diff options
Diffstat (limited to '20780-8.txt')
| -rw-r--r-- | 20780-8.txt | 7119 |
1 files changed, 7119 insertions, 0 deletions
diff --git a/20780-8.txt b/20780-8.txt new file mode 100644 index 0000000..0fdfa7a --- /dev/null +++ b/20780-8.txt @@ -0,0 +1,7119 @@ +The Project Gutenberg EBook of Heimatlos, by Johanna Spyri + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Heimatlos + Geschichten für Kinder und auch für solche, welche die + Kinder lieb haben, 1. Band + +Author: Johanna Spyri + +Release Date: March 8, 2007 [EBook #20780] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HEIMATLOS *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This file is +gratefully uploaded to the PG collection in honor of +Distributed Proofreaders having posted over 10,000 ebooks. + + + + + + + + _Heimatlos._ + + + Zwei Geschichten für Kinder + und + auch für solche, welche die Kinder lieb haben. + + + Von + Johanna Spyri. + + + Siebzehnte Auflage. + _Mit vier Bildern._ + + + Gotha. + _Friedrich Andreas Perthes_ A.-G. + + + + Alle Rechte vorbehalten. + + + +Inhalt. + Seite + +Am Silser- und am Gardasee 1 + +Wie Wiselis Weg gefunden wird 129 + + + + +Am Silser- und am Gardasee. + + +[Illustration: Frontispiz] + +[Illustration: Das Büblein schaute mit den großen, dunklen Augen lange +hinaus dem Vater nach] + + + + +Erstes Kapitel. + +Im stillen Hause. + + +Im Ober-Engadin, an der Straße gegen den Maloja hinauf, liegt ein +einsames Dörfchen, das heißt Sils. Da geht man von der Straße +querfeldein, und hinten, ganz nahe an den Bergen, liegt ein kleiner Ort, +der heißt Sils-Maria. Da standen zwei Häuschen einander gegenüber, ein +wenig abseits im Felde. Die hatten beide uralte hölzerne Haustüren und +ganz kleine Fenster tief in der Mauer drinnen. Beim einen Haus war ein +kleines Stück Garten, da wuchs Kraut und Kohl und es standen auch vier +Blumenstöcke darin, die sahen aber mager aus und aufgeschossen wie das +Kraut. Beim anderen Häuschen war gar nichts als ein kleiner Stall neben +der Tür; da krochen zwei Hühner aus und ein. Dies Häuschen war noch +ziemlich kleiner als das andere, und die hölzerne Tür war schwarz vor +Alter. + +Aus dieser Tür trat jeden Morgen um dieselbe Zeit ein großer Mann, der +mußte sich bücken, um hinauszukommen. Der große Mann hatte ganz +glänzend schwarze Haare und schwarze Augen, und unter der schön +geformten Nase fing gleich ein so dichter, schwarzer Bart an, daß man +vom übrigen Gesichte nichts mehr sah als die weißen Zähne, die zwischen +den Barthaaren durchblitzten, wenn der Mann einmal sprach; aber er +sprach sehr wenig. Alle Leute in Sils kannten den Mann, aber niemand +nannte ihn bei einem Namen, er hieß bei allen nur »der Italiener«. Er +ging regelmäßig den schmalen Weg querüber gegen Sils hin und den Maloja +hinauf. Dort wurde viel an der Straße gebaut, und da hatte der Italiener +seine Arbeit. Ging er aber nicht den Weg hinauf, so ging er hinunter, +dem Bade St. Moritz zu; dort baute man Häuser, und er fand auch seine +Arbeit. Da blieb er den Tag über und kehrte erst am Abend wieder ins +Häuschen zurück. Gewöhnlich, wenn er am Morgen aus der Tür trat, stand +hinter ihm ein Büblein; das stellte sich auf die Türschwelle, wenn der +Vater draußen war, und schaute mit den großen, dunklen Augen lange +hinaus dem Vater nach, oder sonst wohin, man hätte nicht sagen können, +wohin, denn es war, als ob die dunklen Augen über alles wegschauten, was +vor ihnen lag, und auf etwas hin, das niemand sehen konnte. + +Am Sonntagnachmittag, wenn die Sonne schien, dann traten die beiden auch +manchmal miteinander aus dem Häuschen und gingen nebeneinander her die +Straße hinauf. Und wenn man sie so ansah, so sah man ganz dasselbe vor +sich in den zwei Gestalten, nur bei dem Büblein alles im kleinen, aber +es war ganz wie vom Vater abgeschnitten, bis auf den schwarzen Bart, den +hatte es nicht, sondern ein schmales, bleiches Gesichtchen war da zu +sehen, mit dem schöngeformten Näschen in der Mitte, und um den Mund +herum lag etwas Trauriges, wie wenn er nicht lachen möchte. Das konnte +man beim Vater nicht sehen vor dem Bart. + +Wenn nun die beiden so nebeneinander hergingen, dann sagte keiner ein +Wort zu dem anderen; meistens summte der Vater leise ein Lied, manchmal +auch lauter, und das Büblein hörte zu. Wenn es aber regnete am Sonntag, +dann saß der Vater daheim im Häuschen auf der Bank am Fenster, und das +Büblein saß neben ihm, und sie sagten wieder nichts zueinander. Aber der +Vater zog eine Mundharmonika hervor und spielte eine Melodie nach der +anderen, und das Büblein hörte aufmerksam zu. Manchmal nahm er auch +einen Kamm oder ein Baumblatt und lockte Melodien daraus hervor, oder er +schnitt ein Stück Holz zurecht und pfiff darauf ein Lied. Es war, als +gäbe es keinen Gegenstand, dem er nicht Musik entlocken könnte. Aber +einmal hatte er eine Geige mit nach Hause gebracht, die hatte das +Büblein so entzückt, daß es sie nie wieder vergessen konnte. Der Vater +hatte viele Lieder und Melodien darauf gespielt und das Büblein +unverwandt zugeschaut, nicht nur zugehört; und wie der Vater die Geige +weggelegt hatte, da hatte sie das Büblein leise genommen und probiert, +wie man die Melodien herausbringe. Und es mußte es so gar schlecht nicht +gemacht haben, denn der Vater hatte gelächelt und gesagt: »So komm!« und +hatte seine großen Finger auf die kleinen gelegt mit der linken Hand, +und mit der rechten die Hand des Bübleins mitsamt dem Bogen in die +seinige genommen, und so hatten sie eine gute Zeitlang fortgegeigt +allerlei Melodien. + +Die folgenden Tage, wenn der Vater fort war, hatte das Büblein fort und +fort probiert und gegeigt, bis es eine Melodie herausgebracht hatte; +aber da war auf einmal die Geige wieder verschwunden und kam nie wieder +zum Vorschein. Zuweilen, wenn sie so zusammensaßen, fing der Vater auch +an zu singen, erst nur leise und dann immer deutlicher, wenn er einmal +daran war. Dann sang das Büblein auch mit, und wenn es die Worte nicht +recht mitsingen konnte, so sang es doch die Töne; denn der Vater sang +immer italienisch, und es verstand vieles, aber es war ihm nicht so +recht bekannt und geläufig zum Singen. Da aber war eine Melodie, die +konnte es besser als alle anderen, denn der Vater hatte sie +vielhundertmal gesungen. + +Sie gehörte zu einem langen Lied, das fing so an: + + #»Una sera + In Peschiera« --# + +Es war eine ganz wehmütige Melodie, die einer zu der kurzweiligen +Romanze gemacht hatte, und sie gefiel dem Büblein besonders wohl, so daß +es sie immer mit Freuden und ganz andächtig absang, und es tönte gut, +denn das Büblein hatte eine helle, glockenreine Stimme, die floß so +schön mit des Vaters kräftigem Baß zusammen. Auch jedesmal, wenn dieses +Lied zu Ende gesungen war, klopfte der Vater den Kleinen freundlich auf +die Schulter und sagte: #»Bene, _Encrico,_ va bene.«# So nannte aber nur +der Vater den Knaben, bei allen anderen Leuten hieß er nur »Rico«. Da +war auch noch eine Base, die mit in dem Häuschen wohnte, die flickte und +kochte und alles in Ordnung hielt. Im Winter saß sie am Ofen und spann, +da mußte Rico immer nachdenken, wie er seine Gänge einrichten könne, +denn sobald er die Tür aufmachte, sagte die Base: »Laß doch einmal diese +Tür in Ruh', es wird ja ganz kalt in der Stube.« Er war dann oft lange +allein mit der Base. Der Vater hatte in der Zeit irgendwo unten im Tale +Arbeit und blieb viele Wochen lang fort. + + + + +Zweites Kapitel. + +In der Schule. + + +Rico war bald neun Jahre alt und hatte schon zwei Winter hindurch die +Schule besucht, denn im Sommer gab es da droben in den Bergen keine +Schule; da hatte der Lehrer seinen Acker zu bebauen und zu grasen und zu +hauen wie alle anderen Leute, zur Schule hatte dann niemand Zeit. Das +tat aber dem Rico nicht besonders leid, er wußte sich schon zu +unterhalten. Wenn er sich am Morgen dort auf die Schwelle gestellt +hatte, so blieb er stehen, schaute hinaus mit träumenden Augen und +bewegte sich nicht, und so konnte er stundenlang stehen, wenn nicht +drüben am anderen Häuschen die Türe aufging und ein kleines Mädchen +herauskam und lachend zu ihm herüberschaute; dann lief Rico schnell +hinüber, und die Kinder hatten sich schon wieder viel zu sagen seit +gestern Abend, wo sie sich zuletzt gesehen hatten, ehe Stineli ins Haus +gerufen wurde. Stineli hieß das Mädchen und war gerade so alt wie Rico; +sie hatten miteinander angefangen in die Schule zu gehen und waren in +derselben Klasse, und schon von jeher waren sie immer beieinander +gewesen, denn es war ja nur ein schmaler Weg zwischen ihren Wohnungen +und sie waren die allerbesten Freunde. + +Rico hatte auch nur diese einzige Freundschaft, denn mit den Buben +ringsherum hatte er keine Freude, und wenn sie sich prügelten und auf +dem Boden herumwarfen und sich auf die Köpfe stellten, dann ging er +davon und schaute nicht einmal zurück. Wenn sie aber riefen: »Jetzt +wollen wir einmal den Rico abprügeln«, dann stand er still und stellte +sich geradeauf hin und machte gar nichts; aber er schaute sie mit den +dunkeln Augen so merkwürdig an, daß ihn keiner packte. + +Aber beim Stineli war's ihm wohl zumute. Es hatte ein lustiges +Stumpfnäschen und darüber zwei braune Augen, die lachten immerfort, und +um den Kopf hatte es zwei dicke, braune Zöpfe gebunden, die sahen sehr +sauber aus, denn das Stineli war ein ordentliches Mädchen und wußte sich +zu helfen; es war auch in einer guten Schule Tag für Tag. Stineli war +wohl kaum neun Jahre alt, aber es war die älteste Tochter und mußte der +Mutter überall helfen, und da war viel zu tun. Denn nach dem Stineli +kamen noch: das Trudi und der Sami und der Peterli, und das Urschli und +das Anne-Deteli und der Kunzli, und dann noch das Ungetaufte. Immerfort +rief man nach dem Stineli aus allen Ecken, und es war dabei so flink +geworden, daß ihm alles aus der Hand lief wie von selbst. Den Kleinen +hatte es immer schon drei Strümpfe und zwei Schuhe angezogen und +festgebunden, eh' das Trudi dem einen, dem es helfen sollte, nur die +Beine dazu in die rechte Stellung gebracht hatte. Und wenn in der Stube +die kleinen Kinder und in der Küche die Mutter miteinander dem Stineli +riefen, dann rief der Vater noch aus dem Stall herüber, er hatte dort +die Kappe verlegt oder die Peitsche war verknüpft, und das Stineli mußte +ihm helfen, denn es fand die Kappe immer gleich, sie war meistens auf +dem Futterkasten, und seine gelenkigen Finger brachten die +Peitschenschnur gleich auseinander. So war das Stineli immerfort im +Laufen und am Arbeiten, aber es war ganz lustig und munter dabei, und im +Winter war es froh über die Schule, denn dann wanderte es dahin und +wieder heim mit dem Rico, und in der Pause gingen sie auch zusammen. Und +im Sommer war es wieder froh, da gab es schöne Sonntagabende, da es +hinaus durfte; dann zog es aus mit dem Rico, der schon lange drüben +unter der Tür gewartet hatte, und sie liefen Hand in Hand über die große +Wiese hin nach der bewaldeten Anhöhe drüben, die weit in den See +hinausgeht wie eine Insel. Dort oben saßen sie unter den Tannen und +schauten in den grünen See hinunter und hatten einander so viel zu +erzählen und zu fragen, und es war ihnen so wohl, daß das Stineli sich +die ganze Woche und durch alles durch freute, denn es wurde immer wieder +Sonntag. + +In dem Häuschen aber war noch jemand, der dann und wann nach dem Stineli +rief, das war die alte Großmutter. Die rief aber nicht, damit es ihr +noch helfe, sondern sie hatte ihm etwa einen Blutzger zu geben, der ihr +in die Hand kam, oder sonst etwas, denn Stineli war ihr Liebling und sie +sah es mehr als sonst irgend jemand, wie viel das Stineli schon tun +mußte für sein Alter, mehr als die meisten Kinder. Darum gab sie ihm +gern etwas, daß es auch wie andere Kinder am Jahrmarkt etwas kaufen +könne, etwa ein rotes Bändeli oder ein Nadelbüchsli. Die Großmutter war +auch gegen Rico sehr gut und sah die Kinder gern beisammen und tat auch +manchmal etwas für das Stineli, daß es mit dem Rico noch ein wenig +draußen bleiben durfte. + +An den Sommerabenden saß sie immer vor dem Häuschen auf dem Holzstumpf, +der da lag; und oft standen Stineli und Rico bei ihr und sie erzählte +ihnen etwas. Wenn dann die Betglocke zu läuten anfing vom Türmchen, so +sagte sie: »Jetzt müßt ihr jedes ein Vaterunser beten, und das dürft ihr +nie vergessen, daß man am Abend sein Vaterunser beten muß; dazu läutet +die Betglocke.« + +»Und seht, Kinder«, sagte die Großmutter von Zeit zu Zeit einmal wieder, +»ich habe schon lange gelebt und viel gesehen, und ich kenne nicht +einen, der nicht einmal in seinem Leben sein Vaterunser nötig gehabt +hätte, aber manchen, der es mit Angst gesucht und nicht mehr gefunden +hat, wenn die Not da war.« Dann standen Stineli und Rico ganz andächtig +da und jedes betete ein Vaterunser. + +Jetzt war es Mai und eine kleine Zeit mußte die Schule noch dauern, +lange konnte es nicht mehr sein, denn es grünte unter den Bäumen und +große Strecken waren ganz frei von Schnee. Rico stand schon unter der +Tür seit einer guten Weile und stellte diese Betrachtungen an. Dabei +schaute er immer wieder nach der Tür drüben, ob sie noch nicht aufgehen +wollte. Jetzt ging sie auf und Stineli kam herausgesprungen. + +»Bist du schon lang dagestanden? Hast du wieder gestaunt, Rico?« rief es +lachend. »Siehst du, heut' ist es noch früh, wir können langsam gehen.« + +Jetzt nahmen sie einander bei der Hand und wanderten der Schule zu. + +»Denkst du immer noch an den See?« fragte Stineli im Gehen. + +»Ja gewiß«, versicherte Rico mit ernstem Gesicht, »und manchmal träumt +es mir auch davon und ich sehe so große, rote Blumen daran und drüben +die violetten Berge.« + +»Ach, das gilt nicht, was es einem träumt«, sagte Stineli lebhaft; »es +hat mir auch einmal geträumt, der Peterli kletterte ganz allein auf die +allerhöchste Tanne hinauf, und wie er auf dem obersten Zweiglein saß, da +war's nur noch ein Vogel, und er rief herunter: 'Stineli, zieh mir die +Strümpf' an.' Jetzt siehst du doch, daß das nichts sein kann.« + +Rico mußte stark nachdenken, wie das sei, denn sein Traum konnte doch +sein und war nur wie etwas, das ihm wieder in den Sinn kam. Aber jetzt +waren sie nahe beim Schulhaus angelangt und ein ganzer Trupp Kinder +lärmte von der anderen Seite daher. Sie traten alle miteinander ein, und +bald nachher kam auch der Lehrer. Der war ein alter Mann mit dünnen, +grauen Haaren, denn er war schon undenklich lang Lehrer gewesen, so daß +ihm darüber die Haare grau geworden und ausgefallen waren. Es ging nun +an ein strenges Buchstabieren und Syllabieren, dann kam das Einmaleins +an die Reihe und zuletzt kam der Gesang. Da holte der Lehrer seine alte +Geige hervor und stimmte sie, und nun ging es an und alle sangen aus +voller Kehle: + + »Ihr Schäflein hinunter + Von sonniger Höh'«, + +und der Lehrer geigte dazu. + +Nun schaute aber der Rico so gespannt auf die Geige und des Lehrers +Finger, wie dieser die Saiten griff, daß Rico darüber ganz das Singen +vergaß und keinen Ton mehr von sich gab. Jetzt fiel mit einem Male die +ganze Sängerherde einen halben Ton hinunter, da wurde die Geige auch +unsicher und fiel nach, und die Sänger fielen noch tiefer, und man kann +gar nicht wissen, wie tief hinunter alles miteinander gefallen wäre, -- +aber jetzt warf der Lehrer die Geige auf den Tisch und rief erzürnt: +»Was ist das für ein Gesang! Ihr unvernünftigen Schreier! Wenn ich doch +wissen könnte, wer mir so falsch singt und einen ganzen Gesang +verdirbt!« + +Da sagte ein kleiner Bube, der neben Rico saß: »Ich weiß schon, warum es +so gegangen ist; allemal geht es so, wenn der Rico aufhört zu singen.« + +Dem Lehrer war es selbst nicht so ganz unbekannt, daß die Geige am +sichersten ging, wenn Rico fest mitsang. + +»Rico, Rico, was muß ich hören«, sagte er ernsthaft, zu diesem gewandt. +»Du bist sonst ein ordentliches Büblein, aber Unachtsamkeit ist ein +großer Fehler, das hast du jetzt gesehen. Ein einziger unachtsamer +Schüler kann einen ganzen Gesang verderben. Jetzt wollen wir noch einmal +anfangen, und daß du aufpassest, Rico!« + +Nun setzte Rico mit fester, klarer Stimme ein, und die Geige folgte +nach, und alle Kinder sangen aus allen Kräften mit, so daß es ganz +herrlich anzuhören war bis zum Schluß. Da war der Lehrer sehr zufrieden +und rieb sich die Hände und tat noch ein paar feste Striche auf der +Geige und sagte vergnüglich: »Es ist auch ein Instrument danach.« + + + + +Drittes Kapitel. + +Des alten Schullehrers Geige. + + +Vor der Tür hatten sich Stineli und Rico bald aus dem Rudel +herausgemacht und zogen zusammen ihren Weg. + +»Hast du vor lauter Staunen nicht mehr mitgesungen, Rico?« fragte jetzt +Stineli. »Ist dir etwa auf einmal der See in den Sinn gekommen?« + +»Nein, etwas anderes«, sagte Rico; »ich weiß jetzt, wie man spielt: 'Ihr +Schäflein hinunter'. Wenn ich nur eine Geige hätte!« + +Der Wunsch mußte Rico schwer auf dem Herzen liegen, denn er kam mit +einem tiefen Seufzer heraus. Stineli war gleich ganz voller Teilnahme +und unternehmender Gedanken. + +»Wir wollen eine kaufen zusammen«, rief es plötzlich in großer Freude +über die Hilfe, die ihm in den Sinn gekommen war. »Ich habe ganz viele +Blutzger von der Großmutter, etwa zwölf; wie viele hast du?« + +»Gar keinen«, sagte Rico traurig; »der Vater hat mir ein paar gegeben, +ehe er fortging. Aber die Base hat gesagt, ich mache nur unnützes Zeug +damit, und hat sie genommen und ganz hoch hinauf in den Kasten gelegt; +man kann sie nicht mehr erlangen.« + +Aber Stineli ließ sich nicht so bald entmutigen. »Vielleicht haben wir +doch genug Geld, und die Großmutter gibt mir schon noch ein wenig«, +sagte es tröstend; »weißt du, Rico, eine Geige kostet nicht so viel; es +ist nur altes Holz und vier Saiten darüber gespannt, das kostet nicht +viel. Du mußt nur morgen den Lehrer fragen, was eine Geige kostet, und +nachher suchen wir eine.« + +So blieb es ausgemacht, und Stineli dachte, es wolle daheim tun, was es +nur könne, und ganz früh aufstehen und das Feuer anmachen, eh' nur die +Mutter auf sei; denn wenn es so immerfort etwas tat von früh bis spät, +steckte ihm gewöhnlich die Großmutter einen Blutzger in den Sack. + +Am folgenden Morgen, als die Schule aus war, ging Stineli allein hinaus +und an der Ecke vom Schulhaus stand es still hinter dem Holzhaufen und +wartete auf den Rico, der jetzt den Lehrer fragen sollte wegen der +Geige. Er kam lange nicht heraus, und Stineli guckte immer wieder mit +Ungeduld hinter dem Holze hervor, aber es waren nur die anderen Buben, +die noch da und dort herumstanden. Aber jetzt -- richtig, Rico kam um den +Holzhaufen herum. Da war er. + +»Was hat er gesagt, was kostet sie?« rief Stineli mit angehaltenem Atem +vor Erwartung. + +»Ich habe nicht fragen mögen«, antwortete Rico verzagt. + +»O, wie schade!« sagte Stineli und stand ganz verblüfft da, aber nicht +lange. »Es ist gleich, Rico«, sagte es wieder fröhlich und nahm ihn bei +der Hand zum Heimgehen, »du kannst nur morgen fragen. Ich habe auch +schon wieder einen Blutzger bekommen heute früh von der Großmutter, weil +ich schon auf war, als sie in die Küche kam.« + +Nun ging es aber am folgenden Tage wieder ganz gleich und am dritten +auch; Rico blieb immer eine halbe Stunde lang vor der Wohnstube des +Lehrers stehen und mochte nicht hineingehen und seine Frage tun. Da +dachte Stineli heimlich: Wenn er noch drei Tage lang nicht fragt, dann +frag' ich. Aber am vierten Tage, als Rico wieder nachdenklich und +zaghaft an der Tür stand, ging diese plötzlich auf, und der Lehrer trat +eilig heraus und stieß so gewaltig gegen den Rico an, daß das +federleichte Büblein ein gutes Stück rückwärts flog. In großem Erstaunen +und ziemlichem Unwillen stand der Lehrer da. »Was ist das, Rico?« fragte +er jetzt, als der Kleine wieder am Platze stand. »Warum kommst du an +eine Tür und klopfest nicht an, wenn du da etwas zu verrichten hast; +wenn du aber nichts da zu verrichten hast, warum entfernst du dich +nicht? Solltest du mir aber etwas zu berichten haben, so kannst du's +gleich hier sagen. Was wolltest du?« + +»Was kostet eine Geige?« stürzte Rico vor lauter Angst in voller Hast +heraus. + +Des Lehrers mißbilligendes Erstaunen wuchs sichtlich. »Rico, was muß ich +von dir denken?« fragte er mit gestrenger Miene; »kommst du extra an die +Tür deines Lehrers, um unnütze Fragen an ihn zu tun? oder hast du eine +Absicht? Was hast du damit sagen wollen?« + +»Ich habe nichts sagen wollen«, entgegnete Rico schüchtern, »nur fragen, +was eine Geige kostet.« + +»Du hast mich nicht verstanden, Rico; paß jetzt auf, was ich dir sage: +ein Mensch spricht etwas aus und denkt sich dabei einen Zweck; oder er +denkt sich nichts dabei, das sind unnütze Worte. Nun paß auf, Rico: hast +du soeben diese Frage getan aus gar keinem Grunde, oder aus Neugierde, +oder hat dich jemand geschickt, der gern eine Geige anschaffen wollte?« + +»Ich wollte gern eine kaufen«, sagte Rico ein wenig herzhafter; aber er +erschrak sehr, als der Lehrer mit einem Male in hellem Zorn ihn anfuhr: +»Was? Was sagst du da? So ein -- verlorenes, unvernünftiges, welsches +Büblein, wie du eins bist, eine Geige kaufen? Weißt du denn, was eine +Geige ist? Weißt du, wie alt ich war und was ich gelernt hatte, eh' ich +eine Geige anschaffen konnte? Lehrer war ich, fertiger Lehrer, +zweiundzwanzig Jahre alt und stand in meinem Beruf! Und dann so ein +Büblein, wie du eins bist! Und jetzt will ich dir sagen, was eine Geige +kostet, so kannst du deinen Unverstand bemessen. Sechs harte Gulden habe +ich bezahlt dafür; kannst du dir die Summe vergegenwärtigen? Wir wollen +sie gleich einmal in Blutzger auflösen: Enthält ein Gulden 100 Blutzger, +so enthalten sechs Gulden 6 x 100 gleich? -- gleich? -- Nun Rico, du bist +sonst keiner von den Ungeschickten, -- gleich?« + +»Gleich 600 Blutzger«, ergänzte Rico leise, denn der Schrecken versagte +ihm die Stimme, nun er die Summe überschaute und Stinelis zwölf Blutzger +damit verglich. + +»Und dann, Büblein«, fuhr der Lehrer im Zuge weiter fort, »was meinst +du? Meinst du, es nimmt einer eine Geige nur in die Hand und spielt? Da +muß einer anders dran, bis er so weit ist. Komm gleich einmal da herein« +-- und der Lehrer machte die Tür auf und nahm die Geige von der Wand --; +»da, nimm sie einmal in den Arm und den Bogen in die Hand; so, Büblein, +und wenn du mir nun #c d e f# herausbringst, so geb' ich dir gleich +einen halben Gulden.« Rico hatte wirklich die Geige im Arm; seine Augen +leuchteten auf wie Feuer. #c d e f# -- spielte er fest und völlig +korrekt. »Du Erzblitzbub«, rief der Lehrer vor Bewunderung aus, »woher +kannst du das? Wer hat dich's gelehrt? Wie kannst du die Töne +finden?« + +[Illustration: Jetzt spielte Rico mit aller Sicherheit und +freudestrahlenden Augen] + +»Ich kann noch etwas, wenn ich's spielen darf«, sagte Rico und schaute +mit Verlangen auf das Instrument in seinem Arm. + +»Spiel's!« bedeutete der Lehrer. Jetzt spielte Rico mit aller Sicherheit +und freudestrahlenden Augen: + + »Ihr Schäflein hinunter + Von sonniger Höh', + Der Tag ging schon unter, + Für heute ade!« + +Der Lehrer hatte sich auf einen Stuhl niedergelassen und die Brille +aufgesetzt. Er schaute mit ernster Prüfung jetzt auf Ricos Finger, dann +auf seine funkelnden Augen, dann wieder auf die Finger. Rico hatte +fertig gespielt. + +»Komm hier zu mir her, Rico!« + +Der Lehrer rückte seinen Stuhl ins Licht, und Rico mußte sich gerade vor +ihm aufstellen. »So, nun muß ich ein Wort mit dir reden. Dein Vater ist +ein Welscher, Rico, und siehst du, dort unten gehen allerhand Dinge, von +denen wir hier in den Bergen nichts wissen. Nun sieh mir in die Augen +und sag mir aufrichtig und der Wahrheit gemäß: Wie bist du dazu +gekommen, diese Melodie ohne Fehler auf meiner Geige zu spielen?« + +Rico schaute den Lehrer mit ganz ehrlichen Augen an und sagte: »Ich habe +sie Euch abgelernt in der Singschule, wo wir sie so viel singen.« + +Diese Worte gaben der Sache eine ganz andere Wendung. Der Lehrer stand +auf und ging einige Male hin und her. So war er selbst der Urheber +dieser wunderbaren Erscheinung; da waren also keine Schwarzkünste dabei +im Spiel. Mit versöhntem Gemüte zog er jetzt seinen Beutel hervor: »Da +ist ein halber Gulden, Rico, er gehört dir mit Recht. Nun fahr so fort +und sei recht aufmerksam auf das Geigenspiel, solange du zur Schule +gehst, so kannst du's zu etwas bringen, und in zwölf bis vierzehn Jahren +wird die Zeit da sein, da du auch eine Geige anschaffen kannst. Jetzt +kannst du gehen.« + +Rico warf noch einen Blick auf die Geige, dann ging er mit der +allertiefsten Betrübnis im Herzen. + +Stineli kam hinter dem Holzstoß hervorgerannt: »Diesmal bist du aber +lang geblieben, hast du gefragt?« + +»Es ist alles verloren«, sagte Rico, und seine Augenbrauen kamen vor +Leid so nah zusammen, daß _ein_ dicker, schwarzer Strich war über die +Augen hin. »Eine Geige kostet sechshundert Blutzger, und in vierzehn +Jahren kann ich eine kaufen, wenn schon lange alles tot ist; wer wollte +noch am Leben sein in vierzehn Jahren. Da, das kannst du haben, ich +will's nicht.« Damit drückte er den halben Gulden in Stinelis Hand. + +»Sechshundert Blutzger!« wiederholte Stineli voller Entsetzen. »Aber +woher hast du das viele Geld hier?« + +Rico erzählte nun alles, wie es gegangen war bei dem Lehrer, und endete +wieder mit dem Worte des größten Leides: »Jetzt ist alles verloren.« + +Stineli wollte ihm wenigstens seinen halben Gulden aufdringen als einen +ganz kleinen Trost; aber er war ganz ergrimmt über den unschuldigen +halben Gulden und wollte ihn nicht ansehen. + +Da sagte Stineli: »So will ich ihn zu meinen Blutzgern tun und dann +wollen wir das Geld alles miteinander teilen und alles gehört uns +zusammen.« + +Diesmal war auch Stineli sehr niedergeschlagen; als es aber mit Rico um +die Ecke kam, wo es ins Feld hineinging, lag der schmale Fußweg so schön +trocken in der Sonne bis zur Haustür hin, und dort flimmerte das +Plätzchen davor auch ganz weiß und trocken, und Stineli rief: + +»Sieh, sieh, nun wird's Sommer, Rico, und wir können wieder in den Wald +hinauf; dann freut's dich auch wieder. Wollen wir schon am Sonntag +gehen?« + +»Es freut mich gar nichts mehr«, sagte Rico; »aber wenn du gehen willst, +so will ich schon mitkommen.« + +An der Tür wurde es noch ganz ausgemacht, am Sonntag wollten sie +hinübergehen auf die Waldhöhe, und dem Stineli kam schon wieder die +Freude obenauf. Es tat auch noch die Woche durch, was es nur vermochte, +und es gab viel zu tun; der Peterli und der Sami und das Urschli hatten +die Röteln, und im Stall war eine Geiß krank, der mußte man öfter heißes +Wasser bringen, und Stineli mußte da- und dorthin laufen und überall +Hand anlegen, sobald es nur aus der Schule kam, und am Samstag den +ganzen Tag lang, bis spät am Abend, da mußte es noch den Stalleimer +fegen. Da sagte aber auch der Vater am Abend: »Das Stineli ist ein +handliches.« + + + + +Viertes Kapitel. + +Der ferne, schöne See ohne Namen. + + +Als am Sonntagmorgen Stineli die Augen aufmachte, hatte es eine große +Freude im Herzen und wußte zuerst gar nicht warum, bis es sich besann, +daß es Sonntag war und die Großmutter noch am Abend spät gesagt hatte: +»Morgen mußt du Sonntag haben, den ganzen Nachmittag; er gehört dir!« + +Als das Mittagessen vorbei war und Stineli alle Teller weggetragen und +den Tisch abgewaschen hatte, rief der Peterli: »Komm zu mir, Stineli«, +und die zwei anderen im Bett schrieen: »Nein, zu mir!« Und der Vater +sagte: »Das Stineli muß nach der Geiß sehen.« + +Aber nun ging die Großmutter in die Küche hinaus und winkte dem Stineli +nach. »Geh du jetzt in Frieden«, sagte sie, »der Geiß und den Kindern +will ich schon nachgehen, und wenn's Betglocke läutet, kommt ordentlich +heim.« Die Großmutter wußte schon, daß ihrer zwei waren. + +Jetzt schoß Stineli davon wie ein Vogel, dem man die Käfigtür aufgemacht +hat, und drüben stand Rico, der hatte lange schon gewartet. Nun zogen +sie aus über die Wiese hin, der Waldhöhe zu. Die Sonne schien an allen +Bergen und der Himmel lag blau darüber. Auf der Schattenseite mußten sie +noch ein wenig im Schnee gehen bis hinauf, aber da kam die Sonne von +vorn und flimmerte über den See, und da waren schöne, trockene Plätzchen +am Abhang, steil über dem Wasser. Da saßen die Kinder hin; es pfiff ein +scharfer Wind über die Höhe und sauste ihnen um die Ohren. Stineli war +lauter Freude und Genuß. Ein Mal über das andere rief es aus: + +»Sieh, sieh, Rico, die Sonne, wie schön! Jetzt wird's Sommer; sieh, wie +es glitzert auf dem See. Es kann gar keinen schöneren See geben, als der +ist«, sagte es jetzt zuversichtlich. + +»Ja, ja, Stineli, du solltest nur einmal den See sehen, den ich meine!« +und Rico schaute so verloren über den See hin, als finge, was er ansehen +wollte, erst dort an, wo man nichts mehr sah. + +»Siehst du, dort stehen nicht so schwarze Tannen mit Nadeln, da sind so +glänzende, grüne Blätter und große, rote Blumen, und die Berge stehen +nicht so hoch und schwarz und so nah, nur weit drüben liegen sie ganz +violett, und am Himmel und auf dem See ist alles golden und so still und +warm; da tut der Wind nicht so und die Füße hat man nicht so voll +Schnee, dann kann man immer so am sonnigen Boden sitzen und zuschauen.« + +Stineli war bald hingerissen; es sah schon die roten Blumen und den +goldenen See vor sich, das mußte doch so schön sein. + +»Vielleicht kannst du wieder einmal dahin gehen an den See und alles +wieder sehen; weißt du den Weg?« + +»Man geht auf den Maloja. Dort bin ich schon mit dem Vater gewesen: da +hat er mir die Straße gezeigt, die geht den ganzen Weg hinunter, immer +so hin und her, und weit unten ist der See, aber noch so weit, daß man +fast nicht hinkommen kann.« + +»Ach, das ist ganz leicht«, meinte Stineli, »du müßtest nur immer weiter +gehen, so kämst du sicher zuletzt dahin.« + +»Aber der Vater hat mir noch etwas gesagt; siehst du, Stineli: wenn man +auf dem Wege ist und in ein Wirtshaus hineingeht und ißt und schläft da, +so muß man immer bezahlen, da muß man wieder Geld haben.« + +»O, Geld haben wir jetzt so viel«, rief Stineli triumphierend. Aber Rico +triumphierte nicht mit. + +»Das ist gerade so viel wie nichts, das weiß ich noch von der Geige +her«, sagte er traurig. + +»So bleib du lieber daheim, Rico; sieh, es ist doch daheim so schön.« + +Eine Weile lang saß Rico nachdenklich da, seinen Kopf auf den Ellbogen +gestützt, und seine Augenbrauen kamen wieder ganz zusammen. Jetzt kehrte +er sich wieder zu Stineli, das unterdessen von dem weichen, grünen Moos +ausrupfte und ein Bettlein machte, zwei Kissen und eine Decke, die +wollte es dem kranken Urschli bringen. »Du sagst, ich soll nur daheim +bleiben, Stineli«, sagte er mit gefalteter Stirne; »aber siehst du, mir +ist es gerade so, wie wenn ich nicht wüßte, wo ich daheim bin.« + +»Ach, was sagst du«, rief Stineli und warf vor Erstaunen eine ganze Hand +voll Moos weg. »Hier bist du daheim, natürlich. Da ist man immer daheim, +wo man seinen Vater und seine Mutter --«; hier hielt es plötzlich inne: +Rico hatte ja gar keine Mutter, und der Vater war schon so lang wieder +fort, und die Base? -- Stineli kam der Base nie zu nah, sie hatte ihm nie +ein gutes Wort gegeben; es wußte gar nicht mehr, was sagen. Aber Stineli +konnte in einem so unsicheren Zustande nicht lange bleiben. Rico hatte +wieder zu staunen angefangen; auf einmal faßte es ihn am Arm und rief: + +»Nun möchte ich doch etwas wissen, wie heißt der See, wo es so schön +ist?« + +Rico besann sich. »Ich weiß es nicht«, sagte er, selbst verwundert +darüber. + +Da schlug Stineli vor, sie wollten jemand fragen, wie er heißen könne; +denn wenn Rico doch einmal viel Geld hätte und gehen könnte, so müßte er +ja den Weg erfragen und einen Namen wissen. Nun fingen sie an zu +beraten, wen man fragen könnte; den Lehrer oder die Großmutter. Da fiel +es Rico ein, der Vater werde es am besten wissen; den wollte er fragen, +sobald er heimkomme. + +Unterdessen war die Zeit vergangen und auf einmal hörten die Kinder ganz +in der Ferne ein leises Läuten. Sie kannten den Ton, es war die +Betglocke. Sie sprangen gleich beide vom Boden auf und rannten +miteinander Hand in Hand durch Gestrüpp und Schnee die Halde hinunter +und über die Wiese hin, und es hatte noch nicht lange verläutet, so +standen sie schon an der Tür, wo die Großmutter nach ihnen aussah. + +Stineli mußte nun gleich ins Haus hinein, und die Großmutter sagte nur +schnell: »Geh du auch gleich hinein, Rico, und bleib nicht mehr stehen +vor der Tür.« + +Das hatte die Großmutter noch nie zu ihm gesagt, obschon er es immer +tat, denn es gelüstete ihm nie, in das Haus hineinzugehen, und er stand +immer erst eine Zeitlang vor der Haustür, ehe er's tat. Er gehorchte +aber der Großmutter aufs Wort und ging gleich hinein. + + + + +Fünftes Kapitel. + +Ein trauriges Haus, aber der See hat einen Namen. + + +Die Base war nicht in der Stube, so ging er wieder hinaus und machte die +Küchentür auf. Da stand sie; aber ehe er nur eintreten konnte, hob sie +den Finger in die Höh' und machte: »Bst! Bst! Mach nicht alle Türen auf +und zu und einen Lärm, als kämen ihrer vier. Geh in die Stube hinein und +halte dich still. Der Vater liegt oben in der Kammer; sie haben ihn auf +einem Wagen gebracht, er ist krank.« + +Rico ging hinein und setzte sich auf die Bank an der Wand und bewegte +sich nicht. So saß er eine gute halbe Stunde lang; die Base fuhr noch +immer in der Küche herum. Da dachte Rico, er wolle ganz leise in die +Kammer hineinschauen, vielleicht wollte der Vater auch etwas zu Abend +essen, es war schon lange Zeit dazu. + +Er schlich hinter dem Ofen die kleine Treppe hinauf und kroch in die +Kammer hinein. Nach einiger Zeit kam er wieder und ging gleich in die +Küche hinaus und bis nahe zur Base heran. Dann sagte er leise: »Base, +kommt!« + +Diese wollte ihn eben tüchtig anfahren, als ihre Blicke auf sein Gesicht +fielen: es war völlig ohne Farbe, Wangen und Lippen weiß wie ein Tuch, +und aus den Augen schaute er so schwarz, daß ihn die Base fast +fürchtete. + +»Was hast du?« fragte sie hastig und folgte ihm unwillkürlich. + +Er ging leise das Treppchen hinauf und in die Kammer hinein. Da lag der +Vater mit starren Augen auf seinem Bett; er war tot. + +»Ach, du mein Gott«, schrie die Base und lief mit Lärm zur Tür hinaus, +die auf der anderen Seite auf den Gang führte, die Treppe hinunter und +gleich hinüber in die Stube hinein und rief, der Nachbar und die +Großmutter sollten herüberkommen, und von da lief sie zum Lehrer und zum +Gemeindevorsteher. + +So kam eins ums andere und trat in die stille Kammer hinein, bis sie +voll von Menschen war, denn einer hörte draußen vom anderen, was +geschehen sei. Und mitten in dem Gewimmel und den vielen klaghaften +Worten von all' den Nachbarn stand Rico an dem Bette, lautlos und +unbeweglich, und schaute den Vater an. -- Die ganze Woche durch kamen +täglich noch Leute ins Haus, die den Vater ansehen und von der Base +hören wollten, wie alles zugegangen sei, so daß es Rico ein Mal über das +andere erzählen hörte: Sein Vater hatte drunten im St. Gallischen an +einer Eisenbahn Arbeit gehabt. Beim Steinsprengen hatte er eine tiefe +Wunde in den Kopf bekommen, und da er nun doch nicht mehr arbeiten +konnte, wollte er heimgehen, um sich zu pflegen, bis es besser würde. +Aber die lange Reise, teils zu Fuß, teils auf offenen Fuhrwagen, hatte +er nicht ertragen können, war am Sonntag gegen Abend daheim angelangt +und hatte sich auf sein Bett gelegt, um nicht wieder aufzustehen; ohne +daß ihn jemand gesehen hatte, war er verschieden; denn Rico hatte ihn +schon starr ausgestreckt auf dem Bette gefunden. Am Sonntag darauf wurde +der Mann begraben. Rico war der einzige Leidtragende, der dem Sarge +folgte, einige gute Nachbarn hatten sich noch angeschlossen; so ging +der Zug hinüber nach Sils. Dort hörte Rico, wie der Herr Pfarrer in der +Kirche laut ablas: »Der Verstorbene hieß Enrico Trevillo und war +gebürtig aus Peschiera am Gardasee.« + +Da war es Rico, als hörte er etwas, das er ganz gut gewußt, aber gar +nicht mehr hatte zusammenfinden können. Immer hatte er auch den See vor +sich gesehen, wenn er mit dem Vater gesungen hatte: + + #»Una sera + In Peschiera.«# + +Aber er hatte nicht gewußt, warum. Leise mußte er die Namen wiederholen, +eine Menge alter Lieder stiegen damit vor seinen Augen auf. + +Als er allein zurückgewandert kam, sah er die Großmutter auf dem +Holzstumpf sitzen und neben ihr das Stineli. Sie winkte ihn zu sich. +Dann steckte sie ihm ein Stück Birnbrot in die Tasche, wie sie vorher +dem Stineli getan hatte, und sagte, nun sollten sie spazieren gehen, an +dem Tage müsse Rico nicht allein sein. Da wanderten die Kinder zusammen +in den hellen Abend hinaus. Die Großmutter blieb auf ihrem Holze sitzen +und schaute mitleidig dem schwarzen Büblein nach, bis sie nichts mehr +von den Kindern sehen konnte. Dann sagte sie leise für sich: + + »Doch was Er tut und läßt geschehn, + Das nimmt ein gutes End'!« + + + + +Sechstes Kapitel. + +Ricos Mutter. + + +Über den Weg von Sils her kam an einem Stab der Lehrer gegangen. Er +hatte an dem Begräbnis teilgenommen. Er hustete und keuchte, und als er +nun bei der Großmutter angekommen war und einen »Guten Abend« geboten +hatte, setzte er hinzu: »Wenn es Euch recht ist, Nachbarin, so sitze ich +einen Augenblick neben Euch, denn ich habe es stark in dem Hals und auf +der Brust; aber was kann unsereins sagen mit bald siebzig Jahren, wenn +man solche begräbt, wie den heute. Er war noch nicht fünfunddreißig und +ein Mann wie ein Baum.« + +Der Lehrer hatte sich neben die Großmutter niedergesetzt. + +»Es gibt mir auch zu denken«, sagte diese, »daß ich, eine Alte, +Fünfundsiebzigjährige, übrig bleibe und da und dort ein Junges fort muß, +von dem man denkt, es wäre noch nötig gewesen.« + +»Die Alten werden auch noch zu etwas gut sein. Wo wäre sonst ein +Beispiel für die Jungen?« bemerkte der Lehrer. »Aber was meint Ihr, +Nachbarin, was soll nun aus dem Büblein werden da drüben?« + +»Ja, was soll aus dem Büblein werden?« wiederholte die Großmutter; »ich +frage auch so, und wenn ich nur auf die Menschen sehen wollte, so wüßte +ich keine Antwort. Aber es ist noch ein Vater im Himmel, der die +verlassenen Kinder sieht. Er wird auch einen Weg für das Büblein +finden.« + +»Sagt mir einmal, Nachbarin: wie ging es zu, daß der Italiener die +Tochter von Eurer Nachbarin da drüben zur Frau bekam? Man weiß doch nie, +woher solche fremde Menschen kommen und was mit ihnen ist.« + +»Es ging eben, wie es geht, Nachbar. Ihr wißt ja, meine alte Bekannte, +die Frau Anne-Dete, hatte alle ihre Kinder verloren und auch den Mann, +und lebte allein drüben im Häuschen mit dem Marie-Seppli, das ein +lustiges Töchterlein war. Es mögen jetzt elf oder zwölf Jahre sein, da +kam der Trevillo zuerst hierher. Er hatte Arbeit oben am Maloja und kam +etwa hier herunter mit den Burschen, und kaum hatten das Marie-Seppli +und er einander gesehen, so wurden sie einig, sie wollten einander +haben. Und das muß man dem Trevillo nachsagen, er war nicht nur ein +schöner Bursche, der jedem gefallen konnte, sondern auch ein anständiger +und rechtschaffener Mensch, die Anne-Dete hatte selber ihre Freude an +ihm. Sie hätte nun freilich gern gewollt, die beiden blieben bei ihr im +Häuschen, und der Trevillo hätte es gern getan, er konnte es gut mit der +Mutter, und dem Marie-Seppli tat er, was es nur wollte. Er war aber +manchmal mit ihm nach dem Maloja hinaufspaziert und hatte die Straße +hinuntergeschaut, die man so sieht, wie sie weit ins Tal hinabgeht, und +er hatte ihr erzählt, wie es unten sei, wo er daheim war. Da hatte sich +das Marie-Seppli in den Kopf gesetzt, es wolle dort hinunter, und es +half alles nichts, wie auch die Mutter anhielt und jammerte, sie könnten +nicht leben da unten. Da sagte aber der Trevillo, deswegen müsse sie +nicht Angst haben, er habe ein Gütlein und ein Häuschen unten; er sei +nur lieber ein wenig in die Welt hinausgezogen. -- Jetzt hatte er das +Marie-Seppli gewonnen, und nach der Hochzeit wollte es auf der Stelle +den Berg hinunter. Es schrieb dann etwa der Mutter, daß es ihm gut gehe +und der Trevillo der beste Mann sei. + +»Aber nach etwa fünf oder sechs Jahren trat eines Tages der Trevillo +drüben in der Stube ein bei der Anne-Dete und hatte ein Büblein an der +Hand und sagte: 'Da, Mutter, das ist noch das einzige, was ich vom +Marie-Seppli habe; es liegt begraben dort unten mit seinen anderen +kleinen Kindern. Der war sein erstes und sein liebstes.' + +»So hat sie's mir erzählt. Dann sei er auf die Bank niedergesessen, wo +er zuerst das Marie-Seppli gesehen hatte, und habe gesagt: da wolle er +bleiben mit seinem Büblein, wenn's der Mutter recht sei; denn dort unten +habe er's nicht mehr ausgehalten. + +»Das war Freud' und Leid miteinander für die Anne-Dete. Der kleine Rico +war etwas zu vier Jahren und war ein zahmes, nachdenkliches Büblein, +ohne Lärm und Unart, es war ihre letzte Freude, ein Jahr nachher starb +sie schon, und man riet dem Trevillo, die Base der Anne-Dete zu sich zu +nehmen für den Haushalt und das Kind.« + +»So, so«, machte der Lehrer, als die Großmutter schwieg; »das habe ich +alles nicht so gewußt. Es kann nun sein, daß sich etwa Verwandte von dem +Trevillo zeigen mit der Zeit, und man kann sie anhalten, etwas für den +Knaben zu tun.« + +»Verwandte«, seufzte die Großmutter, »die Base ist auch eine Verwandte, +von ihr bekommt er wenig gute Worte im Jahr.« + +Der Lehrer stand mühsam auf von seinem Sitz. »Mit mir geht's bergab, +Nachbarin«, sagte er kopfschüttelnd; »ich weiß nicht, wo meine Kräfte +hingekommen sind.« + +Die Großmutter ermunterte ihn und sagte: er sei ja noch ein junger Mann +im Vergleich zu ihr. Sie mußte sich aber doch verwundern, wie langsam er +davonging. + + + + +Siebentes Kapitel. + +Ein kostbares Vermächtnis und ein kostbares Vaterunser. + + +Es kamen nun viele schöne Sommertage, und wo die Großmutter nur konnte, +richtete sie es ein, daß das Stineli einen freien Augenblick bekam; aber +es gab immer mehr zu tun in dem Hause. Rico stand manche Stunde auf +seiner Schwelle und staunte und sah nach der Tür drüben, ob das Stineli +komme. + +Gegen den September, wenn die Leute oft noch vor den Häusern saßen, um +sich der letzten warmen Abende zu freuen, da saß auch der Lehrer noch +etwa vor seiner Tür; aber er sah ganz abgemagert aus und keuchte immer +mehr, und eines Morgens, als er aufstehen wollte, hatte er die Kraft +nicht mehr und fiel wieder auf sein Kissen zurück. Da lag er denn ganz +still und fing an, allerlei zu bedenken, und wie es kommen würde, wenn +er sterben müßte. Er hatte keine Kinder, und seine Frau war schon lange +gestorben, nur eine alte Magd war noch bei ihm im Hause. Er mußte +hauptsächlich nachdenken, wohin alle die Sachen kämen, die ihm +angehörten, wenn er nicht mehr da wäre, und da seine Geige ihm gerade +gegenüber an der Wand hing, so sagte er zu sich: »Die müßte ich auch +dalassen.« Und der Tag kam ihm in den Sinn, da der Rico hier vor ihm +gestanden und gegeigt hatte, und er hätte sie dem Büblein fast eher +gegönnt als einem fernen Vetter, der vom Geigen gar nichts verstand. So +dachte er bei sich, wenn er sie um ein billiges geben würde, so könnte +sie der Rico vielleicht erstehen; der Vater hatte ihm doch wohl ein +kleines hinterlassen. Da fiel ihm aber ein, daß, wenn er die Geige +verlassen müsse, er das Geld auch nicht mehr brauchen könne. Aber er +konnte doch ein Instrument, für das er sechs harte Gulden auf den Tisch +gelegt hatte, nicht nur so weggeben. So dachte er immer schärfer darüber +nach, wie es zu machen wäre, daß er die Geige nicht so für nichts +hergeben müßte, daß sie ihm doch irgend etwas eintrüge; aber immer +zuletzt kam ihm wieder klar vor Augen, daß dorthin, wohin er die Geige +nicht mitnehmen konnte, er auch nichts anderes fortzubringen imstande +war, und daß all sein Gut da zurückbleiben würde. + +Das Fieber nahm unterdessen mehr und mehr überhand bei ihm, und gegen +Abend und die ganze Nacht durch lag er in einem großen Kampf von vielen +Gedanken, und es stiegen alte Dinge vor seinen Augen auf, die er schon +lange vergessen hatte, und verfolgten ihn, so daß er am Morgen ganz +erschöpft dalag und nur noch einen Gedanken hatte: er wollte gern etwas +Gutes tun, gleich auf der Stelle ein gutes Werk verrichten. + +Er klopfte mit dem Stock an die Wand, bis die alte Magd hereinkam, und +diese schickte er zur Großmutter hinaus, sie solle zu ihm kommen, aber +bald. + +Die Großmutter trat auch bald nachher in seine Stube, und eh' sie nur +recht fragen konnte, wie es ihm gehe, sagte er: »Seid so gut und nehmt +dort die Geige herunter und bringt sie dem Waisenbüblein; ich will sie +ihm schenken, er soll Sorg' dazu haben.« + +Die Großmutter mußte sich aufs höchste verwundern und einmal über das +andere ausrufen: »Was wird der Rico machen! Was wird der Rico sagen!« + +Dann bemerkte sie, daß der Lehrer ein wenig unruhig wurde, so, wie wenn +die Sache Eile hätte. So verließ sie ihn bald und eilte nun, so sehr sie +konnte, mit ihrem Geschenk unter dem Arm übers Feld, denn sie konnte +selbst kaum erwarten, daß der Rico sein Glück erfahre. + +Der stand unter der Haustür; auf den Wink der Großmutter kam er ihr +entgegengelaufen. + +»Da, Rico«, sagte sie und hielt ihm die Geige hin, »die schickt dir der +Lehrer zum Geschenk, sie ist dein.« + +Rico stand da wie im Traume, aber es war so; die Großmutter streckte ihm +wirklich die Geige entgegen. + +»Nimm sie, Rico, sie ist dein«, wiederholte sie. + +Zitternd vor Freude und innerer Aufregung ergriff Rico jetzt seine +Geige, nahm sie in den Arm und schaute sie unverwandt an, so, als könne +sie ihm wieder wegkommen, wenn er einmal weggehen würde. + +»Du sollst auch Sorg' dazu haben«, ergänzte die Großmutter ihren +Auftrag; sie mußte aber ein wenig lachen, es kam ihr nicht vor, daß die +Ermahnung nötig sei. »Und Rico, denk auch an den Lehrer und vergiß nie, +was er an dir getan hat; er ist sehr krank.« + +Nun trat die Großmutter in ihr Haus ein, und Rico eilte mit seinem +Schatz in seine Kammer hinauf, dort war er immer ganz allein. + +Da saß er hin und strich und geigte fort und fort und vergaß Essen und +Trinken und alle Zeit. Erst als es schon fast dunkeln wollte, stand er +auf und ging die Treppe hinunter. Die Base kam aus der Küche und sagte: +»Du kannst denn morgen wieder essen, heut' hast du dich aufgeführt, daß +dir nichts gehört.« + +Rico empfand keinen Hunger, obschon er seit dem frühen Morgen nichts +gegessen hatte; so hatte er auch jetzt nicht ans Essen gedacht und ging +ganz getrost ins andere Haus hinüber und gleich in die Küche hinein, er +suchte die Großmutter. Stineli stand am Herd und machte das Feuer an. +Wie es des Rico ansichtig wurde, mußte es ganz laut aufjauchzen, denn +schon den ganzen Tag durch, seit die Großmutter erzählt hatte, was +begegnet war, hatte ihm der Boden unter den Füßen gebrannt, daß es nicht +hinaus konnte, um seine Freude beim Rico auszulassen; aber es durfte +keinen Augenblick fort. Nun war es aber auch wie außer sich und rief +einmal ums andere: »Jetzt hast du sie! Jetzt hast du sie!« + +Auf den Lärm kam die Großmutter aus der Stube, und Rico ging gleich zu +ihr heran und sagte: »Großmutter, kann ich gehen und dem Lehrer danken, +wenn er schon krank ist?« + +Die Großmutter besann sich ein wenig, denn der Lehrer hatte schon am +Morgen recht schwer krank ausgesehen; dann sagte sie: »Wart ein wenig, +Rico, ich will mit dir gehen«, und ging, die saubere Schürze anzuziehen. +Dann wanderten sie miteinander dem Schulhaus zu. Die Großmutter trat +zuerst ein; dann kam ihr Rico leise nach, die Geige im Arm, denn diese +hatte er noch keinen Augenblick weggelegt, seit sie ihm gehörte. + +Der Lehrer lag sehr ermattet da; Rico trat an das Bett heran und schaute +dabei auf seine Geige, und er konnte fast nichts sagen, aber seine Augen +funkelten so, daß der Lehrer ihn wohl verstanden hatte; er warf einen +frohen Blick auf den Knaben und nickte mit dem Kopfe. Dann winkte er die +Großmutter zu sich heran. Rico trat auf die Seite und der Lehrer sagte +mit schwacher Stimme: »Großmutter, es wäre mir recht, wenn Ihr mir ein +Vaterunser beten wolltet; es wird mir so bang.« + +Jetzt hörte man die Betglocke herüberläuten; Rico faltete schnell seine +Hände, und die Großmutter faltete die ihrigen und betete ihr Vaterunser. +Dann wurde es ganz still in der Stube. Die Großmutter beugte sich ein +wenig und drückte dem alten Nachbar die Augen zu, denn er war +verschieden. Dann nahm sie den Rico an der Hand und ging leise hinaus +mit ihm. + + + + +Achtes Kapitel. + +Am Silser See. + + +Das Stineli kam gar nicht mehr ins Gleichgewicht vor Freude die ganze +Woche durch; aber es kam ihm auch vor, als habe diese Woche zehn Tage +mehr als jede andere, denn es wollte gar nicht Sonntag werden. + +Als er aber doch endlich kam und eine goldene Sonne über die Herbsthöhen +leuchtete, und es mit dem Rico oben unter den Tannen ankam, und der +glitzernde See vor ihnen lag, da kam eine solche Freude über das +Stineli, daß es rings im Moos herumhüpfen und jauchzen mußte; und dann +setzte es sich auf den äußersten Rand am Abhang, daß es alles sehen +konnte, die sonnigen Höhen und den See und weit hinüber den blauen +Himmel. + +Nun rief es: »Komm, Rico, da wollen wir singen, lang, lang!« + +Da setzte sich der Rico neben das Stineli hin und machte seine Geige +zurecht, denn die war mitgekommen. + +Nun fing er an und die Kinder sangen: + + »Ihr Schäflein hinunter + Von sonniger Höh'« -- + +alle Verse durch, aber Stineli hatte noch lange nicht genug. + +»Wir wollen immer weiter singen«, sagte es und sang weiter: + + »Ihr Schäflein hinüber + Auf die lustige Höh', + Die Sonne steht drüber + Und der Wind geht am See.« + +Und nun sang der Rico den Vers auch mit und freute sich und sagte: + +»Sing noch weiter!« + +Das Stineli war ganz begeistert vor Freude und schaute auf und ab und +sang wieder: + + »Und die Schäflein, und die Schäflein, + Und der Himmel, so blau, + Und rot' und weiße Blumen + Auf der grasgrünen Au'.« + +Und Rico geigte und sang mit und sagte: + +»Sing noch weiter!« + +Da schaute das Stineli den Rico lachend an und sang: + + »Und ein Bub' ist so traurig, + Und ein Mädle das lacht, + Und ein See ist wie der andre + Von Wasser gemacht.« + +Und Rico lachte auch und sang und sagte: + +»Sing noch weiter!« + +Da fing das Stineli noch einmal an und sang hintereinander; und Rico +geigte immerfort dazu, und es sang: + + »Und die Schäflein, und die Schäflein, + Die springen herum, + Und sind alleweil fröhlich, + Und wissen auch nicht warum. + + Und ein Bub' und ein Mädle, + Die sitzen am See, + Und tät er nichts denken, + So tät's ihm nicht weh.« + +Und nun fingen sie wieder von vorne an und sangen ihr Lied +hintereinander durch und hatten ein großes Wohlgefallen daran, und wenn +sie es fertig gesungen hatten, so fingen sie noch einmal an und dann +noch einmal und sangen das Lied wohl zehnmal durch, und je mehr sie es +sangen, desto besser gefiel es ihnen. + +Rico spielte dann noch einige Melodien, die er vom Vater her wußte, aber +nach einer Weile kamen sie wieder auf ihr Lied zurück und fingen aufs +neue zu singen an. + +Aber mittendrin hörte Stineli auf und rief: »Jetzt kommt es mir in den +Sinn, wie du an den See hinunter kannst und doch kein Geld brauchst.« + +Rico hielt plötzlich inne und schaute erwartungsvoll auf das Stineli. + +»Siehst du«, fuhr es eifrig fort, »jetzt hast du eine Geige und kannst +ein Lied. Da mußt du bei jedem Wirtshaus unter die Stubentür gehen und +das Lied singen und geigen; dann geben dir die Leute etwas zu essen und +lassen dich schlafen da, denn sie sehen dann, daß du nicht ein Bettler +bist. So kannst du gehen bis an den See, und im Heimweg kannst du es +wieder so machen.« + +Rico wurde ganz nachdenklich, aber Stineli ließ ihm keine Zeit zum +Staunen, es wollte gleich noch einmal singen. + +Vor lauter Gesang hörten sie auch gar nichts von der Betglocke, und erst +als es zu dunkeln anfing, merkten sie, daß es Zeit war, heimzugehen, und +schon von fern sahen sie die Großmutter, wie sie ängstlich umherschaute. + +Aber diesmal war Stineli zu sehr im Feuer, um von einer Besorgnis +gedämpft zu werden. Es rannte auf die Großmutter zu und rief: »Du kannst +nicht glauben, Großmutter, wie gut der Rico geigen kann, und wir haben +jetzt ein eigenes Lied, nur für uns. Wir wollen dir's gleich singen.« + +Und eh' die Großmutter nur ein Wort sagen konnte, sangen sie schon mit +heller Stimme zu der Geige ihr ganzes Lied durch, und die Großmutter +hörte die frischen Stimmen gerne. Sie war auf das Holz niedergesessen, +und wie die Kinder nun zu Ende waren, sagte sie: »Komm, Rico, jetzt mußt +du mir auch noch ein Lied spielen und wir wollen es miteinander singen. +Kannst du das Lied: 'Ich singe dir mit Herz und Mund'?« + +Rico hatte es vielleicht auch schon gehört, aber er wußte es nicht mehr +recht und meinte, erst müsse es die Großmutter einmal singen; dann wolle +er leise nachgeigen, nachher könne er's dann schon. + +»Jetzt werd' ich noch Vorsinger mit meiner Zitterstimme«, sagte die +Großmutter, aber sie sang ganz vergnügt einen Vers durch, und wenn die +Stimme ein wenig zitterte, so war sie doch ganz richtig und Rico konnte +ihr gut die Melodie abnehmen, er hatte sie auch vorher schon gehört. + +Nun fingen sie an, und vor jedem Vers sagte die Großmutter den Kindern +die Worte vor, und so sangen sie fröhlich alle miteinander: + + »Ich singe dir mit Herz und Mund, + Herr, meines Herzens Lust. + Ich sing' und mach' auf Erden kund, + Was mir von dir bewußt. + + Ich weiß, daß du der Brunn'n der Gnad' + Und ew'ge Quelle bist, + Daraus uns allen früh und spat + Viel Heil und Gutes fließt. -- + + Was kränkst du dich in deinem Sinn? + Und grämst dich Tag und Nacht? + Nimm deine Sorg' und wirf sie hin + Auf den, der dich gemacht. + + Er hat noch niemals was versehn, + In seinem Regiment, + Nein, was er tut und läßt geschehn, + Das nimmt ein gutes End'. + + Ei nun, so laß ihn ferner tun + Und red' ihm nicht darein, + So wirst du hier im Frieden ruhn + Und ewig fröhlich sein.« + +»So«, sagte die Großmutter zufrieden, »das war ein rechter Abendsegen, +jetzt könnt ihr in Frieden zur Ruhe gehen, Kinder.« + + + + +Neuntes Kapitel. + +Ein rätselhaftes Ereignis. + + +Als Rico in das Häuschen eintrat, später als sonst, denn über dem Gesang +war wohl noch eine halbe Stunde vergangen, schoß ihm die Base entgegen. + +»Fängst du jetzt so an?« rief sie. »Das Essen stand eine Stunde lang auf +dem Tisch, jetzt ist's fort. Geh nur gleich in deine Kammer, und wenn du +ein ganzer Vagabund und Lump wirst, so bin ich nicht schuld; ich wollte +lieber ich weiß nicht was tun, als einen Buben hüten, wie du einer +bist.« + +Rico hatte nie ein einziges Wörtlein geantwortet, wenn die Base ihn +schmähte; aber an dem Abend schaute er sie an und sagte: »Ich kann Euch +schon aus dem Wege gehen, Base.« + +Sie schob den Riegel an der Haustür vor, daß es klatschte, dann fuhr sie +in die Stube hinein und schlug die Tür hinter sich zu. Rico ging in +seine dunkle Kammer hinauf. -- + +Am folgenden Tage, als drüben die ganze große Haushaltung, Eltern, +Großmutter und alle Kinder beim Abendessen saßen, kam die Base +herübergelaufen und rief in die Stube hinein: ob sie etwas vom Rico +wüßten; sie wisse nicht, wo er sei. + +»Der wird schon kommen, wenn's ans Abendessen geht«, antwortete der +Vater geruhlich. + +Nun kam aber die Base ganz in die Stube hinein, denn sie hatte gedacht, +sie könne den Buben nur herausrufen, er werde wohl da sein. Nun +erzählte sie, er sei schon zum Morgenessen nicht gekommen und zum +Mittagessen nicht, und im Bett sei er auch nicht gewesen, das sei noch +wie gestern Abend, und sie glaubte fast, der sei schon am frühesten +Morgen vor Tag auf seine Lumpereien ausgegangen, denn der Riegel sei +schon inwendig von der Haustür weggeschoben gewesen, als sie auftun +wollte; sie habe aber zuerst gemeint, sie habe vor Ärger vergessen, ihn +zu stoßen, denn es wisse kein Mensch, was sie für Ärger habe. + +»Dem hat's etwas gegeben«, sagte der Vater unentwegt. »Er wird etwa in +eine Spalte hineingefallen sein am Berg oben; das gibt es manchmal mit +so schmalen Buben, die überall herumklettern. Ihr hättet es ein wenig +früher sagen sollen«, fuhr er langsam fort, »man wird ihn etwa suchen +müssen, und des Nachts sieht man nichts.« + +Jetzt fuhr die Base los und machte einen furchtbaren Lärm. Sie habe wohl +gedacht, man werde ihr noch Vorwürfe machen wollen; so gehe es immer, +wenn man schon jahrelang so viel ertragen und dazu geschwiegen habe. + +»Es glaubt es kein Mensch« -- rief sie aus und sagte damit eine große +Wahrheit --, »was für ein heimtückischer, hinterlistiger, verstockter +Bube der ist, und wie er mir das Leben schwer gemacht hat seit vier +Jahren; ein Vagabund wird er, ein Landstreicher und schädlicher Lump!« + +Die Großmutter hatte schon lange zu essen aufgehört. Sie war vom Tisch +aufgestanden und vor die Base hingetreten, die immer noch lärmte. + +»Hört auf, Nachbarin, hört auf«, hatte die Großmutter zweimal gesagt, +bevor die andere nachgab. »Ich kenne den Rico auch; seit man das Büblein +seiner Großmutter brachte, habe ich es immer gekannt. Wenn ich aber an +Eurer Stelle wäre, so würde ich kein Wörtlein mehr sagen, aber ein wenig +nachsinnen, ob das Büblein, dem ein Unglück begegnet sein kann und das +vielleicht schon da droben steht vor dem lieben Gott, ob es da niemanden +anzuklagen hat, der in seiner Verlassenheit noch schweres Unrecht an ihm +getan hat mit bösen Worten.« + +Der Base war es schon ein paarmal aufgestiegen, wie Rico sie am Abend +angeschaut und gesagt hatte: »Ich kann Euch schon aus dem Wege gehen.« +Sie hatte auch so furchtbar gelärmt, um diese Gedanken zu übertönen. Sie +durfte die Großmutter nicht ansehen und sagte, sie müsse gehen, +vielleicht sei der Rico doch nun heimgekommen, was sie jetzt gern genug +gesehen hätte. + +Von dem Tage an sagte die Base nie mehr ein Wort gegen den Rico vor der +Großmutter, aber auch sonst nicht mehr viele. Sie glaubte, wie alle +anderen Leute auch, er sei tot, und war froh, daß niemand wußte, was er +am letzten Abend zu ihr gesagt hatte. + +Am Morgen nach der Nachricht ging Stinelis Vater in die Tenne hinaus und +suchte eine Stange; er hatte gesagt, er wolle ein paar Nachbarn rufen, +man müsse doch den Buben suchen, etwa gegen den Gletscher hinein und +oben bei den Rüfenen. + +Stineli war ihm nachgeschlichen, und der Vater sagte: »Es ist recht, +komm, hilf mir suchen, du kannst besser in die Winkel hinein als ich.« + +Erst als eine hohe Bohnenstange gefunden war, sagte es: »Aber, Vater, +wenn der Rico vielleicht der Straße nach gegangen wäre, dann könnte er +doch in nichts hineingefallen sein?« + +»Freilich kann er«, entgegnete der Vater. »Solch' unvernünftige Buben +kommen vom Wege ab und in die Rüfenen hinein, sie wissen gar nicht wie; +und der war sonst ein wenig ein Verstaunter.« + +Daß der Rico dies war, wußte Stineli besser als irgend jemand, und von +dem Augenblick an kam eine große Angst in sein Herz und wuchs mit jedem +Tage, so daß es vor Qual und Unruhe nicht mehr essen und nicht mehr +schlafen konnte und alle Arbeit tat, als wäre es nicht dabei. + +Der Rico wurde nicht gefunden; kein Mensch hatte etwas von ihm gesehen. +Man suchte ihn nicht mehr, und bald fanden die Leute einen Trost und +sagten: »Es ist dem Waisenbüblein wohl geschehen, es war doch verlassen +und hatte niemand mehr.« + + + + +Zehntes Kapitel. + +Ein wenig Licht. + + +Aber Stineli wurde stiller und magerer von Tag zu Tag. Die kleinen +Kinder schrieen: »Das Stineli will nichts erzählen und lacht nicht +mehr.« Die Mutter sagte zum Vater: »Siehst du's denn nicht? Es ist ja +nicht mehr das gleiche.« Und der Vater sagte: »Es kommt vom Wachsen, man +muß ihm ein wenig Geißmilch geben am Morgen im Stall.« + +Aber als drei Wochen so vergangen waren, da nahm die Großmutter eines +Abends das Stineli in ihre Kammer hinauf und sagte: »Sieh, Stineli, ich +kann es wohl begreifen, daß du den Rico nicht vergessen kannst; aber du +mußt doch denken, daß der liebe Gott ihn weggenommen hat, und wenn es so +sein mußte, so war es gut für den Rico, das werden wir dann einmal +sehen.« + +Da fing das Stineli so zu weinen an, wie es die Großmutter nie an ihm +erlebt hatte, und es schluchzte überlaut: »Der liebe Gott hat es ja +nicht getan, ich habe es getan, Großmutter; darum muß ich fast sterben +vor Angst, denn ich habe den Rico aufgestiftet, an den See hinabzugehen, +und nun ist er in die Rüfenen hineingefallen und ist tot, und es hat ihm +noch so weh getan, und ich bin an allem schuld.« Und Stineli weinte und +schluchzte zum Erbarmen. + +Der Großmutter war wie eine schwere Last vom Herzen gefallen; sie hatte +den Rico verloren gegeben und heimlich hatte sie der quälende Gedanke +verfolgt, das arme Büblein sei der bösen Behandlung entlaufen und liege +vielleicht drüben im Wasser, oder sei im Wald zugrunde gegangen. Jetzt +stieg auf einmal eine neue Hoffnung in ihr auf. + +Sie beruhigte das Stineli so weit, daß es ihr die ganze Geschichte von +dem See erzählen konnte, von der sie gar nichts wußte: wie der Rico +immer von dem See gesprochen und es ihn dahin gezogen hatte und wie +Stineli den Weg auffand. Es war ganz sicher, daß Rico sich dahin auf den +Weg gemacht hatte; aber des Vaters Worte von den Rüfenen hatten das +Stineli ganz um alle Hoffnung gebracht. + +Die Großmutter nahm das Kind bei der Hand und zog es zu sich heran. +»Komm, Stineli«, sagte sie liebreich, »ich muß dir nun etwas erklären. +Weißt du, wie's in dem alten Liede heißt, das wir noch mit dem Rico +gesungen haben am letzten Abend? + + 'Denn was er tut und läßt geschehn, + Das nimmt ein gutes End'.' + +»Siehst du, wenn nun auch der liebe Gott es nicht selbst getan hat, so +wie wenn er den Rico gleich in seinem Bette hätte sterben lassen, so war +doch die Sache in seiner Hand, als du etwas Verkehrtes tatest, denn +einem solchen kleinen Stineli wäre er schon noch Meister geworden. Und +daß du etwas recht Verkehrtes getan hast, wirst du jetzt für dein Lebtag +wissen, und was da herauskommen kann, wenn Kinder in die Welt +hinauslaufen und Sachen unternehmen wollen, die sie gar nicht kennen, +und niemandem ein Wort davon sagen, keinen Eltern und keiner Großmutter, +die es gut mit ihnen meinen. Aber nun hat das der liebe Gott so +geschehen lassen, und nun dürfen wir bestimmt hoffen, daß alles noch ein +gutes Ende nehmen kann. + +»Jetzt denk daran, Stineli, und vergiß nie mehr, was du da erfahren +hast. Weil es dir aber recht von Herzen leid ist, so darfst du jetzt +auch gehen und den lieben Gott bitten, daß er doch noch etwas Gutes +mache aus dem verkehrten Zeug, das ihr da angestellt habt, du und der +Rico. Dann darfst du auch wieder fröhlich sein, Stineli, und ich bin es +mit dir, denn ich glaube zuversichtlich, daß der Rico noch am Leben ist, +und daß ihn der liebe Gott nicht verläßt.« + +Von dem Tage an wurde Stineli wieder munter, und wenn ihm auch der Rico +auf jedem Schritt mangelte, so hatte es doch keine Angst und keine +Vorwürfe mehr im Herzen, und Tag für Tag schaute es nach der Straße +hinüber, ob nicht etwa der Rico dort vom Maloja herunterkomme. So ging +die Zeit dahin, aber vom Rico hörte man nichts mehr. + + + + +Elftes Kapitel. + +Eine lange Reise. + + +Rico hatte sich an jenem Sonntagabend in seiner dunkeln Kammer auf +seinen Stuhl gesetzt. Da wollte er bleiben, bis die Base zu Bett +gegangen war. + +Nachdem Stineli die Entdeckung gemacht hatte, wie die Reise nach dem See +auszuführen wäre, kam Rico die Sache so leicht vor, daß er sich nur noch +besinnen wollte, wann er am besten gehen könne, denn er hatte ein Gefühl +davon, die Base würde ihn vielleicht zurückhalten, wenn er schon wußte, +daß er ihr nicht stark mangeln würde. + +Als sie dann beim Heimkommen so auf ihn losschalt, dachte er: »So will +ich gleich auf der Stelle gehen, sobald sie im Bette ist.« + +Als er nun so im Dunkeln auf seinem Stuhl saß, dachte er nach, wie +angenehm es sein werde, wenn er nun viele Tage lang die Base nie mehr +werde schelten hören, und welche große Büschel von den roten Blumen er +dem Stineli mitbringen wolle, wenn er zurückkomme. Und dann sah er die +sonnigen Ufer und die violetten Berge vor sich und war entschlafen. + +Er war aber nicht in einer sehr bequemen Lage, denn die Geige hatte er +nicht aus der Hand gelegt; so erwachte er wieder nach einiger Zeit, es +war aber noch ganz dunkel. Nun kam ihm aber gleich alles klar in den +Sinn. Er war noch in seinem Sonntagswämschen, das war gut; seine Kappe +hatte er noch von gestern her auf dem Kopf, die Geige nahm er unter den +Arm, und so ging er leise die Treppe hinunter, schob den Riegel weg und +zog in die kühle Morgenluft hinaus. + +Über den Bergen fing es schon leise an zu tagen und in Sils krähten die +Hähne. Er ging tüchtig drauf los, damit er von den Häusern weg und auf +die große Straße komme. Nun war er da und wanderte vergnügt weiter, denn +da war ihm alles so wohl bekannt, er war oft mit dem Vater da +hinaufgegangen. Wie lang es aber ging, bis man auf den Maloja kam, wußte +er nicht mehr so recht, und es kam ihm lange vor, als er schon mehr als +zwei gute Stunden immerfort gewandert war. + +Aber nun kam nach und nach der helle Tag, und als er nach noch einer +guten Stunde auf dem Platze vor dem Wirtshaus oben am Maloja angekommen +war, da, wo er oft mit dem Vater die Straße hinuntergeschaut hatte, da +lag ein sonniger Morgen über den Bergen und die Tannenwipfel waren alle +wie von Gold. Rico setzte sich an den Rand der Straße nieder, er war +schon recht müde, und nun merkte er auch, daß er nichts mehr gegessen +hatte seit dem vorhergehenden Mittag. Aber er war nicht verzagt, denn +nun ging es bergab und nachher konnte unversehens der See kommen. Wie er +so dasaß, kam der große Postwagen herangerasselt; den hatte er schon oft +gesehen, wenn er bei Sils vorbeifuhr, und immer dabei gedacht, das +höchste Glück auf Erden genieße ein Kutscher, der immerfort mit einer +Peitsche auf einem Bock sitzen und fünf Rosse regieren könne. Nun sah +er einmal den Glücklichen in der Nähe, denn der Postwagen hielt still, +und Rico verwandte nun kein Auge von dem merkwürdigen Manne, der von +seinem hohen Sitz herunterkam, ins Wirtshaus eintrat und mit mehreren +ungeheuren Stücken Schwarzbrot, über welchen ein gewaltig großer Brocken +Käse lag, wieder aus dem Hause trat. + +Nun zog der Kutscher ein festes Messer hervor und zerstückte sein Brot, +und einem Pferd nach dem anderen steckte er einen guten Bissen ins Maul. +Zwischenein kam er selbst an die Reihe, auf sein Stück Brot kam aber +immer ein markiges Stück Käse. Wie sie nun alle zusammen so vergnüglich +aßen, schaute der Kutscher ein wenig um sich, und mit einem Male rief +er: »He, kleiner Musikant, willst du auch mithalten? Komm her!« + +Erst seit Rico das Essen vor sich gesehen, hatte er gemerkt, wie sehr er +Hunger hatte. Er folgte gern der Einladung und trat zu dem Kutscher +heran. Der schnitt ihm ein ganz erstaunlich großes Stück Käse ab und +legte dieses auf ein noch viel dickeres Stück Brot, so daß Rico kaum +wußte, wie er die Dinge bewältigen konnte. + +Er mußte seine Geige ein wenig auf den Boden legen. Der Kutscher schaute +wohlgefällig zu, wie Rico in sein Frühstück biß, und während er selbst +sein Geschäft fortsetzte, sagte er: + +»Du bist noch ein kleiner Geiger, kannst du auch etwas?« + +»Ja, zwei Lieder, und dann noch das vom Vater«, antwortete Rico. + +»So, und wo willst du denn hin auf deinen zwei kleinen Beinen?« fuhr der +Kutscher fort. + +»Nach Peschiera am Gardasee«, war Ricos ernsthafte Antwort. + +Jetzt entfuhr dem Kutscher ein so kräftiges Gelächter, daß der Rico ganz +erstaunt zu ihm aufschauen mußte. + +»Du bist ein guter Fuhrwerker, du«, lachte der Kutscher noch einmal; +»weißt du denn nicht, wie weit das ist, und daß ein schmales +Musikäntlein, wie du eins bist, sich beide Füße mitsamt den Sohlen +durchlaufen würde, bevor es noch einen Tropfen Wasser vom Gardasee +gesehen hätte? Wer schickt dich denn dort hinunter?« + +»Ich gehe selber aus mir«, sagte Rico. + +»Ein solcher ist mir noch nicht vorgekommen«, lachte der Kutscher +gutmütig. »Wo bist du daheim, Musikant?« + +»Ich weiß es nicht recht, vielleicht am Gardasee«, erwiderte Rico völlig +ernsthaft. + +»Ist das eine Antwort!« Jetzt schaute der Kutscher den Knaben vor sich +genau an. Wie ein verlaufenes Bettelbüblein sah der Rico nicht aus. Der +schwarze Lockenkopf über dem Sonntagswämschen sah ganz stattlich aus, +und das feine Gesichtchen mit den ernsthaften Augen trug einen edlen +Stempel und man schaute es gern noch einmal an, wenn man es gesehen +hatte. + +Dem Kutscher mochte es auch so gehen, er schaute den Rico fest an und +dann noch einmal erst recht, dann sagte er freundlich: »Du trägst deinen +Paß auf dem Gesicht mit, Büblein, und es ist kein schlechter, wenn du +schon nicht weißt, wo du daheim bist. Was gibst du mir nun, wenn ich +dich neben mich auf den Bock nehme und dich weit hinunterbringe?« + +Rico staunte, als wäre es fast nicht möglich, daß der Mann diese Worte +wirklich ausgesprochen habe. Auf dem hohen Postwagen ins Tal hinunter +gefahren, ein solches Glück hätte er nie für sich möglich gehalten. Aber +was konnte er dem Kutscher geben? + +»Ich habe gar nichts als eine Geige, und die kann ich Euch nicht geben«, +sagte der Rico traurig nach einigem Besinnen. + +»Ja, mit dem Kasten wüßte ich auch nichts anzufangen«, lachte der +Kutscher. »Komm, nun sitzen wir auf, -- und du kannst mir ein wenig Musik +machen.« + +Rico traute seinen Ohren nicht; aber wahrhaftig! der Kutscher schob ihn +über die Räder auf den hohen Sitz hinauf und kletterte nach. Die +Reisenden waren wieder eingestiegen, der Wagen wurde zugeschlagen und +nun ging's die Straße hinunter, die bekannte Straße, die Rico so oft +sich von oben her angeschaut und verlangt hatte, da hinunter zu kommen. +Nun war die Erfüllung da und in welcher Weise! Hoch oben zwischen Himmel +und Erde flog der Rico dahin und konnte immer noch fast nicht glauben, +daß er es selber sei. + +Den Kutscher wunderte es nun doch ein wenig, wem denn das Büblein neben +ihm gehören könnte. + +»Sag mir einmal, du kleine, fahrende Habe, wo ist denn dein Vater?« +fragte er nach einem festen Peitschenknall. + +»Der ist tot«, antwortete Rico. + +»So, und wo ist deine Mutter?« + +»Die ist tot.« + +»So, und dann hat man noch etwa einen Großvater und eine Großmutter, wo +sind diese?« + +»Die sind tot.« + +»So, so, aber etwa einen Bruder oder eine Schwester hast du ja sicher; +wo sind die hingekommen?« + +»Sie sind tot«, war Ricos fortwährende traurige Antwort. + +Da nun der Kutscher sah, daß da alles tot war, ließ er die +Verwandtschaft in Ruhe und fragte nur: »Wie hieß dein Vater?« + +»Enrico Trevillo von Peschiera am Gardasee«, erwiderte Rico. + +Nun legte der Mann sich die Dinge ein wenig zurecht und dachte bei sich: +das ist ein verschlepptes Büblein von da unten herauf, und es ist gut, +daß es wieder an seinen Ort kommt. Damit ließ er die Sache liegen. + +Als nun nach der ersten steil abwärts gehenden Strecke der Bergstraße +der Weg etwas ebener wurde, sagte der Kutscher: »So, Musikant, nun spiel +einmal ein lustiges Liedlein auf.« + +Da nahm Rico die Geige vor und war so wohlgemut da oben auf seinem +Thron, unter dem blauen Himmel hinfahrend, daß er mit der hellsten +Stimme anfing und kräftig darauflos sang: + + »Ihr Schäflein hinunter von sonniger Höh'.« + +Nun saßen zuoberst auf dem Postwagen drei Studenten, die machten eine +Ferienreise, und wie nun das Lied weiterging und Rico mit aller Lust und +Fröhlichkeit Stinelis Verse sang, da gab es auf einmal oben auf dem +Wagen ein lautes Hallo und Gelächter und die Studenten riefen: »Halt, +Geiger, fang noch einmal an, wir singen auch mit.« + +Da fing Rico wieder an, und nun fielen die Studenten ein und sangen mit +aller Macht: + + »Und die Schäflein, und die Schäflein« -- + +und dazwischen lachten sie so ungeheuer, daß man nichts mehr hörte von +Ricos Geige, und dann sangen sie wieder und einer sang zwischenein ganz +allein: + + »Und tät' er nichts denken, + So tät' ihm nichts weh!« + +Dann fielen die anderen wieder ein und sangen, so laut sie konnten: + + »Und die Schäflein, und die Schäflein« -- + +und so ging es eine ganze Weile lang fort, und wenn Rico einmal etwas +innehielt, so riefen sie: »Weiter, Geiger, nicht aufhören!« und warfen +ihm kleine Geldstücke zu, immer wieder, daß er einen ganzen Haufen in +der Kappe hatte. + +Drinnen im Wagen machten die Reisenden alle Fenster auf und steckten die +Köpfe heraus, um den frohen Gesang zu hören. Dann fing Rico von neuem +an, und die Studenten brachen von neuem los und teilten das Lied in Soli +und Chöre. Da sang die Solostimme ganz feierlich: + + »Und ein See ist wie ein andrer + Von Wasser gemacht« -- + +und dann wieder: + + »Und tät' er nichts denken, + So tät' ihm nichts weh« -- + +und dazwischen fiel der Chor ein, und sie sangen mit aller Kraft: + + »Und die Schäflein, und die Schäflein« -- + +und nachher wollten sie sich wieder totlachen und konnten eine ganze +Weile nicht fortfahren vor Gelächter. + +Aber nun hielt auf einmal der Kutscher still, denn es mußte ein Halt +gemacht und ein Mittagessen eingenommen werden. Als er den Rico +hinunterschwang, hielt er ihm sorgfältig seine Kappe fest, denn da war +all das Geld drin, und Rico hatte genug zu tun, seine Geige zu halten. + +Der Kutscher war ganz vergnügt, als er die Kappe in Ricos Hand abgab und +sagte: »So ist's recht, nun kannst du auch Mittag haben.« + +Die Studenten sprangen hinunter, einer nach dem anderen, und alle +wollten nun den Geiger sehen, denn sie hatten ihn nicht recht sehen +können von ihrem Sitze aus, und als sie nun das schmächtige Männlein +sahen, da ging die Verwunderung und die Heiterkeit erst recht wieder an; +sie hätten der guten Stimme nach einen größeren Menschen erwartet, nun +war der Spaß doppelt groß. Sie nahmen das Büblein in ihre Mitte und +zogen mit Gesang ins Wirtshaus ein. Da mußte denn an dem schöngedeckten +Tisch der Rico zwischen zwei der Herren sitzen und sie sagten, er sei +nun ihr Gast, und legten ihm alle drei miteinander jeder ein Stück auf +den Teller, denn keiner wollte ihm weniger geben, und ein solches +Mittagessen hatte Rico in seinem ganzen Leben noch nie eingenommen. + +»Und von wem hast du dein schönes Lied, Geigerlein?« fragte nun einer +von den dreien. + +»Vom Stineli, es hat es selbst gemacht«, antwortete Rico ernsthaft. + +Die drei sahen sich an und brachen in ein neues, schallendes Lachen aus. + +»Das ist schön vom Stineli«, rief der eine, »nun wollen wir es gleich +hoch leben lassen.« + +Rico mußte auch anstoßen und tat es ganz fröhlich auf Stinelis +Gesundheit. + +Nun war die Zeit um, und als man wieder zum Wagen herantrat, kam ein +dicker Mann auf Rico zu, der hatte einen so gewaltigen Stock in der +Hand, daß man denken mußte, er habe einen jungen Baum ausgerissen. Er +war in einen festen, gelb-braunen Stoff gekleidet von oben bis unten. + +»Komm her, Kleiner«, sagte er, »du hast so schön gesungen. Ich habe dich +gehört hier drinnen im Wagen, und ich habe es auch mit den Schafen zu +tun wie du; siehst du, ich bin ein Schafhändler, und weil du so schön +von den Schafen singen kannst, mußt du von mir auch etwas haben.« Damit +legte er ein schönes Stück Silbergeld in Ricos Hand, denn die Kappe war +indessen geleert und alles in die Tasche gesteckt worden. + +Dann stieg der Mann in den Wagen an seinen Platz und Rico wurde vom +Kutscher wie eine Feder hinaufgehoben; dann ging's wieder davon. + +Wenn der Wagen nicht zu rasch fuhr, wollten die Studenten immer gleich +Musik haben, und Rico spielte alle Melodien, deren er sich nur erinnern +konnte vom Vater her, und zuletzt spielte er noch: »Ich singe dir mit +Herz und Mund.« + +An dieser Melodie mußten die Studenten ganz sanft entschlafen sein, denn +es war alles still geworden, und nun schwieg die Geige auch, und der +Abendwind kam milde herangeweht, und leise stiegen die Sternlein auf am +Himmel eins nach dem anderen, bis sie strahlten ringsum, wo Rico hinsah. +Und er dachte an Stineli und die Großmutter, was sie nun tun, und es +fiel ihm ein, daß um diese Zeit die Betglocke läutete und die beiden +ihr Vaterunser beteten. Das wollte er auch tun; es war dann so, wie wenn +er bei ihnen wäre, und Rico faltete die Hände und betete unter dem +leuchtenden Sternenhimmel andächtig sein Vaterunser. + + + + +Zwölftes Kapitel. + +Es geht noch weiter. + + +Rico war auch entschlafen. Er erwachte daran, daß ihn der Kutscher +packte, um ihn herunterzunehmen. Nun stieg alles aus und herunter, und +die drei Studenten kamen noch auf den Rico zu und schüttelten ihm die +Hand und wünschten ihm viel Glück auf seine Reise. Und einer rief: »Grüß +uns auch freundlich das Stineli!« + +Dann verschwanden sie in einer Straße und Rico hörte, wie sie noch +einmal anstimmten: »Und die Schäflein, und die Schäflein.« + +Nun stand Rico da in der dunkeln Nacht und hatte gar keinen Begriff, wo +er war, und auch nicht, was er tun sollte. Da fiel ihm ein, daß er nicht +einmal dem Kutscher gedankt hatte, der ihn doch so weit hatte mitfahren +lassen, und er wollte es gleich noch tun. + +Aber der Kutscher war mitsamt den Pferden verschwunden, und es war +dunkel ringsum: nur drüben hing eine Laterne, auf diese ging Rico zu. +Sie hing an der Stalltür, wo die Pferde eben hineingeführt wurden. +Daneben stand der Mann mit dem dicken Stock, er schien auf den Kutscher +zu warten. Rico stellte sich auch hin und wartete desgleichen. + +Der Schafhändler mußte ihn in der Dunkelheit nicht gleich erkannt haben; +auf einmal sagte er erstaunt: »Was, bist du auch noch da, Kleiner, wo +mußt du denn deine Nacht zubringen?« + +»Ich weiß nicht, wo«, antwortete Rico. + +»Das wäre der Tausend! um elf Uhr in der Nacht ein solches bißchen von +einem Buben wie du, und im fremden Lande --« + +Der Schafhändler mußte seine Worte völlig herausblasen, denn in der +Erregung kam er nicht gut zu Atem; er endigte aber seinen Satz nicht, +denn der Kutscher kam aus dem Stalle, und Rico lief gleich auf ihn zu +und sagte: »Ich habe Euch noch danken wollen, daß Ihr mich mitgenommen +habt.« + +»Das ist gerade gut, daß du noch kommst, jetzt hätte ich dich über den +Rossen vergessen und wollte dich doch da einem Bekannten übergeben. Eben +wollte ich Euch fragen, guter Freund«, fuhr er, zum Schafhändler +gewandt, fort, »ob Ihr nicht das Büblein mitnehmen würdet, weil Ihr doch +ins Bergamaskische hinabgeht. Es muß an den Gardasee hinunter, +irgendwohin; es ist so eins von denen, die so hin und her -- Ihr versteht +mich schon.« + +Dem Schafhändler kamen allerhand Geschichten von gestohlenen und +verlorenen Kindern vor Augen, er schaute Rico im Schein der Laterne +mitleidsvoll an und sagte halblaut zum Kutscher: »Er sieht auch so aus, +als ob es nicht sein rechtes Futteral wäre, in dem er steckt. Er wird +wohl in ein Herrenmäntelchen hineingehören. Ich nehme ihn mit.« + +Nachdem er noch einen Schafhandel mit dem Kutscher besprochen, nahmen +die beiden Abschied voneinander, und der Schafhändler winkte Rico, daß +er mit ihm kommen solle. + +Nach einer kurzen Wanderung trat der Mann in ein Haus und unmittelbar in +eine große Wirtsstube ein, wo er sich mit Rico in einer Ecke niederließ. + +»Nun wollen wir einmal deine Barschaft ansehen«, sagte er zu Rico, »daß +wir wissen, was sie erleiden mag. Wohin mußt du unten am See?« + +»Nach Peschiera am Gardasee«, war Ricos unveränderliche Antwort. Er zog +nun seine Geldstücke alle hervor, ein artiges Häuflein kleiner Münzen +und oben darauf das größere Silberstück. + +»Hast du nur das eine gute Stück?« fragte der Händler. + +»Ja, nur das, von Euch hab' ich's«, entgegnete Rico. + +Das gefiel dem Mann, daß er allein ein großes Stück gegeben hatte und +daß es der Junge gut wußte; er bekam Lust, ihm gleich noch etwas zu +geben. Als nun gerade das Essen vor sie hingestellt wurde, nickte der +behäbige Mann seinem kleinen Nachbar zu und sagte: »Das bezahl' ich und +das Nachtlager auch; so kommst du morgen aus mit deinem Vermögen.« + +Rico war so müde von all dem Singen und Geigen und Fahren den ganzen +Tag, daß er kaum mehr essen konnte, und in der großen Kammer, wo er +zusammen mit seinem Beschützer die Nacht zuzubringen hatte, war er kaum +in sein Bett gestiegen, als er sofort in einen tiefen Schlaf sank. + +Am frühen Morgen wurde Rico von einer kräftigen Hand aus seinem festen +Schlaf aufgerüttelt. Er sprang eilends aus seinem Bett; sein Begleiter +stand schon reisefertig da mit dem Stock in der Hand. + +Es währte aber gar nicht lang, so stand auch Rico zur Abreise bereit, +die Geige im Arm. Erst traten die beiden in die Wirtsstube ein und Ricos +Begleiter rief nach Kaffee. Dann ermunterte er den Jungen, er solle nur +recht viel davon zu sich nehmen, denn nun komme eine lange Fahrt und +eine solche, die Appetit mache. + +Als das Geschäft zur Zufriedenheit abgetan war, zogen die Reisenden aus, +und nach einer Strecke Wegs kamen sie um eine Ecke herum, und -- wie +mußte Rico da die Augen auftun -- auf einmal sah er einen großen, +flimmernden See vor sich, und ganz erregt sagte er: »Jetzt kommt der +Gardasee.« + +»Noch lange nicht, Bürschlein; jetzt sind wir am Comersee«, erklärte +sein Schutzherr. Nun stiegen sie in ein Schiff und fuhren viele Stunden +lang dahin. Und Rico schaute bald nach den sonnigen Ufern, bald in die +blauen Wellen, und es wehte ihn heimatlich an. -- Jetzt legte er mit +einem Male sein Silberstück auf den Tisch. + +»Was, was, hast du schon zuviel Geld«, fragte der Schafhändler, der, mit +beiden Armen auf seinen Stock gestützt, erstaunt dem Unternehmen zusah. + +»Heute muß ich bezahlen«, sagte Rico, »Ihr habt's gesagt.« + +»Du gibst doch acht, wenn man dir etwas sagt, das ist etwas Gutes; aber +sein Geld legt man nicht nur so auf den Tisch, gib mir's einmal her.« + +Damit stand er auf und ging, sich nach der Bezahlung umzusehen. Als er +aber seinen dicken Lederbeutel hervorzog, der ganz voll solcher +Silberstücke war, denn er war auf einer Handelsreise begriffen, da +konnte er's nicht übers Herz bringen, des Bübleins einziges Stück +herzugeben, und er brachte es wieder zurück samt der Karte und sagte: + +»Da, du kannst's morgen noch besser brauchen; jetzt bist du noch bei mir +und wer weiß, wie es dir nachher geht. Wenn du einmal da unten ankommst +und ich nicht mehr bei dir bin, findest du dann auch ein Haus, wo du +hinein mußt?« + +»Nein, ich weiß kein Haus«, antwortete Rico. Der Mann hatte ein großes +heimliches Erstaunen zu bewältigen, denn des Bübleins Geschichte kam ihm +sehr geheimnisvoll vor. Er ließ aber nichts merken und fragte auch nicht +weiter; er dachte, da komme er doch nicht ins klare; der Kutscher müsse +ihm dann einmal Aufschluß geben, der wisse wohl mehr von allem, als das +Büblein selbst. Mit diesem hatte er großes Mitleid, denn es mußte nun +bald noch seinen Schutz verlieren. + +Als das Schiff stillstand, nahm der Mann Rico an die Hand und sagte: »So +verlier' ich dich nicht und du kommst besser nach, denn jetzt heißt's +gut marschieren; die warten nicht.« + +Rico hatte zu tun, den guten Schritten nachzukommen. Er schaute weder +rechts noch links und auf einmal stand er vor einer langen Reihe ganz +sonderbarer Rollwagen. Da stieg er auf einem Treppchen hinein, dem +Begleiter nach, und nun fuhr Rico zum ersten Male in seinem Leben auf +einer Eisenbahn. Nachdem man so eine Stunde lang gefahren war, stand der +Schafhändler auf und sagte: »Jetzt kommt's an mich, da sind wir in +Bergamo, und du bleibst ruhig sitzen, bis dich einer herausholt, denn +ich habe alles eingerichtet, dann steigst du aus und bist da.« + +»Bin ich dann in Peschiera am Gardasee?« fragte Rico. Das bestätigte +sein Beschützer. Nun bedankte sich Rico recht schön, denn er hatte wohl +verstanden, wie viele Guttaten ihm dieser Mann erwiesen hatte, und so +schieden sie und es tat jedem leid, daß er vom anderen wegkam. + +Rico saß nun ganz still in seiner Ecke und hatte Zeit zum Staunen, denn +es bekümmerte sich kein Mensch mehr um ihn. So mochte er wohl gegen drei +Stunden unbeweglich dagesessen haben, als der Zug wieder einmal anhielt, +wie schon mehrere Male. + +Jetzt trat ein Wagenführer herein, nahm den Rico beim Arm und zog ihn in +Eile aus dem Wagen und die Treppe hinunter. Dann deutete er die Anhöhe +hinab und sagte: »Peschiera«, und im Nu war er wieder im Wagen droben +und verschwunden, der Zug sauste weiter. + + + + +Dreizehntes Kapitel. + +Am fernen, schönen See. + + +Rico entfernte sich einige Schritte von dem Gebäude, wo der Zug +angehalten hatte, und schaute um sich, dieses weiße Haus, der kahle +Platz davor, der schnurgerade Weg in der Ferne, alles kam ihm so fremd +vor, das hatte er in seinem Leben nie gesehen und er dachte bei sich: +»Ich bin nicht am rechten Ort.« Er ging traurig weiter, den Weg hinab, +zwischen den Bäumen durch; nun machte der Weg eine Wendung, und Rico +stand da wie im Traum und rührte sich nicht mehr. Vor ihm lag funkelnd +im hellen Sonnenschein der himmelblaue See mit den warmen, stillen +Ufern, und drüben kamen die Berge gegeneinander, in der Mitte lag die +sonnige Bucht, und die freundlichen Häuser daran schimmerten herüber. +Das kannte Rico, das hatte er gesehen, da hatte er gestanden, gerade da, +diese Bäume kannte er; wo war das Häuschen? Da mußte es stehen, ganz +nah; es war nicht da. + +Aber da unten war die alte Straße, o, die kannte er so gut, und dort +schimmerten die großen, roten Blumen aus den grünen Blättern; da mußte +auch eine schmale, steinerne Brücke sein, dort über den Ausfluß vom See, +dort war er so oft hinübergegangen; man konnte sie nicht sehen. + +Plötzlich rannte Rico, von brennendem Verlangen getrieben, hinauf auf +die Straße und hinüber, da war die kleine Brücke -- er wußte alles --, da +war er darübergegangen und jemand hielt ihn an der Hand -- die Mutter. +Mit einem Male kam das Gesicht der Mutter ganz klar vor seine Augen, wie +er es nie mehr gesehen hatte, viele Jahre; da hatte sie neben ihm +gestanden und ihn angeschaut mit den liebevollen Augen, und den Rico +übernahm es, wie noch nie in seinem Leben. + +Neben der kleinen Brücke warf er sich auf den Boden und weinte und +schluchzte laut: »O, Mutter, wo bist du? Wo bin ich daheim, Mutter?« + +So lag er lange Zeit und mußte sein großes Leid ausweinen, und es war, +als wollte sein Herz zerspringen und als sei es ein Ausbruch von allem +Weh, das ihn bisher stumm und starr gemacht, wo es ihn getroffen hatte. + +Als sich Rico vom Boden erhob, war die Sonne schon weit unten und ein +goldener Abendschein lag auf dem See. Nun wurden die Berge violett, und +ein rosiger Duft lag rings über den Ufern. So hatte Rico seinen See im +Sinne gehabt und im Traum gesehen, und noch viel schöner war alles, nun +er es wieder mit seinen Augen sah. Rico dachte in einem fort, wie er so +dasaß und schaute und nicht genug schauen konnte: »Wenn ich doch das +alles dem Stineli zeigen könnte!« + +Nun war die Sonne untergegangen und das Licht erlosch ringsumher. Rico +stand auf und schritt der Straße zu, wo er die roten Blumen gesehen. Von +der Straße ging ein schmaler Weg dahin. Da standen sie, ein Busch am +anderen, es war aber wie ein Garten anzusehen; es war freilich nur ein +ganz offener Zaun darum herum, und im Garten waren Blumen und Bäume und +Weinranken, alles durch- und ineinander zu sehen. + +Da droben am Ende stand ein schmuckes Haus mit offener Tür, und im +Garten ging ein junger Bursche hin und her und schnitt da und dort große +goldgelbe Trauben von den Reben und pfiff wohlgemut ein Lied dazu. + +Rico schaute die Blumen an und dachte: »Wenn Stineli diese sehen +könnte!« und stand lange unbeweglich am Zaun. + +Jetzt erblickte ihn der Bursche und rief ihm zu: »Komm herein, Geiger, +und spiel ein schönes Liedchen, wenn du eins kannst.« + +Das rief ihm der Knabe italienisch zu, und dem Rico war es ganz +sonderbar dabei; er verstand, was er hörte, aber er hätte nicht so +sprechen können. Er trat in den Garten ein, und der Bursche wollte mit +ihm reden; wie er aber sah, daß Rico nicht antworten konnte, deutete er +auf die offene Tür und machte dem Rico verständlich, daß er dort spielen +solle. + +Rico näherte sich der Tür, sie führte gleich in ein Zimmer hinein. Da +stand ein Bettchen darin und daneben saß eine Frau und machte etwas aus +roten Schnüren. Rico stellte sich vor die Schwelle und fing an sein Lied +zu spielen und zu singen: + + »Ihr Schäflein hinunter.« + +Als er fertig war, erhob sich aus dem kleinen Bett ein bleicher Kopf von +einem Knaben, der rief heraus: + +»Spiel noch einmal!« + +Rico spielte eine andere Melodie. + +»Spiel noch einmal«, tönte es wieder. + +So ging es hintereinander fünf- bis sechsmal und immer wieder ertönte +aus dem Bett: »Spiel noch einmal!« + +Nun wußte Rico nichts mehr; er nahm seine Geige herunter und wollte +fortgehen. Da fing der Kleine an zu schreien: »Bleib da, spiel wieder, +spiel noch einmal!« Und die Frau war aufgestanden und kam zu Rico her. +Sie gab ihm etwas in die Hand, und Rico wußte erst nicht, was sie +wollte; aber es kam ihm wieder in den Sinn, daß Stineli gesagt hatte: +wenn er an einer Tür geige, so gäben ihm die Leute etwas. Dann fragte +die Frau freundlich, woher er komme und wohin er gehe? Rico konnte nicht +antworten. Sie fragte, ob er mit seinen Eltern da sei? da nickte er +Nein; ob er allein sei? er nickte Ja; wohin er jetzt gehen wolle so am +Abend? Rico schüttelte unsicher den Kopf. Da kam die Frau ein Mitleid an +mit dem kleinen Fremden und sie rief den Burschen herbei und befahl ihm, +er solle mit dem Knaben nach dem Wirtshaus zur »Goldenen Sonne« gehen, +da verstehe der Wirt vielleicht die Sprache des kleinen Musikanten, denn +er sei lange fort gewesen. Dem solle er sagen, er solle den Knaben über +Nacht behalten auf ihre Rechnung und ihn auch morgen auf den rechten Weg +stellen, wohin er müsse, er sei ja noch so jung -- »nur ein paar Jahre +älter als der meinige«, setzte sie mitleidsvoll hinzu --, und er solle +ihm auch etwas zu essen geben. + +Der Kleine aus dem Bett schrie wieder: »Er muß noch einmal spielen«, und +ließ nicht ab, bis die Mutter sagte: »Er kommt ja morgen wieder, jetzt +muß er aber schlafen und du auch.« + +Der Bursche ging nun dem Rico voran, und dieser wußte nun wohl, wohin er +komme, er hatte die Worte der Frau verstanden. + +Es war gute zehn Minuten bis zum Städtchen hin. Da mitten in einem +Gäßchen trat der Bursche in ein Haus und unmittelbar in eine große +Wirtsstube ein, die war dick voller Tabaksrauch und eine Menge Männer +saßen an den Tischen herum. + +Der Bursche richtete seinen Auftrag aus, und der Wirt sagte: »Es ist +gut«, und die Wirtin kam auch gleich herbei und beide sahen sich den +Rico von oben bis unten an. Wie aber die Gäste, die am nächsten Tische +saßen, die Geige sahen, riefen gleich mehrere von ihnen: »Da gibt's +Musik«, und einer rief: »Spiel auf, Kleiner, gleich, lustig!« Und sie +riefen alle so durcheinander, daß der Wirt kaum fragen konnte, was der +Rico für eine Sprache rede und woher er komme. Rico antwortete nun in +seiner Sprache, daß er über den Maloja heruntergekommen sei, und daß er +alles verstehe, was sie hier sagen, aber nicht so reden könne. Der Wirt +verstand ihn und sagte, er sei auch schon da droben gewesen und sie +wollten noch miteinander reden, aber jetzt solle er etwas geigen, denn +die Gäste riefen noch immerfort, sie wollten Musik haben. + +Da fing Rico gehorsam an zu spielen, und zwar wie immer mit seinem +Liede, und sang dazu. Aber von den Gästen verstand keiner ein Wort von +dem Gesang, und die Melodie kam den Zuhörern wohl ein wenig einfach vor. +Die einen fingen an zu schwatzen und zu lärmen, die anderen riefen, sie +wollten etwas anderes, einen Tanz oder etwas Schönes. + +Rico sang unentwegt sein Lied zu Ende, denn wenn er es einmal angefangen +hatte, dann sang er es durch. Wie er nun fertig war, besann er sich: +einen Tanz konnte er nicht spielen, er kannte keinen; das Lied von der +Großmutter ging noch langsamer, und sie konnten wieder nichts verstehen; +jetzt kam ihm in den Sinn und er stimmte an: + + #»Una sera + In Peschiera« --# + +Kaum waren die ersten melodischen Töne dieses Liedes erklungen, so +entstand eine völlige Stille, und mit einem Male ertönten von da und +dort und von allen Tischen her die Stimmen, und es wurde ein Chor, so +schön wie Rico nie einen gehört hatte, daß er ganz in Begeisterung kam +und immer feuriger spielte, und die Männer alle sangen immer eifriger, +und war ein Vers zu Ende, so fing Rico gleich mit festem Zuge den neuen +an, denn er wußte noch wohl von dem Vater her, wo es aufhörte. Und wie +nun der Schluß kam, da brach aber nach dem schönen Gesang ein solcher +Lärm los, wie Rico noch keinen gehört hatte. Alle die Menschen riefen +und schrieen durcheinander und schlugen vor Freuden die Fäuste auf den +Tisch, und dann kamen sie alle mit ihren Gläsern auf den Rico los, und +aus jedem sollte er trinken, und zwei schüttelten ihm die Hände und +einer die Schultern, und alle miteinander schrieen ihn an und machten +vor lauter Freudenspektakel dem Rico angst und bange, daß er immer +blässer wurde. Er hatte aber ihr eigenes Peschiera-Lied gespielt, das +nur ihnen gehörte und das nie ein Fremder lernen konnte, und er hatte es +fest und rein gespielt, als wäre er einer von Peschiera; das konnten die +lebhaft empfindenden Peschierianer gar nicht genug aussprechen und sich +freuen über den Wundergeiger und Brüderschaft mit ihm trinken. + +Nun aber kam die Wirtin dazwischen mit einem Teller voll Reis und einem +großen Stück Huhn oben darauf; sie winkte dem Rico und sagte es den +Leuten, sie sollten ihn in Ruh' lassen, er müsse nun essen, er sei ja +kreideweiß vor Anstrengung. Dann stellte sie seinen Teller auf einen +kleinen Tisch in der Ecke und setzte sich zu ihm und ermunterte ihn, +brav zu essen, das könne einem so mageren Bürschchen nur gut tun. + +Rico fand auch sein Nachtessen vortrefflich, denn seit dem Kaffee am +frühen Morgen hatte er keinen Bissen mehr gesehen, und zu dem Fasten +hatte er so viel erlebt heute! + +Sobald er auch seinen Teller leer hatte, fielen ihm die Augen zu vor +Müdigkeit. Der Wirt war auch an den Tisch getreten und lobte den Rico +für sein Spiel und fragte ihn, wem er angehöre und wohin er wolle. Rico +sagte, indem er seine Augen mit Mühe offen hielt, er gehöre niemandem, +und er wolle nirgendshin. + +Da ermunterte ihn der Wirt freundlich, er solle nur ohne Kummer schlafen +gehen, morgen könne er dann die Frau Menotti wieder besuchen, die ihn +hierher geschickt habe; die sei eine gar gute Frau und könne ihn +vielleicht als Knechtlein gebrauchen, wenn er nicht wisse, wohin. + +Aber die Wirtin riß den Mann immer noch am Ärmel, so als ob er nicht +sagen sollte, was er sagte; er redete aber doch fertig, denn er begriff +nicht, was sie wollte. + +Nun fingen die Männer an den Tischen wieder zu lärmen an, sie wollten +noch einmal ihr Lied gespielt haben. Da rief aber die Wirtin: »Nein, +nein, am Sonntag dann wieder; er fällt ja um vor Müdigkeit.« Damit nahm +sie den Rico an der Hand und führte ihn hinauf in eine große Kammer, da +hing das Roßgeschirr an der Wand, und in der einen Ecke war Korn +aufgeschüttet, und in der anderen stand sein Bett. In wenigen Minuten +lag Rico darin und schlief tief und fest. + +Später, als in dem Hause alles still geworden war, da saß der Wirt noch +an dem Tischchen, wo Rico gesessen, und die Frau stand vor ihm -- denn +sie war noch am Aufräumen -- und sagte mit Eifer: »Den mußt du der Frau +Menotti nicht wieder zuschicken; ein solches Bürschchen kann ich gerade +gebrauchen zu allerhand Geschäften, und hast du denn nicht bemerkt, wie +er geigen kann? Sie wurden ja alle wie wild davon. Gib acht, das gibt +einen Geiger ab, wie keiner ist von unseren dreien, und Tänze spielen +lernt der schon, dann hast du ihn für nichts an allen Tanztagen und +kannst ihn noch ausleihen. Den mußt du gar nicht mehr aus der Hand +lassen, er sieht manierlich aus und gefällt mir; den behalten wir.« + +»Es ist mir auch recht«, sagte der Wirt und sah ein, daß seine Frau +etwas Vorteilhaftes ausgedacht hatte. + + + + +Vierzehntes Kapitel. + +Neue Freundschaft und die alte nicht vergessen. + + +Am Morgen darauf stand die Wirtin unter der Haustür und hielt ihre +Umschau über das Wetter und was sich etwa über Nacht ereignet habe. Da +kam der Bursche der Frau Menotti dahergegangen; der war zugleich Herr +und Knecht auf dem schönen, fruchtreichen Gute der Frau, denn er +verstand die Garten- und Feldarbeit und regierte und besorgte alles +selbst und hatte es gut. Darum pfiff er auch fortwährend. + +Als er nun vor der Wirtin stand, stellte er das Pfeifen ein wenig ein +und sagte: wenn der junge Musikant von gestern Abend noch nicht weiter +sei, so solle er zur Frau Menotti herüberkommen, das Büblein wolle ihn +noch einmal geigen hören. + +»Ja, ja, wenn es der Frau Menotti nur nicht zu stark pressiert«, sagte +die Wirtin, indem sie beide Arme in die Seite stemmte, zum Zeichen, daß +sie nicht in der Eile sei. »Vorderhand liegt der Musikant oben in seinem +guten Bett und schläft noch tapfer, und ich gönne ihm seinen Schlaf. Der +Frau Menotti könnt Ihr sagen, ich wolle ihn einmal vorbeischicken, denn +er gehe nicht weiter, sondern ich habe ihn auf- und angenommen für gut; +denn er ist ein verlassenes Waisenkind, das nicht wußte, wohin, und nun +ist er wohl versorgt«, setzte sie mit Nachdruck hinzu. + +Der Bursche ging mit seinem Auftrag. + +Die Wirtin ließ den Rico ganz fertig schlafen, denn sie war eine +gutmütige Frau, nur dachte sie zuerst an den eigenen Profit und dann +nachher an den der anderen. Als Rico endlich von selbst erwachte, hatte +er alle Müdigkeit ausgeschlafen und kam ganz frisch die Treppe herunter. +Da winkte ihm die Wirtin in die Küche hinein und stellte ein großes +Becken voll Kaffee vor ihn auf den Tisch und legte einen schönen, gelben +Maiskuchen daneben. Dann sagte sie: + +»So kannst du's alle Tage haben, wenn du willst, und am Mittag und Abend +noch viel besser, denn da kocht man für die Gäste und da bleibt immer +etwas übrig. Dann kannst du für mich auslaufen und daneben geigen, +wenn's nötig ist, und kannst bei uns daheim sein, und hast deine eigene +Kammer und mußt nicht mehr in der Welt herumziehen. Jetzt kannst du nur +sagen, ob du willst.« + +Da antwortete Rico zufrieden: »Ja, ich will«, denn so viel konnte er +ganz gut in der Wirtin Sprache sagen. + +Nun ging sie gleich mit ihm durch das ganze Haus und durch die Scheune +und den Stall und in den Krautgarten und zum Hühnerhof, und von all den +Plätzen aus erklärte sie ihm die Umgebung und die Richtung, wo es zum +Krämer ging und zum Schuhmacher und noch zu mehreren anderen wichtigen +Leuten. Rico gab genau acht, und um ihn zu prüfen, schickte die Wirtin +ihn gleich an drei oder vier Orte, allerhand Sachen zu holen, wie Öl, +Seife und Faden und einen geflickten Stiefel, denn sie hatte bemerkt, +daß Rico einzelne Worte ganz gut sagen konnte. + +Rico besorgte alles richtig, das gefiel der Wirtin wohl und gegen Abend +sagte sie: »Nun kannst du mit der Geige zur Frau Menotti gehen und dort +bleiben, bis es Nacht wird.« + +Darüber freute sich Rico sehr, denn da kam er an dem See vorbei und +nachher zu den schönen Blumen. + +Am See angekommen, lief er nach der kleinen Brücke und saß ein wenig +nieder, denn da lag wieder alle die Schönheit vor ihm, das Wasser und +die Berge im goldenen Duft, und er konnte fast nicht mehr weg. + +Aber er tat es doch, denn er wußte, daß er nun tun mußte, was ihn die +Wirtin hieß, weil er dafür bei ihr wohnen durfte. + +Als er in den Garten trat, hörte ihn schon das Büblein -- denn die Tür +stand immer offen -- und es rief: »Komm und spiel wieder!« + +Die Frau Menotti kam heraus und gab dem Rico freundlich die Hand und zog +ihn in das Zimmer hinein. Es war eine große Stube, und man sah durch die +breite Tür schön in den Garten und auf die Blumen hinaus. Das kleine +Bett des kranken Bübleins stand gerade der Tür gegenüber und daneben +standen nur Tische und Stühle und schöne Kasten im Zimmer, aber kein +Bett mehr, denn des Nachts wurde das kleine Bett ins Nebenzimmer +gebracht, wo auch dasjenige der Mutter stand; und am Morgen trug man das +Bettchen mit dem Insassen wieder in die schöne, frohe Stube hinaus, wo +jeden Morgen die Sonne einen glänzenden Streifen über den ganzen +Fußboden hinwarf und das Herz des Bübleins fröhlich machte. Neben dem +Bettchen standen zwei kleine Krücken, und von Zeit zu Zeit nahm die +Mutter den Kleinen aus seinem Bett und leitete ihn auf den Krücken ein +paarmal die Stube auf und nieder, denn er konnte weder gehen noch +stehen; seine Beinchen waren völlig lahm, er hatte sie nie gebrauchen +können. + +Als Rico in die Tür trat, schnellte sich das Büblein empor an einer +langen Schnur, die von der Decke bis auf sein Bett herunterhing, denn es +konnte nicht aus eigener Kraft aufsitzen. Rico trat herzu und schaute +das Büblein schweigend an. Es hatte ganz dünne Ärmchen und kleine magere +Finger und ein so kleines Gesicht, wie Rico nie an einem Buben gesehen +hatte, und aus dem Gesichtchen heraus schauten zwei große Augen den Rico +ganz durchdringend an, denn das Büblein, das wenig Neues vor Augen sah +und nach viel neuen und nie gesehenen Dingen dürstete, schaute alles +ganz scharf an, das auf seinen einsamen Weg kam. + +»Wie heißest du?« fragte das Büblein jetzt. + +»Rico«, war die Antwort. + +»Und ich Silvio. Wie alt bist du?« fragte es weiter. + +»Bald elf Jahre alt.« + +»Und ich auch bald«, sagte das Büblein. + +»Ach, Silvio, was du sagst«, fiel die Mutter ein; »noch nicht völlig +vier bist du, so schnell geht's nicht.« + +»Spiel wieder!« sagte nun der kleine Silvio. + +Die Mutter setzte sich an ihren Platz neben dem Bettchen, und Rico +stellte sich etwas weiter unten hin und fing an zu geigen. Silvio +konnte es nicht genug bekommen; sobald der Rico ein Stück fertig hatte, +so ertönte sein: »Spiel wieder!« + +So hatte Rico alle seine Stücke wohl sechsmal durchgespielt; da ging die +Mutter weg und kam wieder mit einem Teller voll von den goldgelben +Trauben und sagte, nun müsse Rico ausruhen und sich auf den Stuhl setzen +an das Bett und Trauben essen mit dem Silvio. + +Dann ging sie ein wenig in den Garten hinaus und sah ihren Sachen nach +und war froh darüber, denn sie konnte fast gar nie von dem Bette des +Kleinen weggehen, er litt es nicht und schrie dann immer jämmerlich; so +war es eine rechte Wohltat für die Frau, daß sie einmal hinausgehen +konnte. + +Unterdessen verstanden sich die beiden drinnen vortrefflich, denn auf +Silvios Fragen konnte Rico ganz gut antworten; auch konnte er sich +leicht verständlich machen, wo er etwa nicht gleich das rechte Wort +wußte, und die Unterhaltung war dem Silvio sehr kurzweilig. Die Mutter +konnte auch die Blumenbeete und die Weinreben und die schönen +Feigenbäume im Acker und ringsum alles ansehen, ohne daß der Silvio ein +einziges Mal gerufen hätte. + +Aber als sie nun hereinkam und es bald zu dämmern anfing und Rico +aufstand, um fortzugehen, da schlug der Silvio einen großen Lärm an und +hielt den Rico fest am Wämschen mit beiden Händen und wollte ihn nicht +loslassen, wenn er nicht gleich verspreche, er komme morgen wieder und +alle Tage. Aber die Frau Menotti war eine vorsichtige Frau; sie hatte +den Bericht der Wirtin auch ziemlich verstanden und beschwichtigte nun +den Silvio und versprach ihm, gleich in den ersten Tagen zu der Wirtin +zu gehen und mit ihr zu sprechen, denn der Rico könne nichts +versprechen so von sich aus, er müsse folgen. + +Endlich ließ der Kleine das Wämschen los und gab Rico die Hand, und +dieser ging ungern aus der Stube weg. Er wäre lieber dageblieben, wo es +so still war und alles so gut aussah und Silvio und die Mutter so +freundlich mit ihm waren. -- + +Es vergingen wenige Tage, da trat eines Abends die Frau Menotti ganz +aufgeputzt in die »Goldene Sonne« ein, und die Wirtin lief ihr entgegen +und führte sie in den oberen Saal hinauf. Da fragte denn Frau Menotti +ganz höflich, ob es der Frau Wirtin nicht ungelegen wäre, ihr für ein +paar Abende der Woche den Rico zu überlassen; er unterhalte ihr das +kranke Büblein so gut und sie wollte gern erkenntlich sein dafür in +jeder gewünschten Weise. + +Es schmeichelte der Wirtin, daß die wohlangesehene Frau Menotti sie so +um einen Dienst zu bitten kam, und es wurde gleich festgesetzt, daß Rico +an jedem freien Abend kommen würde, und Frau Menotti übernahm dagegen, +für Ricos Bekleidung zu sorgen, so daß die Wirtin überaus befriedigt war +mit der Einrichtung; denn nun hatte sie keinen Heller für den Knaben +auszugeben und den reinen Gewinn von ihm. So schieden die Frauen beide +in der größten Zufriedenheit voneinander. -- + +So vergingen für Rico die Tage. In kurzer Zeit sprach er so geläufig +italienisch, als hätte er es immer gekonnt. Und einmal hatte er es auch +gekonnt; so fiel ihm eins nach dem anderen ohne Mühe wieder ein, und er +hatte ein gutes Ohr und sprach wie ein völliger Italiener, so daß sich +alle Leute darüber verwundern mußten. Die Wirtin konnte ihn so gut +brauchen, wie sie nicht einmal erwartet hatte, denn seine Geschäfte +machte er so sauber und ordentlich, wie sie selbst manches nicht machen +konnte, denn sie hatte die Geduld nicht, und wenn etwas mußte +aufgerüstet werden zu einem Fest, etwa zu einer Hochzeit, so mußte es +Rico tun, denn er wußte, was schön war, und konnte es machen. Wenn er +seine Aufträge ausrichten mußte, so war er wieder da, ehe die Wirtin nur +denken konnte, er sei am Ort angekommen, denn er brauchte keine Zeit zur +Unterhaltung. Wenn jemand ihn ausfragen wollte, so kehrte er sich auf +der Stelle um und ging davon. Das gefiel der Wirtin besonders, als sie +es bemerkte, und es flößte ihr einen solchen Respekt ein vor dem Jungen, +daß sie ihn selbst nicht ausfragte, und so kam es, daß eigentlich +niemand wußte, wie er nach Peschiera gekommen war; aber es hatte sich +eine Geschichte verbreitet, die nahm jedermann an, daß er als ein +verlassenes Waisenkind da droben in den Bergen schlecht gehalten und bös +behandelt worden, da sei er entlaufen und habe viele Gefahren bestanden +auf der langen Reise und sei endlich hier angekommen, wo die Leute nicht +so roh seien wie in den Bergen, und hier sei er gern. Und wenn die +Wirtin die Geschichte erzählte, so ermangelte sie nicht, hinzuzusetzen: +er verdiene es auch, daß es ihm so gut gegangen sei und er den Schutz +unter ihrem Dache gefunden habe. + +Als der erste Tanzsonntag kam, da versammelten sich in der »Goldenen +Sonne« so erstaunlich viele Leute, daß man gar nicht wußte, wo sie alle +untergebracht werden könnten, denn jeder wollte den kleinen fremden +Musikanten sehen und hören, und diejenigen, die ihn schon gehört hatten +am ersten Abend, kamen zuallererst und wollten mit ihrem Lied beginnen. + +Die Wirtin lief hin und her im Feuer der Arbeit und glänzte, als wäre +sie selbst zur »Goldenen Sonne« geworden, und wenn sie auf ihren Mann +traf, so sagte sie jedesmal siegreich: »Hab' ich's nicht gesagt?« + +Rico hörte erst einen Tanz an von den drei Geigern, die gekommen waren, +und die Melodien fielen ihm so ins Ohr und in die Finger, daß er gleich +nachher mitspielen konnte, und nun wußte er den Tanz für immer. So kam +es, daß er am späten Abend, als man aufhörte zu tanzen, alle Tänze +mitspielen konnte, die überhaupt gespielt wurden, denn jeden hatte man +zu öfteren Malen durchgenommen. + +Am Ende mußte auch noch das Peschiera-Lied gesungen werden, von Rico +begleitet, und war schon den ganzen Abend ein Lärm gewesen, so kamen nun +die Gemüter erst noch recht ins Feuer und es ging zu, daß Rico ein +paarmal dachte: jetzt fahren sie aufeinander und schlagen sich alle tot. +Aber es war alles in Freundschaft gemeint. Und ihm selbst wurde eine so +ohrenzerreißende Anerkennung gespendet, daß er nur immer dachte: wenn's +doch bald fertig wäre, denn nichts war dem Rico so tief zuwider, wie ein +großer Lärm. + +Am Abend sagte die Wirtin zu ihrem Manne: »Hast's gesehen? Schon das +nächste Mal brauchen wir nur noch zwei Geiger.« + +Und der Mann war sehr zufrieden und sagte: »Man muß dem Buben etwas +geben.« + +Zwei Tage nachher war Tanz droben in Desenzano, und Rico wurde auch mit +den Geigern hingeschickt; jetzt konnte man ihn schon ausleihen. Es war +da derselbe Lärm und Spektakel, und wenn auch das Peschiera-Lied nicht +mußte gesungen werden, so ging es nun über anderen Dingen ganz gleich +laut zu, und Rico dachte von Anfang bis zu Ende: »Wenn's nur fertig +wäre!« + +Er brachte eine ganze Tasche voll Geld heim; das ließ er alles ungezählt +auf den Tisch hinausrollen, als er zurückkam, denn es gehörte der +Wirtin, und sie lobte ihn und stellte ein schönes Stück Apfelkuchen vor +ihn hin. Am Sonntag nachher war schon wieder Tanz drüben in Riva, und +diesmal freute sich Rico, denn Riva war jener Ort drüben über dem See, +wo dieser von Peschiera aus anzusehen war wie eine sonnige Bucht, um die +herum die freundlichen weißen Häuser lagen und herüberschimmerten. + +Da fuhren die Musikanten zusammen am Nachmittag über den goldenen See im +offenen Kahn unter dem blauen Himmel hin, und Rico dachte: »Wenn ich so +mit dem Stineli hinüberfahren könnte! Wie müßte es staunen über den See, +an den es nicht glauben wollte!« + +Aber drüben ging derselbe Lärm los und Rico wünschte wieder +fortzukommen, denn von drüben herüber Riva anzusehen im stillen +Abendschein, war so viel schöner, als hier mittendrin im Tumult zu +sitzen. + +Wenn aber keine Tanztage waren, da konnte Rico jeden Abend zu dem +kleinen Silvio gehen und lange da bleiben, denn die Wirtin wollte sich +der Frau Menotti dienstbar erzeigen. Da ging Rico gern hin, das war +seine Freude. Kam er am See vorbei, so ging er gegen die schmale +Steinbrücke hin und setzte sich eine Weile auf den Boden; denn dies war +der einzige Ort, wo er das Gefühl hatte, er sei vielleicht daheim. Da +kam ihm am allerlebendigsten alles vor die Augen, wie es war, da er noch +daheim war. Denn was er vor sich sah, hatte er damals so gesehen, und +hier sah er auch am deutlichsten die Mutter vor sich. Dort hatte sie am +See gestanden und etwas ausgewaschen, und von Zeit zu Zeit sah sie ihn +an und sagte ihm liebevolle Worte, und er saß auf demselben Plätzchen, +wo er jetzt saß. Das alles wußte er so genau. Da ging er immer mit Zwang +weg, aber er wußte, daß Silvio nach ihm lauschte. Wenn er dann durch den +Garten kam, so wurde es ihm auch wieder wohl und er trat gern in das +stille, saubere Haus. Frau Menotti war in einer Weise freundlich mit +ihm, wie sonst niemand, das fühlte er wohl; sie hatte ein großes Mitleid +mit dem verlassenen Waislein, wie sie ihn nannte, sie hatte die +Geschichte auch gehört von seinem Entfliehen. Sie fragte den Rico nie +etwas von seinem Leben in den Bergen, denn sie dachte, es wecke ihm nur +traurige Erinnerungen. Sie fühlte auch, daß der Rico nicht die Pflege +hatte, die ein Büblein von seinem Alter und von so stiller Art bedurft +hätte; aber sie konnte nichts machen, als ihn bei sich haben, soviel es +anging. Sie legte ihm aber manchmal die Hand auf den Kopf und sagte +mitleidig: »Du armes Waislein!« + +Dem kleinen Silvio wurde der Rico täglich unentbehrlicher; schon am +Morgen fing er an zu jammern und nach dem Rico zu begehren, und wenn +seine Schmerzen da waren, so schrie er noch mehr und wollte sich nicht +mehr beruhigen, wenn der Rico nicht kommen konnte. Denn seit der Rico so +fließend sprechen konnte, hatte Silvio eine neue unversiegende Quelle +der Kurzweil bei ihm gefunden; das war sein Erzählen. + +Rico hatte angefangen, dem Silvio vom Stineli zu erzählen, und da ihm +selbst dabei so wohl wurde und sein ganzes Herz aufging, so wurde er +dabei so lebendig und so unterhaltend, daß er nicht mehr zu kennen war. +Er wußte hundert Geschichten zu erzählen, wie das Stineli einmal den +Sami gerade noch am Bein erwischte, als er ins Wasserloch fallen wollte, +und nun immerzu aus aller Kraft am Bein ziehen und dazu oben hinaus +schreien mußte, während der Sami unten durch schrie, bis der Vater ganz +langsam herbeikam, denn er nahm immer an, Kinder schrieen von Natur und +ohne Not. -- Und wie es dem Peterli Figuren ausschnitt und dem Urschli +Hausgerät machte aus allen Stoffen, von Holz und Moos und Grashalmen. +Und wie alle Kinder nach dem Stineli schrieen, wenn sie krank waren, +weil sie dann vergaßen, was ihnen weh tat, wenn es sie verkurzweilte. +Und dann erzählte Rico, wie er mit dem Stineli auszog, und wie es dann +schön war, und seine Augen leuchteten dann so zündend und der ganze Rico +wurde so erstaunlich belebt, daß der kleine Silvio ganz ins Feuer kam +und immer mehr hören wollte. Und wenn Rico einmal stille hielt, so rief +er gleich: »Erzähl wieder vom Stineli!« Eines Abends aber kam Silvio in +die alleräußerste Aufregung, als Rico fortgehen wollte und dazu sagte, +morgen und am Sonntag dürfe er nicht kommen. + +Silvio schrie nach der Mutter, als wäre das Haus in Flammen und er läge +mitten drin, und als sie im höchsten Schrecken aus dem Garten +hereingestürzt kam, rief er immer zu: »Der Rico darf nie mehr ins +Wirtshaus, er muß dableiben. Er muß immer da sein. Du mußt dableiben, +Rico, du mußt, du mußt!« + +Da sagte Rico: »Ich wollte schon, aber ich muß doch gehen.« + +Die Frau Menotti war in großer Verlegenheit; sie wußte wohl, was der +Rico den Wirtsleuten wert war, und daß sie ihn nicht bekäme, unter +keiner Bedingung. So beschwichtigte sie den Silvio, wie sie nur konnte, +und den Rico zog sie an sich und sagte voller Mitleid: »Ach du armes +Waislein!« + +Da schrie Silvio in seinem Zorn: »Was ist ein Waislein? Ich will auch +ein Waislein sein!« + +Nun kam auch die Frau Menotti in Aufruhr und rief: »Ach Silvio, willst +du dich noch versündigen? Sieh, ein Waislein ist ein armes Kind, daß +keinen Vater und keine Mutter hat und gar nirgends auf der Welt daheim +ist.« + +Rico hatte seine dunkeln Augen auf die Frau geheftet, sie sahen immer +schwärzer aus, sie bemerkte es aber nicht. Sie hatte gar nicht mehr an +den Rico gedacht, als sie Silvio in der Aufregung die Erklärung gab. +Rico schlich leise zur Tür hinaus und fort. Frau Menotti dachte, er sei +so leise fortgegangen, damit der Kleine nicht noch einmal aufgebracht +werde, und es war ihr recht. Sie setzte sich nun an das Bettchen und +sagte: »Hör, Silvio, ich will dir's erklären und dann mußt du diesen +Lärm nicht mehr machen. Siehst du, die Buben kann man einander nicht nur +so wegnehmen, denn wenn ich der Wirtin nun den Rico nehmen wollte, so +könnte sie kommen und mir den Silvio nehmen. Dann könntest du den Garten +und die Blumen nie mehr sehen und müßtest allein in der Kammer schlafen, +wo das Roßgeschirr hängt und wo der Rico so ungern hineingeht; er hat +dir's ja schon manchmal erzählt. Was wolltest du dann machen?« + +»Wieder heimgehen«, sagte der Kleine entschlossen. Er blieb aber nunmehr +still und legte sich aufs Ohr. + +Rico ging durch den Garten und über die Straße weg hinab an den See. Da +setzte er sich auf sein Plätzchen nieder und legte seinen Kopf in beide +Hände und sagte in trostlosem Ton: »Jetzt weiß ich's, Mutter; auf der +ganzen Welt bin ich nirgends daheim, gar nirgends!« + +Und so saß er bis in die Nacht hinein in seiner großen Traurigkeit und +wäre am liebsten nicht mehr aufgestanden, aber in seine Kammer mußte er +endlich doch wieder zurückkehren. + + + + +Fünfzehntes Kapitel. + +Silvio wünscht mit Nachdruck. + + +In dem kleinen Silvio arbeitete aber die Aufregung weiter, und als er +nun wußte, daß der Rico zwei Tage hintereinander keinen Augenblick +kommen würde, fing er schon am frühen Morgen an mit Grimm auszurufen: +»Nun kommt der Rico nicht! Nun kommt der Rico nicht!« und fuhr mit +kleinen Zwischenpausen so fort bis zum Abend, und am folgenden Tag fing +er wieder an beizeiten. Am dritten Tage aber hatte ihn diese Tätigkeit +so ausgetrocknet, daß er war wie ein Häuflein Stroh, das ein kleiner +Funke gleich in helle Flammen bringen kann. + +Rico erschien am Abend noch ganz angewidert von dem Tanzlärm, bei dem er +gewesen war. Seit er nun wußte, daß er nirgends daheim war, hatte der +Gedanke an das Stineli eine neue Gewalt bekommen, und er sagte bei sich: +»Da ist nur das Stineli auf der ganzen Welt, zu dem ich gehöre und das +sich um mich bekümmert.« Und es kam ein großes Heimweh nach dem Stineli +über ihn. Er saß auch kaum an Silvios Bett, so sagte er: »Siehst du, +Silvio, nur einzig beim Stineli ist es einem wohl und sonst gar +nirgends.« Kaum waren diese Worte ausgesprochen, so schnellte sich der +Kleine augenblicklich in die Höhe und rief mit aller Kraft: »Mutter, ich +will das Stineli haben. Das Stineli muß kommen; einzig nur beim Stineli +ist es einem wohl und sonst gar nirgends!« + +Die Mutter war herzugetreten, und da sie oft Ricos Erzählungen vom +Stineli und seinen kleinen Geschwistern mit vieler Befriedigung zugehört +hatte, wußte sie schon, von wem die Rede war, und sagte: »Ja, ja, mir +wär' es schon recht, ich könnte ein Stineli schon brauchen für dich und +mich; wenn ich nur eins hätte!« + +Aber auf diese unbestimmte Auslassung ging Silvio gar nicht ein, denn er +war völlig Feuer und Flamme für seine Sache. + +»Jetzt kannst du gleich eins haben«, rief er weiter; »der Rico weiß, wo +es ist, er muß es holen; ich will das Stineli haben alle Tage und +immerfort; morgen muß es der Rico holen, er weiß, wo es ist.« + +Wie nun die Mutter sah, daß der Kleine sich alles ausdachte und ganzen +Ernst aus der Sache machen wollte, fing sie an, ihn auf alle Weise +abzumahnen und auf andere Gedanken zu bringen, denn sie hatte mehrmals +erzählen hören, was für unglaubliche Gefahren der Rico auf seiner Reise +zu bestehen hatte, und wie es das größte Wunder sei, daß er lebendig +habe bis nach Peschiera herunterkommen können, und was für ein +schreckhaft wildes Volk dort oben in den Bergen lebe. So wußte sie ja, +daß kein Mensch so ein Mädchen herunterholen würde, am wenigsten ein +zartes Bürschlein wie Rico; er konnte ja ganz elend zugrunde gehen, +wenn er so etwas beginnen würde, und dann hätte sie die Verantwortung +auf sich. Das wollte sie nicht auch noch, sie hatte schon genug. + +Sie stellte dem Silvio die ganze Unmöglichkeit der Sache vor und sprach +ihm von vielen schreckhaften Ereignissen und bösen Menschen, die den +Rico verfolgen und umbringen könnten. Aber diesmal half alles nichts. +Der kleine Silvio mußte sich die Sache in den Kopf gesetzt haben, wie +noch nichts in seinem Leben; denn was die Mutter auch vorbrachte und wie +sehr sie in Eifer geriet vor Besorgnis, sobald sie innehielt, sagte +Silvio: »Der Rico muß es holen, er weiß, wo es ist.« + +Da sagte die Mutter: »Und wenn er's auch weiß, meinst du denn, der Rico +wolle so in die Gefahr und ins Gottversuchen hinauslaufen, wenn er es +haben kann wie hier und gar zu keinen bösen Menschen mehr gehen muß?« + +Da sah Silvio den Rico an und sagte: »Du willst schon gehen und das +Stineli holen, Rico, oder nicht?« + +»Ja, ich will«, antwortete Rico fest. + +»Ach, ihr barmherzigen Heiligen, was soll das werden, jetzt wird mir der +Rico auch noch unvernünftig!« rief die Mutter ganz erschrocken. »So weiß +man sich ja gar nicht mehr zu helfen. Nimm die Geige, Rico, und spiel +und sing etwas, ich muß in den Garten«, und damit lief Frau Menotti +eilends unter die Feigenbäume hinaus, denn sie nahm an, der Silvio +vergesse am schnellsten seinen Einfall wieder, wenn er nicht mehr an ihr +zwingen könne. + +Aber die beiden guten Freunde drinnen spielten nicht und sangen nicht, +sondern brachten sich gegenseitig ganz ins Fieber mit allerhand +Vorstellungen, wie das Stineli geholt werden müsse und wie es dann +nachher zugehen werde, wenn es da sei. Rico vergaß gänzlich, +fortzugehen, obschon es dunkel geworden war, denn die Frau Menotti kam +absichtlich noch nicht herein, sie hoffte, der Silvio entschlafe dann +vorher. Endlich trat sie aber doch ein und Rico ging gleich, aber mit +Silvio hatte sie noch einen schweren Stand. Er wollte durchaus nicht die +Augen zumachen, bis die Mutter versprechen würde, der Rico müsse das +Stineli holen; das konnte sie aber nicht versprechen, und so kam Silvio +zu keiner Ruhe, bis die Mutter sagte: »Sei nun zufrieden, über Nacht +kommt dann alles in Ordnung.« Denn sie dachte, über Nacht vergesse er +sein Begehren, wie schon viele, und es komme ihm etwas Neues in den +Sinn. + +Da wurde Silvio still und schlief ein. Aber die Mutter hatte sich +verrechnet. Noch war sie am Morgen kaum recht erwacht, so rief Silvio +aus seinem Bettchen herauf: »Ist alles in Ordnung, Mutter?« + +Als sie dies unmöglich bejahen konnte, ging ein solcher Sturm los, wie +sie desgleichen an dem Büblein noch nie erlebt hatte, und den ganzen Tag +ging das Unwetter fort bis zum späten Abend, und am Morgen darauf fing +Silvio gerade so wieder an, wie er am Abend aufgehört hatte. + +Eine solche Beharrlichkeit auf demselben Begehren hatte Silvio noch nie +an den Tag gelegt. Wenn er schrie und lärmte, konnte sie's noch +ertragen; aber wenn nun die Stunden der großen Schmerzen kamen, da +wimmerte Silvio fortwährend in der kläglichsten Weise: »Nur beim Stineli +ist es einem wohl und sonst gar nirgends!« + +Das schnitt der Mutter ins Herz und war ihr wie ein Vorwurf, so als +wollte sie nicht tun, was ihm wohlmachen könnte; aber wie hätte sie auch +nur daran denken können, sie hatte ja den Rico selbst auf Silvios +Frage: »Weißt du auch den rechten Weg zum Stineli?« antworten hören: +»Nein, ich weiß keinen Weg, aber ich finde ihn dann schon.« + +Von Tag zu Tag hoffte sie, durch einen glücklichen Umstand komme dem +Silvio eine neue Forderung in den Sinn, denn so war es sonst immer +gewesen; sie konnte darauf rechnen: hatte er etwas begehrt, wenn ihm +wohl war, so verwarf er es sicher, sobald seine Schmerzen kamen. Aber +diesmal war es anders, und es hatte seinen guten Grund. Ricos +Erzählungen und Aussprüche über das Stineli hatten in dem empfindlichen +Gemüte des kranken Silvio die feste Überzeugung hervorgebracht, daß ihm +nie mehr etwas weh tun würde, wenn das Stineli bei ihm wäre. So +gebärdete sich Silvio jammervoller von Tag zu Tag, und seine Mutter +wußte nicht, wo sie Rat und Beistand finden könnte. + + + + +Sechzehntes Kapitel. + +Ein Rat zur Freude für viele. + + +In diesem Zustande der Unruhe war es für die Frau Menotti ein rechter +Trost, als sie einmal wieder nach langer Zeit den wohlmeinenden alten +Herrn Pfarrer im langen schwarzen Rock durch den Garten kommen sah, der +von Zeit zu Zeit den kleinen Kranken besuchte. Sie sprang auf von ihrem +Stuhl und rief erfreut: »Sieh, Silvio, da kommt der gute Herr Pfarrer!« +und ging ihm entgegen. Silvio aber in seinem Groll über alle Dinge +rief, so laut er konnte, der Mutter nach: »Ich wollte lieber, das +Stineli käme!« + +Dann kroch er aber eilends unter die Decke, damit der Herr Pfarrer nicht +wissen könne, woher die Stimme kam. Die Mutter war sehr erschrocken und +bat im Eintreten den Herrn Pfarrer, er solle doch den Empfang nicht übel +nehmen, er sei auch nicht so ernst gemeint. Silvio rührte sich nicht, er +sagte nur ganz heimlich unter der Decke: »Doch, es ist mir sicher +ernst.« + +Der Herr Pfarrer mußte geahnt haben, woher die Stimme kam; er trat +gleich an das Bett heran, und obwohl er kein Haar von Silvio sah, sagte +er: »Gott grüß' dich, mein Sohn, wie steht es mit der Gesundheit, und +warum verkriechst du dich in unterirdische Höhlen wie ein kleiner Dachs? +Komm hervor und erkläre mir: was verstehst du unter einem Stineli?« + +Nun kroch Silvio hervor, denn er hatte Respekt vor dem Herrn Pfarrer, da +er nun so nah war. Er streckte schnell seine kleine magere Hand zum +Gruße aus und sagte: »Dem Rico sein Stineli.« + +Nun mußte die Mutter erklärend dazwischentreten, denn der Herr Pfarrer +schüttelte verwundert den Kopf, indem er sich an Silvios Bett +niedersetzte. Sie erzählte ihm nun die ganze Sache mit dem Stineli, und +wie der kleine Silvio sich in den Kopf gesetzt habe, es werde ihm nie +mehr wohl, wenn das Stineli nicht zu ihm komme, und wie der Rico nun +auch unvernünftig geworden sei und meine, er könne das Mädchen holen, +während er keinen Weg und Steg wisse und es ja so weit weg oben in den +Bergen wohne, wo niemand zukomme, und man gar nicht wissen könne, was +für ein erschreckliches Volk da sei. Denn man könne sich denken, wie es +da zugehen müsse, wenn ein zartes Büblein, wie der Rico, lieber den +größten Gefahren entgegenlaufe und sie bestehe, als unter solchen Leuten +zu bleiben. Wenn alles anders wäre, fügte Frau Menotti hinzu, so wäre +ihr kein Geld zu viel, so ein Mädchen kommen zu lassen, um dem Silvio +das Verlangen zu stillen und jemand für ihn zu haben, denn manchmal +werde es ihr fast zu viel mit allem, was sie zu tragen habe, und sie +meine, sie könne nicht mehr fortkommen. Und der Rico, der sonst recht +vernünftig rede, meine, kein Mensch könne ihr so gut in allem beistehen, +wie dieses Stineli. Er müsse es gut kennen, und wenn es so sei, wie er +es beschreibe, so könnte es auch noch eine Rettung sein für so ein +Mädchen, wenn es von da droben wegkomme; aber da wüßte sie ja von keinem +Menschen, der ihr einen solchen Dienst tun würde. + +Der Herr Pfarrer hatte ganz ernsthaft zugehört und kein Wort gesagt, bis +die Frau Menotti fertig war. Er hätte auch nicht gut dazwischenkommen +können mit Worten, denn sie hatte ihr Herz lange nicht ausgeschüttet und +es war ihr so voll geworden, daß Frau Menotti bei dem großen Andrang der +Worte fast um den Atem gekommen war. + +Als nun alles still war, nahm der Herr Pfarrer erst ganz ruhig noch eine +Prise zu der vorhergehenden; dann sagte er gelassen: + +»Hm, hm, Frau Menotti, ich glaube fast, Ihr habt von den Leuten da +droben eine Meinung, die fast erschrecklich ist; es gibt doch auch noch +Christen da, und seit man so allerhand Mittel erfunden hat, um weiter zu +kommen, wird es auch noch möglich sein, daß einer ohne Gefahr dort +hinaufkommt. Das wird man etwa in Erfahrung bringen können, man muß sich +besinnen.« + +Hier mußte der Herr Pfarrer sich erst wieder ein wenig stärken aus +seiner Dose, dann fügte er bei: »Es gibt allerlei Händler, die von da +oben herunter nach Bergamo kommen, Schafhändler und Roßhändler, die +müssen die Wege wissen. Man kann sich erkundigen und dann muß man sich +bestimmen; es wird etwa ein Mittel gefunden werden. Wenn Euch viel dran +liegt, Frau Menotti, so will ich mich etwa umsehen; ich komme alle Jahre +ein- oder zweimal nach Bergamo, so könnte ich die Sache ein wenig in die +Hand nehmen.« + +Frau Menotti war von solcher Dankbarkeit, daß sie gar nicht wußte, wie +sie diese dem Herrn Pfarrer ausdrücken sollte. Mit einem Male waren ihr +alle die schweren Gedanken abgenommen, die sie so viele Tage und Nächte +lang verfolgt hatten, und in die sie sich immer mehr verwickelt hatte, +je mehr sie sich damit abgab, so daß sie keinen Ausweg mehr vor sich +gesehen hatte. Nun hatte der Herr Pfarrer die ganze Last auf sich +genommen, und sie konnte den Silvio von nun an auf ihn verweisen. + +Silvio hatte das ganze Gespräch über mit seinen grauen Augen den Herrn +Pfarrer fast durchbohrt vor Spannung. Als dieser nun aufstand und dem +Kleinen die Hand zum Abschied bot, patschte Silvio die seinige ganz +gewaltig hinein, so als wollte er sagen: diesmal gilt's mir! Der Herr +Pfarrer versprach, Bericht zu geben, sobald er seine Erkundigungen +eingezogen hätte und wüßte, ob die Sache ausführbar wäre, oder ob Silvio +von seinem Begehren abstehen müsse. + +Nun vergingen die Wochen eine nach der anderen, aber der Silvio hielt +sich gut. Er hatte eine bestimmte Hoffnung vor Augen, und dazu war der +Rico auf einmal so unterhaltend und lebendig geworden, wie noch nie. In +den war es gefahren wie ein zündender Freudenfunke, als er den Ausspruch +des Herrn Pfarrers vernommen hatte, und seither war ein neues Leben in +ihm. Er wußte dem Silvio mehr zu erzählen als je, und nahm er seine +Geige zur Hand, so kamen so herzerquickende Töne und Weisen daraus +hervor, daß die Frau Menotti gar nicht mehr aus dem Zimmer weg mochte +und sich nicht genug verwundern konnte, woher der Rico das alles nahm. + +Rico hatte auch nur in dieser Stube rechte Freude an seiner Geige; in +dem weiten, hohen Raum tönte es so schön und da war es so still und +luftig, da war kein Tabaksqualm und kein Menschentumult, und er mußte +nicht bei den Tänzen bleiben, sondern konnte spielen, was ihn freute. +Mit jedem Tage kam auch Rico lieber in das Haus, und oft, wenn er +eintrat, dachte er: so ist es wohl einem zumute, der heimkommt. Aber er +war ja doch nicht daheim, er durfte nur für ein paar Stunden kommen und +mußte immer wieder gehen. + +In der letzten Zeit war aber etwas in den Rico gefahren, das die Wirtin +manchmal in große Verwunderung setzte. Wenn sie etwa das schmutzige, +zerbrochene Abfallbecken vor ihn hinstellte und sagte: »Da, Rico, bring +es den Hühnern!« -- so stellte er sich etwas auf die Seite und legte die +Hände auf den Rücken, zum Zeichen, daß er das Becken nicht berühren +möge, und sagte ruhig: »Ich wollte lieber, das täte jemand anders!« + +Und wenn sie die alten Schuhe hervorbrachte und Rico in die Hand geben +wollte, daß er sie zum Schuhflicker hintrage, so tat Rico wieder +desgleichen und sagte: »Ich wollte lieber, es ginge ein anderer.« + +Die Wirtin aber war eine kluge Frau und hatte ihre Augen im Kopfe, um +damit zu sehen, was vorging, und so war es ihr nicht entgangen, wie Rico +sich seit einiger Zeit verändert hatte und wie er aussah. Frau Menotti +hatte ihn immer gut gekleidet, seit sie die Verpflichtung dazu +übernommen hatte; da aber dem Rico alles gut stand und er immer mehr +aussah wie ein Herrensöhnchen, so hatte die Frau Menotti ihre Freude +daran und kleidete ihn in gute Stoffe, und Rico ging sorgsam und +ordentlich damit um, denn er mochte gern, was schön anzusehen war, und +Schmutz und Unordnung war ihm zuwider wie der Lärm. Das sah die Wirtin +alles an, und dazu war ihr wohlbewußt, wie der Rico ganz so, wie er das +erste Mal getan, immer noch wenn er von den Tanzbelustigungen aus der +Umgegend zurückkehrte, seine Tasche vor ihr ausleerte und das Geld +hinrollen ließ, ohne eine Miene zu machen, als ob er nur etwas davon +begehrte. + +Er brachte auch immer mehr, denn er war nicht nur Tanzgeiger, wie die +anderen; man wollte auch immer noch seine Lieder hören nach dem Tanzen +und allerhand Melodien, die er wußte. So war der Wirtin daran gelegen, +den Rico willig zu erhalten, und sie ließ ihn in Ruhe mit den Hühnern +und den alten Schuhen und begehrte diese Dienste nicht mehr von ihm. + +Über all' diesen Ereignissen waren an die drei Jahre dahingegangen, seit +der Rico der Peschiera erschienen war. Er war nun ein vierzehnjähriger +aufgeschossener Junge geworden, und wer ihn ansah, der hatte sein +Wohlgefallen an ihm. + +Wieder leuchteten die goldenen Herbsttage über den Gardasee und der +blaue Himmel lag auf der stillen Flut. Im Garten hingen die Trauben +golden an den Ranken und die roten Oleanderblumen funkelten im lichten +Sonnenschein. In Silvios Stube war es ganz still; denn die Mutter war +draußen, um Trauben und Feigen zum Abend hereinzuholen. Silvio lauschte +auf Ricos Tritt, denn es war die Zeit, da er gewöhnlich kam. Jetzt ging +das Pförtchen auf am Zaun; Silvio schoß auf. Ein langer schwarzer Rock +kam hereingewandert, es war der Herr Pfarrer. Diesmal kroch Silvio nicht +ins Loch; er streckte seine Hand, so weit er konnte, dem Herrn Pfarrer +entgegen, lange eh' dieser nur halbwegs im Garten angekommen war. Der +Empfang gefiel ihm aber; er trat gleich in die Stube ein und an Silvios +Bett hin, obschon er die Mutter hinten im Garten sah, und sagte: »So +ist's recht, mein Sohn, und wie steht es mit der Gesundheit?« -- »Gut«, +entgegnete Silvio schnell. Er schaute in höchster Spannung den Herrn +Pfarrer an und fragte dann halblaut: »Wann kann der Rico gehen?« + +Der Herr Pfarrer setzte sich an dem Bett nieder und sagte mit +feierlichem Ton: »Morgen um fünf Uhr wird der Rico reisen, mein +Söhnchen.« + +Frau Menotti war eben eingetreten, und nun ging es an ein Fragen und +Verwundern von ihrer Seite, daß der Herr Pfarrer Mühe hatte, sie zu +beschwichtigen, damit er ungestört seinen Bericht auseinanderlegen +könnte. Es gelang ihm endlich, und Silvio hielt seine Augen auf ihn +geheftet wie ein kleiner Sperber, als nun die Erzählung kam. + +Der Herr Pfarrer kam eben von Bergamo her, wo er zwei Tage zugebracht +hatte. Da hatte er mit Hilfe seiner Freunde einen Roßhändler ermittelt, +der kam schon seit 30 Jahren jeden Herbst nach Bergamo und kannte alle +Wege und Gegenden von da bis noch weit über die Berge hinaus, wo Rico +hin mußte. Er wußte auch, wie man in die Berge hinaufkommen konnte, ohne +nur auszusteigen und zu schlafen unterwegs. Den Weg machte er selbst und +wollte den Rico mitnehmen, wenn er am Morgen mit dem ersten Zuge in +Bergamo ankomme. Der Mann kannte auch alle Kutscher und Kondukteure und +wollte für die Rückkehr den Jungen und seine Begleiterin den Leuten +übergeben und anempfehlen, so daß sie sicher reisen würden. + +So fand der Herr Pfarrer, man könne nun den Rico in Frieden ziehen +lassen, und gab seinen Segen zu der Reise. + +Als er aber schon am Gartenzaun stand, kehrte die Frau Menotti, die ihn +begleitet hatte, noch einmal um und fragte voller Besorgnis: »Ach, Herr +Pfarrer, wird auch sicher keine Lebensgefahr dabei sein, oder daß der +Rico auf den verirrlichen Wegen sich verlieren könnte und dann in den +wilden Bergen umherirren müßte?« + +Der Herr Pfarrer beruhigte die Frau nochmals, und nun ging sie zurück +und bedachte, was nun alles für den Rico zu tun sei. Dieser trat eben in +den Garten ein, und das Freudengeschrei, welches ihm Silvio nun +entgegensandte, war so erstaunlich, daß Rico in drei Sprüngen an dem +Bett war, um zu sehen, was sich da ereignet habe. + +»Was hast du? was hast du?« fragte Rico immerzu, und Silvio rief in +einem fort: »Ich will's sagen! Ich will's sagen!« vor lauter Angst, die +Mutter komme ihm zuvor. Diese ließ aber nun die Buben mit ihrer Freude +allein und ging ihrem Geschäfte nach, denn das war nun das Wichtigste. +Sie holte einen Reisesack hervor und stopfte unten hinein ein ungeheures +Stück geräuchertes Fleisch und einen halben Laib Brot und ein großes +Paket gedörrter Pflaumen und Feigen und eine Flasche Wein, gut in ein +Tuch gewickelt, und dann kamen die Kleider, zwei Hemden, ein Paar +Strümpfe und ein Paar Schuhe und Taschentücher, und bei alledem war der +Frau nicht anders zumute, als reiste Rico nach dem fernsten Weltteil, +und sie merkte nun erst recht, wie lieb ihr der Rico war, so daß sie +ohne ihn fast nicht mehr sein konnte. + +Sie mußte auch zwischen dem Packen immer wieder niedersitzen und denken: +»Wenn es nur auch kein Unglück gibt!« + +Nun kam sie herunter mit dem Sack und ermahnte den Rico, jetzt gleich +hinzugehen und der Wirtin alles gut zu erklären und sie zu bitten, daß +sie ihn auch gehen lasse und nichts dagegen habe, und den Sack könne er +gleich auf die Bahn bringen. + +Rico war zum höchsten erstaunt über sein Gepäck; er tat aber folgsam, +wie ihm geheißen wurde, und ging dann zur Wirtin. Er erzählte dieser, +daß er in die Berge hinauf müsse und das Stineli herunterholen, und es +komme vom Herrn Pfarrer her, daß er gleich morgen um fünf Uhr fort +müsse. Das flößte der Wirtin schon ein wenig Respekt ein, daß der Herr +Pfarrer mit der Sache zu tun habe. Sie wollte aber wissen, wer das +Stineli sei und was es im Sinn habe; sie dachte gleich, das könnte etwas +für sie sein. Sie brachte aber nur in Erfahrung, daß das Stineli ein +Mädchen sei, das Stineli heiße, und daß es zur Frau Menotti komme. Da +ließ sie die Sache gehen, denn der Frau Menotti wollte sie nichts in den +Weg legen; sie war zufrieden genug, daß diese den Rico ihr so ruhig +überlassen hatte. Sie nahm auch an, das Stineli sei natürlich Ricos +Schwester, er sage es nur nicht, wie er überhaupt nie etwas von seinen +Familienverhältnissen gesagt hatte. + +So erzählte sie auch noch denselben Abend allen Gästen, die ins Haus +kamen, der Rico hole morgen seine Schwester herunter, denn er habe +erfahren, wie gut man es hier unten haben könne. + +Nun wollte sie aber auch zeigen, wie sie es mit dem Rico meinte. Sie +holte einen großen Korb vom Estrich herunter und steckte ihn ganz voller +Würste und Käse und Eier und Brotschnitten mit fingerdicker Butter +dazwischen und sagte: + +»Auf der Reise mußt du keinen Hunger haben, und das übrige kannst du +schon dort oben brauchen; da wirst du nicht zu viel finden, und im +Heimweg mußt du auch noch etwas haben. Denn du kommst doch wieder, Rico, +sicher?« + +»Sicher«, sagte Rico, »in acht Tagen bin ich wieder da.« + +Nun trug Rico noch seine Geige zur Frau Menotti, denn die hätte er sonst +niemandem anvertraut, und nun nahm er Abschied für acht Tage, denn nach +Verfluß dieser Zeit konnte er wohl wieder da sein, wenn alles gut ging. + + + + +Siebzehntes Kapitel. + +Über die Berge zurück. + + +Am Morgen lang vor fünf Uhr stand Rico fertig auf der Station und konnte +kaum erwarten, daß es vorwärts ging. Nun saß er im Wagen wie vor drei +Jahren, aber nicht mehr so furchtsam in die Ecke gedrückt, mit der +Geige in der Hand; jetzt brauchte er eine ganze Bank, denn neben ihm +lagen Sack und Korb, die nahmen einen guten Platz ein. In Bergamo traf +er richtig mit dem Roßhändler zusammen und nun reisten sie ungestört +weiter, noch ein gutes Stück in demselben Wagen, dann über den See. Dann +stiegen sie aus und wanderten gegen ein Wirtshaus hin, da standen schon +die Pferde angespannt an dem großen Postwagen. Da erinnerte sich Rico +deutlich, wie er hier gestanden in der Nacht, ganz allein, nachdem die +Studenten dorthinüber gegangen waren, und drüben sah er die Stalltür, wo +er die Laterne hangen gesehen und dann den Schafhändler wiedergefunden +hatte. Es war schon Abend und bald bestieg man den Postwagen und fuhr +den Bergen zu. Diesmal saß Rico mit seinem Begleiter im Wagen, und kaum +hatte er sich auch recht in seine Ecke gesetzt, als ihm die Augen +zufielen, denn vor Aufregung hatte er die vorhergehende Nacht keine +Stunde geschlafen. Nun holte er es nach; ohne nur einmal zu erwachen, +schlief Rico fort, bis die Sonne hoch am Himmel stand und der Wagen ganz +langsam fuhr, und als er seinen Kopf aus dem Fenster steckte, erblickte +Rico zu seiner unbeschreiblichen Verwunderung, daß der Wagen die +Zickzackstraße hinauffuhr, die auf den Maloja führt und die er so wohl +kannte. + +Aus dem Fenster konnte er nicht viel sehen, nur von Zeit zu Zeit eine +Wendung der Straße; aber jetzt hätte er so gern alles gesehen ringsum. +Nun hielt der Wagen still, man war auf der Höhe angekommen. Da stand das +Wirtshaus, da am Wege hatte er sich hingesetzt und mit dem Kutscher +gesprochen. Alle Reisenden stiegen einen Augenblick aus, den Pferden +wurde ein Futter gegeben. Rico stieg auch aus dem Wagen; er ging zum +Kutscher hin und fragte ganz demütig: »Darf ich mit Euch auf dem Bock +fahren bis nach Sils?« + +»Steig auf«, sagte der Kutscher. + +Und nun stieg alles wieder ein und auf und im lustigen Trab ging es +abwärts und die ebene Straße dahin. Jetzt kam der See. Dort lag die +waldige Halbinsel, und dort -- das waren die weißen Häuser von Sils, und +drüben lag Sils-Maria. Das Kirchlein schimmerte in der Morgensonne, und +dort gegen den Berg hin sah er die beiden Häuschen. + +Jetzt fing Ricos Herz stark zu klopfen an. Wo konnte Stineli sein? Nur +noch wenige Schritte, und der Postwagen hielt an in Sils. + +Stineli hatte seit Ricos Verschwinden viele harte Tage erlebt. Die +Kinder wurden größer, und es gab immer mehr Arbeit und das meiste fiel +auf Stineli; denn es war das älteste von den Kindern und neben den Alten +war es doch das Jüngste; so hieß es bald: »Das Stineli kann dies tun, es +ist ja alt genug«, und dann gleich nachher: »Das kann Stineli +verrichten, denn es ist noch jung.« Die Freude konnte es mit niemandem +mehr recht teilen, seit der Rico fort war, wenn es noch einen Augenblick +Zeit dazu gehabt hätte. + +Vor dem Jahre war dann die gute Großmutter gestorben, und von da an gab +es für Stineli auch keine freien Augenblicke mehr; denn vom Morgen bis +am Abend war da so viel Arbeit zu tun, daß man nie fertig wurde, sondern +nur immer mittendrin war. + +Aber Stineli hatte seinen guten Mut nie verloren, obschon es um die +Großmutter stark hatte weinen müssen und jetzt noch jeden Tag ein +paarmal dachte: ohne die Großmutter und den Rico sei es nicht mehr so +schön auf der Welt, wie es einmal gewesen war. An einem sonnigen +Samstagmorgen kam es mit einem großen Bündel Stroh auf dem Kopfe hinter +der Scheune hervor; es wollte schöne Strohwische machen zum Fegen am +Abend. Die Sonne schien schön auf den trockenen Weg gegen Sils hin und +es stand still und schaute hinüber. Da kam ein Bursche des Weges, den es +nicht kannte, das war kein Silser, das sah es sogleich. Und wie er näher +kam, stand er still und schaute das Stineli an, und es schaute ihn auch +an und war verwundert; aber mit einem Male warf es sein Strohbündel weit +weg und sprang auf den Stillstehenden zu und rief: »O Rico, bist du noch +am Leben? Bist du wieder da? Aber du bist groß, Rico! Zuerst habe ich +dich gar nicht mehr erkannt; aber wie ich dir ins Gesicht sah, da habe +ich dich gleich erkannt; es hat ja kein Mensch sonst so ein Gesicht wie +du!« + +Und Stineli stand ganz glühend rot vor Freude vor dem Rico, und der Rico +stand kreideweiß vor innerer Erregung und konnte zuerst gar nichts sagen +und schaute nur das Stineli an. Dann sagte er: »Du bist auch so groß, +Stineli, aber sonst bist du noch wie vorher. Je näher ich dem Hause kam, +je mehr wurde es mir angst, du seiest vielleicht anders geworden.« + +»O Rico, daß du wieder da bist!« jubelte das Stineli, »o wenn das die +Großmutter wüßte! Aber du mußt hereinkommen, Rico, die werden sich alle +verwundern!« Stineli lief voraus und machte die Tür auf, und Rico ging +hinein. Die Kinder versteckten sich sogleich immer eins hinter das +andere, und die Mutter stand auf und grüßte den Rico fremd und fragte, +was ihm gefällig sei. Weder sie, noch eins der Kinder hatte ihn mehr +erkannt. Jetzt traten auch Trudi und Sami in die Stube und grüßten im +Vorbeigehen. + +»Kennt ihr ihn denn alle nicht?« brach nun das Stineli aus; »es ist ja +der Rico!« + +Jetzt ging das Verwundern von allen Seiten an, und man war gerade noch +daran, als der Vater eintrat zum Essen. + +Rico ging ihm entgegen und bot ihm die Hand. Der Vater nahm sie und +schaute den Jungen an. + +»Ist's etwa einer von den Verwandten?« sagte er dann, denn er kannte +diese nie so genau, wenn sie etwa kamen. + +»Jetzt kennt ihn der Vater auch nicht«, sagte Stineli ein wenig empört. +»Es ist ja der Rico, Vater!« + +»So, so, das ist recht«, bemerkte der Vater und schaute ihn nun noch +einmal an, von oben bis unten, dann fügte er bei: »Du darfst dich sehen +lassen, hast du etwas von einer Hantierung gelernt? Komm, sitz zu mit +uns, da kannst du's erzählen, wie es mit dir gegangen ist.« + +Rico setzte sich nicht gleich, er schaute immer wieder nach der Tür; +endlich fragte er zögernd: »Wo ist die Großmutter?« Der Vater sagte, sie +liege drüben in Sils, nicht weit vom alten Lehrer weg. Rico hatte wohl +mit der Frage gezögert, weil er die Antwort fürchtete, da er die +Großmutter nirgends sah. Er setzte sich nun zu Tisch mit den anderen, +aber erst war er ganz still und essen konnte er auch nicht; er hatte die +Großmutter so lieb gehabt. + +Aber nun wollte der Vater etwas erzählen hören, wo der Rico hingekommen +sei an jenem Tage, da sie nach ihm in der Rüfe herumstocherten, und was +er in der Fremde erlebt habe. Da erzählte denn Rico alles, wie es ihm +ergangen war, und kam so bald auf die Frau Menotti und den Silvio zu +sprechen und erklärte nun deutlich, warum er hierher gekommen sei, und +daß er mit dem Stineli nach Peschiera zurückkehren wolle, sobald es dem +Vater und der Mutter recht sei. Das Stineli machte die Augen ganz weit +auf während Ricos Erzählung, es hatte ja von allem noch gar kein Wort +gehört. Wie ein Freudenfeuer leuchtete es auf in seinem Herzen: mit dem +Rico an seinen schönen See hinuntergehen und wieder alle Tage mit ihm +zusammensein bei der guten Frau und dem kranken Silvio, der so nach ihm +begehrte. + +Erst schwieg der Vater eine Zeitlang, denn er überstürzte nie ein Ding, +dann sagte er: »Es ist recht, wenn eins unter die Fremden kommt, es +lernt etwas; aber das Stineli kann nicht gehen, von dem ist keine Rede. +Es ist nötig daheim; es kann ein anderes gehen, etwa das Trudi.« + +»Ja ja, so ist's besser«, sagte die Mutter; »ohne das Stineli kann ich +es nicht machen.« Da hob das Trudi seinen Kopf vom Teller auf und sagte: +»So ist es mir auch recht, es ist doch nur immer ein Kindergeschrei bei +uns.« + +Das Stineli sagte kein einziges Wort; es sah nur ganz gespannt den Rico +an, ob er nichts mehr sagen werde, weil der Vater so bestimmt abgesagt +hatte, und ob er nun das Trudi mitnehmen wolle. Aber der Rico sah den +Vater unerschrocken an und sagte: + +»Ja, so geht es nicht. Der kranke Silvio will präzis das Stineli haben +und kein anderes, und er weiß schon, was er will; er würde nur das +Trudi wieder heimschicken, dann hätte es den Weg vergebens gemacht. Und +dann hat mir die Frau Menotti auch noch gesagt: wenn das Stineli mit dem +Silvio gut auskomme, so könne es alle Monate seine fünf Gulden +heimschicken, wenn man es so begehre; und daß der Silvio und das Stineli +gut zusammen fertig werden, weiß ich im voraus so gut, wie wenn ich es +gerade vor mir sähe.« + +Der Vater stellte seinen Teller beiseite und setzte die Kappe auf. Er +war fertig mit Essen, und zum strengen Nachdenken hatte er gern die +Kappe auf dem Kopf; es war so, wie wenn sie ihm die Gedanken besser +zusammenhielte. + +Jetzt überdachte er im stillen, wie er sich abmühen mußte, bis er nur +einen einzigen baren Gulden in die Hand bekam, und dann sagte er zu +sich: »Fünf Gulden jeden Monat bar in die Hand, ohne auch nur einen +Finger aufzuheben!« Dann schob er die Kappe auf die eine Seite und dann +auf die andere, dann sagte er: »Es kann gehen; es wird ein anderes auch +etwas tun können im Haus.« + +Stinelis Augen leuchteten. Die Mutter sah aber ein wenig seufzend alle +die kleinen Köpfe und Teller, denn wer sollte das alles säubern helfen? +Und das Trudi gab dem Peterli einen Ellbogenstoß und sagte: »Sitz einmal +still!«, obschon er diesmal völlig ruhig seine Bohnen aß. + +Der Vater hatte aber noch einmal an seiner Kappe gerutscht, es war ihm +noch etwas in den Sinn gekommen. »Das Stineli ist aber noch nicht +konfirmiert«, sagte er; »es wird, denk' ich wohl, noch konfirmiert sein +müssen.« + +»Ich werde erst in zwei Jahren konfirmiert, Vater«, sagte Stineli +eifrig; »so kann ich ganz gut jetzt für zwei Jahre fortgehen, und dann +kann ich ja wieder heimkommen.« + +Das war ein guter Ausweg, nun waren auf einmal alle zufrieden. Der Vater +und die Mutter dachten: wenn alles krumm gehe ohne das Stineli, so sei +es doch nur für eine Zeit, die werde auch umgehen, und nachher sei es +wieder da, und das Trudi dachte: »Sobald es wieder da ist, gehe ich, und +dann können sie sehen, wann ich wiederkomme.« Aber der Rico und das +Stineli sahen einander an, und die helle Freude lachte ihnen aus den +Augen. + +Da der Vater die Sache nun als abgemacht ansah, stand er vom Tische auf +und sagte: »Sie können dann morgen gehen, so weiß man, woran man ist.« + +Aber die Mutter schlug einen großen Jammer auf und sagte, so schnell +werde es ja nicht sein müssen, und jammerte immerfort, bis der Vater +sagte: »So können sie am Montag gehen«, denn weiter hinaus wollte er es +nicht verschieben, weil er dachte, es töne nun so fort, bis das Weggehen +vorbei sei. + +Für Stineli gab es nun Arbeit; das begriff der Rico wohl und er machte +sich an den Sami und sagte ihm, er wolle sehen, ob es in Sils-Maria noch +sei wie früher; und dann sollte er noch einen Sack und einen Korb von +Sils herüberholen, da könnte ihm der Sami tragen helfen. So zogen sie +aus. Zuerst stand Rico vor seinem ehemaligen Häuschen still und schaute +die alte Haustüre an und den Hühnerstall; es war noch alles ganz gleich. +Er fragte den Sami, wer drin wohne, ob die Base noch ganz allein sei. +Aber die Base war schon lange fortgezogen, hinauf nach Silvaplana, und +kein Mensch sah sie mehr, denn in Sils-Maria zeigte sie sich nie mehr. + +In dem Häuschen wohnten Leute, von denen Rico nichts wußte. Überall, wo +er mit Sami hinkam, vor den alten bekannten Häusern und aus den Scheunen +starrten ihn die Leute fremd an, kein einziger kannte ihn mehr. Wie sie +am Abend nach Sils hinübergingen, da schwenkte Rico gegen den Kirchhof +ein; er wollte auf das Grab der Großmutter gehen, aber Sami wußte nicht +recht, wo es war. + +Mit Sack und Korb beladen, kehrten die beiden, als es dunkelte, zum +Hause zurück. Da stand Stineli noch am Brunnen und fegte den Stalleimer +zum letzten Male, und als nun der Rico neben ihm stand, sagte es +strahlend vor Freuden und Fegeifer: »Ich kann es noch fast nicht +glauben, Rico!« + +»Aber ich«, sagte dieser so sicher, daß ihn das Stineli erstaunt ansehen +mußte. »Aber weißt du, Stineli«, fügte er hinzu, »du hast es auch nicht +so lange ausdenken können wie ich.« + +Aber Stineli mußte sich noch ein paarmal wundern, daß der Rico so +bestimmt etwas sagen konnte; das hatte es früher nicht an ihm gekannt. + +Dem Rico hatte man ein Bett zurecht gemacht, oben in der Dachkammer; da +schleppte er seine Sachen hinauf, denn erst morgen wollte er alles +auspacken. Wie nun am folgenden Tage, am hellen, schönen Sonntag, alle +um den Tisch saßen, da kam Rico und schüttete gerade vor das Urschli und +den Peterli hin einen solchen Haufen von Pflaumen und Feigen, wie sie in +ihrem ganzen Leben noch keinen gesehen hatten, und Feigen hatten sie +auch noch gar nie gegessen; und seine Masse Würste und Fleisch und Eier +stellte er mitten auf den Tisch. Und nachdem das große Erstaunen darüber +ein wenig nachgelassen hatte, ging eine Schmauserei an, wie sie da noch +nicht stattgefunden hatte, und bis zum späten Abend knupperten die +Kinder im höchsten Vergnügen an den süßen Feigen herum. + + + + +Achtzehntes Kapitel. + +Zwei frohe Reisende. + + +Am Montag mußte die Reise erst am Abend vor sich gehen, das hatte der +Roßhändler dem Rico deutlich alles gesagt, so daß dieser nun perfekt +seinen Weg wußte. Nachdem nun der Abschied genommen war, wanderten Rico +und Stineli gegen Sils hin, und am Häuschen stand die Mutter und alle +die kleinen Kinder um sie herum und schauten ihnen nach. Der Sami ging +neben ihnen her und trug den Sack auf dem Kopfe, und den Korb trug Rico +auf der einen und Stineli auf der anderen Seite. Stinelis Kleider hatten +gerade beide angefüllt. + +Bei der Kirche in Sils sagte Stineli: »Wenn uns die Großmutter noch +sehen könnte! Wir wollen ihr doch noch Lebewohl sagen, nicht, Rico?« Er +wollte gern und sagte Stineli, daß er schon dagewesen wäre und sie nicht +gefunden hätte; aber Stineli wußte schon, wo die Großmutter lag. + +Als der Postwagen heranfuhr und stillehielt, rief der Kutscher herunter: +»Sind die zwei da, die an den Gardasee hinunter müssen? Ich habe schon +gestern nachgefragt!« + +Der Roßhändler hatte sie gut empfohlen, und nun rief der Kutscher: »Hier +herauf, die anderen haben gefroren, der Wagen ist voll, ihr seid jung.« + +Damit half er ihnen auf den Sitz hinter dem Bock, oben auf dem Wagen, +und nahm eine dicke Roßdecke hervor, die deckte und stopfte er um die +beiden, daß sie ganz eingewickelt dasaßen, und nun ging's vorwärts. + +Zum ersten Male, seit sie sich wiedergesehen hatten, saßen nun Rico und +Stineli allein beieinander und konnten sich ungestört erzählen von +allem, was sie in den ganzen drei Jahren erlebt hatten. Das taten sie +nun auch recht nach Herzenslust von Anfang an, und unter dem funkelnden +Sternenhimmel fuhren sie dahin und hatten keinen Schlaf die ganze Nacht +vor lauter Genuß und Vergnügen. Am Morgen kamen sie auf den See, und +gerade um dieselbe Stunde, wie Rico in Peschiera angekommen war, so +langten auch sie an und kamen den Weg hinunter, dem See zu. Aber Rico +wollte nicht, daß das Stineli den See sehe, bis es an seinem Plätzchen +angekommen war. So führte er es nun zwischen den Bäumen durch, bis sie +auf einmal bei der kleinen Brücke herauskamen ins Freie. + +Da lag der See in der Abendsonne, und Rico und Stineli saßen an der +niederen Halde hin und schauten hinüber. So wie ihn Rico geschildert +hatte, so war er, aber noch viel schöner, denn solche Farben hatte +Stineli noch nie gesehen. Es schaute hin und her nach den violetten +Bergen und auf die goldene Flut und rief endlich voller Entzücken: »Er +ist noch schöner als der Silsersee.« + +Rico hatte ihn aber auch noch nie so schön gesehen als jetzt, da er mit +dem Stineli dran saß. + +Im stillen hatte Rico noch eine Freude; -- wie konnte er den Silvio und +seine Mutter überraschen! Kein Mensch hatte gedacht, daß er so bald +zurücksein könnte. Bevor acht Tage um waren, erwartete sie niemand, und +nun saßen sie schon da am See. Bis die Sonne unter war, blieben sie an +der Halde sitzen. Rico mußte dem Stineli zeigen, wo die Mutter stand, +wenn sie wusch am See und er dasaß und auf sie wartete, und er mußte +erzählen, wie sie miteinander über die schmale Brücke kamen und sie ihn +an der Hand hielt. + +»Aber wo seid ihr dann hingegangen?« fragte Stineli. »Hast du nie das +Haus gefunden, wo ihr hineingegangen seid?« + +Rico verneinte es. »Wenn ich da hinaufgehe, vom See gegen die +Schienenbahn hinauf, dann ist's auf einmal, als sei ich da mit der +Mutter gestanden und habe auf einem Tritt gesessen und vor uns die roten +Blumen gesehen; aber es ist nichts mehr da, und den Weg hinauf kenne ich +nicht, den habe ich nie gesehen.« + +Endlich standen sie auf und gingen dem Garten zu; Rico trug den Sack und +Stineli den Korb. Wie sie in den Garten eintraten, mußte Stineli +überlaut ausrufen: »O wie schön, o die schönen Blumen!« + +Das hatte den Silvio aufgeschnellt wie eine Feder. Er schrie aus +Leibeskräften: »Der Rico kommt mit dem Stineli!« + +Die Mutter glaubte, das Fieber habe ihn gepackt; sie warf ihre Sachen +dahinten im Kasten, wo sie herumkramte, alle übereinander und kam +herbeigelaufen. + +In dem Augenblick aber trat der lebendige Rico unter die Tür, und vor +Schrecken und Freude hätte es die gute Frau fast umgeworfen, denn bis +auf diesen Augenblick hatte sie heimlich immerfort die schwersten +Befürchtungen ausgestanden, das Unternehmen könnte dem Rico doch ans +Leben gehen. + +Hinter dem Rico kam ein Mädchen hervor mit einem so freundlichen +Gesicht, daß es der Frau Menotti sogleich das Herz gewann, denn sie war +eine Frau von schnellen Eindrücken. Erst mußte sie aber dem Rico beide +Hände fast abschütteln vor Freude, und währenddessen ging Stineli +schnell an das Bettchen heran und begrüßte den Silvio, und es legte +seinen Arm um des Bübleins schmale Schultern und lachte ihm ganz +freundlich ins Gesicht, so, als hätten sie sich schon lang gekannt und +gern gehabt, und der Silvio packte es gleich um den Hals und zog es ganz +auf sein Gesicht herunter. Dann legte das Stineli dem Silvio ein +Geschenk aufs Bett, das es in die nächste Tasche gesteckt hatte, um es +gleich bei der Hand zu haben. Es war ein Kunstwerk, das der Peterli von +jeher allen anderen Freuden vorgezogen hatte: ein Tannzapfen, dem in +jede kleine Öffnung zwischen den harten Schuppen ein dünner Draht +eingesteckt war. Oben auf dem Draht war je ein komisches Figürchen von +Pantoffelholz festgemacht. Alle diese Figürchen zappelten aber so lustig +gegeneinander und verbeugten sich und hatten von Rötel und Kohle so +feurig bemalte Gesichter, daß der Silvio nicht mehr aus dem Lachen kam. + +Unterdessen hatte die Mutter von Rico das Notwendigste vernommen, daß er +sicher und glücklich wieder da sei, und sie kehrte sich nun zum Stineli +und begrüßte es mit aller Herzlichkeit, und Stineli sagte mehr mit +seinen freundlichen Augen als mit seinem Munde, denn es konnte gar nicht +italienisch und mußte sich mit seinen romanischen Worten helfen, wie es +konnte. Aber es war nicht von schwerer Gemütsart und fand sich gleich +zurecht, und wo es das Wort nicht fand, da beschrieb es die Sache gleich +mit den Fingern und allerhand Zeichen, was dem Silvio unbeschreiblich +kurzweilig vorkam, denn es war wie ein Spiel, wo es immer etwas zu +erraten gab. + +Nun ging die Frau Menotti an den Kasten, wo alles bereit lag, was man +zum Essen brauchte, Teller und Tischtuch und das kalte Huhn und die +Früchte und der Wein. Sowie Stineli das bemerkte, lief es augenblicklich +der Frau Menotti nach und trug herzu und deckte den Tisch und war so +erstaunlich flink, daß der Frau Menotti gar nichts mehr übrig blieb zu +tun, als nur verwundert zuzusehen; und bevor sie nur Zeit hatte zu +denken, was nun folge, hatte schon der Silvio alles auf seinem Brett, +verschnitten und vorgelegt ganz ordentlich, wie es sein mußte, und die +rasche Bedienung gefiel dem Silvio. + +Da setzte sich Frau Menotti hin und sagte: »So habe ich es lange nicht +gehabt, aber jetzt komm und sitz auch, Stineli, und iß mit uns.« + +Nun aßen alle fröhlich und saßen beisammen, so als hätten sie immer +zueinander gehört und müßten auch immer so zusammenbleiben. Dann fing +der Rico an von der Reise zu berichten, und derweilen stand Stineli auf +und räumte leise alles wieder weg in den Kasten hinein, denn es wußte +nun schon, wo jedes Ding seinen Platz hatte. Dann setzte es sich ganz +nahe an Silvios Bett und machte Figuren mit seinen gelenkigen Fingern, +so daß davon der Schatten auf die Wand fiel, und alle Augenblicke lachte +der Silvio hell auf und rief aus: »Ein Hase! Ein Tier mit Hörnern! Eine +Spinne mit langen Beinen!« + +So verfloß der erste Abend so schnell und vergnüglich, daß keines +begreifen konnte, wo die Zeit hingekommen war, als es nun zehn Uhr +schlug. Rico stand auf vom Tisch, denn er wußte, daß er nun gehen mußte; +es war aber eine schwarze Wolke über sein Gesicht gekommen. Er sagte +kurz: »Gute Nacht!« und ging hinaus. Aber das Stineli lief ihm nach und +im Garten nahm es ihn bei der Hand und sagte: »Nun darfst du nicht +traurig werden, Rico; es ist so schön hier, ich kann dir gar nicht +sagen, wie es mir gefällt und wie froh ich bin, und das habe ich alles +dir zu danken. Und morgen kommst du wieder und alle Tage; freut es dich +nicht, Rico?« + +»Ja«, sagte er und schaute das Stineli ganz schwarz an, »und alle +Abende, wenn's am schönsten ist, muß ich fort und weg und gehöre zu +niemandem.« + +»Ach, so mußt du nicht denken, Rico«, ermunterte ihn Stineli; »nun haben +wir doch immer zueinander gehört und ich habe mich drei Jahre lang immer +darauf gefreut, wenn wir wieder einmal zusammenkommen werden, und wenn +es daheim manchmal so zuging, daß ich lieber nicht mehr hätte dabei sein +wollen, dann dachte ich immer: Wenn ich nur einmal wieder mit dem Rico +sein könnte, so wollte ich alles gern tun. Und nun ist alles so +gekommen, daß ich gar keine größere Freude wüßte, und jetzt willst du +dich gar nicht mit mir freuen, Rico?« + +»Doch, ich will«, sagte Rico und schaute das Stineli heller an. Er +gehörte doch zu jemand, Stinelis Worte hatten ihn wieder ins +Gleichgewicht gebracht. Sie gaben einander noch einmal die Hand, dann +ging der Rico zum Garten hinaus! + +Als Stineli in die Stube zurückkam und nach der Mutter Anweisung dem +Silvio »Gute Nacht« sagen wollte, da ging ein neuer Kampf an; er wollte +es durchaus nicht von sich weglassen und rief ein Mal ums andere: »Das +Stineli muß bei mir bleiben und immer an meinem Bette sitzen, es sagt +lustige Worte und lacht mit den Augen.« + +Da half nun keine Ermahnung, bis zuletzt die Mutter sagte: »So halt du +jetzt das Stineli fest die ganze Nacht, daß es nicht schlafen kann, dann +ist es morgen krank wie du und kann nicht aufstehen und du siehst es +nicht mehr für lange Zeit.« + +Da ließ Silvio endlich Stinelis Arm los, den er fest umklammert hatte, +und sagte: + +»Geh, schlaf, Stineli; aber komm früh am Morgen wieder!« + +Das versprach Stineli; und nun zeigte Frau Menotti ihm ein sauberes +Kämmerlein, das auf den Garten hinausschaute, von wo ein lieblicher +Blumenduft durch das offene Fenster heraufstieg. -- + +Mit jedem Tage wurde das Stineli nun dem kleinen Silvio unentbehrlicher; +wenn es nur zur Tür hinausging, so sah er das für ein Unglück an. Dafür +war er aber auch ordentlich und gut, wenn es bei ihm war, und tat alles, +was es ihn hieß, und plagte seine Mutter gar nicht mehr. Es war auch, +als ob das nervöse Büblein wirklich seit Stinelis Ankunft seine großen +Schmerzen verloren habe, denn noch hatte er nie gejammert, seit es an +seinem Bette saß, und doch war nun schon mancher Tag hingegangen seit +jenem ersten Abend, da es erschienen war. + +Stineli hatte aber auch eine unerschöpfliche Fundgrube von +Unterhaltungen, und alles, was es nur in die Hand nahm, und was es tat +und sagte, wurde zur anmutigsten Kurzweil für den Silvio, denn das +Stineli hatte sich von ganz klein auf nach den kleinen Kindern richten +müssen und immerfort darauf bedacht sein, sie zufrieden zu erhalten mit +Worten und Händen und Blicken und auf jegliche Weise mit jeder Bewegung. + +So war Stineli unbewußt in seinem Sein und ganzen Wesen schon die +allerangenehmste Unterhaltung, die es für ein kleines, empfindliches, an +sein Bettchen gefesseltes Büblein nur geben konnte. Das gelehrige +Stineli hatte auch bald dem Silvio alle seine Worte abgelauscht und +schwatzte ganz unverzagt mit Silvio drauf los, und wo es die Worte noch +verkehrte, da hatte der Silvio einen Hauptspaß daran, und die Sache war +für ihn wie ein absichtlich erfundenes Vergnügen. + +Die Mutter konnte nie den Rico in den Garten treten sehen, ohne daß sie +ihm entgegenlief, denn jetzt durfte sie laufen, wohin sie nur wollte und +wann es ihr gefiel, und sie mußte ihn noch ein wenig auf die Seite +nehmen, um ihm zu sagen, welchen Schatz er ihr ins Haus gebracht habe, +wie glücklich und froh der kleine Silvio sei, wie in seinem ganzen armen +Leben noch nie, und wie sie nur gar nicht begreife, daß es ein solches +Mädchen geben könne: mit dem Silvio sei es ganz kindlich und gerade so, +als habe es selbst die größte Freude an den Dingen, die dem Büblein +Kurzweil machten; mit ihr könne es so vernünftig reden und habe eine +Erfahrung in der Arbeit und im Einrichten, wie kaum eine Frau; und seit +sie dieses Stineli im Hause habe, gehe alles wie von selbst und sie habe +alle Tage Sonntag. Kurz, Frau Menotti konnte gar nicht genug Worte +finden, um das Stineli in allen seinen Eigenschaften zu bewundern und zu +loben, und der Rico hörte ihr gern zu. + +Wenn sie dann alle drinnen beisammensaßen und immer eins das andere +freundlicher ansah, so als wollte keines mehr gern vom anderen +weggehen, dann hätte man denken müssen, das seien die glücklichsten +Menschen weit umher, denen nichts mehr mangele. Aber mit jedem Abend +wurde die Wolke auf Ricos Gesicht ein wenig dunkler und schwärzer, +sobald es zehn Uhr schlug, und wenn es auch Frau Menotti in ihrer frohen +Stimmung nicht merkte, so sah es doch das Stineli ganz gut und heimlich +bekümmerte es sich und dachte: »Es ist, wie wenn ein Gewitter kommen +wollte!« + + + + +Neunzehntes Kapitel. + +Wolken am schönen Gardasee. + + +Es kam ein schöner Herbstsonntag, und drüben in Riva sollte am Abend +Tanz sein und Rico hinüberfahren, um zu spielen. So konnte er den Tag +nicht mit Stineli und den anderen zubringen; das war schon mehrmals +verhandelt worden die Woche durch, denn es war ein Ereignis für alle, +wenn Rico nicht kam, und Stineli suchte alles mögliche hervor, um der +Sache noch eine gute Seite abzugewinnen: »Du fährst dann im Sonnenschein +über den See und kommst unter dem Sternenhimmel wieder zurück, und wir +denken die ganze Zeit an dich«, hatte es ihm gesagt, als er zuerst +anzeigte, daß ein Tanzsonntag folge. + +Rico kam am Samstagabend mit seiner Geige, denn Stinelis größte Freude +war sein Spiel. Rico spielte schöne Weisen, eine nach der anderen, aber +sie waren alle traurig, und es war auch, als machten sie ihn wieder +traurig, denn er schaute auf seine Geige mit einer Düsterkeit, als tue +sie ihm das größte Leid an. + +Auf einmal steckte er seinen Bogen weg, lang noch ehe es zehn geschlagen +hatte, und sagte: »Ich will gehen.« + +Frau Menotti wollte ihn festhalten, sie begriff nicht, was ihm einfiel. +Stineli hatte ihn immer angesehen, während er spielte; jetzt sagte es +nur: »Ich gehe noch ein paar Schritte mit dir.« + +»Nein!« rief Silvio, »geh nicht fort, bleib da, Stineli!« + +»Ja, ja, Stineli«, sagte Rico, »bleib du nur da und laß mich gehen!« + +Dabei sah er Stineli gerade so an wie damals, als er vom Lehrer weg dem +Holzstoß zu kam und sagte: »Es ist alles verloren!« + +Stineli ging zu Silvios Bett und sagte leise: »Sei brav, Silvio; morgen +erzähl' ich dir die allerlustigste Geschichte vom Peterli, aber mach +jetzt keinen Lärm.« + +Silvio hielt sich wirklich still, und Stineli ging dem Rico nach. Als +sie am Gartenzaun standen, kehrte Rico sich um und deutete auf die +erleuchtete Stube, die so wohnlich aussah vom Garten her, und sagte: + +»Geh wieder, Stineli; dort gehörst du hinein und bist daheim dort, und +ich gehöre auf die Straße, ich bin nur ein Heimatloser, und so wird es +immer sein; darum laß mich nur gehen!« + +»Nein, nein, so lass' ich dich nicht gehen; Rico, wo gehst du jetzt +hin?« + +»An den See«, sagte Rico und ging der Brücke zu. Stineli ging mit. Als +sie an der Halde standen, hörten sie unten die leisen Wellen flüstern +und lauschten eine Weile. Dann sagte Rico: + +»Siehst du, Stineli, wenn du nicht da wärst, so ginge ich gleich fort, +weit fort, aber ich wüßte auch nicht wohin. Ich muß doch immer ein +Heimatloser sein und mein ganzes Leben lang so in Wirtshäusern geigen, +wo sie lärmen, wie wenn sie von Sinnen wären, und in einer Kammer +schlafen, wo ich lieber nicht mehr hineinginge; und du gehörst nun zu +ihnen in das schöne Haus, und ich gehöre nirgends hin. Und siehst du, +wenn ich da hinabsehe, so denke ich: hätte mich doch die Mutter hier +hineingeworfen, ehe sie sterben mußte, so wäre ich kein Heimatloser +geworden.« + +Stineli hatte mit Kummer im Herzen dem Rico zugehört; aber wie er diese +letzten Worte sagte, da bekam es einen großen Schrecken und rief aus: »O +Rico, so etwas darfst du gar nicht sagen. Du hast gewiß lange dein +Unser-Vater nicht mehr gebetet, darum sind dir diese bösen Gedanken +gekommen.« + +»Nein, ich habe es nicht mehr gebetet, ich kann es nicht mehr.« + +Das war dem Stineli ein erschreckliches Wort. + +»O, wenn das die Großmutter wüßte, Rico«, rief es jammernd aus, »sie +müßte noch einen rechten Kummer für dich ausstehen. Weißt du, wie sie +gesagt hat: 'Wer sein Unser-Vater vergißt, dem geht es schlecht!' O +komm, Rico, du mußt es wieder lernen, ich will dich's gleich lehren. Du +kannst es bald wieder.« + +Und Stineli fing an und sagte mit warmer Teilnahme seines Herzens +zweimal hintereinander dem Rico das Unser-Vater vor. Wie es nun so tief +beteiligt den Worten folgte, so bemerkte Stineli, daß da gerade für den +Rico viel Trostreiches darin vorkam, und wie es zu Ende war, sagte es: + +»Siehst du, Rico, weil doch dem lieben Gott das ganze Reich gehört, so +kann er dir schon noch eine Heimat finden, und ihm gehört auch alle +Kraft, daß er sie dir geben kann.« + +»Jetzt kannst du sehen, Stineli«, entgegnete Rico, »wenn der liebe Gott +eine Heimat in seinem Reich für mich hätte und auch die Kraft hat, daß +er mir sie geben könnte, so _will_ er nicht.« + +»Ja, aber du mußt auch etwas bedenken«, fuhr Stineli fort, »der liebe +Gott kann auch bei sich selbst sagen: 'Wenn der Rico etwas von mir will, +so kann er auch einmal beten und kann mir's sagen.'« + +Dagegen wußte Rico nichts mehr einzuwenden. Er schwieg eine kleine +Weile, dann sagte er: + +»Sag noch einmal das Unser-Vater, ich will's wieder lernen.« + +Stineli sagte es noch einmal, dann konnte es der Rico wieder und hatte +sich's recht eingeprägt. Nun gingen sie friedlich heim, jedes auf seine +Seite, und Rico mußte noch immer an das Reich und die Kraft denken. + +An dem Abend aber, wie er in seiner stillen Kammer war, betete er von +Herzen demütig, denn er fühlte, daß er im Unrecht war, zu denken, der +liebe Gott sollte ihm geben, was ihm mangelte, und er hatte ihn ja gar +nie darum gebeten. + +Stineli trat gedankenvoll in den Garten ein. Es erwog bei sich selbst, +ob es über alles mit der Frau Menotti reden wollte; vielleicht könnte +sie für den Rico eine andere Beschäftigung finden, als dies Geigen zum +Tanz in den Wirtshäusern, das ihm so zuwider war. Aber der Gedanke, die +Frau Menotti mit seinen Angelegenheiten zu beschäftigen, verging ihm, +als es in die Stube eingetreten war. Silvio lag glühendrot auf seinem +Kissen und atmete heftig und ungleich, und am Bette saß die Mutter und +weinte ganz kläglich. Silvio hatte einmal wieder einen seiner Anfälle +und große Schmerzen gehabt, und ein wenig Zorn, daß das Stineli fort +war, mochte das Fieber noch vermehrt haben. Die Mutter war so +niedergeschlagen, wie Stineli sie noch nie gesehen hatte. Als sie sich +endlich ein wenig ermuntern konnte, sagte sie: + +»Komm, Stineli, setz dich da neben mich, ich möchte dir etwas sagen. +Sieh, es liegt mir etwas so schwer auf dem Herzen, daß ich manchmal +meine, ich könne es fast nicht mehr tragen. Du bist freilich jung, aber +du bist ein vernünftiges Mädchen und hast schon viel gesehen, und ich +meine, es würde mir schon leichter werden, wenn ich mit dir darüber +reden könnte. Du siehst ja, wie es mit dem Silvio ist, mit meinem +einzigen Söhnlein. Nun habe ich aber nicht nur das Leid seiner +Krankheit, die ja nie heilen kann, sondern ich muß oft bei mir selbst +sagen: es ist vielleicht eine Strafe von Gott, weil wir unrechtes Gut +behalten haben und genießen, wenn wir es schon nicht an uns ziehen und +behalten wollten. Ich will dir's aber von Anfang an erzählen. + +»Als wir uns verheirateten, der Menotti und ich -- er hatte mich von Riva +herübergeholt, wo mein Vater noch ist --, da hatte Menotti hier einen +guten Freund, der wollte eben fort, weil ihm das Land verleidet war, +denn er hatte seine Frau verloren. Er hatte ein Häuschen und einen +großen Acker und Feld, nicht besonders gutes Land, aber eine große +Strecke. Da wollte er, daß mein Mann alles übernehme, und sagte, das +Land trage ja nicht so viel, er solle es ihm in Ordnung halten und das +Haus dazu, bis er wiederkomme in ein paar Jahren. So machten es die +Freunde aus, und sie hielten viel voneinander und machten nichts aus +wegen Zinsen. Mein Mann sagte: 'Du mußt deine Sache recht haben, wenn du +wiederkommst', denn er wollte alles gut verwerten und verstand sich auf +den Landbau, und sein Freund wußte es wohl und überließ ihm alles. Aber +gleich ein Jahr darauf wurde die Eisenbahn gebaut, das Häuschen mußte +weg mit dem Garten, und der Acker wurde gebraucht, der Schienenweg geht +darüber. So löste mein Mann viel mehr Geld, als jenes wert war, und +kaufte hier weiter unten gutes Land und den Garten und baute das Haus, +alles aus dem Geld, und das Land trug mehr als das Doppelte ein hier +unten, so daß wir die reichsten Ernten hatten. Ich sagte aber manchmal +zu meinem Mann: 'Es gehört uns doch nicht, und wir leben im Überfluß aus +dem Gut eines anderen; wenn wir nur wüßten, wo er wäre!' Aber mein Mann +beruhigte mich und sagte: 'Ich halte ihm alles in Ordnung, und wenn er +kommt, ist alles sein, und vom Gewinn, den ich beiseite gelegt, muß er +auch seinen Teil haben.' + +»Dann bekamen wir den Silvio, und wie ich entdeckte, daß das Büblein +elend war, da mußte ich mehr und mehr zu meinem Mann sagen: 'Wir leben +von unrechtem Gut, es ist eine Strafe über uns.' Und manchmal war es mir +so schwer, daß ich fast lieber arm gewesen wäre und ohne Obdach. Aber +mein Mann tröstete mich wieder und sagte: 'Du wirst sehen, wie er mit +mir zufrieden sein wird, wenn er kommt.' Aber er kam nie. Da starb mein +Mann schon vor vier Jahren; ach, was habe ich seitdem ausgestanden und +muß immer denken: wie kann ich nur dem unrechten Gut abkommen ohne +Unrecht, denn ich sollte es doch in guter Ordnung halten, bis der Freund +wiederkommt, und dann denk' ich wieder: wenn er nun irgendwo im Elend +wäre und ich lebe unterdessen so gut aus dem Seinigen und weiß nichts +von ihm.« + +Stineli hatte ein großes Mitleid mit der Frau Menotti, denn es konnte +sich so gut denken, wie es der Frau zumute war, die sich ein Unrecht +vorwarf, das sie nicht ändern konnte. Und es tröstete die Frau Menotti +und sagte ihr: wenn man ein Unrecht gar nicht wolle und es so gern gut +machen möchte, dann dürfe man recht zuversichtlich den lieben Gott +bitten, daß er helfe, denn er könne schon etwas Gutes machen aus dem, +was wir verkehrt gemacht haben, und er wolle es auch tun, wenn es uns um +das Verkehrte recht leid sei. Das wisse es alles von der Großmutter her, +denn es habe sich auch einmal nicht mehr zu helfen gewußt und eine große +Angst ausgestanden. + +Dann erzählte Stineli von dem See, den Rico immer im Sinn gehabt, und +wie es schuld an seinem Fortlaufen gewesen sei und gefürchtet habe, er +sei ums Leben gekommen. Und es sagte, es sei ihm dann auch ganz wohl +geworden, wie es so gebetet und alles dem lieben Gott überlassen habe, +und Frau Menotti müsse es nun auch so machen, dann werde es ihr ganz +leicht werden ums Herz, denn sie könne dann immer fröhlich denken: +»Jetzt hat der liebe Gott die Sache übernommen.« Die Frau Menotti wurde +ganz fromm gestimmt von Stinelis Worten und sagte, sie wolle nun in +Frieden zur Ruhe gehen, es habe ihr recht wohl gemacht mit seiner +Zuversicht. + + + + +Zwanzigstes Kapitel. + +In der Heimat. + + +Als der goldene Sonntagmorgen über den Garten mit den roten Blumen +leuchtete, trat Frau Menotti heraus und setzte sich auf die Rasenbank am +Zaun. Sie schaute ringsum und hatte ihre eigenen Gedanken dabei. Hier +die Oleanderblumen und die Lorbeerhecke dahinter, dort die vollen +Feigenbäume und die goldenen Weinranken dazwischen, -- da sagte sie leise +für sich: »Gott weiß, ich wäre froh, wenn mir das Unrecht vom Gewissen +genommen würde; aber so schön, wie es hier ist, würde ich's nirgends +mehr finden.« + +Jetzt trat der Rico in den Garten; er mußte ja heut' Nachmittag fort, +und so den ganzen Tag, ohne einmal zu kommen, konnte er's nicht gut +aushalten. Als er gerade nach der Stube gehen wollte, rief ihn Frau +Menotti und sagte: + +»Setz dich einen Augenblick hier zu mir; wer weiß, wie lange wir hier +noch nebeneinander sitzen werden!« + +Rico erschrak. + +»Warum denn, Frau Menotti, Ihr geht doch nicht fort?« + +Nun mußte Frau Menotti ablenken, ihre Geschichte konnte sie nicht +erzählen. Es kam ihr in den Sinn, was Stineli ihr gestern Abend vom Rico +gesagt hatte; sie war aber so von ihrer eigenen Sache erfüllt gewesen, +daß sie es nicht recht verstanden hatte. Jetzt fing es an, sie ein wenig +zu wundern, da es ihr wieder in den Sinn kam. + +»Sag einmal, Rico«, fing sie an, »warst du denn früher schon einmal da, +daß du den See wiedersehen wolltest, wie mir gestern das Stineli erzählt +hat?« + +»Ja, wie ich klein war«, sagte Rico, »dann kam ich fort.« + +»Wie kamst du denn hierher, als du klein warst?« + +»Hier kam ich auf die Welt.« + +»Was, hier? Was war denn dein Vater, daß er aus den Bergen hier +herunterkam?« + +»Er war nicht aus den Bergen, nur die Mutter!« + +»Was du sagst, Rico. Dein Vater war doch nicht von hier?« + +»Doch, er war von hier.« + +»Das hast du alles nicht erzählt, das ist ja so merkwürdig! Du hast doch +keinen Namen von hier; wie hieß denn dein Vater?« + +»Wie ich hieß er: Enrico Trevillo.« + +Frau Menotti fuhr von der Bank auf, als treffe sie ein Anfall. + +»Was sagst du da, Rico«, rief sie, »was hast du gerade jetzt gesagt?« + +»Meines Vaters Namen«, sagte Rico ruhig. + +Frau Menotti hatte nicht mehr zugehört, sie war an die Tür gelaufen. + +»Stineli, gib mir ein Halstuch«, rief sie hinein. »Ich muß zum Herrn +Pfarrer auf der Stelle, mir zittern alle Glieder.« + +Stineli brachte erstaunt ein Halstuch. + +»Komm ein paar Schritte mit mir, Rico«, sagte Frau Menotti im Weggehen; +»ich muß dich noch etwas fragen.« + +Zweimal noch mußte Rico sagen, wie sein Vater hieß, und zum dritten Male +fragte Frau Menotti ihn noch an der Tür des Pfarrers, ob er auch sicher +sei. Dann trat sie in das Haus ein. Rico kehrte zurück und war +verwundert über den Zustand der Frau Menotti. + +Rico hatte seine Geige mitgebracht, er wußte, daß es dem Stineli +jedesmal Freude machte, wenn sie mitkam. Als er nun damit in der Stube +anlangte, traf er den Silvio und das Stineli in der besten Stimmung; +denn Stineli hatte seinem Versprechen gemäß die Geschichte vom Peterli +erzählt und damit sich und den Silvio in die größte Heiterkeit versetzt. +Als dieser nun die Geige erblickte, rief er gleich: »Nun wollen wir +singen, mit dem Stineli wollen wir die Schäflein singen.« Stineli hatte +sein Lied nie mehr gehört, seit es entstanden war; denn Rico spielte +jetzt viele schöne Weisen, und es hatte lange niemand mehr an das Lied +gedacht. Daß aber der kleine Silvio das deutsche Lied singen wollte, +überraschte es sehr, denn es wußte nicht, wie viele hundert Male Rico es +ihm vorgesungen hatte in den drei Jahren. Stineli hatte die größte +Freude, daß es das alte Lied wieder einmal mit Rico singen sollte, und +nun ging's an, und richtig: Silvio sang aus allen Kräften mit, und ohne +daß er ein einziges Wort verstand, hatte er sie alle dem Tone nach +behalten durch das viele Anhören. Aber diesmal war das Lachen am +Stineli; denn Silvio sprach seine Worte meistens so ganz verwunderlich +aus, daß es vor Lachen gar nicht singen konnte, und wie nun der Silvio +das Stineli so mit dem ganzen Gesicht lachen sah, da fing auch er an, +und dann sang er noch vernehmlicher und lauter, daß das Stineli noch +mehr lachen mußte, und dazu geigte der Rico mit aller Kraft sein: +»Schäflein hinunter«. + +So tönte schon von weitem das singende Gelächter der Frau Menotti +entgegen, als sie sich ihrem Garten näherte, und sie konnte nicht recht +fassen, wie das so sein konnte in dieser ereignisvollen Stunde. Eilends +kam sie durch den Garten und trat in die Stube ein; sie mußte sich +gleich auf dem ersten Stuhle niederlassen, denn der Schrecken und die +Freude und das Laufen und die Erwartung aller kommenden Dinge hatten sie +überwältigt, und sie mußte erst zu sich kommen. Die Sänger waren +verstummt und schauten verwundert auf die Mutter. Jetzt hatte sie sich +gesammelt. + +»Rico«, sagte sie, feierlicher als sonst, »Rico, sieh um dich! Dieses +Haus, dieser Garten, das Feld, alles, was du hier sehen und nicht sehen +kannst von oben bis unten, das gehört alles dir; du bist der Besitzer, +es ist dein väterliches Erbgut. Da ist deine Heimat; dein Name steht im +Taufbuch, du bist der Sohn von Enrico Trevillo, und der war meines +Mannes nächster Freund.« + +Stineli hatte bei den ersten zwei Worten schon alles begriffen und +unaussprechliche Freude überstrahlte sein Gesicht. Rico saß wie +versteinert auf seinem Stuhl und gab keinen Laut von sich. Aber der +Silvio, große Kurzweil ahnend, brach in Jubel aus und rief: + +»O jetzt gehört auf einmal das Haus dem Rico! Wo muß er schlafen?« + +»Muß? Muß? Silvio!« sagte die Mutter. »In allen Stuben kann er sein, wo +er will; er kann uns alle drei heut' noch da hinausstellen, wenn er +will, und ganz mutterseelenallein im Hause bleiben.« + +»Dann ging ich lieber auch zu euch hinaus«, sagte Rico. + +»Ach, du guter Rico!« rief Frau Menotti aus; »wenn du uns da drinnen +haben willst, wie bleiben wir so gern! Siehst du, ich habe mir schon im +Heimweg ein wenig ausgedacht, wie wir es machen könnten. Ich könnte dir +das halbe Haus abnehmen und so mit dem Garten und dem Land; so gehörte +die eine Hälfte von allem dir und die andere dem Silvio.« + +»Dann geb' ich meine Hälfte dem Stineli«, rief Silvio. + +»Und ich die meine auch«, sagte Rico. + +»Oho, nun gehört alles dem Stineli!« frohlockte der Kleine aus seinem +Bett heraus, »der Garten und das Haus und alles, was drin ist, die +Stühle und die Tische und ich und der Rico und seine Geige. Jetzt wollen +wir wieder singen!« + +Aber so abgemacht, wie der Silvio die Sache auffaßte, kam sie dem Rico +nicht vor. Er hatte unterdessen über die Worte der Frau Menotti +nachgedacht und fragte nun zaghaft: + +»Aber wie könnte das sein, daß das Haus von Silvios Vater mein wäre, +darum, daß mein Vater sein Freund war?« + +Da fiel es der Frau Menotti erst ein, daß ja der Rico von dem ganzen +Hergang der Sache noch nichts wußte, und sie fing gleich an und erzählte +die ganze Geschichte von vorn an und noch viel weitläufiger, als sie am +Abend vorher alles dem Stineli erzählt hatte. Und wie sie zu Ende war, +da hatten die drei alles völlig begriffen, und bei allen dreien ging ein +unbeschreiblicher Jubel los, denn da war gar kein Hindernis mehr, daß +Rico auf der Stelle in sein Haus einziehe und es nie wieder verlasse. + +Mitten aus dem Jubel heraus aber sagte Rico: + +»Weil doch alles so ist, Frau Menotti, so muß ja nun gar nichts anders +werden in dem Hause; ich komme nun auch und bin daheim hier, und wir +bleiben so zusammen, und Ihr seid unsere Mutter.« + +»O Rico, daß du es bist, daß du es bist! Wie hat doch der liebe Gott das +alles so schön herausgeführt! Daß ich es alles dir zu übergeben habe und +doch dableiben kann mit dem besten Gewissen. Ich will dir auch eine +Mutter sein, Rico, sieh, du bist mir ja auch lange schon lieb wie ein +eigenes Kind. Jetzt mußt du mich auch Mutter nennen, und das Stineli +auch, und wir sind die glücklichste Haushaltung in ganz Peschiera.« + +»Jetzt müssen wir unser Lied fertig singen«, rief der Silvio, dem es so +ums Singen und Jauchzen war, daß er einen Ausweg haben mußte, und Rico +und Stineli begannen noch einmal den Gesang in der größten Fröhlichkeit, +denn es war ihnen nicht minder wohl ums Herz. Als sie aber damit fertig +waren, sagte Stineli: + +»Nun möchte ich noch ein Lied mit dir singen, Rico; weißt du, was für +eines?« + +»Ja, ich weiß es«, antwortete Rico, »und ich will auch gern mithalten; +wir wollen gleich beim Vers der Großmutter anfangen«, und er stimmte an +und sang so schön und tief heraus, wie er noch gar nie gesungen hatte, +und Stineli sang mit seinem ganzen Herzen dazu: + + »Er hat noch niemals was versehn + In seinem Regiment, + Und was er tut und läßt geschehn, + Das nimmt ein gutes End'. + + Ei nun, so laß ihn ferner tun + Und red ihm nicht darein, + So wirst du hier im Frieden ruhn + Und ewig fröhlich sein.« + +Aber nach Riva ging der Rico nicht an dem Tage. Die Mutter Menotti hatte +ihm geraten, gleich hinzugehen und der Wirtin seine veränderten +Verhältnisse mitzuteilen, einen Geiger nach Riva zu beordern und gleich +heute noch in sein Haus einzuziehen. Dieser Vorschlag gefiel dem Rico, +und er eilte gleich fort. Die Wirtin hörte ihm mit der größten +Verwunderung zu, als er ihr seine Mitteilungen machte; als er fertig +war, rief sie ihren Mann herbei und bezeugte eine laute Freude und +wünschte dem Rico allen Segen in sein Haus, und es kam ihr recht von +Herzen. Sie verlor ihn ungern, aber sie hatte schon seit einiger Zeit +den Verdacht gehegt, die Wirtin zu den »Drei Kronen« fahnde auf den Rico +und mache ihn ihr noch abspenstig; das hätte sie nicht ertragen. Nun war +der gefürchteten Tat der Riegel gestoßen, und daß der Rico ein Gutsherr +geworden war, mochte sie ihm gönnen, denn sie hatte ihn immer wohl +gemocht. Und der Mann hatte seine besondere Freude an der Sache, denn er +hatte den Vater gekannt und konnte gar nicht begreifen, daß es ihm nie +in den Sinn gekommen war, wie ihm der Rico aufs Haar gleich sehe. So +nahm Rico einen freundlichen Abschied aus dem Hause, und als ihm die +Wirtin unter der Tür noch einmal die Hand gab, empfahl sie sich noch +für alle Fälle, wenn er etwa mit der Zeit einmal einen Anlaß von seinem +Haus aus zu geben hätte. Noch an demselben Abend wußte ganz Peschiera +die ganze Geschichte des Rico, wie sie sich zugetragen hatte, und dann +noch viel dazu, und jedermann mochte dem Rico sein Glück gönnen, und +einer sagte zum anderen: »Er paßt gerade als Herr auf sein Gütlein, als +wäre er eigens dazu geschaffen worden.« + +Die Mutter Menotti aber wußte nicht, wie sie es dem neuen Besitzer gut +genug machen wollte in seinem Hause. Sie rüstete das große Zimmer auf +mit den zwei Fenstern über den Garten und auf den See hinab; von der +Wand schauten schöne weiße Marmorfigürchen herunter, auf den Tisch kam +ein duftender Blumenstrauß, und das ganze Zimmer sah so sauber und +festlich aus, daß der Rico unter der Tür stehen blieb vor Erstaunen, wie +er jetzt, vom Stineli geführt, heraufkam, wo die Mutter Menotti ihn +empfangen wollte. Als diese ihn aber bei der Hand nahm und zum Fenster +führte, wo er auf den flimmernden See hinunter und bis zu den violetten +Bergen hinübersah, da stieg dem Rico so vieles auf im Herzen, daß es ihm +vor Freude und Dank übervoll wurde und er nur leise sagen konnte: + +»O wie schön! nun darf ich daheim sein!« + +In der wohnlichen Stube mit den offenen Türen auf den Blumengarten wurde +von dem Abend an, da Rico sein Haus bezogen hatte, von den vier +Bewohnern desselben ein Tag nach dem anderen in solcher Fröhlichkeit und +ungetrübtem Glücke verlebt, daß keines von allen bemerkte, wie rasch die +Zeit dahinging. + +Am Tage ging der Rico seinem pfeifenden Burschen nach zu den +Feigenbäumen und auf den Acker hinaus ins Maiskorn, denn das mußte er +nun alles behandeln lernen. Dann dachte der Bursche bei sich selbst: +»Ich kann freilich mehr als mein Meister«, und der Hochmut stieg ihm ein +wenig in den Kopf gegen den Rico; aber am Abend klangen aus der +erleuchteten Stube so schöne und herzgewinnende Weisen in den Garten +hinaus, daß der Bursche sich an die Hecke lehnte und stundenlang +lauschte, denn Musik ging ihm über alles. Dann sagte er zu sich: »Mein +Meister kann doch mehr als ich«, und bekam einen großen Respekt vor ihm. + + + + +Einundzwanzigstes Kapitel. + +Sonnenschein am Gardasee. + + +So waren zwei Jahre dahingeflogen, immer ein Tag genußreicher als der +andere. Da wußte Stineli, daß nun die Zeit seiner Abreise gekommen war, +und es mußte stark mit sich kämpfen, daß es nicht den Mut verlor, denn +fortgehen und vielleicht nie wiederkommen, das war der schwerste +Gedanke, der noch je auf sein Herz gefallen war. Auch der Rico wußte, +was nun sein sollte, und er sagte manchen Tag lang nur noch die +notwendigsten Worte. Da wurde es der Mutter Menotti ganz unheimlich +zumute und sie forschte der unbekannten Ursache nach, denn sie hatte +schon lange vergessen, daß das Stineli sollte konfirmiert werden. Als +nun diese Besorgnis herauskam, sagte die Mutter Menotti beruhigend: »Man +kann schon noch ein Jahr warten«, und so lebten alle in Freuden ein +Jahr weiter. + +Aber im dritten Jahr kam Bericht von Bergamo, es sei da einer angekommen +aus den Bergen herunter, der habe Befehl, das Stineli mit nach Hause zu +nehmen. Nun mußte es sein; der kleine Silvio gebärdete sich wie ein +Besessener, aber es half nichts, gegen das Schicksal konnte er nicht +aufkommen. Die Mutter Menotti sagte die letzten drei Tage hintereinander +nur immerzu: »Komm nur auch wieder, Stineli; versprich dem Vater, was er +will, wenn er dich nur wieder gehen läßt.« + +Der Rico sagte gar nichts mehr. So reiste das Stineli ab, und von dem +Tage an lag es über dem Hause wie eine graue, schwere Wolke, wenn +draußen die Sonne noch so schön schien. So blieb es vom November an bis +zum Osterfest, da alle Leute sich freuten; aber in dem Hause blieb es +ganz still. Und als das Fest vorüber war und draußen im Garten alles +blühte und duftete, viel schöner als je, da saß eines Abends Rico neben +dem Silvio und spielte die allertraurigste Melodie, die er kannte, und +machte den kleinen Silvio ganz tiefsinnig; aber mit einem Male ertönte +aus dem Garten eine Stimme dazwischen: »Rico, Rico, hast du keinen +fröhlicheren Empfang für mich?« + +Der Silvio schrie auf wie außer sich. Rico warf die Geige auf das Bett +und sprang hinaus. Die Mutter stürzte mit Schrecken herbei. Da erschien +auf der Schwelle mit dem Rico das Stineli. Und wie seine Augen wieder in +die Stube hereinlachten -- da war der langverlorene Sonnenschein +zurückgekehrt, und es gab ein Wiedersehen von solcher Freude, wie sich +keins von allen hatte vorstellen können in der Trennung. Da saßen sie +wieder am Tisch bei Silvios Bett und es ging an ein Fragen und Erzählen +und Berichten und wieder an ein Frohlocken über das Ende der schweren +Trennungszeit; und es war ein solcher Festabend, daß man hätte denken +können, diesen vier Menschen könne gar nichts mehr mangeln zu einem +fertigen Glück. Aber dem Rico mußte es ganz anders sein. Mitten in der +Fröhlichkeit fing er auf einmal zu staunen an, wie vorzeiten; doch +währte es nicht so lange wie damals, er mußte ziemlich bald einen +befriedigenden Endpunkt gefunden haben, denn plötzlich war das Staunen +vorbei, und mit der größten Bestimmtheit sprach er die Worte aus: + +»Das Stineli muß auf der Stelle meine Frau werden, sonst kommt es uns +noch einmal fort, wir halten es nicht aus.« + +Der Silvio geriet sogleich in die äußerste Begeisterung für dieses +Unternehmen, und es währte gar nicht lange, so waren alle einig darüber, +daß es so sein müsse und gar nicht anders sein könnte. -- + +Am schönsten Maitage, der je über Peschiera geleuchtet hatte, bewegte +sich ein langer Festzug von der Kirche her der »Goldenen Sonne« +entgegen. Voran kam der hochgewachsene Rico stattlich dahergeschritten, +an seiner Seite das frohäugige Stineli mit einem frischen +Blumenkränzlein auf dem Kopf; dann kam in weichgepolstertem Wägelchen, +von zwei fröhlichen Peschierabuben gezogen, der kleine Silvio, +freudeglänzend wie ein Triumphator, darauf folgte die Mutter Menotti, +ganz gerührt und ergriffen in ihrem rauschenden Hochzeitsstaat, nach ihr +der Bursche mit einem Blumenstrauß, der ihm die ganze Brust bedeckte; +und nun wogte ganz Peschiera daher in der allerlautesten Teilnahme; denn +das schöne Paar wollten alle sehen und mit feiern. Es war wie ein +allgemeines Familienfest der Leute von Peschiera, nun der verlorene und +wiedergekehrte Peschierianer daranging, sein festes Haus zu gründen in +seiner Heimat. + +Die Siegesfreude der Wirtin zur »Goldenen Sonne«, als sie den Zug vor +ihrem Hause ankommen sah, ist nicht zu beschreiben! Wo auch je nachher +von irgendeiner Hochzeit, hoch oder niedrig, die Rede war, da sagte sie +mit Überlegenheit: + +»Das ist alles gar nichts gegen Ricos Hochzeit in der 'Goldenen Sonne'!« + +In dem Hause am Blumengarten ging der Sonnenschein nicht mehr verloren; +aber Stineli sorgte auch dafür, daß das Unser-Vater nie wieder vergessen +wurde, und jeden Sonntagabend ertönte das Lied der Großmutter im hellen +Chor den Garten hinaus. + + + + +Wie Wiselis Weg gefunden wird. + + +[Illustration: Auf dem Schlittweg] + + + + +Erstes Kapitel. + +Auf dem Schlittweg. + + +Draußen vor der Stadt Bern liegt ein Dörflein an einer Halde. Ich kann +hier nicht wohl sagen, wie es heißt, aber ich will es ein wenig +beschreiben; wer dann dahinkommt, der kann es gleich erkennen. Oben auf +der Anhöhe steht ein einzelnes Haus mit einem Garten daran, voll schöner +Blumen von allen Arten; das gehört dem Oberst Ritter und heißt »Auf der +Halde«. Von da geht es hinunter; dann steht auf einem kleinen, ebenen +Platze die Kirche und daneben das Pfarrhaus, -- dort hat die Frau des +Obersten als Pfarrerstochter ihre fröhliche Kindheit verlebt. Etwas +weiter unten hin kommt das Schulhaus und noch einige Häuser beisammen, +und dann links am Wege noch ein Häuschen ganz allein; davor liegt auch +ein Gärtchen mit ein paar Rosen und ein paar Nelken und ein paar +Resedastöckchen, daneben aber mit Zichorien und Spinat bepflanzt und mit +einer niederen Hecke von Johannisbeersträuchern umgeben. Alles ist da +immer in bester Ordnung und kein Unkraut zu sehen. Dann geht der Weg +wieder bergab die ganze, lange Halde hinunter bis auf die große Straße, +die der Aare entlang geht ins Land hinaus. + +Diese ganze, lange Halde bildete zur Winterszeit den herrlichsten +Schlittweg, der weit und breit zu finden war; wohl zehn Minuten lang +konnte man da auf dem Schlitten sitzen bleiben, ohne abzusteigen; denn +war man vom Hause des Obersten an bei diesem ersten, steilen Absatz +einmal recht in den Zug gekommen, so gingen die Schlitten vorwärts ohne +Nachhilfe bis hinunter auf die Aarestraße. Diese unvergleichliche +Schlittenbahn machte denn auch das Lebensglück einer großen Schar von +Kindern aus, die alle, sobald nur die alte Schulstubentür sich öffnete, +sich herausstürzten, ihre Schlitten vom Haufen rissen, den sie im Vorhof +bildeten, und mit Windeseile dem Schlittweg zurannten, wo die Stunden +verflogen, man wußte nicht wie, denn unten am Berge war man immer im +Augenblick, und beim Heraufsteigen dachte man so eifrig ans nächste +Hinunterfahren, daß es unmerklich schnell getan war. So brach immer zum +großen Schrecken der Kinder die Nacht herein, lang ehe sie erwartet war, +denn dies war die Zeit, da fast alle nach Hause gehen mußten. Da folgte +dann gewöhnlich noch ein ziemlich stürmisches Ende, denn da wollte man +schnell noch einmal fahren und dann noch einmal und dann nur noch ein +einziges Mal, und so mußte dann alles noch in größter Eile zugehen, das +Aufsitzen und das Abfahren und wieder die Rückkehr den Berg hinauf. Da +war auch ein Gesetz errichtet worden, daß keiner sollte hinunterfahren, +während die anderen hinaufstiegen, sondern hintereinander sollten alle +abfahren und miteinander alle zurückkehren, damit kein Gedränge und +Schlittenverwickelungen entstehen könnten. Manchmal aber gab es doch +allerlei ungesetzliche Verwirrungen, besonders auf diesen drangvollen +Schlußfahrten, da dann keiner zuletzt sein und etwa noch zu kurz kommen +wollte. So war es auch an einem hellen Januarabend, da vor Kälte die +Schlittenbahn laut knisterte unter den Füßen der Kinder und der Schnee +nebenan auf den Feldern so hart gefroren war, daß man hätte darauf +fahren können wie auf einer festen Straße. Die Kinder aber waren alle +glühend rot und heiß dazu, denn eben waren sie im angestrengten Lauf den +ganzen Berg heraufgeeilt, ihre Schlitten nachziehend und sie nun stracks +umwendend und sich darauf stürzend, denn es hatte Eile; drüben stand +schon hell der Mond am Himmel und die Betglocke hatte auch schon +geläutet. Die Buben hatten aber alle gerufen: »Noch einmal! Noch +einmal!« Und die Mädchen waren einverstanden. Aber beim Aufsitzen gab es +eine Verwirrung und einen großen Lärm: drei Buben wollten durchaus auf +demselben Platze mit ihren Schlitten stehen, und keiner wollte auch nur +einen Zoll zurückweichen und später abfahren. So drückten sie einander +auf die Seite hin, und der breite Chäppi wurde von den beiden anderen so +gegen den Rand des Weges hin gestoßen, daß er ganz in den Schnee +hineinsank mit seinem schweren Keßlerschlitten und fühlte, daß er unter +ihm stecken blieb. Eine große Wut ergriff ihn beim Gedanken, daß die +anderen nun abfahren möchten; er schaute um sich. Da fiel sein Blick auf +ein kleines, schmales Mädchen, das neben ihm im Schnee stand; es war +ganz bleich und hielt beide Arme in seine Schürze gewickelt, um wärmer +zu haben, aber es zitterte doch vor Frost an seinem ganzen dünnen +Körperchen. Das schien dem Chäppi ein passender Gegenstand zu sein, +seine Wut daran auszulassen. + +»Kannst du einem nicht aus dem Wege gehen, du lumpiges Ding du? du +brauchst nicht hier zu stehen, du hast ja nicht einmal einen Schlitten. +Wart nur, ich will dir schon aus dem Wege helfen.« Damit stieß der +Chäppi seinen Stiefel in den Schnee hinein, um dem Kinde eine +Schneewolke entgegenzuwerfen. Es floh zurück, so daß es bis an die Kniee +in den Schnee hineinsank, und sagte schüchtern: »Ich wollte nur +zusehen!« Der Chäppi stieß eben seinen Stiefel noch einmal in den Schnee +hinein, als ihn von hinten eine so erschütternde Ohrfeige traf, daß er +fast vom Schlitten herunterfuhr. »Wart du!« rief er außer sich vor +Erbitterung, denn sein Ohr sauste, wie es noch kaum je gesaust hatte, +und mit geballter Faust kehrte er sich um, seinen Feind zu treffen. Da +stand einer hinter ihm, der hatte eben seinen Schlitten zurechtgestellt +zum Abfahren, und schaute nun ganz ruhig auf den Chäppi nieder und +sagte: »Probier's!« Es war Chäppis Klassengenosse, der elfjährige Otto +Ritter, der öfter mit dem Chäppi kleine Verschiedenheiten auszugleichen +hatte. Otto war ein schlanker, aufgeschossener Junge, lange nicht so +breit wie der Chäppi; aber dieser hatte schon mehr als einmal erfahren, +daß Otto eine merkwürdige Gewandtheit in Händen und Füßen besaß, gegen +welche der Chäppi sich nicht zu helfen wußte. Er schlug nicht zu, aber +die geballte Faust hielt er immer in die Höhe und wuterfüllt rief er: +»Laß du mich gehen, ich habe nichts mit dir zu tun!« -- »Aber ich mit +dir«, entgegnete Otto kriegerisch. »Was brauchst du das Wiseli +dorthinein zu jagen und ihm noch Schnee anzuwerfen; ich habe dich wohl +gesehen, du Feigling, der ein Kleines verfolgt, das sich nicht wehren +kann.« Damit kehrte er verächtlich dem Chäppi den Rücken und wandte sich +dem Schneefelde zu, wo das bleiche Wiseli noch immer stand und zitterte. +»Komm heraus aus dem Schnee, Wiseli«, sagte Otto beschützend. »Siehst +du, du klapperst ja vor Frost. Hast du wirklich gar keinen Schlitten und +hast nur zusehen müssen? Da, nimm den meinen und fahr einmal hinunter, +schnell, siehst du, da fahren sie schon.« Das bleiche, schüchterne +Wiseli wußte gar nicht, wie ihm geschah; zwei-, dreimal hatte es +zugeschaut, wie eines nach dem anderen auf seinem Schlitten saß, und +gedacht: »Wenn ich nur ein einziges Mal ganz hinten aufsitzen dürfte«, +wo schon drei auf einem Schlitten saßen. Nun sollte es allein +hinunterfahren dürfen und dazu auf dem allerschönsten Schlitten mit dem +Löwenkopf vorn, der immer allen anderen zuvorkam, weil er so leicht war +und hoch mit Eisen beschlagen. Vor lauter Glück stand Wiseli ganz +unschlüssig da und schaute nach dem Chäppi, ob er es nicht vielleicht zu +prügeln gedenke zur Strafe für sein Glück. Aber der saß jetzt ganz +abgekühlt da, so als wäre gar nichts geschehen, und Otto stand so +schutzverheißend daneben, daß ihm der Mut kam, sein Glück zu erfassen; +es setzte sich wirklich auf den schönen Schlitten, und da nun Otto +mahnte: »Mach, mach, Wiseli, fahr ab«, so gehorchte es, und hinunter +ging's, wie vom Winde getragen. In der kürzesten Zeit hörte Otto die +ganze Gesellschaft wieder herankeuchen, und er rief entgegen: »Wiseli, +bleib unter den Vordersten und sitz gleich noch einmal auf und fahr zu; +nachher müssen wir gehen.« Das glückliche Wiseli setzte sich noch einmal +hin und genoß noch einmal die langersehnte Freude. Dann brachte es +seinen Schlitten und dankte ganz schüchtern seinem Wohltäter, mehr mit +den freudestrahlenden Augen, als mit Worten, dann rannte es eilig davon. +Otto fühlte sich sehr befriedigt. »Wo ist das Miezi?« rief er in die +sich zerstreuende Gesellschaft hinein. »Da ist es«, ertönte eine +fröhliche Kinderstimme, und aus dem Knäuel heraus trat ein rundes, +rotbackiges kleines Mädchen, das der Bruder Otto als kräftiger +Schutzmann bei der Hand faßte und nun mit ihm dem väterlichen Hause +zueilte, denn es war heute spät geworden; die erlaubte Zeit des +Schlittens war ziemlich lange überschritten. + + + + +Zweites Kapitel. + +Daheim, wo's gut ist. + + +Als Otto und seine Schwester durch die lange, steinerne Hausflur +hereinstürmten, trat die alte Trine aus einer Tür und hielt ihr Licht in +die Höhe, um besser zu sehen, was dahergetrappelt kam. »So, endlich!« +sagte sie, halb zankend, halb wohlgefällig. »Die Mutter hat schon lange +nachgefragt, aber da war kein Bein zu sehen, und acht Uhr hat's +geschlagen vor weiß kein Mensch wie langer Zeit.« Die alte Trine war +schon Magd in der Familie gewesen, als die Mutter der beiden Kinder zur +Welt kam; so hatte sie große Rechte im Hause und fühlte sich durchaus +als Glied desselben, eigentlich als Haupt, denn an Alter und Erfahrung +war sie die erste. Die alte Trine war durchaus vernarrt in beide Kinder +ihrer Herrschaft und sehr stolz auf alle ihre Anlagen und Eigenschaften; +das ließ sie aber nicht merken, sondern sprach immer im Tone halber +Entrüstung von ihnen, denn das fand sie heilsam zu ihrer Erziehung. +»Schuhe aus, Pantoffeln an!« rief sie jetzt, Ordnung gebietend; der +Befehl wurde aber gleich darauf von ihr selbst vollzogen, denn sofort +kniete sie vor Otto hin, der sich auf einem Sessel niedergelassen hatte, +und zog ihm die nassen Schuhe aus. Die kleine Schwester stand +unterdessen mitten in der Stube still und rührte sich nicht, was sonst +nicht ihre Art war, so daß die alte Trine während ihrer Arbeit ein +paarmal hinüberschielte. Jetzt war Otto gerüstet, und Miezchen sollte +auf dem Sessel sitzen; aber es stand noch auf demselben Platze und +rührte sich nicht. »Nu, nu, wollen wir warten, bis es Sommer wird, dann +trocknen die Schuhe von selbst«, sagte die Trine, auf ihren Knieen +harrend. »Bst! bst! Trine, ich habe etwas gehört; wer ist in der großen +Stube?« fragte Miezchen und hob den Zeigefinger etwas drohend in die +Höhe. »Alles Leute mit trockenen Schuhen, und andere kommen nicht +hinein. Jetzt wag's und sitz nieder«, mahnte Trine. Aber anstatt zu +sitzen, machte Miezchen einen Sprung und rief: »Jetzt hab' ich's wieder +gehört, so lacht der Onkel Max.« -- »Was?« schrie Otto und war mit einem +Satz bei der Tür. -- »Wart! wart!« schrie Miezchen nach und wollte gleich +mit zur Tür hinaus; aber jetzt wurde es abgefaßt und auf den Stuhl +gesetzt, die alte Trine hatte jedoch einen schweren Stand mit den +zappelnden Füßchen. Indessen gelang die Arbeit, und nun stürzte Miezchen +zur Tür hinaus und hinüber in die große Stube hinein und direkt auf den +Onkel Max los, der richtig dort im Lehnstuhl saß. Da war nun ein großer +Freudenlärm und ein Grüßen und ein Willkommenrufen in allen Tönen, und +in das Gelärm der Kinder stimmte der Onkel Max wacker mit ein, und es +währte geraume Zeit, bis sich der Tumult etwas gelegt hatte und die +Festfreude einen ruhigen Charakter annahm. Denn ein Fest für die Kinder +war die Erscheinung des Onkels jedesmal und aus triftigen Gründen. Der +Onkel Max war ihr besonderer Freund; er war fast immer auf Reisen und +kam nur alle paar Jahre einmal zum Besuch; dann gab er sich aber mit den +Kindern ab, als gehörten sie ihm selber an, und was er für wunderbar +herrliche Sachen in allen Taschen für sie brachte, das war gar mit +nichts zu vergleichen, denn es war alles ganz fremdartig und zauberhaft. +Der Onkel Max war ein Naturforscher und reiste in allen Winkeln der Erde +umher und aus jedem brachte er etwas Eigentümliches mit. + +Endlich saß die Gesellschaft geordnet um den Tisch herum und die +dampfende Schüssel brachte noch völlige Besänftigung in die aufgeregten +Gemüter, denn von der Schlittbahn wurde immer ein richtiger Appetit +mitgebracht. »So«, sagte der Papa, über den Tisch hinüberblickend, wo an +der Seite der Mutter das Töchterchen fleißig arbeitete, »so, so, heut' +hat also das Miezchen keine Hand für seinen Papa, noch hab' ich keinen +Gruß bekommen, und jetzt ist keine Zeit mehr dazu.« + +Etwas zerknirscht schaute das Miezchen von seinem Teller auf und sagte: +»Aber Papa, aber ich habe es nicht mit Fleiß getan und jetzt will ich +gleich --«, und damit stieß sie mit großer Anstrengung den Sessel zurück; +aber der Papa rief: »Nein, nein, jetzt nur keine Ruhestörung. Da gib die +Hand über den Tisch hin, das übrige wollen wir nachher bestellen; so +ist's recht, Miezchen.« -- »Wie hat man eigentlich das Kind getauft, +Marie? Ich war zwar auch dabei, aber ich habe keine Ahnung davon, +welcher Name in der Kirche ausgesprochen wurde, Miezchen doch nicht?« +sagte der Onkel lachend. »Wirklich warst du dabei, Max«, entgegnete +seine Schwester, »da du des Kindes Pate bist. Es erhielt damals den +Namen Marie; sein Papa machte daraus ein Miezchen, und Otto hat den +Namen noch recht unnütz vervielfältigt.« -- »O nein, Mama, wirklich nicht +unnütz«, rief Otto ernsthaft herüber. »Siehst du, Onkel, das geht nach +ganz bestimmten Regeln. Wenn dies kleine nichtige Wesen ordentlich und +sanftmütig ist, dann nenn' ich es Miezchen; das geschieht aber selten, +und im gewöhnlichen Leben nenn' ich es daher Miezi. Wird es aber bös, +dann sieht es ganz aus wie ein kleiner Katzenreuel und muß Miez genannt +werden, der Miez.« + +»Ja, ja, Otto«, tönte es nun zurück, »und wenn du bös wirst, dann siehst +du ganz aus wie ein -- wie ein --« »Wie ein Mann«, ergänzte Otto, und da +dem Miezchen eben kein Vergleich zu Gebote stand, so arbeitete es jetzt +um so emsiger an seinem Brei herum. Der Onkel lachte laut auf. »Das +Miezchen behält recht«, rief er; »seinen Geschäften obliegen ist besser, +als auf Schmähungen antworten.« »Aber, Kinder«, setzte er nach einer +Weile hinzu, »nun bin ich mehr als ein Jahr nicht hier gewesen und ihr +habt mir noch gar nichts erzählt; was habt ihr denn alles erlebt +unterdessen?« Die neuesten Ereignisse erfüllten zunächst den Sinn der +Kinder: so wurde gleich mit großer Lebhaftigkeit, meistens im Chor, die +eben erlebte Geschichte erzählt, wie der Chäppi das Wiseli behandelt, +wie es fror und im Schnee stand und keinen Schlitten hatte und endlich +doch noch zu zwei Fahrten kam. »So ist's recht, Otto«, sagte der Papa; +»du mußt deinem Namen Ehre machen, für die Wehrlosen und Verfolgten mußt +du immer ein Ritter sein. Wer ist das Wiseli?« -- »Du kannst das Kind +und seine Mutter kaum kennen«, sagte die Mama, zu ihrem Manne gewandt; +»aber der Onkel Max kennt Wiselis Mutter recht gut. Du kannst dich doch +noch auf den mageren Leineweber besinnen, Max, der unser Nachbar war. Er +hatte ein einziges Kind mit großen braunen Augen, das oft bei uns im +Pfarrhaus war und so schön singen konnte; kommt dir da die Erinnerung +daran wieder?« + +Bevor aber die weiteren Erinnerungen zur Verhandlung kamen, steckte die +alte Trine ihren Kopf zur Tür herein und rief: »Der Schreiner Andres +möchte gern der Frau Oberst einen Bericht abgeben, wenn er nicht stört.« +Diese harmlosen Worte bewirkten eine wahre Verheerung in der +Gesellschaft. Die Mutter legte den Servierlöffel, mit dem sie soeben dem +Onkel entgegenkommen wollte, beiseite, sagte eilig: »Um Entschuldigung, +ihr Herren!« und ging davon. Otto sprang so stürmisch auf, daß er seinen +Stuhl hintenhinaus warf und dann selbst darüber stürzte, als er +fortgaloppieren wollte. Das Miezchen hatte ähnliche Taten vor, aber der +Onkel hatte seine ersten Bewegungen zum Aufruhr gesehen und hielt es nun +mit beiden Armen fest. Aber es zappelte jämmerlich und schrie: »Laß los, +Onkel, laß los. Im Ernst, ich muß gehen.« + +»Wohin denn, Miezchen?« + +»Zum Schreiner Andres. Laß schnell los! Hilf, Papa, hilf!« + +»Wenn du mir sagst, was du vom Schreiner Andres willst, so lass' ich +dich los.« + +»Das Schaf hat nur noch zwei Beine und keinen Schwanz, und nur der +Schreiner Andres kann ihm helfen. Jetzt laß los.« Nun stürmte auch das +Miezchen fort. Die Herren schauten einander an, und Onkel Max schlug +ein helles Gelächter auf und rief: »Wer ist denn der Schreiner Andres, +um den deine ganze Familie sich zu reißen scheint?« + +»Das mußt du besser wissen als ich«, entgegnete der Oberst; »es wird +wohl ein Jugendfreund von dir sein, und das Fieber der Verehrung wird +auch dich noch ergreifen, es muß in eurer Familie sein, bei uns hat es +die Mutter verbreitet. Ich kann dir so viel sagen, daß der Schreiner +Andres völlig der Grundstein meines Hauses ist, auf dem alles feststeht +und entschieden auseinandergehen würde, sollte dem Hause dieser Halt +entkommen. Der Schreiner Andres ist hier Rat, Trost, Heil und Hilfe +in der Bedrängnis. Strebt meine Frau nach einem Hausgerät, von dem +sie gar nicht weiß, wie es aussehen soll, noch wozu man es braucht, +-- der Schreiner Andres erfindet es und schafft es zur Stelle. Bricht +Feuers- oder Wassersnot in der Küche oder im Waschhaus los, -- der +Schreiner Andres greift in die Elemente und bringt das Feuer ins Stocken +und das Wasser in Fluß. Macht mein Sohn einen recht dummen Streich, -- +der Schreiner Andres dreht ihn wieder zurecht. Schmeißt meine Tochter +das sämtliche Hausgeräte entzwei, -- der Schreiner Andres leimt es wieder +zusammen. So ist der Schreiner Andres recht eigentlich die stützende +Säule meines Hauses, und wenn diese zusammenbrechen würde, so gingen wir +alle in Trümmer.« + +Die Mutter war unterdessen wieder eingetreten, und wohl zu ihrem Besten +schilderte der Vater die Verdienste des Schreiners Andres so eingehend. +Onkel Max lachte, daß es schallte. + +»Lacht ihr nur! Lacht ihr nur!« sagte die Mutter. »Ich weiß schon, was +ich an dem Schreiner Andres habe.« + +»Und ich auch«, bemerkte der Vater mit spöttischem Lächeln. + +»Und ich auch!« behauptete das Miezchen herzhaft, das wieder auf seinem +Platze saß. + +»Und ich auch!« brummte der Otto, dem der Knöchel noch sauste von seinem +Sturz über den Stuhl hin. + +»So, nun sind wir alle einer Meinung«, bemerkte die Mutter, »nun können +die Kinder in Frieden zu Bette gehen.« Auf diese Anzeige hin drohte dem +Frieden gleich eine Störung; aber es half nichts, die alte Trine stand +schon vor der Tür und wachte, daß die Hausordnung nicht überschritten +werde. Die Kinder mußten abtreten, und gleich nachher verschwand die +Mutter auch noch einmal, denn die Kinder schliefen nicht ein, ohne daß +die Mutter zum Nachtgebet noch an ihre Betten gekommen war. + +Als nun alles still und ruhig war, kam die Mutter wieder zu den Herren +zurück und setzte sich nun so recht zum Bleiben hin. + +»Endlich«, sagte da der Oberst hoch aufatmend, als habe er die Feinde +hinter sich. »Siehst du, Max, erst gehört meine Frau dem Schreiner +Andres, dann ihren Kindern und dann ihrem Mann, wenn noch etwas übrig +bleibt.« + +»Und siehst du, Max«, sagte die Mutter lachend, »wenn mein Mann noch so +arg höhnt: er mag unseren guten Schreiner Andres gerade so gern wie wir +alle; gestehe es nur ein, Mann! Eben hat mir Andres auch für dich noch +einen Auftrag übergeben, er hat seine jährliche Summe gebracht und +bittet um deinen Beistand.« + +»Das ist wahr«, sagte der Oberst; »einen ordentlicheren, fleißigeren, +zuverlässigeren Mann kenne ich nicht. Dem würde ich Weib und Kind und +Hab' und Gut und alles anvertrauen wie keinem anderen; das ist der +ehrlichste, wackerste Mann in unserer ganzen Gemeinde und noch weit +darüber hinaus.« + +»Jetzt siehst du, Max«, sagte die Frau lachend; »ich konnte doch nicht +mehr sagen.« Ihr Bruder lachte mit über den Eifer, in den der Oberst +unversehens gefallen war. Dann entgegnete er: »Nun habt ihr mir alle so +viel von eurem Wundermann vorerzählt, daß ich wirklich wissen möchte, +woher er stammt und wie er aussieht. Habe ich ihn denn noch nicht +gesehen hier?« + +»Ach, du hast ihn ja so gut gekannt, Max«, entgegnete seine Schwester; +»du mußt dich durchaus noch des Andres erinnern, mit dem wir zur Schule +gingen. Weißt du denn nicht mehr, wie zwei Brüder zusammen in derselben +Klasse mit dir waren? Der ältere war damals schon ein rechter +Taugenichts; er war gar nicht dumm, aber tat nichts und blieb darum +stecken und kam dann mit dem viel jüngeren Bruder in eine Klasse +zusammen, in welcher du auch warst. Du mußt dich gewiß erinnern, er hieß +Jörg und hatte ganz schwarzes, steifes Haar. Er bewarf uns, wo er +konnte, mit irgend etwas, mit unreifen Äpfeln und Birnen und dann mit +Schneeballen, und rief uns überall nach: 'Aristokratenbrut!'« + +»O der, der«, rief Onkel Max lachend, »ja, nun weiß ich auf einmal +alles. Richtig, 'Aristokratenbrut' rief er uns beständig nach; ich +möchte nur wissen, wie ihm das Wort in den Sinn kam. Er war ein +widerwärtiger Kerl; ich weiß. Da sah ich ihn einmal einen viel kleineren +Jungen ganz unbarmherzig durchprügeln; dem half ich aber, dafür rief er +mir wohl zwölfmal nach: 'Aristokratenbrut!' Ach, nun weiß ich auch auf +einmal, wer der andere war; das war der magere, kleine Andres, sein +Bruder, das ist gewiß euer Andres, und dann ist das auch der Andres mit +den Veilchen, nicht wahr, Marie? O, jetzt versteh' ich schon die dicke +Freundschaft«, lachte Onkel Max auf's neue auf. -- »Was Veilchen, das muß +ich wissen«, fiel der Oberst ein. -- »O, die Geschichte ist mir auf +einmal vor Augen, als wäre sie gestern geschehen«, sagte der Onkel ganz +angeregt von seinen Erinnerungen; »die muß ich dir erzählen, Otto. Du +weißt vielleicht durch deine Frau, daß wir hier im Dorfe in jenen +glücklichen Zeiten unserer Kindheit einen alten Schullehrer hatten, der +fand, daß alle Mängel und Gebrechen der Schulkinder aus ihnen heraus- und +alle Fähigkeiten und guten Eigenschaften in sie hineingeprügelt werden +könnten. So war er genötigt, sehr viel zu prügeln, um den einen oder +andern guten Zweck zu erreichen, manchmal auch beide auf einmal. Einmal +nun war ihm der magere Andres unter die Hand gekommen; dem schlug er nun +so kräftig seine wohlgemeinte Ermahnung auf den Rücken, daß der Andres +laut aufschrie. In diesem Augenblick stand meine kleine Schwester, die +kürzlich in die Schule eingetreten war und sich noch nicht so recht in +die daselbst herrschenden Gebräuche eingelebt hatte, plötzlich auf von +ihrem Sitze auf der ersten Bank und schritt eilig der Tür zu. Einen +Augenblick hielt der Schullehrer inne mit seiner Arbeit und rief ihr +nach: 'Wo läufst du hin?' Marie kehrte sich um; die hellen Tränen liefen +ihr über die Backen herunter und sie sagte ganz aufrichtig: 'Ich will +heimgehen und es dem Papa sagen.' 'Wart, ich will dir', rief jetzt der +Schullehrer in großer Überraschung und stürzte vom Andres weg auf die +kleine Marie los; die prügelte er aber nicht, er nahm sie nur beim Arm +und setzte sie ziemlich fest auf ihren Platz hin; dann sagte er noch +einmal: 'Wart, ich will dir!' Damit war aber alles abgetan; auch der +Andres wurde in Ruhe gelassen, und so nahm alles einen friedlichen +Ausgang. Aber die Tränen, die meine Schwester für den Andres vergossen, +und ihr Einschreiten gegen den Tyrannenstock wurden nicht vergessen. Von +dem Tag an lag jeden Morgen ein Büschel Veilchen auf ihrem Platz und +durchduftete den ganzen Schulraum, und nachher kam noch ein anmutigerer +Duft von dem Platz her, denn da lagen große Erdbeersträuße mit den +prächtigsten dunkelroten Beeren, wie sie sonst nirgends zu sehen waren, +und so ging es das ganze Jahr durch immerfort; wie sich dann aber die +Freundschaft zu dem erstaunlich hohen Grad entwickelt hat, wo sie nun +angelangt ist, das muß meine Schwester wissen und uns mitteilen.« -- Der +Oberst hatte seine Freude an der Geschichte der Tränen und der Veilchen +und forderte seine Frau auf, weiter zu erzählen. Sie sagte mit Lachen: +»Erdbeeren und Veilchen blühen deiner Ansicht nach das ganze Jahr durch, +Max; das ist aber nicht ganz so. Hingegen wurde der gute Andres wirklich +das ganze Jahr durch nicht müde, mir irgend etwas Erfreuliches aus Feld +und Wald aufzufinden und an meinen Platz zu legen, solange wir +miteinander zur Schule gingen. Er trat dann lange vor mir aus und kam in +die Lehre zu einem Schreiner nach der Stadt; er kam dann immer öfter +nach Hause, ich verlor ihn nie ganz aus den Augen, und als mein Mann +dies Gut kaufte und wir uns eben verheiratet hatten, handelte es sich +darum, daß Andres sich etwas ankaufen und sich selbständig niederlassen +wollte; er hatte seine Eltern verloren und stand ganz allein, aber als +ein tüchtiger Arbeiter da. Er hatte seine Augen auf das Häuschen mit dem +sauberen kleinen Garten dort unterhalb der Kirche gerichtet, konnte es +aber nicht ankaufen, da der Verkäufer sogleich bares Geld haben und +Andres erst solches durch seine Arbeit gewinnen mußte. Aber wir kannten +ihn und seine Arbeit. Mein Mann kaufte das Gütchen an für ihn, und er +hat es keinen Augenblick zu bereuen gehabt.« -- »Nein, wahrhaftig nicht«, +fiel hier der Oberst ein; »der brave Andres hat längst sein Gut +vollständig abgezahlt und seither bringt er mir jedes Jahr um diese Zeit +eine ganz hübsche Summe, den Gewinn seiner Jahresarbeit; die lege ich +ihm gut an und habe meine Freude an dem Gedeihen des wackeren Menschen. +Er ist jetzt schon ein ganz wohlhabender Mann, und nun nimmt sein +Besitztum jährlich sehr zu, er kann sein Häuschen noch zu einem großen +Haus machen, der brave Andres; es ist nur schade, daß er wie ein +Einsiedler lebt und darum sein erarbeitetes Gut gar nicht genießen +kann.« -- »Hat er denn keine Frau und Familie, und wo ist der bitterböse +Jörg schließlich hingekommen?« fragte Onkel Max weiter. -- »Nein, er hat +gar niemanden«, antwortete die Schwester, »er lebt völlig allein, +wirklich wie ein Einsiedler. Er hat eine lange, traurige Geschichte +erlebt, die ich mit angesehen habe, und die ihm gewiß alle Lust benommen +hat, je eine Frau zu suchen. Der Bruder Jörg hat erst hier einige Jahre +herumvagabondiert, hat nie gearbeitet, sondern gehofft, durch +furchtbares Schimpfen auf alle diejenigen, die keine Lumpe waren wie er, +endlich doch noch sein Glück zu machen, und als ihm dies nicht gelang, +auch der gute Andres ihm endlich nicht mehr aus seinen Schulden und +allem Bösen heraushelfen konnte und auch nicht mehr wollte, da ist er +verschwunden, wohin, hat man nie recht gewußt; jedermann war froh, daß +er nur fort war.« -- »Was war denn die traurige Geschichte, Marie?« +fragte der Bruder; »die muß ich auch noch wissen.« »Und ich auch«, sagte +der Oberst und zündete zu der Erzählung vergnüglich eine neue Zigarre +an. + +»Aber Mann«, bemerkte die Frau Oberst, »dir habe ich dieses Erlebnis +wohl schon sechsmal erzählt.« -- »So?« entgegnete ruhig der Oberst; »es +gefällt mir, wie es scheint.« -- »So fang an!« ermunterte der Onkel. -- +»Du mußt dich noch jenes Kindes erinnern können, Max«, begann seine +Schwester, »von dem ich heut' abend schon einmal gesprochen habe, das +ganz in unserer Nähe wohnte. Es gehörte dem bleichen, mageren Leineweber +an, den wir immerfort sein Weberschifflein hin- und herwerfen hörten, +wenn wir in unserem Garten standen. Das Kind sah zart und nett aus und +hatte große, lustig glänzende Augen und so schöne braune Haare. Es hieß +Aloise.« -- »In meinem Leben habe ich keine Aloise gekannt«, warf Onkel +Max ein. -- »O, ich weiß schon warum«, fuhr seine Schwester fort, »wir +nannten sie auch nie so, besonders du nicht; Wisi nannten wir sie, zum +Schrecken unserer seligen Mama. Weißt du denn nicht mehr, wie oft du +selbst sagtest, wenn wir am Klavier Lieder singen wollten mit Mama und +es so leise tönte: 'Man muß das Wisi holen, sonst geht's nicht?'« -- +Jetzt stieg die Erinnerung mit einem Male in Onkel Maxens Gedächtnis +auf; er lachte hell heraus und rief: »O, das ist's, das Wisi, ja gewiß, +das Wisi kenn' ich wohl, ich seh' es deutlich vor Augen mit dem lustigen +Gesicht, wie es am Klavier stand und so tapfer darauf los sang. Ich +mochte es gern, das Wisi; es war auch nett anzusehen. Das ist ja wahr: +die gute Mutter hatte immer einen Schreckensanfall, wenn ich 'Wisi' +sagte; ich habe aber nie gewußt, wie das Wisi eigentlich hieß.« + +»Freilich hast du«, bemerkte die Schwester, »denn jedesmal sagte die +Mama, es sei eine Barbarei, aus dem schönen Namen Aloise ein Wisi zu +machen.« -- »Das habe ich wohl jedesmal überhört«, meinte Onkel Max; +»aber wo ist denn das Wisi hingekommen?« + +»Du weißt, es war in derselben Klasse mit mir in der Schule, wir sind +miteinander von Klasse zu Klasse gestiegen bis hinauf zur sechsten, da +kann ich mich denn ganz gut erinnern, wie alle diese Jahre durch der +Andres als treuster Freund und Beschützer dem Wisi zur Seite stand in +Freud' und Leid, und es konnte den Freund gut brauchen. Meistens, wenn +es zur Schule kam und die Tafel mit Rechnungen bedeckt bringen sollte, +wie wir anderen auch, da stand nicht eine Zahl darauf; es legte sie aber +mit dem lustigsten Gesicht auf die Schulbank hin, und im folgenden +Augenblick stand alles darauf, was darauf stehen sollte, denn der Andres +hatte schnell die Tafel genommen und die Rechnungen darauf gesetzt. +Öfter geschah's auch, daß Wisi in seiner raschen Weise mit dem Ellbogen +eine Scheibe eingeschlagen hatte in der Schulstube, oder es hatte im +Garten an des Schulmeisters Pflaumenbaum geschüttelt, und wenn dann +Gericht über diese Untaten gehalten wurde, dann blieb regelmäßig alles +auf dem Andres sitzen; nicht daß er von jemand angeklagt wurde, sondern +er selbst sagte gleich halblaut: er meine, er habe die Scheibe +zerdrückt, und er glaube auch, er habe einmal an dem Pflaumenbaum +gerüttelt, und so bekam er die Strafe. Wir Kinder wußten immer ganz gut, +wie es war; aber wir ließen es so gehen, wir waren so gewöhnt daran, daß +es so sei, und dann hatten wir alle das lustige Wisi so gern, daß wir's +ihm immer gönnten, wenn es ungestraft davonkam. Und Äpfel und Birnen und +Nüsse hatte Wisi immer alle Taschen voll, die kamen alle vom Andres, +denn was er nur hatte und erlangen konnte, das steckte er alles dem Wisi +in den Schulsack. Ich dachte manchmal darüber nach, wie es denn auch so +sein könne, daß der ganz stille Andres gerade das allerlustigste und +aufgeweckteste Kind der ganzen Schule am liebsten habe, und dann sann +ich darüber nach, ob es nun auch gerade den stillen Andres besonders +gern habe. Es war wohl immer freundlich mit ihm, aber so war es auch mit +den anderen, und als ich einmal ernstlich unsere Mama darüber fragte, +wie das wohl sei, da schüttelte sie ein wenig den Kopf und sagte: 'Ich +fürchte, ich fürchte, diese artige Aloise ist ein wenig leichtsinnig und +kann noch in eine schwere Schule kommen.' Diese Worte gaben mir viel zu +denken und kamen mir immer wieder in den Sinn. Als wir dann zusammen in +den Religionsunterricht gingen, da kam Wisi regelmäßig am Sonntagabend +zu uns herüber und wir sangen Choräle zusammen am Klavier; daran hatte +es damals sehr große Freude, es konnte alle die schönen Lieder auswendig +und sang sie mit so heller Stimme; wir hatten auch recht unsere Freude +an den Abenden, Mama und ich, und auch darüber, daß Wisi so gern in den +Unterricht ging und ihn wirklich zu Herzen nahm. Es war nun ein großes +Mädchen geworden und sah recht gut aus; seine lustigen Augen hatte es +noch, und wenn es auch nie so kräftig aussah, wie die Bauernmädchen im +Dorf, so hatte es doch eine so blühende Farbe damals und war netter als +sie alle. Damals war der Andres noch in der Stadt als Lehrjunge, er kam +aber immer über den Sonntag heim. Dann kam er auch jedesmal zu uns ins +Pfarrhaus, einen Besuch zu machen, und am liebsten sprach er dann immer +mit mir von den vergangenen Tagen der Schule, und dann kamen wir immer +bald auf das Wisi zu sprechen; das kam so im Zusammenhang, und +schließlich sprachen wir dann nur noch von ihm. Dem Andres ging ganz das +Herz und der Mund auf bei diesen Erinnerungen, und während alle Welt +längst das Wisi nie anders als so genannt hatte, nannte er es +unwandelbar das 'Wiseli', und das kam dann so ganz eigen zärtlich +heraus. Da kam denn auch ein Sonntag -- wir waren noch nicht achtzehn +Jahre alt, Wisi und ich --, als es gegen Abend bei uns eintrat und ganz +rosig aussah, und wie wir nun zusammensaßen -- Mama war auch mit uns --, +da sagte denn Wisi, es sei gekommen, uns mitzuteilen, daß es sich mit +dem jungen Fabrikarbeiter versprochen habe, der seit kurzer Zeit im +Dorfe wohnte, und daß sie gleich heiraten könnten, da er eine gute +Anstellung habe unten in der Fabrik, und so hätten sie denn schon alles +festgesetzt, daß sie gleich in zwölf Tagen zusammenkommen könnten. Ich +war so erstaunt, und so traurig kam mir die Sache vor, daß ich kein Wort +sagen konnte; eine Zeitlang sagte die Mutter auch nichts, sie sah ganz +bekümmert aus. Dann aber sprach sie ernstlich mit dem Wisi und stellte +ihm vor, wie leichtsinnig es sei, daß es sich so schnell mit dem +Fabrikarbeiter eingelassen habe, es kenne ihn ja kaum, und da sei doch +ein anderer, der ihm jahrelang nachgegangen sei und ihm gezeigt habe, +wie lieb es ihm sei, und zuletzt fragte sie es dringend, ob denn nicht +alles noch rückgängig gemacht werden, oder doch eine gute Zeit lang +hinausgeschoben werden und es noch bei seinem Vater bleiben könnte, es +sei ja noch so jung. Da fing es denn zu weinen an und sagte, es habe ja +ganz bestimmt sein Wort gegeben, und alles sei eingerichtet auf die +Zeit, und dem Vater sei's recht. Nun sagte die Mutter nichts mehr, aber +das arme Wisi weinte immer ärger; da nahm sie es denn bei der Hand und +zog es zum Klavier hin, an den Platz, wo es immer stand, wenn wir +zusammen sangen, und sagte in ihrem freundlichen Ton zu ihm: 'Trockne +nun deine Tränen, wir wollen noch einmal zusammen singen'; dann schlug +sie uns das Lied auf und wir sangen zusammen: + + 'Befiehl du deine Wege, + Und was dein Herze kränkt, + Der allertreusten Pflege + Des, der den Himmel lenkt. + + Der Wolken, Luft und Winden + Gibt Wege, Lauf und Bahn, + Der wird auch Wege finden, + Da dein Fuß gehen kann.' + +Wisi ging dann wieder ziemlich getröstet von uns, die Mutter hatte ihm +noch einige freundliche Worte gesagt; aber mich hatte die Sache recht +traurig gemacht, ich hatte ein ganz bestimmtes Gefühl, daß das arme Wisi +seine frohen Tage nun hinter sich hatte, und dann dauerte mich der +Andres unsäglich; was würde der sagen? Er sagte aber nie etwas, gar kein +Wort, aber ein paar Jahre lang ging er herum wie ein Schatten und war +noch stiller geworden als vorher, ich habe auch seither nie mehr sein +still-fröhliches Gesicht gesehen, wie er es damals doch oft haben +konnte.« + +»Der arme Kerl!« rief Onkel Max aus; »hat er denn keine andere Frau +genommen?« -- »Ach nein, Max«, entgegnete seine Schwester ein wenig +strafend, »wie konnte er denn, wie kannst du so etwas sagen, er ist ja +die Treue selbst.« -- »Das konnte ich ja nicht wissen, liebe Schwester«, +erwiderte der Bruder begütigend; »ich konnte doch nicht voraussehen, daß +dein vielseitig begabter Freund nun auch noch die Unwandelbarkeit an +sich trägt. Aber das Wisi, erzähl weiter von dem, ich hoffe wirklich, +das lustige Wisi ist nicht unglücklich geworden, es würde mich arg +dauern.« -- »Ich merke schon, Max«, sagte die Schwester, »daß du heimlich +es mit dem Wisi hältst und kein Mitleid hast mit dem treuen Andres, dem +es doch fast das Herz abgedrückt hat, daß das Wisi für ihn verloren +war.« -- »Doch, doch«, versicherte der Onkel, »ich habe ja alle Teilnahme +für den Ehrenmann; aber weiter, wie ging's mit dem Wisi, es hat doch +seine lustigen Augen nicht verweint?« -- »Doch, ich glaube manchmal +wohl«, fuhr die Schwester fort; »ich habe es nicht mehr oft gesehen, es +hatte gleich viel zu tun; ich glaube, der Mann war nicht eben böse, aber +er hatte etwas Rohes, er konnte so grob und unfreundlich sein, auch mit +seinen kleinen Kindern schon; Wisi hatte gewiß wenig Freude mehr. Er +hatte mehrere nette Kinder, aber sie waren alle sehr zart, es verlor sie +wieder eins nach dem anderen; fünf hatte es begraben müssen, nur ein +einziges ist ihm geblieben, ein feines, zartes Geschöpfchen, ein kleines +Wiseli, es ist nicht viel größer als unser Miezchen und ist doch gut +drei Jahre älter. Wisis Gesundheit hatte durch das alles so gelitten, +daß man deutlich sehen konnte, was kommen würde, und nun ist es auch da, +eine schnelle Auszehrung rafft ihr Leben hin; ich fürchte, es ist gar +keine Hoffnung mehr.« -- »Nein«, rief Onkel Max ganz erschrocken aus, +»das kann doch nicht sein, ist's wirklich so? Kann man da nichts machen, +Marie? Wir wollen doch gleich nachsehen, vielleicht ist noch zu helfen.« +-- »Ach nein, da ist nicht mehr zu helfen«, sagte die Schwester traurig; +»da war überhaupt nicht mehr zu helfen. Wisi war für all' die Arbeit und +Anstrengung viel zu zart.« -- »Und was macht nun der Mann?« fragte Onkel +Max. -- »Ach, den habe ich ja ganz vergessen, das hatte das kranke Wisi +auch noch durchzumachen. Es wird nun bald ein Jahr sein, da wurde ihm in +der Fabrik der eine Arm und das Bein so zerschlagen, daß man ihn halbtot +nach Hause brachte; er wurde dann ganz elend, arbeiten konnte er gar +nichts mehr; er muß kein besonders geduldiger Kranker gewesen sein. Wisi +hatte ihn nun noch zu verpflegen zu allem anderen, er starb dann +ungefähr ein halbes Jahr nach dem Unfall. Seither lebt Wisi allein mit +dem Kinde.« -- »Und so blieb denn von allem gar nichts mehr übrig, als +ein kleines Wiseli? Was macht man damit? Aber nein, so traurig wird's +doch nicht kommen müssen; das Wisi kann noch gesund werden und alles +noch kommen, wie es hätte sein sollen von Anfang an.« -- »Nein, nein, +dazu ist es zu spät«, entgegnete die Schwester sehr bestimmt; »das arme +Wisi hat seinen Leichtsinn schwer büßen müssen. Aber auch hier ist es +spät geworden«, -- und fast erschrocken stand sie auf, denn über dem +Gespräch war die Mitternachtsstunde vorübergegangen, und seit einiger +Zeit schon war der Oberst ganz stille geworden, er hatte sich in seinen +Lehnstuhl zurückgelegt und war fest eingeschlafen. Onkel Max hatte zwar +keinen Schlaf, denn mit der Erzählung von dem armen Wisi waren ihm alle +Jugenderinnerungen so lebendig aufgestiegen, daß er noch eine Menge von +Dingen und Persönlichkeiten besprechen wollte; aber seine Schwester war +unerbittlich, sie hielt die Lichter in der Hand und drängte zum +Aufbruch. So half denn nichts; um aber nicht allein die unwillkommene +Störung zu tragen, weckte er seinen Schwager mit einem so gewaltigen +Ruck an seinem Stuhl, daß der Oberst mit einem Schrecken emporschoß, als +sei eine feindliche Bombe auf ihn gefahren. Aber sein Schwager klopfte +ihm friedlich auf die Schulter und sagte: »Es war nur eine leise Mahnung +von seiten deiner Frau, daß wir uns zurückziehen möchten.« Der Rückzug +wurde dann vollzogen, und bald stand das Haus auf der Höhe ganz still im +Mondschein da, und unten am Berg stand eins, da sollte es auch bald +stille werden; jetzt brannte noch ein schwaches Lämpchen drinnen und +warf seinen matten Schimmer durch das schmale Schubfenster in die +monderhellte Nacht hinaus. + + + + +Drittes Kapitel. + +Auch noch daheim. + + +Um die gleiche Zeit, da die Kinder des Obersten ihrem Hause zugingen, +rannte das kleine Wiseli aus allen Kräften den Berg hinunter, denn es +wußte, daß es länger fortgeblieben war, als die Mutter erwartete, und +das tat es sonst nicht. Aber heute war sein Glück so groß gewesen, daß +es einen Augenblick das Heimgehen vergessen hatte; jetzt lief es um so +mehr drauf zu und wäre fast in einen Mann hineingerannt, der eben aus +der Tür des Häuschens trat, als es hineinstürmen wollte; er ging ihm +aber ganz leise aus dem Wege, und das Wiseli sprang vorwärts in die +Stube hinein und auf die Mutter zu, die auf einem kleinen Stuhl am +Fenster saß und zu Wiselis Erstaunen noch kein Licht angezündet hatte. +»Mutter, bist du böse, daß ich so lang nicht komme?« rief es, indem es +sie mit beiden Armen um den Hals faßte. »Nein, nein, Wiseli«, antwortete +sie freundlich; »aber ich bin froh, daß du da bist.« Jetzt fing das +Wiseli der Mutter von seinem großen Erlebnis zu erzählen an, wie gut der +Otto mit ihm gewesen, und wie es zweimal mit dem allerschönsten +Schlitten hatte den Berg hinunterfahren können. Wie es dann mit seiner +Erzählung fertig war und die Mutter noch so still dasaß, fiel ihm erst +ein, daß sie das sonst nicht tat, und es fragte verwundert: »Aber warum +hast du noch kein Licht, Mutter?« + +»Ich bin so müde heut' abend, Wiseli«, antwortete sie; »ich konnte nicht +aufstehen und Licht machen. Hol das Lämpchen herein und bring mir einen +Schluck Wasser mit, ich habe so großen Durst.« Wiseli lief in die Küche +und kam bald zurück, in der einen Hand das Licht und in der anderen eine +Flasche, darinnen ein roter Saft schimmerte, so hell und einladend, daß +die durstende Kranke erfreut ausrief: »Was bringst du mir Schönes, +Wiseli?« -- »Ich weiß nicht«, sagte das Kind, »es stand auf dem +Küchentisch, sieh, wie es funkelt.« Die Mutter nahm die Flasche in die +Hand und roch daran. »O«, sagte sie, begierig wieder riechend, »es ist +wie frische Himbeeren aus dem Wald, gib mir schnell ein wenig Wasser +dazu, Wiseli.« Das Kind goß von dem roten Saft in ein Glas und füllte es +mit Wasser, und mit durstigen Zügen trank die Mutter den erquickenden +Beerensaft hinunter. »O, wie das erfrischt!« sagte sie und übergab das +leere Glas dem Kinde. »Stell es weg, Wiseli, aber nicht weit; mir ist, +ich könnte alles austrinken, so durstig bin ich. Wer hat mir denn diese +große Erquickung gebracht? Gewiß die Trine, es kommt von der Frau +Oberst.« -- »War denn die Trine bei dir in der Stube, Mutter?« fragte das +Kind. -- Die Mutter verneinte dies. -- »Dann ist es nicht die Trine, das +weiß ich«, sagte das Wiseli bestimmt; »sie geht jedesmal in die Stube, +wenn sie etwas bringt. Aber der Schreiner Andres war ja bei dir, hat er +dies nicht mitgebracht?« -- »Ach was, Wiseli«, fiel die Mutter ganz +lebhaft ein; »was sagst du denn, der Schreiner Andres war nie bei mir, +was kommt dir in den Sinn?« -- »Er war sicher, sicher, ganz bestimmt hier +drinnen«, beteuerte Wiseli; »gerade wie ich hereinkam, trat er so +schnell aus der Tür, daß ich fast an ihn heranrannte: hast du denn +nichts gehört?« Die Mutter war eine Zeitlang ganz stille, dann sagte +sie: »Ich habe schon gehört, daß jemand leise die Küchentür aufmachte; +erst meinte ich, du seist's, und -- es ist wahr, erst nachher hörte ich +dich hereinrennen. Bist du sicher, Wiseli, daß es der Schreiner Andres +war, der zu unserer Tür herauskam?« Wiseli war seiner Sache so sicher +und konnte so genau der Mutter sagen, wie der Rock und die Kappe vom +Schreiner Andres aussahen und wie er erschrocken war, als es so mit +einem Male an ihn heranrannte, daß die Mutter auch davon überzeugt +wurde; sie sagte wie für sich: »Dann war es der Andres, er hat es +ausgedacht, was mir so gut tun könnte.« -- »Jetzt kommt mir auch etwas in +den Sinn, Mutter«, rief auf einmal das Wiseli ganz erregt aus, »jetzt +weiß ich gewiß, wer einmal den großen Topf Honig in die Küche gestellt +hat, von dem du so gern aßest, und vor ein paar Tagen die Apfelkuchen; +weißt du, Mutter, du wolltest durch die Trine danken lassen, als sie dir +etwas Gekochtes brachte, und sie sagte, sie wisse von allem dem gar +nichts. Das hat sicher alles der Schreiner Andres heimlich in die Küche +gestellt.« + +[Illustration: Es hielt ihre Hand fest in der seinigen] + +»Das glaube ich auch«, sagte die Mutter und wischte sich die Augen. -- +»Es ist ja nichts Trauriges«, sagte Wiseli ein wenig erschrocken, als +sie die Mutter immer wieder die Augen wischen sah. + +»Du mußt ihm einmal danken, Wiseli, ich kann es nicht mehr. Sag es ihm +einmal, ich lass' ihm danken für alles Gute; er hat es so gut mit mir +gemeint. Komm, sitz ein wenig zu mir heran«, fuhr sie leise fort; »gib +mir auch noch einmal zu trinken, und dann komm und sag mir das Verslein, +was ich dich gelehrt habe.« + +Wiseli holte noch einmal Wasser und goß von dem frischen Saft hinein, +und die Mutter trank noch einmal begierig davon; dann legte sie müde +ihren Kopf auf das niedere Gesims am Fenster und winkte das Wiseli zu +sich. Es fand aber, da liege die Mutter zu hart, holte ein Kissen aus +ihrem Bett herbei und legte es sorgfältig unter den Kopf; dann setzte es +sich dicht neben sie auf den Schemel und hielt ihre Hand fest in der +seinigen, und wie sie gewünscht hatte, sagte es nun andächtig sein +Verslein her: + + »Befiehl du deine Wege, + Und was dein Herze kränkt, + Der allertreusten Pflege + Des, der den Himmel lenkt. + + Der Wolken, Luft und Winden + Gibt Wege, Lauf und Bahn, + Der wird auch Wege finden, + Da dein Fuß gehen kann.« + +Als Wiseli zu Ende war, sah es, daß die Mutter am Entschlafen war, sie +sagte nur noch mit leisem Ton: »Denk daran, Wiseli! Und wenn du einmal +keinen Weg mehr vor dir siehst und es dir ganz schwer wird, dann denk in +deinem Herzen: + + 'Er wird auch Wege finden, + Da dein Fuß gehen kann.'« + +Nun legte die Mutter sich müde hin und entschlief, und Wiseli wollte sie +nicht wecken. Es legte sich mäuschenstille an sie heran, und bald +schlief es auch ganz fest. So brannte die kleine, matte Lampe in dem +stillen Stübchen fort, immer matter, bis sie von selbst erlosch und das +Häuschen dunkel dastand auf dem hellen Mondscheinplatz. + +Als am folgenden Morgen die Nachbarin um das Haus herum zum Brunnen +ging, schaute sie durch das niedere Fenster in das Stübchen herein, wie +sie immer tat im Vorbeimarsch. Da sah sie, wie Wiselis Mutter auf dem +Kissen schlief und wie das Kind daneben stand und weinte. Das kam ihr so +sonderbar vor, sie mußte nachsehen, was da geschehen sei. Sie machte ein +wenig die Tür auf und sagte: »Was hast du, Wiseli; ist die Mutter +kränker?« Wiseli schluchzte zum Erbarmen und stöhnte hervor: »Ich weiß +nicht, was die Mutter hat.« + +Das arme Kind ahnte wohl, was mit der Mutter war, aber es konnte ja +nicht begreifen, daß es sie verloren hatte. Sie war ja noch da, aber sie +war entschlafen für das ganze Erdenleben, sie hörte nicht mehr, wie ihr +Wiseli sie rief. Die Nachbarin trat zu dem Kissen am Fenster und schaute +die schlafende Frau an; dann trat sie erschrocken zurück und sagte: »Geh +schnell, Wiseli, lauf und hol deinen Vetter-Götti, er soll auf der +Stelle herkommen, du hast ja sonst niemand, und es muß jemand zu der +Sache sehen; lauf recht, ich will warten, bis du wiederkommst.« Das Kind +lief davon, aber es konnte nicht lange so weiter laufen, sein Herz war +so schwer und alle seine Glieder zitterten so sehr, daß Wiseli auf +einmal mitten auf dem Wege sich hinsetzen und laut weinen mußte, denn +jetzt wurde es ihm immer deutlicher in seinem Herzen, daß die Mutter +nicht mehr erwachen werde. Es stand dann wieder auf und lief weiter, +aber zu weinen konnte es nicht mehr aufhören, denn in seinem Herzen +wurde der Jammer immer größer. Am Buchenrain, wohl eine Viertelstunde +von der Kirche weg, stand das Haus von dem Vetter-Götti, wo Wiseli jetzt +eben ankam und weinend unter die Tür trat. Die Base stand in der Küche +und fragte kurz: »Was ist mit dir?« Wiseli sagte halblaut zwischen dem +Schluchzen durch, die Nachbarin habe es geschickt, daß der Vetter-Götti +schnell komme zur Mutter. Die Base sah das Kind an, sie mochte denken, +es sei mit der Mutter schlimm, denn weniger barsch, als sie sonst +redete, sagte sie: »Ich will es ihm sagen, geh nur wieder heim, er ist +jetzt nicht da.« Da kehrte Wiseli wieder um und kam schneller zurück, +als es vorwärts gekommen war, denn es ging ja noch zur Mutter. Die +Nachbarin stand vor der Tür, drinnen hatte sie nicht warten wollen, es +war ihr nicht heimlich. Aber das Wiseli schlich hinein und setzte sich +ganz nahe zur Mutter, so wie es die Nacht durch neben ihr gesessen +hatte; da saß es ganz still und weinte und von Zeit zu Zeit sagte es +halblaut: »Mutter!« Sie gab keine Antwort mehr. Da sagte Wiseli, sich zu +ihr hinbeugend: »Gelt, Mutter, du hörst mich wohl, wenn du jetzt schon +im Himmel bist, und ich dich nicht mehr hören kann.« So saß das Wiseli +noch neben seiner Mutter und hielt sie fest, als schon die Mittagszeit +vorüber war. Da trat der Vetter-Götti in das Stübchen, schaute sich ein +wenig darin um und rief dann die Nachbarin herein. »Ihr müßt die Frau +hier zurecht machen, Ihr wißt schon, wie ich meine«, sagte er, »so daß +alles fertig ist zum Wegholen. Dann nehmt den Schlüssel zu Euch, daß da +nichts wegkommt.« Dann wandte er sich zu Wiseli und sagte: »Wo sind +deine Kleider, Kleines? Such sie zusammen und pack sie in ein +Bündelchen, dann gehen wir.« -- »Wohin gehen wir denn?« fragte Wiseli +zaghaft. -- »Heim gehen wir«, war die Antwort; »an den Buchenrain, da +kannst du bei uns sein, du hast niemand mehr auf der Welt, als deinen +Vetter-Götti.« Das Wiseli befiel ein lähmender Schrecken, -- nach dem +Buchenrain sollte es gehen und da daheim sein. Es hatte von jeher eine +große Furcht vor der Base gehabt und jedesmal eine Zeitlang vor der Tür +gewartet, wenn es dem Vetter-Götti etwas hatte berichten müssen, aus +lauter Angst, die Base fahre es an. Dann war der älteste Sohn im Hause, +der gewalttätige Chäppi, und dann kamen noch der Hans und der Rudi, die +warfen allen Kindern Steine nach. Bei denen sollte es nun daheim sein. + +Das Wiseli stand bleich und unbeweglich vor Schrecken da. »Du mußt dich +nicht fürchten, Kleines«, sagte der Vetter-Götti freundlich; »es sind +wohl mehr Leute bei uns im Hause als da, aber das ist desto lustiger für +dich.« Wiseli legte still seine Sachen zusammen in ein Tuch und knüpfte +je zwei Zipfel davon kreuzweis ineinander; dann band es sein Tüchlein um +den Kopf und stand fertig da. + +»So«, sagte der Vetter, »nun gehen wir«, und schritt der Tür zu. Auf +einmal schluchzte Wiseli laut auf: »Dann muß ja die Mutter ganz allein +sein.« + +Es war wieder zu ihr hingelaufen und hielt sie fest. + +Der Vetter-Götti stand ein wenig verblüfft da; er wußte nicht recht, wie +er dem Kinde erklären sollte, wie es mit seiner Mutter sei, wenn es das +nicht von selbst begriff, denn Erklären war nicht seine Sache, das hatte +er nie probiert; er sagte also: »Komm jetzt, komm! Ein Kleines, wie du +eins bist, muß folgen; komm und mach nur kein Geschrei, das hilft gar +nichts.« Wiseli würgte sein Schluchzen hinunter und folgte lautlos dem +Vetter-Götti durch die Tür nach. Nur einmal sah es noch zurück und sagte +ganz leise: »Behüte Gott, Mutter!« Dann wanderte es mit seinem +Bündelchen am Arm aus dem kleinen Hause, wo es daheim gewesen war. Eben +als die beiden miteinander querfeldein gingen, kam von oben herunter die +Trine gegangen, einen gedeckten Korb am Arm tragend. Noch stand die +Nachbarin unter der Tür und schaute dem Vetter-Götti und dem Kinde nach. +Die Trine trat auf sie zu und sagte: »Heute bring' ich der kranken Frau +was Rechtes, aber ein wenig spät, wir haben den Herrn Onkel zum Besuch, +da wird es immer spät.« -- »Und wenn Ihr auch am Morgen früh gekommen +wäret, so wäret Ihr zu spät gekommen heut', sie ist in der Nacht +gestorben.« -- »Es wird doch nicht sein«, rief die Trine erschrocken aus; +»ach du mein Trost, was wird meine Frau sagen.« Damit kehrte die Trine +um und lief stracks ihren Weg zurück. + +Die Nachbarin trat in das stille Stüblein ein und machte Wiselis Mutter +so zurecht, wie sie in ihrem letzten Bettlein liegen mußte. + + + + +Viertes Kapitel. + +Beim Vetter-Götti. + + +Als das Wiseli hinter dem Vetter-Götti drein in das Haus hereintrat am +Buchenrain, da kamen die drei Buben aus der Scheune hergestürzt, liefen +hinter der Ankommenden her in die Stube herein und stellten sich mitten +drin auf, und alle drei sperrten die Augen auf an das Wiseli hinan, das +ganz schüchtern dastand. Aus der Küche kam die Base herein und schaute +das Wiseli ebenfalls an, wie wenn sie es noch nie gesehen hätte. + +Der Vetter-Götti setzte sich hinter den Tisch und sagte: »Ich meine, man +könnte etwas nehmen; das Kleine hat, denk' ich, heut' noch wenig gehabt. +Komm, sitz ab«, sagte er, zu Wiseli gewandt, das immer noch auf +demselben Platze stand, sein Bündelchen in der Hand. Es gehorchte. Jetzt +holte die Base Most und Käse und legte das große Schwarzbrot auf den +Tisch. Der Vetter-Götti schnitt ein tüchtiges Stück ab und legte einen +Brocken Käse darauf, dann schob er es vor das Kind hin: »Da, iß, +Kleines, wirst wohl Hunger haben.« + +»Nein, ich danke«, sagte Wiseli leise; es hätte keinen Brosamen +herunterschlucken können, denn Leid und Angst und Weh schnürten es so +zusammen bis an den Hals hinauf, daß es kaum atmen konnte. Die Buben +standen immer da und starrten es an. »Mußt dich nicht fürchten«, sagte +der Vetter-Götti ermunternd, »iß nur zu.« Aber das Wiseli saß +unbeweglich und berührte sein Brot nicht. Die Base war bis jetzt auch +geblieben und hatte das Kind angeschaut von oben bis unten, mit beiden +Armen in die Seite gestemmt. »Wenn's dir nicht recht ist, so kannst du's +nur bleiben lassen«, sagte sie nun, kehrte sich um und ging wieder in +die Küche. + +Als der Vetter-Götti sich genugsam erfrischt hatte, stand er auf und +sagte: »Nimm's in die Tasche, nachher kommt's dir schon, daß du essen +magst, mußt dich nur nicht fürchten.« Damit ging auch er in die Küche +hinaus. Wiseli wollte gehorchen und die beiden Stücke in die Tasche +stecken, aber diese war viel zu klein, es legte wieder alles auf den +Tisch. + +»Ich will dir schon helfen«, sagte Chäppi, schnappte die Stücke vom +Tisch weg und wollte sie zu dem offenen Mund führen, sie fuhren aber in +die Luft hinauf, denn der Hans hatte von unten herauf Chäppis Hand einen +tüchtigen Puff gegeben, damit ihr die Beute entfalle und er sie +erwische; in dem Augenblick aber huschte der Rudi schnell auf den Boden +und haschte den Fang weg. Jetzt stürzten die beiden Größeren auf ihn, +und einer fiel über den anderen hinaus, und nun ging es an ein Schlagen +und Raufen und Lärmen und Heulen, daß es dem Wiseli angst und bange +wurde. Jetzt machte der Vater die Küchentür wieder auf und rief in die +Stube hinein: »Was ist das?« Da riefen die drei Buben am Boden alle +durcheinander, und es tönte immer wieder: »Das Wiseli wollte nicht«, +»das Wiseli hatte keinen« und »weil das Wiseli keins wollte«. Da rief +der Vater noch lauter: »Wenn das nicht aufhört da drinnen, so will ich +mit dem Lederriemen kommen!« Dann schlug er die Tür wieder zu. Das »da +drinnen« hörte aber noch nicht auf, sondern sowie die Tür zu war, ging's +erst recht los, denn der Hans hatte erfunden, daß das wirksamste Mittel, +den Feind zu erschrecken, sei, ihm in die Haare zu fahren, was die +anderen sogleich auch begriffen, und so standen sie nun alle drei jeder +mit beiden Händen an den Haaren eines anderen reißend und dazu ein +fürchterliches Geschrei ausstoßend. In der Küche saß die Base auf einem +Schemel und schälte Kartoffeln. Als ihr Mann die Stubentür wieder +zugemacht hatte, sagte sie: »Was hast du mit dem Kind im Sinn? Warum +hast du es gleich mit heimgenommen?« + +»Es wird, denk' ich, bei jemandem sein müssen; ich bin der Vetter-Götti, +und andere Verwandte hat es keine mehr. Und du kannst es ja schon +brauchen; so etwas wie du dort machst, kann es dann machen. So kannst du +etwas Besonderes tun. Du sagst ja immer, die Buben geben dir mehr zu +tun, als eben recht.« + +»Ja wegen dessen«, warf die Base hin, »das wird eine schöne Hilfe sein. +Du kannst ja hören, wie es zugeht drinnen in der ersten Viertelstunde +schon, daß es da ist.« + +»Das habe ich schon manchmal gehört, lang eh' das Kleine da war; es hat, +denk' ich, nicht viel damit zu tun«, sagte der Vetter ruhig. + +»So«, entgegnete die Base eifrig, »hast du denn nicht gehört, daß sie +alle miteinander etwas von dem Wiseli riefen?« + +»Sie werden etwas rufen müssen, das war nie anders«, meinte der Vetter. +»Diesem Kleinen wirst du, denk' ich, wohl noch Meister werden, es ist +kein bösartiges, das habe ich schon gemerkt, es kann auch folgen, +besser als die Buben.« Das war der Base fast zu viel. »Ich meine, es war +nicht nötig, daß man es jetzt schon gegen die Buben aufstifte«, sagte +sie, die Häute immer schneller von den Kartoffeln abreißend, »und dann +möchte ich nur das wissen, wo das Kind schlafen soll.« + +Der Vetter schob ein paarmal die Kappe auf seinem Kopf hin und her, dann +sagte er geruhlich: »Man kann nicht alles an einem Tag machen. Es wird +wohl bis jetzt in einem Bett geschlafen haben, denk' ich, und das wird +es wieder bekommen. Morgen will ich dann zum Pfarrer gehen; heut' kann +es auf der Ofenbank schlafen, da ist's ja warm. Dann kann man einen +Verschlag machen, wo es in unsere Kammer hineingeht; da kann man sein +Bett hineinschieben.« + +»Ich habe mein Lebtag nie gehört, daß man zuerst das Kind bringt und +dann acht Tage nachher das Bett, das dazu gehört«, warf die Base hin, +»und dann möcht' ich auch wissen, wer das bezahlen muß, wenn man noch +bauen soll, um des Kindes willen.« + +»Wenn uns die Gemeinde das Kleine zuerkennt, so muß sie auch etwas an +den Unterhalt geben«, erklärte der Vetter; »ich nehme es dann noch immer +billiger an, als ein anderer es tun würde; es ist ihm auch am wohlsten +bei uns.« + +Mit dieser Überzeugung ging der Vetter in den Stall hinaus und rief noch +zurück, der Chäppi solle ihm nachkommen. Es war schwierig für die Base, +sich Gehör zu verschaffen drinnen in der Stube, als sie den Auftrag +ausrichten wollte. Da standen noch die drei im hitzigsten Gefecht, vom +lautesten Kriegsgeschrei begleitet. »Es nimmt mich nur wunder, daß du +dem so zusiehst und kein Wort zum Frieden sagst«, warf die Base dem +Wiseli hin, das sich scheu an die Wand drückte und sich kaum rühren +durfte. Nun wurde der Chäppi in den Stall geschickt, und die beiden +anderen liefen ihm nach. »Kannst du stricken?« fragte dann die Base das +Wiseli; es sagte schüchtern: ja, Strümpfe könne es stricken. »So nimm +die«, sagte die Base und nahm aus dem Schrank einen großen braunen +Strumpf heraus mit einem Garn fast so dick wie Wiselis Finger. »Du bist +am Fuß, gib acht, daß er nicht zu kurz wird, er ist für den +Vetter-Götti.« Nun ging sie wieder in die Küche, und Wiseli setzte sich +auf die Ofenbank und mußte den langen Strumpf auf seinem Schoß +zusammenhalten, der war so schwer, daß er ihm ganz die Hände +herunterzog, wenn er hing, so daß es die Nadeln nicht führen konnte. Es +hatte aber kaum recht angefangen an seiner Arbeit, als die Base wieder +hereinkam. »Du kannst jetzt herauskommen in die Küche«, sagte sie; »du +kannst sehen, wie ich alles mache, so kannst du mir an die Hand gehen +nach und nach.« Wiseli gehorchte und sah draußen der Base zu, so viel es +konnte; aber immer schossen ihm wieder die Tränen in die Augen, und dann +sah es nichts mehr, denn es mußte denken, wie es war, wenn es so der +Mutter nachlief in die Küche, und wie sie mit ihm redete und es immer +wieder streichelte, und es an ihr hing. Es fühlte aber wohl, daß es +nicht herausweinen dürfe, und schluckte und schluckte, daß es fast +meinte, es werde erwürgt. Die Base sagte ein paarmal: »Gib acht! so +weißt du's nachher.« Sie ließ es dann aber stehen und fuhr in der Küche +herum. So ging es eine gute Zeit lang, dann hörte man ein ganz +erschreckliches Gestampfe auf dem Hausgang, und die Base sagte: »Mach +schnell die Tür auf, sie kommen«; denn der Lärm kam vom Vetter und den +Buben her, die draußen den Schnee von den Schuhen stampften. Wiseli +machte die Tür nach der Stube auf und die Base hob eine große Pfanne vom +Feuer und fuhr eilends damit in die Stube hinein, wo sie den ganzen +Haufen geschwelter Kartoffeln auf den Schiefertafeltisch ausschüttete. +Dann lief sie zurück und brachte ein großes Becken voll saurer Milch +herein und sagte: »Leg auf den Tisch, was in der Schublade liegt, so +können sie zusitzen.« Wiseli zog schnell die Schublade aus, da lagen +fünf Löffel und fünf Messer, die legte es hin, und nun war der +Abendtisch fertig. Der Vetter und die Buben waren hereingekommen und +saßen gleich fest auf den Bänken am Tisch den Fenstern entlang. Unten am +Tisch stand ein Stuhl; darauf hin wies nun der Vetter-Götti und sagte: +»Es kann, denk' ich, dort sitzen, oder nicht?« + +»Freilich«, sagte die Base, die auch einen Stuhl für sich bereit hatte +auf der Seite gegen die Küche zu, sie saß aber nur eine Sekunde darauf +still, dann lief sie wieder in die Küche und kam zurück und saß +geschwind wieder zu einem Löffel voll Milch nieder; dann lief sie von +neuem. Es wußte niemand, warum das so sein mußte, denn das Kochen war ja +ganz zu Ende; aber es war immer so, und wenn der Vetter einmal sagte: +»Sitz doch und iß einmal«, so kam sie erst recht in die Eile und sagte, +sie habe nicht Zeit, so lang zu sitzen, und der Sache draußen werde wohl +jemand nachsehen müssen. Als sie jetzt zum zweiten Male hereingeschossen +kam und eilig eine Kartoffel schälte, fiel ihr Wiselis Untätigkeit auf, +das neben ihr saß, die Hände in den Schoß gelegt. »Warum issest du +nicht?« fuhr sie es an. »Es hat keinen Löffel«, sagte Rudi, der auf der +anderen Seite neben ihm saß und schon lange den Grund herausgefunden +hatte, warum jemand an einem Tisch sitzen kann, ohne zu essen, solange +noch etwas da ist. »Ja so«, sagte die Base; »wem wäre es aber auch in +den Sinn gekommen, daß man auf einmal sechs Löffel haben muß, man +brauchte ja immer nur fünf, und ein Messer wird auch sein müssen. Warum +kannst du aber auch nichts sagen? du wirst wohl wissen, daß man zum +Essen einen Löffel braucht.« Diese Worte waren an das Wiseli gerichtet. + +Es schaute die Base scheu an und sagte leise: »Es ist gleich, ich +brauche keinen, ich habe keinen Hunger.« -- »Warum nicht?« fragte die +Base; »bist du anders gewöhnt? Ich habe nicht im Sinn, zu ändern.« -- »Es +ist, denk' ich, besser, man lasse das Kleine zuerst ein wenig gehen, man +muß es nicht zu fürchten machen«, sagte der Vetter-Götti +beschwichtigend; »es kommt schon besser.« Nun ließ man das Wiseli in +Ruh', die anderen setzten ihre Tätigkeit noch eine gute Zeit lang fort. +Das Kind saß unbeweglich dabei, bis endlich der Vater aufstand, noch +einmal die Pelzkappe vom Nagel nahm und nach der Stallaterne suchte, +denn der Fleck sei krank geworden, da mußte er noch einmal hinaus. Der +Tisch war schnell wieder in Ordnung. Die Kartoffelschalen wurden mit den +Händen in das leere Milchbecken heruntergewischt, dann die Schiefertafel +abgewaschen, und wie die Base damit zu Ende war, sagte sie, zu Wiseli +gewandt: »Du hast gesehen, wie ich's mache, das kannst du von nun an +tun.« Jetzt setzte sich der Chäppi wieder fest hinter den Tisch; er +hatte seinen Griffel und sein Rechenbuch geholt und machte Anstalten, +seine Rechnungsaufgaben vor sich auf den Tisch zu schreiben. Erst +starrte er aber eine Weile auf das Wiseli hin, das seinen braunen +Strumpf wieder vorgenommen hatte, aber sehr hilflos dasaß, denn es +konnte keine Masche sehen in seinem Winkel, und zum Tisch zu sitzen, auf +dem die trübe Öllampe stand, wagte es nicht. + +»Du wirst auch etwas tun können«, rief auf einmal Chäppi erbost zu ihm +hinüber, »du bist nicht das Geschickteste in der Schule.« Wiseli wußte +nicht, was sagen, es war ja gar nicht in der Schule gewesen heute, und +es wußte nicht, was zu tun war, es war ja überhaupt ganz aus aller +Ordnung und Fassung. »Wenn ich rechnen muß, so mußt du auch, oder dann +tu' ich's auch nicht«, rief der Chäppi wieder. Wiseli hielt sich +mäuschenstill. »So, dann ist's recht«, fuhr Chäppi lärmend fort, »so tu' +ich keinen Strich mehr an der Arbeit.« Damit warf er seinen Griffel weg. +»So, so, dann tu' ich auch nichts«, rief der Hans aus und steckte ganz +erleichtert sein Einmaleins wieder in den Schulsack, denn das Lernen war +ihm das Bitterste, das er kannte. -- »Ich will es schon dem Lehrer sagen, +wer an allem schuld ist«, fing Chäppi wieder an, »du kannst dann nur +sehen, wie es dir geht.« So hätte Chäppi wohl noch eine Zeitlang seinem +bösen Wesen Luft gemacht, wenn nicht der Vater schon aus dem Stall +zurückgekommen wäre. Er trug zwei große, leere Futtersäcke auf der +Achsel herein und kam damit auf den Tisch zugeschritten. »Mach Platz«, +sagte er zu Chäppi, der beide Ellbogen auf den Tisch gestemmt hielt und +den Kopf darauf. Dann breitete er die Säcke aus, faltete sie zusammen, +noch einmal und noch einmal; dann ging er nach der Ofenbank und legte +das Paket darauf hin. »So«, sagte er befriedigt, »das ist gut! Und wo +hast dein Bündelchen, Kleines?« Wiseli holte es aus einer Ecke hervor, +wo es bis jetzt gelegen hatte, und schaute mit Erstaunen zu, wie der +Vetter-Götti das Bündelchen am oberen Ende des Pakets auf die Ofenbank +hin drückte, daß es nicht so ganz kugelrund bleibe. + +»So, da kannst du schlafen«, sagte er nun, zu Wiseli sich umkehrend; +»frieren mußt du nicht, der Ofen ist heiß, und auf das Bündelchen kannst +du den Kopf legen, so liegst du wie im Bett. Und mit euch dreien ist's +auch Zeit ins Bett, hurtig!« Damit nahm er die Öllampe vom Tisch und +ging der Küche zu, die drei Buben stampften hinter ihm her. Bei der Tür +kehrte er sich noch einmal um und sagte: »So schlaf wohl. Mußt nicht +mehr nachsinnen heut', denn es kommt dann schon besser.« Dann ging er +hinaus. Nun kam die Base noch einmal herein mit einem Öllämpchen in der +Hand und beschaute sich das Lager. »Kannst du liegen da?« fragte sie. +»Du hast es ja warm hier am Ofen, manches hat kein Bett und muß dazu +erst noch frieren; es kann dir auch noch so gehen, sei du nur froh, daß +du einstweilen unter einem guten Dach bist. Gute Nacht!« -- »Gute Nacht!« +sagte Wiseli leise zurück; die Base hatte es aber jedenfalls nicht +gehört, denn sie war schon halb draußen, als sie gute Nacht wünschte, +und hatte die Tür gleich hinter sich zugemacht. Jetzt saß Wiseli da in +der dunkeln Stube, alles war auf einmal ganz still ringsum, es hörte +keinen Ton mehr. Der Mond schien ein wenig durch das eine Fenster +herein, so daß Wiseli wieder erkennen konnte, wo die Ofenbank war, +darauf es schlafen sollte. Es ging nun gleich dahin und setzte sich auf +sein Lager. Zum ersten Male heute, seit es die Mutter verlassen hatte, +war es nun allein und konnte sich besinnen, was mit ihm war. Die ganze +Zeit bis jetzt war es in einer steten Spannung gewesen, denn alles hatte +ihm Angst und Furcht eingeflößt, was es gesehen und gehört hatte, seit +es von der Mutter weg war, und noch hatte es gar nicht weiter gedacht, +nur von einem Augenblick auf den anderen sich gefürchtet. Nun saß es da, +zum ersten Male in seinem Leben ohne die Mutter, und ganz klar und +deutlich kam ihm nun der Gedanke, daß es sie gar nie mehr sehen werde, +daß es gar nie mehr mit ihr reden und sie hören könnte. Jetzt kam auf +einmal ein solches Gefühl der Verlassenheit über das Wiseli, daß es ihm +gerade vorkam, als sei es mutterseelenallein und verloren auf der Welt, +und gar kein Mensch kümmere sich mehr um es, und so müsse es nun ganz +allein und im Dunkeln bleiben und umkommen. Und über das Wiseli kam ein +solches Elend, daß es den Kopf auf sein Bündelchen drückte und ganz +bitterlich zu weinen anfing und trostlos einmal über das andere sagte: +»Mutter, kannst du mich nicht hören? Mutter, hörst du mich nicht?« Aber +die Mutter hatte dem Wiseli oft gesagt, wenn es einem Menschen schlimm +gehe und er leiden müsse, dann sei er froh, daß er zum lieben Gott im +Himmel schreien könne, der höre ihn immer an und wolle ihm gern helfen, +wenn gar keine Menschen ihm mehr zuhören wollen oder helfen können. Das +kam dem Wiseli in den Sinn, und auf einmal saß es wieder auf und +schluchzte laut: »Ach, lieber Gott im Himmel, hilf mir auch. Es ist +mir so angst, und die Mutter hört mich nicht mehr!« Und so betete es +zwei- oder dreimal, und dann wurde es ein wenig stiller und ruhiger; es +gab ihm einen Trost ins Herz, nun es fühlte, daß doch der liebe Gott im +Himmel noch da sei, zu dem es eben gerufen hatte, so war es doch nicht +ganz, ganz allein. Jetzt stiegen ihm auch die Worte auf, die ihm die +Mutter ganz zuletzt noch gesagt hatte: »Wenn du einmal keinen Weg mehr +vor dir siehst und es dir ganz schwer wird« -- so war es jetzt schon +gekommen, und doch hatte es noch nicht gewußt, wie das kommen konnte, +als die Mutter so sagte --, dann, hatte sie gesagt, solle es daran +denken, wie es heiße in seinem Liede: + + »Er wird auch Wege finden, + Da dein Fuß gehen kann.« + +Jetzt verstand auch Wiseli mit einem Male, was die Worte bedeuteten, die +es vorher nur so hingesagt hatte, denn es war noch nie in der Angst +gewesen. Aber jetzt war es ja geradeso, daß es gar keinen Weg mehr vor +sich sah und dachte, mit ihm sei es ganz aus, denn vor ihm stand gar +nichts mehr als ein großer Schrecken vor jedem Augenblick in des +Vetter-Göttis Haus. Es kam aber jetzt ein rechter Trost in sein Herz, +wie es wieder und wieder so sagte: + + »Er wird auch Wege finden, + Da dein Fuß gehen kann.« + +So hatte Wiseli noch gar nie empfunden, was es sei, einen lieben Gott im +Himmel zu haben, zu dem man rufen kann, wenn man sonst von gar niemandem +mehr gehört wird; gar nie bis jetzt hatte es gewußt, wie wohl das tun +kann. Es faltete jetzt ganz still seine Hände und fing sein Lied von +vorn an, denn es wollte so gern noch etwas mehr vor dem lieben Gott +sagen und zu ihm hinauf beten; es sagte auch jedes Wort mit seinem +ganzen Herzen, wie nie vorher: + + »Befiehl du deine Wege, + Und was dein Herze kränkt, + Der allertreusten Pflege + Des, der den Himmel lenkt. + + Der Wolken, Luft und Winden + Gibt Wege, Lauf und Bahn, + Der wird auch Wege finden, + Da dein Fuß gehen kann.« + +Es war eine beruhigende Zuversicht in des Kindes Herz gefallen; nachdem +es mit Vertrauen die letzten Worte noch einmal gesagt hatte, legte es +seinen Kopf wieder auf das Bündelchen und schlief augenblicklich ein. + +Jetzt träumte es dem Wiseli, es sehe einen schönen, weißen Weg vor sich, +ganz trocken und hell von der Sonne beschienen, der ging zwischen lauter +roten Nelken und Rosen durch, und war so lockend anzusehn, daß man +gleich hätte darauf hüpfen und springen mögen. Und neben dem Wiseli +stand seine Mutter und hielt es liebevoll bei der Hand, wie immer, und +dabei zeigte sie auf den Weg hin und sagte: »Sieh, Wiseli, das ist dein +Weg! Habe ich nicht zu dir gesagt: + + 'Er wird auch Wege finden, + Da dein Fuß gehen kann'?« + +Und das Wiseli war sehr glücklich in seinem Traume, und auf seinem +Bündelchen schlief es so gut, als läge es in einem weichen Bette. + + + + +Fünftes Kapitel. + +Wie es weiter geht und Sommer wird. + + +Als die alte Trine mit dem Bericht auf die Halde zurückkam, daß Wiselis +Mutter gestorben und das Kind soeben von seinem Vetter-Götti geholt +worden sei, entstand ein großer Aufruhr im Hause. Die Mutter konnte sich +des Klagens und Jammerns nicht erwehren darüber, daß sie den Besuch bei +der Kranken nicht mehr gemacht hatte, den sie zu machen sich schon seit +einigen Tagen bestimmt vorgenommen; aber sie hatte keine Ahnung gehabt, +daß das Ende der armen Frau so nahe sein konnte; sie war sehr betrübt +und ergriffen. + +Derweilen lief Otto mit ungeheuren Schritten der Aufregung das Zimmer +auf und nieder und rief zornentbrannt einmal ums andere aus: »Es ist +eine Ungerechtigkeit! Es ist eine Ungerechtigkeit! Aber wenn er ihm +etwas zuleide tut, dann kann er nachher nur seine Rippen zählen, wie +manche davon noch ganz ist!« + +»Wen meinst du denn eigentlich, Otto, von wem sprichst du?« unterbrach +die Mutter den eifernden Sohn. + +»Vom Chäppi«, erwiderte er; »was kann er dem Wiseli alles tun, wenn es +mit ihm zusammenwohnen muß! Das ist eine Ungerechtigkeit! Aber er soll +es nur probieren --.« Hier wurde Otto wieder unterbrochen, indem ein +wiederholtes, heftiges Stampfen seine Stimme übertönte. + +»Was machst du für ein hirnerschütterndes Gerumpel, du Miez hinter dem +Ofen!« rief er aus, indem er seine Aufregung nun nach dieser Seite +wandte. Miezchen kam hinter dem Ofen hervor und stampfte noch einmal mit +großer Gewalt auf den Boden, denn es war bemüht, seine Füße wieder in +die völlig nassen Stiefel hineinzuzwingen, welche ihm die alte Trine vor +kurzer Zeit mit der größten Mühe ausgezogen hatte. Die Arbeit war sehr +schwierig, und feuerrot von Anstrengung keuchte Miezchen hervor: »Du +kannst sehen, daß ich so tun muß; kein Mensch kann in diese Stiefel +hineinkommen ohne Stampfen.« + +»Und warum müssen denn die Stiefel wieder an die Füße, da ich sie gerade +eben weggenommen habe, damit sie nicht mehr dran seien? möchte ich +wissen«, sagte die Trine, die noch im Zimmer stand. + +»Ich gehe nach dem Buchenraine und hole auf der Stelle das Wiseli zu +uns, es kann mein Bett haben«, erklärte das Miezchen entschlossen. +Ebenso entschlossen kam jetzt die alte Trine auf das Miezchen +zugeschritten, hob es in die Höhe, setzte es fest auf einen Stuhl und +zog mit einem Ruck den halb angezwängten Stiefel wieder weg, fand aber +doch für gut, das zappelnde Kind zu beschwichtigen, indem sie zustimmend +sagte: »Schon recht! Schon recht! Aber ich will's schon für dich +besorgen, du brauchst nicht zwei Paar Strümpfe und zwei Paar Schuhe +dafür durchzumachen. Dein Bett kannst du schon geben, du kannst dann nur +in die Rumpelkammer hinaufziehen zum Schlafen, da ist Platz genug.« Aber +das Miezchen hatte ganz andere Gedanken. Es hatte aufgefunden, daß es +sich plötzlich von einem großen und täglich wiederkehrenden Ungemach +befreien könne, und hatte fest im Sinne, es zu tun. Jeden Abend nämlich, +gerade wenn Miezchen im besten Zuge der Unterhaltung war, erscholl auf +einmal der Befehl, aufzupacken und ins Bett zu gehen. Hierauf erfolgten +jedesmal große innere, häufig auch äußere Kämpfe, die waren peinlich und +dazu noch nutzlos. Wenn es nun sein Bett an das Wiseli verschenkt hatte, +so war mit einem Male allem abgeholfen, denn da war keins mehr +vorhanden, und Miezchen konnte für immer aufbleiben. Diese Aussicht +beglückte das Miezchen so sehr, daß alle seine Gedanken darauf +gerichtet waren und es erst gar nicht bemerkte, wie die schlaue Trine +nur darauf bedacht war, ohne Kampf der nassen Stiefel habhaft zu werden, +ihr aber gar nicht einfiel, das Wiseli zu holen. Als sie nun befriedigt +mit ihren Stiefeln davonging und Miezchen die Täuschung entdeckte, fing +es einen so mörderlichen Lärm an, daß Otto sich beide Ohren zuhalten und +die Mutter ernstlich einschreiten mußte. Sie versprach dann dem +Miezchen, die Sache mit dem Papa besprechen zu wollen, sobald er erst +wieder zu Hause sein würde, denn er war an dem Morgen dieses Tages mit +Onkel Max abgereist, um einen lange verabredeten Besuch bei einem alten +Freund zu machen. So wurde denn endlich die Ruhe und der Friede im Hause +wiederhergestellt. Erst nach vier Tagen kamen die Herren von ihrem +Ausfluge zurück, und die Mutter hielt Wort: das erste, was sie mit dem +Vater besprach noch am Abend seiner Ankunft, war Wiselis Verwaistsein +und sein neues Unterkommen, und es wurde gleich beschlossen, der Vater +sollte am folgenden Tag hingehen, um sich mit dem Herrn Pfarrer zu +beraten, was etwa für Wiseli getan werden könnte. Dies wurde denn +ausgeführt, und der Oberst brachte die Nachricht, daß am vergangenen +Sonntag, zwei Tage vorher, der Gemeindevorstand die Sache schon geordnet +hatte, wie sie nun bleiben würde. Wiseli sollte ein Unterkommen haben, +und da seine Mutter nichts hinterlassen hatte, mußte die Gemeinde für +das Kind sorgen, bis es selbst sein Brot verdienen konnte. Nun hatte der +Vetter-Götti sich gleich angeboten, das Kind um ein weniges bei sich zu +behalten, da er einen Akt der Wohltätigkeit an ihm auszuüben gedachte. +Er war als ein rechtschaffener Mensch bekannt, und da seine Forderung so +billig war, wurde ihm von dem Vorstand das Kind sehr bereitwillig +zuerkannt, und so war es denn fest und unabänderlich, daß Wiselis neue +Heimat das Haus des Vetter-Götti geworden war. + +»Es ist eigentlich gut so«, sagte der Oberst zu seiner Frau; »das Kind +ist wohlversorgt da; was hätte man auch mit ihm machen wollen, es ist ja +noch viel zu klein, um irgendwo angestellt zu werden, und alle +elternlosen Kinder kannst du doch nicht ins Haus nehmen, du müßtest denn +ein Waisenhaus gründen.« Seine Frau war ein wenig bestürzt über die +Nachricht, daß schon alles festgesetzt sei; sie hatte gehofft, es würde +sich noch ein anderes Unterkommen für das Kind finden, denn das zarte +Wiseli in dem Hause zu wissen, wo es viel Roheit hören und fühlen mußte, +tat ihr sehr leid; doch hätte auch sie keinen bestimmten Rat gewußt, und +nun war auch weiter nichts mehr zu tun, als die Sache anzunehmen und +sich etwa nach dem Kinde umzusehen. Als am Morgen darauf Otto und +Miezchen hörten, wie es mit Wiseli stehe, da brach freilich noch einmal +ein Sturm los; Otto erklärte Wiselis Versorgung für die Versorgung eines +Daniel in der Löwengrube und probierte dabei seine Faust auf dem Tisch, +offenbar mit dem heimlichen Wunsch, sie so auf Chäppis Rücken wirken zu +lassen. Das Miezchen lärmte und heulte ein wenig, teils aus Mitleid für +Wiseli, teils aus Teilnahme für sich selbst und seine vereitelten +Hoffnungen auf ein glückliches Entrinnen aus der täglichen Betthaft. +Aber auch diese Aufregung ging vorüber wie jede andere, und die Tage +gingen wieder ihren gewohnten Gang. + +Unterdessen hatte Wiseli nach und nach sich ein wenig eingelebt in dem +Hause des Vetter-Götti. Sein Bett war angekommen, es schlief nicht mehr +auf der Ofenbank, sondern, wie der Vetter gesagt hatte, in einem +Verschlag in dem schmalen Gang zwischen der Kammer des Vetters und der +Base und derjenigen der Buben. In dem Verschlag hatte gerade sein Bett +Platz und eine kleine Kiste, worin seine Kleider lagen und auf welche es +steigen mußte, um in sein Bett zu kommen, denn da war sonst gar kein +Raum mehr. Sich zu waschen am Morgen, mußte es an den Brunnen gehen, und +wenn es etwa gar kalt war, so sagte die Base, das könne es bleiben +lassen und sich dann an einem anderen Tag waschen, wenn es wärmer sei. +Aber daran war Wiseli nicht gewöhnt; seine Mutter hatte es gelehrt, sich +recht sauber zu halten, und Wiseli wollte lieber frieren, als so +aussehen, wie es die Mutter ungern sehen würde. Freilich daheim war es +anders gewesen, wenn es am Morgen bei der Mutter in der Stube sich hatte +fertig machen können, und sie dabei immer so freundliche Worte zu ihm +geredet hatte und dann den Kaffee auf den Tisch stellte und sie beide +nebeneinander saßen, und es fröhlich seine Brocken aß, ehe es zur Schule +mußte. Das war jetzt ganz anders, und alles war so anders, sein ganzes +Leben vom Morgen bis am Abend so anders, daß oft, oft beim Erinnern an +die Mutter und an die Tage, die es bei ihr gehabt, dem Wiseli das Wasser +in die Augen schoß, und es ihm so das Herz zusammenschnürte, daß es +meinte, es könne nicht mehr weiter. Aber es wehrte sich tapfer, denn der +Vetter-Götti hatte es ungern, wenn es weinte oder traurig war, und die +Base schmälte dann mehr als je, sie konnte es gar nicht leiden. Am +liebsten war Wiseli der Augenblick, da es von allen weg allein in seinen +Verschlag steigen und so recht an die Mutter denken und sein Lied sagen +konnte. Da kam ein großer Trost in sein Herz. Es dachte dann an seinen +schönen Traum und war ganz sicher, daß der liebe Gott ihm einen Weg +suche, so wie ihn die Mutter gezeigt hatte. Wenn ihm dann auch etwa in +den Sinn kam, wie viele Menschen es auf der Welt gibt, für die der liebe +Gott zu sorgen und Wege bereit zu machen hat, und ihm dann etwa der +Zweifel aufstieg, ob er es vielleicht vergesse über all' den vielen, +dann kam ihm gleich der gute Trost ins Herz, daß ja die Mutter droben im +Himmel sei und gewiß den lieben Gott daran erinnere, daß er auch seinen +Weg nicht vergesse. Das machte das Wiseli dann ganz zuversichtlich und +froh, und es wurde nie mehr so unglücklich, wie am ersten Abend auf der +Ofenbank, sondern jeden Abend schlief es mit der ganz frohen Zuversicht +im Herzen ein: + + »Er wird auch Wege finden, + Da dein Fuß gehen kann.« + +So verging der Winter und der sonnige Frühling kam. Die Bäume wurden +grün und alle Wiesen standen voller Schlüsselblumen und weißer Anemonen, +und im Wald rief lustig der Kuckuck, und schöne, warme Lüfte zogen durch +das Land und machten alle Herzen fröhlich, so daß jeder wieder gern +leben mochte. + +Auch Wiselis Herz erfreuten die Blumen und der Sonnenschein, wenn es am +Morgen in die Schule ging und nachher wieder nach dem Buchenrain +zurückkehrte. Sonst blieb ihm keine Zeit, sich daran zu erfreuen, denn +es mußte nun streng arbeiten: jeder Augenblick, der neben der Schule +übrig blieb, mußte zu irgendeiner Arbeit benutzt werden, und manchen +halben Tag der Woche mußte es daheim bleiben und durfte gar nicht zur +Schule gehen, weil da viel Nötigeres zu tun war, wie der Vetter-Götti +und hauptsächlich die Base sagten. Die Frühlingsarbeiten hatten im Felde +begonnen und im Garten war allerhand zu tun, da mußte es mithelfen, und +wenn die Base draußen war, mußte es kochen und nachher das Geschirr +abwaschen, den Trog für die Schweinchen zurecht machen und in die +Scheune hinübertragen. Neben alledem mußten die Hemden und Hosen der +Buben geflickt werden, und noch so vieles war zu tun, daß Wiseli nie +wußte, wenn es fertig war. Den ganzen Tag durch hieß es an allen Ecken, +wo es etwas zu tun gab: »Das kann das Kind machen, es hat ja sonst +nichts zu tun«, so daß es dem Wiseli manchmal ganz schwindelig wurde, +weil es gar nicht wußte, wo anfangen und wie fertig werden. Es wußte +auch wohl, daß, wenn es damit anfing, daß es mit dem Kartoffelsamen nach +dem Acker rannte, wo der Vetter schaufelte und danach rief, die Base +sicher schmälen würde, daß es nicht zuvor in der Küche Feuer zum +Abendessen gemacht hatte, wie sie befohlen, und machte sie zuvor das +Feuer an, so zankte wieder der Chäppi, daß es nicht zuerst das Loch in +seinem Wamsärmel hatte flicken können, er hatte es ihm ja schon lang +gesagt, und jedes rief ihm zu: »Warum machst du denn das nicht, du hast +ja sonst nichts zu tun!« So war Wiseli ganz froh, wenn es in die Schule +gehen konnte, da hatte es doch eine Zeitlang Ruhe und wußte, was es tun +mußte, und dazu war es auch der Ort, wo es noch freundliche Worte bekam, +denn jedesmal, wenn die Zeit der Pause kam, oder beim Heraustreten aus +der Schule, kam der Otto zu Wiseli heran und war freundlich mit ihm und +brachte immer wieder eine Einladung von seiner Mutter, daß es etwa am +Sonntagabend zu ihnen komme, sie wollten dann allerlei Spiele zusammen +machen. Das konnte nun Wiseli nie ausführen, denn am Sonntag mußte es +den Kaffee machen, und die Base erlaubte ihm nicht, fortzugehen an dem +einzigen Tag, da es ihr etwas helfen könne, wie sie sagte. Aber es tat +doch dem Wiseli sehr wohl, daß Otto es immer wieder einlud, und nur +schon, daß er freundliche Worte zu ihm redete, es hörte deren sonst von +niemand mehr. Noch einen Grund hatte Wiseli, warum es gern zur Schule +ging; es mußte jedesmal an dem sauberen Gärtchen vom Schreiner Andres +vorbei; da schaute es so gern hinein und paßte da an der niederen Hecke +immer und immer wieder die Gelegenheit ab, den Schreiner Andres zu +sehen, denn es hatte ihm ja noch etwas von der Mutter auszurichten, das +hatte es gar nicht vergessen. Aber in das Haus hineinzugehen, dazu war +Wiseli zu schüchtern, es kannte den Mann auch zu wenig, um einen solchen +Schritt zu tun, auch hatte es eine eigene Art von Scheu vor ihm, weil er +so still war und es nur immer, wo es ihn noch getroffen, ganz freundlich +angesehen, aber fast nie etwas, oder nur so ein flüchtiges Wort zu ihm +gesagt hatte. Noch hatte Wiseli nie den Schreiner Andres erblicken +können, wie oft es auch an der Hecke stillgestanden und nach ihm +ausgeschaut hatte. + +Mai und Juni waren vorbei und die langen Sommertage waren gekommen, da +es auf dem Felde immer mehr Arbeit gibt und alle Arbeit so heiß macht. +Das merkte auch das Wiseli, wenn es vom Vetter hinausgerufen wurde und +mit einem großen schweren Rechen das Heu zusammenbringen mußte, oder mit +der breiten hölzernen Gabel wieder auseinanderwerfen, daß es an der +Sonne trockne. Oft mußte es so den ganzen Tag draußen helfen, und am +Abend war es dann so müde, daß es seine Arme kaum mehr bewegen konnte. +Das hätte es aber nicht geachtet, denn es dachte, das müsse so sein; +aber wenn es dann etwa am Abend einen Augenblick still saß, dann rief +ihm der Chäppi gleich zu: »Du wirst so gut Rechnungen zu machen haben, +wie ich; du meinst, du müssest nichts tun, und in der Schule kannst du +ja nie etwas.« Das tat dem Wiseli weh, denn es hätte gern recht fleißig +alles gelernt und wäre gern regelmäßig zur Schule gegangen, damit es +alles gut begreifen und erlernen könnte, wie viele andere, und es wußte +recht wohl, daß es fast überall zurück war. Es mußte ja so oft +unterbrechen und hatte dann gar keinen Zusammenhang, wußte auch gar +nicht, was die Aufgaben für die Schule waren. Wenn es dann so ohne +Arbeit kam und dazu ungeschickt antwortete und vieles gar nicht wußte, +schämte es sich so sehr und besonders, wenn der Lehrer ihm dann so vor +allen Kindern sagte: »Das hätte ich von dir nicht erwartet, Wiseli, du +warst immer am geschicktesten.« Dann meinte es oft, es müsse in den +Boden hineinkriechen vor Scham, und nachher weinte es auf dem ganzen +Heimweg. Aber dem Chäppi durfte es nicht antworten, es wisse ja nicht, +was machen, sonst schimpfte und lärmte er so lange, bis die Base +hereinkam und auf Chäppis Anklagen hin dem Wiseli erst recht seine +Nachlässigkeit vorwarf. Dann zerdrückte das Kind manchmal seine Tränen +und erst nachher auf seinem Kissen durfte es ihnen den Lauf lassen, und +sie kamen dann auch recht heiß und schwer, denn es war ihm so, als +hätten der liebe Gott und die Mutter es ganz vergessen und kein Mensch +auf der Welt kümmere sich um sein Leben. In seinem Kummer konnte es oft +lange sein Trostlied nicht sagen; es kam aber zu keiner Ruhe und konnte +nie einschlafen, bis es die Worte wieder recht zusammengefunden und sie +mit Andacht hatte sagen können, wenn ihm auch die frohe Zuversicht nicht +recht im Herzen aufgehen wollte. So war das Wiseli auch entschlafen an +einem schönen Juliabend, und am Morgen darauf stand es zaghaft unten am +Tisch, als die Buben sich zur Schule rüsteten; es wagte nicht, zu +fragen, ob es auch gehen dürfe, denn die Base schien keine Zeit zu einer +Antwort übrig zu haben und der Vetter war schon zur Tür hinausgegangen. + +Jetzt liefen die Buben davon. Wiseli schaute ihnen nach durch das offene +Fenster, wo sie zwischen den hohen Wiesenblumen hinsprangen und über +ihren Köpfen die weißen Schmetterlinge in der Morgensonne umherflogen. +Die Base hatte eine große Wäsche vorbereitet, mußte es wohl diese Woche +am Waschtrog zubringen? Richtig, sie rief schon nach ihm aus der Küche. +Jetzt rief auch der Vetter-Götti seinen Namen; er stand am Brunnen und +sah es am Fenster. »Mach, mach, Wiseli, es ist Zeit, die Buben sind ja +weit voraus. Das Heu ist drinnen, mach, daß du in die Schule kommst!« + +Das ließ sich Wiseli nicht zweimal sagen. Wie ein Blitz erfaßte es +seinen Schulsack und flog zur Tür hinaus. + +»Sag dem Lehrer«, rief der Vetter nach, »es gebe jetzt eine Zeitlang +keine Absenzen, er soll's nicht so genau nehmen, wir haben streng mit +dem Heu zu tun gehabt.« Wiseli lief ganz glücklich davon; so mußte es +denn nicht an den Waschtrog hin, es durfte die ganze Woche in die Schule +gehen. Wie war es so schön ringsum! Von allen Bäumen pfiffen die Vögel, +und das Gras duftete, und in der Sonne leuchteten die roten Margeritli +und die gelben Glisserli. Wiseli konnte nicht stille stehen, es war +keine Zeit dazu, aber es fühlte wohl, wie schön es war, und lief voller +Freuden mittendurch. + +An demselben Abend, als eben alle Kinder aus der dumpfen Schulstube in +den sonnigen Abendschein hinausstürmen wollten, rief der Lehrer +ernsthaften Angesichts in den Tumult hinein: »Wer hat die Woche?« + +»Der Otto, der Otto!« rief die ganze Schar und stürmte davon. + +»Otto«, sagte der Lehrer in ernstem Ton, »gestern ist hier nicht +aufgeräumt worden. Einmal will ich dir verzeihen; aber laß mich dies +nicht zum zweiten Male erfahren, sonst müßte die Strafe folgen.« + +Otto schaute einen Augenblick auf all' die Nußschalen und Papierfetzen +und Apfelschnitze, die am Boden herumlagen und sollten aufgelesen sein; +dann wandte er eilends den Kopf weg und lief ebenfalls zur Tür hinaus, +denn der Lehrer war auch schon durch seine Tür verschwunden. Draußen +stand Otto auf dem sonnigen Platz still und schaute in den goldenen +Abend hinaus und dachte: »Jetzt könnte ich heimgehen, und dann kriegte +ich die Kappe voll Kirschen, und dann könnte ich auf dem Braunen ins +Feld hinausreiten, wenn der Knecht das Heu holt, und nun soll ich +drinnen auf dem Boden Papierfetzen zusammenlesen?« -- und Otto wurde +durch seine Gedanken so aufgeregt, daß er ganz grimmig vor sich hin +sagte: »Ich wollte, es käme gerade jetzt der jüngste Tag, und das +Schulhaus und alles miteinander flöge in tausend Stücken in die Luft +hinauf!« Es blieb aber ringsum still und ruhig und von dem alles +beendenden Erdbeben waren keine Anzeichen da. Da kehrte sich endlich +Otto wieder der Schultür zu mit einem furchtbaren Grimm auf seinem +Gesicht, denn er wußte ja, in den sauren Apfel mußte nun gebissen +werden, oder morgen folgte die erniedrigende Strafe des Festsitzens, die +wollte er nicht an sich kommen lassen. Er trat ein, aber beim ersten +Schritt blieb er verwundert stehen: völlig aufgeräumt lag die Schulstube +vor ihm, kein Fetzchen und kein Stäubchen nirgends mehr zu sehen; die +Fenster standen offen und lieblich strömte die Abendluft in die geputzte +Stube hinein. In dem Augenblick trat der Lehrer aus seiner Stube und +schaute verwundert um sich und auf den starrenden Otto. Dann ging er zu +diesem hin und sagte ermunternd: »Du darfst wirklich dein Werk +anstaunen, das hätte ich dir nicht zugetraut. Du bist ein guter Schüler, +aber im Aufräumen hast du heute alle übertroffen, was sonst bei dir +nicht der Fall war.« Damit ging der Lehrer fort, und als sich Otto noch +mit einem letzten Blick überzeugt hatte, daß er die Wirklichkeit vor +sich sah, sprang er vor Freuden in zwei Sätzen die Treppe hinunter und +über den Platz weg, stürmte die Halde hinauf, und erst als er der Mutter +das wunderbare Ereignis mitteilte, fing er an zu denken, wie es sich +wohl so begeben hatte. + +»Aus Versehen wird wohl keiner für dich aufgeräumt haben«, sagte die +Mutter; »hast du etwa einen guten Freund, der sich so edelmütig für dich +aufopfert? Denk doch einmal nach, wie es sein könnte.« + +»Ich weiß es«, sagte Miezchen entschieden, das eifrig zugehört hatte. + +»Ja, wer denn?« rief Otto, teils neugierig, teils ungläubig. + +»Der Mauserhans«, erklärte Miezchen mit voller Überzeugung, »weil du ihm +einen Apfel gegeben hast vor einem Jahr.« + +»Ja, oder der Wilhelm Tell, weil ich ihm den seinigen nicht genommen +habe vor ein paar Jahren. Das wäre wohl ebenso wahrscheinlich, du Wunder +von einem Miez.« Damit rannte Otto davon, denn jetzt war's die höchste +Zeit, wollte er den Ritt ins Heu nicht verlieren. + +Unterdessen sprang das Wiseli mit vergnügtem Herzen den Berg hinunter, +vorbei an des Schreiners Andres Gärtchen, und tat noch ein paar Sprünge, +dann machte es aber plötzlich Kehrum und tat die letzten Sprünge wieder +zurück, denn es hatte im Vorbeilaufen so schöne, rote Nelken offen +gesehen in dem Garten, die mußte es noch einmal ansehen, wenn es schon +ein wenig spät war; es dachte: »Den Buben komme ich doch nach, die +machen erst auf allen Wegen noch Kugelschieben.« Die Nelken leuchteten +in der Abendsonne so schön und dufteten so herrlich über die niedere +Hecke herüber dem Wiseli zu, daß es fast nicht mehr von der Stelle fort +konnte, so wohl gefiel es ihm da. Da trat auf einmal der Schreiner +Andres aus seiner Tür heraus in das Gärtchen und kam gerade auf das +Wiseli zu. Er bot ihm die Hand über die Hecke und sagte ganz freundlich: +»Willst du eine Nelke, Wiseli?« + +»Ja, gern«, antwortete es, »und dann sollte ich Euch auch noch etwas +ausrichten von der Mutter.« + +»Von der Mutter?« fragte der Schreiner Andres im höchsten Erstaunen und +ließ die Nelken aus der Hand fallen, die er eben abgebrochen hatte. +Wiseli sprang um die Hecke herum und las sie auf; dann sah es zu dem +Manne auf, der ganz still dastand, und sagte: »Ja, noch zuallerletzt, +als die Mutter sonst nichts mehr mochte, hat sie von dem schönen Saft +getrunken, den Ihr in die Küche gestellt hattet, und er hat ihr so +wohlgetan, und dann hatte sie mir aufgetragen, ich soll Euch sagen, sie +danke Euch vielmal dafür und auch noch für alles Gute, und sie sagte +noch: 'Er hat es gut mit mir gemeint.'« Jetzt sah Wiseli, wie dem +Schreiner Andres große Tränen über die Wangen hinunterliefen; er wollte +etwas sagen, aber es kam nichts heraus. Dann drückte er dem Wiseli stark +die Hand, kehrte sich um und ging ins Haus hinein. + +Das Wiseli stand ganz verwundert da. Kein Mensch hatte um seine Mutter +geweint, und es selbst hatte nur weinen dürfen, wenn es niemand sah, +denn der Vetter wollte ja kein Geschrei, hatte er gesagt, und vor der +Base durfte es noch weniger weinen. Und nun war auf einmal jemand da, +dem kamen die Tränen, weil es etwas von der Mutter gesagt hatte. Dem +Wiseli wurde es so zumut', als wäre der Schreiner Andres sein liebster +Freund auf der Welt, und es faßte eine große Liebe zu ihm. Jetzt rannte +es mit seinen Nelken davon und war wie der Blitz am Buchenrain +angelangt, und das war gut, denn eben sah es, wie die beiden Buben dem +Haus zuliefen, und es durfte um alles nicht nach ihnen daheim ankommen. + +An diesem Abend betete Wiseli mit so frohem Herzen, daß es gar nicht +begriff, wie es gestern so verzagt hatte sein können und gar keine +Zuversicht und Freude gehabt hatte, sein Lied zu sagen. Der liebe Gott +hatte es gewiß nicht vergessen, das wollte es nicht mehr denken, heute +hatte er ihm ja so viel Freude geschickt, und beim Einschlafen sah +Wiseli noch das gute Gesicht des Schreiners Andres vor sich mit den +Tränen drin. + +Am folgenden Tage, es war nun Mittwoch, erlebte Otto vollständig +dieselbe überraschende Tatsache, wie am Tage vorher, denn er hatte sich +nicht enthalten können, mit den anderen aus der Schulstube +hinauszurennen im ersten Augenblick der Befreiung und noch diesen und +jenen Sprung zu tun. Als er dann mit gedrücktem Gemüte an seine Arbeit +gehen wollte und die Tür aufmachte -- siehe, da war schon alles getan und +die Stube in bester Ordnung. Nun fing aber die Sache an, seine Neugierde +zu stacheln; auch hatte er einen so lebendigen Dank im Herzen für den +unbekannten Wohltäter, daß es ihn drängte, den auszusprechen. Am +Donnerstag wollte er aufpassen, wie die Sache zugehe. Als nun die +Schulstunden zu Ende waren und alles forteilte, stand Otto einen +Augenblick nachdenklich an seinem Platz, er wußte nicht recht, wo er am +besten dem Wohltäter aufpassen konnte. Aber mit einem Male faßte ihn +eine Schar rüstiger Kerle, seine Klassengenossen, an allen Ecken an, und +die Stimmen riefen durcheinander: »Komm heraus! Heraus mit dir! Wir +machen Räuber, du bist der Anführer.« Otto wehrte sich ein wenig. »Ich +habe ja die Woche«, rief er. »Ach was«, scholl es zurück, »wegen einer +Viertelstunde. Komm!« Otto ließ sich fortreißen, in der Stille verließ +er sich schon ein wenig auf seinen unbekannten Freund, der ihn vor der +Strafe schützen würde; er fand es unbeschreiblich angenehm, ein solche +Fürsorge im Rücken zu haben. Aus der Viertelstunde wurde auch mehr als +eine Stunde, und Otto wäre verloren gewesen. Er keuchte nach der +Schulstube, um sein Schicksal zu vernehmen, und stieß dabei die Tür mit +solchem Gepolter auf, daß der Lehrer augenblicklich aus seiner Stube ins +Lehrzimmer heraustrat. »Was hast du gewollt, Otto?« fragte der Lehrer. +»Nur noch einmal nachsehen«, stotterte Otto, »ob auch sicher alles in +Ordnung sei.« + +»Musterhaft«, bemerkte der Lehrer. »Dein Eifer ist löblich, aber die +Türen halb einzuschlagen dabei ist nicht notwendig.« Otto ging sehr +wohlgemut von dannen. Am Freitag war er entschlossen, den Fleck nicht zu +räumen, bis er im klaren war, denn da kam für ihn nur noch der +Samstagmorgen; da gab es freilich immer noch eine Haupträumerei. »Otto«, +rief der Lehrer, als am Freitag die Glocke vier Uhr schlug, »trag mir +schnell das Zettelchen zum Herrn Pfarrer, er gibt dir Schriften zurück; +in fünf Minuten bist du wieder da zum Aufräumen.« Das war Otto nicht +ganz recht, aber er mußte gehen, auch konnte er ja gleich wieder da +sein. In wenig Sprüngen war er im Pfarrhaus. Der Herr Pfarrer hatte noch +jemandem Bescheid zu geben; die Frau Pfarrerin rief Otto in den Garten +hinaus, er mußte ihr berichten, wie es der Mama gehe und dem Papa und +dem Miezchen und dem Onkel Max und den Verwandten in Deutschland, und +dann kam der Herr Pfarrer, und Otto mußte erklären, wie er zu der +Kommission gekommen war, und was ihm der Lehrer sonst noch aufgetragen +habe. Endlich hatte dann Otto seine Papiere erhalten und pfeilschnell +war er drüben, riß die Tür der Schulstube auf: -- alles in Ordnung, alles +still, kein menschliches Wesen zu sehen. + +»Nun habe ich mich die ganze Woche nicht ein einziges Mal nach den +grausigen Fetzen bücken müssen«, dachte Otto befriedigt; »aber wer hat +das Schauerliche nur tun können, ohne daß er mußte?« Das wollte er nun +um jeden Preis wissen. + +Am Samstag waren die Schulstunden um elf Uhr zu Ende. Otto ließ alle +Kinder hinausgehen, und wie nun die Schulstube leer war, da ging er vor +die Tür hinaus, schloß sie zu und lehnte sich mit dem Rücken daran; so +mußte er doch gewiß sehen, ob da jemand hineingehen wolle, denn damit +wollte er lieber beginnen, als mit der schweren Arbeit. Er stand und +stand -- es kam niemand. Er hörte die Uhr halb zwölf schlagen -- es kam +niemand. Auf den Nachmittag stand aber ein Ausflug bevor, es sollte früh +Mittag gemacht werden heut', er sollte so schnell wie möglich zu Hause +sein. Er mußte also hinein an die Arbeit, es grauste ihm. Er machte die +Tür auf -- da -- Otto starrte noch mehr als das erste Mal -- wahrhaftig es +war so, es war alles getan, schöner als je. Dem Otto wurde es ganz +eigentümlich zumut', es schwebte ihm etwas wie eine Geistergeschichte +vor. Ganz leise, wie nie sonst, schlich er zur Tür hinaus. Gerade in +diesem Augenblick kam ebenso leise etwas aus des Lehrers Küche +herausgeschlichen, und auf einmal stand das Wiseli ganz nahe vor ihm; +beide fuhren zusammen vor Schrecken, und das Wiseli wurde über und über +rot, so, als hätte es der Otto auf einem Unrecht erwischt. Jetzt ging +diesem ein Licht auf. + +»Sicher hast du das für mich gemacht die ganze Woche lang, Wiseli«, rief +er aus; »das tut doch gewiß sonst kein Mensch, wenn er nicht muß.« + +»Es hat mich aber so gefreut, es zu tun, wie du gar nicht glaubst«, gab +Wiseli zur Antwort. + +»Nein, nein, das mußt du nicht sagen, Wiseli; so etwas zu tun, kann +keinen Menschen auf der Welt freuen«, sagte Otto überzeugt. + +»Doch gewiß, gewiß«, versicherte Wiseli, »ich habe die ganze Zeit lang +mich immer auf den Abend gefreut, wenn ich es wieder tun durfte, und +während ich aufräumte, habe ich mich erst recht immerzu gefreut, weil +ich immer gedacht habe: jetzt kommt der Otto und findet alles fertig +und ist froh.« + +»Aber wie kam es dir denn in den Sinn, daß du das für mich tun +wolltest?« fragte Otto noch immer verwundert. + +»Ich wußte schon, daß du es nicht gern tust, und ich habe schon immer +gedacht, wenn ich nur auch einmal dem Otto etwas geben könnte, wie du +mir den Schlitten, weißt noch? Aber ich hatte gar nie etwas.« + +»Das ist viel mehr wert, als einen Schlitten leihen, was du für mich +jetzt getan hast; das will ich dir auch nicht vergessen, Wiseli«, und +Otto gab ihm ganz gerührt die Hand. Wiselis Augen leuchteten vor Freude +wie lange nicht mehr. Aber nun wollte Otto noch wissen, wie es denn +wieder in die Stube hineingekommen sei, da er doch gewartet hatte, bis +alle Kinder draußen waren. + +»O ich bin gar nicht hinausgegangen«, sagte Wiseli; »ich verbarg mich +schnell hinter dem Kasten, ich dachte, du gehest schon noch ein wenig +hinaus, wie jeden Tag vorher.« + +»Aber wie konntest du immer hinaus, ohne daß ich dich sah?« wollte Otto +noch wissen. + +»Wenn du am Herumlaufen warst mit den anderen, konnte ich schon hinaus, +ich horchte schon auf, und gestern und heute, wie ich nicht sicher war, +ging ich durch des Lehrers Stube und fragte die Frau Lehrerin, ob sie +etwas zu verrichten habe, sie gibt mir manchmal einen Auftrag +auszurichten, und dann ging ich durch die Küche fort; gestern war ich +gerade hinter der Küchentür, als du in die Schulstube hineinranntest.« + +Jetzt wußte Otto die ganze Geistergeschichte. Er bot dem Wiseli noch +einmal die Hand. »Danke, Wiseli«, sagte er herzlich; und dann lief eins +da hinaus, das andere dort hinaus, und beiden war es ganz wohl zumute. + + + + +Sechstes Kapitel. + +Das Alte und auch etwas Neues. + + +Der Sommer war vergangen und auch die schönen Herbsttage waren wohl zu +Ende. Es wurde kühl und nebelig am Abend, und in den feuchten Wiesen +fraßen die Kühe das letzte Gras ab, und hier und da flackerten auf den +Wiesen kleine Feuer auf, denn die Hirtenbuben brieten Kartoffeln da und +wärmten sich die Hände. + +An einem solchen nebelgrauen Abend kam Otto aus der Schule heimgerannt +und erklärte seiner Mutter, er müsse nachsehen, was das Wiseli mache, +denn seit den Herbstferien war es noch gar nie in die Schule gekommen, +wohl acht Tage lang nicht. Otto steckte seine Vesperäpfel zu sich und +eilte fort. Am Buchenrain angekommen, sah er den Rudi vor der Haustür am +Boden sitzen und von einem Haufen Birnen, die neben ihm lagen, eine nach +der anderen zerbeißen. + +»Wo ist das Wiseli?« fragte Otto. + +»Draußen«, war die Antwort. + +»Wo draußen?« + +»Auf der Wiese.« + +»Auf welcher Wiese?« + +»Ich weiß nicht«, und Rudi knackte weiter an seinen Birnen. + +»Du stirbst einmal nicht am Gescheitsein«, bemerkte Otto und ging aufs +Geratewohl die große Wiese hin, die sich vom Haus bis gegen den Wald +hinaufzog. Jetzt entdeckte er drei schwarze Punkte unter einem Birnbaum +und ging darauf zu. Richtig, da bückte sich Wiseli, um die Birnen +zusammenzulesen, dort saß der Chäppi rittlings auf seinem Birnenkratten, +und zuhinterst lag der Hans rücklings über den vollen Korb hin und +schaukelte sich so darauf, daß der Korb jeden Augenblick umzustürzen +drohte. Chäppi sah ihm zu und lachte bei jedem Rucke. + +Als Wiseli den Otto herankommen sah, kam ein ganzer Sonnenschein auf +sein Gesicht. »Guten Abend, Wiseli«, rief er von weitem, »warum bist du +so lange nicht in die Schule gekommen?« Wiseli streckte ganz erfreut dem +Otto die Hand entgegen. »Wir haben so viel zu tun, darum durfte ich +nicht kommen«, sagte es; »sieh nur, wieviel Birnen es gibt! Ich muß vom +Morgen bis zum Abend auflesen, soviel ich nur kann.« + +»Du hast ja ganz nasse Schuhe und Strümpfe«, bemerkte Otto; »bah, hier +ist's nicht gemütlich, frierst du nicht, wenn du so naß bist?« + +»Es schaudert mich nur manchmal ein wenig, sonst ist es mir eher heiß +vom Auflesen.« In diesem Augenblick gab der Hans seinem Korb einen +solchen Ruck, daß alles übereinander auf den Boden hinrollte; der Hans, +der Korb und alle Birnen, die fuhren nach allen Richtungen hin. + +»Oh, oh!« sagte Wiseli kläglich, »nun muß man die alle wieder +zusammenlesen.« + +»Und die auch«, rief Chäppi und lachte heraus, als die Birne, die er +geworfen hatte, dem Wiseli an die Schläfe fuhr, daß es ganz bleich wurde +und ihm vor Schmerz das Wasser in die Augen kam. Kaum hatte Otto das +gesehen, als er auf den Chäppi losfuhr, ihn samt seinem Kratten umwarf +und ihn fest im Genick packte. »Hör auf, ich muß ersticken«, gurgelte +der Chäppi; jetzt lachte er nicht mehr. -- »Ich will machen, daß du daran +denkst, daß du es mit mir zu tun hast, wenn du so mit dem Wiseli +verfährst«, rief Otto zornglühend. »Hast du genug? Willst du daran +denken?« -- »Ja, ja, laß nur los!« bat Chäppi, mürbe gemacht. Nun ließ +Otto los. »Jetzt hast du's gespürt«, sagte er; »wenn du dem Wiseli noch +einmal etwas zuleide tust, so packe ich dich so, daß du noch einen +Schrecken hast davon, wenn du siebzig Jahr alt bist. Leb wohl, Wiseli.« +Damit kehrte sich Otto um und ging mit seinem Zorn nach Hause. + +Hier suchte er gleich seine Mutter auf und schüttete seine ganze +Empörung vor ihr aus, daß das Wiseli eine solche Behandlung erdulden +müsse. Er war auch ganz entschlossen, auf der Stelle zum Herrn Pfarrer +zu gehen und den Vetter-Götti und seine ganze Familie anzuklagen, daß +man ihnen das Wiseli entreiße. Die Mutter hörte ruhig zu, bis Otto sich +ein wenig abgekühlt hatte, dann sagte sie: + +»Sieh, lieber Junge, das würde gar nichts nützen, das Kind würde man dem +Vetter-Götti nicht wegnehmen, nur ihn reizen, wenn er so etwas hörte. Er +meint es selbst nicht böse mit dem Kinde, und es ist kein genügender +Grund da, ihm Wiseli ganz wegzunehmen. Ich weiß wohl, daß das arme Kind +jetzt ein hartes Brot ißt, ich habe es auch gar nicht vergessen, ich +schaue immer danach aus, ob mir der liebe Gott nicht einen Weg auftue, +da dem Kinde in einer gründlichen Weise könnte geholfen werden; die +Sache liegt mir auch am Herzen, das kannst du glauben, Otto. Wenn du +unterdessen das Wiseli schützen und den rohen Chäppi ein wenig zähmen +kannst, ohne selbst dabei roh zu werden, so bin ich ganz damit +einverstanden.« + +Otto beruhigte sich am besten im Gedanken, daß die Mutter doch auch +immerfort nach einem anderen Wege für das Wiseli ausschaute. Er selber +dachte alle möglichen Rettungswege aus, aber alle führten in die Luft +hinauf und hatten keinen Boden, und er sah ein, daß das Wiseli da nicht +darauf wandeln konnte, und als er dann zu Weihnachten seine Wünsche +aufschreiben durfte, da schrieb er ganz desperat mit ungeheuren +Buchstaben, so als müßte man sie vom Himmel herunter lesen können, auf +sein Papier: »Ich wünsche, daß das Christkind das Wiseli befreie.« + +Nun war der kalte Januar wieder da und der Schlittweg war so prächtig +glatt und fest, daß die Kinder gar nicht genug bekommen konnten, die +herrliche Bahn zu benutzen. Es kam auch eben eine helle Mondnacht nach +der anderen, und Otto hatte auf einmal den Einfall, am allerschönsten +müßte das Schlittenfahren im Mondschein sein, die ganze Gesellschaft +sollte sich am Abend um sieben Uhr zusammenfinden und die +Mondscheinfahrten ausführen, denn es war der Tag des Vollmonds, da mußte +es prächtig werden. Mit Jubel wurde der Vorschlag angenommen und die +Schlittbahngenossen trennten sich gegen fünf Uhr wie gewöhnlich, da die +Nacht einbrach, um sich um sieben Uhr wieder zusammenzufinden. Weniger +Anklang fand der Vorschlag bei Ottos Mutter, als er ihr mitgeteilt +wurde, und sie wurde gar nicht von der Begeisterung hingerissen, mit +welcher die Kinder beide auf einmal und in den lautesten Tönen ihr das +Wundervolle dieser Unternehmung schilderten. Sie stellte ihnen die +Kälte des späten Abends vor, die Unsicherheit der Fahrten bei dem +ungewissen Licht und alle Gefahren, die besonders das Miezchen bedrohen +könnten. Aber die Einwendungen entflammten immer mehr den brennenden +Wunsch, und Miezchen flehte, als hinge seine einzige Lebensfreude an +dieser Schlittenfahrt; Otto versprach auch hoch und teuer, er würde dem +Miezchen nichts geschehen lassen, sondern immer in seiner nächsten Nähe +bleiben. Endlich willigte die Mutter ein. Mit großem Jubel und +wohlverpackt zogen die Kinder ein paar Stunden nachher in die helle +Nacht hinaus. Es ging alles ganz nach Wunsch, die Schlittbahn war +unvergleichlich, und das Geheimnisvolle der dunkeln Stellen, wo der +Mondschein nicht hinfiel, erhöhte den Reiz der Unternehmung. Eine Menge +Kinder hatte sich eingefunden, alle waren in der fröhlichsten Stimmung. +Otto ließ sie alle vorausfahren, dann kam er und zuletzt mußte das +Miezchen kommen, damit ihm keiner in den Rücken fahren konnte; so hatte +es Otto eingerichtet, er konnte dabei auch immer von Zeit zu Zeit mit +einem schnellen Blick gewahren, ob Miezchen richtig nachkomme. Als nun +alles so herrlich vonstatten ging, fiel einem der Buben ein, nun müßte +einmal der ganze Zug »anhängen«, nämlich ein Schlitten an den anderen +gebunden werden und so herunterfahren, das müßte im Mondenschein ein +ganz besonderes Juxstück abgeben. Unter großem Lärm und allgemeiner +Zustimmung ging man gleich ans Werk. Für Miezchen fand Otto die Fahrt +doch ein wenig gefährlich, denn manchmal gab es dabei einen großartigen +Umsturz sämtlicher Schlitten und Menschen darauf; das konnte er für das +kleine Wesen nicht riskieren. Er ließ seinen Schlitten zuletzt anbinden, +der Miezchens aber wurde freigelassen. So fuhr es, wie immer, hinter +dem Bruder her, nur konnte er jetzt nicht, wie sonst, seinen Schlitten +langsamer fahren lassen, wenn Miezchen zurückblieb, denn er war in der +Gewalt des Zuges. Jetzt ging es los, und herrlich und ohne Anstand glitt +die lange, lange Kette die glatte Bahn hinunter. + +Mit einem Mal hörte Otto ein ganz furchtbares Geschrei, und er kannte +die Stimme wohl, die es ausstieß, es war Miezchens Stimme. Was war da +geschehen? Otto hatte keine Wahl, er mußte die Lustpartie zu Ende +machen, wie groß auch sein Schrecken war. Aber kaum unten angelangt, riß +er sein Schlittenseil los und rannte den Berg hinan; alle anderen hinter +ihm drein, denn fast alle hatten das Geschrei vernommen und wollten auch +sehen, was los war. An der halben Höhe des Berges stand das Miezchen +neben seinem Schlitten und schrie aus allen seinen Kräften und weinte +ganze Bäche dazu. Atemlos stürzte Otto nun herzu und rief: »Was hast du? +Was hast du?« + +»Er hat mich -- er hat mich -- er hat mich«, schluchzte Miezchen und kam +nicht weiter vor innerem Aufruhr. + +»Was hat er? Wer denn? Wo? Wer?« stürzte Otto heraus. + +»Der Mann dort, der Mann, er hat mich -- er hat mich totschlagen wollen +und hat mir -- und hat mir -- furchtbare Worte nachgerufen.« + +So viel kam endlich heraus unter immer neuem Geschrei. + +»So sei doch nur still jetzt, hör' Miezchen, tu' doch nicht so, er hat +dich ja doch nicht totgeschlagen; hat er dich denn wirklich geschlagen?« +fragte Otto ganz zahm und teilnehmend, denn er hatte Angst. + +»Nein«, schluchzte Miezchen, neuerdings überwältigt; »aber er wollte, +mit einem Stecken, -- so hat er ihn aufgestreckt und hat gesagt: 'Wart +du!' Und ganz furchtbare Worte hat er mir nachgerufen.« + +»So hat er dir eigentlich gar nichts getan«, sagte Otto und atmete +beruhigt auf. + +»Aber er hat ja -- er hat ja -- und ihr wart alle schon weit fort, und ich +war ganz allein«, -- und vor Mitleid für seinen Zustand und nachwirkendem +Schrecken brach Miezchen noch einmal in lautes Weinen aus. + +»Bscht! Bscht!« beschwichtigte Otto; »sei doch still jetzt, ich gehe nun +nicht mehr von dir weg, und der Mann kommt nicht mehr, und wenn du nun +gleich ganz still sein willst, so geb' ich dir den roten Zuckerhahn vom +Christbaum, weißt du?« + +Das wirkte. Mit einem Male trocknete Miezchen seine Tränen weg und gab +keinen Laut mehr von sich, denn den großen, roten Zuckerhahn vom +Christbaum zu erlangen, war Miezchens allergrößter Wunsch gewesen, er +war aber bei der Teilung auf Ottos Teil gefallen und Miezchen hatte den +Verlust nie verschmerzen können. Wie nun alles im Geleise war und die +Kinder den Berg hinanstiegen, wurde verhandelt, was es denn für ein Mann +könne gewesen sein, der das Miezchen habe totschlagen wollen. + +»Ach was, totschlagen«, rief Otto dazwischen; »ich habe schon lange +gemerkt, was es war, wir haben ja im Herunterfahren den großen Mann mit +dem dicken Stock auch angetroffen, er mußte unseren Schlitten ausweichen +in den Schnee hinein, das machte ihn böse, und wie er dann hintenan das +Miezi allein antraf, hat er es ein wenig erschreckt und seinen Zorn an +ihm ausgelassen.« + +Die Erklärung fand allgemeine Zustimmung, das war ja so natürlich, daß +jedes meinte, es sei ihm selber so in den Sinn gekommen; so ward auch +die Sache gleich völlig vergessen und lustig drauf los geschlittet. +Endlich aber mußte auch dies Vergnügen ein Ende nehmen, denn es hatte +längst acht Uhr geschlagen, die Zeit, da aufgebrochen werden sollte. Im +Heimweg schärfte der Otto dem Miezchen ein, zu Hause nichts zu erzählen +von dem Vorfall, sonst könnte die Mutter Angst bekommen, und dann +dürften sie gar nie mehr im Mondschein schlitten gehen: den Zuckerhahn +müsse es gleich haben, aber noch daraufhin versprechen, nichts zu +erzählen. Miezchen versprach hoch und teuer, kein Wort sagen zu wollen; +die Spuren seiner Tränen waren auch längst vergangen und konnten nichts +mehr verraten. + +Längst schon schliefen Otto und Miezchen auf ihren Kissen, und der rote +Zuckerhahn spazierte durch Miezchens Träume und erfüllte sein Herz mit +einer so großen Freude, daß es jauchzte im Schlaf. Da klopfte es unten +an die Haustür mit solcher Gewalt, daß der Oberst und seine Frau vom +Tisch auffuhren, an dem sie eben in Gemütlichkeit gesessen und sich über +ihre Kinder unterhalten hatten, und die alte Trine in strafendem Tone +oben zum Fenster hinausrief: »Was ist das für eine Manier!« + +»Es ist ein großes Unglück begegnet«, tönte es von unten herauf; »der +Herr Oberst soll doch herunterkommen, sie haben den Schreiner Andres tot +gefunden.« + +Damit lief der Bote wieder davon. Der Oberst und seine Frau hatten genug +gehört, denn auch die hatten sich dem offenen Fenster genähert. +Augenblicklich warf der Oberst seinen Mantel um und eilte dem Hause des +Schreiners zu. Als er in die Stube hineintrat, fand er schon eine Menge +Leute da; man hatte den Friedensrichter und Gemeindammann geholt, und +eine Schar Neugieriger und Teilnehmender war mit ihnen eingedrungen. +Andres lag am Boden im Blute und gab kein Lebenszeichen von sich; der +Oberst näherte sich. + +»Ist denn jemand nach dem Doktor gelaufen?« fragte er, »hier muß vor +allem der Doktor her.« + +Es war niemand dahin gegangen; da sei ja doch nichts mehr zu machen, +meinten die Leute. + +»Lauf, was du kannst, zum Doktor«, befahl der Oberst einem Burschen, der +dastand; »sag ihm, ich lass' ihn bitten, er soll auf der Stelle kommen.« +Dann half er selbst den Andres vom Boden aufheben und in die Kammer +hinein auf sein Bett legen. Erst jetzt trat der Oberst an die +schwatzenden Leute heran, um zu hören, wie der Vorfall sich zugetragen +hatte, ob jemand etwas Näheres wisse. Der Müllerssohn trat vor und +erzählte, er sei vor einer halben Stunde da vorbeigekommen, und da er +noch Licht gesehen in des Schreiners Stube, habe er im Vorbeiweg schnell +fragen wollen, ob seine Aussteuersachen auch zur Zeit fertig werden. Er +habe die Tür der Stube offen stehend, den Andres tot im Blut liegend am +Boden gefunden. Der Matten-Joggi, der dabeistand, habe ihm lachend ein +Goldstück entgegengestreckt, wie er hereingetreten sei. Er habe dann +nach Leuten gerufen, daß der Gemeindammann auf den Platz komme und wer +sonst noch dahin gehöre. + +Der Matten-Joggi, der so hieß, weil er unten in der Matte wohnte, war +ein völlig törichter Mensch, der damit ernährt wurde, daß ihn die Bauern +in den geringen Geschäften etwa mithelfen ließen, wo Steine und Sand +herumzutragen, Obst aufzulesen, oder im Winter Holzbündelchen zu machen +waren. Daß er boshafte Taten ausgeübt hätte, hatte man bis jetzt nicht +gehört. Der Müllerssohn hatte ihm gesagt, er solle da bleiben, bis auch +der Präsident noch da sein werde. So stand Joggi noch immer in einer +Ecke, hielt seine Faust fest zugeklemmt und lachte halblaut. Jetzt trat +der Doktor in die Stube und hinter ihm her auch noch der Präsident. Der +Gemeindevorstand stellte sich nun mitten in die Stube und beratschlagte. +Der Doktor ging direkt in die Kammer hinein und der Oberst folgte ihm +nach. Der Doktor untersuchte genau den unbeweglichen Körper. + +»Da haben wir's«, rief er auf einmal aus, »hier auf den Hinterkopf ist +Andres geschlagen worden, da ist eine große Wunde.« + +»Aber er ist doch nicht tot, Doktor, was sagst du?« + +»Nein, nein, er atmet ganz leise, aber er ist bös dran.« + +Nun wollte der Doktor allerlei haben, Wasser und Schwämme und Weißzeug +und noch vieles, und die Leute draußen liefen alle durcheinander und +suchten und rissen alles von der Wand und aus dem Küchenkasten und +brachten Haufen von Sachen in die Kammer hinein, aber nichts von dem, +was der Doktor brauchte. + +»Da muß eine Frau her, die Verstand hat und weiß, was ein Kranker ist«, +rief der Doktor ungeduldig. Alle schrieen durcheinander; aber wenn einer +eine wußte, so rief ein anderer: »Die kann nicht kommen.« + +»Lauf einer auf die Halde«, befahl der Oberst, »meine Frau soll mir die +Trine herunterschicken!« Es lief einer davon. + +»Deine Frau wird dir aber nicht danken«, sagte der Doktor, »denn ich +lasse die Pflegerin drei bis vier Tage und Nächte nicht von dem Bett +weg.« + +»Sei nur unbesorgt«, entgegnete der Oberst, »für den Andres gäbe meine +Frau alles her, nicht nur die alte Trine.« + +Keuchend und beladen kam die Trine an, viel schneller, als man hätte +hoffen können, denn sie stand schon lange ganz parat mit einem großen +Korb am Arm, und die Frau Oberst stand neben ihr und lauschte, ob einer +gelaufen komme. Sie hatte nicht annehmen können, daß der Andres wirklich +tot sei, und hatte alles ausgedacht, was man brauchen könnte, um ihm +wieder aufzuhelfen. So hatte sie Schwamm und Verbandzeug, Wein und Öl +und warme Flanelle in einen Korb gepackt, und Trine hatte nur zu rennen, +wie der Bote kam. Der Doktor war sehr zufrieden. + +»Alles fort jetzt, gute Nacht, Oberst, und mach, daß die ganze Bande zum +Haus hinauskommt!« rief er und schloß die Tür zu, nachdem der Oberst +hinausgetreten war. Der Gemeinderat war noch am Beratschlagen; da aber +der Oberst erklärte, nun müsse gleich alles zum Haus hinaus, so faßten +die Männer den Beschluß, für einmal müsse der Joggi eingesperrt werden, +dann wollte man weiter schreiten. Es mußten also zwei Männer den Joggi +in die Mitte nehmen, daß er nicht fortlaufen könne, und ihn so nach dem +Armenhaus bringen und in eine Kammer einsperren. Der Joggi ging aber +ganz willig davon und lachte, und von Zeit zu Zeit guckte er vergnügt in +seine Faust hinein. + +Gleich am anderen Morgen eilte die Frau Oberst in voller Sorge nach dem +Häuschen des Andres hinunter. Trine kam leise aus der Kammer heraus und +brachte die frohe Nachricht: Andres sei gegen Morgen schon ein wenig zum +Bewußtsein gekommen. Schon sei auch der Doktor dagewesen und habe den +Kranken über Erwarten gut getroffen; ihr aber habe er recht +eingeschärft, daß sie keinen Menschen in die Kammer hineinlasse, Andres +dürfe auch noch kein Wort reden, wenn er auch wollte, nicht; nur der +Doktor und die Wärterin sollen vor seine Augen kommen, erklärte die +Trine in großem Amtseifer. Damit war die Frau Oberst ganz einverstanden +und höchst erfreut kehrte sie mit ihren Nachrichten nach Hause zurück. + +So vergingen acht Tage. Jeden Morgen ging die Oberstin nach dem Hause +des Kranken, um genau Bericht zu bekommen und zu hören, ob etwas +mangele, das dann schnell herbeigeschafft werden mußte. Otto und +Miezchen mußten jeden Tag aufs neue besänftigt werden, daß sie ihren +kranken Freund noch nicht besuchen durften, aber da war immer noch keine +Erlaubnis vom Doktor. Die Trine war noch durchaus unentbehrlich, wurde +auch täglich vom Doktor gelobt für ihre sorgfältige Pflege. Nach Verfluß +der acht Tage schlug der Doktor seinem Freunde, dem Oberst, vor, nun +einmal den Kranken zu besuchen, zu der Zeit, da er selbst dort sein +würde, denn jetzt war der Augenblick gekommen, da Andres wieder reden +durfte, und der Doktor wollte ihn in Gegenwart des Obersten darüber +befragen, was er selbst von dem unglücklichen Vorfall wisse. Andres +hatte große Freude, dem Herrn Oberst die Hand drücken zu dürfen, er +hatte ja schon lange bemerkt, woher ihm alles Gute und alle Sorgfalt für +sein Wiederaufkommen kam. Dann besann er sich, so gut er konnte, um die +Fragen der beiden Herren zu beantworten. Er wußte aber nur folgendes zu +sagen: Er hatte seine Summe beisammen, die er jährlich dem Herrn Oberst +zur Verwahrung brachte; diese wollte er noch einmal überzählen, um +seiner Sache sicher zu sein. Er hatte am späten Abend sich hingesetzt, +den Rücken gegen die Fenster und die Tür gekehrt. Mitten im Zählen hörte +er jemand hereinkommen; eh' er aber aufgeschaut hatte, fiel ein +furchtbarer Schlag auf seinen Kopf; von da an wußte er nichts mehr. -- +Also hatte Andres eine Summe Geldes auf dem Tisch gehabt; davon war aber +gar nichts mehr gesehen worden, als das einzige Stück in Joggis Hand. Wo +könnte denn das andere Geld hingekommen sein, wenn wirklich Joggi der +Übeltäter war? Als Andres vernahm, wie der Joggi gefunden worden und nun +eingesperrt sei, wurde er ganz unruhig. + +»Sie sollen ihn doch gehen lassen, den armen Joggi«, sagte er; »der tut +ja keinem Kinde etwas zuleide, der hat mich nicht geschlagen.« + +Andres hatte aber auch auf keinen anderen Menschen den leisesten +Verdacht. Er habe keine Feinde, sagte er, und kenne keinen Menschen, der +ihm so etwas hätte antun wollen. + +»Es kann auch ein Fremder gewesen sein«, bemerkte der Doktor, indem er +die niedrigen Fenster ansah; »wenn Ihr da beim hellen Licht einen Haufen +Geld auf dem Tische liegen habt und zählt, so kann das von außen jeder +sehen und Lust zum Teilen bekommen.« + +»Es muß sein«, sagte der Andres gelassen, »ich habe nie an so etwas +gedacht, es war immer alles offen.« + +»Es ist gut, daß Ihr noch etwas im Trocknen habt, Andres«, bemerkte der +Oberst. »Laßt's Euch nicht zu Herzen gehen; das beste ist, daß Ihr +wieder gesund werdet.« + +»Gewiß, Herr Oberst«, erwiderte Andres, ihm die Hand schüttelnd, die er +zum Abschied hinhielt, »ich habe nur zu danken; der liebe Gott hat mir +ja sonst schon viel mehr gegeben als ich brauche.« + +Die Herren verließen den friedlichen Andres, und vor der Tür sagte der +Doktor: »Dem ist wohler als dem anderen, der ihn zusammenschlagen +wollte.« + +Vom Joggi wurde eine traurige Geschichte umhergeboten, die alle Buben in +der Schule beschäftigte und in große Teilnahme versetzte. Auch Otto +brachte sie nach Hause und mußte sie jeden Tag ein paarmal wiederholen, +denn jedesmal, wenn er daran dachte, machte sie ihm aufs neue einen +großen Eindruck. Als man den Joggi an dem Abend lachend ins Armenhaus +gebracht hatte, da war er aufgefordert worden, sein Goldstück abzugeben +an einen seiner Führer, den Sohn des Friedensrichters. Joggi aber +klemmte seine Faust noch besser zusammen und wollte nichts hergeben. +Aber die beiden waren stärker als er; sie rissen ihm mit Gewalt die +Faust auf, und der Friedensrichterssohn, der manchen Kratz von dem Joggi +erhalten hatte während der Arbeit, sagte, als er das Goldstück endlich +in Händen hatte: »So, jetzt wart nur, Joggi, du wirst schon deinen Lohn +bekommen. Wart nur, bis sie kommen; sie werden dir's dann schon zeigen.« + +Da hatte der Joggi angefangen furchtbar zu schreien und zu jammern, denn +er glaubte, er werde geköpft, und seither aß er nicht und trank nicht +und stöhnte und jammerte fortwährend, denn die Furcht und Angst vor dem +Köpfen verfolgte ihn beständig. Schon zweimal war der Präsident und der +Gemeindammann bei ihm gewesen und hatten ihm gesagt, er solle nur alles +sagen, was er getan habe, er werde nicht geköpft. Er wußte nichts zu +sagen, als er habe beim Andres ins Fenster geschaut, und der sei am +Boden gelegen; er sei zu ihm hineingegangen und habe ihn ein wenig +gestoßen, da sei er tot gewesen. Da habe er etwas glänzen sehen in einer +Ecke und habe es geholt, und dann sei der Müllerssohn gekommen und dann +noch viele. Hatte der Joggi so viel gesagt, so fing er wieder zu stöhnen +an und hörte nicht mehr auf. + + + + +Siebentes Kapitel. + +Wie es dem Kranken und jemandem besser ging. + + +Seit dem Tage, da der Oberst den Andres besucht hatte, blieb seine Frau +auch nicht mehr draußen in der Stube, wenn sie kam, um nach dem Kranken +zu sehen. Täglich ging sie nun zu ihm hinein, setzte sich eine Weile +lang an sein Bett hin zu einer gemütlichen kleinen Unterhaltung und +freute sich jedesmal über die Fortschritte der Genesung. Zweimal schon +waren auch Otto und Miezchen dagewesen und hatten ihrem Freunde allerlei +Stärkungen zugetragen, und Andres sagte ganz gerührt zu der Trine: wenn +selbst ein König krank wäre, man könnte ihm nicht mehr Teilnahme zeigen. +Der Doktor war sehr zufrieden mit dem Verlaufe der Sache, und als er +eben einmal beim Herauskommen auf den hereintretenden Oberst traf, sagte +er zu ihm: + +»Es geht vortrefflich. Deine Frau kann nun ihre Trine wieder heimnehmen, +die hat gute Dienste geleistet. Nur sollte für eine kleine Zeit noch +jemand da sein, oder etwa herkommen; der arme verlassene Kerl muß doch +essen und hat keine Frau und kein Kind und gar nichts. Vielleicht weiß +deine Frau Rat.« + +Der Oberst richtete seinen Auftrag aus, und am folgenden Morgen setzte +seine Frau bei ihrem Besuch sich zurecht am Bette des Andres und sagte: + +»Jetzt muß ich etwas mit Euch reden, Andres; ist es Euch recht?« + +»Gewiß, gewiß, mehr als recht«, erwiderte er und stützte seinen Kopf auf +den Ellbogen, um recht zuhören zu können. + +»Ich will nun die Trine wieder heimkommen lassen, weil es so ordentlich +geht«, fing die Oberstin an. + +»Ach, Frau Oberst, glauben Sie mir«, fiel der Andres ein, »ich wollte +sie jeden Tag heimschicken; ich weiß ja wohl, wie sie Ihnen mangeln +mußte.« + +»Ich hätte sie nicht hereingelassen, wenn sie Euch gefolgt hätte«, fuhr +die Frau Oberst fort; »aber jetzt ist es anders, da der Doktor sie +entläßt. Er sagte aber, was ich auch längst dachte, jemand solltet Ihr +haben, wenigstens noch für ein paar Wochen, der Euch das Essen bereitet +oder doch bei mir holt, und für allerlei kleine Hilfsleistungen. Ich +habe nun gedacht, Andres, wenn Ihr für diese Zeit das Wiseli zu Euch +nehmen würdet.« + +Kaum hatte der Andres den Namen aussprechen gehört, als er von seinem +Ellbogen auf und in die Höhe schoß. + +»Nein, nein, Frau Oberst, nein, sicher nicht«, rief er und wurde ganz +rot vor Anstrengung; »so etwas können Sie nicht denken. Ich sollte hier +drinnen im Bett liegen, und draußen in der Küche sollte das schwache +Kindlein für mich arbeiten! Ach um's Himmels willen, wie dürfte ich noch +an seine Mutter unter dem Boden denken, wie würde sie mich ansehen, wenn +sie so etwas wüßte. Nein, nein, Frau Oberst, meiner Lebtag nicht, lieber +nicht essen, lieber nicht mehr aufkommen, als so etwas tun.« + +Die Oberstin hatte ihn ganz ruhig fertig reden lassen; jetzt, da er sich +auf sein Kissen zurücklegte, sagte sie beruhigend: + +»Es ist nicht so schlimm, was ich ausgedacht habe, Andres; denkt jetzt +nur ruhig ein wenig nach. Ihr wißt ja, wo das Wiseli versorgt ist. Meint +Ihr, es habe dort nichts zu tun, oder nur besonders leichte Arbeit? +Recht tüchtig muß es dran und bekommt so wenig freundliche Worte dazu. +Würdet Ihr ihm etwa auch keine geben? Wißt Ihr, was Wiselis Mutter tun +würde, wenn sie jetzt neben uns stände? Mit Tränen würde sie Euch +danken, würdet Ihr das Kind jetzt in Euer Haus nehmen, wo es gute Tage +hätte, das weiß ich schon, und Ihr solltet sehen, wie gern es die +kleinen Dienstleistungen für Euch täte.« + +Jetzt mußte dem Andres auf einmal alles anders vorkommen. Er wischte +sich die Augen; dann sagte er kleinlaut: + +»Ach, ach! Wie könnte ich aber zu dem Kinde kommen? Sie geben es gewiß +nicht weg, und dann müßte man ja doch auch wissen, ob es wollte.« + +»Es ist jetzt schon gut, kümmert Euch nicht weiter, Andres«, sagte die +Frau Oberst fröhlich und stand von ihrem Sessel auf; »ich will nun +selbst sehen, wie's geht, denn mir liegt die Sache nach allen Seiten hin +am Herzen.« + +Damit nahm sie Abschied von Andres; als sie aber schon unter der Tür +war, rief er ihr noch einmal ängstlich nach: + +»Aber nur, wenn es will, das Wiseli, nur, wenn es will; bitte, Frau +Oberst!« + +Sie versprach noch einmal, das Kind sollte nur freiwillig erscheinen, +oder dann gar nicht, und verließ das Haus. Sie ging aber nicht den Berg +hinan, sondern hinunter, dem Buchenrain zu, denn sie wollte sogleich +versuchen, das Wiseli dahin zu bringen, wo sie es so gern haben wollte. + +Am Buchenrain angekommen, traf die Frau Oberst gerade mit dem +Vetter-Götti zusammen, wie er ins Haus hineintreten wollte. Er begrüßte +sie, ein wenig erstaunt über den Besuch, und sie teilte ihm gleich beim +Eintreten in die Stube mit, warum sie gekommen sei, und wie sehr sie +hoffe, keinen Abschlag zu bekommen, denn es liege ihr viel daran, daß +das Wiseli die Pflege zu Ende führen könne, was es schon zu tun imstande +sei. Da die Base in der Küche die Unterhaltung hörte, kam sie auch +herein und war noch erstaunter als ihr Mann, den Besuch vorzufinden. Er +erklärte ihr, warum die Frau Oberst gekommen sei, und sie meinte gleich, +das sei schon nichts, von dem Kinde werde niemand eine besondere Hilfe +erwarten. Da sagte aber der Mann: was recht sei, müsse man gelten +lassen; das Wiseli könne helfen, wo es sei, es sei anstellig bei allen +Geschäften; er würde das Kind nicht einmal gern fort lassen, es sei +folgsam und gelehrig. So für vierzehn Tage wollte er nichts dawider +haben, daß es den Andres ein wenig verpflege; bis dahin werde er wohl +wieder auf sein, daß es heim könne, denn länger könnte es dann nicht +fort sein, dann kommen schon so allerhand Geschäfte, die ihm zukommen, +denn da müsse man schon für den Frühling rüsten. + +»Ja, ja«, setzte jetzt die Frau ein, »es kommt mir nicht in den Sinn, +immer wieder von vorn mit ihm anzufangen; jetzt habe ich ihm alles mit +Mühe gezeigt, das kann es nun anwenden; der Andres soll nur selber eins +anziehen, wenn er eins braucht.« + +»Ja, wegen vierzehn Tagen«, sagte der Mann beschwichtigend, »da wollen +wir auch nichts sagen, man muß einander etwas zu Gefallen tun.« + +»Ich danke Euch für den Dienst«, sagte nun die Frau Oberst, indem sie +aufstand; »der Andres wird Euch gewiß auch recht dankbar sein. Kann ich +das Wiseli gleich mit mir nehmen?« + +Die Base murrte etwas, es werde nicht so stark pressieren; aber der Mann +fand es am besten so. Je schneller es gehe, je früher sei es wieder da, +meinte er; denn er stellte durchaus auf vierzehn Tage ab. Wiseli wurde +herbeigerufen, und der Vetter-Götti sagte ihm, es solle schnell sein +Bündelchen Kleider zusammenmachen, weiter nichts. Wiseli gehorchte +sogleich; fragen durfte es nicht, warum. Seit es sein Bündelchen in das +Haus gebracht hatte, war nun gerade ein Jahr verflossen; es war nichts +Neues hinzugekommen, als sein schwarzes Röcklein, das hatte es an, es +war aber nun fertig getragen und hing wie ein Fetzchen an dem Kinde +herab, und Wiseli schaute ein wenig scheu die Frau Oberst an, als es nun +mit seinem leichten Bündelchen dastand. Sie verstand den schüchternen +Blick und sagte: + +»Komm nur, Wiseli, wir gehen nicht weit, es geht schon so.« + +Dann nahm sie schnell Abschied von den Leuten, und als Wiseli dem +Vetter-Götti die Hand gab, sagte er: + +»Du kommst bald wieder heim, es ist nicht zum Abschiednehmen.« + +Jetzt trippelte das Wiseli schweigend und sehr verwundert in seinem +Herzen hinter der Frau Oberst her, die rasch über den beschneiten +Feldweg hinschritt, so, als befürchtete sie, man könnte sie samt dem +Wiseli wieder zurückholen. Als aber der Buchenrain gar nicht mehr zu +sehen war, da kehrte sie sich um und stand still. + +»Wiseli«, sagte sie freundlich, »kennst du den Schreiner Andres?« + +»Ja freilich«, antwortete Wiseli, und ein Lichtstrahl schoß aus des +Kindes Augen, als es den Namen hörte. Die Frau Oberst war ein wenig +erstaunt. + +»Er ist krank«, fuhr sie fort; »willst du ihn ein wenig verpflegen und +für ihn tun, was nötig ist, und etwa vierzehn Tage bei ihm bleiben?« + +Mehr als Wiselis schnelle und kurze Antwort: »Ja, gern!« sagte der Frau +Oberst sein Gesicht, das ganz von einer hohen Freudenröte übergossen +wurde. Die Oberstin sah das gern; doch mußte sie sich verwundern, daß +Wiseli eine so besondere Freude zeigte, denn sie wußte nichts von seinem +Erlebnis mit dem Andres, aber das Wiseli hatte es nie vergessen. Sie +gingen nun wieder weiter. Aber nach einer Weile fügte die Frau Oberst +noch bei: + +»Du mußt es dann dem Schreiner Andres sagen, daß du so gern zu ihm +gekommen bist, Wiseli, er glaubt es sonst nicht; vergiß es nicht.« + +»Nein, nein«, versicherte das Kind, »ich denke schon daran.« + +Nun waren sie bei dem Hause angekommen. Hier fand die Frau Oberst für +gut, das Wiseli seinen Weg allein machen zu lassen; denn nach allem, was +sie bemerkt hatte, mußte es ihm nicht schwer werden, ihn zu finden. Sie +verabschiedete das Kind an der Ecke und sagte ihm, am Morgen werde sie +wieder herunterkommen und sehen, wie es ihm gehe in dem neuen Haushalt, +und wenn der Schreiner Andres etwas brauche, das nicht da sei, so solle +es zu ihr kommen. Wiseli schritt nun getrost durch das Gärtchen und +machte die Haustür auf; es wußte, daß der Andres drinnen in der Kammer +liege hinter der Stube. So trat es leise in die Stube ein; da war +niemand drin, aber es war schön aufgeräumt noch von der alten Trine her. +Es schaute alles gut an, wie es sein müsse. An der Wand hinten in der +Stube stand schön geordnet und zu einem rechten Bett aufgerüstet das +große hölzerne Lager, das man die Kutsche nennt; der Vorhang war fast +zugezogen darüber weg, aber Wiseli konnte doch sehen, wie schön und +sauber es aussah, und es wunderte sich, wer da schlafe. Jetzt klopfte es +leise an die Kammertür, und auf den Ruf des Andres trat es ein und blieb +ein wenig scheu an der Tür stehen. Andres richtete sich auf in seinem +Bett, zu sehen, wer da sei. + +»Ach, ach«, sagte er, halb erfreut und halb erschrocken, »bist du es, +Wiseli? Komm, gib mir die Hand.« Wiseli gehorchte. + +»Bist du auch nicht ungern zu mir gekommen?« + +»Nein, nein«, antwortete Wiseli zuversichtlich. Aber der Schreiner +Andres war noch nicht beruhigt. + +»Ich meine nur, Wiseli«, fuhr er wieder fort, »du wärest vielleicht +lieber nicht gekommen; aber die Frau Oberst ist so gut, und du hast +ihr vielleicht einen Gefallen tun wollen.« + +[Illustration: So trat es leise in die Stube ein] + +»Nein, nein«, versicherte Wiseli noch einmal, »sie hat gar nicht gesagt, +daß es ihr ein Gefallen sei; sie hat mich gefragt, ob ich gehen wolle, +und ich wäre auf der ganzen Welt nirgends so gern hingegangen, wie zu +Euch.« + +Diese Worte mußten den Andres ganz beruhigt haben; er fragte nichts +mehr, er legte seinen Kopf auf sein Kissen zurück und schaute stumm das +Wiseli an; dann mußte er sich auf einmal umkehren und ein Mal über das +andere seine Augen wischen. + +»Was muß ich jetzt tun?« fragte Wiseli, als er sich immer noch nicht +umkehrte. Jetzt wandte er sich und sagte mit dem freundlichsten Tone: + +»Ich weiß es gewiß nicht, Wiseli; tu du nur, was du willst, wenn du nur +ein wenig bei mir bleiben willst.« + +Wiseli wußte gar nicht, wie ihm geschah. Seit es seine Mutter zum +letzten Male gehört, hatte niemand mehr so zu ihm geredet; es war +gerade, als spüre es die Liebe seiner Mutter wieder in Andres' Worten +und Weise. Es mußte mit beiden Händen seine Hand nehmen, so wie es oft +die Mutter gefaßt hatte, und so stand es eine Weile an dem Bett, und es +war ihm so wohl, daß es gar nichts sagen konnte, aber es dachte: »Jetzt +weiß es die Mutter auch und hat eine Freude.« + +Gerade so dachte der Andres mit stillem Glück in seinem Herzen: »Jetzt +weiß es die Mutter auch und hat eine Freude.« + +Dann sagte auf einmal das Wiseli: + +»Jetzt muß ich Euch gewiß etwas kochen, es ist schon über Mittag. Was +muß ich kochen?« + +»Koch du nur, was du willst«, sagte der Andres. Aber dem Wiseli war es +darum zu tun, dem Kranken die Sache recht zu machen, und es fragte so +lange hin und her, bis es gemerkt hatte, was er essen müsse: eine gute +Suppe und ein Stück von dem Fleisch, das im Kasten war, und dann bestand +er darauf, das Wiseli müsse noch einen Milchbrei für sich kochen. Es +wußte recht gut Bescheid in der Küche, denn es hatte wirklich etwas +gelernt bei der Base, wenn auch unter harten Worten; das konnte es doch +nun gut gebrauchen. So hatte es in kurzer Zeit alles bereit gemacht, und +der Kranke wünschte, daß es ein Tischchen an sein Bett rücke und neben +ihm sitze zum Essen, daß er es auch sehen könne und wisse, daß es noch +da sei. Ein so vergnügtes Mittagsmahl hatte Wiseli lange nicht genossen, +und auch der Schreiner Andres nicht. Als sie damit zu Ende waren, stand +das Kind auf; aber Andres sah das nicht gern und sagte: + +»Wohin willst du, Wiseli? Willst du nicht noch ein wenig dableiben, oder +wird es dir ein bißchen langweilig bei mir?« + +»Nein, gewiß nicht«, versicherte Wiseli; »aber nach dem Essen muß man +immer aufwaschen und alles wieder sauber auf das Gestell hinaufräumen.« + +»Ich weiß schon, wie man's macht«, gestand Andres; »ich habe gedacht, +heute nur, so zum ersten Male, könntest du ja nur alles zusammenstellen +und dann etwa morgen einmal aufwaschen.« + +»Wenn aber die Frau Oberst das sähe, so müßte ich mich fast zu Tode +schämen«, und Wiseli machte ein ganz ernsthaftes Gesicht zu seiner +Versicherung. + +»Ja ja, du hast recht«, beschwichtigte nun Andres. »Mach nur alles, wie +du meinst, und geradeso, wie es dir recht ist.« + +Nun ging das Wiseli an seine Arbeit und putzte und räumte und ordnete, +daß alles glänzte in seiner Küche. Dann stand es einen Augenblick still +und schaute ringsum und sagte ganz befriedigt: »So, nun kann die Frau +Oberst kommen.« Dann kam es wieder in die Stube hinein und warf einen +fröhlichen Blick auf das schöne, große Bett auf der Kutsche hinter dem +Vorhang, denn der Schreiner Andres hatte ihm gesagt, da müsse es +schlafen, und der kleine Kasten in der Ecke gehöre auch ihm, da könne es +alles hineinräumen, was ihm angehöre. Es legte nun die Sachen aus seinem +Bündelchen alle ordentlich hinein, das war auch sehr bald getan, denn es +war wenig darin, und nun ging es und setzte sich voller Freuden wieder +an das Bett des Kranken, der schon lange nach der Tür geschaut hatte, ob +es noch nicht komme. Kaum war es wieder an dem Bett, so fragte es: »Habt +Ihr auch einen Strumpf, an dem ich stricken kann?« + +»Nein, nein«, antwortete Andres, »du hast ja jetzt gearbeitet, und wir +wollen nun ein wenig vergnügt zusammen reden über allerlei.« + +Aber Wiseli war gut geschult worden; zuerst in unvergeßlicher +Freundlichkeit von der Mutter, und dann von der Base mit Worten, die +auch nicht vergessen wurden, vor lauter Furcht, sie wieder zu hören. Es +sagte ganz überzeugt: + +»Ich darf nicht nur so dasitzen, weil es doch nicht Sonntag ist, aber +ich kann reden und an dem Strumpf stricken miteinander.« + +Das gefiel dem Andres nun auch wieder, und er ermunterte das Wiseli von +neuem, nur immer zu tun, was es meine, und einen Strumpf könne es auch +holen, wenn es wolle, er habe aber keinen. Nun holte Wiseli den +seinigen und setzte sich damit wieder an das Bett hin, und es hatte +recht gehabt, es konnte gut reden und stricken miteinander. Der +Schreiner Andres hatte aber auch gleich ein Gespräch angefangen, das dem +Wiseli das allerwillkommenste war. Er hatte gleich von der Mutter zu +reden begonnen, und Wiseli hatte so gern fortgefahren, denn noch nie und +mit keinem Menschen hatte es von seiner Mutter reden können, und es +dachte doch immer an sie und alles, was es mit ihr erlebt hatte, und nun +wollte der Schreiner Andres so gern von allem wissen, immer noch mehr, +und das Wiseli wurde immer wärmer und erzählte fort und fort, als könne +es nicht mehr aufhören, und so hörte der Andres zu mit gespannter +Aufmerksamkeit, und gerade so, als wolle er am liebsten nicht mehr +aufhören zuzuhören. + +In dieser Weise verging nun dem Wiseli ein Tag nach dem anderen. Für +jeden geringsten Dienst, den es leistete, dankte ihm der Andres, als ob +es ihm die größte Wohltat erwiesen hätte, und was es nur tat, gefiel dem +guten Mann, und er mußte es loben dafür. Er wurde in wenig Tagen so +frisch und munter bei der Pflege, daß er durchaus aufstehen wollte, und +der Doktor war ganz erstaunt, wie gut es mit ihm ging und wie fröhlich +und wohlgemut auf einmal der Schreiner Andres aussah. Er saß nun den +ganzen Tag am Fenster, wo die Sonne hinkam, und schaute dem Wiseli nach +auf Schritt und Tritt, so als ob er es gar nie genug sehen könnte, wie +es einen Kasten aufmachte und dann wieder zu, und wie ihm unter den +Händen alles so sauber und ordentlich wurde, wie er es vorher nie +gesehen hatte, oder doch meinte, es nie gesehen zu haben. Dem Wiseli +aber war es so wohl in dem stillen Häuschen, da es nur liebevolle Worte +hörte, und unter den freundlichen Augen, die es immerfort begleiteten, +daß es gar nicht daran denken durfte, wie bald die vierzehn Tage zu Ende +sein würden und es wieder nach dem Buchenrain zurückkehren mußte. + + + + +Achtes Kapitel. + +Es geschieht etwas Unerwartetes. + + +In dem Hause auf der Halde wurde viel vom Schreiner Andres und dem +Wiseli gesprochen. Jeden Morgen ging die Frau Oberst nachzusehen, wie es +bei dem Kranken stehe, und jedesmal brachte sie wieder einen +erfreulicheren Bericht nach Hause. Das brachte alle zusammen in die +freudigste Stimmung, und Otto und Miezchen machten einen Plan, wie ein +großes Genesungsfest müßte gefeiert werden in des Schreiners Andres +Stube, aber noch solange Wiseli da war; das sollte eine Hauptfreude und +für Andres und Wiseli eine große Überraschung werden. Es mußte aber noch +ein Fest gefeiert werden vorher, denn heute war des Vaters Geburtstag, +und schon am frühen Morgen hatten allerlei von Otto und Miezchen +erfundene Feierlichkeiten stattgefunden, doch der Hauptmoment des Tages +war jetzt gekommen, da es zur Mittagstafel ging. Ganz feierlich hatten +Otto und Miezchen sich schon hingesetzt in großer Erwartung aller der +Dinge, die da kommen sollten. Nun erschienen auch Vater und Mutter, und +das frohe Mahl nahm seinen Anfang. Nachdem das erste Gericht +vergnüglich verzehrt worden war, erschien eine zugedeckte Schüssel; das +war entschieden das Geburtstagsgericht. Der Deckel wurde aufgehoben, und +ein prächtiger Blumenkohl stand da, so frisch, als hätte man ihn eben im +Garten geholt. + +»Das ist ja eine prächtige Blume«, sagte der Vater, »die muß man loben. +Aber eigentlich«, fuhr er etwas enttäuscht fort, »suchte ich etwas +anderes unter dem Deckel, Artischocken suchte ich; kann man die nicht +auch finden irgendwo, wie Blumenkohl? Du weißt, liebe Marie, ich schaue +an gedeckten Tischen nach keinem anderen Gerichte so aus, wie nach +Artischocken.« + +Mit einem Male schrie das Miezchen auf: + +»Eben! Eben! Geradeso hat er mir gerufen zweimal, furchtbar, und _so_ +hat er den Stecken aufgehoben und _so_« -- und Miezchen fuhr ganz +aufgeregt mit ihren Armen in der Luft herum --, aber urplötzlich schwieg +sie und fuhr schnell herunter mit ihren Armen bis unter den Tisch und +war ganz blutrot geworden, und ihr gegenüber saß Otto mit zornigen Augen +und schoß flammende Blicke zu Miezchen hinüber. + +»Was ist das für eine seltsame Verherrlichung meines Geburtstages?« +fragte der Vater mit Staunen. »Über den Tisch hin schreit meine Tochter, +als wollte man sie umbringen, und unter dem Tisch durch versetzt mir +mein Sohn so entsetzliche Stiefelstöße, daß ich blaue Flecken bekomme. +Ich möchte wissen, Otto, wo du diese angenehme Unterhaltung gelernt +hast.« + +Jetzt war die Reihe an Otto, feuerrot zu werden bis unter die Haare +hinauf. Er hatte dem Miezchen unter dem Tisch durch einige deutliche +Mahnungen geben wollen, daß es schweigen solle, hatte aber den unrechten +Platz getroffen und mit seinem Stiefel des Vaters Bein in erstaunlicher +Weise bearbeitet. Das hatte Otto nun entdeckt; er durfte nicht mehr +aufschauen. + +»Nun Miezchen«, fing der Vater wieder an, »was ist denn aus deiner +Räubergeschichte geworden, du kamst ja gar nicht zu Ende. Also +'Artischocke' hat der furchtbare Mann dich genannt und den Stecken +erhoben und dann?« + +»Dann, dann«, stotterte Miezchen kleinlaut -- denn es hatte begriffen, +daß es auf einmal alles verraten hatte, und daß der Otto den Zuckerhahn +zurückfordern würde --, »dann hat er mich doch nicht totgeschlagen.« + +»So, das war eine Artigkeit von ihm«, lachte der Vater, »und dann +weiter?« + +»Dann weiter gar nichts mehr«, wimmerte Miezchen. + +»So, so, die Geschichte nimmt also ein fröhliches Ende. Der Stecken +bleibt in der Luft, und Miezchen geht als kleine Artischocke nach Hause. +Jetzt wollen wir gleich anstoßen auf alle wohlgeratenen Artischocken und +auf des Schreiners Andres Gesundheit!« + +Damit hob der Vater sein Glas, und die Tischgesellschaft stimmte ein. Es +standen aber alle ein wenig still vom Tisch auf, denn in jedem waren +allerlei schwere Gedanken aufgestiegen, nur der Vater blieb +unangefochten, setzte sich zu seiner Zeitung und steckte eine Zigarre +an. Otto schlich ins andere Zimmer hinüber, drückte sich in eine Ecke +und dachte darüber nach, wie es sein werde, wenn alle anderen wieder im +Mondschein schlitten würden und er nie mehr dabei sein dürfte, denn er +wußte, daß die Mutter dies von nun an verbieten würde. Miezchen kroch +ins Schlafzimmer hinein, kauerte sich neben dem Bett auf das Schemelchen +nieder, nahm den roten Zuckerhahn auf den Schoß und war sehr traurig, +daß es ihn zum letzten Male sehen sollte. Die Mutter blieb eine Zeitlang +stumm und sinnend am Fenster stehen und bewegte Gedanken in ihrem Herzen +hin und her, die sie immer mehr und aufregender beschäftigen mußten, +denn jetzt fing sie an, im Zimmer hin und her zu gehen, und plötzlich +verließ sie es und lief hierhin und dahin, nach dem Miezchen suchend. +Sie fand es endlich noch hinter seinem Bett auf dem Schemel sitzend, in +seine traurigen Betrachtungen versunken. + +»Miezchen«, sagte die Mutter, »jetzt erzähl mir recht, wo und wann ein +Mann dir drohte, und was er dir nachgerufen hat.« + +Miezchen erzählte, was es wußte, es kam aber nicht viel mehr heraus, als +es schon gesagt hatte. Nachgerufen hatte ihm der Mann das Wort, das der +Papa über Tisch gesagt hatte, behauptete es. Die Mutter kehrte in das +Zimmer zurück, wo der Vater saß, ging gleich zu ihm heran und sagte in +erregtem Ton: + +»Ich muß es dir wirklich sagen, es kommt mir immer wahrscheinlicher +vor.« + +Der Oberst legte seine Zeitung weg und schaute erstaunt seine Frau an. + +»Siehst du«, fuhr diese fort, »die Szene am Tisch hat mir mit einem Male +einen Gedanken erweckt, und je mehr ich ihn verfolge, je fester +gestaltet er sich vor meinen Augen.« + +»Setz dich doch und teil mir ihn mit«, sagte der Oberst, ganz neugierig +geworden. Seine Frau setzte sich neben ihn hin und fuhr fort: + +»Du hast Miezchens Aufregung gesehen, sie war sichtlich erschreckt +worden von dem Mann, von dem sie sprach, es war nicht Spaß gewesen: +darum ist es klar, daß er das Kind nicht 'Artischocke' genannt hat. Wird +er es nicht viel eher 'Aristokratin' oder 'Aristokratenbrut' genannt +haben? Du weißt, wer uns vorzeiten diesen Titel nachrief, meinem Bruder +und mir. Diesen Augenblick habe ich von Miezchen gehört, daß der Vorfall +sich an dem Abend ereignet hatte, da die Kinder im Mondschein auf der +Schlittbahn waren. An demselben Abend noch wurde Andres halb erschlagen +gefunden. Seit Jahren war der unheimliche Jörg verschwunden, und im +ersten Augenblick, da man wieder Spuren von ihm hat, geschieht die +Gewalttätigkeit an seinem Bruder, dem kein anderer je etwas zuleide +getan hat, als er. Macht dir das nicht auch Gedanken?« + +»Wahrhaftig, da könnte was dran sein«, entgegnete der Oberst +nachdenklich; »da muß ich sofort handeln.« + +Er stand auf, rief nach seinem Knecht, und wenige Minuten nachher fuhr +er im scharfen Trab zur Stadt hinunter. Von da an fuhr der Oberst jeden +Tag einmal nach der Stadt, um zu hören, ob Berichte eingegangen seien. +Am vierten Tage, als er nach Hause kam am Abend und seine Frau noch an +Miezchens Bett verweilte, ließ er sie schnell rufen, denn er hatte ihr +Wichtiges zu erzählen. Sie setzten sich dann zusammen, und der Oberst +teilte seiner Frau mit, was er in der Stadt vernommen hatte. Auf seine +Aussagen hin hatte die Polizei sogleich heimlich nach dem Jörg gesucht, +und er war ohne große Mühe gefunden worden, denn er war ganz sicher, daß +kein Mensch ihn gesehen hatte, da er nur des Nachts in sein Dorf +gekommen und gleich wieder verschwunden war. So war er zunächst nur +nach der Stadt hinuntergegangen und hatte sich in den Wirtshäusern +herumgetrieben. Als er nun festgenommen und verhört wurde, leugnete er +zuerst alles; als er aber hörte, der Oberst Ritter habe schlagende +Beweise gegen ihn vorzubringen, da entfiel ihm der Mut, denn er dachte, +der Herr Oberst müsse ihn gesehen haben, sonst wäre es unmöglich, daß er +gerade auf ihn geraten hätte, da er frisch aus neapolitanischen +Kriegsdiensten zurückgekommen war. Daß ein einziges Wort, das er einem +kleinen Kinde angeworfen hatte, ihn hatte verraten können, davon hatte +er keine Ahnung. Er fing dann an, furchtbar auf den Obersten zu +schimpfen, und sagte, er habe immer gedacht, diese Aristokratenbrut +werde ihn noch ins Unglück bringen. Im weiteren Verhör gestand er dann, +er habe seinen Bruder aufsuchen und Geld von ihm entlehnen wollen. Als +er durch das erleuchtete Fenster ihn erblickte, wie er eben eine gute +Summe Geld vor sich liegen hatte, da kam ihm der Gedanke, den Andres +niederzuschlagen und das Geld zu nehmen. Töten habe er ihn nicht +gewollt, nur ein wenig bewußtlos machen, damit er ihn nicht kenne. Der +größte Teil der Summe wurde noch bei ihm gefunden; diese wurde ihm +abgenommen und dann der Jörg in den Turm gesetzt. + +Als dieser Vorgang bekannt wurde, gab es eine ungeheure Aufregung im +ganzen Dorfe, denn eine solche Geschichte war noch gar nicht +vorgefallen, seit es stand. Besonders in der Schule kam alles aus der +Ordnung, so stark beteiligten sich alle Schüler an der aufregenden +Begebenheit. Otto war einige Tage ganz außer Atem, da er beständig +da- und dorthin zu laufen hatte, wo noch ein näherer Umstand von der +Sache zu hören war. Am dritten Abend nach der Verbreitung der Nachricht +kam er aber so nach Hause gestürzt, daß ihn die Mutter ermahnen mußte, +erst einen Augenblick stillzusitzen, da er vor Atemlosigkeit kein Wort +hervorbrachte und doch durchaus wieder eine Neuigkeit erzählen wollte. +Endlich konnte er sie in Worte bringen. Man hatte den Joggi, der bis +dahin eingesperrt geblieben war, herausholen wollen, aber der arme Tropf +hatte immerfort seine große Furcht beibehalten, und nun glaubte er, man +hole ihn zum Köpfen ab, und sperrte sich ganz furchtbar, die Kammer zu +verlassen. Dann hatten zwei Männer ihn mit aller Gewalt herausgeschleppt, +er hatte aber so geschrieen und getan, daß alle Leute herbeiliefen, und +dann hatte er sich noch mehr gefürchtet, und auf einmal, nachdem er +herausgekommen, war er davongeschossen wie ein Pfeil und in die nächste +Scheune hinein in den hintersten Winkel des Stalles. Da hockte er ganz +zusammengeballt mit einem furchtbar erschrockenen Gesicht, und kein +Mensch konnte ihn von der Stelle bringen. Schon seit gestern hockte er +so ohne Bewegung, und der Bauer hatte gesagt, wenn er nicht bald +aufstehe, wolle er ihn mit der Heugabel fortbringen. + +»Das ist ja eine ganz traurige Geschichte, Kinder«, sagte die Mutter, +als Otto fertig erzählt hatte. »Der arme Joggi! Was muß er nun leiden in +seiner Angst, die ihm niemand wegnehmen kann, da er nicht versteht, was +man ihm erklären könnte, und der arme, gutmütige Joggi ist ja ganz +unschuldig. Ach, Kinder, hättet ihr mir doch gleich das ganze Erlebnis +erzählt, als ihr am Abend von der Schlittbahn kamt; euer Verheimlichen +hat recht Trauriges zur Folge gehabt. Könnten wir doch den armen +Menschen trösten und wieder fröhlich machen.« + +Das Miezchen war ganz weich geworden. »Ich will ihm den roten Zuckerhahn +geben«, schluchzte es. + +Auch Otto war ein wenig zerknirscht. Er sagte zwar etwas verächtlich: +»Ja noch gar, einen Zuckerhahn einem erwachsenen Menschen geben! Behalt +du den nur für dich.« Aber dann bat er die Mutter, ihm und Miezchen zu +erlauben, dem Joggi etwas zu essen in den Stall zu bringen, er hatte gar +nichts gehabt, seit er dort kauerte, zwei ganze Tage lang. + +Das erlaubte die Mutter gern, und es wurde sogleich ein Korb geholt und +Wurst und Brot und Käse hineingesteckt. Dann gingen die Kinder den Berg +hinunter, dem Stalle zu. + +Mit einem ganz weißen, erschreckten Gesicht kauerte der Joggi hinten im +Winkel und rührte sich nicht. Die Kinder kamen ein wenig näher. Otto +zeigte dem Zusammengekrümmten den offenen Korb und sagte: + +»Komm hervor, Joggi, komm, das ist alles für dich zum essen.« + +Joggi bewegte sich nicht. + +»Komm doch, Joggi«, mahnte Otto weiter, »siehst du, sonst kommt der +Bauer und sticht dich mit der Heugabel hervor.« + +Joggi stieß einen erschreckten Ton aus und krümmte sich noch enger +zusammen in den Winkel hinein, wie in ein Loch. + +Jetzt ging Miezchen vorwärts und kam ganz nahe an den Joggi heran, hielt +den Mund an sein Ohr und flüsterte hinein: »Komm du nur mit mir, Joggi, +sie dürfen dich nicht köpfen, der Papa hilft dir schon, und siehst du, +das Christkindlein hat dir einen roten Zuckerhahn gebracht«; und +Miezchen nahm ganz heimlich den Zuckerhahn aus seiner Tasche und steckte +ihn dem Joggi zu. + +Diese heimlichen Trostesworte hatten eine wunderbar wirksame Kraft. Der +Joggi schaute das Miezchen an, ganz ohne Schrecken, dann schaute er auf +seinen roten Zuckerhahn, und dann fing er an zu lachen, was er seit +vielen Tagen nicht mehr getan hatte. Dann stand er auf, und nun ging +Otto voran aus dem Stall heraus, dann kam das Miezchen und ihm folgte +der Joggi auf dem Fuß. Draußen aber, als Otto dem Joggi sagte: »Das +kannst du mitnehmen, wir gehen nun heim und du auch, dort hinunter«, -- +da schüttelte Joggi den Kopf und stellte sich hinter das Miezchen. So +gingen alle drei weiter, der Halde zu, voran der Otto, dann Miezchen, +dann der Joggi. Die Mutter sah den Zug herankommen, und ihr Herz wurde +ganz erleichtert, als sie sah, wie der Joggi hinter dem Miezchen +herschritt, den roten Zuckerhahn in der Hand hielt und immerfort +vergnüglich lachte. So traten die drei ins Haus und in die Stube, und +hier holte das Miezchen geschäftig einen Stuhl, nahm den Eßkorb zur Hand +und winkte dem Joggi, daß er komme. Als er dann am Tische saß, legte es +alles, was im Korb war, vor ihn hin und sagte beschützend: »Iß du jetzt +nur, Joggi, und iß du nur alles auf und sei nun ganz fröhlich.« Da +lachte der Joggi und aß die beiden großen Würste und das ganze Brot und +das ungeheure Stück Käse ganz fertig und dann noch die Krumen. Den roten +Zuckerhahn hielt er die ganze Zeit über fest mit seiner linken Hand und +schaute ihn an von Zeit zu Zeit und lachte unbeschreiblich vergnüglich, +denn Wurst und Brot hatte er wohl auch schon bekommen, aber einen roten +Zuckerhahn hatte ihm in seinem ganzen Leben noch nie jemand geschenkt. +Endlich ging der Joggi die Halde hinunter. Voller Freuden schauten die +Mutter, Otto und Miezchen ihm nach: er hielt seinen Zuckerhahn bald in +der einen, bald in der anderen Hand, lachte immerzu und hatte seinen +Schrecken gänzlich vergessen. -- + +Seit drei Tagen hatte die Frau Oberst den Schreiner Andres nicht +besucht. Es hatte sich so vieles ereignet in diesen Tagen, daß sie gar +nicht begriff, wie die Zeit dahingegangen war; doch konnte sie ja ruhig +sein, sie wußte, daß der Andres gut verpflegt und besorgt und dazu auf +dem besten Wege der Genesung war. + +Ihr Mann hatte gleich am Morgen nach seiner Rückkehr aus der Stadt den +Andres besucht, um ihm die Entdeckung und die Festnahme seines Bruders +selbst mitzuteilen. Andres hatte ganz ruhig zugehört und dann gesagt: +»Er hat es so haben wollen; es wäre doch besser gewesen, er hätte mich +um ein wenig Geld gebeten, ich hätte ihm ja schon gegeben; aber er hat +immer lieber geprügelt, als gute Worte gegeben.« + +Jetzt trat die Frau Oberst am sonnigen Wintermorgen aus ihrer Tür und +stieg fröhlichen Herzens den Berg hinunter, denn sie beschäftigte sich +in ihrem Innern mit einem Gedanken, der ihr wohlgefiel. Als sie die +Haustür aufmachte beim Schreiner Andres, kam Wiseli eben aus der Stube +heraus. Seine Augen waren ganz aufgeschwollen und hochrot vom Weinen. Es +gab der Frau Oberst nur flüchtig die Hand und schoß scheu in die Küche +hinein, um sich zu verbergen. So hatte die Frau Oberst das Wiseli noch +gar nie gesehen. Was konnte da begegnet sein? Sie trat in die Stube ein. +Da saß am sonnigen Fenster der Andres und sah aus, als sei ein noch nie +erlebtes Unheil über ihn hereingebrochen. + +»Was ist denn hier geschehen?« fragte die Frau Oberst und vergaß im +Schrecken, »guten Tag« zu sagen. + +»Ach, Frau Oberst«, stöhnte Andres, »ich wollte, das Kind wäre nie in +mein Haus gekommen!« + +»Was«, rief sie noch erschrockener aus, »das Wiseli? Kann dieses Kind +Euch ein Leid angetan haben?« + +»Ach, um's Himmels willen, nein, Frau Oberst, so meine ich's nicht«, +entgegnete Andres in Aufregung; »aber nun ist das Kind bei mir gewesen +und hat mir ein Leben gemacht in meinem Häuschen, wie im Paradies, und +jetzt muß ich das Kind wieder hergeben, und alles wird viel öder und +leerer um mich her sein, als vorher. Ich kann es nicht aushalten; Sie +können sich gar nicht denken, wie lieb mir das Kind ist; ich kann es +nicht aushalten, wenn sie mir's wegnehmen. Morgen muß es gehen, der +Vetter-Götti hat schon zweimal den Buben geschickt; es müsse nun zurück, +morgen müsse es sein. Und dann ist noch etwas, das mir fast das Herz +zersprengt: seitdem der Vetter-Götti geschickt hat, ist das Kind ganz +still geworden und weint heimlich; es will es nicht so zeigen, aber man +kann's wohl sehen, es macht ihm so schwer, zu gehen, und morgen muß es +sein. Ich übertreibe nicht, Frau Oberst, aber das kann ich sagen: alles, +was ich seit dreißig Jahren erspart und erarbeitet habe, gäbe ich seinem +Vetter-Götti, wenn er mir das Kind ließe.« + +Die Frau Oberst hatte den aufgeregten Andres ganz fertig reden lassen; +jetzt sagte sie ruhig: »Das würde ich nicht tun an Eurer Stelle, ich +würde es ganz anders machen.« + +Andres schaute sie fragend an. + +»Seht, Andres, so würde ich es machen: ich würde sagen: 'All' mein +wohlverdientes Gut will ich jemandem zurücklassen, der mir lieb ist. Ich +will das Wiseli an Kindes Statt annehmen, ich will sein Vater sein, und +es soll von Stund an als mein Kind in meinem Hause bleiben.' Würde es +Euch nicht gefallen so, Andres?« + +Der Andres hatte lautlos zugehört und seine Augen waren immer größer +geworden. Jetzt ergriff er vor Bewegung die Hand der Frau Oberst und +drückte sie gewaltig zusammen, dann keuchte er hervor: + +»Kann man das wirklich machen? Könnte ich das mit dem Wiseli tun, so daß +ich sagen könnte: das Wiseli ist mein Kind, mein eigenes Kind, und +niemand hat mehr ein Recht an das Kind, und kein Mensch kann es mir mehr +nehmen?« + +»Das könnt Ihr, Andres«, versicherte die Frau Oberst, »geradeso! Sobald +das Wiseli Euer Kind ist, hat kein Mensch mehr ein Recht auf das Kind, +Ihr seid der Vater. Und seht, Andres, weil ich mir gedacht hatte, Ihr +könntet den Wunsch haben, das Wiseli zu behalten, so habe ich meinen +Mann gebeten, heute nicht fortzugehen, im Fall Ihr etwa gern gleich nach +der Stadt in die Kanzlei fahren würdet, daß alles bald festgesetzt +werde, denn zu Fuß könnt Ihr noch nicht gehen.« + +Andres wußte gar nicht, was er tat vor Aufregung und Freude. Er lief +dahin und dorthin und suchte den Sonntagsrock; dann rief er ein Mal ums +andere: »Ist es auch sicher wahr? Kann's auch sein?« Dann stand er +wieder vor die Frau Oberst hin und fragte: »Kann es jetzt sein, gleich +jetzt, heut' noch?« + +»Gleich jetzt«, versicherte sie; doch gab sie nun dem Schreiner Andres +die Hand zum Abschied, sie mußte gehen und ihrem Manne mitteilen, daß +Andres schon reisefertig sei. + +»Ihr solltet es dem Wiseli erst am Abend sagen, wenn alles gut +eingeleitet ist und Ihr wieder ruhig daheim seid«, bemerkte die Frau +Oberst noch unter der Tür; »meint Ihr nicht?« + +»Ja, sicher, sicher«, gab Andres zur Antwort; »jetzt könnt' ich's fast +nicht sagen.« + +Als die Tür sich schloß, setzte sich Andres auf seinen Stuhl nieder und +zitterte an Händen und Füßen so sehr, daß er meinte, er könne nie mehr +davon aufstehen, so war ihm die Freude und Aufregung in alle Glieder +gefahren. Es währte aber kaum eine halbe Stunde, da kam schon des +Obersten Wagen angefahren und hielt still am Gärtchen des Schreiners, +und zu Wiselis unbeschreiblichem Erstaunen stieg der Knecht von seinem +Sitz herunter, kam herein, und nach wenigen Minuten sah es, wie er +wieder herauskam, den Schreiner Andres mit beiden Armen festhielt und +ihm dann in den Wagen hinein half. Wiseli schaute dem Fuhrwerk nach, als +bewege sich etwas Unfaßliches vor seinen Augen, denn der Schreiner +Andres hatte kein Wort mehr zu ihm sagen können, nicht einmal, daß er +ausfahren werde. So wie er sich niedergesetzt hatte, war er sitzen +geblieben, bis der Knecht ihn herausholte, und das Wiseli hatte sich +immer noch verborgen gehalten. Jetzt ging es in die Stube hinein und saß +ans Fenster, wo sonst der Schreiner Andres saß, und konnte gar nichts +anderes mehr denken als nur immerzu: »Heute ist der letzte Tag, und +morgen muß ich zum Vetter-Götti.« Als der Mittag herankam, ging Wiseli +in die Küche hinaus und machte zurecht, was der Andres essen sollte; +aber er kam nicht, und es wollte nichts berühren, bis er auch dabei +war. So ging es wieder hinein, und auf der Stelle stand der traurige +Gedanke wieder vor ihm und es mußte ihm wieder nachhangen. Aber endlich +wurde es so müde davon, daß sein Kopf ihm auf die Schulter fiel und es +fest einschlief; aber noch im Schlaf mußte es immer sagen: »Und morgen +muß ich zum Vetter-Götti.« Und Wiseli sah nicht, wie leise der helle +Abendschein in die Stube hineinfiel und einen schönen Tag verkündigte. + +Wiseli schoß auf, als jemand die Stubentür öffnete; es war der Schreiner +Andres. Das Glück leuchtete ihm aus den Augen wie heller Sonnenschein, +so hatte ihn Wiseli noch nie gesehen. Es schaute verwundert zu ihm auf. +Jetzt mußte er auf seinen Stuhl sitzen und Atem holen vor Bewegung, +nicht vor Erschöpfung; dann rief er mit triumphierender Stimme: + +»Es ist wahr, Wiseli, es ist alles wirklich wahr! Die Herren haben alle +'Ja' gesagt. Du gehörst mir, ich bin dein Vater, sag mir einmal +'Vater'!« + +Wiseli war ganz schneeweiß geworden; es stand da und starrte den Andres +an, aber es sagte kein Wort und bewegte sich nicht. + +»Ja so, ja so«, fing Andres wieder an; »du kannst es ja nicht begreifen, +es kommt mir alles durcheinander vor Freuden; jetzt will ich von vorn +anfangen. Siehst du, Wiseli, jetzt eben habe ich es in der Kanzlei +verschrieben: du bist jetzt mein Kind und ich bin dein Vater, und du +bleibst hier bei mir für immer und gehst nie mehr zurück zum +Vetter-Götti, hier bist du daheim, hier bei mir.« + +Jetzt hatte Wiseli alles begriffen. Auf einmal sprang es auf den Andres +zu und umfaßte ihn mit beiden Armen und rief: »Vater! Vater!« Der +Andres brachte kein Wort mehr hervor und das Wiseli auch nicht, denn es +kam ihm so viel zusammen im Herzen und in den Gedanken, daß es ganz +überwältigt wurde. Aber mit einem Male war es, als ob ihm ein helles +Licht aufginge; es schaute den Andres mit leuchtenden Augen an und rief +frohlockend: »O Vater, jetzt weiß ich alles, wie es zugegangen ist und +wer dazu geholfen hat.« + +»So, so, und wer denn, Wiseli?« fragte er. + +»Die Mutter!« war die rasche Antwort. + +»Die Mutter?« wiederholte Andres, ein wenig erstaunt, »wie meinst du +das, Wiseli? wie meinst du das?« + +Jetzt erzählte das Kind, wie es die Mutter gesehen hatte, ganz deutlich, +wie sie es bei der Hand genommen und ihm einen sonnigen Weg gezeigt und +gesagt hatte: »Sieh, Wiseli, das ist dein Weg.« -- »Und jetzt, Vater«, +rief Wiseli immer eifriger fort, »jetzt ist mir auf einmal in den Sinn +gekommen, wie der Weg war, gerade so, wie der draußen im Garten, wenn +die Sonne darauf scheint und die Nelken so rot glühen und auf der +anderen Seite die Rosen, und die Mutter hat ihn schon gekannt und hat +gewiß das ganze Jahr am lieben Gott angehalten, daß ich dürfe auf den +Weg kommen, sie hat schon gewußt, wie gut ich es bei dir haben würde, +wie sonst nirgends auf der ganzen Welt. Das glaubst du jetzt auch, +Vater, daß alles so gegangen ist, nicht wahr, seit du weißt, daß die +Mutter mir den Weg bei den Nelken gezeigt hat?« + +Der gute Andres konnte nichts sagen, die hellen Tränen liefen ihm die +Wangen hinunter; dabei aber lachte ihm eine solche Freude aus den nassen +Augen, daß es dem Wiseli nicht bange wurde. Als er aber endlich etwas +sagen wollte, da hörte man nichts davon, denn in dem Augenblick wurde +mit einem ungeheuren Knall die Tür aufgeschlagen und herein sprang mit +einem Satz bis mitten in die Stube der Otto, dann machte er noch einen +großen Sprung über einen Stuhl weg und rief: »Juhe, wir haben's +gewonnen, und das Wiseli ist erlöst!« Hinter ihm stürzte das Miezchen +hervor, rannte gleich auf seinen Freund los und sagte mit +bedeutungsvollem Winken gegen die Tür hin: »Jetzt, Andres, wirst du +gleich sehen, was kommt zum Genesungsfest!«, und eh' es noch fertig +gesprochen, arbeitete der Bäckerjunge sich zur Tür herein mit einem so +ungeheuren Brett auf dem Kopf, daß er in der Tür stecken blieb und nicht +damit weiterdringen konnte. Aber von hinten kam eine kräftige Hand, die +hob und schob und stützte das wankende Gebäude, bis es glücklich in der +Stube angelangt und auf den Tisch gesetzt war, den es gänzlich bedeckte, +von oben bis unten. Denn Otto und Miezchen hatten ersonnen, aus ihren +Sparbüchsen zum Genesungsfest den allergrößten Rahmkuchen machen zu +lassen, den ein Mensch machen könnte. Da er nun zu klein geworden wäre +als runder Kuchen, so hatte man ihn viereckig gemacht, so daß er den +Ofen ausfüllte von vorn bis hinten und nun den ganzen Tisch bedeckte. +Auf den Boden hin stellte nun die Trine, die hinter dem Bäckerjungen +hilfreich hereingekommen war, ihren großen Korb nieder; da war ein +schöner Braten darin und stärkender Wein dazu, denn die Frau Oberst +hatte gesagt, heute habe der Andres gewiß noch keinen Bissen gegessen, +und vielleicht noch dazu das Wiseli nicht, und so war es auch, und jetzt +merkte es auch das Wiseli auf einmal, als es alle die einladenden Sachen +vor sich sah. Nun setzte sich die ganze Gesellschaft zu Tisch, und man +konnte gar nicht absehen, wer von allen das fröhlichste Gesicht am +Tische hatte. Vor allem mußte der Riesenkuchen in der Mitte zerschnitten +und die Hälfte auf den Boden gelegt werden, daß man Platz bekam, und nun +folgte ein Festessen von so fröhlicher Art, daß noch gar nie ein +fröhlicheres stattgefunden hat, denn jedem, das an diesem Tisch saß, war +sein höchster Wunsch in Erfüllung gegangen. + +Wie es nun spät geworden war unter all der Freude und man endlich vom +Tisch aufstehen mußte -- denn die Trine stand schon lange bereit zum +Abholen --, da sagte Andres: »Heut' habt ihr das Fest bereitet, aber auf +den Sonntag will ich auch eins bereiten, dann kommt ihr wieder, und das +soll das Fest des Einstandes sein für mein Töchterchen.« + +Nun schüttelten sich alle die Hände in der frohen Aussicht auf ein neues +herrliches Fest und auf die immerwährende Befriedigung, das Wiseli beim +Schreiner Andres zu wissen. Unter der Tür aber gab Wiseli dem Otto noch +einmal die Hand und sagte: + +»Ich danke dir hunderttausendmal für alles Gute, Otto. Der Chäppi hat +mir auch nie mehr etwas an den Kopf geworfen, weil er nicht durfte; das +habe ich nur dir zu danken.« + +»Und ich danke dir auch, Wiseli«, entgegnete Otto; »ich habe gar nie +mehr die Fetzen auflesen müssen in der Schule; das habe ich nur dir zu +danken.« + +»Und ich auch«, behauptete Miezchen, denn es wollte nicht weniger +erfreuliche Erfahrungen gemacht haben. + +Als nun in dem Stübchen alles still geworden war und der Mondschein +leise durchs Fenster hereinkam, bei dem der Schreiner Andres abgesessen +war, während das Wiseli noch alles aufräumen wollte, da kam es zu ihm +heran und sagte, indem es seine Hände faltete: + +»Vater, soll ich nicht den Liedervers der Mutter dir laut vorbeten? Ich +hab' ihn heut' Abend immer wieder leise für mich sagen müssen, den will +ich gewiß mein ganzes Leben lang nie vergessen.« + +Andres war sehr zufrieden, den Vers zu hören, und Wiseli schaute zu den +Sternen auf und sagte tief aus seinem Herzen heraus: + + »Befiehl du deine Wege, + Und was dein Herze kränkt, + Der allertreu'sten Pflege + Des, der den Himmel lenkt. + + Der Wolken, Luft und Winden + Gibt Wege, Lauf und Bahn, + Der wird auch Wege finden, + Da dein Fuß gehen kann.« + + * * * * * + +Von diesem Tage an war und blieb das allerglücklichste Haus im ganzen +Dorf und im ganzen Land das Häuschen des Schreiners Andres mit dem +sonnigen Nelkengarten. -- Wo seither das Wiseli sich blicken ließ, da +waren alle Leute so freundlich mit ihm, daß es nur staunen mußte. Denn +vorher hatten sie es nie beachtet, und der Vetter-Götti und die Base +gingen nie am Haus vorbei, ohne schnell hereinzukommen und ihm die Hand +zu geben und zu sagen, es solle auch zu ihnen kommen. + +Über diese Wendung war das Wiseli froh, denn es hatte immer einen +heimlichen Schrecken gehabt beim Gedanken, was der Vetter-Götti zu allem +sagen werde. So war Wiseli von aller Angst befreit und ging fröhlich +seinen Weg; im stillen aber dachte es oftmals: »Der Otto und die +Seinigen waren gut mit mir, als es mir schlecht ging und ich gar niemand +mehr auf der Welt hatte; aber die anderen Leute sind erst freundlich mit +mir geworden, seit es mir gut geht und ich einen Vater habe; ich weiß +ganz gut, wer es am besten mit mir meint.« + + +Druck von Friedrich Andreas Perthes, Aktiengesellschaft, Gotha. + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Diese elektronische Buch wurde auf +Grundlage der ca. 1920 erschienenen siebzehnten Auflage erstellt; das +Buch bildet den ersten Band der Serie »Geschichten für Kinder und auch +für solche, welche die Kinder lieb haben« von Johanna Spyri. Die +nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller im elektronischem +Buch gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +S. 025: sa daß es Rico ein Mal über das andere -> so daß +S. 028: in den Korpf gesetzt -> Kopf +S. 070: schanten zwei große Augen -> schauten +S. 073: [Punkt ergänzt] wollten mit ihrem Lied beginnen. +S. 152: [öffnendes Anführungszeichen ergänzt] »Ach nein, Max« +S. 165: [öffnendes Anführungszeichen ergänzt] »und dann möchte ich +S. 199: kein Wort sagen zn wollen -> zu +S. 232: denn ich dem Augenblick -> in dem Augenblick + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersezt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the scans of a +seventeenth edition copy, published ca. 1920; the book forms the first +volume of the series »Geschichten für Kinder und auch für solche, welche +die Kinder lieb haben« by Johanna Spyri. The table below lists all +corrections applied to the original text. + +p. 025: sa daß es Rico ein Mal über das andere -> so daß +p. 028: in den Korpf gesetzt -> Kopf +p. 070: schanten zwei große Augen -> schauten +p. 073: [added period] wollten mit ihrem Lied beginnen. +p. 152: [added opening quotes] »Ach nein, Max« +p. 165: [added quotes] Kartoffeln abreißend, »und dann möchte ich +p. 199: kein Wort sagen zn wollen -> zu +p. 232: denn ich dem Augenblick -> in dem Augenblick + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Heimatlos, by Johanna Spyri + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HEIMATLOS *** + +***** This file should be named 20780-8.txt or 20780-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/0/7/8/20780/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This file is +gratefully uploaded to the PG collection in honor of +Distributed Proofreaders having posted over 10,000 ebooks. + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
