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+The Project Gutenberg EBook of Heimatlos, by Johanna Spyri
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Heimatlos
+ Geschichten für Kinder und auch für solche, welche die
+ Kinder lieb haben, 1. Band
+
+Author: Johanna Spyri
+
+Release Date: March 8, 2007 [EBook #20780]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HEIMATLOS ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This file is
+gratefully uploaded to the PG collection in honor of
+Distributed Proofreaders having posted over 10,000 ebooks.
+
+
+
+
+
+
+
+ _Heimatlos._
+
+
+ Zwei Geschichten für Kinder
+ und
+ auch für solche, welche die Kinder lieb haben.
+
+
+ Von
+ Johanna Spyri.
+
+
+ Siebzehnte Auflage.
+ _Mit vier Bildern._
+
+
+ Gotha.
+ _Friedrich Andreas Perthes_ A.-G.
+
+
+
+ Alle Rechte vorbehalten.
+
+
+
+Inhalt.
+ Seite
+
+Am Silser- und am Gardasee 1
+
+Wie Wiselis Weg gefunden wird 129
+
+
+
+
+Am Silser- und am Gardasee.
+
+
+[Illustration: Frontispiz]
+
+[Illustration: Das Büblein schaute mit den großen, dunklen Augen lange
+hinaus dem Vater nach]
+
+
+
+
+Erstes Kapitel.
+
+Im stillen Hause.
+
+
+Im Ober-Engadin, an der Straße gegen den Maloja hinauf, liegt ein
+einsames Dörfchen, das heißt Sils. Da geht man von der Straße
+querfeldein, und hinten, ganz nahe an den Bergen, liegt ein kleiner Ort,
+der heißt Sils-Maria. Da standen zwei Häuschen einander gegenüber, ein
+wenig abseits im Felde. Die hatten beide uralte hölzerne Haustüren und
+ganz kleine Fenster tief in der Mauer drinnen. Beim einen Haus war ein
+kleines Stück Garten, da wuchs Kraut und Kohl und es standen auch vier
+Blumenstöcke darin, die sahen aber mager aus und aufgeschossen wie das
+Kraut. Beim anderen Häuschen war gar nichts als ein kleiner Stall neben
+der Tür; da krochen zwei Hühner aus und ein. Dies Häuschen war noch
+ziemlich kleiner als das andere, und die hölzerne Tür war schwarz vor
+Alter.
+
+Aus dieser Tür trat jeden Morgen um dieselbe Zeit ein großer Mann, der
+mußte sich bücken, um hinauszukommen. Der große Mann hatte ganz
+glänzend schwarze Haare und schwarze Augen, und unter der schön
+geformten Nase fing gleich ein so dichter, schwarzer Bart an, daß man
+vom übrigen Gesichte nichts mehr sah als die weißen Zähne, die zwischen
+den Barthaaren durchblitzten, wenn der Mann einmal sprach; aber er
+sprach sehr wenig. Alle Leute in Sils kannten den Mann, aber niemand
+nannte ihn bei einem Namen, er hieß bei allen nur »der Italiener«. Er
+ging regelmäßig den schmalen Weg querüber gegen Sils hin und den Maloja
+hinauf. Dort wurde viel an der Straße gebaut, und da hatte der Italiener
+seine Arbeit. Ging er aber nicht den Weg hinauf, so ging er hinunter,
+dem Bade St. Moritz zu; dort baute man Häuser, und er fand auch seine
+Arbeit. Da blieb er den Tag über und kehrte erst am Abend wieder ins
+Häuschen zurück. Gewöhnlich, wenn er am Morgen aus der Tür trat, stand
+hinter ihm ein Büblein; das stellte sich auf die Türschwelle, wenn der
+Vater draußen war, und schaute mit den großen, dunklen Augen lange
+hinaus dem Vater nach, oder sonst wohin, man hätte nicht sagen können,
+wohin, denn es war, als ob die dunklen Augen über alles wegschauten, was
+vor ihnen lag, und auf etwas hin, das niemand sehen konnte.
+
+Am Sonntagnachmittag, wenn die Sonne schien, dann traten die beiden auch
+manchmal miteinander aus dem Häuschen und gingen nebeneinander her die
+Straße hinauf. Und wenn man sie so ansah, so sah man ganz dasselbe vor
+sich in den zwei Gestalten, nur bei dem Büblein alles im kleinen, aber
+es war ganz wie vom Vater abgeschnitten, bis auf den schwarzen Bart, den
+hatte es nicht, sondern ein schmales, bleiches Gesichtchen war da zu
+sehen, mit dem schöngeformten Näschen in der Mitte, und um den Mund
+herum lag etwas Trauriges, wie wenn er nicht lachen möchte. Das konnte
+man beim Vater nicht sehen vor dem Bart.
+
+Wenn nun die beiden so nebeneinander hergingen, dann sagte keiner ein
+Wort zu dem anderen; meistens summte der Vater leise ein Lied, manchmal
+auch lauter, und das Büblein hörte zu. Wenn es aber regnete am Sonntag,
+dann saß der Vater daheim im Häuschen auf der Bank am Fenster, und das
+Büblein saß neben ihm, und sie sagten wieder nichts zueinander. Aber der
+Vater zog eine Mundharmonika hervor und spielte eine Melodie nach der
+anderen, und das Büblein hörte aufmerksam zu. Manchmal nahm er auch
+einen Kamm oder ein Baumblatt und lockte Melodien daraus hervor, oder er
+schnitt ein Stück Holz zurecht und pfiff darauf ein Lied. Es war, als
+gäbe es keinen Gegenstand, dem er nicht Musik entlocken könnte. Aber
+einmal hatte er eine Geige mit nach Hause gebracht, die hatte das
+Büblein so entzückt, daß es sie nie wieder vergessen konnte. Der Vater
+hatte viele Lieder und Melodien darauf gespielt und das Büblein
+unverwandt zugeschaut, nicht nur zugehört; und wie der Vater die Geige
+weggelegt hatte, da hatte sie das Büblein leise genommen und probiert,
+wie man die Melodien herausbringe. Und es mußte es so gar schlecht nicht
+gemacht haben, denn der Vater hatte gelächelt und gesagt: »So komm!« und
+hatte seine großen Finger auf die kleinen gelegt mit der linken Hand,
+und mit der rechten die Hand des Bübleins mitsamt dem Bogen in die
+seinige genommen, und so hatten sie eine gute Zeitlang fortgegeigt
+allerlei Melodien.
+
+Die folgenden Tage, wenn der Vater fort war, hatte das Büblein fort und
+fort probiert und gegeigt, bis es eine Melodie herausgebracht hatte;
+aber da war auf einmal die Geige wieder verschwunden und kam nie wieder
+zum Vorschein. Zuweilen, wenn sie so zusammensaßen, fing der Vater auch
+an zu singen, erst nur leise und dann immer deutlicher, wenn er einmal
+daran war. Dann sang das Büblein auch mit, und wenn es die Worte nicht
+recht mitsingen konnte, so sang es doch die Töne; denn der Vater sang
+immer italienisch, und es verstand vieles, aber es war ihm nicht so
+recht bekannt und geläufig zum Singen. Da aber war eine Melodie, die
+konnte es besser als alle anderen, denn der Vater hatte sie
+vielhundertmal gesungen.
+
+Sie gehörte zu einem langen Lied, das fing so an:
+
+ #»Una sera
+ In Peschiera« --#
+
+Es war eine ganz wehmütige Melodie, die einer zu der kurzweiligen
+Romanze gemacht hatte, und sie gefiel dem Büblein besonders wohl, so daß
+es sie immer mit Freuden und ganz andächtig absang, und es tönte gut,
+denn das Büblein hatte eine helle, glockenreine Stimme, die floß so
+schön mit des Vaters kräftigem Baß zusammen. Auch jedesmal, wenn dieses
+Lied zu Ende gesungen war, klopfte der Vater den Kleinen freundlich auf
+die Schulter und sagte: #»Bene, _Encrico,_ va bene.«# So nannte aber nur
+der Vater den Knaben, bei allen anderen Leuten hieß er nur »Rico«. Da
+war auch noch eine Base, die mit in dem Häuschen wohnte, die flickte und
+kochte und alles in Ordnung hielt. Im Winter saß sie am Ofen und spann,
+da mußte Rico immer nachdenken, wie er seine Gänge einrichten könne,
+denn sobald er die Tür aufmachte, sagte die Base: »Laß doch einmal diese
+Tür in Ruh', es wird ja ganz kalt in der Stube.« Er war dann oft lange
+allein mit der Base. Der Vater hatte in der Zeit irgendwo unten im Tale
+Arbeit und blieb viele Wochen lang fort.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+In der Schule.
+
+
+Rico war bald neun Jahre alt und hatte schon zwei Winter hindurch die
+Schule besucht, denn im Sommer gab es da droben in den Bergen keine
+Schule; da hatte der Lehrer seinen Acker zu bebauen und zu grasen und zu
+hauen wie alle anderen Leute, zur Schule hatte dann niemand Zeit. Das
+tat aber dem Rico nicht besonders leid, er wußte sich schon zu
+unterhalten. Wenn er sich am Morgen dort auf die Schwelle gestellt
+hatte, so blieb er stehen, schaute hinaus mit träumenden Augen und
+bewegte sich nicht, und so konnte er stundenlang stehen, wenn nicht
+drüben am anderen Häuschen die Türe aufging und ein kleines Mädchen
+herauskam und lachend zu ihm herüberschaute; dann lief Rico schnell
+hinüber, und die Kinder hatten sich schon wieder viel zu sagen seit
+gestern Abend, wo sie sich zuletzt gesehen hatten, ehe Stineli ins Haus
+gerufen wurde. Stineli hieß das Mädchen und war gerade so alt wie Rico;
+sie hatten miteinander angefangen in die Schule zu gehen und waren in
+derselben Klasse, und schon von jeher waren sie immer beieinander
+gewesen, denn es war ja nur ein schmaler Weg zwischen ihren Wohnungen
+und sie waren die allerbesten Freunde.
+
+Rico hatte auch nur diese einzige Freundschaft, denn mit den Buben
+ringsherum hatte er keine Freude, und wenn sie sich prügelten und auf
+dem Boden herumwarfen und sich auf die Köpfe stellten, dann ging er
+davon und schaute nicht einmal zurück. Wenn sie aber riefen: »Jetzt
+wollen wir einmal den Rico abprügeln«, dann stand er still und stellte
+sich geradeauf hin und machte gar nichts; aber er schaute sie mit den
+dunkeln Augen so merkwürdig an, daß ihn keiner packte.
+
+Aber beim Stineli war's ihm wohl zumute. Es hatte ein lustiges
+Stumpfnäschen und darüber zwei braune Augen, die lachten immerfort, und
+um den Kopf hatte es zwei dicke, braune Zöpfe gebunden, die sahen sehr
+sauber aus, denn das Stineli war ein ordentliches Mädchen und wußte sich
+zu helfen; es war auch in einer guten Schule Tag für Tag. Stineli war
+wohl kaum neun Jahre alt, aber es war die älteste Tochter und mußte der
+Mutter überall helfen, und da war viel zu tun. Denn nach dem Stineli
+kamen noch: das Trudi und der Sami und der Peterli, und das Urschli und
+das Anne-Deteli und der Kunzli, und dann noch das Ungetaufte. Immerfort
+rief man nach dem Stineli aus allen Ecken, und es war dabei so flink
+geworden, daß ihm alles aus der Hand lief wie von selbst. Den Kleinen
+hatte es immer schon drei Strümpfe und zwei Schuhe angezogen und
+festgebunden, eh' das Trudi dem einen, dem es helfen sollte, nur die
+Beine dazu in die rechte Stellung gebracht hatte. Und wenn in der Stube
+die kleinen Kinder und in der Küche die Mutter miteinander dem Stineli
+riefen, dann rief der Vater noch aus dem Stall herüber, er hatte dort
+die Kappe verlegt oder die Peitsche war verknüpft, und das Stineli mußte
+ihm helfen, denn es fand die Kappe immer gleich, sie war meistens auf
+dem Futterkasten, und seine gelenkigen Finger brachten die
+Peitschenschnur gleich auseinander. So war das Stineli immerfort im
+Laufen und am Arbeiten, aber es war ganz lustig und munter dabei, und im
+Winter war es froh über die Schule, denn dann wanderte es dahin und
+wieder heim mit dem Rico, und in der Pause gingen sie auch zusammen. Und
+im Sommer war es wieder froh, da gab es schöne Sonntagabende, da es
+hinaus durfte; dann zog es aus mit dem Rico, der schon lange drüben
+unter der Tür gewartet hatte, und sie liefen Hand in Hand über die große
+Wiese hin nach der bewaldeten Anhöhe drüben, die weit in den See
+hinausgeht wie eine Insel. Dort oben saßen sie unter den Tannen und
+schauten in den grünen See hinunter und hatten einander so viel zu
+erzählen und zu fragen, und es war ihnen so wohl, daß das Stineli sich
+die ganze Woche und durch alles durch freute, denn es wurde immer wieder
+Sonntag.
+
+In dem Häuschen aber war noch jemand, der dann und wann nach dem Stineli
+rief, das war die alte Großmutter. Die rief aber nicht, damit es ihr
+noch helfe, sondern sie hatte ihm etwa einen Blutzger zu geben, der ihr
+in die Hand kam, oder sonst etwas, denn Stineli war ihr Liebling und sie
+sah es mehr als sonst irgend jemand, wie viel das Stineli schon tun
+mußte für sein Alter, mehr als die meisten Kinder. Darum gab sie ihm
+gern etwas, daß es auch wie andere Kinder am Jahrmarkt etwas kaufen
+könne, etwa ein rotes Bändeli oder ein Nadelbüchsli. Die Großmutter war
+auch gegen Rico sehr gut und sah die Kinder gern beisammen und tat auch
+manchmal etwas für das Stineli, daß es mit dem Rico noch ein wenig
+draußen bleiben durfte.
+
+An den Sommerabenden saß sie immer vor dem Häuschen auf dem Holzstumpf,
+der da lag; und oft standen Stineli und Rico bei ihr und sie erzählte
+ihnen etwas. Wenn dann die Betglocke zu läuten anfing vom Türmchen, so
+sagte sie: »Jetzt müßt ihr jedes ein Vaterunser beten, und das dürft ihr
+nie vergessen, daß man am Abend sein Vaterunser beten muß; dazu läutet
+die Betglocke.«
+
+»Und seht, Kinder«, sagte die Großmutter von Zeit zu Zeit einmal wieder,
+»ich habe schon lange gelebt und viel gesehen, und ich kenne nicht
+einen, der nicht einmal in seinem Leben sein Vaterunser nötig gehabt
+hätte, aber manchen, der es mit Angst gesucht und nicht mehr gefunden
+hat, wenn die Not da war.« Dann standen Stineli und Rico ganz andächtig
+da und jedes betete ein Vaterunser.
+
+Jetzt war es Mai und eine kleine Zeit mußte die Schule noch dauern,
+lange konnte es nicht mehr sein, denn es grünte unter den Bäumen und
+große Strecken waren ganz frei von Schnee. Rico stand schon unter der
+Tür seit einer guten Weile und stellte diese Betrachtungen an. Dabei
+schaute er immer wieder nach der Tür drüben, ob sie noch nicht aufgehen
+wollte. Jetzt ging sie auf und Stineli kam herausgesprungen.
+
+»Bist du schon lang dagestanden? Hast du wieder gestaunt, Rico?« rief es
+lachend. »Siehst du, heut' ist es noch früh, wir können langsam gehen.«
+
+Jetzt nahmen sie einander bei der Hand und wanderten der Schule zu.
+
+»Denkst du immer noch an den See?« fragte Stineli im Gehen.
+
+»Ja gewiß«, versicherte Rico mit ernstem Gesicht, »und manchmal träumt
+es mir auch davon und ich sehe so große, rote Blumen daran und drüben
+die violetten Berge.«
+
+»Ach, das gilt nicht, was es einem träumt«, sagte Stineli lebhaft; »es
+hat mir auch einmal geträumt, der Peterli kletterte ganz allein auf die
+allerhöchste Tanne hinauf, und wie er auf dem obersten Zweiglein saß, da
+war's nur noch ein Vogel, und er rief herunter: 'Stineli, zieh mir die
+Strümpf' an.' Jetzt siehst du doch, daß das nichts sein kann.«
+
+Rico mußte stark nachdenken, wie das sei, denn sein Traum konnte doch
+sein und war nur wie etwas, das ihm wieder in den Sinn kam. Aber jetzt
+waren sie nahe beim Schulhaus angelangt und ein ganzer Trupp Kinder
+lärmte von der anderen Seite daher. Sie traten alle miteinander ein, und
+bald nachher kam auch der Lehrer. Der war ein alter Mann mit dünnen,
+grauen Haaren, denn er war schon undenklich lang Lehrer gewesen, so daß
+ihm darüber die Haare grau geworden und ausgefallen waren. Es ging nun
+an ein strenges Buchstabieren und Syllabieren, dann kam das Einmaleins
+an die Reihe und zuletzt kam der Gesang. Da holte der Lehrer seine alte
+Geige hervor und stimmte sie, und nun ging es an und alle sangen aus
+voller Kehle:
+
+ »Ihr Schäflein hinunter
+ Von sonniger Höh'«,
+
+und der Lehrer geigte dazu.
+
+Nun schaute aber der Rico so gespannt auf die Geige und des Lehrers
+Finger, wie dieser die Saiten griff, daß Rico darüber ganz das Singen
+vergaß und keinen Ton mehr von sich gab. Jetzt fiel mit einem Male die
+ganze Sängerherde einen halben Ton hinunter, da wurde die Geige auch
+unsicher und fiel nach, und die Sänger fielen noch tiefer, und man kann
+gar nicht wissen, wie tief hinunter alles miteinander gefallen wäre, --
+aber jetzt warf der Lehrer die Geige auf den Tisch und rief erzürnt:
+»Was ist das für ein Gesang! Ihr unvernünftigen Schreier! Wenn ich doch
+wissen könnte, wer mir so falsch singt und einen ganzen Gesang
+verdirbt!«
+
+Da sagte ein kleiner Bube, der neben Rico saß: »Ich weiß schon, warum es
+so gegangen ist; allemal geht es so, wenn der Rico aufhört zu singen.«
+
+Dem Lehrer war es selbst nicht so ganz unbekannt, daß die Geige am
+sichersten ging, wenn Rico fest mitsang.
+
+»Rico, Rico, was muß ich hören«, sagte er ernsthaft, zu diesem gewandt.
+»Du bist sonst ein ordentliches Büblein, aber Unachtsamkeit ist ein
+großer Fehler, das hast du jetzt gesehen. Ein einziger unachtsamer
+Schüler kann einen ganzen Gesang verderben. Jetzt wollen wir noch einmal
+anfangen, und daß du aufpassest, Rico!«
+
+Nun setzte Rico mit fester, klarer Stimme ein, und die Geige folgte
+nach, und alle Kinder sangen aus allen Kräften mit, so daß es ganz
+herrlich anzuhören war bis zum Schluß. Da war der Lehrer sehr zufrieden
+und rieb sich die Hände und tat noch ein paar feste Striche auf der
+Geige und sagte vergnüglich: »Es ist auch ein Instrument danach.«
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+Des alten Schullehrers Geige.
+
+
+Vor der Tür hatten sich Stineli und Rico bald aus dem Rudel
+herausgemacht und zogen zusammen ihren Weg.
+
+»Hast du vor lauter Staunen nicht mehr mitgesungen, Rico?« fragte jetzt
+Stineli. »Ist dir etwa auf einmal der See in den Sinn gekommen?«
+
+»Nein, etwas anderes«, sagte Rico; »ich weiß jetzt, wie man spielt: 'Ihr
+Schäflein hinunter'. Wenn ich nur eine Geige hätte!«
+
+Der Wunsch mußte Rico schwer auf dem Herzen liegen, denn er kam mit
+einem tiefen Seufzer heraus. Stineli war gleich ganz voller Teilnahme
+und unternehmender Gedanken.
+
+»Wir wollen eine kaufen zusammen«, rief es plötzlich in großer Freude
+über die Hilfe, die ihm in den Sinn gekommen war. »Ich habe ganz viele
+Blutzger von der Großmutter, etwa zwölf; wie viele hast du?«
+
+»Gar keinen«, sagte Rico traurig; »der Vater hat mir ein paar gegeben,
+ehe er fortging. Aber die Base hat gesagt, ich mache nur unnützes Zeug
+damit, und hat sie genommen und ganz hoch hinauf in den Kasten gelegt;
+man kann sie nicht mehr erlangen.«
+
+Aber Stineli ließ sich nicht so bald entmutigen. »Vielleicht haben wir
+doch genug Geld, und die Großmutter gibt mir schon noch ein wenig«,
+sagte es tröstend; »weißt du, Rico, eine Geige kostet nicht so viel; es
+ist nur altes Holz und vier Saiten darüber gespannt, das kostet nicht
+viel. Du mußt nur morgen den Lehrer fragen, was eine Geige kostet, und
+nachher suchen wir eine.«
+
+So blieb es ausgemacht, und Stineli dachte, es wolle daheim tun, was es
+nur könne, und ganz früh aufstehen und das Feuer anmachen, eh' nur die
+Mutter auf sei; denn wenn es so immerfort etwas tat von früh bis spät,
+steckte ihm gewöhnlich die Großmutter einen Blutzger in den Sack.
+
+Am folgenden Morgen, als die Schule aus war, ging Stineli allein hinaus
+und an der Ecke vom Schulhaus stand es still hinter dem Holzhaufen und
+wartete auf den Rico, der jetzt den Lehrer fragen sollte wegen der
+Geige. Er kam lange nicht heraus, und Stineli guckte immer wieder mit
+Ungeduld hinter dem Holze hervor, aber es waren nur die anderen Buben,
+die noch da und dort herumstanden. Aber jetzt -- richtig, Rico kam um den
+Holzhaufen herum. Da war er.
+
+»Was hat er gesagt, was kostet sie?« rief Stineli mit angehaltenem Atem
+vor Erwartung.
+
+»Ich habe nicht fragen mögen«, antwortete Rico verzagt.
+
+»O, wie schade!« sagte Stineli und stand ganz verblüfft da, aber nicht
+lange. »Es ist gleich, Rico«, sagte es wieder fröhlich und nahm ihn bei
+der Hand zum Heimgehen, »du kannst nur morgen fragen. Ich habe auch
+schon wieder einen Blutzger bekommen heute früh von der Großmutter, weil
+ich schon auf war, als sie in die Küche kam.«
+
+Nun ging es aber am folgenden Tage wieder ganz gleich und am dritten
+auch; Rico blieb immer eine halbe Stunde lang vor der Wohnstube des
+Lehrers stehen und mochte nicht hineingehen und seine Frage tun. Da
+dachte Stineli heimlich: Wenn er noch drei Tage lang nicht fragt, dann
+frag' ich. Aber am vierten Tage, als Rico wieder nachdenklich und
+zaghaft an der Tür stand, ging diese plötzlich auf, und der Lehrer trat
+eilig heraus und stieß so gewaltig gegen den Rico an, daß das
+federleichte Büblein ein gutes Stück rückwärts flog. In großem Erstaunen
+und ziemlichem Unwillen stand der Lehrer da. »Was ist das, Rico?« fragte
+er jetzt, als der Kleine wieder am Platze stand. »Warum kommst du an
+eine Tür und klopfest nicht an, wenn du da etwas zu verrichten hast;
+wenn du aber nichts da zu verrichten hast, warum entfernst du dich
+nicht? Solltest du mir aber etwas zu berichten haben, so kannst du's
+gleich hier sagen. Was wolltest du?«
+
+»Was kostet eine Geige?« stürzte Rico vor lauter Angst in voller Hast
+heraus.
+
+Des Lehrers mißbilligendes Erstaunen wuchs sichtlich. »Rico, was muß ich
+von dir denken?« fragte er mit gestrenger Miene; »kommst du extra an die
+Tür deines Lehrers, um unnütze Fragen an ihn zu tun? oder hast du eine
+Absicht? Was hast du damit sagen wollen?«
+
+»Ich habe nichts sagen wollen«, entgegnete Rico schüchtern, »nur fragen,
+was eine Geige kostet.«
+
+»Du hast mich nicht verstanden, Rico; paß jetzt auf, was ich dir sage:
+ein Mensch spricht etwas aus und denkt sich dabei einen Zweck; oder er
+denkt sich nichts dabei, das sind unnütze Worte. Nun paß auf, Rico: hast
+du soeben diese Frage getan aus gar keinem Grunde, oder aus Neugierde,
+oder hat dich jemand geschickt, der gern eine Geige anschaffen wollte?«
+
+»Ich wollte gern eine kaufen«, sagte Rico ein wenig herzhafter; aber er
+erschrak sehr, als der Lehrer mit einem Male in hellem Zorn ihn anfuhr:
+»Was? Was sagst du da? So ein -- verlorenes, unvernünftiges, welsches
+Büblein, wie du eins bist, eine Geige kaufen? Weißt du denn, was eine
+Geige ist? Weißt du, wie alt ich war und was ich gelernt hatte, eh' ich
+eine Geige anschaffen konnte? Lehrer war ich, fertiger Lehrer,
+zweiundzwanzig Jahre alt und stand in meinem Beruf! Und dann so ein
+Büblein, wie du eins bist! Und jetzt will ich dir sagen, was eine Geige
+kostet, so kannst du deinen Unverstand bemessen. Sechs harte Gulden habe
+ich bezahlt dafür; kannst du dir die Summe vergegenwärtigen? Wir wollen
+sie gleich einmal in Blutzger auflösen: Enthält ein Gulden 100 Blutzger,
+so enthalten sechs Gulden 6 x 100 gleich? -- gleich? -- Nun Rico, du bist
+sonst keiner von den Ungeschickten, -- gleich?«
+
+»Gleich 600 Blutzger«, ergänzte Rico leise, denn der Schrecken versagte
+ihm die Stimme, nun er die Summe überschaute und Stinelis zwölf Blutzger
+damit verglich.
+
+»Und dann, Büblein«, fuhr der Lehrer im Zuge weiter fort, »was meinst
+du? Meinst du, es nimmt einer eine Geige nur in die Hand und spielt? Da
+muß einer anders dran, bis er so weit ist. Komm gleich einmal da herein«
+-- und der Lehrer machte die Tür auf und nahm die Geige von der Wand --;
+»da, nimm sie einmal in den Arm und den Bogen in die Hand; so, Büblein,
+und wenn du mir nun #c d e f# herausbringst, so geb' ich dir gleich
+einen halben Gulden.« Rico hatte wirklich die Geige im Arm; seine Augen
+leuchteten auf wie Feuer. #c d e f# -- spielte er fest und völlig
+korrekt. »Du Erzblitzbub«, rief der Lehrer vor Bewunderung aus, »woher
+kannst du das? Wer hat dich's gelehrt? Wie kannst du die Töne
+finden?«
+
+[Illustration: Jetzt spielte Rico mit aller Sicherheit und
+freudestrahlenden Augen]
+
+»Ich kann noch etwas, wenn ich's spielen darf«, sagte Rico und schaute
+mit Verlangen auf das Instrument in seinem Arm.
+
+»Spiel's!« bedeutete der Lehrer. Jetzt spielte Rico mit aller Sicherheit
+und freudestrahlenden Augen:
+
+ »Ihr Schäflein hinunter
+ Von sonniger Höh',
+ Der Tag ging schon unter,
+ Für heute ade!«
+
+Der Lehrer hatte sich auf einen Stuhl niedergelassen und die Brille
+aufgesetzt. Er schaute mit ernster Prüfung jetzt auf Ricos Finger, dann
+auf seine funkelnden Augen, dann wieder auf die Finger. Rico hatte
+fertig gespielt.
+
+»Komm hier zu mir her, Rico!«
+
+Der Lehrer rückte seinen Stuhl ins Licht, und Rico mußte sich gerade vor
+ihm aufstellen. »So, nun muß ich ein Wort mit dir reden. Dein Vater ist
+ein Welscher, Rico, und siehst du, dort unten gehen allerhand Dinge, von
+denen wir hier in den Bergen nichts wissen. Nun sieh mir in die Augen
+und sag mir aufrichtig und der Wahrheit gemäß: Wie bist du dazu
+gekommen, diese Melodie ohne Fehler auf meiner Geige zu spielen?«
+
+Rico schaute den Lehrer mit ganz ehrlichen Augen an und sagte: »Ich habe
+sie Euch abgelernt in der Singschule, wo wir sie so viel singen.«
+
+Diese Worte gaben der Sache eine ganz andere Wendung. Der Lehrer stand
+auf und ging einige Male hin und her. So war er selbst der Urheber
+dieser wunderbaren Erscheinung; da waren also keine Schwarzkünste dabei
+im Spiel. Mit versöhntem Gemüte zog er jetzt seinen Beutel hervor: »Da
+ist ein halber Gulden, Rico, er gehört dir mit Recht. Nun fahr so fort
+und sei recht aufmerksam auf das Geigenspiel, solange du zur Schule
+gehst, so kannst du's zu etwas bringen, und in zwölf bis vierzehn Jahren
+wird die Zeit da sein, da du auch eine Geige anschaffen kannst. Jetzt
+kannst du gehen.«
+
+Rico warf noch einen Blick auf die Geige, dann ging er mit der
+allertiefsten Betrübnis im Herzen.
+
+Stineli kam hinter dem Holzstoß hervorgerannt: »Diesmal bist du aber
+lang geblieben, hast du gefragt?«
+
+»Es ist alles verloren«, sagte Rico, und seine Augenbrauen kamen vor
+Leid so nah zusammen, daß _ein_ dicker, schwarzer Strich war über die
+Augen hin. »Eine Geige kostet sechshundert Blutzger, und in vierzehn
+Jahren kann ich eine kaufen, wenn schon lange alles tot ist; wer wollte
+noch am Leben sein in vierzehn Jahren. Da, das kannst du haben, ich
+will's nicht.« Damit drückte er den halben Gulden in Stinelis Hand.
+
+»Sechshundert Blutzger!« wiederholte Stineli voller Entsetzen. »Aber
+woher hast du das viele Geld hier?«
+
+Rico erzählte nun alles, wie es gegangen war bei dem Lehrer, und endete
+wieder mit dem Worte des größten Leides: »Jetzt ist alles verloren.«
+
+Stineli wollte ihm wenigstens seinen halben Gulden aufdringen als einen
+ganz kleinen Trost; aber er war ganz ergrimmt über den unschuldigen
+halben Gulden und wollte ihn nicht ansehen.
+
+Da sagte Stineli: »So will ich ihn zu meinen Blutzgern tun und dann
+wollen wir das Geld alles miteinander teilen und alles gehört uns
+zusammen.«
+
+Diesmal war auch Stineli sehr niedergeschlagen; als es aber mit Rico um
+die Ecke kam, wo es ins Feld hineinging, lag der schmale Fußweg so schön
+trocken in der Sonne bis zur Haustür hin, und dort flimmerte das
+Plätzchen davor auch ganz weiß und trocken, und Stineli rief:
+
+»Sieh, sieh, nun wird's Sommer, Rico, und wir können wieder in den Wald
+hinauf; dann freut's dich auch wieder. Wollen wir schon am Sonntag
+gehen?«
+
+»Es freut mich gar nichts mehr«, sagte Rico; »aber wenn du gehen willst,
+so will ich schon mitkommen.«
+
+An der Tür wurde es noch ganz ausgemacht, am Sonntag wollten sie
+hinübergehen auf die Waldhöhe, und dem Stineli kam schon wieder die
+Freude obenauf. Es tat auch noch die Woche durch, was es nur vermochte,
+und es gab viel zu tun; der Peterli und der Sami und das Urschli hatten
+die Röteln, und im Stall war eine Geiß krank, der mußte man öfter heißes
+Wasser bringen, und Stineli mußte da- und dorthin laufen und überall
+Hand anlegen, sobald es nur aus der Schule kam, und am Samstag den
+ganzen Tag lang, bis spät am Abend, da mußte es noch den Stalleimer
+fegen. Da sagte aber auch der Vater am Abend: »Das Stineli ist ein
+handliches.«
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+Der ferne, schöne See ohne Namen.
+
+
+Als am Sonntagmorgen Stineli die Augen aufmachte, hatte es eine große
+Freude im Herzen und wußte zuerst gar nicht warum, bis es sich besann,
+daß es Sonntag war und die Großmutter noch am Abend spät gesagt hatte:
+»Morgen mußt du Sonntag haben, den ganzen Nachmittag; er gehört dir!«
+
+Als das Mittagessen vorbei war und Stineli alle Teller weggetragen und
+den Tisch abgewaschen hatte, rief der Peterli: »Komm zu mir, Stineli«,
+und die zwei anderen im Bett schrieen: »Nein, zu mir!« Und der Vater
+sagte: »Das Stineli muß nach der Geiß sehen.«
+
+Aber nun ging die Großmutter in die Küche hinaus und winkte dem Stineli
+nach. »Geh du jetzt in Frieden«, sagte sie, »der Geiß und den Kindern
+will ich schon nachgehen, und wenn's Betglocke läutet, kommt ordentlich
+heim.« Die Großmutter wußte schon, daß ihrer zwei waren.
+
+Jetzt schoß Stineli davon wie ein Vogel, dem man die Käfigtür aufgemacht
+hat, und drüben stand Rico, der hatte lange schon gewartet. Nun zogen
+sie aus über die Wiese hin, der Waldhöhe zu. Die Sonne schien an allen
+Bergen und der Himmel lag blau darüber. Auf der Schattenseite mußten sie
+noch ein wenig im Schnee gehen bis hinauf, aber da kam die Sonne von
+vorn und flimmerte über den See, und da waren schöne, trockene Plätzchen
+am Abhang, steil über dem Wasser. Da saßen die Kinder hin; es pfiff ein
+scharfer Wind über die Höhe und sauste ihnen um die Ohren. Stineli war
+lauter Freude und Genuß. Ein Mal über das andere rief es aus:
+
+»Sieh, sieh, Rico, die Sonne, wie schön! Jetzt wird's Sommer; sieh, wie
+es glitzert auf dem See. Es kann gar keinen schöneren See geben, als der
+ist«, sagte es jetzt zuversichtlich.
+
+»Ja, ja, Stineli, du solltest nur einmal den See sehen, den ich meine!«
+und Rico schaute so verloren über den See hin, als finge, was er ansehen
+wollte, erst dort an, wo man nichts mehr sah.
+
+»Siehst du, dort stehen nicht so schwarze Tannen mit Nadeln, da sind so
+glänzende, grüne Blätter und große, rote Blumen, und die Berge stehen
+nicht so hoch und schwarz und so nah, nur weit drüben liegen sie ganz
+violett, und am Himmel und auf dem See ist alles golden und so still und
+warm; da tut der Wind nicht so und die Füße hat man nicht so voll
+Schnee, dann kann man immer so am sonnigen Boden sitzen und zuschauen.«
+
+Stineli war bald hingerissen; es sah schon die roten Blumen und den
+goldenen See vor sich, das mußte doch so schön sein.
+
+»Vielleicht kannst du wieder einmal dahin gehen an den See und alles
+wieder sehen; weißt du den Weg?«
+
+»Man geht auf den Maloja. Dort bin ich schon mit dem Vater gewesen: da
+hat er mir die Straße gezeigt, die geht den ganzen Weg hinunter, immer
+so hin und her, und weit unten ist der See, aber noch so weit, daß man
+fast nicht hinkommen kann.«
+
+»Ach, das ist ganz leicht«, meinte Stineli, »du müßtest nur immer weiter
+gehen, so kämst du sicher zuletzt dahin.«
+
+»Aber der Vater hat mir noch etwas gesagt; siehst du, Stineli: wenn man
+auf dem Wege ist und in ein Wirtshaus hineingeht und ißt und schläft da,
+so muß man immer bezahlen, da muß man wieder Geld haben.«
+
+»O, Geld haben wir jetzt so viel«, rief Stineli triumphierend. Aber Rico
+triumphierte nicht mit.
+
+»Das ist gerade so viel wie nichts, das weiß ich noch von der Geige
+her«, sagte er traurig.
+
+»So bleib du lieber daheim, Rico; sieh, es ist doch daheim so schön.«
+
+Eine Weile lang saß Rico nachdenklich da, seinen Kopf auf den Ellbogen
+gestützt, und seine Augenbrauen kamen wieder ganz zusammen. Jetzt kehrte
+er sich wieder zu Stineli, das unterdessen von dem weichen, grünen Moos
+ausrupfte und ein Bettlein machte, zwei Kissen und eine Decke, die
+wollte es dem kranken Urschli bringen. »Du sagst, ich soll nur daheim
+bleiben, Stineli«, sagte er mit gefalteter Stirne; »aber siehst du, mir
+ist es gerade so, wie wenn ich nicht wüßte, wo ich daheim bin.«
+
+»Ach, was sagst du«, rief Stineli und warf vor Erstaunen eine ganze Hand
+voll Moos weg. »Hier bist du daheim, natürlich. Da ist man immer daheim,
+wo man seinen Vater und seine Mutter --«; hier hielt es plötzlich inne:
+Rico hatte ja gar keine Mutter, und der Vater war schon so lang wieder
+fort, und die Base? -- Stineli kam der Base nie zu nah, sie hatte ihm nie
+ein gutes Wort gegeben; es wußte gar nicht mehr, was sagen. Aber Stineli
+konnte in einem so unsicheren Zustande nicht lange bleiben. Rico hatte
+wieder zu staunen angefangen; auf einmal faßte es ihn am Arm und rief:
+
+»Nun möchte ich doch etwas wissen, wie heißt der See, wo es so schön
+ist?«
+
+Rico besann sich. »Ich weiß es nicht«, sagte er, selbst verwundert
+darüber.
+
+Da schlug Stineli vor, sie wollten jemand fragen, wie er heißen könne;
+denn wenn Rico doch einmal viel Geld hätte und gehen könnte, so müßte er
+ja den Weg erfragen und einen Namen wissen. Nun fingen sie an zu
+beraten, wen man fragen könnte; den Lehrer oder die Großmutter. Da fiel
+es Rico ein, der Vater werde es am besten wissen; den wollte er fragen,
+sobald er heimkomme.
+
+Unterdessen war die Zeit vergangen und auf einmal hörten die Kinder ganz
+in der Ferne ein leises Läuten. Sie kannten den Ton, es war die
+Betglocke. Sie sprangen gleich beide vom Boden auf und rannten
+miteinander Hand in Hand durch Gestrüpp und Schnee die Halde hinunter
+und über die Wiese hin, und es hatte noch nicht lange verläutet, so
+standen sie schon an der Tür, wo die Großmutter nach ihnen aussah.
+
+Stineli mußte nun gleich ins Haus hinein, und die Großmutter sagte nur
+schnell: »Geh du auch gleich hinein, Rico, und bleib nicht mehr stehen
+vor der Tür.«
+
+Das hatte die Großmutter noch nie zu ihm gesagt, obschon er es immer
+tat, denn es gelüstete ihm nie, in das Haus hineinzugehen, und er stand
+immer erst eine Zeitlang vor der Haustür, ehe er's tat. Er gehorchte
+aber der Großmutter aufs Wort und ging gleich hinein.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+Ein trauriges Haus, aber der See hat einen Namen.
+
+
+Die Base war nicht in der Stube, so ging er wieder hinaus und machte die
+Küchentür auf. Da stand sie; aber ehe er nur eintreten konnte, hob sie
+den Finger in die Höh' und machte: »Bst! Bst! Mach nicht alle Türen auf
+und zu und einen Lärm, als kämen ihrer vier. Geh in die Stube hinein und
+halte dich still. Der Vater liegt oben in der Kammer; sie haben ihn auf
+einem Wagen gebracht, er ist krank.«
+
+Rico ging hinein und setzte sich auf die Bank an der Wand und bewegte
+sich nicht. So saß er eine gute halbe Stunde lang; die Base fuhr noch
+immer in der Küche herum. Da dachte Rico, er wolle ganz leise in die
+Kammer hineinschauen, vielleicht wollte der Vater auch etwas zu Abend
+essen, es war schon lange Zeit dazu.
+
+Er schlich hinter dem Ofen die kleine Treppe hinauf und kroch in die
+Kammer hinein. Nach einiger Zeit kam er wieder und ging gleich in die
+Küche hinaus und bis nahe zur Base heran. Dann sagte er leise: »Base,
+kommt!«
+
+Diese wollte ihn eben tüchtig anfahren, als ihre Blicke auf sein Gesicht
+fielen: es war völlig ohne Farbe, Wangen und Lippen weiß wie ein Tuch,
+und aus den Augen schaute er so schwarz, daß ihn die Base fast
+fürchtete.
+
+»Was hast du?« fragte sie hastig und folgte ihm unwillkürlich.
+
+Er ging leise das Treppchen hinauf und in die Kammer hinein. Da lag der
+Vater mit starren Augen auf seinem Bett; er war tot.
+
+»Ach, du mein Gott«, schrie die Base und lief mit Lärm zur Tür hinaus,
+die auf der anderen Seite auf den Gang führte, die Treppe hinunter und
+gleich hinüber in die Stube hinein und rief, der Nachbar und die
+Großmutter sollten herüberkommen, und von da lief sie zum Lehrer und zum
+Gemeindevorsteher.
+
+So kam eins ums andere und trat in die stille Kammer hinein, bis sie
+voll von Menschen war, denn einer hörte draußen vom anderen, was
+geschehen sei. Und mitten in dem Gewimmel und den vielen klaghaften
+Worten von all' den Nachbarn stand Rico an dem Bette, lautlos und
+unbeweglich, und schaute den Vater an. -- Die ganze Woche durch kamen
+täglich noch Leute ins Haus, die den Vater ansehen und von der Base
+hören wollten, wie alles zugegangen sei, so daß es Rico ein Mal über das
+andere erzählen hörte: Sein Vater hatte drunten im St. Gallischen an
+einer Eisenbahn Arbeit gehabt. Beim Steinsprengen hatte er eine tiefe
+Wunde in den Kopf bekommen, und da er nun doch nicht mehr arbeiten
+konnte, wollte er heimgehen, um sich zu pflegen, bis es besser würde.
+Aber die lange Reise, teils zu Fuß, teils auf offenen Fuhrwagen, hatte
+er nicht ertragen können, war am Sonntag gegen Abend daheim angelangt
+und hatte sich auf sein Bett gelegt, um nicht wieder aufzustehen; ohne
+daß ihn jemand gesehen hatte, war er verschieden; denn Rico hatte ihn
+schon starr ausgestreckt auf dem Bette gefunden. Am Sonntag darauf wurde
+der Mann begraben. Rico war der einzige Leidtragende, der dem Sarge
+folgte, einige gute Nachbarn hatten sich noch angeschlossen; so ging
+der Zug hinüber nach Sils. Dort hörte Rico, wie der Herr Pfarrer in der
+Kirche laut ablas: »Der Verstorbene hieß Enrico Trevillo und war
+gebürtig aus Peschiera am Gardasee.«
+
+Da war es Rico, als hörte er etwas, das er ganz gut gewußt, aber gar
+nicht mehr hatte zusammenfinden können. Immer hatte er auch den See vor
+sich gesehen, wenn er mit dem Vater gesungen hatte:
+
+ #»Una sera
+ In Peschiera.«#
+
+Aber er hatte nicht gewußt, warum. Leise mußte er die Namen wiederholen,
+eine Menge alter Lieder stiegen damit vor seinen Augen auf.
+
+Als er allein zurückgewandert kam, sah er die Großmutter auf dem
+Holzstumpf sitzen und neben ihr das Stineli. Sie winkte ihn zu sich.
+Dann steckte sie ihm ein Stück Birnbrot in die Tasche, wie sie vorher
+dem Stineli getan hatte, und sagte, nun sollten sie spazieren gehen, an
+dem Tage müsse Rico nicht allein sein. Da wanderten die Kinder zusammen
+in den hellen Abend hinaus. Die Großmutter blieb auf ihrem Holze sitzen
+und schaute mitleidig dem schwarzen Büblein nach, bis sie nichts mehr
+von den Kindern sehen konnte. Dann sagte sie leise für sich:
+
+ »Doch was Er tut und läßt geschehn,
+ Das nimmt ein gutes End'!«
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+Ricos Mutter.
+
+
+Über den Weg von Sils her kam an einem Stab der Lehrer gegangen. Er
+hatte an dem Begräbnis teilgenommen. Er hustete und keuchte, und als er
+nun bei der Großmutter angekommen war und einen »Guten Abend« geboten
+hatte, setzte er hinzu: »Wenn es Euch recht ist, Nachbarin, so sitze ich
+einen Augenblick neben Euch, denn ich habe es stark in dem Hals und auf
+der Brust; aber was kann unsereins sagen mit bald siebzig Jahren, wenn
+man solche begräbt, wie den heute. Er war noch nicht fünfunddreißig und
+ein Mann wie ein Baum.«
+
+Der Lehrer hatte sich neben die Großmutter niedergesetzt.
+
+»Es gibt mir auch zu denken«, sagte diese, »daß ich, eine Alte,
+Fünfundsiebzigjährige, übrig bleibe und da und dort ein Junges fort muß,
+von dem man denkt, es wäre noch nötig gewesen.«
+
+»Die Alten werden auch noch zu etwas gut sein. Wo wäre sonst ein
+Beispiel für die Jungen?« bemerkte der Lehrer. »Aber was meint Ihr,
+Nachbarin, was soll nun aus dem Büblein werden da drüben?«
+
+»Ja, was soll aus dem Büblein werden?« wiederholte die Großmutter; »ich
+frage auch so, und wenn ich nur auf die Menschen sehen wollte, so wüßte
+ich keine Antwort. Aber es ist noch ein Vater im Himmel, der die
+verlassenen Kinder sieht. Er wird auch einen Weg für das Büblein
+finden.«
+
+»Sagt mir einmal, Nachbarin: wie ging es zu, daß der Italiener die
+Tochter von Eurer Nachbarin da drüben zur Frau bekam? Man weiß doch nie,
+woher solche fremde Menschen kommen und was mit ihnen ist.«
+
+»Es ging eben, wie es geht, Nachbar. Ihr wißt ja, meine alte Bekannte,
+die Frau Anne-Dete, hatte alle ihre Kinder verloren und auch den Mann,
+und lebte allein drüben im Häuschen mit dem Marie-Seppli, das ein
+lustiges Töchterlein war. Es mögen jetzt elf oder zwölf Jahre sein, da
+kam der Trevillo zuerst hierher. Er hatte Arbeit oben am Maloja und kam
+etwa hier herunter mit den Burschen, und kaum hatten das Marie-Seppli
+und er einander gesehen, so wurden sie einig, sie wollten einander
+haben. Und das muß man dem Trevillo nachsagen, er war nicht nur ein
+schöner Bursche, der jedem gefallen konnte, sondern auch ein anständiger
+und rechtschaffener Mensch, die Anne-Dete hatte selber ihre Freude an
+ihm. Sie hätte nun freilich gern gewollt, die beiden blieben bei ihr im
+Häuschen, und der Trevillo hätte es gern getan, er konnte es gut mit der
+Mutter, und dem Marie-Seppli tat er, was es nur wollte. Er war aber
+manchmal mit ihm nach dem Maloja hinaufspaziert und hatte die Straße
+hinuntergeschaut, die man so sieht, wie sie weit ins Tal hinabgeht, und
+er hatte ihr erzählt, wie es unten sei, wo er daheim war. Da hatte sich
+das Marie-Seppli in den Kopf gesetzt, es wolle dort hinunter, und es
+half alles nichts, wie auch die Mutter anhielt und jammerte, sie könnten
+nicht leben da unten. Da sagte aber der Trevillo, deswegen müsse sie
+nicht Angst haben, er habe ein Gütlein und ein Häuschen unten; er sei
+nur lieber ein wenig in die Welt hinausgezogen. -- Jetzt hatte er das
+Marie-Seppli gewonnen, und nach der Hochzeit wollte es auf der Stelle
+den Berg hinunter. Es schrieb dann etwa der Mutter, daß es ihm gut gehe
+und der Trevillo der beste Mann sei.
+
+»Aber nach etwa fünf oder sechs Jahren trat eines Tages der Trevillo
+drüben in der Stube ein bei der Anne-Dete und hatte ein Büblein an der
+Hand und sagte: 'Da, Mutter, das ist noch das einzige, was ich vom
+Marie-Seppli habe; es liegt begraben dort unten mit seinen anderen
+kleinen Kindern. Der war sein erstes und sein liebstes.'
+
+»So hat sie's mir erzählt. Dann sei er auf die Bank niedergesessen, wo
+er zuerst das Marie-Seppli gesehen hatte, und habe gesagt: da wolle er
+bleiben mit seinem Büblein, wenn's der Mutter recht sei; denn dort unten
+habe er's nicht mehr ausgehalten.
+
+»Das war Freud' und Leid miteinander für die Anne-Dete. Der kleine Rico
+war etwas zu vier Jahren und war ein zahmes, nachdenkliches Büblein,
+ohne Lärm und Unart, es war ihre letzte Freude, ein Jahr nachher starb
+sie schon, und man riet dem Trevillo, die Base der Anne-Dete zu sich zu
+nehmen für den Haushalt und das Kind.«
+
+»So, so«, machte der Lehrer, als die Großmutter schwieg; »das habe ich
+alles nicht so gewußt. Es kann nun sein, daß sich etwa Verwandte von dem
+Trevillo zeigen mit der Zeit, und man kann sie anhalten, etwas für den
+Knaben zu tun.«
+
+»Verwandte«, seufzte die Großmutter, »die Base ist auch eine Verwandte,
+von ihr bekommt er wenig gute Worte im Jahr.«
+
+Der Lehrer stand mühsam auf von seinem Sitz. »Mit mir geht's bergab,
+Nachbarin«, sagte er kopfschüttelnd; »ich weiß nicht, wo meine Kräfte
+hingekommen sind.«
+
+Die Großmutter ermunterte ihn und sagte: er sei ja noch ein junger Mann
+im Vergleich zu ihr. Sie mußte sich aber doch verwundern, wie langsam er
+davonging.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel.
+
+Ein kostbares Vermächtnis und ein kostbares Vaterunser.
+
+
+Es kamen nun viele schöne Sommertage, und wo die Großmutter nur konnte,
+richtete sie es ein, daß das Stineli einen freien Augenblick bekam; aber
+es gab immer mehr zu tun in dem Hause. Rico stand manche Stunde auf
+seiner Schwelle und staunte und sah nach der Tür drüben, ob das Stineli
+komme.
+
+Gegen den September, wenn die Leute oft noch vor den Häusern saßen, um
+sich der letzten warmen Abende zu freuen, da saß auch der Lehrer noch
+etwa vor seiner Tür; aber er sah ganz abgemagert aus und keuchte immer
+mehr, und eines Morgens, als er aufstehen wollte, hatte er die Kraft
+nicht mehr und fiel wieder auf sein Kissen zurück. Da lag er denn ganz
+still und fing an, allerlei zu bedenken, und wie es kommen würde, wenn
+er sterben müßte. Er hatte keine Kinder, und seine Frau war schon lange
+gestorben, nur eine alte Magd war noch bei ihm im Hause. Er mußte
+hauptsächlich nachdenken, wohin alle die Sachen kämen, die ihm
+angehörten, wenn er nicht mehr da wäre, und da seine Geige ihm gerade
+gegenüber an der Wand hing, so sagte er zu sich: »Die müßte ich auch
+dalassen.« Und der Tag kam ihm in den Sinn, da der Rico hier vor ihm
+gestanden und gegeigt hatte, und er hätte sie dem Büblein fast eher
+gegönnt als einem fernen Vetter, der vom Geigen gar nichts verstand. So
+dachte er bei sich, wenn er sie um ein billiges geben würde, so könnte
+sie der Rico vielleicht erstehen; der Vater hatte ihm doch wohl ein
+kleines hinterlassen. Da fiel ihm aber ein, daß, wenn er die Geige
+verlassen müsse, er das Geld auch nicht mehr brauchen könne. Aber er
+konnte doch ein Instrument, für das er sechs harte Gulden auf den Tisch
+gelegt hatte, nicht nur so weggeben. So dachte er immer schärfer darüber
+nach, wie es zu machen wäre, daß er die Geige nicht so für nichts
+hergeben müßte, daß sie ihm doch irgend etwas eintrüge; aber immer
+zuletzt kam ihm wieder klar vor Augen, daß dorthin, wohin er die Geige
+nicht mitnehmen konnte, er auch nichts anderes fortzubringen imstande
+war, und daß all sein Gut da zurückbleiben würde.
+
+Das Fieber nahm unterdessen mehr und mehr überhand bei ihm, und gegen
+Abend und die ganze Nacht durch lag er in einem großen Kampf von vielen
+Gedanken, und es stiegen alte Dinge vor seinen Augen auf, die er schon
+lange vergessen hatte, und verfolgten ihn, so daß er am Morgen ganz
+erschöpft dalag und nur noch einen Gedanken hatte: er wollte gern etwas
+Gutes tun, gleich auf der Stelle ein gutes Werk verrichten.
+
+Er klopfte mit dem Stock an die Wand, bis die alte Magd hereinkam, und
+diese schickte er zur Großmutter hinaus, sie solle zu ihm kommen, aber
+bald.
+
+Die Großmutter trat auch bald nachher in seine Stube, und eh' sie nur
+recht fragen konnte, wie es ihm gehe, sagte er: »Seid so gut und nehmt
+dort die Geige herunter und bringt sie dem Waisenbüblein; ich will sie
+ihm schenken, er soll Sorg' dazu haben.«
+
+Die Großmutter mußte sich aufs höchste verwundern und einmal über das
+andere ausrufen: »Was wird der Rico machen! Was wird der Rico sagen!«
+
+Dann bemerkte sie, daß der Lehrer ein wenig unruhig wurde, so, wie wenn
+die Sache Eile hätte. So verließ sie ihn bald und eilte nun, so sehr sie
+konnte, mit ihrem Geschenk unter dem Arm übers Feld, denn sie konnte
+selbst kaum erwarten, daß der Rico sein Glück erfahre.
+
+Der stand unter der Haustür; auf den Wink der Großmutter kam er ihr
+entgegengelaufen.
+
+»Da, Rico«, sagte sie und hielt ihm die Geige hin, »die schickt dir der
+Lehrer zum Geschenk, sie ist dein.«
+
+Rico stand da wie im Traume, aber es war so; die Großmutter streckte ihm
+wirklich die Geige entgegen.
+
+»Nimm sie, Rico, sie ist dein«, wiederholte sie.
+
+Zitternd vor Freude und innerer Aufregung ergriff Rico jetzt seine
+Geige, nahm sie in den Arm und schaute sie unverwandt an, so, als könne
+sie ihm wieder wegkommen, wenn er einmal weggehen würde.
+
+»Du sollst auch Sorg' dazu haben«, ergänzte die Großmutter ihren
+Auftrag; sie mußte aber ein wenig lachen, es kam ihr nicht vor, daß die
+Ermahnung nötig sei. »Und Rico, denk auch an den Lehrer und vergiß nie,
+was er an dir getan hat; er ist sehr krank.«
+
+Nun trat die Großmutter in ihr Haus ein, und Rico eilte mit seinem
+Schatz in seine Kammer hinauf, dort war er immer ganz allein.
+
+Da saß er hin und strich und geigte fort und fort und vergaß Essen und
+Trinken und alle Zeit. Erst als es schon fast dunkeln wollte, stand er
+auf und ging die Treppe hinunter. Die Base kam aus der Küche und sagte:
+»Du kannst denn morgen wieder essen, heut' hast du dich aufgeführt, daß
+dir nichts gehört.«
+
+Rico empfand keinen Hunger, obschon er seit dem frühen Morgen nichts
+gegessen hatte; so hatte er auch jetzt nicht ans Essen gedacht und ging
+ganz getrost ins andere Haus hinüber und gleich in die Küche hinein, er
+suchte die Großmutter. Stineli stand am Herd und machte das Feuer an.
+Wie es des Rico ansichtig wurde, mußte es ganz laut aufjauchzen, denn
+schon den ganzen Tag durch, seit die Großmutter erzählt hatte, was
+begegnet war, hatte ihm der Boden unter den Füßen gebrannt, daß es nicht
+hinaus konnte, um seine Freude beim Rico auszulassen; aber es durfte
+keinen Augenblick fort. Nun war es aber auch wie außer sich und rief
+einmal ums andere: »Jetzt hast du sie! Jetzt hast du sie!«
+
+Auf den Lärm kam die Großmutter aus der Stube, und Rico ging gleich zu
+ihr heran und sagte: »Großmutter, kann ich gehen und dem Lehrer danken,
+wenn er schon krank ist?«
+
+Die Großmutter besann sich ein wenig, denn der Lehrer hatte schon am
+Morgen recht schwer krank ausgesehen; dann sagte sie: »Wart ein wenig,
+Rico, ich will mit dir gehen«, und ging, die saubere Schürze anzuziehen.
+Dann wanderten sie miteinander dem Schulhaus zu. Die Großmutter trat
+zuerst ein; dann kam ihr Rico leise nach, die Geige im Arm, denn diese
+hatte er noch keinen Augenblick weggelegt, seit sie ihm gehörte.
+
+Der Lehrer lag sehr ermattet da; Rico trat an das Bett heran und schaute
+dabei auf seine Geige, und er konnte fast nichts sagen, aber seine Augen
+funkelten so, daß der Lehrer ihn wohl verstanden hatte; er warf einen
+frohen Blick auf den Knaben und nickte mit dem Kopfe. Dann winkte er die
+Großmutter zu sich heran. Rico trat auf die Seite und der Lehrer sagte
+mit schwacher Stimme: »Großmutter, es wäre mir recht, wenn Ihr mir ein
+Vaterunser beten wolltet; es wird mir so bang.«
+
+Jetzt hörte man die Betglocke herüberläuten; Rico faltete schnell seine
+Hände, und die Großmutter faltete die ihrigen und betete ihr Vaterunser.
+Dann wurde es ganz still in der Stube. Die Großmutter beugte sich ein
+wenig und drückte dem alten Nachbar die Augen zu, denn er war
+verschieden. Dann nahm sie den Rico an der Hand und ging leise hinaus
+mit ihm.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+Am Silser See.
+
+
+Das Stineli kam gar nicht mehr ins Gleichgewicht vor Freude die ganze
+Woche durch; aber es kam ihm auch vor, als habe diese Woche zehn Tage
+mehr als jede andere, denn es wollte gar nicht Sonntag werden.
+
+Als er aber doch endlich kam und eine goldene Sonne über die Herbsthöhen
+leuchtete, und es mit dem Rico oben unter den Tannen ankam, und der
+glitzernde See vor ihnen lag, da kam eine solche Freude über das
+Stineli, daß es rings im Moos herumhüpfen und jauchzen mußte; und dann
+setzte es sich auf den äußersten Rand am Abhang, daß es alles sehen
+konnte, die sonnigen Höhen und den See und weit hinüber den blauen
+Himmel.
+
+Nun rief es: »Komm, Rico, da wollen wir singen, lang, lang!«
+
+Da setzte sich der Rico neben das Stineli hin und machte seine Geige
+zurecht, denn die war mitgekommen.
+
+Nun fing er an und die Kinder sangen:
+
+ »Ihr Schäflein hinunter
+ Von sonniger Höh'« --
+
+alle Verse durch, aber Stineli hatte noch lange nicht genug.
+
+»Wir wollen immer weiter singen«, sagte es und sang weiter:
+
+ »Ihr Schäflein hinüber
+ Auf die lustige Höh',
+ Die Sonne steht drüber
+ Und der Wind geht am See.«
+
+Und nun sang der Rico den Vers auch mit und freute sich und sagte:
+
+»Sing noch weiter!«
+
+Das Stineli war ganz begeistert vor Freude und schaute auf und ab und
+sang wieder:
+
+ »Und die Schäflein, und die Schäflein,
+ Und der Himmel, so blau,
+ Und rot' und weiße Blumen
+ Auf der grasgrünen Au'.«
+
+Und Rico geigte und sang mit und sagte:
+
+»Sing noch weiter!«
+
+Da schaute das Stineli den Rico lachend an und sang:
+
+ »Und ein Bub' ist so traurig,
+ Und ein Mädle das lacht,
+ Und ein See ist wie der andre
+ Von Wasser gemacht.«
+
+Und Rico lachte auch und sang und sagte:
+
+»Sing noch weiter!«
+
+Da fing das Stineli noch einmal an und sang hintereinander; und Rico
+geigte immerfort dazu, und es sang:
+
+ »Und die Schäflein, und die Schäflein,
+ Die springen herum,
+ Und sind alleweil fröhlich,
+ Und wissen auch nicht warum.
+
+ Und ein Bub' und ein Mädle,
+ Die sitzen am See,
+ Und tät er nichts denken,
+ So tät's ihm nicht weh.«
+
+Und nun fingen sie wieder von vorne an und sangen ihr Lied
+hintereinander durch und hatten ein großes Wohlgefallen daran, und wenn
+sie es fertig gesungen hatten, so fingen sie noch einmal an und dann
+noch einmal und sangen das Lied wohl zehnmal durch, und je mehr sie es
+sangen, desto besser gefiel es ihnen.
+
+Rico spielte dann noch einige Melodien, die er vom Vater her wußte, aber
+nach einer Weile kamen sie wieder auf ihr Lied zurück und fingen aufs
+neue zu singen an.
+
+Aber mittendrin hörte Stineli auf und rief: »Jetzt kommt es mir in den
+Sinn, wie du an den See hinunter kannst und doch kein Geld brauchst.«
+
+Rico hielt plötzlich inne und schaute erwartungsvoll auf das Stineli.
+
+»Siehst du«, fuhr es eifrig fort, »jetzt hast du eine Geige und kannst
+ein Lied. Da mußt du bei jedem Wirtshaus unter die Stubentür gehen und
+das Lied singen und geigen; dann geben dir die Leute etwas zu essen und
+lassen dich schlafen da, denn sie sehen dann, daß du nicht ein Bettler
+bist. So kannst du gehen bis an den See, und im Heimweg kannst du es
+wieder so machen.«
+
+Rico wurde ganz nachdenklich, aber Stineli ließ ihm keine Zeit zum
+Staunen, es wollte gleich noch einmal singen.
+
+Vor lauter Gesang hörten sie auch gar nichts von der Betglocke, und erst
+als es zu dunkeln anfing, merkten sie, daß es Zeit war, heimzugehen, und
+schon von fern sahen sie die Großmutter, wie sie ängstlich umherschaute.
+
+Aber diesmal war Stineli zu sehr im Feuer, um von einer Besorgnis
+gedämpft zu werden. Es rannte auf die Großmutter zu und rief: »Du kannst
+nicht glauben, Großmutter, wie gut der Rico geigen kann, und wir haben
+jetzt ein eigenes Lied, nur für uns. Wir wollen dir's gleich singen.«
+
+Und eh' die Großmutter nur ein Wort sagen konnte, sangen sie schon mit
+heller Stimme zu der Geige ihr ganzes Lied durch, und die Großmutter
+hörte die frischen Stimmen gerne. Sie war auf das Holz niedergesessen,
+und wie die Kinder nun zu Ende waren, sagte sie: »Komm, Rico, jetzt mußt
+du mir auch noch ein Lied spielen und wir wollen es miteinander singen.
+Kannst du das Lied: 'Ich singe dir mit Herz und Mund'?«
+
+Rico hatte es vielleicht auch schon gehört, aber er wußte es nicht mehr
+recht und meinte, erst müsse es die Großmutter einmal singen; dann wolle
+er leise nachgeigen, nachher könne er's dann schon.
+
+»Jetzt werd' ich noch Vorsinger mit meiner Zitterstimme«, sagte die
+Großmutter, aber sie sang ganz vergnügt einen Vers durch, und wenn die
+Stimme ein wenig zitterte, so war sie doch ganz richtig und Rico konnte
+ihr gut die Melodie abnehmen, er hatte sie auch vorher schon gehört.
+
+Nun fingen sie an, und vor jedem Vers sagte die Großmutter den Kindern
+die Worte vor, und so sangen sie fröhlich alle miteinander:
+
+ »Ich singe dir mit Herz und Mund,
+ Herr, meines Herzens Lust.
+ Ich sing' und mach' auf Erden kund,
+ Was mir von dir bewußt.
+
+ Ich weiß, daß du der Brunn'n der Gnad'
+ Und ew'ge Quelle bist,
+ Daraus uns allen früh und spat
+ Viel Heil und Gutes fließt. --
+
+ Was kränkst du dich in deinem Sinn?
+ Und grämst dich Tag und Nacht?
+ Nimm deine Sorg' und wirf sie hin
+ Auf den, der dich gemacht.
+
+ Er hat noch niemals was versehn,
+ In seinem Regiment,
+ Nein, was er tut und läßt geschehn,
+ Das nimmt ein gutes End'.
+
+ Ei nun, so laß ihn ferner tun
+ Und red' ihm nicht darein,
+ So wirst du hier im Frieden ruhn
+ Und ewig fröhlich sein.«
+
+»So«, sagte die Großmutter zufrieden, »das war ein rechter Abendsegen,
+jetzt könnt ihr in Frieden zur Ruhe gehen, Kinder.«
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel.
+
+Ein rätselhaftes Ereignis.
+
+
+Als Rico in das Häuschen eintrat, später als sonst, denn über dem Gesang
+war wohl noch eine halbe Stunde vergangen, schoß ihm die Base entgegen.
+
+»Fängst du jetzt so an?« rief sie. »Das Essen stand eine Stunde lang auf
+dem Tisch, jetzt ist's fort. Geh nur gleich in deine Kammer, und wenn du
+ein ganzer Vagabund und Lump wirst, so bin ich nicht schuld; ich wollte
+lieber ich weiß nicht was tun, als einen Buben hüten, wie du einer
+bist.«
+
+Rico hatte nie ein einziges Wörtlein geantwortet, wenn die Base ihn
+schmähte; aber an dem Abend schaute er sie an und sagte: »Ich kann Euch
+schon aus dem Wege gehen, Base.«
+
+Sie schob den Riegel an der Haustür vor, daß es klatschte, dann fuhr sie
+in die Stube hinein und schlug die Tür hinter sich zu. Rico ging in
+seine dunkle Kammer hinauf. --
+
+Am folgenden Tage, als drüben die ganze große Haushaltung, Eltern,
+Großmutter und alle Kinder beim Abendessen saßen, kam die Base
+herübergelaufen und rief in die Stube hinein: ob sie etwas vom Rico
+wüßten; sie wisse nicht, wo er sei.
+
+»Der wird schon kommen, wenn's ans Abendessen geht«, antwortete der
+Vater geruhlich.
+
+Nun kam aber die Base ganz in die Stube hinein, denn sie hatte gedacht,
+sie könne den Buben nur herausrufen, er werde wohl da sein. Nun
+erzählte sie, er sei schon zum Morgenessen nicht gekommen und zum
+Mittagessen nicht, und im Bett sei er auch nicht gewesen, das sei noch
+wie gestern Abend, und sie glaubte fast, der sei schon am frühesten
+Morgen vor Tag auf seine Lumpereien ausgegangen, denn der Riegel sei
+schon inwendig von der Haustür weggeschoben gewesen, als sie auftun
+wollte; sie habe aber zuerst gemeint, sie habe vor Ärger vergessen, ihn
+zu stoßen, denn es wisse kein Mensch, was sie für Ärger habe.
+
+»Dem hat's etwas gegeben«, sagte der Vater unentwegt. »Er wird etwa in
+eine Spalte hineingefallen sein am Berg oben; das gibt es manchmal mit
+so schmalen Buben, die überall herumklettern. Ihr hättet es ein wenig
+früher sagen sollen«, fuhr er langsam fort, »man wird ihn etwa suchen
+müssen, und des Nachts sieht man nichts.«
+
+Jetzt fuhr die Base los und machte einen furchtbaren Lärm. Sie habe wohl
+gedacht, man werde ihr noch Vorwürfe machen wollen; so gehe es immer,
+wenn man schon jahrelang so viel ertragen und dazu geschwiegen habe.
+
+»Es glaubt es kein Mensch« -- rief sie aus und sagte damit eine große
+Wahrheit --, »was für ein heimtückischer, hinterlistiger, verstockter
+Bube der ist, und wie er mir das Leben schwer gemacht hat seit vier
+Jahren; ein Vagabund wird er, ein Landstreicher und schädlicher Lump!«
+
+Die Großmutter hatte schon lange zu essen aufgehört. Sie war vom Tisch
+aufgestanden und vor die Base hingetreten, die immer noch lärmte.
+
+»Hört auf, Nachbarin, hört auf«, hatte die Großmutter zweimal gesagt,
+bevor die andere nachgab. »Ich kenne den Rico auch; seit man das Büblein
+seiner Großmutter brachte, habe ich es immer gekannt. Wenn ich aber an
+Eurer Stelle wäre, so würde ich kein Wörtlein mehr sagen, aber ein wenig
+nachsinnen, ob das Büblein, dem ein Unglück begegnet sein kann und das
+vielleicht schon da droben steht vor dem lieben Gott, ob es da niemanden
+anzuklagen hat, der in seiner Verlassenheit noch schweres Unrecht an ihm
+getan hat mit bösen Worten.«
+
+Der Base war es schon ein paarmal aufgestiegen, wie Rico sie am Abend
+angeschaut und gesagt hatte: »Ich kann Euch schon aus dem Wege gehen.«
+Sie hatte auch so furchtbar gelärmt, um diese Gedanken zu übertönen. Sie
+durfte die Großmutter nicht ansehen und sagte, sie müsse gehen,
+vielleicht sei der Rico doch nun heimgekommen, was sie jetzt gern genug
+gesehen hätte.
+
+Von dem Tage an sagte die Base nie mehr ein Wort gegen den Rico vor der
+Großmutter, aber auch sonst nicht mehr viele. Sie glaubte, wie alle
+anderen Leute auch, er sei tot, und war froh, daß niemand wußte, was er
+am letzten Abend zu ihr gesagt hatte.
+
+Am Morgen nach der Nachricht ging Stinelis Vater in die Tenne hinaus und
+suchte eine Stange; er hatte gesagt, er wolle ein paar Nachbarn rufen,
+man müsse doch den Buben suchen, etwa gegen den Gletscher hinein und
+oben bei den Rüfenen.
+
+Stineli war ihm nachgeschlichen, und der Vater sagte: »Es ist recht,
+komm, hilf mir suchen, du kannst besser in die Winkel hinein als ich.«
+
+Erst als eine hohe Bohnenstange gefunden war, sagte es: »Aber, Vater,
+wenn der Rico vielleicht der Straße nach gegangen wäre, dann könnte er
+doch in nichts hineingefallen sein?«
+
+»Freilich kann er«, entgegnete der Vater. »Solch' unvernünftige Buben
+kommen vom Wege ab und in die Rüfenen hinein, sie wissen gar nicht wie;
+und der war sonst ein wenig ein Verstaunter.«
+
+Daß der Rico dies war, wußte Stineli besser als irgend jemand, und von
+dem Augenblick an kam eine große Angst in sein Herz und wuchs mit jedem
+Tage, so daß es vor Qual und Unruhe nicht mehr essen und nicht mehr
+schlafen konnte und alle Arbeit tat, als wäre es nicht dabei.
+
+Der Rico wurde nicht gefunden; kein Mensch hatte etwas von ihm gesehen.
+Man suchte ihn nicht mehr, und bald fanden die Leute einen Trost und
+sagten: »Es ist dem Waisenbüblein wohl geschehen, es war doch verlassen
+und hatte niemand mehr.«
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel.
+
+Ein wenig Licht.
+
+
+Aber Stineli wurde stiller und magerer von Tag zu Tag. Die kleinen
+Kinder schrieen: »Das Stineli will nichts erzählen und lacht nicht
+mehr.« Die Mutter sagte zum Vater: »Siehst du's denn nicht? Es ist ja
+nicht mehr das gleiche.« Und der Vater sagte: »Es kommt vom Wachsen, man
+muß ihm ein wenig Geißmilch geben am Morgen im Stall.«
+
+Aber als drei Wochen so vergangen waren, da nahm die Großmutter eines
+Abends das Stineli in ihre Kammer hinauf und sagte: »Sieh, Stineli, ich
+kann es wohl begreifen, daß du den Rico nicht vergessen kannst; aber du
+mußt doch denken, daß der liebe Gott ihn weggenommen hat, und wenn es so
+sein mußte, so war es gut für den Rico, das werden wir dann einmal
+sehen.«
+
+Da fing das Stineli so zu weinen an, wie es die Großmutter nie an ihm
+erlebt hatte, und es schluchzte überlaut: »Der liebe Gott hat es ja
+nicht getan, ich habe es getan, Großmutter; darum muß ich fast sterben
+vor Angst, denn ich habe den Rico aufgestiftet, an den See hinabzugehen,
+und nun ist er in die Rüfenen hineingefallen und ist tot, und es hat ihm
+noch so weh getan, und ich bin an allem schuld.« Und Stineli weinte und
+schluchzte zum Erbarmen.
+
+Der Großmutter war wie eine schwere Last vom Herzen gefallen; sie hatte
+den Rico verloren gegeben und heimlich hatte sie der quälende Gedanke
+verfolgt, das arme Büblein sei der bösen Behandlung entlaufen und liege
+vielleicht drüben im Wasser, oder sei im Wald zugrunde gegangen. Jetzt
+stieg auf einmal eine neue Hoffnung in ihr auf.
+
+Sie beruhigte das Stineli so weit, daß es ihr die ganze Geschichte von
+dem See erzählen konnte, von der sie gar nichts wußte: wie der Rico
+immer von dem See gesprochen und es ihn dahin gezogen hatte und wie
+Stineli den Weg auffand. Es war ganz sicher, daß Rico sich dahin auf den
+Weg gemacht hatte; aber des Vaters Worte von den Rüfenen hatten das
+Stineli ganz um alle Hoffnung gebracht.
+
+Die Großmutter nahm das Kind bei der Hand und zog es zu sich heran.
+»Komm, Stineli«, sagte sie liebreich, »ich muß dir nun etwas erklären.
+Weißt du, wie's in dem alten Liede heißt, das wir noch mit dem Rico
+gesungen haben am letzten Abend?
+
+ 'Denn was er tut und läßt geschehn,
+ Das nimmt ein gutes End'.'
+
+»Siehst du, wenn nun auch der liebe Gott es nicht selbst getan hat, so
+wie wenn er den Rico gleich in seinem Bette hätte sterben lassen, so war
+doch die Sache in seiner Hand, als du etwas Verkehrtes tatest, denn
+einem solchen kleinen Stineli wäre er schon noch Meister geworden. Und
+daß du etwas recht Verkehrtes getan hast, wirst du jetzt für dein Lebtag
+wissen, und was da herauskommen kann, wenn Kinder in die Welt
+hinauslaufen und Sachen unternehmen wollen, die sie gar nicht kennen,
+und niemandem ein Wort davon sagen, keinen Eltern und keiner Großmutter,
+die es gut mit ihnen meinen. Aber nun hat das der liebe Gott so
+geschehen lassen, und nun dürfen wir bestimmt hoffen, daß alles noch ein
+gutes Ende nehmen kann.
+
+»Jetzt denk daran, Stineli, und vergiß nie mehr, was du da erfahren
+hast. Weil es dir aber recht von Herzen leid ist, so darfst du jetzt
+auch gehen und den lieben Gott bitten, daß er doch noch etwas Gutes
+mache aus dem verkehrten Zeug, das ihr da angestellt habt, du und der
+Rico. Dann darfst du auch wieder fröhlich sein, Stineli, und ich bin es
+mit dir, denn ich glaube zuversichtlich, daß der Rico noch am Leben ist,
+und daß ihn der liebe Gott nicht verläßt.«
+
+Von dem Tage an wurde Stineli wieder munter, und wenn ihm auch der Rico
+auf jedem Schritt mangelte, so hatte es doch keine Angst und keine
+Vorwürfe mehr im Herzen, und Tag für Tag schaute es nach der Straße
+hinüber, ob nicht etwa der Rico dort vom Maloja herunterkomme. So ging
+die Zeit dahin, aber vom Rico hörte man nichts mehr.
+
+
+
+
+Elftes Kapitel.
+
+Eine lange Reise.
+
+
+Rico hatte sich an jenem Sonntagabend in seiner dunkeln Kammer auf
+seinen Stuhl gesetzt. Da wollte er bleiben, bis die Base zu Bett
+gegangen war.
+
+Nachdem Stineli die Entdeckung gemacht hatte, wie die Reise nach dem See
+auszuführen wäre, kam Rico die Sache so leicht vor, daß er sich nur noch
+besinnen wollte, wann er am besten gehen könne, denn er hatte ein Gefühl
+davon, die Base würde ihn vielleicht zurückhalten, wenn er schon wußte,
+daß er ihr nicht stark mangeln würde.
+
+Als sie dann beim Heimkommen so auf ihn losschalt, dachte er: »So will
+ich gleich auf der Stelle gehen, sobald sie im Bette ist.«
+
+Als er nun so im Dunkeln auf seinem Stuhl saß, dachte er nach, wie
+angenehm es sein werde, wenn er nun viele Tage lang die Base nie mehr
+werde schelten hören, und welche große Büschel von den roten Blumen er
+dem Stineli mitbringen wolle, wenn er zurückkomme. Und dann sah er die
+sonnigen Ufer und die violetten Berge vor sich und war entschlafen.
+
+Er war aber nicht in einer sehr bequemen Lage, denn die Geige hatte er
+nicht aus der Hand gelegt; so erwachte er wieder nach einiger Zeit, es
+war aber noch ganz dunkel. Nun kam ihm aber gleich alles klar in den
+Sinn. Er war noch in seinem Sonntagswämschen, das war gut; seine Kappe
+hatte er noch von gestern her auf dem Kopf, die Geige nahm er unter den
+Arm, und so ging er leise die Treppe hinunter, schob den Riegel weg und
+zog in die kühle Morgenluft hinaus.
+
+Über den Bergen fing es schon leise an zu tagen und in Sils krähten die
+Hähne. Er ging tüchtig drauf los, damit er von den Häusern weg und auf
+die große Straße komme. Nun war er da und wanderte vergnügt weiter, denn
+da war ihm alles so wohl bekannt, er war oft mit dem Vater da
+hinaufgegangen. Wie lang es aber ging, bis man auf den Maloja kam, wußte
+er nicht mehr so recht, und es kam ihm lange vor, als er schon mehr als
+zwei gute Stunden immerfort gewandert war.
+
+Aber nun kam nach und nach der helle Tag, und als er nach noch einer
+guten Stunde auf dem Platze vor dem Wirtshaus oben am Maloja angekommen
+war, da, wo er oft mit dem Vater die Straße hinuntergeschaut hatte, da
+lag ein sonniger Morgen über den Bergen und die Tannenwipfel waren alle
+wie von Gold. Rico setzte sich an den Rand der Straße nieder, er war
+schon recht müde, und nun merkte er auch, daß er nichts mehr gegessen
+hatte seit dem vorhergehenden Mittag. Aber er war nicht verzagt, denn
+nun ging es bergab und nachher konnte unversehens der See kommen. Wie er
+so dasaß, kam der große Postwagen herangerasselt; den hatte er schon oft
+gesehen, wenn er bei Sils vorbeifuhr, und immer dabei gedacht, das
+höchste Glück auf Erden genieße ein Kutscher, der immerfort mit einer
+Peitsche auf einem Bock sitzen und fünf Rosse regieren könne. Nun sah
+er einmal den Glücklichen in der Nähe, denn der Postwagen hielt still,
+und Rico verwandte nun kein Auge von dem merkwürdigen Manne, der von
+seinem hohen Sitz herunterkam, ins Wirtshaus eintrat und mit mehreren
+ungeheuren Stücken Schwarzbrot, über welchen ein gewaltig großer Brocken
+Käse lag, wieder aus dem Hause trat.
+
+Nun zog der Kutscher ein festes Messer hervor und zerstückte sein Brot,
+und einem Pferd nach dem anderen steckte er einen guten Bissen ins Maul.
+Zwischenein kam er selbst an die Reihe, auf sein Stück Brot kam aber
+immer ein markiges Stück Käse. Wie sie nun alle zusammen so vergnüglich
+aßen, schaute der Kutscher ein wenig um sich, und mit einem Male rief
+er: »He, kleiner Musikant, willst du auch mithalten? Komm her!«
+
+Erst seit Rico das Essen vor sich gesehen, hatte er gemerkt, wie sehr er
+Hunger hatte. Er folgte gern der Einladung und trat zu dem Kutscher
+heran. Der schnitt ihm ein ganz erstaunlich großes Stück Käse ab und
+legte dieses auf ein noch viel dickeres Stück Brot, so daß Rico kaum
+wußte, wie er die Dinge bewältigen konnte.
+
+Er mußte seine Geige ein wenig auf den Boden legen. Der Kutscher schaute
+wohlgefällig zu, wie Rico in sein Frühstück biß, und während er selbst
+sein Geschäft fortsetzte, sagte er:
+
+»Du bist noch ein kleiner Geiger, kannst du auch etwas?«
+
+»Ja, zwei Lieder, und dann noch das vom Vater«, antwortete Rico.
+
+»So, und wo willst du denn hin auf deinen zwei kleinen Beinen?« fuhr der
+Kutscher fort.
+
+»Nach Peschiera am Gardasee«, war Ricos ernsthafte Antwort.
+
+Jetzt entfuhr dem Kutscher ein so kräftiges Gelächter, daß der Rico ganz
+erstaunt zu ihm aufschauen mußte.
+
+»Du bist ein guter Fuhrwerker, du«, lachte der Kutscher noch einmal;
+»weißt du denn nicht, wie weit das ist, und daß ein schmales
+Musikäntlein, wie du eins bist, sich beide Füße mitsamt den Sohlen
+durchlaufen würde, bevor es noch einen Tropfen Wasser vom Gardasee
+gesehen hätte? Wer schickt dich denn dort hinunter?«
+
+»Ich gehe selber aus mir«, sagte Rico.
+
+»Ein solcher ist mir noch nicht vorgekommen«, lachte der Kutscher
+gutmütig. »Wo bist du daheim, Musikant?«
+
+»Ich weiß es nicht recht, vielleicht am Gardasee«, erwiderte Rico völlig
+ernsthaft.
+
+»Ist das eine Antwort!« Jetzt schaute der Kutscher den Knaben vor sich
+genau an. Wie ein verlaufenes Bettelbüblein sah der Rico nicht aus. Der
+schwarze Lockenkopf über dem Sonntagswämschen sah ganz stattlich aus,
+und das feine Gesichtchen mit den ernsthaften Augen trug einen edlen
+Stempel und man schaute es gern noch einmal an, wenn man es gesehen
+hatte.
+
+Dem Kutscher mochte es auch so gehen, er schaute den Rico fest an und
+dann noch einmal erst recht, dann sagte er freundlich: »Du trägst deinen
+Paß auf dem Gesicht mit, Büblein, und es ist kein schlechter, wenn du
+schon nicht weißt, wo du daheim bist. Was gibst du mir nun, wenn ich
+dich neben mich auf den Bock nehme und dich weit hinunterbringe?«
+
+Rico staunte, als wäre es fast nicht möglich, daß der Mann diese Worte
+wirklich ausgesprochen habe. Auf dem hohen Postwagen ins Tal hinunter
+gefahren, ein solches Glück hätte er nie für sich möglich gehalten. Aber
+was konnte er dem Kutscher geben?
+
+»Ich habe gar nichts als eine Geige, und die kann ich Euch nicht geben«,
+sagte der Rico traurig nach einigem Besinnen.
+
+»Ja, mit dem Kasten wüßte ich auch nichts anzufangen«, lachte der
+Kutscher. »Komm, nun sitzen wir auf, -- und du kannst mir ein wenig Musik
+machen.«
+
+Rico traute seinen Ohren nicht; aber wahrhaftig! der Kutscher schob ihn
+über die Räder auf den hohen Sitz hinauf und kletterte nach. Die
+Reisenden waren wieder eingestiegen, der Wagen wurde zugeschlagen und
+nun ging's die Straße hinunter, die bekannte Straße, die Rico so oft
+sich von oben her angeschaut und verlangt hatte, da hinunter zu kommen.
+Nun war die Erfüllung da und in welcher Weise! Hoch oben zwischen Himmel
+und Erde flog der Rico dahin und konnte immer noch fast nicht glauben,
+daß er es selber sei.
+
+Den Kutscher wunderte es nun doch ein wenig, wem denn das Büblein neben
+ihm gehören könnte.
+
+»Sag mir einmal, du kleine, fahrende Habe, wo ist denn dein Vater?«
+fragte er nach einem festen Peitschenknall.
+
+»Der ist tot«, antwortete Rico.
+
+»So, und wo ist deine Mutter?«
+
+»Die ist tot.«
+
+»So, und dann hat man noch etwa einen Großvater und eine Großmutter, wo
+sind diese?«
+
+»Die sind tot.«
+
+»So, so, aber etwa einen Bruder oder eine Schwester hast du ja sicher;
+wo sind die hingekommen?«
+
+»Sie sind tot«, war Ricos fortwährende traurige Antwort.
+
+Da nun der Kutscher sah, daß da alles tot war, ließ er die
+Verwandtschaft in Ruhe und fragte nur: »Wie hieß dein Vater?«
+
+»Enrico Trevillo von Peschiera am Gardasee«, erwiderte Rico.
+
+Nun legte der Mann sich die Dinge ein wenig zurecht und dachte bei sich:
+das ist ein verschlepptes Büblein von da unten herauf, und es ist gut,
+daß es wieder an seinen Ort kommt. Damit ließ er die Sache liegen.
+
+Als nun nach der ersten steil abwärts gehenden Strecke der Bergstraße
+der Weg etwas ebener wurde, sagte der Kutscher: »So, Musikant, nun spiel
+einmal ein lustiges Liedlein auf.«
+
+Da nahm Rico die Geige vor und war so wohlgemut da oben auf seinem
+Thron, unter dem blauen Himmel hinfahrend, daß er mit der hellsten
+Stimme anfing und kräftig darauflos sang:
+
+ »Ihr Schäflein hinunter von sonniger Höh'.«
+
+Nun saßen zuoberst auf dem Postwagen drei Studenten, die machten eine
+Ferienreise, und wie nun das Lied weiterging und Rico mit aller Lust und
+Fröhlichkeit Stinelis Verse sang, da gab es auf einmal oben auf dem
+Wagen ein lautes Hallo und Gelächter und die Studenten riefen: »Halt,
+Geiger, fang noch einmal an, wir singen auch mit.«
+
+Da fing Rico wieder an, und nun fielen die Studenten ein und sangen mit
+aller Macht:
+
+ »Und die Schäflein, und die Schäflein« --
+
+und dazwischen lachten sie so ungeheuer, daß man nichts mehr hörte von
+Ricos Geige, und dann sangen sie wieder und einer sang zwischenein ganz
+allein:
+
+ »Und tät' er nichts denken,
+ So tät' ihm nichts weh!«
+
+Dann fielen die anderen wieder ein und sangen, so laut sie konnten:
+
+ »Und die Schäflein, und die Schäflein« --
+
+und so ging es eine ganze Weile lang fort, und wenn Rico einmal etwas
+innehielt, so riefen sie: »Weiter, Geiger, nicht aufhören!« und warfen
+ihm kleine Geldstücke zu, immer wieder, daß er einen ganzen Haufen in
+der Kappe hatte.
+
+Drinnen im Wagen machten die Reisenden alle Fenster auf und steckten die
+Köpfe heraus, um den frohen Gesang zu hören. Dann fing Rico von neuem
+an, und die Studenten brachen von neuem los und teilten das Lied in Soli
+und Chöre. Da sang die Solostimme ganz feierlich:
+
+ »Und ein See ist wie ein andrer
+ Von Wasser gemacht« --
+
+und dann wieder:
+
+ »Und tät' er nichts denken,
+ So tät' ihm nichts weh« --
+
+und dazwischen fiel der Chor ein, und sie sangen mit aller Kraft:
+
+ »Und die Schäflein, und die Schäflein« --
+
+und nachher wollten sie sich wieder totlachen und konnten eine ganze
+Weile nicht fortfahren vor Gelächter.
+
+Aber nun hielt auf einmal der Kutscher still, denn es mußte ein Halt
+gemacht und ein Mittagessen eingenommen werden. Als er den Rico
+hinunterschwang, hielt er ihm sorgfältig seine Kappe fest, denn da war
+all das Geld drin, und Rico hatte genug zu tun, seine Geige zu halten.
+
+Der Kutscher war ganz vergnügt, als er die Kappe in Ricos Hand abgab und
+sagte: »So ist's recht, nun kannst du auch Mittag haben.«
+
+Die Studenten sprangen hinunter, einer nach dem anderen, und alle
+wollten nun den Geiger sehen, denn sie hatten ihn nicht recht sehen
+können von ihrem Sitze aus, und als sie nun das schmächtige Männlein
+sahen, da ging die Verwunderung und die Heiterkeit erst recht wieder an;
+sie hätten der guten Stimme nach einen größeren Menschen erwartet, nun
+war der Spaß doppelt groß. Sie nahmen das Büblein in ihre Mitte und
+zogen mit Gesang ins Wirtshaus ein. Da mußte denn an dem schöngedeckten
+Tisch der Rico zwischen zwei der Herren sitzen und sie sagten, er sei
+nun ihr Gast, und legten ihm alle drei miteinander jeder ein Stück auf
+den Teller, denn keiner wollte ihm weniger geben, und ein solches
+Mittagessen hatte Rico in seinem ganzen Leben noch nie eingenommen.
+
+»Und von wem hast du dein schönes Lied, Geigerlein?« fragte nun einer
+von den dreien.
+
+»Vom Stineli, es hat es selbst gemacht«, antwortete Rico ernsthaft.
+
+Die drei sahen sich an und brachen in ein neues, schallendes Lachen aus.
+
+»Das ist schön vom Stineli«, rief der eine, »nun wollen wir es gleich
+hoch leben lassen.«
+
+Rico mußte auch anstoßen und tat es ganz fröhlich auf Stinelis
+Gesundheit.
+
+Nun war die Zeit um, und als man wieder zum Wagen herantrat, kam ein
+dicker Mann auf Rico zu, der hatte einen so gewaltigen Stock in der
+Hand, daß man denken mußte, er habe einen jungen Baum ausgerissen. Er
+war in einen festen, gelb-braunen Stoff gekleidet von oben bis unten.
+
+»Komm her, Kleiner«, sagte er, »du hast so schön gesungen. Ich habe dich
+gehört hier drinnen im Wagen, und ich habe es auch mit den Schafen zu
+tun wie du; siehst du, ich bin ein Schafhändler, und weil du so schön
+von den Schafen singen kannst, mußt du von mir auch etwas haben.« Damit
+legte er ein schönes Stück Silbergeld in Ricos Hand, denn die Kappe war
+indessen geleert und alles in die Tasche gesteckt worden.
+
+Dann stieg der Mann in den Wagen an seinen Platz und Rico wurde vom
+Kutscher wie eine Feder hinaufgehoben; dann ging's wieder davon.
+
+Wenn der Wagen nicht zu rasch fuhr, wollten die Studenten immer gleich
+Musik haben, und Rico spielte alle Melodien, deren er sich nur erinnern
+konnte vom Vater her, und zuletzt spielte er noch: »Ich singe dir mit
+Herz und Mund.«
+
+An dieser Melodie mußten die Studenten ganz sanft entschlafen sein, denn
+es war alles still geworden, und nun schwieg die Geige auch, und der
+Abendwind kam milde herangeweht, und leise stiegen die Sternlein auf am
+Himmel eins nach dem anderen, bis sie strahlten ringsum, wo Rico hinsah.
+Und er dachte an Stineli und die Großmutter, was sie nun tun, und es
+fiel ihm ein, daß um diese Zeit die Betglocke läutete und die beiden
+ihr Vaterunser beteten. Das wollte er auch tun; es war dann so, wie wenn
+er bei ihnen wäre, und Rico faltete die Hände und betete unter dem
+leuchtenden Sternenhimmel andächtig sein Vaterunser.
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel.
+
+Es geht noch weiter.
+
+
+Rico war auch entschlafen. Er erwachte daran, daß ihn der Kutscher
+packte, um ihn herunterzunehmen. Nun stieg alles aus und herunter, und
+die drei Studenten kamen noch auf den Rico zu und schüttelten ihm die
+Hand und wünschten ihm viel Glück auf seine Reise. Und einer rief: »Grüß
+uns auch freundlich das Stineli!«
+
+Dann verschwanden sie in einer Straße und Rico hörte, wie sie noch
+einmal anstimmten: »Und die Schäflein, und die Schäflein.«
+
+Nun stand Rico da in der dunkeln Nacht und hatte gar keinen Begriff, wo
+er war, und auch nicht, was er tun sollte. Da fiel ihm ein, daß er nicht
+einmal dem Kutscher gedankt hatte, der ihn doch so weit hatte mitfahren
+lassen, und er wollte es gleich noch tun.
+
+Aber der Kutscher war mitsamt den Pferden verschwunden, und es war
+dunkel ringsum: nur drüben hing eine Laterne, auf diese ging Rico zu.
+Sie hing an der Stalltür, wo die Pferde eben hineingeführt wurden.
+Daneben stand der Mann mit dem dicken Stock, er schien auf den Kutscher
+zu warten. Rico stellte sich auch hin und wartete desgleichen.
+
+Der Schafhändler mußte ihn in der Dunkelheit nicht gleich erkannt haben;
+auf einmal sagte er erstaunt: »Was, bist du auch noch da, Kleiner, wo
+mußt du denn deine Nacht zubringen?«
+
+»Ich weiß nicht, wo«, antwortete Rico.
+
+»Das wäre der Tausend! um elf Uhr in der Nacht ein solches bißchen von
+einem Buben wie du, und im fremden Lande --«
+
+Der Schafhändler mußte seine Worte völlig herausblasen, denn in der
+Erregung kam er nicht gut zu Atem; er endigte aber seinen Satz nicht,
+denn der Kutscher kam aus dem Stalle, und Rico lief gleich auf ihn zu
+und sagte: »Ich habe Euch noch danken wollen, daß Ihr mich mitgenommen
+habt.«
+
+»Das ist gerade gut, daß du noch kommst, jetzt hätte ich dich über den
+Rossen vergessen und wollte dich doch da einem Bekannten übergeben. Eben
+wollte ich Euch fragen, guter Freund«, fuhr er, zum Schafhändler
+gewandt, fort, »ob Ihr nicht das Büblein mitnehmen würdet, weil Ihr doch
+ins Bergamaskische hinabgeht. Es muß an den Gardasee hinunter,
+irgendwohin; es ist so eins von denen, die so hin und her -- Ihr versteht
+mich schon.«
+
+Dem Schafhändler kamen allerhand Geschichten von gestohlenen und
+verlorenen Kindern vor Augen, er schaute Rico im Schein der Laterne
+mitleidsvoll an und sagte halblaut zum Kutscher: »Er sieht auch so aus,
+als ob es nicht sein rechtes Futteral wäre, in dem er steckt. Er wird
+wohl in ein Herrenmäntelchen hineingehören. Ich nehme ihn mit.«
+
+Nachdem er noch einen Schafhandel mit dem Kutscher besprochen, nahmen
+die beiden Abschied voneinander, und der Schafhändler winkte Rico, daß
+er mit ihm kommen solle.
+
+Nach einer kurzen Wanderung trat der Mann in ein Haus und unmittelbar in
+eine große Wirtsstube ein, wo er sich mit Rico in einer Ecke niederließ.
+
+»Nun wollen wir einmal deine Barschaft ansehen«, sagte er zu Rico, »daß
+wir wissen, was sie erleiden mag. Wohin mußt du unten am See?«
+
+»Nach Peschiera am Gardasee«, war Ricos unveränderliche Antwort. Er zog
+nun seine Geldstücke alle hervor, ein artiges Häuflein kleiner Münzen
+und oben darauf das größere Silberstück.
+
+»Hast du nur das eine gute Stück?« fragte der Händler.
+
+»Ja, nur das, von Euch hab' ich's«, entgegnete Rico.
+
+Das gefiel dem Mann, daß er allein ein großes Stück gegeben hatte und
+daß es der Junge gut wußte; er bekam Lust, ihm gleich noch etwas zu
+geben. Als nun gerade das Essen vor sie hingestellt wurde, nickte der
+behäbige Mann seinem kleinen Nachbar zu und sagte: »Das bezahl' ich und
+das Nachtlager auch; so kommst du morgen aus mit deinem Vermögen.«
+
+Rico war so müde von all dem Singen und Geigen und Fahren den ganzen
+Tag, daß er kaum mehr essen konnte, und in der großen Kammer, wo er
+zusammen mit seinem Beschützer die Nacht zuzubringen hatte, war er kaum
+in sein Bett gestiegen, als er sofort in einen tiefen Schlaf sank.
+
+Am frühen Morgen wurde Rico von einer kräftigen Hand aus seinem festen
+Schlaf aufgerüttelt. Er sprang eilends aus seinem Bett; sein Begleiter
+stand schon reisefertig da mit dem Stock in der Hand.
+
+Es währte aber gar nicht lang, so stand auch Rico zur Abreise bereit,
+die Geige im Arm. Erst traten die beiden in die Wirtsstube ein und Ricos
+Begleiter rief nach Kaffee. Dann ermunterte er den Jungen, er solle nur
+recht viel davon zu sich nehmen, denn nun komme eine lange Fahrt und
+eine solche, die Appetit mache.
+
+Als das Geschäft zur Zufriedenheit abgetan war, zogen die Reisenden aus,
+und nach einer Strecke Wegs kamen sie um eine Ecke herum, und -- wie
+mußte Rico da die Augen auftun -- auf einmal sah er einen großen,
+flimmernden See vor sich, und ganz erregt sagte er: »Jetzt kommt der
+Gardasee.«
+
+»Noch lange nicht, Bürschlein; jetzt sind wir am Comersee«, erklärte
+sein Schutzherr. Nun stiegen sie in ein Schiff und fuhren viele Stunden
+lang dahin. Und Rico schaute bald nach den sonnigen Ufern, bald in die
+blauen Wellen, und es wehte ihn heimatlich an. -- Jetzt legte er mit
+einem Male sein Silberstück auf den Tisch.
+
+»Was, was, hast du schon zuviel Geld«, fragte der Schafhändler, der, mit
+beiden Armen auf seinen Stock gestützt, erstaunt dem Unternehmen zusah.
+
+»Heute muß ich bezahlen«, sagte Rico, »Ihr habt's gesagt.«
+
+»Du gibst doch acht, wenn man dir etwas sagt, das ist etwas Gutes; aber
+sein Geld legt man nicht nur so auf den Tisch, gib mir's einmal her.«
+
+Damit stand er auf und ging, sich nach der Bezahlung umzusehen. Als er
+aber seinen dicken Lederbeutel hervorzog, der ganz voll solcher
+Silberstücke war, denn er war auf einer Handelsreise begriffen, da
+konnte er's nicht übers Herz bringen, des Bübleins einziges Stück
+herzugeben, und er brachte es wieder zurück samt der Karte und sagte:
+
+»Da, du kannst's morgen noch besser brauchen; jetzt bist du noch bei mir
+und wer weiß, wie es dir nachher geht. Wenn du einmal da unten ankommst
+und ich nicht mehr bei dir bin, findest du dann auch ein Haus, wo du
+hinein mußt?«
+
+»Nein, ich weiß kein Haus«, antwortete Rico. Der Mann hatte ein großes
+heimliches Erstaunen zu bewältigen, denn des Bübleins Geschichte kam ihm
+sehr geheimnisvoll vor. Er ließ aber nichts merken und fragte auch nicht
+weiter; er dachte, da komme er doch nicht ins klare; der Kutscher müsse
+ihm dann einmal Aufschluß geben, der wisse wohl mehr von allem, als das
+Büblein selbst. Mit diesem hatte er großes Mitleid, denn es mußte nun
+bald noch seinen Schutz verlieren.
+
+Als das Schiff stillstand, nahm der Mann Rico an die Hand und sagte: »So
+verlier' ich dich nicht und du kommst besser nach, denn jetzt heißt's
+gut marschieren; die warten nicht.«
+
+Rico hatte zu tun, den guten Schritten nachzukommen. Er schaute weder
+rechts noch links und auf einmal stand er vor einer langen Reihe ganz
+sonderbarer Rollwagen. Da stieg er auf einem Treppchen hinein, dem
+Begleiter nach, und nun fuhr Rico zum ersten Male in seinem Leben auf
+einer Eisenbahn. Nachdem man so eine Stunde lang gefahren war, stand der
+Schafhändler auf und sagte: »Jetzt kommt's an mich, da sind wir in
+Bergamo, und du bleibst ruhig sitzen, bis dich einer herausholt, denn
+ich habe alles eingerichtet, dann steigst du aus und bist da.«
+
+»Bin ich dann in Peschiera am Gardasee?« fragte Rico. Das bestätigte
+sein Beschützer. Nun bedankte sich Rico recht schön, denn er hatte wohl
+verstanden, wie viele Guttaten ihm dieser Mann erwiesen hatte, und so
+schieden sie und es tat jedem leid, daß er vom anderen wegkam.
+
+Rico saß nun ganz still in seiner Ecke und hatte Zeit zum Staunen, denn
+es bekümmerte sich kein Mensch mehr um ihn. So mochte er wohl gegen drei
+Stunden unbeweglich dagesessen haben, als der Zug wieder einmal anhielt,
+wie schon mehrere Male.
+
+Jetzt trat ein Wagenführer herein, nahm den Rico beim Arm und zog ihn in
+Eile aus dem Wagen und die Treppe hinunter. Dann deutete er die Anhöhe
+hinab und sagte: »Peschiera«, und im Nu war er wieder im Wagen droben
+und verschwunden, der Zug sauste weiter.
+
+
+
+
+Dreizehntes Kapitel.
+
+Am fernen, schönen See.
+
+
+Rico entfernte sich einige Schritte von dem Gebäude, wo der Zug
+angehalten hatte, und schaute um sich, dieses weiße Haus, der kahle
+Platz davor, der schnurgerade Weg in der Ferne, alles kam ihm so fremd
+vor, das hatte er in seinem Leben nie gesehen und er dachte bei sich:
+»Ich bin nicht am rechten Ort.« Er ging traurig weiter, den Weg hinab,
+zwischen den Bäumen durch; nun machte der Weg eine Wendung, und Rico
+stand da wie im Traum und rührte sich nicht mehr. Vor ihm lag funkelnd
+im hellen Sonnenschein der himmelblaue See mit den warmen, stillen
+Ufern, und drüben kamen die Berge gegeneinander, in der Mitte lag die
+sonnige Bucht, und die freundlichen Häuser daran schimmerten herüber.
+Das kannte Rico, das hatte er gesehen, da hatte er gestanden, gerade da,
+diese Bäume kannte er; wo war das Häuschen? Da mußte es stehen, ganz
+nah; es war nicht da.
+
+Aber da unten war die alte Straße, o, die kannte er so gut, und dort
+schimmerten die großen, roten Blumen aus den grünen Blättern; da mußte
+auch eine schmale, steinerne Brücke sein, dort über den Ausfluß vom See,
+dort war er so oft hinübergegangen; man konnte sie nicht sehen.
+
+Plötzlich rannte Rico, von brennendem Verlangen getrieben, hinauf auf
+die Straße und hinüber, da war die kleine Brücke -- er wußte alles --, da
+war er darübergegangen und jemand hielt ihn an der Hand -- die Mutter.
+Mit einem Male kam das Gesicht der Mutter ganz klar vor seine Augen, wie
+er es nie mehr gesehen hatte, viele Jahre; da hatte sie neben ihm
+gestanden und ihn angeschaut mit den liebevollen Augen, und den Rico
+übernahm es, wie noch nie in seinem Leben.
+
+Neben der kleinen Brücke warf er sich auf den Boden und weinte und
+schluchzte laut: »O, Mutter, wo bist du? Wo bin ich daheim, Mutter?«
+
+So lag er lange Zeit und mußte sein großes Leid ausweinen, und es war,
+als wollte sein Herz zerspringen und als sei es ein Ausbruch von allem
+Weh, das ihn bisher stumm und starr gemacht, wo es ihn getroffen hatte.
+
+Als sich Rico vom Boden erhob, war die Sonne schon weit unten und ein
+goldener Abendschein lag auf dem See. Nun wurden die Berge violett, und
+ein rosiger Duft lag rings über den Ufern. So hatte Rico seinen See im
+Sinne gehabt und im Traum gesehen, und noch viel schöner war alles, nun
+er es wieder mit seinen Augen sah. Rico dachte in einem fort, wie er so
+dasaß und schaute und nicht genug schauen konnte: »Wenn ich doch das
+alles dem Stineli zeigen könnte!«
+
+Nun war die Sonne untergegangen und das Licht erlosch ringsumher. Rico
+stand auf und schritt der Straße zu, wo er die roten Blumen gesehen. Von
+der Straße ging ein schmaler Weg dahin. Da standen sie, ein Busch am
+anderen, es war aber wie ein Garten anzusehen; es war freilich nur ein
+ganz offener Zaun darum herum, und im Garten waren Blumen und Bäume und
+Weinranken, alles durch- und ineinander zu sehen.
+
+Da droben am Ende stand ein schmuckes Haus mit offener Tür, und im
+Garten ging ein junger Bursche hin und her und schnitt da und dort große
+goldgelbe Trauben von den Reben und pfiff wohlgemut ein Lied dazu.
+
+Rico schaute die Blumen an und dachte: »Wenn Stineli diese sehen
+könnte!« und stand lange unbeweglich am Zaun.
+
+Jetzt erblickte ihn der Bursche und rief ihm zu: »Komm herein, Geiger,
+und spiel ein schönes Liedchen, wenn du eins kannst.«
+
+Das rief ihm der Knabe italienisch zu, und dem Rico war es ganz
+sonderbar dabei; er verstand, was er hörte, aber er hätte nicht so
+sprechen können. Er trat in den Garten ein, und der Bursche wollte mit
+ihm reden; wie er aber sah, daß Rico nicht antworten konnte, deutete er
+auf die offene Tür und machte dem Rico verständlich, daß er dort spielen
+solle.
+
+Rico näherte sich der Tür, sie führte gleich in ein Zimmer hinein. Da
+stand ein Bettchen darin und daneben saß eine Frau und machte etwas aus
+roten Schnüren. Rico stellte sich vor die Schwelle und fing an sein Lied
+zu spielen und zu singen:
+
+ »Ihr Schäflein hinunter.«
+
+Als er fertig war, erhob sich aus dem kleinen Bett ein bleicher Kopf von
+einem Knaben, der rief heraus:
+
+»Spiel noch einmal!«
+
+Rico spielte eine andere Melodie.
+
+»Spiel noch einmal«, tönte es wieder.
+
+So ging es hintereinander fünf- bis sechsmal und immer wieder ertönte
+aus dem Bett: »Spiel noch einmal!«
+
+Nun wußte Rico nichts mehr; er nahm seine Geige herunter und wollte
+fortgehen. Da fing der Kleine an zu schreien: »Bleib da, spiel wieder,
+spiel noch einmal!« Und die Frau war aufgestanden und kam zu Rico her.
+Sie gab ihm etwas in die Hand, und Rico wußte erst nicht, was sie
+wollte; aber es kam ihm wieder in den Sinn, daß Stineli gesagt hatte:
+wenn er an einer Tür geige, so gäben ihm die Leute etwas. Dann fragte
+die Frau freundlich, woher er komme und wohin er gehe? Rico konnte nicht
+antworten. Sie fragte, ob er mit seinen Eltern da sei? da nickte er
+Nein; ob er allein sei? er nickte Ja; wohin er jetzt gehen wolle so am
+Abend? Rico schüttelte unsicher den Kopf. Da kam die Frau ein Mitleid an
+mit dem kleinen Fremden und sie rief den Burschen herbei und befahl ihm,
+er solle mit dem Knaben nach dem Wirtshaus zur »Goldenen Sonne« gehen,
+da verstehe der Wirt vielleicht die Sprache des kleinen Musikanten, denn
+er sei lange fort gewesen. Dem solle er sagen, er solle den Knaben über
+Nacht behalten auf ihre Rechnung und ihn auch morgen auf den rechten Weg
+stellen, wohin er müsse, er sei ja noch so jung -- »nur ein paar Jahre
+älter als der meinige«, setzte sie mitleidsvoll hinzu --, und er solle
+ihm auch etwas zu essen geben.
+
+Der Kleine aus dem Bett schrie wieder: »Er muß noch einmal spielen«, und
+ließ nicht ab, bis die Mutter sagte: »Er kommt ja morgen wieder, jetzt
+muß er aber schlafen und du auch.«
+
+Der Bursche ging nun dem Rico voran, und dieser wußte nun wohl, wohin er
+komme, er hatte die Worte der Frau verstanden.
+
+Es war gute zehn Minuten bis zum Städtchen hin. Da mitten in einem
+Gäßchen trat der Bursche in ein Haus und unmittelbar in eine große
+Wirtsstube ein, die war dick voller Tabaksrauch und eine Menge Männer
+saßen an den Tischen herum.
+
+Der Bursche richtete seinen Auftrag aus, und der Wirt sagte: »Es ist
+gut«, und die Wirtin kam auch gleich herbei und beide sahen sich den
+Rico von oben bis unten an. Wie aber die Gäste, die am nächsten Tische
+saßen, die Geige sahen, riefen gleich mehrere von ihnen: »Da gibt's
+Musik«, und einer rief: »Spiel auf, Kleiner, gleich, lustig!« Und sie
+riefen alle so durcheinander, daß der Wirt kaum fragen konnte, was der
+Rico für eine Sprache rede und woher er komme. Rico antwortete nun in
+seiner Sprache, daß er über den Maloja heruntergekommen sei, und daß er
+alles verstehe, was sie hier sagen, aber nicht so reden könne. Der Wirt
+verstand ihn und sagte, er sei auch schon da droben gewesen und sie
+wollten noch miteinander reden, aber jetzt solle er etwas geigen, denn
+die Gäste riefen noch immerfort, sie wollten Musik haben.
+
+Da fing Rico gehorsam an zu spielen, und zwar wie immer mit seinem
+Liede, und sang dazu. Aber von den Gästen verstand keiner ein Wort von
+dem Gesang, und die Melodie kam den Zuhörern wohl ein wenig einfach vor.
+Die einen fingen an zu schwatzen und zu lärmen, die anderen riefen, sie
+wollten etwas anderes, einen Tanz oder etwas Schönes.
+
+Rico sang unentwegt sein Lied zu Ende, denn wenn er es einmal angefangen
+hatte, dann sang er es durch. Wie er nun fertig war, besann er sich:
+einen Tanz konnte er nicht spielen, er kannte keinen; das Lied von der
+Großmutter ging noch langsamer, und sie konnten wieder nichts verstehen;
+jetzt kam ihm in den Sinn und er stimmte an:
+
+ #»Una sera
+ In Peschiera« --#
+
+Kaum waren die ersten melodischen Töne dieses Liedes erklungen, so
+entstand eine völlige Stille, und mit einem Male ertönten von da und
+dort und von allen Tischen her die Stimmen, und es wurde ein Chor, so
+schön wie Rico nie einen gehört hatte, daß er ganz in Begeisterung kam
+und immer feuriger spielte, und die Männer alle sangen immer eifriger,
+und war ein Vers zu Ende, so fing Rico gleich mit festem Zuge den neuen
+an, denn er wußte noch wohl von dem Vater her, wo es aufhörte. Und wie
+nun der Schluß kam, da brach aber nach dem schönen Gesang ein solcher
+Lärm los, wie Rico noch keinen gehört hatte. Alle die Menschen riefen
+und schrieen durcheinander und schlugen vor Freuden die Fäuste auf den
+Tisch, und dann kamen sie alle mit ihren Gläsern auf den Rico los, und
+aus jedem sollte er trinken, und zwei schüttelten ihm die Hände und
+einer die Schultern, und alle miteinander schrieen ihn an und machten
+vor lauter Freudenspektakel dem Rico angst und bange, daß er immer
+blässer wurde. Er hatte aber ihr eigenes Peschiera-Lied gespielt, das
+nur ihnen gehörte und das nie ein Fremder lernen konnte, und er hatte es
+fest und rein gespielt, als wäre er einer von Peschiera; das konnten die
+lebhaft empfindenden Peschierianer gar nicht genug aussprechen und sich
+freuen über den Wundergeiger und Brüderschaft mit ihm trinken.
+
+Nun aber kam die Wirtin dazwischen mit einem Teller voll Reis und einem
+großen Stück Huhn oben darauf; sie winkte dem Rico und sagte es den
+Leuten, sie sollten ihn in Ruh' lassen, er müsse nun essen, er sei ja
+kreideweiß vor Anstrengung. Dann stellte sie seinen Teller auf einen
+kleinen Tisch in der Ecke und setzte sich zu ihm und ermunterte ihn,
+brav zu essen, das könne einem so mageren Bürschchen nur gut tun.
+
+Rico fand auch sein Nachtessen vortrefflich, denn seit dem Kaffee am
+frühen Morgen hatte er keinen Bissen mehr gesehen, und zu dem Fasten
+hatte er so viel erlebt heute!
+
+Sobald er auch seinen Teller leer hatte, fielen ihm die Augen zu vor
+Müdigkeit. Der Wirt war auch an den Tisch getreten und lobte den Rico
+für sein Spiel und fragte ihn, wem er angehöre und wohin er wolle. Rico
+sagte, indem er seine Augen mit Mühe offen hielt, er gehöre niemandem,
+und er wolle nirgendshin.
+
+Da ermunterte ihn der Wirt freundlich, er solle nur ohne Kummer schlafen
+gehen, morgen könne er dann die Frau Menotti wieder besuchen, die ihn
+hierher geschickt habe; die sei eine gar gute Frau und könne ihn
+vielleicht als Knechtlein gebrauchen, wenn er nicht wisse, wohin.
+
+Aber die Wirtin riß den Mann immer noch am Ärmel, so als ob er nicht
+sagen sollte, was er sagte; er redete aber doch fertig, denn er begriff
+nicht, was sie wollte.
+
+Nun fingen die Männer an den Tischen wieder zu lärmen an, sie wollten
+noch einmal ihr Lied gespielt haben. Da rief aber die Wirtin: »Nein,
+nein, am Sonntag dann wieder; er fällt ja um vor Müdigkeit.« Damit nahm
+sie den Rico an der Hand und führte ihn hinauf in eine große Kammer, da
+hing das Roßgeschirr an der Wand, und in der einen Ecke war Korn
+aufgeschüttet, und in der anderen stand sein Bett. In wenigen Minuten
+lag Rico darin und schlief tief und fest.
+
+Später, als in dem Hause alles still geworden war, da saß der Wirt noch
+an dem Tischchen, wo Rico gesessen, und die Frau stand vor ihm -- denn
+sie war noch am Aufräumen -- und sagte mit Eifer: »Den mußt du der Frau
+Menotti nicht wieder zuschicken; ein solches Bürschchen kann ich gerade
+gebrauchen zu allerhand Geschäften, und hast du denn nicht bemerkt, wie
+er geigen kann? Sie wurden ja alle wie wild davon. Gib acht, das gibt
+einen Geiger ab, wie keiner ist von unseren dreien, und Tänze spielen
+lernt der schon, dann hast du ihn für nichts an allen Tanztagen und
+kannst ihn noch ausleihen. Den mußt du gar nicht mehr aus der Hand
+lassen, er sieht manierlich aus und gefällt mir; den behalten wir.«
+
+»Es ist mir auch recht«, sagte der Wirt und sah ein, daß seine Frau
+etwas Vorteilhaftes ausgedacht hatte.
+
+
+
+
+Vierzehntes Kapitel.
+
+Neue Freundschaft und die alte nicht vergessen.
+
+
+Am Morgen darauf stand die Wirtin unter der Haustür und hielt ihre
+Umschau über das Wetter und was sich etwa über Nacht ereignet habe. Da
+kam der Bursche der Frau Menotti dahergegangen; der war zugleich Herr
+und Knecht auf dem schönen, fruchtreichen Gute der Frau, denn er
+verstand die Garten- und Feldarbeit und regierte und besorgte alles
+selbst und hatte es gut. Darum pfiff er auch fortwährend.
+
+Als er nun vor der Wirtin stand, stellte er das Pfeifen ein wenig ein
+und sagte: wenn der junge Musikant von gestern Abend noch nicht weiter
+sei, so solle er zur Frau Menotti herüberkommen, das Büblein wolle ihn
+noch einmal geigen hören.
+
+»Ja, ja, wenn es der Frau Menotti nur nicht zu stark pressiert«, sagte
+die Wirtin, indem sie beide Arme in die Seite stemmte, zum Zeichen, daß
+sie nicht in der Eile sei. »Vorderhand liegt der Musikant oben in seinem
+guten Bett und schläft noch tapfer, und ich gönne ihm seinen Schlaf. Der
+Frau Menotti könnt Ihr sagen, ich wolle ihn einmal vorbeischicken, denn
+er gehe nicht weiter, sondern ich habe ihn auf- und angenommen für gut;
+denn er ist ein verlassenes Waisenkind, das nicht wußte, wohin, und nun
+ist er wohl versorgt«, setzte sie mit Nachdruck hinzu.
+
+Der Bursche ging mit seinem Auftrag.
+
+Die Wirtin ließ den Rico ganz fertig schlafen, denn sie war eine
+gutmütige Frau, nur dachte sie zuerst an den eigenen Profit und dann
+nachher an den der anderen. Als Rico endlich von selbst erwachte, hatte
+er alle Müdigkeit ausgeschlafen und kam ganz frisch die Treppe herunter.
+Da winkte ihm die Wirtin in die Küche hinein und stellte ein großes
+Becken voll Kaffee vor ihn auf den Tisch und legte einen schönen, gelben
+Maiskuchen daneben. Dann sagte sie:
+
+»So kannst du's alle Tage haben, wenn du willst, und am Mittag und Abend
+noch viel besser, denn da kocht man für die Gäste und da bleibt immer
+etwas übrig. Dann kannst du für mich auslaufen und daneben geigen,
+wenn's nötig ist, und kannst bei uns daheim sein, und hast deine eigene
+Kammer und mußt nicht mehr in der Welt herumziehen. Jetzt kannst du nur
+sagen, ob du willst.«
+
+Da antwortete Rico zufrieden: »Ja, ich will«, denn so viel konnte er
+ganz gut in der Wirtin Sprache sagen.
+
+Nun ging sie gleich mit ihm durch das ganze Haus und durch die Scheune
+und den Stall und in den Krautgarten und zum Hühnerhof, und von all den
+Plätzen aus erklärte sie ihm die Umgebung und die Richtung, wo es zum
+Krämer ging und zum Schuhmacher und noch zu mehreren anderen wichtigen
+Leuten. Rico gab genau acht, und um ihn zu prüfen, schickte die Wirtin
+ihn gleich an drei oder vier Orte, allerhand Sachen zu holen, wie Öl,
+Seife und Faden und einen geflickten Stiefel, denn sie hatte bemerkt,
+daß Rico einzelne Worte ganz gut sagen konnte.
+
+Rico besorgte alles richtig, das gefiel der Wirtin wohl und gegen Abend
+sagte sie: »Nun kannst du mit der Geige zur Frau Menotti gehen und dort
+bleiben, bis es Nacht wird.«
+
+Darüber freute sich Rico sehr, denn da kam er an dem See vorbei und
+nachher zu den schönen Blumen.
+
+Am See angekommen, lief er nach der kleinen Brücke und saß ein wenig
+nieder, denn da lag wieder alle die Schönheit vor ihm, das Wasser und
+die Berge im goldenen Duft, und er konnte fast nicht mehr weg.
+
+Aber er tat es doch, denn er wußte, daß er nun tun mußte, was ihn die
+Wirtin hieß, weil er dafür bei ihr wohnen durfte.
+
+Als er in den Garten trat, hörte ihn schon das Büblein -- denn die Tür
+stand immer offen -- und es rief: »Komm und spiel wieder!«
+
+Die Frau Menotti kam heraus und gab dem Rico freundlich die Hand und zog
+ihn in das Zimmer hinein. Es war eine große Stube, und man sah durch die
+breite Tür schön in den Garten und auf die Blumen hinaus. Das kleine
+Bett des kranken Bübleins stand gerade der Tür gegenüber und daneben
+standen nur Tische und Stühle und schöne Kasten im Zimmer, aber kein
+Bett mehr, denn des Nachts wurde das kleine Bett ins Nebenzimmer
+gebracht, wo auch dasjenige der Mutter stand; und am Morgen trug man das
+Bettchen mit dem Insassen wieder in die schöne, frohe Stube hinaus, wo
+jeden Morgen die Sonne einen glänzenden Streifen über den ganzen
+Fußboden hinwarf und das Herz des Bübleins fröhlich machte. Neben dem
+Bettchen standen zwei kleine Krücken, und von Zeit zu Zeit nahm die
+Mutter den Kleinen aus seinem Bett und leitete ihn auf den Krücken ein
+paarmal die Stube auf und nieder, denn er konnte weder gehen noch
+stehen; seine Beinchen waren völlig lahm, er hatte sie nie gebrauchen
+können.
+
+Als Rico in die Tür trat, schnellte sich das Büblein empor an einer
+langen Schnur, die von der Decke bis auf sein Bett herunterhing, denn es
+konnte nicht aus eigener Kraft aufsitzen. Rico trat herzu und schaute
+das Büblein schweigend an. Es hatte ganz dünne Ärmchen und kleine magere
+Finger und ein so kleines Gesicht, wie Rico nie an einem Buben gesehen
+hatte, und aus dem Gesichtchen heraus schauten zwei große Augen den Rico
+ganz durchdringend an, denn das Büblein, das wenig Neues vor Augen sah
+und nach viel neuen und nie gesehenen Dingen dürstete, schaute alles
+ganz scharf an, das auf seinen einsamen Weg kam.
+
+»Wie heißest du?« fragte das Büblein jetzt.
+
+»Rico«, war die Antwort.
+
+»Und ich Silvio. Wie alt bist du?« fragte es weiter.
+
+»Bald elf Jahre alt.«
+
+»Und ich auch bald«, sagte das Büblein.
+
+»Ach, Silvio, was du sagst«, fiel die Mutter ein; »noch nicht völlig
+vier bist du, so schnell geht's nicht.«
+
+»Spiel wieder!« sagte nun der kleine Silvio.
+
+Die Mutter setzte sich an ihren Platz neben dem Bettchen, und Rico
+stellte sich etwas weiter unten hin und fing an zu geigen. Silvio
+konnte es nicht genug bekommen; sobald der Rico ein Stück fertig hatte,
+so ertönte sein: »Spiel wieder!«
+
+So hatte Rico alle seine Stücke wohl sechsmal durchgespielt; da ging die
+Mutter weg und kam wieder mit einem Teller voll von den goldgelben
+Trauben und sagte, nun müsse Rico ausruhen und sich auf den Stuhl setzen
+an das Bett und Trauben essen mit dem Silvio.
+
+Dann ging sie ein wenig in den Garten hinaus und sah ihren Sachen nach
+und war froh darüber, denn sie konnte fast gar nie von dem Bette des
+Kleinen weggehen, er litt es nicht und schrie dann immer jämmerlich; so
+war es eine rechte Wohltat für die Frau, daß sie einmal hinausgehen
+konnte.
+
+Unterdessen verstanden sich die beiden drinnen vortrefflich, denn auf
+Silvios Fragen konnte Rico ganz gut antworten; auch konnte er sich
+leicht verständlich machen, wo er etwa nicht gleich das rechte Wort
+wußte, und die Unterhaltung war dem Silvio sehr kurzweilig. Die Mutter
+konnte auch die Blumenbeete und die Weinreben und die schönen
+Feigenbäume im Acker und ringsum alles ansehen, ohne daß der Silvio ein
+einziges Mal gerufen hätte.
+
+Aber als sie nun hereinkam und es bald zu dämmern anfing und Rico
+aufstand, um fortzugehen, da schlug der Silvio einen großen Lärm an und
+hielt den Rico fest am Wämschen mit beiden Händen und wollte ihn nicht
+loslassen, wenn er nicht gleich verspreche, er komme morgen wieder und
+alle Tage. Aber die Frau Menotti war eine vorsichtige Frau; sie hatte
+den Bericht der Wirtin auch ziemlich verstanden und beschwichtigte nun
+den Silvio und versprach ihm, gleich in den ersten Tagen zu der Wirtin
+zu gehen und mit ihr zu sprechen, denn der Rico könne nichts
+versprechen so von sich aus, er müsse folgen.
+
+Endlich ließ der Kleine das Wämschen los und gab Rico die Hand, und
+dieser ging ungern aus der Stube weg. Er wäre lieber dageblieben, wo es
+so still war und alles so gut aussah und Silvio und die Mutter so
+freundlich mit ihm waren. --
+
+Es vergingen wenige Tage, da trat eines Abends die Frau Menotti ganz
+aufgeputzt in die »Goldene Sonne« ein, und die Wirtin lief ihr entgegen
+und führte sie in den oberen Saal hinauf. Da fragte denn Frau Menotti
+ganz höflich, ob es der Frau Wirtin nicht ungelegen wäre, ihr für ein
+paar Abende der Woche den Rico zu überlassen; er unterhalte ihr das
+kranke Büblein so gut und sie wollte gern erkenntlich sein dafür in
+jeder gewünschten Weise.
+
+Es schmeichelte der Wirtin, daß die wohlangesehene Frau Menotti sie so
+um einen Dienst zu bitten kam, und es wurde gleich festgesetzt, daß Rico
+an jedem freien Abend kommen würde, und Frau Menotti übernahm dagegen,
+für Ricos Bekleidung zu sorgen, so daß die Wirtin überaus befriedigt war
+mit der Einrichtung; denn nun hatte sie keinen Heller für den Knaben
+auszugeben und den reinen Gewinn von ihm. So schieden die Frauen beide
+in der größten Zufriedenheit voneinander. --
+
+So vergingen für Rico die Tage. In kurzer Zeit sprach er so geläufig
+italienisch, als hätte er es immer gekonnt. Und einmal hatte er es auch
+gekonnt; so fiel ihm eins nach dem anderen ohne Mühe wieder ein, und er
+hatte ein gutes Ohr und sprach wie ein völliger Italiener, so daß sich
+alle Leute darüber verwundern mußten. Die Wirtin konnte ihn so gut
+brauchen, wie sie nicht einmal erwartet hatte, denn seine Geschäfte
+machte er so sauber und ordentlich, wie sie selbst manches nicht machen
+konnte, denn sie hatte die Geduld nicht, und wenn etwas mußte
+aufgerüstet werden zu einem Fest, etwa zu einer Hochzeit, so mußte es
+Rico tun, denn er wußte, was schön war, und konnte es machen. Wenn er
+seine Aufträge ausrichten mußte, so war er wieder da, ehe die Wirtin nur
+denken konnte, er sei am Ort angekommen, denn er brauchte keine Zeit zur
+Unterhaltung. Wenn jemand ihn ausfragen wollte, so kehrte er sich auf
+der Stelle um und ging davon. Das gefiel der Wirtin besonders, als sie
+es bemerkte, und es flößte ihr einen solchen Respekt ein vor dem Jungen,
+daß sie ihn selbst nicht ausfragte, und so kam es, daß eigentlich
+niemand wußte, wie er nach Peschiera gekommen war; aber es hatte sich
+eine Geschichte verbreitet, die nahm jedermann an, daß er als ein
+verlassenes Waisenkind da droben in den Bergen schlecht gehalten und bös
+behandelt worden, da sei er entlaufen und habe viele Gefahren bestanden
+auf der langen Reise und sei endlich hier angekommen, wo die Leute nicht
+so roh seien wie in den Bergen, und hier sei er gern. Und wenn die
+Wirtin die Geschichte erzählte, so ermangelte sie nicht, hinzuzusetzen:
+er verdiene es auch, daß es ihm so gut gegangen sei und er den Schutz
+unter ihrem Dache gefunden habe.
+
+Als der erste Tanzsonntag kam, da versammelten sich in der »Goldenen
+Sonne« so erstaunlich viele Leute, daß man gar nicht wußte, wo sie alle
+untergebracht werden könnten, denn jeder wollte den kleinen fremden
+Musikanten sehen und hören, und diejenigen, die ihn schon gehört hatten
+am ersten Abend, kamen zuallererst und wollten mit ihrem Lied beginnen.
+
+Die Wirtin lief hin und her im Feuer der Arbeit und glänzte, als wäre
+sie selbst zur »Goldenen Sonne« geworden, und wenn sie auf ihren Mann
+traf, so sagte sie jedesmal siegreich: »Hab' ich's nicht gesagt?«
+
+Rico hörte erst einen Tanz an von den drei Geigern, die gekommen waren,
+und die Melodien fielen ihm so ins Ohr und in die Finger, daß er gleich
+nachher mitspielen konnte, und nun wußte er den Tanz für immer. So kam
+es, daß er am späten Abend, als man aufhörte zu tanzen, alle Tänze
+mitspielen konnte, die überhaupt gespielt wurden, denn jeden hatte man
+zu öfteren Malen durchgenommen.
+
+Am Ende mußte auch noch das Peschiera-Lied gesungen werden, von Rico
+begleitet, und war schon den ganzen Abend ein Lärm gewesen, so kamen nun
+die Gemüter erst noch recht ins Feuer und es ging zu, daß Rico ein
+paarmal dachte: jetzt fahren sie aufeinander und schlagen sich alle tot.
+Aber es war alles in Freundschaft gemeint. Und ihm selbst wurde eine so
+ohrenzerreißende Anerkennung gespendet, daß er nur immer dachte: wenn's
+doch bald fertig wäre, denn nichts war dem Rico so tief zuwider, wie ein
+großer Lärm.
+
+Am Abend sagte die Wirtin zu ihrem Manne: »Hast's gesehen? Schon das
+nächste Mal brauchen wir nur noch zwei Geiger.«
+
+Und der Mann war sehr zufrieden und sagte: »Man muß dem Buben etwas
+geben.«
+
+Zwei Tage nachher war Tanz droben in Desenzano, und Rico wurde auch mit
+den Geigern hingeschickt; jetzt konnte man ihn schon ausleihen. Es war
+da derselbe Lärm und Spektakel, und wenn auch das Peschiera-Lied nicht
+mußte gesungen werden, so ging es nun über anderen Dingen ganz gleich
+laut zu, und Rico dachte von Anfang bis zu Ende: »Wenn's nur fertig
+wäre!«
+
+Er brachte eine ganze Tasche voll Geld heim; das ließ er alles ungezählt
+auf den Tisch hinausrollen, als er zurückkam, denn es gehörte der
+Wirtin, und sie lobte ihn und stellte ein schönes Stück Apfelkuchen vor
+ihn hin. Am Sonntag nachher war schon wieder Tanz drüben in Riva, und
+diesmal freute sich Rico, denn Riva war jener Ort drüben über dem See,
+wo dieser von Peschiera aus anzusehen war wie eine sonnige Bucht, um die
+herum die freundlichen weißen Häuser lagen und herüberschimmerten.
+
+Da fuhren die Musikanten zusammen am Nachmittag über den goldenen See im
+offenen Kahn unter dem blauen Himmel hin, und Rico dachte: »Wenn ich so
+mit dem Stineli hinüberfahren könnte! Wie müßte es staunen über den See,
+an den es nicht glauben wollte!«
+
+Aber drüben ging derselbe Lärm los und Rico wünschte wieder
+fortzukommen, denn von drüben herüber Riva anzusehen im stillen
+Abendschein, war so viel schöner, als hier mittendrin im Tumult zu
+sitzen.
+
+Wenn aber keine Tanztage waren, da konnte Rico jeden Abend zu dem
+kleinen Silvio gehen und lange da bleiben, denn die Wirtin wollte sich
+der Frau Menotti dienstbar erzeigen. Da ging Rico gern hin, das war
+seine Freude. Kam er am See vorbei, so ging er gegen die schmale
+Steinbrücke hin und setzte sich eine Weile auf den Boden; denn dies war
+der einzige Ort, wo er das Gefühl hatte, er sei vielleicht daheim. Da
+kam ihm am allerlebendigsten alles vor die Augen, wie es war, da er noch
+daheim war. Denn was er vor sich sah, hatte er damals so gesehen, und
+hier sah er auch am deutlichsten die Mutter vor sich. Dort hatte sie am
+See gestanden und etwas ausgewaschen, und von Zeit zu Zeit sah sie ihn
+an und sagte ihm liebevolle Worte, und er saß auf demselben Plätzchen,
+wo er jetzt saß. Das alles wußte er so genau. Da ging er immer mit Zwang
+weg, aber er wußte, daß Silvio nach ihm lauschte. Wenn er dann durch den
+Garten kam, so wurde es ihm auch wieder wohl und er trat gern in das
+stille, saubere Haus. Frau Menotti war in einer Weise freundlich mit
+ihm, wie sonst niemand, das fühlte er wohl; sie hatte ein großes Mitleid
+mit dem verlassenen Waislein, wie sie ihn nannte, sie hatte die
+Geschichte auch gehört von seinem Entfliehen. Sie fragte den Rico nie
+etwas von seinem Leben in den Bergen, denn sie dachte, es wecke ihm nur
+traurige Erinnerungen. Sie fühlte auch, daß der Rico nicht die Pflege
+hatte, die ein Büblein von seinem Alter und von so stiller Art bedurft
+hätte; aber sie konnte nichts machen, als ihn bei sich haben, soviel es
+anging. Sie legte ihm aber manchmal die Hand auf den Kopf und sagte
+mitleidig: »Du armes Waislein!«
+
+Dem kleinen Silvio wurde der Rico täglich unentbehrlicher; schon am
+Morgen fing er an zu jammern und nach dem Rico zu begehren, und wenn
+seine Schmerzen da waren, so schrie er noch mehr und wollte sich nicht
+mehr beruhigen, wenn der Rico nicht kommen konnte. Denn seit der Rico so
+fließend sprechen konnte, hatte Silvio eine neue unversiegende Quelle
+der Kurzweil bei ihm gefunden; das war sein Erzählen.
+
+Rico hatte angefangen, dem Silvio vom Stineli zu erzählen, und da ihm
+selbst dabei so wohl wurde und sein ganzes Herz aufging, so wurde er
+dabei so lebendig und so unterhaltend, daß er nicht mehr zu kennen war.
+Er wußte hundert Geschichten zu erzählen, wie das Stineli einmal den
+Sami gerade noch am Bein erwischte, als er ins Wasserloch fallen wollte,
+und nun immerzu aus aller Kraft am Bein ziehen und dazu oben hinaus
+schreien mußte, während der Sami unten durch schrie, bis der Vater ganz
+langsam herbeikam, denn er nahm immer an, Kinder schrieen von Natur und
+ohne Not. -- Und wie es dem Peterli Figuren ausschnitt und dem Urschli
+Hausgerät machte aus allen Stoffen, von Holz und Moos und Grashalmen.
+Und wie alle Kinder nach dem Stineli schrieen, wenn sie krank waren,
+weil sie dann vergaßen, was ihnen weh tat, wenn es sie verkurzweilte.
+Und dann erzählte Rico, wie er mit dem Stineli auszog, und wie es dann
+schön war, und seine Augen leuchteten dann so zündend und der ganze Rico
+wurde so erstaunlich belebt, daß der kleine Silvio ganz ins Feuer kam
+und immer mehr hören wollte. Und wenn Rico einmal stille hielt, so rief
+er gleich: »Erzähl wieder vom Stineli!« Eines Abends aber kam Silvio in
+die alleräußerste Aufregung, als Rico fortgehen wollte und dazu sagte,
+morgen und am Sonntag dürfe er nicht kommen.
+
+Silvio schrie nach der Mutter, als wäre das Haus in Flammen und er läge
+mitten drin, und als sie im höchsten Schrecken aus dem Garten
+hereingestürzt kam, rief er immer zu: »Der Rico darf nie mehr ins
+Wirtshaus, er muß dableiben. Er muß immer da sein. Du mußt dableiben,
+Rico, du mußt, du mußt!«
+
+Da sagte Rico: »Ich wollte schon, aber ich muß doch gehen.«
+
+Die Frau Menotti war in großer Verlegenheit; sie wußte wohl, was der
+Rico den Wirtsleuten wert war, und daß sie ihn nicht bekäme, unter
+keiner Bedingung. So beschwichtigte sie den Silvio, wie sie nur konnte,
+und den Rico zog sie an sich und sagte voller Mitleid: »Ach du armes
+Waislein!«
+
+Da schrie Silvio in seinem Zorn: »Was ist ein Waislein? Ich will auch
+ein Waislein sein!«
+
+Nun kam auch die Frau Menotti in Aufruhr und rief: »Ach Silvio, willst
+du dich noch versündigen? Sieh, ein Waislein ist ein armes Kind, daß
+keinen Vater und keine Mutter hat und gar nirgends auf der Welt daheim
+ist.«
+
+Rico hatte seine dunkeln Augen auf die Frau geheftet, sie sahen immer
+schwärzer aus, sie bemerkte es aber nicht. Sie hatte gar nicht mehr an
+den Rico gedacht, als sie Silvio in der Aufregung die Erklärung gab.
+Rico schlich leise zur Tür hinaus und fort. Frau Menotti dachte, er sei
+so leise fortgegangen, damit der Kleine nicht noch einmal aufgebracht
+werde, und es war ihr recht. Sie setzte sich nun an das Bettchen und
+sagte: »Hör, Silvio, ich will dir's erklären und dann mußt du diesen
+Lärm nicht mehr machen. Siehst du, die Buben kann man einander nicht nur
+so wegnehmen, denn wenn ich der Wirtin nun den Rico nehmen wollte, so
+könnte sie kommen und mir den Silvio nehmen. Dann könntest du den Garten
+und die Blumen nie mehr sehen und müßtest allein in der Kammer schlafen,
+wo das Roßgeschirr hängt und wo der Rico so ungern hineingeht; er hat
+dir's ja schon manchmal erzählt. Was wolltest du dann machen?«
+
+»Wieder heimgehen«, sagte der Kleine entschlossen. Er blieb aber nunmehr
+still und legte sich aufs Ohr.
+
+Rico ging durch den Garten und über die Straße weg hinab an den See. Da
+setzte er sich auf sein Plätzchen nieder und legte seinen Kopf in beide
+Hände und sagte in trostlosem Ton: »Jetzt weiß ich's, Mutter; auf der
+ganzen Welt bin ich nirgends daheim, gar nirgends!«
+
+Und so saß er bis in die Nacht hinein in seiner großen Traurigkeit und
+wäre am liebsten nicht mehr aufgestanden, aber in seine Kammer mußte er
+endlich doch wieder zurückkehren.
+
+
+
+
+Fünfzehntes Kapitel.
+
+Silvio wünscht mit Nachdruck.
+
+
+In dem kleinen Silvio arbeitete aber die Aufregung weiter, und als er
+nun wußte, daß der Rico zwei Tage hintereinander keinen Augenblick
+kommen würde, fing er schon am frühen Morgen an mit Grimm auszurufen:
+»Nun kommt der Rico nicht! Nun kommt der Rico nicht!« und fuhr mit
+kleinen Zwischenpausen so fort bis zum Abend, und am folgenden Tag fing
+er wieder an beizeiten. Am dritten Tage aber hatte ihn diese Tätigkeit
+so ausgetrocknet, daß er war wie ein Häuflein Stroh, das ein kleiner
+Funke gleich in helle Flammen bringen kann.
+
+Rico erschien am Abend noch ganz angewidert von dem Tanzlärm, bei dem er
+gewesen war. Seit er nun wußte, daß er nirgends daheim war, hatte der
+Gedanke an das Stineli eine neue Gewalt bekommen, und er sagte bei sich:
+»Da ist nur das Stineli auf der ganzen Welt, zu dem ich gehöre und das
+sich um mich bekümmert.« Und es kam ein großes Heimweh nach dem Stineli
+über ihn. Er saß auch kaum an Silvios Bett, so sagte er: »Siehst du,
+Silvio, nur einzig beim Stineli ist es einem wohl und sonst gar
+nirgends.« Kaum waren diese Worte ausgesprochen, so schnellte sich der
+Kleine augenblicklich in die Höhe und rief mit aller Kraft: »Mutter, ich
+will das Stineli haben. Das Stineli muß kommen; einzig nur beim Stineli
+ist es einem wohl und sonst gar nirgends!«
+
+Die Mutter war herzugetreten, und da sie oft Ricos Erzählungen vom
+Stineli und seinen kleinen Geschwistern mit vieler Befriedigung zugehört
+hatte, wußte sie schon, von wem die Rede war, und sagte: »Ja, ja, mir
+wär' es schon recht, ich könnte ein Stineli schon brauchen für dich und
+mich; wenn ich nur eins hätte!«
+
+Aber auf diese unbestimmte Auslassung ging Silvio gar nicht ein, denn er
+war völlig Feuer und Flamme für seine Sache.
+
+»Jetzt kannst du gleich eins haben«, rief er weiter; »der Rico weiß, wo
+es ist, er muß es holen; ich will das Stineli haben alle Tage und
+immerfort; morgen muß es der Rico holen, er weiß, wo es ist.«
+
+Wie nun die Mutter sah, daß der Kleine sich alles ausdachte und ganzen
+Ernst aus der Sache machen wollte, fing sie an, ihn auf alle Weise
+abzumahnen und auf andere Gedanken zu bringen, denn sie hatte mehrmals
+erzählen hören, was für unglaubliche Gefahren der Rico auf seiner Reise
+zu bestehen hatte, und wie es das größte Wunder sei, daß er lebendig
+habe bis nach Peschiera herunterkommen können, und was für ein
+schreckhaft wildes Volk dort oben in den Bergen lebe. So wußte sie ja,
+daß kein Mensch so ein Mädchen herunterholen würde, am wenigsten ein
+zartes Bürschlein wie Rico; er konnte ja ganz elend zugrunde gehen,
+wenn er so etwas beginnen würde, und dann hätte sie die Verantwortung
+auf sich. Das wollte sie nicht auch noch, sie hatte schon genug.
+
+Sie stellte dem Silvio die ganze Unmöglichkeit der Sache vor und sprach
+ihm von vielen schreckhaften Ereignissen und bösen Menschen, die den
+Rico verfolgen und umbringen könnten. Aber diesmal half alles nichts.
+Der kleine Silvio mußte sich die Sache in den Kopf gesetzt haben, wie
+noch nichts in seinem Leben; denn was die Mutter auch vorbrachte und wie
+sehr sie in Eifer geriet vor Besorgnis, sobald sie innehielt, sagte
+Silvio: »Der Rico muß es holen, er weiß, wo es ist.«
+
+Da sagte die Mutter: »Und wenn er's auch weiß, meinst du denn, der Rico
+wolle so in die Gefahr und ins Gottversuchen hinauslaufen, wenn er es
+haben kann wie hier und gar zu keinen bösen Menschen mehr gehen muß?«
+
+Da sah Silvio den Rico an und sagte: »Du willst schon gehen und das
+Stineli holen, Rico, oder nicht?«
+
+»Ja, ich will«, antwortete Rico fest.
+
+»Ach, ihr barmherzigen Heiligen, was soll das werden, jetzt wird mir der
+Rico auch noch unvernünftig!« rief die Mutter ganz erschrocken. »So weiß
+man sich ja gar nicht mehr zu helfen. Nimm die Geige, Rico, und spiel
+und sing etwas, ich muß in den Garten«, und damit lief Frau Menotti
+eilends unter die Feigenbäume hinaus, denn sie nahm an, der Silvio
+vergesse am schnellsten seinen Einfall wieder, wenn er nicht mehr an ihr
+zwingen könne.
+
+Aber die beiden guten Freunde drinnen spielten nicht und sangen nicht,
+sondern brachten sich gegenseitig ganz ins Fieber mit allerhand
+Vorstellungen, wie das Stineli geholt werden müsse und wie es dann
+nachher zugehen werde, wenn es da sei. Rico vergaß gänzlich,
+fortzugehen, obschon es dunkel geworden war, denn die Frau Menotti kam
+absichtlich noch nicht herein, sie hoffte, der Silvio entschlafe dann
+vorher. Endlich trat sie aber doch ein und Rico ging gleich, aber mit
+Silvio hatte sie noch einen schweren Stand. Er wollte durchaus nicht die
+Augen zumachen, bis die Mutter versprechen würde, der Rico müsse das
+Stineli holen; das konnte sie aber nicht versprechen, und so kam Silvio
+zu keiner Ruhe, bis die Mutter sagte: »Sei nun zufrieden, über Nacht
+kommt dann alles in Ordnung.« Denn sie dachte, über Nacht vergesse er
+sein Begehren, wie schon viele, und es komme ihm etwas Neues in den
+Sinn.
+
+Da wurde Silvio still und schlief ein. Aber die Mutter hatte sich
+verrechnet. Noch war sie am Morgen kaum recht erwacht, so rief Silvio
+aus seinem Bettchen herauf: »Ist alles in Ordnung, Mutter?«
+
+Als sie dies unmöglich bejahen konnte, ging ein solcher Sturm los, wie
+sie desgleichen an dem Büblein noch nie erlebt hatte, und den ganzen Tag
+ging das Unwetter fort bis zum späten Abend, und am Morgen darauf fing
+Silvio gerade so wieder an, wie er am Abend aufgehört hatte.
+
+Eine solche Beharrlichkeit auf demselben Begehren hatte Silvio noch nie
+an den Tag gelegt. Wenn er schrie und lärmte, konnte sie's noch
+ertragen; aber wenn nun die Stunden der großen Schmerzen kamen, da
+wimmerte Silvio fortwährend in der kläglichsten Weise: »Nur beim Stineli
+ist es einem wohl und sonst gar nirgends!«
+
+Das schnitt der Mutter ins Herz und war ihr wie ein Vorwurf, so als
+wollte sie nicht tun, was ihm wohlmachen könnte; aber wie hätte sie auch
+nur daran denken können, sie hatte ja den Rico selbst auf Silvios
+Frage: »Weißt du auch den rechten Weg zum Stineli?« antworten hören:
+»Nein, ich weiß keinen Weg, aber ich finde ihn dann schon.«
+
+Von Tag zu Tag hoffte sie, durch einen glücklichen Umstand komme dem
+Silvio eine neue Forderung in den Sinn, denn so war es sonst immer
+gewesen; sie konnte darauf rechnen: hatte er etwas begehrt, wenn ihm
+wohl war, so verwarf er es sicher, sobald seine Schmerzen kamen. Aber
+diesmal war es anders, und es hatte seinen guten Grund. Ricos
+Erzählungen und Aussprüche über das Stineli hatten in dem empfindlichen
+Gemüte des kranken Silvio die feste Überzeugung hervorgebracht, daß ihm
+nie mehr etwas weh tun würde, wenn das Stineli bei ihm wäre. So
+gebärdete sich Silvio jammervoller von Tag zu Tag, und seine Mutter
+wußte nicht, wo sie Rat und Beistand finden könnte.
+
+
+
+
+Sechzehntes Kapitel.
+
+Ein Rat zur Freude für viele.
+
+
+In diesem Zustande der Unruhe war es für die Frau Menotti ein rechter
+Trost, als sie einmal wieder nach langer Zeit den wohlmeinenden alten
+Herrn Pfarrer im langen schwarzen Rock durch den Garten kommen sah, der
+von Zeit zu Zeit den kleinen Kranken besuchte. Sie sprang auf von ihrem
+Stuhl und rief erfreut: »Sieh, Silvio, da kommt der gute Herr Pfarrer!«
+und ging ihm entgegen. Silvio aber in seinem Groll über alle Dinge
+rief, so laut er konnte, der Mutter nach: »Ich wollte lieber, das
+Stineli käme!«
+
+Dann kroch er aber eilends unter die Decke, damit der Herr Pfarrer nicht
+wissen könne, woher die Stimme kam. Die Mutter war sehr erschrocken und
+bat im Eintreten den Herrn Pfarrer, er solle doch den Empfang nicht übel
+nehmen, er sei auch nicht so ernst gemeint. Silvio rührte sich nicht, er
+sagte nur ganz heimlich unter der Decke: »Doch, es ist mir sicher
+ernst.«
+
+Der Herr Pfarrer mußte geahnt haben, woher die Stimme kam; er trat
+gleich an das Bett heran, und obwohl er kein Haar von Silvio sah, sagte
+er: »Gott grüß' dich, mein Sohn, wie steht es mit der Gesundheit, und
+warum verkriechst du dich in unterirdische Höhlen wie ein kleiner Dachs?
+Komm hervor und erkläre mir: was verstehst du unter einem Stineli?«
+
+Nun kroch Silvio hervor, denn er hatte Respekt vor dem Herrn Pfarrer, da
+er nun so nah war. Er streckte schnell seine kleine magere Hand zum
+Gruße aus und sagte: »Dem Rico sein Stineli.«
+
+Nun mußte die Mutter erklärend dazwischentreten, denn der Herr Pfarrer
+schüttelte verwundert den Kopf, indem er sich an Silvios Bett
+niedersetzte. Sie erzählte ihm nun die ganze Sache mit dem Stineli, und
+wie der kleine Silvio sich in den Kopf gesetzt habe, es werde ihm nie
+mehr wohl, wenn das Stineli nicht zu ihm komme, und wie der Rico nun
+auch unvernünftig geworden sei und meine, er könne das Mädchen holen,
+während er keinen Weg und Steg wisse und es ja so weit weg oben in den
+Bergen wohne, wo niemand zukomme, und man gar nicht wissen könne, was
+für ein erschreckliches Volk da sei. Denn man könne sich denken, wie es
+da zugehen müsse, wenn ein zartes Büblein, wie der Rico, lieber den
+größten Gefahren entgegenlaufe und sie bestehe, als unter solchen Leuten
+zu bleiben. Wenn alles anders wäre, fügte Frau Menotti hinzu, so wäre
+ihr kein Geld zu viel, so ein Mädchen kommen zu lassen, um dem Silvio
+das Verlangen zu stillen und jemand für ihn zu haben, denn manchmal
+werde es ihr fast zu viel mit allem, was sie zu tragen habe, und sie
+meine, sie könne nicht mehr fortkommen. Und der Rico, der sonst recht
+vernünftig rede, meine, kein Mensch könne ihr so gut in allem beistehen,
+wie dieses Stineli. Er müsse es gut kennen, und wenn es so sei, wie er
+es beschreibe, so könnte es auch noch eine Rettung sein für so ein
+Mädchen, wenn es von da droben wegkomme; aber da wüßte sie ja von keinem
+Menschen, der ihr einen solchen Dienst tun würde.
+
+Der Herr Pfarrer hatte ganz ernsthaft zugehört und kein Wort gesagt, bis
+die Frau Menotti fertig war. Er hätte auch nicht gut dazwischenkommen
+können mit Worten, denn sie hatte ihr Herz lange nicht ausgeschüttet und
+es war ihr so voll geworden, daß Frau Menotti bei dem großen Andrang der
+Worte fast um den Atem gekommen war.
+
+Als nun alles still war, nahm der Herr Pfarrer erst ganz ruhig noch eine
+Prise zu der vorhergehenden; dann sagte er gelassen:
+
+»Hm, hm, Frau Menotti, ich glaube fast, Ihr habt von den Leuten da
+droben eine Meinung, die fast erschrecklich ist; es gibt doch auch noch
+Christen da, und seit man so allerhand Mittel erfunden hat, um weiter zu
+kommen, wird es auch noch möglich sein, daß einer ohne Gefahr dort
+hinaufkommt. Das wird man etwa in Erfahrung bringen können, man muß sich
+besinnen.«
+
+Hier mußte der Herr Pfarrer sich erst wieder ein wenig stärken aus
+seiner Dose, dann fügte er bei: »Es gibt allerlei Händler, die von da
+oben herunter nach Bergamo kommen, Schafhändler und Roßhändler, die
+müssen die Wege wissen. Man kann sich erkundigen und dann muß man sich
+bestimmen; es wird etwa ein Mittel gefunden werden. Wenn Euch viel dran
+liegt, Frau Menotti, so will ich mich etwa umsehen; ich komme alle Jahre
+ein- oder zweimal nach Bergamo, so könnte ich die Sache ein wenig in die
+Hand nehmen.«
+
+Frau Menotti war von solcher Dankbarkeit, daß sie gar nicht wußte, wie
+sie diese dem Herrn Pfarrer ausdrücken sollte. Mit einem Male waren ihr
+alle die schweren Gedanken abgenommen, die sie so viele Tage und Nächte
+lang verfolgt hatten, und in die sie sich immer mehr verwickelt hatte,
+je mehr sie sich damit abgab, so daß sie keinen Ausweg mehr vor sich
+gesehen hatte. Nun hatte der Herr Pfarrer die ganze Last auf sich
+genommen, und sie konnte den Silvio von nun an auf ihn verweisen.
+
+Silvio hatte das ganze Gespräch über mit seinen grauen Augen den Herrn
+Pfarrer fast durchbohrt vor Spannung. Als dieser nun aufstand und dem
+Kleinen die Hand zum Abschied bot, patschte Silvio die seinige ganz
+gewaltig hinein, so als wollte er sagen: diesmal gilt's mir! Der Herr
+Pfarrer versprach, Bericht zu geben, sobald er seine Erkundigungen
+eingezogen hätte und wüßte, ob die Sache ausführbar wäre, oder ob Silvio
+von seinem Begehren abstehen müsse.
+
+Nun vergingen die Wochen eine nach der anderen, aber der Silvio hielt
+sich gut. Er hatte eine bestimmte Hoffnung vor Augen, und dazu war der
+Rico auf einmal so unterhaltend und lebendig geworden, wie noch nie. In
+den war es gefahren wie ein zündender Freudenfunke, als er den Ausspruch
+des Herrn Pfarrers vernommen hatte, und seither war ein neues Leben in
+ihm. Er wußte dem Silvio mehr zu erzählen als je, und nahm er seine
+Geige zur Hand, so kamen so herzerquickende Töne und Weisen daraus
+hervor, daß die Frau Menotti gar nicht mehr aus dem Zimmer weg mochte
+und sich nicht genug verwundern konnte, woher der Rico das alles nahm.
+
+Rico hatte auch nur in dieser Stube rechte Freude an seiner Geige; in
+dem weiten, hohen Raum tönte es so schön und da war es so still und
+luftig, da war kein Tabaksqualm und kein Menschentumult, und er mußte
+nicht bei den Tänzen bleiben, sondern konnte spielen, was ihn freute.
+Mit jedem Tage kam auch Rico lieber in das Haus, und oft, wenn er
+eintrat, dachte er: so ist es wohl einem zumute, der heimkommt. Aber er
+war ja doch nicht daheim, er durfte nur für ein paar Stunden kommen und
+mußte immer wieder gehen.
+
+In der letzten Zeit war aber etwas in den Rico gefahren, das die Wirtin
+manchmal in große Verwunderung setzte. Wenn sie etwa das schmutzige,
+zerbrochene Abfallbecken vor ihn hinstellte und sagte: »Da, Rico, bring
+es den Hühnern!« -- so stellte er sich etwas auf die Seite und legte die
+Hände auf den Rücken, zum Zeichen, daß er das Becken nicht berühren
+möge, und sagte ruhig: »Ich wollte lieber, das täte jemand anders!«
+
+Und wenn sie die alten Schuhe hervorbrachte und Rico in die Hand geben
+wollte, daß er sie zum Schuhflicker hintrage, so tat Rico wieder
+desgleichen und sagte: »Ich wollte lieber, es ginge ein anderer.«
+
+Die Wirtin aber war eine kluge Frau und hatte ihre Augen im Kopfe, um
+damit zu sehen, was vorging, und so war es ihr nicht entgangen, wie Rico
+sich seit einiger Zeit verändert hatte und wie er aussah. Frau Menotti
+hatte ihn immer gut gekleidet, seit sie die Verpflichtung dazu
+übernommen hatte; da aber dem Rico alles gut stand und er immer mehr
+aussah wie ein Herrensöhnchen, so hatte die Frau Menotti ihre Freude
+daran und kleidete ihn in gute Stoffe, und Rico ging sorgsam und
+ordentlich damit um, denn er mochte gern, was schön anzusehen war, und
+Schmutz und Unordnung war ihm zuwider wie der Lärm. Das sah die Wirtin
+alles an, und dazu war ihr wohlbewußt, wie der Rico ganz so, wie er das
+erste Mal getan, immer noch wenn er von den Tanzbelustigungen aus der
+Umgegend zurückkehrte, seine Tasche vor ihr ausleerte und das Geld
+hinrollen ließ, ohne eine Miene zu machen, als ob er nur etwas davon
+begehrte.
+
+Er brachte auch immer mehr, denn er war nicht nur Tanzgeiger, wie die
+anderen; man wollte auch immer noch seine Lieder hören nach dem Tanzen
+und allerhand Melodien, die er wußte. So war der Wirtin daran gelegen,
+den Rico willig zu erhalten, und sie ließ ihn in Ruhe mit den Hühnern
+und den alten Schuhen und begehrte diese Dienste nicht mehr von ihm.
+
+Über all' diesen Ereignissen waren an die drei Jahre dahingegangen, seit
+der Rico der Peschiera erschienen war. Er war nun ein vierzehnjähriger
+aufgeschossener Junge geworden, und wer ihn ansah, der hatte sein
+Wohlgefallen an ihm.
+
+Wieder leuchteten die goldenen Herbsttage über den Gardasee und der
+blaue Himmel lag auf der stillen Flut. Im Garten hingen die Trauben
+golden an den Ranken und die roten Oleanderblumen funkelten im lichten
+Sonnenschein. In Silvios Stube war es ganz still; denn die Mutter war
+draußen, um Trauben und Feigen zum Abend hereinzuholen. Silvio lauschte
+auf Ricos Tritt, denn es war die Zeit, da er gewöhnlich kam. Jetzt ging
+das Pförtchen auf am Zaun; Silvio schoß auf. Ein langer schwarzer Rock
+kam hereingewandert, es war der Herr Pfarrer. Diesmal kroch Silvio nicht
+ins Loch; er streckte seine Hand, so weit er konnte, dem Herrn Pfarrer
+entgegen, lange eh' dieser nur halbwegs im Garten angekommen war. Der
+Empfang gefiel ihm aber; er trat gleich in die Stube ein und an Silvios
+Bett hin, obschon er die Mutter hinten im Garten sah, und sagte: »So
+ist's recht, mein Sohn, und wie steht es mit der Gesundheit?« -- »Gut«,
+entgegnete Silvio schnell. Er schaute in höchster Spannung den Herrn
+Pfarrer an und fragte dann halblaut: »Wann kann der Rico gehen?«
+
+Der Herr Pfarrer setzte sich an dem Bett nieder und sagte mit
+feierlichem Ton: »Morgen um fünf Uhr wird der Rico reisen, mein
+Söhnchen.«
+
+Frau Menotti war eben eingetreten, und nun ging es an ein Fragen und
+Verwundern von ihrer Seite, daß der Herr Pfarrer Mühe hatte, sie zu
+beschwichtigen, damit er ungestört seinen Bericht auseinanderlegen
+könnte. Es gelang ihm endlich, und Silvio hielt seine Augen auf ihn
+geheftet wie ein kleiner Sperber, als nun die Erzählung kam.
+
+Der Herr Pfarrer kam eben von Bergamo her, wo er zwei Tage zugebracht
+hatte. Da hatte er mit Hilfe seiner Freunde einen Roßhändler ermittelt,
+der kam schon seit 30 Jahren jeden Herbst nach Bergamo und kannte alle
+Wege und Gegenden von da bis noch weit über die Berge hinaus, wo Rico
+hin mußte. Er wußte auch, wie man in die Berge hinaufkommen konnte, ohne
+nur auszusteigen und zu schlafen unterwegs. Den Weg machte er selbst und
+wollte den Rico mitnehmen, wenn er am Morgen mit dem ersten Zuge in
+Bergamo ankomme. Der Mann kannte auch alle Kutscher und Kondukteure und
+wollte für die Rückkehr den Jungen und seine Begleiterin den Leuten
+übergeben und anempfehlen, so daß sie sicher reisen würden.
+
+So fand der Herr Pfarrer, man könne nun den Rico in Frieden ziehen
+lassen, und gab seinen Segen zu der Reise.
+
+Als er aber schon am Gartenzaun stand, kehrte die Frau Menotti, die ihn
+begleitet hatte, noch einmal um und fragte voller Besorgnis: »Ach, Herr
+Pfarrer, wird auch sicher keine Lebensgefahr dabei sein, oder daß der
+Rico auf den verirrlichen Wegen sich verlieren könnte und dann in den
+wilden Bergen umherirren müßte?«
+
+Der Herr Pfarrer beruhigte die Frau nochmals, und nun ging sie zurück
+und bedachte, was nun alles für den Rico zu tun sei. Dieser trat eben in
+den Garten ein, und das Freudengeschrei, welches ihm Silvio nun
+entgegensandte, war so erstaunlich, daß Rico in drei Sprüngen an dem
+Bett war, um zu sehen, was sich da ereignet habe.
+
+»Was hast du? was hast du?« fragte Rico immerzu, und Silvio rief in
+einem fort: »Ich will's sagen! Ich will's sagen!« vor lauter Angst, die
+Mutter komme ihm zuvor. Diese ließ aber nun die Buben mit ihrer Freude
+allein und ging ihrem Geschäfte nach, denn das war nun das Wichtigste.
+Sie holte einen Reisesack hervor und stopfte unten hinein ein ungeheures
+Stück geräuchertes Fleisch und einen halben Laib Brot und ein großes
+Paket gedörrter Pflaumen und Feigen und eine Flasche Wein, gut in ein
+Tuch gewickelt, und dann kamen die Kleider, zwei Hemden, ein Paar
+Strümpfe und ein Paar Schuhe und Taschentücher, und bei alledem war der
+Frau nicht anders zumute, als reiste Rico nach dem fernsten Weltteil,
+und sie merkte nun erst recht, wie lieb ihr der Rico war, so daß sie
+ohne ihn fast nicht mehr sein konnte.
+
+Sie mußte auch zwischen dem Packen immer wieder niedersitzen und denken:
+»Wenn es nur auch kein Unglück gibt!«
+
+Nun kam sie herunter mit dem Sack und ermahnte den Rico, jetzt gleich
+hinzugehen und der Wirtin alles gut zu erklären und sie zu bitten, daß
+sie ihn auch gehen lasse und nichts dagegen habe, und den Sack könne er
+gleich auf die Bahn bringen.
+
+Rico war zum höchsten erstaunt über sein Gepäck; er tat aber folgsam,
+wie ihm geheißen wurde, und ging dann zur Wirtin. Er erzählte dieser,
+daß er in die Berge hinauf müsse und das Stineli herunterholen, und es
+komme vom Herrn Pfarrer her, daß er gleich morgen um fünf Uhr fort
+müsse. Das flößte der Wirtin schon ein wenig Respekt ein, daß der Herr
+Pfarrer mit der Sache zu tun habe. Sie wollte aber wissen, wer das
+Stineli sei und was es im Sinn habe; sie dachte gleich, das könnte etwas
+für sie sein. Sie brachte aber nur in Erfahrung, daß das Stineli ein
+Mädchen sei, das Stineli heiße, und daß es zur Frau Menotti komme. Da
+ließ sie die Sache gehen, denn der Frau Menotti wollte sie nichts in den
+Weg legen; sie war zufrieden genug, daß diese den Rico ihr so ruhig
+überlassen hatte. Sie nahm auch an, das Stineli sei natürlich Ricos
+Schwester, er sage es nur nicht, wie er überhaupt nie etwas von seinen
+Familienverhältnissen gesagt hatte.
+
+So erzählte sie auch noch denselben Abend allen Gästen, die ins Haus
+kamen, der Rico hole morgen seine Schwester herunter, denn er habe
+erfahren, wie gut man es hier unten haben könne.
+
+Nun wollte sie aber auch zeigen, wie sie es mit dem Rico meinte. Sie
+holte einen großen Korb vom Estrich herunter und steckte ihn ganz voller
+Würste und Käse und Eier und Brotschnitten mit fingerdicker Butter
+dazwischen und sagte:
+
+»Auf der Reise mußt du keinen Hunger haben, und das übrige kannst du
+schon dort oben brauchen; da wirst du nicht zu viel finden, und im
+Heimweg mußt du auch noch etwas haben. Denn du kommst doch wieder, Rico,
+sicher?«
+
+»Sicher«, sagte Rico, »in acht Tagen bin ich wieder da.«
+
+Nun trug Rico noch seine Geige zur Frau Menotti, denn die hätte er sonst
+niemandem anvertraut, und nun nahm er Abschied für acht Tage, denn nach
+Verfluß dieser Zeit konnte er wohl wieder da sein, wenn alles gut ging.
+
+
+
+
+Siebzehntes Kapitel.
+
+Über die Berge zurück.
+
+
+Am Morgen lang vor fünf Uhr stand Rico fertig auf der Station und konnte
+kaum erwarten, daß es vorwärts ging. Nun saß er im Wagen wie vor drei
+Jahren, aber nicht mehr so furchtsam in die Ecke gedrückt, mit der
+Geige in der Hand; jetzt brauchte er eine ganze Bank, denn neben ihm
+lagen Sack und Korb, die nahmen einen guten Platz ein. In Bergamo traf
+er richtig mit dem Roßhändler zusammen und nun reisten sie ungestört
+weiter, noch ein gutes Stück in demselben Wagen, dann über den See. Dann
+stiegen sie aus und wanderten gegen ein Wirtshaus hin, da standen schon
+die Pferde angespannt an dem großen Postwagen. Da erinnerte sich Rico
+deutlich, wie er hier gestanden in der Nacht, ganz allein, nachdem die
+Studenten dorthinüber gegangen waren, und drüben sah er die Stalltür, wo
+er die Laterne hangen gesehen und dann den Schafhändler wiedergefunden
+hatte. Es war schon Abend und bald bestieg man den Postwagen und fuhr
+den Bergen zu. Diesmal saß Rico mit seinem Begleiter im Wagen, und kaum
+hatte er sich auch recht in seine Ecke gesetzt, als ihm die Augen
+zufielen, denn vor Aufregung hatte er die vorhergehende Nacht keine
+Stunde geschlafen. Nun holte er es nach; ohne nur einmal zu erwachen,
+schlief Rico fort, bis die Sonne hoch am Himmel stand und der Wagen ganz
+langsam fuhr, und als er seinen Kopf aus dem Fenster steckte, erblickte
+Rico zu seiner unbeschreiblichen Verwunderung, daß der Wagen die
+Zickzackstraße hinauffuhr, die auf den Maloja führt und die er so wohl
+kannte.
+
+Aus dem Fenster konnte er nicht viel sehen, nur von Zeit zu Zeit eine
+Wendung der Straße; aber jetzt hätte er so gern alles gesehen ringsum.
+Nun hielt der Wagen still, man war auf der Höhe angekommen. Da stand das
+Wirtshaus, da am Wege hatte er sich hingesetzt und mit dem Kutscher
+gesprochen. Alle Reisenden stiegen einen Augenblick aus, den Pferden
+wurde ein Futter gegeben. Rico stieg auch aus dem Wagen; er ging zum
+Kutscher hin und fragte ganz demütig: »Darf ich mit Euch auf dem Bock
+fahren bis nach Sils?«
+
+»Steig auf«, sagte der Kutscher.
+
+Und nun stieg alles wieder ein und auf und im lustigen Trab ging es
+abwärts und die ebene Straße dahin. Jetzt kam der See. Dort lag die
+waldige Halbinsel, und dort -- das waren die weißen Häuser von Sils, und
+drüben lag Sils-Maria. Das Kirchlein schimmerte in der Morgensonne, und
+dort gegen den Berg hin sah er die beiden Häuschen.
+
+Jetzt fing Ricos Herz stark zu klopfen an. Wo konnte Stineli sein? Nur
+noch wenige Schritte, und der Postwagen hielt an in Sils.
+
+Stineli hatte seit Ricos Verschwinden viele harte Tage erlebt. Die
+Kinder wurden größer, und es gab immer mehr Arbeit und das meiste fiel
+auf Stineli; denn es war das älteste von den Kindern und neben den Alten
+war es doch das Jüngste; so hieß es bald: »Das Stineli kann dies tun, es
+ist ja alt genug«, und dann gleich nachher: »Das kann Stineli
+verrichten, denn es ist noch jung.« Die Freude konnte es mit niemandem
+mehr recht teilen, seit der Rico fort war, wenn es noch einen Augenblick
+Zeit dazu gehabt hätte.
+
+Vor dem Jahre war dann die gute Großmutter gestorben, und von da an gab
+es für Stineli auch keine freien Augenblicke mehr; denn vom Morgen bis
+am Abend war da so viel Arbeit zu tun, daß man nie fertig wurde, sondern
+nur immer mittendrin war.
+
+Aber Stineli hatte seinen guten Mut nie verloren, obschon es um die
+Großmutter stark hatte weinen müssen und jetzt noch jeden Tag ein
+paarmal dachte: ohne die Großmutter und den Rico sei es nicht mehr so
+schön auf der Welt, wie es einmal gewesen war. An einem sonnigen
+Samstagmorgen kam es mit einem großen Bündel Stroh auf dem Kopfe hinter
+der Scheune hervor; es wollte schöne Strohwische machen zum Fegen am
+Abend. Die Sonne schien schön auf den trockenen Weg gegen Sils hin und
+es stand still und schaute hinüber. Da kam ein Bursche des Weges, den es
+nicht kannte, das war kein Silser, das sah es sogleich. Und wie er näher
+kam, stand er still und schaute das Stineli an, und es schaute ihn auch
+an und war verwundert; aber mit einem Male warf es sein Strohbündel weit
+weg und sprang auf den Stillstehenden zu und rief: »O Rico, bist du noch
+am Leben? Bist du wieder da? Aber du bist groß, Rico! Zuerst habe ich
+dich gar nicht mehr erkannt; aber wie ich dir ins Gesicht sah, da habe
+ich dich gleich erkannt; es hat ja kein Mensch sonst so ein Gesicht wie
+du!«
+
+Und Stineli stand ganz glühend rot vor Freude vor dem Rico, und der Rico
+stand kreideweiß vor innerer Erregung und konnte zuerst gar nichts sagen
+und schaute nur das Stineli an. Dann sagte er: »Du bist auch so groß,
+Stineli, aber sonst bist du noch wie vorher. Je näher ich dem Hause kam,
+je mehr wurde es mir angst, du seiest vielleicht anders geworden.«
+
+»O Rico, daß du wieder da bist!« jubelte das Stineli, »o wenn das die
+Großmutter wüßte! Aber du mußt hereinkommen, Rico, die werden sich alle
+verwundern!« Stineli lief voraus und machte die Tür auf, und Rico ging
+hinein. Die Kinder versteckten sich sogleich immer eins hinter das
+andere, und die Mutter stand auf und grüßte den Rico fremd und fragte,
+was ihm gefällig sei. Weder sie, noch eins der Kinder hatte ihn mehr
+erkannt. Jetzt traten auch Trudi und Sami in die Stube und grüßten im
+Vorbeigehen.
+
+»Kennt ihr ihn denn alle nicht?« brach nun das Stineli aus; »es ist ja
+der Rico!«
+
+Jetzt ging das Verwundern von allen Seiten an, und man war gerade noch
+daran, als der Vater eintrat zum Essen.
+
+Rico ging ihm entgegen und bot ihm die Hand. Der Vater nahm sie und
+schaute den Jungen an.
+
+»Ist's etwa einer von den Verwandten?« sagte er dann, denn er kannte
+diese nie so genau, wenn sie etwa kamen.
+
+»Jetzt kennt ihn der Vater auch nicht«, sagte Stineli ein wenig empört.
+»Es ist ja der Rico, Vater!«
+
+»So, so, das ist recht«, bemerkte der Vater und schaute ihn nun noch
+einmal an, von oben bis unten, dann fügte er bei: »Du darfst dich sehen
+lassen, hast du etwas von einer Hantierung gelernt? Komm, sitz zu mit
+uns, da kannst du's erzählen, wie es mit dir gegangen ist.«
+
+Rico setzte sich nicht gleich, er schaute immer wieder nach der Tür;
+endlich fragte er zögernd: »Wo ist die Großmutter?« Der Vater sagte, sie
+liege drüben in Sils, nicht weit vom alten Lehrer weg. Rico hatte wohl
+mit der Frage gezögert, weil er die Antwort fürchtete, da er die
+Großmutter nirgends sah. Er setzte sich nun zu Tisch mit den anderen,
+aber erst war er ganz still und essen konnte er auch nicht; er hatte die
+Großmutter so lieb gehabt.
+
+Aber nun wollte der Vater etwas erzählen hören, wo der Rico hingekommen
+sei an jenem Tage, da sie nach ihm in der Rüfe herumstocherten, und was
+er in der Fremde erlebt habe. Da erzählte denn Rico alles, wie es ihm
+ergangen war, und kam so bald auf die Frau Menotti und den Silvio zu
+sprechen und erklärte nun deutlich, warum er hierher gekommen sei, und
+daß er mit dem Stineli nach Peschiera zurückkehren wolle, sobald es dem
+Vater und der Mutter recht sei. Das Stineli machte die Augen ganz weit
+auf während Ricos Erzählung, es hatte ja von allem noch gar kein Wort
+gehört. Wie ein Freudenfeuer leuchtete es auf in seinem Herzen: mit dem
+Rico an seinen schönen See hinuntergehen und wieder alle Tage mit ihm
+zusammensein bei der guten Frau und dem kranken Silvio, der so nach ihm
+begehrte.
+
+Erst schwieg der Vater eine Zeitlang, denn er überstürzte nie ein Ding,
+dann sagte er: »Es ist recht, wenn eins unter die Fremden kommt, es
+lernt etwas; aber das Stineli kann nicht gehen, von dem ist keine Rede.
+Es ist nötig daheim; es kann ein anderes gehen, etwa das Trudi.«
+
+»Ja ja, so ist's besser«, sagte die Mutter; »ohne das Stineli kann ich
+es nicht machen.« Da hob das Trudi seinen Kopf vom Teller auf und sagte:
+»So ist es mir auch recht, es ist doch nur immer ein Kindergeschrei bei
+uns.«
+
+Das Stineli sagte kein einziges Wort; es sah nur ganz gespannt den Rico
+an, ob er nichts mehr sagen werde, weil der Vater so bestimmt abgesagt
+hatte, und ob er nun das Trudi mitnehmen wolle. Aber der Rico sah den
+Vater unerschrocken an und sagte:
+
+»Ja, so geht es nicht. Der kranke Silvio will präzis das Stineli haben
+und kein anderes, und er weiß schon, was er will; er würde nur das
+Trudi wieder heimschicken, dann hätte es den Weg vergebens gemacht. Und
+dann hat mir die Frau Menotti auch noch gesagt: wenn das Stineli mit dem
+Silvio gut auskomme, so könne es alle Monate seine fünf Gulden
+heimschicken, wenn man es so begehre; und daß der Silvio und das Stineli
+gut zusammen fertig werden, weiß ich im voraus so gut, wie wenn ich es
+gerade vor mir sähe.«
+
+Der Vater stellte seinen Teller beiseite und setzte die Kappe auf. Er
+war fertig mit Essen, und zum strengen Nachdenken hatte er gern die
+Kappe auf dem Kopf; es war so, wie wenn sie ihm die Gedanken besser
+zusammenhielte.
+
+Jetzt überdachte er im stillen, wie er sich abmühen mußte, bis er nur
+einen einzigen baren Gulden in die Hand bekam, und dann sagte er zu
+sich: »Fünf Gulden jeden Monat bar in die Hand, ohne auch nur einen
+Finger aufzuheben!« Dann schob er die Kappe auf die eine Seite und dann
+auf die andere, dann sagte er: »Es kann gehen; es wird ein anderes auch
+etwas tun können im Haus.«
+
+Stinelis Augen leuchteten. Die Mutter sah aber ein wenig seufzend alle
+die kleinen Köpfe und Teller, denn wer sollte das alles säubern helfen?
+Und das Trudi gab dem Peterli einen Ellbogenstoß und sagte: »Sitz einmal
+still!«, obschon er diesmal völlig ruhig seine Bohnen aß.
+
+Der Vater hatte aber noch einmal an seiner Kappe gerutscht, es war ihm
+noch etwas in den Sinn gekommen. »Das Stineli ist aber noch nicht
+konfirmiert«, sagte er; »es wird, denk' ich wohl, noch konfirmiert sein
+müssen.«
+
+»Ich werde erst in zwei Jahren konfirmiert, Vater«, sagte Stineli
+eifrig; »so kann ich ganz gut jetzt für zwei Jahre fortgehen, und dann
+kann ich ja wieder heimkommen.«
+
+Das war ein guter Ausweg, nun waren auf einmal alle zufrieden. Der Vater
+und die Mutter dachten: wenn alles krumm gehe ohne das Stineli, so sei
+es doch nur für eine Zeit, die werde auch umgehen, und nachher sei es
+wieder da, und das Trudi dachte: »Sobald es wieder da ist, gehe ich, und
+dann können sie sehen, wann ich wiederkomme.« Aber der Rico und das
+Stineli sahen einander an, und die helle Freude lachte ihnen aus den
+Augen.
+
+Da der Vater die Sache nun als abgemacht ansah, stand er vom Tische auf
+und sagte: »Sie können dann morgen gehen, so weiß man, woran man ist.«
+
+Aber die Mutter schlug einen großen Jammer auf und sagte, so schnell
+werde es ja nicht sein müssen, und jammerte immerfort, bis der Vater
+sagte: »So können sie am Montag gehen«, denn weiter hinaus wollte er es
+nicht verschieben, weil er dachte, es töne nun so fort, bis das Weggehen
+vorbei sei.
+
+Für Stineli gab es nun Arbeit; das begriff der Rico wohl und er machte
+sich an den Sami und sagte ihm, er wolle sehen, ob es in Sils-Maria noch
+sei wie früher; und dann sollte er noch einen Sack und einen Korb von
+Sils herüberholen, da könnte ihm der Sami tragen helfen. So zogen sie
+aus. Zuerst stand Rico vor seinem ehemaligen Häuschen still und schaute
+die alte Haustüre an und den Hühnerstall; es war noch alles ganz gleich.
+Er fragte den Sami, wer drin wohne, ob die Base noch ganz allein sei.
+Aber die Base war schon lange fortgezogen, hinauf nach Silvaplana, und
+kein Mensch sah sie mehr, denn in Sils-Maria zeigte sie sich nie mehr.
+
+In dem Häuschen wohnten Leute, von denen Rico nichts wußte. Überall, wo
+er mit Sami hinkam, vor den alten bekannten Häusern und aus den Scheunen
+starrten ihn die Leute fremd an, kein einziger kannte ihn mehr. Wie sie
+am Abend nach Sils hinübergingen, da schwenkte Rico gegen den Kirchhof
+ein; er wollte auf das Grab der Großmutter gehen, aber Sami wußte nicht
+recht, wo es war.
+
+Mit Sack und Korb beladen, kehrten die beiden, als es dunkelte, zum
+Hause zurück. Da stand Stineli noch am Brunnen und fegte den Stalleimer
+zum letzten Male, und als nun der Rico neben ihm stand, sagte es
+strahlend vor Freuden und Fegeifer: »Ich kann es noch fast nicht
+glauben, Rico!«
+
+»Aber ich«, sagte dieser so sicher, daß ihn das Stineli erstaunt ansehen
+mußte. »Aber weißt du, Stineli«, fügte er hinzu, »du hast es auch nicht
+so lange ausdenken können wie ich.«
+
+Aber Stineli mußte sich noch ein paarmal wundern, daß der Rico so
+bestimmt etwas sagen konnte; das hatte es früher nicht an ihm gekannt.
+
+Dem Rico hatte man ein Bett zurecht gemacht, oben in der Dachkammer; da
+schleppte er seine Sachen hinauf, denn erst morgen wollte er alles
+auspacken. Wie nun am folgenden Tage, am hellen, schönen Sonntag, alle
+um den Tisch saßen, da kam Rico und schüttete gerade vor das Urschli und
+den Peterli hin einen solchen Haufen von Pflaumen und Feigen, wie sie in
+ihrem ganzen Leben noch keinen gesehen hatten, und Feigen hatten sie
+auch noch gar nie gegessen; und seine Masse Würste und Fleisch und Eier
+stellte er mitten auf den Tisch. Und nachdem das große Erstaunen darüber
+ein wenig nachgelassen hatte, ging eine Schmauserei an, wie sie da noch
+nicht stattgefunden hatte, und bis zum späten Abend knupperten die
+Kinder im höchsten Vergnügen an den süßen Feigen herum.
+
+
+
+
+Achtzehntes Kapitel.
+
+Zwei frohe Reisende.
+
+
+Am Montag mußte die Reise erst am Abend vor sich gehen, das hatte der
+Roßhändler dem Rico deutlich alles gesagt, so daß dieser nun perfekt
+seinen Weg wußte. Nachdem nun der Abschied genommen war, wanderten Rico
+und Stineli gegen Sils hin, und am Häuschen stand die Mutter und alle
+die kleinen Kinder um sie herum und schauten ihnen nach. Der Sami ging
+neben ihnen her und trug den Sack auf dem Kopfe, und den Korb trug Rico
+auf der einen und Stineli auf der anderen Seite. Stinelis Kleider hatten
+gerade beide angefüllt.
+
+Bei der Kirche in Sils sagte Stineli: »Wenn uns die Großmutter noch
+sehen könnte! Wir wollen ihr doch noch Lebewohl sagen, nicht, Rico?« Er
+wollte gern und sagte Stineli, daß er schon dagewesen wäre und sie nicht
+gefunden hätte; aber Stineli wußte schon, wo die Großmutter lag.
+
+Als der Postwagen heranfuhr und stillehielt, rief der Kutscher herunter:
+»Sind die zwei da, die an den Gardasee hinunter müssen? Ich habe schon
+gestern nachgefragt!«
+
+Der Roßhändler hatte sie gut empfohlen, und nun rief der Kutscher: »Hier
+herauf, die anderen haben gefroren, der Wagen ist voll, ihr seid jung.«
+
+Damit half er ihnen auf den Sitz hinter dem Bock, oben auf dem Wagen,
+und nahm eine dicke Roßdecke hervor, die deckte und stopfte er um die
+beiden, daß sie ganz eingewickelt dasaßen, und nun ging's vorwärts.
+
+Zum ersten Male, seit sie sich wiedergesehen hatten, saßen nun Rico und
+Stineli allein beieinander und konnten sich ungestört erzählen von
+allem, was sie in den ganzen drei Jahren erlebt hatten. Das taten sie
+nun auch recht nach Herzenslust von Anfang an, und unter dem funkelnden
+Sternenhimmel fuhren sie dahin und hatten keinen Schlaf die ganze Nacht
+vor lauter Genuß und Vergnügen. Am Morgen kamen sie auf den See, und
+gerade um dieselbe Stunde, wie Rico in Peschiera angekommen war, so
+langten auch sie an und kamen den Weg hinunter, dem See zu. Aber Rico
+wollte nicht, daß das Stineli den See sehe, bis es an seinem Plätzchen
+angekommen war. So führte er es nun zwischen den Bäumen durch, bis sie
+auf einmal bei der kleinen Brücke herauskamen ins Freie.
+
+Da lag der See in der Abendsonne, und Rico und Stineli saßen an der
+niederen Halde hin und schauten hinüber. So wie ihn Rico geschildert
+hatte, so war er, aber noch viel schöner, denn solche Farben hatte
+Stineli noch nie gesehen. Es schaute hin und her nach den violetten
+Bergen und auf die goldene Flut und rief endlich voller Entzücken: »Er
+ist noch schöner als der Silsersee.«
+
+Rico hatte ihn aber auch noch nie so schön gesehen als jetzt, da er mit
+dem Stineli dran saß.
+
+Im stillen hatte Rico noch eine Freude; -- wie konnte er den Silvio und
+seine Mutter überraschen! Kein Mensch hatte gedacht, daß er so bald
+zurücksein könnte. Bevor acht Tage um waren, erwartete sie niemand, und
+nun saßen sie schon da am See. Bis die Sonne unter war, blieben sie an
+der Halde sitzen. Rico mußte dem Stineli zeigen, wo die Mutter stand,
+wenn sie wusch am See und er dasaß und auf sie wartete, und er mußte
+erzählen, wie sie miteinander über die schmale Brücke kamen und sie ihn
+an der Hand hielt.
+
+»Aber wo seid ihr dann hingegangen?« fragte Stineli. »Hast du nie das
+Haus gefunden, wo ihr hineingegangen seid?«
+
+Rico verneinte es. »Wenn ich da hinaufgehe, vom See gegen die
+Schienenbahn hinauf, dann ist's auf einmal, als sei ich da mit der
+Mutter gestanden und habe auf einem Tritt gesessen und vor uns die roten
+Blumen gesehen; aber es ist nichts mehr da, und den Weg hinauf kenne ich
+nicht, den habe ich nie gesehen.«
+
+Endlich standen sie auf und gingen dem Garten zu; Rico trug den Sack und
+Stineli den Korb. Wie sie in den Garten eintraten, mußte Stineli
+überlaut ausrufen: »O wie schön, o die schönen Blumen!«
+
+Das hatte den Silvio aufgeschnellt wie eine Feder. Er schrie aus
+Leibeskräften: »Der Rico kommt mit dem Stineli!«
+
+Die Mutter glaubte, das Fieber habe ihn gepackt; sie warf ihre Sachen
+dahinten im Kasten, wo sie herumkramte, alle übereinander und kam
+herbeigelaufen.
+
+In dem Augenblick aber trat der lebendige Rico unter die Tür, und vor
+Schrecken und Freude hätte es die gute Frau fast umgeworfen, denn bis
+auf diesen Augenblick hatte sie heimlich immerfort die schwersten
+Befürchtungen ausgestanden, das Unternehmen könnte dem Rico doch ans
+Leben gehen.
+
+Hinter dem Rico kam ein Mädchen hervor mit einem so freundlichen
+Gesicht, daß es der Frau Menotti sogleich das Herz gewann, denn sie war
+eine Frau von schnellen Eindrücken. Erst mußte sie aber dem Rico beide
+Hände fast abschütteln vor Freude, und währenddessen ging Stineli
+schnell an das Bettchen heran und begrüßte den Silvio, und es legte
+seinen Arm um des Bübleins schmale Schultern und lachte ihm ganz
+freundlich ins Gesicht, so, als hätten sie sich schon lang gekannt und
+gern gehabt, und der Silvio packte es gleich um den Hals und zog es ganz
+auf sein Gesicht herunter. Dann legte das Stineli dem Silvio ein
+Geschenk aufs Bett, das es in die nächste Tasche gesteckt hatte, um es
+gleich bei der Hand zu haben. Es war ein Kunstwerk, das der Peterli von
+jeher allen anderen Freuden vorgezogen hatte: ein Tannzapfen, dem in
+jede kleine Öffnung zwischen den harten Schuppen ein dünner Draht
+eingesteckt war. Oben auf dem Draht war je ein komisches Figürchen von
+Pantoffelholz festgemacht. Alle diese Figürchen zappelten aber so lustig
+gegeneinander und verbeugten sich und hatten von Rötel und Kohle so
+feurig bemalte Gesichter, daß der Silvio nicht mehr aus dem Lachen kam.
+
+Unterdessen hatte die Mutter von Rico das Notwendigste vernommen, daß er
+sicher und glücklich wieder da sei, und sie kehrte sich nun zum Stineli
+und begrüßte es mit aller Herzlichkeit, und Stineli sagte mehr mit
+seinen freundlichen Augen als mit seinem Munde, denn es konnte gar nicht
+italienisch und mußte sich mit seinen romanischen Worten helfen, wie es
+konnte. Aber es war nicht von schwerer Gemütsart und fand sich gleich
+zurecht, und wo es das Wort nicht fand, da beschrieb es die Sache gleich
+mit den Fingern und allerhand Zeichen, was dem Silvio unbeschreiblich
+kurzweilig vorkam, denn es war wie ein Spiel, wo es immer etwas zu
+erraten gab.
+
+Nun ging die Frau Menotti an den Kasten, wo alles bereit lag, was man
+zum Essen brauchte, Teller und Tischtuch und das kalte Huhn und die
+Früchte und der Wein. Sowie Stineli das bemerkte, lief es augenblicklich
+der Frau Menotti nach und trug herzu und deckte den Tisch und war so
+erstaunlich flink, daß der Frau Menotti gar nichts mehr übrig blieb zu
+tun, als nur verwundert zuzusehen; und bevor sie nur Zeit hatte zu
+denken, was nun folge, hatte schon der Silvio alles auf seinem Brett,
+verschnitten und vorgelegt ganz ordentlich, wie es sein mußte, und die
+rasche Bedienung gefiel dem Silvio.
+
+Da setzte sich Frau Menotti hin und sagte: »So habe ich es lange nicht
+gehabt, aber jetzt komm und sitz auch, Stineli, und iß mit uns.«
+
+Nun aßen alle fröhlich und saßen beisammen, so als hätten sie immer
+zueinander gehört und müßten auch immer so zusammenbleiben. Dann fing
+der Rico an von der Reise zu berichten, und derweilen stand Stineli auf
+und räumte leise alles wieder weg in den Kasten hinein, denn es wußte
+nun schon, wo jedes Ding seinen Platz hatte. Dann setzte es sich ganz
+nahe an Silvios Bett und machte Figuren mit seinen gelenkigen Fingern,
+so daß davon der Schatten auf die Wand fiel, und alle Augenblicke lachte
+der Silvio hell auf und rief aus: »Ein Hase! Ein Tier mit Hörnern! Eine
+Spinne mit langen Beinen!«
+
+So verfloß der erste Abend so schnell und vergnüglich, daß keines
+begreifen konnte, wo die Zeit hingekommen war, als es nun zehn Uhr
+schlug. Rico stand auf vom Tisch, denn er wußte, daß er nun gehen mußte;
+es war aber eine schwarze Wolke über sein Gesicht gekommen. Er sagte
+kurz: »Gute Nacht!« und ging hinaus. Aber das Stineli lief ihm nach und
+im Garten nahm es ihn bei der Hand und sagte: »Nun darfst du nicht
+traurig werden, Rico; es ist so schön hier, ich kann dir gar nicht
+sagen, wie es mir gefällt und wie froh ich bin, und das habe ich alles
+dir zu danken. Und morgen kommst du wieder und alle Tage; freut es dich
+nicht, Rico?«
+
+»Ja«, sagte er und schaute das Stineli ganz schwarz an, »und alle
+Abende, wenn's am schönsten ist, muß ich fort und weg und gehöre zu
+niemandem.«
+
+»Ach, so mußt du nicht denken, Rico«, ermunterte ihn Stineli; »nun haben
+wir doch immer zueinander gehört und ich habe mich drei Jahre lang immer
+darauf gefreut, wenn wir wieder einmal zusammenkommen werden, und wenn
+es daheim manchmal so zuging, daß ich lieber nicht mehr hätte dabei sein
+wollen, dann dachte ich immer: Wenn ich nur einmal wieder mit dem Rico
+sein könnte, so wollte ich alles gern tun. Und nun ist alles so
+gekommen, daß ich gar keine größere Freude wüßte, und jetzt willst du
+dich gar nicht mit mir freuen, Rico?«
+
+»Doch, ich will«, sagte Rico und schaute das Stineli heller an. Er
+gehörte doch zu jemand, Stinelis Worte hatten ihn wieder ins
+Gleichgewicht gebracht. Sie gaben einander noch einmal die Hand, dann
+ging der Rico zum Garten hinaus!
+
+Als Stineli in die Stube zurückkam und nach der Mutter Anweisung dem
+Silvio »Gute Nacht« sagen wollte, da ging ein neuer Kampf an; er wollte
+es durchaus nicht von sich weglassen und rief ein Mal ums andere: »Das
+Stineli muß bei mir bleiben und immer an meinem Bette sitzen, es sagt
+lustige Worte und lacht mit den Augen.«
+
+Da half nun keine Ermahnung, bis zuletzt die Mutter sagte: »So halt du
+jetzt das Stineli fest die ganze Nacht, daß es nicht schlafen kann, dann
+ist es morgen krank wie du und kann nicht aufstehen und du siehst es
+nicht mehr für lange Zeit.«
+
+Da ließ Silvio endlich Stinelis Arm los, den er fest umklammert hatte,
+und sagte:
+
+»Geh, schlaf, Stineli; aber komm früh am Morgen wieder!«
+
+Das versprach Stineli; und nun zeigte Frau Menotti ihm ein sauberes
+Kämmerlein, das auf den Garten hinausschaute, von wo ein lieblicher
+Blumenduft durch das offene Fenster heraufstieg. --
+
+Mit jedem Tage wurde das Stineli nun dem kleinen Silvio unentbehrlicher;
+wenn es nur zur Tür hinausging, so sah er das für ein Unglück an. Dafür
+war er aber auch ordentlich und gut, wenn es bei ihm war, und tat alles,
+was es ihn hieß, und plagte seine Mutter gar nicht mehr. Es war auch,
+als ob das nervöse Büblein wirklich seit Stinelis Ankunft seine großen
+Schmerzen verloren habe, denn noch hatte er nie gejammert, seit es an
+seinem Bette saß, und doch war nun schon mancher Tag hingegangen seit
+jenem ersten Abend, da es erschienen war.
+
+Stineli hatte aber auch eine unerschöpfliche Fundgrube von
+Unterhaltungen, und alles, was es nur in die Hand nahm, und was es tat
+und sagte, wurde zur anmutigsten Kurzweil für den Silvio, denn das
+Stineli hatte sich von ganz klein auf nach den kleinen Kindern richten
+müssen und immerfort darauf bedacht sein, sie zufrieden zu erhalten mit
+Worten und Händen und Blicken und auf jegliche Weise mit jeder Bewegung.
+
+So war Stineli unbewußt in seinem Sein und ganzen Wesen schon die
+allerangenehmste Unterhaltung, die es für ein kleines, empfindliches, an
+sein Bettchen gefesseltes Büblein nur geben konnte. Das gelehrige
+Stineli hatte auch bald dem Silvio alle seine Worte abgelauscht und
+schwatzte ganz unverzagt mit Silvio drauf los, und wo es die Worte noch
+verkehrte, da hatte der Silvio einen Hauptspaß daran, und die Sache war
+für ihn wie ein absichtlich erfundenes Vergnügen.
+
+Die Mutter konnte nie den Rico in den Garten treten sehen, ohne daß sie
+ihm entgegenlief, denn jetzt durfte sie laufen, wohin sie nur wollte und
+wann es ihr gefiel, und sie mußte ihn noch ein wenig auf die Seite
+nehmen, um ihm zu sagen, welchen Schatz er ihr ins Haus gebracht habe,
+wie glücklich und froh der kleine Silvio sei, wie in seinem ganzen armen
+Leben noch nie, und wie sie nur gar nicht begreife, daß es ein solches
+Mädchen geben könne: mit dem Silvio sei es ganz kindlich und gerade so,
+als habe es selbst die größte Freude an den Dingen, die dem Büblein
+Kurzweil machten; mit ihr könne es so vernünftig reden und habe eine
+Erfahrung in der Arbeit und im Einrichten, wie kaum eine Frau; und seit
+sie dieses Stineli im Hause habe, gehe alles wie von selbst und sie habe
+alle Tage Sonntag. Kurz, Frau Menotti konnte gar nicht genug Worte
+finden, um das Stineli in allen seinen Eigenschaften zu bewundern und zu
+loben, und der Rico hörte ihr gern zu.
+
+Wenn sie dann alle drinnen beisammensaßen und immer eins das andere
+freundlicher ansah, so als wollte keines mehr gern vom anderen
+weggehen, dann hätte man denken müssen, das seien die glücklichsten
+Menschen weit umher, denen nichts mehr mangele. Aber mit jedem Abend
+wurde die Wolke auf Ricos Gesicht ein wenig dunkler und schwärzer,
+sobald es zehn Uhr schlug, und wenn es auch Frau Menotti in ihrer frohen
+Stimmung nicht merkte, so sah es doch das Stineli ganz gut und heimlich
+bekümmerte es sich und dachte: »Es ist, wie wenn ein Gewitter kommen
+wollte!«
+
+
+
+
+Neunzehntes Kapitel.
+
+Wolken am schönen Gardasee.
+
+
+Es kam ein schöner Herbstsonntag, und drüben in Riva sollte am Abend
+Tanz sein und Rico hinüberfahren, um zu spielen. So konnte er den Tag
+nicht mit Stineli und den anderen zubringen; das war schon mehrmals
+verhandelt worden die Woche durch, denn es war ein Ereignis für alle,
+wenn Rico nicht kam, und Stineli suchte alles mögliche hervor, um der
+Sache noch eine gute Seite abzugewinnen: »Du fährst dann im Sonnenschein
+über den See und kommst unter dem Sternenhimmel wieder zurück, und wir
+denken die ganze Zeit an dich«, hatte es ihm gesagt, als er zuerst
+anzeigte, daß ein Tanzsonntag folge.
+
+Rico kam am Samstagabend mit seiner Geige, denn Stinelis größte Freude
+war sein Spiel. Rico spielte schöne Weisen, eine nach der anderen, aber
+sie waren alle traurig, und es war auch, als machten sie ihn wieder
+traurig, denn er schaute auf seine Geige mit einer Düsterkeit, als tue
+sie ihm das größte Leid an.
+
+Auf einmal steckte er seinen Bogen weg, lang noch ehe es zehn geschlagen
+hatte, und sagte: »Ich will gehen.«
+
+Frau Menotti wollte ihn festhalten, sie begriff nicht, was ihm einfiel.
+Stineli hatte ihn immer angesehen, während er spielte; jetzt sagte es
+nur: »Ich gehe noch ein paar Schritte mit dir.«
+
+»Nein!« rief Silvio, »geh nicht fort, bleib da, Stineli!«
+
+»Ja, ja, Stineli«, sagte Rico, »bleib du nur da und laß mich gehen!«
+
+Dabei sah er Stineli gerade so an wie damals, als er vom Lehrer weg dem
+Holzstoß zu kam und sagte: »Es ist alles verloren!«
+
+Stineli ging zu Silvios Bett und sagte leise: »Sei brav, Silvio; morgen
+erzähl' ich dir die allerlustigste Geschichte vom Peterli, aber mach
+jetzt keinen Lärm.«
+
+Silvio hielt sich wirklich still, und Stineli ging dem Rico nach. Als
+sie am Gartenzaun standen, kehrte Rico sich um und deutete auf die
+erleuchtete Stube, die so wohnlich aussah vom Garten her, und sagte:
+
+»Geh wieder, Stineli; dort gehörst du hinein und bist daheim dort, und
+ich gehöre auf die Straße, ich bin nur ein Heimatloser, und so wird es
+immer sein; darum laß mich nur gehen!«
+
+»Nein, nein, so lass' ich dich nicht gehen; Rico, wo gehst du jetzt
+hin?«
+
+»An den See«, sagte Rico und ging der Brücke zu. Stineli ging mit. Als
+sie an der Halde standen, hörten sie unten die leisen Wellen flüstern
+und lauschten eine Weile. Dann sagte Rico:
+
+»Siehst du, Stineli, wenn du nicht da wärst, so ginge ich gleich fort,
+weit fort, aber ich wüßte auch nicht wohin. Ich muß doch immer ein
+Heimatloser sein und mein ganzes Leben lang so in Wirtshäusern geigen,
+wo sie lärmen, wie wenn sie von Sinnen wären, und in einer Kammer
+schlafen, wo ich lieber nicht mehr hineinginge; und du gehörst nun zu
+ihnen in das schöne Haus, und ich gehöre nirgends hin. Und siehst du,
+wenn ich da hinabsehe, so denke ich: hätte mich doch die Mutter hier
+hineingeworfen, ehe sie sterben mußte, so wäre ich kein Heimatloser
+geworden.«
+
+Stineli hatte mit Kummer im Herzen dem Rico zugehört; aber wie er diese
+letzten Worte sagte, da bekam es einen großen Schrecken und rief aus: »O
+Rico, so etwas darfst du gar nicht sagen. Du hast gewiß lange dein
+Unser-Vater nicht mehr gebetet, darum sind dir diese bösen Gedanken
+gekommen.«
+
+»Nein, ich habe es nicht mehr gebetet, ich kann es nicht mehr.«
+
+Das war dem Stineli ein erschreckliches Wort.
+
+»O, wenn das die Großmutter wüßte, Rico«, rief es jammernd aus, »sie
+müßte noch einen rechten Kummer für dich ausstehen. Weißt du, wie sie
+gesagt hat: 'Wer sein Unser-Vater vergißt, dem geht es schlecht!' O
+komm, Rico, du mußt es wieder lernen, ich will dich's gleich lehren. Du
+kannst es bald wieder.«
+
+Und Stineli fing an und sagte mit warmer Teilnahme seines Herzens
+zweimal hintereinander dem Rico das Unser-Vater vor. Wie es nun so tief
+beteiligt den Worten folgte, so bemerkte Stineli, daß da gerade für den
+Rico viel Trostreiches darin vorkam, und wie es zu Ende war, sagte es:
+
+»Siehst du, Rico, weil doch dem lieben Gott das ganze Reich gehört, so
+kann er dir schon noch eine Heimat finden, und ihm gehört auch alle
+Kraft, daß er sie dir geben kann.«
+
+»Jetzt kannst du sehen, Stineli«, entgegnete Rico, »wenn der liebe Gott
+eine Heimat in seinem Reich für mich hätte und auch die Kraft hat, daß
+er mir sie geben könnte, so _will_ er nicht.«
+
+»Ja, aber du mußt auch etwas bedenken«, fuhr Stineli fort, »der liebe
+Gott kann auch bei sich selbst sagen: 'Wenn der Rico etwas von mir will,
+so kann er auch einmal beten und kann mir's sagen.'«
+
+Dagegen wußte Rico nichts mehr einzuwenden. Er schwieg eine kleine
+Weile, dann sagte er:
+
+»Sag noch einmal das Unser-Vater, ich will's wieder lernen.«
+
+Stineli sagte es noch einmal, dann konnte es der Rico wieder und hatte
+sich's recht eingeprägt. Nun gingen sie friedlich heim, jedes auf seine
+Seite, und Rico mußte noch immer an das Reich und die Kraft denken.
+
+An dem Abend aber, wie er in seiner stillen Kammer war, betete er von
+Herzen demütig, denn er fühlte, daß er im Unrecht war, zu denken, der
+liebe Gott sollte ihm geben, was ihm mangelte, und er hatte ihn ja gar
+nie darum gebeten.
+
+Stineli trat gedankenvoll in den Garten ein. Es erwog bei sich selbst,
+ob es über alles mit der Frau Menotti reden wollte; vielleicht könnte
+sie für den Rico eine andere Beschäftigung finden, als dies Geigen zum
+Tanz in den Wirtshäusern, das ihm so zuwider war. Aber der Gedanke, die
+Frau Menotti mit seinen Angelegenheiten zu beschäftigen, verging ihm,
+als es in die Stube eingetreten war. Silvio lag glühendrot auf seinem
+Kissen und atmete heftig und ungleich, und am Bette saß die Mutter und
+weinte ganz kläglich. Silvio hatte einmal wieder einen seiner Anfälle
+und große Schmerzen gehabt, und ein wenig Zorn, daß das Stineli fort
+war, mochte das Fieber noch vermehrt haben. Die Mutter war so
+niedergeschlagen, wie Stineli sie noch nie gesehen hatte. Als sie sich
+endlich ein wenig ermuntern konnte, sagte sie:
+
+»Komm, Stineli, setz dich da neben mich, ich möchte dir etwas sagen.
+Sieh, es liegt mir etwas so schwer auf dem Herzen, daß ich manchmal
+meine, ich könne es fast nicht mehr tragen. Du bist freilich jung, aber
+du bist ein vernünftiges Mädchen und hast schon viel gesehen, und ich
+meine, es würde mir schon leichter werden, wenn ich mit dir darüber
+reden könnte. Du siehst ja, wie es mit dem Silvio ist, mit meinem
+einzigen Söhnlein. Nun habe ich aber nicht nur das Leid seiner
+Krankheit, die ja nie heilen kann, sondern ich muß oft bei mir selbst
+sagen: es ist vielleicht eine Strafe von Gott, weil wir unrechtes Gut
+behalten haben und genießen, wenn wir es schon nicht an uns ziehen und
+behalten wollten. Ich will dir's aber von Anfang an erzählen.
+
+»Als wir uns verheirateten, der Menotti und ich -- er hatte mich von Riva
+herübergeholt, wo mein Vater noch ist --, da hatte Menotti hier einen
+guten Freund, der wollte eben fort, weil ihm das Land verleidet war,
+denn er hatte seine Frau verloren. Er hatte ein Häuschen und einen
+großen Acker und Feld, nicht besonders gutes Land, aber eine große
+Strecke. Da wollte er, daß mein Mann alles übernehme, und sagte, das
+Land trage ja nicht so viel, er solle es ihm in Ordnung halten und das
+Haus dazu, bis er wiederkomme in ein paar Jahren. So machten es die
+Freunde aus, und sie hielten viel voneinander und machten nichts aus
+wegen Zinsen. Mein Mann sagte: 'Du mußt deine Sache recht haben, wenn du
+wiederkommst', denn er wollte alles gut verwerten und verstand sich auf
+den Landbau, und sein Freund wußte es wohl und überließ ihm alles. Aber
+gleich ein Jahr darauf wurde die Eisenbahn gebaut, das Häuschen mußte
+weg mit dem Garten, und der Acker wurde gebraucht, der Schienenweg geht
+darüber. So löste mein Mann viel mehr Geld, als jenes wert war, und
+kaufte hier weiter unten gutes Land und den Garten und baute das Haus,
+alles aus dem Geld, und das Land trug mehr als das Doppelte ein hier
+unten, so daß wir die reichsten Ernten hatten. Ich sagte aber manchmal
+zu meinem Mann: 'Es gehört uns doch nicht, und wir leben im Überfluß aus
+dem Gut eines anderen; wenn wir nur wüßten, wo er wäre!' Aber mein Mann
+beruhigte mich und sagte: 'Ich halte ihm alles in Ordnung, und wenn er
+kommt, ist alles sein, und vom Gewinn, den ich beiseite gelegt, muß er
+auch seinen Teil haben.'
+
+»Dann bekamen wir den Silvio, und wie ich entdeckte, daß das Büblein
+elend war, da mußte ich mehr und mehr zu meinem Mann sagen: 'Wir leben
+von unrechtem Gut, es ist eine Strafe über uns.' Und manchmal war es mir
+so schwer, daß ich fast lieber arm gewesen wäre und ohne Obdach. Aber
+mein Mann tröstete mich wieder und sagte: 'Du wirst sehen, wie er mit
+mir zufrieden sein wird, wenn er kommt.' Aber er kam nie. Da starb mein
+Mann schon vor vier Jahren; ach, was habe ich seitdem ausgestanden und
+muß immer denken: wie kann ich nur dem unrechten Gut abkommen ohne
+Unrecht, denn ich sollte es doch in guter Ordnung halten, bis der Freund
+wiederkommt, und dann denk' ich wieder: wenn er nun irgendwo im Elend
+wäre und ich lebe unterdessen so gut aus dem Seinigen und weiß nichts
+von ihm.«
+
+Stineli hatte ein großes Mitleid mit der Frau Menotti, denn es konnte
+sich so gut denken, wie es der Frau zumute war, die sich ein Unrecht
+vorwarf, das sie nicht ändern konnte. Und es tröstete die Frau Menotti
+und sagte ihr: wenn man ein Unrecht gar nicht wolle und es so gern gut
+machen möchte, dann dürfe man recht zuversichtlich den lieben Gott
+bitten, daß er helfe, denn er könne schon etwas Gutes machen aus dem,
+was wir verkehrt gemacht haben, und er wolle es auch tun, wenn es uns um
+das Verkehrte recht leid sei. Das wisse es alles von der Großmutter her,
+denn es habe sich auch einmal nicht mehr zu helfen gewußt und eine große
+Angst ausgestanden.
+
+Dann erzählte Stineli von dem See, den Rico immer im Sinn gehabt, und
+wie es schuld an seinem Fortlaufen gewesen sei und gefürchtet habe, er
+sei ums Leben gekommen. Und es sagte, es sei ihm dann auch ganz wohl
+geworden, wie es so gebetet und alles dem lieben Gott überlassen habe,
+und Frau Menotti müsse es nun auch so machen, dann werde es ihr ganz
+leicht werden ums Herz, denn sie könne dann immer fröhlich denken:
+»Jetzt hat der liebe Gott die Sache übernommen.« Die Frau Menotti wurde
+ganz fromm gestimmt von Stinelis Worten und sagte, sie wolle nun in
+Frieden zur Ruhe gehen, es habe ihr recht wohl gemacht mit seiner
+Zuversicht.
+
+
+
+
+Zwanzigstes Kapitel.
+
+In der Heimat.
+
+
+Als der goldene Sonntagmorgen über den Garten mit den roten Blumen
+leuchtete, trat Frau Menotti heraus und setzte sich auf die Rasenbank am
+Zaun. Sie schaute ringsum und hatte ihre eigenen Gedanken dabei. Hier
+die Oleanderblumen und die Lorbeerhecke dahinter, dort die vollen
+Feigenbäume und die goldenen Weinranken dazwischen, -- da sagte sie leise
+für sich: »Gott weiß, ich wäre froh, wenn mir das Unrecht vom Gewissen
+genommen würde; aber so schön, wie es hier ist, würde ich's nirgends
+mehr finden.«
+
+Jetzt trat der Rico in den Garten; er mußte ja heut' Nachmittag fort,
+und so den ganzen Tag, ohne einmal zu kommen, konnte er's nicht gut
+aushalten. Als er gerade nach der Stube gehen wollte, rief ihn Frau
+Menotti und sagte:
+
+»Setz dich einen Augenblick hier zu mir; wer weiß, wie lange wir hier
+noch nebeneinander sitzen werden!«
+
+Rico erschrak.
+
+»Warum denn, Frau Menotti, Ihr geht doch nicht fort?«
+
+Nun mußte Frau Menotti ablenken, ihre Geschichte konnte sie nicht
+erzählen. Es kam ihr in den Sinn, was Stineli ihr gestern Abend vom Rico
+gesagt hatte; sie war aber so von ihrer eigenen Sache erfüllt gewesen,
+daß sie es nicht recht verstanden hatte. Jetzt fing es an, sie ein wenig
+zu wundern, da es ihr wieder in den Sinn kam.
+
+»Sag einmal, Rico«, fing sie an, »warst du denn früher schon einmal da,
+daß du den See wiedersehen wolltest, wie mir gestern das Stineli erzählt
+hat?«
+
+»Ja, wie ich klein war«, sagte Rico, »dann kam ich fort.«
+
+»Wie kamst du denn hierher, als du klein warst?«
+
+»Hier kam ich auf die Welt.«
+
+»Was, hier? Was war denn dein Vater, daß er aus den Bergen hier
+herunterkam?«
+
+»Er war nicht aus den Bergen, nur die Mutter!«
+
+»Was du sagst, Rico. Dein Vater war doch nicht von hier?«
+
+»Doch, er war von hier.«
+
+»Das hast du alles nicht erzählt, das ist ja so merkwürdig! Du hast doch
+keinen Namen von hier; wie hieß denn dein Vater?«
+
+»Wie ich hieß er: Enrico Trevillo.«
+
+Frau Menotti fuhr von der Bank auf, als treffe sie ein Anfall.
+
+»Was sagst du da, Rico«, rief sie, »was hast du gerade jetzt gesagt?«
+
+»Meines Vaters Namen«, sagte Rico ruhig.
+
+Frau Menotti hatte nicht mehr zugehört, sie war an die Tür gelaufen.
+
+»Stineli, gib mir ein Halstuch«, rief sie hinein. »Ich muß zum Herrn
+Pfarrer auf der Stelle, mir zittern alle Glieder.«
+
+Stineli brachte erstaunt ein Halstuch.
+
+»Komm ein paar Schritte mit mir, Rico«, sagte Frau Menotti im Weggehen;
+»ich muß dich noch etwas fragen.«
+
+Zweimal noch mußte Rico sagen, wie sein Vater hieß, und zum dritten Male
+fragte Frau Menotti ihn noch an der Tür des Pfarrers, ob er auch sicher
+sei. Dann trat sie in das Haus ein. Rico kehrte zurück und war
+verwundert über den Zustand der Frau Menotti.
+
+Rico hatte seine Geige mitgebracht, er wußte, daß es dem Stineli
+jedesmal Freude machte, wenn sie mitkam. Als er nun damit in der Stube
+anlangte, traf er den Silvio und das Stineli in der besten Stimmung;
+denn Stineli hatte seinem Versprechen gemäß die Geschichte vom Peterli
+erzählt und damit sich und den Silvio in die größte Heiterkeit versetzt.
+Als dieser nun die Geige erblickte, rief er gleich: »Nun wollen wir
+singen, mit dem Stineli wollen wir die Schäflein singen.« Stineli hatte
+sein Lied nie mehr gehört, seit es entstanden war; denn Rico spielte
+jetzt viele schöne Weisen, und es hatte lange niemand mehr an das Lied
+gedacht. Daß aber der kleine Silvio das deutsche Lied singen wollte,
+überraschte es sehr, denn es wußte nicht, wie viele hundert Male Rico es
+ihm vorgesungen hatte in den drei Jahren. Stineli hatte die größte
+Freude, daß es das alte Lied wieder einmal mit Rico singen sollte, und
+nun ging's an, und richtig: Silvio sang aus allen Kräften mit, und ohne
+daß er ein einziges Wort verstand, hatte er sie alle dem Tone nach
+behalten durch das viele Anhören. Aber diesmal war das Lachen am
+Stineli; denn Silvio sprach seine Worte meistens so ganz verwunderlich
+aus, daß es vor Lachen gar nicht singen konnte, und wie nun der Silvio
+das Stineli so mit dem ganzen Gesicht lachen sah, da fing auch er an,
+und dann sang er noch vernehmlicher und lauter, daß das Stineli noch
+mehr lachen mußte, und dazu geigte der Rico mit aller Kraft sein:
+»Schäflein hinunter«.
+
+So tönte schon von weitem das singende Gelächter der Frau Menotti
+entgegen, als sie sich ihrem Garten näherte, und sie konnte nicht recht
+fassen, wie das so sein konnte in dieser ereignisvollen Stunde. Eilends
+kam sie durch den Garten und trat in die Stube ein; sie mußte sich
+gleich auf dem ersten Stuhle niederlassen, denn der Schrecken und die
+Freude und das Laufen und die Erwartung aller kommenden Dinge hatten sie
+überwältigt, und sie mußte erst zu sich kommen. Die Sänger waren
+verstummt und schauten verwundert auf die Mutter. Jetzt hatte sie sich
+gesammelt.
+
+»Rico«, sagte sie, feierlicher als sonst, »Rico, sieh um dich! Dieses
+Haus, dieser Garten, das Feld, alles, was du hier sehen und nicht sehen
+kannst von oben bis unten, das gehört alles dir; du bist der Besitzer,
+es ist dein väterliches Erbgut. Da ist deine Heimat; dein Name steht im
+Taufbuch, du bist der Sohn von Enrico Trevillo, und der war meines
+Mannes nächster Freund.«
+
+Stineli hatte bei den ersten zwei Worten schon alles begriffen und
+unaussprechliche Freude überstrahlte sein Gesicht. Rico saß wie
+versteinert auf seinem Stuhl und gab keinen Laut von sich. Aber der
+Silvio, große Kurzweil ahnend, brach in Jubel aus und rief:
+
+»O jetzt gehört auf einmal das Haus dem Rico! Wo muß er schlafen?«
+
+»Muß? Muß? Silvio!« sagte die Mutter. »In allen Stuben kann er sein, wo
+er will; er kann uns alle drei heut' noch da hinausstellen, wenn er
+will, und ganz mutterseelenallein im Hause bleiben.«
+
+»Dann ging ich lieber auch zu euch hinaus«, sagte Rico.
+
+»Ach, du guter Rico!« rief Frau Menotti aus; »wenn du uns da drinnen
+haben willst, wie bleiben wir so gern! Siehst du, ich habe mir schon im
+Heimweg ein wenig ausgedacht, wie wir es machen könnten. Ich könnte dir
+das halbe Haus abnehmen und so mit dem Garten und dem Land; so gehörte
+die eine Hälfte von allem dir und die andere dem Silvio.«
+
+»Dann geb' ich meine Hälfte dem Stineli«, rief Silvio.
+
+»Und ich die meine auch«, sagte Rico.
+
+»Oho, nun gehört alles dem Stineli!« frohlockte der Kleine aus seinem
+Bett heraus, »der Garten und das Haus und alles, was drin ist, die
+Stühle und die Tische und ich und der Rico und seine Geige. Jetzt wollen
+wir wieder singen!«
+
+Aber so abgemacht, wie der Silvio die Sache auffaßte, kam sie dem Rico
+nicht vor. Er hatte unterdessen über die Worte der Frau Menotti
+nachgedacht und fragte nun zaghaft:
+
+»Aber wie könnte das sein, daß das Haus von Silvios Vater mein wäre,
+darum, daß mein Vater sein Freund war?«
+
+Da fiel es der Frau Menotti erst ein, daß ja der Rico von dem ganzen
+Hergang der Sache noch nichts wußte, und sie fing gleich an und erzählte
+die ganze Geschichte von vorn an und noch viel weitläufiger, als sie am
+Abend vorher alles dem Stineli erzählt hatte. Und wie sie zu Ende war,
+da hatten die drei alles völlig begriffen, und bei allen dreien ging ein
+unbeschreiblicher Jubel los, denn da war gar kein Hindernis mehr, daß
+Rico auf der Stelle in sein Haus einziehe und es nie wieder verlasse.
+
+Mitten aus dem Jubel heraus aber sagte Rico:
+
+»Weil doch alles so ist, Frau Menotti, so muß ja nun gar nichts anders
+werden in dem Hause; ich komme nun auch und bin daheim hier, und wir
+bleiben so zusammen, und Ihr seid unsere Mutter.«
+
+»O Rico, daß du es bist, daß du es bist! Wie hat doch der liebe Gott das
+alles so schön herausgeführt! Daß ich es alles dir zu übergeben habe und
+doch dableiben kann mit dem besten Gewissen. Ich will dir auch eine
+Mutter sein, Rico, sieh, du bist mir ja auch lange schon lieb wie ein
+eigenes Kind. Jetzt mußt du mich auch Mutter nennen, und das Stineli
+auch, und wir sind die glücklichste Haushaltung in ganz Peschiera.«
+
+»Jetzt müssen wir unser Lied fertig singen«, rief der Silvio, dem es so
+ums Singen und Jauchzen war, daß er einen Ausweg haben mußte, und Rico
+und Stineli begannen noch einmal den Gesang in der größten Fröhlichkeit,
+denn es war ihnen nicht minder wohl ums Herz. Als sie aber damit fertig
+waren, sagte Stineli:
+
+»Nun möchte ich noch ein Lied mit dir singen, Rico; weißt du, was für
+eines?«
+
+»Ja, ich weiß es«, antwortete Rico, »und ich will auch gern mithalten;
+wir wollen gleich beim Vers der Großmutter anfangen«, und er stimmte an
+und sang so schön und tief heraus, wie er noch gar nie gesungen hatte,
+und Stineli sang mit seinem ganzen Herzen dazu:
+
+ »Er hat noch niemals was versehn
+ In seinem Regiment,
+ Und was er tut und läßt geschehn,
+ Das nimmt ein gutes End'.
+
+ Ei nun, so laß ihn ferner tun
+ Und red ihm nicht darein,
+ So wirst du hier im Frieden ruhn
+ Und ewig fröhlich sein.«
+
+Aber nach Riva ging der Rico nicht an dem Tage. Die Mutter Menotti hatte
+ihm geraten, gleich hinzugehen und der Wirtin seine veränderten
+Verhältnisse mitzuteilen, einen Geiger nach Riva zu beordern und gleich
+heute noch in sein Haus einzuziehen. Dieser Vorschlag gefiel dem Rico,
+und er eilte gleich fort. Die Wirtin hörte ihm mit der größten
+Verwunderung zu, als er ihr seine Mitteilungen machte; als er fertig
+war, rief sie ihren Mann herbei und bezeugte eine laute Freude und
+wünschte dem Rico allen Segen in sein Haus, und es kam ihr recht von
+Herzen. Sie verlor ihn ungern, aber sie hatte schon seit einiger Zeit
+den Verdacht gehegt, die Wirtin zu den »Drei Kronen« fahnde auf den Rico
+und mache ihn ihr noch abspenstig; das hätte sie nicht ertragen. Nun war
+der gefürchteten Tat der Riegel gestoßen, und daß der Rico ein Gutsherr
+geworden war, mochte sie ihm gönnen, denn sie hatte ihn immer wohl
+gemocht. Und der Mann hatte seine besondere Freude an der Sache, denn er
+hatte den Vater gekannt und konnte gar nicht begreifen, daß es ihm nie
+in den Sinn gekommen war, wie ihm der Rico aufs Haar gleich sehe. So
+nahm Rico einen freundlichen Abschied aus dem Hause, und als ihm die
+Wirtin unter der Tür noch einmal die Hand gab, empfahl sie sich noch
+für alle Fälle, wenn er etwa mit der Zeit einmal einen Anlaß von seinem
+Haus aus zu geben hätte. Noch an demselben Abend wußte ganz Peschiera
+die ganze Geschichte des Rico, wie sie sich zugetragen hatte, und dann
+noch viel dazu, und jedermann mochte dem Rico sein Glück gönnen, und
+einer sagte zum anderen: »Er paßt gerade als Herr auf sein Gütlein, als
+wäre er eigens dazu geschaffen worden.«
+
+Die Mutter Menotti aber wußte nicht, wie sie es dem neuen Besitzer gut
+genug machen wollte in seinem Hause. Sie rüstete das große Zimmer auf
+mit den zwei Fenstern über den Garten und auf den See hinab; von der
+Wand schauten schöne weiße Marmorfigürchen herunter, auf den Tisch kam
+ein duftender Blumenstrauß, und das ganze Zimmer sah so sauber und
+festlich aus, daß der Rico unter der Tür stehen blieb vor Erstaunen, wie
+er jetzt, vom Stineli geführt, heraufkam, wo die Mutter Menotti ihn
+empfangen wollte. Als diese ihn aber bei der Hand nahm und zum Fenster
+führte, wo er auf den flimmernden See hinunter und bis zu den violetten
+Bergen hinübersah, da stieg dem Rico so vieles auf im Herzen, daß es ihm
+vor Freude und Dank übervoll wurde und er nur leise sagen konnte:
+
+»O wie schön! nun darf ich daheim sein!«
+
+In der wohnlichen Stube mit den offenen Türen auf den Blumengarten wurde
+von dem Abend an, da Rico sein Haus bezogen hatte, von den vier
+Bewohnern desselben ein Tag nach dem anderen in solcher Fröhlichkeit und
+ungetrübtem Glücke verlebt, daß keines von allen bemerkte, wie rasch die
+Zeit dahinging.
+
+Am Tage ging der Rico seinem pfeifenden Burschen nach zu den
+Feigenbäumen und auf den Acker hinaus ins Maiskorn, denn das mußte er
+nun alles behandeln lernen. Dann dachte der Bursche bei sich selbst:
+»Ich kann freilich mehr als mein Meister«, und der Hochmut stieg ihm ein
+wenig in den Kopf gegen den Rico; aber am Abend klangen aus der
+erleuchteten Stube so schöne und herzgewinnende Weisen in den Garten
+hinaus, daß der Bursche sich an die Hecke lehnte und stundenlang
+lauschte, denn Musik ging ihm über alles. Dann sagte er zu sich: »Mein
+Meister kann doch mehr als ich«, und bekam einen großen Respekt vor ihm.
+
+
+
+
+Einundzwanzigstes Kapitel.
+
+Sonnenschein am Gardasee.
+
+
+So waren zwei Jahre dahingeflogen, immer ein Tag genußreicher als der
+andere. Da wußte Stineli, daß nun die Zeit seiner Abreise gekommen war,
+und es mußte stark mit sich kämpfen, daß es nicht den Mut verlor, denn
+fortgehen und vielleicht nie wiederkommen, das war der schwerste
+Gedanke, der noch je auf sein Herz gefallen war. Auch der Rico wußte,
+was nun sein sollte, und er sagte manchen Tag lang nur noch die
+notwendigsten Worte. Da wurde es der Mutter Menotti ganz unheimlich
+zumute und sie forschte der unbekannten Ursache nach, denn sie hatte
+schon lange vergessen, daß das Stineli sollte konfirmiert werden. Als
+nun diese Besorgnis herauskam, sagte die Mutter Menotti beruhigend: »Man
+kann schon noch ein Jahr warten«, und so lebten alle in Freuden ein
+Jahr weiter.
+
+Aber im dritten Jahr kam Bericht von Bergamo, es sei da einer angekommen
+aus den Bergen herunter, der habe Befehl, das Stineli mit nach Hause zu
+nehmen. Nun mußte es sein; der kleine Silvio gebärdete sich wie ein
+Besessener, aber es half nichts, gegen das Schicksal konnte er nicht
+aufkommen. Die Mutter Menotti sagte die letzten drei Tage hintereinander
+nur immerzu: »Komm nur auch wieder, Stineli; versprich dem Vater, was er
+will, wenn er dich nur wieder gehen läßt.«
+
+Der Rico sagte gar nichts mehr. So reiste das Stineli ab, und von dem
+Tage an lag es über dem Hause wie eine graue, schwere Wolke, wenn
+draußen die Sonne noch so schön schien. So blieb es vom November an bis
+zum Osterfest, da alle Leute sich freuten; aber in dem Hause blieb es
+ganz still. Und als das Fest vorüber war und draußen im Garten alles
+blühte und duftete, viel schöner als je, da saß eines Abends Rico neben
+dem Silvio und spielte die allertraurigste Melodie, die er kannte, und
+machte den kleinen Silvio ganz tiefsinnig; aber mit einem Male ertönte
+aus dem Garten eine Stimme dazwischen: »Rico, Rico, hast du keinen
+fröhlicheren Empfang für mich?«
+
+Der Silvio schrie auf wie außer sich. Rico warf die Geige auf das Bett
+und sprang hinaus. Die Mutter stürzte mit Schrecken herbei. Da erschien
+auf der Schwelle mit dem Rico das Stineli. Und wie seine Augen wieder in
+die Stube hereinlachten -- da war der langverlorene Sonnenschein
+zurückgekehrt, und es gab ein Wiedersehen von solcher Freude, wie sich
+keins von allen hatte vorstellen können in der Trennung. Da saßen sie
+wieder am Tisch bei Silvios Bett und es ging an ein Fragen und Erzählen
+und Berichten und wieder an ein Frohlocken über das Ende der schweren
+Trennungszeit; und es war ein solcher Festabend, daß man hätte denken
+können, diesen vier Menschen könne gar nichts mehr mangeln zu einem
+fertigen Glück. Aber dem Rico mußte es ganz anders sein. Mitten in der
+Fröhlichkeit fing er auf einmal zu staunen an, wie vorzeiten; doch
+währte es nicht so lange wie damals, er mußte ziemlich bald einen
+befriedigenden Endpunkt gefunden haben, denn plötzlich war das Staunen
+vorbei, und mit der größten Bestimmtheit sprach er die Worte aus:
+
+»Das Stineli muß auf der Stelle meine Frau werden, sonst kommt es uns
+noch einmal fort, wir halten es nicht aus.«
+
+Der Silvio geriet sogleich in die äußerste Begeisterung für dieses
+Unternehmen, und es währte gar nicht lange, so waren alle einig darüber,
+daß es so sein müsse und gar nicht anders sein könnte. --
+
+Am schönsten Maitage, der je über Peschiera geleuchtet hatte, bewegte
+sich ein langer Festzug von der Kirche her der »Goldenen Sonne«
+entgegen. Voran kam der hochgewachsene Rico stattlich dahergeschritten,
+an seiner Seite das frohäugige Stineli mit einem frischen
+Blumenkränzlein auf dem Kopf; dann kam in weichgepolstertem Wägelchen,
+von zwei fröhlichen Peschierabuben gezogen, der kleine Silvio,
+freudeglänzend wie ein Triumphator, darauf folgte die Mutter Menotti,
+ganz gerührt und ergriffen in ihrem rauschenden Hochzeitsstaat, nach ihr
+der Bursche mit einem Blumenstrauß, der ihm die ganze Brust bedeckte;
+und nun wogte ganz Peschiera daher in der allerlautesten Teilnahme; denn
+das schöne Paar wollten alle sehen und mit feiern. Es war wie ein
+allgemeines Familienfest der Leute von Peschiera, nun der verlorene und
+wiedergekehrte Peschierianer daranging, sein festes Haus zu gründen in
+seiner Heimat.
+
+Die Siegesfreude der Wirtin zur »Goldenen Sonne«, als sie den Zug vor
+ihrem Hause ankommen sah, ist nicht zu beschreiben! Wo auch je nachher
+von irgendeiner Hochzeit, hoch oder niedrig, die Rede war, da sagte sie
+mit Überlegenheit:
+
+»Das ist alles gar nichts gegen Ricos Hochzeit in der 'Goldenen Sonne'!«
+
+In dem Hause am Blumengarten ging der Sonnenschein nicht mehr verloren;
+aber Stineli sorgte auch dafür, daß das Unser-Vater nie wieder vergessen
+wurde, und jeden Sonntagabend ertönte das Lied der Großmutter im hellen
+Chor den Garten hinaus.
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+Wie Wiselis Weg gefunden wird.
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+[Illustration: Auf dem Schlittweg]
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+Erstes Kapitel.
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+Auf dem Schlittweg.
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+Draußen vor der Stadt Bern liegt ein Dörflein an einer Halde. Ich kann
+hier nicht wohl sagen, wie es heißt, aber ich will es ein wenig
+beschreiben; wer dann dahinkommt, der kann es gleich erkennen. Oben auf
+der Anhöhe steht ein einzelnes Haus mit einem Garten daran, voll schöner
+Blumen von allen Arten; das gehört dem Oberst Ritter und heißt »Auf der
+Halde«. Von da geht es hinunter; dann steht auf einem kleinen, ebenen
+Platze die Kirche und daneben das Pfarrhaus, -- dort hat die Frau des
+Obersten als Pfarrerstochter ihre fröhliche Kindheit verlebt. Etwas
+weiter unten hin kommt das Schulhaus und noch einige Häuser beisammen,
+und dann links am Wege noch ein Häuschen ganz allein; davor liegt auch
+ein Gärtchen mit ein paar Rosen und ein paar Nelken und ein paar
+Resedastöckchen, daneben aber mit Zichorien und Spinat bepflanzt und mit
+einer niederen Hecke von Johannisbeersträuchern umgeben. Alles ist da
+immer in bester Ordnung und kein Unkraut zu sehen. Dann geht der Weg
+wieder bergab die ganze, lange Halde hinunter bis auf die große Straße,
+die der Aare entlang geht ins Land hinaus.
+
+Diese ganze, lange Halde bildete zur Winterszeit den herrlichsten
+Schlittweg, der weit und breit zu finden war; wohl zehn Minuten lang
+konnte man da auf dem Schlitten sitzen bleiben, ohne abzusteigen; denn
+war man vom Hause des Obersten an bei diesem ersten, steilen Absatz
+einmal recht in den Zug gekommen, so gingen die Schlitten vorwärts ohne
+Nachhilfe bis hinunter auf die Aarestraße. Diese unvergleichliche
+Schlittenbahn machte denn auch das Lebensglück einer großen Schar von
+Kindern aus, die alle, sobald nur die alte Schulstubentür sich öffnete,
+sich herausstürzten, ihre Schlitten vom Haufen rissen, den sie im Vorhof
+bildeten, und mit Windeseile dem Schlittweg zurannten, wo die Stunden
+verflogen, man wußte nicht wie, denn unten am Berge war man immer im
+Augenblick, und beim Heraufsteigen dachte man so eifrig ans nächste
+Hinunterfahren, daß es unmerklich schnell getan war. So brach immer zum
+großen Schrecken der Kinder die Nacht herein, lang ehe sie erwartet war,
+denn dies war die Zeit, da fast alle nach Hause gehen mußten. Da folgte
+dann gewöhnlich noch ein ziemlich stürmisches Ende, denn da wollte man
+schnell noch einmal fahren und dann noch einmal und dann nur noch ein
+einziges Mal, und so mußte dann alles noch in größter Eile zugehen, das
+Aufsitzen und das Abfahren und wieder die Rückkehr den Berg hinauf. Da
+war auch ein Gesetz errichtet worden, daß keiner sollte hinunterfahren,
+während die anderen hinaufstiegen, sondern hintereinander sollten alle
+abfahren und miteinander alle zurückkehren, damit kein Gedränge und
+Schlittenverwickelungen entstehen könnten. Manchmal aber gab es doch
+allerlei ungesetzliche Verwirrungen, besonders auf diesen drangvollen
+Schlußfahrten, da dann keiner zuletzt sein und etwa noch zu kurz kommen
+wollte. So war es auch an einem hellen Januarabend, da vor Kälte die
+Schlittenbahn laut knisterte unter den Füßen der Kinder und der Schnee
+nebenan auf den Feldern so hart gefroren war, daß man hätte darauf
+fahren können wie auf einer festen Straße. Die Kinder aber waren alle
+glühend rot und heiß dazu, denn eben waren sie im angestrengten Lauf den
+ganzen Berg heraufgeeilt, ihre Schlitten nachziehend und sie nun stracks
+umwendend und sich darauf stürzend, denn es hatte Eile; drüben stand
+schon hell der Mond am Himmel und die Betglocke hatte auch schon
+geläutet. Die Buben hatten aber alle gerufen: »Noch einmal! Noch
+einmal!« Und die Mädchen waren einverstanden. Aber beim Aufsitzen gab es
+eine Verwirrung und einen großen Lärm: drei Buben wollten durchaus auf
+demselben Platze mit ihren Schlitten stehen, und keiner wollte auch nur
+einen Zoll zurückweichen und später abfahren. So drückten sie einander
+auf die Seite hin, und der breite Chäppi wurde von den beiden anderen so
+gegen den Rand des Weges hin gestoßen, daß er ganz in den Schnee
+hineinsank mit seinem schweren Keßlerschlitten und fühlte, daß er unter
+ihm stecken blieb. Eine große Wut ergriff ihn beim Gedanken, daß die
+anderen nun abfahren möchten; er schaute um sich. Da fiel sein Blick auf
+ein kleines, schmales Mädchen, das neben ihm im Schnee stand; es war
+ganz bleich und hielt beide Arme in seine Schürze gewickelt, um wärmer
+zu haben, aber es zitterte doch vor Frost an seinem ganzen dünnen
+Körperchen. Das schien dem Chäppi ein passender Gegenstand zu sein,
+seine Wut daran auszulassen.
+
+»Kannst du einem nicht aus dem Wege gehen, du lumpiges Ding du? du
+brauchst nicht hier zu stehen, du hast ja nicht einmal einen Schlitten.
+Wart nur, ich will dir schon aus dem Wege helfen.« Damit stieß der
+Chäppi seinen Stiefel in den Schnee hinein, um dem Kinde eine
+Schneewolke entgegenzuwerfen. Es floh zurück, so daß es bis an die Kniee
+in den Schnee hineinsank, und sagte schüchtern: »Ich wollte nur
+zusehen!« Der Chäppi stieß eben seinen Stiefel noch einmal in den Schnee
+hinein, als ihn von hinten eine so erschütternde Ohrfeige traf, daß er
+fast vom Schlitten herunterfuhr. »Wart du!« rief er außer sich vor
+Erbitterung, denn sein Ohr sauste, wie es noch kaum je gesaust hatte,
+und mit geballter Faust kehrte er sich um, seinen Feind zu treffen. Da
+stand einer hinter ihm, der hatte eben seinen Schlitten zurechtgestellt
+zum Abfahren, und schaute nun ganz ruhig auf den Chäppi nieder und
+sagte: »Probier's!« Es war Chäppis Klassengenosse, der elfjährige Otto
+Ritter, der öfter mit dem Chäppi kleine Verschiedenheiten auszugleichen
+hatte. Otto war ein schlanker, aufgeschossener Junge, lange nicht so
+breit wie der Chäppi; aber dieser hatte schon mehr als einmal erfahren,
+daß Otto eine merkwürdige Gewandtheit in Händen und Füßen besaß, gegen
+welche der Chäppi sich nicht zu helfen wußte. Er schlug nicht zu, aber
+die geballte Faust hielt er immer in die Höhe und wuterfüllt rief er:
+»Laß du mich gehen, ich habe nichts mit dir zu tun!« -- »Aber ich mit
+dir«, entgegnete Otto kriegerisch. »Was brauchst du das Wiseli
+dorthinein zu jagen und ihm noch Schnee anzuwerfen; ich habe dich wohl
+gesehen, du Feigling, der ein Kleines verfolgt, das sich nicht wehren
+kann.« Damit kehrte er verächtlich dem Chäppi den Rücken und wandte sich
+dem Schneefelde zu, wo das bleiche Wiseli noch immer stand und zitterte.
+»Komm heraus aus dem Schnee, Wiseli«, sagte Otto beschützend. »Siehst
+du, du klapperst ja vor Frost. Hast du wirklich gar keinen Schlitten und
+hast nur zusehen müssen? Da, nimm den meinen und fahr einmal hinunter,
+schnell, siehst du, da fahren sie schon.« Das bleiche, schüchterne
+Wiseli wußte gar nicht, wie ihm geschah; zwei-, dreimal hatte es
+zugeschaut, wie eines nach dem anderen auf seinem Schlitten saß, und
+gedacht: »Wenn ich nur ein einziges Mal ganz hinten aufsitzen dürfte«,
+wo schon drei auf einem Schlitten saßen. Nun sollte es allein
+hinunterfahren dürfen und dazu auf dem allerschönsten Schlitten mit dem
+Löwenkopf vorn, der immer allen anderen zuvorkam, weil er so leicht war
+und hoch mit Eisen beschlagen. Vor lauter Glück stand Wiseli ganz
+unschlüssig da und schaute nach dem Chäppi, ob er es nicht vielleicht zu
+prügeln gedenke zur Strafe für sein Glück. Aber der saß jetzt ganz
+abgekühlt da, so als wäre gar nichts geschehen, und Otto stand so
+schutzverheißend daneben, daß ihm der Mut kam, sein Glück zu erfassen;
+es setzte sich wirklich auf den schönen Schlitten, und da nun Otto
+mahnte: »Mach, mach, Wiseli, fahr ab«, so gehorchte es, und hinunter
+ging's, wie vom Winde getragen. In der kürzesten Zeit hörte Otto die
+ganze Gesellschaft wieder herankeuchen, und er rief entgegen: »Wiseli,
+bleib unter den Vordersten und sitz gleich noch einmal auf und fahr zu;
+nachher müssen wir gehen.« Das glückliche Wiseli setzte sich noch einmal
+hin und genoß noch einmal die langersehnte Freude. Dann brachte es
+seinen Schlitten und dankte ganz schüchtern seinem Wohltäter, mehr mit
+den freudestrahlenden Augen, als mit Worten, dann rannte es eilig davon.
+Otto fühlte sich sehr befriedigt. »Wo ist das Miezi?« rief er in die
+sich zerstreuende Gesellschaft hinein. »Da ist es«, ertönte eine
+fröhliche Kinderstimme, und aus dem Knäuel heraus trat ein rundes,
+rotbackiges kleines Mädchen, das der Bruder Otto als kräftiger
+Schutzmann bei der Hand faßte und nun mit ihm dem väterlichen Hause
+zueilte, denn es war heute spät geworden; die erlaubte Zeit des
+Schlittens war ziemlich lange überschritten.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+Daheim, wo's gut ist.
+
+
+Als Otto und seine Schwester durch die lange, steinerne Hausflur
+hereinstürmten, trat die alte Trine aus einer Tür und hielt ihr Licht in
+die Höhe, um besser zu sehen, was dahergetrappelt kam. »So, endlich!«
+sagte sie, halb zankend, halb wohlgefällig. »Die Mutter hat schon lange
+nachgefragt, aber da war kein Bein zu sehen, und acht Uhr hat's
+geschlagen vor weiß kein Mensch wie langer Zeit.« Die alte Trine war
+schon Magd in der Familie gewesen, als die Mutter der beiden Kinder zur
+Welt kam; so hatte sie große Rechte im Hause und fühlte sich durchaus
+als Glied desselben, eigentlich als Haupt, denn an Alter und Erfahrung
+war sie die erste. Die alte Trine war durchaus vernarrt in beide Kinder
+ihrer Herrschaft und sehr stolz auf alle ihre Anlagen und Eigenschaften;
+das ließ sie aber nicht merken, sondern sprach immer im Tone halber
+Entrüstung von ihnen, denn das fand sie heilsam zu ihrer Erziehung.
+»Schuhe aus, Pantoffeln an!« rief sie jetzt, Ordnung gebietend; der
+Befehl wurde aber gleich darauf von ihr selbst vollzogen, denn sofort
+kniete sie vor Otto hin, der sich auf einem Sessel niedergelassen hatte,
+und zog ihm die nassen Schuhe aus. Die kleine Schwester stand
+unterdessen mitten in der Stube still und rührte sich nicht, was sonst
+nicht ihre Art war, so daß die alte Trine während ihrer Arbeit ein
+paarmal hinüberschielte. Jetzt war Otto gerüstet, und Miezchen sollte
+auf dem Sessel sitzen; aber es stand noch auf demselben Platze und
+rührte sich nicht. »Nu, nu, wollen wir warten, bis es Sommer wird, dann
+trocknen die Schuhe von selbst«, sagte die Trine, auf ihren Knieen
+harrend. »Bst! bst! Trine, ich habe etwas gehört; wer ist in der großen
+Stube?« fragte Miezchen und hob den Zeigefinger etwas drohend in die
+Höhe. »Alles Leute mit trockenen Schuhen, und andere kommen nicht
+hinein. Jetzt wag's und sitz nieder«, mahnte Trine. Aber anstatt zu
+sitzen, machte Miezchen einen Sprung und rief: »Jetzt hab' ich's wieder
+gehört, so lacht der Onkel Max.« -- »Was?« schrie Otto und war mit einem
+Satz bei der Tür. -- »Wart! wart!« schrie Miezchen nach und wollte gleich
+mit zur Tür hinaus; aber jetzt wurde es abgefaßt und auf den Stuhl
+gesetzt, die alte Trine hatte jedoch einen schweren Stand mit den
+zappelnden Füßchen. Indessen gelang die Arbeit, und nun stürzte Miezchen
+zur Tür hinaus und hinüber in die große Stube hinein und direkt auf den
+Onkel Max los, der richtig dort im Lehnstuhl saß. Da war nun ein großer
+Freudenlärm und ein Grüßen und ein Willkommenrufen in allen Tönen, und
+in das Gelärm der Kinder stimmte der Onkel Max wacker mit ein, und es
+währte geraume Zeit, bis sich der Tumult etwas gelegt hatte und die
+Festfreude einen ruhigen Charakter annahm. Denn ein Fest für die Kinder
+war die Erscheinung des Onkels jedesmal und aus triftigen Gründen. Der
+Onkel Max war ihr besonderer Freund; er war fast immer auf Reisen und
+kam nur alle paar Jahre einmal zum Besuch; dann gab er sich aber mit den
+Kindern ab, als gehörten sie ihm selber an, und was er für wunderbar
+herrliche Sachen in allen Taschen für sie brachte, das war gar mit
+nichts zu vergleichen, denn es war alles ganz fremdartig und zauberhaft.
+Der Onkel Max war ein Naturforscher und reiste in allen Winkeln der Erde
+umher und aus jedem brachte er etwas Eigentümliches mit.
+
+Endlich saß die Gesellschaft geordnet um den Tisch herum und die
+dampfende Schüssel brachte noch völlige Besänftigung in die aufgeregten
+Gemüter, denn von der Schlittbahn wurde immer ein richtiger Appetit
+mitgebracht. »So«, sagte der Papa, über den Tisch hinüberblickend, wo an
+der Seite der Mutter das Töchterchen fleißig arbeitete, »so, so, heut'
+hat also das Miezchen keine Hand für seinen Papa, noch hab' ich keinen
+Gruß bekommen, und jetzt ist keine Zeit mehr dazu.«
+
+Etwas zerknirscht schaute das Miezchen von seinem Teller auf und sagte:
+»Aber Papa, aber ich habe es nicht mit Fleiß getan und jetzt will ich
+gleich --«, und damit stieß sie mit großer Anstrengung den Sessel zurück;
+aber der Papa rief: »Nein, nein, jetzt nur keine Ruhestörung. Da gib die
+Hand über den Tisch hin, das übrige wollen wir nachher bestellen; so
+ist's recht, Miezchen.« -- »Wie hat man eigentlich das Kind getauft,
+Marie? Ich war zwar auch dabei, aber ich habe keine Ahnung davon,
+welcher Name in der Kirche ausgesprochen wurde, Miezchen doch nicht?«
+sagte der Onkel lachend. »Wirklich warst du dabei, Max«, entgegnete
+seine Schwester, »da du des Kindes Pate bist. Es erhielt damals den
+Namen Marie; sein Papa machte daraus ein Miezchen, und Otto hat den
+Namen noch recht unnütz vervielfältigt.« -- »O nein, Mama, wirklich nicht
+unnütz«, rief Otto ernsthaft herüber. »Siehst du, Onkel, das geht nach
+ganz bestimmten Regeln. Wenn dies kleine nichtige Wesen ordentlich und
+sanftmütig ist, dann nenn' ich es Miezchen; das geschieht aber selten,
+und im gewöhnlichen Leben nenn' ich es daher Miezi. Wird es aber bös,
+dann sieht es ganz aus wie ein kleiner Katzenreuel und muß Miez genannt
+werden, der Miez.«
+
+»Ja, ja, Otto«, tönte es nun zurück, »und wenn du bös wirst, dann siehst
+du ganz aus wie ein -- wie ein --« »Wie ein Mann«, ergänzte Otto, und da
+dem Miezchen eben kein Vergleich zu Gebote stand, so arbeitete es jetzt
+um so emsiger an seinem Brei herum. Der Onkel lachte laut auf. »Das
+Miezchen behält recht«, rief er; »seinen Geschäften obliegen ist besser,
+als auf Schmähungen antworten.« »Aber, Kinder«, setzte er nach einer
+Weile hinzu, »nun bin ich mehr als ein Jahr nicht hier gewesen und ihr
+habt mir noch gar nichts erzählt; was habt ihr denn alles erlebt
+unterdessen?« Die neuesten Ereignisse erfüllten zunächst den Sinn der
+Kinder: so wurde gleich mit großer Lebhaftigkeit, meistens im Chor, die
+eben erlebte Geschichte erzählt, wie der Chäppi das Wiseli behandelt,
+wie es fror und im Schnee stand und keinen Schlitten hatte und endlich
+doch noch zu zwei Fahrten kam. »So ist's recht, Otto«, sagte der Papa;
+»du mußt deinem Namen Ehre machen, für die Wehrlosen und Verfolgten mußt
+du immer ein Ritter sein. Wer ist das Wiseli?« -- »Du kannst das Kind
+und seine Mutter kaum kennen«, sagte die Mama, zu ihrem Manne gewandt;
+»aber der Onkel Max kennt Wiselis Mutter recht gut. Du kannst dich doch
+noch auf den mageren Leineweber besinnen, Max, der unser Nachbar war. Er
+hatte ein einziges Kind mit großen braunen Augen, das oft bei uns im
+Pfarrhaus war und so schön singen konnte; kommt dir da die Erinnerung
+daran wieder?«
+
+Bevor aber die weiteren Erinnerungen zur Verhandlung kamen, steckte die
+alte Trine ihren Kopf zur Tür herein und rief: »Der Schreiner Andres
+möchte gern der Frau Oberst einen Bericht abgeben, wenn er nicht stört.«
+Diese harmlosen Worte bewirkten eine wahre Verheerung in der
+Gesellschaft. Die Mutter legte den Servierlöffel, mit dem sie soeben dem
+Onkel entgegenkommen wollte, beiseite, sagte eilig: »Um Entschuldigung,
+ihr Herren!« und ging davon. Otto sprang so stürmisch auf, daß er seinen
+Stuhl hintenhinaus warf und dann selbst darüber stürzte, als er
+fortgaloppieren wollte. Das Miezchen hatte ähnliche Taten vor, aber der
+Onkel hatte seine ersten Bewegungen zum Aufruhr gesehen und hielt es nun
+mit beiden Armen fest. Aber es zappelte jämmerlich und schrie: »Laß los,
+Onkel, laß los. Im Ernst, ich muß gehen.«
+
+»Wohin denn, Miezchen?«
+
+»Zum Schreiner Andres. Laß schnell los! Hilf, Papa, hilf!«
+
+»Wenn du mir sagst, was du vom Schreiner Andres willst, so lass' ich
+dich los.«
+
+»Das Schaf hat nur noch zwei Beine und keinen Schwanz, und nur der
+Schreiner Andres kann ihm helfen. Jetzt laß los.« Nun stürmte auch das
+Miezchen fort. Die Herren schauten einander an, und Onkel Max schlug
+ein helles Gelächter auf und rief: »Wer ist denn der Schreiner Andres,
+um den deine ganze Familie sich zu reißen scheint?«
+
+»Das mußt du besser wissen als ich«, entgegnete der Oberst; »es wird
+wohl ein Jugendfreund von dir sein, und das Fieber der Verehrung wird
+auch dich noch ergreifen, es muß in eurer Familie sein, bei uns hat es
+die Mutter verbreitet. Ich kann dir so viel sagen, daß der Schreiner
+Andres völlig der Grundstein meines Hauses ist, auf dem alles feststeht
+und entschieden auseinandergehen würde, sollte dem Hause dieser Halt
+entkommen. Der Schreiner Andres ist hier Rat, Trost, Heil und Hilfe
+in der Bedrängnis. Strebt meine Frau nach einem Hausgerät, von dem
+sie gar nicht weiß, wie es aussehen soll, noch wozu man es braucht,
+-- der Schreiner Andres erfindet es und schafft es zur Stelle. Bricht
+Feuers- oder Wassersnot in der Küche oder im Waschhaus los, -- der
+Schreiner Andres greift in die Elemente und bringt das Feuer ins Stocken
+und das Wasser in Fluß. Macht mein Sohn einen recht dummen Streich, --
+der Schreiner Andres dreht ihn wieder zurecht. Schmeißt meine Tochter
+das sämtliche Hausgeräte entzwei, -- der Schreiner Andres leimt es wieder
+zusammen. So ist der Schreiner Andres recht eigentlich die stützende
+Säule meines Hauses, und wenn diese zusammenbrechen würde, so gingen wir
+alle in Trümmer.«
+
+Die Mutter war unterdessen wieder eingetreten, und wohl zu ihrem Besten
+schilderte der Vater die Verdienste des Schreiners Andres so eingehend.
+Onkel Max lachte, daß es schallte.
+
+»Lacht ihr nur! Lacht ihr nur!« sagte die Mutter. »Ich weiß schon, was
+ich an dem Schreiner Andres habe.«
+
+»Und ich auch«, bemerkte der Vater mit spöttischem Lächeln.
+
+»Und ich auch!« behauptete das Miezchen herzhaft, das wieder auf seinem
+Platze saß.
+
+»Und ich auch!« brummte der Otto, dem der Knöchel noch sauste von seinem
+Sturz über den Stuhl hin.
+
+»So, nun sind wir alle einer Meinung«, bemerkte die Mutter, »nun können
+die Kinder in Frieden zu Bette gehen.« Auf diese Anzeige hin drohte dem
+Frieden gleich eine Störung; aber es half nichts, die alte Trine stand
+schon vor der Tür und wachte, daß die Hausordnung nicht überschritten
+werde. Die Kinder mußten abtreten, und gleich nachher verschwand die
+Mutter auch noch einmal, denn die Kinder schliefen nicht ein, ohne daß
+die Mutter zum Nachtgebet noch an ihre Betten gekommen war.
+
+Als nun alles still und ruhig war, kam die Mutter wieder zu den Herren
+zurück und setzte sich nun so recht zum Bleiben hin.
+
+»Endlich«, sagte da der Oberst hoch aufatmend, als habe er die Feinde
+hinter sich. »Siehst du, Max, erst gehört meine Frau dem Schreiner
+Andres, dann ihren Kindern und dann ihrem Mann, wenn noch etwas übrig
+bleibt.«
+
+»Und siehst du, Max«, sagte die Mutter lachend, »wenn mein Mann noch so
+arg höhnt: er mag unseren guten Schreiner Andres gerade so gern wie wir
+alle; gestehe es nur ein, Mann! Eben hat mir Andres auch für dich noch
+einen Auftrag übergeben, er hat seine jährliche Summe gebracht und
+bittet um deinen Beistand.«
+
+»Das ist wahr«, sagte der Oberst; »einen ordentlicheren, fleißigeren,
+zuverlässigeren Mann kenne ich nicht. Dem würde ich Weib und Kind und
+Hab' und Gut und alles anvertrauen wie keinem anderen; das ist der
+ehrlichste, wackerste Mann in unserer ganzen Gemeinde und noch weit
+darüber hinaus.«
+
+»Jetzt siehst du, Max«, sagte die Frau lachend; »ich konnte doch nicht
+mehr sagen.« Ihr Bruder lachte mit über den Eifer, in den der Oberst
+unversehens gefallen war. Dann entgegnete er: »Nun habt ihr mir alle so
+viel von eurem Wundermann vorerzählt, daß ich wirklich wissen möchte,
+woher er stammt und wie er aussieht. Habe ich ihn denn noch nicht
+gesehen hier?«
+
+»Ach, du hast ihn ja so gut gekannt, Max«, entgegnete seine Schwester;
+»du mußt dich durchaus noch des Andres erinnern, mit dem wir zur Schule
+gingen. Weißt du denn nicht mehr, wie zwei Brüder zusammen in derselben
+Klasse mit dir waren? Der ältere war damals schon ein rechter
+Taugenichts; er war gar nicht dumm, aber tat nichts und blieb darum
+stecken und kam dann mit dem viel jüngeren Bruder in eine Klasse
+zusammen, in welcher du auch warst. Du mußt dich gewiß erinnern, er hieß
+Jörg und hatte ganz schwarzes, steifes Haar. Er bewarf uns, wo er
+konnte, mit irgend etwas, mit unreifen Äpfeln und Birnen und dann mit
+Schneeballen, und rief uns überall nach: 'Aristokratenbrut!'«
+
+»O der, der«, rief Onkel Max lachend, »ja, nun weiß ich auf einmal
+alles. Richtig, 'Aristokratenbrut' rief er uns beständig nach; ich
+möchte nur wissen, wie ihm das Wort in den Sinn kam. Er war ein
+widerwärtiger Kerl; ich weiß. Da sah ich ihn einmal einen viel kleineren
+Jungen ganz unbarmherzig durchprügeln; dem half ich aber, dafür rief er
+mir wohl zwölfmal nach: 'Aristokratenbrut!' Ach, nun weiß ich auch auf
+einmal, wer der andere war; das war der magere, kleine Andres, sein
+Bruder, das ist gewiß euer Andres, und dann ist das auch der Andres mit
+den Veilchen, nicht wahr, Marie? O, jetzt versteh' ich schon die dicke
+Freundschaft«, lachte Onkel Max auf's neue auf. -- »Was Veilchen, das muß
+ich wissen«, fiel der Oberst ein. -- »O, die Geschichte ist mir auf
+einmal vor Augen, als wäre sie gestern geschehen«, sagte der Onkel ganz
+angeregt von seinen Erinnerungen; »die muß ich dir erzählen, Otto. Du
+weißt vielleicht durch deine Frau, daß wir hier im Dorfe in jenen
+glücklichen Zeiten unserer Kindheit einen alten Schullehrer hatten, der
+fand, daß alle Mängel und Gebrechen der Schulkinder aus ihnen heraus- und
+alle Fähigkeiten und guten Eigenschaften in sie hineingeprügelt werden
+könnten. So war er genötigt, sehr viel zu prügeln, um den einen oder
+andern guten Zweck zu erreichen, manchmal auch beide auf einmal. Einmal
+nun war ihm der magere Andres unter die Hand gekommen; dem schlug er nun
+so kräftig seine wohlgemeinte Ermahnung auf den Rücken, daß der Andres
+laut aufschrie. In diesem Augenblick stand meine kleine Schwester, die
+kürzlich in die Schule eingetreten war und sich noch nicht so recht in
+die daselbst herrschenden Gebräuche eingelebt hatte, plötzlich auf von
+ihrem Sitze auf der ersten Bank und schritt eilig der Tür zu. Einen
+Augenblick hielt der Schullehrer inne mit seiner Arbeit und rief ihr
+nach: 'Wo läufst du hin?' Marie kehrte sich um; die hellen Tränen liefen
+ihr über die Backen herunter und sie sagte ganz aufrichtig: 'Ich will
+heimgehen und es dem Papa sagen.' 'Wart, ich will dir', rief jetzt der
+Schullehrer in großer Überraschung und stürzte vom Andres weg auf die
+kleine Marie los; die prügelte er aber nicht, er nahm sie nur beim Arm
+und setzte sie ziemlich fest auf ihren Platz hin; dann sagte er noch
+einmal: 'Wart, ich will dir!' Damit war aber alles abgetan; auch der
+Andres wurde in Ruhe gelassen, und so nahm alles einen friedlichen
+Ausgang. Aber die Tränen, die meine Schwester für den Andres vergossen,
+und ihr Einschreiten gegen den Tyrannenstock wurden nicht vergessen. Von
+dem Tag an lag jeden Morgen ein Büschel Veilchen auf ihrem Platz und
+durchduftete den ganzen Schulraum, und nachher kam noch ein anmutigerer
+Duft von dem Platz her, denn da lagen große Erdbeersträuße mit den
+prächtigsten dunkelroten Beeren, wie sie sonst nirgends zu sehen waren,
+und so ging es das ganze Jahr durch immerfort; wie sich dann aber die
+Freundschaft zu dem erstaunlich hohen Grad entwickelt hat, wo sie nun
+angelangt ist, das muß meine Schwester wissen und uns mitteilen.« -- Der
+Oberst hatte seine Freude an der Geschichte der Tränen und der Veilchen
+und forderte seine Frau auf, weiter zu erzählen. Sie sagte mit Lachen:
+»Erdbeeren und Veilchen blühen deiner Ansicht nach das ganze Jahr durch,
+Max; das ist aber nicht ganz so. Hingegen wurde der gute Andres wirklich
+das ganze Jahr durch nicht müde, mir irgend etwas Erfreuliches aus Feld
+und Wald aufzufinden und an meinen Platz zu legen, solange wir
+miteinander zur Schule gingen. Er trat dann lange vor mir aus und kam in
+die Lehre zu einem Schreiner nach der Stadt; er kam dann immer öfter
+nach Hause, ich verlor ihn nie ganz aus den Augen, und als mein Mann
+dies Gut kaufte und wir uns eben verheiratet hatten, handelte es sich
+darum, daß Andres sich etwas ankaufen und sich selbständig niederlassen
+wollte; er hatte seine Eltern verloren und stand ganz allein, aber als
+ein tüchtiger Arbeiter da. Er hatte seine Augen auf das Häuschen mit dem
+sauberen kleinen Garten dort unterhalb der Kirche gerichtet, konnte es
+aber nicht ankaufen, da der Verkäufer sogleich bares Geld haben und
+Andres erst solches durch seine Arbeit gewinnen mußte. Aber wir kannten
+ihn und seine Arbeit. Mein Mann kaufte das Gütchen an für ihn, und er
+hat es keinen Augenblick zu bereuen gehabt.« -- »Nein, wahrhaftig nicht«,
+fiel hier der Oberst ein; »der brave Andres hat längst sein Gut
+vollständig abgezahlt und seither bringt er mir jedes Jahr um diese Zeit
+eine ganz hübsche Summe, den Gewinn seiner Jahresarbeit; die lege ich
+ihm gut an und habe meine Freude an dem Gedeihen des wackeren Menschen.
+Er ist jetzt schon ein ganz wohlhabender Mann, und nun nimmt sein
+Besitztum jährlich sehr zu, er kann sein Häuschen noch zu einem großen
+Haus machen, der brave Andres; es ist nur schade, daß er wie ein
+Einsiedler lebt und darum sein erarbeitetes Gut gar nicht genießen
+kann.« -- »Hat er denn keine Frau und Familie, und wo ist der bitterböse
+Jörg schließlich hingekommen?« fragte Onkel Max weiter. -- »Nein, er hat
+gar niemanden«, antwortete die Schwester, »er lebt völlig allein,
+wirklich wie ein Einsiedler. Er hat eine lange, traurige Geschichte
+erlebt, die ich mit angesehen habe, und die ihm gewiß alle Lust benommen
+hat, je eine Frau zu suchen. Der Bruder Jörg hat erst hier einige Jahre
+herumvagabondiert, hat nie gearbeitet, sondern gehofft, durch
+furchtbares Schimpfen auf alle diejenigen, die keine Lumpe waren wie er,
+endlich doch noch sein Glück zu machen, und als ihm dies nicht gelang,
+auch der gute Andres ihm endlich nicht mehr aus seinen Schulden und
+allem Bösen heraushelfen konnte und auch nicht mehr wollte, da ist er
+verschwunden, wohin, hat man nie recht gewußt; jedermann war froh, daß
+er nur fort war.« -- »Was war denn die traurige Geschichte, Marie?«
+fragte der Bruder; »die muß ich auch noch wissen.« »Und ich auch«, sagte
+der Oberst und zündete zu der Erzählung vergnüglich eine neue Zigarre
+an.
+
+»Aber Mann«, bemerkte die Frau Oberst, »dir habe ich dieses Erlebnis
+wohl schon sechsmal erzählt.« -- »So?« entgegnete ruhig der Oberst; »es
+gefällt mir, wie es scheint.« -- »So fang an!« ermunterte der Onkel. --
+»Du mußt dich noch jenes Kindes erinnern können, Max«, begann seine
+Schwester, »von dem ich heut' abend schon einmal gesprochen habe, das
+ganz in unserer Nähe wohnte. Es gehörte dem bleichen, mageren Leineweber
+an, den wir immerfort sein Weberschifflein hin- und herwerfen hörten,
+wenn wir in unserem Garten standen. Das Kind sah zart und nett aus und
+hatte große, lustig glänzende Augen und so schöne braune Haare. Es hieß
+Aloise.« -- »In meinem Leben habe ich keine Aloise gekannt«, warf Onkel
+Max ein. -- »O, ich weiß schon warum«, fuhr seine Schwester fort, »wir
+nannten sie auch nie so, besonders du nicht; Wisi nannten wir sie, zum
+Schrecken unserer seligen Mama. Weißt du denn nicht mehr, wie oft du
+selbst sagtest, wenn wir am Klavier Lieder singen wollten mit Mama und
+es so leise tönte: 'Man muß das Wisi holen, sonst geht's nicht?'« --
+Jetzt stieg die Erinnerung mit einem Male in Onkel Maxens Gedächtnis
+auf; er lachte hell heraus und rief: »O, das ist's, das Wisi, ja gewiß,
+das Wisi kenn' ich wohl, ich seh' es deutlich vor Augen mit dem lustigen
+Gesicht, wie es am Klavier stand und so tapfer darauf los sang. Ich
+mochte es gern, das Wisi; es war auch nett anzusehen. Das ist ja wahr:
+die gute Mutter hatte immer einen Schreckensanfall, wenn ich 'Wisi'
+sagte; ich habe aber nie gewußt, wie das Wisi eigentlich hieß.«
+
+»Freilich hast du«, bemerkte die Schwester, »denn jedesmal sagte die
+Mama, es sei eine Barbarei, aus dem schönen Namen Aloise ein Wisi zu
+machen.« -- »Das habe ich wohl jedesmal überhört«, meinte Onkel Max;
+»aber wo ist denn das Wisi hingekommen?«
+
+»Du weißt, es war in derselben Klasse mit mir in der Schule, wir sind
+miteinander von Klasse zu Klasse gestiegen bis hinauf zur sechsten, da
+kann ich mich denn ganz gut erinnern, wie alle diese Jahre durch der
+Andres als treuster Freund und Beschützer dem Wisi zur Seite stand in
+Freud' und Leid, und es konnte den Freund gut brauchen. Meistens, wenn
+es zur Schule kam und die Tafel mit Rechnungen bedeckt bringen sollte,
+wie wir anderen auch, da stand nicht eine Zahl darauf; es legte sie aber
+mit dem lustigsten Gesicht auf die Schulbank hin, und im folgenden
+Augenblick stand alles darauf, was darauf stehen sollte, denn der Andres
+hatte schnell die Tafel genommen und die Rechnungen darauf gesetzt.
+Öfter geschah's auch, daß Wisi in seiner raschen Weise mit dem Ellbogen
+eine Scheibe eingeschlagen hatte in der Schulstube, oder es hatte im
+Garten an des Schulmeisters Pflaumenbaum geschüttelt, und wenn dann
+Gericht über diese Untaten gehalten wurde, dann blieb regelmäßig alles
+auf dem Andres sitzen; nicht daß er von jemand angeklagt wurde, sondern
+er selbst sagte gleich halblaut: er meine, er habe die Scheibe
+zerdrückt, und er glaube auch, er habe einmal an dem Pflaumenbaum
+gerüttelt, und so bekam er die Strafe. Wir Kinder wußten immer ganz gut,
+wie es war; aber wir ließen es so gehen, wir waren so gewöhnt daran, daß
+es so sei, und dann hatten wir alle das lustige Wisi so gern, daß wir's
+ihm immer gönnten, wenn es ungestraft davonkam. Und Äpfel und Birnen und
+Nüsse hatte Wisi immer alle Taschen voll, die kamen alle vom Andres,
+denn was er nur hatte und erlangen konnte, das steckte er alles dem Wisi
+in den Schulsack. Ich dachte manchmal darüber nach, wie es denn auch so
+sein könne, daß der ganz stille Andres gerade das allerlustigste und
+aufgeweckteste Kind der ganzen Schule am liebsten habe, und dann sann
+ich darüber nach, ob es nun auch gerade den stillen Andres besonders
+gern habe. Es war wohl immer freundlich mit ihm, aber so war es auch mit
+den anderen, und als ich einmal ernstlich unsere Mama darüber fragte,
+wie das wohl sei, da schüttelte sie ein wenig den Kopf und sagte: 'Ich
+fürchte, ich fürchte, diese artige Aloise ist ein wenig leichtsinnig und
+kann noch in eine schwere Schule kommen.' Diese Worte gaben mir viel zu
+denken und kamen mir immer wieder in den Sinn. Als wir dann zusammen in
+den Religionsunterricht gingen, da kam Wisi regelmäßig am Sonntagabend
+zu uns herüber und wir sangen Choräle zusammen am Klavier; daran hatte
+es damals sehr große Freude, es konnte alle die schönen Lieder auswendig
+und sang sie mit so heller Stimme; wir hatten auch recht unsere Freude
+an den Abenden, Mama und ich, und auch darüber, daß Wisi so gern in den
+Unterricht ging und ihn wirklich zu Herzen nahm. Es war nun ein großes
+Mädchen geworden und sah recht gut aus; seine lustigen Augen hatte es
+noch, und wenn es auch nie so kräftig aussah, wie die Bauernmädchen im
+Dorf, so hatte es doch eine so blühende Farbe damals und war netter als
+sie alle. Damals war der Andres noch in der Stadt als Lehrjunge, er kam
+aber immer über den Sonntag heim. Dann kam er auch jedesmal zu uns ins
+Pfarrhaus, einen Besuch zu machen, und am liebsten sprach er dann immer
+mit mir von den vergangenen Tagen der Schule, und dann kamen wir immer
+bald auf das Wisi zu sprechen; das kam so im Zusammenhang, und
+schließlich sprachen wir dann nur noch von ihm. Dem Andres ging ganz das
+Herz und der Mund auf bei diesen Erinnerungen, und während alle Welt
+längst das Wisi nie anders als so genannt hatte, nannte er es
+unwandelbar das 'Wiseli', und das kam dann so ganz eigen zärtlich
+heraus. Da kam denn auch ein Sonntag -- wir waren noch nicht achtzehn
+Jahre alt, Wisi und ich --, als es gegen Abend bei uns eintrat und ganz
+rosig aussah, und wie wir nun zusammensaßen -- Mama war auch mit uns --,
+da sagte denn Wisi, es sei gekommen, uns mitzuteilen, daß es sich mit
+dem jungen Fabrikarbeiter versprochen habe, der seit kurzer Zeit im
+Dorfe wohnte, und daß sie gleich heiraten könnten, da er eine gute
+Anstellung habe unten in der Fabrik, und so hätten sie denn schon alles
+festgesetzt, daß sie gleich in zwölf Tagen zusammenkommen könnten. Ich
+war so erstaunt, und so traurig kam mir die Sache vor, daß ich kein Wort
+sagen konnte; eine Zeitlang sagte die Mutter auch nichts, sie sah ganz
+bekümmert aus. Dann aber sprach sie ernstlich mit dem Wisi und stellte
+ihm vor, wie leichtsinnig es sei, daß es sich so schnell mit dem
+Fabrikarbeiter eingelassen habe, es kenne ihn ja kaum, und da sei doch
+ein anderer, der ihm jahrelang nachgegangen sei und ihm gezeigt habe,
+wie lieb es ihm sei, und zuletzt fragte sie es dringend, ob denn nicht
+alles noch rückgängig gemacht werden, oder doch eine gute Zeit lang
+hinausgeschoben werden und es noch bei seinem Vater bleiben könnte, es
+sei ja noch so jung. Da fing es denn zu weinen an und sagte, es habe ja
+ganz bestimmt sein Wort gegeben, und alles sei eingerichtet auf die
+Zeit, und dem Vater sei's recht. Nun sagte die Mutter nichts mehr, aber
+das arme Wisi weinte immer ärger; da nahm sie es denn bei der Hand und
+zog es zum Klavier hin, an den Platz, wo es immer stand, wenn wir
+zusammen sangen, und sagte in ihrem freundlichen Ton zu ihm: 'Trockne
+nun deine Tränen, wir wollen noch einmal zusammen singen'; dann schlug
+sie uns das Lied auf und wir sangen zusammen:
+
+ 'Befiehl du deine Wege,
+ Und was dein Herze kränkt,
+ Der allertreusten Pflege
+ Des, der den Himmel lenkt.
+
+ Der Wolken, Luft und Winden
+ Gibt Wege, Lauf und Bahn,
+ Der wird auch Wege finden,
+ Da dein Fuß gehen kann.'
+
+Wisi ging dann wieder ziemlich getröstet von uns, die Mutter hatte ihm
+noch einige freundliche Worte gesagt; aber mich hatte die Sache recht
+traurig gemacht, ich hatte ein ganz bestimmtes Gefühl, daß das arme Wisi
+seine frohen Tage nun hinter sich hatte, und dann dauerte mich der
+Andres unsäglich; was würde der sagen? Er sagte aber nie etwas, gar kein
+Wort, aber ein paar Jahre lang ging er herum wie ein Schatten und war
+noch stiller geworden als vorher, ich habe auch seither nie mehr sein
+still-fröhliches Gesicht gesehen, wie er es damals doch oft haben
+konnte.«
+
+»Der arme Kerl!« rief Onkel Max aus; »hat er denn keine andere Frau
+genommen?« -- »Ach nein, Max«, entgegnete seine Schwester ein wenig
+strafend, »wie konnte er denn, wie kannst du so etwas sagen, er ist ja
+die Treue selbst.« -- »Das konnte ich ja nicht wissen, liebe Schwester«,
+erwiderte der Bruder begütigend; »ich konnte doch nicht voraussehen, daß
+dein vielseitig begabter Freund nun auch noch die Unwandelbarkeit an
+sich trägt. Aber das Wisi, erzähl weiter von dem, ich hoffe wirklich,
+das lustige Wisi ist nicht unglücklich geworden, es würde mich arg
+dauern.« -- »Ich merke schon, Max«, sagte die Schwester, »daß du heimlich
+es mit dem Wisi hältst und kein Mitleid hast mit dem treuen Andres, dem
+es doch fast das Herz abgedrückt hat, daß das Wisi für ihn verloren
+war.« -- »Doch, doch«, versicherte der Onkel, »ich habe ja alle Teilnahme
+für den Ehrenmann; aber weiter, wie ging's mit dem Wisi, es hat doch
+seine lustigen Augen nicht verweint?« -- »Doch, ich glaube manchmal
+wohl«, fuhr die Schwester fort; »ich habe es nicht mehr oft gesehen, es
+hatte gleich viel zu tun; ich glaube, der Mann war nicht eben böse, aber
+er hatte etwas Rohes, er konnte so grob und unfreundlich sein, auch mit
+seinen kleinen Kindern schon; Wisi hatte gewiß wenig Freude mehr. Er
+hatte mehrere nette Kinder, aber sie waren alle sehr zart, es verlor sie
+wieder eins nach dem anderen; fünf hatte es begraben müssen, nur ein
+einziges ist ihm geblieben, ein feines, zartes Geschöpfchen, ein kleines
+Wiseli, es ist nicht viel größer als unser Miezchen und ist doch gut
+drei Jahre älter. Wisis Gesundheit hatte durch das alles so gelitten,
+daß man deutlich sehen konnte, was kommen würde, und nun ist es auch da,
+eine schnelle Auszehrung rafft ihr Leben hin; ich fürchte, es ist gar
+keine Hoffnung mehr.« -- »Nein«, rief Onkel Max ganz erschrocken aus,
+»das kann doch nicht sein, ist's wirklich so? Kann man da nichts machen,
+Marie? Wir wollen doch gleich nachsehen, vielleicht ist noch zu helfen.«
+-- »Ach nein, da ist nicht mehr zu helfen«, sagte die Schwester traurig;
+»da war überhaupt nicht mehr zu helfen. Wisi war für all' die Arbeit und
+Anstrengung viel zu zart.« -- »Und was macht nun der Mann?« fragte Onkel
+Max. -- »Ach, den habe ich ja ganz vergessen, das hatte das kranke Wisi
+auch noch durchzumachen. Es wird nun bald ein Jahr sein, da wurde ihm in
+der Fabrik der eine Arm und das Bein so zerschlagen, daß man ihn halbtot
+nach Hause brachte; er wurde dann ganz elend, arbeiten konnte er gar
+nichts mehr; er muß kein besonders geduldiger Kranker gewesen sein. Wisi
+hatte ihn nun noch zu verpflegen zu allem anderen, er starb dann
+ungefähr ein halbes Jahr nach dem Unfall. Seither lebt Wisi allein mit
+dem Kinde.« -- »Und so blieb denn von allem gar nichts mehr übrig, als
+ein kleines Wiseli? Was macht man damit? Aber nein, so traurig wird's
+doch nicht kommen müssen; das Wisi kann noch gesund werden und alles
+noch kommen, wie es hätte sein sollen von Anfang an.« -- »Nein, nein,
+dazu ist es zu spät«, entgegnete die Schwester sehr bestimmt; »das arme
+Wisi hat seinen Leichtsinn schwer büßen müssen. Aber auch hier ist es
+spät geworden«, -- und fast erschrocken stand sie auf, denn über dem
+Gespräch war die Mitternachtsstunde vorübergegangen, und seit einiger
+Zeit schon war der Oberst ganz stille geworden, er hatte sich in seinen
+Lehnstuhl zurückgelegt und war fest eingeschlafen. Onkel Max hatte zwar
+keinen Schlaf, denn mit der Erzählung von dem armen Wisi waren ihm alle
+Jugenderinnerungen so lebendig aufgestiegen, daß er noch eine Menge von
+Dingen und Persönlichkeiten besprechen wollte; aber seine Schwester war
+unerbittlich, sie hielt die Lichter in der Hand und drängte zum
+Aufbruch. So half denn nichts; um aber nicht allein die unwillkommene
+Störung zu tragen, weckte er seinen Schwager mit einem so gewaltigen
+Ruck an seinem Stuhl, daß der Oberst mit einem Schrecken emporschoß, als
+sei eine feindliche Bombe auf ihn gefahren. Aber sein Schwager klopfte
+ihm friedlich auf die Schulter und sagte: »Es war nur eine leise Mahnung
+von seiten deiner Frau, daß wir uns zurückziehen möchten.« Der Rückzug
+wurde dann vollzogen, und bald stand das Haus auf der Höhe ganz still im
+Mondschein da, und unten am Berg stand eins, da sollte es auch bald
+stille werden; jetzt brannte noch ein schwaches Lämpchen drinnen und
+warf seinen matten Schimmer durch das schmale Schubfenster in die
+monderhellte Nacht hinaus.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+Auch noch daheim.
+
+
+Um die gleiche Zeit, da die Kinder des Obersten ihrem Hause zugingen,
+rannte das kleine Wiseli aus allen Kräften den Berg hinunter, denn es
+wußte, daß es länger fortgeblieben war, als die Mutter erwartete, und
+das tat es sonst nicht. Aber heute war sein Glück so groß gewesen, daß
+es einen Augenblick das Heimgehen vergessen hatte; jetzt lief es um so
+mehr drauf zu und wäre fast in einen Mann hineingerannt, der eben aus
+der Tür des Häuschens trat, als es hineinstürmen wollte; er ging ihm
+aber ganz leise aus dem Wege, und das Wiseli sprang vorwärts in die
+Stube hinein und auf die Mutter zu, die auf einem kleinen Stuhl am
+Fenster saß und zu Wiselis Erstaunen noch kein Licht angezündet hatte.
+»Mutter, bist du böse, daß ich so lang nicht komme?« rief es, indem es
+sie mit beiden Armen um den Hals faßte. »Nein, nein, Wiseli«, antwortete
+sie freundlich; »aber ich bin froh, daß du da bist.« Jetzt fing das
+Wiseli der Mutter von seinem großen Erlebnis zu erzählen an, wie gut der
+Otto mit ihm gewesen, und wie es zweimal mit dem allerschönsten
+Schlitten hatte den Berg hinunterfahren können. Wie es dann mit seiner
+Erzählung fertig war und die Mutter noch so still dasaß, fiel ihm erst
+ein, daß sie das sonst nicht tat, und es fragte verwundert: »Aber warum
+hast du noch kein Licht, Mutter?«
+
+»Ich bin so müde heut' abend, Wiseli«, antwortete sie; »ich konnte nicht
+aufstehen und Licht machen. Hol das Lämpchen herein und bring mir einen
+Schluck Wasser mit, ich habe so großen Durst.« Wiseli lief in die Küche
+und kam bald zurück, in der einen Hand das Licht und in der anderen eine
+Flasche, darinnen ein roter Saft schimmerte, so hell und einladend, daß
+die durstende Kranke erfreut ausrief: »Was bringst du mir Schönes,
+Wiseli?« -- »Ich weiß nicht«, sagte das Kind, »es stand auf dem
+Küchentisch, sieh, wie es funkelt.« Die Mutter nahm die Flasche in die
+Hand und roch daran. »O«, sagte sie, begierig wieder riechend, »es ist
+wie frische Himbeeren aus dem Wald, gib mir schnell ein wenig Wasser
+dazu, Wiseli.« Das Kind goß von dem roten Saft in ein Glas und füllte es
+mit Wasser, und mit durstigen Zügen trank die Mutter den erquickenden
+Beerensaft hinunter. »O, wie das erfrischt!« sagte sie und übergab das
+leere Glas dem Kinde. »Stell es weg, Wiseli, aber nicht weit; mir ist,
+ich könnte alles austrinken, so durstig bin ich. Wer hat mir denn diese
+große Erquickung gebracht? Gewiß die Trine, es kommt von der Frau
+Oberst.« -- »War denn die Trine bei dir in der Stube, Mutter?« fragte das
+Kind. -- Die Mutter verneinte dies. -- »Dann ist es nicht die Trine, das
+weiß ich«, sagte das Wiseli bestimmt; »sie geht jedesmal in die Stube,
+wenn sie etwas bringt. Aber der Schreiner Andres war ja bei dir, hat er
+dies nicht mitgebracht?« -- »Ach was, Wiseli«, fiel die Mutter ganz
+lebhaft ein; »was sagst du denn, der Schreiner Andres war nie bei mir,
+was kommt dir in den Sinn?« -- »Er war sicher, sicher, ganz bestimmt hier
+drinnen«, beteuerte Wiseli; »gerade wie ich hereinkam, trat er so
+schnell aus der Tür, daß ich fast an ihn heranrannte: hast du denn
+nichts gehört?« Die Mutter war eine Zeitlang ganz stille, dann sagte
+sie: »Ich habe schon gehört, daß jemand leise die Küchentür aufmachte;
+erst meinte ich, du seist's, und -- es ist wahr, erst nachher hörte ich
+dich hereinrennen. Bist du sicher, Wiseli, daß es der Schreiner Andres
+war, der zu unserer Tür herauskam?« Wiseli war seiner Sache so sicher
+und konnte so genau der Mutter sagen, wie der Rock und die Kappe vom
+Schreiner Andres aussahen und wie er erschrocken war, als es so mit
+einem Male an ihn heranrannte, daß die Mutter auch davon überzeugt
+wurde; sie sagte wie für sich: »Dann war es der Andres, er hat es
+ausgedacht, was mir so gut tun könnte.« -- »Jetzt kommt mir auch etwas in
+den Sinn, Mutter«, rief auf einmal das Wiseli ganz erregt aus, »jetzt
+weiß ich gewiß, wer einmal den großen Topf Honig in die Küche gestellt
+hat, von dem du so gern aßest, und vor ein paar Tagen die Apfelkuchen;
+weißt du, Mutter, du wolltest durch die Trine danken lassen, als sie dir
+etwas Gekochtes brachte, und sie sagte, sie wisse von allem dem gar
+nichts. Das hat sicher alles der Schreiner Andres heimlich in die Küche
+gestellt.«
+
+[Illustration: Es hielt ihre Hand fest in der seinigen]
+
+»Das glaube ich auch«, sagte die Mutter und wischte sich die Augen. --
+»Es ist ja nichts Trauriges«, sagte Wiseli ein wenig erschrocken, als
+sie die Mutter immer wieder die Augen wischen sah.
+
+»Du mußt ihm einmal danken, Wiseli, ich kann es nicht mehr. Sag es ihm
+einmal, ich lass' ihm danken für alles Gute; er hat es so gut mit mir
+gemeint. Komm, sitz ein wenig zu mir heran«, fuhr sie leise fort; »gib
+mir auch noch einmal zu trinken, und dann komm und sag mir das Verslein,
+was ich dich gelehrt habe.«
+
+Wiseli holte noch einmal Wasser und goß von dem frischen Saft hinein,
+und die Mutter trank noch einmal begierig davon; dann legte sie müde
+ihren Kopf auf das niedere Gesims am Fenster und winkte das Wiseli zu
+sich. Es fand aber, da liege die Mutter zu hart, holte ein Kissen aus
+ihrem Bett herbei und legte es sorgfältig unter den Kopf; dann setzte es
+sich dicht neben sie auf den Schemel und hielt ihre Hand fest in der
+seinigen, und wie sie gewünscht hatte, sagte es nun andächtig sein
+Verslein her:
+
+ »Befiehl du deine Wege,
+ Und was dein Herze kränkt,
+ Der allertreusten Pflege
+ Des, der den Himmel lenkt.
+
+ Der Wolken, Luft und Winden
+ Gibt Wege, Lauf und Bahn,
+ Der wird auch Wege finden,
+ Da dein Fuß gehen kann.«
+
+Als Wiseli zu Ende war, sah es, daß die Mutter am Entschlafen war, sie
+sagte nur noch mit leisem Ton: »Denk daran, Wiseli! Und wenn du einmal
+keinen Weg mehr vor dir siehst und es dir ganz schwer wird, dann denk in
+deinem Herzen:
+
+ 'Er wird auch Wege finden,
+ Da dein Fuß gehen kann.'«
+
+Nun legte die Mutter sich müde hin und entschlief, und Wiseli wollte sie
+nicht wecken. Es legte sich mäuschenstille an sie heran, und bald
+schlief es auch ganz fest. So brannte die kleine, matte Lampe in dem
+stillen Stübchen fort, immer matter, bis sie von selbst erlosch und das
+Häuschen dunkel dastand auf dem hellen Mondscheinplatz.
+
+Als am folgenden Morgen die Nachbarin um das Haus herum zum Brunnen
+ging, schaute sie durch das niedere Fenster in das Stübchen herein, wie
+sie immer tat im Vorbeimarsch. Da sah sie, wie Wiselis Mutter auf dem
+Kissen schlief und wie das Kind daneben stand und weinte. Das kam ihr so
+sonderbar vor, sie mußte nachsehen, was da geschehen sei. Sie machte ein
+wenig die Tür auf und sagte: »Was hast du, Wiseli; ist die Mutter
+kränker?« Wiseli schluchzte zum Erbarmen und stöhnte hervor: »Ich weiß
+nicht, was die Mutter hat.«
+
+Das arme Kind ahnte wohl, was mit der Mutter war, aber es konnte ja
+nicht begreifen, daß es sie verloren hatte. Sie war ja noch da, aber sie
+war entschlafen für das ganze Erdenleben, sie hörte nicht mehr, wie ihr
+Wiseli sie rief. Die Nachbarin trat zu dem Kissen am Fenster und schaute
+die schlafende Frau an; dann trat sie erschrocken zurück und sagte: »Geh
+schnell, Wiseli, lauf und hol deinen Vetter-Götti, er soll auf der
+Stelle herkommen, du hast ja sonst niemand, und es muß jemand zu der
+Sache sehen; lauf recht, ich will warten, bis du wiederkommst.« Das Kind
+lief davon, aber es konnte nicht lange so weiter laufen, sein Herz war
+so schwer und alle seine Glieder zitterten so sehr, daß Wiseli auf
+einmal mitten auf dem Wege sich hinsetzen und laut weinen mußte, denn
+jetzt wurde es ihm immer deutlicher in seinem Herzen, daß die Mutter
+nicht mehr erwachen werde. Es stand dann wieder auf und lief weiter,
+aber zu weinen konnte es nicht mehr aufhören, denn in seinem Herzen
+wurde der Jammer immer größer. Am Buchenrain, wohl eine Viertelstunde
+von der Kirche weg, stand das Haus von dem Vetter-Götti, wo Wiseli jetzt
+eben ankam und weinend unter die Tür trat. Die Base stand in der Küche
+und fragte kurz: »Was ist mit dir?« Wiseli sagte halblaut zwischen dem
+Schluchzen durch, die Nachbarin habe es geschickt, daß der Vetter-Götti
+schnell komme zur Mutter. Die Base sah das Kind an, sie mochte denken,
+es sei mit der Mutter schlimm, denn weniger barsch, als sie sonst
+redete, sagte sie: »Ich will es ihm sagen, geh nur wieder heim, er ist
+jetzt nicht da.« Da kehrte Wiseli wieder um und kam schneller zurück,
+als es vorwärts gekommen war, denn es ging ja noch zur Mutter. Die
+Nachbarin stand vor der Tür, drinnen hatte sie nicht warten wollen, es
+war ihr nicht heimlich. Aber das Wiseli schlich hinein und setzte sich
+ganz nahe zur Mutter, so wie es die Nacht durch neben ihr gesessen
+hatte; da saß es ganz still und weinte und von Zeit zu Zeit sagte es
+halblaut: »Mutter!« Sie gab keine Antwort mehr. Da sagte Wiseli, sich zu
+ihr hinbeugend: »Gelt, Mutter, du hörst mich wohl, wenn du jetzt schon
+im Himmel bist, und ich dich nicht mehr hören kann.« So saß das Wiseli
+noch neben seiner Mutter und hielt sie fest, als schon die Mittagszeit
+vorüber war. Da trat der Vetter-Götti in das Stübchen, schaute sich ein
+wenig darin um und rief dann die Nachbarin herein. »Ihr müßt die Frau
+hier zurecht machen, Ihr wißt schon, wie ich meine«, sagte er, »so daß
+alles fertig ist zum Wegholen. Dann nehmt den Schlüssel zu Euch, daß da
+nichts wegkommt.« Dann wandte er sich zu Wiseli und sagte: »Wo sind
+deine Kleider, Kleines? Such sie zusammen und pack sie in ein
+Bündelchen, dann gehen wir.« -- »Wohin gehen wir denn?« fragte Wiseli
+zaghaft. -- »Heim gehen wir«, war die Antwort; »an den Buchenrain, da
+kannst du bei uns sein, du hast niemand mehr auf der Welt, als deinen
+Vetter-Götti.« Das Wiseli befiel ein lähmender Schrecken, -- nach dem
+Buchenrain sollte es gehen und da daheim sein. Es hatte von jeher eine
+große Furcht vor der Base gehabt und jedesmal eine Zeitlang vor der Tür
+gewartet, wenn es dem Vetter-Götti etwas hatte berichten müssen, aus
+lauter Angst, die Base fahre es an. Dann war der älteste Sohn im Hause,
+der gewalttätige Chäppi, und dann kamen noch der Hans und der Rudi, die
+warfen allen Kindern Steine nach. Bei denen sollte es nun daheim sein.
+
+Das Wiseli stand bleich und unbeweglich vor Schrecken da. »Du mußt dich
+nicht fürchten, Kleines«, sagte der Vetter-Götti freundlich; »es sind
+wohl mehr Leute bei uns im Hause als da, aber das ist desto lustiger für
+dich.« Wiseli legte still seine Sachen zusammen in ein Tuch und knüpfte
+je zwei Zipfel davon kreuzweis ineinander; dann band es sein Tüchlein um
+den Kopf und stand fertig da.
+
+»So«, sagte der Vetter, »nun gehen wir«, und schritt der Tür zu. Auf
+einmal schluchzte Wiseli laut auf: »Dann muß ja die Mutter ganz allein
+sein.«
+
+Es war wieder zu ihr hingelaufen und hielt sie fest.
+
+Der Vetter-Götti stand ein wenig verblüfft da; er wußte nicht recht, wie
+er dem Kinde erklären sollte, wie es mit seiner Mutter sei, wenn es das
+nicht von selbst begriff, denn Erklären war nicht seine Sache, das hatte
+er nie probiert; er sagte also: »Komm jetzt, komm! Ein Kleines, wie du
+eins bist, muß folgen; komm und mach nur kein Geschrei, das hilft gar
+nichts.« Wiseli würgte sein Schluchzen hinunter und folgte lautlos dem
+Vetter-Götti durch die Tür nach. Nur einmal sah es noch zurück und sagte
+ganz leise: »Behüte Gott, Mutter!« Dann wanderte es mit seinem
+Bündelchen am Arm aus dem kleinen Hause, wo es daheim gewesen war. Eben
+als die beiden miteinander querfeldein gingen, kam von oben herunter die
+Trine gegangen, einen gedeckten Korb am Arm tragend. Noch stand die
+Nachbarin unter der Tür und schaute dem Vetter-Götti und dem Kinde nach.
+Die Trine trat auf sie zu und sagte: »Heute bring' ich der kranken Frau
+was Rechtes, aber ein wenig spät, wir haben den Herrn Onkel zum Besuch,
+da wird es immer spät.« -- »Und wenn Ihr auch am Morgen früh gekommen
+wäret, so wäret Ihr zu spät gekommen heut', sie ist in der Nacht
+gestorben.« -- »Es wird doch nicht sein«, rief die Trine erschrocken aus;
+»ach du mein Trost, was wird meine Frau sagen.« Damit kehrte die Trine
+um und lief stracks ihren Weg zurück.
+
+Die Nachbarin trat in das stille Stüblein ein und machte Wiselis Mutter
+so zurecht, wie sie in ihrem letzten Bettlein liegen mußte.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+Beim Vetter-Götti.
+
+
+Als das Wiseli hinter dem Vetter-Götti drein in das Haus hereintrat am
+Buchenrain, da kamen die drei Buben aus der Scheune hergestürzt, liefen
+hinter der Ankommenden her in die Stube herein und stellten sich mitten
+drin auf, und alle drei sperrten die Augen auf an das Wiseli hinan, das
+ganz schüchtern dastand. Aus der Küche kam die Base herein und schaute
+das Wiseli ebenfalls an, wie wenn sie es noch nie gesehen hätte.
+
+Der Vetter-Götti setzte sich hinter den Tisch und sagte: »Ich meine, man
+könnte etwas nehmen; das Kleine hat, denk' ich, heut' noch wenig gehabt.
+Komm, sitz ab«, sagte er, zu Wiseli gewandt, das immer noch auf
+demselben Platze stand, sein Bündelchen in der Hand. Es gehorchte. Jetzt
+holte die Base Most und Käse und legte das große Schwarzbrot auf den
+Tisch. Der Vetter-Götti schnitt ein tüchtiges Stück ab und legte einen
+Brocken Käse darauf, dann schob er es vor das Kind hin: »Da, iß,
+Kleines, wirst wohl Hunger haben.«
+
+»Nein, ich danke«, sagte Wiseli leise; es hätte keinen Brosamen
+herunterschlucken können, denn Leid und Angst und Weh schnürten es so
+zusammen bis an den Hals hinauf, daß es kaum atmen konnte. Die Buben
+standen immer da und starrten es an. »Mußt dich nicht fürchten«, sagte
+der Vetter-Götti ermunternd, »iß nur zu.« Aber das Wiseli saß
+unbeweglich und berührte sein Brot nicht. Die Base war bis jetzt auch
+geblieben und hatte das Kind angeschaut von oben bis unten, mit beiden
+Armen in die Seite gestemmt. »Wenn's dir nicht recht ist, so kannst du's
+nur bleiben lassen«, sagte sie nun, kehrte sich um und ging wieder in
+die Küche.
+
+Als der Vetter-Götti sich genugsam erfrischt hatte, stand er auf und
+sagte: »Nimm's in die Tasche, nachher kommt's dir schon, daß du essen
+magst, mußt dich nur nicht fürchten.« Damit ging auch er in die Küche
+hinaus. Wiseli wollte gehorchen und die beiden Stücke in die Tasche
+stecken, aber diese war viel zu klein, es legte wieder alles auf den
+Tisch.
+
+»Ich will dir schon helfen«, sagte Chäppi, schnappte die Stücke vom
+Tisch weg und wollte sie zu dem offenen Mund führen, sie fuhren aber in
+die Luft hinauf, denn der Hans hatte von unten herauf Chäppis Hand einen
+tüchtigen Puff gegeben, damit ihr die Beute entfalle und er sie
+erwische; in dem Augenblick aber huschte der Rudi schnell auf den Boden
+und haschte den Fang weg. Jetzt stürzten die beiden Größeren auf ihn,
+und einer fiel über den anderen hinaus, und nun ging es an ein Schlagen
+und Raufen und Lärmen und Heulen, daß es dem Wiseli angst und bange
+wurde. Jetzt machte der Vater die Küchentür wieder auf und rief in die
+Stube hinein: »Was ist das?« Da riefen die drei Buben am Boden alle
+durcheinander, und es tönte immer wieder: »Das Wiseli wollte nicht«,
+»das Wiseli hatte keinen« und »weil das Wiseli keins wollte«. Da rief
+der Vater noch lauter: »Wenn das nicht aufhört da drinnen, so will ich
+mit dem Lederriemen kommen!« Dann schlug er die Tür wieder zu. Das »da
+drinnen« hörte aber noch nicht auf, sondern sowie die Tür zu war, ging's
+erst recht los, denn der Hans hatte erfunden, daß das wirksamste Mittel,
+den Feind zu erschrecken, sei, ihm in die Haare zu fahren, was die
+anderen sogleich auch begriffen, und so standen sie nun alle drei jeder
+mit beiden Händen an den Haaren eines anderen reißend und dazu ein
+fürchterliches Geschrei ausstoßend. In der Küche saß die Base auf einem
+Schemel und schälte Kartoffeln. Als ihr Mann die Stubentür wieder
+zugemacht hatte, sagte sie: »Was hast du mit dem Kind im Sinn? Warum
+hast du es gleich mit heimgenommen?«
+
+»Es wird, denk' ich, bei jemandem sein müssen; ich bin der Vetter-Götti,
+und andere Verwandte hat es keine mehr. Und du kannst es ja schon
+brauchen; so etwas wie du dort machst, kann es dann machen. So kannst du
+etwas Besonderes tun. Du sagst ja immer, die Buben geben dir mehr zu
+tun, als eben recht.«
+
+»Ja wegen dessen«, warf die Base hin, »das wird eine schöne Hilfe sein.
+Du kannst ja hören, wie es zugeht drinnen in der ersten Viertelstunde
+schon, daß es da ist.«
+
+»Das habe ich schon manchmal gehört, lang eh' das Kleine da war; es hat,
+denk' ich, nicht viel damit zu tun«, sagte der Vetter ruhig.
+
+»So«, entgegnete die Base eifrig, »hast du denn nicht gehört, daß sie
+alle miteinander etwas von dem Wiseli riefen?«
+
+»Sie werden etwas rufen müssen, das war nie anders«, meinte der Vetter.
+»Diesem Kleinen wirst du, denk' ich, wohl noch Meister werden, es ist
+kein bösartiges, das habe ich schon gemerkt, es kann auch folgen,
+besser als die Buben.« Das war der Base fast zu viel. »Ich meine, es war
+nicht nötig, daß man es jetzt schon gegen die Buben aufstifte«, sagte
+sie, die Häute immer schneller von den Kartoffeln abreißend, »und dann
+möchte ich nur das wissen, wo das Kind schlafen soll.«
+
+Der Vetter schob ein paarmal die Kappe auf seinem Kopf hin und her, dann
+sagte er geruhlich: »Man kann nicht alles an einem Tag machen. Es wird
+wohl bis jetzt in einem Bett geschlafen haben, denk' ich, und das wird
+es wieder bekommen. Morgen will ich dann zum Pfarrer gehen; heut' kann
+es auf der Ofenbank schlafen, da ist's ja warm. Dann kann man einen
+Verschlag machen, wo es in unsere Kammer hineingeht; da kann man sein
+Bett hineinschieben.«
+
+»Ich habe mein Lebtag nie gehört, daß man zuerst das Kind bringt und
+dann acht Tage nachher das Bett, das dazu gehört«, warf die Base hin,
+»und dann möcht' ich auch wissen, wer das bezahlen muß, wenn man noch
+bauen soll, um des Kindes willen.«
+
+»Wenn uns die Gemeinde das Kleine zuerkennt, so muß sie auch etwas an
+den Unterhalt geben«, erklärte der Vetter; »ich nehme es dann noch immer
+billiger an, als ein anderer es tun würde; es ist ihm auch am wohlsten
+bei uns.«
+
+Mit dieser Überzeugung ging der Vetter in den Stall hinaus und rief noch
+zurück, der Chäppi solle ihm nachkommen. Es war schwierig für die Base,
+sich Gehör zu verschaffen drinnen in der Stube, als sie den Auftrag
+ausrichten wollte. Da standen noch die drei im hitzigsten Gefecht, vom
+lautesten Kriegsgeschrei begleitet. »Es nimmt mich nur wunder, daß du
+dem so zusiehst und kein Wort zum Frieden sagst«, warf die Base dem
+Wiseli hin, das sich scheu an die Wand drückte und sich kaum rühren
+durfte. Nun wurde der Chäppi in den Stall geschickt, und die beiden
+anderen liefen ihm nach. »Kannst du stricken?« fragte dann die Base das
+Wiseli; es sagte schüchtern: ja, Strümpfe könne es stricken. »So nimm
+die«, sagte die Base und nahm aus dem Schrank einen großen braunen
+Strumpf heraus mit einem Garn fast so dick wie Wiselis Finger. »Du bist
+am Fuß, gib acht, daß er nicht zu kurz wird, er ist für den
+Vetter-Götti.« Nun ging sie wieder in die Küche, und Wiseli setzte sich
+auf die Ofenbank und mußte den langen Strumpf auf seinem Schoß
+zusammenhalten, der war so schwer, daß er ihm ganz die Hände
+herunterzog, wenn er hing, so daß es die Nadeln nicht führen konnte. Es
+hatte aber kaum recht angefangen an seiner Arbeit, als die Base wieder
+hereinkam. »Du kannst jetzt herauskommen in die Küche«, sagte sie; »du
+kannst sehen, wie ich alles mache, so kannst du mir an die Hand gehen
+nach und nach.« Wiseli gehorchte und sah draußen der Base zu, so viel es
+konnte; aber immer schossen ihm wieder die Tränen in die Augen, und dann
+sah es nichts mehr, denn es mußte denken, wie es war, wenn es so der
+Mutter nachlief in die Küche, und wie sie mit ihm redete und es immer
+wieder streichelte, und es an ihr hing. Es fühlte aber wohl, daß es
+nicht herausweinen dürfe, und schluckte und schluckte, daß es fast
+meinte, es werde erwürgt. Die Base sagte ein paarmal: »Gib acht! so
+weißt du's nachher.« Sie ließ es dann aber stehen und fuhr in der Küche
+herum. So ging es eine gute Zeit lang, dann hörte man ein ganz
+erschreckliches Gestampfe auf dem Hausgang, und die Base sagte: »Mach
+schnell die Tür auf, sie kommen«; denn der Lärm kam vom Vetter und den
+Buben her, die draußen den Schnee von den Schuhen stampften. Wiseli
+machte die Tür nach der Stube auf und die Base hob eine große Pfanne vom
+Feuer und fuhr eilends damit in die Stube hinein, wo sie den ganzen
+Haufen geschwelter Kartoffeln auf den Schiefertafeltisch ausschüttete.
+Dann lief sie zurück und brachte ein großes Becken voll saurer Milch
+herein und sagte: »Leg auf den Tisch, was in der Schublade liegt, so
+können sie zusitzen.« Wiseli zog schnell die Schublade aus, da lagen
+fünf Löffel und fünf Messer, die legte es hin, und nun war der
+Abendtisch fertig. Der Vetter und die Buben waren hereingekommen und
+saßen gleich fest auf den Bänken am Tisch den Fenstern entlang. Unten am
+Tisch stand ein Stuhl; darauf hin wies nun der Vetter-Götti und sagte:
+»Es kann, denk' ich, dort sitzen, oder nicht?«
+
+»Freilich«, sagte die Base, die auch einen Stuhl für sich bereit hatte
+auf der Seite gegen die Küche zu, sie saß aber nur eine Sekunde darauf
+still, dann lief sie wieder in die Küche und kam zurück und saß
+geschwind wieder zu einem Löffel voll Milch nieder; dann lief sie von
+neuem. Es wußte niemand, warum das so sein mußte, denn das Kochen war ja
+ganz zu Ende; aber es war immer so, und wenn der Vetter einmal sagte:
+»Sitz doch und iß einmal«, so kam sie erst recht in die Eile und sagte,
+sie habe nicht Zeit, so lang zu sitzen, und der Sache draußen werde wohl
+jemand nachsehen müssen. Als sie jetzt zum zweiten Male hereingeschossen
+kam und eilig eine Kartoffel schälte, fiel ihr Wiselis Untätigkeit auf,
+das neben ihr saß, die Hände in den Schoß gelegt. »Warum issest du
+nicht?« fuhr sie es an. »Es hat keinen Löffel«, sagte Rudi, der auf der
+anderen Seite neben ihm saß und schon lange den Grund herausgefunden
+hatte, warum jemand an einem Tisch sitzen kann, ohne zu essen, solange
+noch etwas da ist. »Ja so«, sagte die Base; »wem wäre es aber auch in
+den Sinn gekommen, daß man auf einmal sechs Löffel haben muß, man
+brauchte ja immer nur fünf, und ein Messer wird auch sein müssen. Warum
+kannst du aber auch nichts sagen? du wirst wohl wissen, daß man zum
+Essen einen Löffel braucht.« Diese Worte waren an das Wiseli gerichtet.
+
+Es schaute die Base scheu an und sagte leise: »Es ist gleich, ich
+brauche keinen, ich habe keinen Hunger.« -- »Warum nicht?« fragte die
+Base; »bist du anders gewöhnt? Ich habe nicht im Sinn, zu ändern.« -- »Es
+ist, denk' ich, besser, man lasse das Kleine zuerst ein wenig gehen, man
+muß es nicht zu fürchten machen«, sagte der Vetter-Götti
+beschwichtigend; »es kommt schon besser.« Nun ließ man das Wiseli in
+Ruh', die anderen setzten ihre Tätigkeit noch eine gute Zeit lang fort.
+Das Kind saß unbeweglich dabei, bis endlich der Vater aufstand, noch
+einmal die Pelzkappe vom Nagel nahm und nach der Stallaterne suchte,
+denn der Fleck sei krank geworden, da mußte er noch einmal hinaus. Der
+Tisch war schnell wieder in Ordnung. Die Kartoffelschalen wurden mit den
+Händen in das leere Milchbecken heruntergewischt, dann die Schiefertafel
+abgewaschen, und wie die Base damit zu Ende war, sagte sie, zu Wiseli
+gewandt: »Du hast gesehen, wie ich's mache, das kannst du von nun an
+tun.« Jetzt setzte sich der Chäppi wieder fest hinter den Tisch; er
+hatte seinen Griffel und sein Rechenbuch geholt und machte Anstalten,
+seine Rechnungsaufgaben vor sich auf den Tisch zu schreiben. Erst
+starrte er aber eine Weile auf das Wiseli hin, das seinen braunen
+Strumpf wieder vorgenommen hatte, aber sehr hilflos dasaß, denn es
+konnte keine Masche sehen in seinem Winkel, und zum Tisch zu sitzen, auf
+dem die trübe Öllampe stand, wagte es nicht.
+
+»Du wirst auch etwas tun können«, rief auf einmal Chäppi erbost zu ihm
+hinüber, »du bist nicht das Geschickteste in der Schule.« Wiseli wußte
+nicht, was sagen, es war ja gar nicht in der Schule gewesen heute, und
+es wußte nicht, was zu tun war, es war ja überhaupt ganz aus aller
+Ordnung und Fassung. »Wenn ich rechnen muß, so mußt du auch, oder dann
+tu' ich's auch nicht«, rief der Chäppi wieder. Wiseli hielt sich
+mäuschenstill. »So, dann ist's recht«, fuhr Chäppi lärmend fort, »so tu'
+ich keinen Strich mehr an der Arbeit.« Damit warf er seinen Griffel weg.
+»So, so, dann tu' ich auch nichts«, rief der Hans aus und steckte ganz
+erleichtert sein Einmaleins wieder in den Schulsack, denn das Lernen war
+ihm das Bitterste, das er kannte. -- »Ich will es schon dem Lehrer sagen,
+wer an allem schuld ist«, fing Chäppi wieder an, »du kannst dann nur
+sehen, wie es dir geht.« So hätte Chäppi wohl noch eine Zeitlang seinem
+bösen Wesen Luft gemacht, wenn nicht der Vater schon aus dem Stall
+zurückgekommen wäre. Er trug zwei große, leere Futtersäcke auf der
+Achsel herein und kam damit auf den Tisch zugeschritten. »Mach Platz«,
+sagte er zu Chäppi, der beide Ellbogen auf den Tisch gestemmt hielt und
+den Kopf darauf. Dann breitete er die Säcke aus, faltete sie zusammen,
+noch einmal und noch einmal; dann ging er nach der Ofenbank und legte
+das Paket darauf hin. »So«, sagte er befriedigt, »das ist gut! Und wo
+hast dein Bündelchen, Kleines?« Wiseli holte es aus einer Ecke hervor,
+wo es bis jetzt gelegen hatte, und schaute mit Erstaunen zu, wie der
+Vetter-Götti das Bündelchen am oberen Ende des Pakets auf die Ofenbank
+hin drückte, daß es nicht so ganz kugelrund bleibe.
+
+»So, da kannst du schlafen«, sagte er nun, zu Wiseli sich umkehrend;
+»frieren mußt du nicht, der Ofen ist heiß, und auf das Bündelchen kannst
+du den Kopf legen, so liegst du wie im Bett. Und mit euch dreien ist's
+auch Zeit ins Bett, hurtig!« Damit nahm er die Öllampe vom Tisch und
+ging der Küche zu, die drei Buben stampften hinter ihm her. Bei der Tür
+kehrte er sich noch einmal um und sagte: »So schlaf wohl. Mußt nicht
+mehr nachsinnen heut', denn es kommt dann schon besser.« Dann ging er
+hinaus. Nun kam die Base noch einmal herein mit einem Öllämpchen in der
+Hand und beschaute sich das Lager. »Kannst du liegen da?« fragte sie.
+»Du hast es ja warm hier am Ofen, manches hat kein Bett und muß dazu
+erst noch frieren; es kann dir auch noch so gehen, sei du nur froh, daß
+du einstweilen unter einem guten Dach bist. Gute Nacht!« -- »Gute Nacht!«
+sagte Wiseli leise zurück; die Base hatte es aber jedenfalls nicht
+gehört, denn sie war schon halb draußen, als sie gute Nacht wünschte,
+und hatte die Tür gleich hinter sich zugemacht. Jetzt saß Wiseli da in
+der dunkeln Stube, alles war auf einmal ganz still ringsum, es hörte
+keinen Ton mehr. Der Mond schien ein wenig durch das eine Fenster
+herein, so daß Wiseli wieder erkennen konnte, wo die Ofenbank war,
+darauf es schlafen sollte. Es ging nun gleich dahin und setzte sich auf
+sein Lager. Zum ersten Male heute, seit es die Mutter verlassen hatte,
+war es nun allein und konnte sich besinnen, was mit ihm war. Die ganze
+Zeit bis jetzt war es in einer steten Spannung gewesen, denn alles hatte
+ihm Angst und Furcht eingeflößt, was es gesehen und gehört hatte, seit
+es von der Mutter weg war, und noch hatte es gar nicht weiter gedacht,
+nur von einem Augenblick auf den anderen sich gefürchtet. Nun saß es da,
+zum ersten Male in seinem Leben ohne die Mutter, und ganz klar und
+deutlich kam ihm nun der Gedanke, daß es sie gar nie mehr sehen werde,
+daß es gar nie mehr mit ihr reden und sie hören könnte. Jetzt kam auf
+einmal ein solches Gefühl der Verlassenheit über das Wiseli, daß es ihm
+gerade vorkam, als sei es mutterseelenallein und verloren auf der Welt,
+und gar kein Mensch kümmere sich mehr um es, und so müsse es nun ganz
+allein und im Dunkeln bleiben und umkommen. Und über das Wiseli kam ein
+solches Elend, daß es den Kopf auf sein Bündelchen drückte und ganz
+bitterlich zu weinen anfing und trostlos einmal über das andere sagte:
+»Mutter, kannst du mich nicht hören? Mutter, hörst du mich nicht?« Aber
+die Mutter hatte dem Wiseli oft gesagt, wenn es einem Menschen schlimm
+gehe und er leiden müsse, dann sei er froh, daß er zum lieben Gott im
+Himmel schreien könne, der höre ihn immer an und wolle ihm gern helfen,
+wenn gar keine Menschen ihm mehr zuhören wollen oder helfen können. Das
+kam dem Wiseli in den Sinn, und auf einmal saß es wieder auf und
+schluchzte laut: »Ach, lieber Gott im Himmel, hilf mir auch. Es ist
+mir so angst, und die Mutter hört mich nicht mehr!« Und so betete es
+zwei- oder dreimal, und dann wurde es ein wenig stiller und ruhiger; es
+gab ihm einen Trost ins Herz, nun es fühlte, daß doch der liebe Gott im
+Himmel noch da sei, zu dem es eben gerufen hatte, so war es doch nicht
+ganz, ganz allein. Jetzt stiegen ihm auch die Worte auf, die ihm die
+Mutter ganz zuletzt noch gesagt hatte: »Wenn du einmal keinen Weg mehr
+vor dir siehst und es dir ganz schwer wird« -- so war es jetzt schon
+gekommen, und doch hatte es noch nicht gewußt, wie das kommen konnte,
+als die Mutter so sagte --, dann, hatte sie gesagt, solle es daran
+denken, wie es heiße in seinem Liede:
+
+ »Er wird auch Wege finden,
+ Da dein Fuß gehen kann.«
+
+Jetzt verstand auch Wiseli mit einem Male, was die Worte bedeuteten, die
+es vorher nur so hingesagt hatte, denn es war noch nie in der Angst
+gewesen. Aber jetzt war es ja geradeso, daß es gar keinen Weg mehr vor
+sich sah und dachte, mit ihm sei es ganz aus, denn vor ihm stand gar
+nichts mehr als ein großer Schrecken vor jedem Augenblick in des
+Vetter-Göttis Haus. Es kam aber jetzt ein rechter Trost in sein Herz,
+wie es wieder und wieder so sagte:
+
+ »Er wird auch Wege finden,
+ Da dein Fuß gehen kann.«
+
+So hatte Wiseli noch gar nie empfunden, was es sei, einen lieben Gott im
+Himmel zu haben, zu dem man rufen kann, wenn man sonst von gar niemandem
+mehr gehört wird; gar nie bis jetzt hatte es gewußt, wie wohl das tun
+kann. Es faltete jetzt ganz still seine Hände und fing sein Lied von
+vorn an, denn es wollte so gern noch etwas mehr vor dem lieben Gott
+sagen und zu ihm hinauf beten; es sagte auch jedes Wort mit seinem
+ganzen Herzen, wie nie vorher:
+
+ »Befiehl du deine Wege,
+ Und was dein Herze kränkt,
+ Der allertreusten Pflege
+ Des, der den Himmel lenkt.
+
+ Der Wolken, Luft und Winden
+ Gibt Wege, Lauf und Bahn,
+ Der wird auch Wege finden,
+ Da dein Fuß gehen kann.«
+
+Es war eine beruhigende Zuversicht in des Kindes Herz gefallen; nachdem
+es mit Vertrauen die letzten Worte noch einmal gesagt hatte, legte es
+seinen Kopf wieder auf das Bündelchen und schlief augenblicklich ein.
+
+Jetzt träumte es dem Wiseli, es sehe einen schönen, weißen Weg vor sich,
+ganz trocken und hell von der Sonne beschienen, der ging zwischen lauter
+roten Nelken und Rosen durch, und war so lockend anzusehn, daß man
+gleich hätte darauf hüpfen und springen mögen. Und neben dem Wiseli
+stand seine Mutter und hielt es liebevoll bei der Hand, wie immer, und
+dabei zeigte sie auf den Weg hin und sagte: »Sieh, Wiseli, das ist dein
+Weg! Habe ich nicht zu dir gesagt:
+
+ 'Er wird auch Wege finden,
+ Da dein Fuß gehen kann'?«
+
+Und das Wiseli war sehr glücklich in seinem Traume, und auf seinem
+Bündelchen schlief es so gut, als läge es in einem weichen Bette.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+Wie es weiter geht und Sommer wird.
+
+
+Als die alte Trine mit dem Bericht auf die Halde zurückkam, daß Wiselis
+Mutter gestorben und das Kind soeben von seinem Vetter-Götti geholt
+worden sei, entstand ein großer Aufruhr im Hause. Die Mutter konnte sich
+des Klagens und Jammerns nicht erwehren darüber, daß sie den Besuch bei
+der Kranken nicht mehr gemacht hatte, den sie zu machen sich schon seit
+einigen Tagen bestimmt vorgenommen; aber sie hatte keine Ahnung gehabt,
+daß das Ende der armen Frau so nahe sein konnte; sie war sehr betrübt
+und ergriffen.
+
+Derweilen lief Otto mit ungeheuren Schritten der Aufregung das Zimmer
+auf und nieder und rief zornentbrannt einmal ums andere aus: »Es ist
+eine Ungerechtigkeit! Es ist eine Ungerechtigkeit! Aber wenn er ihm
+etwas zuleide tut, dann kann er nachher nur seine Rippen zählen, wie
+manche davon noch ganz ist!«
+
+»Wen meinst du denn eigentlich, Otto, von wem sprichst du?« unterbrach
+die Mutter den eifernden Sohn.
+
+»Vom Chäppi«, erwiderte er; »was kann er dem Wiseli alles tun, wenn es
+mit ihm zusammenwohnen muß! Das ist eine Ungerechtigkeit! Aber er soll
+es nur probieren --.« Hier wurde Otto wieder unterbrochen, indem ein
+wiederholtes, heftiges Stampfen seine Stimme übertönte.
+
+»Was machst du für ein hirnerschütterndes Gerumpel, du Miez hinter dem
+Ofen!« rief er aus, indem er seine Aufregung nun nach dieser Seite
+wandte. Miezchen kam hinter dem Ofen hervor und stampfte noch einmal mit
+großer Gewalt auf den Boden, denn es war bemüht, seine Füße wieder in
+die völlig nassen Stiefel hineinzuzwingen, welche ihm die alte Trine vor
+kurzer Zeit mit der größten Mühe ausgezogen hatte. Die Arbeit war sehr
+schwierig, und feuerrot von Anstrengung keuchte Miezchen hervor: »Du
+kannst sehen, daß ich so tun muß; kein Mensch kann in diese Stiefel
+hineinkommen ohne Stampfen.«
+
+»Und warum müssen denn die Stiefel wieder an die Füße, da ich sie gerade
+eben weggenommen habe, damit sie nicht mehr dran seien? möchte ich
+wissen«, sagte die Trine, die noch im Zimmer stand.
+
+»Ich gehe nach dem Buchenraine und hole auf der Stelle das Wiseli zu
+uns, es kann mein Bett haben«, erklärte das Miezchen entschlossen.
+Ebenso entschlossen kam jetzt die alte Trine auf das Miezchen
+zugeschritten, hob es in die Höhe, setzte es fest auf einen Stuhl und
+zog mit einem Ruck den halb angezwängten Stiefel wieder weg, fand aber
+doch für gut, das zappelnde Kind zu beschwichtigen, indem sie zustimmend
+sagte: »Schon recht! Schon recht! Aber ich will's schon für dich
+besorgen, du brauchst nicht zwei Paar Strümpfe und zwei Paar Schuhe
+dafür durchzumachen. Dein Bett kannst du schon geben, du kannst dann nur
+in die Rumpelkammer hinaufziehen zum Schlafen, da ist Platz genug.« Aber
+das Miezchen hatte ganz andere Gedanken. Es hatte aufgefunden, daß es
+sich plötzlich von einem großen und täglich wiederkehrenden Ungemach
+befreien könne, und hatte fest im Sinne, es zu tun. Jeden Abend nämlich,
+gerade wenn Miezchen im besten Zuge der Unterhaltung war, erscholl auf
+einmal der Befehl, aufzupacken und ins Bett zu gehen. Hierauf erfolgten
+jedesmal große innere, häufig auch äußere Kämpfe, die waren peinlich und
+dazu noch nutzlos. Wenn es nun sein Bett an das Wiseli verschenkt hatte,
+so war mit einem Male allem abgeholfen, denn da war keins mehr
+vorhanden, und Miezchen konnte für immer aufbleiben. Diese Aussicht
+beglückte das Miezchen so sehr, daß alle seine Gedanken darauf
+gerichtet waren und es erst gar nicht bemerkte, wie die schlaue Trine
+nur darauf bedacht war, ohne Kampf der nassen Stiefel habhaft zu werden,
+ihr aber gar nicht einfiel, das Wiseli zu holen. Als sie nun befriedigt
+mit ihren Stiefeln davonging und Miezchen die Täuschung entdeckte, fing
+es einen so mörderlichen Lärm an, daß Otto sich beide Ohren zuhalten und
+die Mutter ernstlich einschreiten mußte. Sie versprach dann dem
+Miezchen, die Sache mit dem Papa besprechen zu wollen, sobald er erst
+wieder zu Hause sein würde, denn er war an dem Morgen dieses Tages mit
+Onkel Max abgereist, um einen lange verabredeten Besuch bei einem alten
+Freund zu machen. So wurde denn endlich die Ruhe und der Friede im Hause
+wiederhergestellt. Erst nach vier Tagen kamen die Herren von ihrem
+Ausfluge zurück, und die Mutter hielt Wort: das erste, was sie mit dem
+Vater besprach noch am Abend seiner Ankunft, war Wiselis Verwaistsein
+und sein neues Unterkommen, und es wurde gleich beschlossen, der Vater
+sollte am folgenden Tag hingehen, um sich mit dem Herrn Pfarrer zu
+beraten, was etwa für Wiseli getan werden könnte. Dies wurde denn
+ausgeführt, und der Oberst brachte die Nachricht, daß am vergangenen
+Sonntag, zwei Tage vorher, der Gemeindevorstand die Sache schon geordnet
+hatte, wie sie nun bleiben würde. Wiseli sollte ein Unterkommen haben,
+und da seine Mutter nichts hinterlassen hatte, mußte die Gemeinde für
+das Kind sorgen, bis es selbst sein Brot verdienen konnte. Nun hatte der
+Vetter-Götti sich gleich angeboten, das Kind um ein weniges bei sich zu
+behalten, da er einen Akt der Wohltätigkeit an ihm auszuüben gedachte.
+Er war als ein rechtschaffener Mensch bekannt, und da seine Forderung so
+billig war, wurde ihm von dem Vorstand das Kind sehr bereitwillig
+zuerkannt, und so war es denn fest und unabänderlich, daß Wiselis neue
+Heimat das Haus des Vetter-Götti geworden war.
+
+»Es ist eigentlich gut so«, sagte der Oberst zu seiner Frau; »das Kind
+ist wohlversorgt da; was hätte man auch mit ihm machen wollen, es ist ja
+noch viel zu klein, um irgendwo angestellt zu werden, und alle
+elternlosen Kinder kannst du doch nicht ins Haus nehmen, du müßtest denn
+ein Waisenhaus gründen.« Seine Frau war ein wenig bestürzt über die
+Nachricht, daß schon alles festgesetzt sei; sie hatte gehofft, es würde
+sich noch ein anderes Unterkommen für das Kind finden, denn das zarte
+Wiseli in dem Hause zu wissen, wo es viel Roheit hören und fühlen mußte,
+tat ihr sehr leid; doch hätte auch sie keinen bestimmten Rat gewußt, und
+nun war auch weiter nichts mehr zu tun, als die Sache anzunehmen und
+sich etwa nach dem Kinde umzusehen. Als am Morgen darauf Otto und
+Miezchen hörten, wie es mit Wiseli stehe, da brach freilich noch einmal
+ein Sturm los; Otto erklärte Wiselis Versorgung für die Versorgung eines
+Daniel in der Löwengrube und probierte dabei seine Faust auf dem Tisch,
+offenbar mit dem heimlichen Wunsch, sie so auf Chäppis Rücken wirken zu
+lassen. Das Miezchen lärmte und heulte ein wenig, teils aus Mitleid für
+Wiseli, teils aus Teilnahme für sich selbst und seine vereitelten
+Hoffnungen auf ein glückliches Entrinnen aus der täglichen Betthaft.
+Aber auch diese Aufregung ging vorüber wie jede andere, und die Tage
+gingen wieder ihren gewohnten Gang.
+
+Unterdessen hatte Wiseli nach und nach sich ein wenig eingelebt in dem
+Hause des Vetter-Götti. Sein Bett war angekommen, es schlief nicht mehr
+auf der Ofenbank, sondern, wie der Vetter gesagt hatte, in einem
+Verschlag in dem schmalen Gang zwischen der Kammer des Vetters und der
+Base und derjenigen der Buben. In dem Verschlag hatte gerade sein Bett
+Platz und eine kleine Kiste, worin seine Kleider lagen und auf welche es
+steigen mußte, um in sein Bett zu kommen, denn da war sonst gar kein
+Raum mehr. Sich zu waschen am Morgen, mußte es an den Brunnen gehen, und
+wenn es etwa gar kalt war, so sagte die Base, das könne es bleiben
+lassen und sich dann an einem anderen Tag waschen, wenn es wärmer sei.
+Aber daran war Wiseli nicht gewöhnt; seine Mutter hatte es gelehrt, sich
+recht sauber zu halten, und Wiseli wollte lieber frieren, als so
+aussehen, wie es die Mutter ungern sehen würde. Freilich daheim war es
+anders gewesen, wenn es am Morgen bei der Mutter in der Stube sich hatte
+fertig machen können, und sie dabei immer so freundliche Worte zu ihm
+geredet hatte und dann den Kaffee auf den Tisch stellte und sie beide
+nebeneinander saßen, und es fröhlich seine Brocken aß, ehe es zur Schule
+mußte. Das war jetzt ganz anders, und alles war so anders, sein ganzes
+Leben vom Morgen bis am Abend so anders, daß oft, oft beim Erinnern an
+die Mutter und an die Tage, die es bei ihr gehabt, dem Wiseli das Wasser
+in die Augen schoß, und es ihm so das Herz zusammenschnürte, daß es
+meinte, es könne nicht mehr weiter. Aber es wehrte sich tapfer, denn der
+Vetter-Götti hatte es ungern, wenn es weinte oder traurig war, und die
+Base schmälte dann mehr als je, sie konnte es gar nicht leiden. Am
+liebsten war Wiseli der Augenblick, da es von allen weg allein in seinen
+Verschlag steigen und so recht an die Mutter denken und sein Lied sagen
+konnte. Da kam ein großer Trost in sein Herz. Es dachte dann an seinen
+schönen Traum und war ganz sicher, daß der liebe Gott ihm einen Weg
+suche, so wie ihn die Mutter gezeigt hatte. Wenn ihm dann auch etwa in
+den Sinn kam, wie viele Menschen es auf der Welt gibt, für die der liebe
+Gott zu sorgen und Wege bereit zu machen hat, und ihm dann etwa der
+Zweifel aufstieg, ob er es vielleicht vergesse über all' den vielen,
+dann kam ihm gleich der gute Trost ins Herz, daß ja die Mutter droben im
+Himmel sei und gewiß den lieben Gott daran erinnere, daß er auch seinen
+Weg nicht vergesse. Das machte das Wiseli dann ganz zuversichtlich und
+froh, und es wurde nie mehr so unglücklich, wie am ersten Abend auf der
+Ofenbank, sondern jeden Abend schlief es mit der ganz frohen Zuversicht
+im Herzen ein:
+
+ »Er wird auch Wege finden,
+ Da dein Fuß gehen kann.«
+
+So verging der Winter und der sonnige Frühling kam. Die Bäume wurden
+grün und alle Wiesen standen voller Schlüsselblumen und weißer Anemonen,
+und im Wald rief lustig der Kuckuck, und schöne, warme Lüfte zogen durch
+das Land und machten alle Herzen fröhlich, so daß jeder wieder gern
+leben mochte.
+
+Auch Wiselis Herz erfreuten die Blumen und der Sonnenschein, wenn es am
+Morgen in die Schule ging und nachher wieder nach dem Buchenrain
+zurückkehrte. Sonst blieb ihm keine Zeit, sich daran zu erfreuen, denn
+es mußte nun streng arbeiten: jeder Augenblick, der neben der Schule
+übrig blieb, mußte zu irgendeiner Arbeit benutzt werden, und manchen
+halben Tag der Woche mußte es daheim bleiben und durfte gar nicht zur
+Schule gehen, weil da viel Nötigeres zu tun war, wie der Vetter-Götti
+und hauptsächlich die Base sagten. Die Frühlingsarbeiten hatten im Felde
+begonnen und im Garten war allerhand zu tun, da mußte es mithelfen, und
+wenn die Base draußen war, mußte es kochen und nachher das Geschirr
+abwaschen, den Trog für die Schweinchen zurecht machen und in die
+Scheune hinübertragen. Neben alledem mußten die Hemden und Hosen der
+Buben geflickt werden, und noch so vieles war zu tun, daß Wiseli nie
+wußte, wenn es fertig war. Den ganzen Tag durch hieß es an allen Ecken,
+wo es etwas zu tun gab: »Das kann das Kind machen, es hat ja sonst
+nichts zu tun«, so daß es dem Wiseli manchmal ganz schwindelig wurde,
+weil es gar nicht wußte, wo anfangen und wie fertig werden. Es wußte
+auch wohl, daß, wenn es damit anfing, daß es mit dem Kartoffelsamen nach
+dem Acker rannte, wo der Vetter schaufelte und danach rief, die Base
+sicher schmälen würde, daß es nicht zuvor in der Küche Feuer zum
+Abendessen gemacht hatte, wie sie befohlen, und machte sie zuvor das
+Feuer an, so zankte wieder der Chäppi, daß es nicht zuerst das Loch in
+seinem Wamsärmel hatte flicken können, er hatte es ihm ja schon lang
+gesagt, und jedes rief ihm zu: »Warum machst du denn das nicht, du hast
+ja sonst nichts zu tun!« So war Wiseli ganz froh, wenn es in die Schule
+gehen konnte, da hatte es doch eine Zeitlang Ruhe und wußte, was es tun
+mußte, und dazu war es auch der Ort, wo es noch freundliche Worte bekam,
+denn jedesmal, wenn die Zeit der Pause kam, oder beim Heraustreten aus
+der Schule, kam der Otto zu Wiseli heran und war freundlich mit ihm und
+brachte immer wieder eine Einladung von seiner Mutter, daß es etwa am
+Sonntagabend zu ihnen komme, sie wollten dann allerlei Spiele zusammen
+machen. Das konnte nun Wiseli nie ausführen, denn am Sonntag mußte es
+den Kaffee machen, und die Base erlaubte ihm nicht, fortzugehen an dem
+einzigen Tag, da es ihr etwas helfen könne, wie sie sagte. Aber es tat
+doch dem Wiseli sehr wohl, daß Otto es immer wieder einlud, und nur
+schon, daß er freundliche Worte zu ihm redete, es hörte deren sonst von
+niemand mehr. Noch einen Grund hatte Wiseli, warum es gern zur Schule
+ging; es mußte jedesmal an dem sauberen Gärtchen vom Schreiner Andres
+vorbei; da schaute es so gern hinein und paßte da an der niederen Hecke
+immer und immer wieder die Gelegenheit ab, den Schreiner Andres zu
+sehen, denn es hatte ihm ja noch etwas von der Mutter auszurichten, das
+hatte es gar nicht vergessen. Aber in das Haus hineinzugehen, dazu war
+Wiseli zu schüchtern, es kannte den Mann auch zu wenig, um einen solchen
+Schritt zu tun, auch hatte es eine eigene Art von Scheu vor ihm, weil er
+so still war und es nur immer, wo es ihn noch getroffen, ganz freundlich
+angesehen, aber fast nie etwas, oder nur so ein flüchtiges Wort zu ihm
+gesagt hatte. Noch hatte Wiseli nie den Schreiner Andres erblicken
+können, wie oft es auch an der Hecke stillgestanden und nach ihm
+ausgeschaut hatte.
+
+Mai und Juni waren vorbei und die langen Sommertage waren gekommen, da
+es auf dem Felde immer mehr Arbeit gibt und alle Arbeit so heiß macht.
+Das merkte auch das Wiseli, wenn es vom Vetter hinausgerufen wurde und
+mit einem großen schweren Rechen das Heu zusammenbringen mußte, oder mit
+der breiten hölzernen Gabel wieder auseinanderwerfen, daß es an der
+Sonne trockne. Oft mußte es so den ganzen Tag draußen helfen, und am
+Abend war es dann so müde, daß es seine Arme kaum mehr bewegen konnte.
+Das hätte es aber nicht geachtet, denn es dachte, das müsse so sein;
+aber wenn es dann etwa am Abend einen Augenblick still saß, dann rief
+ihm der Chäppi gleich zu: »Du wirst so gut Rechnungen zu machen haben,
+wie ich; du meinst, du müssest nichts tun, und in der Schule kannst du
+ja nie etwas.« Das tat dem Wiseli weh, denn es hätte gern recht fleißig
+alles gelernt und wäre gern regelmäßig zur Schule gegangen, damit es
+alles gut begreifen und erlernen könnte, wie viele andere, und es wußte
+recht wohl, daß es fast überall zurück war. Es mußte ja so oft
+unterbrechen und hatte dann gar keinen Zusammenhang, wußte auch gar
+nicht, was die Aufgaben für die Schule waren. Wenn es dann so ohne
+Arbeit kam und dazu ungeschickt antwortete und vieles gar nicht wußte,
+schämte es sich so sehr und besonders, wenn der Lehrer ihm dann so vor
+allen Kindern sagte: »Das hätte ich von dir nicht erwartet, Wiseli, du
+warst immer am geschicktesten.« Dann meinte es oft, es müsse in den
+Boden hineinkriechen vor Scham, und nachher weinte es auf dem ganzen
+Heimweg. Aber dem Chäppi durfte es nicht antworten, es wisse ja nicht,
+was machen, sonst schimpfte und lärmte er so lange, bis die Base
+hereinkam und auf Chäppis Anklagen hin dem Wiseli erst recht seine
+Nachlässigkeit vorwarf. Dann zerdrückte das Kind manchmal seine Tränen
+und erst nachher auf seinem Kissen durfte es ihnen den Lauf lassen, und
+sie kamen dann auch recht heiß und schwer, denn es war ihm so, als
+hätten der liebe Gott und die Mutter es ganz vergessen und kein Mensch
+auf der Welt kümmere sich um sein Leben. In seinem Kummer konnte es oft
+lange sein Trostlied nicht sagen; es kam aber zu keiner Ruhe und konnte
+nie einschlafen, bis es die Worte wieder recht zusammengefunden und sie
+mit Andacht hatte sagen können, wenn ihm auch die frohe Zuversicht nicht
+recht im Herzen aufgehen wollte. So war das Wiseli auch entschlafen an
+einem schönen Juliabend, und am Morgen darauf stand es zaghaft unten am
+Tisch, als die Buben sich zur Schule rüsteten; es wagte nicht, zu
+fragen, ob es auch gehen dürfe, denn die Base schien keine Zeit zu einer
+Antwort übrig zu haben und der Vetter war schon zur Tür hinausgegangen.
+
+Jetzt liefen die Buben davon. Wiseli schaute ihnen nach durch das offene
+Fenster, wo sie zwischen den hohen Wiesenblumen hinsprangen und über
+ihren Köpfen die weißen Schmetterlinge in der Morgensonne umherflogen.
+Die Base hatte eine große Wäsche vorbereitet, mußte es wohl diese Woche
+am Waschtrog zubringen? Richtig, sie rief schon nach ihm aus der Küche.
+Jetzt rief auch der Vetter-Götti seinen Namen; er stand am Brunnen und
+sah es am Fenster. »Mach, mach, Wiseli, es ist Zeit, die Buben sind ja
+weit voraus. Das Heu ist drinnen, mach, daß du in die Schule kommst!«
+
+Das ließ sich Wiseli nicht zweimal sagen. Wie ein Blitz erfaßte es
+seinen Schulsack und flog zur Tür hinaus.
+
+»Sag dem Lehrer«, rief der Vetter nach, »es gebe jetzt eine Zeitlang
+keine Absenzen, er soll's nicht so genau nehmen, wir haben streng mit
+dem Heu zu tun gehabt.« Wiseli lief ganz glücklich davon; so mußte es
+denn nicht an den Waschtrog hin, es durfte die ganze Woche in die Schule
+gehen. Wie war es so schön ringsum! Von allen Bäumen pfiffen die Vögel,
+und das Gras duftete, und in der Sonne leuchteten die roten Margeritli
+und die gelben Glisserli. Wiseli konnte nicht stille stehen, es war
+keine Zeit dazu, aber es fühlte wohl, wie schön es war, und lief voller
+Freuden mittendurch.
+
+An demselben Abend, als eben alle Kinder aus der dumpfen Schulstube in
+den sonnigen Abendschein hinausstürmen wollten, rief der Lehrer
+ernsthaften Angesichts in den Tumult hinein: »Wer hat die Woche?«
+
+»Der Otto, der Otto!« rief die ganze Schar und stürmte davon.
+
+»Otto«, sagte der Lehrer in ernstem Ton, »gestern ist hier nicht
+aufgeräumt worden. Einmal will ich dir verzeihen; aber laß mich dies
+nicht zum zweiten Male erfahren, sonst müßte die Strafe folgen.«
+
+Otto schaute einen Augenblick auf all' die Nußschalen und Papierfetzen
+und Apfelschnitze, die am Boden herumlagen und sollten aufgelesen sein;
+dann wandte er eilends den Kopf weg und lief ebenfalls zur Tür hinaus,
+denn der Lehrer war auch schon durch seine Tür verschwunden. Draußen
+stand Otto auf dem sonnigen Platz still und schaute in den goldenen
+Abend hinaus und dachte: »Jetzt könnte ich heimgehen, und dann kriegte
+ich die Kappe voll Kirschen, und dann könnte ich auf dem Braunen ins
+Feld hinausreiten, wenn der Knecht das Heu holt, und nun soll ich
+drinnen auf dem Boden Papierfetzen zusammenlesen?« -- und Otto wurde
+durch seine Gedanken so aufgeregt, daß er ganz grimmig vor sich hin
+sagte: »Ich wollte, es käme gerade jetzt der jüngste Tag, und das
+Schulhaus und alles miteinander flöge in tausend Stücken in die Luft
+hinauf!« Es blieb aber ringsum still und ruhig und von dem alles
+beendenden Erdbeben waren keine Anzeichen da. Da kehrte sich endlich
+Otto wieder der Schultür zu mit einem furchtbaren Grimm auf seinem
+Gesicht, denn er wußte ja, in den sauren Apfel mußte nun gebissen
+werden, oder morgen folgte die erniedrigende Strafe des Festsitzens, die
+wollte er nicht an sich kommen lassen. Er trat ein, aber beim ersten
+Schritt blieb er verwundert stehen: völlig aufgeräumt lag die Schulstube
+vor ihm, kein Fetzchen und kein Stäubchen nirgends mehr zu sehen; die
+Fenster standen offen und lieblich strömte die Abendluft in die geputzte
+Stube hinein. In dem Augenblick trat der Lehrer aus seiner Stube und
+schaute verwundert um sich und auf den starrenden Otto. Dann ging er zu
+diesem hin und sagte ermunternd: »Du darfst wirklich dein Werk
+anstaunen, das hätte ich dir nicht zugetraut. Du bist ein guter Schüler,
+aber im Aufräumen hast du heute alle übertroffen, was sonst bei dir
+nicht der Fall war.« Damit ging der Lehrer fort, und als sich Otto noch
+mit einem letzten Blick überzeugt hatte, daß er die Wirklichkeit vor
+sich sah, sprang er vor Freuden in zwei Sätzen die Treppe hinunter und
+über den Platz weg, stürmte die Halde hinauf, und erst als er der Mutter
+das wunderbare Ereignis mitteilte, fing er an zu denken, wie es sich
+wohl so begeben hatte.
+
+»Aus Versehen wird wohl keiner für dich aufgeräumt haben«, sagte die
+Mutter; »hast du etwa einen guten Freund, der sich so edelmütig für dich
+aufopfert? Denk doch einmal nach, wie es sein könnte.«
+
+»Ich weiß es«, sagte Miezchen entschieden, das eifrig zugehört hatte.
+
+»Ja, wer denn?« rief Otto, teils neugierig, teils ungläubig.
+
+»Der Mauserhans«, erklärte Miezchen mit voller Überzeugung, »weil du ihm
+einen Apfel gegeben hast vor einem Jahr.«
+
+»Ja, oder der Wilhelm Tell, weil ich ihm den seinigen nicht genommen
+habe vor ein paar Jahren. Das wäre wohl ebenso wahrscheinlich, du Wunder
+von einem Miez.« Damit rannte Otto davon, denn jetzt war's die höchste
+Zeit, wollte er den Ritt ins Heu nicht verlieren.
+
+Unterdessen sprang das Wiseli mit vergnügtem Herzen den Berg hinunter,
+vorbei an des Schreiners Andres Gärtchen, und tat noch ein paar Sprünge,
+dann machte es aber plötzlich Kehrum und tat die letzten Sprünge wieder
+zurück, denn es hatte im Vorbeilaufen so schöne, rote Nelken offen
+gesehen in dem Garten, die mußte es noch einmal ansehen, wenn es schon
+ein wenig spät war; es dachte: »Den Buben komme ich doch nach, die
+machen erst auf allen Wegen noch Kugelschieben.« Die Nelken leuchteten
+in der Abendsonne so schön und dufteten so herrlich über die niedere
+Hecke herüber dem Wiseli zu, daß es fast nicht mehr von der Stelle fort
+konnte, so wohl gefiel es ihm da. Da trat auf einmal der Schreiner
+Andres aus seiner Tür heraus in das Gärtchen und kam gerade auf das
+Wiseli zu. Er bot ihm die Hand über die Hecke und sagte ganz freundlich:
+»Willst du eine Nelke, Wiseli?«
+
+»Ja, gern«, antwortete es, »und dann sollte ich Euch auch noch etwas
+ausrichten von der Mutter.«
+
+»Von der Mutter?« fragte der Schreiner Andres im höchsten Erstaunen und
+ließ die Nelken aus der Hand fallen, die er eben abgebrochen hatte.
+Wiseli sprang um die Hecke herum und las sie auf; dann sah es zu dem
+Manne auf, der ganz still dastand, und sagte: »Ja, noch zuallerletzt,
+als die Mutter sonst nichts mehr mochte, hat sie von dem schönen Saft
+getrunken, den Ihr in die Küche gestellt hattet, und er hat ihr so
+wohlgetan, und dann hatte sie mir aufgetragen, ich soll Euch sagen, sie
+danke Euch vielmal dafür und auch noch für alles Gute, und sie sagte
+noch: 'Er hat es gut mit mir gemeint.'« Jetzt sah Wiseli, wie dem
+Schreiner Andres große Tränen über die Wangen hinunterliefen; er wollte
+etwas sagen, aber es kam nichts heraus. Dann drückte er dem Wiseli stark
+die Hand, kehrte sich um und ging ins Haus hinein.
+
+Das Wiseli stand ganz verwundert da. Kein Mensch hatte um seine Mutter
+geweint, und es selbst hatte nur weinen dürfen, wenn es niemand sah,
+denn der Vetter wollte ja kein Geschrei, hatte er gesagt, und vor der
+Base durfte es noch weniger weinen. Und nun war auf einmal jemand da,
+dem kamen die Tränen, weil es etwas von der Mutter gesagt hatte. Dem
+Wiseli wurde es so zumut', als wäre der Schreiner Andres sein liebster
+Freund auf der Welt, und es faßte eine große Liebe zu ihm. Jetzt rannte
+es mit seinen Nelken davon und war wie der Blitz am Buchenrain
+angelangt, und das war gut, denn eben sah es, wie die beiden Buben dem
+Haus zuliefen, und es durfte um alles nicht nach ihnen daheim ankommen.
+
+An diesem Abend betete Wiseli mit so frohem Herzen, daß es gar nicht
+begriff, wie es gestern so verzagt hatte sein können und gar keine
+Zuversicht und Freude gehabt hatte, sein Lied zu sagen. Der liebe Gott
+hatte es gewiß nicht vergessen, das wollte es nicht mehr denken, heute
+hatte er ihm ja so viel Freude geschickt, und beim Einschlafen sah
+Wiseli noch das gute Gesicht des Schreiners Andres vor sich mit den
+Tränen drin.
+
+Am folgenden Tage, es war nun Mittwoch, erlebte Otto vollständig
+dieselbe überraschende Tatsache, wie am Tage vorher, denn er hatte sich
+nicht enthalten können, mit den anderen aus der Schulstube
+hinauszurennen im ersten Augenblick der Befreiung und noch diesen und
+jenen Sprung zu tun. Als er dann mit gedrücktem Gemüte an seine Arbeit
+gehen wollte und die Tür aufmachte -- siehe, da war schon alles getan und
+die Stube in bester Ordnung. Nun fing aber die Sache an, seine Neugierde
+zu stacheln; auch hatte er einen so lebendigen Dank im Herzen für den
+unbekannten Wohltäter, daß es ihn drängte, den auszusprechen. Am
+Donnerstag wollte er aufpassen, wie die Sache zugehe. Als nun die
+Schulstunden zu Ende waren und alles forteilte, stand Otto einen
+Augenblick nachdenklich an seinem Platz, er wußte nicht recht, wo er am
+besten dem Wohltäter aufpassen konnte. Aber mit einem Male faßte ihn
+eine Schar rüstiger Kerle, seine Klassengenossen, an allen Ecken an, und
+die Stimmen riefen durcheinander: »Komm heraus! Heraus mit dir! Wir
+machen Räuber, du bist der Anführer.« Otto wehrte sich ein wenig. »Ich
+habe ja die Woche«, rief er. »Ach was«, scholl es zurück, »wegen einer
+Viertelstunde. Komm!« Otto ließ sich fortreißen, in der Stille verließ
+er sich schon ein wenig auf seinen unbekannten Freund, der ihn vor der
+Strafe schützen würde; er fand es unbeschreiblich angenehm, ein solche
+Fürsorge im Rücken zu haben. Aus der Viertelstunde wurde auch mehr als
+eine Stunde, und Otto wäre verloren gewesen. Er keuchte nach der
+Schulstube, um sein Schicksal zu vernehmen, und stieß dabei die Tür mit
+solchem Gepolter auf, daß der Lehrer augenblicklich aus seiner Stube ins
+Lehrzimmer heraustrat. »Was hast du gewollt, Otto?« fragte der Lehrer.
+»Nur noch einmal nachsehen«, stotterte Otto, »ob auch sicher alles in
+Ordnung sei.«
+
+»Musterhaft«, bemerkte der Lehrer. »Dein Eifer ist löblich, aber die
+Türen halb einzuschlagen dabei ist nicht notwendig.« Otto ging sehr
+wohlgemut von dannen. Am Freitag war er entschlossen, den Fleck nicht zu
+räumen, bis er im klaren war, denn da kam für ihn nur noch der
+Samstagmorgen; da gab es freilich immer noch eine Haupträumerei. »Otto«,
+rief der Lehrer, als am Freitag die Glocke vier Uhr schlug, »trag mir
+schnell das Zettelchen zum Herrn Pfarrer, er gibt dir Schriften zurück;
+in fünf Minuten bist du wieder da zum Aufräumen.« Das war Otto nicht
+ganz recht, aber er mußte gehen, auch konnte er ja gleich wieder da
+sein. In wenig Sprüngen war er im Pfarrhaus. Der Herr Pfarrer hatte noch
+jemandem Bescheid zu geben; die Frau Pfarrerin rief Otto in den Garten
+hinaus, er mußte ihr berichten, wie es der Mama gehe und dem Papa und
+dem Miezchen und dem Onkel Max und den Verwandten in Deutschland, und
+dann kam der Herr Pfarrer, und Otto mußte erklären, wie er zu der
+Kommission gekommen war, und was ihm der Lehrer sonst noch aufgetragen
+habe. Endlich hatte dann Otto seine Papiere erhalten und pfeilschnell
+war er drüben, riß die Tür der Schulstube auf: -- alles in Ordnung, alles
+still, kein menschliches Wesen zu sehen.
+
+»Nun habe ich mich die ganze Woche nicht ein einziges Mal nach den
+grausigen Fetzen bücken müssen«, dachte Otto befriedigt; »aber wer hat
+das Schauerliche nur tun können, ohne daß er mußte?« Das wollte er nun
+um jeden Preis wissen.
+
+Am Samstag waren die Schulstunden um elf Uhr zu Ende. Otto ließ alle
+Kinder hinausgehen, und wie nun die Schulstube leer war, da ging er vor
+die Tür hinaus, schloß sie zu und lehnte sich mit dem Rücken daran; so
+mußte er doch gewiß sehen, ob da jemand hineingehen wolle, denn damit
+wollte er lieber beginnen, als mit der schweren Arbeit. Er stand und
+stand -- es kam niemand. Er hörte die Uhr halb zwölf schlagen -- es kam
+niemand. Auf den Nachmittag stand aber ein Ausflug bevor, es sollte früh
+Mittag gemacht werden heut', er sollte so schnell wie möglich zu Hause
+sein. Er mußte also hinein an die Arbeit, es grauste ihm. Er machte die
+Tür auf -- da -- Otto starrte noch mehr als das erste Mal -- wahrhaftig es
+war so, es war alles getan, schöner als je. Dem Otto wurde es ganz
+eigentümlich zumut', es schwebte ihm etwas wie eine Geistergeschichte
+vor. Ganz leise, wie nie sonst, schlich er zur Tür hinaus. Gerade in
+diesem Augenblick kam ebenso leise etwas aus des Lehrers Küche
+herausgeschlichen, und auf einmal stand das Wiseli ganz nahe vor ihm;
+beide fuhren zusammen vor Schrecken, und das Wiseli wurde über und über
+rot, so, als hätte es der Otto auf einem Unrecht erwischt. Jetzt ging
+diesem ein Licht auf.
+
+»Sicher hast du das für mich gemacht die ganze Woche lang, Wiseli«, rief
+er aus; »das tut doch gewiß sonst kein Mensch, wenn er nicht muß.«
+
+»Es hat mich aber so gefreut, es zu tun, wie du gar nicht glaubst«, gab
+Wiseli zur Antwort.
+
+»Nein, nein, das mußt du nicht sagen, Wiseli; so etwas zu tun, kann
+keinen Menschen auf der Welt freuen«, sagte Otto überzeugt.
+
+»Doch gewiß, gewiß«, versicherte Wiseli, »ich habe die ganze Zeit lang
+mich immer auf den Abend gefreut, wenn ich es wieder tun durfte, und
+während ich aufräumte, habe ich mich erst recht immerzu gefreut, weil
+ich immer gedacht habe: jetzt kommt der Otto und findet alles fertig
+und ist froh.«
+
+»Aber wie kam es dir denn in den Sinn, daß du das für mich tun
+wolltest?« fragte Otto noch immer verwundert.
+
+»Ich wußte schon, daß du es nicht gern tust, und ich habe schon immer
+gedacht, wenn ich nur auch einmal dem Otto etwas geben könnte, wie du
+mir den Schlitten, weißt noch? Aber ich hatte gar nie etwas.«
+
+»Das ist viel mehr wert, als einen Schlitten leihen, was du für mich
+jetzt getan hast; das will ich dir auch nicht vergessen, Wiseli«, und
+Otto gab ihm ganz gerührt die Hand. Wiselis Augen leuchteten vor Freude
+wie lange nicht mehr. Aber nun wollte Otto noch wissen, wie es denn
+wieder in die Stube hineingekommen sei, da er doch gewartet hatte, bis
+alle Kinder draußen waren.
+
+»O ich bin gar nicht hinausgegangen«, sagte Wiseli; »ich verbarg mich
+schnell hinter dem Kasten, ich dachte, du gehest schon noch ein wenig
+hinaus, wie jeden Tag vorher.«
+
+»Aber wie konntest du immer hinaus, ohne daß ich dich sah?« wollte Otto
+noch wissen.
+
+»Wenn du am Herumlaufen warst mit den anderen, konnte ich schon hinaus,
+ich horchte schon auf, und gestern und heute, wie ich nicht sicher war,
+ging ich durch des Lehrers Stube und fragte die Frau Lehrerin, ob sie
+etwas zu verrichten habe, sie gibt mir manchmal einen Auftrag
+auszurichten, und dann ging ich durch die Küche fort; gestern war ich
+gerade hinter der Küchentür, als du in die Schulstube hineinranntest.«
+
+Jetzt wußte Otto die ganze Geistergeschichte. Er bot dem Wiseli noch
+einmal die Hand. »Danke, Wiseli«, sagte er herzlich; und dann lief eins
+da hinaus, das andere dort hinaus, und beiden war es ganz wohl zumute.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+Das Alte und auch etwas Neues.
+
+
+Der Sommer war vergangen und auch die schönen Herbsttage waren wohl zu
+Ende. Es wurde kühl und nebelig am Abend, und in den feuchten Wiesen
+fraßen die Kühe das letzte Gras ab, und hier und da flackerten auf den
+Wiesen kleine Feuer auf, denn die Hirtenbuben brieten Kartoffeln da und
+wärmten sich die Hände.
+
+An einem solchen nebelgrauen Abend kam Otto aus der Schule heimgerannt
+und erklärte seiner Mutter, er müsse nachsehen, was das Wiseli mache,
+denn seit den Herbstferien war es noch gar nie in die Schule gekommen,
+wohl acht Tage lang nicht. Otto steckte seine Vesperäpfel zu sich und
+eilte fort. Am Buchenrain angekommen, sah er den Rudi vor der Haustür am
+Boden sitzen und von einem Haufen Birnen, die neben ihm lagen, eine nach
+der anderen zerbeißen.
+
+»Wo ist das Wiseli?« fragte Otto.
+
+»Draußen«, war die Antwort.
+
+»Wo draußen?«
+
+»Auf der Wiese.«
+
+»Auf welcher Wiese?«
+
+»Ich weiß nicht«, und Rudi knackte weiter an seinen Birnen.
+
+»Du stirbst einmal nicht am Gescheitsein«, bemerkte Otto und ging aufs
+Geratewohl die große Wiese hin, die sich vom Haus bis gegen den Wald
+hinaufzog. Jetzt entdeckte er drei schwarze Punkte unter einem Birnbaum
+und ging darauf zu. Richtig, da bückte sich Wiseli, um die Birnen
+zusammenzulesen, dort saß der Chäppi rittlings auf seinem Birnenkratten,
+und zuhinterst lag der Hans rücklings über den vollen Korb hin und
+schaukelte sich so darauf, daß der Korb jeden Augenblick umzustürzen
+drohte. Chäppi sah ihm zu und lachte bei jedem Rucke.
+
+Als Wiseli den Otto herankommen sah, kam ein ganzer Sonnenschein auf
+sein Gesicht. »Guten Abend, Wiseli«, rief er von weitem, »warum bist du
+so lange nicht in die Schule gekommen?« Wiseli streckte ganz erfreut dem
+Otto die Hand entgegen. »Wir haben so viel zu tun, darum durfte ich
+nicht kommen«, sagte es; »sieh nur, wieviel Birnen es gibt! Ich muß vom
+Morgen bis zum Abend auflesen, soviel ich nur kann.«
+
+»Du hast ja ganz nasse Schuhe und Strümpfe«, bemerkte Otto; »bah, hier
+ist's nicht gemütlich, frierst du nicht, wenn du so naß bist?«
+
+»Es schaudert mich nur manchmal ein wenig, sonst ist es mir eher heiß
+vom Auflesen.« In diesem Augenblick gab der Hans seinem Korb einen
+solchen Ruck, daß alles übereinander auf den Boden hinrollte; der Hans,
+der Korb und alle Birnen, die fuhren nach allen Richtungen hin.
+
+»Oh, oh!« sagte Wiseli kläglich, »nun muß man die alle wieder
+zusammenlesen.«
+
+»Und die auch«, rief Chäppi und lachte heraus, als die Birne, die er
+geworfen hatte, dem Wiseli an die Schläfe fuhr, daß es ganz bleich wurde
+und ihm vor Schmerz das Wasser in die Augen kam. Kaum hatte Otto das
+gesehen, als er auf den Chäppi losfuhr, ihn samt seinem Kratten umwarf
+und ihn fest im Genick packte. »Hör auf, ich muß ersticken«, gurgelte
+der Chäppi; jetzt lachte er nicht mehr. -- »Ich will machen, daß du daran
+denkst, daß du es mit mir zu tun hast, wenn du so mit dem Wiseli
+verfährst«, rief Otto zornglühend. »Hast du genug? Willst du daran
+denken?« -- »Ja, ja, laß nur los!« bat Chäppi, mürbe gemacht. Nun ließ
+Otto los. »Jetzt hast du's gespürt«, sagte er; »wenn du dem Wiseli noch
+einmal etwas zuleide tust, so packe ich dich so, daß du noch einen
+Schrecken hast davon, wenn du siebzig Jahr alt bist. Leb wohl, Wiseli.«
+Damit kehrte sich Otto um und ging mit seinem Zorn nach Hause.
+
+Hier suchte er gleich seine Mutter auf und schüttete seine ganze
+Empörung vor ihr aus, daß das Wiseli eine solche Behandlung erdulden
+müsse. Er war auch ganz entschlossen, auf der Stelle zum Herrn Pfarrer
+zu gehen und den Vetter-Götti und seine ganze Familie anzuklagen, daß
+man ihnen das Wiseli entreiße. Die Mutter hörte ruhig zu, bis Otto sich
+ein wenig abgekühlt hatte, dann sagte sie:
+
+»Sieh, lieber Junge, das würde gar nichts nützen, das Kind würde man dem
+Vetter-Götti nicht wegnehmen, nur ihn reizen, wenn er so etwas hörte. Er
+meint es selbst nicht böse mit dem Kinde, und es ist kein genügender
+Grund da, ihm Wiseli ganz wegzunehmen. Ich weiß wohl, daß das arme Kind
+jetzt ein hartes Brot ißt, ich habe es auch gar nicht vergessen, ich
+schaue immer danach aus, ob mir der liebe Gott nicht einen Weg auftue,
+da dem Kinde in einer gründlichen Weise könnte geholfen werden; die
+Sache liegt mir auch am Herzen, das kannst du glauben, Otto. Wenn du
+unterdessen das Wiseli schützen und den rohen Chäppi ein wenig zähmen
+kannst, ohne selbst dabei roh zu werden, so bin ich ganz damit
+einverstanden.«
+
+Otto beruhigte sich am besten im Gedanken, daß die Mutter doch auch
+immerfort nach einem anderen Wege für das Wiseli ausschaute. Er selber
+dachte alle möglichen Rettungswege aus, aber alle führten in die Luft
+hinauf und hatten keinen Boden, und er sah ein, daß das Wiseli da nicht
+darauf wandeln konnte, und als er dann zu Weihnachten seine Wünsche
+aufschreiben durfte, da schrieb er ganz desperat mit ungeheuren
+Buchstaben, so als müßte man sie vom Himmel herunter lesen können, auf
+sein Papier: »Ich wünsche, daß das Christkind das Wiseli befreie.«
+
+Nun war der kalte Januar wieder da und der Schlittweg war so prächtig
+glatt und fest, daß die Kinder gar nicht genug bekommen konnten, die
+herrliche Bahn zu benutzen. Es kam auch eben eine helle Mondnacht nach
+der anderen, und Otto hatte auf einmal den Einfall, am allerschönsten
+müßte das Schlittenfahren im Mondschein sein, die ganze Gesellschaft
+sollte sich am Abend um sieben Uhr zusammenfinden und die
+Mondscheinfahrten ausführen, denn es war der Tag des Vollmonds, da mußte
+es prächtig werden. Mit Jubel wurde der Vorschlag angenommen und die
+Schlittbahngenossen trennten sich gegen fünf Uhr wie gewöhnlich, da die
+Nacht einbrach, um sich um sieben Uhr wieder zusammenzufinden. Weniger
+Anklang fand der Vorschlag bei Ottos Mutter, als er ihr mitgeteilt
+wurde, und sie wurde gar nicht von der Begeisterung hingerissen, mit
+welcher die Kinder beide auf einmal und in den lautesten Tönen ihr das
+Wundervolle dieser Unternehmung schilderten. Sie stellte ihnen die
+Kälte des späten Abends vor, die Unsicherheit der Fahrten bei dem
+ungewissen Licht und alle Gefahren, die besonders das Miezchen bedrohen
+könnten. Aber die Einwendungen entflammten immer mehr den brennenden
+Wunsch, und Miezchen flehte, als hinge seine einzige Lebensfreude an
+dieser Schlittenfahrt; Otto versprach auch hoch und teuer, er würde dem
+Miezchen nichts geschehen lassen, sondern immer in seiner nächsten Nähe
+bleiben. Endlich willigte die Mutter ein. Mit großem Jubel und
+wohlverpackt zogen die Kinder ein paar Stunden nachher in die helle
+Nacht hinaus. Es ging alles ganz nach Wunsch, die Schlittbahn war
+unvergleichlich, und das Geheimnisvolle der dunkeln Stellen, wo der
+Mondschein nicht hinfiel, erhöhte den Reiz der Unternehmung. Eine Menge
+Kinder hatte sich eingefunden, alle waren in der fröhlichsten Stimmung.
+Otto ließ sie alle vorausfahren, dann kam er und zuletzt mußte das
+Miezchen kommen, damit ihm keiner in den Rücken fahren konnte; so hatte
+es Otto eingerichtet, er konnte dabei auch immer von Zeit zu Zeit mit
+einem schnellen Blick gewahren, ob Miezchen richtig nachkomme. Als nun
+alles so herrlich vonstatten ging, fiel einem der Buben ein, nun müßte
+einmal der ganze Zug »anhängen«, nämlich ein Schlitten an den anderen
+gebunden werden und so herunterfahren, das müßte im Mondenschein ein
+ganz besonderes Juxstück abgeben. Unter großem Lärm und allgemeiner
+Zustimmung ging man gleich ans Werk. Für Miezchen fand Otto die Fahrt
+doch ein wenig gefährlich, denn manchmal gab es dabei einen großartigen
+Umsturz sämtlicher Schlitten und Menschen darauf; das konnte er für das
+kleine Wesen nicht riskieren. Er ließ seinen Schlitten zuletzt anbinden,
+der Miezchens aber wurde freigelassen. So fuhr es, wie immer, hinter
+dem Bruder her, nur konnte er jetzt nicht, wie sonst, seinen Schlitten
+langsamer fahren lassen, wenn Miezchen zurückblieb, denn er war in der
+Gewalt des Zuges. Jetzt ging es los, und herrlich und ohne Anstand glitt
+die lange, lange Kette die glatte Bahn hinunter.
+
+Mit einem Mal hörte Otto ein ganz furchtbares Geschrei, und er kannte
+die Stimme wohl, die es ausstieß, es war Miezchens Stimme. Was war da
+geschehen? Otto hatte keine Wahl, er mußte die Lustpartie zu Ende
+machen, wie groß auch sein Schrecken war. Aber kaum unten angelangt, riß
+er sein Schlittenseil los und rannte den Berg hinan; alle anderen hinter
+ihm drein, denn fast alle hatten das Geschrei vernommen und wollten auch
+sehen, was los war. An der halben Höhe des Berges stand das Miezchen
+neben seinem Schlitten und schrie aus allen seinen Kräften und weinte
+ganze Bäche dazu. Atemlos stürzte Otto nun herzu und rief: »Was hast du?
+Was hast du?«
+
+»Er hat mich -- er hat mich -- er hat mich«, schluchzte Miezchen und kam
+nicht weiter vor innerem Aufruhr.
+
+»Was hat er? Wer denn? Wo? Wer?« stürzte Otto heraus.
+
+»Der Mann dort, der Mann, er hat mich -- er hat mich totschlagen wollen
+und hat mir -- und hat mir -- furchtbare Worte nachgerufen.«
+
+So viel kam endlich heraus unter immer neuem Geschrei.
+
+»So sei doch nur still jetzt, hör' Miezchen, tu' doch nicht so, er hat
+dich ja doch nicht totgeschlagen; hat er dich denn wirklich geschlagen?«
+fragte Otto ganz zahm und teilnehmend, denn er hatte Angst.
+
+»Nein«, schluchzte Miezchen, neuerdings überwältigt; »aber er wollte,
+mit einem Stecken, -- so hat er ihn aufgestreckt und hat gesagt: 'Wart
+du!' Und ganz furchtbare Worte hat er mir nachgerufen.«
+
+»So hat er dir eigentlich gar nichts getan«, sagte Otto und atmete
+beruhigt auf.
+
+»Aber er hat ja -- er hat ja -- und ihr wart alle schon weit fort, und ich
+war ganz allein«, -- und vor Mitleid für seinen Zustand und nachwirkendem
+Schrecken brach Miezchen noch einmal in lautes Weinen aus.
+
+»Bscht! Bscht!« beschwichtigte Otto; »sei doch still jetzt, ich gehe nun
+nicht mehr von dir weg, und der Mann kommt nicht mehr, und wenn du nun
+gleich ganz still sein willst, so geb' ich dir den roten Zuckerhahn vom
+Christbaum, weißt du?«
+
+Das wirkte. Mit einem Male trocknete Miezchen seine Tränen weg und gab
+keinen Laut mehr von sich, denn den großen, roten Zuckerhahn vom
+Christbaum zu erlangen, war Miezchens allergrößter Wunsch gewesen, er
+war aber bei der Teilung auf Ottos Teil gefallen und Miezchen hatte den
+Verlust nie verschmerzen können. Wie nun alles im Geleise war und die
+Kinder den Berg hinanstiegen, wurde verhandelt, was es denn für ein Mann
+könne gewesen sein, der das Miezchen habe totschlagen wollen.
+
+»Ach was, totschlagen«, rief Otto dazwischen; »ich habe schon lange
+gemerkt, was es war, wir haben ja im Herunterfahren den großen Mann mit
+dem dicken Stock auch angetroffen, er mußte unseren Schlitten ausweichen
+in den Schnee hinein, das machte ihn böse, und wie er dann hintenan das
+Miezi allein antraf, hat er es ein wenig erschreckt und seinen Zorn an
+ihm ausgelassen.«
+
+Die Erklärung fand allgemeine Zustimmung, das war ja so natürlich, daß
+jedes meinte, es sei ihm selber so in den Sinn gekommen; so ward auch
+die Sache gleich völlig vergessen und lustig drauf los geschlittet.
+Endlich aber mußte auch dies Vergnügen ein Ende nehmen, denn es hatte
+längst acht Uhr geschlagen, die Zeit, da aufgebrochen werden sollte. Im
+Heimweg schärfte der Otto dem Miezchen ein, zu Hause nichts zu erzählen
+von dem Vorfall, sonst könnte die Mutter Angst bekommen, und dann
+dürften sie gar nie mehr im Mondschein schlitten gehen: den Zuckerhahn
+müsse es gleich haben, aber noch daraufhin versprechen, nichts zu
+erzählen. Miezchen versprach hoch und teuer, kein Wort sagen zu wollen;
+die Spuren seiner Tränen waren auch längst vergangen und konnten nichts
+mehr verraten.
+
+Längst schon schliefen Otto und Miezchen auf ihren Kissen, und der rote
+Zuckerhahn spazierte durch Miezchens Träume und erfüllte sein Herz mit
+einer so großen Freude, daß es jauchzte im Schlaf. Da klopfte es unten
+an die Haustür mit solcher Gewalt, daß der Oberst und seine Frau vom
+Tisch auffuhren, an dem sie eben in Gemütlichkeit gesessen und sich über
+ihre Kinder unterhalten hatten, und die alte Trine in strafendem Tone
+oben zum Fenster hinausrief: »Was ist das für eine Manier!«
+
+»Es ist ein großes Unglück begegnet«, tönte es von unten herauf; »der
+Herr Oberst soll doch herunterkommen, sie haben den Schreiner Andres tot
+gefunden.«
+
+Damit lief der Bote wieder davon. Der Oberst und seine Frau hatten genug
+gehört, denn auch die hatten sich dem offenen Fenster genähert.
+Augenblicklich warf der Oberst seinen Mantel um und eilte dem Hause des
+Schreiners zu. Als er in die Stube hineintrat, fand er schon eine Menge
+Leute da; man hatte den Friedensrichter und Gemeindammann geholt, und
+eine Schar Neugieriger und Teilnehmender war mit ihnen eingedrungen.
+Andres lag am Boden im Blute und gab kein Lebenszeichen von sich; der
+Oberst näherte sich.
+
+»Ist denn jemand nach dem Doktor gelaufen?« fragte er, »hier muß vor
+allem der Doktor her.«
+
+Es war niemand dahin gegangen; da sei ja doch nichts mehr zu machen,
+meinten die Leute.
+
+»Lauf, was du kannst, zum Doktor«, befahl der Oberst einem Burschen, der
+dastand; »sag ihm, ich lass' ihn bitten, er soll auf der Stelle kommen.«
+Dann half er selbst den Andres vom Boden aufheben und in die Kammer
+hinein auf sein Bett legen. Erst jetzt trat der Oberst an die
+schwatzenden Leute heran, um zu hören, wie der Vorfall sich zugetragen
+hatte, ob jemand etwas Näheres wisse. Der Müllerssohn trat vor und
+erzählte, er sei vor einer halben Stunde da vorbeigekommen, und da er
+noch Licht gesehen in des Schreiners Stube, habe er im Vorbeiweg schnell
+fragen wollen, ob seine Aussteuersachen auch zur Zeit fertig werden. Er
+habe die Tür der Stube offen stehend, den Andres tot im Blut liegend am
+Boden gefunden. Der Matten-Joggi, der dabeistand, habe ihm lachend ein
+Goldstück entgegengestreckt, wie er hereingetreten sei. Er habe dann
+nach Leuten gerufen, daß der Gemeindammann auf den Platz komme und wer
+sonst noch dahin gehöre.
+
+Der Matten-Joggi, der so hieß, weil er unten in der Matte wohnte, war
+ein völlig törichter Mensch, der damit ernährt wurde, daß ihn die Bauern
+in den geringen Geschäften etwa mithelfen ließen, wo Steine und Sand
+herumzutragen, Obst aufzulesen, oder im Winter Holzbündelchen zu machen
+waren. Daß er boshafte Taten ausgeübt hätte, hatte man bis jetzt nicht
+gehört. Der Müllerssohn hatte ihm gesagt, er solle da bleiben, bis auch
+der Präsident noch da sein werde. So stand Joggi noch immer in einer
+Ecke, hielt seine Faust fest zugeklemmt und lachte halblaut. Jetzt trat
+der Doktor in die Stube und hinter ihm her auch noch der Präsident. Der
+Gemeindevorstand stellte sich nun mitten in die Stube und beratschlagte.
+Der Doktor ging direkt in die Kammer hinein und der Oberst folgte ihm
+nach. Der Doktor untersuchte genau den unbeweglichen Körper.
+
+»Da haben wir's«, rief er auf einmal aus, »hier auf den Hinterkopf ist
+Andres geschlagen worden, da ist eine große Wunde.«
+
+»Aber er ist doch nicht tot, Doktor, was sagst du?«
+
+»Nein, nein, er atmet ganz leise, aber er ist bös dran.«
+
+Nun wollte der Doktor allerlei haben, Wasser und Schwämme und Weißzeug
+und noch vieles, und die Leute draußen liefen alle durcheinander und
+suchten und rissen alles von der Wand und aus dem Küchenkasten und
+brachten Haufen von Sachen in die Kammer hinein, aber nichts von dem,
+was der Doktor brauchte.
+
+»Da muß eine Frau her, die Verstand hat und weiß, was ein Kranker ist«,
+rief der Doktor ungeduldig. Alle schrieen durcheinander; aber wenn einer
+eine wußte, so rief ein anderer: »Die kann nicht kommen.«
+
+»Lauf einer auf die Halde«, befahl der Oberst, »meine Frau soll mir die
+Trine herunterschicken!« Es lief einer davon.
+
+»Deine Frau wird dir aber nicht danken«, sagte der Doktor, »denn ich
+lasse die Pflegerin drei bis vier Tage und Nächte nicht von dem Bett
+weg.«
+
+»Sei nur unbesorgt«, entgegnete der Oberst, »für den Andres gäbe meine
+Frau alles her, nicht nur die alte Trine.«
+
+Keuchend und beladen kam die Trine an, viel schneller, als man hätte
+hoffen können, denn sie stand schon lange ganz parat mit einem großen
+Korb am Arm, und die Frau Oberst stand neben ihr und lauschte, ob einer
+gelaufen komme. Sie hatte nicht annehmen können, daß der Andres wirklich
+tot sei, und hatte alles ausgedacht, was man brauchen könnte, um ihm
+wieder aufzuhelfen. So hatte sie Schwamm und Verbandzeug, Wein und Öl
+und warme Flanelle in einen Korb gepackt, und Trine hatte nur zu rennen,
+wie der Bote kam. Der Doktor war sehr zufrieden.
+
+»Alles fort jetzt, gute Nacht, Oberst, und mach, daß die ganze Bande zum
+Haus hinauskommt!« rief er und schloß die Tür zu, nachdem der Oberst
+hinausgetreten war. Der Gemeinderat war noch am Beratschlagen; da aber
+der Oberst erklärte, nun müsse gleich alles zum Haus hinaus, so faßten
+die Männer den Beschluß, für einmal müsse der Joggi eingesperrt werden,
+dann wollte man weiter schreiten. Es mußten also zwei Männer den Joggi
+in die Mitte nehmen, daß er nicht fortlaufen könne, und ihn so nach dem
+Armenhaus bringen und in eine Kammer einsperren. Der Joggi ging aber
+ganz willig davon und lachte, und von Zeit zu Zeit guckte er vergnügt in
+seine Faust hinein.
+
+Gleich am anderen Morgen eilte die Frau Oberst in voller Sorge nach dem
+Häuschen des Andres hinunter. Trine kam leise aus der Kammer heraus und
+brachte die frohe Nachricht: Andres sei gegen Morgen schon ein wenig zum
+Bewußtsein gekommen. Schon sei auch der Doktor dagewesen und habe den
+Kranken über Erwarten gut getroffen; ihr aber habe er recht
+eingeschärft, daß sie keinen Menschen in die Kammer hineinlasse, Andres
+dürfe auch noch kein Wort reden, wenn er auch wollte, nicht; nur der
+Doktor und die Wärterin sollen vor seine Augen kommen, erklärte die
+Trine in großem Amtseifer. Damit war die Frau Oberst ganz einverstanden
+und höchst erfreut kehrte sie mit ihren Nachrichten nach Hause zurück.
+
+So vergingen acht Tage. Jeden Morgen ging die Oberstin nach dem Hause
+des Kranken, um genau Bericht zu bekommen und zu hören, ob etwas
+mangele, das dann schnell herbeigeschafft werden mußte. Otto und
+Miezchen mußten jeden Tag aufs neue besänftigt werden, daß sie ihren
+kranken Freund noch nicht besuchen durften, aber da war immer noch keine
+Erlaubnis vom Doktor. Die Trine war noch durchaus unentbehrlich, wurde
+auch täglich vom Doktor gelobt für ihre sorgfältige Pflege. Nach Verfluß
+der acht Tage schlug der Doktor seinem Freunde, dem Oberst, vor, nun
+einmal den Kranken zu besuchen, zu der Zeit, da er selbst dort sein
+würde, denn jetzt war der Augenblick gekommen, da Andres wieder reden
+durfte, und der Doktor wollte ihn in Gegenwart des Obersten darüber
+befragen, was er selbst von dem unglücklichen Vorfall wisse. Andres
+hatte große Freude, dem Herrn Oberst die Hand drücken zu dürfen, er
+hatte ja schon lange bemerkt, woher ihm alles Gute und alle Sorgfalt für
+sein Wiederaufkommen kam. Dann besann er sich, so gut er konnte, um die
+Fragen der beiden Herren zu beantworten. Er wußte aber nur folgendes zu
+sagen: Er hatte seine Summe beisammen, die er jährlich dem Herrn Oberst
+zur Verwahrung brachte; diese wollte er noch einmal überzählen, um
+seiner Sache sicher zu sein. Er hatte am späten Abend sich hingesetzt,
+den Rücken gegen die Fenster und die Tür gekehrt. Mitten im Zählen hörte
+er jemand hereinkommen; eh' er aber aufgeschaut hatte, fiel ein
+furchtbarer Schlag auf seinen Kopf; von da an wußte er nichts mehr. --
+Also hatte Andres eine Summe Geldes auf dem Tisch gehabt; davon war aber
+gar nichts mehr gesehen worden, als das einzige Stück in Joggis Hand. Wo
+könnte denn das andere Geld hingekommen sein, wenn wirklich Joggi der
+Übeltäter war? Als Andres vernahm, wie der Joggi gefunden worden und nun
+eingesperrt sei, wurde er ganz unruhig.
+
+»Sie sollen ihn doch gehen lassen, den armen Joggi«, sagte er; »der tut
+ja keinem Kinde etwas zuleide, der hat mich nicht geschlagen.«
+
+Andres hatte aber auch auf keinen anderen Menschen den leisesten
+Verdacht. Er habe keine Feinde, sagte er, und kenne keinen Menschen, der
+ihm so etwas hätte antun wollen.
+
+»Es kann auch ein Fremder gewesen sein«, bemerkte der Doktor, indem er
+die niedrigen Fenster ansah; »wenn Ihr da beim hellen Licht einen Haufen
+Geld auf dem Tische liegen habt und zählt, so kann das von außen jeder
+sehen und Lust zum Teilen bekommen.«
+
+»Es muß sein«, sagte der Andres gelassen, »ich habe nie an so etwas
+gedacht, es war immer alles offen.«
+
+»Es ist gut, daß Ihr noch etwas im Trocknen habt, Andres«, bemerkte der
+Oberst. »Laßt's Euch nicht zu Herzen gehen; das beste ist, daß Ihr
+wieder gesund werdet.«
+
+»Gewiß, Herr Oberst«, erwiderte Andres, ihm die Hand schüttelnd, die er
+zum Abschied hinhielt, »ich habe nur zu danken; der liebe Gott hat mir
+ja sonst schon viel mehr gegeben als ich brauche.«
+
+Die Herren verließen den friedlichen Andres, und vor der Tür sagte der
+Doktor: »Dem ist wohler als dem anderen, der ihn zusammenschlagen
+wollte.«
+
+Vom Joggi wurde eine traurige Geschichte umhergeboten, die alle Buben in
+der Schule beschäftigte und in große Teilnahme versetzte. Auch Otto
+brachte sie nach Hause und mußte sie jeden Tag ein paarmal wiederholen,
+denn jedesmal, wenn er daran dachte, machte sie ihm aufs neue einen
+großen Eindruck. Als man den Joggi an dem Abend lachend ins Armenhaus
+gebracht hatte, da war er aufgefordert worden, sein Goldstück abzugeben
+an einen seiner Führer, den Sohn des Friedensrichters. Joggi aber
+klemmte seine Faust noch besser zusammen und wollte nichts hergeben.
+Aber die beiden waren stärker als er; sie rissen ihm mit Gewalt die
+Faust auf, und der Friedensrichterssohn, der manchen Kratz von dem Joggi
+erhalten hatte während der Arbeit, sagte, als er das Goldstück endlich
+in Händen hatte: »So, jetzt wart nur, Joggi, du wirst schon deinen Lohn
+bekommen. Wart nur, bis sie kommen; sie werden dir's dann schon zeigen.«
+
+Da hatte der Joggi angefangen furchtbar zu schreien und zu jammern, denn
+er glaubte, er werde geköpft, und seither aß er nicht und trank nicht
+und stöhnte und jammerte fortwährend, denn die Furcht und Angst vor dem
+Köpfen verfolgte ihn beständig. Schon zweimal war der Präsident und der
+Gemeindammann bei ihm gewesen und hatten ihm gesagt, er solle nur alles
+sagen, was er getan habe, er werde nicht geköpft. Er wußte nichts zu
+sagen, als er habe beim Andres ins Fenster geschaut, und der sei am
+Boden gelegen; er sei zu ihm hineingegangen und habe ihn ein wenig
+gestoßen, da sei er tot gewesen. Da habe er etwas glänzen sehen in einer
+Ecke und habe es geholt, und dann sei der Müllerssohn gekommen und dann
+noch viele. Hatte der Joggi so viel gesagt, so fing er wieder zu stöhnen
+an und hörte nicht mehr auf.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel.
+
+Wie es dem Kranken und jemandem besser ging.
+
+
+Seit dem Tage, da der Oberst den Andres besucht hatte, blieb seine Frau
+auch nicht mehr draußen in der Stube, wenn sie kam, um nach dem Kranken
+zu sehen. Täglich ging sie nun zu ihm hinein, setzte sich eine Weile
+lang an sein Bett hin zu einer gemütlichen kleinen Unterhaltung und
+freute sich jedesmal über die Fortschritte der Genesung. Zweimal schon
+waren auch Otto und Miezchen dagewesen und hatten ihrem Freunde allerlei
+Stärkungen zugetragen, und Andres sagte ganz gerührt zu der Trine: wenn
+selbst ein König krank wäre, man könnte ihm nicht mehr Teilnahme zeigen.
+Der Doktor war sehr zufrieden mit dem Verlaufe der Sache, und als er
+eben einmal beim Herauskommen auf den hereintretenden Oberst traf, sagte
+er zu ihm:
+
+»Es geht vortrefflich. Deine Frau kann nun ihre Trine wieder heimnehmen,
+die hat gute Dienste geleistet. Nur sollte für eine kleine Zeit noch
+jemand da sein, oder etwa herkommen; der arme verlassene Kerl muß doch
+essen und hat keine Frau und kein Kind und gar nichts. Vielleicht weiß
+deine Frau Rat.«
+
+Der Oberst richtete seinen Auftrag aus, und am folgenden Morgen setzte
+seine Frau bei ihrem Besuch sich zurecht am Bette des Andres und sagte:
+
+»Jetzt muß ich etwas mit Euch reden, Andres; ist es Euch recht?«
+
+»Gewiß, gewiß, mehr als recht«, erwiderte er und stützte seinen Kopf auf
+den Ellbogen, um recht zuhören zu können.
+
+»Ich will nun die Trine wieder heimkommen lassen, weil es so ordentlich
+geht«, fing die Oberstin an.
+
+»Ach, Frau Oberst, glauben Sie mir«, fiel der Andres ein, »ich wollte
+sie jeden Tag heimschicken; ich weiß ja wohl, wie sie Ihnen mangeln
+mußte.«
+
+»Ich hätte sie nicht hereingelassen, wenn sie Euch gefolgt hätte«, fuhr
+die Frau Oberst fort; »aber jetzt ist es anders, da der Doktor sie
+entläßt. Er sagte aber, was ich auch längst dachte, jemand solltet Ihr
+haben, wenigstens noch für ein paar Wochen, der Euch das Essen bereitet
+oder doch bei mir holt, und für allerlei kleine Hilfsleistungen. Ich
+habe nun gedacht, Andres, wenn Ihr für diese Zeit das Wiseli zu Euch
+nehmen würdet.«
+
+Kaum hatte der Andres den Namen aussprechen gehört, als er von seinem
+Ellbogen auf und in die Höhe schoß.
+
+»Nein, nein, Frau Oberst, nein, sicher nicht«, rief er und wurde ganz
+rot vor Anstrengung; »so etwas können Sie nicht denken. Ich sollte hier
+drinnen im Bett liegen, und draußen in der Küche sollte das schwache
+Kindlein für mich arbeiten! Ach um's Himmels willen, wie dürfte ich noch
+an seine Mutter unter dem Boden denken, wie würde sie mich ansehen, wenn
+sie so etwas wüßte. Nein, nein, Frau Oberst, meiner Lebtag nicht, lieber
+nicht essen, lieber nicht mehr aufkommen, als so etwas tun.«
+
+Die Oberstin hatte ihn ganz ruhig fertig reden lassen; jetzt, da er sich
+auf sein Kissen zurücklegte, sagte sie beruhigend:
+
+»Es ist nicht so schlimm, was ich ausgedacht habe, Andres; denkt jetzt
+nur ruhig ein wenig nach. Ihr wißt ja, wo das Wiseli versorgt ist. Meint
+Ihr, es habe dort nichts zu tun, oder nur besonders leichte Arbeit?
+Recht tüchtig muß es dran und bekommt so wenig freundliche Worte dazu.
+Würdet Ihr ihm etwa auch keine geben? Wißt Ihr, was Wiselis Mutter tun
+würde, wenn sie jetzt neben uns stände? Mit Tränen würde sie Euch
+danken, würdet Ihr das Kind jetzt in Euer Haus nehmen, wo es gute Tage
+hätte, das weiß ich schon, und Ihr solltet sehen, wie gern es die
+kleinen Dienstleistungen für Euch täte.«
+
+Jetzt mußte dem Andres auf einmal alles anders vorkommen. Er wischte
+sich die Augen; dann sagte er kleinlaut:
+
+»Ach, ach! Wie könnte ich aber zu dem Kinde kommen? Sie geben es gewiß
+nicht weg, und dann müßte man ja doch auch wissen, ob es wollte.«
+
+»Es ist jetzt schon gut, kümmert Euch nicht weiter, Andres«, sagte die
+Frau Oberst fröhlich und stand von ihrem Sessel auf; »ich will nun
+selbst sehen, wie's geht, denn mir liegt die Sache nach allen Seiten hin
+am Herzen.«
+
+Damit nahm sie Abschied von Andres; als sie aber schon unter der Tür
+war, rief er ihr noch einmal ängstlich nach:
+
+»Aber nur, wenn es will, das Wiseli, nur, wenn es will; bitte, Frau
+Oberst!«
+
+Sie versprach noch einmal, das Kind sollte nur freiwillig erscheinen,
+oder dann gar nicht, und verließ das Haus. Sie ging aber nicht den Berg
+hinan, sondern hinunter, dem Buchenrain zu, denn sie wollte sogleich
+versuchen, das Wiseli dahin zu bringen, wo sie es so gern haben wollte.
+
+Am Buchenrain angekommen, traf die Frau Oberst gerade mit dem
+Vetter-Götti zusammen, wie er ins Haus hineintreten wollte. Er begrüßte
+sie, ein wenig erstaunt über den Besuch, und sie teilte ihm gleich beim
+Eintreten in die Stube mit, warum sie gekommen sei, und wie sehr sie
+hoffe, keinen Abschlag zu bekommen, denn es liege ihr viel daran, daß
+das Wiseli die Pflege zu Ende führen könne, was es schon zu tun imstande
+sei. Da die Base in der Küche die Unterhaltung hörte, kam sie auch
+herein und war noch erstaunter als ihr Mann, den Besuch vorzufinden. Er
+erklärte ihr, warum die Frau Oberst gekommen sei, und sie meinte gleich,
+das sei schon nichts, von dem Kinde werde niemand eine besondere Hilfe
+erwarten. Da sagte aber der Mann: was recht sei, müsse man gelten
+lassen; das Wiseli könne helfen, wo es sei, es sei anstellig bei allen
+Geschäften; er würde das Kind nicht einmal gern fort lassen, es sei
+folgsam und gelehrig. So für vierzehn Tage wollte er nichts dawider
+haben, daß es den Andres ein wenig verpflege; bis dahin werde er wohl
+wieder auf sein, daß es heim könne, denn länger könnte es dann nicht
+fort sein, dann kommen schon so allerhand Geschäfte, die ihm zukommen,
+denn da müsse man schon für den Frühling rüsten.
+
+»Ja, ja«, setzte jetzt die Frau ein, »es kommt mir nicht in den Sinn,
+immer wieder von vorn mit ihm anzufangen; jetzt habe ich ihm alles mit
+Mühe gezeigt, das kann es nun anwenden; der Andres soll nur selber eins
+anziehen, wenn er eins braucht.«
+
+»Ja, wegen vierzehn Tagen«, sagte der Mann beschwichtigend, »da wollen
+wir auch nichts sagen, man muß einander etwas zu Gefallen tun.«
+
+»Ich danke Euch für den Dienst«, sagte nun die Frau Oberst, indem sie
+aufstand; »der Andres wird Euch gewiß auch recht dankbar sein. Kann ich
+das Wiseli gleich mit mir nehmen?«
+
+Die Base murrte etwas, es werde nicht so stark pressieren; aber der Mann
+fand es am besten so. Je schneller es gehe, je früher sei es wieder da,
+meinte er; denn er stellte durchaus auf vierzehn Tage ab. Wiseli wurde
+herbeigerufen, und der Vetter-Götti sagte ihm, es solle schnell sein
+Bündelchen Kleider zusammenmachen, weiter nichts. Wiseli gehorchte
+sogleich; fragen durfte es nicht, warum. Seit es sein Bündelchen in das
+Haus gebracht hatte, war nun gerade ein Jahr verflossen; es war nichts
+Neues hinzugekommen, als sein schwarzes Röcklein, das hatte es an, es
+war aber nun fertig getragen und hing wie ein Fetzchen an dem Kinde
+herab, und Wiseli schaute ein wenig scheu die Frau Oberst an, als es nun
+mit seinem leichten Bündelchen dastand. Sie verstand den schüchternen
+Blick und sagte:
+
+»Komm nur, Wiseli, wir gehen nicht weit, es geht schon so.«
+
+Dann nahm sie schnell Abschied von den Leuten, und als Wiseli dem
+Vetter-Götti die Hand gab, sagte er:
+
+»Du kommst bald wieder heim, es ist nicht zum Abschiednehmen.«
+
+Jetzt trippelte das Wiseli schweigend und sehr verwundert in seinem
+Herzen hinter der Frau Oberst her, die rasch über den beschneiten
+Feldweg hinschritt, so, als befürchtete sie, man könnte sie samt dem
+Wiseli wieder zurückholen. Als aber der Buchenrain gar nicht mehr zu
+sehen war, da kehrte sie sich um und stand still.
+
+»Wiseli«, sagte sie freundlich, »kennst du den Schreiner Andres?«
+
+»Ja freilich«, antwortete Wiseli, und ein Lichtstrahl schoß aus des
+Kindes Augen, als es den Namen hörte. Die Frau Oberst war ein wenig
+erstaunt.
+
+»Er ist krank«, fuhr sie fort; »willst du ihn ein wenig verpflegen und
+für ihn tun, was nötig ist, und etwa vierzehn Tage bei ihm bleiben?«
+
+Mehr als Wiselis schnelle und kurze Antwort: »Ja, gern!« sagte der Frau
+Oberst sein Gesicht, das ganz von einer hohen Freudenröte übergossen
+wurde. Die Oberstin sah das gern; doch mußte sie sich verwundern, daß
+Wiseli eine so besondere Freude zeigte, denn sie wußte nichts von seinem
+Erlebnis mit dem Andres, aber das Wiseli hatte es nie vergessen. Sie
+gingen nun wieder weiter. Aber nach einer Weile fügte die Frau Oberst
+noch bei:
+
+»Du mußt es dann dem Schreiner Andres sagen, daß du so gern zu ihm
+gekommen bist, Wiseli, er glaubt es sonst nicht; vergiß es nicht.«
+
+»Nein, nein«, versicherte das Kind, »ich denke schon daran.«
+
+Nun waren sie bei dem Hause angekommen. Hier fand die Frau Oberst für
+gut, das Wiseli seinen Weg allein machen zu lassen; denn nach allem, was
+sie bemerkt hatte, mußte es ihm nicht schwer werden, ihn zu finden. Sie
+verabschiedete das Kind an der Ecke und sagte ihm, am Morgen werde sie
+wieder herunterkommen und sehen, wie es ihm gehe in dem neuen Haushalt,
+und wenn der Schreiner Andres etwas brauche, das nicht da sei, so solle
+es zu ihr kommen. Wiseli schritt nun getrost durch das Gärtchen und
+machte die Haustür auf; es wußte, daß der Andres drinnen in der Kammer
+liege hinter der Stube. So trat es leise in die Stube ein; da war
+niemand drin, aber es war schön aufgeräumt noch von der alten Trine her.
+Es schaute alles gut an, wie es sein müsse. An der Wand hinten in der
+Stube stand schön geordnet und zu einem rechten Bett aufgerüstet das
+große hölzerne Lager, das man die Kutsche nennt; der Vorhang war fast
+zugezogen darüber weg, aber Wiseli konnte doch sehen, wie schön und
+sauber es aussah, und es wunderte sich, wer da schlafe. Jetzt klopfte es
+leise an die Kammertür, und auf den Ruf des Andres trat es ein und blieb
+ein wenig scheu an der Tür stehen. Andres richtete sich auf in seinem
+Bett, zu sehen, wer da sei.
+
+»Ach, ach«, sagte er, halb erfreut und halb erschrocken, »bist du es,
+Wiseli? Komm, gib mir die Hand.« Wiseli gehorchte.
+
+»Bist du auch nicht ungern zu mir gekommen?«
+
+»Nein, nein«, antwortete Wiseli zuversichtlich. Aber der Schreiner
+Andres war noch nicht beruhigt.
+
+»Ich meine nur, Wiseli«, fuhr er wieder fort, »du wärest vielleicht
+lieber nicht gekommen; aber die Frau Oberst ist so gut, und du hast
+ihr vielleicht einen Gefallen tun wollen.«
+
+[Illustration: So trat es leise in die Stube ein]
+
+»Nein, nein«, versicherte Wiseli noch einmal, »sie hat gar nicht gesagt,
+daß es ihr ein Gefallen sei; sie hat mich gefragt, ob ich gehen wolle,
+und ich wäre auf der ganzen Welt nirgends so gern hingegangen, wie zu
+Euch.«
+
+Diese Worte mußten den Andres ganz beruhigt haben; er fragte nichts
+mehr, er legte seinen Kopf auf sein Kissen zurück und schaute stumm das
+Wiseli an; dann mußte er sich auf einmal umkehren und ein Mal über das
+andere seine Augen wischen.
+
+»Was muß ich jetzt tun?« fragte Wiseli, als er sich immer noch nicht
+umkehrte. Jetzt wandte er sich und sagte mit dem freundlichsten Tone:
+
+»Ich weiß es gewiß nicht, Wiseli; tu du nur, was du willst, wenn du nur
+ein wenig bei mir bleiben willst.«
+
+Wiseli wußte gar nicht, wie ihm geschah. Seit es seine Mutter zum
+letzten Male gehört, hatte niemand mehr so zu ihm geredet; es war
+gerade, als spüre es die Liebe seiner Mutter wieder in Andres' Worten
+und Weise. Es mußte mit beiden Händen seine Hand nehmen, so wie es oft
+die Mutter gefaßt hatte, und so stand es eine Weile an dem Bett, und es
+war ihm so wohl, daß es gar nichts sagen konnte, aber es dachte: »Jetzt
+weiß es die Mutter auch und hat eine Freude.«
+
+Gerade so dachte der Andres mit stillem Glück in seinem Herzen: »Jetzt
+weiß es die Mutter auch und hat eine Freude.«
+
+Dann sagte auf einmal das Wiseli:
+
+»Jetzt muß ich Euch gewiß etwas kochen, es ist schon über Mittag. Was
+muß ich kochen?«
+
+»Koch du nur, was du willst«, sagte der Andres. Aber dem Wiseli war es
+darum zu tun, dem Kranken die Sache recht zu machen, und es fragte so
+lange hin und her, bis es gemerkt hatte, was er essen müsse: eine gute
+Suppe und ein Stück von dem Fleisch, das im Kasten war, und dann bestand
+er darauf, das Wiseli müsse noch einen Milchbrei für sich kochen. Es
+wußte recht gut Bescheid in der Küche, denn es hatte wirklich etwas
+gelernt bei der Base, wenn auch unter harten Worten; das konnte es doch
+nun gut gebrauchen. So hatte es in kurzer Zeit alles bereit gemacht, und
+der Kranke wünschte, daß es ein Tischchen an sein Bett rücke und neben
+ihm sitze zum Essen, daß er es auch sehen könne und wisse, daß es noch
+da sei. Ein so vergnügtes Mittagsmahl hatte Wiseli lange nicht genossen,
+und auch der Schreiner Andres nicht. Als sie damit zu Ende waren, stand
+das Kind auf; aber Andres sah das nicht gern und sagte:
+
+»Wohin willst du, Wiseli? Willst du nicht noch ein wenig dableiben, oder
+wird es dir ein bißchen langweilig bei mir?«
+
+»Nein, gewiß nicht«, versicherte Wiseli; »aber nach dem Essen muß man
+immer aufwaschen und alles wieder sauber auf das Gestell hinaufräumen.«
+
+»Ich weiß schon, wie man's macht«, gestand Andres; »ich habe gedacht,
+heute nur, so zum ersten Male, könntest du ja nur alles zusammenstellen
+und dann etwa morgen einmal aufwaschen.«
+
+»Wenn aber die Frau Oberst das sähe, so müßte ich mich fast zu Tode
+schämen«, und Wiseli machte ein ganz ernsthaftes Gesicht zu seiner
+Versicherung.
+
+»Ja ja, du hast recht«, beschwichtigte nun Andres. »Mach nur alles, wie
+du meinst, und geradeso, wie es dir recht ist.«
+
+Nun ging das Wiseli an seine Arbeit und putzte und räumte und ordnete,
+daß alles glänzte in seiner Küche. Dann stand es einen Augenblick still
+und schaute ringsum und sagte ganz befriedigt: »So, nun kann die Frau
+Oberst kommen.« Dann kam es wieder in die Stube hinein und warf einen
+fröhlichen Blick auf das schöne, große Bett auf der Kutsche hinter dem
+Vorhang, denn der Schreiner Andres hatte ihm gesagt, da müsse es
+schlafen, und der kleine Kasten in der Ecke gehöre auch ihm, da könne es
+alles hineinräumen, was ihm angehöre. Es legte nun die Sachen aus seinem
+Bündelchen alle ordentlich hinein, das war auch sehr bald getan, denn es
+war wenig darin, und nun ging es und setzte sich voller Freuden wieder
+an das Bett des Kranken, der schon lange nach der Tür geschaut hatte, ob
+es noch nicht komme. Kaum war es wieder an dem Bett, so fragte es: »Habt
+Ihr auch einen Strumpf, an dem ich stricken kann?«
+
+»Nein, nein«, antwortete Andres, »du hast ja jetzt gearbeitet, und wir
+wollen nun ein wenig vergnügt zusammen reden über allerlei.«
+
+Aber Wiseli war gut geschult worden; zuerst in unvergeßlicher
+Freundlichkeit von der Mutter, und dann von der Base mit Worten, die
+auch nicht vergessen wurden, vor lauter Furcht, sie wieder zu hören. Es
+sagte ganz überzeugt:
+
+»Ich darf nicht nur so dasitzen, weil es doch nicht Sonntag ist, aber
+ich kann reden und an dem Strumpf stricken miteinander.«
+
+Das gefiel dem Andres nun auch wieder, und er ermunterte das Wiseli von
+neuem, nur immer zu tun, was es meine, und einen Strumpf könne es auch
+holen, wenn es wolle, er habe aber keinen. Nun holte Wiseli den
+seinigen und setzte sich damit wieder an das Bett hin, und es hatte
+recht gehabt, es konnte gut reden und stricken miteinander. Der
+Schreiner Andres hatte aber auch gleich ein Gespräch angefangen, das dem
+Wiseli das allerwillkommenste war. Er hatte gleich von der Mutter zu
+reden begonnen, und Wiseli hatte so gern fortgefahren, denn noch nie und
+mit keinem Menschen hatte es von seiner Mutter reden können, und es
+dachte doch immer an sie und alles, was es mit ihr erlebt hatte, und nun
+wollte der Schreiner Andres so gern von allem wissen, immer noch mehr,
+und das Wiseli wurde immer wärmer und erzählte fort und fort, als könne
+es nicht mehr aufhören, und so hörte der Andres zu mit gespannter
+Aufmerksamkeit, und gerade so, als wolle er am liebsten nicht mehr
+aufhören zuzuhören.
+
+In dieser Weise verging nun dem Wiseli ein Tag nach dem anderen. Für
+jeden geringsten Dienst, den es leistete, dankte ihm der Andres, als ob
+es ihm die größte Wohltat erwiesen hätte, und was es nur tat, gefiel dem
+guten Mann, und er mußte es loben dafür. Er wurde in wenig Tagen so
+frisch und munter bei der Pflege, daß er durchaus aufstehen wollte, und
+der Doktor war ganz erstaunt, wie gut es mit ihm ging und wie fröhlich
+und wohlgemut auf einmal der Schreiner Andres aussah. Er saß nun den
+ganzen Tag am Fenster, wo die Sonne hinkam, und schaute dem Wiseli nach
+auf Schritt und Tritt, so als ob er es gar nie genug sehen könnte, wie
+es einen Kasten aufmachte und dann wieder zu, und wie ihm unter den
+Händen alles so sauber und ordentlich wurde, wie er es vorher nie
+gesehen hatte, oder doch meinte, es nie gesehen zu haben. Dem Wiseli
+aber war es so wohl in dem stillen Häuschen, da es nur liebevolle Worte
+hörte, und unter den freundlichen Augen, die es immerfort begleiteten,
+daß es gar nicht daran denken durfte, wie bald die vierzehn Tage zu Ende
+sein würden und es wieder nach dem Buchenrain zurückkehren mußte.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+Es geschieht etwas Unerwartetes.
+
+
+In dem Hause auf der Halde wurde viel vom Schreiner Andres und dem
+Wiseli gesprochen. Jeden Morgen ging die Frau Oberst nachzusehen, wie es
+bei dem Kranken stehe, und jedesmal brachte sie wieder einen
+erfreulicheren Bericht nach Hause. Das brachte alle zusammen in die
+freudigste Stimmung, und Otto und Miezchen machten einen Plan, wie ein
+großes Genesungsfest müßte gefeiert werden in des Schreiners Andres
+Stube, aber noch solange Wiseli da war; das sollte eine Hauptfreude und
+für Andres und Wiseli eine große Überraschung werden. Es mußte aber noch
+ein Fest gefeiert werden vorher, denn heute war des Vaters Geburtstag,
+und schon am frühen Morgen hatten allerlei von Otto und Miezchen
+erfundene Feierlichkeiten stattgefunden, doch der Hauptmoment des Tages
+war jetzt gekommen, da es zur Mittagstafel ging. Ganz feierlich hatten
+Otto und Miezchen sich schon hingesetzt in großer Erwartung aller der
+Dinge, die da kommen sollten. Nun erschienen auch Vater und Mutter, und
+das frohe Mahl nahm seinen Anfang. Nachdem das erste Gericht
+vergnüglich verzehrt worden war, erschien eine zugedeckte Schüssel; das
+war entschieden das Geburtstagsgericht. Der Deckel wurde aufgehoben, und
+ein prächtiger Blumenkohl stand da, so frisch, als hätte man ihn eben im
+Garten geholt.
+
+»Das ist ja eine prächtige Blume«, sagte der Vater, »die muß man loben.
+Aber eigentlich«, fuhr er etwas enttäuscht fort, »suchte ich etwas
+anderes unter dem Deckel, Artischocken suchte ich; kann man die nicht
+auch finden irgendwo, wie Blumenkohl? Du weißt, liebe Marie, ich schaue
+an gedeckten Tischen nach keinem anderen Gerichte so aus, wie nach
+Artischocken.«
+
+Mit einem Male schrie das Miezchen auf:
+
+»Eben! Eben! Geradeso hat er mir gerufen zweimal, furchtbar, und _so_
+hat er den Stecken aufgehoben und _so_« -- und Miezchen fuhr ganz
+aufgeregt mit ihren Armen in der Luft herum --, aber urplötzlich schwieg
+sie und fuhr schnell herunter mit ihren Armen bis unter den Tisch und
+war ganz blutrot geworden, und ihr gegenüber saß Otto mit zornigen Augen
+und schoß flammende Blicke zu Miezchen hinüber.
+
+»Was ist das für eine seltsame Verherrlichung meines Geburtstages?«
+fragte der Vater mit Staunen. Ȇber den Tisch hin schreit meine Tochter,
+als wollte man sie umbringen, und unter dem Tisch durch versetzt mir
+mein Sohn so entsetzliche Stiefelstöße, daß ich blaue Flecken bekomme.
+Ich möchte wissen, Otto, wo du diese angenehme Unterhaltung gelernt
+hast.«
+
+Jetzt war die Reihe an Otto, feuerrot zu werden bis unter die Haare
+hinauf. Er hatte dem Miezchen unter dem Tisch durch einige deutliche
+Mahnungen geben wollen, daß es schweigen solle, hatte aber den unrechten
+Platz getroffen und mit seinem Stiefel des Vaters Bein in erstaunlicher
+Weise bearbeitet. Das hatte Otto nun entdeckt; er durfte nicht mehr
+aufschauen.
+
+»Nun Miezchen«, fing der Vater wieder an, »was ist denn aus deiner
+Räubergeschichte geworden, du kamst ja gar nicht zu Ende. Also
+'Artischocke' hat der furchtbare Mann dich genannt und den Stecken
+erhoben und dann?«
+
+»Dann, dann«, stotterte Miezchen kleinlaut -- denn es hatte begriffen,
+daß es auf einmal alles verraten hatte, und daß der Otto den Zuckerhahn
+zurückfordern würde --, »dann hat er mich doch nicht totgeschlagen.«
+
+»So, das war eine Artigkeit von ihm«, lachte der Vater, »und dann
+weiter?«
+
+»Dann weiter gar nichts mehr«, wimmerte Miezchen.
+
+»So, so, die Geschichte nimmt also ein fröhliches Ende. Der Stecken
+bleibt in der Luft, und Miezchen geht als kleine Artischocke nach Hause.
+Jetzt wollen wir gleich anstoßen auf alle wohlgeratenen Artischocken und
+auf des Schreiners Andres Gesundheit!«
+
+Damit hob der Vater sein Glas, und die Tischgesellschaft stimmte ein. Es
+standen aber alle ein wenig still vom Tisch auf, denn in jedem waren
+allerlei schwere Gedanken aufgestiegen, nur der Vater blieb
+unangefochten, setzte sich zu seiner Zeitung und steckte eine Zigarre
+an. Otto schlich ins andere Zimmer hinüber, drückte sich in eine Ecke
+und dachte darüber nach, wie es sein werde, wenn alle anderen wieder im
+Mondschein schlitten würden und er nie mehr dabei sein dürfte, denn er
+wußte, daß die Mutter dies von nun an verbieten würde. Miezchen kroch
+ins Schlafzimmer hinein, kauerte sich neben dem Bett auf das Schemelchen
+nieder, nahm den roten Zuckerhahn auf den Schoß und war sehr traurig,
+daß es ihn zum letzten Male sehen sollte. Die Mutter blieb eine Zeitlang
+stumm und sinnend am Fenster stehen und bewegte Gedanken in ihrem Herzen
+hin und her, die sie immer mehr und aufregender beschäftigen mußten,
+denn jetzt fing sie an, im Zimmer hin und her zu gehen, und plötzlich
+verließ sie es und lief hierhin und dahin, nach dem Miezchen suchend.
+Sie fand es endlich noch hinter seinem Bett auf dem Schemel sitzend, in
+seine traurigen Betrachtungen versunken.
+
+»Miezchen«, sagte die Mutter, »jetzt erzähl mir recht, wo und wann ein
+Mann dir drohte, und was er dir nachgerufen hat.«
+
+Miezchen erzählte, was es wußte, es kam aber nicht viel mehr heraus, als
+es schon gesagt hatte. Nachgerufen hatte ihm der Mann das Wort, das der
+Papa über Tisch gesagt hatte, behauptete es. Die Mutter kehrte in das
+Zimmer zurück, wo der Vater saß, ging gleich zu ihm heran und sagte in
+erregtem Ton:
+
+»Ich muß es dir wirklich sagen, es kommt mir immer wahrscheinlicher
+vor.«
+
+Der Oberst legte seine Zeitung weg und schaute erstaunt seine Frau an.
+
+»Siehst du«, fuhr diese fort, »die Szene am Tisch hat mir mit einem Male
+einen Gedanken erweckt, und je mehr ich ihn verfolge, je fester
+gestaltet er sich vor meinen Augen.«
+
+»Setz dich doch und teil mir ihn mit«, sagte der Oberst, ganz neugierig
+geworden. Seine Frau setzte sich neben ihn hin und fuhr fort:
+
+»Du hast Miezchens Aufregung gesehen, sie war sichtlich erschreckt
+worden von dem Mann, von dem sie sprach, es war nicht Spaß gewesen:
+darum ist es klar, daß er das Kind nicht 'Artischocke' genannt hat. Wird
+er es nicht viel eher 'Aristokratin' oder 'Aristokratenbrut' genannt
+haben? Du weißt, wer uns vorzeiten diesen Titel nachrief, meinem Bruder
+und mir. Diesen Augenblick habe ich von Miezchen gehört, daß der Vorfall
+sich an dem Abend ereignet hatte, da die Kinder im Mondschein auf der
+Schlittbahn waren. An demselben Abend noch wurde Andres halb erschlagen
+gefunden. Seit Jahren war der unheimliche Jörg verschwunden, und im
+ersten Augenblick, da man wieder Spuren von ihm hat, geschieht die
+Gewalttätigkeit an seinem Bruder, dem kein anderer je etwas zuleide
+getan hat, als er. Macht dir das nicht auch Gedanken?«
+
+»Wahrhaftig, da könnte was dran sein«, entgegnete der Oberst
+nachdenklich; »da muß ich sofort handeln.«
+
+Er stand auf, rief nach seinem Knecht, und wenige Minuten nachher fuhr
+er im scharfen Trab zur Stadt hinunter. Von da an fuhr der Oberst jeden
+Tag einmal nach der Stadt, um zu hören, ob Berichte eingegangen seien.
+Am vierten Tage, als er nach Hause kam am Abend und seine Frau noch an
+Miezchens Bett verweilte, ließ er sie schnell rufen, denn er hatte ihr
+Wichtiges zu erzählen. Sie setzten sich dann zusammen, und der Oberst
+teilte seiner Frau mit, was er in der Stadt vernommen hatte. Auf seine
+Aussagen hin hatte die Polizei sogleich heimlich nach dem Jörg gesucht,
+und er war ohne große Mühe gefunden worden, denn er war ganz sicher, daß
+kein Mensch ihn gesehen hatte, da er nur des Nachts in sein Dorf
+gekommen und gleich wieder verschwunden war. So war er zunächst nur
+nach der Stadt hinuntergegangen und hatte sich in den Wirtshäusern
+herumgetrieben. Als er nun festgenommen und verhört wurde, leugnete er
+zuerst alles; als er aber hörte, der Oberst Ritter habe schlagende
+Beweise gegen ihn vorzubringen, da entfiel ihm der Mut, denn er dachte,
+der Herr Oberst müsse ihn gesehen haben, sonst wäre es unmöglich, daß er
+gerade auf ihn geraten hätte, da er frisch aus neapolitanischen
+Kriegsdiensten zurückgekommen war. Daß ein einziges Wort, das er einem
+kleinen Kinde angeworfen hatte, ihn hatte verraten können, davon hatte
+er keine Ahnung. Er fing dann an, furchtbar auf den Obersten zu
+schimpfen, und sagte, er habe immer gedacht, diese Aristokratenbrut
+werde ihn noch ins Unglück bringen. Im weiteren Verhör gestand er dann,
+er habe seinen Bruder aufsuchen und Geld von ihm entlehnen wollen. Als
+er durch das erleuchtete Fenster ihn erblickte, wie er eben eine gute
+Summe Geld vor sich liegen hatte, da kam ihm der Gedanke, den Andres
+niederzuschlagen und das Geld zu nehmen. Töten habe er ihn nicht
+gewollt, nur ein wenig bewußtlos machen, damit er ihn nicht kenne. Der
+größte Teil der Summe wurde noch bei ihm gefunden; diese wurde ihm
+abgenommen und dann der Jörg in den Turm gesetzt.
+
+Als dieser Vorgang bekannt wurde, gab es eine ungeheure Aufregung im
+ganzen Dorfe, denn eine solche Geschichte war noch gar nicht
+vorgefallen, seit es stand. Besonders in der Schule kam alles aus der
+Ordnung, so stark beteiligten sich alle Schüler an der aufregenden
+Begebenheit. Otto war einige Tage ganz außer Atem, da er beständig
+da- und dorthin zu laufen hatte, wo noch ein näherer Umstand von der
+Sache zu hören war. Am dritten Abend nach der Verbreitung der Nachricht
+kam er aber so nach Hause gestürzt, daß ihn die Mutter ermahnen mußte,
+erst einen Augenblick stillzusitzen, da er vor Atemlosigkeit kein Wort
+hervorbrachte und doch durchaus wieder eine Neuigkeit erzählen wollte.
+Endlich konnte er sie in Worte bringen. Man hatte den Joggi, der bis
+dahin eingesperrt geblieben war, herausholen wollen, aber der arme Tropf
+hatte immerfort seine große Furcht beibehalten, und nun glaubte er, man
+hole ihn zum Köpfen ab, und sperrte sich ganz furchtbar, die Kammer zu
+verlassen. Dann hatten zwei Männer ihn mit aller Gewalt herausgeschleppt,
+er hatte aber so geschrieen und getan, daß alle Leute herbeiliefen, und
+dann hatte er sich noch mehr gefürchtet, und auf einmal, nachdem er
+herausgekommen, war er davongeschossen wie ein Pfeil und in die nächste
+Scheune hinein in den hintersten Winkel des Stalles. Da hockte er ganz
+zusammengeballt mit einem furchtbar erschrockenen Gesicht, und kein
+Mensch konnte ihn von der Stelle bringen. Schon seit gestern hockte er
+so ohne Bewegung, und der Bauer hatte gesagt, wenn er nicht bald
+aufstehe, wolle er ihn mit der Heugabel fortbringen.
+
+»Das ist ja eine ganz traurige Geschichte, Kinder«, sagte die Mutter,
+als Otto fertig erzählt hatte. »Der arme Joggi! Was muß er nun leiden in
+seiner Angst, die ihm niemand wegnehmen kann, da er nicht versteht, was
+man ihm erklären könnte, und der arme, gutmütige Joggi ist ja ganz
+unschuldig. Ach, Kinder, hättet ihr mir doch gleich das ganze Erlebnis
+erzählt, als ihr am Abend von der Schlittbahn kamt; euer Verheimlichen
+hat recht Trauriges zur Folge gehabt. Könnten wir doch den armen
+Menschen trösten und wieder fröhlich machen.«
+
+Das Miezchen war ganz weich geworden. »Ich will ihm den roten Zuckerhahn
+geben«, schluchzte es.
+
+Auch Otto war ein wenig zerknirscht. Er sagte zwar etwas verächtlich:
+»Ja noch gar, einen Zuckerhahn einem erwachsenen Menschen geben! Behalt
+du den nur für dich.« Aber dann bat er die Mutter, ihm und Miezchen zu
+erlauben, dem Joggi etwas zu essen in den Stall zu bringen, er hatte gar
+nichts gehabt, seit er dort kauerte, zwei ganze Tage lang.
+
+Das erlaubte die Mutter gern, und es wurde sogleich ein Korb geholt und
+Wurst und Brot und Käse hineingesteckt. Dann gingen die Kinder den Berg
+hinunter, dem Stalle zu.
+
+Mit einem ganz weißen, erschreckten Gesicht kauerte der Joggi hinten im
+Winkel und rührte sich nicht. Die Kinder kamen ein wenig näher. Otto
+zeigte dem Zusammengekrümmten den offenen Korb und sagte:
+
+»Komm hervor, Joggi, komm, das ist alles für dich zum essen.«
+
+Joggi bewegte sich nicht.
+
+»Komm doch, Joggi«, mahnte Otto weiter, »siehst du, sonst kommt der
+Bauer und sticht dich mit der Heugabel hervor.«
+
+Joggi stieß einen erschreckten Ton aus und krümmte sich noch enger
+zusammen in den Winkel hinein, wie in ein Loch.
+
+Jetzt ging Miezchen vorwärts und kam ganz nahe an den Joggi heran, hielt
+den Mund an sein Ohr und flüsterte hinein: »Komm du nur mit mir, Joggi,
+sie dürfen dich nicht köpfen, der Papa hilft dir schon, und siehst du,
+das Christkindlein hat dir einen roten Zuckerhahn gebracht«; und
+Miezchen nahm ganz heimlich den Zuckerhahn aus seiner Tasche und steckte
+ihn dem Joggi zu.
+
+Diese heimlichen Trostesworte hatten eine wunderbar wirksame Kraft. Der
+Joggi schaute das Miezchen an, ganz ohne Schrecken, dann schaute er auf
+seinen roten Zuckerhahn, und dann fing er an zu lachen, was er seit
+vielen Tagen nicht mehr getan hatte. Dann stand er auf, und nun ging
+Otto voran aus dem Stall heraus, dann kam das Miezchen und ihm folgte
+der Joggi auf dem Fuß. Draußen aber, als Otto dem Joggi sagte: »Das
+kannst du mitnehmen, wir gehen nun heim und du auch, dort hinunter«, --
+da schüttelte Joggi den Kopf und stellte sich hinter das Miezchen. So
+gingen alle drei weiter, der Halde zu, voran der Otto, dann Miezchen,
+dann der Joggi. Die Mutter sah den Zug herankommen, und ihr Herz wurde
+ganz erleichtert, als sie sah, wie der Joggi hinter dem Miezchen
+herschritt, den roten Zuckerhahn in der Hand hielt und immerfort
+vergnüglich lachte. So traten die drei ins Haus und in die Stube, und
+hier holte das Miezchen geschäftig einen Stuhl, nahm den Eßkorb zur Hand
+und winkte dem Joggi, daß er komme. Als er dann am Tische saß, legte es
+alles, was im Korb war, vor ihn hin und sagte beschützend: »Iß du jetzt
+nur, Joggi, und iß du nur alles auf und sei nun ganz fröhlich.« Da
+lachte der Joggi und aß die beiden großen Würste und das ganze Brot und
+das ungeheure Stück Käse ganz fertig und dann noch die Krumen. Den roten
+Zuckerhahn hielt er die ganze Zeit über fest mit seiner linken Hand und
+schaute ihn an von Zeit zu Zeit und lachte unbeschreiblich vergnüglich,
+denn Wurst und Brot hatte er wohl auch schon bekommen, aber einen roten
+Zuckerhahn hatte ihm in seinem ganzen Leben noch nie jemand geschenkt.
+Endlich ging der Joggi die Halde hinunter. Voller Freuden schauten die
+Mutter, Otto und Miezchen ihm nach: er hielt seinen Zuckerhahn bald in
+der einen, bald in der anderen Hand, lachte immerzu und hatte seinen
+Schrecken gänzlich vergessen. --
+
+Seit drei Tagen hatte die Frau Oberst den Schreiner Andres nicht
+besucht. Es hatte sich so vieles ereignet in diesen Tagen, daß sie gar
+nicht begriff, wie die Zeit dahingegangen war; doch konnte sie ja ruhig
+sein, sie wußte, daß der Andres gut verpflegt und besorgt und dazu auf
+dem besten Wege der Genesung war.
+
+Ihr Mann hatte gleich am Morgen nach seiner Rückkehr aus der Stadt den
+Andres besucht, um ihm die Entdeckung und die Festnahme seines Bruders
+selbst mitzuteilen. Andres hatte ganz ruhig zugehört und dann gesagt:
+»Er hat es so haben wollen; es wäre doch besser gewesen, er hätte mich
+um ein wenig Geld gebeten, ich hätte ihm ja schon gegeben; aber er hat
+immer lieber geprügelt, als gute Worte gegeben.«
+
+Jetzt trat die Frau Oberst am sonnigen Wintermorgen aus ihrer Tür und
+stieg fröhlichen Herzens den Berg hinunter, denn sie beschäftigte sich
+in ihrem Innern mit einem Gedanken, der ihr wohlgefiel. Als sie die
+Haustür aufmachte beim Schreiner Andres, kam Wiseli eben aus der Stube
+heraus. Seine Augen waren ganz aufgeschwollen und hochrot vom Weinen. Es
+gab der Frau Oberst nur flüchtig die Hand und schoß scheu in die Küche
+hinein, um sich zu verbergen. So hatte die Frau Oberst das Wiseli noch
+gar nie gesehen. Was konnte da begegnet sein? Sie trat in die Stube ein.
+Da saß am sonnigen Fenster der Andres und sah aus, als sei ein noch nie
+erlebtes Unheil über ihn hereingebrochen.
+
+»Was ist denn hier geschehen?« fragte die Frau Oberst und vergaß im
+Schrecken, »guten Tag« zu sagen.
+
+»Ach, Frau Oberst«, stöhnte Andres, »ich wollte, das Kind wäre nie in
+mein Haus gekommen!«
+
+»Was«, rief sie noch erschrockener aus, »das Wiseli? Kann dieses Kind
+Euch ein Leid angetan haben?«
+
+»Ach, um's Himmels willen, nein, Frau Oberst, so meine ich's nicht«,
+entgegnete Andres in Aufregung; »aber nun ist das Kind bei mir gewesen
+und hat mir ein Leben gemacht in meinem Häuschen, wie im Paradies, und
+jetzt muß ich das Kind wieder hergeben, und alles wird viel öder und
+leerer um mich her sein, als vorher. Ich kann es nicht aushalten; Sie
+können sich gar nicht denken, wie lieb mir das Kind ist; ich kann es
+nicht aushalten, wenn sie mir's wegnehmen. Morgen muß es gehen, der
+Vetter-Götti hat schon zweimal den Buben geschickt; es müsse nun zurück,
+morgen müsse es sein. Und dann ist noch etwas, das mir fast das Herz
+zersprengt: seitdem der Vetter-Götti geschickt hat, ist das Kind ganz
+still geworden und weint heimlich; es will es nicht so zeigen, aber man
+kann's wohl sehen, es macht ihm so schwer, zu gehen, und morgen muß es
+sein. Ich übertreibe nicht, Frau Oberst, aber das kann ich sagen: alles,
+was ich seit dreißig Jahren erspart und erarbeitet habe, gäbe ich seinem
+Vetter-Götti, wenn er mir das Kind ließe.«
+
+Die Frau Oberst hatte den aufgeregten Andres ganz fertig reden lassen;
+jetzt sagte sie ruhig: »Das würde ich nicht tun an Eurer Stelle, ich
+würde es ganz anders machen.«
+
+Andres schaute sie fragend an.
+
+»Seht, Andres, so würde ich es machen: ich würde sagen: 'All' mein
+wohlverdientes Gut will ich jemandem zurücklassen, der mir lieb ist. Ich
+will das Wiseli an Kindes Statt annehmen, ich will sein Vater sein, und
+es soll von Stund an als mein Kind in meinem Hause bleiben.' Würde es
+Euch nicht gefallen so, Andres?«
+
+Der Andres hatte lautlos zugehört und seine Augen waren immer größer
+geworden. Jetzt ergriff er vor Bewegung die Hand der Frau Oberst und
+drückte sie gewaltig zusammen, dann keuchte er hervor:
+
+»Kann man das wirklich machen? Könnte ich das mit dem Wiseli tun, so daß
+ich sagen könnte: das Wiseli ist mein Kind, mein eigenes Kind, und
+niemand hat mehr ein Recht an das Kind, und kein Mensch kann es mir mehr
+nehmen?«
+
+»Das könnt Ihr, Andres«, versicherte die Frau Oberst, »geradeso! Sobald
+das Wiseli Euer Kind ist, hat kein Mensch mehr ein Recht auf das Kind,
+Ihr seid der Vater. Und seht, Andres, weil ich mir gedacht hatte, Ihr
+könntet den Wunsch haben, das Wiseli zu behalten, so habe ich meinen
+Mann gebeten, heute nicht fortzugehen, im Fall Ihr etwa gern gleich nach
+der Stadt in die Kanzlei fahren würdet, daß alles bald festgesetzt
+werde, denn zu Fuß könnt Ihr noch nicht gehen.«
+
+Andres wußte gar nicht, was er tat vor Aufregung und Freude. Er lief
+dahin und dorthin und suchte den Sonntagsrock; dann rief er ein Mal ums
+andere: »Ist es auch sicher wahr? Kann's auch sein?« Dann stand er
+wieder vor die Frau Oberst hin und fragte: »Kann es jetzt sein, gleich
+jetzt, heut' noch?«
+
+»Gleich jetzt«, versicherte sie; doch gab sie nun dem Schreiner Andres
+die Hand zum Abschied, sie mußte gehen und ihrem Manne mitteilen, daß
+Andres schon reisefertig sei.
+
+»Ihr solltet es dem Wiseli erst am Abend sagen, wenn alles gut
+eingeleitet ist und Ihr wieder ruhig daheim seid«, bemerkte die Frau
+Oberst noch unter der Tür; »meint Ihr nicht?«
+
+»Ja, sicher, sicher«, gab Andres zur Antwort; »jetzt könnt' ich's fast
+nicht sagen.«
+
+Als die Tür sich schloß, setzte sich Andres auf seinen Stuhl nieder und
+zitterte an Händen und Füßen so sehr, daß er meinte, er könne nie mehr
+davon aufstehen, so war ihm die Freude und Aufregung in alle Glieder
+gefahren. Es währte aber kaum eine halbe Stunde, da kam schon des
+Obersten Wagen angefahren und hielt still am Gärtchen des Schreiners,
+und zu Wiselis unbeschreiblichem Erstaunen stieg der Knecht von seinem
+Sitz herunter, kam herein, und nach wenigen Minuten sah es, wie er
+wieder herauskam, den Schreiner Andres mit beiden Armen festhielt und
+ihm dann in den Wagen hinein half. Wiseli schaute dem Fuhrwerk nach, als
+bewege sich etwas Unfaßliches vor seinen Augen, denn der Schreiner
+Andres hatte kein Wort mehr zu ihm sagen können, nicht einmal, daß er
+ausfahren werde. So wie er sich niedergesetzt hatte, war er sitzen
+geblieben, bis der Knecht ihn herausholte, und das Wiseli hatte sich
+immer noch verborgen gehalten. Jetzt ging es in die Stube hinein und saß
+ans Fenster, wo sonst der Schreiner Andres saß, und konnte gar nichts
+anderes mehr denken als nur immerzu: »Heute ist der letzte Tag, und
+morgen muß ich zum Vetter-Götti.« Als der Mittag herankam, ging Wiseli
+in die Küche hinaus und machte zurecht, was der Andres essen sollte;
+aber er kam nicht, und es wollte nichts berühren, bis er auch dabei
+war. So ging es wieder hinein, und auf der Stelle stand der traurige
+Gedanke wieder vor ihm und es mußte ihm wieder nachhangen. Aber endlich
+wurde es so müde davon, daß sein Kopf ihm auf die Schulter fiel und es
+fest einschlief; aber noch im Schlaf mußte es immer sagen: »Und morgen
+muß ich zum Vetter-Götti.« Und Wiseli sah nicht, wie leise der helle
+Abendschein in die Stube hineinfiel und einen schönen Tag verkündigte.
+
+Wiseli schoß auf, als jemand die Stubentür öffnete; es war der Schreiner
+Andres. Das Glück leuchtete ihm aus den Augen wie heller Sonnenschein,
+so hatte ihn Wiseli noch nie gesehen. Es schaute verwundert zu ihm auf.
+Jetzt mußte er auf seinen Stuhl sitzen und Atem holen vor Bewegung,
+nicht vor Erschöpfung; dann rief er mit triumphierender Stimme:
+
+»Es ist wahr, Wiseli, es ist alles wirklich wahr! Die Herren haben alle
+'Ja' gesagt. Du gehörst mir, ich bin dein Vater, sag mir einmal
+'Vater'!«
+
+Wiseli war ganz schneeweiß geworden; es stand da und starrte den Andres
+an, aber es sagte kein Wort und bewegte sich nicht.
+
+»Ja so, ja so«, fing Andres wieder an; »du kannst es ja nicht begreifen,
+es kommt mir alles durcheinander vor Freuden; jetzt will ich von vorn
+anfangen. Siehst du, Wiseli, jetzt eben habe ich es in der Kanzlei
+verschrieben: du bist jetzt mein Kind und ich bin dein Vater, und du
+bleibst hier bei mir für immer und gehst nie mehr zurück zum
+Vetter-Götti, hier bist du daheim, hier bei mir.«
+
+Jetzt hatte Wiseli alles begriffen. Auf einmal sprang es auf den Andres
+zu und umfaßte ihn mit beiden Armen und rief: »Vater! Vater!« Der
+Andres brachte kein Wort mehr hervor und das Wiseli auch nicht, denn es
+kam ihm so viel zusammen im Herzen und in den Gedanken, daß es ganz
+überwältigt wurde. Aber mit einem Male war es, als ob ihm ein helles
+Licht aufginge; es schaute den Andres mit leuchtenden Augen an und rief
+frohlockend: »O Vater, jetzt weiß ich alles, wie es zugegangen ist und
+wer dazu geholfen hat.«
+
+»So, so, und wer denn, Wiseli?« fragte er.
+
+»Die Mutter!« war die rasche Antwort.
+
+»Die Mutter?« wiederholte Andres, ein wenig erstaunt, »wie meinst du
+das, Wiseli? wie meinst du das?«
+
+Jetzt erzählte das Kind, wie es die Mutter gesehen hatte, ganz deutlich,
+wie sie es bei der Hand genommen und ihm einen sonnigen Weg gezeigt und
+gesagt hatte: »Sieh, Wiseli, das ist dein Weg.« -- »Und jetzt, Vater«,
+rief Wiseli immer eifriger fort, »jetzt ist mir auf einmal in den Sinn
+gekommen, wie der Weg war, gerade so, wie der draußen im Garten, wenn
+die Sonne darauf scheint und die Nelken so rot glühen und auf der
+anderen Seite die Rosen, und die Mutter hat ihn schon gekannt und hat
+gewiß das ganze Jahr am lieben Gott angehalten, daß ich dürfe auf den
+Weg kommen, sie hat schon gewußt, wie gut ich es bei dir haben würde,
+wie sonst nirgends auf der ganzen Welt. Das glaubst du jetzt auch,
+Vater, daß alles so gegangen ist, nicht wahr, seit du weißt, daß die
+Mutter mir den Weg bei den Nelken gezeigt hat?«
+
+Der gute Andres konnte nichts sagen, die hellen Tränen liefen ihm die
+Wangen hinunter; dabei aber lachte ihm eine solche Freude aus den nassen
+Augen, daß es dem Wiseli nicht bange wurde. Als er aber endlich etwas
+sagen wollte, da hörte man nichts davon, denn in dem Augenblick wurde
+mit einem ungeheuren Knall die Tür aufgeschlagen und herein sprang mit
+einem Satz bis mitten in die Stube der Otto, dann machte er noch einen
+großen Sprung über einen Stuhl weg und rief: »Juhe, wir haben's
+gewonnen, und das Wiseli ist erlöst!« Hinter ihm stürzte das Miezchen
+hervor, rannte gleich auf seinen Freund los und sagte mit
+bedeutungsvollem Winken gegen die Tür hin: »Jetzt, Andres, wirst du
+gleich sehen, was kommt zum Genesungsfest!«, und eh' es noch fertig
+gesprochen, arbeitete der Bäckerjunge sich zur Tür herein mit einem so
+ungeheuren Brett auf dem Kopf, daß er in der Tür stecken blieb und nicht
+damit weiterdringen konnte. Aber von hinten kam eine kräftige Hand, die
+hob und schob und stützte das wankende Gebäude, bis es glücklich in der
+Stube angelangt und auf den Tisch gesetzt war, den es gänzlich bedeckte,
+von oben bis unten. Denn Otto und Miezchen hatten ersonnen, aus ihren
+Sparbüchsen zum Genesungsfest den allergrößten Rahmkuchen machen zu
+lassen, den ein Mensch machen könnte. Da er nun zu klein geworden wäre
+als runder Kuchen, so hatte man ihn viereckig gemacht, so daß er den
+Ofen ausfüllte von vorn bis hinten und nun den ganzen Tisch bedeckte.
+Auf den Boden hin stellte nun die Trine, die hinter dem Bäckerjungen
+hilfreich hereingekommen war, ihren großen Korb nieder; da war ein
+schöner Braten darin und stärkender Wein dazu, denn die Frau Oberst
+hatte gesagt, heute habe der Andres gewiß noch keinen Bissen gegessen,
+und vielleicht noch dazu das Wiseli nicht, und so war es auch, und jetzt
+merkte es auch das Wiseli auf einmal, als es alle die einladenden Sachen
+vor sich sah. Nun setzte sich die ganze Gesellschaft zu Tisch, und man
+konnte gar nicht absehen, wer von allen das fröhlichste Gesicht am
+Tische hatte. Vor allem mußte der Riesenkuchen in der Mitte zerschnitten
+und die Hälfte auf den Boden gelegt werden, daß man Platz bekam, und nun
+folgte ein Festessen von so fröhlicher Art, daß noch gar nie ein
+fröhlicheres stattgefunden hat, denn jedem, das an diesem Tisch saß, war
+sein höchster Wunsch in Erfüllung gegangen.
+
+Wie es nun spät geworden war unter all der Freude und man endlich vom
+Tisch aufstehen mußte -- denn die Trine stand schon lange bereit zum
+Abholen --, da sagte Andres: »Heut' habt ihr das Fest bereitet, aber auf
+den Sonntag will ich auch eins bereiten, dann kommt ihr wieder, und das
+soll das Fest des Einstandes sein für mein Töchterchen.«
+
+Nun schüttelten sich alle die Hände in der frohen Aussicht auf ein neues
+herrliches Fest und auf die immerwährende Befriedigung, das Wiseli beim
+Schreiner Andres zu wissen. Unter der Tür aber gab Wiseli dem Otto noch
+einmal die Hand und sagte:
+
+»Ich danke dir hunderttausendmal für alles Gute, Otto. Der Chäppi hat
+mir auch nie mehr etwas an den Kopf geworfen, weil er nicht durfte; das
+habe ich nur dir zu danken.«
+
+»Und ich danke dir auch, Wiseli«, entgegnete Otto; »ich habe gar nie
+mehr die Fetzen auflesen müssen in der Schule; das habe ich nur dir zu
+danken.«
+
+»Und ich auch«, behauptete Miezchen, denn es wollte nicht weniger
+erfreuliche Erfahrungen gemacht haben.
+
+Als nun in dem Stübchen alles still geworden war und der Mondschein
+leise durchs Fenster hereinkam, bei dem der Schreiner Andres abgesessen
+war, während das Wiseli noch alles aufräumen wollte, da kam es zu ihm
+heran und sagte, indem es seine Hände faltete:
+
+»Vater, soll ich nicht den Liedervers der Mutter dir laut vorbeten? Ich
+hab' ihn heut' Abend immer wieder leise für mich sagen müssen, den will
+ich gewiß mein ganzes Leben lang nie vergessen.«
+
+Andres war sehr zufrieden, den Vers zu hören, und Wiseli schaute zu den
+Sternen auf und sagte tief aus seinem Herzen heraus:
+
+ »Befiehl du deine Wege,
+ Und was dein Herze kränkt,
+ Der allertreu'sten Pflege
+ Des, der den Himmel lenkt.
+
+ Der Wolken, Luft und Winden
+ Gibt Wege, Lauf und Bahn,
+ Der wird auch Wege finden,
+ Da dein Fuß gehen kann.«
+
+ * * * * *
+
+Von diesem Tage an war und blieb das allerglücklichste Haus im ganzen
+Dorf und im ganzen Land das Häuschen des Schreiners Andres mit dem
+sonnigen Nelkengarten. -- Wo seither das Wiseli sich blicken ließ, da
+waren alle Leute so freundlich mit ihm, daß es nur staunen mußte. Denn
+vorher hatten sie es nie beachtet, und der Vetter-Götti und die Base
+gingen nie am Haus vorbei, ohne schnell hereinzukommen und ihm die Hand
+zu geben und zu sagen, es solle auch zu ihnen kommen.
+
+Über diese Wendung war das Wiseli froh, denn es hatte immer einen
+heimlichen Schrecken gehabt beim Gedanken, was der Vetter-Götti zu allem
+sagen werde. So war Wiseli von aller Angst befreit und ging fröhlich
+seinen Weg; im stillen aber dachte es oftmals: »Der Otto und die
+Seinigen waren gut mit mir, als es mir schlecht ging und ich gar niemand
+mehr auf der Welt hatte; aber die anderen Leute sind erst freundlich mit
+mir geworden, seit es mir gut geht und ich einen Vater habe; ich weiß
+ganz gut, wer es am besten mit mir meint.«
+
+
+Druck von Friedrich Andreas Perthes, Aktiengesellschaft, Gotha.
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Diese elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der ca. 1920 erschienenen siebzehnten Auflage erstellt; das
+Buch bildet den ersten Band der Serie »Geschichten für Kinder und auch
+für solche, welche die Kinder lieb haben« von Johanna Spyri. Die
+nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller im elektronischem
+Buch gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+S. 025: sa daß es Rico ein Mal über das andere -> so daß
+S. 028: in den Korpf gesetzt -> Kopf
+S. 070: schanten zwei große Augen -> schauten
+S. 073: [Punkt ergänzt] wollten mit ihrem Lied beginnen.
+S. 152: [öffnendes Anführungszeichen ergänzt] »Ach nein, Max«
+S. 165: [öffnendes Anführungszeichen ergänzt] »und dann möchte ich
+S. 199: kein Wort sagen zn wollen -> zu
+S. 232: denn ich dem Augenblick -> in dem Augenblick
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the scans of a
+seventeenth edition copy, published ca. 1920; the book forms the first
+volume of the series »Geschichten für Kinder und auch für solche, welche
+die Kinder lieb haben« by Johanna Spyri. The table below lists all
+corrections applied to the original text.
+
+p. 025: sa daß es Rico ein Mal über das andere -> so daß
+p. 028: in den Korpf gesetzt -> Kopf
+p. 070: schanten zwei große Augen -> schauten
+p. 073: [added period] wollten mit ihrem Lied beginnen.
+p. 152: [added opening quotes] »Ach nein, Max«
+p. 165: [added quotes] Kartoffeln abreißend, »und dann möchte ich
+p. 199: kein Wort sagen zn wollen -> zu
+p. 232: denn ich dem Augenblick -> in dem Augenblick
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Heimatlos, by Johanna Spyri
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HEIMATLOS ***
+
+***** This file should be named 20780-8.txt or 20780-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/0/7/8/20780/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This file is
+gratefully uploaded to the PG collection in honor of
+Distributed Proofreaders having posted over 10,000 ebooks.
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
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+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
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+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
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+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
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+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
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+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
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+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
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+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
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+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
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+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
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+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
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+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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