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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 01:23:00 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Tahiti. Erster Band., by Friedrich Gerstäcker
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Tahiti. Erster Band.
+ Roman aus der Südsee
+
+Author: Friedrich Gerstäcker
+
+Release Date: January 22, 2007 [EBook #20412]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TAHITI. ERSTER BAND. ***
+
+
+
+
+Produced by richyfourtytwo, Holt and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ TAHITI.
+
+
+ _Roman aus der Südsee_
+
+ von
+
+ #Friedrich Gerstäcker.#
+
+
+ Zweite unveränderte Auflage.
+
+ Erster Band.
+
+
+ Der Verfasser behält sich die Uebersetzung dieses Werkes vor.
+
+
+ #Leipzig,#
+
+ _Hermann Costenoble._
+
+ 1857.
+
+
+
+
+Der
+
+#J. G. Cotta’schen Buchhandlung#
+
+die es ihm möglich machte den langgehegten Wunsch
+einer Reise um die Welt auszuführen, bringt diese
+_erste Frucht_ derselben
+
+_in dankbarer Hochachtung_
+
+#der Verfasser.#
+
+
+
+
+#Inhalt des ersten Bandes.#
+
+ Seite
+Cap. 1. Der Wallfischfänger 1
+
+ " 2. Die Flucht, und welchen Dollmetscher René fand 19
+
+ " 3. Das Mädchen von Atiu 47
+
+ " 4. Der Mi-to-na-re 69
+
+ " 5. Das Geständniß 124
+
+ " 6. Was der ehrwürdige Mr. Rowe dazu sagt 155
+
+ " 7. Der Verrath, und wie sich beide Theile dabei irrten 180
+
+ " 8. Tahiti 224
+
+ " 9. Die vier Häuptlinge 253
+
+ " 10. Die Versammlung 273
+
+
+
+
+Capitel 1.
+
+#Der Wallfischfänger.#
+
+
+Von einem leichten Ostpassat getrieben, dazu die Obersegel fest, ja
+sogar noch mit einem Reef im Kreuzsegel, der vor einigen Abenden
+hineingenommen, und den man sich gar nicht die Mühe gegeben hatte wieder
+auszustechen, kam ein schwerfälliges, schmutzig aussehendes Schiff
+langsam bei dem Winde nach Süden herunter und näherte sich einer, in der
+Ferne eben sichtbar werdenden kleinen hohen Insel der Cooksgruppe.
+
+Schon die großen fettigen Stellen in den Segeln, auf denen die Leute,
+nach dem Thranauskochen, beim Reefen allabendlich gelegen, verriethen
+den Wallfischfänger, hätten ihn nicht auch die, an besonderen Krahnen
+zu beiden Borden aufgehangenen und noch auf Querstützen über Deck
+besonders gehaltenen Boote als solchen dargethan. Andere Fahrzeuge
+besuchten auch selten diese Gewässer und selbst die Wallfischfänger nur
+in diesen Monaten Januar und Februar, ehe sie wieder mit einbrechendem
+Frühling nach Norden aufgingen, die einträglichere, wenigstens
+ergiebigere Jagd der »rechten Wallfische« der der Spermacetis
+vorzuziehen.
+
+Es war diesmal aber noch ziemlich früh in der Jahreszeit und der
+Delaware, wie der Wallfischfänger getauft worden, hatte im Anfang
+beabsichtigt gerade zu Tahiti anzulaufen; durch den starken Ostpassat
+aber und die klein geführten Segel, wie mit der starken
+Aequatorialströmung gegen sich zu viel nach Westen versetzt, mußte er
+erst wieder nach Süden hinunter, etwas mehr in die Region der
+veränderlichen Winde zu kommen, oder auch vielleicht einen der dann und
+wann einsetzenden Westwinde zu benutzen, und beschloß jetzt nur die
+erste in Sicht befindliche Insel anzulaufen, um einige Erfrischungen und
+vielleicht etwas Holz einzunehmen.
+
+Das Wasser zwischen diesen Inseln ist übrigens, häufiger Riffe wegen,
+den Schiffen oft gefährlich, und die mit den Localitäten nicht sehr gut
+vertrauten Fahrzeuge machen, wenn sie in solchen Gruppen nichts zu thun
+haben, lieber einen ziemlich bedeutenden Umweg, sie zu umgehen, als daß
+sie sich leichtsinniger Weise hineinwagen. Mit einem Wallfischfänger ist
+das aber ganz etwas anderes; er versäumt, sobald er sich erst einmal auf
+seinem Jagdgrund befindet, keine Zeit mehr, denn wenn er segelt, hat er
+die Möglichkeit eben so auf seiner Seite, daß er von Fischen weg, als
+ihnen gerade entgegenläuft, und wenn er still liegt, kann er eben so gut
+eine ganze »~school~« versäumen, die vielleicht dort vorübergeht wo er
+hätte sein können, als die auf ihn zukommenden gerade wie auf der Lauer
+abfangen. Das Ganze ist Glückssache und dem Pirschen auf Rothwild in
+einem fremden Walde nicht unähnlich. Kommen diese Wallfischfänger also
+an solche Stellen, so suchen sie, ehe es dunkel wird, hinter irgend eine
+kleinere Insel oder Riffbank zu laufen, wo sie entweder Ankergrund oder
+Raum zum Kreuzen haben, und treiben dort die Nacht herum, bis ihnen die
+aufsteigende Sonne wieder ihre Bahn beleuchtet.
+
+Gerade mit Sonnenuntergang war denn auch der Delaware, bis westlich von
+Atiu, einer nicht ganz unbedeutenden Insel, gekommen, und der Capitain
+wäre gern die Nacht vor Anker gegangen, die Stellen aber, die er
+untersuchte waren überall, bis fast dicht an die schäumenden Riffbänke,
+so tief, daß er sich nicht der Gefahr aussetzen mochte, so nahe unter
+dem bösartigen Ufer vielleicht einmal von einem der hier oft sehr rasch
+eintretenden Weststürme überrascht zu werden. Er ließ also die Segel
+dicht reefen und kreuzte, (eben nicht zum Vergnügen der Mannschaft, die
+sechs bis acht Mal in der Nacht mit dem Schiff herum mußte) in Lee der
+Insel auf und nieder.
+
+Capitain Lewis kümmerte sich übrigens den Henker darum, ob er seinen
+Leuten damit einen Gefallen that oder nicht – er und sie standen, wie
+man’s am Lande nennen würde – »auf Hofton« mit einander – d. h. er
+sprach, seit sie das letzte Mal auf den Sandwichsinseln gewesen, wo es
+zu einigen Auftritten gekommen war, nur höchst höflich mit ihnen und
+nannte sie, wenn er sie zu einer Arbeit im Einzelnen aufforderte,
+gewöhnlich Mister, und ~if you _please_~, mit starker Betonung des
+letzten Wortes, aber mit einem Blick dabei, der deutlich genug sagte:
+»Wenn Du nicht _springst_, Canaille, zu thun was ich Dir sage, so laß
+ich Dich bei den Beinen aufhängen.«
+
+Er, zum Dank dafür, hieß bei den Leuten, statt wie sonst die Capitaine
+gewöhnlich »den Alten« (~the old man~) zu nennen, »~the old devil~« (der
+alte Teufel); und wußte das auch recht gut, ja es schien ihm ordentlich
+Spaß zu machen daß er so genannt wurde, und er hatte seiner Mannschaft
+schon mehrmals versichert, er wolle sich bemühen, seinem Namen keine
+Schande zu machen; welches Versprechen er auch bis jetzt, so weit es in
+seinen Kräften stand, redlich gehalten.
+
+Die Mannschaft eines Schiffes ist in solchen Fällen übel d’ran –
+widersetzt sie sich, so ist es _Meuterei_, und sie wird darnach
+bestraft, mögen die Leute recht gehabt haben oder nicht, und halten sie,
+auf der anderen Seite aus bis zum Letzten, und verklagen nachher den
+Capitain, so ist Zehn gegen Eins zu wetten, daß dieser dennoch Recht
+bekommt. In sehr vielen Fällen hat er’s aber auch, und es giebt wohl auf
+keinen Fahrzeugen der Welt, Kriegsschiffe vielleicht ausgenommen, toller
+zusammen gewürfeltes Volk, als auf diesen Wallfischfängern. Ein
+ordentlicher Matrose geht selten oder nie darauf, es ist meist lauter
+aufgelesenes Ufervolk, die faul genug sind ihre eigene Arbeit bei Seite
+zu werfen, und Romantik genug im Kopfe haben, sich von einem
+»Wallfischzug« ein ganz besonderes Vergnügen und außerdem einen
+bedeutenden Nutzen zu versprechen. Die guten Leute sehen dann gewöhnlich
+immer etwas zu spät ein, daß sie sich in der ersten Erwartung jedesmal,
+und nur zu häufig auch in der anderen getäuscht haben, und sie sind dann
+eben _ein_mal und nicht wieder Wallfischfänger gewesen, so daß fast
+jedes neu ausgehende Schiff, die Offiziere ausgenommen, auch eine
+durchaus neue Besatzung hat.
+
+Schuster und Schneider, besonders die letzteren, sieht man sehr häufig
+dabei, Tischler und Maurer, Schmiede und Böttcher, Gerber und
+Cigarrenmacher – Alles wird Wallfischfänger und der Capitain eines
+solchen Fahrzeugs, der von dem Rheder, sobald er eine volle Besatzung
+hat und die Jahreszeit gekommen ist, in See hinaus geschickt wird, hat
+dann oft, wie sich nicht leugnen läßt, eine entsetzliche Zeit dies Volk,
+von dem er vorher weiß daß es doch nur _eine_ Reise bei ihm aushält –
+ja schon an den nächsten Plätzen wo er anlegt fortläuft, wenn er ihnen
+nur Gelegenheit dazu gäbe, so weit einzurichten, daß sie wenigstens erst
+einmal verstehen lernen was sie nur überhaupt zu thun haben. Dies sie
+nachher wirklich thun zu machen hat dann schon weniger Schwierigkeiten.
+Kommen nun ordentliche ruhige Menschen manchmal zwischen diese hinein –
+d. h. die Mannschaft, denn die Offiziere, vom Bootsteurer aufwärts,
+bilden ein ganz besonderes, abgeschlossenes Corps – so fühlen sich
+diese gewöhnlich höchst unglücklich und verwünschen den Augenblick, wo
+sie sich von der Romantik der Sache bethören ließen – aber leider zu
+spät, und die viertehalb Jahr, die eine solche Fahrt sehr häufig dauert,
+werden ihnen zur Hölle.
+
+Doch zurück an Bord unseres Fahrzeugs. Zum Ausschauen auf der Back vorn
+stand ein junger Mann, dessen edle, fast schöne Gesichtszüge, wie der
+schlanke schmächtig gebaute Körper wohl passender für einen Salon als
+das Vorcastle eines Wallfischfängers geschienen hätten. Das volle braune
+Haar quoll ihm in dichten Massen unter der breiten schottischen,
+dunkelblauen Mütze vor, und seine reinliche Kleidung selber unterschied
+ihn auffällig von der übrigen, besonders in diesem Punkt höchst
+nachlässigen Schaar. Es war ein junger Franzose aus sehr guter Familie,
+der sich in Boston mehr einer tollen Laune oder ziellosen Reiselust zu
+Liebe, als aus irgend einer andern Ursache hatte verleiten lassen, an
+Bord des Delaware eine Reise nach der Südsee mitzumachen, und der jetzt
+still und brütend nach dem nahen Lande hinüberschaute, das mit dem
+dunkeln Schatten seiner Palmen in träumerischer Ruhe vor ihm lag.
+
+»Nun René, so in Gedanken?« sagte plötzlich, dicht neben ihm, eine
+freundliche Stimme und eine Hand berührte leise seine Schulter – »an
+was denkst Du?«
+
+Der Angeredete fuhr erst wie erschreckt aus seinem Nachdenken empor und
+schaute sich um, als er aber den Sprechenden erkannte, sagte er rasch
+und fast erfreut:
+
+»Es ist mir lieb, Adolph, daß du gerade in diesem Augenblick zu mir
+kommst, ich bin eben mit meinem Entschluß ins Reine gekommen – ich
+verlasse dies Schiff.«
+
+»Thorheit,« sagte Adolph kopfschüttelnd – »Du kennst die Verhältnisse
+hier nicht, René. Kämst Du wirklich glücklich an Land, so brauchte der
+Capitain nur eine unbedeutende Belohnung auf Deinen Fang zu setzen und
+Du würdest rettungslos ausgeliefert. Ich bin schon früher hier gewesen
+und habe den Fall zweimal ausgeführt gesehen. Die Eingebornen sind
+seelensgut, aber wie die Kinder – ein Spielzeug könnte sie zu irgend
+etwas verführen – sei es nun zum Guten oder zum Bösen.«
+
+»Hab’ ich erst festen Boden unter den Füßen, so könnten sie mich nur als
+Leiche wieder zurückschaffen,« murmelte René mit düsterem Blick und
+fester Entschlossenheit zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch.
+
+»Das wäre Thorheit,« sagte aber sein älterer Freund, ein Landsmann von
+ihm und jetzt dritter Harpunier auf dem Delaware, der mit René schon in
+Algier gefochten und in Canada gejagt, und damals Alles versucht hatte
+ihm einen so tollen Entschluß, wenn auch vergebens, auszureden, als
+gemeiner Matrose das Leben eines Wallfischfängers zu versuchen. »Du
+bist noch jung René und das Leben steht Dir weit und freudig offen –
+hier nun einmal in die Klemme gerathen, bring Dich deshalb nicht gleich
+um Alles, blos weil es Dir in den Sinn kommt die Suppe, die Du Dir
+selber eingebrockt, nicht ausessen zu wollen. Ein, höchstens zwei Jahr,
+und Du bist wieder frei wie der Vogel in der Luft, und selbst diese Zeit
+wird Dir dann, so schmerzvoll und entsetzlich sie Dir jetzt auch
+scheint, eine freudige, vielleicht liebere Erinnerung sein, als manche
+froh und glücklich verlebte Stunde.«
+
+»Ich halt’ es nicht aus, Adolph, ich halt’ es bei Gott nicht aus« sagte
+René kopfschüttelnd – »hier unter dem rohen Volk noch Jahrelang bleiben
+und an Geist und Körper zu Grunde gehen – ich vermag es nicht. Du weißt
+dabei, wie nahe ich zweimal schon daran war mit dem Capitain selber, der
+fast schlimmer ist als der Schlimmste seiner Leute, zusammenzugerathen,
+und wer schützt mich dann vielleicht sogar vor seinen rohen
+_Mißhandlungen_? Das Resultat bliebe dasselbe, auch das ertrüge ich
+nicht, und lieber will ich mein Leben hier wagen, wo mir noch die
+Möglichkeit eines Entkommens bleibt, als zuletzt gezwungen werden dem
+Capitain vielleicht ein Messer in den Leib zu rennen und über Bord zu
+springen. Nein, Adolph, ich bin fest entschlossen« setzte er leise aber
+mit ruhiger und überzeugter Stimme hinzu – »die erste Gelegenheit, die
+sich mir bietet an Land zu kommen, und sollt’ ich es schwimmend zu
+suchen haben, benutz ich, und die Folgen mögen dann sein wie sie wollen
+– ich weiß und fühle, daß mir nichts Schlimmeres begegnen kann, als was
+ich jetzt in Seelenqual und innerer Unruhe zu leiden habe.«
+
+»Hol’s der Henker«, sagte Adolph nach kurzem Sinnen – »wer weiß ob ichs
+nicht an Deiner Stelle, und mit Deinem jungen Blut in den Adern am Ende
+auch thäte. Aber wie willst Du an Land kommen? es ist noch ganz ungewiß
+ob der alte Teufel ein Boot abschickt Erfrischungen einzunehmen oder
+nicht, – er traut uns allen mit einander nicht.«
+
+»Doch« entgegnete ihm René – »ich habe vorher zufällig gehört, daß
+unser Boot mit dem ersten Harpunier morgen mit Tagesanbruch hinüber
+soll, etwas Brodfrucht und Cocosnüsse abzuholen. Die Gelegenheit will
+ich jedenfalls benutzen, noch dazu da es uns einen Vorwand giebt,
+reichliche Kleider mit zu nehmen. – Die Leute haben ja sonst nichts,
+sich Kleinigkeiten von den Eingebornen einzutauschen.«
+
+»Und sowie Du im Wald drin bist« sagte Adolph immer noch kopfschüttelnd,
+»hetzt der alte Seehund von Harpunier Dir die ganze Einwohnerschaar
+hinterher – wie willst Du ihnen entgehen? – René, René es ist wahr,
+das Land liegt wohl verlockend genug vor uns da, und selbst mir zuckt’s
+in den Knochen, einmal frei darauf herumzuspatzieren und von diesem –
+verdammten Marterkasten loszukommen, aber – ich weiß doch nicht – hast
+du einmal das Schiff verlaufen und wirst wieder eingefangen, so kommst
+Du nachher erst in eine Hölle, wenn Du vorher in keiner gewesen bist,
+und wenn ich ganz aufrichtig sein soll, so glaub’ ich nicht daß Du zwei
+Tage von uns bleibst, ehe sie Dich wieder haben – und die zwei Tage
+über bist Du dann mehr wie ein gehetzter Wolf als wie ein Mensch.«
+
+»Und es hilft doch Alles Nichts« lächelte René trüb; »ich hab’s mir nun
+einmal in den Kopf gesetzt, und ich führ es auch aus, mag daraus
+entstehen was da will; schlimmer kann’s nicht werden als es schon ist.«
+
+»Doch, doch« sagte Adolph »es kann noch viel viel schlimmer werden, Du
+hast es noch nicht gesehen, wenn es an Bord eines Schiffes einmal
+_recht_ schlimm ist,« setzte er schaudernd hinzu – »und ich verlang’ es
+ebenfalls nie, nie wieder zu erleben. Außerdem bist Du der Sprache gar
+nicht mächtig – wie willst Du Dich den Leuten verständlich machen?
+René, es geht in der Welt alles nach Eigennutz – bist Du erst einmal
+älter, wirst Du das auch selber erfahren – und die Eingeborenen hier
+wissen recht gut, daß sie von einem entlaufenen Matrosen nicht viel
+Gutes und gar keinen Nutzen zu gewärtigen haben, während ihnen der
+Capitain eine Masse Sachen geben kann, die für sie und ihr einfaches
+Leben förmliche Schätze sind.«
+
+»Ich habe Geld bei mir« sagte René rasch – »~Peste~, ich brauche des
+alten Schuftes Blutgeld nicht, mir meine Bahn auch im schlimmsten Fall
+zu _erkaufen_, wenn es denn nicht anders sein kann.«
+
+»Das ist schon ein sehr sehr großer Vortheil« lächelte Adolph, »und es
+werden wenig Matrosen von Wallfischfängern weglaufen, die wirklich einen
+Franc in der Tasche haben, aber der Capitain bleibt immer im Vortheil.
+– Aexte, Beile, Kattune und Schmuck und besonders Spirituosen sind
+ihnen weit lieber als Geld, und über derlei Sachen hast Du immer nicht
+zu verfügen.«
+
+»Vernünftiger Weise magst Du Recht haben, Adolph«, lächelte aber der
+junge Mann, auf alle diese Argumente – »und ich glaube selbst daß es
+eine Art verzweifelter Schritte ist, auf einer so kleinen Insel, wie
+diese zu sein scheint, zu entlaufen – die Möglichkeit ist immer eher
+da, daß man eingefangen wird.« –
+
+»Sag’ lieber die Wahrscheinlichkeit« unterbrach ihn Adolph.
+
+»Und meinethalben auch die Wahrscheinlichkeit« murmelte René zwischen
+den zusammengebissenen Zähnen durch, »ich habe mir aber noch nie etwas
+so fest vorgenommen gehabt, ohne es durchzuführen, und den Versuch will
+ich machen, oder darüber zu Grunde gehen!«
+
+»~Eh bien~« lachte Adolph, »sobald Du einmal so weit gekommen, ist es
+nicht nöthig mehr darüber zu sprechen. Meine Wünsche für Dein Wohl hast
+Du übrigens, und ich wollte nur, daß ich Dir in irgend etwas dabei
+nützlich sein könnte; ich sehe nur noch nicht wie.«
+
+»Wer weiß wie sich das noch Alles machen kann« sagte René – »aber auf
+dem Quarterdeck werfen sie schon wieder die Falle los – in der
+Mitternachtswache möcht’ ich Dir noch etwas sagen.«
+
+»~Ship about~« unterbrach ihn hier der eintönige Ruf; die Leute traten
+sämmtlich an ihre Posten und das Schiff wurde über den anderen Bug
+gelegt, jetzt wieder vom Lande abhaltend.
+
+Mit der nächsten Morgendämmerung hatten sie die Küste, und zwar eine
+kleine Art Bai, die von zwei auslaufenden Corallenriffen gebildet wurde,
+gerade vor sich, und der Ruf des ersten Harpuniers sammelte die Leute in
+sein Boot; mehre dort schon aufgeschichtete Sachen, Handels- und
+Tauschartikel für die Eingebornen, wurden hineingelegt – das Boot
+schwang frei und auf das Wasser nieder, und die Mannschaft legte sich in
+die Ruder.
+
+»Was sind das für Pakete da vorn?« sagte der Harpunier, als sie eben von
+Bord abgestoßen waren, »wer hat die eingeworfen?«
+
+»Ein paar Hemden und andere Kleinigkeiten, Mr. Rowsy« erwiederte Einer
+der Leute – »wir wollten uns auch was von Früchten eintauschen!«
+
+»Und das andere daneben?«
+
+»Dasselbe« erwiederte René, den die Frage anging. Der Harpunier sagte
+nichts weiter und René warf noch einen verstohlenen Blick nach Bord
+zurück, wo Adolph stand und ihm zunickte. Er war ihm behülflich gewesen
+die Sachen rasch, und ohne daß sie an Bord selber etwas davon zu sehen
+bekamen, in’s Boot zu schaffen, der Capitain hätte es sonst unter keiner
+Bedingung zugelassen, obgleich dies etwas ziemlich gewöhnliches an Bord
+von Wallfischfängern ist.
+
+In Canoes kamen übrigens keine Indianer ab und ihnen entgegen, obgleich
+sie mehrere Canoes in der Bai liegen sahen, und nur erst als sie die
+Corallen-Bank berührten, erschienen oben zwischen den Büschen eine
+Anzahl Männer und Frauen mit Körben aus Cocosblättern geflochten, in
+denen sie Früchte und Muscheln trugen, und erst ein Zeichen der Fremden
+abzuwarten schienen, ehe sie sich ihnen näherten.
+
+Der Harpunier, der sich seit seiner Jugend fast in diesen Meeren
+herumgetrieben, sprach ihre Sprache ziemlich geläufig, und ein paar
+freundliche Worte in dieser hatten fast eine zauberhafte Wirkung auf die
+Schaar. Die, die im Anfang die furchtsamsten gewesen waren, riefen sich
+erstaunt unter einander zu daß die Fremden Freunde seien, und dieselbe
+Sprache mit ihnen hätten, und aus allen Büschen und Dickichten brachen
+sie jetzt heraus, und mischten sich so sorglos und vertrauend wie Kinder
+zwischen die Leute, befühlten das Zeug ihrer Kleider, lachten über ihre
+Bärte und Schuhe, und sprangen und sangen, als ob sie schon Jahre lang
+mit ihnen bekannt gewesen wären.
+
+Der Tauschhandel ging indessen rüstig vor sich; gegen Messer und Tabak,
+Kattune und Glasperlen brachten sie Massen der herrlichsten Früchte,
+besonders vortreffliche Orangen und Brodfrucht und während der Harpunier
+unter einem stattlichen Pandanus saß, die ihm gebrachten Waaren
+musterte, und bestimmte was er dafür geben wolle, mischten sich die
+Leute, nur Einen derselben bei dem Boot lassend, ebenfalls unter die
+Eingebornen, die wenigen Kleinigkeiten die sie mitgebracht, gegen
+Früchte und Muscheln, hauptsächlich aber die ersten, zu vertauschen.
+
+Diesen Zeitpunkt benutzte René, schnallte sein kleines Bündel, daß er im
+Anfang vor den Eingeborenen ausgebreitet gehabt, wieder zusammen, und
+verlor sich damit, ohne daß irgend Jemand auf ihn acht hatte, im
+Dickicht. Von den Eingeborenen sahen ihn vielleicht Einige, achteten
+aber nicht auf ihn, und die Leute vom Schiff waren viel zu sehr mit sich
+selber und ihrer Umgebung beschäftigt, sich nur im mindesten darum zu
+bekümmern, was Einer der ihrigen that.
+
+Zwei Stunden später etwa, als der Harpunier Alles weggegeben was er
+mitgebracht, und sein Boot fast gefüllt war mit all den Massen von
+Sachen die er dafür eingetauscht, rief sein Befehl die Leute wieder
+zusammen, und er stieg selber ins Boot, an Bord zurückzukehren.
+
+»Wo ist René!« frug er, als er einen Blick über die Mannschaft geworfen.
+
+»René!« tönte der Ruf der Matrosen – »~oh René~!«
+
+Kein René ließ sich blicken und Niemand wußte was aus ihm geworden, ja
+ein paar bezweifelten, daß er überhaupt mit an Bord gekommen sei, so
+wenig hatten sie sich, mit dem Land vor sich, um einander bekümmert.
+Jedenfalls fehlte aber _ein_ Mann, und der Offizier wußte auch, daß er
+bei der Herüberfahrt seine volle gewöhnliche Besatzung gehabt.
+
+»~Damn it~« rief der Harpunier endlich im Boot, in dem er seinen Sitz
+schon wieder eingenommen, in die Höhe springend – »~he has bolted~,[A]
+die Pest über den Hallunken; aber den wollen wir bald wieder haben. –
+Bleibt Ihr hier im Boot bis ich zurückkomme!« rief er dann seinen Leuten
+zu, und über die Sitze wegspringend, eilte er wieder an Land und wandte
+sich dort an einen der Eingebornen, der eine Art Oberherrschaft über die
+Andern auszuüben schien.
+
+»Hallo Freund!« redete er ihn an, »Einer von meinen Leuten ist mir
+weggelaufen, könnt Ihr ihn wieder fangen, und was wollt Ihr dafür
+haben?«
+
+»Hat er Gewehr mit?« frug der Alte ziemlich vorsichtig, denn er schien
+danach den Preis des Einfangens bestimmen zu wollen.
+
+»Nein, kein Schießgewehr, vielleicht nicht einmal ein Messer« lautete
+die ermuthigende Antwort.
+
+Die Eingebornen fingen jetzt eifrig an unter einander zu verhandeln, und
+zwar in so rascher und oft eigentümlicher Sprache, daß der Amerikaner
+selber nicht verstehen konnte was sie mitsammen hatten. Aus ihren
+Bewegungen wurde es ihm jedoch bald deutlich, denn zwei davon gingen
+nach einem besondern Theil im Busch und untersuchten hier die Fährten
+und ihren Gesticulationen nach schien es, als ob der Flüchtige sich dort
+hinein gewandt habe. Der alte Indianer zeigte sich auch bald erbötig ihm
+den Mann wieder zu verschaffen; seine Forderung dafür war aber ziemlich
+bedeutend; er wollte Kattun und Messer, etwas Tabak und in der That ein
+wenig von Allem haben, und als Jener endlich einwilligte ihm das Alles
+zu geben, hatte er noch ein Beil und ein Hemd und mehrere andere
+Kleinigkeiten vergessen.
+
+Der Harpunier wußte übrigens daß sich der Capitain nicht lange hier
+aufhalten wollte, und wüthend sein würde über die Flucht des Mannes; er
+sagte also dem Alten seine sämmtlichen Forderungen zu, vorausgesetzt daß
+sie mit dem Gefangenen am Ufer wären, sobald sie mit dem Boot und den
+verlangten Sachen wieder vom Schiff zurück sein könnten.
+
+Dies abgemacht, stieß das Boot augenblicklich vom Lande, die
+eingetauschten Früchte mit der fatalen Nachricht an Bord zu bringen und
+den Fanglohn für den Entflohenen herüber zu holen, während die
+Eingebornen indessen wie Spürhunde den einmal angenommenen Fährten des
+Flüchtigen nachliefen.
+
+
+Fußnoten:
+
+[A] Er ist ausgerissen.
+
+
+
+
+Capitel 2.
+
+#Die Flucht, und welchen Dollmetscher René fand.#
+
+
+René war, als er sich nur einmal außer dem Bereich seiner Kameraden sah,
+so rasch er konnte gerade einem der nächsten Hügel zugeeilt, und das
+selbst schien mit der Last die er trug gerade kein kleines Unternehmen.
+Für ein Hemd hatte er sich nämlich vorher ein paar grüne Cocosnüsse und
+einige Bananen eingetauscht, damit er nicht genöthigt wäre, gleich in
+den ersten vierundzwanzig Stunden wegen Nahrungsmitteln einen irgendwo
+gefundenen Versteck zu verlassen, und diese, neben seinen Bündel
+Kleidern tragend, mußte er sich durch das, manchmal entsetzlich dicke
+Gebüsch, fortwährend mit dem fatalen Gefühl verfolgt zu werden, Bahn
+brechen. Er wußte aber was ihm bevorstand, wurde er von den Leuten des
+Delaware wieder eingefangen, und wollte wenigstens Nichts was in seinen
+eigenen Kräften stand unversucht lassen, sich so weit als möglich jeder
+solchen Gefahr zu entziehen. In dieser Absicht arbeitete er sich auch
+dem höheren Theil der Insel zu, weil er dort erstens den Lagunen aus dem
+Weg ging, die hier seinen Pfad zu beengen drohten, und dann auch
+wahrscheinlich in dichtes Buschwerk hineinkam, was von den Eingebornen
+selber selten betreten wurde.
+
+Als er nur erst einmal hügeligen Boden erreichte, wurde seine Flucht
+dadurch sehr erleichtert, daß er cultivirtes und eingefenztes, wenn auch
+durch Unkraut ziemlich arg überwachsenes Land traf. Dort hatte er sich
+wenigstens durch keine verwachsenen Büsche mehr Bahn zu brechen und
+konnte sein Terrain ein wenig freier übersehen. Blieb er da in der Nähe,
+so wuchs auch Frucht genug, ihn ein Jahr im Proviant zu halten; überdies
+war der ganze Wald voll Früchte, denn die Guiaven standen mit Aepfeln,
+wenn auch noch nicht vollkommen gereift, förmlich bedeckt. Nur die
+Cocospalmen reichten nicht so weit hinauf, doch sah er hier in den
+Feldern eine Masse Wassermelonen, die ihn reichlich dafür entschädigen
+konnten. Weiter durfte er sich für jetzt aber nicht beladen, denn er
+trug schon, was er überhaupt tragen konnte, und die Hitze war groß. Die
+ungewohnte Anstrengung und Aufregung thaten natürlich auch das ihrige
+dabei.
+
+Durch die Felder ging das auch ganz gut, überhalb diesen wurde das
+Dickicht aber wieder so schlimm wie es je gewesen, und die Guiavenbüsche
+schienen hier eine förmliche undurchdringliche Hecke zu bilden, durch
+die er sich nur gebückt, und sein Gepäck oft nachschleppend,
+hindurchdrängen konnte. Nur erst, wo diese endlich aufhörten, und mit
+ihnen jede Art von Frucht, begannen hohe dunkle Casuarinen, die einen
+weit bessern Durchgang gewährt haben würden, wären nicht so viele
+trockene und dürre Aeste von ihnen heruntergefallen gewesen, die sich
+ihm oftmals wie förmliche Pallisaden entgegenstellten.
+
+Aber er _mußte_ hindurch, und das war ein tüchtiges Wort, ihn alle
+Schwierigkeiten mit leichtem Muth überwinden zu lassen. Hier wurde der
+Grund auch steinig, und er fand, als er den höchsten Punkt endlich
+erreichte, zu seiner Freude einen kleinen felsigen Platz, den er sich
+selber hätte nicht schöner und passender zu einem Castell ausbauen
+können, als es hier die Natur für ihn gethan. Zehn Fuß war er dort oben
+von allen Seiten frei, und das bröcklige Gestein, was den steil
+auflaufenden Gipfel bildete, konnte ihm im Anfang eben so wohl zum
+Verbergen, als später, sollte er gefunden werden, als Waffe dienen, auf
+irgend einen andringenden Feind niederzurollen.
+
+Mit einem förmlichen Triumphruf nahm er von dieser kleinen Festung
+Besitz, und als er oben seine Last abgeworfen, und sich die nassen Haare
+aus der Stirn gestrichen hatte, sagte er lächelnd:
+
+»Beim Himmel, mit Adolph hier und zwei guten Gewehren, wollt’ ich mir
+die ganze Besatzung des Delaware vom Leibe und einem förmlichen Sturm
+abhalten – ~ha – le Delaware~!« unterbrach er sich plötzlich selber
+überrascht, und fast unwillkürlich trat er hinter einen der Felsstücke,
+denn als er den ersten Blick nach außen warf sah er, daß er frei über
+das Meer schauen konnte, und dort lag auch sein altes Schiff so klar und
+nah vor ihm, daß er die einzelnen Leute an dessen Bord konnte auf- und
+abgehen sehen. Mit dem Glas mußten sie im Stande sein ihn, sobald er
+sich nur frei zeigte, vollkommen gut zu unterscheiden. Er überlegte sich
+jedoch bald, daß sie bis jetzt an Bord noch keine Ahnung von seiner
+Flucht haben konnten, denn eben kam erst das Boot, dem er entflohen,
+dorthin zurück, und er konnte selbst erkennen wie die Leute von unten
+hinauf an Bord kletterten.
+
+Jedenfalls war er also schon vermißt und er mußte darauf gefaßt sein daß
+ihn die Eingeborenen aufspüren würden, denn mit seiner Ladung hatte er
+an vielen Stellen eine ziemlich breite und tiefe Fährte zurückgelassen.
+Die kurze Zeit also die ihm bis dahin blieb, wollte er benutzen sich
+noch so gut als es eben anging zu befestigen, nachher dem Schicksal und
+seinem guten Glück das Uebrige zu überlassen. Er war jung und ein
+Franzose – also weit davon entfernt sich Sorgen vor der Zeit zu machen,
+überdies hatte er Alles was ihm jetzt bevorstand voraus gewußt und es
+kam ihm Nichts unerwartet.
+
+Schießwaffen hatte er, zwei kleine Terzerole ausgenommen, keine; außer
+diesen aber ein langes zweischneidiges schweres Messer in lederner
+Scheide, wovon er sich die meiste Hülfe versprach, und ein leichtes
+trotziges fast muthwilliges Lächeln überflog seine schönen Züge, als er
+die beiden kleinen Pistolen aus der Tasche nahm, und vor sich auf die
+Steine legte.
+
+»Es sind zwar keine Zweiunddreißigpfünder« sagte er dabei lachend vor
+sich hin, »und ich weiß in der That nicht einmal ob sie überhaupt
+losgehen werden, aber sie haben doch Mündungen, und ist den Eingebornen
+hier schon überhaupt jemals ein solches Instrument wie eine Pistole zu
+Gesicht gekommen, so müßte ich mich sehr irren, wenn ich nicht glauben
+sollte die ganze Insel damit von mir abhalten zu können. Kurze Frist
+werden sie mir aber doch wohl Ruhe lassen, und die will ich denn
+wenigstens benutzen meinen Körper ein wenig zu restauriren und mit
+Speise und Trank zu erquicken.«
+
+Und damit schnürte er wohlgemuth seinen Bündel wieder auf, in dem er
+auch ein kleines Packet mit einem paar Schiffszwiebacken und einem Stück
+Salzfleisch verborgen hatte, und mit einem Theil von diesem und einigen
+Bananen, wozu er eine der Cocosnüsse anzapfte und etwas davon trank,
+seinen allerdings brennenden Durst zu löschen, hielt er eine so
+vortreffliche und ruhige Mahlzeit, als ob er sich in voller Sicherheit
+in irgend einem guten Gasthaus befände, und nicht jeden Augenblick
+fürchten mußte, umstellt und gefangen zu werden.
+
+Die Feinde waren ihm übrigens weit näher als er je vermuthet, denn kaum
+hatte er sein Mahl beendet, und eben wieder die Cocosnuß an die Lippen
+gehoben, noch einen letzten Schluck zu thun, als er gar nicht weit von
+sich entfernt ein Geräusch zu hören glaubte. Er hielt horchend ein – da
+krachten wahrhaftig wieder die Büsche. Nichtsdestoweniger trank er erst
+in aller Ruhe, denn er wußte recht gut daß er hier oben in seiner festen
+Stellung nicht so plötzlich überrascht werden konnte, stellte dann die
+Nuß vorsichtig und ein paar Steine darum legend, bei Seite, daß sie
+nicht umfiel und seinen Wasservorrath gleich um die Hälfte verringerte,
+griff seine beiden Terzerole auf, und schaute dann, hinter irgend einen
+der größten Steine gedrückt, aufmerksam nach dorthin von woher sich
+jetzt vorsichtig irgend Jemand zu nähern schien. Es dauerte auch nicht
+lange, so konnte er schon die bunten Kattunüberwürfe mehrerer
+Eingeborener erkennen, die langsam und aufmerksam den Boden betrachtend,
+seinen hinterlassenen Spuren folgten.
+
+Wie viele es waren ließ sich noch nicht erkennen, das blieb sich aber
+auch gleich; war er erst einmal aufgefunden, so konnten sie, so sie
+überhaupt feindliche Absichten hatten, leicht Verstärkung holen, und er
+mußte vor allen Dingen sehen sich auf eine friedliche Art mit ihnen zu
+verständigen. Die Terzerole konnten ihm aber dabei nur mehr Schaden als
+Nutzen bringen, und er steckte sie deshalb vorläufig wieder in die
+Tasche, die Ankunft der Indianer jetzt auf das ruhigste und
+kaltblütigste erwartend.
+
+Diese ließen ihn auch nicht lange mehr über ihre Absicht im Zweifel. Der
+Erste der voranging mochte eine gewisse Obergewalt über die Andern
+haben, denn dicht unter den Steinen, auf denen sie den Flüchtling gar
+nicht zu vermuthen schienen, sandte er zwei rechts und zwei links ab, zu
+sehen wohin sich die Spuren etwa den Berg wieder hinunter zögen,
+während er selber gerade auf den Felsen zukam. René wußte recht gut daß
+er von diesen fünf Leuten noch weiter keine Gefahr zu fürchten hatte,
+und doch jedenfalls aufgefunden werden mußte, sich also deshalb
+aufrichtend, und mit beiden Ellbogen auf einem der vor ihm liegenden
+Blöcke stützend, sah er erst eine kurze Weile den Mann unten, der auf
+dem hier steinigen Boden nicht recht mit der Spur einig zu sein schien,
+lächelnd zu, und sagte dann plötzlich mit lauter Stimme den schon
+mehrfach gehörten und behaltenen Gruß:
+
+»~Joranna-boy~!«
+
+Wäre dem Eingebornen, der gebückt und die Augen fest auf den Boden
+geheftet, fast gerade unter ihm stand, ein grimmer Tausendfuß über den
+Nacken gelaufen, er hätte nicht rascher und mehr erschreckt in die Höhe
+und zur Seite springen können, und erst das laute Lachen René’s, der auf
+ihn herunterschaute, als ob Jemand aus dem Fenster einer höheren Etage
+sieht, brachte ihn wieder ein wenig zu sich. Der erste Schrei, den er
+aber in voller Ueberraschung ausgestoßen war hinreichend gewesen, seine
+Gefährten um ihn zu sammeln, und die fünf rothen Burschen, die hier mit
+so feindseligen Absichten heraufgekommen waren, wußten eigentlich nicht
+recht wie ihnen geschah, als sie den gerade, von dem sie die grimmigste
+Gegenwehr erwartet, in der größten Gemütlichkeit vor sich und so
+friedlich gesinnt fanden, wie sie es nimmer hätten erwarten dürfen.
+
+Erst sahen sie eine ganze Zeitlang schweigend zu ihm empor – es war
+augenscheinlich, sie mißtrauten noch dem äußeren Ansehn der Dinge –
+diese Freundlichkeit konnte Maske sein sie plötzlich zu überrumpeln, und
+obgleich sie bewaffnet waren, d. h. zwei führten Tapa-Hölzer und die
+andern drei Einer ein Beil und Zweie Messer – und der Weiße unten ihnen
+die Versicherung gegeben hatte daß der Flüchtling nichts derartiges
+mitgenommen habe, wußten sie doch nicht welche außerordentlichen Mittel
+ihm sonst vielleicht zu Gebote stehen möchten ihnen zu schaden. Sie
+waren allerdings willens die ausgesetzte Belohnung zu verdienen, dachten
+aber dabei gar nicht daran ihren Leib oder gar ihr Leben irgend einer
+unnöthigen und zu vermeidenden Gefahr auszusetzen.
+
+René blieb übrigens in seiner nichts weniger als feindlichen Stellung,
+wobei er sich jedoch wohl gehütet hatte seine Gestalt den Fernröhren des
+Schiffes preis zu geben, und da die so erstaunten und verdutzten
+Gestalten der Indianer allerdings komisch genug aussehen mußten, und er
+sich gar keine Mühe gab sein Lachen zu verbergen, so verlor sich diese
+Furcht denn auch endlich.
+
+Der Führer sah seine Begleiter erst ganz ernsthaft an, und dann verzog
+ein breites Grinsen oder Feixen seine sonst gutmüthigen Züge, während
+sich diese noch eine kleine Weile zu geniren schienen, – endlich mochte
+ihnen das Komische ihrer Lage aber auch wohl einleuchtend werden. Der
+Eine schnitt auf einmal ein ganz freundliches Gesicht, und war dann
+urplötzlich wieder so ernst und finster als vorher, als er aber den
+Häuptling ansah und dessen ausbrechende Fröhlichkeit bemerkte, glaubte
+er auch wahrscheinlich dem Anstand volle Genüge geleistet zu haben, und
+platzte nun auf einmal so rasch und laut heraus, daß sich die Andern
+ordentlich erschreckt nach ihm umsahen.
+
+»~Joranna, Joranna~!« rief jetzt der Erste hinauf, dem augenscheinlich
+ein Stein vom Herzen gefallen schien, da er die Sache sich so friedlich
+lösen sah – und es zeigte sich jetzt daß er auch etwas gebrochen
+englisch sprach, wie man fast auf allen diesen Inseln Einzelne findet,
+die Worte und Redensarten, im Verkehr mit den Fremden, aufgefangen und
+behalten haben. »~Joranna boy~! – wie geht’s – wie geht’s Freund –
+komm herunter, komm herunter – weißer Mann, Capitain sagt, soll
+herunterkommen.«
+
+»So?« lachte René in derselben Sprache, – »weißer Mann Capitain sagt
+also ich soll herunter kommen?«
+
+Der Indianer nickte auf das freundlichste, daß er ihn so gut verstanden
+hatte, und versicherte, sich zu seinen Begleitern wendend, diesen, daß
+er die Sache jetzt augenblicklich in Ordnung bringen würde.
+
+»Ja, komm herunter, komm herunter – weißer Mann Capitain sagt«
+wiederholte er noch einmal, dieses Factum vor allen Dingen außer jeden
+Zweifel zu stellen.
+
+»Und wenn ich, weißer Mann _kein_ Capitain nun nicht will?« lachte René.
+
+»Nicht will?« rief der Führer der Eingebornen erstaunt aus, und sah den
+Fremden an; dann aber, denn er konnte in dessen Gesicht immer noch
+keinen Ernst entdecken, dies ebenfalls für einen guten Spaß desselben
+haltend, den er zu ihrem eigenen Vergnügen gemacht habe, schaute er sich
+nach den Andern um, lachte laut auf, und erzählte ihnen mit der größten
+Freundlichkeit was der Weiße da oben eben so Lustiges gesagt habe.
+
+Die übrigen Eingebornen, die gleich von allem Anfang gar nichts Anderes
+erwartet hatten, konnten darin aber nicht den mindesten Spaß entdecken,
+und ein paar, zu diesem Zwecke an den Alten gerichtete Worte machten
+diesen ebenfalls wieder ernsthaft und ließen ihn doch an die Möglichkeit
+glauben daß der Fremde am Ende _wirklich_ nicht selber herunterkommen
+wollte, und ihn da herunter zu _holen_, war jedenfalls eine mißliche
+Sache.
+
+»Bah, bah« sagte der Alte jetzt kopfschüttelnd und mit einem Gesicht als
+ob man einem unartigen Kinde irgend eine Thorheit verweisen wolle –
+»närrisch Ding, närrisch Ding – weißer Mann Capitain guter Mann,
+verlangen weiter Nichts wie herunterkommen.«
+
+»Was bekommt Ihr dafür mich zu holen?« frug ihn aber René so gerade
+mitten in alle seine Berechnungen hinein, daß er ihn ganz wieder außer
+Fassung brachte, und er erst den Weißen, und dann seine Begleiter
+erstaunt ansah, augenscheinlich unschlüssig ob er diese, etwas
+indiscrete Frage so geradezu und der Wahrheit gemäß beantworten solle.
+Er hielt es am Ende für besser es erst mit den Seinen zu berathen; da
+diese aber nicht das mindeste Bedenken darin fanden seinem Wunsche zu
+willfahren, wandte er sich wieder zu dem jungen Franzosen und zählte ihm
+jetzt mit der größten Ernsthaftigkeit alle die Artikel auf die sie
+bekommen würden, und zwar mit einem Eifer und einer Genauigkeit, als ob
+das noch ein besonderer Beweggrund für ihn selber sein müsse, jetzt
+augenblicklich niederzusteigen und ihnen den Besitz aller dieser
+Herrlichkeiten nicht länger, widerrechtlicher Weise, vorzuenthalten.
+
+Zu ihrem Erstaunen ließ sich aber der Fremde selbst nicht durch die
+Erwähnung des Handbeils und die fünf Yards rothen Kattun bestechen,
+sondern blieb nur ruhig und unbeweglich in seiner Stellung. Angenehm war
+es ihm aber nicht, diese Masse verschiedenartiger Gegenstände aufzählen
+zu hören, und er konnte daraus nicht allein sehen wie viel dem Harpunier
+daran gelegen gewesen war ihn wieder zu bekommen, als auch wie sehr
+schon die Habgier dieser sonst einfachen und gutmüthigen Leute erregt
+worden, den ausgesetzten Lohn so rasch als möglich zu verdienen.
+Ueberredung half hier Nichts, so viel sah er recht gut ein, wäre er
+selbst ihrer Sprache vollkommen mächtig gewesen, und das einzige was
+sich noch mit ihnen im Guten anfangen ließ, war ihnen an Geld und
+vielleicht Kleidern gleichen Nutzen zu bieten, wo er dann wieder das zu
+seinen Gunsten hatte, daß sie bei dessen Annahme ihre Gliedmaßen in
+keine Gefahr brachten.
+
+»So?« sagte er also, da sie geendet hatten und nun nichts anderes zu
+erwarten schienen als daß er nach _solchen_ dargelegten Gründen, ihren
+Beweisen nicht länger werden widerstehen können – »so? – das also hat
+Euch weißer Mann Capitain Alles geboten, mich einzig und allein wieder
+unten abzuliefern?«
+
+»Ja Freund – blos unten abzuliefern« lautete die Antwort.
+
+»Todt oder lebendig?« frug aber der junge Mann mit größter
+Kaltblütigkeit zurück, und erschreckte dadurch den Alten nicht wenig,
+der jetzt zum ersten Mal an zu begreifen fing, daß der Fremde doch am
+Ende nicht so ganz gutwillig mit ihnen gehen werde.
+
+»Todt oder lebendig?« wiederholte er erstaunt und versuchte zu lachen,
+was ihm aber mißglückte – »todt? wir sollen doch weißen Mann nicht
+_todt_ abliefern – lebendig versteht sich.«
+
+»Und wenn sich nun weißer Mann zur Wehr setzt?« sagte René.
+
+»Zur Wehr setzen?« frug der Alte, der das Wort nicht so recht zu
+verstehen schien – »zur Wehr setzen?«
+
+»Nun ich meine, wenn weißer Mann unter keiner Bedingung gutwillig
+mitgehen will und sich vertheidigt« erklärte es ihm der Fremde deutlich
+genug.
+
+»Aber fünf Yards rothen Kattun – ein Handbeil – zwei Messer« begann
+der erstaunte Eingeborne alle die Herrlichkeiten wieder aufzuzählen;
+René aber, dem Nichts daran lag sie nur hinzuhalten, was er mit
+Leichtigkeit für den ganzen Tag hätte thun können da viele dieser Leute
+fast gar keinen Begriff von Zeit oder dem Werth derselben haben,
+unterbrach ihn mitten in der schon gehörten Liste und sagte freundlich,
+während er eine ganze handvoll Silbergeld aus seiner Tasche nahm und
+ihnen vorzeigte:
+
+»Was wollt Ihr denn thun, wenn ich Euch nun ebensoviel an baarem Gelde
+gebe, als Euch weißer Mann Capitain für mich versprochen hat, heh und
+dann bei Euch bleibe und mit Euch lebe und wohne?« –
+
+Das war jedenfalls ein Vorschlag zur Güte, und die Eingeborenen
+beriethen lange unter sich was sie damit thun sollten; endlich
+erkundigte sich der Alte näher danach wie viel Geld das eigentlich sei,
+was er da in der Hand halte. René zählte es über – es waren sechs
+Fünf-Frankenthaler und vielleicht zehn Franken an kleiner Münze Geld,
+was sie hier, in ihrem Verkehr mit Tahiti, recht gut kannten.
+
+Für eine solche Summe wußten sie auch gut genug, daß sie selbst in
+Papetee ebensoviel an Waaren bekommen könnten als ihnen geboten worden;
+erstlich aber war der Verkehr mit jenem Platz nicht sehr bedeutend, und
+dann hatten sie ja auch die Sachen noch nicht hier, während sie
+dieselben von Bord des Wallfischfängers gleich richtig und ohne weitere
+Mühe überliefert bekamen.
+
+Die Unterhandlung fiel für den Matrosen ungünstig aus, und der Alte
+suchte ihn nun, gewissermaßen als Entschuldigung seiner abschlägigen
+Antwort, und als einziges Motiv ihrer Weigerung, auseinanderzusetzen,
+wie sich auf dieser Insel Niemand ohne Beistimmung ihres ~Fua~ oder
+Königs von fremden Völkern aufhalten dürfe und daß sie also, wenn _sie_
+auch selber wünschten ihn bei sich zu behalten, ihn darin doch nicht
+unterstützen dürften. »Ja,« setzte dann der Alte mit vieler
+Aufrichtigkeit und auch gewiß Wahrheit hinzu – »wollten wir jetzt
+selbst Dein Geld nehmen, und Dich zufrieden lassen, wir könnten Dich
+doch nicht schützen, und der König würde bald Andere schicken, die Dich
+trotzdem abholten.«
+
+René sah dies recht gut ein, und beschloß also deshalb mit Sr. Majestät
+selber zu unterhandeln – wie aber das möglich zu machen? stieg er
+hinunter, so gab er sich vollkommen in die Gewalt seiner Feinde, und
+überfielen und banden ihn diese nachher, so konnten sie ihm mit leichter
+Mühe abnehmen was er bei sich hatte, ohne daß er je im Stande gewesen
+wäre auch nur eine Centime seines Geldes wieder zu bekommen – und Sr.
+Majestät zuzumuthen hier oben heraufzuklettern, mit einem entlaufenen
+Matrosen wegen einiger Thaler zu unterhandeln war doch auch ein wenig
+viel verlangt. Nichtsdestoweniger beschloß er den Versuch zu machen,
+denn hinunter wollte er auf keinen Fall eher steigen, bis nicht der
+Delaware die Insel verlassen hätte. Er bat also den Alten, der
+überhaupt der Leiter der Schaar zu sein schien, ihn erst noch einmal
+kurze Zeit hier oben zu lassen, und indessen selber hinunter zu Sr.
+Majestät zu gehen, oder wenigstens einen von seinen Leuten hinunter zu
+schicken, der dem König Kunde von seinem Vorschlag brächte, ihn um die
+Erlaubniß längeren Aufenthaltes auf dieser Insel und Schutz zu bitten,
+bis sich das fremde Schiff entfernt hätte, wofür er denn seinerseits
+Willens sei, Sr. Majestät, falls diese ihm seine Sicherheit garantire,
+zwanzig Fünf-Frankenthaler – ein Capital für diese Menschen –
+auszuzahlen.
+
+»Ja – sehr gut das,« sagte der Alte nach einer kurzen Pause ernster
+Ueberlegung – »sehr gut das, weißer Mann nicht Capitain kann mit ~fu-a~
+sprechen, aber muß hinunter gehn – König nicht heraufkommen hier oben
+auf Berg – König sehr faul, nicht viel Berge steigen.«
+
+»Ja, ich kann ihm da aber doch nicht helfen,« lachte René – »wenn er
+die zwanzig großen Stücke Silber verdienen will, muß er auch etwas mehr
+dafür thun, als blos mit dem Scepter winken. Also marsch Ihr guten
+Freunde, bringt Sr. Majestät meinen freundlichen Gruß und Handschlag,
+und meldet ihm, was ich ihm hiemit entbieten lasse. Er soll einen
+vortrefflichen Vasallen an mir haben, und kann auch, wenn er es nur
+irgend anzustellen weiß, noch weit mehr Nutzen aus mir ziehen; ich bin
+gelehrig, und wer weiß ob ich mich nicht selbst ganz vortrefflich zu
+Schwiegersohn und Nachfolger eignen würde.«
+
+Der Alte verstand sicher nicht die Hälfte von alle dem, was ihm der
+Fremde da in seinem leichten fröhlichen Muth vorplauderte, soviel aber
+begriff er, daß er dem König eine gewisse Summe, und zwar eine ziemlich
+bedeutende bot, ihn frei zu lassen und nicht die mindeste Absicht habe
+vorher herunter zu kommen. Ging nun der König diese Bedingung ein, so
+verlor er selber jedenfalls seinen Antheil an dem ausgesetzten Lohne,
+ging er sie aber _nicht_ ein, so war der ganze Weg doch umsonst gewesen,
+und es erschien ihm also weit besser gleich das Letztere von vornherein
+anzunehmen, und den jungen Burschen, der da oben doch so freundlich
+lachte, und sich gewiß nicht gegen sie wehren würde, nur vor allen
+Dingen erst einmal herunterzuholen und mitzunehmen: das Andere konnten
+sie ja nachher unten ausmachen. Ein paar mit seinen Begleitern rasch
+gewechselte Worte setzte diese von dem gefaßten Entschluß in Kenntniß,
+und sich dann wieder zu dem Matrosen wendend, der ihn aufmerksam
+betrachtete seine Entscheidung zu hören, sagte er mit bedächtiger
+Stimme, indem er sich das Lendentuch etwas fester anzog und einsteckte,
+ungefähr in derselben Weise wie Matrosen gewöhnlich, mehr in eine Art
+Angewohnheit, ihre um die Hüften dicht anschließenden Segeltuchhosen in
+die Höhe ziehen.
+
+»Ja weißer Mann, Alles recht gut, weißer Mann Capitain hat aber gesagt
+müssen unten sein, bis Boot mit Kattun und Tabak und Messer und Beil und
+Hacke und andere Sachen wieder zurückkommt; so steig nur herunter
+solange, wollen unten erst zu König gehn, und nachher zu weiße Mann
+Capitain.«
+
+»Ich habe Dir aber schon gesagt, Du etwas harthöriger Bursche Du,« sagte
+René, fast ungeduldig werdend, »daß ich nicht eher hinunter kommen will,
+bis ich Sr. Majestät den König dieser vielleicht vereinigten Inseln
+gesprochen habe – also mache daß Du zu ihm kömmst, je eher er hier ist,
+desto schneller können wir unsern Handel ins Reine bringen.«
+
+Der Alte aber, ob er dies Letzte nicht recht verstanden, oder für eine
+Einladung genommen, oder ob er auch vielleicht glaubte es sei jetzt über
+die Sache genug gesprochen worden, und müsse nun einmal gehandelt
+werden, kurz er rief seinen Begleitern zwei oder drei Worte mit einem
+entschiedenen Ton zu, und stieg dann mit weit mehr Entschlossenheit, als
+er bis jetzt überhaupt gezeigt hatte, die bröcklichen Felsen hinan dem
+Orte zu, wo der Fremde ihn ruhig erwartend stand.
+
+René hätte ihm mit leichter Mühe einen der schweren nur kaum in der
+Balance liegenden Steine auf den Kopf rollen können, aber er wollte
+selber in seinem eigenen Interesse Feindseligkeiten solange als möglich
+hinausschieben, und solche nur ein letztes, wirklich verzweifeltes
+Mittel sein lassen. Er behinderte deshalb auch den Alten nicht im
+Mindesten bei seinem Marsch, und dieser fand sich gleich darauf,
+vielleicht selbst gegen seine eigene Erwartung, oben auf der kleinen
+Plattform, neben seinem vermutheten Opfer, während seine vier Begleiter
+eben bemüht waren ihm langsam zu folgen.
+
+»So,« sagte der Indianer mit freundlichem Kopfnicken, als er endlich
+neben René stand und eben die Hand ausstreckte ihn auf die Schulter zu
+klopfen, »so Freund weißer Mann, nun wollen wir –« aber er sprach
+nichts weiter – nur ein Blick war auf das Terzerol gefallen, das der
+Weiße ruhig in der Hand hielt, und mit einem Satz der selbst diesen um
+seine Sicherheit besorgt machte, sprang er von der kleinen Steinveste ab
+nach der Wurzel eines tiefer liegenden Baumes, und von dieser wieder auf
+die Erde hinunter, wo er nicht eher stehen blieb, bis er den schützenden
+Stamm einer Casuarine erreicht hatte, hinter dem vor er jetzt mit den
+Händen auf das lebhafteste an zu gesticuliren fing, und dabei schrie und
+tobte, als ob ihm da oben das schmählichste Unrecht geschehen wäre.
+
+Die Anderen warteten natürlich, als sie des Führers Flucht sahen, in
+ihrer, wie sie glaubten ebenfalls höchst gefährdeten Stellung, gar nicht
+ab die Ursache so schnellen Rückzugs zu erfragen, sondern folgten nur
+eben, so rasch sie konnten, dem gegebenen Beispiel des Alten.
+
+Sonderbarer Weise richtete sich aber dieses Zorn keineswegs auf den
+jungen Mann, sondern nur auf den »weißen Mann Capitain«, der ihn hier
+unter falscher Vorspiegelung, mit Aussetzung eines weit geringeren
+Lohnes, auf eine Expedition ausgeschickt hatte, wo er gegen jede
+Verabredung Waffen, und sogar ihm recht gut bekannte Schießwaffen fand.
+
+»Das sind _zwei_ Handbeile,« rief er heftig, »und _zehn_ Ellen Kattun –
+zwei fünf,« indem er die eine Hand mit gespreitzten Fingern zweimal von
+sich drückte, – »und _vier_ Messer und _zwei_ zehn Stangen Tabak« – er
+wiederholte, wie mit sich selber redend, die Bewegung der Hand – »und
+_zwei_ Hacken, und _zwei_ handvoll Nägel und eine handvoll Knöpfe –
+weißer Mann Capitain sagt was nicht wahr ist – keine Waffen – puh –
+was ist das? – kleine blanke Ding da – puff! macht Loch in armen
+Kanaka.«
+
+»Habe keine Angst wackerer Krieger,« rief ihm René jetzt lachend
+hinunter, der im Anfang wirklich zu befürchten schien, der Alte müsse
+bei dem tollen Sprung wenigstens ein paar Beine gebrochen haben – sich
+übrigens nicht wenig über den Eindruck freute, den seine kleinen
+Terzerole gemacht hatten – »ich will Euch nicht das mindeste zu Leide
+thun – ja im Gegentheil, Euer König soll sogar eine von diesen
+Handkanonen bekommen, falls er auf meine Bedingungen eingeht, und wir
+werden gewiß nachher in Fried’ und Freundschaft zusammen leben, ja uns
+möglicher Weise noch einige benachbarte Inselgruppen zusammen
+unterwerfen; aber nun mache auch daß Du Sr. Majestät von meinen
+Vorschlägen in Kenntniß setzst, würdiger Greis, denn ich sehe schon daß
+vom Schiff aus wieder ein Boot abgeht, und möchte vorher noch Deine
+trostbringenden Nachrichten haben.«
+
+Der Alte sah jetzt allerdings selber ein daß hier, mit seinen wenigen
+Mann und mit Gewalt, Nichts auszurichten war; dann genügte ihm auch der
+auf das Einfangen des Entlaufenen gesetzte Preis nicht mehr; dieser
+hatte Schießwaffen und er glaubte von dem »weißen Mann Capitain«, wie er
+den Harpunierer nannte, vorher erst noch leicht die doppelte Ration
+herausdingen zu können, noch dazu da er das erst Geforderte so leicht
+und schnell bewilligt hatte. Da der Weiße übrigens, wie es schien,
+nicht die geringsten feindlichen Absichten zeigte, und wieder ganz in
+seine frühere friedliche Stellung zurückgefallen war, kam er auch hinter
+seinem, in der ersten Geschwindigkeit angenommenen Baume vor, und sich
+erst kurze Zeit mit seinen Leuten besprechend, wandte er sich dann
+plötzlich wieder zu dem Flüchtling und sagte:
+
+»Gut, gut – Raiteo will gehn, will mit ~fu-a~ sprechen – weißer Mann
+nicht Capitain bleibt hier so lange – Raiteo kommt wieder – Sonne
+dort« – und er zeigte dabei mit der Hand die Himmelsgegend an, an
+welcher sich die Sonne befinden würde, wenn er wieder zurückkäme. Damit
+zog er sich, und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, in die Büsche
+zurück, und wie es schien folgten ihm alle seine Leute; außer Sicht ließ
+er aber seine sämmtliche Mannschaft auf Wacht und vertheilte sie so, daß
+sie die Bergkuppe nach allen vier Seiten umgaben, nicht etwa eine Flucht
+des Weißen von dort zu verhindern, denn das wußte er recht gut, konnten
+sie nicht, sondern nur genau zu sehen wo er bliebe, falls er den Ort aus
+freien Stücken verlassen sollte, damit ihnen die neue Arbeit eines
+Nachspürens erspart würde.
+
+Raiteo, wie er sich selbst genannt, dachte übrigens gar nicht daran Sr.
+Majestät dem König den ganzen Nutzen dieses Fanges allein zu lassen,
+und beschloß vor allen Dingen einmal zu sehen, wie viel mehr Belohnung
+er, dieser neuen Entdeckung nach, aus dem fremden Schiff herauslocken
+könne. Demzufolge, und da er jetzt selbst durch eine lichte Stelle in
+den Guiavenbüschen das auf’s Neue heranrudernde Boot erkennen konnte,
+eilte er so rasch er vermochte dem Strand wieder zu, und traf dort mit
+dem eben auf dem weißen Corallensand auflaufenden Boot fast in ein und
+derselben Minute ein.
+
+Der Harpunier fluchte übrigens nicht wenig, als er hörte daß die
+Eingeborenen den Entlaufenen allerdings gefunden, aber noch nicht zum
+Strand gebracht hätten, und nun erst noch eine neue erhöhte Forderung
+stellten; er hätte ihnen jetzt gern das sechsfache gegeben, wäre der
+entlaufene Matrose damit in seinen Händen gewesen, denn der Capitain des
+Delaware wüthete ordentlich als er die Flucht des Manns und seinen
+dadurch erzwungenen Aufenthalt vernahm, und gab ihm jede Vollmacht den
+Burschen, den er exemplarisch zu bestrafen gedachte, wieder in seine
+Gewalt zu bekommen.
+
+Raiteo sollte aber die Sache nicht mehr allein auszufechten haben,
+sondern Sr. Majestät, die von dem reichen, für den Flüchtling
+versprochenen Lohn gehört hatte, mischte sich jetzt selber in das
+Geschäft, und schien Raiteo mehr als Führer wie Leitenden betrachten zu
+wollen.
+
+Der Harpunier hatte nun zwar selber schon Raiteo eine Belohnung geboten,
+wenn er ihn nur zu dem Platz hinbringen wolle wo der Flüchtling sei;
+Jener schien das aber einestheils nicht gern thun zu mögen, und anderer
+Seits zeigte dies wieder eine neue Schwierigkeit. Der Harpunier hätte
+seine Leute entweder zurücklassen oder mitnehmen müssen, und in beiden
+Fällen konnte es am Ende gar noch einem Andern einfallen, sein Glück
+ebenfalls in den Wäldern zu versuchen. Nach kurzem Ueberlegen suchte er
+deshalb die Indianer zu bewegen so rasch als möglich zurückzugehn und
+den Weißen zu holen, und die Versprechungen die er ihnen dafür machte,
+ja mehr noch die mitgebrachten Sachen die er ihnen zeigte, und von denen
+er einiges dem König schon gab, seine Habgier zu reizen, schienen ihm
+allerdings das günstigste Resultat zu versprechen.
+
+Die Leute waren diesmal in sehr bedeutender Anzahl, sogar mit einer
+Menge neugieriger Frauen, aufgebrochen den Gefangenen, der solcher Masse
+nicht hätte widerstehen können, zum Strand zu holen, und jetzt etwa
+lange genug abwesend daß der Harpunier schon dann und wann nach seiner
+Uhr sah, und die Zeit zu berechnen anfing, in der sie würden wieder
+zurück sein können, als Mr. Rowsey plötzlich, sehr zu seinem Erstaunen,
+ein Zeichen von seinem Schiff erhielt, so rasch er könne an Bord
+zurückzukommen.
+
+»Was zum Teufel kann nur los sein?« brummte er, als ihn Einer der Leute
+auf die eben aufsteigende Flagge aufmerksam machte – »Fische bei Gott!«
+rief er aber, als diese, zum verabredeten Signal, dreimal auf und
+niedergezogen wurde – »die hätten auch noch ein paar Stunden warten
+können. An Bord ~boys~, an Bord – rasch an Eure Riemen« – rief er dann
+seinen Leuten zu, die schnell dem Befehl gehorchten. Er selber blieb
+noch ein paar Momente wie unschlüssig am Ufer stehen, während sich die
+zurückgebliebenen Eingeborenen neugierig um ihn sammelten, theils zu
+erfahren was die Flagge am Schiff bedeuten solle – denn soviel hatten
+sie schon mit Schiffen verkehrt, zu wissen daß dies etwas Besonderes
+melden wolle – theils was die Weißen jetzt zu thun beabsichtigten.
+
+Der Harpunier wußte das in der That im Anfang selber nicht – mußten sie
+jetzt hinter Fischen her, wie es allen Anschein hatte, so konnten ein
+paar Tage vergehen, ehe sie hierher wieder zurück kamen, und sollte er
+indessen die für das Einfangen des Mannes bestimmten Güter in den Händen
+des Königs lassen? That er es nicht, so war es die Frage ob sich die
+Eingebornen, sobald sie das Schiff absegeln sahen, weiter um den Weißen
+bekümmern würden, und ließ er die Sachen da, so hieß das ein wenig viel
+der Ehrlichkeit dieser Leute vertraut, von der er, nach ziemlich langer
+Erfahrung, in solcher Hinsicht gerade keinen besonderen Begriff zu haben
+schien. Er entschloß sich aber doch zuletzt dazu, denn eines Theils lag
+in den mitgebrachten Sachen kein wirklicher Werth, und andern Theils
+durfte er dann auch darauf rechnen daß die Leute – wenn sie eben nicht
+mit dem Ganzen durchbrannten – ihr Bestes thun würden sein Vertrauen zu
+rechtfertigen. Sich also zu dem König wendend sagte er ihm mit kurzen
+Worten, er müsse jetzt an sein Schiff gehn, er wolle aber den Lohn für
+das Einfangen des Entlaufenen bei ihm niederlegen, und er verlange dafür
+von ihm, daß sie den Mann, wenn sie ihn einbrächten – sollte das Schiff
+noch dort liegen, wo sie es jetzt sähen – augenblicklich in ein Canoe
+nähmen und an Bord brächten, sollte es aber unter Segel sein, so lange
+gut verwahrten, bis er selber zurückkäme.
+
+Se. Majestät versprach ihm dafür die Sachen in sein eigenes Haus zu
+legen, und versicherte den Harpunier es würde Nichts davon kommen, denn
+sie seien alle _Christen_ und zwei »Mitonares« hier auf der Insel.
+
+Der alte Harpunier schien ihm etwas darauf erwiedern zu wollen, und sah
+ihn einen Augenblick wie zweifelnd an, endlich aber brummte er nur leise
+ein paar Worte in den Bart, sprang in sein Boot und schoß gleich darauf,
+so rasch ihn die mit äußerster Kraft der Leute geführten Riemen[B]
+bringen konnten, dem, etwa zwei englische Meilen entfernten Schiffe zu,
+von dessen Gaffel die Flagge noch immer wehte, und dann und wann gezogen
+wurde – ein Zeichen größter Eile.
+
+
+Fußnoten:
+
+[B] Riemen, das nautische Wort für die langen Ruder der See- und
+Wallfischboote.
+
+
+
+
+Capitel 3.
+
+#Das Mädchen von Atiu.#
+
+
+René saß indessen, nachdem ihn die Eingeborenen verlassen, eine ganze
+Weile sinnend auf den Steinen seines kleinen Fort’s, und überlegte was
+er am Besten thäte – hier auf dieser Stelle bleiben und die Rückkunft
+der Männer zu erwarten, oder sich vielleicht, mit mehr Vorsicht ein
+neues Versteck zu suchen, wo er wenigstens bis Dunkelwerden unentdeckt
+bleiben konnte und dann die ganze Nacht vor sich hatte eine Stelle zu
+finden seinen Verfolgern zu entgehn oder sie hinzuzögern; er wußte recht
+gut daß der Capitain des Delaware bald ungeduldig werden würde, wenn er
+ihn nicht rasch wieder zurückbekäme. Es war überdies auch möglich daß er
+selber in der Nacht ein Canoe fand mit dem er getrost in See gehen
+konnte; im Nord-Westen lagen noch mehre Inseln, und selbst die Gefahr
+der er sich dabei aussetzte, schien ihm nicht halb so groß als die, in
+der er sich jetzt wirklich befand wieder gefangen genommen und an Bord
+des Delaware zurückgeschafft zu werden. Er entschloß sich also endlich
+von dieser Kuppe wieder einer andern Hügelspitze zuzugehn, die er von
+hier aus gut erkennen konnte; jedenfalls nahm es dann seinen Feinden
+einige Zeit bis sie ihn wieder fanden, und die Nacht verbarg dann seine
+Spuren den Verfolgern.
+
+Diesen Versuch mußte er aber bald aufgeben, denn kaum hatte er etwa
+hundert Schritt den Berg hinunter gethan, so entdeckte sein scharf
+umherspähendes Auge die Gestalt des dort stationirten Insulaners, der
+sich allerdings, als er ihn kommen hörte, in das dichte üppige Kraut,
+was überall den Boden bedeckte, niederdrückte. Er war also umstellt, und
+es half ihm Nichts seinen Schlupfwinkel zu verändern, denn diese Wachen
+würden ihm natürlich auf den Fersen gefolgt sein; ja die Möglichkeit lag
+vor, daß sich seine Feinde, vielleicht zahlreicher als er selber eine
+Ahnung hatte, hier in den Hinterhalt gelegt, nur eben auf sein
+Niedersteigen wartend, um ihn dann, in dem dichten Gestrüpp soviel
+leichter überfallen und binden zu können, und scheu, hinter jedem Stamm
+einen versteckten, zum Ansprung bereiten Feind vermuthend, das gespannte
+Terzerol in der Hand, zog er sich rasch aber unbelästigt, wieder zu dem
+kaum verlassenen Versteck zurück.
+
+»Gut,« murmelte er dabei zwischen den fest zusammengebissenen Zähnen
+durch, als er zu seiner kleinen Veste zum zweiten Mal aufstieg – »laß
+sie dann die Folgen nehmen, wenn sie mich mit Gewalt zum Aeußersten
+treiben wollen; aber lebendig bringen sie mich beim ewigen Gott nicht
+von diesen Steinen hinunter.«
+
+Er untersuchte jetzt auf das sorgfältigste seine kleinen Terzerole,
+schraubte die Pistons los und that frisches Pulver wie nachher frische
+Kupferhütchen auf, und als er sich wenigstens dieser Hülfe versichert
+und sein Messer gefühlt hatte, ob es ihm locker und zum Griff bequem an
+der Seite hing, wußte er daß er für den Augenblick nichts weiter thun
+konnte und warf sich, der Dinge die er doch nicht zu ändern vermochte
+wartend, auf die Steine nieder, seine Kräfte wenigstens nicht durch
+unnöthige Anstrengungen vor der Zeit zu erschöpfen.
+
+Er mochte etwa eine halbe Stunde so gelegen haben, als der Lärm der
+jetzt zu ihm heraufsteigenden Schaar an sein Ohr drang – er horchte
+einen Augenblick auf und als er die lauten Stimmen einer großen Zahl
+Menschen deutlich unterschied, blieb er ruhig in seiner Stellung. Er
+wußte daß sie, mit solchem Geräusch ankommend, ihn nicht überraschen
+wollten, und daß sich jetzt der entscheidende Augenblick nahe. Er hatte
+das Boot wieder zurückkommen sehen und erwartete kaum anders, als daß
+sich der Harpunier selber mit seinen Leuten der Schaar angeschlossen
+habe.
+
+Diese kam jetzt so rasch und mit solchem Geplapper und Lachen und
+Schreien näher, daß er sich endlich aufrichten mußte; ein Blick
+überzeugte ihn aber er habe es nur mit Insulanern und keinem seiner
+früheren Kameraden zu thun, und mit der Ueberzeugung zog ihm auch wieder
+neue Hoffnung durch die Seele. Er lehnte sich jetzt in seine frühere
+Stellung auf den Stein, und als er sich Männer und Frauen in bunter
+Masse um sich sammeln sah, konnte er selbst ein Lächeln nicht
+zurückhalten.
+
+»Was für eine herrliche Situation wäre dies jetzt für einen der frommen
+Missionaire,« murmelte er leise vor sich hin, »für die »Prediger in der
+Wüste« wie sie sich selber nennen – Kanzel und Auditorium fix und
+fertig, und welch zahlreiche, bunte Versammlung – wahrhaftig auch
+Frauen – die lieben Dinger müssen doch überall dabei sein, selbst wenn
+es gilt einen armen Teufel von Matrosen wieder an seine Henker
+auszuliefern. Aber, ~prenez-garde mes dames~, noch _habt_ Ihr ihn nicht,
+und billig sind die zehn Ellen rother Kattun etc. wahrhaftig nicht
+verdient, _wenn_ Ihr ihn bekommt.«
+
+Die Schaar sammelte sich indessen um den Felsen herum und obgleich
+dießmal eine höhere Person als Raiteo, nämlich der Sohn des Königs
+selber, mitgekommen war, behielt doch jener bei den nachfolgenden
+Unterhandlungen als Dollmetscher das Wort, und forderte jetzt,
+augenscheinlich verdrießlich durch die Hartnäckigkeit des Burschen um
+den, ihm von Gott und Rechts wegen zustehenden Lohn gebracht zu sein,
+ihn einfach auf herunter zu kommen und mit ihnen zu gehn, weil sie sonst
+Gewalt brauchen müßten, und ihm nicht gern ein Leides thun wollten. Ihr
+König erlaube ihm nicht länger hier auf der Insel zu bleiben, also helfe
+ihm weiter kein Widerstand.
+
+René hatte sich hoch aufgerichtet, die jetzt frisch von der See
+herüberwehende Brise schlug ihm das dunkle lange Haar wild um die
+Schläfe, und sein Gesicht war von der inneren Aufregung vollkommen
+bleich geworden, aber seine Augen funkelten und ein trotziges Lächeln
+kräuste ihm selbst die Lippe, als er mit lauter herausfordernder Stimme
+hinunter rief:
+
+»So kommt denn, wenn Ihr den Muth habt mich zu holen – kommt und seht
+wessen Blut diese Steine zuerst färben soll – kommt und überliefert
+einen Mann, der Euch nie ein Leides gethan, seinen Feinden, Ihr seid ja
+am Ende gar Christen und wollt nach Gottes Geboten handeln – kommt,
+aber ehe ich jenes Schiff wieder lebendig betrete –« er schwieg
+plötzlich denn sein Auge hatte in diesem Moment fast unwillkürlich das
+ferne Fahrzeug gesucht, und er sah jetzt zum ersten Mal das von der
+Gaffel flatternde Zeichen, wie das zu dem Schiff zurückkehrende Boot, ja
+ein zweiter Blick überzeugte ihn sogar daß nach Westen hin die drei
+anderen Boote ebenfalls voll unter Segel waren, und die Wahrheit des
+Ganzen durchzuckte ihn im Nu.
+
+Als die unten Stehenden sahen daß er plötzlich seine Blicke so
+aufmerksam nach der Richtung hin sandte, wo das Schiff lag, suchten sie
+ebenfalls dorthin Aussicht zu gewinnen, und zwei junge Leute die rasch
+eine der Casuarinen erstiegen hatten, riefen bald etwas in ihrer Sprache
+hinunter. Von den Männern vertheilten sich jetzt mehre nach lichteren
+Punkten hin, wo sie die See nach dieser Richtung hin besser überschauen
+konnten, und es zeigte sich gar bald daß etwas Besonderes dort an Bord
+vorgehen müsse, was für den Augenblick, da es ja auch mit ihren
+Verhandlungen hier in naher Beziehung stehen mußte, ihre Aufmerksamkeit
+vollkommen von dem jungen Matrosen ablenkte.
+
+René selber dachte kaum mehr an die Eingeborenen – er sah wie das Boot,
+das ihn hatte abholen sollen, an Bord des Delaware zurückkehrte, der
+augenblicklich seine Raaen umbraßte und mit geblähten Segeln den
+vorangeeilten Booten nach Westen folgte. Jedenfalls hatten sie dort eine
+große Zahl Fische bemerkt, die ihm sicherlich sehr zu gelegener Zeit
+aufgekommen waren, und hielt die Jagd nur bis Abend an, daß das Schiff
+dadurch eine tüchtige Strecke nach Westen versetzt wurde, so war die
+Frage ob der Capitain seinetwegen hier wieder gegen den Passat ankreuzen
+würde; jedenfalls behielt er einen, vielleicht mehre Tage Zeit auf
+Flucht von der Insel zu denken und die Gefahr war wenigstens für den
+Augenblick von ihm genommen. Daß er die Insulaner _jetzt_ leicht von
+sich abhalten konnte, daran zweifelte er keinen Augenblick.
+
+Der Erfolg zeigte denn auch daß er darin vollkommen recht gehabt. Die
+Insulaner, als sie das Schiff unter vollen Segeln die Insel verlassen
+sahen, wußten nicht recht woran sie waren, und mußten erst wieder einen
+Boten nach unten schicken, neue Verhaltungsbefehle einzuholen.
+Allerdings begegnete diesem schon ein Anderer, der ihnen die Ordre
+brachte den jungen Fremden nur einstweilen einzufangen und mit
+herunterzunehmen. Das war aber weit eher gesagt als gethan, und kam das
+Fahrzeug am Ende nachher gar nicht zurück, so mußten sie ihn doch wieder
+los lassen; da war es also weit vernünftiger ihn jetzt gar nicht zu
+stören, bis das Schiff wirklich wieder da sei, nachher sei es noch Zeit
+genug.
+
+Als die Frauen und Mädchen, die dem Zug aus Neugierde gefolgt waren und
+sich im Anfang, da man noch nicht wußte ob es zu Feindseligkeiten kommen
+würde, scheu zurück gehalten hatten, nun, wie die Sachen jetzt standen,
+und daß nicht die mindeste Gefahr zu fürchten sei, sahen, so kamen sie
+weiter vor, und suchten Plätze zu bekommen, von denen sie den jungen
+Fremden genau beobachten konnten. Nur ein junges Mädchen allein war
+schon früher so weit vorgedrungen, daß sie sich dem Umstellten, auf
+einer anderen kleinen Erderhöhung fast gegenüber befand, und hatte die
+ganze Zeit keinen Blick von ihm verwandt.
+
+Es war ein junges bildschönes Kind von vielleicht funfzehn oder sechzehn
+Jahren, schlank gewachsen wie die Palme ihrer Wälder, aber mit vollem
+runden Gliederbau; die rabenschwarzen mit wohlriechendem Cocosöl
+getränkten Locken wild um die braune Stirn flatternd, und die schönen
+großen dunklen Augen halb ängstlich halb mitleidig auf den jungen Mann
+geheftet, dessen Leben wenn er sich zum äußersten widersetzte, wie sie
+recht gut wußte, in großer Gefahr schwebte. Sie war nach Art der übrigen
+Mädchen gekleidet; ein Lendentuch von farbigem Kattun, das ihr bis auf
+die feingeformten Knie niederging, schloß sich ihr dicht um die Hüften
+und ein anderes Tuch war nur lose über die linke Schulter gehangen, und
+auf der rechten mit einem Knoten locker zusammengehalten, daß es den
+rechten Arm vollkommen nackt und ihm freie Bewegung ließ. In den vollen
+Locken trug sie einen dünnen Kranz weißer und rother Blüthen, mit den
+Fasern des Cocosblattes fest zusammengebunden, in den Ohren aber zwei
+der großen weißen duftenden Sternblumen, und wie sie dort stand auf dem
+bröcklichen Gestein, um das sich dicht hinter ihr die vollen dunklen
+Büsche schmiegten, den linken Arm um die dünne Casuarine geschlungen,
+die sie da oben auf ihrer etwas gefährlichen Stelle stützte, glich sie
+eher einer lauschend aus dem Dickicht gebrochenen Waldnymphe, als einem
+einfachen schlichten Kind dieser Inseln.
+
+René war im Anfang natürlich zu sehr mit der Gefahr seiner eigenen Lage
+beschäftigt gewesen, einzelne Gestalten der ihn umgebenden Insulaner
+beachten zu können, und vorzüglich hatte er die Männer und ihre
+Bewegungen im Auge behalten, da er ja auch gar nicht wissen konnte, ob
+sie nicht einen plötzlichen Angriff auf ihn beabsichtigten; jetzt aber,
+als sein leichter Sinn ihn rasch über die geringere Gefahr, die ihm von
+den Insulanern selber drohte, hinwegsetzte, fühlte er mehr das
+eigenthümliche, ja interessante seiner Lage, und während das Blut in
+seine Wangen zurückkehrte und ein leichtes Lächeln über seine schönen
+Züge flog, schaute er sich um nach den einzelnen Gruppen, und sein Blick
+begegnete zum ersten Mal dem dunklen, brennenden Auge des Mädchens.
+
+Das holde Kind schlug aber, als sie sah daß er sie bemerkt hatte,
+verschämt den Blick zu Boden, und so zart war die lichtbraune Haut, daß
+René deutlich darauf das dunkle Erröthen, das ihre Schläfe und Wangen
+färbte, erkennen konnte; gerade jetzt wurde aber seine Aufmerksamkeit
+wieder auf die Schaar der Männer gelenkt, die sich ihm näherten und ihn
+noch einmal frugen, ob er gutwillig zu ihnen hinuntersteigen wolle oder
+nicht.
+
+»Gewiß!« rief René jetzt freudig, und war es früher schon seine Absicht
+gewesen, so hatte sie jetzt die Gestalt des holden ihm gegenüber
+stehenden Kindes nur noch bestärkt – »gewiß will ich hinunter kommen
+und bei Euch bleiben, aber Ihr müßt mir versprechen daß Ihr mich nicht
+festhalten oder binden wollt – freiwillig komme ich in Euere Mitte,
+und freiwillig werde ich darin bleiben, denn das Schiff, was mich zurück
+forderte, hat die Insel verlassen nicht wieder zurückzukehren. Wollt Ihr
+mir also fest und aufrichtig Sicherheit für meine Person versprechen, so
+steige ich augenblicklich zu Euch nieder, und ich hoffe wir sollen recht
+gute Freunde zusammen werden. Seid Ihr das zufrieden?«
+
+Die Insulaner, denen Raiteo die Worte des jungen Mannes verdollmetscht
+hatte, besprachen sich kurze Zeit in lauter, lärmender Stimme
+miteinander, und dieser wandte sich dann wieder zu ihm und sagte,
+freundlich dabei mit der Hand winkend:
+
+»Gut, weißer Mann, – ~a haere mai~ – sei willkommen und bleib bei uns
+bis dein Schiff wieder zurück kommt, oder so lange Du willst!«
+
+»~Eh bien~!« rief der junge Franzose lachend – »das ist ein Vorschlag
+zur Güte und die Sache löst sich freundlicher als ich erwarten durfte.«
+Und damit schob er seine Terzerole in die Tasche, drückte sich die Mütze
+wieder in die Stirn, und wollte sich eben über die Steine, die seine
+Festungswerke bildeten, hinüberschwingen, als ihn ein Ruf in gutem
+Englisch plötzlich nicht allein daran verhinderte, sondern auch erstaunt
+und überrascht aufschauen machte.
+
+Es war das junge holde Mädchen, das, den rechten Arm gegen ihn
+ausgestreckt, laut und fast ängstlich im reinsten Englisch rief:
+
+»Halt, Fremder – halt – sie sind falsch – sie wollen Dich binden und
+halten, und dem Schiff, das ihnen das Lösegeld zurückgelassen hat,
+wieder ausliefern – traue ihnen nicht, und bleibe wo Du bist, bis Dich
+der König selber seines Schutzes versichert hat.« Dann aber sich gegen
+die unten Stehenden wendend, unter denen Raiteo die hervorragendste und
+jedenfalls bestürzteste Persönlichkeit bildete, da er allein zu seinem
+Schrecken verstanden hatte, wie das junge Mädchen ihre eigenen
+Landsleute an den Fremden, seiner Meinung nach, verrieth, rief sie mit
+zürnender fast drohender Stimme in der schönen klangvollen melodischen
+Sprache ihres Stammes:
+
+»Schäme Dich, ~ahina~[C] – schämt Euch Ihr alle, den armen
+~hutupanutai~[D] verrätherisch unter Euch locken und überfallen zu
+wollen. – Wo sind seine Verwandte – wo seine Eltern – wo seine
+Geschwister? – weit weit von hier, und um schnöden Lohn drängt es Euch,
+ihn seinen Feinden zu überliefern, und _Ihr_ nennt Euch _Christen_? Ihr
+prahlt damit in den öffentlichen Versammlungen daß Ihr Euern Nächsten
+lieben wollt wie Euch selbst, und Anderen nicht das zufügen möchtet, was
+Euch nicht selbst geschehen solle; schämt Euch in Euere Seele hinein daß
+Euch ein armes junges Mädchen zurechtweisen und Euere Ehre retten muß
+vor dem Fremden!«
+
+Kaum aber hatte sie diese Worte gesprochen, und sah wie Aller Blicke auf
+sie gerichtet waren, als auch die natürliche mädchenhafte Scheu wieder
+jedes andere Gefühl verdrängte; das Blut schoß ihr in Strömen nach den
+Schläfen, und die Blicke niederschlagend, als ob sie selber jetzt gerade
+eine unrechte Handlung gethan, und nicht im Gegentheil Andere von einer
+solchen zurückgehalten hatte, glitt sie in die sie dicht umschließenden
+Büsche zurück, und war auch im nächsten Moment hinter dem Felsenhang
+verschwunden.
+
+René, der dieser so zeitgemäßen Warnung der Jungfrau nach, rasch seine
+alte Stellung wieder eingenommen hatte, und jetzt mit gezogenen Waffen
+und finsterem Blick die etwas verlegen unter ihm stehende Schaar
+betrachtete, konnte an deren ganzem Betragen leicht und deutlich sehen,
+wie viel Grund zu jener Anschuldigung, die er später mehr in den Blicken
+des Mädchens gelesen als aus ihren Worten verstanden hatte, vorhanden
+gewesen. Raiteo besonders, der bei den allsonntäglichen religiösen
+»~meetings~« eine Hauptrolle spielte, schien sich über den, ihn am
+tiefsten verletzenden Vorwurf, schlimm zu ärgern. Die Mädchen und Frauen
+flüsterten aber lebhaft untereinander, und aus den freundlichen ihm
+zugeworfenen Blicken durfte René wohl urtheilen daß er den _schönen_
+Theil seiner Feinde nicht mehr zu seinen Feinden zählen durfte, und daß
+dieser vollkommen mit dem Betragen Einer ihrer Schwestern einverstanden
+sei.
+
+Die Männer beriethen sich indessen eine ganze Zeitlang miteinander,
+sahen dann wieder nach dem Schiff aus, das mehr und mehr in der Ferne,
+und zwar nach Westen hin verschwand, und schienen total rathlos zu sein,
+was sie eigentlich thun sollten. Einen wirklichen Angriff zu machen,
+dazu fehlte ihnen in diesem Augenblick, wenn auch nicht der Muth, doch
+jedenfalls, durch das Absegeln des Schiffs, die dringende Ursache, und
+friedlich nach dem eben stattgehabten Vorfall wieder mit ihm
+anzuknüpfen, war auch eine schwierige Sache – wer konnte von ihm
+verlangen daß er nach dem letzten Beispiel ihnen jetzt noch einmal
+trauen sollte.
+
+So verging der Nachmittag, René beschloß übrigens jetzt weiter Nichts zu
+unternehmen; war das Schiff erst einmal gänzlich aus Sicht, so ließ
+sich eher hoffen die Leute zur Vernunft zu bringen, zeigten sie sich
+aber dann morgen noch eben so hartnäckig, dann wollte er versuchen ein
+Canoe zu bekommen, und von der Insel zu fliehen, denn er konnte sich
+nicht verhehlen daß der Delaware, da er, wie ihm das junge Mädchen
+gesagt, den für sein Einfangen bestimmten Lohn hier zurückgelassen, doch
+jedenfalls die Absicht haben mußte die Insel, wenn ihm das irgend
+möglich war, wieder anzulaufen. Das hing indessen noch Alles theils von
+dem Weg ab den die Fische nahmen, theils ob er an einem oder mehreren
+festkam, denn so lange er den Fisch langseits hatte, konnte er nicht
+segeln und trieb immer weiter nach Westen ab.
+
+Indessen stellte sich aber auch bei ihm wieder Hunger und Durst ein, und
+theils diesen zu befriedigen, theils den Insulanern unten zu zeigen daß
+er nicht die mindeste Furcht und noch ganz guten Appetit habe, setzte er
+sich oben auf seine Befestigungswerke und begann seine etwas
+hinausgeschobene Mahlzeit nach Kräften zu halten.
+
+Erst als es Abend wurde verließen ihn die Insulaner, und zwar ohne
+weiter mit ihm zu unterhandeln, bis auf den letzten Mann, und seine
+einzige Sorge war jetzt daß sie ihn in der Nacht, wenn er eingeschlafen
+wäre, überrumpeln möchten. Diesem zu begegnen, und da der Feind
+wahrscheinlich einen solchen Versuch erst spät machen und nicht glauben
+würde daß er sich gleich nach Dunkelwerden niederlegen werde, beschloß
+er, trotz der ihn umgebenden Gefahr, gerade jetzt ein paar Stunden zu
+schlafen um nachher desto munterer zu sein, denn ohne alle Rast wußte er
+recht gut daß er es nicht aushalten könne. Ueberdieß fürchtete er mehr
+als alles Andere, seinem Körper gleich im Anfang zu viel zuzumuthen, da
+er ja nicht wissen konnte welche Strapatzen und Gefahren er überhaupt
+noch zu bestehen hatte.
+
+Dieß Alles stimmte übrigens so vollkommen mit seiner eigenen Neigung
+überein, denn er war durch die gehabte Aufregung jetzt, da gewissermaßen
+ein Ruhestand eingetreten, förmlich erschöpft und so müde geworden, daß
+er es auch augenblicklich auszuführen beschloß, sein Bündel auf der
+einen Seite als Kopfkissen hinlegte – nur die Vorsicht gebrauchend an
+dem am leichtesten zu ersteigenden Platz einen Stein so locker zu
+placiren, daß er bei der leisesten Berührung niederfallen mußte – und
+sich dann mit sorgloser Ruhe auf den harten Boden und dem Schlaf in die
+Arme warf.
+
+Um den armen René möchte es aber schlecht gestanden haben, hätten die
+Insulaner wirklich beabsichtigt in der Nacht etwas gegen ihn zu
+unternehmen, denn lange nach Mitternacht berührte eine leichte Hand
+seine Schulter, ohne daß er erwacht wäre.
+
+»Fremder,« sagte da eine sanfte, weiche Stimme, und das junge schöne
+Mädchen, das neben ihm stand, legte ihre kalten Finger an seine, vom
+festen Schlaf erhitzte Stirn.
+
+»Ja,« sagte René, die Augen öffnend und umschauend – »ja – schon acht
+Glasen?«[E] – die kalte Nachtluft strich über ihn hin – um ihn
+rauschte das Laub des Waldes und die hellen funkelnden Sterne blickten
+klar auf ihn nieder. In dem Moment schoß ihm auch die ganze Gefahr
+seiner Lage durch die Seele, und rasch emporspringend, das Terzerol wie
+instinktartig im Griff, schien er den Angriff zu erwarten.
+
+»Ihr seid eine vortreffliche Schildwache,« lachte aber das junge
+Mädchen, das ruhig auf ihrem Platz stehen geblieben war – »wenn Ihr
+nicht besser über anderer Leute Gut wacht, als Euere eigene Sicherheit,
+möchte ich Euch wahrlich nicht einer Banane Werth vertrauen.«
+
+René faßte sich an die Stirn – er wußte im ersten Augenblick wahrhaftig
+nicht ob er wache oder träume, das ganze Fremdartige seiner Umgebung,
+das schöne lachende Mädchen dicht vor ihm, ein dunkles Bewußtsein
+drohender Gefahr die über ihm schwebe, und seine Sinne noch halb von dem
+kaum erst abgeschüttelten tiefen Schlaf befangen, verlangte Alles daß er
+sich erst sammle, und es verging wohl eine Minute, ehe er seine
+wirkliche Lage wieder vollständig begriff.
+
+Das junge Mädchen stand indeß, mit untergeschlagenen Armen, die zarten
+Lippen fest zusammengepreßt, und den Kopf schüttelnd vor ihm, und sagte
+endlich halb lachend halb erstaunt:
+
+»Bist Du nicht ein wunderlicher Mann, Fremder – schläfst hier mitten
+zwischen Deinen Feinden, als ob Du daheim im sichern Hause, von den
+Deinen bewacht lägest und nicht ein Preis auf dein Einbringen gesetzt
+sei, das habgierige Menschen zu deinem Verderben reizen muß.«
+
+»Und durft ich nicht schlafen, wenn ein solcher Schutzgeist über mich
+wachte, Du holdes Kind!« sagte René herzlich, die Hand nach der ihren
+ausstreckend – sie trat aber vor der Berührung einen Schritt zurück,
+und erwiederte, mit ernstem Blick nach oben deutend:
+
+»Allerdings hattest Du einen Schutzgeist der über Dich wachte, aber es
+ist das Auge Gottes, das jedes Haar Deines Hauptes gezählt hat, und ohne
+dessen Willen keins zur Erde fällt – ihm danke für Deine bisherige
+Sicherheit, nicht mir. Aber komm Fremder,« setzte sie dann freundlicher
+hinzu – »nimm Dein Bett und wandere und folge mir, ich will Dich vor
+Tag, und ehe böse Menschen im Thale neue Anschläge schmieden könnten, an
+die andere Seite der Insel bringen, dort steht das Haus eines frommen
+Mannes, das Dich schützen wird, bis Dein Schiff diese Gegend verlassen
+hat, und dann kannst Du später nach Tahiti, wo viele Deiner Landsleute
+leben, hinübergehn und dort in Sicherheit wohnen.«
+
+»Mein _Bett_ mitzunehmen, möchte hier schwer werden,« lachte aber René,
+dessen leichter Sinn ihn in der Nähe des schönen Mädchens das so
+freundlich um ihn besorgt war, schon über alles Andere weggesetzt hatte,
+»das wollen wir lieber liegen lassen; mit dem Kopfkissen möchte es eher
+gehn – und wie ists mit den Provisionen – soll ich die Cocosnuß und
+Bananen? –«
+
+»Wir finden genug auf unserem Weg« – unterbrach ihn aber das Mädchen –
+»iß und trink wenn Du _jetzt_ Hunger hast, und sorge nicht weiter.«
+
+»Dann mag es sich mein Dollmetscher morgen als schwachen Beweis meiner
+Erkenntlichkeit mit hinunter nehmen,« lachte René, »der alte Bursche
+wird schön schauen, wenn er das Nest leer und den Vogel ausgeflogen
+findet.«
+
+»O sprich nicht mit so leichtem Muth über eine Gefahr, der Du noch
+keineswegs entgangen bist,« bat aber das Mädchen, »ich selber kann
+nichts für Deine Sicherheit thun, als Dich zu einem Andern führen und
+diesen bitten Dir zu helfen – er ist selber ein Weißer und ein Diener
+des Herrn, und wird gewiß Alles für Dich thun was in seinen Kräften
+steht – er ist aber doch auch nur ein Mensch, und vermag Dir keinen
+anderen, als eben nur menschlichen Schutz zu gewähren.«
+
+»Ein Weißer? – und ein Diener des Herrn?« sagte aber René rasch und
+nachdenkend – »ein Missionair also?«
+
+»Gewiß, ein Missionair,« bestätigte die Jungfrau – »er hat mich von
+frühester Jugend auferzogen und seine Sprache und Religion gelehrt – er
+ist ein stiller, friedlicher und guter Mann.«
+
+René blieb nachdenkend eine kleine Weile stehn, und es ging ihm im Kopf
+herum was er Alles, vielleicht in seinem katholischen Vaterland noch
+übertrieben, über die protestantischen Missionaire dieser Inseln gehört
+und gelesen, bei denen er eigentlich schon aus zwei Gründen keine
+freundliche Aufnahme erwarten durfte, erstlich als entlaufener Matrose
+und dann als Katholik; er war aber nicht der Mann sich vor der Zeit
+vielleicht unnöthige Sorgen zu machen, that er’s doch nicht wenn er
+selbst Ursache dazu hatte.
+
+»~Eh bien~!« rief er fröhlich und entschlossen – »sei es wohin es
+wolle, wohin Du mich führst Du holdes Kind, geh ich gern, und wäre es in
+den Tod. Hier kann ich doch nicht bleiben,« setzte er lächelnd hinzu als
+er einen halb komischen halb verlegnen Blick umherwarf – »der
+Bequemlichkeiten sind nicht besonders viel, und vor Tag stöberte mich
+doch am Ende der alte Bursche von Dollmetscher wieder auf – also
+vorwärts, vorwärts Du liebes Mädchen – aber welchen Namen hast Du? wie
+kann ich Dich nennen?«
+
+»Meine Landsleute nannten mich Sadie,« sagte das schöne Mädchen leise –
+»Sadie nach einem jener freundlichen Sterne dort oben, aber mein
+Pflegevater verwarf den Namen als heidnisch, und ich heiße jetzt
+Prudentia – nur die Insulaner können das noch nicht gut aussprechen und
+nennen mich lieber mit dem alten Namen.«
+
+»Oh so laß mich Dich auch Sadie nennen, Du holdes Kind,« bat da René –
+»bist Du mir nicht auch ein freundlicher Stern geworden, der mich hier
+aus meiner Trübsal hinausführen soll? – und wie gern folg ich ihm –
+Prudentia, lieber Gott, der Name mag für des würdigen Mannes Mutter oder
+Gattin recht gut klingen, aber Deinen Namen hinein verwandeln, Sadie,
+heißt die Saiten einer Harfe zerreißen und Bindfaden darüberspannen –
+nein Sadie, leuchte mir voran, und jener Stern soll nicht genauer seine
+Bahn halten, als ich der Deinen folge.«
+
+Das junge Mädchen die wohl den alten liebgewonnenen Namen auch lieber
+hörte als das fremde, selbst für ihre Zunge schwere Wort, erwiederte
+nichts weiter, und wie eine Gemse von dem ziemlich steilen Hang
+hinunterkletternd, und den Arm vermeidend den René nach ihr ausstreckte
+sie dabei zu unterstützen, glitt sie auf den Boden nieder, daß René kaum
+ihren Schritten zu folgen vermochte.
+
+
+Fußnoten:
+
+[C] Verächtlicher Name für einen alten Mann.
+
+[D] ~hutupanutai~, die an den Strand gespühlte ~hutu~-Nuß – oder auch,
+in der bildreichen Sprache des Stammes, der an ihre Küsten geworfene
+Fremde ohne Verwandte und Freunde.
+
+[E] Glasen, ein Schiffsausdruck, vom Stundenglas entstanden, und jetzt
+die verschiedenen Schläge der Wachtuhr bedeutend, die alle vier Stunden
+mit eins beginnt und jede halbe Stunde einen Schlag hinzufügt.
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+Capitel 4.
+
+#Der Mi-to-na-re.#
+
+
+Es war ein ziemlich langer Marsch durch eine wilde Gegend und oft durch
+Dickichte, durch die er allein nie seinen Weg gefunden; an den Sternen
+sah er dabei wie sie viele Umwege machten, entweder vollkommen
+undurchdringliche Stellen zu umgehen, oder auch vielleicht mögliche
+Verfolger irre zu führen. Endlich erreichten sie wieder eingezäunte
+Gartenplätze mit Bananen, Brodfrucht, Orangen, Wassermelonen und süßen
+Kartoffeln bepflanzt, und als die Sonne eben über dem, wieder vor ihnen
+liegenden Meeresspiegel emporstieg, betraten sie eine freundliche
+Ansiedlung wohnlicher Bambushütten, sogar mit einigen weißübertünchten
+Häusern dazwischen, dicht in dem Schatten hoher Cocospalmen und
+breitästiger Brodfruchtbäume hineingeschmiegt, und von einer hohen
+festen Umzäunung rings umschlossen.
+
+René zögerte im ersten Augenblick den Ort zu betreten – er blieb stehen
+und betrachtete forschend den kleinen freundlichen Platz, der wie ein in
+sich abgeschlossenes Paradies stillen Friedens vor ihm lag. Sadie
+schaute nach ihm um und frug ihn lächelnd ob er sich fürchte näher zu
+kommen.
+
+»_Fürchten_?« sagte der junge Mann leise mit dem Kopf schüttelnd, »wenn
+ich überhaupt etwas fürchtete auf der weiten Welt – hätte ich da je
+diese Insel betreten?«
+
+»Fürchtest Du _Nichts_?« sagte das Mädchen rasch und erstaunt, und
+schaute zu ihm auf – »fürchtest Du nicht _Gott_?« –
+
+Der junge Mann fühlte daß er hier ein Feld berührte das er vermeiden
+müsse – so wenig er sich selber aus irgend einem Religionsbekenntnis
+machte, hatte er doch zu viel gesunden Sinn für Recht es in Anderm zu
+achten, und er hätte besonders dem holden Kind nicht durch eine rauhe
+Antwort weh thun mögen – er sagte deshalb ausweichend:
+
+»Ich sprach nicht von Gott, Sadie – ich sprach von den Menschen – also
+hier wohnt der weiße Missionair?«
+
+»Hier wohnt er, wenn er auf der Insel ist,« – erwiederte das Mädchen,
+durch seine Antwort vollkommen wieder beruhigt – »gerade jetzt aber
+besucht er mehre andere Inseln in Missionsgeschäften, aber schon seit
+drei Tagen erwarten wir ihn zurück, und jede Stunde kann er wieder
+eintreffen.«
+
+»Also in diesem Augenblick wohnt kein Missionair auf dieser Insel?« –
+frug der junge Mann rasch, und wie es fast schien, erfreut. –
+
+»Kein _weißer_ Missionair wenigstens,« sagte die Jungfrau, »aber Du
+scheinst Dich darüber eher zu freuen, und ich hatte geglaubt es würde
+Dich beruhigen wenn Du einen Landsmann in der Nähe wüßtest.«
+
+»So habt Ihr auch _eingeborene_ Missionaire hier?« umging der junge Mann
+die halbgestellte Frage durch eine andere – »und sind die auf allen
+Inseln?«
+
+»Nicht auf allen, doch auf vielen – hier aber,« fuhr sie auf das Haus
+deutend fort – »wirst Du jedenfalls Schutz finden bis Dein Schiff
+zurückkehrt, denn von den Bewohnern dieser Insel wird es Keiner wagen
+Hand an Dich zu legen, so lange Du Dich in den Mauern dieses kleinen
+Wohnortes befindest – was Deine eigenen Landsleute aber thun wenn sie
+zurückkommen, weiß ich nicht, doch ich fürchte sie werden kaum die
+Heiligkeit dieses Ortes anerkennen, obgleich sie Alle dem Namen nach
+Christen sind. Mein Pflegevater hat mir oft erzählt, daß auf den
+Schiffen viel böse gottlose Menschen hausen, und wir Insulaner hier
+manchmal viel bessere Christen sind als jene – aber nicht wahr, Du
+gehörst nicht zu denen?«
+
+»O da mag Dein Pflegevater wohl vollkommen recht haben,« lächelte René,
+»denn viel _Christenthum_ darf man gewöhnlich auf den Wallfischfängern
+nicht suchen – darum sind aber doch auch viel gute brave Menschen
+zwischen ihnen, liebe Sadie, und ich mag leichtsinnig sein,« setzte er
+gutmüthig hinzu – »aber schlecht bin ich doch wohl nicht. Du mußt mir
+das freilich auf mein ehrlich Gesicht hin glauben, denn andere Bürgen
+habe ich weiter nicht dafür.«
+
+Das Mädchen lächelte, vollkommen zufrieden gestellt, vor sich hin, und
+jetzt zum ersten Mal seine Hand ergreifend, führte sie ihn durch die,
+ihrem Druck nachgebende kleine Gartenpforte, durch den breiten
+gutgehaltenen Gang des Gartens, und eine dichte Allee regelmäßig
+gepflanzter Bananen oder Pisang dem Hause zu, unter deren Schutzdach
+René die kleine, etwas wohlbeleibte Gestalt eines wie es schien
+halbcivilisirten Insulaners erkannte.
+
+René konnte ein leises Lächeln kaum verbergen als er die Gestalt mit
+flüchtigem aber forschendem Blick überflog, und fast unwillkürlich
+drängte sich ihm der wunderliche Gedanke auf daß der Mann, wenn ihm der
+Geist und die Civilisation wirklich von oben gekommen sei, jedenfalls
+noch mit den Beinen im Heidenthum stecke.
+
+Der kleine gelbbraune Missionair sah auch in seiner halb frommen halb
+wilden Tracht wirklich eigenthümlich genug aus. Er ging in bloßem Kopf,
+aber die sonst langen schwarzen Haare waren kurz und gottesfürchtig
+abgeschnitten und zugestutzt – ferner trug er ein weißes baumwollenes
+Hemd und eine weiße leinene Halsbinde, mit hellgelber mit blanken
+Knöpfen besetzter Weste, und über diesem Allen einen, dem Klima
+keineswegs zusagenden – schwarzen Frack. Bis soweit also war der Geist
+gekommen, darunter aber fing der Heide wieder an – der Mann konnte sich
+an die christliche Religion aber nicht an Hosen gewöhnen, und während er
+um die Lenden ein langes Stück roth und gelben Kattun, der höchst
+freundlich gegen den schwarzen Frack abstach, mehrfach geschlagen hatte,
+trug er die Beine vollkommen nackt, und unter dem Kattun vor schauten
+noch die alten heidnischen Tättowirungen früherer Zeiten, wie scheu, von
+dem christlichen Kleidungsstück bedroht, hervor.
+
+Der kleine Mann schien übrigens ungemein erstaunt über den Besuch und
+auch vielleicht gerade nicht besonders erfreut, als ihm Sadie in seiner
+Sprache mit kurzen Worten das, auf der andern Seite der Insel
+Vorgefallene erzählte, und ihm um seinen Schutz für den Verfolgten
+ansprach. Er hatte auch erst, wie es René vorkam, eine Menge
+Einwendungen dagegen zu machen, und das Wort ~Mitonare~ kam sehr häufig
+dabei vor, ~Sadie~ oder ~Pu-de-ni-a~ wie sie der kleine Missionair in
+seinem wunderlichen Kauderwelsch statt ~Prudentia~ nannte, wußte diesem
+allen aber zu begegnen, und da er sonst selber wohl gutmüthig und
+gastfrei war, hatte er endlich nichts länger dawider, streckte dem
+jungen Mann mit einem halb freundlichen halb salbungsvollen –
+wahrscheinlich abgesehenen Blick die dicke fette Hand entgegen, deren
+Finger auch noch frühere Tättowirungen zeigten, und sagte in einer
+Sprache die jedenfalls englisch sein sollte, aber meist immer wieder auf
+tahitisch auslief.
+
+»~Gu – day bodder – gu day a haere mai – gu fend here – ehoa ino –
+very gu fend –~« und dann folgte noch eine längere Auseinandersetzung,
+jetzt auf einmal in reinem Tahitisch als ob er glaubte daß der Fremde,
+durch die vorigen einleitenden Worte in seiner eigenen Sprache nun auch
+vollkommen vorbereitet für jede weitere Anrede in gutem Insulanisch sein
+müsse.
+
+Sadie, die übrigens mit halbverstohlenem Lächeln sah, wie der junge
+Fremde verlegen vor ihm stand, und nicht recht zu wissen schien was er
+aus dem Ganzen machen solle, übersetzte ihm schnell was der kleine Mann
+gesagt hatte, und bat ihn in das Haus zu treten, sich mit Speise und
+Trank zu stärken und von den überstandenen Strapatzen auszuruhn.
+
+»Aber wie kann ich jetzt erfahren,« frug René das junge Mädchen – »was
+aus dem Schiff geworden ist, das schon vielleicht in diesem Augenblick
+die Insel wieder, von anderer Seite, ansegelt?«
+
+»Auch daran hab’ ich gedacht« lächelte das Mädchen – »kümmere Dich
+nicht deßhalb; der Knabe der uns eben verließ, geht nach der nächsten
+Bergspitze hinauf, von wo er das Meer rings überschauen kann, und bringt
+uns Nachricht ob das fremde Segel noch in der Nähe ist. – Und nun in’s
+Haus, denn wie ich Dir schon gesagt habe, bis das Schiff zurückkehrt –
+denn nur gegen Deine eigenen Landsleute können wir Dich nicht schützen
+– bist Du sicher – und selbst dann finden sich vielleicht Mittel Dich
+zu verbergen« setzte sie freundlich hinzu.
+
+Der kleine Mitonare, denn als solchen hatte er sich René – ~mi
+mitonare~ – ~mi mitonare~ schon selber vorgestellt – ging ihnen jetzt
+geschäftig voran in’s Haus, und obgleich heute wirklich ihr Sonntag
+fiel[F], brachte er nichtsdestoweniger eigenhändig, erst Teller und
+Messer und Gabel, die sonst wahrscheinlich nur wenig benutzt, tief in
+einer Schrankecke zu ruhen schienen, und dann kaltes Fleisch, Früchte
+und Cocosnußmilch herbei, und lud nun den jungen Mann auf das
+freundlichste ein sich niederzusetzen und nach Herzenslust zuzulangen.
+
+René sah Sadie an und dann die Speisen – er schämte sich sie zu bitten
+mit ihm niederzusitzen, und doch hätt’ er es gar so gern gethan. Das
+schöne Mädchen mochte aber errathen was er wünsche, denn sie schüttelte
+lächelnd mit dem Kopf und war im nächsten Augenblick schon durch die
+offene Thür verschwunden.
+
+Der kleine Missionair begann nun eine Unterhaltung die René zu jeder
+andern Zeit ungemein amüsirt haben würde, in diesem Augenblick hatte er
+aber wirklich einen höchst bedeutenden Hunger, und die steten Fragen des
+Kleinen, die an und für sich schon des wunderlichen Kauderwelsch wegen
+eben so viele Räthsel waren, forderten eine Theilung seiner
+Aufmerksamkeit, die er jetzt weit lieber ungetheilt dem delicaten kalten
+Schweinebraten und den saftigen Früchten zugewandt hätte. Der Kleine
+ließ aber nicht nach und frug vor allen Dingen wie er selber hieße –
+der Name war einfach genug, und er konnte ihn ziemlich gut nachsprechen
+– dann wie das Schiff hieße auf dem er gekommen sei, und von wo es
+gesegelt wäre. Er interessirte sich besonders, da er in den letzten
+Jahren mit Hülfe des weißen Missionairs etwas Geographie getrieben, für
+die Hafenplätze der Englischen und Amerikanischen Küste, und schien sich
+ungemein zu freuen als er einen ihm bekannten Namen, Boston – das er
+übrigens hartnäckig ~bo-son~ aussprach – erwähnen hörte.
+
+Eine Hauptfrage des kleinen unermüdlichen Mannes war aber zuletzt nach
+des Fremden Religion und Vaterland, und René hätte sich selber keinen
+schlimmern Namen machen können, als daß er sich ohne weiteres für einen
+Franzosen ausgab.
+
+»Wi–wi?« sagte der kleine Mann etwas erstaunt, zog die Augenbrauen in
+die Höh, und spitzte den Mund – »Wi–wi?[G] – hm –«
+
+»Wi–wi?« sagte René, der diesen Ausdruck noch nicht kannte, erstaunt –
+»was Wi–wi? – nicht Wi–wi – ~frenchman~ – ~français~ – ~ferani~
+–« denn diesen Ausdruck hatte ihn schon Adolph gelehrt.
+
+»~Es–es~« nickte der Kleine schmunzelnd – »~Fe–ra–ni~ – ~Wi–wi~« –
+
+»Was zum Henker will er denn mit dem Wi–wi?« – dachte René – »das muß
+ein besonderer Dialekt für den Namen sein.«
+
+»Viel – viel Wi–wi’s in Tahiti – sagte der kleine Missionair wieder
+– keine Christen, Wi–wi’s!«
+
+»Keine Christen?« rief René lachend – »nun ich weiß doch nicht –
+einige sind sicher darunter, die sich wenigstens so nennen –«
+
+»~Es~, Christen« nickte der unverwüstliche Kleine – »aber keine guten
+– ~aita maitai~ –«
+
+Jetzt begriff René erst, worauf der kleine Protestantische Missionair
+oder Prediger eigentlich abziele, denn dieser mußte natürlich glauben,
+was ihm die protestantischen Geistlichen über die Religion der andern
+Weißen, die sich ebenfalls Christen nannten, und doch in ihren äußeren
+Gebräuchen besonders so bedeutend von diesen abwichen, gesagt hatte. Er
+hütete sich aber wohl auf irgend einen religiösen Streit einzugehen und
+beschränkte sich nur darauf ihm zu erklären, er wisse nicht was es in
+Tahiti für Christen gäbe, er sei noch nie dort gewesen, in seinem
+eigenen Vaterland – was er in aller Unschuld jetzt selber Wi–wi und
+zwar sehr zum Ergötzen des kleinen Mannes nannte – gäbe es aber sehr
+gute, fromme Christen.
+
+René hätte vielleicht noch eine Masse, ihm gerade nicht gelegene Fragen
+beantworten müssen, wäre in diesem Augenblick nicht draußen vor der Thür
+eine kleine Glocke geläutet worden und zu gleicher Zeit Sadie in der
+Thür des Gemaches erschienen. René sprang fast mit einem Freudenruf
+empor.
+
+Das junge Mädchen sah aber auch wunderlieblich aus in ihrer neuen
+Tracht, die sie der Sonntagsfeier zu Ehren angelegt hatte. Diese bestand
+in einem langen faltigen Gewand, das ihr oben von den Schultern bis auf
+die Knöchel niederfiel, im Gürtel aber von einer leichten rothseidenen
+Schärpe zusammengehalten wurde; die Haare hatte sie wieder frisch mit
+wohlriechendem Oel getränkt, und die langen vollen Locken glatt nieder
+gekämmt, daß sie ihr bis auf die Schultern herabfielen – aber keine
+Blume schmückte sie jetzt, wo sie zu Gottes Altar treten wollte, nur
+eine dünne Schnur, aus den Erhöhungen der reifen Ananas geschnitten, zog
+sich ihr um das Haar und die Stirn, den wilden Lockenschatz in etwas zu
+bändigen. In der Hand hielt sie ein kleines Buch mit goldenem Schnitt –
+ein englisches neues Testament, und das erst so wilde muthige Kind sah
+jetzt so mädchenhaft fromm und schüchtern aus, das dunkle Auge ruhte mit
+einem so milden sanften Blick auf ihm, daß er sie kaum wieder erkannt
+hätte, und doch war sie jetzt fast noch schöner als damals wie sie, den
+nackten Arm um den Baum geschlungen, von dem Felsen herab auf die
+verrätherischen Landsleute niederzürnte.
+
+»Wie schön Du bist, Sadie!« rief René fast unwillkürlich aus, und
+streckte ihr seine Hand entgegen.
+
+»Nicht Sadie jetzt« sagte aber das junge Mädchen und schüttelte leise
+mit dem Kopf – »Prudentia heiß ich, denn ich gehe jetzt zu meinem Gott,
+durch dessen heiliges Wasser ich den Namen bekommen habe. Aber hier mein
+Freund« setzte sie mit bittendem Ton hinzu indem sie die ihr gebotene
+Hand ergriff und dabei dem jungen Mann zugleich das kleine Buch
+entgegenhielt – »nimm das hier und lies darin, während wir in der
+Kirche für Dich und Dein Wohl beten wollen – es ist ein gutes Buch und
+wird Dich trösten.«
+
+Es lag etwas so rührend Herzliches in dem Ton mit dem das holde Kind
+diese Worte sprach, daß René das Buch nahm, ihr leise die gereichte Hand
+drückte und sagte –
+
+»Ich danke Dir, Sadie – Du mußt mir nun schon erlauben Dich so zu
+nennen – das andere Wort will mir gar nicht über die Lippen – aber Du
+bleibst doch nicht lange?«
+
+»Vielleicht nur zu kurze Zeit für so schwere Sünder als wir sind« sagte
+das Mädchen ernst und fast traurig – »aber lebe wohl und fürchte Nichts
+für Deine Sicherheit; von der andern Seite der Insel sind eben Männer
+zur Kirche herübergekommen, und sie berichten, daß Dein Schiff nirgend
+mehr zu sehen sei – es ist weit nach Westen gegangen und müßte lange
+Zeit brauchen wollte es gegen den Wind wieder nach uns aufkreuzen. –
+Bleibe aber hier im Hause und zeige dich nicht den Leuten draußen; doch
+darum sprechen wir nachher, jetzt darf ich nicht an weltliche Sachen
+denken – ich dachte aber auch nur Deinetwegen daran« – setzte sie
+leiser hinzu und eine tiefe Röthe breitete sich über ihre schönen so
+engelsanften Züge.
+
+Auf den kleinen Mitonare hatte der Ton der Glocke aber ebenfalls eine
+fast zauberhafte Wirkung ausgeübt. – Noch im Lachen über den Fremden
+hörte er den ersten Ton derselben und, wie ein in seiner Lust von dem
+strengen Blick des Lehrers ertappter Schulknabe, zog sich sein Gesicht
+nicht, nein zuckte es förmlich in die alten ehrbaren Falten hinein, die
+ihm dabei fast noch komischer standen, als das Lachen vorher. Er erhob
+sich aber jetzt hastig, ergriff seine Bücher – alle in der Tahitischen
+Sprache durch die Missionaire übersetzt, – und Sadie einige Worte
+sagend verließ er mit dieser langsamen Schrittes das Haus.
+
+René blieb allein zurück; Sadie hatte ihn heute absichtlich nicht
+aufgefordert sie in die Kirche zu begleiten, was sie sonst gewiß nicht
+versäumt haben würde; es waren aber viele Insulaner von der andern
+Seite, die gestern Theil an den Vorfällen gehabt, herübergekommen, und
+sie wollte beide Partheien nicht jetzt schon wieder zusammenbringen. Der
+Aufenthalt des Fremden konnte übrigens, wie sie recht gut wußten, nicht
+lange geheim bleiben, wenn er das überhaupt nur bis jetzt noch geblieben
+war; den Frieden des Missionsgebäudes störten aber, selbst die
+Verhärtetsten ihres Stammes nicht so leicht, und sie glaubte den armen,
+von allen Uebrigen verlassenen Fremden wenigstens hier sicher.
+
+René warf sich auf eine der überall in dem hohen luftigen Gebäude
+ausgebreiteten Matten, und lag lange in tiefem Brüten über die letzten
+für ihn so verhängnißvoll gewesenen Stunden. Er war einer sehr
+dringenden Gefahr für den Augenblick entgangen, aber kam das Schiff
+zurück – und er zweifelte kaum daran, daß der Capitain desselben ihn
+nun und nimmer so leicht aufgeben würde, ohne wenigstens noch einen
+Versuch zu machen ihn wiederzubekommen – würde er den Händen der Feinde
+auch dann entgehen können, und dann nicht vielleicht selbst der, bis
+dahin jedenfalls zurückgekehrte Missionair ihm seinen Schutz versagen?
+Es war doch wohl das beste, daß er weder Schiff noch Missionair
+abwartete, und so rasch als möglich die Insel zu verlassen suchte. –
+Aber Sadie? – würde sie ihn begleiten? – Er erschrak ordentlich vor
+dem Gedanken sie zurückzulassen, und mochte sich selber kaum gestehen,
+wie gewaltig dieß holde Kind des Waldes sein Herz schon gefesselt habe
+und halte.
+
+»Das ist Thorheit« murmelte er vor sich hin – »Wahnsinn, jetzt an Liebe
+zu denken wo Du selber noch nicht einmal eine Stätte hast Dein Haupt
+hinzulegen. Sei vernünftig René – hier an die Inseln geworfen hat das
+erste hübsche Gesicht was Dir in den Weg kam Dein, überhaupt etwas
+leicht entzündliches Herz in lichterlohe Flammen gesetzt – das ist ein
+Strohfeuer und brennt in der ersten Wache aus.«
+
+Er stützte den Kopf in die Hand und schlug das Buch auf, das noch immer
+vor ihm lag; aber die Buchstaben tanzten ihm vor den Augen; zwischen
+jeder Zeile lachten die holden schelmischen, und doch so sanften Züge
+des lieben Kindes heraus, und weder St. Lukas noch die Corinther
+vermochten den Zauber zu lösen der seine Seele mit der wilden Gluth
+plötzlicher aber gewaltig erwachter Liebe entzündet hatte.
+
+Der Tag verging ihm langsam – Sadie kehrte mit dem kleinen Missionair
+wohl um die Mittagszeit zurück, aber es war Sonntag – kein Lächeln
+stahl sich über ihre Züge – selten oder nie begegnete ihr Blick dem
+seinen, und die Stunden flossen ihm träge unter Gebeten und Hymnensängen
+dahin.
+
+Schon vor Tag am nächsten Morgen war er auf, badete in dem
+cristallhellen Wasser der Corallenbänke, und harrte dann mit wirklicher
+Sehnsucht des schönen Kindes, das aber heute lange, lange ausblieb und
+sich ihm gar nicht wieder zeigen wollte. Vergebens erfrug er sie bei dem
+Mitonare.
+
+»~Pu-de-ni-a?~« sagte dieser kopfschüttelnd und mit seinem räthselhaften
+englisch – »der Herr weiß wo man das Mädchen suchen soll, wenn man sie
+haben will – ~Pu-de-ni-a ataetai~ – wie kleine Eidechse, hier im Laub
+und da im Laub – kann sie nicht fassen – ist weg unter den Augen.«
+
+Der Kleine schien heute übrigens besonders aufgelegt zu einer
+Unterhaltung, lehnte sich auf seine Matte zurück, faltete die kurzen
+dicken Finger auf dem runden Magen und begann wieder auf das
+herablassenste eine ganze Reihe von Fragen an den jungen Mann zu
+stellen, die ihm oft kaum Zeit ließen nur den Sinn zu verstehen ehe sie
+wieder, ohne die Beantwortung der ersten abzuwarten, von andern
+verdrängt wurden. Er trug aber heute weder den schwarzen Frack, noch die
+hellgelbe Weste mit den blanken Knöpfen; selbst das weiße Halstuch lag,
+sorgfältig in ein Stück gelbes englisches Packpapier eingewickelt auf
+einem kleinen Bücherbret, neben seinem geistlichen Schatz. Seine
+Bewegungen waren aber dadurch auch freier geworden, und er schien mit
+dem Frack auch den ganzen Mitonare ausgezogen zu haben.
+
+Er war, wie er jetzt selber René aus freien Stücken erzählte, noch vor
+zehn Jahren ein entsetzlicher Heide gewesen, der glaubte daß das höchste
+Wesen ~Taaroa~ und nicht Gott hieß, der sogar seinen Götzen Früchte und
+Schweinefleisch zum Opfer brachte, und Gefallen an den sündhaften Tänzen
+der eingebornen Mädchen fand. ~Mitonare O-no-so-no~, Gott weiß wie der
+Mann in wirklichem Englisch hieß, hatte ihn jedoch gerettet, sein Vater
+aber und sein Großvater, und seinem Großvater sein Großvater waren alle
+in der Hölle – konnten aber nichts dafür – waren aus Versehen hinunter
+gekommen. – Er hatte sich sogar tättowiren lassen, und als er sah daß
+René, wahrscheinlich unbewußt, ein erstauntes Gesicht dabei machte, was
+er vielleicht für Unglauben nahm, lüftete er mit einer halben Wendung
+den Cattun, fiel aber erschrocken wieder in seine alte Stellung zurück,
+und sah sich nach allen Seiten um, als René der sich nicht helfen
+konnte, bei der Bewegung plötzlich in ein schallendes Gelächter
+ausbrach.
+
+Das hätte der kleine Mann aber bald übel genommen, René wußte ihn jedoch
+wieder zu beruhigen und er begnügte sich von da an ihm seine
+Lebensgeschichte _ohne_ Illustrationen zu geben.
+
+Das Mitonare sein war seiner Meinung nach ein sehr schweres Geschäft –
+weniger des Predigens, als des Frackes wegen – und der viele Aerger mit
+den Mädchen – soviel junges leichtsinniges Volk – denken immer können
+in den Himmel kommen wenn sie lustig sind – bah – wissens nicht besser
+– Da in dem Buch steht Alles d’rin – sehr gutes Buch – ein Bischen
+dick – aber sehr gutes Buch, und viele schwere Worte d’rin. Jetzt kam
+aber bald eine böse Zeit – weiße Mitonares – vier, fünf, sechs kamen
+hier herüber – sahen zu ob Mitonare rother Mann viel weiß, und kleine
+Kanakas ~iti–iti~ gut unterrichtet hat – viele schwere Worte auswendig
+lernen und viel Aerger mit ~iti–iti~. – »~Pu-de-ni-a~ gutes Kind«
+setzte er dann hinzu – »aber ein Bischen wild – ein Bischen sehr wild
+für ~waihini~ – Mitonare ~O–no–so–no~ Tochter – aber nicht Tochter
+– nur so Tochter –« und er bemühte sich dann in langer Rede und mit
+großer Anstrengung dem jungen Mann begreiflich zu machen daß ~Pu-de-ni-a
+O–no–so–no’s~ Pflegetochter sei.
+
+Das war etwa der Inhalt seiner Unterhaltung, bei der er ziemlich allein
+das Wort führte, und René allerdings nur nothdürftig den Sinn des Ganzen
+verstand, indem der Alte oft mehr Tahitische als englische Worte
+gebrauchte, und diese wenigen dann selbst noch auf wahrhaft grausame Art
+verstümmelte.
+
+René konnte es zuletzt nicht länger aushalten – die Sehnsucht die ihn
+auf der einen Seite quälte, Sadie wieder zu sehn, und die peinlich
+scharfe Aufmerksamkeit die er auf der andern genöthigt war dem
+Kauderwelsch des Kleinen zu schenken, wenn er nur überhaupt den
+ungefähren Sinn der Rede fassen wollte, machten ihm die Unterhaltung zu
+einer wahren Folter, und er benutzte die erste nur einigermaßen passende
+Gelegenheit aufzustehn, und in den Garten zu gehn. – Aber Sadie war
+nirgends, weder zu hören noch zu sehen.
+
+Die Sonne stieg indessen schon ziemlich hoch, und er warf sich endlich,
+als er die Gänge unzählige Male auf- und abgelaufen, ermüdet in dem
+Schatten eines Orangen- und Citronendickichts nieder, von wo aus er, da
+der Platz etwas erhöht lag, das ruhige Binnenwasser, das die Insel
+umgab und die weiter draußen von der Brandung hoch beschäumten Riffe,
+deutlich übersehen konnte. Dicht hinter dem kleinen Orangenhain lief die
+Einfriedigung des Gartens hin, und gleich von diesem ab begannen
+ziemlich steil die nächsten, dicht mit Guiaven- und Citronenbüschen
+bedeckten Hügel emporzusteigen.
+
+Wohl eine halbe Stunde hatte er so gelegen, und wilde wunderliche
+Luftschlösser gebaut mit träumenden Gedanken. – O wie reizend lag seine
+künftige Heimath unter den wehenden Palmen und duftigen Orangenblüthen
+dieser Wälder – wie schaukelte sein Canoe so still und friedlich auf
+der klaren herrlichen Fluth, wenn er Abends vom Fischfang heimkehrte –
+und welch’ holdes Bild stand in der niedern Thür der Bambushütte, und
+winkte ihm mit dem wehenden Tuch das fröhliche, herzliche Joranna
+entgegen – halt! – das waren Schritte – dicht hinter den
+Orangenbäumen den Hügel herab – ein leichter Sprung über den Zaun – er
+fuhr empor, und an ihm vorüber schoß mit flüchtigen Schritten die holde
+Wirklichkeit seiner schönsten Träume.
+
+»Sadie!« rief er leise –
+
+»Ha!« sagte das Mädchen und warf halb scheu halb erschreckt den Kopf
+zurück, den die vollen dunklen Locken heut’ wild umflatterten; als sie
+aber ihren Schützling erblickte färbte wieder jenes dunkle Roth, das
+ihrem Antlitz einen so unendlichen Zauber verlieh, die lieblichen Züge
+der Maid, und rasch auf ihn zutretend, reichte sie ihm freundlich und
+zutraulich die Hand, die er fest in der seinen hielt, während seine
+Blicke mit inniger Lust an den ihrigen hingen.
+
+Es war aber heute ganz wieder das wilde Kind wie an jenem Tage, wo sie
+wie ein zürnender Geist zwischen Verfolger und Verfolgten getreten. Das
+lange Gewand von gestern hatte sie abgeworfen, und das Schultertuch
+verrieth mehr von den üppigen Formen des wunderschönen Mädchens, als es
+verdeckte; auch durch die Locken wand sich wieder ein dichter Kranz
+duftender Blumen mit einem hochgefärbten Fern durchflochten, während
+zwei große weiße Sternblumen in ihren Ohrläppchen staken, und die feine
+Bronzefarbe der Haut nur noch mehr und reizender hervorhoben.
+
+»Wo bist Du aber nur so lange geblieben Sadie!« sagte jetzt René mit
+leisem fast zärtlichem Vorwurf.
+
+»Lange geblieben?« lachte aber das wilde Kind – »lange geblieben? hab’
+ich denn überhaupt kommen wollen? – wunderlicher Mann, wie weißt Du nur
+wo ich überall heute Morgen schon gewesen bin – und _Deinetwegen_ noch
+dazu« – setzte sie mit leichtem Erröthen und halb abgewandtem Gesicht
+hinzu – »doch komm,« fuhr sie rasch fort als sie mehr fühlte als sah
+daß er etwas darauf erwiedern wolle – »komm ich habe gute Nachrichten
+für Dich, und wir wollen indessen ein wenig zu meinem Lieblingsplätzchen
+auf jenen Hügel gehn.«
+
+»Aber ich habe meine Waffen im Haus gelassen,« sagte der junge Mann –
+»ich kann sie rasch holen.«
+
+»Du brauchst sie nicht mehr, wenigstens für den Augenblick nicht,« hielt
+ihn das Mädchen zurück – »unser Häuptling selber hat mir sein Wort
+gegeben, daß Du unbelästigt auf der Insel bleiben sollst, bis das Schiff
+wieder kommt und Dich noch einmal zurückfordert – und selbst dann wird
+er nicht streng mit Dir sein, – wenn sie ihn nicht dazu treiben; er ist
+ein guter Mann, und nur erst seit Ihr Weißen uns so viel Sachen
+herübergebracht habt, ohne die wir nun einmal nicht mehr glauben leben
+zu können, ist seine Habgier geweckt, und er thut Manches, was er sonst
+nicht gethan haben würde.«
+
+»Und bist Du _meinetwegen_ heute Morgen schon drüben an der andern Seite
+der Insel gewesen?« rief René erstaunt, fast erschreckt aus – »Mädchen
+da mußt Du ja vor Mitternacht aufgebrochen und die ganze Zeit gewandert
+sein, durch Dorn und Wildniß, mit den zarten Gliedern.«
+
+»Bah!« lachte das wilde Kind und warf sich mit rascher Kopfbewegung die
+Locken um die Schläfe, daß die losgeschüttelten Blüthen auf ihre
+Schultern niederfielen – »ist das der Rede werth? – schon als kleines
+Mädchen von vier Jahren hab’ ich den Weg allein gemacht, und jetzt bin
+ich funfzehn. – Aber gestern durft ich ja doch nicht gehn,« setzte sie
+ernster hinzu, – »gestern war Sabbath und – ich wollte doch auch nicht
+daß Du wie ein Gefangener im Hause sitzen bleiben solltest. – Doch wir
+wollen ja hier nicht stehn bleiben, ich bin müde und will mich setzen –
+komm,« sagte sie, und zog ihn nach sich, der Gartenpforte zu, durch die
+sie gingen und links davon einen kleinen Hügel emporstiegen, wohinauf
+ein ordentlicher Pfad ausgehauen und geebnet war.
+
+Es ließ sich kaum ein lieblicheres Plätzchen auf der weiten Gotteswelt
+denken als das, wohin das schöne Mädchen jetzt den jungen Mann führte.
+– Drei niedere Palmen, in ihren Kronen fast gleich, überhingen die
+kleine Stelle, und zwar so, daß die schattigen Blätter, weit nach vorn
+überneigend, die Sonne auffingen, wenn sie nur wenige Stunden hoch am
+Himmel stand – der Boden war mit einem feinen wohlriechenden Fern
+bedeckt, der duftende ~anei~, wie reich mit Blüthen geschmückte Büsche
+bildeten die Rückwand, und mehre mit Blüthen überstreute und zu
+gleicher Zeit von goldenen Früchten fast niedergebeugte Orangenbüsche
+die Seitenwände, während ein breiter niederer Sitz, mit feingeflochtenen
+Matten doppelt und dreifach weich überlegt, mit Bambus gezogener
+Rücklehne, die weite freie Aussicht auf das blaue Meer und die
+schäumende Brandung der Riffe gewährte.
+
+René stand lange in schweigender Bewunderung der reizenden Scene, mit
+dem schönen Mädchen, das ihn lächelnd betrachtete, an seiner Seite.
+
+»Nicht wahr, das ist ein lieblicher Platz hier auf der kleinen
+freundlichen Insel?« – sagte sie endlich leise, als ob sie fürchte das
+was sein Herz in diesem Augenblick fühlte, zu unterbrechen.
+
+»O wunder – wunderschön!« rief René begeistert ihre Hand ergreifend –
+»ein Paradies, dem selbst die Engel nicht fehlen.«
+
+»Pfui Fremder« – sagte aber das Mädchen ernst und fast traurig – »Du
+mußt nicht lästern, während der liebe Gott das Licht seiner Sonne auf
+Dich niedergießt und die Wunder seiner Welt um Dich her ausgebreitet hat
+– und Du thust mir auch weh damit, und ich habe Dir doch Nichts zu
+leide gethan.«
+
+»Sadie« – bat der junge Mann, tief ergriffen von der einfachen,
+rührenden Natürlichkeit des holden Kindes.
+
+»Laß nur gut sein,« sagte sie aber wieder etwas freundlicher, »und
+setze Dich hierher – nein, nicht so nah zu mir – da in die Ecke – so,
+und nun sollst Du mir eine Frage beantworten.«
+
+Sie sah ihm dabei treuherzig in die Augen, und wenn sie auch nicht
+duldete daß er den Arm um sie legte, ließ sie doch ihre Hand in der
+seinen ruhen.
+
+»Und was willst Du fragen Du holdes Lieb?« –
+
+»Zuerst heiß ich Prudentia, höchstens Sadie – aber nicht anders – aber
+ja – wie heißt Du denn eigentlich?«
+
+»René!«
+
+»René das ist ein hübscher kurzer Name, und klingt nicht so schwerfällig
+wie die anderen englischen Worte – René das könnte auch der Mitonare im
+Haus behalten,« setzte sie leise hinzu und ein schelmisches Lächeln
+blitzte ihr durch die Augen; es war aber auch im Moment wieder
+verschwunden.
+
+»Und was wolltest Du mich fragen, Sadie?«
+
+Das junge Mädchen wurde in dem Augenblick recht still und ernsthaft, und
+sah ihm erst eine ganze Weile forschend, schweigend in die Augen, als ob
+sie dort lesen wolle, wie es selbst in seinem innersten Herz beschaffen
+sei. Dann aber schüttelte sie mit dem Kopf; hatte sie nicht gefunden was
+sie suchte oder war sie über sich selbst böse, und sagte jetzt, aber
+noch immer keinen Blick dabei von ihm verwendend:
+
+»Ist es wahr, René daß Du ein ~Ferani~ bist?«
+
+»Wenn Du, wie ich glaube, Franzose darunter verstehst – ja,« erwiederte
+René offen aber auch halb erstaunt über den tiefen Ernst dieser doch
+gewiß höchst gleichgültigen Frage. –
+
+»Und bist Du ein Christ?« frug das Mädchen ängstlich.
+
+René konnte ein Lächeln kaum verbergen, er erinnerte sich aber auch
+zugleich der Fragen des kleinen Mitonares und sagte kopfschüttelnd:
+
+»Liebes Kind wer hat Euch solch tolle Grillen hier in den Kopf gesetzt,
+daß die Franzosen keine Christen wären? – gewiß sind wir Christen, wenn
+Dich das beruhigen kann.«
+
+»Aber habt Ihr nicht heidnische Gebräuche bei Euerer Religion?« frug ihn
+das Mädchen jetzt dringender.
+
+»Aber Du gutes Kind,« bat sie René, »sage mir nur –«
+
+»O bitte, bitte beantworte mir meine Frage treu und wahr,« unterbrach
+ihn aber, in fast ängstlicher Hast das schöne Mädchen – »ich will Dir
+dann auch mit Freuden jeder Frage Rede stehen.«
+
+»Nun gut denn Sadie, Dich zu beruhigen will ich Dir jeden Aufschluß
+geben, der nur in meinen Kräften steht. Der größte Theil der Franzosen,
+Italiener, Spanier, Portugiesen, des südlichen Deutschlands, wie
+überhaupt fast aller südlich gelegener Völker des Welttheils von dem wir
+Weißen abstammen, und von woher wir meist herüberkommen, sind
+_katholische_ – die nördlicher gelegenen Völker, aber auch wieder mit
+gewaltigen Ausnahmen, und noch bei Weitem die geringere Zahl –
+_protestantische_ Christen. Wir haben jedoch _einen_ Gott und _einen_
+Heiland, Jesus Christus; nur in den gleichgültigeren Gebräuchen
+unterscheiden wir uns von einander – die protestantischen Priester
+halten zum Beispiel die _schwarze_ Farbe für unumgänglich nothwendig zu
+ihrem Ornat – die katholischen nehmen andere. Wir haben auch – und ich
+glaube es ist besonders das, was Dir am Herzen liegt – in den Tempeln
+unseres Gottes die Bilder frommer Männer und Frauen aufgestellt, die in
+alten Zeiten gelebt haben und für ihren Glauben, wie der Heiland selber,
+gestorben sind – nicht aber als Götter, sondern nur als heilige
+Menschen, deren Vorbild uns anfeuern soll ihnen nachzuahmen. Wir glauben
+daß diese, durch ihren frommen Wandel zu Gottes Herrlichkeit eingegangen
+sind, und wenn die Katholiken zu ihnen beten, so geschieht es nicht etwa
+weil sie glaubten es seien dies selber göttliche Wesen, sondern nur um
+sie um ihre Fürsprache am Throne des Höchsten zu bitten. –
+
+»Ich bin der Herr Dein Gott, Du sollst nicht andre Götter haben neben
+mir« ist ein Gesetz, das für uns Katholiken so gut Gültigkeit hat, als
+für die Protestanten.«
+
+»Aber Ihr theilt kleine Götzenbilder aus und brennt vor Eueren Bildern
+Weihrauch und Kerzen,« sagte das Mädchen und René sah wie sie mit fast
+peinlicher Spannung der Antwort auf diese Frage harrte.
+
+»Die Priester, mein holdes Kind,« sagte René lächelnd, »theilen unter
+ihre Beichtkinder, wie sie solche nennen die unter ihrer geistlichen
+Fürsorge stehn – kleine Bilder der Jungfrau Maria, des Gekreuzigten
+oder selbst jener guten, später heilig gesprochenen Menschen aus, damit
+diese die Aufmerksamkeit ihrer Pflegbefohlenen von weltlichen Dingen
+ablenken und auf das Heil ihrer eigenen Seelen richten sollen – nicht
+um sie anzubeten.«
+
+»Und der Weihrauch? – die Kerzen?« frug das Mädchen immer noch besorgt.
+
+»Selbst das findet wohl eine sehr natürliche Auslegung,« erwiederte René
+gutmüthig – »jeder vernünftige Mensch weiß, daß solche Sachen gerade
+nicht nöthig sind zu seinem Gott zu beten, aber gar Viele wollen auch
+durch etwas Aeußeres daran gemahnt sein, daß sie in dem Hause des Herrn,
+in der Nähe ihres Schöpfers stehn, ihre Gedanken ganz von jedem andern
+fremden, weltlichen Gegenstand abzulenken.«
+
+»Und die Processionen die Ihr haltet – den Ablaß den Ihr um Geld für
+Euere Sünden bekommt?« sagte das Mädchen wieder und verwandte keinen
+Blick von seinen Augen.
+
+René kam in Verlegenheit; er hatte in seinem ganzen Leben – wenigstens
+seit er die Schule verlassen – noch nicht soviel über die Gebräuche und
+den Geist seiner eignen Religion nachgedacht, als heute morgen. Er hing
+dabei viel zu wenig selber an diesen Gebräuchen, sich zu einer warmen
+Vertheidigung derselben berufen zu fühlen, sah aber auch recht gut ein,
+daß die Protestantischen Missionaire seine Religion, die sich von Tahiti
+aus zu verbreiten drohte, oder die auf den Inseln einzuführen von seinen
+Landsleuten wenigstens schon der Versuch gemacht war, mit den
+schwärzesten Farben geschildert hätten.
+
+»Und die Processionen die Ihr haltet – den Ablaß den Ihr um Geld für
+Eure Sünden bekommt?« wiederholte dringend das holde Mädchen, und legte
+ihre Hand auf seinen Arm.
+
+René schüttelte lächelnd mit dem Kopf.
+
+»Sie haben sich große Mühe gegeben Sadie,« sagte er endlich, »Dir den
+Glauben so vieler Tausende in ihrem eignen Vaterlande von der
+schlimmsten Seite zu schildern – und schon das allein wäre nicht
+christlich, denn mir ist es fast, als ob sie vergessen hätten auch der
+_guten_ Seiten zu erwähnen, die doch gewiß eine jede Sache hat, also
+auch wohl eine Religion, in deren Glauben Millionen Menschen glücklich
+gelebt haben – und noch leben. Die Processionen sind Dir gewiß als
+etwas sehr Entsetzliches beschrieben, und es ist doch gewiß eine
+harmlose Sache, die übrigens, wie ich gar nicht läugnen will, und meiner
+Meinung nach auch vielleicht wegfallen dürfte. Sie sind aber von den
+Priestern eingesetzt, und gehst Du _Allem_ nach, mein Lieb, was die
+Priester einsetzen oder anordnen, so wirst Du wohl Manches finden,
+worüber Du Dir auch keine Rechenschaft geben kannst – seien es nun
+protestantische oder katholische – oder glaubst _Du_ daß _Alles_, was
+die Priester thun, von Gott selber anbefohlen ist?«
+
+»Ach Gott, ich weiß das ja nicht,« sagte das junge Mädchen mit recht
+trauriger bewegter Stimme.
+
+»Und was den Ablaß betrifft, mein Herz,« fuhr René fort, ihre Hand
+wieder ergreifend, »so hat der wohl Manches gegen, aber auch Vieles für
+sich. Gott wird uns als ein allbarmherziges Wesen geschildert – als den
+allliebenden Vater denken wir uns ihn ja – sollen wir da glauben daß er
+dem schwachen Menschenkinde das da sündigt, auf immer zürnt, und ist es
+nicht besser wir können, wenn wir über einen begangenen Fehler Reue
+fühlen, glauben daß uns Gott verziehen hat, in seiner unendlichen
+väterlichen Huld, und wir nun wieder, mit frohem, leichtem Herzen ein
+neues Leben beginnen dürfen, als daß wir uns Gott als einen ewig
+zürnenden Richter denken, der sogar ungerecht bis hinab in’s dritte,
+vierte, ja zehnte Glied straft und richtet? – Nein Sadie – dieser
+Glaube mag oft durch böswillige oder eigennützige Geistliche
+gemißbraucht sein, ich will das nicht leugnen, aber es ist immer kein
+_Götzen_dienst, und wer Dir das gesagt hat, mag es vielleicht recht gut
+gemeint haben, aber er übertrieb die Sache. – War es Dein Pflegevater,
+Sadie?«
+
+»Nein,« sagte das junge Mädchen, leise und nachdenklich mit dem Kopf
+schüttelnd – »mein Pflegevater ist nicht so streng und ernst, und er
+hat mir oft gesagt, daß unter den Franzosen auch gewiß recht viel brave
+und gute Menschen wären, vielleicht ebensoviel wie unter den Engländern,
+nur daß ihre Religion nicht die rechte sei, und das sie noch viele
+Mißbräuche duldeten.«
+
+»Und wer hat Dir denn all die schrecklichen Geschichten von uns erzählt,
+mein Lieb,« lächelte René – »in Deinem eigenen Köpfchen sind sie doch
+wahrlich nicht entsprungen.«
+
+»Nein,« sagte das Mädchen treuherzig – »aber auf Tahiti wohnt ein
+frommer, ernster, strenger Mann – der kommt des Jahres wohl ein- oder
+zweimal auf unsere Insel herüber und predigt hier – wir fürchten uns
+aber alle vor ihm, denn wir dürfen dann keine Blumen in den Haaren
+tragen, und nicht lachen und fröhlich sein, und er macht uns das Herz
+dabei auch so schwer, daß wir wenn er schon selbst Wochen lang fort ist,
+immer noch an die entsetzlichen Strafen denken müssen die uns, selbst
+nach leichtem Vergehen, in der Ewigkeit erwarten. – Oh er ist gar so
+finster, aber auch sehr fromm und er besonders hat uns vor Deiner
+Religion gewarnt, und uns mit ewiger Verdammniß gedroht, so Eines der
+falschen Lehre lauschen würde – und Du bist auch Katholik; René?«
+
+»Ich gehöre allerdings zu jenen Entsetzlichen,« sagte René fast
+scherzend, als er aber den schmerzlichen Zug um des lieben Kindes Mund
+gewahrte setzte er rasch hinzu – »aber fürchte nicht für mich, Du
+treues Herz – ich selber hänge nicht an jenen Gebräuchen, obgleich sie
+unsere Kirche verlangt, wenn ich sie auch nicht für so gefährlich halte,
+als Deine Priester Dich gelehrt haben.«
+
+»Ach das beruhigt mich recht, René,« sagte die Maid, und preßte die Hand
+auf das Herz, als ob sie da alles niederdrücken wolle, was ihr jetzt
+Gram und Kummer machen wolle – »und Vater Osborne sagt ja auch daß
+Gott so gut – so unendlich gut sei und die Menschen Alle wie seine
+Kinder liebe – würde er dann da so hart und grausam strafen können? –
+lieber Gott,« setzte sie mit recht treuherziger bewegter Stimme hinzu –
+»ich möchte ja nicht einmal ein fremdes armes Kind für ein wenig
+Muthwillen hart strafen – vielweniger denn mein eigenes.«
+
+»Und glaubst Du, Sadie, daß Euch Gott ein _Paradies_ zum Aufenthalt
+gegeben und Euere Wohnungen weit weit von dem Verkehr habgieriger
+schlechter Menschen gelegt hätte, wo sie Jahrhunderte lang die
+Einfachheit ihrer Sitten und ihr Glück bewahrten, zürnte er auf Euch und
+wolle Euch strafen für den falschen Glauben? – Sieh mein Mädchen,« fuhr
+er bewegter fort, als er sah wie sie ihm still und aufmerksam in’s Auge
+schaute – »weit über die Welt zerstreut liegen noch viele viele Länder,
+die viel hundert Mal größer sind als alle diese Inseln – und auf ihnen
+wohnen Menschen, verschieden an Farbe, an Körperbau, an Sprache und an
+Religion – Millionen sind Christen, Millionen Muhamedaner, Millionen
+was wir Heiden nennen, das heißt sie haben sich ihre Götter selber
+gebildet und feiern Gebräuche die wir nicht verstehen oder nicht
+anerkennen, aber sie leben _alle_ glücklich – gleich von Gottes Sonne
+beschienen und seiner Hand gehalten, glücklich in ihren Familien und
+ihrem bürgerlichen Treiben: – haben sie dann und wann Kriege
+untereinander so können sie kaum je soviel Blut vergießen, als die
+Christen schon unter sich des Glaubens wegen vergossen haben, und
+tausende von Jahren haben sie so, rund um die Grenzen christlicher
+Völker gelebt, und Gott zürnt ihnen nicht. Gott, meine Sadie, beurtheilt
+und straft oder belohnt die Menschen nach ihren Handlungen, nicht nach
+ihrem Glauben, – ihm ist der Gegenstand gleich, zu dem sich das Herz
+wandte, wenn das Herz selber treu und rein und seiner Liebe voll war. Da
+hast Du _meine_ Religion – ich glaube jede böse Handlung trägt auch
+zugleich ihre Strafe in sich selbst – unser Gewissen ist der strengste,
+unerbittlichste Richter, mit dem wir am allerschwersten fertig werden
+können, und wirft uns das nichts Böses vor, dann können wir auch getrost
+dem blauen Himmel da droben in’s Auge schauen. Aber herziges Kind, laß
+uns mit den trüben ernsten Gesprächen aufhören, ich bin ja kein
+Missionair, der über solche Sachen Stunden lang reden kann, und möchte
+es wahrhaftig am wenigsten unternehmen, weder die katholische noch
+protestantische Religion zu vertheidigen, und Alles was darin an
+Gebräuchen ist, zu rechtfertigen. – Mit Allem was die Natur an
+Reichthum und Herrlichkeit bieten kann hier ausgestattet, was sollen
+uns da solche traurige Gedanken quälen.«
+
+»O Sadie, ich bin in meinem Leben noch nicht so glücklich gewesen, als
+in diesem Augenblick – mir ist es, als ob erst jetzt, an Deiner Seite,
+der dunkle Schleier gehoben wäre, der bis dahin vor meinem künftigen
+Leben in düsterer Nacht gelegen. Rastlos, und von einem innern Drang
+getrieben, dem ich keinen Namen zu geben wußte, jagte es mich in der
+Welt umher – die Afrikanischen Wüsten und Canadischen Wälder konnten
+die Sehnsucht nicht befriedigen die mich weiter und weiter drängte; als
+Soldat zog ich in die Raubstaaten der Algierer – umsonst – als Jäger
+in die Felsengebirge Amerikas – umsonst – selbst die See versuchte
+ich, und in den Eismeeren des Nordens glaubt’ ich vielleicht den Punkt
+zu finden, der mir nicht Rast noch Ruhe ließ. Aber wie Spott klang es
+mir überall entgegen, und das rohe widerliche Wesen meiner letzten
+Umgebung zwang mich endlich auch zu dem letzten entscheidenden Schritt,
+die mir unerträglich gewordenen Fesseln abzuschütteln – oder darüber zu
+Grunde zu gehen. Da fand ich Dich, Sadie – und ich fühle nun – o mit
+jubelnder Stimme hallt es in meinem Herzen wieder, daß Du bis jetzt,
+Sadie das nur geahnte, aber so heiß ersehnte Ziel gewesen, dem meine
+Seele entgegenstrebte. Werde mein Weib – laß uns auf dieser
+freundlichen Insel, fern von den Sorgen, dem gefühllosen Treiben der
+Welt, unsre Heimath gründen. – Tief im Laub dieser Palmen versteckt,
+von diesem lachenden Himmel überspannt, von diesen blauen Wogen umspült,
+an Deiner Seite, Sadie, und die Welt, die mir bis jetzt nur eine kalte
+freudlose Straße gewesen, meinen Wanderstab darauf zu setzen, würde mir
+zum Himmel.«
+
+Er hatte ihre rechte Hand, die sie ihm willenlos überließ,
+leidenschaftlich in seine beiden Hände gefaßt, und schaute mit
+leuchtenden Blicken und hochgerötheten Wangen dem jungen schönen Mädchen
+bittend in’s Angesicht.
+
+Sadie saß mit klopfendem Herzen und niedergeschlagenen Augen neben ihm
+– – sie war recht ernst, ja fast traurig geworden, und schaute lange
+sinnend vor sich nieder – endlich blickte sie wieder zu ihm auf, sah
+ihn mit den treuen, in einer Thräne schwimmenden Augen an, und sagte mit
+leiser, kaum hörbarer, wie furchtsamer Stimme:
+
+»Und wenn Du wieder fortgingst von mir?«
+
+»Nie – nie – Sadie!« rief René leidenschaftlich und preßte, sie an
+sich ziehend, einen heißen, glühenden Kuß auf ihre Lippen. Sie duldete
+den Kuß, ohne ihn zu erwiedern, dann aber sich langsam seinem Arm
+entziehend sagte sie leise:
+
+»Willst Du mir etwas versprechen, René?«
+
+»Alles, Sadie, was in meinen Kräften steht,« rief René die Hand nicht
+lassend, die er noch in der seinen hielt.
+
+»Dann versprich mir,« flüsterte das schöne, jetzt tief erröthende
+Mädchen, »daß Du davon nicht wieder mit mir reden willst, bis mein
+Vater, der Missionair zurückgekehrt ist, und« – ihre Stimme war so
+leise geworden, daß er die Worte kaum verstehen konnte – »mich auch bis
+dahin nicht wieder küssen willst.«
+
+»Sadie!« –
+
+»Versprich mir das – nicht wahr Du sagst es mir zu?« bat sie dann und
+schaute ihm dabei so lieb und unschuldsvoll in die Augen, daß er ein
+Heiligenbild zu erblicken glaubte.
+
+»Wie könnte ich Dir die erste Bitte abschlagen Sadie« – sagte er mit
+tiefem Gefühl.
+
+Da floh der fast traurige Ernst von den Zügen des Mädchens, wie die
+Sonne aus trüben Wolken plötzlich über grüne wogende Saatfelder bricht,
+so überflog ein frohes Lächeln die engelschönen Züge.
+
+»Das ist gut von Dir,« sagte sie mit inniger Herzlichkeit – »das ist
+recht gut von Dir, nun können wir ja auch zusammen durch unsere Berge
+wandeln, und Abends auf dem stillen blauen Wasser fahren, wo unten die
+tausend kleinen bunten Fischchen zwischen den Corallenbüschen spielen
+und sich haschen – sonst hätte ich mich ja vor Dir verstecken müssen«
+– setzte sie treuherzig hinzu. »Und nun komm mein Freund – Mitonare
+steht schon da unten vor seiner Thür und schaut sich überall nach uns
+um, er hat Dein Mahl bereitet was Du nicht im Stich lassen darfst, und
+gegen Abend komm ich und hole Dich ab.«
+
+»Und jetzt willst Du mich verlassen Sadie?« bat René.
+
+»Du mußt Dich jetzt schon ein Bischen mit Mitonare unterhalten,«
+lächelte das junge Mädchen neckisch, »ich kann Dir nicht helfen – wir
+sind aber dann den ganzen Abend zusammen,« setzte sie tröstend hinzu und
+als ob sie trotz dem Versprechen einen vielleicht zu zärtlichen Abschied
+fürchte, glitt sie wie ein Reh durch die Seitenbüsche dieser natürlichen
+Laube, und war im nächsten Moment im Dickicht verschwunden.
+
+René, das Herz voll und überglücklich, saß noch eine lange Zeit an
+diesem wunderlieblichen Platz, der ihm durch das neue und so gewaltig in
+seinem Herzen aufgekeimte Gefühl förmlich heilig geworden war – er
+hatte ganz daran vergessen daß der kleine Missionair mit dem Essen auf
+ihn warte. Destomehr dachte dieser aber daran, und als der fremde
+Wi–wi, wie er ihn jetzt immer schmunzelnd nannte, gar nicht kommen
+wollte, schickte er seine ganze Schule nach allen Richtungen auf
+Kundschaft aus, und René fand sich bald von drei oder vier jungen
+nackten Burschen aufgetrieben, die ihm lachend und schreiend eine Masse
+Zeug vorplauderten von dem er keine Sylbe verstand. Nur das dann und
+wann wiederkehrende Wort ~Mitonare~ rief ihm seinen kleinen freundlichen
+Wirth in’s Gedächtniß zurück, und er folgte der munteren Schaar, die,
+rasch zutraulich geworden, ihn umsprang und umjubelte.
+
+Dem kleinen Mitonare schien übrigens ein Stein vom Herzen zu fallen, als
+er seinen so heiß ersehnten Gast erblickte, und er versicherte ihm, er
+habe schon eine volle Stunde mit Schmerzen auf ihn gewartet, indeß das
+Essen wahrscheinlich kalt geworden und verdorben wäre.
+
+Mitonare war aber viel zu gutmüthig böse zu werden, und als René nur
+tüchtig zulangte, und erst mit ihm scherzte und lachte, hatte er an ihm
+seinen Mann gefunden; er nannte René den besten Wi–wi den er je gesehn
+habe, und das wolle viel sagen, denn er sei schon einmal auf Tahiti
+gewesen, wo sie wild herumliefen, und erzählte ihm nun die tollsten
+Geschichten aus der alten fröhlichen Heidenzeit – wie sie’s hier
+gehalten und getrieben hätten – natürlich damals, wie er nie vergaß
+hinzuzusetzen, als wir noch entsetzliche Sünder waren. – Auch auf
+religiöse Gegenstände kam er ein paar Mal wieder zu sprechen, obgleich
+die René, so gut das eben gehen wollte, abzulenken suchte. Am meisten
+schmerzte es ihn daß sein Vater in der Hölle sein mußte, denn der war,
+obgleich ihm die Missionaire damals sehr zugesetzt, ein hartnäckiger
+Heide geblieben; aus seinem Großvater schien er sich weniger zu machen.
+
+René gewann übrigens bald sein ganzes Vertrauen, er zeigte ihm seine
+Schreibbücher und Rechenexempel, ja sogar sein allerheiligstes, das
+wichtigste Dokument seines Lebens – ein Diplom was ihm von der
+Missionsgesellschaft in ~O-no~ – wahrscheinlich London – ausgestellt
+war, und ihn hier als wirklichen »Prediger in der Wüste« anerkannte.
+
+Dicht neben dem Diplom lag, in der kleinen Schieblade zu der er René
+geführt hatte, auch ein schmales, nicht sehr langes aber zierlich
+gearbeitetes Kästchen aus Sandelholz, das er aber, als René’s Auge
+darauf fiel, rasch bei Seite zu schieben und mit daneben liegenden
+Papieren zu bedeckten suchte. Dadurch wurde aber des jungen Franzosen
+Neugierde rege gemacht, der es sonst vielleicht gar nicht beachtet
+hätte, und er drang nun darauf daß er ihm zeige was so Geheimnißvolles
+darin verborgen sei.
+
+Mitonare wollte erst gar nicht mit der Sprache heraus, endlich aber nahm
+er das Kästchen vor, hielt es noch eine ganze Zeit lang in der Hand
+während sein Auge fast mit einem Ausdruck von Anhänglichkeit darauf
+ruhte – und dann kam die ganze Geschichte heraus.
+
+Mitonare war in früherer Zeit – als er noch im blinden entsetzlichen
+Heidenthum gelebt – ein vortrefflicher und in der That der
+Haupttättowirer der Insel gewesen, und dies Kästchen enthielt seine
+damaligen Werkzeuge die er jetzt allerdings nicht mehr gebrauchte –
+denn »~bodder Au-e~« von Tahiti hatte ihm die Augen geöffnet zu was
+diese abgöttischen heidnischen Gebräuche führten – aber doch
+gewissermaßen noch als eine Art Reliquie, von der er sich gewiß sehr
+schwer hätte trennen mögen, aufbewahrte. –
+
+Trotz dem freilich, daß der kleine Mann Alles aufbot seinen Gast zu
+unterhalten, wäre diesem doch wohl die Zeit zuletzt gar lang geworden,
+denn er sehnte sich nach weit lieberer Gesellschaft; Sadie ließ ihn aber
+auch nicht so lange warten, und die Sonne war noch mehre Stunden hoch,
+als sie zu ihnen in die Thür trat. – Doch es war nicht dieselbe Sadie
+von heute Morgen, als sie leicht geschürzt, das Schultertuch um den
+nackten Oberkörper flatternd, mit wild tanzenden Locken, hochgerötheten
+Wangen und blitzenden Augen aus dem Dickicht sprang. Das leichte
+Schultertuch hatte sie mit dem langen, mehr Europäischen Sonntagsgewand
+vertauscht, und wenn auch ihren Zügen dasselbe liebe Lächeln geblieben
+war, schien sie doch in den wenigen Stunden ernster, gesetzter, ja älter
+geworden zu sein.
+
+Fast schüchtern reichte sie dem jungen Mann die Hand, und sie gingen,
+als sie bald darauf das Haus verließen, wohl eine ganze Weile schweigend
+neben einander her. Das verlor sich aber bald, René’s leichter Sinn ließ
+ihn nur sein Glück, die Seligkeit des jetzigen Augenblicks fühlen und
+Sadie, als sie sah daß er sein Versprechen von heute Morgen hielt,
+verlor bald gleichfalls jede Scheu, jedes ängstliche, sie beengende
+Gefühl, und war, als sie kaum den dunklen Schatten des Waldes betreten
+hatten, ganz wieder das fröhliche Kind wie früher. – Sie scherzte und
+lachte, erzählte dem Freunde tausend drollige Geschichten, beschrieb ihm
+ihre früheren Tänze und Gebräuche, auch das schöne Tahiti drüben, wo
+ihre Eltern gewohnt, und wo jetzt fremde Menschen Haß und Feindschaft
+gesäet um Gottes Willen, und führte ihn dabei einen schmalen Pfad
+entlang, unter überhängenden Cocospalmen hin, und durch fruchtbedeckte
+Guiaven, Orangen und Brodfruchtbäumen nach einem anderen kleinen
+Grundstück, das zu einer Art Gemüsegarten eingerichtet schien, aber auch
+mit einer Masse Fruchtbäumen, wie ~tappotappos~, Kaffee, Zuckerrohr,
+Bananen und anderen bepflanzt war.
+
+Mit der unbedeutensten Arbeit gab die Erde hier das Hundertfache des ihr
+anvertrauten Samens zurück, und René glaubte in seinem Leben kein
+schöneres, herrlicheres Land gesehn zu haben, als diese kleine Insel. O
+wie gern hätte er jetzt zu dem Mädchen von ihrer künftigen Heimath
+gesprochen, aber als ob sie fühlte daß solche Gedanken in ihm aufsteigen
+möchten lenkte sie ihn rasch und geschickt wieder davon ab, zeigte ihm
+und pflückte für ihn die verschiedenen saftigen Früchte und führte ihn
+zuletzt an den Strand hinunter, wo in einer natürlichen kleinen Bai ein
+schmales langes Canoe lag. Dies bestiegen sie und fuhren hinaus in das
+spiegelglatte und cristallhelle Binnenwasser, das durch die
+außenherumlaufenden Riffe vor jeder eindringenden See geschützt wird,
+und so still und friedlich in nie gestörter Ruhe liegt, als diese
+schönen Inseln bis jetzt selber im weiten Ocean lagen.
+
+René hatte früher noch nie die Bildung dieser Corallenbäume, tief unter
+dem klaren Wasser, gesehn, und er traute seinen Augen kaum als sich an
+mehren Stellen, zu denen ihn Sadie jetzt selber hinruderte, in
+Farbenspiel und Form eine ganz neue nie geahnte Welt vor ihm eröffnete.
+Er konnte sich nicht satt sehn an den, mit Zauberschnelle wechselnden
+Gruppen und Bildern und Sadie hatte eine ordentlich kindische Freude
+darüber, daß es ihm so gefiel hier draußen an den Stellen, die auch ihr
+Lieblingsaufenthalt waren.
+
+»Nun Dir das so gefällt,« sagte sie endlich lächelnd, »will ich Dich
+auch zu meinem Corallengarten bringen, und Dir meine kleinen Gold- und
+Silberfischchen zeigen; die darfst Du mir aber nicht scheu machen mit
+der Hand oder dem Ruder, denn es sind gar furchtsame kleine Dinger.« Und
+während sie noch sprach lenkte sie das Canoe weiter den Riffen zu, über
+die tiefe, dunkelblau daliegende Seitenfahrt, in der selbst große Boote
+die ganze Insel umsegeln konnten, wieder in flacheres Wasser hinein, wo
+dunkelbraune und röthlich graue Corallenbäume an vielen Stellen selbst
+bis zur Oberfläche des Wassers emporragten, und dann wieder, von dünnen,
+feineren Zweigen und Armen durchwachsen, verhältnißmäßig tiefere Stellen
+zwischen sich ließen, oder umgaben.
+
+Ueberall wimmelte es hier von kleinen blauen, gelben, weißen, rothen,
+gestreiften und gefleckten Fischchen; in Schaaren und einzeln schwammen
+sie herum, oft als ob ein Blitz zwischen sie eingeschlagen hätte,
+auseinanderschießend, wenn sie irgendwo nur Gefahr zu entdecken
+glaubten, aber dann auch gleich wieder, wie über ihre ungegründete
+Furcht beschämt, sich sammelnd und die erst unterbrochenen Spiele auf’s
+Neue beginnend.
+
+René wollte hier mit dem Canoe kurze Zeit still liegen, dem wunderlichen
+Treiben da unten zuzuschauen, aber Sadie ließ ihn nicht – »nur noch
+kurze Strecke,« bat sie, »dann sollst Du Dich satt sehn, an all den
+Herrlichkeiten der Tiefe.« Und das Ruder stärker einsetzend, trieb sie
+das leichte Fahrzeug rasch durch die, vorn am Bug leicht aufkräußende
+Fluth einer Stelle zu, wo ein starker Corallenzweig eben über die
+Oberfläche des Wassers vorragte. Hier hielt sie plötzlich gegen und den
+Zweig erfassend, rief sie René zu, den Stein der vorn, an einem Bastseil
+befestigt, im Bug liege hier hinaus und oben auf die Coralle zu werfen.
+René that dies, und sie brachten dadurch das Canoe förmlich vor Anker,
+das nun mit der schwachen Strömung, soweit es das Bastseil gestattete,
+still liegen blieb. Eine kleine Weile konnte René aber noch Nichts unter
+sich erkennen; das Wasser war noch nicht ruhig genug, und die kleine
+Fischwelt da unten, durch das plötzliche Erscheinen des Bootes gestört
+worden. Sadie legte aber den Finger auf die Lippen und sie sahen wohl
+eine halbe Minute schweigend nieder.
+
+Die Corallenbäume schienen hier einen förmlichen, vollkommen dichten
+Kranz zu bilden, der von unten aufsteigend, erst nach außen ein wenig
+abneigte und gerade in die Höhe, an manchen Stellen bis selbst zur
+Oberfläche des Wassers emporreichte. Der innere Raum mochte vielleicht
+zwanzig Fuß im Durchmesser haben, und das Ganze glich fast einer
+aufgebrochenen Riesenblume, die aus ihrem innersten Kelch bunte zackige
+Fasern aufschickte.
+
+Aber die Blume lebte – hier und da, tief unten aus dem Kelch heraus,
+kamen ein paar kleine Fischchen aufgeschossen als, wenn sie
+recognosciren wollten ob die Gefahr vorüber sei – das dunkle Canoe das
+mit seinem Schatten auf dem Wasser lag, machte sie vielleicht noch
+mistrauisch – aber nicht lange mehr – sie verschwanden wieder, und
+gleich darauf quoll es aus allen Winkelchen und Spalten herauf in
+Schaaren und Massen – alle Farben wild und bunt durcheinander, auf und
+nieder fahrend, herüber und hinüber schießend.
+
+»~Eita, eita!~« rief da Sadie – »~iti iti iti~« – und zu gleicher Zeit
+warf sie kleine Krumen indessen zerbröckelter Brodfrucht auf die
+Oberfläche des Wassers. Im Nu lebte dies, von allen Seiten schossen sie
+herauf, fünf sechs manchmal eine etwas größere Krume fassend und damit
+niedertauchend, andere an einem etwas zu großen Stück herumstoßend,
+ohne im Stande zu sein es zu bewältigen, und wieder andere sich mit dem
+kleinsten begnügend und wohl dabei fahrend.
+
+Mit der wiederkehrenden Ruhe waren aber auch, und zugleich mit den
+kleinen wunderniedlichen Bewohnern dieses eigenthümlichen Aufenthalts,
+dessen Feinde zurückgekehrt. – Zwei große dunkelbraune Fische, mit
+breiten Mäulern und tückisch blitzenden Augen, wohl ganze zwölf Zoll
+lang, für die kaum zierlichen Dinger aber natürlich entsetzliche
+Ungeheuer, kamen an den äußeren Rand der Blume, deren Spalten zu schmal
+waren sie durchzulassen, obgleich sie den schlankeren Inwohnern freien
+Aus- und Einlaß genügend gewährten, und schauten mit sehnsüchtigen
+Blicken nach den dichtgedrängten Schaaren solch delikater Leckerbissen
+hinüber. Die kleinen Dinger schienen aber recht gut zu wissen daß ihnen
+der Feind hier im Innern nichts anhaben könne, ausgenommen er kam von
+oben herein, und dann waren sie auch wie der Blitz in ihren
+Schlupfwinkeln.
+
+Manchmal wagte sich auch, selbst dicht unter oder über den Feinden, ein
+leichtsinniges Fischchen hinaus in’s Freie, gerade als ob es das
+Ungeheuer verhöhnen wolle, ehe dieses aber nur im Stande war sich nach
+ihm umzuwenden, obgleich das oft rasch genug ging, war jenes schon
+wieder zwischen den zackigen Pallisaden hineingeschlüpft, und erzählte
+nun wahrscheinlich den anderen da drinnen seine Heldenthaten.
+
+So trieben sie hier draußen, in den Wundern dieser für René jedenfalls
+neuen, fast zauberhaften Welt, bis die Sonne groß und glühend in das
+Meer tauchte und Stern nach Stern am reinen Himmel auffunkelte, und
+Sadie erzählte dem ihr gegenübersitzenden Freund von dem stillen Frieden
+dieses Landes und dem glücklichen Leben das die Bewohner desselben
+führen könnten – wären nicht oft böse Menschen da, die sie störten und
+kränkten, und Leidenschaften in ihnen weckten, die ihnen in früheren
+Zeiten fremd gewesen.
+
+René hätte die Nacht hindurch diesen lieben weichen Tönen lauschen
+mögen, aber das Mädchen lenkte endlich, trotz seinen Bitten noch nicht
+heimzukehren, das Canoe zum Lande zurück, und jetzt zwar gerade der
+Wohnung des kleinen Mitonare zu, der sie schon am Ufer empfing und sie
+etwas ungeduldig erwartet zu haben schien. Er that auch an Sadie mehre
+Fragen in ihrer Sprache, die das Blut in ihre Wangen trieben, aber sie
+antwortete ihm endlich lächelnd darauf und verschwand wieder wie gestern
+mit einem freundlichen Kopfnicken gegen René.
+
+Dem kleinen Mitonare schien aber heute Abend eine Menge im Kopf
+herumzugehen. – Beim Abendbrod, das sie sehr frugal aus etwas
+Brodfrucht und Cocosmilch und einigen Bananen hielten, war er einsylbig
+und sah René immer, wenn er sich unbeobachtet glaubte, von der Seite an;
+nach dem Essen aber, und als gerade der Mond draußen über die das Haus
+umgebenden Palmen aufstieg, faßte er den jungen Mann bei dem Arm, führte
+ihn hinaus an den Strand unter einen stattlichen Tuituinuß-Baum und nahm
+ihn hier, durch ein wenig Aufregung im noch mehr gemißhandelten Englisch
+als gewöhnlich, in’s Gebet. René mußte tüchtig aufpassen daß er den
+Zusammenhang verstand, denn sich an einzelne Worte zu halten hatte er
+lange aufgegeben, der Name ~Pu-de-ni-a~ der aber mehrfach vorkam, ließ
+ihn wohl ahnen was der kleine Mann eigentlich meinte, und er wollte ihm
+jetzt, über das ganze Verhältniß zu dem Mädchen klaren und offenen
+Aufschluß geben; er hatte ja Nichts weshalb er sich zu schämen brauchte,
+hätte ihn eben der kleine Mitonare nur zu Worte kommen lassen. Sowie er
+aber nur den Mund aufthat rief dieser ihm sein verhinderndes ~aita aita~
+dazwischen und redete dann nur noch lauter und heftiger, und er mußte
+ihn jetzt wohl schon gewähren lassen, bis er es von selber müde werden
+würde.
+
+»Weißer Mann,« sagte indessen der kleine Mitonare, aber wenigstens die
+Hälfte seiner Rede im Tahitischen oder doch solchen Worten die recht gut
+tahitisch sein konnten – »weißer Mann kommt her und findet Brodfrucht
+und Fleisch und Bananen und Cocosnüsse, Yam und Kartoffeln, und Mitonare
+ist freundlich mit ihm; zeigt ihm Diplom und andere Sachen, und thut gar
+nicht als ob Fremder ~Ferani~ wäre und an keinen Gott glaubte – und
+weißer Mann hat Schutz hier vor anderen weißen Männern. ~Tane~ ~tane
+Atiu~ sind freundlicher gegen ihn als Leute von seiner eigenen Farbe,
+und was thut ~Ferani~? – geht hin und macht kleines Mädchen von
+Mitonare unglücklich – schwatzt ihr allerlei tolles Zeug vor – aber
+~Pu-de-ni-a~ ist nicht wie viele andere Mädchen auf der Insel und auf
+Tahiti. – ~Ferani~ kann Mädchen genug bekommen – puh – so viel, aber
+nicht ~Pu-de-ni-a~. ~Ferani~ geht nachher weg und ~Pu-de-ni-a~ sitzt –
+gutes Kind und weint und ist nicht mehr glücklich und alte Mann Mitonare
+~O-no-so-no~ weint weil er ~Pu-de-ni-a~ weinen sieht. ~Ferani~ sollte
+sich etwas schämen und wenn ~Ferani~ auch kein Christ wäre, könnte er
+doch darum immer thun was recht wäre – sie wären auch früher keine
+Christen, nein, schreckliche Heiden gewesen, die sich tättowirt und nach
+einer Trommel, und nach dem Rauschen der Brandung getanzt hätten, ja sie
+hätten sogar ganzen kleinen, winzig kleinen Gott angebetet – aber
+darum hätten sie doch thun können was recht wäre – und es auch gethan,
+wenn sein Vater auch jetzt in der Hölle dafür wäre.«
+
+Das ungefähr war der Sinn der Rede des kleinen Mitonares, obgleich diese
+selber wohl über eine Stunde dauerte; wenn aber auch René im Anfang
+manchmal gern über die oft wunderlich genug klingenden Worte des
+Eifernden gelacht hätte, sah er doch aus dem Ganzen wie lieb der kleine
+Mann das Mädchen selber haben mußte, und wie viel er von ihr halte, und
+daß nur Besorgniß um sie ihn so ängstlich und eifrig gemacht habe, und
+er faßte endlich seine Hand, die ihm der Mitonare im Anfang aber gar
+nicht lassen wollte, und sagte ihm nun Alles, wie es ihm auf dem Herzen
+lag.
+
+Er liebte Sadie und wollte sie heirathen, und hier auf der Insel bei
+ihnen bleiben und Yams und Kartoffeln bauen, und Cocospalmen pflanzen –
+er wollte nie nie wieder fort von ihnen gehn und weder ihn noch
+Prudentia verlassen. Er erzählte ihm aber dann auch wie er das heute
+Morgen Sadie selber gesagt, und welches Versprechen sie ihm dafür
+abgenommen, und daß er sich fest darauf verlassen könne er würde es
+halten und Sadie, bis der alte Missionair zurückkomme, als seine
+Schwester ansehen, der kein Leid geschehen solle, so lange er es hindern
+könne.
+
+Der kleine alte Mann war freundlicher und freundlicher geworden, je
+nachdem er mehr und mehr begriff was der Fremde mit seinen Worten meine,
+und was er beabsichtigte, als er aber erst verstand welches Versprechen
+er dem Mädchen gegeben hatte, und wie er versicherte es treu halten zu
+wollen, da überkam die Freude jedes andere Gefühl, er fiel dem jungen
+Mann um den Hals und rieb sogar – sehr zu dessen Erstaunen der gar
+nicht wußte was er aus solcher Ceremonie machen sollte – Nasen mit ihm,
+die größte innigste Freundschaftsversicherung die er ihm überhaupt geben
+konnte.
+
+Der kleine Bursche wurde aber ganz wie ausgelassen – er erklärte René
+– dessen Namen er jetzt ebenfalls behalten hatte und ganz gegen seine
+sonstige Gewohnheit richtig aussprach, für den besten Wi–wi der je
+einen Götzen angebetet habe; und meinte, wenn er bei ihnen auf der Insel
+bliebe, dann wolle er und der andere Mitonare und ~Pu-de-ni-a~ doch
+einmal sehn, ob sie nicht aus diesem Wi–wi auch einen Christen machen
+könnten, wenn das auch vielleicht schwieriger halten würde, als einen
+verheiratheten Mann aus ihm zu machen. Er wußte in der That gar nicht,
+was er vor lauter Lust und Vergnügen angeben sollte, und es fehlte nicht
+viel so hätte er wirklich ein paar mal bald an zu tanzen gefangen, nur
+daß er sich noch immer zur rechten Zeit dabei erwischte – das hätte
+sich im Leben nicht für einen ~mi-to-na-re~ geschickt.
+
+So vergingen René die nächsten drei Wochen in einem Glück, von dem er
+früher nicht geglaubt hätte daß es eine Menschenbrust im Stande wäre zu
+fassen; aber nicht allein Sadie und Mitonare gewannen ihn in dieser Zeit
+weit lieber, je näher sie mit ihm bekannt wurden, nein, auch die
+Eingeborenen der Insel, denn das leichte fröhliche Temperament des
+jungen Franzosen sagte auch ihren Neigungen gerade zu; sie sahen ihn
+gern, lernten ihn lieb gewinnen und der alte König, außer dem
+hochklingenden Titel eine sehr unschuldige Persönlichkeit, die jedoch
+trotzdem viel Einfluß auf die übrigen ausübte, wurde sein bester Freund.
+Allerdings hatte ihm René mehrmals Geldgeschenke gemacht, was ihm des
+Mannes Herz zuerst öffnete, als er aber später mehrmals mit Sadie
+hinüberkam, und der alte Mann erfuhr in welchem Verhältniß die Beiden
+standen, und daß René sogar beabsichtige Einer seiner Unterthanen zu
+werden, da versicherte er ihn denn auch, daß er ihn, falls sein Schiff
+wirklich wieder zurückkommen solle, nicht mehr ausliefern werde und daß
+der weiße Mann Capitain – wie Raiteo als Dollmetscher übersetzte –
+schon sehen solle wie sie ihm eine Nase drehen wollten. Er dachte
+nämlich keineswegs daran den einmal erhaltenen, und auch in der That
+schon theils benutzten, theils vertheilten Fanglohn wieder
+herauszugeben.
+
+Am komischsten betrug sich Raiteo; – trotzdem daß er früher sich die
+größte Mühe gegeben hatte, des Flüchtlings habhaft zu werden, ja sich
+damals sogar nicht scheute Verrath zu gebrauchen, um seinen Zweck zu
+erreichen und den ausgesetzten Lohn zu verdienen, so that dieser doch
+jetzt, als wenn er gleich von dem ersten Augenblick an des jungen Mannes
+Hauptfreund und Beschützer gewesen wäre. Er erklärte ihn auch bald für
+seinen innigsten ~tajo~ und trug wohl Sorge dabei daß er René besonders
+darauf aufmerksam machte, wie uneigennützig er damals den Dollmetscher
+zwischen ihm und den Uebrigen abgegeben habe, und wie einige kleine
+Stücken Geld, selbst jetzt noch dafür ausgelegt, keineswegs zu spät
+kämen. René war klug genug sich auch diesen Burschen, den er übrigens
+leicht genug durchschaute, zum Freund zu halten, und ein paar Thaler
+thaten dies denn auch, wenn Versicherungen nur irgend einen Maßstab für
+Raiteo’s Gefühle geben konnten, auf das vollständigste.
+
+René schrieb übrigens auch in dieser Zeit nach Frankreich, den Brief für
+die erste sich bietende Gelegenheit nach Tahiti bereit zu halten, ihm
+einen Theil seiner noch dort stehenden Gelder unter seiner Adresse an
+den Französischen Consul Tahiti’s zu übersenden, wie ihm ebensowohl
+Einführungsbriefe auf die Hauptinsel dieser Gruppen zu verschaffen. Wenn
+er ihrer auch jetzt noch nicht bedurfte, wußte er doch nicht wie sich
+seine Verhältnisse in spätern Zeiten gestalten würden, und er wollte
+jetzt wenigstens nichts versäumen, dem vorzuarbeiten.
+
+Das Herz des kleinen Mitonares gewann er sich übrigens noch auf ganz
+besondere Weise durch den regelmäßigen Besuch seiner Kirche, in der er
+allerdings nichts von der Predigt verstand, aber doch die Melodien der
+Hymnen mit summte, und den Mitonare nur in dem Glauben befestigte, daß
+doch noch am Ende ein Christ aus ihm zu machen sei. Der gute kleine Mann
+war viel zu unschuldig, auf den Gedanken zu kommen, daß René einzig und
+allein Sadie’ens wegen das Gotteshaus besuche.
+
+
+Fußnoten:
+
+[F] Diese Inseln außer Tahiti und Imeo oder Eimeo feiern den Sonnabend
+statt Sonntag, da die ersten hier eingetroffenen Missionaire, die um das
+Cap der guten Hoffnung gekommen waren, den Tag den sie auf 180° West und
+Ost Länge gewonnen, nicht dazu zählten, wie sie es eigentlich thun
+mußten, und nun ihre eigene unterwegs gehaltene Zeitrechnung, die sie um
+einen Tag zu kurz sein ließ, beibehielten. Auf Tahiti und Imeo haben es
+die Franzosen jetzt abgeändert.
+
+[G] ~Wi-wi~, ein Spottname dieser Inseln für die Franzosen, nach deren
+~oui, oui~.
+
+
+
+
+Capitel 5.
+
+#Das Geständniß.#
+
+
+Das Einzige übrigens was jetzt manchmal Sadie sowohl als auch den
+kleinen Mitonare beunruhigte, war das so außergewöhnlich lange
+Ausbleiben des Mr. Osborne, obgleich es bei den Missionairen, wenn sie
+auch ihre bestimmte und feste Wohnung haben, doch wohl manchmal vorfiel
+daß sie auch kleine Abstecher nach anderen Inseln machten wo keine
+festen Prediger wohnten, und dann widriger Winde wegen oft länger
+aufgehalten wurden, als sie im Anfang selber beabsichtigt.
+
+So standen die Sachen als eines Morgens, in den letzten Tagen des
+Februar, ein Bursche über die Berge herüberkam und meldete, der
+Missionscutter – ein kleines Fahrzeug das sie alle gut genug auf der
+Insel kannten – sei in Sicht und halte gerade nach hierher zu. Gegen
+Mittag umsegelte es auch die südlichste Spitze der Insel, und von
+Sadie’s Lieblingsplätzchen aus konnten sie sein Näherkommen deutlich
+beobachten.
+
+Sadie und René standen dort schweigend Hand in Hand – war ihnen Beiden
+aber auch wohl das Herz übervoll, denn dort in dem kleinen Fahrzeug kam
+der Mann, der ihr Schicksal entscheiden sollte – mochte ihnen doch
+Keins Worte geben. Als aber der Cutter sich immer mehr und mehr näherte,
+jetzt sogar in die natürliche Einfahrt der Corallenriffe, von einer
+günstigen Briese getrieben, einbog, und in dem ruhigen Wasser
+pfeilschnell auf seinen gewöhnlichen Ankerplatz zuglitt – als die Segel
+fielen, der Anker niederschlug und das kleine Fahrzeug herumschwingend,
+kaum mehr als hundert Schritt vom festen Land der Insel ab einbog, da
+sagte René leise, Sadie zu sich herüberziehend:
+
+»Willst Du zuerst mit Deinem Vater allein reden, Sadie, oder wollen wir
+ihm Beide zusammen entgegengehn? – wie ist es Dir am liebsten?« –
+
+»Ich weiß es nicht René,« – sagte das Mädchen leise und schüchtern –
+»ich weiß es nicht – o mir ist auf einmal so bang und weh um’s Herz,
+als ob ich irgend ein großes Unrecht gethan hätte – und ich bin mir
+doch nichts Böses auf der weiten Gotteswelt bewußt – ich glaube ich
+fürchte mich meinem Vater entgegenzutreten – und er ist doch so gut –
+so unendlich gut.«
+
+»Dann laß mich zuerst mit ihm sprechen, Sadie,« bat René – »laß mich zu
+ihm gehn – ich habe Papiere die ihn über meine Abkunft und Verhältnisse
+beruhigen können – ich bin kein gewöhnlicher Matrose wie sie hier über
+diese Inseln hier und da zerstreut sein sollen; das allein ist auch die
+Ursache daß ich nicht im Stande war an Bord jenes Wallfischfängers
+zwischen dem rohen wüsten Volke auszuhalten; – wenn er hört wie innig
+wir uns lieben, kann er ja Nichts gegen eine Vereinigung mit Dir
+einzuwenden haben. Aber was hast Du? – was erschreckt Dich so sehr, Du
+süßes Lieb?«
+
+Der Ausdruck in Sadie’s Zügen ließ sich nicht verkennen – irgend etwas
+mußte sie beunruhigt haben, aber sie schüttelte erst schweigend mit dem
+Kopf und blickte nur scharf nach dem Cutter hinüber, an dessen Seite
+jetzt ein kleines Boot niedergelassen war, den zurückkehrenden
+Missionair an Land zu rudern. René hatte auf das Fahrzeug, mit der
+Geliebten beschäftigt, gar nicht mehr geachtet, als er aber jetzt der
+Richtung ihrer aufgehobenen Hand folgte, sah er wie vom Bord des
+Schooners zwei dunkelgekleidete Männer in die Jölle niederstiegen, statt
+einem.
+
+»Kennst Du den Mann, der dort mit Deinem Pflegevater kommt?« frug er das
+Mädchen.
+
+Sadie nickte langsam und schweigend mit dem Kopf und sagte endlich
+leise:
+
+»Das ist der einzige Mann, das einzige Wesen auf dieser Insel, das ich
+_fürchte_ – und ich weiß nicht weßhalb – Er hat noch Niemandem Böses,
+und Vielen schon Gutes gethan, aber er ist so ernst und streng und ich
+weiß nicht, aber wenn ich mir _seinen_ Gott als einstigen Richter denke,
+so überläuft mich’s mit Fieberfrost. Feste Formeln und Gebräuche hat er
+dabei, von denen er nicht weicht, ja von deren Beobachtung er unser
+Seelenheil abhängig macht, und nur wenn ich dann meinen Pflegevater
+dagegen reden höre, ist es mir wie Trost und Linderung für das kalte
+Wort des finstern Mannes.«
+
+»Das ist der Mann denn, von dem Du mir schon gesprochen, Sadie,« sagte
+René – »aber wo wohnt er? – was thut und treibt er?«
+
+»Er ist Missionair wie mein Vater, aber der ärgste Feind den Deine
+Landsleute auf den Inseln haben können – sein Name ist Rowe und
+obgleich er auf Tahiti seinen festen Wohnsitz hat, besucht er doch, als
+eine Art geistlicher Oberhirt, zu Zeiten die einzelnen Inseln, ihren
+Zustand zu untersuchen und an dem Sonntag wo er sich dort aufhält, zu
+predigen. Aber so lange er auf der Insel ist hörst Du kein Lachen und
+Singen fröhlicher Menschen, siehst keine Blume in den Haaren der Mädchen
+– selbst die Kinder fürchten den Mann.«
+
+»Und was kann er _uns_ schaden, Du holdes Lieb,« sagte René – »Dein
+Pflegevater allein hat Deine Hand zu vergeben, und wenn es selber dann
+_Dein_ Wille ist, was kümmert uns da der stolze Priester?«
+
+»Aber er wird meinem Pflegevater heftig zureden uns seine Einwilligung
+zu versagen,« flüsterte ängstlich das Mädchen.
+
+»Dann« – René biß die Lippen zusammen, zwischen denen sich ihm ein
+heftiges Wort herauszupressen drohte, aber er wollte dem lieben Kinde
+auch nicht weh thun und sagte, rasch abbrechend: »Hab guten Muth Sadie;
+es wird noch Alles gut gehen und das Beste sein, daß wir die beiden
+Herren erst eine Weile landen lassen; der kleine Mitonare mag mich gern
+leiden und wenn Dein Vater nach Dir frägt wird er schon einen günstigen
+Vorbericht für uns ablegen. Nachher gehen wir dann grade und offen zu
+ihm und sagen ihm wie lieb wir uns haben und wie wir hier bei ihm auf
+der Insel bleiben und wohnen wollen und er wird uns seine Einwilligung
+gewiß nicht versagen.«
+
+»Mache es wie Du willst, René,« sagte das arme Mädchen leise und
+schüchtern – »aber ich fürchte mich recht sehr, und ich wollte zu Gott
+der ehrwürdige Mr. Rowe wäre nur diesmal nicht mitgekommen.«
+
+Das Boot war indessen an Land gerudert, der kleine Mitonare aber, in
+aller seiner Unschuld niemand Anderen als seinen Missionair, den alten
+ehrwürdigen Mr. Osborne erwartend, an den Landungsplatz gegangen ihn zu
+begrüßen. Er trug sein gewöhnliches weißes Hemd, und das rothe
+Lendentuch fest um den runden stattlichen Leichnam geschlagen, außerdem
+aber noch, da er als Mitonare nicht gut im bloßen Kopf in der Sonne
+herumlaufen konnte, einen breiträndrigen Strohhut mit schwarzem breiten
+Bande, und stand schon schmunzelnd am Ufer seinem alten Freund die Hand
+mit einem herzlichen ~Joranna~ entgegenzustrecken, als er plötzlich die
+zweite Gestalt im Boot zuerst überrascht bemerkte, und dann erschreckt
+erkannte – denn Mitonare hatte einen noch viel größeren Respekt vor dem
+finsteren geistlichen Mann, der ihm diesmal so unverhofft über den Hals
+kam, als selbst alle Kinder der Insel zusammengenommen, nur daß _er_
+nicht ausreißen durfte, wenn ihm der fromme Mann in den Weg kam. Umdrehn
+aber und in das Haus, und dort angekommen in den schwarzen Frack und
+die gelbe Weste fahren, war das Werk eines Augenblicks. In beide
+Kleidungsstücken kam er zuerst in das verkehrte Aermelloch, aber wie
+eine gehetzte Ratte fand er zuletzt das rechte, und griff nun in wahrer
+Verzweiflung das eingewickelte Halstuch von dem Bücherbrett herunter, wo
+es friedlich bis zum nächsten Sabbath hatte ruhen sollen, riß es aus dem
+Papier, fuhr dann mit dem Halstuch in die Tasche statt dem letzteren,
+ehe er seinen Irrthum gewahrte, bekam es aber zuletzt doch noch
+glücklich um, und hätte nun fast, als er wieder mit einem Satze aus der
+Thür hinaus wollte, das Versäumte gut zu machen, die beiden geistlichen
+Herren umgerannt, die, ~the reverend Mr. Rowe~ voran, indeß gelandet
+waren und auf die freundliche Wohnung Mitonares zuschritten.
+
+Mr. Rowe, der übrigens wohl erkannte weshalb der kleine Mann so in Hast
+gewesen, denn dieser hatte in aller Eile den Hemdkragen gar nicht mit in
+das Halstuch hineingebunden, begrüßte ihn mit einem gütigen väterlichen
+Blick und Handdruck, wobei Mitonare ein Gesicht machte, als ob er seine
+Hand in einem Schraubstock hätte.
+
+»Nun, Bruder Ezra,« sagte Mr. Osborne freundlich, als dieser zu ihm
+hinantrat, und seine Hand auf das herzlichste schüttelte, was Mitonare
+mit ungemein gutem Willen erwiederte – »wie ist es Euch die Zeit
+meiner Abwesenheit ergangen? – immer wohl und gesund gewesen, und in
+keiner Weise zu Schaden gekommen? nicht wahr ich bin weit länger
+entfernt geblieben als ich im Anfang beabsichtigte?«
+
+Ich muß hier jedoch bemerken daß die Geistlichen mit dem kleinen Mann
+nur in seiner eignen Sprache redeten, blos wenn sich Mr. Osborne mit
+Bruder Ezra – wie der kleine Mitonare bei der Taufe genannt worden –
+allein befand, und gerade nichts Wichtiges zu verhandeln hatte, sprach
+er englisch mit ihm, um ihm diese Sprache geläufiger zu machen, und
+seinen etwas schweren Mund an die fremden Worte besser zu gewöhnen.
+
+Bruder Ezra antwortete auf das Befriedigenste, als aber die drei Männer
+in das Haus traten, sah sich Mr. Osborne erstaunt und vergebens nach
+seiner Pflegetochter um, die ihn sonst stets fast die erste begrüßt
+hatte, und er frug rasch, fast ängstlich nach dem Mädchen.
+
+Mitonare hätte in diesem Augenblick eben so gern seinen ganzen
+Catechismus aufgesagt – ihm sonst die schrecklichste aller
+Religionsübungen – als vor Bruder Rowe zu erzählen was mit ~Pu-de-ni-a~
+vorgegangen sei, und welcher Gast sich indessen auf der Insel
+eingefunden habe. Er wußte ja am besten in welcher Achtung die
+~Feranis~ bei dem frommen finsteren Manne standen, und sollte er jetzt
+erzählen was hier unter seinen eigenen Augen vorgegangen war, und was er
+selber geduldet hatte? denn jetzt kam es ihm auf einmal wunderbarer
+Weise vor, als ob das ein entsetzliches Verbrechen gewesen wäre.
+
+Durch sein Schweigen wurde der alte Mann aber nur noch besorgter; er
+glaubte jetzt wirklich es sei dem Mädchen, das er fast wie sein eignes
+Kind liebte, etwas widerfahren, und als nun auch Bruder Rowe dazutrat
+und Mitonare zum Sprechen aufforderte, konnte er natürlich nicht mehr
+zurückhalten. Der Angstschweiß stand ihm auf der Stirn, aber die ganze
+Sache kam nach und nach zu Tage, und erst als er mit sämmtlichen Factas
+geendet hatte, fing er an den jungen ~Ferani~ zu loben, der ein wahres
+Muster von einem Menschen sei und sogar als ~Ferani~ in seine Kirche
+gekommen wäre – und so andächtig zugehört hätte, als ob er jedes Wort
+davon verstände. Er erwähnte auch des Versprechens das ihm ~Pu-de-ni-a~
+abgenommen, was er ja auch als Hauptentschuldigung für sich aufstellte,
+und Mr. Osborne der den Charakter des Mädchens kannte, athmete leichter
+als er dies hörte.
+
+Bruder Rowe’s Züge hatten sich aber indessen mehr und mehr verfinstert
+– schon als er hörte daß ein, von einem Wallfischfänger entsprungener
+Matrose auf der Insel geblieben und nicht wieder von seinem eigenen
+Schiff mit fortgenommen sei, horchte er hoch auf, und als es nun gar
+herauskam daß es ein Franzose sei, der schon in aller Geschwindigkeit
+ein Liebesverhältniß mit der Adoptivtochter des Geistlichen angesponnen
+habe, sah man es ihm ordentlich an daß er sich Mühe geben mußte seinen
+Groll und Zorn zu bemeistern. Vergebens waren jetzt Bruder Ezra’s
+Psalmen, die er dem jungen Franzosen sang, vergebens selbst Mr. Osbornes
+Einwurf, daß man jedenfalls erst einmal den jungen Mann sehen und
+sprechen wolle – er war Matrose eines Wallfischfängers und Franzose –
+also Katholik, und ein richtiger Missionair der Südsee Inseln haßt
+nichts auf der Welt – selbst den Teufel wohl kaum ausgenommen –
+herzlicher, als diese beiden Individuen.
+
+Sein Urtheilsspruch war auch ohne weiteres gefällt – »ehe das Uebel
+tiefer griff, mußten schnelle Maßregeln dagegen ergriffen werden, und er
+wollte jetzt selbst ohne weiteres zu dem Häuptling hinübergehn und mit
+diesem das Nöthige dazu besprechen. Der Häuptling oder König brauche ihm
+nur zu gebieten die Insel zu verlassen, so müsse er dem Befehl Folge
+leisten, und Gelegenheit habe er jetzt gerade am besten in dem kleinen
+Schooner, der in einigen Tagen wieder mit ihm nach Tahiti zurück
+sollte. Weigerte er sich aber dem Befehl Folge zu leisten, so war nichts
+einfacher als ihn als Gefangenen mit fortzunehmen, und an den
+französischen Consul in Papetee auszuliefern. – Diese Inseln standen
+unter englischem Schutz, und es war ihnen von der englischen Regierung
+versprochen sie gegen jede Aufdringlichkeit, besonders von französischer
+Seite, zu schützen, wo man überdies nicht einmal wissen könne, ob da
+nicht am Ende gar irgend ein heimlich gehaltenes Missionswesen der
+Verbreiter »papistischer Gräuel« dahinter stäke. Andererseits würde aber
+auch die französische Regierung, die gerade erst ganz kürzlich ihr etwas
+gewaltsames Protectorat angetreten, Alles vermeiden, mit anderen
+Mächten, noch dazu eines entsprungenen Matrosen wegen, in Collision zu
+kommen. Für sie hier war es aber gerade in dieser Zeit von höchster
+Wichtigkeit jenen papistischen Propaganden, die sich über sämmtliche
+Inseln zu verbreiten suchten, entgegen zu arbeiten. Das Volk dieser
+Inseln sei viel zu empfänglich für äußeres Gepränge, nicht der Gefahr
+ausgesetzt zu sein von dem Flitterstaat der katholischen Religion
+bestochen zu werden, und nicht allein Jahre lange Anstrengungen und
+Arbeiten, nein auch die Seelen der Unglücklichen wären dann verloren für
+immer.«
+
+»Aber nicht allein in religiöser, nein auch in moralischer Beziehung sei
+es Pflicht der Geistlichen dahin zu wirken diese schlimmsten aller
+Vagabunden, flüchtige Seeleute, von sich entfernt zu halten. Auch Bruder
+Osborne wisse recht gut, wie gerade diese Menschen dem wohlthätigen
+Wirken der Missionaire stets feindlich entgegengetreten wären, selbst
+wenn sie denselben Glauben mit ihnen hatten; wie viel schlimmer war es
+jetzt, wo solche Menschen auch sogar noch in ihrem Glauben eine, ihrer
+Meinung nach vielleicht vollkommen genügende Ursache fänden, Unfrieden
+zwischen dem Geistlichen und seiner kleinen Gemeinde zu säen?«
+
+»Für den _Vater_ sei es außerdem besonders dringende Pflicht, sein
+angenommenes Kind vor Verführung zu schützen und ihr Herz zu wahren vor
+den Eindrücken, die bei einer solchen unnatürlichen Verbindung
+unvermeidlich wären. – Das war _seine_ Meinung über die Sache, und er
+hoffte Bruder Osborne würde mit ihm hierin vollkommen harmoniren. Es sei
+nöthig daß sie zusammenständen, in dieser jetzigen Zeit des Trübsals, um
+des Glaubens willen.«
+
+»Er hatte zuerst die Absicht gehabt den König _morgen_ zu besuchen, aber
+im Dienste Gottes gäbe es keine Ruhe noch lässiges Verschieben, und er
+wolle deshalb gleich dorthin aufbrechen, ihn mit sich herüber zu
+bringen.« Daß er die Einwilligung desselben, oder vielmehr den Befehl
+für den Flüchtling erhalten würde, mit erster Gelegenheit die Insel
+wieder zu verlassen, verstand sich von selbst, und er zweifelte daran
+nicht im mindesten.
+
+Mr. Osborne ersuchte ihn jetzt noch einmal, den Fremden wenigstens erst
+einmal rufen zu lassen und mit ihm zu sprechen, daß sie mit eigenen
+Augen sähen zu welcher Klasse von Menschen er gehöre. – Bruder Rowe’s
+Entschluß war gefaßt, und da er, durch seinen langen Aufenthalt zwischen
+diesen Inseln als Missionair, sich daran gewöhnt hatte unbedingt zu
+befehlen, indem seine Stimme für das Wort und den Willen des Herrn galt
+– ja da er die feste Ueberzeugung hatte daß alle diese Tausende von
+Insulanern nur durch ihn und die wenigen andern Geistlichen einer ewigen
+Qual entrissen, und der Seligkeit zugeführt seien, ihm also mehr als ihr
+Leben, ihr ganzes einstiges Heil danken mußten, so verstand es sich wohl
+von selbst daß er auch die weit geringere Leitung ihrer weltlichen
+Angelegenheiten wenn auch nicht gerade führen, doch in die Bahn leiten
+konnte und durfte, die er als die richtige bestimmte.
+
+Er beorderte jetzt ohne weiteres – denn ihre Mahlzeit hatten sie schon
+an Bord eingenommen – zwei Eingeborene, ihn in einem kleinen Boot, das
+er schon mehrfach dazu benutzt hatte, um die Insel hinum zu rudern,
+denn es fiel ihm nicht ein den langen Weg zu Fuß zu gehn. – In diesem
+wurde ein schmales Sonnendach aufgespannt, und eine Viertelstunde später
+schoß das kleine scharfgebaute Fahrzeug, von den kräftigen Armen der
+Insulaner getrieben, pfeilschnell über das spiegelglatte Binnenwasser,
+von der Strömung jetzt noch überdies begünstigt hin, und war in kurzer
+Zeit um die nächste vorragende Landspitze verschwunden.
+
+René und Sadie hatten indessen mit freudigem Staunen die rasche Abreise
+des finstern Mannes gesehen, die sie irgend einer Ursache in seinem
+geistlichen Wirken zuschrieben, und sie beschlossen nun auch ohne
+weiteres hinunter zu Mr. Osborne zu gehn, ihm Alles zu erzählen und ihn
+um seinen Segen zu bitten.
+
+Mitonare war übrigens indessen, nur erst einmal der beengenden Gegenwart
+des ~bodder Au-e~ enthoben, nicht müßig gewesen Mr. Osborne den jungen
+Fremden von der besten Seite zu schildern. Natürlich lag in diesem Lobe
+ein großer Theil Eigennutz verborgen, denn es mußte ja auch einzig und
+allein seine Entschuldigung sein, daß er Prudentia’s Umgang mit ihm
+überhaupt geduldet hatte. Solcher Art war er denn noch emsig damit
+beschäftigt, und Mr. Osborne saß gar ernst und sinnend vor ihm in
+seinem Lehnstuhl, den rechten Ellbogen auf die Lehne und das graue
+Haupt in die rechte Hand gestützt. Es schien ihm recht weh und trüb um’s
+Herz zu sein.
+
+Da traten die beiden jungen Leute in die Thür, und Sadie blieb erst
+einen Augenblick schüchtern in der Ferne stehen; als er aber den Blick
+zu ihr aufhob, und sie in das liebe ehrwürdige, jetzt so kummerschwere
+Antlitz schaute, da flog sie, wie in alter Zeit auf ihn zu, barg ihr
+Gesicht an seinem Herzen und rief:
+
+»Mein lieber, lieber Vater!«
+
+»Mein liebes, liebes Kind!« sagte der alte Mann und küßte das fest an
+ihn angeschmiegte Haupt des schönen Mädchens – »was habt Ihr denn hier,
+unter der Zeit meiner Abwesenheit für böse, böse Streiche getrieben?«
+
+Es lag eine so innige Zärtlichkeit in dem Ton mit dem er diese Worte
+sprach, und nur ein so leiser – von jedem Verdacht freier Vorwurf, daß
+sich Sadie nur fester gegen seine Brust preßte, aber ihre Hand zurück
+nach René ausstreckte, diesen herbeizurufen und zu ihrem Vater zu
+bringen.
+
+Der alte Mann, der wohl auf den ersten Blick sah, daß er keinen
+gewöhnlichen Matrosen vor sich habe, grüßte den, sich ihm jetzt offen
+und vertrauensvoll nähernden jungen Mann freundlich, winkte ihm einen
+Stuhl zu nehmen, den Mitonare indessen mit großer Bereitwilligkeit
+herbeigebracht hatte, und bat dann René, was er ihm zu sagen habe, ihm
+ohne jeden Umschweif, mit jedem Vertrauen zu eröffnen – er habe
+Prudentia als sein Kind angenommen, und von klein auferzogen als ihre
+Eltern gestorben waren und die kleine Waise allein zurückgelassen
+hatten, und hege dieselben Gefühle noch jetzt für das erwachsene
+Mädchen, als ob sie seine eigene leibliche Tochter sei. Er wolle auch
+nur ihr Glück, möchte das aber gesichert wissen da es keins der
+gewöhnlichen Mädchen der Eingeborenen sei, sondern eine fast Europäische
+Erziehung genossen habe und dabei auch vielleicht jetzt tiefer fühle,
+besonders andere Ansichten über die Ehe habe, als sie in diesen Gruppen
+bei ihren Landsmänninnen wohl meist gefunden würden.
+
+René verlangte Nichts mehr; er erzählte zuerst dem alten Mann, so
+gedrängt als möglich, seine ganze Lebensgeschichte, schilderte ihm, so
+treu er es selber vermochte, seinen ganzen Charakter, was ihn in die
+Welt, was ihn zuletzt an Bord eines Wallfischfängers getrieben habe, von
+dessen ganzen Wesen und Treiben er früher keinen Begriff gehabt, und wie
+er auf dieser Insel sich jener Existenz zu entziehen gesucht und hier
+Sadie’en gefunden und lieben gelernt habe. Er zeigte ihm dann die
+Papiere die er mit sich führte – und Mr. Osborne verstand nicht allein
+das Französische sondern sprach es auch sehr geläufig – erklärte ihm
+daß es sein fester Wille sei sich hier auf einer dieser Inseln, am
+liebsten auf dieser, niederzulassen, und bat den alten Mann ihm Sadie,
+die er in der kurzen Zeit seines Aufenthalts recht von Herzen lieb
+gewonnen habe, zum Weib zu geben. Er wollte sich dann bei ihnen seine
+Heimath gründen, und Mr. Osborne solle einen guten Sohn und Nachbar an
+ihm finden.
+
+»Sie sind Katholik?« frug ihn der alte Mann, als René schon eine ganze
+Zeit lang geschwiegen und er ihn indessen mehr sinnend als forschend
+betrachtet hatte.
+
+Des jungen Mannes Antlitz röthete sich ein wenig, als er erwiederte:
+
+»Lieber Herr, Sie haben gewiß genug von der Welt gesehn, zu wissen wie
+es mit der Religion unter jungen Leuten meistens steht. – Ich bin
+allerdings als Katholik erzogen, und die Meinigen waren sämmtlich,
+einige sogar sehr strenge Katholiken, ich selber muß Ihnen aber
+aufrichtig gestehn, habe mich nie streng an die Gebräuche weder meiner
+noch einer andern Sekte gehalten, und Sie können überzeugt sein, daß ich
+nie daran denken würde Jemanden zu meinem Glauben überreden zu wollen.
+Sadie ist in dem ihren aufgewachsen und ein so liebes, braves Mädchen
+geworden, sie wird ihm auch treu bleiben, und ich wäre der Letzte sie
+darin zu stören. Was mich selber betrifft, so suche ich recht zu thun,
+und hoffe dann mit meinem Gott schon fertig zu werden – er allein weiß
+ja auch nur, wer den _rechten_ Glauben hat. Sie werden aber auch nie
+finden, daß ich über den Glauben eines Andern spotte – ein Jeder hat
+ein Recht zu seiner Meinung.«
+
+Der Missionair hatte nun allerdings gar sehr verschiedene Ansichten über
+Religion, aber René gewann sich doch durch diese Offenheit sein Herz,
+denn keineswegs gehörte er zu jener stolzen Priestersekte die, ihr
+Religionspanier in der gehobenen Rechten, das Volk vor sich auf die Knie
+werfen und so lange damit fortschreiten bis sie zuletzt ganz zu
+vergessen scheinen daß das Volk eigentlich vor dem Panier und nicht vor
+ihnen kniet. Aber der alte Mann hatte doch noch andere und recht ernste
+Bedenken, und je mehr er den jungen lebensfrischen Mann da vor sich
+stehen sah, so viel schwerer ward ihm das Herz; aber er wollte das Alles
+nicht vor der Tochter aussprechen, und bat also das Mädchen auf kurze
+Zeit das Haus zu verlassen, er habe mit dem jungen Mann etwas allein zu
+reden.
+
+Sadie war ein viel zu folgsames Kind auch nur mit einem Blick zu zögern
+– sie küßte des alten ehrwürdigen Mannes Hand und verließ dann rasch
+das Zimmer.
+
+Der alte Mann saß, schon als die leichte Bambusthür lange hinter ihr
+zugefallen war, noch viele Minuten schweigend da, als ob er selber nicht
+rechte Worte für das finden könne was er sagen wolle.
+
+»Lieber junger Freund,« begann er endlich, »Sie sind frei und aufrichtig
+gegen mich gewesen, und ich will Ihnen Gleiches mit Gleichem vergelten;
+Sie werden mir deshalb auch Nichts übel nehmen, was ich zu Ihnen sage,
+denn Gott weiß es, es geschieht sowohl zu Prudentia’s als Ihrem eigenen
+Wohl. Sie sind, wie ich aus Ihren Papieren gesehn habe, von guter
+Herkunft, in dem gebildeten, geselligen Leben Europas erzogen, an
+Europäische Sitten, an ein Leben gewöhnt, das Ihnen _mehr_ bietet als
+nur einfach Essen und Trinken und ein einzelnes Wesen dem Sie sich
+anschließen können – mögen Sie dies noch so sehr lieben. Die Beweise
+haben Sie selber in ihrem unsteten Leben; weder in Afrika noch Amerika
+fanden Sie was Sie suchten, d. h. das was das Bedürfniß Ihres Herzens
+und Geistes befriedigen konnte – die rohe Gesellschaft des
+Wallfischfängers trieb Sie sogar zu einem verzweifelten Schritt, bei dem
+Sie lieber Ihr Leben einsetzen, als in jenes Verhältniß zurückkehren
+wollten. Sie fanden hier, gerade in Ihrer größten Gefahr, auf höchst
+romantische Weise ein junges reizendes Mädchen, dessen liebe regelmäßige
+Züge, dessen Gestalt zuerst ihre Leidenschaft weckte, und dessen
+Unschuld und Liebreiz, als Sie dasselbe näher kennen lernten, Ihr Herz
+gewannen. Scenerie und Umgebung, selbst sogar die verschiedene Farbe und
+Abstammung des Mädchens trug dazu bei, den Reiz in Ihrem eigenen
+jugendlichen Herzen zu erhöhen. Unser herrliches Klima, die tropische
+Vegetation, das stille blaue Meer, ja das ganze Stillleben unseres
+lauschigen Plätzchens hier bestach Ihre Sinne mehr und mehr, und Sie
+glauben jetzt – ja Sie sind fest überzeugt davon, daß Sie in dem
+Mädchen und dieser Insel das Ideal Ihres Lebens gefunden, das Ziel Ihres
+ganzen Strebens und Drängens erreicht haben. – Wenn Sie sich aber nun
+irren? – Ich weiß was Sie sagen wollen – Sie folgen dem Drange Ihres
+Herzens und fürchten nicht daß Sie dieses irre führt, aber hören Sie
+mich ruhig darüber an. Sie sind jung, das Leben liegt noch offen vor
+Ihnen – ich bin alt, meine Bahn ist bald durchwandelt, – Sie haben die
+Hoffnung, ich die Erfahrung, und drei und zwanzig Jahre meines Lebens
+hab’ ich auf diesen schönen Inseln zugebracht. In dieser Zeit habe ich
+aber auch viele viele Leute kommen und gehen, habe Hoffnungen und Träume
+aufblühen und verwelken sehn und weiß was ein Mann in Ihren
+Verhältnissen hier zu finden _glaubt_ – und was er _findet_.«
+
+»Jetzt ist Ihnen noch Alles neu – die Palmen selber, die ganze
+tropische Vegetation übt einen Reiz auf den Neuankommenden aus, dem er
+selten, wenigstens in seinem ersten Andrang, widerstehen kann; nur
+wenige Jahre führen aber darin eine gewaltige Aenderung herbei, denn das
+Herz, besonders das junge Herz bedarf einer Veränderung, bedarf eines
+Reizes für seine Thätigkeit, wenn es nicht erschlaffen oder in neuem,
+dann aber recht schlimmen Schmerz vergehn soll. Viele, sehr viele
+Europäer haben sich besonders in den letzteren Jahren hierher gezogen,
+die aber von ihnen, die wirklich hier geblieben sind, waren schon ältere
+Leute und brachten auch meistens ihre Familien, die ihnen an Stand und
+Erziehung gleich waren, mit sich. – Fast alle diese kamen hierher, ein
+Geschäft zu treiben und sich ein Vermögen zu erwerben, und sie werden
+meist Alle wieder, wenn ihre Kinder erwachsen sind, nach Europa
+zurückkehren. Dorthin passen sie auch – ihre Frauen stammen selbst von
+dort, und sehnen sich nach dort zurück, und sie lassen dann Nichts hier
+zurück, als eine freundliche Erinnerung; die Fasern ihres Herzens haben
+nicht zwischen den Palmen und Bananen Wurzel geschlagen.«
+
+»Sehr viele von ihnen haben auch Indianische Mädchen geheirathet – die
+ersten und hübschesten die ihnen begegneten – auf allen Inseln
+zerstreut finden Sie solche Beispiele; aber es sind das fast nur einzig
+und allein rohe Matrosen, denen das müßige Leben zusagt, die sich auch
+in ihrem Vaterlande in keinen anderen Zirkeln bewegt haben, als wo das
+materielle Wohl ihr Hauptziel und Streben war, und selbst diese
+verlassen gewöhnlich, nach einer längeren Reihe von Jahren, ihr leicht
+genug angetrautes Weib und die mit ihr gezeugten Kinder – selbst diesen
+genügt zuletzt nicht mehr diese tropische Ruhe, und sie sehnen sich nach
+Abwechselung, nach einer Veränderung ihrer Verhältnisse, sollten sie
+diese auch wieder mit harter Arbeit ja sogar dem früheren Leben erkaufen
+müssen.«
+
+»Auf Tahiti haben Sie einige wenige Beispiele unter Ihren Landsleuten,
+die sich mit Tahitischen Mädchen wirklich verheirathet haben; jetzt sind
+diese Frauen jung und schön, sie könnten sie nach Europa zurückführen
+und vielleicht stolz darauf sein – wenn Sie das Gefühl einer etwas
+wunderlichen und bizarren Eitelkeit so nennen wollen – werden sie aber
+alt – und weibliche Körper blühen und verblühen in unserem tropischen
+Klima so rasch wie unsere üppige Pflanzenwelt – dann ist das vorbei.
+Sie können keine alte Indianische Frau nach Europa bringen, sie dort in
+Ihre Kreise einzuführen. – Sie möchten das auch nicht, denn Sie wüßten
+recht gut, wie Sie hinter Ihrem Rücken dem Gespötte der Menge, die die
+näheren Beweggründe nicht kennt und nicht achtet, verfallen würden. Und
+wollen Sie das Wesen, das sich an Sie angeschlossen hat und mit Herz und
+Seele an Ihnen hängt nicht unglücklich und elend machen, so müssen Sie
+_bei_ ihm und hier auf den Inseln bleiben, und Unmuth und Sehnsucht nach
+einem andern Leben zehrt dann an Ihnen weit schlimmer und gewaltiger,
+als es an dem _jungen_ Herzen gethan. Dem lag die Welt noch frei – es
+konnte noch dem ersten Drange folgen, ob ihn der auch gleich manchmal
+irre führte, jetzt aber ist das vorbei – die Möglichkeit frei zu
+handeln ist genommen, und nur der Drang selber geblieben, der dann wie
+ein ewiger Wurm an Ihrem Herzen nagt.«
+
+»Ich spreche nach mehren Beispielen, die ich selber kenne, junger Mann,
+und die innige Liebe auch, die ich für Prudentia fühle, macht mich
+besorgt, ihr ein solches Schicksal ersparen zu wollen. Prudentia ist,
+wie ich Ihnen schon gesagt habe, und wie Sie auch selber, nach einem
+Zusammensein mit ihr von mehren Wochen gewiß finden mußten, keins der
+gewöhnlichen sinnlichen Mädchen dieser Inseln, die sich dem Ersten
+Besten, ohne Arges dabei zu denken, hingeben, und gar nichts anderes
+erwarten, als daß er sie, sobald er ihrer müde ist, wieder verläßt. Ich
+fürchte im Gegentheil, Sie haben Prudentia’s Herz schon zu sehr
+gewonnen; jetzt wäre aber doch noch vielleicht eine Trennung möglich. –
+Sie würden Beide an diese Zeit wie an einen schönen Traum zurückdenken,
+von dem es das Herz nur eine kurze Zeit schmerzt – daß es eben nichts
+weiter als ein Traum war; aber Sie können Beide auch dadurch vielleicht
+einem verfehlten Lebensziele entweichen, das dann später _nicht_ mehr zu
+ändern wäre, und leider für _Beide_ auch verderblich werden müßte.«
+
+»Ich bin fest davon überzeugt, daß Sie in diesem Augenblick Prudentia
+mit aller Leidenschaft einer innigen, vielleicht gar ersten Neigung
+lieben – aber wird der alte Hang eines unstäten Lebens, das in dem
+Herzen nur erst eingewurzelt, gar so leicht verderblich werden kann,
+diesem Herzen in dem Stillleben unserer Inseln Ruhe und Frieden lassen?
+– Unsere Palmen sind grün und herrlich – aber so wie sie dort stehn,
+stehn sie das ganze Jahr – kein gilbendes fallendes Blatt, keine
+Schneedecke, keine auskeimenden wachsenden Knospen geben ihnen im
+nächsten Frühjahr immer wieder denselben Reiz. – Unsere Bäume sind mit
+Früchten bedeckt – aber die Blüthenzeit fehlt uns – wir brauchen die
+Frucht nie zu erwarten – zu erhoffen – sie hängt voll und reif am
+Baume, während heimlich, von uns kaum bemerkt, andere indessen
+nachblühen und nachwachsen, die fehlenden immer wieder zu ersetzen und
+die Plätze der niederfallenden auszufüllen. Wir kennen auch hier nicht
+die Sorgen und Mühen des Lebens – das Salz jedes gesellschaftlichen
+Verkehrs, durch das eine _erworbene_ Existenz erst ihren ganzen uns
+beglückenden Reiz gewinnt – wir stehen Morgens auf und essen und
+trinken und legen uns Abends wieder schlafen. Nachrichten von der
+äußeren Welt dringen nur selten zu uns, und wie sie kommen wäre es fast
+besser sie blieben ganz aus, denn anstatt zu befriedigen lassen sie,
+selbst in dem Herzen der Aeltesten von uns, eine Leere zurück, die wir
+vergebens auszufüllen suchen.«
+
+»Wollen Sie nun, mit Ihrem jungen thatkräftigen Herzen in dieses
+felsenumgürtete Thal, aus dem es keine Rückkehr für Sie giebt,
+hinabspringen? – schauen Sie um sich her, junger Freund – noch stehn
+Sie oben – noch liegt die ganze übrige Welt ausgebreitet vor Ihren
+Blicken – haben Sie _nichts nichts_ mehr darin was auch nur den
+geringsten Anhaltepunkt an Ihr Herz hätte? – bedenken Sie, bei einem
+sinkenden Schiff kann das kleinste, unbedeutenste vergessene Tau das
+Boot, auf dem sich der Schiffbrüchige sonst vielleicht sicher den Wellen
+anvertrauen könnte, rettungslos mit in den Abgrund ziehen.«
+
+Der alte Mann schwieg, und eine Thräne zitterte in seinem Auge; ernst
+und forschend schaute er dabei den jungen Mann an, und es war, als ob er
+seine innersten Gefühle ergründen wollte, ehe sie auf die Lippen kämen
+– ja wahrer als sie der Mund vielleicht auszusprechen vermöchte. René
+begegnete aber, zwar gerührt, doch fest entschlossen dem Blick, und
+erwiederte endlich mit weicher Stimme:
+
+»Sie verstehn es, alter Herr Einem Herz und Seele zu fassen, mit Ihren
+Worten, aber ich springe getrost hinab in das Thal, denn da oben blüht
+für mich kein Glück, keine Freude mehr. Die Meinen sind todt oder
+schlimmer als so – ich stehe eine Waise in der Welt, weder Bruder noch
+Schwester leben, die Ansprüche auf meine Nähe machen dürften; Alles was
+mein Herz sonst hätte binden können, ist für mich verloren, und stießen
+Sie mich _jetzt_ wieder kalt und erbarmungslos in die Welt zurück, ich
+müßte rettungslos untergehn – und wäre recht recht elend. Auch Sadie
+hängt mit inniger Liebe an mir, und ihr Herz ist nicht geschaffen einmal
+zu lieben und so leicht wieder vergessen zu können – wollten Sie auch
+aus _ihrem_ Herzen diese erste Neigung reißen? – Sie haben Sadie zu
+lieb dazu wenn ich selber Ihnen auch gleichgültig sein müßte. Aber –
+ich kann mich auch irren,« brach er dann plötzlich ab – »ich täusche
+mich vielleicht selber in Sadie’s Herzen, und ihre Neigung wäre eines
+Rückschrittes fähig. – Sprechen Sie selbst mit Ihr, werther Herr –
+fragen Sie das Mädchen selber, und halten Sie unsere Vereinigung für
+gefahrbringend für _sie_, und glaubt Sadie daß sie mir jetzt noch ohne
+großen Schmerz entsagen könne – dann beim ewigen Gott will ich nicht in
+den Frieden dieses stillen Thales getreten sein, Thränen und Kummer zu
+säen, dann sollen Sie finden daß ich auch im Stande bin zu _entsagen_,
+und wenn mir das Herz darüber bräche; kein Wort des Unmuths – keine
+Klage soll über meine Lippen kommen, das erste beste Canoe mich zu einer
+anderen Insel – aus ihrer Nähe führen.«
+
+Er war aufgesprungen und seine Mütze ergreifend wollte er das Zimmer
+verlassen, der alte Missionair streckte ihm aber die Hand entgegen und
+sagte mit herzlichem, bewegtem Tone:
+
+»Das ist recht brav und ehrlich von Ihnen gehandelt, junger Mann, und
+ich gebe Ihnen mein Wort, ich habe auch, seit dem ersten Augenblick wo
+ich Sie sah, noch nicht einen Augenblick daran gezweifelt daß Sie Alles
+so auch _fühlten_, wie Sie es dem Mädchen vorgesprochen. Ich kenne
+übrigens Prudentia, oder wenn Sie denn lieber wollen, Sadie, viel zu
+gut um bei ihr langer Rede zu bedürfen, in wenigen Minuten haben Sie
+meine Antwort, treten Sie indessen hier in das nächste Haus – das
+Fenster ist fast so niedrig wie eine Thür – aber glauben Sie nicht,
+junger Freund, daß ich Ihnen das Wort reden werde,« setzte er ernster
+hinzu, »Sie müssen es meinem Gewissen überlassen mit Sadie zu handeln,
+wie ich es vor _dem_ verantworten kann.«
+
+»Handeln Sie, als wenn Sie ihr Vater wären,« sagte René herzlich – »ich
+will _Sadie’ens_ Glück, nicht das meine,« und er verließ mit schnellen
+Schritten das Zimmer.
+
+Auf des alten Mannes Ruf betrat das Mädchen schüchtern und mit
+niedergeschlagenen Blicken das Gemach – sie schaute nicht auf, aber sie
+fühlte das René nicht mehr im Zimmer sei, und ihr Herz klopfte fast
+hörbar in der Brust. – Ihr Vater hatte ihn abgewiesen und der schöne
+Traum ihres Glücks war in Nacht und Thränen zerflossen.
+
+»Prudentia,« sagte der alte Mann, und zog das zitternde Mädchen sanft zu
+sich – »ich habe den jungen Fremden fortgeschickt von hier – er hat
+Dich jetzt wohl lieb, aber wenn er eine Zeit lang von seiner Heimath
+entfernt ist, sehnt er sich wieder nach ihr zurück, und läßt mein armes
+Mädchen hier allein, und dann wärst Du wohl recht recht unglücklich
+geworden und elend. Jetzt ist der Eindruck den er auf Dein Herz
+gemacht, noch flüchtig, noch leicht wieder zu verwischen – Du wirst
+einen oder zwei Tage weinen, ihn nachher vergessen, und nicht wahr mein
+Kind, ich habe darin recht und gut gehandelt – ich wollte ja nur Dein
+Wohl.«
+
+»Ich will Alles thun was Du mir sagst mein Vater,« flüsterte das
+Mädchen, dicht an seine Brust geschmiegt, so leise, daß er kaum ihre
+Worte verstehen konnte.
+
+»Das ist mein gutes Kind,« sagte der Greis, aber die Stimme zitterte
+ihm; er fühlte nur zu gut was in dem Herzen des armen Mädchens vorging,
+und wie die Liebe für den Fremden schon viel zu tief Wurzel geschlagen
+habe, je wieder, ohne das Gefäß selber zu zerbrechen, herausgerissen zu
+werden. Er mußte sich aber selber einen Augenblick sammeln ehe er
+fortfahren konnte, und mit lebhafter Stimme wie ermuthigend setzte er
+hinzu:
+
+»Und, nicht wahr mein Kind – dann wirst Du auch wieder glücklich und
+froh sein, wie bisher? – wirst wieder lachen und singen und nicht das
+Köpfchen so trübe hängen lassen.«
+
+»Ich will mir rechte rechte Mühe geben lieber Vater,« flüsterte das
+Mädchen und barg ihr Haupt fester an dem Herzen des alten Mannes.
+
+»Und willst Du auch den Fremden vergessen meine Tochter? – willst Du
+mir das recht fest und aufrichtig versprechen, mein braves Mädchen?«
+frug sie jetzt leise der Greis.
+
+Das aber war zu viel für das arme gequälte Herz – einen Augenblick
+schien es, als ob sie sich von seiner Brust emporheben wolle, ihm in die
+Augen zu schauen – aber sie sank wieder zurück und klagte nur leise:
+
+»Ach das weiß ich nicht – das weiß ich wahrhaftig nicht, lieber, lieber
+Vater« – damit war aber auch ihre Kraft gebrochen, und laut und heftig
+schluchzend, als ob ihr das Herz vergehen wolle in unendlichem Weh, hing
+sie in seinen Armen.
+
+Und sie schluchzte nicht _allein_, denn aus der Ecke des Zimmers vor
+tönte es noch weit lauter und heftiger, und der kleine Mitonare saß da
+auf einem der niedern Bambusschemel, ganz allein und vergessen und
+weinte, in Thränen förmlich zerfließend, wie ein kleines Kind.
+
+Da vermochte sich aber der alte Missionair auch nicht länger zu halten,
+und der Tochter thränenüberströmtes Antlitz zu sich erhebend und küssend
+und wieder küssend rief er:
+
+»Nein, nein Prudentia, ich bin ja kein Tyrann daß ich mein Kind so elend
+und unglücklich machen mögte, nur weil die Möglichkeit existirt, daß es
+später noch einmal so kommen könne – nein, wenn Gott Dir eine so
+gewaltige und innige Liebe für ihn in’s Herz gelegt hat, dann nimm ihn,
+nimm ihn – der Herr segne Euch, und Er wird Alles zum Besten lenken.
+Aber sei auch wieder mein gutes fröhliches Mädchen, lach wieder, sing
+wieder und mache das Herz Deines alten Vaters froh durch Dein heiteres
+glückliches Angesicht.«
+
+»Vater – lieber Vater!« rief das Mädchen in jubelnder, kaum gefaßter
+Lust. – Mitonare hatte aber kaum gehört was die Sache, die ihm selber
+das Herz abzustoßen drohte, für eine Wendung nahm, als er, wie aus einer
+Pistole geschossen, zur Thür hinausfuhr, und nach kaum zwei Minuten mit
+dem »verzweifelten Wi–wi« – wie er ihn nannte, in’s Zimmer geschleppt
+kam.
+
+René lag mit an dem Herzen des alten Mannes – er wußte selber kaum wie,
+und der Greis flüsterte einen leisen Segen über den Häuptern der
+Glücklichen.
+
+
+
+
+Capitel 6.
+
+#Was der ehrwürdige Mr. Rowe dazu sagt.#
+
+
+Der Abend verging den beiden Liebenden wie ein Augenblick – sie hatten
+sich so tausenderlei zu sagen, so tausenderlei zu besprechen, daß sie
+den Flug der Stunden gar nicht bemerkten, und der alte gute Mann saß
+lächelnd dabei, und wohl auch ihm stiegen in der Erinnerung alte liebe,
+o so lang jetzt vergangene Bilder auf, und führten seine träumenden
+Gedanken zurück zur Jugendzeit.
+
+Aber auch die Gegenwart erheischte seine Umsicht, denn manchmal gedachte
+er ebenfalls seines, in ziemlicher Aufregung fortgegangenen Collegen und
+der Schritte die dieser jetzt zu thun suchte, das Glück, was er selber
+heute Abend hier geschaffen, wieder zu zerstören. Er hielt es auch für
+seine Pflicht dieses dem jungen Mann mitzutheilen und ihn wenigstens
+darauf vorzubereiten, daß seine Bahn von jetzt an noch immer keine ganz
+ebene sein könne. Hätte er dem von seinem Glück förmlich Trunkenen aber
+auch eine wirkliche Gefahr genannt, er würde ihr mit leichtem Herzen
+begegnet sein, vielweniger denn, wo es nur den bösen Willen oder Zorn
+eines fremden Geistlichen betraf, den weder Sadie’s Schicksal noch das
+seine kümmern durfte. Des Königs selber glaubte er dabei ziemlich gewiß
+zu sein, noch dazu da diese geistlichen Herren selten oder nie Geschenke
+verschwenden, und nur den Willen Gottes vielmehr als Gebot aufstellen.
+Hier war also nicht einmal etwas zu gewinnen, im Gegentheil nur zu
+verlieren, denn die Insulaner wußten recht gut daß bei dem Aufenthalt
+eines Weißen zwischen ihnen, der förmlich Einer der ihrigen wurde, stets
+hie und da etwas für sie abfiele.
+
+Mr. Osborne selber, wenn er auch einen Conflikt mit Bruder Rowe gern
+vermieden hätte, stand doch keineswegs in einer so abhängigen Stellung
+von ihm, seinen Zorn fürchten zu müssen. Nur Sadie versicherte René sie
+habe eine entsetzliche Angst vor dem finstern Mann, und wollte vieles
+darum geben, wäre er gar nicht mit ihrem Pflegevater herübergekommen.
+
+Seinem feindlichen Wirken aber in etwas zu begegnen, wurde noch an
+demselben Abend ein junger Mann mit einer Privat-Botschaft an den König
+geschickt, daß der alte Mr. Osborne, den sie Alle auf der Insel wie
+ihren Vater liebten, seine Pflegetochter dem jungen Fremden zum Weibe
+versprochen habe, und daß dieser hinführo mit ihnen auf der Insel zu
+leben wünsche, wozu sie des Königs Erlaubniß erbitten ließen.
+
+Am nächsten Tag kehrte Bruder Rowe, und in einer nichts weniger als
+freundlichen Stimmung zurück. Er hatte den König, von dem er ohne
+weiteres verlangt zu haben schien den Fremden, einen entsprungenen
+Matrosen und Katholik, in Güte oder mit Gewalt von der Insel zu
+entfernen, in einer keineswegs günstigen Laune dafür getroffen, und
+schon die Ausflüchte die dieser machte, wenn er sich auch dem finsteren
+Missionair gegenüber keine direkte Weigerung erlaubte, verriethen ihm
+daß er, wo er blinden Gehorsam erwartete und verlangte, auf
+Schwierigkeiten stoßen könne.
+
+Alles was er von dem Könige als festes Versprechen erreichen konnte war,
+sich mit ihrem eigenen Missionair darüber zu berathen, und wenn dieser
+es ebenfalls wünsche, dann wolle er gern den Befehl geben, daß der junge
+Fremde die Insel, auf der er sich übrigens bis jetzt sehr ordentlich
+betragen habe, verlassen solle. Wie er aber glaube gehört zu haben,
+wolle der Weiße eines ihrer Mädchen heirathen und solchen Leuten, wenn
+sie sich wacker aufführten, hätten sie noch nie den Aufenthalt
+verweigert.
+
+So rasch als möglich sollte jetzt Bruder Osborne dem König seinen Willen
+oder vielmehr Wunsch bekannt machen, wie er ebenfalls die Entfernung des
+Fremden verlange. Bruder Rowe kehrte zu diesem Zweck ohne weiteren
+Aufenthalt, als daß er die Nacht an der anderen Seite schlief, zu den
+Missionsgebäuden zurück, und es läßt sich denken mit welchen Gefühlen er
+hier des alten ehrwürdigen Mannes Entschluß vernahm, dem Fremden die
+Tochter zu geben und ihn als Sohn anzuerkennen. Vergebens waren alle
+seine Einwendungen, vergebens blieb selbst sein Zürnen dagegen.
+
+»Ich habe dem Mädchen,« sagte der Greis, »die Erziehung eines weißen
+Kindes gegeben, und vielleicht, wie ich jetzt zu spät sehe, Unrecht
+daran gethan; ich habe sie unfähig gemacht, sich in den gewöhnlichen
+Verhältnissen ihrer Landsleute wieder glücklich zu fühlen; diese können
+ihrem Herzen, ihrem Geiste nicht mehr genügen – bei der Verbindung mit
+_jedem_ Weißen ist sie aber derselben Gefahr ausgesetzt, der sie jetzt
+vielleicht entgegengeht – daß sie nicht auf die Länge der Zeit im
+Stande wäre sein Herz auszufüllen, aber auch das ist nur noch
+Vermuthung – es ist eine Möglichkeit die wir befürchten, aber nicht
+voraus wissen mögen, und ich kann mich nicht dazu verstehn, ihr Herz
+jetzt _gewiß_ zu brechen, weil es vielleicht später einmal gebrochen
+werden _dürfte_.«
+
+»Aber fürchtet Ihr nicht die _Sünde_ – Bruder Osborne?« rief da der
+Missionair, als alle andere Beweisgründe fehlgeschlagen hatten –
+»wollt’ Ihr es vor der Tafel der Gesellschaft in England verantworten,
+Euer im rechten Glauben erzogenes Kind selber in die Hände eines
+Anhängers des Pabstes zu liefern? Ich würde _gezwungen_ sein, so leid es
+mir auch selber thun möchte, diesen Fall nach Hause zu berichten, denn
+die Folgen sind gar nicht abzusehen, und können auf das verderblichste
+für unsere kleine Gemeinde wirken. Und wie steht Ihr dann vor jenen
+ehrwürdigen Männern wenn Ihr selber, Einer jener Auserwählten die unter
+die Heiden geschickt wurden den Saamen unserer Religion in ihre
+unwissenden verstockten Herzen zu pflanzen – wenn Ihr selber dann
+Unkraut zwischen den Weizen gesäet habt, mit Euren eigenen Händen, ja
+und ich möchte fast sagen auch mit den _Mitteln_, die Euch von der Tafel
+der Missionsgesellschaft _anvertraut_ waren in _ihrem_ Sinne, nicht in
+Eurem eigenen damit zu handeln?«
+
+Der alte Mann blieb aber auch fest, selbst gegen diese halbe
+Beschuldigung eines Mißbrauchs am Vertrauen, wenn ihn solche Anspielung
+auch wohl recht schwer und tief kränken mußte.
+
+»Ich habe dreiundzwanzig Jahre,« sagte er ruhig, »mein Leben der Sache
+geweiht, die ich für eine gute hielt und noch halte; ich habe mir in der
+ganzen langen Zeit keinen einzigen Vorwurf, meiner Handlungsweise wegen
+zu machen – wir sind Alle Sünder und ich bin nicht reiner davon als der
+Geringste unter uns, aber ich kann frei das Auge zu Gott emporheben und
+sagen: »Herr richte über mich!« – ich bin mir nichts Böses bewußt. Auch
+in _diesem_ Fall aber, Bruder Rowe, handele ich nach bestem Wissen und
+Willen, ich glaube nicht anders handeln zu können, und was ich da thue
+werde ich auch verantworten – Euere Berichte, Bruder, werde ich Euch
+freilich selber überlassen müssen.«
+
+Mr. Rowe ging mit raschen ungeduldigen Schritten im Zimmer auf und ab –
+am wenigsten wollte es dem fanatischen Priester in den Kopf, daß der
+Fremde mehr sei, als ein gewöhnlicher weggelaufener Matrose. – Bruder
+Osborne hatte, wie er meinte, so lange und zurückgezogen von der Welt
+gelebt, daß er sich durch die schönen Redensarten und Versprechungen
+eines jungen leichtsinnigen Menschen vielleicht ebenfalls täuschen
+ließe. Er wollte deshalb selber einmal mit ihm reden und dann bald
+ausfinden wes Geistes Kind er sei. Es war seine letzte Hoffnung.
+
+Mr. Osborne selber wünschte dies, weil er dadurch eine bessere Meinung
+für den Fremden bei dem strengen Geistlichen zu erreichen hoffte, und
+ließ René, der mit Sadie – jetzt aber freilich seines Versprechens
+enthoben – nach ihrem Lieblingsplätzchen gegangen war, zu sich bitten.
+
+Mr. Rowe hatte den Lehnstuhl des alten Mannes eingenommen, und saß, das
+rechte Bein über das linke geschlagen, den Kopf auf den linken Arm
+gestützt, ernst und schweigend wie zu Gericht, den Fremden, der bald
+darauf das Zimmer rasch und fröhlich betrat, zu erwarten.
+
+Schon dessen schnelles, nichts weniger als ceremonielles Eintreten rief
+die Falten auf seine Stirn zusammen und die beiden Ellbogen auf die
+Lehnen des Stuhles ruhen lassend, die Finger der beiden Hände aber vorn
+gefaltet, sah er ihn mit etwas vorgebeugtem Oberkörper unter den dunklen
+buschigen Brauen finster an und sagte, ohne den Gruß des Franzosen
+anders als mit einem leisen kaum bemerklichen Kopfnicken zu erwiedern,
+und ohne zu warten bis der Gast einen Stuhl genommen habe, viel weniger
+ihm selber einen solchen anzubieten:
+
+»Mit welchem Schiff sind Sie hier gelandet, Sir?«
+
+René sah erst den Frager, dann Sadie’ens Vater erstaunt an, als ob er
+hätte sagen wollen – was bedeutet das? – bin ich hier vor Gericht
+gerufen? – Mr. Osborne der aber die Unschicklichkeit eines solchen
+Betragens fühlte, nöthigte ihn freundlich Platz zu nehmen und bemerkte
+dann, fast wie entschuldigend, mit einem Blick auf seinen Collegen:
+
+»Mein würdiger Freund, hier, lieber René, wünscht sich mit Ihnen kurze
+Zeit zu unterhalten. Er ist, wie ich, schon lange Jahre auf diesen
+Inseln, und eine unserer Hauptstützen des Christenthums, selbst in den
+Zeiten gewesen, wo unsere Aussichten hier trüb und traurig waren, und
+wir schon fast die Hoffnung aufgegeben hatten Christi Lehre den Sieg
+über blindes Heidenthum zu verschaffen.«
+
+René verbeugte sich statt aller Antwort noch einmal, wie anerkennend,
+gegen den Geistlichen, der jedoch keine Miene dabei verzog und seinen
+Blick fest und forschend auf ihn geheftet hielt und sagte, die frühere
+Frage jetzt ohne Weiteres beantwortend:
+
+»Mit dem Delaware – einem Amerikanischen Wallfischfänger.«
+
+»Und weshalb verließen Sie Ihr Schiff? – hatten Sie nicht einen festen
+Contrakt für die ganze Reise gemacht?« lautete die zweite, fast noch
+schärfere Frage.
+
+»Sehr werther Herr,« erwiederte ihm jetzt René vollkommen ruhig und
+freundlich – »wollten Sie wohl vorher die Gefälligkeit haben und mir
+sagen ob diese Fragen im _Laufe der Unterhaltung_ an mich gerichtet
+werden, oder ob es doch gewissermaßen ein Examen sein soll, zu dem ich
+berufen bin?«
+
+Bruder Rowe wollte eben, wahrscheinlich keine gerade freundliche Antwort
+darauf geben, als Mr. Osborne, der jedes böse Wort zwischen den Beiden
+um alles in der Welt zu vermeiden wünschte, rasch einfiel und gegen René
+gewandt sagte:
+
+»Bruder Rowe nimmt innigen Antheil an Prudentia’s Schicksal, da das
+Mädchen eigentlich so zwischen uns groß geworden, und es ist besonders
+_deshalb_ daß er näheres Interesse für Ihr früheres Leben fühlt.«
+
+»Ich habe Ihnen, lieber Herr Osborne,« sagte da der junge Mann, »jeden
+nur möglichen Aufschluß gegeben, der in meinen Kräften stand, und ich
+will das auch mit Freuden diesem Herrn thun, wenn ihn das über Sadie’ens
+künftiges Glück zu beruhigen vermag.«
+
+»_Sadie_?« unterbrach ihn hier der Missionair streng – »soviel ich weiß
+heißt das Mädchen Prudentia – wobei ich wünsche daß sie ihrem Namen ein
+wenig mehr Ehre gemacht hätte – und ich will nicht hoffen daß man
+sogar in dem Hause eines Dieners der Kirche beabsichtigt die alten
+heidnischen Namen, die wir nur mit Mühe und Schwierigkeit unterdrücken
+konnten, wieder aufleben zu lassen.«
+
+»Es ist nicht des Heidenthums wegen lieber Herr,« lächelte René, »nur
+des Wohlklangs – Prudentia mag recht hübsch für eine alte würdige
+Matrone klingen, aber meinem fröhlichen heitern Mädchen paßt der Name
+gerade so, als wenn Sie ihn der Gazelle der Wüste geben wollten.«
+
+»Und _das_ sind die Ansichten die man hier mit in diese fromme
+christliche Gemeinde bringt?« rief der Geistliche, der nur mit Mühe
+seinen Zorn über den leichten fröhlichen Ton des jungen Franzosen
+bezwang, »das soll der Saamen sein, der ein Baum des Unglaubens seine
+Zweige ausbreiten und mit seinem Schatten die Frucht vergiften würde?«
+
+René sah ihn staunend an, der kleine Mitonare kauerte aber mit vor
+Schreck und Entsetzen offenem Munde hinten in der Ecke wieder auf seinem
+kleinen Stühlchen, und schien nichts Geringeres zu erwarten, als daß der
+schwarze Mann mit dem finstern Gesicht sich jetzt oben aus seinem Himmel
+einen kleinen Blitz herunterholen und den ruhig und unbefangen vor ihm
+sitzenden kecken Wi–wi zu Pulver brennen würde.
+
+»Sehr ehrwürdiger Herr,« sagte aber René vollkommen ruhig, denn er
+wollte den Mann nicht böser machen, da er wohl sah wie unangenehm das
+für seinen alten wackern Freund sein müsse – »ich hoffe nicht daß Sie
+etwas Sündhaftes in einem, dem Ohr wohlklingenden Namen finden werden.«
+
+Bruder Rowe schien aber darauf nicht weiter eingehen zu wollen und fuhr
+fort:
+
+»Und Sie gedenken sich hier auf dieser Insel niederzulassen?«
+
+»Mit des Häuptlings und meines väterlichen Freundes Erlaubniß hier –
+ja!«
+
+»Aber Sie gehören der katholischen Religion an.« –
+
+»Ich bin ein Christ,« sagte René ernst – »was verlangen Sie mehr?«
+
+Der Missionair biß sich auf die Lippen und Bruder Ezra sah nach oben,
+denn der Blitz _konnte_ jetzt nicht länger ausbleiben.
+
+»Und Ihre Kinder? – sollen das auch _Christen_ werden?« frug der
+Geistliche mit einer fast höhnischen Zweideutigkeit im Tone. René aber
+streckte den Arm nach seinem alten Freund aus, und dieses Hand
+ergreifend sagte er herzlich:
+
+»Die soll dieser würdige Mann hier in der Lehre erziehen die _er_ für
+die richtige hält – ich weiß er wird gute Menschen aus ihnen machen –
+der Glaube ist mir gleich.«
+
+»Der Glaube ist Ihnen gleich?« rief aber jetzt der Fanatiker, wie
+ordentlich froh einen Anhaltepunkt gefunden zu haben an der Schwäche des
+Gegners – »und wissen Sie daß Sie mit solchen Grundsätzen hier nur
+Unheil und Elend säen werden? ein Christ nennen Sie sich, und dem
+Antichrist dienen Sie – Ihrer Pflicht – ihrer Verbindlichkeiten im
+gesellschaftlichen Leben sind Sie entlaufen, und jetzt wollen Sie sich
+einem Volke aufdringen, das sie nur zwischen sich duldet, weil es seinem
+Geistlichen glaubt gefällig zu sein, in der That aber, ihm einen gar
+schlimmen Dienst damit leistet?«
+
+René war schon nach den ersten heftigen Worten des Mannes von seinem
+Stuhl aufgesprungen.
+
+»Monsieur,« unterbrach er ihn jetzt fest aber ruhig – »Ihr Stand, wie
+der Ort an dem wir uns befinden schützt Sie vor jeder Antwort auf diese
+Unverschämtheit – ~bon soir~« – und mit einem stolzen Gruß gegen den
+Priester, mit einem freundlichen Kopfnicken aber gegen den Greis,
+verließ er rasch das Zimmer.
+
+Der ehrwürdige Mr. Rowe hatte sich in einen höchst unehrwürdigen Zorn
+hineingearbeitet, und er war ebenfalls aufgesprungen und ging jetzt in
+dem geräumigen Gemach mit schnellen Schritten, die Hände auf dem Rücken,
+die Augen fest auf den Boden geheftet, auf und ab. Der alte Mr. Osborne
+aber war erstaunt und empört zugleich über ein so rücksichtsloses,
+förmlich unschickliches Betragen, und jetzt nur um so fester
+entschlossen dem Mann, der sich weit mehr Autorität über ihn anzumaßen
+suchte als er beanspruchen durfte, wissen zu lassen wo seine Grenze sei.
+Bruder Rowe mochte aber wohl fühlen daß er ein wenig zu weit gegangen
+sei, oder doch mit zornigen Reden an der Sache selber nichts mehr ändern
+könne, denn er schwieg von jetzt darüber, und erklärte nur seinem
+Collegen, daß er dieses Mal nicht hier predigen, sondern morgen früh, da
+noch dazu eine leichte westliche Brise eingesetzt hatte, zurück nach
+Tahiti aufbrechen wolle. Mr. Osborne dachte gar nicht daran ihn
+zurückzuhalten.
+
+Am nächsten Morgen hatte er auch, ohne viel mit den Anderen zu
+verkehren, seine Vorbereitungen zur Abreise getroffen, während indessen
+Mr. Osborne den dringenden Bitten René’s nachgab, und die Trauung des
+jungen Paares auf den nächsten Tag, als an einem Sonntag, gleich nach
+dem Gottesdienst festsetzte. Sie fanden es natürlich nicht für nöthig
+Bruder Rowe davon in Kenntniß zu setzen, und erwarteten jetzt wirklich
+den Augenblick mit Sehnsucht, wo der kleine Cutter wieder seine Anker
+lichten würde.
+
+So mochte es etwa zehn Uhr Morgens geworden sein, als plötzlich ein
+Knabe, der oben über die Hügel gekommen war, die Nachricht brachte, es
+nähere sich ein großes Schiff, von Süd-Osten her, der Insel. René war an
+diesem Tage viel zu sehr mit seinem Glück beschäftigt gewesen auch nur
+einen Blick auf den Horizont zu werfen, jetzt aber, als er auf diese
+Nachricht hier rasch nach Sadie’ens Lieblingsplätzchen eilte, von wo man
+eine freie Uebersicht über den ganzen südlichen Horizont hatte, genügte
+ein Blick dorthin ihn zu überzeugen daß ein, allem Anschein nach volles
+Schiff ohne Oberbramstengen, also jedenfalls ein Wallfischfänger, dicht
+am Winde liegend, von Süd-Osten gegen die erst seit gestern eingesetzte
+Westbrise aufkreuzend, herankam, und unverkennbar die Insel anlaufen
+wollte. Mehr ließ sich für den Augenblick noch nicht erkennen, aber dies
+war auch hinreichend ihn zu beunruhigen, und mit klopfendem Herzen stand
+er da, die Augen fest und unverwandt auf das näher und näher kommende
+Fahrzeug geheftet. Er hörte gar nicht wie sich ein leiser, leichter
+Schritt ihm näherte, und erst als Sadie ihre Hand auf seine Schulter
+legte und seinen Namen flüsterte, schaute er rasch und fast erschreckt
+empor, legte dann seinen Arm um sie und zog sie fest und innig an sich.
+
+Das arme Kind war aber selber zu Furcht erfüllt im Anfang reden zu
+können; sie sah nur das bleiche Antlitz des Geliebten und glaubte schon
+ihre schlimmsten Besorgnisse eingetroffen.
+
+»Ist es _Dein_ Schiff?« frug sie endlich mit kaum hörbarer Stimme und
+wagte ihm dabei nicht einmal in’s Auge zu schauen.
+
+»Das ist noch nicht möglich zu bestimmen Du liebes Herz,« suchte sie
+aber René, wenigstens für den Augenblick zu beruhigen – »ich kann das
+Holz des Schiffes noch nicht einmal ordentlich erkennen, und es
+schwimmen hier zu viele Wallfischfänger aller Nationen herum, wenn ich
+auch nicht geglaubt hätte daß sie sich noch so spät in der Jahreszeit
+hier aufhalten würden« – setzte er leiser, und fast wie mit sich selber
+redend, hinzu.
+
+Keins sprach von jetzt ab ein Wort mehr, ihre Blicke hingen aber an den
+hellen Segeln des Fahrzeugs, das rasch näher und näher kam, und bald für
+das Auge des jungen Mannes keinen Zweifel mehr ließ, die Insel selber
+sei sein nächstes Ziel. Nur zu bald erhielt er aber sogar völlige
+Gewißheit, denn das Schiff war jetzt schon so nahe gekommen, daß er in
+dem Außenclüver desselben einen ziemlich großen Theerfleck erkennen
+konnte, den er selbst einst mit ungeschickter Hand, als das Segel zum
+Ausbessern an Deck lag, hineingegossen hatte. Es war der _Delaware_ und
+gerade in dem Augenblick, wo er sich seines Glücks gewiß geglaubt, warf
+ihm das tückische Schicksal noch einmal jenes unglückselige Fahrzeug in
+die Bahn und drohte Alles Alles wieder mit _einem_ furchtbaren Schlage
+zu vernichten.
+
+Als er damals von Bord entflohen war und sich von seinen Feinden
+bedrängt sah, trat er der Gefahr, ja dem Tod wenn es sein mußte, mit
+ruhigem unerschüttertem Herzen entgegen; er hatte Nichts zu verlieren
+auf der weiten Gotteswelt als sein Leben, und achtete das kaum eines
+ernsten Gedankens werth. Jetzt aber stand er nicht mehr allein, hier auf
+diesem kleinen Eiland, rings von blauen Wogen umspült, war ihm Alles
+Alles geworden was das Herz des Menschen an diese Erde fesseln kann, und
+an der Schwelle dieses Glücks wieder solcher Art allein freudlos in die
+kalte Nacht gestoßen zu werden, oh das wäre zu grausam – zu entsetzlich
+grausam gewesen.
+
+Sadie frug ihn nicht weiter, sie las in seinen Blicken die Bestätigung
+ihrer schlimmsten Furcht; ihr Herz aber, das sich in mädchenhafter Scheu
+an den Geliebten geschmiegt, schlug ihr wieder in dem alten
+entschlossenen Muth, mit dem sie ihn damals schon seinen Feinden
+entzogen, und plötzlich seine Hand ergreifend, sagte sie rasch und fast
+freudig:
+
+»Sie sollen Dich nicht wieder mit fortnehmen, René, fürchte sie nicht –
+ich kenne alle Schlupfwinkel dieser Wälder und weiß Stellen wo die
+weißen Fremden wochenlang suchen und in Verzweiflung zuletzt es aufgeben
+müßten je hindurchzudringen. Wir Beide flüchten in den Wald, bis das
+Fahrzeug die Insel wieder verlassen hat, und wenn es sein muß trägt uns
+mein Canoe nach einer andern Insel, viele Meilen weit entfernt von hier
+– lieber mit Dir in den Wogen zu Grunde gehn, als allein hier ohne Dich
+leben René.«
+
+Und in wilder Leidenschaft warf sie sich an seine Brust, als ob sie
+schon jetzt gekommen wären, ihn aus ihren Armen zu reißen.
+
+»Sieh wie die See da draußen über den Riffen so hoch geht, Du herziges
+Lieb,« sagte aber leise und traurig der junge Mann – »ein Canoe könnte
+jetzt nicht leben in dieser Dünung, und ich trüge Dich dem gewissen
+Untergang entgegen. Ueberdies könnten wir nicht vor Nacht entfliehen und
+bis dahin wird wohl der auf meinen Fang gesetzte Preis Verräther genug
+gedungen haben mich einzubringen. Nein ich kann meinem Schicksal nicht
+mehr entgehen, und der einzige Trost ist, daß sie mich nicht lebendig
+mit sich führen sollen – oh Sadie, ich glaubte so glücklich zu sein
+und lasse Dich jetzt nun allein und trauernd hier zurück.«
+
+»Nein nein, habe guten Muth,« bat aber das Mädchen – »glaube auch nicht
+daß die Bewohner dieser Insel so falsch und treulos wären. Damals, als
+sie Dich noch nicht kannten, war es eine andere Sache; von fremden
+Seeleuten haben sie bis jetzt fast meist nur Noth und Aerger gehabt, und
+es hätte vielleicht kaum des gebotenen Preises bedurft Dich auf Dein
+Schiff zurückzuliefern. Jetzt gehörst Du jedoch zu uns – die Männer
+wissen daß Dich mein Pflegevater gern hat, und ihn lieben sie wie ihren
+eigenen Vater. Ja es giebt auch wohl Schlechte unter ihnen, die Dich
+vielleicht verriethen wenn sie es heimlich thun können, aber sie würden
+es jetzt nicht um den größten Lohn wagen dürfen, sie wären sonst
+ausgestoßen für immer. Doch komm zurück zum Haus – sieh das Schiff
+umsegelt die Insel und wird wahrscheinlich auf derselben Stelle sein
+Boot wieder an’s Ufer schicken, wo es Dich damals landete – wir wollen
+indeß mit meinem Vater bereden was am Besten für Dich zu thun sei, und
+dann rasch und entschlossen handeln – es ist ja nicht das erste Mal daß
+Sadie Dich führt,« setzte sie mit einem wehmüthigen und gar so innigen
+Lächeln hinzu, »Du bist ihr das erste Mal gefolgt, da Du mich noch gar
+nicht kanntest – wolltest Du jetzt zurückbleiben?«
+
+René preßte die Geliebte fester an sich, und hielt sie in einem langen
+Kuß an seinem Herzen, aber sie wand sich endlich aus seinen Armen und
+seine Hand wieder, wie in früherer Zeit ergreifend, wollte sie eben mit
+ihm hinunter zum Hause gehn, als ihnen von dort der alte Missionair mit
+einem anscheinend ziemlich schweren Korb entgegenkam, und mit ihnen
+zurück zu der kleinen Terrasse ging. René setzte hier den Korb, den er
+ihm abgenommen, auf die Erde nieder und der Greis sagte, nachdem er nur
+einen flüchtigen Blick auf seine Kinder geworfen, ohne weitere
+Umschweife:
+
+»Ich hab’ es mir gedacht, daß es das unglückselige Schiff sei, als ich
+nur hörte daß es dicht bei dem Wind die Insel anlaufe, und den
+prachtvollen Westwind versäume nach Nord-Osten aufzuhalten. Doch wir
+müssen jetzt _handeln_ Kinder, nicht lamentiren und traurig sein. Ich
+war erst Eurer Verbindung entgegen, nun aber, da die Sache doch einmal
+so weit gediehen ist, will ich Euch auch nicht Beide unglücklich wissen,
+so lange ich es noch verhindern kann – aber Zeit dürfen wir auch nicht
+mehr verlieren. Ich habe in dieser Sache einige Erfahrung, und schon
+viel in meinem Leben, gerade hier auf den Inseln mit Wallfischfängern
+verkehrt, denen Matrosen entlaufen waren. Die Capitaine sparen nicht
+mit den Belohnungen die sie auf den Einfang setzen, denn die Leute
+müssen das ja nachher selber von ihrem verdienten Gelde abbezahlen –
+sie bieten oft enorme Summen, hinreichend einen armen Insulaner, so gut
+und brav er auch sonst sein möchte, zu verführen – sie haben aber auch
+keine lange Zeit sich aufzuhalten, besonders wenn es erst einmal so spät
+in der Jahreszeit ist wie jetzt, wo sie nachher noch die Sandwichsinseln
+anlaufen müssen Erfrischungen einzunehmen und sich auf ihren Sommerzug
+in das Eismeer vorbereiten. Dies Schiff kann aber kaum dort noch zu
+guter Zeit eintreffen, wenn es nicht eine sehr schnelle Reise nach
+Oweyhy oder Woahu hat und es läßt sich denken daß der Capitain hier
+nicht wochenlang, eines einzelnen Mannes, und noch dazu eines
+gewöhnlichen Matrosen wegen, herumliegen wird. Vor allen Dingen ist es
+also nöthig Sie aus dem Weg zu bringen, damit Sie nachher Niemand
+verrathen _kann_, wenn ihm auch Gelegenheit dazu geboten würde, das ist
+jedenfalls das Sicherste, und dazu habe ich mir einen passenden Platz
+ausersehn.«
+
+»Ich führe ihn in die Berge, Vater,« sagte Sadie – »oben in den niedern
+Hügeln stehn einzelne Palmenhaine, und in der breiten Krone einer dieser
+Palmen kann er tagelang versteckt liegen. Ich weiß eine von ihnen die
+mein Bruder und ich in’s besonders hergerichtet und ausgeschlagen haben
+– den Platz kennt Niemand als ich selber, denn der Bruder ist ja todt
+und kein Pfad führt dorthin, kein Weg oder Steg und doch will ich die
+Stelle im Dunkeln finden.«
+
+»Der Platz wäre zu einer anderen Jahreszeit, und wenn wir keinen
+besseren hätten, vielleicht recht gut,« lächelte der Greis, »jetzt aber,
+wo es fast jede Nacht in schweren Schauern niederfällt, möchte der
+Wipfel einer Palme, besonders wenn es sich nicht um Stunden sondern um
+Tage handelt, doch ein fataler Aufenthaltsort sein. Nein, Du kennst das
+~Ihiamoea~ Prudentia – jenes letzte Ueberbleibsel aus der alten
+Heidenzeit. Es ist das ein kleines Gebäude, früher dem Gott ~Oro~
+geweiht, das jedenfalls auch mit allen übrigen derartigen Heiligthümern
+jener Zeit vernichtet wäre, bestände nicht auch zugleich in der Familie
+des jetzigen Oberhauptes der Insulaner eine alte Sage, daß der König
+sterben müsse sobald das Gebäude zusammenfiele. Sämmtliche Vorstellungen
+der Missionaire sind bis jetzt erfolglos gewesen sie von der Thorheit
+solchen Glaubens zu überzeugen, ja Einer unserer Brüder hätte beinah
+einst sein eigenes Leben eingebüßt, als er in vielleicht etwas
+übertriebenem Diensteifer selber Hand daran legen wollte. Nur zwei
+Personen sind auf der Insel die es jährlich einmal besuchen, der ~fua~
+oder König, ~Jeremias Aitaua~ (der Rächer), wie ihn Bruder Rowe getauft
+hat, und dessen Sohn; beide nur, um ein frisches Dach aufzulegen oder
+das alte, wenn es noch gut ist, nachzusehen. Das ist wenigstens die
+Entschuldigung, denn ich fürchte fast, daß sie dort doch noch, trotz
+ihrem angenommenen Christenthum, heimlich einige ihrer heidnischen
+Ceremonien feiern; da sie es aber allein thun, können wir Nichts dagegen
+machen, und die kleine von Stein dauerhaft aufgerichtete Hütte wird
+darum, so gut unterhalten, wohl noch mancher Regenzeit trotzen. Dorthin
+magst Du René führen. – Keiner der Eingeborenen getraut sich den Platz
+zu betreten und die Weißen könnten wochenlang ihre Zeit vergeuden, ehe
+sie ihn auffänden. Hier dieser Korb mit Provisionen wird ausreichen, wo
+nicht, findet sich schon wieder einmal Gelegenheit neue Zufuhr
+hinaufzuschaffen, obgleich ich fest überzeugt bin daß sich das Schiff
+keine vierundzwanzig Stunden an der Insel aufhält.«
+
+»So will ich zum Haus gehn und meine Waffen holen,« sagte René.
+
+»Sie sind in diesem Korb,« erwiederte ihm aber der Greis – »es ist auch
+weit besser daß Sie sich gar nicht wieder am Hause blicken lassen, denn
+neugierige Augen folgten Ihnen doch, und wenn ich auch nicht glaube daß
+Einer der hiesigen Leute zum Verräther werden würde, so ist es doch, wie
+gesagt, besser ihnen auch selbst die Möglichkeit zu nehmen verführt zu
+werden. Gehn Sie gleich von hier ab, und Prudentia kennt die Richtung
+gut genug, so weiß kein Mensch wo Sie geblieben sind. Aber Prudentia muß
+auch, so schnell als nur irgend möglich wieder zurückkehren, und ich
+hoffe daß dieser Kelch glücklich an uns vorübergehen wird.«
+
+»Lieber, väterlicher Freund –« sagte der junge Mann gerührt, und
+streckte dem Greis die Hand entgegen. Dieser aber wollte auch die jungen
+Leute nicht sehen lassen wie weh und ängstlich ihm selber, trotz seiner
+angenommenen Zuversicht, zu Muthe war, und sagte mit einem wohl etwas
+erzwungenen Lächeln:
+
+»Keinen Abschied, René – das ~Ihiamoea~ liegt nicht am andern Ende der
+Welt, daß wir –«
+
+»Ich muß Sie _hier_ wohl aufsuchen, Bruder Osborne!« sagte in diesem
+Augenblick, dicht hinter ihnen die Stimme des Bruder Rowe mit zwar
+ruhigem aber doch etwas scharfem Ton – »wenn ich überhaupt Abschied von
+Ihnen nehmen will – Sie scheinen ganz vergessen zu haben daß ich im
+Begriff bin aufzubrechen.«
+
+Die drei Menschen schauten sich um als ob sie auf einem Verbrechen
+ertappt wären, und das kalte, theilnahmlose Gesicht des Priesters war
+ebenfalls nicht geeignet jedes unangenehme Gefühl solcher Ueberraschung
+zu mildern. Der Geistliche schien dies aber gar nicht zu bemerken, oder
+wenn er es bemerkte, zu beachten; gegen Sadie die Hand ausstreckend
+legte er dem Mädchen, das seine Rechte ergriff und küßte, wie segnend
+die Linke auf das Haupt, neigte dann seinen Kopf gegen René, der diese
+kalte Höflichkeit ebenso formell erwiederte, und ging, Mr. Osborne’s Arm
+nehmend, mit diesem nach der Landung hinunter.
+
+»Und nun komm,« flüsterte Sadie, als das dichte Guiavengebüsch die
+Männer ihren Blicken entzogen – »nun komm René und gebe Gott daß ich
+Dir recht recht bald die frohe Botschaft Deiner Erlösung bringen kann.«
+
+Wenige Secunden später schloß sich der Wald hinter ihnen, und der kleine
+freundliche Platz lag still und einsam im Schatten seiner rauschenden
+Palmen.
+
+Der Missionscutter war indeß zur Abfahrt gerüstet, Bruder Rowe traf noch
+einige Anordnungen zu dem nächst zu haltenden Osterfest zwischen den
+Insulanern und verließ dann, mit einem frommen »Der Herr segne und
+behüte Euch« – die Insel.
+
+Mr. Osborne hatte kein Wort gegen ihn erwähnt, daß das Schiff was die
+Insel passirt war, dasselbe Fahrzeug sei, von dem René entsprungen war
+– er hielt es für besser die Sache mit keiner Sylbe weiter zu berühren.
+Auch Bruder Rowe kam nicht wieder auf die Verheirathung der beiden
+jungen Leute zurück; er mochte auch wohl einsehen, daß jede weitere
+Vorstellung oder Einsprache unnütz sein würde.
+
+Der Cutter war zuerst nach Mitiaro bestimmt, der ehrwürdige Mann hatte
+aber vorher die Indianer die ihn führten noch beordert in dem
+Binnenwasser der Insel am Ufer hinaufzuhalten, da er zuerst noch einmal
+den König an der andern Seite zu besuchen, und Rücksprache mit ihm über
+eine Betversammlung zu nehmen habe.
+
+
+
+
+Capitel 7.
+
+#Der Verrath, und wie sich beide Theile dabei irrten.#
+
+
+Am nördlichen Ufer der Insel war indessen Alles in Aufregung, denn das
+Wiedererscheinen des Schiffes, an das keiner der Insulaner fast mehr
+gedacht hatte, bot Ursache genug das sonstige Stillleben zu
+unterbrechen, hätten Manche von ihnen auch gerade _nicht_ Grund gehabt
+zu wünschen, daß es seinen Weg nicht wieder hierher gefunden habe.
+
+Der König dachte natürlich mit einiger Beunruhigung an die Geschenke,
+die er unter der Bedingung überliefert bekommen hatte, den Flüchtling
+einzufangen und wo waren diese Sachen jetzt alle geblieben? – wo war
+der Flüchtling? – Wer aber konnte auch wissen daß das Schiff nach so
+langer Zeit zurückkehren würde, und eine Ausrede war bald gefunden. Als
+der erste Harpunier wieder wie früher an Land kam und nach dem Mann
+frug, erwiederte ihm der rasch herbeigeholte Raiteo – denn der König
+schämte sich vielleicht vor seinem eigenen Volk, dem weißen Mann etwas
+vorzulügen – mit keineswegs christlicher Unverschämtheit, sie hätten
+den Flüchtling damals eingefangen und drei volle Wochen auch eingesperrt
+gehalten und gefüttert, wie aber das Schiff gar nichts mehr habe von
+sich hören oder sehen lassen, da seien sie endlich genöthigt gewesen ihn
+wieder frei zu lassen. Seit der Zeit sei er aber ebenfalls verschwunden
+und sie glaubten er wäre mit einem kleinen Schooner, der neulich einmal
+die Insel anlief, nach Tahiti oder einer der dortigen Inseln gezogen.
+
+Das Ganze schien wahrscheinlich genug, dennoch war der alte Seemann zu
+bekannt mit diesem Volk um ihnen sogleich, auf die erste Bestätigung
+hin, die erste beste Geschichte auch zu glauben. Sie hatten einmal den
+Fanglohn weg, den der ~fa-u~ jetzt, wie Raiteo mit vieler
+Geistesgegenwart weiter log, für die so lange Unterhaltung des
+Gefangenen beanspruchte, und er sah wohl ein, daß er auf’s Neue einen
+Preis aussetzen mußte. Auch hierin schien er wieder Schwierigkeiten zu
+finden, aber aus den langen Unterhandlungen die nach den neuen
+Versprechungen gehalten wurden, merkte der alte Harpunier deutlich
+genug daß der Matrose noch jedenfalls auf der Insel sein mußte, und der
+Sache ein Ende zu machen, denn die Sonne neigte sich schon ihrem
+Untergang, bot er dem König funfzig spanische Thaler – ein wahrer
+Reichthum für seine Verhältnisse – wie noch andere Güter die er mit im
+Boot führte, wenn er den Entsprungenen noch diesen Abend, oder
+wenigstens diese Nacht in seine Hände liefere.
+
+Raiteo ließ sich die Summe zweimal wiederholen und sogar, ganz sicher zu
+sein, an den Fingern vorzählen, denn er traute seinen eigenen Ohren kaum
+eine so ungeheuere Quantität baaren Geldes – ohne alle die übrigen
+Herrlichkeiten – in den Bereich ihres Arms zu bringen. Trotzdem
+schüttelte aber der ~fa-u~ mit dem Kopf – er wollte mit der Sache, der
+sich sein alter Freund der Missionair angenommen hatte, nichts mehr zu
+thun haben, und sagte Raiteo er möge die Fremden bedeuten den Mann
+selber zu suchen, wenn sie glaubten daß er noch hier auf der Insel sei.
+
+Der Harpunier nahm jetzt den Burschen, dem er wohl ansah zu was er mit
+Geld gebracht werden konnte, in Englisch vor, und bot ihm die Summe
+allein, wenn er ihm den Flüchtling diese Nacht ausliefern wolle.
+Hiergegen erklärte ihm aber Raiteo ganz offen der Mann sei allerdings
+noch da, so geschwind ließe sich das aber unter keiner Bedingung
+anstellen. Er habe die Zeit über, am andern Ende der Insel, auf der
+Mission gewohnt, das Schiff als es von dort heraufkam aber auch
+jedenfalls sehen können, und sei jetzt wieder irgendwo im Wald
+versteckt, wo er allein morgen wenigstens den ganzen Tag brauchen würde
+ihn nur aufzuspüren, und selbst dann sei es eine schwierige Sache, da
+der König nichts damit zu thun haben wolle, und er selber nachher,
+vielleicht seines Lebens auf der Insel nicht wieder froh würde. Er
+verdiene gewiß gern den hohen Preis, wenn sich aber weißer Mann Capitain
+nicht dazu entschließen wollte zwei drei Tage auf der Insel zu bleiben
+und auch womöglich noch mehr Leute herüberzubringen, so sehe er keine
+Möglichkeit seinen Zweck zu erreichen.
+
+Das ging nicht an, das Schiff hatte sich überdies schon, durch einige
+Spermfische gerade damals aufgehalten als sie wieder nach Norden auf
+kreuzen wollten, in der Jahreszeit verspätet, und der Capitain erst
+nicht einmal, trotzdem daß sie die Insel passirten, wieder anlaufen
+wollen, aber jedenfalls nur bis nächsten Morgen mit Tagesanbruch den
+äußersten Termin gesetzt – war es bis dahin nicht möglich den Mann
+wieder zu bekommen, so mußten sie es aufgeben, und der alte Seebär
+wollte sich eben, mit einem zwischen den Zähnen durchgebrummten
+Kraftfluch hineingeben und an Bord zurückkehren, als der kleine
+Missionscutter in Sicht kam und das hinten angehängte Boot gleich darauf
+den ehrwürdigen Mr. Rowe an Land brachte.
+
+Der Missionair hatte noch einiges mit dem ~fa-u~ zu bereden und der
+Harpunier zögerte einen Augenblick am Ufer – er konnte die Schwarzröcke
+nicht gut vertragen, aber eine Frage that auch keinen Schaden, und der
+Mann kam gerade von dort her, wo sich der Flüchtling aufgehalten.
+
+Bruder Rowe fühlte vielleicht eine gleiche Sympathie für diese Art
+Leute, er war aber nichts destoweniger freundlich gegen den Seemann, und
+beantwortete seine Fragen auf das leutseligste aber ausweichend. –
+Raiteo der mit offenem Munde dabeistand, kam es vor, als ob er mit der
+Sache nichts zu thun haben wolle, denn darum wissen mußte er.
+
+»Sehn Sie, Mr. – wie mag Ihr Name sein?« –
+
+»Rowe.« –
+
+»Ah – Mr. Rowe,« sagte der alte in seinem Geschäfte schon ergraute
+Seemann – indem er fast unwillkürlich neben dem langsam längs dem
+Strande hergehenden Priester herschritt, wodurch sie sich von Raiteo,
+der ihnen ja nicht folgen durfte, entfernten. »Es ist nicht wegen dem
+einen Burschen daß wir uns solche Mühe geben ihn wieder zu bekommen –
+was das belangt, so könnten wir eher noch zwei dazu entbehren, ehe wir
+gerade jetzt einen einzigen Tag hier versäumten, aber es ist wegen dem
+bösem Beispiel – sehn die Canaillen daß sie fortkommen _können_, dann
+läuft uns auf den Sandwichsinseln nachher am Ende der ganze Schwarm
+davon. Kriegen wir aber so einen Burschen wieder, und auch schon während
+wir uns Mühe danach geben, so sehen doch die Andern daß es ihnen nicht
+so ganz leicht gemacht wird und hingeht, und besinnen sich zweimal, eh’
+sie die Beine in die Hand nehmen. Auf den Preis kommts uns dabei nicht
+an, denn kriegen wir sie nicht, so bezahlen wir ja auch Nichts, als
+vielleicht ein Bischen Lumperei an Spielkram, und kriegen wir sie, nun
+dann müssen sie’s selber von ihrem Theil abtragen.«
+
+»Haben Sie einen hier von den Insulanern, dem Sie glauben vertrauen zu
+können?« frug ihn der Missionair jetzt, und drehte sich, wie im
+Gespräch, halb nach ihm um, zu sehn ob ihnen Niemand folge. – »Könnten
+Sie einen der Leute hier bewegen Sie zu führen?«
+
+»Führen? – gewiß,« brummte der Harpunier – »wenn ich nur wüßte wohin.«
+
+»Ich kann mich, meiner Stellung wegen, nicht mit solchen Sachen
+befassen,« erwiederte ihm indirekt hierauf der Geistliche – »Sie werden
+aber auch wohl als vernünftiger Mann einsehn, daß es mir nicht
+gleichgültig sein kann dabei, meist gewissenlose Menschen zwischen die,
+kaum einem etwas civilisirten und religiösen Leben gewonnenen Insulaner
+geworfen zu sehen.«
+
+»Nein gewiß nicht – kann ich mir denken – ist ganz natürlich« –
+brummte der Harpunier dabei zwischen den Zähnen durch, und warf nur
+manchmal einen Seitenblick auf den Geistlichen, als ob er hätte sagen
+wollen: »nun was steckt dahinter? – wo will der hinaus?«
+
+»Mir liegt also,« fuhr Bruder Rowe hier wieder fort – »gewissermaßen
+ebensoviel daran den entsprungenen Matrosen wieder von hier zu entfernen
+als Ihnen daran gelegen ist ihn wieder zu bekommen.«
+
+»Ja sagen Sie mir nur wie!« platzte der Alte, dem die Vorrede zu lange
+dauerte, heraus.
+
+»Unter der Bedingung daß Sie meinen Namen nicht dabei nennen, und auf
+eine Entschuldigung oder vielmehr Ausrede, dem Eingeborenen gegenüber,
+den Sie zu Ihrem Führer nehmen, denken wollen, kann ich Ihnen den Platz
+so genau angeben wo er versteckt ist, daß Sie nicht die mindeste
+Schwierigkeit haben werden ihn zu finden – ja noch mehr, der Ort liegt
+so vortrefflich ihn zu umstellen, daß Sie, wenn Sie Ihre Maßregeln gut
+treffen, ihn sicher in Ihre Gewalt bekommen _müssen_.«
+
+»Aber was soll ich dem alten Fuchs dem Raiteo weiß machen,« sagte der
+Harpunier sinnend, »er hat gesehn wie wir jetzt hier miteinander
+sprechen und ich kann es ja nicht gut von irgend einem Andern gehört
+haben.«
+
+Der Missionair blieb einen Augenblick stehn – dann sagte er bedächtig:
+
+»Machen Sie sich nachher mit einem meiner Bootleute etwas zu schaffen
+und sprechen Sie mit ihm über irgend einen Gegenstand. – Sie können
+Raiteo dann sagen daß Sie es von dem erfahren haben; ich bin ziemlich
+fest überzeugt daß ihn Raiteo nicht wieder danach fragen wird.«
+
+»Und wo ist der Platz?« frug der Harpunier.
+
+»Erkundigen Sie sich bei Raiteo,« sagte der Geistliche leise – »ob er
+ein Haus Namens ~Ihiamoea~ auf der Insel kennt. – ~I-hi-a-mo-e-a~ –
+können Sie den Namen behalten?«
+
+»Er ist verdammt lang,« brummte der Harpunier – »~I-hi-ma-nu~«.
+
+»~I-hi-a-mo-e-a~,« wiederholte der Missionair.
+
+Der Harpunier repetirte das Wort ein paar Mal leise vor sich hin und
+sagte dann:
+
+»Ich denke so wird’s gehn, und da steckt er also – aber kennt Raiteo
+den Ort?«
+
+»Genau genug,« lautete die Antwort. »Sie werden ihm aber einen guten
+Lohn versprechen müssen, denn die Insulaner haben eine gewisse Scheu vor
+jener Gegend.«
+
+»Er soll die ganzen funfzig Dollars haben wenn er uns heute Abend noch
+hinführt!« rief der Seemann rasch – »und Gott straf mich – noch Alles
+in Sachen dazu, was im Boot liegt – wenn wir den Kerl nur kriegen. Ich
+habe noch außerdem mein besonderes Gift auf ihn.«
+
+»Gut, dann verlieren Sie keine Zeit mehr,« sagte der Missionair, wieder
+nach den Gebäuden, wo noch die übrigen standen, zurückkehrend. »Können
+Sie sich aber auch auf Ihre andern Leute verlassen, daß Sie am Ende
+nicht, anstatt Einen zu fangen, das Uebel noch verschlimmern und mehre
+dabei einbüßen?«
+
+»Wir sind diesmal gescheuter gewesen, als das erste Mal,« erwiederte der
+Harpunier – »und haben gar keine Matrosen, sondern nur Officiere im
+Boot zum Rudern mitgenommen – die Leute sind sämmtlich Harpunier oder
+Bootsteurer, die laufen schon seltener weg, weil sie weit höhern Antheil
+bekommen und auch überhaupt eine Carriere zu machen haben – es sind nur
+die verwünschten Matrosen die durchbrennen, weil sie sichs gewöhnlich
+ein Bischen zu hübsch auf einem Wallfischfänger gedacht haben.«
+
+Sie waren indessen wieder zu des Königs Hause gekommen, welches der
+Missionair jetzt betrat das Wetter abzuwarten, das gerade im Osten
+heraufzog und schon mit drohenden Wolken über dem Horizont hing. Der
+Harpunier wechselte indessen mit seinen Leuten einige Worte, und ging
+dann nach den beiden mit dem Cutter gekommenen Insulanern zu, die unfern
+ihres eigenen Bootes auf den Corallen saßen und sich eine kleine Cigarre
+aus ihrem inländischen Tabak und Bananenblättern drehten. Er blieb
+einige Zeit bei diesen stehn, und ging dann, als er Raiteo gerade über
+sich am Rande des Gehölzes bemerkte, rasch auf diesen zu.
+
+»Raiteo,« sagte er hier dem aufmerksam Zuhorchenden – »willst Du in
+dieser Nacht Dein Glück machen und ein reicher Mann werden? Du kannst
+funfzig Dollar und den ganzen Plunder verdienen der da im Boot liegt.«
+
+»In dieser Nacht?« erwiederte Raiteo kopfschüttelnd – »habe weißen Mann
+Capitain schon gesagt daß es so schnell nicht geht – und ist immer ein
+bös Stück Arbeit – kann nicht.«
+
+»Aber Du kannst« – sagte der Harpunier – »kennst Du ein kleines Haus
+hier irgend wo auf der Insel, das sie ~I-hi~ warte einmal – verdammt
+– ~I-hi-mano~ –«
+
+»~Ihiamoea~?« sagte Raiteo rasch und leise und sah den Fremden erstaunt
+an – »und ist der weiße Mann im ~Ihiamoea~?«
+
+»Verdamme mich, wenn Du den Namen nicht wie am Schnürchen hast,« lachte
+der Wallfischfänger – »~Ihiamoea~ kannst Du uns dorthin noch heute
+Abend führen?«
+
+»Und wer hat Euch den Platz angegeben?« frug der Insulaner, und seine
+Augen suchten fast unwillkürlich die Stelle wo der Missionair noch vor
+dem Hause des ~fa-u~ stand.
+
+»Einer der Burschen dort im Boot,« erwiederte ihm der Seemann – »sie
+wollens aber nicht gern wissen lassen, daß die Nachricht von ihnen kommt
+– ich hab’ ihnen fünf Dollar dafür gegeben.«
+
+»Hm« – brummte Raiteo und schaute nach den Bootsleuten hin, die ruhig
+und abwechselnd ihre kleine dütenförmige Cigarre rauchten, und wieder
+nach dem Missionair hinüber; dann aber, den Kopf zurückwerfend als ob er
+hätte sagen wollen »was gehts mich an« gab er dem Harpunier ein Zeichen
+ihm etwas weiter in den Wald hinein zu folgen, und hatte nun mit diesem
+in wenigen Minuten das Nöthige besprochen. Das ~Ihiamoea~ war ein
+kleines niederes Gebäude mit einem Gemach und zwei Ausgängen, das oben
+auf einem der Hügel, im wildesten Dickicht und dichtesten Walde lag;
+aber auf einem etwa funfzig Schritt breiten, vollkommen freien Raum
+stand, und also mit größter Leichtigkeit umzingelt und besetzt werden
+konnte. In etwa anderthalb Stunden konnten sie es von hier aus erreichen
+und das aufsteigende Wetter begünstigte jedenfalls ein solches
+Unternehmen. Raiteo aber, so gierig er war das Geld zu verdienen,
+scheute sich eben so sehr seinen Namen dabei genannt zu wissen, als der
+Missionair. Er zeigte ihm deshalb jetzt den Pfad, auf dem sie sich
+gerade befanden, und der durch eine dichte Pandanus-Niederung hinführte
+– diesen sollte der Harpunier mit seinen Leuten, sobald es dunkelte,
+etwa 300 Schritt weit folgen, und dann pfeifen, und Raiteo würde ihn von
+da bis zu dem Haus führen und ihm angeben wie er es umstellen könne –
+in das Haus aber bedung er sich gleich von vorn herein aus, ging er
+nicht hinein; »die alten hier unten vertriebenen Götter saßen noch dort
+oben darin, und wenn sie auch einem weißen Mann wohl nichts anhaben
+konnten, so liefe doch ein Eingeborener die tödtlichste Gefahr an Leib
+und Seele.«
+
+Ueber die Ausbezahlung wurden sie ebenfalls einig, Raiteo bekam fünf
+Dollar im voraus, was ihn soviel gieriger auf das übrige machte, und der
+Rest sollte ihm ausbezahlt werden, wenn sie den Entsprungenen gebunden
+in ihrer Gewalt hätten.
+
+Der Abend setzte ein, wie es das Wetter klar genug angedeutet; einzelne
+Windstöße und Regen was vom Himmel herunter wollte. Der Wallfischfänger
+war indeß näher herangekommen, wo er durch das hohe Land gegen die Böen
+ziemlich geschützt lag und sich nicht in der mindesten Gefahr befand auf
+die Klippen getrieben zu werden, von denen ihn Wind und Strömung
+zugleich absetzten; in kurzen Gängen war es nur eben Alles was er thun
+konnte, daß er sich auf seiner Stelle hielt.
+
+Der Missionair hatte die Insel ebenfalls nicht verlassen, obgleich er
+lieber der durch ihn gewissermaßen herbeigeführten Katastrophe aus dem
+Wege gegangen wäre; auf See aber etwas ängstlich fürchtete er das Wetter
+möchte noch schlimmer werden und wollte sich da nicht in seiner
+Nußschaale von einem Fahrzeug den Wogen anvertrauen.
+
+Das Zeichen für den Harpunier an Bord zu kommen, wenn etwa in der Nacht
+möglicher Weise etwas vorfiele, sollten zwei Kanonenschüsse sein.
+
+ * * * * *
+
+René war indessen durch seine liebe Führerin glücklich an den Ort seiner
+Bestimmung gebracht und schon der Weg dahin überzeugte ihn, daß
+Europäer den Platz nimmer in wenigen Tagen auffinden könnten, hätten sie
+selbst gewußt daß ein solcher Schlupfwinkel hier existire, und von den
+Insulanern konnte ja auch keiner glauben daß ihm diese Stelle bekannt
+sei. Ebenso hatte er das aufsteigende Wetter bemerkt, und nicht ohne
+Grund durfte er hoffen daß es den Wallfischfänger zwingen konnte, die
+Insel vielleicht sogar eher zu verlassen, als er im Anfang beabsichtigt.
+Daß aber auch Sadie nicht von dem Wetter überrascht werde, trieb er
+diese selber mit zärtlicher Besorgniß zum schleunigen Heimweg an, und
+das schöne Mädchen flog mehr als sie ging den Pfad zurück, denn sie
+wußte ja daß sie, je eher sie wieder am Hause sei, desto sicherer auch
+den geringsten Verdacht niederschlagen müsse, der Fremde habe einen so
+weitentlegenen Platz als das ~Ihiamoea~ zu seinem Zufluchtsort gewählt.
+– An den Missionair dachte Niemand.
+
+Der Platz selber war für so kurzen Aufenthalt wohnlich genug; gegen Wind
+und Regen vollständig durch ein gutes Dach und fast fußdicke vielleicht
+sechs Fuß hohe Steinmauern geschützt, lag selbst eine breite aus dem
+dortigen Schilfgras geflochtene Matte in der Mitte der Hütte – ein
+Beweis mehr daß der alte Missionair recht hatte wenn er glaubte, der
+christlichste König dieser Insel hänge noch etwas an dem alten
+Heidenthum. Doch wie dem auch sei, es kam René hier vortrefflich zu
+statten.
+
+Vor allen Dingen sah er jedoch nach seinen Waffen, steckte sein Messer
+in den Gürtel, den er immer trug und untersuchte die Terzerole – aber
+der alte Mann hatte in der Eile das Pulverhorn vergessen, und wenn auch
+das Pulver noch ziemlich trocken aussah, war ihm doch nicht viel zu
+trauen.
+
+»Nun ich werde sie hoffentlich nicht brauchen,« murmelte er leise für
+sich hin – »besser wär’s aber doch ich wüßte sie sicher – es giebt
+Einem immer mehr Zutrauen eine gute Waffe in der Hand zu haben.« Bei den
+Waffen lagen aber auch eine Masse Lebensmittel und mit doch weiter
+keiner anderen Beschäftigung machte er sich über den Korb her, die
+Leckerbissen vorzunehmen, die ihm der gute alte Mann, mit einem paar
+Flaschen Wein und Cocosnußmilch zusammengemischt, eingepackt hatte.
+
+So vergingen ihm die Stunden rasch – ein paar Mal trat er in die
+vordere Thür der Hütte, vielleicht einen Blick in’s Freie zu gewinnen,
+aber der Wald umgab das kleine Heiligthum einer früheren Zeit hier zu
+hoch und dicht, auch nur einen Blick über dessen äußerste Grenzen zu
+gestatten, und er warf sich zuletzt, ermüdet vom Umhergehn in so engem
+Raume, auf die Matte, und schaute träumend auf die kahlen Steinwände,
+die in früherer Zeit wohl Zeuge mancher wildromantischen Scene,
+vielleicht manchen furchtbaren Opfers gewesen waren.
+
+»Und wo seid Ihr jetzt – Ihr stolzen Herrscher dieser Haine – Oro, Du
+kriegerischer Gott, Hiro, Du schlauer Beschützer der Diebe, Teroro, Du
+Sturmerwecker, Tane, Du Herrlicher und Ihr Alle, Alle, die Ihr früher in
+dem Rauschen der Palmen, in dem Donnern der ewigen Brandung zu Euern
+Kindern spracht? – Sie haben sich losgesagt von Euch, umgeworfen Euere
+Altäre, in den Wind verweht selbst Eure Namen, und das Kreuz, von
+einzelnen Fremden aufgepflanzt, hat wie mit einem Schlage Euer
+Jahrhunderte bestandenes Reich vernichtet. Aber solltet Ihr auch diese
+Haine, die einst Eure Macht sahen, so schnell und leicht haben verlassen
+können? wandelt Ihr vielleicht nicht selbst jetzt noch in den dunklen
+Schatten der Fruchtbäume, um die Stellen wo früher Euere Altäre
+gestanden, und schauet mit finsterem Groll auf die Tempel eines neuen
+Gottes, vor dem Euere abtrünnigen Kinder _jetzt_ ihre Kniee beugen?
+Umschwebst nicht Du selbst, furchtbarer Oro diese Dir einst, ja
+vielleicht selbst jetzt noch geweihte Stätte, und blickst zürnend auf
+den Fremden nieder, der sich, ein ungeladener Gast über Deine Schwelle
+gedrängt hat? – Zürne mir nicht, hätte nur ich, von all den weißen
+Fremden diese Ufer betreten, Du herrschtest _noch_ hier, in all Deiner
+Herrlichkeit, ich hätte Deinem Volke seine Götter und seinen Frieden
+gelassen, und wer weiß ob sie nicht glücklicher – besser geblieben
+wären.«
+
+Lange noch lag er sinnend und träumend auf der Matte, bis die
+einbrechende Nacht ihre Schatten niedersandte, und mit diesen der Regen
+laut und schallend auf das schilfige Dach der Hütte niederschlug. War er
+hier aber auch vor diesem geschützt, so fand er doch eine andere Plage
+– eine wahre Unzahl von Mosquitos stellten sich schon mit der Dämmerung
+ein, und umschwärmten ihn jetzt als sicher unverhoffte und gute Beute zu
+Tausenden.
+
+Im Anfang suchte er sich ihrer zu erwehren, zuletzt aber gab er das auf
+und streckte sich, nur sein Taschentuch über das Gesicht breitend, auf
+die Matte aus, der Nacht so viel Schlaf als möglich abzustehlen. Er
+fühlte sich vollkommen sicher daß der Wallfischfänger, wenn er überhaupt
+noch an der Insel sei, _diese_ Nacht gewiß Nichts unternehmen werde ihn
+wieder zu bekommen, und ärgerte sich fast, die bisherige Wohnung und
+Sadie’ens Nähe verlassen zu haben.
+
+Eine Stunde hatte er etwa so gelegen, aber er war nicht im Stande
+einzuschlafen, die Mosquitos trieben es zu arg, und schienen
+fortwährend in neuen unersättlichen Schaaren heranzuströmen.
+
+»Das ist ein schöner Polterabend,« brummte er leise vor sich hin – »und
+mein armes Mädchen sitzt indeß allein daheim und ängstigt sich um den
+fernen Freund – ha! –«
+
+Er fuhr in die Höh’ und horchte, schüttelte aber dann lächelnd mit dem
+Kopf und murmelte:
+
+»Das war wie in alter Zeit, als ich noch mit Adolphe in Canadas Wäldern
+jagte – das klang genau wie sein Jagdruf – der schrille Ton einer
+kleinen, an der französichen Küste heimischen Möve.«
+
+»Aber Wetter noch einmal!« rief er plötzlich in einiger Unruhe
+aufspringend – »und wenn das nun doch am Ende Adolphe selber – aber es
+ist ja nicht möglich – wie hätte er diesen Ort auffinden können.«
+
+Nichtsdestoweniger tappte er nach seinen Waffen herum, die neben ihm auf
+der Matte lagen, und steckte sie zu sich. Der Regen hatte jetzt für
+kurze Zeit nachgelassen, und nur die schweren Tropfen fielen draußen
+noch von den Zweigen nieder. Schlafen konnte er doch nicht, also stand
+er auf und ging an die Thür die, halbangelehnt, ihm einen Blick auf den
+kleinen freien, jetzt von dem auf wenige Momente vorbrechenden Mond
+erhellten Platz gewährte; ha dort drüben bewegte sich beim ewigen Gott
+eine Gestalt – Wild konnte es nicht sein, das gab es ja nicht auf
+diesen Inseln. Eine dunkle Wolke legte sich wieder über den Mond und
+hüllte Alles in tiefe Nacht, als aber René, das gespannte Terzerol
+krampfhaft fest in der Faust mit spähendem Blick und lauschend
+vorgebeugtem Oberkörper da stand, erkannte er deutlich zwei dunkle
+Gestalten die über den Plan, grade auf ihn zu glitten. –
+
+»Verrath!« murmelte er leise zwischen den Zähnen durch, und mit
+Blitzesschnelle in das Haus zurückspringend, gewann er die andere Thüre.
+Aber in demselben Moment fühlte er sich von drei eisernen Armen zu
+gleicher Zeit gepackt und es war ein Glück für wenigstens einen der
+Fänger, daß das Terzerol versagte, denn gerade gegen das Ohr des
+Harpuniers gepreßt hatte es René abgedrückt.
+
+»Teufel!« schrie er, als er es von sich werfend sein Messer zu ziehen
+suchte – umsonst, die Uebermacht war zu groß, und wenige Minuten später
+lag er, an Händen und Füßen gebunden, in der Gewalt seiner Feinde am
+Boden.
+
+»~Damn it~ mein Bürschchen,« lachte der alte Harpunier in aller Freude
+über den gelungenen Fang, »ich hatte heute Abend, als ich auf den Regen
+fluchte, nicht geglaubt daß er mir mit Deinem Pulver zu gleicher Zeit
+einen so guten Dienst erweisen würde – das war jedenfalls gut gemeint,
+ich rechne Dir’s aber nicht an – hätte dasselbe an Deiner Stelle
+gethan; nun sei aber auch vernünftig und wehr Dich nicht nutzlos mehr –
+wir sind hier unserer sieben gegen einen, und Du wirst begreifen daß da
+doch jeder Widerstand nutzlos ist.«
+
+»Mordet mich!« schrie aber René mit aller Kraft der Verzweiflung gegen
+seine Banden und die Arme die ihn niederhielten, ankämpfend – »mordet
+mich, wie Ihr mein Glück zerstört habt, aber beim ewigen Gott, Ihr sollt
+mich nicht lebendig von dieser Insel nehmen.«
+
+»Das käme auf einen Versuch an,« sagte der Harpunier kaltblütig –
+»willst Du denn gar keine ~raison~ annehmen, so haben wir uns schon so
+viel Mühe um Dich gegeben, daß wir Dich nun auch wohl das kleine
+Stückchen Wegs noch tragen können. Nehmt ihn auf Leute – nehmt ihn auf
+– oh wenn er gar so sehr strampelt – hier ist noch Leine genug zwanzig
+solche Bürschchen förmlich damit einzuwickeln – so das thuts – noch
+eins um die Füße, und nun nehmt ihn auf und fort damit – da kommt schon
+wieder ein neuer Regenschauer; daß die Pest ein solches Land hole.«
+
+»Ja wohinaus gehts aber jetzt?« sagte Einer der Leute, nachdem sie den
+sich wüthend Sträubenden aufgehoben hatten – »ich weiß den Weg nicht
+mehr.«
+
+Der alte Harpunier sah sich einen Augenblick selber verdutzt in der
+Dunkelheit um. –
+
+»~Damn it~,« brummte der Alte, »jetzt bin ich auch confus geworden –
+welchen Cours sind wir denn eigentlich heraufgesteuert. Wo ist denn die
+verdammte Bestie von Insulaner – he Raiteo, Canaille verwünschte – wo
+steckt der Satan?«
+
+»Verrathen und verkauft,« knirrschte René zwischen den zusammengebissenen
+Zähnen hindurch, als er von der verzweifelten Anstrengung zum Tod
+erschöpft zurücksank und sich jetzt willenlos forttragen ließ. – Nicht
+weit von ihm ab antwortete aber ein leiser Pfiff. Es war der Insulaner,
+der dort auf die Seeleute, außer dem Bereich des ~Ihiamoea~, wartete,
+und schweigend führte er den Zug den steilen schlüpfrigen Pfad wieder
+zurück nach dem Landungsplatz.
+
+Der Regen goß jetzt förmlich in Strömen nieder, wenn auch der Wind für
+den Augenblick etwas nachgelassen hatte, als sie aber oben die
+Pandanus-Niederung erreichten, und nun auf ebener Bahn, auf dem scharfen
+Corallensand, dicht am Ufer einer der kleinen zahlreichen Lagunen oder
+Binnenseeen hinschritten, dröhnten laut und mahnend die beiden
+Kanonenschüsse von Bord des Delaware zu ihnen herüber. – Fast
+unwillkürlich hielten die Leute einen Moment, der Harpunier aber rief:
+
+»Vorwärts, meine Jungen, vorwärts, wir kommen gerade zur rechten Zeit –
+Wetter noch einmal, das war abgepaßt, eine Stunde später und wir hätten
+die ganze Geschichte aufgeben müssen.«
+
+»Was mögen sie an Bord haben?« frug Einer der anderen Harpunier.
+
+»Wahrscheinlich wird dem Alten der Wind zu bunt,« lachte der Harpunier,
+»und jetzt ists gerade eine hübsche ruhige Zwischenzeit an Bord zu
+fahren – rasch Ihr Leute, da vorn seh’ ich schon die Hüttenfeuer.«
+
+Ein neuer Hoffnungsstrahl blitzte vor René’s Seele auf – wenn ihn auch
+Einer der Insulaner verrathen hatte, waren ihm doch fast alle Anderen
+gewogen und wer weiß ob sie ihn, wenn er sie anriefe, so vor ihren
+eigenen Augen wegschleppen ließen. Soviel hatte er, während seines
+Aufenthalts auf der Insel auch schon von der Tahitischen Sprache
+gelernt, und als er die ersten Stimmen an den nicht mehr fernen Häusern
+hörte, damit die Leute Zeit bekämen sich zu sammeln ehe die Weißen das
+Boot gewinnen konnten, schrie er plötzlich mit lauter donnernder Stimme
+um Hülfe.
+
+»Knebel her!« sagte der Harpunier ruhig aber rasch – »wer hat ihn – Du
+John?«
+
+»Ja hier« – antwortete der Mann dem Harpunier den Knebel reichend.
+
+»Der Kerl schreit uns am Ende doch noch die Insulaner auf den Hals –
+wer weiß wen er hier Alles zu Freunden gewonnen hat, und besser ist
+besser.«
+
+An allen Gliedern gebunden und mit dem Knebel im Mund vermochte der
+Gefangene sich nicht weiter zu rühren, und gleich darauf erreichten sie
+den Strand.
+
+Raiteo forderte aber jetzt, ehe sie zu seinen Leuten hinunterkamen, den
+bedungenen Lohn, denn er wollte sich nicht mit den Weißen zusammen
+blicken lassen. Ehe sie abstießen gedachte er dann mit einem Bruder von
+sich, zum Boot zu kommen und die Sachen in Empfang zu nehmen, die dort
+noch für ihn bestimmt waren.
+
+»Lauft rasch mit dem Burschen da voran, und legt ihn in’s Boot, bis ich
+den Schuft hier abgefertigt habe,« sagte da der Harpunier zu seinen
+Leuten – »Wort müssen wir ihm doch halten; und seht zu daß Ihr das Boot
+flott bekommt bis ich unten bin.« Und während die Leute mit ihrer Last
+rasch dem Strande zueilten, blieb er neben dem Insulaner stehen und
+zahlte ihm das Blutgeld. Als er sich von ihm abwandte seinen Leuten zu
+folgen, glitt Raiteo in die Büsche.
+
+»Höll’ und Teufel,« fluchte jedoch der alte Harpunier als er zum Strand
+kam und sah wie die Mannschaft mit dem Boot beschäftigt war, das hoch
+und trocken auf der Corallenbank und wohl funfzig Schritt vom Wasser ab
+saß – »ob ich es den verdammten Schuften von Insulanern nicht gesagt
+habe das Boot flott zu halten – und ich glaube beim Teufel, sie haben
+es noch mehr aufs Trockene gezogen; daß der Böse ihre Seelen verdamme.
+Hinein damit Jungens – greift unter und tragt es in’s Wasser – werft
+den Plunder hinaus der vorn darin liegt – der Eigenthümer mag ihn sich
+holen – wo ist René?«
+
+»Hier am Hause liegt er,« sagte Einer – »Bill und Adolphe stehen Wache
+bei ihm.«
+
+»Ach was Wache, der läuft jetzt nicht fort – hier Bill – hier Adolphe
+mit angefaßt und tragt das Boot zu Wasser – hallo meine Jungen alle
+zusammen – ~there she comes – a hoy-y~. Was zum Teufel macht es so
+schwer – was liegt da drinne?«
+
+»Es liegt hinten ganz voller Früchte,« antwortete Bill.
+
+»Früchte? hinaus damit, wir haben jetzt keine Zeit uns mit Früchten
+abzugeben – so – Alles hinaus – hier an die Seite damit, was in
+Körben ist, können wir nachher wieder hineinwerfen, und hallo hier –
+einmal eine Parthie von den Insulanern her, die können uns mit helfen,
+wenn sie uns wieder los werden wollen.«
+
+Von diesen ließ sich aber keiner blicken – der Hülferuf des
+Unglücklichen, den sie gehört, hatte ihnen das Schicksal desselben
+verrathen, und wenn sie auch, wie René in letzter Verzweiflung gehofft,
+keineswegs gesonnen waren ihr Leben daran zu setzen, um ihn wieder zu
+befreien, so mochten sie doch auch weiter Nichts mit der Sache zu thun
+haben, vielweniger denn den Fremden selber in irgend etwas behülflich
+sein.
+
+Dicht am Strand wo die Leute, vielleicht zehn Schritt von dem Boot, den
+Gebundenen niedergelegt hatten, stand eine kleine Bambushütte, in
+welcher die Missionäre, wenn sie sich auf dieser Seite der Insel
+befanden und, vielleicht von einem Wetter überrascht, nicht mehr zu dem
+Missionsgebäude kommen konnten, gewöhnlich übernachteten. Hierher hatte
+sich auch, als das Wetter ärger zu werden drohte, der ehrwürdige Bruder
+Rowe zurückgezogen, ließ sich aber natürlich nicht blicken wie er die
+Männer mit ihrem Gefangenen ankommen hörte, sondern hielt seine Thür,
+allerdings nur dünnes Bambusgeflecht, geschlossen. Durch die überall
+offenen Stäbe der Wände konnte er aber deutlich erkennen was draußen
+vorging, und der gebundene und geknebelte René wurde solcher Art in
+nicht zwei Schritten von seiner eigenen Thüre niedergelegt, während die
+Leute kaum zehn Schritt weiter damit beschäftigt waren das Boot dem
+Wasser zuzuarbeiten. Bruder Rowe stand dicht hinter der Thür und schaute
+schweigend und nachdenkend auf den gebunden am Boden Liegenden nieder.
+
+Außer ihm war aber noch eine andere Gestalt ganz in der Nähe, und zwar
+niemand anderes als das indirekte Werkzeug des ehrwürdigen Herren –
+Raiteo, der vorsichtig um das Haus herumglitt und die Bewegungen der
+dicht dabei in dem Boot beschäftigten Männer auf das vorsichtigste
+beobachtete. – Er hatte seinen Bruder oder irgend einen seiner Freunde
+schon abgeschickt die ihm noch zukommenden Waaren zu holen, und seine
+eigenen Gründe sich nicht selber dorthin zu bemühen.
+
+»Schuft? – so?« murmelte er dabei zwischen den Zähnen durch – »erst
+ist man gut genug weißer Mann Capitain da hinauf zu führen und nachher
+ist man Schuft; gut – gut Raiteo ist nicht so dumm – Raiteo hat Geld
+– liegt sicher unterm Baum – Raiteo hat seinen Contrakt erfüllt –
+jetzt kann Raiteo machen was er will, und jetzt will Raiteo einmal sehn
+was er machen will.«
+
+Die Wallfischfänger hatten indessen Alles was das Boot schwerer machen
+konnte hinausgeworfen, und während der Regen wieder in Strömen
+niedergoß, faßten die sieben kräftigen Gestalten das Boot und schoben es
+langsam aber in sicherem Fortgang den ersten kleinen Abgang hinunter, wo
+es wieder durch eine neue Corallenschicht aufgehalten, aber auch über
+diese endlich weggehoben wurde.
+
+»Die verdammten Schurken von Indianern lassen sich nicht blicken,« sagte
+der alte Harpunier, keuchend in aller Anstrengung, »aber hol’ sie der
+Henker, wir brauchen sie auch nicht – munter meine Jungen, munter –
+denn hinten kommts wieder so schwarz wie Nacht herauf und wir müssen
+machen daß wir das Schiff erreichen, wenn uns der Alte hier nicht
+zurücklassen soll, und dann hätte er nachher eine schöne Mannschaft an
+Bord, ohne alle Officiere.«
+
+Der Delaware hatte eine Laterne ausgehangen und schien, soweit man nach
+der Bewegung derselben urtheilen konnte, wieder näher zu kommen.
+
+Als sich die Seeleute mit dem Boot von dem Haus entfernten, glitt Raiteo
+dahinter vor, und wie eine Schlange dicht an den festgebundenen Körper
+des Gefangenen hinan, wo er, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben
+und ohne weitern Zeitverlust begann, die verschiedenen Seile mit denen
+der Körper des Unglücklichen förmlich umwunden war, durchzuschneiden.
+So leise und geschickt war dies Maneuvre auch, von der Nacht begünstigt,
+ausgeführt daß der, gewissermaßen dicht davorstehende Missionair, der
+die Augen doch fortwährend auf den Körper geheftet gehabt, wohl eine
+Bewegung sah, aber in der ersten Minute gar nicht unterscheiden konnte
+was es eigentlich sei. René übrigens, der schon jeden Gedanken an
+Rettung in dumpfer Verzweiflung aufgegeben hatte, und jetzt nur Trost in
+dem einzigen Entschluß fand, sowie man ihn an Bord seiner Fesseln
+entledige seinem Leben gewaltsam ein Ende zu machen, fühlte kaum den
+scharfen Schnitt eines Messers an den Seilen, als ihm wilde fröhliche
+Hoffnung durch Mark und Seele schoß. Er begriff zugleich die
+Nothwendigkeit vollkommen regungslos zu bleiben, die Aufmerksamkeit der
+nur kurze Strecke von ihm entfernten Seeleute nicht auf sich zu ziehen;
+aber selbst die Secunden die er hier wieder in furchtbarer Erwartung
+lag, ob nicht doch noch, ehe er den Gebrauch seiner Glieder wieder
+gewinnen konnte, Jemand von unten heraufkam und der Versuch zu seiner
+Rettung entdeckt würde – erfüllten ihn mit wahrer Höllenpein.
+
+Raiteo hatte Verstand genug die Füße erst frei zu machen, denn selbst
+mit gebundenen Händen war in diesem Dunkel die Möglichkeit zu entfliehen
+da. René drängte es aber den Arm frei zu bekommen, wenigstens sein
+Messer, das er noch an der Seite fühlte, zu erfassen; der Knebel
+verhinderte ihn aber auch nur einen Laut von sich zu geben, und Raiteo
+wollte den nicht entfernen bis er mit allem übrigen im Reinen wäre. Mit
+den Füßen glaubte er jetzt fertig zu sein und ging an die Arme, ein
+dünnes Seil, daß er in der Dunkelheit übersehen hatte, hielt jene aber
+noch zusammen, und René hob die Knie auf es ihm bemerklich zu machen.
+
+»Geh doch einmal Einer hinauf und sehe nach dem Gefangenen,« sagte in
+diesem Augenblick die Stimme des Harpuniers, die deutlich zu ihnen
+herüberdrang. Rasche Schritte wurden gegen sie zu gehört, und Raiteo der
+keineswegs im Sinne hatte seine eigene Person irgend einer Gefahr
+preiszugeben, ließ den noch immer Gebundenen wie er war, und glitt um
+das Haus hinum.
+
+Hierdurch wurde es aber auch jetzt dem Missionair, der schon der
+Bewegung des Gefangenen nach Verdacht geschöpft, klar, daß irgend Jemand
+an der Befreiung desselben arbeite. _Wer_, konnte er natürlich nicht
+erkennen, aber es lag keineswegs in seinem Plan den Mann hier auf der
+Insel zu behalten, nun es doch einmal soweit gediehen war.
+
+René schloß die Augen und sank zurück in stummer Verzweiflung.
+
+Der Mann von unten sprang auf den Liegenden zu, und bog sich zu ihm
+nieder, wie um nachzusehen ob seine Stricke auch noch in Ordnung seien;
+zu gleicher Zeit aber fühlte René wie ein scharfes Messer und eine
+geübte Hand das Tau von einander trennte das seine Arme fest umspannt
+hielt, eine Hand glitt an seinem Körper hinunter, fühlte das Seil um die
+Knie und trennte auch dieses.
+
+»Muth!« flüsterte dabei eine Stimme die René’s Ohren wie himmlische
+Sphärenmusik klang – »Muth René und jetzt fort,« – und sich
+aufrichtend rief er laut:
+
+»~All right~!« und drehte sich rasch um, den Platz zu verlassen, als er
+plötzlich einen Arm auf seiner Schulter fühlte und erschrocken stehen
+blieb. René lag noch am Boden, als er ebenfalls die zweite Gestalt
+bemerkte, aber seine Hand faßte leise das Messer und zog es aus der
+Scheide – er wußte er war frei, denn zwei Sätze konnten ihn in den
+Bereich des Waldes und aus der Gewalt seiner Feinde bringen.
+
+Adolphe, denn dieser war René’s Befreier, drehte fast unwillkürlich den
+Kopf halb ab, um nicht erkannt zu werden und suchte schon loszukommen,
+sich wieder unter seine Kameraden zu mischen und dadurch jeden Verdacht
+von sich zu entfernen, als er zu seinem Staunen die Stimme des
+Missionairs erkannte, der ihn leise etwas von dem vermeintlich
+Gebundenen fortzog, damit dieser ihn nicht erkennen möchte, und mit
+hastiger aber unterdrückter Stimme sagte:
+
+»Habt Acht auf Eueren Gefangenen Sir – man will ihn befreien – ich
+habe –«
+
+Er sagte nichts weiter, denn ein einziger Faustschlag des riesigen
+Franzosen, gerad gegen seine Stirn, streckte ihn besinnungslos zu Boden.
+
+»Bind ihn,« flüsterte da Adolphe rasch, sich zu diesem niederbiegend –
+»_er_ hat Dich an uns verrathen,« und so schnell wie er gekommen, sprang
+er die Corallenbank wieder hinunter, wo die Leute eben mit Anstrengung
+aller ihrer Kräfte das Boot bis zum Wasserrand gebracht hatten.
+
+»Der Gefangene liegt noch am Boden,« sagte er, als er sich hier wieder
+unter die Uebrigen mischte.
+
+»Aber habt Ihr nicht nachgesehen ob die Seile noch in Ordnung sind?«
+frug der Harpunier.
+
+»Ich kann noch einmal hinaufgehn,« erbot sich Adolphe.
+
+Da blitzte es vom Wasser herüber, und gleich darauf dröhnte der dumpfe
+Schall eines neuen Schusses, dem in kaum einer Minute ein zweiter
+folgte, zu ihnen herüber.
+
+»Hinein mit dem Boot in’s Wasser!« schrie der Alte, alles Andere in dem
+Bewußtsein der Nothwendigkeit vergessend, so rasch als möglich wieder an
+Bord zu kommen, »wacker Ihr Leute, wacker und legt Euch dagegen mit
+Brust und Seele!«
+
+Den vereinten Anstrengungen der Leute gelang es das Boot vorn in die
+Fluth zu bekommen, das unruhige Wogen derselben half nach, und bald lag
+es flott.
+
+»Jetzt hinein, mit Riemen und Masten!« lautete der rasch gegebene
+Befehl, »und vergeßt Nichts Ihr Jungen – laßt die Früchte liegen wo sie
+sind – vier von Euch nach dem Gefangenen – halt hier – das Boot stößt
+noch auf – noch einmal unter, alle zusammen – ~a hoy~ – ~there she
+goes~ – nun die Riemen und unsern ~mossier~ her und hinein mit Euch.«
+
+Es war auch Zeit daß sie von Lande abkamen – der Wind hatte sich,
+während einer fast anderthalb Stunden langen Stille, total herumgedreht,
+und aus Westen kann es in diesen Breiten oft gar bös an zu wehen fangen.
+– Dort stieg auch schon eine schwere rabenschwarze Wand auf, und der
+Delaware mußte jetzt allerdings machen daß er von der Küste abhielt. Die
+Leute rannten sämmtlich, so rasch sie konnten, die Bank hinauf, drei von
+ihnen die Riemen und den Mast in’s Boot zu nehmen; die andern drei den
+Gefangenen zu holen. Unter diesen Adolphe.
+
+»Auf mit ihm,« rief dieser, den Oberkörper des auf der Erde Liegenden so
+packend und mit Leichtigkeit emporhebend, daß er den Kopf unter seinen
+Arm bekam – »auf mit ihm Jungens – und hinunter – da geht ein anderer
+Kanonenschuß, bei Gott!«
+
+Die beiden andern Bootssteuerer faßten, der Eine in der Mitte, der
+Andere unter die Knie des Gebundenen, und im vollen Lauf fast ging es
+damit die Corallenbank hinunter.
+
+»Vorn in’s Boot mit ihm,« schrie der Harpunier – »haut ihm eins über
+den Schädel wenn er sich nicht fügen will – an Eure Riemen für Euer
+Leben, dort kommts herauf – hinein in’s Boot mit ihm sag’ ich – werft
+ihn hinein, zum Donnerwetter, wenn er nicht gehn will, darf’s ihm auch
+nicht auf eine Beule ankommen.«
+
+»Wetter noch einmal,« brummte Bill, als die im Boot Stehenden den Körper
+anfaßten, hineinzogen und vorn in den Bug mehr warfen als legten, »René
+ist hier ordentlich stolz geworden; der hat jetzt Schnallen an den
+Schuhen.«
+
+Es war aber in diesem Augenblick weder Zeit viel Bemerkungen zu machen,
+noch sie anzuhören oder gar zu beachten. Die Leute sprangen an ihre
+Plätze, warfen die Riemen in die Dollen, der alte Harpunier hatte den
+seinigen durch das Rudereisen gezogen, und durch die elastischen Riemen
+vorwärts getrieben flog das leichte Boot ordentlich durch die schon
+unruhige See dem glücklicher Weise nicht sehr fernen Schiff, das jetzt
+auch noch eine zweite Laterne aufgezogen hatte, entgegen.
+
+ * * * * *
+
+René war in dem Augenblick als ihn Adolphe verließ, in die Höhe
+gesprungen, und wußte in der That, in dem ersten Gefühl jubelnder
+Freiheit, nicht was er thun, ob er dem Rathe Adolphes folgen, oder den
+Priester ungebunden liegen lassen sollte, wo seine Flucht dann
+allerdings gleich bemerkt werden mußte, sobald sie ihn nur auffaßten.
+Eine zweite Person entschied aber seinen Zweifel, und zwar niemand
+Anderes als Raiteo.
+
+Raiteo war nämlich ein höchst aufmerksamer und selbst überraschter Zeuge
+sämmtlicher letzter, so schnell auf einander folgender Vorfälle gewesen.
+Klug genug aber einzusehn daß es für ihn jetzt besonders Zeit sei sich
+bei der Befreiung noch etwas zu betheiligen, wenn er überhaupt später
+Ehre und vielleicht auch noch Nutzen daraus ziehen wollte, hatte er auch
+noch einen andern Grund zu wünschen, die Weißen möchten die Insel mit
+dem Glauben verlassen, daß Alles in Ordnung sei, weil sie sonst am Ende
+noch Einsprache wegen den übrigen, zum Theil noch nicht einmal
+geborgenen Waaren thun, oder doch Lärm schlagen konnten, und dann den
+Antheil auf der Insel bekannt machen mußten, den er selber bei dem Fang
+des Europäers gehabt, und dessen er sich, so verstockt er sonst sein
+mochte, doch einigermaßen schämte. Kaum hatte er deshalb den Missionair,
+von dem er im ersten Augenblick gar nicht wußte woher er auf einmal kam,
+fallen gesehn und die Worte Adolphes gehört die dieser dem Freunde auf
+englisch zurief – »bind ihn« als ihm auch das ganze Nützliche einer
+solchen Maßregel einleuchtete und er, aus seinem Verstecke vorgleitend,
+ohne weiteres Hand an den geistlichen Herren legte, und ihn rasch an
+Händen und Füßen band.
+
+René der wußte daß er von dieser Seite keinen Angriff zu fürchten, ja
+nur Hülfe zu hoffen hatte, erkannte im ersten Augenblick den Burschen
+gar nicht, bis Raiteo sein Gesicht gegen ihn aufhob und mit leiser
+Stimme und bedeutungsvollen Zeichen sagte:
+
+»Knebel – schnell!«
+
+»Schurke verdammter, wo kommst Du her?« rief René fast unwillkürlich.
+
+»Pst,« sagte aber Raiteo, diesmal nicht im mindesten beleidigt –
+»Knebel.«
+
+Zeit war aber auch in der That nicht zu verlieren, und kaum hatte der
+Insulaner den Knebel auf das geschickteste in den Mund des am Boden
+Liegenden gebracht, von dem er sich jedoch vorher wohl überzeugt hatte
+daß er bewußtlos war, als sie auch schon die Leute die Corallenbank
+heraufspringen hörten, und nun rasch um das Haus herum und in das
+Dickicht schlüpften.
+
+Mit klopfendem Herzen hörte René wie sie den Körper seines
+Stellvertreters auffaßten und zum Boot hinunter trugen – dann aber, als
+die Riemen in das Wasser einfielen und die regelmäßigen – o so
+wohlbekannten Ruderschläge an sein Ohr tönten und weiter und weiter in
+der Ferne verhallten, da war es ihm als ob eine Centnerlast von seiner
+Brust gewälzt wäre, und mit der dringensten Gefahr auch jeder trübe
+Gedanke aus seiner Seele verschwunden – sein leichter Sinn schwamm
+wieder in der alten fröhlichen Lust oben.
+
+»Du bist doch der abgefeimteste durchtriebenste Erzschurke, Raiteo, der
+sich denken läßt,« wandte er sich lachend an diesen, der im Anfang nicht
+recht zu wissen schien auf welchem Fuß er nun, mit dem eben Befreiten
+wieder stehen würde, schon nach dem Klang der Stimme aber vollkommen
+begriff wie der »weiße Mann nicht Capitain« die Sache aufnahm, ihn aber
+das natürlich nicht merken lassen wollte, und nur mit kläglichem Ton
+jetzt versicherte und betheuerte, der »Bodder Aue« habe seinen
+Schlupfwinkel an weißen Mann Capitain verrathen, und weißer Mann
+Capitain ihn mit vorgehaltener Pistole und gebundenen Händen gezwungen
+sie nach dem von dem Missionair bezeichneten Platz hinzuführen.
+
+Das erste war, wie René aus Adolphes eigenem Munde erfahren, in der That
+so, das zweite jedoch kaum wahrscheinlich, doch nahm der junge Franzose
+den Burschen eben wie er war, und fühlte sich auch in seiner
+neugewonnenen Freiheit nicht im mindesten geneigt auf irgend Jemanden in
+der weiten Welt zu zürnen; überdies hatte Raiteo doch auch einen Theil
+seiner Schuld wieder gut gemacht, und dadurch jedenfalls Reue über etwa
+begangene Missethat gezeigt.
+
+René war übrigens noch zu sehr mit dem Schiff selber beschäftigt. Die
+neuen Kanonenschüsse verriethen des Capitains Eile in der er schien hier
+fortzukommen – etwas wofür ihn der Befreite in seinem Herzen segnete,
+und bald zeigten auch die niedergeholten Lichter daß das Boot an Bord
+sei. Noch konnte er die Compaßlampe durch die Nacht erkennen, aber bald
+erlosch dieser schwache Punkt ebenfalls, und mit dem jetzt aus vollen
+Backen einsetzenden West war in kaum einer halben Stunde jede Spur von
+dem so gefürchteten und auch so furchtbar gewesenen Schiff verschwunden.
+
+Nichtsdestoweniger, und trotz dem Wetter, blieb René die Nacht auf dem
+ersten Hügel, auf den ihn Raiteo noch hinaufführen mußte, mit diesem auf
+Wache, und erst, als er sich mit dämmerndem Tage überzeugte daß der
+Delaware nirgends mehr am Horizont zu erkennen war, flog er mehr als er
+ging die steilen schlüpfrigen Hänge hinunter, dem Missionsgebäude zu, wo
+Sadie schon in peinlicher Angst den ausgeschickten Boten erwartete, der
+ihr melden solle ob das Schiff die Insel verlassen habe.
+
+Wie erschrak das arme Mädchen, als sie die furchtbare Gefahr des
+Geliebten erfuhr, aber den Glücklichen konnten trübe Erinnerungen oder
+_vergangenes_ Leid, die jetzigen frohen Stunden nicht verbittern, und
+Sadie wie René _waren_ glücklich.
+
+René hütete sich übrigens wohl, zu erwähnen was aus dem geistlichen Mann
+geworden sei, obgleich er natürlich nicht verheimlichen konnte und
+wollte, daß er durch dessen freundliche Fürsorge verrathen worden, und
+Raiteo beobachtete ebenfalls in dieser Hinsicht eine höchst lobenswerthe
+Discretion.
+
+ * * * * *
+
+Was _war_ aber aus ihm geworden?
+
+Als das Boot nur eben nahe genug zum Schiff gekommen war, daß sie dort
+die regelmäßigen Ruderschläge unterscheiden konnten – schrie der
+Capitain schon mit Donnerstimme hinüber:
+
+»Boot ahoy!«
+
+»~Ship ahoy~!« lautete die rasche Antwort des Harpuniers – »~all
+right~!«
+
+»Scharf meine Jungen, scharf – macht daß Ihr an Bord kommt,« schrie die
+Stimme wieder – »steht bei hier mit den Taljen – alles klar?«
+
+»Alles klar Sir,« lautete die Antwort zweier Matrosen, die an den
+Krahnen standen zu welchen das Boot gehörte, die Taljen niederzulassen.
+
+»Nieder mit Eueren Blöcken,« rief’s schon in dem Augenblick von unten
+herauf, als daß Boot an die Seite schoß und die Ruder, wie mit einem
+Schlag in die Höhe geworfen, längs hineinfielen – »hier – hakt rasch
+ein – hinauf mit Euch – ~all right~!« – brüllte der Harpunier wieder
+durch das Schreien der Leute und das Rasseln der Raaen oben, die
+ebenfalls zu gleicher Zeit herumflogen. Seine Leute kletterten rasch an
+Bord hinauf, nur zwei zurücklassend, die an beiden Enden standen und die
+eingehakten Taljen wahrten, und eine halbe Minute später schwebte das
+Boot nach oben und unter seine Krahne, mit dem Deck gleich, während die
+im Boot Zurückgebliebenen den Gebundenen vorholten und nach Bord
+hineinreichten.
+
+»Der hat die letzten zehn Minuten gestrampelt, als ob er sich die Seele
+aus dem Leibe treten wollte,« brummte Bill, als sie ihn oben über die
+Schanzkleidung holten – »aber zum Donnerwetter –«
+
+»Zwei Reefen in Vor- und große Marssegel – fort mit Euch da hinauf!«
+schrie der Capitain in diesem Augenblick; die Leute mußten den
+Gebundenen, der sich am Boden wand wie ein Wurm, liegen lassen und das
+Niederrasseln der Raaen, das Heulen der Leute an den Reeftaljen
+übertäubte für den Augenblick selbst das, jetzt mit Macht aufkommende
+Wetter. Die nächste Viertelstunde nahm das Reefen selber in Anspruch,
+und Niemand kümmerte sich indessen um den unglückseligen Priester. Erst
+als die Mannschaft mit dem gewöhnlichen tönenden »~Oh – jolly men –
+hoy~« die Marsraaen wieder aufzog, trat der zweite Harpunier, der nicht
+mit am Lande gewesen war und schon die letzten fünf Minuten die an Deck
+liegende Gestalt forschend und etwas mistrauisch betrachtet hatte, auf
+diese zu und sich zu ihr niederbiegend rief er erstaunt:
+
+»~Why – damn it~ – das ist René nicht!«
+
+»René nicht?« antwortete der Capitain, der dicht neben ihm stand, mit
+der Linken eine der Brassen gefaßt hatte, und die Blicke auf die
+aufsteigenden Raaen gerichtet hielt – »wer soll’s _denn_ sein? –
+~belay that~ – – große Marsraae – was liegt an jetzt?«
+
+»Norden halb Westen,« tönte die monotone Stimme vom Steuerrad herüber.
+
+»~Steady then~ – halt den Cours – wer soll’s denn sein Mr. Browning.«
+
+»Weiß nicht Sir,« sagte dieser der, indeß der Capitain die obigen
+Befehle gegeben, dem Steward zugerufen hatte eine der noch im Spintge
+stehenden Lampe – die vorige Signallaterne – herauszubringen, und mit
+dieser vor den Gebundenen trat – »hallo wen haben wir hier?«
+
+»Hallo Mr. Rowsey,« rief aber in diesem Augenblick der Capitain, der
+ebenfalls hinangetreten war und jetzt mit in das ihm vollkommen fremde,
+wilde verstörte Gesicht des Bruder Rowe schaute – »wen zum Henker haben
+Sie uns da vom Lande mitgebracht? – haben Ihnen die Indianer _die_
+Jammergestalt hier als René verkauft?«
+
+Der alte Harpunier drückte sich rasch durch die, den Gebundenen
+umdrängenden Officiere und stand, während aller Augen halb erstaunt halb
+lachend auf ihn gerichtet waren, wohl eine halbe Minute verdutzt vor
+dem, was ihn im ersten Augenblick kaum weniger als eine Erscheinung
+deuchte; endlich aber platzte er heraus.
+
+»~Why~ – Gott straf mich, das ist ja der Pfaffe. – Den? –
+Himmeldonnerwetter – _den_ haben _wir_ doch nicht etwa im Boote
+mitgebracht?«
+
+»So bindet ihn wenigstens los,« sagte der Capitain ruhig, und nur mit
+Mühe sein Lachen verbeißend. Während aber zwei daran gingen die Banden
+aufzuschneiden und den Gefangenen besonders von seinem Knebel zu
+befreien, fluchte und wetterte der alte Harpunier auf Deck herum, und
+schien gar nicht übel Lust zu haben jetzt selber über den Missionair
+herzufallen, als ob der arme Mann die Schuld dieser für ihn so traurigen
+Verwechselung trage.
+
+Bruder Rowe bekam aber kaum seinen eigenen Mund frei, als er auch
+augenblicklich seine eigene Meinung von der Sache hatte, über Mord und
+Gewalt schrie, und verlangte ohne Säumen wieder an Land gesetzt zu
+werden. Mit Mühe nur bekam man von ihm heraus, daß seiner Meinung nach
+einer der Leute aus dem Boot ihm einen Schlag versetzt, der ihn
+bewußtlos niedergestreckt und ihn dann wahrscheinlich gebunden und
+geknebelt hatte. Hiergegen protestirte aber der Harpunier als eine
+Unmöglichkeit, denn so lang sei gar keiner von seinen Leuten von ihm
+entfernt gewesen, das zu bewerkstelligen. Nichtsdestoweniger wurden die
+Leute alle vorgerufen und der Priester sollte jetzt den nennen, den er
+für den Thäter halte – war das aber nicht im Stande. Der Harpunier
+erinnerte sich übrigens einmal Einen die Bank hinaufgeschickt zu haben
+nach dem Gebundenen zu sehn, der war jedoch augenblicklich zurückgekehrt
+und Adolphe meldete sich, gleich auf die erste Frage, ohne weiteres,
+hatte aber, wie er ruhig bemerkte, nur die Gestalt am Boden liegen
+gesehn und sich um weiter Nichts bekümmert.
+
+Adolphe war nun allerdings René’s Landsmann, und wenn auch bei Manchem,
+selbst bei dem Capitain ein leiser Verdacht aufsteigen mochte, daß damit
+nicht Alles richtig hergegangen sei, ließ sich auch nicht das mindeste
+mit einer Anklage machen, bei der der Kläger selber nicht einmal den
+Thäter erkannte, vielweniger auf ihn zu schwören vermochte. Dazu kam
+noch der alte Groll, den Wallfischfänger gewöhnlich gegen die
+Missionaire, sehr häufig allerdings ungegründet, manchmal aber auch mit
+Ursache haben, und in dem Aerger über das Entkommen des Matrosen mischte
+sich jedenfalls eine gewisse Parthie Schadenfreude, daß gerade der
+Priester, der den Seemann verrathen hatte, in dieselbe Grube gefallen
+war die er dem Andern gegraben, und der Capitain zuckte zuletzt nur mit
+den Schultern, als der geistliche Herr in vollem Zorn versicherte, er
+werde sich an seine Regierung wenden und volle Genugthuung für diese
+schmählige, nichtswürdige Behandlung fordern.
+
+Jetzt aber verlangte er vor allen Dingen augenblicklich und ohne
+weiteres Säumen wieder an Land gesetzt zu werden.
+
+»An Land!« rief dagegen der Capitain – »jetzt bei _dem_ Wetter? und
+wenn Sie mir tausend Dollar Passage bis zu der verdammten Insel zahlten,
+die ich wollte ich hätte sie im Leben nicht gesehen, möchte ich keins
+von meinen Booten und vielweniger mein ganzes Schiff noch einmal
+zwischen die Riffe hineinwagen.«
+
+Bruder Rowe war außer sich – aber Drohungen wie Versprechungen blieben
+gleich fruchtlos, und das einzige womit ihn der Capitain tröstete, war,
+daß er eine der nördlich gelegenen Inseln wolle anzulaufen suchen, von
+da könne er dann sehen wie er wieder nach Tahiti oder hierher
+zurückkomme.
+
+Zwei Tage später lief er Bola-Bola an, wo er den ~Rev.~ Mr. Rowe
+absetzte und vierzehn Tage vergingen ehe er von dort aus im Stande war
+seinem Schooner wissen zu lassen wo er sich befand, dessen Leute unter
+der Zeit übrigens in vollkommener Gemüthsruhe, und ohne auch nur einmal
+nachzufragen weshalb der weiße Mitonare sie so über Nacht verlassen
+habe, geblieben waren wo sie sich gerade befanden, sie hatten ja genug
+Brodfrucht und Cocosnüsse dort, und der Schooner lag sicher vor Anker,
+was wollten sie mehr? – sie hätten auf die Art noch ebensoviele Monate
+wie Wochen gewartet.
+
+
+
+
+Capitel 8.
+
+#Tahiti.#
+
+
+Wie nach dem wilden furchtbaren Schlag eines Wetters, der uns das Blut
+stocken machte in den Adern, fast immer Ruhe eintritt in der Natur, der
+nur leise grollende Donner mehr und mehr verhallt in weiter Ferne, und
+die Welt, von Sonnenschein beglüht, frisch aufathmend und neu belebt im
+reinen blitzenden Lichte liegt, so schien sich alles Leid, das der
+Himmel für die Liebenden in seinen dunklen Wolken geborgen, an diesem
+letzten furchtbaren Tage entladen – aber auch erschöpft zu haben.
+
+Mit dem, fast noch während dem Sturm scharf und heftig einsetzenden
+Ost-Passat, hätte der _Delaware_ jedenfalls eine lange Zeit gebraucht
+wieder gegen die Insel aufzukreuzen, wenn er ja noch im Sinn gehabt mit
+beispielloser Zähigkeit sein Ziel zu verfolgen. Das aber war, besonders
+nach den letzten Erfahrungen, nicht mehr zu fürchten, und wenn auch Mr.
+Osborne durch das eigenthümliche Verschwinden seines Collegen, dessen
+Schooner, wie ihm der ~fua~ gleich am andern Morgen meldete, seiner
+harrend in dem kleinen Boothafen lag, beunruhigt wurde, verhinderte ihn
+dies doch nicht die heilige Handlung an den, ihm jetzt nur noch lieber
+gewordenen jungen Leuten zu vollziehen und sein Kind, sein liebes,
+liebes Kind dem Schutz des Fremden anzuvertrauen, den ein wunderliches
+Geschick an diese Küste geworfen.
+
+Von da an gehörte René zu den Söhnen des Landes, und selbst Raiteo würde
+nicht mehr gewagt haben verrätherisch an ihm zu handeln – wenigstens
+nicht unter gewöhnlichen Umständen.
+
+Am meisten erstaunt waren aber die Insulaner über das Verschwinden des
+finsteren Mitonare, und Mr. Osborne wollte schon die betrübende
+Nachricht seines Todes nach Tahiti senden, als sich René doch genöthigt
+sah ihm seine »Vermuthung« über den eigenthümlichen Fall mitzutheilen.
+Bald darauf kam aber die Nachricht von Bola-Bola, daß er dort glücklich
+gelandet, und einige Tage später Mr. Rowe selber. Aber er verließ die
+Insel wieder, ohne auch nur eine Sylbe über seine Fahrt zu äußern oder
+selbst Mr. Osborne aufzusuchen, in dessen Hause er natürlich den, im
+vollen Besitz seines erstrebten Glückes gefunden hätte, der die Ursache
+seiner Schmach gewesen, und gegen den er jetzt einen, wenn auch
+heimlichen, doch so gewaltigeren Haß im Herzen trug. Ihm lag also nicht
+daran gerade jetzt mit ihm zusammenzutreffen.
+
+Aber was schadete der Haß des finsteren Mannes den Liebenden? – In
+ihrem neuen Glück dachten sie kaum der Außenwelt, und René besonders,
+bei dem der Uebergang von wildester Verzweiflung zu höchster Seligkeit
+in dem Umfange weniger Stunden lag, schien sich im Anfang kaum fassen zu
+können in jubelnder, jauchzender Lust. Der alte Mr. Osborne hatte sogar
+alle Hände voll zu thun ihn selbst nur während der kirchlichen Feier im
+Zaum zu halten, und Mi-to-na-re Ezra trippelte fortwährend um ihn herum,
+und schien ihn um’s Leben gern bald an einem Arm, bald an einem Beine
+fassen zu wollen, nur um den rastlosen beweglichen Wi–Wi ein einziges
+Mal fest und ruhig zu halten, wie es einem anständigen Christen, der er
+ja doch einmal werden wolle, gezieme.
+
+In einem gleichen Taumel vergingen ihm selbst die nächsten Monate. Des
+Missionairs Rowe Rückkehr von seinem unfreiwilligen Kreuzzug lockte ihm
+kaum ein Lächeln auf die Lippen, so gleichgültig war ihm der Mann
+geworden, und mit dem Bau für seine eigene kleine Heimath beschäftigt,
+den er mit vollem fröhlichen Eifer betrieb, fühlte er, daß er jetzt ein
+neuer Mensch geworden, und die Brücke hinter sich abgebrochen habe, die
+ihn bis dahin noch mit der Außenwelt, zu der er nicht mehr gehörte,
+verbunden.
+
+So verging fast ein volles Jahr und Mr. Osborne selber fing an zu
+glauben daß Bruder Rowe – der aber seit jenem Tag Atiu nicht wieder
+betreten, sondern stets einen anderen Geistlichen zur Revision gesandt
+hatte, seinen Groll gegen die ihm verhaßte Verbindung der jungen Leute
+– zu der _er_ die Hand geboten – in dem regen ja unruhigen politischen
+Treiben der Hauptinsel, wie in den gefährdeten Interessen seines Standes
+vergessen, oder wenigstens vergeben habe, wie es dem Verbreiter
+christlichen Glaubens und Duldens auch gezieme, als ihn eines Tages ein
+großes versiegeltes Schreiben des »~board of Missionaries~« von England,
+aus seinem Traum und Glauben riß.
+
+Es war seine Abberufung von Atiu und Versetzung nach Tahiti,
+gewissermaßen unter die Aufsicht der dort die obere Leitung der
+geistlichen ja auch politischen Angelegenheiten führenden Missionaire,
+unter denen Bruder Rowe eine sehr vorragende Stellung einnahm – und
+wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf ihn die Botschaft.
+
+Aber nicht ihn allein; es war die erste Trauerbotschaft für die ganze
+Insel, und wenn es Sadie’ens Herz mit Kummer und Sorge füllte, setzte
+sich der kleine Mi-to-na-re geradezu in seine Lieblingsecke im Haus auf
+den niederen Schemel, und fing an von Herzen weg zu weinen, daß er jetzt
+seinen alten Freund und Gönner, Bodder ~O-no-so-no~ verlieren und einen
+Anderen – vielleicht gar – es überlief ihn ordentlich wie mit
+Fieberfrost – vielleicht gar den »Bodder Aue« dafür herüber bekommen
+sollte.
+
+Sadie hatte kurz vorher dem Gatten ein Mädchen geboren, und wenn es
+möglich gewesen wäre René’s Glück zu erhöhen, so hätte es dies neue
+Gefühl der Vaterfreude thun müssen.
+
+René war auch der Einzige vielleicht, der in einer Uebersiedelung nach
+Tahiti nicht das Schmerzliche sah wie Sadie und Mr. Osborne, denn daß
+sie den alten Mann nicht wollten allein nach der fernen Insel ziehen
+lassen verstand sich von selbst. Der Platz hier war ihm lieb und theuer
+geworden, und nur mit schwerem Herzen trennte er sich davon, aber mit
+seiner Sadie und seinem Kind wußte er auch, daß er sich die Nachbarinsel
+ebenso gut zum Paradiese schaffen konnte, und wenn er auch ungern von
+ihrem Lieblingsplätzchen am stillen Strande schied, das der Erinnerungen
+so viele und theuere für ihn hatte, entschädigte ihn der _Wechsel_
+seines Aufenthalts – wenn er sich darüber auch nicht gerne laut Recht
+geben mochte – doch in etwas für die liebgewonnenen Stellen.
+
+Anders war es mit Sadie; – ihr ganzes Herz hing an dieser heimathlichen
+Küste, die ihr das Leben, die Liebe gegeben, und jedes Blatt, jede Blume
+die sie zurücklassen sollte that ihr weh. Auch eine heimliche, ihr fast
+unerklärliche Angst hatte sie vor Tahiti; sie war nur ein einziges Mal
+mit ihrem Pflegevater dort drüben gewesen, und zwar etwa ein Jahr
+vorher, ehe der Delaware an ihrer Insel landete; aber das Leben und
+Treiben der fremden bewaffneten Männer dort, das kecke Auftreten ihrer
+eigenen Landsmänninnen, die ewigen Streitigkeiten dort zwischen
+einzelnen ihres Stammes und den Missionairen selber, mit den
+Uebergriffen die sich die Franzosen, von den Kanonen ihrer Kriegsschiffe
+beschützt, in die Rechte ihrer Landsleute erlaubt, hatten das einfache
+Kind des Waldes tief verletzt, und sie war damals recht froh gewesen,
+als der kleine Missionscutter endlich wieder die Anker lichtete und dem
+heimischen Strand entgegenstrebte.
+
+_Das_ Land sollte jetzt ihre künftige Heimath werden, und wie nahender
+Schmerz lag der Gedanke auf ihrer Seele; sie konnte sich nicht daran
+gewöhnen, und mußte sich endlich gewaltsam losreißen von dem theueren
+Ort.
+
+Ein gar trauriger Abschied war es aber besonders von ihrem
+Lieblingsplätzchen am Seestrand; sie stand lange, lange dort, das Kind
+am Herzen und das kleine, zum ersten Mal sorgenschwere Haupt an die
+Brust des Gatten gelehnt, der sie fest und liebend umschlungen hielt.
+Was für süße selige Erinnerungen knüpften sich an diesen engen Raum, und
+ihr Herz blutete, wenn sie daran dachte ihn _auf immer_ verlassen zu
+sollen. Sie war so glücklich hier gewesen – war es noch, und was mehr
+konnte ihr die ferne Insel bieten? –
+
+Ach es war ein recht schmerzlicher Tag auch für den alten Missionair,
+und als der kleine Missionscutter endlich unter Segel ging, standen die
+Insulaner in weiten Schaaren am Strand, und winkten mit ihren Tüchern,
+und riefen den Scheidenden ihr _Joranna, Joranna_ nach, über das blaue
+Wasser. Und Sadie saß an Deck, ihr Kind auf dem Schooß und sah die
+Wipfel ihrer Palmen langsam in das Meer tauchen und die Hügel sich
+senken, und in dem feuchten Abendhauch der über die Wasser strich,
+verschwimmen – und wie die Nacht einbrach saß sie noch, den
+thränenvollen Blick fest dorthin geheftet, wo ein Theil ihres Herzens
+zurückblieb in bitterem Schmerz, sie mochte sich selber Vorwürfe darüber
+machen soviel sie wollte. René aber störte sie nicht in ihrem Gram, und
+quälte sie nicht noch mehr mit nutzlosem Trost; nur still und schweigend
+setzte er sich neben sie und ruhte ihr Haupt an seiner Brust, daß sie
+sich dort still und ungehindert ausweinen, aber dann auch wieder neue
+Kraft finden konnte, an dem Herzen des geliebten Mannes.
+
+Die Reise war kurz und glücklich, und Mr. Osborne schon in seinem neuen
+Wirkungskreis gekannt, und von den Insulanern geliebt, zu deren Herzen
+sein väterliches mildes Wesen weit eher sprach, als der starre finstere
+Ernst fast aller anderen Geistlichen. Auch von der Königin Aimata, mit
+dem Zunamen Pomare, wurde ihm ein freundliches Plätzchen mit Haus und
+Garten zu seinem künftigen Aufenthaltsort angewiesen, so daß er sich
+dort wohl hätte wieder recht wohl und glücklich fühlen können, wäre ihm
+nicht der unmittelbare Einfluß seines jetzigen und hier viel geltenden
+Gegners in seinem ganzen Wirkungskreis zu sichtbar und dadurch
+schmerzlich geworden.
+
+Fast nur auf die Stadt Papetee selber dabei beschränkt, wo französischer
+Einfluß und der sich dem geistlichen Joch entringende Sinn der
+Eingeborenen die Bevölkerung, wenn auch noch nicht dem anderen Glauben
+gewonnen, doch schon dem ihren sehr entfremdet hatte, waren ihm all jene
+lieben Pflichten seines Berufs – mit den Eingeborenen in ihrer
+Einfachheit zu verkehren und sie in der besseren Lehre zu festigen –
+genommen worden, und er fand nur zu bald, daß er es hier mit einem ganz
+anderen Menschenschlag zu thun habe als auf Atiu. Nicht mehr allein die
+gutmüthigen Insulaner die, fast unberührt von der Außenwelt, sorglos in
+den Tag hinein lebten und, wenn sich Jemand die Mühe dazu gab, auch
+leicht einer etwas edleren Richtung gewonnen werden konnten, der sie
+ihre angeborene Gutmüthigkeit schon von selbst entgegentrieb, war es auf
+Tahiti ein Volk, das nicht mit den Sitten, sondern fast nur allein mit
+den Unsitten der fremden Eindringlinge bekannt geworden, und bei dem –
+während ihm die Möglichkeit genommen war allein und kräftig auf sie
+einzuwirken – Leichtsinn und Verführung weit stärker und mächtiger und
+mit viel gewaltigeren Waffen arbeitete, sie aus guten einfachen Menschen
+zu allein Möglichen zu machen was schlecht und traurig war.
+
+Den Glauben an ihre alten Götter hatten die letzten Jahrzehnde, wenn
+auch noch nicht ganz zerstört, doch so erschüttert und untergraben, daß
+diese frühere Religion jeden Einfluß auf sie verloren, und während sie
+sich dem christlichen Cultus hingaben und sich in seinen Lehren zu
+festigen suchten, ja während die Geistlichen noch eifrig bemüht waren
+sie den »einzig wahren« Gott kennen zu lehren und sie besonders unkluger
+Weise in die Geheimnisse unserer _Dogmen_ einzuweihen, kamen plötzlich
+andere, ebenfalls weiße Männer – Abkömmlinge desselben Stammes, mit
+einem anderen Gott, wenigstens mit einem anderen Namen desselben, aber
+unter Jehovas Panier, Jesus Christus als den Heiland erkennend, straften
+die erstgekommenen mit ihren Lehren Lügen, und verlangten von den
+Insulanern sie sollten zum zweiten Mal den Glauben ändern und jetzt den
+einzig und »wirklich wahren« Gott erkennen lernen.
+
+Und hatten _diese_ recht? ihre alten Missionaire donnerten Anathemas von
+den Kanzeln nieder, gegen sie, vertrieben die »neuen« Priester aus dem
+Land, solange sie noch Macht darüber hatten, und stellten sie ihren
+Gemeinden als Götzenanbeter und Ungläubige hin, bis die vertriebenen
+Priester mit einem französischen Kriegsschiff zurückgebracht, und unter
+den Mündungen der Kanonen ihnen das Recht erzwungen worden zu _bleiben_
+und den neuen Glauben zu _lehren_ – und welchen Eindruck mußte das auf
+die Kinder dieser Inseln machen.
+
+Die Masse nahm es leicht – ihr Glaube war bei den Meisten noch nicht so
+ernster Art gewesen, ihnen das Herz schwer zu machen, als ihnen andere
+Priester jetzt bewiesen daß die weißen Missionaire, die sie bis dahin
+nur mit Scheu und Ehrfurcht betrachtet, von einer anderen Sekte
+angefeindet und des Irrthums ja der Lüge beschuldigt wurden. Viele
+freuten sich sogar eines Zwanges wieder ledig zu werden, der anfing
+ihnen lästig zu sein. Andere aber auch, die sich dem Christlichen
+Glauben mit voller ungetheilter Kraft und Liebe hingegeben, hörten mit
+Entsetzen die neue Lehre, nach der sie ja nur eines anderen Unglaubens
+wegen ihre alten Götter verrathen. Und war der _jetzige_ Glauben der
+rechte? – Hatte der erste gelogen, wer stand ihnen dann dafür, daß
+nicht vielleicht in Jahresfrist ein neues Schiff auch neue Priester
+bringen konnte, die wieder verwarfen was die jetzigen lehrten? – und
+wie dann wurden jene Versprechungen wahr, die ihnen von einem ewigen
+Leben gemacht, und derentwegen sie ihre eigenen Götter verlassen und
+verstoßen? – heiliger Gott, war das Alles ein Märchen gewesen, nur von
+dem weißen Mann erfunden, sich einzunisten in ihrem Land, und die
+Herrschaft an sich zu reißen, wie er es gethan?
+
+Manche Thräne ist da im Stillen geweint, manches Auge hat da
+verzweifelnd aufgeblickt, zu den freundlichen Sternen, in deren
+freundlichen Blinken sie sonst nur Glück und Freude sahen, denn einer
+zürnenden Gottheit Hand lag auf ihrem Land und sie wußten nicht wohin
+sie sich wenden sollten, den Strahl abzulenken der ihr Haupt bedrohte.
+Vor den alten Göttern durften sie ja nicht wagen sich wieder
+niederzuwerfen; deren Bilder lagen entehrt – zerstreut umher – von den
+Kindern derer geschändet, die einst anbetend vor ihnen den Staub geküßt
+– und der _neue_ Gott? – Zweifel waren in ihnen wach gerüttelt _dem_
+zu dienen, und in starrem Jammer sahen sie die einst so sonnige Welt sie
+öde und trostlos umlagern; oder sie warfen sich auch im tollen
+Uebermuth, Gott wie die Götter von sich stoßend, jenem chaotischen
+Nichts und mit ihm dem Taumel wilder, zerstörender Vergnügungen in die
+Arme, der ihnen von den Fremden im reichen vollen Maaß geboten wurde.
+
+Solchen Boden mußte der alte Mann mit seinem stillen traulichen Atiu
+vertauschen, und nicht einmal in den ihm nächsten Amtsbrüdern fand er
+dabei die nöthige Unterstützung und Hülfe, während sein klarer Verstand,
+wie sein gutes Herz zu gleicher Zeit auch nur zu deutlich fühlten, wie
+gerade deren starrer und unduldsamer Fanatismus _das_ Uebel das sie
+bekämpfen wollten – einer neuen für irrthümlich gehaltenen Lehre den
+Eingang zu verweigern – unterstützte, und dem Feind von den eigenen
+Truppen ganze Schaaren in’s Lager jagte.
+
+Der ehrwürdige Bruder Rowe machte ihm besonders das Leben schwer, und so
+sehr er das fühlte und den ihm feindlich gesinnten Mann zu einer offenen
+Erklärung zwingen wollte, so vorsichtig und geschmeidig wich dieser
+jeder Zeit ihm aus, und selbst der direkten Frage hielt er nicht Stand:
+Jene Zeit war vorbei, lange vorbei, wie er sagte, und geschehene Dinge,
+wenn man sie vielleicht auch wieder ungeschehen machen möchte, nicht
+mehr zu ändern – in _seinem_ Herzen lebte kein Gefühl der Rache oder
+des Zornes – weshalb auch Rache? weshalb Zorn? – wenn sich Mr. Osborne
+Vorwürfe über irgend etwas Geschehenes zu machen hätte, so bedauere er
+das, aber er selber thue es nicht – Mr. Osborne müsse das mit sich
+selber ausmachen.
+
+Mr. Osborne vertheidigte sich freilich mit Eifer auch selbst gegen eine
+solche Vermuthung, und sprach sich rein von jeder wissentlichen Sünde,
+aber Bruder Rowe antwortete ihm stets nur durch ein frommes Verdrehen
+der Augen und Achselzucken, und war freundlicher als je gegen ihn; aber
+nichtsdestoweniger schickte er im Geheimen Pfeil auf Pfeil ab gegen den
+alten Mann, und verkümmerte und trübte diesem das Leben dermaßen, daß
+er keiner einzigen Stunde mehr froh und sein Beruf, der ihm bis dahin
+eine Lust und Freude gewesen, ihm zur schweren traurigen Last wurde. Und
+dennoch gab er sich demselben jetzt mit um so größerem Eifer hin; er
+fühlte daß die gute Sache gerade jetzt am nöthigsten einer Hand bedürfe,
+die es wirklich gut mit ihr meine, und der es nicht blos um Sieg und
+Herrschaft der Einzelnen, sondern wirklich um das Glück der Eingeborenen
+zu thun wäre, Fleiß und Zeit daran zu opfern.
+
+Die Art aber, wie er dabei seiner Ueberzeugung folgte, mußte ihm mehr
+und mehr Gegner unter den Missionairen in’s Leben rufen, deren ganze
+Energie, mit nur wenigen Ausnahmen, einem anderen Systeme zustrebte.
+Diese wütheten förmlich gegen die »papistischen Gräuel« wie sie es
+nannten, und die »heidnische Wirthschaft« die plötzlich den Sieg auf
+diesen Inseln errungen, während sie selbst schon seit Jahren dagegen
+gepredigt und alle ihre Macht, wenn auch vergebens, aufgeboten hatten,
+die fremden Priester _einer anderen Religion_ fern zu halten. Von den
+Kanzeln nieder donnerten sie mit allen nur möglichen und unmöglichen
+Bibelcitaten gegen die »Unterdrücker des Körpers und der Seele« die
+Franzosen an, die ihnen mit ihren Kriegsschiffen die fremde Sekte
+aufgezwungen; warnten vor dem Antichrist, der jetzt unter ihnen
+herumgehe wie ein brüllender Löwe, zu suchen welchen er verschlinge, und
+prophezeihten die Wiedereinführung der Götzen und Schlachtopfer, der
+Kindesmorde und Glaubenskriege. Starrer als je beharrten sie dabei auf
+ihren Dogmen und Artikeln; auch die kleinsten Vergehen gegen ihre
+eingeführten Gebräuche und Ceremonien _ihrer_ Kirche, ja selbst die als
+heidnisch ausgeschrienen oft selbst unschuldigen Vergnügungen der
+Insulaner, wurden zum Verbrechen, und mit _eiserner_ Hand wollten sie
+die Schaar der Gläubigen, die ihnen noch unverführt und treu anhing, von
+dem Abgrund zurückhalten, der gierig ihre Seelen zu verschlingen drohte.
+
+Der alte ehrwürdige Mr. Osborne glaubte dem Ziel auf eine andere Art und
+Weise entgegenarbeiten zu müssen, und sein gutes Herz zwang ihn schon
+dazu. Er konnte, trotz allen Bemühungen ja Drohungen seiner Collegen,
+nicht dahin gebracht werden die andere Lehre zu _verdammen_, denn mit
+Recht behauptete er, daß gerade dadurch den Insulanern auch jede
+Möglichkeit benommen worden sei zwischen den beiden zu prüfen, wenn von
+beiden Seiten zu gleicher Zeit Fluch und Verdammung gegen sie
+ausgesprochen wurde. Er zeigte ihnen auch nicht den strengen ernsten und
+unversöhnlichen Gott, mit dessen Zorn und Strafgericht die Anderen
+drohten, sondern den milden, liebenden Vater, der auch dem irrenden
+Kinde gern und willig die Hand reiche und den Pfad zeige, mit gutem
+frommen Herzen darauf zu wandeln, und waren sie fröhlich dabei, sangen
+und tanzten sie und schmückten sie ihre Haare mit Blumen, so warnte er
+sie wohl vor dem Misbrauch solcher Freude, aber er schrie nicht gleich
+sein Anathema über sie, und sie hatten ihn deshalb lieb und glaubten
+seinen Worten, weil ihr Sinn einen Anklang in ihren Herzen fand.
+
+Freilich konnte er aber, trotz alledem, dem tollen und unsittlichen
+Treiben nicht wehren, das die Inseln, und vor allen anderen Tahiti,
+erfaßt hatte. Durch die jetzt fortwährend hier anlegenden Kriegsschiffe
+und Wallfischfänger hatte sich die weibliche Bevölkerung, mit einer nur
+sehr geringen Ausnahme, dem Laster rücksichtslos in die Arme geworfen,
+und welchen verderblichen Einfluß mußte das nicht auf die ganze
+Bevölkerung der Insel ausüben. Nur die unendliche Gutmüthigkeit und
+Harmlosigkeit dieser Stämme hielt sie dabei vor einem zügellosen
+Ausbruch _aller_ Leidenschaften zurück, wie es, unter gleichen
+Umständen, in jedem anderen Land der Welt nicht hätte ausbleiben können,
+und es läßt sich denken welche wunderliche und unnatürliche Stellung die
+Missionaire in solcher Umgebung oft einnehmen mußten.
+
+Hierzu kam noch der, zu jener Zeit gerade so verwickelte _politische_
+Zustand der Inseln, der eben durch den übergroßen Eifer der Missionaire
+herbeigeführt worden, und mit dem ich den Leser, ehe ich meine Erzählung
+wieder aufnehme, jedenfalls erst vertrauter machen muß.
+
+Innere Kämpfe, vorzüglich durch die Ankunft Europäischer Schiffe
+hervorgerufen und genährt, und mit den neu eingeführten Feuerwaffen
+tödtlich gemacht, hatten die Inseln schon vor der Einführung des
+Christenthums oder der Ankunft christlicher Missionaire erschüttert, und
+einen Partheienhaß in’s Leben gerufen, der Jahrzehnde wohl unter der
+Asche glimmend lag, aber nur einen Anlaß suchte wieder hervorzubrechen
+und mit erneuter Kraft das wunderschöne Land zu verwüsten. –
+
+Otu der aus einer wunderlichen Ursache den Namen Pomare[H] annahm, wußte
+sich, nachdem der rechtmäßige Königsstamm vertrieben worden, zum
+obersten Häuptling, ja zum ~Arii rahi~ oder König der Inseln
+emporzuschwingen, und es gelang ihm auch, besonders durch die gerade
+damals landenden Europäischen Schiffe unterstützt, sich zu halten und
+seinem Geschlechte Rang und Würde erblich zu machen. Nichtsdestoweniger
+lebten aber noch Häuptlinge des anderen Stammes, und nicht mit Unrecht
+glaubte besonders der Sohn Otus, Pomare ~II.~ eine kräftige Stütze
+seiner Macht in den fremden weißen Männern zu erhalten, deren Religion
+er auch annahm, ohne sich jedoch in seinen Sitten viel nach ihnen zu
+richten – wie er denn auch in Folge seiner Ausschweifungen
+hauptsächlich starb. – Ja er ließ sich sogar in höchst unchristliche
+Kriege um sein Götzenbild Oro ein, in Folge dessen eine Revolution
+ausbrach und der König vertrieben, die Mission selber zersprengt wurde.
+Der Verlust seiner Macht wurmte aber den König, und vielleicht fühlend
+daß ihn seine anderen Götter nicht genug geschützt hatten, und von dem
+neuen Gotte größere Protection erhoffend, vielleicht niedergebeugt durch
+manche häusliche Leiden zu gleicher Zeit, denn seine Königin war ihm
+ebenfalls gestorben, warf er das alte Heidenthum jetzt von sich,
+bekehrte sich öffentlich zum Christenthum und führte dies, mit Hülfe des
+Oberpriesters Tati, der die ihm bis dahin anvertrauten Götterbilder
+öffentlich verbrannte, auch auf den übrigen Inseln ein.
+
+Er starb am 30. Nov. 1821 und hinterließ nur einen Sohn von 18 Monaten
+etwa, den aber die Missionaire jetzt in ihrem Sinn und Geist zu erziehen
+hofften, indeß sie, während sie selber das Staatsruder in Händen
+führten, die Regentschaft seiner Tante übertrugen. Aber der junge Prinz
+starb schon 1827 – die fremde strenge Lebensweise in der ihn die
+Priester hielten, konnte seine überdies schwächliche Natur nicht
+vertragen, und das Volk rief jetzt, nicht ohne den Einfluß seiner
+Lehrer, die die Macht in diesem Königsgeschlechte wahren mußten wenn sie
+nicht fürchten wollten den kaum befestigten Einfluß wieder zu verlieren,
+Aimata die Tochter ihres vorigen Königs und Schwester des
+letztverstorbenen zu seiner Herrscherin aus.
+
+Nur gezwungen fügten sich aber die alten, von dem anderen Königstamm
+abzweigenden Häuptlinge, Tati an ihrer Spitze, denn mit des jungen
+Fürsten Tode bot sich neue Hoffnung ihren noch nie aufgegebenen
+Ansprüchen auf den Thron des Reichs; aber das Christenthum war schon zu
+mächtig geworden im Land, die Missionaire besonders hatten zu großen
+Einfluß gewonnen über die Bewohner und ihre Frauen, und jeder andere
+Anspruch verschwand vor der Krone der jungen schönen Königin[I].
+
+Die englischen Missionaire waren jetzt, so sehr sie sich auch Mühe gaben
+jeden politischen Einfluß, Europa gegenüber, von sich zu weisen, und
+schon seit der Krönung und Salbung des früheren jungen Herrschers, die
+eigentlich regierenden Herren des Landes; sie gaben Gesetze und
+verwalteten, indem sie über die Arbeitskräfte des Volkes geboten, die
+Kassen des Landes. In ihren Händen lag dabei der Haupt-Handel der Insel,
+denn ihre Unterstützung vom Mutterland wurde ihnen natürlich nicht in
+Geld sondern in englischen Waaren, die sie zu tüchtigen Preisen wieder
+verwertheten, übersandt, und es läßt sich denken daß sie eifersüchtig
+darüber wachten, solcher Vortheile nicht so rasch und leicht wieder
+beraubt zu werden.
+
+Eine solche Gefahr drohte ihnen aber im Jahr 1836, wo zwei von den
+Gambier-Inseln abgesandte Katholische Priester, Laval und Caret ziemlich
+heimlich auf Tahiti landeten und dort festen Fuß zu fassen suchten.
+Aber die Protestantischen Missionaire waren auf ihrer Hut und
+beschlossen, der Kraft der von ihnen gepredigten Lehre und der einfachen
+Leichtgläubigkeit ihrer Beichtkinder doch nicht so recht trauend, die
+gefährlichen Fremden unter jeder Bedingung und so rasch als möglich
+wieder zu entfernen.
+
+Die Priester machten indeß der Königin ihre Aufwartung die sie in
+Gegenwart ihrer Missionaire empfing, und ersuchten sie ihnen den
+Aufenthalt zu gestatten, legten auch, als sie den Platz wieder
+verließen, Geschenke für Pomare nieder, die nach einigem Weigern
+angenommen wurden; nichtsdestoweniger wurde ihnen in einer nächsten
+Versammlung, wobei einige der Häuptlinge gegenwärtig waren, und die sie
+in Begleitung des Amerikanischen Consuls, Herrn Mörenhout besuchten, die
+Eröffnung gemacht, daß ihnen der Aufenthalt auf diesen Inseln _nicht_
+gestattet werden könne. Die Katholischen Geistlichen protestirten
+dagegen, aber am nächsten Morgen bekamen sie die ganz unzweideutige
+Weisung der Königin die Insel ohne weiteres wieder zu verlassen, und als
+auch hierauf eine direkte Bitte an die Königin, sie ungehindert hier
+weilen zu lassen, Nichts half, schlossen sie sich in das ihnen von
+Mörenhout gegebene Haus ein, und wichen nur erst der förmlichen Gewalt,
+denn die von den Protestantischen Missionairen abgeschickte Polizei
+kletterte am Haus hinauf, stieg durch das Dach, und _trug_ die Priester,
+die nicht gutwillig gehen wollten, wieder auf ihr Fahrzeug zurück.
+
+Diese That sollte nicht ohne traurige Folgen für die Inseln bleiben,
+denn die religiöse Unduldsamkeit der Missionaire öffnete dem schon
+darauf harrenden Feind die Thore, gab Frankreich einen erwünschten
+Vorwand seinen Handel wie seine Religion dort vor allen Dingen zu
+befestigen, und dann die ganze Insel, als seiner Schiffahrt günstig
+gelegen, zu besetzen. Caret reiste nach Frankreich, dort Genugthuung für
+die erlittene Behandlung zu erbitten, und dem Admiral Du Petit Thouars
+wurde es aufgetragen ein schwaches friedliches Reich zu unterwerfen, das
+bis dahin noch keinem Fremden Uebles gethan, sondern Alle, gleichviel
+von welchem Lande, von welcher Religion in gastlicher Herzlichkeit bei
+sich aufgenommen hatte, bis jene fremden Priester selber einander
+befehdeten und Leid und Unheil über jene schönen Küsten brachten, die
+Gottes Vaterhuld mit Allem ausgeschmückt was groß und herrlich war.
+
+Im August 1838 ankerte die Fregatte Venus auf der Rhede von Papetee, und
+Du Petit Thouars erklärte der Königin Pomare in einem Schreiben, daß er
+gekommen sei für die unwürdige Behandlung mehrer Französischer
+Unterthanen, vorzüglich aber der beiden von hier exilirten Priester
+Caret und Laval Genugthuung zu fordern, und jetzt vor allen Dingen eine
+schriftliche Entschuldigung der Königin, die Summe von 2000 Spanischen
+Dollarn als Entschädigung für die erlittene Unbill der Priester, und die
+Begrüßung der Französischen Flagge mit 21 Kanonenschüssen verlange.
+Widrigenfalls drohten die Mündungen der Geschütze Vernichtung über den
+offen und schutzlos daliegenden Strand.
+
+Die arme Pomare hatte keine Wahl; sie schrieb den Brief, erbat sich das
+Pulver selbst von der Französischen Fregatte zu den verlangten Schüssen,
+und die Missionaire, deren Eigenthum bei einer Kanonade auch am meisten
+bedroht gewesen wäre, collectirten das Geld theils unter sich, theils
+bei anderen Engländern und Amerikanern der Inseln, und befriedigten
+damit den Französischen Admiral.
+
+Aber Du Petit Thouars ging weiter, und nicht bedenkend daß ein schwaches
+Volk dasselbe Recht, wenn auch nicht dieselbe Macht habe, ihm misliebige
+Personen von sich fern zu halten, und vielleicht von einem etwas
+rachsüchtigen Gefühl gegen die allerdings übermüthigen Protestantischen
+Priester geleitet, erzwang er noch außerdem einen Vertrag von den
+Eingeborenen, nach dem allen Franzosen: »was auch immer ihr Gewerbe
+sei« (also auch den Französischen Katholischen Missionairen) das Recht
+zustehen sollte, sich niederzulassen und Handel zu treiben auf allen
+Inseln.
+
+Ein bald nach ihm kommendes Kriegsschiff, die Artemise, Capitain La
+Place ging noch weiter und verlangte und erhielt – denn wie hätten sich
+ihm die Tahitier widersetzen können – volle Religionsfreiheit für alle
+Katholiken und einen Bauplatz für eine Katholische Kirche.
+
+Wenn aber auch die Protestantischen Missionaire diese Vorgänge mit
+stillem, freilich deshalb nicht minder heftigem Unmuth dulden mußten,
+gab es doch eine Parthei auf Tahiti, die mit Freuden einen Wechsel in
+den politischen Verhältnissen hereinbrechen sah, den sie bis dahin kaum
+für möglich gehalten. Es waren dies die von den Pomaren ihrer Macht
+beraubten Häuptlinge, die nur mit heimlichem Grimm die Oberherrschaft
+der fremden ihnen feindlich gesinnten Priester gefühlt, und vergebens
+gesucht hatten ihnen entgegen zu arbeiten. Nicht mit Unrecht hofften
+diese, daß die neuen, einer anderen Sekte zugehörigen Priester den
+Einfluß jener stolzen Männer schwächen müßten, und einmal dieser Stütze
+beraubt, und der Thron der Pomaren stand auch nicht so unerschütterlich
+mehr. Noch aber hatten die Englischen Missionaire die Zügel in den
+Händen, und als das Französische Kriegsschiff die Küste wieder
+verlassen, donnerten sie von den Kanzeln mit allem Ingrimm des
+hartnäckigsten Fanatismus gegen die neue Lehre, deren Symbole sie mit
+den früheren heidnischen Uebungen der Insulaner selber verglichen, und
+deren Lehren dem höllischen Abgrund gerade zuführten.
+
+Die Katholische Religion machte nur geringe Fortschritte, die
+Protestantischen Missionaire behaupteten ihre Macht, und wenn auch schon
+des Zweifels Saamen war eingestreut worden in die Herzen der armen
+Insulaner, die mit Entsetzen Feinde ihres Glaubens in demselben Volk
+erstehen sahen, das ihnen den neuen Gott gebracht, dauerte das dem
+heißen ungeduldigen Blut der unruhigen Häuptlinge zu lang, und mit der
+schon fast erstorbenen Hoffnung einstigen Sieges frisch angefacht,
+harrten sie, nicht stark genug ihn selber zu führen, einem frischen
+Schlag wider die Macht ihrer Nebenbuhler sehnsüchtig entgegen.
+
+Einen halben Bundesgenossen, Jemanden wenigstens, der der Französischen
+Sache eng ergeben und den Protestantischen Missionairen nicht besonders
+geneigt war, hatten sie in dem früheren Amerikanischen Consul Mörenhout,
+der dem Pietistischen Wesen der Protestanten theils abhold, anderseits
+auch seinen eigenen Nutzen durch die Oberherrschaft der Franzosen zu
+befördern glaubte, unter deren Schutz oder Protectorat er jetzt die
+Inseln zu bringen suchte.
+
+Ob er seinen Freunden, den unzufriedenen Häuptlingen seine ganzen Pläne
+mittheilte, ist nicht bekannt, aber soviel gewiß, daß im September 1842,
+als die Französische Fregatte Reine Blanche unter dem, vorgeschobener
+Unbilden wegen neue enorme Forderungen stellenden _Admiral_ Du Petit
+Thouars vor Papetee ankerte, die vier Häuptlinge Tati, Raiata, Utami und
+Hitoti mit Mörenhout an Bord gingen, und dort einen Vertrag
+unterzeichneten, in welchem sie den Admiral baten, da sie nicht im
+Stande wären ihr Land jetzt so zu regieren mit anderen mächtigeren
+Regierungen in Frieden zu leben, ihre Inseln unter den Schutz seines
+Königs zu nehmen, der ihnen jedoch, neben der Religionsfreiheit, alle
+übrigen Rechte unbekümmert ließ und garantirte.
+
+Die Einwilligung der Königin, die jeden Augenblick ihrer Entbindung
+entgegensah, wurde unter der Drohung des Französischen Admirals von
+10,000 Dollar Entschädigungssumme für allerdings nur imaginäre Unbill,
+oder volle Besitznahme der Inseln im Namen Sr. Majestät, des Königs von
+Frankreich _erzwungen_ und, selbst die Clausel eingeschlossen, die den
+Protestantischen Missionairen, der neuen Macht gegenüber, völlig die
+Hände band, daß nämlich »irgend ein Mann, der das Tahitische Volk mit
+Wort oder That gegen die Französische Regierung einzunehmen suche,
+verbannt werden solle von den Inseln.«
+
+In dieser Zeit aber war gerade der Mann abwesend von Tahiti, der bis
+dahin den meisten Einfluß als Protestantischer Geistlicher sowohl wie
+mehr irdischer Richter auf die Königin gehabt. Mr. Pritchard war nach
+England gegangen, die Englische Regierung für das kleine Insel-Reich zu
+interessiren und es gegen die wohl vorhergesehenen und gefürchteten
+Uebergriffe Katholischer Priester sowohl wie Französischer Kriegsschiffe
+zu schützen; aber die zurückgebliebenen Missionaire hofften destomehr
+auf diese Hülfe, zu der sie, wie sie glaubten, die neue Ungerechtigkeit
+des Französischen Befehlshabers jetzt nur noch mehr berechtigte, wenn
+nicht dem Englischen Volk auch der letzte Einfluß auf diese Inseln
+entzogen werden sollte.
+
+Kaum hatte deshalb Du Petit Thouars die Inseln wieder verlassen als sie,
+jedes Vertrags ungeachtet, an den sie sich nicht gebunden erklärten, und
+die Königin selber, da er ihr abgezwungen worden, davon entbanden, frei
+und offen in ihren Kirchen das Entsetzliche der Gefahr schilderten, in
+der die Seelen ihrer Beichtkinder schwebten, von dem Antichrist an sich
+gezogen und zerstört zu werden. Der blinde Fanatismus Einzelner trieb
+schon zum Aeußersten, keine Folgen der rückkehrenden Kriegsschiffe
+berechnend, hätten Andere nicht den wilden Eifer gedämmt, einen
+günstigen Zeitpunkt wenigstens zu erwarten den »papistischen Gräueln«
+mit _einem_ gewaltigen Schlag ein Ende zu machen.
+
+So standen die Sachen im Herbst des Jahres 1843, und während die
+Bewohner Tahitis theils Parthei für ihre Missionaire ergriffen, theils
+in kalter Gleichgültigkeit den Streitigkeiten der »beiden weißen Gotte«
+zusahen und ihren Erfolg abwarteten, arbeiteten die Protestanten
+unverdrossen ihrem einen Ziel entgegen, und die unruhigen Häuptlinge
+suchten vergebens den Conflikt zu ihren Gunsten auszubeuten. Die
+Franzosen hatten versprochen ihre Bundesgenossen zu werden, und sie in
+ihren gerechten Ansprüchen zu unterstützen, und jetzt befestigten sie
+nur die eigene Macht auf den Inseln und brachen der fremden Lehre Bahn
+– was kümmerte die trotzigen Herzen ein neuer Name Gottes.
+
+
+Fußnoten:
+
+[H] Der König schlug einst sein Lager zwischen den Bergen auf, und der
+Platz wo er lag war gerade dem Thau und einer scharfen Zugluft
+ausgesetzt. In der Nacht erkältete er sich und bekam einen Husten,
+wonach Einer seiner Höflinge diese Nacht eine Husten-Nacht (von ~po~
+Nacht und ~mare~ Husten) nannte. Dem König gefiel der Klang des Worts
+vielleicht, vielleicht hatte er eine andere Ursache, kurz er beschloß
+sich von der Zeit an ~Po-mare~ zu nennen, und der Titel ist jetzt, als
+erblich, auf seine Nachkommen übergegangen.
+
+[I] Aimata oder Pomare ~IV.~ ist etwa 1812 geboren und war zuerst an
+einen jungen Häuptling von Tahaa verheirathet, von dem sie sich wieder
+schied und zu ihrem zweiten Gemahl einen anderen jungen Häuptling von
+Huaheine, einer Nachbarinsel, nahm.
+
+
+
+
+Capitel 9.
+
+#Die vier Häuptlinge.#
+
+
+Ein sonniger Himmel spannte sich über die wildzerrissenen aber bis in
+ihre höchsten Kuppen bewaldeten Berge von Tahiti; aus den tiefen Thälern
+stiegen in festen, zusammengedrängten Massen die weißen schwankenden
+Schwaden auf, und wollten sich ausbreiten gegen den mächtigen Feind,
+aber die sengenden Strahlen trieben sie zurück, hinein wieder in
+Schlucht und Bergeshang, und hie und da niedergepreßt auf eine Halde,
+oder hingetrieben von dem neckischen Seewind über den saftigen Anwuchs
+breitblättriger ~Feis~[J], mußten sie sich wohl dicht an den Boden
+schmiegen, unter Laub und Busch, dem einsamen Jäger das wunderliche
+Schauspiel einer Schneelandschaft in den Tropen bietend, so weiß und
+weich lagen sie unter Busch und Strauch und füllten die Thäler aus,
+Inseln bildend aus Kuppe und Kraterhang.
+
+Und die Palmen im Thal unten schüttelten den Thau aus ihren wehenden
+Kronen, und rauschten und flüsterten dem Morgenwind ihren Gruß entgegen;
+aus dem Schatten eines mächtigen Wibaums[K] flötete der Omaomao[L], die
+Tahitische Drossel und der gellende Schrei der Möve, die über dem
+spiegelglatten, crystallhellen Binnenwasser der Riffe nach Beute strich,
+mischte sich darein. Von fern herüber aber donnerte klar und gewaltig
+das Brausen der ewigen Brandung über die Corallenwälle, die in einem
+weiten, nur an sehr wenigen Stellen kaum unterbrochenen Kreis all diese
+Inseln umgeben, als ob sie das freundliche Land schützen wollten gegen
+den wilden ungestümen Andrang der Wogen und ihre zerstörende Macht –
+die Elemente waren freundlicher gegen dies Paradies als die Menschen.
+
+Weit aus nach allen Seiten breitete dabei das blaue Meer, hie und da
+über die Fläche blitzte der Schein eines hellen Segels, und aus der
+Ferne herüber ragten die schroffen pittoresken Kuppen Imeos oder Moreas,
+mit dem Palmengürtel, der den Fuß ihrer Berge umschloß, eben sichtbar
+über dem Meeresspiegel. Massen von kleinen schlanken Canoes, den
+Luvbaum[M] an der Seite, der das schwanke Fahrzeug vor dem Umschlagen
+wahren sollte, glitten über das blitzende Binnenwasser, aus den Corallen
+herauf, mit Harpune oder Netz ihr Mahl zu holen, und oft unter der
+stürzenden Brandung hin, der kochenden Woge wie im Sprung entgehend,
+schoß der schwanke Bau wie ein dunkler Streif durch den schneeigen
+Schaum, und das braune trotzige Gesicht warf sich den Gischt aus dem
+lockigen Haar mit fröhlichem Lachen.
+
+Wie lauschig und versteckt lagen die Hütten der Eingeborenen in jenen
+schattigen Hainen, die das Ufer mit ihrem schwellenden Grün überzogen,
+und aus dem heraus sich die prachtvollen Cocospalmen noch weit über den
+Meeresspiegel beugten, als ob sie ihr Bild wiederfinden wollten in dem
+Crystall da unten. Wie dufteten die Orangen und Citronen, die schneeigen
+Sternblumen und die Mangablüthe so süß; das Bananenblatt zitterte und
+raschelte in dem Zephyr, der sich durch Blum und Blüthe stahl, seine
+Bahn zu suchen, den Klüften der Berge zu, und der stattliche
+Brodfruchtbaum drängte sich mit seinen gefingerten einzelnen Blättern in
+das stattliche Laub der Mape; die Papaya schüttelte ihre Kelche aus auf
+Ananas und Tappo-Tappo[N], die köstlichen Früchte dieser Zone, und tief
+im schattigen Laub versteckt glühten duftende Blüthen, und hoben ihre
+Kelche dem sonnigen Licht entgegen.
+
+Es war ein Paradies das Gottes milde Vaterhand erschaffen, ein Paradies
+von seinem Athem durchweht, und Seiner Werke Herrlichkeit kündend zu
+jeder Stunde – ein Paradies das nur die Leidenschaft und das trotzige
+Herz des Menschen oft, ach wie oft, so muth- und böswillig verdarb und
+zerstörte und Haß und Schmerz säete, selbst zwischen diese Palmen, und
+den Frieden verjagte, der auf den stillen Matten in heiterer Ruhe
+lagerte. Ehrgeiz und Fanatismus, Sinnlichkeit, Geldgier und sorgloser
+Leichtsinn reichten sich einander die Hand und der Indianer, der
+gastliche Herr dieses Aufenthalts in dem Engel hätten schwelgen können,
+sah in kurzsichtiger Lust wie die fremden Männer Spiel nach Spiel in
+sein Canoe häuften, es schmückten und verzierten und beluden – bis es
+_sank_.
+
+Sorglose Kinder des Augenblicks, denen Palme und Brodfrucht jeden Tag
+gaben was der Tag begehrte, was kümmerte sie die Zukunft? Der bunte
+Flittertand freute sie, jeder goldenen, blitzenden Masche jubelten sie
+entgegen, und ahneten das Netz nicht, das sich langsam aber sicher
+daraus wob, sie niederzuziehen aus ihrem Himmel.
+
+Aber nicht Alle theilten diese Apathie an den Ereignissen des Tages,
+denen das Volk kaum das Ohr lieh wenn sie geschehen; wie die
+Protestantischen Missionaire um den erschütterten Stamm die Wurzeln
+wieder tiefer senkten und gruben, ihm mehr Festigkeit zu geben bei dem
+nächsten Sturm, so nagte der Ehrgeiz, und andere Leidenschaften
+vielleicht, an den Herzen jener stolzen Häuptlinge, die Königsblut in
+ihren Adern fühlten, und der stille Frieden selbst der sie umgab reizte
+den schlafenden Grimm in ihrer Brust, und wandelte ihnen ihr Paradies zu
+einem Aufenthalt der Qual.
+
+In Papara, dem südwestlichen Theil von Tahiti stand, von mächtigen
+Mapebäumen beschattet, dicht am Uferrand eines kleinen klaren Bergbachs,
+der sprudelnd und silberrein aus den Bergen niedersprang, eine jener
+breitovalen, aus Bambus errichteten und mit den Blättern der Pandanus
+dicht gedeckten Hütten, um die sich der weiche Rasen schloß und der
+Brodfruchtbäume und wehende Palmen das Dach bildeten, den sengenden
+Sonnenstrahl abzuhalten von dem stillen Platz. Ein lauschiges Halbdunkel
+lagerte auf dem nur leise rauschenden, flüsternden Hain, dem die von der
+Brise kaum bewegten Wasser tausend und tausend kleine funkelnde Lichter
+entgegenblitzten.
+
+Aber keine fröhliche Kinderschaar spielte und sprang hier am
+Muschelstrand, oder schaukelte sich an langem, in die Wipfel der Palmen
+geknüpften Bastseil weit und keck hinaus über den korallendrohenden
+Wasserspiegel; kein schlankes Weib mit blumengeschmücktem Haar sammelte
+die Frucht von dem nahen Baum und breitete das reinliche Hibiscusblatt
+zum frischen Mahl. Nur an den Stamm einer Palme gelehnt, die Lenden mit
+dem ~pareu~, noch aus der auf der Insel selbst gefertigten Tapa[O]
+umwunden, deren gelbbraune Falten ihm fast bis zum Knie niederfielen,
+während Bein, Schultern und Leib die zierlichen blauen Linien der alten,
+und durch die Missionaire sonst fast überall verpönten Tättowirungen
+zeigten, lehnte ein Insulaner und schaute still und schweigend, wie in
+tiefem Nachdenken versenkt, auf das weite sonnige tiefblaue Meer hinaus,
+das seinen Strand bespühlte.
+
+Es war eine edle, kräftige Gestalt wie sie da stand unter der Königin
+des Waldes, und das weiche rabenschwarze lockige Haar fiel ihr, ungleich
+der frommen von den Protestantischen Geistlichen eingeführten Sitte es
+kurz abzuschneiden, voll und lang um die Schläfe, bis auf die Schultern
+nieder. Aber keine Blume stak darin oder hinter dem Ohr, noch glänzte
+sonst ein Schmuck an Arm, Hals oder Handgelenk, und die kühnen Züge und
+Arabesken des Tättowirers, alte heidnische Zeichen mit Haifischzähnen in
+unvergehbaren Punkten der Haut eingegraben, lagen fast drohend auf den
+vollgespannten Muskeln und Sehnen der nervigen Glieder.
+
+Da wurden leise aber regelmäßige Schritte im Laube laut – näher und
+näher kamen sie heran, und eine andere Gestalt erschien unter den
+schattigen Blüthe und Frucht bedeckten Orangen; aber der Sinnende hörte
+die Schritte nicht, seinem Träumen willenlos hingegeben, und der
+Neugekommene stand mit verschränkten Armen wohl mehrere Minuten lang
+schweigend neben ihm, indeß sein Blick in tiefem Ernst und Sinnen auf
+ihm haftete.
+
+Dem Aeußeren nach aber war es eine andere Gestalt, als die des ernsten
+Träumers an der Palme, seine Lenden umschloß, wie bei dem Ersten nur ein
+etwas bunterer Pareu, der Oberkörper stak aber in einem noch bunteren
+Oberhemd, und unter den, mit wohlriechendem Oel gesalbten Locken vor
+leuchteten die eben aufgebrochenen Knospen des Cap-Jasmin, jener
+reizenden lilienartigen Gardenia mit dem vollen Narcissenduft. Die Beine
+waren nackt, und die alten Tättowirungen auch auf ihnen sichtbar, aber
+der Pareu ging tief hinab und verhüllte das meiste davon, bis auf die
+zierlich gezeichneten Palmen, deren Wurzeln auf den Hacken saßen während
+der Stamm am hinteren Theil des Beines schlank und zierlich hinauf lief,
+sich über den Waden mit seinen breiten, federartigen Blattkronen
+auszubreiten. In der Hand trug er einen schlanken langen Bogen und
+einige buntbefiederte Pfeile mit Eisenspitzen (keine Waffen in jener
+Zeit, wo die inneren Kriege aufgehört hatten, und die Insulaner recht
+gut die Nichtigkeit solcher Wehr gegen Feuerwaffen erkannten, sondern
+mehr ein Spielzeug oder besser gesagt ein Uebungsspiel der Vornehmen,
+das besonders der Lieblingszeitvertreib des vorigen Königs gewesen) und
+um den Scheitel zog sich ihm ein wunderlich geflochtener Kranz von
+Gardenien mit den silberweißen Fasern der Arrowroot und kleinen rothen
+Blüthen bunt durchwebt.
+
+»Joranna Tati!« rief er endlich lachend, als er wohl glaubte den
+Sinnenden seinen Betrachtungen lange genug überlassen zu haben, und
+während ein leichtes Lächeln seine schönen Züge überflog – »Joranna
+Mann, und was hängst Du den Kopf und schaust so still und brütend vor
+Dich hin, als ob Du« – es zuckte spöttisch um seinen Mund – »plötzlich
+ein Missionair geworden wärest? Wollen Dich die frommen Väter vielleicht
+nach den Gambier-Inseln senden, ihren »Brüdern in Christo« dort Gleiches
+mit Gleichem zu vergelten, und bereitest Du Dich vor den Neubekehrten da
+drüben zu beweisen, daß man nur des Himmels Seligkeit erndten könne,
+wenn man die Mundwinkel an beiden Seiten herunterhängen lasse, und das
+Weiße der Augen zeige in brünstigem Gebet?« –
+
+Tati, denn der Häuptling war es, schaute rasch und finster auf bei dem
+Gruß, und seine Züge heiterten sich nicht auf, als er den bunten Schmuck
+und Tant erkannte, mit dem sich der Freund behangen.
+
+»Du siehst aus als ob _Du_ zum Tanze gingst mit den Areoïs[P], Paofai,«
+sagte er ernst, ohne den Gruß zu erwiedern, »ein Richter des Landes
+sollte sich das Schicksal desselben zu Herzen nehmen, in so schwerer
+Zeit!«
+
+»Das _Schicksal_?« lachte Paofai, die Locken schüttelnd, daß die Blüthen
+auf seine Schultern niederfielen, »das Schicksal liegt in der Hand jedes
+Einzelnen für sich selbst, und die ihre Nacken dem Joch gutwillig
+neigen, dürfen nachher nicht klagen wenn es sie drückt. Wer, beim Oro,
+heißt die fröhlichen Kinder unserer schönen Inseln sich den Fremden
+beugen und die Knie wund reiben vor einem Gott, der uns bis jetzt nur
+Arbeit und Krankheiten, nur Haß und Feindschaft geschickt hat aus fernem
+Land? – Ich für mein Theil bin es müde die helle Schattirung einer
+Haut, und Kenntnisse die dem Träger hier, wo er sie nicht gebrauchen
+kann, nur zur Last sind, höher geschätzt zu sehn als das, was unsere
+Väter ehrten. – Gleisnerische Worte – Oros Zorn über sie, daß sie zu
+Gift würden in dem Mund ihrer Träger.«
+
+»Und wer ist Schuld als wir selber, daß wir’s so lange zu tragen haben?«
+rief Tati sich hoch und stolz emporrichtend, »ruht nicht der Fluch
+unserer Götter auf diesem Lande, seit jene knechtischen Pomare’s den
+Scepter führen, ja liegt nicht selbst die junge Königin in der Gewalt
+dieser schleichenden Priester, die sich nur immer die _Diener_ des Herrn
+nennen, und dabei den Fuß selber auf die Nacken der Arii Rahi’s[Q]
+dieses Landes zu setzen wagen?«
+
+»Und weißt Du daß sie das Volk wieder zusammenrufen wollen zu neuem
+Unheil?« frug Paofai lauernd.
+
+»Sie wagen es nicht,« sagte Tati verächtlich mit dem Kopfe schüttelnd –
+»sie wagen es nicht, denn ihre Häuser stehn breit und bequem gleich vorn
+am Strand, und die eisernen Kugeln des nächsten Französischen Schiffes
+mähten sie nieder.«
+
+»Aber sie hoffen auf Englands Schutz!« rief Paofai, »und Piritati[R] ist
+dorthin gegangen Hülfe zu holen für sich und die Seinen.«
+
+»Bah, der Weg ist lang,« sagte Tati verächtlich, »und die Engländer
+haben einen großen Mund; sie sind kalt und ohne Herz wie ihr Gott, und
+so geizig, daß sie dem nicht einmal opfern lassen, sondern Cocosöl und
+Perlmutterschalen fortführen auf ihren Schiffen und die Schweine selber
+essen – Piritati wird kommen und Versprechungen bringen.«
+
+»Aber sie warten nicht _bis_ er kommt!« entgegnete Paofai – »der tolle
+Uebermuth der Priester, mit dem sie sich so lange eine wirkliche Macht
+vorgelogen haben, bis sie sie selber glauben, läßt sie jede Vorsicht
+vergessen, und um den Augenblick als Heilige und Halbgötter vor dem Volk
+zu stehn, wagen sie ihre Existenz.«
+
+»Sie hätten recht – die Feranis werden uns auch nimmer den Segen
+bringen,« sagte Tati finster – »mich reut schon die Hand die ich dabei
+im Spiel gehabt, denn der gierige Wi–Wi scheint Lust an der Beute zu
+bekommen, nach der er schon zweimal die Krallen ausgestreckt. So lange
+noch _ein_ Fremder auf dieser Insel lebt, blüht uns kein Friede und wir
+warfen uns selbst hinaus, als wir den Gleisnern einst den Aufenthalt
+gestatteten, und den Bambus schlugen zu ihren Hütten – wir hätten ihr
+Grab graben sollen.«
+
+»Ha dort kommt Botschaft von Papetee!« rief Paofai plötzlich, und
+deutete mit dem Arm hinaus in das Binnenwasser der Riffe, über das hin
+ein leichtes Canoe, von zwei Indianern gerudert, mit zwei Anderen im
+Hintertheil desselben, rasch über die klare Fluth herbeischoß. Schon von
+weitem erkannten sie die beiden Häuptlinge Paraita und Utami und Tati
+sagte finster:
+
+»Deren Eile kündet schon vorher des Kommens Grund, und der Feind ist uns
+ins Lager gerückt – o daß er die Streitaxt mit sich brächte und den
+Speer, und nicht ewig das todte Wort mit Singen und Beten.«
+
+Die beiden Männer erwarteten jetzt schweigend die Ankunft des Canoes,
+das draußen um eine etwas weit auszweigende Corallenspitze bog, und dann
+im geraden Strich auf den Platz zuschnitt auf dem die beiden Häuptlinge
+standen, und dessen helleres Dach sich schon von weitem, als treffliche
+Landmarke, erkennen ließ.
+
+»Ha sieh nur Utamis Gesicht!« rief da Paofai, als beide Führer endlich
+landeten und an’s Ufer sprangen – »der dunkle Zug über der Stirn
+deutet bei ihm nichts Gutes – es ist wie ich gesagt!«
+
+»Gruß Euch und Frieden – ~Joranna, Joranna bo-y~!« riefen die beiden
+Männer, als sie den Schattenrand betraten, den die Fruchtbäume und
+Palmen der senkrecht stehenden Sonne abgezwungen.
+
+»Joranna Utami – Joranna Paraita, und was führt Euch über das Wasser im
+Aoatea, wenn die Sonne über Euerem Scheitel brennt?« frug Paofai,
+während Tati ihnen die Hand entgegenstreckte sie zu begrüßen.
+
+»Fröhliche Botschaft,« lachte Paraita, aber die fest zusammengebissenen
+Zähne und der lauernde Blick mit dem er die Züge seiner Freunde
+beobachtete straften sein Lachen Lügen – »ein neues Englisches
+Kriegsschiff ist eingelaufen und die Mi-to-na-res schwimmen oben auf;
+der Englische Capitain will ihren Gott schützen, daß ihn der andere
+nicht über den Haufen wirft, wie sie bei uns Taaroa und Oro bei Seite
+geworfen haben, und der morgende Tag schon soll ihren Triumph
+beleuchten. Auf Tati, auf Paofai, ich glaube die Richter sollen vor
+Gericht, denn wir sind _Alle_ aufgefordert zu erscheinen.«
+
+»Und gilt es wirklich dem Vertrag, den wir mit dem Ferani
+abgeschlossen?« frug Tati finster.
+
+»Kein Zweifel,« lautete die Antwort – »der Königin Boten fliegen heute
+durchs ganze Land – gestern schon gingen die Canoes nach Morea hinüber
+und uns Beiden wurde selber aufgetragen _Euch_ mit zur Stelle zu
+bringen, genügt Euch das?«
+
+»Und wißt Ihr genau was berathen werden soll?« frug Paofai.
+
+Paraita lachte.
+
+»Es ist ein öffentliches Geheimniß, und das Volk in Papetee spricht von
+nichts Anderem – sie wollen unseren Vertrag verwerfen und das
+Protectorat Frankreichs von sich weisen.«
+
+»Das Französische Schiff im Hafen wird’s nicht leiden,« rief Tati.
+
+»Es liegt ein stärkeres daneben s’ihm zu wehren,« sagte achselzuckend
+Paraita.
+
+»Und was spricht Utami?« frug Tati, dessen Hand ergreifend, »auf welcher
+Seite siehst _Du_ den Segen unseres Landes?«
+
+»Auf keiner,« entgegnete kopfschüttelnd der greise Richter, »auf keiner
+von diesen Beiden. – Ich hatte gehofft durch einen solchen Schritt, der
+gewissermaßen nur zum Schein unsere Rechte beschränkte und mehr ein
+Freundschaftsbündniß war mit einer stärkeren Macht, jenen ehrgeizigen
+Priestern ein Ziel zu stecken, aber die Feranis schauen mit gierigem
+Auge auf dies Land, und wer weiß ob wir nachher bei dem Tausch
+gewönnen. Jedenfalls liegt das noch Alles in der Zukunft Schooß, und ich
+habe keine Lust einen Arm aufzuheben für Franke oder Missionair – laß
+sie sich unter einander schlagen.«
+
+»Und Du gehst?«
+
+»Gewiß – sie sollen nicht sagen können daß Utami ihren Ruf gefürchtet
+habe.«
+
+»Gefürchtet,« wiederholte Paofai verächtlich und spannte wie im Spiel
+den Bogen von dessen Sehne der Pfeil schwirrend abschnellte, und etwa
+vierzig Schritt davon entfernt den schlanken Stamm einer Papaya
+durchbohrte, in deren Holz er zitternd stecken blieb – »gefürchtet,«
+wiederholte er noch einmal, den Bogen auf die Schulter werfend – »aber
+es führt uns nicht zum Ziel dieses Kinderspiel – dem Volk wird wieder
+Sand in die Augen gestreut und so lange gesungen und gebetet, bis es
+ermüdet auseinandergeht, und Alles bleibt beim Alten. Da doch noch
+lieber dem Franzosen unterthan, dessen Sitte und Denkungsart besser zu
+uns paßt, als den schleichenden Frömmlern.«
+
+»Unterthan? – _keinem_!« rief da Tati trotzig, der indeß mit
+verschränkten Armen und in tiefem Brüten dem Gespräch der Freunde
+gelauscht – »aber wie dann, wenn wir den Augenblick benutzten, wo die
+Bewohner Tahitis das eine Joch abgeschüttelt und auch das andere von
+uns würfen? – Was sagst Du, Utami, wenn wir die Fremden stürzten mit
+dem einen Schlag und, wie die Missionaire jene fremden Priester, auf das
+Schiff packten das sie gebracht und sie fortschickten, gleichviel wohin,
+so _sie_ jetzt dem Engländer gäben, sie heimzuführen in ihre Heimath?
+Jetzt, jetzt noch ist es Zeit wieder _ein_ Reich, ein glückliches Reich
+zu gründen in unserem Inselland – jetzt wo das Volk gesehen welchen
+Fluch ihnen die Fremden gebracht in jeder Art, wird es zu uns stehn mit
+Kraft und Gewalt, und dem _einigen_ Volke können auch selbst die
+Feuerschlünde des Feindes nicht mehr fürchterlich sein.«
+
+Utami schüttelte ernst mit dem Kopf und sagte finster:
+
+»Zu spät – zu spät! – ein großer Theil der Unseren hängt dem neuen
+Gotte an, und die Missionaire haben dafür gesorgt daß ihr Wohl von der
+Anbetung jenes nicht getrennt werden konnte – sie stehen zu fest,
+während die Englischen Schiffe unsere Küsten verwüsten und unsere
+Fruchtbäume niederschmettern würden, ihrem Gotte Seelen zu gewinnen, wie
+sie dann sagten. – Ich fürchte wir haben uns selber Schaden gethan, als
+wir dem Ferani die Hand boten und bei ihm Hülfe zu finden hofften gegen
+den geistlichen Stolz.«
+
+»Gewalt thut hier Nichts,« stimmte auch Paraita bei – »wir sind zu
+schwach etwas derartiges zu unternehmen, und wenn wir auch Hand zu Hand
+mit den geschorenen Köpfen[S] fertig würden, ist uns die Europäische
+Macht zu stark. Wir müßten jedenfalls warten bis sich ihre Kriegsschiffe
+entfernt hätten, ein plötzlicher Schlag dann und es würde den Feinden
+schwer werden das zu _rächen_, was sie jetzt mit leichter Mühe
+_verhindern_ können. Aber noch haben wir den Vertreter jener fremden
+Macht unter uns, die uns Schutz und Freiheit versprochen für Glauben und
+Recht; wird der Französische Consul, denn zu solchem ist Mörenhout
+ernannt als ihn die Amerikaner nicht länger anerkannten, wird er es
+dulden, daß man den doch nun einmal von der Königin unterzeichneten
+Contrakt mit Füßen tritt?«
+
+»Wie kann er’s hindern?« sagte achselzuckend Paofai. – »Mit ein paar
+Redensarten ist nichts abgemacht, wenn der Fanatismus erst einmal in
+Schuß, bergab gekommen. Die Missionaire haben da ihre Leute, Aonui,
+Potowai, Terate und wie sie heißen; mit Jehovah auf den Lippen werfen
+die Narren sich blind in’s Feuer selbst der Schiffe, und wenn das Volk
+nur schreien und von Freiheit hört, dann brüllt es auch seinen Chor
+hinein, möge die Folge sein wie sie wolle. Ich habe große Lust der
+Versammlung gar nicht beizuwohnen; was kanns helfen?«
+
+»Das sie nachher sagen wir hätten uns gescheut ihnen unter die Augen zu
+treten?« rief Tati rasch. »Nein, keiner darf fehlen von uns, wenn wir
+nicht selber unsere Sache aufgeben wollen in Schimpf und Spott –
+keiner, und dort wird sich uns auch ein Ausweg zeigen das Schwerste
+abzuwenden.«
+
+»Dem stimme ich bei,« sagte Utami ernst – »unsere Aufgabe ist dem Land
+die Freiheit zu erhalten, die der Fanatismus der einen wie die Gier der
+anderen Seite gleich schwer bedroht, und gebe Gott daß uns das gelingt;
+einer späteren Zeit mag es dann vorbehalten bleiben unsere inneren
+Einrichtungen zu ordnen, von denen Franzosen wie Missionaire nichts
+verstehn. Unser Glück liegt in unserer eigenen Hand – wir wollen es aus
+keiner fremden. – So zögern wir denn nun auch nicht länger, kommt mit
+zu meinem Haus, daß wir uns dort mit Speiß und Trank stärken zu der
+Fahrt, und die morgende Sonne grüße uns die ersten auf dem Kampfplatz.«
+
+»Kampf?« lachte Paofai, während er seinen fortgeschossenen Pfeil
+wiederholte, den anderen zu folgen – »ein schöner Kampf wird es
+werden, der mit Singen anfängt und mit Beten aufhört. – Ich kenne meine
+Landsleute nicht mehr, daß sie aus dem fröhlichen glücklichen Volk
+solche Kriecher und Heuchler geworden sind. Aber zum Henker mit den
+Grillen – unsere Palmen müssen sie uns lassen und das stille Wasser
+unserer Riffe, unsere Blumen und Blüthen und unsere Weiber, und den
+Schwarzröcken zum Trotz will ich das Leben jetzt genießen. Himmel und
+Hölle? – Die Leute können vortreffliche Geschichten erzählen und man
+lacht darüber wenn man sie hört – tödten sie doch die Zeit« – und den
+Pfeil aus dem Holz reißend schob er ihn lachend in seinen Köcher zurück,
+und trat, die Locken aus seiner Stirn werfend, zu den Uebrigen in das
+Haus.
+
+
+Fußnoten:
+
+[J] Wilde Pisang.
+
+[K] Der Wibaum oder die Brasilianische Pflaume (~spondias dulcis~) hat
+mit den stärksten Stamm auf den Inseln – oft bis 4 und 5 Fuß im
+Durchmesser. Die Rinde ist grau und glatt und er trägt eine förmliche
+Masse großer pflaumenartiger saftiger Früchte von angenehmen Geschmak.
+
+[L] Der Omaomao, die Tahitische Drossel, und der einzige wirkliche
+Singvogel, wenigstens der bedeutendste, der Inseln. Er ist gelb und
+braun gefleckt, und von der Größe einer Drossel, mit der sein Gesang
+auch etwas Aehnliches hat. Von Gestalt ist er etwas schlanker.
+
+[M] Ein, an der einen Seite des Canoes, durch Queerhölzer etwa drei oder
+vier Fuß vom Fahrzeug selber ausgehaltener Baum, eine Art Kufe von
+leichtem Holz, die auf dem Wasser liegt und mitschwimmt, und nur dazu
+dient das leichte schwanke Fahrzeug vor dem Umschlagen zu bewahren.
+
+[N] Mape, Tahitische Kastanie. Die Papaya eine von Brasilien herüber
+gekommene, der Melone ähnliche aber auf einem Baum wachsende Frucht. Der
+Tappo-Tappo der Englische Crêmeapfel.
+
+[O] Das eigenthümliche Gewebe dieser Inseln, das die Frauen aus der
+gegohrenen Rinde verschiedener Bäume, die sie vorher zu fester Masse
+kneten so lange ausschlagen, bis ein dünnes, ziemlich dauerhaftes Zeug
+daraus wird.
+
+[P] Areoïs, die früheren heidnischen Tänzer auf den Inseln, die eine
+gewisse, sogar religiöse aber wüste Sekte bildeten und von Insel zu
+Insel zogen ihre Orgien zu feiern.
+
+[Q] Die ersten und obersten, aus fürstlichem Blut entsprossenen
+Häuptlinge.
+
+[R] In ihrer Aussprache Pritchard.
+
+[S] Die eifrigsten der Missionaire hatten ihren Gläubigen empfohlen die
+Haare kurz am Kopfe abzuschneiden, wahrscheinlich um nicht den sündigen
+Blumenschmuck darin tragen zu können.
+
+
+
+
+Capitel 10.
+
+#Die Versammlung.#
+
+
+Weißer Rauch quoll aus den Schießluken der Englischen Fregatte »Talbot«
+und der rasch folgende donnernde Schlag des Geschützes, der das Echo
+grollend weckte in den Bergen, grüßte das goldene Taggestirn, das eben
+seinen rothglühenden Schein über die östliche, palmenbedeckte Spitze der
+Bai warf, und seine Strahlen sandte über das weite Meer.
+
+Es war ein reizendes Bild das sich dem Blick entrollte, und Athem und
+Leben gewann mit dem ersten Licht; im Hintergrund die wildzerrissenen
+Kuppen des Gebirgs mit der dunklen kühn eingerissenen Schlucht –
+auseinandergebrochen als die Grundvesten der Berge einst in ihrem
+inneren Mark erbebten, und rechts und links das niedere palmenbedeckte
+Land ausschießend, als ob es die sonnige spiegelglatte Bai umspannen
+wolle mit liebendem Arm, während an dem Ufer hin die weißen niederen
+Gebäude dicht hineingeschmiegt standen in Palmen- und Orangenhain, mit
+hie und da einem alten mächtigen Banianbaum, der die dunkel glänzenden
+Zweige niederschüttelte, neue Wurzeln dem Erdreich um sich her
+abzugewinnen. Vorn schäumte und spielte die Fluth an dem hellen
+Corallensand, und den vorderen, von Banane und Palme eingeschlossenen
+Rand, in dem die stillen Wohnungen der Menschen so dicht versteckt wie
+Perlen in einer halbgeöffneten Muschel lagen, bildete ein dichter Wald
+von Brodfrucht und Orangen und buntblüthigen Akazien und breitblättrigen
+Hibiscus Tiliaceus mit den großen malvenähnlichen Blumen.
+
+Und nicht öde und weit lag das Meer, dem wunderschönen Lande gegenüber;
+nein, hinter dem licht funkelnden Wasserspiegel, den nur hie und da ein
+ruhig vor seinem Anker reitendes Schiff, oder das rasche Canoe mit dem
+blitzenden Streifen hinter sich unterbrach, dehnten sich die weiten
+schäumenden Riffe mit ihren Schneekronen und rollendem Donner, und
+umspannten selbst die kleine Königinsel Motuuta, die wie ein Smaragd,
+von silbernem Band umfaßt, in dem herrlichen Rahmen palmenwiegend lag,
+während hinter ihr, noch neben dem weiten Horizont des Oceans, die
+zackigen kühn gerissenen Kuppen und Spitzen Imeos, wie Nadeln
+emporstarrend oder riesige Kegel, in blauer Ferne lagen, bei klarer Luft
+selbst den Palmengürtel zeigend der sie umschloß.
+
+Still und regungslos lag dabei der Strand, bis zu dem Schuß, mit dem
+zugleich fast sich die Sonne über den Palmenstreifen hob – nur hie und
+da zeigte sich ein einzelner Indianer der, vielleicht nach seinem Canoe
+schauend, langsam am Ufer auf- und niederging; aber wie mit einem
+Zauberschlag _nach_ dem Schuß, und während das Echo noch in den fernen
+Schluchten dröhnte und grollte, quoll und drängte es sich ordentlich aus
+den Häusern und Hütten vor, in bunter glänzender Tracht, und fröhliches
+Leben brach sich die Bahn in’s Freie mit einem Mal.
+
+Es war Tag geworden in Papetee, und ein bedeutungsvoller wichtiger
+Morgen angebrochen für den kleinen Staat; ob zum Heil, ob zum Leid, was
+kümmerte das das fröhliche Inselvolk mit seinem leichten, glücklichen
+Sinn. Wie die sonnige Welle ihrer Binnenwasser trieben sie leicht über
+des Lebens Meer – ein Sturm rüttelte sie auf, wild und gewaltig, es ist
+wahr, aber mit der Ursache die sie gehoben, _mit_ dem Sturm, legte sich
+auch leicht beruhigt das Element, und ließ in derselben Stunde fast
+schon den Schiffer niederschauen in die cristallreine Tiefe, die offen
+wie ihr Herz da vor ihm lag.
+
+Wie ein Bienenschwarm zog es und drängte es dort eine Weile am Ufer
+herum, beide Geschlechter bunt gemischt durcheinander, und oft klang der
+fröhliche Laut lachender Mädchenstimmen silberrein über das Wasser
+selbst bis zu der Stelle, wo etwas einsam in der Bai, und in der That so
+weit abseits als er eben ankern durfte, ein großer weitbäuchiger,
+entsetzlich schmutziger und wettermitgenommener Wallfischfänger lag. Auf
+seinem Heck stand, etwas geschmacklos, aber vielleicht nicht ohne Grund,
+mit grellrothen Buchstaben im grünen Felde, der Name desselben, _Kitty
+Clover_, und von der Gaffel seines Besahnsegels wehte die Englische
+Flagge.
+
+Auf dem Quarterdeck desselben standen zwei Männer, beide in die
+gewöhnliche Seemannstracht, in blaue Jacken und weiße Hosen gekleidet,
+einen breiträndigen Strohhut mit langem schwarzen Band gerad auf den
+Kopf gesetzt. Der eine von ihnen, der ältere, war der Capitain der Kitty
+Clover, der so wenig den Schotten in seinem ganzen Wesen und Aussehn
+verleugnen konnte, wie der Andere den Iren.
+
+Dieser hatte das fast unvermeidliche rothe Haar seiner Landsleute, aber
+in merkwürdig kleine feste Locken mehr geknotet als gedreht, und auch um
+Kinn und Oberlippe zog sich ihm ein ungeheuer starker, aber eben so
+fest verworrener ineinandergedrehter Bart bis hoch unter die kleinen,
+lichtblauen Augen hinauf, die manchmal, wenn er seinen Kopf dem neben
+ihm Stehenden zuwandte, mit einem eigenen drollen Humor daraus
+vorblitzten.
+
+Noch acht oder zehn Matrosen etwa waren außer den beiden an Deck, und
+zwar mit Waschen desselben beschäftigt, wozu sie die vollen Eimer aus
+der klaren Fluth heraufschwangen, und mit raschgezieltem Wurf den
+breiten Strahl unter die oben befestigten Fässer und langs Deck hin
+sandten.
+
+Der Capitain oder Master des Wallfischfängers, Mac Rally, galt für einen
+vortrefflichen Seemann, aber noch besseren Händler, und das hagere
+scharfgeschnittene Gesicht, die hellblauen unstäten Augen, die eisernen
+Lippen zeigten zugleich Entschlossenheit wie List und Ausdauer.
+
+Die Kitty Clover war erst gestern hierher, angeblich vom Wallfischfang,
+eigentlich aber direkt von Valparaiso kommend, eingelaufen, und hatte
+den Iren gewissermaßen als Passagier, der übrigens auch einen ziemlichen
+Theil spirituöser Getränke als Fracht bei sich führte, mitgebracht.
+Theilweise gehörte von demselben Artikel, außer einer Anzahl von
+Fässern, von denen nicht einmal die Matrosen wußten was sie enthielten,
+auch eine ziemliche Parthie dem Capitain selber, und er zog es deshalb
+vor, den letztverlassenen Hafen nicht als direkt von dort gekommen
+anzugeben, einer vielleicht unangenehmen und zu ängstlichen
+Aufmerksamkeit der Steuerbehörden zu entgehen. Nichtsdestoweniger haben
+diese auf Wallfischfänger ebenfalls ein sehr scharfes und wachsames
+Auge, denn sie wissen recht gut daß solche Fahrzeuge, wenn sie auch
+gerade kein wirkliches Geschäft daraus machen, doch stets eine oft nicht
+unbedeutende Quantität gestatteter oder auch verbotener Waare bei sich
+führen, und was sie eben schmuggeln _können_, nicht gern versteuern.
+
+Die _verbotene_ Landung spirituöser Getränke war übrigens mit ungemeinen
+Schwierigkeiten verbunden, denn auf alle den Inseln hatten die
+Missionaire schon gegen die Einführung des Branntweins die heilsamsten
+Gesetze erlassen, die sie mit großer Strenge aufrecht hielten und
+bewachten; anderseits waren die Indianischen Behörden selber mit solcher
+Maßregel sehr zufrieden, denn die Einführung des bösen Getränks hatte
+nur Elend und Unfrieden, Zank und Blutvergießen in die Stämme gebracht,
+so daß sie gern und willig, was nicht immer der Fall war, ihre weißen
+Lehrer und Gesetzgeber in der Ausführung unterstützten.
+
+Die Franzosen nahmen es noch am leichtesten mit der Einführung von
+Spirituosen, aber nur wenn sie von ihren eigenen Schiffen gelandet
+wurden, denen sie dadurch gewissermaßen ein Monopol zu sichern
+wünschten, aber auch hartnäckig von den Behörden überwacht wurden und
+nicht, ohne öffentlich die einmal bestehenden Gesetze umzustoßen,
+dawiderhandeln durften.
+
+»Und Ihr seid hier bekannt, O’Flannagan,« sagte der Capitain endlich,
+nachdem er wohl eine Viertelstunde lang, ohne ein Wort zu sprechen, das
+Ufer durch sein langes Schiffsglas scharf beobachtet hatte, »und glaubt
+fest daß Ihr die ganze Ladung nach und nach sicher und ohne einen Penny
+Steuer zu zahlen an Land würdet schmuggeln können?«
+
+»Von _glauben_ ist da gar keine Rede, ~Captain dear~,« lachte der Ire,
+»meiner Mutter Sohn kennt hier jeden Zollbreit Boden am Ufer, und was
+mehr ist, jeden Zollbreits Sohn und Tochter, und die Mädchen besonders,
+hahaha liebe Dinger, sind rein auf mich versessen. Die führen nun schon
+einmal in der ganzen Welt das Regiment und die zu Freunden, das andere
+ist Alles Kleinigkeit und Kinderspiel.«
+
+»Aber wenn uns da nur die jetzigen politischen Verhältnisse keinen
+Strich durch die Rechnung machen,« sagte kopfschüttelnd der Schotte.
+»Wie uns der alte Indianer gestern Abend erzählte, so waren die
+Englischen Missionaire wieder die Herren da drüben, so gut wie früher,
+und das will mir nicht so recht einleuchten.«
+
+»Wir wären verloren mit unserem Geschäft wenns anders aussähe;« lachte
+Jim, »zum Teufel wenn die Franzosen das Heft in Händen hätten, dürften
+wir unseren Brandy nur getrost selber trinken, denn die würden eine
+solche Masse ihres eigenen Fabrikats hinüber an Land geworfen haben, daß
+sie die Stadt damit ersäufen könnten. Die Missionaire dagegen können
+höchstens die Strafe auf Einfuhr noch erhöhen, die Einfuhr selber noch
+schwieriger machen; das Alles muß uns aber die Preise nur gerade in die
+Höhe treiben, und – was wollen wir mehr?«
+
+»Weiter nichts,« schmunzelte der Schotte, das Fernrohr niederlegend und
+sich mit einem höchst vergnügten Gesicht die Hände reibend – »weiter
+nichts, Jimmy – höchstens noch etwas baar Geld – gutes Silber für
+unsere flüssige Waare.«
+
+»Ich fürchte nur Ihr habt mit dem anderen Artikel ein schlechtes
+Geschäft gemacht,« sagte Jim kopfschüttelnd – »ich glaube wirklich
+nicht, daß es hier je zu einem solchen Ausbruch von Feindseligkeiten
+kommen kann, die Eingeborenen zu veranlassen wirklich Geld für einen
+solchen Artikel auszulegen; – ja wenn es Brandy wäre.«
+
+»Nun, ich gehe da ziemlich sicher,« schmunzelte der Schotte, »denn ein
+Theil der Waffen ist feste Bestellung – von Jemandem aber den ich nicht
+nennen darf – und verkauf ich das andere nicht _hier_, so weiß ich daß
+ich auf den Fidschi- und Navigators-Inseln einen vortrefflichen Markt
+dafür finde.«
+
+»Ja, aber, das ist ein kitzliches Geschäft,« meinte Jim, sich mit dem
+Zeigefinger der rechten Hand durch das Halstuch fahrend – »die
+Engländer und Franzosen haben über derartigen Handel ihre eigenen
+Ansichten, und es geht bei einer solchen Geschichte immer gleich an die
+Raanocke[T]. Interessant ist so ein Geschäft wohl schon, aber –
+verdammt gefährlich, und der Nutzen doch eigentlich nicht im Verhältniß
+zum Risiko.«
+
+»Nun, das käme auf die Person an,« sagte, mit einem etwas zweideutigen
+Seitenblick auf den Iren, der jetzt aufmerksam durch das Glas nach der
+Insel hinüberschaute, der Capitain. Jim verstand aber die etwas
+malitiöse Anspielung und sagte lachend, ohne jedoch aufzusehen:
+
+»Ich bin gerade so kitzlich am Halse wie der beste Priester, Capitain,
+und jeder paßt auf sein Bischen Leben so gut er kann, ob’s nun eben der
+Mühe werth ist, oder nicht.«
+
+»Nein, Jimmy, so war’s gar nicht gemeint,« rief Mac Rally rasch und
+etwas verlegen.
+
+»Bitte, geniren Sie sich nicht,« lachte Jim, »thun Sie als ob Sie zu
+Hause wären, ~Captain dear~ – »aber dahinten kommen die Canoes,«
+unterbrach er sich plötzlich, den rechten Arm, ohne das Auge vom Glas zu
+nehmen, gegen Point Venus hinüberstreckend. Dorthin wurde auch eben,
+gerade die Spitze passirend, eine kleine Flotte Indianischer Fahrzeuge
+sichtbar. »Bei Jäsus, Mr. Mac,« fuhr er aber lebendiger werdend fort,
+als er sich den Inhalt der kleinen schlanken Fahrzeuge etwas genauer
+betrachtet – »heute geht die Geschichte los da drüben, heute bekommen
+wir was zu sehen, und je eher wir hinüberfahren, denk’ ich, desto besser
+ist’s, denn einen besseren Abend unser Ausschiffen zu beginnen, werden
+wir auch nicht so leicht finden. Kein Teufel paßt heut’ auf die aus- und
+eingehenden Boote, und solche Zeit muß man benutzen.«
+
+Der Capitain hatte das Glas wieder genommen und einen Augenblick
+durchgesehen, dann aber sich wieder aufrichtend und es zusammenschiebend
+sagte er, mit einem halbversteckten Lächeln in den selten aus ihrer Lage
+gebrachten fast wie ehernen Zügen:
+
+»Ihr habt recht Jim, da hinten schwimmen die Haupt-Schauspieler der
+heutigen Komödie – drei Canoes voll Schwarzröcke, Gott weiß wo sie alle
+herkommen. Die Feierlichkeit wird nun wohl auch bald ihren Anfang
+nehmen, und ich glaube je eher wir hinübergehn, desto besser. Ha, bei
+Gott,« unterbrach er sich plötzlich, als er sich zufällig nach den
+Kriegsschiffen hingewandt hatte und deutete mit dem Arm hinüber – »dort
+geht die Tahitische Nationalflagge!« Und in der That stieg in diesem
+Augenblick die rothe Flagge mit dem weißen Stern auf der Englischen
+Fregatte an der Gaffel des Besahnsegels auf. »Was die Leute doch für
+Streiche machen,« brummte der Alte dabei – »aber meiner Mutter Sohn
+müßte sich sehr irren, wenn sie nicht heute da drüben Unheil anrichten.«
+
+»Desto besser, ~Captain dear~,« rief Jim, sich vergnügt die Hände
+reibend, »desto besser; s’wär mir ein wahres Gaudium, wenn ich erleben
+könnte daß sich die beiden Erbfeinde, Franzosen und Engländer, wieder
+einmal beim Koller kriegten; s’ist überdies lange genug Frieden gewesen.
+Aber enges Fahrwasser zum Maneuvriren hätten sie hier, und die Corvette
+hielts auch mit der Fregatte nicht lange genug aus, den Spaß interessant
+zu machen.«
+
+»So weit treiben sie’s nicht,« sagte kopfschüttelnd der Capitain – »der
+Franzose ist zu klug sich hier mit einer solchen Fregatte in einen
+wahrhaft verzweifelten Kampf einzulassen. Nein, es kommt jetzt Alles
+darauf an wie das Schiff heißt, das zuerst in den Hafen einsegelt, und
+die guten Leute hier spielen wirklich nur eine Art Paar oder Unpaar, mit
+ihrem ganzen Land zum Einsatz.«
+
+»Bah, der Spaß ist der,« lachte der Ire, »daß die, die den Einsatz
+stellen, nicht einmal mitspielen – die aber die Nichts zu verlieren
+haben, die Missionaire, trumpfen aus.«
+
+»S’ist Zeit daß wir hinüberfahren,« sagte Mac Rally – »he da vorn –
+~damn it~ Ihr Burschen, Ihr schwemmt ja heute das Deck, als ob Ihr die
+Nägel herausweichen wolltet; mein Boot nieder, und viere von Euch
+hinein. Und Du Bob,« wandte er sich an einen der Leute, den Zimmermann,
+der eine gewisse Autorität an Bord ausübte wenn die Officiere an Land
+waren, »passe mir ein Bischen auf, und wenn es am Ufer Skandal geben und
+Einer von unseren bärbeißigen Nachbarn vielleicht geneigt sein sollte
+die Zähne zu zeigen – Du kennst ja das Zeichen – so auf mit Euerem
+Anker, und seht zu daß Ihr außer Schußlinie kommt, denn wir brauchen
+unsere Hölzer nothwendiger. – Aber bis dahin bin ich auch auf jeden
+Fall wieder zurück.«
+
+»Und soll die Flagge wehen bleiben, Capitain?« frug der mit Bob
+angeredete.
+
+Mac Rally stand schon auf der Schanzkleidung, und war eben im Begriff in
+das Boot hinabzusteigen. Er blieb stehn, und schaute einen Augenblick
+wie unschlüssig nach dem bunten, flatternden Tuch hinauf.
+
+»S’wär patriotischer,« sagte er endlich, die Augenbrauen hoch
+hinaufgezogen, »aber politisch ist’s nicht. – Sie können Einem freilich
+Nichts anhaben – Ach was,« setzte er dann laut hinzu – »der Wind
+schlägt das Tuch doch nur zu Schanden – wenn wir an Land sind nimm den
+Lappen herunter!« und mit dieser höchst unehrerbietigen Bemerkung der
+eigenen Nationalflagge sprang er, von dem Iren gefolgt, in sein Boot,
+das sie bald mit kräftigen Ruderschlägen blitzesschnell über das Wasser
+dem gar nicht so fernen Ufer zuführten.
+
+Hier aber wimmelte und schwärmte es indeß von Menschen und den Strand
+hinunter schien der Hauptzug zu gehn, wo auch wirklich an dem
+sogenannten Paré, jenem Theil der Küste wo der Königin Haus stand, der
+für heute bestimmte Versammlungsort des Festes lag, wenn hier überhaupt
+ein Fest gefeiert wurde.
+
+Eine bunte Mädchenschaar drängte sich am Ufer hin und an der Kirche
+vorüber, deren Glocke in einem, oben ausgeschnittenen stämmigen
+Orangenbusch hing. Es waren blühende, liebliche Gestalten, mit tief
+dunklen und doch so schwärmerischen Augen, und zartgeschnittenen,
+rosigen Lippen, oft mit kaum gebräuntem Teint, unter dem das feine
+liebliche Erröthen, wenn es Wangen und Nacken übergoß, so klar wie bei
+der weißen Haut fast hervortrat, und den üppigen Formen einen
+unendlichen Reiz verliehen hätte, wäre der nicht eben durch das sonst so
+lockige jetzt kurz abgeschnittene Haar und das entsetzlichste Modell
+eines Frauenhutes, das je die freie Stirn eines schönen Kindes
+mishandelte, entstellt worden. Es war die _fromme_ Schaar der
+Tahitierinnen, die sich zur Protestantischen Kirche bekannten, und mit
+den alten Vorurtheilen auch ihr Lockenhaar wegwerfen mußten, als falsch
+und sündig. Und weshalb? – es hatte Blumen getragen einst im
+heidnischen Tanz, und die freundlichen Kinder jenes herrlichen
+Himmelsstriches schmückten es jetzt selbst noch gern mit den knospenden
+Blüthen. Aber fort mit dem irdischen Tant! wer _Gott_ dienen wollte,
+durfte sein Herz nicht an die Erde und ihren Schmuck hängen – fort mit
+dem Haar das sündige Eitelkeit erweckte und der Verführung den Weg nur
+bahnte zum wankenden Herzen – fort mit dem duftigen Kranz darin und den
+wehenden Silberfasern der Arrowroot – einen anständigen _christlichen_
+Hut mit christlicher Form auf dem Kopf, und diesen geschoren darunter,
+und das sündige Herz mußte dann schon selber dem Schopfe folgen.
+
+Wie sie so ehrbar dahin schreiten, die sonst so wilden Mädchen, das Auge
+züchtig gesenkt, die schwere Bibel im Arm und gegen die volle Brust
+gepreßt, in der das Herz so ängstlich klopfend schlägt – der Hut
+verbirgt die Züge, und das lange faltige Gewand umhüllt fast vollkommen
+die zarten Gestalten, nur den Fuß – nicht das Schönste an ihnen – frei
+zur Schau tragend.
+
+»~Waihine – naha – naha Maïre~!« rief da eine neckische Stimme dicht
+neben dem Zug, und ein reizendes Mädchengesicht, aber ohne den
+entstellenden Hut, und die vollen blumendurchflochtenen Locken wild um
+die hohe edle Stirn flatternd, bog sich halb über, dem ihm nächsten
+Mädchen unter den schrecklichen Hut zu sehen, und die Züge zu erkennen
+– »~naha Maïre~.«
+
+Aber die also Angeredete, ob sie es war oder nicht, bog den Kopf nur
+mehr zur Seite. Sie schämte sich doch nicht ihrer frommen Tracht? –
+»~naha Maïre~,« klang wieder und wieder der neckische Ruf – »bist Du’s
+~aiu~[U] oder nicht? – sieh her Maïre, sieh her und wende Dein
+Köpfchen.«
+
+»Ah – da nimm das!« rief da plötzlich die fromme Maid, und den Kopf
+herumwerfend nach der Quälerin, deren lachende Augen über zwei Reihen
+prachtvoller Perlzähne blitzten und funkelten, schlug sie mit der linken
+flachen Hand (in der anderen hielt sie die Bibel), ein Zeichen
+gründlicher Verachtung, ihre Lende – »da nimm das Du böse Ate-ate und
+laß mich zufrieden – bah über die Schwätzerin.«
+
+»Hahahaha!« klangs aber wie Silberton von den Lippen der Anderen –
+»hahahaha, Maïre, Maïre, armes Kind, armes Kind.«
+
+»Laß sie gehn,« stieß da Maïre eine Nachbarin an, »laß sie gehn es sind
+wilde Dinger und taugen nicht zu uns – wenn’s der Mitonare sieht daß
+wir mit ihnen gesprochen ist er bös.«
+
+»Maïre, Maïre, armes Mädchen!« riefen die Ersteren wieder.
+
+»Bah!« lachte aber die Schöne jetzt, den Hut zurückwerfend, daß die
+funkelnden Augen voll die Gegner trafen – »albernes Zeug hier, könnt
+Ihr mich nicht zufrieden lassen beim Kirchgang oder beim vollen Zug –
+oder glaubt Ihr daß Ihr’s nachher wohl toller treibt als ich?«
+
+»Ah ~maitai maitai~ Maïre,« jubelte da Ate-ate laut auf – »so lebst Du
+noch unter dem Hut und Dein Herz liegt nicht bei den Locken daheim im
+Bananenblatt?«
+
+»Wenn sie nur so schnell wieder wüchsen wie man sie abschneiden kann,«
+zürnte das schöne Mädchen und warf einen mürrischen mistrauischen Blick
+nach ihrem Schatten hinunter, aber sie sah nur den Hut und schüttelte
+ärgerlich mit dem Kopf.
+
+»Wenn mir die Haare wachsen schneid’ ich sie nicht wieder ab,« sagte ein
+anderes Mädchen das neben Maïren ging – »so lange sie kurz sind bin ich
+fromm, und dann kann einmal eine Andere an die Reihe kommen.«
+
+Drrrrrrrrum – drum, drum, drum klang der Wirbel und Ton; heller
+fröhlicher Trommelschlag, das National- und Lieblingsinstrument der
+Insulaner, im Takt und Schlag ihres wildesten, aber auch deshalb
+geliebtesten Tanzes.
+
+»Hab’ Acht, Maïre,« rief Ate-ate an ihrer Seite hintanzend – »der
+~Upepehe~:
+
+ Horch!
+ Horch wie der Trommel Klang
+ Hell durch die Palmen drang,
+ Horch!
+ Zuckt mir’s durch Fuß und Knie,
+ Zuckt mir’s im Herzen hie
+ Horch!«
+
+»Horch!« rief aber Maïre und ihre Augen blitzten und funkelten in einem
+wilden, fröhlichen Feuer, zu dem das dicke Buch unter dem Arm gar nicht
+so recht passen wollte.
+
+ »Horch!
+ Laut wie die Brandung jägt,
+ Gegen die Riffe schlägt,
+ Horch!
+ Wirbelt der Trommel Ton
+ Herzchen ich komme schon
+ Horch!«
+
+Und in den Chor fiel die übrige fromme Schaar jubelnd ein, und mit den
+Büchern im Arm, während die großen Hüte den Wind fingen und auf- und
+niederschlugen, warfen sich die tollen Mädchen, denen die bekannten und
+so leidenschaftlich geliebten Töne viel zu verführerisch in die Ohren
+geklungen hatten ihnen widerstehn zu können, von beiden Seiten in den
+wilden Upepehe-Tanz und sprangen, von den nicht so feierlich geputzten
+jubelnden Schwestern redlich dabei unterstützt, auf und ab in der rasch
+gebildeten Bahn den üppigsten ihrer Tänze aufzuführen, so lange
+wenigstens die verführerische Trommel schlug.
+
+Wie von der Tarantel gestochen schien dabei die Schaar, und selbst die
+Ernstesten unter ihnen, die mit finsterem Blick den ersten Uebergriff
+geschaut und mit scharfem Wort ihn gerügt, schwiegen, sahen sich um nach
+rechts und links – zögerten noch und – sprangen mitten hinein in den
+jubelnden Chor.
+
+»_Mi-to-na-re_!«
+
+Wie dem Schwimmenden das Wort _ein Hai_ mit Bleies Schwere in die
+Glieder schlägt, und ihn oft zu seinem Verderben für den ersten
+Augenblick jeder eigenen Willenskraft beraubt, so schlug _das_ Wort in
+die Reihen der Tanzenden.
+
+»_Mitonare_!«
+
+Einen Moment standen sie wie in Stein gehauen, die fröhlichen jubelnden
+Gruppen, nur von den Zügen hatte der Schreck die Fröhlichkeit verwischt,
+und nicht hinaus suchte das Auge wo die Gefahr lag, sondern nur bei dem
+Nachbar wollte es Scherz oder Ernst der Warnung finden; der nächste
+Moment aber schon entschied den Sieg gegen die Trommel – »Mitonare!«
+und aus dem Tanz heraus zuckte die Schaar der Frommen wieder in den
+früheren stillen und ehrbaren Gang hinein, die Hüte fielen nieder –
+jetzt ein trefflicher Schutz die erregten glühenden Gesichter zu bergen
+vor irgend einem prüfenden Blick, die verschobenen Röcke wurden gerad
+gezupft, und wieder ernst und feierlich wanderte die junge Schaar,
+unschuldige Heuchler mit dem fröhlichen Muth im Herzen und den
+unnatürlichen Ernst starr und kalt draußen herumgelegt, die breite
+Straße entlang dem Paré zu.
+
+Aber nicht nur ein Scherz, den sich irgend ein neckisches Mädchenbild
+vielleicht erdacht die Schwestern fürchten zu machen, war das Wort
+gewesen – dort oben vor dem Hause des jetzt allerdings verreisten
+früheren Missionairs und jetzigen Englischen Consuls Pritchard (ein
+weites Gebäude mit bequemer luftiger Verandah, Europäischen Thüren,
+Glasfenstern und wohnlicher selbst eleganter innerer Einrichtung) stand
+die fromme Schaar der Missionaire versammelt – sie _Alle_, nicht ein
+einziger fehlte von Tahiti selber, wie von Imeo, in schwarzem Frack und
+Hosen, weißer Halsbinde und Weste und das unpraktischste Fabrikat das je
+ein Mensch in kaltem oder heißem Klima, in Sonne oder Schnee, in Staub
+oder Regen, bei Wind oder Stille, beim Gehen, Reiten oder Fahren
+getragen, den schwarzen Cylinderhut auf dem Kopf.
+
+»Er hat uns gesehn!« flüsterte Eines der Mädchen dem anderen zu – »er
+trägt ein kleines langes Stück Metall, das wie ~perú~[V] aussieht, in
+der Tasche, damit kann er von einer Insel nach der anderen hinübersehn.«
+
+»Bah’ heute sagt er Nichts,« flüsterte die Andere zurück – »und zankt
+er mich aus,« setzte sie trotzig hinzu – »geh ich zu dem anderen
+Priester mit Kreuz und Licht, dort darf ich mir so die Haare wachsen
+lassen und Blumen hineinflechten, und komme doch in den Himmel der
+Weißen.«
+
+»Die breite Pforte bleibt Dir verschlossen, wenn Dir die Mitonares nicht
+den Eingang zeigen,« warnte die Erste wieder.
+
+»Ei was,« lachte die Zweite leise, »dann biegen mir die anderen
+Mitonares den Bambus auseinander – wenn ich nur hineinkomme.«
+
+Die Mädchen kicherten zusammen unter ihren vorgebeugten Hüten, aber ganz
+leise, und der Zug schritt langsam vorwärts, denn er wuchs mit jedem
+Fußbreit Boden den er gewann, und an dem letzten »Bethaus« hatten sich
+ihm alle »Glieder der Kirche« (~Church members~) in feierlicher
+Procession und von dem Ehrwürdigen Mr. Rowe geführt, angeschlossen.
+
+Ehrwürdige Gestalten selbst, mit ihren braunen Gesichtern und weißen
+Jacken, manche in Hosen, einzelne sogar im Frack und Lendentuch, mit
+Weste und heftig gestärktem Vorhemd, die Beine tättowirt mit allen
+möglichen heidnischen Zeichen, und den Kopf geschoren in christlicher
+Demuth.
+
+Viele davon, ja die meisten, trugen Bücher unter dem Arm, und der stille
+Ernst der in ihren Reihen herrschte, mit der Schaar von
+schwarzgekleideten Männern die jetzt zu ihnen niederstieg und ihrem Zug
+voranging, machte einen eigenen wunderlichen Eindruck auf den Zuschauer.
+
+»Wer wird denn hier eigentlich begraben, Jim?« sagte Mac Rally, als sie
+am Strande hin, in etwa funfzig Stritt Entfernung vom Ufer, den Zug in
+ihrem Boot begleiteten – »das geht ja merkwürdig feierlich zu bei den
+Leuten – wenn ich nicht wüßte daß ich in Tahiti wäre, glaubte ich
+wahrhaftig, ich sei aus Versehen irgendwo in Neu-England angelaufen.«
+
+»Hätt’ ich die Mädchen mit den schauerlichen Hüten da eben nicht tanzen
+sehn,« lachte der Ire, »so glaubt’ ich’s auch – schwarz genug sieht der
+Kopf davorn aus, und dunkel gesprenkelt gehts durch den ganzen Zug; aber
+so ernsthaft werden sie’s wohl nicht meinen, und das Ganze läuft doch
+am Ende wieder darauf hinaus, daß sie den Höchsten ersuchen sich der
+Sache, die sie jetzt in die Dinte geritten haben, anzunehmen, und
+nachher eine Collekte für Missionszwecke sammeln.«
+
+Mac Rally schüttelte mit dem Kopf.
+
+»Und ich glaub’s nicht – wäre das Englische Kriegsschiff nicht da, ja,
+aber der Capitain hält zu ihnen, oder will wenigstens nicht zu dem
+Franzmann halten, was ich ihm auch nicht verdenken kann, und da wird sie
+der Böse wohl plagen daß sie irgend einen gescheuten Streich aushecken,
+bei dem ihnen nachher die Insulaner die Kastanien aus der Asche holen
+müssen. Ich kenne meine Leute.«
+
+»Wetter, jetzt wird’s Ernst!« rief Jim da, über die Bai hinüberzeigend,
+nach der er den Kopf zufällig gewandt – »da kommen die Boote Ihrer
+Majestät, mit wehenden Flaggen, die Tahitische vorn am Bug, darüber wird
+sich unser Französischer Nachbar unendlich freuen.«
+
+»So ~back water~, Jim, dort hinein in die Bucht,« rief Mac Rally, »es
+wird Zeit daß wir landen, und uns den Spaß jetzt vom Ufer aus
+betrachten.«
+
+»Ich habe ebenfalls Nichts zwischen den Booten zu suchen, Sirrah,«
+brummte der Ire, und dem Befehl gehorsam schoß das Boot gleich darauf
+einem der einfachen ausgebauten Landungsplätze zu, an dem es Einer der
+Leute befestigte, während sich die beiden Männer in dem Gedräng von
+Menschen verloren, Europäern wie Insulanern, die Alle dem oberen Theil
+der Bai, Paré genannt, wo die Königin ein großes Bambushaus stehen
+hatte, zuströmte.
+
+Die Leute am Ufer konnten aber nur höchst langsam vorrücken, während die
+Boote rasch über die glatte Bai dahin schossen und ihre Bemannung schon
+ihre Plätze eingenommen hatte, ehe der größte Theil der Missionaire, der
+sich dem vollen Zug bei dem letzten Bethaus angeschlossen, mit demselben
+eintraf.
+
+Die Königin Pomare, oder ~Pomare Waihine~ saß, von ihren Frauen
+umstanden, auf der Verandah ihres Hauses, ihren königlichen Gemahl zur
+Seite. Zur Rechten und Linken befanden sich die Englischen Officiere des
+Talbot mit den verschiedenen auf Tahiti anwesenden Consuln Englands,
+Frankreichs und Amerikas und manchen dort ansässigen Fremden, ebenso die
+Missionaire, und den Hof füllend in weitem Kreis standen die
+verschiedenen Häuptlinge des Landes mit der bunten wunderlichen Schaar
+der Eingeborenen, die sich von Civilisation wie Christenthum zum großen
+Theil gerade soviel zugeeignet hatte, als nöthig war ihnen ihre
+Nationalität zu nehmen, ohne ihnen viel anderes dafür zu bieten.
+
+Es ist wahr, das gute Herz und der treue offene Sinn der Insulaner hatte
+Viele den Segnungen unserer schönen Religion leicht zugänglich gemacht,
+und sie mit Freuden die Irrthümer von sich werfen lassen, denen sie
+überdies nicht aus Neigung sondern nur deshalb angehangen, weil es ihnen
+eben so von ihren Vätern überliefert worden; so entsagten sie dem,
+früher zu einem förmlichen Gebrauch gewordenen Kindesmord[W], ehe sie
+selbst begriffen was das Christenthum eigentlich sei, und nahmen dieses
+besonders deshalb an, weil es ihnen als eine Religion der Liebe wie des
+Friedens geschildert wurde, und sie ihrer Kriege und Streitigkeiten
+schon selber herzlich satt waren. Ja, die Priester entsagten sogar auf
+manchen Inseln zuerst dem Heidenthum, wie der hohe Priester Tati, der
+selber seine Götzen verbrannte, weil er einsah daß die Religion der
+Bleichgesichter in ihren Lehren eine gute sei, und das Volk glücklicher
+machen würde, wenn es ihr folge und seinen Misbräuchen, seinen Kämpfen
+entsage.
+
+Wären die Missionaire dabei stehen geblieben, hätten sie diesen noch
+uncivilisirten, aber jedem Guten empfänglichen Stämmen unser
+Christenthum gebracht wie es Christus lehrte, sie wären ein Segen dem
+Lande geworden und in ihrer Hand lag damals das Glück von Millionen,
+denn kein Stamm der Erde trug den Saamen des Edlen und Guten mehr und
+kräftiger in sich als gerade die Bewohner dieser schönen Inseln, aber
+statt dem wirklichen Kern unseres Glaubens brachten sie ihre Dogmen und
+Streitigkeiten, nichtssagende Formeln und Gebräuche, und die nächste
+Zeit schon sollte lehren wie sehr falsch sie gehandelt und wie ihr
+Ehrgeiz und Stolz der _eigenen Gemeinde nur_, nicht dem wirklichen
+Christenthum Anhänger zu gewinnen, das arme Volk das hier zum Opfer
+ausersehen worden, ehe es nur begreifen konnte um was es sich überhaupt
+handele, in die Gräuel eines Religionskrieges verwickelte.
+
+Hätten die Evangelischen Lehrer sich eben an den reinen und herrlichen
+Kern unserer Lehre gehalten, so konnten ihnen eintreffende Sekten keine
+Bekehrte mehr abtrünnig machen; sie brauchten sie nur auf das
+Eigentliche jedes wahren Glaubens zurückzuführen und der Insulaner hätte
+gewußt _weshalb_ er seine Götzen verbrannte. So aber machten sie die
+Formen zur Hauptsache; ein südliches unserer nordischen Kälte, unseren
+starren Fanatismus nicht gewohntes Volk, das schon durch Klima wie Boden
+von Gott selber angewiesen worden ganz anders zu leben und zu denken,
+sollte nicht allein seine Religion ändern (das war möglich und die
+besser Gesinnten bewiesen bald wie leicht es ihnen wurde guten Lehren
+ihr Ohr zu öffnen), nein auch ein anderes Leben beginnen; sie sollten
+vollkommen andere Menschen werden, Worte singen die sie nicht
+verstanden, Tage lang, statt ihrer Tänze und Spiele, ihr Antlitz in den
+Staub werfen und beten, und wo sie bis dahin dem Himmel frisch und
+fröhlich in’s Auge geblickt, Allem entsagen fast, was ihnen die Natur in
+ihrem reichsten Uebermaß geboten; mit einem Wort jenen dunklen
+Schwärmern und Kopfhängern gleich werden, die selbst in ihrem nordischen
+Vaterland nur theilweis Anhänger finden konnten, und in Streit und Hader
+leben mit anderen Sekten.
+
+Aber noch waren sie selbst darin nicht fest geworden, ja in Vielen sogar
+schon Zweifel aufgestiegen, ob ihre alten Götter nicht mit ihnen
+zürnten, und der neue keine Macht habe sie zu schützen, denn
+ansteckende Krankheiten wütheten unter ihnen und religiöse wie
+politische Streitigkeiten hatten Familien und Stämme entzweit, bei denen
+nur der harmlose gute Charakter der Insulaner selber oft blutiges Ende
+verhinderte. Da warfen die Franzosen ihre Missionaire herüber, die einen
+anderen Gott, einen anderen Glauben brachten, und während die
+Evangelischen Priester die Neugekommenen als Kinder des Satans und
+Götzenanbeter ausschrieen, verdächtigten die Letzteren ihre, ihnen
+allerdings nicht geneigten Vorgänger, und warnten die armen
+Eingeborenen, denen der Kopf wirbelte bei den neuen Dogmen und
+Gebräuchen, auf dem betretenen Wege fortzugehn – denn er führe genau zu
+dem Platz den sie bei Wegwerfung ihrer Götzen hätten vermeiden wollen –
+nämlich zur _Hölle_.
+
+Doch fort mit all solchen traurigen Betrachtungen, soweit sie nicht zu
+nahe mit den Personen selber verknüpft sind, mit denen wir es hier zu
+thun haben – sie thun weh, und man möchte da manchmal mit Keulen drein
+schlagen, die Menschen doch nur – das wenigste was man von ihnen
+verlangen kann – vernünftig zu machen.
+
+So vor denn, Du bunte Schaar, und grüße die Majestät, denn vor dem Hause
+flattert im frischen Morgenwind das Tahitische Banner, der einsame
+bleiche Stern im rothen Feld, und alle Fremden grüßen mit abgezogenen
+Hüten des Landes Königin.
+
+Auch die Eingeborenen folgten, auf ein Zeichen ihres Missionairs, diesem
+Gebrauch, die wenigstens, die Hüte hatten – und begriffen vielleicht
+dabei heut’ zum ersten Mal weshalb sie die wunderlichen Dinger
+eigentlich trugen.
+
+Pomare erhob sich, dankte mit freundlichem Nicken und ließ den Blick
+lange und forschend über die Menschenwogen gleiten, die ihren einfachen
+Palast umlagert hielten. Kaum aber zeigte sie sich so dem Volk, das in
+Liebe und Ehrfurcht an ihr hing, da rief ein alter Mann, ein Häuptling
+von Taiarabu, der unfern der Verandah stand:
+
+»Pomare! unsere Königin, ~ia ore na oe~!«[X] und wie der Schlag des
+Geschützes, der das Echo weckte in den Bergen, faßte den Ruf die Menge
+und laut wie der Brandung Donnerton klang das liebende Wort: »~ia ore na
+oe~!«
+
+Pomare wollte reden, sie hob die Hand und öffnete den Mund, aber die
+Stimme versagte ihr – sie barg die Stirn in der linken Hand und wandte
+den Kopf, ihre Bewegung zu verbergen; da fiel ihr Blick auf die Fremden
+an ihrer Seite, auf die schwarzen Männer Gottes, auf die buntblitzenden
+Uniformen der Seeleute, und gewaltsam raffte sie sich zusammen, nicht
+schwach zu scheinen vor den Fremden.
+
+Ein leiser Wink ihrer Hand rief Raiata, ihren »Sprecher« an ihre Seite
+und wie noch vor wenig Augenblicken ein wildes Meer von Köpfen herüber
+und hinüberwogend mit stürmischen Lauten die Luft erfüllt hatte, legte
+sich der Lärm im Augenblick und wechselte in Todtenstille, daß dumpf und
+dröhnend der fernen Brandung Rollen hörbar wurde über der Schaar, und
+wie ein Segen klang zu dem frommen Wort des Volks.
+
+»Es ist der Königin Wunsch,« klang da die volle klare Stimme Raiatas,
+»daß die Verhandlungen dieses Tages mit Gebet beginnen.«
+
+»Dazu geben wir unsere volle Beistimmung,« nahm da Einer der Missionaire
+rasch das Wort, »und wollen den ehrwürdigen Herren Rowe ersuchen das
+Gebet zu halten.«
+
+Die Königin neigte ihr Haupt und während einer feierlichen Stille, in
+der das Athmen der Menge hörbar war, begann der fromme Mann sein lautes
+Gebet.
+
+»Herr mein Gott, Deine Hand liegt schwer auf diesem Volk, Deines Zornes
+Wucht traf tief und schmerzlich das gebeugte Haupt, und unser Flehen
+steige jetzt auf zu Dir zu Ruhm und Preis, Jehovah, daß Du Dich erbarmen
+mögest unserer Noth.«
+
+»Von über dem Meere her drohete dem friedlichen Strand Gefahr, Deiner
+Kinder frommer Sinn, wie Du ihn gnädig gelegt hast in unsere Hand, wird
+gefährdet durch der Papisten Wort und die eisernen Geschütze unserer
+Feinde, und Deine Hand nur kann uns retten vor Noth und Vernichtung,
+Jehovah!«
+
+»Unsere Feinde sind stark – ihrer Waffen Macht trägt das Meer, und
+Nichts haben wir ihnen entgegenzusetzen als das fromme Wort – als
+_Dein_ Wort o Herr, wie Du es uns gegeben in der heiligen Schrift – o
+Jehovah!« –
+
+»Hier Herr ist ein Volk, ein zahlreiches Volk, auf das kein Strahl
+göttlicher Gerechtigkeit gefallen war in seiner Nacht; das seinen
+mühseligen Weg seit ungekannten Generationen, vielleicht seit dem Beginn
+des Götzendienstes unter Noahs Abkömmlingen in all der Finsterniß, in
+all dem Grausen schrecklichen Wahns seine dunkle Bahn gesucht – eines
+Wahnes der sich unter verschiedenen Verhältnissen aber sonst immer
+derselbe zeigte, und einen so gewaltigen Theil des menschlichen
+Geschlechts umfaßt, dessen vorragende Züge aber immer den Stempel des
+Fluchs getragen, in »Unreinigkeit und Blut.« – O Herr – hier – hier
+ist ein Volk, bei dem seit frühster ältester Zeit menschliche Opfer
+gebracht wurden – hier jener fremde Mummenschanz mit Götzenbild und
+Trug ist getrieben, Mummenschanz den die Betenden nicht einmal begriffen
+und nur gemacht den dunklen Geist der Seinen zu verwirren, ohne Trost zu
+bringen, ohne Ruh, und ohne nur das Herz im Entferntesten zu reinigen
+von der Sünde.« –
+
+»In dieser entsetzlichen Zeit ein Schiff, weit weit am Horizont kommt in
+Sicht – dreitausend Meilen fuhr es über eine Wasserwüste und führt eine
+gewählte Schaar von Passagieren an Bord, die einem festen Ziel
+entgegenziehen – und was das Ziel? – Die Nachricht von Gottes
+Vaterhuld zu bringen einer verderbenden Welt, das Heil denen zu bringen,
+die bereuen und glauben und den mit Blindheit geschlagenen Heiden den
+Weg zu zeigen zu Gottes Paradies. Die Herolde, die fröhlichen Muthes
+ausgegangen diese göttliche Proclamation zu verkünden sind unsere Brüder
+– von der Thür jenes Heiligthums aus begannen sie ihren Weg der Gnade.
+Mit Liebe und Anhänglichkeit an ihr Vaterland, mit Aussicht auf Erwerb
+und Achtung daheim, mit Gesundheit und Freuden und Allem was dies Leben
+wünschenswerth machen konnte, entsagten sie ruhig dem Allen, rechneten
+Alles nur Verlust, wo sie des Vortheils theilhaftig werden konnten den
+Heiland zu predigen diesen, dem Untergang geweihten Inseln.«
+
+»Sie waren auf Gefahr gefaßt, auf Noth und Hunger, auf stürmische See
+und blutgierigen Feind, auf Verfolgung der Götzenpriester und ihren Haß,
+auf blinden Wahn und alle Schrecken blinderen Aberglaubens; und Alles
+Alles haben sie besiegt, mit der Hülfe des Herren Zebaoth da droben und
+seiner Macht, und Jesus Christus seinem eingeborenen Sohn, und dem
+heiligen Geist in all seiner Herrlichkeit und unerschöpflichen Gnade.
+Aber – nicht gefaßt waren sie auf den Feind im Lager unter den eignen
+Brüdern – nicht gefaßt darauf daß ein anderes Christliches Reich seine
+Boten des Hasses und Aberglaubens senden würde in dies Inselland, das
+fromme Werk zu stören, zu verderben. Aber sieh, des Herren Hand ist
+stark auch in dem Schwachen, und wie der Widerstand den Gegendruck
+erhöht und stärker macht, so hat sich jetzt das ganze Volk erhoben wie
+_ein_ Mann, zu zeigen daß es Gott verehrt in Seiner Herrlichkeit – aber
+auch nur in _Seinem_ Wort, und von sich werfen will, was seinem Lande
+wie seinem Geiste Fesseln legen möchte zu Schmerz und Schmach.«
+
+Pomare wandte den Kopf nach dem Redner, und das Blut schoß ihr in vollen
+Strömen in Stirn und Schläfe – es war als ob sie reden wollte, aber
+nach wenigen Secunden senkte sie wieder die Augen zu Boden und der
+Ehrwürdige Mann fuhr fort.
+
+»Der Antichrist hat sich erhoben unter uns – nicht frei und offen aber
+trat er auf, dem ehrlichen Feind gegenüber der ehrliche Feind; nein
+schlau und heimlich schlich er herbei mit gleisnerischem Wort und Blick,
+fromme Worte auf den Lippen und Trug im Herzen. Wehe! Wehe über ihn,
+wehe wehe über Euch wenn Ihr ihm lauschtet was er Euch vorerzählt mit
+der Doppelzunge – der Fluch bliebe nicht aus, und was durch Gottes Hand
+gesäet in den langen Jahren der Trübsal und des Leides, das mähte des
+Teufels Hand nieder in _einer_ schwarzen Stunde.«
+
+»Das Gebet!« flüsterte einer seiner Amtsbrüder, denn die Königin hob
+wieder den Kopf und seufzte auf, wie von innerer Angst beklemmt.
+
+»Ich bin der Herr Dein Gott, Du sollst nicht andere Götter haben neben
+mir« – fuhr aber der Geistliche in vollem Eifer und hingerissen von dem
+Thema fort – »nicht buntes Schnitzwerk, bunten Kleides Zier, nicht
+leere Formeln und hohles Wort sind des Christen Schmuck, ein demüthiges
+Herz nur und einfacher Sinn –«
+
+»Das Gebet,« mahnte dringender die Stimme, denn unter dem Volke auch
+wurde jetzt manche Stimme laut, und selbst unter den gegenwärtigen
+Fremden, von denen mehrere der Römischen Kirche angehörten, erhob sich
+ein leises Murren und nur wohl die Gegenwart der Königin hielt eine
+förmliche Einrede zurück. Der ehrwürdige Mr. Rowe hielt einen Augenblick
+ein und schaute mit einem verklärten Blick zum Himmel, dann aber, wie
+von seinen Gefühlen übermannt, sagte er mit gedämpfter, anfangs kaum
+verständlicher, doch wieder wachsender, anschwellender Stimme:
+
+»Dein sei der Preis und die Ehre in der Höhe, Jehovah, Dein sei die
+Herrlichkeit – schütze unsere Brüder in dieser Inselwelt, schütze das
+ganze Christenthum vor den Versuchen des Pabstthums.«
+
+»Gieße Deinen Heiligen Geist aus von da droben auf alle Evangelische
+Kirchen, und vereinige sie zu Einem lebendigen Glauben.«
+
+»Gieb allen Christen, vorzüglich aber den Pastoren und Evangelisten
+Kraft und Muth Rom zu widerstreben und das glorreiche Reich Jesus
+Christus unseres Herren und Gottes aufzurichten.«
+
+»Zerstöre rasch, bei dem Geist Deines Mundes (2. Thess. 11, 8.) die
+tödtlichen Irrthümer des Pabstthums; brich das Joch, das es auf die
+Nacken so vielen Volkes gedrückt, und führe durch Deinen Rath die
+Seelen, die es von Christus sonst entfernen möchte und die uns werth und
+theuer sein müssen, zur glorreichen Freiheit ein der Kinder Gottes –
+aber –«
+
+»Amen!« fielen in diesem Augenblick die ihm nächsten Brüder laut und
+rasch ein – und _Amen_ riefen die Umstehenden, _Amen_ hallte es, wie
+dumpfen Donners Ton leise und scheu von den Lippen der Tausende, die das
+kleine Haus umdrängt hielten, und deren Blicke an dem ernsten Mann
+hingen wie er zu _seinem_ Gott sprach für ein fremdes Volk. Die Fremden
+aber, denen die fanatische Predigt schon viel zu lange gedauert, holten
+tief Athem, räusperten sich und flüsterten mit einander – der
+Geistliche konnte nicht weiter beten.
+
+Pomare bog sich jetzt leise zu ihrem Sprecher über, und Raiata den Arm
+ausstreckend über das Volk, sagte mit seiner lauten, auch zu den
+Entferntesten klar und deutlich dringenden Stimme:
+
+»Ihr Männer von Tahiti und Imeo, Häuptlinge und Volk, und Ihr Fremden
+die Ihr gegenwärtig seid an diesem Tag, und Theil nehmt an unserem
+Schicksal; die Königin Pomare, Aimata, wird zu Euch sprechen und mit
+Euch sprechen über das Eingreifen einer fremden Macht in ihre Rechte,
+das sie, wenn sie es duldete, nicht mehr Königin sein ließ auf dem Thron
+Otu’s. – Erwäget wohl was heute verhandelt wird, es ist eine wichtige
+Sache und kein blinder Eifer dafür oder dagegen sollte die Entscheidung
+lenken, aber redet auch in Frieden und betet zu Gott daß _wenn heute
+doch zornige Worte gesprochen werden sollten, sie mild und weich werden,
+wenn sie in Euer Herz eingehn, und dort nicht Aerger und bösen Geist
+erzeugen_.«
+
+»Segne meine Seele Jim, was die da erst kreuz und queer um den Compaß
+gehn, ehe sie den richtigen Cours kriegen,« sagte unser alter Bekannter,
+Mac Rally, zu seinem Begleiter, mit dem er sich ziemlich dicht zur
+Verandah, an der Seite aber an welcher die Missionaire standen,
+vorgedrängt hatte. Hier befanden sich die beiden auch fast hinter dem
+ganzen weiblichen Theil der Versammlung, der sich ohne frühere
+Verabredung, und eigentlich nur der ersten frommen Abtheilung der
+Mädchen folgend, da zusammengefunden und seinen Platz behauptet hatte.
+
+»Die Sache wird langweilig,« meinte Jim gähnend – »jetzt werden sie
+gleich an zu singen fangen, und wenn wir nicht hier die hübsche
+Nachbarschaft hätten –«
+
+»Ruhe da! – Still! – gebt Frieden!« tönte es von mehren Seiten, und
+Aller Köpfe wandten sich den beiden Seeleuten zu, die dadurch die
+Aufmerksamkeit der Menge weit mehr auf sich gezogen sahen, als sie wohl
+vermuthet. Raiata begann aber in demselben Augenblick wieder, und jetzt
+zwar mit Vorlesen einer langen Rede Pomares in Tahitischer Sprache, in
+der er zuerst ihre Gefühle bei dem jetzigen politischen Stand der Dinge
+beschrieb, bei welchem sie sich selber als verbannt von ihrem Königreich
+betrachten müsse, und das Volk dann aufforderte diesem Zustand durch
+energisches, aber auch einiges Handeln ein Ende zu machen.
+
+Dann wurde ein Brief des Englischen Admirals verlesen, der die
+Theilnahme der Königin von England für die Königin von Tahiti
+ausdrückte[Y] und auf das beifällige Murren der Versammlung wandte sich
+Raiata nun zu den verschiedenen Häuptlingen der nächsten Distrikte, ihre
+Meinung zu hören.
+
+»Fanue sprich Du was Du denkst von der Gestaltung der Dinge im Reich. –
+Der Aelteste bist Du, Pomare frägt Dich, willst Du die Flagge
+beibehalten wie sie ist, oder Dich der neuen Herrschaft beugen?«
+
+Fanue, ein Greis, tättowirt noch aus der Heidenzeit und mit einem
+Tapa-Mantel statt des bunten Kattuns, wie ihn fast alle Anderen trugen,
+stand, auf seinen Stab gestützt, und schien die Anrede, als etwas
+Selbstverständliches schon lange erwartet zu haben. Aber der Ton seiner
+Stimme klang rauh, rauh wie das Wort das er sprach, und das lange weiße
+Haar, das er nicht abgeschnitten hatte wie viele der »gläubigen
+Christen«, zurückwerfend aus der Stirn sagte er finster:
+
+»Raiata hätte sich die Frage sparen können, er weiß wie Fanue denkt und
+gedacht hat seit sie Oros Bildniß auf den Inseln stürzten. Der Fremden
+sind hier zu viel gewesen von vorn herein, und es ist nicht
+wahrscheinlich daß ich ihnen jetzt das Wort reden sollte. Was der Ferani
+dabei für ein Recht hat uns regieren zu wollen? – dasselbe Recht das
+sich der Hai nimmt, wenn er in unsere Binnenriffe kommt – nur daß sich
+der Haifisch schämt, wenn er von Menschen dabei erwischt wird, und
+wieder zurückgeht – und der Ferani _nicht_. Aber es giebt viele Arten
+von Hai’s,« setzte er langsamer hinzu und sein Blick schweifte düster
+über _alle_ Weiße – »eine vorsichtiger – feiger wie die andere. Fanue
+möchte einen Corallenblock nehmen und die Einfahrt verstopfen – nachher
+ließe sich leicht reine Bahn machen.«
+
+»Aber Du stehst der Frage keine Rede Fanue,« sagte Raiata ungeduldig,
+»willst Du die _Fahne_ beibehalten?«
+
+»Ich wußte nicht daß das bunte Spielzeug bei Euch die Hauptsache ist,«
+sagte der Greis mürrisch – »wenn’s denn einmal eine sein muß, ist die
+so gut wie jede andere – weshalb wechseln? aber Otu wußte Nichts von
+solchem Tant.«
+
+»Fanue stimmt also für Beibehaltung der Englischen Flagge,« fiel hier
+Mr. Dennis, Einer der Missionaire von Imeo in das Wort – »von solchem
+würdigen Mann war das nicht anders zu erwarten.«
+
+»Und Du Aonui?« fuhr Raiata fort.
+
+»Halt ein, Pomare!« rief aber in diesem Augenblick Mr. Mörenhout der
+Französische Consul, der der Verhandlung bis dahin schweigend aber mit
+krauser Stirn gelauscht – »das überschreitet Euere Macht. Der Vertrag,
+den Du sowohl, wie vier Deiner ersten Häuptlinge unterschrieben, giebt
+Dir nicht mehr das Recht hier zu entscheiden, was schon entschieden
+_ist_. Du bist die Königin dieser Inseln und wirst es bleiben, kannst es
+aber nur unter Frankreichs Schutz, das Dir ein besseres Bündniß bot als
+Deine Priester – gieb Dich nicht wieder ganz in ihre Macht, Du würdest
+es sicherlich zu spät bereuen.«
+
+»Dir ziemt keine Drohung hier, Consul Mörenhout,« sagte aber Pomare sich
+von ihrem Sitz erhebend – »ich war freundlich gegen Dein Land gesinnt
+– es ist ein mächtiges Land und ich streckte dem Könige Deiner Insel
+die Hand entgegen, weil ich glaubte daß er mich sicher führen würde in
+vielem Wirrsal und Leid, das Gott über mich verhängt hat. Aber die Hand
+die mich führen sollte faßte mich so fest an, daß ich laut aufschrie –
+sie that mir weh und ich will allein gehn jetzt auf meiner Bahn.«
+
+»Die Königin hat freie Wahl hier, zu thun und zu lassen was ihr
+gefällt,« nahm jetzt, als der Französische Consul erwiedern wollte, der
+Englische Capitain das Wort – »_gezwungene_ Versprechen binden nicht,
+und ihrer eigenen Aussage nach _ist_ sie dazu gezwungen, und zwar in
+einem Zustand gezwungen worden[Z], in dem die _Frau_ schon sicher sein
+sollte vor jeder Belästigung von außen her. Die Verhandlung hier
+übrigens, steht unter _meinem_ besonderen Schutz.«
+
+»In dem Fall,« entgegnete der Französische Consul finster, »kann ich
+Nichts thun als gegen Alles feierlich protestiren, was die geschlossenen
+Verträge des Landes, das ich hier zu repräsentiren die Ehre habe,
+verletzt; thun Sie was Sie verantworten können.«
+
+Eine kalte Verbeugung des Engländers antwortete ihm, und Raiata, über
+dessen Züge ein triumphirendes Lächeln flog, wiederholte seine Frage an
+Aonui, einen Häuptling aus Matavai-Bai.
+
+Aonui war ein frommer Christ – den geschorenen Kopf entblößt, trug er
+seinen Strohhut in den gefalteten Händen, und hatte schon seit der
+ersten Ansprache, und ohne auch nur den Blick auf einen Moment den
+Rednern zuzuwenden, zum Himmel aufgeschaut, dessen klare Bläue nur hie
+und da durch einzelne leichte Wolken unterbrochen und kaum gestört
+wurde. Er trug weiße Hosen und eine weiße Jacke, über die ersteren aber
+nichtsdestoweniger den Pareu und ein buntes roth und gelb gestreiftes
+Hemd, um den Hals eine feste schwarze Binde und kleine steife Stehkragen
+dort hinein geknüpft – er hatte das bei seinen Lehrern gesehn und
+Freude daran gefunden sich ebenso zu tragen. Bei der zweiten Anrede
+neigte er leise den Kopf, dann aber rief er plötzlich mit lauter und
+freudiger Stimme:
+
+»Jehovah sei Preis in der Höhe, sein die Ehre – aber Pomare ist unsere
+Königin ~ia ore na oe~, und die Britische Flagge die natürlichste
+unseren Herzen, unserem Glauben.«
+
+»Setz _unseren Interessen_ hinzu Aonui!« unterbrach ihn da Tati, der mit
+Ungeduld die Zeit erwartet zu haben schien, selber reden zu dürfen –
+»setz _unseren Interessen_ hinzu, aber laß das _Herz_ fort. Die
+natürlichste unseren Herzen muß und wird die Landesflagge sein, die
+rothe Fahne mit dem weißen Stern, oder besser noch die weiße
+Kriegesfahne unserer Väter!«
+
+»Aonui redet!« rief aber der Sprecher der Königin, seinen Stab erhebend,
+»Tati wird reden wenn die Königin befiehlt.«
+
+»Tati wird« – rief der stolze Häuptling wild und trotzig emporzuckend,
+aber er bezwang sich selbst, sogar noch ehe Paraitas Hand warnend seine
+Schulter berührte, und die Arme fest auf der Brust gekreuzt, die
+Unterlippe zwischen die Zähne gebissen, daß das Blut daraus zurückwich,
+blieb er stehn und schaute finster vor sich nieder.
+
+»Friede mein Bruder!« fuhr aber Aonui freundlich und mit ruhiger Stimme
+fort – »Friede sei zwischen uns immerdar, aber meiner Meinung bleib ich
+treu; die Britische Flagge muß unseren Herzen die theuerste sein, denn
+Groß-Britannien sandte uns die Bibel, und damit, glaub’ ich, hab ich
+Alles wohl gesagt. – Die heilige Schrift ist unter uns, mehr brauchen
+wir nicht!«
+
+»Nein, mehr brauchen wir nicht – wir haben unsere eigenen Gesetze und
+Lehrer und die Bibel – das genügt uns – fort mit der anderen Flagge!«
+fielen jetzt viele andere Stimmen ein, und »das sagt Terate, das sagt
+Avei – das sagt Nane ini!« rief es von drei verschiedenen Seiten in den
+Lärm.
+
+Die Missionaire schwiegen, aber mit aufgehobenen Händen standen sie da
+und in Bruder Rowes Augen glänzte eine Thräne.
+
+»Gut von Dir Nane ini! gut von Dir Avei und Terate. Ihr habt Eueren
+frommen christlichen Sinn bewährt!« rief aber Raiata und nickte da und
+dort hinüber; »Ihr seid Pomares Freunde, und der Sturm wird Euch nur
+fester in den Boden wurzeln. Jetzt aber spricht die Königin durch mich
+zu Dir, Tati, Häuptling und Richter von Papara, aber Vasall Pomares, der
+freien Königin von Tahiti und Imeo – und fragt Dich weshalb hast Du
+Hülfe gesucht bei den Feranis ohne Wissen Deiner Königin, ja ohne ihr zu
+künden was Du thatest?«
+
+Tati wollte sprechen, und seine ganze Gestalt zitterte vor innerer
+Aufregung. Er war heute in einen weiten Zeugmantel gehüllt, der in
+malerischen Falten bis über seine Knie hinunterhing, in den Haaren aber
+trug er, wie zum Trotz der anderen Parthei, die alten Häuptlingsfedern
+stolz befestigt.
+
+»Und Tati bleibt die Antwort schuldig?« frug höhnisch der Sprecher.
+
+»_Nein, nein, nein_ und abermals _nein_!« schrie aber jetzt der stolze
+Häuptling, dessen Zorn die Oberhand gewann – »nur nicht ich brauche zu
+antworten solcher Frage – dort die Männer an Deiner Seite, die
+schwarzen mit dem frommen Blick mögen Dir Rede stehn, wenn Du so
+neugierig bist.«
+
+»Wir? – wer? – wir?« frugen die Missionaire allerdings erstaunt, und
+vielleicht auch bestürzt über den trotzigen Ton des einflußreichen und
+immer noch gefährlichen Mannes.
+
+»Ihr – und noch einmal sag ich’s, _Ihr_!« rief aber, uneingeschüchtert
+der Häuptling, jetzt vortretend und den rechten nackten tättowirten Arm
+gegen sie ausstreckend. »Das unnatürliche Verhältniß,« fuhr er dann
+etwas ruhiger, aber immer noch in aufgeregter Stimmung fort, »das dieses
+Land in seinen Banden hält, trägt jetzt die Schuld unseres Zwiespaltes,
+und wird, Gott sei es geklagt, noch später sogar blutige Früchte tragen.
+Euch verhüllt ein Mantel unter dem Ihr Euch versteckt oder vorkommt, wie
+es Euch paßt, und den Frieden Gottes auf den Lippen könntet Ihr mit
+Euerer Nichts vernichtenden Ruhe, einem Heiligen die Kriegskeule in die
+Hand pressen und den Wurfspeer. Ihr Prediger allein seid es gewesen, die
+unser Land regiert seit sie Pomare den Zweiten in sein kühles Grab
+gelegt. Ihr habt Gesetze aufgeschrieben und durch der Häuptlinge Mund
+wurden sie That; Ihr habt Strafen aufgeschrieben, und durch der
+Häuptlinge Hand wurden sie Wahrheit. Ihr waret es, die uns das Buch
+erklärten, das Ihr die heilige Schrift nennt – wir kannten es nicht,
+Gott hatte uns im Dunkel gelassen über sein Reich. – Ihr habt viel
+Gutes gethan, Ihr habt die Väter verhindert daß sie ihre Kinder
+erschlugen, Ihr habt manches Leben gerettet, denn Oros Priester sind von
+diesen Inseln verschwunden, und sie schlachten keine Opfer mehr; aber
+Ihr habt auch das Vertrauen des Volkes zu seinen Fürsten und Häuptlingen
+untergraben, und nennt die Bibel wenn man Euch fragt warum. Ihr habt
+unsere Gebräuche und Feste vernichtet, und die Bibel ist der Grund auf
+den Ihr fußt – Euere Gesetze und Strafen, fragt man Euch woher? aus der
+Bibel –«
+
+»Aber Tati,« unterbrach ihn hier Aonui mit frommem Blick – »das ist ja
+–«
+
+»Ruhe dort wenn Tati spricht!« donnerte ihm aber der Häuptling entgegen
+und sein Fuß stampfte den Boden; dann jedoch, nach kurzer Pause, in der
+das Volk athemlos seiner klangvollen Stimme lauschte, fuhr er fort –
+»Das ist gut – das Buch der Bücher ist ein fester Grund und Ihr
+versteht darauf zu bauen, aber laßt es nicht den Wall sein hinter den
+Ihr springt Euch zu verbergen. Als jene fremden Priester die in unser
+Land gekommen waren, _durch Euch_ verbannt wurden von dieser Insel –«
+
+»Das ist falsch,« unterbrach ihn der Missionair Rowe mit einem frommen
+Blick nach oben und tiefen Seufzer, »das ist falsch, denn Tahitis
+Gesetze sprachen allein ihr Urtheil.«
+
+»Und _wer_ gab die Gesetze, die sie damals trafen?« lachte mit bitterem
+Hohn und trotzigem Zornesblick der Häuptling – »_Ihr_! – Wer _deutete_
+sie der Königin gegenüber? Ihr! Wagt es und sagt die Königin ist frei –
+es ist nicht wahr; in Eueren Maschen liegt sie, in Euerem Netze liegt
+das fanatisirte Volk, das nur des Aufrufs bedarf und einen Bibelvers,
+sich blind dahin zu stürzen wohin _Ihr_ es verlangt. Dreht Euere Augen
+zum Himmel – Gottes Tod – hier steh ich und der Herr da oben mag mich
+stürzen, wenn ich ein einzig falsches Wort nur spreche, ein einziges
+Wort, das mir nicht warm und wahr in der Seele glüht, und meinen Pulsen
+Fieberhitze giebt. – Die Gesetze? die Häuptlinge? nicht Ihr? – wagt es
+und sagt das Euerer Königin in’s Gesicht – sagt das Fanue, Terate und
+Avei – nicht Ihr? die Häuptlinge, das Volk führen es aus, Ihr aber, mit
+der Bibel in der Hand steht Ihr dahinter, und _Euer_ Ruf ist es –
+heimlich oder laut – der sie treibt.«
+
+»Nicht als Ankläger, Tati von Papara, sondern als Vorgerufener sollst Du
+Rede stehn Deiner Fürstin!« rief aber jetzt Raiata, der mit einem leisen
+Anflug von Schadenfreude des Häuptlings Zorn auf Leute hatte ausströmen
+sehn, die ihm bis dahin viel zu mächtig geschienen es auch nur für
+möglich zu halten; aber die Königin winkte und er mußte gehorchen.
+
+»Ei wenn Pomare denn _mit Willen_ blind ist,« rief der Häuptling
+trotzig, »mags drum sein; was kümmerts mich! So nimm denn Deine Antwort:
+Weil wir die Lösung unserer Wirren mit den Feranis denen überlassen
+wollten die sie herbeigeführt – den Missionairen; von denen aber im
+Stich gelassen, denn sie leugneten bei dem Fortschicken der Römischen
+Priester auch nur im mindesten betheiligt gewesen zu sein, und von dem
+Franken bedrängt, ja in ihm selber vielleicht einst eine Stütze sehend
+in schwererer Zeit gegen solche _heimliche_ Feinde, schrieb ich meinen
+Namen unter das Papier – bist Du zufrieden nun?«
+
+»Und Du Utami?«
+
+»Tati hat den Grund genannt,« entgegnete der allgemein geliebte Richter,
+und einzelne Stimmen des Beifalls wurden schüchtern laut.
+
+Und Paraita? und Hitoti?
+
+»Utami und Tati hatten unterschrieben,« nahm hier der vorsichtige
+Paraita das Wort, »wir hielten’s nicht der Mühe werth da lang darüber
+nachzudenken; Utami denkt allein für Viele.«
+
+»Und billigt Hitoti ebenfalls diesen Grund?« frug noch einmal der
+Sprecher.
+
+»Ich habe nicht nöthig Andere vorzuschieben,« brummte der Häuptling –
+»weil ich es für das Beste des Landes hielt that ich’s, und weil mir das
+Volk mehr am Herzen liegt als die Kirche – es mag ein Fehler sein, aber
+’s ist wahr.«
+
+Da erhob sich Pomare selber, ihr Antlitz von leisem Roth überhaucht, der
+den lieben Zügen einen noch viel höheren Reiz verlieh, und mit der
+Rechten sich auf den Stuhl stützend auf dem sie gesessen, sagte sie
+leise, und doch mit den weichen Tönen bis zu den entferntesten dringend,
+die in laut- und athemloser Spannung ihren Worten horchten.
+
+»Und _wünscht_ Ihr, Häuptlinge meines Landes, die Hülfe, den Schutz der
+Feranis?«
+
+»Nein, nein, beim ewigen Gott! nein!« riefen die Häuptlinge, Tati und
+Hitoti an der Spitze, durcheinander.
+
+»Was brauchen wir den Fremden?« fuhr Tati fort, den weiten Mantel von
+seinem Arm zurückschleudernd, »unsere Bäume sind fruchtreich, unsere
+Quellen süß, und kamen _wir_ zu ihm zuerst, Nahrung zu holen auf der
+Reise, oder er zu uns? Trenne Tatis Hand vom Rumpf wenn sie sich je
+ausstrecken sollte einen Fremden um Hülfe anzurufen – so lange er sich
+im eignen Lande helfen _darf_.«
+
+»Nein, wir wollen keine Hülfe von Fremden« wiederholte nochmals Hitoti,
+»aber laß dann auch Deine Priester zu dem stehn was sie sind – die
+Lehrer unserer Kinder, unseres Volkes. Als Richter aber brauchen wir sie
+nicht – sie kennen unser Land nicht, nicht unsere Sitten, unsere
+Bedürfnisse – sie kennen nur Gottes Wort – laß sie das lehren, und wir
+wollen ihnen folgen und sie ehren.«
+
+Die junge Königin winkte, leicht dankend mit der Hand, und Raiata,
+wieder das Wort ergreifend, fuhr fort:
+
+»So melde ich Euch denn, Ihr Häuptlinge und Eingeborene der Insel, Euch
+Fremden und Geistlichen die Ihr Antheil an uns und unserem Lande nehmt,
+daß es der Königin Wunsch und Wille ist mit allen fremden Nationen und
+Fürsten auf freundschaftlichem Fuß zu stehen und zu bleiben; sollte sie
+aber je die Hülfe irgend einer Nation verlangen müssen – was Gott
+verhüten möge – _so sei das_ Land kein anderes als Groß-Britannien, und
+stürbe sie, von diesem Lande sollte ihr Erbe und ihres Erben Erbe Schutz
+erbitten, zur spätesten fernsten Generation hinab. Ihr großer
+Bundesgenosse ist England; von dort hat sie ihre Lehrer, ihre
+Civilisation, ihre Gesetze und Religion erhalten, und sie will keinen
+anderen Bundesgenossen als den Briten.«
+
+»England hat uns die Bibel gebracht!« rief ein Theil der Häuptlinge
+durcheinander – »es hat uns den Heiland kennen gelehrt.«
+
+»Und Krankheiten, die uns das Fleisch von den Knochen faulen machen,«
+knirrschte Tati zwischen den Zähnen – »meinetwegen verschreibt Euch dem
+Teufel.«
+
+»England ist unser Heil, unser Stolz – England ist unser Anker in der
+Noth und im Sturm!« rief wieder ein Theil der Oberen, und der Englische
+Capitain neigte sich dankend dem bunten Chor, in Anerkennung dieser
+Freundlichkeit; Tati aber nahm Utamis Arm und wollte ihn fort aus dem
+Gedränge ziehen.
+
+»Warte noch,« sagte Utami, »erst kommt noch ein Gebet von Einem der
+frommen Männer,« und dem schon gegebenen Zeichen gehorchend, beruhigte
+sich wieder das wachsende Toben der Menge, aber Tati schüttelte
+ärgerlich mit dem Kopf und sagte, den Freund mit sich fortziehend:
+
+»So laß sie beten und singen, und meinetwegen – aber ich will mich
+nicht ärgern über das schwarze Volk; fort, fort mit den albernen und
+quälenden Gedanken, die mir nicht Ruhe noch Frieden lassen. Das Volk ist
+blind, und in tollem Aberglauben, mit dem es sich jetzt gerade so auf
+die ihm unverständlichen Sagen stürzt, wie es früher von den Wundern
+Oros und der anderen Götter träumte, läßt es sich von Jedem die Hände
+binden, der im Stande ist ihm den Schleier über die Augen zu werfen.
+Fort, wieder hinaus in’s Freie; die Komödie ist aus und die schwarzen
+Areois haben ihre Sache gut gemacht.«
+
+Und ärgerlich den Mantel um sich her ziehend, ohne den Blick
+zurückzuwerfen, schritt er die Straße entlang die hinein in die Stadt
+führt.
+
+
+Fußnoten:
+
+[T] Die Raanocke an Bord eines Schiffes ist das äußerste Ende der Raaen
+genannten Queerhölzer, an welchen die Segel befestigt sind. Bei
+Executionen an Bord werden die zum Strang Verurtheilten an der Raanocke
+aufgezogen.
+
+[U] Mein Herzchen.
+
+[V] Die Indianer der Südsee nennen das Gold ~perú~.
+
+[W] Das Wort _Kindesmord_ klingt aber hier auch schlimmer wie es in
+Wirklichkeit war, wenigstens fand Alles dabei statt, was sich nur irgend
+zur Milderung eines so entsetzlichen Verbrechens denken läßt. Die Inseln
+waren übervölkert (ein Uebelstand dem die Civilisation jetzt vollkommen
+abgeholfen hat) und die Frauen wurden als den Männern in jeder Hinsicht
+untergeordnete Geschöpfe betrachtet, hatten also auch keine Stimme bei
+dem Tödten der Kinder. Alle Berichte, selbst die der Missionaire stimmen
+übrigens darin überein, daß Kinder _nur_ gleich nach der Geburt,
+entweder von dem Vater selber oder einem Anderen, fortgenommen, in eine
+schon dazu bereitete Grube geworfen und mit Erde bedeckt wurden, _ein
+nur eine halbe Stunde altes Kind war vollkommen sicher und wurde nie
+getödtet_.
+
+[X] Mögest Du gerettet werden.
+
+[Y] Das war im Februar, im März wurde aber erst die Besitznahme der
+Inseln durch die Franzosen in England bekannt.
+
+[Z] Pomare erwartete gerade in jener Zeit, als sie Du Petit Thouars um
+ihre Unterschrift bedrängte, jede Stunde ihre Entbindung.
+
+ * * * * *
+
+Druck von _Ferber & Seydel_ in Leipzig
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Die Schreibweise einiger Wörter ist im
+Originalbuch inkonsistent. Im vorliegenden ebook wurden lediglich
+offensichtliche Druck- und Zeichensetzungsfehler korrigiert.
+
+Das Buch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen wurden
+folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: ~Antiquatext~
+Fettdruck: #fetter Text# ]
+
+
+
+[Transcriber’s Note: The spelling of some words is inconsistent in the
+original book. Only obvious typos and errors in punctuation have been
+fixed in this ebook.
+
+The book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been replaced
+by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: ~text in Antiqua font~
+Boldface: #bold text# ]
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Tahiti. Erster Band., by Friedrich Gerstäcker
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TAHITI. ERSTER BAND. ***
+
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+Produced by richyfourtytwo, Holt and the Online Distributed
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+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+
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+
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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