönen Tag verkündigte.
+
+Wiseli schoß auf, als jemand die Stubentür öffnete; es war der Schreiner
+Andres. Das Glück leuchtete ihm aus den Augen wie heller Sonnenschein,
+so hatte ihn Wiseli noch nie gesehen. Es schaute verwundert zu ihm auf.
+Jetzt mußte er auf seinen Stuhl sitzen und Atem holen vor Bewegung,
+nicht vor Erschöpfung; dann rief er mit triumphierender Stimme:
+
+»Es ist wahr, Wiseli, es ist alles wirklich wahr! Die Herren haben alle
+'Ja' gesagt. Du gehörst mir, ich bin dein Vater, sag mir einmal
+'Vater'!«
+
+Wiseli war ganz schneeweiß geworden; es stand da und starrte den Andres
+an, aber es sagte kein Wort und bewegte sich nicht.
+
+»Ja so, ja so«, fing Andres wieder an; »du kannst es ja nicht begreifen,
+es kommt mir alles durcheinander vor Freuden; jetzt will ich von vorn
+anfangen. Siehst du, Wiseli, jetzt eben habe ich es in der Kanzlei
+verschrieben: du bist jetzt mein Kind und ich bin dein Vater, und du
+bleibst hier bei mir für immer und gehst nie mehr zurück zum
+Vetter-Götti, hier bist du daheim, hier bei mir.«
+
+Jetzt hatte Wiseli alles begriffen. Auf einmal sprang es auf den Andres
+zu und umfaßte ihn mit beiden Armen und rief: »Vater! Vater!« Der
+Andres brachte kein Wort mehr hervor und das Wiseli auch nicht, denn es
+kam ihm so viel zusammen im Herzen und in den Gedanken, daß es ganz
+überwältigt wurde. Aber mit einem Male war es, als ob ihm ein helles
+Licht aufginge; es schaute den Andres mit leuchtenden Augen an und rief
+frohlockend: »O Vater, jetzt weiß ich alles, wie es zugegangen ist und
+wer dazu geholfen hat.«
+
+»So, so, und wer denn, Wiseli?« fragte er.
+
+»Die Mutter!« war die rasche Antwort.
+
+»Die Mutter?« wiederholte Andres, ein wenig erstaunt, »wie meinst du
+das, Wiseli? wie meinst du das?«
+
+Jetzt erzählte das Kind, wie es die Mutter gesehen hatte, ganz deutlich,
+wie sie es bei der Hand genommen und ihm einen sonnigen Weg gezeigt und
+gesagt hatte: »Sieh, Wiseli, das ist dein Weg.« -- »Und jetzt, Vater«,
+rief Wiseli immer eifriger fort, »jetzt ist mir auf einmal in den Sinn
+gekommen, wie der Weg war, gerade so, wie der draußen im Garten, wenn
+die Sonne darauf scheint und die Nelken so rot glühen und auf der
+anderen Seite die Rosen, und die Mutter hat ihn schon gekannt und hat
+gewiß das ganze Jahr am lieben Gott angehalten, daß ich dürfe auf den
+Weg kommen, sie hat schon gewußt, wie gut ich es bei dir haben würde,
+wie sonst nirgends auf der ganzen Welt. Das glaubst du jetzt auch,
+Vater, daß alles so gegangen ist, nicht wahr, seit du weißt, daß die
+Mutter mir den Weg bei den Nelken gezeigt hat?«
+
+Der gute Andres konnte nichts sagen, die hellen Tränen liefen ihm die
+Wangen hinunter; dabei aber lachte ihm eine solche Freude aus den nassen
+Augen, daß es dem Wiseli nicht bange wurde. Als er aber endlich etwas
+sagen wollte, da hörte man nichts davon, denn in dem Augenblick wurde
+mit einem ungeheuren Knall die Tür aufgeschlagen und herein sprang mit
+einem Satz bis mitten in die Stube der Otto, dann machte er noch einen
+großen Sprung über einen Stuhl weg und rief: »Juhe, wir haben's
+gewonnen, und das Wiseli ist erlöst!« Hinter ihm stürzte das Miezchen
+hervor, rannte gleich auf seinen Freund los und sagte mit
+bedeutungsvollem Winken gegen die Tür hin: »Jetzt, Andres, wirst du
+gleich sehen, was kommt zum Genesungsfest!«, und eh' es noch fertig
+gesprochen, arbeitete der Bäckerjunge sich zur Tür herein mit einem so
+ungeheuren Brett auf dem Kopf, daß er in der Tür stecken blieb und nicht
+damit weiterdringen konnte. Aber von hinten kam eine kräftige Hand, die
+hob und schob und stützte das wankende Gebäude, bis es glücklich in der
+Stube angelangt und auf den Tisch gesetzt war, den es gänzlich bedeckte,
+von oben bis unten. Denn Otto und Miezchen hatten ersonnen, aus ihren
+Sparbüchsen zum Genesungsfest den allergrößten Rahmkuchen machen zu
+lassen, den ein Mensch machen könnte. Da er nun zu klein geworden wäre
+als runder Kuchen, so hatte man ihn viereckig gemacht, so daß er den
+Ofen ausfüllte von vorn bis hinten und nun den ganzen Tisch bedeckte.
+Auf den Boden hin stellte nun die Trine, die hinter dem Bäckerjungen
+hilfreich hereingekommen war, ihren großen Korb nieder; da war ein
+schöner Braten darin und stärkender Wein dazu, denn die Frau Oberst
+hatte gesagt, heute habe der Andres gewiß noch keinen Bissen gegessen,
+und vielleicht noch dazu das Wiseli nicht, und so war es auch, und jetzt
+merkte es auch das Wiseli auf einmal, als es alle die einladenden Sachen
+vor sich sah. Nun setzte sich die ganze Gesellschaft zu Tisch, und man
+konnte gar nicht absehen, wer von allen das fröhlichste Gesicht am
+Tische hatte. Vor allem mußte der Riesenkuchen in der Mitte zerschnitten
+und die Hälfte auf den Boden gelegt werden, daß man Platz bekam, und nun
+folgte ein Festessen von so fröhlicher Art, daß noch gar nie ein
+fröhlicheres stattgefunden hat, denn jedem, das an diesem Tisch saß, war
+sein höchster Wunsch in Erfüllung gegangen.
+
+Wie es nun spät geworden war unter all der Freude und man endlich vom
+Tisch aufstehen mußte -- denn die Trine stand schon lange bereit zum
+Abholen --, da sagte Andres: »Heut' habt ihr das Fest bereitet, aber auf
+den Sonntag will ich auch eins bereiten, dann kommt ihr wieder, und das
+soll das Fest des Einstandes sein für mein Töchterchen.«
+
+Nun schüttelten sich alle die Hände in der frohen Aussicht auf ein neues
+herrliches Fest und auf die immerwährende Befriedigung, das Wiseli beim
+Schreiner Andres zu wissen. Unter der Tür aber gab Wiseli dem Otto noch
+einmal die Hand und sagte:
+
+»Ich danke dir hunderttausendmal für alles Gute, Otto. Der Chäppi hat
+mir auch nie mehr etwas an den Kopf geworfen, weil er nicht durfte; das
+habe ich nur dir zu danken.«
+
+»Und ich danke dir auch, Wiseli«, entgegnete Otto; »ich habe gar nie
+mehr die Fetzen auflesen müssen in der Schule; das habe ich nur dir zu
+danken.«
+
+»Und ich auch«, behauptete Miezchen, denn es wollte nicht weniger
+erfreuliche Erfahrungen gemacht haben.
+
+Als nun in dem Stübchen alles still geworden war und der Mondschein
+leise durchs Fenster hereinkam, bei dem der Schreiner Andres abgesessen
+war, während das Wiseli noch alles aufräumen wollte, da kam es zu ihm
+heran und sagte, indem es seine Hände faltete:
+
+»Vater, soll ich nicht den Liedervers der Mutter dir laut vorbeten? Ich
+hab' ihn heut' Abend immer wieder leise für mich sagen müssen, den will
+ich gewiß mein ganzes Leben lang nie vergessen.«
+
+Andres war sehr zufrieden, den Vers zu hören, und Wiseli schaute zu den
+Sternen auf und sagte tief aus seinem Herzen heraus:
+
+ »Befiehl du deine Wege,
+ Und was dein Herze kränkt,
+ Der allertreu'sten Pflege
+ Des, der den Himmel lenkt.
+
+ Der Wolken, Luft und Winden
+ Gibt Wege, Lauf und Bahn,
+ Der wird auch Wege finden,
+ Da dein Fuß gehen kann.«
+
+ * * * * *
+
+Von diesem Tage an war und blieb das allerglücklichste Haus im ganzen
+Dorf und im ganzen Land das Häuschen des Schreiners Andres mit dem
+sonnigen Nelkengarten. -- Wo seither das Wiseli sich blicken ließ, da
+waren alle Leute so freundlich mit ihm, daß es nur staunen mußte. Denn
+vorher hatten sie es nie beachtet, und der Vetter-Götti und die Base
+gingen nie am Haus vorbei, ohne schnell hereinzukommen und ihm die Hand
+zu geben und zu sagen, es solle auch zu ihnen kommen.
+
+Über diese Wendung war das Wiseli froh, denn es hatte immer einen
+heimlichen Schrecken gehabt beim Gedanken, was der Vetter-Götti zu allem
+sagen werde. So war Wiseli von aller Angst befreit und ging fröhlich
+seinen Weg; im stillen aber dachte es oftmals: »Der Otto und die
+Seinigen waren gut mit mir, als es mir schlecht ging und ich gar niemand
+mehr auf der Welt hatte; aber die anderen Leute sind erst freundlich mit
+mir geworden, seit es mir gut geht und ich einen Vater habe; ich weiß
+ganz gut, wer es am besten mit mir meint.«
+
+
+Druck von Friedrich Andreas Perthes, Aktiengesellschaft, Gotha.
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Diese elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der ca. 1920 erschienenen siebzehnten Auflage erstellt; das
+Buch bildet den ersten Band der Serie »Geschichten für Kinder und auch
+für solche, welche die Kinder lieb haben« von Johanna Spyri. Die
+nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller im elektronischem
+Buch gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+S. 025: sa daß es Rico ein Mal über das andere -> so daß
+S. 028: in den Korpf gesetzt -> Kopf
+S. 070: schanten zwei große Augen -> schauten
+S. 073: [Punkt ergänzt] wollten mit ihrem Lied beginnen.
+S. 152: [öffnendes Anführungszeichen ergänzt] »Ach nein, Max«
+S. 165: [öffnendes Anführungszeichen ergänzt] »und dann möchte ich
+S. 199: kein Wort sagen zn wollen -> zu
+S. 232: denn ich dem Augenblick -> in dem Augenblick
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the scans of a
+seventeenth edition copy, published ca. 1920; the book forms the first
+volume of the series »Geschichten für Kinder und auch für solche, welche
+die Kinder lieb haben« by Johanna Spyri. The table below lists all
+corrections applied to the original text.
+
+p. 025: sa daß es Rico ein Mal über das andere -> so daß
+p. 028: in den Korpf gesetzt -> Kopf
+p. 070: schanten zwei große Augen -> schauten
+p. 073: [added period] wollten mit ihrem Lied beginnen.
+p. 152: [added opening quotes] »Ach nein, Max«
+p. 165: [added quotes] Kartoffeln abreißend, »und dann möchte ich
+p. 199: kein Wort sagen zn wollen -> zu
+p. 232: denn ich dem Augenblick -> in dem Augenblick
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Heimatlos, by Johanna Spyri
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HEIMATLOS ***
+
+***** This file should be named 20780-8.txt or 20780-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/0/7/8/20780/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This file is
+gratefully uploaded to the PG collection in honor of
+Distributed Proofreaders having posted over 10,000 ebooks.
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
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+Title: Heimatlos
+ Geschichten für Kinder und auch für solche, welche die
+ Kinder lieb haben, 1. Band
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+Author: Johanna Spyri
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+Release Date: March 8, 2007 [EBook #20780]
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HEIMATLOS ***
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+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
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+gratefully uploaded to the PG collection in honor of
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+</pre>
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+<p class="figcenter"><a href="images/cover.jpg"><img src="images/cover_th.jpg"
+alt="Heimatlos cover"
+title="Heimatlos cover" /></a></p>
+
+<div class="titlepage">
+
+<!--
+<h1>Geschichten f&uuml;r Kinder<br />
+<span style="font-size: large">und</span><br />
+<span style="font-size: x-large; letter-spacing: 0.1ex;">auch f&uuml;r solche, welche die Kinder lieb haben.</span></h1>
+
+
+<p class="center" style="margin-top: 2em; margin-bottom: 0em;">Von</p>
+
+<h3>Johanna Spyri.</h3>
+
+
+<h4><em class="gesperrt">1. Band.</em></h4>
+
+<h4 style="margin-top: 1em"><em class="gesperrt">Heimatlos.</em></h4>
+
+<p style="margin-top: 3em;" class="figcenter"><a href="images/logo.jpg"><img src="images/logo_th.jpg"
+alt="Logo: Erst wieg's, dann wag's."
+title="Logo: Erst wieg's, dann wag's." /></a></p>
+
+<h4>Gotha.</h4>
+<h5><em class="gesperrt">Friedrich Andreas Perthes</em> A.-G.</h5>
+<hr class="shortline" />
+-->
+
+
+<h1><em class="gesperrt">Heimatlos.</em></h1>
+
+<h2>Zwei Geschichten f&uuml;r Kinder<br />
+<span style="font-size: medium">und</span><br />
+<span style="font-size: large; letter-spacing: 0.1ex;">auch f&uuml;r solche, welche die Kinder lieb haben.</span></h2>
+
+
+<p class="center" style="margin-top: 2em">Von</p>
+
+<h3>Johanna Spyri.</h3>
+
+
+<h4>Siebzehnte Auflage.</h4>
+
+<h5 style="margin-top: 1.5em;"><em class="gesperrt">Mit vier Bildern.</em></h5>
+
+
+<p style="margin-top: 2em;" class="figcenter"><a href="images/logo.jpg"><img src="images/logo_th.jpg"
+alt="Logo: Erst wieg's, dann wag's."
+title="Logo: Erst wieg's, dann wag's." /></a></p>
+
+
+<h4>Gotha.</h4>
+<h5><em class="gesperrt">Friedrich Andreas Perthes</em> A.-G.</h5>
+<hr class="shortline" />
+
+
+<p class="copyright">Alle Rechte vorbehalten.</p>
+
+
+<table class="toc">
+<caption>Inhalt.</caption>
+<tr><td></td><td class="onpage">Seite</td></tr>
+<tr><td><a href="#Am_Silser-_und_am_Gardasee">Am Silser- und am Gardasee</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_1">1</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Wie_Wiselis_Weg_gefunden_wird">Wie Wiselis Weg gefunden wird</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_129">129</a></td></tr>
+</table>
+
+
+<hr class="newsection" />
+</div>
+
+<div class="textbody">
+<h1><span class="pagenum"><a name="Page_1" id="Page_1">[1]</a></span>
+<a name="Am_Silser-_und_am_Gardasee" id="Am_Silser-_und_am_Gardasee"></a>Am Silser- und am Gardasee.</h1>
+<hr class="newstory" />
+
+<p style="margin-top: 5em;" class="figcenter">
+<span class="pagenum"><a name="Page_2" id="Page_2">[2]</a></span>
+<a href="images/frontispiece.jpg"><img src="images/frontispiece_th.jpg"
+alt="frontispiece"
+title="frontispiece" /></a></p>
+
+
+
+<p style="margin-top: 5em;" class="figcenter">
+<span class="pagenum"><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span>
+<a href="images/illu_001.jpg"><img src="images/illu_001_th.jpg"
+alt="Das B&uuml;blein schaute mit den gro&szlig;en, dunklen Augen lange hinaus dem Vater nach"
+title="Das B&uuml;blein schaute mit den gro&szlig;en, dunklen Augen lange hinaus dem Vater nach" /></a></p>
+
+<h2>Erstes Kapitel.</h2>
+
+<h3>Im stillen Hause.</h3>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+<p>Im Ober-Engadin, an der Stra&szlig;e gegen den Maloja
+hinauf, liegt ein einsames D&ouml;rfchen, das hei&szlig;t Sils. Da
+geht man von der Stra&szlig;e querfeldein, und hinten, ganz
+nahe an den Bergen, liegt ein kleiner Ort, der hei&szlig;t Sils-Maria.
+Da standen zwei H&auml;uschen einander gegen&uuml;ber,
+ein wenig abseits im Felde. Die hatten beide uralte h&ouml;lzerne
+Haust&uuml;ren und ganz kleine Fenster tief in der Mauer
+drinnen. Beim einen Haus war ein kleines St&uuml;ck Garten,
+da wuchs Kraut und Kohl und es standen auch vier Blumenst&ouml;cke
+darin, die sahen aber mager aus und aufgeschossen
+wie das Kraut. Beim anderen H&auml;uschen war gar nichts als
+ein kleiner Stall neben der T&uuml;r; da krochen zwei H&uuml;hner
+aus und ein. Dies H&auml;uschen war noch ziemlich kleiner als
+das andere, und die h&ouml;lzerne T&uuml;r war schwarz vor Alter.</p>
+
+<p>Aus dieser T&uuml;r trat jeden Morgen um dieselbe Zeit
+ein gro&szlig;er Mann, der mu&szlig;te sich b&uuml;cken, um hinauszukommen.<span class="pagenum"><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span>
+Der gro&szlig;e Mann hatte ganz gl&auml;nzend schwarze
+Haare und schwarze Augen, und unter der sch&ouml;n geformten
+Nase fing gleich ein so dichter, schwarzer Bart an, da&szlig;
+man vom &uuml;brigen Gesichte nichts mehr sah als die wei&szlig;en
+Z&auml;hne, die zwischen den Barthaaren durchblitzten, wenn der
+Mann einmal sprach; aber er sprach sehr wenig. Alle
+Leute in Sils kannten den Mann, aber niemand nannte
+ihn bei einem Namen, er hie&szlig; bei allen nur &raquo;der Italiener&laquo;.
+Er ging regelm&auml;&szlig;ig den schmalen Weg quer&uuml;ber
+gegen Sils hin und den Maloja hinauf. Dort wurde viel
+an der Stra&szlig;e gebaut, und da hatte der Italiener seine
+Arbeit. Ging er aber nicht den Weg hinauf, so ging er
+hinunter, dem Bade St. Moritz zu; dort baute man H&auml;user,
+und er fand auch seine Arbeit. Da blieb er den Tag &uuml;ber
+und kehrte erst am Abend wieder ins H&auml;uschen zur&uuml;ck.
+Gew&ouml;hnlich, wenn er am Morgen aus der T&uuml;r trat, stand
+hinter ihm ein B&uuml;blein; das stellte sich auf die T&uuml;rschwelle,
+wenn der Vater drau&szlig;en war, und schaute mit den gro&szlig;en,
+dunklen Augen lange hinaus dem Vater nach, oder sonst
+wohin, man h&auml;tte nicht sagen k&ouml;nnen, wohin, denn es war,
+als ob die dunklen Augen &uuml;ber alles wegschauten, was vor
+ihnen lag, und auf etwas hin, das niemand sehen konnte.</p>
+
+<p>Am Sonntagnachmittag, wenn die Sonne schien, dann
+traten die beiden auch manchmal miteinander aus dem
+H&auml;uschen und gingen nebeneinander her die Stra&szlig;e hinauf.
+Und wenn man sie so ansah, so sah man ganz dasselbe
+vor sich in den zwei Gestalten, nur bei dem B&uuml;blein
+alles im kleinen, aber es war ganz wie vom Vater abgeschnitten,
+bis auf den schwarzen Bart, den hatte es nicht,
+sondern ein schmales, bleiches Gesichtchen war da zu sehen,
+mit dem sch&ouml;ngeformten N&auml;schen in der Mitte, und um den<span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span>
+Mund herum lag etwas Trauriges, wie wenn er nicht
+lachen m&ouml;chte. Das konnte man beim Vater nicht sehen
+vor dem Bart.</p>
+
+<p>Wenn nun die beiden so nebeneinander hergingen,
+dann sagte keiner ein Wort zu dem anderen; meistens
+summte der Vater leise ein Lied, manchmal auch lauter,
+und das B&uuml;blein h&ouml;rte zu. Wenn es aber regnete am
+Sonntag, dann sa&szlig; der Vater daheim im H&auml;uschen auf
+der Bank am Fenster, und das B&uuml;blein sa&szlig; neben ihm,
+und sie sagten wieder nichts zueinander. Aber der Vater
+zog eine Mundharmonika hervor und spielte eine Melodie
+nach der anderen, und das B&uuml;blein h&ouml;rte aufmerksam zu.
+Manchmal nahm er auch einen Kamm oder ein Baumblatt
+und lockte Melodien daraus hervor, oder er schnitt ein
+St&uuml;ck Holz zurecht und pfiff darauf ein Lied. Es war,
+als g&auml;be es keinen Gegenstand, dem er nicht Musik entlocken
+k&ouml;nnte. Aber einmal hatte er eine Geige mit nach
+Hause gebracht, die hatte das B&uuml;blein so entz&uuml;ckt, da&szlig; es sie
+nie wieder vergessen konnte. Der Vater hatte viele Lieder
+und Melodien darauf gespielt und das B&uuml;blein unverwandt
+zugeschaut, nicht nur zugeh&ouml;rt; und wie der Vater die Geige
+weggelegt hatte, da hatte sie das B&uuml;blein leise genommen
+und probiert, wie man die Melodien herausbringe. Und
+es mu&szlig;te es so gar schlecht nicht gemacht haben, denn der
+Vater hatte gel&auml;chelt und gesagt: &raquo;So komm!&laquo; und hatte
+seine gro&szlig;en Finger auf die kleinen gelegt mit der linken
+Hand, und mit der rechten die Hand des B&uuml;bleins mitsamt
+dem Bogen in die seinige genommen, und so hatten
+sie eine gute Zeitlang fortgegeigt allerlei Melodien.</p>
+
+<p>Die folgenden Tage, wenn der Vater fort war, hatte
+das B&uuml;blein fort und fort probiert und gegeigt, bis es<span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span>
+eine Melodie herausgebracht hatte; aber da war auf einmal
+die Geige wieder verschwunden und kam nie wieder zum
+Vorschein. Zuweilen, wenn sie so zusammensa&szlig;en, fing
+der Vater auch an zu singen, erst nur leise und dann
+immer deutlicher, wenn er einmal daran war. Dann sang
+das B&uuml;blein auch mit, und wenn es die Worte nicht recht
+mitsingen konnte, so sang es doch die T&ouml;ne; denn der
+Vater sang immer italienisch, und es verstand vieles, aber
+es war ihm nicht so recht bekannt und gel&auml;ufig zum Singen.
+Da aber war eine Melodie, die konnte es besser als alle
+anderen, denn der Vater hatte sie vielhundertmal gesungen.</p>
+
+<p>Sie geh&ouml;rte zu einem langen Lied, das fing so an:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<em class="antiqua">
+<span class="i0">&raquo;Una sera<br /></span>
+<span class="i0">In Peschiera&laquo;&nbsp;&#8211;<br /></span>
+</em>
+</div></div>
+
+<p>Es war eine ganz wehm&uuml;tige Melodie, die einer zu der
+kurzweiligen Romanze gemacht hatte, und sie gefiel dem
+B&uuml;blein besonders wohl, so da&szlig; es sie immer mit Freuden
+und ganz and&auml;chtig absang, und es t&ouml;nte gut, denn das
+B&uuml;blein hatte eine helle, glockenreine Stimme, die flo&szlig; so
+sch&ouml;n mit des Vaters kr&auml;ftigem Ba&szlig; zusammen. Auch
+jedesmal, wenn dieses Lied zu Ende gesungen war, klopfte
+der Vater den Kleinen freundlich auf die Schulter und
+sagte: <em class="antiqua">&raquo;Bene, <em class="gesperrt">Encrico,</em> va bene.&laquo;</em> So nannte aber nur
+der Vater den Knaben, bei allen anderen Leuten hie&szlig; er
+nur &raquo;Rico&laquo;. Da war auch noch eine Base, die mit in
+dem H&auml;uschen wohnte, die flickte und kochte und alles in
+Ordnung hielt. Im Winter sa&szlig; sie am Ofen und spann,
+da mu&szlig;te Rico immer nachdenken, wie er seine G&auml;nge einrichten
+k&ouml;nne, denn sobald er die T&uuml;r aufmachte, sagte
+die Base: &raquo;La&szlig; doch einmal diese T&uuml;r in Ruh&#8217;, es wird<span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span>
+ja ganz kalt in der Stube.&laquo; Er war dann oft lange allein
+mit der Base. Der Vater hatte in der Zeit irgendwo unten
+im Tale Arbeit und blieb viele Wochen lang fort.</p>
+
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<h2>Zweites Kapitel.</h2>
+
+<h3>In der Schule.</h3>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+<p>Rico war bald neun Jahre alt und hatte schon zwei
+Winter hindurch die Schule besucht, denn im Sommer gab
+es da droben in den Bergen keine Schule; da hatte der
+Lehrer seinen Acker zu bebauen und zu grasen und zu
+hauen wie alle anderen Leute, zur Schule hatte dann niemand
+Zeit. Das tat aber dem Rico nicht besonders leid,
+er wu&szlig;te sich schon zu unterhalten. Wenn er sich am Morgen
+dort auf die Schwelle gestellt hatte, so blieb er stehen,
+schaute hinaus mit tr&auml;umenden Augen und bewegte sich
+nicht, und so konnte er stundenlang stehen, wenn nicht
+dr&uuml;ben am anderen H&auml;uschen die T&uuml;re aufging und ein
+kleines M&auml;dchen herauskam und lachend zu ihm her&uuml;berschaute;
+dann lief Rico schnell hin&uuml;ber, und die Kinder
+hatten sich schon wieder viel zu sagen seit gestern Abend,
+wo sie sich zuletzt gesehen hatten, ehe Stineli ins Haus gerufen
+wurde. Stineli hie&szlig; das M&auml;dchen und war gerade
+so alt wie Rico; sie hatten miteinander angefangen in die
+Schule zu gehen und waren in derselben Klasse, und schon
+von jeher waren sie immer beieinander gewesen, denn es
+war ja nur ein schmaler Weg zwischen ihren Wohnungen
+und sie waren die allerbesten Freunde.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span>Rico hatte auch nur diese einzige Freundschaft, denn
+mit den Buben ringsherum hatte er keine Freude, und wenn
+sie sich pr&uuml;gelten und auf dem Boden herumwarfen und
+sich auf die K&ouml;pfe stellten, dann ging er davon und schaute
+nicht einmal zur&uuml;ck. Wenn sie aber riefen: &raquo;Jetzt wollen
+wir einmal den Rico abpr&uuml;geln&laquo;, dann stand er still und
+stellte sich geradeauf hin und machte gar nichts; aber er
+schaute sie mit den dunkeln Augen so merkw&uuml;rdig an, da&szlig;
+ihn keiner packte.</p>
+
+<p>Aber beim Stineli war&#8217;s ihm wohl zumute. Es hatte
+ein lustiges Stumpfn&auml;schen und dar&uuml;ber zwei braune Augen,
+die lachten immerfort, und um den Kopf hatte es zwei
+dicke, braune Z&ouml;pfe gebunden, die sahen sehr sauber aus,
+denn das Stineli war ein ordentliches M&auml;dchen und wu&szlig;te
+sich zu helfen; es war auch in einer guten Schule Tag
+f&uuml;r Tag. Stineli war wohl kaum neun Jahre alt, aber
+es war die &auml;lteste Tochter und mu&szlig;te der Mutter &uuml;berall
+helfen, und da war viel zu tun. Denn nach dem Stineli
+kamen noch: das Trudi und der Sami und der Peterli,
+und das Urschli und das Anne-Deteli und der Kunzli, und
+dann noch das Ungetaufte. Immerfort rief man nach dem
+Stineli aus allen Ecken, und es war dabei so flink geworden,
+da&szlig; ihm alles aus der Hand lief wie von selbst.
+Den Kleinen hatte es immer schon drei Str&uuml;mpfe und
+zwei Schuhe angezogen und festgebunden, eh&#8217; das Trudi
+dem einen, dem es helfen sollte, nur die Beine dazu in die
+rechte Stellung gebracht hatte. Und wenn in der Stube
+die kleinen Kinder und in der K&uuml;che die Mutter miteinander
+dem Stineli riefen, dann rief der Vater noch aus dem
+Stall her&uuml;ber, er hatte dort die Kappe verlegt oder die
+Peitsche war verkn&uuml;pft, und das Stineli mu&szlig;te ihm helfen,<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span>
+denn es fand die Kappe immer gleich, sie war meistens auf
+dem Futterkasten, und seine gelenkigen Finger brachten die
+Peitschenschnur gleich auseinander. So war das Stineli
+immerfort im Laufen und am Arbeiten, aber es war ganz
+lustig und munter dabei, und im Winter war es froh &uuml;ber
+die Schule, denn dann wanderte es dahin und wieder heim
+mit dem Rico, und in der Pause gingen sie auch zusammen.
+Und im Sommer war es wieder froh, da gab es sch&ouml;ne
+Sonntagabende, da es hinaus durfte; dann zog es aus
+mit dem Rico, der schon lange dr&uuml;ben unter der T&uuml;r gewartet
+hatte, und sie liefen Hand in Hand &uuml;ber die gro&szlig;e
+Wiese hin nach der bewaldeten Anh&ouml;he dr&uuml;ben, die weit in
+den See hinausgeht wie eine Insel. Dort oben sa&szlig;en sie
+unter den Tannen und schauten in den gr&uuml;nen See hinunter
+und hatten einander so viel zu erz&auml;hlen und zu fragen, und
+es war ihnen so wohl, da&szlig; das Stineli sich die ganze
+Woche und durch alles durch freute, denn es wurde immer
+wieder Sonntag.</p>
+
+<p>In dem H&auml;uschen aber war noch jemand, der dann
+und wann nach dem Stineli rief, das war die alte
+Gro&szlig;mutter. Die rief aber nicht, damit es ihr noch
+helfe, sondern sie hatte ihm etwa einen Blutzger zu geben,
+der ihr in die Hand kam, oder sonst etwas, denn Stineli
+war ihr Liebling und sie sah es mehr als sonst irgend
+jemand, wie viel das Stineli schon tun mu&szlig;te f&uuml;r sein
+Alter, mehr als die meisten Kinder. Darum gab sie
+ihm gern etwas, da&szlig; es auch wie andere Kinder am
+Jahrmarkt etwas kaufen k&ouml;nne, etwa ein rotes B&auml;ndeli
+oder ein Nadelb&uuml;chsli. Die Gro&szlig;mutter war auch
+gegen Rico sehr gut und sah die Kinder gern beisammen
+und tat auch manchmal etwas f&uuml;r das Stineli,<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span>
+da&szlig; es mit dem Rico noch ein wenig drau&szlig;en bleiben
+durfte.</p>
+
+<p>An den Sommerabenden sa&szlig; sie immer vor dem H&auml;uschen
+auf dem Holzstumpf, der da lag; und oft standen
+Stineli und Rico bei ihr und sie erz&auml;hlte ihnen etwas.
+Wenn dann die Betglocke zu l&auml;uten anfing vom T&uuml;rmchen,
+so sagte sie: &raquo;Jetzt m&uuml;&szlig;t ihr jedes ein Vaterunser beten,
+und das d&uuml;rft ihr nie vergessen, da&szlig; man am Abend sein
+Vaterunser beten mu&szlig;; dazu l&auml;utet die Betglocke.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und seht, Kinder&laquo;, sagte die Gro&szlig;mutter von Zeit zu
+Zeit einmal wieder, &raquo;ich habe schon lange gelebt und viel
+gesehen, und ich kenne nicht einen, der nicht einmal in seinem
+Leben sein Vaterunser n&ouml;tig gehabt h&auml;tte, aber manchen,
+der es mit Angst gesucht und nicht mehr gefunden hat,
+wenn die Not da war.&laquo; Dann standen Stineli und Rico
+ganz and&auml;chtig da und jedes betete ein Vaterunser.</p>
+
+<p>Jetzt war es Mai und eine kleine Zeit mu&szlig;te die Schule
+noch dauern, lange konnte es nicht mehr sein, denn es gr&uuml;nte
+unter den B&auml;umen und gro&szlig;e Strecken waren ganz frei
+von Schnee. Rico stand schon unter der T&uuml;r seit einer
+guten Weile und stellte diese Betrachtungen an. Dabei
+schaute er immer wieder nach der T&uuml;r dr&uuml;ben, ob sie
+noch nicht aufgehen wollte. Jetzt ging sie auf und Stineli
+kam herausgesprungen.</p>
+
+<p>&raquo;Bist du schon lang dagestanden? Hast du wieder
+gestaunt, Rico?&laquo; rief es lachend. &raquo;Siehst du, heut&#8217; ist
+es noch fr&uuml;h, wir k&ouml;nnen langsam gehen.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt nahmen sie einander bei der Hand und wanderten
+der Schule zu.</p>
+
+<p>&raquo;Denkst du immer noch an den See?&laquo; fragte Stineli
+im Gehen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span>&raquo;Ja gewi&szlig;&laquo;, versicherte Rico mit ernstem Gesicht,
+&raquo;und manchmal tr&auml;umt es mir auch davon und ich sehe
+so gro&szlig;e, rote Blumen daran und dr&uuml;ben die violetten
+Berge.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, das gilt nicht, was es einem tr&auml;umt&laquo;, sagte
+Stineli lebhaft; &raquo;es hat mir auch einmal getr&auml;umt, der
+Peterli kletterte ganz allein auf die allerh&ouml;chste Tanne
+hinauf, und wie er auf dem obersten Zweiglein sa&szlig;, da
+war&#8217;s nur noch ein Vogel, und er rief herunter: &#8250;Stineli,
+zieh mir die Str&uuml;mpf&#8217; an.&#8249; Jetzt siehst du doch, da&szlig; das
+nichts sein kann.&laquo;</p>
+
+<p>Rico mu&szlig;te stark nachdenken, wie das sei, denn sein
+Traum konnte doch sein und war nur wie etwas, das
+ihm wieder in den Sinn kam. Aber jetzt waren sie nahe
+beim Schulhaus angelangt und ein ganzer Trupp Kinder
+l&auml;rmte von der anderen Seite daher. Sie traten alle miteinander
+ein, und bald nachher kam auch der Lehrer. Der
+war ein alter Mann mit d&uuml;nnen, grauen Haaren, denn
+er war schon undenklich lang Lehrer gewesen, so da&szlig; ihm
+dar&uuml;ber die Haare grau geworden und ausgefallen waren.
+Es ging nun an ein strenges Buchstabieren und Syllabieren,
+dann kam das Einmaleins an die Reihe und zuletzt kam
+der Gesang. Da holte der Lehrer seine alte Geige hervor
+und stimmte sie, und nun ging es an und alle sangen
+aus voller Kehle:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i1">&raquo;Ihr Sch&auml;flein hinunter<br /></span>
+<span class="i0">Von sonniger H&ouml;h&#8217;&laquo;,<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>und der Lehrer geigte dazu.</p>
+
+<p>Nun schaute aber der Rico so gespannt auf die Geige
+und des Lehrers Finger, wie dieser die Saiten griff, da&szlig;
+Rico dar&uuml;ber ganz das Singen verga&szlig; und keinen Ton<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span>
+mehr von sich gab. Jetzt fiel mit einem Male die ganze
+S&auml;ngerherde einen halben Ton hinunter, da wurde die
+Geige auch unsicher und fiel nach, und die S&auml;nger fielen
+noch tiefer, und man kann gar nicht wissen, wie tief hinunter
+alles miteinander gefallen w&auml;re, &#8211; aber jetzt warf
+der Lehrer die Geige auf den Tisch und rief erz&uuml;rnt:
+&raquo;Was ist das f&uuml;r ein Gesang! Ihr unvern&uuml;nftigen Schreier!
+Wenn ich doch wissen k&ouml;nnte, wer mir so falsch singt und
+einen ganzen Gesang verdirbt!&laquo;</p>
+
+<p>Da sagte ein kleiner Bube, der neben Rico sa&szlig;: &raquo;Ich
+wei&szlig; schon, warum es so gegangen ist; allemal geht es
+so, wenn der Rico aufh&ouml;rt zu singen.&laquo;</p>
+
+<p>Dem Lehrer war es selbst nicht so ganz unbekannt, da&szlig;
+die Geige am sichersten ging, wenn Rico fest mitsang.</p>
+
+<p>&raquo;Rico, Rico, was mu&szlig; ich h&ouml;ren&laquo;, sagte er ernsthaft,
+zu diesem gewandt. &raquo;Du bist sonst ein ordentliches B&uuml;blein,
+aber Unachtsamkeit ist ein gro&szlig;er Fehler, das hast du
+jetzt gesehen. Ein einziger unachtsamer Sch&uuml;ler kann einen
+ganzen Gesang verderben. Jetzt wollen wir noch einmal
+anfangen, und da&szlig; du aufpassest, Rico!&laquo;</p>
+
+<p>Nun setzte Rico mit fester, klarer Stimme ein, und die
+Geige folgte nach, und alle Kinder sangen aus allen Kr&auml;ften
+mit, so da&szlig; es ganz herrlich anzuh&ouml;ren war bis zum
+Schlu&szlig;. Da war der Lehrer sehr zufrieden und rieb sich
+die H&auml;nde und tat noch ein paar feste Striche auf der
+Geige und sagte vergn&uuml;glich: &raquo;Es ist auch ein Instrument
+danach.&laquo;</p>
+
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span>Drittes Kapitel.</h2>
+
+<h3>Des alten Schullehrers Geige.</h3>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+<p>Vor der T&uuml;r hatten sich Stineli und Rico bald aus
+dem Rudel herausgemacht und zogen zusammen ihren
+Weg.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du vor lauter Staunen nicht mehr mitgesungen,
+Rico?&laquo; fragte jetzt Stineli. &raquo;Ist dir etwa auf einmal
+der See in den Sinn gekommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, etwas anderes&laquo;, sagte Rico; &raquo;ich wei&szlig; jetzt,
+wie man spielt: &#8250;Ihr Sch&auml;flein hinunter&#8249;. Wenn ich nur
+eine Geige h&auml;tte!&laquo;</p>
+
+<p>Der Wunsch mu&szlig;te Rico schwer auf dem Herzen liegen,
+denn er kam mit einem tiefen Seufzer heraus. Stineli
+war gleich ganz voller Teilnahme und unternehmender
+Gedanken.</p>
+
+<p>&raquo;Wir wollen eine kaufen zusammen&laquo;, rief es pl&ouml;tzlich
+in gro&szlig;er Freude &uuml;ber die Hilfe, die ihm in den Sinn
+gekommen war. &raquo;Ich habe ganz viele Blutzger von der
+Gro&szlig;mutter, etwa zw&ouml;lf; wie viele hast du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gar keinen&laquo;, sagte Rico traurig; &raquo;der Vater hat mir
+ein paar gegeben, ehe er fortging. Aber die Base hat
+gesagt, ich mache nur unn&uuml;tzes Zeug damit, und hat sie
+genommen und ganz hoch hinauf in den Kasten gelegt;
+man kann sie nicht mehr erlangen.&laquo;</p>
+
+<p>Aber Stineli lie&szlig; sich nicht so bald entmutigen. &raquo;Vielleicht
+haben wir doch genug Geld, und die Gro&szlig;mutter
+gibt mir schon noch ein wenig&laquo;, sagte es tr&ouml;stend; &raquo;wei&szlig;t<span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span>
+du, Rico, eine Geige kostet nicht so viel; es ist nur altes
+Holz und vier Saiten dar&uuml;ber gespannt, das kostet nicht
+viel. Du mu&szlig;t nur morgen den Lehrer fragen, was eine
+Geige kostet, und nachher suchen wir eine.&laquo;</p>
+
+<p>So blieb es ausgemacht, und Stineli dachte, es wolle
+daheim tun, was es nur k&ouml;nne, und ganz fr&uuml;h aufstehen
+und das Feuer anmachen, eh&#8217; nur die Mutter auf sei;
+denn wenn es so immerfort etwas tat von fr&uuml;h bis sp&auml;t,
+steckte ihm gew&ouml;hnlich die Gro&szlig;mutter einen Blutzger in
+den Sack.</p>
+
+<p>Am folgenden Morgen, als die Schule aus war, ging
+Stineli allein hinaus und an der Ecke vom Schulhaus
+stand es still hinter dem Holzhaufen und wartete auf den
+Rico, der jetzt den Lehrer fragen sollte wegen der Geige.
+Er kam lange nicht heraus, und Stineli guckte immer
+wieder mit Ungeduld hinter dem Holze hervor, aber es
+waren nur die anderen Buben, die noch da und dort
+herumstanden. Aber jetzt &#8211; richtig, Rico kam um den
+Holzhaufen herum. Da war er.</p>
+
+<p>&raquo;Was hat er gesagt, was kostet sie?&laquo; rief Stineli mit
+angehaltenem Atem vor Erwartung.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe nicht fragen m&ouml;gen&laquo;, antwortete Rico verzagt.</p>
+
+<p>&raquo;O, wie schade!&laquo; sagte Stineli und stand ganz verbl&uuml;fft
+da, aber nicht lange. &raquo;Es ist gleich, Rico&laquo;, sagte es wieder
+fr&ouml;hlich und nahm ihn bei der Hand zum Heimgehen, &raquo;du
+kannst nur morgen fragen. Ich habe auch schon wieder
+einen Blutzger bekommen heute fr&uuml;h von der Gro&szlig;mutter,
+weil ich schon auf war, als sie in die K&uuml;che kam.&laquo;</p>
+
+<p>Nun ging es aber am folgenden Tage wieder ganz gleich
+und am dritten auch; Rico blieb immer eine halbe Stunde<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span>
+lang vor der Wohnstube des Lehrers stehen und mochte
+nicht hineingehen und seine Frage tun. Da dachte Stineli
+heimlich: Wenn er noch drei Tage lang nicht fragt, dann
+frag&#8217; ich. Aber am vierten Tage, als Rico wieder nachdenklich
+und zaghaft an der T&uuml;r stand, ging diese pl&ouml;tzlich
+auf, und der Lehrer trat eilig heraus und stie&szlig; so gewaltig
+gegen den Rico an, da&szlig; das federleichte B&uuml;blein ein
+gutes St&uuml;ck r&uuml;ckw&auml;rts flog. In gro&szlig;em Erstaunen und
+ziemlichem Unwillen stand der Lehrer da. &raquo;Was ist das,
+Rico?&laquo; fragte er jetzt, als der Kleine wieder am Platze
+stand. &raquo;Warum kommst du an eine T&uuml;r und klopfest nicht
+an, wenn du da etwas zu verrichten hast; wenn du aber
+nichts da zu verrichten hast, warum entfernst du dich nicht?
+Solltest du mir aber etwas zu berichten haben, so kannst
+du&#8217;s gleich hier sagen. Was wolltest du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was kostet eine Geige?&laquo; st&uuml;rzte Rico vor lauter
+Angst in voller Hast heraus.</p>
+
+<p>Des Lehrers mi&szlig;billigendes Erstaunen wuchs sichtlich.
+&raquo;Rico, was mu&szlig; ich von dir denken?&laquo; fragte er mit gestrenger
+Miene; &raquo;kommst du extra an die T&uuml;r deines
+Lehrers, um unn&uuml;tze Fragen an ihn zu tun? oder hast
+du eine Absicht? Was hast du damit sagen wollen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe nichts sagen wollen&laquo;, entgegnete Rico sch&uuml;chtern,
+&raquo;nur fragen, was eine Geige kostet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast mich nicht verstanden, Rico; pa&szlig; jetzt auf,
+was ich dir sage: ein Mensch spricht etwas aus und denkt
+sich dabei einen Zweck; oder er denkt sich nichts dabei, das
+sind unn&uuml;tze Worte. Nun pa&szlig; auf, Rico: hast du soeben
+diese Frage getan aus gar keinem Grunde, oder aus Neugierde,
+oder hat dich jemand geschickt, der gern eine Geige
+anschaffen wollte?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span>&raquo;Ich wollte gern eine kaufen&laquo;, sagte Rico ein wenig
+herzhafter; aber er erschrak sehr, als der Lehrer mit einem
+Male in hellem Zorn ihn anfuhr: &raquo;Was? Was sagst du
+da? So ein &#8211; verlorenes, unvern&uuml;nftiges, welsches B&uuml;blein,
+wie du eins bist, eine Geige kaufen? Wei&szlig;t du denn,
+was eine Geige ist? Wei&szlig;t du, wie alt ich war und was
+ich gelernt hatte, eh&#8217; ich eine Geige anschaffen konnte? Lehrer
+war ich, fertiger Lehrer, zweiundzwanzig Jahre alt und stand
+in meinem Beruf! Und dann so ein B&uuml;blein, wie du eins
+bist! Und jetzt will ich dir sagen, was eine Geige kostet,
+so kannst du deinen Unverstand bemessen. Sechs harte
+Gulden habe ich bezahlt daf&uuml;r; kannst du dir die Summe
+vergegenw&auml;rtigen? Wir wollen sie gleich einmal in Blutzger
+aufl&ouml;sen: Enth&auml;lt ein Gulden 100 Blutzger, so enthalten
+sechs Gulden 6 &times; 100 gleich? &#8211; gleich? &#8211; Nun Rico,
+du bist sonst keiner von den Ungeschickten, &#8211; gleich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gleich 600 Blutzger&laquo;, erg&auml;nzte Rico leise, denn der
+Schrecken versagte ihm die Stimme, nun er die Summe
+&uuml;berschaute und Stinelis zw&ouml;lf Blutzger damit verglich.</p>
+
+<p>&raquo;Und dann, B&uuml;blein&laquo;, fuhr der Lehrer im Zuge weiter
+fort, &raquo;was meinst du? Meinst du, es nimmt einer eine
+Geige nur in die Hand und spielt? Da mu&szlig; einer anders
+dran, bis er so weit ist. Komm gleich einmal da herein&laquo;
+&#8211; und der Lehrer machte die T&uuml;r auf und nahm die Geige
+von der Wand&nbsp;&#8211;; &raquo;da, nimm sie einmal in den Arm und
+den Bogen in die Hand; so, B&uuml;blein, und wenn du mir
+nun <em class="antiqua">c&nbsp;d&nbsp;e&nbsp;f</em> herausbringst, so geb&#8217; ich dir gleich einen
+halben Gulden.&laquo; Rico hatte wirklich die Geige im Arm;
+seine Augen leuchteten auf wie Feuer. <em class="antiqua">c&nbsp;d&nbsp;e&nbsp;f</em> &#8211; spielte
+er fest und v&ouml;llig korrekt. &raquo;Du Erzblitzbub&laquo;, rief der
+Lehrer vor Bewunderung aus, &raquo;woher kannst du das?<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span>
+Wer hat dich&#8217;s gelehrt? Wie kannst du die T&ouml;ne
+finden?&laquo;</p>
+
+<p class="figcenter"><a href="images/illu_016.jpg"><img src="images/illu_016_th.jpg"
+alt="Jetzt spielte Rico mit aller Sicherheit und freudestrahlenden Augen"
+title="Jetzt spielte Rico mit aller Sicherheit und freudestrahlenden Augen" /></a></p>
+
+<!-- <p>[Illustration: Spyri, Heimatlos. S. 16-17.]</p> -->
+
+<p>&raquo;Ich kann noch etwas, wenn ich&#8217;s spielen darf&laquo;, sagte
+Rico und schaute mit Verlangen auf das Instrument in
+seinem Arm.</p>
+
+<p>&raquo;Spiel&#8217;s!&laquo; bedeutete der Lehrer. Jetzt spielte Rico
+mit aller Sicherheit und freudestrahlenden Augen:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Ihr Sch&auml;flein hinunter<br /></span>
+<span class="i0">Von sonniger H&ouml;h&#8217;,<br /></span>
+<span class="i0">Der Tag ging schon unter,<br /></span>
+<span class="i0">F&uuml;r heute ade!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Der Lehrer hatte sich auf einen Stuhl niedergelassen
+und die Brille aufgesetzt. Er schaute mit ernster Pr&uuml;fung
+jetzt auf Ricos Finger, dann auf seine funkelnden Augen,
+dann wieder auf die Finger. Rico hatte fertig gespielt.</p>
+
+<p>&raquo;Komm hier zu mir her, Rico!&laquo;</p>
+
+<p>Der Lehrer r&uuml;ckte seinen Stuhl ins Licht, und Rico
+mu&szlig;te sich gerade vor ihm aufstellen. &raquo;So, nun mu&szlig; ich
+ein Wort mit dir reden. Dein Vater ist ein Welscher,
+Rico, und siehst du, dort unten gehen allerhand Dinge, von
+denen wir hier in den Bergen nichts wissen. Nun sieh mir
+in die Augen und sag mir aufrichtig und der Wahrheit gem&auml;&szlig;:
+Wie bist du dazu gekommen, diese Melodie ohne
+Fehler auf meiner Geige zu spielen?&laquo;</p>
+
+<p>Rico schaute den Lehrer mit ganz ehrlichen Augen an
+und sagte: &raquo;Ich habe sie Euch abgelernt in der Singschule,
+wo wir sie so viel singen.&laquo;</p>
+
+<p>Diese Worte gaben der Sache eine ganz andere Wendung.
+Der Lehrer stand auf und ging einige Male hin
+und her. So war er selbst der Urheber dieser wunderbaren
+Erscheinung; da waren also keine Schwarzk&uuml;nste dabei<span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span>
+im Spiel. Mit vers&ouml;hntem Gem&uuml;te zog er jetzt seinen
+Beutel hervor: &raquo;Da ist ein halber Gulden, Rico, er geh&ouml;rt
+dir mit Recht. Nun fahr so fort und sei recht aufmerksam
+auf das Geigenspiel, solange du zur Schule gehst,
+so kannst du&#8217;s zu etwas bringen, und in zw&ouml;lf bis vierzehn
+Jahren wird die Zeit da sein, da du auch eine Geige
+anschaffen kannst. Jetzt kannst du gehen.&laquo;</p>
+
+<p>Rico warf noch einen Blick auf die Geige, dann ging
+er mit der allertiefsten Betr&uuml;bnis im Herzen.</p>
+
+<p>Stineli kam hinter dem Holzsto&szlig; hervorgerannt: &raquo;Diesmal
+bist du aber lang geblieben, hast du gefragt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist alles verloren&laquo;, sagte Rico, und seine Augenbrauen
+kamen vor Leid so nah zusammen, da&szlig; <em class="gesperrt">ein</em> dicker,
+schwarzer Strich war &uuml;ber die Augen hin. &raquo;Eine Geige
+kostet sechshundert Blutzger, und in vierzehn Jahren kann
+ich eine kaufen, wenn schon lange alles tot ist; wer wollte
+noch am Leben sein in vierzehn Jahren. Da, das kannst
+du haben, ich will&#8217;s nicht.&laquo; Damit dr&uuml;ckte er den halben
+Gulden in Stinelis Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Sechshundert Blutzger!&laquo; wiederholte Stineli voller
+Entsetzen. &raquo;Aber woher hast du das viele Geld hier?&laquo;</p>
+
+<p>Rico erz&auml;hlte nun alles, wie es gegangen war bei dem
+Lehrer, und endete wieder mit dem Worte des gr&ouml;&szlig;ten
+Leides: &raquo;Jetzt ist alles verloren.&laquo;</p>
+
+<p>Stineli wollte ihm wenigstens seinen halben Gulden
+aufdringen als einen ganz kleinen Trost; aber er war ganz
+ergrimmt &uuml;ber den unschuldigen halben Gulden und wollte
+ihn nicht ansehen.</p>
+
+<p>Da sagte Stineli: &raquo;So will ich ihn zu meinen Blutzgern
+tun und dann wollen wir das Geld alles miteinander
+teilen und alles geh&ouml;rt uns zusammen.&laquo;<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span></p>
+
+<p>Diesmal war auch Stineli sehr niedergeschlagen; als es
+aber mit Rico um die Ecke kam, wo es ins Feld hineinging,
+lag der schmale Fu&szlig;weg so sch&ouml;n trocken in der Sonne
+bis zur Haust&uuml;r hin, und dort flimmerte das Pl&auml;tzchen
+davor auch ganz wei&szlig; und trocken, und Stineli rief:</p>
+
+<p>&raquo;Sieh, sieh, nun wird&#8217;s Sommer, Rico, und wir
+k&ouml;nnen wieder in den Wald hinauf; dann freut&#8217;s dich auch
+wieder. Wollen wir schon am Sonntag gehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es freut mich gar nichts mehr&laquo;, sagte Rico; &raquo;aber
+wenn du gehen willst, so will ich schon mitkommen.&laquo;</p>
+
+<p>An der T&uuml;r wurde es noch ganz ausgemacht, am
+Sonntag wollten sie hin&uuml;bergehen auf die Waldh&ouml;he, und
+dem Stineli kam schon wieder die Freude obenauf. Es
+tat auch noch die Woche durch, was es nur vermochte,
+und es gab viel zu tun; der Peterli und der Sami und
+das Urschli hatten die R&ouml;teln, und im Stall war eine Gei&szlig;
+krank, der mu&szlig;te man &ouml;fter hei&szlig;es Wasser bringen, und
+Stineli mu&szlig;te da- und dorthin laufen und &uuml;berall Hand
+anlegen, sobald es nur aus der Schule kam, und am Samstag
+den ganzen Tag lang, bis sp&auml;t am Abend, da mu&szlig;te
+es noch den Stalleimer fegen. Da sagte aber auch der
+Vater am Abend: &raquo;Das Stineli ist ein handliches.&laquo;<span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span></p>
+
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<h2>Viertes Kapitel.</h2>
+
+<h3>Der ferne, sch&ouml;ne See ohne Namen.</h3>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+<p>Als am Sonntagmorgen Stineli die Augen aufmachte,
+hatte es eine gro&szlig;e Freude im Herzen und wu&szlig;te zuerst
+gar nicht warum, bis es sich besann, da&szlig; es Sonntag war
+und die Gro&szlig;mutter noch am Abend sp&auml;t gesagt hatte:
+&raquo;Morgen mu&szlig;t du Sonntag haben, den ganzen Nachmittag;
+er geh&ouml;rt dir!&laquo;</p>
+
+<p>Als das Mittagessen vorbei war und Stineli alle Teller
+weggetragen und den Tisch abgewaschen hatte, rief der Peterli:
+&raquo;Komm zu mir, Stineli&laquo;, und die zwei anderen im Bett
+schrieen: &raquo;Nein, zu mir!&laquo; Und der Vater sagte: &raquo;Das
+Stineli mu&szlig; nach der Gei&szlig; sehen.&laquo;</p>
+
+<p>Aber nun ging die Gro&szlig;mutter in die K&uuml;che hinaus
+und winkte dem Stineli nach. &raquo;Geh du jetzt in Frieden&laquo;,
+sagte sie, &raquo;der Gei&szlig; und den Kindern will ich schon nachgehen,
+und wenn&#8217;s Betglocke l&auml;utet, kommt ordentlich heim.&laquo;
+Die Gro&szlig;mutter wu&szlig;te schon, da&szlig; ihrer zwei waren.</p>
+
+<p>Jetzt scho&szlig; Stineli davon wie ein Vogel, dem man die
+K&auml;figt&uuml;r aufgemacht hat, und dr&uuml;ben stand Rico, der hatte
+lange schon gewartet. Nun zogen sie aus &uuml;ber die Wiese
+hin, der Waldh&ouml;he zu. Die Sonne schien an allen Bergen
+und der Himmel lag blau dar&uuml;ber. Auf der Schattenseite
+mu&szlig;ten sie noch ein wenig im Schnee gehen bis hinauf,
+aber da kam die Sonne von vorn und flimmerte &uuml;ber den
+See, und da waren sch&ouml;ne, trockene Pl&auml;tzchen am Abhang,
+steil &uuml;ber dem Wasser. Da sa&szlig;en die Kinder hin; es pfiff<span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span>
+ein scharfer Wind &uuml;ber die H&ouml;he und sauste ihnen um die
+Ohren. Stineli war lauter Freude und Genu&szlig;. Ein Mal
+&uuml;ber das andere rief es aus:</p>
+
+<p>&raquo;Sieh, sieh, Rico, die Sonne, wie sch&ouml;n! Jetzt wird&#8217;s
+Sommer; sieh, wie es glitzert auf dem See. Es kann
+gar keinen sch&ouml;neren See geben, als der ist&laquo;, sagte es jetzt
+zuversichtlich.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja, Stineli, du solltest nur einmal den See sehen,
+den ich meine!&laquo; und Rico schaute so verloren &uuml;ber den
+See hin, als finge, was er ansehen wollte, erst dort an,
+wo man nichts mehr sah.</p>
+
+<p>&raquo;Siehst du, dort stehen nicht so schwarze Tannen mit
+Nadeln, da sind so gl&auml;nzende, gr&uuml;ne Bl&auml;tter und gro&szlig;e,
+rote Blumen, und die Berge stehen nicht so hoch und schwarz
+und so nah, nur weit dr&uuml;ben liegen sie ganz violett, und
+am Himmel und auf dem See ist alles golden und so still
+und warm; da tut der Wind nicht so und die F&uuml;&szlig;e hat
+man nicht so voll Schnee, dann kann man immer so am
+sonnigen Boden sitzen und zuschauen.&laquo;</p>
+
+<p>Stineli war bald hingerissen; es sah schon die roten
+Blumen und den goldenen See vor sich, das mu&szlig;te doch
+so sch&ouml;n sein.</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht kannst du wieder einmal dahin gehen an
+den See und alles wieder sehen; wei&szlig;t du den Weg?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man geht auf den Maloja. Dort bin ich schon mit
+dem Vater gewesen: da hat er mir die Stra&szlig;e gezeigt, die
+geht den ganzen Weg hinunter, immer so hin und her, und
+weit unten ist der See, aber noch so weit, da&szlig; man fast
+nicht hinkommen kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, das ist ganz leicht&laquo;, meinte Stineli, &raquo;du m&uuml;&szlig;test
+nur immer weiter gehen, so k&auml;mst du sicher zuletzt dahin.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span>&raquo;Aber der Vater hat mir noch etwas gesagt; siehst du,
+Stineli: wenn man auf dem Wege ist und in ein Wirtshaus
+hineingeht und i&szlig;t und schl&auml;ft da, so mu&szlig; man immer
+bezahlen, da mu&szlig; man wieder Geld haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O, Geld haben wir jetzt so viel&laquo;, rief Stineli triumphierend.
+Aber Rico triumphierte nicht mit.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist gerade so viel wie nichts, das wei&szlig; ich noch
+von der Geige her&laquo;, sagte er traurig.</p>
+
+<p>&raquo;So bleib du lieber daheim, Rico; sieh, es ist doch
+daheim so sch&ouml;n.&laquo;</p>
+
+<p>Eine Weile lang sa&szlig; Rico nachdenklich da, seinen Kopf
+auf den Ellbogen gest&uuml;tzt, und seine Augenbrauen kamen
+wieder ganz zusammen. Jetzt kehrte er sich wieder zu Stineli,
+das unterdessen von dem weichen, gr&uuml;nen Moos ausrupfte
+und ein Bettlein machte, zwei Kissen und eine Decke, die
+wollte es dem kranken Urschli bringen. &raquo;Du sagst, ich soll
+nur daheim bleiben, Stineli&laquo;, sagte er mit gefalteter Stirne;
+&raquo;aber siehst du, mir ist es gerade so, wie wenn ich nicht
+w&uuml;&szlig;te, wo ich daheim bin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, was sagst du&laquo;, rief Stineli und warf vor Erstaunen
+eine ganze Hand voll Moos weg. &raquo;Hier bist
+du daheim, nat&uuml;rlich. Da ist man immer daheim, wo
+man seinen Vater und seine Mutter&nbsp;&#8211;&laquo;; hier hielt es
+pl&ouml;tzlich inne: Rico hatte ja gar keine Mutter, und der
+Vater war schon so lang wieder fort, und die Base? &#8211;
+Stineli kam der Base nie zu nah, sie hatte ihm nie
+ein gutes Wort gegeben; es wu&szlig;te gar nicht mehr,
+was sagen. Aber Stineli konnte in einem so unsicheren
+Zustande nicht lange bleiben. Rico hatte wieder zu
+staunen angefangen; auf einmal fa&szlig;te es ihn am Arm
+und rief:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span>&raquo;Nun m&ouml;chte ich doch etwas wissen, wie hei&szlig;t der See,
+wo es so sch&ouml;n ist?&laquo;</p>
+
+<p>Rico besann sich. &raquo;Ich wei&szlig; es nicht&laquo;, sagte er, selbst
+verwundert dar&uuml;ber.</p>
+
+<p>Da schlug Stineli vor, sie wollten jemand fragen, wie
+er hei&szlig;en k&ouml;nne; denn wenn Rico doch einmal viel Geld
+h&auml;tte und gehen k&ouml;nnte, so m&uuml;&szlig;te er ja den Weg erfragen
+und einen Namen wissen. Nun fingen sie an zu beraten,
+wen man fragen k&ouml;nnte; den Lehrer oder die Gro&szlig;mutter.
+Da fiel es Rico ein, der Vater werde es am besten wissen;
+den wollte er fragen, sobald er heimkomme.</p>
+
+<p>Unterdessen war die Zeit vergangen und auf einmal
+h&ouml;rten die Kinder ganz in der Ferne ein leises L&auml;uten.
+Sie kannten den Ton, es war die Betglocke. Sie sprangen
+gleich beide vom Boden auf und rannten miteinander Hand
+in Hand durch Gestr&uuml;pp und Schnee die Halde hinunter
+und &uuml;ber die Wiese hin, und es hatte noch nicht lange verl&auml;utet,
+so standen sie schon an der T&uuml;r, wo die Gro&szlig;mutter
+nach ihnen aussah.</p>
+
+<p>Stineli mu&szlig;te nun gleich ins Haus hinein, und die
+Gro&szlig;mutter sagte nur schnell: &raquo;Geh du auch gleich hinein,
+Rico, und bleib nicht mehr stehen vor der T&uuml;r.&laquo;</p>
+
+<p>Das hatte die Gro&szlig;mutter noch nie zu ihm gesagt,
+obschon er es immer tat, denn es gel&uuml;stete ihm nie, in
+das Haus hineinzugehen, und er stand immer erst eine Zeitlang
+vor der Haust&uuml;r, ehe er&#8217;s tat. Er gehorchte aber
+der Gro&szlig;mutter aufs Wort und ging gleich hinein.</p>
+
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span>F&uuml;nftes Kapitel.</h2>
+
+<h3>Ein trauriges Haus, aber der See hat einen Namen.</h3>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+<p>Die Base war nicht in der Stube, so ging er wieder
+hinaus und machte die K&uuml;chent&uuml;r auf. Da stand sie;
+aber ehe er nur eintreten konnte, hob sie den Finger in
+die H&ouml;h&#8217; und machte: &raquo;Bst! Bst! Mach nicht alle T&uuml;ren
+auf und zu und einen L&auml;rm, als k&auml;men ihrer vier. Geh
+in die Stube hinein und halte dich still. Der Vater liegt
+oben in der Kammer; sie haben ihn auf einem Wagen
+gebracht, er ist krank.&laquo;</p>
+
+<p>Rico ging hinein und setzte sich auf die Bank an der
+Wand und bewegte sich nicht. So sa&szlig; er eine gute halbe
+Stunde lang; die Base fuhr noch immer in der K&uuml;che
+herum. Da dachte Rico, er wolle ganz leise in die Kammer
+hineinschauen, vielleicht wollte der Vater auch etwas zu
+Abend essen, es war schon lange Zeit dazu.</p>
+
+<p>Er schlich hinter dem Ofen die kleine Treppe hinauf
+und kroch in die Kammer hinein. Nach einiger Zeit kam
+er wieder und ging gleich in die K&uuml;che hinaus und bis
+nahe zur Base heran. Dann sagte er leise: &raquo;Base,
+kommt!&laquo;</p>
+
+<p>Diese wollte ihn eben t&uuml;chtig anfahren, als ihre Blicke
+auf sein Gesicht fielen: es war v&ouml;llig ohne Farbe, Wangen
+und Lippen wei&szlig; wie ein Tuch, und aus den Augen schaute
+er so schwarz, da&szlig; ihn die Base fast f&uuml;rchtete.</p>
+
+<p>&raquo;Was hast du?&laquo; fragte sie hastig und folgte ihm unwillk&uuml;rlich.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span>Er ging leise das Treppchen hinauf und in die Kammer
+hinein. Da lag der Vater mit starren Augen auf seinem
+Bett; er war tot.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, du mein Gott&laquo;, schrie die Base und lief mit
+L&auml;rm zur T&uuml;r hinaus, die auf der anderen Seite auf den
+Gang f&uuml;hrte, die Treppe hinunter und gleich hin&uuml;ber in die
+Stube hinein und rief, der Nachbar und die Gro&szlig;mutter
+sollten her&uuml;berkommen, und von da lief sie zum Lehrer und
+zum Gemeindevorsteher.</p>
+
+<p>So kam eins ums andere und trat in die stille Kammer
+hinein, bis sie voll von Menschen war, denn einer h&ouml;rte
+drau&szlig;en vom anderen, was geschehen sei. Und mitten in dem
+Gewimmel und den vielen klaghaften Worten von all&#8217; den
+Nachbarn stand Rico an dem Bette, lautlos und unbeweglich,
+und schaute den Vater an. &#8211; Die ganze Woche durch
+kamen t&auml;glich noch Leute ins Haus, die den Vater ansehen
+und von der Base h&ouml;ren wollten, wie alles zugegangen sei,
+<ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'sa'">so</ins> da&szlig; es Rico ein Mal &uuml;ber das andere erz&auml;hlen h&ouml;rte:
+Sein Vater hatte drunten im St. Gallischen an einer Eisenbahn
+Arbeit gehabt. Beim Steinsprengen hatte er eine tiefe
+Wunde in den Kopf bekommen, und da er nun doch nicht
+mehr arbeiten konnte, wollte er heimgehen, um sich zu
+pflegen, bis es besser w&uuml;rde. Aber die lange Reise, teils
+zu Fu&szlig;, teils auf offenen Fuhrwagen, hatte er nicht ertragen
+k&ouml;nnen, war am Sonntag gegen Abend daheim angelangt
+und hatte sich auf sein Bett gelegt, um nicht wieder
+aufzustehen; ohne da&szlig; ihn jemand gesehen hatte, war er
+verschieden; denn Rico hatte ihn schon starr ausgestreckt auf
+dem Bette gefunden. Am Sonntag darauf wurde der
+Mann begraben. Rico war der einzige Leidtragende, der
+dem Sarge folgte, einige gute Nachbarn hatten sich noch<span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span>
+angeschlossen; so ging der Zug hin&uuml;ber nach Sils. Dort
+h&ouml;rte Rico, wie der Herr Pfarrer in der Kirche laut ablas:
+&raquo;Der Verstorbene hie&szlig; Enrico Trevillo und war geb&uuml;rtig
+aus Peschiera am Gardasee.&laquo;</p>
+
+<p>Da war es Rico, als h&ouml;rte er etwas, das er ganz gut
+gewu&szlig;t, aber gar nicht mehr hatte zusammenfinden k&ouml;nnen.
+Immer hatte er auch den See vor sich gesehen, wenn er
+mit dem Vater gesungen hatte:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<em class="antiqua">
+<span class="i0">&raquo;Una sera<br /></span>
+<span class="i0">In Peschiera.&laquo;<br /></span>
+</em>
+</div></div>
+
+<p>Aber er hatte nicht gewu&szlig;t, warum. Leise mu&szlig;te er die
+Namen wiederholen, eine Menge alter Lieder stiegen damit
+vor seinen Augen auf.</p>
+
+<p>Als er allein zur&uuml;ckgewandert kam, sah er die Gro&szlig;mutter
+auf dem Holzstumpf sitzen und neben ihr das Stineli.
+Sie winkte ihn zu sich. Dann steckte sie ihm ein St&uuml;ck
+Birnbrot in die Tasche, wie sie vorher dem Stineli getan
+hatte, und sagte, nun sollten sie spazieren gehen, an dem
+Tage m&uuml;sse Rico nicht allein sein. Da wanderten die
+Kinder zusammen in den hellen Abend hinaus. Die Gro&szlig;mutter
+blieb auf ihrem Holze sitzen und schaute mitleidig
+dem schwarzen B&uuml;blein nach, bis sie nichts mehr von den
+Kindern sehen konnte. Dann sagte sie leise f&uuml;r sich:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Doch was Er tut und l&auml;&szlig;t geschehn,<br /></span>
+<span class="i0">Das nimmt ein gutes End&#8217;!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span>Sechstes Kapitel.</h2>
+
+<h3>Ricos Mutter.</h3>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+<p>&Uuml;ber den Weg von Sils her kam an einem Stab der
+Lehrer gegangen. Er hatte an dem Begr&auml;bnis teilgenommen.
+Er hustete und keuchte, und als er nun bei der Gro&szlig;mutter
+angekommen war und einen &raquo;Guten Abend&laquo; geboten hatte,
+setzte er hinzu: &raquo;Wenn es Euch recht ist, Nachbarin, so
+sitze ich einen Augenblick neben Euch, denn ich habe es
+stark in dem Hals und auf der Brust; aber was kann
+unsereins sagen mit bald siebzig Jahren, wenn man solche
+begr&auml;bt, wie den heute. Er war noch nicht f&uuml;nfunddrei&szlig;ig
+und ein Mann wie ein Baum.&laquo;</p>
+
+<p>Der Lehrer hatte sich neben die Gro&szlig;mutter niedergesetzt.</p>
+
+<p>&raquo;Es gibt mir auch zu denken&laquo;, sagte diese, &raquo;da&szlig; ich,
+eine Alte, F&uuml;nfundsiebzigj&auml;hrige, &uuml;brig bleibe und da und
+dort ein Junges fort mu&szlig;, von dem man denkt, es w&auml;re
+noch n&ouml;tig gewesen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Alten werden auch noch zu etwas gut sein. Wo
+w&auml;re sonst ein Beispiel f&uuml;r die Jungen?&laquo; bemerkte der
+Lehrer. &raquo;Aber was meint Ihr, Nachbarin, was soll nun
+aus dem B&uuml;blein werden da dr&uuml;ben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, was soll aus dem B&uuml;blein werden?&laquo; wiederholte
+die Gro&szlig;mutter; &raquo;ich frage auch so, und wenn ich nur
+auf die Menschen sehen wollte, so w&uuml;&szlig;te ich keine Antwort.
+Aber es ist noch ein Vater im Himmel, der die verlassenen
+Kinder sieht. Er wird auch einen Weg f&uuml;r das B&uuml;blein
+finden.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span>&raquo;Sagt mir einmal, Nachbarin: wie ging es zu, da&szlig;
+der Italiener die Tochter von Eurer Nachbarin da dr&uuml;ben
+zur Frau bekam? Man wei&szlig; doch nie, woher solche fremde
+Menschen kommen und was mit ihnen ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ging eben, wie es geht, Nachbar. Ihr wi&szlig;t ja,
+meine alte Bekannte, die Frau Anne-Dete, hatte alle ihre
+Kinder verloren und auch den Mann, und lebte allein dr&uuml;ben
+im H&auml;uschen mit dem Marie-Seppli, das ein lustiges
+T&ouml;chterlein war. Es m&ouml;gen jetzt elf oder zw&ouml;lf Jahre sein,
+da kam der Trevillo zuerst hierher. Er hatte Arbeit oben
+am Maloja und kam etwa hier herunter mit den Burschen,
+und kaum hatten das Marie-Seppli und er einander gesehen,
+so wurden sie einig, sie wollten einander haben.
+Und das mu&szlig; man dem Trevillo nachsagen, er war nicht
+nur ein sch&ouml;ner Bursche, der jedem gefallen konnte, sondern
+auch ein anst&auml;ndiger und rechtschaffener Mensch, die Anne-Dete
+hatte selber ihre Freude an ihm. Sie h&auml;tte nun
+freilich gern gewollt, die beiden blieben bei ihr im H&auml;uschen,
+und der Trevillo h&auml;tte es gern getan, er konnte es
+gut mit der Mutter, und dem Marie-Seppli tat er, was
+es nur wollte. Er war aber manchmal mit ihm nach dem
+Maloja hinaufspaziert und hatte die Stra&szlig;e hinuntergeschaut,
+die man so sieht, wie sie weit ins Tal hinabgeht, und er
+hatte ihr erz&auml;hlt, wie es unten sei, wo er daheim war.
+Da hatte sich das Marie-Seppli in den <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'Korpf'">Kopf</ins> gesetzt, es
+wolle dort hinunter, und es half alles nichts, wie auch die
+Mutter anhielt und jammerte, sie k&ouml;nnten nicht leben da
+unten. Da sagte aber der Trevillo, deswegen m&uuml;sse sie
+nicht Angst haben, er habe ein G&uuml;tlein und ein H&auml;uschen
+unten; er sei nur lieber ein wenig in die Welt hinausgezogen.
+&#8211; Jetzt hatte er das Marie-Seppli gewonnen,<span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span>
+und nach der Hochzeit wollte es auf der Stelle den Berg
+hinunter. Es schrieb dann etwa der Mutter, da&szlig; es ihm
+gut gehe und der Trevillo der beste Mann sei.</p>
+
+<p>&raquo;Aber nach etwa f&uuml;nf oder sechs Jahren trat eines Tages
+der Trevillo dr&uuml;ben in der Stube ein bei der Anne-Dete
+und hatte ein B&uuml;blein an der Hand und sagte: &#8250;Da, Mutter,
+das ist noch das einzige, was ich vom Marie-Seppli habe;
+es liegt begraben dort unten mit seinen anderen kleinen
+Kindern. Der war sein erstes und sein liebstes.&#8249;</p>
+
+<p>&raquo;So hat sie&#8217;s mir erz&auml;hlt. Dann sei er auf die Bank
+niedergesessen, wo er zuerst das Marie-Seppli gesehen hatte,
+und habe gesagt: da wolle er bleiben mit seinem B&uuml;blein,
+wenn&#8217;s der Mutter recht sei; denn dort unten habe er&#8217;s
+nicht mehr ausgehalten.</p>
+
+<p>&raquo;Das war Freud&#8217; und Leid miteinander f&uuml;r die Anne-Dete.
+Der kleine Rico war etwas zu vier Jahren und war
+ein zahmes, nachdenkliches B&uuml;blein, ohne L&auml;rm und Unart,
+es war ihre letzte Freude, ein Jahr nachher starb sie schon,
+und man riet dem Trevillo, die Base der Anne-Dete zu
+sich zu nehmen f&uuml;r den Haushalt und das Kind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So, so&laquo;, machte der Lehrer, als die Gro&szlig;mutter
+schwieg; &raquo;das habe ich alles nicht so gewu&szlig;t. Es kann nun
+sein, da&szlig; sich etwa Verwandte von dem Trevillo zeigen
+mit der Zeit, und man kann sie anhalten, etwas f&uuml;r den
+Knaben zu tun.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verwandte&laquo;, seufzte die Gro&szlig;mutter, &raquo;die Base ist
+auch eine Verwandte, von ihr bekommt er wenig gute
+Worte im Jahr.&laquo;</p>
+
+<p>Der Lehrer stand m&uuml;hsam auf von seinem Sitz. &raquo;Mit
+mir geht&#8217;s bergab, Nachbarin&laquo;, sagte er kopfsch&uuml;ttelnd;
+&raquo;ich wei&szlig; nicht, wo meine Kr&auml;fte hingekommen sind.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span>Die Gro&szlig;mutter ermunterte ihn und sagte: er sei ja
+noch ein junger Mann im Vergleich zu ihr. Sie mu&szlig;te
+sich aber doch verwundern, wie langsam er davonging.</p>
+
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<h2>Siebentes Kapitel.</h2>
+
+<h3>Ein kostbares Verm&auml;chtnis und ein kostbares
+Vaterunser.</h3>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+<p>Es kamen nun viele sch&ouml;ne Sommertage, und wo die
+Gro&szlig;mutter nur konnte, richtete sie es ein, da&szlig; das Stineli
+einen freien Augenblick bekam; aber es gab immer mehr zu
+tun in dem Hause. Rico stand manche Stunde auf seiner
+Schwelle und staunte und sah nach der T&uuml;r dr&uuml;ben, ob
+das Stineli komme.</p>
+
+<p>Gegen den September, wenn die Leute oft noch vor
+den H&auml;usern sa&szlig;en, um sich der letzten warmen Abende zu
+freuen, da sa&szlig; auch der Lehrer noch etwa vor seiner T&uuml;r;
+aber er sah ganz abgemagert aus und keuchte immer mehr,
+und eines Morgens, als er aufstehen wollte, hatte er die
+Kraft nicht mehr und fiel wieder auf sein Kissen zur&uuml;ck.
+Da lag er denn ganz still und fing an, allerlei zu bedenken,
+und wie es kommen w&uuml;rde, wenn er sterben m&uuml;&szlig;te. Er
+hatte keine Kinder, und seine Frau war schon lange gestorben,
+nur eine alte Magd war noch bei ihm im Hause.
+Er mu&szlig;te haupts&auml;chlich nachdenken, wohin alle die Sachen
+k&auml;men, die ihm angeh&ouml;rten, wenn er nicht mehr da w&auml;re,
+und da seine Geige ihm gerade gegen&uuml;ber an der Wand<span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span>
+hing, so sagte er zu sich: &raquo;Die m&uuml;&szlig;te ich auch dalassen.&laquo;
+Und der Tag kam ihm in den Sinn, da der Rico hier
+vor ihm gestanden und gegeigt hatte, und er h&auml;tte sie dem
+B&uuml;blein fast eher geg&ouml;nnt als einem fernen Vetter, der
+vom Geigen gar nichts verstand. So dachte er bei sich,
+wenn er sie um ein billiges geben w&uuml;rde, so k&ouml;nnte sie der
+Rico vielleicht erstehen; der Vater hatte ihm doch wohl
+ein kleines hinterlassen. Da fiel ihm aber ein, da&szlig;, wenn
+er die Geige verlassen m&uuml;sse, er das Geld auch nicht mehr
+brauchen k&ouml;nne. Aber er konnte doch ein Instrument, f&uuml;r
+das er sechs harte Gulden auf den Tisch gelegt hatte, nicht
+nur so weggeben. So dachte er immer sch&auml;rfer dar&uuml;ber
+nach, wie es zu machen w&auml;re, da&szlig; er die Geige nicht so
+f&uuml;r nichts hergeben m&uuml;&szlig;te, da&szlig; sie ihm doch irgend etwas
+eintr&uuml;ge; aber immer zuletzt kam ihm wieder klar vor
+Augen, da&szlig; dorthin, wohin er die Geige nicht mitnehmen
+konnte, er auch nichts anderes fortzubringen imstande war,
+und da&szlig; all sein Gut da zur&uuml;ckbleiben w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Das Fieber nahm unterdessen mehr und mehr &uuml;berhand
+bei ihm, und gegen Abend und die ganze Nacht durch lag
+er in einem gro&szlig;en Kampf von vielen Gedanken, und es
+stiegen alte Dinge vor seinen Augen auf, die er schon lange
+vergessen hatte, und verfolgten ihn, so da&szlig; er am Morgen
+ganz ersch&ouml;pft dalag und nur noch einen Gedanken hatte:
+er wollte gern etwas Gutes tun, gleich auf der Stelle ein
+gutes Werk verrichten.</p>
+
+<p>Er klopfte mit dem Stock an die Wand, bis die alte
+Magd hereinkam, und diese schickte er zur Gro&szlig;mutter
+hinaus, sie solle zu ihm kommen, aber bald.</p>
+
+<p>Die Gro&szlig;mutter trat auch bald nachher in seine Stube,
+und eh&#8217; sie nur recht fragen konnte, wie es ihm gehe,<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span>
+sagte er: &raquo;Seid so gut und nehmt dort die Geige herunter
+und bringt sie dem Waisenb&uuml;blein; ich will sie ihm schenken,
+er soll Sorg&#8217; dazu haben.&laquo;</p>
+
+<p>Die Gro&szlig;mutter mu&szlig;te sich aufs h&ouml;chste verwundern
+und einmal &uuml;ber das andere ausrufen: &raquo;Was wird der
+Rico machen! Was wird der Rico sagen!&laquo;</p>
+
+<p>Dann bemerkte sie, da&szlig; der Lehrer ein wenig unruhig
+wurde, so, wie wenn die Sache Eile h&auml;tte. So
+verlie&szlig; sie ihn bald und eilte nun, so sehr sie konnte,
+mit ihrem Geschenk unter dem Arm &uuml;bers Feld, denn
+sie konnte selbst kaum erwarten, da&szlig; der Rico sein Gl&uuml;ck
+erfahre.</p>
+
+<p>Der stand unter der Haust&uuml;r; auf den Wink der Gro&szlig;mutter
+kam er ihr entgegengelaufen.</p>
+
+<p>&raquo;Da, Rico&laquo;, sagte sie und hielt ihm die Geige hin,
+&raquo;die schickt dir der Lehrer zum Geschenk, sie ist dein.&laquo;</p>
+
+<p>Rico stand da wie im Traume, aber es war so; die
+Gro&szlig;mutter streckte ihm wirklich die Geige entgegen.</p>
+
+<p>&raquo;Nimm sie, Rico, sie ist dein&laquo;, wiederholte sie.</p>
+
+<p>Zitternd vor Freude und innerer Aufregung ergriff Rico
+jetzt seine Geige, nahm sie in den Arm und schaute sie
+unverwandt an, so, als k&ouml;nne sie ihm wieder wegkommen,
+wenn er einmal weggehen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>&raquo;Du sollst auch Sorg&#8217; dazu haben&laquo;, erg&auml;nzte die Gro&szlig;mutter
+ihren Auftrag; sie mu&szlig;te aber ein wenig lachen, es
+kam ihr nicht vor, da&szlig; die Ermahnung n&ouml;tig sei. &raquo;Und
+Rico, denk auch an den Lehrer und vergi&szlig; nie, was er
+an dir getan hat; er ist sehr krank.&laquo;</p>
+
+<p>Nun trat die Gro&szlig;mutter in ihr Haus ein, und Rico
+eilte mit seinem Schatz in seine Kammer hinauf, dort war
+er immer ganz allein.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span>Da sa&szlig; er hin und strich und geigte fort und fort und
+verga&szlig; Essen und Trinken und alle Zeit. Erst als es schon
+fast dunkeln wollte, stand er auf und ging die Treppe hinunter.
+Die Base kam aus der K&uuml;che und sagte: &raquo;Du
+kannst denn morgen wieder essen, heut&#8217; hast du dich aufgef&uuml;hrt,
+da&szlig; dir nichts geh&ouml;rt.&laquo;</p>
+
+<p>Rico empfand keinen Hunger, obschon er seit dem fr&uuml;hen
+Morgen nichts gegessen hatte; so hatte er auch jetzt nicht
+ans Essen gedacht und ging ganz getrost ins andere Haus
+hin&uuml;ber und gleich in die K&uuml;che hinein, er suchte die Gro&szlig;mutter.
+Stineli stand am Herd und machte das Feuer
+an. Wie es des Rico ansichtig wurde, mu&szlig;te es ganz laut
+aufjauchzen, denn schon den ganzen Tag durch, seit die
+Gro&szlig;mutter erz&auml;hlt hatte, was begegnet war, hatte ihm
+der Boden unter den F&uuml;&szlig;en gebrannt, da&szlig; es nicht hinaus
+konnte, um seine Freude beim Rico auszulassen; aber es
+durfte keinen Augenblick fort. Nun war es aber auch wie
+au&szlig;er sich und rief einmal ums andere: &raquo;Jetzt hast du
+sie! Jetzt hast du sie!&laquo;</p>
+
+<p>Auf den L&auml;rm kam die Gro&szlig;mutter aus der Stube,
+und Rico ging gleich zu ihr heran und sagte: &raquo;Gro&szlig;mutter,
+kann ich gehen und dem Lehrer danken, wenn er schon
+krank ist?&laquo;</p>
+
+<p>Die Gro&szlig;mutter besann sich ein wenig, denn der Lehrer
+hatte schon am Morgen recht schwer krank ausgesehen; dann
+sagte sie: &raquo;Wart ein wenig, Rico, ich will mit dir gehen&laquo;,
+und ging, die saubere Sch&uuml;rze anzuziehen. Dann wanderten
+sie miteinander dem Schulhaus zu. Die Gro&szlig;mutter trat
+zuerst ein; dann kam ihr Rico leise nach, die Geige im
+Arm, denn diese hatte er noch keinen Augenblick weggelegt,
+seit sie ihm geh&ouml;rte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span>Der Lehrer lag sehr ermattet da; Rico trat an das
+Bett heran und schaute dabei auf seine Geige, und er
+konnte fast nichts sagen, aber seine Augen funkelten so,
+da&szlig; der Lehrer ihn wohl verstanden hatte; er warf einen
+frohen Blick auf den Knaben und nickte mit dem Kopfe.
+Dann winkte er die Gro&szlig;mutter zu sich heran. Rico trat
+auf die Seite und der Lehrer sagte mit schwacher Stimme:
+&raquo;Gro&szlig;mutter, es w&auml;re mir recht, wenn Ihr mir ein Vaterunser
+beten wolltet; es wird mir so bang.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt h&ouml;rte man die Betglocke her&uuml;berl&auml;uten; Rico
+faltete schnell seine H&auml;nde, und die Gro&szlig;mutter faltete die
+ihrigen und betete ihr Vaterunser. Dann wurde es ganz
+still in der Stube. Die Gro&szlig;mutter beugte sich ein wenig
+und dr&uuml;ckte dem alten Nachbar die Augen zu, denn er war
+verschieden. Dann nahm sie den Rico an der Hand und
+ging leise hinaus mit ihm.</p>
+
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<h2>Achtes Kapitel.</h2>
+
+<h3>Am Silser See.</h3>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+<p>Das Stineli kam gar nicht mehr ins Gleichgewicht vor
+Freude die ganze Woche durch; aber es kam ihm auch vor,
+als habe diese Woche zehn Tage mehr als jede andere, denn
+es wollte gar nicht Sonntag werden.</p>
+
+<p>Als er aber doch endlich kam und eine goldene Sonne
+&uuml;ber die Herbsth&ouml;hen leuchtete, und es mit dem Rico oben<span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span>
+unter den Tannen ankam, und der glitzernde See vor ihnen
+lag, da kam eine solche Freude &uuml;ber das Stineli, da&szlig; es
+rings im Moos herumh&uuml;pfen und jauchzen mu&szlig;te; und
+dann setzte es sich auf den &auml;u&szlig;ersten Rand am Abhang,
+da&szlig; es alles sehen konnte, die sonnigen H&ouml;hen und den See
+und weit hin&uuml;ber den blauen Himmel.</p>
+
+<p>Nun rief es: &raquo;Komm, Rico, da wollen wir singen,
+lang, lang!&laquo;</p>
+
+<p>Da setzte sich der Rico neben das Stineli hin und
+machte seine Geige zurecht, denn die war mitgekommen.</p>
+
+<p>Nun fing er an und die Kinder sangen:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i1">&raquo;Ihr Sch&auml;flein hinunter<br /></span>
+<span class="i0">Von sonniger H&ouml;h&#8217;&laquo;&nbsp;&#8211;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>alle Verse durch, aber Stineli hatte noch lange nicht genug.</p>
+
+<p>&raquo;Wir wollen immer weiter singen&laquo;, sagte es und sang
+weiter:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i1">&raquo;Ihr Sch&auml;flein hin&uuml;ber<br /></span>
+<span class="i0">Auf die lustige H&ouml;h',<br /></span>
+<span class="i0">Die Sonne steht dr&uuml;ber<br /></span>
+<span class="i0">Und der Wind geht am See.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Und nun sang der Rico den Vers auch mit und freute
+sich und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Sing noch weiter!&laquo;</p>
+
+<p>Das Stineli war ganz begeistert vor Freude und schaute
+auf und ab und sang wieder:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i1">&raquo;Und die Sch&auml;flein, und die Sch&auml;flein,<br /></span>
+<span class="i0">Und der Himmel, so blau,<br /></span>
+<span class="i0">Und rot&#8217; und wei&szlig;e Blumen<br /></span>
+<span class="i0">Auf der grasgr&uuml;nen Au&#8217;.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Und Rico geigte und sang mit und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Sing noch weiter!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span>Da schaute das Stineli den Rico lachend an und sang:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i1">&raquo;Und ein Bub&#8217; ist so traurig,<br /></span>
+<span class="i0">Und ein M&auml;dle das lacht,<br /></span>
+<span class="i0">Und ein See ist wie der andre<br /></span>
+<span class="i0">Von Wasser gemacht.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Und Rico lachte auch und sang und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Sing noch weiter!&laquo;</p>
+
+<p>Da fing das Stineli noch einmal an und sang hintereinander;
+und Rico geigte immerfort dazu, und es sang:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i1">&raquo;Und die Sch&auml;flein, und die Sch&auml;flein,<br /></span>
+<span class="i0">Die springen herum,<br /></span>
+<span class="i0">Und sind alleweil fr&ouml;hlich,<br /></span>
+<span class="i0">Und wissen auch nicht warum.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i1">Und ein Bub&#8217; und ein M&auml;dle,<br /></span>
+<span class="i0">Die sitzen am See,<br /></span>
+<span class="i0">Und t&auml;t er nichts denken,<br /></span>
+<span class="i0">So t&auml;t&#8217;s ihm nicht weh.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Und nun fingen sie wieder von vorne an und sangen
+ihr Lied hintereinander durch und hatten ein gro&szlig;es Wohlgefallen
+daran, und wenn sie es fertig gesungen hatten, so
+fingen sie noch einmal an und dann noch einmal und
+sangen das Lied wohl zehnmal durch, und je mehr sie es
+sangen, desto besser gefiel es ihnen.</p>
+
+<p>Rico spielte dann noch einige Melodien, die er vom
+Vater her wu&szlig;te, aber nach einer Weile kamen sie wieder
+auf ihr Lied zur&uuml;ck und fingen aufs neue zu singen an.</p>
+
+<p>Aber mittendrin h&ouml;rte Stineli auf und rief: &raquo;Jetzt
+kommt es mir in den Sinn, wie du an den See hinunter
+kannst und doch kein Geld brauchst.&laquo;</p>
+
+<p>Rico hielt pl&ouml;tzlich inne und schaute erwartungsvoll auf
+das Stineli.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span>&raquo;Siehst du&laquo;, fuhr es eifrig fort, &raquo;jetzt hast du eine
+Geige und kannst ein Lied. Da mu&szlig;t du bei jedem Wirtshaus
+unter die Stubent&uuml;r gehen und das Lied singen und
+geigen; dann geben dir die Leute etwas zu essen und lassen
+dich schlafen da, denn sie sehen dann, da&szlig; du nicht ein
+Bettler bist. So kannst du gehen bis an den See, und
+im Heimweg kannst du es wieder so machen.&laquo;</p>
+
+<p>Rico wurde ganz nachdenklich, aber Stineli lie&szlig; ihm keine
+Zeit zum Staunen, es wollte gleich noch einmal singen.</p>
+
+<p>Vor lauter Gesang h&ouml;rten sie auch gar nichts von der
+Betglocke, und erst als es zu dunkeln anfing, merkten sie,
+da&szlig; es Zeit war, heimzugehen, und schon von fern sahen
+sie die Gro&szlig;mutter, wie sie &auml;ngstlich umherschaute.</p>
+
+<p>Aber diesmal war Stineli zu sehr im Feuer, um von
+einer Besorgnis ged&auml;mpft zu werden. Es rannte auf die
+Gro&szlig;mutter zu und rief: &raquo;Du kannst nicht glauben, Gro&szlig;mutter,
+wie gut der Rico geigen kann, und wir haben jetzt
+ein eigenes Lied, nur f&uuml;r uns. Wir wollen dir&#8217;s gleich
+singen.&laquo;</p>
+
+<p>Und eh&#8217; die Gro&szlig;mutter nur ein Wort sagen konnte,
+sangen sie schon mit heller Stimme zu der Geige ihr ganzes
+Lied durch, und die Gro&szlig;mutter h&ouml;rte die frischen Stimmen
+gerne. Sie war auf das Holz niedergesessen, und wie die
+Kinder nun zu Ende waren, sagte sie: &raquo;Komm, Rico, jetzt
+mu&szlig;t du mir auch noch ein Lied spielen und wir wollen es
+miteinander singen. Kannst du das Lied: &#8250;Ich singe dir
+mit Herz und Mund&#8249;?&laquo;</p>
+
+<p>Rico hatte es vielleicht auch schon geh&ouml;rt, aber er wu&szlig;te
+es nicht mehr recht und meinte, erst m&uuml;sse es die Gro&szlig;mutter
+einmal singen; dann wolle er leise nachgeigen, nachher
+k&ouml;nne er&#8217;s dann schon.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span>&raquo;Jetzt werd&#8217; ich noch Vorsinger mit meiner Zitterstimme&laquo;,
+sagte die Gro&szlig;mutter, aber sie sang ganz vergn&uuml;gt
+einen Vers durch, und wenn die Stimme ein wenig zitterte,
+so war sie doch ganz richtig und Rico konnte ihr gut die
+Melodie abnehmen, er hatte sie auch vorher schon geh&ouml;rt.</p>
+
+<p>Nun fingen sie an, und vor jedem Vers sagte die Gro&szlig;mutter
+den Kindern die Worte vor, und so sangen sie
+fr&ouml;hlich alle miteinander:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i1">&raquo;Ich singe dir mit Herz und Mund,<br /></span>
+<span class="i0">Herr, meines Herzens Lust.<br /></span>
+<span class="i0">Ich sing&#8217; und mach&#8217; auf Erden kund,<br /></span>
+<span class="i0">Was mir von dir bewu&szlig;t.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i1">Ich wei&szlig;, da&szlig; du der Brunn&#8217;n der Gnad&#8217;<br /></span>
+<span class="i0">Und ew&#8217;ge Quelle bist,<br /></span>
+<span class="i0">Daraus uns allen fr&uuml;h und spat<br /></span>
+<span class="i0">Viel Heil und Gutes flie&szlig;t.&nbsp;&#8211;<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i1">Was kr&auml;nkst du dich in deinem Sinn?<br /></span>
+<span class="i0">Und gr&auml;mst dich Tag und Nacht?<br /></span>
+<span class="i0">Nimm deine Sorg&#8217; und wirf sie hin<br /></span>
+<span class="i0">Auf den, der dich gemacht.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i1">Er hat noch niemals was versehn,<br /></span>
+<span class="i0">In seinem Regiment,<br /></span>
+<span class="i0">Nein, was er tut und l&auml;&szlig;t geschehn,<br /></span>
+<span class="i0">Das nimmt ein gutes End&#8217;.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i1">Ei nun, so la&szlig; ihn ferner tun<br /></span>
+<span class="i0">Und red&#8217; ihm nicht darein,<br /></span>
+<span class="i0">So wirst du hier im Frieden ruhn<br /></span>
+<span class="i0">Und ewig fr&ouml;hlich sein.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>&raquo;So&laquo;, sagte die Gro&szlig;mutter zufrieden, &raquo;das war ein
+rechter Abendsegen, jetzt k&ouml;nnt ihr in Frieden zur Ruhe
+gehen, Kinder.&laquo;</p>
+
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<h2><span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span>Neuntes Kapitel.</h2>
+
+<h3>Ein r&auml;tselhaftes Ereignis.</h3>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+<p>Als Rico in das H&auml;uschen eintrat, sp&auml;ter als sonst,
+denn &uuml;ber dem Gesang war wohl noch eine halbe Stunde
+vergangen, scho&szlig; ihm die Base entgegen.</p>
+
+<p>&raquo;F&auml;ngst du jetzt so an?&laquo; rief sie. &raquo;Das Essen stand
+eine Stunde lang auf dem Tisch, jetzt ist&#8217;s fort. Geh nur
+gleich in deine Kammer, und wenn du ein ganzer Vagabund
+und Lump wirst, so bin ich nicht schuld; ich wollte
+lieber ich wei&szlig; nicht was tun, als einen Buben h&uuml;ten, wie
+du einer bist.&laquo;</p>
+
+<p>Rico hatte nie ein einziges W&ouml;rtlein geantwortet, wenn
+die Base ihn schm&auml;hte; aber an dem Abend schaute er sie
+an und sagte: &raquo;Ich kann Euch schon aus dem Wege gehen,
+Base.&laquo;</p>
+
+<p>Sie schob den Riegel an der Haust&uuml;r vor, da&szlig; es
+klatschte, dann fuhr sie in die Stube hinein und schlug die
+T&uuml;r hinter sich zu. Rico ging in seine dunkle Kammer
+hinauf.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Am folgenden Tage, als dr&uuml;ben die ganze gro&szlig;e Haushaltung,
+Eltern, Gro&szlig;mutter und alle Kinder beim Abendessen
+sa&szlig;en, kam die Base her&uuml;bergelaufen und rief in die Stube
+hinein: ob sie etwas vom Rico w&uuml;&szlig;ten; sie wisse nicht, wo er sei.</p>
+
+<p>&raquo;Der wird schon kommen, wenn&#8217;s ans Abendessen geht&laquo;,
+antwortete der Vater geruhlich.</p>
+
+<p>Nun kam aber die Base ganz in die Stube hinein,
+denn sie hatte gedacht, sie k&ouml;nne den Buben nur herausrufen,<span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span>
+er werde wohl da sein. Nun erz&auml;hlte sie, er sei
+schon zum Morgenessen nicht gekommen und zum Mittagessen
+nicht, und im Bett sei er auch nicht gewesen, das sei
+noch wie gestern Abend, und sie glaubte fast, der sei schon
+am fr&uuml;hesten Morgen vor Tag auf seine Lumpereien ausgegangen,
+denn der Riegel sei schon inwendig von der Haust&uuml;r
+weggeschoben gewesen, als sie auftun wollte; sie habe
+aber zuerst gemeint, sie habe vor &Auml;rger vergessen, ihn zu
+sto&szlig;en, denn es wisse kein Mensch, was sie f&uuml;r &Auml;rger
+habe.</p>
+
+<p>&raquo;Dem hat&#8217;s etwas gegeben&laquo;, sagte der Vater unentwegt.
+&raquo;Er wird etwa in eine Spalte hineingefallen sein
+am Berg oben; das gibt es manchmal mit so schmalen
+Buben, die &uuml;berall herumklettern. Ihr h&auml;ttet es ein wenig
+fr&uuml;her sagen sollen&laquo;, fuhr er langsam fort, &raquo;man wird ihn
+etwa suchen m&uuml;ssen, und des Nachts sieht man nichts.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt fuhr die Base los und machte einen furchtbaren
+L&auml;rm. Sie habe wohl gedacht, man werde ihr noch Vorw&uuml;rfe
+machen wollen; so gehe es immer, wenn man schon
+jahrelang so viel ertragen und dazu geschwiegen habe.</p>
+
+<p>&raquo;Es glaubt es kein Mensch&laquo; &#8211; rief sie aus und sagte
+damit eine gro&szlig;e Wahrheit&nbsp;&#8211;, &raquo;was f&uuml;r ein heimt&uuml;ckischer,
+hinterlistiger, verstockter Bube der ist, und wie er mir das
+Leben schwer gemacht hat seit vier Jahren; ein Vagabund
+wird er, ein Landstreicher und sch&auml;dlicher Lump!&laquo;</p>
+
+<p>Die Gro&szlig;mutter hatte schon lange zu essen aufgeh&ouml;rt.
+Sie war vom Tisch aufgestanden und vor die Base hingetreten,
+die immer noch l&auml;rmte.</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;rt auf, Nachbarin, h&ouml;rt auf&laquo;, hatte die Gro&szlig;mutter
+zweimal gesagt, bevor die andere nachgab. &raquo;Ich kenne den
+Rico auch; seit man das B&uuml;blein seiner Gro&szlig;mutter brachte,<span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span>
+habe ich es immer gekannt. Wenn ich aber an Eurer Stelle
+w&auml;re, so w&uuml;rde ich kein W&ouml;rtlein mehr sagen, aber ein wenig
+nachsinnen, ob das B&uuml;blein, dem ein Ungl&uuml;ck begegnet sein
+kann und das vielleicht schon da droben steht vor dem lieben
+Gott, ob es da niemanden anzuklagen hat, der in seiner
+Verlassenheit noch schweres Unrecht an ihm getan hat mit
+b&ouml;sen Worten.&laquo;</p>
+
+<p>Der Base war es schon ein paarmal aufgestiegen, wie
+Rico sie am Abend angeschaut und gesagt hatte: &raquo;Ich kann
+Euch schon aus dem Wege gehen.&laquo; Sie hatte auch so
+furchtbar gel&auml;rmt, um diese Gedanken zu &uuml;bert&ouml;nen. Sie
+durfte die Gro&szlig;mutter nicht ansehen und sagte, sie m&uuml;sse
+gehen, vielleicht sei der Rico doch nun heimgekommen, was
+sie jetzt gern genug gesehen h&auml;tte.</p>
+
+<p>Von dem Tage an sagte die Base nie mehr ein Wort
+gegen den Rico vor der Gro&szlig;mutter, aber auch sonst nicht
+mehr viele. Sie glaubte, wie alle anderen Leute auch, er
+sei tot, und war froh, da&szlig; niemand wu&szlig;te, was er am
+letzten Abend zu ihr gesagt hatte.</p>
+
+<p>Am Morgen nach der Nachricht ging Stinelis Vater
+in die Tenne hinaus und suchte eine Stange; er hatte gesagt,
+er wolle ein paar Nachbarn rufen, man m&uuml;sse doch
+den Buben suchen, etwa gegen den Gletscher hinein und
+oben bei den R&uuml;fenen.</p>
+
+<p>Stineli war ihm nachgeschlichen, und der Vater sagte:
+&raquo;Es ist recht, komm, hilf mir suchen, du kannst besser in
+die Winkel hinein als ich.&laquo;</p>
+
+<p>Erst als eine hohe Bohnenstange gefunden war, sagte
+es: &raquo;Aber, Vater, wenn der Rico vielleicht der Stra&szlig;e nach
+gegangen w&auml;re, dann k&ouml;nnte er doch in nichts hineingefallen
+sein?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span>&raquo;Freilich kann er&laquo;, entgegnete der Vater. &raquo;Solch&#8217;
+unvern&uuml;nftige Buben kommen vom Wege ab und in die
+R&uuml;fenen hinein, sie wissen gar nicht wie; und der war
+sonst ein wenig ein Verstaunter.&laquo;</p>
+
+<p>Da&szlig; der Rico dies war, wu&szlig;te Stineli besser als irgend
+jemand, und von dem Augenblick an kam eine gro&szlig;e Angst
+in sein Herz und wuchs mit jedem Tage, so da&szlig; es vor
+Qual und Unruhe nicht mehr essen und nicht mehr schlafen
+konnte und alle Arbeit tat, als w&auml;re es nicht dabei.</p>
+
+<p>Der Rico wurde nicht gefunden; kein Mensch hatte
+etwas von ihm gesehen. Man suchte ihn nicht mehr, und
+bald fanden die Leute einen Trost und sagten: &raquo;Es ist dem
+Waisenb&uuml;blein wohl geschehen, es war doch verlassen und
+hatte niemand mehr.&laquo;</p>
+
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<h2>Zehntes Kapitel.</h2>
+
+<h3>Ein wenig Licht.</h3>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+<p>Aber Stineli wurde stiller und magerer von Tag zu
+Tag. Die kleinen Kinder schrieen: &raquo;Das Stineli will nichts
+erz&auml;hlen und lacht nicht mehr.&laquo; Die Mutter sagte zum Vater:
+&raquo;Siehst du&#8217;s denn nicht? Es ist ja nicht mehr das gleiche.&laquo;
+Und der Vater sagte: &raquo;Es kommt vom Wachsen, man mu&szlig;
+ihm ein wenig Gei&szlig;milch geben am Morgen im Stall.&laquo;</p>
+
+<p>Aber als drei Wochen so vergangen waren, da nahm die
+Gro&szlig;mutter eines Abends das Stineli in ihre Kammer<span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span>
+hinauf und sagte: &raquo;Sieh, Stineli, ich kann es wohl begreifen,
+da&szlig; du den Rico nicht vergessen kannst; aber du
+mu&szlig;t doch denken, da&szlig; der liebe Gott ihn weggenommen
+hat, und wenn es so sein mu&szlig;te, so war es gut f&uuml;r den
+Rico, das werden wir dann einmal sehen.&laquo;</p>
+
+<p>Da fing das Stineli so zu weinen an, wie es die
+Gro&szlig;mutter nie an ihm erlebt hatte, und es schluchzte &uuml;berlaut:
+&raquo;Der liebe Gott hat es ja nicht getan, ich habe
+es getan, Gro&szlig;mutter; darum mu&szlig; ich fast sterben vor
+Angst, denn ich habe den Rico aufgestiftet, an den See
+hinabzugehen, und nun ist er in die R&uuml;fenen hineingefallen
+und ist tot, und es hat ihm noch so weh getan, und ich
+bin an allem schuld.&laquo; Und Stineli weinte und schluchzte
+zum Erbarmen.</p>
+
+<p>Der Gro&szlig;mutter war wie eine schwere Last vom Herzen
+gefallen; sie hatte den Rico verloren gegeben und heimlich
+hatte sie der qu&auml;lende Gedanke verfolgt, das arme B&uuml;blein
+sei der b&ouml;sen Behandlung entlaufen und liege vielleicht dr&uuml;ben
+im Wasser, oder sei im Wald zugrunde gegangen. Jetzt
+stieg auf einmal eine neue Hoffnung in ihr auf.</p>
+
+<p>Sie beruhigte das Stineli so weit, da&szlig; es ihr die
+ganze Geschichte von dem See erz&auml;hlen konnte, von der sie
+gar nichts wu&szlig;te: wie der Rico immer von dem See gesprochen
+und es ihn dahin gezogen hatte und wie Stineli
+den Weg auffand. Es war ganz sicher, da&szlig; Rico sich dahin
+auf den Weg gemacht hatte; aber des Vaters Worte
+von den R&uuml;fenen hatten das Stineli ganz um alle Hoffnung
+gebracht.</p>
+
+<p>Die Gro&szlig;mutter nahm das Kind bei der Hand und
+zog es zu sich heran. &raquo;Komm, Stineli&laquo;, sagte sie liebreich,
+&raquo;ich mu&szlig; dir nun etwas erkl&auml;ren. Wei&szlig;t du, wie&#8217;s in<span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span>
+dem alten Liede hei&szlig;t, das wir noch mit dem Rico gesungen
+haben am letzten Abend?</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i1">&#8250;Denn was er tut und l&auml;&szlig;t geschehn,<br /></span>
+<span class="i0">Das nimmt ein gutes End&#8217;.&#8249;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>&raquo;Siehst du, wenn nun auch der liebe Gott es nicht
+selbst getan hat, so wie wenn er den Rico gleich in seinem
+Bette h&auml;tte sterben lassen, so war doch die Sache in seiner
+Hand, als du etwas Verkehrtes tatest, denn einem solchen
+kleinen Stineli w&auml;re er schon noch Meister geworden. Und
+da&szlig; du etwas recht Verkehrtes getan hast, wirst du jetzt
+f&uuml;r dein Lebtag wissen, und was da herauskommen kann,
+wenn Kinder in die Welt hinauslaufen und Sachen unternehmen
+wollen, die sie gar nicht kennen, und niemandem
+ein Wort davon sagen, keinen Eltern und keiner Gro&szlig;mutter,
+die es gut mit ihnen meinen. Aber nun hat das
+der liebe Gott so geschehen lassen, und nun d&uuml;rfen wir
+bestimmt hoffen, da&szlig; alles noch ein gutes Ende nehmen
+kann.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt denk daran, Stineli, und vergi&szlig; nie mehr, was du
+da erfahren hast. Weil es dir aber recht von Herzen leid
+ist, so darfst du jetzt auch gehen und den lieben Gott bitten,
+da&szlig; er doch noch etwas Gutes mache aus dem verkehrten
+Zeug, das ihr da angestellt habt, du und der Rico. Dann
+darfst du auch wieder fr&ouml;hlich sein, Stineli, und ich bin es
+mit dir, denn ich glaube zuversichtlich, da&szlig; der Rico noch
+am Leben ist, und da&szlig; ihn der liebe Gott nicht verl&auml;&szlig;t.&laquo;</p>
+
+<p>Von dem Tage an wurde Stineli wieder munter, und
+wenn ihm auch der Rico auf jedem Schritt mangelte, so
+hatte es doch keine Angst und keine Vorw&uuml;rfe mehr im
+Herzen, und Tag f&uuml;r Tag schaute es nach der Stra&szlig;e hin&uuml;ber,<span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span>
+ob nicht etwa der Rico dort vom Maloja herunterkomme.
+So ging die Zeit dahin, aber vom Rico h&ouml;rte man
+nichts mehr.</p>
+
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<h2>Elftes Kapitel.</h2>
+
+<h3>Eine lange Reise.</h3>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+<p>Rico hatte sich an jenem Sonntagabend in seiner
+dunkeln Kammer auf seinen Stuhl gesetzt. Da wollte er
+bleiben, bis die Base zu Bett gegangen war.</p>
+
+<p>Nachdem Stineli die Entdeckung gemacht hatte, wie die
+Reise nach dem See auszuf&uuml;hren w&auml;re, kam Rico die Sache
+so leicht vor, da&szlig; er sich nur noch besinnen wollte, wann
+er am besten gehen k&ouml;nne, denn er hatte ein Gef&uuml;hl davon,
+die Base w&uuml;rde ihn vielleicht zur&uuml;ckhalten, wenn er schon
+wu&szlig;te, da&szlig; er ihr nicht stark mangeln w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Als sie dann beim Heimkommen so auf ihn losschalt,
+dachte er: &raquo;So will ich gleich auf der Stelle gehen, sobald
+sie im Bette ist.&laquo;</p>
+
+<p>Als er nun so im Dunkeln auf seinem Stuhl sa&szlig;,
+dachte er nach, wie angenehm es sein werde, wenn er nun
+viele Tage lang die Base nie mehr werde schelten h&ouml;ren,
+und welche gro&szlig;e B&uuml;schel von den roten Blumen er dem
+Stineli mitbringen wolle, wenn er zur&uuml;ckkomme. Und dann
+sah er die sonnigen Ufer und die violetten Berge vor sich
+und war entschlafen.</p>
+
+<p>Er war aber nicht in einer sehr bequemen Lage, denn
+die Geige hatte er nicht aus der Hand gelegt; so erwachte<span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span>
+er wieder nach einiger Zeit, es war aber noch ganz dunkel.
+Nun kam ihm aber gleich alles klar in den Sinn. Er
+war noch in seinem Sonntagsw&auml;mschen, das war gut;
+seine Kappe hatte er noch von gestern her auf dem Kopf,
+die Geige nahm er unter den Arm, und so ging er leise
+die Treppe hinunter, schob den Riegel weg und zog in die
+k&uuml;hle Morgenluft hinaus.</p>
+
+<p>&Uuml;ber den Bergen fing es schon leise an zu tagen und
+in Sils kr&auml;hten die H&auml;hne. Er ging t&uuml;chtig drauf los,
+damit er von den H&auml;usern weg und auf die gro&szlig;e Stra&szlig;e
+komme. Nun war er da und wanderte vergn&uuml;gt weiter,
+denn da war ihm alles so wohl bekannt, er war oft mit
+dem Vater da hinaufgegangen. Wie lang es aber ging,
+bis man auf den Maloja kam, wu&szlig;te er nicht mehr so
+recht, und es kam ihm lange vor, als er schon mehr als
+zwei gute Stunden immerfort gewandert war.</p>
+
+<p>Aber nun kam nach und nach der helle Tag, und als
+er nach noch einer guten Stunde auf dem Platze vor dem
+Wirtshaus oben am Maloja angekommen war, da, wo er
+oft mit dem Vater die Stra&szlig;e hinuntergeschaut hatte,
+da lag ein sonniger Morgen &uuml;ber den Bergen und die
+Tannenwipfel waren alle wie von Gold. Rico setzte sich
+an den Rand der Stra&szlig;e nieder, er war schon recht m&uuml;de,
+und nun merkte er auch, da&szlig; er nichts mehr gegessen hatte
+seit dem vorhergehenden Mittag. Aber er war nicht verzagt,
+denn nun ging es bergab und nachher konnte unversehens
+der See kommen. Wie er so dasa&szlig;, kam der gro&szlig;e
+Postwagen herangerasselt; den hatte er schon oft gesehen,
+wenn er bei Sils vorbeifuhr, und immer dabei gedacht,
+das h&ouml;chste Gl&uuml;ck auf Erden genie&szlig;e ein Kutscher, der immerfort
+mit einer Peitsche auf einem Bock sitzen und f&uuml;nf<span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span>
+Rosse regieren k&ouml;nne. Nun sah er einmal den Gl&uuml;cklichen
+in der N&auml;he, denn der Postwagen hielt still, und Rico verwandte
+nun kein Auge von dem merkw&uuml;rdigen Manne, der
+von seinem hohen Sitz herunterkam, ins Wirtshaus eintrat
+und mit mehreren ungeheuren St&uuml;cken Schwarzbrot,
+&uuml;ber welchen ein gewaltig gro&szlig;er Brocken K&auml;se lag, wieder
+aus dem Hause trat.</p>
+
+<p>Nun zog der Kutscher ein festes Messer hervor und
+zerst&uuml;ckte sein Brot, und einem Pferd nach dem anderen
+steckte er einen guten Bissen ins Maul. Zwischenein kam
+er selbst an die Reihe, auf sein St&uuml;ck Brot kam aber immer
+ein markiges St&uuml;ck K&auml;se. Wie sie nun alle zusammen so
+vergn&uuml;glich a&szlig;en, schaute der Kutscher ein wenig um sich,
+und mit einem Male rief er: &raquo;He, kleiner Musikant, willst
+du auch mithalten? Komm her!&laquo;</p>
+
+<p>Erst seit Rico das Essen vor sich gesehen, hatte er gemerkt,
+wie sehr er Hunger hatte. Er folgte gern der
+Einladung und trat zu dem Kutscher heran. Der schnitt
+ihm ein ganz erstaunlich gro&szlig;es St&uuml;ck K&auml;se ab und legte
+dieses auf ein noch viel dickeres St&uuml;ck Brot, so da&szlig; Rico
+kaum wu&szlig;te, wie er die Dinge bew&auml;ltigen konnte.</p>
+
+<p>Er mu&szlig;te seine Geige ein wenig auf den Boden legen.
+Der Kutscher schaute wohlgef&auml;llig zu, wie Rico in sein
+Fr&uuml;hst&uuml;ck bi&szlig;, und w&auml;hrend er selbst sein Gesch&auml;ft fortsetzte,
+sagte er:</p>
+
+<p>&raquo;Du bist noch ein kleiner Geiger, kannst du auch
+etwas?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, zwei Lieder, und dann noch das vom Vater&laquo;,
+antwortete Rico.</p>
+
+<p>&raquo;So, und wo willst du denn hin auf deinen zwei kleinen
+Beinen?&laquo; fuhr der Kutscher fort.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span>&raquo;Nach Peschiera am Gardasee&laquo;, war Ricos ernsthafte
+Antwort.</p>
+
+<p>Jetzt entfuhr dem Kutscher ein so kr&auml;ftiges Gel&auml;chter,
+da&szlig; der Rico ganz erstaunt zu ihm aufschauen mu&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist ein guter Fuhrwerker, du&laquo;, lachte der Kutscher
+noch einmal; &raquo;wei&szlig;t du denn nicht, wie weit das ist, und
+da&szlig; ein schmales Musik&auml;ntlein, wie du eins bist, sich beide
+F&uuml;&szlig;e mitsamt den Sohlen durchlaufen w&uuml;rde, bevor es noch
+einen Tropfen Wasser vom Gardasee gesehen h&auml;tte? Wer
+schickt dich denn dort hinunter?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich gehe selber aus mir&laquo;, sagte Rico.</p>
+
+<p>&raquo;Ein solcher ist mir noch nicht vorgekommen&laquo;, lachte
+der Kutscher gutm&uuml;tig. &raquo;Wo bist du daheim, Musikant?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es nicht recht, vielleicht am Gardasee&laquo;, erwiderte
+Rico v&ouml;llig ernsthaft.</p>
+
+<p>&raquo;Ist das eine Antwort!&laquo; Jetzt schaute der Kutscher
+den Knaben vor sich genau an. Wie ein verlaufenes Bettelb&uuml;blein
+sah der Rico nicht aus. Der schwarze Lockenkopf
+&uuml;ber dem Sonntagsw&auml;mschen sah ganz stattlich aus, und
+das feine Gesichtchen mit den ernsthaften Augen trug einen
+edlen Stempel und man schaute es gern noch einmal an,
+wenn man es gesehen hatte.</p>
+
+<p>Dem Kutscher mochte es auch so gehen, er schaute den
+Rico fest an und dann noch einmal erst recht, dann sagte
+er freundlich: &raquo;Du tr&auml;gst deinen Pa&szlig; auf dem Gesicht
+mit, B&uuml;blein, und es ist kein schlechter, wenn du schon
+nicht wei&szlig;t, wo du daheim bist. Was gibst du mir nun,
+wenn ich dich neben mich auf den Bock nehme und dich weit
+hinunterbringe?&laquo;</p>
+
+<p>Rico staunte, als w&auml;re es fast nicht m&ouml;glich, da&szlig; der
+Mann diese Worte wirklich ausgesprochen habe. Auf dem hohen<span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span>
+Postwagen ins Tal hinunter gefahren, ein solches Gl&uuml;ck
+h&auml;tte er nie f&uuml;r sich m&ouml;glich gehalten. Aber was konnte
+er dem Kutscher geben?</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe gar nichts als eine Geige, und die kann ich
+Euch nicht geben&laquo;, sagte der Rico traurig nach einigem
+Besinnen.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, mit dem Kasten w&uuml;&szlig;te ich auch nichts anzufangen&laquo;,
+lachte der Kutscher. &raquo;Komm, nun sitzen wir auf, &#8211; und
+du kannst mir ein wenig Musik machen.&laquo;</p>
+
+<p>Rico traute seinen Ohren nicht; aber wahrhaftig! der
+Kutscher schob ihn &uuml;ber die R&auml;der auf den hohen Sitz hinauf
+und kletterte nach. Die Reisenden waren wieder eingestiegen,
+der Wagen wurde zugeschlagen und nun ging&#8217;s
+die Stra&szlig;e hinunter, die bekannte Stra&szlig;e, die Rico so oft
+sich von oben her angeschaut und verlangt hatte, da hinunter
+zu kommen. Nun war die Erf&uuml;llung da und in
+welcher Weise! Hoch oben zwischen Himmel und Erde flog
+der Rico dahin und konnte immer noch fast nicht glauben,
+da&szlig; er es selber sei.</p>
+
+<p>Den Kutscher wunderte es nun doch ein wenig, wem
+denn das B&uuml;blein neben ihm geh&ouml;ren k&ouml;nnte.</p>
+
+<p>&raquo;Sag mir einmal, du kleine, fahrende Habe, wo ist denn
+dein Vater?&laquo; fragte er nach einem festen Peitschenknall.</p>
+
+<p>&raquo;Der ist tot&laquo;, antwortete Rico.</p>
+
+<p>&raquo;So, und wo ist deine Mutter?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die ist tot.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So, und dann hat man noch etwa einen Gro&szlig;vater
+und eine Gro&szlig;mutter, wo sind diese?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die sind tot.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So, so, aber etwa einen Bruder oder eine Schwester
+hast du ja sicher; wo sind die hingekommen?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span>&raquo;Sie sind tot&laquo;, war Ricos fortw&auml;hrende traurige
+Antwort.</p>
+
+<p>Da nun der Kutscher sah, da&szlig; da alles tot war, lie&szlig;
+er die Verwandtschaft in Ruhe und fragte nur: &raquo;Wie hie&szlig;
+dein Vater?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Enrico Trevillo von Peschiera am Gardasee&laquo;, erwiderte
+Rico.</p>
+
+<p>Nun legte der Mann sich die Dinge ein wenig zurecht
+und dachte bei sich: das ist ein verschlepptes B&uuml;blein von
+da unten herauf, und es ist gut, da&szlig; es wieder an seinen
+Ort kommt. Damit lie&szlig; er die Sache liegen.</p>
+
+<p>Als nun nach der ersten steil abw&auml;rts gehenden Strecke
+der Bergstra&szlig;e der Weg etwas ebener wurde, sagte der
+Kutscher: &raquo;So, Musikant, nun spiel einmal ein lustiges
+Liedlein auf.&laquo;</p>
+
+<p>Da nahm Rico die Geige vor und war so wohlgemut
+da oben auf seinem Thron, unter dem blauen Himmel
+hinfahrend, da&szlig; er mit der hellsten Stimme anfing und
+kr&auml;ftig darauflos sang:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Ihr Sch&auml;flein hinunter von sonniger H&ouml;h&#8217;.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Nun sa&szlig;en zuoberst auf dem Postwagen drei Studenten,
+die machten eine Ferienreise, und wie nun das Lied weiterging
+und Rico mit aller Lust und Fr&ouml;hlichkeit Stinelis
+Verse sang, da gab es auf einmal oben auf dem Wagen
+ein lautes Hallo und Gel&auml;chter und die Studenten
+riefen: &raquo;Halt, Geiger, fang noch einmal an, wir singen
+auch mit.&laquo;</p>
+
+<p>Da fing Rico wieder an, und nun fielen die Studenten
+ein und sangen mit aller Macht:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Und die Sch&auml;flein, und die Sch&auml;flein&laquo;&nbsp;&#8211;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span>und dazwischen lachten sie so ungeheuer, da&szlig; man nichts
+mehr h&ouml;rte von Ricos Geige, und dann sangen sie wieder
+und einer sang zwischenein ganz allein:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Und t&auml;t&#8217; er nichts denken,<br /></span>
+<span class="i0">So t&auml;t&#8217; ihm nichts weh!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Dann fielen die anderen wieder ein und sangen, so laut sie
+konnten:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Und die Sch&auml;flein, und die Sch&auml;flein&laquo;&nbsp;&#8211;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>und so ging es eine ganze Weile lang fort, und wenn
+Rico einmal etwas innehielt, so riefen sie: &raquo;Weiter,
+Geiger, nicht aufh&ouml;ren!&laquo; und warfen ihm kleine Geldst&uuml;cke
+zu, immer wieder, da&szlig; er einen ganzen Haufen in der
+Kappe hatte.</p>
+
+<p>Drinnen im Wagen machten die Reisenden alle Fenster
+auf und steckten die K&ouml;pfe heraus, um den frohen Gesang
+zu h&ouml;ren. Dann fing Rico von neuem an, und die Studenten
+brachen von neuem los und teilten das Lied in Soli
+und Ch&ouml;re. Da sang die Solostimme ganz feierlich:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Und ein See ist wie ein andrer<br /></span>
+<span class="i0">Von Wasser gemacht&laquo;&nbsp;&#8211;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>und dann wieder:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Und t&auml;t&#8217; er nichts denken,<br /></span>
+<span class="i0">So t&auml;t&#8217; ihm nichts weh&laquo;&nbsp;&#8211;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>und dazwischen fiel der Chor ein, und sie sangen mit aller
+Kraft:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Und die Sch&auml;flein, und die Sch&auml;flein&laquo;&nbsp;&#8211;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>und nachher wollten sie sich wieder totlachen und konnten
+eine ganze Weile nicht fortfahren vor Gel&auml;chter.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span>Aber nun hielt auf einmal der Kutscher still, denn es
+mu&szlig;te ein Halt gemacht und ein Mittagessen eingenommen
+werden. Als er den Rico hinunterschwang, hielt er ihm
+sorgf&auml;ltig seine Kappe fest, denn da war all das Geld
+drin, und Rico hatte genug zu tun, seine Geige zu
+halten.</p>
+
+<p>Der Kutscher war ganz vergn&uuml;gt, als er die Kappe in
+Ricos Hand abgab und sagte: &raquo;So ist&#8217;s recht, nun kannst
+du auch Mittag haben.&laquo;</p>
+
+<p>Die Studenten sprangen hinunter, einer nach dem anderen,
+und alle wollten nun den Geiger sehen, denn sie
+hatten ihn nicht recht sehen k&ouml;nnen von ihrem Sitze aus,
+und als sie nun das schm&auml;chtige M&auml;nnlein sahen, da ging
+die Verwunderung und die Heiterkeit erst recht wieder an;
+sie h&auml;tten der guten Stimme nach einen gr&ouml;&szlig;eren Menschen
+erwartet, nun war der Spa&szlig; doppelt gro&szlig;. Sie nahmen
+das B&uuml;blein in ihre Mitte und zogen mit Gesang ins
+Wirtshaus ein. Da mu&szlig;te denn an dem sch&ouml;ngedeckten
+Tisch der Rico zwischen zwei der Herren sitzen und sie
+sagten, er sei nun ihr Gast, und legten ihm alle drei miteinander
+jeder ein St&uuml;ck auf den Teller, denn keiner wollte
+ihm weniger geben, und ein solches Mittagessen hatte Rico
+in seinem ganzen Leben noch nie eingenommen.</p>
+
+<p>&raquo;Und von wem hast du dein sch&ouml;nes Lied, Geigerlein?&laquo;
+fragte nun einer von den dreien.</p>
+
+<p>&raquo;Vom Stineli, es hat es selbst gemacht&laquo;, antwortete
+Rico ernsthaft.</p>
+
+<p>Die drei sahen sich an und brachen in ein neues,
+schallendes Lachen aus.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist sch&ouml;n vom Stineli&laquo;, rief der eine, &raquo;nun
+wollen wir es gleich hoch leben lassen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span>Rico mu&szlig;te auch ansto&szlig;en und tat es ganz fr&ouml;hlich
+auf Stinelis Gesundheit.</p>
+
+<p>Nun war die Zeit um, und als man wieder zum
+Wagen herantrat, kam ein dicker Mann auf Rico zu, der
+hatte einen so gewaltigen Stock in der Hand, da&szlig; man
+denken mu&szlig;te, er habe einen jungen Baum ausgerissen.
+Er war in einen festen, gelb-braunen Stoff gekleidet von
+oben bis unten.</p>
+
+<p>&raquo;Komm her, Kleiner&laquo;, sagte er, &raquo;du hast so sch&ouml;n
+gesungen. Ich habe dich geh&ouml;rt hier drinnen im Wagen,
+und ich habe es auch mit den Schafen zu tun wie du;
+siehst du, ich bin ein Schafh&auml;ndler, und weil du so sch&ouml;n
+von den Schafen singen kannst, mu&szlig;t du von mir auch
+etwas haben.&laquo; Damit legte er ein sch&ouml;nes St&uuml;ck Silbergeld
+in Ricos Hand, denn die Kappe war indessen geleert
+und alles in die Tasche gesteckt worden.</p>
+
+<p>Dann stieg der Mann in den Wagen an seinen Platz
+und Rico wurde vom Kutscher wie eine Feder hinaufgehoben;
+dann ging&#8217;s wieder davon.</p>
+
+<p>Wenn der Wagen nicht zu rasch fuhr, wollten die Studenten
+immer gleich Musik haben, und Rico spielte alle
+Melodien, deren er sich nur erinnern konnte vom Vater
+her, und zuletzt spielte er noch: &raquo;Ich singe dir mit Herz
+und Mund.&laquo;</p>
+
+<p>An dieser Melodie mu&szlig;ten die Studenten ganz sanft
+entschlafen sein, denn es war alles still geworden, und nun
+schwieg die Geige auch, und der Abendwind kam milde
+herangeweht, und leise stiegen die Sternlein auf am Himmel
+eins nach dem anderen, bis sie strahlten ringsum, wo Rico
+hinsah. Und er dachte an Stineli und die Gro&szlig;mutter,
+was sie nun tun, und es fiel ihm ein, da&szlig; um diese Zeit<span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span>
+die Betglocke l&auml;utete und die beiden ihr Vaterunser beteten.
+Das wollte er auch tun; es war dann so, wie wenn er
+bei ihnen w&auml;re, und Rico faltete die H&auml;nde und betete
+unter dem leuchtenden Sternenhimmel and&auml;chtig sein Vaterunser.</p>
+
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<h2>Zw&ouml;lftes Kapitel.</h2>
+
+<h3>Es geht noch weiter.</h3>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+<p>Rico war auch entschlafen. Er erwachte daran, da&szlig;
+ihn der Kutscher packte, um ihn herunterzunehmen. Nun
+stieg alles aus und herunter, und die drei Studenten kamen
+noch auf den Rico zu und sch&uuml;ttelten ihm die Hand und
+w&uuml;nschten ihm viel Gl&uuml;ck auf seine Reise. Und einer rief:
+&raquo;Gr&uuml;&szlig; uns auch freundlich das Stineli!&laquo;</p>
+
+<p>Dann verschwanden sie in einer Stra&szlig;e und Rico h&ouml;rte,
+wie sie noch einmal anstimmten: &raquo;Und die Sch&auml;flein, und
+die Sch&auml;flein.&laquo;</p>
+
+<p>Nun stand Rico da in der dunkeln Nacht und hatte
+gar keinen Begriff, wo er war, und auch nicht, was er
+tun sollte. Da fiel ihm ein, da&szlig; er nicht einmal dem
+Kutscher gedankt hatte, der ihn doch so weit hatte mitfahren
+lassen, und er wollte es gleich noch tun.</p>
+
+<p>Aber der Kutscher war mitsamt den Pferden verschwunden,
+und es war dunkel ringsum: nur dr&uuml;ben hing
+eine Laterne, auf diese ging Rico zu. Sie hing an der
+Stallt&uuml;r, wo die Pferde eben hineingef&uuml;hrt wurden.<span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span>
+Daneben stand der Mann mit dem dicken Stock, er schien
+auf den Kutscher zu warten. Rico stellte sich auch hin
+und wartete desgleichen.</p>
+
+<p>Der Schafh&auml;ndler mu&szlig;te ihn in der Dunkelheit nicht
+gleich erkannt haben; auf einmal sagte er erstaunt: &raquo;Was,
+bist du auch noch da, Kleiner, wo mu&szlig;t du denn deine
+Nacht zubringen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; nicht, wo&laquo;, antwortete Rico.</p>
+
+<p>&raquo;Das w&auml;re der Tausend! um elf Uhr in der Nacht
+ein solches bi&szlig;chen von einem Buben wie du, und im
+fremden Lande&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Der Schafh&auml;ndler mu&szlig;te seine Worte v&ouml;llig herausblasen,
+denn in der Erregung kam er nicht gut zu Atem;
+er endigte aber seinen Satz nicht, denn der Kutscher kam
+aus dem Stalle, und Rico lief gleich auf ihn zu und sagte:
+&raquo;Ich habe Euch noch danken wollen, da&szlig; Ihr mich mitgenommen
+habt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist gerade gut, da&szlig; du noch kommst, jetzt h&auml;tte
+ich dich &uuml;ber den Rossen vergessen und wollte dich doch da
+einem Bekannten &uuml;bergeben. Eben wollte ich Euch fragen,
+guter Freund&laquo;, fuhr er, zum Schafh&auml;ndler gewandt, fort,
+&raquo;ob Ihr nicht das B&uuml;blein mitnehmen w&uuml;rdet, weil Ihr
+doch ins Bergamaskische hinabgeht. Es mu&szlig; an den
+Gardasee hinunter, irgendwohin; es ist so eins von denen,
+die so hin und her &#8211; Ihr versteht mich schon.&laquo;</p>
+
+<p>Dem Schafh&auml;ndler kamen allerhand Geschichten von
+gestohlenen und verlorenen Kindern vor Augen, er schaute
+Rico im Schein der Laterne mitleidsvoll an und sagte halblaut
+zum Kutscher: &raquo;Er sieht auch so aus, als ob es nicht
+sein rechtes Futteral w&auml;re, in dem er steckt. Er wird wohl
+in ein Herrenm&auml;ntelchen hineingeh&ouml;ren. Ich nehme ihn mit.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span>Nachdem er noch einen Schafhandel mit dem Kutscher
+besprochen, nahmen die beiden Abschied voneinander, und
+der Schafh&auml;ndler winkte Rico, da&szlig; er mit ihm kommen solle.</p>
+
+<p>Nach einer kurzen Wanderung trat der Mann in ein
+Haus und unmittelbar in eine gro&szlig;e Wirtsstube ein, wo
+er sich mit Rico in einer Ecke niederlie&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Nun wollen wir einmal deine Barschaft ansehen&laquo;,
+sagte er zu Rico, &raquo;da&szlig; wir wissen, was sie erleiden mag.
+Wohin mu&szlig;t du unten am See?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach Peschiera am Gardasee&laquo;, war Ricos unver&auml;nderliche
+Antwort. Er zog nun seine Geldst&uuml;cke alle hervor, ein
+artiges H&auml;uflein kleiner M&uuml;nzen und oben darauf das
+gr&ouml;&szlig;ere Silberst&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du nur das eine gute St&uuml;ck?&laquo; fragte der
+H&auml;ndler.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, nur das, von Euch hab&#8217; ich&#8217;s&laquo;, entgegnete Rico.</p>
+
+<p>Das gefiel dem Mann, da&szlig; er allein ein gro&szlig;es St&uuml;ck
+gegeben hatte und da&szlig; es der Junge gut wu&szlig;te; er bekam
+Lust, ihm gleich noch etwas zu geben. Als nun gerade
+das Essen vor sie hingestellt wurde, nickte der beh&auml;bige
+Mann seinem kleinen Nachbar zu und sagte: &raquo;Das bezahl&#8217;
+ich und das Nachtlager auch; so kommst du morgen aus
+mit deinem Verm&ouml;gen.&laquo;</p>
+
+<p>Rico war so m&uuml;de von all dem Singen und Geigen
+und Fahren den ganzen Tag, da&szlig; er kaum mehr essen
+konnte, und in der gro&szlig;en Kammer, wo er zusammen mit
+seinem Besch&uuml;tzer die Nacht zuzubringen hatte, war er
+kaum in sein Bett gestiegen, als er sofort in einen tiefen
+Schlaf sank.</p>
+
+<p>Am fr&uuml;hen Morgen wurde Rico von einer kr&auml;ftigen
+Hand aus seinem festen Schlaf aufger&uuml;ttelt. Er sprang<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span>
+eilends aus seinem Bett; sein Begleiter stand schon reisefertig
+da mit dem Stock in der Hand.</p>
+
+<p>Es w&auml;hrte aber gar nicht lang, so stand auch Rico zur
+Abreise bereit, die Geige im Arm. Erst traten die beiden
+in die Wirtsstube ein und Ricos Begleiter rief nach Kaffee.
+Dann ermunterte er den Jungen, er solle nur recht viel
+davon zu sich nehmen, denn nun komme eine lange Fahrt
+und eine solche, die Appetit mache.</p>
+
+<p>Als das Gesch&auml;ft zur Zufriedenheit abgetan war, zogen
+die Reisenden aus, und nach einer Strecke Wegs kamen
+sie um eine Ecke herum, und &#8211; wie mu&szlig;te Rico da die
+Augen auftun &#8211; auf einmal sah er einen gro&szlig;en, flimmernden
+See vor sich, und ganz erregt sagte er: &raquo;Jetzt
+kommt der Gardasee.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Noch lange nicht, B&uuml;rschlein; jetzt sind wir am Comersee&laquo;,
+erkl&auml;rte sein Schutzherr. Nun stiegen sie in ein Schiff
+und fuhren viele Stunden lang dahin. Und Rico schaute
+bald nach den sonnigen Ufern, bald in die blauen Wellen,
+und es wehte ihn heimatlich an. &#8211; Jetzt legte er mit
+einem Male sein Silberst&uuml;ck auf den Tisch.</p>
+
+<p>&raquo;Was, was, hast du schon zuviel Geld&laquo;, fragte der
+Schafh&auml;ndler, der, mit beiden Armen auf seinen Stock
+gest&uuml;tzt, erstaunt dem Unternehmen zusah.</p>
+
+<p>&raquo;Heute mu&szlig; ich bezahlen&laquo;, sagte Rico, &raquo;Ihr habt&#8217;s
+gesagt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du gibst doch acht, wenn man dir etwas sagt, das
+ist etwas Gutes; aber sein Geld legt man nicht nur so
+auf den Tisch, gib mir&#8217;s einmal her.&laquo;</p>
+
+<p>Damit stand er auf und ging, sich nach der Bezahlung
+umzusehen. Als er aber seinen dicken Lederbeutel hervorzog,
+der ganz voll solcher Silberst&uuml;cke war, denn er war<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span>
+auf einer Handelsreise begriffen, da konnte er&#8217;s nicht &uuml;bers
+Herz bringen, des B&uuml;bleins einziges St&uuml;ck herzugeben, und
+er brachte es wieder zur&uuml;ck samt der Karte und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Da, du kannst&#8217;s morgen noch besser brauchen; jetzt bist
+du noch bei mir und wer wei&szlig;, wie es dir nachher geht.
+Wenn du einmal da unten ankommst und ich nicht mehr
+bei dir bin, findest du dann auch ein Haus, wo du hinein
+mu&szlig;t?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, ich wei&szlig; kein Haus&laquo;, antwortete Rico. Der
+Mann hatte ein gro&szlig;es heimliches Erstaunen zu bew&auml;ltigen,
+denn des B&uuml;bleins Geschichte kam ihm sehr geheimnisvoll
+vor. Er lie&szlig; aber nichts merken und fragte auch nicht
+weiter; er dachte, da komme er doch nicht ins klare; der
+Kutscher m&uuml;sse ihm dann einmal Aufschlu&szlig; geben, der wisse
+wohl mehr von allem, als das B&uuml;blein selbst. Mit diesem
+hatte er gro&szlig;es Mitleid, denn es mu&szlig;te nun bald noch seinen
+Schutz verlieren.</p>
+
+<p>Als das Schiff stillstand, nahm der Mann Rico an
+die Hand und sagte: &raquo;So verlier&#8217; ich dich nicht und du
+kommst besser nach, denn jetzt hei&szlig;t&#8217;s gut marschieren; die
+warten nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Rico hatte zu tun, den guten Schritten nachzukommen.
+Er schaute weder rechts noch links und auf einmal stand
+er vor einer langen Reihe ganz sonderbarer Rollwagen.
+Da stieg er auf einem Treppchen hinein, dem Begleiter
+nach, und nun fuhr Rico zum ersten Male in seinem Leben
+auf einer Eisenbahn. Nachdem man so eine Stunde lang
+gefahren war, stand der Schafh&auml;ndler auf und sagte: &raquo;Jetzt
+kommt&#8217;s an mich, da sind wir in Bergamo, und du bleibst
+ruhig sitzen, bis dich einer herausholt, denn ich habe alles
+eingerichtet, dann steigst du aus und bist da.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span>&raquo;Bin ich dann in Peschiera am Gardasee?&laquo; fragte
+Rico. Das best&auml;tigte sein Besch&uuml;tzer. Nun bedankte sich
+Rico recht sch&ouml;n, denn er hatte wohl verstanden, wie viele
+Guttaten ihm dieser Mann erwiesen hatte, und so schieden
+sie und es tat jedem leid, da&szlig; er vom anderen wegkam.</p>
+
+<p>Rico sa&szlig; nun ganz still in seiner Ecke und hatte Zeit
+zum Staunen, denn es bek&uuml;mmerte sich kein Mensch mehr
+um ihn. So mochte er wohl gegen drei Stunden unbeweglich
+dagesessen haben, als der Zug wieder einmal anhielt,
+wie schon mehrere Male.</p>
+
+<p>Jetzt trat ein Wagenf&uuml;hrer herein, nahm den Rico
+beim Arm und zog ihn in Eile aus dem Wagen und die
+Treppe hinunter. Dann deutete er die Anh&ouml;he hinab und
+sagte: &raquo;Peschiera&laquo;, und im Nu war er wieder im Wagen
+droben und verschwunden, der Zug sauste weiter.</p>
+
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<h2>Dreizehntes Kapitel.</h2>
+
+<h3>Am fernen, sch&ouml;nen See.</h3>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+<p>Rico entfernte sich einige Schritte von dem Geb&auml;ude,
+wo der Zug angehalten hatte, und schaute um sich, dieses
+wei&szlig;e Haus, der kahle Platz davor, der schnurgerade Weg
+in der Ferne, alles kam ihm so fremd vor, das hatte er
+in seinem Leben nie gesehen und er dachte bei sich: &raquo;Ich
+bin nicht am rechten Ort.&laquo; Er ging traurig weiter, den
+Weg hinab, zwischen den B&auml;umen durch; nun machte der<span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span>
+Weg eine Wendung, und Rico stand da wie im Traum
+und r&uuml;hrte sich nicht mehr. Vor ihm lag funkelnd im
+hellen Sonnenschein der himmelblaue See mit den warmen,
+stillen Ufern, und dr&uuml;ben kamen die Berge gegeneinander,
+in der Mitte lag die sonnige Bucht, und die freundlichen
+H&auml;user daran schimmerten her&uuml;ber. Das kannte Rico, das
+hatte er gesehen, da hatte er gestanden, gerade da, diese
+B&auml;ume kannte er; wo war das H&auml;uschen? Da mu&szlig;te es
+stehen, ganz nah; es war nicht da.</p>
+
+<p>Aber da unten war die alte Stra&szlig;e, o, die kannte er
+so gut, und dort schimmerten die gro&szlig;en, roten Blumen
+aus den gr&uuml;nen Bl&auml;ttern; da mu&szlig;te auch eine schmale,
+steinerne Br&uuml;cke sein, dort &uuml;ber den Ausflu&szlig; vom See,
+dort war er so oft hin&uuml;bergegangen; man konnte sie nicht
+sehen.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich rannte Rico, von brennendem Verlangen getrieben,
+hinauf auf die Stra&szlig;e und hin&uuml;ber, da war die
+kleine Br&uuml;cke &#8211; er wu&szlig;te alles&nbsp;&#8211;, da war er dar&uuml;bergegangen
+und jemand hielt ihn an der Hand &#8211; die
+Mutter. Mit einem Male kam das Gesicht der Mutter
+ganz klar vor seine Augen, wie er es nie mehr gesehen
+hatte, viele Jahre; da hatte sie neben ihm gestanden und
+ihn angeschaut mit den liebevollen Augen, und den Rico
+&uuml;bernahm es, wie noch nie in seinem Leben.</p>
+
+<p>Neben der kleinen Br&uuml;cke warf er sich auf den Boden
+und weinte und schluchzte laut: &raquo;O, Mutter, wo bist du?
+Wo bin ich daheim, Mutter?&laquo;</p>
+
+<p>So lag er lange Zeit und mu&szlig;te sein gro&szlig;es Leid ausweinen,
+und es war, als wollte sein Herz zerspringen und
+als sei es ein Ausbruch von allem Weh, das ihn bisher
+stumm und starr gemacht, wo es ihn getroffen hatte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span>Als sich Rico vom Boden erhob, war die Sonne schon
+weit unten und ein goldener Abendschein lag auf dem See.
+Nun wurden die Berge violett, und ein rosiger Duft lag
+rings &uuml;ber den Ufern. So hatte Rico seinen See im
+Sinne gehabt und im Traum gesehen, und noch viel sch&ouml;ner
+war alles, nun er es wieder mit seinen Augen sah. Rico
+dachte in einem fort, wie er so dasa&szlig; und schaute und
+nicht genug schauen konnte: &raquo;Wenn ich doch das alles dem
+Stineli zeigen k&ouml;nnte!&laquo;</p>
+
+<p>Nun war die Sonne untergegangen und das Licht erlosch
+ringsumher. Rico stand auf und schritt der Stra&szlig;e
+zu, wo er die roten Blumen gesehen. Von der Stra&szlig;e
+ging ein schmaler Weg dahin. Da standen sie, ein Busch
+am anderen, es war aber wie ein Garten anzusehen; es
+war freilich nur ein ganz offener Zaun darum herum, und
+im Garten waren Blumen und B&auml;ume und Weinranken,
+alles durch- und ineinander zu sehen.</p>
+
+<p>Da droben am Ende stand ein schmuckes Haus mit
+offener T&uuml;r, und im Garten ging ein junger Bursche hin
+und her und schnitt da und dort gro&szlig;e goldgelbe Trauben
+von den Reben und pfiff wohlgemut ein Lied dazu.</p>
+
+<p>Rico schaute die Blumen an und dachte: &raquo;Wenn
+Stineli diese sehen k&ouml;nnte!&laquo; und stand lange unbeweglich
+am Zaun.</p>
+
+<p>Jetzt erblickte ihn der Bursche und rief ihm zu: &raquo;Komm
+herein, Geiger, und spiel ein sch&ouml;nes Liedchen, wenn du
+eins kannst.&laquo;</p>
+
+<p>Das rief ihm der Knabe italienisch zu, und dem Rico
+war es ganz sonderbar dabei; er verstand, was er h&ouml;rte,
+aber er h&auml;tte nicht so sprechen k&ouml;nnen. Er trat in den
+Garten ein, und der Bursche wollte mit ihm reden; wie<span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span>
+er aber sah, da&szlig; Rico nicht antworten konnte, deutete er
+auf die offene T&uuml;r und machte dem Rico verst&auml;ndlich, da&szlig;
+er dort spielen solle.</p>
+
+<p>Rico n&auml;herte sich der T&uuml;r, sie f&uuml;hrte gleich in ein
+Zimmer hinein. Da stand ein Bettchen darin und daneben
+sa&szlig; eine Frau und machte etwas aus roten Schn&uuml;ren.
+Rico stellte sich vor die Schwelle und fing an sein Lied zu
+spielen und zu singen:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Ihr Sch&auml;flein hinunter.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Als er fertig war, erhob sich aus dem kleinen Bett ein
+bleicher Kopf von einem Knaben, der rief heraus:</p>
+
+<p>&raquo;Spiel noch einmal!&laquo;</p>
+
+<p>Rico spielte eine andere Melodie.</p>
+
+<p>&raquo;Spiel noch einmal&laquo;, t&ouml;nte es wieder.</p>
+
+<p>So ging es hintereinander f&uuml;nf- bis sechsmal und immer
+wieder ert&ouml;nte aus dem Bett: &raquo;Spiel noch einmal!&laquo;</p>
+
+<p>Nun wu&szlig;te Rico nichts mehr; er nahm seine Geige
+herunter und wollte fortgehen. Da fing der Kleine an zu
+schreien: &raquo;Bleib da, spiel wieder, spiel noch einmal!&laquo; Und
+die Frau war aufgestanden und kam zu Rico her. Sie
+gab ihm etwas in die Hand, und Rico wu&szlig;te erst nicht,
+was sie wollte; aber es kam ihm wieder in den Sinn,
+da&szlig; Stineli gesagt hatte: wenn er an einer T&uuml;r geige, so
+g&auml;ben ihm die Leute etwas. Dann fragte die Frau freundlich,
+woher er komme und wohin er gehe? Rico konnte
+nicht antworten. Sie fragte, ob er mit seinen Eltern da
+sei? da nickte er Nein; ob er allein sei? er nickte Ja;
+wohin er jetzt gehen wolle so am Abend? Rico sch&uuml;ttelte
+unsicher den Kopf. Da kam die Frau ein Mitleid an mit
+dem kleinen Fremden und sie rief den Burschen herbei
+und befahl ihm, er solle mit dem Knaben nach dem Wirtshaus<span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span>
+zur &raquo;Goldenen Sonne&laquo; gehen, da verstehe der Wirt
+vielleicht die Sprache des kleinen Musikanten, denn er sei
+lange fort gewesen. Dem solle er sagen, er solle den
+Knaben &uuml;ber Nacht behalten auf ihre Rechnung und ihn
+auch morgen auf den rechten Weg stellen, wohin er m&uuml;sse,
+er sei ja noch so jung &#8211; &raquo;nur ein paar Jahre &auml;lter als
+der meinige&laquo;, setzte sie mitleidsvoll hinzu&nbsp;&#8211;, und er solle
+ihm auch etwas zu essen geben.</p>
+
+<p>Der Kleine aus dem Bett schrie wieder: &raquo;Er mu&szlig;
+noch einmal spielen&laquo;, und lie&szlig; nicht ab, bis die Mutter
+sagte: &raquo;Er kommt ja morgen wieder, jetzt mu&szlig; er aber
+schlafen und du auch.&laquo;</p>
+
+<p>Der Bursche ging nun dem Rico voran, und dieser
+wu&szlig;te nun wohl, wohin er komme, er hatte die Worte
+der Frau verstanden.</p>
+
+<p>Es war gute zehn Minuten bis zum St&auml;dtchen hin.
+Da mitten in einem G&auml;&szlig;chen trat der Bursche in ein
+Haus und unmittelbar in eine gro&szlig;e Wirtsstube ein, die
+war dick voller Tabaksrauch und eine Menge M&auml;nner
+sa&szlig;en an den Tischen herum.</p>
+
+<p>Der Bursche richtete seinen Auftrag aus, und der Wirt
+sagte: &raquo;Es ist gut&laquo;, und die Wirtin kam auch gleich herbei
+und beide sahen sich den Rico von oben bis unten an.
+Wie aber die G&auml;ste, die am n&auml;chsten Tische sa&szlig;en, die Geige
+sahen, riefen gleich mehrere von ihnen: &raquo;Da gibt&#8217;s Musik&laquo;,
+und einer rief: &raquo;Spiel auf, Kleiner, gleich, lustig!&laquo; Und
+sie riefen alle so durcheinander, da&szlig; der Wirt kaum fragen
+konnte, was der Rico f&uuml;r eine Sprache rede und woher
+er komme. Rico antwortete nun in seiner Sprache, da&szlig;
+er &uuml;ber den Maloja heruntergekommen sei, und da&szlig; er
+alles verstehe, was sie hier sagen, aber nicht so reden k&ouml;nne.<span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span>
+Der Wirt verstand ihn und sagte, er sei auch schon da
+droben gewesen und sie wollten noch miteinander reden,
+aber jetzt solle er etwas geigen, denn die G&auml;ste riefen noch
+immerfort, sie wollten Musik haben.</p>
+
+<p>Da fing Rico gehorsam an zu spielen, und zwar wie
+immer mit seinem Liede, und sang dazu. Aber von den
+G&auml;sten verstand keiner ein Wort von dem Gesang, und die
+Melodie kam den Zuh&ouml;rern wohl ein wenig einfach vor.
+Die einen fingen an zu schwatzen und zu l&auml;rmen, die anderen
+riefen, sie wollten etwas anderes, einen Tanz oder
+etwas Sch&ouml;nes.</p>
+
+<p>Rico sang unentwegt sein Lied zu Ende, denn wenn
+er es einmal angefangen hatte, dann sang er es durch.
+Wie er nun fertig war, besann er sich: einen Tanz konnte
+er nicht spielen, er kannte keinen; das Lied von der Gro&szlig;mutter
+ging noch langsamer, und sie konnten wieder nichts
+verstehen; jetzt kam ihm in den Sinn und er stimmte an:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<em class="antiqua">
+<span class="i0">&raquo;Una sera<br /></span>
+<span class="i0">In Peschiera&laquo;&nbsp;&#8211;<br /></span>
+</em>
+</div></div>
+
+<p>Kaum waren die ersten melodischen T&ouml;ne dieses Liedes
+erklungen, so entstand eine v&ouml;llige Stille, und mit einem
+Male ert&ouml;nten von da und dort und von allen Tischen her
+die Stimmen, und es wurde ein Chor, so sch&ouml;n wie Rico
+nie einen geh&ouml;rt hatte, da&szlig; er ganz in Begeisterung kam
+und immer feuriger spielte, und die M&auml;nner alle sangen
+immer eifriger, und war ein Vers zu Ende, so fing Rico
+gleich mit festem Zuge den neuen an, denn er wu&szlig;te noch
+wohl von dem Vater her, wo es aufh&ouml;rte. Und wie nun der
+Schlu&szlig; kam, da brach aber nach dem sch&ouml;nen Gesang ein
+solcher L&auml;rm los, wie Rico noch keinen geh&ouml;rt hatte. Alle<span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span>
+die Menschen riefen und schrieen durcheinander und schlugen
+vor Freuden die F&auml;uste auf den Tisch, und dann kamen
+sie alle mit ihren Gl&auml;sern auf den Rico los, und aus
+jedem sollte er trinken, und zwei sch&uuml;ttelten ihm die H&auml;nde
+und einer die Schultern, und alle miteinander schrieen ihn
+an und machten vor lauter Freudenspektakel dem Rico angst
+und bange, da&szlig; er immer bl&auml;sser wurde. Er hatte aber
+ihr eigenes Peschiera-Lied gespielt, das nur ihnen geh&ouml;rte
+und das nie ein Fremder lernen konnte, und er hatte es
+fest und rein gespielt, als w&auml;re er einer von Peschiera;
+das konnten die lebhaft empfindenden Peschierianer gar nicht
+genug aussprechen und sich freuen &uuml;ber den Wundergeiger
+und Br&uuml;derschaft mit ihm trinken.</p>
+
+<p>Nun aber kam die Wirtin dazwischen mit einem Teller
+voll Reis und einem gro&szlig;en St&uuml;ck Huhn oben darauf; sie
+winkte dem Rico und sagte es den Leuten, sie sollten ihn
+in Ruh&#8217; lassen, er m&uuml;sse nun essen, er sei ja kreidewei&szlig;
+vor Anstrengung. Dann stellte sie seinen Teller auf einen
+kleinen Tisch in der Ecke und setzte sich zu ihm und ermunterte
+ihn, brav zu essen, das k&ouml;nne einem so mageren
+B&uuml;rschchen nur gut tun.</p>
+
+<p>Rico fand auch sein Nachtessen vortrefflich, denn seit
+dem Kaffee am fr&uuml;hen Morgen hatte er keinen Bissen
+mehr gesehen, und zu dem Fasten hatte er so viel erlebt
+heute!</p>
+
+<p>Sobald er auch seinen Teller leer hatte, fielen ihm die
+Augen zu vor M&uuml;digkeit. Der Wirt war auch an den
+Tisch getreten und lobte den Rico f&uuml;r sein Spiel und
+fragte ihn, wem er angeh&ouml;re und wohin er wolle. Rico
+sagte, indem er seine Augen mit M&uuml;he offen hielt, er geh&ouml;re
+niemandem, und er wolle nirgendshin.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span>Da ermunterte ihn der Wirt freundlich, er solle
+nur ohne Kummer schlafen gehen, morgen k&ouml;nne er dann
+die Frau Menotti wieder besuchen, die ihn hierher geschickt
+habe; die sei eine gar gute Frau und k&ouml;nne ihn
+vielleicht als Knechtlein gebrauchen, wenn er nicht wisse,
+wohin.</p>
+
+<p>Aber die Wirtin ri&szlig; den Mann immer noch am &Auml;rmel,
+so als ob er nicht sagen sollte, was er sagte; er redete
+aber doch fertig, denn er begriff nicht, was sie wollte.</p>
+
+<p>Nun fingen die M&auml;nner an den Tischen wieder zu
+l&auml;rmen an, sie wollten noch einmal ihr Lied gespielt haben.
+Da rief aber die Wirtin: &raquo;Nein, nein, am Sonntag
+dann wieder; er f&auml;llt ja um vor M&uuml;digkeit.&laquo; Damit nahm
+sie den Rico an der Hand und f&uuml;hrte ihn hinauf in eine
+gro&szlig;e Kammer, da hing das Ro&szlig;geschirr an der Wand,
+und in der einen Ecke war Korn aufgesch&uuml;ttet, und in der
+anderen stand sein Bett. In wenigen Minuten lag Rico
+darin und schlief tief und fest.</p>
+
+<p>Sp&auml;ter, als in dem Hause alles still geworden war,
+da sa&szlig; der Wirt noch an dem Tischchen, wo Rico gesessen,
+und die Frau stand vor ihm &#8211; denn sie war noch am
+Aufr&auml;umen &#8211; und sagte mit Eifer: &raquo;Den mu&szlig;t du der
+Frau Menotti nicht wieder zuschicken; ein solches B&uuml;rschchen
+kann ich gerade gebrauchen zu allerhand Gesch&auml;ften, und
+hast du denn nicht bemerkt, wie er geigen kann? Sie
+wurden ja alle wie wild davon. Gib acht, das gibt einen
+Geiger ab, wie keiner ist von unseren dreien, und T&auml;nze
+spielen lernt der schon, dann hast du ihn f&uuml;r nichts an
+allen Tanztagen und kannst ihn noch ausleihen. Den mu&szlig;t
+du gar nicht mehr aus der Hand lassen, er sieht manierlich
+aus und gef&auml;llt mir; den behalten wir.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span>&raquo;Es ist mir auch recht&laquo;, sagte der Wirt und sah ein,
+da&szlig; seine Frau etwas Vorteilhaftes ausgedacht hatte.</p>
+
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<h2>Vierzehntes Kapitel.</h2>
+
+<h3>Neue Freundschaft und die alte nicht vergessen.</h3>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+<p>Am Morgen darauf stand die Wirtin unter der Haust&uuml;r
+und hielt ihre Umschau &uuml;ber das Wetter und was
+sich etwa &uuml;ber Nacht ereignet habe. Da kam der Bursche
+der Frau Menotti dahergegangen; der war zugleich Herr
+und Knecht auf dem sch&ouml;nen, fruchtreichen Gute der Frau,
+denn er verstand die Garten- und Feldarbeit und regierte
+und besorgte alles selbst und hatte es gut. Darum pfiff
+er auch fortw&auml;hrend.</p>
+
+<p>Als er nun vor der Wirtin stand, stellte er das Pfeifen
+ein wenig ein und sagte: wenn der junge Musikant von
+gestern Abend noch nicht weiter sei, so solle er zur Frau
+Menotti her&uuml;berkommen, das B&uuml;blein wolle ihn noch einmal
+geigen h&ouml;ren.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja, wenn es der Frau Menotti nur nicht zu
+stark pressiert&laquo;, sagte die Wirtin, indem sie beide Arme in
+die Seite stemmte, zum Zeichen, da&szlig; sie nicht in der Eile
+sei. &raquo;Vorderhand liegt der Musikant oben in seinem guten
+Bett und schl&auml;ft noch tapfer, und ich g&ouml;nne ihm seinen
+Schlaf. Der Frau Menotti k&ouml;nnt Ihr sagen, ich wolle
+ihn einmal vorbeischicken, denn er gehe nicht weiter, sondern<span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span>
+ich habe ihn auf- und angenommen f&uuml;r gut; denn er
+ist ein verlassenes Waisenkind, das nicht wu&szlig;te, wohin,
+und nun ist er wohl versorgt&laquo;, setzte sie mit Nachdruck
+hinzu.</p>
+
+<p>Der Bursche ging mit seinem Auftrag.</p>
+
+<p>Die Wirtin lie&szlig; den Rico ganz fertig schlafen, denn
+sie war eine gutm&uuml;tige Frau, nur dachte sie zuerst an den
+eigenen Profit und dann nachher an den der anderen.
+Als Rico endlich von selbst erwachte, hatte er alle M&uuml;digkeit
+ausgeschlafen und kam ganz frisch die Treppe herunter.
+Da winkte ihm die Wirtin in die K&uuml;che hinein und stellte
+ein gro&szlig;es Becken voll Kaffee vor ihn auf den Tisch und
+legte einen sch&ouml;nen, gelben Maiskuchen daneben. Dann
+sagte sie:</p>
+
+<p>&raquo;So kannst du&#8217;s alle Tage haben, wenn du willst,
+und am Mittag und Abend noch viel besser, denn da kocht
+man f&uuml;r die G&auml;ste und da bleibt immer etwas &uuml;brig.
+Dann kannst du f&uuml;r mich auslaufen und daneben geigen,
+wenn&#8217;s n&ouml;tig ist, und kannst bei uns daheim sein, und
+hast deine eigene Kammer und mu&szlig;t nicht mehr in der
+Welt herumziehen. Jetzt kannst du nur sagen, ob du
+willst.&laquo;</p>
+
+<p>Da antwortete Rico zufrieden: &raquo;Ja, ich will&laquo;, denn
+so viel konnte er ganz gut in der Wirtin Sprache sagen.</p>
+
+<p>Nun ging sie gleich mit ihm durch das ganze Haus
+und durch die Scheune und den Stall und in den Krautgarten
+und zum H&uuml;hnerhof, und von all den Pl&auml;tzen aus
+erkl&auml;rte sie ihm die Umgebung und die Richtung, wo es
+zum Kr&auml;mer ging und zum Schuhmacher und noch zu
+mehreren anderen wichtigen Leuten. Rico gab genau acht,
+und um ihn zu pr&uuml;fen, schickte die Wirtin ihn gleich an<span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span>
+drei oder vier Orte, allerhand Sachen zu holen, wie
+&Ouml;l, Seife und Faden und einen geflickten Stiefel, denn
+sie hatte bemerkt, da&szlig; Rico einzelne Worte ganz gut sagen
+konnte.</p>
+
+<p>Rico besorgte alles richtig, das gefiel der Wirtin wohl
+und gegen Abend sagte sie: &raquo;Nun kannst du mit der Geige
+zur Frau Menotti gehen und dort bleiben, bis es Nacht
+wird.&laquo;</p>
+
+<p>Dar&uuml;ber freute sich Rico sehr, denn da kam er an dem
+See vorbei und nachher zu den sch&ouml;nen Blumen.</p>
+
+<p>Am See angekommen, lief er nach der kleinen Br&uuml;cke
+und sa&szlig; ein wenig nieder, denn da lag wieder alle die
+Sch&ouml;nheit vor ihm, das Wasser und die Berge im goldenen
+Duft, und er konnte fast nicht mehr weg.</p>
+
+<p>Aber er tat es doch, denn er wu&szlig;te, da&szlig; er nun tun
+mu&szlig;te, was ihn die Wirtin hie&szlig;, weil er daf&uuml;r bei ihr
+wohnen durfte.</p>
+
+<p>Als er in den Garten trat, h&ouml;rte ihn schon das B&uuml;blein
+&#8211; denn die T&uuml;r stand immer offen &#8211; und es rief:
+&raquo;Komm und spiel wieder!&laquo;</p>
+
+<p>Die Frau Menotti kam heraus und gab dem Rico
+freundlich die Hand und zog ihn in das Zimmer hinein.
+Es war eine gro&szlig;e Stube, und man sah durch die breite
+T&uuml;r sch&ouml;n in den Garten und auf die Blumen hinaus.
+Das kleine Bett des kranken B&uuml;bleins stand gerade der
+T&uuml;r gegen&uuml;ber und daneben standen nur Tische und St&uuml;hle
+und sch&ouml;ne Kasten im Zimmer, aber kein Bett mehr,
+denn des Nachts wurde das kleine Bett ins Nebenzimmer
+gebracht, wo auch dasjenige der Mutter stand; und am
+Morgen trug man das Bettchen mit dem Insassen wieder
+in die sch&ouml;ne, frohe Stube hinaus, wo jeden Morgen die<span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span>
+Sonne einen gl&auml;nzenden Streifen &uuml;ber den ganzen Fu&szlig;boden
+hinwarf und das Herz des B&uuml;bleins fr&ouml;hlich machte.
+Neben dem Bettchen standen zwei kleine Kr&uuml;cken, und von
+Zeit zu Zeit nahm die Mutter den Kleinen aus seinem
+Bett und leitete ihn auf den Kr&uuml;cken ein paarmal die
+Stube auf und nieder, denn er konnte weder gehen noch
+stehen; seine Beinchen waren v&ouml;llig lahm, er hatte sie nie
+gebrauchen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Als Rico in die T&uuml;r trat, schnellte sich das B&uuml;blein
+empor an einer langen Schnur, die von der Decke bis
+auf sein Bett herunterhing, denn es konnte nicht aus
+eigener Kraft aufsitzen. Rico trat herzu und schaute das
+B&uuml;blein schweigend an. Es hatte ganz d&uuml;nne &Auml;rmchen
+und kleine magere Finger und ein so kleines Gesicht, wie
+Rico nie an einem Buben gesehen hatte, und aus dem
+Gesichtchen heraus <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'schanten'">schauten</ins> zwei gro&szlig;e Augen den Rico
+ganz durchdringend an, denn das B&uuml;blein, das wenig Neues
+vor Augen sah und nach viel neuen und nie gesehenen
+Dingen d&uuml;rstete, schaute alles ganz scharf an, das auf
+seinen einsamen Weg kam.</p>
+
+<p>&raquo;Wie hei&szlig;est du?&laquo; fragte das B&uuml;blein jetzt.</p>
+
+<p>&raquo;Rico&laquo;, war die Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;Und ich Silvio. Wie alt bist du?&laquo; fragte es
+weiter.</p>
+
+<p>&raquo;Bald elf Jahre alt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und ich auch bald&laquo;, sagte das B&uuml;blein.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, Silvio, was du sagst&laquo;, fiel die Mutter ein;
+&raquo;noch nicht v&ouml;llig vier bist du, so schnell geht&#8217;s nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Spiel wieder!&laquo; sagte nun der kleine Silvio.</p>
+
+<p>Die Mutter setzte sich an ihren Platz neben dem Bettchen,
+und Rico stellte sich etwas weiter unten hin und fing<span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span>
+an zu geigen. Silvio konnte es nicht genug bekommen;
+sobald der Rico ein St&uuml;ck fertig hatte, so ert&ouml;nte sein:
+&raquo;Spiel wieder!&laquo;</p>
+
+<p>So hatte Rico alle seine St&uuml;cke wohl sechsmal durchgespielt;
+da ging die Mutter weg und kam wieder mit
+einem Teller voll von den goldgelben Trauben und sagte,
+nun m&uuml;sse Rico ausruhen und sich auf den Stuhl setzen
+an das Bett und Trauben essen mit dem Silvio.</p>
+
+<p>Dann ging sie ein wenig in den Garten hinaus und
+sah ihren Sachen nach und war froh dar&uuml;ber, denn sie
+konnte fast gar nie von dem Bette des Kleinen weggehen,
+er litt es nicht und schrie dann immer j&auml;mmerlich; so
+war es eine rechte Wohltat f&uuml;r die Frau, da&szlig; sie einmal
+hinausgehen konnte.</p>
+
+<p>Unterdessen verstanden sich die beiden drinnen vortrefflich,
+denn auf Silvios Fragen konnte Rico ganz gut
+antworten; auch konnte er sich leicht verst&auml;ndlich machen,
+wo er etwa nicht gleich das rechte Wort wu&szlig;te, und die
+Unterhaltung war dem Silvio sehr kurzweilig. Die Mutter
+konnte auch die Blumenbeete und die Weinreben und die
+sch&ouml;nen Feigenb&auml;ume im Acker und ringsum alles ansehen,
+ohne da&szlig; der Silvio ein einziges Mal gerufen h&auml;tte.</p>
+
+<p>Aber als sie nun hereinkam und es bald zu d&auml;mmern
+anfing und Rico aufstand, um fortzugehen, da schlug der
+Silvio einen gro&szlig;en L&auml;rm an und hielt den Rico fest am
+W&auml;mschen mit beiden H&auml;nden und wollte ihn nicht loslassen,
+wenn er nicht gleich verspreche, er komme morgen
+wieder und alle Tage. Aber die Frau Menotti war eine
+vorsichtige Frau; sie hatte den Bericht der Wirtin auch
+ziemlich verstanden und beschwichtigte nun den Silvio und
+versprach ihm, gleich in den ersten Tagen zu der Wirtin zu<span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span>
+gehen und mit ihr zu sprechen, denn der Rico k&ouml;nne nichts
+versprechen so von sich aus, er m&uuml;sse folgen.</p>
+
+<p>Endlich lie&szlig; der Kleine das W&auml;mschen los und gab
+Rico die Hand, und dieser ging ungern aus der Stube
+weg. Er w&auml;re lieber dageblieben, wo es so still war
+und alles so gut aussah und Silvio und die Mutter so
+freundlich mit ihm waren.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Es vergingen wenige Tage, da trat eines Abends die
+Frau Menotti ganz aufgeputzt in die &raquo;Goldene Sonne&laquo;
+ein, und die Wirtin lief ihr entgegen und f&uuml;hrte sie in den
+oberen Saal hinauf. Da fragte denn Frau Menotti ganz
+h&ouml;flich, ob es der Frau Wirtin nicht ungelegen w&auml;re, ihr
+f&uuml;r ein paar Abende der Woche den Rico zu &uuml;berlassen;
+er unterhalte ihr das kranke B&uuml;blein so gut und sie wollte
+gern erkenntlich sein daf&uuml;r in jeder gew&uuml;nschten Weise.</p>
+
+<p>Es schmeichelte der Wirtin, da&szlig; die wohlangesehene
+Frau Menotti sie so um einen Dienst zu bitten kam, und
+es wurde gleich festgesetzt, da&szlig; Rico an jedem freien Abend
+kommen w&uuml;rde, und Frau Menotti &uuml;bernahm dagegen, f&uuml;r
+Ricos Bekleidung zu sorgen, so da&szlig; die Wirtin &uuml;beraus
+befriedigt war mit der Einrichtung; denn nun hatte sie
+keinen Heller f&uuml;r den Knaben auszugeben und den reinen
+Gewinn von ihm. So schieden die Frauen beide in der
+gr&ouml;&szlig;ten Zufriedenheit voneinander.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>So vergingen f&uuml;r Rico die Tage. In kurzer Zeit sprach
+er so gel&auml;ufig italienisch, als h&auml;tte er es immer gekonnt.
+Und einmal hatte er es auch gekonnt; so fiel ihm eins nach
+dem anderen ohne M&uuml;he wieder ein, und er hatte ein gutes
+Ohr und sprach wie ein v&ouml;lliger Italiener, so da&szlig; sich alle
+Leute dar&uuml;ber verwundern mu&szlig;ten. Die Wirtin konnte
+ihn so gut brauchen, wie sie nicht einmal erwartet hatte,<span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span>
+denn seine Gesch&auml;fte machte er so sauber und ordentlich,
+wie sie selbst manches nicht machen konnte, denn sie hatte
+die Geduld nicht, und wenn etwas mu&szlig;te aufger&uuml;stet werden
+zu einem Fest, etwa zu einer Hochzeit, so mu&szlig;te es
+Rico tun, denn er wu&szlig;te, was sch&ouml;n war, und konnte es
+machen. Wenn er seine Auftr&auml;ge ausrichten mu&szlig;te, so war
+er wieder da, ehe die Wirtin nur denken konnte, er sei am
+Ort angekommen, denn er brauchte keine Zeit zur Unterhaltung.
+Wenn jemand ihn ausfragen wollte, so kehrte
+er sich auf der Stelle um und ging davon. Das gefiel
+der Wirtin besonders, als sie es bemerkte, und es fl&ouml;&szlig;te
+ihr einen solchen Respekt ein vor dem Jungen, da&szlig; sie ihn
+selbst nicht ausfragte, und so kam es, da&szlig; eigentlich niemand
+wu&szlig;te, wie er nach Peschiera gekommen war; aber es
+hatte sich eine Geschichte verbreitet, die nahm jedermann
+an, da&szlig; er als ein verlassenes Waisenkind da droben in
+den Bergen schlecht gehalten und b&ouml;s behandelt worden,
+da sei er entlaufen und habe viele Gefahren bestanden
+auf der langen Reise und sei endlich hier angekommen,
+wo die Leute nicht so roh seien wie in den Bergen, und
+hier sei er gern. Und wenn die Wirtin die Geschichte
+erz&auml;hlte, so ermangelte sie nicht, hinzuzusetzen: er verdiene
+es auch, da&szlig; es ihm so gut gegangen sei und er den
+Schutz unter ihrem Dache gefunden habe.</p>
+
+<p>Als der erste Tanzsonntag kam, da versammelten sich
+in der &raquo;Goldenen Sonne&laquo; so erstaunlich viele Leute, da&szlig;
+man gar nicht wu&szlig;te, wo sie alle untergebracht werden
+k&ouml;nnten, denn jeder wollte den kleinen fremden Musikanten
+sehen und h&ouml;ren, und diejenigen, die ihn schon geh&ouml;rt
+hatten am ersten Abend, kamen zuallererst und wollten
+mit ihrem Lied <ins class="correction" title="Transcriber's note: added period">beginnen.</ins></p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span>Die Wirtin lief hin und her im Feuer der Arbeit
+und gl&auml;nzte, als w&auml;re sie selbst zur &raquo;Goldenen Sonne&laquo;
+geworden, und wenn sie auf ihren Mann traf, so sagte
+sie jedesmal siegreich: &raquo;Hab&#8217; ich&#8217;s nicht gesagt?&laquo;</p>
+
+<p>Rico h&ouml;rte erst einen Tanz an von den drei Geigern,
+die gekommen waren, und die Melodien fielen ihm so ins
+Ohr und in die Finger, da&szlig; er gleich nachher mitspielen
+konnte, und nun wu&szlig;te er den Tanz f&uuml;r immer. So kam
+es, da&szlig; er am sp&auml;ten Abend, als man aufh&ouml;rte zu tanzen,
+alle T&auml;nze mitspielen konnte, die &uuml;berhaupt gespielt wurden,
+denn jeden hatte man zu &ouml;fteren Malen durchgenommen.</p>
+
+<p>Am Ende mu&szlig;te auch noch das Peschiera-Lied gesungen
+werden, von Rico begleitet, und war schon den
+ganzen Abend ein L&auml;rm gewesen, so kamen nun die Gem&uuml;ter
+erst noch recht ins Feuer und es ging zu, da&szlig;
+Rico ein paarmal dachte: jetzt fahren sie aufeinander und
+schlagen sich alle tot. Aber es war alles in Freundschaft
+gemeint. Und ihm selbst wurde eine so ohrenzerrei&szlig;ende
+Anerkennung gespendet, da&szlig; er nur immer dachte: wenn&#8217;s
+doch bald fertig w&auml;re, denn nichts war dem Rico so tief
+zuwider, wie ein gro&szlig;er L&auml;rm.</p>
+
+<p>Am Abend sagte die Wirtin zu ihrem Manne: &raquo;Hast&#8217;s
+gesehen? Schon das n&auml;chste Mal brauchen wir nur noch
+zwei Geiger.&laquo;</p>
+
+<p>Und der Mann war sehr zufrieden und sagte: &raquo;Man
+mu&szlig; dem Buben etwas geben.&laquo;</p>
+
+<p>Zwei Tage nachher war Tanz droben in Desenzano,
+und Rico wurde auch mit den Geigern hingeschickt; jetzt
+konnte man ihn schon ausleihen. Es war da derselbe L&auml;rm
+und Spektakel, und wenn auch das Peschiera-Lied nicht
+mu&szlig;te gesungen werden, so ging es nun &uuml;ber anderen Dingen<span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span>
+ganz gleich laut zu, und Rico dachte von Anfang bis zu
+Ende: &raquo;Wenn&#8217;s nur fertig w&auml;re!&laquo;</p>
+
+<p>Er brachte eine ganze Tasche voll Geld heim; das lie&szlig;
+er alles ungez&auml;hlt auf den Tisch hinausrollen, als er zur&uuml;ckkam,
+denn es geh&ouml;rte der Wirtin, und sie lobte ihn und
+stellte ein sch&ouml;nes St&uuml;ck Apfelkuchen vor ihn hin. Am
+Sonntag nachher war schon wieder Tanz dr&uuml;ben in Riva,
+und diesmal freute sich Rico, denn Riva war jener Ort
+dr&uuml;ben &uuml;ber dem See, wo dieser von Peschiera aus anzusehen
+war wie eine sonnige Bucht, um die herum die
+freundlichen wei&szlig;en H&auml;user lagen und her&uuml;berschimmerten.</p>
+
+<p>Da fuhren die Musikanten zusammen am Nachmittag
+&uuml;ber den goldenen See im offenen Kahn unter dem blauen
+Himmel hin, und Rico dachte: &raquo;Wenn ich so mit dem
+Stineli hin&uuml;berfahren k&ouml;nnte! Wie m&uuml;&szlig;te es staunen &uuml;ber
+den See, an den es nicht glauben wollte!&laquo;</p>
+
+<p>Aber dr&uuml;ben ging derselbe L&auml;rm los und Rico w&uuml;nschte
+wieder fortzukommen, denn von dr&uuml;ben her&uuml;ber Riva anzusehen
+im stillen Abendschein, war so viel sch&ouml;ner, als
+hier mittendrin im Tumult zu sitzen.</p>
+
+<p>Wenn aber keine Tanztage waren, da konnte Rico jeden
+Abend zu dem kleinen Silvio gehen und lange da bleiben,
+denn die Wirtin wollte sich der Frau Menotti dienstbar
+erzeigen. Da ging Rico gern hin, das war seine Freude.
+Kam er am See vorbei, so ging er gegen die schmale Steinbr&uuml;cke
+hin und setzte sich eine Weile auf den Boden; denn
+dies war der einzige Ort, wo er das Gef&uuml;hl hatte, er sei
+vielleicht daheim. Da kam ihm am allerlebendigsten alles
+vor die Augen, wie es war, da er noch daheim war. Denn
+was er vor sich sah, hatte er damals so gesehen, und hier
+sah er auch am deutlichsten die Mutter vor sich. Dort<span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span>
+hatte sie am See gestanden und etwas ausgewaschen, und
+von Zeit zu Zeit sah sie ihn an und sagte ihm liebevolle
+Worte, und er sa&szlig; auf demselben Pl&auml;tzchen, wo er jetzt sa&szlig;.
+Das alles wu&szlig;te er so genau. Da ging er immer mit
+Zwang weg, aber er wu&szlig;te, da&szlig; Silvio nach ihm lauschte.
+Wenn er dann durch den Garten kam, so wurde es ihm
+auch wieder wohl und er trat gern in das stille, saubere
+Haus. Frau Menotti war in einer Weise freundlich mit
+ihm, wie sonst niemand, das f&uuml;hlte er wohl; sie hatte ein
+gro&szlig;es Mitleid mit dem verlassenen Waislein, wie sie ihn
+nannte, sie hatte die Geschichte auch geh&ouml;rt von seinem Entfliehen.
+Sie fragte den Rico nie etwas von seinem Leben
+in den Bergen, denn sie dachte, es wecke ihm nur traurige
+Erinnerungen. Sie f&uuml;hlte auch, da&szlig; der Rico nicht die
+Pflege hatte, die ein B&uuml;blein von seinem Alter und von so
+stiller Art bedurft h&auml;tte; aber sie konnte nichts machen, als
+ihn bei sich haben, soviel es anging. Sie legte ihm aber
+manchmal die Hand auf den Kopf und sagte mitleidig:
+&raquo;Du armes Waislein!&laquo;</p>
+
+<p>Dem kleinen Silvio wurde der Rico t&auml;glich unentbehrlicher;
+schon am Morgen fing er an zu jammern und
+nach dem Rico zu begehren, und wenn seine Schmerzen
+da waren, so schrie er noch mehr und wollte sich nicht
+mehr beruhigen, wenn der Rico nicht kommen konnte.
+Denn seit der Rico so flie&szlig;end sprechen konnte, hatte Silvio
+eine neue unversiegende Quelle der Kurzweil bei ihm gefunden;
+das war sein Erz&auml;hlen.</p>
+
+<p>Rico hatte angefangen, dem Silvio vom Stineli zu erz&auml;hlen,
+und da ihm selbst dabei so wohl wurde und sein
+ganzes Herz aufging, so wurde er dabei so lebendig und so
+unterhaltend, da&szlig; er nicht mehr zu kennen war. Er wu&szlig;te<span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span>
+hundert Geschichten zu erz&auml;hlen, wie das Stineli einmal
+den Sami gerade noch am Bein erwischte, als er ins
+Wasserloch fallen wollte, und nun immerzu aus aller Kraft
+am Bein ziehen und dazu oben hinaus schreien mu&szlig;te,
+w&auml;hrend der Sami unten durch schrie, bis der Vater ganz
+langsam herbeikam, denn er nahm immer an, Kinder
+schrieen von Natur und ohne Not. &#8211; Und wie es dem
+Peterli Figuren ausschnitt und dem Urschli Hausger&auml;t
+machte aus allen Stoffen, von Holz und Moos und Grashalmen.
+Und wie alle Kinder nach dem Stineli schrieen,
+wenn sie krank waren, weil sie dann verga&szlig;en, was ihnen
+weh tat, wenn es sie verkurzweilte. Und dann erz&auml;hlte
+Rico, wie er mit dem Stineli auszog, und wie es dann
+sch&ouml;n war, und seine Augen leuchteten dann so z&uuml;ndend
+und der ganze Rico wurde so erstaunlich belebt, da&szlig; der
+kleine Silvio ganz ins Feuer kam und immer mehr h&ouml;ren
+wollte. Und wenn Rico einmal stille hielt, so rief er
+gleich: &raquo;Erz&auml;hl wieder vom Stineli!&laquo; Eines Abends aber
+kam Silvio in die aller&auml;u&szlig;erste Aufregung, als Rico fortgehen
+wollte und dazu sagte, morgen und am Sonntag
+d&uuml;rfe er nicht kommen.</p>
+
+<p>Silvio schrie nach der Mutter, als w&auml;re das Haus
+in Flammen und er l&auml;ge mitten drin, und als sie im
+h&ouml;chsten Schrecken aus dem Garten hereingest&uuml;rzt kam,
+rief er immer zu: &raquo;Der Rico darf nie mehr ins Wirtshaus,
+er mu&szlig; dableiben. Er mu&szlig; immer da sein. Du
+mu&szlig;t dableiben, Rico, du mu&szlig;t, du mu&szlig;t!&laquo;</p>
+
+<p>Da sagte Rico: &raquo;Ich wollte schon, aber ich mu&szlig; doch
+gehen.&laquo;</p>
+
+<p>Die Frau Menotti war in gro&szlig;er Verlegenheit; sie
+wu&szlig;te wohl, was der Rico den Wirtsleuten wert war,<span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span>
+und da&szlig; sie ihn nicht bek&auml;me, unter keiner Bedingung. So
+beschwichtigte sie den Silvio, wie sie nur konnte, und den
+Rico zog sie an sich und sagte voller Mitleid: &raquo;Ach du
+armes Waislein!&laquo;</p>
+
+<p>Da schrie Silvio in seinem Zorn: &raquo;Was ist ein Waislein?
+Ich will auch ein Waislein sein!&laquo;</p>
+
+<p>Nun kam auch die Frau Menotti in Aufruhr und rief:
+&raquo;Ach Silvio, willst du dich noch vers&uuml;ndigen? Sieh, ein
+Waislein ist ein armes Kind, da&szlig; keinen Vater und keine
+Mutter hat und gar nirgends auf der Welt daheim ist.&laquo;</p>
+
+<p>Rico hatte seine dunkeln Augen auf die Frau geheftet,
+sie sahen immer schw&auml;rzer aus, sie bemerkte es aber nicht.
+Sie hatte gar nicht mehr an den Rico gedacht, als sie
+Silvio in der Aufregung die Erkl&auml;rung gab. Rico schlich
+leise zur T&uuml;r hinaus und fort. Frau Menotti dachte, er
+sei so leise fortgegangen, damit der Kleine nicht noch einmal
+aufgebracht werde, und es war ihr recht. Sie setzte
+sich nun an das Bettchen und sagte: &raquo;H&ouml;r, Silvio, ich
+will dir&#8217;s erkl&auml;ren und dann mu&szlig;t du diesen L&auml;rm nicht
+mehr machen. Siehst du, die Buben kann man einander
+nicht nur so wegnehmen, denn wenn ich der Wirtin nun
+den Rico nehmen wollte, so k&ouml;nnte sie kommen und mir
+den Silvio nehmen. Dann k&ouml;nntest du den Garten und
+die Blumen nie mehr sehen und m&uuml;&szlig;test allein in der
+Kammer schlafen, wo das Ro&szlig;geschirr h&auml;ngt und wo der
+Rico so ungern hineingeht; er hat dir&#8217;s ja schon manchmal
+erz&auml;hlt. Was wolltest du dann machen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wieder heimgehen&laquo;, sagte der Kleine entschlossen. Er
+blieb aber nunmehr still und legte sich aufs Ohr.</p>
+
+<p>Rico ging durch den Garten und &uuml;ber die Stra&szlig;e weg
+hinab an den See. Da setzte er sich auf sein Pl&auml;tzchen<span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span>
+nieder und legte seinen Kopf in beide H&auml;nde und sagte in
+trostlosem Ton: &raquo;Jetzt wei&szlig; ich&#8217;s, Mutter; auf der ganzen
+Welt bin ich nirgends daheim, gar nirgends!&laquo;</p>
+
+<p>Und so sa&szlig; er bis in die Nacht hinein in seiner gro&szlig;en
+Traurigkeit und w&auml;re am liebsten nicht mehr aufgestanden,
+aber in seine Kammer mu&szlig;te er endlich doch wieder zur&uuml;ckkehren.</p>
+
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<h2>F&uuml;nfzehntes Kapitel.</h2>
+
+<h3>Silvio w&uuml;nscht mit Nachdruck.</h3>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+<p>In dem kleinen Silvio arbeitete aber die Aufregung
+weiter, und als er nun wu&szlig;te, da&szlig; der Rico zwei Tage
+hintereinander keinen Augenblick kommen w&uuml;rde, fing er
+schon am fr&uuml;hen Morgen an mit Grimm auszurufen:
+&raquo;Nun kommt der Rico nicht! Nun kommt der Rico nicht!&laquo;
+und fuhr mit kleinen Zwischenpausen so fort bis zum Abend,
+und am folgenden Tag fing er wieder an beizeiten. Am
+dritten Tage aber hatte ihn diese T&auml;tigkeit so ausgetrocknet,
+da&szlig; er war wie ein H&auml;uflein Stroh, das ein kleiner Funke
+gleich in helle Flammen bringen kann.</p>
+
+<p>Rico erschien am Abend noch ganz angewidert von dem
+Tanzl&auml;rm, bei dem er gewesen war. Seit er nun wu&szlig;te,
+da&szlig; er nirgends daheim war, hatte der Gedanke an das
+Stineli eine neue Gewalt bekommen, und er sagte bei sich:
+&raquo;Da ist nur das Stineli auf der ganzen Welt, zu dem ich
+geh&ouml;re und das sich um mich bek&uuml;mmert.&laquo; Und es kam
+ein gro&szlig;es Heimweh nach dem Stineli &uuml;ber ihn. Er sa&szlig;<span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span>
+auch kaum an Silvios Bett, so sagte er: &raquo;Siehst du,
+Silvio, nur einzig beim Stineli ist es einem wohl und
+sonst gar nirgends.&laquo; Kaum waren diese Worte ausgesprochen,
+so schnellte sich der Kleine augenblicklich in die
+H&ouml;he und rief mit aller Kraft: &raquo;Mutter, ich will das
+Stineli haben. Das Stineli mu&szlig; kommen; einzig nur beim
+Stineli ist es einem wohl und sonst gar nirgends!&laquo;</p>
+
+<p>Die Mutter war herzugetreten, und da sie oft Ricos
+Erz&auml;hlungen vom Stineli und seinen kleinen Geschwistern
+mit vieler Befriedigung zugeh&ouml;rt hatte, wu&szlig;te sie schon,
+von wem die Rede war, und sagte: &raquo;Ja, ja, mir w&auml;r&#8217; es
+schon recht, ich k&ouml;nnte ein Stineli schon brauchen f&uuml;r dich
+und mich; wenn ich nur eins h&auml;tte!&laquo;</p>
+
+<p>Aber auf diese unbestimmte Auslassung ging Silvio
+gar nicht ein, denn er war v&ouml;llig Feuer und Flamme f&uuml;r
+seine Sache.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt kannst du gleich eins haben&laquo;, rief er weiter;
+&raquo;der Rico wei&szlig;, wo es ist, er mu&szlig; es holen; ich will das
+Stineli haben alle Tage und immerfort; morgen mu&szlig; es
+der Rico holen, er wei&szlig;, wo es ist.&laquo;</p>
+
+<p>Wie nun die Mutter sah, da&szlig; der Kleine sich alles
+ausdachte und ganzen Ernst aus der Sache machen wollte,
+fing sie an, ihn auf alle Weise abzumahnen und auf andere
+Gedanken zu bringen, denn sie hatte mehrmals erz&auml;hlen
+h&ouml;ren, was f&uuml;r unglaubliche Gefahren der Rico auf seiner
+Reise zu bestehen hatte, und wie es das gr&ouml;&szlig;te Wunder sei,
+da&szlig; er lebendig habe bis nach Peschiera herunterkommen
+k&ouml;nnen, und was f&uuml;r ein schreckhaft wildes Volk dort oben
+in den Bergen lebe. So wu&szlig;te sie ja, da&szlig; kein Mensch
+so ein M&auml;dchen herunterholen w&uuml;rde, am wenigsten ein
+zartes B&uuml;rschlein wie Rico; er konnte ja ganz elend zugrunde<span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span>
+gehen, wenn er so etwas beginnen w&uuml;rde, und
+dann h&auml;tte sie die Verantwortung auf sich. Das wollte
+sie nicht auch noch, sie hatte schon genug.</p>
+
+<p>Sie stellte dem Silvio die ganze Unm&ouml;glichkeit der
+Sache vor und sprach ihm von vielen schreckhaften Ereignissen
+und b&ouml;sen Menschen, die den Rico verfolgen und
+umbringen k&ouml;nnten. Aber diesmal half alles nichts. Der
+kleine Silvio mu&szlig;te sich die Sache in den Kopf gesetzt
+haben, wie noch nichts in seinem Leben; denn was die
+Mutter auch vorbrachte und wie sehr sie in Eifer geriet
+vor Besorgnis, sobald sie innehielt, sagte Silvio: &raquo;Der
+Rico mu&szlig; es holen, er wei&szlig;, wo es ist.&laquo;</p>
+
+<p>Da sagte die Mutter: &raquo;Und wenn er&#8217;s auch wei&szlig;, meinst
+du denn, der Rico wolle so in die Gefahr und ins Gottversuchen
+hinauslaufen, wenn er es haben kann wie hier
+und gar zu keinen b&ouml;sen Menschen mehr gehen mu&szlig;?&laquo;</p>
+
+<p>Da sah Silvio den Rico an und sagte: &raquo;Du willst
+schon gehen und das Stineli holen, Rico, oder nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich will&laquo;, antwortete Rico fest.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, ihr barmherzigen Heiligen, was soll das werden,
+jetzt wird mir der Rico auch noch unvern&uuml;nftig!&laquo; rief die
+Mutter ganz erschrocken. &raquo;So wei&szlig; man sich ja gar nicht
+mehr zu helfen. Nimm die Geige, Rico, und spiel und
+sing etwas, ich mu&szlig; in den Garten&laquo;, und damit lief Frau
+Menotti eilends unter die Feigenb&auml;ume hinaus, denn sie
+nahm an, der Silvio vergesse am schnellsten seinen Einfall
+wieder, wenn er nicht mehr an ihr zwingen k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Aber die beiden guten Freunde drinnen spielten nicht
+und sangen nicht, sondern brachten sich gegenseitig ganz ins
+Fieber mit allerhand Vorstellungen, wie das Stineli geholt
+werden m&uuml;sse und wie es dann nachher zugehen werde,<span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span>
+wenn es da sei. Rico verga&szlig; g&auml;nzlich, fortzugehen, obschon
+es dunkel geworden war, denn die Frau Menotti kam absichtlich
+noch nicht herein, sie hoffte, der Silvio entschlafe
+dann vorher. Endlich trat sie aber doch ein und Rico
+ging gleich, aber mit Silvio hatte sie noch einen schweren
+Stand. Er wollte durchaus nicht die Augen zumachen, bis
+die Mutter versprechen w&uuml;rde, der Rico m&uuml;sse das Stineli
+holen; das konnte sie aber nicht versprechen, und so kam
+Silvio zu keiner Ruhe, bis die Mutter sagte: &raquo;Sei nun
+zufrieden, &uuml;ber Nacht kommt dann alles in Ordnung.&laquo;
+Denn sie dachte, &uuml;ber Nacht vergesse er sein Begehren, wie
+schon viele, und es komme ihm etwas Neues in den Sinn.</p>
+
+<p>Da wurde Silvio still und schlief ein. Aber die Mutter
+hatte sich verrechnet. Noch war sie am Morgen kaum
+recht erwacht, so rief Silvio aus seinem Bettchen herauf:
+&raquo;Ist alles in Ordnung, Mutter?&laquo;</p>
+
+<p>Als sie dies unm&ouml;glich bejahen konnte, ging ein solcher
+Sturm los, wie sie desgleichen an dem B&uuml;blein noch nie
+erlebt hatte, und den ganzen Tag ging das Unwetter fort
+bis zum sp&auml;ten Abend, und am Morgen darauf fing Silvio
+gerade so wieder an, wie er am Abend aufgeh&ouml;rt hatte.</p>
+
+<p>Eine solche Beharrlichkeit auf demselben Begehren hatte
+Silvio noch nie an den Tag gelegt. Wenn er schrie und
+l&auml;rmte, konnte sie&#8217;s noch ertragen; aber wenn nun die
+Stunden der gro&szlig;en Schmerzen kamen, da wimmerte Silvio
+fortw&auml;hrend in der kl&auml;glichsten Weise: &raquo;Nur beim Stineli
+ist es einem wohl und sonst gar nirgends!&laquo;</p>
+
+<p>Das schnitt der Mutter ins Herz und war ihr wie
+ein Vorwurf, so als wollte sie nicht tun, was ihm wohlmachen
+k&ouml;nnte; aber wie h&auml;tte sie auch nur daran denken
+k&ouml;nnen, sie hatte ja den Rico selbst auf Silvios Frage:<span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span>
+&raquo;Wei&szlig;t du auch den rechten Weg zum Stineli?&laquo; antworten
+h&ouml;ren: &raquo;Nein, ich wei&szlig; keinen Weg, aber ich finde
+ihn dann schon.&laquo;</p>
+
+<p>Von Tag zu Tag hoffte sie, durch einen gl&uuml;cklichen Umstand
+komme dem Silvio eine neue Forderung in den Sinn,
+denn so war es sonst immer gewesen; sie konnte darauf
+rechnen: hatte er etwas begehrt, wenn ihm wohl war, so
+verwarf er es sicher, sobald seine Schmerzen kamen. Aber
+diesmal war es anders, und es hatte seinen guten Grund.
+Ricos Erz&auml;hlungen und Ausspr&uuml;che &uuml;ber das Stineli hatten
+in dem empfindlichen Gem&uuml;te des kranken Silvio die feste
+&Uuml;berzeugung hervorgebracht, da&szlig; ihm nie mehr etwas weh
+tun w&uuml;rde, wenn das Stineli bei ihm w&auml;re. So geb&auml;rdete
+sich Silvio jammervoller von Tag zu Tag, und
+seine Mutter wu&szlig;te nicht, wo sie Rat und Beistand finden
+k&ouml;nnte.</p>
+
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<h2>Sechzehntes Kapitel.</h2>
+
+<h3>Ein Rat zur Freude f&uuml;r viele.</h3>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+<p>In diesem Zustande der Unruhe war es f&uuml;r die Frau
+Menotti ein rechter Trost, als sie einmal wieder nach
+langer Zeit den wohlmeinenden alten Herrn Pfarrer im
+langen schwarzen Rock durch den Garten kommen sah, der
+von Zeit zu Zeit den kleinen Kranken besuchte. Sie sprang
+auf von ihrem Stuhl und rief erfreut: &raquo;Sieh, Silvio,
+da kommt der gute Herr Pfarrer!&laquo; und ging ihm entgegen.
+Silvio aber in seinem Groll &uuml;ber alle Dinge rief,<span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span>
+so laut er konnte, der Mutter nach: &raquo;Ich wollte lieber,
+das Stineli k&auml;me!&laquo;</p>
+
+<p>Dann kroch er aber eilends unter die Decke, damit der
+Herr Pfarrer nicht wissen k&ouml;nne, woher die Stimme kam.
+Die Mutter war sehr erschrocken und bat im Eintreten
+den Herrn Pfarrer, er solle doch den Empfang nicht &uuml;bel
+nehmen, er sei auch nicht so ernst gemeint. Silvio r&uuml;hrte
+sich nicht, er sagte nur ganz heimlich unter der Decke:
+&raquo;Doch, es ist mir sicher ernst.&laquo;</p>
+
+<p>Der Herr Pfarrer mu&szlig;te geahnt haben, woher die
+Stimme kam; er trat gleich an das Bett heran, und obwohl
+er kein Haar von Silvio sah, sagte er: &raquo;Gott gr&uuml;&szlig;&#8217;
+dich, mein Sohn, wie steht es mit der Gesundheit, und
+warum verkriechst du dich in unterirdische H&ouml;hlen wie ein
+kleiner Dachs? Komm hervor und erkl&auml;re mir: was verstehst
+du unter einem Stineli?&laquo;</p>
+
+<p>Nun kroch Silvio hervor, denn er hatte Respekt vor
+dem Herrn Pfarrer, da er nun so nah war. Er streckte
+schnell seine kleine magere Hand zum Gru&szlig;e aus und sagte:
+&raquo;Dem Rico sein Stineli.&laquo;</p>
+
+<p>Nun mu&szlig;te die Mutter erkl&auml;rend dazwischentreten, denn
+der Herr Pfarrer sch&uuml;ttelte verwundert den Kopf, indem
+er sich an Silvios Bett niedersetzte. Sie erz&auml;hlte ihm
+nun die ganze Sache mit dem Stineli, und wie der kleine
+Silvio sich in den Kopf gesetzt habe, es werde ihm nie
+mehr wohl, wenn das Stineli nicht zu ihm komme, und
+wie der Rico nun auch unvern&uuml;nftig geworden sei und
+meine, er k&ouml;nne das M&auml;dchen holen, w&auml;hrend er keinen
+Weg und Steg wisse und es ja so weit weg oben in den
+Bergen wohne, wo niemand zukomme, und man gar nicht
+wissen k&ouml;nne, was f&uuml;r ein erschreckliches Volk da sei. Denn<span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span>
+man k&ouml;nne sich denken, wie es da zugehen m&uuml;sse, wenn ein
+zartes B&uuml;blein, wie der Rico, lieber den gr&ouml;&szlig;ten Gefahren
+entgegenlaufe und sie bestehe, als unter solchen Leuten zu
+bleiben. Wenn alles anders w&auml;re, f&uuml;gte Frau Menotti
+hinzu, so w&auml;re ihr kein Geld zu viel, so ein M&auml;dchen
+kommen zu lassen, um dem Silvio das Verlangen zu stillen
+und jemand f&uuml;r ihn zu haben, denn manchmal werde es
+ihr fast zu viel mit allem, was sie zu tragen habe, und
+sie meine, sie k&ouml;nne nicht mehr fortkommen. Und der Rico,
+der sonst recht vern&uuml;nftig rede, meine, kein Mensch k&ouml;nne
+ihr so gut in allem beistehen, wie dieses Stineli. Er m&uuml;sse
+es gut kennen, und wenn es so sei, wie er es beschreibe, so
+k&ouml;nnte es auch noch eine Rettung sein f&uuml;r so ein M&auml;dchen,
+wenn es von da droben wegkomme; aber da w&uuml;&szlig;te sie ja von
+keinem Menschen, der ihr einen solchen Dienst tun w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Der Herr Pfarrer hatte ganz ernsthaft zugeh&ouml;rt und
+kein Wort gesagt, bis die Frau Menotti fertig war. Er
+h&auml;tte auch nicht gut dazwischenkommen k&ouml;nnen mit Worten,
+denn sie hatte ihr Herz lange nicht ausgesch&uuml;ttet und es
+war ihr so voll geworden, da&szlig; Frau Menotti bei dem gro&szlig;en
+Andrang der Worte fast um den Atem gekommen war.</p>
+
+<p>Als nun alles still war, nahm der Herr Pfarrer erst
+ganz ruhig noch eine Prise zu der vorhergehenden; dann
+sagte er gelassen:</p>
+
+<p>&raquo;Hm, hm, Frau Menotti, ich glaube fast, Ihr habt
+von den Leuten da droben eine Meinung, die fast erschrecklich
+ist; es gibt doch auch noch Christen da, und seit
+man so allerhand Mittel erfunden hat, um weiter zu kommen,
+wird es auch noch m&ouml;glich sein, da&szlig; einer ohne Gefahr
+dort hinaufkommt. Das wird man etwa in Erfahrung
+bringen k&ouml;nnen, man mu&szlig; sich besinnen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span>Hier mu&szlig;te der Herr Pfarrer sich erst wieder ein wenig
+st&auml;rken aus seiner Dose, dann f&uuml;gte er bei: &raquo;Es gibt
+allerlei H&auml;ndler, die von da oben herunter nach Bergamo
+kommen, Schafh&auml;ndler und Ro&szlig;h&auml;ndler, die m&uuml;ssen die
+Wege wissen. Man kann sich erkundigen und dann mu&szlig;
+man sich bestimmen; es wird etwa ein Mittel gefunden
+werden. Wenn Euch viel dran liegt, Frau Menotti, so
+will ich mich etwa umsehen; ich komme alle Jahre ein- oder
+zweimal nach Bergamo, so k&ouml;nnte ich die Sache ein wenig
+in die Hand nehmen.&laquo;</p>
+
+<p>Frau Menotti war von solcher Dankbarkeit, da&szlig; sie
+gar nicht wu&szlig;te, wie sie diese dem Herrn Pfarrer ausdr&uuml;cken
+sollte. Mit einem Male waren ihr alle die schweren Gedanken
+abgenommen, die sie so viele Tage und N&auml;chte lang verfolgt
+hatten, und in die sie sich immer mehr verwickelt hatte, je
+mehr sie sich damit abgab, so da&szlig; sie keinen Ausweg mehr
+vor sich gesehen hatte. Nun hatte der Herr Pfarrer die
+ganze Last auf sich genommen, und sie konnte den Silvio
+von nun an auf ihn verweisen.</p>
+
+<p>Silvio hatte das ganze Gespr&auml;ch &uuml;ber mit seinen grauen
+Augen den Herrn Pfarrer fast durchbohrt vor Spannung.
+Als dieser nun aufstand und dem Kleinen die Hand zum
+Abschied bot, patschte Silvio die seinige ganz gewaltig hinein,
+so als wollte er sagen: diesmal gilt&#8217;s mir! Der Herr
+Pfarrer versprach, Bericht zu geben, sobald er seine Erkundigungen
+eingezogen h&auml;tte und w&uuml;&szlig;te, ob die Sache
+ausf&uuml;hrbar w&auml;re, oder ob Silvio von seinem Begehren
+abstehen m&uuml;sse.</p>
+
+<p>Nun vergingen die Wochen eine nach der anderen, aber
+der Silvio hielt sich gut. Er hatte eine bestimmte Hoffnung
+vor Augen, und dazu war der Rico auf einmal so<span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span>
+unterhaltend und lebendig geworden, wie noch nie. In den
+war es gefahren wie ein z&uuml;ndender Freudenfunke, als er den
+Ausspruch des Herrn Pfarrers vernommen hatte, und seither
+war ein neues Leben in ihm. Er wu&szlig;te dem Silvio
+mehr zu erz&auml;hlen als je, und nahm er seine Geige zur
+Hand, so kamen so herzerquickende T&ouml;ne und Weisen daraus
+hervor, da&szlig; die Frau Menotti gar nicht mehr aus dem
+Zimmer weg mochte und sich nicht genug verwundern konnte,
+woher der Rico das alles nahm.</p>
+
+<p>Rico hatte auch nur in dieser Stube rechte Freude an
+seiner Geige; in dem weiten, hohen Raum t&ouml;nte es so sch&ouml;n
+und da war es so still und luftig, da war kein Tabaksqualm
+und kein Menschentumult, und er mu&szlig;te nicht bei
+den T&auml;nzen bleiben, sondern konnte spielen, was ihn freute.
+Mit jedem Tage kam auch Rico lieber in das Haus, und
+oft, wenn er eintrat, dachte er: so ist es wohl einem zumute,
+der heimkommt. Aber er war ja doch nicht daheim,
+er durfte nur f&uuml;r ein paar Stunden kommen und mu&szlig;te
+immer wieder gehen.</p>
+
+<p>In der letzten Zeit war aber etwas in den Rico gefahren,
+das die Wirtin manchmal in gro&szlig;e Verwunderung
+setzte. Wenn sie etwa das schmutzige, zerbrochene Abfallbecken
+vor ihn hinstellte und sagte: &raquo;Da, Rico, bring es
+den H&uuml;hnern!&laquo; &#8211; so stellte er sich etwas auf die Seite
+und legte die H&auml;nde auf den R&uuml;cken, zum Zeichen, da&szlig; er
+das Becken nicht ber&uuml;hren m&ouml;ge, und sagte ruhig: &raquo;Ich
+wollte lieber, das t&auml;te jemand anders!&laquo;</p>
+
+<p>Und wenn sie die alten Schuhe hervorbrachte und Rico
+in die Hand geben wollte, da&szlig; er sie zum Schuhflicker hintrage,
+so tat Rico wieder desgleichen und sagte: &raquo;Ich wollte
+lieber, es ginge ein anderer.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88">[88]</a></span>Die Wirtin aber war eine kluge Frau und hatte ihre
+Augen im Kopfe, um damit zu sehen, was vorging, und so
+war es ihr nicht entgangen, wie Rico sich seit einiger Zeit
+ver&auml;ndert hatte und wie er aussah. Frau Menotti hatte
+ihn immer gut gekleidet, seit sie die Verpflichtung dazu
+&uuml;bernommen hatte; da aber dem Rico alles gut stand und
+er immer mehr aussah wie ein Herrens&ouml;hnchen, so hatte
+die Frau Menotti ihre Freude daran und kleidete ihn in
+gute Stoffe, und Rico ging sorgsam und ordentlich damit
+um, denn er mochte gern, was sch&ouml;n anzusehen war, und
+Schmutz und Unordnung war ihm zuwider wie der L&auml;rm.
+Das sah die Wirtin alles an, und dazu war ihr wohlbewu&szlig;t,
+wie der Rico ganz so, wie er das erste Mal getan,
+immer noch wenn er von den Tanzbelustigungen aus der
+Umgegend zur&uuml;ckkehrte, seine Tasche vor ihr ausleerte und
+das Geld hinrollen lie&szlig;, ohne eine Miene zu machen, als
+ob er nur etwas davon begehrte.</p>
+
+<p>Er brachte auch immer mehr, denn er war nicht nur
+Tanzgeiger, wie die anderen; man wollte auch immer noch
+seine Lieder h&ouml;ren nach dem Tanzen und allerhand Melodien,
+die er wu&szlig;te. So war der Wirtin daran gelegen,
+den Rico willig zu erhalten, und sie lie&szlig; ihn in Ruhe mit
+den H&uuml;hnern und den alten Schuhen und begehrte diese
+Dienste nicht mehr von ihm.</p>
+
+<p>&Uuml;ber all&#8217; diesen Ereignissen waren an die drei Jahre dahingegangen,
+seit der Rico der Peschiera erschienen war. Er
+war nun ein vierzehnj&auml;hriger aufgeschossener Junge geworden,
+und wer ihn ansah, der hatte sein Wohlgefallen an ihm.</p>
+
+<p>Wieder leuchteten die goldenen Herbsttage &uuml;ber den
+Gardasee und der blaue Himmel lag auf der stillen Flut.
+Im Garten hingen die Trauben golden an den Ranken<span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89">[89]</a></span>
+und die roten Oleanderblumen funkelten im lichten Sonnenschein.
+In Silvios Stube war es ganz still; denn die
+Mutter war drau&szlig;en, um Trauben und Feigen zum Abend
+hereinzuholen. Silvio lauschte auf Ricos Tritt, denn es
+war die Zeit, da er gew&ouml;hnlich kam. Jetzt ging das Pf&ouml;rtchen
+auf am Zaun; Silvio scho&szlig; auf. Ein langer schwarzer
+Rock kam hereingewandert, es war der Herr Pfarrer.
+Diesmal kroch Silvio nicht ins Loch; er streckte seine Hand,
+so weit er konnte, dem Herrn Pfarrer entgegen, lange eh&#8217;
+dieser nur halbwegs im Garten angekommen war. Der
+Empfang gefiel ihm aber; er trat gleich in die Stube ein
+und an Silvios Bett hin, obschon er die Mutter hinten im
+Garten sah, und sagte: &raquo;So ist&#8217;s recht, mein Sohn, und
+wie steht es mit der Gesundheit?&laquo; &#8211; &raquo;Gut&laquo;, entgegnete
+Silvio schnell. Er schaute in h&ouml;chster Spannung den Herrn
+Pfarrer an und fragte dann halblaut: &raquo;Wann kann der
+Rico gehen?&laquo;</p>
+
+<p>Der Herr Pfarrer setzte sich an dem Bett nieder und
+sagte mit feierlichem Ton: &raquo;Morgen um f&uuml;nf Uhr wird
+der Rico reisen, mein S&ouml;hnchen.&laquo;</p>
+
+<p>Frau Menotti war eben eingetreten, und nun ging es
+an ein Fragen und Verwundern von ihrer Seite, da&szlig; der
+Herr Pfarrer M&uuml;he hatte, sie zu beschwichtigen, damit er
+ungest&ouml;rt seinen Bericht auseinanderlegen k&ouml;nnte. Es gelang
+ihm endlich, und Silvio hielt seine Augen auf ihn geheftet
+wie ein kleiner Sperber, als nun die Erz&auml;hlung kam.</p>
+
+<p>Der Herr Pfarrer kam eben von Bergamo her, wo
+er zwei Tage zugebracht hatte. Da hatte er mit Hilfe
+seiner Freunde einen Ro&szlig;h&auml;ndler ermittelt, der kam schon
+seit 30 Jahren jeden Herbst nach Bergamo und kannte
+alle Wege und Gegenden von da bis noch weit &uuml;ber die<span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90">[90]</a></span>
+Berge hinaus, wo Rico hin mu&szlig;te. Er wu&szlig;te auch, wie
+man in die Berge hinaufkommen konnte, ohne nur auszusteigen
+und zu schlafen unterwegs. Den Weg machte er selbst
+und wollte den Rico mitnehmen, wenn er am Morgen mit
+dem ersten Zuge in Bergamo ankomme. Der Mann kannte
+auch alle Kutscher und Kondukteure und wollte f&uuml;r die
+R&uuml;ckkehr den Jungen und seine Begleiterin den Leuten &uuml;bergeben
+und anempfehlen, so da&szlig; sie sicher reisen w&uuml;rden.</p>
+
+<p>So fand der Herr Pfarrer, man k&ouml;nne nun den Rico
+in Frieden ziehen lassen, und gab seinen Segen zu der
+Reise.</p>
+
+<p>Als er aber schon am Gartenzaun stand, kehrte die
+Frau Menotti, die ihn begleitet hatte, noch einmal um und
+fragte voller Besorgnis: &raquo;Ach, Herr Pfarrer, wird auch
+sicher keine Lebensgefahr dabei sein, oder da&szlig; der Rico auf
+den verirrlichen Wegen sich verlieren k&ouml;nnte und dann in
+den wilden Bergen umherirren m&uuml;&szlig;te?&laquo;</p>
+
+<p>Der Herr Pfarrer beruhigte die Frau nochmals, und
+nun ging sie zur&uuml;ck und bedachte, was nun alles f&uuml;r den
+Rico zu tun sei. Dieser trat eben in den Garten ein,
+und das Freudengeschrei, welches ihm Silvio nun entgegensandte,
+war so erstaunlich, da&szlig; Rico in drei Spr&uuml;ngen an
+dem Bett war, um zu sehen, was sich da ereignet habe.</p>
+
+<p>&raquo;Was hast du? was hast du?&laquo; fragte Rico immerzu,
+und Silvio rief in einem fort: &raquo;Ich will&#8217;s sagen! Ich
+will&#8217;s sagen!&laquo; vor lauter Angst, die Mutter komme ihm
+zuvor. Diese lie&szlig; aber nun die Buben mit ihrer Freude
+allein und ging ihrem Gesch&auml;fte nach, denn das war nun
+das Wichtigste. Sie holte einen Reisesack hervor und
+stopfte unten hinein ein ungeheures St&uuml;ck ger&auml;uchertes
+Fleisch und einen halben Laib Brot und ein gro&szlig;es Paket<span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91">[91]</a></span>
+ged&ouml;rrter Pflaumen und Feigen und eine Flasche Wein,
+gut in ein Tuch gewickelt, und dann kamen die Kleider, zwei
+Hemden, ein Paar Str&uuml;mpfe und ein Paar Schuhe und
+Taschent&uuml;cher, und bei alledem war der Frau nicht anders
+zumute, als reiste Rico nach dem fernsten Weltteil, und
+sie merkte nun erst recht, wie lieb ihr der Rico war, so
+da&szlig; sie ohne ihn fast nicht mehr sein konnte.</p>
+
+<p>Sie mu&szlig;te auch zwischen dem Packen immer wieder
+niedersitzen und denken: &raquo;Wenn es nur auch kein Ungl&uuml;ck
+gibt!&laquo;</p>
+
+<p>Nun kam sie herunter mit dem Sack und ermahnte
+den Rico, jetzt gleich hinzugehen und der Wirtin alles gut
+zu erkl&auml;ren und sie zu bitten, da&szlig; sie ihn auch gehen lasse
+und nichts dagegen habe, und den Sack k&ouml;nne er gleich
+auf die Bahn bringen.</p>
+
+<p>Rico war zum h&ouml;chsten erstaunt &uuml;ber sein Gep&auml;ck; er
+tat aber folgsam, wie ihm gehei&szlig;en wurde, und ging dann
+zur Wirtin. Er erz&auml;hlte dieser, da&szlig; er in die Berge
+hinauf m&uuml;sse und das Stineli herunterholen, und es
+komme vom Herrn Pfarrer her, da&szlig; er gleich morgen um
+f&uuml;nf Uhr fort m&uuml;sse. Das fl&ouml;&szlig;te der Wirtin schon ein wenig
+Respekt ein, da&szlig; der Herr Pfarrer mit der Sache zu tun
+habe. Sie wollte aber wissen, wer das Stineli sei und
+was es im Sinn habe; sie dachte gleich, das k&ouml;nnte etwas
+f&uuml;r sie sein. Sie brachte aber nur in Erfahrung, da&szlig;
+das Stineli ein M&auml;dchen sei, das Stineli hei&szlig;e, und da&szlig;
+es zur Frau Menotti komme. Da lie&szlig; sie die Sache
+gehen, denn der Frau Menotti wollte sie nichts in den
+Weg legen; sie war zufrieden genug, da&szlig; diese den Rico
+ihr so ruhig &uuml;berlassen hatte. Sie nahm auch an, das
+Stineli sei nat&uuml;rlich Ricos Schwester, er sage es nur<span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92">[92]</a></span>
+nicht, wie er &uuml;berhaupt nie etwas von seinen Familienverh&auml;ltnissen
+gesagt hatte.</p>
+
+<p>So erz&auml;hlte sie auch noch denselben Abend allen G&auml;sten,
+die ins Haus kamen, der Rico hole morgen seine Schwester
+herunter, denn er habe erfahren, wie gut man es hier
+unten haben k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Nun wollte sie aber auch zeigen, wie sie es mit dem
+Rico meinte. Sie holte einen gro&szlig;en Korb vom Estrich
+herunter und steckte ihn ganz voller W&uuml;rste und K&auml;se und
+Eier und Brotschnitten mit fingerdicker Butter dazwischen
+und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Auf der Reise mu&szlig;t du keinen Hunger haben, und
+das &uuml;brige kannst du schon dort oben brauchen; da wirst du
+nicht zu viel finden, und im Heimweg mu&szlig;t du auch noch
+etwas haben. Denn du kommst doch wieder, Rico, sicher?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sicher&laquo;, sagte Rico, &raquo;in acht Tagen bin ich wieder da.&laquo;</p>
+
+<p>Nun trug Rico noch seine Geige zur Frau Menotti,
+denn die h&auml;tte er sonst niemandem anvertraut, und nun
+nahm er Abschied f&uuml;r acht Tage, denn nach Verflu&szlig; dieser
+Zeit konnte er wohl wieder da sein, wenn alles gut ging.</p>
+
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<h2>Siebzehntes Kapitel.</h2>
+
+<h3>&Uuml;ber die Berge zur&uuml;ck.</h3>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+<p>Am Morgen lang vor f&uuml;nf Uhr stand Rico fertig auf
+der Station und konnte kaum erwarten, da&szlig; es vorw&auml;rts
+ging. Nun sa&szlig; er im Wagen wie vor drei Jahren, aber<span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93">[93]</a></span>
+nicht mehr so furchtsam in die Ecke gedr&uuml;ckt, mit der Geige
+in der Hand; jetzt brauchte er eine ganze Bank, denn
+neben ihm lagen Sack und Korb, die nahmen einen guten
+Platz ein. In Bergamo traf er richtig mit dem Ro&szlig;h&auml;ndler
+zusammen und nun reisten sie ungest&ouml;rt weiter,
+noch ein gutes St&uuml;ck in demselben Wagen, dann &uuml;ber den
+See. Dann stiegen sie aus und wanderten gegen ein
+Wirtshaus hin, da standen schon die Pferde angespannt
+an dem gro&szlig;en Postwagen. Da erinnerte sich Rico deutlich,
+wie er hier gestanden in der Nacht, ganz allein, nachdem
+die Studenten dorthin&uuml;ber gegangen waren, und dr&uuml;ben
+sah er die Stallt&uuml;r, wo er die Laterne hangen gesehen
+und dann den Schafh&auml;ndler wiedergefunden hatte. Es
+war schon Abend und bald bestieg man den Postwagen und
+fuhr den Bergen zu. Diesmal sa&szlig; Rico mit seinem Begleiter
+im Wagen, und kaum hatte er sich auch recht in
+seine Ecke gesetzt, als ihm die Augen zufielen, denn vor
+Aufregung hatte er die vorhergehende Nacht keine Stunde
+geschlafen. Nun holte er es nach; ohne nur einmal zu
+erwachen, schlief Rico fort, bis die Sonne hoch am Himmel
+stand und der Wagen ganz langsam fuhr, und als er
+seinen Kopf aus dem Fenster steckte, erblickte Rico zu seiner
+unbeschreiblichen Verwunderung, da&szlig; der Wagen die Zickzackstra&szlig;e
+hinauffuhr, die auf den Maloja f&uuml;hrt und die er
+so wohl kannte.</p>
+
+<p>Aus dem Fenster konnte er nicht viel sehen, nur von
+Zeit zu Zeit eine Wendung der Stra&szlig;e; aber jetzt h&auml;tte
+er so gern alles gesehen ringsum. Nun hielt der Wagen
+still, man war auf der H&ouml;he angekommen. Da stand das
+Wirtshaus, da am Wege hatte er sich hingesetzt und mit
+dem Kutscher gesprochen. Alle Reisenden stiegen einen<span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94">[94]</a></span>
+Augenblick aus, den Pferden wurde ein Futter gegeben.
+Rico stieg auch aus dem Wagen; er ging zum Kutscher
+hin und fragte ganz dem&uuml;tig: &raquo;Darf ich mit Euch auf dem
+Bock fahren bis nach Sils?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Steig auf&laquo;, sagte der Kutscher.</p>
+
+<p>Und nun stieg alles wieder ein und auf und im lustigen
+Trab ging es abw&auml;rts und die ebene Stra&szlig;e dahin. Jetzt
+kam der See. Dort lag die waldige Halbinsel, und
+dort &#8211; das waren die wei&szlig;en H&auml;user von Sils, und
+dr&uuml;ben lag Sils-Maria. Das Kirchlein schimmerte in der
+Morgensonne, und dort gegen den Berg hin sah er die
+beiden H&auml;uschen.</p>
+
+<p>Jetzt fing Ricos Herz stark zu klopfen an. Wo konnte
+Stineli sein? Nur noch wenige Schritte, und der Postwagen
+hielt an in Sils.</p>
+
+<p>Stineli hatte seit Ricos Verschwinden viele harte Tage
+erlebt. Die Kinder wurden gr&ouml;&szlig;er, und es gab immer
+mehr Arbeit und das meiste fiel auf Stineli; denn es
+war das &auml;lteste von den Kindern und neben den Alten war es
+doch das J&uuml;ngste; so hie&szlig; es bald: &raquo;Das Stineli kann dies
+tun, es ist ja alt genug&laquo;, und dann gleich nachher: &raquo;Das kann
+Stineli verrichten, denn es ist noch jung.&laquo; Die Freude konnte
+es mit niemandem mehr recht teilen, seit der Rico fort
+war, wenn es noch einen Augenblick Zeit dazu gehabt h&auml;tte.</p>
+
+<p>Vor dem Jahre war dann die gute Gro&szlig;mutter gestorben,
+und von da an gab es f&uuml;r Stineli auch keine
+freien Augenblicke mehr; denn vom Morgen bis am Abend
+war da so viel Arbeit zu tun, da&szlig; man nie fertig wurde,
+sondern nur immer mittendrin war.</p>
+
+<p>Aber Stineli hatte seinen guten Mut nie verloren,
+obschon es um die Gro&szlig;mutter stark hatte weinen m&uuml;ssen<span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95">[95]</a></span>
+und jetzt noch jeden Tag ein paarmal dachte: ohne die
+Gro&szlig;mutter und den Rico sei es nicht mehr so sch&ouml;n auf
+der Welt, wie es einmal gewesen war. An einem sonnigen
+Samstagmorgen kam es mit einem gro&szlig;en B&uuml;ndel Stroh
+auf dem Kopfe hinter der Scheune hervor; es wollte sch&ouml;ne
+Strohwische machen zum Fegen am Abend. Die Sonne
+schien sch&ouml;n auf den trockenen Weg gegen Sils hin und es
+stand still und schaute hin&uuml;ber. Da kam ein Bursche des
+Weges, den es nicht kannte, das war kein Silser, das sah
+es sogleich. Und wie er n&auml;her kam, stand er still und schaute
+das Stineli an, und es schaute ihn auch an und war verwundert;
+aber mit einem Male warf es sein Strohb&uuml;ndel
+weit weg und sprang auf den Stillstehenden zu und rief:
+&raquo;O Rico, bist du noch am Leben? Bist du wieder da?
+Aber du bist gro&szlig;, Rico! Zuerst habe ich dich gar nicht
+mehr erkannt; aber wie ich dir ins Gesicht sah, da habe
+ich dich gleich erkannt; es hat ja kein Mensch sonst so
+ein Gesicht wie du!&laquo;</p>
+
+<p>Und Stineli stand ganz gl&uuml;hend rot vor Freude vor
+dem Rico, und der Rico stand kreidewei&szlig; vor innerer Erregung
+und konnte zuerst gar nichts sagen und schaute nur
+das Stineli an. Dann sagte er: &raquo;Du bist auch so gro&szlig;,
+Stineli, aber sonst bist du noch wie vorher. Je n&auml;her
+ich dem Hause kam, je mehr wurde es mir angst, du seiest
+vielleicht anders geworden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O Rico, da&szlig; du wieder da bist!&laquo; jubelte das Stineli,
+&raquo;o wenn das die Gro&szlig;mutter w&uuml;&szlig;te! Aber du mu&szlig;t hereinkommen,
+Rico, die werden sich alle verwundern!&laquo; Stineli
+lief voraus und machte die T&uuml;r auf, und Rico ging hinein.
+Die Kinder versteckten sich sogleich immer eins hinter
+das andere, und die Mutter stand auf und gr&uuml;&szlig;te den<span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96">[96]</a></span>
+Rico fremd und fragte, was ihm gef&auml;llig sei. Weder sie,
+noch eins der Kinder hatte ihn mehr erkannt. Jetzt traten
+auch Trudi und Sami in die Stube und gr&uuml;&szlig;ten im Vorbeigehen.</p>
+
+<p>&raquo;Kennt ihr ihn denn alle nicht?&laquo; brach nun das
+Stineli aus; &raquo;es ist ja der Rico!&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt ging das Verwundern von allen Seiten an, und
+man war gerade noch daran, als der Vater eintrat zum
+Essen.</p>
+
+<p>Rico ging ihm entgegen und bot ihm die Hand. Der
+Vater nahm sie und schaute den Jungen an.</p>
+
+<p>&raquo;Ist&#8217;s etwa einer von den Verwandten?&laquo; sagte er dann,
+denn er kannte diese nie so genau, wenn sie etwa kamen.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt kennt ihn der Vater auch nicht&laquo;, sagte Stineli
+ein wenig emp&ouml;rt. &raquo;Es ist ja der Rico, Vater!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So, so, das ist recht&laquo;, bemerkte der Vater und schaute
+ihn nun noch einmal an, von oben bis unten, dann f&uuml;gte
+er bei: &raquo;Du darfst dich sehen lassen, hast du etwas von
+einer Hantierung gelernt? Komm, sitz zu mit uns, da
+kannst du&#8217;s erz&auml;hlen, wie es mit dir gegangen ist.&laquo;</p>
+
+<p>Rico setzte sich nicht gleich, er schaute immer wieder
+nach der T&uuml;r; endlich fragte er z&ouml;gernd: &raquo;Wo ist die
+Gro&szlig;mutter?&laquo; Der Vater sagte, sie liege dr&uuml;ben in Sils,
+nicht weit vom alten Lehrer weg. Rico hatte wohl mit
+der Frage gez&ouml;gert, weil er die Antwort f&uuml;rchtete, da er
+die Gro&szlig;mutter nirgends sah. Er setzte sich nun zu Tisch
+mit den anderen, aber erst war er ganz still und essen
+konnte er auch nicht; er hatte die Gro&szlig;mutter so lieb gehabt.</p>
+
+<p>Aber nun wollte der Vater etwas erz&auml;hlen h&ouml;ren,
+wo der Rico hingekommen sei an jenem Tage, da sie nach<span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97">[97]</a></span>
+ihm in der R&uuml;fe herumstocherten, und was er in der
+Fremde erlebt habe. Da erz&auml;hlte denn Rico alles, wie
+es ihm ergangen war, und kam so bald auf die Frau
+Menotti und den Silvio zu sprechen und erkl&auml;rte nun
+deutlich, warum er hierher gekommen sei, und da&szlig; er mit
+dem Stineli nach Peschiera zur&uuml;ckkehren wolle, sobald es
+dem Vater und der Mutter recht sei. Das Stineli machte
+die Augen ganz weit auf w&auml;hrend Ricos Erz&auml;hlung, es
+hatte ja von allem noch gar kein Wort geh&ouml;rt. Wie ein
+Freudenfeuer leuchtete es auf in seinem Herzen: mit dem
+Rico an seinen sch&ouml;nen See hinuntergehen und wieder
+alle Tage mit ihm zusammensein bei der guten Frau und
+dem kranken Silvio, der so nach ihm begehrte.</p>
+
+<p>Erst schwieg der Vater eine Zeitlang, denn er &uuml;berst&uuml;rzte
+nie ein Ding, dann sagte er: &raquo;Es ist recht, wenn
+eins unter die Fremden kommt, es lernt etwas; aber das
+Stineli kann nicht gehen, von dem ist keine Rede. Es
+ist n&ouml;tig daheim; es kann ein anderes gehen, etwa das
+Trudi.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja ja, so ist&#8217;s besser&laquo;, sagte die Mutter; &raquo;ohne das
+Stineli kann ich es nicht machen.&laquo; Da hob das Trudi
+seinen Kopf vom Teller auf und sagte: &raquo;So ist es mir
+auch recht, es ist doch nur immer ein Kindergeschrei bei
+uns.&laquo;</p>
+
+<p>Das Stineli sagte kein einziges Wort; es sah nur ganz
+gespannt den Rico an, ob er nichts mehr sagen werde,
+weil der Vater so bestimmt abgesagt hatte, und ob er nun
+das Trudi mitnehmen wolle. Aber der Rico sah den Vater
+unerschrocken an und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Ja, so geht es nicht. Der kranke Silvio will pr&auml;zis
+das Stineli haben und kein anderes, und er wei&szlig; schon,<span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98">[98]</a></span>
+was er will; er w&uuml;rde nur das Trudi wieder heimschicken,
+dann h&auml;tte es den Weg vergebens gemacht. Und dann hat
+mir die Frau Menotti auch noch gesagt: wenn das Stineli
+mit dem Silvio gut auskomme, so k&ouml;nne es alle Monate
+seine f&uuml;nf Gulden heimschicken, wenn man es so begehre;
+und da&szlig; der Silvio und das Stineli gut zusammen fertig
+werden, wei&szlig; ich im voraus so gut, wie wenn ich es
+gerade vor mir s&auml;he.&laquo;</p>
+
+<p>Der Vater stellte seinen Teller beiseite und setzte die
+Kappe auf. Er war fertig mit Essen, und zum strengen
+Nachdenken hatte er gern die Kappe auf dem Kopf; es war
+so, wie wenn sie ihm die Gedanken besser zusammenhielte.</p>
+
+<p>Jetzt &uuml;berdachte er im stillen, wie er sich abm&uuml;hen
+mu&szlig;te, bis er nur einen einzigen baren Gulden in die
+Hand bekam, und dann sagte er zu sich: &raquo;F&uuml;nf Gulden
+jeden Monat bar in die Hand, ohne auch nur einen
+Finger aufzuheben!&laquo; Dann schob er die Kappe auf die
+eine Seite und dann auf die andere, dann sagte er: &raquo;Es
+kann gehen; es wird ein anderes auch etwas tun k&ouml;nnen
+im Haus.&laquo;</p>
+
+<p>Stinelis Augen leuchteten. Die Mutter sah aber ein
+wenig seufzend alle die kleinen K&ouml;pfe und Teller, denn wer
+sollte das alles s&auml;ubern helfen? Und das Trudi gab dem
+Peterli einen Ellbogensto&szlig; und sagte: &raquo;Sitz einmal still!&laquo;,
+obschon er diesmal v&ouml;llig ruhig seine Bohnen a&szlig;.</p>
+
+<p>Der Vater hatte aber noch einmal an seiner Kappe
+gerutscht, es war ihm noch etwas in den Sinn gekommen.
+&raquo;Das Stineli ist aber noch nicht konfirmiert&laquo;, sagte er;
+&raquo;es wird, denk&#8217; ich wohl, noch konfirmiert sein m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde erst in zwei Jahren konfirmiert, Vater&laquo;,
+sagte Stineli eifrig; &raquo;so kann ich ganz gut jetzt f&uuml;r zwei<span class="pagenum"><a name="Page_99" id="Page_99">[99]</a></span>
+Jahre fortgehen, und dann kann ich ja wieder heimkommen.&laquo;</p>
+
+<p>Das war ein guter Ausweg, nun waren auf einmal
+alle zufrieden. Der Vater und die Mutter dachten: wenn
+alles krumm gehe ohne das Stineli, so sei es doch nur
+f&uuml;r eine Zeit, die werde auch umgehen, und nachher sei es
+wieder da, und das Trudi dachte: &raquo;Sobald es wieder da
+ist, gehe ich, und dann k&ouml;nnen sie sehen, wann ich wiederkomme.&laquo;
+Aber der Rico und das Stineli sahen einander
+an, und die helle Freude lachte ihnen aus den Augen.</p>
+
+<p>Da der Vater die Sache nun als abgemacht ansah,
+stand er vom Tische auf und sagte: &raquo;Sie k&ouml;nnen dann
+morgen gehen, so wei&szlig; man, woran man ist.&laquo;</p>
+
+<p>Aber die Mutter schlug einen gro&szlig;en Jammer auf und
+sagte, so schnell werde es ja nicht sein m&uuml;ssen, und jammerte
+immerfort, bis der Vater sagte: &raquo;So k&ouml;nnen sie am
+Montag gehen&laquo;, denn weiter hinaus wollte er es nicht
+verschieben, weil er dachte, es t&ouml;ne nun so fort, bis das
+Weggehen vorbei sei.</p>
+
+<p>F&uuml;r Stineli gab es nun Arbeit; das begriff der Rico
+wohl und er machte sich an den Sami und sagte ihm, er
+wolle sehen, ob es in Sils-Maria noch sei wie fr&uuml;her;
+und dann sollte er noch einen Sack und einen Korb von
+Sils her&uuml;berholen, da k&ouml;nnte ihm der Sami tragen helfen.
+So zogen sie aus. Zuerst stand Rico vor seinem ehemaligen
+H&auml;uschen still und schaute die alte Haust&uuml;re an
+und den H&uuml;hnerstall; es war noch alles ganz gleich. Er
+fragte den Sami, wer drin wohne, ob die Base noch ganz
+allein sei. Aber die Base war schon lange fortgezogen,
+hinauf nach Silvaplana, und kein Mensch sah sie mehr,
+denn in Sils-Maria zeigte sie sich nie mehr.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100">[100]</a></span>In dem H&auml;uschen wohnten Leute, von denen Rico nichts
+wu&szlig;te. &Uuml;berall, wo er mit Sami hinkam, vor den alten
+bekannten H&auml;usern und aus den Scheunen starrten ihn die
+Leute fremd an, kein einziger kannte ihn mehr. Wie sie
+am Abend nach Sils hin&uuml;bergingen, da schwenkte Rico
+gegen den Kirchhof ein; er wollte auf das Grab der Gro&szlig;mutter
+gehen, aber Sami wu&szlig;te nicht recht, wo es war.</p>
+
+<p>Mit Sack und Korb beladen, kehrten die beiden, als
+es dunkelte, zum Hause zur&uuml;ck. Da stand Stineli noch am
+Brunnen und fegte den Stalleimer zum letzten Male, und als
+nun der Rico neben ihm stand, sagte es strahlend vor Freuden
+und Fegeifer: &raquo;Ich kann es noch fast nicht glauben, Rico!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich&laquo;, sagte dieser so sicher, da&szlig; ihn das Stineli
+erstaunt ansehen mu&szlig;te. &raquo;Aber wei&szlig;t du, Stineli&laquo;, f&uuml;gte
+er hinzu, &raquo;du hast es auch nicht so lange ausdenken
+k&ouml;nnen wie ich.&laquo;</p>
+
+<p>Aber Stineli mu&szlig;te sich noch ein paarmal wundern,
+da&szlig; der Rico so bestimmt etwas sagen konnte; das hatte
+es fr&uuml;her nicht an ihm gekannt.</p>
+
+<p>Dem Rico hatte man ein Bett zurecht gemacht, oben
+in der Dachkammer; da schleppte er seine Sachen hinauf,
+denn erst morgen wollte er alles auspacken. Wie nun am
+folgenden Tage, am hellen, sch&ouml;nen Sonntag, alle um den
+Tisch sa&szlig;en, da kam Rico und sch&uuml;ttete gerade vor das
+Urschli und den Peterli hin einen solchen Haufen von
+Pflaumen und Feigen, wie sie in ihrem ganzen Leben noch
+keinen gesehen hatten, und Feigen hatten sie auch noch gar
+nie gegessen; und seine Masse W&uuml;rste und Fleisch und Eier
+stellte er mitten auf den Tisch. Und nachdem das gro&szlig;e
+Erstaunen dar&uuml;ber ein wenig nachgelassen hatte, ging eine
+Schmauserei an, wie sie da noch nicht stattgefunden hatte,<span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101">[101]</a></span>
+und bis zum sp&auml;ten Abend knupperten die Kinder im
+h&ouml;chsten Vergn&uuml;gen an den s&uuml;&szlig;en Feigen herum.</p>
+
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<h2>Achtzehntes Kapitel.</h2>
+
+<h3>Zwei frohe Reisende.</h3>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+<p>Am Montag mu&szlig;te die Reise erst am Abend vor sich
+gehen, das hatte der Ro&szlig;h&auml;ndler dem Rico deutlich alles
+gesagt, so da&szlig; dieser nun perfekt seinen Weg wu&szlig;te. Nachdem
+nun der Abschied genommen war, wanderten Rico
+und Stineli gegen Sils hin, und am H&auml;uschen stand die
+Mutter und alle die kleinen Kinder um sie herum und
+schauten ihnen nach. Der Sami ging neben ihnen her
+und trug den Sack auf dem Kopfe, und den Korb trug
+Rico auf der einen und Stineli auf der anderen Seite.
+Stinelis Kleider hatten gerade beide angef&uuml;llt.</p>
+
+<p>Bei der Kirche in Sils sagte Stineli: &raquo;Wenn uns die
+Gro&szlig;mutter noch sehen k&ouml;nnte! Wir wollen ihr doch noch
+Lebewohl sagen, nicht, Rico?&laquo; Er wollte gern und sagte
+Stineli, da&szlig; er schon dagewesen w&auml;re und sie nicht gefunden
+h&auml;tte; aber Stineli wu&szlig;te schon, wo die Gro&szlig;mutter lag.</p>
+
+<p>Als der Postwagen heranfuhr und stillehielt, rief der
+Kutscher herunter: &raquo;Sind die zwei da, die an den Gardasee
+hinunter m&uuml;ssen? Ich habe schon gestern nachgefragt!&laquo;</p>
+
+<p>Der Ro&szlig;h&auml;ndler hatte sie gut empfohlen, und nun
+rief der Kutscher: &raquo;Hier herauf, die anderen haben gefroren,
+der Wagen ist voll, ihr seid jung.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102">[102]</a></span>Damit half er ihnen auf den Sitz hinter dem Bock,
+oben auf dem Wagen, und nahm eine dicke Ro&szlig;decke hervor,
+die deckte und stopfte er um die beiden, da&szlig; sie ganz
+eingewickelt dasa&szlig;en, und nun ging&#8217;s vorw&auml;rts.</p>
+
+<p>Zum ersten Male, seit sie sich wiedergesehen hatten,
+sa&szlig;en nun Rico und Stineli allein beieinander und konnten
+sich ungest&ouml;rt erz&auml;hlen von allem, was sie in den ganzen
+drei Jahren erlebt hatten. Das taten sie nun auch recht
+nach Herzenslust von Anfang an, und unter dem funkelnden
+Sternenhimmel fuhren sie dahin und hatten keinen Schlaf
+die ganze Nacht vor lauter Genu&szlig; und Vergn&uuml;gen. Am
+Morgen kamen sie auf den See, und gerade um dieselbe
+Stunde, wie Rico in Peschiera angekommen war, so langten
+auch sie an und kamen den Weg hinunter, dem See zu.
+Aber Rico wollte nicht, da&szlig; das Stineli den See sehe, bis
+es an seinem Pl&auml;tzchen angekommen war. So f&uuml;hrte er
+es nun zwischen den B&auml;umen durch, bis sie auf einmal
+bei der kleinen Br&uuml;cke herauskamen ins Freie.</p>
+
+<p>Da lag der See in der Abendsonne, und Rico und
+Stineli sa&szlig;en an der niederen Halde hin und schauten
+hin&uuml;ber. So wie ihn Rico geschildert hatte, so war er,
+aber noch viel sch&ouml;ner, denn solche Farben hatte Stineli
+noch nie gesehen. Es schaute hin und her nach den violetten
+Bergen und auf die goldene Flut und rief endlich voller
+Entz&uuml;cken: &raquo;Er ist noch sch&ouml;ner als der Silsersee.&laquo;</p>
+
+<p>Rico hatte ihn aber auch noch nie so sch&ouml;n gesehen
+als jetzt, da er mit dem Stineli dran sa&szlig;.</p>
+
+<p>Im stillen hatte Rico noch eine Freude; &#8211; wie konnte
+er den Silvio und seine Mutter &uuml;berraschen! Kein Mensch
+hatte gedacht, da&szlig; er so bald zur&uuml;cksein k&ouml;nnte. Bevor
+acht Tage um waren, erwartete sie niemand, und nun<span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103">[103]</a></span>
+sa&szlig;en sie schon da am See. Bis die Sonne unter war,
+blieben sie an der Halde sitzen. Rico mu&szlig;te dem Stineli
+zeigen, wo die Mutter stand, wenn sie wusch am See und
+er dasa&szlig; und auf sie wartete, und er mu&szlig;te erz&auml;hlen, wie
+sie miteinander &uuml;ber die schmale Br&uuml;cke kamen und sie
+ihn an der Hand hielt.</p>
+
+<p>&raquo;Aber wo seid ihr dann hingegangen?&laquo; fragte Stineli.
+&raquo;Hast du nie das Haus gefunden, wo ihr hineingegangen
+seid?&laquo;</p>
+
+<p>Rico verneinte es. &raquo;Wenn ich da hinaufgehe, vom
+See gegen die Schienenbahn hinauf, dann ist&#8217;s auf einmal,
+als sei ich da mit der Mutter gestanden und habe auf
+einem Tritt gesessen und vor uns die roten Blumen gesehen;
+aber es ist nichts mehr da, und den Weg hinauf
+kenne ich nicht, den habe ich nie gesehen.&laquo;</p>
+
+<p>Endlich standen sie auf und gingen dem Garten zu;
+Rico trug den Sack und Stineli den Korb. Wie sie in
+den Garten eintraten, mu&szlig;te Stineli &uuml;berlaut ausrufen:
+&raquo;O wie sch&ouml;n, o die sch&ouml;nen Blumen!&laquo;</p>
+
+<p>Das hatte den Silvio aufgeschnellt wie eine Feder.
+Er schrie aus Leibeskr&auml;ften: &raquo;Der Rico kommt mit dem
+Stineli!&laquo;</p>
+
+<p>Die Mutter glaubte, das Fieber habe ihn gepackt; sie
+warf ihre Sachen dahinten im Kasten, wo sie herumkramte,
+alle &uuml;bereinander und kam herbeigelaufen.</p>
+
+<p>In dem Augenblick aber trat der lebendige Rico unter
+die T&uuml;r, und vor Schrecken und Freude h&auml;tte es die gute
+Frau fast umgeworfen, denn bis auf diesen Augenblick
+hatte sie heimlich immerfort die schwersten Bef&uuml;rchtungen
+ausgestanden, das Unternehmen k&ouml;nnte dem Rico doch ans
+Leben gehen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104">[104]</a></span>Hinter dem Rico kam ein M&auml;dchen hervor mit einem
+so freundlichen Gesicht, da&szlig; es der Frau Menotti sogleich
+das Herz gewann, denn sie war eine Frau von schnellen
+Eindr&uuml;cken. Erst mu&szlig;te sie aber dem Rico beide H&auml;nde
+fast absch&uuml;tteln vor Freude, und w&auml;hrenddessen ging Stineli
+schnell an das Bettchen heran und begr&uuml;&szlig;te den Silvio, und
+es legte seinen Arm um des B&uuml;bleins schmale Schultern
+und lachte ihm ganz freundlich ins Gesicht, so, als h&auml;tten
+sie sich schon lang gekannt und gern gehabt, und der Silvio
+packte es gleich um den Hals und zog es ganz auf sein
+Gesicht herunter. Dann legte das Stineli dem Silvio ein
+Geschenk aufs Bett, das es in die n&auml;chste Tasche gesteckt
+hatte, um es gleich bei der Hand zu haben. Es war ein
+Kunstwerk, das der Peterli von jeher allen anderen Freuden
+vorgezogen hatte: ein Tannzapfen, dem in jede kleine &Ouml;ffnung
+zwischen den harten Schuppen ein d&uuml;nner Draht eingesteckt
+war. Oben auf dem Draht war je ein komisches
+Fig&uuml;rchen von Pantoffelholz festgemacht. Alle diese Fig&uuml;rchen
+zappelten aber so lustig gegeneinander und verbeugten
+sich und hatten von R&ouml;tel und Kohle so feurig bemalte
+Gesichter, da&szlig; der Silvio nicht mehr aus dem Lachen kam.</p>
+
+<p>Unterdessen hatte die Mutter von Rico das Notwendigste
+vernommen, da&szlig; er sicher und gl&uuml;cklich wieder da sei,
+und sie kehrte sich nun zum Stineli und begr&uuml;&szlig;te es mit
+aller Herzlichkeit, und Stineli sagte mehr mit seinen freundlichen
+Augen als mit seinem Munde, denn es konnte gar
+nicht italienisch und mu&szlig;te sich mit seinen romanischen
+Worten helfen, wie es konnte. Aber es war nicht von
+schwerer Gem&uuml;tsart und fand sich gleich zurecht, und wo
+es das Wort nicht fand, da beschrieb es die Sache gleich
+mit den Fingern und allerhand Zeichen, was dem Silvio<span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105">[105]</a></span>
+unbeschreiblich kurzweilig vorkam, denn es war wie ein
+Spiel, wo es immer etwas zu erraten gab.</p>
+
+<p>Nun ging die Frau Menotti an den Kasten, wo alles
+bereit lag, was man zum Essen brauchte, Teller und Tischtuch
+und das kalte Huhn und die Fr&uuml;chte und der Wein.
+Sowie Stineli das bemerkte, lief es augenblicklich der Frau
+Menotti nach und trug herzu und deckte den Tisch und war
+so erstaunlich flink, da&szlig; der Frau Menotti gar nichts mehr
+&uuml;brig blieb zu tun, als nur verwundert zuzusehen; und
+bevor sie nur Zeit hatte zu denken, was nun folge, hatte
+schon der Silvio alles auf seinem Brett, verschnitten und
+vorgelegt ganz ordentlich, wie es sein mu&szlig;te, und die
+rasche Bedienung gefiel dem Silvio.</p>
+
+<p>Da setzte sich Frau Menotti hin und sagte: &raquo;So habe
+ich es lange nicht gehabt, aber jetzt komm und sitz auch,
+Stineli, und i&szlig; mit uns.&laquo;</p>
+
+<p>Nun a&szlig;en alle fr&ouml;hlich und sa&szlig;en beisammen, so als
+h&auml;tten sie immer zueinander geh&ouml;rt und m&uuml;&szlig;ten auch immer
+so zusammenbleiben. Dann fing der Rico an von der Reise
+zu berichten, und derweilen stand Stineli auf und r&auml;umte
+leise alles wieder weg in den Kasten hinein, denn es wu&szlig;te
+nun schon, wo jedes Ding seinen Platz hatte. Dann setzte
+es sich ganz nahe an Silvios Bett und machte Figuren
+mit seinen gelenkigen Fingern, so da&szlig; davon der Schatten
+auf die Wand fiel, und alle Augenblicke lachte der Silvio
+hell auf und rief aus: &raquo;Ein Hase! Ein Tier mit H&ouml;rnern!
+Eine Spinne mit langen Beinen!&laquo;</p>
+
+<p>So verflo&szlig; der erste Abend so schnell und vergn&uuml;glich,
+da&szlig; keines begreifen konnte, wo die Zeit hingekommen war,
+als es nun zehn Uhr schlug. Rico stand auf vom Tisch,
+denn er wu&szlig;te, da&szlig; er nun gehen mu&szlig;te; es war aber<span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106">[106]</a></span>
+eine schwarze Wolke &uuml;ber sein Gesicht gekommen. Er sagte
+kurz: &raquo;Gute Nacht!&laquo; und ging hinaus. Aber das Stineli
+lief ihm nach und im Garten nahm es ihn bei der Hand
+und sagte: &raquo;Nun darfst du nicht traurig werden, Rico;
+es ist so sch&ouml;n hier, ich kann dir gar nicht sagen, wie es
+mir gef&auml;llt und wie froh ich bin, und das habe ich alles
+dir zu danken. Und morgen kommst du wieder und alle
+Tage; freut es dich nicht, Rico?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja&laquo;, sagte er und schaute das Stineli ganz schwarz
+an, &raquo;und alle Abende, wenn&#8217;s am sch&ouml;nsten ist, mu&szlig; ich
+fort und weg und geh&ouml;re zu niemandem.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, so mu&szlig;t du nicht denken, Rico&laquo;, ermunterte ihn
+Stineli; &raquo;nun haben wir doch immer zueinander geh&ouml;rt
+und ich habe mich drei Jahre lang immer darauf gefreut,
+wenn wir wieder einmal zusammenkommen werden, und
+wenn es daheim manchmal so zuging, da&szlig; ich lieber nicht
+mehr h&auml;tte dabei sein wollen, dann dachte ich immer:
+Wenn ich nur einmal wieder mit dem Rico sein k&ouml;nnte,
+so wollte ich alles gern tun. Und nun ist alles so gekommen,
+da&szlig; ich gar keine gr&ouml;&szlig;ere Freude w&uuml;&szlig;te, und jetzt
+willst du dich gar nicht mit mir freuen, Rico?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Doch, ich will&laquo;, sagte Rico und schaute das Stineli
+heller an. Er geh&ouml;rte doch zu jemand, Stinelis Worte
+hatten ihn wieder ins Gleichgewicht gebracht. Sie gaben
+einander noch einmal die Hand, dann ging der Rico zum
+Garten hinaus!</p>
+
+<p>Als Stineli in die Stube zur&uuml;ckkam und nach der
+Mutter Anweisung dem Silvio &raquo;Gute Nacht&laquo; sagen wollte,
+da ging ein neuer Kampf an; er wollte es durchaus nicht
+von sich weglassen und rief ein Mal ums andere: &raquo;Das
+Stineli mu&szlig; bei mir bleiben und immer an meinem<span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107">[107]</a></span>
+Bette sitzen, es sagt lustige Worte und lacht mit den
+Augen.&laquo;</p>
+
+<p>Da half nun keine Ermahnung, bis zuletzt die Mutter
+sagte: &raquo;So halt du jetzt das Stineli fest die ganze Nacht,
+da&szlig; es nicht schlafen kann, dann ist es morgen krank wie
+du und kann nicht aufstehen und du siehst es nicht mehr
+f&uuml;r lange Zeit.&laquo;</p>
+
+<p>Da lie&szlig; Silvio endlich Stinelis Arm los, den er fest
+umklammert hatte, und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Geh, schlaf, Stineli; aber komm fr&uuml;h am Morgen
+wieder!&laquo;</p>
+
+<p>Das versprach Stineli; und nun zeigte Frau Menotti
+ihm ein sauberes K&auml;mmerlein, das auf den Garten hinausschaute,
+von wo ein lieblicher Blumenduft durch das offene
+Fenster heraufstieg.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Mit jedem Tage wurde das Stineli nun dem kleinen
+Silvio unentbehrlicher; wenn es nur zur T&uuml;r hinausging,
+so sah er das f&uuml;r ein Ungl&uuml;ck an. Daf&uuml;r war er aber
+auch ordentlich und gut, wenn es bei ihm war, und tat
+alles, was es ihn hie&szlig;, und plagte seine Mutter gar nicht
+mehr. Es war auch, als ob das nerv&ouml;se B&uuml;blein wirklich
+seit Stinelis Ankunft seine gro&szlig;en Schmerzen verloren
+habe, denn noch hatte er nie gejammert, seit es an seinem
+Bette sa&szlig;, und doch war nun schon mancher Tag hingegangen
+seit jenem ersten Abend, da es erschienen war.</p>
+
+<p>Stineli hatte aber auch eine unersch&ouml;pfliche Fundgrube
+von Unterhaltungen, und alles, was es nur in die Hand
+nahm, und was es tat und sagte, wurde zur anmutigsten
+Kurzweil f&uuml;r den Silvio, denn das Stineli hatte sich von
+ganz klein auf nach den kleinen Kindern richten m&uuml;ssen und
+immerfort darauf bedacht sein, sie zufrieden zu erhalten mit<span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108">[108]</a></span>
+Worten und H&auml;nden und Blicken und auf jegliche Weise
+mit jeder Bewegung.</p>
+
+<p>So war Stineli unbewu&szlig;t in seinem Sein und ganzen
+Wesen schon die allerangenehmste Unterhaltung, die es f&uuml;r
+ein kleines, empfindliches, an sein Bettchen gefesseltes B&uuml;blein
+nur geben konnte. Das gelehrige Stineli hatte auch
+bald dem Silvio alle seine Worte abgelauscht und schwatzte
+ganz unverzagt mit Silvio drauf los, und wo es die
+Worte noch verkehrte, da hatte der Silvio einen Hauptspa&szlig;
+daran, und die Sache war f&uuml;r ihn wie ein absichtlich erfundenes
+Vergn&uuml;gen.</p>
+
+<p>Die Mutter konnte nie den Rico in den Garten treten
+sehen, ohne da&szlig; sie ihm entgegenlief, denn jetzt durfte sie
+laufen, wohin sie nur wollte und wann es ihr gefiel, und
+sie mu&szlig;te ihn noch ein wenig auf die Seite nehmen, um
+ihm zu sagen, welchen Schatz er ihr ins Haus gebracht
+habe, wie gl&uuml;cklich und froh der kleine Silvio sei, wie in
+seinem ganzen armen Leben noch nie, und wie sie nur gar
+nicht begreife, da&szlig; es ein solches M&auml;dchen geben k&ouml;nne:
+mit dem Silvio sei es ganz kindlich und gerade so, als
+habe es selbst die gr&ouml;&szlig;te Freude an den Dingen, die dem
+B&uuml;blein Kurzweil machten; mit ihr k&ouml;nne es so vern&uuml;nftig
+reden und habe eine Erfahrung in der Arbeit und im
+Einrichten, wie kaum eine Frau; und seit sie dieses Stineli
+im Hause habe, gehe alles wie von selbst und sie habe
+alle Tage Sonntag. Kurz, Frau Menotti konnte gar nicht
+genug Worte finden, um das Stineli in allen seinen
+Eigenschaften zu bewundern und zu loben, und der Rico
+h&ouml;rte ihr gern zu.</p>
+
+<p>Wenn sie dann alle drinnen beisammensa&szlig;en und immer
+eins das andere freundlicher ansah, so als wollte keines<span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109">[109]</a></span>
+mehr gern vom anderen weggehen, dann h&auml;tte man denken
+m&uuml;ssen, das seien die gl&uuml;cklichsten Menschen weit umher,
+denen nichts mehr mangele. Aber mit jedem Abend
+wurde die Wolke auf Ricos Gesicht ein wenig dunkler
+und schw&auml;rzer, sobald es zehn Uhr schlug, und wenn
+es auch Frau Menotti in ihrer frohen Stimmung nicht
+merkte, so sah es doch das Stineli ganz gut und heimlich
+bek&uuml;mmerte es sich und dachte: &raquo;Es ist, wie wenn
+ein Gewitter kommen wollte!&laquo;</p>
+
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<h2>Neunzehntes Kapitel.</h2>
+
+<h3>Wolken am sch&ouml;nen Gardasee.</h3>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+<p>Es kam ein sch&ouml;ner Herbstsonntag, und dr&uuml;ben in Riva
+sollte am Abend Tanz sein und Rico hin&uuml;berfahren, um
+zu spielen. So konnte er den Tag nicht mit Stineli und
+den anderen zubringen; das war schon mehrmals verhandelt
+worden die Woche durch, denn es war ein Ereignis f&uuml;r
+alle, wenn Rico nicht kam, und Stineli suchte alles m&ouml;gliche
+hervor, um der Sache noch eine gute Seite abzugewinnen:
+&raquo;Du f&auml;hrst dann im Sonnenschein &uuml;ber den See
+und kommst unter dem Sternenhimmel wieder zur&uuml;ck, und
+wir denken die ganze Zeit an dich&laquo;, hatte es ihm gesagt,
+als er zuerst anzeigte, da&szlig; ein Tanzsonntag folge.</p>
+
+<p>Rico kam am Samstagabend mit seiner Geige, denn
+Stinelis gr&ouml;&szlig;te Freude war sein Spiel. Rico spielte sch&ouml;ne
+Weisen, eine nach der anderen, aber sie waren alle traurig,<span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110">[110]</a></span>
+und es war auch, als machten sie ihn wieder traurig,
+denn er schaute auf seine Geige mit einer D&uuml;sterkeit, als
+tue sie ihm das gr&ouml;&szlig;te Leid an.</p>
+
+<p>Auf einmal steckte er seinen Bogen weg, lang noch ehe
+es zehn geschlagen hatte, und sagte: &raquo;Ich will gehen.&laquo;</p>
+
+<p>Frau Menotti wollte ihn festhalten, sie begriff nicht,
+was ihm einfiel. Stineli hatte ihn immer angesehen,
+w&auml;hrend er spielte; jetzt sagte es nur: &raquo;Ich gehe noch
+ein paar Schritte mit dir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein!&laquo; rief Silvio, &raquo;geh nicht fort, bleib da,
+Stineli!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja, Stineli&laquo;, sagte Rico, &raquo;bleib du nur da und
+la&szlig; mich gehen!&laquo;</p>
+
+<p>Dabei sah er Stineli gerade so an wie damals, als
+er vom Lehrer weg dem Holzsto&szlig; zu kam und sagte: &raquo;Es
+ist alles verloren!&laquo;</p>
+
+<p>Stineli ging zu Silvios Bett und sagte leise: &raquo;Sei
+brav, Silvio; morgen erz&auml;hl&#8217; ich dir die allerlustigste Geschichte
+vom Peterli, aber mach jetzt keinen L&auml;rm.&laquo;</p>
+
+<p>Silvio hielt sich wirklich still, und Stineli ging dem
+Rico nach. Als sie am Gartenzaun standen, kehrte Rico
+sich um und deutete auf die erleuchtete Stube, die so wohnlich
+aussah vom Garten her, und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Geh wieder, Stineli; dort geh&ouml;rst du hinein und bist
+daheim dort, und ich geh&ouml;re auf die Stra&szlig;e, ich bin nur
+ein Heimatloser, und so wird es immer sein; darum la&szlig;
+mich nur gehen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein, so lass&#8217; ich dich nicht gehen; Rico, wo
+gehst du jetzt hin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;An den See&laquo;, sagte Rico und ging der Br&uuml;cke zu.
+Stineli ging mit. Als sie an der Halde standen, h&ouml;rten<span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111">[111]</a></span>
+sie unten die leisen Wellen fl&uuml;stern und lauschten eine
+Weile. Dann sagte Rico:</p>
+
+<p>&raquo;Siehst du, Stineli, wenn du nicht da w&auml;rst, so ginge
+ich gleich fort, weit fort, aber ich w&uuml;&szlig;te auch nicht wohin.
+Ich mu&szlig; doch immer ein Heimatloser sein und mein ganzes
+Leben lang so in Wirtsh&auml;usern geigen, wo sie l&auml;rmen,
+wie wenn sie von Sinnen w&auml;ren, und in einer Kammer
+schlafen, wo ich lieber nicht mehr hineinginge; und du geh&ouml;rst
+nun zu ihnen in das sch&ouml;ne Haus, und ich geh&ouml;re
+nirgends hin. Und siehst du, wenn ich da hinabsehe, so
+denke ich: h&auml;tte mich doch die Mutter hier hineingeworfen,
+ehe sie sterben mu&szlig;te, so w&auml;re ich kein Heimatloser geworden.&laquo;</p>
+
+<p>Stineli hatte mit Kummer im Herzen dem Rico zugeh&ouml;rt;
+aber wie er diese letzten Worte sagte, da bekam es
+einen gro&szlig;en Schrecken und rief aus: &raquo;O Rico, so etwas
+darfst du gar nicht sagen. Du hast gewi&szlig; lange dein Unser-Vater
+nicht mehr gebetet, darum sind dir diese b&ouml;sen Gedanken
+gekommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, ich habe es nicht mehr gebetet, ich kann es
+nicht mehr.&laquo;</p>
+
+<p>Das war dem Stineli ein erschreckliches Wort.</p>
+
+<p>&raquo;O, wenn das die Gro&szlig;mutter w&uuml;&szlig;te, Rico&laquo;, rief es
+jammernd aus, &raquo;sie m&uuml;&szlig;te noch einen rechten Kummer f&uuml;r
+dich ausstehen. Wei&szlig;t du, wie sie gesagt hat: &#8250;Wer sein
+Unser-Vater vergi&szlig;t, dem geht es schlecht!&#8249; O komm,
+Rico, du mu&szlig;t es wieder lernen, ich will dich&#8217;s gleich
+lehren. Du kannst es bald wieder.&laquo;</p>
+
+<p>Und Stineli fing an und sagte mit warmer Teilnahme
+seines Herzens zweimal hintereinander dem Rico das
+Unser-Vater vor. Wie es nun so tief beteiligt den Worten<span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112">[112]</a></span>
+folgte, so bemerkte Stineli, da&szlig; da gerade f&uuml;r den Rico
+viel Trostreiches darin vorkam, und wie es zu Ende war,
+sagte es:</p>
+
+<p>&raquo;Siehst du, Rico, weil doch dem lieben Gott das
+ganze Reich geh&ouml;rt, so kann er dir schon noch eine Heimat
+finden, und ihm geh&ouml;rt auch alle Kraft, da&szlig; er sie dir
+geben kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt kannst du sehen, Stineli&laquo;, entgegnete Rico,
+&raquo;wenn der liebe Gott eine Heimat in seinem Reich f&uuml;r
+mich h&auml;tte und auch die Kraft hat, da&szlig; er mir sie geben
+k&ouml;nnte, so <em class="gesperrt">will</em> er nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, aber du mu&szlig;t auch etwas bedenken&laquo;, fuhr Stineli
+fort, &raquo;der liebe Gott kann auch bei sich selbst sagen:
+&#8250;Wenn der Rico etwas von mir will, so kann er auch
+einmal beten und kann mir&#8217;s sagen.&#8249;&laquo;</p>
+
+<p>Dagegen wu&szlig;te Rico nichts mehr einzuwenden. Er
+schwieg eine kleine Weile, dann sagte er:</p>
+
+<p>&raquo;Sag noch einmal das Unser-Vater, ich will&#8217;s wieder
+lernen.&laquo;</p>
+
+<p>Stineli sagte es noch einmal, dann konnte es der Rico
+wieder und hatte sich&#8217;s recht eingepr&auml;gt. Nun gingen sie
+friedlich heim, jedes auf seine Seite, und Rico mu&szlig;te noch
+immer an das Reich und die Kraft denken.</p>
+
+<p>An dem Abend aber, wie er in seiner stillen Kammer
+war, betete er von Herzen dem&uuml;tig, denn er f&uuml;hlte, da&szlig;
+er im Unrecht war, zu denken, der liebe Gott sollte ihm
+geben, was ihm mangelte, und er hatte ihn ja gar nie
+darum gebeten.</p>
+
+<p>Stineli trat gedankenvoll in den Garten ein. Es erwog
+bei sich selbst, ob es &uuml;ber alles mit der Frau Menotti
+reden wollte; vielleicht k&ouml;nnte sie f&uuml;r den Rico eine<span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113">[113]</a></span>
+andere Besch&auml;ftigung finden, als dies Geigen zum Tanz
+in den Wirtsh&auml;usern, das ihm so zuwider war. Aber
+der Gedanke, die Frau Menotti mit seinen Angelegenheiten
+zu besch&auml;ftigen, verging ihm, als es in die Stube eingetreten
+war. Silvio lag gl&uuml;hendrot auf seinem Kissen
+und atmete heftig und ungleich, und am Bette sa&szlig; die
+Mutter und weinte ganz kl&auml;glich. Silvio hatte einmal
+wieder einen seiner Anf&auml;lle und gro&szlig;e Schmerzen gehabt,
+und ein wenig Zorn, da&szlig; das Stineli fort war,
+mochte das Fieber noch vermehrt haben. Die Mutter
+war so niedergeschlagen, wie Stineli sie noch nie gesehen
+hatte. Als sie sich endlich ein wenig ermuntern konnte,
+sagte sie:</p>
+
+<p>&raquo;Komm, Stineli, setz dich da neben mich, ich m&ouml;chte
+dir etwas sagen. Sieh, es liegt mir etwas so schwer auf
+dem Herzen, da&szlig; ich manchmal meine, ich k&ouml;nne es fast
+nicht mehr tragen. Du bist freilich jung, aber du bist ein
+vern&uuml;nftiges M&auml;dchen und hast schon viel gesehen, und ich
+meine, es w&uuml;rde mir schon leichter werden, wenn ich mit
+dir dar&uuml;ber reden k&ouml;nnte. Du siehst ja, wie es mit dem
+Silvio ist, mit meinem einzigen S&ouml;hnlein. Nun habe ich
+aber nicht nur das Leid seiner Krankheit, die ja nie heilen
+kann, sondern ich mu&szlig; oft bei mir selbst sagen: es ist vielleicht
+eine Strafe von Gott, weil wir unrechtes Gut behalten
+haben und genie&szlig;en, wenn wir es schon nicht an
+uns ziehen und behalten wollten. Ich will dir&#8217;s aber von
+Anfang an erz&auml;hlen.</p>
+
+<p>&raquo;Als wir uns verheirateten, der Menotti und ich &#8211; er
+hatte mich von Riva her&uuml;bergeholt, wo mein Vater noch
+ist&nbsp;&#8211;, da hatte Menotti hier einen guten Freund, der
+wollte eben fort, weil ihm das Land verleidet war, denn<span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114">[114]</a></span>
+er hatte seine Frau verloren. Er hatte ein H&auml;uschen und
+einen gro&szlig;en Acker und Feld, nicht besonders gutes Land,
+aber eine gro&szlig;e Strecke. Da wollte er, da&szlig; mein Mann
+alles &uuml;bernehme, und sagte, das Land trage ja nicht so viel,
+er solle es ihm in Ordnung halten und das Haus dazu,
+bis er wiederkomme in ein paar Jahren. So machten
+es die Freunde aus, und sie hielten viel voneinander und
+machten nichts aus wegen Zinsen. Mein Mann sagte:
+&#8250;Du mu&szlig;t deine Sache recht haben, wenn du wiederkommst&#8249;,
+denn er wollte alles gut verwerten und verstand
+sich auf den Landbau, und sein Freund wu&szlig;te es wohl und
+&uuml;berlie&szlig; ihm alles. Aber gleich ein Jahr darauf wurde
+die Eisenbahn gebaut, das H&auml;uschen mu&szlig;te weg mit dem
+Garten, und der Acker wurde gebraucht, der Schienenweg
+geht dar&uuml;ber. So l&ouml;ste mein Mann viel mehr Geld, als
+jenes wert war, und kaufte hier weiter unten gutes Land
+und den Garten und baute das Haus, alles aus dem Geld,
+und das Land trug mehr als das Doppelte ein hier unten,
+so da&szlig; wir die reichsten Ernten hatten. Ich sagte aber
+manchmal zu meinem Mann: &#8250;Es geh&ouml;rt uns doch nicht,
+und wir leben im &Uuml;berflu&szlig; aus dem Gut eines anderen;
+wenn wir nur w&uuml;&szlig;ten, wo er w&auml;re!&#8249; Aber mein Mann
+beruhigte mich und sagte: &#8250;Ich halte ihm alles in Ordnung,
+und wenn er kommt, ist alles sein, und vom Gewinn,
+den ich beiseite gelegt, mu&szlig; er auch seinen Teil
+haben.&#8249;</p>
+
+<p>&raquo;Dann bekamen wir den Silvio, und wie ich entdeckte,
+da&szlig; das B&uuml;blein elend war, da mu&szlig;te ich mehr und mehr
+zu meinem Mann sagen: &#8250;Wir leben von unrechtem Gut,
+es ist eine Strafe &uuml;ber uns.&#8249; Und manchmal war es mir
+so schwer, da&szlig; ich fast lieber arm gewesen w&auml;re und ohne<span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115">[115]</a></span>
+Obdach. Aber mein Mann tr&ouml;stete mich wieder und sagte:
+&#8250;Du wirst sehen, wie er mit mir zufrieden sein wird, wenn
+er kommt.&#8249; Aber er kam nie. Da starb mein Mann
+schon vor vier Jahren; ach, was habe ich seitdem ausgestanden
+und mu&szlig; immer denken: wie kann ich nur dem
+unrechten Gut abkommen ohne Unrecht, denn ich sollte es
+doch in guter Ordnung halten, bis der Freund wiederkommt,
+und dann denk&#8217; ich wieder: wenn er nun irgendwo
+im Elend w&auml;re und ich lebe unterdessen so gut aus dem
+Seinigen und wei&szlig; nichts von ihm.&laquo;</p>
+
+<p>Stineli hatte ein gro&szlig;es Mitleid mit der Frau Menotti,
+denn es konnte sich so gut denken, wie es der Frau
+zumute war, die sich ein Unrecht vorwarf, das sie nicht
+&auml;ndern konnte. Und es tr&ouml;stete die Frau Menotti und
+sagte ihr: wenn man ein Unrecht gar nicht wolle und es
+so gern gut machen m&ouml;chte, dann d&uuml;rfe man recht zuversichtlich
+den lieben Gott bitten, da&szlig; er helfe, denn er k&ouml;nne
+schon etwas Gutes machen aus dem, was wir verkehrt gemacht
+haben, und er wolle es auch tun, wenn es uns um
+das Verkehrte recht leid sei. Das wisse es alles von der
+Gro&szlig;mutter her, denn es habe sich auch einmal nicht mehr
+zu helfen gewu&szlig;t und eine gro&szlig;e Angst ausgestanden.</p>
+
+<p>Dann erz&auml;hlte Stineli von dem See, den Rico immer
+im Sinn gehabt, und wie es schuld an seinem Fortlaufen
+gewesen sei und gef&uuml;rchtet habe, er sei ums Leben gekommen.
+Und es sagte, es sei ihm dann auch ganz wohl
+geworden, wie es so gebetet und alles dem lieben Gott
+&uuml;berlassen habe, und Frau Menotti m&uuml;sse es nun auch so
+machen, dann werde es ihr ganz leicht werden ums Herz,
+denn sie k&ouml;nne dann immer fr&ouml;hlich denken: &raquo;Jetzt hat der
+liebe Gott die Sache &uuml;bernommen.&laquo; Die Frau Menotti<span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116">[116]</a></span>
+wurde ganz fromm gestimmt von Stinelis Worten und
+sagte, sie wolle nun in Frieden zur Ruhe gehen, es habe
+ihr recht wohl gemacht mit seiner Zuversicht.</p>
+
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<h2>Zwanzigstes Kapitel.</h2>
+
+<h3>In der Heimat.</h3>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+<p>Als der goldene Sonntagmorgen &uuml;ber den Garten
+mit den roten Blumen leuchtete, trat Frau Menotti heraus
+und setzte sich auf die Rasenbank am Zaun. Sie schaute
+ringsum und hatte ihre eigenen Gedanken dabei. Hier die
+Oleanderblumen und die Lorbeerhecke dahinter, dort die
+vollen Feigenb&auml;ume und die goldenen Weinranken dazwischen,
+&#8211; da sagte sie leise f&uuml;r sich: &raquo;Gott wei&szlig;, ich
+w&auml;re froh, wenn mir das Unrecht vom Gewissen genommen
+w&uuml;rde; aber so sch&ouml;n, wie es hier ist, w&uuml;rde ich&#8217;s nirgends
+mehr finden.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt trat der Rico in den Garten; er mu&szlig;te ja heut&#8217;
+Nachmittag fort, und so den ganzen Tag, ohne einmal zu
+kommen, konnte er&#8217;s nicht gut aushalten. Als er gerade
+nach der Stube gehen wollte, rief ihn Frau Menotti und
+sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Setz dich einen Augenblick hier zu mir; wer wei&szlig;,
+wie lange wir hier noch nebeneinander sitzen werden!&laquo;</p>
+
+<p>Rico erschrak.</p>
+
+<p>&raquo;Warum denn, Frau Menotti, Ihr geht doch nicht
+fort?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117">[117]</a></span>Nun mu&szlig;te Frau Menotti ablenken, ihre Geschichte konnte
+sie nicht erz&auml;hlen. Es kam ihr in den Sinn, was Stineli
+ihr gestern Abend vom Rico gesagt hatte; sie war aber so
+von ihrer eigenen Sache erf&uuml;llt gewesen, da&szlig; sie es nicht
+recht verstanden hatte. Jetzt fing es an, sie ein wenig zu
+wundern, da es ihr wieder in den Sinn kam.</p>
+
+<p>&raquo;Sag einmal, Rico&laquo;, fing sie an, &raquo;warst du denn
+fr&uuml;her schon einmal da, da&szlig; du den See wiedersehen
+wolltest, wie mir gestern das Stineli erz&auml;hlt hat?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, wie ich klein war&laquo;, sagte Rico, &raquo;dann kam ich
+fort.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie kamst du denn hierher, als du klein warst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hier kam ich auf die Welt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was, hier? Was war denn dein Vater, da&szlig; er aus
+den Bergen hier herunterkam?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er war nicht aus den Bergen, nur die Mutter!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was du sagst, Rico. Dein Vater war doch nicht
+von hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Doch, er war von hier.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das hast du alles nicht erz&auml;hlt, das ist ja so merkw&uuml;rdig!
+Du hast doch keinen Namen von hier; wie hie&szlig;
+denn dein Vater?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie ich hie&szlig; er: Enrico Trevillo.&laquo;</p>
+
+<p>Frau Menotti fuhr von der Bank auf, als treffe sie
+ein Anfall.</p>
+
+<p>&raquo;Was sagst du da, Rico&laquo;, rief sie, &raquo;was hast du
+gerade jetzt gesagt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meines Vaters Namen&laquo;, sagte Rico ruhig.</p>
+
+<p>Frau Menotti hatte nicht mehr zugeh&ouml;rt, sie war an
+die T&uuml;r gelaufen.</p>
+
+<p>&raquo;Stineli, gib mir ein Halstuch&laquo;, rief sie hinein. &raquo;Ich<span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118">[118]</a></span>
+mu&szlig; zum Herrn Pfarrer auf der Stelle, mir zittern alle
+Glieder.&laquo;</p>
+
+<p>Stineli brachte erstaunt ein Halstuch.</p>
+
+<p>&raquo;Komm ein paar Schritte mit mir, Rico&laquo;, sagte Frau
+Menotti im Weggehen; &raquo;ich mu&szlig; dich noch etwas fragen.&laquo;</p>
+
+<p>Zweimal noch mu&szlig;te Rico sagen, wie sein Vater hie&szlig;,
+und zum dritten Male fragte Frau Menotti ihn noch an
+der T&uuml;r des Pfarrers, ob er auch sicher sei. Dann trat
+sie in das Haus ein. Rico kehrte zur&uuml;ck und war verwundert
+&uuml;ber den Zustand der Frau Menotti.</p>
+
+<p>Rico hatte seine Geige mitgebracht, er wu&szlig;te, da&szlig; es
+dem Stineli jedesmal Freude machte, wenn sie mitkam.
+Als er nun damit in der Stube anlangte, traf er den
+Silvio und das Stineli in der besten Stimmung; denn
+Stineli hatte seinem Versprechen gem&auml;&szlig; die Geschichte vom
+Peterli erz&auml;hlt und damit sich und den Silvio in die gr&ouml;&szlig;te
+Heiterkeit versetzt. Als dieser nun die Geige erblickte, rief
+er gleich: &raquo;Nun wollen wir singen, mit dem Stineli wollen
+wir die Sch&auml;flein singen.&laquo; Stineli hatte sein Lied nie mehr
+geh&ouml;rt, seit es entstanden war; denn Rico spielte jetzt viele
+sch&ouml;ne Weisen, und es hatte lange niemand mehr an das
+Lied gedacht. Da&szlig; aber der kleine Silvio das deutsche
+Lied singen wollte, &uuml;berraschte es sehr, denn es wu&szlig;te nicht,
+wie viele hundert Male Rico es ihm vorgesungen hatte in
+den drei Jahren. Stineli hatte die gr&ouml;&szlig;te Freude, da&szlig; es
+das alte Lied wieder einmal mit Rico singen sollte, und
+nun ging&#8217;s an, und richtig: Silvio sang aus allen Kr&auml;ften
+mit, und ohne da&szlig; er ein einziges Wort verstand, hatte
+er sie alle dem Tone nach behalten durch das viele Anh&ouml;ren.
+Aber diesmal war das Lachen am Stineli; denn
+Silvio sprach seine Worte meistens so ganz verwunderlich<span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119">[119]</a></span>
+aus, da&szlig; es vor Lachen gar nicht singen konnte, und wie
+nun der Silvio das Stineli so mit dem ganzen Gesicht
+lachen sah, da fing auch er an, und dann sang er noch
+vernehmlicher und lauter, da&szlig; das Stineli noch mehr lachen
+mu&szlig;te, und dazu geigte der Rico mit aller Kraft sein:
+&raquo;Sch&auml;flein hinunter&laquo;.</p>
+
+<p>So t&ouml;nte schon von weitem das singende Gel&auml;chter der
+Frau Menotti entgegen, als sie sich ihrem Garten n&auml;herte,
+und sie konnte nicht recht fassen, wie das so sein konnte
+in dieser ereignisvollen Stunde. Eilends kam sie durch
+den Garten und trat in die Stube ein; sie mu&szlig;te sich
+gleich auf dem ersten Stuhle niederlassen, denn der Schrecken
+und die Freude und das Laufen und die Erwartung aller
+kommenden Dinge hatten sie &uuml;berw&auml;ltigt, und sie mu&szlig;te
+erst zu sich kommen. Die S&auml;nger waren verstummt und
+schauten verwundert auf die Mutter. Jetzt hatte sie sich
+gesammelt.</p>
+
+<p>&raquo;Rico&laquo;, sagte sie, feierlicher als sonst, &raquo;Rico, sieh um
+dich! Dieses Haus, dieser Garten, das Feld, alles, was
+du hier sehen und nicht sehen kannst von oben bis unten,
+das geh&ouml;rt alles dir; du bist der Besitzer, es ist dein
+v&auml;terliches Erbgut. Da ist deine Heimat; dein Name steht
+im Taufbuch, du bist der Sohn von Enrico Trevillo, und
+der war meines Mannes n&auml;chster Freund.&laquo;</p>
+
+<p>Stineli hatte bei den ersten zwei Worten schon alles
+begriffen und unaussprechliche Freude &uuml;berstrahlte sein Gesicht.
+Rico sa&szlig; wie versteinert auf seinem Stuhl und gab
+keinen Laut von sich. Aber der Silvio, gro&szlig;e Kurzweil
+ahnend, brach in Jubel aus und rief:</p>
+
+<p>&raquo;O jetzt geh&ouml;rt auf einmal das Haus dem Rico! Wo
+mu&szlig; er schlafen?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120">[120]</a></span>&raquo;Mu&szlig;? Mu&szlig;? Silvio!&laquo; sagte die Mutter. &raquo;In allen
+Stuben kann er sein, wo er will; er kann uns alle drei
+heut&#8217; noch da hinausstellen, wenn er will, und ganz mutterseelenallein
+im Hause bleiben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann ging ich lieber auch zu euch hinaus&laquo;, sagte
+Rico.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, du guter Rico!&laquo; rief Frau Menotti aus; &raquo;wenn
+du uns da drinnen haben willst, wie bleiben wir so gern!
+Siehst du, ich habe mir schon im Heimweg ein wenig ausgedacht,
+wie wir es machen k&ouml;nnten. Ich k&ouml;nnte dir das
+halbe Haus abnehmen und so mit dem Garten und dem
+Land; so geh&ouml;rte die eine H&auml;lfte von allem dir und die
+andere dem Silvio.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann geb&#8217; ich meine H&auml;lfte dem Stineli&laquo;, rief Silvio.</p>
+
+<p>&raquo;Und ich die meine auch&laquo;, sagte Rico.</p>
+
+<p>&raquo;Oho, nun geh&ouml;rt alles dem Stineli!&laquo; frohlockte der
+Kleine aus seinem Bett heraus, &raquo;der Garten und das
+Haus und alles, was drin ist, die St&uuml;hle und die Tische
+und ich und der Rico und seine Geige. Jetzt wollen wir
+wieder singen!&laquo;</p>
+
+<p>Aber so abgemacht, wie der Silvio die Sache auffa&szlig;te,
+kam sie dem Rico nicht vor. Er hatte unterdessen &uuml;ber
+die Worte der Frau Menotti nachgedacht und fragte nun
+zaghaft:</p>
+
+<p>&raquo;Aber wie k&ouml;nnte das sein, da&szlig; das Haus von Silvios
+Vater mein w&auml;re, darum, da&szlig; mein Vater sein Freund
+war?&laquo;</p>
+
+<p>Da fiel es der Frau Menotti erst ein, da&szlig; ja der Rico
+von dem ganzen Hergang der Sache noch nichts wu&szlig;te,
+und sie fing gleich an und erz&auml;hlte die ganze Geschichte von
+vorn an und noch viel weitl&auml;ufiger, als sie am Abend<span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121">[121]</a></span>
+vorher alles dem Stineli erz&auml;hlt hatte. Und wie sie zu
+Ende war, da hatten die drei alles v&ouml;llig begriffen, und
+bei allen dreien ging ein unbeschreiblicher Jubel los, denn
+da war gar kein Hindernis mehr, da&szlig; Rico auf der Stelle
+in sein Haus einziehe und es nie wieder verlasse.</p>
+
+<p>Mitten aus dem Jubel heraus aber sagte Rico:</p>
+
+<p>&raquo;Weil doch alles so ist, Frau Menotti, so mu&szlig; ja nun
+gar nichts anders werden in dem Hause; ich komme nun
+auch und bin daheim hier, und wir bleiben so zusammen,
+und Ihr seid unsere Mutter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O Rico, da&szlig; du es bist, da&szlig; du es bist! Wie hat
+doch der liebe Gott das alles so sch&ouml;n herausgef&uuml;hrt! Da&szlig;
+ich es alles dir zu &uuml;bergeben habe und doch dableiben
+kann mit dem besten Gewissen. Ich will dir auch eine
+Mutter sein, Rico, sieh, du bist mir ja auch lange schon
+lieb wie ein eigenes Kind. Jetzt mu&szlig;t du mich auch Mutter
+nennen, und das Stineli auch, und wir sind die gl&uuml;cklichste
+Haushaltung in ganz Peschiera.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt m&uuml;ssen wir unser Lied fertig singen&laquo;, rief der
+Silvio, dem es so ums Singen und Jauchzen war, da&szlig;
+er einen Ausweg haben mu&szlig;te, und Rico und Stineli begannen
+noch einmal den Gesang in der gr&ouml;&szlig;ten Fr&ouml;hlichkeit,
+denn es war ihnen nicht minder wohl ums Herz.
+Als sie aber damit fertig waren, sagte Stineli:</p>
+
+<p>&raquo;Nun m&ouml;chte ich noch ein Lied mit dir singen, Rico;
+wei&szlig;t du, was f&uuml;r eines?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich wei&szlig; es&laquo;, antwortete Rico, &raquo;und ich will auch
+gern mithalten; wir wollen gleich beim Vers der Gro&szlig;mutter
+anfangen&laquo;, und er stimmte an und sang so sch&ouml;n
+und tief heraus, wie er noch gar nie gesungen hatte, und
+Stineli sang mit seinem ganzen Herzen dazu:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122">[122]</a></span>
+<span class="i1">&raquo;Er hat noch niemals was versehn<br /></span>
+<span class="i0">In seinem Regiment,<br /></span>
+<span class="i0">Und was er tut und l&auml;&szlig;t geschehn,<br /></span>
+<span class="i0">Das nimmt ein gutes End&#8217;.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i1">Ei nun, so la&szlig; ihn ferner tun<br /></span>
+<span class="i0">Und red ihm nicht darein,<br /></span>
+<span class="i0">So wirst du hier im Frieden ruhn<br /></span>
+<span class="i0">Und ewig fr&ouml;hlich sein.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Aber nach Riva ging der Rico nicht an dem Tage. Die
+Mutter Menotti hatte ihm geraten, gleich hinzugehen und
+der Wirtin seine ver&auml;nderten Verh&auml;ltnisse mitzuteilen, einen
+Geiger nach Riva zu beordern und gleich heute noch in
+sein Haus einzuziehen. Dieser Vorschlag gefiel dem Rico,
+und er eilte gleich fort. Die Wirtin h&ouml;rte ihm mit der
+gr&ouml;&szlig;ten Verwunderung zu, als er ihr seine Mitteilungen
+machte; als er fertig war, rief sie ihren Mann herbei
+und bezeugte eine laute Freude und w&uuml;nschte dem Rico
+allen Segen in sein Haus, und es kam ihr recht von
+Herzen. Sie verlor ihn ungern, aber sie hatte schon seit
+einiger Zeit den Verdacht gehegt, die Wirtin zu den &raquo;Drei
+Kronen&laquo; fahnde auf den Rico und mache ihn ihr noch abspenstig;
+das h&auml;tte sie nicht ertragen. Nun war der gef&uuml;rchteten
+Tat der Riegel gesto&szlig;en, und da&szlig; der Rico ein
+Gutsherr geworden war, mochte sie ihm g&ouml;nnen, denn sie
+hatte ihn immer wohl gemocht. Und der Mann hatte
+seine besondere Freude an der Sache, denn er hatte den
+Vater gekannt und konnte gar nicht begreifen, da&szlig; es ihm
+nie in den Sinn gekommen war, wie ihm der Rico aufs
+Haar gleich sehe. So nahm Rico einen freundlichen Abschied
+aus dem Hause, und als ihm die Wirtin unter der
+T&uuml;r noch einmal die Hand gab, empfahl sie sich noch f&uuml;r<span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123">[123]</a></span>
+alle F&auml;lle, wenn er etwa mit der Zeit einmal einen Anla&szlig;
+von seinem Haus aus zu geben h&auml;tte. Noch an demselben
+Abend wu&szlig;te ganz Peschiera die ganze Geschichte des Rico,
+wie sie sich zugetragen hatte, und dann noch viel dazu, und
+jedermann mochte dem Rico sein Gl&uuml;ck g&ouml;nnen, und einer
+sagte zum anderen: &raquo;Er pa&szlig;t gerade als Herr auf sein
+G&uuml;tlein, als w&auml;re er eigens dazu geschaffen worden.&laquo;</p>
+
+<p>Die Mutter Menotti aber wu&szlig;te nicht, wie sie es dem
+neuen Besitzer gut genug machen wollte in seinem Hause.
+Sie r&uuml;stete das gro&szlig;e Zimmer auf mit den zwei Fenstern
+&uuml;ber den Garten und auf den See hinab; von der Wand
+schauten sch&ouml;ne wei&szlig;e Marmorfig&uuml;rchen herunter, auf den
+Tisch kam ein duftender Blumenstrau&szlig;, und das ganze
+Zimmer sah so sauber und festlich aus, da&szlig; der Rico unter
+der T&uuml;r stehen blieb vor Erstaunen, wie er jetzt, vom
+Stineli gef&uuml;hrt, heraufkam, wo die Mutter Menotti ihn
+empfangen wollte. Als diese ihn aber bei der Hand nahm
+und zum Fenster f&uuml;hrte, wo er auf den flimmernden See
+hinunter und bis zu den violetten Bergen hin&uuml;bersah, da
+stieg dem Rico so vieles auf im Herzen, da&szlig; es ihm vor
+Freude und Dank &uuml;bervoll wurde und er nur leise sagen
+konnte:</p>
+
+<p>&raquo;O wie sch&ouml;n! nun darf ich daheim sein!&laquo;</p>
+
+<p>In der wohnlichen Stube mit den offenen T&uuml;ren auf
+den Blumengarten wurde von dem Abend an, da Rico
+sein Haus bezogen hatte, von den vier Bewohnern desselben
+ein Tag nach dem anderen in solcher Fr&ouml;hlichkeit
+und ungetr&uuml;btem Gl&uuml;cke verlebt, da&szlig; keines von allen
+bemerkte, wie rasch die Zeit dahinging.</p>
+
+<p>Am Tage ging der Rico seinem pfeifenden Burschen
+nach zu den Feigenb&auml;umen und auf den Acker hinaus ins<span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124">[124]</a></span>
+Maiskorn, denn das mu&szlig;te er nun alles behandeln lernen.
+Dann dachte der Bursche bei sich selbst: &raquo;Ich kann freilich
+mehr als mein Meister&laquo;, und der Hochmut stieg ihm ein
+wenig in den Kopf gegen den Rico; aber am Abend klangen
+aus der erleuchteten Stube so sch&ouml;ne und herzgewinnende
+Weisen in den Garten hinaus, da&szlig; der Bursche sich an
+die Hecke lehnte und stundenlang lauschte, denn Musik ging
+ihm &uuml;ber alles. Dann sagte er zu sich: &raquo;Mein Meister
+kann doch mehr als ich&laquo;, und bekam einen gro&szlig;en Respekt
+vor ihm.</p>
+
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<h2>Einundzwanzigstes Kapitel.</h2>
+
+<h3>Sonnenschein am Gardasee.</h3>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+<p>So waren zwei Jahre dahingeflogen, immer ein Tag
+genu&szlig;reicher als der andere. Da wu&szlig;te Stineli, da&szlig; nun
+die Zeit seiner Abreise gekommen war, und es mu&szlig;te stark
+mit sich k&auml;mpfen, da&szlig; es nicht den Mut verlor, denn fortgehen
+und vielleicht nie wiederkommen, das war der
+schwerste Gedanke, der noch je auf sein Herz gefallen war.
+Auch der Rico wu&szlig;te, was nun sein sollte, und er sagte
+manchen Tag lang nur noch die notwendigsten Worte.
+Da wurde es der Mutter Menotti ganz unheimlich zumute
+und sie forschte der unbekannten Ursache nach, denn
+sie hatte schon lange vergessen, da&szlig; das Stineli sollte konfirmiert
+werden. Als nun diese Besorgnis herauskam, sagte
+die Mutter Menotti beruhigend: &raquo;Man kann schon noch<span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125">[125]</a></span>
+ein Jahr warten&laquo;, und so lebten alle in Freuden ein
+Jahr weiter.</p>
+
+<p>Aber im dritten Jahr kam Bericht von Bergamo, es
+sei da einer angekommen aus den Bergen herunter, der
+habe Befehl, das Stineli mit nach Hause zu nehmen. Nun
+mu&szlig;te es sein; der kleine Silvio geb&auml;rdete sich wie ein Besessener,
+aber es half nichts, gegen das Schicksal konnte er
+nicht aufkommen. Die Mutter Menotti sagte die letzten
+drei Tage hintereinander nur immerzu: &raquo;Komm nur auch
+wieder, Stineli; versprich dem Vater, was er will, wenn
+er dich nur wieder gehen l&auml;&szlig;t.&laquo;</p>
+
+<p>Der Rico sagte gar nichts mehr. So reiste das Stineli
+ab, und von dem Tage an lag es &uuml;ber dem Hause wie
+eine graue, schwere Wolke, wenn drau&szlig;en die Sonne noch
+so sch&ouml;n schien. So blieb es vom November an bis zum
+Osterfest, da alle Leute sich freuten; aber in dem Hause
+blieb es ganz still. Und als das Fest vor&uuml;ber war und
+drau&szlig;en im Garten alles bl&uuml;hte und duftete, viel sch&ouml;ner
+als je, da sa&szlig; eines Abends Rico neben dem Silvio und
+spielte die allertraurigste Melodie, die er kannte, und machte
+den kleinen Silvio ganz tiefsinnig; aber mit einem Male
+ert&ouml;nte aus dem Garten eine Stimme dazwischen: &raquo;Rico,
+Rico, hast du keinen fr&ouml;hlicheren Empfang f&uuml;r mich?&laquo;</p>
+
+<p>Der Silvio schrie auf wie au&szlig;er sich. Rico warf die
+Geige auf das Bett und sprang hinaus. Die Mutter
+st&uuml;rzte mit Schrecken herbei. Da erschien auf der Schwelle
+mit dem Rico das Stineli. Und wie seine Augen wieder
+in die Stube hereinlachten &#8211; da war der langverlorene
+Sonnenschein zur&uuml;ckgekehrt, und es gab ein Wiedersehen von
+solcher Freude, wie sich keins von allen hatte vorstellen
+k&ouml;nnen in der Trennung. Da sa&szlig;en sie wieder am Tisch<span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126">[126]</a></span>
+bei Silvios Bett und es ging an ein Fragen und Erz&auml;hlen
+und Berichten und wieder an ein Frohlocken &uuml;ber das Ende
+der schweren Trennungszeit; und es war ein solcher Festabend,
+da&szlig; man h&auml;tte denken k&ouml;nnen, diesen vier Menschen
+k&ouml;nne gar nichts mehr mangeln zu einem fertigen Gl&uuml;ck.
+Aber dem Rico mu&szlig;te es ganz anders sein. Mitten in
+der Fr&ouml;hlichkeit fing er auf einmal zu staunen an, wie
+vorzeiten; doch w&auml;hrte es nicht so lange wie damals, er
+mu&szlig;te ziemlich bald einen befriedigenden Endpunkt gefunden
+haben, denn pl&ouml;tzlich war das Staunen vorbei, und mit
+der gr&ouml;&szlig;ten Bestimmtheit sprach er die Worte aus:</p>
+
+<p>&raquo;Das Stineli mu&szlig; auf der Stelle meine Frau werden,
+sonst kommt es uns noch einmal fort, wir halten es nicht
+aus.&laquo;</p>
+
+<p>Der Silvio geriet sogleich in die &auml;u&szlig;erste Begeisterung
+f&uuml;r dieses Unternehmen, und es w&auml;hrte gar nicht lange,
+so waren alle einig dar&uuml;ber, da&szlig; es so sein m&uuml;sse und
+gar nicht anders sein k&ouml;nnte.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Am sch&ouml;nsten Maitage, der je &uuml;ber Peschiera geleuchtet
+hatte, bewegte sich ein langer Festzug von der Kirche her
+der &raquo;Goldenen Sonne&laquo; entgegen. Voran kam der hochgewachsene
+Rico stattlich dahergeschritten, an seiner Seite
+das froh&auml;ugige Stineli mit einem frischen Blumenkr&auml;nzlein
+auf dem Kopf; dann kam in weichgepolstertem W&auml;gelchen,
+von zwei fr&ouml;hlichen Peschierabuben gezogen, der kleine
+Silvio, freudegl&auml;nzend wie ein Triumphator, darauf folgte
+die Mutter Menotti, ganz ger&uuml;hrt und ergriffen in ihrem
+rauschenden Hochzeitsstaat, nach ihr der Bursche mit einem
+Blumenstrau&szlig;, der ihm die ganze Brust bedeckte; und nun
+wogte ganz Peschiera daher in der allerlautesten Teilnahme;
+denn das sch&ouml;ne Paar wollten alle sehen und mit<span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127">[127]</a></span>
+feiern. Es war wie ein allgemeines Familienfest der Leute
+von Peschiera, nun der verlorene und wiedergekehrte
+Peschierianer daranging, sein festes Haus zu gr&uuml;nden in
+seiner Heimat.</p>
+
+<p>Die Siegesfreude der Wirtin zur &raquo;Goldenen Sonne&laquo;,
+als sie den Zug vor ihrem Hause ankommen sah, ist nicht
+zu beschreiben! Wo auch je nachher von irgendeiner Hochzeit,
+hoch oder niedrig, die Rede war, da sagte sie mit
+&Uuml;berlegenheit:</p>
+
+<p>&raquo;Das ist alles gar nichts gegen Ricos Hochzeit in der
+&#8250;Goldenen Sonne&#8249;!&laquo;</p>
+
+<p>In dem Hause am Blumengarten ging der Sonnenschein
+nicht mehr verloren; aber Stineli sorgte auch daf&uuml;r,
+da&szlig; das Unser-Vater nie wieder vergessen wurde, und
+jeden Sonntagabend ert&ouml;nte das Lied der Gro&szlig;mutter im
+hellen Chor den Garten hinaus.</p>
+
+<hr class="endchapter" />
+
+<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128">[128]</a></span>[Blank Page]</p> -->
+
+<h1><span class="pagenum"><a name="Page_129" id="Page_129">[129]</a></span>
+<a name="Wie_Wiselis_Weg_gefunden_wird" id="Wie_Wiselis_Weg_gefunden_wird"></a>Wie Wiselis Weg gefunden wird.</h1>
+<hr class="newstory" />
+
+<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_130" id="Page_130">[130]</a></span>[Blank Page]</p> -->
+
+<p style="margin-top: 5em;" class="figcenter">
+<span class="pagenum"><a name="Page_131" id="Page_131">[131]</a></span>
+<a href="images/illu_131.jpg"><img src="images/illu_131_th.jpg"
+alt="Auf dem Schlittweg"
+title="Auf dem Schlittweg" /></a></p>
+
+<h2>Erstes Kapitel.</h2>
+
+<h3>Auf dem Schlittweg.</h3>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+<p>Drau&szlig;en vor der Stadt Bern liegt ein D&ouml;rflein an
+einer Halde. Ich kann hier nicht wohl sagen, wie es hei&szlig;t,
+aber ich will es ein wenig beschreiben; wer dann dahinkommt,
+der kann es gleich erkennen. Oben auf der Anh&ouml;he
+steht ein einzelnes Haus mit einem Garten daran,
+voll sch&ouml;ner Blumen von allen Arten; das geh&ouml;rt dem
+Oberst Ritter und hei&szlig;t &raquo;Auf der Halde&laquo;. Von da geht
+es hinunter; dann steht auf einem kleinen, ebenen Platze
+die Kirche und daneben das Pfarrhaus, &#8211; dort hat die
+Frau des Obersten als Pfarrerstochter ihre fr&ouml;hliche Kindheit
+verlebt. Etwas weiter unten hin kommt das Schulhaus
+und noch einige H&auml;user beisammen, und dann links
+am Wege noch ein H&auml;uschen ganz allein; davor liegt auch
+ein G&auml;rtchen mit ein paar Rosen und ein paar Nelken
+und ein paar Resedast&ouml;ckchen, daneben aber mit Zichorien
+und Spinat bepflanzt und mit einer niederen Hecke von<span class="pagenum"><a name="Page_132" id="Page_132">[132]</a></span>
+Johannisbeerstr&auml;uchern umgeben. Alles ist da immer in
+bester Ordnung und kein Unkraut zu sehen. Dann geht der
+Weg wieder bergab die ganze, lange Halde hinunter bis auf
+die gro&szlig;e Stra&szlig;e, die der Aare entlang geht ins Land hinaus.</p>
+
+<p>Diese ganze, lange Halde bildete zur Winterszeit den
+herrlichsten Schlittweg, der weit und breit zu finden war;
+wohl zehn Minuten lang konnte man da auf dem Schlitten
+sitzen bleiben, ohne abzusteigen; denn war man vom
+Hause des Obersten an bei diesem ersten, steilen Absatz
+einmal recht in den Zug gekommen, so gingen die Schlitten
+vorw&auml;rts ohne Nachhilfe bis hinunter auf die Aarestra&szlig;e.
+Diese unvergleichliche Schlittenbahn machte denn
+auch das Lebensgl&uuml;ck einer gro&szlig;en Schar von Kindern aus,
+die alle, sobald nur die alte Schulstubent&uuml;r sich &ouml;ffnete,
+sich herausst&uuml;rzten, ihre Schlitten vom Haufen rissen, den
+sie im Vorhof bildeten, und mit Windeseile dem Schlittweg
+zurannten, wo die Stunden verflogen, man wu&szlig;te nicht
+wie, denn unten am Berge war man immer im Augenblick,
+und beim Heraufsteigen dachte man so eifrig ans n&auml;chste
+Hinunterfahren, da&szlig; es unmerklich schnell getan war. So
+brach immer zum gro&szlig;en Schrecken der Kinder die Nacht
+herein, lang ehe sie erwartet war, denn dies war die Zeit,
+da fast alle nach Hause gehen mu&szlig;ten. Da folgte dann
+gew&ouml;hnlich noch ein ziemlich st&uuml;rmisches Ende, denn da
+wollte man schnell noch einmal fahren und dann noch einmal
+und dann nur noch ein einziges Mal, und so mu&szlig;te
+dann alles noch in gr&ouml;&szlig;ter Eile zugehen, das Aufsitzen und
+das Abfahren und wieder die R&uuml;ckkehr den Berg hinauf.
+Da war auch ein Gesetz errichtet worden, da&szlig; keiner sollte
+hinunterfahren, w&auml;hrend die anderen hinaufstiegen, sondern
+hintereinander sollten alle abfahren und miteinander alle<span class="pagenum"><a name="Page_133" id="Page_133">[133]</a></span>
+zur&uuml;ckkehren, damit kein Gedr&auml;nge und Schlittenverwickelungen
+entstehen k&ouml;nnten. Manchmal aber gab es doch allerlei ungesetzliche
+Verwirrungen, besonders auf diesen drangvollen Schlu&szlig;fahrten,
+da dann keiner zuletzt sein und etwa noch zu kurz kommen
+wollte. So war es auch an einem hellen Januarabend,
+da vor K&auml;lte die Schlittenbahn laut knisterte unter
+den F&uuml;&szlig;en der Kinder und der Schnee nebenan auf den
+Feldern so hart gefroren war, da&szlig; man h&auml;tte darauf fahren
+k&ouml;nnen wie auf einer festen Stra&szlig;e. Die Kinder aber
+waren alle gl&uuml;hend rot und hei&szlig; dazu, denn eben waren
+sie im angestrengten Lauf den ganzen Berg heraufgeeilt,
+ihre Schlitten nachziehend und sie nun stracks umwendend
+und sich darauf st&uuml;rzend, denn es hatte Eile; dr&uuml;ben stand
+schon hell der Mond am Himmel und die Betglocke hatte
+auch schon gel&auml;utet. Die Buben hatten aber alle gerufen:
+&raquo;Noch einmal! Noch einmal!&laquo; Und die M&auml;dchen waren
+einverstanden. Aber beim Aufsitzen gab es eine Verwirrung
+und einen gro&szlig;en L&auml;rm: drei Buben wollten durchaus
+auf demselben Platze mit ihren Schlitten stehen, und keiner
+wollte auch nur einen Zoll zur&uuml;ckweichen und sp&auml;ter abfahren.
+So dr&uuml;ckten sie einander auf die Seite hin, und
+der breite Ch&auml;ppi wurde von den beiden anderen so gegen
+den Rand des Weges hin gesto&szlig;en, da&szlig; er ganz in den
+Schnee hineinsank mit seinem schweren Ke&szlig;lerschlitten und
+f&uuml;hlte, da&szlig; er unter ihm stecken blieb. Eine gro&szlig;e Wut
+ergriff ihn beim Gedanken, da&szlig; die anderen nun abfahren
+m&ouml;chten; er schaute um sich. Da fiel sein Blick auf ein
+kleines, schmales M&auml;dchen, das neben ihm im Schnee stand;
+es war ganz bleich und hielt beide Arme in seine Sch&uuml;rze
+gewickelt, um w&auml;rmer zu haben, aber es zitterte doch vor
+Frost an seinem ganzen d&uuml;nnen K&ouml;rperchen. Das schien<span class="pagenum"><a name="Page_134" id="Page_134">[134]</a></span>
+dem Ch&auml;ppi ein passender Gegenstand zu sein, seine Wut
+daran auszulassen.</p>
+
+<p>&raquo;Kannst du einem nicht aus dem Wege gehen, du
+lumpiges Ding du? du brauchst nicht hier zu stehen, du
+hast ja nicht einmal einen Schlitten. Wart nur, ich
+will dir schon aus dem Wege helfen.&laquo; Damit stie&szlig; der
+Ch&auml;ppi seinen Stiefel in den Schnee hinein, um dem Kinde
+eine Schneewolke entgegenzuwerfen. Es floh zur&uuml;ck, so da&szlig;
+es bis an die Kniee in den Schnee hineinsank, und sagte
+sch&uuml;chtern: &raquo;Ich wollte nur zusehen!&laquo; Der Ch&auml;ppi stie&szlig;
+eben seinen Stiefel noch einmal in den Schnee hinein,
+als ihn von hinten eine so ersch&uuml;tternde Ohrfeige traf, da&szlig;
+er fast vom Schlitten herunterfuhr. &raquo;Wart du!&laquo; rief er
+au&szlig;er sich vor Erbitterung, denn sein Ohr sauste, wie es
+noch kaum je gesaust hatte, und mit geballter Faust kehrte
+er sich um, seinen Feind zu treffen. Da stand einer
+hinter ihm, der hatte eben seinen Schlitten zurechtgestellt
+zum Abfahren, und schaute nun ganz ruhig auf den Ch&auml;ppi
+nieder und sagte: &raquo;Probier&#8217;s!&laquo; Es war Ch&auml;ppis Klassengenosse,
+der elfj&auml;hrige Otto Ritter, der &ouml;fter mit dem
+Ch&auml;ppi kleine Verschiedenheiten auszugleichen hatte. Otto
+war ein schlanker, aufgeschossener Junge, lange nicht so breit
+wie der Ch&auml;ppi; aber dieser hatte schon mehr als einmal
+erfahren, da&szlig; Otto eine merkw&uuml;rdige Gewandtheit in H&auml;nden
+und F&uuml;&szlig;en besa&szlig;, gegen welche der Ch&auml;ppi sich nicht
+zu helfen wu&szlig;te. Er schlug nicht zu, aber die geballte Faust
+hielt er immer in die H&ouml;he und wuterf&uuml;llt rief er: &raquo;La&szlig;
+du mich gehen, ich habe nichts mit dir zu tun!&laquo; &#8211; &raquo;Aber
+ich mit dir&laquo;, entgegnete Otto kriegerisch. &raquo;Was brauchst
+du das Wiseli dorthinein zu jagen und ihm noch Schnee
+anzuwerfen; ich habe dich wohl gesehen, du Feigling, der<span class="pagenum"><a name="Page_135" id="Page_135">[135]</a></span>
+ein Kleines verfolgt, das sich nicht wehren kann.&laquo; Damit
+kehrte er ver&auml;chtlich dem Ch&auml;ppi den R&uuml;cken und wandte
+sich dem Schneefelde zu, wo das bleiche Wiseli noch immer
+stand und zitterte. &raquo;Komm heraus aus dem Schnee, Wiseli&laquo;,
+sagte Otto besch&uuml;tzend. &raquo;Siehst du, du klapperst ja
+vor Frost. Hast du wirklich gar keinen Schlitten und hast
+nur zusehen m&uuml;ssen? Da, nimm den meinen und fahr einmal
+hinunter, schnell, siehst du, da fahren sie schon.&laquo; Das
+bleiche, sch&uuml;chterne Wiseli wu&szlig;te gar nicht, wie ihm geschah;
+zwei-, dreimal hatte es zugeschaut, wie eines nach dem
+anderen auf seinem Schlitten sa&szlig;, und gedacht: &raquo;Wenn ich
+nur ein einziges Mal ganz hinten aufsitzen d&uuml;rfte&laquo;, wo schon
+drei auf einem Schlitten sa&szlig;en. Nun sollte es allein
+hinunterfahren d&uuml;rfen und dazu auf dem allersch&ouml;nsten
+Schlitten mit dem L&ouml;wenkopf vorn, der immer allen anderen
+zuvorkam, weil er so leicht war und hoch mit Eisen beschlagen.
+Vor lauter Gl&uuml;ck stand Wiseli ganz unschl&uuml;ssig
+da und schaute nach dem Ch&auml;ppi, ob er es nicht vielleicht
+zu pr&uuml;geln gedenke zur Strafe f&uuml;r sein Gl&uuml;ck. Aber der
+sa&szlig; jetzt ganz abgek&uuml;hlt da, so als w&auml;re gar nichts geschehen,
+und Otto stand so schutzverhei&szlig;end daneben, da&szlig;
+ihm der Mut kam, sein Gl&uuml;ck zu erfassen; es setzte sich
+wirklich auf den sch&ouml;nen Schlitten, und da nun Otto mahnte:
+&raquo;Mach, mach, Wiseli, fahr ab&laquo;, so gehorchte es, und
+hinunter ging&#8217;s, wie vom Winde getragen. In der k&uuml;rzesten
+Zeit h&ouml;rte Otto die ganze Gesellschaft wieder herankeuchen,
+und er rief entgegen: &raquo;Wiseli, bleib unter den Vordersten
+und sitz gleich noch einmal auf und fahr zu; nachher m&uuml;ssen
+wir gehen.&laquo; Das gl&uuml;ckliche Wiseli setzte sich noch einmal
+hin und geno&szlig; noch einmal die langersehnte Freude. Dann
+brachte es seinen Schlitten und dankte ganz sch&uuml;chtern seinem<span class="pagenum"><a name="Page_136" id="Page_136">[136]</a></span>
+Wohlt&auml;ter, mehr mit den freudestrahlenden Augen, als
+mit Worten, dann rannte es eilig davon. Otto f&uuml;hlte sich
+sehr befriedigt. &raquo;Wo ist das Miezi?&laquo; rief er in die sich
+zerstreuende Gesellschaft hinein. &raquo;Da ist es&laquo;, ert&ouml;nte eine
+fr&ouml;hliche Kinderstimme, und aus dem Kn&auml;uel heraus trat
+ein rundes, rotbackiges kleines M&auml;dchen, das der Bruder
+Otto als kr&auml;ftiger Schutzmann bei der Hand fa&szlig;te und
+nun mit ihm dem v&auml;terlichen Hause zueilte, denn es war
+heute sp&auml;t geworden; die erlaubte Zeit des Schlittens war
+ziemlich lange &uuml;berschritten.</p>
+
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<h2>Zweites Kapitel.</h2>
+
+<h3>Daheim, wo&#8217;s gut ist.</h3>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+<p>Als Otto und seine Schwester durch die lange, steinerne
+Hausflur hereinst&uuml;rmten, trat die alte Trine aus einer T&uuml;r
+und hielt ihr Licht in die H&ouml;he, um besser zu sehen, was
+dahergetrappelt kam. &raquo;So, endlich!&laquo; sagte sie, halb
+zankend, halb wohlgef&auml;llig. &raquo;Die Mutter hat schon lange
+nachgefragt, aber da war kein Bein zu sehen, und acht Uhr
+hat&#8217;s geschlagen vor wei&szlig; kein Mensch wie langer Zeit.&laquo;
+Die alte Trine war schon Magd in der Familie gewesen,
+als die Mutter der beiden Kinder zur Welt kam; so hatte
+sie gro&szlig;e Rechte im Hause und f&uuml;hlte sich durchaus als
+Glied desselben, eigentlich als Haupt, denn an Alter und
+Erfahrung war sie die erste. Die alte Trine war durchaus
+vernarrt in beide Kinder ihrer Herrschaft und sehr stolz
+auf alle ihre Anlagen und Eigenschaften; das lie&szlig; sie aber
+nicht merken, sondern sprach immer im Tone halber Entr&uuml;stung<span class="pagenum"><a name="Page_137" id="Page_137">[137]</a></span>
+von ihnen, denn das fand sie heilsam zu ihrer
+Erziehung. &raquo;Schuhe aus, Pantoffeln an!&laquo; rief sie jetzt,
+Ordnung gebietend; der Befehl wurde aber gleich darauf
+von ihr selbst vollzogen, denn sofort kniete sie vor Otto
+hin, der sich auf einem Sessel niedergelassen hatte, und zog
+ihm die nassen Schuhe aus. Die kleine Schwester stand
+unterdessen mitten in der Stube still und r&uuml;hrte sich nicht,
+was sonst nicht ihre Art war, so da&szlig; die alte Trine w&auml;hrend
+ihrer Arbeit ein paarmal hin&uuml;berschielte. Jetzt war
+Otto ger&uuml;stet, und Miezchen sollte auf dem Sessel sitzen;
+aber es stand noch auf demselben Platze und r&uuml;hrte sich
+nicht. &raquo;Nu, nu, wollen wir warten, bis es Sommer
+wird, dann trocknen die Schuhe von selbst&laquo;, sagte die Trine,
+auf ihren Knieen harrend. &raquo;Bst! bst! Trine, ich habe
+etwas geh&ouml;rt; wer ist in der gro&szlig;en Stube?&laquo; fragte Miezchen
+und hob den Zeigefinger etwas drohend in die H&ouml;he.
+&raquo;Alles Leute mit trockenen Schuhen, und andere kommen
+nicht hinein. Jetzt wag&#8217;s und sitz nieder&laquo;, mahnte Trine.
+Aber anstatt zu sitzen, machte Miezchen einen Sprung und
+rief: &raquo;Jetzt hab&#8217; ich&#8217;s wieder geh&ouml;rt, so lacht der Onkel
+Max.&laquo; &#8211; &raquo;Was?&laquo; schrie Otto und war mit einem Satz
+bei der T&uuml;r. &#8211; &raquo;Wart! wart!&laquo; schrie Miezchen nach
+und wollte gleich mit zur T&uuml;r hinaus; aber jetzt wurde
+es abgefa&szlig;t und auf den Stuhl gesetzt, die alte Trine hatte
+jedoch einen schweren Stand mit den zappelnden F&uuml;&szlig;chen.
+Indessen gelang die Arbeit, und nun st&uuml;rzte Miezchen zur
+T&uuml;r hinaus und hin&uuml;ber in die gro&szlig;e Stube hinein und
+direkt auf den Onkel Max los, der richtig dort im Lehnstuhl
+sa&szlig;. Da war nun ein gro&szlig;er Freudenl&auml;rm und ein
+Gr&uuml;&szlig;en und ein Willkommenrufen in allen T&ouml;nen, und in
+das Gel&auml;rm der Kinder stimmte der Onkel Max wacker<span class="pagenum"><a name="Page_138" id="Page_138">[138]</a></span>
+mit ein, und es w&auml;hrte geraume Zeit, bis sich der Tumult
+etwas gelegt hatte und die Festfreude einen ruhigen Charakter
+annahm. Denn ein Fest f&uuml;r die Kinder war die
+Erscheinung des Onkels jedesmal und aus triftigen Gr&uuml;nden.
+Der Onkel Max war ihr besonderer Freund; er war fast
+immer auf Reisen und kam nur alle paar Jahre einmal
+zum Besuch; dann gab er sich aber mit den Kindern ab,
+als geh&ouml;rten sie ihm selber an, und was er f&uuml;r wunderbar
+herrliche Sachen in allen Taschen f&uuml;r sie brachte, das war
+gar mit nichts zu vergleichen, denn es war alles ganz
+fremdartig und zauberhaft. Der Onkel Max war ein
+Naturforscher und reiste in allen Winkeln der Erde umher
+und aus jedem brachte er etwas Eigent&uuml;mliches mit.</p>
+
+<p>Endlich sa&szlig; die Gesellschaft geordnet um den Tisch herum
+und die dampfende Sch&uuml;ssel brachte noch v&ouml;llige Bes&auml;nftigung
+in die aufgeregten Gem&uuml;ter, denn von der Schlittbahn
+wurde immer ein richtiger Appetit mitgebracht. &raquo;So&laquo;,
+sagte der Papa, &uuml;ber den Tisch hin&uuml;berblickend, wo an der
+Seite der Mutter das T&ouml;chterchen flei&szlig;ig arbeitete, &raquo;so, so,
+heut&#8217; hat also das Miezchen keine Hand f&uuml;r seinen Papa,
+noch hab&#8217; ich keinen Gru&szlig; bekommen, und jetzt ist keine
+Zeit mehr dazu.&laquo;</p>
+
+<p>Etwas zerknirscht schaute das Miezchen von seinem Teller
+auf und sagte: &raquo;Aber Papa, aber ich habe es nicht mit
+Flei&szlig; getan und jetzt will ich gleich&nbsp;&#8211;&laquo;, und damit stie&szlig;
+sie mit gro&szlig;er Anstrengung den Sessel zur&uuml;ck; aber der
+Papa rief: &raquo;Nein, nein, jetzt nur keine Ruhest&ouml;rung. Da
+gib die Hand &uuml;ber den Tisch hin, das &uuml;brige wollen wir
+nachher bestellen; so ist&#8217;s recht, Miezchen.&laquo; &#8211; &raquo;Wie hat man
+eigentlich das Kind getauft, Marie? Ich war zwar auch
+dabei, aber ich habe keine Ahnung davon, welcher Name in<span class="pagenum"><a name="Page_139" id="Page_139">[139]</a></span>
+der Kirche ausgesprochen wurde, Miezchen doch nicht?&laquo; sagte
+der Onkel lachend. &raquo;Wirklich warst du dabei, Max&laquo;, entgegnete
+seine Schwester, &raquo;da du des Kindes Pate bist. Es
+erhielt damals den Namen Marie; sein Papa machte daraus
+ein Miezchen, und Otto hat den Namen noch recht unn&uuml;tz
+vervielf&auml;ltigt.&laquo; &#8211; &raquo;O nein, Mama, wirklich nicht unn&uuml;tz&laquo;,
+rief Otto ernsthaft her&uuml;ber. &raquo;Siehst du, Onkel, das geht
+nach ganz bestimmten Regeln. Wenn dies kleine nichtige
+Wesen ordentlich und sanftm&uuml;tig ist, dann nenn&#8217; ich es
+Miezchen; das geschieht aber selten, und im gew&ouml;hnlichen
+Leben nenn&#8217; ich es daher Miezi. Wird es aber b&ouml;s, dann
+sieht es ganz aus wie ein kleiner Katzenreuel und mu&szlig;
+Miez genannt werden, der Miez.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja, Otto&laquo;, t&ouml;nte es nun zur&uuml;ck, &raquo;und wenn du
+b&ouml;s wirst, dann siehst du ganz aus wie ein &#8211; wie ein&nbsp;&#8211;&laquo;
+&raquo;Wie ein Mann&laquo;, erg&auml;nzte Otto, und da dem Miezchen
+eben kein Vergleich zu Gebote stand, so arbeitete es jetzt um
+so emsiger an seinem Brei herum. Der Onkel lachte laut
+auf. &raquo;Das Miezchen beh&auml;lt recht&laquo;, rief er; &raquo;seinen Gesch&auml;ften
+obliegen ist besser, als auf Schm&auml;hungen antworten.&laquo;
+&raquo;Aber, Kinder&laquo;, setzte er nach einer Weile hinzu, &raquo;nun bin
+ich mehr als ein Jahr nicht hier gewesen und ihr habt
+mir noch gar nichts erz&auml;hlt; was habt ihr denn alles erlebt
+unterdessen?&laquo; Die neuesten Ereignisse erf&uuml;llten zun&auml;chst
+den Sinn der Kinder: so wurde gleich mit gro&szlig;er Lebhaftigkeit,
+meistens im Chor, die eben erlebte Geschichte erz&auml;hlt,
+wie der Ch&auml;ppi das Wiseli behandelt, wie es fror und im
+Schnee stand und keinen Schlitten hatte und endlich doch
+noch zu zwei Fahrten kam. &raquo;So ist&#8217;s recht, Otto&laquo;, sagte
+der Papa; &raquo;du mu&szlig;t deinem Namen Ehre machen, f&uuml;r die
+Wehrlosen und Verfolgten mu&szlig;t du immer ein Ritter sein.<span class="pagenum"><a name="Page_140" id="Page_140">[140]</a></span>
+Wer ist das Wiseli?&laquo; &#8211; &raquo;Du kannst das Kind und seine
+Mutter kaum kennen&laquo;, sagte die Mama, zu ihrem Manne
+gewandt; &raquo;aber der Onkel Max kennt Wiselis Mutter recht
+gut. Du kannst dich doch noch auf den mageren Leineweber
+besinnen, Max, der unser Nachbar war. Er hatte ein einziges
+Kind mit gro&szlig;en braunen Augen, das oft bei uns im
+Pfarrhaus war und so sch&ouml;n singen konnte; kommt dir da
+die Erinnerung daran wieder?&laquo;</p>
+
+<p>Bevor aber die weiteren Erinnerungen zur Verhandlung
+kamen, steckte die alte Trine ihren Kopf zur T&uuml;r
+herein und rief: &raquo;Der Schreiner Andres m&ouml;chte gern der
+Frau Oberst einen Bericht abgeben, wenn er nicht st&ouml;rt.&laquo;
+Diese harmlosen Worte bewirkten eine wahre Verheerung
+in der Gesellschaft. Die Mutter legte den Servierl&ouml;ffel,
+mit dem sie soeben dem Onkel entgegenkommen wollte, beiseite,
+sagte eilig: &raquo;Um Entschuldigung, ihr Herren!&laquo; und
+ging davon. Otto sprang so st&uuml;rmisch auf, da&szlig; er seinen
+Stuhl hintenhinaus warf und dann selbst dar&uuml;ber st&uuml;rzte,
+als er fortgaloppieren wollte. Das Miezchen hatte &auml;hnliche
+Taten vor, aber der Onkel hatte seine ersten Bewegungen
+zum Aufruhr gesehen und hielt es nun mit beiden Armen
+fest. Aber es zappelte j&auml;mmerlich und schrie: &raquo;La&szlig; los,
+Onkel, la&szlig; los. Im Ernst, ich mu&szlig; gehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohin denn, Miezchen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zum Schreiner Andres. La&szlig; schnell los! Hilf, Papa,
+hilf!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn du mir sagst, was du vom Schreiner Andres
+willst, so lass&#8217; ich dich los.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Schaf hat nur noch zwei Beine und keinen Schwanz,
+und nur der Schreiner Andres kann ihm helfen. Jetzt la&szlig;
+los.&laquo; Nun st&uuml;rmte auch das Miezchen fort. Die Herren<span class="pagenum"><a name="Page_141" id="Page_141">[141]</a></span>
+schauten einander an, und Onkel Max schlug ein helles Gel&auml;chter
+auf und rief: &raquo;Wer ist denn der Schreiner Andres,
+um den deine ganze Familie sich zu rei&szlig;en scheint?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das mu&szlig;t du besser wissen als ich&laquo;, entgegnete der
+Oberst; &raquo;es wird wohl ein Jugendfreund von dir sein, und
+das Fieber der Verehrung wird auch dich noch ergreifen,
+es mu&szlig; in eurer Familie sein, bei uns hat es die Mutter
+verbreitet. Ich kann dir so viel sagen, da&szlig; der Schreiner
+Andres v&ouml;llig der Grundstein meines Hauses ist, auf dem
+alles feststeht und entschieden auseinandergehen w&uuml;rde, sollte
+dem Hause dieser Halt entkommen. Der Schreiner Andres
+ist hier Rat, Trost, Heil und Hilfe in der Bedr&auml;ngnis.
+Strebt meine Frau nach einem Hausger&auml;t, von dem sie
+gar nicht wei&szlig;, wie es aussehen soll, noch wozu man es
+braucht, &#8211; der Schreiner Andres erfindet es und schafft
+es zur Stelle. Bricht Feuers- oder Wassersnot in der
+K&uuml;che oder im Waschhaus los, &#8211; der Schreiner Andres
+greift in die Elemente und bringt das Feuer ins Stocken
+und das Wasser in Flu&szlig;. Macht mein Sohn einen recht
+dummen Streich, &#8211; der Schreiner Andres dreht ihn wieder
+zurecht. Schmei&szlig;t meine Tochter das s&auml;mtliche Hausger&auml;te
+entzwei, &#8211; der Schreiner Andres leimt es wieder zusammen.
+So ist der Schreiner Andres recht eigentlich die st&uuml;tzende
+S&auml;ule meines Hauses, und wenn diese zusammenbrechen
+w&uuml;rde, so gingen wir alle in Tr&uuml;mmer.&laquo;</p>
+
+<p>Die Mutter war unterdessen wieder eingetreten, und
+wohl zu ihrem Besten schilderte der Vater die Verdienste
+des Schreiners Andres so eingehend. Onkel Max lachte,
+da&szlig; es schallte.</p>
+
+<p>&raquo;Lacht ihr nur! Lacht ihr nur!&laquo; sagte die Mutter.
+&raquo;Ich wei&szlig; schon, was ich an dem Schreiner Andres habe.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_142" id="Page_142">[142]</a></span>&raquo;Und ich auch&laquo;, bemerkte der Vater mit sp&ouml;ttischem
+L&auml;cheln.</p>
+
+<p>&raquo;Und ich auch!&laquo; behauptete das Miezchen herzhaft,
+das wieder auf seinem Platze sa&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Und ich auch!&laquo; brummte der Otto, dem der Kn&ouml;chel
+noch sauste von seinem Sturz &uuml;ber den Stuhl hin.</p>
+
+<p>&raquo;So, nun sind wir alle einer Meinung&laquo;, bemerkte
+die Mutter, &raquo;nun k&ouml;nnen die Kinder in Frieden zu Bette
+gehen.&laquo; Auf diese Anzeige hin drohte dem Frieden gleich
+eine St&ouml;rung; aber es half nichts, die alte Trine stand
+schon vor der T&uuml;r und wachte, da&szlig; die Hausordnung nicht
+&uuml;berschritten werde. Die Kinder mu&szlig;ten abtreten, und
+gleich nachher verschwand die Mutter auch noch einmal,
+denn die Kinder schliefen nicht ein, ohne da&szlig; die Mutter
+zum Nachtgebet noch an ihre Betten gekommen war.</p>
+
+<p>Als nun alles still und ruhig war, kam die Mutter
+wieder zu den Herren zur&uuml;ck und setzte sich nun so recht
+zum Bleiben hin.</p>
+
+<p>&raquo;Endlich&laquo;, sagte da der Oberst hoch aufatmend, als
+habe er die Feinde hinter sich. &raquo;Siehst du, Max, erst geh&ouml;rt
+meine Frau dem Schreiner Andres, dann ihren Kindern
+und dann ihrem Mann, wenn noch etwas &uuml;brig
+bleibt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und siehst du, Max&laquo;, sagte die Mutter lachend, &raquo;wenn
+mein Mann noch so arg h&ouml;hnt: er mag unseren guten
+Schreiner Andres gerade so gern wie wir alle; gestehe es
+nur ein, Mann! Eben hat mir Andres auch f&uuml;r dich noch
+einen Auftrag &uuml;bergeben, er hat seine j&auml;hrliche Summe gebracht
+und bittet um deinen Beistand.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist wahr&laquo;, sagte der Oberst; &raquo;einen ordentlicheren,
+flei&szlig;igeren, zuverl&auml;ssigeren Mann kenne ich nicht. Dem w&uuml;rde<span class="pagenum"><a name="Page_143" id="Page_143">[143]</a></span>
+ich Weib und Kind und Hab&#8217; und Gut und alles anvertrauen
+wie keinem anderen; das ist der ehrlichste, wackerste
+Mann in unserer ganzen Gemeinde und noch weit dar&uuml;ber
+hinaus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt siehst du, Max&laquo;, sagte die Frau lachend; &raquo;ich
+konnte doch nicht mehr sagen.&laquo; Ihr Bruder lachte mit
+&uuml;ber den Eifer, in den der Oberst unversehens gefallen war.
+Dann entgegnete er: &raquo;Nun habt ihr mir alle so viel von
+eurem Wundermann vorerz&auml;hlt, da&szlig; ich wirklich wissen
+m&ouml;chte, woher er stammt und wie er aussieht. Habe ich
+ihn denn noch nicht gesehen hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, du hast ihn ja so gut gekannt, Max&laquo;, entgegnete
+seine Schwester; &raquo;du mu&szlig;t dich durchaus noch des
+Andres erinnern, mit dem wir zur Schule gingen. Wei&szlig;t
+du denn nicht mehr, wie zwei Br&uuml;der zusammen in derselben
+Klasse mit dir waren? Der &auml;ltere war damals schon
+ein rechter Taugenichts; er war gar nicht dumm, aber tat
+nichts und blieb darum stecken und kam dann mit dem
+viel j&uuml;ngeren Bruder in eine Klasse zusammen, in welcher
+du auch warst. Du mu&szlig;t dich gewi&szlig; erinnern, er hie&szlig;
+J&ouml;rg und hatte ganz schwarzes, steifes Haar. Er bewarf
+uns, wo er konnte, mit irgend etwas, mit unreifen &Auml;pfeln
+und Birnen und dann mit Schneeballen, und rief uns
+&uuml;berall nach: &#8250;Aristokratenbrut!&#8249;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O der, der&laquo;, rief Onkel Max lachend, &raquo;ja, nun
+wei&szlig; ich auf einmal alles. Richtig, &#8250;Aristokratenbrut&#8249;
+rief er uns best&auml;ndig nach; ich m&ouml;chte nur wissen,
+wie ihm das Wort in den Sinn kam. Er war ein
+widerw&auml;rtiger Kerl; ich wei&szlig;. Da sah ich ihn einmal
+einen viel kleineren Jungen ganz unbarmherzig durchpr&uuml;geln;
+dem half ich aber, daf&uuml;r rief er mir wohl zw&ouml;lfmal<span class="pagenum"><a name="Page_144" id="Page_144">[144]</a></span>
+nach: &#8250;Aristokratenbrut!&#8249; Ach, nun wei&szlig; ich auch
+auf einmal, wer der andere war; das war der magere,
+kleine Andres, sein Bruder, das ist gewi&szlig; euer Andres,
+und dann ist das auch der Andres mit den Veilchen, nicht
+wahr, Marie? O, jetzt versteh&#8217; ich schon die dicke Freundschaft&laquo;,
+lachte Onkel Max auf&#8217;s neue auf. &#8211; &raquo;Was Veilchen,
+das mu&szlig; ich wissen&laquo;, fiel der Oberst ein. &#8211; &raquo;O, die
+Geschichte ist mir auf einmal vor Augen, als w&auml;re sie
+gestern geschehen&laquo;, sagte der Onkel ganz angeregt von
+seinen Erinnerungen; &raquo;die mu&szlig; ich dir erz&auml;hlen, Otto. Du
+wei&szlig;t vielleicht durch deine Frau, da&szlig; wir hier im Dorfe
+in jenen gl&uuml;cklichen Zeiten unserer Kindheit einen alten
+Schullehrer hatten, der fand, da&szlig; alle M&auml;ngel und Gebrechen
+der Schulkinder aus ihnen heraus- und alle F&auml;higkeiten
+und guten Eigenschaften in sie hineingepr&uuml;gelt werden
+k&ouml;nnten. So war er gen&ouml;tigt, sehr viel zu pr&uuml;geln,
+um den einen oder andern guten Zweck zu erreichen, manchmal
+auch beide auf einmal. Einmal nun war ihm der
+magere Andres unter die Hand gekommen; dem schlug er
+nun so kr&auml;ftig seine wohlgemeinte Ermahnung auf den
+R&uuml;cken, da&szlig; der Andres laut aufschrie. In diesem Augenblick
+stand meine kleine Schwester, die k&uuml;rzlich in die Schule
+eingetreten war und sich noch nicht so recht in die daselbst
+herrschenden Gebr&auml;uche eingelebt hatte, pl&ouml;tzlich auf von
+ihrem Sitze auf der ersten Bank und schritt eilig der T&uuml;r
+zu. Einen Augenblick hielt der Schullehrer inne mit seiner
+Arbeit und rief ihr nach: &#8250;Wo l&auml;ufst du hin?&#8249; Marie
+kehrte sich um; die hellen Tr&auml;nen liefen ihr &uuml;ber die
+Backen herunter und sie sagte ganz aufrichtig: &#8250;Ich will
+heimgehen und es dem Papa sagen.&#8249; &#8250;Wart, ich will
+dir&#8249;, rief jetzt der Schullehrer in gro&szlig;er &Uuml;berraschung<span class="pagenum"><a name="Page_145" id="Page_145">[145]</a></span>
+und st&uuml;rzte vom Andres weg auf die kleine Marie los;
+die pr&uuml;gelte er aber nicht, er nahm sie nur beim Arm
+und setzte sie ziemlich fest auf ihren Platz hin; dann sagte
+er noch einmal: &#8250;Wart, ich will dir!&#8249; Damit war aber
+alles abgetan; auch der Andres wurde in Ruhe gelassen,
+und so nahm alles einen friedlichen Ausgang. Aber die
+Tr&auml;nen, die meine Schwester f&uuml;r den Andres vergossen,
+und ihr Einschreiten gegen den Tyrannenstock wurden nicht
+vergessen. Von dem Tag an lag jeden Morgen ein B&uuml;schel
+Veilchen auf ihrem Platz und durchduftete den ganzen
+Schulraum, und nachher kam noch ein anmutigerer Duft
+von dem Platz her, denn da lagen gro&szlig;e Erdbeerstr&auml;u&szlig;e
+mit den pr&auml;chtigsten dunkelroten Beeren, wie sie sonst
+nirgends zu sehen waren, und so ging es das ganze Jahr
+durch immerfort; wie sich dann aber die Freundschaft zu
+dem erstaunlich hohen Grad entwickelt hat, wo sie nun angelangt
+ist, das mu&szlig; meine Schwester wissen und uns mitteilen.&laquo;
+&#8211; Der Oberst hatte seine Freude an der Geschichte
+der Tr&auml;nen und der Veilchen und forderte seine Frau
+auf, weiter zu erz&auml;hlen. Sie sagte mit Lachen: &raquo;Erdbeeren
+und Veilchen bl&uuml;hen deiner Ansicht nach das ganze Jahr
+durch, Max; das ist aber nicht ganz so. Hingegen wurde
+der gute Andres wirklich das ganze Jahr durch nicht m&uuml;de,
+mir irgend etwas Erfreuliches aus Feld und Wald aufzufinden
+und an meinen Platz zu legen, solange wir miteinander
+zur Schule gingen. Er trat dann lange vor mir
+aus und kam in die Lehre zu einem Schreiner nach der
+Stadt; er kam dann immer &ouml;fter nach Hause, ich verlor
+ihn nie ganz aus den Augen, und als mein Mann dies
+Gut kaufte und wir uns eben verheiratet hatten, handelte
+es sich darum, da&szlig; Andres sich etwas ankaufen und sich<span class="pagenum"><a name="Page_146" id="Page_146">[146]</a></span>
+selbst&auml;ndig niederlassen wollte; er hatte seine Eltern verloren
+und stand ganz allein, aber als ein t&uuml;chtiger Arbeiter
+da. Er hatte seine Augen auf das H&auml;uschen mit dem
+sauberen kleinen Garten dort unterhalb der Kirche gerichtet,
+konnte es aber nicht ankaufen, da der Verk&auml;ufer sogleich
+bares Geld haben und Andres erst solches durch seine
+Arbeit gewinnen mu&szlig;te. Aber wir kannten ihn und seine
+Arbeit. Mein Mann kaufte das G&uuml;tchen an f&uuml;r ihn, und
+er hat es keinen Augenblick zu bereuen gehabt.&laquo; &#8211; &raquo;Nein,
+wahrhaftig nicht&laquo;, fiel hier der Oberst ein; &raquo;der brave
+Andres hat l&auml;ngst sein Gut vollst&auml;ndig abgezahlt und seither
+bringt er mir jedes Jahr um diese Zeit eine ganz
+h&uuml;bsche Summe, den Gewinn seiner Jahresarbeit; die lege
+ich ihm gut an und habe meine Freude an dem Gedeihen
+des wackeren Menschen. Er ist jetzt schon ein ganz wohlhabender
+Mann, und nun nimmt sein Besitztum j&auml;hrlich
+sehr zu, er kann sein H&auml;uschen noch zu einem gro&szlig;en Haus
+machen, der brave Andres; es ist nur schade, da&szlig; er wie
+ein Einsiedler lebt und darum sein erarbeitetes Gut gar
+nicht genie&szlig;en kann.&laquo; &#8211; &raquo;Hat er denn keine Frau und
+Familie, und wo ist der bitterb&ouml;se J&ouml;rg schlie&szlig;lich hingekommen?&laquo;
+fragte Onkel Max weiter. &#8211; &raquo;Nein, er hat
+gar niemanden&laquo;, antwortete die Schwester, &raquo;er lebt v&ouml;llig
+allein, wirklich wie ein Einsiedler. Er hat eine lange,
+traurige Geschichte erlebt, die ich mit angesehen habe, und
+die ihm gewi&szlig; alle Lust benommen hat, je eine Frau zu
+suchen. Der Bruder J&ouml;rg hat erst hier einige Jahre
+herumvagabondiert, hat nie gearbeitet, sondern gehofft, durch
+furchtbares Schimpfen auf alle diejenigen, die keine Lumpe
+waren wie er, endlich doch noch sein Gl&uuml;ck zu machen, und
+als ihm dies nicht gelang, auch der gute Andres ihm endlich<span class="pagenum"><a name="Page_147" id="Page_147">[147]</a></span>
+nicht mehr aus seinen Schulden und allem B&ouml;sen heraushelfen
+konnte und auch nicht mehr wollte, da ist er verschwunden,
+wohin, hat man nie recht gewu&szlig;t; jedermann
+war froh, da&szlig; er nur fort war.&laquo; &#8211; &raquo;Was war denn die
+traurige Geschichte, Marie?&laquo; fragte der Bruder; &raquo;die
+mu&szlig; ich auch noch wissen.&laquo; &raquo;Und ich auch&laquo;, sagte der
+Oberst und z&uuml;ndete zu der Erz&auml;hlung vergn&uuml;glich eine neue
+Zigarre an.</p>
+
+<p>&raquo;Aber Mann&laquo;, bemerkte die Frau Oberst, &raquo;dir habe
+ich dieses Erlebnis wohl schon sechsmal erz&auml;hlt.&laquo; &#8211; &raquo;So?&laquo;
+entgegnete ruhig der Oberst; &raquo;es gef&auml;llt mir, wie es
+scheint.&laquo; &#8211; &raquo;So fang an!&laquo; ermunterte der Onkel. &#8211;
+&raquo;Du mu&szlig;t dich noch jenes Kindes erinnern k&ouml;nnen, Max&laquo;,
+begann seine Schwester, &raquo;von dem ich heut&#8217; abend schon
+einmal gesprochen habe, das ganz in unserer N&auml;he wohnte.
+Es geh&ouml;rte dem bleichen, mageren Leineweber an, den wir
+immerfort sein Weberschifflein hin- und herwerfen h&ouml;rten,
+wenn wir in unserem Garten standen. Das Kind sah zart
+und nett aus und hatte gro&szlig;e, lustig gl&auml;nzende Augen und
+so sch&ouml;ne braune Haare. Es hie&szlig; Aloise.&laquo; &#8211; &raquo;In meinem
+Leben habe ich keine Aloise gekannt&laquo;, warf Onkel Max ein. &#8211;
+&raquo;O, ich wei&szlig; schon warum&laquo;, fuhr seine Schwester fort,
+&raquo;wir nannten sie auch nie so, besonders du nicht; Wisi
+nannten wir sie, zum Schrecken unserer seligen Mama.
+Wei&szlig;t du denn nicht mehr, wie oft du selbst sagtest, wenn
+wir am Klavier Lieder singen wollten mit Mama und es
+so leise t&ouml;nte: &#8250;Man mu&szlig; das Wisi holen, sonst geht&#8217;s
+nicht?&#8249;&laquo; &#8211; Jetzt stieg die Erinnerung mit einem Male in
+Onkel Maxens Ged&auml;chtnis auf; er lachte hell heraus und
+rief: &raquo;O, das ist&#8217;s, das Wisi, ja gewi&szlig;, das Wisi kenn&#8217; ich
+wohl, ich seh&#8217; es deutlich vor Augen mit dem lustigen Gesicht,<span class="pagenum"><a name="Page_148" id="Page_148">[148]</a></span>
+wie es am Klavier stand und so tapfer darauf los sang.
+Ich mochte es gern, das Wisi; es war auch nett anzusehen.
+Das ist ja wahr: die gute Mutter hatte immer einen
+Schreckensanfall, wenn ich &#8250;Wisi&#8249; sagte; ich habe aber nie
+gewu&szlig;t, wie das Wisi eigentlich hie&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Freilich hast du&laquo;, bemerkte die Schwester, &raquo;denn
+jedesmal sagte die Mama, es sei eine Barbarei, aus dem
+sch&ouml;nen Namen Aloise ein Wisi zu machen.&laquo; &#8211; &raquo;Das habe
+ich wohl jedesmal &uuml;berh&ouml;rt&laquo;, meinte Onkel Max; &raquo;aber
+wo ist denn das Wisi hingekommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wei&szlig;t, es war in derselben Klasse mit mir in
+der Schule, wir sind miteinander von Klasse zu Klasse gestiegen
+bis hinauf zur sechsten, da kann ich mich denn ganz
+gut erinnern, wie alle diese Jahre durch der Andres als
+treuster Freund und Besch&uuml;tzer dem Wisi zur Seite stand
+in Freud&#8217; und Leid, und es konnte den Freund gut brauchen.
+Meistens, wenn es zur Schule kam und die Tafel mit
+Rechnungen bedeckt bringen sollte, wie wir anderen auch, da
+stand nicht eine Zahl darauf; es legte sie aber mit dem
+lustigsten Gesicht auf die Schulbank hin, und im folgenden
+Augenblick stand alles darauf, was darauf stehen sollte,
+denn der Andres hatte schnell die Tafel genommen und die
+Rechnungen darauf gesetzt. &Ouml;fter geschah&#8217;s auch, da&szlig; Wisi
+in seiner raschen Weise mit dem Ellbogen eine Scheibe
+eingeschlagen hatte in der Schulstube, oder es hatte im
+Garten an des Schulmeisters Pflaumenbaum gesch&uuml;ttelt,
+und wenn dann Gericht &uuml;ber diese Untaten gehalten wurde,
+dann blieb regelm&auml;&szlig;ig alles auf dem Andres sitzen; nicht
+da&szlig; er von jemand angeklagt wurde, sondern er selbst
+sagte gleich halblaut: er meine, er habe die Scheibe zerdr&uuml;ckt,
+und er glaube auch, er habe einmal an dem Pflaumenbaum<span class="pagenum"><a name="Page_149" id="Page_149">[149]</a></span>
+ger&uuml;ttelt, und so bekam er die Strafe. Wir Kinder wu&szlig;ten
+immer ganz gut, wie es war; aber wir lie&szlig;en es so gehen,
+wir waren so gew&ouml;hnt daran, da&szlig; es so sei, und dann
+hatten wir alle das lustige Wisi so gern, da&szlig; wir&#8217;s ihm
+immer g&ouml;nnten, wenn es ungestraft davonkam. Und &Auml;pfel
+und Birnen und N&uuml;sse hatte Wisi immer alle Taschen
+voll, die kamen alle vom Andres, denn was er nur hatte
+und erlangen konnte, das steckte er alles dem Wisi in den
+Schulsack. Ich dachte manchmal dar&uuml;ber nach, wie es denn
+auch so sein k&ouml;nne, da&szlig; der ganz stille Andres gerade das
+allerlustigste und aufgeweckteste Kind der ganzen Schule am
+liebsten habe, und dann sann ich dar&uuml;ber nach, ob es nun
+auch gerade den stillen Andres besonders gern habe. Es
+war wohl immer freundlich mit ihm, aber so war es auch
+mit den anderen, und als ich einmal ernstlich unsere Mama
+dar&uuml;ber fragte, wie das wohl sei, da sch&uuml;ttelte sie ein wenig
+den Kopf und sagte: &#8250;Ich f&uuml;rchte, ich f&uuml;rchte, diese artige
+Aloise ist ein wenig leichtsinnig und kann noch in eine
+schwere Schule kommen.&#8249; Diese Worte gaben mir viel zu
+denken und kamen mir immer wieder in den Sinn. Als
+wir dann zusammen in den Religionsunterricht gingen, da
+kam Wisi regelm&auml;&szlig;ig am Sonntagabend zu uns her&uuml;ber
+und wir sangen Chor&auml;le zusammen am Klavier; daran
+hatte es damals sehr gro&szlig;e Freude, es konnte alle die
+sch&ouml;nen Lieder auswendig und sang sie mit so heller Stimme;
+wir hatten auch recht unsere Freude an den Abenden,
+Mama und ich, und auch dar&uuml;ber, da&szlig; Wisi so gern in
+den Unterricht ging und ihn wirklich zu Herzen nahm.
+Es war nun ein gro&szlig;es M&auml;dchen geworden und sah recht
+gut aus; seine lustigen Augen hatte es noch, und wenn es
+auch nie so kr&auml;ftig aussah, wie die Bauernm&auml;dchen im<span class="pagenum"><a name="Page_150" id="Page_150">[150]</a></span>
+Dorf, so hatte es doch eine so bl&uuml;hende Farbe damals und
+war netter als sie alle. Damals war der Andres noch
+in der Stadt als Lehrjunge, er kam aber immer &uuml;ber den
+Sonntag heim. Dann kam er auch jedesmal zu uns ins
+Pfarrhaus, einen Besuch zu machen, und am liebsten sprach
+er dann immer mit mir von den vergangenen Tagen der
+Schule, und dann kamen wir immer bald auf das Wisi
+zu sprechen; das kam so im Zusammenhang, und schlie&szlig;lich
+sprachen wir dann nur noch von ihm. Dem Andres ging
+ganz das Herz und der Mund auf bei diesen Erinnerungen,
+und w&auml;hrend alle Welt l&auml;ngst das Wisi nie anders als so
+genannt hatte, nannte er es unwandelbar das &#8250;Wiseli&#8249;,
+und das kam dann so ganz eigen z&auml;rtlich heraus. Da kam
+denn auch ein Sonntag &#8211; wir waren noch nicht achtzehn
+Jahre alt, Wisi und ich&nbsp;&#8211;, als es gegen Abend bei uns eintrat
+und ganz rosig aussah, und wie wir nun zusammensa&szlig;en
+&#8211; Mama war auch mit uns&nbsp;&#8211;, da sagte denn Wisi, es
+sei gekommen, uns mitzuteilen, da&szlig; es sich mit dem jungen
+Fabrikarbeiter versprochen habe, der seit kurzer Zeit im
+Dorfe wohnte, und da&szlig; sie gleich heiraten k&ouml;nnten, da er
+eine gute Anstellung habe unten in der Fabrik, und so
+h&auml;tten sie denn schon alles festgesetzt, da&szlig; sie gleich in zw&ouml;lf
+Tagen zusammenkommen k&ouml;nnten. Ich war so erstaunt,
+und so traurig kam mir die Sache vor, da&szlig; ich kein Wort
+sagen konnte; eine Zeitlang sagte die Mutter auch nichts,
+sie sah ganz bek&uuml;mmert aus. Dann aber sprach sie ernstlich
+mit dem Wisi und stellte ihm vor, wie leichtsinnig es
+sei, da&szlig; es sich so schnell mit dem Fabrikarbeiter eingelassen
+habe, es kenne ihn ja kaum, und da sei doch ein anderer,
+der ihm jahrelang nachgegangen sei und ihm gezeigt habe,
+wie lieb es ihm sei, und zuletzt fragte sie es dringend, ob<span class="pagenum"><a name="Page_151" id="Page_151">[151]</a></span>
+denn nicht alles noch r&uuml;ckg&auml;ngig gemacht werden, oder doch
+eine gute Zeit lang hinausgeschoben werden und es noch bei
+seinem Vater bleiben k&ouml;nnte, es sei ja noch so jung. Da
+fing es denn zu weinen an und sagte, es habe ja ganz bestimmt
+sein Wort gegeben, und alles sei eingerichtet auf die
+Zeit, und dem Vater sei&#8217;s recht. Nun sagte die Mutter
+nichts mehr, aber das arme Wisi weinte immer &auml;rger; da
+nahm sie es denn bei der Hand und zog es zum Klavier
+hin, an den Platz, wo es immer stand, wenn wir zusammen
+sangen, und sagte in ihrem freundlichen Ton zu ihm:
+&#8250;Trockne nun deine Tr&auml;nen, wir wollen noch einmal zusammen
+singen&#8249;; dann schlug sie uns das Lied auf und
+wir sangen zusammen:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i1">&#8250;Befiehl du deine Wege,<br /></span>
+<span class="i0">Und was dein Herze kr&auml;nkt,<br /></span>
+<span class="i0">Der allertreusten Pflege<br /></span>
+<span class="i0">Des, der den Himmel lenkt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i1">Der Wolken, Luft und Winden<br /></span>
+<span class="i0">Gibt Wege, Lauf und Bahn,<br /></span>
+<span class="i0">Der wird auch Wege finden,<br /></span>
+<span class="i0">Da dein Fu&szlig; gehen kann.&#8249;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Wisi ging dann wieder ziemlich getr&ouml;stet von uns, die
+Mutter hatte ihm noch einige freundliche Worte gesagt;
+aber mich hatte die Sache recht traurig gemacht, ich hatte
+ein ganz bestimmtes Gef&uuml;hl, da&szlig; das arme Wisi seine frohen
+Tage nun hinter sich hatte, und dann dauerte mich der
+Andres uns&auml;glich; was w&uuml;rde der sagen? Er sagte aber nie
+etwas, gar kein Wort, aber ein paar Jahre lang ging er
+herum wie ein Schatten und war noch stiller geworden als
+vorher, ich habe auch seither nie mehr sein still-fr&ouml;hliches
+Gesicht gesehen, wie er es damals doch oft haben konnte.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_152" id="Page_152">[152]</a></span>&raquo;Der arme Kerl!&laquo; rief Onkel Max aus; &raquo;hat er
+denn keine andere Frau genommen?&laquo; &#8211; <ins class="correction" title="Transcriber's note: added missing quotes">&raquo;Ach</ins> nein, Max&laquo;,
+entgegnete seine Schwester ein wenig strafend, &raquo;wie konnte
+er denn, wie kannst du so etwas sagen, er ist ja die Treue
+selbst.&laquo; &#8211; &raquo;Das konnte ich ja nicht wissen, liebe Schwester&laquo;,
+erwiderte der Bruder beg&uuml;tigend; &raquo;ich konnte doch nicht voraussehen,
+da&szlig; dein vielseitig begabter Freund nun auch noch
+die Unwandelbarkeit an sich tr&auml;gt. Aber das Wisi, erz&auml;hl
+weiter von dem, ich hoffe wirklich, das lustige Wisi ist nicht
+ungl&uuml;cklich geworden, es w&uuml;rde mich arg dauern.&laquo; &#8211; &raquo;Ich
+merke schon, Max&laquo;, sagte die Schwester, &raquo;da&szlig; du heimlich
+es mit dem Wisi h&auml;ltst und kein Mitleid hast mit dem
+treuen Andres, dem es doch fast das Herz abgedr&uuml;ckt hat,
+da&szlig; das Wisi f&uuml;r ihn verloren war.&laquo; &#8211; &raquo;Doch, doch&laquo;,
+versicherte der Onkel, &raquo;ich habe ja alle Teilnahme f&uuml;r den
+Ehrenmann; aber weiter, wie ging&#8217;s mit dem Wisi, es hat
+doch seine lustigen Augen nicht verweint?&laquo; &#8211; &raquo;Doch, ich
+glaube manchmal wohl&laquo;, fuhr die Schwester fort; &raquo;ich
+habe es nicht mehr oft gesehen, es hatte gleich viel zu tun;
+ich glaube, der Mann war nicht eben b&ouml;se, aber er hatte
+etwas Rohes, er konnte so grob und unfreundlich sein, auch
+mit seinen kleinen Kindern schon; Wisi hatte gewi&szlig; wenig
+Freude mehr. Er hatte mehrere nette Kinder, aber sie
+waren alle sehr zart, es verlor sie wieder eins nach dem
+anderen; f&uuml;nf hatte es begraben m&uuml;ssen, nur ein einziges ist
+ihm geblieben, ein feines, zartes Gesch&ouml;pfchen, ein kleines
+Wiseli, es ist nicht viel gr&ouml;&szlig;er als unser Miezchen und ist
+doch gut drei Jahre &auml;lter. Wisis Gesundheit hatte durch
+das alles so gelitten, da&szlig; man deutlich sehen konnte, was
+kommen w&uuml;rde, und nun ist es auch da, eine schnelle Auszehrung
+rafft ihr Leben hin; ich f&uuml;rchte, es ist gar keine<span class="pagenum"><a name="Page_153" id="Page_153">[153]</a></span>
+Hoffnung mehr.&laquo; &#8211; &raquo;Nein&laquo;, rief Onkel Max ganz erschrocken
+aus, &raquo;das kann doch nicht sein, ist&#8217;s wirklich so?
+Kann man da nichts machen, Marie? Wir wollen doch
+gleich nachsehen, vielleicht ist noch zu helfen.&laquo; &#8211; &raquo;Ach nein,
+da ist nicht mehr zu helfen&laquo;, sagte die Schwester traurig;
+&raquo;da war &uuml;berhaupt nicht mehr zu helfen. Wisi war f&uuml;r all&#8217;
+die Arbeit und Anstrengung viel zu zart.&laquo; &#8211; &raquo;Und was
+macht nun der Mann?&laquo; fragte Onkel Max. &#8211; &raquo;Ach, den
+habe ich ja ganz vergessen, das hatte das kranke Wisi auch
+noch durchzumachen. Es wird nun bald ein Jahr sein, da
+wurde ihm in der Fabrik der eine Arm und das Bein so
+zerschlagen, da&szlig; man ihn halbtot nach Hause brachte; er wurde
+dann ganz elend, arbeiten konnte er gar nichts mehr; er
+mu&szlig; kein besonders geduldiger Kranker gewesen sein. Wisi
+hatte ihn nun noch zu verpflegen zu allem anderen, er starb
+dann ungef&auml;hr ein halbes Jahr nach dem Unfall. Seither
+lebt Wisi allein mit dem Kinde.&laquo; &#8211; &raquo;Und so blieb denn
+von allem gar nichts mehr &uuml;brig, als ein kleines Wiseli?
+Was macht man damit? Aber nein, so traurig wird&#8217;s doch
+nicht kommen m&uuml;ssen; das Wisi kann noch gesund werden
+und alles noch kommen, wie es h&auml;tte sein sollen von Anfang
+an.&laquo; &#8211; &raquo;Nein, nein, dazu ist es zu sp&auml;t&laquo;, entgegnete die
+Schwester sehr bestimmt; &raquo;das arme Wisi hat seinen Leichtsinn
+schwer b&uuml;&szlig;en m&uuml;ssen. Aber auch hier ist es sp&auml;t geworden&laquo;,
+&#8211; und fast erschrocken stand sie auf, denn &uuml;ber
+dem Gespr&auml;ch war die Mitternachtsstunde vor&uuml;bergegangen,
+und seit einiger Zeit schon war der Oberst ganz stille geworden,
+er hatte sich in seinen Lehnstuhl zur&uuml;ckgelegt und
+war fest eingeschlafen. Onkel Max hatte zwar keinen Schlaf,
+denn mit der Erz&auml;hlung von dem armen Wisi waren ihm
+alle Jugenderinnerungen so lebendig aufgestiegen, da&szlig; er<span class="pagenum"><a name="Page_154" id="Page_154">[154]</a></span>
+noch eine Menge von Dingen und Pers&ouml;nlichkeiten besprechen
+wollte; aber seine Schwester war unerbittlich, sie hielt die
+Lichter in der Hand und dr&auml;ngte zum Aufbruch. So half
+denn nichts; um aber nicht allein die unwillkommene
+St&ouml;rung zu tragen, weckte er seinen Schwager mit einem
+so gewaltigen Ruck an seinem Stuhl, da&szlig; der Oberst mit
+einem Schrecken emporscho&szlig;, als sei eine feindliche Bombe
+auf ihn gefahren. Aber sein Schwager klopfte ihm friedlich
+auf die Schulter und sagte: &raquo;Es war nur eine leise
+Mahnung von seiten deiner Frau, da&szlig; wir uns zur&uuml;ckziehen
+m&ouml;chten.&laquo; Der R&uuml;ckzug wurde dann vollzogen, und bald
+stand das Haus auf der H&ouml;he ganz still im Mondschein da,
+und unten am Berg stand eins, da sollte es auch bald stille
+werden; jetzt brannte noch ein schwaches L&auml;mpchen drinnen
+und warf seinen matten Schimmer durch das schmale Schubfenster
+in die monderhellte Nacht hinaus.</p>
+
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<h2>Drittes Kapitel.</h2>
+
+<h3>Auch noch daheim.</h3>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+<p>Um die gleiche Zeit, da die Kinder des Obersten ihrem
+Hause zugingen, rannte das kleine Wiseli aus allen Kr&auml;ften
+den Berg hinunter, denn es wu&szlig;te, da&szlig; es l&auml;nger fortgeblieben
+war, als die Mutter erwartete, und das tat es
+sonst nicht. Aber heute war sein Gl&uuml;ck so gro&szlig; gewesen,
+da&szlig; es einen Augenblick das Heimgehen vergessen hatte;
+jetzt lief es um so mehr drauf zu und w&auml;re fast in einen<span class="pagenum"><a name="Page_155" id="Page_155">[155]</a></span>
+Mann hineingerannt, der eben aus der T&uuml;r des H&auml;uschens
+trat, als es hineinst&uuml;rmen wollte; er ging ihm aber ganz
+leise aus dem Wege, und das Wiseli sprang vorw&auml;rts in
+die Stube hinein und auf die Mutter zu, die auf einem
+kleinen Stuhl am Fenster sa&szlig; und zu Wiselis Erstaunen
+noch kein Licht angez&uuml;ndet hatte. &raquo;Mutter, bist du b&ouml;se,
+da&szlig; ich so lang nicht komme?&laquo; rief es, indem es sie mit
+beiden Armen um den Hals fa&szlig;te. &raquo;Nein, nein, Wiseli&laquo;,
+antwortete sie freundlich; &raquo;aber ich bin froh, da&szlig; du da
+bist.&laquo; Jetzt fing das Wiseli der Mutter von seinem gro&szlig;en
+Erlebnis zu erz&auml;hlen an, wie gut der Otto mit ihm gewesen,
+und wie es zweimal mit dem allersch&ouml;nsten Schlitten
+hatte den Berg hinunterfahren k&ouml;nnen. Wie es dann mit
+seiner Erz&auml;hlung fertig war und die Mutter noch so still
+dasa&szlig;, fiel ihm erst ein, da&szlig; sie das sonst nicht tat, und
+es fragte verwundert: &raquo;Aber warum hast du noch kein
+Licht, Mutter?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin so m&uuml;de heut&#8217; abend, Wiseli&laquo;, antwortete
+sie; &raquo;ich konnte nicht aufstehen und Licht machen. Hol das
+L&auml;mpchen herein und bring mir einen Schluck Wasser mit,
+ich habe so gro&szlig;en Durst.&laquo; Wiseli lief in die K&uuml;che und
+kam bald zur&uuml;ck, in der einen Hand das Licht und in der
+anderen eine Flasche, darinnen ein roter Saft schimmerte,
+so hell und einladend, da&szlig; die durstende Kranke erfreut
+ausrief: &raquo;Was bringst du mir Sch&ouml;nes, Wiseli?&laquo; &#8211; &raquo;Ich
+wei&szlig; nicht&laquo;, sagte das Kind, &raquo;es stand auf dem K&uuml;chentisch,
+sieh, wie es funkelt.&laquo; Die Mutter nahm die Flasche in
+die Hand und roch daran. &raquo;O&laquo;, sagte sie, begierig wieder
+riechend, &raquo;es ist wie frische Himbeeren aus dem Wald, gib
+mir schnell ein wenig Wasser dazu, Wiseli.&laquo; Das Kind
+go&szlig; von dem roten Saft in ein Glas und f&uuml;llte es mit<span class="pagenum"><a name="Page_156" id="Page_156">[156]</a></span>
+Wasser, und mit durstigen Z&uuml;gen trank die Mutter den
+erquickenden Beerensaft hinunter. &raquo;O, wie das erfrischt!&laquo;
+sagte sie und &uuml;bergab das leere Glas dem Kinde. &raquo;Stell
+es weg, Wiseli, aber nicht weit; mir ist, ich k&ouml;nnte alles
+austrinken, so durstig bin ich. Wer hat mir denn diese gro&szlig;e
+Erquickung gebracht? Gewi&szlig; die Trine, es kommt von der
+Frau Oberst.&laquo; &#8211; &raquo;War denn die Trine bei dir in der Stube,
+Mutter?&laquo; fragte das Kind. &#8211; Die Mutter verneinte dies. &#8211;
+&raquo;Dann ist es nicht die Trine, das wei&szlig; ich&laquo;, sagte das
+Wiseli bestimmt; &raquo;sie geht jedesmal in die Stube, wenn
+sie etwas bringt. Aber der Schreiner Andres war ja bei
+dir, hat er dies nicht mitgebracht?&laquo; &#8211; &raquo;Ach was, Wiseli&laquo;,
+fiel die Mutter ganz lebhaft ein; &raquo;was sagst du denn, der
+Schreiner Andres war nie bei mir, was kommt dir in den
+Sinn?&laquo; &#8211; &raquo;Er war sicher, sicher, ganz bestimmt hier
+drinnen&laquo;, beteuerte Wiseli; &raquo;gerade wie ich hereinkam, trat
+er so schnell aus der T&uuml;r, da&szlig; ich fast an ihn heranrannte:
+hast du denn nichts geh&ouml;rt?&laquo; Die Mutter war eine Zeitlang
+ganz stille, dann sagte sie: &raquo;Ich habe schon geh&ouml;rt,
+da&szlig; jemand leise die K&uuml;chent&uuml;r aufmachte; erst meinte ich,
+du seist&#8217;s, und &#8211; es ist wahr, erst nachher h&ouml;rte ich dich
+hereinrennen. Bist du sicher, Wiseli, da&szlig; es der Schreiner
+Andres war, der zu unserer T&uuml;r herauskam?&laquo; Wiseli
+war seiner Sache so sicher und konnte so genau der Mutter
+sagen, wie der Rock und die Kappe vom Schreiner Andres
+aussahen und wie er erschrocken war, als es so mit einem
+Male an ihn heranrannte, da&szlig; die Mutter auch davon
+&uuml;berzeugt wurde; sie sagte wie f&uuml;r sich: &raquo;Dann war es
+der Andres, er hat es ausgedacht, was mir so gut tun
+k&ouml;nnte.&laquo; &#8211; &raquo;Jetzt kommt mir auch etwas in den Sinn,
+Mutter&laquo;, rief auf einmal das Wiseli ganz erregt aus,<span class="pagenum"><a name="Page_157" id="Page_157">[157]</a></span>
+&raquo;jetzt wei&szlig; ich gewi&szlig;, wer einmal den gro&szlig;en Topf Honig
+in die K&uuml;che gestellt hat, von dem du so gern a&szlig;est, und
+vor ein paar Tagen die Apfelkuchen; wei&szlig;t du, Mutter,
+du wolltest durch die Trine danken lassen, als sie dir etwas
+Gekochtes brachte, und sie sagte, sie wisse von allem dem
+gar nichts. Das hat sicher alles der Schreiner Andres
+heimlich in die K&uuml;che gestellt.&laquo;</p>
+
+<p class="figcenter"><a href="images/illu_157.jpg"><img src="images/illu_157_th.jpg"
+alt="Es hielt ihre Hand fest in der seinigen"
+title="Es hielt ihre Hand fest in der seinigen" /></a></p>
+
+<!-- <p>[Illustration: Spyri, Heimatlos. S. 157.]</p> -->
+
+<p>&raquo;Das glaube ich auch&laquo;, sagte die Mutter und wischte
+sich die Augen. &#8211; &raquo;Es ist ja nichts Trauriges&laquo;, sagte
+Wiseli ein wenig erschrocken, als sie die Mutter immer
+wieder die Augen wischen sah.</p>
+
+<p>&raquo;Du mu&szlig;t ihm einmal danken, Wiseli, ich kann es
+nicht mehr. Sag es ihm einmal, ich lass&#8217; ihm danken f&uuml;r
+alles Gute; er hat es so gut mit mir gemeint. Komm,
+sitz ein wenig zu mir heran&laquo;, fuhr sie leise fort; &raquo;gib
+mir auch noch einmal zu trinken, und dann komm und sag
+mir das Verslein, was ich dich gelehrt habe.&laquo;</p>
+
+<p>Wiseli holte noch einmal Wasser und go&szlig; von dem
+frischen Saft hinein, und die Mutter trank noch einmal
+begierig davon; dann legte sie m&uuml;de ihren Kopf auf das
+niedere Gesims am Fenster und winkte das Wiseli zu sich.
+Es fand aber, da liege die Mutter zu hart, holte ein
+Kissen aus ihrem Bett herbei und legte es sorgf&auml;ltig unter
+den Kopf; dann setzte es sich dicht neben sie auf den
+Schemel und hielt ihre Hand fest in der seinigen, und
+wie sie gew&uuml;nscht hatte, sagte es nun and&auml;chtig sein Verslein
+her:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i1">&raquo;Befiehl du deine Wege,<br /></span>
+<span class="i0">Und was dein Herze kr&auml;nkt,<br /></span>
+<span class="i0">Der allertreusten Pflege<br /></span>
+<span class="i0">Des, der den Himmel lenkt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="pagenum"><a name="Page_158" id="Page_158">[158]</a></span>
+<span class="i1">Der Wolken, Luft und Winden<br /></span>
+<span class="i0">Gibt Wege, Lauf und Bahn,<br /></span>
+<span class="i0">Der wird auch Wege finden,<br /></span>
+<span class="i0">Da dein Fu&szlig; gehen kann.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Als Wiseli zu Ende war, sah es, da&szlig; die Mutter am
+Entschlafen war, sie sagte nur noch mit leisem Ton: &raquo;Denk
+daran, Wiseli! Und wenn du einmal keinen Weg mehr
+vor dir siehst und es dir ganz schwer wird, dann denk in
+deinem Herzen:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&#8250;Er wird auch Wege finden,<br /></span>
+<span class="i0">Da dein Fu&szlig; gehen kann.&#8249;&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Nun legte die Mutter sich m&uuml;de hin und entschlief, und
+Wiseli wollte sie nicht wecken. Es legte sich m&auml;uschenstille
+an sie heran, und bald schlief es auch ganz fest. So brannte
+die kleine, matte Lampe in dem stillen St&uuml;bchen fort, immer
+matter, bis sie von selbst erlosch und das H&auml;uschen dunkel
+dastand auf dem hellen Mondscheinplatz.</p>
+
+<p>Als am folgenden Morgen die Nachbarin um das Haus
+herum zum Brunnen ging, schaute sie durch das niedere
+Fenster in das St&uuml;bchen herein, wie sie immer tat im
+Vorbeimarsch. Da sah sie, wie Wiselis Mutter auf dem
+Kissen schlief und wie das Kind daneben stand und weinte.
+Das kam ihr so sonderbar vor, sie mu&szlig;te nachsehen, was
+da geschehen sei. Sie machte ein wenig die T&uuml;r auf und
+sagte: &raquo;Was hast du, Wiseli; ist die Mutter kr&auml;nker?&laquo;
+Wiseli schluchzte zum Erbarmen und st&ouml;hnte hervor: &raquo;Ich
+wei&szlig; nicht, was die Mutter hat.&laquo;</p>
+
+<p>Das arme Kind ahnte wohl, was mit der Mutter war,
+aber es konnte ja nicht begreifen, da&szlig; es sie verloren hatte.
+Sie war ja noch da, aber sie war entschlafen f&uuml;r das ganze<span class="pagenum"><a name="Page_159" id="Page_159">[159]</a></span>
+Erdenleben, sie h&ouml;rte nicht mehr, wie ihr Wiseli sie rief.
+Die Nachbarin trat zu dem Kissen am Fenster und schaute
+die schlafende Frau an; dann trat sie erschrocken zur&uuml;ck und
+sagte: &raquo;Geh schnell, Wiseli, lauf und hol deinen Vetter-G&ouml;tti,
+er soll auf der Stelle herkommen, du hast ja sonst
+niemand, und es mu&szlig; jemand zu der Sache sehen; lauf
+recht, ich will warten, bis du wiederkommst.&laquo; Das Kind
+lief davon, aber es konnte nicht lange so weiter laufen,
+sein Herz war so schwer und alle seine Glieder zitterten so
+sehr, da&szlig; Wiseli auf einmal mitten auf dem Wege sich hinsetzen
+und laut weinen mu&szlig;te, denn jetzt wurde es ihm
+immer deutlicher in seinem Herzen, da&szlig; die Mutter nicht
+mehr erwachen werde. Es stand dann wieder auf und lief
+weiter, aber zu weinen konnte es nicht mehr aufh&ouml;ren, denn
+in seinem Herzen wurde der Jammer immer gr&ouml;&szlig;er. Am
+Buchenrain, wohl eine Viertelstunde von der Kirche weg,
+stand das Haus von dem Vetter-G&ouml;tti, wo Wiseli jetzt eben
+ankam und weinend unter die T&uuml;r trat. Die Base stand
+in der K&uuml;che und fragte kurz: &raquo;Was ist mit dir?&laquo; Wiseli
+sagte halblaut zwischen dem Schluchzen durch, die Nachbarin
+habe es geschickt, da&szlig; der Vetter-G&ouml;tti schnell komme zur
+Mutter. Die Base sah das Kind an, sie mochte denken,
+es sei mit der Mutter schlimm, denn weniger barsch, als
+sie sonst redete, sagte sie: &raquo;Ich will es ihm sagen, geh nur
+wieder heim, er ist jetzt nicht da.&laquo; Da kehrte Wiseli wieder
+um und kam schneller zur&uuml;ck, als es vorw&auml;rts gekommen
+war, denn es ging ja noch zur Mutter. Die Nachbarin
+stand vor der T&uuml;r, drinnen hatte sie nicht warten wollen,
+es war ihr nicht heimlich. Aber das Wiseli schlich hinein
+und setzte sich ganz nahe zur Mutter, so wie es die Nacht
+durch neben ihr gesessen hatte; da sa&szlig; es ganz still und<span class="pagenum"><a name="Page_160" id="Page_160">[160]</a></span>
+weinte und von Zeit zu Zeit sagte es halblaut: &raquo;Mutter!&laquo;
+Sie gab keine Antwort mehr. Da sagte Wiseli, sich zu
+ihr hinbeugend: &raquo;Gelt, Mutter, du h&ouml;rst mich wohl, wenn
+du jetzt schon im Himmel bist, und ich dich nicht mehr
+h&ouml;ren kann.&laquo; So sa&szlig; das Wiseli noch neben seiner Mutter
+und hielt sie fest, als schon die Mittagszeit vor&uuml;ber war.
+Da trat der Vetter-G&ouml;tti in das St&uuml;bchen, schaute sich ein
+wenig darin um und rief dann die Nachbarin herein.
+&raquo;Ihr m&uuml;&szlig;t die Frau hier zurecht machen, Ihr wi&szlig;t schon,
+wie ich meine&laquo;, sagte er, &raquo;so da&szlig; alles fertig ist zum
+Wegholen. Dann nehmt den Schl&uuml;ssel zu Euch, da&szlig; da
+nichts wegkommt.&laquo; Dann wandte er sich zu Wiseli und
+sagte: &raquo;Wo sind deine Kleider, Kleines? Such sie zusammen
+und pack sie in ein B&uuml;ndelchen, dann gehen wir.&laquo; &#8211;
+&raquo;Wohin gehen wir denn?&laquo; fragte Wiseli zaghaft. &#8211; &raquo;Heim
+gehen wir&laquo;, war die Antwort; &raquo;an den Buchenrain, da
+kannst du bei uns sein, du hast niemand mehr auf der
+Welt, als deinen Vetter-G&ouml;tti.&laquo; Das Wiseli befiel ein
+l&auml;hmender Schrecken, &#8211; nach dem Buchenrain sollte es
+gehen und da daheim sein. Es hatte von jeher eine gro&szlig;e
+Furcht vor der Base gehabt und jedesmal eine Zeitlang
+vor der T&uuml;r gewartet, wenn es dem Vetter-G&ouml;tti etwas
+hatte berichten m&uuml;ssen, aus lauter Angst, die Base fahre
+es an. Dann war der &auml;lteste Sohn im Hause, der gewaltt&auml;tige
+Ch&auml;ppi, und dann kamen noch der Hans und der
+Rudi, die warfen allen Kindern Steine nach. Bei denen
+sollte es nun daheim sein.</p>
+
+<p>Das Wiseli stand bleich und unbeweglich vor Schrecken
+da. &raquo;Du mu&szlig;t dich nicht f&uuml;rchten, Kleines&laquo;, sagte der
+Vetter-G&ouml;tti freundlich; &raquo;es sind wohl mehr Leute bei
+uns im Hause als da, aber das ist desto lustiger f&uuml;r dich.&laquo;<span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161">[161]</a></span>
+Wiseli legte still seine Sachen zusammen in ein Tuch und
+kn&uuml;pfte je zwei Zipfel davon kreuzweis ineinander; dann
+band es sein T&uuml;chlein um den Kopf und stand fertig da.</p>
+
+<p>&raquo;So&laquo;, sagte der Vetter, &raquo;nun gehen wir&laquo;, und schritt
+der T&uuml;r zu. Auf einmal schluchzte Wiseli laut auf: &raquo;Dann
+mu&szlig; ja die Mutter ganz allein sein.&laquo;</p>
+
+<p>Es war wieder zu ihr hingelaufen und hielt sie fest.</p>
+
+<p>Der Vetter-G&ouml;tti stand ein wenig verbl&uuml;fft da; er
+wu&szlig;te nicht recht, wie er dem Kinde erkl&auml;ren sollte, wie es
+mit seiner Mutter sei, wenn es das nicht von selbst begriff,
+denn Erkl&auml;ren war nicht seine Sache, das hatte er nie
+probiert; er sagte also: &raquo;Komm jetzt, komm! Ein Kleines,
+wie du eins bist, mu&szlig; folgen; komm und mach nur kein
+Geschrei, das hilft gar nichts.&laquo; Wiseli w&uuml;rgte sein Schluchzen
+hinunter und folgte lautlos dem Vetter-G&ouml;tti durch die T&uuml;r
+nach. Nur einmal sah es noch zur&uuml;ck und sagte ganz leise:
+&raquo;Beh&uuml;te Gott, Mutter!&laquo; Dann wanderte es mit seinem
+B&uuml;ndelchen am Arm aus dem kleinen Hause, wo es daheim
+gewesen war. Eben als die beiden miteinander querfeldein
+gingen, kam von oben herunter die Trine gegangen, einen
+gedeckten Korb am Arm tragend. Noch stand die Nachbarin
+unter der T&uuml;r und schaute dem Vetter-G&ouml;tti und dem
+Kinde nach. Die Trine trat auf sie zu und sagte: &raquo;Heute
+bring&#8217; ich der kranken Frau was Rechtes, aber ein wenig
+sp&auml;t, wir haben den Herrn Onkel zum Besuch, da wird
+es immer sp&auml;t.&laquo; &#8211; &raquo;Und wenn Ihr auch am Morgen
+fr&uuml;h gekommen w&auml;ret, so w&auml;ret Ihr zu sp&auml;t gekommen
+heut&#8217;, sie ist in der Nacht gestorben.&laquo; &#8211; &raquo;Es wird doch
+nicht sein&laquo;, rief die Trine erschrocken aus; &raquo;ach du mein
+Trost, was wird meine Frau sagen.&laquo; Damit kehrte die
+Trine um und lief stracks ihren Weg zur&uuml;ck.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162">[162]</a></span>Die Nachbarin trat in das stille St&uuml;blein ein und
+machte Wiselis Mutter so zurecht, wie sie in ihrem letzten
+Bettlein liegen mu&szlig;te.</p>
+
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<h2>Viertes Kapitel.</h2>
+
+<h3>Beim Vetter-G&ouml;tti.</h3>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+<p>Als das Wiseli hinter dem Vetter-G&ouml;tti drein in das
+Haus hereintrat am Buchenrain, da kamen die drei Buben
+aus der Scheune hergest&uuml;rzt, liefen hinter der Ankommenden
+her in die Stube herein und stellten sich mitten drin auf,
+und alle drei sperrten die Augen auf an das Wiseli hinan,
+das ganz sch&uuml;chtern dastand. Aus der K&uuml;che kam die Base
+herein und schaute das Wiseli ebenfalls an, wie wenn sie
+es noch nie gesehen h&auml;tte.</p>
+
+<p>Der Vetter-G&ouml;tti setzte sich hinter den Tisch und sagte:
+&raquo;Ich meine, man k&ouml;nnte etwas nehmen; das Kleine hat,
+denk&#8217; ich, heut&#8217; noch wenig gehabt. Komm, sitz ab&laquo;, sagte
+er, zu Wiseli gewandt, das immer noch auf demselben
+Platze stand, sein B&uuml;ndelchen in der Hand. Es gehorchte.
+Jetzt holte die Base Most und K&auml;se und legte das gro&szlig;e
+Schwarzbrot auf den Tisch. Der Vetter-G&ouml;tti schnitt ein
+t&uuml;chtiges St&uuml;ck ab und legte einen Brocken K&auml;se darauf,
+dann schob er es vor das Kind hin: &raquo;Da, i&szlig;, Kleines,
+wirst wohl Hunger haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, ich danke&laquo;, sagte Wiseli leise; es h&auml;tte keinen
+Brosamen herunterschlucken k&ouml;nnen, denn Leid und Angst und
+Weh schn&uuml;rten es so zusammen bis an den Hals hinauf,<span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163">[163]</a></span>
+da&szlig; es kaum atmen konnte. Die Buben standen immer
+da und starrten es an. &raquo;Mu&szlig;t dich nicht f&uuml;rchten&laquo;, sagte
+der Vetter-G&ouml;tti ermunternd, &raquo;i&szlig; nur zu.&laquo; Aber das
+Wiseli sa&szlig; unbeweglich und ber&uuml;hrte sein Brot nicht. Die
+Base war bis jetzt auch geblieben und hatte das Kind angeschaut
+von oben bis unten, mit beiden Armen in die Seite
+gestemmt. &raquo;Wenn&#8217;s dir nicht recht ist, so kannst du&#8217;s nur
+bleiben lassen&laquo;, sagte sie nun, kehrte sich um und ging
+wieder in die K&uuml;che.</p>
+
+<p>Als der Vetter-G&ouml;tti sich genugsam erfrischt hatte, stand
+er auf und sagte: &raquo;Nimm&#8217;s in die Tasche, nachher kommt&#8217;s
+dir schon, da&szlig; du essen magst, mu&szlig;t dich nur nicht f&uuml;rchten.&laquo;
+Damit ging auch er in die K&uuml;che hinaus. Wiseli wollte
+gehorchen und die beiden St&uuml;cke in die Tasche stecken, aber
+diese war viel zu klein, es legte wieder alles auf den Tisch.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will dir schon helfen&laquo;, sagte Ch&auml;ppi, schnappte die
+St&uuml;cke vom Tisch weg und wollte sie zu dem offenen Mund
+f&uuml;hren, sie fuhren aber in die Luft hinauf, denn der Hans
+hatte von unten herauf Ch&auml;ppis Hand einen t&uuml;chtigen
+Puff gegeben, damit ihr die Beute entfalle und er sie erwische;
+in dem Augenblick aber huschte der Rudi schnell
+auf den Boden und haschte den Fang weg. Jetzt st&uuml;rzten
+die beiden Gr&ouml;&szlig;eren auf ihn, und einer fiel &uuml;ber den anderen
+hinaus, und nun ging es an ein Schlagen und Raufen
+und L&auml;rmen und Heulen, da&szlig; es dem Wiseli angst und
+bange wurde. Jetzt machte der Vater die K&uuml;chent&uuml;r wieder
+auf und rief in die Stube hinein: &raquo;Was ist das?&laquo;
+Da riefen die drei Buben am Boden alle durcheinander, und
+es t&ouml;nte immer wieder: &raquo;Das Wiseli wollte nicht&laquo;, &raquo;das
+Wiseli hatte keinen&laquo; und &raquo;weil das Wiseli keins wollte&laquo;.
+Da rief der Vater noch lauter: &raquo;Wenn das nicht aufh&ouml;rt<span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164">[164]</a></span>
+da drinnen, so will ich mit dem Lederriemen kommen!&laquo;
+Dann schlug er die T&uuml;r wieder zu. Das &raquo;da drinnen&laquo;
+h&ouml;rte aber noch nicht auf, sondern sowie die T&uuml;r zu war,
+ging&#8217;s erst recht los, denn der Hans hatte erfunden, da&szlig;
+das wirksamste Mittel, den Feind zu erschrecken, sei, ihm
+in die Haare zu fahren, was die anderen sogleich auch begriffen,
+und so standen sie nun alle drei jeder mit beiden
+H&auml;nden an den Haaren eines anderen rei&szlig;end und dazu ein
+f&uuml;rchterliches Geschrei aussto&szlig;end. In der K&uuml;che sa&szlig; die
+Base auf einem Schemel und sch&auml;lte Kartoffeln. Als ihr
+Mann die Stubent&uuml;r wieder zugemacht hatte, sagte sie:
+&raquo;Was hast du mit dem Kind im Sinn? Warum hast du
+es gleich mit heimgenommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es wird, denk&#8217; ich, bei jemandem sein m&uuml;ssen; ich bin
+der Vetter-G&ouml;tti, und andere Verwandte hat es keine mehr.
+Und du kannst es ja schon brauchen; so etwas wie du dort
+machst, kann es dann machen. So kannst du etwas Besonderes
+tun. Du sagst ja immer, die Buben geben dir
+mehr zu tun, als eben recht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja wegen dessen&laquo;, warf die Base hin, &raquo;das wird eine
+sch&ouml;ne Hilfe sein. Du kannst ja h&ouml;ren, wie es zugeht drinnen
+in der ersten Viertelstunde schon, da&szlig; es da ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das habe ich schon manchmal geh&ouml;rt, lang eh&#8217; das
+Kleine da war; es hat, denk&#8217; ich, nicht viel damit zu tun&laquo;,
+sagte der Vetter ruhig.</p>
+
+<p>&raquo;So&laquo;, entgegnete die Base eifrig, &raquo;hast du denn nicht
+geh&ouml;rt, da&szlig; sie alle miteinander etwas von dem Wiseli
+riefen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie werden etwas rufen m&uuml;ssen, das war nie anders&laquo;,
+meinte der Vetter. &raquo;Diesem Kleinen wirst du, denk&#8217; ich,
+wohl noch Meister werden, es ist kein b&ouml;sartiges, das<span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165">[165]</a></span>
+habe ich schon gemerkt, es kann auch folgen, besser als die
+Buben.&laquo; Das war der Base fast zu viel. &raquo;Ich meine,
+es war nicht n&ouml;tig, da&szlig; man es jetzt schon gegen die Buben
+aufstifte&laquo;, sagte sie, die H&auml;ute immer schneller von den
+Kartoffeln abrei&szlig;end, <ins class="correction" title="Transcriber's note: added missing quotes">&raquo;und</ins> dann m&ouml;chte ich nur das wissen,
+wo das Kind schlafen soll.&laquo;</p>
+
+<p>Der Vetter schob ein paarmal die Kappe auf seinem
+Kopf hin und her, dann sagte er geruhlich: &raquo;Man kann
+nicht alles an einem Tag machen. Es wird wohl bis jetzt
+in einem Bett geschlafen haben, denk&#8217; ich, und das wird es
+wieder bekommen. Morgen will ich dann zum Pfarrer
+gehen; heut&#8217; kann es auf der Ofenbank schlafen, da ist&#8217;s ja
+warm. Dann kann man einen Verschlag machen, wo es
+in unsere Kammer hineingeht; da kann man sein Bett
+hineinschieben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe mein Lebtag nie geh&ouml;rt, da&szlig; man zuerst das
+Kind bringt und dann acht Tage nachher das Bett, das
+dazu geh&ouml;rt&laquo;, warf die Base hin, &raquo;und dann m&ouml;cht&#8217; ich
+auch wissen, wer das bezahlen mu&szlig;, wenn man noch bauen
+soll, um des Kindes willen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn uns die Gemeinde das Kleine zuerkennt, so
+mu&szlig; sie auch etwas an den Unterhalt geben&laquo;, erkl&auml;rte der
+Vetter; &raquo;ich nehme es dann noch immer billiger an, als
+ein anderer es tun w&uuml;rde; es ist ihm auch am wohlsten
+bei uns.&laquo;</p>
+
+<p>Mit dieser &Uuml;berzeugung ging der Vetter in den Stall
+hinaus und rief noch zur&uuml;ck, der Ch&auml;ppi solle ihm nachkommen.
+Es war schwierig f&uuml;r die Base, sich Geh&ouml;r zu
+verschaffen drinnen in der Stube, als sie den Auftrag ausrichten
+wollte. Da standen noch die drei im hitzigsten Gefecht,
+vom lautesten Kriegsgeschrei begleitet. &raquo;Es nimmt<span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166">[166]</a></span>
+mich nur wunder, da&szlig; du dem so zusiehst und kein Wort
+zum Frieden sagst&laquo;, warf die Base dem Wiseli hin, das
+sich scheu an die Wand dr&uuml;ckte und sich kaum r&uuml;hren durfte.
+Nun wurde der Ch&auml;ppi in den Stall geschickt, und die
+beiden anderen liefen ihm nach. &raquo;Kannst du stricken?&laquo;
+fragte dann die Base das Wiseli; es sagte sch&uuml;chtern: ja,
+Str&uuml;mpfe k&ouml;nne es stricken. &raquo;So nimm die&laquo;, sagte die
+Base und nahm aus dem Schrank einen gro&szlig;en braunen
+Strumpf heraus mit einem Garn fast so dick wie Wiselis
+Finger. &raquo;Du bist am Fu&szlig;, gib acht, da&szlig; er nicht zu kurz
+wird, er ist f&uuml;r den Vetter-G&ouml;tti.&laquo; Nun ging sie wieder
+in die K&uuml;che, und Wiseli setzte sich auf die Ofenbank und
+mu&szlig;te den langen Strumpf auf seinem Scho&szlig; zusammenhalten,
+der war so schwer, da&szlig; er ihm ganz die H&auml;nde
+herunterzog, wenn er hing, so da&szlig; es die Nadeln nicht
+f&uuml;hren konnte. Es hatte aber kaum recht angefangen an
+seiner Arbeit, als die Base wieder hereinkam. &raquo;Du kannst
+jetzt herauskommen in die K&uuml;che&laquo;, sagte sie; &raquo;du kannst
+sehen, wie ich alles mache, so kannst du mir an die Hand
+gehen nach und nach.&laquo; Wiseli gehorchte und sah drau&szlig;en
+der Base zu, so viel es konnte; aber immer schossen ihm
+wieder die Tr&auml;nen in die Augen, und dann sah es nichts
+mehr, denn es mu&szlig;te denken, wie es war, wenn es so der
+Mutter nachlief in die K&uuml;che, und wie sie mit ihm redete
+und es immer wieder streichelte, und es an ihr hing. Es
+f&uuml;hlte aber wohl, da&szlig; es nicht herausweinen d&uuml;rfe, und
+schluckte und schluckte, da&szlig; es fast meinte, es werde erw&uuml;rgt.
+Die Base sagte ein paarmal: &raquo;Gib acht! so wei&szlig;t du&#8217;s
+nachher.&laquo; Sie lie&szlig; es dann aber stehen und fuhr in der
+K&uuml;che herum. So ging es eine gute Zeit lang, dann h&ouml;rte
+man ein ganz erschreckliches Gestampfe auf dem Hausgang,<span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167">[167]</a></span>
+und die Base sagte: &raquo;Mach schnell die T&uuml;r auf, sie kommen&laquo;;
+denn der L&auml;rm kam vom Vetter und den Buben
+her, die drau&szlig;en den Schnee von den Schuhen stampften.
+Wiseli machte die T&uuml;r nach der Stube auf und die Base
+hob eine gro&szlig;e Pfanne vom Feuer und fuhr eilends damit
+in die Stube hinein, wo sie den ganzen Haufen geschwelter
+Kartoffeln auf den Schiefertafeltisch aussch&uuml;ttete. Dann
+lief sie zur&uuml;ck und brachte ein gro&szlig;es Becken voll saurer
+Milch herein und sagte: &raquo;Leg auf den Tisch, was in der
+Schublade liegt, so k&ouml;nnen sie zusitzen.&laquo; Wiseli zog schnell
+die Schublade aus, da lagen f&uuml;nf L&ouml;ffel und f&uuml;nf Messer,
+die legte es hin, und nun war der Abendtisch fertig. Der
+Vetter und die Buben waren hereingekommen und sa&szlig;en
+gleich fest auf den B&auml;nken am Tisch den Fenstern entlang.
+Unten am Tisch stand ein Stuhl; darauf hin wies nun
+der Vetter-G&ouml;tti und sagte: &raquo;Es kann, denk&#8217; ich, dort sitzen,
+oder nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Freilich&laquo;, sagte die Base, die auch einen Stuhl f&uuml;r
+sich bereit hatte auf der Seite gegen die K&uuml;che zu, sie sa&szlig;
+aber nur eine Sekunde darauf still, dann lief sie wieder in
+die K&uuml;che und kam zur&uuml;ck und sa&szlig; geschwind wieder zu
+einem L&ouml;ffel voll Milch nieder; dann lief sie von neuem.
+Es wu&szlig;te niemand, warum das so sein mu&szlig;te, denn das
+Kochen war ja ganz zu Ende; aber es war immer so, und
+wenn der Vetter einmal sagte: &raquo;Sitz doch und i&szlig; einmal&laquo;,
+so kam sie erst recht in die Eile und sagte, sie habe nicht
+Zeit, so lang zu sitzen, und der Sache drau&szlig;en werde wohl
+jemand nachsehen m&uuml;ssen. Als sie jetzt zum zweiten Male
+hereingeschossen kam und eilig eine Kartoffel sch&auml;lte, fiel ihr
+Wiselis Unt&auml;tigkeit auf, das neben ihr sa&szlig;, die H&auml;nde in
+den Scho&szlig; gelegt. &raquo;Warum issest du nicht?&laquo; fuhr sie<span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168">[168]</a></span>
+es an. &raquo;Es hat keinen L&ouml;ffel&laquo;, sagte Rudi, der auf der
+anderen Seite neben ihm sa&szlig; und schon lange den Grund
+herausgefunden hatte, warum jemand an einem Tisch sitzen
+kann, ohne zu essen, solange noch etwas da ist. &raquo;Ja so&laquo;,
+sagte die Base; &raquo;wem w&auml;re es aber auch in den Sinn gekommen,
+da&szlig; man auf einmal sechs L&ouml;ffel haben mu&szlig;, man
+brauchte ja immer nur f&uuml;nf, und ein Messer wird auch sein
+m&uuml;ssen. Warum kannst du aber auch nichts sagen? du wirst
+wohl wissen, da&szlig; man zum Essen einen L&ouml;ffel braucht.&laquo;
+Diese Worte waren an das Wiseli gerichtet.</p>
+
+<p>Es schaute die Base scheu an und sagte leise: &raquo;Es ist
+gleich, ich brauche keinen, ich habe keinen Hunger.&laquo; &#8211; &raquo;Warum
+nicht?&laquo; fragte die Base; &raquo;bist du anders gew&ouml;hnt?
+Ich habe nicht im Sinn, zu &auml;ndern.&laquo; &#8211; &raquo;Es ist, denk&#8217; ich,
+besser, man lasse das Kleine zuerst ein wenig gehen, man
+mu&szlig; es nicht zu f&uuml;rchten machen&laquo;, sagte der Vetter-G&ouml;tti
+beschwichtigend; &raquo;es kommt schon besser.&laquo; Nun lie&szlig; man
+das Wiseli in Ruh&#8217;, die anderen setzten ihre T&auml;tigkeit noch
+eine gute Zeit lang fort. Das Kind sa&szlig; unbeweglich dabei,
+bis endlich der Vater aufstand, noch einmal die Pelzkappe
+vom Nagel nahm und nach der Stallaterne suchte, denn der
+Fleck sei krank geworden, da mu&szlig;te er noch einmal hinaus.
+Der Tisch war schnell wieder in Ordnung. Die Kartoffelschalen
+wurden mit den H&auml;nden in das leere Milchbecken
+heruntergewischt, dann die Schiefertafel abgewaschen, und wie
+die Base damit zu Ende war, sagte sie, zu Wiseli gewandt:
+&raquo;Du hast gesehen, wie ich&#8217;s mache, das kannst du von nun an
+tun.&laquo; Jetzt setzte sich der Ch&auml;ppi wieder fest hinter den
+Tisch; er hatte seinen Griffel und sein Rechenbuch geholt
+und machte Anstalten, seine Rechnungsaufgaben vor sich auf
+den Tisch zu schreiben. Erst starrte er aber eine Weile auf<span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">[169]</a></span>
+das Wiseli hin, das seinen braunen Strumpf wieder vorgenommen
+hatte, aber sehr hilflos dasa&szlig;, denn es konnte
+keine Masche sehen in seinem Winkel, und zum Tisch zu
+sitzen, auf dem die tr&uuml;be &Ouml;llampe stand, wagte es nicht.</p>
+
+<p>&raquo;Du wirst auch etwas tun k&ouml;nnen&laquo;, rief auf einmal
+Ch&auml;ppi erbost zu ihm hin&uuml;ber, &raquo;du bist nicht das Geschickteste
+in der Schule.&laquo; Wiseli wu&szlig;te nicht, was sagen, es war
+ja gar nicht in der Schule gewesen heute, und es wu&szlig;te
+nicht, was zu tun war, es war ja &uuml;berhaupt ganz aus
+aller Ordnung und Fassung. &raquo;Wenn ich rechnen mu&szlig;, so
+mu&szlig;t du auch, oder dann tu&#8217; ich&#8217;s auch nicht&laquo;, rief der
+Ch&auml;ppi wieder. Wiseli hielt sich m&auml;uschenstill. &raquo;So, dann
+ist&#8217;s recht&laquo;, fuhr Ch&auml;ppi l&auml;rmend fort, &raquo;so tu&#8217; ich keinen
+Strich mehr an der Arbeit.&laquo; Damit warf er seinen Griffel
+weg. &raquo;So, so, dann tu&#8217; ich auch nichts&laquo;, rief der Hans
+aus und steckte ganz erleichtert sein Einmaleins wieder in
+den Schulsack, denn das Lernen war ihm das Bitterste,
+das er kannte. &#8211; &raquo;Ich will es schon dem Lehrer sagen,
+wer an allem schuld ist&laquo;, fing Ch&auml;ppi wieder an, &raquo;du
+kannst dann nur sehen, wie es dir geht.&laquo; So h&auml;tte Ch&auml;ppi
+wohl noch eine Zeitlang seinem b&ouml;sen Wesen Luft gemacht,
+wenn nicht der Vater schon aus dem Stall zur&uuml;ckgekommen
+w&auml;re. Er trug zwei gro&szlig;e, leere Futters&auml;cke auf der Achsel
+herein und kam damit auf den Tisch zugeschritten. &raquo;Mach
+Platz&laquo;, sagte er zu Ch&auml;ppi, der beide Ellbogen auf den
+Tisch gestemmt hielt und den Kopf darauf. Dann breitete
+er die S&auml;cke aus, faltete sie zusammen, noch einmal und
+noch einmal; dann ging er nach der Ofenbank und legte
+das Paket darauf hin. &raquo;So&laquo;, sagte er befriedigt, &raquo;das
+ist gut! Und wo hast dein B&uuml;ndelchen, Kleines?&laquo; Wiseli
+holte es aus einer Ecke hervor, wo es bis jetzt gelegen hatte,<span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">[170]</a></span>
+und schaute mit Erstaunen zu, wie der Vetter-G&ouml;tti das
+B&uuml;ndelchen am oberen Ende des Pakets auf die Ofenbank
+hin dr&uuml;ckte, da&szlig; es nicht so ganz kugelrund bleibe.</p>
+
+<p>&raquo;So, da kannst du schlafen&laquo;, sagte er nun, zu Wiseli
+sich umkehrend; &raquo;frieren mu&szlig;t du nicht, der Ofen ist hei&szlig;,
+und auf das B&uuml;ndelchen kannst du den Kopf legen, so liegst
+du wie im Bett. Und mit euch dreien ist&#8217;s auch Zeit
+ins Bett, hurtig!&laquo; Damit nahm er die &Ouml;llampe vom
+Tisch und ging der K&uuml;che zu, die drei Buben stampften
+hinter ihm her. Bei der T&uuml;r kehrte er sich noch einmal
+um und sagte: &raquo;So schlaf wohl. Mu&szlig;t nicht mehr nachsinnen
+heut&#8217;, denn es kommt dann schon besser.&laquo; Dann
+ging er hinaus. Nun kam die Base noch einmal herein
+mit einem &Ouml;ll&auml;mpchen in der Hand und beschaute sich das
+Lager. &raquo;Kannst du liegen da?&laquo; fragte sie. &raquo;Du hast es
+ja warm hier am Ofen, manches hat kein Bett und mu&szlig;
+dazu erst noch frieren; es kann dir auch noch so gehen,
+sei du nur froh, da&szlig; du einstweilen unter einem guten Dach
+bist. Gute Nacht!&laquo; &#8211; &raquo;Gute Nacht!&laquo; sagte Wiseli leise
+zur&uuml;ck; die Base hatte es aber jedenfalls nicht geh&ouml;rt, denn
+sie war schon halb drau&szlig;en, als sie gute Nacht w&uuml;nschte,
+und hatte die T&uuml;r gleich hinter sich zugemacht. Jetzt sa&szlig;
+Wiseli da in der dunkeln Stube, alles war auf einmal
+ganz still ringsum, es h&ouml;rte keinen Ton mehr. Der Mond
+schien ein wenig durch das eine Fenster herein, so da&szlig; Wiseli
+wieder erkennen konnte, wo die Ofenbank war, darauf es
+schlafen sollte. Es ging nun gleich dahin und setzte sich
+auf sein Lager. Zum ersten Male heute, seit es die Mutter
+verlassen hatte, war es nun allein und konnte sich besinnen,
+was mit ihm war. Die ganze Zeit bis jetzt war es in
+einer steten Spannung gewesen, denn alles hatte ihm Angst<span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">[171]</a></span>
+und Furcht eingefl&ouml;&szlig;t, was es gesehen und geh&ouml;rt hatte, seit
+es von der Mutter weg war, und noch hatte es gar nicht
+weiter gedacht, nur von einem Augenblick auf den anderen
+sich gef&uuml;rchtet. Nun sa&szlig; es da, zum ersten Male in seinem
+Leben ohne die Mutter, und ganz klar und deutlich kam ihm
+nun der Gedanke, da&szlig; es sie gar nie mehr sehen werde,
+da&szlig; es gar nie mehr mit ihr reden und sie h&ouml;ren k&ouml;nnte.
+Jetzt kam auf einmal ein solches Gef&uuml;hl der Verlassenheit
+&uuml;ber das Wiseli, da&szlig; es ihm gerade vorkam, als sei es
+mutterseelenallein und verloren auf der Welt, und gar kein
+Mensch k&uuml;mmere sich mehr um es, und so m&uuml;sse es nun
+ganz allein und im Dunkeln bleiben und umkommen. Und
+&uuml;ber das Wiseli kam ein solches Elend, da&szlig; es den Kopf
+auf sein B&uuml;ndelchen dr&uuml;ckte und ganz bitterlich zu weinen
+anfing und trostlos einmal &uuml;ber das andere sagte: &raquo;Mutter,
+kannst du mich nicht h&ouml;ren? Mutter, h&ouml;rst du mich nicht?&laquo;
+Aber die Mutter hatte dem Wiseli oft gesagt, wenn es
+einem Menschen schlimm gehe und er leiden m&uuml;sse, dann
+sei er froh, da&szlig; er zum lieben Gott im Himmel schreien
+k&ouml;nne, der h&ouml;re ihn immer an und wolle ihm gern helfen,
+wenn gar keine Menschen ihm mehr zuh&ouml;ren wollen oder
+helfen k&ouml;nnen. Das kam dem Wiseli in den Sinn, und
+auf einmal sa&szlig; es wieder auf und schluchzte laut: &raquo;Ach,
+lieber Gott im Himmel, hilf mir auch. Es ist mir so
+angst, und die Mutter h&ouml;rt mich nicht mehr!&laquo; Und so
+betete es zwei- oder dreimal, und dann wurde es ein wenig
+stiller und ruhiger; es gab ihm einen Trost ins Herz, nun
+es f&uuml;hlte, da&szlig; doch der liebe Gott im Himmel noch da sei,
+zu dem es eben gerufen hatte, so war es doch nicht ganz,
+ganz allein. Jetzt stiegen ihm auch die Worte auf, die
+ihm die Mutter ganz zuletzt noch gesagt hatte: &raquo;Wenn du<span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">[172]</a></span>
+einmal keinen Weg mehr vor dir siehst und es dir ganz
+schwer wird&laquo; &#8211; so war es jetzt schon gekommen, und
+doch hatte es noch nicht gewu&szlig;t, wie das kommen konnte,
+als die Mutter so sagte&nbsp;&#8211;, dann, hatte sie gesagt, solle
+es daran denken, wie es hei&szlig;e in seinem Liede:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Er wird auch Wege finden,<br /></span>
+<span class="i0">Da dein Fu&szlig; gehen kann.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Jetzt verstand auch Wiseli mit einem Male, was die
+Worte bedeuteten, die es vorher nur so hingesagt hatte,
+denn es war noch nie in der Angst gewesen. Aber jetzt
+war es ja geradeso, da&szlig; es gar keinen Weg mehr vor sich
+sah und dachte, mit ihm sei es ganz aus, denn vor ihm
+stand gar nichts mehr als ein gro&szlig;er Schrecken vor jedem
+Augenblick in des Vetter-G&ouml;ttis Haus. Es kam aber jetzt
+ein rechter Trost in sein Herz, wie es wieder und wieder
+so sagte:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Er wird auch Wege finden,<br /></span>
+<span class="i0">Da dein Fu&szlig; gehen kann.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>So hatte Wiseli noch gar nie empfunden, was es sei,
+einen lieben Gott im Himmel zu haben, zu dem man
+rufen kann, wenn man sonst von gar niemandem mehr
+geh&ouml;rt wird; gar nie bis jetzt hatte es gewu&szlig;t, wie wohl
+das tun kann. Es faltete jetzt ganz still seine H&auml;nde und
+fing sein Lied von vorn an, denn es wollte so gern noch
+etwas mehr vor dem lieben Gott sagen und zu ihm hinauf
+beten; es sagte auch jedes Wort mit seinem ganzen Herzen,
+wie nie vorher:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i1">&raquo;Befiehl du deine Wege,<br /></span>
+<span class="i0">Und was dein Herze kr&auml;nkt,<br /></span>
+<span class="i0">Der allertreusten Pflege<br /></span>
+<span class="i0">Des, der den Himmel lenkt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">[173]</a></span>
+<span class="i1">Der Wolken, Luft und Winden<br /></span>
+<span class="i0">Gibt Wege, Lauf und Bahn,<br /></span>
+<span class="i0">Der wird auch Wege finden,<br /></span>
+<span class="i0">Da dein Fu&szlig; gehen kann.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Es war eine beruhigende Zuversicht in des Kindes Herz
+gefallen; nachdem es mit Vertrauen die letzten Worte noch
+einmal gesagt hatte, legte es seinen Kopf wieder auf das
+B&uuml;ndelchen und schlief augenblicklich ein.</p>
+
+<p>Jetzt tr&auml;umte es dem Wiseli, es sehe einen sch&ouml;nen,
+wei&szlig;en Weg vor sich, ganz trocken und hell von der Sonne
+beschienen, der ging zwischen lauter roten Nelken und Rosen
+durch, und war so lockend anzusehn, da&szlig; man gleich h&auml;tte
+darauf h&uuml;pfen und springen m&ouml;gen. Und neben dem Wiseli
+stand seine Mutter und hielt es liebevoll bei der Hand,
+wie immer, und dabei zeigte sie auf den Weg hin und sagte:
+&raquo;Sieh, Wiseli, das ist dein Weg! Habe ich nicht zu dir
+gesagt:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&#8250;Er wird auch Wege finden,<br /></span>
+<span class="i0">Da dein Fu&szlig; gehen kann&#8249;?&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Und das Wiseli war sehr gl&uuml;cklich in seinem Traume,
+und auf seinem B&uuml;ndelchen schlief es so gut, als l&auml;ge es
+in einem weichen Bette.</p>
+
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<h2>F&uuml;nftes Kapitel.</h2>
+
+<h3>Wie es weiter geht und Sommer wird.</h3>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+<p>Als die alte Trine mit dem Bericht auf die Halde
+zur&uuml;ckkam, da&szlig; Wiselis Mutter gestorben und das Kind<span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">[174]</a></span>
+soeben von seinem Vetter-G&ouml;tti geholt worden sei, entstand
+ein gro&szlig;er Aufruhr im Hause. Die Mutter konnte sich
+des Klagens und Jammerns nicht erwehren dar&uuml;ber, da&szlig;
+sie den Besuch bei der Kranken nicht mehr gemacht hatte,
+den sie zu machen sich schon seit einigen Tagen bestimmt
+vorgenommen; aber sie hatte keine Ahnung gehabt, da&szlig; das
+Ende der armen Frau so nahe sein konnte; sie war sehr
+betr&uuml;bt und ergriffen.</p>
+
+<p>Derweilen lief Otto mit ungeheuren Schritten der Aufregung
+das Zimmer auf und nieder und rief zornentbrannt
+einmal ums andere aus: &raquo;Es ist eine Ungerechtigkeit! Es
+ist eine Ungerechtigkeit! Aber wenn er ihm etwas zuleide
+tut, dann kann er nachher nur seine Rippen z&auml;hlen, wie
+manche davon noch ganz ist!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wen meinst du denn eigentlich, Otto, von wem sprichst
+du?&laquo; unterbrach die Mutter den eifernden Sohn.</p>
+
+<p>&raquo;Vom Ch&auml;ppi&laquo;, erwiderte er; &raquo;was kann er dem
+Wiseli alles tun, wenn es mit ihm zusammenwohnen
+mu&szlig;! Das ist eine Ungerechtigkeit! Aber er soll es nur
+probieren&nbsp;&#8211;.&laquo; Hier wurde Otto wieder unterbrochen,
+indem ein wiederholtes, heftiges Stampfen seine Stimme
+&uuml;bert&ouml;nte.</p>
+
+<p>&raquo;Was machst du f&uuml;r ein hirnersch&uuml;tterndes Gerumpel,
+du Miez hinter dem Ofen!&laquo; rief er aus, indem er seine
+Aufregung nun nach dieser Seite wandte. Miezchen kam
+hinter dem Ofen hervor und stampfte noch einmal mit
+gro&szlig;er Gewalt auf den Boden, denn es war bem&uuml;ht, seine
+F&uuml;&szlig;e wieder in die v&ouml;llig nassen Stiefel hineinzuzwingen,
+welche ihm die alte Trine vor kurzer Zeit mit der gr&ouml;&szlig;ten
+M&uuml;he ausgezogen hatte. Die Arbeit war sehr schwierig, und
+feuerrot von Anstrengung keuchte Miezchen hervor: &raquo;Du<span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">[175]</a></span>
+kannst sehen, da&szlig; ich so tun mu&szlig;; kein Mensch kann in
+diese Stiefel hineinkommen ohne Stampfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und warum m&uuml;ssen denn die Stiefel wieder an die
+F&uuml;&szlig;e, da ich sie gerade eben weggenommen habe, damit
+sie nicht mehr dran seien? m&ouml;chte ich wissen&laquo;, sagte die
+Trine, die noch im Zimmer stand.</p>
+
+<p>&raquo;Ich gehe nach dem Buchenraine und hole auf der
+Stelle das Wiseli zu uns, es kann mein Bett haben&laquo;, erkl&auml;rte
+das Miezchen entschlossen. Ebenso entschlossen kam
+jetzt die alte Trine auf das Miezchen zugeschritten, hob es
+in die H&ouml;he, setzte es fest auf einen Stuhl und zog mit
+einem Ruck den halb angezw&auml;ngten Stiefel wieder weg, fand
+aber doch f&uuml;r gut, das zappelnde Kind zu beschwichtigen,
+indem sie zustimmend sagte: &raquo;Schon recht! Schon recht!
+Aber ich will&#8217;s schon f&uuml;r dich besorgen, du brauchst nicht
+zwei Paar Str&uuml;mpfe und zwei Paar Schuhe daf&uuml;r durchzumachen.
+Dein Bett kannst du schon geben, du kannst
+dann nur in die Rumpelkammer hinaufziehen zum
+Schlafen, da ist Platz genug.&laquo; Aber das Miezchen hatte
+ganz andere Gedanken. Es hatte aufgefunden, da&szlig; es sich
+pl&ouml;tzlich von einem gro&szlig;en und t&auml;glich wiederkehrenden
+Ungemach befreien k&ouml;nne, und hatte fest im Sinne, es zu
+tun. Jeden Abend n&auml;mlich, gerade wenn Miezchen im
+besten Zuge der Unterhaltung war, erscholl auf einmal
+der Befehl, aufzupacken und ins Bett zu gehen. Hierauf
+erfolgten jedesmal gro&szlig;e innere, h&auml;ufig auch &auml;u&szlig;ere K&auml;mpfe,
+die waren peinlich und dazu noch nutzlos. Wenn es nun
+sein Bett an das Wiseli verschenkt hatte, so war mit
+einem Male allem abgeholfen, denn da war keins mehr
+vorhanden, und Miezchen konnte f&uuml;r immer aufbleiben.
+Diese Aussicht begl&uuml;ckte das Miezchen so sehr, da&szlig; alle seine<span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">[176]</a></span>
+Gedanken darauf gerichtet waren und es erst gar nicht
+bemerkte, wie die schlaue Trine nur darauf bedacht war,
+ohne Kampf der nassen Stiefel habhaft zu werden, ihr
+aber gar nicht einfiel, das Wiseli zu holen. Als sie nun
+befriedigt mit ihren Stiefeln davonging und Miezchen die
+T&auml;uschung entdeckte, fing es einen so m&ouml;rderlichen L&auml;rm
+an, da&szlig; Otto sich beide Ohren zuhalten und die Mutter
+ernstlich einschreiten mu&szlig;te. Sie versprach dann dem Miezchen,
+die Sache mit dem Papa besprechen zu wollen, sobald
+er erst wieder zu Hause sein w&uuml;rde, denn er war an dem
+Morgen dieses Tages mit Onkel Max abgereist, um einen
+lange verabredeten Besuch bei einem alten Freund zu machen.
+So wurde denn endlich die Ruhe und der Friede im Hause
+wiederhergestellt. Erst nach vier Tagen kamen die Herren
+von ihrem Ausfluge zur&uuml;ck, und die Mutter hielt Wort: das
+erste, was sie mit dem Vater besprach noch am Abend
+seiner Ankunft, war Wiselis Verwaistsein und sein neues
+Unterkommen, und es wurde gleich beschlossen, der Vater
+sollte am folgenden Tag hingehen, um sich mit dem Herrn
+Pfarrer zu beraten, was etwa f&uuml;r Wiseli getan werden
+k&ouml;nnte. Dies wurde denn ausgef&uuml;hrt, und der Oberst
+brachte die Nachricht, da&szlig; am vergangenen Sonntag, zwei
+Tage vorher, der Gemeindevorstand die Sache schon geordnet
+hatte, wie sie nun bleiben w&uuml;rde. Wiseli sollte ein
+Unterkommen haben, und da seine Mutter nichts hinterlassen
+hatte, mu&szlig;te die Gemeinde f&uuml;r das Kind sorgen,
+bis es selbst sein Brot verdienen konnte. Nun hatte der
+Vetter-G&ouml;tti sich gleich angeboten, das Kind um ein weniges
+bei sich zu behalten, da er einen Akt der Wohlt&auml;tigkeit an
+ihm auszu&uuml;ben gedachte. Er war als ein rechtschaffener
+Mensch bekannt, und da seine Forderung so billig war, wurde<span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">[177]</a></span>
+ihm von dem Vorstand das Kind sehr bereitwillig zuerkannt,
+und so war es denn fest und unab&auml;nderlich, da&szlig; Wiselis
+neue Heimat das Haus des Vetter-G&ouml;tti geworden war.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist eigentlich gut so&laquo;, sagte der Oberst zu seiner
+Frau; &raquo;das Kind ist wohlversorgt da; was h&auml;tte man
+auch mit ihm machen wollen, es ist ja noch viel zu klein,
+um irgendwo angestellt zu werden, und alle elternlosen Kinder
+kannst du doch nicht ins Haus nehmen, du m&uuml;&szlig;test denn
+ein Waisenhaus gr&uuml;nden.&laquo; Seine Frau war ein wenig
+best&uuml;rzt &uuml;ber die Nachricht, da&szlig; schon alles festgesetzt sei;
+sie hatte gehofft, es w&uuml;rde sich noch ein anderes Unterkommen
+f&uuml;r das Kind finden, denn das zarte Wiseli in dem
+Hause zu wissen, wo es viel Roheit h&ouml;ren und f&uuml;hlen
+mu&szlig;te, tat ihr sehr leid; doch h&auml;tte auch sie keinen bestimmten
+Rat gewu&szlig;t, und nun war auch weiter nichts
+mehr zu tun, als die Sache anzunehmen und sich etwa
+nach dem Kinde umzusehen. Als am Morgen darauf Otto
+und Miezchen h&ouml;rten, wie es mit Wiseli stehe, da brach
+freilich noch einmal ein Sturm los; Otto erkl&auml;rte Wiselis Versorgung
+f&uuml;r die Versorgung eines Daniel in der L&ouml;wengrube
+und probierte dabei seine Faust auf dem Tisch, offenbar mit
+dem heimlichen Wunsch, sie so auf Ch&auml;ppis R&uuml;cken wirken
+zu lassen. Das Miezchen l&auml;rmte und heulte ein wenig,
+teils aus Mitleid f&uuml;r Wiseli, teils aus Teilnahme f&uuml;r sich
+selbst und seine vereitelten Hoffnungen auf ein gl&uuml;ckliches
+Entrinnen aus der t&auml;glichen Betthaft. Aber auch diese Aufregung
+ging vor&uuml;ber wie jede andere, und die Tage gingen
+wieder ihren gewohnten Gang.</p>
+
+<p>Unterdessen hatte Wiseli nach und nach sich ein wenig
+eingelebt in dem Hause des Vetter-G&ouml;tti. Sein Bett war
+angekommen, es schlief nicht mehr auf der Ofenbank, sondern,<span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">[178]</a></span>
+wie der Vetter gesagt hatte, in einem Verschlag in
+dem schmalen Gang zwischen der Kammer des Vetters
+und der Base und derjenigen der Buben. In dem Verschlag
+hatte gerade sein Bett Platz und eine kleine Kiste,
+worin seine Kleider lagen und auf welche es steigen mu&szlig;te,
+um in sein Bett zu kommen, denn da war sonst gar kein
+Raum mehr. Sich zu waschen am Morgen, mu&szlig;te es an
+den Brunnen gehen, und wenn es etwa gar kalt war, so
+sagte die Base, das k&ouml;nne es bleiben lassen und sich dann
+an einem anderen Tag waschen, wenn es w&auml;rmer sei. Aber
+daran war Wiseli nicht gew&ouml;hnt; seine Mutter hatte es gelehrt,
+sich recht sauber zu halten, und Wiseli wollte lieber
+frieren, als so aussehen, wie es die Mutter ungern sehen
+w&uuml;rde. Freilich daheim war es anders gewesen, wenn es
+am Morgen bei der Mutter in der Stube sich hatte fertig
+machen k&ouml;nnen, und sie dabei immer so freundliche Worte
+zu ihm geredet hatte und dann den Kaffee auf den Tisch
+stellte und sie beide nebeneinander sa&szlig;en, und es fr&ouml;hlich
+seine Brocken a&szlig;, ehe es zur Schule mu&szlig;te. Das war jetzt
+ganz anders, und alles war so anders, sein ganzes Leben
+vom Morgen bis am Abend so anders, da&szlig; oft, oft beim
+Erinnern an die Mutter und an die Tage, die es bei ihr
+gehabt, dem Wiseli das Wasser in die Augen scho&szlig;, und es
+ihm so das Herz zusammenschn&uuml;rte, da&szlig; es meinte, es
+k&ouml;nne nicht mehr weiter. Aber es wehrte sich tapfer, denn
+der Vetter-G&ouml;tti hatte es ungern, wenn es weinte oder
+traurig war, und die Base schm&auml;lte dann mehr als je, sie
+konnte es gar nicht leiden. Am liebsten war Wiseli der
+Augenblick, da es von allen weg allein in seinen Verschlag
+steigen und so recht an die Mutter denken und sein Lied
+sagen konnte. Da kam ein gro&szlig;er Trost in sein Herz.<span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">[179]</a></span>
+Es dachte dann an seinen sch&ouml;nen Traum und war ganz
+sicher, da&szlig; der liebe Gott ihm einen Weg suche, so wie
+ihn die Mutter gezeigt hatte. Wenn ihm dann auch etwa
+in den Sinn kam, wie viele Menschen es auf der Welt
+gibt, f&uuml;r die der liebe Gott zu sorgen und Wege bereit zu
+machen hat, und ihm dann etwa der Zweifel aufstieg, ob
+er es vielleicht vergesse &uuml;ber all&#8217; den vielen, dann kam ihm
+gleich der gute Trost ins Herz, da&szlig; ja die Mutter droben
+im Himmel sei und gewi&szlig; den lieben Gott daran erinnere,
+da&szlig; er auch seinen Weg nicht vergesse. Das machte das
+Wiseli dann ganz zuversichtlich und froh, und es wurde
+nie mehr so ungl&uuml;cklich, wie am ersten Abend auf der Ofenbank,
+sondern jeden Abend schlief es mit der ganz frohen
+Zuversicht im Herzen ein:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Er wird auch Wege finden,<br /></span>
+<span class="i0">Da dein Fu&szlig; gehen kann.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>So verging der Winter und der sonnige Fr&uuml;hling kam.
+Die B&auml;ume wurden gr&uuml;n und alle Wiesen standen voller
+Schl&uuml;sselblumen und wei&szlig;er Anemonen, und im Wald rief
+lustig der Kuckuck, und sch&ouml;ne, warme L&uuml;fte zogen durch das
+Land und machten alle Herzen fr&ouml;hlich, so da&szlig; jeder wieder
+gern leben mochte.</p>
+
+<p>Auch Wiselis Herz erfreuten die Blumen und der Sonnenschein,
+wenn es am Morgen in die Schule ging und
+nachher wieder nach dem Buchenrain zur&uuml;ckkehrte. Sonst
+blieb ihm keine Zeit, sich daran zu erfreuen, denn es mu&szlig;te
+nun streng arbeiten: jeder Augenblick, der neben der Schule
+&uuml;brig blieb, mu&szlig;te zu irgendeiner Arbeit benutzt werden, und
+manchen halben Tag der Woche mu&szlig;te es daheim bleiben
+und durfte gar nicht zur Schule gehen, weil da viel N&ouml;tigeres<span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">[180]</a></span>
+zu tun war, wie der Vetter-G&ouml;tti und haupts&auml;chlich die
+Base sagten. Die Fr&uuml;hlingsarbeiten hatten im Felde begonnen
+und im Garten war allerhand zu tun, da mu&szlig;te
+es mithelfen, und wenn die Base drau&szlig;en war, mu&szlig;te es
+kochen und nachher das Geschirr abwaschen, den Trog f&uuml;r
+die Schweinchen zurecht machen und in die Scheune hin&uuml;bertragen.
+Neben alledem mu&szlig;ten die Hemden und Hosen der
+Buben geflickt werden, und noch so vieles war zu tun, da&szlig;
+Wiseli nie wu&szlig;te, wenn es fertig war. Den ganzen Tag
+durch hie&szlig; es an allen Ecken, wo es etwas zu tun gab: &raquo;Das
+kann das Kind machen, es hat ja sonst nichts zu tun&laquo;,
+so da&szlig; es dem Wiseli manchmal ganz schwindelig wurde, weil
+es gar nicht wu&szlig;te, wo anfangen und wie fertig werden. Es
+wu&szlig;te auch wohl, da&szlig;, wenn es damit anfing, da&szlig; es mit
+dem Kartoffelsamen nach dem Acker rannte, wo der Vetter
+schaufelte und danach rief, die Base sicher schm&auml;len w&uuml;rde, da&szlig;
+es nicht zuvor in der K&uuml;che Feuer zum Abendessen gemacht
+hatte, wie sie befohlen, und machte sie zuvor das Feuer an,
+so zankte wieder der Ch&auml;ppi, da&szlig; es nicht zuerst das Loch
+in seinem Wams&auml;rmel hatte flicken k&ouml;nnen, er hatte es ihm
+ja schon lang gesagt, und jedes rief ihm zu: &raquo;Warum machst
+du denn das nicht, du hast ja sonst nichts zu tun!&laquo; So
+war Wiseli ganz froh, wenn es in die Schule gehen konnte,
+da hatte es doch eine Zeitlang Ruhe und wu&szlig;te, was es
+tun mu&szlig;te, und dazu war es auch der Ort, wo es noch
+freundliche Worte bekam, denn jedesmal, wenn die Zeit der
+Pause kam, oder beim Heraustreten aus der Schule, kam
+der Otto zu Wiseli heran und war freundlich mit ihm und
+brachte immer wieder eine Einladung von seiner Mutter,
+da&szlig; es etwa am Sonntagabend zu ihnen komme, sie wollten
+dann allerlei Spiele zusammen machen. Das konnte<span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181">[181]</a></span>
+nun Wiseli nie ausf&uuml;hren, denn am Sonntag mu&szlig;te es
+den Kaffee machen, und die Base erlaubte ihm nicht, fortzugehen
+an dem einzigen Tag, da es ihr etwas helfen
+k&ouml;nne, wie sie sagte. Aber es tat doch dem Wiseli sehr
+wohl, da&szlig; Otto es immer wieder einlud, und nur schon,
+da&szlig; er freundliche Worte zu ihm redete, es h&ouml;rte deren
+sonst von niemand mehr. Noch einen Grund hatte Wiseli,
+warum es gern zur Schule ging; es mu&szlig;te jedesmal an
+dem sauberen G&auml;rtchen vom Schreiner Andres vorbei; da
+schaute es so gern hinein und pa&szlig;te da an der niederen
+Hecke immer und immer wieder die Gelegenheit ab, den
+Schreiner Andres zu sehen, denn es hatte ihm ja noch
+etwas von der Mutter auszurichten, das hatte es gar nicht
+vergessen. Aber in das Haus hineinzugehen, dazu war
+Wiseli zu sch&uuml;chtern, es kannte den Mann auch zu wenig,
+um einen solchen Schritt zu tun, auch hatte es eine eigene
+Art von Scheu vor ihm, weil er so still war und es nur
+immer, wo es ihn noch getroffen, ganz freundlich angesehen,
+aber fast nie etwas, oder nur so ein fl&uuml;chtiges Wort zu
+ihm gesagt hatte. Noch hatte Wiseli nie den Schreiner
+Andres erblicken k&ouml;nnen, wie oft es auch an der Hecke stillgestanden
+und nach ihm ausgeschaut hatte.</p>
+
+<p>Mai und Juni waren vorbei und die langen Sommertage
+waren gekommen, da es auf dem Felde immer mehr
+Arbeit gibt und alle Arbeit so hei&szlig; macht. Das merkte
+auch das Wiseli, wenn es vom Vetter hinausgerufen wurde
+und mit einem gro&szlig;en schweren Rechen das Heu zusammenbringen
+mu&szlig;te, oder mit der breiten h&ouml;lzernen Gabel
+wieder auseinanderwerfen, da&szlig; es an der Sonne trockne.
+Oft mu&szlig;te es so den ganzen Tag drau&szlig;en helfen, und am
+Abend war es dann so m&uuml;de, da&szlig; es seine Arme kaum<span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182">[182]</a></span>
+mehr bewegen konnte. Das h&auml;tte es aber nicht geachtet,
+denn es dachte, das m&uuml;sse so sein; aber wenn es dann
+etwa am Abend einen Augenblick still sa&szlig;, dann rief ihm
+der Ch&auml;ppi gleich zu: &raquo;Du wirst so gut Rechnungen zu
+machen haben, wie ich; du meinst, du m&uuml;ssest nichts tun,
+und in der Schule kannst du ja nie etwas.&laquo; Das tat
+dem Wiseli weh, denn es h&auml;tte gern recht flei&szlig;ig alles gelernt
+und w&auml;re gern regelm&auml;&szlig;ig zur Schule gegangen, damit
+es alles gut begreifen und erlernen k&ouml;nnte, wie viele
+andere, und es wu&szlig;te recht wohl, da&szlig; es fast &uuml;berall zur&uuml;ck
+war. Es mu&szlig;te ja so oft unterbrechen und hatte
+dann gar keinen Zusammenhang, wu&szlig;te auch gar nicht, was
+die Aufgaben f&uuml;r die Schule waren. Wenn es dann so
+ohne Arbeit kam und dazu ungeschickt antwortete und vieles
+gar nicht wu&szlig;te, sch&auml;mte es sich so sehr und besonders,
+wenn der Lehrer ihm dann so vor allen Kindern sagte:
+&raquo;Das h&auml;tte ich von dir nicht erwartet, Wiseli, du warst
+immer am geschicktesten.&laquo; Dann meinte es oft, es m&uuml;sse in
+den Boden hineinkriechen vor Scham, und nachher weinte
+es auf dem ganzen Heimweg. Aber dem Ch&auml;ppi durfte
+es nicht antworten, es wisse ja nicht, was machen, sonst
+schimpfte und l&auml;rmte er so lange, bis die Base hereinkam
+und auf Ch&auml;ppis Anklagen hin dem Wiseli erst recht seine
+Nachl&auml;ssigkeit vorwarf. Dann zerdr&uuml;ckte das Kind manchmal
+seine Tr&auml;nen und erst nachher auf seinem Kissen durfte es
+ihnen den Lauf lassen, und sie kamen dann auch recht hei&szlig;
+und schwer, denn es war ihm so, als h&auml;tten der liebe Gott
+und die Mutter es ganz vergessen und kein Mensch auf der
+Welt k&uuml;mmere sich um sein Leben. In seinem Kummer konnte
+es oft lange sein Trostlied nicht sagen; es kam aber zu keiner
+Ruhe und konnte nie einschlafen, bis es die Worte wieder<span class="pagenum"><a name="Page_183" id="Page_183">[183]</a></span>
+recht zusammengefunden und sie mit Andacht hatte sagen
+k&ouml;nnen, wenn ihm auch die frohe Zuversicht nicht recht im
+Herzen aufgehen wollte. So war das Wiseli auch entschlafen
+an einem sch&ouml;nen Juliabend, und am Morgen darauf
+stand es zaghaft unten am Tisch, als die Buben sich zur
+Schule r&uuml;steten; es wagte nicht, zu fragen, ob es auch gehen
+d&uuml;rfe, denn die Base schien keine Zeit zu einer Antwort
+&uuml;brig zu haben und der Vetter war schon zur T&uuml;r hinausgegangen.</p>
+
+<p>Jetzt liefen die Buben davon. Wiseli schaute ihnen
+nach durch das offene Fenster, wo sie zwischen den hohen
+Wiesenblumen hinsprangen und &uuml;ber ihren K&ouml;pfen die
+wei&szlig;en Schmetterlinge in der Morgensonne umherflogen.
+Die Base hatte eine gro&szlig;e W&auml;sche vorbereitet, mu&szlig;te es
+wohl diese Woche am Waschtrog zubringen? Richtig, sie
+rief schon nach ihm aus der K&uuml;che. Jetzt rief auch der
+Vetter-G&ouml;tti seinen Namen; er stand am Brunnen und
+sah es am Fenster. &raquo;Mach, mach, Wiseli, es ist Zeit, die
+Buben sind ja weit voraus. Das Heu ist drinnen, mach,
+da&szlig; du in die Schule kommst!&laquo;</p>
+
+<p>Das lie&szlig; sich Wiseli nicht zweimal sagen. Wie ein Blitz
+erfa&szlig;te es seinen Schulsack und flog zur T&uuml;r hinaus.</p>
+
+<p>&raquo;Sag dem Lehrer&laquo;, rief der Vetter nach, &raquo;es gebe jetzt
+eine Zeitlang keine Absenzen, er soll&#8217;s nicht so genau
+nehmen, wir haben streng mit dem Heu zu tun gehabt.&laquo;
+Wiseli lief ganz gl&uuml;cklich davon; so mu&szlig;te es denn nicht
+an den Waschtrog hin, es durfte die ganze Woche in die
+Schule gehen. Wie war es so sch&ouml;n ringsum! Von allen
+B&auml;umen pfiffen die V&ouml;gel, und das Gras duftete, und in
+der Sonne leuchteten die roten Margeritli und die gelben
+Glisserli. Wiseli konnte nicht stille stehen, es war keine<span class="pagenum"><a name="Page_184" id="Page_184">[184]</a></span>
+Zeit dazu, aber es f&uuml;hlte wohl, wie sch&ouml;n es war, und lief
+voller Freuden mittendurch.</p>
+
+<p>An demselben Abend, als eben alle Kinder aus der
+dumpfen Schulstube in den sonnigen Abendschein hinausst&uuml;rmen
+wollten, rief der Lehrer ernsthaften Angesichts in
+den Tumult hinein: &raquo;Wer hat die Woche?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Otto, der Otto!&laquo; rief die ganze Schar und
+st&uuml;rmte davon.</p>
+
+<p>&raquo;Otto&laquo;, sagte der Lehrer in ernstem Ton, &raquo;gestern ist
+hier nicht aufger&auml;umt worden. Einmal will ich dir verzeihen;
+aber la&szlig; mich dies nicht zum zweiten Male erfahren,
+sonst m&uuml;&szlig;te die Strafe folgen.&laquo;</p>
+
+<p>Otto schaute einen Augenblick auf all&#8217; die Nu&szlig;schalen
+und Papierfetzen und Apfelschnitze, die am Boden herumlagen
+und sollten aufgelesen sein; dann wandte er eilends
+den Kopf weg und lief ebenfalls zur T&uuml;r hinaus, denn
+der Lehrer war auch schon durch seine T&uuml;r verschwunden.
+Drau&szlig;en stand Otto auf dem sonnigen Platz still und
+schaute in den goldenen Abend hinaus und dachte: &raquo;Jetzt
+k&ouml;nnte ich heimgehen, und dann kriegte ich die Kappe voll
+Kirschen, und dann k&ouml;nnte ich auf dem Braunen ins Feld
+hinausreiten, wenn der Knecht das Heu holt, und nun
+soll ich drinnen auf dem Boden Papierfetzen zusammenlesen?&laquo;
+&#8211; und Otto wurde durch seine Gedanken so aufgeregt,
+da&szlig; er ganz grimmig vor sich hin sagte: &raquo;Ich wollte,
+es k&auml;me gerade jetzt der j&uuml;ngste Tag, und das Schulhaus
+und alles miteinander fl&ouml;ge in tausend St&uuml;cken in die Luft
+hinauf!&laquo; Es blieb aber ringsum still und ruhig und von
+dem alles beendenden Erdbeben waren keine Anzeichen da.
+Da kehrte sich endlich Otto wieder der Schult&uuml;r zu mit
+einem furchtbaren Grimm auf seinem Gesicht, denn er<span class="pagenum"><a name="Page_185" id="Page_185">[185]</a></span>
+wu&szlig;te ja, in den sauren Apfel mu&szlig;te nun gebissen werden,
+oder morgen folgte die erniedrigende Strafe des Festsitzens,
+die wollte er nicht an sich kommen lassen. Er trat ein,
+aber beim ersten Schritt blieb er verwundert stehen: v&ouml;llig
+aufger&auml;umt lag die Schulstube vor ihm, kein Fetzchen und
+kein St&auml;ubchen nirgends mehr zu sehen; die Fenster standen
+offen und lieblich str&ouml;mte die Abendluft in die geputzte
+Stube hinein. In dem Augenblick trat der Lehrer aus
+seiner Stube und schaute verwundert um sich und auf den
+starrenden Otto. Dann ging er zu diesem hin und sagte
+ermunternd: &raquo;Du darfst wirklich dein Werk anstaunen, das
+h&auml;tte ich dir nicht zugetraut. Du bist ein guter Sch&uuml;ler,
+aber im Aufr&auml;umen hast du heute alle &uuml;bertroffen, was
+sonst bei dir nicht der Fall war.&laquo; Damit ging der Lehrer
+fort, und als sich Otto noch mit einem letzten Blick &uuml;berzeugt
+hatte, da&szlig; er die Wirklichkeit vor sich sah, sprang er
+vor Freuden in zwei S&auml;tzen die Treppe hinunter und &uuml;ber
+den Platz weg, st&uuml;rmte die Halde hinauf, und erst als er
+der Mutter das wunderbare Ereignis mitteilte, fing er an
+zu denken, wie es sich wohl so begeben hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Aus Versehen wird wohl keiner f&uuml;r dich aufger&auml;umt
+haben&laquo;, sagte die Mutter; &raquo;hast du etwa einen guten Freund,
+der sich so edelm&uuml;tig f&uuml;r dich aufopfert? Denk doch einmal
+nach, wie es sein k&ouml;nnte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es&laquo;, sagte Miezchen entschieden, das eifrig
+zugeh&ouml;rt hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, wer denn?&laquo; rief Otto, teils neugierig, teils ungl&auml;ubig.</p>
+
+<p>&raquo;Der Mauserhans&laquo;, erkl&auml;rte Miezchen mit voller &Uuml;berzeugung,
+&raquo;weil du ihm einen Apfel gegeben hast vor einem
+Jahr.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_186" id="Page_186">[186]</a></span>&raquo;Ja, oder der Wilhelm Tell, weil ich ihm den seinigen
+nicht genommen habe vor ein paar Jahren. Das w&auml;re
+wohl ebenso wahrscheinlich, du Wunder von einem Miez.&laquo;
+Damit rannte Otto davon, denn jetzt war&#8217;s die h&ouml;chste Zeit,
+wollte er den Ritt ins Heu nicht verlieren.</p>
+
+<p>Unterdessen sprang das Wiseli mit vergn&uuml;gtem Herzen
+den Berg hinunter, vorbei an des Schreiners Andres G&auml;rtchen,
+und tat noch ein paar Spr&uuml;nge, dann machte es
+aber pl&ouml;tzlich Kehrum und tat die letzten Spr&uuml;nge wieder
+zur&uuml;ck, denn es hatte im Vorbeilaufen so sch&ouml;ne, rote
+Nelken offen gesehen in dem Garten, die mu&szlig;te es noch
+einmal ansehen, wenn es schon ein wenig sp&auml;t war; es
+dachte: &raquo;Den Buben komme ich doch nach, die machen erst
+auf allen Wegen noch Kugelschieben.&laquo; Die Nelken leuchteten
+in der Abendsonne so sch&ouml;n und dufteten so herrlich &uuml;ber
+die niedere Hecke her&uuml;ber dem Wiseli zu, da&szlig; es fast nicht
+mehr von der Stelle fort konnte, so wohl gefiel es ihm da.
+Da trat auf einmal der Schreiner Andres aus seiner T&uuml;r
+heraus in das G&auml;rtchen und kam gerade auf das Wiseli
+zu. Er bot ihm die Hand &uuml;ber die Hecke und sagte ganz
+freundlich: &raquo;Willst du eine Nelke, Wiseli?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, gern&laquo;, antwortete es, &raquo;und dann sollte ich Euch
+auch noch etwas ausrichten von der Mutter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von der Mutter?&laquo; fragte der Schreiner Andres im
+h&ouml;chsten Erstaunen und lie&szlig; die Nelken aus der Hand fallen,
+die er eben abgebrochen hatte. Wiseli sprang um die Hecke
+herum und las sie auf; dann sah es zu dem Manne auf,
+der ganz still dastand, und sagte: &raquo;Ja, noch zuallerletzt,
+als die Mutter sonst nichts mehr mochte, hat sie von dem
+sch&ouml;nen Saft getrunken, den Ihr in die K&uuml;che gestellt hattet,
+und er hat ihr so wohlgetan, und dann hatte sie mir aufgetragen,<span class="pagenum"><a name="Page_187" id="Page_187">[187]</a></span>
+ich soll Euch sagen, sie danke Euch vielmal daf&uuml;r
+und auch noch f&uuml;r alles Gute, und sie sagte noch: &#8250;Er hat
+es gut mit mir gemeint.&#8249;&laquo; Jetzt sah Wiseli, wie dem
+Schreiner Andres gro&szlig;e Tr&auml;nen &uuml;ber die Wangen hinunterliefen;
+er wollte etwas sagen, aber es kam nichts heraus.
+Dann dr&uuml;ckte er dem Wiseli stark die Hand, kehrte sich um
+und ging ins Haus hinein.</p>
+
+<p>Das Wiseli stand ganz verwundert da. Kein Mensch
+hatte um seine Mutter geweint, und es selbst hatte nur
+weinen d&uuml;rfen, wenn es niemand sah, denn der Vetter
+wollte ja kein Geschrei, hatte er gesagt, und vor der Base
+durfte es noch weniger weinen. Und nun war auf einmal
+jemand da, dem kamen die Tr&auml;nen, weil es etwas von
+der Mutter gesagt hatte. Dem Wiseli wurde es so zumut&#8217;,
+als w&auml;re der Schreiner Andres sein liebster Freund auf
+der Welt, und es fa&szlig;te eine gro&szlig;e Liebe zu ihm. Jetzt
+rannte es mit seinen Nelken davon und war wie der Blitz
+am Buchenrain angelangt, und das war gut, denn eben sah
+es, wie die beiden Buben dem Haus zuliefen, und es durfte
+um alles nicht nach ihnen daheim ankommen.</p>
+
+<p>An diesem Abend betete Wiseli mit so frohem Herzen,
+da&szlig; es gar nicht begriff, wie es gestern so verzagt hatte
+sein k&ouml;nnen und gar keine Zuversicht und Freude gehabt
+hatte, sein Lied zu sagen. Der liebe Gott hatte es gewi&szlig;
+nicht vergessen, das wollte es nicht mehr denken, heute hatte
+er ihm ja so viel Freude geschickt, und beim Einschlafen
+sah Wiseli noch das gute Gesicht des Schreiners Andres
+vor sich mit den Tr&auml;nen drin.</p>
+
+<p>Am folgenden Tage, es war nun Mittwoch, erlebte
+Otto vollst&auml;ndig dieselbe &uuml;berraschende Tatsache, wie am
+Tage vorher, denn er hatte sich nicht enthalten k&ouml;nnen, mit<span class="pagenum"><a name="Page_188" id="Page_188">[188]</a></span>
+den anderen aus der Schulstube hinauszurennen im ersten
+Augenblick der Befreiung und noch diesen und jenen Sprung
+zu tun. Als er dann mit gedr&uuml;cktem Gem&uuml;te an seine
+Arbeit gehen wollte und die T&uuml;r aufmachte &#8211; siehe, da war
+schon alles getan und die Stube in bester Ordnung. Nun
+fing aber die Sache an, seine Neugierde zu stacheln; auch
+hatte er einen so lebendigen Dank im Herzen f&uuml;r den unbekannten
+Wohlt&auml;ter, da&szlig; es ihn dr&auml;ngte, den auszusprechen.
+Am Donnerstag wollte er aufpassen, wie die Sache zugehe.
+Als nun die Schulstunden zu Ende waren und alles forteilte,
+stand Otto einen Augenblick nachdenklich an seinem
+Platz, er wu&szlig;te nicht recht, wo er am besten dem Wohlt&auml;ter
+aufpassen konnte. Aber mit einem Male fa&szlig;te ihn
+eine Schar r&uuml;stiger Kerle, seine Klassengenossen, an allen
+Ecken an, und die Stimmen riefen durcheinander: &raquo;Komm
+heraus! Heraus mit dir! Wir machen R&auml;uber, du bist der
+Anf&uuml;hrer.&laquo; Otto wehrte sich ein wenig. &raquo;Ich habe ja die
+Woche&laquo;, rief er. &raquo;Ach was&laquo;, scholl es zur&uuml;ck, &raquo;wegen
+einer Viertelstunde. Komm!&laquo; Otto lie&szlig; sich fortrei&szlig;en,
+in der Stille verlie&szlig; er sich schon ein wenig auf seinen unbekannten
+Freund, der ihn vor der Strafe sch&uuml;tzen w&uuml;rde;
+er fand es unbeschreiblich angenehm, ein solche F&uuml;rsorge
+im R&uuml;cken zu haben. Aus der Viertelstunde wurde auch
+mehr als eine Stunde, und Otto w&auml;re verloren gewesen.
+Er keuchte nach der Schulstube, um sein Schicksal zu vernehmen,
+und stie&szlig; dabei die T&uuml;r mit solchem Gepolter
+auf, da&szlig; der Lehrer augenblicklich aus seiner Stube ins
+Lehrzimmer heraustrat. &raquo;Was hast du gewollt, Otto?&laquo;
+fragte der Lehrer. &raquo;Nur noch einmal nachsehen&laquo;, stotterte
+Otto, &raquo;ob auch sicher alles in Ordnung sei.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Musterhaft&laquo;, bemerkte der Lehrer. &raquo;Dein Eifer ist<span class="pagenum"><a name="Page_189" id="Page_189">[189]</a></span>
+l&ouml;blich, aber die T&uuml;ren halb einzuschlagen dabei ist nicht
+notwendig.&laquo; Otto ging sehr wohlgemut von dannen. Am
+Freitag war er entschlossen, den Fleck nicht zu r&auml;umen, bis
+er im klaren war, denn da kam f&uuml;r ihn nur noch der
+Samstagmorgen; da gab es freilich immer noch eine
+Hauptr&auml;umerei. &raquo;Otto&laquo;, rief der Lehrer, als am Freitag
+die Glocke vier Uhr schlug, &raquo;trag mir schnell das Zettelchen
+zum Herrn Pfarrer, er gibt dir Schriften zur&uuml;ck; in f&uuml;nf
+Minuten bist du wieder da zum Aufr&auml;umen.&laquo; Das war
+Otto nicht ganz recht, aber er mu&szlig;te gehen, auch konnte
+er ja gleich wieder da sein. In wenig Spr&uuml;ngen war er
+im Pfarrhaus. Der Herr Pfarrer hatte noch jemandem
+Bescheid zu geben; die Frau Pfarrerin rief Otto in den
+Garten hinaus, er mu&szlig;te ihr berichten, wie es der Mama
+gehe und dem Papa und dem Miezchen und dem Onkel
+Max und den Verwandten in Deutschland, und dann kam
+der Herr Pfarrer, und Otto mu&szlig;te erkl&auml;ren, wie er zu der
+Kommission gekommen war, und was ihm der Lehrer sonst
+noch aufgetragen habe. Endlich hatte dann Otto seine
+Papiere erhalten und pfeilschnell war er dr&uuml;ben, ri&szlig; die
+T&uuml;r der Schulstube auf: &#8211; alles in Ordnung, alles still,
+kein menschliches Wesen zu sehen.</p>
+
+<p>&raquo;Nun habe ich mich die ganze Woche nicht ein einziges
+Mal nach den grausigen Fetzen b&uuml;cken m&uuml;ssen&laquo;, dachte Otto
+befriedigt; &raquo;aber wer hat das Schauerliche nur tun k&ouml;nnen,
+ohne da&szlig; er mu&szlig;te?&laquo; Das wollte er nun um jeden Preis
+wissen.</p>
+
+<p>Am Samstag waren die Schulstunden um elf Uhr zu
+Ende. Otto lie&szlig; alle Kinder hinausgehen, und wie nun
+die Schulstube leer war, da ging er vor die T&uuml;r hinaus,
+schlo&szlig; sie zu und lehnte sich mit dem R&uuml;cken daran; so<span class="pagenum"><a name="Page_190" id="Page_190">[190]</a></span>
+mu&szlig;te er doch gewi&szlig; sehen, ob da jemand hineingehen
+wolle, denn damit wollte er lieber beginnen, als mit der
+schweren Arbeit. Er stand und stand &#8211; es kam niemand.
+Er h&ouml;rte die Uhr halb zw&ouml;lf schlagen &#8211; es kam niemand.
+Auf den Nachmittag stand aber ein Ausflug bevor, es sollte
+fr&uuml;h Mittag gemacht werden heut&#8217;, er sollte so schnell wie
+m&ouml;glich zu Hause sein. Er mu&szlig;te also hinein an die Arbeit,
+es grauste ihm. Er machte die T&uuml;r auf &#8211; da &#8211; Otto
+starrte noch mehr als das erste Mal &#8211; wahrhaftig es
+war so, es war alles getan, sch&ouml;ner als je. Dem Otto
+wurde es ganz eigent&uuml;mlich zumut&#8217;, es schwebte ihm etwas
+wie eine Geistergeschichte vor. Ganz leise, wie nie sonst,
+schlich er zur T&uuml;r hinaus. Gerade in diesem Augenblick
+kam ebenso leise etwas aus des Lehrers K&uuml;che herausgeschlichen,
+und auf einmal stand das Wiseli ganz nahe
+vor ihm; beide fuhren zusammen vor Schrecken, und das
+Wiseli wurde &uuml;ber und &uuml;ber rot, so, als h&auml;tte es der
+Otto auf einem Unrecht erwischt. Jetzt ging diesem ein
+Licht auf.</p>
+
+<p>&raquo;Sicher hast du das f&uuml;r mich gemacht die ganze Woche
+lang, Wiseli&laquo;, rief er aus; &raquo;das tut doch gewi&szlig; sonst kein
+Mensch, wenn er nicht mu&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es hat mich aber so gefreut, es zu tun, wie du gar
+nicht glaubst&laquo;, gab Wiseli zur Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein, das mu&szlig;t du nicht sagen, Wiseli; so etwas
+zu tun, kann keinen Menschen auf der Welt freuen&laquo;, sagte
+Otto &uuml;berzeugt.</p>
+
+<p>&raquo;Doch gewi&szlig;, gewi&szlig;&laquo;, versicherte Wiseli, &raquo;ich habe die
+ganze Zeit lang mich immer auf den Abend gefreut, wenn
+ich es wieder tun durfte, und w&auml;hrend ich aufr&auml;umte,
+habe ich mich erst recht immerzu gefreut, weil ich immer<span class="pagenum"><a name="Page_191" id="Page_191">[191]</a></span>
+gedacht habe: jetzt kommt der Otto und findet alles fertig
+und ist froh.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wie kam es dir denn in den Sinn, da&szlig; du das
+f&uuml;r mich tun wolltest?&laquo; fragte Otto noch immer verwundert.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wu&szlig;te schon, da&szlig; du es nicht gern tust, und ich
+habe schon immer gedacht, wenn ich nur auch einmal dem
+Otto etwas geben k&ouml;nnte, wie du mir den Schlitten, wei&szlig;t
+noch? Aber ich hatte gar nie etwas.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist viel mehr wert, als einen Schlitten leihen,
+was du f&uuml;r mich jetzt getan hast; das will ich dir auch
+nicht vergessen, Wiseli&laquo;, und Otto gab ihm ganz ger&uuml;hrt
+die Hand. Wiselis Augen leuchteten vor Freude wie lange
+nicht mehr. Aber nun wollte Otto noch wissen, wie es
+denn wieder in die Stube hineingekommen sei, da er doch
+gewartet hatte, bis alle Kinder drau&szlig;en waren.</p>
+
+<p>&raquo;O ich bin gar nicht hinausgegangen&laquo;, sagte Wiseli;
+&raquo;ich verbarg mich schnell hinter dem Kasten, ich dachte, du
+gehest schon noch ein wenig hinaus, wie jeden Tag vorher.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wie konntest du immer hinaus, ohne da&szlig; ich dich
+sah?&laquo; wollte Otto noch wissen.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn du am Herumlaufen warst mit den anderen,
+konnte ich schon hinaus, ich horchte schon auf, und gestern
+und heute, wie ich nicht sicher war, ging ich durch des
+Lehrers Stube und fragte die Frau Lehrerin, ob sie etwas
+zu verrichten habe, sie gibt mir manchmal einen Auftrag
+auszurichten, und dann ging ich durch die K&uuml;che fort; gestern
+war ich gerade hinter der K&uuml;chent&uuml;r, als du in die Schulstube
+hineinranntest.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt wu&szlig;te Otto die ganze Geistergeschichte. Er bot dem
+Wiseli noch einmal die Hand. &raquo;Danke, Wiseli&laquo;, sagte er<span class="pagenum"><a name="Page_192" id="Page_192">[192]</a></span>
+herzlich; und dann lief eins da hinaus, das andere dort
+hinaus, und beiden war es ganz wohl zumute.</p>
+
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<h2>Sechstes Kapitel.</h2>
+
+<h3>Das Alte und auch etwas Neues.</h3>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+<p>Der Sommer war vergangen und auch die sch&ouml;nen
+Herbsttage waren wohl zu Ende. Es wurde k&uuml;hl und nebelig
+am Abend, und in den feuchten Wiesen fra&szlig;en die K&uuml;he
+das letzte Gras ab, und hier und da flackerten auf den
+Wiesen kleine Feuer auf, denn die Hirtenbuben brieten
+Kartoffeln da und w&auml;rmten sich die H&auml;nde.</p>
+
+<p>An einem solchen nebelgrauen Abend kam Otto aus
+der Schule heimgerannt und erkl&auml;rte seiner Mutter, er
+m&uuml;sse nachsehen, was das Wiseli mache, denn seit den Herbstferien
+war es noch gar nie in die Schule gekommen, wohl
+acht Tage lang nicht. Otto steckte seine Vesper&auml;pfel zu sich
+und eilte fort. Am Buchenrain angekommen, sah er den
+Rudi vor der Haust&uuml;r am Boden sitzen und von einem
+Haufen Birnen, die neben ihm lagen, eine nach der anderen
+zerbei&szlig;en.</p>
+
+<p>&raquo;Wo ist das Wiseli?&laquo; fragte Otto.</p>
+
+<p>&raquo;Drau&szlig;en&laquo;, war die Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;Wo drau&szlig;en?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auf der Wiese.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auf welcher Wiese?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; nicht&laquo;, und Rudi knackte weiter an seinen
+Birnen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_193" id="Page_193">[193]</a></span>&raquo;Du stirbst einmal nicht am Gescheitsein&laquo;, bemerkte
+Otto und ging aufs Geratewohl die gro&szlig;e Wiese hin, die
+sich vom Haus bis gegen den Wald hinaufzog. Jetzt entdeckte
+er drei schwarze Punkte unter einem Birnbaum und
+ging darauf zu. Richtig, da b&uuml;ckte sich Wiseli, um die
+Birnen zusammenzulesen, dort sa&szlig; der Ch&auml;ppi rittlings auf
+seinem Birnenkratten, und zuhinterst lag der Hans r&uuml;cklings
+&uuml;ber den vollen Korb hin und schaukelte sich so darauf,
+da&szlig; der Korb jeden Augenblick umzust&uuml;rzen drohte. Ch&auml;ppi
+sah ihm zu und lachte bei jedem Rucke.</p>
+
+<p>Als Wiseli den Otto herankommen sah, kam ein ganzer
+Sonnenschein auf sein Gesicht. &raquo;Guten Abend, Wiseli&laquo;,
+rief er von weitem, &raquo;warum bist du so lange nicht in die
+Schule gekommen?&laquo; Wiseli streckte ganz erfreut dem Otto
+die Hand entgegen. &raquo;Wir haben so viel zu tun, darum
+durfte ich nicht kommen&laquo;, sagte es; &raquo;sieh nur, wieviel
+Birnen es gibt! Ich mu&szlig; vom Morgen bis zum Abend
+auflesen, soviel ich nur kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast ja ganz nasse Schuhe und Str&uuml;mpfe&laquo;, bemerkte
+Otto; &raquo;bah, hier ist&#8217;s nicht gem&uuml;tlich, frierst du
+nicht, wenn du so na&szlig; bist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es schaudert mich nur manchmal ein wenig, sonst ist
+es mir eher hei&szlig; vom Auflesen.&laquo; In diesem Augenblick
+gab der Hans seinem Korb einen solchen Ruck, da&szlig; alles
+&uuml;bereinander auf den Boden hinrollte; der Hans, der
+Korb und alle Birnen, die fuhren nach allen Richtungen hin.</p>
+
+<p>&raquo;Oh, oh!&laquo; sagte Wiseli kl&auml;glich, &raquo;nun mu&szlig; man die
+alle wieder zusammenlesen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und die auch&laquo;, rief Ch&auml;ppi und lachte heraus, als
+die Birne, die er geworfen hatte, dem Wiseli an die
+Schl&auml;fe fuhr, da&szlig; es ganz bleich wurde und ihm vor<span class="pagenum"><a name="Page_194" id="Page_194">[194]</a></span>
+Schmerz das Wasser in die Augen kam. Kaum hatte Otto
+das gesehen, als er auf den Ch&auml;ppi losfuhr, ihn samt
+seinem Kratten umwarf und ihn fest im Genick packte.
+&raquo;H&ouml;r auf, ich mu&szlig; ersticken&laquo;, gurgelte der Ch&auml;ppi; jetzt
+lachte er nicht mehr. &#8211; &raquo;Ich will machen, da&szlig; du daran
+denkst, da&szlig; du es mit mir zu tun hast, wenn du so mit
+dem Wiseli verf&auml;hrst&laquo;, rief Otto zorngl&uuml;hend. &raquo;Hast du
+genug? Willst du daran denken?&laquo; &#8211; &raquo;Ja, ja, la&szlig; nur
+los!&laquo; bat Ch&auml;ppi, m&uuml;rbe gemacht. Nun lie&szlig; Otto los.
+&raquo;Jetzt hast du&#8217;s gesp&uuml;rt&laquo;, sagte er; &raquo;wenn du dem Wiseli
+noch einmal etwas zuleide tust, so packe ich dich so, da&szlig;
+du noch einen Schrecken hast davon, wenn du siebzig Jahr
+alt bist. Leb wohl, Wiseli.&laquo; Damit kehrte sich Otto um
+und ging mit seinem Zorn nach Hause.</p>
+
+<p>Hier suchte er gleich seine Mutter auf und sch&uuml;ttete
+seine ganze Emp&ouml;rung vor ihr aus, da&szlig; das Wiseli eine
+solche Behandlung erdulden m&uuml;sse. Er war auch ganz
+entschlossen, auf der Stelle zum Herrn Pfarrer zu gehen
+und den Vetter-G&ouml;tti und seine ganze Familie anzuklagen,
+da&szlig; man ihnen das Wiseli entrei&szlig;e. Die Mutter h&ouml;rte
+ruhig zu, bis Otto sich ein wenig abgek&uuml;hlt hatte, dann
+sagte sie:</p>
+
+<p>&raquo;Sieh, lieber Junge, das w&uuml;rde gar nichts n&uuml;tzen, das
+Kind w&uuml;rde man dem Vetter-G&ouml;tti nicht wegnehmen, nur
+ihn reizen, wenn er so etwas h&ouml;rte. Er meint es selbst
+nicht b&ouml;se mit dem Kinde, und es ist kein gen&uuml;gender Grund
+da, ihm Wiseli ganz wegzunehmen. Ich wei&szlig; wohl, da&szlig;
+das arme Kind jetzt ein hartes Brot i&szlig;t, ich habe es
+auch gar nicht vergessen, ich schaue immer danach aus, ob
+mir der liebe Gott nicht einen Weg auftue, da dem Kinde
+in einer gr&uuml;ndlichen Weise k&ouml;nnte geholfen werden; die<span class="pagenum"><a name="Page_195" id="Page_195">[195]</a></span>
+Sache liegt mir auch am Herzen, das kannst du glauben,
+Otto. Wenn du unterdessen das Wiseli sch&uuml;tzen und den
+rohen Ch&auml;ppi ein wenig z&auml;hmen kannst, ohne selbst dabei
+roh zu werden, so bin ich ganz damit einverstanden.&laquo;</p>
+
+<p>Otto beruhigte sich am besten im Gedanken, da&szlig; die
+Mutter doch auch immerfort nach einem anderen Wege f&uuml;r
+das Wiseli ausschaute. Er selber dachte alle m&ouml;glichen
+Rettungswege aus, aber alle f&uuml;hrten in die Luft hinauf
+und hatten keinen Boden, und er sah ein, da&szlig; das Wiseli
+da nicht darauf wandeln konnte, und als er dann zu Weihnachten
+seine W&uuml;nsche aufschreiben durfte, da schrieb er ganz
+desperat mit ungeheuren Buchstaben, so als m&uuml;&szlig;te man sie
+vom Himmel herunter lesen k&ouml;nnen, auf sein Papier: &raquo;Ich
+w&uuml;nsche, da&szlig; das Christkind das Wiseli befreie.&laquo;</p>
+
+<p>Nun war der kalte Januar wieder da und der Schlittweg
+war so pr&auml;chtig glatt und fest, da&szlig; die Kinder gar
+nicht genug bekommen konnten, die herrliche Bahn zu benutzen.
+Es kam auch eben eine helle Mondnacht nach der
+anderen, und Otto hatte auf einmal den Einfall, am allersch&ouml;nsten
+m&uuml;&szlig;te das Schlittenfahren im Mondschein sein,
+die ganze Gesellschaft sollte sich am Abend um sieben Uhr
+zusammenfinden und die Mondscheinfahrten ausf&uuml;hren, denn
+es war der Tag des Vollmonds, da mu&szlig;te es pr&auml;chtig
+werden. Mit Jubel wurde der Vorschlag angenommen
+und die Schlittbahngenossen trennten sich gegen f&uuml;nf Uhr
+wie gew&ouml;hnlich, da die Nacht einbrach, um sich um sieben
+Uhr wieder zusammenzufinden. Weniger Anklang fand der
+Vorschlag bei Ottos Mutter, als er ihr mitgeteilt wurde, und
+sie wurde gar nicht von der Begeisterung hingerissen, mit
+welcher die Kinder beide auf einmal und in den lautesten
+T&ouml;nen ihr das Wundervolle dieser Unternehmung schilderten.<span class="pagenum"><a name="Page_196" id="Page_196">[196]</a></span>
+Sie stellte ihnen die K&auml;lte des sp&auml;ten Abends vor, die Unsicherheit
+der Fahrten bei dem ungewissen Licht und alle Gefahren,
+die besonders das Miezchen bedrohen k&ouml;nnten. Aber
+die Einwendungen entflammten immer mehr den brennenden
+Wunsch, und Miezchen flehte, als hinge seine einzige Lebensfreude
+an dieser Schlittenfahrt; Otto versprach auch hoch
+und teuer, er w&uuml;rde dem Miezchen nichts geschehen lassen,
+sondern immer in seiner n&auml;chsten N&auml;he bleiben. Endlich
+willigte die Mutter ein. Mit gro&szlig;em Jubel und wohlverpackt
+zogen die Kinder ein paar Stunden nachher in die
+helle Nacht hinaus. Es ging alles ganz nach Wunsch, die
+Schlittbahn war unvergleichlich, und das Geheimnisvolle der
+dunkeln Stellen, wo der Mondschein nicht hinfiel, erh&ouml;hte
+den Reiz der Unternehmung. Eine Menge Kinder hatte
+sich eingefunden, alle waren in der fr&ouml;hlichsten Stimmung.
+Otto lie&szlig; sie alle vorausfahren, dann kam er und zuletzt
+mu&szlig;te das Miezchen kommen, damit ihm keiner in den R&uuml;cken
+fahren konnte; so hatte es Otto eingerichtet, er konnte dabei
+auch immer von Zeit zu Zeit mit einem schnellen Blick
+gewahren, ob Miezchen richtig nachkomme. Als nun alles
+so herrlich vonstatten ging, fiel einem der Buben ein,
+nun m&uuml;&szlig;te einmal der ganze Zug &raquo;anh&auml;ngen&laquo;, n&auml;mlich
+ein Schlitten an den anderen gebunden werden und so
+herunterfahren, das m&uuml;&szlig;te im Mondenschein ein ganz besonderes
+Juxst&uuml;ck abgeben. Unter gro&szlig;em L&auml;rm und allgemeiner
+Zustimmung ging man gleich ans Werk. F&uuml;r
+Miezchen fand Otto die Fahrt doch ein wenig gef&auml;hrlich,
+denn manchmal gab es dabei einen gro&szlig;artigen Umsturz
+s&auml;mtlicher Schlitten und Menschen darauf; das konnte er
+f&uuml;r das kleine Wesen nicht riskieren. Er lie&szlig; seinen Schlitten
+zuletzt anbinden, der Miezchens aber wurde freigelassen. So<span class="pagenum"><a name="Page_197" id="Page_197">[197]</a></span>
+fuhr es, wie immer, hinter dem Bruder her, nur konnte
+er jetzt nicht, wie sonst, seinen Schlitten langsamer fahren
+lassen, wenn Miezchen zur&uuml;ckblieb, denn er war in der Gewalt
+des Zuges. Jetzt ging es los, und herrlich und ohne
+Anstand glitt die lange, lange Kette die glatte Bahn
+hinunter.</p>
+
+<p>Mit einem Mal h&ouml;rte Otto ein ganz furchtbares Geschrei,
+und er kannte die Stimme wohl, die es ausstie&szlig;, es war
+Miezchens Stimme. Was war da geschehen? Otto hatte
+keine Wahl, er mu&szlig;te die Lustpartie zu Ende machen, wie
+gro&szlig; auch sein Schrecken war. Aber kaum unten angelangt,
+ri&szlig; er sein Schlittenseil los und rannte den Berg hinan;
+alle anderen hinter ihm drein, denn fast alle hatten das
+Geschrei vernommen und wollten auch sehen, was los war.
+An der halben H&ouml;he des Berges stand das Miezchen neben
+seinem Schlitten und schrie aus allen seinen Kr&auml;ften und
+weinte ganze B&auml;che dazu. Atemlos st&uuml;rzte Otto nun herzu
+und rief: &raquo;Was hast du? Was hast du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hat mich &#8211; er hat mich &#8211; er hat mich&laquo;, schluchzte
+Miezchen und kam nicht weiter vor innerem Aufruhr.</p>
+
+<p>&raquo;Was hat er? Wer denn? Wo? Wer?&laquo; st&uuml;rzte
+Otto heraus.</p>
+
+<p>&raquo;Der Mann dort, der Mann, er hat mich &#8211; er hat
+mich totschlagen wollen und hat mir &#8211; und hat mir &#8211;
+furchtbare Worte nachgerufen.&laquo;</p>
+
+<p>So viel kam endlich heraus unter immer neuem Geschrei.</p>
+
+<p>&raquo;So sei doch nur still jetzt, h&ouml;r&#8217; Miezchen, tu&#8217; doch
+nicht so, er hat dich ja doch nicht totgeschlagen; hat er dich
+denn wirklich geschlagen?&laquo; fragte Otto ganz zahm und teilnehmend,
+denn er hatte Angst.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_198" id="Page_198">[198]</a></span>&raquo;Nein&laquo;, schluchzte Miezchen, neuerdings &uuml;berw&auml;ltigt;
+&raquo;aber er wollte, mit einem Stecken, &#8211; so hat er ihn aufgestreckt
+und hat gesagt: &#8250;Wart du!&#8249; Und ganz furchtbare
+Worte hat er mir nachgerufen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So hat er dir eigentlich gar nichts getan&laquo;, sagte
+Otto und atmete beruhigt auf.</p>
+
+<p>&raquo;Aber er hat ja &#8211; er hat ja &#8211; und ihr wart alle
+schon weit fort, und ich war ganz allein&laquo;, &#8211; und vor
+Mitleid f&uuml;r seinen Zustand und nachwirkendem Schrecken
+brach Miezchen noch einmal in lautes Weinen aus.</p>
+
+<p>&raquo;Bscht! Bscht!&laquo; beschwichtigte Otto; &raquo;sei doch still
+jetzt, ich gehe nun nicht mehr von dir weg, und der Mann
+kommt nicht mehr, und wenn du nun gleich ganz still sein
+willst, so geb&#8217; ich dir den roten Zuckerhahn vom Christbaum,
+wei&szlig;t du?&laquo;</p>
+
+<p>Das wirkte. Mit einem Male trocknete Miezchen seine
+Tr&auml;nen weg und gab keinen Laut mehr von sich, denn
+den gro&szlig;en, roten Zuckerhahn vom Christbaum zu erlangen,
+war Miezchens allergr&ouml;&szlig;ter Wunsch gewesen, er war aber
+bei der Teilung auf Ottos Teil gefallen und Miezchen hatte
+den Verlust nie verschmerzen k&ouml;nnen. Wie nun alles im
+Geleise war und die Kinder den Berg hinanstiegen, wurde
+verhandelt, was es denn f&uuml;r ein Mann k&ouml;nne gewesen
+sein, der das Miezchen habe totschlagen wollen.</p>
+
+<p>&raquo;Ach was, totschlagen&laquo;, rief Otto dazwischen; &raquo;ich
+habe schon lange gemerkt, was es war, wir haben ja im
+Herunterfahren den gro&szlig;en Mann mit dem dicken Stock
+auch angetroffen, er mu&szlig;te unseren Schlitten ausweichen in
+den Schnee hinein, das machte ihn b&ouml;se, und wie er dann
+hintenan das Miezi allein antraf, hat er es ein wenig
+erschreckt und seinen Zorn an ihm ausgelassen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_199" id="Page_199">[199]</a></span>Die Erkl&auml;rung fand allgemeine Zustimmung, das war
+ja so nat&uuml;rlich, da&szlig; jedes meinte, es sei ihm selber so in
+den Sinn gekommen; so ward auch die Sache gleich v&ouml;llig
+vergessen und lustig drauf los geschlittet. Endlich aber
+mu&szlig;te auch dies Vergn&uuml;gen ein Ende nehmen, denn es
+hatte l&auml;ngst acht Uhr geschlagen, die Zeit, da aufgebrochen
+werden sollte. Im Heimweg sch&auml;rfte der Otto dem Miezchen
+ein, zu Hause nichts zu erz&auml;hlen von dem Vorfall, sonst
+k&ouml;nnte die Mutter Angst bekommen, und dann d&uuml;rften sie
+gar nie mehr im Mondschein schlitten gehen: den Zuckerhahn
+m&uuml;sse es gleich haben, aber noch daraufhin versprechen,
+nichts zu erz&auml;hlen. Miezchen versprach hoch und
+teuer, kein Wort sagen <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'za'">zu</ins> wollen; die Spuren seiner
+Tr&auml;nen waren auch l&auml;ngst vergangen und konnten nichts
+mehr verraten.</p>
+
+<p>L&auml;ngst schon schliefen Otto und Miezchen auf ihren Kissen,
+und der rote Zuckerhahn spazierte durch Miezchens Tr&auml;ume
+und erf&uuml;llte sein Herz mit einer so gro&szlig;en Freude, da&szlig; es
+jauchzte im Schlaf. Da klopfte es unten an die Haust&uuml;r
+mit solcher Gewalt, da&szlig; der Oberst und seine Frau vom
+Tisch auffuhren, an dem sie eben in Gem&uuml;tlichkeit gesessen
+und sich &uuml;ber ihre Kinder unterhalten hatten, und die alte
+Trine in strafendem Tone oben zum Fenster hinausrief:
+&raquo;Was ist das f&uuml;r eine Manier!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist ein gro&szlig;es Ungl&uuml;ck begegnet&laquo;, t&ouml;nte es von
+unten herauf; &raquo;der Herr Oberst soll doch herunterkommen,
+sie haben den Schreiner Andres tot gefunden.&laquo;</p>
+
+<p>Damit lief der Bote wieder davon. Der Oberst und
+seine Frau hatten genug geh&ouml;rt, denn auch die hatten sich
+dem offenen Fenster gen&auml;hert. Augenblicklich warf der Oberst
+seinen Mantel um und eilte dem Hause des Schreiners<span class="pagenum"><a name="Page_200" id="Page_200">[200]</a></span>
+zu. Als er in die Stube hineintrat, fand er schon eine
+Menge Leute da; man hatte den Friedensrichter und Gemeindammann
+geholt, und eine Schar Neugieriger und
+Teilnehmender war mit ihnen eingedrungen. Andres lag
+am Boden im Blute und gab kein Lebenszeichen von sich;
+der Oberst n&auml;herte sich.</p>
+
+<p>&raquo;Ist denn jemand nach dem Doktor gelaufen?&laquo; fragte
+er, &raquo;hier mu&szlig; vor allem der Doktor her.&laquo;</p>
+
+<p>Es war niemand dahin gegangen; da sei ja doch nichts
+mehr zu machen, meinten die Leute.</p>
+
+<p>&raquo;Lauf, was du kannst, zum Doktor&laquo;, befahl der Oberst
+einem Burschen, der dastand; &raquo;sag ihm, ich lass&#8217; ihn bitten,
+er soll auf der Stelle kommen.&laquo; Dann half er selbst den
+Andres vom Boden aufheben und in die Kammer hinein
+auf sein Bett legen. Erst jetzt trat der Oberst an die
+schwatzenden Leute heran, um zu h&ouml;ren, wie der Vorfall
+sich zugetragen hatte, ob jemand etwas N&auml;heres wisse. Der
+M&uuml;llerssohn trat vor und erz&auml;hlte, er sei vor einer halben
+Stunde da vorbeigekommen, und da er noch Licht gesehen
+in des Schreiners Stube, habe er im Vorbeiweg schnell
+fragen wollen, ob seine Aussteuersachen auch zur Zeit fertig
+werden. Er habe die T&uuml;r der Stube offen stehend, den
+Andres tot im Blut liegend am Boden gefunden. Der
+Matten-Joggi, der dabeistand, habe ihm lachend ein Goldst&uuml;ck
+entgegengestreckt, wie er hereingetreten sei. Er habe
+dann nach Leuten gerufen, da&szlig; der Gemeindammann auf
+den Platz komme und wer sonst noch dahin geh&ouml;re.</p>
+
+<p>Der Matten-Joggi, der so hie&szlig;, weil er unten in der
+Matte wohnte, war ein v&ouml;llig t&ouml;richter Mensch, der damit
+ern&auml;hrt wurde, da&szlig; ihn die Bauern in den geringen Gesch&auml;ften
+etwa mithelfen lie&szlig;en, wo Steine und Sand<span class="pagenum"><a name="Page_201" id="Page_201">[201]</a></span>
+herumzutragen, Obst aufzulesen, oder im Winter Holzb&uuml;ndelchen
+zu machen waren. Da&szlig; er boshafte Taten ausge&uuml;bt
+h&auml;tte, hatte man bis jetzt nicht geh&ouml;rt. Der M&uuml;llerssohn
+hatte ihm gesagt, er solle da bleiben, bis auch der
+Pr&auml;sident noch da sein werde. So stand Joggi noch immer
+in einer Ecke, hielt seine Faust fest zugeklemmt und lachte
+halblaut. Jetzt trat der Doktor in die Stube und hinter
+ihm her auch noch der Pr&auml;sident. Der Gemeindevorstand
+stellte sich nun mitten in die Stube und beratschlagte. Der
+Doktor ging direkt in die Kammer hinein und der Oberst
+folgte ihm nach. Der Doktor untersuchte genau den unbeweglichen
+K&ouml;rper.</p>
+
+<p>&raquo;Da haben wir&#8217;s&laquo;, rief er auf einmal aus, &raquo;hier auf
+den Hinterkopf ist Andres geschlagen worden, da ist eine
+gro&szlig;e Wunde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber er ist doch nicht tot, Doktor, was sagst du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein, er atmet ganz leise, aber er ist b&ouml;s
+dran.&laquo;</p>
+
+<p>Nun wollte der Doktor allerlei haben, Wasser und
+Schw&auml;mme und Wei&szlig;zeug und noch vieles, und die Leute
+drau&szlig;en liefen alle durcheinander und suchten und rissen
+alles von der Wand und aus dem K&uuml;chenkasten und brachten
+Haufen von Sachen in die Kammer hinein, aber nichts
+von dem, was der Doktor brauchte.</p>
+
+<p>&raquo;Da mu&szlig; eine Frau her, die Verstand hat und wei&szlig;,
+was ein Kranker ist&laquo;, rief der Doktor ungeduldig. Alle
+schrieen durcheinander; aber wenn einer eine wu&szlig;te, so
+rief ein anderer: &raquo;Die kann nicht kommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lauf einer auf die Halde&laquo;, befahl der Oberst, &raquo;meine
+Frau soll mir die Trine herunterschicken!&laquo; Es lief einer
+davon.<span class="pagenum"><a name="Page_202" id="Page_202">[202]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Deine Frau wird dir aber nicht danken&laquo;, sagte der
+Doktor, &raquo;denn ich lasse die Pflegerin drei bis vier Tage
+und N&auml;chte nicht von dem Bett weg.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sei nur unbesorgt&laquo;, entgegnete der Oberst, &raquo;f&uuml;r den
+Andres g&auml;be meine Frau alles her, nicht nur die alte
+Trine.&laquo;</p>
+
+<p>Keuchend und beladen kam die Trine an, viel schneller,
+als man h&auml;tte hoffen k&ouml;nnen, denn sie stand schon lange
+ganz parat mit einem gro&szlig;en Korb am Arm, und die Frau
+Oberst stand neben ihr und lauschte, ob einer gelaufen
+komme. Sie hatte nicht annehmen k&ouml;nnen, da&szlig; der Andres
+wirklich tot sei, und hatte alles ausgedacht, was man
+brauchen k&ouml;nnte, um ihm wieder aufzuhelfen. So hatte sie
+Schwamm und Verbandzeug, Wein und &Ouml;l und warme
+Flanelle in einen Korb gepackt, und Trine hatte nur zu
+rennen, wie der Bote kam. Der Doktor war sehr zufrieden.</p>
+
+<p>&raquo;Alles fort jetzt, gute Nacht, Oberst, und mach, da&szlig;
+die ganze Bande zum Haus hinauskommt!&laquo; rief er und
+schlo&szlig; die T&uuml;r zu, nachdem der Oberst hinausgetreten war.
+Der Gemeinderat war noch am Beratschlagen; da aber
+der Oberst erkl&auml;rte, nun m&uuml;sse gleich alles zum Haus
+hinaus, so fa&szlig;ten die M&auml;nner den Beschlu&szlig;, f&uuml;r einmal
+m&uuml;sse der Joggi eingesperrt werden, dann wollte man weiter
+schreiten. Es mu&szlig;ten also zwei M&auml;nner den Joggi in die
+Mitte nehmen, da&szlig; er nicht fortlaufen k&ouml;nne, und ihn so
+nach dem Armenhaus bringen und in eine Kammer einsperren.
+Der Joggi ging aber ganz willig davon und
+lachte, und von Zeit zu Zeit guckte er vergn&uuml;gt in seine
+Faust hinein.</p>
+
+<p>Gleich am anderen Morgen eilte die Frau Oberst in
+voller Sorge nach dem H&auml;uschen des Andres hinunter. Trine<span class="pagenum"><a name="Page_203" id="Page_203">[203]</a></span>
+kam leise aus der Kammer heraus und brachte die frohe
+Nachricht: Andres sei gegen Morgen schon ein wenig zum
+Bewu&szlig;tsein gekommen. Schon sei auch der Doktor dagewesen
+und habe den Kranken &uuml;ber Erwarten gut getroffen; ihr
+aber habe er recht eingesch&auml;rft, da&szlig; sie keinen Menschen in
+die Kammer hineinlasse, Andres d&uuml;rfe auch noch kein Wort
+reden, wenn er auch wollte, nicht; nur der Doktor und die
+W&auml;rterin sollen vor seine Augen kommen, erkl&auml;rte die Trine
+in gro&szlig;em Amtseifer. Damit war die Frau Oberst ganz
+einverstanden und h&ouml;chst erfreut kehrte sie mit ihren Nachrichten
+nach Hause zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>So vergingen acht Tage. Jeden Morgen ging die
+Oberstin nach dem Hause des Kranken, um genau Bericht
+zu bekommen und zu h&ouml;ren, ob etwas mangele, das dann
+schnell herbeigeschafft werden mu&szlig;te. Otto und Miezchen
+mu&szlig;ten jeden Tag aufs neue bes&auml;nftigt werden, da&szlig; sie
+ihren kranken Freund noch nicht besuchen durften, aber da
+war immer noch keine Erlaubnis vom Doktor. Die
+Trine war noch durchaus unentbehrlich, wurde auch t&auml;glich
+vom Doktor gelobt f&uuml;r ihre sorgf&auml;ltige Pflege. Nach Verflu&szlig;
+der acht Tage schlug der Doktor seinem Freunde, dem
+Oberst, vor, nun einmal den Kranken zu besuchen, zu der
+Zeit, da er selbst dort sein w&uuml;rde, denn jetzt war der
+Augenblick gekommen, da Andres wieder reden durfte, und
+der Doktor wollte ihn in Gegenwart des Obersten dar&uuml;ber
+befragen, was er selbst von dem ungl&uuml;cklichen Vorfall wisse.
+Andres hatte gro&szlig;e Freude, dem Herrn Oberst die Hand
+dr&uuml;cken zu d&uuml;rfen, er hatte ja schon lange bemerkt, woher
+ihm alles Gute und alle Sorgfalt f&uuml;r sein Wiederaufkommen
+kam. Dann besann er sich, so gut er konnte, um die
+Fragen der beiden Herren zu beantworten. Er wu&szlig;te aber<span class="pagenum"><a name="Page_204" id="Page_204">[204]</a></span>
+nur folgendes zu sagen: Er hatte seine Summe beisammen,
+die er j&auml;hrlich dem Herrn Oberst zur Verwahrung brachte;
+diese wollte er noch einmal &uuml;berz&auml;hlen, um seiner Sache
+sicher zu sein. Er hatte am sp&auml;ten Abend sich hingesetzt,
+den R&uuml;cken gegen die Fenster und die T&uuml;r gekehrt. Mitten
+im Z&auml;hlen h&ouml;rte er jemand hereinkommen; eh&#8217; er aber aufgeschaut
+hatte, fiel ein furchtbarer Schlag auf seinen Kopf;
+von da an wu&szlig;te er nichts mehr. &#8211; Also hatte Andres
+eine Summe Geldes auf dem Tisch gehabt; davon war
+aber gar nichts mehr gesehen worden, als das einzige St&uuml;ck
+in Joggis Hand. Wo k&ouml;nnte denn das andere Geld hingekommen
+sein, wenn wirklich Joggi der &Uuml;belt&auml;ter war?
+Als Andres vernahm, wie der Joggi gefunden worden und
+nun eingesperrt sei, wurde er ganz unruhig.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sollen ihn doch gehen lassen, den armen Joggi&laquo;,
+sagte er; &raquo;der tut ja keinem Kinde etwas zuleide, der
+hat mich nicht geschlagen.&laquo;</p>
+
+<p>Andres hatte aber auch auf keinen anderen Menschen
+den leisesten Verdacht. Er habe keine Feinde, sagte er, und
+kenne keinen Menschen, der ihm so etwas h&auml;tte antun
+wollen.</p>
+
+<p>&raquo;Es kann auch ein Fremder gewesen sein&laquo;, bemerkte
+der Doktor, indem er die niedrigen Fenster ansah; &raquo;wenn
+Ihr da beim hellen Licht einen Haufen Geld auf dem Tische
+liegen habt und z&auml;hlt, so kann das von au&szlig;en jeder sehen
+und Lust zum Teilen bekommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es mu&szlig; sein&laquo;, sagte der Andres gelassen, &raquo;ich habe
+nie an so etwas gedacht, es war immer alles offen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist gut, da&szlig; Ihr noch etwas im Trocknen habt,
+Andres&laquo;, bemerkte der Oberst. &raquo;La&szlig;t&#8217;s Euch nicht zu Herzen
+gehen; das beste ist, da&szlig; Ihr wieder gesund werdet.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_205" id="Page_205">[205]</a></span>&raquo;Gewi&szlig;, Herr Oberst&laquo;, erwiderte Andres, ihm die
+Hand sch&uuml;ttelnd, die er zum Abschied hinhielt, &raquo;ich habe nur
+zu danken; der liebe Gott hat mir ja sonst schon viel mehr
+gegeben als ich brauche.&laquo;</p>
+
+<p>Die Herren verlie&szlig;en den friedlichen Andres, und vor
+der T&uuml;r sagte der Doktor: &raquo;Dem ist wohler als dem
+anderen, der ihn zusammenschlagen wollte.&laquo;</p>
+
+<p>Vom Joggi wurde eine traurige Geschichte umhergeboten,
+die alle Buben in der Schule besch&auml;ftigte und in
+gro&szlig;e Teilnahme versetzte. Auch Otto brachte sie nach
+Hause und mu&szlig;te sie jeden Tag ein paarmal wiederholen,
+denn jedesmal, wenn er daran dachte, machte sie ihm aufs
+neue einen gro&szlig;en Eindruck. Als man den Joggi an dem
+Abend lachend ins Armenhaus gebracht hatte, da war er
+aufgefordert worden, sein Goldst&uuml;ck abzugeben an einen seiner
+F&uuml;hrer, den Sohn des Friedensrichters. Joggi aber klemmte
+seine Faust noch besser zusammen und wollte nichts hergeben.
+Aber die beiden waren st&auml;rker als er; sie rissen
+ihm mit Gewalt die Faust auf, und der Friedensrichterssohn,
+der manchen Kratz von dem Joggi erhalten hatte
+w&auml;hrend der Arbeit, sagte, als er das Goldst&uuml;ck endlich in
+H&auml;nden hatte: &raquo;So, jetzt wart nur, Joggi, du wirst schon
+deinen Lohn bekommen. Wart nur, bis sie kommen; sie
+werden dir&#8217;s dann schon zeigen.&laquo;</p>
+
+<p>Da hatte der Joggi angefangen furchtbar zu schreien
+und zu jammern, denn er glaubte, er werde gek&ouml;pft, und
+seither a&szlig; er nicht und trank nicht und st&ouml;hnte und jammerte
+fortw&auml;hrend, denn die Furcht und Angst vor dem K&ouml;pfen
+verfolgte ihn best&auml;ndig. Schon zweimal war der Pr&auml;sident
+und der Gemeindammann bei ihm gewesen und hatten
+ihm gesagt, er solle nur alles sagen, was er getan habe,<span class="pagenum"><a name="Page_206" id="Page_206">[206]</a></span>
+er werde nicht gek&ouml;pft. Er wu&szlig;te nichts zu sagen, als er
+habe beim Andres ins Fenster geschaut, und der sei am
+Boden gelegen; er sei zu ihm hineingegangen und habe ihn
+ein wenig gesto&szlig;en, da sei er tot gewesen. Da habe er
+etwas gl&auml;nzen sehen in einer Ecke und habe es geholt,
+und dann sei der M&uuml;llerssohn gekommen und dann noch
+viele. Hatte der Joggi so viel gesagt, so fing er wieder
+zu st&ouml;hnen an und h&ouml;rte nicht mehr auf.</p>
+
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<h2>Siebentes Kapitel.</h2>
+
+<h3>Wie es dem Kranken und jemandem besser ging.</h3>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+<p>Seit dem Tage, da der Oberst den Andres besucht
+hatte, blieb seine Frau auch nicht mehr drau&szlig;en in der
+Stube, wenn sie kam, um nach dem Kranken zu sehen.
+T&auml;glich ging sie nun zu ihm hinein, setzte sich eine Weile
+lang an sein Bett hin zu einer gem&uuml;tlichen kleinen Unterhaltung
+und freute sich jedesmal &uuml;ber die Fortschritte der
+Genesung. Zweimal schon waren auch Otto und Miezchen
+dagewesen und hatten ihrem Freunde allerlei St&auml;rkungen
+zugetragen, und Andres sagte ganz ger&uuml;hrt zu der Trine:
+wenn selbst ein K&ouml;nig krank w&auml;re, man k&ouml;nnte ihm nicht
+mehr Teilnahme zeigen. Der Doktor war sehr zufrieden
+mit dem Verlaufe der Sache, und als er eben einmal beim
+Herauskommen auf den hereintretenden Oberst traf, sagte
+er zu ihm:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_207" id="Page_207">[207]</a></span>&raquo;Es geht vortrefflich. Deine Frau kann nun ihre
+Trine wieder heimnehmen, die hat gute Dienste geleistet.
+Nur sollte f&uuml;r eine kleine Zeit noch jemand da sein, oder
+etwa herkommen; der arme verlassene Kerl mu&szlig; doch essen
+und hat keine Frau und kein Kind und gar nichts. Vielleicht
+wei&szlig; deine Frau Rat.&laquo;</p>
+
+<p>Der Oberst richtete seinen Auftrag aus, und am folgenden
+Morgen setzte seine Frau bei ihrem Besuch sich zurecht
+am Bette des Andres und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt mu&szlig; ich etwas mit Euch reden, Andres; ist es
+Euch recht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;, gewi&szlig;, mehr als recht&laquo;, erwiderte er und
+st&uuml;tzte seinen Kopf auf den Ellbogen, um recht zuh&ouml;ren zu
+k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will nun die Trine wieder heimkommen lassen,
+weil es so ordentlich geht&laquo;, fing die Oberstin an.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, Frau Oberst, glauben Sie mir&laquo;, fiel der Andres
+ein, &raquo;ich wollte sie jeden Tag heimschicken; ich wei&szlig; ja
+wohl, wie sie Ihnen mangeln mu&szlig;te.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich h&auml;tte sie nicht hereingelassen, wenn sie Euch gefolgt
+h&auml;tte&laquo;, fuhr die Frau Oberst fort; &raquo;aber jetzt ist es
+anders, da der Doktor sie entl&auml;&szlig;t. Er sagte aber, was ich
+auch l&auml;ngst dachte, jemand solltet Ihr haben, wenigstens
+noch f&uuml;r ein paar Wochen, der Euch das Essen bereitet
+oder doch bei mir holt, und f&uuml;r allerlei kleine Hilfsleistungen.
+Ich habe nun gedacht, Andres, wenn Ihr f&uuml;r diese Zeit
+das Wiseli zu Euch nehmen w&uuml;rdet.&laquo;</p>
+
+<p>Kaum hatte der Andres den Namen aussprechen geh&ouml;rt,
+als er von seinem Ellbogen auf und in die H&ouml;he scho&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein, Frau Oberst, nein, sicher nicht&laquo;, rief er
+und wurde ganz rot vor Anstrengung; &raquo;so etwas k&ouml;nnen<span class="pagenum"><a name="Page_208" id="Page_208">[208]</a></span>
+Sie nicht denken. Ich sollte hier drinnen im Bett liegen,
+und drau&szlig;en in der K&uuml;che sollte das schwache Kindlein f&uuml;r
+mich arbeiten! Ach um&#8217;s Himmels willen, wie d&uuml;rfte ich
+noch an seine Mutter unter dem Boden denken, wie w&uuml;rde
+sie mich ansehen, wenn sie so etwas w&uuml;&szlig;te. Nein, nein,
+Frau Oberst, meiner Lebtag nicht, lieber nicht essen, lieber
+nicht mehr aufkommen, als so etwas tun.&laquo;</p>
+
+<p>Die Oberstin hatte ihn ganz ruhig fertig reden lassen;
+jetzt, da er sich auf sein Kissen zur&uuml;cklegte, sagte sie beruhigend:</p>
+
+<p>&raquo;Es ist nicht so schlimm, was ich ausgedacht habe,
+Andres; denkt jetzt nur ruhig ein wenig nach. Ihr wi&szlig;t
+ja, wo das Wiseli versorgt ist. Meint Ihr, es habe dort
+nichts zu tun, oder nur besonders leichte Arbeit? Recht
+t&uuml;chtig mu&szlig; es dran und bekommt so wenig freundliche
+Worte dazu. W&uuml;rdet Ihr ihm etwa auch keine geben?
+Wi&szlig;t Ihr, was Wiselis Mutter tun w&uuml;rde, wenn sie jetzt
+neben uns st&auml;nde? Mit Tr&auml;nen w&uuml;rde sie Euch danken,
+w&uuml;rdet Ihr das Kind jetzt in Euer Haus nehmen, wo es
+gute Tage h&auml;tte, das wei&szlig; ich schon, und Ihr solltet sehen,
+wie gern es die kleinen Dienstleistungen f&uuml;r Euch t&auml;te.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt mu&szlig;te dem Andres auf einmal alles anders vorkommen.
+Er wischte sich die Augen; dann sagte er kleinlaut:</p>
+
+<p>&raquo;Ach, ach! Wie k&ouml;nnte ich aber zu dem Kinde kommen?
+Sie geben es gewi&szlig; nicht weg, und dann m&uuml;&szlig;te man ja
+doch auch wissen, ob es wollte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist jetzt schon gut, k&uuml;mmert Euch nicht weiter,
+Andres&laquo;, sagte die Frau Oberst fr&ouml;hlich und stand von
+ihrem Sessel auf; &raquo;ich will nun selbst sehen, wie&#8217;s geht,
+denn mir liegt die Sache nach allen Seiten hin am Herzen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_209" id="Page_209">[209]</a></span>Damit nahm sie Abschied von Andres; als sie aber
+schon unter der T&uuml;r war, rief er ihr noch einmal &auml;ngstlich
+nach:</p>
+
+<p>&raquo;Aber nur, wenn es will, das Wiseli, nur, wenn es
+will; bitte, Frau Oberst!&laquo;</p>
+
+<p>Sie versprach noch einmal, das Kind sollte nur freiwillig
+erscheinen, oder dann gar nicht, und verlie&szlig; das Haus.
+Sie ging aber nicht den Berg hinan, sondern hinunter,
+dem Buchenrain zu, denn sie wollte sogleich versuchen,
+das Wiseli dahin zu bringen, wo sie es so gern haben
+wollte.</p>
+
+<p>Am Buchenrain angekommen, traf die Frau Oberst
+gerade mit dem Vetter-G&ouml;tti zusammen, wie er ins Haus
+hineintreten wollte. Er begr&uuml;&szlig;te sie, ein wenig erstaunt
+&uuml;ber den Besuch, und sie teilte ihm gleich beim Eintreten
+in die Stube mit, warum sie gekommen sei, und wie sehr
+sie hoffe, keinen Abschlag zu bekommen, denn es liege ihr
+viel daran, da&szlig; das Wiseli die Pflege zu Ende f&uuml;hren
+k&ouml;nne, was es schon zu tun imstande sei. Da die Base
+in der K&uuml;che die Unterhaltung h&ouml;rte, kam sie auch herein
+und war noch erstaunter als ihr Mann, den Besuch vorzufinden.
+Er erkl&auml;rte ihr, warum die Frau Oberst gekommen
+sei, und sie meinte gleich, das sei schon nichts, von
+dem Kinde werde niemand eine besondere Hilfe erwarten.
+Da sagte aber der Mann: was recht sei, m&uuml;sse man gelten
+lassen; das Wiseli k&ouml;nne helfen, wo es sei, es sei anstellig
+bei allen Gesch&auml;ften; er w&uuml;rde das Kind nicht einmal gern
+fort lassen, es sei folgsam und gelehrig. So f&uuml;r vierzehn
+Tage wollte er nichts dawider haben, da&szlig; es den Andres
+ein wenig verpflege; bis dahin werde er wohl wieder auf
+sein, da&szlig; es heim k&ouml;nne, denn l&auml;nger k&ouml;nnte es dann nicht<span class="pagenum"><a name="Page_210" id="Page_210">[210]</a></span>
+fort sein, dann kommen schon so allerhand Gesch&auml;fte, die
+ihm zukommen, denn da m&uuml;sse man schon f&uuml;r den Fr&uuml;hling
+r&uuml;sten.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja&laquo;, setzte jetzt die Frau ein, &raquo;es kommt mir nicht
+in den Sinn, immer wieder von vorn mit ihm anzufangen;
+jetzt habe ich ihm alles mit M&uuml;he gezeigt, das kann es
+nun anwenden; der Andres soll nur selber eins anziehen,
+wenn er eins braucht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, wegen vierzehn Tagen&laquo;, sagte der Mann beschwichtigend,
+&raquo;da wollen wir auch nichts sagen, man mu&szlig;
+einander etwas zu Gefallen tun.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke Euch f&uuml;r den Dienst&laquo;, sagte nun die Frau
+Oberst, indem sie aufstand; &raquo;der Andres wird Euch gewi&szlig;
+auch recht dankbar sein. Kann ich das Wiseli gleich mit
+mir nehmen?&laquo;</p>
+
+<p>Die Base murrte etwas, es werde nicht so stark pressieren;
+aber der Mann fand es am besten so. Je schneller
+es gehe, je fr&uuml;her sei es wieder da, meinte er; denn er
+stellte durchaus auf vierzehn Tage ab. Wiseli wurde herbeigerufen,
+und der Vetter-G&ouml;tti sagte ihm, es solle schnell
+sein B&uuml;ndelchen Kleider zusammenmachen, weiter nichts.
+Wiseli gehorchte sogleich; fragen durfte es nicht, warum.
+Seit es sein B&uuml;ndelchen in das Haus gebracht hatte, war
+nun gerade ein Jahr verflossen; es war nichts Neues hinzugekommen,
+als sein schwarzes R&ouml;cklein, das hatte es an,
+es war aber nun fertig getragen und hing wie ein Fetzchen
+an dem Kinde herab, und Wiseli schaute ein wenig scheu die
+Frau Oberst an, als es nun mit seinem leichten B&uuml;ndelchen
+dastand. Sie verstand den sch&uuml;chternen Blick und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Komm nur, Wiseli, wir gehen nicht weit, es geht
+schon so.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_211" id="Page_211">[211]</a></span>Dann nahm sie schnell Abschied von den Leuten, und
+als Wiseli dem Vetter-G&ouml;tti die Hand gab, sagte er:</p>
+
+<p>&raquo;Du kommst bald wieder heim, es ist nicht zum Abschiednehmen.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt trippelte das Wiseli schweigend und sehr verwundert
+in seinem Herzen hinter der Frau Oberst her, die
+rasch &uuml;ber den beschneiten Feldweg hinschritt, so, als bef&uuml;rchtete
+sie, man k&ouml;nnte sie samt dem Wiseli wieder zur&uuml;ckholen.
+Als aber der Buchenrain gar nicht mehr zu sehen
+war, da kehrte sie sich um und stand still.</p>
+
+<p>&raquo;Wiseli&laquo;, sagte sie freundlich, &raquo;kennst du den Schreiner
+Andres?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja freilich&laquo;, antwortete Wiseli, und ein Lichtstrahl
+scho&szlig; aus des Kindes Augen, als es den Namen h&ouml;rte.
+Die Frau Oberst war ein wenig erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Er ist krank&laquo;, fuhr sie fort; &raquo;willst du ihn ein wenig
+verpflegen und f&uuml;r ihn tun, was n&ouml;tig ist, und etwa vierzehn
+Tage bei ihm bleiben?&laquo;</p>
+
+<p>Mehr als Wiselis schnelle und kurze Antwort: &raquo;Ja,
+gern!&laquo; sagte der Frau Oberst sein Gesicht, das ganz von
+einer hohen Freudenr&ouml;te &uuml;bergossen wurde. Die Oberstin
+sah das gern; doch mu&szlig;te sie sich verwundern, da&szlig; Wiseli
+eine so besondere Freude zeigte, denn sie wu&szlig;te nichts von
+seinem Erlebnis mit dem Andres, aber das Wiseli hatte
+es nie vergessen. Sie gingen nun wieder weiter. Aber
+nach einer Weile f&uuml;gte die Frau Oberst noch bei:</p>
+
+<p>&raquo;Du mu&szlig;t es dann dem Schreiner Andres sagen, da&szlig;
+du so gern zu ihm gekommen bist, Wiseli, er glaubt es
+sonst nicht; vergi&szlig; es nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein&laquo;, versicherte das Kind, &raquo;ich denke schon
+daran.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_212" id="Page_212">[212]</a></span>Nun waren sie bei dem Hause angekommen. Hier fand
+die Frau Oberst f&uuml;r gut, das Wiseli seinen Weg allein
+machen zu lassen; denn nach allem, was sie bemerkt hatte,
+mu&szlig;te es ihm nicht schwer werden, ihn zu finden. Sie
+verabschiedete das Kind an der Ecke und sagte ihm, am
+Morgen werde sie wieder herunterkommen und sehen, wie
+es ihm gehe in dem neuen Haushalt, und wenn der Schreiner
+Andres etwas brauche, das nicht da sei, so solle es zu
+ihr kommen. Wiseli schritt nun getrost durch das G&auml;rtchen
+und machte die Haust&uuml;r auf; es wu&szlig;te, da&szlig; der Andres
+drinnen in der Kammer liege hinter der Stube. So trat
+es leise in die Stube ein; da war niemand drin, aber es
+war sch&ouml;n aufger&auml;umt noch von der alten Trine her. Es
+schaute alles gut an, wie es sein m&uuml;sse. An der Wand
+hinten in der Stube stand sch&ouml;n geordnet und zu einem
+rechten Bett aufger&uuml;stet das gro&szlig;e h&ouml;lzerne Lager, das
+man die Kutsche nennt; der Vorhang war fast zugezogen
+dar&uuml;ber weg, aber Wiseli konnte doch sehen, wie sch&ouml;n und
+sauber es aussah, und es wunderte sich, wer da schlafe.
+Jetzt klopfte es leise an die Kammert&uuml;r, und auf den Ruf
+des Andres trat es ein und blieb ein wenig scheu an der
+T&uuml;r stehen. Andres richtete sich auf in seinem Bett, zu
+sehen, wer da sei.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, ach&laquo;, sagte er, halb erfreut und halb erschrocken,
+&raquo;bist du es, Wiseli? Komm, gib mir die Hand.&laquo; Wiseli
+gehorchte.</p>
+
+<p>&raquo;Bist du auch nicht ungern zu mir gekommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein&laquo;, antwortete Wiseli zuversichtlich. Aber
+der Schreiner Andres war noch nicht beruhigt.</p>
+
+<p>&raquo;Ich meine nur, Wiseli&laquo;, fuhr er wieder fort, &raquo;du
+w&auml;rest vielleicht lieber nicht gekommen; aber die Frau<span class="pagenum"><a name="Page_213" id="Page_213">[213]</a></span>
+Oberst ist so gut, und du hast ihr vielleicht einen Gefallen
+tun wollen.&laquo;</p>
+
+<p class="figcenter"><a href="images/illu_212.jpg"><img src="images/illu_212_th.jpg"
+alt="So trat es leise in die Stube ein"
+title="So trat es leise in die Stube ein" /></a></p>
+
+<!-- <p>[Illustration: Spyri, Heimatlos. S. 212.]</p> -->
+
+<p>&raquo;Nein, nein&laquo;, versicherte Wiseli noch einmal, &raquo;sie hat
+gar nicht gesagt, da&szlig; es ihr ein Gefallen sei; sie hat mich
+gefragt, ob ich gehen wolle, und ich w&auml;re auf der ganzen
+Welt nirgends so gern hingegangen, wie zu Euch.&laquo;</p>
+
+<p>Diese Worte mu&szlig;ten den Andres ganz beruhigt haben;
+er fragte nichts mehr, er legte seinen Kopf auf sein Kissen
+zur&uuml;ck und schaute stumm das Wiseli an; dann mu&szlig;te er
+sich auf einmal umkehren und ein Mal &uuml;ber das andere seine
+Augen wischen.</p>
+
+<p>&raquo;Was mu&szlig; ich jetzt tun?&laquo; fragte Wiseli, als er sich
+immer noch nicht umkehrte. Jetzt wandte er sich und sagte
+mit dem freundlichsten Tone:</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es gewi&szlig; nicht, Wiseli; tu du nur, was
+du willst, wenn du nur ein wenig bei mir bleiben willst.&laquo;</p>
+
+<p>Wiseli wu&szlig;te gar nicht, wie ihm geschah. Seit es seine
+Mutter zum letzten Male geh&ouml;rt, hatte niemand mehr so zu
+ihm geredet; es war gerade, als sp&uuml;re es die Liebe seiner
+Mutter wieder in Andres&#8217; Worten und Weise. Es mu&szlig;te
+mit beiden H&auml;nden seine Hand nehmen, so wie es oft die
+Mutter gefa&szlig;t hatte, und so stand es eine Weile an dem
+Bett, und es war ihm so wohl, da&szlig; es gar nichts sagen
+konnte, aber es dachte: &raquo;Jetzt wei&szlig; es die Mutter auch
+und hat eine Freude.&laquo;</p>
+
+<p>Gerade so dachte der Andres mit stillem Gl&uuml;ck in seinem
+Herzen: &raquo;Jetzt wei&szlig; es die Mutter auch und hat eine Freude.&laquo;</p>
+
+<p>Dann sagte auf einmal das Wiseli:</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt mu&szlig; ich Euch gewi&szlig; etwas kochen, es ist schon
+&uuml;ber Mittag. Was mu&szlig; ich kochen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Koch du nur, was du willst&laquo;, sagte der Andres. Aber<span class="pagenum"><a name="Page_214" id="Page_214">[214]</a></span>
+dem Wiseli war es darum zu tun, dem Kranken die Sache
+recht zu machen, und es fragte so lange hin und her, bis
+es gemerkt hatte, was er essen m&uuml;sse: eine gute Suppe
+und ein St&uuml;ck von dem Fleisch, das im Kasten war, und
+dann bestand er darauf, das Wiseli m&uuml;sse noch einen Milchbrei
+f&uuml;r sich kochen. Es wu&szlig;te recht gut Bescheid in der
+K&uuml;che, denn es hatte wirklich etwas gelernt bei der Base,
+wenn auch unter harten Worten; das konnte es doch nun
+gut gebrauchen. So hatte es in kurzer Zeit alles bereit gemacht,
+und der Kranke w&uuml;nschte, da&szlig; es ein Tischchen an
+sein Bett r&uuml;cke und neben ihm sitze zum Essen, da&szlig; er es
+auch sehen k&ouml;nne und wisse, da&szlig; es noch da sei. Ein so
+vergn&uuml;gtes Mittagsmahl hatte Wiseli lange nicht genossen,
+und auch der Schreiner Andres nicht. Als sie damit zu
+Ende waren, stand das Kind auf; aber Andres sah das
+nicht gern und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Wohin willst du, Wiseli? Willst du nicht noch ein
+wenig dableiben, oder wird es dir ein bi&szlig;chen langweilig
+bei mir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, gewi&szlig; nicht&laquo;, versicherte Wiseli; &raquo;aber nach
+dem Essen mu&szlig; man immer aufwaschen und alles wieder
+sauber auf das Gestell hinaufr&auml;umen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; schon, wie man&#8217;s macht&laquo;, gestand Andres;
+&raquo;ich habe gedacht, heute nur, so zum ersten Male, k&ouml;nntest
+du ja nur alles zusammenstellen und dann etwa morgen
+einmal aufwaschen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn aber die Frau Oberst das s&auml;he, so m&uuml;&szlig;te ich
+mich fast zu Tode sch&auml;men&laquo;, und Wiseli machte ein ganz
+ernsthaftes Gesicht zu seiner Versicherung.</p>
+
+<p>&raquo;Ja ja, du hast recht&laquo;, beschwichtigte nun Andres. &raquo;Mach
+nur alles, wie du meinst, und geradeso, wie es dir recht ist.</p>
+
+<p>&laquo;<span class="pagenum"><a name="Page_215" id="Page_215">[215]</a></span>Nun ging das Wiseli an seine Arbeit und putzte und
+r&auml;umte und ordnete, da&szlig; alles gl&auml;nzte in seiner K&uuml;che.
+Dann stand es einen Augenblick still und schaute ringsum
+und sagte ganz befriedigt: &raquo;So, nun kann die Frau Oberst
+kommen.&laquo; Dann kam es wieder in die Stube hinein und
+warf einen fr&ouml;hlichen Blick auf das sch&ouml;ne, gro&szlig;e Bett
+auf der Kutsche hinter dem Vorhang, denn der Schreiner
+Andres hatte ihm gesagt, da m&uuml;sse es schlafen, und der
+kleine Kasten in der Ecke geh&ouml;re auch ihm, da k&ouml;nne es alles
+hineinr&auml;umen, was ihm angeh&ouml;re. Es legte nun die Sachen
+aus seinem B&uuml;ndelchen alle ordentlich hinein, das war auch
+sehr bald getan, denn es war wenig darin, und nun ging
+es und setzte sich voller Freuden wieder an das Bett des
+Kranken, der schon lange nach der T&uuml;r geschaut hatte, ob
+es noch nicht komme. Kaum war es wieder an dem Bett,
+so fragte es: &raquo;Habt Ihr auch einen Strumpf, an dem
+ich stricken kann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein&laquo;, antwortete Andres, &raquo;du hast ja jetzt gearbeitet,
+und wir wollen nun ein wenig vergn&uuml;gt zusammen
+reden &uuml;ber allerlei.&laquo;</p>
+
+<p>Aber Wiseli war gut geschult worden; zuerst in unverge&szlig;licher
+Freundlichkeit von der Mutter, und dann von
+der Base mit Worten, die auch nicht vergessen wurden,
+vor lauter Furcht, sie wieder zu h&ouml;ren. Es sagte ganz
+&uuml;berzeugt:</p>
+
+<p>&raquo;Ich darf nicht nur so dasitzen, weil es doch nicht
+Sonntag ist, aber ich kann reden und an dem Strumpf
+stricken miteinander.&laquo;</p>
+
+<p>Das gefiel dem Andres nun auch wieder, und er ermunterte
+das Wiseli von neuem, nur immer zu tun, was
+es meine, und einen Strumpf k&ouml;nne es auch holen, wenn<span class="pagenum"><a name="Page_216" id="Page_216">[216]</a></span>
+es wolle, er habe aber keinen. Nun holte Wiseli den
+seinigen und setzte sich damit wieder an das Bett hin, und
+es hatte recht gehabt, es konnte gut reden und stricken
+miteinander. Der Schreiner Andres hatte aber auch gleich
+ein Gespr&auml;ch angefangen, das dem Wiseli das allerwillkommenste
+war. Er hatte gleich von der Mutter zu reden
+begonnen, und Wiseli hatte so gern fortgefahren, denn noch
+nie und mit keinem Menschen hatte es von seiner Mutter
+reden k&ouml;nnen, und es dachte doch immer an sie und alles,
+was es mit ihr erlebt hatte, und nun wollte der Schreiner
+Andres so gern von allem wissen, immer noch mehr, und
+das Wiseli wurde immer w&auml;rmer und erz&auml;hlte fort und
+fort, als k&ouml;nne es nicht mehr aufh&ouml;ren, und so h&ouml;rte der
+Andres zu mit gespannter Aufmerksamkeit, und gerade so,
+als wolle er am liebsten nicht mehr aufh&ouml;ren zuzuh&ouml;ren.</p>
+
+<p>In dieser Weise verging nun dem Wiseli ein Tag nach
+dem anderen. F&uuml;r jeden geringsten Dienst, den es leistete,
+dankte ihm der Andres, als ob es ihm die gr&ouml;&szlig;te Wohltat
+erwiesen h&auml;tte, und was es nur tat, gefiel dem guten
+Mann, und er mu&szlig;te es loben daf&uuml;r. Er wurde in wenig
+Tagen so frisch und munter bei der Pflege, da&szlig; er durchaus
+aufstehen wollte, und der Doktor war ganz erstaunt,
+wie gut es mit ihm ging und wie fr&ouml;hlich und wohlgemut
+auf einmal der Schreiner Andres aussah. Er sa&szlig; nun den
+ganzen Tag am Fenster, wo die Sonne hinkam, und schaute
+dem Wiseli nach auf Schritt und Tritt, so als ob er es
+gar nie genug sehen k&ouml;nnte, wie es einen Kasten aufmachte
+und dann wieder zu, und wie ihm unter den H&auml;nden alles
+so sauber und ordentlich wurde, wie er es vorher nie gesehen
+hatte, oder doch meinte, es nie gesehen zu haben.
+Dem Wiseli aber war es so wohl in dem stillen H&auml;uschen,<span class="pagenum"><a name="Page_217" id="Page_217">[217]</a></span>
+da es nur liebevolle Worte h&ouml;rte, und unter den freundlichen
+Augen, die es immerfort begleiteten, da&szlig; es gar
+nicht daran denken durfte, wie bald die vierzehn Tage zu
+Ende sein w&uuml;rden und es wieder nach dem Buchenrain
+zur&uuml;ckkehren mu&szlig;te.</p>
+
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<h2>Achtes Kapitel.</h2>
+
+<h3>Es geschieht etwas Unerwartetes.</h3>
+
+<hr class="newchapter" />
+
+<p>In dem Hause auf der Halde wurde viel vom Schreiner
+Andres und dem Wiseli gesprochen. Jeden Morgen ging
+die Frau Oberst nachzusehen, wie es bei dem Kranken stehe,
+und jedesmal brachte sie wieder einen erfreulicheren Bericht
+nach Hause. Das brachte alle zusammen in die freudigste
+Stimmung, und Otto und Miezchen machten einen
+Plan, wie ein gro&szlig;es Genesungsfest m&uuml;&szlig;te gefeiert werden
+in des Schreiners Andres Stube, aber noch solange Wiseli
+da war; das sollte eine Hauptfreude und f&uuml;r Andres und
+Wiseli eine gro&szlig;e &Uuml;berraschung werden. Es mu&szlig;te aber
+noch ein Fest gefeiert werden vorher, denn heute war des
+Vaters Geburtstag, und schon am fr&uuml;hen Morgen hatten
+allerlei von Otto und Miezchen erfundene Feierlichkeiten
+stattgefunden, doch der Hauptmoment des Tages war jetzt
+gekommen, da es zur Mittagstafel ging. Ganz feierlich
+hatten Otto und Miezchen sich schon hingesetzt in gro&szlig;er
+Erwartung aller der Dinge, die da kommen sollten. Nun
+erschienen auch Vater und Mutter, und das frohe Mahl<span class="pagenum"><a name="Page_218" id="Page_218">[218]</a></span>
+nahm seinen Anfang. Nachdem das erste Gericht vergn&uuml;glich
+verzehrt worden war, erschien eine zugedeckte
+Sch&uuml;ssel; das war entschieden das Geburtstagsgericht. Der
+Deckel wurde aufgehoben, und ein pr&auml;chtiger Blumenkohl
+stand da, so frisch, als h&auml;tte man ihn eben im Garten
+geholt.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist ja eine pr&auml;chtige Blume&laquo;, sagte der Vater,
+&raquo;die mu&szlig; man loben. Aber eigentlich&laquo;, fuhr er etwas
+entt&auml;uscht fort, &raquo;suchte ich etwas anderes unter dem Deckel,
+Artischocken suchte ich; kann man die nicht auch finden
+irgendwo, wie Blumenkohl? Du wei&szlig;t, liebe Marie, ich
+schaue an gedeckten Tischen nach keinem anderen Gerichte
+so aus, wie nach Artischocken.&laquo;</p>
+
+<p>Mit einem Male schrie das Miezchen auf:</p>
+
+<p>&raquo;Eben! Eben! Geradeso hat er mir gerufen zweimal,
+furchtbar, und <em class="gesperrt">so</em> hat er den Stecken aufgehoben und <em class="gesperrt">so</em>&laquo;
+&#8211; und Miezchen fuhr ganz aufgeregt mit ihren Armen
+in der Luft herum&nbsp;&#8211;, aber urpl&ouml;tzlich schwieg sie und fuhr
+schnell herunter mit ihren Armen bis unter den Tisch und
+war ganz blutrot geworden, und ihr gegen&uuml;ber sa&szlig; Otto
+mit zornigen Augen und scho&szlig; flammende Blicke zu Miezchen
+hin&uuml;ber.</p>
+
+<p>&raquo;Was ist das f&uuml;r eine seltsame Verherrlichung meines
+Geburtstages?&laquo; fragte der Vater mit Staunen. &raquo;&Uuml;ber
+den Tisch hin schreit meine Tochter, als wollte man sie
+umbringen, und unter dem Tisch durch versetzt mir mein
+Sohn so entsetzliche Stiefelst&ouml;&szlig;e, da&szlig; ich blaue Flecken
+bekomme. Ich m&ouml;chte wissen, Otto, wo du diese angenehme
+Unterhaltung gelernt hast.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt war die Reihe an Otto, feuerrot zu werden bis
+unter die Haare hinauf. Er hatte dem Miezchen unter dem<span class="pagenum"><a name="Page_219" id="Page_219">[219]</a></span>
+Tisch durch einige deutliche Mahnungen geben wollen, da&szlig;
+es schweigen solle, hatte aber den unrechten Platz getroffen
+und mit seinem Stiefel des Vaters Bein in erstaunlicher
+Weise bearbeitet. Das hatte Otto nun entdeckt; er durfte
+nicht mehr aufschauen.</p>
+
+<p>&raquo;Nun Miezchen&laquo;, fing der Vater wieder an, &raquo;was ist
+denn aus deiner R&auml;ubergeschichte geworden, du kamst ja gar
+nicht zu Ende. Also &#8250;Artischocke&#8249; hat der furchtbare Mann
+dich genannt und den Stecken erhoben und dann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann, dann&laquo;, stotterte Miezchen kleinlaut &#8211; denn es
+hatte begriffen, da&szlig; es auf einmal alles verraten hatte,
+und da&szlig; der Otto den Zuckerhahn zur&uuml;ckfordern w&uuml;rde&nbsp;&#8211;,
+&raquo;dann hat er mich doch nicht totgeschlagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So, das war eine Artigkeit von ihm&laquo;, lachte der
+Vater, &raquo;und dann weiter?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann weiter gar nichts mehr&laquo;, wimmerte Miezchen.</p>
+
+<p>&raquo;So, so, die Geschichte nimmt also ein fr&ouml;hliches Ende.
+Der Stecken bleibt in der Luft, und Miezchen geht als
+kleine Artischocke nach Hause. Jetzt wollen wir gleich
+ansto&szlig;en auf alle wohlgeratenen Artischocken und auf des
+Schreiners Andres Gesundheit!&laquo;</p>
+
+<p>Damit hob der Vater sein Glas, und die Tischgesellschaft
+stimmte ein. Es standen aber alle ein wenig still
+vom Tisch auf, denn in jedem waren allerlei schwere Gedanken
+aufgestiegen, nur der Vater blieb unangefochten,
+setzte sich zu seiner Zeitung und steckte eine Zigarre an.
+Otto schlich ins andere Zimmer hin&uuml;ber, dr&uuml;ckte sich in
+eine Ecke und dachte dar&uuml;ber nach, wie es sein werde, wenn
+alle anderen wieder im Mondschein schlitten w&uuml;rden und
+er nie mehr dabei sein d&uuml;rfte, denn er wu&szlig;te, da&szlig; die
+Mutter dies von nun an verbieten w&uuml;rde. Miezchen kroch<span class="pagenum"><a name="Page_220" id="Page_220">[220]</a></span>
+ins Schlafzimmer hinein, kauerte sich neben dem Bett auf
+das Schemelchen nieder, nahm den roten Zuckerhahn auf
+den Scho&szlig; und war sehr traurig, da&szlig; es ihn zum letzten
+Male sehen sollte. Die Mutter blieb eine Zeitlang stumm
+und sinnend am Fenster stehen und bewegte Gedanken in
+ihrem Herzen hin und her, die sie immer mehr und aufregender
+besch&auml;ftigen mu&szlig;ten, denn jetzt fing sie an, im
+Zimmer hin und her zu gehen, und pl&ouml;tzlich verlie&szlig; sie es
+und lief hierhin und dahin, nach dem Miezchen suchend.
+Sie fand es endlich noch hinter seinem Bett auf dem Schemel
+sitzend, in seine traurigen Betrachtungen versunken.</p>
+
+<p>&raquo;Miezchen&laquo;, sagte die Mutter, &raquo;jetzt erz&auml;hl mir recht,
+wo und wann ein Mann dir drohte, und was er dir
+nachgerufen hat.&laquo;</p>
+
+<p>Miezchen erz&auml;hlte, was es wu&szlig;te, es kam aber nicht
+viel mehr heraus, als es schon gesagt hatte. Nachgerufen
+hatte ihm der Mann das Wort, das der Papa &uuml;ber Tisch
+gesagt hatte, behauptete es. Die Mutter kehrte in das
+Zimmer zur&uuml;ck, wo der Vater sa&szlig;, ging gleich zu ihm
+heran und sagte in erregtem Ton:</p>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig; es dir wirklich sagen, es kommt mir immer
+wahrscheinlicher vor.&laquo;</p>
+
+<p>Der Oberst legte seine Zeitung weg und schaute erstaunt
+seine Frau an.</p>
+
+<p>&raquo;Siehst du&laquo;, fuhr diese fort, &raquo;die Szene am Tisch
+hat mir mit einem Male einen Gedanken erweckt, und je
+mehr ich ihn verfolge, je fester gestaltet er sich vor meinen
+Augen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Setz dich doch und teil mir ihn mit&laquo;, sagte der
+Oberst, ganz neugierig geworden. Seine Frau setzte sich
+neben ihn hin und fuhr fort:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_221" id="Page_221">[221]</a></span>&raquo;Du hast Miezchens Aufregung gesehen, sie war sichtlich
+erschreckt worden von dem Mann, von dem sie sprach, es
+war nicht Spa&szlig; gewesen: darum ist es klar, da&szlig; er das
+Kind nicht &#8250;Artischocke&#8249; genannt hat. Wird er es nicht viel
+eher &#8250;Aristokratin&#8249; oder &#8250;Aristokratenbrut&#8249; genannt haben?
+Du wei&szlig;t, wer uns vorzeiten diesen Titel nachrief, meinem
+Bruder und mir. Diesen Augenblick habe ich von Miezchen
+geh&ouml;rt, da&szlig; der Vorfall sich an dem Abend ereignet hatte,
+da die Kinder im Mondschein auf der Schlittbahn waren.
+An demselben Abend noch wurde Andres halb erschlagen
+gefunden. Seit Jahren war der unheimliche J&ouml;rg verschwunden,
+und im ersten Augenblick, da man wieder Spuren
+von ihm hat, geschieht die Gewaltt&auml;tigkeit an seinem Bruder,
+dem kein anderer je etwas zuleide getan hat, als er.
+Macht dir das nicht auch Gedanken?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wahrhaftig, da k&ouml;nnte was dran sein&laquo;, entgegnete
+der Oberst nachdenklich; &raquo;da mu&szlig; ich sofort handeln.&laquo;</p>
+
+<p>Er stand auf, rief nach seinem Knecht, und wenige
+Minuten nachher fuhr er im scharfen Trab zur Stadt
+hinunter. Von da an fuhr der Oberst jeden Tag einmal
+nach der Stadt, um zu h&ouml;ren, ob Berichte eingegangen
+seien. Am vierten Tage, als er nach Hause kam am Abend
+und seine Frau noch an Miezchens Bett verweilte, lie&szlig; er
+sie schnell rufen, denn er hatte ihr Wichtiges zu erz&auml;hlen.
+Sie setzten sich dann zusammen, und der Oberst teilte seiner
+Frau mit, was er in der Stadt vernommen hatte. Auf
+seine Aussagen hin hatte die Polizei sogleich heimlich nach
+dem J&ouml;rg gesucht, und er war ohne gro&szlig;e M&uuml;he gefunden
+worden, denn er war ganz sicher, da&szlig; kein Mensch ihn
+gesehen hatte, da er nur des Nachts in sein Dorf gekommen
+und gleich wieder verschwunden war. So war er<span class="pagenum"><a name="Page_222" id="Page_222">[222]</a></span>
+zun&auml;chst nur nach der Stadt hinuntergegangen und hatte
+sich in den Wirtsh&auml;usern herumgetrieben. Als er nun festgenommen
+und verh&ouml;rt wurde, leugnete er zuerst alles; als
+er aber h&ouml;rte, der Oberst Ritter habe schlagende Beweise
+gegen ihn vorzubringen, da entfiel ihm der Mut, denn er
+dachte, der Herr Oberst m&uuml;sse ihn gesehen haben, sonst
+w&auml;re es unm&ouml;glich, da&szlig; er gerade auf ihn geraten h&auml;tte, da
+er frisch aus neapolitanischen Kriegsdiensten zur&uuml;ckgekommen
+war. Da&szlig; ein einziges Wort, das er einem kleinen Kinde
+angeworfen hatte, ihn hatte verraten k&ouml;nnen, davon hatte
+er keine Ahnung. Er fing dann an, furchtbar auf den
+Obersten zu schimpfen, und sagte, er habe immer gedacht,
+diese Aristokratenbrut werde ihn noch ins Ungl&uuml;ck bringen.
+Im weiteren Verh&ouml;r gestand er dann, er habe seinen
+Bruder aufsuchen und Geld von ihm entlehnen wollen. Als
+er durch das erleuchtete Fenster ihn erblickte, wie er eben
+eine gute Summe Geld vor sich liegen hatte, da kam ihm
+der Gedanke, den Andres niederzuschlagen und das Geld
+zu nehmen. T&ouml;ten habe er ihn nicht gewollt, nur ein
+wenig bewu&szlig;tlos machen, damit er ihn nicht kenne. Der
+gr&ouml;&szlig;te Teil der Summe wurde noch bei ihm gefunden;
+diese wurde ihm abgenommen und dann der J&ouml;rg in den
+Turm gesetzt.</p>
+
+<p>Als dieser Vorgang bekannt wurde, gab es eine ungeheure
+Aufregung im ganzen Dorfe, denn eine solche
+Geschichte war noch gar nicht vorgefallen, seit es stand. Besonders
+in der Schule kam alles aus der Ordnung, so
+stark beteiligten sich alle Sch&uuml;ler an der aufregenden Begebenheit.
+Otto war einige Tage ganz au&szlig;er Atem, da
+er best&auml;ndig da- und dorthin zu laufen hatte, wo noch
+ein n&auml;herer Umstand von der Sache zu h&ouml;ren war. Am<span class="pagenum"><a name="Page_223" id="Page_223">[223]</a></span>
+dritten Abend nach der Verbreitung der Nachricht kam er
+aber so nach Hause gest&uuml;rzt, da&szlig; ihn die Mutter ermahnen
+mu&szlig;te, erst einen Augenblick stillzusitzen, da er vor Atemlosigkeit
+kein Wort hervorbrachte und doch durchaus wieder
+eine Neuigkeit erz&auml;hlen wollte. Endlich konnte er sie in
+Worte bringen. Man hatte den Joggi, der bis dahin eingesperrt
+geblieben war, herausholen wollen, aber der arme
+Tropf hatte immerfort seine gro&szlig;e Furcht beibehalten, und
+nun glaubte er, man hole ihn zum K&ouml;pfen ab, und sperrte
+sich ganz furchtbar, die Kammer zu verlassen. Dann hatten
+zwei M&auml;nner ihn mit aller Gewalt herausgeschleppt, er
+hatte aber so geschrieen und getan, da&szlig; alle Leute herbeiliefen,
+und dann hatte er sich noch mehr gef&uuml;rchtet, und
+auf einmal, nachdem er herausgekommen, war er davongeschossen
+wie ein Pfeil und in die n&auml;chste Scheune hinein
+in den hintersten Winkel des Stalles. Da hockte er ganz
+zusammengeballt mit einem furchtbar erschrockenen Gesicht,
+und kein Mensch konnte ihn von der Stelle bringen. Schon
+seit gestern hockte er so ohne Bewegung, und der Bauer
+hatte gesagt, wenn er nicht bald aufstehe, wolle er ihn
+mit der Heugabel fortbringen.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist ja eine ganz traurige Geschichte, Kinder&laquo;,
+sagte die Mutter, als Otto fertig erz&auml;hlt hatte. &raquo;Der
+arme Joggi! Was mu&szlig; er nun leiden in seiner Angst, die
+ihm niemand wegnehmen kann, da er nicht versteht, was
+man ihm erkl&auml;ren k&ouml;nnte, und der arme, gutm&uuml;tige Joggi
+ist ja ganz unschuldig. Ach, Kinder, h&auml;ttet ihr mir doch
+gleich das ganze Erlebnis erz&auml;hlt, als ihr am Abend von
+der Schlittbahn kamt; euer Verheimlichen hat recht Trauriges
+zur Folge gehabt. K&ouml;nnten wir doch den armen
+Menschen tr&ouml;sten und wieder fr&ouml;hlich machen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_224" id="Page_224">[224]</a></span>Das Miezchen war ganz weich geworden. &raquo;Ich will
+ihm den roten Zuckerhahn geben&laquo;, schluchzte es.</p>
+
+<p>Auch Otto war ein wenig zerknirscht. Er sagte zwar
+etwas ver&auml;chtlich: &raquo;Ja noch gar, einen Zuckerhahn einem
+erwachsenen Menschen geben! Behalt du den nur f&uuml;r
+dich.&laquo; Aber dann bat er die Mutter, ihm und Miezchen
+zu erlauben, dem Joggi etwas zu essen in den Stall zu
+bringen, er hatte gar nichts gehabt, seit er dort kauerte,
+zwei ganze Tage lang.</p>
+
+<p>Das erlaubte die Mutter gern, und es wurde sogleich
+ein Korb geholt und Wurst und Brot und K&auml;se hineingesteckt.
+Dann gingen die Kinder den Berg hinunter, dem
+Stalle zu.</p>
+
+<p>Mit einem ganz wei&szlig;en, erschreckten Gesicht kauerte der
+Joggi hinten im Winkel und r&uuml;hrte sich nicht. Die Kinder
+kamen ein wenig n&auml;her. Otto zeigte dem Zusammengekr&uuml;mmten
+den offenen Korb und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Komm hervor, Joggi, komm, das ist alles f&uuml;r dich
+zum essen.&laquo;</p>
+
+<p>Joggi bewegte sich nicht.</p>
+
+<p>&raquo;Komm doch, Joggi&laquo;, mahnte Otto weiter, &raquo;siehst du,
+sonst kommt der Bauer und sticht dich mit der Heugabel
+hervor.&laquo;</p>
+
+<p>Joggi stie&szlig; einen erschreckten Ton aus und kr&uuml;mmte
+sich noch enger zusammen in den Winkel hinein, wie in
+ein Loch.</p>
+
+<p>Jetzt ging Miezchen vorw&auml;rts und kam ganz nahe an
+den Joggi heran, hielt den Mund an sein Ohr und fl&uuml;sterte
+hinein: &raquo;Komm du nur mit mir, Joggi, sie d&uuml;rfen dich
+nicht k&ouml;pfen, der Papa hilft dir schon, und siehst du, das
+Christkindlein hat dir einen roten Zuckerhahn gebracht&laquo;;<span class="pagenum"><a name="Page_225" id="Page_225">[225]</a></span>
+und Miezchen nahm ganz heimlich den Zuckerhahn aus seiner
+Tasche und steckte ihn dem Joggi zu.</p>
+
+<p>Diese heimlichen Trostesworte hatten eine wunderbar
+wirksame Kraft. Der Joggi schaute das Miezchen an, ganz
+ohne Schrecken, dann schaute er auf seinen roten Zuckerhahn,
+und dann fing er an zu lachen, was er seit vielen
+Tagen nicht mehr getan hatte. Dann stand er auf, und
+nun ging Otto voran aus dem Stall heraus, dann kam
+das Miezchen und ihm folgte der Joggi auf dem Fu&szlig;.
+Drau&szlig;en aber, als Otto dem Joggi sagte: &raquo;Das kannst
+du mitnehmen, wir gehen nun heim und du auch, dort
+hinunter&laquo;, &#8211; da sch&uuml;ttelte Joggi den Kopf und stellte sich
+hinter das Miezchen. So gingen alle drei weiter, der Halde
+zu, voran der Otto, dann Miezchen, dann der Joggi. Die
+Mutter sah den Zug herankommen, und ihr Herz wurde
+ganz erleichtert, als sie sah, wie der Joggi hinter dem
+Miezchen herschritt, den roten Zuckerhahn in der Hand
+hielt und immerfort vergn&uuml;glich lachte. So traten die
+drei ins Haus und in die Stube, und hier holte das
+Miezchen gesch&auml;ftig einen Stuhl, nahm den E&szlig;korb zur
+Hand und winkte dem Joggi, da&szlig; er komme. Als er dann
+am Tische sa&szlig;, legte es alles, was im Korb war, vor ihn
+hin und sagte besch&uuml;tzend: &raquo;I&szlig; du jetzt nur, Joggi, und i&szlig;
+du nur alles auf und sei nun ganz fr&ouml;hlich.&laquo; Da lachte
+der Joggi und a&szlig; die beiden gro&szlig;en W&uuml;rste und das ganze
+Brot und das ungeheure St&uuml;ck K&auml;se ganz fertig und dann
+noch die Krumen. Den roten Zuckerhahn hielt er die ganze
+Zeit &uuml;ber fest mit seiner linken Hand und schaute ihn an
+von Zeit zu Zeit und lachte unbeschreiblich vergn&uuml;glich, denn
+Wurst und Brot hatte er wohl auch schon bekommen, aber
+einen roten Zuckerhahn hatte ihm in seinem ganzen Leben<span class="pagenum"><a name="Page_226" id="Page_226">[226]</a></span>
+noch nie jemand geschenkt. Endlich ging der Joggi die Halde
+hinunter. Voller Freuden schauten die Mutter, Otto und
+Miezchen ihm nach: er hielt seinen Zuckerhahn bald in der
+einen, bald in der anderen Hand, lachte immerzu und hatte
+seinen Schrecken g&auml;nzlich vergessen.&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Seit drei Tagen hatte die Frau Oberst den Schreiner
+Andres nicht besucht. Es hatte sich so vieles ereignet in
+diesen Tagen, da&szlig; sie gar nicht begriff, wie die Zeit dahingegangen
+war; doch konnte sie ja ruhig sein, sie wu&szlig;te, da&szlig;
+der Andres gut verpflegt und besorgt und dazu auf dem
+besten Wege der Genesung war.</p>
+
+<p>Ihr Mann hatte gleich am Morgen nach seiner R&uuml;ckkehr
+aus der Stadt den Andres besucht, um ihm die Entdeckung
+und die Festnahme seines Bruders selbst mitzuteilen.
+Andres hatte ganz ruhig zugeh&ouml;rt und dann gesagt: &raquo;Er
+hat es so haben wollen; es w&auml;re doch besser gewesen, er
+h&auml;tte mich um ein wenig Geld gebeten, ich h&auml;tte ihm ja
+schon gegeben; aber er hat immer lieber gepr&uuml;gelt, als gute
+Worte gegeben.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt trat die Frau Oberst am sonnigen Wintermorgen aus
+ihrer T&uuml;r und stieg fr&ouml;hlichen Herzens den Berg hinunter,
+denn sie besch&auml;ftigte sich in ihrem Innern mit einem Gedanken,
+der ihr wohlgefiel. Als sie die Haust&uuml;r aufmachte
+beim Schreiner Andres, kam Wiseli eben aus der Stube
+heraus. Seine Augen waren ganz aufgeschwollen und hochrot
+vom Weinen. Es gab der Frau Oberst nur fl&uuml;chtig die Hand
+und scho&szlig; scheu in die K&uuml;che hinein, um sich zu verbergen.
+So hatte die Frau Oberst das Wiseli noch gar nie gesehen.
+Was konnte da begegnet sein? Sie trat in die Stube ein.
+Da sa&szlig; am sonnigen Fenster der Andres und sah aus, als
+sei ein noch nie erlebtes Unheil &uuml;ber ihn hereingebrochen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_227" id="Page_227">[227]</a></span>&raquo;Was ist denn hier geschehen?&laquo; fragte die Frau Oberst
+und verga&szlig; im Schrecken, &raquo;guten Tag&laquo; zu sagen.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, Frau Oberst&laquo;, st&ouml;hnte Andres, &raquo;ich wollte, das
+Kind w&auml;re nie in mein Haus gekommen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was&laquo;, rief sie noch erschrockener aus, &raquo;das Wiseli?
+Kann dieses Kind Euch ein Leid angetan haben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, um&#8217;s Himmels willen, nein, Frau Oberst, so meine
+ich&#8217;s nicht&laquo;, entgegnete Andres in Aufregung; &raquo;aber nun
+ist das Kind bei mir gewesen und hat mir ein Leben gemacht
+in meinem H&auml;uschen, wie im Paradies, und jetzt
+mu&szlig; ich das Kind wieder hergeben, und alles wird viel
+&ouml;der und leerer um mich her sein, als vorher. Ich kann
+es nicht aushalten; Sie k&ouml;nnen sich gar nicht denken, wie
+lieb mir das Kind ist; ich kann es nicht aushalten, wenn
+sie mir&#8217;s wegnehmen. Morgen mu&szlig; es gehen, der Vetter-G&ouml;tti
+hat schon zweimal den Buben geschickt; es m&uuml;sse
+nun zur&uuml;ck, morgen m&uuml;sse es sein. Und dann ist noch
+etwas, das mir fast das Herz zersprengt: seitdem der Vetter-G&ouml;tti
+geschickt hat, ist das Kind ganz still geworden und
+weint heimlich; es will es nicht so zeigen, aber man kann&#8217;s
+wohl sehen, es macht ihm so schwer, zu gehen, und morgen
+mu&szlig; es sein. Ich &uuml;bertreibe nicht, Frau Oberst, aber das
+kann ich sagen: alles, was ich seit drei&szlig;ig Jahren erspart
+und erarbeitet habe, g&auml;be ich seinem Vetter-G&ouml;tti, wenn er
+mir das Kind lie&szlig;e.&laquo;</p>
+
+<p>Die Frau Oberst hatte den aufgeregten Andres ganz
+fertig reden lassen; jetzt sagte sie ruhig: &raquo;Das w&uuml;rde ich
+nicht tun an Eurer Stelle, ich w&uuml;rde es ganz anders
+machen.&laquo;</p>
+
+<p>Andres schaute sie fragend an.</p>
+
+<p>&raquo;Seht, Andres, so w&uuml;rde ich es machen: ich w&uuml;rde<span class="pagenum"><a name="Page_228" id="Page_228">[228]</a></span>
+sagen: &#8250;All&#8217; mein wohlverdientes Gut will ich jemandem
+zur&uuml;cklassen, der mir lieb ist. Ich will das Wiseli an Kindes
+Statt annehmen, ich will sein Vater sein, und es soll
+von Stund an als mein Kind in meinem Hause bleiben.&#8249;
+W&uuml;rde es Euch nicht gefallen so, Andres?&laquo;</p>
+
+<p>Der Andres hatte lautlos zugeh&ouml;rt und seine Augen
+waren immer gr&ouml;&szlig;er geworden. Jetzt ergriff er vor Bewegung
+die Hand der Frau Oberst und dr&uuml;ckte sie gewaltig
+zusammen, dann keuchte er hervor:</p>
+
+<p>&raquo;Kann man das wirklich machen? K&ouml;nnte ich das mit
+dem Wiseli tun, so da&szlig; ich sagen k&ouml;nnte: das Wiseli ist
+mein Kind, mein eigenes Kind, und niemand hat mehr
+ein Recht an das Kind, und kein Mensch kann es mir
+mehr nehmen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das k&ouml;nnt Ihr, Andres&laquo;, versicherte die Frau Oberst,
+&raquo;geradeso! Sobald das Wiseli Euer Kind ist, hat kein
+Mensch mehr ein Recht auf das Kind, Ihr seid der Vater.
+Und seht, Andres, weil ich mir gedacht hatte, Ihr k&ouml;nntet
+den Wunsch haben, das Wiseli zu behalten, so habe ich
+meinen Mann gebeten, heute nicht fortzugehen, im Fall Ihr
+etwa gern gleich nach der Stadt in die Kanzlei fahren
+w&uuml;rdet, da&szlig; alles bald festgesetzt werde, denn zu Fu&szlig; k&ouml;nnt
+Ihr noch nicht gehen.&laquo;</p>
+
+<p>Andres wu&szlig;te gar nicht, was er tat vor Aufregung
+und Freude. Er lief dahin und dorthin und suchte den
+Sonntagsrock; dann rief er ein Mal ums andere: &raquo;Ist
+es auch sicher wahr? Kann&#8217;s auch sein?&laquo; Dann stand
+er wieder vor die Frau Oberst hin und fragte: &raquo;Kann es
+jetzt sein, gleich jetzt, heut&#8217; noch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gleich jetzt&laquo;, versicherte sie; doch gab sie nun dem
+Schreiner Andres die Hand zum Abschied, sie mu&szlig;te<span class="pagenum"><a name="Page_229" id="Page_229">[229]</a></span>
+gehen und ihrem Manne mitteilen, da&szlig; Andres schon reisefertig
+sei.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr solltet es dem Wiseli erst am Abend sagen, wenn
+alles gut eingeleitet ist und Ihr wieder ruhig daheim seid&laquo;,
+bemerkte die Frau Oberst noch unter der T&uuml;r; &raquo;meint
+Ihr nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, sicher, sicher&laquo;, gab Andres zur Antwort; &raquo;jetzt
+k&ouml;nnt&#8217; ich&#8217;s fast nicht sagen.&laquo;</p>
+
+<p>Als die T&uuml;r sich schlo&szlig;, setzte sich Andres auf seinen
+Stuhl nieder und zitterte an H&auml;nden und F&uuml;&szlig;en so sehr,
+da&szlig; er meinte, er k&ouml;nne nie mehr davon aufstehen, so war
+ihm die Freude und Aufregung in alle Glieder gefahren.
+Es w&auml;hrte aber kaum eine halbe Stunde, da kam schon
+des Obersten Wagen angefahren und hielt still am G&auml;rtchen
+des Schreiners, und zu Wiselis unbeschreiblichem Erstaunen
+stieg der Knecht von seinem Sitz herunter, kam
+herein, und nach wenigen Minuten sah es, wie er wieder
+herauskam, den Schreiner Andres mit beiden Armen festhielt
+und ihm dann in den Wagen hinein half. Wiseli
+schaute dem Fuhrwerk nach, als bewege sich etwas Unfa&szlig;liches
+vor seinen Augen, denn der Schreiner Andres hatte
+kein Wort mehr zu ihm sagen k&ouml;nnen, nicht einmal, da&szlig; er
+ausfahren werde. So wie er sich niedergesetzt hatte, war
+er sitzen geblieben, bis der Knecht ihn herausholte, und das
+Wiseli hatte sich immer noch verborgen gehalten. Jetzt
+ging es in die Stube hinein und sa&szlig; ans Fenster, wo sonst
+der Schreiner Andres sa&szlig;, und konnte gar nichts anderes
+mehr denken als nur immerzu: &raquo;Heute ist der letzte Tag,
+und morgen mu&szlig; ich zum Vetter-G&ouml;tti.&laquo; Als der Mittag
+herankam, ging Wiseli in die K&uuml;che hinaus und machte zurecht,
+was der Andres essen sollte; aber er kam nicht, und<span class="pagenum"><a name="Page_230" id="Page_230">[230]</a></span>
+es wollte nichts ber&uuml;hren, bis er auch dabei war. So ging
+es wieder hinein, und auf der Stelle stand der traurige
+Gedanke wieder vor ihm und es mu&szlig;te ihm wieder nachhangen.
+Aber endlich wurde es so m&uuml;de davon, da&szlig; sein
+Kopf ihm auf die Schulter fiel und es fest einschlief; aber
+noch im Schlaf mu&szlig;te es immer sagen: &raquo;Und morgen mu&szlig;
+ich zum Vetter-G&ouml;tti.&laquo; Und Wiseli sah nicht, wie leise
+der helle Abendschein in die Stube hineinfiel und einen
+sch&ouml;nen Tag verk&uuml;ndigte.</p>
+
+<p>Wiseli scho&szlig; auf, als jemand die Stubent&uuml;r &ouml;ffnete;
+es war der Schreiner Andres. Das Gl&uuml;ck leuchtete ihm
+aus den Augen wie heller Sonnenschein, so hatte ihn Wiseli
+noch nie gesehen. Es schaute verwundert zu ihm auf.
+Jetzt mu&szlig;te er auf seinen Stuhl sitzen und Atem holen
+vor Bewegung, nicht vor Ersch&ouml;pfung; dann rief er mit
+triumphierender Stimme:</p>
+
+<p>&raquo;Es ist wahr, Wiseli, es ist alles wirklich wahr! Die
+Herren haben alle &#8250;Ja&#8249; gesagt. Du geh&ouml;rst mir, ich bin
+dein Vater, sag mir einmal &#8250;Vater&#8249;!&laquo;</p>
+
+<p>Wiseli war ganz schneewei&szlig; geworden; es stand da und
+starrte den Andres an, aber es sagte kein Wort und bewegte
+sich nicht.</p>
+
+<p>&raquo;Ja so, ja so&laquo;, fing Andres wieder an; &raquo;du kannst
+es ja nicht begreifen, es kommt mir alles durcheinander
+vor Freuden; jetzt will ich von vorn anfangen. Siehst du,
+Wiseli, jetzt eben habe ich es in der Kanzlei verschrieben:
+du bist jetzt mein Kind und ich bin dein Vater, und du
+bleibst hier bei mir f&uuml;r immer und gehst nie mehr zur&uuml;ck
+zum Vetter-G&ouml;tti, hier bist du daheim, hier bei mir.&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt hatte Wiseli alles begriffen. Auf einmal sprang
+es auf den Andres zu und umfa&szlig;te ihn mit beiden Armen<span class="pagenum"><a name="Page_231" id="Page_231">[231]</a></span>
+und rief: &raquo;Vater! Vater!&laquo; Der Andres brachte kein
+Wort mehr hervor und das Wiseli auch nicht, denn es
+kam ihm so viel zusammen im Herzen und in den Gedanken,
+da&szlig; es ganz &uuml;berw&auml;ltigt wurde. Aber mit einem
+Male war es, als ob ihm ein helles Licht aufginge; es
+schaute den Andres mit leuchtenden Augen an und rief frohlockend:
+&raquo;O Vater, jetzt wei&szlig; ich alles, wie es zugegangen
+ist und wer dazu geholfen hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So, so, und wer denn, Wiseli?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>&raquo;Die Mutter!&laquo; war die rasche Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;Die Mutter?&laquo; wiederholte Andres, ein wenig erstaunt,
+&raquo;wie meinst du das, Wiseli? wie meinst du das?&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt erz&auml;hlte das Kind, wie es die Mutter gesehen
+hatte, ganz deutlich, wie sie es bei der Hand genommen und
+ihm einen sonnigen Weg gezeigt und gesagt hatte: &raquo;Sieh,
+Wiseli, das ist dein Weg.&laquo; &#8211; &raquo;Und jetzt, Vater&laquo;, rief
+Wiseli immer eifriger fort, &raquo;jetzt ist mir auf einmal in
+den Sinn gekommen, wie der Weg war, gerade so, wie der
+drau&szlig;en im Garten, wenn die Sonne darauf scheint und
+die Nelken so rot gl&uuml;hen und auf der anderen Seite die
+Rosen, und die Mutter hat ihn schon gekannt und hat
+gewi&szlig; das ganze Jahr am lieben Gott angehalten, da&szlig; ich
+d&uuml;rfe auf den Weg kommen, sie hat schon gewu&szlig;t, wie gut
+ich es bei dir haben w&uuml;rde, wie sonst nirgends auf der
+ganzen Welt. Das glaubst du jetzt auch, Vater, da&szlig; alles
+so gegangen ist, nicht wahr, seit du wei&szlig;t, da&szlig; die Mutter
+mir den Weg bei den Nelken gezeigt hat?&laquo;</p>
+
+<p>Der gute Andres konnte nichts sagen, die hellen Tr&auml;nen
+liefen ihm die Wangen hinunter; dabei aber lachte ihm
+eine solche Freude aus den nassen Augen, da&szlig; es dem
+Wiseli nicht bange wurde. Als er aber endlich etwas sagen<span class="pagenum"><a name="Page_232" id="Page_232">[232]</a></span>
+wollte, da h&ouml;rte man nichts davon, denn <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'ich'">in</ins> dem Augenblick
+wurde mit einem ungeheuren Knall die T&uuml;r aufgeschlagen
+und herein sprang mit einem Satz bis mitten in
+die Stube der Otto, dann machte er noch einen gro&szlig;en
+Sprung &uuml;ber einen Stuhl weg und rief: &raquo;Juhe, wir
+haben&#8217;s gewonnen, und das Wiseli ist erl&ouml;st!&laquo; Hinter ihm
+st&uuml;rzte das Miezchen hervor, rannte gleich auf seinen Freund
+los und sagte mit bedeutungsvollem Winken gegen die T&uuml;r
+hin: &raquo;Jetzt, Andres, wirst du gleich sehen, was kommt zum
+Genesungsfest!&laquo;, und eh&#8217; es noch fertig gesprochen, arbeitete
+der B&auml;ckerjunge sich zur T&uuml;r herein mit einem so ungeheuren
+Brett auf dem Kopf, da&szlig; er in der T&uuml;r stecken
+blieb und nicht damit weiterdringen konnte. Aber von
+hinten kam eine kr&auml;ftige Hand, die hob und schob und
+st&uuml;tzte das wankende Geb&auml;ude, bis es gl&uuml;cklich in der Stube
+angelangt und auf den Tisch gesetzt war, den es g&auml;nzlich
+bedeckte, von oben bis unten. Denn Otto und Miezchen
+hatten ersonnen, aus ihren Sparb&uuml;chsen zum Genesungsfest
+den allergr&ouml;&szlig;ten Rahmkuchen machen zu lassen, den ein
+Mensch machen k&ouml;nnte. Da er nun zu klein geworden
+w&auml;re als runder Kuchen, so hatte man ihn viereckig gemacht,
+so da&szlig; er den Ofen ausf&uuml;llte von vorn bis hinten
+und nun den ganzen Tisch bedeckte. Auf den Boden hin
+stellte nun die Trine, die hinter dem B&auml;ckerjungen hilfreich
+hereingekommen war, ihren gro&szlig;en Korb nieder; da war
+ein sch&ouml;ner Braten darin und st&auml;rkender Wein dazu, denn
+die Frau Oberst hatte gesagt, heute habe der Andres gewi&szlig;
+noch keinen Bissen gegessen, und vielleicht noch dazu das
+Wiseli nicht, und so war es auch, und jetzt merkte es auch
+das Wiseli auf einmal, als es alle die einladenden Sachen
+vor sich sah. Nun setzte sich die ganze Gesellschaft zu Tisch,<span class="pagenum"><a name="Page_233" id="Page_233">[233]</a></span>
+und man konnte gar nicht absehen, wer von allen das
+fr&ouml;hlichste Gesicht am Tische hatte. Vor allem mu&szlig;te der
+Riesenkuchen in der Mitte zerschnitten und die H&auml;lfte auf
+den Boden gelegt werden, da&szlig; man Platz bekam, und nun
+folgte ein Festessen von so fr&ouml;hlicher Art, da&szlig; noch gar nie
+ein fr&ouml;hlicheres stattgefunden hat, denn jedem, das an diesem
+Tisch sa&szlig;, war sein h&ouml;chster Wunsch in Erf&uuml;llung gegangen.</p>
+
+<p>Wie es nun sp&auml;t geworden war unter all der Freude
+und man endlich vom Tisch aufstehen mu&szlig;te &#8211; denn die
+Trine stand schon lange bereit zum Abholen&nbsp;&#8211;, da sagte
+Andres: &raquo;Heut&#8217; habt ihr das Fest bereitet, aber auf den
+Sonntag will ich auch eins bereiten, dann kommt ihr wieder,
+und das soll das Fest des Einstandes sein f&uuml;r mein
+T&ouml;chterchen.&laquo;</p>
+
+<p>Nun sch&uuml;ttelten sich alle die H&auml;nde in der frohen Aussicht
+auf ein neues herrliches Fest und auf die immerw&auml;hrende
+Befriedigung, das Wiseli beim Schreiner Andres zu
+wissen. Unter der T&uuml;r aber gab Wiseli dem Otto noch
+einmal die Hand und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke dir hunderttausendmal f&uuml;r alles Gute,
+Otto. Der Ch&auml;ppi hat mir auch nie mehr etwas an den
+Kopf geworfen, weil er nicht durfte; das habe ich nur dir
+zu danken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und ich danke dir auch, Wiseli&laquo;, entgegnete Otto;
+&raquo;ich habe gar nie mehr die Fetzen auflesen m&uuml;ssen in der
+Schule; das habe ich nur dir zu danken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und ich auch&laquo;, behauptete Miezchen, denn es wollte
+nicht weniger erfreuliche Erfahrungen gemacht haben.</p>
+
+<p>Als nun in dem St&uuml;bchen alles still geworden war
+und der Mondschein leise durchs Fenster hereinkam, bei
+dem der Schreiner Andres abgesessen war, w&auml;hrend das<span class="pagenum"><a name="Page_234" id="Page_234">[234]</a></span>
+Wiseli noch alles aufr&auml;umen wollte, da kam es zu ihm
+heran und sagte, indem es seine H&auml;nde faltete:</p>
+
+<p>&raquo;Vater, soll ich nicht den Liedervers der Mutter dir
+laut vorbeten? Ich hab&#8217; ihn heut&#8217; Abend immer wieder
+leise f&uuml;r mich sagen m&uuml;ssen, den will ich gewi&szlig; mein ganzes
+Leben lang nie vergessen.&laquo;</p>
+
+<p>Andres war sehr zufrieden, den Vers zu h&ouml;ren, und
+Wiseli schaute zu den Sternen auf und sagte tief aus
+seinem Herzen heraus:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i1">&raquo;Befiehl du deine Wege,<br /></span>
+<span class="i0">Und was dein Herze kr&auml;nkt,<br /></span>
+<span class="i0">Der allertreu&#8217;sten Pflege<br /></span>
+<span class="i0">Des, der den Himmel lenkt.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i1">Der Wolken, Luft und Winden<br /></span>
+<span class="i0">Gibt Wege, Lauf und Bahn,<br /></span>
+<span class="i0">Der wird auch Wege finden,<br /></span>
+<span class="i0">Da dein Fu&szlig; gehen kann.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr class="newsection" />
+
+<p>Von diesem Tage an war und blieb das allergl&uuml;cklichste
+Haus im ganzen Dorf und im ganzen Land das H&auml;uschen
+des Schreiners Andres mit dem sonnigen Nelkengarten. &#8211;
+Wo seither das Wiseli sich blicken lie&szlig;, da waren alle Leute
+so freundlich mit ihm, da&szlig; es nur staunen mu&szlig;te. Denn
+vorher hatten sie es nie beachtet, und der Vetter-G&ouml;tti und
+die Base gingen nie am Haus vorbei, ohne schnell hereinzukommen
+und ihm die Hand zu geben und zu sagen, es
+solle auch zu ihnen kommen.</p>
+
+<p>&Uuml;ber diese Wendung war das Wiseli froh, denn es
+hatte immer einen heimlichen Schrecken gehabt beim Gedanken,
+was der Vetter-G&ouml;tti zu allem sagen werde. So<span class="pagenum"><a name="Page_235" id="Page_235">[235]</a></span>
+war Wiseli von aller Angst befreit und ging fr&ouml;hlich seinen
+Weg; im stillen aber dachte es oftmals: &raquo;Der Otto und
+die Seinigen waren gut mit mir, als es mir schlecht ging
+und ich gar niemand mehr auf der Welt hatte; aber die
+anderen Leute sind erst freundlich mit mir geworden, seit
+es mir gut geht und ich einen Vater habe; ich wei&szlig; ganz
+gut, wer es am besten mit mir meint.&laquo;</p>
+
+<hr class="endchapter" />
+
+<p class="printer"><span class="pagenum"><a name="Page_236" id="Page_236">[236]</a></span>Druck von Friedrich Andreas Perthes, Aktiengesellschaft, Gotha.</p>
+</div>
+
+
+<div class="note">
+<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong> Diese elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der ca. 1920 erschienenen siebzehnten Auflage erstellt; das
+Buch bildet den ersten Band der Serie &raquo;Geschichten f&uuml;r Kinder und auch
+f&uuml;r solche, welche die Kinder lieb haben&laquo; von Johanna Spyri. Die
+nachfolgende Tabelle enth&auml;lt eine Auflistung aller im elektronischem
+Buch gegen&uuml;ber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.</p>
+
+<ul>
+<li><a href="#Page_25">S. 025</a>: sa da&szlig; es Rico ein Mal &uuml;ber das andere &rarr; so da&szlig;</li>
+<li><a href="#Page_28">S. 028</a>: in den Korpf gesetzt &rarr; Kopf</li>
+<li><a href="#Page_70">S. 070</a>: schanten zwei gro&szlig;e Augen &rarr; schauten</li>
+<li><a href="#Page_73">S. 073</a>: [Punkt erg&auml;nzt] wollten mit ihrem Lied beginnen.</li>
+<li><a href="#Page_152">S. 152</a>: [&ouml;ffnendes Anf&uuml;hrungszeichen erg&auml;nzt] &raquo;Ach nein, Max&laquo;</li>
+<li><a href="#Page_165">S. 165</a>: [&ouml;ffnendes Anf&uuml;hrungszeichen erg&auml;nzt] &raquo;und dann m&ouml;chte ich</li>
+<li><a href="#Page_199">S. 199</a>: kein Wort sagen zn wollen &rarr; zu</li>
+<li><a href="#Page_232">S. 232</a>: denn ich dem Augenblick &rarr; in dem Augenblick</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+<div class="note">
+<p><strong>Transcriber&#8217;s Note:</strong> This ebook has been prepared from the scans of a
+seventeenth edition copy, published ca. 1920; the book forms the first
+volume of the series &raquo;Geschichten f&uuml;r Kinder und auch f&uuml;r solche, welche
+die Kinder lieb haben&laquo; by Johanna Spyri. The table below lists all
+corrections applied to the original text.</p>
+
+<ul>
+<li><a href="#Page_25">p. 025</a>: sa da&szlig; es Rico ein Mal &uuml;ber das andere &rarr; so da&szlig;</li>
+<li><a href="#Page_28">p. 028</a>: in den Korpf gesetzt &rarr; Kopf</li>
+<li><a href="#Page_70">p. 070</a>: schanten zwei gro&szlig;e Augen &rarr; schauten</li>
+<li><a href="#Page_73">p. 073</a>: [added period] wollten mit ihrem Lied beginnen.</li>
+<li><a href="#Page_152">p. 152</a>: [added opening quotes] &raquo;Ach nein, Max&laquo;</li>
+<li><a href="#Page_165">p. 165</a>: [added quotes] Kartoffeln abrei&szlig;end, &raquo;und dann m&ouml;chte ich</li>
+<li><a href="#Page_199">p. 199</a>: kein Wort sagen zn wollen &rarr; zu</li>
+<li><a href="#Page_232">p. 232</a>: denn ich dem Augenblick &rarr; in dem Augenblick</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Heimatlos, by Johanna Spyri
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HEIMATLOS ***
+
+***** This file should be named 20780-h.htm or 20780-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/0/7/8/20780/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This file is
+gratefully uploaded to the PG collection in honor of
+Distributed Proofreaders having posted over 10,000 ebooks.
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
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+
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+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
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+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
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+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
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+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
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+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
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+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
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+Literary Archive Foundation
+
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+spread public support and donations to carry out its mission of
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+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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