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ERSTER BAND. *** + + + + +Produced by richyfourtytwo, Holt and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + TAHITI. + + + _Roman aus der Südsee_ + + von + + #Friedrich Gerstäcker.# + + + Zweite unveränderte Auflage. + + Erster Band. + + + Der Verfasser behält sich die Uebersetzung dieses Werkes vor. + + + #Leipzig,# + + _Hermann Costenoble._ + + 1857. + + + + +Der + +#J. G. Cotta’schen Buchhandlung# + +die es ihm möglich machte den langgehegten Wunsch +einer Reise um die Welt auszuführen, bringt diese +_erste Frucht_ derselben + +_in dankbarer Hochachtung_ + +#der Verfasser.# + + + + +#Inhalt des ersten Bandes.# + + Seite +Cap. 1. Der Wallfischfänger 1 + + " 2. Die Flucht, und welchen Dollmetscher René fand 19 + + " 3. Das Mädchen von Atiu 47 + + " 4. Der Mi-to-na-re 69 + + " 5. Das Geständniß 124 + + " 6. Was der ehrwürdige Mr. Rowe dazu sagt 155 + + " 7. Der Verrath, und wie sich beide Theile dabei irrten 180 + + " 8. Tahiti 224 + + " 9. Die vier Häuptlinge 253 + + " 10. Die Versammlung 273 + + + + +Capitel 1. + +#Der Wallfischfänger.# + + +Von einem leichten Ostpassat getrieben, dazu die Obersegel fest, ja +sogar noch mit einem Reef im Kreuzsegel, der vor einigen Abenden +hineingenommen, und den man sich gar nicht die Mühe gegeben hatte wieder +auszustechen, kam ein schwerfälliges, schmutzig aussehendes Schiff +langsam bei dem Winde nach Süden herunter und näherte sich einer, in der +Ferne eben sichtbar werdenden kleinen hohen Insel der Cooksgruppe. + +Schon die großen fettigen Stellen in den Segeln, auf denen die Leute, +nach dem Thranauskochen, beim Reefen allabendlich gelegen, verriethen +den Wallfischfänger, hätten ihn nicht auch die, an besonderen Krahnen +zu beiden Borden aufgehangenen und noch auf Querstützen über Deck +besonders gehaltenen Boote als solchen dargethan. Andere Fahrzeuge +besuchten auch selten diese Gewässer und selbst die Wallfischfänger nur +in diesen Monaten Januar und Februar, ehe sie wieder mit einbrechendem +Frühling nach Norden aufgingen, die einträglichere, wenigstens +ergiebigere Jagd der »rechten Wallfische« der der Spermacetis +vorzuziehen. + +Es war diesmal aber noch ziemlich früh in der Jahreszeit und der +Delaware, wie der Wallfischfänger getauft worden, hatte im Anfang +beabsichtigt gerade zu Tahiti anzulaufen; durch den starken Ostpassat +aber und die klein geführten Segel, wie mit der starken +Aequatorialströmung gegen sich zu viel nach Westen versetzt, mußte er +erst wieder nach Süden hinunter, etwas mehr in die Region der +veränderlichen Winde zu kommen, oder auch vielleicht einen der dann und +wann einsetzenden Westwinde zu benutzen, und beschloß jetzt nur die +erste in Sicht befindliche Insel anzulaufen, um einige Erfrischungen und +vielleicht etwas Holz einzunehmen. + +Das Wasser zwischen diesen Inseln ist übrigens, häufiger Riffe wegen, +den Schiffen oft gefährlich, und die mit den Localitäten nicht sehr gut +vertrauten Fahrzeuge machen, wenn sie in solchen Gruppen nichts zu thun +haben, lieber einen ziemlich bedeutenden Umweg, sie zu umgehen, als daß +sie sich leichtsinniger Weise hineinwagen. Mit einem Wallfischfänger ist +das aber ganz etwas anderes; er versäumt, sobald er sich erst einmal auf +seinem Jagdgrund befindet, keine Zeit mehr, denn wenn er segelt, hat er +die Möglichkeit eben so auf seiner Seite, daß er von Fischen weg, als +ihnen gerade entgegenläuft, und wenn er still liegt, kann er eben so gut +eine ganze »~school~« versäumen, die vielleicht dort vorübergeht wo er +hätte sein können, als die auf ihn zukommenden gerade wie auf der Lauer +abfangen. Das Ganze ist Glückssache und dem Pirschen auf Rothwild in +einem fremden Walde nicht unähnlich. Kommen diese Wallfischfänger also +an solche Stellen, so suchen sie, ehe es dunkel wird, hinter irgend eine +kleinere Insel oder Riffbank zu laufen, wo sie entweder Ankergrund oder +Raum zum Kreuzen haben, und treiben dort die Nacht herum, bis ihnen die +aufsteigende Sonne wieder ihre Bahn beleuchtet. + +Gerade mit Sonnenuntergang war denn auch der Delaware, bis westlich von +Atiu, einer nicht ganz unbedeutenden Insel, gekommen, und der Capitain +wäre gern die Nacht vor Anker gegangen, die Stellen aber, die er +untersuchte waren überall, bis fast dicht an die schäumenden Riffbänke, +so tief, daß er sich nicht der Gefahr aussetzen mochte, so nahe unter +dem bösartigen Ufer vielleicht einmal von einem der hier oft sehr rasch +eintretenden Weststürme überrascht zu werden. Er ließ also die Segel +dicht reefen und kreuzte, (eben nicht zum Vergnügen der Mannschaft, die +sechs bis acht Mal in der Nacht mit dem Schiff herum mußte) in Lee der +Insel auf und nieder. + +Capitain Lewis kümmerte sich übrigens den Henker darum, ob er seinen +Leuten damit einen Gefallen that oder nicht – er und sie standen, wie +man’s am Lande nennen würde – »auf Hofton« mit einander – d. h. er +sprach, seit sie das letzte Mal auf den Sandwichsinseln gewesen, wo es +zu einigen Auftritten gekommen war, nur höchst höflich mit ihnen und +nannte sie, wenn er sie zu einer Arbeit im Einzelnen aufforderte, +gewöhnlich Mister, und ~if you _please_~, mit starker Betonung des +letzten Wortes, aber mit einem Blick dabei, der deutlich genug sagte: +»Wenn Du nicht _springst_, Canaille, zu thun was ich Dir sage, so laß +ich Dich bei den Beinen aufhängen.« + +Er, zum Dank dafür, hieß bei den Leuten, statt wie sonst die Capitaine +gewöhnlich »den Alten« (~the old man~) zu nennen, »~the old devil~« (der +alte Teufel); und wußte das auch recht gut, ja es schien ihm ordentlich +Spaß zu machen daß er so genannt wurde, und er hatte seiner Mannschaft +schon mehrmals versichert, er wolle sich bemühen, seinem Namen keine +Schande zu machen; welches Versprechen er auch bis jetzt, so weit es in +seinen Kräften stand, redlich gehalten. + +Die Mannschaft eines Schiffes ist in solchen Fällen übel d’ran – +widersetzt sie sich, so ist es _Meuterei_, und sie wird darnach +bestraft, mögen die Leute recht gehabt haben oder nicht, und halten sie, +auf der anderen Seite aus bis zum Letzten, und verklagen nachher den +Capitain, so ist Zehn gegen Eins zu wetten, daß dieser dennoch Recht +bekommt. In sehr vielen Fällen hat er’s aber auch, und es giebt wohl auf +keinen Fahrzeugen der Welt, Kriegsschiffe vielleicht ausgenommen, toller +zusammen gewürfeltes Volk, als auf diesen Wallfischfängern. Ein +ordentlicher Matrose geht selten oder nie darauf, es ist meist lauter +aufgelesenes Ufervolk, die faul genug sind ihre eigene Arbeit bei Seite +zu werfen, und Romantik genug im Kopfe haben, sich von einem +»Wallfischzug« ein ganz besonderes Vergnügen und außerdem einen +bedeutenden Nutzen zu versprechen. Die guten Leute sehen dann gewöhnlich +immer etwas zu spät ein, daß sie sich in der ersten Erwartung jedesmal, +und nur zu häufig auch in der anderen getäuscht haben, und sie sind dann +eben _ein_mal und nicht wieder Wallfischfänger gewesen, so daß fast +jedes neu ausgehende Schiff, die Offiziere ausgenommen, auch eine +durchaus neue Besatzung hat. + +Schuster und Schneider, besonders die letzteren, sieht man sehr häufig +dabei, Tischler und Maurer, Schmiede und Böttcher, Gerber und +Cigarrenmacher – Alles wird Wallfischfänger und der Capitain eines +solchen Fahrzeugs, der von dem Rheder, sobald er eine volle Besatzung +hat und die Jahreszeit gekommen ist, in See hinaus geschickt wird, hat +dann oft, wie sich nicht leugnen läßt, eine entsetzliche Zeit dies Volk, +von dem er vorher weiß daß es doch nur _eine_ Reise bei ihm aushält – +ja schon an den nächsten Plätzen wo er anlegt fortläuft, wenn er ihnen +nur Gelegenheit dazu gäbe, so weit einzurichten, daß sie wenigstens erst +einmal verstehen lernen was sie nur überhaupt zu thun haben. Dies sie +nachher wirklich thun zu machen hat dann schon weniger Schwierigkeiten. +Kommen nun ordentliche ruhige Menschen manchmal zwischen diese hinein – +d. h. die Mannschaft, denn die Offiziere, vom Bootsteurer aufwärts, +bilden ein ganz besonderes, abgeschlossenes Corps – so fühlen sich +diese gewöhnlich höchst unglücklich und verwünschen den Augenblick, wo +sie sich von der Romantik der Sache bethören ließen – aber leider zu +spät, und die viertehalb Jahr, die eine solche Fahrt sehr häufig dauert, +werden ihnen zur Hölle. + +Doch zurück an Bord unseres Fahrzeugs. Zum Ausschauen auf der Back vorn +stand ein junger Mann, dessen edle, fast schöne Gesichtszüge, wie der +schlanke schmächtig gebaute Körper wohl passender für einen Salon als +das Vorcastle eines Wallfischfängers geschienen hätten. Das volle braune +Haar quoll ihm in dichten Massen unter der breiten schottischen, +dunkelblauen Mütze vor, und seine reinliche Kleidung selber unterschied +ihn auffällig von der übrigen, besonders in diesem Punkt höchst +nachlässigen Schaar. Es war ein junger Franzose aus sehr guter Familie, +der sich in Boston mehr einer tollen Laune oder ziellosen Reiselust zu +Liebe, als aus irgend einer andern Ursache hatte verleiten lassen, an +Bord des Delaware eine Reise nach der Südsee mitzumachen, und der jetzt +still und brütend nach dem nahen Lande hinüberschaute, das mit dem +dunkeln Schatten seiner Palmen in träumerischer Ruhe vor ihm lag. + +»Nun René, so in Gedanken?« sagte plötzlich, dicht neben ihm, eine +freundliche Stimme und eine Hand berührte leise seine Schulter – »an +was denkst Du?« + +Der Angeredete fuhr erst wie erschreckt aus seinem Nachdenken empor und +schaute sich um, als er aber den Sprechenden erkannte, sagte er rasch +und fast erfreut: + +»Es ist mir lieb, Adolph, daß du gerade in diesem Augenblick zu mir +kommst, ich bin eben mit meinem Entschluß ins Reine gekommen – ich +verlasse dies Schiff.« + +»Thorheit,« sagte Adolph kopfschüttelnd – »Du kennst die Verhältnisse +hier nicht, René. Kämst Du wirklich glücklich an Land, so brauchte der +Capitain nur eine unbedeutende Belohnung auf Deinen Fang zu setzen und +Du würdest rettungslos ausgeliefert. Ich bin schon früher hier gewesen +und habe den Fall zweimal ausgeführt gesehen. Die Eingebornen sind +seelensgut, aber wie die Kinder – ein Spielzeug könnte sie zu irgend +etwas verführen – sei es nun zum Guten oder zum Bösen.« + +»Hab’ ich erst festen Boden unter den Füßen, so könnten sie mich nur als +Leiche wieder zurückschaffen,« murmelte René mit düsterem Blick und +fester Entschlossenheit zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch. + +»Das wäre Thorheit,« sagte aber sein älterer Freund, ein Landsmann von +ihm und jetzt dritter Harpunier auf dem Delaware, der mit René schon in +Algier gefochten und in Canada gejagt, und damals Alles versucht hatte +ihm einen so tollen Entschluß, wenn auch vergebens, auszureden, als +gemeiner Matrose das Leben eines Wallfischfängers zu versuchen. »Du +bist noch jung René und das Leben steht Dir weit und freudig offen – +hier nun einmal in die Klemme gerathen, bring Dich deshalb nicht gleich +um Alles, blos weil es Dir in den Sinn kommt die Suppe, die Du Dir +selber eingebrockt, nicht ausessen zu wollen. Ein, höchstens zwei Jahr, +und Du bist wieder frei wie der Vogel in der Luft, und selbst diese Zeit +wird Dir dann, so schmerzvoll und entsetzlich sie Dir jetzt auch +scheint, eine freudige, vielleicht liebere Erinnerung sein, als manche +froh und glücklich verlebte Stunde.« + +»Ich halt’ es nicht aus, Adolph, ich halt’ es bei Gott nicht aus« sagte +René kopfschüttelnd – »hier unter dem rohen Volk noch Jahrelang bleiben +und an Geist und Körper zu Grunde gehen – ich vermag es nicht. Du weißt +dabei, wie nahe ich zweimal schon daran war mit dem Capitain selber, der +fast schlimmer ist als der Schlimmste seiner Leute, zusammenzugerathen, +und wer schützt mich dann vielleicht sogar vor seinen rohen +_Mißhandlungen_? Das Resultat bliebe dasselbe, auch das ertrüge ich +nicht, und lieber will ich mein Leben hier wagen, wo mir noch die +Möglichkeit eines Entkommens bleibt, als zuletzt gezwungen werden dem +Capitain vielleicht ein Messer in den Leib zu rennen und über Bord zu +springen. Nein, Adolph, ich bin fest entschlossen« setzte er leise aber +mit ruhiger und überzeugter Stimme hinzu – »die erste Gelegenheit, die +sich mir bietet an Land zu kommen, und sollt’ ich es schwimmend zu +suchen haben, benutz ich, und die Folgen mögen dann sein wie sie wollen +– ich weiß und fühle, daß mir nichts Schlimmeres begegnen kann, als was +ich jetzt in Seelenqual und innerer Unruhe zu leiden habe.« + +»Hol’s der Henker«, sagte Adolph nach kurzem Sinnen – »wer weiß ob ichs +nicht an Deiner Stelle, und mit Deinem jungen Blut in den Adern am Ende +auch thäte. Aber wie willst Du an Land kommen? es ist noch ganz ungewiß +ob der alte Teufel ein Boot abschickt Erfrischungen einzunehmen oder +nicht, – er traut uns allen mit einander nicht.« + +»Doch« entgegnete ihm René – »ich habe vorher zufällig gehört, daß +unser Boot mit dem ersten Harpunier morgen mit Tagesanbruch hinüber +soll, etwas Brodfrucht und Cocosnüsse abzuholen. Die Gelegenheit will +ich jedenfalls benutzen, noch dazu da es uns einen Vorwand giebt, +reichliche Kleider mit zu nehmen. – Die Leute haben ja sonst nichts, +sich Kleinigkeiten von den Eingebornen einzutauschen.« + +»Und sowie Du im Wald drin bist« sagte Adolph immer noch kopfschüttelnd, +»hetzt der alte Seehund von Harpunier Dir die ganze Einwohnerschaar +hinterher – wie willst Du ihnen entgehen? – René, René es ist wahr, +das Land liegt wohl verlockend genug vor uns da, und selbst mir zuckt’s +in den Knochen, einmal frei darauf herumzuspatzieren und von diesem – +verdammten Marterkasten loszukommen, aber – ich weiß doch nicht – hast +du einmal das Schiff verlaufen und wirst wieder eingefangen, so kommst +Du nachher erst in eine Hölle, wenn Du vorher in keiner gewesen bist, +und wenn ich ganz aufrichtig sein soll, so glaub’ ich nicht daß Du zwei +Tage von uns bleibst, ehe sie Dich wieder haben – und die zwei Tage +über bist Du dann mehr wie ein gehetzter Wolf als wie ein Mensch.« + +»Und es hilft doch Alles Nichts« lächelte René trüb; »ich hab’s mir nun +einmal in den Kopf gesetzt, und ich führ es auch aus, mag daraus +entstehen was da will; schlimmer kann’s nicht werden als es schon ist.« + +»Doch, doch« sagte Adolph »es kann noch viel viel schlimmer werden, Du +hast es noch nicht gesehen, wenn es an Bord eines Schiffes einmal +_recht_ schlimm ist,« setzte er schaudernd hinzu – »und ich verlang’ es +ebenfalls nie, nie wieder zu erleben. Außerdem bist Du der Sprache gar +nicht mächtig – wie willst Du Dich den Leuten verständlich machen? +René, es geht in der Welt alles nach Eigennutz – bist Du erst einmal +älter, wirst Du das auch selber erfahren – und die Eingeborenen hier +wissen recht gut, daß sie von einem entlaufenen Matrosen nicht viel +Gutes und gar keinen Nutzen zu gewärtigen haben, während ihnen der +Capitain eine Masse Sachen geben kann, die für sie und ihr einfaches +Leben förmliche Schätze sind.« + +»Ich habe Geld bei mir« sagte René rasch – »~Peste~, ich brauche des +alten Schuftes Blutgeld nicht, mir meine Bahn auch im schlimmsten Fall +zu _erkaufen_, wenn es denn nicht anders sein kann.« + +»Das ist schon ein sehr sehr großer Vortheil« lächelte Adolph, »und es +werden wenig Matrosen von Wallfischfängern weglaufen, die wirklich einen +Franc in der Tasche haben, aber der Capitain bleibt immer im Vortheil. +– Aexte, Beile, Kattune und Schmuck und besonders Spirituosen sind +ihnen weit lieber als Geld, und über derlei Sachen hast Du immer nicht +zu verfügen.« + +»Vernünftiger Weise magst Du Recht haben, Adolph«, lächelte aber der +junge Mann, auf alle diese Argumente – »und ich glaube selbst daß es +eine Art verzweifelter Schritte ist, auf einer so kleinen Insel, wie +diese zu sein scheint, zu entlaufen – die Möglichkeit ist immer eher +da, daß man eingefangen wird.« – + +»Sag’ lieber die Wahrscheinlichkeit« unterbrach ihn Adolph. + +»Und meinethalben auch die Wahrscheinlichkeit« murmelte René zwischen +den zusammengebissenen Zähnen durch, »ich habe mir aber noch nie etwas +so fest vorgenommen gehabt, ohne es durchzuführen, und den Versuch will +ich machen, oder darüber zu Grunde gehen!« + +»~Eh bien~« lachte Adolph, »sobald Du einmal so weit gekommen, ist es +nicht nöthig mehr darüber zu sprechen. Meine Wünsche für Dein Wohl hast +Du übrigens, und ich wollte nur, daß ich Dir in irgend etwas dabei +nützlich sein könnte; ich sehe nur noch nicht wie.« + +»Wer weiß wie sich das noch Alles machen kann« sagte René – »aber auf +dem Quarterdeck werfen sie schon wieder die Falle los – in der +Mitternachtswache möcht’ ich Dir noch etwas sagen.« + +»~Ship about~« unterbrach ihn hier der eintönige Ruf; die Leute traten +sämmtlich an ihre Posten und das Schiff wurde über den anderen Bug +gelegt, jetzt wieder vom Lande abhaltend. + +Mit der nächsten Morgendämmerung hatten sie die Küste, und zwar eine +kleine Art Bai, die von zwei auslaufenden Corallenriffen gebildet wurde, +gerade vor sich, und der Ruf des ersten Harpuniers sammelte die Leute in +sein Boot; mehre dort schon aufgeschichtete Sachen, Handels- und +Tauschartikel für die Eingebornen, wurden hineingelegt – das Boot +schwang frei und auf das Wasser nieder, und die Mannschaft legte sich in +die Ruder. + +»Was sind das für Pakete da vorn?« sagte der Harpunier, als sie eben von +Bord abgestoßen waren, »wer hat die eingeworfen?« + +»Ein paar Hemden und andere Kleinigkeiten, Mr. Rowsy« erwiederte Einer +der Leute – »wir wollten uns auch was von Früchten eintauschen!« + +»Und das andere daneben?« + +»Dasselbe« erwiederte René, den die Frage anging. Der Harpunier sagte +nichts weiter und René warf noch einen verstohlenen Blick nach Bord +zurück, wo Adolph stand und ihm zunickte. Er war ihm behülflich gewesen +die Sachen rasch, und ohne daß sie an Bord selber etwas davon zu sehen +bekamen, in’s Boot zu schaffen, der Capitain hätte es sonst unter keiner +Bedingung zugelassen, obgleich dies etwas ziemlich gewöhnliches an Bord +von Wallfischfängern ist. + +In Canoes kamen übrigens keine Indianer ab und ihnen entgegen, obgleich +sie mehrere Canoes in der Bai liegen sahen, und nur erst als sie die +Corallen-Bank berührten, erschienen oben zwischen den Büschen eine +Anzahl Männer und Frauen mit Körben aus Cocosblättern geflochten, in +denen sie Früchte und Muscheln trugen, und erst ein Zeichen der Fremden +abzuwarten schienen, ehe sie sich ihnen näherten. + +Der Harpunier, der sich seit seiner Jugend fast in diesen Meeren +herumgetrieben, sprach ihre Sprache ziemlich geläufig, und ein paar +freundliche Worte in dieser hatten fast eine zauberhafte Wirkung auf die +Schaar. Die, die im Anfang die furchtsamsten gewesen waren, riefen sich +erstaunt unter einander zu daß die Fremden Freunde seien, und dieselbe +Sprache mit ihnen hätten, und aus allen Büschen und Dickichten brachen +sie jetzt heraus, und mischten sich so sorglos und vertrauend wie Kinder +zwischen die Leute, befühlten das Zeug ihrer Kleider, lachten über ihre +Bärte und Schuhe, und sprangen und sangen, als ob sie schon Jahre lang +mit ihnen bekannt gewesen wären. + +Der Tauschhandel ging indessen rüstig vor sich; gegen Messer und Tabak, +Kattune und Glasperlen brachten sie Massen der herrlichsten Früchte, +besonders vortreffliche Orangen und Brodfrucht und während der Harpunier +unter einem stattlichen Pandanus saß, die ihm gebrachten Waaren +musterte, und bestimmte was er dafür geben wolle, mischten sich die +Leute, nur Einen derselben bei dem Boot lassend, ebenfalls unter die +Eingebornen, die wenigen Kleinigkeiten die sie mitgebracht, gegen +Früchte und Muscheln, hauptsächlich aber die ersten, zu vertauschen. + +Diesen Zeitpunkt benutzte René, schnallte sein kleines Bündel, daß er im +Anfang vor den Eingeborenen ausgebreitet gehabt, wieder zusammen, und +verlor sich damit, ohne daß irgend Jemand auf ihn acht hatte, im +Dickicht. Von den Eingeborenen sahen ihn vielleicht Einige, achteten +aber nicht auf ihn, und die Leute vom Schiff waren viel zu sehr mit sich +selber und ihrer Umgebung beschäftigt, sich nur im mindesten darum zu +bekümmern, was Einer der ihrigen that. + +Zwei Stunden später etwa, als der Harpunier Alles weggegeben was er +mitgebracht, und sein Boot fast gefüllt war mit all den Massen von +Sachen die er dafür eingetauscht, rief sein Befehl die Leute wieder +zusammen, und er stieg selber ins Boot, an Bord zurückzukehren. + +»Wo ist René!« frug er, als er einen Blick über die Mannschaft geworfen. + +»René!« tönte der Ruf der Matrosen – »~oh René~!« + +Kein René ließ sich blicken und Niemand wußte was aus ihm geworden, ja +ein paar bezweifelten, daß er überhaupt mit an Bord gekommen sei, so +wenig hatten sie sich, mit dem Land vor sich, um einander bekümmert. +Jedenfalls fehlte aber _ein_ Mann, und der Offizier wußte auch, daß er +bei der Herüberfahrt seine volle gewöhnliche Besatzung gehabt. + +»~Damn it~« rief der Harpunier endlich im Boot, in dem er seinen Sitz +schon wieder eingenommen, in die Höhe springend – »~he has bolted~,[A] +die Pest über den Hallunken; aber den wollen wir bald wieder haben. – +Bleibt Ihr hier im Boot bis ich zurückkomme!« rief er dann seinen Leuten +zu, und über die Sitze wegspringend, eilte er wieder an Land und wandte +sich dort an einen der Eingebornen, der eine Art Oberherrschaft über die +Andern auszuüben schien. + +»Hallo Freund!« redete er ihn an, »Einer von meinen Leuten ist mir +weggelaufen, könnt Ihr ihn wieder fangen, und was wollt Ihr dafür +haben?« + +»Hat er Gewehr mit?« frug der Alte ziemlich vorsichtig, denn er schien +danach den Preis des Einfangens bestimmen zu wollen. + +»Nein, kein Schießgewehr, vielleicht nicht einmal ein Messer« lautete +die ermuthigende Antwort. + +Die Eingebornen fingen jetzt eifrig an unter einander zu verhandeln, und +zwar in so rascher und oft eigentümlicher Sprache, daß der Amerikaner +selber nicht verstehen konnte was sie mitsammen hatten. Aus ihren +Bewegungen wurde es ihm jedoch bald deutlich, denn zwei davon gingen +nach einem besondern Theil im Busch und untersuchten hier die Fährten +und ihren Gesticulationen nach schien es, als ob der Flüchtige sich dort +hinein gewandt habe. Der alte Indianer zeigte sich auch bald erbötig ihm +den Mann wieder zu verschaffen; seine Forderung dafür war aber ziemlich +bedeutend; er wollte Kattun und Messer, etwas Tabak und in der That ein +wenig von Allem haben, und als Jener endlich einwilligte ihm das Alles +zu geben, hatte er noch ein Beil und ein Hemd und mehrere andere +Kleinigkeiten vergessen. + +Der Harpunier wußte übrigens daß sich der Capitain nicht lange hier +aufhalten wollte, und wüthend sein würde über die Flucht des Mannes; er +sagte also dem Alten seine sämmtlichen Forderungen zu, vorausgesetzt daß +sie mit dem Gefangenen am Ufer wären, sobald sie mit dem Boot und den +verlangten Sachen wieder vom Schiff zurück sein könnten. + +Dies abgemacht, stieß das Boot augenblicklich vom Lande, die +eingetauschten Früchte mit der fatalen Nachricht an Bord zu bringen und +den Fanglohn für den Entflohenen herüber zu holen, während die +Eingebornen indessen wie Spürhunde den einmal angenommenen Fährten des +Flüchtigen nachliefen. + + +Fußnoten: + +[A] Er ist ausgerissen. + + + + +Capitel 2. + +#Die Flucht, und welchen Dollmetscher René fand.# + + +René war, als er sich nur einmal außer dem Bereich seiner Kameraden sah, +so rasch er konnte gerade einem der nächsten Hügel zugeeilt, und das +selbst schien mit der Last die er trug gerade kein kleines Unternehmen. +Für ein Hemd hatte er sich nämlich vorher ein paar grüne Cocosnüsse und +einige Bananen eingetauscht, damit er nicht genöthigt wäre, gleich in +den ersten vierundzwanzig Stunden wegen Nahrungsmitteln einen irgendwo +gefundenen Versteck zu verlassen, und diese, neben seinen Bündel +Kleidern tragend, mußte er sich durch das, manchmal entsetzlich dicke +Gebüsch, fortwährend mit dem fatalen Gefühl verfolgt zu werden, Bahn +brechen. Er wußte aber was ihm bevorstand, wurde er von den Leuten des +Delaware wieder eingefangen, und wollte wenigstens Nichts was in seinen +eigenen Kräften stand unversucht lassen, sich so weit als möglich jeder +solchen Gefahr zu entziehen. In dieser Absicht arbeitete er sich auch +dem höheren Theil der Insel zu, weil er dort erstens den Lagunen aus dem +Weg ging, die hier seinen Pfad zu beengen drohten, und dann auch +wahrscheinlich in dichtes Buschwerk hineinkam, was von den Eingebornen +selber selten betreten wurde. + +Als er nur erst einmal hügeligen Boden erreichte, wurde seine Flucht +dadurch sehr erleichtert, daß er cultivirtes und eingefenztes, wenn auch +durch Unkraut ziemlich arg überwachsenes Land traf. Dort hatte er sich +wenigstens durch keine verwachsenen Büsche mehr Bahn zu brechen und +konnte sein Terrain ein wenig freier übersehen. Blieb er da in der Nähe, +so wuchs auch Frucht genug, ihn ein Jahr im Proviant zu halten; überdies +war der ganze Wald voll Früchte, denn die Guiaven standen mit Aepfeln, +wenn auch noch nicht vollkommen gereift, förmlich bedeckt. Nur die +Cocospalmen reichten nicht so weit hinauf, doch sah er hier in den +Feldern eine Masse Wassermelonen, die ihn reichlich dafür entschädigen +konnten. Weiter durfte er sich für jetzt aber nicht beladen, denn er +trug schon, was er überhaupt tragen konnte, und die Hitze war groß. Die +ungewohnte Anstrengung und Aufregung thaten natürlich auch das ihrige +dabei. + +Durch die Felder ging das auch ganz gut, überhalb diesen wurde das +Dickicht aber wieder so schlimm wie es je gewesen, und die Guiavenbüsche +schienen hier eine förmliche undurchdringliche Hecke zu bilden, durch +die er sich nur gebückt, und sein Gepäck oft nachschleppend, +hindurchdrängen konnte. Nur erst, wo diese endlich aufhörten, und mit +ihnen jede Art von Frucht, begannen hohe dunkle Casuarinen, die einen +weit bessern Durchgang gewährt haben würden, wären nicht so viele +trockene und dürre Aeste von ihnen heruntergefallen gewesen, die sich +ihm oftmals wie förmliche Pallisaden entgegenstellten. + +Aber er _mußte_ hindurch, und das war ein tüchtiges Wort, ihn alle +Schwierigkeiten mit leichtem Muth überwinden zu lassen. Hier wurde der +Grund auch steinig, und er fand, als er den höchsten Punkt endlich +erreichte, zu seiner Freude einen kleinen felsigen Platz, den er sich +selber hätte nicht schöner und passender zu einem Castell ausbauen +können, als es hier die Natur für ihn gethan. Zehn Fuß war er dort oben +von allen Seiten frei, und das bröcklige Gestein, was den steil +auflaufenden Gipfel bildete, konnte ihm im Anfang eben so wohl zum +Verbergen, als später, sollte er gefunden werden, als Waffe dienen, auf +irgend einen andringenden Feind niederzurollen. + +Mit einem förmlichen Triumphruf nahm er von dieser kleinen Festung +Besitz, und als er oben seine Last abgeworfen, und sich die nassen Haare +aus der Stirn gestrichen hatte, sagte er lächelnd: + +»Beim Himmel, mit Adolph hier und zwei guten Gewehren, wollt’ ich mir +die ganze Besatzung des Delaware vom Leibe und einem förmlichen Sturm +abhalten – ~ha – le Delaware~!« unterbrach er sich plötzlich selber +überrascht, und fast unwillkürlich trat er hinter einen der Felsstücke, +denn als er den ersten Blick nach außen warf sah er, daß er frei über +das Meer schauen konnte, und dort lag auch sein altes Schiff so klar und +nah vor ihm, daß er die einzelnen Leute an dessen Bord konnte auf- und +abgehen sehen. Mit dem Glas mußten sie im Stande sein ihn, sobald er +sich nur frei zeigte, vollkommen gut zu unterscheiden. Er überlegte sich +jedoch bald, daß sie bis jetzt an Bord noch keine Ahnung von seiner +Flucht haben konnten, denn eben kam erst das Boot, dem er entflohen, +dorthin zurück, und er konnte selbst erkennen wie die Leute von unten +hinauf an Bord kletterten. + +Jedenfalls war er also schon vermißt und er mußte darauf gefaßt sein daß +ihn die Eingeborenen aufspüren würden, denn mit seiner Ladung hatte er +an vielen Stellen eine ziemlich breite und tiefe Fährte zurückgelassen. +Die kurze Zeit also die ihm bis dahin blieb, wollte er benutzen sich +noch so gut als es eben anging zu befestigen, nachher dem Schicksal und +seinem guten Glück das Uebrige zu überlassen. Er war jung und ein +Franzose – also weit davon entfernt sich Sorgen vor der Zeit zu machen, +überdies hatte er Alles was ihm jetzt bevorstand voraus gewußt und es +kam ihm Nichts unerwartet. + +Schießwaffen hatte er, zwei kleine Terzerole ausgenommen, keine; außer +diesen aber ein langes zweischneidiges schweres Messer in lederner +Scheide, wovon er sich die meiste Hülfe versprach, und ein leichtes +trotziges fast muthwilliges Lächeln überflog seine schönen Züge, als er +die beiden kleinen Pistolen aus der Tasche nahm, und vor sich auf die +Steine legte. + +»Es sind zwar keine Zweiunddreißigpfünder« sagte er dabei lachend vor +sich hin, »und ich weiß in der That nicht einmal ob sie überhaupt +losgehen werden, aber sie haben doch Mündungen, und ist den Eingebornen +hier schon überhaupt jemals ein solches Instrument wie eine Pistole zu +Gesicht gekommen, so müßte ich mich sehr irren, wenn ich nicht glauben +sollte die ganze Insel damit von mir abhalten zu können. Kurze Frist +werden sie mir aber doch wohl Ruhe lassen, und die will ich denn +wenigstens benutzen meinen Körper ein wenig zu restauriren und mit +Speise und Trank zu erquicken.« + +Und damit schnürte er wohlgemuth seinen Bündel wieder auf, in dem er +auch ein kleines Packet mit einem paar Schiffszwiebacken und einem Stück +Salzfleisch verborgen hatte, und mit einem Theil von diesem und einigen +Bananen, wozu er eine der Cocosnüsse anzapfte und etwas davon trank, +seinen allerdings brennenden Durst zu löschen, hielt er eine so +vortreffliche und ruhige Mahlzeit, als ob er sich in voller Sicherheit +in irgend einem guten Gasthaus befände, und nicht jeden Augenblick +fürchten mußte, umstellt und gefangen zu werden. + +Die Feinde waren ihm übrigens weit näher als er je vermuthet, denn kaum +hatte er sein Mahl beendet, und eben wieder die Cocosnuß an die Lippen +gehoben, noch einen letzten Schluck zu thun, als er gar nicht weit von +sich entfernt ein Geräusch zu hören glaubte. Er hielt horchend ein – da +krachten wahrhaftig wieder die Büsche. Nichtsdestoweniger trank er erst +in aller Ruhe, denn er wußte recht gut daß er hier oben in seiner festen +Stellung nicht so plötzlich überrascht werden konnte, stellte dann die +Nuß vorsichtig und ein paar Steine darum legend, bei Seite, daß sie +nicht umfiel und seinen Wasservorrath gleich um die Hälfte verringerte, +griff seine beiden Terzerole auf, und schaute dann, hinter irgend einen +der größten Steine gedrückt, aufmerksam nach dorthin von woher sich +jetzt vorsichtig irgend Jemand zu nähern schien. Es dauerte auch nicht +lange, so konnte er schon die bunten Kattunüberwürfe mehrerer +Eingeborener erkennen, die langsam und aufmerksam den Boden betrachtend, +seinen hinterlassenen Spuren folgten. + +Wie viele es waren ließ sich noch nicht erkennen, das blieb sich aber +auch gleich; war er erst einmal aufgefunden, so konnten sie, so sie +überhaupt feindliche Absichten hatten, leicht Verstärkung holen, und er +mußte vor allen Dingen sehen sich auf eine friedliche Art mit ihnen zu +verständigen. Die Terzerole konnten ihm aber dabei nur mehr Schaden als +Nutzen bringen, und er steckte sie deshalb vorläufig wieder in die +Tasche, die Ankunft der Indianer jetzt auf das ruhigste und +kaltblütigste erwartend. + +Diese ließen ihn auch nicht lange mehr über ihre Absicht im Zweifel. Der +Erste der voranging mochte eine gewisse Obergewalt über die Andern +haben, denn dicht unter den Steinen, auf denen sie den Flüchtling gar +nicht zu vermuthen schienen, sandte er zwei rechts und zwei links ab, zu +sehen wohin sich die Spuren etwa den Berg wieder hinunter zögen, +während er selber gerade auf den Felsen zukam. René wußte recht gut daß +er von diesen fünf Leuten noch weiter keine Gefahr zu fürchten hatte, +und doch jedenfalls aufgefunden werden mußte, sich also deshalb +aufrichtend, und mit beiden Ellbogen auf einem der vor ihm liegenden +Blöcke stützend, sah er erst eine kurze Weile den Mann unten, der auf +dem hier steinigen Boden nicht recht mit der Spur einig zu sein schien, +lächelnd zu, und sagte dann plötzlich mit lauter Stimme den schon +mehrfach gehörten und behaltenen Gruß: + +»~Joranna-boy~!« + +Wäre dem Eingebornen, der gebückt und die Augen fest auf den Boden +geheftet, fast gerade unter ihm stand, ein grimmer Tausendfuß über den +Nacken gelaufen, er hätte nicht rascher und mehr erschreckt in die Höhe +und zur Seite springen können, und erst das laute Lachen René’s, der auf +ihn herunterschaute, als ob Jemand aus dem Fenster einer höheren Etage +sieht, brachte ihn wieder ein wenig zu sich. Der erste Schrei, den er +aber in voller Ueberraschung ausgestoßen war hinreichend gewesen, seine +Gefährten um ihn zu sammeln, und die fünf rothen Burschen, die hier mit +so feindseligen Absichten heraufgekommen waren, wußten eigentlich nicht +recht wie ihnen geschah, als sie den gerade, von dem sie die grimmigste +Gegenwehr erwartet, in der größten Gemütlichkeit vor sich und so +friedlich gesinnt fanden, wie sie es nimmer hätten erwarten dürfen. + +Erst sahen sie eine ganze Zeitlang schweigend zu ihm empor – es war +augenscheinlich, sie mißtrauten noch dem äußeren Ansehn der Dinge – +diese Freundlichkeit konnte Maske sein sie plötzlich zu überrumpeln, und +obgleich sie bewaffnet waren, d. h. zwei führten Tapa-Hölzer und die +andern drei Einer ein Beil und Zweie Messer – und der Weiße unten ihnen +die Versicherung gegeben hatte daß der Flüchtling nichts derartiges +mitgenommen habe, wußten sie doch nicht welche außerordentlichen Mittel +ihm sonst vielleicht zu Gebote stehen möchten ihnen zu schaden. Sie +waren allerdings willens die ausgesetzte Belohnung zu verdienen, dachten +aber dabei gar nicht daran ihren Leib oder gar ihr Leben irgend einer +unnöthigen und zu vermeidenden Gefahr auszusetzen. + +René blieb übrigens in seiner nichts weniger als feindlichen Stellung, +wobei er sich jedoch wohl gehütet hatte seine Gestalt den Fernröhren des +Schiffes preis zu geben, und da die so erstaunten und verdutzten +Gestalten der Indianer allerdings komisch genug aussehen mußten, und er +sich gar keine Mühe gab sein Lachen zu verbergen, so verlor sich diese +Furcht denn auch endlich. + +Der Führer sah seine Begleiter erst ganz ernsthaft an, und dann verzog +ein breites Grinsen oder Feixen seine sonst gutmüthigen Züge, während +sich diese noch eine kleine Weile zu geniren schienen, – endlich mochte +ihnen das Komische ihrer Lage aber auch wohl einleuchtend werden. Der +Eine schnitt auf einmal ein ganz freundliches Gesicht, und war dann +urplötzlich wieder so ernst und finster als vorher, als er aber den +Häuptling ansah und dessen ausbrechende Fröhlichkeit bemerkte, glaubte +er auch wahrscheinlich dem Anstand volle Genüge geleistet zu haben, und +platzte nun auf einmal so rasch und laut heraus, daß sich die Andern +ordentlich erschreckt nach ihm umsahen. + +»~Joranna, Joranna~!« rief jetzt der Erste hinauf, dem augenscheinlich +ein Stein vom Herzen gefallen schien, da er die Sache sich so friedlich +lösen sah – und es zeigte sich jetzt daß er auch etwas gebrochen +englisch sprach, wie man fast auf allen diesen Inseln Einzelne findet, +die Worte und Redensarten, im Verkehr mit den Fremden, aufgefangen und +behalten haben. »~Joranna boy~! – wie geht’s – wie geht’s Freund – +komm herunter, komm herunter – weißer Mann, Capitain sagt, soll +herunterkommen.« + +»So?« lachte René in derselben Sprache, – »weißer Mann Capitain sagt +also ich soll herunter kommen?« + +Der Indianer nickte auf das freundlichste, daß er ihn so gut verstanden +hatte, und versicherte, sich zu seinen Begleitern wendend, diesen, daß +er die Sache jetzt augenblicklich in Ordnung bringen würde. + +»Ja, komm herunter, komm herunter – weißer Mann Capitain sagt« +wiederholte er noch einmal, dieses Factum vor allen Dingen außer jeden +Zweifel zu stellen. + +»Und wenn ich, weißer Mann _kein_ Capitain nun nicht will?« lachte René. + +»Nicht will?« rief der Führer der Eingebornen erstaunt aus, und sah den +Fremden an; dann aber, denn er konnte in dessen Gesicht immer noch +keinen Ernst entdecken, dies ebenfalls für einen guten Spaß desselben +haltend, den er zu ihrem eigenen Vergnügen gemacht habe, schaute er sich +nach den Andern um, lachte laut auf, und erzählte ihnen mit der größten +Freundlichkeit was der Weiße da oben eben so Lustiges gesagt habe. + +Die übrigen Eingebornen, die gleich von allem Anfang gar nichts Anderes +erwartet hatten, konnten darin aber nicht den mindesten Spaß entdecken, +und ein paar, zu diesem Zwecke an den Alten gerichtete Worte machten +diesen ebenfalls wieder ernsthaft und ließen ihn doch an die Möglichkeit +glauben daß der Fremde am Ende _wirklich_ nicht selber herunterkommen +wollte, und ihn da herunter zu _holen_, war jedenfalls eine mißliche +Sache. + +»Bah, bah« sagte der Alte jetzt kopfschüttelnd und mit einem Gesicht als +ob man einem unartigen Kinde irgend eine Thorheit verweisen wolle – +»närrisch Ding, närrisch Ding – weißer Mann Capitain guter Mann, +verlangen weiter Nichts wie herunterkommen.« + +»Was bekommt Ihr dafür mich zu holen?« frug ihn aber René so gerade +mitten in alle seine Berechnungen hinein, daß er ihn ganz wieder außer +Fassung brachte, und er erst den Weißen, und dann seine Begleiter +erstaunt ansah, augenscheinlich unschlüssig ob er diese, etwas +indiscrete Frage so geradezu und der Wahrheit gemäß beantworten solle. +Er hielt es am Ende für besser es erst mit den Seinen zu berathen; da +diese aber nicht das mindeste Bedenken darin fanden seinem Wunsche zu +willfahren, wandte er sich wieder zu dem jungen Franzosen und zählte ihm +jetzt mit der größten Ernsthaftigkeit alle die Artikel auf die sie +bekommen würden, und zwar mit einem Eifer und einer Genauigkeit, als ob +das noch ein besonderer Beweggrund für ihn selber sein müsse, jetzt +augenblicklich niederzusteigen und ihnen den Besitz aller dieser +Herrlichkeiten nicht länger, widerrechtlicher Weise, vorzuenthalten. + +Zu ihrem Erstaunen ließ sich aber der Fremde selbst nicht durch die +Erwähnung des Handbeils und die fünf Yards rothen Kattun bestechen, +sondern blieb nur ruhig und unbeweglich in seiner Stellung. Angenehm war +es ihm aber nicht, diese Masse verschiedenartiger Gegenstände aufzählen +zu hören, und er konnte daraus nicht allein sehen wie viel dem Harpunier +daran gelegen gewesen war ihn wieder zu bekommen, als auch wie sehr +schon die Habgier dieser sonst einfachen und gutmüthigen Leute erregt +worden, den ausgesetzten Lohn so rasch als möglich zu verdienen. +Ueberredung half hier Nichts, so viel sah er recht gut ein, wäre er +selbst ihrer Sprache vollkommen mächtig gewesen, und das einzige was +sich noch mit ihnen im Guten anfangen ließ, war ihnen an Geld und +vielleicht Kleidern gleichen Nutzen zu bieten, wo er dann wieder das zu +seinen Gunsten hatte, daß sie bei dessen Annahme ihre Gliedmaßen in +keine Gefahr brachten. + +»So?« sagte er also, da sie geendet hatten und nun nichts anderes zu +erwarten schienen als daß er nach _solchen_ dargelegten Gründen, ihren +Beweisen nicht länger werden widerstehen können – »so? – das also hat +Euch weißer Mann Capitain Alles geboten, mich einzig und allein wieder +unten abzuliefern?« + +»Ja Freund – blos unten abzuliefern« lautete die Antwort. + +»Todt oder lebendig?« frug aber der junge Mann mit größter +Kaltblütigkeit zurück, und erschreckte dadurch den Alten nicht wenig, +der jetzt zum ersten Mal an zu begreifen fing, daß der Fremde doch am +Ende nicht so ganz gutwillig mit ihnen gehen werde. + +»Todt oder lebendig?« wiederholte er erstaunt und versuchte zu lachen, +was ihm aber mißglückte – »todt? wir sollen doch weißen Mann nicht +_todt_ abliefern – lebendig versteht sich.« + +»Und wenn sich nun weißer Mann zur Wehr setzt?« sagte René. + +»Zur Wehr setzen?« frug der Alte, der das Wort nicht so recht zu +verstehen schien – »zur Wehr setzen?« + +»Nun ich meine, wenn weißer Mann unter keiner Bedingung gutwillig +mitgehen will und sich vertheidigt« erklärte es ihm der Fremde deutlich +genug. + +»Aber fünf Yards rothen Kattun – ein Handbeil – zwei Messer« begann +der erstaunte Eingeborne alle die Herrlichkeiten wieder aufzuzählen; +René aber, dem Nichts daran lag sie nur hinzuhalten, was er mit +Leichtigkeit für den ganzen Tag hätte thun können da viele dieser Leute +fast gar keinen Begriff von Zeit oder dem Werth derselben haben, +unterbrach ihn mitten in der schon gehörten Liste und sagte freundlich, +während er eine ganze handvoll Silbergeld aus seiner Tasche nahm und +ihnen vorzeigte: + +»Was wollt Ihr denn thun, wenn ich Euch nun ebensoviel an baarem Gelde +gebe, als Euch weißer Mann Capitain für mich versprochen hat, heh und +dann bei Euch bleibe und mit Euch lebe und wohne?« – + +Das war jedenfalls ein Vorschlag zur Güte, und die Eingeborenen +beriethen lange unter sich was sie damit thun sollten; endlich +erkundigte sich der Alte näher danach wie viel Geld das eigentlich sei, +was er da in der Hand halte. René zählte es über – es waren sechs +Fünf-Frankenthaler und vielleicht zehn Franken an kleiner Münze Geld, +was sie hier, in ihrem Verkehr mit Tahiti, recht gut kannten. + +Für eine solche Summe wußten sie auch gut genug, daß sie selbst in +Papetee ebensoviel an Waaren bekommen könnten als ihnen geboten worden; +erstlich aber war der Verkehr mit jenem Platz nicht sehr bedeutend, und +dann hatten sie ja auch die Sachen noch nicht hier, während sie +dieselben von Bord des Wallfischfängers gleich richtig und ohne weitere +Mühe überliefert bekamen. + +Die Unterhandlung fiel für den Matrosen ungünstig aus, und der Alte +suchte ihn nun, gewissermaßen als Entschuldigung seiner abschlägigen +Antwort, und als einziges Motiv ihrer Weigerung, auseinanderzusetzen, +wie sich auf dieser Insel Niemand ohne Beistimmung ihres ~Fua~ oder +Königs von fremden Völkern aufhalten dürfe und daß sie also, wenn _sie_ +auch selber wünschten ihn bei sich zu behalten, ihn darin doch nicht +unterstützen dürften. »Ja,« setzte dann der Alte mit vieler +Aufrichtigkeit und auch gewiß Wahrheit hinzu – »wollten wir jetzt +selbst Dein Geld nehmen, und Dich zufrieden lassen, wir könnten Dich +doch nicht schützen, und der König würde bald Andere schicken, die Dich +trotzdem abholten.« + +René sah dies recht gut ein, und beschloß also deshalb mit Sr. Majestät +selber zu unterhandeln – wie aber das möglich zu machen? stieg er +hinunter, so gab er sich vollkommen in die Gewalt seiner Feinde, und +überfielen und banden ihn diese nachher, so konnten sie ihm mit leichter +Mühe abnehmen was er bei sich hatte, ohne daß er je im Stande gewesen +wäre auch nur eine Centime seines Geldes wieder zu bekommen – und Sr. +Majestät zuzumuthen hier oben heraufzuklettern, mit einem entlaufenen +Matrosen wegen einiger Thaler zu unterhandeln war doch auch ein wenig +viel verlangt. Nichtsdestoweniger beschloß er den Versuch zu machen, +denn hinunter wollte er auf keinen Fall eher steigen, bis nicht der +Delaware die Insel verlassen hätte. Er bat also den Alten, der +überhaupt der Leiter der Schaar zu sein schien, ihn erst noch einmal +kurze Zeit hier oben zu lassen, und indessen selber hinunter zu Sr. +Majestät zu gehen, oder wenigstens einen von seinen Leuten hinunter zu +schicken, der dem König Kunde von seinem Vorschlag brächte, ihn um die +Erlaubniß längeren Aufenthaltes auf dieser Insel und Schutz zu bitten, +bis sich das fremde Schiff entfernt hätte, wofür er denn seinerseits +Willens sei, Sr. Majestät, falls diese ihm seine Sicherheit garantire, +zwanzig Fünf-Frankenthaler – ein Capital für diese Menschen – +auszuzahlen. + +»Ja – sehr gut das,« sagte der Alte nach einer kurzen Pause ernster +Ueberlegung – »sehr gut das, weißer Mann nicht Capitain kann mit ~fu-a~ +sprechen, aber muß hinunter gehn – König nicht heraufkommen hier oben +auf Berg – König sehr faul, nicht viel Berge steigen.« + +»Ja, ich kann ihm da aber doch nicht helfen,« lachte René – »wenn er +die zwanzig großen Stücke Silber verdienen will, muß er auch etwas mehr +dafür thun, als blos mit dem Scepter winken. Also marsch Ihr guten +Freunde, bringt Sr. Majestät meinen freundlichen Gruß und Handschlag, +und meldet ihm, was ich ihm hiemit entbieten lasse. Er soll einen +vortrefflichen Vasallen an mir haben, und kann auch, wenn er es nur +irgend anzustellen weiß, noch weit mehr Nutzen aus mir ziehen; ich bin +gelehrig, und wer weiß ob ich mich nicht selbst ganz vortrefflich zu +Schwiegersohn und Nachfolger eignen würde.« + +Der Alte verstand sicher nicht die Hälfte von alle dem, was ihm der +Fremde da in seinem leichten fröhlichen Muth vorplauderte, soviel aber +begriff er, daß er dem König eine gewisse Summe, und zwar eine ziemlich +bedeutende bot, ihn frei zu lassen und nicht die mindeste Absicht habe +vorher herunter zu kommen. Ging nun der König diese Bedingung ein, so +verlor er selber jedenfalls seinen Antheil an dem ausgesetzten Lohne, +ging er sie aber _nicht_ ein, so war der ganze Weg doch umsonst gewesen, +und es erschien ihm also weit besser gleich das Letztere von vornherein +anzunehmen, und den jungen Burschen, der da oben doch so freundlich +lachte, und sich gewiß nicht gegen sie wehren würde, nur vor allen +Dingen erst einmal herunterzuholen und mitzunehmen: das Andere konnten +sie ja nachher unten ausmachen. Ein paar mit seinen Begleitern rasch +gewechselte Worte setzte diese von dem gefaßten Entschluß in Kenntniß, +und sich dann wieder zu dem Matrosen wendend, der ihn aufmerksam +betrachtete seine Entscheidung zu hören, sagte er mit bedächtiger +Stimme, indem er sich das Lendentuch etwas fester anzog und einsteckte, +ungefähr in derselben Weise wie Matrosen gewöhnlich, mehr in eine Art +Angewohnheit, ihre um die Hüften dicht anschließenden Segeltuchhosen in +die Höhe ziehen. + +»Ja weißer Mann, Alles recht gut, weißer Mann Capitain hat aber gesagt +müssen unten sein, bis Boot mit Kattun und Tabak und Messer und Beil und +Hacke und andere Sachen wieder zurückkommt; so steig nur herunter +solange, wollen unten erst zu König gehn, und nachher zu weiße Mann +Capitain.« + +»Ich habe Dir aber schon gesagt, Du etwas harthöriger Bursche Du,« sagte +René, fast ungeduldig werdend, »daß ich nicht eher hinunter kommen will, +bis ich Sr. Majestät den König dieser vielleicht vereinigten Inseln +gesprochen habe – also mache daß Du zu ihm kömmst, je eher er hier ist, +desto schneller können wir unsern Handel ins Reine bringen.« + +Der Alte aber, ob er dies Letzte nicht recht verstanden, oder für eine +Einladung genommen, oder ob er auch vielleicht glaubte es sei jetzt über +die Sache genug gesprochen worden, und müsse nun einmal gehandelt +werden, kurz er rief seinen Begleitern zwei oder drei Worte mit einem +entschiedenen Ton zu, und stieg dann mit weit mehr Entschlossenheit, als +er bis jetzt überhaupt gezeigt hatte, die bröcklichen Felsen hinan dem +Orte zu, wo der Fremde ihn ruhig erwartend stand. + +René hätte ihm mit leichter Mühe einen der schweren nur kaum in der +Balance liegenden Steine auf den Kopf rollen können, aber er wollte +selber in seinem eigenen Interesse Feindseligkeiten solange als möglich +hinausschieben, und solche nur ein letztes, wirklich verzweifeltes +Mittel sein lassen. Er behinderte deshalb auch den Alten nicht im +Mindesten bei seinem Marsch, und dieser fand sich gleich darauf, +vielleicht selbst gegen seine eigene Erwartung, oben auf der kleinen +Plattform, neben seinem vermutheten Opfer, während seine vier Begleiter +eben bemüht waren ihm langsam zu folgen. + +»So,« sagte der Indianer mit freundlichem Kopfnicken, als er endlich +neben René stand und eben die Hand ausstreckte ihn auf die Schulter zu +klopfen, »so Freund weißer Mann, nun wollen wir –« aber er sprach +nichts weiter – nur ein Blick war auf das Terzerol gefallen, das der +Weiße ruhig in der Hand hielt, und mit einem Satz der selbst diesen um +seine Sicherheit besorgt machte, sprang er von der kleinen Steinveste ab +nach der Wurzel eines tiefer liegenden Baumes, und von dieser wieder auf +die Erde hinunter, wo er nicht eher stehen blieb, bis er den schützenden +Stamm einer Casuarine erreicht hatte, hinter dem vor er jetzt mit den +Händen auf das lebhafteste an zu gesticuliren fing, und dabei schrie und +tobte, als ob ihm da oben das schmählichste Unrecht geschehen wäre. + +Die Anderen warteten natürlich, als sie des Führers Flucht sahen, in +ihrer, wie sie glaubten ebenfalls höchst gefährdeten Stellung, gar nicht +ab die Ursache so schnellen Rückzugs zu erfragen, sondern folgten nur +eben, so rasch sie konnten, dem gegebenen Beispiel des Alten. + +Sonderbarer Weise richtete sich aber dieses Zorn keineswegs auf den +jungen Mann, sondern nur auf den »weißen Mann Capitain«, der ihn hier +unter falscher Vorspiegelung, mit Aussetzung eines weit geringeren +Lohnes, auf eine Expedition ausgeschickt hatte, wo er gegen jede +Verabredung Waffen, und sogar ihm recht gut bekannte Schießwaffen fand. + +»Das sind _zwei_ Handbeile,« rief er heftig, »und _zehn_ Ellen Kattun – +zwei fünf,« indem er die eine Hand mit gespreitzten Fingern zweimal von +sich drückte, – »und _vier_ Messer und _zwei_ zehn Stangen Tabak« – er +wiederholte, wie mit sich selber redend, die Bewegung der Hand – »und +_zwei_ Hacken, und _zwei_ handvoll Nägel und eine handvoll Knöpfe – +weißer Mann Capitain sagt was nicht wahr ist – keine Waffen – puh – +was ist das? – kleine blanke Ding da – puff! macht Loch in armen +Kanaka.« + +»Habe keine Angst wackerer Krieger,« rief ihm René jetzt lachend +hinunter, der im Anfang wirklich zu befürchten schien, der Alte müsse +bei dem tollen Sprung wenigstens ein paar Beine gebrochen haben – sich +übrigens nicht wenig über den Eindruck freute, den seine kleinen +Terzerole gemacht hatten – »ich will Euch nicht das mindeste zu Leide +thun – ja im Gegentheil, Euer König soll sogar eine von diesen +Handkanonen bekommen, falls er auf meine Bedingungen eingeht, und wir +werden gewiß nachher in Fried’ und Freundschaft zusammen leben, ja uns +möglicher Weise noch einige benachbarte Inselgruppen zusammen +unterwerfen; aber nun mache auch daß Du Sr. Majestät von meinen +Vorschlägen in Kenntniß setzst, würdiger Greis, denn ich sehe schon daß +vom Schiff aus wieder ein Boot abgeht, und möchte vorher noch Deine +trostbringenden Nachrichten haben.« + +Der Alte sah jetzt allerdings selber ein daß hier, mit seinen wenigen +Mann und mit Gewalt, Nichts auszurichten war; dann genügte ihm auch der +auf das Einfangen des Entlaufenen gesetzte Preis nicht mehr; dieser +hatte Schießwaffen und er glaubte von dem »weißen Mann Capitain«, wie er +den Harpunierer nannte, vorher erst noch leicht die doppelte Ration +herausdingen zu können, noch dazu da er das erst Geforderte so leicht +und schnell bewilligt hatte. Da der Weiße übrigens, wie es schien, +nicht die geringsten feindlichen Absichten zeigte, und wieder ganz in +seine frühere friedliche Stellung zurückgefallen war, kam er auch hinter +seinem, in der ersten Geschwindigkeit angenommenen Baume vor, und sich +erst kurze Zeit mit seinen Leuten besprechend, wandte er sich dann +plötzlich wieder zu dem Flüchtling und sagte: + +»Gut, gut – Raiteo will gehn, will mit ~fu-a~ sprechen – weißer Mann +nicht Capitain bleibt hier so lange – Raiteo kommt wieder – Sonne +dort« – und er zeigte dabei mit der Hand die Himmelsgegend an, an +welcher sich die Sonne befinden würde, wenn er wieder zurückkäme. Damit +zog er sich, und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, in die Büsche +zurück, und wie es schien folgten ihm alle seine Leute; außer Sicht ließ +er aber seine sämmtliche Mannschaft auf Wacht und vertheilte sie so, daß +sie die Bergkuppe nach allen vier Seiten umgaben, nicht etwa eine Flucht +des Weißen von dort zu verhindern, denn das wußte er recht gut, konnten +sie nicht, sondern nur genau zu sehen wo er bliebe, falls er den Ort aus +freien Stücken verlassen sollte, damit ihnen die neue Arbeit eines +Nachspürens erspart würde. + +Raiteo, wie er sich selbst genannt, dachte übrigens gar nicht daran Sr. +Majestät dem König den ganzen Nutzen dieses Fanges allein zu lassen, +und beschloß vor allen Dingen einmal zu sehen, wie viel mehr Belohnung +er, dieser neuen Entdeckung nach, aus dem fremden Schiff herauslocken +könne. Demzufolge, und da er jetzt selbst durch eine lichte Stelle in +den Guiavenbüschen das auf’s Neue heranrudernde Boot erkennen konnte, +eilte er so rasch er vermochte dem Strand wieder zu, und traf dort mit +dem eben auf dem weißen Corallensand auflaufenden Boot fast in ein und +derselben Minute ein. + +Der Harpunier fluchte übrigens nicht wenig, als er hörte daß die +Eingeborenen den Entlaufenen allerdings gefunden, aber noch nicht zum +Strand gebracht hätten, und nun erst noch eine neue erhöhte Forderung +stellten; er hätte ihnen jetzt gern das sechsfache gegeben, wäre der +entlaufene Matrose damit in seinen Händen gewesen, denn der Capitain des +Delaware wüthete ordentlich als er die Flucht des Manns und seinen +dadurch erzwungenen Aufenthalt vernahm, und gab ihm jede Vollmacht den +Burschen, den er exemplarisch zu bestrafen gedachte, wieder in seine +Gewalt zu bekommen. + +Raiteo sollte aber die Sache nicht mehr allein auszufechten haben, +sondern Sr. Majestät, die von dem reichen, für den Flüchtling +versprochenen Lohn gehört hatte, mischte sich jetzt selber in das +Geschäft, und schien Raiteo mehr als Führer wie Leitenden betrachten zu +wollen. + +Der Harpunier hatte nun zwar selber schon Raiteo eine Belohnung geboten, +wenn er ihn nur zu dem Platz hinbringen wolle wo der Flüchtling sei; +Jener schien das aber einestheils nicht gern thun zu mögen, und anderer +Seits zeigte dies wieder eine neue Schwierigkeit. Der Harpunier hätte +seine Leute entweder zurücklassen oder mitnehmen müssen, und in beiden +Fällen konnte es am Ende gar noch einem Andern einfallen, sein Glück +ebenfalls in den Wäldern zu versuchen. Nach kurzem Ueberlegen suchte er +deshalb die Indianer zu bewegen so rasch als möglich zurückzugehn und +den Weißen zu holen, und die Versprechungen die er ihnen dafür machte, +ja mehr noch die mitgebrachten Sachen die er ihnen zeigte, und von denen +er einiges dem König schon gab, seine Habgier zu reizen, schienen ihm +allerdings das günstigste Resultat zu versprechen. + +Die Leute waren diesmal in sehr bedeutender Anzahl, sogar mit einer +Menge neugieriger Frauen, aufgebrochen den Gefangenen, der solcher Masse +nicht hätte widerstehen können, zum Strand zu holen, und jetzt etwa +lange genug abwesend daß der Harpunier schon dann und wann nach seiner +Uhr sah, und die Zeit zu berechnen anfing, in der sie würden wieder +zurück sein können, als Mr. Rowsey plötzlich, sehr zu seinem Erstaunen, +ein Zeichen von seinem Schiff erhielt, so rasch er könne an Bord +zurückzukommen. + +»Was zum Teufel kann nur los sein?« brummte er, als ihn Einer der Leute +auf die eben aufsteigende Flagge aufmerksam machte – »Fische bei Gott!« +rief er aber, als diese, zum verabredeten Signal, dreimal auf und +niedergezogen wurde – »die hätten auch noch ein paar Stunden warten +können. An Bord ~boys~, an Bord – rasch an Eure Riemen« – rief er dann +seinen Leuten zu, die schnell dem Befehl gehorchten. Er selber blieb +noch ein paar Momente wie unschlüssig am Ufer stehen, während sich die +zurückgebliebenen Eingeborenen neugierig um ihn sammelten, theils zu +erfahren was die Flagge am Schiff bedeuten solle – denn soviel hatten +sie schon mit Schiffen verkehrt, zu wissen daß dies etwas Besonderes +melden wolle – theils was die Weißen jetzt zu thun beabsichtigten. + +Der Harpunier wußte das in der That im Anfang selber nicht – mußten sie +jetzt hinter Fischen her, wie es allen Anschein hatte, so konnten ein +paar Tage vergehen, ehe sie hierher wieder zurück kamen, und sollte er +indessen die für das Einfangen des Mannes bestimmten Güter in den Händen +des Königs lassen? That er es nicht, so war es die Frage ob sich die +Eingebornen, sobald sie das Schiff absegeln sahen, weiter um den Weißen +bekümmern würden, und ließ er die Sachen da, so hieß das ein wenig viel +der Ehrlichkeit dieser Leute vertraut, von der er, nach ziemlich langer +Erfahrung, in solcher Hinsicht gerade keinen besonderen Begriff zu haben +schien. Er entschloß sich aber doch zuletzt dazu, denn eines Theils lag +in den mitgebrachten Sachen kein wirklicher Werth, und andern Theils +durfte er dann auch darauf rechnen daß die Leute – wenn sie eben nicht +mit dem Ganzen durchbrannten – ihr Bestes thun würden sein Vertrauen zu +rechtfertigen. Sich also zu dem König wendend sagte er ihm mit kurzen +Worten, er müsse jetzt an sein Schiff gehn, er wolle aber den Lohn für +das Einfangen des Entlaufenen bei ihm niederlegen, und er verlange dafür +von ihm, daß sie den Mann, wenn sie ihn einbrächten – sollte das Schiff +noch dort liegen, wo sie es jetzt sähen – augenblicklich in ein Canoe +nähmen und an Bord brächten, sollte es aber unter Segel sein, so lange +gut verwahrten, bis er selber zurückkäme. + +Se. Majestät versprach ihm dafür die Sachen in sein eigenes Haus zu +legen, und versicherte den Harpunier es würde Nichts davon kommen, denn +sie seien alle _Christen_ und zwei »Mitonares« hier auf der Insel. + +Der alte Harpunier schien ihm etwas darauf erwiedern zu wollen, und sah +ihn einen Augenblick wie zweifelnd an, endlich aber brummte er nur leise +ein paar Worte in den Bart, sprang in sein Boot und schoß gleich darauf, +so rasch ihn die mit äußerster Kraft der Leute geführten Riemen[B] +bringen konnten, dem, etwa zwei englische Meilen entfernten Schiffe zu, +von dessen Gaffel die Flagge noch immer wehte, und dann und wann gezogen +wurde – ein Zeichen größter Eile. + + +Fußnoten: + +[B] Riemen, das nautische Wort für die langen Ruder der See- und +Wallfischboote. + + + + +Capitel 3. + +#Das Mädchen von Atiu.# + + +René saß indessen, nachdem ihn die Eingeborenen verlassen, eine ganze +Weile sinnend auf den Steinen seines kleinen Fort’s, und überlegte was +er am Besten thäte – hier auf dieser Stelle bleiben und die Rückkunft +der Männer zu erwarten, oder sich vielleicht, mit mehr Vorsicht ein +neues Versteck zu suchen, wo er wenigstens bis Dunkelwerden unentdeckt +bleiben konnte und dann die ganze Nacht vor sich hatte eine Stelle zu +finden seinen Verfolgern zu entgehn oder sie hinzuzögern; er wußte recht +gut daß der Capitain des Delaware bald ungeduldig werden würde, wenn er +ihn nicht rasch wieder zurückbekäme. Es war überdies auch möglich daß er +selber in der Nacht ein Canoe fand mit dem er getrost in See gehen +konnte; im Nord-Westen lagen noch mehre Inseln, und selbst die Gefahr +der er sich dabei aussetzte, schien ihm nicht halb so groß als die, in +der er sich jetzt wirklich befand wieder gefangen genommen und an Bord +des Delaware zurückgeschafft zu werden. Er entschloß sich also endlich +von dieser Kuppe wieder einer andern Hügelspitze zuzugehn, die er von +hier aus gut erkennen konnte; jedenfalls nahm es dann seinen Feinden +einige Zeit bis sie ihn wieder fanden, und die Nacht verbarg dann seine +Spuren den Verfolgern. + +Diesen Versuch mußte er aber bald aufgeben, denn kaum hatte er etwa +hundert Schritt den Berg hinunter gethan, so entdeckte sein scharf +umherspähendes Auge die Gestalt des dort stationirten Insulaners, der +sich allerdings, als er ihn kommen hörte, in das dichte üppige Kraut, +was überall den Boden bedeckte, niederdrückte. Er war also umstellt, und +es half ihm Nichts seinen Schlupfwinkel zu verändern, denn diese Wachen +würden ihm natürlich auf den Fersen gefolgt sein; ja die Möglichkeit lag +vor, daß sich seine Feinde, vielleicht zahlreicher als er selber eine +Ahnung hatte, hier in den Hinterhalt gelegt, nur eben auf sein +Niedersteigen wartend, um ihn dann, in dem dichten Gestrüpp soviel +leichter überfallen und binden zu können, und scheu, hinter jedem Stamm +einen versteckten, zum Ansprung bereiten Feind vermuthend, das gespannte +Terzerol in der Hand, zog er sich rasch aber unbelästigt, wieder zu dem +kaum verlassenen Versteck zurück. + +»Gut,« murmelte er dabei zwischen den fest zusammengebissenen Zähnen +durch, als er zu seiner kleinen Veste zum zweiten Mal aufstieg – »laß +sie dann die Folgen nehmen, wenn sie mich mit Gewalt zum Aeußersten +treiben wollen; aber lebendig bringen sie mich beim ewigen Gott nicht +von diesen Steinen hinunter.« + +Er untersuchte jetzt auf das sorgfältigste seine kleinen Terzerole, +schraubte die Pistons los und that frisches Pulver wie nachher frische +Kupferhütchen auf, und als er sich wenigstens dieser Hülfe versichert +und sein Messer gefühlt hatte, ob es ihm locker und zum Griff bequem an +der Seite hing, wußte er daß er für den Augenblick nichts weiter thun +konnte und warf sich, der Dinge die er doch nicht zu ändern vermochte +wartend, auf die Steine nieder, seine Kräfte wenigstens nicht durch +unnöthige Anstrengungen vor der Zeit zu erschöpfen. + +Er mochte etwa eine halbe Stunde so gelegen haben, als der Lärm der +jetzt zu ihm heraufsteigenden Schaar an sein Ohr drang – er horchte +einen Augenblick auf und als er die lauten Stimmen einer großen Zahl +Menschen deutlich unterschied, blieb er ruhig in seiner Stellung. Er +wußte daß sie, mit solchem Geräusch ankommend, ihn nicht überraschen +wollten, und daß sich jetzt der entscheidende Augenblick nahe. Er hatte +das Boot wieder zurückkommen sehen und erwartete kaum anders, als daß +sich der Harpunier selber mit seinen Leuten der Schaar angeschlossen +habe. + +Diese kam jetzt so rasch und mit solchem Geplapper und Lachen und +Schreien näher, daß er sich endlich aufrichten mußte; ein Blick +überzeugte ihn aber er habe es nur mit Insulanern und keinem seiner +früheren Kameraden zu thun, und mit der Ueberzeugung zog ihm auch wieder +neue Hoffnung durch die Seele. Er lehnte sich jetzt in seine frühere +Stellung auf den Stein, und als er sich Männer und Frauen in bunter +Masse um sich sammeln sah, konnte er selbst ein Lächeln nicht +zurückhalten. + +»Was für eine herrliche Situation wäre dies jetzt für einen der frommen +Missionaire,« murmelte er leise vor sich hin, »für die »Prediger in der +Wüste« wie sie sich selber nennen – Kanzel und Auditorium fix und +fertig, und welch zahlreiche, bunte Versammlung – wahrhaftig auch +Frauen – die lieben Dinger müssen doch überall dabei sein, selbst wenn +es gilt einen armen Teufel von Matrosen wieder an seine Henker +auszuliefern. Aber, ~prenez-garde mes dames~, noch _habt_ Ihr ihn nicht, +und billig sind die zehn Ellen rother Kattun etc. wahrhaftig nicht +verdient, _wenn_ Ihr ihn bekommt.« + +Die Schaar sammelte sich indessen um den Felsen herum und obgleich +dießmal eine höhere Person als Raiteo, nämlich der Sohn des Königs +selber, mitgekommen war, behielt doch jener bei den nachfolgenden +Unterhandlungen als Dollmetscher das Wort, und forderte jetzt, +augenscheinlich verdrießlich durch die Hartnäckigkeit des Burschen um +den, ihm von Gott und Rechts wegen zustehenden Lohn gebracht zu sein, +ihn einfach auf herunter zu kommen und mit ihnen zu gehn, weil sie sonst +Gewalt brauchen müßten, und ihm nicht gern ein Leides thun wollten. Ihr +König erlaube ihm nicht länger hier auf der Insel zu bleiben, also helfe +ihm weiter kein Widerstand. + +René hatte sich hoch aufgerichtet, die jetzt frisch von der See +herüberwehende Brise schlug ihm das dunkle lange Haar wild um die +Schläfe, und sein Gesicht war von der inneren Aufregung vollkommen +bleich geworden, aber seine Augen funkelten und ein trotziges Lächeln +kräuste ihm selbst die Lippe, als er mit lauter herausfordernder Stimme +hinunter rief: + +»So kommt denn, wenn Ihr den Muth habt mich zu holen – kommt und seht +wessen Blut diese Steine zuerst färben soll – kommt und überliefert +einen Mann, der Euch nie ein Leides gethan, seinen Feinden, Ihr seid ja +am Ende gar Christen und wollt nach Gottes Geboten handeln – kommt, +aber ehe ich jenes Schiff wieder lebendig betrete –« er schwieg +plötzlich denn sein Auge hatte in diesem Moment fast unwillkürlich das +ferne Fahrzeug gesucht, und er sah jetzt zum ersten Mal das von der +Gaffel flatternde Zeichen, wie das zu dem Schiff zurückkehrende Boot, ja +ein zweiter Blick überzeugte ihn sogar daß nach Westen hin die drei +anderen Boote ebenfalls voll unter Segel waren, und die Wahrheit des +Ganzen durchzuckte ihn im Nu. + +Als die unten Stehenden sahen daß er plötzlich seine Blicke so +aufmerksam nach der Richtung hin sandte, wo das Schiff lag, suchten sie +ebenfalls dorthin Aussicht zu gewinnen, und zwei junge Leute die rasch +eine der Casuarinen erstiegen hatten, riefen bald etwas in ihrer Sprache +hinunter. Von den Männern vertheilten sich jetzt mehre nach lichteren +Punkten hin, wo sie die See nach dieser Richtung hin besser überschauen +konnten, und es zeigte sich gar bald daß etwas Besonderes dort an Bord +vorgehen müsse, was für den Augenblick, da es ja auch mit ihren +Verhandlungen hier in naher Beziehung stehen mußte, ihre Aufmerksamkeit +vollkommen von dem jungen Matrosen ablenkte. + +René selber dachte kaum mehr an die Eingeborenen – er sah wie das Boot, +das ihn hatte abholen sollen, an Bord des Delaware zurückkehrte, der +augenblicklich seine Raaen umbraßte und mit geblähten Segeln den +vorangeeilten Booten nach Westen folgte. Jedenfalls hatten sie dort eine +große Zahl Fische bemerkt, die ihm sicherlich sehr zu gelegener Zeit +aufgekommen waren, und hielt die Jagd nur bis Abend an, daß das Schiff +dadurch eine tüchtige Strecke nach Westen versetzt wurde, so war die +Frage ob der Capitain seinetwegen hier wieder gegen den Passat ankreuzen +würde; jedenfalls behielt er einen, vielleicht mehre Tage Zeit auf +Flucht von der Insel zu denken und die Gefahr war wenigstens für den +Augenblick von ihm genommen. Daß er die Insulaner _jetzt_ leicht von +sich abhalten konnte, daran zweifelte er keinen Augenblick. + +Der Erfolg zeigte denn auch daß er darin vollkommen recht gehabt. Die +Insulaner, als sie das Schiff unter vollen Segeln die Insel verlassen +sahen, wußten nicht recht woran sie waren, und mußten erst wieder einen +Boten nach unten schicken, neue Verhaltungsbefehle einzuholen. +Allerdings begegnete diesem schon ein Anderer, der ihnen die Ordre +brachte den jungen Fremden nur einstweilen einzufangen und mit +herunterzunehmen. Das war aber weit eher gesagt als gethan, und kam das +Fahrzeug am Ende nachher gar nicht zurück, so mußten sie ihn doch wieder +los lassen; da war es also weit vernünftiger ihn jetzt gar nicht zu +stören, bis das Schiff wirklich wieder da sei, nachher sei es noch Zeit +genug. + +Als die Frauen und Mädchen, die dem Zug aus Neugierde gefolgt waren und +sich im Anfang, da man noch nicht wußte ob es zu Feindseligkeiten kommen +würde, scheu zurück gehalten hatten, nun, wie die Sachen jetzt standen, +und daß nicht die mindeste Gefahr zu fürchten sei, sahen, so kamen sie +weiter vor, und suchten Plätze zu bekommen, von denen sie den jungen +Fremden genau beobachten konnten. Nur ein junges Mädchen allein war +schon früher so weit vorgedrungen, daß sie sich dem Umstellten, auf +einer anderen kleinen Erderhöhung fast gegenüber befand, und hatte die +ganze Zeit keinen Blick von ihm verwandt. + +Es war ein junges bildschönes Kind von vielleicht funfzehn oder sechzehn +Jahren, schlank gewachsen wie die Palme ihrer Wälder, aber mit vollem +runden Gliederbau; die rabenschwarzen mit wohlriechendem Cocosöl +getränkten Locken wild um die braune Stirn flatternd, und die schönen +großen dunklen Augen halb ängstlich halb mitleidig auf den jungen Mann +geheftet, dessen Leben wenn er sich zum äußersten widersetzte, wie sie +recht gut wußte, in großer Gefahr schwebte. Sie war nach Art der übrigen +Mädchen gekleidet; ein Lendentuch von farbigem Kattun, das ihr bis auf +die feingeformten Knie niederging, schloß sich ihr dicht um die Hüften +und ein anderes Tuch war nur lose über die linke Schulter gehangen, und +auf der rechten mit einem Knoten locker zusammengehalten, daß es den +rechten Arm vollkommen nackt und ihm freie Bewegung ließ. In den vollen +Locken trug sie einen dünnen Kranz weißer und rother Blüthen, mit den +Fasern des Cocosblattes fest zusammengebunden, in den Ohren aber zwei +der großen weißen duftenden Sternblumen, und wie sie dort stand auf dem +bröcklichen Gestein, um das sich dicht hinter ihr die vollen dunklen +Büsche schmiegten, den linken Arm um die dünne Casuarine geschlungen, +die sie da oben auf ihrer etwas gefährlichen Stelle stützte, glich sie +eher einer lauschend aus dem Dickicht gebrochenen Waldnymphe, als einem +einfachen schlichten Kind dieser Inseln. + +René war im Anfang natürlich zu sehr mit der Gefahr seiner eigenen Lage +beschäftigt gewesen, einzelne Gestalten der ihn umgebenden Insulaner +beachten zu können, und vorzüglich hatte er die Männer und ihre +Bewegungen im Auge behalten, da er ja auch gar nicht wissen konnte, ob +sie nicht einen plötzlichen Angriff auf ihn beabsichtigten; jetzt aber, +als sein leichter Sinn ihn rasch über die geringere Gefahr, die ihm von +den Insulanern selber drohte, hinwegsetzte, fühlte er mehr das +eigenthümliche, ja interessante seiner Lage, und während das Blut in +seine Wangen zurückkehrte und ein leichtes Lächeln über seine schönen +Züge flog, schaute er sich um nach den einzelnen Gruppen, und sein Blick +begegnete zum ersten Mal dem dunklen, brennenden Auge des Mädchens. + +Das holde Kind schlug aber, als sie sah daß er sie bemerkt hatte, +verschämt den Blick zu Boden, und so zart war die lichtbraune Haut, daß +René deutlich darauf das dunkle Erröthen, das ihre Schläfe und Wangen +färbte, erkennen konnte; gerade jetzt wurde aber seine Aufmerksamkeit +wieder auf die Schaar der Männer gelenkt, die sich ihm näherten und ihn +noch einmal frugen, ob er gutwillig zu ihnen hinuntersteigen wolle oder +nicht. + +»Gewiß!« rief René jetzt freudig, und war es früher schon seine Absicht +gewesen, so hatte sie jetzt die Gestalt des holden ihm gegenüber +stehenden Kindes nur noch bestärkt – »gewiß will ich hinunter kommen +und bei Euch bleiben, aber Ihr müßt mir versprechen daß Ihr mich nicht +festhalten oder binden wollt – freiwillig komme ich in Euere Mitte, +und freiwillig werde ich darin bleiben, denn das Schiff, was mich zurück +forderte, hat die Insel verlassen nicht wieder zurückzukehren. Wollt Ihr +mir also fest und aufrichtig Sicherheit für meine Person versprechen, so +steige ich augenblicklich zu Euch nieder, und ich hoffe wir sollen recht +gute Freunde zusammen werden. Seid Ihr das zufrieden?« + +Die Insulaner, denen Raiteo die Worte des jungen Mannes verdollmetscht +hatte, besprachen sich kurze Zeit in lauter, lärmender Stimme +miteinander, und dieser wandte sich dann wieder zu ihm und sagte, +freundlich dabei mit der Hand winkend: + +»Gut, weißer Mann, – ~a haere mai~ – sei willkommen und bleib bei uns +bis dein Schiff wieder zurück kommt, oder so lange Du willst!« + +»~Eh bien~!« rief der junge Franzose lachend – »das ist ein Vorschlag +zur Güte und die Sache löst sich freundlicher als ich erwarten durfte.« +Und damit schob er seine Terzerole in die Tasche, drückte sich die Mütze +wieder in die Stirn, und wollte sich eben über die Steine, die seine +Festungswerke bildeten, hinüberschwingen, als ihn ein Ruf in gutem +Englisch plötzlich nicht allein daran verhinderte, sondern auch erstaunt +und überrascht aufschauen machte. + +Es war das junge holde Mädchen, das, den rechten Arm gegen ihn +ausgestreckt, laut und fast ängstlich im reinsten Englisch rief: + +»Halt, Fremder – halt – sie sind falsch – sie wollen Dich binden und +halten, und dem Schiff, das ihnen das Lösegeld zurückgelassen hat, +wieder ausliefern – traue ihnen nicht, und bleibe wo Du bist, bis Dich +der König selber seines Schutzes versichert hat.« Dann aber sich gegen +die unten Stehenden wendend, unter denen Raiteo die hervorragendste und +jedenfalls bestürzteste Persönlichkeit bildete, da er allein zu seinem +Schrecken verstanden hatte, wie das junge Mädchen ihre eigenen +Landsleute an den Fremden, seiner Meinung nach, verrieth, rief sie mit +zürnender fast drohender Stimme in der schönen klangvollen melodischen +Sprache ihres Stammes: + +»Schäme Dich, ~ahina~[C] – schämt Euch Ihr alle, den armen +~hutupanutai~[D] verrätherisch unter Euch locken und überfallen zu +wollen. – Wo sind seine Verwandte – wo seine Eltern – wo seine +Geschwister? – weit weit von hier, und um schnöden Lohn drängt es Euch, +ihn seinen Feinden zu überliefern, und _Ihr_ nennt Euch _Christen_? Ihr +prahlt damit in den öffentlichen Versammlungen daß Ihr Euern Nächsten +lieben wollt wie Euch selbst, und Anderen nicht das zufügen möchtet, was +Euch nicht selbst geschehen solle; schämt Euch in Euere Seele hinein daß +Euch ein armes junges Mädchen zurechtweisen und Euere Ehre retten muß +vor dem Fremden!« + +Kaum aber hatte sie diese Worte gesprochen, und sah wie Aller Blicke auf +sie gerichtet waren, als auch die natürliche mädchenhafte Scheu wieder +jedes andere Gefühl verdrängte; das Blut schoß ihr in Strömen nach den +Schläfen, und die Blicke niederschlagend, als ob sie selber jetzt gerade +eine unrechte Handlung gethan, und nicht im Gegentheil Andere von einer +solchen zurückgehalten hatte, glitt sie in die sie dicht umschließenden +Büsche zurück, und war auch im nächsten Moment hinter dem Felsenhang +verschwunden. + +René, der dieser so zeitgemäßen Warnung der Jungfrau nach, rasch seine +alte Stellung wieder eingenommen hatte, und jetzt mit gezogenen Waffen +und finsterem Blick die etwas verlegen unter ihm stehende Schaar +betrachtete, konnte an deren ganzem Betragen leicht und deutlich sehen, +wie viel Grund zu jener Anschuldigung, die er später mehr in den Blicken +des Mädchens gelesen als aus ihren Worten verstanden hatte, vorhanden +gewesen. Raiteo besonders, der bei den allsonntäglichen religiösen +»~meetings~« eine Hauptrolle spielte, schien sich über den, ihn am +tiefsten verletzenden Vorwurf, schlimm zu ärgern. Die Mädchen und Frauen +flüsterten aber lebhaft untereinander, und aus den freundlichen ihm +zugeworfenen Blicken durfte René wohl urtheilen daß er den _schönen_ +Theil seiner Feinde nicht mehr zu seinen Feinden zählen durfte, und daß +dieser vollkommen mit dem Betragen Einer ihrer Schwestern einverstanden +sei. + +Die Männer beriethen sich indessen eine ganze Zeitlang miteinander, +sahen dann wieder nach dem Schiff aus, das mehr und mehr in der Ferne, +und zwar nach Westen hin verschwand, und schienen total rathlos zu sein, +was sie eigentlich thun sollten. Einen wirklichen Angriff zu machen, +dazu fehlte ihnen in diesem Augenblick, wenn auch nicht der Muth, doch +jedenfalls, durch das Absegeln des Schiffs, die dringende Ursache, und +friedlich nach dem eben stattgehabten Vorfall wieder mit ihm +anzuknüpfen, war auch eine schwierige Sache – wer konnte von ihm +verlangen daß er nach dem letzten Beispiel ihnen jetzt noch einmal +trauen sollte. + +So verging der Nachmittag, René beschloß übrigens jetzt weiter Nichts zu +unternehmen; war das Schiff erst einmal gänzlich aus Sicht, so ließ +sich eher hoffen die Leute zur Vernunft zu bringen, zeigten sie sich +aber dann morgen noch eben so hartnäckig, dann wollte er versuchen ein +Canoe zu bekommen, und von der Insel zu fliehen, denn er konnte sich +nicht verhehlen daß der Delaware, da er, wie ihm das junge Mädchen +gesagt, den für sein Einfangen bestimmten Lohn hier zurückgelassen, doch +jedenfalls die Absicht haben mußte die Insel, wenn ihm das irgend +möglich war, wieder anzulaufen. Das hing indessen noch Alles theils von +dem Weg ab den die Fische nahmen, theils ob er an einem oder mehreren +festkam, denn so lange er den Fisch langseits hatte, konnte er nicht +segeln und trieb immer weiter nach Westen ab. + +Indessen stellte sich aber auch bei ihm wieder Hunger und Durst ein, und +theils diesen zu befriedigen, theils den Insulanern unten zu zeigen daß +er nicht die mindeste Furcht und noch ganz guten Appetit habe, setzte er +sich oben auf seine Befestigungswerke und begann seine etwas +hinausgeschobene Mahlzeit nach Kräften zu halten. + +Erst als es Abend wurde verließen ihn die Insulaner, und zwar ohne +weiter mit ihm zu unterhandeln, bis auf den letzten Mann, und seine +einzige Sorge war jetzt daß sie ihn in der Nacht, wenn er eingeschlafen +wäre, überrumpeln möchten. Diesem zu begegnen, und da der Feind +wahrscheinlich einen solchen Versuch erst spät machen und nicht glauben +würde daß er sich gleich nach Dunkelwerden niederlegen werde, beschloß +er, trotz der ihn umgebenden Gefahr, gerade jetzt ein paar Stunden zu +schlafen um nachher desto munterer zu sein, denn ohne alle Rast wußte er +recht gut daß er es nicht aushalten könne. Ueberdieß fürchtete er mehr +als alles Andere, seinem Körper gleich im Anfang zu viel zuzumuthen, da +er ja nicht wissen konnte welche Strapatzen und Gefahren er überhaupt +noch zu bestehen hatte. + +Dieß Alles stimmte übrigens so vollkommen mit seiner eigenen Neigung +überein, denn er war durch die gehabte Aufregung jetzt, da gewissermaßen +ein Ruhestand eingetreten, förmlich erschöpft und so müde geworden, daß +er es auch augenblicklich auszuführen beschloß, sein Bündel auf der +einen Seite als Kopfkissen hinlegte – nur die Vorsicht gebrauchend an +dem am leichtesten zu ersteigenden Platz einen Stein so locker zu +placiren, daß er bei der leisesten Berührung niederfallen mußte – und +sich dann mit sorgloser Ruhe auf den harten Boden und dem Schlaf in die +Arme warf. + +Um den armen René möchte es aber schlecht gestanden haben, hätten die +Insulaner wirklich beabsichtigt in der Nacht etwas gegen ihn zu +unternehmen, denn lange nach Mitternacht berührte eine leichte Hand +seine Schulter, ohne daß er erwacht wäre. + +»Fremder,« sagte da eine sanfte, weiche Stimme, und das junge schöne +Mädchen, das neben ihm stand, legte ihre kalten Finger an seine, vom +festen Schlaf erhitzte Stirn. + +»Ja,« sagte René, die Augen öffnend und umschauend – »ja – schon acht +Glasen?«[E] – die kalte Nachtluft strich über ihn hin – um ihn +rauschte das Laub des Waldes und die hellen funkelnden Sterne blickten +klar auf ihn nieder. In dem Moment schoß ihm auch die ganze Gefahr +seiner Lage durch die Seele, und rasch emporspringend, das Terzerol wie +instinktartig im Griff, schien er den Angriff zu erwarten. + +»Ihr seid eine vortreffliche Schildwache,« lachte aber das junge +Mädchen, das ruhig auf ihrem Platz stehen geblieben war – »wenn Ihr +nicht besser über anderer Leute Gut wacht, als Euere eigene Sicherheit, +möchte ich Euch wahrlich nicht einer Banane Werth vertrauen.« + +René faßte sich an die Stirn – er wußte im ersten Augenblick wahrhaftig +nicht ob er wache oder träume, das ganze Fremdartige seiner Umgebung, +das schöne lachende Mädchen dicht vor ihm, ein dunkles Bewußtsein +drohender Gefahr die über ihm schwebe, und seine Sinne noch halb von dem +kaum erst abgeschüttelten tiefen Schlaf befangen, verlangte Alles daß er +sich erst sammle, und es verging wohl eine Minute, ehe er seine +wirkliche Lage wieder vollständig begriff. + +Das junge Mädchen stand indeß, mit untergeschlagenen Armen, die zarten +Lippen fest zusammengepreßt, und den Kopf schüttelnd vor ihm, und sagte +endlich halb lachend halb erstaunt: + +»Bist Du nicht ein wunderlicher Mann, Fremder – schläfst hier mitten +zwischen Deinen Feinden, als ob Du daheim im sichern Hause, von den +Deinen bewacht lägest und nicht ein Preis auf dein Einbringen gesetzt +sei, das habgierige Menschen zu deinem Verderben reizen muß.« + +»Und durft ich nicht schlafen, wenn ein solcher Schutzgeist über mich +wachte, Du holdes Kind!« sagte René herzlich, die Hand nach der ihren +ausstreckend – sie trat aber vor der Berührung einen Schritt zurück, +und erwiederte, mit ernstem Blick nach oben deutend: + +»Allerdings hattest Du einen Schutzgeist der über Dich wachte, aber es +ist das Auge Gottes, das jedes Haar Deines Hauptes gezählt hat, und ohne +dessen Willen keins zur Erde fällt – ihm danke für Deine bisherige +Sicherheit, nicht mir. Aber komm Fremder,« setzte sie dann freundlicher +hinzu – »nimm Dein Bett und wandere und folge mir, ich will Dich vor +Tag, und ehe böse Menschen im Thale neue Anschläge schmieden könnten, an +die andere Seite der Insel bringen, dort steht das Haus eines frommen +Mannes, das Dich schützen wird, bis Dein Schiff diese Gegend verlassen +hat, und dann kannst Du später nach Tahiti, wo viele Deiner Landsleute +leben, hinübergehn und dort in Sicherheit wohnen.« + +»Mein _Bett_ mitzunehmen, möchte hier schwer werden,« lachte aber René, +dessen leichter Sinn ihn in der Nähe des schönen Mädchens das so +freundlich um ihn besorgt war, schon über alles Andere weggesetzt hatte, +»das wollen wir lieber liegen lassen; mit dem Kopfkissen möchte es eher +gehn – und wie ists mit den Provisionen – soll ich die Cocosnuß und +Bananen? –« + +»Wir finden genug auf unserem Weg« – unterbrach ihn aber das Mädchen – +»iß und trink wenn Du _jetzt_ Hunger hast, und sorge nicht weiter.« + +»Dann mag es sich mein Dollmetscher morgen als schwachen Beweis meiner +Erkenntlichkeit mit hinunter nehmen,« lachte René, »der alte Bursche +wird schön schauen, wenn er das Nest leer und den Vogel ausgeflogen +findet.« + +»O sprich nicht mit so leichtem Muth über eine Gefahr, der Du noch +keineswegs entgangen bist,« bat aber das Mädchen, »ich selber kann +nichts für Deine Sicherheit thun, als Dich zu einem Andern führen und +diesen bitten Dir zu helfen – er ist selber ein Weißer und ein Diener +des Herrn, und wird gewiß Alles für Dich thun was in seinen Kräften +steht – er ist aber doch auch nur ein Mensch, und vermag Dir keinen +anderen, als eben nur menschlichen Schutz zu gewähren.« + +»Ein Weißer? – und ein Diener des Herrn?« sagte aber René rasch und +nachdenkend – »ein Missionair also?« + +»Gewiß, ein Missionair,« bestätigte die Jungfrau – »er hat mich von +frühester Jugend auferzogen und seine Sprache und Religion gelehrt – er +ist ein stiller, friedlicher und guter Mann.« + +René blieb nachdenkend eine kleine Weile stehn, und es ging ihm im Kopf +herum was er Alles, vielleicht in seinem katholischen Vaterland noch +übertrieben, über die protestantischen Missionaire dieser Inseln gehört +und gelesen, bei denen er eigentlich schon aus zwei Gründen keine +freundliche Aufnahme erwarten durfte, erstlich als entlaufener Matrose +und dann als Katholik; er war aber nicht der Mann sich vor der Zeit +vielleicht unnöthige Sorgen zu machen, that er’s doch nicht wenn er +selbst Ursache dazu hatte. + +»~Eh bien~!« rief er fröhlich und entschlossen – »sei es wohin es +wolle, wohin Du mich führst Du holdes Kind, geh ich gern, und wäre es in +den Tod. Hier kann ich doch nicht bleiben,« setzte er lächelnd hinzu als +er einen halb komischen halb verlegnen Blick umherwarf – »der +Bequemlichkeiten sind nicht besonders viel, und vor Tag stöberte mich +doch am Ende der alte Bursche von Dollmetscher wieder auf – also +vorwärts, vorwärts Du liebes Mädchen – aber welchen Namen hast Du? wie +kann ich Dich nennen?« + +»Meine Landsleute nannten mich Sadie,« sagte das schöne Mädchen leise – +»Sadie nach einem jener freundlichen Sterne dort oben, aber mein +Pflegevater verwarf den Namen als heidnisch, und ich heiße jetzt +Prudentia – nur die Insulaner können das noch nicht gut aussprechen und +nennen mich lieber mit dem alten Namen.« + +»Oh so laß mich Dich auch Sadie nennen, Du holdes Kind,« bat da René – +»bist Du mir nicht auch ein freundlicher Stern geworden, der mich hier +aus meiner Trübsal hinausführen soll? – und wie gern folg ich ihm – +Prudentia, lieber Gott, der Name mag für des würdigen Mannes Mutter oder +Gattin recht gut klingen, aber Deinen Namen hinein verwandeln, Sadie, +heißt die Saiten einer Harfe zerreißen und Bindfaden darüberspannen – +nein Sadie, leuchte mir voran, und jener Stern soll nicht genauer seine +Bahn halten, als ich der Deinen folge.« + +Das junge Mädchen die wohl den alten liebgewonnenen Namen auch lieber +hörte als das fremde, selbst für ihre Zunge schwere Wort, erwiederte +nichts weiter, und wie eine Gemse von dem ziemlich steilen Hang +hinunterkletternd, und den Arm vermeidend den René nach ihr ausstreckte +sie dabei zu unterstützen, glitt sie auf den Boden nieder, daß René kaum +ihren Schritten zu folgen vermochte. + + +Fußnoten: + +[C] Verächtlicher Name für einen alten Mann. + +[D] ~hutupanutai~, die an den Strand gespühlte ~hutu~-Nuß – oder auch, +in der bildreichen Sprache des Stammes, der an ihre Küsten geworfene +Fremde ohne Verwandte und Freunde. + +[E] Glasen, ein Schiffsausdruck, vom Stundenglas entstanden, und jetzt +die verschiedenen Schläge der Wachtuhr bedeutend, die alle vier Stunden +mit eins beginnt und jede halbe Stunde einen Schlag hinzufügt. + + + + +Capitel 4. + +#Der Mi-to-na-re.# + + +Es war ein ziemlich langer Marsch durch eine wilde Gegend und oft durch +Dickichte, durch die er allein nie seinen Weg gefunden; an den Sternen +sah er dabei wie sie viele Umwege machten, entweder vollkommen +undurchdringliche Stellen zu umgehen, oder auch vielleicht mögliche +Verfolger irre zu führen. Endlich erreichten sie wieder eingezäunte +Gartenplätze mit Bananen, Brodfrucht, Orangen, Wassermelonen und süßen +Kartoffeln bepflanzt, und als die Sonne eben über dem, wieder vor ihnen +liegenden Meeresspiegel emporstieg, betraten sie eine freundliche +Ansiedlung wohnlicher Bambushütten, sogar mit einigen weißübertünchten +Häusern dazwischen, dicht in dem Schatten hoher Cocospalmen und +breitästiger Brodfruchtbäume hineingeschmiegt, und von einer hohen +festen Umzäunung rings umschlossen. + +René zögerte im ersten Augenblick den Ort zu betreten – er blieb stehen +und betrachtete forschend den kleinen freundlichen Platz, der wie ein in +sich abgeschlossenes Paradies stillen Friedens vor ihm lag. Sadie +schaute nach ihm um und frug ihn lächelnd ob er sich fürchte näher zu +kommen. + +»_Fürchten_?« sagte der junge Mann leise mit dem Kopf schüttelnd, »wenn +ich überhaupt etwas fürchtete auf der weiten Welt – hätte ich da je +diese Insel betreten?« + +»Fürchtest Du _Nichts_?« sagte das Mädchen rasch und erstaunt, und +schaute zu ihm auf – »fürchtest Du nicht _Gott_?« – + +Der junge Mann fühlte daß er hier ein Feld berührte das er vermeiden +müsse – so wenig er sich selber aus irgend einem Religionsbekenntnis +machte, hatte er doch zu viel gesunden Sinn für Recht es in Anderm zu +achten, und er hätte besonders dem holden Kind nicht durch eine rauhe +Antwort weh thun mögen – er sagte deshalb ausweichend: + +»Ich sprach nicht von Gott, Sadie – ich sprach von den Menschen – also +hier wohnt der weiße Missionair?« + +»Hier wohnt er, wenn er auf der Insel ist,« – erwiederte das Mädchen, +durch seine Antwort vollkommen wieder beruhigt – »gerade jetzt aber +besucht er mehre andere Inseln in Missionsgeschäften, aber schon seit +drei Tagen erwarten wir ihn zurück, und jede Stunde kann er wieder +eintreffen.« + +»Also in diesem Augenblick wohnt kein Missionair auf dieser Insel?« – +frug der junge Mann rasch, und wie es fast schien, erfreut. – + +»Kein _weißer_ Missionair wenigstens,« sagte die Jungfrau, »aber Du +scheinst Dich darüber eher zu freuen, und ich hatte geglaubt es würde +Dich beruhigen wenn Du einen Landsmann in der Nähe wüßtest.« + +»So habt Ihr auch _eingeborene_ Missionaire hier?« umging der junge Mann +die halbgestellte Frage durch eine andere – »und sind die auf allen +Inseln?« + +»Nicht auf allen, doch auf vielen – hier aber,« fuhr sie auf das Haus +deutend fort – »wirst Du jedenfalls Schutz finden bis Dein Schiff +zurückkehrt, denn von den Bewohnern dieser Insel wird es Keiner wagen +Hand an Dich zu legen, so lange Du Dich in den Mauern dieses kleinen +Wohnortes befindest – was Deine eigenen Landsleute aber thun wenn sie +zurückkommen, weiß ich nicht, doch ich fürchte sie werden kaum die +Heiligkeit dieses Ortes anerkennen, obgleich sie Alle dem Namen nach +Christen sind. Mein Pflegevater hat mir oft erzählt, daß auf den +Schiffen viel böse gottlose Menschen hausen, und wir Insulaner hier +manchmal viel bessere Christen sind als jene – aber nicht wahr, Du +gehörst nicht zu denen?« + +»O da mag Dein Pflegevater wohl vollkommen recht haben,« lächelte René, +»denn viel _Christenthum_ darf man gewöhnlich auf den Wallfischfängern +nicht suchen – darum sind aber doch auch viel gute brave Menschen +zwischen ihnen, liebe Sadie, und ich mag leichtsinnig sein,« setzte er +gutmüthig hinzu – »aber schlecht bin ich doch wohl nicht. Du mußt mir +das freilich auf mein ehrlich Gesicht hin glauben, denn andere Bürgen +habe ich weiter nicht dafür.« + +Das Mädchen lächelte, vollkommen zufrieden gestellt, vor sich hin, und +jetzt zum ersten Mal seine Hand ergreifend, führte sie ihn durch die, +ihrem Druck nachgebende kleine Gartenpforte, durch den breiten +gutgehaltenen Gang des Gartens, und eine dichte Allee regelmäßig +gepflanzter Bananen oder Pisang dem Hause zu, unter deren Schutzdach +René die kleine, etwas wohlbeleibte Gestalt eines wie es schien +halbcivilisirten Insulaners erkannte. + +René konnte ein leises Lächeln kaum verbergen als er die Gestalt mit +flüchtigem aber forschendem Blick überflog, und fast unwillkürlich +drängte sich ihm der wunderliche Gedanke auf daß der Mann, wenn ihm der +Geist und die Civilisation wirklich von oben gekommen sei, jedenfalls +noch mit den Beinen im Heidenthum stecke. + +Der kleine gelbbraune Missionair sah auch in seiner halb frommen halb +wilden Tracht wirklich eigenthümlich genug aus. Er ging in bloßem Kopf, +aber die sonst langen schwarzen Haare waren kurz und gottesfürchtig +abgeschnitten und zugestutzt – ferner trug er ein weißes baumwollenes +Hemd und eine weiße leinene Halsbinde, mit hellgelber mit blanken +Knöpfen besetzter Weste, und über diesem Allen einen, dem Klima +keineswegs zusagenden – schwarzen Frack. Bis soweit also war der Geist +gekommen, darunter aber fing der Heide wieder an – der Mann konnte sich +an die christliche Religion aber nicht an Hosen gewöhnen, und während er +um die Lenden ein langes Stück roth und gelben Kattun, der höchst +freundlich gegen den schwarzen Frack abstach, mehrfach geschlagen hatte, +trug er die Beine vollkommen nackt, und unter dem Kattun vor schauten +noch die alten heidnischen Tättowirungen früherer Zeiten, wie scheu, von +dem christlichen Kleidungsstück bedroht, hervor. + +Der kleine Mann schien übrigens ungemein erstaunt über den Besuch und +auch vielleicht gerade nicht besonders erfreut, als ihm Sadie in seiner +Sprache mit kurzen Worten das, auf der andern Seite der Insel +Vorgefallene erzählte, und ihm um seinen Schutz für den Verfolgten +ansprach. Er hatte auch erst, wie es René vorkam, eine Menge +Einwendungen dagegen zu machen, und das Wort ~Mitonare~ kam sehr häufig +dabei vor, ~Sadie~ oder ~Pu-de-ni-a~ wie sie der kleine Missionair in +seinem wunderlichen Kauderwelsch statt ~Prudentia~ nannte, wußte diesem +allen aber zu begegnen, und da er sonst selber wohl gutmüthig und +gastfrei war, hatte er endlich nichts länger dawider, streckte dem +jungen Mann mit einem halb freundlichen halb salbungsvollen – +wahrscheinlich abgesehenen Blick die dicke fette Hand entgegen, deren +Finger auch noch frühere Tättowirungen zeigten, und sagte in einer +Sprache die jedenfalls englisch sein sollte, aber meist immer wieder auf +tahitisch auslief. + +»~Gu – day bodder – gu day a haere mai – gu fend here – ehoa ino – +very gu fend –~« und dann folgte noch eine längere Auseinandersetzung, +jetzt auf einmal in reinem Tahitisch als ob er glaubte daß der Fremde, +durch die vorigen einleitenden Worte in seiner eigenen Sprache nun auch +vollkommen vorbereitet für jede weitere Anrede in gutem Insulanisch sein +müsse. + +Sadie, die übrigens mit halbverstohlenem Lächeln sah, wie der junge +Fremde verlegen vor ihm stand, und nicht recht zu wissen schien was er +aus dem Ganzen machen solle, übersetzte ihm schnell was der kleine Mann +gesagt hatte, und bat ihn in das Haus zu treten, sich mit Speise und +Trank zu stärken und von den überstandenen Strapatzen auszuruhn. + +»Aber wie kann ich jetzt erfahren,« frug René das junge Mädchen – »was +aus dem Schiff geworden ist, das schon vielleicht in diesem Augenblick +die Insel wieder, von anderer Seite, ansegelt?« + +»Auch daran hab’ ich gedacht« lächelte das Mädchen – »kümmere Dich +nicht deßhalb; der Knabe der uns eben verließ, geht nach der nächsten +Bergspitze hinauf, von wo er das Meer rings überschauen kann, und bringt +uns Nachricht ob das fremde Segel noch in der Nähe ist. – Und nun in’s +Haus, denn wie ich Dir schon gesagt habe, bis das Schiff zurückkehrt – +denn nur gegen Deine eigenen Landsleute können wir Dich nicht schützen +– bist Du sicher – und selbst dann finden sich vielleicht Mittel Dich +zu verbergen« setzte sie freundlich hinzu. + +Der kleine Mitonare, denn als solchen hatte er sich René – ~mi +mitonare~ – ~mi mitonare~ schon selber vorgestellt – ging ihnen jetzt +geschäftig voran in’s Haus, und obgleich heute wirklich ihr Sonntag +fiel[F], brachte er nichtsdestoweniger eigenhändig, erst Teller und +Messer und Gabel, die sonst wahrscheinlich nur wenig benutzt, tief in +einer Schrankecke zu ruhen schienen, und dann kaltes Fleisch, Früchte +und Cocosnußmilch herbei, und lud nun den jungen Mann auf das +freundlichste ein sich niederzusetzen und nach Herzenslust zuzulangen. + +René sah Sadie an und dann die Speisen – er schämte sich sie zu bitten +mit ihm niederzusitzen, und doch hätt’ er es gar so gern gethan. Das +schöne Mädchen mochte aber errathen was er wünsche, denn sie schüttelte +lächelnd mit dem Kopf und war im nächsten Augenblick schon durch die +offene Thür verschwunden. + +Der kleine Missionair begann nun eine Unterhaltung die René zu jeder +andern Zeit ungemein amüsirt haben würde, in diesem Augenblick hatte er +aber wirklich einen höchst bedeutenden Hunger, und die steten Fragen des +Kleinen, die an und für sich schon des wunderlichen Kauderwelsch wegen +eben so viele Räthsel waren, forderten eine Theilung seiner +Aufmerksamkeit, die er jetzt weit lieber ungetheilt dem delicaten kalten +Schweinebraten und den saftigen Früchten zugewandt hätte. Der Kleine +ließ aber nicht nach und frug vor allen Dingen wie er selber hieße – +der Name war einfach genug, und er konnte ihn ziemlich gut nachsprechen +– dann wie das Schiff hieße auf dem er gekommen sei, und von wo es +gesegelt wäre. Er interessirte sich besonders, da er in den letzten +Jahren mit Hülfe des weißen Missionairs etwas Geographie getrieben, für +die Hafenplätze der Englischen und Amerikanischen Küste, und schien sich +ungemein zu freuen als er einen ihm bekannten Namen, Boston – das er +übrigens hartnäckig ~bo-son~ aussprach – erwähnen hörte. + +Eine Hauptfrage des kleinen unermüdlichen Mannes war aber zuletzt nach +des Fremden Religion und Vaterland, und René hätte sich selber keinen +schlimmern Namen machen können, als daß er sich ohne weiteres für einen +Franzosen ausgab. + +»Wi–wi?« sagte der kleine Mann etwas erstaunt, zog die Augenbrauen in +die Höh, und spitzte den Mund – »Wi–wi?[G] – hm –« + +»Wi–wi?« sagte René, der diesen Ausdruck noch nicht kannte, erstaunt – +»was Wi–wi? – nicht Wi–wi – ~frenchman~ – ~français~ – ~ferani~ +–« denn diesen Ausdruck hatte ihn schon Adolph gelehrt. + +»~Es–es~« nickte der Kleine schmunzelnd – »~Fe–ra–ni~ – ~Wi–wi~« – + +»Was zum Henker will er denn mit dem Wi–wi?« – dachte René – »das muß +ein besonderer Dialekt für den Namen sein.« + +»Viel – viel Wi–wi’s in Tahiti – sagte der kleine Missionair wieder +– keine Christen, Wi–wi’s!« + +»Keine Christen?« rief René lachend – »nun ich weiß doch nicht – +einige sind sicher darunter, die sich wenigstens so nennen –« + +»~Es~, Christen« nickte der unverwüstliche Kleine – »aber keine guten +– ~aita maitai~ –« + +Jetzt begriff René erst, worauf der kleine Protestantische Missionair +oder Prediger eigentlich abziele, denn dieser mußte natürlich glauben, +was ihm die protestantischen Geistlichen über die Religion der andern +Weißen, die sich ebenfalls Christen nannten, und doch in ihren äußeren +Gebräuchen besonders so bedeutend von diesen abwichen, gesagt hatte. Er +hütete sich aber wohl auf irgend einen religiösen Streit einzugehen und +beschränkte sich nur darauf ihm zu erklären, er wisse nicht was es in +Tahiti für Christen gäbe, er sei noch nie dort gewesen, in seinem +eigenen Vaterland – was er in aller Unschuld jetzt selber Wi–wi und +zwar sehr zum Ergötzen des kleinen Mannes nannte – gäbe es aber sehr +gute, fromme Christen. + +René hätte vielleicht noch eine Masse, ihm gerade nicht gelegene Fragen +beantworten müssen, wäre in diesem Augenblick nicht draußen vor der Thür +eine kleine Glocke geläutet worden und zu gleicher Zeit Sadie in der +Thür des Gemaches erschienen. René sprang fast mit einem Freudenruf +empor. + +Das junge Mädchen sah aber auch wunderlieblich aus in ihrer neuen +Tracht, die sie der Sonntagsfeier zu Ehren angelegt hatte. Diese bestand +in einem langen faltigen Gewand, das ihr oben von den Schultern bis auf +die Knöchel niederfiel, im Gürtel aber von einer leichten rothseidenen +Schärpe zusammengehalten wurde; die Haare hatte sie wieder frisch mit +wohlriechendem Oel getränkt, und die langen vollen Locken glatt nieder +gekämmt, daß sie ihr bis auf die Schultern herabfielen – aber keine +Blume schmückte sie jetzt, wo sie zu Gottes Altar treten wollte, nur +eine dünne Schnur, aus den Erhöhungen der reifen Ananas geschnitten, zog +sich ihr um das Haar und die Stirn, den wilden Lockenschatz in etwas zu +bändigen. In der Hand hielt sie ein kleines Buch mit goldenem Schnitt – +ein englisches neues Testament, und das erst so wilde muthige Kind sah +jetzt so mädchenhaft fromm und schüchtern aus, das dunkle Auge ruhte mit +einem so milden sanften Blick auf ihm, daß er sie kaum wieder erkannt +hätte, und doch war sie jetzt fast noch schöner als damals wie sie, den +nackten Arm um den Baum geschlungen, von dem Felsen herab auf die +verrätherischen Landsleute niederzürnte. + +»Wie schön Du bist, Sadie!« rief René fast unwillkürlich aus, und +streckte ihr seine Hand entgegen. + +»Nicht Sadie jetzt« sagte aber das junge Mädchen und schüttelte leise +mit dem Kopf – »Prudentia heiß ich, denn ich gehe jetzt zu meinem Gott, +durch dessen heiliges Wasser ich den Namen bekommen habe. Aber hier mein +Freund« setzte sie mit bittendem Ton hinzu indem sie die ihr gebotene +Hand ergriff und dabei dem jungen Mann zugleich das kleine Buch +entgegenhielt – »nimm das hier und lies darin, während wir in der +Kirche für Dich und Dein Wohl beten wollen – es ist ein gutes Buch und +wird Dich trösten.« + +Es lag etwas so rührend Herzliches in dem Ton mit dem das holde Kind +diese Worte sprach, daß René das Buch nahm, ihr leise die gereichte Hand +drückte und sagte – + +»Ich danke Dir, Sadie – Du mußt mir nun schon erlauben Dich so zu +nennen – das andere Wort will mir gar nicht über die Lippen – aber Du +bleibst doch nicht lange?« + +»Vielleicht nur zu kurze Zeit für so schwere Sünder als wir sind« sagte +das Mädchen ernst und fast traurig – »aber lebe wohl und fürchte Nichts +für Deine Sicherheit; von der andern Seite der Insel sind eben Männer +zur Kirche herübergekommen, und sie berichten, daß Dein Schiff nirgend +mehr zu sehen sei – es ist weit nach Westen gegangen und müßte lange +Zeit brauchen wollte es gegen den Wind wieder nach uns aufkreuzen. – +Bleibe aber hier im Hause und zeige dich nicht den Leuten draußen; doch +darum sprechen wir nachher, jetzt darf ich nicht an weltliche Sachen +denken – ich dachte aber auch nur Deinetwegen daran« – setzte sie +leiser hinzu und eine tiefe Röthe breitete sich über ihre schönen so +engelsanften Züge. + +Auf den kleinen Mitonare hatte der Ton der Glocke aber ebenfalls eine +fast zauberhafte Wirkung ausgeübt. – Noch im Lachen über den Fremden +hörte er den ersten Ton derselben und, wie ein in seiner Lust von dem +strengen Blick des Lehrers ertappter Schulknabe, zog sich sein Gesicht +nicht, nein zuckte es förmlich in die alten ehrbaren Falten hinein, die +ihm dabei fast noch komischer standen, als das Lachen vorher. Er erhob +sich aber jetzt hastig, ergriff seine Bücher – alle in der Tahitischen +Sprache durch die Missionaire übersetzt, – und Sadie einige Worte +sagend verließ er mit dieser langsamen Schrittes das Haus. + +René blieb allein zurück; Sadie hatte ihn heute absichtlich nicht +aufgefordert sie in die Kirche zu begleiten, was sie sonst gewiß nicht +versäumt haben würde; es waren aber viele Insulaner von der andern +Seite, die gestern Theil an den Vorfällen gehabt, herübergekommen, und +sie wollte beide Partheien nicht jetzt schon wieder zusammenbringen. Der +Aufenthalt des Fremden konnte übrigens, wie sie recht gut wußten, nicht +lange geheim bleiben, wenn er das überhaupt nur bis jetzt noch geblieben +war; den Frieden des Missionsgebäudes störten aber, selbst die +Verhärtetsten ihres Stammes nicht so leicht, und sie glaubte den armen, +von allen Uebrigen verlassenen Fremden wenigstens hier sicher. + +René warf sich auf eine der überall in dem hohen luftigen Gebäude +ausgebreiteten Matten, und lag lange in tiefem Brüten über die letzten +für ihn so verhängnißvoll gewesenen Stunden. Er war einer sehr +dringenden Gefahr für den Augenblick entgangen, aber kam das Schiff +zurück – und er zweifelte kaum daran, daß der Capitain desselben ihn +nun und nimmer so leicht aufgeben würde, ohne wenigstens noch einen +Versuch zu machen ihn wiederzubekommen – würde er den Händen der Feinde +auch dann entgehen können, und dann nicht vielleicht selbst der, bis +dahin jedenfalls zurückgekehrte Missionair ihm seinen Schutz versagen? +Es war doch wohl das beste, daß er weder Schiff noch Missionair +abwartete, und so rasch als möglich die Insel zu verlassen suchte. – +Aber Sadie? – würde sie ihn begleiten? – Er erschrak ordentlich vor +dem Gedanken sie zurückzulassen, und mochte sich selber kaum gestehen, +wie gewaltig dieß holde Kind des Waldes sein Herz schon gefesselt habe +und halte. + +»Das ist Thorheit« murmelte er vor sich hin – »Wahnsinn, jetzt an Liebe +zu denken wo Du selber noch nicht einmal eine Stätte hast Dein Haupt +hinzulegen. Sei vernünftig René – hier an die Inseln geworfen hat das +erste hübsche Gesicht was Dir in den Weg kam Dein, überhaupt etwas +leicht entzündliches Herz in lichterlohe Flammen gesetzt – das ist ein +Strohfeuer und brennt in der ersten Wache aus.« + +Er stützte den Kopf in die Hand und schlug das Buch auf, das noch immer +vor ihm lag; aber die Buchstaben tanzten ihm vor den Augen; zwischen +jeder Zeile lachten die holden schelmischen, und doch so sanften Züge +des lieben Kindes heraus, und weder St. Lukas noch die Corinther +vermochten den Zauber zu lösen der seine Seele mit der wilden Gluth +plötzlicher aber gewaltig erwachter Liebe entzündet hatte. + +Der Tag verging ihm langsam – Sadie kehrte mit dem kleinen Missionair +wohl um die Mittagszeit zurück, aber es war Sonntag – kein Lächeln +stahl sich über ihre Züge – selten oder nie begegnete ihr Blick dem +seinen, und die Stunden flossen ihm träge unter Gebeten und Hymnensängen +dahin. + +Schon vor Tag am nächsten Morgen war er auf, badete in dem +cristallhellen Wasser der Corallenbänke, und harrte dann mit wirklicher +Sehnsucht des schönen Kindes, das aber heute lange, lange ausblieb und +sich ihm gar nicht wieder zeigen wollte. Vergebens erfrug er sie bei dem +Mitonare. + +»~Pu-de-ni-a?~« sagte dieser kopfschüttelnd und mit seinem räthselhaften +englisch – »der Herr weiß wo man das Mädchen suchen soll, wenn man sie +haben will – ~Pu-de-ni-a ataetai~ – wie kleine Eidechse, hier im Laub +und da im Laub – kann sie nicht fassen – ist weg unter den Augen.« + +Der Kleine schien heute übrigens besonders aufgelegt zu einer +Unterhaltung, lehnte sich auf seine Matte zurück, faltete die kurzen +dicken Finger auf dem runden Magen und begann wieder auf das +herablassenste eine ganze Reihe von Fragen an den jungen Mann zu +stellen, die ihm oft kaum Zeit ließen nur den Sinn zu verstehen ehe sie +wieder, ohne die Beantwortung der ersten abzuwarten, von andern +verdrängt wurden. Er trug aber heute weder den schwarzen Frack, noch die +hellgelbe Weste mit den blanken Knöpfen; selbst das weiße Halstuch lag, +sorgfältig in ein Stück gelbes englisches Packpapier eingewickelt auf +einem kleinen Bücherbret, neben seinem geistlichen Schatz. Seine +Bewegungen waren aber dadurch auch freier geworden, und er schien mit +dem Frack auch den ganzen Mitonare ausgezogen zu haben. + +Er war, wie er jetzt selber René aus freien Stücken erzählte, noch vor +zehn Jahren ein entsetzlicher Heide gewesen, der glaubte daß das höchste +Wesen ~Taaroa~ und nicht Gott hieß, der sogar seinen Götzen Früchte und +Schweinefleisch zum Opfer brachte, und Gefallen an den sündhaften Tänzen +der eingebornen Mädchen fand. ~Mitonare O-no-so-no~, Gott weiß wie der +Mann in wirklichem Englisch hieß, hatte ihn jedoch gerettet, sein Vater +aber und sein Großvater, und seinem Großvater sein Großvater waren alle +in der Hölle – konnten aber nichts dafür – waren aus Versehen hinunter +gekommen. – Er hatte sich sogar tättowiren lassen, und als er sah daß +René, wahrscheinlich unbewußt, ein erstauntes Gesicht dabei machte, was +er vielleicht für Unglauben nahm, lüftete er mit einer halben Wendung +den Cattun, fiel aber erschrocken wieder in seine alte Stellung zurück, +und sah sich nach allen Seiten um, als René der sich nicht helfen +konnte, bei der Bewegung plötzlich in ein schallendes Gelächter +ausbrach. + +Das hätte der kleine Mann aber bald übel genommen, René wußte ihn jedoch +wieder zu beruhigen und er begnügte sich von da an ihm seine +Lebensgeschichte _ohne_ Illustrationen zu geben. + +Das Mitonare sein war seiner Meinung nach ein sehr schweres Geschäft – +weniger des Predigens, als des Frackes wegen – und der viele Aerger mit +den Mädchen – soviel junges leichtsinniges Volk – denken immer können +in den Himmel kommen wenn sie lustig sind – bah – wissens nicht besser +– Da in dem Buch steht Alles d’rin – sehr gutes Buch – ein Bischen +dick – aber sehr gutes Buch, und viele schwere Worte d’rin. Jetzt kam +aber bald eine böse Zeit – weiße Mitonares – vier, fünf, sechs kamen +hier herüber – sahen zu ob Mitonare rother Mann viel weiß, und kleine +Kanakas ~iti–iti~ gut unterrichtet hat – viele schwere Worte auswendig +lernen und viel Aerger mit ~iti–iti~. – »~Pu-de-ni-a~ gutes Kind« +setzte er dann hinzu – »aber ein Bischen wild – ein Bischen sehr wild +für ~waihini~ – Mitonare ~O–no–so–no~ Tochter – aber nicht Tochter +– nur so Tochter –« und er bemühte sich dann in langer Rede und mit +großer Anstrengung dem jungen Mann begreiflich zu machen daß ~Pu-de-ni-a +O–no–so–no’s~ Pflegetochter sei. + +Das war etwa der Inhalt seiner Unterhaltung, bei der er ziemlich allein +das Wort führte, und René allerdings nur nothdürftig den Sinn des Ganzen +verstand, indem der Alte oft mehr Tahitische als englische Worte +gebrauchte, und diese wenigen dann selbst noch auf wahrhaft grausame Art +verstümmelte. + +René konnte es zuletzt nicht länger aushalten – die Sehnsucht die ihn +auf der einen Seite quälte, Sadie wieder zu sehn, und die peinlich +scharfe Aufmerksamkeit die er auf der andern genöthigt war dem +Kauderwelsch des Kleinen zu schenken, wenn er nur überhaupt den +ungefähren Sinn der Rede fassen wollte, machten ihm die Unterhaltung zu +einer wahren Folter, und er benutzte die erste nur einigermaßen passende +Gelegenheit aufzustehn, und in den Garten zu gehn. – Aber Sadie war +nirgends, weder zu hören noch zu sehen. + +Die Sonne stieg indessen schon ziemlich hoch, und er warf sich endlich, +als er die Gänge unzählige Male auf- und abgelaufen, ermüdet in dem +Schatten eines Orangen- und Citronendickichts nieder, von wo aus er, da +der Platz etwas erhöht lag, das ruhige Binnenwasser, das die Insel +umgab und die weiter draußen von der Brandung hoch beschäumten Riffe, +deutlich übersehen konnte. Dicht hinter dem kleinen Orangenhain lief die +Einfriedigung des Gartens hin, und gleich von diesem ab begannen +ziemlich steil die nächsten, dicht mit Guiaven- und Citronenbüschen +bedeckten Hügel emporzusteigen. + +Wohl eine halbe Stunde hatte er so gelegen, und wilde wunderliche +Luftschlösser gebaut mit träumenden Gedanken. – O wie reizend lag seine +künftige Heimath unter den wehenden Palmen und duftigen Orangenblüthen +dieser Wälder – wie schaukelte sein Canoe so still und friedlich auf +der klaren herrlichen Fluth, wenn er Abends vom Fischfang heimkehrte – +und welch’ holdes Bild stand in der niedern Thür der Bambushütte, und +winkte ihm mit dem wehenden Tuch das fröhliche, herzliche Joranna +entgegen – halt! – das waren Schritte – dicht hinter den +Orangenbäumen den Hügel herab – ein leichter Sprung über den Zaun – er +fuhr empor, und an ihm vorüber schoß mit flüchtigen Schritten die holde +Wirklichkeit seiner schönsten Träume. + +»Sadie!« rief er leise – + +»Ha!« sagte das Mädchen und warf halb scheu halb erschreckt den Kopf +zurück, den die vollen dunklen Locken heut’ wild umflatterten; als sie +aber ihren Schützling erblickte färbte wieder jenes dunkle Roth, das +ihrem Antlitz einen so unendlichen Zauber verlieh, die lieblichen Züge +der Maid, und rasch auf ihn zutretend, reichte sie ihm freundlich und +zutraulich die Hand, die er fest in der seinen hielt, während seine +Blicke mit inniger Lust an den ihrigen hingen. + +Es war aber heute ganz wieder das wilde Kind wie an jenem Tage, wo sie +wie ein zürnender Geist zwischen Verfolger und Verfolgten getreten. Das +lange Gewand von gestern hatte sie abgeworfen, und das Schultertuch +verrieth mehr von den üppigen Formen des wunderschönen Mädchens, als es +verdeckte; auch durch die Locken wand sich wieder ein dichter Kranz +duftender Blumen mit einem hochgefärbten Fern durchflochten, während +zwei große weiße Sternblumen in ihren Ohrläppchen staken, und die feine +Bronzefarbe der Haut nur noch mehr und reizender hervorhoben. + +»Wo bist Du aber nur so lange geblieben Sadie!« sagte jetzt René mit +leisem fast zärtlichem Vorwurf. + +»Lange geblieben?« lachte aber das wilde Kind – »lange geblieben? hab’ +ich denn überhaupt kommen wollen? – wunderlicher Mann, wie weißt Du nur +wo ich überall heute Morgen schon gewesen bin – und _Deinetwegen_ noch +dazu« – setzte sie mit leichtem Erröthen und halb abgewandtem Gesicht +hinzu – »doch komm,« fuhr sie rasch fort als sie mehr fühlte als sah +daß er etwas darauf erwiedern wolle – »komm ich habe gute Nachrichten +für Dich, und wir wollen indessen ein wenig zu meinem Lieblingsplätzchen +auf jenen Hügel gehn.« + +»Aber ich habe meine Waffen im Haus gelassen,« sagte der junge Mann – +»ich kann sie rasch holen.« + +»Du brauchst sie nicht mehr, wenigstens für den Augenblick nicht,« hielt +ihn das Mädchen zurück – »unser Häuptling selber hat mir sein Wort +gegeben, daß Du unbelästigt auf der Insel bleiben sollst, bis das Schiff +wieder kommt und Dich noch einmal zurückfordert – und selbst dann wird +er nicht streng mit Dir sein, – wenn sie ihn nicht dazu treiben; er ist +ein guter Mann, und nur erst seit Ihr Weißen uns so viel Sachen +herübergebracht habt, ohne die wir nun einmal nicht mehr glauben leben +zu können, ist seine Habgier geweckt, und er thut Manches, was er sonst +nicht gethan haben würde.« + +»Und bist Du _meinetwegen_ heute Morgen schon drüben an der andern Seite +der Insel gewesen?« rief René erstaunt, fast erschreckt aus – »Mädchen +da mußt Du ja vor Mitternacht aufgebrochen und die ganze Zeit gewandert +sein, durch Dorn und Wildniß, mit den zarten Gliedern.« + +»Bah!« lachte das wilde Kind und warf sich mit rascher Kopfbewegung die +Locken um die Schläfe, daß die losgeschüttelten Blüthen auf ihre +Schultern niederfielen – »ist das der Rede werth? – schon als kleines +Mädchen von vier Jahren hab’ ich den Weg allein gemacht, und jetzt bin +ich funfzehn. – Aber gestern durft ich ja doch nicht gehn,« setzte sie +ernster hinzu, – »gestern war Sabbath und – ich wollte doch auch nicht +daß Du wie ein Gefangener im Hause sitzen bleiben solltest. – Doch wir +wollen ja hier nicht stehn bleiben, ich bin müde und will mich setzen – +komm,« sagte sie, und zog ihn nach sich, der Gartenpforte zu, durch die +sie gingen und links davon einen kleinen Hügel emporstiegen, wohinauf +ein ordentlicher Pfad ausgehauen und geebnet war. + +Es ließ sich kaum ein lieblicheres Plätzchen auf der weiten Gotteswelt +denken als das, wohin das schöne Mädchen jetzt den jungen Mann führte. +– Drei niedere Palmen, in ihren Kronen fast gleich, überhingen die +kleine Stelle, und zwar so, daß die schattigen Blätter, weit nach vorn +überneigend, die Sonne auffingen, wenn sie nur wenige Stunden hoch am +Himmel stand – der Boden war mit einem feinen wohlriechenden Fern +bedeckt, der duftende ~anei~, wie reich mit Blüthen geschmückte Büsche +bildeten die Rückwand, und mehre mit Blüthen überstreute und zu +gleicher Zeit von goldenen Früchten fast niedergebeugte Orangenbüsche +die Seitenwände, während ein breiter niederer Sitz, mit feingeflochtenen +Matten doppelt und dreifach weich überlegt, mit Bambus gezogener +Rücklehne, die weite freie Aussicht auf das blaue Meer und die +schäumende Brandung der Riffe gewährte. + +René stand lange in schweigender Bewunderung der reizenden Scene, mit +dem schönen Mädchen, das ihn lächelnd betrachtete, an seiner Seite. + +»Nicht wahr, das ist ein lieblicher Platz hier auf der kleinen +freundlichen Insel?« – sagte sie endlich leise, als ob sie fürchte das +was sein Herz in diesem Augenblick fühlte, zu unterbrechen. + +»O wunder – wunderschön!« rief René begeistert ihre Hand ergreifend – +»ein Paradies, dem selbst die Engel nicht fehlen.« + +»Pfui Fremder« – sagte aber das Mädchen ernst und fast traurig – »Du +mußt nicht lästern, während der liebe Gott das Licht seiner Sonne auf +Dich niedergießt und die Wunder seiner Welt um Dich her ausgebreitet hat +– und Du thust mir auch weh damit, und ich habe Dir doch Nichts zu +leide gethan.« + +»Sadie« – bat der junge Mann, tief ergriffen von der einfachen, +rührenden Natürlichkeit des holden Kindes. + +»Laß nur gut sein,« sagte sie aber wieder etwas freundlicher, »und +setze Dich hierher – nein, nicht so nah zu mir – da in die Ecke – so, +und nun sollst Du mir eine Frage beantworten.« + +Sie sah ihm dabei treuherzig in die Augen, und wenn sie auch nicht +duldete daß er den Arm um sie legte, ließ sie doch ihre Hand in der +seinen ruhen. + +»Und was willst Du fragen Du holdes Lieb?« – + +»Zuerst heiß ich Prudentia, höchstens Sadie – aber nicht anders – aber +ja – wie heißt Du denn eigentlich?« + +»René!« + +»René das ist ein hübscher kurzer Name, und klingt nicht so schwerfällig +wie die anderen englischen Worte – René das könnte auch der Mitonare im +Haus behalten,« setzte sie leise hinzu und ein schelmisches Lächeln +blitzte ihr durch die Augen; es war aber auch im Moment wieder +verschwunden. + +»Und was wolltest Du mich fragen, Sadie?« + +Das junge Mädchen wurde in dem Augenblick recht still und ernsthaft, und +sah ihm erst eine ganze Weile forschend, schweigend in die Augen, als ob +sie dort lesen wolle, wie es selbst in seinem innersten Herz beschaffen +sei. Dann aber schüttelte sie mit dem Kopf; hatte sie nicht gefunden was +sie suchte oder war sie über sich selbst böse, und sagte jetzt, aber +noch immer keinen Blick dabei von ihm verwendend: + +»Ist es wahr, René daß Du ein ~Ferani~ bist?« + +»Wenn Du, wie ich glaube, Franzose darunter verstehst – ja,« erwiederte +René offen aber auch halb erstaunt über den tiefen Ernst dieser doch +gewiß höchst gleichgültigen Frage. – + +»Und bist Du ein Christ?« frug das Mädchen ängstlich. + +René konnte ein Lächeln kaum verbergen, er erinnerte sich aber auch +zugleich der Fragen des kleinen Mitonares und sagte kopfschüttelnd: + +»Liebes Kind wer hat Euch solch tolle Grillen hier in den Kopf gesetzt, +daß die Franzosen keine Christen wären? – gewiß sind wir Christen, wenn +Dich das beruhigen kann.« + +»Aber habt Ihr nicht heidnische Gebräuche bei Euerer Religion?« frug ihn +das Mädchen jetzt dringender. + +»Aber Du gutes Kind,« bat sie René, »sage mir nur –« + +»O bitte, bitte beantworte mir meine Frage treu und wahr,« unterbrach +ihn aber, in fast ängstlicher Hast das schöne Mädchen – »ich will Dir +dann auch mit Freuden jeder Frage Rede stehen.« + +»Nun gut denn Sadie, Dich zu beruhigen will ich Dir jeden Aufschluß +geben, der nur in meinen Kräften steht. Der größte Theil der Franzosen, +Italiener, Spanier, Portugiesen, des südlichen Deutschlands, wie +überhaupt fast aller südlich gelegener Völker des Welttheils von dem wir +Weißen abstammen, und von woher wir meist herüberkommen, sind +_katholische_ – die nördlicher gelegenen Völker, aber auch wieder mit +gewaltigen Ausnahmen, und noch bei Weitem die geringere Zahl – +_protestantische_ Christen. Wir haben jedoch _einen_ Gott und _einen_ +Heiland, Jesus Christus; nur in den gleichgültigeren Gebräuchen +unterscheiden wir uns von einander – die protestantischen Priester +halten zum Beispiel die _schwarze_ Farbe für unumgänglich nothwendig zu +ihrem Ornat – die katholischen nehmen andere. Wir haben auch – und ich +glaube es ist besonders das, was Dir am Herzen liegt – in den Tempeln +unseres Gottes die Bilder frommer Männer und Frauen aufgestellt, die in +alten Zeiten gelebt haben und für ihren Glauben, wie der Heiland selber, +gestorben sind – nicht aber als Götter, sondern nur als heilige +Menschen, deren Vorbild uns anfeuern soll ihnen nachzuahmen. Wir glauben +daß diese, durch ihren frommen Wandel zu Gottes Herrlichkeit eingegangen +sind, und wenn die Katholiken zu ihnen beten, so geschieht es nicht etwa +weil sie glaubten es seien dies selber göttliche Wesen, sondern nur um +sie um ihre Fürsprache am Throne des Höchsten zu bitten. – + +»Ich bin der Herr Dein Gott, Du sollst nicht andre Götter haben neben +mir« ist ein Gesetz, das für uns Katholiken so gut Gültigkeit hat, als +für die Protestanten.« + +»Aber Ihr theilt kleine Götzenbilder aus und brennt vor Eueren Bildern +Weihrauch und Kerzen,« sagte das Mädchen und René sah wie sie mit fast +peinlicher Spannung der Antwort auf diese Frage harrte. + +»Die Priester, mein holdes Kind,« sagte René lächelnd, »theilen unter +ihre Beichtkinder, wie sie solche nennen die unter ihrer geistlichen +Fürsorge stehn – kleine Bilder der Jungfrau Maria, des Gekreuzigten +oder selbst jener guten, später heilig gesprochenen Menschen aus, damit +diese die Aufmerksamkeit ihrer Pflegbefohlenen von weltlichen Dingen +ablenken und auf das Heil ihrer eigenen Seelen richten sollen – nicht +um sie anzubeten.« + +»Und der Weihrauch? – die Kerzen?« frug das Mädchen immer noch besorgt. + +»Selbst das findet wohl eine sehr natürliche Auslegung,« erwiederte René +gutmüthig – »jeder vernünftige Mensch weiß, daß solche Sachen gerade +nicht nöthig sind zu seinem Gott zu beten, aber gar Viele wollen auch +durch etwas Aeußeres daran gemahnt sein, daß sie in dem Hause des Herrn, +in der Nähe ihres Schöpfers stehn, ihre Gedanken ganz von jedem andern +fremden, weltlichen Gegenstand abzulenken.« + +»Und die Processionen die Ihr haltet – den Ablaß den Ihr um Geld für +Euere Sünden bekommt?« sagte das Mädchen wieder und verwandte keinen +Blick von seinen Augen. + +René kam in Verlegenheit; er hatte in seinem ganzen Leben – wenigstens +seit er die Schule verlassen – noch nicht soviel über die Gebräuche und +den Geist seiner eignen Religion nachgedacht, als heute morgen. Er hing +dabei viel zu wenig selber an diesen Gebräuchen, sich zu einer warmen +Vertheidigung derselben berufen zu fühlen, sah aber auch recht gut ein, +daß die Protestantischen Missionaire seine Religion, die sich von Tahiti +aus zu verbreiten drohte, oder die auf den Inseln einzuführen von seinen +Landsleuten wenigstens schon der Versuch gemacht war, mit den +schwärzesten Farben geschildert hätten. + +»Und die Processionen die Ihr haltet – den Ablaß den Ihr um Geld für +Eure Sünden bekommt?« wiederholte dringend das holde Mädchen, und legte +ihre Hand auf seinen Arm. + +René schüttelte lächelnd mit dem Kopf. + +»Sie haben sich große Mühe gegeben Sadie,« sagte er endlich, »Dir den +Glauben so vieler Tausende in ihrem eignen Vaterlande von der +schlimmsten Seite zu schildern – und schon das allein wäre nicht +christlich, denn mir ist es fast, als ob sie vergessen hätten auch der +_guten_ Seiten zu erwähnen, die doch gewiß eine jede Sache hat, also +auch wohl eine Religion, in deren Glauben Millionen Menschen glücklich +gelebt haben – und noch leben. Die Processionen sind Dir gewiß als +etwas sehr Entsetzliches beschrieben, und es ist doch gewiß eine +harmlose Sache, die übrigens, wie ich gar nicht läugnen will, und meiner +Meinung nach auch vielleicht wegfallen dürfte. Sie sind aber von den +Priestern eingesetzt, und gehst Du _Allem_ nach, mein Lieb, was die +Priester einsetzen oder anordnen, so wirst Du wohl Manches finden, +worüber Du Dir auch keine Rechenschaft geben kannst – seien es nun +protestantische oder katholische – oder glaubst _Du_ daß _Alles_, was +die Priester thun, von Gott selber anbefohlen ist?« + +»Ach Gott, ich weiß das ja nicht,« sagte das junge Mädchen mit recht +trauriger bewegter Stimme. + +»Und was den Ablaß betrifft, mein Herz,« fuhr René fort, ihre Hand +wieder ergreifend, »so hat der wohl Manches gegen, aber auch Vieles für +sich. Gott wird uns als ein allbarmherziges Wesen geschildert – als den +allliebenden Vater denken wir uns ihn ja – sollen wir da glauben daß er +dem schwachen Menschenkinde das da sündigt, auf immer zürnt, und ist es +nicht besser wir können, wenn wir über einen begangenen Fehler Reue +fühlen, glauben daß uns Gott verziehen hat, in seiner unendlichen +väterlichen Huld, und wir nun wieder, mit frohem, leichtem Herzen ein +neues Leben beginnen dürfen, als daß wir uns Gott als einen ewig +zürnenden Richter denken, der sogar ungerecht bis hinab in’s dritte, +vierte, ja zehnte Glied straft und richtet? – Nein Sadie – dieser +Glaube mag oft durch böswillige oder eigennützige Geistliche +gemißbraucht sein, ich will das nicht leugnen, aber es ist immer kein +_Götzen_dienst, und wer Dir das gesagt hat, mag es vielleicht recht gut +gemeint haben, aber er übertrieb die Sache. – War es Dein Pflegevater, +Sadie?« + +»Nein,« sagte das junge Mädchen, leise und nachdenklich mit dem Kopf +schüttelnd – »mein Pflegevater ist nicht so streng und ernst, und er +hat mir oft gesagt, daß unter den Franzosen auch gewiß recht viel brave +und gute Menschen wären, vielleicht ebensoviel wie unter den Engländern, +nur daß ihre Religion nicht die rechte sei, und das sie noch viele +Mißbräuche duldeten.« + +»Und wer hat Dir denn all die schrecklichen Geschichten von uns erzählt, +mein Lieb,« lächelte René – »in Deinem eigenen Köpfchen sind sie doch +wahrlich nicht entsprungen.« + +»Nein,« sagte das Mädchen treuherzig – »aber auf Tahiti wohnt ein +frommer, ernster, strenger Mann – der kommt des Jahres wohl ein- oder +zweimal auf unsere Insel herüber und predigt hier – wir fürchten uns +aber alle vor ihm, denn wir dürfen dann keine Blumen in den Haaren +tragen, und nicht lachen und fröhlich sein, und er macht uns das Herz +dabei auch so schwer, daß wir wenn er schon selbst Wochen lang fort ist, +immer noch an die entsetzlichen Strafen denken müssen die uns, selbst +nach leichtem Vergehen, in der Ewigkeit erwarten. – Oh er ist gar so +finster, aber auch sehr fromm und er besonders hat uns vor Deiner +Religion gewarnt, und uns mit ewiger Verdammniß gedroht, so Eines der +falschen Lehre lauschen würde – und Du bist auch Katholik; René?« + +»Ich gehöre allerdings zu jenen Entsetzlichen,« sagte René fast +scherzend, als er aber den schmerzlichen Zug um des lieben Kindes Mund +gewahrte setzte er rasch hinzu – »aber fürchte nicht für mich, Du +treues Herz – ich selber hänge nicht an jenen Gebräuchen, obgleich sie +unsere Kirche verlangt, wenn ich sie auch nicht für so gefährlich halte, +als Deine Priester Dich gelehrt haben.« + +»Ach das beruhigt mich recht, René,« sagte die Maid, und preßte die Hand +auf das Herz, als ob sie da alles niederdrücken wolle, was ihr jetzt +Gram und Kummer machen wolle – »und Vater Osborne sagt ja auch daß +Gott so gut – so unendlich gut sei und die Menschen Alle wie seine +Kinder liebe – würde er dann da so hart und grausam strafen können? – +lieber Gott,« setzte sie mit recht treuherziger bewegter Stimme hinzu – +»ich möchte ja nicht einmal ein fremdes armes Kind für ein wenig +Muthwillen hart strafen – vielweniger denn mein eigenes.« + +»Und glaubst Du, Sadie, daß Euch Gott ein _Paradies_ zum Aufenthalt +gegeben und Euere Wohnungen weit weit von dem Verkehr habgieriger +schlechter Menschen gelegt hätte, wo sie Jahrhunderte lang die +Einfachheit ihrer Sitten und ihr Glück bewahrten, zürnte er auf Euch und +wolle Euch strafen für den falschen Glauben? – Sieh mein Mädchen,« fuhr +er bewegter fort, als er sah wie sie ihm still und aufmerksam in’s Auge +schaute – »weit über die Welt zerstreut liegen noch viele viele Länder, +die viel hundert Mal größer sind als alle diese Inseln – und auf ihnen +wohnen Menschen, verschieden an Farbe, an Körperbau, an Sprache und an +Religion – Millionen sind Christen, Millionen Muhamedaner, Millionen +was wir Heiden nennen, das heißt sie haben sich ihre Götter selber +gebildet und feiern Gebräuche die wir nicht verstehen oder nicht +anerkennen, aber sie leben _alle_ glücklich – gleich von Gottes Sonne +beschienen und seiner Hand gehalten, glücklich in ihren Familien und +ihrem bürgerlichen Treiben: – haben sie dann und wann Kriege +untereinander so können sie kaum je soviel Blut vergießen, als die +Christen schon unter sich des Glaubens wegen vergossen haben, und +tausende von Jahren haben sie so, rund um die Grenzen christlicher +Völker gelebt, und Gott zürnt ihnen nicht. Gott, meine Sadie, beurtheilt +und straft oder belohnt die Menschen nach ihren Handlungen, nicht nach +ihrem Glauben, – ihm ist der Gegenstand gleich, zu dem sich das Herz +wandte, wenn das Herz selber treu und rein und seiner Liebe voll war. Da +hast Du _meine_ Religion – ich glaube jede böse Handlung trägt auch +zugleich ihre Strafe in sich selbst – unser Gewissen ist der strengste, +unerbittlichste Richter, mit dem wir am allerschwersten fertig werden +können, und wirft uns das nichts Böses vor, dann können wir auch getrost +dem blauen Himmel da droben in’s Auge schauen. Aber herziges Kind, laß +uns mit den trüben ernsten Gesprächen aufhören, ich bin ja kein +Missionair, der über solche Sachen Stunden lang reden kann, und möchte +es wahrhaftig am wenigsten unternehmen, weder die katholische noch +protestantische Religion zu vertheidigen, und Alles was darin an +Gebräuchen ist, zu rechtfertigen. – Mit Allem was die Natur an +Reichthum und Herrlichkeit bieten kann hier ausgestattet, was sollen +uns da solche traurige Gedanken quälen.« + +»O Sadie, ich bin in meinem Leben noch nicht so glücklich gewesen, als +in diesem Augenblick – mir ist es, als ob erst jetzt, an Deiner Seite, +der dunkle Schleier gehoben wäre, der bis dahin vor meinem künftigen +Leben in düsterer Nacht gelegen. Rastlos, und von einem innern Drang +getrieben, dem ich keinen Namen zu geben wußte, jagte es mich in der +Welt umher – die Afrikanischen Wüsten und Canadischen Wälder konnten +die Sehnsucht nicht befriedigen die mich weiter und weiter drängte; als +Soldat zog ich in die Raubstaaten der Algierer – umsonst – als Jäger +in die Felsengebirge Amerikas – umsonst – selbst die See versuchte +ich, und in den Eismeeren des Nordens glaubt’ ich vielleicht den Punkt +zu finden, der mir nicht Rast noch Ruhe ließ. Aber wie Spott klang es +mir überall entgegen, und das rohe widerliche Wesen meiner letzten +Umgebung zwang mich endlich auch zu dem letzten entscheidenden Schritt, +die mir unerträglich gewordenen Fesseln abzuschütteln – oder darüber zu +Grunde zu gehen. Da fand ich Dich, Sadie – und ich fühle nun – o mit +jubelnder Stimme hallt es in meinem Herzen wieder, daß Du bis jetzt, +Sadie das nur geahnte, aber so heiß ersehnte Ziel gewesen, dem meine +Seele entgegenstrebte. Werde mein Weib – laß uns auf dieser +freundlichen Insel, fern von den Sorgen, dem gefühllosen Treiben der +Welt, unsre Heimath gründen. – Tief im Laub dieser Palmen versteckt, +von diesem lachenden Himmel überspannt, von diesen blauen Wogen umspült, +an Deiner Seite, Sadie, und die Welt, die mir bis jetzt nur eine kalte +freudlose Straße gewesen, meinen Wanderstab darauf zu setzen, würde mir +zum Himmel.« + +Er hatte ihre rechte Hand, die sie ihm willenlos überließ, +leidenschaftlich in seine beiden Hände gefaßt, und schaute mit +leuchtenden Blicken und hochgerötheten Wangen dem jungen schönen Mädchen +bittend in’s Angesicht. + +Sadie saß mit klopfendem Herzen und niedergeschlagenen Augen neben ihm +– – sie war recht ernst, ja fast traurig geworden, und schaute lange +sinnend vor sich nieder – endlich blickte sie wieder zu ihm auf, sah +ihn mit den treuen, in einer Thräne schwimmenden Augen an, und sagte mit +leiser, kaum hörbarer, wie furchtsamer Stimme: + +»Und wenn Du wieder fortgingst von mir?« + +»Nie – nie – Sadie!« rief René leidenschaftlich und preßte, sie an +sich ziehend, einen heißen, glühenden Kuß auf ihre Lippen. Sie duldete +den Kuß, ohne ihn zu erwiedern, dann aber sich langsam seinem Arm +entziehend sagte sie leise: + +»Willst Du mir etwas versprechen, René?« + +»Alles, Sadie, was in meinen Kräften steht,« rief René die Hand nicht +lassend, die er noch in der seinen hielt. + +»Dann versprich mir,« flüsterte das schöne, jetzt tief erröthende +Mädchen, »daß Du davon nicht wieder mit mir reden willst, bis mein +Vater, der Missionair zurückgekehrt ist, und« – ihre Stimme war so +leise geworden, daß er die Worte kaum verstehen konnte – »mich auch bis +dahin nicht wieder küssen willst.« + +»Sadie!« – + +»Versprich mir das – nicht wahr Du sagst es mir zu?« bat sie dann und +schaute ihm dabei so lieb und unschuldsvoll in die Augen, daß er ein +Heiligenbild zu erblicken glaubte. + +»Wie könnte ich Dir die erste Bitte abschlagen Sadie« – sagte er mit +tiefem Gefühl. + +Da floh der fast traurige Ernst von den Zügen des Mädchens, wie die +Sonne aus trüben Wolken plötzlich über grüne wogende Saatfelder bricht, +so überflog ein frohes Lächeln die engelschönen Züge. + +»Das ist gut von Dir,« sagte sie mit inniger Herzlichkeit – »das ist +recht gut von Dir, nun können wir ja auch zusammen durch unsere Berge +wandeln, und Abends auf dem stillen blauen Wasser fahren, wo unten die +tausend kleinen bunten Fischchen zwischen den Corallenbüschen spielen +und sich haschen – sonst hätte ich mich ja vor Dir verstecken müssen« +– setzte sie treuherzig hinzu. »Und nun komm mein Freund – Mitonare +steht schon da unten vor seiner Thür und schaut sich überall nach uns +um, er hat Dein Mahl bereitet was Du nicht im Stich lassen darfst, und +gegen Abend komm ich und hole Dich ab.« + +»Und jetzt willst Du mich verlassen Sadie?« bat René. + +»Du mußt Dich jetzt schon ein Bischen mit Mitonare unterhalten,« +lächelte das junge Mädchen neckisch, »ich kann Dir nicht helfen – wir +sind aber dann den ganzen Abend zusammen,« setzte sie tröstend hinzu und +als ob sie trotz dem Versprechen einen vielleicht zu zärtlichen Abschied +fürchte, glitt sie wie ein Reh durch die Seitenbüsche dieser natürlichen +Laube, und war im nächsten Moment im Dickicht verschwunden. + +René, das Herz voll und überglücklich, saß noch eine lange Zeit an +diesem wunderlieblichen Platz, der ihm durch das neue und so gewaltig in +seinem Herzen aufgekeimte Gefühl förmlich heilig geworden war – er +hatte ganz daran vergessen daß der kleine Missionair mit dem Essen auf +ihn warte. Destomehr dachte dieser aber daran, und als der fremde +Wi–wi, wie er ihn jetzt immer schmunzelnd nannte, gar nicht kommen +wollte, schickte er seine ganze Schule nach allen Richtungen auf +Kundschaft aus, und René fand sich bald von drei oder vier jungen +nackten Burschen aufgetrieben, die ihm lachend und schreiend eine Masse +Zeug vorplauderten von dem er keine Sylbe verstand. Nur das dann und +wann wiederkehrende Wort ~Mitonare~ rief ihm seinen kleinen freundlichen +Wirth in’s Gedächtniß zurück, und er folgte der munteren Schaar, die, +rasch zutraulich geworden, ihn umsprang und umjubelte. + +Dem kleinen Mitonare schien übrigens ein Stein vom Herzen zu fallen, als +er seinen so heiß ersehnten Gast erblickte, und er versicherte ihm, er +habe schon eine volle Stunde mit Schmerzen auf ihn gewartet, indeß das +Essen wahrscheinlich kalt geworden und verdorben wäre. + +Mitonare war aber viel zu gutmüthig böse zu werden, und als René nur +tüchtig zulangte, und erst mit ihm scherzte und lachte, hatte er an ihm +seinen Mann gefunden; er nannte René den besten Wi–wi den er je gesehn +habe, und das wolle viel sagen, denn er sei schon einmal auf Tahiti +gewesen, wo sie wild herumliefen, und erzählte ihm nun die tollsten +Geschichten aus der alten fröhlichen Heidenzeit – wie sie’s hier +gehalten und getrieben hätten – natürlich damals, wie er nie vergaß +hinzuzusetzen, als wir noch entsetzliche Sünder waren. – Auch auf +religiöse Gegenstände kam er ein paar Mal wieder zu sprechen, obgleich +die René, so gut das eben gehen wollte, abzulenken suchte. Am meisten +schmerzte es ihn daß sein Vater in der Hölle sein mußte, denn der war, +obgleich ihm die Missionaire damals sehr zugesetzt, ein hartnäckiger +Heide geblieben; aus seinem Großvater schien er sich weniger zu machen. + +René gewann übrigens bald sein ganzes Vertrauen, er zeigte ihm seine +Schreibbücher und Rechenexempel, ja sogar sein allerheiligstes, das +wichtigste Dokument seines Lebens – ein Diplom was ihm von der +Missionsgesellschaft in ~O-no~ – wahrscheinlich London – ausgestellt +war, und ihn hier als wirklichen »Prediger in der Wüste« anerkannte. + +Dicht neben dem Diplom lag, in der kleinen Schieblade zu der er René +geführt hatte, auch ein schmales, nicht sehr langes aber zierlich +gearbeitetes Kästchen aus Sandelholz, das er aber, als René’s Auge +darauf fiel, rasch bei Seite zu schieben und mit daneben liegenden +Papieren zu bedeckten suchte. Dadurch wurde aber des jungen Franzosen +Neugierde rege gemacht, der es sonst vielleicht gar nicht beachtet +hätte, und er drang nun darauf daß er ihm zeige was so Geheimnißvolles +darin verborgen sei. + +Mitonare wollte erst gar nicht mit der Sprache heraus, endlich aber nahm +er das Kästchen vor, hielt es noch eine ganze Zeit lang in der Hand +während sein Auge fast mit einem Ausdruck von Anhänglichkeit darauf +ruhte – und dann kam die ganze Geschichte heraus. + +Mitonare war in früherer Zeit – als er noch im blinden entsetzlichen +Heidenthum gelebt – ein vortrefflicher und in der That der +Haupttättowirer der Insel gewesen, und dies Kästchen enthielt seine +damaligen Werkzeuge die er jetzt allerdings nicht mehr gebrauchte – +denn »~bodder Au-e~« von Tahiti hatte ihm die Augen geöffnet zu was +diese abgöttischen heidnischen Gebräuche führten – aber doch +gewissermaßen noch als eine Art Reliquie, von der er sich gewiß sehr +schwer hätte trennen mögen, aufbewahrte. – + +Trotz dem freilich, daß der kleine Mann Alles aufbot seinen Gast zu +unterhalten, wäre diesem doch wohl die Zeit zuletzt gar lang geworden, +denn er sehnte sich nach weit lieberer Gesellschaft; Sadie ließ ihn aber +auch nicht so lange warten, und die Sonne war noch mehre Stunden hoch, +als sie zu ihnen in die Thür trat. – Doch es war nicht dieselbe Sadie +von heute Morgen, als sie leicht geschürzt, das Schultertuch um den +nackten Oberkörper flatternd, mit wild tanzenden Locken, hochgerötheten +Wangen und blitzenden Augen aus dem Dickicht sprang. Das leichte +Schultertuch hatte sie mit dem langen, mehr Europäischen Sonntagsgewand +vertauscht, und wenn auch ihren Zügen dasselbe liebe Lächeln geblieben +war, schien sie doch in den wenigen Stunden ernster, gesetzter, ja älter +geworden zu sein. + +Fast schüchtern reichte sie dem jungen Mann die Hand, und sie gingen, +als sie bald darauf das Haus verließen, wohl eine ganze Weile schweigend +neben einander her. Das verlor sich aber bald, René’s leichter Sinn ließ +ihn nur sein Glück, die Seligkeit des jetzigen Augenblicks fühlen und +Sadie, als sie sah daß er sein Versprechen von heute Morgen hielt, +verlor bald gleichfalls jede Scheu, jedes ängstliche, sie beengende +Gefühl, und war, als sie kaum den dunklen Schatten des Waldes betreten +hatten, ganz wieder das fröhliche Kind wie früher. – Sie scherzte und +lachte, erzählte dem Freunde tausend drollige Geschichten, beschrieb ihm +ihre früheren Tänze und Gebräuche, auch das schöne Tahiti drüben, wo +ihre Eltern gewohnt, und wo jetzt fremde Menschen Haß und Feindschaft +gesäet um Gottes Willen, und führte ihn dabei einen schmalen Pfad +entlang, unter überhängenden Cocospalmen hin, und durch fruchtbedeckte +Guiaven, Orangen und Brodfruchtbäumen nach einem anderen kleinen +Grundstück, das zu einer Art Gemüsegarten eingerichtet schien, aber auch +mit einer Masse Fruchtbäumen, wie ~tappotappos~, Kaffee, Zuckerrohr, +Bananen und anderen bepflanzt war. + +Mit der unbedeutensten Arbeit gab die Erde hier das Hundertfache des ihr +anvertrauten Samens zurück, und René glaubte in seinem Leben kein +schöneres, herrlicheres Land gesehn zu haben, als diese kleine Insel. O +wie gern hätte er jetzt zu dem Mädchen von ihrer künftigen Heimath +gesprochen, aber als ob sie fühlte daß solche Gedanken in ihm aufsteigen +möchten lenkte sie ihn rasch und geschickt wieder davon ab, zeigte ihm +und pflückte für ihn die verschiedenen saftigen Früchte und führte ihn +zuletzt an den Strand hinunter, wo in einer natürlichen kleinen Bai ein +schmales langes Canoe lag. Dies bestiegen sie und fuhren hinaus in das +spiegelglatte und cristallhelle Binnenwasser, das durch die +außenherumlaufenden Riffe vor jeder eindringenden See geschützt wird, +und so still und friedlich in nie gestörter Ruhe liegt, als diese +schönen Inseln bis jetzt selber im weiten Ocean lagen. + +René hatte früher noch nie die Bildung dieser Corallenbäume, tief unter +dem klaren Wasser, gesehn, und er traute seinen Augen kaum als sich an +mehren Stellen, zu denen ihn Sadie jetzt selber hinruderte, in +Farbenspiel und Form eine ganz neue nie geahnte Welt vor ihm eröffnete. +Er konnte sich nicht satt sehn an den, mit Zauberschnelle wechselnden +Gruppen und Bildern und Sadie hatte eine ordentlich kindische Freude +darüber, daß es ihm so gefiel hier draußen an den Stellen, die auch ihr +Lieblingsaufenthalt waren. + +»Nun Dir das so gefällt,« sagte sie endlich lächelnd, »will ich Dich +auch zu meinem Corallengarten bringen, und Dir meine kleinen Gold- und +Silberfischchen zeigen; die darfst Du mir aber nicht scheu machen mit +der Hand oder dem Ruder, denn es sind gar furchtsame kleine Dinger.« Und +während sie noch sprach lenkte sie das Canoe weiter den Riffen zu, über +die tiefe, dunkelblau daliegende Seitenfahrt, in der selbst große Boote +die ganze Insel umsegeln konnten, wieder in flacheres Wasser hinein, wo +dunkelbraune und röthlich graue Corallenbäume an vielen Stellen selbst +bis zur Oberfläche des Wassers emporragten, und dann wieder, von dünnen, +feineren Zweigen und Armen durchwachsen, verhältnißmäßig tiefere Stellen +zwischen sich ließen, oder umgaben. + +Ueberall wimmelte es hier von kleinen blauen, gelben, weißen, rothen, +gestreiften und gefleckten Fischchen; in Schaaren und einzeln schwammen +sie herum, oft als ob ein Blitz zwischen sie eingeschlagen hätte, +auseinanderschießend, wenn sie irgendwo nur Gefahr zu entdecken +glaubten, aber dann auch gleich wieder, wie über ihre ungegründete +Furcht beschämt, sich sammelnd und die erst unterbrochenen Spiele auf’s +Neue beginnend. + +René wollte hier mit dem Canoe kurze Zeit still liegen, dem wunderlichen +Treiben da unten zuzuschauen, aber Sadie ließ ihn nicht – »nur noch +kurze Strecke,« bat sie, »dann sollst Du Dich satt sehn, an all den +Herrlichkeiten der Tiefe.« Und das Ruder stärker einsetzend, trieb sie +das leichte Fahrzeug rasch durch die, vorn am Bug leicht aufkräußende +Fluth einer Stelle zu, wo ein starker Corallenzweig eben über die +Oberfläche des Wassers vorragte. Hier hielt sie plötzlich gegen und den +Zweig erfassend, rief sie René zu, den Stein der vorn, an einem Bastseil +befestigt, im Bug liege hier hinaus und oben auf die Coralle zu werfen. +René that dies, und sie brachten dadurch das Canoe förmlich vor Anker, +das nun mit der schwachen Strömung, soweit es das Bastseil gestattete, +still liegen blieb. Eine kleine Weile konnte René aber noch Nichts unter +sich erkennen; das Wasser war noch nicht ruhig genug, und die kleine +Fischwelt da unten, durch das plötzliche Erscheinen des Bootes gestört +worden. Sadie legte aber den Finger auf die Lippen und sie sahen wohl +eine halbe Minute schweigend nieder. + +Die Corallenbäume schienen hier einen förmlichen, vollkommen dichten +Kranz zu bilden, der von unten aufsteigend, erst nach außen ein wenig +abneigte und gerade in die Höhe, an manchen Stellen bis selbst zur +Oberfläche des Wassers emporreichte. Der innere Raum mochte vielleicht +zwanzig Fuß im Durchmesser haben, und das Ganze glich fast einer +aufgebrochenen Riesenblume, die aus ihrem innersten Kelch bunte zackige +Fasern aufschickte. + +Aber die Blume lebte – hier und da, tief unten aus dem Kelch heraus, +kamen ein paar kleine Fischchen aufgeschossen als, wenn sie +recognosciren wollten ob die Gefahr vorüber sei – das dunkle Canoe das +mit seinem Schatten auf dem Wasser lag, machte sie vielleicht noch +mistrauisch – aber nicht lange mehr – sie verschwanden wieder, und +gleich darauf quoll es aus allen Winkelchen und Spalten herauf in +Schaaren und Massen – alle Farben wild und bunt durcheinander, auf und +nieder fahrend, herüber und hinüber schießend. + +»~Eita, eita!~« rief da Sadie – »~iti iti iti~« – und zu gleicher Zeit +warf sie kleine Krumen indessen zerbröckelter Brodfrucht auf die +Oberfläche des Wassers. Im Nu lebte dies, von allen Seiten schossen sie +herauf, fünf sechs manchmal eine etwas größere Krume fassend und damit +niedertauchend, andere an einem etwas zu großen Stück herumstoßend, +ohne im Stande zu sein es zu bewältigen, und wieder andere sich mit dem +kleinsten begnügend und wohl dabei fahrend. + +Mit der wiederkehrenden Ruhe waren aber auch, und zugleich mit den +kleinen wunderniedlichen Bewohnern dieses eigenthümlichen Aufenthalts, +dessen Feinde zurückgekehrt. – Zwei große dunkelbraune Fische, mit +breiten Mäulern und tückisch blitzenden Augen, wohl ganze zwölf Zoll +lang, für die kaum zierlichen Dinger aber natürlich entsetzliche +Ungeheuer, kamen an den äußeren Rand der Blume, deren Spalten zu schmal +waren sie durchzulassen, obgleich sie den schlankeren Inwohnern freien +Aus- und Einlaß genügend gewährten, und schauten mit sehnsüchtigen +Blicken nach den dichtgedrängten Schaaren solch delikater Leckerbissen +hinüber. Die kleinen Dinger schienen aber recht gut zu wissen daß ihnen +der Feind hier im Innern nichts anhaben könne, ausgenommen er kam von +oben herein, und dann waren sie auch wie der Blitz in ihren +Schlupfwinkeln. + +Manchmal wagte sich auch, selbst dicht unter oder über den Feinden, ein +leichtsinniges Fischchen hinaus in’s Freie, gerade als ob es das +Ungeheuer verhöhnen wolle, ehe dieses aber nur im Stande war sich nach +ihm umzuwenden, obgleich das oft rasch genug ging, war jenes schon +wieder zwischen den zackigen Pallisaden hineingeschlüpft, und erzählte +nun wahrscheinlich den anderen da drinnen seine Heldenthaten. + +So trieben sie hier draußen, in den Wundern dieser für René jedenfalls +neuen, fast zauberhaften Welt, bis die Sonne groß und glühend in das +Meer tauchte und Stern nach Stern am reinen Himmel auffunkelte, und +Sadie erzählte dem ihr gegenübersitzenden Freund von dem stillen Frieden +dieses Landes und dem glücklichen Leben das die Bewohner desselben +führen könnten – wären nicht oft böse Menschen da, die sie störten und +kränkten, und Leidenschaften in ihnen weckten, die ihnen in früheren +Zeiten fremd gewesen. + +René hätte die Nacht hindurch diesen lieben weichen Tönen lauschen +mögen, aber das Mädchen lenkte endlich, trotz seinen Bitten noch nicht +heimzukehren, das Canoe zum Lande zurück, und jetzt zwar gerade der +Wohnung des kleinen Mitonare zu, der sie schon am Ufer empfing und sie +etwas ungeduldig erwartet zu haben schien. Er that auch an Sadie mehre +Fragen in ihrer Sprache, die das Blut in ihre Wangen trieben, aber sie +antwortete ihm endlich lächelnd darauf und verschwand wieder wie gestern +mit einem freundlichen Kopfnicken gegen René. + +Dem kleinen Mitonare schien aber heute Abend eine Menge im Kopf +herumzugehen. – Beim Abendbrod, das sie sehr frugal aus etwas +Brodfrucht und Cocosmilch und einigen Bananen hielten, war er einsylbig +und sah René immer, wenn er sich unbeobachtet glaubte, von der Seite an; +nach dem Essen aber, und als gerade der Mond draußen über die das Haus +umgebenden Palmen aufstieg, faßte er den jungen Mann bei dem Arm, führte +ihn hinaus an den Strand unter einen stattlichen Tuituinuß-Baum und nahm +ihn hier, durch ein wenig Aufregung im noch mehr gemißhandelten Englisch +als gewöhnlich, in’s Gebet. René mußte tüchtig aufpassen daß er den +Zusammenhang verstand, denn sich an einzelne Worte zu halten hatte er +lange aufgegeben, der Name ~Pu-de-ni-a~ der aber mehrfach vorkam, ließ +ihn wohl ahnen was der kleine Mann eigentlich meinte, und er wollte ihm +jetzt, über das ganze Verhältniß zu dem Mädchen klaren und offenen +Aufschluß geben; er hatte ja Nichts weshalb er sich zu schämen brauchte, +hätte ihn eben der kleine Mitonare nur zu Worte kommen lassen. Sowie er +aber nur den Mund aufthat rief dieser ihm sein verhinderndes ~aita aita~ +dazwischen und redete dann nur noch lauter und heftiger, und er mußte +ihn jetzt wohl schon gewähren lassen, bis er es von selber müde werden +würde. + +»Weißer Mann,« sagte indessen der kleine Mitonare, aber wenigstens die +Hälfte seiner Rede im Tahitischen oder doch solchen Worten die recht gut +tahitisch sein konnten – »weißer Mann kommt her und findet Brodfrucht +und Fleisch und Bananen und Cocosnüsse, Yam und Kartoffeln, und Mitonare +ist freundlich mit ihm; zeigt ihm Diplom und andere Sachen, und thut gar +nicht als ob Fremder ~Ferani~ wäre und an keinen Gott glaubte – und +weißer Mann hat Schutz hier vor anderen weißen Männern. ~Tane~ ~tane +Atiu~ sind freundlicher gegen ihn als Leute von seiner eigenen Farbe, +und was thut ~Ferani~? – geht hin und macht kleines Mädchen von +Mitonare unglücklich – schwatzt ihr allerlei tolles Zeug vor – aber +~Pu-de-ni-a~ ist nicht wie viele andere Mädchen auf der Insel und auf +Tahiti. – ~Ferani~ kann Mädchen genug bekommen – puh – so viel, aber +nicht ~Pu-de-ni-a~. ~Ferani~ geht nachher weg und ~Pu-de-ni-a~ sitzt – +gutes Kind und weint und ist nicht mehr glücklich und alte Mann Mitonare +~O-no-so-no~ weint weil er ~Pu-de-ni-a~ weinen sieht. ~Ferani~ sollte +sich etwas schämen und wenn ~Ferani~ auch kein Christ wäre, könnte er +doch darum immer thun was recht wäre – sie wären auch früher keine +Christen, nein, schreckliche Heiden gewesen, die sich tättowirt und nach +einer Trommel, und nach dem Rauschen der Brandung getanzt hätten, ja sie +hätten sogar ganzen kleinen, winzig kleinen Gott angebetet – aber +darum hätten sie doch thun können was recht wäre – und es auch gethan, +wenn sein Vater auch jetzt in der Hölle dafür wäre.« + +Das ungefähr war der Sinn der Rede des kleinen Mitonares, obgleich diese +selber wohl über eine Stunde dauerte; wenn aber auch René im Anfang +manchmal gern über die oft wunderlich genug klingenden Worte des +Eifernden gelacht hätte, sah er doch aus dem Ganzen wie lieb der kleine +Mann das Mädchen selber haben mußte, und wie viel er von ihr halte, und +daß nur Besorgniß um sie ihn so ängstlich und eifrig gemacht habe, und +er faßte endlich seine Hand, die ihm der Mitonare im Anfang aber gar +nicht lassen wollte, und sagte ihm nun Alles, wie es ihm auf dem Herzen +lag. + +Er liebte Sadie und wollte sie heirathen, und hier auf der Insel bei +ihnen bleiben und Yams und Kartoffeln bauen, und Cocospalmen pflanzen – +er wollte nie nie wieder fort von ihnen gehn und weder ihn noch +Prudentia verlassen. Er erzählte ihm aber dann auch wie er das heute +Morgen Sadie selber gesagt, und welches Versprechen sie ihm dafür +abgenommen, und daß er sich fest darauf verlassen könne er würde es +halten und Sadie, bis der alte Missionair zurückkomme, als seine +Schwester ansehen, der kein Leid geschehen solle, so lange er es hindern +könne. + +Der kleine alte Mann war freundlicher und freundlicher geworden, je +nachdem er mehr und mehr begriff was der Fremde mit seinen Worten meine, +und was er beabsichtigte, als er aber erst verstand welches Versprechen +er dem Mädchen gegeben hatte, und wie er versicherte es treu halten zu +wollen, da überkam die Freude jedes andere Gefühl, er fiel dem jungen +Mann um den Hals und rieb sogar – sehr zu dessen Erstaunen der gar +nicht wußte was er aus solcher Ceremonie machen sollte – Nasen mit ihm, +die größte innigste Freundschaftsversicherung die er ihm überhaupt geben +konnte. + +Der kleine Bursche wurde aber ganz wie ausgelassen – er erklärte René +– dessen Namen er jetzt ebenfalls behalten hatte und ganz gegen seine +sonstige Gewohnheit richtig aussprach, für den besten Wi–wi der je +einen Götzen angebetet habe; und meinte, wenn er bei ihnen auf der Insel +bliebe, dann wolle er und der andere Mitonare und ~Pu-de-ni-a~ doch +einmal sehn, ob sie nicht aus diesem Wi–wi auch einen Christen machen +könnten, wenn das auch vielleicht schwieriger halten würde, als einen +verheiratheten Mann aus ihm zu machen. Er wußte in der That gar nicht, +was er vor lauter Lust und Vergnügen angeben sollte, und es fehlte nicht +viel so hätte er wirklich ein paar mal bald an zu tanzen gefangen, nur +daß er sich noch immer zur rechten Zeit dabei erwischte – das hätte +sich im Leben nicht für einen ~mi-to-na-re~ geschickt. + +So vergingen René die nächsten drei Wochen in einem Glück, von dem er +früher nicht geglaubt hätte daß es eine Menschenbrust im Stande wäre zu +fassen; aber nicht allein Sadie und Mitonare gewannen ihn in dieser Zeit +weit lieber, je näher sie mit ihm bekannt wurden, nein, auch die +Eingeborenen der Insel, denn das leichte fröhliche Temperament des +jungen Franzosen sagte auch ihren Neigungen gerade zu; sie sahen ihn +gern, lernten ihn lieb gewinnen und der alte König, außer dem +hochklingenden Titel eine sehr unschuldige Persönlichkeit, die jedoch +trotzdem viel Einfluß auf die übrigen ausübte, wurde sein bester Freund. +Allerdings hatte ihm René mehrmals Geldgeschenke gemacht, was ihm des +Mannes Herz zuerst öffnete, als er aber später mehrmals mit Sadie +hinüberkam, und der alte Mann erfuhr in welchem Verhältniß die Beiden +standen, und daß René sogar beabsichtige Einer seiner Unterthanen zu +werden, da versicherte er ihn denn auch, daß er ihn, falls sein Schiff +wirklich wieder zurückkommen solle, nicht mehr ausliefern werde und daß +der weiße Mann Capitain – wie Raiteo als Dollmetscher übersetzte – +schon sehen solle wie sie ihm eine Nase drehen wollten. Er dachte +nämlich keineswegs daran den einmal erhaltenen, und auch in der That +schon theils benutzten, theils vertheilten Fanglohn wieder +herauszugeben. + +Am komischsten betrug sich Raiteo; – trotzdem daß er früher sich die +größte Mühe gegeben hatte, des Flüchtlings habhaft zu werden, ja sich +damals sogar nicht scheute Verrath zu gebrauchen, um seinen Zweck zu +erreichen und den ausgesetzten Lohn zu verdienen, so that dieser doch +jetzt, als wenn er gleich von dem ersten Augenblick an des jungen Mannes +Hauptfreund und Beschützer gewesen wäre. Er erklärte ihn auch bald für +seinen innigsten ~tajo~ und trug wohl Sorge dabei daß er René besonders +darauf aufmerksam machte, wie uneigennützig er damals den Dollmetscher +zwischen ihm und den Uebrigen abgegeben habe, und wie einige kleine +Stücken Geld, selbst jetzt noch dafür ausgelegt, keineswegs zu spät +kämen. René war klug genug sich auch diesen Burschen, den er übrigens +leicht genug durchschaute, zum Freund zu halten, und ein paar Thaler +thaten dies denn auch, wenn Versicherungen nur irgend einen Maßstab für +Raiteo’s Gefühle geben konnten, auf das vollständigste. + +René schrieb übrigens auch in dieser Zeit nach Frankreich, den Brief für +die erste sich bietende Gelegenheit nach Tahiti bereit zu halten, ihm +einen Theil seiner noch dort stehenden Gelder unter seiner Adresse an +den Französischen Consul Tahiti’s zu übersenden, wie ihm ebensowohl +Einführungsbriefe auf die Hauptinsel dieser Gruppen zu verschaffen. Wenn +er ihrer auch jetzt noch nicht bedurfte, wußte er doch nicht wie sich +seine Verhältnisse in spätern Zeiten gestalten würden, und er wollte +jetzt wenigstens nichts versäumen, dem vorzuarbeiten. + +Das Herz des kleinen Mitonares gewann er sich übrigens noch auf ganz +besondere Weise durch den regelmäßigen Besuch seiner Kirche, in der er +allerdings nichts von der Predigt verstand, aber doch die Melodien der +Hymnen mit summte, und den Mitonare nur in dem Glauben befestigte, daß +doch noch am Ende ein Christ aus ihm zu machen sei. Der gute kleine Mann +war viel zu unschuldig, auf den Gedanken zu kommen, daß René einzig und +allein Sadie’ens wegen das Gotteshaus besuche. + + +Fußnoten: + +[F] Diese Inseln außer Tahiti und Imeo oder Eimeo feiern den Sonnabend +statt Sonntag, da die ersten hier eingetroffenen Missionaire, die um das +Cap der guten Hoffnung gekommen waren, den Tag den sie auf 180° West und +Ost Länge gewonnen, nicht dazu zählten, wie sie es eigentlich thun +mußten, und nun ihre eigene unterwegs gehaltene Zeitrechnung, die sie um +einen Tag zu kurz sein ließ, beibehielten. Auf Tahiti und Imeo haben es +die Franzosen jetzt abgeändert. + +[G] ~Wi-wi~, ein Spottname dieser Inseln für die Franzosen, nach deren +~oui, oui~. + + + + +Capitel 5. + +#Das Geständniß.# + + +Das Einzige übrigens was jetzt manchmal Sadie sowohl als auch den +kleinen Mitonare beunruhigte, war das so außergewöhnlich lange +Ausbleiben des Mr. Osborne, obgleich es bei den Missionairen, wenn sie +auch ihre bestimmte und feste Wohnung haben, doch wohl manchmal vorfiel +daß sie auch kleine Abstecher nach anderen Inseln machten wo keine +festen Prediger wohnten, und dann widriger Winde wegen oft länger +aufgehalten wurden, als sie im Anfang selber beabsichtigt. + +So standen die Sachen als eines Morgens, in den letzten Tagen des +Februar, ein Bursche über die Berge herüberkam und meldete, der +Missionscutter – ein kleines Fahrzeug das sie alle gut genug auf der +Insel kannten – sei in Sicht und halte gerade nach hierher zu. Gegen +Mittag umsegelte es auch die südlichste Spitze der Insel, und von +Sadie’s Lieblingsplätzchen aus konnten sie sein Näherkommen deutlich +beobachten. + +Sadie und René standen dort schweigend Hand in Hand – war ihnen Beiden +aber auch wohl das Herz übervoll, denn dort in dem kleinen Fahrzeug kam +der Mann, der ihr Schicksal entscheiden sollte – mochte ihnen doch +Keins Worte geben. Als aber der Cutter sich immer mehr und mehr näherte, +jetzt sogar in die natürliche Einfahrt der Corallenriffe, von einer +günstigen Briese getrieben, einbog, und in dem ruhigen Wasser +pfeilschnell auf seinen gewöhnlichen Ankerplatz zuglitt – als die Segel +fielen, der Anker niederschlug und das kleine Fahrzeug herumschwingend, +kaum mehr als hundert Schritt vom festen Land der Insel ab einbog, da +sagte René leise, Sadie zu sich herüberziehend: + +»Willst Du zuerst mit Deinem Vater allein reden, Sadie, oder wollen wir +ihm Beide zusammen entgegengehn? – wie ist es Dir am liebsten?« – + +»Ich weiß es nicht René,« – sagte das Mädchen leise und schüchtern – +»ich weiß es nicht – o mir ist auf einmal so bang und weh um’s Herz, +als ob ich irgend ein großes Unrecht gethan hätte – und ich bin mir +doch nichts Böses auf der weiten Gotteswelt bewußt – ich glaube ich +fürchte mich meinem Vater entgegenzutreten – und er ist doch so gut – +so unendlich gut.« + +»Dann laß mich zuerst mit ihm sprechen, Sadie,« bat René – »laß mich zu +ihm gehn – ich habe Papiere die ihn über meine Abkunft und Verhältnisse +beruhigen können – ich bin kein gewöhnlicher Matrose wie sie hier über +diese Inseln hier und da zerstreut sein sollen; das allein ist auch die +Ursache daß ich nicht im Stande war an Bord jenes Wallfischfängers +zwischen dem rohen wüsten Volke auszuhalten; – wenn er hört wie innig +wir uns lieben, kann er ja Nichts gegen eine Vereinigung mit Dir +einzuwenden haben. Aber was hast Du? – was erschreckt Dich so sehr, Du +süßes Lieb?« + +Der Ausdruck in Sadie’s Zügen ließ sich nicht verkennen – irgend etwas +mußte sie beunruhigt haben, aber sie schüttelte erst schweigend mit dem +Kopf und blickte nur scharf nach dem Cutter hinüber, an dessen Seite +jetzt ein kleines Boot niedergelassen war, den zurückkehrenden +Missionair an Land zu rudern. René hatte auf das Fahrzeug, mit der +Geliebten beschäftigt, gar nicht mehr geachtet, als er aber jetzt der +Richtung ihrer aufgehobenen Hand folgte, sah er wie vom Bord des +Schooners zwei dunkelgekleidete Männer in die Jölle niederstiegen, statt +einem. + +»Kennst Du den Mann, der dort mit Deinem Pflegevater kommt?« frug er das +Mädchen. + +Sadie nickte langsam und schweigend mit dem Kopf und sagte endlich +leise: + +»Das ist der einzige Mann, das einzige Wesen auf dieser Insel, das ich +_fürchte_ – und ich weiß nicht weßhalb – Er hat noch Niemandem Böses, +und Vielen schon Gutes gethan, aber er ist so ernst und streng und ich +weiß nicht, aber wenn ich mir _seinen_ Gott als einstigen Richter denke, +so überläuft mich’s mit Fieberfrost. Feste Formeln und Gebräuche hat er +dabei, von denen er nicht weicht, ja von deren Beobachtung er unser +Seelenheil abhängig macht, und nur wenn ich dann meinen Pflegevater +dagegen reden höre, ist es mir wie Trost und Linderung für das kalte +Wort des finstern Mannes.« + +»Das ist der Mann denn, von dem Du mir schon gesprochen, Sadie,« sagte +René – »aber wo wohnt er? – was thut und treibt er?« + +»Er ist Missionair wie mein Vater, aber der ärgste Feind den Deine +Landsleute auf den Inseln haben können – sein Name ist Rowe und +obgleich er auf Tahiti seinen festen Wohnsitz hat, besucht er doch, als +eine Art geistlicher Oberhirt, zu Zeiten die einzelnen Inseln, ihren +Zustand zu untersuchen und an dem Sonntag wo er sich dort aufhält, zu +predigen. Aber so lange er auf der Insel ist hörst Du kein Lachen und +Singen fröhlicher Menschen, siehst keine Blume in den Haaren der Mädchen +– selbst die Kinder fürchten den Mann.« + +»Und was kann er _uns_ schaden, Du holdes Lieb,« sagte René – »Dein +Pflegevater allein hat Deine Hand zu vergeben, und wenn es selber dann +_Dein_ Wille ist, was kümmert uns da der stolze Priester?« + +»Aber er wird meinem Pflegevater heftig zureden uns seine Einwilligung +zu versagen,« flüsterte ängstlich das Mädchen. + +»Dann« – René biß die Lippen zusammen, zwischen denen sich ihm ein +heftiges Wort herauszupressen drohte, aber er wollte dem lieben Kinde +auch nicht weh thun und sagte, rasch abbrechend: »Hab guten Muth Sadie; +es wird noch Alles gut gehen und das Beste sein, daß wir die beiden +Herren erst eine Weile landen lassen; der kleine Mitonare mag mich gern +leiden und wenn Dein Vater nach Dir frägt wird er schon einen günstigen +Vorbericht für uns ablegen. Nachher gehen wir dann grade und offen zu +ihm und sagen ihm wie lieb wir uns haben und wie wir hier bei ihm auf +der Insel bleiben und wohnen wollen und er wird uns seine Einwilligung +gewiß nicht versagen.« + +»Mache es wie Du willst, René,« sagte das arme Mädchen leise und +schüchtern – »aber ich fürchte mich recht sehr, und ich wollte zu Gott +der ehrwürdige Mr. Rowe wäre nur diesmal nicht mitgekommen.« + +Das Boot war indessen an Land gerudert, der kleine Mitonare aber, in +aller seiner Unschuld niemand Anderen als seinen Missionair, den alten +ehrwürdigen Mr. Osborne erwartend, an den Landungsplatz gegangen ihn zu +begrüßen. Er trug sein gewöhnliches weißes Hemd, und das rothe +Lendentuch fest um den runden stattlichen Leichnam geschlagen, außerdem +aber noch, da er als Mitonare nicht gut im bloßen Kopf in der Sonne +herumlaufen konnte, einen breiträndrigen Strohhut mit schwarzem breiten +Bande, und stand schon schmunzelnd am Ufer seinem alten Freund die Hand +mit einem herzlichen ~Joranna~ entgegenzustrecken, als er plötzlich die +zweite Gestalt im Boot zuerst überrascht bemerkte, und dann erschreckt +erkannte – denn Mitonare hatte einen noch viel größeren Respekt vor dem +finsteren geistlichen Mann, der ihm diesmal so unverhofft über den Hals +kam, als selbst alle Kinder der Insel zusammengenommen, nur daß _er_ +nicht ausreißen durfte, wenn ihm der fromme Mann in den Weg kam. Umdrehn +aber und in das Haus, und dort angekommen in den schwarzen Frack und +die gelbe Weste fahren, war das Werk eines Augenblicks. In beide +Kleidungsstücken kam er zuerst in das verkehrte Aermelloch, aber wie +eine gehetzte Ratte fand er zuletzt das rechte, und griff nun in wahrer +Verzweiflung das eingewickelte Halstuch von dem Bücherbrett herunter, wo +es friedlich bis zum nächsten Sabbath hatte ruhen sollen, riß es aus dem +Papier, fuhr dann mit dem Halstuch in die Tasche statt dem letzteren, +ehe er seinen Irrthum gewahrte, bekam es aber zuletzt doch noch +glücklich um, und hätte nun fast, als er wieder mit einem Satze aus der +Thür hinaus wollte, das Versäumte gut zu machen, die beiden geistlichen +Herren umgerannt, die, ~the reverend Mr. Rowe~ voran, indeß gelandet +waren und auf die freundliche Wohnung Mitonares zuschritten. + +Mr. Rowe, der übrigens wohl erkannte weshalb der kleine Mann so in Hast +gewesen, denn dieser hatte in aller Eile den Hemdkragen gar nicht mit in +das Halstuch hineingebunden, begrüßte ihn mit einem gütigen väterlichen +Blick und Handdruck, wobei Mitonare ein Gesicht machte, als ob er seine +Hand in einem Schraubstock hätte. + +»Nun, Bruder Ezra,« sagte Mr. Osborne freundlich, als dieser zu ihm +hinantrat, und seine Hand auf das herzlichste schüttelte, was Mitonare +mit ungemein gutem Willen erwiederte – »wie ist es Euch die Zeit +meiner Abwesenheit ergangen? – immer wohl und gesund gewesen, und in +keiner Weise zu Schaden gekommen? nicht wahr ich bin weit länger +entfernt geblieben als ich im Anfang beabsichtigte?« + +Ich muß hier jedoch bemerken daß die Geistlichen mit dem kleinen Mann +nur in seiner eignen Sprache redeten, blos wenn sich Mr. Osborne mit +Bruder Ezra – wie der kleine Mitonare bei der Taufe genannt worden – +allein befand, und gerade nichts Wichtiges zu verhandeln hatte, sprach +er englisch mit ihm, um ihm diese Sprache geläufiger zu machen, und +seinen etwas schweren Mund an die fremden Worte besser zu gewöhnen. + +Bruder Ezra antwortete auf das Befriedigenste, als aber die drei Männer +in das Haus traten, sah sich Mr. Osborne erstaunt und vergebens nach +seiner Pflegetochter um, die ihn sonst stets fast die erste begrüßt +hatte, und er frug rasch, fast ängstlich nach dem Mädchen. + +Mitonare hätte in diesem Augenblick eben so gern seinen ganzen +Catechismus aufgesagt – ihm sonst die schrecklichste aller +Religionsübungen – als vor Bruder Rowe zu erzählen was mit ~Pu-de-ni-a~ +vorgegangen sei, und welcher Gast sich indessen auf der Insel +eingefunden habe. Er wußte ja am besten in welcher Achtung die +~Feranis~ bei dem frommen finsteren Manne standen, und sollte er jetzt +erzählen was hier unter seinen eigenen Augen vorgegangen war, und was er +selber geduldet hatte? denn jetzt kam es ihm auf einmal wunderbarer +Weise vor, als ob das ein entsetzliches Verbrechen gewesen wäre. + +Durch sein Schweigen wurde der alte Mann aber nur noch besorgter; er +glaubte jetzt wirklich es sei dem Mädchen, das er fast wie sein eignes +Kind liebte, etwas widerfahren, und als nun auch Bruder Rowe dazutrat +und Mitonare zum Sprechen aufforderte, konnte er natürlich nicht mehr +zurückhalten. Der Angstschweiß stand ihm auf der Stirn, aber die ganze +Sache kam nach und nach zu Tage, und erst als er mit sämmtlichen Factas +geendet hatte, fing er an den jungen ~Ferani~ zu loben, der ein wahres +Muster von einem Menschen sei und sogar als ~Ferani~ in seine Kirche +gekommen wäre – und so andächtig zugehört hätte, als ob er jedes Wort +davon verstände. Er erwähnte auch des Versprechens das ihm ~Pu-de-ni-a~ +abgenommen, was er ja auch als Hauptentschuldigung für sich aufstellte, +und Mr. Osborne der den Charakter des Mädchens kannte, athmete leichter +als er dies hörte. + +Bruder Rowe’s Züge hatten sich aber indessen mehr und mehr verfinstert +– schon als er hörte daß ein, von einem Wallfischfänger entsprungener +Matrose auf der Insel geblieben und nicht wieder von seinem eigenen +Schiff mit fortgenommen sei, horchte er hoch auf, und als es nun gar +herauskam daß es ein Franzose sei, der schon in aller Geschwindigkeit +ein Liebesverhältniß mit der Adoptivtochter des Geistlichen angesponnen +habe, sah man es ihm ordentlich an daß er sich Mühe geben mußte seinen +Groll und Zorn zu bemeistern. Vergebens waren jetzt Bruder Ezra’s +Psalmen, die er dem jungen Franzosen sang, vergebens selbst Mr. Osbornes +Einwurf, daß man jedenfalls erst einmal den jungen Mann sehen und +sprechen wolle – er war Matrose eines Wallfischfängers und Franzose – +also Katholik, und ein richtiger Missionair der Südsee Inseln haßt +nichts auf der Welt – selbst den Teufel wohl kaum ausgenommen – +herzlicher, als diese beiden Individuen. + +Sein Urtheilsspruch war auch ohne weiteres gefällt – »ehe das Uebel +tiefer griff, mußten schnelle Maßregeln dagegen ergriffen werden, und er +wollte jetzt selbst ohne weiteres zu dem Häuptling hinübergehn und mit +diesem das Nöthige dazu besprechen. Der Häuptling oder König brauche ihm +nur zu gebieten die Insel zu verlassen, so müsse er dem Befehl Folge +leisten, und Gelegenheit habe er jetzt gerade am besten in dem kleinen +Schooner, der in einigen Tagen wieder mit ihm nach Tahiti zurück +sollte. Weigerte er sich aber dem Befehl Folge zu leisten, so war nichts +einfacher als ihn als Gefangenen mit fortzunehmen, und an den +französischen Consul in Papetee auszuliefern. – Diese Inseln standen +unter englischem Schutz, und es war ihnen von der englischen Regierung +versprochen sie gegen jede Aufdringlichkeit, besonders von französischer +Seite, zu schützen, wo man überdies nicht einmal wissen könne, ob da +nicht am Ende gar irgend ein heimlich gehaltenes Missionswesen der +Verbreiter »papistischer Gräuel« dahinter stäke. Andererseits würde aber +auch die französische Regierung, die gerade erst ganz kürzlich ihr etwas +gewaltsames Protectorat angetreten, Alles vermeiden, mit anderen +Mächten, noch dazu eines entsprungenen Matrosen wegen, in Collision zu +kommen. Für sie hier war es aber gerade in dieser Zeit von höchster +Wichtigkeit jenen papistischen Propaganden, die sich über sämmtliche +Inseln zu verbreiten suchten, entgegen zu arbeiten. Das Volk dieser +Inseln sei viel zu empfänglich für äußeres Gepränge, nicht der Gefahr +ausgesetzt zu sein von dem Flitterstaat der katholischen Religion +bestochen zu werden, und nicht allein Jahre lange Anstrengungen und +Arbeiten, nein auch die Seelen der Unglücklichen wären dann verloren für +immer.« + +»Aber nicht allein in religiöser, nein auch in moralischer Beziehung sei +es Pflicht der Geistlichen dahin zu wirken diese schlimmsten aller +Vagabunden, flüchtige Seeleute, von sich entfernt zu halten. Auch Bruder +Osborne wisse recht gut, wie gerade diese Menschen dem wohlthätigen +Wirken der Missionaire stets feindlich entgegengetreten wären, selbst +wenn sie denselben Glauben mit ihnen hatten; wie viel schlimmer war es +jetzt, wo solche Menschen auch sogar noch in ihrem Glauben eine, ihrer +Meinung nach vielleicht vollkommen genügende Ursache fänden, Unfrieden +zwischen dem Geistlichen und seiner kleinen Gemeinde zu säen?« + +»Für den _Vater_ sei es außerdem besonders dringende Pflicht, sein +angenommenes Kind vor Verführung zu schützen und ihr Herz zu wahren vor +den Eindrücken, die bei einer solchen unnatürlichen Verbindung +unvermeidlich wären. – Das war _seine_ Meinung über die Sache, und er +hoffte Bruder Osborne würde mit ihm hierin vollkommen harmoniren. Es sei +nöthig daß sie zusammenständen, in dieser jetzigen Zeit des Trübsals, um +des Glaubens willen.« + +»Er hatte zuerst die Absicht gehabt den König _morgen_ zu besuchen, aber +im Dienste Gottes gäbe es keine Ruhe noch lässiges Verschieben, und er +wolle deshalb gleich dorthin aufbrechen, ihn mit sich herüber zu +bringen.« Daß er die Einwilligung desselben, oder vielmehr den Befehl +für den Flüchtling erhalten würde, mit erster Gelegenheit die Insel +wieder zu verlassen, verstand sich von selbst, und er zweifelte daran +nicht im mindesten. + +Mr. Osborne ersuchte ihn jetzt noch einmal, den Fremden wenigstens erst +einmal rufen zu lassen und mit ihm zu sprechen, daß sie mit eigenen +Augen sähen zu welcher Klasse von Menschen er gehöre. – Bruder Rowe’s +Entschluß war gefaßt, und da er, durch seinen langen Aufenthalt zwischen +diesen Inseln als Missionair, sich daran gewöhnt hatte unbedingt zu +befehlen, indem seine Stimme für das Wort und den Willen des Herrn galt +– ja da er die feste Ueberzeugung hatte daß alle diese Tausende von +Insulanern nur durch ihn und die wenigen andern Geistlichen einer ewigen +Qual entrissen, und der Seligkeit zugeführt seien, ihm also mehr als ihr +Leben, ihr ganzes einstiges Heil danken mußten, so verstand es sich wohl +von selbst daß er auch die weit geringere Leitung ihrer weltlichen +Angelegenheiten wenn auch nicht gerade führen, doch in die Bahn leiten +konnte und durfte, die er als die richtige bestimmte. + +Er beorderte jetzt ohne weiteres – denn ihre Mahlzeit hatten sie schon +an Bord eingenommen – zwei Eingeborene, ihn in einem kleinen Boot, das +er schon mehrfach dazu benutzt hatte, um die Insel hinum zu rudern, +denn es fiel ihm nicht ein den langen Weg zu Fuß zu gehn. – In diesem +wurde ein schmales Sonnendach aufgespannt, und eine Viertelstunde später +schoß das kleine scharfgebaute Fahrzeug, von den kräftigen Armen der +Insulaner getrieben, pfeilschnell über das spiegelglatte Binnenwasser, +von der Strömung jetzt noch überdies begünstigt hin, und war in kurzer +Zeit um die nächste vorragende Landspitze verschwunden. + +René und Sadie hatten indessen mit freudigem Staunen die rasche Abreise +des finstern Mannes gesehen, die sie irgend einer Ursache in seinem +geistlichen Wirken zuschrieben, und sie beschlossen nun auch ohne +weiteres hinunter zu Mr. Osborne zu gehn, ihm Alles zu erzählen und ihn +um seinen Segen zu bitten. + +Mitonare war übrigens indessen, nur erst einmal der beengenden Gegenwart +des ~bodder Au-e~ enthoben, nicht müßig gewesen Mr. Osborne den jungen +Fremden von der besten Seite zu schildern. Natürlich lag in diesem Lobe +ein großer Theil Eigennutz verborgen, denn es mußte ja auch einzig und +allein seine Entschuldigung sein, daß er Prudentia’s Umgang mit ihm +überhaupt geduldet hatte. Solcher Art war er denn noch emsig damit +beschäftigt, und Mr. Osborne saß gar ernst und sinnend vor ihm in +seinem Lehnstuhl, den rechten Ellbogen auf die Lehne und das graue +Haupt in die rechte Hand gestützt. Es schien ihm recht weh und trüb um’s +Herz zu sein. + +Da traten die beiden jungen Leute in die Thür, und Sadie blieb erst +einen Augenblick schüchtern in der Ferne stehen; als er aber den Blick +zu ihr aufhob, und sie in das liebe ehrwürdige, jetzt so kummerschwere +Antlitz schaute, da flog sie, wie in alter Zeit auf ihn zu, barg ihr +Gesicht an seinem Herzen und rief: + +»Mein lieber, lieber Vater!« + +»Mein liebes, liebes Kind!« sagte der alte Mann und küßte das fest an +ihn angeschmiegte Haupt des schönen Mädchens – »was habt Ihr denn hier, +unter der Zeit meiner Abwesenheit für böse, böse Streiche getrieben?« + +Es lag eine so innige Zärtlichkeit in dem Ton mit dem er diese Worte +sprach, und nur ein so leiser – von jedem Verdacht freier Vorwurf, daß +sich Sadie nur fester gegen seine Brust preßte, aber ihre Hand zurück +nach René ausstreckte, diesen herbeizurufen und zu ihrem Vater zu +bringen. + +Der alte Mann, der wohl auf den ersten Blick sah, daß er keinen +gewöhnlichen Matrosen vor sich habe, grüßte den, sich ihm jetzt offen +und vertrauensvoll nähernden jungen Mann freundlich, winkte ihm einen +Stuhl zu nehmen, den Mitonare indessen mit großer Bereitwilligkeit +herbeigebracht hatte, und bat dann René, was er ihm zu sagen habe, ihm +ohne jeden Umschweif, mit jedem Vertrauen zu eröffnen – er habe +Prudentia als sein Kind angenommen, und von klein auferzogen als ihre +Eltern gestorben waren und die kleine Waise allein zurückgelassen +hatten, und hege dieselben Gefühle noch jetzt für das erwachsene +Mädchen, als ob sie seine eigene leibliche Tochter sei. Er wolle auch +nur ihr Glück, möchte das aber gesichert wissen da es keins der +gewöhnlichen Mädchen der Eingeborenen sei, sondern eine fast Europäische +Erziehung genossen habe und dabei auch vielleicht jetzt tiefer fühle, +besonders andere Ansichten über die Ehe habe, als sie in diesen Gruppen +bei ihren Landsmänninnen wohl meist gefunden würden. + +René verlangte Nichts mehr; er erzählte zuerst dem alten Mann, so +gedrängt als möglich, seine ganze Lebensgeschichte, schilderte ihm, so +treu er es selber vermochte, seinen ganzen Charakter, was ihn in die +Welt, was ihn zuletzt an Bord eines Wallfischfängers getrieben habe, von +dessen ganzen Wesen und Treiben er früher keinen Begriff gehabt, und wie +er auf dieser Insel sich jener Existenz zu entziehen gesucht und hier +Sadie’en gefunden und lieben gelernt habe. Er zeigte ihm dann die +Papiere die er mit sich führte – und Mr. Osborne verstand nicht allein +das Französische sondern sprach es auch sehr geläufig – erklärte ihm +daß es sein fester Wille sei sich hier auf einer dieser Inseln, am +liebsten auf dieser, niederzulassen, und bat den alten Mann ihm Sadie, +die er in der kurzen Zeit seines Aufenthalts recht von Herzen lieb +gewonnen habe, zum Weib zu geben. Er wollte sich dann bei ihnen seine +Heimath gründen, und Mr. Osborne solle einen guten Sohn und Nachbar an +ihm finden. + +»Sie sind Katholik?« frug ihn der alte Mann, als René schon eine ganze +Zeit lang geschwiegen und er ihn indessen mehr sinnend als forschend +betrachtet hatte. + +Des jungen Mannes Antlitz röthete sich ein wenig, als er erwiederte: + +»Lieber Herr, Sie haben gewiß genug von der Welt gesehn, zu wissen wie +es mit der Religion unter jungen Leuten meistens steht. – Ich bin +allerdings als Katholik erzogen, und die Meinigen waren sämmtlich, +einige sogar sehr strenge Katholiken, ich selber muß Ihnen aber +aufrichtig gestehn, habe mich nie streng an die Gebräuche weder meiner +noch einer andern Sekte gehalten, und Sie können überzeugt sein, daß ich +nie daran denken würde Jemanden zu meinem Glauben überreden zu wollen. +Sadie ist in dem ihren aufgewachsen und ein so liebes, braves Mädchen +geworden, sie wird ihm auch treu bleiben, und ich wäre der Letzte sie +darin zu stören. Was mich selber betrifft, so suche ich recht zu thun, +und hoffe dann mit meinem Gott schon fertig zu werden – er allein weiß +ja auch nur, wer den _rechten_ Glauben hat. Sie werden aber auch nie +finden, daß ich über den Glauben eines Andern spotte – ein Jeder hat +ein Recht zu seiner Meinung.« + +Der Missionair hatte nun allerdings gar sehr verschiedene Ansichten über +Religion, aber René gewann sich doch durch diese Offenheit sein Herz, +denn keineswegs gehörte er zu jener stolzen Priestersekte die, ihr +Religionspanier in der gehobenen Rechten, das Volk vor sich auf die Knie +werfen und so lange damit fortschreiten bis sie zuletzt ganz zu +vergessen scheinen daß das Volk eigentlich vor dem Panier und nicht vor +ihnen kniet. Aber der alte Mann hatte doch noch andere und recht ernste +Bedenken, und je mehr er den jungen lebensfrischen Mann da vor sich +stehen sah, so viel schwerer ward ihm das Herz; aber er wollte das Alles +nicht vor der Tochter aussprechen, und bat also das Mädchen auf kurze +Zeit das Haus zu verlassen, er habe mit dem jungen Mann etwas allein zu +reden. + +Sadie war ein viel zu folgsames Kind auch nur mit einem Blick zu zögern +– sie küßte des alten ehrwürdigen Mannes Hand und verließ dann rasch +das Zimmer. + +Der alte Mann saß, schon als die leichte Bambusthür lange hinter ihr +zugefallen war, noch viele Minuten schweigend da, als ob er selber nicht +rechte Worte für das finden könne was er sagen wolle. + +»Lieber junger Freund,« begann er endlich, »Sie sind frei und aufrichtig +gegen mich gewesen, und ich will Ihnen Gleiches mit Gleichem vergelten; +Sie werden mir deshalb auch Nichts übel nehmen, was ich zu Ihnen sage, +denn Gott weiß es, es geschieht sowohl zu Prudentia’s als Ihrem eigenen +Wohl. Sie sind, wie ich aus Ihren Papieren gesehn habe, von guter +Herkunft, in dem gebildeten, geselligen Leben Europas erzogen, an +Europäische Sitten, an ein Leben gewöhnt, das Ihnen _mehr_ bietet als +nur einfach Essen und Trinken und ein einzelnes Wesen dem Sie sich +anschließen können – mögen Sie dies noch so sehr lieben. Die Beweise +haben Sie selber in ihrem unsteten Leben; weder in Afrika noch Amerika +fanden Sie was Sie suchten, d. h. das was das Bedürfniß Ihres Herzens +und Geistes befriedigen konnte – die rohe Gesellschaft des +Wallfischfängers trieb Sie sogar zu einem verzweifelten Schritt, bei dem +Sie lieber Ihr Leben einsetzen, als in jenes Verhältniß zurückkehren +wollten. Sie fanden hier, gerade in Ihrer größten Gefahr, auf höchst +romantische Weise ein junges reizendes Mädchen, dessen liebe regelmäßige +Züge, dessen Gestalt zuerst ihre Leidenschaft weckte, und dessen +Unschuld und Liebreiz, als Sie dasselbe näher kennen lernten, Ihr Herz +gewannen. Scenerie und Umgebung, selbst sogar die verschiedene Farbe und +Abstammung des Mädchens trug dazu bei, den Reiz in Ihrem eigenen +jugendlichen Herzen zu erhöhen. Unser herrliches Klima, die tropische +Vegetation, das stille blaue Meer, ja das ganze Stillleben unseres +lauschigen Plätzchens hier bestach Ihre Sinne mehr und mehr, und Sie +glauben jetzt – ja Sie sind fest überzeugt davon, daß Sie in dem +Mädchen und dieser Insel das Ideal Ihres Lebens gefunden, das Ziel Ihres +ganzen Strebens und Drängens erreicht haben. – Wenn Sie sich aber nun +irren? – Ich weiß was Sie sagen wollen – Sie folgen dem Drange Ihres +Herzens und fürchten nicht daß Sie dieses irre führt, aber hören Sie +mich ruhig darüber an. Sie sind jung, das Leben liegt noch offen vor +Ihnen – ich bin alt, meine Bahn ist bald durchwandelt, – Sie haben die +Hoffnung, ich die Erfahrung, und drei und zwanzig Jahre meines Lebens +hab’ ich auf diesen schönen Inseln zugebracht. In dieser Zeit habe ich +aber auch viele viele Leute kommen und gehen, habe Hoffnungen und Träume +aufblühen und verwelken sehn und weiß was ein Mann in Ihren +Verhältnissen hier zu finden _glaubt_ – und was er _findet_.« + +»Jetzt ist Ihnen noch Alles neu – die Palmen selber, die ganze +tropische Vegetation übt einen Reiz auf den Neuankommenden aus, dem er +selten, wenigstens in seinem ersten Andrang, widerstehen kann; nur +wenige Jahre führen aber darin eine gewaltige Aenderung herbei, denn das +Herz, besonders das junge Herz bedarf einer Veränderung, bedarf eines +Reizes für seine Thätigkeit, wenn es nicht erschlaffen oder in neuem, +dann aber recht schlimmen Schmerz vergehn soll. Viele, sehr viele +Europäer haben sich besonders in den letzteren Jahren hierher gezogen, +die aber von ihnen, die wirklich hier geblieben sind, waren schon ältere +Leute und brachten auch meistens ihre Familien, die ihnen an Stand und +Erziehung gleich waren, mit sich. – Fast alle diese kamen hierher, ein +Geschäft zu treiben und sich ein Vermögen zu erwerben, und sie werden +meist Alle wieder, wenn ihre Kinder erwachsen sind, nach Europa +zurückkehren. Dorthin passen sie auch – ihre Frauen stammen selbst von +dort, und sehnen sich nach dort zurück, und sie lassen dann Nichts hier +zurück, als eine freundliche Erinnerung; die Fasern ihres Herzens haben +nicht zwischen den Palmen und Bananen Wurzel geschlagen.« + +»Sehr viele von ihnen haben auch Indianische Mädchen geheirathet – die +ersten und hübschesten die ihnen begegneten – auf allen Inseln +zerstreut finden Sie solche Beispiele; aber es sind das fast nur einzig +und allein rohe Matrosen, denen das müßige Leben zusagt, die sich auch +in ihrem Vaterlande in keinen anderen Zirkeln bewegt haben, als wo das +materielle Wohl ihr Hauptziel und Streben war, und selbst diese +verlassen gewöhnlich, nach einer längeren Reihe von Jahren, ihr leicht +genug angetrautes Weib und die mit ihr gezeugten Kinder – selbst diesen +genügt zuletzt nicht mehr diese tropische Ruhe, und sie sehnen sich nach +Abwechselung, nach einer Veränderung ihrer Verhältnisse, sollten sie +diese auch wieder mit harter Arbeit ja sogar dem früheren Leben erkaufen +müssen.« + +»Auf Tahiti haben Sie einige wenige Beispiele unter Ihren Landsleuten, +die sich mit Tahitischen Mädchen wirklich verheirathet haben; jetzt sind +diese Frauen jung und schön, sie könnten sie nach Europa zurückführen +und vielleicht stolz darauf sein – wenn Sie das Gefühl einer etwas +wunderlichen und bizarren Eitelkeit so nennen wollen – werden sie aber +alt – und weibliche Körper blühen und verblühen in unserem tropischen +Klima so rasch wie unsere üppige Pflanzenwelt – dann ist das vorbei. +Sie können keine alte Indianische Frau nach Europa bringen, sie dort in +Ihre Kreise einzuführen. – Sie möchten das auch nicht, denn Sie wüßten +recht gut, wie Sie hinter Ihrem Rücken dem Gespötte der Menge, die die +näheren Beweggründe nicht kennt und nicht achtet, verfallen würden. Und +wollen Sie das Wesen, das sich an Sie angeschlossen hat und mit Herz und +Seele an Ihnen hängt nicht unglücklich und elend machen, so müssen Sie +_bei_ ihm und hier auf den Inseln bleiben, und Unmuth und Sehnsucht nach +einem andern Leben zehrt dann an Ihnen weit schlimmer und gewaltiger, +als es an dem _jungen_ Herzen gethan. Dem lag die Welt noch frei – es +konnte noch dem ersten Drange folgen, ob ihn der auch gleich manchmal +irre führte, jetzt aber ist das vorbei – die Möglichkeit frei zu +handeln ist genommen, und nur der Drang selber geblieben, der dann wie +ein ewiger Wurm an Ihrem Herzen nagt.« + +»Ich spreche nach mehren Beispielen, die ich selber kenne, junger Mann, +und die innige Liebe auch, die ich für Prudentia fühle, macht mich +besorgt, ihr ein solches Schicksal ersparen zu wollen. Prudentia ist, +wie ich Ihnen schon gesagt habe, und wie Sie auch selber, nach einem +Zusammensein mit ihr von mehren Wochen gewiß finden mußten, keins der +gewöhnlichen sinnlichen Mädchen dieser Inseln, die sich dem Ersten +Besten, ohne Arges dabei zu denken, hingeben, und gar nichts anderes +erwarten, als daß er sie, sobald er ihrer müde ist, wieder verläßt. Ich +fürchte im Gegentheil, Sie haben Prudentia’s Herz schon zu sehr +gewonnen; jetzt wäre aber doch noch vielleicht eine Trennung möglich. – +Sie würden Beide an diese Zeit wie an einen schönen Traum zurückdenken, +von dem es das Herz nur eine kurze Zeit schmerzt – daß es eben nichts +weiter als ein Traum war; aber Sie können Beide auch dadurch vielleicht +einem verfehlten Lebensziele entweichen, das dann später _nicht_ mehr zu +ändern wäre, und leider für _Beide_ auch verderblich werden müßte.« + +»Ich bin fest davon überzeugt, daß Sie in diesem Augenblick Prudentia +mit aller Leidenschaft einer innigen, vielleicht gar ersten Neigung +lieben – aber wird der alte Hang eines unstäten Lebens, das in dem +Herzen nur erst eingewurzelt, gar so leicht verderblich werden kann, +diesem Herzen in dem Stillleben unserer Inseln Ruhe und Frieden lassen? +– Unsere Palmen sind grün und herrlich – aber so wie sie dort stehn, +stehn sie das ganze Jahr – kein gilbendes fallendes Blatt, keine +Schneedecke, keine auskeimenden wachsenden Knospen geben ihnen im +nächsten Frühjahr immer wieder denselben Reiz. – Unsere Bäume sind mit +Früchten bedeckt – aber die Blüthenzeit fehlt uns – wir brauchen die +Frucht nie zu erwarten – zu erhoffen – sie hängt voll und reif am +Baume, während heimlich, von uns kaum bemerkt, andere indessen +nachblühen und nachwachsen, die fehlenden immer wieder zu ersetzen und +die Plätze der niederfallenden auszufüllen. Wir kennen auch hier nicht +die Sorgen und Mühen des Lebens – das Salz jedes gesellschaftlichen +Verkehrs, durch das eine _erworbene_ Existenz erst ihren ganzen uns +beglückenden Reiz gewinnt – wir stehen Morgens auf und essen und +trinken und legen uns Abends wieder schlafen. Nachrichten von der +äußeren Welt dringen nur selten zu uns, und wie sie kommen wäre es fast +besser sie blieben ganz aus, denn anstatt zu befriedigen lassen sie, +selbst in dem Herzen der Aeltesten von uns, eine Leere zurück, die wir +vergebens auszufüllen suchen.« + +»Wollen Sie nun, mit Ihrem jungen thatkräftigen Herzen in dieses +felsenumgürtete Thal, aus dem es keine Rückkehr für Sie giebt, +hinabspringen? – schauen Sie um sich her, junger Freund – noch stehn +Sie oben – noch liegt die ganze übrige Welt ausgebreitet vor Ihren +Blicken – haben Sie _nichts nichts_ mehr darin was auch nur den +geringsten Anhaltepunkt an Ihr Herz hätte? – bedenken Sie, bei einem +sinkenden Schiff kann das kleinste, unbedeutenste vergessene Tau das +Boot, auf dem sich der Schiffbrüchige sonst vielleicht sicher den Wellen +anvertrauen könnte, rettungslos mit in den Abgrund ziehen.« + +Der alte Mann schwieg, und eine Thräne zitterte in seinem Auge; ernst +und forschend schaute er dabei den jungen Mann an, und es war, als ob er +seine innersten Gefühle ergründen wollte, ehe sie auf die Lippen kämen +– ja wahrer als sie der Mund vielleicht auszusprechen vermöchte. René +begegnete aber, zwar gerührt, doch fest entschlossen dem Blick, und +erwiederte endlich mit weicher Stimme: + +»Sie verstehn es, alter Herr Einem Herz und Seele zu fassen, mit Ihren +Worten, aber ich springe getrost hinab in das Thal, denn da oben blüht +für mich kein Glück, keine Freude mehr. Die Meinen sind todt oder +schlimmer als so – ich stehe eine Waise in der Welt, weder Bruder noch +Schwester leben, die Ansprüche auf meine Nähe machen dürften; Alles was +mein Herz sonst hätte binden können, ist für mich verloren, und stießen +Sie mich _jetzt_ wieder kalt und erbarmungslos in die Welt zurück, ich +müßte rettungslos untergehn – und wäre recht recht elend. Auch Sadie +hängt mit inniger Liebe an mir, und ihr Herz ist nicht geschaffen einmal +zu lieben und so leicht wieder vergessen zu können – wollten Sie auch +aus _ihrem_ Herzen diese erste Neigung reißen? – Sie haben Sadie zu +lieb dazu wenn ich selber Ihnen auch gleichgültig sein müßte. Aber – +ich kann mich auch irren,« brach er dann plötzlich ab – »ich täusche +mich vielleicht selber in Sadie’s Herzen, und ihre Neigung wäre eines +Rückschrittes fähig. – Sprechen Sie selbst mit Ihr, werther Herr – +fragen Sie das Mädchen selber, und halten Sie unsere Vereinigung für +gefahrbringend für _sie_, und glaubt Sadie daß sie mir jetzt noch ohne +großen Schmerz entsagen könne – dann beim ewigen Gott will ich nicht in +den Frieden dieses stillen Thales getreten sein, Thränen und Kummer zu +säen, dann sollen Sie finden daß ich auch im Stande bin zu _entsagen_, +und wenn mir das Herz darüber bräche; kein Wort des Unmuths – keine +Klage soll über meine Lippen kommen, das erste beste Canoe mich zu einer +anderen Insel – aus ihrer Nähe führen.« + +Er war aufgesprungen und seine Mütze ergreifend wollte er das Zimmer +verlassen, der alte Missionair streckte ihm aber die Hand entgegen und +sagte mit herzlichem, bewegtem Tone: + +»Das ist recht brav und ehrlich von Ihnen gehandelt, junger Mann, und +ich gebe Ihnen mein Wort, ich habe auch, seit dem ersten Augenblick wo +ich Sie sah, noch nicht einen Augenblick daran gezweifelt daß Sie Alles +so auch _fühlten_, wie Sie es dem Mädchen vorgesprochen. Ich kenne +übrigens Prudentia, oder wenn Sie denn lieber wollen, Sadie, viel zu +gut um bei ihr langer Rede zu bedürfen, in wenigen Minuten haben Sie +meine Antwort, treten Sie indessen hier in das nächste Haus – das +Fenster ist fast so niedrig wie eine Thür – aber glauben Sie nicht, +junger Freund, daß ich Ihnen das Wort reden werde,« setzte er ernster +hinzu, »Sie müssen es meinem Gewissen überlassen mit Sadie zu handeln, +wie ich es vor _dem_ verantworten kann.« + +»Handeln Sie, als wenn Sie ihr Vater wären,« sagte René herzlich – »ich +will _Sadie’ens_ Glück, nicht das meine,« und er verließ mit schnellen +Schritten das Zimmer. + +Auf des alten Mannes Ruf betrat das Mädchen schüchtern und mit +niedergeschlagenen Blicken das Gemach – sie schaute nicht auf, aber sie +fühlte das René nicht mehr im Zimmer sei, und ihr Herz klopfte fast +hörbar in der Brust. – Ihr Vater hatte ihn abgewiesen und der schöne +Traum ihres Glücks war in Nacht und Thränen zerflossen. + +»Prudentia,« sagte der alte Mann, und zog das zitternde Mädchen sanft zu +sich – »ich habe den jungen Fremden fortgeschickt von hier – er hat +Dich jetzt wohl lieb, aber wenn er eine Zeit lang von seiner Heimath +entfernt ist, sehnt er sich wieder nach ihr zurück, und läßt mein armes +Mädchen hier allein, und dann wärst Du wohl recht recht unglücklich +geworden und elend. Jetzt ist der Eindruck den er auf Dein Herz +gemacht, noch flüchtig, noch leicht wieder zu verwischen – Du wirst +einen oder zwei Tage weinen, ihn nachher vergessen, und nicht wahr mein +Kind, ich habe darin recht und gut gehandelt – ich wollte ja nur Dein +Wohl.« + +»Ich will Alles thun was Du mir sagst mein Vater,« flüsterte das +Mädchen, dicht an seine Brust geschmiegt, so leise, daß er kaum ihre +Worte verstehen konnte. + +»Das ist mein gutes Kind,« sagte der Greis, aber die Stimme zitterte +ihm; er fühlte nur zu gut was in dem Herzen des armen Mädchens vorging, +und wie die Liebe für den Fremden schon viel zu tief Wurzel geschlagen +habe, je wieder, ohne das Gefäß selber zu zerbrechen, herausgerissen zu +werden. Er mußte sich aber selber einen Augenblick sammeln ehe er +fortfahren konnte, und mit lebhafter Stimme wie ermuthigend setzte er +hinzu: + +»Und, nicht wahr mein Kind – dann wirst Du auch wieder glücklich und +froh sein, wie bisher? – wirst wieder lachen und singen und nicht das +Köpfchen so trübe hängen lassen.« + +»Ich will mir rechte rechte Mühe geben lieber Vater,« flüsterte das +Mädchen und barg ihr Haupt fester an dem Herzen des alten Mannes. + +»Und willst Du auch den Fremden vergessen meine Tochter? – willst Du +mir das recht fest und aufrichtig versprechen, mein braves Mädchen?« +frug sie jetzt leise der Greis. + +Das aber war zu viel für das arme gequälte Herz – einen Augenblick +schien es, als ob sie sich von seiner Brust emporheben wolle, ihm in die +Augen zu schauen – aber sie sank wieder zurück und klagte nur leise: + +»Ach das weiß ich nicht – das weiß ich wahrhaftig nicht, lieber, lieber +Vater« – damit war aber auch ihre Kraft gebrochen, und laut und heftig +schluchzend, als ob ihr das Herz vergehen wolle in unendlichem Weh, hing +sie in seinen Armen. + +Und sie schluchzte nicht _allein_, denn aus der Ecke des Zimmers vor +tönte es noch weit lauter und heftiger, und der kleine Mitonare saß da +auf einem der niedern Bambusschemel, ganz allein und vergessen und +weinte, in Thränen förmlich zerfließend, wie ein kleines Kind. + +Da vermochte sich aber der alte Missionair auch nicht länger zu halten, +und der Tochter thränenüberströmtes Antlitz zu sich erhebend und küssend +und wieder küssend rief er: + +»Nein, nein Prudentia, ich bin ja kein Tyrann daß ich mein Kind so elend +und unglücklich machen mögte, nur weil die Möglichkeit existirt, daß es +später noch einmal so kommen könne – nein, wenn Gott Dir eine so +gewaltige und innige Liebe für ihn in’s Herz gelegt hat, dann nimm ihn, +nimm ihn – der Herr segne Euch, und Er wird Alles zum Besten lenken. +Aber sei auch wieder mein gutes fröhliches Mädchen, lach wieder, sing +wieder und mache das Herz Deines alten Vaters froh durch Dein heiteres +glückliches Angesicht.« + +»Vater – lieber Vater!« rief das Mädchen in jubelnder, kaum gefaßter +Lust. – Mitonare hatte aber kaum gehört was die Sache, die ihm selber +das Herz abzustoßen drohte, für eine Wendung nahm, als er, wie aus einer +Pistole geschossen, zur Thür hinausfuhr, und nach kaum zwei Minuten mit +dem »verzweifelten Wi–wi« – wie er ihn nannte, in’s Zimmer geschleppt +kam. + +René lag mit an dem Herzen des alten Mannes – er wußte selber kaum wie, +und der Greis flüsterte einen leisen Segen über den Häuptern der +Glücklichen. + + + + +Capitel 6. + +#Was der ehrwürdige Mr. Rowe dazu sagt.# + + +Der Abend verging den beiden Liebenden wie ein Augenblick – sie hatten +sich so tausenderlei zu sagen, so tausenderlei zu besprechen, daß sie +den Flug der Stunden gar nicht bemerkten, und der alte gute Mann saß +lächelnd dabei, und wohl auch ihm stiegen in der Erinnerung alte liebe, +o so lang jetzt vergangene Bilder auf, und führten seine träumenden +Gedanken zurück zur Jugendzeit. + +Aber auch die Gegenwart erheischte seine Umsicht, denn manchmal gedachte +er ebenfalls seines, in ziemlicher Aufregung fortgegangenen Collegen und +der Schritte die dieser jetzt zu thun suchte, das Glück, was er selber +heute Abend hier geschaffen, wieder zu zerstören. Er hielt es auch für +seine Pflicht dieses dem jungen Mann mitzutheilen und ihn wenigstens +darauf vorzubereiten, daß seine Bahn von jetzt an noch immer keine ganz +ebene sein könne. Hätte er dem von seinem Glück förmlich Trunkenen aber +auch eine wirkliche Gefahr genannt, er würde ihr mit leichtem Herzen +begegnet sein, vielweniger denn, wo es nur den bösen Willen oder Zorn +eines fremden Geistlichen betraf, den weder Sadie’s Schicksal noch das +seine kümmern durfte. Des Königs selber glaubte er dabei ziemlich gewiß +zu sein, noch dazu da diese geistlichen Herren selten oder nie Geschenke +verschwenden, und nur den Willen Gottes vielmehr als Gebot aufstellen. +Hier war also nicht einmal etwas zu gewinnen, im Gegentheil nur zu +verlieren, denn die Insulaner wußten recht gut daß bei dem Aufenthalt +eines Weißen zwischen ihnen, der förmlich Einer der ihrigen wurde, stets +hie und da etwas für sie abfiele. + +Mr. Osborne selber, wenn er auch einen Conflikt mit Bruder Rowe gern +vermieden hätte, stand doch keineswegs in einer so abhängigen Stellung +von ihm, seinen Zorn fürchten zu müssen. Nur Sadie versicherte René sie +habe eine entsetzliche Angst vor dem finstern Mann, und wollte vieles +darum geben, wäre er gar nicht mit ihrem Pflegevater herübergekommen. + +Seinem feindlichen Wirken aber in etwas zu begegnen, wurde noch an +demselben Abend ein junger Mann mit einer Privat-Botschaft an den König +geschickt, daß der alte Mr. Osborne, den sie Alle auf der Insel wie +ihren Vater liebten, seine Pflegetochter dem jungen Fremden zum Weibe +versprochen habe, und daß dieser hinführo mit ihnen auf der Insel zu +leben wünsche, wozu sie des Königs Erlaubniß erbitten ließen. + +Am nächsten Tag kehrte Bruder Rowe, und in einer nichts weniger als +freundlichen Stimmung zurück. Er hatte den König, von dem er ohne +weiteres verlangt zu haben schien den Fremden, einen entsprungenen +Matrosen und Katholik, in Güte oder mit Gewalt von der Insel zu +entfernen, in einer keineswegs günstigen Laune dafür getroffen, und +schon die Ausflüchte die dieser machte, wenn er sich auch dem finsteren +Missionair gegenüber keine direkte Weigerung erlaubte, verriethen ihm +daß er, wo er blinden Gehorsam erwartete und verlangte, auf +Schwierigkeiten stoßen könne. + +Alles was er von dem Könige als festes Versprechen erreichen konnte war, +sich mit ihrem eigenen Missionair darüber zu berathen, und wenn dieser +es ebenfalls wünsche, dann wolle er gern den Befehl geben, daß der junge +Fremde die Insel, auf der er sich übrigens bis jetzt sehr ordentlich +betragen habe, verlassen solle. Wie er aber glaube gehört zu haben, +wolle der Weiße eines ihrer Mädchen heirathen und solchen Leuten, wenn +sie sich wacker aufführten, hätten sie noch nie den Aufenthalt +verweigert. + +So rasch als möglich sollte jetzt Bruder Osborne dem König seinen Willen +oder vielmehr Wunsch bekannt machen, wie er ebenfalls die Entfernung des +Fremden verlange. Bruder Rowe kehrte zu diesem Zweck ohne weiteren +Aufenthalt, als daß er die Nacht an der anderen Seite schlief, zu den +Missionsgebäuden zurück, und es läßt sich denken mit welchen Gefühlen er +hier des alten ehrwürdigen Mannes Entschluß vernahm, dem Fremden die +Tochter zu geben und ihn als Sohn anzuerkennen. Vergebens waren alle +seine Einwendungen, vergebens blieb selbst sein Zürnen dagegen. + +»Ich habe dem Mädchen,« sagte der Greis, »die Erziehung eines weißen +Kindes gegeben, und vielleicht, wie ich jetzt zu spät sehe, Unrecht +daran gethan; ich habe sie unfähig gemacht, sich in den gewöhnlichen +Verhältnissen ihrer Landsleute wieder glücklich zu fühlen; diese können +ihrem Herzen, ihrem Geiste nicht mehr genügen – bei der Verbindung mit +_jedem_ Weißen ist sie aber derselben Gefahr ausgesetzt, der sie jetzt +vielleicht entgegengeht – daß sie nicht auf die Länge der Zeit im +Stande wäre sein Herz auszufüllen, aber auch das ist nur noch +Vermuthung – es ist eine Möglichkeit die wir befürchten, aber nicht +voraus wissen mögen, und ich kann mich nicht dazu verstehn, ihr Herz +jetzt _gewiß_ zu brechen, weil es vielleicht später einmal gebrochen +werden _dürfte_.« + +»Aber fürchtet Ihr nicht die _Sünde_ – Bruder Osborne?« rief da der +Missionair, als alle andere Beweisgründe fehlgeschlagen hatten – +»wollt’ Ihr es vor der Tafel der Gesellschaft in England verantworten, +Euer im rechten Glauben erzogenes Kind selber in die Hände eines +Anhängers des Pabstes zu liefern? Ich würde _gezwungen_ sein, so leid es +mir auch selber thun möchte, diesen Fall nach Hause zu berichten, denn +die Folgen sind gar nicht abzusehen, und können auf das verderblichste +für unsere kleine Gemeinde wirken. Und wie steht Ihr dann vor jenen +ehrwürdigen Männern wenn Ihr selber, Einer jener Auserwählten die unter +die Heiden geschickt wurden den Saamen unserer Religion in ihre +unwissenden verstockten Herzen zu pflanzen – wenn Ihr selber dann +Unkraut zwischen den Weizen gesäet habt, mit Euren eigenen Händen, ja +und ich möchte fast sagen auch mit den _Mitteln_, die Euch von der Tafel +der Missionsgesellschaft _anvertraut_ waren in _ihrem_ Sinne, nicht in +Eurem eigenen damit zu handeln?« + +Der alte Mann blieb aber auch fest, selbst gegen diese halbe +Beschuldigung eines Mißbrauchs am Vertrauen, wenn ihn solche Anspielung +auch wohl recht schwer und tief kränken mußte. + +»Ich habe dreiundzwanzig Jahre,« sagte er ruhig, »mein Leben der Sache +geweiht, die ich für eine gute hielt und noch halte; ich habe mir in der +ganzen langen Zeit keinen einzigen Vorwurf, meiner Handlungsweise wegen +zu machen – wir sind Alle Sünder und ich bin nicht reiner davon als der +Geringste unter uns, aber ich kann frei das Auge zu Gott emporheben und +sagen: »Herr richte über mich!« – ich bin mir nichts Böses bewußt. Auch +in _diesem_ Fall aber, Bruder Rowe, handele ich nach bestem Wissen und +Willen, ich glaube nicht anders handeln zu können, und was ich da thue +werde ich auch verantworten – Euere Berichte, Bruder, werde ich Euch +freilich selber überlassen müssen.« + +Mr. Rowe ging mit raschen ungeduldigen Schritten im Zimmer auf und ab – +am wenigsten wollte es dem fanatischen Priester in den Kopf, daß der +Fremde mehr sei, als ein gewöhnlicher weggelaufener Matrose. – Bruder +Osborne hatte, wie er meinte, so lange und zurückgezogen von der Welt +gelebt, daß er sich durch die schönen Redensarten und Versprechungen +eines jungen leichtsinnigen Menschen vielleicht ebenfalls täuschen +ließe. Er wollte deshalb selber einmal mit ihm reden und dann bald +ausfinden wes Geistes Kind er sei. Es war seine letzte Hoffnung. + +Mr. Osborne selber wünschte dies, weil er dadurch eine bessere Meinung +für den Fremden bei dem strengen Geistlichen zu erreichen hoffte, und +ließ René, der mit Sadie – jetzt aber freilich seines Versprechens +enthoben – nach ihrem Lieblingsplätzchen gegangen war, zu sich bitten. + +Mr. Rowe hatte den Lehnstuhl des alten Mannes eingenommen, und saß, das +rechte Bein über das linke geschlagen, den Kopf auf den linken Arm +gestützt, ernst und schweigend wie zu Gericht, den Fremden, der bald +darauf das Zimmer rasch und fröhlich betrat, zu erwarten. + +Schon dessen schnelles, nichts weniger als ceremonielles Eintreten rief +die Falten auf seine Stirn zusammen und die beiden Ellbogen auf die +Lehnen des Stuhles ruhen lassend, die Finger der beiden Hände aber vorn +gefaltet, sah er ihn mit etwas vorgebeugtem Oberkörper unter den dunklen +buschigen Brauen finster an und sagte, ohne den Gruß des Franzosen +anders als mit einem leisen kaum bemerklichen Kopfnicken zu erwiedern, +und ohne zu warten bis der Gast einen Stuhl genommen habe, viel weniger +ihm selber einen solchen anzubieten: + +»Mit welchem Schiff sind Sie hier gelandet, Sir?« + +René sah erst den Frager, dann Sadie’ens Vater erstaunt an, als ob er +hätte sagen wollen – was bedeutet das? – bin ich hier vor Gericht +gerufen? – Mr. Osborne der aber die Unschicklichkeit eines solchen +Betragens fühlte, nöthigte ihn freundlich Platz zu nehmen und bemerkte +dann, fast wie entschuldigend, mit einem Blick auf seinen Collegen: + +»Mein würdiger Freund, hier, lieber René, wünscht sich mit Ihnen kurze +Zeit zu unterhalten. Er ist, wie ich, schon lange Jahre auf diesen +Inseln, und eine unserer Hauptstützen des Christenthums, selbst in den +Zeiten gewesen, wo unsere Aussichten hier trüb und traurig waren, und +wir schon fast die Hoffnung aufgegeben hatten Christi Lehre den Sieg +über blindes Heidenthum zu verschaffen.« + +René verbeugte sich statt aller Antwort noch einmal, wie anerkennend, +gegen den Geistlichen, der jedoch keine Miene dabei verzog und seinen +Blick fest und forschend auf ihn geheftet hielt und sagte, die frühere +Frage jetzt ohne Weiteres beantwortend: + +»Mit dem Delaware – einem Amerikanischen Wallfischfänger.« + +»Und weshalb verließen Sie Ihr Schiff? – hatten Sie nicht einen festen +Contrakt für die ganze Reise gemacht?« lautete die zweite, fast noch +schärfere Frage. + +»Sehr werther Herr,« erwiederte ihm jetzt René vollkommen ruhig und +freundlich – »wollten Sie wohl vorher die Gefälligkeit haben und mir +sagen ob diese Fragen im _Laufe der Unterhaltung_ an mich gerichtet +werden, oder ob es doch gewissermaßen ein Examen sein soll, zu dem ich +berufen bin?« + +Bruder Rowe wollte eben, wahrscheinlich keine gerade freundliche Antwort +darauf geben, als Mr. Osborne, der jedes böse Wort zwischen den Beiden +um alles in der Welt zu vermeiden wünschte, rasch einfiel und gegen René +gewandt sagte: + +»Bruder Rowe nimmt innigen Antheil an Prudentia’s Schicksal, da das +Mädchen eigentlich so zwischen uns groß geworden, und es ist besonders +_deshalb_ daß er näheres Interesse für Ihr früheres Leben fühlt.« + +»Ich habe Ihnen, lieber Herr Osborne,« sagte da der junge Mann, »jeden +nur möglichen Aufschluß gegeben, der in meinen Kräften stand, und ich +will das auch mit Freuden diesem Herrn thun, wenn ihn das über Sadie’ens +künftiges Glück zu beruhigen vermag.« + +»_Sadie_?« unterbrach ihn hier der Missionair streng – »soviel ich weiß +heißt das Mädchen Prudentia – wobei ich wünsche daß sie ihrem Namen ein +wenig mehr Ehre gemacht hätte – und ich will nicht hoffen daß man +sogar in dem Hause eines Dieners der Kirche beabsichtigt die alten +heidnischen Namen, die wir nur mit Mühe und Schwierigkeit unterdrücken +konnten, wieder aufleben zu lassen.« + +»Es ist nicht des Heidenthums wegen lieber Herr,« lächelte René, »nur +des Wohlklangs – Prudentia mag recht hübsch für eine alte würdige +Matrone klingen, aber meinem fröhlichen heitern Mädchen paßt der Name +gerade so, als wenn Sie ihn der Gazelle der Wüste geben wollten.« + +»Und _das_ sind die Ansichten die man hier mit in diese fromme +christliche Gemeinde bringt?« rief der Geistliche, der nur mit Mühe +seinen Zorn über den leichten fröhlichen Ton des jungen Franzosen +bezwang, »das soll der Saamen sein, der ein Baum des Unglaubens seine +Zweige ausbreiten und mit seinem Schatten die Frucht vergiften würde?« + +René sah ihn staunend an, der kleine Mitonare kauerte aber mit vor +Schreck und Entsetzen offenem Munde hinten in der Ecke wieder auf seinem +kleinen Stühlchen, und schien nichts Geringeres zu erwarten, als daß der +schwarze Mann mit dem finstern Gesicht sich jetzt oben aus seinem Himmel +einen kleinen Blitz herunterholen und den ruhig und unbefangen vor ihm +sitzenden kecken Wi–wi zu Pulver brennen würde. + +»Sehr ehrwürdiger Herr,« sagte aber René vollkommen ruhig, denn er +wollte den Mann nicht böser machen, da er wohl sah wie unangenehm das +für seinen alten wackern Freund sein müsse – »ich hoffe nicht daß Sie +etwas Sündhaftes in einem, dem Ohr wohlklingenden Namen finden werden.« + +Bruder Rowe schien aber darauf nicht weiter eingehen zu wollen und fuhr +fort: + +»Und Sie gedenken sich hier auf dieser Insel niederzulassen?« + +»Mit des Häuptlings und meines väterlichen Freundes Erlaubniß hier – +ja!« + +»Aber Sie gehören der katholischen Religion an.« – + +»Ich bin ein Christ,« sagte René ernst – »was verlangen Sie mehr?« + +Der Missionair biß sich auf die Lippen und Bruder Ezra sah nach oben, +denn der Blitz _konnte_ jetzt nicht länger ausbleiben. + +»Und Ihre Kinder? – sollen das auch _Christen_ werden?« frug der +Geistliche mit einer fast höhnischen Zweideutigkeit im Tone. René aber +streckte den Arm nach seinem alten Freund aus, und dieses Hand +ergreifend sagte er herzlich: + +»Die soll dieser würdige Mann hier in der Lehre erziehen die _er_ für +die richtige hält – ich weiß er wird gute Menschen aus ihnen machen – +der Glaube ist mir gleich.« + +»Der Glaube ist Ihnen gleich?« rief aber jetzt der Fanatiker, wie +ordentlich froh einen Anhaltepunkt gefunden zu haben an der Schwäche des +Gegners – »und wissen Sie daß Sie mit solchen Grundsätzen hier nur +Unheil und Elend säen werden? ein Christ nennen Sie sich, und dem +Antichrist dienen Sie – Ihrer Pflicht – ihrer Verbindlichkeiten im +gesellschaftlichen Leben sind Sie entlaufen, und jetzt wollen Sie sich +einem Volke aufdringen, das sie nur zwischen sich duldet, weil es seinem +Geistlichen glaubt gefällig zu sein, in der That aber, ihm einen gar +schlimmen Dienst damit leistet?« + +René war schon nach den ersten heftigen Worten des Mannes von seinem +Stuhl aufgesprungen. + +»Monsieur,« unterbrach er ihn jetzt fest aber ruhig – »Ihr Stand, wie +der Ort an dem wir uns befinden schützt Sie vor jeder Antwort auf diese +Unverschämtheit – ~bon soir~« – und mit einem stolzen Gruß gegen den +Priester, mit einem freundlichen Kopfnicken aber gegen den Greis, +verließ er rasch das Zimmer. + +Der ehrwürdige Mr. Rowe hatte sich in einen höchst unehrwürdigen Zorn +hineingearbeitet, und er war ebenfalls aufgesprungen und ging jetzt in +dem geräumigen Gemach mit schnellen Schritten, die Hände auf dem Rücken, +die Augen fest auf den Boden geheftet, auf und ab. Der alte Mr. Osborne +aber war erstaunt und empört zugleich über ein so rücksichtsloses, +förmlich unschickliches Betragen, und jetzt nur um so fester +entschlossen dem Mann, der sich weit mehr Autorität über ihn anzumaßen +suchte als er beanspruchen durfte, wissen zu lassen wo seine Grenze sei. +Bruder Rowe mochte aber wohl fühlen daß er ein wenig zu weit gegangen +sei, oder doch mit zornigen Reden an der Sache selber nichts mehr ändern +könne, denn er schwieg von jetzt darüber, und erklärte nur seinem +Collegen, daß er dieses Mal nicht hier predigen, sondern morgen früh, da +noch dazu eine leichte westliche Brise eingesetzt hatte, zurück nach +Tahiti aufbrechen wolle. Mr. Osborne dachte gar nicht daran ihn +zurückzuhalten. + +Am nächsten Morgen hatte er auch, ohne viel mit den Anderen zu +verkehren, seine Vorbereitungen zur Abreise getroffen, während indessen +Mr. Osborne den dringenden Bitten René’s nachgab, und die Trauung des +jungen Paares auf den nächsten Tag, als an einem Sonntag, gleich nach +dem Gottesdienst festsetzte. Sie fanden es natürlich nicht für nöthig +Bruder Rowe davon in Kenntniß zu setzen, und erwarteten jetzt wirklich +den Augenblick mit Sehnsucht, wo der kleine Cutter wieder seine Anker +lichten würde. + +So mochte es etwa zehn Uhr Morgens geworden sein, als plötzlich ein +Knabe, der oben über die Hügel gekommen war, die Nachricht brachte, es +nähere sich ein großes Schiff, von Süd-Osten her, der Insel. René war an +diesem Tage viel zu sehr mit seinem Glück beschäftigt gewesen auch nur +einen Blick auf den Horizont zu werfen, jetzt aber, als er auf diese +Nachricht hier rasch nach Sadie’ens Lieblingsplätzchen eilte, von wo man +eine freie Uebersicht über den ganzen südlichen Horizont hatte, genügte +ein Blick dorthin ihn zu überzeugen daß ein, allem Anschein nach volles +Schiff ohne Oberbramstengen, also jedenfalls ein Wallfischfänger, dicht +am Winde liegend, von Süd-Osten gegen die erst seit gestern eingesetzte +Westbrise aufkreuzend, herankam, und unverkennbar die Insel anlaufen +wollte. Mehr ließ sich für den Augenblick noch nicht erkennen, aber dies +war auch hinreichend ihn zu beunruhigen, und mit klopfendem Herzen stand +er da, die Augen fest und unverwandt auf das näher und näher kommende +Fahrzeug geheftet. Er hörte gar nicht wie sich ein leiser, leichter +Schritt ihm näherte, und erst als Sadie ihre Hand auf seine Schulter +legte und seinen Namen flüsterte, schaute er rasch und fast erschreckt +empor, legte dann seinen Arm um sie und zog sie fest und innig an sich. + +Das arme Kind war aber selber zu Furcht erfüllt im Anfang reden zu +können; sie sah nur das bleiche Antlitz des Geliebten und glaubte schon +ihre schlimmsten Besorgnisse eingetroffen. + +»Ist es _Dein_ Schiff?« frug sie endlich mit kaum hörbarer Stimme und +wagte ihm dabei nicht einmal in’s Auge zu schauen. + +»Das ist noch nicht möglich zu bestimmen Du liebes Herz,« suchte sie +aber René, wenigstens für den Augenblick zu beruhigen – »ich kann das +Holz des Schiffes noch nicht einmal ordentlich erkennen, und es +schwimmen hier zu viele Wallfischfänger aller Nationen herum, wenn ich +auch nicht geglaubt hätte daß sie sich noch so spät in der Jahreszeit +hier aufhalten würden« – setzte er leiser, und fast wie mit sich selber +redend, hinzu. + +Keins sprach von jetzt ab ein Wort mehr, ihre Blicke hingen aber an den +hellen Segeln des Fahrzeugs, das rasch näher und näher kam, und bald für +das Auge des jungen Mannes keinen Zweifel mehr ließ, die Insel selber +sei sein nächstes Ziel. Nur zu bald erhielt er aber sogar völlige +Gewißheit, denn das Schiff war jetzt schon so nahe gekommen, daß er in +dem Außenclüver desselben einen ziemlich großen Theerfleck erkennen +konnte, den er selbst einst mit ungeschickter Hand, als das Segel zum +Ausbessern an Deck lag, hineingegossen hatte. Es war der _Delaware_ und +gerade in dem Augenblick, wo er sich seines Glücks gewiß geglaubt, warf +ihm das tückische Schicksal noch einmal jenes unglückselige Fahrzeug in +die Bahn und drohte Alles Alles wieder mit _einem_ furchtbaren Schlage +zu vernichten. + +Als er damals von Bord entflohen war und sich von seinen Feinden +bedrängt sah, trat er der Gefahr, ja dem Tod wenn es sein mußte, mit +ruhigem unerschüttertem Herzen entgegen; er hatte Nichts zu verlieren +auf der weiten Gotteswelt als sein Leben, und achtete das kaum eines +ernsten Gedankens werth. Jetzt aber stand er nicht mehr allein, hier auf +diesem kleinen Eiland, rings von blauen Wogen umspült, war ihm Alles +Alles geworden was das Herz des Menschen an diese Erde fesseln kann, und +an der Schwelle dieses Glücks wieder solcher Art allein freudlos in die +kalte Nacht gestoßen zu werden, oh das wäre zu grausam – zu entsetzlich +grausam gewesen. + +Sadie frug ihn nicht weiter, sie las in seinen Blicken die Bestätigung +ihrer schlimmsten Furcht; ihr Herz aber, das sich in mädchenhafter Scheu +an den Geliebten geschmiegt, schlug ihr wieder in dem alten +entschlossenen Muth, mit dem sie ihn damals schon seinen Feinden +entzogen, und plötzlich seine Hand ergreifend, sagte sie rasch und fast +freudig: + +»Sie sollen Dich nicht wieder mit fortnehmen, René, fürchte sie nicht – +ich kenne alle Schlupfwinkel dieser Wälder und weiß Stellen wo die +weißen Fremden wochenlang suchen und in Verzweiflung zuletzt es aufgeben +müßten je hindurchzudringen. Wir Beide flüchten in den Wald, bis das +Fahrzeug die Insel wieder verlassen hat, und wenn es sein muß trägt uns +mein Canoe nach einer andern Insel, viele Meilen weit entfernt von hier +– lieber mit Dir in den Wogen zu Grunde gehn, als allein hier ohne Dich +leben René.« + +Und in wilder Leidenschaft warf sie sich an seine Brust, als ob sie +schon jetzt gekommen wären, ihn aus ihren Armen zu reißen. + +»Sieh wie die See da draußen über den Riffen so hoch geht, Du herziges +Lieb,« sagte aber leise und traurig der junge Mann – »ein Canoe könnte +jetzt nicht leben in dieser Dünung, und ich trüge Dich dem gewissen +Untergang entgegen. Ueberdies könnten wir nicht vor Nacht entfliehen und +bis dahin wird wohl der auf meinen Fang gesetzte Preis Verräther genug +gedungen haben mich einzubringen. Nein ich kann meinem Schicksal nicht +mehr entgehen, und der einzige Trost ist, daß sie mich nicht lebendig +mit sich führen sollen – oh Sadie, ich glaubte so glücklich zu sein +und lasse Dich jetzt nun allein und trauernd hier zurück.« + +»Nein nein, habe guten Muth,« bat aber das Mädchen – »glaube auch nicht +daß die Bewohner dieser Insel so falsch und treulos wären. Damals, als +sie Dich noch nicht kannten, war es eine andere Sache; von fremden +Seeleuten haben sie bis jetzt fast meist nur Noth und Aerger gehabt, und +es hätte vielleicht kaum des gebotenen Preises bedurft Dich auf Dein +Schiff zurückzuliefern. Jetzt gehörst Du jedoch zu uns – die Männer +wissen daß Dich mein Pflegevater gern hat, und ihn lieben sie wie ihren +eigenen Vater. Ja es giebt auch wohl Schlechte unter ihnen, die Dich +vielleicht verriethen wenn sie es heimlich thun können, aber sie würden +es jetzt nicht um den größten Lohn wagen dürfen, sie wären sonst +ausgestoßen für immer. Doch komm zurück zum Haus – sieh das Schiff +umsegelt die Insel und wird wahrscheinlich auf derselben Stelle sein +Boot wieder an’s Ufer schicken, wo es Dich damals landete – wir wollen +indeß mit meinem Vater bereden was am Besten für Dich zu thun sei, und +dann rasch und entschlossen handeln – es ist ja nicht das erste Mal daß +Sadie Dich führt,« setzte sie mit einem wehmüthigen und gar so innigen +Lächeln hinzu, »Du bist ihr das erste Mal gefolgt, da Du mich noch gar +nicht kanntest – wolltest Du jetzt zurückbleiben?« + +René preßte die Geliebte fester an sich, und hielt sie in einem langen +Kuß an seinem Herzen, aber sie wand sich endlich aus seinen Armen und +seine Hand wieder, wie in früherer Zeit ergreifend, wollte sie eben mit +ihm hinunter zum Hause gehn, als ihnen von dort der alte Missionair mit +einem anscheinend ziemlich schweren Korb entgegenkam, und mit ihnen +zurück zu der kleinen Terrasse ging. René setzte hier den Korb, den er +ihm abgenommen, auf die Erde nieder und der Greis sagte, nachdem er nur +einen flüchtigen Blick auf seine Kinder geworfen, ohne weitere +Umschweife: + +»Ich hab’ es mir gedacht, daß es das unglückselige Schiff sei, als ich +nur hörte daß es dicht bei dem Wind die Insel anlaufe, und den +prachtvollen Westwind versäume nach Nord-Osten aufzuhalten. Doch wir +müssen jetzt _handeln_ Kinder, nicht lamentiren und traurig sein. Ich +war erst Eurer Verbindung entgegen, nun aber, da die Sache doch einmal +so weit gediehen ist, will ich Euch auch nicht Beide unglücklich wissen, +so lange ich es noch verhindern kann – aber Zeit dürfen wir auch nicht +mehr verlieren. Ich habe in dieser Sache einige Erfahrung, und schon +viel in meinem Leben, gerade hier auf den Inseln mit Wallfischfängern +verkehrt, denen Matrosen entlaufen waren. Die Capitaine sparen nicht +mit den Belohnungen die sie auf den Einfang setzen, denn die Leute +müssen das ja nachher selber von ihrem verdienten Gelde abbezahlen – +sie bieten oft enorme Summen, hinreichend einen armen Insulaner, so gut +und brav er auch sonst sein möchte, zu verführen – sie haben aber auch +keine lange Zeit sich aufzuhalten, besonders wenn es erst einmal so spät +in der Jahreszeit ist wie jetzt, wo sie nachher noch die Sandwichsinseln +anlaufen müssen Erfrischungen einzunehmen und sich auf ihren Sommerzug +in das Eismeer vorbereiten. Dies Schiff kann aber kaum dort noch zu +guter Zeit eintreffen, wenn es nicht eine sehr schnelle Reise nach +Oweyhy oder Woahu hat und es läßt sich denken daß der Capitain hier +nicht wochenlang, eines einzelnen Mannes, und noch dazu eines +gewöhnlichen Matrosen wegen, herumliegen wird. Vor allen Dingen ist es +also nöthig Sie aus dem Weg zu bringen, damit Sie nachher Niemand +verrathen _kann_, wenn ihm auch Gelegenheit dazu geboten würde, das ist +jedenfalls das Sicherste, und dazu habe ich mir einen passenden Platz +ausersehn.« + +»Ich führe ihn in die Berge, Vater,« sagte Sadie – »oben in den niedern +Hügeln stehn einzelne Palmenhaine, und in der breiten Krone einer dieser +Palmen kann er tagelang versteckt liegen. Ich weiß eine von ihnen die +mein Bruder und ich in’s besonders hergerichtet und ausgeschlagen haben +– den Platz kennt Niemand als ich selber, denn der Bruder ist ja todt +und kein Pfad führt dorthin, kein Weg oder Steg und doch will ich die +Stelle im Dunkeln finden.« + +»Der Platz wäre zu einer anderen Jahreszeit, und wenn wir keinen +besseren hätten, vielleicht recht gut,« lächelte der Greis, »jetzt aber, +wo es fast jede Nacht in schweren Schauern niederfällt, möchte der +Wipfel einer Palme, besonders wenn es sich nicht um Stunden sondern um +Tage handelt, doch ein fataler Aufenthaltsort sein. Nein, Du kennst das +~Ihiamoea~ Prudentia – jenes letzte Ueberbleibsel aus der alten +Heidenzeit. Es ist das ein kleines Gebäude, früher dem Gott ~Oro~ +geweiht, das jedenfalls auch mit allen übrigen derartigen Heiligthümern +jener Zeit vernichtet wäre, bestände nicht auch zugleich in der Familie +des jetzigen Oberhauptes der Insulaner eine alte Sage, daß der König +sterben müsse sobald das Gebäude zusammenfiele. Sämmtliche Vorstellungen +der Missionaire sind bis jetzt erfolglos gewesen sie von der Thorheit +solchen Glaubens zu überzeugen, ja Einer unserer Brüder hätte beinah +einst sein eigenes Leben eingebüßt, als er in vielleicht etwas +übertriebenem Diensteifer selber Hand daran legen wollte. Nur zwei +Personen sind auf der Insel die es jährlich einmal besuchen, der ~fua~ +oder König, ~Jeremias Aitaua~ (der Rächer), wie ihn Bruder Rowe getauft +hat, und dessen Sohn; beide nur, um ein frisches Dach aufzulegen oder +das alte, wenn es noch gut ist, nachzusehen. Das ist wenigstens die +Entschuldigung, denn ich fürchte fast, daß sie dort doch noch, trotz +ihrem angenommenen Christenthum, heimlich einige ihrer heidnischen +Ceremonien feiern; da sie es aber allein thun, können wir Nichts dagegen +machen, und die kleine von Stein dauerhaft aufgerichtete Hütte wird +darum, so gut unterhalten, wohl noch mancher Regenzeit trotzen. Dorthin +magst Du René führen. – Keiner der Eingeborenen getraut sich den Platz +zu betreten und die Weißen könnten wochenlang ihre Zeit vergeuden, ehe +sie ihn auffänden. Hier dieser Korb mit Provisionen wird ausreichen, wo +nicht, findet sich schon wieder einmal Gelegenheit neue Zufuhr +hinaufzuschaffen, obgleich ich fest überzeugt bin daß sich das Schiff +keine vierundzwanzig Stunden an der Insel aufhält.« + +»So will ich zum Haus gehn und meine Waffen holen,« sagte René. + +»Sie sind in diesem Korb,« erwiederte ihm aber der Greis – »es ist auch +weit besser daß Sie sich gar nicht wieder am Hause blicken lassen, denn +neugierige Augen folgten Ihnen doch, und wenn ich auch nicht glaube daß +Einer der hiesigen Leute zum Verräther werden würde, so ist es doch, wie +gesagt, besser ihnen auch selbst die Möglichkeit zu nehmen verführt zu +werden. Gehn Sie gleich von hier ab, und Prudentia kennt die Richtung +gut genug, so weiß kein Mensch wo Sie geblieben sind. Aber Prudentia muß +auch, so schnell als nur irgend möglich wieder zurückkehren, und ich +hoffe daß dieser Kelch glücklich an uns vorübergehen wird.« + +»Lieber, väterlicher Freund –« sagte der junge Mann gerührt, und +streckte dem Greis die Hand entgegen. Dieser aber wollte auch die jungen +Leute nicht sehen lassen wie weh und ängstlich ihm selber, trotz seiner +angenommenen Zuversicht, zu Muthe war, und sagte mit einem wohl etwas +erzwungenen Lächeln: + +»Keinen Abschied, René – das ~Ihiamoea~ liegt nicht am andern Ende der +Welt, daß wir –« + +»Ich muß Sie _hier_ wohl aufsuchen, Bruder Osborne!« sagte in diesem +Augenblick, dicht hinter ihnen die Stimme des Bruder Rowe mit zwar +ruhigem aber doch etwas scharfem Ton – »wenn ich überhaupt Abschied von +Ihnen nehmen will – Sie scheinen ganz vergessen zu haben daß ich im +Begriff bin aufzubrechen.« + +Die drei Menschen schauten sich um als ob sie auf einem Verbrechen +ertappt wären, und das kalte, theilnahmlose Gesicht des Priesters war +ebenfalls nicht geeignet jedes unangenehme Gefühl solcher Ueberraschung +zu mildern. Der Geistliche schien dies aber gar nicht zu bemerken, oder +wenn er es bemerkte, zu beachten; gegen Sadie die Hand ausstreckend +legte er dem Mädchen, das seine Rechte ergriff und küßte, wie segnend +die Linke auf das Haupt, neigte dann seinen Kopf gegen René, der diese +kalte Höflichkeit ebenso formell erwiederte, und ging, Mr. Osborne’s Arm +nehmend, mit diesem nach der Landung hinunter. + +»Und nun komm,« flüsterte Sadie, als das dichte Guiavengebüsch die +Männer ihren Blicken entzogen – »nun komm René und gebe Gott daß ich +Dir recht recht bald die frohe Botschaft Deiner Erlösung bringen kann.« + +Wenige Secunden später schloß sich der Wald hinter ihnen, und der kleine +freundliche Platz lag still und einsam im Schatten seiner rauschenden +Palmen. + +Der Missionscutter war indeß zur Abfahrt gerüstet, Bruder Rowe traf noch +einige Anordnungen zu dem nächst zu haltenden Osterfest zwischen den +Insulanern und verließ dann, mit einem frommen »Der Herr segne und +behüte Euch« – die Insel. + +Mr. Osborne hatte kein Wort gegen ihn erwähnt, daß das Schiff was die +Insel passirt war, dasselbe Fahrzeug sei, von dem René entsprungen war +– er hielt es für besser die Sache mit keiner Sylbe weiter zu berühren. +Auch Bruder Rowe kam nicht wieder auf die Verheirathung der beiden +jungen Leute zurück; er mochte auch wohl einsehen, daß jede weitere +Vorstellung oder Einsprache unnütz sein würde. + +Der Cutter war zuerst nach Mitiaro bestimmt, der ehrwürdige Mann hatte +aber vorher die Indianer die ihn führten noch beordert in dem +Binnenwasser der Insel am Ufer hinaufzuhalten, da er zuerst noch einmal +den König an der andern Seite zu besuchen, und Rücksprache mit ihm über +eine Betversammlung zu nehmen habe. + + + + +Capitel 7. + +#Der Verrath, und wie sich beide Theile dabei irrten.# + + +Am nördlichen Ufer der Insel war indessen Alles in Aufregung, denn das +Wiedererscheinen des Schiffes, an das keiner der Insulaner fast mehr +gedacht hatte, bot Ursache genug das sonstige Stillleben zu +unterbrechen, hätten Manche von ihnen auch gerade _nicht_ Grund gehabt +zu wünschen, daß es seinen Weg nicht wieder hierher gefunden habe. + +Der König dachte natürlich mit einiger Beunruhigung an die Geschenke, +die er unter der Bedingung überliefert bekommen hatte, den Flüchtling +einzufangen und wo waren diese Sachen jetzt alle geblieben? – wo war +der Flüchtling? – Wer aber konnte auch wissen daß das Schiff nach so +langer Zeit zurückkehren würde, und eine Ausrede war bald gefunden. Als +der erste Harpunier wieder wie früher an Land kam und nach dem Mann +frug, erwiederte ihm der rasch herbeigeholte Raiteo – denn der König +schämte sich vielleicht vor seinem eigenen Volk, dem weißen Mann etwas +vorzulügen – mit keineswegs christlicher Unverschämtheit, sie hätten +den Flüchtling damals eingefangen und drei volle Wochen auch eingesperrt +gehalten und gefüttert, wie aber das Schiff gar nichts mehr habe von +sich hören oder sehen lassen, da seien sie endlich genöthigt gewesen ihn +wieder frei zu lassen. Seit der Zeit sei er aber ebenfalls verschwunden +und sie glaubten er wäre mit einem kleinen Schooner, der neulich einmal +die Insel anlief, nach Tahiti oder einer der dortigen Inseln gezogen. + +Das Ganze schien wahrscheinlich genug, dennoch war der alte Seemann zu +bekannt mit diesem Volk um ihnen sogleich, auf die erste Bestätigung +hin, die erste beste Geschichte auch zu glauben. Sie hatten einmal den +Fanglohn weg, den der ~fa-u~ jetzt, wie Raiteo mit vieler +Geistesgegenwart weiter log, für die so lange Unterhaltung des +Gefangenen beanspruchte, und er sah wohl ein, daß er auf’s Neue einen +Preis aussetzen mußte. Auch hierin schien er wieder Schwierigkeiten zu +finden, aber aus den langen Unterhandlungen die nach den neuen +Versprechungen gehalten wurden, merkte der alte Harpunier deutlich +genug daß der Matrose noch jedenfalls auf der Insel sein mußte, und der +Sache ein Ende zu machen, denn die Sonne neigte sich schon ihrem +Untergang, bot er dem König funfzig spanische Thaler – ein wahrer +Reichthum für seine Verhältnisse – wie noch andere Güter die er mit im +Boot führte, wenn er den Entsprungenen noch diesen Abend, oder +wenigstens diese Nacht in seine Hände liefere. + +Raiteo ließ sich die Summe zweimal wiederholen und sogar, ganz sicher zu +sein, an den Fingern vorzählen, denn er traute seinen eigenen Ohren kaum +eine so ungeheuere Quantität baaren Geldes – ohne alle die übrigen +Herrlichkeiten – in den Bereich ihres Arms zu bringen. Trotzdem +schüttelte aber der ~fa-u~ mit dem Kopf – er wollte mit der Sache, der +sich sein alter Freund der Missionair angenommen hatte, nichts mehr zu +thun haben, und sagte Raiteo er möge die Fremden bedeuten den Mann +selber zu suchen, wenn sie glaubten daß er noch hier auf der Insel sei. + +Der Harpunier nahm jetzt den Burschen, dem er wohl ansah zu was er mit +Geld gebracht werden konnte, in Englisch vor, und bot ihm die Summe +allein, wenn er ihm den Flüchtling diese Nacht ausliefern wolle. +Hiergegen erklärte ihm aber Raiteo ganz offen der Mann sei allerdings +noch da, so geschwind ließe sich das aber unter keiner Bedingung +anstellen. Er habe die Zeit über, am andern Ende der Insel, auf der +Mission gewohnt, das Schiff als es von dort heraufkam aber auch +jedenfalls sehen können, und sei jetzt wieder irgendwo im Wald +versteckt, wo er allein morgen wenigstens den ganzen Tag brauchen würde +ihn nur aufzuspüren, und selbst dann sei es eine schwierige Sache, da +der König nichts damit zu thun haben wolle, und er selber nachher, +vielleicht seines Lebens auf der Insel nicht wieder froh würde. Er +verdiene gewiß gern den hohen Preis, wenn sich aber weißer Mann Capitain +nicht dazu entschließen wollte zwei drei Tage auf der Insel zu bleiben +und auch womöglich noch mehr Leute herüberzubringen, so sehe er keine +Möglichkeit seinen Zweck zu erreichen. + +Das ging nicht an, das Schiff hatte sich überdies schon, durch einige +Spermfische gerade damals aufgehalten als sie wieder nach Norden auf +kreuzen wollten, in der Jahreszeit verspätet, und der Capitain erst +nicht einmal, trotzdem daß sie die Insel passirten, wieder anlaufen +wollen, aber jedenfalls nur bis nächsten Morgen mit Tagesanbruch den +äußersten Termin gesetzt – war es bis dahin nicht möglich den Mann +wieder zu bekommen, so mußten sie es aufgeben, und der alte Seebär +wollte sich eben, mit einem zwischen den Zähnen durchgebrummten +Kraftfluch hineingeben und an Bord zurückkehren, als der kleine +Missionscutter in Sicht kam und das hinten angehängte Boot gleich darauf +den ehrwürdigen Mr. Rowe an Land brachte. + +Der Missionair hatte noch einiges mit dem ~fa-u~ zu bereden und der +Harpunier zögerte einen Augenblick am Ufer – er konnte die Schwarzröcke +nicht gut vertragen, aber eine Frage that auch keinen Schaden, und der +Mann kam gerade von dort her, wo sich der Flüchtling aufgehalten. + +Bruder Rowe fühlte vielleicht eine gleiche Sympathie für diese Art +Leute, er war aber nichts destoweniger freundlich gegen den Seemann, und +beantwortete seine Fragen auf das leutseligste aber ausweichend. – +Raiteo der mit offenem Munde dabeistand, kam es vor, als ob er mit der +Sache nichts zu thun haben wolle, denn darum wissen mußte er. + +»Sehn Sie, Mr. – wie mag Ihr Name sein?« – + +»Rowe.« – + +»Ah – Mr. Rowe,« sagte der alte in seinem Geschäfte schon ergraute +Seemann – indem er fast unwillkürlich neben dem langsam längs dem +Strande hergehenden Priester herschritt, wodurch sie sich von Raiteo, +der ihnen ja nicht folgen durfte, entfernten. »Es ist nicht wegen dem +einen Burschen daß wir uns solche Mühe geben ihn wieder zu bekommen – +was das belangt, so könnten wir eher noch zwei dazu entbehren, ehe wir +gerade jetzt einen einzigen Tag hier versäumten, aber es ist wegen dem +bösem Beispiel – sehn die Canaillen daß sie fortkommen _können_, dann +läuft uns auf den Sandwichsinseln nachher am Ende der ganze Schwarm +davon. Kriegen wir aber so einen Burschen wieder, und auch schon während +wir uns Mühe danach geben, so sehen doch die Andern daß es ihnen nicht +so ganz leicht gemacht wird und hingeht, und besinnen sich zweimal, eh’ +sie die Beine in die Hand nehmen. Auf den Preis kommts uns dabei nicht +an, denn kriegen wir sie nicht, so bezahlen wir ja auch Nichts, als +vielleicht ein Bischen Lumperei an Spielkram, und kriegen wir sie, nun +dann müssen sie’s selber von ihrem Theil abtragen.« + +»Haben Sie einen hier von den Insulanern, dem Sie glauben vertrauen zu +können?« frug ihn der Missionair jetzt, und drehte sich, wie im +Gespräch, halb nach ihm um, zu sehn ob ihnen Niemand folge. – »Könnten +Sie einen der Leute hier bewegen Sie zu führen?« + +»Führen? – gewiß,« brummte der Harpunier – »wenn ich nur wüßte wohin.« + +»Ich kann mich, meiner Stellung wegen, nicht mit solchen Sachen +befassen,« erwiederte ihm indirekt hierauf der Geistliche – »Sie werden +aber auch wohl als vernünftiger Mann einsehn, daß es mir nicht +gleichgültig sein kann dabei, meist gewissenlose Menschen zwischen die, +kaum einem etwas civilisirten und religiösen Leben gewonnenen Insulaner +geworfen zu sehen.« + +»Nein gewiß nicht – kann ich mir denken – ist ganz natürlich« – +brummte der Harpunier dabei zwischen den Zähnen durch, und warf nur +manchmal einen Seitenblick auf den Geistlichen, als ob er hätte sagen +wollen: »nun was steckt dahinter? – wo will der hinaus?« + +»Mir liegt also,« fuhr Bruder Rowe hier wieder fort – »gewissermaßen +ebensoviel daran den entsprungenen Matrosen wieder von hier zu entfernen +als Ihnen daran gelegen ist ihn wieder zu bekommen.« + +»Ja sagen Sie mir nur wie!« platzte der Alte, dem die Vorrede zu lange +dauerte, heraus. + +»Unter der Bedingung daß Sie meinen Namen nicht dabei nennen, und auf +eine Entschuldigung oder vielmehr Ausrede, dem Eingeborenen gegenüber, +den Sie zu Ihrem Führer nehmen, denken wollen, kann ich Ihnen den Platz +so genau angeben wo er versteckt ist, daß Sie nicht die mindeste +Schwierigkeit haben werden ihn zu finden – ja noch mehr, der Ort liegt +so vortrefflich ihn zu umstellen, daß Sie, wenn Sie Ihre Maßregeln gut +treffen, ihn sicher in Ihre Gewalt bekommen _müssen_.« + +»Aber was soll ich dem alten Fuchs dem Raiteo weiß machen,« sagte der +Harpunier sinnend, »er hat gesehn wie wir jetzt hier miteinander +sprechen und ich kann es ja nicht gut von irgend einem Andern gehört +haben.« + +Der Missionair blieb einen Augenblick stehn – dann sagte er bedächtig: + +»Machen Sie sich nachher mit einem meiner Bootleute etwas zu schaffen +und sprechen Sie mit ihm über irgend einen Gegenstand. – Sie können +Raiteo dann sagen daß Sie es von dem erfahren haben; ich bin ziemlich +fest überzeugt daß ihn Raiteo nicht wieder danach fragen wird.« + +»Und wo ist der Platz?« frug der Harpunier. + +»Erkundigen Sie sich bei Raiteo,« sagte der Geistliche leise – »ob er +ein Haus Namens ~Ihiamoea~ auf der Insel kennt. – ~I-hi-a-mo-e-a~ – +können Sie den Namen behalten?« + +»Er ist verdammt lang,« brummte der Harpunier – »~I-hi-ma-nu~«. + +»~I-hi-a-mo-e-a~,« wiederholte der Missionair. + +Der Harpunier repetirte das Wort ein paar Mal leise vor sich hin und +sagte dann: + +»Ich denke so wird’s gehn, und da steckt er also – aber kennt Raiteo +den Ort?« + +»Genau genug,« lautete die Antwort. »Sie werden ihm aber einen guten +Lohn versprechen müssen, denn die Insulaner haben eine gewisse Scheu vor +jener Gegend.« + +»Er soll die ganzen funfzig Dollars haben wenn er uns heute Abend noch +hinführt!« rief der Seemann rasch – »und Gott straf mich – noch Alles +in Sachen dazu, was im Boot liegt – wenn wir den Kerl nur kriegen. Ich +habe noch außerdem mein besonderes Gift auf ihn.« + +»Gut, dann verlieren Sie keine Zeit mehr,« sagte der Missionair, wieder +nach den Gebäuden, wo noch die übrigen standen, zurückkehrend. »Können +Sie sich aber auch auf Ihre andern Leute verlassen, daß Sie am Ende +nicht, anstatt Einen zu fangen, das Uebel noch verschlimmern und mehre +dabei einbüßen?« + +»Wir sind diesmal gescheuter gewesen, als das erste Mal,« erwiederte der +Harpunier – »und haben gar keine Matrosen, sondern nur Officiere im +Boot zum Rudern mitgenommen – die Leute sind sämmtlich Harpunier oder +Bootsteurer, die laufen schon seltener weg, weil sie weit höhern Antheil +bekommen und auch überhaupt eine Carriere zu machen haben – es sind nur +die verwünschten Matrosen die durchbrennen, weil sie sichs gewöhnlich +ein Bischen zu hübsch auf einem Wallfischfänger gedacht haben.« + +Sie waren indessen wieder zu des Königs Hause gekommen, welches der +Missionair jetzt betrat das Wetter abzuwarten, das gerade im Osten +heraufzog und schon mit drohenden Wolken über dem Horizont hing. Der +Harpunier wechselte indessen mit seinen Leuten einige Worte, und ging +dann nach den beiden mit dem Cutter gekommenen Insulanern zu, die unfern +ihres eigenen Bootes auf den Corallen saßen und sich eine kleine Cigarre +aus ihrem inländischen Tabak und Bananenblättern drehten. Er blieb +einige Zeit bei diesen stehn, und ging dann, als er Raiteo gerade über +sich am Rande des Gehölzes bemerkte, rasch auf diesen zu. + +»Raiteo,« sagte er hier dem aufmerksam Zuhorchenden – »willst Du in +dieser Nacht Dein Glück machen und ein reicher Mann werden? Du kannst +funfzig Dollar und den ganzen Plunder verdienen der da im Boot liegt.« + +»In dieser Nacht?« erwiederte Raiteo kopfschüttelnd – »habe weißen Mann +Capitain schon gesagt daß es so schnell nicht geht – und ist immer ein +bös Stück Arbeit – kann nicht.« + +»Aber Du kannst« – sagte der Harpunier – »kennst Du ein kleines Haus +hier irgend wo auf der Insel, das sie ~I-hi~ warte einmal – verdammt +– ~I-hi-mano~ –« + +»~Ihiamoea~?« sagte Raiteo rasch und leise und sah den Fremden erstaunt +an – »und ist der weiße Mann im ~Ihiamoea~?« + +»Verdamme mich, wenn Du den Namen nicht wie am Schnürchen hast,« lachte +der Wallfischfänger – »~Ihiamoea~ kannst Du uns dorthin noch heute +Abend führen?« + +»Und wer hat Euch den Platz angegeben?« frug der Insulaner, und seine +Augen suchten fast unwillkürlich die Stelle wo der Missionair noch vor +dem Hause des ~fa-u~ stand. + +»Einer der Burschen dort im Boot,« erwiederte ihm der Seemann – »sie +wollens aber nicht gern wissen lassen, daß die Nachricht von ihnen kommt +– ich hab’ ihnen fünf Dollar dafür gegeben.« + +»Hm« – brummte Raiteo und schaute nach den Bootsleuten hin, die ruhig +und abwechselnd ihre kleine dütenförmige Cigarre rauchten, und wieder +nach dem Missionair hinüber; dann aber, den Kopf zurückwerfend als ob er +hätte sagen wollen »was gehts mich an« gab er dem Harpunier ein Zeichen +ihm etwas weiter in den Wald hinein zu folgen, und hatte nun mit diesem +in wenigen Minuten das Nöthige besprochen. Das ~Ihiamoea~ war ein +kleines niederes Gebäude mit einem Gemach und zwei Ausgängen, das oben +auf einem der Hügel, im wildesten Dickicht und dichtesten Walde lag; +aber auf einem etwa funfzig Schritt breiten, vollkommen freien Raum +stand, und also mit größter Leichtigkeit umzingelt und besetzt werden +konnte. In etwa anderthalb Stunden konnten sie es von hier aus erreichen +und das aufsteigende Wetter begünstigte jedenfalls ein solches +Unternehmen. Raiteo aber, so gierig er war das Geld zu verdienen, +scheute sich eben so sehr seinen Namen dabei genannt zu wissen, als der +Missionair. Er zeigte ihm deshalb jetzt den Pfad, auf dem sie sich +gerade befanden, und der durch eine dichte Pandanus-Niederung hinführte +– diesen sollte der Harpunier mit seinen Leuten, sobald es dunkelte, +etwa 300 Schritt weit folgen, und dann pfeifen, und Raiteo würde ihn von +da bis zu dem Haus führen und ihm angeben wie er es umstellen könne – +in das Haus aber bedung er sich gleich von vorn herein aus, ging er +nicht hinein; »die alten hier unten vertriebenen Götter saßen noch dort +oben darin, und wenn sie auch einem weißen Mann wohl nichts anhaben +konnten, so liefe doch ein Eingeborener die tödtlichste Gefahr an Leib +und Seele.« + +Ueber die Ausbezahlung wurden sie ebenfalls einig, Raiteo bekam fünf +Dollar im voraus, was ihn soviel gieriger auf das übrige machte, und der +Rest sollte ihm ausbezahlt werden, wenn sie den Entsprungenen gebunden +in ihrer Gewalt hätten. + +Der Abend setzte ein, wie es das Wetter klar genug angedeutet; einzelne +Windstöße und Regen was vom Himmel herunter wollte. Der Wallfischfänger +war indeß näher herangekommen, wo er durch das hohe Land gegen die Böen +ziemlich geschützt lag und sich nicht in der mindesten Gefahr befand auf +die Klippen getrieben zu werden, von denen ihn Wind und Strömung +zugleich absetzten; in kurzen Gängen war es nur eben Alles was er thun +konnte, daß er sich auf seiner Stelle hielt. + +Der Missionair hatte die Insel ebenfalls nicht verlassen, obgleich er +lieber der durch ihn gewissermaßen herbeigeführten Katastrophe aus dem +Wege gegangen wäre; auf See aber etwas ängstlich fürchtete er das Wetter +möchte noch schlimmer werden und wollte sich da nicht in seiner +Nußschaale von einem Fahrzeug den Wogen anvertrauen. + +Das Zeichen für den Harpunier an Bord zu kommen, wenn etwa in der Nacht +möglicher Weise etwas vorfiele, sollten zwei Kanonenschüsse sein. + + * * * * * + +René war indessen durch seine liebe Führerin glücklich an den Ort seiner +Bestimmung gebracht und schon der Weg dahin überzeugte ihn, daß +Europäer den Platz nimmer in wenigen Tagen auffinden könnten, hätten sie +selbst gewußt daß ein solcher Schlupfwinkel hier existire, und von den +Insulanern konnte ja auch keiner glauben daß ihm diese Stelle bekannt +sei. Ebenso hatte er das aufsteigende Wetter bemerkt, und nicht ohne +Grund durfte er hoffen daß es den Wallfischfänger zwingen konnte, die +Insel vielleicht sogar eher zu verlassen, als er im Anfang beabsichtigt. +Daß aber auch Sadie nicht von dem Wetter überrascht werde, trieb er +diese selber mit zärtlicher Besorgniß zum schleunigen Heimweg an, und +das schöne Mädchen flog mehr als sie ging den Pfad zurück, denn sie +wußte ja daß sie, je eher sie wieder am Hause sei, desto sicherer auch +den geringsten Verdacht niederschlagen müsse, der Fremde habe einen so +weitentlegenen Platz als das ~Ihiamoea~ zu seinem Zufluchtsort gewählt. +– An den Missionair dachte Niemand. + +Der Platz selber war für so kurzen Aufenthalt wohnlich genug; gegen Wind +und Regen vollständig durch ein gutes Dach und fast fußdicke vielleicht +sechs Fuß hohe Steinmauern geschützt, lag selbst eine breite aus dem +dortigen Schilfgras geflochtene Matte in der Mitte der Hütte – ein +Beweis mehr daß der alte Missionair recht hatte wenn er glaubte, der +christlichste König dieser Insel hänge noch etwas an dem alten +Heidenthum. Doch wie dem auch sei, es kam René hier vortrefflich zu +statten. + +Vor allen Dingen sah er jedoch nach seinen Waffen, steckte sein Messer +in den Gürtel, den er immer trug und untersuchte die Terzerole – aber +der alte Mann hatte in der Eile das Pulverhorn vergessen, und wenn auch +das Pulver noch ziemlich trocken aussah, war ihm doch nicht viel zu +trauen. + +»Nun ich werde sie hoffentlich nicht brauchen,« murmelte er leise für +sich hin – »besser wär’s aber doch ich wüßte sie sicher – es giebt +Einem immer mehr Zutrauen eine gute Waffe in der Hand zu haben.« Bei den +Waffen lagen aber auch eine Masse Lebensmittel und mit doch weiter +keiner anderen Beschäftigung machte er sich über den Korb her, die +Leckerbissen vorzunehmen, die ihm der gute alte Mann, mit einem paar +Flaschen Wein und Cocosnußmilch zusammengemischt, eingepackt hatte. + +So vergingen ihm die Stunden rasch – ein paar Mal trat er in die +vordere Thür der Hütte, vielleicht einen Blick in’s Freie zu gewinnen, +aber der Wald umgab das kleine Heiligthum einer früheren Zeit hier zu +hoch und dicht, auch nur einen Blick über dessen äußerste Grenzen zu +gestatten, und er warf sich zuletzt, ermüdet vom Umhergehn in so engem +Raume, auf die Matte, und schaute träumend auf die kahlen Steinwände, +die in früherer Zeit wohl Zeuge mancher wildromantischen Scene, +vielleicht manchen furchtbaren Opfers gewesen waren. + +»Und wo seid Ihr jetzt – Ihr stolzen Herrscher dieser Haine – Oro, Du +kriegerischer Gott, Hiro, Du schlauer Beschützer der Diebe, Teroro, Du +Sturmerwecker, Tane, Du Herrlicher und Ihr Alle, Alle, die Ihr früher in +dem Rauschen der Palmen, in dem Donnern der ewigen Brandung zu Euern +Kindern spracht? – Sie haben sich losgesagt von Euch, umgeworfen Euere +Altäre, in den Wind verweht selbst Eure Namen, und das Kreuz, von +einzelnen Fremden aufgepflanzt, hat wie mit einem Schlage Euer +Jahrhunderte bestandenes Reich vernichtet. Aber solltet Ihr auch diese +Haine, die einst Eure Macht sahen, so schnell und leicht haben verlassen +können? wandelt Ihr vielleicht nicht selbst jetzt noch in den dunklen +Schatten der Fruchtbäume, um die Stellen wo früher Euere Altäre +gestanden, und schauet mit finsterem Groll auf die Tempel eines neuen +Gottes, vor dem Euere abtrünnigen Kinder _jetzt_ ihre Kniee beugen? +Umschwebst nicht Du selbst, furchtbarer Oro diese Dir einst, ja +vielleicht selbst jetzt noch geweihte Stätte, und blickst zürnend auf +den Fremden nieder, der sich, ein ungeladener Gast über Deine Schwelle +gedrängt hat? – Zürne mir nicht, hätte nur ich, von all den weißen +Fremden diese Ufer betreten, Du herrschtest _noch_ hier, in all Deiner +Herrlichkeit, ich hätte Deinem Volke seine Götter und seinen Frieden +gelassen, und wer weiß ob sie nicht glücklicher – besser geblieben +wären.« + +Lange noch lag er sinnend und träumend auf der Matte, bis die +einbrechende Nacht ihre Schatten niedersandte, und mit diesen der Regen +laut und schallend auf das schilfige Dach der Hütte niederschlug. War er +hier aber auch vor diesem geschützt, so fand er doch eine andere Plage +– eine wahre Unzahl von Mosquitos stellten sich schon mit der Dämmerung +ein, und umschwärmten ihn jetzt als sicher unverhoffte und gute Beute zu +Tausenden. + +Im Anfang suchte er sich ihrer zu erwehren, zuletzt aber gab er das auf +und streckte sich, nur sein Taschentuch über das Gesicht breitend, auf +die Matte aus, der Nacht so viel Schlaf als möglich abzustehlen. Er +fühlte sich vollkommen sicher daß der Wallfischfänger, wenn er überhaupt +noch an der Insel sei, _diese_ Nacht gewiß Nichts unternehmen werde ihn +wieder zu bekommen, und ärgerte sich fast, die bisherige Wohnung und +Sadie’ens Nähe verlassen zu haben. + +Eine Stunde hatte er etwa so gelegen, aber er war nicht im Stande +einzuschlafen, die Mosquitos trieben es zu arg, und schienen +fortwährend in neuen unersättlichen Schaaren heranzuströmen. + +»Das ist ein schöner Polterabend,« brummte er leise vor sich hin – »und +mein armes Mädchen sitzt indeß allein daheim und ängstigt sich um den +fernen Freund – ha! –« + +Er fuhr in die Höh’ und horchte, schüttelte aber dann lächelnd mit dem +Kopf und murmelte: + +»Das war wie in alter Zeit, als ich noch mit Adolphe in Canadas Wäldern +jagte – das klang genau wie sein Jagdruf – der schrille Ton einer +kleinen, an der französichen Küste heimischen Möve.« + +»Aber Wetter noch einmal!« rief er plötzlich in einiger Unruhe +aufspringend – »und wenn das nun doch am Ende Adolphe selber – aber es +ist ja nicht möglich – wie hätte er diesen Ort auffinden können.« + +Nichtsdestoweniger tappte er nach seinen Waffen herum, die neben ihm auf +der Matte lagen, und steckte sie zu sich. Der Regen hatte jetzt für +kurze Zeit nachgelassen, und nur die schweren Tropfen fielen draußen +noch von den Zweigen nieder. Schlafen konnte er doch nicht, also stand +er auf und ging an die Thür die, halbangelehnt, ihm einen Blick auf den +kleinen freien, jetzt von dem auf wenige Momente vorbrechenden Mond +erhellten Platz gewährte; ha dort drüben bewegte sich beim ewigen Gott +eine Gestalt – Wild konnte es nicht sein, das gab es ja nicht auf +diesen Inseln. Eine dunkle Wolke legte sich wieder über den Mond und +hüllte Alles in tiefe Nacht, als aber René, das gespannte Terzerol +krampfhaft fest in der Faust mit spähendem Blick und lauschend +vorgebeugtem Oberkörper da stand, erkannte er deutlich zwei dunkle +Gestalten die über den Plan, grade auf ihn zu glitten. – + +»Verrath!« murmelte er leise zwischen den Zähnen durch, und mit +Blitzesschnelle in das Haus zurückspringend, gewann er die andere Thüre. +Aber in demselben Moment fühlte er sich von drei eisernen Armen zu +gleicher Zeit gepackt und es war ein Glück für wenigstens einen der +Fänger, daß das Terzerol versagte, denn gerade gegen das Ohr des +Harpuniers gepreßt hatte es René abgedrückt. + +»Teufel!« schrie er, als er es von sich werfend sein Messer zu ziehen +suchte – umsonst, die Uebermacht war zu groß, und wenige Minuten später +lag er, an Händen und Füßen gebunden, in der Gewalt seiner Feinde am +Boden. + +»~Damn it~ mein Bürschchen,« lachte der alte Harpunier in aller Freude +über den gelungenen Fang, »ich hatte heute Abend, als ich auf den Regen +fluchte, nicht geglaubt daß er mir mit Deinem Pulver zu gleicher Zeit +einen so guten Dienst erweisen würde – das war jedenfalls gut gemeint, +ich rechne Dir’s aber nicht an – hätte dasselbe an Deiner Stelle +gethan; nun sei aber auch vernünftig und wehr Dich nicht nutzlos mehr – +wir sind hier unserer sieben gegen einen, und Du wirst begreifen daß da +doch jeder Widerstand nutzlos ist.« + +»Mordet mich!« schrie aber René mit aller Kraft der Verzweiflung gegen +seine Banden und die Arme die ihn niederhielten, ankämpfend – »mordet +mich, wie Ihr mein Glück zerstört habt, aber beim ewigen Gott, Ihr sollt +mich nicht lebendig von dieser Insel nehmen.« + +»Das käme auf einen Versuch an,« sagte der Harpunier kaltblütig – +»willst Du denn gar keine ~raison~ annehmen, so haben wir uns schon so +viel Mühe um Dich gegeben, daß wir Dich nun auch wohl das kleine +Stückchen Wegs noch tragen können. Nehmt ihn auf Leute – nehmt ihn auf +– oh wenn er gar so sehr strampelt – hier ist noch Leine genug zwanzig +solche Bürschchen förmlich damit einzuwickeln – so das thuts – noch +eins um die Füße, und nun nehmt ihn auf und fort damit – da kommt schon +wieder ein neuer Regenschauer; daß die Pest ein solches Land hole.« + +»Ja wohinaus gehts aber jetzt?« sagte Einer der Leute, nachdem sie den +sich wüthend Sträubenden aufgehoben hatten – »ich weiß den Weg nicht +mehr.« + +Der alte Harpunier sah sich einen Augenblick selber verdutzt in der +Dunkelheit um. – + +»~Damn it~,« brummte der Alte, »jetzt bin ich auch confus geworden – +welchen Cours sind wir denn eigentlich heraufgesteuert. Wo ist denn die +verdammte Bestie von Insulaner – he Raiteo, Canaille verwünschte – wo +steckt der Satan?« + +»Verrathen und verkauft,« knirrschte René zwischen den zusammengebissenen +Zähnen hindurch, als er von der verzweifelten Anstrengung zum Tod +erschöpft zurücksank und sich jetzt willenlos forttragen ließ. – Nicht +weit von ihm ab antwortete aber ein leiser Pfiff. Es war der Insulaner, +der dort auf die Seeleute, außer dem Bereich des ~Ihiamoea~, wartete, +und schweigend führte er den Zug den steilen schlüpfrigen Pfad wieder +zurück nach dem Landungsplatz. + +Der Regen goß jetzt förmlich in Strömen nieder, wenn auch der Wind für +den Augenblick etwas nachgelassen hatte, als sie aber oben die +Pandanus-Niederung erreichten, und nun auf ebener Bahn, auf dem scharfen +Corallensand, dicht am Ufer einer der kleinen zahlreichen Lagunen oder +Binnenseeen hinschritten, dröhnten laut und mahnend die beiden +Kanonenschüsse von Bord des Delaware zu ihnen herüber. – Fast +unwillkürlich hielten die Leute einen Moment, der Harpunier aber rief: + +»Vorwärts, meine Jungen, vorwärts, wir kommen gerade zur rechten Zeit – +Wetter noch einmal, das war abgepaßt, eine Stunde später und wir hätten +die ganze Geschichte aufgeben müssen.« + +»Was mögen sie an Bord haben?« frug Einer der anderen Harpunier. + +»Wahrscheinlich wird dem Alten der Wind zu bunt,« lachte der Harpunier, +»und jetzt ists gerade eine hübsche ruhige Zwischenzeit an Bord zu +fahren – rasch Ihr Leute, da vorn seh’ ich schon die Hüttenfeuer.« + +Ein neuer Hoffnungsstrahl blitzte vor René’s Seele auf – wenn ihn auch +Einer der Insulaner verrathen hatte, waren ihm doch fast alle Anderen +gewogen und wer weiß ob sie ihn, wenn er sie anriefe, so vor ihren +eigenen Augen wegschleppen ließen. Soviel hatte er, während seines +Aufenthalts auf der Insel auch schon von der Tahitischen Sprache +gelernt, und als er die ersten Stimmen an den nicht mehr fernen Häusern +hörte, damit die Leute Zeit bekämen sich zu sammeln ehe die Weißen das +Boot gewinnen konnten, schrie er plötzlich mit lauter donnernder Stimme +um Hülfe. + +»Knebel her!« sagte der Harpunier ruhig aber rasch – »wer hat ihn – Du +John?« + +»Ja hier« – antwortete der Mann dem Harpunier den Knebel reichend. + +»Der Kerl schreit uns am Ende doch noch die Insulaner auf den Hals – +wer weiß wen er hier Alles zu Freunden gewonnen hat, und besser ist +besser.« + +An allen Gliedern gebunden und mit dem Knebel im Mund vermochte der +Gefangene sich nicht weiter zu rühren, und gleich darauf erreichten sie +den Strand. + +Raiteo forderte aber jetzt, ehe sie zu seinen Leuten hinunterkamen, den +bedungenen Lohn, denn er wollte sich nicht mit den Weißen zusammen +blicken lassen. Ehe sie abstießen gedachte er dann mit einem Bruder von +sich, zum Boot zu kommen und die Sachen in Empfang zu nehmen, die dort +noch für ihn bestimmt waren. + +»Lauft rasch mit dem Burschen da voran, und legt ihn in’s Boot, bis ich +den Schuft hier abgefertigt habe,« sagte da der Harpunier zu seinen +Leuten – »Wort müssen wir ihm doch halten; und seht zu daß Ihr das Boot +flott bekommt bis ich unten bin.« Und während die Leute mit ihrer Last +rasch dem Strande zueilten, blieb er neben dem Insulaner stehen und +zahlte ihm das Blutgeld. Als er sich von ihm abwandte seinen Leuten zu +folgen, glitt Raiteo in die Büsche. + +»Höll’ und Teufel,« fluchte jedoch der alte Harpunier als er zum Strand +kam und sah wie die Mannschaft mit dem Boot beschäftigt war, das hoch +und trocken auf der Corallenbank und wohl funfzig Schritt vom Wasser ab +saß – »ob ich es den verdammten Schuften von Insulanern nicht gesagt +habe das Boot flott zu halten – und ich glaube beim Teufel, sie haben +es noch mehr aufs Trockene gezogen; daß der Böse ihre Seelen verdamme. +Hinein damit Jungens – greift unter und tragt es in’s Wasser – werft +den Plunder hinaus der vorn darin liegt – der Eigenthümer mag ihn sich +holen – wo ist René?« + +»Hier am Hause liegt er,« sagte Einer – »Bill und Adolphe stehen Wache +bei ihm.« + +»Ach was Wache, der läuft jetzt nicht fort – hier Bill – hier Adolphe +mit angefaßt und tragt das Boot zu Wasser – hallo meine Jungen alle +zusammen – ~there she comes – a hoy-y~. Was zum Teufel macht es so +schwer – was liegt da drinne?« + +»Es liegt hinten ganz voller Früchte,« antwortete Bill. + +»Früchte? hinaus damit, wir haben jetzt keine Zeit uns mit Früchten +abzugeben – so – Alles hinaus – hier an die Seite damit, was in +Körben ist, können wir nachher wieder hineinwerfen, und hallo hier – +einmal eine Parthie von den Insulanern her, die können uns mit helfen, +wenn sie uns wieder los werden wollen.« + +Von diesen ließ sich aber keiner blicken – der Hülferuf des +Unglücklichen, den sie gehört, hatte ihnen das Schicksal desselben +verrathen, und wenn sie auch, wie René in letzter Verzweiflung gehofft, +keineswegs gesonnen waren ihr Leben daran zu setzen, um ihn wieder zu +befreien, so mochten sie doch auch weiter Nichts mit der Sache zu thun +haben, vielweniger denn den Fremden selber in irgend etwas behülflich +sein. + +Dicht am Strand wo die Leute, vielleicht zehn Schritt von dem Boot, den +Gebundenen niedergelegt hatten, stand eine kleine Bambushütte, in +welcher die Missionäre, wenn sie sich auf dieser Seite der Insel +befanden und, vielleicht von einem Wetter überrascht, nicht mehr zu dem +Missionsgebäude kommen konnten, gewöhnlich übernachteten. Hierher hatte +sich auch, als das Wetter ärger zu werden drohte, der ehrwürdige Bruder +Rowe zurückgezogen, ließ sich aber natürlich nicht blicken wie er die +Männer mit ihrem Gefangenen ankommen hörte, sondern hielt seine Thür, +allerdings nur dünnes Bambusgeflecht, geschlossen. Durch die überall +offenen Stäbe der Wände konnte er aber deutlich erkennen was draußen +vorging, und der gebundene und geknebelte René wurde solcher Art in +nicht zwei Schritten von seiner eigenen Thüre niedergelegt, während die +Leute kaum zehn Schritt weiter damit beschäftigt waren das Boot dem +Wasser zuzuarbeiten. Bruder Rowe stand dicht hinter der Thür und schaute +schweigend und nachdenkend auf den gebunden am Boden Liegenden nieder. + +Außer ihm war aber noch eine andere Gestalt ganz in der Nähe, und zwar +niemand anderes als das indirekte Werkzeug des ehrwürdigen Herren – +Raiteo, der vorsichtig um das Haus herumglitt und die Bewegungen der +dicht dabei in dem Boot beschäftigten Männer auf das vorsichtigste +beobachtete. – Er hatte seinen Bruder oder irgend einen seiner Freunde +schon abgeschickt die ihm noch zukommenden Waaren zu holen, und seine +eigenen Gründe sich nicht selber dorthin zu bemühen. + +»Schuft? – so?« murmelte er dabei zwischen den Zähnen durch – »erst +ist man gut genug weißer Mann Capitain da hinauf zu führen und nachher +ist man Schuft; gut – gut Raiteo ist nicht so dumm – Raiteo hat Geld +– liegt sicher unterm Baum – Raiteo hat seinen Contrakt erfüllt – +jetzt kann Raiteo machen was er will, und jetzt will Raiteo einmal sehn +was er machen will.« + +Die Wallfischfänger hatten indessen Alles was das Boot schwerer machen +konnte hinausgeworfen, und während der Regen wieder in Strömen +niedergoß, faßten die sieben kräftigen Gestalten das Boot und schoben es +langsam aber in sicherem Fortgang den ersten kleinen Abgang hinunter, wo +es wieder durch eine neue Corallenschicht aufgehalten, aber auch über +diese endlich weggehoben wurde. + +»Die verdammten Schurken von Indianern lassen sich nicht blicken,« sagte +der alte Harpunier, keuchend in aller Anstrengung, »aber hol’ sie der +Henker, wir brauchen sie auch nicht – munter meine Jungen, munter – +denn hinten kommts wieder so schwarz wie Nacht herauf und wir müssen +machen daß wir das Schiff erreichen, wenn uns der Alte hier nicht +zurücklassen soll, und dann hätte er nachher eine schöne Mannschaft an +Bord, ohne alle Officiere.« + +Der Delaware hatte eine Laterne ausgehangen und schien, soweit man nach +der Bewegung derselben urtheilen konnte, wieder näher zu kommen. + +Als sich die Seeleute mit dem Boot von dem Haus entfernten, glitt Raiteo +dahinter vor, und wie eine Schlange dicht an den festgebundenen Körper +des Gefangenen hinan, wo er, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben +und ohne weitern Zeitverlust begann, die verschiedenen Seile mit denen +der Körper des Unglücklichen förmlich umwunden war, durchzuschneiden. +So leise und geschickt war dies Maneuvre auch, von der Nacht begünstigt, +ausgeführt daß der, gewissermaßen dicht davorstehende Missionair, der +die Augen doch fortwährend auf den Körper geheftet gehabt, wohl eine +Bewegung sah, aber in der ersten Minute gar nicht unterscheiden konnte +was es eigentlich sei. René übrigens, der schon jeden Gedanken an +Rettung in dumpfer Verzweiflung aufgegeben hatte, und jetzt nur Trost in +dem einzigen Entschluß fand, sowie man ihn an Bord seiner Fesseln +entledige seinem Leben gewaltsam ein Ende zu machen, fühlte kaum den +scharfen Schnitt eines Messers an den Seilen, als ihm wilde fröhliche +Hoffnung durch Mark und Seele schoß. Er begriff zugleich die +Nothwendigkeit vollkommen regungslos zu bleiben, die Aufmerksamkeit der +nur kurze Strecke von ihm entfernten Seeleute nicht auf sich zu ziehen; +aber selbst die Secunden die er hier wieder in furchtbarer Erwartung +lag, ob nicht doch noch, ehe er den Gebrauch seiner Glieder wieder +gewinnen konnte, Jemand von unten heraufkam und der Versuch zu seiner +Rettung entdeckt würde – erfüllten ihn mit wahrer Höllenpein. + +Raiteo hatte Verstand genug die Füße erst frei zu machen, denn selbst +mit gebundenen Händen war in diesem Dunkel die Möglichkeit zu entfliehen +da. René drängte es aber den Arm frei zu bekommen, wenigstens sein +Messer, das er noch an der Seite fühlte, zu erfassen; der Knebel +verhinderte ihn aber auch nur einen Laut von sich zu geben, und Raiteo +wollte den nicht entfernen bis er mit allem übrigen im Reinen wäre. Mit +den Füßen glaubte er jetzt fertig zu sein und ging an die Arme, ein +dünnes Seil, daß er in der Dunkelheit übersehen hatte, hielt jene aber +noch zusammen, und René hob die Knie auf es ihm bemerklich zu machen. + +»Geh doch einmal Einer hinauf und sehe nach dem Gefangenen,« sagte in +diesem Augenblick die Stimme des Harpuniers, die deutlich zu ihnen +herüberdrang. Rasche Schritte wurden gegen sie zu gehört, und Raiteo der +keineswegs im Sinne hatte seine eigene Person irgend einer Gefahr +preiszugeben, ließ den noch immer Gebundenen wie er war, und glitt um +das Haus hinum. + +Hierdurch wurde es aber auch jetzt dem Missionair, der schon der +Bewegung des Gefangenen nach Verdacht geschöpft, klar, daß irgend Jemand +an der Befreiung desselben arbeite. _Wer_, konnte er natürlich nicht +erkennen, aber es lag keineswegs in seinem Plan den Mann hier auf der +Insel zu behalten, nun es doch einmal soweit gediehen war. + +René schloß die Augen und sank zurück in stummer Verzweiflung. + +Der Mann von unten sprang auf den Liegenden zu, und bog sich zu ihm +nieder, wie um nachzusehen ob seine Stricke auch noch in Ordnung seien; +zu gleicher Zeit aber fühlte René wie ein scharfes Messer und eine +geübte Hand das Tau von einander trennte das seine Arme fest umspannt +hielt, eine Hand glitt an seinem Körper hinunter, fühlte das Seil um die +Knie und trennte auch dieses. + +»Muth!« flüsterte dabei eine Stimme die René’s Ohren wie himmlische +Sphärenmusik klang – »Muth René und jetzt fort,« – und sich +aufrichtend rief er laut: + +»~All right~!« und drehte sich rasch um, den Platz zu verlassen, als er +plötzlich einen Arm auf seiner Schulter fühlte und erschrocken stehen +blieb. René lag noch am Boden, als er ebenfalls die zweite Gestalt +bemerkte, aber seine Hand faßte leise das Messer und zog es aus der +Scheide – er wußte er war frei, denn zwei Sätze konnten ihn in den +Bereich des Waldes und aus der Gewalt seiner Feinde bringen. + +Adolphe, denn dieser war René’s Befreier, drehte fast unwillkürlich den +Kopf halb ab, um nicht erkannt zu werden und suchte schon loszukommen, +sich wieder unter seine Kameraden zu mischen und dadurch jeden Verdacht +von sich zu entfernen, als er zu seinem Staunen die Stimme des +Missionairs erkannte, der ihn leise etwas von dem vermeintlich +Gebundenen fortzog, damit dieser ihn nicht erkennen möchte, und mit +hastiger aber unterdrückter Stimme sagte: + +»Habt Acht auf Eueren Gefangenen Sir – man will ihn befreien – ich +habe –« + +Er sagte nichts weiter, denn ein einziger Faustschlag des riesigen +Franzosen, gerad gegen seine Stirn, streckte ihn besinnungslos zu Boden. + +»Bind ihn,« flüsterte da Adolphe rasch, sich zu diesem niederbiegend – +»_er_ hat Dich an uns verrathen,« und so schnell wie er gekommen, sprang +er die Corallenbank wieder hinunter, wo die Leute eben mit Anstrengung +aller ihrer Kräfte das Boot bis zum Wasserrand gebracht hatten. + +»Der Gefangene liegt noch am Boden,« sagte er, als er sich hier wieder +unter die Uebrigen mischte. + +»Aber habt Ihr nicht nachgesehen ob die Seile noch in Ordnung sind?« +frug der Harpunier. + +»Ich kann noch einmal hinaufgehn,« erbot sich Adolphe. + +Da blitzte es vom Wasser herüber, und gleich darauf dröhnte der dumpfe +Schall eines neuen Schusses, dem in kaum einer Minute ein zweiter +folgte, zu ihnen herüber. + +»Hinein mit dem Boot in’s Wasser!« schrie der Alte, alles Andere in dem +Bewußtsein der Nothwendigkeit vergessend, so rasch als möglich wieder an +Bord zu kommen, »wacker Ihr Leute, wacker und legt Euch dagegen mit +Brust und Seele!« + +Den vereinten Anstrengungen der Leute gelang es das Boot vorn in die +Fluth zu bekommen, das unruhige Wogen derselben half nach, und bald lag +es flott. + +»Jetzt hinein, mit Riemen und Masten!« lautete der rasch gegebene +Befehl, »und vergeßt Nichts Ihr Jungen – laßt die Früchte liegen wo sie +sind – vier von Euch nach dem Gefangenen – halt hier – das Boot stößt +noch auf – noch einmal unter, alle zusammen – ~a hoy~ – ~there she +goes~ – nun die Riemen und unsern ~mossier~ her und hinein mit Euch.« + +Es war auch Zeit daß sie von Lande abkamen – der Wind hatte sich, +während einer fast anderthalb Stunden langen Stille, total herumgedreht, +und aus Westen kann es in diesen Breiten oft gar bös an zu wehen fangen. +– Dort stieg auch schon eine schwere rabenschwarze Wand auf, und der +Delaware mußte jetzt allerdings machen daß er von der Küste abhielt. Die +Leute rannten sämmtlich, so rasch sie konnten, die Bank hinauf, drei von +ihnen die Riemen und den Mast in’s Boot zu nehmen; die andern drei den +Gefangenen zu holen. Unter diesen Adolphe. + +»Auf mit ihm,« rief dieser, den Oberkörper des auf der Erde Liegenden so +packend und mit Leichtigkeit emporhebend, daß er den Kopf unter seinen +Arm bekam – »auf mit ihm Jungens – und hinunter – da geht ein anderer +Kanonenschuß, bei Gott!« + +Die beiden andern Bootssteuerer faßten, der Eine in der Mitte, der +Andere unter die Knie des Gebundenen, und im vollen Lauf fast ging es +damit die Corallenbank hinunter. + +»Vorn in’s Boot mit ihm,« schrie der Harpunier – »haut ihm eins über +den Schädel wenn er sich nicht fügen will – an Eure Riemen für Euer +Leben, dort kommts herauf – hinein in’s Boot mit ihm sag’ ich – werft +ihn hinein, zum Donnerwetter, wenn er nicht gehn will, darf’s ihm auch +nicht auf eine Beule ankommen.« + +»Wetter noch einmal,« brummte Bill, als die im Boot Stehenden den Körper +anfaßten, hineinzogen und vorn in den Bug mehr warfen als legten, »René +ist hier ordentlich stolz geworden; der hat jetzt Schnallen an den +Schuhen.« + +Es war aber in diesem Augenblick weder Zeit viel Bemerkungen zu machen, +noch sie anzuhören oder gar zu beachten. Die Leute sprangen an ihre +Plätze, warfen die Riemen in die Dollen, der alte Harpunier hatte den +seinigen durch das Rudereisen gezogen, und durch die elastischen Riemen +vorwärts getrieben flog das leichte Boot ordentlich durch die schon +unruhige See dem glücklicher Weise nicht sehr fernen Schiff, das jetzt +auch noch eine zweite Laterne aufgezogen hatte, entgegen. + + * * * * * + +René war in dem Augenblick als ihn Adolphe verließ, in die Höhe +gesprungen, und wußte in der That, in dem ersten Gefühl jubelnder +Freiheit, nicht was er thun, ob er dem Rathe Adolphes folgen, oder den +Priester ungebunden liegen lassen sollte, wo seine Flucht dann +allerdings gleich bemerkt werden mußte, sobald sie ihn nur auffaßten. +Eine zweite Person entschied aber seinen Zweifel, und zwar niemand +Anderes als Raiteo. + +Raiteo war nämlich ein höchst aufmerksamer und selbst überraschter Zeuge +sämmtlicher letzter, so schnell auf einander folgender Vorfälle gewesen. +Klug genug aber einzusehn daß es für ihn jetzt besonders Zeit sei sich +bei der Befreiung noch etwas zu betheiligen, wenn er überhaupt später +Ehre und vielleicht auch noch Nutzen daraus ziehen wollte, hatte er auch +noch einen andern Grund zu wünschen, die Weißen möchten die Insel mit +dem Glauben verlassen, daß Alles in Ordnung sei, weil sie sonst am Ende +noch Einsprache wegen den übrigen, zum Theil noch nicht einmal +geborgenen Waaren thun, oder doch Lärm schlagen konnten, und dann den +Antheil auf der Insel bekannt machen mußten, den er selber bei dem Fang +des Europäers gehabt, und dessen er sich, so verstockt er sonst sein +mochte, doch einigermaßen schämte. Kaum hatte er deshalb den Missionair, +von dem er im ersten Augenblick gar nicht wußte woher er auf einmal kam, +fallen gesehn und die Worte Adolphes gehört die dieser dem Freunde auf +englisch zurief – »bind ihn« als ihm auch das ganze Nützliche einer +solchen Maßregel einleuchtete und er, aus seinem Verstecke vorgleitend, +ohne weiteres Hand an den geistlichen Herren legte, und ihn rasch an +Händen und Füßen band. + +René der wußte daß er von dieser Seite keinen Angriff zu fürchten, ja +nur Hülfe zu hoffen hatte, erkannte im ersten Augenblick den Burschen +gar nicht, bis Raiteo sein Gesicht gegen ihn aufhob und mit leiser +Stimme und bedeutungsvollen Zeichen sagte: + +»Knebel – schnell!« + +»Schurke verdammter, wo kommst Du her?« rief René fast unwillkürlich. + +»Pst,« sagte aber Raiteo, diesmal nicht im mindesten beleidigt – +»Knebel.« + +Zeit war aber auch in der That nicht zu verlieren, und kaum hatte der +Insulaner den Knebel auf das geschickteste in den Mund des am Boden +Liegenden gebracht, von dem er sich jedoch vorher wohl überzeugt hatte +daß er bewußtlos war, als sie auch schon die Leute die Corallenbank +heraufspringen hörten, und nun rasch um das Haus herum und in das +Dickicht schlüpften. + +Mit klopfendem Herzen hörte René wie sie den Körper seines +Stellvertreters auffaßten und zum Boot hinunter trugen – dann aber, als +die Riemen in das Wasser einfielen und die regelmäßigen – o so +wohlbekannten Ruderschläge an sein Ohr tönten und weiter und weiter in +der Ferne verhallten, da war es ihm als ob eine Centnerlast von seiner +Brust gewälzt wäre, und mit der dringensten Gefahr auch jeder trübe +Gedanke aus seiner Seele verschwunden – sein leichter Sinn schwamm +wieder in der alten fröhlichen Lust oben. + +»Du bist doch der abgefeimteste durchtriebenste Erzschurke, Raiteo, der +sich denken läßt,« wandte er sich lachend an diesen, der im Anfang nicht +recht zu wissen schien auf welchem Fuß er nun, mit dem eben Befreiten +wieder stehen würde, schon nach dem Klang der Stimme aber vollkommen +begriff wie der »weiße Mann nicht Capitain« die Sache aufnahm, ihn aber +das natürlich nicht merken lassen wollte, und nur mit kläglichem Ton +jetzt versicherte und betheuerte, der »Bodder Aue« habe seinen +Schlupfwinkel an weißen Mann Capitain verrathen, und weißer Mann +Capitain ihn mit vorgehaltener Pistole und gebundenen Händen gezwungen +sie nach dem von dem Missionair bezeichneten Platz hinzuführen. + +Das erste war, wie René aus Adolphes eigenem Munde erfahren, in der That +so, das zweite jedoch kaum wahrscheinlich, doch nahm der junge Franzose +den Burschen eben wie er war, und fühlte sich auch in seiner +neugewonnenen Freiheit nicht im mindesten geneigt auf irgend Jemanden in +der weiten Welt zu zürnen; überdies hatte Raiteo doch auch einen Theil +seiner Schuld wieder gut gemacht, und dadurch jedenfalls Reue über etwa +begangene Missethat gezeigt. + +René war übrigens noch zu sehr mit dem Schiff selber beschäftigt. Die +neuen Kanonenschüsse verriethen des Capitains Eile in der er schien hier +fortzukommen – etwas wofür ihn der Befreite in seinem Herzen segnete, +und bald zeigten auch die niedergeholten Lichter daß das Boot an Bord +sei. Noch konnte er die Compaßlampe durch die Nacht erkennen, aber bald +erlosch dieser schwache Punkt ebenfalls, und mit dem jetzt aus vollen +Backen einsetzenden West war in kaum einer halben Stunde jede Spur von +dem so gefürchteten und auch so furchtbar gewesenen Schiff verschwunden. + +Nichtsdestoweniger, und trotz dem Wetter, blieb René die Nacht auf dem +ersten Hügel, auf den ihn Raiteo noch hinaufführen mußte, mit diesem auf +Wache, und erst, als er sich mit dämmerndem Tage überzeugte daß der +Delaware nirgends mehr am Horizont zu erkennen war, flog er mehr als er +ging die steilen schlüpfrigen Hänge hinunter, dem Missionsgebäude zu, wo +Sadie schon in peinlicher Angst den ausgeschickten Boten erwartete, der +ihr melden solle ob das Schiff die Insel verlassen habe. + +Wie erschrak das arme Mädchen, als sie die furchtbare Gefahr des +Geliebten erfuhr, aber den Glücklichen konnten trübe Erinnerungen oder +_vergangenes_ Leid, die jetzigen frohen Stunden nicht verbittern, und +Sadie wie René _waren_ glücklich. + +René hütete sich übrigens wohl, zu erwähnen was aus dem geistlichen Mann +geworden sei, obgleich er natürlich nicht verheimlichen konnte und +wollte, daß er durch dessen freundliche Fürsorge verrathen worden, und +Raiteo beobachtete ebenfalls in dieser Hinsicht eine höchst lobenswerthe +Discretion. + + * * * * * + +Was _war_ aber aus ihm geworden? + +Als das Boot nur eben nahe genug zum Schiff gekommen war, daß sie dort +die regelmäßigen Ruderschläge unterscheiden konnten – schrie der +Capitain schon mit Donnerstimme hinüber: + +»Boot ahoy!« + +»~Ship ahoy~!« lautete die rasche Antwort des Harpuniers – »~all +right~!« + +»Scharf meine Jungen, scharf – macht daß Ihr an Bord kommt,« schrie die +Stimme wieder – »steht bei hier mit den Taljen – alles klar?« + +»Alles klar Sir,« lautete die Antwort zweier Matrosen, die an den +Krahnen standen zu welchen das Boot gehörte, die Taljen niederzulassen. + +»Nieder mit Eueren Blöcken,« rief’s schon in dem Augenblick von unten +herauf, als daß Boot an die Seite schoß und die Ruder, wie mit einem +Schlag in die Höhe geworfen, längs hineinfielen – »hier – hakt rasch +ein – hinauf mit Euch – ~all right~!« – brüllte der Harpunier wieder +durch das Schreien der Leute und das Rasseln der Raaen oben, die +ebenfalls zu gleicher Zeit herumflogen. Seine Leute kletterten rasch an +Bord hinauf, nur zwei zurücklassend, die an beiden Enden standen und die +eingehakten Taljen wahrten, und eine halbe Minute später schwebte das +Boot nach oben und unter seine Krahne, mit dem Deck gleich, während die +im Boot Zurückgebliebenen den Gebundenen vorholten und nach Bord +hineinreichten. + +»Der hat die letzten zehn Minuten gestrampelt, als ob er sich die Seele +aus dem Leibe treten wollte,« brummte Bill, als sie ihn oben über die +Schanzkleidung holten – »aber zum Donnerwetter –« + +»Zwei Reefen in Vor- und große Marssegel – fort mit Euch da hinauf!« +schrie der Capitain in diesem Augenblick; die Leute mußten den +Gebundenen, der sich am Boden wand wie ein Wurm, liegen lassen und das +Niederrasseln der Raaen, das Heulen der Leute an den Reeftaljen +übertäubte für den Augenblick selbst das, jetzt mit Macht aufkommende +Wetter. Die nächste Viertelstunde nahm das Reefen selber in Anspruch, +und Niemand kümmerte sich indessen um den unglückseligen Priester. Erst +als die Mannschaft mit dem gewöhnlichen tönenden »~Oh – jolly men – +hoy~« die Marsraaen wieder aufzog, trat der zweite Harpunier, der nicht +mit am Lande gewesen war und schon die letzten fünf Minuten die an Deck +liegende Gestalt forschend und etwas mistrauisch betrachtet hatte, auf +diese zu und sich zu ihr niederbiegend rief er erstaunt: + +»~Why – damn it~ – das ist René nicht!« + +»René nicht?« antwortete der Capitain, der dicht neben ihm stand, mit +der Linken eine der Brassen gefaßt hatte, und die Blicke auf die +aufsteigenden Raaen gerichtet hielt – »wer soll’s _denn_ sein? – +~belay that~ – – große Marsraae – was liegt an jetzt?« + +»Norden halb Westen,« tönte die monotone Stimme vom Steuerrad herüber. + +»~Steady then~ – halt den Cours – wer soll’s denn sein Mr. Browning.« + +»Weiß nicht Sir,« sagte dieser der, indeß der Capitain die obigen +Befehle gegeben, dem Steward zugerufen hatte eine der noch im Spintge +stehenden Lampe – die vorige Signallaterne – herauszubringen, und mit +dieser vor den Gebundenen trat – »hallo wen haben wir hier?« + +»Hallo Mr. Rowsey,« rief aber in diesem Augenblick der Capitain, der +ebenfalls hinangetreten war und jetzt mit in das ihm vollkommen fremde, +wilde verstörte Gesicht des Bruder Rowe schaute – »wen zum Henker haben +Sie uns da vom Lande mitgebracht? – haben Ihnen die Indianer _die_ +Jammergestalt hier als René verkauft?« + +Der alte Harpunier drückte sich rasch durch die, den Gebundenen +umdrängenden Officiere und stand, während aller Augen halb erstaunt halb +lachend auf ihn gerichtet waren, wohl eine halbe Minute verdutzt vor +dem, was ihn im ersten Augenblick kaum weniger als eine Erscheinung +deuchte; endlich aber platzte er heraus. + +»~Why~ – Gott straf mich, das ist ja der Pfaffe. – Den? – +Himmeldonnerwetter – _den_ haben _wir_ doch nicht etwa im Boote +mitgebracht?« + +»So bindet ihn wenigstens los,« sagte der Capitain ruhig, und nur mit +Mühe sein Lachen verbeißend. Während aber zwei daran gingen die Banden +aufzuschneiden und den Gefangenen besonders von seinem Knebel zu +befreien, fluchte und wetterte der alte Harpunier auf Deck herum, und +schien gar nicht übel Lust zu haben jetzt selber über den Missionair +herzufallen, als ob der arme Mann die Schuld dieser für ihn so traurigen +Verwechselung trage. + +Bruder Rowe bekam aber kaum seinen eigenen Mund frei, als er auch +augenblicklich seine eigene Meinung von der Sache hatte, über Mord und +Gewalt schrie, und verlangte ohne Säumen wieder an Land gesetzt zu +werden. Mit Mühe nur bekam man von ihm heraus, daß seiner Meinung nach +einer der Leute aus dem Boot ihm einen Schlag versetzt, der ihn +bewußtlos niedergestreckt und ihn dann wahrscheinlich gebunden und +geknebelt hatte. Hiergegen protestirte aber der Harpunier als eine +Unmöglichkeit, denn so lang sei gar keiner von seinen Leuten von ihm +entfernt gewesen, das zu bewerkstelligen. Nichtsdestoweniger wurden die +Leute alle vorgerufen und der Priester sollte jetzt den nennen, den er +für den Thäter halte – war das aber nicht im Stande. Der Harpunier +erinnerte sich übrigens einmal Einen die Bank hinaufgeschickt zu haben +nach dem Gebundenen zu sehn, der war jedoch augenblicklich zurückgekehrt +und Adolphe meldete sich, gleich auf die erste Frage, ohne weiteres, +hatte aber, wie er ruhig bemerkte, nur die Gestalt am Boden liegen +gesehn und sich um weiter Nichts bekümmert. + +Adolphe war nun allerdings René’s Landsmann, und wenn auch bei Manchem, +selbst bei dem Capitain ein leiser Verdacht aufsteigen mochte, daß damit +nicht Alles richtig hergegangen sei, ließ sich auch nicht das mindeste +mit einer Anklage machen, bei der der Kläger selber nicht einmal den +Thäter erkannte, vielweniger auf ihn zu schwören vermochte. Dazu kam +noch der alte Groll, den Wallfischfänger gewöhnlich gegen die +Missionaire, sehr häufig allerdings ungegründet, manchmal aber auch mit +Ursache haben, und in dem Aerger über das Entkommen des Matrosen mischte +sich jedenfalls eine gewisse Parthie Schadenfreude, daß gerade der +Priester, der den Seemann verrathen hatte, in dieselbe Grube gefallen +war die er dem Andern gegraben, und der Capitain zuckte zuletzt nur mit +den Schultern, als der geistliche Herr in vollem Zorn versicherte, er +werde sich an seine Regierung wenden und volle Genugthuung für diese +schmählige, nichtswürdige Behandlung fordern. + +Jetzt aber verlangte er vor allen Dingen augenblicklich und ohne +weiteres Säumen wieder an Land gesetzt zu werden. + +»An Land!« rief dagegen der Capitain – »jetzt bei _dem_ Wetter? und +wenn Sie mir tausend Dollar Passage bis zu der verdammten Insel zahlten, +die ich wollte ich hätte sie im Leben nicht gesehen, möchte ich keins +von meinen Booten und vielweniger mein ganzes Schiff noch einmal +zwischen die Riffe hineinwagen.« + +Bruder Rowe war außer sich – aber Drohungen wie Versprechungen blieben +gleich fruchtlos, und das einzige womit ihn der Capitain tröstete, war, +daß er eine der nördlich gelegenen Inseln wolle anzulaufen suchen, von +da könne er dann sehen wie er wieder nach Tahiti oder hierher +zurückkomme. + +Zwei Tage später lief er Bola-Bola an, wo er den ~Rev.~ Mr. Rowe +absetzte und vierzehn Tage vergingen ehe er von dort aus im Stande war +seinem Schooner wissen zu lassen wo er sich befand, dessen Leute unter +der Zeit übrigens in vollkommener Gemüthsruhe, und ohne auch nur einmal +nachzufragen weshalb der weiße Mitonare sie so über Nacht verlassen +habe, geblieben waren wo sie sich gerade befanden, sie hatten ja genug +Brodfrucht und Cocosnüsse dort, und der Schooner lag sicher vor Anker, +was wollten sie mehr? – sie hätten auf die Art noch ebensoviele Monate +wie Wochen gewartet. + + + + +Capitel 8. + +#Tahiti.# + + +Wie nach dem wilden furchtbaren Schlag eines Wetters, der uns das Blut +stocken machte in den Adern, fast immer Ruhe eintritt in der Natur, der +nur leise grollende Donner mehr und mehr verhallt in weiter Ferne, und +die Welt, von Sonnenschein beglüht, frisch aufathmend und neu belebt im +reinen blitzenden Lichte liegt, so schien sich alles Leid, das der +Himmel für die Liebenden in seinen dunklen Wolken geborgen, an diesem +letzten furchtbaren Tage entladen – aber auch erschöpft zu haben. + +Mit dem, fast noch während dem Sturm scharf und heftig einsetzenden +Ost-Passat, hätte der _Delaware_ jedenfalls eine lange Zeit gebraucht +wieder gegen die Insel aufzukreuzen, wenn er ja noch im Sinn gehabt mit +beispielloser Zähigkeit sein Ziel zu verfolgen. Das aber war, besonders +nach den letzten Erfahrungen, nicht mehr zu fürchten, und wenn auch Mr. +Osborne durch das eigenthümliche Verschwinden seines Collegen, dessen +Schooner, wie ihm der ~fua~ gleich am andern Morgen meldete, seiner +harrend in dem kleinen Boothafen lag, beunruhigt wurde, verhinderte ihn +dies doch nicht die heilige Handlung an den, ihm jetzt nur noch lieber +gewordenen jungen Leuten zu vollziehen und sein Kind, sein liebes, +liebes Kind dem Schutz des Fremden anzuvertrauen, den ein wunderliches +Geschick an diese Küste geworfen. + +Von da an gehörte René zu den Söhnen des Landes, und selbst Raiteo würde +nicht mehr gewagt haben verrätherisch an ihm zu handeln – wenigstens +nicht unter gewöhnlichen Umständen. + +Am meisten erstaunt waren aber die Insulaner über das Verschwinden des +finsteren Mitonare, und Mr. Osborne wollte schon die betrübende +Nachricht seines Todes nach Tahiti senden, als sich René doch genöthigt +sah ihm seine »Vermuthung« über den eigenthümlichen Fall mitzutheilen. +Bald darauf kam aber die Nachricht von Bola-Bola, daß er dort glücklich +gelandet, und einige Tage später Mr. Rowe selber. Aber er verließ die +Insel wieder, ohne auch nur eine Sylbe über seine Fahrt zu äußern oder +selbst Mr. Osborne aufzusuchen, in dessen Hause er natürlich den, im +vollen Besitz seines erstrebten Glückes gefunden hätte, der die Ursache +seiner Schmach gewesen, und gegen den er jetzt einen, wenn auch +heimlichen, doch so gewaltigeren Haß im Herzen trug. Ihm lag also nicht +daran gerade jetzt mit ihm zusammenzutreffen. + +Aber was schadete der Haß des finsteren Mannes den Liebenden? – In +ihrem neuen Glück dachten sie kaum der Außenwelt, und René besonders, +bei dem der Uebergang von wildester Verzweiflung zu höchster Seligkeit +in dem Umfange weniger Stunden lag, schien sich im Anfang kaum fassen zu +können in jubelnder, jauchzender Lust. Der alte Mr. Osborne hatte sogar +alle Hände voll zu thun ihn selbst nur während der kirchlichen Feier im +Zaum zu halten, und Mi-to-na-re Ezra trippelte fortwährend um ihn herum, +und schien ihn um’s Leben gern bald an einem Arm, bald an einem Beine +fassen zu wollen, nur um den rastlosen beweglichen Wi–Wi ein einziges +Mal fest und ruhig zu halten, wie es einem anständigen Christen, der er +ja doch einmal werden wolle, gezieme. + +In einem gleichen Taumel vergingen ihm selbst die nächsten Monate. Des +Missionairs Rowe Rückkehr von seinem unfreiwilligen Kreuzzug lockte ihm +kaum ein Lächeln auf die Lippen, so gleichgültig war ihm der Mann +geworden, und mit dem Bau für seine eigene kleine Heimath beschäftigt, +den er mit vollem fröhlichen Eifer betrieb, fühlte er, daß er jetzt ein +neuer Mensch geworden, und die Brücke hinter sich abgebrochen habe, die +ihn bis dahin noch mit der Außenwelt, zu der er nicht mehr gehörte, +verbunden. + +So verging fast ein volles Jahr und Mr. Osborne selber fing an zu +glauben daß Bruder Rowe – der aber seit jenem Tag Atiu nicht wieder +betreten, sondern stets einen anderen Geistlichen zur Revision gesandt +hatte, seinen Groll gegen die ihm verhaßte Verbindung der jungen Leute +– zu der _er_ die Hand geboten – in dem regen ja unruhigen politischen +Treiben der Hauptinsel, wie in den gefährdeten Interessen seines Standes +vergessen, oder wenigstens vergeben habe, wie es dem Verbreiter +christlichen Glaubens und Duldens auch gezieme, als ihn eines Tages ein +großes versiegeltes Schreiben des »~board of Missionaries~« von England, +aus seinem Traum und Glauben riß. + +Es war seine Abberufung von Atiu und Versetzung nach Tahiti, +gewissermaßen unter die Aufsicht der dort die obere Leitung der +geistlichen ja auch politischen Angelegenheiten führenden Missionaire, +unter denen Bruder Rowe eine sehr vorragende Stellung einnahm – und +wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf ihn die Botschaft. + +Aber nicht ihn allein; es war die erste Trauerbotschaft für die ganze +Insel, und wenn es Sadie’ens Herz mit Kummer und Sorge füllte, setzte +sich der kleine Mi-to-na-re geradezu in seine Lieblingsecke im Haus auf +den niederen Schemel, und fing an von Herzen weg zu weinen, daß er jetzt +seinen alten Freund und Gönner, Bodder ~O-no-so-no~ verlieren und einen +Anderen – vielleicht gar – es überlief ihn ordentlich wie mit +Fieberfrost – vielleicht gar den »Bodder Aue« dafür herüber bekommen +sollte. + +Sadie hatte kurz vorher dem Gatten ein Mädchen geboren, und wenn es +möglich gewesen wäre René’s Glück zu erhöhen, so hätte es dies neue +Gefühl der Vaterfreude thun müssen. + +René war auch der Einzige vielleicht, der in einer Uebersiedelung nach +Tahiti nicht das Schmerzliche sah wie Sadie und Mr. Osborne, denn daß +sie den alten Mann nicht wollten allein nach der fernen Insel ziehen +lassen verstand sich von selbst. Der Platz hier war ihm lieb und theuer +geworden, und nur mit schwerem Herzen trennte er sich davon, aber mit +seiner Sadie und seinem Kind wußte er auch, daß er sich die Nachbarinsel +ebenso gut zum Paradiese schaffen konnte, und wenn er auch ungern von +ihrem Lieblingsplätzchen am stillen Strande schied, das der Erinnerungen +so viele und theuere für ihn hatte, entschädigte ihn der _Wechsel_ +seines Aufenthalts – wenn er sich darüber auch nicht gerne laut Recht +geben mochte – doch in etwas für die liebgewonnenen Stellen. + +Anders war es mit Sadie; – ihr ganzes Herz hing an dieser heimathlichen +Küste, die ihr das Leben, die Liebe gegeben, und jedes Blatt, jede Blume +die sie zurücklassen sollte that ihr weh. Auch eine heimliche, ihr fast +unerklärliche Angst hatte sie vor Tahiti; sie war nur ein einziges Mal +mit ihrem Pflegevater dort drüben gewesen, und zwar etwa ein Jahr +vorher, ehe der Delaware an ihrer Insel landete; aber das Leben und +Treiben der fremden bewaffneten Männer dort, das kecke Auftreten ihrer +eigenen Landsmänninnen, die ewigen Streitigkeiten dort zwischen +einzelnen ihres Stammes und den Missionairen selber, mit den +Uebergriffen die sich die Franzosen, von den Kanonen ihrer Kriegsschiffe +beschützt, in die Rechte ihrer Landsleute erlaubt, hatten das einfache +Kind des Waldes tief verletzt, und sie war damals recht froh gewesen, +als der kleine Missionscutter endlich wieder die Anker lichtete und dem +heimischen Strand entgegenstrebte. + +_Das_ Land sollte jetzt ihre künftige Heimath werden, und wie nahender +Schmerz lag der Gedanke auf ihrer Seele; sie konnte sich nicht daran +gewöhnen, und mußte sich endlich gewaltsam losreißen von dem theueren +Ort. + +Ein gar trauriger Abschied war es aber besonders von ihrem +Lieblingsplätzchen am Seestrand; sie stand lange, lange dort, das Kind +am Herzen und das kleine, zum ersten Mal sorgenschwere Haupt an die +Brust des Gatten gelehnt, der sie fest und liebend umschlungen hielt. +Was für süße selige Erinnerungen knüpften sich an diesen engen Raum, und +ihr Herz blutete, wenn sie daran dachte ihn _auf immer_ verlassen zu +sollen. Sie war so glücklich hier gewesen – war es noch, und was mehr +konnte ihr die ferne Insel bieten? – + +Ach es war ein recht schmerzlicher Tag auch für den alten Missionair, +und als der kleine Missionscutter endlich unter Segel ging, standen die +Insulaner in weiten Schaaren am Strand, und winkten mit ihren Tüchern, +und riefen den Scheidenden ihr _Joranna, Joranna_ nach, über das blaue +Wasser. Und Sadie saß an Deck, ihr Kind auf dem Schooß und sah die +Wipfel ihrer Palmen langsam in das Meer tauchen und die Hügel sich +senken, und in dem feuchten Abendhauch der über die Wasser strich, +verschwimmen – und wie die Nacht einbrach saß sie noch, den +thränenvollen Blick fest dorthin geheftet, wo ein Theil ihres Herzens +zurückblieb in bitterem Schmerz, sie mochte sich selber Vorwürfe darüber +machen soviel sie wollte. René aber störte sie nicht in ihrem Gram, und +quälte sie nicht noch mehr mit nutzlosem Trost; nur still und schweigend +setzte er sich neben sie und ruhte ihr Haupt an seiner Brust, daß sie +sich dort still und ungehindert ausweinen, aber dann auch wieder neue +Kraft finden konnte, an dem Herzen des geliebten Mannes. + +Die Reise war kurz und glücklich, und Mr. Osborne schon in seinem neuen +Wirkungskreis gekannt, und von den Insulanern geliebt, zu deren Herzen +sein väterliches mildes Wesen weit eher sprach, als der starre finstere +Ernst fast aller anderen Geistlichen. Auch von der Königin Aimata, mit +dem Zunamen Pomare, wurde ihm ein freundliches Plätzchen mit Haus und +Garten zu seinem künftigen Aufenthaltsort angewiesen, so daß er sich +dort wohl hätte wieder recht wohl und glücklich fühlen können, wäre ihm +nicht der unmittelbare Einfluß seines jetzigen und hier viel geltenden +Gegners in seinem ganzen Wirkungskreis zu sichtbar und dadurch +schmerzlich geworden. + +Fast nur auf die Stadt Papetee selber dabei beschränkt, wo französischer +Einfluß und der sich dem geistlichen Joch entringende Sinn der +Eingeborenen die Bevölkerung, wenn auch noch nicht dem anderen Glauben +gewonnen, doch schon dem ihren sehr entfremdet hatte, waren ihm all jene +lieben Pflichten seines Berufs – mit den Eingeborenen in ihrer +Einfachheit zu verkehren und sie in der besseren Lehre zu festigen – +genommen worden, und er fand nur zu bald, daß er es hier mit einem ganz +anderen Menschenschlag zu thun habe als auf Atiu. Nicht mehr allein die +gutmüthigen Insulaner die, fast unberührt von der Außenwelt, sorglos in +den Tag hinein lebten und, wenn sich Jemand die Mühe dazu gab, auch +leicht einer etwas edleren Richtung gewonnen werden konnten, der sie +ihre angeborene Gutmüthigkeit schon von selbst entgegentrieb, war es auf +Tahiti ein Volk, das nicht mit den Sitten, sondern fast nur allein mit +den Unsitten der fremden Eindringlinge bekannt geworden, und bei dem – +während ihm die Möglichkeit genommen war allein und kräftig auf sie +einzuwirken – Leichtsinn und Verführung weit stärker und mächtiger und +mit viel gewaltigeren Waffen arbeitete, sie aus guten einfachen Menschen +zu allein Möglichen zu machen was schlecht und traurig war. + +Den Glauben an ihre alten Götter hatten die letzten Jahrzehnde, wenn +auch noch nicht ganz zerstört, doch so erschüttert und untergraben, daß +diese frühere Religion jeden Einfluß auf sie verloren, und während sie +sich dem christlichen Cultus hingaben und sich in seinen Lehren zu +festigen suchten, ja während die Geistlichen noch eifrig bemüht waren +sie den »einzig wahren« Gott kennen zu lehren und sie besonders unkluger +Weise in die Geheimnisse unserer _Dogmen_ einzuweihen, kamen plötzlich +andere, ebenfalls weiße Männer – Abkömmlinge desselben Stammes, mit +einem anderen Gott, wenigstens mit einem anderen Namen desselben, aber +unter Jehovas Panier, Jesus Christus als den Heiland erkennend, straften +die erstgekommenen mit ihren Lehren Lügen, und verlangten von den +Insulanern sie sollten zum zweiten Mal den Glauben ändern und jetzt den +einzig und »wirklich wahren« Gott erkennen lernen. + +Und hatten _diese_ recht? ihre alten Missionaire donnerten Anathemas von +den Kanzeln nieder, gegen sie, vertrieben die »neuen« Priester aus dem +Land, solange sie noch Macht darüber hatten, und stellten sie ihren +Gemeinden als Götzenanbeter und Ungläubige hin, bis die vertriebenen +Priester mit einem französischen Kriegsschiff zurückgebracht, und unter +den Mündungen der Kanonen ihnen das Recht erzwungen worden zu _bleiben_ +und den neuen Glauben zu _lehren_ – und welchen Eindruck mußte das auf +die Kinder dieser Inseln machen. + +Die Masse nahm es leicht – ihr Glaube war bei den Meisten noch nicht so +ernster Art gewesen, ihnen das Herz schwer zu machen, als ihnen andere +Priester jetzt bewiesen daß die weißen Missionaire, die sie bis dahin +nur mit Scheu und Ehrfurcht betrachtet, von einer anderen Sekte +angefeindet und des Irrthums ja der Lüge beschuldigt wurden. Viele +freuten sich sogar eines Zwanges wieder ledig zu werden, der anfing +ihnen lästig zu sein. Andere aber auch, die sich dem Christlichen +Glauben mit voller ungetheilter Kraft und Liebe hingegeben, hörten mit +Entsetzen die neue Lehre, nach der sie ja nur eines anderen Unglaubens +wegen ihre alten Götter verrathen. Und war der _jetzige_ Glauben der +rechte? – Hatte der erste gelogen, wer stand ihnen dann dafür, daß +nicht vielleicht in Jahresfrist ein neues Schiff auch neue Priester +bringen konnte, die wieder verwarfen was die jetzigen lehrten? – und +wie dann wurden jene Versprechungen wahr, die ihnen von einem ewigen +Leben gemacht, und derentwegen sie ihre eigenen Götter verlassen und +verstoßen? – heiliger Gott, war das Alles ein Märchen gewesen, nur von +dem weißen Mann erfunden, sich einzunisten in ihrem Land, und die +Herrschaft an sich zu reißen, wie er es gethan? + +Manche Thräne ist da im Stillen geweint, manches Auge hat da +verzweifelnd aufgeblickt, zu den freundlichen Sternen, in deren +freundlichen Blinken sie sonst nur Glück und Freude sahen, denn einer +zürnenden Gottheit Hand lag auf ihrem Land und sie wußten nicht wohin +sie sich wenden sollten, den Strahl abzulenken der ihr Haupt bedrohte. +Vor den alten Göttern durften sie ja nicht wagen sich wieder +niederzuwerfen; deren Bilder lagen entehrt – zerstreut umher – von den +Kindern derer geschändet, die einst anbetend vor ihnen den Staub geküßt +– und der _neue_ Gott? – Zweifel waren in ihnen wach gerüttelt _dem_ +zu dienen, und in starrem Jammer sahen sie die einst so sonnige Welt sie +öde und trostlos umlagern; oder sie warfen sich auch im tollen +Uebermuth, Gott wie die Götter von sich stoßend, jenem chaotischen +Nichts und mit ihm dem Taumel wilder, zerstörender Vergnügungen in die +Arme, der ihnen von den Fremden im reichen vollen Maaß geboten wurde. + +Solchen Boden mußte der alte Mann mit seinem stillen traulichen Atiu +vertauschen, und nicht einmal in den ihm nächsten Amtsbrüdern fand er +dabei die nöthige Unterstützung und Hülfe, während sein klarer Verstand, +wie sein gutes Herz zu gleicher Zeit auch nur zu deutlich fühlten, wie +gerade deren starrer und unduldsamer Fanatismus _das_ Uebel das sie +bekämpfen wollten – einer neuen für irrthümlich gehaltenen Lehre den +Eingang zu verweigern – unterstützte, und dem Feind von den eigenen +Truppen ganze Schaaren in’s Lager jagte. + +Der ehrwürdige Bruder Rowe machte ihm besonders das Leben schwer, und so +sehr er das fühlte und den ihm feindlich gesinnten Mann zu einer offenen +Erklärung zwingen wollte, so vorsichtig und geschmeidig wich dieser +jeder Zeit ihm aus, und selbst der direkten Frage hielt er nicht Stand: +Jene Zeit war vorbei, lange vorbei, wie er sagte, und geschehene Dinge, +wenn man sie vielleicht auch wieder ungeschehen machen möchte, nicht +mehr zu ändern – in _seinem_ Herzen lebte kein Gefühl der Rache oder +des Zornes – weshalb auch Rache? weshalb Zorn? – wenn sich Mr. Osborne +Vorwürfe über irgend etwas Geschehenes zu machen hätte, so bedauere er +das, aber er selber thue es nicht – Mr. Osborne müsse das mit sich +selber ausmachen. + +Mr. Osborne vertheidigte sich freilich mit Eifer auch selbst gegen eine +solche Vermuthung, und sprach sich rein von jeder wissentlichen Sünde, +aber Bruder Rowe antwortete ihm stets nur durch ein frommes Verdrehen +der Augen und Achselzucken, und war freundlicher als je gegen ihn; aber +nichtsdestoweniger schickte er im Geheimen Pfeil auf Pfeil ab gegen den +alten Mann, und verkümmerte und trübte diesem das Leben dermaßen, daß +er keiner einzigen Stunde mehr froh und sein Beruf, der ihm bis dahin +eine Lust und Freude gewesen, ihm zur schweren traurigen Last wurde. Und +dennoch gab er sich demselben jetzt mit um so größerem Eifer hin; er +fühlte daß die gute Sache gerade jetzt am nöthigsten einer Hand bedürfe, +die es wirklich gut mit ihr meine, und der es nicht blos um Sieg und +Herrschaft der Einzelnen, sondern wirklich um das Glück der Eingeborenen +zu thun wäre, Fleiß und Zeit daran zu opfern. + +Die Art aber, wie er dabei seiner Ueberzeugung folgte, mußte ihm mehr +und mehr Gegner unter den Missionairen in’s Leben rufen, deren ganze +Energie, mit nur wenigen Ausnahmen, einem anderen Systeme zustrebte. +Diese wütheten förmlich gegen die »papistischen Gräuel« wie sie es +nannten, und die »heidnische Wirthschaft« die plötzlich den Sieg auf +diesen Inseln errungen, während sie selbst schon seit Jahren dagegen +gepredigt und alle ihre Macht, wenn auch vergebens, aufgeboten hatten, +die fremden Priester _einer anderen Religion_ fern zu halten. Von den +Kanzeln nieder donnerten sie mit allen nur möglichen und unmöglichen +Bibelcitaten gegen die »Unterdrücker des Körpers und der Seele« die +Franzosen an, die ihnen mit ihren Kriegsschiffen die fremde Sekte +aufgezwungen; warnten vor dem Antichrist, der jetzt unter ihnen +herumgehe wie ein brüllender Löwe, zu suchen welchen er verschlinge, und +prophezeihten die Wiedereinführung der Götzen und Schlachtopfer, der +Kindesmorde und Glaubenskriege. Starrer als je beharrten sie dabei auf +ihren Dogmen und Artikeln; auch die kleinsten Vergehen gegen ihre +eingeführten Gebräuche und Ceremonien _ihrer_ Kirche, ja selbst die als +heidnisch ausgeschrienen oft selbst unschuldigen Vergnügungen der +Insulaner, wurden zum Verbrechen, und mit _eiserner_ Hand wollten sie +die Schaar der Gläubigen, die ihnen noch unverführt und treu anhing, von +dem Abgrund zurückhalten, der gierig ihre Seelen zu verschlingen drohte. + +Der alte ehrwürdige Mr. Osborne glaubte dem Ziel auf eine andere Art und +Weise entgegenarbeiten zu müssen, und sein gutes Herz zwang ihn schon +dazu. Er konnte, trotz allen Bemühungen ja Drohungen seiner Collegen, +nicht dahin gebracht werden die andere Lehre zu _verdammen_, denn mit +Recht behauptete er, daß gerade dadurch den Insulanern auch jede +Möglichkeit benommen worden sei zwischen den beiden zu prüfen, wenn von +beiden Seiten zu gleicher Zeit Fluch und Verdammung gegen sie +ausgesprochen wurde. Er zeigte ihnen auch nicht den strengen ernsten und +unversöhnlichen Gott, mit dessen Zorn und Strafgericht die Anderen +drohten, sondern den milden, liebenden Vater, der auch dem irrenden +Kinde gern und willig die Hand reiche und den Pfad zeige, mit gutem +frommen Herzen darauf zu wandeln, und waren sie fröhlich dabei, sangen +und tanzten sie und schmückten sie ihre Haare mit Blumen, so warnte er +sie wohl vor dem Misbrauch solcher Freude, aber er schrie nicht gleich +sein Anathema über sie, und sie hatten ihn deshalb lieb und glaubten +seinen Worten, weil ihr Sinn einen Anklang in ihren Herzen fand. + +Freilich konnte er aber, trotz alledem, dem tollen und unsittlichen +Treiben nicht wehren, das die Inseln, und vor allen anderen Tahiti, +erfaßt hatte. Durch die jetzt fortwährend hier anlegenden Kriegsschiffe +und Wallfischfänger hatte sich die weibliche Bevölkerung, mit einer nur +sehr geringen Ausnahme, dem Laster rücksichtslos in die Arme geworfen, +und welchen verderblichen Einfluß mußte das nicht auf die ganze +Bevölkerung der Insel ausüben. Nur die unendliche Gutmüthigkeit und +Harmlosigkeit dieser Stämme hielt sie dabei vor einem zügellosen +Ausbruch _aller_ Leidenschaften zurück, wie es, unter gleichen +Umständen, in jedem anderen Land der Welt nicht hätte ausbleiben können, +und es läßt sich denken welche wunderliche und unnatürliche Stellung die +Missionaire in solcher Umgebung oft einnehmen mußten. + +Hierzu kam noch der, zu jener Zeit gerade so verwickelte _politische_ +Zustand der Inseln, der eben durch den übergroßen Eifer der Missionaire +herbeigeführt worden, und mit dem ich den Leser, ehe ich meine Erzählung +wieder aufnehme, jedenfalls erst vertrauter machen muß. + +Innere Kämpfe, vorzüglich durch die Ankunft Europäischer Schiffe +hervorgerufen und genährt, und mit den neu eingeführten Feuerwaffen +tödtlich gemacht, hatten die Inseln schon vor der Einführung des +Christenthums oder der Ankunft christlicher Missionaire erschüttert, und +einen Partheienhaß in’s Leben gerufen, der Jahrzehnde wohl unter der +Asche glimmend lag, aber nur einen Anlaß suchte wieder hervorzubrechen +und mit erneuter Kraft das wunderschöne Land zu verwüsten. – + +Otu der aus einer wunderlichen Ursache den Namen Pomare[H] annahm, wußte +sich, nachdem der rechtmäßige Königsstamm vertrieben worden, zum +obersten Häuptling, ja zum ~Arii rahi~ oder König der Inseln +emporzuschwingen, und es gelang ihm auch, besonders durch die gerade +damals landenden Europäischen Schiffe unterstützt, sich zu halten und +seinem Geschlechte Rang und Würde erblich zu machen. Nichtsdestoweniger +lebten aber noch Häuptlinge des anderen Stammes, und nicht mit Unrecht +glaubte besonders der Sohn Otus, Pomare ~II.~ eine kräftige Stütze +seiner Macht in den fremden weißen Männern zu erhalten, deren Religion +er auch annahm, ohne sich jedoch in seinen Sitten viel nach ihnen zu +richten – wie er denn auch in Folge seiner Ausschweifungen +hauptsächlich starb. – Ja er ließ sich sogar in höchst unchristliche +Kriege um sein Götzenbild Oro ein, in Folge dessen eine Revolution +ausbrach und der König vertrieben, die Mission selber zersprengt wurde. +Der Verlust seiner Macht wurmte aber den König, und vielleicht fühlend +daß ihn seine anderen Götter nicht genug geschützt hatten, und von dem +neuen Gotte größere Protection erhoffend, vielleicht niedergebeugt durch +manche häusliche Leiden zu gleicher Zeit, denn seine Königin war ihm +ebenfalls gestorben, warf er das alte Heidenthum jetzt von sich, +bekehrte sich öffentlich zum Christenthum und führte dies, mit Hülfe des +Oberpriesters Tati, der die ihm bis dahin anvertrauten Götterbilder +öffentlich verbrannte, auch auf den übrigen Inseln ein. + +Er starb am 30. Nov. 1821 und hinterließ nur einen Sohn von 18 Monaten +etwa, den aber die Missionaire jetzt in ihrem Sinn und Geist zu erziehen +hofften, indeß sie, während sie selber das Staatsruder in Händen +führten, die Regentschaft seiner Tante übertrugen. Aber der junge Prinz +starb schon 1827 – die fremde strenge Lebensweise in der ihn die +Priester hielten, konnte seine überdies schwächliche Natur nicht +vertragen, und das Volk rief jetzt, nicht ohne den Einfluß seiner +Lehrer, die die Macht in diesem Königsgeschlechte wahren mußten wenn sie +nicht fürchten wollten den kaum befestigten Einfluß wieder zu verlieren, +Aimata die Tochter ihres vorigen Königs und Schwester des +letztverstorbenen zu seiner Herrscherin aus. + +Nur gezwungen fügten sich aber die alten, von dem anderen Königstamm +abzweigenden Häuptlinge, Tati an ihrer Spitze, denn mit des jungen +Fürsten Tode bot sich neue Hoffnung ihren noch nie aufgegebenen +Ansprüchen auf den Thron des Reichs; aber das Christenthum war schon zu +mächtig geworden im Land, die Missionaire besonders hatten zu großen +Einfluß gewonnen über die Bewohner und ihre Frauen, und jeder andere +Anspruch verschwand vor der Krone der jungen schönen Königin[I]. + +Die englischen Missionaire waren jetzt, so sehr sie sich auch Mühe gaben +jeden politischen Einfluß, Europa gegenüber, von sich zu weisen, und +schon seit der Krönung und Salbung des früheren jungen Herrschers, die +eigentlich regierenden Herren des Landes; sie gaben Gesetze und +verwalteten, indem sie über die Arbeitskräfte des Volkes geboten, die +Kassen des Landes. In ihren Händen lag dabei der Haupt-Handel der Insel, +denn ihre Unterstützung vom Mutterland wurde ihnen natürlich nicht in +Geld sondern in englischen Waaren, die sie zu tüchtigen Preisen wieder +verwertheten, übersandt, und es läßt sich denken daß sie eifersüchtig +darüber wachten, solcher Vortheile nicht so rasch und leicht wieder +beraubt zu werden. + +Eine solche Gefahr drohte ihnen aber im Jahr 1836, wo zwei von den +Gambier-Inseln abgesandte Katholische Priester, Laval und Caret ziemlich +heimlich auf Tahiti landeten und dort festen Fuß zu fassen suchten. +Aber die Protestantischen Missionaire waren auf ihrer Hut und +beschlossen, der Kraft der von ihnen gepredigten Lehre und der einfachen +Leichtgläubigkeit ihrer Beichtkinder doch nicht so recht trauend, die +gefährlichen Fremden unter jeder Bedingung und so rasch als möglich +wieder zu entfernen. + +Die Priester machten indeß der Königin ihre Aufwartung die sie in +Gegenwart ihrer Missionaire empfing, und ersuchten sie ihnen den +Aufenthalt zu gestatten, legten auch, als sie den Platz wieder +verließen, Geschenke für Pomare nieder, die nach einigem Weigern +angenommen wurden; nichtsdestoweniger wurde ihnen in einer nächsten +Versammlung, wobei einige der Häuptlinge gegenwärtig waren, und die sie +in Begleitung des Amerikanischen Consuls, Herrn Mörenhout besuchten, die +Eröffnung gemacht, daß ihnen der Aufenthalt auf diesen Inseln _nicht_ +gestattet werden könne. Die Katholischen Geistlichen protestirten +dagegen, aber am nächsten Morgen bekamen sie die ganz unzweideutige +Weisung der Königin die Insel ohne weiteres wieder zu verlassen, und als +auch hierauf eine direkte Bitte an die Königin, sie ungehindert hier +weilen zu lassen, Nichts half, schlossen sie sich in das ihnen von +Mörenhout gegebene Haus ein, und wichen nur erst der förmlichen Gewalt, +denn die von den Protestantischen Missionairen abgeschickte Polizei +kletterte am Haus hinauf, stieg durch das Dach, und _trug_ die Priester, +die nicht gutwillig gehen wollten, wieder auf ihr Fahrzeug zurück. + +Diese That sollte nicht ohne traurige Folgen für die Inseln bleiben, +denn die religiöse Unduldsamkeit der Missionaire öffnete dem schon +darauf harrenden Feind die Thore, gab Frankreich einen erwünschten +Vorwand seinen Handel wie seine Religion dort vor allen Dingen zu +befestigen, und dann die ganze Insel, als seiner Schiffahrt günstig +gelegen, zu besetzen. Caret reiste nach Frankreich, dort Genugthuung für +die erlittene Behandlung zu erbitten, und dem Admiral Du Petit Thouars +wurde es aufgetragen ein schwaches friedliches Reich zu unterwerfen, das +bis dahin noch keinem Fremden Uebles gethan, sondern Alle, gleichviel +von welchem Lande, von welcher Religion in gastlicher Herzlichkeit bei +sich aufgenommen hatte, bis jene fremden Priester selber einander +befehdeten und Leid und Unheil über jene schönen Küsten brachten, die +Gottes Vaterhuld mit Allem ausgeschmückt was groß und herrlich war. + +Im August 1838 ankerte die Fregatte Venus auf der Rhede von Papetee, und +Du Petit Thouars erklärte der Königin Pomare in einem Schreiben, daß er +gekommen sei für die unwürdige Behandlung mehrer Französischer +Unterthanen, vorzüglich aber der beiden von hier exilirten Priester +Caret und Laval Genugthuung zu fordern, und jetzt vor allen Dingen eine +schriftliche Entschuldigung der Königin, die Summe von 2000 Spanischen +Dollarn als Entschädigung für die erlittene Unbill der Priester, und die +Begrüßung der Französischen Flagge mit 21 Kanonenschüssen verlange. +Widrigenfalls drohten die Mündungen der Geschütze Vernichtung über den +offen und schutzlos daliegenden Strand. + +Die arme Pomare hatte keine Wahl; sie schrieb den Brief, erbat sich das +Pulver selbst von der Französischen Fregatte zu den verlangten Schüssen, +und die Missionaire, deren Eigenthum bei einer Kanonade auch am meisten +bedroht gewesen wäre, collectirten das Geld theils unter sich, theils +bei anderen Engländern und Amerikanern der Inseln, und befriedigten +damit den Französischen Admiral. + +Aber Du Petit Thouars ging weiter, und nicht bedenkend daß ein schwaches +Volk dasselbe Recht, wenn auch nicht dieselbe Macht habe, ihm misliebige +Personen von sich fern zu halten, und vielleicht von einem etwas +rachsüchtigen Gefühl gegen die allerdings übermüthigen Protestantischen +Priester geleitet, erzwang er noch außerdem einen Vertrag von den +Eingeborenen, nach dem allen Franzosen: »was auch immer ihr Gewerbe +sei« (also auch den Französischen Katholischen Missionairen) das Recht +zustehen sollte, sich niederzulassen und Handel zu treiben auf allen +Inseln. + +Ein bald nach ihm kommendes Kriegsschiff, die Artemise, Capitain La +Place ging noch weiter und verlangte und erhielt – denn wie hätten sich +ihm die Tahitier widersetzen können – volle Religionsfreiheit für alle +Katholiken und einen Bauplatz für eine Katholische Kirche. + +Wenn aber auch die Protestantischen Missionaire diese Vorgänge mit +stillem, freilich deshalb nicht minder heftigem Unmuth dulden mußten, +gab es doch eine Parthei auf Tahiti, die mit Freuden einen Wechsel in +den politischen Verhältnissen hereinbrechen sah, den sie bis dahin kaum +für möglich gehalten. Es waren dies die von den Pomaren ihrer Macht +beraubten Häuptlinge, die nur mit heimlichem Grimm die Oberherrschaft +der fremden ihnen feindlich gesinnten Priester gefühlt, und vergebens +gesucht hatten ihnen entgegen zu arbeiten. Nicht mit Unrecht hofften +diese, daß die neuen, einer anderen Sekte zugehörigen Priester den +Einfluß jener stolzen Männer schwächen müßten, und einmal dieser Stütze +beraubt, und der Thron der Pomaren stand auch nicht so unerschütterlich +mehr. Noch aber hatten die Englischen Missionaire die Zügel in den +Händen, und als das Französische Kriegsschiff die Küste wieder +verlassen, donnerten sie von den Kanzeln mit allem Ingrimm des +hartnäckigsten Fanatismus gegen die neue Lehre, deren Symbole sie mit +den früheren heidnischen Uebungen der Insulaner selber verglichen, und +deren Lehren dem höllischen Abgrund gerade zuführten. + +Die Katholische Religion machte nur geringe Fortschritte, die +Protestantischen Missionaire behaupteten ihre Macht, und wenn auch schon +des Zweifels Saamen war eingestreut worden in die Herzen der armen +Insulaner, die mit Entsetzen Feinde ihres Glaubens in demselben Volk +erstehen sahen, das ihnen den neuen Gott gebracht, dauerte das dem +heißen ungeduldigen Blut der unruhigen Häuptlinge zu lang, und mit der +schon fast erstorbenen Hoffnung einstigen Sieges frisch angefacht, +harrten sie, nicht stark genug ihn selber zu führen, einem frischen +Schlag wider die Macht ihrer Nebenbuhler sehnsüchtig entgegen. + +Einen halben Bundesgenossen, Jemanden wenigstens, der der Französischen +Sache eng ergeben und den Protestantischen Missionairen nicht besonders +geneigt war, hatten sie in dem früheren Amerikanischen Consul Mörenhout, +der dem Pietistischen Wesen der Protestanten theils abhold, anderseits +auch seinen eigenen Nutzen durch die Oberherrschaft der Franzosen zu +befördern glaubte, unter deren Schutz oder Protectorat er jetzt die +Inseln zu bringen suchte. + +Ob er seinen Freunden, den unzufriedenen Häuptlingen seine ganzen Pläne +mittheilte, ist nicht bekannt, aber soviel gewiß, daß im September 1842, +als die Französische Fregatte Reine Blanche unter dem, vorgeschobener +Unbilden wegen neue enorme Forderungen stellenden _Admiral_ Du Petit +Thouars vor Papetee ankerte, die vier Häuptlinge Tati, Raiata, Utami und +Hitoti mit Mörenhout an Bord gingen, und dort einen Vertrag +unterzeichneten, in welchem sie den Admiral baten, da sie nicht im +Stande wären ihr Land jetzt so zu regieren mit anderen mächtigeren +Regierungen in Frieden zu leben, ihre Inseln unter den Schutz seines +Königs zu nehmen, der ihnen jedoch, neben der Religionsfreiheit, alle +übrigen Rechte unbekümmert ließ und garantirte. + +Die Einwilligung der Königin, die jeden Augenblick ihrer Entbindung +entgegensah, wurde unter der Drohung des Französischen Admirals von +10,000 Dollar Entschädigungssumme für allerdings nur imaginäre Unbill, +oder volle Besitznahme der Inseln im Namen Sr. Majestät, des Königs von +Frankreich _erzwungen_ und, selbst die Clausel eingeschlossen, die den +Protestantischen Missionairen, der neuen Macht gegenüber, völlig die +Hände band, daß nämlich »irgend ein Mann, der das Tahitische Volk mit +Wort oder That gegen die Französische Regierung einzunehmen suche, +verbannt werden solle von den Inseln.« + +In dieser Zeit aber war gerade der Mann abwesend von Tahiti, der bis +dahin den meisten Einfluß als Protestantischer Geistlicher sowohl wie +mehr irdischer Richter auf die Königin gehabt. Mr. Pritchard war nach +England gegangen, die Englische Regierung für das kleine Insel-Reich zu +interessiren und es gegen die wohl vorhergesehenen und gefürchteten +Uebergriffe Katholischer Priester sowohl wie Französischer Kriegsschiffe +zu schützen; aber die zurückgebliebenen Missionaire hofften destomehr +auf diese Hülfe, zu der sie, wie sie glaubten, die neue Ungerechtigkeit +des Französischen Befehlshabers jetzt nur noch mehr berechtigte, wenn +nicht dem Englischen Volk auch der letzte Einfluß auf diese Inseln +entzogen werden sollte. + +Kaum hatte deshalb Du Petit Thouars die Inseln wieder verlassen als sie, +jedes Vertrags ungeachtet, an den sie sich nicht gebunden erklärten, und +die Königin selber, da er ihr abgezwungen worden, davon entbanden, frei +und offen in ihren Kirchen das Entsetzliche der Gefahr schilderten, in +der die Seelen ihrer Beichtkinder schwebten, von dem Antichrist an sich +gezogen und zerstört zu werden. Der blinde Fanatismus Einzelner trieb +schon zum Aeußersten, keine Folgen der rückkehrenden Kriegsschiffe +berechnend, hätten Andere nicht den wilden Eifer gedämmt, einen +günstigen Zeitpunkt wenigstens zu erwarten den »papistischen Gräueln« +mit _einem_ gewaltigen Schlag ein Ende zu machen. + +So standen die Sachen im Herbst des Jahres 1843, und während die +Bewohner Tahitis theils Parthei für ihre Missionaire ergriffen, theils +in kalter Gleichgültigkeit den Streitigkeiten der »beiden weißen Gotte« +zusahen und ihren Erfolg abwarteten, arbeiteten die Protestanten +unverdrossen ihrem einen Ziel entgegen, und die unruhigen Häuptlinge +suchten vergebens den Conflikt zu ihren Gunsten auszubeuten. Die +Franzosen hatten versprochen ihre Bundesgenossen zu werden, und sie in +ihren gerechten Ansprüchen zu unterstützen, und jetzt befestigten sie +nur die eigene Macht auf den Inseln und brachen der fremden Lehre Bahn +– was kümmerte die trotzigen Herzen ein neuer Name Gottes. + + +Fußnoten: + +[H] Der König schlug einst sein Lager zwischen den Bergen auf, und der +Platz wo er lag war gerade dem Thau und einer scharfen Zugluft +ausgesetzt. In der Nacht erkältete er sich und bekam einen Husten, +wonach Einer seiner Höflinge diese Nacht eine Husten-Nacht (von ~po~ +Nacht und ~mare~ Husten) nannte. Dem König gefiel der Klang des Worts +vielleicht, vielleicht hatte er eine andere Ursache, kurz er beschloß +sich von der Zeit an ~Po-mare~ zu nennen, und der Titel ist jetzt, als +erblich, auf seine Nachkommen übergegangen. + +[I] Aimata oder Pomare ~IV.~ ist etwa 1812 geboren und war zuerst an +einen jungen Häuptling von Tahaa verheirathet, von dem sie sich wieder +schied und zu ihrem zweiten Gemahl einen anderen jungen Häuptling von +Huaheine, einer Nachbarinsel, nahm. + + + + +Capitel 9. + +#Die vier Häuptlinge.# + + +Ein sonniger Himmel spannte sich über die wildzerrissenen aber bis in +ihre höchsten Kuppen bewaldeten Berge von Tahiti; aus den tiefen Thälern +stiegen in festen, zusammengedrängten Massen die weißen schwankenden +Schwaden auf, und wollten sich ausbreiten gegen den mächtigen Feind, +aber die sengenden Strahlen trieben sie zurück, hinein wieder in +Schlucht und Bergeshang, und hie und da niedergepreßt auf eine Halde, +oder hingetrieben von dem neckischen Seewind über den saftigen Anwuchs +breitblättriger ~Feis~[J], mußten sie sich wohl dicht an den Boden +schmiegen, unter Laub und Busch, dem einsamen Jäger das wunderliche +Schauspiel einer Schneelandschaft in den Tropen bietend, so weiß und +weich lagen sie unter Busch und Strauch und füllten die Thäler aus, +Inseln bildend aus Kuppe und Kraterhang. + +Und die Palmen im Thal unten schüttelten den Thau aus ihren wehenden +Kronen, und rauschten und flüsterten dem Morgenwind ihren Gruß entgegen; +aus dem Schatten eines mächtigen Wibaums[K] flötete der Omaomao[L], die +Tahitische Drossel und der gellende Schrei der Möve, die über dem +spiegelglatten, crystallhellen Binnenwasser der Riffe nach Beute strich, +mischte sich darein. Von fern herüber aber donnerte klar und gewaltig +das Brausen der ewigen Brandung über die Corallenwälle, die in einem +weiten, nur an sehr wenigen Stellen kaum unterbrochenen Kreis all diese +Inseln umgeben, als ob sie das freundliche Land schützen wollten gegen +den wilden ungestümen Andrang der Wogen und ihre zerstörende Macht – +die Elemente waren freundlicher gegen dies Paradies als die Menschen. + +Weit aus nach allen Seiten breitete dabei das blaue Meer, hie und da +über die Fläche blitzte der Schein eines hellen Segels, und aus der +Ferne herüber ragten die schroffen pittoresken Kuppen Imeos oder Moreas, +mit dem Palmengürtel, der den Fuß ihrer Berge umschloß, eben sichtbar +über dem Meeresspiegel. Massen von kleinen schlanken Canoes, den +Luvbaum[M] an der Seite, der das schwanke Fahrzeug vor dem Umschlagen +wahren sollte, glitten über das blitzende Binnenwasser, aus den Corallen +herauf, mit Harpune oder Netz ihr Mahl zu holen, und oft unter der +stürzenden Brandung hin, der kochenden Woge wie im Sprung entgehend, +schoß der schwanke Bau wie ein dunkler Streif durch den schneeigen +Schaum, und das braune trotzige Gesicht warf sich den Gischt aus dem +lockigen Haar mit fröhlichem Lachen. + +Wie lauschig und versteckt lagen die Hütten der Eingeborenen in jenen +schattigen Hainen, die das Ufer mit ihrem schwellenden Grün überzogen, +und aus dem heraus sich die prachtvollen Cocospalmen noch weit über den +Meeresspiegel beugten, als ob sie ihr Bild wiederfinden wollten in dem +Crystall da unten. Wie dufteten die Orangen und Citronen, die schneeigen +Sternblumen und die Mangablüthe so süß; das Bananenblatt zitterte und +raschelte in dem Zephyr, der sich durch Blum und Blüthe stahl, seine +Bahn zu suchen, den Klüften der Berge zu, und der stattliche +Brodfruchtbaum drängte sich mit seinen gefingerten einzelnen Blättern in +das stattliche Laub der Mape; die Papaya schüttelte ihre Kelche aus auf +Ananas und Tappo-Tappo[N], die köstlichen Früchte dieser Zone, und tief +im schattigen Laub versteckt glühten duftende Blüthen, und hoben ihre +Kelche dem sonnigen Licht entgegen. + +Es war ein Paradies das Gottes milde Vaterhand erschaffen, ein Paradies +von seinem Athem durchweht, und Seiner Werke Herrlichkeit kündend zu +jeder Stunde – ein Paradies das nur die Leidenschaft und das trotzige +Herz des Menschen oft, ach wie oft, so muth- und böswillig verdarb und +zerstörte und Haß und Schmerz säete, selbst zwischen diese Palmen, und +den Frieden verjagte, der auf den stillen Matten in heiterer Ruhe +lagerte. Ehrgeiz und Fanatismus, Sinnlichkeit, Geldgier und sorgloser +Leichtsinn reichten sich einander die Hand und der Indianer, der +gastliche Herr dieses Aufenthalts in dem Engel hätten schwelgen können, +sah in kurzsichtiger Lust wie die fremden Männer Spiel nach Spiel in +sein Canoe häuften, es schmückten und verzierten und beluden – bis es +_sank_. + +Sorglose Kinder des Augenblicks, denen Palme und Brodfrucht jeden Tag +gaben was der Tag begehrte, was kümmerte sie die Zukunft? Der bunte +Flittertand freute sie, jeder goldenen, blitzenden Masche jubelten sie +entgegen, und ahneten das Netz nicht, das sich langsam aber sicher +daraus wob, sie niederzuziehen aus ihrem Himmel. + +Aber nicht Alle theilten diese Apathie an den Ereignissen des Tages, +denen das Volk kaum das Ohr lieh wenn sie geschehen; wie die +Protestantischen Missionaire um den erschütterten Stamm die Wurzeln +wieder tiefer senkten und gruben, ihm mehr Festigkeit zu geben bei dem +nächsten Sturm, so nagte der Ehrgeiz, und andere Leidenschaften +vielleicht, an den Herzen jener stolzen Häuptlinge, die Königsblut in +ihren Adern fühlten, und der stille Frieden selbst der sie umgab reizte +den schlafenden Grimm in ihrer Brust, und wandelte ihnen ihr Paradies zu +einem Aufenthalt der Qual. + +In Papara, dem südwestlichen Theil von Tahiti stand, von mächtigen +Mapebäumen beschattet, dicht am Uferrand eines kleinen klaren Bergbachs, +der sprudelnd und silberrein aus den Bergen niedersprang, eine jener +breitovalen, aus Bambus errichteten und mit den Blättern der Pandanus +dicht gedeckten Hütten, um die sich der weiche Rasen schloß und der +Brodfruchtbäume und wehende Palmen das Dach bildeten, den sengenden +Sonnenstrahl abzuhalten von dem stillen Platz. Ein lauschiges Halbdunkel +lagerte auf dem nur leise rauschenden, flüsternden Hain, dem die von der +Brise kaum bewegten Wasser tausend und tausend kleine funkelnde Lichter +entgegenblitzten. + +Aber keine fröhliche Kinderschaar spielte und sprang hier am +Muschelstrand, oder schaukelte sich an langem, in die Wipfel der Palmen +geknüpften Bastseil weit und keck hinaus über den korallendrohenden +Wasserspiegel; kein schlankes Weib mit blumengeschmücktem Haar sammelte +die Frucht von dem nahen Baum und breitete das reinliche Hibiscusblatt +zum frischen Mahl. Nur an den Stamm einer Palme gelehnt, die Lenden mit +dem ~pareu~, noch aus der auf der Insel selbst gefertigten Tapa[O] +umwunden, deren gelbbraune Falten ihm fast bis zum Knie niederfielen, +während Bein, Schultern und Leib die zierlichen blauen Linien der alten, +und durch die Missionaire sonst fast überall verpönten Tättowirungen +zeigten, lehnte ein Insulaner und schaute still und schweigend, wie in +tiefem Nachdenken versenkt, auf das weite sonnige tiefblaue Meer hinaus, +das seinen Strand bespühlte. + +Es war eine edle, kräftige Gestalt wie sie da stand unter der Königin +des Waldes, und das weiche rabenschwarze lockige Haar fiel ihr, ungleich +der frommen von den Protestantischen Geistlichen eingeführten Sitte es +kurz abzuschneiden, voll und lang um die Schläfe, bis auf die Schultern +nieder. Aber keine Blume stak darin oder hinter dem Ohr, noch glänzte +sonst ein Schmuck an Arm, Hals oder Handgelenk, und die kühnen Züge und +Arabesken des Tättowirers, alte heidnische Zeichen mit Haifischzähnen in +unvergehbaren Punkten der Haut eingegraben, lagen fast drohend auf den +vollgespannten Muskeln und Sehnen der nervigen Glieder. + +Da wurden leise aber regelmäßige Schritte im Laube laut – näher und +näher kamen sie heran, und eine andere Gestalt erschien unter den +schattigen Blüthe und Frucht bedeckten Orangen; aber der Sinnende hörte +die Schritte nicht, seinem Träumen willenlos hingegeben, und der +Neugekommene stand mit verschränkten Armen wohl mehrere Minuten lang +schweigend neben ihm, indeß sein Blick in tiefem Ernst und Sinnen auf +ihm haftete. + +Dem Aeußeren nach aber war es eine andere Gestalt, als die des ernsten +Träumers an der Palme, seine Lenden umschloß, wie bei dem Ersten nur ein +etwas bunterer Pareu, der Oberkörper stak aber in einem noch bunteren +Oberhemd, und unter den, mit wohlriechendem Oel gesalbten Locken vor +leuchteten die eben aufgebrochenen Knospen des Cap-Jasmin, jener +reizenden lilienartigen Gardenia mit dem vollen Narcissenduft. Die Beine +waren nackt, und die alten Tättowirungen auch auf ihnen sichtbar, aber +der Pareu ging tief hinab und verhüllte das meiste davon, bis auf die +zierlich gezeichneten Palmen, deren Wurzeln auf den Hacken saßen während +der Stamm am hinteren Theil des Beines schlank und zierlich hinauf lief, +sich über den Waden mit seinen breiten, federartigen Blattkronen +auszubreiten. In der Hand trug er einen schlanken langen Bogen und +einige buntbefiederte Pfeile mit Eisenspitzen (keine Waffen in jener +Zeit, wo die inneren Kriege aufgehört hatten, und die Insulaner recht +gut die Nichtigkeit solcher Wehr gegen Feuerwaffen erkannten, sondern +mehr ein Spielzeug oder besser gesagt ein Uebungsspiel der Vornehmen, +das besonders der Lieblingszeitvertreib des vorigen Königs gewesen) und +um den Scheitel zog sich ihm ein wunderlich geflochtener Kranz von +Gardenien mit den silberweißen Fasern der Arrowroot und kleinen rothen +Blüthen bunt durchwebt. + +»Joranna Tati!« rief er endlich lachend, als er wohl glaubte den +Sinnenden seinen Betrachtungen lange genug überlassen zu haben, und +während ein leichtes Lächeln seine schönen Züge überflog – »Joranna +Mann, und was hängst Du den Kopf und schaust so still und brütend vor +Dich hin, als ob Du« – es zuckte spöttisch um seinen Mund – »plötzlich +ein Missionair geworden wärest? Wollen Dich die frommen Väter vielleicht +nach den Gambier-Inseln senden, ihren »Brüdern in Christo« dort Gleiches +mit Gleichem zu vergelten, und bereitest Du Dich vor den Neubekehrten da +drüben zu beweisen, daß man nur des Himmels Seligkeit erndten könne, +wenn man die Mundwinkel an beiden Seiten herunterhängen lasse, und das +Weiße der Augen zeige in brünstigem Gebet?« – + +Tati, denn der Häuptling war es, schaute rasch und finster auf bei dem +Gruß, und seine Züge heiterten sich nicht auf, als er den bunten Schmuck +und Tant erkannte, mit dem sich der Freund behangen. + +»Du siehst aus als ob _Du_ zum Tanze gingst mit den Areoïs[P], Paofai,« +sagte er ernst, ohne den Gruß zu erwiedern, »ein Richter des Landes +sollte sich das Schicksal desselben zu Herzen nehmen, in so schwerer +Zeit!« + +»Das _Schicksal_?« lachte Paofai, die Locken schüttelnd, daß die Blüthen +auf seine Schultern niederfielen, »das Schicksal liegt in der Hand jedes +Einzelnen für sich selbst, und die ihre Nacken dem Joch gutwillig +neigen, dürfen nachher nicht klagen wenn es sie drückt. Wer, beim Oro, +heißt die fröhlichen Kinder unserer schönen Inseln sich den Fremden +beugen und die Knie wund reiben vor einem Gott, der uns bis jetzt nur +Arbeit und Krankheiten, nur Haß und Feindschaft geschickt hat aus fernem +Land? – Ich für mein Theil bin es müde die helle Schattirung einer +Haut, und Kenntnisse die dem Träger hier, wo er sie nicht gebrauchen +kann, nur zur Last sind, höher geschätzt zu sehn als das, was unsere +Väter ehrten. – Gleisnerische Worte – Oros Zorn über sie, daß sie zu +Gift würden in dem Mund ihrer Träger.« + +»Und wer ist Schuld als wir selber, daß wir’s so lange zu tragen haben?« +rief Tati sich hoch und stolz emporrichtend, »ruht nicht der Fluch +unserer Götter auf diesem Lande, seit jene knechtischen Pomare’s den +Scepter führen, ja liegt nicht selbst die junge Königin in der Gewalt +dieser schleichenden Priester, die sich nur immer die _Diener_ des Herrn +nennen, und dabei den Fuß selber auf die Nacken der Arii Rahi’s[Q] +dieses Landes zu setzen wagen?« + +»Und weißt Du daß sie das Volk wieder zusammenrufen wollen zu neuem +Unheil?« frug Paofai lauernd. + +»Sie wagen es nicht,« sagte Tati verächtlich mit dem Kopfe schüttelnd – +»sie wagen es nicht, denn ihre Häuser stehn breit und bequem gleich vorn +am Strand, und die eisernen Kugeln des nächsten Französischen Schiffes +mähten sie nieder.« + +»Aber sie hoffen auf Englands Schutz!« rief Paofai, »und Piritati[R] ist +dorthin gegangen Hülfe zu holen für sich und die Seinen.« + +»Bah, der Weg ist lang,« sagte Tati verächtlich, »und die Engländer +haben einen großen Mund; sie sind kalt und ohne Herz wie ihr Gott, und +so geizig, daß sie dem nicht einmal opfern lassen, sondern Cocosöl und +Perlmutterschalen fortführen auf ihren Schiffen und die Schweine selber +essen – Piritati wird kommen und Versprechungen bringen.« + +»Aber sie warten nicht _bis_ er kommt!« entgegnete Paofai – »der tolle +Uebermuth der Priester, mit dem sie sich so lange eine wirkliche Macht +vorgelogen haben, bis sie sie selber glauben, läßt sie jede Vorsicht +vergessen, und um den Augenblick als Heilige und Halbgötter vor dem Volk +zu stehn, wagen sie ihre Existenz.« + +»Sie hätten recht – die Feranis werden uns auch nimmer den Segen +bringen,« sagte Tati finster – »mich reut schon die Hand die ich dabei +im Spiel gehabt, denn der gierige Wi–Wi scheint Lust an der Beute zu +bekommen, nach der er schon zweimal die Krallen ausgestreckt. So lange +noch _ein_ Fremder auf dieser Insel lebt, blüht uns kein Friede und wir +warfen uns selbst hinaus, als wir den Gleisnern einst den Aufenthalt +gestatteten, und den Bambus schlugen zu ihren Hütten – wir hätten ihr +Grab graben sollen.« + +»Ha dort kommt Botschaft von Papetee!« rief Paofai plötzlich, und +deutete mit dem Arm hinaus in das Binnenwasser der Riffe, über das hin +ein leichtes Canoe, von zwei Indianern gerudert, mit zwei Anderen im +Hintertheil desselben, rasch über die klare Fluth herbeischoß. Schon von +weitem erkannten sie die beiden Häuptlinge Paraita und Utami und Tati +sagte finster: + +»Deren Eile kündet schon vorher des Kommens Grund, und der Feind ist uns +ins Lager gerückt – o daß er die Streitaxt mit sich brächte und den +Speer, und nicht ewig das todte Wort mit Singen und Beten.« + +Die beiden Männer erwarteten jetzt schweigend die Ankunft des Canoes, +das draußen um eine etwas weit auszweigende Corallenspitze bog, und dann +im geraden Strich auf den Platz zuschnitt auf dem die beiden Häuptlinge +standen, und dessen helleres Dach sich schon von weitem, als treffliche +Landmarke, erkennen ließ. + +»Ha sieh nur Utamis Gesicht!« rief da Paofai, als beide Führer endlich +landeten und an’s Ufer sprangen – »der dunkle Zug über der Stirn +deutet bei ihm nichts Gutes – es ist wie ich gesagt!« + +»Gruß Euch und Frieden – ~Joranna, Joranna bo-y~!« riefen die beiden +Männer, als sie den Schattenrand betraten, den die Fruchtbäume und +Palmen der senkrecht stehenden Sonne abgezwungen. + +»Joranna Utami – Joranna Paraita, und was führt Euch über das Wasser im +Aoatea, wenn die Sonne über Euerem Scheitel brennt?« frug Paofai, +während Tati ihnen die Hand entgegenstreckte sie zu begrüßen. + +»Fröhliche Botschaft,« lachte Paraita, aber die fest zusammengebissenen +Zähne und der lauernde Blick mit dem er die Züge seiner Freunde +beobachtete straften sein Lachen Lügen – »ein neues Englisches +Kriegsschiff ist eingelaufen und die Mi-to-na-res schwimmen oben auf; +der Englische Capitain will ihren Gott schützen, daß ihn der andere +nicht über den Haufen wirft, wie sie bei uns Taaroa und Oro bei Seite +geworfen haben, und der morgende Tag schon soll ihren Triumph +beleuchten. Auf Tati, auf Paofai, ich glaube die Richter sollen vor +Gericht, denn wir sind _Alle_ aufgefordert zu erscheinen.« + +»Und gilt es wirklich dem Vertrag, den wir mit dem Ferani +abgeschlossen?« frug Tati finster. + +»Kein Zweifel,« lautete die Antwort – »der Königin Boten fliegen heute +durchs ganze Land – gestern schon gingen die Canoes nach Morea hinüber +und uns Beiden wurde selber aufgetragen _Euch_ mit zur Stelle zu +bringen, genügt Euch das?« + +»Und wißt Ihr genau was berathen werden soll?« frug Paofai. + +Paraita lachte. + +»Es ist ein öffentliches Geheimniß, und das Volk in Papetee spricht von +nichts Anderem – sie wollen unseren Vertrag verwerfen und das +Protectorat Frankreichs von sich weisen.« + +»Das Französische Schiff im Hafen wird’s nicht leiden,« rief Tati. + +»Es liegt ein stärkeres daneben s’ihm zu wehren,« sagte achselzuckend +Paraita. + +»Und was spricht Utami?« frug Tati, dessen Hand ergreifend, »auf welcher +Seite siehst _Du_ den Segen unseres Landes?« + +»Auf keiner,« entgegnete kopfschüttelnd der greise Richter, »auf keiner +von diesen Beiden. – Ich hatte gehofft durch einen solchen Schritt, der +gewissermaßen nur zum Schein unsere Rechte beschränkte und mehr ein +Freundschaftsbündniß war mit einer stärkeren Macht, jenen ehrgeizigen +Priestern ein Ziel zu stecken, aber die Feranis schauen mit gierigem +Auge auf dies Land, und wer weiß ob wir nachher bei dem Tausch +gewönnen. Jedenfalls liegt das noch Alles in der Zukunft Schooß, und ich +habe keine Lust einen Arm aufzuheben für Franke oder Missionair – laß +sie sich unter einander schlagen.« + +»Und Du gehst?« + +»Gewiß – sie sollen nicht sagen können daß Utami ihren Ruf gefürchtet +habe.« + +»Gefürchtet,« wiederholte Paofai verächtlich und spannte wie im Spiel +den Bogen von dessen Sehne der Pfeil schwirrend abschnellte, und etwa +vierzig Schritt davon entfernt den schlanken Stamm einer Papaya +durchbohrte, in deren Holz er zitternd stecken blieb – »gefürchtet,« +wiederholte er noch einmal, den Bogen auf die Schulter werfend – »aber +es führt uns nicht zum Ziel dieses Kinderspiel – dem Volk wird wieder +Sand in die Augen gestreut und so lange gesungen und gebetet, bis es +ermüdet auseinandergeht, und Alles bleibt beim Alten. Da doch noch +lieber dem Franzosen unterthan, dessen Sitte und Denkungsart besser zu +uns paßt, als den schleichenden Frömmlern.« + +»Unterthan? – _keinem_!« rief da Tati trotzig, der indeß mit +verschränkten Armen und in tiefem Brüten dem Gespräch der Freunde +gelauscht – »aber wie dann, wenn wir den Augenblick benutzten, wo die +Bewohner Tahitis das eine Joch abgeschüttelt und auch das andere von +uns würfen? – Was sagst Du, Utami, wenn wir die Fremden stürzten mit +dem einen Schlag und, wie die Missionaire jene fremden Priester, auf das +Schiff packten das sie gebracht und sie fortschickten, gleichviel wohin, +so _sie_ jetzt dem Engländer gäben, sie heimzuführen in ihre Heimath? +Jetzt, jetzt noch ist es Zeit wieder _ein_ Reich, ein glückliches Reich +zu gründen in unserem Inselland – jetzt wo das Volk gesehen welchen +Fluch ihnen die Fremden gebracht in jeder Art, wird es zu uns stehn mit +Kraft und Gewalt, und dem _einigen_ Volke können auch selbst die +Feuerschlünde des Feindes nicht mehr fürchterlich sein.« + +Utami schüttelte ernst mit dem Kopf und sagte finster: + +»Zu spät – zu spät! – ein großer Theil der Unseren hängt dem neuen +Gotte an, und die Missionaire haben dafür gesorgt daß ihr Wohl von der +Anbetung jenes nicht getrennt werden konnte – sie stehen zu fest, +während die Englischen Schiffe unsere Küsten verwüsten und unsere +Fruchtbäume niederschmettern würden, ihrem Gotte Seelen zu gewinnen, wie +sie dann sagten. – Ich fürchte wir haben uns selber Schaden gethan, als +wir dem Ferani die Hand boten und bei ihm Hülfe zu finden hofften gegen +den geistlichen Stolz.« + +»Gewalt thut hier Nichts,« stimmte auch Paraita bei – »wir sind zu +schwach etwas derartiges zu unternehmen, und wenn wir auch Hand zu Hand +mit den geschorenen Köpfen[S] fertig würden, ist uns die Europäische +Macht zu stark. Wir müßten jedenfalls warten bis sich ihre Kriegsschiffe +entfernt hätten, ein plötzlicher Schlag dann und es würde den Feinden +schwer werden das zu _rächen_, was sie jetzt mit leichter Mühe +_verhindern_ können. Aber noch haben wir den Vertreter jener fremden +Macht unter uns, die uns Schutz und Freiheit versprochen für Glauben und +Recht; wird der Französische Consul, denn zu solchem ist Mörenhout +ernannt als ihn die Amerikaner nicht länger anerkannten, wird er es +dulden, daß man den doch nun einmal von der Königin unterzeichneten +Contrakt mit Füßen tritt?« + +»Wie kann er’s hindern?« sagte achselzuckend Paofai. – »Mit ein paar +Redensarten ist nichts abgemacht, wenn der Fanatismus erst einmal in +Schuß, bergab gekommen. Die Missionaire haben da ihre Leute, Aonui, +Potowai, Terate und wie sie heißen; mit Jehovah auf den Lippen werfen +die Narren sich blind in’s Feuer selbst der Schiffe, und wenn das Volk +nur schreien und von Freiheit hört, dann brüllt es auch seinen Chor +hinein, möge die Folge sein wie sie wolle. Ich habe große Lust der +Versammlung gar nicht beizuwohnen; was kanns helfen?« + +»Das sie nachher sagen wir hätten uns gescheut ihnen unter die Augen zu +treten?« rief Tati rasch. »Nein, keiner darf fehlen von uns, wenn wir +nicht selber unsere Sache aufgeben wollen in Schimpf und Spott – +keiner, und dort wird sich uns auch ein Ausweg zeigen das Schwerste +abzuwenden.« + +»Dem stimme ich bei,« sagte Utami ernst – »unsere Aufgabe ist dem Land +die Freiheit zu erhalten, die der Fanatismus der einen wie die Gier der +anderen Seite gleich schwer bedroht, und gebe Gott daß uns das gelingt; +einer späteren Zeit mag es dann vorbehalten bleiben unsere inneren +Einrichtungen zu ordnen, von denen Franzosen wie Missionaire nichts +verstehn. Unser Glück liegt in unserer eigenen Hand – wir wollen es aus +keiner fremden. – So zögern wir denn nun auch nicht länger, kommt mit +zu meinem Haus, daß wir uns dort mit Speiß und Trank stärken zu der +Fahrt, und die morgende Sonne grüße uns die ersten auf dem Kampfplatz.« + +»Kampf?« lachte Paofai, während er seinen fortgeschossenen Pfeil +wiederholte, den anderen zu folgen – »ein schöner Kampf wird es +werden, der mit Singen anfängt und mit Beten aufhört. – Ich kenne meine +Landsleute nicht mehr, daß sie aus dem fröhlichen glücklichen Volk +solche Kriecher und Heuchler geworden sind. Aber zum Henker mit den +Grillen – unsere Palmen müssen sie uns lassen und das stille Wasser +unserer Riffe, unsere Blumen und Blüthen und unsere Weiber, und den +Schwarzröcken zum Trotz will ich das Leben jetzt genießen. Himmel und +Hölle? – Die Leute können vortreffliche Geschichten erzählen und man +lacht darüber wenn man sie hört – tödten sie doch die Zeit« – und den +Pfeil aus dem Holz reißend schob er ihn lachend in seinen Köcher zurück, +und trat, die Locken aus seiner Stirn werfend, zu den Uebrigen in das +Haus. + + +Fußnoten: + +[J] Wilde Pisang. + +[K] Der Wibaum oder die Brasilianische Pflaume (~spondias dulcis~) hat +mit den stärksten Stamm auf den Inseln – oft bis 4 und 5 Fuß im +Durchmesser. Die Rinde ist grau und glatt und er trägt eine förmliche +Masse großer pflaumenartiger saftiger Früchte von angenehmen Geschmak. + +[L] Der Omaomao, die Tahitische Drossel, und der einzige wirkliche +Singvogel, wenigstens der bedeutendste, der Inseln. Er ist gelb und +braun gefleckt, und von der Größe einer Drossel, mit der sein Gesang +auch etwas Aehnliches hat. Von Gestalt ist er etwas schlanker. + +[M] Ein, an der einen Seite des Canoes, durch Queerhölzer etwa drei oder +vier Fuß vom Fahrzeug selber ausgehaltener Baum, eine Art Kufe von +leichtem Holz, die auf dem Wasser liegt und mitschwimmt, und nur dazu +dient das leichte schwanke Fahrzeug vor dem Umschlagen zu bewahren. + +[N] Mape, Tahitische Kastanie. Die Papaya eine von Brasilien herüber +gekommene, der Melone ähnliche aber auf einem Baum wachsende Frucht. Der +Tappo-Tappo der Englische Crêmeapfel. + +[O] Das eigenthümliche Gewebe dieser Inseln, das die Frauen aus der +gegohrenen Rinde verschiedener Bäume, die sie vorher zu fester Masse +kneten so lange ausschlagen, bis ein dünnes, ziemlich dauerhaftes Zeug +daraus wird. + +[P] Areoïs, die früheren heidnischen Tänzer auf den Inseln, die eine +gewisse, sogar religiöse aber wüste Sekte bildeten und von Insel zu +Insel zogen ihre Orgien zu feiern. + +[Q] Die ersten und obersten, aus fürstlichem Blut entsprossenen +Häuptlinge. + +[R] In ihrer Aussprache Pritchard. + +[S] Die eifrigsten der Missionaire hatten ihren Gläubigen empfohlen die +Haare kurz am Kopfe abzuschneiden, wahrscheinlich um nicht den sündigen +Blumenschmuck darin tragen zu können. + + + + +Capitel 10. + +#Die Versammlung.# + + +Weißer Rauch quoll aus den Schießluken der Englischen Fregatte »Talbot« +und der rasch folgende donnernde Schlag des Geschützes, der das Echo +grollend weckte in den Bergen, grüßte das goldene Taggestirn, das eben +seinen rothglühenden Schein über die östliche, palmenbedeckte Spitze der +Bai warf, und seine Strahlen sandte über das weite Meer. + +Es war ein reizendes Bild das sich dem Blick entrollte, und Athem und +Leben gewann mit dem ersten Licht; im Hintergrund die wildzerrissenen +Kuppen des Gebirgs mit der dunklen kühn eingerissenen Schlucht – +auseinandergebrochen als die Grundvesten der Berge einst in ihrem +inneren Mark erbebten, und rechts und links das niedere palmenbedeckte +Land ausschießend, als ob es die sonnige spiegelglatte Bai umspannen +wolle mit liebendem Arm, während an dem Ufer hin die weißen niederen +Gebäude dicht hineingeschmiegt standen in Palmen- und Orangenhain, mit +hie und da einem alten mächtigen Banianbaum, der die dunkel glänzenden +Zweige niederschüttelte, neue Wurzeln dem Erdreich um sich her +abzugewinnen. Vorn schäumte und spielte die Fluth an dem hellen +Corallensand, und den vorderen, von Banane und Palme eingeschlossenen +Rand, in dem die stillen Wohnungen der Menschen so dicht versteckt wie +Perlen in einer halbgeöffneten Muschel lagen, bildete ein dichter Wald +von Brodfrucht und Orangen und buntblüthigen Akazien und breitblättrigen +Hibiscus Tiliaceus mit den großen malvenähnlichen Blumen. + +Und nicht öde und weit lag das Meer, dem wunderschönen Lande gegenüber; +nein, hinter dem licht funkelnden Wasserspiegel, den nur hie und da ein +ruhig vor seinem Anker reitendes Schiff, oder das rasche Canoe mit dem +blitzenden Streifen hinter sich unterbrach, dehnten sich die weiten +schäumenden Riffe mit ihren Schneekronen und rollendem Donner, und +umspannten selbst die kleine Königinsel Motuuta, die wie ein Smaragd, +von silbernem Band umfaßt, in dem herrlichen Rahmen palmenwiegend lag, +während hinter ihr, noch neben dem weiten Horizont des Oceans, die +zackigen kühn gerissenen Kuppen und Spitzen Imeos, wie Nadeln +emporstarrend oder riesige Kegel, in blauer Ferne lagen, bei klarer Luft +selbst den Palmengürtel zeigend der sie umschloß. + +Still und regungslos lag dabei der Strand, bis zu dem Schuß, mit dem +zugleich fast sich die Sonne über den Palmenstreifen hob – nur hie und +da zeigte sich ein einzelner Indianer der, vielleicht nach seinem Canoe +schauend, langsam am Ufer auf- und niederging; aber wie mit einem +Zauberschlag _nach_ dem Schuß, und während das Echo noch in den fernen +Schluchten dröhnte und grollte, quoll und drängte es sich ordentlich aus +den Häusern und Hütten vor, in bunter glänzender Tracht, und fröhliches +Leben brach sich die Bahn in’s Freie mit einem Mal. + +Es war Tag geworden in Papetee, und ein bedeutungsvoller wichtiger +Morgen angebrochen für den kleinen Staat; ob zum Heil, ob zum Leid, was +kümmerte das das fröhliche Inselvolk mit seinem leichten, glücklichen +Sinn. Wie die sonnige Welle ihrer Binnenwasser trieben sie leicht über +des Lebens Meer – ein Sturm rüttelte sie auf, wild und gewaltig, es ist +wahr, aber mit der Ursache die sie gehoben, _mit_ dem Sturm, legte sich +auch leicht beruhigt das Element, und ließ in derselben Stunde fast +schon den Schiffer niederschauen in die cristallreine Tiefe, die offen +wie ihr Herz da vor ihm lag. + +Wie ein Bienenschwarm zog es und drängte es dort eine Weile am Ufer +herum, beide Geschlechter bunt gemischt durcheinander, und oft klang der +fröhliche Laut lachender Mädchenstimmen silberrein über das Wasser +selbst bis zu der Stelle, wo etwas einsam in der Bai, und in der That so +weit abseits als er eben ankern durfte, ein großer weitbäuchiger, +entsetzlich schmutziger und wettermitgenommener Wallfischfänger lag. Auf +seinem Heck stand, etwas geschmacklos, aber vielleicht nicht ohne Grund, +mit grellrothen Buchstaben im grünen Felde, der Name desselben, _Kitty +Clover_, und von der Gaffel seines Besahnsegels wehte die Englische +Flagge. + +Auf dem Quarterdeck desselben standen zwei Männer, beide in die +gewöhnliche Seemannstracht, in blaue Jacken und weiße Hosen gekleidet, +einen breiträndigen Strohhut mit langem schwarzen Band gerad auf den +Kopf gesetzt. Der eine von ihnen, der ältere, war der Capitain der Kitty +Clover, der so wenig den Schotten in seinem ganzen Wesen und Aussehn +verleugnen konnte, wie der Andere den Iren. + +Dieser hatte das fast unvermeidliche rothe Haar seiner Landsleute, aber +in merkwürdig kleine feste Locken mehr geknotet als gedreht, und auch um +Kinn und Oberlippe zog sich ihm ein ungeheuer starker, aber eben so +fest verworrener ineinandergedrehter Bart bis hoch unter die kleinen, +lichtblauen Augen hinauf, die manchmal, wenn er seinen Kopf dem neben +ihm Stehenden zuwandte, mit einem eigenen drollen Humor daraus +vorblitzten. + +Noch acht oder zehn Matrosen etwa waren außer den beiden an Deck, und +zwar mit Waschen desselben beschäftigt, wozu sie die vollen Eimer aus +der klaren Fluth heraufschwangen, und mit raschgezieltem Wurf den +breiten Strahl unter die oben befestigten Fässer und langs Deck hin +sandten. + +Der Capitain oder Master des Wallfischfängers, Mac Rally, galt für einen +vortrefflichen Seemann, aber noch besseren Händler, und das hagere +scharfgeschnittene Gesicht, die hellblauen unstäten Augen, die eisernen +Lippen zeigten zugleich Entschlossenheit wie List und Ausdauer. + +Die Kitty Clover war erst gestern hierher, angeblich vom Wallfischfang, +eigentlich aber direkt von Valparaiso kommend, eingelaufen, und hatte +den Iren gewissermaßen als Passagier, der übrigens auch einen ziemlichen +Theil spirituöser Getränke als Fracht bei sich führte, mitgebracht. +Theilweise gehörte von demselben Artikel, außer einer Anzahl von +Fässern, von denen nicht einmal die Matrosen wußten was sie enthielten, +auch eine ziemliche Parthie dem Capitain selber, und er zog es deshalb +vor, den letztverlassenen Hafen nicht als direkt von dort gekommen +anzugeben, einer vielleicht unangenehmen und zu ängstlichen +Aufmerksamkeit der Steuerbehörden zu entgehen. Nichtsdestoweniger haben +diese auf Wallfischfänger ebenfalls ein sehr scharfes und wachsames +Auge, denn sie wissen recht gut daß solche Fahrzeuge, wenn sie auch +gerade kein wirkliches Geschäft daraus machen, doch stets eine oft nicht +unbedeutende Quantität gestatteter oder auch verbotener Waare bei sich +führen, und was sie eben schmuggeln _können_, nicht gern versteuern. + +Die _verbotene_ Landung spirituöser Getränke war übrigens mit ungemeinen +Schwierigkeiten verbunden, denn auf alle den Inseln hatten die +Missionaire schon gegen die Einführung des Branntweins die heilsamsten +Gesetze erlassen, die sie mit großer Strenge aufrecht hielten und +bewachten; anderseits waren die Indianischen Behörden selber mit solcher +Maßregel sehr zufrieden, denn die Einführung des bösen Getränks hatte +nur Elend und Unfrieden, Zank und Blutvergießen in die Stämme gebracht, +so daß sie gern und willig, was nicht immer der Fall war, ihre weißen +Lehrer und Gesetzgeber in der Ausführung unterstützten. + +Die Franzosen nahmen es noch am leichtesten mit der Einführung von +Spirituosen, aber nur wenn sie von ihren eigenen Schiffen gelandet +wurden, denen sie dadurch gewissermaßen ein Monopol zu sichern +wünschten, aber auch hartnäckig von den Behörden überwacht wurden und +nicht, ohne öffentlich die einmal bestehenden Gesetze umzustoßen, +dawiderhandeln durften. + +»Und Ihr seid hier bekannt, O’Flannagan,« sagte der Capitain endlich, +nachdem er wohl eine Viertelstunde lang, ohne ein Wort zu sprechen, das +Ufer durch sein langes Schiffsglas scharf beobachtet hatte, »und glaubt +fest daß Ihr die ganze Ladung nach und nach sicher und ohne einen Penny +Steuer zu zahlen an Land würdet schmuggeln können?« + +»Von _glauben_ ist da gar keine Rede, ~Captain dear~,« lachte der Ire, +»meiner Mutter Sohn kennt hier jeden Zollbreit Boden am Ufer, und was +mehr ist, jeden Zollbreits Sohn und Tochter, und die Mädchen besonders, +hahaha liebe Dinger, sind rein auf mich versessen. Die führen nun schon +einmal in der ganzen Welt das Regiment und die zu Freunden, das andere +ist Alles Kleinigkeit und Kinderspiel.« + +»Aber wenn uns da nur die jetzigen politischen Verhältnisse keinen +Strich durch die Rechnung machen,« sagte kopfschüttelnd der Schotte. +»Wie uns der alte Indianer gestern Abend erzählte, so waren die +Englischen Missionaire wieder die Herren da drüben, so gut wie früher, +und das will mir nicht so recht einleuchten.« + +»Wir wären verloren mit unserem Geschäft wenns anders aussähe;« lachte +Jim, »zum Teufel wenn die Franzosen das Heft in Händen hätten, dürften +wir unseren Brandy nur getrost selber trinken, denn die würden eine +solche Masse ihres eigenen Fabrikats hinüber an Land geworfen haben, daß +sie die Stadt damit ersäufen könnten. Die Missionaire dagegen können +höchstens die Strafe auf Einfuhr noch erhöhen, die Einfuhr selber noch +schwieriger machen; das Alles muß uns aber die Preise nur gerade in die +Höhe treiben, und – was wollen wir mehr?« + +»Weiter nichts,« schmunzelte der Schotte, das Fernrohr niederlegend und +sich mit einem höchst vergnügten Gesicht die Hände reibend – »weiter +nichts, Jimmy – höchstens noch etwas baar Geld – gutes Silber für +unsere flüssige Waare.« + +»Ich fürchte nur Ihr habt mit dem anderen Artikel ein schlechtes +Geschäft gemacht,« sagte Jim kopfschüttelnd – »ich glaube wirklich +nicht, daß es hier je zu einem solchen Ausbruch von Feindseligkeiten +kommen kann, die Eingeborenen zu veranlassen wirklich Geld für einen +solchen Artikel auszulegen; – ja wenn es Brandy wäre.« + +»Nun, ich gehe da ziemlich sicher,« schmunzelte der Schotte, »denn ein +Theil der Waffen ist feste Bestellung – von Jemandem aber den ich nicht +nennen darf – und verkauf ich das andere nicht _hier_, so weiß ich daß +ich auf den Fidschi- und Navigators-Inseln einen vortrefflichen Markt +dafür finde.« + +»Ja, aber, das ist ein kitzliches Geschäft,« meinte Jim, sich mit dem +Zeigefinger der rechten Hand durch das Halstuch fahrend – »die +Engländer und Franzosen haben über derartigen Handel ihre eigenen +Ansichten, und es geht bei einer solchen Geschichte immer gleich an die +Raanocke[T]. Interessant ist so ein Geschäft wohl schon, aber – +verdammt gefährlich, und der Nutzen doch eigentlich nicht im Verhältniß +zum Risiko.« + +»Nun, das käme auf die Person an,« sagte, mit einem etwas zweideutigen +Seitenblick auf den Iren, der jetzt aufmerksam durch das Glas nach der +Insel hinüberschaute, der Capitain. Jim verstand aber die etwas +malitiöse Anspielung und sagte lachend, ohne jedoch aufzusehen: + +»Ich bin gerade so kitzlich am Halse wie der beste Priester, Capitain, +und jeder paßt auf sein Bischen Leben so gut er kann, ob’s nun eben der +Mühe werth ist, oder nicht.« + +»Nein, Jimmy, so war’s gar nicht gemeint,« rief Mac Rally rasch und +etwas verlegen. + +»Bitte, geniren Sie sich nicht,« lachte Jim, »thun Sie als ob Sie zu +Hause wären, ~Captain dear~ – »aber dahinten kommen die Canoes,« +unterbrach er sich plötzlich, den rechten Arm, ohne das Auge vom Glas zu +nehmen, gegen Point Venus hinüberstreckend. Dorthin wurde auch eben, +gerade die Spitze passirend, eine kleine Flotte Indianischer Fahrzeuge +sichtbar. »Bei Jäsus, Mr. Mac,« fuhr er aber lebendiger werdend fort, +als er sich den Inhalt der kleinen schlanken Fahrzeuge etwas genauer +betrachtet – »heute geht die Geschichte los da drüben, heute bekommen +wir was zu sehen, und je eher wir hinüberfahren, denk’ ich, desto besser +ist’s, denn einen besseren Abend unser Ausschiffen zu beginnen, werden +wir auch nicht so leicht finden. Kein Teufel paßt heut’ auf die aus- und +eingehenden Boote, und solche Zeit muß man benutzen.« + +Der Capitain hatte das Glas wieder genommen und einen Augenblick +durchgesehen, dann aber sich wieder aufrichtend und es zusammenschiebend +sagte er, mit einem halbversteckten Lächeln in den selten aus ihrer Lage +gebrachten fast wie ehernen Zügen: + +»Ihr habt recht Jim, da hinten schwimmen die Haupt-Schauspieler der +heutigen Komödie – drei Canoes voll Schwarzröcke, Gott weiß wo sie alle +herkommen. Die Feierlichkeit wird nun wohl auch bald ihren Anfang +nehmen, und ich glaube je eher wir hinübergehn, desto besser. Ha, bei +Gott,« unterbrach er sich plötzlich, als er sich zufällig nach den +Kriegsschiffen hingewandt hatte und deutete mit dem Arm hinüber – »dort +geht die Tahitische Nationalflagge!« Und in der That stieg in diesem +Augenblick die rothe Flagge mit dem weißen Stern auf der Englischen +Fregatte an der Gaffel des Besahnsegels auf. »Was die Leute doch für +Streiche machen,« brummte der Alte dabei – »aber meiner Mutter Sohn +müßte sich sehr irren, wenn sie nicht heute da drüben Unheil anrichten.« + +»Desto besser, ~Captain dear~,« rief Jim, sich vergnügt die Hände +reibend, »desto besser; s’wär mir ein wahres Gaudium, wenn ich erleben +könnte daß sich die beiden Erbfeinde, Franzosen und Engländer, wieder +einmal beim Koller kriegten; s’ist überdies lange genug Frieden gewesen. +Aber enges Fahrwasser zum Maneuvriren hätten sie hier, und die Corvette +hielts auch mit der Fregatte nicht lange genug aus, den Spaß interessant +zu machen.« + +»So weit treiben sie’s nicht,« sagte kopfschüttelnd der Capitain – »der +Franzose ist zu klug sich hier mit einer solchen Fregatte in einen +wahrhaft verzweifelten Kampf einzulassen. Nein, es kommt jetzt Alles +darauf an wie das Schiff heißt, das zuerst in den Hafen einsegelt, und +die guten Leute hier spielen wirklich nur eine Art Paar oder Unpaar, mit +ihrem ganzen Land zum Einsatz.« + +»Bah, der Spaß ist der,« lachte der Ire, »daß die, die den Einsatz +stellen, nicht einmal mitspielen – die aber die Nichts zu verlieren +haben, die Missionaire, trumpfen aus.« + +»S’ist Zeit daß wir hinüberfahren,« sagte Mac Rally – »he da vorn – +~damn it~ Ihr Burschen, Ihr schwemmt ja heute das Deck, als ob Ihr die +Nägel herausweichen wolltet; mein Boot nieder, und viere von Euch +hinein. Und Du Bob,« wandte er sich an einen der Leute, den Zimmermann, +der eine gewisse Autorität an Bord ausübte wenn die Officiere an Land +waren, »passe mir ein Bischen auf, und wenn es am Ufer Skandal geben und +Einer von unseren bärbeißigen Nachbarn vielleicht geneigt sein sollte +die Zähne zu zeigen – Du kennst ja das Zeichen – so auf mit Euerem +Anker, und seht zu daß Ihr außer Schußlinie kommt, denn wir brauchen +unsere Hölzer nothwendiger. – Aber bis dahin bin ich auch auf jeden +Fall wieder zurück.« + +»Und soll die Flagge wehen bleiben, Capitain?« frug der mit Bob +angeredete. + +Mac Rally stand schon auf der Schanzkleidung, und war eben im Begriff in +das Boot hinabzusteigen. Er blieb stehn, und schaute einen Augenblick +wie unschlüssig nach dem bunten, flatternden Tuch hinauf. + +»S’wär patriotischer,« sagte er endlich, die Augenbrauen hoch +hinaufgezogen, »aber politisch ist’s nicht. – Sie können Einem freilich +Nichts anhaben – Ach was,« setzte er dann laut hinzu – »der Wind +schlägt das Tuch doch nur zu Schanden – wenn wir an Land sind nimm den +Lappen herunter!« und mit dieser höchst unehrerbietigen Bemerkung der +eigenen Nationalflagge sprang er, von dem Iren gefolgt, in sein Boot, +das sie bald mit kräftigen Ruderschlägen blitzesschnell über das Wasser +dem gar nicht so fernen Ufer zuführten. + +Hier aber wimmelte und schwärmte es indeß von Menschen und den Strand +hinunter schien der Hauptzug zu gehn, wo auch wirklich an dem +sogenannten Paré, jenem Theil der Küste wo der Königin Haus stand, der +für heute bestimmte Versammlungsort des Festes lag, wenn hier überhaupt +ein Fest gefeiert wurde. + +Eine bunte Mädchenschaar drängte sich am Ufer hin und an der Kirche +vorüber, deren Glocke in einem, oben ausgeschnittenen stämmigen +Orangenbusch hing. Es waren blühende, liebliche Gestalten, mit tief +dunklen und doch so schwärmerischen Augen, und zartgeschnittenen, +rosigen Lippen, oft mit kaum gebräuntem Teint, unter dem das feine +liebliche Erröthen, wenn es Wangen und Nacken übergoß, so klar wie bei +der weißen Haut fast hervortrat, und den üppigen Formen einen +unendlichen Reiz verliehen hätte, wäre der nicht eben durch das sonst so +lockige jetzt kurz abgeschnittene Haar und das entsetzlichste Modell +eines Frauenhutes, das je die freie Stirn eines schönen Kindes +mishandelte, entstellt worden. Es war die _fromme_ Schaar der +Tahitierinnen, die sich zur Protestantischen Kirche bekannten, und mit +den alten Vorurtheilen auch ihr Lockenhaar wegwerfen mußten, als falsch +und sündig. Und weshalb? – es hatte Blumen getragen einst im +heidnischen Tanz, und die freundlichen Kinder jenes herrlichen +Himmelsstriches schmückten es jetzt selbst noch gern mit den knospenden +Blüthen. Aber fort mit dem irdischen Tant! wer _Gott_ dienen wollte, +durfte sein Herz nicht an die Erde und ihren Schmuck hängen – fort mit +dem Haar das sündige Eitelkeit erweckte und der Verführung den Weg nur +bahnte zum wankenden Herzen – fort mit dem duftigen Kranz darin und den +wehenden Silberfasern der Arrowroot – einen anständigen _christlichen_ +Hut mit christlicher Form auf dem Kopf, und diesen geschoren darunter, +und das sündige Herz mußte dann schon selber dem Schopfe folgen. + +Wie sie so ehrbar dahin schreiten, die sonst so wilden Mädchen, das Auge +züchtig gesenkt, die schwere Bibel im Arm und gegen die volle Brust +gepreßt, in der das Herz so ängstlich klopfend schlägt – der Hut +verbirgt die Züge, und das lange faltige Gewand umhüllt fast vollkommen +die zarten Gestalten, nur den Fuß – nicht das Schönste an ihnen – frei +zur Schau tragend. + +»~Waihine – naha – naha Maïre~!« rief da eine neckische Stimme dicht +neben dem Zug, und ein reizendes Mädchengesicht, aber ohne den +entstellenden Hut, und die vollen blumendurchflochtenen Locken wild um +die hohe edle Stirn flatternd, bog sich halb über, dem ihm nächsten +Mädchen unter den schrecklichen Hut zu sehen, und die Züge zu erkennen +– »~naha Maïre~.« + +Aber die also Angeredete, ob sie es war oder nicht, bog den Kopf nur +mehr zur Seite. Sie schämte sich doch nicht ihrer frommen Tracht? – +»~naha Maïre~,« klang wieder und wieder der neckische Ruf – »bist Du’s +~aiu~[U] oder nicht? – sieh her Maïre, sieh her und wende Dein +Köpfchen.« + +»Ah – da nimm das!« rief da plötzlich die fromme Maid, und den Kopf +herumwerfend nach der Quälerin, deren lachende Augen über zwei Reihen +prachtvoller Perlzähne blitzten und funkelten, schlug sie mit der linken +flachen Hand (in der anderen hielt sie die Bibel), ein Zeichen +gründlicher Verachtung, ihre Lende – »da nimm das Du böse Ate-ate und +laß mich zufrieden – bah über die Schwätzerin.« + +»Hahahaha!« klangs aber wie Silberton von den Lippen der Anderen – +»hahahaha, Maïre, Maïre, armes Kind, armes Kind.« + +»Laß sie gehn,« stieß da Maïre eine Nachbarin an, »laß sie gehn es sind +wilde Dinger und taugen nicht zu uns – wenn’s der Mitonare sieht daß +wir mit ihnen gesprochen ist er bös.« + +»Maïre, Maïre, armes Mädchen!« riefen die Ersteren wieder. + +»Bah!« lachte aber die Schöne jetzt, den Hut zurückwerfend, daß die +funkelnden Augen voll die Gegner trafen – »albernes Zeug hier, könnt +Ihr mich nicht zufrieden lassen beim Kirchgang oder beim vollen Zug – +oder glaubt Ihr daß Ihr’s nachher wohl toller treibt als ich?« + +»Ah ~maitai maitai~ Maïre,« jubelte da Ate-ate laut auf – »so lebst Du +noch unter dem Hut und Dein Herz liegt nicht bei den Locken daheim im +Bananenblatt?« + +»Wenn sie nur so schnell wieder wüchsen wie man sie abschneiden kann,« +zürnte das schöne Mädchen und warf einen mürrischen mistrauischen Blick +nach ihrem Schatten hinunter, aber sie sah nur den Hut und schüttelte +ärgerlich mit dem Kopf. + +»Wenn mir die Haare wachsen schneid’ ich sie nicht wieder ab,« sagte ein +anderes Mädchen das neben Maïren ging – »so lange sie kurz sind bin ich +fromm, und dann kann einmal eine Andere an die Reihe kommen.« + +Drrrrrrrrum – drum, drum, drum klang der Wirbel und Ton; heller +fröhlicher Trommelschlag, das National- und Lieblingsinstrument der +Insulaner, im Takt und Schlag ihres wildesten, aber auch deshalb +geliebtesten Tanzes. + +»Hab’ Acht, Maïre,« rief Ate-ate an ihrer Seite hintanzend – »der +~Upepehe~: + + Horch! + Horch wie der Trommel Klang + Hell durch die Palmen drang, + Horch! + Zuckt mir’s durch Fuß und Knie, + Zuckt mir’s im Herzen hie + Horch!« + +»Horch!« rief aber Maïre und ihre Augen blitzten und funkelten in einem +wilden, fröhlichen Feuer, zu dem das dicke Buch unter dem Arm gar nicht +so recht passen wollte. + + »Horch! + Laut wie die Brandung jägt, + Gegen die Riffe schlägt, + Horch! + Wirbelt der Trommel Ton + Herzchen ich komme schon + Horch!« + +Und in den Chor fiel die übrige fromme Schaar jubelnd ein, und mit den +Büchern im Arm, während die großen Hüte den Wind fingen und auf- und +niederschlugen, warfen sich die tollen Mädchen, denen die bekannten und +so leidenschaftlich geliebten Töne viel zu verführerisch in die Ohren +geklungen hatten ihnen widerstehn zu können, von beiden Seiten in den +wilden Upepehe-Tanz und sprangen, von den nicht so feierlich geputzten +jubelnden Schwestern redlich dabei unterstützt, auf und ab in der rasch +gebildeten Bahn den üppigsten ihrer Tänze aufzuführen, so lange +wenigstens die verführerische Trommel schlug. + +Wie von der Tarantel gestochen schien dabei die Schaar, und selbst die +Ernstesten unter ihnen, die mit finsterem Blick den ersten Uebergriff +geschaut und mit scharfem Wort ihn gerügt, schwiegen, sahen sich um nach +rechts und links – zögerten noch und – sprangen mitten hinein in den +jubelnden Chor. + +»_Mi-to-na-re_!« + +Wie dem Schwimmenden das Wort _ein Hai_ mit Bleies Schwere in die +Glieder schlägt, und ihn oft zu seinem Verderben für den ersten +Augenblick jeder eigenen Willenskraft beraubt, so schlug _das_ Wort in +die Reihen der Tanzenden. + +»_Mitonare_!« + +Einen Moment standen sie wie in Stein gehauen, die fröhlichen jubelnden +Gruppen, nur von den Zügen hatte der Schreck die Fröhlichkeit verwischt, +und nicht hinaus suchte das Auge wo die Gefahr lag, sondern nur bei dem +Nachbar wollte es Scherz oder Ernst der Warnung finden; der nächste +Moment aber schon entschied den Sieg gegen die Trommel – »Mitonare!« +und aus dem Tanz heraus zuckte die Schaar der Frommen wieder in den +früheren stillen und ehrbaren Gang hinein, die Hüte fielen nieder – +jetzt ein trefflicher Schutz die erregten glühenden Gesichter zu bergen +vor irgend einem prüfenden Blick, die verschobenen Röcke wurden gerad +gezupft, und wieder ernst und feierlich wanderte die junge Schaar, +unschuldige Heuchler mit dem fröhlichen Muth im Herzen und den +unnatürlichen Ernst starr und kalt draußen herumgelegt, die breite +Straße entlang dem Paré zu. + +Aber nicht nur ein Scherz, den sich irgend ein neckisches Mädchenbild +vielleicht erdacht die Schwestern fürchten zu machen, war das Wort +gewesen – dort oben vor dem Hause des jetzt allerdings verreisten +früheren Missionairs und jetzigen Englischen Consuls Pritchard (ein +weites Gebäude mit bequemer luftiger Verandah, Europäischen Thüren, +Glasfenstern und wohnlicher selbst eleganter innerer Einrichtung) stand +die fromme Schaar der Missionaire versammelt – sie _Alle_, nicht ein +einziger fehlte von Tahiti selber, wie von Imeo, in schwarzem Frack und +Hosen, weißer Halsbinde und Weste und das unpraktischste Fabrikat das je +ein Mensch in kaltem oder heißem Klima, in Sonne oder Schnee, in Staub +oder Regen, bei Wind oder Stille, beim Gehen, Reiten oder Fahren +getragen, den schwarzen Cylinderhut auf dem Kopf. + +»Er hat uns gesehn!« flüsterte Eines der Mädchen dem anderen zu – »er +trägt ein kleines langes Stück Metall, das wie ~perú~[V] aussieht, in +der Tasche, damit kann er von einer Insel nach der anderen hinübersehn.« + +»Bah’ heute sagt er Nichts,« flüsterte die Andere zurück – »und zankt +er mich aus,« setzte sie trotzig hinzu – »geh ich zu dem anderen +Priester mit Kreuz und Licht, dort darf ich mir so die Haare wachsen +lassen und Blumen hineinflechten, und komme doch in den Himmel der +Weißen.« + +»Die breite Pforte bleibt Dir verschlossen, wenn Dir die Mitonares nicht +den Eingang zeigen,« warnte die Erste wieder. + +»Ei was,« lachte die Zweite leise, »dann biegen mir die anderen +Mitonares den Bambus auseinander – wenn ich nur hineinkomme.« + +Die Mädchen kicherten zusammen unter ihren vorgebeugten Hüten, aber ganz +leise, und der Zug schritt langsam vorwärts, denn er wuchs mit jedem +Fußbreit Boden den er gewann, und an dem letzten »Bethaus« hatten sich +ihm alle »Glieder der Kirche« (~Church members~) in feierlicher +Procession und von dem Ehrwürdigen Mr. Rowe geführt, angeschlossen. + +Ehrwürdige Gestalten selbst, mit ihren braunen Gesichtern und weißen +Jacken, manche in Hosen, einzelne sogar im Frack und Lendentuch, mit +Weste und heftig gestärktem Vorhemd, die Beine tättowirt mit allen +möglichen heidnischen Zeichen, und den Kopf geschoren in christlicher +Demuth. + +Viele davon, ja die meisten, trugen Bücher unter dem Arm, und der stille +Ernst der in ihren Reihen herrschte, mit der Schaar von +schwarzgekleideten Männern die jetzt zu ihnen niederstieg und ihrem Zug +voranging, machte einen eigenen wunderlichen Eindruck auf den Zuschauer. + +»Wer wird denn hier eigentlich begraben, Jim?« sagte Mac Rally, als sie +am Strande hin, in etwa funfzig Stritt Entfernung vom Ufer, den Zug in +ihrem Boot begleiteten – »das geht ja merkwürdig feierlich zu bei den +Leuten – wenn ich nicht wüßte daß ich in Tahiti wäre, glaubte ich +wahrhaftig, ich sei aus Versehen irgendwo in Neu-England angelaufen.« + +»Hätt’ ich die Mädchen mit den schauerlichen Hüten da eben nicht tanzen +sehn,« lachte der Ire, »so glaubt’ ich’s auch – schwarz genug sieht der +Kopf davorn aus, und dunkel gesprenkelt gehts durch den ganzen Zug; aber +so ernsthaft werden sie’s wohl nicht meinen, und das Ganze läuft doch +am Ende wieder darauf hinaus, daß sie den Höchsten ersuchen sich der +Sache, die sie jetzt in die Dinte geritten haben, anzunehmen, und +nachher eine Collekte für Missionszwecke sammeln.« + +Mac Rally schüttelte mit dem Kopf. + +»Und ich glaub’s nicht – wäre das Englische Kriegsschiff nicht da, ja, +aber der Capitain hält zu ihnen, oder will wenigstens nicht zu dem +Franzmann halten, was ich ihm auch nicht verdenken kann, und da wird sie +der Böse wohl plagen daß sie irgend einen gescheuten Streich aushecken, +bei dem ihnen nachher die Insulaner die Kastanien aus der Asche holen +müssen. Ich kenne meine Leute.« + +»Wetter, jetzt wird’s Ernst!« rief Jim da, über die Bai hinüberzeigend, +nach der er den Kopf zufällig gewandt – »da kommen die Boote Ihrer +Majestät, mit wehenden Flaggen, die Tahitische vorn am Bug, darüber wird +sich unser Französischer Nachbar unendlich freuen.« + +»So ~back water~, Jim, dort hinein in die Bucht,« rief Mac Rally, »es +wird Zeit daß wir landen, und uns den Spaß jetzt vom Ufer aus +betrachten.« + +»Ich habe ebenfalls Nichts zwischen den Booten zu suchen, Sirrah,« +brummte der Ire, und dem Befehl gehorsam schoß das Boot gleich darauf +einem der einfachen ausgebauten Landungsplätze zu, an dem es Einer der +Leute befestigte, während sich die beiden Männer in dem Gedräng von +Menschen verloren, Europäern wie Insulanern, die Alle dem oberen Theil +der Bai, Paré genannt, wo die Königin ein großes Bambushaus stehen +hatte, zuströmte. + +Die Leute am Ufer konnten aber nur höchst langsam vorrücken, während die +Boote rasch über die glatte Bai dahin schossen und ihre Bemannung schon +ihre Plätze eingenommen hatte, ehe der größte Theil der Missionaire, der +sich dem vollen Zug bei dem letzten Bethaus angeschlossen, mit demselben +eintraf. + +Die Königin Pomare, oder ~Pomare Waihine~ saß, von ihren Frauen +umstanden, auf der Verandah ihres Hauses, ihren königlichen Gemahl zur +Seite. Zur Rechten und Linken befanden sich die Englischen Officiere des +Talbot mit den verschiedenen auf Tahiti anwesenden Consuln Englands, +Frankreichs und Amerikas und manchen dort ansässigen Fremden, ebenso die +Missionaire, und den Hof füllend in weitem Kreis standen die +verschiedenen Häuptlinge des Landes mit der bunten wunderlichen Schaar +der Eingeborenen, die sich von Civilisation wie Christenthum zum großen +Theil gerade soviel zugeeignet hatte, als nöthig war ihnen ihre +Nationalität zu nehmen, ohne ihnen viel anderes dafür zu bieten. + +Es ist wahr, das gute Herz und der treue offene Sinn der Insulaner hatte +Viele den Segnungen unserer schönen Religion leicht zugänglich gemacht, +und sie mit Freuden die Irrthümer von sich werfen lassen, denen sie +überdies nicht aus Neigung sondern nur deshalb angehangen, weil es ihnen +eben so von ihren Vätern überliefert worden; so entsagten sie dem, +früher zu einem förmlichen Gebrauch gewordenen Kindesmord[W], ehe sie +selbst begriffen was das Christenthum eigentlich sei, und nahmen dieses +besonders deshalb an, weil es ihnen als eine Religion der Liebe wie des +Friedens geschildert wurde, und sie ihrer Kriege und Streitigkeiten +schon selber herzlich satt waren. Ja, die Priester entsagten sogar auf +manchen Inseln zuerst dem Heidenthum, wie der hohe Priester Tati, der +selber seine Götzen verbrannte, weil er einsah daß die Religion der +Bleichgesichter in ihren Lehren eine gute sei, und das Volk glücklicher +machen würde, wenn es ihr folge und seinen Misbräuchen, seinen Kämpfen +entsage. + +Wären die Missionaire dabei stehen geblieben, hätten sie diesen noch +uncivilisirten, aber jedem Guten empfänglichen Stämmen unser +Christenthum gebracht wie es Christus lehrte, sie wären ein Segen dem +Lande geworden und in ihrer Hand lag damals das Glück von Millionen, +denn kein Stamm der Erde trug den Saamen des Edlen und Guten mehr und +kräftiger in sich als gerade die Bewohner dieser schönen Inseln, aber +statt dem wirklichen Kern unseres Glaubens brachten sie ihre Dogmen und +Streitigkeiten, nichtssagende Formeln und Gebräuche, und die nächste +Zeit schon sollte lehren wie sehr falsch sie gehandelt und wie ihr +Ehrgeiz und Stolz der _eigenen Gemeinde nur_, nicht dem wirklichen +Christenthum Anhänger zu gewinnen, das arme Volk das hier zum Opfer +ausersehen worden, ehe es nur begreifen konnte um was es sich überhaupt +handele, in die Gräuel eines Religionskrieges verwickelte. + +Hätten die Evangelischen Lehrer sich eben an den reinen und herrlichen +Kern unserer Lehre gehalten, so konnten ihnen eintreffende Sekten keine +Bekehrte mehr abtrünnig machen; sie brauchten sie nur auf das +Eigentliche jedes wahren Glaubens zurückzuführen und der Insulaner hätte +gewußt _weshalb_ er seine Götzen verbrannte. So aber machten sie die +Formen zur Hauptsache; ein südliches unserer nordischen Kälte, unseren +starren Fanatismus nicht gewohntes Volk, das schon durch Klima wie Boden +von Gott selber angewiesen worden ganz anders zu leben und zu denken, +sollte nicht allein seine Religion ändern (das war möglich und die +besser Gesinnten bewiesen bald wie leicht es ihnen wurde guten Lehren +ihr Ohr zu öffnen), nein auch ein anderes Leben beginnen; sie sollten +vollkommen andere Menschen werden, Worte singen die sie nicht +verstanden, Tage lang, statt ihrer Tänze und Spiele, ihr Antlitz in den +Staub werfen und beten, und wo sie bis dahin dem Himmel frisch und +fröhlich in’s Auge geblickt, Allem entsagen fast, was ihnen die Natur in +ihrem reichsten Uebermaß geboten; mit einem Wort jenen dunklen +Schwärmern und Kopfhängern gleich werden, die selbst in ihrem nordischen +Vaterland nur theilweis Anhänger finden konnten, und in Streit und Hader +leben mit anderen Sekten. + +Aber noch waren sie selbst darin nicht fest geworden, ja in Vielen sogar +schon Zweifel aufgestiegen, ob ihre alten Götter nicht mit ihnen +zürnten, und der neue keine Macht habe sie zu schützen, denn +ansteckende Krankheiten wütheten unter ihnen und religiöse wie +politische Streitigkeiten hatten Familien und Stämme entzweit, bei denen +nur der harmlose gute Charakter der Insulaner selber oft blutiges Ende +verhinderte. Da warfen die Franzosen ihre Missionaire herüber, die einen +anderen Gott, einen anderen Glauben brachten, und während die +Evangelischen Priester die Neugekommenen als Kinder des Satans und +Götzenanbeter ausschrieen, verdächtigten die Letzteren ihre, ihnen +allerdings nicht geneigten Vorgänger, und warnten die armen +Eingeborenen, denen der Kopf wirbelte bei den neuen Dogmen und +Gebräuchen, auf dem betretenen Wege fortzugehn – denn er führe genau zu +dem Platz den sie bei Wegwerfung ihrer Götzen hätten vermeiden wollen – +nämlich zur _Hölle_. + +Doch fort mit all solchen traurigen Betrachtungen, soweit sie nicht zu +nahe mit den Personen selber verknüpft sind, mit denen wir es hier zu +thun haben – sie thun weh, und man möchte da manchmal mit Keulen drein +schlagen, die Menschen doch nur – das wenigste was man von ihnen +verlangen kann – vernünftig zu machen. + +So vor denn, Du bunte Schaar, und grüße die Majestät, denn vor dem Hause +flattert im frischen Morgenwind das Tahitische Banner, der einsame +bleiche Stern im rothen Feld, und alle Fremden grüßen mit abgezogenen +Hüten des Landes Königin. + +Auch die Eingeborenen folgten, auf ein Zeichen ihres Missionairs, diesem +Gebrauch, die wenigstens, die Hüte hatten – und begriffen vielleicht +dabei heut’ zum ersten Mal weshalb sie die wunderlichen Dinger +eigentlich trugen. + +Pomare erhob sich, dankte mit freundlichem Nicken und ließ den Blick +lange und forschend über die Menschenwogen gleiten, die ihren einfachen +Palast umlagert hielten. Kaum aber zeigte sie sich so dem Volk, das in +Liebe und Ehrfurcht an ihr hing, da rief ein alter Mann, ein Häuptling +von Taiarabu, der unfern der Verandah stand: + +»Pomare! unsere Königin, ~ia ore na oe~!«[X] und wie der Schlag des +Geschützes, der das Echo weckte in den Bergen, faßte den Ruf die Menge +und laut wie der Brandung Donnerton klang das liebende Wort: »~ia ore na +oe~!« + +Pomare wollte reden, sie hob die Hand und öffnete den Mund, aber die +Stimme versagte ihr – sie barg die Stirn in der linken Hand und wandte +den Kopf, ihre Bewegung zu verbergen; da fiel ihr Blick auf die Fremden +an ihrer Seite, auf die schwarzen Männer Gottes, auf die buntblitzenden +Uniformen der Seeleute, und gewaltsam raffte sie sich zusammen, nicht +schwach zu scheinen vor den Fremden. + +Ein leiser Wink ihrer Hand rief Raiata, ihren »Sprecher« an ihre Seite +und wie noch vor wenig Augenblicken ein wildes Meer von Köpfen herüber +und hinüberwogend mit stürmischen Lauten die Luft erfüllt hatte, legte +sich der Lärm im Augenblick und wechselte in Todtenstille, daß dumpf und +dröhnend der fernen Brandung Rollen hörbar wurde über der Schaar, und +wie ein Segen klang zu dem frommen Wort des Volks. + +»Es ist der Königin Wunsch,« klang da die volle klare Stimme Raiatas, +»daß die Verhandlungen dieses Tages mit Gebet beginnen.« + +»Dazu geben wir unsere volle Beistimmung,« nahm da Einer der Missionaire +rasch das Wort, »und wollen den ehrwürdigen Herren Rowe ersuchen das +Gebet zu halten.« + +Die Königin neigte ihr Haupt und während einer feierlichen Stille, in +der das Athmen der Menge hörbar war, begann der fromme Mann sein lautes +Gebet. + +»Herr mein Gott, Deine Hand liegt schwer auf diesem Volk, Deines Zornes +Wucht traf tief und schmerzlich das gebeugte Haupt, und unser Flehen +steige jetzt auf zu Dir zu Ruhm und Preis, Jehovah, daß Du Dich erbarmen +mögest unserer Noth.« + +»Von über dem Meere her drohete dem friedlichen Strand Gefahr, Deiner +Kinder frommer Sinn, wie Du ihn gnädig gelegt hast in unsere Hand, wird +gefährdet durch der Papisten Wort und die eisernen Geschütze unserer +Feinde, und Deine Hand nur kann uns retten vor Noth und Vernichtung, +Jehovah!« + +»Unsere Feinde sind stark – ihrer Waffen Macht trägt das Meer, und +Nichts haben wir ihnen entgegenzusetzen als das fromme Wort – als +_Dein_ Wort o Herr, wie Du es uns gegeben in der heiligen Schrift – o +Jehovah!« – + +»Hier Herr ist ein Volk, ein zahlreiches Volk, auf das kein Strahl +göttlicher Gerechtigkeit gefallen war in seiner Nacht; das seinen +mühseligen Weg seit ungekannten Generationen, vielleicht seit dem Beginn +des Götzendienstes unter Noahs Abkömmlingen in all der Finsterniß, in +all dem Grausen schrecklichen Wahns seine dunkle Bahn gesucht – eines +Wahnes der sich unter verschiedenen Verhältnissen aber sonst immer +derselbe zeigte, und einen so gewaltigen Theil des menschlichen +Geschlechts umfaßt, dessen vorragende Züge aber immer den Stempel des +Fluchs getragen, in »Unreinigkeit und Blut.« – O Herr – hier – hier +ist ein Volk, bei dem seit frühster ältester Zeit menschliche Opfer +gebracht wurden – hier jener fremde Mummenschanz mit Götzenbild und +Trug ist getrieben, Mummenschanz den die Betenden nicht einmal begriffen +und nur gemacht den dunklen Geist der Seinen zu verwirren, ohne Trost zu +bringen, ohne Ruh, und ohne nur das Herz im Entferntesten zu reinigen +von der Sünde.« – + +»In dieser entsetzlichen Zeit ein Schiff, weit weit am Horizont kommt in +Sicht – dreitausend Meilen fuhr es über eine Wasserwüste und führt eine +gewählte Schaar von Passagieren an Bord, die einem festen Ziel +entgegenziehen – und was das Ziel? – Die Nachricht von Gottes +Vaterhuld zu bringen einer verderbenden Welt, das Heil denen zu bringen, +die bereuen und glauben und den mit Blindheit geschlagenen Heiden den +Weg zu zeigen zu Gottes Paradies. Die Herolde, die fröhlichen Muthes +ausgegangen diese göttliche Proclamation zu verkünden sind unsere Brüder +– von der Thür jenes Heiligthums aus begannen sie ihren Weg der Gnade. +Mit Liebe und Anhänglichkeit an ihr Vaterland, mit Aussicht auf Erwerb +und Achtung daheim, mit Gesundheit und Freuden und Allem was dies Leben +wünschenswerth machen konnte, entsagten sie ruhig dem Allen, rechneten +Alles nur Verlust, wo sie des Vortheils theilhaftig werden konnten den +Heiland zu predigen diesen, dem Untergang geweihten Inseln.« + +»Sie waren auf Gefahr gefaßt, auf Noth und Hunger, auf stürmische See +und blutgierigen Feind, auf Verfolgung der Götzenpriester und ihren Haß, +auf blinden Wahn und alle Schrecken blinderen Aberglaubens; und Alles +Alles haben sie besiegt, mit der Hülfe des Herren Zebaoth da droben und +seiner Macht, und Jesus Christus seinem eingeborenen Sohn, und dem +heiligen Geist in all seiner Herrlichkeit und unerschöpflichen Gnade. +Aber – nicht gefaßt waren sie auf den Feind im Lager unter den eignen +Brüdern – nicht gefaßt darauf daß ein anderes Christliches Reich seine +Boten des Hasses und Aberglaubens senden würde in dies Inselland, das +fromme Werk zu stören, zu verderben. Aber sieh, des Herren Hand ist +stark auch in dem Schwachen, und wie der Widerstand den Gegendruck +erhöht und stärker macht, so hat sich jetzt das ganze Volk erhoben wie +_ein_ Mann, zu zeigen daß es Gott verehrt in Seiner Herrlichkeit – aber +auch nur in _Seinem_ Wort, und von sich werfen will, was seinem Lande +wie seinem Geiste Fesseln legen möchte zu Schmerz und Schmach.« + +Pomare wandte den Kopf nach dem Redner, und das Blut schoß ihr in vollen +Strömen in Stirn und Schläfe – es war als ob sie reden wollte, aber +nach wenigen Secunden senkte sie wieder die Augen zu Boden und der +Ehrwürdige Mann fuhr fort. + +»Der Antichrist hat sich erhoben unter uns – nicht frei und offen aber +trat er auf, dem ehrlichen Feind gegenüber der ehrliche Feind; nein +schlau und heimlich schlich er herbei mit gleisnerischem Wort und Blick, +fromme Worte auf den Lippen und Trug im Herzen. Wehe! Wehe über ihn, +wehe wehe über Euch wenn Ihr ihm lauschtet was er Euch vorerzählt mit +der Doppelzunge – der Fluch bliebe nicht aus, und was durch Gottes Hand +gesäet in den langen Jahren der Trübsal und des Leides, das mähte des +Teufels Hand nieder in _einer_ schwarzen Stunde.« + +»Das Gebet!« flüsterte einer seiner Amtsbrüder, denn die Königin hob +wieder den Kopf und seufzte auf, wie von innerer Angst beklemmt. + +»Ich bin der Herr Dein Gott, Du sollst nicht andere Götter haben neben +mir« – fuhr aber der Geistliche in vollem Eifer und hingerissen von dem +Thema fort – »nicht buntes Schnitzwerk, bunten Kleides Zier, nicht +leere Formeln und hohles Wort sind des Christen Schmuck, ein demüthiges +Herz nur und einfacher Sinn –« + +»Das Gebet,« mahnte dringender die Stimme, denn unter dem Volke auch +wurde jetzt manche Stimme laut, und selbst unter den gegenwärtigen +Fremden, von denen mehrere der Römischen Kirche angehörten, erhob sich +ein leises Murren und nur wohl die Gegenwart der Königin hielt eine +förmliche Einrede zurück. Der ehrwürdige Mr. Rowe hielt einen Augenblick +ein und schaute mit einem verklärten Blick zum Himmel, dann aber, wie +von seinen Gefühlen übermannt, sagte er mit gedämpfter, anfangs kaum +verständlicher, doch wieder wachsender, anschwellender Stimme: + +»Dein sei der Preis und die Ehre in der Höhe, Jehovah, Dein sei die +Herrlichkeit – schütze unsere Brüder in dieser Inselwelt, schütze das +ganze Christenthum vor den Versuchen des Pabstthums.« + +»Gieße Deinen Heiligen Geist aus von da droben auf alle Evangelische +Kirchen, und vereinige sie zu Einem lebendigen Glauben.« + +»Gieb allen Christen, vorzüglich aber den Pastoren und Evangelisten +Kraft und Muth Rom zu widerstreben und das glorreiche Reich Jesus +Christus unseres Herren und Gottes aufzurichten.« + +»Zerstöre rasch, bei dem Geist Deines Mundes (2. Thess. 11, 8.) die +tödtlichen Irrthümer des Pabstthums; brich das Joch, das es auf die +Nacken so vielen Volkes gedrückt, und führe durch Deinen Rath die +Seelen, die es von Christus sonst entfernen möchte und die uns werth und +theuer sein müssen, zur glorreichen Freiheit ein der Kinder Gottes – +aber –« + +»Amen!« fielen in diesem Augenblick die ihm nächsten Brüder laut und +rasch ein – und _Amen_ riefen die Umstehenden, _Amen_ hallte es, wie +dumpfen Donners Ton leise und scheu von den Lippen der Tausende, die das +kleine Haus umdrängt hielten, und deren Blicke an dem ernsten Mann +hingen wie er zu _seinem_ Gott sprach für ein fremdes Volk. Die Fremden +aber, denen die fanatische Predigt schon viel zu lange gedauert, holten +tief Athem, räusperten sich und flüsterten mit einander – der +Geistliche konnte nicht weiter beten. + +Pomare bog sich jetzt leise zu ihrem Sprecher über, und Raiata den Arm +ausstreckend über das Volk, sagte mit seiner lauten, auch zu den +Entferntesten klar und deutlich dringenden Stimme: + +»Ihr Männer von Tahiti und Imeo, Häuptlinge und Volk, und Ihr Fremden +die Ihr gegenwärtig seid an diesem Tag, und Theil nehmt an unserem +Schicksal; die Königin Pomare, Aimata, wird zu Euch sprechen und mit +Euch sprechen über das Eingreifen einer fremden Macht in ihre Rechte, +das sie, wenn sie es duldete, nicht mehr Königin sein ließ auf dem Thron +Otu’s. – Erwäget wohl was heute verhandelt wird, es ist eine wichtige +Sache und kein blinder Eifer dafür oder dagegen sollte die Entscheidung +lenken, aber redet auch in Frieden und betet zu Gott daß _wenn heute +doch zornige Worte gesprochen werden sollten, sie mild und weich werden, +wenn sie in Euer Herz eingehn, und dort nicht Aerger und bösen Geist +erzeugen_.« + +»Segne meine Seele Jim, was die da erst kreuz und queer um den Compaß +gehn, ehe sie den richtigen Cours kriegen,« sagte unser alter Bekannter, +Mac Rally, zu seinem Begleiter, mit dem er sich ziemlich dicht zur +Verandah, an der Seite aber an welcher die Missionaire standen, +vorgedrängt hatte. Hier befanden sich die beiden auch fast hinter dem +ganzen weiblichen Theil der Versammlung, der sich ohne frühere +Verabredung, und eigentlich nur der ersten frommen Abtheilung der +Mädchen folgend, da zusammengefunden und seinen Platz behauptet hatte. + +»Die Sache wird langweilig,« meinte Jim gähnend – »jetzt werden sie +gleich an zu singen fangen, und wenn wir nicht hier die hübsche +Nachbarschaft hätten –« + +»Ruhe da! – Still! – gebt Frieden!« tönte es von mehren Seiten, und +Aller Köpfe wandten sich den beiden Seeleuten zu, die dadurch die +Aufmerksamkeit der Menge weit mehr auf sich gezogen sahen, als sie wohl +vermuthet. Raiata begann aber in demselben Augenblick wieder, und jetzt +zwar mit Vorlesen einer langen Rede Pomares in Tahitischer Sprache, in +der er zuerst ihre Gefühle bei dem jetzigen politischen Stand der Dinge +beschrieb, bei welchem sie sich selber als verbannt von ihrem Königreich +betrachten müsse, und das Volk dann aufforderte diesem Zustand durch +energisches, aber auch einiges Handeln ein Ende zu machen. + +Dann wurde ein Brief des Englischen Admirals verlesen, der die +Theilnahme der Königin von England für die Königin von Tahiti +ausdrückte[Y] und auf das beifällige Murren der Versammlung wandte sich +Raiata nun zu den verschiedenen Häuptlingen der nächsten Distrikte, ihre +Meinung zu hören. + +»Fanue sprich Du was Du denkst von der Gestaltung der Dinge im Reich. – +Der Aelteste bist Du, Pomare frägt Dich, willst Du die Flagge +beibehalten wie sie ist, oder Dich der neuen Herrschaft beugen?« + +Fanue, ein Greis, tättowirt noch aus der Heidenzeit und mit einem +Tapa-Mantel statt des bunten Kattuns, wie ihn fast alle Anderen trugen, +stand, auf seinen Stab gestützt, und schien die Anrede, als etwas +Selbstverständliches schon lange erwartet zu haben. Aber der Ton seiner +Stimme klang rauh, rauh wie das Wort das er sprach, und das lange weiße +Haar, das er nicht abgeschnitten hatte wie viele der »gläubigen +Christen«, zurückwerfend aus der Stirn sagte er finster: + +»Raiata hätte sich die Frage sparen können, er weiß wie Fanue denkt und +gedacht hat seit sie Oros Bildniß auf den Inseln stürzten. Der Fremden +sind hier zu viel gewesen von vorn herein, und es ist nicht +wahrscheinlich daß ich ihnen jetzt das Wort reden sollte. Was der Ferani +dabei für ein Recht hat uns regieren zu wollen? – dasselbe Recht das +sich der Hai nimmt, wenn er in unsere Binnenriffe kommt – nur daß sich +der Haifisch schämt, wenn er von Menschen dabei erwischt wird, und +wieder zurückgeht – und der Ferani _nicht_. Aber es giebt viele Arten +von Hai’s,« setzte er langsamer hinzu und sein Blick schweifte düster +über _alle_ Weiße – »eine vorsichtiger – feiger wie die andere. Fanue +möchte einen Corallenblock nehmen und die Einfahrt verstopfen – nachher +ließe sich leicht reine Bahn machen.« + +»Aber Du stehst der Frage keine Rede Fanue,« sagte Raiata ungeduldig, +»willst Du die _Fahne_ beibehalten?« + +»Ich wußte nicht daß das bunte Spielzeug bei Euch die Hauptsache ist,« +sagte der Greis mürrisch – »wenn’s denn einmal eine sein muß, ist die +so gut wie jede andere – weshalb wechseln? aber Otu wußte Nichts von +solchem Tant.« + +»Fanue stimmt also für Beibehaltung der Englischen Flagge,« fiel hier +Mr. Dennis, Einer der Missionaire von Imeo in das Wort – »von solchem +würdigen Mann war das nicht anders zu erwarten.« + +»Und Du Aonui?« fuhr Raiata fort. + +»Halt ein, Pomare!« rief aber in diesem Augenblick Mr. Mörenhout der +Französische Consul, der der Verhandlung bis dahin schweigend aber mit +krauser Stirn gelauscht – »das überschreitet Euere Macht. Der Vertrag, +den Du sowohl, wie vier Deiner ersten Häuptlinge unterschrieben, giebt +Dir nicht mehr das Recht hier zu entscheiden, was schon entschieden +_ist_. Du bist die Königin dieser Inseln und wirst es bleiben, kannst es +aber nur unter Frankreichs Schutz, das Dir ein besseres Bündniß bot als +Deine Priester – gieb Dich nicht wieder ganz in ihre Macht, Du würdest +es sicherlich zu spät bereuen.« + +»Dir ziemt keine Drohung hier, Consul Mörenhout,« sagte aber Pomare sich +von ihrem Sitz erhebend – »ich war freundlich gegen Dein Land gesinnt +– es ist ein mächtiges Land und ich streckte dem Könige Deiner Insel +die Hand entgegen, weil ich glaubte daß er mich sicher führen würde in +vielem Wirrsal und Leid, das Gott über mich verhängt hat. Aber die Hand +die mich führen sollte faßte mich so fest an, daß ich laut aufschrie – +sie that mir weh und ich will allein gehn jetzt auf meiner Bahn.« + +»Die Königin hat freie Wahl hier, zu thun und zu lassen was ihr +gefällt,« nahm jetzt, als der Französische Consul erwiedern wollte, der +Englische Capitain das Wort – »_gezwungene_ Versprechen binden nicht, +und ihrer eigenen Aussage nach _ist_ sie dazu gezwungen, und zwar in +einem Zustand gezwungen worden[Z], in dem die _Frau_ schon sicher sein +sollte vor jeder Belästigung von außen her. Die Verhandlung hier +übrigens, steht unter _meinem_ besonderen Schutz.« + +»In dem Fall,« entgegnete der Französische Consul finster, »kann ich +Nichts thun als gegen Alles feierlich protestiren, was die geschlossenen +Verträge des Landes, das ich hier zu repräsentiren die Ehre habe, +verletzt; thun Sie was Sie verantworten können.« + +Eine kalte Verbeugung des Engländers antwortete ihm, und Raiata, über +dessen Züge ein triumphirendes Lächeln flog, wiederholte seine Frage an +Aonui, einen Häuptling aus Matavai-Bai. + +Aonui war ein frommer Christ – den geschorenen Kopf entblößt, trug er +seinen Strohhut in den gefalteten Händen, und hatte schon seit der +ersten Ansprache, und ohne auch nur den Blick auf einen Moment den +Rednern zuzuwenden, zum Himmel aufgeschaut, dessen klare Bläue nur hie +und da durch einzelne leichte Wolken unterbrochen und kaum gestört +wurde. Er trug weiße Hosen und eine weiße Jacke, über die ersteren aber +nichtsdestoweniger den Pareu und ein buntes roth und gelb gestreiftes +Hemd, um den Hals eine feste schwarze Binde und kleine steife Stehkragen +dort hinein geknüpft – er hatte das bei seinen Lehrern gesehn und +Freude daran gefunden sich ebenso zu tragen. Bei der zweiten Anrede +neigte er leise den Kopf, dann aber rief er plötzlich mit lauter und +freudiger Stimme: + +»Jehovah sei Preis in der Höhe, sein die Ehre – aber Pomare ist unsere +Königin ~ia ore na oe~, und die Britische Flagge die natürlichste +unseren Herzen, unserem Glauben.« + +»Setz _unseren Interessen_ hinzu Aonui!« unterbrach ihn da Tati, der mit +Ungeduld die Zeit erwartet zu haben schien, selber reden zu dürfen – +»setz _unseren Interessen_ hinzu, aber laß das _Herz_ fort. Die +natürlichste unseren Herzen muß und wird die Landesflagge sein, die +rothe Fahne mit dem weißen Stern, oder besser noch die weiße +Kriegesfahne unserer Väter!« + +»Aonui redet!« rief aber der Sprecher der Königin, seinen Stab erhebend, +»Tati wird reden wenn die Königin befiehlt.« + +»Tati wird« – rief der stolze Häuptling wild und trotzig emporzuckend, +aber er bezwang sich selbst, sogar noch ehe Paraitas Hand warnend seine +Schulter berührte, und die Arme fest auf der Brust gekreuzt, die +Unterlippe zwischen die Zähne gebissen, daß das Blut daraus zurückwich, +blieb er stehn und schaute finster vor sich nieder. + +»Friede mein Bruder!« fuhr aber Aonui freundlich und mit ruhiger Stimme +fort – »Friede sei zwischen uns immerdar, aber meiner Meinung bleib ich +treu; die Britische Flagge muß unseren Herzen die theuerste sein, denn +Groß-Britannien sandte uns die Bibel, und damit, glaub’ ich, hab ich +Alles wohl gesagt. – Die heilige Schrift ist unter uns, mehr brauchen +wir nicht!« + +»Nein, mehr brauchen wir nicht – wir haben unsere eigenen Gesetze und +Lehrer und die Bibel – das genügt uns – fort mit der anderen Flagge!« +fielen jetzt viele andere Stimmen ein, und »das sagt Terate, das sagt +Avei – das sagt Nane ini!« rief es von drei verschiedenen Seiten in den +Lärm. + +Die Missionaire schwiegen, aber mit aufgehobenen Händen standen sie da +und in Bruder Rowes Augen glänzte eine Thräne. + +»Gut von Dir Nane ini! gut von Dir Avei und Terate. Ihr habt Eueren +frommen christlichen Sinn bewährt!« rief aber Raiata und nickte da und +dort hinüber; »Ihr seid Pomares Freunde, und der Sturm wird Euch nur +fester in den Boden wurzeln. Jetzt aber spricht die Königin durch mich +zu Dir, Tati, Häuptling und Richter von Papara, aber Vasall Pomares, der +freien Königin von Tahiti und Imeo – und fragt Dich weshalb hast Du +Hülfe gesucht bei den Feranis ohne Wissen Deiner Königin, ja ohne ihr zu +künden was Du thatest?« + +Tati wollte sprechen, und seine ganze Gestalt zitterte vor innerer +Aufregung. Er war heute in einen weiten Zeugmantel gehüllt, der in +malerischen Falten bis über seine Knie hinunterhing, in den Haaren aber +trug er, wie zum Trotz der anderen Parthei, die alten Häuptlingsfedern +stolz befestigt. + +»Und Tati bleibt die Antwort schuldig?« frug höhnisch der Sprecher. + +»_Nein, nein, nein_ und abermals _nein_!« schrie aber jetzt der stolze +Häuptling, dessen Zorn die Oberhand gewann – »nur nicht ich brauche zu +antworten solcher Frage – dort die Männer an Deiner Seite, die +schwarzen mit dem frommen Blick mögen Dir Rede stehn, wenn Du so +neugierig bist.« + +»Wir? – wer? – wir?« frugen die Missionaire allerdings erstaunt, und +vielleicht auch bestürzt über den trotzigen Ton des einflußreichen und +immer noch gefährlichen Mannes. + +»Ihr – und noch einmal sag ich’s, _Ihr_!« rief aber, uneingeschüchtert +der Häuptling, jetzt vortretend und den rechten nackten tättowirten Arm +gegen sie ausstreckend. »Das unnatürliche Verhältniß,« fuhr er dann +etwas ruhiger, aber immer noch in aufgeregter Stimmung fort, »das dieses +Land in seinen Banden hält, trägt jetzt die Schuld unseres Zwiespaltes, +und wird, Gott sei es geklagt, noch später sogar blutige Früchte tragen. +Euch verhüllt ein Mantel unter dem Ihr Euch versteckt oder vorkommt, wie +es Euch paßt, und den Frieden Gottes auf den Lippen könntet Ihr mit +Euerer Nichts vernichtenden Ruhe, einem Heiligen die Kriegskeule in die +Hand pressen und den Wurfspeer. Ihr Prediger allein seid es gewesen, die +unser Land regiert seit sie Pomare den Zweiten in sein kühles Grab +gelegt. Ihr habt Gesetze aufgeschrieben und durch der Häuptlinge Mund +wurden sie That; Ihr habt Strafen aufgeschrieben, und durch der +Häuptlinge Hand wurden sie Wahrheit. Ihr waret es, die uns das Buch +erklärten, das Ihr die heilige Schrift nennt – wir kannten es nicht, +Gott hatte uns im Dunkel gelassen über sein Reich. – Ihr habt viel +Gutes gethan, Ihr habt die Väter verhindert daß sie ihre Kinder +erschlugen, Ihr habt manches Leben gerettet, denn Oros Priester sind von +diesen Inseln verschwunden, und sie schlachten keine Opfer mehr; aber +Ihr habt auch das Vertrauen des Volkes zu seinen Fürsten und Häuptlingen +untergraben, und nennt die Bibel wenn man Euch fragt warum. Ihr habt +unsere Gebräuche und Feste vernichtet, und die Bibel ist der Grund auf +den Ihr fußt – Euere Gesetze und Strafen, fragt man Euch woher? aus der +Bibel –« + +»Aber Tati,« unterbrach ihn hier Aonui mit frommem Blick – »das ist ja +–« + +»Ruhe dort wenn Tati spricht!« donnerte ihm aber der Häuptling entgegen +und sein Fuß stampfte den Boden; dann jedoch, nach kurzer Pause, in der +das Volk athemlos seiner klangvollen Stimme lauschte, fuhr er fort – +»Das ist gut – das Buch der Bücher ist ein fester Grund und Ihr +versteht darauf zu bauen, aber laßt es nicht den Wall sein hinter den +Ihr springt Euch zu verbergen. Als jene fremden Priester die in unser +Land gekommen waren, _durch Euch_ verbannt wurden von dieser Insel –« + +»Das ist falsch,« unterbrach ihn der Missionair Rowe mit einem frommen +Blick nach oben und tiefen Seufzer, »das ist falsch, denn Tahitis +Gesetze sprachen allein ihr Urtheil.« + +»Und _wer_ gab die Gesetze, die sie damals trafen?« lachte mit bitterem +Hohn und trotzigem Zornesblick der Häuptling – »_Ihr_! – Wer _deutete_ +sie der Königin gegenüber? Ihr! Wagt es und sagt die Königin ist frei – +es ist nicht wahr; in Eueren Maschen liegt sie, in Euerem Netze liegt +das fanatisirte Volk, das nur des Aufrufs bedarf und einen Bibelvers, +sich blind dahin zu stürzen wohin _Ihr_ es verlangt. Dreht Euere Augen +zum Himmel – Gottes Tod – hier steh ich und der Herr da oben mag mich +stürzen, wenn ich ein einzig falsches Wort nur spreche, ein einziges +Wort, das mir nicht warm und wahr in der Seele glüht, und meinen Pulsen +Fieberhitze giebt. – Die Gesetze? die Häuptlinge? nicht Ihr? – wagt es +und sagt das Euerer Königin in’s Gesicht – sagt das Fanue, Terate und +Avei – nicht Ihr? die Häuptlinge, das Volk führen es aus, Ihr aber, mit +der Bibel in der Hand steht Ihr dahinter, und _Euer_ Ruf ist es – +heimlich oder laut – der sie treibt.« + +»Nicht als Ankläger, Tati von Papara, sondern als Vorgerufener sollst Du +Rede stehn Deiner Fürstin!« rief aber jetzt Raiata, der mit einem leisen +Anflug von Schadenfreude des Häuptlings Zorn auf Leute hatte ausströmen +sehn, die ihm bis dahin viel zu mächtig geschienen es auch nur für +möglich zu halten; aber die Königin winkte und er mußte gehorchen. + +»Ei wenn Pomare denn _mit Willen_ blind ist,« rief der Häuptling +trotzig, »mags drum sein; was kümmerts mich! So nimm denn Deine Antwort: +Weil wir die Lösung unserer Wirren mit den Feranis denen überlassen +wollten die sie herbeigeführt – den Missionairen; von denen aber im +Stich gelassen, denn sie leugneten bei dem Fortschicken der Römischen +Priester auch nur im mindesten betheiligt gewesen zu sein, und von dem +Franken bedrängt, ja in ihm selber vielleicht einst eine Stütze sehend +in schwererer Zeit gegen solche _heimliche_ Feinde, schrieb ich meinen +Namen unter das Papier – bist Du zufrieden nun?« + +»Und Du Utami?« + +»Tati hat den Grund genannt,« entgegnete der allgemein geliebte Richter, +und einzelne Stimmen des Beifalls wurden schüchtern laut. + +Und Paraita? und Hitoti? + +»Utami und Tati hatten unterschrieben,« nahm hier der vorsichtige +Paraita das Wort, »wir hielten’s nicht der Mühe werth da lang darüber +nachzudenken; Utami denkt allein für Viele.« + +»Und billigt Hitoti ebenfalls diesen Grund?« frug noch einmal der +Sprecher. + +»Ich habe nicht nöthig Andere vorzuschieben,« brummte der Häuptling – +»weil ich es für das Beste des Landes hielt that ich’s, und weil mir das +Volk mehr am Herzen liegt als die Kirche – es mag ein Fehler sein, aber +’s ist wahr.« + +Da erhob sich Pomare selber, ihr Antlitz von leisem Roth überhaucht, der +den lieben Zügen einen noch viel höheren Reiz verlieh, und mit der +Rechten sich auf den Stuhl stützend auf dem sie gesessen, sagte sie +leise, und doch mit den weichen Tönen bis zu den entferntesten dringend, +die in laut- und athemloser Spannung ihren Worten horchten. + +»Und _wünscht_ Ihr, Häuptlinge meines Landes, die Hülfe, den Schutz der +Feranis?« + +»Nein, nein, beim ewigen Gott! nein!« riefen die Häuptlinge, Tati und +Hitoti an der Spitze, durcheinander. + +»Was brauchen wir den Fremden?« fuhr Tati fort, den weiten Mantel von +seinem Arm zurückschleudernd, »unsere Bäume sind fruchtreich, unsere +Quellen süß, und kamen _wir_ zu ihm zuerst, Nahrung zu holen auf der +Reise, oder er zu uns? Trenne Tatis Hand vom Rumpf wenn sie sich je +ausstrecken sollte einen Fremden um Hülfe anzurufen – so lange er sich +im eignen Lande helfen _darf_.« + +»Nein, wir wollen keine Hülfe von Fremden« wiederholte nochmals Hitoti, +»aber laß dann auch Deine Priester zu dem stehn was sie sind – die +Lehrer unserer Kinder, unseres Volkes. Als Richter aber brauchen wir sie +nicht – sie kennen unser Land nicht, nicht unsere Sitten, unsere +Bedürfnisse – sie kennen nur Gottes Wort – laß sie das lehren, und wir +wollen ihnen folgen und sie ehren.« + +Die junge Königin winkte, leicht dankend mit der Hand, und Raiata, +wieder das Wort ergreifend, fuhr fort: + +»So melde ich Euch denn, Ihr Häuptlinge und Eingeborene der Insel, Euch +Fremden und Geistlichen die Ihr Antheil an uns und unserem Lande nehmt, +daß es der Königin Wunsch und Wille ist mit allen fremden Nationen und +Fürsten auf freundschaftlichem Fuß zu stehen und zu bleiben; sollte sie +aber je die Hülfe irgend einer Nation verlangen müssen – was Gott +verhüten möge – _so sei das_ Land kein anderes als Groß-Britannien, und +stürbe sie, von diesem Lande sollte ihr Erbe und ihres Erben Erbe Schutz +erbitten, zur spätesten fernsten Generation hinab. Ihr großer +Bundesgenosse ist England; von dort hat sie ihre Lehrer, ihre +Civilisation, ihre Gesetze und Religion erhalten, und sie will keinen +anderen Bundesgenossen als den Briten.« + +»England hat uns die Bibel gebracht!« rief ein Theil der Häuptlinge +durcheinander – »es hat uns den Heiland kennen gelehrt.« + +»Und Krankheiten, die uns das Fleisch von den Knochen faulen machen,« +knirrschte Tati zwischen den Zähnen – »meinetwegen verschreibt Euch dem +Teufel.« + +»England ist unser Heil, unser Stolz – England ist unser Anker in der +Noth und im Sturm!« rief wieder ein Theil der Oberen, und der Englische +Capitain neigte sich dankend dem bunten Chor, in Anerkennung dieser +Freundlichkeit; Tati aber nahm Utamis Arm und wollte ihn fort aus dem +Gedränge ziehen. + +»Warte noch,« sagte Utami, »erst kommt noch ein Gebet von Einem der +frommen Männer,« und dem schon gegebenen Zeichen gehorchend, beruhigte +sich wieder das wachsende Toben der Menge, aber Tati schüttelte +ärgerlich mit dem Kopf und sagte, den Freund mit sich fortziehend: + +»So laß sie beten und singen, und meinetwegen – aber ich will mich +nicht ärgern über das schwarze Volk; fort, fort mit den albernen und +quälenden Gedanken, die mir nicht Ruhe noch Frieden lassen. Das Volk ist +blind, und in tollem Aberglauben, mit dem es sich jetzt gerade so auf +die ihm unverständlichen Sagen stürzt, wie es früher von den Wundern +Oros und der anderen Götter träumte, läßt es sich von Jedem die Hände +binden, der im Stande ist ihm den Schleier über die Augen zu werfen. +Fort, wieder hinaus in’s Freie; die Komödie ist aus und die schwarzen +Areois haben ihre Sache gut gemacht.« + +Und ärgerlich den Mantel um sich her ziehend, ohne den Blick +zurückzuwerfen, schritt er die Straße entlang die hinein in die Stadt +führt. + + +Fußnoten: + +[T] Die Raanocke an Bord eines Schiffes ist das äußerste Ende der Raaen +genannten Queerhölzer, an welchen die Segel befestigt sind. Bei +Executionen an Bord werden die zum Strang Verurtheilten an der Raanocke +aufgezogen. + +[U] Mein Herzchen. + +[V] Die Indianer der Südsee nennen das Gold ~perú~. + +[W] Das Wort _Kindesmord_ klingt aber hier auch schlimmer wie es in +Wirklichkeit war, wenigstens fand Alles dabei statt, was sich nur irgend +zur Milderung eines so entsetzlichen Verbrechens denken läßt. Die Inseln +waren übervölkert (ein Uebelstand dem die Civilisation jetzt vollkommen +abgeholfen hat) und die Frauen wurden als den Männern in jeder Hinsicht +untergeordnete Geschöpfe betrachtet, hatten also auch keine Stimme bei +dem Tödten der Kinder. Alle Berichte, selbst die der Missionaire stimmen +übrigens darin überein, daß Kinder _nur_ gleich nach der Geburt, +entweder von dem Vater selber oder einem Anderen, fortgenommen, in eine +schon dazu bereitete Grube geworfen und mit Erde bedeckt wurden, _ein +nur eine halbe Stunde altes Kind war vollkommen sicher und wurde nie +getödtet_. + +[X] Mögest Du gerettet werden. + +[Y] Das war im Februar, im März wurde aber erst die Besitznahme der +Inseln durch die Franzosen in England bekannt. + +[Z] Pomare erwartete gerade in jener Zeit, als sie Du Petit Thouars um +ihre Unterschrift bedrängte, jede Stunde ihre Entbindung. + + * * * * * + +Druck von _Ferber & Seydel_ in Leipzig + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Die Schreibweise einiger Wörter ist im +Originalbuch inkonsistent. Im vorliegenden ebook wurden lediglich +offensichtliche Druck- und Zeichensetzungsfehler korrigiert. + +Das Buch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen wurden +folgendermaßen ersezt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: ~Antiquatext~ +Fettdruck: #fetter Text# ] + + + +[Transcriber’s Note: The spelling of some words is inconsistent in the +original book. Only obvious typos and errors in punctuation have been +fixed in this ebook. + +The book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been replaced +by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: ~text in Antiqua font~ +Boldface: #bold text# ] + + + + + +End of Project Gutenberg's Tahiti. Erster Band., by Friedrich Gerstäcker + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TAHITI. ERSTER BAND. *** + +***** This file should be named 20412-0.txt or 20412-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/0/4/1/20412/ + +Produced by richyfourtytwo, Holt and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Tahiti. Erster Band. + Roman aus der Südsee + +Author: Friedrich Gerstäcker + +Release Date: January 22, 2007 [EBook #20412] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TAHITI. ERSTER BAND. *** + + + + +Produced by richyfourtytwo, Holt and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + TAHITI. + + + _Roman aus der Südsee_ + + von + + #Friedrich Gerstäcker.# + + + Zweite unveränderte Auflage. + + Erster Band. + + + Der Verfasser behält sich die Uebersetzung dieses Werkes vor. + + + #Leipzig,# + + _Hermann Costenoble._ + + 1857. + + + + +Der + +#J. G. Cotta'schen Buchhandlung# + +die es ihm möglich machte den langgehegten Wunsch +einer Reise um die Welt auszuführen, bringt diese +_erste Frucht_ derselben + +_in dankbarer Hochachtung_ + +#der Verfasser.# + + + + +#Inhalt des ersten Bandes.# + + Seite +Cap. 1. Der Wallfischfänger 1 + + " 2. Die Flucht, und welchen Dollmetscher René fand 19 + + " 3. Das Mädchen von Atiu 47 + + " 4. Der Mi-to-na-re 69 + + " 5. Das Geständniß 124 + + " 6. Was der ehrwürdige Mr. Rowe dazu sagt 155 + + " 7. Der Verrath, und wie sich beide Theile dabei irrten 180 + + " 8. Tahiti 224 + + " 9. Die vier Häuptlinge 253 + + " 10. Die Versammlung 273 + + + + +Capitel 1. + +#Der Wallfischfänger.# + + +Von einem leichten Ostpassat getrieben, dazu die Obersegel fest, ja +sogar noch mit einem Reef im Kreuzsegel, der vor einigen Abenden +hineingenommen, und den man sich gar nicht die Mühe gegeben hatte wieder +auszustechen, kam ein schwerfälliges, schmutzig aussehendes Schiff +langsam bei dem Winde nach Süden herunter und näherte sich einer, in der +Ferne eben sichtbar werdenden kleinen hohen Insel der Cooksgruppe. + +Schon die großen fettigen Stellen in den Segeln, auf denen die Leute, +nach dem Thranauskochen, beim Reefen allabendlich gelegen, verriethen +den Wallfischfänger, hätten ihn nicht auch die, an besonderen Krahnen +zu beiden Borden aufgehangenen und noch auf Querstützen über Deck +besonders gehaltenen Boote als solchen dargethan. Andere Fahrzeuge +besuchten auch selten diese Gewässer und selbst die Wallfischfänger nur +in diesen Monaten Januar und Februar, ehe sie wieder mit einbrechendem +Frühling nach Norden aufgingen, die einträglichere, wenigstens +ergiebigere Jagd der »rechten Wallfische« der der Spermacetis +vorzuziehen. + +Es war diesmal aber noch ziemlich früh in der Jahreszeit und der +Delaware, wie der Wallfischfänger getauft worden, hatte im Anfang +beabsichtigt gerade zu Tahiti anzulaufen; durch den starken Ostpassat +aber und die klein geführten Segel, wie mit der starken +Aequatorialströmung gegen sich zu viel nach Westen versetzt, mußte er +erst wieder nach Süden hinunter, etwas mehr in die Region der +veränderlichen Winde zu kommen, oder auch vielleicht einen der dann und +wann einsetzenden Westwinde zu benutzen, und beschloß jetzt nur die +erste in Sicht befindliche Insel anzulaufen, um einige Erfrischungen und +vielleicht etwas Holz einzunehmen. + +Das Wasser zwischen diesen Inseln ist übrigens, häufiger Riffe wegen, +den Schiffen oft gefährlich, und die mit den Localitäten nicht sehr gut +vertrauten Fahrzeuge machen, wenn sie in solchen Gruppen nichts zu thun +haben, lieber einen ziemlich bedeutenden Umweg, sie zu umgehen, als daß +sie sich leichtsinniger Weise hineinwagen. Mit einem Wallfischfänger ist +das aber ganz etwas anderes; er versäumt, sobald er sich erst einmal auf +seinem Jagdgrund befindet, keine Zeit mehr, denn wenn er segelt, hat er +die Möglichkeit eben so auf seiner Seite, daß er von Fischen weg, als +ihnen gerade entgegenläuft, und wenn er still liegt, kann er eben so gut +eine ganze »~school~« versäumen, die vielleicht dort vorübergeht wo er +hätte sein können, als die auf ihn zukommenden gerade wie auf der Lauer +abfangen. Das Ganze ist Glückssache und dem Pirschen auf Rothwild in +einem fremden Walde nicht unähnlich. Kommen diese Wallfischfänger also +an solche Stellen, so suchen sie, ehe es dunkel wird, hinter irgend eine +kleinere Insel oder Riffbank zu laufen, wo sie entweder Ankergrund oder +Raum zum Kreuzen haben, und treiben dort die Nacht herum, bis ihnen die +aufsteigende Sonne wieder ihre Bahn beleuchtet. + +Gerade mit Sonnenuntergang war denn auch der Delaware, bis westlich von +Atiu, einer nicht ganz unbedeutenden Insel, gekommen, und der Capitain +wäre gern die Nacht vor Anker gegangen, die Stellen aber, die er +untersuchte waren überall, bis fast dicht an die schäumenden Riffbänke, +so tief, daß er sich nicht der Gefahr aussetzen mochte, so nahe unter +dem bösartigen Ufer vielleicht einmal von einem der hier oft sehr rasch +eintretenden Weststürme überrascht zu werden. Er ließ also die Segel +dicht reefen und kreuzte, (eben nicht zum Vergnügen der Mannschaft, die +sechs bis acht Mal in der Nacht mit dem Schiff herum mußte) in Lee der +Insel auf und nieder. + +Capitain Lewis kümmerte sich übrigens den Henker darum, ob er seinen +Leuten damit einen Gefallen that oder nicht -- er und sie standen, wie +man's am Lande nennen würde -- »auf Hofton« mit einander -- d. h. er +sprach, seit sie das letzte Mal auf den Sandwichsinseln gewesen, wo es +zu einigen Auftritten gekommen war, nur höchst höflich mit ihnen und +nannte sie, wenn er sie zu einer Arbeit im Einzelnen aufforderte, +gewöhnlich Mister, und ~if you _please_~, mit starker Betonung des +letzten Wortes, aber mit einem Blick dabei, der deutlich genug sagte: +»Wenn Du nicht _springst_, Canaille, zu thun was ich Dir sage, so laß +ich Dich bei den Beinen aufhängen.« + +Er, zum Dank dafür, hieß bei den Leuten, statt wie sonst die Capitaine +gewöhnlich »den Alten« (~the old man~) zu nennen, »~the old devil~« (der +alte Teufel); und wußte das auch recht gut, ja es schien ihm ordentlich +Spaß zu machen daß er so genannt wurde, und er hatte seiner Mannschaft +schon mehrmals versichert, er wolle sich bemühen, seinem Namen keine +Schande zu machen; welches Versprechen er auch bis jetzt, so weit es in +seinen Kräften stand, redlich gehalten. + +Die Mannschaft eines Schiffes ist in solchen Fällen übel d'ran -- +widersetzt sie sich, so ist es _Meuterei_, und sie wird darnach +bestraft, mögen die Leute recht gehabt haben oder nicht, und halten sie, +auf der anderen Seite aus bis zum Letzten, und verklagen nachher den +Capitain, so ist Zehn gegen Eins zu wetten, daß dieser dennoch Recht +bekommt. In sehr vielen Fällen hat er's aber auch, und es giebt wohl auf +keinen Fahrzeugen der Welt, Kriegsschiffe vielleicht ausgenommen, toller +zusammen gewürfeltes Volk, als auf diesen Wallfischfängern. Ein +ordentlicher Matrose geht selten oder nie darauf, es ist meist lauter +aufgelesenes Ufervolk, die faul genug sind ihre eigene Arbeit bei Seite +zu werfen, und Romantik genug im Kopfe haben, sich von einem +»Wallfischzug« ein ganz besonderes Vergnügen und außerdem einen +bedeutenden Nutzen zu versprechen. Die guten Leute sehen dann gewöhnlich +immer etwas zu spät ein, daß sie sich in der ersten Erwartung jedesmal, +und nur zu häufig auch in der anderen getäuscht haben, und sie sind dann +eben _ein_mal und nicht wieder Wallfischfänger gewesen, so daß fast +jedes neu ausgehende Schiff, die Offiziere ausgenommen, auch eine +durchaus neue Besatzung hat. + +Schuster und Schneider, besonders die letzteren, sieht man sehr häufig +dabei, Tischler und Maurer, Schmiede und Böttcher, Gerber und +Cigarrenmacher -- Alles wird Wallfischfänger und der Capitain eines +solchen Fahrzeugs, der von dem Rheder, sobald er eine volle Besatzung +hat und die Jahreszeit gekommen ist, in See hinaus geschickt wird, hat +dann oft, wie sich nicht leugnen läßt, eine entsetzliche Zeit dies Volk, +von dem er vorher weiß daß es doch nur _eine_ Reise bei ihm aushält -- +ja schon an den nächsten Plätzen wo er anlegt fortläuft, wenn er ihnen +nur Gelegenheit dazu gäbe, so weit einzurichten, daß sie wenigstens erst +einmal verstehen lernen was sie nur überhaupt zu thun haben. Dies sie +nachher wirklich thun zu machen hat dann schon weniger Schwierigkeiten. +Kommen nun ordentliche ruhige Menschen manchmal zwischen diese hinein -- +d. h. die Mannschaft, denn die Offiziere, vom Bootsteurer aufwärts, +bilden ein ganz besonderes, abgeschlossenes Corps -- so fühlen sich +diese gewöhnlich höchst unglücklich und verwünschen den Augenblick, wo +sie sich von der Romantik der Sache bethören ließen -- aber leider zu +spät, und die viertehalb Jahr, die eine solche Fahrt sehr häufig dauert, +werden ihnen zur Hölle. + +Doch zurück an Bord unseres Fahrzeugs. Zum Ausschauen auf der Back vorn +stand ein junger Mann, dessen edle, fast schöne Gesichtszüge, wie der +schlanke schmächtig gebaute Körper wohl passender für einen Salon als +das Vorcastle eines Wallfischfängers geschienen hätten. Das volle braune +Haar quoll ihm in dichten Massen unter der breiten schottischen, +dunkelblauen Mütze vor, und seine reinliche Kleidung selber unterschied +ihn auffällig von der übrigen, besonders in diesem Punkt höchst +nachlässigen Schaar. Es war ein junger Franzose aus sehr guter Familie, +der sich in Boston mehr einer tollen Laune oder ziellosen Reiselust zu +Liebe, als aus irgend einer andern Ursache hatte verleiten lassen, an +Bord des Delaware eine Reise nach der Südsee mitzumachen, und der jetzt +still und brütend nach dem nahen Lande hinüberschaute, das mit dem +dunkeln Schatten seiner Palmen in träumerischer Ruhe vor ihm lag. + +»Nun René, so in Gedanken?« sagte plötzlich, dicht neben ihm, eine +freundliche Stimme und eine Hand berührte leise seine Schulter -- »an +was denkst Du?« + +Der Angeredete fuhr erst wie erschreckt aus seinem Nachdenken empor und +schaute sich um, als er aber den Sprechenden erkannte, sagte er rasch +und fast erfreut: + +»Es ist mir lieb, Adolph, daß du gerade in diesem Augenblick zu mir +kommst, ich bin eben mit meinem Entschluß ins Reine gekommen -- ich +verlasse dies Schiff.« + +»Thorheit,« sagte Adolph kopfschüttelnd -- »Du kennst die Verhältnisse +hier nicht, René. Kämst Du wirklich glücklich an Land, so brauchte der +Capitain nur eine unbedeutende Belohnung auf Deinen Fang zu setzen und +Du würdest rettungslos ausgeliefert. Ich bin schon früher hier gewesen +und habe den Fall zweimal ausgeführt gesehen. Die Eingebornen sind +seelensgut, aber wie die Kinder -- ein Spielzeug könnte sie zu irgend +etwas verführen -- sei es nun zum Guten oder zum Bösen.« + +»Hab' ich erst festen Boden unter den Füßen, so könnten sie mich nur als +Leiche wieder zurückschaffen,« murmelte René mit düsterem Blick und +fester Entschlossenheit zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch. + +»Das wäre Thorheit,« sagte aber sein älterer Freund, ein Landsmann von +ihm und jetzt dritter Harpunier auf dem Delaware, der mit René schon in +Algier gefochten und in Canada gejagt, und damals Alles versucht hatte +ihm einen so tollen Entschluß, wenn auch vergebens, auszureden, als +gemeiner Matrose das Leben eines Wallfischfängers zu versuchen. »Du +bist noch jung René und das Leben steht Dir weit und freudig offen -- +hier nun einmal in die Klemme gerathen, bring Dich deshalb nicht gleich +um Alles, blos weil es Dir in den Sinn kommt die Suppe, die Du Dir +selber eingebrockt, nicht ausessen zu wollen. Ein, höchstens zwei Jahr, +und Du bist wieder frei wie der Vogel in der Luft, und selbst diese Zeit +wird Dir dann, so schmerzvoll und entsetzlich sie Dir jetzt auch +scheint, eine freudige, vielleicht liebere Erinnerung sein, als manche +froh und glücklich verlebte Stunde.« + +»Ich halt' es nicht aus, Adolph, ich halt' es bei Gott nicht aus« sagte +René kopfschüttelnd -- »hier unter dem rohen Volk noch Jahrelang bleiben +und an Geist und Körper zu Grunde gehen -- ich vermag es nicht. Du weißt +dabei, wie nahe ich zweimal schon daran war mit dem Capitain selber, der +fast schlimmer ist als der Schlimmste seiner Leute, zusammenzugerathen, +und wer schützt mich dann vielleicht sogar vor seinen rohen +_Mißhandlungen_? Das Resultat bliebe dasselbe, auch das ertrüge ich +nicht, und lieber will ich mein Leben hier wagen, wo mir noch die +Möglichkeit eines Entkommens bleibt, als zuletzt gezwungen werden dem +Capitain vielleicht ein Messer in den Leib zu rennen und über Bord zu +springen. Nein, Adolph, ich bin fest entschlossen« setzte er leise aber +mit ruhiger und überzeugter Stimme hinzu -- »die erste Gelegenheit, die +sich mir bietet an Land zu kommen, und sollt' ich es schwimmend zu +suchen haben, benutz ich, und die Folgen mögen dann sein wie sie wollen +-- ich weiß und fühle, daß mir nichts Schlimmeres begegnen kann, als was +ich jetzt in Seelenqual und innerer Unruhe zu leiden habe.« + +»Hol's der Henker«, sagte Adolph nach kurzem Sinnen -- »wer weiß ob ichs +nicht an Deiner Stelle, und mit Deinem jungen Blut in den Adern am Ende +auch thäte. Aber wie willst Du an Land kommen? es ist noch ganz ungewiß +ob der alte Teufel ein Boot abschickt Erfrischungen einzunehmen oder +nicht, -- er traut uns allen mit einander nicht.« + +»Doch« entgegnete ihm René -- »ich habe vorher zufällig gehört, daß +unser Boot mit dem ersten Harpunier morgen mit Tagesanbruch hinüber +soll, etwas Brodfrucht und Cocosnüsse abzuholen. Die Gelegenheit will +ich jedenfalls benutzen, noch dazu da es uns einen Vorwand giebt, +reichliche Kleider mit zu nehmen. -- Die Leute haben ja sonst nichts, +sich Kleinigkeiten von den Eingebornen einzutauschen.« + +»Und sowie Du im Wald drin bist« sagte Adolph immer noch kopfschüttelnd, +»hetzt der alte Seehund von Harpunier Dir die ganze Einwohnerschaar +hinterher -- wie willst Du ihnen entgehen? -- René, René es ist wahr, +das Land liegt wohl verlockend genug vor uns da, und selbst mir zuckt's +in den Knochen, einmal frei darauf herumzuspatzieren und von diesem -- +verdammten Marterkasten loszukommen, aber -- ich weiß doch nicht -- hast +du einmal das Schiff verlaufen und wirst wieder eingefangen, so kommst +Du nachher erst in eine Hölle, wenn Du vorher in keiner gewesen bist, +und wenn ich ganz aufrichtig sein soll, so glaub' ich nicht daß Du zwei +Tage von uns bleibst, ehe sie Dich wieder haben -- und die zwei Tage +über bist Du dann mehr wie ein gehetzter Wolf als wie ein Mensch.« + +»Und es hilft doch Alles Nichts« lächelte René trüb; »ich hab's mir nun +einmal in den Kopf gesetzt, und ich führ es auch aus, mag daraus +entstehen was da will; schlimmer kann's nicht werden als es schon ist.« + +»Doch, doch« sagte Adolph »es kann noch viel viel schlimmer werden, Du +hast es noch nicht gesehen, wenn es an Bord eines Schiffes einmal +_recht_ schlimm ist,« setzte er schaudernd hinzu -- »und ich verlang' es +ebenfalls nie, nie wieder zu erleben. Außerdem bist Du der Sprache gar +nicht mächtig -- wie willst Du Dich den Leuten verständlich machen? +René, es geht in der Welt alles nach Eigennutz -- bist Du erst einmal +älter, wirst Du das auch selber erfahren -- und die Eingeborenen hier +wissen recht gut, daß sie von einem entlaufenen Matrosen nicht viel +Gutes und gar keinen Nutzen zu gewärtigen haben, während ihnen der +Capitain eine Masse Sachen geben kann, die für sie und ihr einfaches +Leben förmliche Schätze sind.« + +»Ich habe Geld bei mir« sagte René rasch -- »~Peste~, ich brauche des +alten Schuftes Blutgeld nicht, mir meine Bahn auch im schlimmsten Fall +zu _erkaufen_, wenn es denn nicht anders sein kann.« + +»Das ist schon ein sehr sehr großer Vortheil« lächelte Adolph, »und es +werden wenig Matrosen von Wallfischfängern weglaufen, die wirklich einen +Franc in der Tasche haben, aber der Capitain bleibt immer im Vortheil. +-- Aexte, Beile, Kattune und Schmuck und besonders Spirituosen sind +ihnen weit lieber als Geld, und über derlei Sachen hast Du immer nicht +zu verfügen.« + +»Vernünftiger Weise magst Du Recht haben, Adolph«, lächelte aber der +junge Mann, auf alle diese Argumente -- »und ich glaube selbst daß es +eine Art verzweifelter Schritte ist, auf einer so kleinen Insel, wie +diese zu sein scheint, zu entlaufen -- die Möglichkeit ist immer eher +da, daß man eingefangen wird.« -- + +»Sag' lieber die Wahrscheinlichkeit« unterbrach ihn Adolph. + +»Und meinethalben auch die Wahrscheinlichkeit« murmelte René zwischen +den zusammengebissenen Zähnen durch, »ich habe mir aber noch nie etwas +so fest vorgenommen gehabt, ohne es durchzuführen, und den Versuch will +ich machen, oder darüber zu Grunde gehen!« + +»~Eh bien~« lachte Adolph, »sobald Du einmal so weit gekommen, ist es +nicht nöthig mehr darüber zu sprechen. Meine Wünsche für Dein Wohl hast +Du übrigens, und ich wollte nur, daß ich Dir in irgend etwas dabei +nützlich sein könnte; ich sehe nur noch nicht wie.« + +»Wer weiß wie sich das noch Alles machen kann« sagte René -- »aber auf +dem Quarterdeck werfen sie schon wieder die Falle los -- in der +Mitternachtswache möcht' ich Dir noch etwas sagen.« + +»~Ship about~« unterbrach ihn hier der eintönige Ruf; die Leute traten +sämmtlich an ihre Posten und das Schiff wurde über den anderen Bug +gelegt, jetzt wieder vom Lande abhaltend. + +Mit der nächsten Morgendämmerung hatten sie die Küste, und zwar eine +kleine Art Bai, die von zwei auslaufenden Corallenriffen gebildet wurde, +gerade vor sich, und der Ruf des ersten Harpuniers sammelte die Leute in +sein Boot; mehre dort schon aufgeschichtete Sachen, Handels- und +Tauschartikel für die Eingebornen, wurden hineingelegt -- das Boot +schwang frei und auf das Wasser nieder, und die Mannschaft legte sich in +die Ruder. + +»Was sind das für Pakete da vorn?« sagte der Harpunier, als sie eben von +Bord abgestoßen waren, »wer hat die eingeworfen?« + +»Ein paar Hemden und andere Kleinigkeiten, Mr. Rowsy« erwiederte Einer +der Leute -- »wir wollten uns auch was von Früchten eintauschen!« + +»Und das andere daneben?« + +»Dasselbe« erwiederte René, den die Frage anging. Der Harpunier sagte +nichts weiter und René warf noch einen verstohlenen Blick nach Bord +zurück, wo Adolph stand und ihm zunickte. Er war ihm behülflich gewesen +die Sachen rasch, und ohne daß sie an Bord selber etwas davon zu sehen +bekamen, in's Boot zu schaffen, der Capitain hätte es sonst unter keiner +Bedingung zugelassen, obgleich dies etwas ziemlich gewöhnliches an Bord +von Wallfischfängern ist. + +In Canoes kamen übrigens keine Indianer ab und ihnen entgegen, obgleich +sie mehrere Canoes in der Bai liegen sahen, und nur erst als sie die +Corallen-Bank berührten, erschienen oben zwischen den Büschen eine +Anzahl Männer und Frauen mit Körben aus Cocosblättern geflochten, in +denen sie Früchte und Muscheln trugen, und erst ein Zeichen der Fremden +abzuwarten schienen, ehe sie sich ihnen näherten. + +Der Harpunier, der sich seit seiner Jugend fast in diesen Meeren +herumgetrieben, sprach ihre Sprache ziemlich geläufig, und ein paar +freundliche Worte in dieser hatten fast eine zauberhafte Wirkung auf die +Schaar. Die, die im Anfang die furchtsamsten gewesen waren, riefen sich +erstaunt unter einander zu daß die Fremden Freunde seien, und dieselbe +Sprache mit ihnen hätten, und aus allen Büschen und Dickichten brachen +sie jetzt heraus, und mischten sich so sorglos und vertrauend wie Kinder +zwischen die Leute, befühlten das Zeug ihrer Kleider, lachten über ihre +Bärte und Schuhe, und sprangen und sangen, als ob sie schon Jahre lang +mit ihnen bekannt gewesen wären. + +Der Tauschhandel ging indessen rüstig vor sich; gegen Messer und Tabak, +Kattune und Glasperlen brachten sie Massen der herrlichsten Früchte, +besonders vortreffliche Orangen und Brodfrucht und während der Harpunier +unter einem stattlichen Pandanus saß, die ihm gebrachten Waaren +musterte, und bestimmte was er dafür geben wolle, mischten sich die +Leute, nur Einen derselben bei dem Boot lassend, ebenfalls unter die +Eingebornen, die wenigen Kleinigkeiten die sie mitgebracht, gegen +Früchte und Muscheln, hauptsächlich aber die ersten, zu vertauschen. + +Diesen Zeitpunkt benutzte René, schnallte sein kleines Bündel, daß er im +Anfang vor den Eingeborenen ausgebreitet gehabt, wieder zusammen, und +verlor sich damit, ohne daß irgend Jemand auf ihn acht hatte, im +Dickicht. Von den Eingeborenen sahen ihn vielleicht Einige, achteten +aber nicht auf ihn, und die Leute vom Schiff waren viel zu sehr mit sich +selber und ihrer Umgebung beschäftigt, sich nur im mindesten darum zu +bekümmern, was Einer der ihrigen that. + +Zwei Stunden später etwa, als der Harpunier Alles weggegeben was er +mitgebracht, und sein Boot fast gefüllt war mit all den Massen von +Sachen die er dafür eingetauscht, rief sein Befehl die Leute wieder +zusammen, und er stieg selber ins Boot, an Bord zurückzukehren. + +»Wo ist René!« frug er, als er einen Blick über die Mannschaft geworfen. + +»René!« tönte der Ruf der Matrosen -- »~oh René~!« + +Kein René ließ sich blicken und Niemand wußte was aus ihm geworden, ja +ein paar bezweifelten, daß er überhaupt mit an Bord gekommen sei, so +wenig hatten sie sich, mit dem Land vor sich, um einander bekümmert. +Jedenfalls fehlte aber _ein_ Mann, und der Offizier wußte auch, daß er +bei der Herüberfahrt seine volle gewöhnliche Besatzung gehabt. + +»~Damn it~« rief der Harpunier endlich im Boot, in dem er seinen Sitz +schon wieder eingenommen, in die Höhe springend -- »~he has bolted~,[A] +die Pest über den Hallunken; aber den wollen wir bald wieder haben. -- +Bleibt Ihr hier im Boot bis ich zurückkomme!« rief er dann seinen Leuten +zu, und über die Sitze wegspringend, eilte er wieder an Land und wandte +sich dort an einen der Eingebornen, der eine Art Oberherrschaft über die +Andern auszuüben schien. + +»Hallo Freund!« redete er ihn an, »Einer von meinen Leuten ist mir +weggelaufen, könnt Ihr ihn wieder fangen, und was wollt Ihr dafür +haben?« + +»Hat er Gewehr mit?« frug der Alte ziemlich vorsichtig, denn er schien +danach den Preis des Einfangens bestimmen zu wollen. + +»Nein, kein Schießgewehr, vielleicht nicht einmal ein Messer« lautete +die ermuthigende Antwort. + +Die Eingebornen fingen jetzt eifrig an unter einander zu verhandeln, und +zwar in so rascher und oft eigentümlicher Sprache, daß der Amerikaner +selber nicht verstehen konnte was sie mitsammen hatten. Aus ihren +Bewegungen wurde es ihm jedoch bald deutlich, denn zwei davon gingen +nach einem besondern Theil im Busch und untersuchten hier die Fährten +und ihren Gesticulationen nach schien es, als ob der Flüchtige sich dort +hinein gewandt habe. Der alte Indianer zeigte sich auch bald erbötig ihm +den Mann wieder zu verschaffen; seine Forderung dafür war aber ziemlich +bedeutend; er wollte Kattun und Messer, etwas Tabak und in der That ein +wenig von Allem haben, und als Jener endlich einwilligte ihm das Alles +zu geben, hatte er noch ein Beil und ein Hemd und mehrere andere +Kleinigkeiten vergessen. + +Der Harpunier wußte übrigens daß sich der Capitain nicht lange hier +aufhalten wollte, und wüthend sein würde über die Flucht des Mannes; er +sagte also dem Alten seine sämmtlichen Forderungen zu, vorausgesetzt daß +sie mit dem Gefangenen am Ufer wären, sobald sie mit dem Boot und den +verlangten Sachen wieder vom Schiff zurück sein könnten. + +Dies abgemacht, stieß das Boot augenblicklich vom Lande, die +eingetauschten Früchte mit der fatalen Nachricht an Bord zu bringen und +den Fanglohn für den Entflohenen herüber zu holen, während die +Eingebornen indessen wie Spürhunde den einmal angenommenen Fährten des +Flüchtigen nachliefen. + + +Fußnoten: + +[A] Er ist ausgerissen. + + + + +Capitel 2. + +#Die Flucht, und welchen Dollmetscher René fand.# + + +René war, als er sich nur einmal außer dem Bereich seiner Kameraden sah, +so rasch er konnte gerade einem der nächsten Hügel zugeeilt, und das +selbst schien mit der Last die er trug gerade kein kleines Unternehmen. +Für ein Hemd hatte er sich nämlich vorher ein paar grüne Cocosnüsse und +einige Bananen eingetauscht, damit er nicht genöthigt wäre, gleich in +den ersten vierundzwanzig Stunden wegen Nahrungsmitteln einen irgendwo +gefundenen Versteck zu verlassen, und diese, neben seinen Bündel +Kleidern tragend, mußte er sich durch das, manchmal entsetzlich dicke +Gebüsch, fortwährend mit dem fatalen Gefühl verfolgt zu werden, Bahn +brechen. Er wußte aber was ihm bevorstand, wurde er von den Leuten des +Delaware wieder eingefangen, und wollte wenigstens Nichts was in seinen +eigenen Kräften stand unversucht lassen, sich so weit als möglich jeder +solchen Gefahr zu entziehen. In dieser Absicht arbeitete er sich auch +dem höheren Theil der Insel zu, weil er dort erstens den Lagunen aus dem +Weg ging, die hier seinen Pfad zu beengen drohten, und dann auch +wahrscheinlich in dichtes Buschwerk hineinkam, was von den Eingebornen +selber selten betreten wurde. + +Als er nur erst einmal hügeligen Boden erreichte, wurde seine Flucht +dadurch sehr erleichtert, daß er cultivirtes und eingefenztes, wenn auch +durch Unkraut ziemlich arg überwachsenes Land traf. Dort hatte er sich +wenigstens durch keine verwachsenen Büsche mehr Bahn zu brechen und +konnte sein Terrain ein wenig freier übersehen. Blieb er da in der Nähe, +so wuchs auch Frucht genug, ihn ein Jahr im Proviant zu halten; überdies +war der ganze Wald voll Früchte, denn die Guiaven standen mit Aepfeln, +wenn auch noch nicht vollkommen gereift, förmlich bedeckt. Nur die +Cocospalmen reichten nicht so weit hinauf, doch sah er hier in den +Feldern eine Masse Wassermelonen, die ihn reichlich dafür entschädigen +konnten. Weiter durfte er sich für jetzt aber nicht beladen, denn er +trug schon, was er überhaupt tragen konnte, und die Hitze war groß. Die +ungewohnte Anstrengung und Aufregung thaten natürlich auch das ihrige +dabei. + +Durch die Felder ging das auch ganz gut, überhalb diesen wurde das +Dickicht aber wieder so schlimm wie es je gewesen, und die Guiavenbüsche +schienen hier eine förmliche undurchdringliche Hecke zu bilden, durch +die er sich nur gebückt, und sein Gepäck oft nachschleppend, +hindurchdrängen konnte. Nur erst, wo diese endlich aufhörten, und mit +ihnen jede Art von Frucht, begannen hohe dunkle Casuarinen, die einen +weit bessern Durchgang gewährt haben würden, wären nicht so viele +trockene und dürre Aeste von ihnen heruntergefallen gewesen, die sich +ihm oftmals wie förmliche Pallisaden entgegenstellten. + +Aber er _mußte_ hindurch, und das war ein tüchtiges Wort, ihn alle +Schwierigkeiten mit leichtem Muth überwinden zu lassen. Hier wurde der +Grund auch steinig, und er fand, als er den höchsten Punkt endlich +erreichte, zu seiner Freude einen kleinen felsigen Platz, den er sich +selber hätte nicht schöner und passender zu einem Castell ausbauen +können, als es hier die Natur für ihn gethan. Zehn Fuß war er dort oben +von allen Seiten frei, und das bröcklige Gestein, was den steil +auflaufenden Gipfel bildete, konnte ihm im Anfang eben so wohl zum +Verbergen, als später, sollte er gefunden werden, als Waffe dienen, auf +irgend einen andringenden Feind niederzurollen. + +Mit einem förmlichen Triumphruf nahm er von dieser kleinen Festung +Besitz, und als er oben seine Last abgeworfen, und sich die nassen Haare +aus der Stirn gestrichen hatte, sagte er lächelnd: + +»Beim Himmel, mit Adolph hier und zwei guten Gewehren, wollt' ich mir +die ganze Besatzung des Delaware vom Leibe und einem förmlichen Sturm +abhalten -- ~ha -- le Delaware~!« unterbrach er sich plötzlich selber +überrascht, und fast unwillkürlich trat er hinter einen der Felsstücke, +denn als er den ersten Blick nach außen warf sah er, daß er frei über +das Meer schauen konnte, und dort lag auch sein altes Schiff so klar und +nah vor ihm, daß er die einzelnen Leute an dessen Bord konnte auf- und +abgehen sehen. Mit dem Glas mußten sie im Stande sein ihn, sobald er +sich nur frei zeigte, vollkommen gut zu unterscheiden. Er überlegte sich +jedoch bald, daß sie bis jetzt an Bord noch keine Ahnung von seiner +Flucht haben konnten, denn eben kam erst das Boot, dem er entflohen, +dorthin zurück, und er konnte selbst erkennen wie die Leute von unten +hinauf an Bord kletterten. + +Jedenfalls war er also schon vermißt und er mußte darauf gefaßt sein daß +ihn die Eingeborenen aufspüren würden, denn mit seiner Ladung hatte er +an vielen Stellen eine ziemlich breite und tiefe Fährte zurückgelassen. +Die kurze Zeit also die ihm bis dahin blieb, wollte er benutzen sich +noch so gut als es eben anging zu befestigen, nachher dem Schicksal und +seinem guten Glück das Uebrige zu überlassen. Er war jung und ein +Franzose -- also weit davon entfernt sich Sorgen vor der Zeit zu machen, +überdies hatte er Alles was ihm jetzt bevorstand voraus gewußt und es +kam ihm Nichts unerwartet. + +Schießwaffen hatte er, zwei kleine Terzerole ausgenommen, keine; außer +diesen aber ein langes zweischneidiges schweres Messer in lederner +Scheide, wovon er sich die meiste Hülfe versprach, und ein leichtes +trotziges fast muthwilliges Lächeln überflog seine schönen Züge, als er +die beiden kleinen Pistolen aus der Tasche nahm, und vor sich auf die +Steine legte. + +»Es sind zwar keine Zweiunddreißigpfünder« sagte er dabei lachend vor +sich hin, »und ich weiß in der That nicht einmal ob sie überhaupt +losgehen werden, aber sie haben doch Mündungen, und ist den Eingebornen +hier schon überhaupt jemals ein solches Instrument wie eine Pistole zu +Gesicht gekommen, so müßte ich mich sehr irren, wenn ich nicht glauben +sollte die ganze Insel damit von mir abhalten zu können. Kurze Frist +werden sie mir aber doch wohl Ruhe lassen, und die will ich denn +wenigstens benutzen meinen Körper ein wenig zu restauriren und mit +Speise und Trank zu erquicken.« + +Und damit schnürte er wohlgemuth seinen Bündel wieder auf, in dem er +auch ein kleines Packet mit einem paar Schiffszwiebacken und einem Stück +Salzfleisch verborgen hatte, und mit einem Theil von diesem und einigen +Bananen, wozu er eine der Cocosnüsse anzapfte und etwas davon trank, +seinen allerdings brennenden Durst zu löschen, hielt er eine so +vortreffliche und ruhige Mahlzeit, als ob er sich in voller Sicherheit +in irgend einem guten Gasthaus befände, und nicht jeden Augenblick +fürchten mußte, umstellt und gefangen zu werden. + +Die Feinde waren ihm übrigens weit näher als er je vermuthet, denn kaum +hatte er sein Mahl beendet, und eben wieder die Cocosnuß an die Lippen +gehoben, noch einen letzten Schluck zu thun, als er gar nicht weit von +sich entfernt ein Geräusch zu hören glaubte. Er hielt horchend ein -- da +krachten wahrhaftig wieder die Büsche. Nichtsdestoweniger trank er erst +in aller Ruhe, denn er wußte recht gut daß er hier oben in seiner festen +Stellung nicht so plötzlich überrascht werden konnte, stellte dann die +Nuß vorsichtig und ein paar Steine darum legend, bei Seite, daß sie +nicht umfiel und seinen Wasservorrath gleich um die Hälfte verringerte, +griff seine beiden Terzerole auf, und schaute dann, hinter irgend einen +der größten Steine gedrückt, aufmerksam nach dorthin von woher sich +jetzt vorsichtig irgend Jemand zu nähern schien. Es dauerte auch nicht +lange, so konnte er schon die bunten Kattunüberwürfe mehrerer +Eingeborener erkennen, die langsam und aufmerksam den Boden betrachtend, +seinen hinterlassenen Spuren folgten. + +Wie viele es waren ließ sich noch nicht erkennen, das blieb sich aber +auch gleich; war er erst einmal aufgefunden, so konnten sie, so sie +überhaupt feindliche Absichten hatten, leicht Verstärkung holen, und er +mußte vor allen Dingen sehen sich auf eine friedliche Art mit ihnen zu +verständigen. Die Terzerole konnten ihm aber dabei nur mehr Schaden als +Nutzen bringen, und er steckte sie deshalb vorläufig wieder in die +Tasche, die Ankunft der Indianer jetzt auf das ruhigste und +kaltblütigste erwartend. + +Diese ließen ihn auch nicht lange mehr über ihre Absicht im Zweifel. Der +Erste der voranging mochte eine gewisse Obergewalt über die Andern +haben, denn dicht unter den Steinen, auf denen sie den Flüchtling gar +nicht zu vermuthen schienen, sandte er zwei rechts und zwei links ab, zu +sehen wohin sich die Spuren etwa den Berg wieder hinunter zögen, +während er selber gerade auf den Felsen zukam. René wußte recht gut daß +er von diesen fünf Leuten noch weiter keine Gefahr zu fürchten hatte, +und doch jedenfalls aufgefunden werden mußte, sich also deshalb +aufrichtend, und mit beiden Ellbogen auf einem der vor ihm liegenden +Blöcke stützend, sah er erst eine kurze Weile den Mann unten, der auf +dem hier steinigen Boden nicht recht mit der Spur einig zu sein schien, +lächelnd zu, und sagte dann plötzlich mit lauter Stimme den schon +mehrfach gehörten und behaltenen Gruß: + +»~Joranna-boy~!« + +Wäre dem Eingebornen, der gebückt und die Augen fest auf den Boden +geheftet, fast gerade unter ihm stand, ein grimmer Tausendfuß über den +Nacken gelaufen, er hätte nicht rascher und mehr erschreckt in die Höhe +und zur Seite springen können, und erst das laute Lachen René's, der auf +ihn herunterschaute, als ob Jemand aus dem Fenster einer höheren Etage +sieht, brachte ihn wieder ein wenig zu sich. Der erste Schrei, den er +aber in voller Ueberraschung ausgestoßen war hinreichend gewesen, seine +Gefährten um ihn zu sammeln, und die fünf rothen Burschen, die hier mit +so feindseligen Absichten heraufgekommen waren, wußten eigentlich nicht +recht wie ihnen geschah, als sie den gerade, von dem sie die grimmigste +Gegenwehr erwartet, in der größten Gemütlichkeit vor sich und so +friedlich gesinnt fanden, wie sie es nimmer hätten erwarten dürfen. + +Erst sahen sie eine ganze Zeitlang schweigend zu ihm empor -- es war +augenscheinlich, sie mißtrauten noch dem äußeren Ansehn der Dinge -- +diese Freundlichkeit konnte Maske sein sie plötzlich zu überrumpeln, und +obgleich sie bewaffnet waren, d. h. zwei führten Tapa-Hölzer und die +andern drei Einer ein Beil und Zweie Messer -- und der Weiße unten ihnen +die Versicherung gegeben hatte daß der Flüchtling nichts derartiges +mitgenommen habe, wußten sie doch nicht welche außerordentlichen Mittel +ihm sonst vielleicht zu Gebote stehen möchten ihnen zu schaden. Sie +waren allerdings willens die ausgesetzte Belohnung zu verdienen, dachten +aber dabei gar nicht daran ihren Leib oder gar ihr Leben irgend einer +unnöthigen und zu vermeidenden Gefahr auszusetzen. + +René blieb übrigens in seiner nichts weniger als feindlichen Stellung, +wobei er sich jedoch wohl gehütet hatte seine Gestalt den Fernröhren des +Schiffes preis zu geben, und da die so erstaunten und verdutzten +Gestalten der Indianer allerdings komisch genug aussehen mußten, und er +sich gar keine Mühe gab sein Lachen zu verbergen, so verlor sich diese +Furcht denn auch endlich. + +Der Führer sah seine Begleiter erst ganz ernsthaft an, und dann verzog +ein breites Grinsen oder Feixen seine sonst gutmüthigen Züge, während +sich diese noch eine kleine Weile zu geniren schienen, -- endlich mochte +ihnen das Komische ihrer Lage aber auch wohl einleuchtend werden. Der +Eine schnitt auf einmal ein ganz freundliches Gesicht, und war dann +urplötzlich wieder so ernst und finster als vorher, als er aber den +Häuptling ansah und dessen ausbrechende Fröhlichkeit bemerkte, glaubte +er auch wahrscheinlich dem Anstand volle Genüge geleistet zu haben, und +platzte nun auf einmal so rasch und laut heraus, daß sich die Andern +ordentlich erschreckt nach ihm umsahen. + +»~Joranna, Joranna~!« rief jetzt der Erste hinauf, dem augenscheinlich +ein Stein vom Herzen gefallen schien, da er die Sache sich so friedlich +lösen sah -- und es zeigte sich jetzt daß er auch etwas gebrochen +englisch sprach, wie man fast auf allen diesen Inseln Einzelne findet, +die Worte und Redensarten, im Verkehr mit den Fremden, aufgefangen und +behalten haben. »~Joranna boy~! -- wie geht's -- wie geht's Freund -- +komm herunter, komm herunter -- weißer Mann, Capitain sagt, soll +herunterkommen.« + +»So?« lachte René in derselben Sprache, -- »weißer Mann Capitain sagt +also ich soll herunter kommen?« + +Der Indianer nickte auf das freundlichste, daß er ihn so gut verstanden +hatte, und versicherte, sich zu seinen Begleitern wendend, diesen, daß +er die Sache jetzt augenblicklich in Ordnung bringen würde. + +»Ja, komm herunter, komm herunter -- weißer Mann Capitain sagt« +wiederholte er noch einmal, dieses Factum vor allen Dingen außer jeden +Zweifel zu stellen. + +»Und wenn ich, weißer Mann _kein_ Capitain nun nicht will?« lachte René. + +»Nicht will?« rief der Führer der Eingebornen erstaunt aus, und sah den +Fremden an; dann aber, denn er konnte in dessen Gesicht immer noch +keinen Ernst entdecken, dies ebenfalls für einen guten Spaß desselben +haltend, den er zu ihrem eigenen Vergnügen gemacht habe, schaute er sich +nach den Andern um, lachte laut auf, und erzählte ihnen mit der größten +Freundlichkeit was der Weiße da oben eben so Lustiges gesagt habe. + +Die übrigen Eingebornen, die gleich von allem Anfang gar nichts Anderes +erwartet hatten, konnten darin aber nicht den mindesten Spaß entdecken, +und ein paar, zu diesem Zwecke an den Alten gerichtete Worte machten +diesen ebenfalls wieder ernsthaft und ließen ihn doch an die Möglichkeit +glauben daß der Fremde am Ende _wirklich_ nicht selber herunterkommen +wollte, und ihn da herunter zu _holen_, war jedenfalls eine mißliche +Sache. + +»Bah, bah« sagte der Alte jetzt kopfschüttelnd und mit einem Gesicht als +ob man einem unartigen Kinde irgend eine Thorheit verweisen wolle -- +»närrisch Ding, närrisch Ding -- weißer Mann Capitain guter Mann, +verlangen weiter Nichts wie herunterkommen.« + +»Was bekommt Ihr dafür mich zu holen?« frug ihn aber René so gerade +mitten in alle seine Berechnungen hinein, daß er ihn ganz wieder außer +Fassung brachte, und er erst den Weißen, und dann seine Begleiter +erstaunt ansah, augenscheinlich unschlüssig ob er diese, etwas +indiscrete Frage so geradezu und der Wahrheit gemäß beantworten solle. +Er hielt es am Ende für besser es erst mit den Seinen zu berathen; da +diese aber nicht das mindeste Bedenken darin fanden seinem Wunsche zu +willfahren, wandte er sich wieder zu dem jungen Franzosen und zählte ihm +jetzt mit der größten Ernsthaftigkeit alle die Artikel auf die sie +bekommen würden, und zwar mit einem Eifer und einer Genauigkeit, als ob +das noch ein besonderer Beweggrund für ihn selber sein müsse, jetzt +augenblicklich niederzusteigen und ihnen den Besitz aller dieser +Herrlichkeiten nicht länger, widerrechtlicher Weise, vorzuenthalten. + +Zu ihrem Erstaunen ließ sich aber der Fremde selbst nicht durch die +Erwähnung des Handbeils und die fünf Yards rothen Kattun bestechen, +sondern blieb nur ruhig und unbeweglich in seiner Stellung. Angenehm war +es ihm aber nicht, diese Masse verschiedenartiger Gegenstände aufzählen +zu hören, und er konnte daraus nicht allein sehen wie viel dem Harpunier +daran gelegen gewesen war ihn wieder zu bekommen, als auch wie sehr +schon die Habgier dieser sonst einfachen und gutmüthigen Leute erregt +worden, den ausgesetzten Lohn so rasch als möglich zu verdienen. +Ueberredung half hier Nichts, so viel sah er recht gut ein, wäre er +selbst ihrer Sprache vollkommen mächtig gewesen, und das einzige was +sich noch mit ihnen im Guten anfangen ließ, war ihnen an Geld und +vielleicht Kleidern gleichen Nutzen zu bieten, wo er dann wieder das zu +seinen Gunsten hatte, daß sie bei dessen Annahme ihre Gliedmaßen in +keine Gefahr brachten. + +»So?« sagte er also, da sie geendet hatten und nun nichts anderes zu +erwarten schienen als daß er nach _solchen_ dargelegten Gründen, ihren +Beweisen nicht länger werden widerstehen können -- »so? -- das also hat +Euch weißer Mann Capitain Alles geboten, mich einzig und allein wieder +unten abzuliefern?« + +»Ja Freund -- blos unten abzuliefern« lautete die Antwort. + +»Todt oder lebendig?« frug aber der junge Mann mit größter +Kaltblütigkeit zurück, und erschreckte dadurch den Alten nicht wenig, +der jetzt zum ersten Mal an zu begreifen fing, daß der Fremde doch am +Ende nicht so ganz gutwillig mit ihnen gehen werde. + +»Todt oder lebendig?« wiederholte er erstaunt und versuchte zu lachen, +was ihm aber mißglückte -- »todt? wir sollen doch weißen Mann nicht +_todt_ abliefern -- lebendig versteht sich.« + +»Und wenn sich nun weißer Mann zur Wehr setzt?« sagte René. + +»Zur Wehr setzen?« frug der Alte, der das Wort nicht so recht zu +verstehen schien -- »zur Wehr setzen?« + +»Nun ich meine, wenn weißer Mann unter keiner Bedingung gutwillig +mitgehen will und sich vertheidigt« erklärte es ihm der Fremde deutlich +genug. + +»Aber fünf Yards rothen Kattun -- ein Handbeil -- zwei Messer« begann +der erstaunte Eingeborne alle die Herrlichkeiten wieder aufzuzählen; +René aber, dem Nichts daran lag sie nur hinzuhalten, was er mit +Leichtigkeit für den ganzen Tag hätte thun können da viele dieser Leute +fast gar keinen Begriff von Zeit oder dem Werth derselben haben, +unterbrach ihn mitten in der schon gehörten Liste und sagte freundlich, +während er eine ganze handvoll Silbergeld aus seiner Tasche nahm und +ihnen vorzeigte: + +»Was wollt Ihr denn thun, wenn ich Euch nun ebensoviel an baarem Gelde +gebe, als Euch weißer Mann Capitain für mich versprochen hat, heh und +dann bei Euch bleibe und mit Euch lebe und wohne?« -- + +Das war jedenfalls ein Vorschlag zur Güte, und die Eingeborenen +beriethen lange unter sich was sie damit thun sollten; endlich +erkundigte sich der Alte näher danach wie viel Geld das eigentlich sei, +was er da in der Hand halte. René zählte es über -- es waren sechs +Fünf-Frankenthaler und vielleicht zehn Franken an kleiner Münze Geld, +was sie hier, in ihrem Verkehr mit Tahiti, recht gut kannten. + +Für eine solche Summe wußten sie auch gut genug, daß sie selbst in +Papetee ebensoviel an Waaren bekommen könnten als ihnen geboten worden; +erstlich aber war der Verkehr mit jenem Platz nicht sehr bedeutend, und +dann hatten sie ja auch die Sachen noch nicht hier, während sie +dieselben von Bord des Wallfischfängers gleich richtig und ohne weitere +Mühe überliefert bekamen. + +Die Unterhandlung fiel für den Matrosen ungünstig aus, und der Alte +suchte ihn nun, gewissermaßen als Entschuldigung seiner abschlägigen +Antwort, und als einziges Motiv ihrer Weigerung, auseinanderzusetzen, +wie sich auf dieser Insel Niemand ohne Beistimmung ihres ~Fua~ oder +Königs von fremden Völkern aufhalten dürfe und daß sie also, wenn _sie_ +auch selber wünschten ihn bei sich zu behalten, ihn darin doch nicht +unterstützen dürften. »Ja,« setzte dann der Alte mit vieler +Aufrichtigkeit und auch gewiß Wahrheit hinzu -- »wollten wir jetzt +selbst Dein Geld nehmen, und Dich zufrieden lassen, wir könnten Dich +doch nicht schützen, und der König würde bald Andere schicken, die Dich +trotzdem abholten.« + +René sah dies recht gut ein, und beschloß also deshalb mit Sr. Majestät +selber zu unterhandeln -- wie aber das möglich zu machen? stieg er +hinunter, so gab er sich vollkommen in die Gewalt seiner Feinde, und +überfielen und banden ihn diese nachher, so konnten sie ihm mit leichter +Mühe abnehmen was er bei sich hatte, ohne daß er je im Stande gewesen +wäre auch nur eine Centime seines Geldes wieder zu bekommen -- und Sr. +Majestät zuzumuthen hier oben heraufzuklettern, mit einem entlaufenen +Matrosen wegen einiger Thaler zu unterhandeln war doch auch ein wenig +viel verlangt. Nichtsdestoweniger beschloß er den Versuch zu machen, +denn hinunter wollte er auf keinen Fall eher steigen, bis nicht der +Delaware die Insel verlassen hätte. Er bat also den Alten, der +überhaupt der Leiter der Schaar zu sein schien, ihn erst noch einmal +kurze Zeit hier oben zu lassen, und indessen selber hinunter zu Sr. +Majestät zu gehen, oder wenigstens einen von seinen Leuten hinunter zu +schicken, der dem König Kunde von seinem Vorschlag brächte, ihn um die +Erlaubniß längeren Aufenthaltes auf dieser Insel und Schutz zu bitten, +bis sich das fremde Schiff entfernt hätte, wofür er denn seinerseits +Willens sei, Sr. Majestät, falls diese ihm seine Sicherheit garantire, +zwanzig Fünf-Frankenthaler -- ein Capital für diese Menschen -- +auszuzahlen. + +»Ja -- sehr gut das,« sagte der Alte nach einer kurzen Pause ernster +Ueberlegung -- »sehr gut das, weißer Mann nicht Capitain kann mit ~fu-a~ +sprechen, aber muß hinunter gehn -- König nicht heraufkommen hier oben +auf Berg -- König sehr faul, nicht viel Berge steigen.« + +»Ja, ich kann ihm da aber doch nicht helfen,« lachte René -- »wenn er +die zwanzig großen Stücke Silber verdienen will, muß er auch etwas mehr +dafür thun, als blos mit dem Scepter winken. Also marsch Ihr guten +Freunde, bringt Sr. Majestät meinen freundlichen Gruß und Handschlag, +und meldet ihm, was ich ihm hiemit entbieten lasse. Er soll einen +vortrefflichen Vasallen an mir haben, und kann auch, wenn er es nur +irgend anzustellen weiß, noch weit mehr Nutzen aus mir ziehen; ich bin +gelehrig, und wer weiß ob ich mich nicht selbst ganz vortrefflich zu +Schwiegersohn und Nachfolger eignen würde.« + +Der Alte verstand sicher nicht die Hälfte von alle dem, was ihm der +Fremde da in seinem leichten fröhlichen Muth vorplauderte, soviel aber +begriff er, daß er dem König eine gewisse Summe, und zwar eine ziemlich +bedeutende bot, ihn frei zu lassen und nicht die mindeste Absicht habe +vorher herunter zu kommen. Ging nun der König diese Bedingung ein, so +verlor er selber jedenfalls seinen Antheil an dem ausgesetzten Lohne, +ging er sie aber _nicht_ ein, so war der ganze Weg doch umsonst gewesen, +und es erschien ihm also weit besser gleich das Letztere von vornherein +anzunehmen, und den jungen Burschen, der da oben doch so freundlich +lachte, und sich gewiß nicht gegen sie wehren würde, nur vor allen +Dingen erst einmal herunterzuholen und mitzunehmen: das Andere konnten +sie ja nachher unten ausmachen. Ein paar mit seinen Begleitern rasch +gewechselte Worte setzte diese von dem gefaßten Entschluß in Kenntniß, +und sich dann wieder zu dem Matrosen wendend, der ihn aufmerksam +betrachtete seine Entscheidung zu hören, sagte er mit bedächtiger +Stimme, indem er sich das Lendentuch etwas fester anzog und einsteckte, +ungefähr in derselben Weise wie Matrosen gewöhnlich, mehr in eine Art +Angewohnheit, ihre um die Hüften dicht anschließenden Segeltuchhosen in +die Höhe ziehen. + +»Ja weißer Mann, Alles recht gut, weißer Mann Capitain hat aber gesagt +müssen unten sein, bis Boot mit Kattun und Tabak und Messer und Beil und +Hacke und andere Sachen wieder zurückkommt; so steig nur herunter +solange, wollen unten erst zu König gehn, und nachher zu weiße Mann +Capitain.« + +»Ich habe Dir aber schon gesagt, Du etwas harthöriger Bursche Du,« sagte +René, fast ungeduldig werdend, »daß ich nicht eher hinunter kommen will, +bis ich Sr. Majestät den König dieser vielleicht vereinigten Inseln +gesprochen habe -- also mache daß Du zu ihm kömmst, je eher er hier ist, +desto schneller können wir unsern Handel ins Reine bringen.« + +Der Alte aber, ob er dies Letzte nicht recht verstanden, oder für eine +Einladung genommen, oder ob er auch vielleicht glaubte es sei jetzt über +die Sache genug gesprochen worden, und müsse nun einmal gehandelt +werden, kurz er rief seinen Begleitern zwei oder drei Worte mit einem +entschiedenen Ton zu, und stieg dann mit weit mehr Entschlossenheit, als +er bis jetzt überhaupt gezeigt hatte, die bröcklichen Felsen hinan dem +Orte zu, wo der Fremde ihn ruhig erwartend stand. + +René hätte ihm mit leichter Mühe einen der schweren nur kaum in der +Balance liegenden Steine auf den Kopf rollen können, aber er wollte +selber in seinem eigenen Interesse Feindseligkeiten solange als möglich +hinausschieben, und solche nur ein letztes, wirklich verzweifeltes +Mittel sein lassen. Er behinderte deshalb auch den Alten nicht im +Mindesten bei seinem Marsch, und dieser fand sich gleich darauf, +vielleicht selbst gegen seine eigene Erwartung, oben auf der kleinen +Plattform, neben seinem vermutheten Opfer, während seine vier Begleiter +eben bemüht waren ihm langsam zu folgen. + +»So,« sagte der Indianer mit freundlichem Kopfnicken, als er endlich +neben René stand und eben die Hand ausstreckte ihn auf die Schulter zu +klopfen, »so Freund weißer Mann, nun wollen wir --« aber er sprach +nichts weiter -- nur ein Blick war auf das Terzerol gefallen, das der +Weiße ruhig in der Hand hielt, und mit einem Satz der selbst diesen um +seine Sicherheit besorgt machte, sprang er von der kleinen Steinveste ab +nach der Wurzel eines tiefer liegenden Baumes, und von dieser wieder auf +die Erde hinunter, wo er nicht eher stehen blieb, bis er den schützenden +Stamm einer Casuarine erreicht hatte, hinter dem vor er jetzt mit den +Händen auf das lebhafteste an zu gesticuliren fing, und dabei schrie und +tobte, als ob ihm da oben das schmählichste Unrecht geschehen wäre. + +Die Anderen warteten natürlich, als sie des Führers Flucht sahen, in +ihrer, wie sie glaubten ebenfalls höchst gefährdeten Stellung, gar nicht +ab die Ursache so schnellen Rückzugs zu erfragen, sondern folgten nur +eben, so rasch sie konnten, dem gegebenen Beispiel des Alten. + +Sonderbarer Weise richtete sich aber dieses Zorn keineswegs auf den +jungen Mann, sondern nur auf den »weißen Mann Capitain«, der ihn hier +unter falscher Vorspiegelung, mit Aussetzung eines weit geringeren +Lohnes, auf eine Expedition ausgeschickt hatte, wo er gegen jede +Verabredung Waffen, und sogar ihm recht gut bekannte Schießwaffen fand. + +»Das sind _zwei_ Handbeile,« rief er heftig, »und _zehn_ Ellen Kattun -- +zwei fünf,« indem er die eine Hand mit gespreitzten Fingern zweimal von +sich drückte, -- »und _vier_ Messer und _zwei_ zehn Stangen Tabak« -- er +wiederholte, wie mit sich selber redend, die Bewegung der Hand -- »und +_zwei_ Hacken, und _zwei_ handvoll Nägel und eine handvoll Knöpfe -- +weißer Mann Capitain sagt was nicht wahr ist -- keine Waffen -- puh -- +was ist das? -- kleine blanke Ding da -- puff! macht Loch in armen +Kanaka.« + +»Habe keine Angst wackerer Krieger,« rief ihm René jetzt lachend +hinunter, der im Anfang wirklich zu befürchten schien, der Alte müsse +bei dem tollen Sprung wenigstens ein paar Beine gebrochen haben -- sich +übrigens nicht wenig über den Eindruck freute, den seine kleinen +Terzerole gemacht hatten -- »ich will Euch nicht das mindeste zu Leide +thun -- ja im Gegentheil, Euer König soll sogar eine von diesen +Handkanonen bekommen, falls er auf meine Bedingungen eingeht, und wir +werden gewiß nachher in Fried' und Freundschaft zusammen leben, ja uns +möglicher Weise noch einige benachbarte Inselgruppen zusammen +unterwerfen; aber nun mache auch daß Du Sr. Majestät von meinen +Vorschlägen in Kenntniß setzst, würdiger Greis, denn ich sehe schon daß +vom Schiff aus wieder ein Boot abgeht, und möchte vorher noch Deine +trostbringenden Nachrichten haben.« + +Der Alte sah jetzt allerdings selber ein daß hier, mit seinen wenigen +Mann und mit Gewalt, Nichts auszurichten war; dann genügte ihm auch der +auf das Einfangen des Entlaufenen gesetzte Preis nicht mehr; dieser +hatte Schießwaffen und er glaubte von dem »weißen Mann Capitain«, wie er +den Harpunierer nannte, vorher erst noch leicht die doppelte Ration +herausdingen zu können, noch dazu da er das erst Geforderte so leicht +und schnell bewilligt hatte. Da der Weiße übrigens, wie es schien, +nicht die geringsten feindlichen Absichten zeigte, und wieder ganz in +seine frühere friedliche Stellung zurückgefallen war, kam er auch hinter +seinem, in der ersten Geschwindigkeit angenommenen Baume vor, und sich +erst kurze Zeit mit seinen Leuten besprechend, wandte er sich dann +plötzlich wieder zu dem Flüchtling und sagte: + +»Gut, gut -- Raiteo will gehn, will mit ~fu-a~ sprechen -- weißer Mann +nicht Capitain bleibt hier so lange -- Raiteo kommt wieder -- Sonne +dort« -- und er zeigte dabei mit der Hand die Himmelsgegend an, an +welcher sich die Sonne befinden würde, wenn er wieder zurückkäme. Damit +zog er sich, und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, in die Büsche +zurück, und wie es schien folgten ihm alle seine Leute; außer Sicht ließ +er aber seine sämmtliche Mannschaft auf Wacht und vertheilte sie so, daß +sie die Bergkuppe nach allen vier Seiten umgaben, nicht etwa eine Flucht +des Weißen von dort zu verhindern, denn das wußte er recht gut, konnten +sie nicht, sondern nur genau zu sehen wo er bliebe, falls er den Ort aus +freien Stücken verlassen sollte, damit ihnen die neue Arbeit eines +Nachspürens erspart würde. + +Raiteo, wie er sich selbst genannt, dachte übrigens gar nicht daran Sr. +Majestät dem König den ganzen Nutzen dieses Fanges allein zu lassen, +und beschloß vor allen Dingen einmal zu sehen, wie viel mehr Belohnung +er, dieser neuen Entdeckung nach, aus dem fremden Schiff herauslocken +könne. Demzufolge, und da er jetzt selbst durch eine lichte Stelle in +den Guiavenbüschen das auf's Neue heranrudernde Boot erkennen konnte, +eilte er so rasch er vermochte dem Strand wieder zu, und traf dort mit +dem eben auf dem weißen Corallensand auflaufenden Boot fast in ein und +derselben Minute ein. + +Der Harpunier fluchte übrigens nicht wenig, als er hörte daß die +Eingeborenen den Entlaufenen allerdings gefunden, aber noch nicht zum +Strand gebracht hätten, und nun erst noch eine neue erhöhte Forderung +stellten; er hätte ihnen jetzt gern das sechsfache gegeben, wäre der +entlaufene Matrose damit in seinen Händen gewesen, denn der Capitain des +Delaware wüthete ordentlich als er die Flucht des Manns und seinen +dadurch erzwungenen Aufenthalt vernahm, und gab ihm jede Vollmacht den +Burschen, den er exemplarisch zu bestrafen gedachte, wieder in seine +Gewalt zu bekommen. + +Raiteo sollte aber die Sache nicht mehr allein auszufechten haben, +sondern Sr. Majestät, die von dem reichen, für den Flüchtling +versprochenen Lohn gehört hatte, mischte sich jetzt selber in das +Geschäft, und schien Raiteo mehr als Führer wie Leitenden betrachten zu +wollen. + +Der Harpunier hatte nun zwar selber schon Raiteo eine Belohnung geboten, +wenn er ihn nur zu dem Platz hinbringen wolle wo der Flüchtling sei; +Jener schien das aber einestheils nicht gern thun zu mögen, und anderer +Seits zeigte dies wieder eine neue Schwierigkeit. Der Harpunier hätte +seine Leute entweder zurücklassen oder mitnehmen müssen, und in beiden +Fällen konnte es am Ende gar noch einem Andern einfallen, sein Glück +ebenfalls in den Wäldern zu versuchen. Nach kurzem Ueberlegen suchte er +deshalb die Indianer zu bewegen so rasch als möglich zurückzugehn und +den Weißen zu holen, und die Versprechungen die er ihnen dafür machte, +ja mehr noch die mitgebrachten Sachen die er ihnen zeigte, und von denen +er einiges dem König schon gab, seine Habgier zu reizen, schienen ihm +allerdings das günstigste Resultat zu versprechen. + +Die Leute waren diesmal in sehr bedeutender Anzahl, sogar mit einer +Menge neugieriger Frauen, aufgebrochen den Gefangenen, der solcher Masse +nicht hätte widerstehen können, zum Strand zu holen, und jetzt etwa +lange genug abwesend daß der Harpunier schon dann und wann nach seiner +Uhr sah, und die Zeit zu berechnen anfing, in der sie würden wieder +zurück sein können, als Mr. Rowsey plötzlich, sehr zu seinem Erstaunen, +ein Zeichen von seinem Schiff erhielt, so rasch er könne an Bord +zurückzukommen. + +»Was zum Teufel kann nur los sein?« brummte er, als ihn Einer der Leute +auf die eben aufsteigende Flagge aufmerksam machte -- »Fische bei Gott!« +rief er aber, als diese, zum verabredeten Signal, dreimal auf und +niedergezogen wurde -- »die hätten auch noch ein paar Stunden warten +können. An Bord ~boys~, an Bord -- rasch an Eure Riemen« -- rief er dann +seinen Leuten zu, die schnell dem Befehl gehorchten. Er selber blieb +noch ein paar Momente wie unschlüssig am Ufer stehen, während sich die +zurückgebliebenen Eingeborenen neugierig um ihn sammelten, theils zu +erfahren was die Flagge am Schiff bedeuten solle -- denn soviel hatten +sie schon mit Schiffen verkehrt, zu wissen daß dies etwas Besonderes +melden wolle -- theils was die Weißen jetzt zu thun beabsichtigten. + +Der Harpunier wußte das in der That im Anfang selber nicht -- mußten sie +jetzt hinter Fischen her, wie es allen Anschein hatte, so konnten ein +paar Tage vergehen, ehe sie hierher wieder zurück kamen, und sollte er +indessen die für das Einfangen des Mannes bestimmten Güter in den Händen +des Königs lassen? That er es nicht, so war es die Frage ob sich die +Eingebornen, sobald sie das Schiff absegeln sahen, weiter um den Weißen +bekümmern würden, und ließ er die Sachen da, so hieß das ein wenig viel +der Ehrlichkeit dieser Leute vertraut, von der er, nach ziemlich langer +Erfahrung, in solcher Hinsicht gerade keinen besonderen Begriff zu haben +schien. Er entschloß sich aber doch zuletzt dazu, denn eines Theils lag +in den mitgebrachten Sachen kein wirklicher Werth, und andern Theils +durfte er dann auch darauf rechnen daß die Leute -- wenn sie eben nicht +mit dem Ganzen durchbrannten -- ihr Bestes thun würden sein Vertrauen zu +rechtfertigen. Sich also zu dem König wendend sagte er ihm mit kurzen +Worten, er müsse jetzt an sein Schiff gehn, er wolle aber den Lohn für +das Einfangen des Entlaufenen bei ihm niederlegen, und er verlange dafür +von ihm, daß sie den Mann, wenn sie ihn einbrächten -- sollte das Schiff +noch dort liegen, wo sie es jetzt sähen -- augenblicklich in ein Canoe +nähmen und an Bord brächten, sollte es aber unter Segel sein, so lange +gut verwahrten, bis er selber zurückkäme. + +Se. Majestät versprach ihm dafür die Sachen in sein eigenes Haus zu +legen, und versicherte den Harpunier es würde Nichts davon kommen, denn +sie seien alle _Christen_ und zwei »Mitonares« hier auf der Insel. + +Der alte Harpunier schien ihm etwas darauf erwiedern zu wollen, und sah +ihn einen Augenblick wie zweifelnd an, endlich aber brummte er nur leise +ein paar Worte in den Bart, sprang in sein Boot und schoß gleich darauf, +so rasch ihn die mit äußerster Kraft der Leute geführten Riemen[B] +bringen konnten, dem, etwa zwei englische Meilen entfernten Schiffe zu, +von dessen Gaffel die Flagge noch immer wehte, und dann und wann gezogen +wurde -- ein Zeichen größter Eile. + + +Fußnoten: + +[B] Riemen, das nautische Wort für die langen Ruder der See- und +Wallfischboote. + + + + +Capitel 3. + +#Das Mädchen von Atiu.# + + +René saß indessen, nachdem ihn die Eingeborenen verlassen, eine ganze +Weile sinnend auf den Steinen seines kleinen Fort's, und überlegte was +er am Besten thäte -- hier auf dieser Stelle bleiben und die Rückkunft +der Männer zu erwarten, oder sich vielleicht, mit mehr Vorsicht ein +neues Versteck zu suchen, wo er wenigstens bis Dunkelwerden unentdeckt +bleiben konnte und dann die ganze Nacht vor sich hatte eine Stelle zu +finden seinen Verfolgern zu entgehn oder sie hinzuzögern; er wußte recht +gut daß der Capitain des Delaware bald ungeduldig werden würde, wenn er +ihn nicht rasch wieder zurückbekäme. Es war überdies auch möglich daß er +selber in der Nacht ein Canoe fand mit dem er getrost in See gehen +konnte; im Nord-Westen lagen noch mehre Inseln, und selbst die Gefahr +der er sich dabei aussetzte, schien ihm nicht halb so groß als die, in +der er sich jetzt wirklich befand wieder gefangen genommen und an Bord +des Delaware zurückgeschafft zu werden. Er entschloß sich also endlich +von dieser Kuppe wieder einer andern Hügelspitze zuzugehn, die er von +hier aus gut erkennen konnte; jedenfalls nahm es dann seinen Feinden +einige Zeit bis sie ihn wieder fanden, und die Nacht verbarg dann seine +Spuren den Verfolgern. + +Diesen Versuch mußte er aber bald aufgeben, denn kaum hatte er etwa +hundert Schritt den Berg hinunter gethan, so entdeckte sein scharf +umherspähendes Auge die Gestalt des dort stationirten Insulaners, der +sich allerdings, als er ihn kommen hörte, in das dichte üppige Kraut, +was überall den Boden bedeckte, niederdrückte. Er war also umstellt, und +es half ihm Nichts seinen Schlupfwinkel zu verändern, denn diese Wachen +würden ihm natürlich auf den Fersen gefolgt sein; ja die Möglichkeit lag +vor, daß sich seine Feinde, vielleicht zahlreicher als er selber eine +Ahnung hatte, hier in den Hinterhalt gelegt, nur eben auf sein +Niedersteigen wartend, um ihn dann, in dem dichten Gestrüpp soviel +leichter überfallen und binden zu können, und scheu, hinter jedem Stamm +einen versteckten, zum Ansprung bereiten Feind vermuthend, das gespannte +Terzerol in der Hand, zog er sich rasch aber unbelästigt, wieder zu dem +kaum verlassenen Versteck zurück. + +»Gut,« murmelte er dabei zwischen den fest zusammengebissenen Zähnen +durch, als er zu seiner kleinen Veste zum zweiten Mal aufstieg -- »laß +sie dann die Folgen nehmen, wenn sie mich mit Gewalt zum Aeußersten +treiben wollen; aber lebendig bringen sie mich beim ewigen Gott nicht +von diesen Steinen hinunter.« + +Er untersuchte jetzt auf das sorgfältigste seine kleinen Terzerole, +schraubte die Pistons los und that frisches Pulver wie nachher frische +Kupferhütchen auf, und als er sich wenigstens dieser Hülfe versichert +und sein Messer gefühlt hatte, ob es ihm locker und zum Griff bequem an +der Seite hing, wußte er daß er für den Augenblick nichts weiter thun +konnte und warf sich, der Dinge die er doch nicht zu ändern vermochte +wartend, auf die Steine nieder, seine Kräfte wenigstens nicht durch +unnöthige Anstrengungen vor der Zeit zu erschöpfen. + +Er mochte etwa eine halbe Stunde so gelegen haben, als der Lärm der +jetzt zu ihm heraufsteigenden Schaar an sein Ohr drang -- er horchte +einen Augenblick auf und als er die lauten Stimmen einer großen Zahl +Menschen deutlich unterschied, blieb er ruhig in seiner Stellung. Er +wußte daß sie, mit solchem Geräusch ankommend, ihn nicht überraschen +wollten, und daß sich jetzt der entscheidende Augenblick nahe. Er hatte +das Boot wieder zurückkommen sehen und erwartete kaum anders, als daß +sich der Harpunier selber mit seinen Leuten der Schaar angeschlossen +habe. + +Diese kam jetzt so rasch und mit solchem Geplapper und Lachen und +Schreien näher, daß er sich endlich aufrichten mußte; ein Blick +überzeugte ihn aber er habe es nur mit Insulanern und keinem seiner +früheren Kameraden zu thun, und mit der Ueberzeugung zog ihm auch wieder +neue Hoffnung durch die Seele. Er lehnte sich jetzt in seine frühere +Stellung auf den Stein, und als er sich Männer und Frauen in bunter +Masse um sich sammeln sah, konnte er selbst ein Lächeln nicht +zurückhalten. + +»Was für eine herrliche Situation wäre dies jetzt für einen der frommen +Missionaire,« murmelte er leise vor sich hin, »für die »Prediger in der +Wüste« wie sie sich selber nennen -- Kanzel und Auditorium fix und +fertig, und welch zahlreiche, bunte Versammlung -- wahrhaftig auch +Frauen -- die lieben Dinger müssen doch überall dabei sein, selbst wenn +es gilt einen armen Teufel von Matrosen wieder an seine Henker +auszuliefern. Aber, ~prenez-garde mes dames~, noch _habt_ Ihr ihn nicht, +und billig sind die zehn Ellen rother Kattun etc. wahrhaftig nicht +verdient, _wenn_ Ihr ihn bekommt.« + +Die Schaar sammelte sich indessen um den Felsen herum und obgleich +dießmal eine höhere Person als Raiteo, nämlich der Sohn des Königs +selber, mitgekommen war, behielt doch jener bei den nachfolgenden +Unterhandlungen als Dollmetscher das Wort, und forderte jetzt, +augenscheinlich verdrießlich durch die Hartnäckigkeit des Burschen um +den, ihm von Gott und Rechts wegen zustehenden Lohn gebracht zu sein, +ihn einfach auf herunter zu kommen und mit ihnen zu gehn, weil sie sonst +Gewalt brauchen müßten, und ihm nicht gern ein Leides thun wollten. Ihr +König erlaube ihm nicht länger hier auf der Insel zu bleiben, also helfe +ihm weiter kein Widerstand. + +René hatte sich hoch aufgerichtet, die jetzt frisch von der See +herüberwehende Brise schlug ihm das dunkle lange Haar wild um die +Schläfe, und sein Gesicht war von der inneren Aufregung vollkommen +bleich geworden, aber seine Augen funkelten und ein trotziges Lächeln +kräuste ihm selbst die Lippe, als er mit lauter herausfordernder Stimme +hinunter rief: + +»So kommt denn, wenn Ihr den Muth habt mich zu holen -- kommt und seht +wessen Blut diese Steine zuerst färben soll -- kommt und überliefert +einen Mann, der Euch nie ein Leides gethan, seinen Feinden, Ihr seid ja +am Ende gar Christen und wollt nach Gottes Geboten handeln -- kommt, +aber ehe ich jenes Schiff wieder lebendig betrete --« er schwieg +plötzlich denn sein Auge hatte in diesem Moment fast unwillkürlich das +ferne Fahrzeug gesucht, und er sah jetzt zum ersten Mal das von der +Gaffel flatternde Zeichen, wie das zu dem Schiff zurückkehrende Boot, ja +ein zweiter Blick überzeugte ihn sogar daß nach Westen hin die drei +anderen Boote ebenfalls voll unter Segel waren, und die Wahrheit des +Ganzen durchzuckte ihn im Nu. + +Als die unten Stehenden sahen daß er plötzlich seine Blicke so +aufmerksam nach der Richtung hin sandte, wo das Schiff lag, suchten sie +ebenfalls dorthin Aussicht zu gewinnen, und zwei junge Leute die rasch +eine der Casuarinen erstiegen hatten, riefen bald etwas in ihrer Sprache +hinunter. Von den Männern vertheilten sich jetzt mehre nach lichteren +Punkten hin, wo sie die See nach dieser Richtung hin besser überschauen +konnten, und es zeigte sich gar bald daß etwas Besonderes dort an Bord +vorgehen müsse, was für den Augenblick, da es ja auch mit ihren +Verhandlungen hier in naher Beziehung stehen mußte, ihre Aufmerksamkeit +vollkommen von dem jungen Matrosen ablenkte. + +René selber dachte kaum mehr an die Eingeborenen -- er sah wie das Boot, +das ihn hatte abholen sollen, an Bord des Delaware zurückkehrte, der +augenblicklich seine Raaen umbraßte und mit geblähten Segeln den +vorangeeilten Booten nach Westen folgte. Jedenfalls hatten sie dort eine +große Zahl Fische bemerkt, die ihm sicherlich sehr zu gelegener Zeit +aufgekommen waren, und hielt die Jagd nur bis Abend an, daß das Schiff +dadurch eine tüchtige Strecke nach Westen versetzt wurde, so war die +Frage ob der Capitain seinetwegen hier wieder gegen den Passat ankreuzen +würde; jedenfalls behielt er einen, vielleicht mehre Tage Zeit auf +Flucht von der Insel zu denken und die Gefahr war wenigstens für den +Augenblick von ihm genommen. Daß er die Insulaner _jetzt_ leicht von +sich abhalten konnte, daran zweifelte er keinen Augenblick. + +Der Erfolg zeigte denn auch daß er darin vollkommen recht gehabt. Die +Insulaner, als sie das Schiff unter vollen Segeln die Insel verlassen +sahen, wußten nicht recht woran sie waren, und mußten erst wieder einen +Boten nach unten schicken, neue Verhaltungsbefehle einzuholen. +Allerdings begegnete diesem schon ein Anderer, der ihnen die Ordre +brachte den jungen Fremden nur einstweilen einzufangen und mit +herunterzunehmen. Das war aber weit eher gesagt als gethan, und kam das +Fahrzeug am Ende nachher gar nicht zurück, so mußten sie ihn doch wieder +los lassen; da war es also weit vernünftiger ihn jetzt gar nicht zu +stören, bis das Schiff wirklich wieder da sei, nachher sei es noch Zeit +genug. + +Als die Frauen und Mädchen, die dem Zug aus Neugierde gefolgt waren und +sich im Anfang, da man noch nicht wußte ob es zu Feindseligkeiten kommen +würde, scheu zurück gehalten hatten, nun, wie die Sachen jetzt standen, +und daß nicht die mindeste Gefahr zu fürchten sei, sahen, so kamen sie +weiter vor, und suchten Plätze zu bekommen, von denen sie den jungen +Fremden genau beobachten konnten. Nur ein junges Mädchen allein war +schon früher so weit vorgedrungen, daß sie sich dem Umstellten, auf +einer anderen kleinen Erderhöhung fast gegenüber befand, und hatte die +ganze Zeit keinen Blick von ihm verwandt. + +Es war ein junges bildschönes Kind von vielleicht funfzehn oder sechzehn +Jahren, schlank gewachsen wie die Palme ihrer Wälder, aber mit vollem +runden Gliederbau; die rabenschwarzen mit wohlriechendem Cocosöl +getränkten Locken wild um die braune Stirn flatternd, und die schönen +großen dunklen Augen halb ängstlich halb mitleidig auf den jungen Mann +geheftet, dessen Leben wenn er sich zum äußersten widersetzte, wie sie +recht gut wußte, in großer Gefahr schwebte. Sie war nach Art der übrigen +Mädchen gekleidet; ein Lendentuch von farbigem Kattun, das ihr bis auf +die feingeformten Knie niederging, schloß sich ihr dicht um die Hüften +und ein anderes Tuch war nur lose über die linke Schulter gehangen, und +auf der rechten mit einem Knoten locker zusammengehalten, daß es den +rechten Arm vollkommen nackt und ihm freie Bewegung ließ. In den vollen +Locken trug sie einen dünnen Kranz weißer und rother Blüthen, mit den +Fasern des Cocosblattes fest zusammengebunden, in den Ohren aber zwei +der großen weißen duftenden Sternblumen, und wie sie dort stand auf dem +bröcklichen Gestein, um das sich dicht hinter ihr die vollen dunklen +Büsche schmiegten, den linken Arm um die dünne Casuarine geschlungen, +die sie da oben auf ihrer etwas gefährlichen Stelle stützte, glich sie +eher einer lauschend aus dem Dickicht gebrochenen Waldnymphe, als einem +einfachen schlichten Kind dieser Inseln. + +René war im Anfang natürlich zu sehr mit der Gefahr seiner eigenen Lage +beschäftigt gewesen, einzelne Gestalten der ihn umgebenden Insulaner +beachten zu können, und vorzüglich hatte er die Männer und ihre +Bewegungen im Auge behalten, da er ja auch gar nicht wissen konnte, ob +sie nicht einen plötzlichen Angriff auf ihn beabsichtigten; jetzt aber, +als sein leichter Sinn ihn rasch über die geringere Gefahr, die ihm von +den Insulanern selber drohte, hinwegsetzte, fühlte er mehr das +eigenthümliche, ja interessante seiner Lage, und während das Blut in +seine Wangen zurückkehrte und ein leichtes Lächeln über seine schönen +Züge flog, schaute er sich um nach den einzelnen Gruppen, und sein Blick +begegnete zum ersten Mal dem dunklen, brennenden Auge des Mädchens. + +Das holde Kind schlug aber, als sie sah daß er sie bemerkt hatte, +verschämt den Blick zu Boden, und so zart war die lichtbraune Haut, daß +René deutlich darauf das dunkle Erröthen, das ihre Schläfe und Wangen +färbte, erkennen konnte; gerade jetzt wurde aber seine Aufmerksamkeit +wieder auf die Schaar der Männer gelenkt, die sich ihm näherten und ihn +noch einmal frugen, ob er gutwillig zu ihnen hinuntersteigen wolle oder +nicht. + +»Gewiß!« rief René jetzt freudig, und war es früher schon seine Absicht +gewesen, so hatte sie jetzt die Gestalt des holden ihm gegenüber +stehenden Kindes nur noch bestärkt -- »gewiß will ich hinunter kommen +und bei Euch bleiben, aber Ihr müßt mir versprechen daß Ihr mich nicht +festhalten oder binden wollt -- freiwillig komme ich in Euere Mitte, +und freiwillig werde ich darin bleiben, denn das Schiff, was mich zurück +forderte, hat die Insel verlassen nicht wieder zurückzukehren. Wollt Ihr +mir also fest und aufrichtig Sicherheit für meine Person versprechen, so +steige ich augenblicklich zu Euch nieder, und ich hoffe wir sollen recht +gute Freunde zusammen werden. Seid Ihr das zufrieden?« + +Die Insulaner, denen Raiteo die Worte des jungen Mannes verdollmetscht +hatte, besprachen sich kurze Zeit in lauter, lärmender Stimme +miteinander, und dieser wandte sich dann wieder zu ihm und sagte, +freundlich dabei mit der Hand winkend: + +»Gut, weißer Mann, -- ~a haere mai~ -- sei willkommen und bleib bei uns +bis dein Schiff wieder zurück kommt, oder so lange Du willst!« + +»~Eh bien~!« rief der junge Franzose lachend -- »das ist ein Vorschlag +zur Güte und die Sache löst sich freundlicher als ich erwarten durfte.« +Und damit schob er seine Terzerole in die Tasche, drückte sich die Mütze +wieder in die Stirn, und wollte sich eben über die Steine, die seine +Festungswerke bildeten, hinüberschwingen, als ihn ein Ruf in gutem +Englisch plötzlich nicht allein daran verhinderte, sondern auch erstaunt +und überrascht aufschauen machte. + +Es war das junge holde Mädchen, das, den rechten Arm gegen ihn +ausgestreckt, laut und fast ängstlich im reinsten Englisch rief: + +»Halt, Fremder -- halt -- sie sind falsch -- sie wollen Dich binden und +halten, und dem Schiff, das ihnen das Lösegeld zurückgelassen hat, +wieder ausliefern -- traue ihnen nicht, und bleibe wo Du bist, bis Dich +der König selber seines Schutzes versichert hat.« Dann aber sich gegen +die unten Stehenden wendend, unter denen Raiteo die hervorragendste und +jedenfalls bestürzteste Persönlichkeit bildete, da er allein zu seinem +Schrecken verstanden hatte, wie das junge Mädchen ihre eigenen +Landsleute an den Fremden, seiner Meinung nach, verrieth, rief sie mit +zürnender fast drohender Stimme in der schönen klangvollen melodischen +Sprache ihres Stammes: + +»Schäme Dich, ~ahina~[C] -- schämt Euch Ihr alle, den armen +~hutupanutai~[D] verrätherisch unter Euch locken und überfallen zu +wollen. -- Wo sind seine Verwandte -- wo seine Eltern -- wo seine +Geschwister? -- weit weit von hier, und um schnöden Lohn drängt es Euch, +ihn seinen Feinden zu überliefern, und _Ihr_ nennt Euch _Christen_? Ihr +prahlt damit in den öffentlichen Versammlungen daß Ihr Euern Nächsten +lieben wollt wie Euch selbst, und Anderen nicht das zufügen möchtet, was +Euch nicht selbst geschehen solle; schämt Euch in Euere Seele hinein daß +Euch ein armes junges Mädchen zurechtweisen und Euere Ehre retten muß +vor dem Fremden!« + +Kaum aber hatte sie diese Worte gesprochen, und sah wie Aller Blicke auf +sie gerichtet waren, als auch die natürliche mädchenhafte Scheu wieder +jedes andere Gefühl verdrängte; das Blut schoß ihr in Strömen nach den +Schläfen, und die Blicke niederschlagend, als ob sie selber jetzt gerade +eine unrechte Handlung gethan, und nicht im Gegentheil Andere von einer +solchen zurückgehalten hatte, glitt sie in die sie dicht umschließenden +Büsche zurück, und war auch im nächsten Moment hinter dem Felsenhang +verschwunden. + +René, der dieser so zeitgemäßen Warnung der Jungfrau nach, rasch seine +alte Stellung wieder eingenommen hatte, und jetzt mit gezogenen Waffen +und finsterem Blick die etwas verlegen unter ihm stehende Schaar +betrachtete, konnte an deren ganzem Betragen leicht und deutlich sehen, +wie viel Grund zu jener Anschuldigung, die er später mehr in den Blicken +des Mädchens gelesen als aus ihren Worten verstanden hatte, vorhanden +gewesen. Raiteo besonders, der bei den allsonntäglichen religiösen +»~meetings~« eine Hauptrolle spielte, schien sich über den, ihn am +tiefsten verletzenden Vorwurf, schlimm zu ärgern. Die Mädchen und Frauen +flüsterten aber lebhaft untereinander, und aus den freundlichen ihm +zugeworfenen Blicken durfte René wohl urtheilen daß er den _schönen_ +Theil seiner Feinde nicht mehr zu seinen Feinden zählen durfte, und daß +dieser vollkommen mit dem Betragen Einer ihrer Schwestern einverstanden +sei. + +Die Männer beriethen sich indessen eine ganze Zeitlang miteinander, +sahen dann wieder nach dem Schiff aus, das mehr und mehr in der Ferne, +und zwar nach Westen hin verschwand, und schienen total rathlos zu sein, +was sie eigentlich thun sollten. Einen wirklichen Angriff zu machen, +dazu fehlte ihnen in diesem Augenblick, wenn auch nicht der Muth, doch +jedenfalls, durch das Absegeln des Schiffs, die dringende Ursache, und +friedlich nach dem eben stattgehabten Vorfall wieder mit ihm +anzuknüpfen, war auch eine schwierige Sache -- wer konnte von ihm +verlangen daß er nach dem letzten Beispiel ihnen jetzt noch einmal +trauen sollte. + +So verging der Nachmittag, René beschloß übrigens jetzt weiter Nichts zu +unternehmen; war das Schiff erst einmal gänzlich aus Sicht, so ließ +sich eher hoffen die Leute zur Vernunft zu bringen, zeigten sie sich +aber dann morgen noch eben so hartnäckig, dann wollte er versuchen ein +Canoe zu bekommen, und von der Insel zu fliehen, denn er konnte sich +nicht verhehlen daß der Delaware, da er, wie ihm das junge Mädchen +gesagt, den für sein Einfangen bestimmten Lohn hier zurückgelassen, doch +jedenfalls die Absicht haben mußte die Insel, wenn ihm das irgend +möglich war, wieder anzulaufen. Das hing indessen noch Alles theils von +dem Weg ab den die Fische nahmen, theils ob er an einem oder mehreren +festkam, denn so lange er den Fisch langseits hatte, konnte er nicht +segeln und trieb immer weiter nach Westen ab. + +Indessen stellte sich aber auch bei ihm wieder Hunger und Durst ein, und +theils diesen zu befriedigen, theils den Insulanern unten zu zeigen daß +er nicht die mindeste Furcht und noch ganz guten Appetit habe, setzte er +sich oben auf seine Befestigungswerke und begann seine etwas +hinausgeschobene Mahlzeit nach Kräften zu halten. + +Erst als es Abend wurde verließen ihn die Insulaner, und zwar ohne +weiter mit ihm zu unterhandeln, bis auf den letzten Mann, und seine +einzige Sorge war jetzt daß sie ihn in der Nacht, wenn er eingeschlafen +wäre, überrumpeln möchten. Diesem zu begegnen, und da der Feind +wahrscheinlich einen solchen Versuch erst spät machen und nicht glauben +würde daß er sich gleich nach Dunkelwerden niederlegen werde, beschloß +er, trotz der ihn umgebenden Gefahr, gerade jetzt ein paar Stunden zu +schlafen um nachher desto munterer zu sein, denn ohne alle Rast wußte er +recht gut daß er es nicht aushalten könne. Ueberdieß fürchtete er mehr +als alles Andere, seinem Körper gleich im Anfang zu viel zuzumuthen, da +er ja nicht wissen konnte welche Strapatzen und Gefahren er überhaupt +noch zu bestehen hatte. + +Dieß Alles stimmte übrigens so vollkommen mit seiner eigenen Neigung +überein, denn er war durch die gehabte Aufregung jetzt, da gewissermaßen +ein Ruhestand eingetreten, förmlich erschöpft und so müde geworden, daß +er es auch augenblicklich auszuführen beschloß, sein Bündel auf der +einen Seite als Kopfkissen hinlegte -- nur die Vorsicht gebrauchend an +dem am leichtesten zu ersteigenden Platz einen Stein so locker zu +placiren, daß er bei der leisesten Berührung niederfallen mußte -- und +sich dann mit sorgloser Ruhe auf den harten Boden und dem Schlaf in die +Arme warf. + +Um den armen René möchte es aber schlecht gestanden haben, hätten die +Insulaner wirklich beabsichtigt in der Nacht etwas gegen ihn zu +unternehmen, denn lange nach Mitternacht berührte eine leichte Hand +seine Schulter, ohne daß er erwacht wäre. + +»Fremder,« sagte da eine sanfte, weiche Stimme, und das junge schöne +Mädchen, das neben ihm stand, legte ihre kalten Finger an seine, vom +festen Schlaf erhitzte Stirn. + +»Ja,« sagte René, die Augen öffnend und umschauend -- »ja -- schon acht +Glasen?«[E] -- die kalte Nachtluft strich über ihn hin -- um ihn +rauschte das Laub des Waldes und die hellen funkelnden Sterne blickten +klar auf ihn nieder. In dem Moment schoß ihm auch die ganze Gefahr +seiner Lage durch die Seele, und rasch emporspringend, das Terzerol wie +instinktartig im Griff, schien er den Angriff zu erwarten. + +»Ihr seid eine vortreffliche Schildwache,« lachte aber das junge +Mädchen, das ruhig auf ihrem Platz stehen geblieben war -- »wenn Ihr +nicht besser über anderer Leute Gut wacht, als Euere eigene Sicherheit, +möchte ich Euch wahrlich nicht einer Banane Werth vertrauen.« + +René faßte sich an die Stirn -- er wußte im ersten Augenblick wahrhaftig +nicht ob er wache oder träume, das ganze Fremdartige seiner Umgebung, +das schöne lachende Mädchen dicht vor ihm, ein dunkles Bewußtsein +drohender Gefahr die über ihm schwebe, und seine Sinne noch halb von dem +kaum erst abgeschüttelten tiefen Schlaf befangen, verlangte Alles daß er +sich erst sammle, und es verging wohl eine Minute, ehe er seine +wirkliche Lage wieder vollständig begriff. + +Das junge Mädchen stand indeß, mit untergeschlagenen Armen, die zarten +Lippen fest zusammengepreßt, und den Kopf schüttelnd vor ihm, und sagte +endlich halb lachend halb erstaunt: + +»Bist Du nicht ein wunderlicher Mann, Fremder -- schläfst hier mitten +zwischen Deinen Feinden, als ob Du daheim im sichern Hause, von den +Deinen bewacht lägest und nicht ein Preis auf dein Einbringen gesetzt +sei, das habgierige Menschen zu deinem Verderben reizen muß.« + +»Und durft ich nicht schlafen, wenn ein solcher Schutzgeist über mich +wachte, Du holdes Kind!« sagte René herzlich, die Hand nach der ihren +ausstreckend -- sie trat aber vor der Berührung einen Schritt zurück, +und erwiederte, mit ernstem Blick nach oben deutend: + +»Allerdings hattest Du einen Schutzgeist der über Dich wachte, aber es +ist das Auge Gottes, das jedes Haar Deines Hauptes gezählt hat, und ohne +dessen Willen keins zur Erde fällt -- ihm danke für Deine bisherige +Sicherheit, nicht mir. Aber komm Fremder,« setzte sie dann freundlicher +hinzu -- »nimm Dein Bett und wandere und folge mir, ich will Dich vor +Tag, und ehe böse Menschen im Thale neue Anschläge schmieden könnten, an +die andere Seite der Insel bringen, dort steht das Haus eines frommen +Mannes, das Dich schützen wird, bis Dein Schiff diese Gegend verlassen +hat, und dann kannst Du später nach Tahiti, wo viele Deiner Landsleute +leben, hinübergehn und dort in Sicherheit wohnen.« + +»Mein _Bett_ mitzunehmen, möchte hier schwer werden,« lachte aber René, +dessen leichter Sinn ihn in der Nähe des schönen Mädchens das so +freundlich um ihn besorgt war, schon über alles Andere weggesetzt hatte, +»das wollen wir lieber liegen lassen; mit dem Kopfkissen möchte es eher +gehn -- und wie ists mit den Provisionen -- soll ich die Cocosnuß und +Bananen? --« + +»Wir finden genug auf unserem Weg« -- unterbrach ihn aber das Mädchen -- +»iß und trink wenn Du _jetzt_ Hunger hast, und sorge nicht weiter.« + +»Dann mag es sich mein Dollmetscher morgen als schwachen Beweis meiner +Erkenntlichkeit mit hinunter nehmen,« lachte René, »der alte Bursche +wird schön schauen, wenn er das Nest leer und den Vogel ausgeflogen +findet.« + +»O sprich nicht mit so leichtem Muth über eine Gefahr, der Du noch +keineswegs entgangen bist,« bat aber das Mädchen, »ich selber kann +nichts für Deine Sicherheit thun, als Dich zu einem Andern führen und +diesen bitten Dir zu helfen -- er ist selber ein Weißer und ein Diener +des Herrn, und wird gewiß Alles für Dich thun was in seinen Kräften +steht -- er ist aber doch auch nur ein Mensch, und vermag Dir keinen +anderen, als eben nur menschlichen Schutz zu gewähren.« + +»Ein Weißer? -- und ein Diener des Herrn?« sagte aber René rasch und +nachdenkend -- »ein Missionair also?« + +»Gewiß, ein Missionair,« bestätigte die Jungfrau -- »er hat mich von +frühester Jugend auferzogen und seine Sprache und Religion gelehrt -- er +ist ein stiller, friedlicher und guter Mann.« + +René blieb nachdenkend eine kleine Weile stehn, und es ging ihm im Kopf +herum was er Alles, vielleicht in seinem katholischen Vaterland noch +übertrieben, über die protestantischen Missionaire dieser Inseln gehört +und gelesen, bei denen er eigentlich schon aus zwei Gründen keine +freundliche Aufnahme erwarten durfte, erstlich als entlaufener Matrose +und dann als Katholik; er war aber nicht der Mann sich vor der Zeit +vielleicht unnöthige Sorgen zu machen, that er's doch nicht wenn er +selbst Ursache dazu hatte. + +»~Eh bien~!« rief er fröhlich und entschlossen -- »sei es wohin es +wolle, wohin Du mich führst Du holdes Kind, geh ich gern, und wäre es in +den Tod. Hier kann ich doch nicht bleiben,« setzte er lächelnd hinzu als +er einen halb komischen halb verlegnen Blick umherwarf -- »der +Bequemlichkeiten sind nicht besonders viel, und vor Tag stöberte mich +doch am Ende der alte Bursche von Dollmetscher wieder auf -- also +vorwärts, vorwärts Du liebes Mädchen -- aber welchen Namen hast Du? wie +kann ich Dich nennen?« + +»Meine Landsleute nannten mich Sadie,« sagte das schöne Mädchen leise -- +»Sadie nach einem jener freundlichen Sterne dort oben, aber mein +Pflegevater verwarf den Namen als heidnisch, und ich heiße jetzt +Prudentia -- nur die Insulaner können das noch nicht gut aussprechen und +nennen mich lieber mit dem alten Namen.« + +»Oh so laß mich Dich auch Sadie nennen, Du holdes Kind,« bat da René -- +»bist Du mir nicht auch ein freundlicher Stern geworden, der mich hier +aus meiner Trübsal hinausführen soll? -- und wie gern folg ich ihm -- +Prudentia, lieber Gott, der Name mag für des würdigen Mannes Mutter oder +Gattin recht gut klingen, aber Deinen Namen hinein verwandeln, Sadie, +heißt die Saiten einer Harfe zerreißen und Bindfaden darüberspannen -- +nein Sadie, leuchte mir voran, und jener Stern soll nicht genauer seine +Bahn halten, als ich der Deinen folge.« + +Das junge Mädchen die wohl den alten liebgewonnenen Namen auch lieber +hörte als das fremde, selbst für ihre Zunge schwere Wort, erwiederte +nichts weiter, und wie eine Gemse von dem ziemlich steilen Hang +hinunterkletternd, und den Arm vermeidend den René nach ihr ausstreckte +sie dabei zu unterstützen, glitt sie auf den Boden nieder, daß René kaum +ihren Schritten zu folgen vermochte. + + +Fußnoten: + +[C] Verächtlicher Name für einen alten Mann. + +[D] ~hutupanutai~, die an den Strand gespühlte ~hutu~-Nuß -- oder auch, +in der bildreichen Sprache des Stammes, der an ihre Küsten geworfene +Fremde ohne Verwandte und Freunde. + +[E] Glasen, ein Schiffsausdruck, vom Stundenglas entstanden, und jetzt +die verschiedenen Schläge der Wachtuhr bedeutend, die alle vier Stunden +mit eins beginnt und jede halbe Stunde einen Schlag hinzufügt. + + + + +Capitel 4. + +#Der Mi-to-na-re.# + + +Es war ein ziemlich langer Marsch durch eine wilde Gegend und oft durch +Dickichte, durch die er allein nie seinen Weg gefunden; an den Sternen +sah er dabei wie sie viele Umwege machten, entweder vollkommen +undurchdringliche Stellen zu umgehen, oder auch vielleicht mögliche +Verfolger irre zu führen. Endlich erreichten sie wieder eingezäunte +Gartenplätze mit Bananen, Brodfrucht, Orangen, Wassermelonen und süßen +Kartoffeln bepflanzt, und als die Sonne eben über dem, wieder vor ihnen +liegenden Meeresspiegel emporstieg, betraten sie eine freundliche +Ansiedlung wohnlicher Bambushütten, sogar mit einigen weißübertünchten +Häusern dazwischen, dicht in dem Schatten hoher Cocospalmen und +breitästiger Brodfruchtbäume hineingeschmiegt, und von einer hohen +festen Umzäunung rings umschlossen. + +René zögerte im ersten Augenblick den Ort zu betreten -- er blieb stehen +und betrachtete forschend den kleinen freundlichen Platz, der wie ein in +sich abgeschlossenes Paradies stillen Friedens vor ihm lag. Sadie +schaute nach ihm um und frug ihn lächelnd ob er sich fürchte näher zu +kommen. + +»_Fürchten_?« sagte der junge Mann leise mit dem Kopf schüttelnd, »wenn +ich überhaupt etwas fürchtete auf der weiten Welt -- hätte ich da je +diese Insel betreten?« + +»Fürchtest Du _Nichts_?« sagte das Mädchen rasch und erstaunt, und +schaute zu ihm auf -- »fürchtest Du nicht _Gott_?« -- + +Der junge Mann fühlte daß er hier ein Feld berührte das er vermeiden +müsse -- so wenig er sich selber aus irgend einem Religionsbekenntnis +machte, hatte er doch zu viel gesunden Sinn für Recht es in Anderm zu +achten, und er hätte besonders dem holden Kind nicht durch eine rauhe +Antwort weh thun mögen -- er sagte deshalb ausweichend: + +»Ich sprach nicht von Gott, Sadie -- ich sprach von den Menschen -- also +hier wohnt der weiße Missionair?« + +»Hier wohnt er, wenn er auf der Insel ist,« -- erwiederte das Mädchen, +durch seine Antwort vollkommen wieder beruhigt -- »gerade jetzt aber +besucht er mehre andere Inseln in Missionsgeschäften, aber schon seit +drei Tagen erwarten wir ihn zurück, und jede Stunde kann er wieder +eintreffen.« + +»Also in diesem Augenblick wohnt kein Missionair auf dieser Insel?« -- +frug der junge Mann rasch, und wie es fast schien, erfreut. -- + +»Kein _weißer_ Missionair wenigstens,« sagte die Jungfrau, »aber Du +scheinst Dich darüber eher zu freuen, und ich hatte geglaubt es würde +Dich beruhigen wenn Du einen Landsmann in der Nähe wüßtest.« + +»So habt Ihr auch _eingeborene_ Missionaire hier?« umging der junge Mann +die halbgestellte Frage durch eine andere -- »und sind die auf allen +Inseln?« + +»Nicht auf allen, doch auf vielen -- hier aber,« fuhr sie auf das Haus +deutend fort -- »wirst Du jedenfalls Schutz finden bis Dein Schiff +zurückkehrt, denn von den Bewohnern dieser Insel wird es Keiner wagen +Hand an Dich zu legen, so lange Du Dich in den Mauern dieses kleinen +Wohnortes befindest -- was Deine eigenen Landsleute aber thun wenn sie +zurückkommen, weiß ich nicht, doch ich fürchte sie werden kaum die +Heiligkeit dieses Ortes anerkennen, obgleich sie Alle dem Namen nach +Christen sind. Mein Pflegevater hat mir oft erzählt, daß auf den +Schiffen viel böse gottlose Menschen hausen, und wir Insulaner hier +manchmal viel bessere Christen sind als jene -- aber nicht wahr, Du +gehörst nicht zu denen?« + +»O da mag Dein Pflegevater wohl vollkommen recht haben,« lächelte René, +»denn viel _Christenthum_ darf man gewöhnlich auf den Wallfischfängern +nicht suchen -- darum sind aber doch auch viel gute brave Menschen +zwischen ihnen, liebe Sadie, und ich mag leichtsinnig sein,« setzte er +gutmüthig hinzu -- »aber schlecht bin ich doch wohl nicht. Du mußt mir +das freilich auf mein ehrlich Gesicht hin glauben, denn andere Bürgen +habe ich weiter nicht dafür.« + +Das Mädchen lächelte, vollkommen zufrieden gestellt, vor sich hin, und +jetzt zum ersten Mal seine Hand ergreifend, führte sie ihn durch die, +ihrem Druck nachgebende kleine Gartenpforte, durch den breiten +gutgehaltenen Gang des Gartens, und eine dichte Allee regelmäßig +gepflanzter Bananen oder Pisang dem Hause zu, unter deren Schutzdach +René die kleine, etwas wohlbeleibte Gestalt eines wie es schien +halbcivilisirten Insulaners erkannte. + +René konnte ein leises Lächeln kaum verbergen als er die Gestalt mit +flüchtigem aber forschendem Blick überflog, und fast unwillkürlich +drängte sich ihm der wunderliche Gedanke auf daß der Mann, wenn ihm der +Geist und die Civilisation wirklich von oben gekommen sei, jedenfalls +noch mit den Beinen im Heidenthum stecke. + +Der kleine gelbbraune Missionair sah auch in seiner halb frommen halb +wilden Tracht wirklich eigenthümlich genug aus. Er ging in bloßem Kopf, +aber die sonst langen schwarzen Haare waren kurz und gottesfürchtig +abgeschnitten und zugestutzt -- ferner trug er ein weißes baumwollenes +Hemd und eine weiße leinene Halsbinde, mit hellgelber mit blanken +Knöpfen besetzter Weste, und über diesem Allen einen, dem Klima +keineswegs zusagenden -- schwarzen Frack. Bis soweit also war der Geist +gekommen, darunter aber fing der Heide wieder an -- der Mann konnte sich +an die christliche Religion aber nicht an Hosen gewöhnen, und während er +um die Lenden ein langes Stück roth und gelben Kattun, der höchst +freundlich gegen den schwarzen Frack abstach, mehrfach geschlagen hatte, +trug er die Beine vollkommen nackt, und unter dem Kattun vor schauten +noch die alten heidnischen Tättowirungen früherer Zeiten, wie scheu, von +dem christlichen Kleidungsstück bedroht, hervor. + +Der kleine Mann schien übrigens ungemein erstaunt über den Besuch und +auch vielleicht gerade nicht besonders erfreut, als ihm Sadie in seiner +Sprache mit kurzen Worten das, auf der andern Seite der Insel +Vorgefallene erzählte, und ihm um seinen Schutz für den Verfolgten +ansprach. Er hatte auch erst, wie es René vorkam, eine Menge +Einwendungen dagegen zu machen, und das Wort ~Mitonare~ kam sehr häufig +dabei vor, ~Sadie~ oder ~Pu-de-ni-a~ wie sie der kleine Missionair in +seinem wunderlichen Kauderwelsch statt ~Prudentia~ nannte, wußte diesem +allen aber zu begegnen, und da er sonst selber wohl gutmüthig und +gastfrei war, hatte er endlich nichts länger dawider, streckte dem +jungen Mann mit einem halb freundlichen halb salbungsvollen -- +wahrscheinlich abgesehenen Blick die dicke fette Hand entgegen, deren +Finger auch noch frühere Tättowirungen zeigten, und sagte in einer +Sprache die jedenfalls englisch sein sollte, aber meist immer wieder auf +tahitisch auslief. + +»~Gu -- day bodder -- gu day a haere mai -- gu fend here -- ehoa ino -- +very gu fend --~« und dann folgte noch eine längere Auseinandersetzung, +jetzt auf einmal in reinem Tahitisch als ob er glaubte daß der Fremde, +durch die vorigen einleitenden Worte in seiner eigenen Sprache nun auch +vollkommen vorbereitet für jede weitere Anrede in gutem Insulanisch sein +müsse. + +Sadie, die übrigens mit halbverstohlenem Lächeln sah, wie der junge +Fremde verlegen vor ihm stand, und nicht recht zu wissen schien was er +aus dem Ganzen machen solle, übersetzte ihm schnell was der kleine Mann +gesagt hatte, und bat ihn in das Haus zu treten, sich mit Speise und +Trank zu stärken und von den überstandenen Strapatzen auszuruhn. + +»Aber wie kann ich jetzt erfahren,« frug René das junge Mädchen -- »was +aus dem Schiff geworden ist, das schon vielleicht in diesem Augenblick +die Insel wieder, von anderer Seite, ansegelt?« + +»Auch daran hab' ich gedacht« lächelte das Mädchen -- »kümmere Dich +nicht deßhalb; der Knabe der uns eben verließ, geht nach der nächsten +Bergspitze hinauf, von wo er das Meer rings überschauen kann, und bringt +uns Nachricht ob das fremde Segel noch in der Nähe ist. -- Und nun in's +Haus, denn wie ich Dir schon gesagt habe, bis das Schiff zurückkehrt -- +denn nur gegen Deine eigenen Landsleute können wir Dich nicht schützen +-- bist Du sicher -- und selbst dann finden sich vielleicht Mittel Dich +zu verbergen« setzte sie freundlich hinzu. + +Der kleine Mitonare, denn als solchen hatte er sich René -- ~mi +mitonare~ -- ~mi mitonare~ schon selber vorgestellt -- ging ihnen jetzt +geschäftig voran in's Haus, und obgleich heute wirklich ihr Sonntag +fiel[F], brachte er nichtsdestoweniger eigenhändig, erst Teller und +Messer und Gabel, die sonst wahrscheinlich nur wenig benutzt, tief in +einer Schrankecke zu ruhen schienen, und dann kaltes Fleisch, Früchte +und Cocosnußmilch herbei, und lud nun den jungen Mann auf das +freundlichste ein sich niederzusetzen und nach Herzenslust zuzulangen. + +René sah Sadie an und dann die Speisen -- er schämte sich sie zu bitten +mit ihm niederzusitzen, und doch hätt' er es gar so gern gethan. Das +schöne Mädchen mochte aber errathen was er wünsche, denn sie schüttelte +lächelnd mit dem Kopf und war im nächsten Augenblick schon durch die +offene Thür verschwunden. + +Der kleine Missionair begann nun eine Unterhaltung die René zu jeder +andern Zeit ungemein amüsirt haben würde, in diesem Augenblick hatte er +aber wirklich einen höchst bedeutenden Hunger, und die steten Fragen des +Kleinen, die an und für sich schon des wunderlichen Kauderwelsch wegen +eben so viele Räthsel waren, forderten eine Theilung seiner +Aufmerksamkeit, die er jetzt weit lieber ungetheilt dem delicaten kalten +Schweinebraten und den saftigen Früchten zugewandt hätte. Der Kleine +ließ aber nicht nach und frug vor allen Dingen wie er selber hieße -- +der Name war einfach genug, und er konnte ihn ziemlich gut nachsprechen +-- dann wie das Schiff hieße auf dem er gekommen sei, und von wo es +gesegelt wäre. Er interessirte sich besonders, da er in den letzten +Jahren mit Hülfe des weißen Missionairs etwas Geographie getrieben, für +die Hafenplätze der Englischen und Amerikanischen Küste, und schien sich +ungemein zu freuen als er einen ihm bekannten Namen, Boston -- das er +übrigens hartnäckig ~bo-son~ aussprach -- erwähnen hörte. + +Eine Hauptfrage des kleinen unermüdlichen Mannes war aber zuletzt nach +des Fremden Religion und Vaterland, und René hätte sich selber keinen +schlimmern Namen machen können, als daß er sich ohne weiteres für einen +Franzosen ausgab. + +»Wi--wi?« sagte der kleine Mann etwas erstaunt, zog die Augenbrauen in +die Höh, und spitzte den Mund -- »Wi--wi?[G] -- hm --« + +»Wi--wi?« sagte René, der diesen Ausdruck noch nicht kannte, erstaunt -- +»was Wi--wi? -- nicht Wi--wi -- ~frenchman~ -- ~français~ -- ~ferani~ +--« denn diesen Ausdruck hatte ihn schon Adolph gelehrt. + +»~Es--es~« nickte der Kleine schmunzelnd -- »~Fe--ra--ni~ -- ~Wi--wi~« -- + +»Was zum Henker will er denn mit dem Wi--wi?« -- dachte René -- »das muß +ein besonderer Dialekt für den Namen sein.« + +»Viel -- viel Wi--wi's in Tahiti -- sagte der kleine Missionair wieder +-- keine Christen, Wi--wi's!« + +»Keine Christen?« rief René lachend -- »nun ich weiß doch nicht -- +einige sind sicher darunter, die sich wenigstens so nennen --« + +»~Es~, Christen« nickte der unverwüstliche Kleine -- »aber keine guten +-- ~aita maitai~ --« + +Jetzt begriff René erst, worauf der kleine Protestantische Missionair +oder Prediger eigentlich abziele, denn dieser mußte natürlich glauben, +was ihm die protestantischen Geistlichen über die Religion der andern +Weißen, die sich ebenfalls Christen nannten, und doch in ihren äußeren +Gebräuchen besonders so bedeutend von diesen abwichen, gesagt hatte. Er +hütete sich aber wohl auf irgend einen religiösen Streit einzugehen und +beschränkte sich nur darauf ihm zu erklären, er wisse nicht was es in +Tahiti für Christen gäbe, er sei noch nie dort gewesen, in seinem +eigenen Vaterland -- was er in aller Unschuld jetzt selber Wi--wi und +zwar sehr zum Ergötzen des kleinen Mannes nannte -- gäbe es aber sehr +gute, fromme Christen. + +René hätte vielleicht noch eine Masse, ihm gerade nicht gelegene Fragen +beantworten müssen, wäre in diesem Augenblick nicht draußen vor der Thür +eine kleine Glocke geläutet worden und zu gleicher Zeit Sadie in der +Thür des Gemaches erschienen. René sprang fast mit einem Freudenruf +empor. + +Das junge Mädchen sah aber auch wunderlieblich aus in ihrer neuen +Tracht, die sie der Sonntagsfeier zu Ehren angelegt hatte. Diese bestand +in einem langen faltigen Gewand, das ihr oben von den Schultern bis auf +die Knöchel niederfiel, im Gürtel aber von einer leichten rothseidenen +Schärpe zusammengehalten wurde; die Haare hatte sie wieder frisch mit +wohlriechendem Oel getränkt, und die langen vollen Locken glatt nieder +gekämmt, daß sie ihr bis auf die Schultern herabfielen -- aber keine +Blume schmückte sie jetzt, wo sie zu Gottes Altar treten wollte, nur +eine dünne Schnur, aus den Erhöhungen der reifen Ananas geschnitten, zog +sich ihr um das Haar und die Stirn, den wilden Lockenschatz in etwas zu +bändigen. In der Hand hielt sie ein kleines Buch mit goldenem Schnitt -- +ein englisches neues Testament, und das erst so wilde muthige Kind sah +jetzt so mädchenhaft fromm und schüchtern aus, das dunkle Auge ruhte mit +einem so milden sanften Blick auf ihm, daß er sie kaum wieder erkannt +hätte, und doch war sie jetzt fast noch schöner als damals wie sie, den +nackten Arm um den Baum geschlungen, von dem Felsen herab auf die +verrätherischen Landsleute niederzürnte. + +»Wie schön Du bist, Sadie!« rief René fast unwillkürlich aus, und +streckte ihr seine Hand entgegen. + +»Nicht Sadie jetzt« sagte aber das junge Mädchen und schüttelte leise +mit dem Kopf -- »Prudentia heiß ich, denn ich gehe jetzt zu meinem Gott, +durch dessen heiliges Wasser ich den Namen bekommen habe. Aber hier mein +Freund« setzte sie mit bittendem Ton hinzu indem sie die ihr gebotene +Hand ergriff und dabei dem jungen Mann zugleich das kleine Buch +entgegenhielt -- »nimm das hier und lies darin, während wir in der +Kirche für Dich und Dein Wohl beten wollen -- es ist ein gutes Buch und +wird Dich trösten.« + +Es lag etwas so rührend Herzliches in dem Ton mit dem das holde Kind +diese Worte sprach, daß René das Buch nahm, ihr leise die gereichte Hand +drückte und sagte -- + +»Ich danke Dir, Sadie -- Du mußt mir nun schon erlauben Dich so zu +nennen -- das andere Wort will mir gar nicht über die Lippen -- aber Du +bleibst doch nicht lange?« + +»Vielleicht nur zu kurze Zeit für so schwere Sünder als wir sind« sagte +das Mädchen ernst und fast traurig -- »aber lebe wohl und fürchte Nichts +für Deine Sicherheit; von der andern Seite der Insel sind eben Männer +zur Kirche herübergekommen, und sie berichten, daß Dein Schiff nirgend +mehr zu sehen sei -- es ist weit nach Westen gegangen und müßte lange +Zeit brauchen wollte es gegen den Wind wieder nach uns aufkreuzen. -- +Bleibe aber hier im Hause und zeige dich nicht den Leuten draußen; doch +darum sprechen wir nachher, jetzt darf ich nicht an weltliche Sachen +denken -- ich dachte aber auch nur Deinetwegen daran« -- setzte sie +leiser hinzu und eine tiefe Röthe breitete sich über ihre schönen so +engelsanften Züge. + +Auf den kleinen Mitonare hatte der Ton der Glocke aber ebenfalls eine +fast zauberhafte Wirkung ausgeübt. -- Noch im Lachen über den Fremden +hörte er den ersten Ton derselben und, wie ein in seiner Lust von dem +strengen Blick des Lehrers ertappter Schulknabe, zog sich sein Gesicht +nicht, nein zuckte es förmlich in die alten ehrbaren Falten hinein, die +ihm dabei fast noch komischer standen, als das Lachen vorher. Er erhob +sich aber jetzt hastig, ergriff seine Bücher -- alle in der Tahitischen +Sprache durch die Missionaire übersetzt, -- und Sadie einige Worte +sagend verließ er mit dieser langsamen Schrittes das Haus. + +René blieb allein zurück; Sadie hatte ihn heute absichtlich nicht +aufgefordert sie in die Kirche zu begleiten, was sie sonst gewiß nicht +versäumt haben würde; es waren aber viele Insulaner von der andern +Seite, die gestern Theil an den Vorfällen gehabt, herübergekommen, und +sie wollte beide Partheien nicht jetzt schon wieder zusammenbringen. Der +Aufenthalt des Fremden konnte übrigens, wie sie recht gut wußten, nicht +lange geheim bleiben, wenn er das überhaupt nur bis jetzt noch geblieben +war; den Frieden des Missionsgebäudes störten aber, selbst die +Verhärtetsten ihres Stammes nicht so leicht, und sie glaubte den armen, +von allen Uebrigen verlassenen Fremden wenigstens hier sicher. + +René warf sich auf eine der überall in dem hohen luftigen Gebäude +ausgebreiteten Matten, und lag lange in tiefem Brüten über die letzten +für ihn so verhängnißvoll gewesenen Stunden. Er war einer sehr +dringenden Gefahr für den Augenblick entgangen, aber kam das Schiff +zurück -- und er zweifelte kaum daran, daß der Capitain desselben ihn +nun und nimmer so leicht aufgeben würde, ohne wenigstens noch einen +Versuch zu machen ihn wiederzubekommen -- würde er den Händen der Feinde +auch dann entgehen können, und dann nicht vielleicht selbst der, bis +dahin jedenfalls zurückgekehrte Missionair ihm seinen Schutz versagen? +Es war doch wohl das beste, daß er weder Schiff noch Missionair +abwartete, und so rasch als möglich die Insel zu verlassen suchte. -- +Aber Sadie? -- würde sie ihn begleiten? -- Er erschrak ordentlich vor +dem Gedanken sie zurückzulassen, und mochte sich selber kaum gestehen, +wie gewaltig dieß holde Kind des Waldes sein Herz schon gefesselt habe +und halte. + +»Das ist Thorheit« murmelte er vor sich hin -- »Wahnsinn, jetzt an Liebe +zu denken wo Du selber noch nicht einmal eine Stätte hast Dein Haupt +hinzulegen. Sei vernünftig René -- hier an die Inseln geworfen hat das +erste hübsche Gesicht was Dir in den Weg kam Dein, überhaupt etwas +leicht entzündliches Herz in lichterlohe Flammen gesetzt -- das ist ein +Strohfeuer und brennt in der ersten Wache aus.« + +Er stützte den Kopf in die Hand und schlug das Buch auf, das noch immer +vor ihm lag; aber die Buchstaben tanzten ihm vor den Augen; zwischen +jeder Zeile lachten die holden schelmischen, und doch so sanften Züge +des lieben Kindes heraus, und weder St. Lukas noch die Corinther +vermochten den Zauber zu lösen der seine Seele mit der wilden Gluth +plötzlicher aber gewaltig erwachter Liebe entzündet hatte. + +Der Tag verging ihm langsam -- Sadie kehrte mit dem kleinen Missionair +wohl um die Mittagszeit zurück, aber es war Sonntag -- kein Lächeln +stahl sich über ihre Züge -- selten oder nie begegnete ihr Blick dem +seinen, und die Stunden flossen ihm träge unter Gebeten und Hymnensängen +dahin. + +Schon vor Tag am nächsten Morgen war er auf, badete in dem +cristallhellen Wasser der Corallenbänke, und harrte dann mit wirklicher +Sehnsucht des schönen Kindes, das aber heute lange, lange ausblieb und +sich ihm gar nicht wieder zeigen wollte. Vergebens erfrug er sie bei dem +Mitonare. + +»~Pu-de-ni-a?~« sagte dieser kopfschüttelnd und mit seinem räthselhaften +englisch -- »der Herr weiß wo man das Mädchen suchen soll, wenn man sie +haben will -- ~Pu-de-ni-a ataetai~ -- wie kleine Eidechse, hier im Laub +und da im Laub -- kann sie nicht fassen -- ist weg unter den Augen.« + +Der Kleine schien heute übrigens besonders aufgelegt zu einer +Unterhaltung, lehnte sich auf seine Matte zurück, faltete die kurzen +dicken Finger auf dem runden Magen und begann wieder auf das +herablassenste eine ganze Reihe von Fragen an den jungen Mann zu +stellen, die ihm oft kaum Zeit ließen nur den Sinn zu verstehen ehe sie +wieder, ohne die Beantwortung der ersten abzuwarten, von andern +verdrängt wurden. Er trug aber heute weder den schwarzen Frack, noch die +hellgelbe Weste mit den blanken Knöpfen; selbst das weiße Halstuch lag, +sorgfältig in ein Stück gelbes englisches Packpapier eingewickelt auf +einem kleinen Bücherbret, neben seinem geistlichen Schatz. Seine +Bewegungen waren aber dadurch auch freier geworden, und er schien mit +dem Frack auch den ganzen Mitonare ausgezogen zu haben. + +Er war, wie er jetzt selber René aus freien Stücken erzählte, noch vor +zehn Jahren ein entsetzlicher Heide gewesen, der glaubte daß das höchste +Wesen ~Taaroa~ und nicht Gott hieß, der sogar seinen Götzen Früchte und +Schweinefleisch zum Opfer brachte, und Gefallen an den sündhaften Tänzen +der eingebornen Mädchen fand. ~Mitonare O-no-so-no~, Gott weiß wie der +Mann in wirklichem Englisch hieß, hatte ihn jedoch gerettet, sein Vater +aber und sein Großvater, und seinem Großvater sein Großvater waren alle +in der Hölle -- konnten aber nichts dafür -- waren aus Versehen hinunter +gekommen. -- Er hatte sich sogar tättowiren lassen, und als er sah daß +René, wahrscheinlich unbewußt, ein erstauntes Gesicht dabei machte, was +er vielleicht für Unglauben nahm, lüftete er mit einer halben Wendung +den Cattun, fiel aber erschrocken wieder in seine alte Stellung zurück, +und sah sich nach allen Seiten um, als René der sich nicht helfen +konnte, bei der Bewegung plötzlich in ein schallendes Gelächter +ausbrach. + +Das hätte der kleine Mann aber bald übel genommen, René wußte ihn jedoch +wieder zu beruhigen und er begnügte sich von da an ihm seine +Lebensgeschichte _ohne_ Illustrationen zu geben. + +Das Mitonare sein war seiner Meinung nach ein sehr schweres Geschäft -- +weniger des Predigens, als des Frackes wegen -- und der viele Aerger mit +den Mädchen -- soviel junges leichtsinniges Volk -- denken immer können +in den Himmel kommen wenn sie lustig sind -- bah -- wissens nicht besser +-- Da in dem Buch steht Alles d'rin -- sehr gutes Buch -- ein Bischen +dick -- aber sehr gutes Buch, und viele schwere Worte d'rin. Jetzt kam +aber bald eine böse Zeit -- weiße Mitonares -- vier, fünf, sechs kamen +hier herüber -- sahen zu ob Mitonare rother Mann viel weiß, und kleine +Kanakas ~iti--iti~ gut unterrichtet hat -- viele schwere Worte auswendig +lernen und viel Aerger mit ~iti--iti~. -- »~Pu-de-ni-a~ gutes Kind« +setzte er dann hinzu -- »aber ein Bischen wild -- ein Bischen sehr wild +für ~waihini~ -- Mitonare ~O--no--so--no~ Tochter -- aber nicht Tochter +-- nur so Tochter --« und er bemühte sich dann in langer Rede und mit +großer Anstrengung dem jungen Mann begreiflich zu machen daß ~Pu-de-ni-a +O--no--so--no's~ Pflegetochter sei. + +Das war etwa der Inhalt seiner Unterhaltung, bei der er ziemlich allein +das Wort führte, und René allerdings nur nothdürftig den Sinn des Ganzen +verstand, indem der Alte oft mehr Tahitische als englische Worte +gebrauchte, und diese wenigen dann selbst noch auf wahrhaft grausame Art +verstümmelte. + +René konnte es zuletzt nicht länger aushalten -- die Sehnsucht die ihn +auf der einen Seite quälte, Sadie wieder zu sehn, und die peinlich +scharfe Aufmerksamkeit die er auf der andern genöthigt war dem +Kauderwelsch des Kleinen zu schenken, wenn er nur überhaupt den +ungefähren Sinn der Rede fassen wollte, machten ihm die Unterhaltung zu +einer wahren Folter, und er benutzte die erste nur einigermaßen passende +Gelegenheit aufzustehn, und in den Garten zu gehn. -- Aber Sadie war +nirgends, weder zu hören noch zu sehen. + +Die Sonne stieg indessen schon ziemlich hoch, und er warf sich endlich, +als er die Gänge unzählige Male auf- und abgelaufen, ermüdet in dem +Schatten eines Orangen- und Citronendickichts nieder, von wo aus er, da +der Platz etwas erhöht lag, das ruhige Binnenwasser, das die Insel +umgab und die weiter draußen von der Brandung hoch beschäumten Riffe, +deutlich übersehen konnte. Dicht hinter dem kleinen Orangenhain lief die +Einfriedigung des Gartens hin, und gleich von diesem ab begannen +ziemlich steil die nächsten, dicht mit Guiaven- und Citronenbüschen +bedeckten Hügel emporzusteigen. + +Wohl eine halbe Stunde hatte er so gelegen, und wilde wunderliche +Luftschlösser gebaut mit träumenden Gedanken. -- O wie reizend lag seine +künftige Heimath unter den wehenden Palmen und duftigen Orangenblüthen +dieser Wälder -- wie schaukelte sein Canoe so still und friedlich auf +der klaren herrlichen Fluth, wenn er Abends vom Fischfang heimkehrte -- +und welch' holdes Bild stand in der niedern Thür der Bambushütte, und +winkte ihm mit dem wehenden Tuch das fröhliche, herzliche Joranna +entgegen -- halt! -- das waren Schritte -- dicht hinter den +Orangenbäumen den Hügel herab -- ein leichter Sprung über den Zaun -- er +fuhr empor, und an ihm vorüber schoß mit flüchtigen Schritten die holde +Wirklichkeit seiner schönsten Träume. + +»Sadie!« rief er leise -- + +»Ha!« sagte das Mädchen und warf halb scheu halb erschreckt den Kopf +zurück, den die vollen dunklen Locken heut' wild umflatterten; als sie +aber ihren Schützling erblickte färbte wieder jenes dunkle Roth, das +ihrem Antlitz einen so unendlichen Zauber verlieh, die lieblichen Züge +der Maid, und rasch auf ihn zutretend, reichte sie ihm freundlich und +zutraulich die Hand, die er fest in der seinen hielt, während seine +Blicke mit inniger Lust an den ihrigen hingen. + +Es war aber heute ganz wieder das wilde Kind wie an jenem Tage, wo sie +wie ein zürnender Geist zwischen Verfolger und Verfolgten getreten. Das +lange Gewand von gestern hatte sie abgeworfen, und das Schultertuch +verrieth mehr von den üppigen Formen des wunderschönen Mädchens, als es +verdeckte; auch durch die Locken wand sich wieder ein dichter Kranz +duftender Blumen mit einem hochgefärbten Fern durchflochten, während +zwei große weiße Sternblumen in ihren Ohrläppchen staken, und die feine +Bronzefarbe der Haut nur noch mehr und reizender hervorhoben. + +»Wo bist Du aber nur so lange geblieben Sadie!« sagte jetzt René mit +leisem fast zärtlichem Vorwurf. + +»Lange geblieben?« lachte aber das wilde Kind -- »lange geblieben? hab' +ich denn überhaupt kommen wollen? -- wunderlicher Mann, wie weißt Du nur +wo ich überall heute Morgen schon gewesen bin -- und _Deinetwegen_ noch +dazu« -- setzte sie mit leichtem Erröthen und halb abgewandtem Gesicht +hinzu -- »doch komm,« fuhr sie rasch fort als sie mehr fühlte als sah +daß er etwas darauf erwiedern wolle -- »komm ich habe gute Nachrichten +für Dich, und wir wollen indessen ein wenig zu meinem Lieblingsplätzchen +auf jenen Hügel gehn.« + +»Aber ich habe meine Waffen im Haus gelassen,« sagte der junge Mann -- +»ich kann sie rasch holen.« + +»Du brauchst sie nicht mehr, wenigstens für den Augenblick nicht,« hielt +ihn das Mädchen zurück -- »unser Häuptling selber hat mir sein Wort +gegeben, daß Du unbelästigt auf der Insel bleiben sollst, bis das Schiff +wieder kommt und Dich noch einmal zurückfordert -- und selbst dann wird +er nicht streng mit Dir sein, -- wenn sie ihn nicht dazu treiben; er ist +ein guter Mann, und nur erst seit Ihr Weißen uns so viel Sachen +herübergebracht habt, ohne die wir nun einmal nicht mehr glauben leben +zu können, ist seine Habgier geweckt, und er thut Manches, was er sonst +nicht gethan haben würde.« + +»Und bist Du _meinetwegen_ heute Morgen schon drüben an der andern Seite +der Insel gewesen?« rief René erstaunt, fast erschreckt aus -- »Mädchen +da mußt Du ja vor Mitternacht aufgebrochen und die ganze Zeit gewandert +sein, durch Dorn und Wildniß, mit den zarten Gliedern.« + +»Bah!« lachte das wilde Kind und warf sich mit rascher Kopfbewegung die +Locken um die Schläfe, daß die losgeschüttelten Blüthen auf ihre +Schultern niederfielen -- »ist das der Rede werth? -- schon als kleines +Mädchen von vier Jahren hab' ich den Weg allein gemacht, und jetzt bin +ich funfzehn. -- Aber gestern durft ich ja doch nicht gehn,« setzte sie +ernster hinzu, -- »gestern war Sabbath und -- ich wollte doch auch nicht +daß Du wie ein Gefangener im Hause sitzen bleiben solltest. -- Doch wir +wollen ja hier nicht stehn bleiben, ich bin müde und will mich setzen -- +komm,« sagte sie, und zog ihn nach sich, der Gartenpforte zu, durch die +sie gingen und links davon einen kleinen Hügel emporstiegen, wohinauf +ein ordentlicher Pfad ausgehauen und geebnet war. + +Es ließ sich kaum ein lieblicheres Plätzchen auf der weiten Gotteswelt +denken als das, wohin das schöne Mädchen jetzt den jungen Mann führte. +-- Drei niedere Palmen, in ihren Kronen fast gleich, überhingen die +kleine Stelle, und zwar so, daß die schattigen Blätter, weit nach vorn +überneigend, die Sonne auffingen, wenn sie nur wenige Stunden hoch am +Himmel stand -- der Boden war mit einem feinen wohlriechenden Fern +bedeckt, der duftende ~anei~, wie reich mit Blüthen geschmückte Büsche +bildeten die Rückwand, und mehre mit Blüthen überstreute und zu +gleicher Zeit von goldenen Früchten fast niedergebeugte Orangenbüsche +die Seitenwände, während ein breiter niederer Sitz, mit feingeflochtenen +Matten doppelt und dreifach weich überlegt, mit Bambus gezogener +Rücklehne, die weite freie Aussicht auf das blaue Meer und die +schäumende Brandung der Riffe gewährte. + +René stand lange in schweigender Bewunderung der reizenden Scene, mit +dem schönen Mädchen, das ihn lächelnd betrachtete, an seiner Seite. + +»Nicht wahr, das ist ein lieblicher Platz hier auf der kleinen +freundlichen Insel?« -- sagte sie endlich leise, als ob sie fürchte das +was sein Herz in diesem Augenblick fühlte, zu unterbrechen. + +»O wunder -- wunderschön!« rief René begeistert ihre Hand ergreifend -- +»ein Paradies, dem selbst die Engel nicht fehlen.« + +»Pfui Fremder« -- sagte aber das Mädchen ernst und fast traurig -- »Du +mußt nicht lästern, während der liebe Gott das Licht seiner Sonne auf +Dich niedergießt und die Wunder seiner Welt um Dich her ausgebreitet hat +-- und Du thust mir auch weh damit, und ich habe Dir doch Nichts zu +leide gethan.« + +»Sadie« -- bat der junge Mann, tief ergriffen von der einfachen, +rührenden Natürlichkeit des holden Kindes. + +»Laß nur gut sein,« sagte sie aber wieder etwas freundlicher, »und +setze Dich hierher -- nein, nicht so nah zu mir -- da in die Ecke -- so, +und nun sollst Du mir eine Frage beantworten.« + +Sie sah ihm dabei treuherzig in die Augen, und wenn sie auch nicht +duldete daß er den Arm um sie legte, ließ sie doch ihre Hand in der +seinen ruhen. + +»Und was willst Du fragen Du holdes Lieb?« -- + +»Zuerst heiß ich Prudentia, höchstens Sadie -- aber nicht anders -- aber +ja -- wie heißt Du denn eigentlich?« + +»René!« + +»René das ist ein hübscher kurzer Name, und klingt nicht so schwerfällig +wie die anderen englischen Worte -- René das könnte auch der Mitonare im +Haus behalten,« setzte sie leise hinzu und ein schelmisches Lächeln +blitzte ihr durch die Augen; es war aber auch im Moment wieder +verschwunden. + +»Und was wolltest Du mich fragen, Sadie?« + +Das junge Mädchen wurde in dem Augenblick recht still und ernsthaft, und +sah ihm erst eine ganze Weile forschend, schweigend in die Augen, als ob +sie dort lesen wolle, wie es selbst in seinem innersten Herz beschaffen +sei. Dann aber schüttelte sie mit dem Kopf; hatte sie nicht gefunden was +sie suchte oder war sie über sich selbst böse, und sagte jetzt, aber +noch immer keinen Blick dabei von ihm verwendend: + +»Ist es wahr, René daß Du ein ~Ferani~ bist?« + +»Wenn Du, wie ich glaube, Franzose darunter verstehst -- ja,« erwiederte +René offen aber auch halb erstaunt über den tiefen Ernst dieser doch +gewiß höchst gleichgültigen Frage. -- + +»Und bist Du ein Christ?« frug das Mädchen ängstlich. + +René konnte ein Lächeln kaum verbergen, er erinnerte sich aber auch +zugleich der Fragen des kleinen Mitonares und sagte kopfschüttelnd: + +»Liebes Kind wer hat Euch solch tolle Grillen hier in den Kopf gesetzt, +daß die Franzosen keine Christen wären? -- gewiß sind wir Christen, wenn +Dich das beruhigen kann.« + +»Aber habt Ihr nicht heidnische Gebräuche bei Euerer Religion?« frug ihn +das Mädchen jetzt dringender. + +»Aber Du gutes Kind,« bat sie René, »sage mir nur --« + +»O bitte, bitte beantworte mir meine Frage treu und wahr,« unterbrach +ihn aber, in fast ängstlicher Hast das schöne Mädchen -- »ich will Dir +dann auch mit Freuden jeder Frage Rede stehen.« + +»Nun gut denn Sadie, Dich zu beruhigen will ich Dir jeden Aufschluß +geben, der nur in meinen Kräften steht. Der größte Theil der Franzosen, +Italiener, Spanier, Portugiesen, des südlichen Deutschlands, wie +überhaupt fast aller südlich gelegener Völker des Welttheils von dem wir +Weißen abstammen, und von woher wir meist herüberkommen, sind +_katholische_ -- die nördlicher gelegenen Völker, aber auch wieder mit +gewaltigen Ausnahmen, und noch bei Weitem die geringere Zahl -- +_protestantische_ Christen. Wir haben jedoch _einen_ Gott und _einen_ +Heiland, Jesus Christus; nur in den gleichgültigeren Gebräuchen +unterscheiden wir uns von einander -- die protestantischen Priester +halten zum Beispiel die _schwarze_ Farbe für unumgänglich nothwendig zu +ihrem Ornat -- die katholischen nehmen andere. Wir haben auch -- und ich +glaube es ist besonders das, was Dir am Herzen liegt -- in den Tempeln +unseres Gottes die Bilder frommer Männer und Frauen aufgestellt, die in +alten Zeiten gelebt haben und für ihren Glauben, wie der Heiland selber, +gestorben sind -- nicht aber als Götter, sondern nur als heilige +Menschen, deren Vorbild uns anfeuern soll ihnen nachzuahmen. Wir glauben +daß diese, durch ihren frommen Wandel zu Gottes Herrlichkeit eingegangen +sind, und wenn die Katholiken zu ihnen beten, so geschieht es nicht etwa +weil sie glaubten es seien dies selber göttliche Wesen, sondern nur um +sie um ihre Fürsprache am Throne des Höchsten zu bitten. -- + +»Ich bin der Herr Dein Gott, Du sollst nicht andre Götter haben neben +mir« ist ein Gesetz, das für uns Katholiken so gut Gültigkeit hat, als +für die Protestanten.« + +»Aber Ihr theilt kleine Götzenbilder aus und brennt vor Eueren Bildern +Weihrauch und Kerzen,« sagte das Mädchen und René sah wie sie mit fast +peinlicher Spannung der Antwort auf diese Frage harrte. + +»Die Priester, mein holdes Kind,« sagte René lächelnd, »theilen unter +ihre Beichtkinder, wie sie solche nennen die unter ihrer geistlichen +Fürsorge stehn -- kleine Bilder der Jungfrau Maria, des Gekreuzigten +oder selbst jener guten, später heilig gesprochenen Menschen aus, damit +diese die Aufmerksamkeit ihrer Pflegbefohlenen von weltlichen Dingen +ablenken und auf das Heil ihrer eigenen Seelen richten sollen -- nicht +um sie anzubeten.« + +»Und der Weihrauch? -- die Kerzen?« frug das Mädchen immer noch besorgt. + +»Selbst das findet wohl eine sehr natürliche Auslegung,« erwiederte René +gutmüthig -- »jeder vernünftige Mensch weiß, daß solche Sachen gerade +nicht nöthig sind zu seinem Gott zu beten, aber gar Viele wollen auch +durch etwas Aeußeres daran gemahnt sein, daß sie in dem Hause des Herrn, +in der Nähe ihres Schöpfers stehn, ihre Gedanken ganz von jedem andern +fremden, weltlichen Gegenstand abzulenken.« + +»Und die Processionen die Ihr haltet -- den Ablaß den Ihr um Geld für +Euere Sünden bekommt?« sagte das Mädchen wieder und verwandte keinen +Blick von seinen Augen. + +René kam in Verlegenheit; er hatte in seinem ganzen Leben -- wenigstens +seit er die Schule verlassen -- noch nicht soviel über die Gebräuche und +den Geist seiner eignen Religion nachgedacht, als heute morgen. Er hing +dabei viel zu wenig selber an diesen Gebräuchen, sich zu einer warmen +Vertheidigung derselben berufen zu fühlen, sah aber auch recht gut ein, +daß die Protestantischen Missionaire seine Religion, die sich von Tahiti +aus zu verbreiten drohte, oder die auf den Inseln einzuführen von seinen +Landsleuten wenigstens schon der Versuch gemacht war, mit den +schwärzesten Farben geschildert hätten. + +»Und die Processionen die Ihr haltet -- den Ablaß den Ihr um Geld für +Eure Sünden bekommt?« wiederholte dringend das holde Mädchen, und legte +ihre Hand auf seinen Arm. + +René schüttelte lächelnd mit dem Kopf. + +»Sie haben sich große Mühe gegeben Sadie,« sagte er endlich, »Dir den +Glauben so vieler Tausende in ihrem eignen Vaterlande von der +schlimmsten Seite zu schildern -- und schon das allein wäre nicht +christlich, denn mir ist es fast, als ob sie vergessen hätten auch der +_guten_ Seiten zu erwähnen, die doch gewiß eine jede Sache hat, also +auch wohl eine Religion, in deren Glauben Millionen Menschen glücklich +gelebt haben -- und noch leben. Die Processionen sind Dir gewiß als +etwas sehr Entsetzliches beschrieben, und es ist doch gewiß eine +harmlose Sache, die übrigens, wie ich gar nicht läugnen will, und meiner +Meinung nach auch vielleicht wegfallen dürfte. Sie sind aber von den +Priestern eingesetzt, und gehst Du _Allem_ nach, mein Lieb, was die +Priester einsetzen oder anordnen, so wirst Du wohl Manches finden, +worüber Du Dir auch keine Rechenschaft geben kannst -- seien es nun +protestantische oder katholische -- oder glaubst _Du_ daß _Alles_, was +die Priester thun, von Gott selber anbefohlen ist?« + +»Ach Gott, ich weiß das ja nicht,« sagte das junge Mädchen mit recht +trauriger bewegter Stimme. + +»Und was den Ablaß betrifft, mein Herz,« fuhr René fort, ihre Hand +wieder ergreifend, »so hat der wohl Manches gegen, aber auch Vieles für +sich. Gott wird uns als ein allbarmherziges Wesen geschildert -- als den +allliebenden Vater denken wir uns ihn ja -- sollen wir da glauben daß er +dem schwachen Menschenkinde das da sündigt, auf immer zürnt, und ist es +nicht besser wir können, wenn wir über einen begangenen Fehler Reue +fühlen, glauben daß uns Gott verziehen hat, in seiner unendlichen +väterlichen Huld, und wir nun wieder, mit frohem, leichtem Herzen ein +neues Leben beginnen dürfen, als daß wir uns Gott als einen ewig +zürnenden Richter denken, der sogar ungerecht bis hinab in's dritte, +vierte, ja zehnte Glied straft und richtet? -- Nein Sadie -- dieser +Glaube mag oft durch böswillige oder eigennützige Geistliche +gemißbraucht sein, ich will das nicht leugnen, aber es ist immer kein +_Götzen_dienst, und wer Dir das gesagt hat, mag es vielleicht recht gut +gemeint haben, aber er übertrieb die Sache. -- War es Dein Pflegevater, +Sadie?« + +»Nein,« sagte das junge Mädchen, leise und nachdenklich mit dem Kopf +schüttelnd -- »mein Pflegevater ist nicht so streng und ernst, und er +hat mir oft gesagt, daß unter den Franzosen auch gewiß recht viel brave +und gute Menschen wären, vielleicht ebensoviel wie unter den Engländern, +nur daß ihre Religion nicht die rechte sei, und das sie noch viele +Mißbräuche duldeten.« + +»Und wer hat Dir denn all die schrecklichen Geschichten von uns erzählt, +mein Lieb,« lächelte René -- »in Deinem eigenen Köpfchen sind sie doch +wahrlich nicht entsprungen.« + +»Nein,« sagte das Mädchen treuherzig -- »aber auf Tahiti wohnt ein +frommer, ernster, strenger Mann -- der kommt des Jahres wohl ein- oder +zweimal auf unsere Insel herüber und predigt hier -- wir fürchten uns +aber alle vor ihm, denn wir dürfen dann keine Blumen in den Haaren +tragen, und nicht lachen und fröhlich sein, und er macht uns das Herz +dabei auch so schwer, daß wir wenn er schon selbst Wochen lang fort ist, +immer noch an die entsetzlichen Strafen denken müssen die uns, selbst +nach leichtem Vergehen, in der Ewigkeit erwarten. -- Oh er ist gar so +finster, aber auch sehr fromm und er besonders hat uns vor Deiner +Religion gewarnt, und uns mit ewiger Verdammniß gedroht, so Eines der +falschen Lehre lauschen würde -- und Du bist auch Katholik; René?« + +»Ich gehöre allerdings zu jenen Entsetzlichen,« sagte René fast +scherzend, als er aber den schmerzlichen Zug um des lieben Kindes Mund +gewahrte setzte er rasch hinzu -- »aber fürchte nicht für mich, Du +treues Herz -- ich selber hänge nicht an jenen Gebräuchen, obgleich sie +unsere Kirche verlangt, wenn ich sie auch nicht für so gefährlich halte, +als Deine Priester Dich gelehrt haben.« + +»Ach das beruhigt mich recht, René,« sagte die Maid, und preßte die Hand +auf das Herz, als ob sie da alles niederdrücken wolle, was ihr jetzt +Gram und Kummer machen wolle -- »und Vater Osborne sagt ja auch daß +Gott so gut -- so unendlich gut sei und die Menschen Alle wie seine +Kinder liebe -- würde er dann da so hart und grausam strafen können? -- +lieber Gott,« setzte sie mit recht treuherziger bewegter Stimme hinzu -- +»ich möchte ja nicht einmal ein fremdes armes Kind für ein wenig +Muthwillen hart strafen -- vielweniger denn mein eigenes.« + +»Und glaubst Du, Sadie, daß Euch Gott ein _Paradies_ zum Aufenthalt +gegeben und Euere Wohnungen weit weit von dem Verkehr habgieriger +schlechter Menschen gelegt hätte, wo sie Jahrhunderte lang die +Einfachheit ihrer Sitten und ihr Glück bewahrten, zürnte er auf Euch und +wolle Euch strafen für den falschen Glauben? -- Sieh mein Mädchen,« fuhr +er bewegter fort, als er sah wie sie ihm still und aufmerksam in's Auge +schaute -- »weit über die Welt zerstreut liegen noch viele viele Länder, +die viel hundert Mal größer sind als alle diese Inseln -- und auf ihnen +wohnen Menschen, verschieden an Farbe, an Körperbau, an Sprache und an +Religion -- Millionen sind Christen, Millionen Muhamedaner, Millionen +was wir Heiden nennen, das heißt sie haben sich ihre Götter selber +gebildet und feiern Gebräuche die wir nicht verstehen oder nicht +anerkennen, aber sie leben _alle_ glücklich -- gleich von Gottes Sonne +beschienen und seiner Hand gehalten, glücklich in ihren Familien und +ihrem bürgerlichen Treiben: -- haben sie dann und wann Kriege +untereinander so können sie kaum je soviel Blut vergießen, als die +Christen schon unter sich des Glaubens wegen vergossen haben, und +tausende von Jahren haben sie so, rund um die Grenzen christlicher +Völker gelebt, und Gott zürnt ihnen nicht. Gott, meine Sadie, beurtheilt +und straft oder belohnt die Menschen nach ihren Handlungen, nicht nach +ihrem Glauben, -- ihm ist der Gegenstand gleich, zu dem sich das Herz +wandte, wenn das Herz selber treu und rein und seiner Liebe voll war. Da +hast Du _meine_ Religion -- ich glaube jede böse Handlung trägt auch +zugleich ihre Strafe in sich selbst -- unser Gewissen ist der strengste, +unerbittlichste Richter, mit dem wir am allerschwersten fertig werden +können, und wirft uns das nichts Böses vor, dann können wir auch getrost +dem blauen Himmel da droben in's Auge schauen. Aber herziges Kind, laß +uns mit den trüben ernsten Gesprächen aufhören, ich bin ja kein +Missionair, der über solche Sachen Stunden lang reden kann, und möchte +es wahrhaftig am wenigsten unternehmen, weder die katholische noch +protestantische Religion zu vertheidigen, und Alles was darin an +Gebräuchen ist, zu rechtfertigen. -- Mit Allem was die Natur an +Reichthum und Herrlichkeit bieten kann hier ausgestattet, was sollen +uns da solche traurige Gedanken quälen.« + +»O Sadie, ich bin in meinem Leben noch nicht so glücklich gewesen, als +in diesem Augenblick -- mir ist es, als ob erst jetzt, an Deiner Seite, +der dunkle Schleier gehoben wäre, der bis dahin vor meinem künftigen +Leben in düsterer Nacht gelegen. Rastlos, und von einem innern Drang +getrieben, dem ich keinen Namen zu geben wußte, jagte es mich in der +Welt umher -- die Afrikanischen Wüsten und Canadischen Wälder konnten +die Sehnsucht nicht befriedigen die mich weiter und weiter drängte; als +Soldat zog ich in die Raubstaaten der Algierer -- umsonst -- als Jäger +in die Felsengebirge Amerikas -- umsonst -- selbst die See versuchte +ich, und in den Eismeeren des Nordens glaubt' ich vielleicht den Punkt +zu finden, der mir nicht Rast noch Ruhe ließ. Aber wie Spott klang es +mir überall entgegen, und das rohe widerliche Wesen meiner letzten +Umgebung zwang mich endlich auch zu dem letzten entscheidenden Schritt, +die mir unerträglich gewordenen Fesseln abzuschütteln -- oder darüber zu +Grunde zu gehen. Da fand ich Dich, Sadie -- und ich fühle nun -- o mit +jubelnder Stimme hallt es in meinem Herzen wieder, daß Du bis jetzt, +Sadie das nur geahnte, aber so heiß ersehnte Ziel gewesen, dem meine +Seele entgegenstrebte. Werde mein Weib -- laß uns auf dieser +freundlichen Insel, fern von den Sorgen, dem gefühllosen Treiben der +Welt, unsre Heimath gründen. -- Tief im Laub dieser Palmen versteckt, +von diesem lachenden Himmel überspannt, von diesen blauen Wogen umspült, +an Deiner Seite, Sadie, und die Welt, die mir bis jetzt nur eine kalte +freudlose Straße gewesen, meinen Wanderstab darauf zu setzen, würde mir +zum Himmel.« + +Er hatte ihre rechte Hand, die sie ihm willenlos überließ, +leidenschaftlich in seine beiden Hände gefaßt, und schaute mit +leuchtenden Blicken und hochgerötheten Wangen dem jungen schönen Mädchen +bittend in's Angesicht. + +Sadie saß mit klopfendem Herzen und niedergeschlagenen Augen neben ihm +-- -- sie war recht ernst, ja fast traurig geworden, und schaute lange +sinnend vor sich nieder -- endlich blickte sie wieder zu ihm auf, sah +ihn mit den treuen, in einer Thräne schwimmenden Augen an, und sagte mit +leiser, kaum hörbarer, wie furchtsamer Stimme: + +»Und wenn Du wieder fortgingst von mir?« + +»Nie -- nie -- Sadie!« rief René leidenschaftlich und preßte, sie an +sich ziehend, einen heißen, glühenden Kuß auf ihre Lippen. Sie duldete +den Kuß, ohne ihn zu erwiedern, dann aber sich langsam seinem Arm +entziehend sagte sie leise: + +»Willst Du mir etwas versprechen, René?« + +»Alles, Sadie, was in meinen Kräften steht,« rief René die Hand nicht +lassend, die er noch in der seinen hielt. + +»Dann versprich mir,« flüsterte das schöne, jetzt tief erröthende +Mädchen, »daß Du davon nicht wieder mit mir reden willst, bis mein +Vater, der Missionair zurückgekehrt ist, und« -- ihre Stimme war so +leise geworden, daß er die Worte kaum verstehen konnte -- »mich auch bis +dahin nicht wieder küssen willst.« + +»Sadie!« -- + +»Versprich mir das -- nicht wahr Du sagst es mir zu?« bat sie dann und +schaute ihm dabei so lieb und unschuldsvoll in die Augen, daß er ein +Heiligenbild zu erblicken glaubte. + +»Wie könnte ich Dir die erste Bitte abschlagen Sadie« -- sagte er mit +tiefem Gefühl. + +Da floh der fast traurige Ernst von den Zügen des Mädchens, wie die +Sonne aus trüben Wolken plötzlich über grüne wogende Saatfelder bricht, +so überflog ein frohes Lächeln die engelschönen Züge. + +»Das ist gut von Dir,« sagte sie mit inniger Herzlichkeit -- »das ist +recht gut von Dir, nun können wir ja auch zusammen durch unsere Berge +wandeln, und Abends auf dem stillen blauen Wasser fahren, wo unten die +tausend kleinen bunten Fischchen zwischen den Corallenbüschen spielen +und sich haschen -- sonst hätte ich mich ja vor Dir verstecken müssen« +-- setzte sie treuherzig hinzu. »Und nun komm mein Freund -- Mitonare +steht schon da unten vor seiner Thür und schaut sich überall nach uns +um, er hat Dein Mahl bereitet was Du nicht im Stich lassen darfst, und +gegen Abend komm ich und hole Dich ab.« + +»Und jetzt willst Du mich verlassen Sadie?« bat René. + +»Du mußt Dich jetzt schon ein Bischen mit Mitonare unterhalten,« +lächelte das junge Mädchen neckisch, »ich kann Dir nicht helfen -- wir +sind aber dann den ganzen Abend zusammen,« setzte sie tröstend hinzu und +als ob sie trotz dem Versprechen einen vielleicht zu zärtlichen Abschied +fürchte, glitt sie wie ein Reh durch die Seitenbüsche dieser natürlichen +Laube, und war im nächsten Moment im Dickicht verschwunden. + +René, das Herz voll und überglücklich, saß noch eine lange Zeit an +diesem wunderlieblichen Platz, der ihm durch das neue und so gewaltig in +seinem Herzen aufgekeimte Gefühl förmlich heilig geworden war -- er +hatte ganz daran vergessen daß der kleine Missionair mit dem Essen auf +ihn warte. Destomehr dachte dieser aber daran, und als der fremde +Wi--wi, wie er ihn jetzt immer schmunzelnd nannte, gar nicht kommen +wollte, schickte er seine ganze Schule nach allen Richtungen auf +Kundschaft aus, und René fand sich bald von drei oder vier jungen +nackten Burschen aufgetrieben, die ihm lachend und schreiend eine Masse +Zeug vorplauderten von dem er keine Sylbe verstand. Nur das dann und +wann wiederkehrende Wort ~Mitonare~ rief ihm seinen kleinen freundlichen +Wirth in's Gedächtniß zurück, und er folgte der munteren Schaar, die, +rasch zutraulich geworden, ihn umsprang und umjubelte. + +Dem kleinen Mitonare schien übrigens ein Stein vom Herzen zu fallen, als +er seinen so heiß ersehnten Gast erblickte, und er versicherte ihm, er +habe schon eine volle Stunde mit Schmerzen auf ihn gewartet, indeß das +Essen wahrscheinlich kalt geworden und verdorben wäre. + +Mitonare war aber viel zu gutmüthig böse zu werden, und als René nur +tüchtig zulangte, und erst mit ihm scherzte und lachte, hatte er an ihm +seinen Mann gefunden; er nannte René den besten Wi--wi den er je gesehn +habe, und das wolle viel sagen, denn er sei schon einmal auf Tahiti +gewesen, wo sie wild herumliefen, und erzählte ihm nun die tollsten +Geschichten aus der alten fröhlichen Heidenzeit -- wie sie's hier +gehalten und getrieben hätten -- natürlich damals, wie er nie vergaß +hinzuzusetzen, als wir noch entsetzliche Sünder waren. -- Auch auf +religiöse Gegenstände kam er ein paar Mal wieder zu sprechen, obgleich +die René, so gut das eben gehen wollte, abzulenken suchte. Am meisten +schmerzte es ihn daß sein Vater in der Hölle sein mußte, denn der war, +obgleich ihm die Missionaire damals sehr zugesetzt, ein hartnäckiger +Heide geblieben; aus seinem Großvater schien er sich weniger zu machen. + +René gewann übrigens bald sein ganzes Vertrauen, er zeigte ihm seine +Schreibbücher und Rechenexempel, ja sogar sein allerheiligstes, das +wichtigste Dokument seines Lebens -- ein Diplom was ihm von der +Missionsgesellschaft in ~O-no~ -- wahrscheinlich London -- ausgestellt +war, und ihn hier als wirklichen »Prediger in der Wüste« anerkannte. + +Dicht neben dem Diplom lag, in der kleinen Schieblade zu der er René +geführt hatte, auch ein schmales, nicht sehr langes aber zierlich +gearbeitetes Kästchen aus Sandelholz, das er aber, als René's Auge +darauf fiel, rasch bei Seite zu schieben und mit daneben liegenden +Papieren zu bedeckten suchte. Dadurch wurde aber des jungen Franzosen +Neugierde rege gemacht, der es sonst vielleicht gar nicht beachtet +hätte, und er drang nun darauf daß er ihm zeige was so Geheimnißvolles +darin verborgen sei. + +Mitonare wollte erst gar nicht mit der Sprache heraus, endlich aber nahm +er das Kästchen vor, hielt es noch eine ganze Zeit lang in der Hand +während sein Auge fast mit einem Ausdruck von Anhänglichkeit darauf +ruhte -- und dann kam die ganze Geschichte heraus. + +Mitonare war in früherer Zeit -- als er noch im blinden entsetzlichen +Heidenthum gelebt -- ein vortrefflicher und in der That der +Haupttättowirer der Insel gewesen, und dies Kästchen enthielt seine +damaligen Werkzeuge die er jetzt allerdings nicht mehr gebrauchte -- +denn »~bodder Au-e~« von Tahiti hatte ihm die Augen geöffnet zu was +diese abgöttischen heidnischen Gebräuche führten -- aber doch +gewissermaßen noch als eine Art Reliquie, von der er sich gewiß sehr +schwer hätte trennen mögen, aufbewahrte. -- + +Trotz dem freilich, daß der kleine Mann Alles aufbot seinen Gast zu +unterhalten, wäre diesem doch wohl die Zeit zuletzt gar lang geworden, +denn er sehnte sich nach weit lieberer Gesellschaft; Sadie ließ ihn aber +auch nicht so lange warten, und die Sonne war noch mehre Stunden hoch, +als sie zu ihnen in die Thür trat. -- Doch es war nicht dieselbe Sadie +von heute Morgen, als sie leicht geschürzt, das Schultertuch um den +nackten Oberkörper flatternd, mit wild tanzenden Locken, hochgerötheten +Wangen und blitzenden Augen aus dem Dickicht sprang. Das leichte +Schultertuch hatte sie mit dem langen, mehr Europäischen Sonntagsgewand +vertauscht, und wenn auch ihren Zügen dasselbe liebe Lächeln geblieben +war, schien sie doch in den wenigen Stunden ernster, gesetzter, ja älter +geworden zu sein. + +Fast schüchtern reichte sie dem jungen Mann die Hand, und sie gingen, +als sie bald darauf das Haus verließen, wohl eine ganze Weile schweigend +neben einander her. Das verlor sich aber bald, René's leichter Sinn ließ +ihn nur sein Glück, die Seligkeit des jetzigen Augenblicks fühlen und +Sadie, als sie sah daß er sein Versprechen von heute Morgen hielt, +verlor bald gleichfalls jede Scheu, jedes ängstliche, sie beengende +Gefühl, und war, als sie kaum den dunklen Schatten des Waldes betreten +hatten, ganz wieder das fröhliche Kind wie früher. -- Sie scherzte und +lachte, erzählte dem Freunde tausend drollige Geschichten, beschrieb ihm +ihre früheren Tänze und Gebräuche, auch das schöne Tahiti drüben, wo +ihre Eltern gewohnt, und wo jetzt fremde Menschen Haß und Feindschaft +gesäet um Gottes Willen, und führte ihn dabei einen schmalen Pfad +entlang, unter überhängenden Cocospalmen hin, und durch fruchtbedeckte +Guiaven, Orangen und Brodfruchtbäumen nach einem anderen kleinen +Grundstück, das zu einer Art Gemüsegarten eingerichtet schien, aber auch +mit einer Masse Fruchtbäumen, wie ~tappotappos~, Kaffee, Zuckerrohr, +Bananen und anderen bepflanzt war. + +Mit der unbedeutensten Arbeit gab die Erde hier das Hundertfache des ihr +anvertrauten Samens zurück, und René glaubte in seinem Leben kein +schöneres, herrlicheres Land gesehn zu haben, als diese kleine Insel. O +wie gern hätte er jetzt zu dem Mädchen von ihrer künftigen Heimath +gesprochen, aber als ob sie fühlte daß solche Gedanken in ihm aufsteigen +möchten lenkte sie ihn rasch und geschickt wieder davon ab, zeigte ihm +und pflückte für ihn die verschiedenen saftigen Früchte und führte ihn +zuletzt an den Strand hinunter, wo in einer natürlichen kleinen Bai ein +schmales langes Canoe lag. Dies bestiegen sie und fuhren hinaus in das +spiegelglatte und cristallhelle Binnenwasser, das durch die +außenherumlaufenden Riffe vor jeder eindringenden See geschützt wird, +und so still und friedlich in nie gestörter Ruhe liegt, als diese +schönen Inseln bis jetzt selber im weiten Ocean lagen. + +René hatte früher noch nie die Bildung dieser Corallenbäume, tief unter +dem klaren Wasser, gesehn, und er traute seinen Augen kaum als sich an +mehren Stellen, zu denen ihn Sadie jetzt selber hinruderte, in +Farbenspiel und Form eine ganz neue nie geahnte Welt vor ihm eröffnete. +Er konnte sich nicht satt sehn an den, mit Zauberschnelle wechselnden +Gruppen und Bildern und Sadie hatte eine ordentlich kindische Freude +darüber, daß es ihm so gefiel hier draußen an den Stellen, die auch ihr +Lieblingsaufenthalt waren. + +»Nun Dir das so gefällt,« sagte sie endlich lächelnd, »will ich Dich +auch zu meinem Corallengarten bringen, und Dir meine kleinen Gold- und +Silberfischchen zeigen; die darfst Du mir aber nicht scheu machen mit +der Hand oder dem Ruder, denn es sind gar furchtsame kleine Dinger.« Und +während sie noch sprach lenkte sie das Canoe weiter den Riffen zu, über +die tiefe, dunkelblau daliegende Seitenfahrt, in der selbst große Boote +die ganze Insel umsegeln konnten, wieder in flacheres Wasser hinein, wo +dunkelbraune und röthlich graue Corallenbäume an vielen Stellen selbst +bis zur Oberfläche des Wassers emporragten, und dann wieder, von dünnen, +feineren Zweigen und Armen durchwachsen, verhältnißmäßig tiefere Stellen +zwischen sich ließen, oder umgaben. + +Ueberall wimmelte es hier von kleinen blauen, gelben, weißen, rothen, +gestreiften und gefleckten Fischchen; in Schaaren und einzeln schwammen +sie herum, oft als ob ein Blitz zwischen sie eingeschlagen hätte, +auseinanderschießend, wenn sie irgendwo nur Gefahr zu entdecken +glaubten, aber dann auch gleich wieder, wie über ihre ungegründete +Furcht beschämt, sich sammelnd und die erst unterbrochenen Spiele auf's +Neue beginnend. + +René wollte hier mit dem Canoe kurze Zeit still liegen, dem wunderlichen +Treiben da unten zuzuschauen, aber Sadie ließ ihn nicht -- »nur noch +kurze Strecke,« bat sie, »dann sollst Du Dich satt sehn, an all den +Herrlichkeiten der Tiefe.« Und das Ruder stärker einsetzend, trieb sie +das leichte Fahrzeug rasch durch die, vorn am Bug leicht aufkräußende +Fluth einer Stelle zu, wo ein starker Corallenzweig eben über die +Oberfläche des Wassers vorragte. Hier hielt sie plötzlich gegen und den +Zweig erfassend, rief sie René zu, den Stein der vorn, an einem Bastseil +befestigt, im Bug liege hier hinaus und oben auf die Coralle zu werfen. +René that dies, und sie brachten dadurch das Canoe förmlich vor Anker, +das nun mit der schwachen Strömung, soweit es das Bastseil gestattete, +still liegen blieb. Eine kleine Weile konnte René aber noch Nichts unter +sich erkennen; das Wasser war noch nicht ruhig genug, und die kleine +Fischwelt da unten, durch das plötzliche Erscheinen des Bootes gestört +worden. Sadie legte aber den Finger auf die Lippen und sie sahen wohl +eine halbe Minute schweigend nieder. + +Die Corallenbäume schienen hier einen förmlichen, vollkommen dichten +Kranz zu bilden, der von unten aufsteigend, erst nach außen ein wenig +abneigte und gerade in die Höhe, an manchen Stellen bis selbst zur +Oberfläche des Wassers emporreichte. Der innere Raum mochte vielleicht +zwanzig Fuß im Durchmesser haben, und das Ganze glich fast einer +aufgebrochenen Riesenblume, die aus ihrem innersten Kelch bunte zackige +Fasern aufschickte. + +Aber die Blume lebte -- hier und da, tief unten aus dem Kelch heraus, +kamen ein paar kleine Fischchen aufgeschossen als, wenn sie +recognosciren wollten ob die Gefahr vorüber sei -- das dunkle Canoe das +mit seinem Schatten auf dem Wasser lag, machte sie vielleicht noch +mistrauisch -- aber nicht lange mehr -- sie verschwanden wieder, und +gleich darauf quoll es aus allen Winkelchen und Spalten herauf in +Schaaren und Massen -- alle Farben wild und bunt durcheinander, auf und +nieder fahrend, herüber und hinüber schießend. + +»~Eita, eita!~« rief da Sadie -- »~iti iti iti~« -- und zu gleicher Zeit +warf sie kleine Krumen indessen zerbröckelter Brodfrucht auf die +Oberfläche des Wassers. Im Nu lebte dies, von allen Seiten schossen sie +herauf, fünf sechs manchmal eine etwas größere Krume fassend und damit +niedertauchend, andere an einem etwas zu großen Stück herumstoßend, +ohne im Stande zu sein es zu bewältigen, und wieder andere sich mit dem +kleinsten begnügend und wohl dabei fahrend. + +Mit der wiederkehrenden Ruhe waren aber auch, und zugleich mit den +kleinen wunderniedlichen Bewohnern dieses eigenthümlichen Aufenthalts, +dessen Feinde zurückgekehrt. -- Zwei große dunkelbraune Fische, mit +breiten Mäulern und tückisch blitzenden Augen, wohl ganze zwölf Zoll +lang, für die kaum zierlichen Dinger aber natürlich entsetzliche +Ungeheuer, kamen an den äußeren Rand der Blume, deren Spalten zu schmal +waren sie durchzulassen, obgleich sie den schlankeren Inwohnern freien +Aus- und Einlaß genügend gewährten, und schauten mit sehnsüchtigen +Blicken nach den dichtgedrängten Schaaren solch delikater Leckerbissen +hinüber. Die kleinen Dinger schienen aber recht gut zu wissen daß ihnen +der Feind hier im Innern nichts anhaben könne, ausgenommen er kam von +oben herein, und dann waren sie auch wie der Blitz in ihren +Schlupfwinkeln. + +Manchmal wagte sich auch, selbst dicht unter oder über den Feinden, ein +leichtsinniges Fischchen hinaus in's Freie, gerade als ob es das +Ungeheuer verhöhnen wolle, ehe dieses aber nur im Stande war sich nach +ihm umzuwenden, obgleich das oft rasch genug ging, war jenes schon +wieder zwischen den zackigen Pallisaden hineingeschlüpft, und erzählte +nun wahrscheinlich den anderen da drinnen seine Heldenthaten. + +So trieben sie hier draußen, in den Wundern dieser für René jedenfalls +neuen, fast zauberhaften Welt, bis die Sonne groß und glühend in das +Meer tauchte und Stern nach Stern am reinen Himmel auffunkelte, und +Sadie erzählte dem ihr gegenübersitzenden Freund von dem stillen Frieden +dieses Landes und dem glücklichen Leben das die Bewohner desselben +führen könnten -- wären nicht oft böse Menschen da, die sie störten und +kränkten, und Leidenschaften in ihnen weckten, die ihnen in früheren +Zeiten fremd gewesen. + +René hätte die Nacht hindurch diesen lieben weichen Tönen lauschen +mögen, aber das Mädchen lenkte endlich, trotz seinen Bitten noch nicht +heimzukehren, das Canoe zum Lande zurück, und jetzt zwar gerade der +Wohnung des kleinen Mitonare zu, der sie schon am Ufer empfing und sie +etwas ungeduldig erwartet zu haben schien. Er that auch an Sadie mehre +Fragen in ihrer Sprache, die das Blut in ihre Wangen trieben, aber sie +antwortete ihm endlich lächelnd darauf und verschwand wieder wie gestern +mit einem freundlichen Kopfnicken gegen René. + +Dem kleinen Mitonare schien aber heute Abend eine Menge im Kopf +herumzugehen. -- Beim Abendbrod, das sie sehr frugal aus etwas +Brodfrucht und Cocosmilch und einigen Bananen hielten, war er einsylbig +und sah René immer, wenn er sich unbeobachtet glaubte, von der Seite an; +nach dem Essen aber, und als gerade der Mond draußen über die das Haus +umgebenden Palmen aufstieg, faßte er den jungen Mann bei dem Arm, führte +ihn hinaus an den Strand unter einen stattlichen Tuituinuß-Baum und nahm +ihn hier, durch ein wenig Aufregung im noch mehr gemißhandelten Englisch +als gewöhnlich, in's Gebet. René mußte tüchtig aufpassen daß er den +Zusammenhang verstand, denn sich an einzelne Worte zu halten hatte er +lange aufgegeben, der Name ~Pu-de-ni-a~ der aber mehrfach vorkam, ließ +ihn wohl ahnen was der kleine Mann eigentlich meinte, und er wollte ihm +jetzt, über das ganze Verhältniß zu dem Mädchen klaren und offenen +Aufschluß geben; er hatte ja Nichts weshalb er sich zu schämen brauchte, +hätte ihn eben der kleine Mitonare nur zu Worte kommen lassen. Sowie er +aber nur den Mund aufthat rief dieser ihm sein verhinderndes ~aita aita~ +dazwischen und redete dann nur noch lauter und heftiger, und er mußte +ihn jetzt wohl schon gewähren lassen, bis er es von selber müde werden +würde. + +»Weißer Mann,« sagte indessen der kleine Mitonare, aber wenigstens die +Hälfte seiner Rede im Tahitischen oder doch solchen Worten die recht gut +tahitisch sein konnten -- »weißer Mann kommt her und findet Brodfrucht +und Fleisch und Bananen und Cocosnüsse, Yam und Kartoffeln, und Mitonare +ist freundlich mit ihm; zeigt ihm Diplom und andere Sachen, und thut gar +nicht als ob Fremder ~Ferani~ wäre und an keinen Gott glaubte -- und +weißer Mann hat Schutz hier vor anderen weißen Männern. ~Tane~ ~tane +Atiu~ sind freundlicher gegen ihn als Leute von seiner eigenen Farbe, +und was thut ~Ferani~? -- geht hin und macht kleines Mädchen von +Mitonare unglücklich -- schwatzt ihr allerlei tolles Zeug vor -- aber +~Pu-de-ni-a~ ist nicht wie viele andere Mädchen auf der Insel und auf +Tahiti. -- ~Ferani~ kann Mädchen genug bekommen -- puh -- so viel, aber +nicht ~Pu-de-ni-a~. ~Ferani~ geht nachher weg und ~Pu-de-ni-a~ sitzt -- +gutes Kind und weint und ist nicht mehr glücklich und alte Mann Mitonare +~O-no-so-no~ weint weil er ~Pu-de-ni-a~ weinen sieht. ~Ferani~ sollte +sich etwas schämen und wenn ~Ferani~ auch kein Christ wäre, könnte er +doch darum immer thun was recht wäre -- sie wären auch früher keine +Christen, nein, schreckliche Heiden gewesen, die sich tättowirt und nach +einer Trommel, und nach dem Rauschen der Brandung getanzt hätten, ja sie +hätten sogar ganzen kleinen, winzig kleinen Gott angebetet -- aber +darum hätten sie doch thun können was recht wäre -- und es auch gethan, +wenn sein Vater auch jetzt in der Hölle dafür wäre.« + +Das ungefähr war der Sinn der Rede des kleinen Mitonares, obgleich diese +selber wohl über eine Stunde dauerte; wenn aber auch René im Anfang +manchmal gern über die oft wunderlich genug klingenden Worte des +Eifernden gelacht hätte, sah er doch aus dem Ganzen wie lieb der kleine +Mann das Mädchen selber haben mußte, und wie viel er von ihr halte, und +daß nur Besorgniß um sie ihn so ängstlich und eifrig gemacht habe, und +er faßte endlich seine Hand, die ihm der Mitonare im Anfang aber gar +nicht lassen wollte, und sagte ihm nun Alles, wie es ihm auf dem Herzen +lag. + +Er liebte Sadie und wollte sie heirathen, und hier auf der Insel bei +ihnen bleiben und Yams und Kartoffeln bauen, und Cocospalmen pflanzen -- +er wollte nie nie wieder fort von ihnen gehn und weder ihn noch +Prudentia verlassen. Er erzählte ihm aber dann auch wie er das heute +Morgen Sadie selber gesagt, und welches Versprechen sie ihm dafür +abgenommen, und daß er sich fest darauf verlassen könne er würde es +halten und Sadie, bis der alte Missionair zurückkomme, als seine +Schwester ansehen, der kein Leid geschehen solle, so lange er es hindern +könne. + +Der kleine alte Mann war freundlicher und freundlicher geworden, je +nachdem er mehr und mehr begriff was der Fremde mit seinen Worten meine, +und was er beabsichtigte, als er aber erst verstand welches Versprechen +er dem Mädchen gegeben hatte, und wie er versicherte es treu halten zu +wollen, da überkam die Freude jedes andere Gefühl, er fiel dem jungen +Mann um den Hals und rieb sogar -- sehr zu dessen Erstaunen der gar +nicht wußte was er aus solcher Ceremonie machen sollte -- Nasen mit ihm, +die größte innigste Freundschaftsversicherung die er ihm überhaupt geben +konnte. + +Der kleine Bursche wurde aber ganz wie ausgelassen -- er erklärte René +-- dessen Namen er jetzt ebenfalls behalten hatte und ganz gegen seine +sonstige Gewohnheit richtig aussprach, für den besten Wi--wi der je +einen Götzen angebetet habe; und meinte, wenn er bei ihnen auf der Insel +bliebe, dann wolle er und der andere Mitonare und ~Pu-de-ni-a~ doch +einmal sehn, ob sie nicht aus diesem Wi--wi auch einen Christen machen +könnten, wenn das auch vielleicht schwieriger halten würde, als einen +verheiratheten Mann aus ihm zu machen. Er wußte in der That gar nicht, +was er vor lauter Lust und Vergnügen angeben sollte, und es fehlte nicht +viel so hätte er wirklich ein paar mal bald an zu tanzen gefangen, nur +daß er sich noch immer zur rechten Zeit dabei erwischte -- das hätte +sich im Leben nicht für einen ~mi-to-na-re~ geschickt. + +So vergingen René die nächsten drei Wochen in einem Glück, von dem er +früher nicht geglaubt hätte daß es eine Menschenbrust im Stande wäre zu +fassen; aber nicht allein Sadie und Mitonare gewannen ihn in dieser Zeit +weit lieber, je näher sie mit ihm bekannt wurden, nein, auch die +Eingeborenen der Insel, denn das leichte fröhliche Temperament des +jungen Franzosen sagte auch ihren Neigungen gerade zu; sie sahen ihn +gern, lernten ihn lieb gewinnen und der alte König, außer dem +hochklingenden Titel eine sehr unschuldige Persönlichkeit, die jedoch +trotzdem viel Einfluß auf die übrigen ausübte, wurde sein bester Freund. +Allerdings hatte ihm René mehrmals Geldgeschenke gemacht, was ihm des +Mannes Herz zuerst öffnete, als er aber später mehrmals mit Sadie +hinüberkam, und der alte Mann erfuhr in welchem Verhältniß die Beiden +standen, und daß René sogar beabsichtige Einer seiner Unterthanen zu +werden, da versicherte er ihn denn auch, daß er ihn, falls sein Schiff +wirklich wieder zurückkommen solle, nicht mehr ausliefern werde und daß +der weiße Mann Capitain -- wie Raiteo als Dollmetscher übersetzte -- +schon sehen solle wie sie ihm eine Nase drehen wollten. Er dachte +nämlich keineswegs daran den einmal erhaltenen, und auch in der That +schon theils benutzten, theils vertheilten Fanglohn wieder +herauszugeben. + +Am komischsten betrug sich Raiteo; -- trotzdem daß er früher sich die +größte Mühe gegeben hatte, des Flüchtlings habhaft zu werden, ja sich +damals sogar nicht scheute Verrath zu gebrauchen, um seinen Zweck zu +erreichen und den ausgesetzten Lohn zu verdienen, so that dieser doch +jetzt, als wenn er gleich von dem ersten Augenblick an des jungen Mannes +Hauptfreund und Beschützer gewesen wäre. Er erklärte ihn auch bald für +seinen innigsten ~tajo~ und trug wohl Sorge dabei daß er René besonders +darauf aufmerksam machte, wie uneigennützig er damals den Dollmetscher +zwischen ihm und den Uebrigen abgegeben habe, und wie einige kleine +Stücken Geld, selbst jetzt noch dafür ausgelegt, keineswegs zu spät +kämen. René war klug genug sich auch diesen Burschen, den er übrigens +leicht genug durchschaute, zum Freund zu halten, und ein paar Thaler +thaten dies denn auch, wenn Versicherungen nur irgend einen Maßstab für +Raiteo's Gefühle geben konnten, auf das vollständigste. + +René schrieb übrigens auch in dieser Zeit nach Frankreich, den Brief für +die erste sich bietende Gelegenheit nach Tahiti bereit zu halten, ihm +einen Theil seiner noch dort stehenden Gelder unter seiner Adresse an +den Französischen Consul Tahiti's zu übersenden, wie ihm ebensowohl +Einführungsbriefe auf die Hauptinsel dieser Gruppen zu verschaffen. Wenn +er ihrer auch jetzt noch nicht bedurfte, wußte er doch nicht wie sich +seine Verhältnisse in spätern Zeiten gestalten würden, und er wollte +jetzt wenigstens nichts versäumen, dem vorzuarbeiten. + +Das Herz des kleinen Mitonares gewann er sich übrigens noch auf ganz +besondere Weise durch den regelmäßigen Besuch seiner Kirche, in der er +allerdings nichts von der Predigt verstand, aber doch die Melodien der +Hymnen mit summte, und den Mitonare nur in dem Glauben befestigte, daß +doch noch am Ende ein Christ aus ihm zu machen sei. Der gute kleine Mann +war viel zu unschuldig, auf den Gedanken zu kommen, daß René einzig und +allein Sadie'ens wegen das Gotteshaus besuche. + + +Fußnoten: + +[F] Diese Inseln außer Tahiti und Imeo oder Eimeo feiern den Sonnabend +statt Sonntag, da die ersten hier eingetroffenen Missionaire, die um das +Cap der guten Hoffnung gekommen waren, den Tag den sie auf 180° West und +Ost Länge gewonnen, nicht dazu zählten, wie sie es eigentlich thun +mußten, und nun ihre eigene unterwegs gehaltene Zeitrechnung, die sie um +einen Tag zu kurz sein ließ, beibehielten. Auf Tahiti und Imeo haben es +die Franzosen jetzt abgeändert. + +[G] ~Wi-wi~, ein Spottname dieser Inseln für die Franzosen, nach deren +~oui, oui~. + + + + +Capitel 5. + +#Das Geständniß.# + + +Das Einzige übrigens was jetzt manchmal Sadie sowohl als auch den +kleinen Mitonare beunruhigte, war das so außergewöhnlich lange +Ausbleiben des Mr. Osborne, obgleich es bei den Missionairen, wenn sie +auch ihre bestimmte und feste Wohnung haben, doch wohl manchmal vorfiel +daß sie auch kleine Abstecher nach anderen Inseln machten wo keine +festen Prediger wohnten, und dann widriger Winde wegen oft länger +aufgehalten wurden, als sie im Anfang selber beabsichtigt. + +So standen die Sachen als eines Morgens, in den letzten Tagen des +Februar, ein Bursche über die Berge herüberkam und meldete, der +Missionscutter -- ein kleines Fahrzeug das sie alle gut genug auf der +Insel kannten -- sei in Sicht und halte gerade nach hierher zu. Gegen +Mittag umsegelte es auch die südlichste Spitze der Insel, und von +Sadie's Lieblingsplätzchen aus konnten sie sein Näherkommen deutlich +beobachten. + +Sadie und René standen dort schweigend Hand in Hand -- war ihnen Beiden +aber auch wohl das Herz übervoll, denn dort in dem kleinen Fahrzeug kam +der Mann, der ihr Schicksal entscheiden sollte -- mochte ihnen doch +Keins Worte geben. Als aber der Cutter sich immer mehr und mehr näherte, +jetzt sogar in die natürliche Einfahrt der Corallenriffe, von einer +günstigen Briese getrieben, einbog, und in dem ruhigen Wasser +pfeilschnell auf seinen gewöhnlichen Ankerplatz zuglitt -- als die Segel +fielen, der Anker niederschlug und das kleine Fahrzeug herumschwingend, +kaum mehr als hundert Schritt vom festen Land der Insel ab einbog, da +sagte René leise, Sadie zu sich herüberziehend: + +»Willst Du zuerst mit Deinem Vater allein reden, Sadie, oder wollen wir +ihm Beide zusammen entgegengehn? -- wie ist es Dir am liebsten?« -- + +»Ich weiß es nicht René,« -- sagte das Mädchen leise und schüchtern -- +»ich weiß es nicht -- o mir ist auf einmal so bang und weh um's Herz, +als ob ich irgend ein großes Unrecht gethan hätte -- und ich bin mir +doch nichts Böses auf der weiten Gotteswelt bewußt -- ich glaube ich +fürchte mich meinem Vater entgegenzutreten -- und er ist doch so gut -- +so unendlich gut.« + +»Dann laß mich zuerst mit ihm sprechen, Sadie,« bat René -- »laß mich zu +ihm gehn -- ich habe Papiere die ihn über meine Abkunft und Verhältnisse +beruhigen können -- ich bin kein gewöhnlicher Matrose wie sie hier über +diese Inseln hier und da zerstreut sein sollen; das allein ist auch die +Ursache daß ich nicht im Stande war an Bord jenes Wallfischfängers +zwischen dem rohen wüsten Volke auszuhalten; -- wenn er hört wie innig +wir uns lieben, kann er ja Nichts gegen eine Vereinigung mit Dir +einzuwenden haben. Aber was hast Du? -- was erschreckt Dich so sehr, Du +süßes Lieb?« + +Der Ausdruck in Sadie's Zügen ließ sich nicht verkennen -- irgend etwas +mußte sie beunruhigt haben, aber sie schüttelte erst schweigend mit dem +Kopf und blickte nur scharf nach dem Cutter hinüber, an dessen Seite +jetzt ein kleines Boot niedergelassen war, den zurückkehrenden +Missionair an Land zu rudern. René hatte auf das Fahrzeug, mit der +Geliebten beschäftigt, gar nicht mehr geachtet, als er aber jetzt der +Richtung ihrer aufgehobenen Hand folgte, sah er wie vom Bord des +Schooners zwei dunkelgekleidete Männer in die Jölle niederstiegen, statt +einem. + +»Kennst Du den Mann, der dort mit Deinem Pflegevater kommt?« frug er das +Mädchen. + +Sadie nickte langsam und schweigend mit dem Kopf und sagte endlich +leise: + +»Das ist der einzige Mann, das einzige Wesen auf dieser Insel, das ich +_fürchte_ -- und ich weiß nicht weßhalb -- Er hat noch Niemandem Böses, +und Vielen schon Gutes gethan, aber er ist so ernst und streng und ich +weiß nicht, aber wenn ich mir _seinen_ Gott als einstigen Richter denke, +so überläuft mich's mit Fieberfrost. Feste Formeln und Gebräuche hat er +dabei, von denen er nicht weicht, ja von deren Beobachtung er unser +Seelenheil abhängig macht, und nur wenn ich dann meinen Pflegevater +dagegen reden höre, ist es mir wie Trost und Linderung für das kalte +Wort des finstern Mannes.« + +»Das ist der Mann denn, von dem Du mir schon gesprochen, Sadie,« sagte +René -- »aber wo wohnt er? -- was thut und treibt er?« + +»Er ist Missionair wie mein Vater, aber der ärgste Feind den Deine +Landsleute auf den Inseln haben können -- sein Name ist Rowe und +obgleich er auf Tahiti seinen festen Wohnsitz hat, besucht er doch, als +eine Art geistlicher Oberhirt, zu Zeiten die einzelnen Inseln, ihren +Zustand zu untersuchen und an dem Sonntag wo er sich dort aufhält, zu +predigen. Aber so lange er auf der Insel ist hörst Du kein Lachen und +Singen fröhlicher Menschen, siehst keine Blume in den Haaren der Mädchen +-- selbst die Kinder fürchten den Mann.« + +»Und was kann er _uns_ schaden, Du holdes Lieb,« sagte René -- »Dein +Pflegevater allein hat Deine Hand zu vergeben, und wenn es selber dann +_Dein_ Wille ist, was kümmert uns da der stolze Priester?« + +»Aber er wird meinem Pflegevater heftig zureden uns seine Einwilligung +zu versagen,« flüsterte ängstlich das Mädchen. + +»Dann« -- René biß die Lippen zusammen, zwischen denen sich ihm ein +heftiges Wort herauszupressen drohte, aber er wollte dem lieben Kinde +auch nicht weh thun und sagte, rasch abbrechend: »Hab guten Muth Sadie; +es wird noch Alles gut gehen und das Beste sein, daß wir die beiden +Herren erst eine Weile landen lassen; der kleine Mitonare mag mich gern +leiden und wenn Dein Vater nach Dir frägt wird er schon einen günstigen +Vorbericht für uns ablegen. Nachher gehen wir dann grade und offen zu +ihm und sagen ihm wie lieb wir uns haben und wie wir hier bei ihm auf +der Insel bleiben und wohnen wollen und er wird uns seine Einwilligung +gewiß nicht versagen.« + +»Mache es wie Du willst, René,« sagte das arme Mädchen leise und +schüchtern -- »aber ich fürchte mich recht sehr, und ich wollte zu Gott +der ehrwürdige Mr. Rowe wäre nur diesmal nicht mitgekommen.« + +Das Boot war indessen an Land gerudert, der kleine Mitonare aber, in +aller seiner Unschuld niemand Anderen als seinen Missionair, den alten +ehrwürdigen Mr. Osborne erwartend, an den Landungsplatz gegangen ihn zu +begrüßen. Er trug sein gewöhnliches weißes Hemd, und das rothe +Lendentuch fest um den runden stattlichen Leichnam geschlagen, außerdem +aber noch, da er als Mitonare nicht gut im bloßen Kopf in der Sonne +herumlaufen konnte, einen breiträndrigen Strohhut mit schwarzem breiten +Bande, und stand schon schmunzelnd am Ufer seinem alten Freund die Hand +mit einem herzlichen ~Joranna~ entgegenzustrecken, als er plötzlich die +zweite Gestalt im Boot zuerst überrascht bemerkte, und dann erschreckt +erkannte -- denn Mitonare hatte einen noch viel größeren Respekt vor dem +finsteren geistlichen Mann, der ihm diesmal so unverhofft über den Hals +kam, als selbst alle Kinder der Insel zusammengenommen, nur daß _er_ +nicht ausreißen durfte, wenn ihm der fromme Mann in den Weg kam. Umdrehn +aber und in das Haus, und dort angekommen in den schwarzen Frack und +die gelbe Weste fahren, war das Werk eines Augenblicks. In beide +Kleidungsstücken kam er zuerst in das verkehrte Aermelloch, aber wie +eine gehetzte Ratte fand er zuletzt das rechte, und griff nun in wahrer +Verzweiflung das eingewickelte Halstuch von dem Bücherbrett herunter, wo +es friedlich bis zum nächsten Sabbath hatte ruhen sollen, riß es aus dem +Papier, fuhr dann mit dem Halstuch in die Tasche statt dem letzteren, +ehe er seinen Irrthum gewahrte, bekam es aber zuletzt doch noch +glücklich um, und hätte nun fast, als er wieder mit einem Satze aus der +Thür hinaus wollte, das Versäumte gut zu machen, die beiden geistlichen +Herren umgerannt, die, ~the reverend Mr. Rowe~ voran, indeß gelandet +waren und auf die freundliche Wohnung Mitonares zuschritten. + +Mr. Rowe, der übrigens wohl erkannte weshalb der kleine Mann so in Hast +gewesen, denn dieser hatte in aller Eile den Hemdkragen gar nicht mit in +das Halstuch hineingebunden, begrüßte ihn mit einem gütigen väterlichen +Blick und Handdruck, wobei Mitonare ein Gesicht machte, als ob er seine +Hand in einem Schraubstock hätte. + +»Nun, Bruder Ezra,« sagte Mr. Osborne freundlich, als dieser zu ihm +hinantrat, und seine Hand auf das herzlichste schüttelte, was Mitonare +mit ungemein gutem Willen erwiederte -- »wie ist es Euch die Zeit +meiner Abwesenheit ergangen? -- immer wohl und gesund gewesen, und in +keiner Weise zu Schaden gekommen? nicht wahr ich bin weit länger +entfernt geblieben als ich im Anfang beabsichtigte?« + +Ich muß hier jedoch bemerken daß die Geistlichen mit dem kleinen Mann +nur in seiner eignen Sprache redeten, blos wenn sich Mr. Osborne mit +Bruder Ezra -- wie der kleine Mitonare bei der Taufe genannt worden -- +allein befand, und gerade nichts Wichtiges zu verhandeln hatte, sprach +er englisch mit ihm, um ihm diese Sprache geläufiger zu machen, und +seinen etwas schweren Mund an die fremden Worte besser zu gewöhnen. + +Bruder Ezra antwortete auf das Befriedigenste, als aber die drei Männer +in das Haus traten, sah sich Mr. Osborne erstaunt und vergebens nach +seiner Pflegetochter um, die ihn sonst stets fast die erste begrüßt +hatte, und er frug rasch, fast ängstlich nach dem Mädchen. + +Mitonare hätte in diesem Augenblick eben so gern seinen ganzen +Catechismus aufgesagt -- ihm sonst die schrecklichste aller +Religionsübungen -- als vor Bruder Rowe zu erzählen was mit ~Pu-de-ni-a~ +vorgegangen sei, und welcher Gast sich indessen auf der Insel +eingefunden habe. Er wußte ja am besten in welcher Achtung die +~Feranis~ bei dem frommen finsteren Manne standen, und sollte er jetzt +erzählen was hier unter seinen eigenen Augen vorgegangen war, und was er +selber geduldet hatte? denn jetzt kam es ihm auf einmal wunderbarer +Weise vor, als ob das ein entsetzliches Verbrechen gewesen wäre. + +Durch sein Schweigen wurde der alte Mann aber nur noch besorgter; er +glaubte jetzt wirklich es sei dem Mädchen, das er fast wie sein eignes +Kind liebte, etwas widerfahren, und als nun auch Bruder Rowe dazutrat +und Mitonare zum Sprechen aufforderte, konnte er natürlich nicht mehr +zurückhalten. Der Angstschweiß stand ihm auf der Stirn, aber die ganze +Sache kam nach und nach zu Tage, und erst als er mit sämmtlichen Factas +geendet hatte, fing er an den jungen ~Ferani~ zu loben, der ein wahres +Muster von einem Menschen sei und sogar als ~Ferani~ in seine Kirche +gekommen wäre -- und so andächtig zugehört hätte, als ob er jedes Wort +davon verstände. Er erwähnte auch des Versprechens das ihm ~Pu-de-ni-a~ +abgenommen, was er ja auch als Hauptentschuldigung für sich aufstellte, +und Mr. Osborne der den Charakter des Mädchens kannte, athmete leichter +als er dies hörte. + +Bruder Rowe's Züge hatten sich aber indessen mehr und mehr verfinstert +-- schon als er hörte daß ein, von einem Wallfischfänger entsprungener +Matrose auf der Insel geblieben und nicht wieder von seinem eigenen +Schiff mit fortgenommen sei, horchte er hoch auf, und als es nun gar +herauskam daß es ein Franzose sei, der schon in aller Geschwindigkeit +ein Liebesverhältniß mit der Adoptivtochter des Geistlichen angesponnen +habe, sah man es ihm ordentlich an daß er sich Mühe geben mußte seinen +Groll und Zorn zu bemeistern. Vergebens waren jetzt Bruder Ezra's +Psalmen, die er dem jungen Franzosen sang, vergebens selbst Mr. Osbornes +Einwurf, daß man jedenfalls erst einmal den jungen Mann sehen und +sprechen wolle -- er war Matrose eines Wallfischfängers und Franzose -- +also Katholik, und ein richtiger Missionair der Südsee Inseln haßt +nichts auf der Welt -- selbst den Teufel wohl kaum ausgenommen -- +herzlicher, als diese beiden Individuen. + +Sein Urtheilsspruch war auch ohne weiteres gefällt -- »ehe das Uebel +tiefer griff, mußten schnelle Maßregeln dagegen ergriffen werden, und er +wollte jetzt selbst ohne weiteres zu dem Häuptling hinübergehn und mit +diesem das Nöthige dazu besprechen. Der Häuptling oder König brauche ihm +nur zu gebieten die Insel zu verlassen, so müsse er dem Befehl Folge +leisten, und Gelegenheit habe er jetzt gerade am besten in dem kleinen +Schooner, der in einigen Tagen wieder mit ihm nach Tahiti zurück +sollte. Weigerte er sich aber dem Befehl Folge zu leisten, so war nichts +einfacher als ihn als Gefangenen mit fortzunehmen, und an den +französischen Consul in Papetee auszuliefern. -- Diese Inseln standen +unter englischem Schutz, und es war ihnen von der englischen Regierung +versprochen sie gegen jede Aufdringlichkeit, besonders von französischer +Seite, zu schützen, wo man überdies nicht einmal wissen könne, ob da +nicht am Ende gar irgend ein heimlich gehaltenes Missionswesen der +Verbreiter »papistischer Gräuel« dahinter stäke. Andererseits würde aber +auch die französische Regierung, die gerade erst ganz kürzlich ihr etwas +gewaltsames Protectorat angetreten, Alles vermeiden, mit anderen +Mächten, noch dazu eines entsprungenen Matrosen wegen, in Collision zu +kommen. Für sie hier war es aber gerade in dieser Zeit von höchster +Wichtigkeit jenen papistischen Propaganden, die sich über sämmtliche +Inseln zu verbreiten suchten, entgegen zu arbeiten. Das Volk dieser +Inseln sei viel zu empfänglich für äußeres Gepränge, nicht der Gefahr +ausgesetzt zu sein von dem Flitterstaat der katholischen Religion +bestochen zu werden, und nicht allein Jahre lange Anstrengungen und +Arbeiten, nein auch die Seelen der Unglücklichen wären dann verloren für +immer.« + +»Aber nicht allein in religiöser, nein auch in moralischer Beziehung sei +es Pflicht der Geistlichen dahin zu wirken diese schlimmsten aller +Vagabunden, flüchtige Seeleute, von sich entfernt zu halten. Auch Bruder +Osborne wisse recht gut, wie gerade diese Menschen dem wohlthätigen +Wirken der Missionaire stets feindlich entgegengetreten wären, selbst +wenn sie denselben Glauben mit ihnen hatten; wie viel schlimmer war es +jetzt, wo solche Menschen auch sogar noch in ihrem Glauben eine, ihrer +Meinung nach vielleicht vollkommen genügende Ursache fänden, Unfrieden +zwischen dem Geistlichen und seiner kleinen Gemeinde zu säen?« + +»Für den _Vater_ sei es außerdem besonders dringende Pflicht, sein +angenommenes Kind vor Verführung zu schützen und ihr Herz zu wahren vor +den Eindrücken, die bei einer solchen unnatürlichen Verbindung +unvermeidlich wären. -- Das war _seine_ Meinung über die Sache, und er +hoffte Bruder Osborne würde mit ihm hierin vollkommen harmoniren. Es sei +nöthig daß sie zusammenständen, in dieser jetzigen Zeit des Trübsals, um +des Glaubens willen.« + +»Er hatte zuerst die Absicht gehabt den König _morgen_ zu besuchen, aber +im Dienste Gottes gäbe es keine Ruhe noch lässiges Verschieben, und er +wolle deshalb gleich dorthin aufbrechen, ihn mit sich herüber zu +bringen.« Daß er die Einwilligung desselben, oder vielmehr den Befehl +für den Flüchtling erhalten würde, mit erster Gelegenheit die Insel +wieder zu verlassen, verstand sich von selbst, und er zweifelte daran +nicht im mindesten. + +Mr. Osborne ersuchte ihn jetzt noch einmal, den Fremden wenigstens erst +einmal rufen zu lassen und mit ihm zu sprechen, daß sie mit eigenen +Augen sähen zu welcher Klasse von Menschen er gehöre. -- Bruder Rowe's +Entschluß war gefaßt, und da er, durch seinen langen Aufenthalt zwischen +diesen Inseln als Missionair, sich daran gewöhnt hatte unbedingt zu +befehlen, indem seine Stimme für das Wort und den Willen des Herrn galt +-- ja da er die feste Ueberzeugung hatte daß alle diese Tausende von +Insulanern nur durch ihn und die wenigen andern Geistlichen einer ewigen +Qual entrissen, und der Seligkeit zugeführt seien, ihm also mehr als ihr +Leben, ihr ganzes einstiges Heil danken mußten, so verstand es sich wohl +von selbst daß er auch die weit geringere Leitung ihrer weltlichen +Angelegenheiten wenn auch nicht gerade führen, doch in die Bahn leiten +konnte und durfte, die er als die richtige bestimmte. + +Er beorderte jetzt ohne weiteres -- denn ihre Mahlzeit hatten sie schon +an Bord eingenommen -- zwei Eingeborene, ihn in einem kleinen Boot, das +er schon mehrfach dazu benutzt hatte, um die Insel hinum zu rudern, +denn es fiel ihm nicht ein den langen Weg zu Fuß zu gehn. -- In diesem +wurde ein schmales Sonnendach aufgespannt, und eine Viertelstunde später +schoß das kleine scharfgebaute Fahrzeug, von den kräftigen Armen der +Insulaner getrieben, pfeilschnell über das spiegelglatte Binnenwasser, +von der Strömung jetzt noch überdies begünstigt hin, und war in kurzer +Zeit um die nächste vorragende Landspitze verschwunden. + +René und Sadie hatten indessen mit freudigem Staunen die rasche Abreise +des finstern Mannes gesehen, die sie irgend einer Ursache in seinem +geistlichen Wirken zuschrieben, und sie beschlossen nun auch ohne +weiteres hinunter zu Mr. Osborne zu gehn, ihm Alles zu erzählen und ihn +um seinen Segen zu bitten. + +Mitonare war übrigens indessen, nur erst einmal der beengenden Gegenwart +des ~bodder Au-e~ enthoben, nicht müßig gewesen Mr. Osborne den jungen +Fremden von der besten Seite zu schildern. Natürlich lag in diesem Lobe +ein großer Theil Eigennutz verborgen, denn es mußte ja auch einzig und +allein seine Entschuldigung sein, daß er Prudentia's Umgang mit ihm +überhaupt geduldet hatte. Solcher Art war er denn noch emsig damit +beschäftigt, und Mr. Osborne saß gar ernst und sinnend vor ihm in +seinem Lehnstuhl, den rechten Ellbogen auf die Lehne und das graue +Haupt in die rechte Hand gestützt. Es schien ihm recht weh und trüb um's +Herz zu sein. + +Da traten die beiden jungen Leute in die Thür, und Sadie blieb erst +einen Augenblick schüchtern in der Ferne stehen; als er aber den Blick +zu ihr aufhob, und sie in das liebe ehrwürdige, jetzt so kummerschwere +Antlitz schaute, da flog sie, wie in alter Zeit auf ihn zu, barg ihr +Gesicht an seinem Herzen und rief: + +»Mein lieber, lieber Vater!« + +»Mein liebes, liebes Kind!« sagte der alte Mann und küßte das fest an +ihn angeschmiegte Haupt des schönen Mädchens -- »was habt Ihr denn hier, +unter der Zeit meiner Abwesenheit für böse, böse Streiche getrieben?« + +Es lag eine so innige Zärtlichkeit in dem Ton mit dem er diese Worte +sprach, und nur ein so leiser -- von jedem Verdacht freier Vorwurf, daß +sich Sadie nur fester gegen seine Brust preßte, aber ihre Hand zurück +nach René ausstreckte, diesen herbeizurufen und zu ihrem Vater zu +bringen. + +Der alte Mann, der wohl auf den ersten Blick sah, daß er keinen +gewöhnlichen Matrosen vor sich habe, grüßte den, sich ihm jetzt offen +und vertrauensvoll nähernden jungen Mann freundlich, winkte ihm einen +Stuhl zu nehmen, den Mitonare indessen mit großer Bereitwilligkeit +herbeigebracht hatte, und bat dann René, was er ihm zu sagen habe, ihm +ohne jeden Umschweif, mit jedem Vertrauen zu eröffnen -- er habe +Prudentia als sein Kind angenommen, und von klein auferzogen als ihre +Eltern gestorben waren und die kleine Waise allein zurückgelassen +hatten, und hege dieselben Gefühle noch jetzt für das erwachsene +Mädchen, als ob sie seine eigene leibliche Tochter sei. Er wolle auch +nur ihr Glück, möchte das aber gesichert wissen da es keins der +gewöhnlichen Mädchen der Eingeborenen sei, sondern eine fast Europäische +Erziehung genossen habe und dabei auch vielleicht jetzt tiefer fühle, +besonders andere Ansichten über die Ehe habe, als sie in diesen Gruppen +bei ihren Landsmänninnen wohl meist gefunden würden. + +René verlangte Nichts mehr; er erzählte zuerst dem alten Mann, so +gedrängt als möglich, seine ganze Lebensgeschichte, schilderte ihm, so +treu er es selber vermochte, seinen ganzen Charakter, was ihn in die +Welt, was ihn zuletzt an Bord eines Wallfischfängers getrieben habe, von +dessen ganzen Wesen und Treiben er früher keinen Begriff gehabt, und wie +er auf dieser Insel sich jener Existenz zu entziehen gesucht und hier +Sadie'en gefunden und lieben gelernt habe. Er zeigte ihm dann die +Papiere die er mit sich führte -- und Mr. Osborne verstand nicht allein +das Französische sondern sprach es auch sehr geläufig -- erklärte ihm +daß es sein fester Wille sei sich hier auf einer dieser Inseln, am +liebsten auf dieser, niederzulassen, und bat den alten Mann ihm Sadie, +die er in der kurzen Zeit seines Aufenthalts recht von Herzen lieb +gewonnen habe, zum Weib zu geben. Er wollte sich dann bei ihnen seine +Heimath gründen, und Mr. Osborne solle einen guten Sohn und Nachbar an +ihm finden. + +»Sie sind Katholik?« frug ihn der alte Mann, als René schon eine ganze +Zeit lang geschwiegen und er ihn indessen mehr sinnend als forschend +betrachtet hatte. + +Des jungen Mannes Antlitz röthete sich ein wenig, als er erwiederte: + +»Lieber Herr, Sie haben gewiß genug von der Welt gesehn, zu wissen wie +es mit der Religion unter jungen Leuten meistens steht. -- Ich bin +allerdings als Katholik erzogen, und die Meinigen waren sämmtlich, +einige sogar sehr strenge Katholiken, ich selber muß Ihnen aber +aufrichtig gestehn, habe mich nie streng an die Gebräuche weder meiner +noch einer andern Sekte gehalten, und Sie können überzeugt sein, daß ich +nie daran denken würde Jemanden zu meinem Glauben überreden zu wollen. +Sadie ist in dem ihren aufgewachsen und ein so liebes, braves Mädchen +geworden, sie wird ihm auch treu bleiben, und ich wäre der Letzte sie +darin zu stören. Was mich selber betrifft, so suche ich recht zu thun, +und hoffe dann mit meinem Gott schon fertig zu werden -- er allein weiß +ja auch nur, wer den _rechten_ Glauben hat. Sie werden aber auch nie +finden, daß ich über den Glauben eines Andern spotte -- ein Jeder hat +ein Recht zu seiner Meinung.« + +Der Missionair hatte nun allerdings gar sehr verschiedene Ansichten über +Religion, aber René gewann sich doch durch diese Offenheit sein Herz, +denn keineswegs gehörte er zu jener stolzen Priestersekte die, ihr +Religionspanier in der gehobenen Rechten, das Volk vor sich auf die Knie +werfen und so lange damit fortschreiten bis sie zuletzt ganz zu +vergessen scheinen daß das Volk eigentlich vor dem Panier und nicht vor +ihnen kniet. Aber der alte Mann hatte doch noch andere und recht ernste +Bedenken, und je mehr er den jungen lebensfrischen Mann da vor sich +stehen sah, so viel schwerer ward ihm das Herz; aber er wollte das Alles +nicht vor der Tochter aussprechen, und bat also das Mädchen auf kurze +Zeit das Haus zu verlassen, er habe mit dem jungen Mann etwas allein zu +reden. + +Sadie war ein viel zu folgsames Kind auch nur mit einem Blick zu zögern +-- sie küßte des alten ehrwürdigen Mannes Hand und verließ dann rasch +das Zimmer. + +Der alte Mann saß, schon als die leichte Bambusthür lange hinter ihr +zugefallen war, noch viele Minuten schweigend da, als ob er selber nicht +rechte Worte für das finden könne was er sagen wolle. + +»Lieber junger Freund,« begann er endlich, »Sie sind frei und aufrichtig +gegen mich gewesen, und ich will Ihnen Gleiches mit Gleichem vergelten; +Sie werden mir deshalb auch Nichts übel nehmen, was ich zu Ihnen sage, +denn Gott weiß es, es geschieht sowohl zu Prudentia's als Ihrem eigenen +Wohl. Sie sind, wie ich aus Ihren Papieren gesehn habe, von guter +Herkunft, in dem gebildeten, geselligen Leben Europas erzogen, an +Europäische Sitten, an ein Leben gewöhnt, das Ihnen _mehr_ bietet als +nur einfach Essen und Trinken und ein einzelnes Wesen dem Sie sich +anschließen können -- mögen Sie dies noch so sehr lieben. Die Beweise +haben Sie selber in ihrem unsteten Leben; weder in Afrika noch Amerika +fanden Sie was Sie suchten, d. h. das was das Bedürfniß Ihres Herzens +und Geistes befriedigen konnte -- die rohe Gesellschaft des +Wallfischfängers trieb Sie sogar zu einem verzweifelten Schritt, bei dem +Sie lieber Ihr Leben einsetzen, als in jenes Verhältniß zurückkehren +wollten. Sie fanden hier, gerade in Ihrer größten Gefahr, auf höchst +romantische Weise ein junges reizendes Mädchen, dessen liebe regelmäßige +Züge, dessen Gestalt zuerst ihre Leidenschaft weckte, und dessen +Unschuld und Liebreiz, als Sie dasselbe näher kennen lernten, Ihr Herz +gewannen. Scenerie und Umgebung, selbst sogar die verschiedene Farbe und +Abstammung des Mädchens trug dazu bei, den Reiz in Ihrem eigenen +jugendlichen Herzen zu erhöhen. Unser herrliches Klima, die tropische +Vegetation, das stille blaue Meer, ja das ganze Stillleben unseres +lauschigen Plätzchens hier bestach Ihre Sinne mehr und mehr, und Sie +glauben jetzt -- ja Sie sind fest überzeugt davon, daß Sie in dem +Mädchen und dieser Insel das Ideal Ihres Lebens gefunden, das Ziel Ihres +ganzen Strebens und Drängens erreicht haben. -- Wenn Sie sich aber nun +irren? -- Ich weiß was Sie sagen wollen -- Sie folgen dem Drange Ihres +Herzens und fürchten nicht daß Sie dieses irre führt, aber hören Sie +mich ruhig darüber an. Sie sind jung, das Leben liegt noch offen vor +Ihnen -- ich bin alt, meine Bahn ist bald durchwandelt, -- Sie haben die +Hoffnung, ich die Erfahrung, und drei und zwanzig Jahre meines Lebens +hab' ich auf diesen schönen Inseln zugebracht. In dieser Zeit habe ich +aber auch viele viele Leute kommen und gehen, habe Hoffnungen und Träume +aufblühen und verwelken sehn und weiß was ein Mann in Ihren +Verhältnissen hier zu finden _glaubt_ -- und was er _findet_.« + +»Jetzt ist Ihnen noch Alles neu -- die Palmen selber, die ganze +tropische Vegetation übt einen Reiz auf den Neuankommenden aus, dem er +selten, wenigstens in seinem ersten Andrang, widerstehen kann; nur +wenige Jahre führen aber darin eine gewaltige Aenderung herbei, denn das +Herz, besonders das junge Herz bedarf einer Veränderung, bedarf eines +Reizes für seine Thätigkeit, wenn es nicht erschlaffen oder in neuem, +dann aber recht schlimmen Schmerz vergehn soll. Viele, sehr viele +Europäer haben sich besonders in den letzteren Jahren hierher gezogen, +die aber von ihnen, die wirklich hier geblieben sind, waren schon ältere +Leute und brachten auch meistens ihre Familien, die ihnen an Stand und +Erziehung gleich waren, mit sich. -- Fast alle diese kamen hierher, ein +Geschäft zu treiben und sich ein Vermögen zu erwerben, und sie werden +meist Alle wieder, wenn ihre Kinder erwachsen sind, nach Europa +zurückkehren. Dorthin passen sie auch -- ihre Frauen stammen selbst von +dort, und sehnen sich nach dort zurück, und sie lassen dann Nichts hier +zurück, als eine freundliche Erinnerung; die Fasern ihres Herzens haben +nicht zwischen den Palmen und Bananen Wurzel geschlagen.« + +»Sehr viele von ihnen haben auch Indianische Mädchen geheirathet -- die +ersten und hübschesten die ihnen begegneten -- auf allen Inseln +zerstreut finden Sie solche Beispiele; aber es sind das fast nur einzig +und allein rohe Matrosen, denen das müßige Leben zusagt, die sich auch +in ihrem Vaterlande in keinen anderen Zirkeln bewegt haben, als wo das +materielle Wohl ihr Hauptziel und Streben war, und selbst diese +verlassen gewöhnlich, nach einer längeren Reihe von Jahren, ihr leicht +genug angetrautes Weib und die mit ihr gezeugten Kinder -- selbst diesen +genügt zuletzt nicht mehr diese tropische Ruhe, und sie sehnen sich nach +Abwechselung, nach einer Veränderung ihrer Verhältnisse, sollten sie +diese auch wieder mit harter Arbeit ja sogar dem früheren Leben erkaufen +müssen.« + +»Auf Tahiti haben Sie einige wenige Beispiele unter Ihren Landsleuten, +die sich mit Tahitischen Mädchen wirklich verheirathet haben; jetzt sind +diese Frauen jung und schön, sie könnten sie nach Europa zurückführen +und vielleicht stolz darauf sein -- wenn Sie das Gefühl einer etwas +wunderlichen und bizarren Eitelkeit so nennen wollen -- werden sie aber +alt -- und weibliche Körper blühen und verblühen in unserem tropischen +Klima so rasch wie unsere üppige Pflanzenwelt -- dann ist das vorbei. +Sie können keine alte Indianische Frau nach Europa bringen, sie dort in +Ihre Kreise einzuführen. -- Sie möchten das auch nicht, denn Sie wüßten +recht gut, wie Sie hinter Ihrem Rücken dem Gespötte der Menge, die die +näheren Beweggründe nicht kennt und nicht achtet, verfallen würden. Und +wollen Sie das Wesen, das sich an Sie angeschlossen hat und mit Herz und +Seele an Ihnen hängt nicht unglücklich und elend machen, so müssen Sie +_bei_ ihm und hier auf den Inseln bleiben, und Unmuth und Sehnsucht nach +einem andern Leben zehrt dann an Ihnen weit schlimmer und gewaltiger, +als es an dem _jungen_ Herzen gethan. Dem lag die Welt noch frei -- es +konnte noch dem ersten Drange folgen, ob ihn der auch gleich manchmal +irre führte, jetzt aber ist das vorbei -- die Möglichkeit frei zu +handeln ist genommen, und nur der Drang selber geblieben, der dann wie +ein ewiger Wurm an Ihrem Herzen nagt.« + +»Ich spreche nach mehren Beispielen, die ich selber kenne, junger Mann, +und die innige Liebe auch, die ich für Prudentia fühle, macht mich +besorgt, ihr ein solches Schicksal ersparen zu wollen. Prudentia ist, +wie ich Ihnen schon gesagt habe, und wie Sie auch selber, nach einem +Zusammensein mit ihr von mehren Wochen gewiß finden mußten, keins der +gewöhnlichen sinnlichen Mädchen dieser Inseln, die sich dem Ersten +Besten, ohne Arges dabei zu denken, hingeben, und gar nichts anderes +erwarten, als daß er sie, sobald er ihrer müde ist, wieder verläßt. Ich +fürchte im Gegentheil, Sie haben Prudentia's Herz schon zu sehr +gewonnen; jetzt wäre aber doch noch vielleicht eine Trennung möglich. -- +Sie würden Beide an diese Zeit wie an einen schönen Traum zurückdenken, +von dem es das Herz nur eine kurze Zeit schmerzt -- daß es eben nichts +weiter als ein Traum war; aber Sie können Beide auch dadurch vielleicht +einem verfehlten Lebensziele entweichen, das dann später _nicht_ mehr zu +ändern wäre, und leider für _Beide_ auch verderblich werden müßte.« + +»Ich bin fest davon überzeugt, daß Sie in diesem Augenblick Prudentia +mit aller Leidenschaft einer innigen, vielleicht gar ersten Neigung +lieben -- aber wird der alte Hang eines unstäten Lebens, das in dem +Herzen nur erst eingewurzelt, gar so leicht verderblich werden kann, +diesem Herzen in dem Stillleben unserer Inseln Ruhe und Frieden lassen? +-- Unsere Palmen sind grün und herrlich -- aber so wie sie dort stehn, +stehn sie das ganze Jahr -- kein gilbendes fallendes Blatt, keine +Schneedecke, keine auskeimenden wachsenden Knospen geben ihnen im +nächsten Frühjahr immer wieder denselben Reiz. -- Unsere Bäume sind mit +Früchten bedeckt -- aber die Blüthenzeit fehlt uns -- wir brauchen die +Frucht nie zu erwarten -- zu erhoffen -- sie hängt voll und reif am +Baume, während heimlich, von uns kaum bemerkt, andere indessen +nachblühen und nachwachsen, die fehlenden immer wieder zu ersetzen und +die Plätze der niederfallenden auszufüllen. Wir kennen auch hier nicht +die Sorgen und Mühen des Lebens -- das Salz jedes gesellschaftlichen +Verkehrs, durch das eine _erworbene_ Existenz erst ihren ganzen uns +beglückenden Reiz gewinnt -- wir stehen Morgens auf und essen und +trinken und legen uns Abends wieder schlafen. Nachrichten von der +äußeren Welt dringen nur selten zu uns, und wie sie kommen wäre es fast +besser sie blieben ganz aus, denn anstatt zu befriedigen lassen sie, +selbst in dem Herzen der Aeltesten von uns, eine Leere zurück, die wir +vergebens auszufüllen suchen.« + +»Wollen Sie nun, mit Ihrem jungen thatkräftigen Herzen in dieses +felsenumgürtete Thal, aus dem es keine Rückkehr für Sie giebt, +hinabspringen? -- schauen Sie um sich her, junger Freund -- noch stehn +Sie oben -- noch liegt die ganze übrige Welt ausgebreitet vor Ihren +Blicken -- haben Sie _nichts nichts_ mehr darin was auch nur den +geringsten Anhaltepunkt an Ihr Herz hätte? -- bedenken Sie, bei einem +sinkenden Schiff kann das kleinste, unbedeutenste vergessene Tau das +Boot, auf dem sich der Schiffbrüchige sonst vielleicht sicher den Wellen +anvertrauen könnte, rettungslos mit in den Abgrund ziehen.« + +Der alte Mann schwieg, und eine Thräne zitterte in seinem Auge; ernst +und forschend schaute er dabei den jungen Mann an, und es war, als ob er +seine innersten Gefühle ergründen wollte, ehe sie auf die Lippen kämen +-- ja wahrer als sie der Mund vielleicht auszusprechen vermöchte. René +begegnete aber, zwar gerührt, doch fest entschlossen dem Blick, und +erwiederte endlich mit weicher Stimme: + +»Sie verstehn es, alter Herr Einem Herz und Seele zu fassen, mit Ihren +Worten, aber ich springe getrost hinab in das Thal, denn da oben blüht +für mich kein Glück, keine Freude mehr. Die Meinen sind todt oder +schlimmer als so -- ich stehe eine Waise in der Welt, weder Bruder noch +Schwester leben, die Ansprüche auf meine Nähe machen dürften; Alles was +mein Herz sonst hätte binden können, ist für mich verloren, und stießen +Sie mich _jetzt_ wieder kalt und erbarmungslos in die Welt zurück, ich +müßte rettungslos untergehn -- und wäre recht recht elend. Auch Sadie +hängt mit inniger Liebe an mir, und ihr Herz ist nicht geschaffen einmal +zu lieben und so leicht wieder vergessen zu können -- wollten Sie auch +aus _ihrem_ Herzen diese erste Neigung reißen? -- Sie haben Sadie zu +lieb dazu wenn ich selber Ihnen auch gleichgültig sein müßte. Aber -- +ich kann mich auch irren,« brach er dann plötzlich ab -- »ich täusche +mich vielleicht selber in Sadie's Herzen, und ihre Neigung wäre eines +Rückschrittes fähig. -- Sprechen Sie selbst mit Ihr, werther Herr -- +fragen Sie das Mädchen selber, und halten Sie unsere Vereinigung für +gefahrbringend für _sie_, und glaubt Sadie daß sie mir jetzt noch ohne +großen Schmerz entsagen könne -- dann beim ewigen Gott will ich nicht in +den Frieden dieses stillen Thales getreten sein, Thränen und Kummer zu +säen, dann sollen Sie finden daß ich auch im Stande bin zu _entsagen_, +und wenn mir das Herz darüber bräche; kein Wort des Unmuths -- keine +Klage soll über meine Lippen kommen, das erste beste Canoe mich zu einer +anderen Insel -- aus ihrer Nähe führen.« + +Er war aufgesprungen und seine Mütze ergreifend wollte er das Zimmer +verlassen, der alte Missionair streckte ihm aber die Hand entgegen und +sagte mit herzlichem, bewegtem Tone: + +»Das ist recht brav und ehrlich von Ihnen gehandelt, junger Mann, und +ich gebe Ihnen mein Wort, ich habe auch, seit dem ersten Augenblick wo +ich Sie sah, noch nicht einen Augenblick daran gezweifelt daß Sie Alles +so auch _fühlten_, wie Sie es dem Mädchen vorgesprochen. Ich kenne +übrigens Prudentia, oder wenn Sie denn lieber wollen, Sadie, viel zu +gut um bei ihr langer Rede zu bedürfen, in wenigen Minuten haben Sie +meine Antwort, treten Sie indessen hier in das nächste Haus -- das +Fenster ist fast so niedrig wie eine Thür -- aber glauben Sie nicht, +junger Freund, daß ich Ihnen das Wort reden werde,« setzte er ernster +hinzu, »Sie müssen es meinem Gewissen überlassen mit Sadie zu handeln, +wie ich es vor _dem_ verantworten kann.« + +»Handeln Sie, als wenn Sie ihr Vater wären,« sagte René herzlich -- »ich +will _Sadie'ens_ Glück, nicht das meine,« und er verließ mit schnellen +Schritten das Zimmer. + +Auf des alten Mannes Ruf betrat das Mädchen schüchtern und mit +niedergeschlagenen Blicken das Gemach -- sie schaute nicht auf, aber sie +fühlte das René nicht mehr im Zimmer sei, und ihr Herz klopfte fast +hörbar in der Brust. -- Ihr Vater hatte ihn abgewiesen und der schöne +Traum ihres Glücks war in Nacht und Thränen zerflossen. + +»Prudentia,« sagte der alte Mann, und zog das zitternde Mädchen sanft zu +sich -- »ich habe den jungen Fremden fortgeschickt von hier -- er hat +Dich jetzt wohl lieb, aber wenn er eine Zeit lang von seiner Heimath +entfernt ist, sehnt er sich wieder nach ihr zurück, und läßt mein armes +Mädchen hier allein, und dann wärst Du wohl recht recht unglücklich +geworden und elend. Jetzt ist der Eindruck den er auf Dein Herz +gemacht, noch flüchtig, noch leicht wieder zu verwischen -- Du wirst +einen oder zwei Tage weinen, ihn nachher vergessen, und nicht wahr mein +Kind, ich habe darin recht und gut gehandelt -- ich wollte ja nur Dein +Wohl.« + +»Ich will Alles thun was Du mir sagst mein Vater,« flüsterte das +Mädchen, dicht an seine Brust geschmiegt, so leise, daß er kaum ihre +Worte verstehen konnte. + +»Das ist mein gutes Kind,« sagte der Greis, aber die Stimme zitterte +ihm; er fühlte nur zu gut was in dem Herzen des armen Mädchens vorging, +und wie die Liebe für den Fremden schon viel zu tief Wurzel geschlagen +habe, je wieder, ohne das Gefäß selber zu zerbrechen, herausgerissen zu +werden. Er mußte sich aber selber einen Augenblick sammeln ehe er +fortfahren konnte, und mit lebhafter Stimme wie ermuthigend setzte er +hinzu: + +»Und, nicht wahr mein Kind -- dann wirst Du auch wieder glücklich und +froh sein, wie bisher? -- wirst wieder lachen und singen und nicht das +Köpfchen so trübe hängen lassen.« + +»Ich will mir rechte rechte Mühe geben lieber Vater,« flüsterte das +Mädchen und barg ihr Haupt fester an dem Herzen des alten Mannes. + +»Und willst Du auch den Fremden vergessen meine Tochter? -- willst Du +mir das recht fest und aufrichtig versprechen, mein braves Mädchen?« +frug sie jetzt leise der Greis. + +Das aber war zu viel für das arme gequälte Herz -- einen Augenblick +schien es, als ob sie sich von seiner Brust emporheben wolle, ihm in die +Augen zu schauen -- aber sie sank wieder zurück und klagte nur leise: + +»Ach das weiß ich nicht -- das weiß ich wahrhaftig nicht, lieber, lieber +Vater« -- damit war aber auch ihre Kraft gebrochen, und laut und heftig +schluchzend, als ob ihr das Herz vergehen wolle in unendlichem Weh, hing +sie in seinen Armen. + +Und sie schluchzte nicht _allein_, denn aus der Ecke des Zimmers vor +tönte es noch weit lauter und heftiger, und der kleine Mitonare saß da +auf einem der niedern Bambusschemel, ganz allein und vergessen und +weinte, in Thränen förmlich zerfließend, wie ein kleines Kind. + +Da vermochte sich aber der alte Missionair auch nicht länger zu halten, +und der Tochter thränenüberströmtes Antlitz zu sich erhebend und küssend +und wieder küssend rief er: + +»Nein, nein Prudentia, ich bin ja kein Tyrann daß ich mein Kind so elend +und unglücklich machen mögte, nur weil die Möglichkeit existirt, daß es +später noch einmal so kommen könne -- nein, wenn Gott Dir eine so +gewaltige und innige Liebe für ihn in's Herz gelegt hat, dann nimm ihn, +nimm ihn -- der Herr segne Euch, und Er wird Alles zum Besten lenken. +Aber sei auch wieder mein gutes fröhliches Mädchen, lach wieder, sing +wieder und mache das Herz Deines alten Vaters froh durch Dein heiteres +glückliches Angesicht.« + +»Vater -- lieber Vater!« rief das Mädchen in jubelnder, kaum gefaßter +Lust. -- Mitonare hatte aber kaum gehört was die Sache, die ihm selber +das Herz abzustoßen drohte, für eine Wendung nahm, als er, wie aus einer +Pistole geschossen, zur Thür hinausfuhr, und nach kaum zwei Minuten mit +dem »verzweifelten Wi--wi« -- wie er ihn nannte, in's Zimmer geschleppt +kam. + +René lag mit an dem Herzen des alten Mannes -- er wußte selber kaum wie, +und der Greis flüsterte einen leisen Segen über den Häuptern der +Glücklichen. + + + + +Capitel 6. + +#Was der ehrwürdige Mr. Rowe dazu sagt.# + + +Der Abend verging den beiden Liebenden wie ein Augenblick -- sie hatten +sich so tausenderlei zu sagen, so tausenderlei zu besprechen, daß sie +den Flug der Stunden gar nicht bemerkten, und der alte gute Mann saß +lächelnd dabei, und wohl auch ihm stiegen in der Erinnerung alte liebe, +o so lang jetzt vergangene Bilder auf, und führten seine träumenden +Gedanken zurück zur Jugendzeit. + +Aber auch die Gegenwart erheischte seine Umsicht, denn manchmal gedachte +er ebenfalls seines, in ziemlicher Aufregung fortgegangenen Collegen und +der Schritte die dieser jetzt zu thun suchte, das Glück, was er selber +heute Abend hier geschaffen, wieder zu zerstören. Er hielt es auch für +seine Pflicht dieses dem jungen Mann mitzutheilen und ihn wenigstens +darauf vorzubereiten, daß seine Bahn von jetzt an noch immer keine ganz +ebene sein könne. Hätte er dem von seinem Glück förmlich Trunkenen aber +auch eine wirkliche Gefahr genannt, er würde ihr mit leichtem Herzen +begegnet sein, vielweniger denn, wo es nur den bösen Willen oder Zorn +eines fremden Geistlichen betraf, den weder Sadie's Schicksal noch das +seine kümmern durfte. Des Königs selber glaubte er dabei ziemlich gewiß +zu sein, noch dazu da diese geistlichen Herren selten oder nie Geschenke +verschwenden, und nur den Willen Gottes vielmehr als Gebot aufstellen. +Hier war also nicht einmal etwas zu gewinnen, im Gegentheil nur zu +verlieren, denn die Insulaner wußten recht gut daß bei dem Aufenthalt +eines Weißen zwischen ihnen, der förmlich Einer der ihrigen wurde, stets +hie und da etwas für sie abfiele. + +Mr. Osborne selber, wenn er auch einen Conflikt mit Bruder Rowe gern +vermieden hätte, stand doch keineswegs in einer so abhängigen Stellung +von ihm, seinen Zorn fürchten zu müssen. Nur Sadie versicherte René sie +habe eine entsetzliche Angst vor dem finstern Mann, und wollte vieles +darum geben, wäre er gar nicht mit ihrem Pflegevater herübergekommen. + +Seinem feindlichen Wirken aber in etwas zu begegnen, wurde noch an +demselben Abend ein junger Mann mit einer Privat-Botschaft an den König +geschickt, daß der alte Mr. Osborne, den sie Alle auf der Insel wie +ihren Vater liebten, seine Pflegetochter dem jungen Fremden zum Weibe +versprochen habe, und daß dieser hinführo mit ihnen auf der Insel zu +leben wünsche, wozu sie des Königs Erlaubniß erbitten ließen. + +Am nächsten Tag kehrte Bruder Rowe, und in einer nichts weniger als +freundlichen Stimmung zurück. Er hatte den König, von dem er ohne +weiteres verlangt zu haben schien den Fremden, einen entsprungenen +Matrosen und Katholik, in Güte oder mit Gewalt von der Insel zu +entfernen, in einer keineswegs günstigen Laune dafür getroffen, und +schon die Ausflüchte die dieser machte, wenn er sich auch dem finsteren +Missionair gegenüber keine direkte Weigerung erlaubte, verriethen ihm +daß er, wo er blinden Gehorsam erwartete und verlangte, auf +Schwierigkeiten stoßen könne. + +Alles was er von dem Könige als festes Versprechen erreichen konnte war, +sich mit ihrem eigenen Missionair darüber zu berathen, und wenn dieser +es ebenfalls wünsche, dann wolle er gern den Befehl geben, daß der junge +Fremde die Insel, auf der er sich übrigens bis jetzt sehr ordentlich +betragen habe, verlassen solle. Wie er aber glaube gehört zu haben, +wolle der Weiße eines ihrer Mädchen heirathen und solchen Leuten, wenn +sie sich wacker aufführten, hätten sie noch nie den Aufenthalt +verweigert. + +So rasch als möglich sollte jetzt Bruder Osborne dem König seinen Willen +oder vielmehr Wunsch bekannt machen, wie er ebenfalls die Entfernung des +Fremden verlange. Bruder Rowe kehrte zu diesem Zweck ohne weiteren +Aufenthalt, als daß er die Nacht an der anderen Seite schlief, zu den +Missionsgebäuden zurück, und es läßt sich denken mit welchen Gefühlen er +hier des alten ehrwürdigen Mannes Entschluß vernahm, dem Fremden die +Tochter zu geben und ihn als Sohn anzuerkennen. Vergebens waren alle +seine Einwendungen, vergebens blieb selbst sein Zürnen dagegen. + +»Ich habe dem Mädchen,« sagte der Greis, »die Erziehung eines weißen +Kindes gegeben, und vielleicht, wie ich jetzt zu spät sehe, Unrecht +daran gethan; ich habe sie unfähig gemacht, sich in den gewöhnlichen +Verhältnissen ihrer Landsleute wieder glücklich zu fühlen; diese können +ihrem Herzen, ihrem Geiste nicht mehr genügen -- bei der Verbindung mit +_jedem_ Weißen ist sie aber derselben Gefahr ausgesetzt, der sie jetzt +vielleicht entgegengeht -- daß sie nicht auf die Länge der Zeit im +Stande wäre sein Herz auszufüllen, aber auch das ist nur noch +Vermuthung -- es ist eine Möglichkeit die wir befürchten, aber nicht +voraus wissen mögen, und ich kann mich nicht dazu verstehn, ihr Herz +jetzt _gewiß_ zu brechen, weil es vielleicht später einmal gebrochen +werden _dürfte_.« + +»Aber fürchtet Ihr nicht die _Sünde_ -- Bruder Osborne?« rief da der +Missionair, als alle andere Beweisgründe fehlgeschlagen hatten -- +»wollt' Ihr es vor der Tafel der Gesellschaft in England verantworten, +Euer im rechten Glauben erzogenes Kind selber in die Hände eines +Anhängers des Pabstes zu liefern? Ich würde _gezwungen_ sein, so leid es +mir auch selber thun möchte, diesen Fall nach Hause zu berichten, denn +die Folgen sind gar nicht abzusehen, und können auf das verderblichste +für unsere kleine Gemeinde wirken. Und wie steht Ihr dann vor jenen +ehrwürdigen Männern wenn Ihr selber, Einer jener Auserwählten die unter +die Heiden geschickt wurden den Saamen unserer Religion in ihre +unwissenden verstockten Herzen zu pflanzen -- wenn Ihr selber dann +Unkraut zwischen den Weizen gesäet habt, mit Euren eigenen Händen, ja +und ich möchte fast sagen auch mit den _Mitteln_, die Euch von der Tafel +der Missionsgesellschaft _anvertraut_ waren in _ihrem_ Sinne, nicht in +Eurem eigenen damit zu handeln?« + +Der alte Mann blieb aber auch fest, selbst gegen diese halbe +Beschuldigung eines Mißbrauchs am Vertrauen, wenn ihn solche Anspielung +auch wohl recht schwer und tief kränken mußte. + +»Ich habe dreiundzwanzig Jahre,« sagte er ruhig, »mein Leben der Sache +geweiht, die ich für eine gute hielt und noch halte; ich habe mir in der +ganzen langen Zeit keinen einzigen Vorwurf, meiner Handlungsweise wegen +zu machen -- wir sind Alle Sünder und ich bin nicht reiner davon als der +Geringste unter uns, aber ich kann frei das Auge zu Gott emporheben und +sagen: »Herr richte über mich!« -- ich bin mir nichts Böses bewußt. Auch +in _diesem_ Fall aber, Bruder Rowe, handele ich nach bestem Wissen und +Willen, ich glaube nicht anders handeln zu können, und was ich da thue +werde ich auch verantworten -- Euere Berichte, Bruder, werde ich Euch +freilich selber überlassen müssen.« + +Mr. Rowe ging mit raschen ungeduldigen Schritten im Zimmer auf und ab -- +am wenigsten wollte es dem fanatischen Priester in den Kopf, daß der +Fremde mehr sei, als ein gewöhnlicher weggelaufener Matrose. -- Bruder +Osborne hatte, wie er meinte, so lange und zurückgezogen von der Welt +gelebt, daß er sich durch die schönen Redensarten und Versprechungen +eines jungen leichtsinnigen Menschen vielleicht ebenfalls täuschen +ließe. Er wollte deshalb selber einmal mit ihm reden und dann bald +ausfinden wes Geistes Kind er sei. Es war seine letzte Hoffnung. + +Mr. Osborne selber wünschte dies, weil er dadurch eine bessere Meinung +für den Fremden bei dem strengen Geistlichen zu erreichen hoffte, und +ließ René, der mit Sadie -- jetzt aber freilich seines Versprechens +enthoben -- nach ihrem Lieblingsplätzchen gegangen war, zu sich bitten. + +Mr. Rowe hatte den Lehnstuhl des alten Mannes eingenommen, und saß, das +rechte Bein über das linke geschlagen, den Kopf auf den linken Arm +gestützt, ernst und schweigend wie zu Gericht, den Fremden, der bald +darauf das Zimmer rasch und fröhlich betrat, zu erwarten. + +Schon dessen schnelles, nichts weniger als ceremonielles Eintreten rief +die Falten auf seine Stirn zusammen und die beiden Ellbogen auf die +Lehnen des Stuhles ruhen lassend, die Finger der beiden Hände aber vorn +gefaltet, sah er ihn mit etwas vorgebeugtem Oberkörper unter den dunklen +buschigen Brauen finster an und sagte, ohne den Gruß des Franzosen +anders als mit einem leisen kaum bemerklichen Kopfnicken zu erwiedern, +und ohne zu warten bis der Gast einen Stuhl genommen habe, viel weniger +ihm selber einen solchen anzubieten: + +»Mit welchem Schiff sind Sie hier gelandet, Sir?« + +René sah erst den Frager, dann Sadie'ens Vater erstaunt an, als ob er +hätte sagen wollen -- was bedeutet das? -- bin ich hier vor Gericht +gerufen? -- Mr. Osborne der aber die Unschicklichkeit eines solchen +Betragens fühlte, nöthigte ihn freundlich Platz zu nehmen und bemerkte +dann, fast wie entschuldigend, mit einem Blick auf seinen Collegen: + +»Mein würdiger Freund, hier, lieber René, wünscht sich mit Ihnen kurze +Zeit zu unterhalten. Er ist, wie ich, schon lange Jahre auf diesen +Inseln, und eine unserer Hauptstützen des Christenthums, selbst in den +Zeiten gewesen, wo unsere Aussichten hier trüb und traurig waren, und +wir schon fast die Hoffnung aufgegeben hatten Christi Lehre den Sieg +über blindes Heidenthum zu verschaffen.« + +René verbeugte sich statt aller Antwort noch einmal, wie anerkennend, +gegen den Geistlichen, der jedoch keine Miene dabei verzog und seinen +Blick fest und forschend auf ihn geheftet hielt und sagte, die frühere +Frage jetzt ohne Weiteres beantwortend: + +»Mit dem Delaware -- einem Amerikanischen Wallfischfänger.« + +»Und weshalb verließen Sie Ihr Schiff? -- hatten Sie nicht einen festen +Contrakt für die ganze Reise gemacht?« lautete die zweite, fast noch +schärfere Frage. + +»Sehr werther Herr,« erwiederte ihm jetzt René vollkommen ruhig und +freundlich -- »wollten Sie wohl vorher die Gefälligkeit haben und mir +sagen ob diese Fragen im _Laufe der Unterhaltung_ an mich gerichtet +werden, oder ob es doch gewissermaßen ein Examen sein soll, zu dem ich +berufen bin?« + +Bruder Rowe wollte eben, wahrscheinlich keine gerade freundliche Antwort +darauf geben, als Mr. Osborne, der jedes böse Wort zwischen den Beiden +um alles in der Welt zu vermeiden wünschte, rasch einfiel und gegen René +gewandt sagte: + +»Bruder Rowe nimmt innigen Antheil an Prudentia's Schicksal, da das +Mädchen eigentlich so zwischen uns groß geworden, und es ist besonders +_deshalb_ daß er näheres Interesse für Ihr früheres Leben fühlt.« + +»Ich habe Ihnen, lieber Herr Osborne,« sagte da der junge Mann, »jeden +nur möglichen Aufschluß gegeben, der in meinen Kräften stand, und ich +will das auch mit Freuden diesem Herrn thun, wenn ihn das über Sadie'ens +künftiges Glück zu beruhigen vermag.« + +»_Sadie_?« unterbrach ihn hier der Missionair streng -- »soviel ich weiß +heißt das Mädchen Prudentia -- wobei ich wünsche daß sie ihrem Namen ein +wenig mehr Ehre gemacht hätte -- und ich will nicht hoffen daß man +sogar in dem Hause eines Dieners der Kirche beabsichtigt die alten +heidnischen Namen, die wir nur mit Mühe und Schwierigkeit unterdrücken +konnten, wieder aufleben zu lassen.« + +»Es ist nicht des Heidenthums wegen lieber Herr,« lächelte René, »nur +des Wohlklangs -- Prudentia mag recht hübsch für eine alte würdige +Matrone klingen, aber meinem fröhlichen heitern Mädchen paßt der Name +gerade so, als wenn Sie ihn der Gazelle der Wüste geben wollten.« + +»Und _das_ sind die Ansichten die man hier mit in diese fromme +christliche Gemeinde bringt?« rief der Geistliche, der nur mit Mühe +seinen Zorn über den leichten fröhlichen Ton des jungen Franzosen +bezwang, »das soll der Saamen sein, der ein Baum des Unglaubens seine +Zweige ausbreiten und mit seinem Schatten die Frucht vergiften würde?« + +René sah ihn staunend an, der kleine Mitonare kauerte aber mit vor +Schreck und Entsetzen offenem Munde hinten in der Ecke wieder auf seinem +kleinen Stühlchen, und schien nichts Geringeres zu erwarten, als daß der +schwarze Mann mit dem finstern Gesicht sich jetzt oben aus seinem Himmel +einen kleinen Blitz herunterholen und den ruhig und unbefangen vor ihm +sitzenden kecken Wi--wi zu Pulver brennen würde. + +»Sehr ehrwürdiger Herr,« sagte aber René vollkommen ruhig, denn er +wollte den Mann nicht böser machen, da er wohl sah wie unangenehm das +für seinen alten wackern Freund sein müsse -- »ich hoffe nicht daß Sie +etwas Sündhaftes in einem, dem Ohr wohlklingenden Namen finden werden.« + +Bruder Rowe schien aber darauf nicht weiter eingehen zu wollen und fuhr +fort: + +»Und Sie gedenken sich hier auf dieser Insel niederzulassen?« + +»Mit des Häuptlings und meines väterlichen Freundes Erlaubniß hier -- +ja!« + +»Aber Sie gehören der katholischen Religion an.« -- + +»Ich bin ein Christ,« sagte René ernst -- »was verlangen Sie mehr?« + +Der Missionair biß sich auf die Lippen und Bruder Ezra sah nach oben, +denn der Blitz _konnte_ jetzt nicht länger ausbleiben. + +»Und Ihre Kinder? -- sollen das auch _Christen_ werden?« frug der +Geistliche mit einer fast höhnischen Zweideutigkeit im Tone. René aber +streckte den Arm nach seinem alten Freund aus, und dieses Hand +ergreifend sagte er herzlich: + +»Die soll dieser würdige Mann hier in der Lehre erziehen die _er_ für +die richtige hält -- ich weiß er wird gute Menschen aus ihnen machen -- +der Glaube ist mir gleich.« + +»Der Glaube ist Ihnen gleich?« rief aber jetzt der Fanatiker, wie +ordentlich froh einen Anhaltepunkt gefunden zu haben an der Schwäche des +Gegners -- »und wissen Sie daß Sie mit solchen Grundsätzen hier nur +Unheil und Elend säen werden? ein Christ nennen Sie sich, und dem +Antichrist dienen Sie -- Ihrer Pflicht -- ihrer Verbindlichkeiten im +gesellschaftlichen Leben sind Sie entlaufen, und jetzt wollen Sie sich +einem Volke aufdringen, das sie nur zwischen sich duldet, weil es seinem +Geistlichen glaubt gefällig zu sein, in der That aber, ihm einen gar +schlimmen Dienst damit leistet?« + +René war schon nach den ersten heftigen Worten des Mannes von seinem +Stuhl aufgesprungen. + +»Monsieur,« unterbrach er ihn jetzt fest aber ruhig -- »Ihr Stand, wie +der Ort an dem wir uns befinden schützt Sie vor jeder Antwort auf diese +Unverschämtheit -- ~bon soir~« -- und mit einem stolzen Gruß gegen den +Priester, mit einem freundlichen Kopfnicken aber gegen den Greis, +verließ er rasch das Zimmer. + +Der ehrwürdige Mr. Rowe hatte sich in einen höchst unehrwürdigen Zorn +hineingearbeitet, und er war ebenfalls aufgesprungen und ging jetzt in +dem geräumigen Gemach mit schnellen Schritten, die Hände auf dem Rücken, +die Augen fest auf den Boden geheftet, auf und ab. Der alte Mr. Osborne +aber war erstaunt und empört zugleich über ein so rücksichtsloses, +förmlich unschickliches Betragen, und jetzt nur um so fester +entschlossen dem Mann, der sich weit mehr Autorität über ihn anzumaßen +suchte als er beanspruchen durfte, wissen zu lassen wo seine Grenze sei. +Bruder Rowe mochte aber wohl fühlen daß er ein wenig zu weit gegangen +sei, oder doch mit zornigen Reden an der Sache selber nichts mehr ändern +könne, denn er schwieg von jetzt darüber, und erklärte nur seinem +Collegen, daß er dieses Mal nicht hier predigen, sondern morgen früh, da +noch dazu eine leichte westliche Brise eingesetzt hatte, zurück nach +Tahiti aufbrechen wolle. Mr. Osborne dachte gar nicht daran ihn +zurückzuhalten. + +Am nächsten Morgen hatte er auch, ohne viel mit den Anderen zu +verkehren, seine Vorbereitungen zur Abreise getroffen, während indessen +Mr. Osborne den dringenden Bitten René's nachgab, und die Trauung des +jungen Paares auf den nächsten Tag, als an einem Sonntag, gleich nach +dem Gottesdienst festsetzte. Sie fanden es natürlich nicht für nöthig +Bruder Rowe davon in Kenntniß zu setzen, und erwarteten jetzt wirklich +den Augenblick mit Sehnsucht, wo der kleine Cutter wieder seine Anker +lichten würde. + +So mochte es etwa zehn Uhr Morgens geworden sein, als plötzlich ein +Knabe, der oben über die Hügel gekommen war, die Nachricht brachte, es +nähere sich ein großes Schiff, von Süd-Osten her, der Insel. René war an +diesem Tage viel zu sehr mit seinem Glück beschäftigt gewesen auch nur +einen Blick auf den Horizont zu werfen, jetzt aber, als er auf diese +Nachricht hier rasch nach Sadie'ens Lieblingsplätzchen eilte, von wo man +eine freie Uebersicht über den ganzen südlichen Horizont hatte, genügte +ein Blick dorthin ihn zu überzeugen daß ein, allem Anschein nach volles +Schiff ohne Oberbramstengen, also jedenfalls ein Wallfischfänger, dicht +am Winde liegend, von Süd-Osten gegen die erst seit gestern eingesetzte +Westbrise aufkreuzend, herankam, und unverkennbar die Insel anlaufen +wollte. Mehr ließ sich für den Augenblick noch nicht erkennen, aber dies +war auch hinreichend ihn zu beunruhigen, und mit klopfendem Herzen stand +er da, die Augen fest und unverwandt auf das näher und näher kommende +Fahrzeug geheftet. Er hörte gar nicht wie sich ein leiser, leichter +Schritt ihm näherte, und erst als Sadie ihre Hand auf seine Schulter +legte und seinen Namen flüsterte, schaute er rasch und fast erschreckt +empor, legte dann seinen Arm um sie und zog sie fest und innig an sich. + +Das arme Kind war aber selber zu Furcht erfüllt im Anfang reden zu +können; sie sah nur das bleiche Antlitz des Geliebten und glaubte schon +ihre schlimmsten Besorgnisse eingetroffen. + +»Ist es _Dein_ Schiff?« frug sie endlich mit kaum hörbarer Stimme und +wagte ihm dabei nicht einmal in's Auge zu schauen. + +»Das ist noch nicht möglich zu bestimmen Du liebes Herz,« suchte sie +aber René, wenigstens für den Augenblick zu beruhigen -- »ich kann das +Holz des Schiffes noch nicht einmal ordentlich erkennen, und es +schwimmen hier zu viele Wallfischfänger aller Nationen herum, wenn ich +auch nicht geglaubt hätte daß sie sich noch so spät in der Jahreszeit +hier aufhalten würden« -- setzte er leiser, und fast wie mit sich selber +redend, hinzu. + +Keins sprach von jetzt ab ein Wort mehr, ihre Blicke hingen aber an den +hellen Segeln des Fahrzeugs, das rasch näher und näher kam, und bald für +das Auge des jungen Mannes keinen Zweifel mehr ließ, die Insel selber +sei sein nächstes Ziel. Nur zu bald erhielt er aber sogar völlige +Gewißheit, denn das Schiff war jetzt schon so nahe gekommen, daß er in +dem Außenclüver desselben einen ziemlich großen Theerfleck erkennen +konnte, den er selbst einst mit ungeschickter Hand, als das Segel zum +Ausbessern an Deck lag, hineingegossen hatte. Es war der _Delaware_ und +gerade in dem Augenblick, wo er sich seines Glücks gewiß geglaubt, warf +ihm das tückische Schicksal noch einmal jenes unglückselige Fahrzeug in +die Bahn und drohte Alles Alles wieder mit _einem_ furchtbaren Schlage +zu vernichten. + +Als er damals von Bord entflohen war und sich von seinen Feinden +bedrängt sah, trat er der Gefahr, ja dem Tod wenn es sein mußte, mit +ruhigem unerschüttertem Herzen entgegen; er hatte Nichts zu verlieren +auf der weiten Gotteswelt als sein Leben, und achtete das kaum eines +ernsten Gedankens werth. Jetzt aber stand er nicht mehr allein, hier auf +diesem kleinen Eiland, rings von blauen Wogen umspült, war ihm Alles +Alles geworden was das Herz des Menschen an diese Erde fesseln kann, und +an der Schwelle dieses Glücks wieder solcher Art allein freudlos in die +kalte Nacht gestoßen zu werden, oh das wäre zu grausam -- zu entsetzlich +grausam gewesen. + +Sadie frug ihn nicht weiter, sie las in seinen Blicken die Bestätigung +ihrer schlimmsten Furcht; ihr Herz aber, das sich in mädchenhafter Scheu +an den Geliebten geschmiegt, schlug ihr wieder in dem alten +entschlossenen Muth, mit dem sie ihn damals schon seinen Feinden +entzogen, und plötzlich seine Hand ergreifend, sagte sie rasch und fast +freudig: + +»Sie sollen Dich nicht wieder mit fortnehmen, René, fürchte sie nicht -- +ich kenne alle Schlupfwinkel dieser Wälder und weiß Stellen wo die +weißen Fremden wochenlang suchen und in Verzweiflung zuletzt es aufgeben +müßten je hindurchzudringen. Wir Beide flüchten in den Wald, bis das +Fahrzeug die Insel wieder verlassen hat, und wenn es sein muß trägt uns +mein Canoe nach einer andern Insel, viele Meilen weit entfernt von hier +-- lieber mit Dir in den Wogen zu Grunde gehn, als allein hier ohne Dich +leben René.« + +Und in wilder Leidenschaft warf sie sich an seine Brust, als ob sie +schon jetzt gekommen wären, ihn aus ihren Armen zu reißen. + +»Sieh wie die See da draußen über den Riffen so hoch geht, Du herziges +Lieb,« sagte aber leise und traurig der junge Mann -- »ein Canoe könnte +jetzt nicht leben in dieser Dünung, und ich trüge Dich dem gewissen +Untergang entgegen. Ueberdies könnten wir nicht vor Nacht entfliehen und +bis dahin wird wohl der auf meinen Fang gesetzte Preis Verräther genug +gedungen haben mich einzubringen. Nein ich kann meinem Schicksal nicht +mehr entgehen, und der einzige Trost ist, daß sie mich nicht lebendig +mit sich führen sollen -- oh Sadie, ich glaubte so glücklich zu sein +und lasse Dich jetzt nun allein und trauernd hier zurück.« + +»Nein nein, habe guten Muth,« bat aber das Mädchen -- »glaube auch nicht +daß die Bewohner dieser Insel so falsch und treulos wären. Damals, als +sie Dich noch nicht kannten, war es eine andere Sache; von fremden +Seeleuten haben sie bis jetzt fast meist nur Noth und Aerger gehabt, und +es hätte vielleicht kaum des gebotenen Preises bedurft Dich auf Dein +Schiff zurückzuliefern. Jetzt gehörst Du jedoch zu uns -- die Männer +wissen daß Dich mein Pflegevater gern hat, und ihn lieben sie wie ihren +eigenen Vater. Ja es giebt auch wohl Schlechte unter ihnen, die Dich +vielleicht verriethen wenn sie es heimlich thun können, aber sie würden +es jetzt nicht um den größten Lohn wagen dürfen, sie wären sonst +ausgestoßen für immer. Doch komm zurück zum Haus -- sieh das Schiff +umsegelt die Insel und wird wahrscheinlich auf derselben Stelle sein +Boot wieder an's Ufer schicken, wo es Dich damals landete -- wir wollen +indeß mit meinem Vater bereden was am Besten für Dich zu thun sei, und +dann rasch und entschlossen handeln -- es ist ja nicht das erste Mal daß +Sadie Dich führt,« setzte sie mit einem wehmüthigen und gar so innigen +Lächeln hinzu, »Du bist ihr das erste Mal gefolgt, da Du mich noch gar +nicht kanntest -- wolltest Du jetzt zurückbleiben?« + +René preßte die Geliebte fester an sich, und hielt sie in einem langen +Kuß an seinem Herzen, aber sie wand sich endlich aus seinen Armen und +seine Hand wieder, wie in früherer Zeit ergreifend, wollte sie eben mit +ihm hinunter zum Hause gehn, als ihnen von dort der alte Missionair mit +einem anscheinend ziemlich schweren Korb entgegenkam, und mit ihnen +zurück zu der kleinen Terrasse ging. René setzte hier den Korb, den er +ihm abgenommen, auf die Erde nieder und der Greis sagte, nachdem er nur +einen flüchtigen Blick auf seine Kinder geworfen, ohne weitere +Umschweife: + +»Ich hab' es mir gedacht, daß es das unglückselige Schiff sei, als ich +nur hörte daß es dicht bei dem Wind die Insel anlaufe, und den +prachtvollen Westwind versäume nach Nord-Osten aufzuhalten. Doch wir +müssen jetzt _handeln_ Kinder, nicht lamentiren und traurig sein. Ich +war erst Eurer Verbindung entgegen, nun aber, da die Sache doch einmal +so weit gediehen ist, will ich Euch auch nicht Beide unglücklich wissen, +so lange ich es noch verhindern kann -- aber Zeit dürfen wir auch nicht +mehr verlieren. Ich habe in dieser Sache einige Erfahrung, und schon +viel in meinem Leben, gerade hier auf den Inseln mit Wallfischfängern +verkehrt, denen Matrosen entlaufen waren. Die Capitaine sparen nicht +mit den Belohnungen die sie auf den Einfang setzen, denn die Leute +müssen das ja nachher selber von ihrem verdienten Gelde abbezahlen -- +sie bieten oft enorme Summen, hinreichend einen armen Insulaner, so gut +und brav er auch sonst sein möchte, zu verführen -- sie haben aber auch +keine lange Zeit sich aufzuhalten, besonders wenn es erst einmal so spät +in der Jahreszeit ist wie jetzt, wo sie nachher noch die Sandwichsinseln +anlaufen müssen Erfrischungen einzunehmen und sich auf ihren Sommerzug +in das Eismeer vorbereiten. Dies Schiff kann aber kaum dort noch zu +guter Zeit eintreffen, wenn es nicht eine sehr schnelle Reise nach +Oweyhy oder Woahu hat und es läßt sich denken daß der Capitain hier +nicht wochenlang, eines einzelnen Mannes, und noch dazu eines +gewöhnlichen Matrosen wegen, herumliegen wird. Vor allen Dingen ist es +also nöthig Sie aus dem Weg zu bringen, damit Sie nachher Niemand +verrathen _kann_, wenn ihm auch Gelegenheit dazu geboten würde, das ist +jedenfalls das Sicherste, und dazu habe ich mir einen passenden Platz +ausersehn.« + +»Ich führe ihn in die Berge, Vater,« sagte Sadie -- »oben in den niedern +Hügeln stehn einzelne Palmenhaine, und in der breiten Krone einer dieser +Palmen kann er tagelang versteckt liegen. Ich weiß eine von ihnen die +mein Bruder und ich in's besonders hergerichtet und ausgeschlagen haben +-- den Platz kennt Niemand als ich selber, denn der Bruder ist ja todt +und kein Pfad führt dorthin, kein Weg oder Steg und doch will ich die +Stelle im Dunkeln finden.« + +»Der Platz wäre zu einer anderen Jahreszeit, und wenn wir keinen +besseren hätten, vielleicht recht gut,« lächelte der Greis, »jetzt aber, +wo es fast jede Nacht in schweren Schauern niederfällt, möchte der +Wipfel einer Palme, besonders wenn es sich nicht um Stunden sondern um +Tage handelt, doch ein fataler Aufenthaltsort sein. Nein, Du kennst das +~Ihiamoea~ Prudentia -- jenes letzte Ueberbleibsel aus der alten +Heidenzeit. Es ist das ein kleines Gebäude, früher dem Gott ~Oro~ +geweiht, das jedenfalls auch mit allen übrigen derartigen Heiligthümern +jener Zeit vernichtet wäre, bestände nicht auch zugleich in der Familie +des jetzigen Oberhauptes der Insulaner eine alte Sage, daß der König +sterben müsse sobald das Gebäude zusammenfiele. Sämmtliche Vorstellungen +der Missionaire sind bis jetzt erfolglos gewesen sie von der Thorheit +solchen Glaubens zu überzeugen, ja Einer unserer Brüder hätte beinah +einst sein eigenes Leben eingebüßt, als er in vielleicht etwas +übertriebenem Diensteifer selber Hand daran legen wollte. Nur zwei +Personen sind auf der Insel die es jährlich einmal besuchen, der ~fua~ +oder König, ~Jeremias Aitaua~ (der Rächer), wie ihn Bruder Rowe getauft +hat, und dessen Sohn; beide nur, um ein frisches Dach aufzulegen oder +das alte, wenn es noch gut ist, nachzusehen. Das ist wenigstens die +Entschuldigung, denn ich fürchte fast, daß sie dort doch noch, trotz +ihrem angenommenen Christenthum, heimlich einige ihrer heidnischen +Ceremonien feiern; da sie es aber allein thun, können wir Nichts dagegen +machen, und die kleine von Stein dauerhaft aufgerichtete Hütte wird +darum, so gut unterhalten, wohl noch mancher Regenzeit trotzen. Dorthin +magst Du René führen. -- Keiner der Eingeborenen getraut sich den Platz +zu betreten und die Weißen könnten wochenlang ihre Zeit vergeuden, ehe +sie ihn auffänden. Hier dieser Korb mit Provisionen wird ausreichen, wo +nicht, findet sich schon wieder einmal Gelegenheit neue Zufuhr +hinaufzuschaffen, obgleich ich fest überzeugt bin daß sich das Schiff +keine vierundzwanzig Stunden an der Insel aufhält.« + +»So will ich zum Haus gehn und meine Waffen holen,« sagte René. + +»Sie sind in diesem Korb,« erwiederte ihm aber der Greis -- »es ist auch +weit besser daß Sie sich gar nicht wieder am Hause blicken lassen, denn +neugierige Augen folgten Ihnen doch, und wenn ich auch nicht glaube daß +Einer der hiesigen Leute zum Verräther werden würde, so ist es doch, wie +gesagt, besser ihnen auch selbst die Möglichkeit zu nehmen verführt zu +werden. Gehn Sie gleich von hier ab, und Prudentia kennt die Richtung +gut genug, so weiß kein Mensch wo Sie geblieben sind. Aber Prudentia muß +auch, so schnell als nur irgend möglich wieder zurückkehren, und ich +hoffe daß dieser Kelch glücklich an uns vorübergehen wird.« + +»Lieber, väterlicher Freund --« sagte der junge Mann gerührt, und +streckte dem Greis die Hand entgegen. Dieser aber wollte auch die jungen +Leute nicht sehen lassen wie weh und ängstlich ihm selber, trotz seiner +angenommenen Zuversicht, zu Muthe war, und sagte mit einem wohl etwas +erzwungenen Lächeln: + +»Keinen Abschied, René -- das ~Ihiamoea~ liegt nicht am andern Ende der +Welt, daß wir --« + +»Ich muß Sie _hier_ wohl aufsuchen, Bruder Osborne!« sagte in diesem +Augenblick, dicht hinter ihnen die Stimme des Bruder Rowe mit zwar +ruhigem aber doch etwas scharfem Ton -- »wenn ich überhaupt Abschied von +Ihnen nehmen will -- Sie scheinen ganz vergessen zu haben daß ich im +Begriff bin aufzubrechen.« + +Die drei Menschen schauten sich um als ob sie auf einem Verbrechen +ertappt wären, und das kalte, theilnahmlose Gesicht des Priesters war +ebenfalls nicht geeignet jedes unangenehme Gefühl solcher Ueberraschung +zu mildern. Der Geistliche schien dies aber gar nicht zu bemerken, oder +wenn er es bemerkte, zu beachten; gegen Sadie die Hand ausstreckend +legte er dem Mädchen, das seine Rechte ergriff und küßte, wie segnend +die Linke auf das Haupt, neigte dann seinen Kopf gegen René, der diese +kalte Höflichkeit ebenso formell erwiederte, und ging, Mr. Osborne's Arm +nehmend, mit diesem nach der Landung hinunter. + +»Und nun komm,« flüsterte Sadie, als das dichte Guiavengebüsch die +Männer ihren Blicken entzogen -- »nun komm René und gebe Gott daß ich +Dir recht recht bald die frohe Botschaft Deiner Erlösung bringen kann.« + +Wenige Secunden später schloß sich der Wald hinter ihnen, und der kleine +freundliche Platz lag still und einsam im Schatten seiner rauschenden +Palmen. + +Der Missionscutter war indeß zur Abfahrt gerüstet, Bruder Rowe traf noch +einige Anordnungen zu dem nächst zu haltenden Osterfest zwischen den +Insulanern und verließ dann, mit einem frommen »Der Herr segne und +behüte Euch« -- die Insel. + +Mr. Osborne hatte kein Wort gegen ihn erwähnt, daß das Schiff was die +Insel passirt war, dasselbe Fahrzeug sei, von dem René entsprungen war +-- er hielt es für besser die Sache mit keiner Sylbe weiter zu berühren. +Auch Bruder Rowe kam nicht wieder auf die Verheirathung der beiden +jungen Leute zurück; er mochte auch wohl einsehen, daß jede weitere +Vorstellung oder Einsprache unnütz sein würde. + +Der Cutter war zuerst nach Mitiaro bestimmt, der ehrwürdige Mann hatte +aber vorher die Indianer die ihn führten noch beordert in dem +Binnenwasser der Insel am Ufer hinaufzuhalten, da er zuerst noch einmal +den König an der andern Seite zu besuchen, und Rücksprache mit ihm über +eine Betversammlung zu nehmen habe. + + + + +Capitel 7. + +#Der Verrath, und wie sich beide Theile dabei irrten.# + + +Am nördlichen Ufer der Insel war indessen Alles in Aufregung, denn das +Wiedererscheinen des Schiffes, an das keiner der Insulaner fast mehr +gedacht hatte, bot Ursache genug das sonstige Stillleben zu +unterbrechen, hätten Manche von ihnen auch gerade _nicht_ Grund gehabt +zu wünschen, daß es seinen Weg nicht wieder hierher gefunden habe. + +Der König dachte natürlich mit einiger Beunruhigung an die Geschenke, +die er unter der Bedingung überliefert bekommen hatte, den Flüchtling +einzufangen und wo waren diese Sachen jetzt alle geblieben? -- wo war +der Flüchtling? -- Wer aber konnte auch wissen daß das Schiff nach so +langer Zeit zurückkehren würde, und eine Ausrede war bald gefunden. Als +der erste Harpunier wieder wie früher an Land kam und nach dem Mann +frug, erwiederte ihm der rasch herbeigeholte Raiteo -- denn der König +schämte sich vielleicht vor seinem eigenen Volk, dem weißen Mann etwas +vorzulügen -- mit keineswegs christlicher Unverschämtheit, sie hätten +den Flüchtling damals eingefangen und drei volle Wochen auch eingesperrt +gehalten und gefüttert, wie aber das Schiff gar nichts mehr habe von +sich hören oder sehen lassen, da seien sie endlich genöthigt gewesen ihn +wieder frei zu lassen. Seit der Zeit sei er aber ebenfalls verschwunden +und sie glaubten er wäre mit einem kleinen Schooner, der neulich einmal +die Insel anlief, nach Tahiti oder einer der dortigen Inseln gezogen. + +Das Ganze schien wahrscheinlich genug, dennoch war der alte Seemann zu +bekannt mit diesem Volk um ihnen sogleich, auf die erste Bestätigung +hin, die erste beste Geschichte auch zu glauben. Sie hatten einmal den +Fanglohn weg, den der ~fa-u~ jetzt, wie Raiteo mit vieler +Geistesgegenwart weiter log, für die so lange Unterhaltung des +Gefangenen beanspruchte, und er sah wohl ein, daß er auf's Neue einen +Preis aussetzen mußte. Auch hierin schien er wieder Schwierigkeiten zu +finden, aber aus den langen Unterhandlungen die nach den neuen +Versprechungen gehalten wurden, merkte der alte Harpunier deutlich +genug daß der Matrose noch jedenfalls auf der Insel sein mußte, und der +Sache ein Ende zu machen, denn die Sonne neigte sich schon ihrem +Untergang, bot er dem König funfzig spanische Thaler -- ein wahrer +Reichthum für seine Verhältnisse -- wie noch andere Güter die er mit im +Boot führte, wenn er den Entsprungenen noch diesen Abend, oder +wenigstens diese Nacht in seine Hände liefere. + +Raiteo ließ sich die Summe zweimal wiederholen und sogar, ganz sicher zu +sein, an den Fingern vorzählen, denn er traute seinen eigenen Ohren kaum +eine so ungeheuere Quantität baaren Geldes -- ohne alle die übrigen +Herrlichkeiten -- in den Bereich ihres Arms zu bringen. Trotzdem +schüttelte aber der ~fa-u~ mit dem Kopf -- er wollte mit der Sache, der +sich sein alter Freund der Missionair angenommen hatte, nichts mehr zu +thun haben, und sagte Raiteo er möge die Fremden bedeuten den Mann +selber zu suchen, wenn sie glaubten daß er noch hier auf der Insel sei. + +Der Harpunier nahm jetzt den Burschen, dem er wohl ansah zu was er mit +Geld gebracht werden konnte, in Englisch vor, und bot ihm die Summe +allein, wenn er ihm den Flüchtling diese Nacht ausliefern wolle. +Hiergegen erklärte ihm aber Raiteo ganz offen der Mann sei allerdings +noch da, so geschwind ließe sich das aber unter keiner Bedingung +anstellen. Er habe die Zeit über, am andern Ende der Insel, auf der +Mission gewohnt, das Schiff als es von dort heraufkam aber auch +jedenfalls sehen können, und sei jetzt wieder irgendwo im Wald +versteckt, wo er allein morgen wenigstens den ganzen Tag brauchen würde +ihn nur aufzuspüren, und selbst dann sei es eine schwierige Sache, da +der König nichts damit zu thun haben wolle, und er selber nachher, +vielleicht seines Lebens auf der Insel nicht wieder froh würde. Er +verdiene gewiß gern den hohen Preis, wenn sich aber weißer Mann Capitain +nicht dazu entschließen wollte zwei drei Tage auf der Insel zu bleiben +und auch womöglich noch mehr Leute herüberzubringen, so sehe er keine +Möglichkeit seinen Zweck zu erreichen. + +Das ging nicht an, das Schiff hatte sich überdies schon, durch einige +Spermfische gerade damals aufgehalten als sie wieder nach Norden auf +kreuzen wollten, in der Jahreszeit verspätet, und der Capitain erst +nicht einmal, trotzdem daß sie die Insel passirten, wieder anlaufen +wollen, aber jedenfalls nur bis nächsten Morgen mit Tagesanbruch den +äußersten Termin gesetzt -- war es bis dahin nicht möglich den Mann +wieder zu bekommen, so mußten sie es aufgeben, und der alte Seebär +wollte sich eben, mit einem zwischen den Zähnen durchgebrummten +Kraftfluch hineingeben und an Bord zurückkehren, als der kleine +Missionscutter in Sicht kam und das hinten angehängte Boot gleich darauf +den ehrwürdigen Mr. Rowe an Land brachte. + +Der Missionair hatte noch einiges mit dem ~fa-u~ zu bereden und der +Harpunier zögerte einen Augenblick am Ufer -- er konnte die Schwarzröcke +nicht gut vertragen, aber eine Frage that auch keinen Schaden, und der +Mann kam gerade von dort her, wo sich der Flüchtling aufgehalten. + +Bruder Rowe fühlte vielleicht eine gleiche Sympathie für diese Art +Leute, er war aber nichts destoweniger freundlich gegen den Seemann, und +beantwortete seine Fragen auf das leutseligste aber ausweichend. -- +Raiteo der mit offenem Munde dabeistand, kam es vor, als ob er mit der +Sache nichts zu thun haben wolle, denn darum wissen mußte er. + +»Sehn Sie, Mr. -- wie mag Ihr Name sein?« -- + +»Rowe.« -- + +»Ah -- Mr. Rowe,« sagte der alte in seinem Geschäfte schon ergraute +Seemann -- indem er fast unwillkürlich neben dem langsam längs dem +Strande hergehenden Priester herschritt, wodurch sie sich von Raiteo, +der ihnen ja nicht folgen durfte, entfernten. »Es ist nicht wegen dem +einen Burschen daß wir uns solche Mühe geben ihn wieder zu bekommen -- +was das belangt, so könnten wir eher noch zwei dazu entbehren, ehe wir +gerade jetzt einen einzigen Tag hier versäumten, aber es ist wegen dem +bösem Beispiel -- sehn die Canaillen daß sie fortkommen _können_, dann +läuft uns auf den Sandwichsinseln nachher am Ende der ganze Schwarm +davon. Kriegen wir aber so einen Burschen wieder, und auch schon während +wir uns Mühe danach geben, so sehen doch die Andern daß es ihnen nicht +so ganz leicht gemacht wird und hingeht, und besinnen sich zweimal, eh' +sie die Beine in die Hand nehmen. Auf den Preis kommts uns dabei nicht +an, denn kriegen wir sie nicht, so bezahlen wir ja auch Nichts, als +vielleicht ein Bischen Lumperei an Spielkram, und kriegen wir sie, nun +dann müssen sie's selber von ihrem Theil abtragen.« + +»Haben Sie einen hier von den Insulanern, dem Sie glauben vertrauen zu +können?« frug ihn der Missionair jetzt, und drehte sich, wie im +Gespräch, halb nach ihm um, zu sehn ob ihnen Niemand folge. -- »Könnten +Sie einen der Leute hier bewegen Sie zu führen?« + +»Führen? -- gewiß,« brummte der Harpunier -- »wenn ich nur wüßte wohin.« + +»Ich kann mich, meiner Stellung wegen, nicht mit solchen Sachen +befassen,« erwiederte ihm indirekt hierauf der Geistliche -- »Sie werden +aber auch wohl als vernünftiger Mann einsehn, daß es mir nicht +gleichgültig sein kann dabei, meist gewissenlose Menschen zwischen die, +kaum einem etwas civilisirten und religiösen Leben gewonnenen Insulaner +geworfen zu sehen.« + +»Nein gewiß nicht -- kann ich mir denken -- ist ganz natürlich« -- +brummte der Harpunier dabei zwischen den Zähnen durch, und warf nur +manchmal einen Seitenblick auf den Geistlichen, als ob er hätte sagen +wollen: »nun was steckt dahinter? -- wo will der hinaus?« + +»Mir liegt also,« fuhr Bruder Rowe hier wieder fort -- »gewissermaßen +ebensoviel daran den entsprungenen Matrosen wieder von hier zu entfernen +als Ihnen daran gelegen ist ihn wieder zu bekommen.« + +»Ja sagen Sie mir nur wie!« platzte der Alte, dem die Vorrede zu lange +dauerte, heraus. + +»Unter der Bedingung daß Sie meinen Namen nicht dabei nennen, und auf +eine Entschuldigung oder vielmehr Ausrede, dem Eingeborenen gegenüber, +den Sie zu Ihrem Führer nehmen, denken wollen, kann ich Ihnen den Platz +so genau angeben wo er versteckt ist, daß Sie nicht die mindeste +Schwierigkeit haben werden ihn zu finden -- ja noch mehr, der Ort liegt +so vortrefflich ihn zu umstellen, daß Sie, wenn Sie Ihre Maßregeln gut +treffen, ihn sicher in Ihre Gewalt bekommen _müssen_.« + +»Aber was soll ich dem alten Fuchs dem Raiteo weiß machen,« sagte der +Harpunier sinnend, »er hat gesehn wie wir jetzt hier miteinander +sprechen und ich kann es ja nicht gut von irgend einem Andern gehört +haben.« + +Der Missionair blieb einen Augenblick stehn -- dann sagte er bedächtig: + +»Machen Sie sich nachher mit einem meiner Bootleute etwas zu schaffen +und sprechen Sie mit ihm über irgend einen Gegenstand. -- Sie können +Raiteo dann sagen daß Sie es von dem erfahren haben; ich bin ziemlich +fest überzeugt daß ihn Raiteo nicht wieder danach fragen wird.« + +»Und wo ist der Platz?« frug der Harpunier. + +»Erkundigen Sie sich bei Raiteo,« sagte der Geistliche leise -- »ob er +ein Haus Namens ~Ihiamoea~ auf der Insel kennt. -- ~I-hi-a-mo-e-a~ -- +können Sie den Namen behalten?« + +»Er ist verdammt lang,« brummte der Harpunier -- »~I-hi-ma-nu~«. + +»~I-hi-a-mo-e-a~,« wiederholte der Missionair. + +Der Harpunier repetirte das Wort ein paar Mal leise vor sich hin und +sagte dann: + +»Ich denke so wird's gehn, und da steckt er also -- aber kennt Raiteo +den Ort?« + +»Genau genug,« lautete die Antwort. »Sie werden ihm aber einen guten +Lohn versprechen müssen, denn die Insulaner haben eine gewisse Scheu vor +jener Gegend.« + +»Er soll die ganzen funfzig Dollars haben wenn er uns heute Abend noch +hinführt!« rief der Seemann rasch -- »und Gott straf mich -- noch Alles +in Sachen dazu, was im Boot liegt -- wenn wir den Kerl nur kriegen. Ich +habe noch außerdem mein besonderes Gift auf ihn.« + +»Gut, dann verlieren Sie keine Zeit mehr,« sagte der Missionair, wieder +nach den Gebäuden, wo noch die übrigen standen, zurückkehrend. »Können +Sie sich aber auch auf Ihre andern Leute verlassen, daß Sie am Ende +nicht, anstatt Einen zu fangen, das Uebel noch verschlimmern und mehre +dabei einbüßen?« + +»Wir sind diesmal gescheuter gewesen, als das erste Mal,« erwiederte der +Harpunier -- »und haben gar keine Matrosen, sondern nur Officiere im +Boot zum Rudern mitgenommen -- die Leute sind sämmtlich Harpunier oder +Bootsteurer, die laufen schon seltener weg, weil sie weit höhern Antheil +bekommen und auch überhaupt eine Carriere zu machen haben -- es sind nur +die verwünschten Matrosen die durchbrennen, weil sie sichs gewöhnlich +ein Bischen zu hübsch auf einem Wallfischfänger gedacht haben.« + +Sie waren indessen wieder zu des Königs Hause gekommen, welches der +Missionair jetzt betrat das Wetter abzuwarten, das gerade im Osten +heraufzog und schon mit drohenden Wolken über dem Horizont hing. Der +Harpunier wechselte indessen mit seinen Leuten einige Worte, und ging +dann nach den beiden mit dem Cutter gekommenen Insulanern zu, die unfern +ihres eigenen Bootes auf den Corallen saßen und sich eine kleine Cigarre +aus ihrem inländischen Tabak und Bananenblättern drehten. Er blieb +einige Zeit bei diesen stehn, und ging dann, als er Raiteo gerade über +sich am Rande des Gehölzes bemerkte, rasch auf diesen zu. + +»Raiteo,« sagte er hier dem aufmerksam Zuhorchenden -- »willst Du in +dieser Nacht Dein Glück machen und ein reicher Mann werden? Du kannst +funfzig Dollar und den ganzen Plunder verdienen der da im Boot liegt.« + +»In dieser Nacht?« erwiederte Raiteo kopfschüttelnd -- »habe weißen Mann +Capitain schon gesagt daß es so schnell nicht geht -- und ist immer ein +bös Stück Arbeit -- kann nicht.« + +»Aber Du kannst« -- sagte der Harpunier -- »kennst Du ein kleines Haus +hier irgend wo auf der Insel, das sie ~I-hi~ warte einmal -- verdammt +-- ~I-hi-mano~ --« + +»~Ihiamoea~?« sagte Raiteo rasch und leise und sah den Fremden erstaunt +an -- »und ist der weiße Mann im ~Ihiamoea~?« + +»Verdamme mich, wenn Du den Namen nicht wie am Schnürchen hast,« lachte +der Wallfischfänger -- »~Ihiamoea~ kannst Du uns dorthin noch heute +Abend führen?« + +»Und wer hat Euch den Platz angegeben?« frug der Insulaner, und seine +Augen suchten fast unwillkürlich die Stelle wo der Missionair noch vor +dem Hause des ~fa-u~ stand. + +»Einer der Burschen dort im Boot,« erwiederte ihm der Seemann -- »sie +wollens aber nicht gern wissen lassen, daß die Nachricht von ihnen kommt +-- ich hab' ihnen fünf Dollar dafür gegeben.« + +»Hm« -- brummte Raiteo und schaute nach den Bootsleuten hin, die ruhig +und abwechselnd ihre kleine dütenförmige Cigarre rauchten, und wieder +nach dem Missionair hinüber; dann aber, den Kopf zurückwerfend als ob er +hätte sagen wollen »was gehts mich an« gab er dem Harpunier ein Zeichen +ihm etwas weiter in den Wald hinein zu folgen, und hatte nun mit diesem +in wenigen Minuten das Nöthige besprochen. Das ~Ihiamoea~ war ein +kleines niederes Gebäude mit einem Gemach und zwei Ausgängen, das oben +auf einem der Hügel, im wildesten Dickicht und dichtesten Walde lag; +aber auf einem etwa funfzig Schritt breiten, vollkommen freien Raum +stand, und also mit größter Leichtigkeit umzingelt und besetzt werden +konnte. In etwa anderthalb Stunden konnten sie es von hier aus erreichen +und das aufsteigende Wetter begünstigte jedenfalls ein solches +Unternehmen. Raiteo aber, so gierig er war das Geld zu verdienen, +scheute sich eben so sehr seinen Namen dabei genannt zu wissen, als der +Missionair. Er zeigte ihm deshalb jetzt den Pfad, auf dem sie sich +gerade befanden, und der durch eine dichte Pandanus-Niederung hinführte +-- diesen sollte der Harpunier mit seinen Leuten, sobald es dunkelte, +etwa 300 Schritt weit folgen, und dann pfeifen, und Raiteo würde ihn von +da bis zu dem Haus führen und ihm angeben wie er es umstellen könne -- +in das Haus aber bedung er sich gleich von vorn herein aus, ging er +nicht hinein; »die alten hier unten vertriebenen Götter saßen noch dort +oben darin, und wenn sie auch einem weißen Mann wohl nichts anhaben +konnten, so liefe doch ein Eingeborener die tödtlichste Gefahr an Leib +und Seele.« + +Ueber die Ausbezahlung wurden sie ebenfalls einig, Raiteo bekam fünf +Dollar im voraus, was ihn soviel gieriger auf das übrige machte, und der +Rest sollte ihm ausbezahlt werden, wenn sie den Entsprungenen gebunden +in ihrer Gewalt hätten. + +Der Abend setzte ein, wie es das Wetter klar genug angedeutet; einzelne +Windstöße und Regen was vom Himmel herunter wollte. Der Wallfischfänger +war indeß näher herangekommen, wo er durch das hohe Land gegen die Böen +ziemlich geschützt lag und sich nicht in der mindesten Gefahr befand auf +die Klippen getrieben zu werden, von denen ihn Wind und Strömung +zugleich absetzten; in kurzen Gängen war es nur eben Alles was er thun +konnte, daß er sich auf seiner Stelle hielt. + +Der Missionair hatte die Insel ebenfalls nicht verlassen, obgleich er +lieber der durch ihn gewissermaßen herbeigeführten Katastrophe aus dem +Wege gegangen wäre; auf See aber etwas ängstlich fürchtete er das Wetter +möchte noch schlimmer werden und wollte sich da nicht in seiner +Nußschaale von einem Fahrzeug den Wogen anvertrauen. + +Das Zeichen für den Harpunier an Bord zu kommen, wenn etwa in der Nacht +möglicher Weise etwas vorfiele, sollten zwei Kanonenschüsse sein. + + * * * * * + +René war indessen durch seine liebe Führerin glücklich an den Ort seiner +Bestimmung gebracht und schon der Weg dahin überzeugte ihn, daß +Europäer den Platz nimmer in wenigen Tagen auffinden könnten, hätten sie +selbst gewußt daß ein solcher Schlupfwinkel hier existire, und von den +Insulanern konnte ja auch keiner glauben daß ihm diese Stelle bekannt +sei. Ebenso hatte er das aufsteigende Wetter bemerkt, und nicht ohne +Grund durfte er hoffen daß es den Wallfischfänger zwingen konnte, die +Insel vielleicht sogar eher zu verlassen, als er im Anfang beabsichtigt. +Daß aber auch Sadie nicht von dem Wetter überrascht werde, trieb er +diese selber mit zärtlicher Besorgniß zum schleunigen Heimweg an, und +das schöne Mädchen flog mehr als sie ging den Pfad zurück, denn sie +wußte ja daß sie, je eher sie wieder am Hause sei, desto sicherer auch +den geringsten Verdacht niederschlagen müsse, der Fremde habe einen so +weitentlegenen Platz als das ~Ihiamoea~ zu seinem Zufluchtsort gewählt. +-- An den Missionair dachte Niemand. + +Der Platz selber war für so kurzen Aufenthalt wohnlich genug; gegen Wind +und Regen vollständig durch ein gutes Dach und fast fußdicke vielleicht +sechs Fuß hohe Steinmauern geschützt, lag selbst eine breite aus dem +dortigen Schilfgras geflochtene Matte in der Mitte der Hütte -- ein +Beweis mehr daß der alte Missionair recht hatte wenn er glaubte, der +christlichste König dieser Insel hänge noch etwas an dem alten +Heidenthum. Doch wie dem auch sei, es kam René hier vortrefflich zu +statten. + +Vor allen Dingen sah er jedoch nach seinen Waffen, steckte sein Messer +in den Gürtel, den er immer trug und untersuchte die Terzerole -- aber +der alte Mann hatte in der Eile das Pulverhorn vergessen, und wenn auch +das Pulver noch ziemlich trocken aussah, war ihm doch nicht viel zu +trauen. + +»Nun ich werde sie hoffentlich nicht brauchen,« murmelte er leise für +sich hin -- »besser wär's aber doch ich wüßte sie sicher -- es giebt +Einem immer mehr Zutrauen eine gute Waffe in der Hand zu haben.« Bei den +Waffen lagen aber auch eine Masse Lebensmittel und mit doch weiter +keiner anderen Beschäftigung machte er sich über den Korb her, die +Leckerbissen vorzunehmen, die ihm der gute alte Mann, mit einem paar +Flaschen Wein und Cocosnußmilch zusammengemischt, eingepackt hatte. + +So vergingen ihm die Stunden rasch -- ein paar Mal trat er in die +vordere Thür der Hütte, vielleicht einen Blick in's Freie zu gewinnen, +aber der Wald umgab das kleine Heiligthum einer früheren Zeit hier zu +hoch und dicht, auch nur einen Blick über dessen äußerste Grenzen zu +gestatten, und er warf sich zuletzt, ermüdet vom Umhergehn in so engem +Raume, auf die Matte, und schaute träumend auf die kahlen Steinwände, +die in früherer Zeit wohl Zeuge mancher wildromantischen Scene, +vielleicht manchen furchtbaren Opfers gewesen waren. + +»Und wo seid Ihr jetzt -- Ihr stolzen Herrscher dieser Haine -- Oro, Du +kriegerischer Gott, Hiro, Du schlauer Beschützer der Diebe, Teroro, Du +Sturmerwecker, Tane, Du Herrlicher und Ihr Alle, Alle, die Ihr früher in +dem Rauschen der Palmen, in dem Donnern der ewigen Brandung zu Euern +Kindern spracht? -- Sie haben sich losgesagt von Euch, umgeworfen Euere +Altäre, in den Wind verweht selbst Eure Namen, und das Kreuz, von +einzelnen Fremden aufgepflanzt, hat wie mit einem Schlage Euer +Jahrhunderte bestandenes Reich vernichtet. Aber solltet Ihr auch diese +Haine, die einst Eure Macht sahen, so schnell und leicht haben verlassen +können? wandelt Ihr vielleicht nicht selbst jetzt noch in den dunklen +Schatten der Fruchtbäume, um die Stellen wo früher Euere Altäre +gestanden, und schauet mit finsterem Groll auf die Tempel eines neuen +Gottes, vor dem Euere abtrünnigen Kinder _jetzt_ ihre Kniee beugen? +Umschwebst nicht Du selbst, furchtbarer Oro diese Dir einst, ja +vielleicht selbst jetzt noch geweihte Stätte, und blickst zürnend auf +den Fremden nieder, der sich, ein ungeladener Gast über Deine Schwelle +gedrängt hat? -- Zürne mir nicht, hätte nur ich, von all den weißen +Fremden diese Ufer betreten, Du herrschtest _noch_ hier, in all Deiner +Herrlichkeit, ich hätte Deinem Volke seine Götter und seinen Frieden +gelassen, und wer weiß ob sie nicht glücklicher -- besser geblieben +wären.« + +Lange noch lag er sinnend und träumend auf der Matte, bis die +einbrechende Nacht ihre Schatten niedersandte, und mit diesen der Regen +laut und schallend auf das schilfige Dach der Hütte niederschlug. War er +hier aber auch vor diesem geschützt, so fand er doch eine andere Plage +-- eine wahre Unzahl von Mosquitos stellten sich schon mit der Dämmerung +ein, und umschwärmten ihn jetzt als sicher unverhoffte und gute Beute zu +Tausenden. + +Im Anfang suchte er sich ihrer zu erwehren, zuletzt aber gab er das auf +und streckte sich, nur sein Taschentuch über das Gesicht breitend, auf +die Matte aus, der Nacht so viel Schlaf als möglich abzustehlen. Er +fühlte sich vollkommen sicher daß der Wallfischfänger, wenn er überhaupt +noch an der Insel sei, _diese_ Nacht gewiß Nichts unternehmen werde ihn +wieder zu bekommen, und ärgerte sich fast, die bisherige Wohnung und +Sadie'ens Nähe verlassen zu haben. + +Eine Stunde hatte er etwa so gelegen, aber er war nicht im Stande +einzuschlafen, die Mosquitos trieben es zu arg, und schienen +fortwährend in neuen unersättlichen Schaaren heranzuströmen. + +»Das ist ein schöner Polterabend,« brummte er leise vor sich hin -- »und +mein armes Mädchen sitzt indeß allein daheim und ängstigt sich um den +fernen Freund -- ha! --« + +Er fuhr in die Höh' und horchte, schüttelte aber dann lächelnd mit dem +Kopf und murmelte: + +»Das war wie in alter Zeit, als ich noch mit Adolphe in Canadas Wäldern +jagte -- das klang genau wie sein Jagdruf -- der schrille Ton einer +kleinen, an der französichen Küste heimischen Möve.« + +»Aber Wetter noch einmal!« rief er plötzlich in einiger Unruhe +aufspringend -- »und wenn das nun doch am Ende Adolphe selber -- aber es +ist ja nicht möglich -- wie hätte er diesen Ort auffinden können.« + +Nichtsdestoweniger tappte er nach seinen Waffen herum, die neben ihm auf +der Matte lagen, und steckte sie zu sich. Der Regen hatte jetzt für +kurze Zeit nachgelassen, und nur die schweren Tropfen fielen draußen +noch von den Zweigen nieder. Schlafen konnte er doch nicht, also stand +er auf und ging an die Thür die, halbangelehnt, ihm einen Blick auf den +kleinen freien, jetzt von dem auf wenige Momente vorbrechenden Mond +erhellten Platz gewährte; ha dort drüben bewegte sich beim ewigen Gott +eine Gestalt -- Wild konnte es nicht sein, das gab es ja nicht auf +diesen Inseln. Eine dunkle Wolke legte sich wieder über den Mond und +hüllte Alles in tiefe Nacht, als aber René, das gespannte Terzerol +krampfhaft fest in der Faust mit spähendem Blick und lauschend +vorgebeugtem Oberkörper da stand, erkannte er deutlich zwei dunkle +Gestalten die über den Plan, grade auf ihn zu glitten. -- + +»Verrath!« murmelte er leise zwischen den Zähnen durch, und mit +Blitzesschnelle in das Haus zurückspringend, gewann er die andere Thüre. +Aber in demselben Moment fühlte er sich von drei eisernen Armen zu +gleicher Zeit gepackt und es war ein Glück für wenigstens einen der +Fänger, daß das Terzerol versagte, denn gerade gegen das Ohr des +Harpuniers gepreßt hatte es René abgedrückt. + +»Teufel!« schrie er, als er es von sich werfend sein Messer zu ziehen +suchte -- umsonst, die Uebermacht war zu groß, und wenige Minuten später +lag er, an Händen und Füßen gebunden, in der Gewalt seiner Feinde am +Boden. + +»~Damn it~ mein Bürschchen,« lachte der alte Harpunier in aller Freude +über den gelungenen Fang, »ich hatte heute Abend, als ich auf den Regen +fluchte, nicht geglaubt daß er mir mit Deinem Pulver zu gleicher Zeit +einen so guten Dienst erweisen würde -- das war jedenfalls gut gemeint, +ich rechne Dir's aber nicht an -- hätte dasselbe an Deiner Stelle +gethan; nun sei aber auch vernünftig und wehr Dich nicht nutzlos mehr -- +wir sind hier unserer sieben gegen einen, und Du wirst begreifen daß da +doch jeder Widerstand nutzlos ist.« + +»Mordet mich!« schrie aber René mit aller Kraft der Verzweiflung gegen +seine Banden und die Arme die ihn niederhielten, ankämpfend -- »mordet +mich, wie Ihr mein Glück zerstört habt, aber beim ewigen Gott, Ihr sollt +mich nicht lebendig von dieser Insel nehmen.« + +»Das käme auf einen Versuch an,« sagte der Harpunier kaltblütig -- +»willst Du denn gar keine ~raison~ annehmen, so haben wir uns schon so +viel Mühe um Dich gegeben, daß wir Dich nun auch wohl das kleine +Stückchen Wegs noch tragen können. Nehmt ihn auf Leute -- nehmt ihn auf +-- oh wenn er gar so sehr strampelt -- hier ist noch Leine genug zwanzig +solche Bürschchen förmlich damit einzuwickeln -- so das thuts -- noch +eins um die Füße, und nun nehmt ihn auf und fort damit -- da kommt schon +wieder ein neuer Regenschauer; daß die Pest ein solches Land hole.« + +»Ja wohinaus gehts aber jetzt?« sagte Einer der Leute, nachdem sie den +sich wüthend Sträubenden aufgehoben hatten -- »ich weiß den Weg nicht +mehr.« + +Der alte Harpunier sah sich einen Augenblick selber verdutzt in der +Dunkelheit um. -- + +»~Damn it~,« brummte der Alte, »jetzt bin ich auch confus geworden -- +welchen Cours sind wir denn eigentlich heraufgesteuert. Wo ist denn die +verdammte Bestie von Insulaner -- he Raiteo, Canaille verwünschte -- wo +steckt der Satan?« + +»Verrathen und verkauft,« knirrschte René zwischen den zusammengebissenen +Zähnen hindurch, als er von der verzweifelten Anstrengung zum Tod +erschöpft zurücksank und sich jetzt willenlos forttragen ließ. -- Nicht +weit von ihm ab antwortete aber ein leiser Pfiff. Es war der Insulaner, +der dort auf die Seeleute, außer dem Bereich des ~Ihiamoea~, wartete, +und schweigend führte er den Zug den steilen schlüpfrigen Pfad wieder +zurück nach dem Landungsplatz. + +Der Regen goß jetzt förmlich in Strömen nieder, wenn auch der Wind für +den Augenblick etwas nachgelassen hatte, als sie aber oben die +Pandanus-Niederung erreichten, und nun auf ebener Bahn, auf dem scharfen +Corallensand, dicht am Ufer einer der kleinen zahlreichen Lagunen oder +Binnenseeen hinschritten, dröhnten laut und mahnend die beiden +Kanonenschüsse von Bord des Delaware zu ihnen herüber. -- Fast +unwillkürlich hielten die Leute einen Moment, der Harpunier aber rief: + +»Vorwärts, meine Jungen, vorwärts, wir kommen gerade zur rechten Zeit -- +Wetter noch einmal, das war abgepaßt, eine Stunde später und wir hätten +die ganze Geschichte aufgeben müssen.« + +»Was mögen sie an Bord haben?« frug Einer der anderen Harpunier. + +»Wahrscheinlich wird dem Alten der Wind zu bunt,« lachte der Harpunier, +»und jetzt ists gerade eine hübsche ruhige Zwischenzeit an Bord zu +fahren -- rasch Ihr Leute, da vorn seh' ich schon die Hüttenfeuer.« + +Ein neuer Hoffnungsstrahl blitzte vor René's Seele auf -- wenn ihn auch +Einer der Insulaner verrathen hatte, waren ihm doch fast alle Anderen +gewogen und wer weiß ob sie ihn, wenn er sie anriefe, so vor ihren +eigenen Augen wegschleppen ließen. Soviel hatte er, während seines +Aufenthalts auf der Insel auch schon von der Tahitischen Sprache +gelernt, und als er die ersten Stimmen an den nicht mehr fernen Häusern +hörte, damit die Leute Zeit bekämen sich zu sammeln ehe die Weißen das +Boot gewinnen konnten, schrie er plötzlich mit lauter donnernder Stimme +um Hülfe. + +»Knebel her!« sagte der Harpunier ruhig aber rasch -- »wer hat ihn -- Du +John?« + +»Ja hier« -- antwortete der Mann dem Harpunier den Knebel reichend. + +»Der Kerl schreit uns am Ende doch noch die Insulaner auf den Hals -- +wer weiß wen er hier Alles zu Freunden gewonnen hat, und besser ist +besser.« + +An allen Gliedern gebunden und mit dem Knebel im Mund vermochte der +Gefangene sich nicht weiter zu rühren, und gleich darauf erreichten sie +den Strand. + +Raiteo forderte aber jetzt, ehe sie zu seinen Leuten hinunterkamen, den +bedungenen Lohn, denn er wollte sich nicht mit den Weißen zusammen +blicken lassen. Ehe sie abstießen gedachte er dann mit einem Bruder von +sich, zum Boot zu kommen und die Sachen in Empfang zu nehmen, die dort +noch für ihn bestimmt waren. + +»Lauft rasch mit dem Burschen da voran, und legt ihn in's Boot, bis ich +den Schuft hier abgefertigt habe,« sagte da der Harpunier zu seinen +Leuten -- »Wort müssen wir ihm doch halten; und seht zu daß Ihr das Boot +flott bekommt bis ich unten bin.« Und während die Leute mit ihrer Last +rasch dem Strande zueilten, blieb er neben dem Insulaner stehen und +zahlte ihm das Blutgeld. Als er sich von ihm abwandte seinen Leuten zu +folgen, glitt Raiteo in die Büsche. + +»Höll' und Teufel,« fluchte jedoch der alte Harpunier als er zum Strand +kam und sah wie die Mannschaft mit dem Boot beschäftigt war, das hoch +und trocken auf der Corallenbank und wohl funfzig Schritt vom Wasser ab +saß -- »ob ich es den verdammten Schuften von Insulanern nicht gesagt +habe das Boot flott zu halten -- und ich glaube beim Teufel, sie haben +es noch mehr aufs Trockene gezogen; daß der Böse ihre Seelen verdamme. +Hinein damit Jungens -- greift unter und tragt es in's Wasser -- werft +den Plunder hinaus der vorn darin liegt -- der Eigenthümer mag ihn sich +holen -- wo ist René?« + +»Hier am Hause liegt er,« sagte Einer -- »Bill und Adolphe stehen Wache +bei ihm.« + +»Ach was Wache, der läuft jetzt nicht fort -- hier Bill -- hier Adolphe +mit angefaßt und tragt das Boot zu Wasser -- hallo meine Jungen alle +zusammen -- ~there she comes -- a hoy-y~. Was zum Teufel macht es so +schwer -- was liegt da drinne?« + +»Es liegt hinten ganz voller Früchte,« antwortete Bill. + +»Früchte? hinaus damit, wir haben jetzt keine Zeit uns mit Früchten +abzugeben -- so -- Alles hinaus -- hier an die Seite damit, was in +Körben ist, können wir nachher wieder hineinwerfen, und hallo hier -- +einmal eine Parthie von den Insulanern her, die können uns mit helfen, +wenn sie uns wieder los werden wollen.« + +Von diesen ließ sich aber keiner blicken -- der Hülferuf des +Unglücklichen, den sie gehört, hatte ihnen das Schicksal desselben +verrathen, und wenn sie auch, wie René in letzter Verzweiflung gehofft, +keineswegs gesonnen waren ihr Leben daran zu setzen, um ihn wieder zu +befreien, so mochten sie doch auch weiter Nichts mit der Sache zu thun +haben, vielweniger denn den Fremden selber in irgend etwas behülflich +sein. + +Dicht am Strand wo die Leute, vielleicht zehn Schritt von dem Boot, den +Gebundenen niedergelegt hatten, stand eine kleine Bambushütte, in +welcher die Missionäre, wenn sie sich auf dieser Seite der Insel +befanden und, vielleicht von einem Wetter überrascht, nicht mehr zu dem +Missionsgebäude kommen konnten, gewöhnlich übernachteten. Hierher hatte +sich auch, als das Wetter ärger zu werden drohte, der ehrwürdige Bruder +Rowe zurückgezogen, ließ sich aber natürlich nicht blicken wie er die +Männer mit ihrem Gefangenen ankommen hörte, sondern hielt seine Thür, +allerdings nur dünnes Bambusgeflecht, geschlossen. Durch die überall +offenen Stäbe der Wände konnte er aber deutlich erkennen was draußen +vorging, und der gebundene und geknebelte René wurde solcher Art in +nicht zwei Schritten von seiner eigenen Thüre niedergelegt, während die +Leute kaum zehn Schritt weiter damit beschäftigt waren das Boot dem +Wasser zuzuarbeiten. Bruder Rowe stand dicht hinter der Thür und schaute +schweigend und nachdenkend auf den gebunden am Boden Liegenden nieder. + +Außer ihm war aber noch eine andere Gestalt ganz in der Nähe, und zwar +niemand anderes als das indirekte Werkzeug des ehrwürdigen Herren -- +Raiteo, der vorsichtig um das Haus herumglitt und die Bewegungen der +dicht dabei in dem Boot beschäftigten Männer auf das vorsichtigste +beobachtete. -- Er hatte seinen Bruder oder irgend einen seiner Freunde +schon abgeschickt die ihm noch zukommenden Waaren zu holen, und seine +eigenen Gründe sich nicht selber dorthin zu bemühen. + +»Schuft? -- so?« murmelte er dabei zwischen den Zähnen durch -- »erst +ist man gut genug weißer Mann Capitain da hinauf zu führen und nachher +ist man Schuft; gut -- gut Raiteo ist nicht so dumm -- Raiteo hat Geld +-- liegt sicher unterm Baum -- Raiteo hat seinen Contrakt erfüllt -- +jetzt kann Raiteo machen was er will, und jetzt will Raiteo einmal sehn +was er machen will.« + +Die Wallfischfänger hatten indessen Alles was das Boot schwerer machen +konnte hinausgeworfen, und während der Regen wieder in Strömen +niedergoß, faßten die sieben kräftigen Gestalten das Boot und schoben es +langsam aber in sicherem Fortgang den ersten kleinen Abgang hinunter, wo +es wieder durch eine neue Corallenschicht aufgehalten, aber auch über +diese endlich weggehoben wurde. + +»Die verdammten Schurken von Indianern lassen sich nicht blicken,« sagte +der alte Harpunier, keuchend in aller Anstrengung, »aber hol' sie der +Henker, wir brauchen sie auch nicht -- munter meine Jungen, munter -- +denn hinten kommts wieder so schwarz wie Nacht herauf und wir müssen +machen daß wir das Schiff erreichen, wenn uns der Alte hier nicht +zurücklassen soll, und dann hätte er nachher eine schöne Mannschaft an +Bord, ohne alle Officiere.« + +Der Delaware hatte eine Laterne ausgehangen und schien, soweit man nach +der Bewegung derselben urtheilen konnte, wieder näher zu kommen. + +Als sich die Seeleute mit dem Boot von dem Haus entfernten, glitt Raiteo +dahinter vor, und wie eine Schlange dicht an den festgebundenen Körper +des Gefangenen hinan, wo er, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben +und ohne weitern Zeitverlust begann, die verschiedenen Seile mit denen +der Körper des Unglücklichen förmlich umwunden war, durchzuschneiden. +So leise und geschickt war dies Maneuvre auch, von der Nacht begünstigt, +ausgeführt daß der, gewissermaßen dicht davorstehende Missionair, der +die Augen doch fortwährend auf den Körper geheftet gehabt, wohl eine +Bewegung sah, aber in der ersten Minute gar nicht unterscheiden konnte +was es eigentlich sei. René übrigens, der schon jeden Gedanken an +Rettung in dumpfer Verzweiflung aufgegeben hatte, und jetzt nur Trost in +dem einzigen Entschluß fand, sowie man ihn an Bord seiner Fesseln +entledige seinem Leben gewaltsam ein Ende zu machen, fühlte kaum den +scharfen Schnitt eines Messers an den Seilen, als ihm wilde fröhliche +Hoffnung durch Mark und Seele schoß. Er begriff zugleich die +Nothwendigkeit vollkommen regungslos zu bleiben, die Aufmerksamkeit der +nur kurze Strecke von ihm entfernten Seeleute nicht auf sich zu ziehen; +aber selbst die Secunden die er hier wieder in furchtbarer Erwartung +lag, ob nicht doch noch, ehe er den Gebrauch seiner Glieder wieder +gewinnen konnte, Jemand von unten heraufkam und der Versuch zu seiner +Rettung entdeckt würde -- erfüllten ihn mit wahrer Höllenpein. + +Raiteo hatte Verstand genug die Füße erst frei zu machen, denn selbst +mit gebundenen Händen war in diesem Dunkel die Möglichkeit zu entfliehen +da. René drängte es aber den Arm frei zu bekommen, wenigstens sein +Messer, das er noch an der Seite fühlte, zu erfassen; der Knebel +verhinderte ihn aber auch nur einen Laut von sich zu geben, und Raiteo +wollte den nicht entfernen bis er mit allem übrigen im Reinen wäre. Mit +den Füßen glaubte er jetzt fertig zu sein und ging an die Arme, ein +dünnes Seil, daß er in der Dunkelheit übersehen hatte, hielt jene aber +noch zusammen, und René hob die Knie auf es ihm bemerklich zu machen. + +»Geh doch einmal Einer hinauf und sehe nach dem Gefangenen,« sagte in +diesem Augenblick die Stimme des Harpuniers, die deutlich zu ihnen +herüberdrang. Rasche Schritte wurden gegen sie zu gehört, und Raiteo der +keineswegs im Sinne hatte seine eigene Person irgend einer Gefahr +preiszugeben, ließ den noch immer Gebundenen wie er war, und glitt um +das Haus hinum. + +Hierdurch wurde es aber auch jetzt dem Missionair, der schon der +Bewegung des Gefangenen nach Verdacht geschöpft, klar, daß irgend Jemand +an der Befreiung desselben arbeite. _Wer_, konnte er natürlich nicht +erkennen, aber es lag keineswegs in seinem Plan den Mann hier auf der +Insel zu behalten, nun es doch einmal soweit gediehen war. + +René schloß die Augen und sank zurück in stummer Verzweiflung. + +Der Mann von unten sprang auf den Liegenden zu, und bog sich zu ihm +nieder, wie um nachzusehen ob seine Stricke auch noch in Ordnung seien; +zu gleicher Zeit aber fühlte René wie ein scharfes Messer und eine +geübte Hand das Tau von einander trennte das seine Arme fest umspannt +hielt, eine Hand glitt an seinem Körper hinunter, fühlte das Seil um die +Knie und trennte auch dieses. + +»Muth!« flüsterte dabei eine Stimme die René's Ohren wie himmlische +Sphärenmusik klang -- »Muth René und jetzt fort,« -- und sich +aufrichtend rief er laut: + +»~All right~!« und drehte sich rasch um, den Platz zu verlassen, als er +plötzlich einen Arm auf seiner Schulter fühlte und erschrocken stehen +blieb. René lag noch am Boden, als er ebenfalls die zweite Gestalt +bemerkte, aber seine Hand faßte leise das Messer und zog es aus der +Scheide -- er wußte er war frei, denn zwei Sätze konnten ihn in den +Bereich des Waldes und aus der Gewalt seiner Feinde bringen. + +Adolphe, denn dieser war René's Befreier, drehte fast unwillkürlich den +Kopf halb ab, um nicht erkannt zu werden und suchte schon loszukommen, +sich wieder unter seine Kameraden zu mischen und dadurch jeden Verdacht +von sich zu entfernen, als er zu seinem Staunen die Stimme des +Missionairs erkannte, der ihn leise etwas von dem vermeintlich +Gebundenen fortzog, damit dieser ihn nicht erkennen möchte, und mit +hastiger aber unterdrückter Stimme sagte: + +»Habt Acht auf Eueren Gefangenen Sir -- man will ihn befreien -- ich +habe --« + +Er sagte nichts weiter, denn ein einziger Faustschlag des riesigen +Franzosen, gerad gegen seine Stirn, streckte ihn besinnungslos zu Boden. + +»Bind ihn,« flüsterte da Adolphe rasch, sich zu diesem niederbiegend -- +»_er_ hat Dich an uns verrathen,« und so schnell wie er gekommen, sprang +er die Corallenbank wieder hinunter, wo die Leute eben mit Anstrengung +aller ihrer Kräfte das Boot bis zum Wasserrand gebracht hatten. + +»Der Gefangene liegt noch am Boden,« sagte er, als er sich hier wieder +unter die Uebrigen mischte. + +»Aber habt Ihr nicht nachgesehen ob die Seile noch in Ordnung sind?« +frug der Harpunier. + +»Ich kann noch einmal hinaufgehn,« erbot sich Adolphe. + +Da blitzte es vom Wasser herüber, und gleich darauf dröhnte der dumpfe +Schall eines neuen Schusses, dem in kaum einer Minute ein zweiter +folgte, zu ihnen herüber. + +»Hinein mit dem Boot in's Wasser!« schrie der Alte, alles Andere in dem +Bewußtsein der Nothwendigkeit vergessend, so rasch als möglich wieder an +Bord zu kommen, »wacker Ihr Leute, wacker und legt Euch dagegen mit +Brust und Seele!« + +Den vereinten Anstrengungen der Leute gelang es das Boot vorn in die +Fluth zu bekommen, das unruhige Wogen derselben half nach, und bald lag +es flott. + +»Jetzt hinein, mit Riemen und Masten!« lautete der rasch gegebene +Befehl, »und vergeßt Nichts Ihr Jungen -- laßt die Früchte liegen wo sie +sind -- vier von Euch nach dem Gefangenen -- halt hier -- das Boot stößt +noch auf -- noch einmal unter, alle zusammen -- ~a hoy~ -- ~there she +goes~ -- nun die Riemen und unsern ~mossier~ her und hinein mit Euch.« + +Es war auch Zeit daß sie von Lande abkamen -- der Wind hatte sich, +während einer fast anderthalb Stunden langen Stille, total herumgedreht, +und aus Westen kann es in diesen Breiten oft gar bös an zu wehen fangen. +-- Dort stieg auch schon eine schwere rabenschwarze Wand auf, und der +Delaware mußte jetzt allerdings machen daß er von der Küste abhielt. Die +Leute rannten sämmtlich, so rasch sie konnten, die Bank hinauf, drei von +ihnen die Riemen und den Mast in's Boot zu nehmen; die andern drei den +Gefangenen zu holen. Unter diesen Adolphe. + +»Auf mit ihm,« rief dieser, den Oberkörper des auf der Erde Liegenden so +packend und mit Leichtigkeit emporhebend, daß er den Kopf unter seinen +Arm bekam -- »auf mit ihm Jungens -- und hinunter -- da geht ein anderer +Kanonenschuß, bei Gott!« + +Die beiden andern Bootssteuerer faßten, der Eine in der Mitte, der +Andere unter die Knie des Gebundenen, und im vollen Lauf fast ging es +damit die Corallenbank hinunter. + +»Vorn in's Boot mit ihm,« schrie der Harpunier -- »haut ihm eins über +den Schädel wenn er sich nicht fügen will -- an Eure Riemen für Euer +Leben, dort kommts herauf -- hinein in's Boot mit ihm sag' ich -- werft +ihn hinein, zum Donnerwetter, wenn er nicht gehn will, darf's ihm auch +nicht auf eine Beule ankommen.« + +»Wetter noch einmal,« brummte Bill, als die im Boot Stehenden den Körper +anfaßten, hineinzogen und vorn in den Bug mehr warfen als legten, »René +ist hier ordentlich stolz geworden; der hat jetzt Schnallen an den +Schuhen.« + +Es war aber in diesem Augenblick weder Zeit viel Bemerkungen zu machen, +noch sie anzuhören oder gar zu beachten. Die Leute sprangen an ihre +Plätze, warfen die Riemen in die Dollen, der alte Harpunier hatte den +seinigen durch das Rudereisen gezogen, und durch die elastischen Riemen +vorwärts getrieben flog das leichte Boot ordentlich durch die schon +unruhige See dem glücklicher Weise nicht sehr fernen Schiff, das jetzt +auch noch eine zweite Laterne aufgezogen hatte, entgegen. + + * * * * * + +René war in dem Augenblick als ihn Adolphe verließ, in die Höhe +gesprungen, und wußte in der That, in dem ersten Gefühl jubelnder +Freiheit, nicht was er thun, ob er dem Rathe Adolphes folgen, oder den +Priester ungebunden liegen lassen sollte, wo seine Flucht dann +allerdings gleich bemerkt werden mußte, sobald sie ihn nur auffaßten. +Eine zweite Person entschied aber seinen Zweifel, und zwar niemand +Anderes als Raiteo. + +Raiteo war nämlich ein höchst aufmerksamer und selbst überraschter Zeuge +sämmtlicher letzter, so schnell auf einander folgender Vorfälle gewesen. +Klug genug aber einzusehn daß es für ihn jetzt besonders Zeit sei sich +bei der Befreiung noch etwas zu betheiligen, wenn er überhaupt später +Ehre und vielleicht auch noch Nutzen daraus ziehen wollte, hatte er auch +noch einen andern Grund zu wünschen, die Weißen möchten die Insel mit +dem Glauben verlassen, daß Alles in Ordnung sei, weil sie sonst am Ende +noch Einsprache wegen den übrigen, zum Theil noch nicht einmal +geborgenen Waaren thun, oder doch Lärm schlagen konnten, und dann den +Antheil auf der Insel bekannt machen mußten, den er selber bei dem Fang +des Europäers gehabt, und dessen er sich, so verstockt er sonst sein +mochte, doch einigermaßen schämte. Kaum hatte er deshalb den Missionair, +von dem er im ersten Augenblick gar nicht wußte woher er auf einmal kam, +fallen gesehn und die Worte Adolphes gehört die dieser dem Freunde auf +englisch zurief -- »bind ihn« als ihm auch das ganze Nützliche einer +solchen Maßregel einleuchtete und er, aus seinem Verstecke vorgleitend, +ohne weiteres Hand an den geistlichen Herren legte, und ihn rasch an +Händen und Füßen band. + +René der wußte daß er von dieser Seite keinen Angriff zu fürchten, ja +nur Hülfe zu hoffen hatte, erkannte im ersten Augenblick den Burschen +gar nicht, bis Raiteo sein Gesicht gegen ihn aufhob und mit leiser +Stimme und bedeutungsvollen Zeichen sagte: + +»Knebel -- schnell!« + +»Schurke verdammter, wo kommst Du her?« rief René fast unwillkürlich. + +»Pst,« sagte aber Raiteo, diesmal nicht im mindesten beleidigt -- +»Knebel.« + +Zeit war aber auch in der That nicht zu verlieren, und kaum hatte der +Insulaner den Knebel auf das geschickteste in den Mund des am Boden +Liegenden gebracht, von dem er sich jedoch vorher wohl überzeugt hatte +daß er bewußtlos war, als sie auch schon die Leute die Corallenbank +heraufspringen hörten, und nun rasch um das Haus herum und in das +Dickicht schlüpften. + +Mit klopfendem Herzen hörte René wie sie den Körper seines +Stellvertreters auffaßten und zum Boot hinunter trugen -- dann aber, als +die Riemen in das Wasser einfielen und die regelmäßigen -- o so +wohlbekannten Ruderschläge an sein Ohr tönten und weiter und weiter in +der Ferne verhallten, da war es ihm als ob eine Centnerlast von seiner +Brust gewälzt wäre, und mit der dringensten Gefahr auch jeder trübe +Gedanke aus seiner Seele verschwunden -- sein leichter Sinn schwamm +wieder in der alten fröhlichen Lust oben. + +»Du bist doch der abgefeimteste durchtriebenste Erzschurke, Raiteo, der +sich denken läßt,« wandte er sich lachend an diesen, der im Anfang nicht +recht zu wissen schien auf welchem Fuß er nun, mit dem eben Befreiten +wieder stehen würde, schon nach dem Klang der Stimme aber vollkommen +begriff wie der »weiße Mann nicht Capitain« die Sache aufnahm, ihn aber +das natürlich nicht merken lassen wollte, und nur mit kläglichem Ton +jetzt versicherte und betheuerte, der »Bodder Aue« habe seinen +Schlupfwinkel an weißen Mann Capitain verrathen, und weißer Mann +Capitain ihn mit vorgehaltener Pistole und gebundenen Händen gezwungen +sie nach dem von dem Missionair bezeichneten Platz hinzuführen. + +Das erste war, wie René aus Adolphes eigenem Munde erfahren, in der That +so, das zweite jedoch kaum wahrscheinlich, doch nahm der junge Franzose +den Burschen eben wie er war, und fühlte sich auch in seiner +neugewonnenen Freiheit nicht im mindesten geneigt auf irgend Jemanden in +der weiten Welt zu zürnen; überdies hatte Raiteo doch auch einen Theil +seiner Schuld wieder gut gemacht, und dadurch jedenfalls Reue über etwa +begangene Missethat gezeigt. + +René war übrigens noch zu sehr mit dem Schiff selber beschäftigt. Die +neuen Kanonenschüsse verriethen des Capitains Eile in der er schien hier +fortzukommen -- etwas wofür ihn der Befreite in seinem Herzen segnete, +und bald zeigten auch die niedergeholten Lichter daß das Boot an Bord +sei. Noch konnte er die Compaßlampe durch die Nacht erkennen, aber bald +erlosch dieser schwache Punkt ebenfalls, und mit dem jetzt aus vollen +Backen einsetzenden West war in kaum einer halben Stunde jede Spur von +dem so gefürchteten und auch so furchtbar gewesenen Schiff verschwunden. + +Nichtsdestoweniger, und trotz dem Wetter, blieb René die Nacht auf dem +ersten Hügel, auf den ihn Raiteo noch hinaufführen mußte, mit diesem auf +Wache, und erst, als er sich mit dämmerndem Tage überzeugte daß der +Delaware nirgends mehr am Horizont zu erkennen war, flog er mehr als er +ging die steilen schlüpfrigen Hänge hinunter, dem Missionsgebäude zu, wo +Sadie schon in peinlicher Angst den ausgeschickten Boten erwartete, der +ihr melden solle ob das Schiff die Insel verlassen habe. + +Wie erschrak das arme Mädchen, als sie die furchtbare Gefahr des +Geliebten erfuhr, aber den Glücklichen konnten trübe Erinnerungen oder +_vergangenes_ Leid, die jetzigen frohen Stunden nicht verbittern, und +Sadie wie René _waren_ glücklich. + +René hütete sich übrigens wohl, zu erwähnen was aus dem geistlichen Mann +geworden sei, obgleich er natürlich nicht verheimlichen konnte und +wollte, daß er durch dessen freundliche Fürsorge verrathen worden, und +Raiteo beobachtete ebenfalls in dieser Hinsicht eine höchst lobenswerthe +Discretion. + + * * * * * + +Was _war_ aber aus ihm geworden? + +Als das Boot nur eben nahe genug zum Schiff gekommen war, daß sie dort +die regelmäßigen Ruderschläge unterscheiden konnten -- schrie der +Capitain schon mit Donnerstimme hinüber: + +»Boot ahoy!« + +»~Ship ahoy~!« lautete die rasche Antwort des Harpuniers -- »~all +right~!« + +»Scharf meine Jungen, scharf -- macht daß Ihr an Bord kommt,« schrie die +Stimme wieder -- »steht bei hier mit den Taljen -- alles klar?« + +»Alles klar Sir,« lautete die Antwort zweier Matrosen, die an den +Krahnen standen zu welchen das Boot gehörte, die Taljen niederzulassen. + +»Nieder mit Eueren Blöcken,« rief's schon in dem Augenblick von unten +herauf, als daß Boot an die Seite schoß und die Ruder, wie mit einem +Schlag in die Höhe geworfen, längs hineinfielen -- »hier -- hakt rasch +ein -- hinauf mit Euch -- ~all right~!« -- brüllte der Harpunier wieder +durch das Schreien der Leute und das Rasseln der Raaen oben, die +ebenfalls zu gleicher Zeit herumflogen. Seine Leute kletterten rasch an +Bord hinauf, nur zwei zurücklassend, die an beiden Enden standen und die +eingehakten Taljen wahrten, und eine halbe Minute später schwebte das +Boot nach oben und unter seine Krahne, mit dem Deck gleich, während die +im Boot Zurückgebliebenen den Gebundenen vorholten und nach Bord +hineinreichten. + +»Der hat die letzten zehn Minuten gestrampelt, als ob er sich die Seele +aus dem Leibe treten wollte,« brummte Bill, als sie ihn oben über die +Schanzkleidung holten -- »aber zum Donnerwetter --« + +»Zwei Reefen in Vor- und große Marssegel -- fort mit Euch da hinauf!« +schrie der Capitain in diesem Augenblick; die Leute mußten den +Gebundenen, der sich am Boden wand wie ein Wurm, liegen lassen und das +Niederrasseln der Raaen, das Heulen der Leute an den Reeftaljen +übertäubte für den Augenblick selbst das, jetzt mit Macht aufkommende +Wetter. Die nächste Viertelstunde nahm das Reefen selber in Anspruch, +und Niemand kümmerte sich indessen um den unglückseligen Priester. Erst +als die Mannschaft mit dem gewöhnlichen tönenden »~Oh -- jolly men -- +hoy~« die Marsraaen wieder aufzog, trat der zweite Harpunier, der nicht +mit am Lande gewesen war und schon die letzten fünf Minuten die an Deck +liegende Gestalt forschend und etwas mistrauisch betrachtet hatte, auf +diese zu und sich zu ihr niederbiegend rief er erstaunt: + +»~Why -- damn it~ -- das ist René nicht!« + +»René nicht?« antwortete der Capitain, der dicht neben ihm stand, mit +der Linken eine der Brassen gefaßt hatte, und die Blicke auf die +aufsteigenden Raaen gerichtet hielt -- »wer soll's _denn_ sein? -- +~belay that~ -- -- große Marsraae -- was liegt an jetzt?« + +»Norden halb Westen,« tönte die monotone Stimme vom Steuerrad herüber. + +»~Steady then~ -- halt den Cours -- wer soll's denn sein Mr. Browning.« + +»Weiß nicht Sir,« sagte dieser der, indeß der Capitain die obigen +Befehle gegeben, dem Steward zugerufen hatte eine der noch im Spintge +stehenden Lampe -- die vorige Signallaterne -- herauszubringen, und mit +dieser vor den Gebundenen trat -- »hallo wen haben wir hier?« + +»Hallo Mr. Rowsey,« rief aber in diesem Augenblick der Capitain, der +ebenfalls hinangetreten war und jetzt mit in das ihm vollkommen fremde, +wilde verstörte Gesicht des Bruder Rowe schaute -- »wen zum Henker haben +Sie uns da vom Lande mitgebracht? -- haben Ihnen die Indianer _die_ +Jammergestalt hier als René verkauft?« + +Der alte Harpunier drückte sich rasch durch die, den Gebundenen +umdrängenden Officiere und stand, während aller Augen halb erstaunt halb +lachend auf ihn gerichtet waren, wohl eine halbe Minute verdutzt vor +dem, was ihn im ersten Augenblick kaum weniger als eine Erscheinung +deuchte; endlich aber platzte er heraus. + +»~Why~ -- Gott straf mich, das ist ja der Pfaffe. -- Den? -- +Himmeldonnerwetter -- _den_ haben _wir_ doch nicht etwa im Boote +mitgebracht?« + +»So bindet ihn wenigstens los,« sagte der Capitain ruhig, und nur mit +Mühe sein Lachen verbeißend. Während aber zwei daran gingen die Banden +aufzuschneiden und den Gefangenen besonders von seinem Knebel zu +befreien, fluchte und wetterte der alte Harpunier auf Deck herum, und +schien gar nicht übel Lust zu haben jetzt selber über den Missionair +herzufallen, als ob der arme Mann die Schuld dieser für ihn so traurigen +Verwechselung trage. + +Bruder Rowe bekam aber kaum seinen eigenen Mund frei, als er auch +augenblicklich seine eigene Meinung von der Sache hatte, über Mord und +Gewalt schrie, und verlangte ohne Säumen wieder an Land gesetzt zu +werden. Mit Mühe nur bekam man von ihm heraus, daß seiner Meinung nach +einer der Leute aus dem Boot ihm einen Schlag versetzt, der ihn +bewußtlos niedergestreckt und ihn dann wahrscheinlich gebunden und +geknebelt hatte. Hiergegen protestirte aber der Harpunier als eine +Unmöglichkeit, denn so lang sei gar keiner von seinen Leuten von ihm +entfernt gewesen, das zu bewerkstelligen. Nichtsdestoweniger wurden die +Leute alle vorgerufen und der Priester sollte jetzt den nennen, den er +für den Thäter halte -- war das aber nicht im Stande. Der Harpunier +erinnerte sich übrigens einmal Einen die Bank hinaufgeschickt zu haben +nach dem Gebundenen zu sehn, der war jedoch augenblicklich zurückgekehrt +und Adolphe meldete sich, gleich auf die erste Frage, ohne weiteres, +hatte aber, wie er ruhig bemerkte, nur die Gestalt am Boden liegen +gesehn und sich um weiter Nichts bekümmert. + +Adolphe war nun allerdings René's Landsmann, und wenn auch bei Manchem, +selbst bei dem Capitain ein leiser Verdacht aufsteigen mochte, daß damit +nicht Alles richtig hergegangen sei, ließ sich auch nicht das mindeste +mit einer Anklage machen, bei der der Kläger selber nicht einmal den +Thäter erkannte, vielweniger auf ihn zu schwören vermochte. Dazu kam +noch der alte Groll, den Wallfischfänger gewöhnlich gegen die +Missionaire, sehr häufig allerdings ungegründet, manchmal aber auch mit +Ursache haben, und in dem Aerger über das Entkommen des Matrosen mischte +sich jedenfalls eine gewisse Parthie Schadenfreude, daß gerade der +Priester, der den Seemann verrathen hatte, in dieselbe Grube gefallen +war die er dem Andern gegraben, und der Capitain zuckte zuletzt nur mit +den Schultern, als der geistliche Herr in vollem Zorn versicherte, er +werde sich an seine Regierung wenden und volle Genugthuung für diese +schmählige, nichtswürdige Behandlung fordern. + +Jetzt aber verlangte er vor allen Dingen augenblicklich und ohne +weiteres Säumen wieder an Land gesetzt zu werden. + +»An Land!« rief dagegen der Capitain -- »jetzt bei _dem_ Wetter? und +wenn Sie mir tausend Dollar Passage bis zu der verdammten Insel zahlten, +die ich wollte ich hätte sie im Leben nicht gesehen, möchte ich keins +von meinen Booten und vielweniger mein ganzes Schiff noch einmal +zwischen die Riffe hineinwagen.« + +Bruder Rowe war außer sich -- aber Drohungen wie Versprechungen blieben +gleich fruchtlos, und das einzige womit ihn der Capitain tröstete, war, +daß er eine der nördlich gelegenen Inseln wolle anzulaufen suchen, von +da könne er dann sehen wie er wieder nach Tahiti oder hierher +zurückkomme. + +Zwei Tage später lief er Bola-Bola an, wo er den ~Rev.~ Mr. Rowe +absetzte und vierzehn Tage vergingen ehe er von dort aus im Stande war +seinem Schooner wissen zu lassen wo er sich befand, dessen Leute unter +der Zeit übrigens in vollkommener Gemüthsruhe, und ohne auch nur einmal +nachzufragen weshalb der weiße Mitonare sie so über Nacht verlassen +habe, geblieben waren wo sie sich gerade befanden, sie hatten ja genug +Brodfrucht und Cocosnüsse dort, und der Schooner lag sicher vor Anker, +was wollten sie mehr? -- sie hätten auf die Art noch ebensoviele Monate +wie Wochen gewartet. + + + + +Capitel 8. + +#Tahiti.# + + +Wie nach dem wilden furchtbaren Schlag eines Wetters, der uns das Blut +stocken machte in den Adern, fast immer Ruhe eintritt in der Natur, der +nur leise grollende Donner mehr und mehr verhallt in weiter Ferne, und +die Welt, von Sonnenschein beglüht, frisch aufathmend und neu belebt im +reinen blitzenden Lichte liegt, so schien sich alles Leid, das der +Himmel für die Liebenden in seinen dunklen Wolken geborgen, an diesem +letzten furchtbaren Tage entladen -- aber auch erschöpft zu haben. + +Mit dem, fast noch während dem Sturm scharf und heftig einsetzenden +Ost-Passat, hätte der _Delaware_ jedenfalls eine lange Zeit gebraucht +wieder gegen die Insel aufzukreuzen, wenn er ja noch im Sinn gehabt mit +beispielloser Zähigkeit sein Ziel zu verfolgen. Das aber war, besonders +nach den letzten Erfahrungen, nicht mehr zu fürchten, und wenn auch Mr. +Osborne durch das eigenthümliche Verschwinden seines Collegen, dessen +Schooner, wie ihm der ~fua~ gleich am andern Morgen meldete, seiner +harrend in dem kleinen Boothafen lag, beunruhigt wurde, verhinderte ihn +dies doch nicht die heilige Handlung an den, ihm jetzt nur noch lieber +gewordenen jungen Leuten zu vollziehen und sein Kind, sein liebes, +liebes Kind dem Schutz des Fremden anzuvertrauen, den ein wunderliches +Geschick an diese Küste geworfen. + +Von da an gehörte René zu den Söhnen des Landes, und selbst Raiteo würde +nicht mehr gewagt haben verrätherisch an ihm zu handeln -- wenigstens +nicht unter gewöhnlichen Umständen. + +Am meisten erstaunt waren aber die Insulaner über das Verschwinden des +finsteren Mitonare, und Mr. Osborne wollte schon die betrübende +Nachricht seines Todes nach Tahiti senden, als sich René doch genöthigt +sah ihm seine »Vermuthung« über den eigenthümlichen Fall mitzutheilen. +Bald darauf kam aber die Nachricht von Bola-Bola, daß er dort glücklich +gelandet, und einige Tage später Mr. Rowe selber. Aber er verließ die +Insel wieder, ohne auch nur eine Sylbe über seine Fahrt zu äußern oder +selbst Mr. Osborne aufzusuchen, in dessen Hause er natürlich den, im +vollen Besitz seines erstrebten Glückes gefunden hätte, der die Ursache +seiner Schmach gewesen, und gegen den er jetzt einen, wenn auch +heimlichen, doch so gewaltigeren Haß im Herzen trug. Ihm lag also nicht +daran gerade jetzt mit ihm zusammenzutreffen. + +Aber was schadete der Haß des finsteren Mannes den Liebenden? -- In +ihrem neuen Glück dachten sie kaum der Außenwelt, und René besonders, +bei dem der Uebergang von wildester Verzweiflung zu höchster Seligkeit +in dem Umfange weniger Stunden lag, schien sich im Anfang kaum fassen zu +können in jubelnder, jauchzender Lust. Der alte Mr. Osborne hatte sogar +alle Hände voll zu thun ihn selbst nur während der kirchlichen Feier im +Zaum zu halten, und Mi-to-na-re Ezra trippelte fortwährend um ihn herum, +und schien ihn um's Leben gern bald an einem Arm, bald an einem Beine +fassen zu wollen, nur um den rastlosen beweglichen Wi--Wi ein einziges +Mal fest und ruhig zu halten, wie es einem anständigen Christen, der er +ja doch einmal werden wolle, gezieme. + +In einem gleichen Taumel vergingen ihm selbst die nächsten Monate. Des +Missionairs Rowe Rückkehr von seinem unfreiwilligen Kreuzzug lockte ihm +kaum ein Lächeln auf die Lippen, so gleichgültig war ihm der Mann +geworden, und mit dem Bau für seine eigene kleine Heimath beschäftigt, +den er mit vollem fröhlichen Eifer betrieb, fühlte er, daß er jetzt ein +neuer Mensch geworden, und die Brücke hinter sich abgebrochen habe, die +ihn bis dahin noch mit der Außenwelt, zu der er nicht mehr gehörte, +verbunden. + +So verging fast ein volles Jahr und Mr. Osborne selber fing an zu +glauben daß Bruder Rowe -- der aber seit jenem Tag Atiu nicht wieder +betreten, sondern stets einen anderen Geistlichen zur Revision gesandt +hatte, seinen Groll gegen die ihm verhaßte Verbindung der jungen Leute +-- zu der _er_ die Hand geboten -- in dem regen ja unruhigen politischen +Treiben der Hauptinsel, wie in den gefährdeten Interessen seines Standes +vergessen, oder wenigstens vergeben habe, wie es dem Verbreiter +christlichen Glaubens und Duldens auch gezieme, als ihn eines Tages ein +großes versiegeltes Schreiben des »~board of Missionaries~« von England, +aus seinem Traum und Glauben riß. + +Es war seine Abberufung von Atiu und Versetzung nach Tahiti, +gewissermaßen unter die Aufsicht der dort die obere Leitung der +geistlichen ja auch politischen Angelegenheiten führenden Missionaire, +unter denen Bruder Rowe eine sehr vorragende Stellung einnahm -- und +wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf ihn die Botschaft. + +Aber nicht ihn allein; es war die erste Trauerbotschaft für die ganze +Insel, und wenn es Sadie'ens Herz mit Kummer und Sorge füllte, setzte +sich der kleine Mi-to-na-re geradezu in seine Lieblingsecke im Haus auf +den niederen Schemel, und fing an von Herzen weg zu weinen, daß er jetzt +seinen alten Freund und Gönner, Bodder ~O-no-so-no~ verlieren und einen +Anderen -- vielleicht gar -- es überlief ihn ordentlich wie mit +Fieberfrost -- vielleicht gar den »Bodder Aue« dafür herüber bekommen +sollte. + +Sadie hatte kurz vorher dem Gatten ein Mädchen geboren, und wenn es +möglich gewesen wäre René's Glück zu erhöhen, so hätte es dies neue +Gefühl der Vaterfreude thun müssen. + +René war auch der Einzige vielleicht, der in einer Uebersiedelung nach +Tahiti nicht das Schmerzliche sah wie Sadie und Mr. Osborne, denn daß +sie den alten Mann nicht wollten allein nach der fernen Insel ziehen +lassen verstand sich von selbst. Der Platz hier war ihm lieb und theuer +geworden, und nur mit schwerem Herzen trennte er sich davon, aber mit +seiner Sadie und seinem Kind wußte er auch, daß er sich die Nachbarinsel +ebenso gut zum Paradiese schaffen konnte, und wenn er auch ungern von +ihrem Lieblingsplätzchen am stillen Strande schied, das der Erinnerungen +so viele und theuere für ihn hatte, entschädigte ihn der _Wechsel_ +seines Aufenthalts -- wenn er sich darüber auch nicht gerne laut Recht +geben mochte -- doch in etwas für die liebgewonnenen Stellen. + +Anders war es mit Sadie; -- ihr ganzes Herz hing an dieser heimathlichen +Küste, die ihr das Leben, die Liebe gegeben, und jedes Blatt, jede Blume +die sie zurücklassen sollte that ihr weh. Auch eine heimliche, ihr fast +unerklärliche Angst hatte sie vor Tahiti; sie war nur ein einziges Mal +mit ihrem Pflegevater dort drüben gewesen, und zwar etwa ein Jahr +vorher, ehe der Delaware an ihrer Insel landete; aber das Leben und +Treiben der fremden bewaffneten Männer dort, das kecke Auftreten ihrer +eigenen Landsmänninnen, die ewigen Streitigkeiten dort zwischen +einzelnen ihres Stammes und den Missionairen selber, mit den +Uebergriffen die sich die Franzosen, von den Kanonen ihrer Kriegsschiffe +beschützt, in die Rechte ihrer Landsleute erlaubt, hatten das einfache +Kind des Waldes tief verletzt, und sie war damals recht froh gewesen, +als der kleine Missionscutter endlich wieder die Anker lichtete und dem +heimischen Strand entgegenstrebte. + +_Das_ Land sollte jetzt ihre künftige Heimath werden, und wie nahender +Schmerz lag der Gedanke auf ihrer Seele; sie konnte sich nicht daran +gewöhnen, und mußte sich endlich gewaltsam losreißen von dem theueren +Ort. + +Ein gar trauriger Abschied war es aber besonders von ihrem +Lieblingsplätzchen am Seestrand; sie stand lange, lange dort, das Kind +am Herzen und das kleine, zum ersten Mal sorgenschwere Haupt an die +Brust des Gatten gelehnt, der sie fest und liebend umschlungen hielt. +Was für süße selige Erinnerungen knüpften sich an diesen engen Raum, und +ihr Herz blutete, wenn sie daran dachte ihn _auf immer_ verlassen zu +sollen. Sie war so glücklich hier gewesen -- war es noch, und was mehr +konnte ihr die ferne Insel bieten? -- + +Ach es war ein recht schmerzlicher Tag auch für den alten Missionair, +und als der kleine Missionscutter endlich unter Segel ging, standen die +Insulaner in weiten Schaaren am Strand, und winkten mit ihren Tüchern, +und riefen den Scheidenden ihr _Joranna, Joranna_ nach, über das blaue +Wasser. Und Sadie saß an Deck, ihr Kind auf dem Schooß und sah die +Wipfel ihrer Palmen langsam in das Meer tauchen und die Hügel sich +senken, und in dem feuchten Abendhauch der über die Wasser strich, +verschwimmen -- und wie die Nacht einbrach saß sie noch, den +thränenvollen Blick fest dorthin geheftet, wo ein Theil ihres Herzens +zurückblieb in bitterem Schmerz, sie mochte sich selber Vorwürfe darüber +machen soviel sie wollte. René aber störte sie nicht in ihrem Gram, und +quälte sie nicht noch mehr mit nutzlosem Trost; nur still und schweigend +setzte er sich neben sie und ruhte ihr Haupt an seiner Brust, daß sie +sich dort still und ungehindert ausweinen, aber dann auch wieder neue +Kraft finden konnte, an dem Herzen des geliebten Mannes. + +Die Reise war kurz und glücklich, und Mr. Osborne schon in seinem neuen +Wirkungskreis gekannt, und von den Insulanern geliebt, zu deren Herzen +sein väterliches mildes Wesen weit eher sprach, als der starre finstere +Ernst fast aller anderen Geistlichen. Auch von der Königin Aimata, mit +dem Zunamen Pomare, wurde ihm ein freundliches Plätzchen mit Haus und +Garten zu seinem künftigen Aufenthaltsort angewiesen, so daß er sich +dort wohl hätte wieder recht wohl und glücklich fühlen können, wäre ihm +nicht der unmittelbare Einfluß seines jetzigen und hier viel geltenden +Gegners in seinem ganzen Wirkungskreis zu sichtbar und dadurch +schmerzlich geworden. + +Fast nur auf die Stadt Papetee selber dabei beschränkt, wo französischer +Einfluß und der sich dem geistlichen Joch entringende Sinn der +Eingeborenen die Bevölkerung, wenn auch noch nicht dem anderen Glauben +gewonnen, doch schon dem ihren sehr entfremdet hatte, waren ihm all jene +lieben Pflichten seines Berufs -- mit den Eingeborenen in ihrer +Einfachheit zu verkehren und sie in der besseren Lehre zu festigen -- +genommen worden, und er fand nur zu bald, daß er es hier mit einem ganz +anderen Menschenschlag zu thun habe als auf Atiu. Nicht mehr allein die +gutmüthigen Insulaner die, fast unberührt von der Außenwelt, sorglos in +den Tag hinein lebten und, wenn sich Jemand die Mühe dazu gab, auch +leicht einer etwas edleren Richtung gewonnen werden konnten, der sie +ihre angeborene Gutmüthigkeit schon von selbst entgegentrieb, war es auf +Tahiti ein Volk, das nicht mit den Sitten, sondern fast nur allein mit +den Unsitten der fremden Eindringlinge bekannt geworden, und bei dem -- +während ihm die Möglichkeit genommen war allein und kräftig auf sie +einzuwirken -- Leichtsinn und Verführung weit stärker und mächtiger und +mit viel gewaltigeren Waffen arbeitete, sie aus guten einfachen Menschen +zu allein Möglichen zu machen was schlecht und traurig war. + +Den Glauben an ihre alten Götter hatten die letzten Jahrzehnde, wenn +auch noch nicht ganz zerstört, doch so erschüttert und untergraben, daß +diese frühere Religion jeden Einfluß auf sie verloren, und während sie +sich dem christlichen Cultus hingaben und sich in seinen Lehren zu +festigen suchten, ja während die Geistlichen noch eifrig bemüht waren +sie den »einzig wahren« Gott kennen zu lehren und sie besonders unkluger +Weise in die Geheimnisse unserer _Dogmen_ einzuweihen, kamen plötzlich +andere, ebenfalls weiße Männer -- Abkömmlinge desselben Stammes, mit +einem anderen Gott, wenigstens mit einem anderen Namen desselben, aber +unter Jehovas Panier, Jesus Christus als den Heiland erkennend, straften +die erstgekommenen mit ihren Lehren Lügen, und verlangten von den +Insulanern sie sollten zum zweiten Mal den Glauben ändern und jetzt den +einzig und »wirklich wahren« Gott erkennen lernen. + +Und hatten _diese_ recht? ihre alten Missionaire donnerten Anathemas von +den Kanzeln nieder, gegen sie, vertrieben die »neuen« Priester aus dem +Land, solange sie noch Macht darüber hatten, und stellten sie ihren +Gemeinden als Götzenanbeter und Ungläubige hin, bis die vertriebenen +Priester mit einem französischen Kriegsschiff zurückgebracht, und unter +den Mündungen der Kanonen ihnen das Recht erzwungen worden zu _bleiben_ +und den neuen Glauben zu _lehren_ -- und welchen Eindruck mußte das auf +die Kinder dieser Inseln machen. + +Die Masse nahm es leicht -- ihr Glaube war bei den Meisten noch nicht so +ernster Art gewesen, ihnen das Herz schwer zu machen, als ihnen andere +Priester jetzt bewiesen daß die weißen Missionaire, die sie bis dahin +nur mit Scheu und Ehrfurcht betrachtet, von einer anderen Sekte +angefeindet und des Irrthums ja der Lüge beschuldigt wurden. Viele +freuten sich sogar eines Zwanges wieder ledig zu werden, der anfing +ihnen lästig zu sein. Andere aber auch, die sich dem Christlichen +Glauben mit voller ungetheilter Kraft und Liebe hingegeben, hörten mit +Entsetzen die neue Lehre, nach der sie ja nur eines anderen Unglaubens +wegen ihre alten Götter verrathen. Und war der _jetzige_ Glauben der +rechte? -- Hatte der erste gelogen, wer stand ihnen dann dafür, daß +nicht vielleicht in Jahresfrist ein neues Schiff auch neue Priester +bringen konnte, die wieder verwarfen was die jetzigen lehrten? -- und +wie dann wurden jene Versprechungen wahr, die ihnen von einem ewigen +Leben gemacht, und derentwegen sie ihre eigenen Götter verlassen und +verstoßen? -- heiliger Gott, war das Alles ein Märchen gewesen, nur von +dem weißen Mann erfunden, sich einzunisten in ihrem Land, und die +Herrschaft an sich zu reißen, wie er es gethan? + +Manche Thräne ist da im Stillen geweint, manches Auge hat da +verzweifelnd aufgeblickt, zu den freundlichen Sternen, in deren +freundlichen Blinken sie sonst nur Glück und Freude sahen, denn einer +zürnenden Gottheit Hand lag auf ihrem Land und sie wußten nicht wohin +sie sich wenden sollten, den Strahl abzulenken der ihr Haupt bedrohte. +Vor den alten Göttern durften sie ja nicht wagen sich wieder +niederzuwerfen; deren Bilder lagen entehrt -- zerstreut umher -- von den +Kindern derer geschändet, die einst anbetend vor ihnen den Staub geküßt +-- und der _neue_ Gott? -- Zweifel waren in ihnen wach gerüttelt _dem_ +zu dienen, und in starrem Jammer sahen sie die einst so sonnige Welt sie +öde und trostlos umlagern; oder sie warfen sich auch im tollen +Uebermuth, Gott wie die Götter von sich stoßend, jenem chaotischen +Nichts und mit ihm dem Taumel wilder, zerstörender Vergnügungen in die +Arme, der ihnen von den Fremden im reichen vollen Maaß geboten wurde. + +Solchen Boden mußte der alte Mann mit seinem stillen traulichen Atiu +vertauschen, und nicht einmal in den ihm nächsten Amtsbrüdern fand er +dabei die nöthige Unterstützung und Hülfe, während sein klarer Verstand, +wie sein gutes Herz zu gleicher Zeit auch nur zu deutlich fühlten, wie +gerade deren starrer und unduldsamer Fanatismus _das_ Uebel das sie +bekämpfen wollten -- einer neuen für irrthümlich gehaltenen Lehre den +Eingang zu verweigern -- unterstützte, und dem Feind von den eigenen +Truppen ganze Schaaren in's Lager jagte. + +Der ehrwürdige Bruder Rowe machte ihm besonders das Leben schwer, und so +sehr er das fühlte und den ihm feindlich gesinnten Mann zu einer offenen +Erklärung zwingen wollte, so vorsichtig und geschmeidig wich dieser +jeder Zeit ihm aus, und selbst der direkten Frage hielt er nicht Stand: +Jene Zeit war vorbei, lange vorbei, wie er sagte, und geschehene Dinge, +wenn man sie vielleicht auch wieder ungeschehen machen möchte, nicht +mehr zu ändern -- in _seinem_ Herzen lebte kein Gefühl der Rache oder +des Zornes -- weshalb auch Rache? weshalb Zorn? -- wenn sich Mr. Osborne +Vorwürfe über irgend etwas Geschehenes zu machen hätte, so bedauere er +das, aber er selber thue es nicht -- Mr. Osborne müsse das mit sich +selber ausmachen. + +Mr. Osborne vertheidigte sich freilich mit Eifer auch selbst gegen eine +solche Vermuthung, und sprach sich rein von jeder wissentlichen Sünde, +aber Bruder Rowe antwortete ihm stets nur durch ein frommes Verdrehen +der Augen und Achselzucken, und war freundlicher als je gegen ihn; aber +nichtsdestoweniger schickte er im Geheimen Pfeil auf Pfeil ab gegen den +alten Mann, und verkümmerte und trübte diesem das Leben dermaßen, daß +er keiner einzigen Stunde mehr froh und sein Beruf, der ihm bis dahin +eine Lust und Freude gewesen, ihm zur schweren traurigen Last wurde. Und +dennoch gab er sich demselben jetzt mit um so größerem Eifer hin; er +fühlte daß die gute Sache gerade jetzt am nöthigsten einer Hand bedürfe, +die es wirklich gut mit ihr meine, und der es nicht blos um Sieg und +Herrschaft der Einzelnen, sondern wirklich um das Glück der Eingeborenen +zu thun wäre, Fleiß und Zeit daran zu opfern. + +Die Art aber, wie er dabei seiner Ueberzeugung folgte, mußte ihm mehr +und mehr Gegner unter den Missionairen in's Leben rufen, deren ganze +Energie, mit nur wenigen Ausnahmen, einem anderen Systeme zustrebte. +Diese wütheten förmlich gegen die »papistischen Gräuel« wie sie es +nannten, und die »heidnische Wirthschaft« die plötzlich den Sieg auf +diesen Inseln errungen, während sie selbst schon seit Jahren dagegen +gepredigt und alle ihre Macht, wenn auch vergebens, aufgeboten hatten, +die fremden Priester _einer anderen Religion_ fern zu halten. Von den +Kanzeln nieder donnerten sie mit allen nur möglichen und unmöglichen +Bibelcitaten gegen die »Unterdrücker des Körpers und der Seele« die +Franzosen an, die ihnen mit ihren Kriegsschiffen die fremde Sekte +aufgezwungen; warnten vor dem Antichrist, der jetzt unter ihnen +herumgehe wie ein brüllender Löwe, zu suchen welchen er verschlinge, und +prophezeihten die Wiedereinführung der Götzen und Schlachtopfer, der +Kindesmorde und Glaubenskriege. Starrer als je beharrten sie dabei auf +ihren Dogmen und Artikeln; auch die kleinsten Vergehen gegen ihre +eingeführten Gebräuche und Ceremonien _ihrer_ Kirche, ja selbst die als +heidnisch ausgeschrienen oft selbst unschuldigen Vergnügungen der +Insulaner, wurden zum Verbrechen, und mit _eiserner_ Hand wollten sie +die Schaar der Gläubigen, die ihnen noch unverführt und treu anhing, von +dem Abgrund zurückhalten, der gierig ihre Seelen zu verschlingen drohte. + +Der alte ehrwürdige Mr. Osborne glaubte dem Ziel auf eine andere Art und +Weise entgegenarbeiten zu müssen, und sein gutes Herz zwang ihn schon +dazu. Er konnte, trotz allen Bemühungen ja Drohungen seiner Collegen, +nicht dahin gebracht werden die andere Lehre zu _verdammen_, denn mit +Recht behauptete er, daß gerade dadurch den Insulanern auch jede +Möglichkeit benommen worden sei zwischen den beiden zu prüfen, wenn von +beiden Seiten zu gleicher Zeit Fluch und Verdammung gegen sie +ausgesprochen wurde. Er zeigte ihnen auch nicht den strengen ernsten und +unversöhnlichen Gott, mit dessen Zorn und Strafgericht die Anderen +drohten, sondern den milden, liebenden Vater, der auch dem irrenden +Kinde gern und willig die Hand reiche und den Pfad zeige, mit gutem +frommen Herzen darauf zu wandeln, und waren sie fröhlich dabei, sangen +und tanzten sie und schmückten sie ihre Haare mit Blumen, so warnte er +sie wohl vor dem Misbrauch solcher Freude, aber er schrie nicht gleich +sein Anathema über sie, und sie hatten ihn deshalb lieb und glaubten +seinen Worten, weil ihr Sinn einen Anklang in ihren Herzen fand. + +Freilich konnte er aber, trotz alledem, dem tollen und unsittlichen +Treiben nicht wehren, das die Inseln, und vor allen anderen Tahiti, +erfaßt hatte. Durch die jetzt fortwährend hier anlegenden Kriegsschiffe +und Wallfischfänger hatte sich die weibliche Bevölkerung, mit einer nur +sehr geringen Ausnahme, dem Laster rücksichtslos in die Arme geworfen, +und welchen verderblichen Einfluß mußte das nicht auf die ganze +Bevölkerung der Insel ausüben. Nur die unendliche Gutmüthigkeit und +Harmlosigkeit dieser Stämme hielt sie dabei vor einem zügellosen +Ausbruch _aller_ Leidenschaften zurück, wie es, unter gleichen +Umständen, in jedem anderen Land der Welt nicht hätte ausbleiben können, +und es läßt sich denken welche wunderliche und unnatürliche Stellung die +Missionaire in solcher Umgebung oft einnehmen mußten. + +Hierzu kam noch der, zu jener Zeit gerade so verwickelte _politische_ +Zustand der Inseln, der eben durch den übergroßen Eifer der Missionaire +herbeigeführt worden, und mit dem ich den Leser, ehe ich meine Erzählung +wieder aufnehme, jedenfalls erst vertrauter machen muß. + +Innere Kämpfe, vorzüglich durch die Ankunft Europäischer Schiffe +hervorgerufen und genährt, und mit den neu eingeführten Feuerwaffen +tödtlich gemacht, hatten die Inseln schon vor der Einführung des +Christenthums oder der Ankunft christlicher Missionaire erschüttert, und +einen Partheienhaß in's Leben gerufen, der Jahrzehnde wohl unter der +Asche glimmend lag, aber nur einen Anlaß suchte wieder hervorzubrechen +und mit erneuter Kraft das wunderschöne Land zu verwüsten. -- + +Otu der aus einer wunderlichen Ursache den Namen Pomare[H] annahm, wußte +sich, nachdem der rechtmäßige Königsstamm vertrieben worden, zum +obersten Häuptling, ja zum ~Arii rahi~ oder König der Inseln +emporzuschwingen, und es gelang ihm auch, besonders durch die gerade +damals landenden Europäischen Schiffe unterstützt, sich zu halten und +seinem Geschlechte Rang und Würde erblich zu machen. Nichtsdestoweniger +lebten aber noch Häuptlinge des anderen Stammes, und nicht mit Unrecht +glaubte besonders der Sohn Otus, Pomare ~II.~ eine kräftige Stütze +seiner Macht in den fremden weißen Männern zu erhalten, deren Religion +er auch annahm, ohne sich jedoch in seinen Sitten viel nach ihnen zu +richten -- wie er denn auch in Folge seiner Ausschweifungen +hauptsächlich starb. -- Ja er ließ sich sogar in höchst unchristliche +Kriege um sein Götzenbild Oro ein, in Folge dessen eine Revolution +ausbrach und der König vertrieben, die Mission selber zersprengt wurde. +Der Verlust seiner Macht wurmte aber den König, und vielleicht fühlend +daß ihn seine anderen Götter nicht genug geschützt hatten, und von dem +neuen Gotte größere Protection erhoffend, vielleicht niedergebeugt durch +manche häusliche Leiden zu gleicher Zeit, denn seine Königin war ihm +ebenfalls gestorben, warf er das alte Heidenthum jetzt von sich, +bekehrte sich öffentlich zum Christenthum und führte dies, mit Hülfe des +Oberpriesters Tati, der die ihm bis dahin anvertrauten Götterbilder +öffentlich verbrannte, auch auf den übrigen Inseln ein. + +Er starb am 30. Nov. 1821 und hinterließ nur einen Sohn von 18 Monaten +etwa, den aber die Missionaire jetzt in ihrem Sinn und Geist zu erziehen +hofften, indeß sie, während sie selber das Staatsruder in Händen +führten, die Regentschaft seiner Tante übertrugen. Aber der junge Prinz +starb schon 1827 -- die fremde strenge Lebensweise in der ihn die +Priester hielten, konnte seine überdies schwächliche Natur nicht +vertragen, und das Volk rief jetzt, nicht ohne den Einfluß seiner +Lehrer, die die Macht in diesem Königsgeschlechte wahren mußten wenn sie +nicht fürchten wollten den kaum befestigten Einfluß wieder zu verlieren, +Aimata die Tochter ihres vorigen Königs und Schwester des +letztverstorbenen zu seiner Herrscherin aus. + +Nur gezwungen fügten sich aber die alten, von dem anderen Königstamm +abzweigenden Häuptlinge, Tati an ihrer Spitze, denn mit des jungen +Fürsten Tode bot sich neue Hoffnung ihren noch nie aufgegebenen +Ansprüchen auf den Thron des Reichs; aber das Christenthum war schon zu +mächtig geworden im Land, die Missionaire besonders hatten zu großen +Einfluß gewonnen über die Bewohner und ihre Frauen, und jeder andere +Anspruch verschwand vor der Krone der jungen schönen Königin[I]. + +Die englischen Missionaire waren jetzt, so sehr sie sich auch Mühe gaben +jeden politischen Einfluß, Europa gegenüber, von sich zu weisen, und +schon seit der Krönung und Salbung des früheren jungen Herrschers, die +eigentlich regierenden Herren des Landes; sie gaben Gesetze und +verwalteten, indem sie über die Arbeitskräfte des Volkes geboten, die +Kassen des Landes. In ihren Händen lag dabei der Haupt-Handel der Insel, +denn ihre Unterstützung vom Mutterland wurde ihnen natürlich nicht in +Geld sondern in englischen Waaren, die sie zu tüchtigen Preisen wieder +verwertheten, übersandt, und es läßt sich denken daß sie eifersüchtig +darüber wachten, solcher Vortheile nicht so rasch und leicht wieder +beraubt zu werden. + +Eine solche Gefahr drohte ihnen aber im Jahr 1836, wo zwei von den +Gambier-Inseln abgesandte Katholische Priester, Laval und Caret ziemlich +heimlich auf Tahiti landeten und dort festen Fuß zu fassen suchten. +Aber die Protestantischen Missionaire waren auf ihrer Hut und +beschlossen, der Kraft der von ihnen gepredigten Lehre und der einfachen +Leichtgläubigkeit ihrer Beichtkinder doch nicht so recht trauend, die +gefährlichen Fremden unter jeder Bedingung und so rasch als möglich +wieder zu entfernen. + +Die Priester machten indeß der Königin ihre Aufwartung die sie in +Gegenwart ihrer Missionaire empfing, und ersuchten sie ihnen den +Aufenthalt zu gestatten, legten auch, als sie den Platz wieder +verließen, Geschenke für Pomare nieder, die nach einigem Weigern +angenommen wurden; nichtsdestoweniger wurde ihnen in einer nächsten +Versammlung, wobei einige der Häuptlinge gegenwärtig waren, und die sie +in Begleitung des Amerikanischen Consuls, Herrn Mörenhout besuchten, die +Eröffnung gemacht, daß ihnen der Aufenthalt auf diesen Inseln _nicht_ +gestattet werden könne. Die Katholischen Geistlichen protestirten +dagegen, aber am nächsten Morgen bekamen sie die ganz unzweideutige +Weisung der Königin die Insel ohne weiteres wieder zu verlassen, und als +auch hierauf eine direkte Bitte an die Königin, sie ungehindert hier +weilen zu lassen, Nichts half, schlossen sie sich in das ihnen von +Mörenhout gegebene Haus ein, und wichen nur erst der förmlichen Gewalt, +denn die von den Protestantischen Missionairen abgeschickte Polizei +kletterte am Haus hinauf, stieg durch das Dach, und _trug_ die Priester, +die nicht gutwillig gehen wollten, wieder auf ihr Fahrzeug zurück. + +Diese That sollte nicht ohne traurige Folgen für die Inseln bleiben, +denn die religiöse Unduldsamkeit der Missionaire öffnete dem schon +darauf harrenden Feind die Thore, gab Frankreich einen erwünschten +Vorwand seinen Handel wie seine Religion dort vor allen Dingen zu +befestigen, und dann die ganze Insel, als seiner Schiffahrt günstig +gelegen, zu besetzen. Caret reiste nach Frankreich, dort Genugthuung für +die erlittene Behandlung zu erbitten, und dem Admiral Du Petit Thouars +wurde es aufgetragen ein schwaches friedliches Reich zu unterwerfen, das +bis dahin noch keinem Fremden Uebles gethan, sondern Alle, gleichviel +von welchem Lande, von welcher Religion in gastlicher Herzlichkeit bei +sich aufgenommen hatte, bis jene fremden Priester selber einander +befehdeten und Leid und Unheil über jene schönen Küsten brachten, die +Gottes Vaterhuld mit Allem ausgeschmückt was groß und herrlich war. + +Im August 1838 ankerte die Fregatte Venus auf der Rhede von Papetee, und +Du Petit Thouars erklärte der Königin Pomare in einem Schreiben, daß er +gekommen sei für die unwürdige Behandlung mehrer Französischer +Unterthanen, vorzüglich aber der beiden von hier exilirten Priester +Caret und Laval Genugthuung zu fordern, und jetzt vor allen Dingen eine +schriftliche Entschuldigung der Königin, die Summe von 2000 Spanischen +Dollarn als Entschädigung für die erlittene Unbill der Priester, und die +Begrüßung der Französischen Flagge mit 21 Kanonenschüssen verlange. +Widrigenfalls drohten die Mündungen der Geschütze Vernichtung über den +offen und schutzlos daliegenden Strand. + +Die arme Pomare hatte keine Wahl; sie schrieb den Brief, erbat sich das +Pulver selbst von der Französischen Fregatte zu den verlangten Schüssen, +und die Missionaire, deren Eigenthum bei einer Kanonade auch am meisten +bedroht gewesen wäre, collectirten das Geld theils unter sich, theils +bei anderen Engländern und Amerikanern der Inseln, und befriedigten +damit den Französischen Admiral. + +Aber Du Petit Thouars ging weiter, und nicht bedenkend daß ein schwaches +Volk dasselbe Recht, wenn auch nicht dieselbe Macht habe, ihm misliebige +Personen von sich fern zu halten, und vielleicht von einem etwas +rachsüchtigen Gefühl gegen die allerdings übermüthigen Protestantischen +Priester geleitet, erzwang er noch außerdem einen Vertrag von den +Eingeborenen, nach dem allen Franzosen: »was auch immer ihr Gewerbe +sei« (also auch den Französischen Katholischen Missionairen) das Recht +zustehen sollte, sich niederzulassen und Handel zu treiben auf allen +Inseln. + +Ein bald nach ihm kommendes Kriegsschiff, die Artemise, Capitain La +Place ging noch weiter und verlangte und erhielt -- denn wie hätten sich +ihm die Tahitier widersetzen können -- volle Religionsfreiheit für alle +Katholiken und einen Bauplatz für eine Katholische Kirche. + +Wenn aber auch die Protestantischen Missionaire diese Vorgänge mit +stillem, freilich deshalb nicht minder heftigem Unmuth dulden mußten, +gab es doch eine Parthei auf Tahiti, die mit Freuden einen Wechsel in +den politischen Verhältnissen hereinbrechen sah, den sie bis dahin kaum +für möglich gehalten. Es waren dies die von den Pomaren ihrer Macht +beraubten Häuptlinge, die nur mit heimlichem Grimm die Oberherrschaft +der fremden ihnen feindlich gesinnten Priester gefühlt, und vergebens +gesucht hatten ihnen entgegen zu arbeiten. Nicht mit Unrecht hofften +diese, daß die neuen, einer anderen Sekte zugehörigen Priester den +Einfluß jener stolzen Männer schwächen müßten, und einmal dieser Stütze +beraubt, und der Thron der Pomaren stand auch nicht so unerschütterlich +mehr. Noch aber hatten die Englischen Missionaire die Zügel in den +Händen, und als das Französische Kriegsschiff die Küste wieder +verlassen, donnerten sie von den Kanzeln mit allem Ingrimm des +hartnäckigsten Fanatismus gegen die neue Lehre, deren Symbole sie mit +den früheren heidnischen Uebungen der Insulaner selber verglichen, und +deren Lehren dem höllischen Abgrund gerade zuführten. + +Die Katholische Religion machte nur geringe Fortschritte, die +Protestantischen Missionaire behaupteten ihre Macht, und wenn auch schon +des Zweifels Saamen war eingestreut worden in die Herzen der armen +Insulaner, die mit Entsetzen Feinde ihres Glaubens in demselben Volk +erstehen sahen, das ihnen den neuen Gott gebracht, dauerte das dem +heißen ungeduldigen Blut der unruhigen Häuptlinge zu lang, und mit der +schon fast erstorbenen Hoffnung einstigen Sieges frisch angefacht, +harrten sie, nicht stark genug ihn selber zu führen, einem frischen +Schlag wider die Macht ihrer Nebenbuhler sehnsüchtig entgegen. + +Einen halben Bundesgenossen, Jemanden wenigstens, der der Französischen +Sache eng ergeben und den Protestantischen Missionairen nicht besonders +geneigt war, hatten sie in dem früheren Amerikanischen Consul Mörenhout, +der dem Pietistischen Wesen der Protestanten theils abhold, anderseits +auch seinen eigenen Nutzen durch die Oberherrschaft der Franzosen zu +befördern glaubte, unter deren Schutz oder Protectorat er jetzt die +Inseln zu bringen suchte. + +Ob er seinen Freunden, den unzufriedenen Häuptlingen seine ganzen Pläne +mittheilte, ist nicht bekannt, aber soviel gewiß, daß im September 1842, +als die Französische Fregatte Reine Blanche unter dem, vorgeschobener +Unbilden wegen neue enorme Forderungen stellenden _Admiral_ Du Petit +Thouars vor Papetee ankerte, die vier Häuptlinge Tati, Raiata, Utami und +Hitoti mit Mörenhout an Bord gingen, und dort einen Vertrag +unterzeichneten, in welchem sie den Admiral baten, da sie nicht im +Stande wären ihr Land jetzt so zu regieren mit anderen mächtigeren +Regierungen in Frieden zu leben, ihre Inseln unter den Schutz seines +Königs zu nehmen, der ihnen jedoch, neben der Religionsfreiheit, alle +übrigen Rechte unbekümmert ließ und garantirte. + +Die Einwilligung der Königin, die jeden Augenblick ihrer Entbindung +entgegensah, wurde unter der Drohung des Französischen Admirals von +10,000 Dollar Entschädigungssumme für allerdings nur imaginäre Unbill, +oder volle Besitznahme der Inseln im Namen Sr. Majestät, des Königs von +Frankreich _erzwungen_ und, selbst die Clausel eingeschlossen, die den +Protestantischen Missionairen, der neuen Macht gegenüber, völlig die +Hände band, daß nämlich »irgend ein Mann, der das Tahitische Volk mit +Wort oder That gegen die Französische Regierung einzunehmen suche, +verbannt werden solle von den Inseln.« + +In dieser Zeit aber war gerade der Mann abwesend von Tahiti, der bis +dahin den meisten Einfluß als Protestantischer Geistlicher sowohl wie +mehr irdischer Richter auf die Königin gehabt. Mr. Pritchard war nach +England gegangen, die Englische Regierung für das kleine Insel-Reich zu +interessiren und es gegen die wohl vorhergesehenen und gefürchteten +Uebergriffe Katholischer Priester sowohl wie Französischer Kriegsschiffe +zu schützen; aber die zurückgebliebenen Missionaire hofften destomehr +auf diese Hülfe, zu der sie, wie sie glaubten, die neue Ungerechtigkeit +des Französischen Befehlshabers jetzt nur noch mehr berechtigte, wenn +nicht dem Englischen Volk auch der letzte Einfluß auf diese Inseln +entzogen werden sollte. + +Kaum hatte deshalb Du Petit Thouars die Inseln wieder verlassen als sie, +jedes Vertrags ungeachtet, an den sie sich nicht gebunden erklärten, und +die Königin selber, da er ihr abgezwungen worden, davon entbanden, frei +und offen in ihren Kirchen das Entsetzliche der Gefahr schilderten, in +der die Seelen ihrer Beichtkinder schwebten, von dem Antichrist an sich +gezogen und zerstört zu werden. Der blinde Fanatismus Einzelner trieb +schon zum Aeußersten, keine Folgen der rückkehrenden Kriegsschiffe +berechnend, hätten Andere nicht den wilden Eifer gedämmt, einen +günstigen Zeitpunkt wenigstens zu erwarten den »papistischen Gräueln« +mit _einem_ gewaltigen Schlag ein Ende zu machen. + +So standen die Sachen im Herbst des Jahres 1843, und während die +Bewohner Tahitis theils Parthei für ihre Missionaire ergriffen, theils +in kalter Gleichgültigkeit den Streitigkeiten der »beiden weißen Gotte« +zusahen und ihren Erfolg abwarteten, arbeiteten die Protestanten +unverdrossen ihrem einen Ziel entgegen, und die unruhigen Häuptlinge +suchten vergebens den Conflikt zu ihren Gunsten auszubeuten. Die +Franzosen hatten versprochen ihre Bundesgenossen zu werden, und sie in +ihren gerechten Ansprüchen zu unterstützen, und jetzt befestigten sie +nur die eigene Macht auf den Inseln und brachen der fremden Lehre Bahn +-- was kümmerte die trotzigen Herzen ein neuer Name Gottes. + + +Fußnoten: + +[H] Der König schlug einst sein Lager zwischen den Bergen auf, und der +Platz wo er lag war gerade dem Thau und einer scharfen Zugluft +ausgesetzt. In der Nacht erkältete er sich und bekam einen Husten, +wonach Einer seiner Höflinge diese Nacht eine Husten-Nacht (von ~po~ +Nacht und ~mare~ Husten) nannte. Dem König gefiel der Klang des Worts +vielleicht, vielleicht hatte er eine andere Ursache, kurz er beschloß +sich von der Zeit an ~Po-mare~ zu nennen, und der Titel ist jetzt, als +erblich, auf seine Nachkommen übergegangen. + +[I] Aimata oder Pomare ~IV.~ ist etwa 1812 geboren und war zuerst an +einen jungen Häuptling von Tahaa verheirathet, von dem sie sich wieder +schied und zu ihrem zweiten Gemahl einen anderen jungen Häuptling von +Huaheine, einer Nachbarinsel, nahm. + + + + +Capitel 9. + +#Die vier Häuptlinge.# + + +Ein sonniger Himmel spannte sich über die wildzerrissenen aber bis in +ihre höchsten Kuppen bewaldeten Berge von Tahiti; aus den tiefen Thälern +stiegen in festen, zusammengedrängten Massen die weißen schwankenden +Schwaden auf, und wollten sich ausbreiten gegen den mächtigen Feind, +aber die sengenden Strahlen trieben sie zurück, hinein wieder in +Schlucht und Bergeshang, und hie und da niedergepreßt auf eine Halde, +oder hingetrieben von dem neckischen Seewind über den saftigen Anwuchs +breitblättriger ~Feis~[J], mußten sie sich wohl dicht an den Boden +schmiegen, unter Laub und Busch, dem einsamen Jäger das wunderliche +Schauspiel einer Schneelandschaft in den Tropen bietend, so weiß und +weich lagen sie unter Busch und Strauch und füllten die Thäler aus, +Inseln bildend aus Kuppe und Kraterhang. + +Und die Palmen im Thal unten schüttelten den Thau aus ihren wehenden +Kronen, und rauschten und flüsterten dem Morgenwind ihren Gruß entgegen; +aus dem Schatten eines mächtigen Wibaums[K] flötete der Omaomao[L], die +Tahitische Drossel und der gellende Schrei der Möve, die über dem +spiegelglatten, crystallhellen Binnenwasser der Riffe nach Beute strich, +mischte sich darein. Von fern herüber aber donnerte klar und gewaltig +das Brausen der ewigen Brandung über die Corallenwälle, die in einem +weiten, nur an sehr wenigen Stellen kaum unterbrochenen Kreis all diese +Inseln umgeben, als ob sie das freundliche Land schützen wollten gegen +den wilden ungestümen Andrang der Wogen und ihre zerstörende Macht -- +die Elemente waren freundlicher gegen dies Paradies als die Menschen. + +Weit aus nach allen Seiten breitete dabei das blaue Meer, hie und da +über die Fläche blitzte der Schein eines hellen Segels, und aus der +Ferne herüber ragten die schroffen pittoresken Kuppen Imeos oder Moreas, +mit dem Palmengürtel, der den Fuß ihrer Berge umschloß, eben sichtbar +über dem Meeresspiegel. Massen von kleinen schlanken Canoes, den +Luvbaum[M] an der Seite, der das schwanke Fahrzeug vor dem Umschlagen +wahren sollte, glitten über das blitzende Binnenwasser, aus den Corallen +herauf, mit Harpune oder Netz ihr Mahl zu holen, und oft unter der +stürzenden Brandung hin, der kochenden Woge wie im Sprung entgehend, +schoß der schwanke Bau wie ein dunkler Streif durch den schneeigen +Schaum, und das braune trotzige Gesicht warf sich den Gischt aus dem +lockigen Haar mit fröhlichem Lachen. + +Wie lauschig und versteckt lagen die Hütten der Eingeborenen in jenen +schattigen Hainen, die das Ufer mit ihrem schwellenden Grün überzogen, +und aus dem heraus sich die prachtvollen Cocospalmen noch weit über den +Meeresspiegel beugten, als ob sie ihr Bild wiederfinden wollten in dem +Crystall da unten. Wie dufteten die Orangen und Citronen, die schneeigen +Sternblumen und die Mangablüthe so süß; das Bananenblatt zitterte und +raschelte in dem Zephyr, der sich durch Blum und Blüthe stahl, seine +Bahn zu suchen, den Klüften der Berge zu, und der stattliche +Brodfruchtbaum drängte sich mit seinen gefingerten einzelnen Blättern in +das stattliche Laub der Mape; die Papaya schüttelte ihre Kelche aus auf +Ananas und Tappo-Tappo[N], die köstlichen Früchte dieser Zone, und tief +im schattigen Laub versteckt glühten duftende Blüthen, und hoben ihre +Kelche dem sonnigen Licht entgegen. + +Es war ein Paradies das Gottes milde Vaterhand erschaffen, ein Paradies +von seinem Athem durchweht, und Seiner Werke Herrlichkeit kündend zu +jeder Stunde -- ein Paradies das nur die Leidenschaft und das trotzige +Herz des Menschen oft, ach wie oft, so muth- und böswillig verdarb und +zerstörte und Haß und Schmerz säete, selbst zwischen diese Palmen, und +den Frieden verjagte, der auf den stillen Matten in heiterer Ruhe +lagerte. Ehrgeiz und Fanatismus, Sinnlichkeit, Geldgier und sorgloser +Leichtsinn reichten sich einander die Hand und der Indianer, der +gastliche Herr dieses Aufenthalts in dem Engel hätten schwelgen können, +sah in kurzsichtiger Lust wie die fremden Männer Spiel nach Spiel in +sein Canoe häuften, es schmückten und verzierten und beluden -- bis es +_sank_. + +Sorglose Kinder des Augenblicks, denen Palme und Brodfrucht jeden Tag +gaben was der Tag begehrte, was kümmerte sie die Zukunft? Der bunte +Flittertand freute sie, jeder goldenen, blitzenden Masche jubelten sie +entgegen, und ahneten das Netz nicht, das sich langsam aber sicher +daraus wob, sie niederzuziehen aus ihrem Himmel. + +Aber nicht Alle theilten diese Apathie an den Ereignissen des Tages, +denen das Volk kaum das Ohr lieh wenn sie geschehen; wie die +Protestantischen Missionaire um den erschütterten Stamm die Wurzeln +wieder tiefer senkten und gruben, ihm mehr Festigkeit zu geben bei dem +nächsten Sturm, so nagte der Ehrgeiz, und andere Leidenschaften +vielleicht, an den Herzen jener stolzen Häuptlinge, die Königsblut in +ihren Adern fühlten, und der stille Frieden selbst der sie umgab reizte +den schlafenden Grimm in ihrer Brust, und wandelte ihnen ihr Paradies zu +einem Aufenthalt der Qual. + +In Papara, dem südwestlichen Theil von Tahiti stand, von mächtigen +Mapebäumen beschattet, dicht am Uferrand eines kleinen klaren Bergbachs, +der sprudelnd und silberrein aus den Bergen niedersprang, eine jener +breitovalen, aus Bambus errichteten und mit den Blättern der Pandanus +dicht gedeckten Hütten, um die sich der weiche Rasen schloß und der +Brodfruchtbäume und wehende Palmen das Dach bildeten, den sengenden +Sonnenstrahl abzuhalten von dem stillen Platz. Ein lauschiges Halbdunkel +lagerte auf dem nur leise rauschenden, flüsternden Hain, dem die von der +Brise kaum bewegten Wasser tausend und tausend kleine funkelnde Lichter +entgegenblitzten. + +Aber keine fröhliche Kinderschaar spielte und sprang hier am +Muschelstrand, oder schaukelte sich an langem, in die Wipfel der Palmen +geknüpften Bastseil weit und keck hinaus über den korallendrohenden +Wasserspiegel; kein schlankes Weib mit blumengeschmücktem Haar sammelte +die Frucht von dem nahen Baum und breitete das reinliche Hibiscusblatt +zum frischen Mahl. Nur an den Stamm einer Palme gelehnt, die Lenden mit +dem ~pareu~, noch aus der auf der Insel selbst gefertigten Tapa[O] +umwunden, deren gelbbraune Falten ihm fast bis zum Knie niederfielen, +während Bein, Schultern und Leib die zierlichen blauen Linien der alten, +und durch die Missionaire sonst fast überall verpönten Tättowirungen +zeigten, lehnte ein Insulaner und schaute still und schweigend, wie in +tiefem Nachdenken versenkt, auf das weite sonnige tiefblaue Meer hinaus, +das seinen Strand bespühlte. + +Es war eine edle, kräftige Gestalt wie sie da stand unter der Königin +des Waldes, und das weiche rabenschwarze lockige Haar fiel ihr, ungleich +der frommen von den Protestantischen Geistlichen eingeführten Sitte es +kurz abzuschneiden, voll und lang um die Schläfe, bis auf die Schultern +nieder. Aber keine Blume stak darin oder hinter dem Ohr, noch glänzte +sonst ein Schmuck an Arm, Hals oder Handgelenk, und die kühnen Züge und +Arabesken des Tättowirers, alte heidnische Zeichen mit Haifischzähnen in +unvergehbaren Punkten der Haut eingegraben, lagen fast drohend auf den +vollgespannten Muskeln und Sehnen der nervigen Glieder. + +Da wurden leise aber regelmäßige Schritte im Laube laut -- näher und +näher kamen sie heran, und eine andere Gestalt erschien unter den +schattigen Blüthe und Frucht bedeckten Orangen; aber der Sinnende hörte +die Schritte nicht, seinem Träumen willenlos hingegeben, und der +Neugekommene stand mit verschränkten Armen wohl mehrere Minuten lang +schweigend neben ihm, indeß sein Blick in tiefem Ernst und Sinnen auf +ihm haftete. + +Dem Aeußeren nach aber war es eine andere Gestalt, als die des ernsten +Träumers an der Palme, seine Lenden umschloß, wie bei dem Ersten nur ein +etwas bunterer Pareu, der Oberkörper stak aber in einem noch bunteren +Oberhemd, und unter den, mit wohlriechendem Oel gesalbten Locken vor +leuchteten die eben aufgebrochenen Knospen des Cap-Jasmin, jener +reizenden lilienartigen Gardenia mit dem vollen Narcissenduft. Die Beine +waren nackt, und die alten Tättowirungen auch auf ihnen sichtbar, aber +der Pareu ging tief hinab und verhüllte das meiste davon, bis auf die +zierlich gezeichneten Palmen, deren Wurzeln auf den Hacken saßen während +der Stamm am hinteren Theil des Beines schlank und zierlich hinauf lief, +sich über den Waden mit seinen breiten, federartigen Blattkronen +auszubreiten. In der Hand trug er einen schlanken langen Bogen und +einige buntbefiederte Pfeile mit Eisenspitzen (keine Waffen in jener +Zeit, wo die inneren Kriege aufgehört hatten, und die Insulaner recht +gut die Nichtigkeit solcher Wehr gegen Feuerwaffen erkannten, sondern +mehr ein Spielzeug oder besser gesagt ein Uebungsspiel der Vornehmen, +das besonders der Lieblingszeitvertreib des vorigen Königs gewesen) und +um den Scheitel zog sich ihm ein wunderlich geflochtener Kranz von +Gardenien mit den silberweißen Fasern der Arrowroot und kleinen rothen +Blüthen bunt durchwebt. + +»Joranna Tati!« rief er endlich lachend, als er wohl glaubte den +Sinnenden seinen Betrachtungen lange genug überlassen zu haben, und +während ein leichtes Lächeln seine schönen Züge überflog -- »Joranna +Mann, und was hängst Du den Kopf und schaust so still und brütend vor +Dich hin, als ob Du« -- es zuckte spöttisch um seinen Mund -- »plötzlich +ein Missionair geworden wärest? Wollen Dich die frommen Väter vielleicht +nach den Gambier-Inseln senden, ihren »Brüdern in Christo« dort Gleiches +mit Gleichem zu vergelten, und bereitest Du Dich vor den Neubekehrten da +drüben zu beweisen, daß man nur des Himmels Seligkeit erndten könne, +wenn man die Mundwinkel an beiden Seiten herunterhängen lasse, und das +Weiße der Augen zeige in brünstigem Gebet?« -- + +Tati, denn der Häuptling war es, schaute rasch und finster auf bei dem +Gruß, und seine Züge heiterten sich nicht auf, als er den bunten Schmuck +und Tant erkannte, mit dem sich der Freund behangen. + +»Du siehst aus als ob _Du_ zum Tanze gingst mit den Areoïs[P], Paofai,« +sagte er ernst, ohne den Gruß zu erwiedern, »ein Richter des Landes +sollte sich das Schicksal desselben zu Herzen nehmen, in so schwerer +Zeit!« + +»Das _Schicksal_?« lachte Paofai, die Locken schüttelnd, daß die Blüthen +auf seine Schultern niederfielen, »das Schicksal liegt in der Hand jedes +Einzelnen für sich selbst, und die ihre Nacken dem Joch gutwillig +neigen, dürfen nachher nicht klagen wenn es sie drückt. Wer, beim Oro, +heißt die fröhlichen Kinder unserer schönen Inseln sich den Fremden +beugen und die Knie wund reiben vor einem Gott, der uns bis jetzt nur +Arbeit und Krankheiten, nur Haß und Feindschaft geschickt hat aus fernem +Land? -- Ich für mein Theil bin es müde die helle Schattirung einer +Haut, und Kenntnisse die dem Träger hier, wo er sie nicht gebrauchen +kann, nur zur Last sind, höher geschätzt zu sehn als das, was unsere +Väter ehrten. -- Gleisnerische Worte -- Oros Zorn über sie, daß sie zu +Gift würden in dem Mund ihrer Träger.« + +»Und wer ist Schuld als wir selber, daß wir's so lange zu tragen haben?« +rief Tati sich hoch und stolz emporrichtend, »ruht nicht der Fluch +unserer Götter auf diesem Lande, seit jene knechtischen Pomare's den +Scepter führen, ja liegt nicht selbst die junge Königin in der Gewalt +dieser schleichenden Priester, die sich nur immer die _Diener_ des Herrn +nennen, und dabei den Fuß selber auf die Nacken der Arii Rahi's[Q] +dieses Landes zu setzen wagen?« + +»Und weißt Du daß sie das Volk wieder zusammenrufen wollen zu neuem +Unheil?« frug Paofai lauernd. + +»Sie wagen es nicht,« sagte Tati verächtlich mit dem Kopfe schüttelnd -- +»sie wagen es nicht, denn ihre Häuser stehn breit und bequem gleich vorn +am Strand, und die eisernen Kugeln des nächsten Französischen Schiffes +mähten sie nieder.« + +»Aber sie hoffen auf Englands Schutz!« rief Paofai, »und Piritati[R] ist +dorthin gegangen Hülfe zu holen für sich und die Seinen.« + +»Bah, der Weg ist lang,« sagte Tati verächtlich, »und die Engländer +haben einen großen Mund; sie sind kalt und ohne Herz wie ihr Gott, und +so geizig, daß sie dem nicht einmal opfern lassen, sondern Cocosöl und +Perlmutterschalen fortführen auf ihren Schiffen und die Schweine selber +essen -- Piritati wird kommen und Versprechungen bringen.« + +»Aber sie warten nicht _bis_ er kommt!« entgegnete Paofai -- »der tolle +Uebermuth der Priester, mit dem sie sich so lange eine wirkliche Macht +vorgelogen haben, bis sie sie selber glauben, läßt sie jede Vorsicht +vergessen, und um den Augenblick als Heilige und Halbgötter vor dem Volk +zu stehn, wagen sie ihre Existenz.« + +»Sie hätten recht -- die Feranis werden uns auch nimmer den Segen +bringen,« sagte Tati finster -- »mich reut schon die Hand die ich dabei +im Spiel gehabt, denn der gierige Wi--Wi scheint Lust an der Beute zu +bekommen, nach der er schon zweimal die Krallen ausgestreckt. So lange +noch _ein_ Fremder auf dieser Insel lebt, blüht uns kein Friede und wir +warfen uns selbst hinaus, als wir den Gleisnern einst den Aufenthalt +gestatteten, und den Bambus schlugen zu ihren Hütten -- wir hätten ihr +Grab graben sollen.« + +»Ha dort kommt Botschaft von Papetee!« rief Paofai plötzlich, und +deutete mit dem Arm hinaus in das Binnenwasser der Riffe, über das hin +ein leichtes Canoe, von zwei Indianern gerudert, mit zwei Anderen im +Hintertheil desselben, rasch über die klare Fluth herbeischoß. Schon von +weitem erkannten sie die beiden Häuptlinge Paraita und Utami und Tati +sagte finster: + +»Deren Eile kündet schon vorher des Kommens Grund, und der Feind ist uns +ins Lager gerückt -- o daß er die Streitaxt mit sich brächte und den +Speer, und nicht ewig das todte Wort mit Singen und Beten.« + +Die beiden Männer erwarteten jetzt schweigend die Ankunft des Canoes, +das draußen um eine etwas weit auszweigende Corallenspitze bog, und dann +im geraden Strich auf den Platz zuschnitt auf dem die beiden Häuptlinge +standen, und dessen helleres Dach sich schon von weitem, als treffliche +Landmarke, erkennen ließ. + +»Ha sieh nur Utamis Gesicht!« rief da Paofai, als beide Führer endlich +landeten und an's Ufer sprangen -- »der dunkle Zug über der Stirn +deutet bei ihm nichts Gutes -- es ist wie ich gesagt!« + +»Gruß Euch und Frieden -- ~Joranna, Joranna bo-y~!« riefen die beiden +Männer, als sie den Schattenrand betraten, den die Fruchtbäume und +Palmen der senkrecht stehenden Sonne abgezwungen. + +»Joranna Utami -- Joranna Paraita, und was führt Euch über das Wasser im +Aoatea, wenn die Sonne über Euerem Scheitel brennt?« frug Paofai, +während Tati ihnen die Hand entgegenstreckte sie zu begrüßen. + +»Fröhliche Botschaft,« lachte Paraita, aber die fest zusammengebissenen +Zähne und der lauernde Blick mit dem er die Züge seiner Freunde +beobachtete straften sein Lachen Lügen -- »ein neues Englisches +Kriegsschiff ist eingelaufen und die Mi-to-na-res schwimmen oben auf; +der Englische Capitain will ihren Gott schützen, daß ihn der andere +nicht über den Haufen wirft, wie sie bei uns Taaroa und Oro bei Seite +geworfen haben, und der morgende Tag schon soll ihren Triumph +beleuchten. Auf Tati, auf Paofai, ich glaube die Richter sollen vor +Gericht, denn wir sind _Alle_ aufgefordert zu erscheinen.« + +»Und gilt es wirklich dem Vertrag, den wir mit dem Ferani +abgeschlossen?« frug Tati finster. + +»Kein Zweifel,« lautete die Antwort -- »der Königin Boten fliegen heute +durchs ganze Land -- gestern schon gingen die Canoes nach Morea hinüber +und uns Beiden wurde selber aufgetragen _Euch_ mit zur Stelle zu +bringen, genügt Euch das?« + +»Und wißt Ihr genau was berathen werden soll?« frug Paofai. + +Paraita lachte. + +»Es ist ein öffentliches Geheimniß, und das Volk in Papetee spricht von +nichts Anderem -- sie wollen unseren Vertrag verwerfen und das +Protectorat Frankreichs von sich weisen.« + +»Das Französische Schiff im Hafen wird's nicht leiden,« rief Tati. + +»Es liegt ein stärkeres daneben s'ihm zu wehren,« sagte achselzuckend +Paraita. + +»Und was spricht Utami?« frug Tati, dessen Hand ergreifend, »auf welcher +Seite siehst _Du_ den Segen unseres Landes?« + +»Auf keiner,« entgegnete kopfschüttelnd der greise Richter, »auf keiner +von diesen Beiden. -- Ich hatte gehofft durch einen solchen Schritt, der +gewissermaßen nur zum Schein unsere Rechte beschränkte und mehr ein +Freundschaftsbündniß war mit einer stärkeren Macht, jenen ehrgeizigen +Priestern ein Ziel zu stecken, aber die Feranis schauen mit gierigem +Auge auf dies Land, und wer weiß ob wir nachher bei dem Tausch +gewönnen. Jedenfalls liegt das noch Alles in der Zukunft Schooß, und ich +habe keine Lust einen Arm aufzuheben für Franke oder Missionair -- laß +sie sich unter einander schlagen.« + +»Und Du gehst?« + +»Gewiß -- sie sollen nicht sagen können daß Utami ihren Ruf gefürchtet +habe.« + +»Gefürchtet,« wiederholte Paofai verächtlich und spannte wie im Spiel +den Bogen von dessen Sehne der Pfeil schwirrend abschnellte, und etwa +vierzig Schritt davon entfernt den schlanken Stamm einer Papaya +durchbohrte, in deren Holz er zitternd stecken blieb -- »gefürchtet,« +wiederholte er noch einmal, den Bogen auf die Schulter werfend -- »aber +es führt uns nicht zum Ziel dieses Kinderspiel -- dem Volk wird wieder +Sand in die Augen gestreut und so lange gesungen und gebetet, bis es +ermüdet auseinandergeht, und Alles bleibt beim Alten. Da doch noch +lieber dem Franzosen unterthan, dessen Sitte und Denkungsart besser zu +uns paßt, als den schleichenden Frömmlern.« + +»Unterthan? -- _keinem_!« rief da Tati trotzig, der indeß mit +verschränkten Armen und in tiefem Brüten dem Gespräch der Freunde +gelauscht -- »aber wie dann, wenn wir den Augenblick benutzten, wo die +Bewohner Tahitis das eine Joch abgeschüttelt und auch das andere von +uns würfen? -- Was sagst Du, Utami, wenn wir die Fremden stürzten mit +dem einen Schlag und, wie die Missionaire jene fremden Priester, auf das +Schiff packten das sie gebracht und sie fortschickten, gleichviel wohin, +so _sie_ jetzt dem Engländer gäben, sie heimzuführen in ihre Heimath? +Jetzt, jetzt noch ist es Zeit wieder _ein_ Reich, ein glückliches Reich +zu gründen in unserem Inselland -- jetzt wo das Volk gesehen welchen +Fluch ihnen die Fremden gebracht in jeder Art, wird es zu uns stehn mit +Kraft und Gewalt, und dem _einigen_ Volke können auch selbst die +Feuerschlünde des Feindes nicht mehr fürchterlich sein.« + +Utami schüttelte ernst mit dem Kopf und sagte finster: + +»Zu spät -- zu spät! -- ein großer Theil der Unseren hängt dem neuen +Gotte an, und die Missionaire haben dafür gesorgt daß ihr Wohl von der +Anbetung jenes nicht getrennt werden konnte -- sie stehen zu fest, +während die Englischen Schiffe unsere Küsten verwüsten und unsere +Fruchtbäume niederschmettern würden, ihrem Gotte Seelen zu gewinnen, wie +sie dann sagten. -- Ich fürchte wir haben uns selber Schaden gethan, als +wir dem Ferani die Hand boten und bei ihm Hülfe zu finden hofften gegen +den geistlichen Stolz.« + +»Gewalt thut hier Nichts,« stimmte auch Paraita bei -- »wir sind zu +schwach etwas derartiges zu unternehmen, und wenn wir auch Hand zu Hand +mit den geschorenen Köpfen[S] fertig würden, ist uns die Europäische +Macht zu stark. Wir müßten jedenfalls warten bis sich ihre Kriegsschiffe +entfernt hätten, ein plötzlicher Schlag dann und es würde den Feinden +schwer werden das zu _rächen_, was sie jetzt mit leichter Mühe +_verhindern_ können. Aber noch haben wir den Vertreter jener fremden +Macht unter uns, die uns Schutz und Freiheit versprochen für Glauben und +Recht; wird der Französische Consul, denn zu solchem ist Mörenhout +ernannt als ihn die Amerikaner nicht länger anerkannten, wird er es +dulden, daß man den doch nun einmal von der Königin unterzeichneten +Contrakt mit Füßen tritt?« + +»Wie kann er's hindern?« sagte achselzuckend Paofai. -- »Mit ein paar +Redensarten ist nichts abgemacht, wenn der Fanatismus erst einmal in +Schuß, bergab gekommen. Die Missionaire haben da ihre Leute, Aonui, +Potowai, Terate und wie sie heißen; mit Jehovah auf den Lippen werfen +die Narren sich blind in's Feuer selbst der Schiffe, und wenn das Volk +nur schreien und von Freiheit hört, dann brüllt es auch seinen Chor +hinein, möge die Folge sein wie sie wolle. Ich habe große Lust der +Versammlung gar nicht beizuwohnen; was kanns helfen?« + +»Das sie nachher sagen wir hätten uns gescheut ihnen unter die Augen zu +treten?« rief Tati rasch. »Nein, keiner darf fehlen von uns, wenn wir +nicht selber unsere Sache aufgeben wollen in Schimpf und Spott -- +keiner, und dort wird sich uns auch ein Ausweg zeigen das Schwerste +abzuwenden.« + +»Dem stimme ich bei,« sagte Utami ernst -- »unsere Aufgabe ist dem Land +die Freiheit zu erhalten, die der Fanatismus der einen wie die Gier der +anderen Seite gleich schwer bedroht, und gebe Gott daß uns das gelingt; +einer späteren Zeit mag es dann vorbehalten bleiben unsere inneren +Einrichtungen zu ordnen, von denen Franzosen wie Missionaire nichts +verstehn. Unser Glück liegt in unserer eigenen Hand -- wir wollen es aus +keiner fremden. -- So zögern wir denn nun auch nicht länger, kommt mit +zu meinem Haus, daß wir uns dort mit Speiß und Trank stärken zu der +Fahrt, und die morgende Sonne grüße uns die ersten auf dem Kampfplatz.« + +»Kampf?« lachte Paofai, während er seinen fortgeschossenen Pfeil +wiederholte, den anderen zu folgen -- »ein schöner Kampf wird es +werden, der mit Singen anfängt und mit Beten aufhört. -- Ich kenne meine +Landsleute nicht mehr, daß sie aus dem fröhlichen glücklichen Volk +solche Kriecher und Heuchler geworden sind. Aber zum Henker mit den +Grillen -- unsere Palmen müssen sie uns lassen und das stille Wasser +unserer Riffe, unsere Blumen und Blüthen und unsere Weiber, und den +Schwarzröcken zum Trotz will ich das Leben jetzt genießen. Himmel und +Hölle? -- Die Leute können vortreffliche Geschichten erzählen und man +lacht darüber wenn man sie hört -- tödten sie doch die Zeit« -- und den +Pfeil aus dem Holz reißend schob er ihn lachend in seinen Köcher zurück, +und trat, die Locken aus seiner Stirn werfend, zu den Uebrigen in das +Haus. + + +Fußnoten: + +[J] Wilde Pisang. + +[K] Der Wibaum oder die Brasilianische Pflaume (~spondias dulcis~) hat +mit den stärksten Stamm auf den Inseln -- oft bis 4 und 5 Fuß im +Durchmesser. Die Rinde ist grau und glatt und er trägt eine förmliche +Masse großer pflaumenartiger saftiger Früchte von angenehmen Geschmak. + +[L] Der Omaomao, die Tahitische Drossel, und der einzige wirkliche +Singvogel, wenigstens der bedeutendste, der Inseln. Er ist gelb und +braun gefleckt, und von der Größe einer Drossel, mit der sein Gesang +auch etwas Aehnliches hat. Von Gestalt ist er etwas schlanker. + +[M] Ein, an der einen Seite des Canoes, durch Queerhölzer etwa drei oder +vier Fuß vom Fahrzeug selber ausgehaltener Baum, eine Art Kufe von +leichtem Holz, die auf dem Wasser liegt und mitschwimmt, und nur dazu +dient das leichte schwanke Fahrzeug vor dem Umschlagen zu bewahren. + +[N] Mape, Tahitische Kastanie. Die Papaya eine von Brasilien herüber +gekommene, der Melone ähnliche aber auf einem Baum wachsende Frucht. Der +Tappo-Tappo der Englische Crêmeapfel. + +[O] Das eigenthümliche Gewebe dieser Inseln, das die Frauen aus der +gegohrenen Rinde verschiedener Bäume, die sie vorher zu fester Masse +kneten so lange ausschlagen, bis ein dünnes, ziemlich dauerhaftes Zeug +daraus wird. + +[P] Areoïs, die früheren heidnischen Tänzer auf den Inseln, die eine +gewisse, sogar religiöse aber wüste Sekte bildeten und von Insel zu +Insel zogen ihre Orgien zu feiern. + +[Q] Die ersten und obersten, aus fürstlichem Blut entsprossenen +Häuptlinge. + +[R] In ihrer Aussprache Pritchard. + +[S] Die eifrigsten der Missionaire hatten ihren Gläubigen empfohlen die +Haare kurz am Kopfe abzuschneiden, wahrscheinlich um nicht den sündigen +Blumenschmuck darin tragen zu können. + + + + +Capitel 10. + +#Die Versammlung.# + + +Weißer Rauch quoll aus den Schießluken der Englischen Fregatte »Talbot« +und der rasch folgende donnernde Schlag des Geschützes, der das Echo +grollend weckte in den Bergen, grüßte das goldene Taggestirn, das eben +seinen rothglühenden Schein über die östliche, palmenbedeckte Spitze der +Bai warf, und seine Strahlen sandte über das weite Meer. + +Es war ein reizendes Bild das sich dem Blick entrollte, und Athem und +Leben gewann mit dem ersten Licht; im Hintergrund die wildzerrissenen +Kuppen des Gebirgs mit der dunklen kühn eingerissenen Schlucht -- +auseinandergebrochen als die Grundvesten der Berge einst in ihrem +inneren Mark erbebten, und rechts und links das niedere palmenbedeckte +Land ausschießend, als ob es die sonnige spiegelglatte Bai umspannen +wolle mit liebendem Arm, während an dem Ufer hin die weißen niederen +Gebäude dicht hineingeschmiegt standen in Palmen- und Orangenhain, mit +hie und da einem alten mächtigen Banianbaum, der die dunkel glänzenden +Zweige niederschüttelte, neue Wurzeln dem Erdreich um sich her +abzugewinnen. Vorn schäumte und spielte die Fluth an dem hellen +Corallensand, und den vorderen, von Banane und Palme eingeschlossenen +Rand, in dem die stillen Wohnungen der Menschen so dicht versteckt wie +Perlen in einer halbgeöffneten Muschel lagen, bildete ein dichter Wald +von Brodfrucht und Orangen und buntblüthigen Akazien und breitblättrigen +Hibiscus Tiliaceus mit den großen malvenähnlichen Blumen. + +Und nicht öde und weit lag das Meer, dem wunderschönen Lande gegenüber; +nein, hinter dem licht funkelnden Wasserspiegel, den nur hie und da ein +ruhig vor seinem Anker reitendes Schiff, oder das rasche Canoe mit dem +blitzenden Streifen hinter sich unterbrach, dehnten sich die weiten +schäumenden Riffe mit ihren Schneekronen und rollendem Donner, und +umspannten selbst die kleine Königinsel Motuuta, die wie ein Smaragd, +von silbernem Band umfaßt, in dem herrlichen Rahmen palmenwiegend lag, +während hinter ihr, noch neben dem weiten Horizont des Oceans, die +zackigen kühn gerissenen Kuppen und Spitzen Imeos, wie Nadeln +emporstarrend oder riesige Kegel, in blauer Ferne lagen, bei klarer Luft +selbst den Palmengürtel zeigend der sie umschloß. + +Still und regungslos lag dabei der Strand, bis zu dem Schuß, mit dem +zugleich fast sich die Sonne über den Palmenstreifen hob -- nur hie und +da zeigte sich ein einzelner Indianer der, vielleicht nach seinem Canoe +schauend, langsam am Ufer auf- und niederging; aber wie mit einem +Zauberschlag _nach_ dem Schuß, und während das Echo noch in den fernen +Schluchten dröhnte und grollte, quoll und drängte es sich ordentlich aus +den Häusern und Hütten vor, in bunter glänzender Tracht, und fröhliches +Leben brach sich die Bahn in's Freie mit einem Mal. + +Es war Tag geworden in Papetee, und ein bedeutungsvoller wichtiger +Morgen angebrochen für den kleinen Staat; ob zum Heil, ob zum Leid, was +kümmerte das das fröhliche Inselvolk mit seinem leichten, glücklichen +Sinn. Wie die sonnige Welle ihrer Binnenwasser trieben sie leicht über +des Lebens Meer -- ein Sturm rüttelte sie auf, wild und gewaltig, es ist +wahr, aber mit der Ursache die sie gehoben, _mit_ dem Sturm, legte sich +auch leicht beruhigt das Element, und ließ in derselben Stunde fast +schon den Schiffer niederschauen in die cristallreine Tiefe, die offen +wie ihr Herz da vor ihm lag. + +Wie ein Bienenschwarm zog es und drängte es dort eine Weile am Ufer +herum, beide Geschlechter bunt gemischt durcheinander, und oft klang der +fröhliche Laut lachender Mädchenstimmen silberrein über das Wasser +selbst bis zu der Stelle, wo etwas einsam in der Bai, und in der That so +weit abseits als er eben ankern durfte, ein großer weitbäuchiger, +entsetzlich schmutziger und wettermitgenommener Wallfischfänger lag. Auf +seinem Heck stand, etwas geschmacklos, aber vielleicht nicht ohne Grund, +mit grellrothen Buchstaben im grünen Felde, der Name desselben, _Kitty +Clover_, und von der Gaffel seines Besahnsegels wehte die Englische +Flagge. + +Auf dem Quarterdeck desselben standen zwei Männer, beide in die +gewöhnliche Seemannstracht, in blaue Jacken und weiße Hosen gekleidet, +einen breiträndigen Strohhut mit langem schwarzen Band gerad auf den +Kopf gesetzt. Der eine von ihnen, der ältere, war der Capitain der Kitty +Clover, der so wenig den Schotten in seinem ganzen Wesen und Aussehn +verleugnen konnte, wie der Andere den Iren. + +Dieser hatte das fast unvermeidliche rothe Haar seiner Landsleute, aber +in merkwürdig kleine feste Locken mehr geknotet als gedreht, und auch um +Kinn und Oberlippe zog sich ihm ein ungeheuer starker, aber eben so +fest verworrener ineinandergedrehter Bart bis hoch unter die kleinen, +lichtblauen Augen hinauf, die manchmal, wenn er seinen Kopf dem neben +ihm Stehenden zuwandte, mit einem eigenen drollen Humor daraus +vorblitzten. + +Noch acht oder zehn Matrosen etwa waren außer den beiden an Deck, und +zwar mit Waschen desselben beschäftigt, wozu sie die vollen Eimer aus +der klaren Fluth heraufschwangen, und mit raschgezieltem Wurf den +breiten Strahl unter die oben befestigten Fässer und langs Deck hin +sandten. + +Der Capitain oder Master des Wallfischfängers, Mac Rally, galt für einen +vortrefflichen Seemann, aber noch besseren Händler, und das hagere +scharfgeschnittene Gesicht, die hellblauen unstäten Augen, die eisernen +Lippen zeigten zugleich Entschlossenheit wie List und Ausdauer. + +Die Kitty Clover war erst gestern hierher, angeblich vom Wallfischfang, +eigentlich aber direkt von Valparaiso kommend, eingelaufen, und hatte +den Iren gewissermaßen als Passagier, der übrigens auch einen ziemlichen +Theil spirituöser Getränke als Fracht bei sich führte, mitgebracht. +Theilweise gehörte von demselben Artikel, außer einer Anzahl von +Fässern, von denen nicht einmal die Matrosen wußten was sie enthielten, +auch eine ziemliche Parthie dem Capitain selber, und er zog es deshalb +vor, den letztverlassenen Hafen nicht als direkt von dort gekommen +anzugeben, einer vielleicht unangenehmen und zu ängstlichen +Aufmerksamkeit der Steuerbehörden zu entgehen. Nichtsdestoweniger haben +diese auf Wallfischfänger ebenfalls ein sehr scharfes und wachsames +Auge, denn sie wissen recht gut daß solche Fahrzeuge, wenn sie auch +gerade kein wirkliches Geschäft daraus machen, doch stets eine oft nicht +unbedeutende Quantität gestatteter oder auch verbotener Waare bei sich +führen, und was sie eben schmuggeln _können_, nicht gern versteuern. + +Die _verbotene_ Landung spirituöser Getränke war übrigens mit ungemeinen +Schwierigkeiten verbunden, denn auf alle den Inseln hatten die +Missionaire schon gegen die Einführung des Branntweins die heilsamsten +Gesetze erlassen, die sie mit großer Strenge aufrecht hielten und +bewachten; anderseits waren die Indianischen Behörden selber mit solcher +Maßregel sehr zufrieden, denn die Einführung des bösen Getränks hatte +nur Elend und Unfrieden, Zank und Blutvergießen in die Stämme gebracht, +so daß sie gern und willig, was nicht immer der Fall war, ihre weißen +Lehrer und Gesetzgeber in der Ausführung unterstützten. + +Die Franzosen nahmen es noch am leichtesten mit der Einführung von +Spirituosen, aber nur wenn sie von ihren eigenen Schiffen gelandet +wurden, denen sie dadurch gewissermaßen ein Monopol zu sichern +wünschten, aber auch hartnäckig von den Behörden überwacht wurden und +nicht, ohne öffentlich die einmal bestehenden Gesetze umzustoßen, +dawiderhandeln durften. + +»Und Ihr seid hier bekannt, O'Flannagan,« sagte der Capitain endlich, +nachdem er wohl eine Viertelstunde lang, ohne ein Wort zu sprechen, das +Ufer durch sein langes Schiffsglas scharf beobachtet hatte, »und glaubt +fest daß Ihr die ganze Ladung nach und nach sicher und ohne einen Penny +Steuer zu zahlen an Land würdet schmuggeln können?« + +»Von _glauben_ ist da gar keine Rede, ~Captain dear~,« lachte der Ire, +»meiner Mutter Sohn kennt hier jeden Zollbreit Boden am Ufer, und was +mehr ist, jeden Zollbreits Sohn und Tochter, und die Mädchen besonders, +hahaha liebe Dinger, sind rein auf mich versessen. Die führen nun schon +einmal in der ganzen Welt das Regiment und die zu Freunden, das andere +ist Alles Kleinigkeit und Kinderspiel.« + +»Aber wenn uns da nur die jetzigen politischen Verhältnisse keinen +Strich durch die Rechnung machen,« sagte kopfschüttelnd der Schotte. +»Wie uns der alte Indianer gestern Abend erzählte, so waren die +Englischen Missionaire wieder die Herren da drüben, so gut wie früher, +und das will mir nicht so recht einleuchten.« + +»Wir wären verloren mit unserem Geschäft wenns anders aussähe;« lachte +Jim, »zum Teufel wenn die Franzosen das Heft in Händen hätten, dürften +wir unseren Brandy nur getrost selber trinken, denn die würden eine +solche Masse ihres eigenen Fabrikats hinüber an Land geworfen haben, daß +sie die Stadt damit ersäufen könnten. Die Missionaire dagegen können +höchstens die Strafe auf Einfuhr noch erhöhen, die Einfuhr selber noch +schwieriger machen; das Alles muß uns aber die Preise nur gerade in die +Höhe treiben, und -- was wollen wir mehr?« + +»Weiter nichts,« schmunzelte der Schotte, das Fernrohr niederlegend und +sich mit einem höchst vergnügten Gesicht die Hände reibend -- »weiter +nichts, Jimmy -- höchstens noch etwas baar Geld -- gutes Silber für +unsere flüssige Waare.« + +»Ich fürchte nur Ihr habt mit dem anderen Artikel ein schlechtes +Geschäft gemacht,« sagte Jim kopfschüttelnd -- »ich glaube wirklich +nicht, daß es hier je zu einem solchen Ausbruch von Feindseligkeiten +kommen kann, die Eingeborenen zu veranlassen wirklich Geld für einen +solchen Artikel auszulegen; -- ja wenn es Brandy wäre.« + +»Nun, ich gehe da ziemlich sicher,« schmunzelte der Schotte, »denn ein +Theil der Waffen ist feste Bestellung -- von Jemandem aber den ich nicht +nennen darf -- und verkauf ich das andere nicht _hier_, so weiß ich daß +ich auf den Fidschi- und Navigators-Inseln einen vortrefflichen Markt +dafür finde.« + +»Ja, aber, das ist ein kitzliches Geschäft,« meinte Jim, sich mit dem +Zeigefinger der rechten Hand durch das Halstuch fahrend -- »die +Engländer und Franzosen haben über derartigen Handel ihre eigenen +Ansichten, und es geht bei einer solchen Geschichte immer gleich an die +Raanocke[T]. Interessant ist so ein Geschäft wohl schon, aber -- +verdammt gefährlich, und der Nutzen doch eigentlich nicht im Verhältniß +zum Risiko.« + +»Nun, das käme auf die Person an,« sagte, mit einem etwas zweideutigen +Seitenblick auf den Iren, der jetzt aufmerksam durch das Glas nach der +Insel hinüberschaute, der Capitain. Jim verstand aber die etwas +malitiöse Anspielung und sagte lachend, ohne jedoch aufzusehen: + +»Ich bin gerade so kitzlich am Halse wie der beste Priester, Capitain, +und jeder paßt auf sein Bischen Leben so gut er kann, ob's nun eben der +Mühe werth ist, oder nicht.« + +»Nein, Jimmy, so war's gar nicht gemeint,« rief Mac Rally rasch und +etwas verlegen. + +»Bitte, geniren Sie sich nicht,« lachte Jim, »thun Sie als ob Sie zu +Hause wären, ~Captain dear~ -- »aber dahinten kommen die Canoes,« +unterbrach er sich plötzlich, den rechten Arm, ohne das Auge vom Glas zu +nehmen, gegen Point Venus hinüberstreckend. Dorthin wurde auch eben, +gerade die Spitze passirend, eine kleine Flotte Indianischer Fahrzeuge +sichtbar. »Bei Jäsus, Mr. Mac,« fuhr er aber lebendiger werdend fort, +als er sich den Inhalt der kleinen schlanken Fahrzeuge etwas genauer +betrachtet -- »heute geht die Geschichte los da drüben, heute bekommen +wir was zu sehen, und je eher wir hinüberfahren, denk' ich, desto besser +ist's, denn einen besseren Abend unser Ausschiffen zu beginnen, werden +wir auch nicht so leicht finden. Kein Teufel paßt heut' auf die aus- und +eingehenden Boote, und solche Zeit muß man benutzen.« + +Der Capitain hatte das Glas wieder genommen und einen Augenblick +durchgesehen, dann aber sich wieder aufrichtend und es zusammenschiebend +sagte er, mit einem halbversteckten Lächeln in den selten aus ihrer Lage +gebrachten fast wie ehernen Zügen: + +»Ihr habt recht Jim, da hinten schwimmen die Haupt-Schauspieler der +heutigen Komödie -- drei Canoes voll Schwarzröcke, Gott weiß wo sie alle +herkommen. Die Feierlichkeit wird nun wohl auch bald ihren Anfang +nehmen, und ich glaube je eher wir hinübergehn, desto besser. Ha, bei +Gott,« unterbrach er sich plötzlich, als er sich zufällig nach den +Kriegsschiffen hingewandt hatte und deutete mit dem Arm hinüber -- »dort +geht die Tahitische Nationalflagge!« Und in der That stieg in diesem +Augenblick die rothe Flagge mit dem weißen Stern auf der Englischen +Fregatte an der Gaffel des Besahnsegels auf. »Was die Leute doch für +Streiche machen,« brummte der Alte dabei -- »aber meiner Mutter Sohn +müßte sich sehr irren, wenn sie nicht heute da drüben Unheil anrichten.« + +»Desto besser, ~Captain dear~,« rief Jim, sich vergnügt die Hände +reibend, »desto besser; s'wär mir ein wahres Gaudium, wenn ich erleben +könnte daß sich die beiden Erbfeinde, Franzosen und Engländer, wieder +einmal beim Koller kriegten; s'ist überdies lange genug Frieden gewesen. +Aber enges Fahrwasser zum Maneuvriren hätten sie hier, und die Corvette +hielts auch mit der Fregatte nicht lange genug aus, den Spaß interessant +zu machen.« + +»So weit treiben sie's nicht,« sagte kopfschüttelnd der Capitain -- »der +Franzose ist zu klug sich hier mit einer solchen Fregatte in einen +wahrhaft verzweifelten Kampf einzulassen. Nein, es kommt jetzt Alles +darauf an wie das Schiff heißt, das zuerst in den Hafen einsegelt, und +die guten Leute hier spielen wirklich nur eine Art Paar oder Unpaar, mit +ihrem ganzen Land zum Einsatz.« + +»Bah, der Spaß ist der,« lachte der Ire, »daß die, die den Einsatz +stellen, nicht einmal mitspielen -- die aber die Nichts zu verlieren +haben, die Missionaire, trumpfen aus.« + +»S'ist Zeit daß wir hinüberfahren,« sagte Mac Rally -- »he da vorn -- +~damn it~ Ihr Burschen, Ihr schwemmt ja heute das Deck, als ob Ihr die +Nägel herausweichen wolltet; mein Boot nieder, und viere von Euch +hinein. Und Du Bob,« wandte er sich an einen der Leute, den Zimmermann, +der eine gewisse Autorität an Bord ausübte wenn die Officiere an Land +waren, »passe mir ein Bischen auf, und wenn es am Ufer Skandal geben und +Einer von unseren bärbeißigen Nachbarn vielleicht geneigt sein sollte +die Zähne zu zeigen -- Du kennst ja das Zeichen -- so auf mit Euerem +Anker, und seht zu daß Ihr außer Schußlinie kommt, denn wir brauchen +unsere Hölzer nothwendiger. -- Aber bis dahin bin ich auch auf jeden +Fall wieder zurück.« + +»Und soll die Flagge wehen bleiben, Capitain?« frug der mit Bob +angeredete. + +Mac Rally stand schon auf der Schanzkleidung, und war eben im Begriff in +das Boot hinabzusteigen. Er blieb stehn, und schaute einen Augenblick +wie unschlüssig nach dem bunten, flatternden Tuch hinauf. + +»S'wär patriotischer,« sagte er endlich, die Augenbrauen hoch +hinaufgezogen, »aber politisch ist's nicht. -- Sie können Einem freilich +Nichts anhaben -- Ach was,« setzte er dann laut hinzu -- »der Wind +schlägt das Tuch doch nur zu Schanden -- wenn wir an Land sind nimm den +Lappen herunter!« und mit dieser höchst unehrerbietigen Bemerkung der +eigenen Nationalflagge sprang er, von dem Iren gefolgt, in sein Boot, +das sie bald mit kräftigen Ruderschlägen blitzesschnell über das Wasser +dem gar nicht so fernen Ufer zuführten. + +Hier aber wimmelte und schwärmte es indeß von Menschen und den Strand +hinunter schien der Hauptzug zu gehn, wo auch wirklich an dem +sogenannten Paré, jenem Theil der Küste wo der Königin Haus stand, der +für heute bestimmte Versammlungsort des Festes lag, wenn hier überhaupt +ein Fest gefeiert wurde. + +Eine bunte Mädchenschaar drängte sich am Ufer hin und an der Kirche +vorüber, deren Glocke in einem, oben ausgeschnittenen stämmigen +Orangenbusch hing. Es waren blühende, liebliche Gestalten, mit tief +dunklen und doch so schwärmerischen Augen, und zartgeschnittenen, +rosigen Lippen, oft mit kaum gebräuntem Teint, unter dem das feine +liebliche Erröthen, wenn es Wangen und Nacken übergoß, so klar wie bei +der weißen Haut fast hervortrat, und den üppigen Formen einen +unendlichen Reiz verliehen hätte, wäre der nicht eben durch das sonst so +lockige jetzt kurz abgeschnittene Haar und das entsetzlichste Modell +eines Frauenhutes, das je die freie Stirn eines schönen Kindes +mishandelte, entstellt worden. Es war die _fromme_ Schaar der +Tahitierinnen, die sich zur Protestantischen Kirche bekannten, und mit +den alten Vorurtheilen auch ihr Lockenhaar wegwerfen mußten, als falsch +und sündig. Und weshalb? -- es hatte Blumen getragen einst im +heidnischen Tanz, und die freundlichen Kinder jenes herrlichen +Himmelsstriches schmückten es jetzt selbst noch gern mit den knospenden +Blüthen. Aber fort mit dem irdischen Tant! wer _Gott_ dienen wollte, +durfte sein Herz nicht an die Erde und ihren Schmuck hängen -- fort mit +dem Haar das sündige Eitelkeit erweckte und der Verführung den Weg nur +bahnte zum wankenden Herzen -- fort mit dem duftigen Kranz darin und den +wehenden Silberfasern der Arrowroot -- einen anständigen _christlichen_ +Hut mit christlicher Form auf dem Kopf, und diesen geschoren darunter, +und das sündige Herz mußte dann schon selber dem Schopfe folgen. + +Wie sie so ehrbar dahin schreiten, die sonst so wilden Mädchen, das Auge +züchtig gesenkt, die schwere Bibel im Arm und gegen die volle Brust +gepreßt, in der das Herz so ängstlich klopfend schlägt -- der Hut +verbirgt die Züge, und das lange faltige Gewand umhüllt fast vollkommen +die zarten Gestalten, nur den Fuß -- nicht das Schönste an ihnen -- frei +zur Schau tragend. + +»~Waihine -- naha -- naha Maïre~!« rief da eine neckische Stimme dicht +neben dem Zug, und ein reizendes Mädchengesicht, aber ohne den +entstellenden Hut, und die vollen blumendurchflochtenen Locken wild um +die hohe edle Stirn flatternd, bog sich halb über, dem ihm nächsten +Mädchen unter den schrecklichen Hut zu sehen, und die Züge zu erkennen +-- »~naha Maïre~.« + +Aber die also Angeredete, ob sie es war oder nicht, bog den Kopf nur +mehr zur Seite. Sie schämte sich doch nicht ihrer frommen Tracht? -- +»~naha Maïre~,« klang wieder und wieder der neckische Ruf -- »bist Du's +~aiu~[U] oder nicht? -- sieh her Maïre, sieh her und wende Dein +Köpfchen.« + +»Ah -- da nimm das!« rief da plötzlich die fromme Maid, und den Kopf +herumwerfend nach der Quälerin, deren lachende Augen über zwei Reihen +prachtvoller Perlzähne blitzten und funkelten, schlug sie mit der linken +flachen Hand (in der anderen hielt sie die Bibel), ein Zeichen +gründlicher Verachtung, ihre Lende -- »da nimm das Du böse Ate-ate und +laß mich zufrieden -- bah über die Schwätzerin.« + +»Hahahaha!« klangs aber wie Silberton von den Lippen der Anderen -- +»hahahaha, Maïre, Maïre, armes Kind, armes Kind.« + +»Laß sie gehn,« stieß da Maïre eine Nachbarin an, »laß sie gehn es sind +wilde Dinger und taugen nicht zu uns -- wenn's der Mitonare sieht daß +wir mit ihnen gesprochen ist er bös.« + +»Maïre, Maïre, armes Mädchen!« riefen die Ersteren wieder. + +»Bah!« lachte aber die Schöne jetzt, den Hut zurückwerfend, daß die +funkelnden Augen voll die Gegner trafen -- »albernes Zeug hier, könnt +Ihr mich nicht zufrieden lassen beim Kirchgang oder beim vollen Zug -- +oder glaubt Ihr daß Ihr's nachher wohl toller treibt als ich?« + +»Ah ~maitai maitai~ Maïre,« jubelte da Ate-ate laut auf -- »so lebst Du +noch unter dem Hut und Dein Herz liegt nicht bei den Locken daheim im +Bananenblatt?« + +»Wenn sie nur so schnell wieder wüchsen wie man sie abschneiden kann,« +zürnte das schöne Mädchen und warf einen mürrischen mistrauischen Blick +nach ihrem Schatten hinunter, aber sie sah nur den Hut und schüttelte +ärgerlich mit dem Kopf. + +»Wenn mir die Haare wachsen schneid' ich sie nicht wieder ab,« sagte ein +anderes Mädchen das neben Maïren ging -- »so lange sie kurz sind bin ich +fromm, und dann kann einmal eine Andere an die Reihe kommen.« + +Drrrrrrrrum -- drum, drum, drum klang der Wirbel und Ton; heller +fröhlicher Trommelschlag, das National- und Lieblingsinstrument der +Insulaner, im Takt und Schlag ihres wildesten, aber auch deshalb +geliebtesten Tanzes. + +»Hab' Acht, Maïre,« rief Ate-ate an ihrer Seite hintanzend -- »der +~Upepehe~: + + Horch! + Horch wie der Trommel Klang + Hell durch die Palmen drang, + Horch! + Zuckt mir's durch Fuß und Knie, + Zuckt mir's im Herzen hie + Horch!« + +»Horch!« rief aber Maïre und ihre Augen blitzten und funkelten in einem +wilden, fröhlichen Feuer, zu dem das dicke Buch unter dem Arm gar nicht +so recht passen wollte. + + »Horch! + Laut wie die Brandung jägt, + Gegen die Riffe schlägt, + Horch! + Wirbelt der Trommel Ton + Herzchen ich komme schon + Horch!« + +Und in den Chor fiel die übrige fromme Schaar jubelnd ein, und mit den +Büchern im Arm, während die großen Hüte den Wind fingen und auf- und +niederschlugen, warfen sich die tollen Mädchen, denen die bekannten und +so leidenschaftlich geliebten Töne viel zu verführerisch in die Ohren +geklungen hatten ihnen widerstehn zu können, von beiden Seiten in den +wilden Upepehe-Tanz und sprangen, von den nicht so feierlich geputzten +jubelnden Schwestern redlich dabei unterstützt, auf und ab in der rasch +gebildeten Bahn den üppigsten ihrer Tänze aufzuführen, so lange +wenigstens die verführerische Trommel schlug. + +Wie von der Tarantel gestochen schien dabei die Schaar, und selbst die +Ernstesten unter ihnen, die mit finsterem Blick den ersten Uebergriff +geschaut und mit scharfem Wort ihn gerügt, schwiegen, sahen sich um nach +rechts und links -- zögerten noch und -- sprangen mitten hinein in den +jubelnden Chor. + +»_Mi-to-na-re_!« + +Wie dem Schwimmenden das Wort _ein Hai_ mit Bleies Schwere in die +Glieder schlägt, und ihn oft zu seinem Verderben für den ersten +Augenblick jeder eigenen Willenskraft beraubt, so schlug _das_ Wort in +die Reihen der Tanzenden. + +»_Mitonare_!« + +Einen Moment standen sie wie in Stein gehauen, die fröhlichen jubelnden +Gruppen, nur von den Zügen hatte der Schreck die Fröhlichkeit verwischt, +und nicht hinaus suchte das Auge wo die Gefahr lag, sondern nur bei dem +Nachbar wollte es Scherz oder Ernst der Warnung finden; der nächste +Moment aber schon entschied den Sieg gegen die Trommel -- »Mitonare!« +und aus dem Tanz heraus zuckte die Schaar der Frommen wieder in den +früheren stillen und ehrbaren Gang hinein, die Hüte fielen nieder -- +jetzt ein trefflicher Schutz die erregten glühenden Gesichter zu bergen +vor irgend einem prüfenden Blick, die verschobenen Röcke wurden gerad +gezupft, und wieder ernst und feierlich wanderte die junge Schaar, +unschuldige Heuchler mit dem fröhlichen Muth im Herzen und den +unnatürlichen Ernst starr und kalt draußen herumgelegt, die breite +Straße entlang dem Paré zu. + +Aber nicht nur ein Scherz, den sich irgend ein neckisches Mädchenbild +vielleicht erdacht die Schwestern fürchten zu machen, war das Wort +gewesen -- dort oben vor dem Hause des jetzt allerdings verreisten +früheren Missionairs und jetzigen Englischen Consuls Pritchard (ein +weites Gebäude mit bequemer luftiger Verandah, Europäischen Thüren, +Glasfenstern und wohnlicher selbst eleganter innerer Einrichtung) stand +die fromme Schaar der Missionaire versammelt -- sie _Alle_, nicht ein +einziger fehlte von Tahiti selber, wie von Imeo, in schwarzem Frack und +Hosen, weißer Halsbinde und Weste und das unpraktischste Fabrikat das je +ein Mensch in kaltem oder heißem Klima, in Sonne oder Schnee, in Staub +oder Regen, bei Wind oder Stille, beim Gehen, Reiten oder Fahren +getragen, den schwarzen Cylinderhut auf dem Kopf. + +»Er hat uns gesehn!« flüsterte Eines der Mädchen dem anderen zu -- »er +trägt ein kleines langes Stück Metall, das wie ~perú~[V] aussieht, in +der Tasche, damit kann er von einer Insel nach der anderen hinübersehn.« + +»Bah' heute sagt er Nichts,« flüsterte die Andere zurück -- »und zankt +er mich aus,« setzte sie trotzig hinzu -- »geh ich zu dem anderen +Priester mit Kreuz und Licht, dort darf ich mir so die Haare wachsen +lassen und Blumen hineinflechten, und komme doch in den Himmel der +Weißen.« + +»Die breite Pforte bleibt Dir verschlossen, wenn Dir die Mitonares nicht +den Eingang zeigen,« warnte die Erste wieder. + +»Ei was,« lachte die Zweite leise, »dann biegen mir die anderen +Mitonares den Bambus auseinander -- wenn ich nur hineinkomme.« + +Die Mädchen kicherten zusammen unter ihren vorgebeugten Hüten, aber ganz +leise, und der Zug schritt langsam vorwärts, denn er wuchs mit jedem +Fußbreit Boden den er gewann, und an dem letzten »Bethaus« hatten sich +ihm alle »Glieder der Kirche« (~Church members~) in feierlicher +Procession und von dem Ehrwürdigen Mr. Rowe geführt, angeschlossen. + +Ehrwürdige Gestalten selbst, mit ihren braunen Gesichtern und weißen +Jacken, manche in Hosen, einzelne sogar im Frack und Lendentuch, mit +Weste und heftig gestärktem Vorhemd, die Beine tättowirt mit allen +möglichen heidnischen Zeichen, und den Kopf geschoren in christlicher +Demuth. + +Viele davon, ja die meisten, trugen Bücher unter dem Arm, und der stille +Ernst der in ihren Reihen herrschte, mit der Schaar von +schwarzgekleideten Männern die jetzt zu ihnen niederstieg und ihrem Zug +voranging, machte einen eigenen wunderlichen Eindruck auf den Zuschauer. + +»Wer wird denn hier eigentlich begraben, Jim?« sagte Mac Rally, als sie +am Strande hin, in etwa funfzig Stritt Entfernung vom Ufer, den Zug in +ihrem Boot begleiteten -- »das geht ja merkwürdig feierlich zu bei den +Leuten -- wenn ich nicht wüßte daß ich in Tahiti wäre, glaubte ich +wahrhaftig, ich sei aus Versehen irgendwo in Neu-England angelaufen.« + +»Hätt' ich die Mädchen mit den schauerlichen Hüten da eben nicht tanzen +sehn,« lachte der Ire, »so glaubt' ich's auch -- schwarz genug sieht der +Kopf davorn aus, und dunkel gesprenkelt gehts durch den ganzen Zug; aber +so ernsthaft werden sie's wohl nicht meinen, und das Ganze läuft doch +am Ende wieder darauf hinaus, daß sie den Höchsten ersuchen sich der +Sache, die sie jetzt in die Dinte geritten haben, anzunehmen, und +nachher eine Collekte für Missionszwecke sammeln.« + +Mac Rally schüttelte mit dem Kopf. + +»Und ich glaub's nicht -- wäre das Englische Kriegsschiff nicht da, ja, +aber der Capitain hält zu ihnen, oder will wenigstens nicht zu dem +Franzmann halten, was ich ihm auch nicht verdenken kann, und da wird sie +der Böse wohl plagen daß sie irgend einen gescheuten Streich aushecken, +bei dem ihnen nachher die Insulaner die Kastanien aus der Asche holen +müssen. Ich kenne meine Leute.« + +»Wetter, jetzt wird's Ernst!« rief Jim da, über die Bai hinüberzeigend, +nach der er den Kopf zufällig gewandt -- »da kommen die Boote Ihrer +Majestät, mit wehenden Flaggen, die Tahitische vorn am Bug, darüber wird +sich unser Französischer Nachbar unendlich freuen.« + +»So ~back water~, Jim, dort hinein in die Bucht,« rief Mac Rally, »es +wird Zeit daß wir landen, und uns den Spaß jetzt vom Ufer aus +betrachten.« + +»Ich habe ebenfalls Nichts zwischen den Booten zu suchen, Sirrah,« +brummte der Ire, und dem Befehl gehorsam schoß das Boot gleich darauf +einem der einfachen ausgebauten Landungsplätze zu, an dem es Einer der +Leute befestigte, während sich die beiden Männer in dem Gedräng von +Menschen verloren, Europäern wie Insulanern, die Alle dem oberen Theil +der Bai, Paré genannt, wo die Königin ein großes Bambushaus stehen +hatte, zuströmte. + +Die Leute am Ufer konnten aber nur höchst langsam vorrücken, während die +Boote rasch über die glatte Bai dahin schossen und ihre Bemannung schon +ihre Plätze eingenommen hatte, ehe der größte Theil der Missionaire, der +sich dem vollen Zug bei dem letzten Bethaus angeschlossen, mit demselben +eintraf. + +Die Königin Pomare, oder ~Pomare Waihine~ saß, von ihren Frauen +umstanden, auf der Verandah ihres Hauses, ihren königlichen Gemahl zur +Seite. Zur Rechten und Linken befanden sich die Englischen Officiere des +Talbot mit den verschiedenen auf Tahiti anwesenden Consuln Englands, +Frankreichs und Amerikas und manchen dort ansässigen Fremden, ebenso die +Missionaire, und den Hof füllend in weitem Kreis standen die +verschiedenen Häuptlinge des Landes mit der bunten wunderlichen Schaar +der Eingeborenen, die sich von Civilisation wie Christenthum zum großen +Theil gerade soviel zugeeignet hatte, als nöthig war ihnen ihre +Nationalität zu nehmen, ohne ihnen viel anderes dafür zu bieten. + +Es ist wahr, das gute Herz und der treue offene Sinn der Insulaner hatte +Viele den Segnungen unserer schönen Religion leicht zugänglich gemacht, +und sie mit Freuden die Irrthümer von sich werfen lassen, denen sie +überdies nicht aus Neigung sondern nur deshalb angehangen, weil es ihnen +eben so von ihren Vätern überliefert worden; so entsagten sie dem, +früher zu einem förmlichen Gebrauch gewordenen Kindesmord[W], ehe sie +selbst begriffen was das Christenthum eigentlich sei, und nahmen dieses +besonders deshalb an, weil es ihnen als eine Religion der Liebe wie des +Friedens geschildert wurde, und sie ihrer Kriege und Streitigkeiten +schon selber herzlich satt waren. Ja, die Priester entsagten sogar auf +manchen Inseln zuerst dem Heidenthum, wie der hohe Priester Tati, der +selber seine Götzen verbrannte, weil er einsah daß die Religion der +Bleichgesichter in ihren Lehren eine gute sei, und das Volk glücklicher +machen würde, wenn es ihr folge und seinen Misbräuchen, seinen Kämpfen +entsage. + +Wären die Missionaire dabei stehen geblieben, hätten sie diesen noch +uncivilisirten, aber jedem Guten empfänglichen Stämmen unser +Christenthum gebracht wie es Christus lehrte, sie wären ein Segen dem +Lande geworden und in ihrer Hand lag damals das Glück von Millionen, +denn kein Stamm der Erde trug den Saamen des Edlen und Guten mehr und +kräftiger in sich als gerade die Bewohner dieser schönen Inseln, aber +statt dem wirklichen Kern unseres Glaubens brachten sie ihre Dogmen und +Streitigkeiten, nichtssagende Formeln und Gebräuche, und die nächste +Zeit schon sollte lehren wie sehr falsch sie gehandelt und wie ihr +Ehrgeiz und Stolz der _eigenen Gemeinde nur_, nicht dem wirklichen +Christenthum Anhänger zu gewinnen, das arme Volk das hier zum Opfer +ausersehen worden, ehe es nur begreifen konnte um was es sich überhaupt +handele, in die Gräuel eines Religionskrieges verwickelte. + +Hätten die Evangelischen Lehrer sich eben an den reinen und herrlichen +Kern unserer Lehre gehalten, so konnten ihnen eintreffende Sekten keine +Bekehrte mehr abtrünnig machen; sie brauchten sie nur auf das +Eigentliche jedes wahren Glaubens zurückzuführen und der Insulaner hätte +gewußt _weshalb_ er seine Götzen verbrannte. So aber machten sie die +Formen zur Hauptsache; ein südliches unserer nordischen Kälte, unseren +starren Fanatismus nicht gewohntes Volk, das schon durch Klima wie Boden +von Gott selber angewiesen worden ganz anders zu leben und zu denken, +sollte nicht allein seine Religion ändern (das war möglich und die +besser Gesinnten bewiesen bald wie leicht es ihnen wurde guten Lehren +ihr Ohr zu öffnen), nein auch ein anderes Leben beginnen; sie sollten +vollkommen andere Menschen werden, Worte singen die sie nicht +verstanden, Tage lang, statt ihrer Tänze und Spiele, ihr Antlitz in den +Staub werfen und beten, und wo sie bis dahin dem Himmel frisch und +fröhlich in's Auge geblickt, Allem entsagen fast, was ihnen die Natur in +ihrem reichsten Uebermaß geboten; mit einem Wort jenen dunklen +Schwärmern und Kopfhängern gleich werden, die selbst in ihrem nordischen +Vaterland nur theilweis Anhänger finden konnten, und in Streit und Hader +leben mit anderen Sekten. + +Aber noch waren sie selbst darin nicht fest geworden, ja in Vielen sogar +schon Zweifel aufgestiegen, ob ihre alten Götter nicht mit ihnen +zürnten, und der neue keine Macht habe sie zu schützen, denn +ansteckende Krankheiten wütheten unter ihnen und religiöse wie +politische Streitigkeiten hatten Familien und Stämme entzweit, bei denen +nur der harmlose gute Charakter der Insulaner selber oft blutiges Ende +verhinderte. Da warfen die Franzosen ihre Missionaire herüber, die einen +anderen Gott, einen anderen Glauben brachten, und während die +Evangelischen Priester die Neugekommenen als Kinder des Satans und +Götzenanbeter ausschrieen, verdächtigten die Letzteren ihre, ihnen +allerdings nicht geneigten Vorgänger, und warnten die armen +Eingeborenen, denen der Kopf wirbelte bei den neuen Dogmen und +Gebräuchen, auf dem betretenen Wege fortzugehn -- denn er führe genau zu +dem Platz den sie bei Wegwerfung ihrer Götzen hätten vermeiden wollen -- +nämlich zur _Hölle_. + +Doch fort mit all solchen traurigen Betrachtungen, soweit sie nicht zu +nahe mit den Personen selber verknüpft sind, mit denen wir es hier zu +thun haben -- sie thun weh, und man möchte da manchmal mit Keulen drein +schlagen, die Menschen doch nur -- das wenigste was man von ihnen +verlangen kann -- vernünftig zu machen. + +So vor denn, Du bunte Schaar, und grüße die Majestät, denn vor dem Hause +flattert im frischen Morgenwind das Tahitische Banner, der einsame +bleiche Stern im rothen Feld, und alle Fremden grüßen mit abgezogenen +Hüten des Landes Königin. + +Auch die Eingeborenen folgten, auf ein Zeichen ihres Missionairs, diesem +Gebrauch, die wenigstens, die Hüte hatten -- und begriffen vielleicht +dabei heut' zum ersten Mal weshalb sie die wunderlichen Dinger +eigentlich trugen. + +Pomare erhob sich, dankte mit freundlichem Nicken und ließ den Blick +lange und forschend über die Menschenwogen gleiten, die ihren einfachen +Palast umlagert hielten. Kaum aber zeigte sie sich so dem Volk, das in +Liebe und Ehrfurcht an ihr hing, da rief ein alter Mann, ein Häuptling +von Taiarabu, der unfern der Verandah stand: + +»Pomare! unsere Königin, ~ia ore na oe~!«[X] und wie der Schlag des +Geschützes, der das Echo weckte in den Bergen, faßte den Ruf die Menge +und laut wie der Brandung Donnerton klang das liebende Wort: »~ia ore na +oe~!« + +Pomare wollte reden, sie hob die Hand und öffnete den Mund, aber die +Stimme versagte ihr -- sie barg die Stirn in der linken Hand und wandte +den Kopf, ihre Bewegung zu verbergen; da fiel ihr Blick auf die Fremden +an ihrer Seite, auf die schwarzen Männer Gottes, auf die buntblitzenden +Uniformen der Seeleute, und gewaltsam raffte sie sich zusammen, nicht +schwach zu scheinen vor den Fremden. + +Ein leiser Wink ihrer Hand rief Raiata, ihren »Sprecher« an ihre Seite +und wie noch vor wenig Augenblicken ein wildes Meer von Köpfen herüber +und hinüberwogend mit stürmischen Lauten die Luft erfüllt hatte, legte +sich der Lärm im Augenblick und wechselte in Todtenstille, daß dumpf und +dröhnend der fernen Brandung Rollen hörbar wurde über der Schaar, und +wie ein Segen klang zu dem frommen Wort des Volks. + +»Es ist der Königin Wunsch,« klang da die volle klare Stimme Raiatas, +»daß die Verhandlungen dieses Tages mit Gebet beginnen.« + +»Dazu geben wir unsere volle Beistimmung,« nahm da Einer der Missionaire +rasch das Wort, »und wollen den ehrwürdigen Herren Rowe ersuchen das +Gebet zu halten.« + +Die Königin neigte ihr Haupt und während einer feierlichen Stille, in +der das Athmen der Menge hörbar war, begann der fromme Mann sein lautes +Gebet. + +»Herr mein Gott, Deine Hand liegt schwer auf diesem Volk, Deines Zornes +Wucht traf tief und schmerzlich das gebeugte Haupt, und unser Flehen +steige jetzt auf zu Dir zu Ruhm und Preis, Jehovah, daß Du Dich erbarmen +mögest unserer Noth.« + +»Von über dem Meere her drohete dem friedlichen Strand Gefahr, Deiner +Kinder frommer Sinn, wie Du ihn gnädig gelegt hast in unsere Hand, wird +gefährdet durch der Papisten Wort und die eisernen Geschütze unserer +Feinde, und Deine Hand nur kann uns retten vor Noth und Vernichtung, +Jehovah!« + +»Unsere Feinde sind stark -- ihrer Waffen Macht trägt das Meer, und +Nichts haben wir ihnen entgegenzusetzen als das fromme Wort -- als +_Dein_ Wort o Herr, wie Du es uns gegeben in der heiligen Schrift -- o +Jehovah!« -- + +»Hier Herr ist ein Volk, ein zahlreiches Volk, auf das kein Strahl +göttlicher Gerechtigkeit gefallen war in seiner Nacht; das seinen +mühseligen Weg seit ungekannten Generationen, vielleicht seit dem Beginn +des Götzendienstes unter Noahs Abkömmlingen in all der Finsterniß, in +all dem Grausen schrecklichen Wahns seine dunkle Bahn gesucht -- eines +Wahnes der sich unter verschiedenen Verhältnissen aber sonst immer +derselbe zeigte, und einen so gewaltigen Theil des menschlichen +Geschlechts umfaßt, dessen vorragende Züge aber immer den Stempel des +Fluchs getragen, in »Unreinigkeit und Blut.« -- O Herr -- hier -- hier +ist ein Volk, bei dem seit frühster ältester Zeit menschliche Opfer +gebracht wurden -- hier jener fremde Mummenschanz mit Götzenbild und +Trug ist getrieben, Mummenschanz den die Betenden nicht einmal begriffen +und nur gemacht den dunklen Geist der Seinen zu verwirren, ohne Trost zu +bringen, ohne Ruh, und ohne nur das Herz im Entferntesten zu reinigen +von der Sünde.« -- + +»In dieser entsetzlichen Zeit ein Schiff, weit weit am Horizont kommt in +Sicht -- dreitausend Meilen fuhr es über eine Wasserwüste und führt eine +gewählte Schaar von Passagieren an Bord, die einem festen Ziel +entgegenziehen -- und was das Ziel? -- Die Nachricht von Gottes +Vaterhuld zu bringen einer verderbenden Welt, das Heil denen zu bringen, +die bereuen und glauben und den mit Blindheit geschlagenen Heiden den +Weg zu zeigen zu Gottes Paradies. Die Herolde, die fröhlichen Muthes +ausgegangen diese göttliche Proclamation zu verkünden sind unsere Brüder +-- von der Thür jenes Heiligthums aus begannen sie ihren Weg der Gnade. +Mit Liebe und Anhänglichkeit an ihr Vaterland, mit Aussicht auf Erwerb +und Achtung daheim, mit Gesundheit und Freuden und Allem was dies Leben +wünschenswerth machen konnte, entsagten sie ruhig dem Allen, rechneten +Alles nur Verlust, wo sie des Vortheils theilhaftig werden konnten den +Heiland zu predigen diesen, dem Untergang geweihten Inseln.« + +»Sie waren auf Gefahr gefaßt, auf Noth und Hunger, auf stürmische See +und blutgierigen Feind, auf Verfolgung der Götzenpriester und ihren Haß, +auf blinden Wahn und alle Schrecken blinderen Aberglaubens; und Alles +Alles haben sie besiegt, mit der Hülfe des Herren Zebaoth da droben und +seiner Macht, und Jesus Christus seinem eingeborenen Sohn, und dem +heiligen Geist in all seiner Herrlichkeit und unerschöpflichen Gnade. +Aber -- nicht gefaßt waren sie auf den Feind im Lager unter den eignen +Brüdern -- nicht gefaßt darauf daß ein anderes Christliches Reich seine +Boten des Hasses und Aberglaubens senden würde in dies Inselland, das +fromme Werk zu stören, zu verderben. Aber sieh, des Herren Hand ist +stark auch in dem Schwachen, und wie der Widerstand den Gegendruck +erhöht und stärker macht, so hat sich jetzt das ganze Volk erhoben wie +_ein_ Mann, zu zeigen daß es Gott verehrt in Seiner Herrlichkeit -- aber +auch nur in _Seinem_ Wort, und von sich werfen will, was seinem Lande +wie seinem Geiste Fesseln legen möchte zu Schmerz und Schmach.« + +Pomare wandte den Kopf nach dem Redner, und das Blut schoß ihr in vollen +Strömen in Stirn und Schläfe -- es war als ob sie reden wollte, aber +nach wenigen Secunden senkte sie wieder die Augen zu Boden und der +Ehrwürdige Mann fuhr fort. + +»Der Antichrist hat sich erhoben unter uns -- nicht frei und offen aber +trat er auf, dem ehrlichen Feind gegenüber der ehrliche Feind; nein +schlau und heimlich schlich er herbei mit gleisnerischem Wort und Blick, +fromme Worte auf den Lippen und Trug im Herzen. Wehe! Wehe über ihn, +wehe wehe über Euch wenn Ihr ihm lauschtet was er Euch vorerzählt mit +der Doppelzunge -- der Fluch bliebe nicht aus, und was durch Gottes Hand +gesäet in den langen Jahren der Trübsal und des Leides, das mähte des +Teufels Hand nieder in _einer_ schwarzen Stunde.« + +»Das Gebet!« flüsterte einer seiner Amtsbrüder, denn die Königin hob +wieder den Kopf und seufzte auf, wie von innerer Angst beklemmt. + +»Ich bin der Herr Dein Gott, Du sollst nicht andere Götter haben neben +mir« -- fuhr aber der Geistliche in vollem Eifer und hingerissen von dem +Thema fort -- »nicht buntes Schnitzwerk, bunten Kleides Zier, nicht +leere Formeln und hohles Wort sind des Christen Schmuck, ein demüthiges +Herz nur und einfacher Sinn --« + +»Das Gebet,« mahnte dringender die Stimme, denn unter dem Volke auch +wurde jetzt manche Stimme laut, und selbst unter den gegenwärtigen +Fremden, von denen mehrere der Römischen Kirche angehörten, erhob sich +ein leises Murren und nur wohl die Gegenwart der Königin hielt eine +förmliche Einrede zurück. Der ehrwürdige Mr. Rowe hielt einen Augenblick +ein und schaute mit einem verklärten Blick zum Himmel, dann aber, wie +von seinen Gefühlen übermannt, sagte er mit gedämpfter, anfangs kaum +verständlicher, doch wieder wachsender, anschwellender Stimme: + +»Dein sei der Preis und die Ehre in der Höhe, Jehovah, Dein sei die +Herrlichkeit -- schütze unsere Brüder in dieser Inselwelt, schütze das +ganze Christenthum vor den Versuchen des Pabstthums.« + +»Gieße Deinen Heiligen Geist aus von da droben auf alle Evangelische +Kirchen, und vereinige sie zu Einem lebendigen Glauben.« + +»Gieb allen Christen, vorzüglich aber den Pastoren und Evangelisten +Kraft und Muth Rom zu widerstreben und das glorreiche Reich Jesus +Christus unseres Herren und Gottes aufzurichten.« + +»Zerstöre rasch, bei dem Geist Deines Mundes (2. Thess. 11, 8.) die +tödtlichen Irrthümer des Pabstthums; brich das Joch, das es auf die +Nacken so vielen Volkes gedrückt, und führe durch Deinen Rath die +Seelen, die es von Christus sonst entfernen möchte und die uns werth und +theuer sein müssen, zur glorreichen Freiheit ein der Kinder Gottes -- +aber --« + +»Amen!« fielen in diesem Augenblick die ihm nächsten Brüder laut und +rasch ein -- und _Amen_ riefen die Umstehenden, _Amen_ hallte es, wie +dumpfen Donners Ton leise und scheu von den Lippen der Tausende, die das +kleine Haus umdrängt hielten, und deren Blicke an dem ernsten Mann +hingen wie er zu _seinem_ Gott sprach für ein fremdes Volk. Die Fremden +aber, denen die fanatische Predigt schon viel zu lange gedauert, holten +tief Athem, räusperten sich und flüsterten mit einander -- der +Geistliche konnte nicht weiter beten. + +Pomare bog sich jetzt leise zu ihrem Sprecher über, und Raiata den Arm +ausstreckend über das Volk, sagte mit seiner lauten, auch zu den +Entferntesten klar und deutlich dringenden Stimme: + +»Ihr Männer von Tahiti und Imeo, Häuptlinge und Volk, und Ihr Fremden +die Ihr gegenwärtig seid an diesem Tag, und Theil nehmt an unserem +Schicksal; die Königin Pomare, Aimata, wird zu Euch sprechen und mit +Euch sprechen über das Eingreifen einer fremden Macht in ihre Rechte, +das sie, wenn sie es duldete, nicht mehr Königin sein ließ auf dem Thron +Otu's. -- Erwäget wohl was heute verhandelt wird, es ist eine wichtige +Sache und kein blinder Eifer dafür oder dagegen sollte die Entscheidung +lenken, aber redet auch in Frieden und betet zu Gott daß _wenn heute +doch zornige Worte gesprochen werden sollten, sie mild und weich werden, +wenn sie in Euer Herz eingehn, und dort nicht Aerger und bösen Geist +erzeugen_.« + +»Segne meine Seele Jim, was die da erst kreuz und queer um den Compaß +gehn, ehe sie den richtigen Cours kriegen,« sagte unser alter Bekannter, +Mac Rally, zu seinem Begleiter, mit dem er sich ziemlich dicht zur +Verandah, an der Seite aber an welcher die Missionaire standen, +vorgedrängt hatte. Hier befanden sich die beiden auch fast hinter dem +ganzen weiblichen Theil der Versammlung, der sich ohne frühere +Verabredung, und eigentlich nur der ersten frommen Abtheilung der +Mädchen folgend, da zusammengefunden und seinen Platz behauptet hatte. + +»Die Sache wird langweilig,« meinte Jim gähnend -- »jetzt werden sie +gleich an zu singen fangen, und wenn wir nicht hier die hübsche +Nachbarschaft hätten --« + +»Ruhe da! -- Still! -- gebt Frieden!« tönte es von mehren Seiten, und +Aller Köpfe wandten sich den beiden Seeleuten zu, die dadurch die +Aufmerksamkeit der Menge weit mehr auf sich gezogen sahen, als sie wohl +vermuthet. Raiata begann aber in demselben Augenblick wieder, und jetzt +zwar mit Vorlesen einer langen Rede Pomares in Tahitischer Sprache, in +der er zuerst ihre Gefühle bei dem jetzigen politischen Stand der Dinge +beschrieb, bei welchem sie sich selber als verbannt von ihrem Königreich +betrachten müsse, und das Volk dann aufforderte diesem Zustand durch +energisches, aber auch einiges Handeln ein Ende zu machen. + +Dann wurde ein Brief des Englischen Admirals verlesen, der die +Theilnahme der Königin von England für die Königin von Tahiti +ausdrückte[Y] und auf das beifällige Murren der Versammlung wandte sich +Raiata nun zu den verschiedenen Häuptlingen der nächsten Distrikte, ihre +Meinung zu hören. + +»Fanue sprich Du was Du denkst von der Gestaltung der Dinge im Reich. -- +Der Aelteste bist Du, Pomare frägt Dich, willst Du die Flagge +beibehalten wie sie ist, oder Dich der neuen Herrschaft beugen?« + +Fanue, ein Greis, tättowirt noch aus der Heidenzeit und mit einem +Tapa-Mantel statt des bunten Kattuns, wie ihn fast alle Anderen trugen, +stand, auf seinen Stab gestützt, und schien die Anrede, als etwas +Selbstverständliches schon lange erwartet zu haben. Aber der Ton seiner +Stimme klang rauh, rauh wie das Wort das er sprach, und das lange weiße +Haar, das er nicht abgeschnitten hatte wie viele der »gläubigen +Christen«, zurückwerfend aus der Stirn sagte er finster: + +»Raiata hätte sich die Frage sparen können, er weiß wie Fanue denkt und +gedacht hat seit sie Oros Bildniß auf den Inseln stürzten. Der Fremden +sind hier zu viel gewesen von vorn herein, und es ist nicht +wahrscheinlich daß ich ihnen jetzt das Wort reden sollte. Was der Ferani +dabei für ein Recht hat uns regieren zu wollen? -- dasselbe Recht das +sich der Hai nimmt, wenn er in unsere Binnenriffe kommt -- nur daß sich +der Haifisch schämt, wenn er von Menschen dabei erwischt wird, und +wieder zurückgeht -- und der Ferani _nicht_. Aber es giebt viele Arten +von Hai's,« setzte er langsamer hinzu und sein Blick schweifte düster +über _alle_ Weiße -- »eine vorsichtiger -- feiger wie die andere. Fanue +möchte einen Corallenblock nehmen und die Einfahrt verstopfen -- nachher +ließe sich leicht reine Bahn machen.« + +»Aber Du stehst der Frage keine Rede Fanue,« sagte Raiata ungeduldig, +»willst Du die _Fahne_ beibehalten?« + +»Ich wußte nicht daß das bunte Spielzeug bei Euch die Hauptsache ist,« +sagte der Greis mürrisch -- »wenn's denn einmal eine sein muß, ist die +so gut wie jede andere -- weshalb wechseln? aber Otu wußte Nichts von +solchem Tant.« + +»Fanue stimmt also für Beibehaltung der Englischen Flagge,« fiel hier +Mr. Dennis, Einer der Missionaire von Imeo in das Wort -- »von solchem +würdigen Mann war das nicht anders zu erwarten.« + +»Und Du Aonui?« fuhr Raiata fort. + +»Halt ein, Pomare!« rief aber in diesem Augenblick Mr. Mörenhout der +Französische Consul, der der Verhandlung bis dahin schweigend aber mit +krauser Stirn gelauscht -- »das überschreitet Euere Macht. Der Vertrag, +den Du sowohl, wie vier Deiner ersten Häuptlinge unterschrieben, giebt +Dir nicht mehr das Recht hier zu entscheiden, was schon entschieden +_ist_. Du bist die Königin dieser Inseln und wirst es bleiben, kannst es +aber nur unter Frankreichs Schutz, das Dir ein besseres Bündniß bot als +Deine Priester -- gieb Dich nicht wieder ganz in ihre Macht, Du würdest +es sicherlich zu spät bereuen.« + +»Dir ziemt keine Drohung hier, Consul Mörenhout,« sagte aber Pomare sich +von ihrem Sitz erhebend -- »ich war freundlich gegen Dein Land gesinnt +-- es ist ein mächtiges Land und ich streckte dem Könige Deiner Insel +die Hand entgegen, weil ich glaubte daß er mich sicher führen würde in +vielem Wirrsal und Leid, das Gott über mich verhängt hat. Aber die Hand +die mich führen sollte faßte mich so fest an, daß ich laut aufschrie -- +sie that mir weh und ich will allein gehn jetzt auf meiner Bahn.« + +»Die Königin hat freie Wahl hier, zu thun und zu lassen was ihr +gefällt,« nahm jetzt, als der Französische Consul erwiedern wollte, der +Englische Capitain das Wort -- »_gezwungene_ Versprechen binden nicht, +und ihrer eigenen Aussage nach _ist_ sie dazu gezwungen, und zwar in +einem Zustand gezwungen worden[Z], in dem die _Frau_ schon sicher sein +sollte vor jeder Belästigung von außen her. Die Verhandlung hier +übrigens, steht unter _meinem_ besonderen Schutz.« + +»In dem Fall,« entgegnete der Französische Consul finster, »kann ich +Nichts thun als gegen Alles feierlich protestiren, was die geschlossenen +Verträge des Landes, das ich hier zu repräsentiren die Ehre habe, +verletzt; thun Sie was Sie verantworten können.« + +Eine kalte Verbeugung des Engländers antwortete ihm, und Raiata, über +dessen Züge ein triumphirendes Lächeln flog, wiederholte seine Frage an +Aonui, einen Häuptling aus Matavai-Bai. + +Aonui war ein frommer Christ -- den geschorenen Kopf entblößt, trug er +seinen Strohhut in den gefalteten Händen, und hatte schon seit der +ersten Ansprache, und ohne auch nur den Blick auf einen Moment den +Rednern zuzuwenden, zum Himmel aufgeschaut, dessen klare Bläue nur hie +und da durch einzelne leichte Wolken unterbrochen und kaum gestört +wurde. Er trug weiße Hosen und eine weiße Jacke, über die ersteren aber +nichtsdestoweniger den Pareu und ein buntes roth und gelb gestreiftes +Hemd, um den Hals eine feste schwarze Binde und kleine steife Stehkragen +dort hinein geknüpft -- er hatte das bei seinen Lehrern gesehn und +Freude daran gefunden sich ebenso zu tragen. Bei der zweiten Anrede +neigte er leise den Kopf, dann aber rief er plötzlich mit lauter und +freudiger Stimme: + +»Jehovah sei Preis in der Höhe, sein die Ehre -- aber Pomare ist unsere +Königin ~ia ore na oe~, und die Britische Flagge die natürlichste +unseren Herzen, unserem Glauben.« + +»Setz _unseren Interessen_ hinzu Aonui!« unterbrach ihn da Tati, der mit +Ungeduld die Zeit erwartet zu haben schien, selber reden zu dürfen -- +»setz _unseren Interessen_ hinzu, aber laß das _Herz_ fort. Die +natürlichste unseren Herzen muß und wird die Landesflagge sein, die +rothe Fahne mit dem weißen Stern, oder besser noch die weiße +Kriegesfahne unserer Väter!« + +»Aonui redet!« rief aber der Sprecher der Königin, seinen Stab erhebend, +»Tati wird reden wenn die Königin befiehlt.« + +»Tati wird« -- rief der stolze Häuptling wild und trotzig emporzuckend, +aber er bezwang sich selbst, sogar noch ehe Paraitas Hand warnend seine +Schulter berührte, und die Arme fest auf der Brust gekreuzt, die +Unterlippe zwischen die Zähne gebissen, daß das Blut daraus zurückwich, +blieb er stehn und schaute finster vor sich nieder. + +»Friede mein Bruder!« fuhr aber Aonui freundlich und mit ruhiger Stimme +fort -- »Friede sei zwischen uns immerdar, aber meiner Meinung bleib ich +treu; die Britische Flagge muß unseren Herzen die theuerste sein, denn +Groß-Britannien sandte uns die Bibel, und damit, glaub' ich, hab ich +Alles wohl gesagt. -- Die heilige Schrift ist unter uns, mehr brauchen +wir nicht!« + +»Nein, mehr brauchen wir nicht -- wir haben unsere eigenen Gesetze und +Lehrer und die Bibel -- das genügt uns -- fort mit der anderen Flagge!« +fielen jetzt viele andere Stimmen ein, und »das sagt Terate, das sagt +Avei -- das sagt Nane ini!« rief es von drei verschiedenen Seiten in den +Lärm. + +Die Missionaire schwiegen, aber mit aufgehobenen Händen standen sie da +und in Bruder Rowes Augen glänzte eine Thräne. + +»Gut von Dir Nane ini! gut von Dir Avei und Terate. Ihr habt Eueren +frommen christlichen Sinn bewährt!« rief aber Raiata und nickte da und +dort hinüber; »Ihr seid Pomares Freunde, und der Sturm wird Euch nur +fester in den Boden wurzeln. Jetzt aber spricht die Königin durch mich +zu Dir, Tati, Häuptling und Richter von Papara, aber Vasall Pomares, der +freien Königin von Tahiti und Imeo -- und fragt Dich weshalb hast Du +Hülfe gesucht bei den Feranis ohne Wissen Deiner Königin, ja ohne ihr zu +künden was Du thatest?« + +Tati wollte sprechen, und seine ganze Gestalt zitterte vor innerer +Aufregung. Er war heute in einen weiten Zeugmantel gehüllt, der in +malerischen Falten bis über seine Knie hinunterhing, in den Haaren aber +trug er, wie zum Trotz der anderen Parthei, die alten Häuptlingsfedern +stolz befestigt. + +»Und Tati bleibt die Antwort schuldig?« frug höhnisch der Sprecher. + +»_Nein, nein, nein_ und abermals _nein_!« schrie aber jetzt der stolze +Häuptling, dessen Zorn die Oberhand gewann -- »nur nicht ich brauche zu +antworten solcher Frage -- dort die Männer an Deiner Seite, die +schwarzen mit dem frommen Blick mögen Dir Rede stehn, wenn Du so +neugierig bist.« + +»Wir? -- wer? -- wir?« frugen die Missionaire allerdings erstaunt, und +vielleicht auch bestürzt über den trotzigen Ton des einflußreichen und +immer noch gefährlichen Mannes. + +»Ihr -- und noch einmal sag ich's, _Ihr_!« rief aber, uneingeschüchtert +der Häuptling, jetzt vortretend und den rechten nackten tättowirten Arm +gegen sie ausstreckend. »Das unnatürliche Verhältniß,« fuhr er dann +etwas ruhiger, aber immer noch in aufgeregter Stimmung fort, »das dieses +Land in seinen Banden hält, trägt jetzt die Schuld unseres Zwiespaltes, +und wird, Gott sei es geklagt, noch später sogar blutige Früchte tragen. +Euch verhüllt ein Mantel unter dem Ihr Euch versteckt oder vorkommt, wie +es Euch paßt, und den Frieden Gottes auf den Lippen könntet Ihr mit +Euerer Nichts vernichtenden Ruhe, einem Heiligen die Kriegskeule in die +Hand pressen und den Wurfspeer. Ihr Prediger allein seid es gewesen, die +unser Land regiert seit sie Pomare den Zweiten in sein kühles Grab +gelegt. Ihr habt Gesetze aufgeschrieben und durch der Häuptlinge Mund +wurden sie That; Ihr habt Strafen aufgeschrieben, und durch der +Häuptlinge Hand wurden sie Wahrheit. Ihr waret es, die uns das Buch +erklärten, das Ihr die heilige Schrift nennt -- wir kannten es nicht, +Gott hatte uns im Dunkel gelassen über sein Reich. -- Ihr habt viel +Gutes gethan, Ihr habt die Väter verhindert daß sie ihre Kinder +erschlugen, Ihr habt manches Leben gerettet, denn Oros Priester sind von +diesen Inseln verschwunden, und sie schlachten keine Opfer mehr; aber +Ihr habt auch das Vertrauen des Volkes zu seinen Fürsten und Häuptlingen +untergraben, und nennt die Bibel wenn man Euch fragt warum. Ihr habt +unsere Gebräuche und Feste vernichtet, und die Bibel ist der Grund auf +den Ihr fußt -- Euere Gesetze und Strafen, fragt man Euch woher? aus der +Bibel --« + +»Aber Tati,« unterbrach ihn hier Aonui mit frommem Blick -- »das ist ja +--« + +»Ruhe dort wenn Tati spricht!« donnerte ihm aber der Häuptling entgegen +und sein Fuß stampfte den Boden; dann jedoch, nach kurzer Pause, in der +das Volk athemlos seiner klangvollen Stimme lauschte, fuhr er fort -- +»Das ist gut -- das Buch der Bücher ist ein fester Grund und Ihr +versteht darauf zu bauen, aber laßt es nicht den Wall sein hinter den +Ihr springt Euch zu verbergen. Als jene fremden Priester die in unser +Land gekommen waren, _durch Euch_ verbannt wurden von dieser Insel --« + +»Das ist falsch,« unterbrach ihn der Missionair Rowe mit einem frommen +Blick nach oben und tiefen Seufzer, »das ist falsch, denn Tahitis +Gesetze sprachen allein ihr Urtheil.« + +»Und _wer_ gab die Gesetze, die sie damals trafen?« lachte mit bitterem +Hohn und trotzigem Zornesblick der Häuptling -- »_Ihr_! -- Wer _deutete_ +sie der Königin gegenüber? Ihr! Wagt es und sagt die Königin ist frei -- +es ist nicht wahr; in Eueren Maschen liegt sie, in Euerem Netze liegt +das fanatisirte Volk, das nur des Aufrufs bedarf und einen Bibelvers, +sich blind dahin zu stürzen wohin _Ihr_ es verlangt. Dreht Euere Augen +zum Himmel -- Gottes Tod -- hier steh ich und der Herr da oben mag mich +stürzen, wenn ich ein einzig falsches Wort nur spreche, ein einziges +Wort, das mir nicht warm und wahr in der Seele glüht, und meinen Pulsen +Fieberhitze giebt. -- Die Gesetze? die Häuptlinge? nicht Ihr? -- wagt es +und sagt das Euerer Königin in's Gesicht -- sagt das Fanue, Terate und +Avei -- nicht Ihr? die Häuptlinge, das Volk führen es aus, Ihr aber, mit +der Bibel in der Hand steht Ihr dahinter, und _Euer_ Ruf ist es -- +heimlich oder laut -- der sie treibt.« + +»Nicht als Ankläger, Tati von Papara, sondern als Vorgerufener sollst Du +Rede stehn Deiner Fürstin!« rief aber jetzt Raiata, der mit einem leisen +Anflug von Schadenfreude des Häuptlings Zorn auf Leute hatte ausströmen +sehn, die ihm bis dahin viel zu mächtig geschienen es auch nur für +möglich zu halten; aber die Königin winkte und er mußte gehorchen. + +»Ei wenn Pomare denn _mit Willen_ blind ist,« rief der Häuptling +trotzig, »mags drum sein; was kümmerts mich! So nimm denn Deine Antwort: +Weil wir die Lösung unserer Wirren mit den Feranis denen überlassen +wollten die sie herbeigeführt -- den Missionairen; von denen aber im +Stich gelassen, denn sie leugneten bei dem Fortschicken der Römischen +Priester auch nur im mindesten betheiligt gewesen zu sein, und von dem +Franken bedrängt, ja in ihm selber vielleicht einst eine Stütze sehend +in schwererer Zeit gegen solche _heimliche_ Feinde, schrieb ich meinen +Namen unter das Papier -- bist Du zufrieden nun?« + +»Und Du Utami?« + +»Tati hat den Grund genannt,« entgegnete der allgemein geliebte Richter, +und einzelne Stimmen des Beifalls wurden schüchtern laut. + +Und Paraita? und Hitoti? + +»Utami und Tati hatten unterschrieben,« nahm hier der vorsichtige +Paraita das Wort, »wir hielten's nicht der Mühe werth da lang darüber +nachzudenken; Utami denkt allein für Viele.« + +»Und billigt Hitoti ebenfalls diesen Grund?« frug noch einmal der +Sprecher. + +»Ich habe nicht nöthig Andere vorzuschieben,« brummte der Häuptling -- +»weil ich es für das Beste des Landes hielt that ich's, und weil mir das +Volk mehr am Herzen liegt als die Kirche -- es mag ein Fehler sein, aber +'s ist wahr.« + +Da erhob sich Pomare selber, ihr Antlitz von leisem Roth überhaucht, der +den lieben Zügen einen noch viel höheren Reiz verlieh, und mit der +Rechten sich auf den Stuhl stützend auf dem sie gesessen, sagte sie +leise, und doch mit den weichen Tönen bis zu den entferntesten dringend, +die in laut- und athemloser Spannung ihren Worten horchten. + +»Und _wünscht_ Ihr, Häuptlinge meines Landes, die Hülfe, den Schutz der +Feranis?« + +»Nein, nein, beim ewigen Gott! nein!« riefen die Häuptlinge, Tati und +Hitoti an der Spitze, durcheinander. + +»Was brauchen wir den Fremden?« fuhr Tati fort, den weiten Mantel von +seinem Arm zurückschleudernd, »unsere Bäume sind fruchtreich, unsere +Quellen süß, und kamen _wir_ zu ihm zuerst, Nahrung zu holen auf der +Reise, oder er zu uns? Trenne Tatis Hand vom Rumpf wenn sie sich je +ausstrecken sollte einen Fremden um Hülfe anzurufen -- so lange er sich +im eignen Lande helfen _darf_.« + +»Nein, wir wollen keine Hülfe von Fremden« wiederholte nochmals Hitoti, +»aber laß dann auch Deine Priester zu dem stehn was sie sind -- die +Lehrer unserer Kinder, unseres Volkes. Als Richter aber brauchen wir sie +nicht -- sie kennen unser Land nicht, nicht unsere Sitten, unsere +Bedürfnisse -- sie kennen nur Gottes Wort -- laß sie das lehren, und wir +wollen ihnen folgen und sie ehren.« + +Die junge Königin winkte, leicht dankend mit der Hand, und Raiata, +wieder das Wort ergreifend, fuhr fort: + +»So melde ich Euch denn, Ihr Häuptlinge und Eingeborene der Insel, Euch +Fremden und Geistlichen die Ihr Antheil an uns und unserem Lande nehmt, +daß es der Königin Wunsch und Wille ist mit allen fremden Nationen und +Fürsten auf freundschaftlichem Fuß zu stehen und zu bleiben; sollte sie +aber je die Hülfe irgend einer Nation verlangen müssen -- was Gott +verhüten möge -- _so sei das_ Land kein anderes als Groß-Britannien, und +stürbe sie, von diesem Lande sollte ihr Erbe und ihres Erben Erbe Schutz +erbitten, zur spätesten fernsten Generation hinab. Ihr großer +Bundesgenosse ist England; von dort hat sie ihre Lehrer, ihre +Civilisation, ihre Gesetze und Religion erhalten, und sie will keinen +anderen Bundesgenossen als den Briten.« + +»England hat uns die Bibel gebracht!« rief ein Theil der Häuptlinge +durcheinander -- »es hat uns den Heiland kennen gelehrt.« + +»Und Krankheiten, die uns das Fleisch von den Knochen faulen machen,« +knirrschte Tati zwischen den Zähnen -- »meinetwegen verschreibt Euch dem +Teufel.« + +»England ist unser Heil, unser Stolz -- England ist unser Anker in der +Noth und im Sturm!« rief wieder ein Theil der Oberen, und der Englische +Capitain neigte sich dankend dem bunten Chor, in Anerkennung dieser +Freundlichkeit; Tati aber nahm Utamis Arm und wollte ihn fort aus dem +Gedränge ziehen. + +»Warte noch,« sagte Utami, »erst kommt noch ein Gebet von Einem der +frommen Männer,« und dem schon gegebenen Zeichen gehorchend, beruhigte +sich wieder das wachsende Toben der Menge, aber Tati schüttelte +ärgerlich mit dem Kopf und sagte, den Freund mit sich fortziehend: + +»So laß sie beten und singen, und meinetwegen -- aber ich will mich +nicht ärgern über das schwarze Volk; fort, fort mit den albernen und +quälenden Gedanken, die mir nicht Ruhe noch Frieden lassen. Das Volk ist +blind, und in tollem Aberglauben, mit dem es sich jetzt gerade so auf +die ihm unverständlichen Sagen stürzt, wie es früher von den Wundern +Oros und der anderen Götter träumte, läßt es sich von Jedem die Hände +binden, der im Stande ist ihm den Schleier über die Augen zu werfen. +Fort, wieder hinaus in's Freie; die Komödie ist aus und die schwarzen +Areois haben ihre Sache gut gemacht.« + +Und ärgerlich den Mantel um sich her ziehend, ohne den Blick +zurückzuwerfen, schritt er die Straße entlang die hinein in die Stadt +führt. + + +Fußnoten: + +[T] Die Raanocke an Bord eines Schiffes ist das äußerste Ende der Raaen +genannten Queerhölzer, an welchen die Segel befestigt sind. Bei +Executionen an Bord werden die zum Strang Verurtheilten an der Raanocke +aufgezogen. + +[U] Mein Herzchen. + +[V] Die Indianer der Südsee nennen das Gold ~perú~. + +[W] Das Wort _Kindesmord_ klingt aber hier auch schlimmer wie es in +Wirklichkeit war, wenigstens fand Alles dabei statt, was sich nur irgend +zur Milderung eines so entsetzlichen Verbrechens denken läßt. Die Inseln +waren übervölkert (ein Uebelstand dem die Civilisation jetzt vollkommen +abgeholfen hat) und die Frauen wurden als den Männern in jeder Hinsicht +untergeordnete Geschöpfe betrachtet, hatten also auch keine Stimme bei +dem Tödten der Kinder. Alle Berichte, selbst die der Missionaire stimmen +übrigens darin überein, daß Kinder _nur_ gleich nach der Geburt, +entweder von dem Vater selber oder einem Anderen, fortgenommen, in eine +schon dazu bereitete Grube geworfen und mit Erde bedeckt wurden, _ein +nur eine halbe Stunde altes Kind war vollkommen sicher und wurde nie +getödtet_. + +[X] Mögest Du gerettet werden. + +[Y] Das war im Februar, im März wurde aber erst die Besitznahme der +Inseln durch die Franzosen in England bekannt. + +[Z] Pomare erwartete gerade in jener Zeit, als sie Du Petit Thouars um +ihre Unterschrift bedrängte, jede Stunde ihre Entbindung. + + * * * * * + +Druck von _Ferber & Seydel_ in Leipzig + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Die Schreibweise einiger Wörter ist im +Originalbuch inkonsistent. Im vorliegenden ebook wurden lediglich +offensichtliche Druck- und Zeichensetzungsfehler korrigiert. + +Das Buch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen wurden +folgendermaßen ersezt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: ~Antiquatext~ +Fettdruck: #fetter Text# ] + + + +[Transcriber's Note: The spelling of some words is inconsistent in the +original book. Only obvious typos and errors in punctuation have been +fixed in this ebook. + +The book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been replaced +by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: ~text in Antiqua font~ +Boldface: #bold text# ] + + + + + +End of Project Gutenberg's Tahiti. Erster Band., by Friedrich Gerstäcker + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TAHITI. ERSTER BAND. *** + +***** This file should be named 20412-8.txt or 20412-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/0/4/1/20412/ + +Produced by richyfourtytwo, Holt and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. 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Erster Band., by Friedrich Gerstäcker + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Tahiti. Erster Band. + Roman aus der Südsee + +Author: Friedrich Gerstäcker + +Release Date: January 22, 2007 [EBook #20412] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TAHITI. ERSTER BAND. *** + + + + +Produced by richyfourtytwo, Holt and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + +<h1><b>TAHITI.</b></h1> + +<p class="center"><span class="g">Roman aus der Südsee</span></p> + +<p class="center">von</p> + +<p class="center"><b>Friedrich Gerstäcker.</b></p> + +<p class="center">Zweite unveränderte Auflage.</p> + +<p class="center"><b>ERSTER BAND.</b></p> + +<p class="center">Der Verfasser behält sich die Uebersetzung dieses Werkes vor.</p> + +<p class="center"><b>Leipzig,</b></p> + +<p class="center"><span class="g">Hermann Costenoble.</span></p> + +<p class="center">1857.</p> + + +<hr style="width: 65%;" /> +<p class="center"><span class="g"><b>Der</b></span></p> + +<p class="center"><b>J. G. Cotta’schen Buchhandlung</b></p> + +<p class="center">die es ihm möglich machte den langgehegten Wunsch<br /> +einer Reise um die Welt auszuführen,<br /> +bringt diese +<span class="g">erste Frucht</span> derselben<br /> +<span class="g">in dankbarer Hochachtung</span></p> + +<p class="center"><b>der Verfasser.</b></p> + + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="Inhalt_des_ersten_Bandes" id="Inhalt_des_ersten_Bandes"></a><b>Inhalt des ersten Bandes.</b></h2> + + +<div class="center"> +<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary=""> +<colgroup> + <col id="col1" /> + <col id="col2" /> + <col id="col3" /> + <col id="col4" /> +</colgroup> +<tr><td /><td /><td /><td align="right" style="font-size: smaller">Seite</td></tr> +<tr><td align="center">Cap. </td><td align="right">1.</td><td align="left">Der Wallfischfänger</td><td align="right"> + <a href="#Capitel_1">1</a></td></tr> +<tr><td align="center">"</td><td align="right">2.</td><td align="left">Die Flucht, und welchen Dollmetscher René fand</td><td align="right"> + <a href="#Capitel_2">19</a></td></tr> +<tr><td align="center">"</td><td align="right">3.</td><td align="left">Das Mädchen von Atiu</td><td align="right"> + <a href="#Capitel_3">47</a></td></tr> +<tr><td align="center">"</td><td align="right">4.</td><td align="left">Der Mi-to-na-re</td><td align="right"> + <a href="#Capitel_4">69</a></td></tr> +<tr><td align="center">"</td><td align="right">5.</td><td align="left">Das Geständniß</td><td align="right"> + <a href="#Capitel_5">124</a></td></tr> +<tr><td align="center">"</td><td align="right">6.</td><td align="left">Was der ehrwürdige Mr. Rowe dazu sagt</td><td align="right"> + <a href="#Capitel_6">155</a></td></tr> +<tr><td align="center">"</td><td align="right">7.</td><td align="left">Der Verrath, und wie sich beide Theile dabei irrten</td><td align="right"> + <a href="#Capitel_7">180</a></td></tr> +<tr><td align="center">"</td><td align="right">8.</td><td align="left">Tahiti</td><td align="right"> + <a href="#Capitel_8">224</a></td></tr> +<tr><td align="center">"</td><td align="right">9.</td><td align="left">Die vier Häuptlinge</td><td align="right"> + <a href="#Capitel_9">253</a></td></tr> +<tr><td align="center">"</td><td align="right">10.</td><td align="left">Die Versammlung</td><td align="right"> + <a href="#Capitel_10">273</a></td></tr> +</table></div> + + +<hr class="endchapter" /> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_1" id="Page_1">[1]</a></span></p> +<h2><a name="Capitel_1" id="Capitel_1"></a>Capitel 1.</h2> + +<h3>Der Wallfischfänger.</h3> + + +<p>Von einem leichten Ostpassat getrieben, dazu die +Obersegel fest, ja sogar noch mit einem Reef im +Kreuzsegel, der vor einigen Abenden hineingenommen, +und den man sich gar nicht die Mühe gegeben +hatte wieder auszustechen, kam ein schwerfälliges, +schmutzig aussehendes Schiff langsam bei dem Winde +nach Süden herunter und näherte sich einer, in der +Ferne eben sichtbar werdenden kleinen hohen Insel der +Cooksgruppe.</p> + +<p>Schon die großen fettigen Stellen in den Segeln, +auf denen die Leute, nach dem Thranauskochen, beim +Reefen allabendlich gelegen, verriethen den Wallfischfänger, +<span class="pagenum"><a name="Page_2" id="Page_2">[2]</a></span>hätten ihn nicht auch die, an besonderen Krahnen +zu beiden Borden aufgehangenen und noch auf Querstützen +über Deck besonders gehaltenen Boote als solchen +dargethan. Andere Fahrzeuge besuchten auch +selten diese Gewässer und selbst die Wallfischfänger +nur in diesen Monaten Januar und Februar, ehe sie +wieder mit einbrechendem Frühling nach Norden aufgingen, +die einträglichere, wenigstens ergiebigere Jagd der +»rechten Wallfische« der der Spermacetis vorzuziehen.</p> + +<p>Es war diesmal aber noch ziemlich früh in der +Jahreszeit und der Delaware, wie der Wallfischfänger +getauft worden, hatte im Anfang beabsichtigt +gerade zu Tahiti anzulaufen; durch den starken Ostpassat +aber und die klein geführten Segel, wie mit der +starken Aequatorialströmung gegen sich zu viel nach Westen +versetzt, mußte er erst wieder nach Süden hinunter, +etwas mehr in die Region der veränderlichen Winde +zu kommen, oder auch vielleicht einen der dann und +wann einsetzenden Westwinde zu benutzen, und beschloß +jetzt nur die erste in Sicht befindliche Insel +anzulaufen, um einige Erfrischungen und vielleicht +etwas Holz einzunehmen.</p> + +<p>Das Wasser zwischen diesen Inseln ist übrigens, +häufiger Riffe wegen, den Schiffen oft gefährlich, und +die mit den Localitäten nicht sehr gut vertrauten Fahrzeuge +machen, wenn sie in solchen Gruppen nichts zu +thun haben, lieber einen ziemlich bedeutenden Umweg,<span class="pagenum"><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span> +sie zu umgehen, als daß sie sich leichtsinniger Weise +hineinwagen. Mit einem Wallfischfänger ist das aber +ganz etwas anderes; er versäumt, sobald er sich erst +einmal auf seinem Jagdgrund befindet, keine Zeit +mehr, denn wenn er segelt, hat er die Möglichkeit +eben so auf seiner Seite, daß er von Fischen weg, +als ihnen gerade entgegenläuft, und wenn er still +liegt, kann er eben so gut eine ganze »<span class="smcap">school</span>« versäumen, +die vielleicht dort vorübergeht wo er hätte +sein können, als die auf ihn zukommenden gerade wie +auf der Lauer abfangen. Das Ganze ist Glückssache +und dem Pirschen auf Rothwild in einem fremden +Walde nicht unähnlich. Kommen diese Wallfischfänger +also an solche Stellen, so suchen sie, ehe es dunkel +wird, hinter irgend eine kleinere Insel oder Riffbank +zu laufen, wo sie entweder Ankergrund oder +Raum zum Kreuzen haben, und treiben dort die Nacht +herum, bis ihnen die aufsteigende Sonne wieder ihre +Bahn beleuchtet.</p> + +<p>Gerade mit Sonnenuntergang war denn auch der +Delaware, bis westlich von Atiu, einer nicht ganz unbedeutenden +Insel, gekommen, und der Capitain wäre +gern die Nacht vor Anker gegangen, die Stellen aber, +die er untersuchte waren überall, bis fast dicht an +die schäumenden Riffbänke, so tief, daß er sich nicht +der Gefahr aussetzen mochte, so nahe unter dem bös<span class="pagenum"><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span>artigen +Ufer vielleicht einmal von einem der hier oft +sehr rasch eintretenden Weststürme überrascht zu werden. +Er ließ also die Segel dicht reefen und kreuzte, +(eben nicht zum Vergnügen der Mannschaft, die sechs +bis acht Mal in der Nacht mit dem Schiff herum +mußte) in Lee der Insel auf und nieder.</p> + +<p>Capitain Lewis kümmerte sich übrigens den Henker +darum, ob er seinen Leuten damit einen Gefallen +that oder nicht — er und sie standen, wie man’s am +Lande nennen würde — »auf Hofton« mit einander — d. h. +er sprach, seit sie das letzte Mal auf den +Sandwichsinseln gewesen, wo es zu einigen Auftritten +gekommen war, nur höchst höflich mit ihnen und +nannte sie, wenn er sie zu einer Arbeit im Einzelnen +aufforderte, gewöhnlich Mister, und <span class="smcap">if you <span class="g">please</span></span>, +mit starker Betonung des letzten Wortes, aber mit +einem Blick dabei, der deutlich genug sagte: »Wenn +Du nicht <span class="g">springst</span>, Canaille, zu thun was ich Dir +sage, so laß ich Dich bei den Beinen aufhängen.«</p> + +<p>Er, zum Dank dafür, hieß bei den Leuten, statt +wie sonst die Capitaine gewöhnlich »den Alten« (<span class="smcap">the +old man</span>) zu nennen, »<span class="smcap">the old devil</span>« (der alte +Teufel); und wußte das auch recht gut, ja es schien +ihm ordentlich Spaß zu machen daß er so genannt +wurde, und er hatte seiner Mannschaft schon mehr<span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span>mals +versichert, er wolle sich bemühen, seinem Namen +keine Schande zu machen; welches Versprechen er auch +bis jetzt, so weit es in seinen Kräften stand, redlich +gehalten.</p> + +<p>Die Mannschaft eines Schiffes ist in solchen Fällen +übel d’ran — widersetzt sie sich, so ist es <span class="g">Meuterei</span>, +und sie wird darnach bestraft, mögen die Leute +recht gehabt haben oder nicht, und halten sie, auf der +anderen Seite aus bis zum Letzten, und verklagen +nachher den Capitain, so ist Zehn gegen Eins zu +wetten, daß dieser dennoch Recht bekommt. In sehr +vielen Fällen hat er’s aber auch, und es giebt wohl +auf keinen Fahrzeugen der Welt, Kriegsschiffe vielleicht +ausgenommen, toller zusammen gewürfeltes +Volk, als auf diesen Wallfischfängern. Ein ordentlicher +Matrose geht selten oder nie darauf, es ist meist +lauter aufgelesenes Ufervolk, die faul genug sind ihre +eigene Arbeit bei Seite zu werfen, und Romantik genug +im Kopfe haben, sich von einem »Wallfischzug« +ein ganz besonderes Vergnügen und außerdem einen +bedeutenden Nutzen zu versprechen. Die guten Leute +sehen dann gewöhnlich immer etwas zu spät ein, daß +sie sich in der ersten Erwartung jedesmal, und nur +zu häufig auch in der anderen getäuscht haben, und +sie sind dann eben <span class="g">ein</span>mal und nicht wieder Wallfischfänger +gewesen, so daß fast jedes neu ausgehende<span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span> +Schiff, die Offiziere ausgenommen, auch eine durchaus +neue Besatzung hat.</p> + +<p>Schuster und Schneider, besonders die letzteren, +sieht man sehr häufig dabei, Tischler und Maurer, +Schmiede und Böttcher, Gerber und Cigarrenmacher +— Alles wird Wallfischfänger und der Capitain eines +solchen Fahrzeugs, der von dem Rheder, sobald +er eine volle Besatzung hat und die Jahreszeit gekommen +ist, in See hinaus geschickt wird, hat dann +oft, wie sich nicht leugnen läßt, eine entsetzliche Zeit +dies Volk, von dem er vorher weiß daß es doch nur +<span class="g">eine</span> Reise bei ihm aushält — ja schon an den nächsten +Plätzen wo er anlegt fortläuft, wenn er ihnen +nur Gelegenheit dazu gäbe, so weit einzurichten, daß +sie wenigstens erst einmal verstehen lernen was sie +nur überhaupt zu thun haben. Dies sie nachher wirklich +thun zu machen hat dann schon weniger Schwierigkeiten. +Kommen nun ordentliche ruhige Menschen +manchmal zwischen diese hinein — d. h. die Mannschaft, +denn die Offiziere, vom Bootsteurer aufwärts, +bilden ein ganz besonderes, abgeschlossenes Corps — +so fühlen sich diese gewöhnlich höchst unglücklich und +verwünschen den Augenblick, wo sie sich von der Romantik +der Sache bethören ließen — aber leider zu +spät, und die viertehalb Jahr, die eine solche Fahrt +sehr häufig dauert, werden ihnen zur Hölle.<span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span></p> + +<p>Doch zurück an Bord unseres Fahrzeugs. Zum +Ausschauen auf der Back vorn stand ein junger +Mann, dessen edle, fast schöne Gesichtszüge, wie der +schlanke schmächtig gebaute Körper wohl passender +für einen Salon als das Vorcastle eines Wallfischfängers +geschienen hätten. Das volle braune Haar +quoll ihm in dichten Massen unter der breiten schottischen, +dunkelblauen Mütze vor, und seine reinliche +Kleidung selber unterschied ihn auffällig von der übrigen, +besonders in diesem Punkt höchst nachlässigen +Schaar. Es war ein junger Franzose aus sehr guter +Familie, der sich in Boston mehr einer tollen Laune +oder ziellosen Reiselust zu Liebe, als aus irgend einer +andern Ursache hatte verleiten lassen, an Bord des +Delaware eine Reise nach der Südsee mitzumachen, +und der jetzt still und brütend nach dem nahen Lande +hinüberschaute, das mit dem dunkeln Schatten seiner +Palmen in träumerischer Ruhe vor ihm lag.</p> + +<p>»Nun René, so in Gedanken?« sagte plötzlich, +dicht neben ihm, eine freundliche Stimme und eine +Hand berührte leise seine Schulter — »an was denkst +Du?«</p> + +<p>Der Angeredete fuhr erst wie erschreckt aus seinem +Nachdenken empor und schaute sich um, als er aber +den Sprechenden erkannte, sagte er rasch und fast erfreut:<span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span></p> + +<p>»Es ist mir lieb, Adolph, daß du gerade in diesem +Augenblick zu mir kommst, ich bin eben mit meinem +Entschluß ins Reine gekommen — ich verlasse +dies Schiff.«</p> + +<p>»Thorheit,« sagte Adolph kopfschüttelnd — »Du +kennst die Verhältnisse hier nicht, René. Kämst Du +wirklich glücklich an Land, so brauchte der Capitain +nur eine unbedeutende Belohnung auf Deinen Fang +zu setzen und Du würdest rettungslos ausgeliefert. +Ich bin schon früher hier gewesen und habe den Fall +zweimal ausgeführt gesehen. Die Eingebornen sind +seelensgut, aber wie die Kinder — ein Spielzeug +könnte sie zu irgend etwas verführen — sei es nun +zum Guten oder zum Bösen.«</p> + +<p>»Hab’ ich erst festen Boden unter den Füßen, so +könnten sie mich nur als Leiche wieder zurückschaffen,« +murmelte René mit düsterem Blick und fester Entschlossenheit +zwischen den zusammengebissenen Zähnen +durch.</p> + +<p>»Das wäre Thorheit,« sagte aber sein älterer +Freund, ein Landsmann von ihm und jetzt dritter +Harpunier auf dem Delaware, der mit René schon in +Algier gefochten und in Canada gejagt, und damals +Alles versucht hatte ihm einen so tollen Entschluß, wenn +auch vergebens, auszureden, als gemeiner Matrose +das Leben eines Wallfischfängers zu versuchen. »Du<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span> +bist noch jung René und das Leben steht Dir weit +und freudig offen — hier nun einmal in die Klemme +gerathen, bring Dich deshalb nicht gleich um Alles, +blos weil es Dir in den Sinn kommt die Suppe, +die Du Dir selber eingebrockt, nicht ausessen zu wollen. +Ein, höchstens zwei Jahr, und Du bist wieder frei +wie der Vogel in der Luft, und selbst diese Zeit wird +Dir dann, so schmerzvoll und entsetzlich sie Dir jetzt auch +scheint, eine freudige, vielleicht liebere Erinnerung sein, +als manche froh und glücklich verlebte Stunde.«</p> + +<p>»Ich halt’ es nicht aus, Adolph, ich halt’ es bei +Gott nicht aus« sagte René kopfschüttelnd — »hier +unter dem rohen Volk noch Jahrelang bleiben und +an Geist und Körper zu Grunde gehen — ich vermag +es nicht. Du weißt dabei, wie nahe ich zweimal +schon daran war mit dem Capitain selber, der +fast schlimmer ist als der Schlimmste seiner Leute, +zusammenzugerathen, und wer schützt mich dann vielleicht +sogar vor seinen rohen <span class="g">Mißhandlungen</span>? +Das Resultat bliebe dasselbe, auch das ertrüge ich +nicht, und lieber will ich mein Leben hier wagen, wo +mir noch die Möglichkeit eines Entkommens bleibt, +als zuletzt gezwungen werden dem Capitain vielleicht +ein Messer in den Leib zu rennen und über +Bord zu springen. Nein, Adolph, ich bin fest entschlossen« +setzte er leise aber mit ruhiger und über<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span>zeugter +Stimme hinzu — »die erste Gelegenheit, die +sich mir bietet an Land zu kommen, und sollt’ ich es +schwimmend zu suchen haben, benutz ich, und die +Folgen mögen dann sein wie sie wollen — ich weiß +und fühle, daß mir nichts Schlimmeres begegnen +kann, als was ich jetzt in Seelenqual und innerer +Unruhe zu leiden habe.«</p> + +<p>»Hol’s der Henker«, sagte Adolph nach kurzem +Sinnen — »wer weiß ob ichs nicht an Deiner Stelle, +und mit Deinem jungen Blut in den Adern am Ende +auch thäte. Aber wie willst Du an Land kommen? +es ist noch ganz ungewiß ob der alte Teufel ein +Boot abschickt Erfrischungen einzunehmen oder nicht, +— er traut uns allen mit einander nicht.«</p> + +<p>»Doch« entgegnete ihm René — »ich habe vorher +zufällig gehört, daß unser Boot mit dem ersten +Harpunier morgen mit Tagesanbruch hinüber soll, +etwas Brodfrucht und Cocosnüsse abzuholen. Die +Gelegenheit will ich jedenfalls benutzen, noch dazu +da es uns einen Vorwand giebt, reichliche Kleider mit +zu nehmen. — Die Leute haben ja sonst nichts, sich +Kleinigkeiten von den Eingebornen einzutauschen.«</p> + +<p>»Und sowie Du im Wald drin bist« sagte Adolph +immer noch kopfschüttelnd, »hetzt der alte Seehund von +Harpunier Dir die ganze Einwohnerschaar hinterher +— wie willst Du ihnen entgehen? — René, René es<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span> +ist wahr, das Land liegt wohl verlockend genug +vor uns da, und selbst mir zuckt’s in den Knochen, +einmal frei darauf herumzuspatzieren und von diesem +— verdammten Marterkasten loszukommen, aber — +ich weiß doch nicht — hast du einmal das Schiff +verlaufen und wirst wieder eingefangen, so kommst +Du nachher erst in eine Hölle, wenn Du vorher in +keiner gewesen bist, und wenn ich ganz aufrichtig sein +soll, so glaub’ ich nicht daß Du zwei Tage von uns +bleibst, ehe sie Dich wieder haben — und die zwei +Tage über bist Du dann mehr wie ein gehetzter Wolf +als wie ein Mensch.«</p> + +<p>»Und es hilft doch Alles Nichts« lächelte René +trüb; »ich hab’s mir nun einmal in den Kopf gesetzt, +und ich führ es auch aus, mag daraus entstehen was +da will; schlimmer kann’s nicht werden als es +schon ist.«</p> + +<p>»Doch, doch« sagte Adolph »es kann noch viel +viel schlimmer werden, Du hast es noch nicht gesehen, +wenn es an Bord eines Schiffes einmal <span class="g">recht</span> schlimm +ist,« setzte er schaudernd hinzu — »und ich verlang’ es +ebenfalls nie, nie wieder zu erleben. Außerdem bist Du +der Sprache gar nicht mächtig — wie willst Du Dich +den Leuten verständlich machen? René, es geht in +der Welt alles nach Eigennutz — bist Du erst einmal +älter, wirst Du das auch selber erfahren — und die<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span> +Eingeborenen hier wissen recht gut, daß sie von einem +entlaufenen Matrosen nicht viel Gutes und gar keinen +Nutzen zu gewärtigen haben, während ihnen der Capitain +eine Masse Sachen geben kann, die für sie und +ihr einfaches Leben förmliche Schätze sind.«</p> + +<p>»Ich habe Geld bei mir« sagte René rasch — +»<span class="smcap">Peste</span>, ich brauche des alten Schuftes Blutgeld nicht, +mir meine Bahn auch im schlimmsten Fall zu <span class="g">erkaufen</span>, +wenn es denn nicht anders sein kann.«</p> + +<p>»Das ist schon ein sehr sehr großer Vortheil« +lächelte Adolph, »und es werden wenig Matrosen +von Wallfischfängern weglaufen, die wirklich einen +Franc in der Tasche haben, aber der Capitain bleibt +immer im Vortheil. — Aexte, Beile, Kattune und +Schmuck und besonders Spirituosen sind ihnen weit +lieber als Geld, und über derlei Sachen hast Du +immer nicht zu verfügen.«</p> + +<p>»Vernünftiger Weise magst Du Recht haben, +Adolph«, lächelte aber der junge Mann, auf alle +diese Argumente — »und ich glaube selbst daß es +eine Art verzweifelter Schritte ist, auf einer so kleinen +Insel, wie diese zu sein scheint, zu entlaufen — die +Möglichkeit ist immer eher da, daß man eingefangen +wird.« —</p> + +<p>»Sag’ lieber die Wahrscheinlichkeit« unterbrach +ihn Adolph.<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span></p> + +<p>»Und meinethalben auch die Wahrscheinlichkeit« +murmelte René zwischen den zusammengebissenen Zähnen +durch, »ich habe mir aber noch nie etwas so fest +vorgenommen gehabt, ohne es durchzuführen, und +den Versuch will ich machen, oder darüber zu Grunde +gehen!«</p> + +<p>»<span class="smcap">Eh bien</span>« lachte Adolph, »sobald Du einmal so +weit gekommen, ist es nicht nöthig mehr darüber +zu sprechen. Meine Wünsche für Dein Wohl hast +Du übrigens, und ich wollte nur, daß ich Dir in +irgend etwas dabei nützlich sein könnte; ich sehe nur +noch nicht wie.«</p> + +<p>»Wer weiß wie sich das noch Alles machen kann« +sagte René — »aber auf dem Quarterdeck werfen sie +schon wieder die Falle los — in der Mitternachtswache +möcht’ ich Dir noch etwas sagen.«</p> + +<p>»<span class="smcap">Ship about</span>« unterbrach ihn hier der eintönige +Ruf; die Leute traten sämmtlich an ihre Posten und +das Schiff wurde über den anderen Bug gelegt, jetzt +wieder vom Lande abhaltend.</p> + +<p>Mit der nächsten Morgendämmerung hatten sie +die Küste, und zwar eine kleine Art Bai, die von +zwei auslaufenden Corallenriffen gebildet wurde, gerade +vor sich, und der Ruf des ersten Harpuniers +sammelte die Leute in sein Boot; mehre dort schon +aufgeschichtete Sachen, Handels- und Tauschartikel<span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span> +für die Eingebornen, wurden hineingelegt — das +Boot schwang frei und auf das Wasser nieder, und +die Mannschaft legte sich in die Ruder.</p> + +<p>»Was sind das für Pakete da vorn?« sagte der +Harpunier, als sie eben von Bord abgestoßen waren, +»wer hat die eingeworfen?«</p> + +<p>»Ein paar Hemden und andere Kleinigkeiten, +Mr. Rowsy« erwiederte Einer der Leute — »wir +wollten uns auch was von Früchten eintauschen!«</p> + +<p>»Und das andere daneben?«</p> + +<p>»Dasselbe« erwiederte René, den die Frage anging. +Der Harpunier sagte nichts weiter und René +warf noch einen verstohlenen Blick nach Bord zurück, +wo Adolph stand und ihm zunickte. Er war ihm behülflich +gewesen die Sachen rasch, und ohne daß sie +an Bord selber etwas davon zu sehen bekamen, in’s +Boot zu schaffen, der Capitain hätte es sonst unter +keiner Bedingung zugelassen, obgleich dies etwas +ziemlich gewöhnliches an Bord von Wallfischfängern +ist.</p> + +<p>In Canoes kamen übrigens keine Indianer ab +und ihnen entgegen, obgleich sie mehrere Canoes in +der Bai liegen sahen, und nur erst als sie die Corallen-Bank +berührten, erschienen oben zwischen den +Büschen eine Anzahl Männer und Frauen mit Körben +aus Cocosblättern geflochten, in denen sie Früchte<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span> +und Muscheln trugen, und erst ein Zeichen der +Fremden abzuwarten schienen, ehe sie sich ihnen +näherten.</p> + +<p>Der Harpunier, der sich seit seiner Jugend fast in +diesen Meeren herumgetrieben, sprach ihre Sprache +ziemlich geläufig, und ein paar freundliche Worte in +dieser hatten fast eine zauberhafte Wirkung auf die +Schaar. Die, die im Anfang die furchtsamsten gewesen +waren, riefen sich erstaunt unter einander zu +daß die Fremden Freunde seien, und dieselbe Sprache +mit ihnen hätten, und aus allen Büschen und Dickichten +brachen sie jetzt heraus, und mischten sich so sorglos +und vertrauend wie Kinder zwischen die Leute, +befühlten das Zeug ihrer Kleider, lachten über ihre +Bärte und Schuhe, und sprangen und sangen, als ob +sie schon Jahre lang mit ihnen bekannt gewesen +wären.</p> + +<p>Der Tauschhandel ging indessen rüstig vor sich; +gegen Messer und Tabak, Kattune und Glasperlen +brachten sie Massen der herrlichsten Früchte, besonders +vortreffliche Orangen und Brodfrucht und während +der Harpunier unter einem stattlichen Pandanus +saß, die ihm gebrachten Waaren musterte, und bestimmte +was er dafür geben wolle, mischten sich die +Leute, nur Einen derselben bei dem Boot lassend, +ebenfalls unter die Eingebornen, die wenigen Kleinig<span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span>keiten +die sie mitgebracht, gegen Früchte und Muscheln, +hauptsächlich aber die ersten, zu vertauschen.</p> + +<p>Diesen Zeitpunkt benutzte René, schnallte sein kleines +Bündel, daß er im Anfang vor den Eingeborenen +ausgebreitet gehabt, wieder zusammen, und verlor +sich damit, ohne daß irgend Jemand auf ihn acht +hatte, im Dickicht. Von den Eingeborenen sahen +ihn vielleicht Einige, achteten aber nicht auf ihn, +und die Leute vom Schiff waren viel zu sehr mit sich +selber und ihrer Umgebung beschäftigt, sich nur im +mindesten darum zu bekümmern, was Einer der ihrigen +that.</p> + +<p>Zwei Stunden später etwa, als der Harpunier +Alles weggegeben was er mitgebracht, und sein Boot +fast gefüllt war mit all den Massen von Sachen die +er dafür eingetauscht, rief sein Befehl die Leute wieder +zusammen, und er stieg selber ins Boot, an Bord +zurückzukehren.</p> + +<p>»Wo ist René!« frug er, als er einen Blick über +die Mannschaft geworfen.</p> + +<p>»René!« tönte der Ruf der Matrosen — »<span class="smcap">oh +René</span>!» +Kein René ließ sich blicken und Niemand wußte +was aus ihm geworden, ja ein paar bezweifelten, +daß er überhaupt mit an Bord gekommen sei, so +wenig hatten sie sich, mit dem Land vor sich, um<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span> +einander bekümmert. Jedenfalls fehlte aber <span class="g">ein</span> Mann, +und der Offizier wußte auch, daß er bei der Herüberfahrt +seine volle gewöhnliche Besatzung gehabt.</p> + +<p>»<span class="smcap">Damn it</span>« rief der Harpunier endlich im Boot, +in dem er seinen Sitz schon wieder eingenommen, in +die Höhe springend — »<span class="smcap">he has bolted</span>,<a name="FNanchor_A_1" id="FNanchor_A_1"></a><a href="#Footnote_A_1" class="fnanchor">[A]</a> die Pest +über den Hallunken; aber den wollen wir bald wieder +haben. — Bleibt Ihr hier im Boot bis ich zurückkomme!« +rief er dann seinen Leuten zu, und über die +Sitze wegspringend, eilte er wieder an Land und +wandte sich dort an einen der Eingebornen, der eine +Art Oberherrschaft über die Andern auszuüben schien.</p> + +<p>»Hallo Freund!« redete er ihn an, »Einer von +meinen Leuten ist mir weggelaufen, könnt Ihr ihn +wieder fangen, und was wollt Ihr dafür haben?«</p> + +<p>»Hat er Gewehr mit?« frug der Alte ziemlich +vorsichtig, denn er schien danach den Preis des Einfangens +bestimmen zu wollen.</p> + +<p>»Nein, kein Schießgewehr, vielleicht nicht einmal +ein Messer« lautete die ermuthigende Antwort.</p> + +<p>Die Eingebornen fingen jetzt eifrig an unter einander +zu verhandeln, und zwar in so rascher und oft +eigentümlicher Sprache, daß der Amerikaner selber +nicht verstehen konnte was sie mitsammen hatten.<span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span> +Aus ihren Bewegungen wurde es ihm jedoch bald +deutlich, denn zwei davon gingen nach einem besondern +Theil im Busch und untersuchten hier die Fährten +und ihren Gesticulationen nach schien es, als ob +der Flüchtige sich dort hinein gewandt habe. Der +alte Indianer zeigte sich auch bald erbötig ihm den +Mann wieder zu verschaffen; seine Forderung dafür +war aber ziemlich bedeutend; er wollte Kattun und +Messer, etwas Tabak und in der That ein wenig von +Allem haben, und als Jener endlich einwilligte ihm +das Alles zu geben, hatte er noch ein Beil und ein +Hemd und mehrere andere Kleinigkeiten vergessen.</p> + +<p>Der Harpunier wußte übrigens daß sich der Capitain +nicht lange hier aufhalten wollte, und wüthend +sein würde über die Flucht des Mannes; er sagte +also dem Alten seine sämmtlichen Forderungen zu, +vorausgesetzt daß sie mit dem Gefangenen am Ufer +wären, sobald sie mit dem Boot und den verlangten +Sachen wieder vom Schiff zurück sein könnten.</p> + +<p>Dies abgemacht, stieß das Boot augenblicklich +vom Lande, die eingetauschten Früchte mit der fatalen +Nachricht an Bord zu bringen und den Fanglohn +für den Entflohenen herüber zu holen, während die +Eingebornen indessen wie Spürhunde den einmal angenommenen +Fährten des Flüchtigen nachliefen.</p> + +<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_A_1" id="Footnote_A_1"></a><a href="#FNanchor_A_1"><span class="label">[A]</span></a> Er ist ausgerissen.</p></div> +</div> + + +<hr class="endchapter" /> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span></p> +<h2><a name="Capitel_2" id="Capitel_2"></a>Capitel 2.</h2> + +<h3>Die Flucht, und welchen Dollmetscher René fand.</h3> + + +<p>René war, als er sich nur einmal außer dem +Bereich seiner Kameraden sah, so rasch er konnte +gerade einem der nächsten Hügel zugeeilt, und das +selbst schien mit der Last die er trug gerade kein kleines +Unternehmen. Für ein Hemd hatte er sich nämlich +vorher ein paar grüne Cocosnüsse und einige +Bananen eingetauscht, damit er nicht genöthigt wäre, +gleich in den ersten vierundzwanzig Stunden wegen +Nahrungsmitteln einen irgendwo gefundenen Versteck +zu verlassen, und diese, neben seinen Bündel Kleidern +tragend, mußte er sich durch das, manchmal entsetzlich +dicke Gebüsch, fortwährend mit dem fatalen Gefühl +verfolgt zu werden, Bahn brechen. Er wußte<span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span> +aber was ihm bevorstand, wurde er von den Leuten +des Delaware wieder eingefangen, und wollte wenigstens +Nichts was in seinen eigenen Kräften stand +unversucht lassen, sich so weit als möglich jeder solchen +Gefahr zu entziehen. In dieser Absicht arbeitete +er sich auch dem höheren Theil der Insel zu, weil er +dort erstens den Lagunen aus dem Weg ging, die +hier seinen Pfad zu beengen drohten, und dann auch +wahrscheinlich in dichtes Buschwerk hineinkam, was +von den Eingebornen selber selten betreten wurde.</p> + +<p>Als er nur erst einmal hügeligen Boden erreichte, +wurde seine Flucht dadurch sehr erleichtert, daß er +cultivirtes und eingefenztes, wenn auch durch Unkraut +ziemlich arg überwachsenes Land traf. Dort hatte +er sich wenigstens durch keine verwachsenen Büsche +mehr Bahn zu brechen und konnte sein Terrain ein +wenig freier übersehen. Blieb er da in der Nähe, so +wuchs auch Frucht genug, ihn ein Jahr im Proviant +zu halten; überdies war der ganze Wald voll Früchte, +denn die Guiaven standen mit Aepfeln, wenn auch +noch nicht vollkommen gereift, förmlich bedeckt. Nur +die Cocospalmen reichten nicht so weit hinauf, doch +sah er hier in den Feldern eine Masse Wassermelonen, +die ihn reichlich dafür entschädigen konnten. Weiter +durfte er sich für jetzt aber nicht beladen, denn er trug +schon, was er überhaupt tragen konnte, und die Hitze<span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span> +war groß. Die ungewohnte Anstrengung und Aufregung +thaten natürlich auch das ihrige dabei.</p> + +<p>Durch die Felder ging das auch ganz gut, überhalb +diesen wurde das Dickicht aber wieder so schlimm +wie es je gewesen, und die Guiavenbüsche schienen +hier eine förmliche undurchdringliche Hecke zu bilden, +durch die er sich nur gebückt, und sein Gepäck oft +nachschleppend, hindurchdrängen konnte. Nur erst, +wo diese endlich aufhörten, und mit ihnen jede Art +von Frucht, begannen hohe dunkle Casuarinen, die +einen weit bessern Durchgang gewährt haben würden, +wären nicht so viele trockene und dürre Aeste von +ihnen heruntergefallen gewesen, die sich ihm oftmals +wie förmliche Pallisaden entgegenstellten.</p> + +<p>Aber er <span class="g">mußte</span> hindurch, und das war ein tüchtiges +Wort, ihn alle Schwierigkeiten mit leichtem +Muth überwinden zu lassen. Hier wurde der Grund +auch steinig, und er fand, als er den höchsten Punkt +endlich erreichte, zu seiner Freude einen kleinen felsigen +Platz, den er sich selber hätte nicht schöner und passender +zu einem Castell ausbauen können, als es hier +die Natur für ihn gethan. Zehn Fuß war er dort +oben von allen Seiten frei, und das bröcklige Gestein, +was den steil auflaufenden Gipfel bildete, konnte +ihm im Anfang eben so wohl zum Verbergen, als<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span> +später, sollte er gefunden werden, als Waffe dienen, +auf irgend einen andringenden Feind niederzurollen.</p> + +<p>Mit einem förmlichen Triumphruf nahm er von +dieser kleinen Festung Besitz, und als er oben seine +Last abgeworfen, und sich die nassen Haare aus der +Stirn gestrichen hatte, sagte er lächelnd:</p> + +<p>»Beim Himmel, mit Adolph hier und zwei guten +Gewehren, wollt’ ich mir die ganze Besatzung des +Delaware vom Leibe und einem förmlichen Sturm +abhalten — <span class="smcap">ha — le Delaware</span>!« unterbrach er sich +plötzlich selber überrascht, und fast unwillkürlich trat +er hinter einen der Felsstücke, denn als er den ersten +Blick nach außen warf sah er, daß er frei über das +Meer schauen konnte, und dort lag auch sein altes +Schiff so klar und nah vor ihm, daß er die einzelnen +Leute an dessen Bord konnte auf- und abgehen sehen. +Mit dem Glas mußten sie im Stande sein ihn, sobald +er sich nur frei zeigte, vollkommen gut zu unterscheiden. +Er überlegte sich jedoch bald, daß sie bis +jetzt an Bord noch keine Ahnung von seiner Flucht +haben konnten, denn eben kam erst das Boot, dem +er entflohen, dorthin zurück, und er konnte selbst erkennen +wie die Leute von unten hinauf an Bord +kletterten.</p> + +<p>Jedenfalls war er also schon vermißt und er +mußte darauf gefaßt sein daß ihn die Eingeborenen<span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span> +aufspüren würden, denn mit seiner Ladung hatte er +an vielen Stellen eine ziemlich breite und tiefe Fährte +zurückgelassen. Die kurze Zeit also die ihm bis dahin +blieb, wollte er benutzen sich noch so gut als +es eben anging zu befestigen, nachher dem Schicksal +und seinem guten Glück das Uebrige zu überlassen. +Er war jung und ein Franzose — also weit davon +entfernt sich Sorgen vor der Zeit zu machen, überdies +hatte er Alles was ihm jetzt bevorstand voraus +gewußt und es kam ihm Nichts unerwartet.</p> + +<p>Schießwaffen hatte er, zwei kleine Terzerole ausgenommen, +keine; außer diesen aber ein langes zweischneidiges +schweres Messer in lederner Scheide, wovon +er sich die meiste Hülfe versprach, und ein leichtes +trotziges fast muthwilliges Lächeln überflog seine +schönen Züge, als er die beiden kleinen Pistolen aus +der Tasche nahm, und vor sich auf die Steine legte.</p> + +<p>»Es sind zwar keine Zweiunddreißigpfünder« +sagte er dabei lachend vor sich hin, »und ich weiß in +der That nicht einmal ob sie überhaupt losgehen +werden, aber sie haben doch Mündungen, und ist +den Eingebornen hier schon überhaupt jemals ein +solches Instrument wie eine Pistole zu Gesicht gekommen, +so müßte ich mich sehr irren, wenn ich nicht +glauben sollte die ganze Insel damit von mir abhalten +zu können. Kurze Frist werden sie mir aber<span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span> +doch wohl Ruhe lassen, und die will ich denn wenigstens +benutzen meinen Körper ein wenig zu restauriren +und mit Speise und Trank zu erquicken.«</p> + +<p>Und damit schnürte er wohlgemuth seinen Bündel +wieder auf, in dem er auch ein kleines Packet mit +einem paar Schiffszwiebacken und einem Stück Salzfleisch +verborgen hatte, und mit einem Theil von +diesem und einigen Bananen, wozu er eine der Cocosnüsse +anzapfte und etwas davon trank, seinen +allerdings brennenden Durst zu löschen, hielt er eine +so vortreffliche und ruhige Mahlzeit, als ob er sich +in voller Sicherheit in irgend einem guten Gasthaus +befände, und nicht jeden Augenblick fürchten mußte, +umstellt und gefangen zu werden.</p> + +<p>Die Feinde waren ihm übrigens weit näher als +er je vermuthet, denn kaum hatte er sein Mahl beendet, +und eben wieder die Cocosnuß an die Lippen +gehoben, noch einen letzten Schluck zu thun, als er +gar nicht weit von sich entfernt ein Geräusch zu hören +glaubte. Er hielt horchend ein — da krachten +wahrhaftig wieder die Büsche. Nichtsdestoweniger +trank er erst in aller Ruhe, denn er wußte recht gut +daß er hier oben in seiner festen Stellung nicht so +plötzlich überrascht werden konnte, stellte dann die +Nuß vorsichtig und ein paar Steine darum legend, +bei Seite, daß sie nicht umfiel und seinen Wasservor<span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span>rath +gleich um die Hälfte verringerte, griff seine beiden +Terzerole auf, und schaute dann, hinter irgend +einen der größten Steine gedrückt, aufmerksam nach +dorthin von woher sich jetzt vorsichtig irgend Jemand +zu nähern schien. Es dauerte auch nicht lange, so +konnte er schon die bunten Kattunüberwürfe mehrerer +Eingeborener erkennen, die langsam und aufmerksam +den Boden betrachtend, seinen hinterlassenen Spuren +folgten.</p> + +<p>Wie viele es waren ließ sich noch nicht erkennen, +das blieb sich aber auch gleich; war er erst einmal +aufgefunden, so konnten sie, so sie überhaupt feindliche +Absichten hatten, leicht Verstärkung holen, und +er mußte vor allen Dingen sehen sich auf eine friedliche +Art mit ihnen zu verständigen. Die Terzerole +konnten ihm aber dabei nur mehr Schaden als Nutzen +bringen, und er steckte sie deshalb vorläufig wieder in +die Tasche, die Ankunft der Indianer jetzt auf das +ruhigste und kaltblütigste erwartend.</p> + +<p>Diese ließen ihn auch nicht lange mehr über ihre +Absicht im Zweifel. Der Erste der voranging mochte +eine gewisse Obergewalt über die Andern haben, denn +dicht unter den Steinen, auf denen sie den Flüchtling +gar nicht zu vermuthen schienen, sandte er zwei +rechts und zwei links ab, zu sehen wohin sich die +Spuren etwa den Berg wieder hinunter zögen, wäh<span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span>rend +er selber gerade auf den Felsen zukam. René +wußte recht gut daß er von diesen fünf Leuten noch +weiter keine Gefahr zu fürchten hatte, und doch jedenfalls +aufgefunden werden mußte, sich also deshalb +aufrichtend, und mit beiden Ellbogen auf einem der +vor ihm liegenden Blöcke stützend, sah er erst eine +kurze Weile den Mann unten, der auf dem hier steinigen +Boden nicht recht mit der Spur einig zu sein +schien, lächelnd zu, und sagte dann plötzlich mit lauter +Stimme den schon mehrfach gehörten und behaltenen +Gruß:</p> + +<p>»<span class="smcap">Joranna-boy</span>!«</p> + +<p>Wäre dem Eingebornen, der gebückt und die Augen +fest auf den Boden geheftet, fast gerade unter +ihm stand, ein grimmer Tausendfuß über den Nacken +gelaufen, er hätte nicht rascher und mehr erschreckt in +die Höhe und zur Seite springen können, und erst +das laute Lachen René’s, der auf ihn herunterschaute, +als ob Jemand aus dem Fenster einer höheren Etage +sieht, brachte ihn wieder ein wenig zu sich. Der erste +Schrei, den er aber in voller Ueberraschung ausgestoßen +war hinreichend gewesen, seine Gefährten um +ihn zu sammeln, und die fünf rothen Burschen, die +hier mit so feindseligen Absichten heraufgekommen +waren, wußten eigentlich nicht recht wie ihnen geschah, +als sie den gerade, von dem sie die grimmigste Gegen<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span>wehr +erwartet, in der größten Gemütlichkeit vor sich +und so friedlich gesinnt fanden, wie sie es nimmer +hätten erwarten dürfen.</p> + +<p>Erst sahen sie eine ganze Zeitlang schweigend zu +ihm empor — es war augenscheinlich, sie mißtrauten +noch dem äußeren Ansehn der Dinge — diese Freundlichkeit +konnte Maske sein sie plötzlich zu überrumpeln, +und obgleich sie bewaffnet waren, d. h. zwei +führten Tapa-Hölzer und die andern drei Einer ein +Beil und Zweie Messer — und der Weiße unten +ihnen die Versicherung gegeben hatte daß der Flüchtling +nichts derartiges mitgenommen habe, wußten sie +doch nicht welche außerordentlichen Mittel ihm sonst +vielleicht zu Gebote stehen möchten ihnen zu schaden. +Sie waren allerdings willens die ausgesetzte Belohnung +zu verdienen, dachten aber dabei gar nicht daran +ihren Leib oder gar ihr Leben irgend einer unnöthigen +und zu vermeidenden Gefahr auszusetzen.</p> + +<p>René blieb übrigens in seiner nichts weniger als +feindlichen Stellung, wobei er sich jedoch wohl gehütet +hatte seine Gestalt den Fernröhren des Schiffes +preis zu geben, und da die so erstaunten und verdutzten +Gestalten der Indianer allerdings komisch genug +aussehen mußten, und er sich gar keine Mühe gab +sein Lachen zu verbergen, so verlor sich diese Furcht +denn auch endlich.<span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span></p> + +<p>Der Führer sah seine Begleiter erst ganz ernsthaft +an, und dann verzog ein breites Grinsen oder Feixen +seine sonst gutmüthigen Züge, während sich diese noch +eine kleine Weile zu geniren schienen, — endlich mochte +ihnen das Komische ihrer Lage aber auch wohl einleuchtend +werden. Der Eine schnitt auf einmal ein +ganz freundliches Gesicht, und war dann urplötzlich +wieder so ernst und finster als vorher, als er aber +den Häuptling ansah und dessen ausbrechende Fröhlichkeit +bemerkte, glaubte er auch wahrscheinlich dem +Anstand volle Genüge geleistet zu haben, und platzte +nun auf einmal so rasch und laut heraus, daß sich +die Andern ordentlich erschreckt nach ihm umsahen.</p> + +<p>»<span class="smcap">Joranna, Joranna</span>!« rief jetzt der Erste hinauf, +dem augenscheinlich ein Stein vom Herzen gefallen +schien, da er die Sache sich so friedlich lösen sah — und +es zeigte sich jetzt daß er auch etwas gebrochen +englisch sprach, wie man fast auf allen diesen Inseln +Einzelne findet, die Worte und Redensarten, im Verkehr +mit den Fremden, aufgefangen und behalten haben. +»<span class="smcap">Joranna boy</span>! — wie geht’s — wie geht’s Freund — komm +herunter, komm herunter — weißer Mann, +Capitain sagt, soll herunterkommen.«</p> + +<p>»So?« lachte René in derselben Sprache, — »weißer +Mann Capitain sagt also ich soll herunter +kommen?«<span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span></p> + +<p>Der Indianer nickte auf das freundlichste, daß +er ihn so gut verstanden hatte, und versicherte, sich +zu seinen Begleitern wendend, diesen, daß er die +Sache jetzt augenblicklich in Ordnung bringen würde.</p> + +<p>»Ja, komm herunter, komm herunter — weißer +Mann Capitain sagt« wiederholte er noch einmal, +dieses Factum vor allen Dingen außer jeden Zweifel +zu stellen.</p> + +<p>»Und wenn ich, weißer Mann <span class="g">kein</span> Capitain +nun nicht will?« lachte René.</p> + +<p>»Nicht will?« rief der Führer der Eingebornen +erstaunt aus, und sah den Fremden an; dann aber, +denn er konnte in dessen Gesicht immer noch keinen +Ernst entdecken, dies ebenfalls für einen guten Spaß +desselben haltend, den er zu ihrem eigenen Vergnügen +gemacht habe, schaute er sich nach den Andern +um, lachte laut auf, und erzählte ihnen mit der größten +Freundlichkeit was der Weiße da oben eben so +Lustiges gesagt habe.</p> + +<p>Die übrigen Eingebornen, die gleich von allem +Anfang gar nichts Anderes erwartet hatten, konnten +darin aber nicht den mindesten Spaß entdecken, und +ein paar, zu diesem Zwecke an den Alten gerichtete +Worte machten diesen ebenfalls wieder ernsthaft und +ließen ihn doch an die Möglichkeit glauben daß der +Fremde am Ende <span class="g">wirklich</span> nicht selber herunterkom<span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span>men +wollte, und ihn da herunter zu <span class="g">holen</span>, war +jedenfalls eine mißliche Sache.</p> + +<p>»Bah, bah« sagte der Alte jetzt kopfschüttelnd und +mit einem Gesicht als ob man einem unartigen Kinde +irgend eine Thorheit verweisen wolle — »närrisch +Ding, närrisch Ding — weißer Mann Capitain +guter Mann, verlangen weiter Nichts wie herunterkommen.«</p> + +<p>»Was bekommt Ihr dafür mich zu holen?« frug +ihn aber René so gerade mitten in alle seine Berechnungen +hinein, daß er ihn ganz wieder außer Fassung +brachte, und er erst den Weißen, und dann seine +Begleiter erstaunt ansah, augenscheinlich unschlüssig +ob er diese, etwas indiscrete Frage so geradezu und +der Wahrheit gemäß beantworten solle. Er hielt es +am Ende für besser es erst mit den Seinen zu berathen; +da diese aber nicht das mindeste Bedenken darin +fanden seinem Wunsche zu willfahren, wandte er sich +wieder zu dem jungen Franzosen und zählte ihm jetzt +mit der größten Ernsthaftigkeit alle die Artikel auf +die sie bekommen würden, und zwar mit einem Eifer +und einer Genauigkeit, als ob das noch ein besonderer +Beweggrund für ihn selber sein müsse, jetzt augenblicklich +niederzusteigen und ihnen den Besitz aller +dieser Herrlichkeiten nicht länger, widerrechtlicher Weise, +vorzuenthalten.<span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span></p> + +<p>Zu ihrem Erstaunen ließ sich aber der Fremde +selbst nicht durch die Erwähnung des Handbeils und +die fünf Yards rothen Kattun bestechen, sondern +blieb nur ruhig und unbeweglich in seiner Stellung. +Angenehm war es ihm aber nicht, diese Masse verschiedenartiger +Gegenstände aufzählen zu hören, und +er konnte daraus nicht allein sehen wie viel dem +Harpunier daran gelegen gewesen war ihn wieder zu +bekommen, als auch wie sehr schon die Habgier dieser +sonst einfachen und gutmüthigen Leute erregt worden, +den ausgesetzten Lohn so rasch als möglich zu verdienen. +Ueberredung half hier Nichts, so viel sah er +recht gut ein, wäre er selbst ihrer Sprache vollkommen +mächtig gewesen, und das einzige was sich noch mit +ihnen im Guten anfangen ließ, war ihnen an Geld +und vielleicht Kleidern gleichen Nutzen zu bieten, wo +er dann wieder das zu seinen Gunsten hatte, daß sie +bei dessen Annahme ihre Gliedmaßen in keine Gefahr +brachten.</p> + +<p>»So?« sagte er also, da sie geendet hatten und +nun nichts anderes zu erwarten schienen als daß er +nach <span class="g">solchen</span> dargelegten Gründen, ihren Beweisen +nicht länger werden widerstehen können — »so? — das +also hat Euch weißer Mann Capitain Alles geboten, +mich einzig und allein wieder unten abzuliefern?«<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span></p> + +<p>»Ja Freund — blos unten abzuliefern« lautete +die Antwort.</p> + +<p>»Todt oder lebendig?« frug aber der junge Mann +mit größter Kaltblütigkeit zurück, und erschreckte dadurch +den Alten nicht wenig, der jetzt zum ersten Mal +an zu begreifen fing, daß der Fremde doch am Ende +nicht so ganz gutwillig mit ihnen gehen werde.</p> + +<p>»Todt oder lebendig?« wiederholte er erstaunt +und versuchte zu lachen, was ihm aber mißglückte — +»todt? wir sollen doch weißen Mann nicht <span class="g">todt</span> abliefern +— lebendig versteht sich.«</p> + +<p>»Und wenn sich nun weißer Mann zur Wehr +setzt?« sagte René.</p> + +<p>»Zur Wehr setzen?« frug der Alte, der das Wort +nicht so recht zu verstehen schien — »zur Wehr setzen?«</p> + +<p>»Nun ich meine, wenn weißer Mann unter keiner +Bedingung gutwillig mitgehen will und sich vertheidigt« +erklärte es ihm der Fremde deutlich genug.</p> + +<p>»Aber fünf Yards rothen Kattun — ein Handbeil +— zwei Messer« begann der erstaunte Eingeborne +alle die Herrlichkeiten wieder aufzuzählen; René aber, +dem Nichts daran lag sie nur hinzuhalten, was +er mit Leichtigkeit für den ganzen Tag hätte thun +können da viele dieser Leute fast gar keinen Begriff +von Zeit oder dem Werth derselben haben, unterbrach +ihn mitten in der schon gehörten Liste und sagte<span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span> +freundlich, während er eine ganze handvoll Silbergeld +aus seiner Tasche nahm und ihnen vorzeigte:</p> + +<p>»Was wollt Ihr denn thun, wenn ich Euch nun +ebensoviel an baarem Gelde gebe, als Euch weißer +Mann Capitain für mich versprochen hat, heh +und dann bei Euch bleibe und mit Euch lebe und +wohne?« —</p> + +<p>Das war jedenfalls ein Vorschlag zur Güte, und +die Eingeborenen beriethen lange unter sich was sie +damit thun sollten; endlich erkundigte sich der Alte +näher danach wie viel Geld das eigentlich sei, was +er da in der Hand halte. René zählte es über — +es waren sechs Fünf-Frankenthaler und vielleicht zehn +Franken an kleiner Münze Geld, was sie hier, in +ihrem Verkehr mit Tahiti, recht gut kannten.</p> + +<p>Für eine solche Summe wußten sie auch gut genug, +daß sie selbst in Papetee ebensoviel an Waaren +bekommen könnten als ihnen geboten worden; erstlich +aber war der Verkehr mit jenem Platz nicht sehr bedeutend, +und dann hatten sie ja auch die Sachen noch +nicht hier, während sie dieselben von Bord des Wallfischfängers +gleich richtig und ohne weitere Mühe überliefert +bekamen.</p> + +<p>Die Unterhandlung fiel für den Matrosen ungünstig +aus, und der Alte suchte ihn nun, gewissermaßen +als Entschuldigung seiner abschlägigen Ant<span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span>wort, +und als einziges Motiv ihrer Weigerung, auseinanderzusetzen, +wie sich auf dieser Insel Niemand +ohne Beistimmung ihres <span class="smcap">Fua</span> oder Königs von +fremden Völkern aufhalten dürfe und daß sie also, +wenn <span class="g">sie</span> auch selber wünschten ihn bei sich zu behalten, +ihn darin doch nicht unterstützen dürften. +»Ja,« setzte dann der Alte mit vieler Aufrichtigkeit +und auch gewiß Wahrheit hinzu — »wollten wir +jetzt selbst Dein Geld nehmen, und Dich zufrieden +lassen, wir könnten Dich doch nicht schützen, und der +König würde bald Andere schicken, die Dich trotzdem +abholten.«</p> + +<p>René sah dies recht gut ein, und beschloß also +deshalb mit Sr. Majestät selber zu unterhandeln — +wie aber das möglich zu machen? stieg er hinunter, +so gab er sich vollkommen in die Gewalt seiner Feinde, +und überfielen und banden ihn diese nachher, so konnten +sie ihm mit leichter Mühe abnehmen was er bei +sich hatte, ohne daß er je im Stande gewesen wäre +auch nur eine Centime seines Geldes wieder zu bekommen +— und Sr. Majestät zuzumuthen hier oben +heraufzuklettern, mit einem entlaufenen Matrosen wegen +einiger Thaler zu unterhandeln war doch auch +ein wenig viel verlangt. Nichtsdestoweniger beschloß +er den Versuch zu machen, denn hinunter wollte er +auf keinen Fall eher steigen, bis nicht der Delaware<span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span> +die Insel verlassen hätte. Er bat also den Alten, +der überhaupt der Leiter der Schaar zu sein schien, +ihn erst noch einmal kurze Zeit hier oben zu lassen, +und indessen selber hinunter zu Sr. Majestät zu gehen, +oder wenigstens einen von seinen Leuten hinunter zu +schicken, der dem König Kunde von seinem Vorschlag +brächte, ihn um die Erlaubniß längeren Aufenthaltes +auf dieser Insel und Schutz zu bitten, bis sich das +fremde Schiff entfernt hätte, wofür er denn seinerseits +Willens sei, Sr. Majestät, falls diese ihm seine +Sicherheit garantire, zwanzig Fünf-Frankenthaler — ein +Capital für diese Menschen — auszuzahlen.</p> + +<p>»Ja — sehr gut das,« sagte der Alte nach einer +kurzen Pause ernster Ueberlegung — »sehr gut das, +weißer Mann nicht Capitain kann mit <span class="smcap">fu-a</span> sprechen, +aber muß hinunter gehn — König nicht heraufkommen +hier oben auf Berg — König sehr faul, nicht +viel Berge steigen.«</p> + +<p>»Ja, ich kann ihm da aber doch nicht helfen,« +lachte René — »wenn er die zwanzig großen Stücke +Silber verdienen will, muß er auch etwas mehr dafür +thun, als blos mit dem Scepter winken. Also +marsch Ihr guten Freunde, bringt Sr. Majestät meinen +freundlichen Gruß und Handschlag, und meldet +ihm, was ich ihm hiemit entbieten lasse. Er soll +einen vortrefflichen Vasallen an mir haben, und kann<span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span> +auch, wenn er es nur irgend anzustellen weiß, noch +weit mehr Nutzen aus mir ziehen; ich bin gelehrig, +und wer weiß ob ich mich nicht selbst ganz vortrefflich +zu Schwiegersohn und Nachfolger eignen würde.«</p> + +<p>Der Alte verstand sicher nicht die Hälfte von alle +dem, was ihm der Fremde da in seinem leichten fröhlichen +Muth vorplauderte, soviel aber begriff er, daß +er dem König eine gewisse Summe, und zwar eine +ziemlich bedeutende bot, ihn frei zu lassen und nicht +die mindeste Absicht habe vorher herunter zu kommen. +Ging nun der König diese Bedingung ein, so verlor +er selber jedenfalls seinen Antheil an dem ausgesetzten +Lohne, ging er sie aber <span class="g">nicht</span> ein, so war der ganze +Weg doch umsonst gewesen, und es erschien ihm also +weit besser gleich das Letztere von vornherein anzunehmen, +und den jungen Burschen, der da oben doch +so freundlich lachte, und sich gewiß nicht gegen sie +wehren würde, nur vor allen Dingen erst einmal +herunterzuholen und mitzunehmen: das Andere konnten +sie ja nachher unten ausmachen. Ein paar mit +seinen Begleitern rasch gewechselte Worte setzte diese +von dem gefaßten Entschluß in Kenntniß, und sich +dann wieder zu dem Matrosen wendend, der ihn aufmerksam +betrachtete seine Entscheidung zu hören, sagte +er mit bedächtiger Stimme, indem er sich das Lendentuch +etwas fester anzog und einsteckte, ungefähr in<span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span> +derselben Weise wie Matrosen gewöhnlich, mehr in +eine Art Angewohnheit, ihre um die Hüften dicht anschließenden +Segeltuchhosen in die Höhe ziehen.</p> + +<p>»Ja weißer Mann, Alles recht gut, weißer Mann +Capitain hat aber gesagt müssen unten sein, bis Boot +mit Kattun und Tabak und Messer und Beil und +Hacke und andere Sachen wieder zurückkommt; so steig +nur herunter solange, wollen unten erst zu König +gehn, und nachher zu weiße Mann Capitain.«</p> + +<p>»Ich habe Dir aber schon gesagt, Du etwas harthöriger +Bursche Du,« sagte René, fast ungeduldig +werdend, »daß ich nicht eher hinunter kommen will, +bis ich Sr. Majestät den König dieser vielleicht vereinigten +Inseln gesprochen habe — also mache daß +Du zu ihm kömmst, je eher er hier ist, desto schneller +können wir unsern Handel ins Reine bringen.«</p> + +<p>Der Alte aber, ob er dies Letzte nicht recht verstanden, +oder für eine Einladung genommen, oder ob +er auch vielleicht glaubte es sei jetzt über die Sache +genug gesprochen worden, und müsse nun einmal gehandelt +werden, kurz er rief seinen Begleitern zwei +oder drei Worte mit einem entschiedenen Ton zu, und +stieg dann mit weit mehr Entschlossenheit, als er bis +jetzt überhaupt gezeigt hatte, die bröcklichen Felsen +hinan dem Orte zu, wo der Fremde ihn ruhig erwartend +stand.<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span></p> + +<p>René hätte ihm mit leichter Mühe einen der schweren +nur kaum in der Balance liegenden Steine auf den +Kopf rollen können, aber er wollte selber in seinem +eigenen Interesse Feindseligkeiten solange als möglich +hinausschieben, und solche nur ein letztes, wirklich +verzweifeltes Mittel sein lassen. Er behinderte +deshalb auch den Alten nicht im Mindesten bei seinem +Marsch, und dieser fand sich gleich darauf, vielleicht +selbst gegen seine eigene Erwartung, oben auf +der kleinen Plattform, neben seinem vermutheten Opfer, +während seine vier Begleiter eben bemüht waren ihm +langsam zu folgen.</p> + +<p>»So,« sagte der Indianer mit freundlichem Kopfnicken, +als er endlich neben René stand und eben die +Hand ausstreckte ihn auf die Schulter zu klopfen, +»so Freund weißer Mann, nun wollen wir —« aber +er sprach nichts weiter — nur ein Blick war auf das +Terzerol gefallen, das der Weiße ruhig in der Hand +hielt, und mit einem Satz der selbst diesen um seine +Sicherheit besorgt machte, sprang er von der kleinen +Steinveste ab nach der Wurzel eines tiefer liegenden +Baumes, und von dieser wieder auf die Erde hinunter, +wo er nicht eher stehen blieb, bis er den schützenden +Stamm einer Casuarine erreicht hatte, hinter +dem vor er jetzt mit den Händen auf das lebhafteste +an zu gesticuliren fing, und dabei schrie und tobte,<span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span> +als ob ihm da oben das schmählichste Unrecht geschehen +wäre.</p> + +<p>Die Anderen warteten natürlich, als sie des Führers +Flucht sahen, in ihrer, wie sie glaubten ebenfalls +höchst gefährdeten Stellung, gar nicht ab die Ursache +so schnellen Rückzugs zu erfragen, sondern folgten +nur eben, so rasch sie konnten, dem gegebenen Beispiel +des Alten.</p> + +<p>Sonderbarer Weise richtete sich aber dieses Zorn +keineswegs auf den jungen Mann, sondern nur auf +den »weißen Mann Capitain«, der ihn hier unter +falscher Vorspiegelung, mit Aussetzung eines weit geringeren +Lohnes, auf eine Expedition ausgeschickt hatte, +wo er gegen jede Verabredung Waffen, und sogar +ihm recht gut bekannte Schießwaffen fand.</p> + +<p>»Das sind <span class="g">zwei</span> Handbeile,« rief er heftig, »und +<span class="g">zehn</span> Ellen Kattun — zwei fünf,« indem er die eine +Hand mit gespreitzten Fingern zweimal von sich +drückte, — »und <span class="g">vier</span> Messer und <span class="g">zwei</span> zehn Stangen +Tabak« — er wiederholte, wie mit sich selber +redend, die Bewegung der Hand — »und <span class="g">zwei</span> +Hacken, und <span class="g">zwei</span> handvoll Nägel und eine handvoll +Knöpfe — weißer Mann Capitain sagt was +nicht wahr ist — keine Waffen — puh — was ist +das? — kleine blanke Ding da — puff! macht Loch +in armen Kanaka.«<span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span></p> + +<p>»Habe keine Angst wackerer Krieger,« rief ihm +René jetzt lachend hinunter, der im Anfang wirklich +zu befürchten schien, der Alte müsse bei dem tollen +Sprung wenigstens ein paar Beine gebrochen haben +— sich übrigens nicht wenig über den Eindruck freute, +den seine kleinen Terzerole gemacht hatten — »ich +will Euch nicht das mindeste zu Leide thun — ja im +Gegentheil, Euer König soll sogar eine von diesen +Handkanonen bekommen, falls er auf meine Bedingungen +eingeht, und wir werden gewiß nachher in +Fried’ und Freundschaft zusammen leben, ja uns möglicher +Weise noch einige benachbarte Inselgruppen zusammen +unterwerfen; aber nun mache auch daß Du +Sr. Majestät von meinen Vorschlägen in Kenntniß +setzst, würdiger Greis, denn ich sehe schon daß vom +Schiff aus wieder ein Boot abgeht, und möchte vorher +noch Deine trostbringenden Nachrichten haben.«</p> + +<p>Der Alte sah jetzt allerdings selber ein daß hier, +mit seinen wenigen Mann und mit Gewalt, Nichts +auszurichten war; dann genügte ihm auch der auf +das Einfangen des Entlaufenen gesetzte Preis nicht +mehr; dieser hatte Schießwaffen und er glaubte von +dem »weißen Mann Capitain«, wie er den Harpunierer +nannte, vorher erst noch leicht die doppelte +Ration herausdingen zu können, noch dazu da er das +erst Geforderte so leicht und schnell bewilligt hatte.<span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span> +Da der Weiße übrigens, wie es schien, nicht die geringsten +feindlichen Absichten zeigte, und wieder ganz +in seine frühere friedliche Stellung zurückgefallen war, +kam er auch hinter seinem, in der ersten Geschwindigkeit +angenommenen Baume vor, und sich erst kurze +Zeit mit seinen Leuten besprechend, wandte er sich +dann plötzlich wieder zu dem Flüchtling und sagte:</p> + +<p>»Gut, gut — Raiteo will gehn, will mit <span class="smcap">fu-a</span> +sprechen — weißer Mann nicht Capitain bleibt hier +so lange — Raiteo kommt wieder — Sonne dort« +— und er zeigte dabei mit der Hand die Himmelsgegend +an, an welcher sich die Sonne befinden würde, +wenn er wieder zurückkäme. Damit zog er sich, und +ohne weiter eine Antwort abzuwarten, in die Büsche +zurück, und wie es schien folgten ihm alle seine Leute; +außer Sicht ließ er aber seine sämmtliche Mannschaft +auf Wacht und vertheilte sie so, daß sie die Bergkuppe +nach allen vier Seiten umgaben, nicht etwa eine Flucht +des Weißen von dort zu verhindern, denn das wußte +er recht gut, konnten sie nicht, sondern nur genau zu +sehen wo er bliebe, falls er den Ort aus freien Stücken +verlassen sollte, damit ihnen die neue Arbeit eines +Nachspürens erspart würde.</p> + +<p>Raiteo, wie er sich selbst genannt, dachte übrigens +gar nicht daran Sr. Majestät dem König den +ganzen Nutzen dieses Fanges allein zu lassen, und<span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span> +beschloß vor allen Dingen einmal zu sehen, wie viel +mehr Belohnung er, dieser neuen Entdeckung nach, +aus dem fremden Schiff herauslocken könne. Demzufolge, +und da er jetzt selbst durch eine lichte Stelle +in den Guiavenbüschen das auf’s Neue heranrudernde +Boot erkennen konnte, eilte er so rasch er vermochte +dem Strand wieder zu, und traf dort mit dem eben +auf dem weißen Corallensand auflaufenden Boot fast +in ein und derselben Minute ein.</p> + +<p>Der Harpunier fluchte übrigens nicht wenig, als +er hörte daß die Eingeborenen den Entlaufenen allerdings +gefunden, aber noch nicht zum Strand gebracht +hätten, und nun erst noch eine neue erhöhte Forderung +stellten; er hätte ihnen jetzt gern das sechsfache +gegeben, wäre der entlaufene Matrose damit in seinen +Händen gewesen, denn der Capitain des Delaware +wüthete ordentlich als er die Flucht des Manns +und seinen dadurch erzwungenen Aufenthalt vernahm, +und gab ihm jede Vollmacht den Burschen, den er +exemplarisch zu bestrafen gedachte, wieder in seine +Gewalt zu bekommen.</p> + +<p>Raiteo sollte aber die Sache nicht mehr allein +auszufechten haben, sondern Sr. Majestät, die von +dem reichen, für den Flüchtling versprochenen Lohn +gehört hatte, mischte sich jetzt selber in das Geschäft,<span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span> +und schien Raiteo mehr als Führer wie Leitenden betrachten +zu wollen.</p> + +<p>Der Harpunier hatte nun zwar selber schon Raiteo +eine Belohnung geboten, wenn er ihn nur zu dem +Platz hinbringen wolle wo der Flüchtling sei; Jener +schien das aber einestheils nicht gern thun zu mögen, +und anderer Seits zeigte dies wieder eine neue Schwierigkeit. +Der Harpunier hätte seine Leute entweder +zurücklassen oder mitnehmen müssen, und in beiden +Fällen konnte es am Ende gar noch einem Andern +einfallen, sein Glück ebenfalls in den Wäldern zu +versuchen. Nach kurzem Ueberlegen suchte er deshalb +die Indianer zu bewegen so rasch als möglich zurückzugehn +und den Weißen zu holen, und die Versprechungen +die er ihnen dafür machte, ja mehr noch die +mitgebrachten Sachen die er ihnen zeigte, und von +denen er einiges dem König schon gab, seine Habgier +zu reizen, schienen ihm allerdings das günstigste Resultat +zu versprechen.</p> + +<p>Die Leute waren diesmal in sehr bedeutender Anzahl, +sogar mit einer Menge neugieriger Frauen, aufgebrochen +den Gefangenen, der solcher Masse nicht +hätte widerstehen können, zum Strand zu holen, und +jetzt etwa lange genug abwesend daß der Harpunier +schon dann und wann nach seiner Uhr sah, und die +Zeit zu berechnen anfing, in der sie würden wieder<span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span> +zurück sein können, als Mr. Rowsey plötzlich, sehr zu +seinem Erstaunen, ein Zeichen von seinem Schiff erhielt, +so rasch er könne an Bord zurückzukommen.</p> + +<p>»Was zum Teufel kann nur los sein?« brummte +er, als ihn Einer der Leute auf die eben aufsteigende +Flagge aufmerksam machte — »Fische bei Gott!« rief +er aber, als diese, zum verabredeten Signal, dreimal +auf und niedergezogen wurde — »die hätten auch noch +ein paar Stunden warten können. An Bord <span class="smcap">boys</span>, +an Bord — rasch an Eure Riemen« — rief er dann +seinen Leuten zu, die schnell dem Befehl gehorchten. +Er selber blieb noch ein paar Momente wie unschlüssig +am Ufer stehen, während sich die zurückgebliebenen +Eingeborenen neugierig um ihn sammelten, +theils zu erfahren was die Flagge am Schiff bedeuten +solle — denn soviel hatten sie schon mit Schiffen +verkehrt, zu wissen daß dies etwas Besonderes melden +wolle — theils was die Weißen jetzt zu thun +beabsichtigten.</p> + +<p>Der Harpunier wußte das in der That im Anfang +selber nicht — mußten sie jetzt hinter Fischen +her, wie es allen Anschein hatte, so konnten ein paar +Tage vergehen, ehe sie hierher wieder zurück kamen, und +sollte er indessen die für das Einfangen des Mannes +bestimmten Güter in den Händen des Königs lassen? +That er es nicht, so war es die Frage ob sich die<span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span> +Eingebornen, sobald sie das Schiff absegeln sahen, +weiter um den Weißen bekümmern würden, und ließ +er die Sachen da, so hieß das ein wenig viel der +Ehrlichkeit dieser Leute vertraut, von der er, nach +ziemlich langer Erfahrung, in solcher Hinsicht gerade +keinen besonderen Begriff zu haben schien. Er entschloß +sich aber doch zuletzt dazu, denn eines Theils lag in +den mitgebrachten Sachen kein wirklicher Werth, und +andern Theils durfte er dann auch darauf rechnen daß +die Leute — wenn sie eben nicht mit dem Ganzen durchbrannten +— ihr Bestes thun würden sein Vertrauen +zu rechtfertigen. Sich also zu dem König wendend +sagte er ihm mit kurzen Worten, er müsse jetzt an sein +Schiff gehn, er wolle aber den Lohn für das Einfangen +des Entlaufenen bei ihm niederlegen, und er +verlange dafür von ihm, daß sie den Mann, wenn sie +ihn einbrächten — sollte das Schiff noch dort liegen, +wo sie es jetzt sähen — augenblicklich in ein Canoe +nähmen und an Bord brächten, sollte es aber unter +Segel sein, so lange gut verwahrten, bis er selber +zurückkäme.</p> + +<p>Se. Majestät versprach ihm dafür die Sachen in +sein eigenes Haus zu legen, und versicherte den Harpunier +es würde Nichts davon kommen, denn sie seien +alle <span class="g">Christen</span> und zwei »Mitonares« hier auf der +Insel.<span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span></p> + +<p>Der alte Harpunier schien ihm etwas darauf erwiedern +zu wollen, und sah ihn einen Augenblick wie +zweifelnd an, endlich aber brummte er nur leise ein +paar Worte in den Bart, sprang in sein Boot und +schoß gleich darauf, so rasch ihn die mit äußerster +Kraft der Leute geführten Riemen<a name="FNanchor_B_2" id="FNanchor_B_2"></a><a href="#Footnote_B_2" class="fnanchor">[B]</a> bringen konnten, +dem, etwa zwei englische Meilen entfernten Schiffe +zu, von dessen Gaffel die Flagge noch immer wehte, +und dann und wann gezogen wurde — ein Zeichen +größter Eile.</p> + +<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_B_2" id="Footnote_B_2"></a><a href="#FNanchor_B_2"><span class="label">[B]</span></a> Riemen, das nautische Wort für die langen Ruder der +See- und Wallfischboote.</p></div> +</div> + + +<hr class="endchapter" /> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span></p> +<h2><a name="Capitel_3" id="Capitel_3"></a>Capitel 3.</h2> + +<h3>Das Mädchen von Atiu.</h3> + + +<p>René saß indessen, nachdem ihn die Eingeborenen +verlassen, eine ganze Weile sinnend auf den Steinen +seines kleinen Fort’s, und überlegte was er am Besten +thäte — hier auf dieser Stelle bleiben und die Rückkunft +der Männer zu erwarten, oder sich vielleicht, +mit mehr Vorsicht ein neues Versteck zu suchen, wo +er wenigstens bis Dunkelwerden unentdeckt bleiben +konnte und dann die ganze Nacht vor sich hatte eine +Stelle zu finden seinen Verfolgern zu entgehn oder +sie hinzuzögern; er wußte recht gut daß der Capitain +des Delaware bald ungeduldig werden würde, +wenn er ihn nicht rasch wieder zurückbekäme. Es +war überdies auch möglich daß er selber in der Nacht<span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span> +ein Canoe fand mit dem er getrost in See gehen +konnte; im Nord-Westen lagen noch mehre Inseln, +und selbst die Gefahr der er sich dabei aussetzte, schien +ihm nicht halb so groß als die, in der er sich jetzt +wirklich befand wieder gefangen genommen und an +Bord des Delaware zurückgeschafft zu werden. Er +entschloß sich also endlich von dieser Kuppe wieder +einer andern Hügelspitze zuzugehn, die er von hier +aus gut erkennen konnte; jedenfalls nahm es dann +seinen Feinden einige Zeit bis sie ihn wieder fanden, +und die Nacht verbarg dann seine Spuren den Verfolgern.</p> + +<p>Diesen Versuch mußte er aber bald aufgeben, denn +kaum hatte er etwa hundert Schritt den Berg hinunter +gethan, so entdeckte sein scharf umherspähendes +Auge die Gestalt des dort stationirten Insulaners, +der sich allerdings, als er ihn kommen hörte, in das +dichte üppige Kraut, was überall den Boden bedeckte, +niederdrückte. Er war also umstellt, und es half ihm +Nichts seinen Schlupfwinkel zu verändern, denn diese +Wachen würden ihm natürlich auf den Fersen gefolgt +sein; ja die Möglichkeit lag vor, daß sich seine Feinde, +vielleicht zahlreicher als er selber eine Ahnung hatte, +hier in den Hinterhalt gelegt, nur eben auf sein Niedersteigen +wartend, um ihn dann, in dem dichten Gestrüpp +soviel leichter überfallen und binden zu können,<span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span> +und scheu, hinter jedem Stamm einen versteckten, zum +Ansprung bereiten Feind vermuthend, das gespannte +Terzerol in der Hand, zog er sich rasch aber unbelästigt, +wieder zu dem kaum verlassenen Versteck +zurück.</p> + +<p>»Gut,« murmelte er dabei zwischen den fest zusammengebissenen +Zähnen durch, als er zu seiner kleinen +Veste zum zweiten Mal aufstieg — »laß sie dann +die Folgen nehmen, wenn sie mich mit Gewalt zum +Aeußersten treiben wollen; aber lebendig bringen sie +mich beim ewigen Gott nicht von diesen Steinen +hinunter.«</p> + +<p>Er untersuchte jetzt auf das sorgfältigste seine +kleinen Terzerole, schraubte die Pistons los und that +frisches Pulver wie nachher frische Kupferhütchen +auf, und als er sich wenigstens dieser Hülfe versichert +und sein Messer gefühlt hatte, ob es ihm locker und +zum Griff bequem an der Seite hing, wußte er daß +er für den Augenblick nichts weiter thun konnte und +warf sich, der Dinge die er doch nicht zu ändern vermochte +wartend, auf die Steine nieder, seine Kräfte +wenigstens nicht durch unnöthige Anstrengungen vor +der Zeit zu erschöpfen.</p> + +<p>Er mochte etwa eine halbe Stunde so gelegen +haben, als der Lärm der jetzt zu ihm heraufsteigenden +Schaar an sein Ohr drang — er horchte einen Au<span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span>genblick +auf und als er die lauten Stimmen einer +großen Zahl Menschen deutlich unterschied, blieb er +ruhig in seiner Stellung. Er wußte daß sie, mit +solchem Geräusch ankommend, ihn nicht überraschen +wollten, und daß sich jetzt der entscheidende Augenblick +nahe. Er hatte das Boot wieder zurückkommen sehen +und erwartete kaum anders, als daß sich der Harpunier +selber mit seinen Leuten der Schaar angeschlossen +habe.</p> + +<p>Diese kam jetzt so rasch und mit solchem Geplapper +und Lachen und Schreien näher, daß er sich endlich +aufrichten mußte; ein Blick überzeugte ihn aber +er habe es nur mit Insulanern und keinem seiner +früheren Kameraden zu thun, und mit der Ueberzeugung +zog ihm auch wieder neue Hoffnung durch die +Seele. Er lehnte sich jetzt in seine frühere Stellung +auf den Stein, und als er sich Männer und Frauen +in bunter Masse um sich sammeln sah, konnte er selbst +ein Lächeln nicht zurückhalten.</p> + +<p>»Was für eine herrliche Situation wäre dies jetzt +für einen der frommen Missionaire,« murmelte er +leise vor sich hin, »für die »Prediger in der Wüste« +wie sie sich selber nennen — Kanzel und Auditorium +fix und fertig, und welch zahlreiche, bunte Versammlung +— wahrhaftig auch Frauen — die lieben Dinger +müssen doch überall dabei sein, selbst wenn es gilt<span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span> +einen armen Teufel von Matrosen wieder an seine +Henker auszuliefern. Aber, <span class="smcap">prenez-garde mes dames</span>, +noch <span class="g">habt</span> Ihr ihn nicht, und billig sind die zehn +Ellen rother Kattun etc. wahrhaftig nicht verdient, +<span class="g">wenn</span> Ihr ihn bekommt.«</p> + +<p>Die Schaar sammelte sich indessen um den Felsen +herum und obgleich dießmal eine höhere Person als +Raiteo, nämlich der Sohn des Königs selber, mitgekommen +war, behielt doch jener bei den nachfolgenden +Unterhandlungen als Dollmetscher das Wort, +und forderte jetzt, augenscheinlich verdrießlich durch +die Hartnäckigkeit des Burschen um den, ihm von Gott +und Rechts wegen zustehenden Lohn gebracht zu sein, +ihn einfach auf herunter zu kommen und mit ihnen +zu gehn, weil sie sonst Gewalt brauchen müßten, und +ihm nicht gern ein Leides thun wollten. Ihr König +erlaube ihm nicht länger hier auf der Insel zu bleiben, +also helfe ihm weiter kein Widerstand.</p> + +<p>René hatte sich hoch aufgerichtet, die jetzt frisch +von der See herüberwehende Brise schlug ihm das +dunkle lange Haar wild um die Schläfe, und sein +Gesicht war von der inneren Aufregung vollkommen +bleich geworden, aber seine Augen funkelten und ein +trotziges Lächeln kräuste ihm selbst die Lippe, als er +mit lauter herausfordernder Stimme hinunter rief:</p> + +<p>»So kommt denn, wenn Ihr den Muth habt<span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span> +mich zu holen — kommt und seht wessen Blut diese +Steine zuerst färben soll — kommt und überliefert +einen Mann, der Euch nie ein Leides gethan, seinen +Feinden, Ihr seid ja am Ende gar Christen und wollt +nach Gottes Geboten handeln — kommt, aber ehe ich +jenes Schiff wieder lebendig betrete —« er schwieg +plötzlich denn sein Auge hatte in diesem Moment fast +unwillkürlich das ferne Fahrzeug gesucht, und er sah +jetzt zum ersten Mal das von der Gaffel flatternde +Zeichen, wie das zu dem Schiff zurückkehrende Boot, +ja ein zweiter Blick überzeugte ihn sogar daß nach +Westen hin die drei anderen Boote ebenfalls voll +unter Segel waren, und die Wahrheit des Ganzen +durchzuckte ihn im Nu.</p> + +<p>Als die unten Stehenden sahen daß er plötzlich +seine Blicke so aufmerksam nach der Richtung hin +sandte, wo das Schiff lag, suchten sie ebenfalls dorthin +Aussicht zu gewinnen, und zwei junge Leute die +rasch eine der Casuarinen erstiegen hatten, riefen +bald etwas in ihrer Sprache hinunter. Von den +Männern vertheilten sich jetzt mehre nach lichteren +Punkten hin, wo sie die See nach dieser Richtung +hin besser überschauen konnten, und es zeigte sich gar +bald daß etwas Besonderes dort an Bord vorgehen +müsse, was für den Augenblick, da es ja auch mit +ihren Verhandlungen hier in naher Beziehung stehen<span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span> +mußte, ihre Aufmerksamkeit vollkommen von dem +jungen Matrosen ablenkte.</p> + +<p>René selber dachte kaum mehr an die Eingeborenen +— er sah wie das Boot, das ihn hatte abholen +sollen, an Bord des Delaware zurückkehrte, der augenblicklich +seine Raaen umbraßte und mit geblähten +Segeln den vorangeeilten Booten nach Westen folgte. +Jedenfalls hatten sie dort eine große Zahl Fische +bemerkt, die ihm sicherlich sehr zu gelegener Zeit aufgekommen +waren, und hielt die Jagd nur bis Abend +an, daß das Schiff dadurch eine tüchtige Strecke nach +Westen versetzt wurde, so war die Frage ob der Capitain +seinetwegen hier wieder gegen den Passat ankreuzen +würde; jedenfalls behielt er einen, vielleicht +mehre Tage Zeit auf Flucht von der Insel zu denken +und die Gefahr war wenigstens für den Augenblick +von ihm genommen. Daß er die Insulaner <span class="g">jetzt</span> +leicht von sich abhalten konnte, daran zweifelte er keinen +Augenblick.</p> + +<p>Der Erfolg zeigte denn auch daß er darin vollkommen +recht gehabt. Die Insulaner, als sie das +Schiff unter vollen Segeln die Insel verlassen sahen, +wußten nicht recht woran sie waren, und mußten erst +wieder einen Boten nach unten schicken, neue Verhaltungsbefehle +einzuholen. Allerdings begegnete diesem +schon ein Anderer, der ihnen die Ordre brachte den<span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span> +jungen Fremden nur einstweilen einzufangen und mit +herunterzunehmen. Das war aber weit eher gesagt +als gethan, und kam das Fahrzeug am Ende nachher +gar nicht zurück, so mußten sie ihn doch wieder los +lassen; da war es also weit vernünftiger ihn jetzt gar +nicht zu stören, bis das Schiff wirklich wieder da sei, +nachher sei es noch Zeit genug.</p> + +<p>Als die Frauen und Mädchen, die dem Zug aus +Neugierde gefolgt waren und sich im Anfang, da +man noch nicht wußte ob es zu Feindseligkeiten kommen +würde, scheu zurück gehalten hatten, nun, wie +die Sachen jetzt standen, und daß nicht die mindeste +Gefahr zu fürchten sei, sahen, so kamen sie weiter vor, +und suchten Plätze zu bekommen, von denen sie den +jungen Fremden genau beobachten konnten. Nur ein +junges Mädchen allein war schon früher so weit vorgedrungen, +daß sie sich dem Umstellten, auf einer anderen +kleinen Erderhöhung fast gegenüber befand, und +hatte die ganze Zeit keinen Blick von ihm verwandt.</p> + +<p>Es war ein junges bildschönes Kind von vielleicht +funfzehn oder sechzehn Jahren, schlank gewachsen wie +die Palme ihrer Wälder, aber mit vollem runden +Gliederbau; die rabenschwarzen mit wohlriechendem +Cocosöl getränkten Locken wild um die braune Stirn +flatternd, und die schönen großen dunklen Augen halb +ängstlich halb mitleidig auf den jungen Mann gehef<span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span>tet, +dessen Leben wenn er sich zum äußersten widersetzte, +wie sie recht gut wußte, in großer Gefahr +schwebte. Sie war nach Art der übrigen Mädchen gekleidet; +ein Lendentuch von farbigem Kattun, das ihr +bis auf die feingeformten Knie niederging, schloß sich +ihr dicht um die Hüften und ein anderes Tuch war +nur lose über die linke Schulter gehangen, und auf +der rechten mit einem Knoten locker zusammengehalten, +daß es den rechten Arm vollkommen nackt und +ihm freie Bewegung ließ. In den vollen Locken trug +sie einen dünnen Kranz weißer und rother Blüthen, +mit den Fasern des Cocosblattes fest zusammengebunden, +in den Ohren aber zwei der großen weißen duftenden +Sternblumen, und wie sie dort stand auf dem +bröcklichen Gestein, um das sich dicht hinter ihr die +vollen dunklen Büsche schmiegten, den linken Arm um +die dünne Casuarine geschlungen, die sie da oben auf +ihrer etwas gefährlichen Stelle stützte, glich sie eher +einer lauschend aus dem Dickicht gebrochenen Waldnymphe, +als einem einfachen schlichten Kind dieser +Inseln.</p> + +<p>René war im Anfang natürlich zu sehr mit der +Gefahr seiner eigenen Lage beschäftigt gewesen, einzelne +Gestalten der ihn umgebenden Insulaner beachten +zu können, und vorzüglich hatte er die Männer +und ihre Bewegungen im Auge behalten, da er ja<span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span> +auch gar nicht wissen konnte, ob sie nicht einen plötzlichen +Angriff auf ihn beabsichtigten; jetzt aber, als +sein leichter Sinn ihn rasch über die geringere Gefahr, +die ihm von den Insulanern selber drohte, hinwegsetzte, +fühlte er mehr das eigenthümliche, ja interessante +seiner Lage, und während das Blut in seine +Wangen zurückkehrte und ein leichtes Lächeln über +seine schönen Züge flog, schaute er sich um nach den +einzelnen Gruppen, und sein Blick begegnete zum +ersten Mal dem dunklen, brennenden Auge des Mädchens.</p> + +<p>Das holde Kind schlug aber, als sie sah daß er +sie bemerkt hatte, verschämt den Blick zu Boden, und +so zart war die lichtbraune Haut, daß René deutlich +darauf das dunkle Erröthen, das ihre Schläfe und +Wangen färbte, erkennen konnte; gerade jetzt wurde +aber seine Aufmerksamkeit wieder auf die Schaar der +Männer gelenkt, die sich ihm näherten und ihn noch +einmal frugen, ob er gutwillig zu ihnen hinuntersteigen +wolle oder nicht.</p> + +<p>»Gewiß!« rief René jetzt freudig, und war es +früher schon seine Absicht gewesen, so hatte sie jetzt +die Gestalt des holden ihm gegenüber stehenden Kindes +nur noch bestärkt — »gewiß will ich hinunter +kommen und bei Euch bleiben, aber Ihr müßt mir +versprechen daß Ihr mich nicht festhalten oder binden<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span> +wollt — freiwillig komme ich in Euere Mitte, und +freiwillig werde ich darin bleiben, denn das Schiff, +was mich zurück forderte, hat die Insel verlassen +nicht wieder zurückzukehren. Wollt Ihr mir also fest +und aufrichtig Sicherheit für meine Person versprechen, +so steige ich augenblicklich zu Euch nieder, und +ich hoffe wir sollen recht gute Freunde zusammen +werden. Seid Ihr das zufrieden?«</p> + +<p>Die Insulaner, denen Raiteo die Worte des jungen +Mannes verdollmetscht hatte, besprachen sich kurze +Zeit in lauter, lärmender Stimme miteinander, und +dieser wandte sich dann wieder zu ihm und sagte, +freundlich dabei mit der Hand winkend:</p> + +<p>»Gut, weißer Mann, — <span class="smcap">a haere mai</span> — sei +willkommen und bleib bei uns bis dein Schiff wieder +zurück kommt, oder so lange Du willst!«</p> + +<p>»<span class="smcap">Eh bien</span>!« rief der junge Franzose lachend — +»das ist ein Vorschlag zur Güte und die Sache löst +sich freundlicher als ich erwarten durfte.« Und damit +schob er seine Terzerole in die Tasche, drückte sich die +Mütze wieder in die Stirn, und wollte sich eben über +die Steine, die seine Festungswerke bildeten, hinüberschwingen, +als ihn ein Ruf in gutem Englisch plötzlich +nicht allein daran verhinderte, sondern auch erstaunt +und überrascht aufschauen machte.</p> + +<p>Es war das junge holde Mädchen, das, den<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span> +rechten Arm gegen ihn ausgestreckt, laut und fast +ängstlich im reinsten Englisch rief:</p> + +<p>»Halt, Fremder — halt — sie sind falsch — sie +wollen Dich binden und halten, und dem Schiff, das +ihnen das Lösegeld zurückgelassen hat, wieder ausliefern +— traue ihnen nicht, und bleibe wo Du bist, +bis Dich der König selber seines Schutzes versichert +hat.« Dann aber sich gegen die unten Stehenden +wendend, unter denen Raiteo die hervorragendste und +jedenfalls bestürzteste Persönlichkeit bildete, da er allein +zu seinem Schrecken verstanden hatte, wie das junge +Mädchen ihre eigenen Landsleute an den Fremden, +seiner Meinung nach, verrieth, rief sie mit zürnender +fast drohender Stimme in der schönen klangvollen +melodischen Sprache ihres Stammes:</p> + +<p>»Schäme Dich, <span class="smcap">ahina</span><a name="FNanchor_C_3" id="FNanchor_C_3"></a><a href="#Footnote_C_3" class="fnanchor">[C]</a> — schämt Euch Ihr +alle, den armen <span class="smcap">hutupanutai</span><a name="FNanchor_D_4" id="FNanchor_D_4"></a><a href="#Footnote_D_4" class="fnanchor">[D]</a> verrätherisch unter +Euch locken und überfallen zu wollen. — Wo sind +seine Verwandte — wo seine Eltern — wo seine Geschwister? +— weit weit von hier, und um schnöden +Lohn drängt es Euch, ihn seinen Feinden zu über<span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span>liefern, +und <span class="g">Ihr</span> nennt Euch <span class="g">Christen</span>? Ihr prahlt +damit in den öffentlichen Versammlungen daß Ihr +Euern Nächsten lieben wollt wie Euch selbst, und +Anderen nicht das zufügen möchtet, was Euch nicht +selbst geschehen solle; schämt Euch in Euere Seele +hinein daß Euch ein armes junges Mädchen zurechtweisen +und Euere Ehre retten muß vor dem Fremden!«</p> + +<p>Kaum aber hatte sie diese Worte gesprochen, und +sah wie Aller Blicke auf sie gerichtet waren, als +auch die natürliche mädchenhafte Scheu wieder jedes +andere Gefühl verdrängte; das Blut schoß ihr in +Strömen nach den Schläfen, und die Blicke niederschlagend, +als ob sie selber jetzt gerade eine unrechte +Handlung gethan, und nicht im Gegentheil Andere +von einer solchen zurückgehalten hatte, glitt sie in die +sie dicht umschließenden Büsche zurück, und war auch +im nächsten Moment hinter dem Felsenhang verschwunden.</p> + +<p>René, der dieser so zeitgemäßen Warnung der Jungfrau +nach, rasch seine alte Stellung wieder eingenommen +hatte, und jetzt mit gezogenen Waffen und finsterem +Blick die etwas verlegen unter ihm stehende +Schaar betrachtete, konnte an deren ganzem Betragen +leicht und deutlich sehen, wie viel Grund zu jener +Anschuldigung, die er später mehr in den Blicken des +Mädchens gelesen als aus ihren Worten verstanden<span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span> +hatte, vorhanden gewesen. Raiteo besonders, der +bei den allsonntäglichen religiösen »<span class="smcap">meetings</span>« eine +Hauptrolle spielte, schien sich über den, ihn am tiefsten +verletzenden Vorwurf, schlimm zu ärgern. Die +Mädchen und Frauen flüsterten aber lebhaft untereinander, +und aus den freundlichen ihm zugeworfenen +Blicken durfte René wohl urtheilen daß er den <span class="g">schönen</span> +Theil seiner Feinde nicht mehr zu seinen Feinden +zählen durfte, und daß dieser vollkommen mit +dem Betragen Einer ihrer Schwestern einverstanden +sei.</p> + +<p>Die Männer beriethen sich indessen eine ganze +Zeitlang miteinander, sahen dann wieder nach dem +Schiff aus, das mehr und mehr in der Ferne, und +zwar nach Westen hin verschwand, und schienen total +rathlos zu sein, was sie eigentlich thun sollten. Einen +wirklichen Angriff zu machen, dazu fehlte ihnen in +diesem Augenblick, wenn auch nicht der Muth, doch +jedenfalls, durch das Absegeln des Schiffs, die dringende +Ursache, und friedlich nach dem eben stattgehabten +Vorfall wieder mit ihm anzuknüpfen, war +auch eine schwierige Sache — wer konnte von ihm +verlangen daß er nach dem letzten Beispiel ihnen jetzt +noch einmal trauen sollte.</p> + +<p>So verging der Nachmittag, René beschloß übrigens +jetzt weiter Nichts zu unternehmen; war das<span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span> +Schiff erst einmal gänzlich aus Sicht, so ließ sich +eher hoffen die Leute zur Vernunft zu bringen, zeigten +sie sich aber dann morgen noch eben so hartnäckig, +dann wollte er versuchen ein Canoe zu bekommen, +und von der Insel zu fliehen, denn er konnte sich +nicht verhehlen daß der Delaware, da er, wie ihm +das junge Mädchen gesagt, den für sein Einfangen +bestimmten Lohn hier zurückgelassen, doch jedenfalls +die Absicht haben mußte die Insel, wenn ihm das +irgend möglich war, wieder anzulaufen. Das hing +indessen noch Alles theils von dem Weg ab den die +Fische nahmen, theils ob er an einem oder mehreren +festkam, denn so lange er den Fisch langseits hatte, +konnte er nicht segeln und trieb immer weiter nach +Westen ab.</p> + +<p>Indessen stellte sich aber auch bei ihm wieder +Hunger und Durst ein, und theils diesen zu befriedigen, +theils den Insulanern unten zu zeigen daß er +nicht die mindeste Furcht und noch ganz guten Appetit +habe, setzte er sich oben auf seine Befestigungswerke +und begann seine etwas hinausgeschobene Mahlzeit +nach Kräften zu halten.</p> + +<p>Erst als es Abend wurde verließen ihn die Insulaner, +und zwar ohne weiter mit ihm zu unterhandeln, +bis auf den letzten Mann, und seine einzige +Sorge war jetzt daß sie ihn in der Nacht, wenn er<span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span> +eingeschlafen wäre, überrumpeln möchten. Diesem zu +begegnen, und da der Feind wahrscheinlich einen solchen +Versuch erst spät machen und nicht glauben +würde daß er sich gleich nach Dunkelwerden niederlegen +werde, beschloß er, trotz der ihn umgebenden +Gefahr, gerade jetzt ein paar Stunden zu schlafen +um nachher desto munterer zu sein, denn ohne alle +Rast wußte er recht gut daß er es nicht aushalten +könne. Ueberdieß fürchtete er mehr als alles Andere, +seinem Körper gleich im Anfang zu viel zuzumuthen, +da er ja nicht wissen konnte welche Strapatzen und +Gefahren er überhaupt noch zu bestehen hatte.</p> + +<p>Dieß Alles stimmte übrigens so vollkommen mit +seiner eigenen Neigung überein, denn er war durch +die gehabte Aufregung jetzt, da gewissermaßen ein +Ruhestand eingetreten, förmlich erschöpft und so müde +geworden, daß er es auch augenblicklich auszuführen +beschloß, sein Bündel auf der einen Seite als Kopfkissen +hinlegte — nur die Vorsicht gebrauchend an +dem am leichtesten zu ersteigenden Platz einen Stein +so locker zu placiren, daß er bei der leisesten Berührung +niederfallen mußte — und sich dann mit sorgloser +Ruhe auf den harten Boden und dem Schlaf +in die Arme warf.</p> + +<p>Um den armen René möchte es aber schlecht gestanden +haben, hätten die Insulaner wirklich beabsich<span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span>tigt +in der Nacht etwas gegen ihn zu unternehmen, +denn lange nach Mitternacht berührte eine leichte Hand +seine Schulter, ohne daß er erwacht wäre.</p> + +<p>»Fremder,« sagte da eine sanfte, weiche Stimme, +und das junge schöne Mädchen, das neben ihm stand, +legte ihre kalten Finger an seine, vom festen Schlaf +erhitzte Stirn.</p> + +<p>»Ja,« sagte René, die Augen öffnend und umschauend — »ja — schon +acht Glasen?«<a name="FNanchor_E_5" id="FNanchor_E_5"></a><a href="#Footnote_E_5" class="fnanchor">[E]</a> — die +kalte Nachtluft strich über ihn hin — um ihn rauschte +das Laub des Waldes und die hellen funkelnden +Sterne blickten klar auf ihn nieder. In dem Moment +schoß ihm auch die ganze Gefahr seiner Lage +durch die Seele, und rasch emporspringend, das Terzerol +wie instinktartig im Griff, schien er den Angriff +zu erwarten.</p> + +<p>»Ihr seid eine vortreffliche Schildwache,« lachte +aber das junge Mädchen, das ruhig auf ihrem Platz +stehen geblieben war — »wenn Ihr nicht besser über +anderer Leute Gut wacht, als Euere eigene Sicherheit, +möchte ich Euch wahrlich nicht einer Banane +Werth vertrauen.«<span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span></p> + +<p>René faßte sich an die Stirn — er wußte im +ersten Augenblick wahrhaftig nicht ob er wache oder +träume, das ganze Fremdartige seiner Umgebung, das +schöne lachende Mädchen dicht vor ihm, ein dunkles +Bewußtsein drohender Gefahr die über ihm schwebe, +und seine Sinne noch halb von dem kaum erst abgeschüttelten +tiefen Schlaf befangen, verlangte Alles +daß er sich erst sammle, und es verging wohl eine +Minute, ehe er seine wirkliche Lage wieder vollständig +begriff.</p> + +<p>Das junge Mädchen stand indeß, mit untergeschlagenen +Armen, die zarten Lippen fest zusammengepreßt, +und den Kopf schüttelnd vor ihm, und sagte +endlich halb lachend halb erstaunt:</p> + +<p>»Bist Du nicht ein wunderlicher Mann, Fremder — schläfst +hier mitten zwischen Deinen Feinden, +als ob Du daheim im sichern Hause, von den Deinen +bewacht lägest und nicht ein Preis auf dein +Einbringen gesetzt sei, das habgierige Menschen zu +deinem Verderben reizen muß.«</p> + +<p>»Und durft ich nicht schlafen, wenn ein solcher +Schutzgeist über mich wachte, Du holdes Kind!« +sagte René herzlich, die Hand nach der ihren ausstreckend — sie +trat aber vor der Berührung einen +Schritt zurück, und erwiederte, mit ernstem Blick nach +oben deutend:<span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span></p> + +<p>»Allerdings hattest Du einen Schutzgeist der über +Dich wachte, aber es ist das Auge Gottes, das jedes +Haar Deines Hauptes gezählt hat, und ohne dessen +Willen keins zur Erde fällt — ihm danke für Deine +bisherige Sicherheit, nicht mir. Aber komm Fremder,« +setzte sie dann freundlicher hinzu — »nimm +Dein Bett und wandere und folge mir, ich will Dich +vor Tag, und ehe böse Menschen im Thale neue Anschläge +schmieden könnten, an die andere Seite der +Insel bringen, dort steht das Haus eines frommen +Mannes, das Dich schützen wird, bis Dein Schiff +diese Gegend verlassen hat, und dann kannst Du später +nach Tahiti, wo viele Deiner Landsleute leben, +hinübergehn und dort in Sicherheit wohnen.«</p> + +<p>»Mein <span class="g">Bett</span> mitzunehmen, möchte hier schwer +werden,« lachte aber René, dessen leichter Sinn ihn +in der Nähe des schönen Mädchens das so freundlich +um ihn besorgt war, schon über alles Andere +weggesetzt hatte, »das wollen wir lieber liegen lassen; +mit dem Kopfkissen möchte es eher gehn — und wie +ists mit den Provisionen — soll ich die Cocosnuß +und Bananen? —«</p> + +<p>»Wir finden genug auf unserem Weg« — unterbrach +ihn aber das Mädchen — »iß und trink wenn +Du <span class="g">jetzt</span> Hunger hast, und sorge nicht weiter.«</p> + +<p>»Dann mag es sich mein Dollmetscher morgen<span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span> +als schwachen Beweis meiner Erkenntlichkeit mit hinunter +nehmen,« lachte René, »der alte Bursche wird +schön schauen, wenn er das Nest leer und den Vogel +ausgeflogen findet.«</p> + +<p>»O sprich nicht mit so leichtem Muth über eine +Gefahr, der Du noch keineswegs entgangen bist,« +bat aber das Mädchen, »ich selber kann nichts für +Deine Sicherheit thun, als Dich zu einem Andern +führen und diesen bitten Dir zu helfen — er ist selber +ein Weißer und ein Diener des Herrn, und wird gewiß +Alles für Dich thun was in seinen Kräften steht +— er ist aber doch auch nur ein Mensch, und vermag +Dir keinen anderen, als eben nur menschlichen +Schutz zu gewähren.«</p> + +<p>»Ein Weißer? — und ein Diener des Herrn?« +sagte aber René rasch und nachdenkend — »ein Missionair +also?«</p> + +<p>»Gewiß, ein Missionair,« bestätigte die Jungfrau +— »er hat mich von frühester Jugend auferzogen +und seine Sprache und Religion gelehrt — er ist ein +stiller, friedlicher und guter Mann.«</p> + +<p>René blieb nachdenkend eine kleine Weile stehn, +und es ging ihm im Kopf herum was er Alles, vielleicht +in seinem katholischen Vaterland noch übertrieben, +über die protestantischen Missionaire dieser Inseln +gehört und gelesen, bei denen er eigentlich schon<span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span> +aus zwei Gründen keine freundliche Aufnahme erwarten +durfte, erstlich als entlaufener Matrose und dann +als Katholik; er war aber nicht der Mann sich vor +der Zeit vielleicht unnöthige Sorgen zu machen, that +er’s doch nicht wenn er selbst Ursache dazu hatte.</p> + +<p>»<span class="smcap">Eh bien</span>!« rief er fröhlich und entschlossen — +»sei es wohin es wolle, wohin Du mich führst Du +holdes Kind, geh ich gern, und wäre es in den +Tod. Hier kann ich doch nicht bleiben,« setzte er lächelnd +hinzu als er einen halb komischen halb verlegnen +Blick umherwarf — »der Bequemlichkeiten sind +nicht besonders viel, und vor Tag stöberte mich doch +am Ende der alte Bursche von Dollmetscher wieder +auf — also vorwärts, vorwärts Du liebes Mädchen +— aber welchen Namen hast Du? wie kann ich Dich +nennen?«</p> + +<p>»Meine Landsleute nannten mich Sadie,« sagte +das schöne Mädchen leise — »Sadie nach einem jener +freundlichen Sterne dort oben, aber mein Pflegevater +verwarf den Namen als heidnisch, und ich heiße +jetzt Prudentia — nur die Insulaner können das noch +nicht gut aussprechen und nennen mich lieber mit dem +alten Namen.«</p> + +<p>»Oh so laß mich Dich auch Sadie nennen, Du +holdes Kind,« bat da René — »bist Du mir nicht +auch ein freundlicher Stern geworden, der mich hier<span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span> +aus meiner Trübsal hinausführen soll? — und wie +gern folg ich ihm — Prudentia, lieber Gott, der Name +mag für des würdigen Mannes Mutter oder Gattin +recht gut klingen, aber Deinen Namen hinein verwandeln, +Sadie, heißt die Saiten einer Harfe zerreißen +und Bindfaden darüberspannen — nein Sadie, +leuchte mir voran, und jener Stern soll nicht genauer +seine Bahn halten, als ich der Deinen folge.«</p> + +<p>Das junge Mädchen die wohl den alten liebgewonnenen +Namen auch lieber hörte als das fremde, +selbst für ihre Zunge schwere Wort, erwiederte nichts +weiter, und wie eine Gemse von dem ziemlich steilen +Hang hinunterkletternd, und den Arm vermeidend den +René nach ihr ausstreckte sie dabei zu unterstützen, +glitt sie auf den Boden nieder, daß René kaum ihren +Schritten zu folgen vermochte.</p> + +<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_C_3" id="Footnote_C_3"></a><a href="#FNanchor_C_3"><span class="label">[C]</span></a> Verächtlicher Name für einen alten Mann.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_D_4" id="Footnote_D_4"></a><a href="#FNanchor_D_4"><span class="label">[D]</span></a> <span class="smcap">hutupanutai</span>, die an den Strand gespühlte <span class="smcap">hutu</span>-Nuß +— oder auch, in der bildreichen Sprache des Stammes, der +an ihre Küsten geworfene Fremde ohne Verwandte und Freunde.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_E_5" id="Footnote_E_5"></a><a href="#FNanchor_E_5"><span class="label">[E]</span></a> Glasen, ein Schiffsausdruck, vom Stundenglas entstanden, +und jetzt die verschiedenen Schläge der Wachtuhr bedeutend, +die alle vier Stunden mit eins beginnt und jede +halbe Stunde einen Schlag hinzufügt.</p></div> +</div> + + +<hr class="endchapter" /> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span></p> +<h2><a name="Capitel_4" id="Capitel_4"></a>Capitel 4.</h2> + +<h3>Der Mi-to-na-re.</h3> + + +<p>Es war ein ziemlich langer Marsch durch eine +wilde Gegend und oft durch Dickichte, durch die er +allein nie seinen Weg gefunden; an den Sternen sah +er dabei wie sie viele Umwege machten, entweder vollkommen +undurchdringliche Stellen zu umgehen, oder +auch vielleicht mögliche Verfolger irre zu führen. Endlich +erreichten sie wieder eingezäunte Gartenplätze mit +Bananen, Brodfrucht, Orangen, Wassermelonen und +süßen Kartoffeln bepflanzt, und als die Sonne eben +über dem, wieder vor ihnen liegenden Meeresspiegel +emporstieg, betraten sie eine freundliche Ansiedlung +wohnlicher Bambushütten, sogar mit einigen weißübertünchten +Häusern dazwischen, dicht in dem Schat<span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span>ten +hoher Cocospalmen und breitästiger Brodfruchtbäume +hineingeschmiegt, und von einer hohen festen +Umzäunung rings umschlossen.</p> + +<p>René zögerte im ersten Augenblick den Ort zu betreten +— er blieb stehen und betrachtete forschend den +kleinen freundlichen Platz, der wie ein in sich abgeschlossenes +Paradies stillen Friedens vor ihm lag. +Sadie schaute nach ihm um und frug ihn lächelnd +ob er sich fürchte näher zu kommen.</p> + +<p>»<span class="g">Fürchten</span>?« sagte der junge Mann leise mit +dem Kopf schüttelnd, »wenn ich überhaupt etwas +fürchtete auf der weiten Welt — hätte ich da je diese +Insel betreten?«</p> + +<p>»Fürchtest Du <span class="g">Nichts</span>?« sagte das Mädchen +rasch und erstaunt, und schaute zu ihm auf — »fürchtest +Du nicht <span class="g">Gott</span>?« —</p> + +<p>Der junge Mann fühlte daß er hier ein Feld berührte +das er vermeiden müsse — so wenig er sich +selber aus irgend einem Religionsbekenntnis machte, +hatte er doch zu viel gesunden Sinn für Recht es +in Anderm zu achten, und er hätte besonders dem +holden Kind nicht durch eine rauhe Antwort weh +thun mögen — er sagte deshalb ausweichend:</p> + +<p>»Ich sprach nicht von Gott, Sadie — ich sprach +von den Menschen — also hier wohnt der weiße +Missionair?«<span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span></p> + +<p>»Hier wohnt er, wenn er auf der Insel ist,« — +erwiederte das Mädchen, durch seine Antwort vollkommen +wieder beruhigt — »gerade jetzt aber besucht +er mehre andere Inseln in Missionsgeschäften, aber +schon seit drei Tagen erwarten wir ihn zurück, und +jede Stunde kann er wieder eintreffen.«</p> + +<p>»Also in diesem Augenblick wohnt kein Missionair +auf dieser Insel?« — frug der junge Mann rasch, und +wie es fast schien, erfreut. —</p> + +<p>»Kein <span class="g">weißer</span> Missionair wenigstens,« sagte die +Jungfrau, »aber Du scheinst Dich darüber eher zu +freuen, und ich hatte geglaubt es würde Dich beruhigen +wenn Du einen Landsmann in der Nähe +wüßtest.«</p> + +<p>»So habt Ihr auch <span class="g">eingeborene</span> Missionaire +hier?« umging der junge Mann die halbgestellte Frage +durch eine andere — »und sind die auf allen Inseln?«</p> + +<p>»Nicht auf allen, doch auf vielen — hier aber,« +fuhr sie auf das Haus deutend fort — »wirst Du +jedenfalls Schutz finden bis Dein Schiff zurückkehrt, +denn von den Bewohnern dieser Insel wird es Keiner +wagen Hand an Dich zu legen, so lange Du Dich +in den Mauern dieses kleinen Wohnortes befindest — +was Deine eigenen Landsleute aber thun wenn sie +zurückkommen, weiß ich nicht, doch ich fürchte sie werden +kaum die Heiligkeit dieses Ortes anerkennen, ob<span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span>gleich +sie Alle dem Namen nach Christen sind. Mein +Pflegevater hat mir oft erzählt, daß auf den Schiffen +viel böse gottlose Menschen hausen, und wir Insulaner +hier manchmal viel bessere Christen sind als +jene — aber nicht wahr, Du gehörst nicht zu denen?«</p> + +<p>»O da mag Dein Pflegevater wohl vollkommen +recht haben,« lächelte René, »denn viel <span class="g">Christenthum</span> +darf man gewöhnlich auf den Wallfischfängern +nicht suchen — darum sind aber doch auch viel gute +brave Menschen zwischen ihnen, liebe Sadie, und ich +mag leichtsinnig sein,« setzte er gutmüthig hinzu — +»aber schlecht bin ich doch wohl nicht. Du mußt mir +das freilich auf mein ehrlich Gesicht hin glauben, +denn andere Bürgen habe ich weiter nicht dafür.«</p> + +<p>Das Mädchen lächelte, vollkommen zufrieden gestellt, +vor sich hin, und jetzt zum ersten Mal seine +Hand ergreifend, führte sie ihn durch die, ihrem Druck +nachgebende kleine Gartenpforte, durch den breiten +gutgehaltenen Gang des Gartens, und eine dichte +Allee regelmäßig gepflanzter Bananen oder Pisang +dem Hause zu, unter deren Schutzdach René die +kleine, etwas wohlbeleibte Gestalt eines wie es schien +halbcivilisirten Insulaners erkannte.</p> + +<p>René konnte ein leises Lächeln kaum verbergen +als er die Gestalt mit flüchtigem aber forschendem +Blick überflog, und fast unwillkürlich drängte sich ihm<span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span> +der wunderliche Gedanke auf daß der Mann, wenn +ihm der Geist und die Civilisation wirklich von oben +gekommen sei, jedenfalls noch mit den Beinen im +Heidenthum stecke.</p> + +<p>Der kleine gelbbraune Missionair sah auch in seiner +halb frommen halb wilden Tracht wirklich eigenthümlich +genug aus. Er ging in bloßem Kopf, aber +die sonst langen schwarzen Haare waren kurz und +gottesfürchtig abgeschnitten und zugestutzt — ferner +trug er ein weißes baumwollenes Hemd und eine +weiße leinene Halsbinde, mit hellgelber mit blanken +Knöpfen besetzter Weste, und über diesem Allen einen, +dem Klima keineswegs zusagenden — schwarzen +Frack. Bis soweit also war der Geist gekommen, +darunter aber fing der Heide wieder an — der Mann +konnte sich an die christliche Religion aber nicht an +Hosen gewöhnen, und während er um die Lenden ein +langes Stück roth und gelben Kattun, der höchst +freundlich gegen den schwarzen Frack abstach, mehrfach +geschlagen hatte, trug er die Beine vollkommen +nackt, und unter dem Kattun vor schauten noch die +alten heidnischen Tättowirungen früherer Zeiten, wie +scheu, von dem christlichen Kleidungsstück bedroht, +hervor.</p> + +<p>Der kleine Mann schien übrigens ungemein erstaunt +über den Besuch und auch vielleicht gerade nicht<span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span> +besonders erfreut, als ihm Sadie in seiner Sprache +mit kurzen Worten das, auf der andern Seite der +Insel Vorgefallene erzählte, und ihm um seinen Schutz +für den Verfolgten ansprach. Er hatte auch erst, wie +es René vorkam, eine Menge Einwendungen dagegen +zu machen, und das Wort <span class="smcap">Mitonare</span> kam sehr häufig +dabei vor, <span class="smcap">Sadie</span> oder <span class="smcap">Pu-de-ni-a</span> wie sie der kleine +Missionair in seinem wunderlichen Kauderwelsch statt +<span class="smcap">Prudentia</span> nannte, wußte diesem allen aber zu begegnen, +und da er sonst selber wohl gutmüthig und +gastfrei war, hatte er endlich nichts länger dawider, +streckte dem jungen Mann mit einem halb freundlichen +halb salbungsvollen — wahrscheinlich abgesehenen +Blick die dicke fette Hand entgegen, deren +Finger auch noch frühere Tättowirungen zeigten, und +sagte in einer Sprache die jedenfalls englisch sein sollte, +aber meist immer wieder auf tahitisch auslief.</p> + +<p>»<span class="smcap">Gu — day bodder — gu day a haere mai — gu +fend here — ehoa ino — very gu fend —</span>« +und dann folgte noch eine längere Auseinandersetzung, +jetzt auf einmal in reinem Tahitisch als ob er glaubte +daß der Fremde, durch die vorigen einleitenden Worte +in seiner eigenen Sprache nun auch vollkommen vorbereitet +für jede weitere Anrede in gutem Insulanisch +sein müsse.</p> + +<p>Sadie, die übrigens mit halbverstohlenem Lächeln<span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span> +sah, wie der junge Fremde verlegen vor ihm stand, +und nicht recht zu wissen schien was er aus dem +Ganzen machen solle, übersetzte ihm schnell was der +kleine Mann gesagt hatte, und bat ihn in das Haus +zu treten, sich mit Speise und Trank zu stärken und +von den überstandenen Strapatzen auszuruhn.</p> + +<p>»Aber wie kann ich jetzt erfahren,« frug René das +junge Mädchen — »was aus dem Schiff geworden +ist, das schon vielleicht in diesem Augenblick die Insel +wieder, von anderer Seite, ansegelt?«</p> + +<p>»Auch daran hab’ ich gedacht« lächelte das Mädchen +— »kümmere Dich nicht deßhalb; der Knabe der +uns eben verließ, geht nach der nächsten Bergspitze +hinauf, von wo er das Meer rings überschauen kann, +und bringt uns Nachricht ob das fremde Segel noch +in der Nähe ist. — Und nun in’s Haus, denn wie +ich Dir schon gesagt habe, bis das Schiff zurückkehrt +— denn nur gegen Deine eigenen Landsleute können +wir Dich nicht schützen — bist Du sicher — und selbst +dann finden sich vielleicht Mittel Dich zu verbergen« +setzte sie freundlich hinzu.</p> + +<p>Der kleine Mitonare, denn als solchen hatte er +sich René — <span class="smcap">mi mitonare</span> — <span class="smcap">mi mitonare</span> schon +selber vorgestellt — ging ihnen jetzt geschäftig voran +in’s Haus, und obgleich heute wirklich ihr Sonntag<span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span> +fiel<a name="FNanchor_F_6" id="FNanchor_F_6"></a><a href="#Footnote_F_6" class="fnanchor">[F]</a>, brachte er nichtsdestoweniger eigenhändig, erst +Teller und Messer und Gabel, die sonst wahrscheinlich +nur wenig benutzt, tief in einer Schrankecke +zu ruhen schienen, und dann kaltes Fleisch, Früchte +und Cocosnußmilch herbei, und lud nun den jungen +Mann auf das freundlichste ein sich niederzusetzen und +nach Herzenslust zuzulangen.</p> + +<p>René sah Sadie an und dann die Speisen — er +schämte sich sie zu bitten mit ihm niederzusitzen, und +doch hätt’ er es gar so gern gethan. Das schöne +Mädchen mochte aber errathen was er wünsche, denn sie +schüttelte lächelnd mit dem Kopf und war im nächsten +Augenblick schon durch die offene Thür verschwunden.</p> + +<p>Der kleine Missionair begann nun eine Unterhaltung +die René zu jeder andern Zeit ungemein amüsirt +haben würde, in diesem Augenblick hatte er aber +wirklich einen höchst bedeutenden Hunger, und die +steten Fragen des Kleinen, die an und für sich schon<span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span> +des wunderlichen Kauderwelsch wegen eben so viele +Räthsel waren, forderten eine Theilung seiner Aufmerksamkeit, +die er jetzt weit lieber ungetheilt dem delicaten +kalten Schweinebraten und den saftigen Früchten +zugewandt hätte. Der Kleine ließ aber nicht +nach und frug vor allen Dingen wie er selber hieße +— der Name war einfach genug, und er konnte ihn +ziemlich gut nachsprechen — dann wie das Schiff +hieße auf dem er gekommen sei, und von wo es gesegelt +wäre. Er interessirte sich besonders, da er in +den letzten Jahren mit Hülfe des weißen Missionairs +etwas Geographie getrieben, für die Hafenplätze der +Englischen und Amerikanischen Küste, und schien sich +ungemein zu freuen als er einen ihm bekannten Namen, +Boston — das er übrigens hartnäckig <span class="smcap">bo-son</span> +aussprach — erwähnen hörte.</p> + +<p>Eine Hauptfrage des kleinen unermüdlichen Mannes +war aber zuletzt nach des Fremden Religion und +Vaterland, und René hätte sich selber keinen schlimmern +Namen machen können, als daß er sich ohne +weiteres für einen Franzosen ausgab.</p> + +<p>»Wi—wi?« sagte der kleine Mann etwas erstaunt, +zog die Augenbrauen in die Höh, und spitzte +den Mund — »Wi—wi?<a name="FNanchor_G_7" id="FNanchor_G_7"></a><a href="#Footnote_G_7" class="fnanchor">[G]</a> — hm —«<span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span></p> + +<p>»Wi—wi?« sagte René, der diesen Ausdruck noch +nicht kannte, erstaunt — »was Wi—wi? — nicht +Wi—wi — <span class="smcap">frenchman</span> — <span class="smcap">français</span> — <span class="smcap">ferani</span> —« +denn diesen Ausdruck hatte ihn schon Adolph gelehrt.</p> + +<p>»<span class="smcap">Es—es</span>« nickte der Kleine schmunzelnd — »<span class="smcap">Fe—ra—ni</span> +— <span class="smcap">Wi—wi</span>« —«</p> + +<p>»Was zum Henker will er denn mit dem Wi—wi?« +— dachte René — »das muß ein besonderer +Dialekt für den Namen sein.«</p> + +<p>»Viel — viel Wi—wi’s in Tahiti — sagte der +kleine Missionair wieder — keine Christen, Wi—wi’s!«</p> + +<p>»Keine Christen?« rief René lachend — »nun ich +weiß doch nicht — einige sind sicher darunter, die sich +wenigstens so nennen —«</p> + +<p>»<span class="smcap">Es</span>, Christen« nickte der unverwüstliche Kleine — +»aber keine guten — <span class="smcap">aita maitai</span> —«</p> + +<p>Jetzt begriff René erst, worauf der kleine Protestantische +Missionair oder Prediger eigentlich abziele, +denn dieser mußte natürlich glauben, was ihm die protestantischen +Geistlichen über die Religion der andern +Weißen, die sich ebenfalls Christen nannten, und doch +in ihren äußeren Gebräuchen besonders so bedeutend +von diesen abwichen, gesagt hatte. Er hütete sich +aber wohl auf irgend einen religiösen Streit einzugehen +und beschränkte sich nur darauf ihm zu erklären, +er wisse nicht was es in Tahiti für Christen gäbe, er<span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span> +sei noch nie dort gewesen, in seinem eigenen Vaterland +— was er in aller Unschuld jetzt selber Wi—wi +und zwar sehr zum Ergötzen des kleinen Mannes +nannte — gäbe es aber sehr gute, fromme Christen.</p> + +<p>René hätte vielleicht noch eine Masse, ihm gerade +nicht gelegene Fragen beantworten müssen, wäre in +diesem Augenblick nicht draußen vor der Thür eine +kleine Glocke geläutet worden und zu gleicher Zeit +Sadie in der Thür des Gemaches erschienen. René +sprang fast mit einem Freudenruf empor.</p> + +<p>Das junge Mädchen sah aber auch wunderlieblich +aus in ihrer neuen Tracht, die sie der Sonntagsfeier +zu Ehren angelegt hatte. Diese bestand in +einem langen faltigen Gewand, das ihr oben von den +Schultern bis auf die Knöchel niederfiel, im Gürtel +aber von einer leichten rothseidenen Schärpe zusammengehalten +wurde; die Haare hatte sie wieder frisch +mit wohlriechendem Oel getränkt, und die langen +vollen Locken glatt nieder gekämmt, daß sie ihr bis +auf die Schultern herabfielen — aber keine Blume +schmückte sie jetzt, wo sie zu Gottes Altar treten +wollte, nur eine dünne Schnur, aus den Erhöhungen +der reifen Ananas geschnitten, zog sich ihr um das +Haar und die Stirn, den wilden Lockenschatz in etwas +zu bändigen. In der Hand hielt sie ein kleines Buch +mit goldenem Schnitt — ein englisches neues Testa<span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span>ment, +und das erst so wilde muthige Kind sah jetzt +so mädchenhaft fromm und schüchtern aus, das dunkle +Auge ruhte mit einem so milden sanften Blick auf +ihm, daß er sie kaum wieder erkannt hätte, und doch +war sie jetzt fast noch schöner als damals wie sie, den +nackten Arm um den Baum geschlungen, von dem +Felsen herab auf die verrätherischen Landsleute niederzürnte.</p> + +<p>»Wie schön Du bist, Sadie!« rief René fast unwillkürlich +aus, und streckte ihr seine Hand entgegen.</p> + +<p>»Nicht Sadie jetzt« sagte aber das junge Mädchen +und schüttelte leise mit dem Kopf — »Prudentia +heiß ich, denn ich gehe jetzt zu meinem Gott, durch +dessen heiliges Wasser ich den Namen bekommen habe. +Aber hier mein Freund« setzte sie mit bittendem Ton +hinzu indem sie die ihr gebotene Hand ergriff und +dabei dem jungen Mann zugleich das kleine Buch +entgegenhielt — »nimm das hier und lies darin, während +wir in der Kirche für Dich und Dein Wohl +beten wollen — es ist ein gutes Buch und wird Dich +trösten.«</p> + +<p>Es lag etwas so rührend Herzliches in dem Ton +mit dem das holde Kind diese Worte sprach, daß +René das Buch nahm, ihr leise die gereichte Hand +drückte und sagte —</p> + +<p>»Ich danke Dir, Sadie — Du mußt mir nun<span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span> +schon erlauben Dich so zu nennen — das andere +Wort will mir gar nicht über die Lippen — aber Du +bleibst doch nicht lange?«</p> + +<p>»Vielleicht nur zu kurze Zeit für so schwere Sünder +als wir sind« sagte das Mädchen ernst und fast +traurig — »aber lebe wohl und fürchte Nichts für +Deine Sicherheit; von der andern Seite der Insel +sind eben Männer zur Kirche herübergekommen, +und sie berichten, daß Dein Schiff nirgend mehr zu +sehen sei — es ist weit nach Westen gegangen und +müßte lange Zeit brauchen wollte es gegen den Wind +wieder nach uns aufkreuzen. — Bleibe aber hier im +Hause und zeige dich nicht den Leuten draußen; doch +darum sprechen wir nachher, jetzt darf ich nicht an +weltliche Sachen denken — ich dachte aber auch nur +Deinetwegen daran« — setzte sie leiser hinzu und +eine tiefe Röthe breitete sich über ihre schönen so +engelsanften Züge.</p> + +<p>Auf den kleinen Mitonare hatte der Ton der Glocke +aber ebenfalls eine fast zauberhafte Wirkung ausgeübt. — Noch +im Lachen über den Fremden hörte er +den ersten Ton derselben und, wie ein in seiner Lust +von dem strengen Blick des Lehrers ertappter Schulknabe, +zog sich sein Gesicht nicht, nein zuckte es förmlich +in die alten ehrbaren Falten hinein, die ihm dabei +fast noch komischer standen, als das Lachen vorher.<span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span> +Er erhob sich aber jetzt hastig, ergriff seine Bücher — alle +in der Tahitischen Sprache durch die Missionaire +übersetzt, — und Sadie einige Worte sagend verließ +er mit dieser langsamen Schrittes das Haus.</p> + +<p>René blieb allein zurück; Sadie hatte ihn heute +absichtlich nicht aufgefordert sie in die Kirche zu begleiten, +was sie sonst gewiß nicht versäumt haben +würde; es waren aber viele Insulaner von der andern +Seite, die gestern Theil an den Vorfällen gehabt, herübergekommen, +und sie wollte beide Partheien nicht +jetzt schon wieder zusammenbringen. Der Aufenthalt +des Fremden konnte übrigens, wie sie recht gut wußten, +nicht lange geheim bleiben, wenn er das überhaupt +nur bis jetzt noch geblieben war; den Frieden +des Missionsgebäudes störten aber, selbst die Verhärtetsten +ihres Stammes nicht so leicht, und sie glaubte +den armen, von allen Uebrigen verlassenen Fremden +wenigstens hier sicher.</p> + +<p>René warf sich auf eine der überall in dem hohen +luftigen Gebäude ausgebreiteten Matten, und lag +lange in tiefem Brüten über die letzten für ihn so verhängnißvoll +gewesenen Stunden. Er war einer sehr +dringenden Gefahr für den Augenblick entgangen, aber +kam das Schiff zurück — und er zweifelte kaum daran, +daß der Capitain desselben ihn nun und nimmer so +leicht aufgeben würde, ohne wenigstens noch einen<span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span> +Versuch zu machen ihn wiederzubekommen — würde +er den Händen der Feinde auch dann entgehen können, +und dann nicht vielleicht selbst der, bis dahin jedenfalls +zurückgekehrte Missionair ihm seinen Schutz +versagen? Es war doch wohl das beste, daß er weder +Schiff noch Missionair abwartete, und so rasch +als möglich die Insel zu verlassen suchte. — Aber +Sadie? — würde sie ihn begleiten? — Er erschrak +ordentlich vor dem Gedanken sie zurückzulassen, und +mochte sich selber kaum gestehen, wie gewaltig dieß +holde Kind des Waldes sein Herz schon gefesselt habe +und halte.</p> + +<p>»Das ist Thorheit« murmelte er vor sich hin — +»Wahnsinn, jetzt an Liebe zu denken wo Du selber noch +nicht einmal eine Stätte hast Dein Haupt hinzulegen. +Sei vernünftig René — hier an die Inseln geworfen +hat das erste hübsche Gesicht was Dir in den +Weg kam Dein, überhaupt etwas leicht entzündliches +Herz in lichterlohe Flammen gesetzt — das ist ein +Strohfeuer und brennt in der ersten Wache aus.«</p> + +<p>Er stützte den Kopf in die Hand und schlug das +Buch auf, das noch immer vor ihm lag; aber die +Buchstaben tanzten ihm vor den Augen; zwischen +jeder Zeile lachten die holden schelmischen, und doch +so sanften Züge des lieben Kindes heraus, und weder +St. Lukas noch die Corinther vermochten den Zauber<span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span> +zu lösen der seine Seele mit der wilden Gluth plötzlicher +aber gewaltig erwachter Liebe entzündet hatte.</p> + +<p>Der Tag verging ihm langsam — Sadie kehrte +mit dem kleinen Missionair wohl um die Mittagszeit +zurück, aber es war Sonntag — kein Lächeln +stahl sich über ihre Züge — selten oder nie begegnete +ihr Blick dem seinen, und die Stunden flossen +ihm träge unter Gebeten und Hymnensängen dahin.</p> + +<p>Schon vor Tag am nächsten Morgen war er auf, +badete in dem cristallhellen Wasser der Corallenbänke, +und harrte dann mit wirklicher Sehnsucht des schönen +Kindes, das aber heute lange, lange ausblieb und +sich ihm gar nicht wieder zeigen wollte. Vergebens +erfrug er sie bei dem Mitonare.</p> + +<p>»<span class="smcap">Pu-de-ni-a?</span>« sagte dieser kopfschüttelnd und mit +seinem räthselhaften englisch — »der Herr weiß wo +man das Mädchen suchen soll, wenn man sie haben +will — <span class="smcap">Pu-de-ni-a ataetai</span> — wie kleine Eidechse, +hier im Laub und da im Laub — kann sie nicht fassen +— ist weg unter den Augen.«</p> + +<p>Der Kleine schien heute übrigens besonders aufgelegt +zu einer Unterhaltung, lehnte sich auf seine +Matte zurück, faltete die kurzen dicken Finger auf dem +runden Magen und begann wieder auf das herablassenste +eine ganze Reihe von Fragen an den jungen +Mann zu stellen, die ihm oft kaum Zeit ließen nur<span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span> +den Sinn zu verstehen ehe sie wieder, ohne die Beantwortung +der ersten abzuwarten, von andern verdrängt +wurden. Er trug aber heute weder den schwarzen +Frack, noch die hellgelbe Weste mit den blanken +Knöpfen; selbst das weiße Halstuch lag, sorgfältig +in ein Stück gelbes englisches Packpapier eingewickelt +auf einem kleinen Bücherbret, neben seinem +geistlichen Schatz. Seine Bewegungen waren aber +dadurch auch freier geworden, und er schien mit dem +Frack auch den ganzen Mitonare ausgezogen zu +haben.</p> + +<p>Er war, wie er jetzt selber René aus freien Stücken +erzählte, noch vor zehn Jahren ein entsetzlicher Heide +gewesen, der glaubte daß das höchste Wesen <span class="smcap">Taaroa</span> +und nicht Gott hieß, der sogar seinen Götzen Früchte +und Schweinefleisch zum Opfer brachte, und Gefallen +an den sündhaften Tänzen der eingebornen Mädchen +fand. <span class="smcap">Mitonare O-no-so-no</span>, Gott weiß wie der +Mann in wirklichem Englisch hieß, hatte ihn jedoch gerettet, +sein Vater aber und sein Großvater, und seinem +Großvater sein Großvater waren alle in der Hölle — +konnten aber nichts dafür — waren aus Versehen hinunter +gekommen. — Er hatte sich sogar tättowiren +lassen, und als er sah daß René, wahrscheinlich +unbewußt, ein erstauntes Gesicht dabei machte, was +er vielleicht für Unglauben nahm, lüftete er mit einer<span class="pagenum"><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span> +halben Wendung den Cattun, fiel aber erschrocken +wieder in seine alte Stellung zurück, und sah sich nach +allen Seiten um, als René der sich nicht helfen konnte, +bei der Bewegung plötzlich in ein schallendes Gelächter +ausbrach.</p> + +<p>Das hätte der kleine Mann aber bald übel genommen, +René wußte ihn jedoch wieder zu beruhigen +und er begnügte sich von da an ihm seine Lebensgeschichte +<span class="g">ohne</span> Illustrationen zu geben.</p> + +<p>Das Mitonare sein war seiner Meinung nach ein +sehr schweres Geschäft — weniger des Predigens, als +des Frackes wegen — und der viele Aerger mit den +Mädchen — soviel junges leichtsinniges Volk — +— denken immer können in den Himmel kommen +wenn sie lustig sind — bah — wissens nicht besser — +Da in dem Buch steht Alles d’rin — sehr gutes Buch +— ein Bischen dick — aber sehr gutes Buch, und +viele schwere Worte d’rin. Jetzt kam aber bald eine +böse Zeit — weiße Mitonares — vier, fünf, sechs +kamen hier herüber — sahen zu ob Mitonare rother +Mann viel weiß, und kleine Kanakas <span class="smcap">iti—iti</span> gut unterrichtet +hat — viele schwere Worte auswendig lernen +und viel Aerger mit <span class="smcap">iti—iti</span>. — »<span class="smcap">Pu-de-ni-a</span> +gutes Kind« setzte er dann hinzu — »aber ein Bischen +wild — ein Bischen sehr wild für <span class="smcap">waihini</span> — +Mitonare <span class="smcap">O—no—so—no</span> Tochter — aber nicht<span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span> +Tochter — nur so Tochter —« und er bemühte sich +dann in langer Rede und mit großer Anstrengung +dem jungen Mann begreiflich zu machen daß <span class="smcap">Pu-de-ni-a +O—no—so—no’s</span> Pflegetochter sei.</p> + +<p>Das war etwa der Inhalt seiner Unterhaltung, +bei der er ziemlich allein das Wort führte, und René +allerdings nur nothdürftig den Sinn des Ganzen verstand, +indem der Alte oft mehr Tahitische als englische +Worte gebrauchte, und diese wenigen dann selbst noch +auf wahrhaft grausame Art verstümmelte.</p> + +<p>René konnte es zuletzt nicht länger aushalten — +die Sehnsucht die ihn auf der einen Seite quälte, +Sadie wieder zu sehn, und die peinlich scharfe Aufmerksamkeit +die er auf der andern genöthigt war dem +Kauderwelsch des Kleinen zu schenken, wenn er nur +überhaupt den ungefähren Sinn der Rede fassen wollte, +machten ihm die Unterhaltung zu einer wahren Folter, +und er benutzte die erste nur einigermaßen passende +Gelegenheit aufzustehn, und in den Garten zu gehn. +— Aber Sadie war nirgends, weder zu hören noch +zu sehen.</p> + +<p>Die Sonne stieg indessen schon ziemlich hoch, und +er warf sich endlich, als er die Gänge unzählige Male +auf- und abgelaufen, ermüdet in dem Schatten eines +Orangen- und Citronendickichts nieder, von wo aus +er, da der Platz etwas erhöht lag, das ruhige Binnen<span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88">[88]</a></span>wasser, +das die Insel umgab und die weiter draußen +von der Brandung hoch beschäumten Riffe, deutlich +übersehen konnte. Dicht hinter dem kleinen Orangenhain +lief die Einfriedigung des Gartens hin, und +gleich von diesem ab begannen ziemlich steil die nächsten, +dicht mit Guiaven- und Citronenbüschen bedeckten +Hügel emporzusteigen.</p> + +<p>Wohl eine halbe Stunde hatte er so gelegen, und +wilde wunderliche Luftschlösser gebaut mit träumenden +Gedanken. — O wie reizend lag seine künftige Heimath +unter den wehenden Palmen und duftigen Orangenblüthen +dieser Wälder — wie schaukelte sein Canoe +so still und friedlich auf der klaren herrlichen Fluth, +wenn er Abends vom Fischfang heimkehrte — und +welch’ holdes Bild stand in der niedern Thür der +Bambushütte, und winkte ihm mit dem wehenden +Tuch das fröhliche, herzliche Joranna entgegen — +halt! — das waren Schritte — dicht hinter den +Orangenbäumen den Hügel herab — ein leichter +Sprung über den Zaun — er fuhr empor, und an +ihm vorüber schoß mit flüchtigen Schritten die holde +Wirklichkeit seiner schönsten Träume.</p> + +<p>»Sadie!« rief er leise —</p> + +<p>»Ha!« sagte das Mädchen und warf halb scheu +halb erschreckt den Kopf zurück, den die vollen dunklen +Locken heut’ wild umflatterten; als sie aber ihren<span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89">[89]</a></span> +Schützling erblickte färbte wieder jenes dunkle Roth, +das ihrem Antlitz einen so unendlichen Zauber verlieh, +die lieblichen Züge der Maid, und rasch auf ihn +zutretend, reichte sie ihm freundlich und zutraulich die +Hand, die er fest in der seinen hielt, während seine +Blicke mit inniger Lust an den ihrigen hingen.</p> + +<p>Es war aber heute ganz wieder das wilde Kind +wie an jenem Tage, wo sie wie ein zürnender Geist +zwischen Verfolger und Verfolgten getreten. Das +lange Gewand von gestern hatte sie abgeworfen, und +das Schultertuch verrieth mehr von den üppigen Formen +des wunderschönen Mädchens, als es verdeckte; +auch durch die Locken wand sich wieder ein dichter +Kranz duftender Blumen mit einem hochgefärbten +Fern durchflochten, während zwei große weiße Sternblumen +in ihren Ohrläppchen staken, und die feine +Bronzefarbe der Haut nur noch mehr und reizender +hervorhoben.</p> + +<p>»Wo bist Du aber nur so lange geblieben Sadie!« +sagte jetzt René mit leisem fast zärtlichem Vorwurf.</p> + +<p>»Lange geblieben?« lachte aber das wilde Kind — +»lange geblieben? hab’ ich denn überhaupt kommen +wollen? — wunderlicher Mann, wie weißt Du nur +wo ich überall heute Morgen schon gewesen bin — und +<span class="g">Deinetwegen</span> noch dazu« — setzte sie mit leichtem<span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90">[90]</a></span> +Erröthen und halb abgewandtem Gesicht hinzu — +»doch komm,« fuhr sie rasch fort als sie mehr fühlte +als sah daß er etwas darauf erwiedern wolle — »komm +ich habe gute Nachrichten für Dich, und wir wollen +indessen ein wenig zu meinem Lieblingsplätzchen auf +jenen Hügel gehn.«</p> + +<p>»Aber ich habe meine Waffen im Haus gelassen,« +sagte der junge Mann — »ich kann sie rasch holen.«</p> + +<p>»Du brauchst sie nicht mehr, wenigstens für den +Augenblick nicht,« hielt ihn das Mädchen zurück — +»unser Häuptling selber hat mir sein Wort gegeben, +daß Du unbelästigt auf der Insel bleiben sollst, bis +das Schiff wieder kommt und Dich noch einmal zurückfordert +— und selbst dann wird er nicht streng +mit Dir sein, — wenn sie ihn nicht dazu treiben; er +ist ein guter Mann, und nur erst seit Ihr Weißen +uns so viel Sachen herübergebracht habt, ohne die wir +nun einmal nicht mehr glauben leben zu können, ist +seine Habgier geweckt, und er thut Manches, was er +sonst nicht gethan haben würde.«</p> + +<p>»Und bist Du <span class="g">meinetwegen</span> heute Morgen +schon drüben an der andern Seite der Insel gewesen?« +rief René erstaunt, fast erschreckt aus — »Mädchen +da mußt Du ja vor Mitternacht aufgebrochen +und die ganze Zeit gewandert sein, durch Dorn und +Wildniß, mit den zarten Gliedern.«<span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91">[91]</a></span></p> + +<p>»Bah!« lachte das wilde Kind und warf sich mit +rascher Kopfbewegung die Locken um die Schläfe, daß +die losgeschüttelten Blüthen auf ihre Schultern niederfielen +— »ist das der Rede werth? — schon als +kleines Mädchen von vier Jahren hab’ ich den Weg +allein gemacht, und jetzt bin ich funfzehn. — Aber +gestern durft ich ja doch nicht gehn,« setzte sie ernster +hinzu, — »gestern war Sabbath und — ich wollte doch +auch nicht daß Du wie ein Gefangener im Hause +sitzen bleiben solltest. — Doch wir wollen ja hier nicht +stehn bleiben, ich bin müde und will mich setzen — +komm,« sagte sie, und zog ihn nach sich, der Gartenpforte +zu, durch die sie gingen und links davon einen +kleinen Hügel emporstiegen, wohinauf ein ordentlicher +Pfad ausgehauen und geebnet war.</p> + +<p>Es ließ sich kaum ein lieblicheres Plätzchen auf +der weiten Gotteswelt denken als das, wohin das +schöne Mädchen jetzt den jungen Mann führte. — Drei +niedere Palmen, in ihren Kronen fast gleich, überhingen +die kleine Stelle, und zwar so, daß die schattigen +Blätter, weit nach vorn überneigend, die Sonne +auffingen, wenn sie nur wenige Stunden hoch am +Himmel stand — der Boden war mit einem feinen +wohlriechenden Fern bedeckt, der duftende <span class="smcap">anei</span>, wie +reich mit Blüthen geschmückte Büsche bildeten die Rückwand, +und mehre mit Blüthen überstreute und zu<span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92">[92]</a></span> +gleicher Zeit von goldenen Früchten fast niedergebeugte +Orangenbüsche die Seitenwände, während ein breiter +niederer Sitz, mit feingeflochtenen Matten doppelt und +dreifach weich überlegt, mit Bambus gezogener Rücklehne, +die weite freie Aussicht auf das blaue Meer und +die schäumende Brandung der Riffe gewährte.</p> + +<p>René stand lange in schweigender Bewunderung +der reizenden Scene, mit dem schönen Mädchen, das +ihn lächelnd betrachtete, an seiner Seite.</p> + +<p>»Nicht wahr, das ist ein lieblicher Platz hier auf +der kleinen freundlichen Insel?« — sagte sie endlich +leise, als ob sie fürchte das was sein Herz in diesem +Augenblick fühlte, zu unterbrechen.</p> + +<p>»O wunder — wunderschön!« rief René begeistert +ihre Hand ergreifend — »ein Paradies, dem +selbst die Engel nicht fehlen.«</p> + +<p>»Pfui Fremder« — sagte aber das Mädchen ernst +und fast traurig — »Du mußt nicht lästern, während +der liebe Gott das Licht seiner Sonne auf Dich niedergießt +und die Wunder seiner Welt um Dich her +ausgebreitet hat — und Du thust mir auch weh damit, +und ich habe Dir doch Nichts zu leide gethan.«</p> + +<p>»Sadie« — bat der junge Mann, tief ergriffen +von der einfachen, rührenden Natürlichkeit des holden +Kindes.</p> + +<p>»Laß nur gut sein,« sagte sie aber wieder etwas<span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93">[93]</a></span> +freundlicher, »und setze Dich hierher — nein, nicht so +nah zu mir — da in die Ecke — so, und nun sollst +Du mir eine Frage beantworten.«</p> + +<p>Sie sah ihm dabei treuherzig in die Augen, und +wenn sie auch nicht duldete daß er den Arm um sie +legte, ließ sie doch ihre Hand in der seinen ruhen.</p> + +<p>»Und was willst Du fragen Du holdes Lieb?« —</p> + +<p>»Zuerst heiß ich Prudentia, höchstens Sadie — +aber nicht anders — aber ja — wie heißt Du denn +eigentlich?«</p> + +<p>»René!«</p> + +<p>»René das ist ein hübscher kurzer Name, und klingt +nicht so schwerfällig wie die anderen englischen Worte +— René das könnte auch der Mitonare im Haus behalten,« +setzte sie leise hinzu und ein schelmisches Lächeln +blitzte ihr durch die Augen; es war aber auch +im Moment wieder verschwunden.</p> + +<p>»Und was wolltest Du mich fragen, Sadie?«</p> + +<p>Das junge Mädchen wurde in dem Augenblick +recht still und ernsthaft, und sah ihm erst eine ganze +Weile forschend, schweigend in die Augen, als ob sie +dort lesen wolle, wie es selbst in seinem innersten +Herz beschaffen sei. Dann aber schüttelte sie mit dem +Kopf; hatte sie nicht gefunden was sie suchte oder +war sie über sich selbst böse, und sagte jetzt, aber noch +immer keinen Blick dabei von ihm verwendend:<span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94">[94]</a></span></p> + +<p>»Ist es wahr, René daß Du ein <span class="smcap">Ferani</span> bist?«</p> + +<p>»Wenn Du, wie ich glaube, Franzose darunter +verstehst — ja,« erwiederte René offen aber auch halb +erstaunt über den tiefen Ernst dieser doch gewiß höchst +gleichgültigen Frage. —</p> + +<p>»Und bist Du ein Christ?« frug das Mädchen +ängstlich.</p> + +<p>René konnte ein Lächeln kaum verbergen, er erinnerte +sich aber auch zugleich der Fragen des kleinen +Mitonares und sagte kopfschüttelnd:</p> + +<p>»Liebes Kind wer hat Euch solch tolle Grillen +hier in den Kopf gesetzt, daß die Franzosen keine Christen +wären? — gewiß sind wir Christen, wenn Dich +das beruhigen kann.«</p> + +<p>»Aber habt Ihr nicht heidnische Gebräuche bei +Euerer Religion?« frug ihn das Mädchen jetzt dringender.</p> + +<p>»Aber Du gutes Kind,« bat sie René, »sage mir +nur —«</p> + +<p>»O bitte, bitte beantworte mir meine Frage treu +und wahr,« unterbrach ihn aber, in fast ängstlicher +Hast das schöne Mädchen — »ich will Dir dann auch +mit Freuden jeder Frage Rede stehen.«</p> + +<p>»Nun gut denn Sadie, Dich zu beruhigen will +ich Dir jeden Aufschluß geben, der nur in meinen +Kräften steht. Der größte Theil der Franzosen, Ita<span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95">[95]</a></span>liener, +Spanier, Portugiesen, des südlichen Deutschlands, +wie überhaupt fast aller südlich gelegener Völker +des Welttheils von dem wir Weißen abstammen, +und von woher wir meist herüberkommen, sind <span class="g">katholische</span> +— die nördlicher gelegenen Völker, aber +auch wieder mit gewaltigen Ausnahmen, und noch bei +Weitem die geringere Zahl — <span class="g">protestantische</span> Christen. +Wir haben jedoch <span class="g">einen</span> Gott und <span class="g">einen</span> Heiland, +Jesus Christus; nur in den gleichgültigeren +Gebräuchen unterscheiden wir uns von einander — +die protestantischen Priester halten zum Beispiel die +<span class="g">schwarze</span> Farbe für unumgänglich nothwendig zu +ihrem Ornat — die katholischen nehmen andere. Wir +haben auch — und ich glaube es ist besonders das, +was Dir am Herzen liegt — in den Tempeln unseres +Gottes die Bilder frommer Männer und Frauen aufgestellt, +die in alten Zeiten gelebt haben und für ihren +Glauben, wie der Heiland selber, gestorben sind +— nicht aber als Götter, sondern nur als heilige +Menschen, deren Vorbild uns anfeuern soll ihnen +nachzuahmen. Wir glauben daß diese, durch ihren +frommen Wandel zu Gottes Herrlichkeit eingegangen +sind, und wenn die Katholiken zu ihnen beten, so geschieht +es nicht etwa weil sie glaubten es seien dies +selber göttliche Wesen, sondern nur um sie um ihre +Fürsprache am Throne des Höchsten zu bitten. <span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96">[96]</a></span>—</p> + +<p>»Ich bin der Herr Dein Gott, Du sollst nicht andre +Götter haben neben mir« ist ein Gesetz, das für uns +Katholiken so gut Gültigkeit hat, als für die Protestanten.«</p> + +<p>»Aber Ihr theilt kleine Götzenbilder aus und +brennt vor Eueren Bildern Weihrauch und Kerzen,« +sagte das Mädchen und René sah wie sie mit fast +peinlicher Spannung der Antwort auf diese Frage +harrte.</p> + +<p>»Die Priester, mein holdes Kind,« sagte René +lächelnd, »theilen unter ihre Beichtkinder, wie sie solche +nennen die unter ihrer geistlichen Fürsorge stehn — +kleine Bilder der Jungfrau Maria, des Gekreuzigten +oder selbst jener guten, später heilig gesprochenen Menschen +aus, damit diese die Aufmerksamkeit ihrer Pflegbefohlenen +von weltlichen Dingen ablenken und auf +das Heil ihrer eigenen Seelen richten sollen — nicht +um sie anzubeten.«</p> + +<p>»Und der Weihrauch? — die Kerzen?« frug das +Mädchen immer noch besorgt.</p> + +<p>»Selbst das findet wohl eine sehr natürliche Auslegung,« +erwiederte René gutmüthig — »jeder vernünftige +Mensch weiß, daß solche Sachen gerade nicht +nöthig sind zu seinem Gott zu beten, aber gar Viele +wollen auch durch etwas Aeußeres daran gemahnt +sein, daß sie in dem Hause des Herrn, in der Nähe<span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97">[97]</a></span> +ihres Schöpfers stehn, ihre Gedanken ganz von jedem +andern fremden, weltlichen Gegenstand abzulenken.«</p> + +<p>»Und die Processionen die Ihr haltet — den Ablaß +den Ihr um Geld für Euere Sünden bekommt?« +sagte das Mädchen wieder und verwandte keinen Blick +von seinen Augen.</p> + +<p>René kam in Verlegenheit; er hatte in seinem +ganzen Leben — wenigstens seit er die Schule verlassen +— noch nicht soviel über die Gebräuche und +den Geist seiner eignen Religion nachgedacht, als heute +morgen. Er hing dabei viel zu wenig selber an diesen +Gebräuchen, sich zu einer warmen Vertheidigung +derselben berufen zu fühlen, sah aber auch recht gut +ein, daß die Protestantischen Missionaire seine Religion, +die sich von Tahiti aus zu verbreiten drohte, +oder die auf den Inseln einzuführen von seinen Landsleuten +wenigstens schon der Versuch gemacht war, mit +den schwärzesten Farben geschildert hätten.</p> + +<p>»Und die Processionen die Ihr haltet — den Ablaß +den Ihr um Geld für Eure Sünden bekommt?« +wiederholte dringend das holde Mädchen, und legte +ihre Hand auf seinen Arm.</p> + +<p>René schüttelte lächelnd mit dem Kopf.</p> + +<p>»Sie haben sich große Mühe gegeben Sadie,« +sagte er endlich, »Dir den Glauben so vieler Tausende +in ihrem eignen Vaterlande von der schlimmsten Seite<span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98">[98]</a></span> +zu schildern — und schon das allein wäre nicht christlich, +denn mir ist es fast, als ob sie vergessen hätten +auch der <span class="g">guten</span> Seiten zu erwähnen, die doch gewiß +eine jede Sache hat, also auch wohl eine Religion, +in deren Glauben Millionen Menschen glücklich gelebt +haben — und noch leben. Die Processionen sind +Dir gewiß als etwas sehr Entsetzliches beschrieben, +und es ist doch gewiß eine harmlose Sache, die übrigens, +wie ich gar nicht läugnen will, und meiner Meinung +nach auch vielleicht wegfallen dürfte. Sie sind +aber von den Priestern eingesetzt, und gehst Du <span class="g">Allem</span> +nach, mein Lieb, was die Priester einsetzen oder +anordnen, so wirst Du wohl Manches finden, worüber +Du Dir auch keine Rechenschaft geben kannst — +seien es nun protestantische oder katholische — oder +glaubst <span class="g">Du</span> daß <span class="g">Alles</span>, was die Priester thun, von +Gott selber anbefohlen ist?«</p> + +<p>»Ach Gott, ich weiß das ja nicht,« sagte das +junge Mädchen mit recht trauriger bewegter Stimme.</p> + +<p>»Und was den Ablaß betrifft, mein Herz,« fuhr +René fort, ihre Hand wieder ergreifend, »so hat der +wohl Manches gegen, aber auch Vieles für sich. Gott +wird uns als ein allbarmherziges Wesen geschildert +— als den allliebenden Vater denken wir uns ihn +ja — sollen wir da glauben daß er dem schwachen +Menschenkinde das da sündigt, auf immer zürnt, und<span class="pagenum"><a name="Page_99" id="Page_99">[99]</a></span> +ist es nicht besser wir können, wenn wir über einen +begangenen Fehler Reue fühlen, glauben daß uns +Gott verziehen hat, in seiner unendlichen väterlichen +Huld, und wir nun wieder, mit frohem, leichtem Herzen +ein neues Leben beginnen dürfen, als daß wir +uns Gott als einen ewig zürnenden Richter denken, +der sogar ungerecht bis hinab in’s dritte, vierte, ja +zehnte Glied straft und richtet? — Nein Sadie — dieser +Glaube mag oft durch böswillige oder eigennützige +Geistliche gemißbraucht sein, ich will das nicht +leugnen, aber es ist immer kein <span class="g">Götzen</span>dienst, und +wer Dir das gesagt hat, mag es vielleicht recht gut +gemeint haben, aber er übertrieb die Sache. — War +es Dein Pflegevater, Sadie?«</p> + +<p>»Nein,« sagte das junge Mädchen, leise und nachdenklich +mit dem Kopf schüttelnd — »mein Pflegevater +ist nicht so streng und ernst, und er hat mir oft +gesagt, daß unter den Franzosen auch gewiß recht viel +brave und gute Menschen wären, vielleicht ebensoviel +wie unter den Engländern, nur daß ihre Religion +nicht die rechte sei, und das sie noch viele Mißbräuche +duldeten.«</p> + +<p>»Und wer hat Dir denn all die schrecklichen Geschichten +von uns erzählt, mein Lieb,« lächelte René — »in +Deinem eigenen Köpfchen sind sie doch wahrlich +nicht entsprungen.«<span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100">[100]</a></span></p> + +<p>»Nein,« sagte das Mädchen treuherzig — »aber +auf Tahiti wohnt ein frommer, ernster, strenger Mann — der +kommt des Jahres wohl ein- oder zweimal +auf unsere Insel herüber und predigt hier — wir +fürchten uns aber alle vor ihm, denn wir dürfen dann +keine Blumen in den Haaren tragen, und nicht lachen +und fröhlich sein, und er macht uns das Herz dabei +auch so schwer, daß wir wenn er schon selbst Wochen +lang fort ist, immer noch an die entsetzlichen Strafen +denken müssen die uns, selbst nach leichtem Vergehen, +in der Ewigkeit erwarten. — Oh er ist gar so finster, +aber auch sehr fromm und er besonders hat uns vor +Deiner Religion gewarnt, und uns mit ewiger Verdammniß +gedroht, so Eines der falschen Lehre lauschen +würde — und Du bist auch Katholik; René?«</p> + +<p>»Ich gehöre allerdings zu jenen Entsetzlichen,« +sagte René fast scherzend, als er aber den schmerzlichen +Zug um des lieben Kindes Mund gewahrte setzte er +rasch hinzu — »aber fürchte nicht für mich, Du treues +Herz — ich selber hänge nicht an jenen Gebräuchen, +obgleich sie unsere Kirche verlangt, wenn ich sie auch +nicht für so gefährlich halte, als Deine Priester Dich +gelehrt haben.«</p> + +<p>»Ach das beruhigt mich recht, René,« sagte die +Maid, und preßte die Hand auf das Herz, als ob +sie da alles niederdrücken wolle, was ihr jetzt Gram<span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101">[101]</a></span> +und Kummer machen wolle — »und Vater Osborne +sagt ja auch daß Gott so gut — so unendlich gut sei +und die Menschen Alle wie seine Kinder liebe — würde +er dann da so hart und grausam strafen können? — lieber +Gott,« setzte sie mit recht treuherziger bewegter +Stimme hinzu — »ich möchte ja nicht einmal ein +fremdes armes Kind für ein wenig Muthwillen hart +strafen — vielweniger denn mein eigenes.«</p> + +<p>»Und glaubst Du, Sadie, daß Euch Gott ein +<span class="g">Paradies</span> zum Aufenthalt gegeben und Euere Wohnungen +weit weit von dem Verkehr habgieriger schlechter +Menschen gelegt hätte, wo sie Jahrhunderte lang +die Einfachheit ihrer Sitten und ihr Glück bewahrten, +zürnte er auf Euch und wolle Euch strafen für den +falschen Glauben? — Sieh mein Mädchen,« fuhr er +bewegter fort, als er sah wie sie ihm still und aufmerksam +in’s Auge schaute — »weit über die Welt +zerstreut liegen noch viele viele Länder, die viel hundert +Mal größer sind als alle diese Inseln — und +auf ihnen wohnen Menschen, verschieden an Farbe, +an Körperbau, an Sprache und an Religion — Millionen +sind Christen, Millionen Muhamedaner, Millionen +was wir Heiden nennen, das heißt sie haben +sich ihre Götter selber gebildet und feiern Gebräuche +die wir nicht verstehen oder nicht anerkennen, aber sie +leben <span class="g">alle</span> glücklich — gleich von Gottes Sonne<span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102">[102]</a></span> +beschienen und seiner Hand gehalten, glücklich in ihren +Familien und ihrem bürgerlichen Treiben: — haben +sie dann und wann Kriege untereinander so können +sie kaum je soviel Blut vergießen, als die Christen +schon unter sich des Glaubens wegen vergossen haben, +und tausende von Jahren haben sie so, rund um die +Grenzen christlicher Völker gelebt, und Gott zürnt +ihnen nicht. Gott, meine Sadie, beurtheilt und straft +oder belohnt die Menschen nach ihren Handlungen, +nicht nach ihrem Glauben, — ihm ist der Gegenstand +gleich, zu dem sich das Herz wandte, wenn das Herz +selber treu und rein und seiner Liebe voll war. Da +hast Du <span class="g">meine</span> Religion — ich glaube jede böse +Handlung trägt auch zugleich ihre Strafe in sich +selbst — unser Gewissen ist der strengste, unerbittlichste +Richter, mit dem wir am allerschwersten fertig +werden können, und wirft uns das nichts Böses vor, +dann können wir auch getrost dem blauen Himmel +da droben in’s Auge schauen. Aber herziges Kind, laß +uns mit den trüben ernsten Gesprächen aufhören, ich +bin ja kein Missionair, der über solche Sachen Stunden +lang reden kann, und möchte es wahrhaftig am +wenigsten unternehmen, weder die katholische noch +protestantische Religion zu vertheidigen, und Alles +was darin an Gebräuchen ist, zu rechtfertigen. — Mit +Allem was die Natur an Reichthum und Herrlichkeit<span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103">[103]</a></span> +bieten kann hier ausgestattet, was sollen uns da solche +traurige Gedanken quälen.«</p> + +<p>»O Sadie, ich bin in meinem Leben noch nicht +so glücklich gewesen, als in diesem Augenblick — mir +ist es, als ob erst jetzt, an Deiner Seite, der dunkle +Schleier gehoben wäre, der bis dahin vor meinem +künftigen Leben in düsterer Nacht gelegen. Rastlos, +und von einem innern Drang getrieben, dem ich keinen +Namen zu geben wußte, jagte es mich in der +Welt umher — die Afrikanischen Wüsten und Canadischen +Wälder konnten die Sehnsucht nicht befriedigen +die mich weiter und weiter drängte; als Soldat +zog ich in die Raubstaaten der Algierer — umsonst — als +Jäger in die Felsengebirge Amerikas — umsonst — selbst +die See versuchte ich, und in den Eismeeren +des Nordens glaubt’ ich vielleicht den Punkt +zu finden, der mir nicht Rast noch Ruhe ließ. Aber +wie Spott klang es mir überall entgegen, und das +rohe widerliche Wesen meiner letzten Umgebung zwang +mich endlich auch zu dem letzten entscheidenden Schritt, +die mir unerträglich gewordenen Fesseln abzuschütteln — oder +darüber zu Grunde zu gehen. Da fand ich +Dich, Sadie — und ich fühle nun — o mit jubelnder +Stimme hallt es in meinem Herzen wieder, daß +Du bis jetzt, Sadie das nur geahnte, aber so heiß ersehnte +Ziel gewesen, dem meine Seele entgegenstrebte.<span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104">[104]</a></span> +Werde mein Weib — laß uns auf dieser freundlichen +Insel, fern von den Sorgen, dem gefühllosen Treiben +der Welt, unsre Heimath gründen. — Tief im +Laub dieser Palmen versteckt, von diesem lachenden +Himmel überspannt, von diesen blauen Wogen umspült, +an Deiner Seite, Sadie, und die Welt, die +mir bis jetzt nur eine kalte freudlose Straße gewesen, +meinen Wanderstab darauf zu setzen, würde mir zum +Himmel.«</p> + +<p>Er hatte ihre rechte Hand, die sie ihm willenlos +überließ, leidenschaftlich in seine beiden Hände gefaßt, +und schaute mit leuchtenden Blicken und hochgerötheten +Wangen dem jungen schönen Mädchen bittend +in’s Angesicht.</p> + +<p>Sadie saß mit klopfendem Herzen und niedergeschlagenen +Augen neben ihm — — sie war recht ernst, +ja fast traurig geworden, und schaute lange sinnend +vor sich nieder — endlich blickte sie wieder zu ihm +auf, sah ihn mit den treuen, in einer Thräne schwimmenden +Augen an, und sagte mit leiser, kaum hörbarer, +wie furchtsamer Stimme:</p> + +<p>»Und wenn Du wieder fortgingst von mir?«</p> + +<p>»Nie — nie — Sadie!« rief René leidenschaftlich +und preßte, sie an sich ziehend, einen heißen, glühenden +Kuß auf ihre Lippen. Sie duldete den Kuß,<span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105">[105]</a></span> +ohne ihn zu erwiedern, dann aber sich langsam seinem +Arm entziehend sagte sie leise:</p> + +<p>»Willst Du mir etwas versprechen, René?«</p> + +<p>»Alles, Sadie, was in meinen Kräften steht,« +rief René die Hand nicht lassend, die er noch in der +seinen hielt.</p> + +<p>»Dann versprich mir,« flüsterte das schöne, jetzt +tief erröthende Mädchen, »daß Du davon nicht wieder +mit mir reden willst, bis mein Vater, der Missionair +zurückgekehrt ist, und« — ihre Stimme war +so leise geworden, daß er die Worte kaum verstehen +konnte — »mich auch bis dahin nicht wieder küssen +willst.«</p> + +<p>»Sadie!« —</p> + +<p>»Versprich mir das — nicht wahr Du sagst es +mir zu?« bat sie dann und schaute ihm dabei so lieb +und unschuldsvoll in die Augen, daß er ein Heiligenbild +zu erblicken glaubte.</p> + +<p>»Wie könnte ich Dir die erste Bitte abschlagen +Sadie« — sagte er mit tiefem Gefühl.</p> + +<p>Da floh der fast traurige Ernst von den Zügen +des Mädchens, wie die Sonne aus trüben Wolken +plötzlich über grüne wogende Saatfelder bricht, so +überflog ein frohes Lächeln die engelschönen Züge.</p> + +<p>»Das ist gut von Dir,« sagte sie mit inniger +Herzlichkeit — »das ist recht gut von Dir, nun können<span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106">[106]</a></span> +wir ja auch zusammen durch unsere Berge wandeln, +und Abends auf dem stillen blauen Wasser fahren, +wo unten die tausend kleinen bunten Fischchen zwischen +den Corallenbüschen spielen und sich haschen — sonst +hätte ich mich ja vor Dir verstecken müssen« — setzte +sie treuherzig hinzu. »Und nun komm mein +Freund — Mitonare steht schon da unten vor seiner +Thür und schaut sich überall nach uns um, er hat +Dein Mahl bereitet was Du nicht im Stich lassen +darfst, und gegen Abend komm ich und hole Dich ab.«</p> + +<p>»Und jetzt willst Du mich verlassen Sadie?« bat +René.</p> + +<p>»Du mußt Dich jetzt schon ein Bischen mit Mitonare +unterhalten,« lächelte das junge Mädchen +neckisch, »ich kann Dir nicht helfen — wir sind aber +dann den ganzen Abend zusammen,« setzte sie tröstend +hinzu und als ob sie trotz dem Versprechen einen vielleicht +zu zärtlichen Abschied fürchte, glitt sie wie ein +Reh durch die Seitenbüsche dieser natürlichen Laube, +und war im nächsten Moment im Dickicht verschwunden.</p> + +<p>René, das Herz voll und überglücklich, saß noch +eine lange Zeit an diesem wunderlieblichen Platz, der +ihm durch das neue und so gewaltig in seinem Herzen +aufgekeimte Gefühl förmlich heilig geworden war — er +hatte ganz daran vergessen daß der kleine Mis<span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107">[107]</a></span>sionair +mit dem Essen auf ihn warte. Destomehr +dachte dieser aber daran, und als der fremde Wi—wi, +wie er ihn jetzt immer schmunzelnd nannte, gar nicht +kommen wollte, schickte er seine ganze Schule nach +allen Richtungen auf Kundschaft aus, und René fand +sich bald von drei oder vier jungen nackten Burschen +aufgetrieben, die ihm lachend und schreiend eine Masse +Zeug vorplauderten von dem er keine Sylbe verstand. +Nur das dann und wann wiederkehrende Wort <span class="smcap">Mitonare</span> +rief ihm seinen kleinen freundlichen Wirth in’s +Gedächtniß zurück, und er folgte der munteren Schaar, +die, rasch zutraulich geworden, ihn umsprang und umjubelte.</p> + +<p>Dem kleinen Mitonare schien übrigens ein Stein +vom Herzen zu fallen, als er seinen so heiß ersehnten +Gast erblickte, und er versicherte ihm, er habe schon eine +volle Stunde mit Schmerzen auf ihn gewartet, indeß +das Essen wahrscheinlich kalt geworden und verdorben +wäre.</p> + +<p>Mitonare war aber viel zu gutmüthig böse zu +werden, und als René nur tüchtig zulangte, und erst +mit ihm scherzte und lachte, hatte er an ihm seinen +Mann gefunden; er nannte René den besten Wi—wi +den er je gesehn habe, und das wolle viel sagen, denn +er sei schon einmal auf Tahiti gewesen, wo sie wild +herumliefen, und erzählte ihm nun die tollsten Ge<span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108">[108]</a></span>schichten +aus der alten fröhlichen Heidenzeit — wie +sie’s hier gehalten und getrieben hätten — natürlich +damals, wie er nie vergaß hinzuzusetzen, als wir +noch entsetzliche Sünder waren. — Auch auf religiöse +Gegenstände kam er ein paar Mal wieder zu +sprechen, obgleich die René, so gut das eben gehen +wollte, abzulenken suchte. Am meisten schmerzte es +ihn daß sein Vater in der Hölle sein mußte, denn +der war, obgleich ihm die Missionaire damals sehr +zugesetzt, ein hartnäckiger Heide geblieben; aus seinem +Großvater schien er sich weniger zu machen.</p> + +<p>René gewann übrigens bald sein ganzes Vertrauen, +er zeigte ihm seine Schreibbücher und Rechenexempel, +ja sogar sein allerheiligstes, das wichtigste +Dokument seines Lebens — ein Diplom was ihm +von der Missionsgesellschaft in <span class="smcap">O-no</span> — wahrscheinlich +London — ausgestellt war, und ihn hier als +wirklichen »Prediger in der Wüste« anerkannte.</p> + +<p>Dicht neben dem Diplom lag, in der kleinen +Schieblade zu der er René geführt hatte, auch ein +schmales, nicht sehr langes aber zierlich gearbeitetes +Kästchen aus Sandelholz, das er aber, als René’s +Auge darauf fiel, rasch bei Seite zu schieben und mit +daneben liegenden Papieren zu bedeckten suchte. Dadurch +wurde aber des jungen Franzosen Neugierde +rege gemacht, der es sonst vielleicht gar nicht beachtet<span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109">[109]</a></span> +hätte, und er drang nun darauf daß er ihm zeige +was so Geheimnißvolles darin verborgen sei.</p> + +<p>Mitonare wollte erst gar nicht mit der Sprache +heraus, endlich aber nahm er das Kästchen vor, hielt +es noch eine ganze Zeit lang in der Hand während +sein Auge fast mit einem Ausdruck von Anhänglichkeit +darauf ruhte — und dann kam die ganze Geschichte +heraus.</p> + +<p>Mitonare war in früherer Zeit — als er noch im +blinden entsetzlichen Heidenthum gelebt — ein vortrefflicher +und in der That der Haupttättowirer der +Insel gewesen, und dies Kästchen enthielt seine damaligen +Werkzeuge die er jetzt allerdings nicht mehr +gebrauchte — denn »<span class="smcap">bodder Au-e</span>« von Tahiti hatte +ihm die Augen geöffnet zu was diese abgöttischen +heidnischen Gebräuche führten — aber doch gewissermaßen +noch als eine Art Reliquie, von der er sich gewiß +sehr schwer hätte trennen mögen, aufbewahrte. —</p> + +<p>Trotz dem freilich, daß der kleine Mann Alles +aufbot seinen Gast zu unterhalten, wäre diesem doch +wohl die Zeit zuletzt gar lang geworden, denn er +sehnte sich nach weit lieberer Gesellschaft; Sadie ließ +ihn aber auch nicht so lange warten, und die Sonne +war noch mehre Stunden hoch, als sie zu ihnen in +die Thür trat. — Doch es war nicht dieselbe Sadie +von heute Morgen, als sie leicht geschürzt, das Schul<span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110">[110]</a></span>tertuch +um den nackten Oberkörper flatternd, mit wild +tanzenden Locken, hochgerötheten Wangen und blitzenden +Augen aus dem Dickicht sprang. Das leichte +Schultertuch hatte sie mit dem langen, mehr Europäischen +Sonntagsgewand vertauscht, und wenn auch +ihren Zügen dasselbe liebe Lächeln geblieben war, +schien sie doch in den wenigen Stunden ernster, gesetzter, +ja älter geworden zu sein.</p> + +<p>Fast schüchtern reichte sie dem jungen Mann die +Hand, und sie gingen, als sie bald darauf das Haus +verließen, wohl eine ganze Weile schweigend neben +einander her. Das verlor sich aber bald, René’s leichter +Sinn ließ ihn nur sein Glück, die Seligkeit des +jetzigen Augenblicks fühlen und Sadie, als sie sah +daß er sein Versprechen von heute Morgen hielt, verlor +bald gleichfalls jede Scheu, jedes ängstliche, sie +beengende Gefühl, und war, als sie kaum den dunklen +Schatten des Waldes betreten hatten, ganz wieder +das fröhliche Kind wie früher. — Sie scherzte und +lachte, erzählte dem Freunde tausend drollige Geschichten, +beschrieb ihm ihre früheren Tänze und Gebräuche, +auch das schöne Tahiti drüben, wo ihre Eltern gewohnt, +und wo jetzt fremde Menschen Haß und Feindschaft +gesäet um Gottes Willen, und führte ihn dabei +einen schmalen Pfad entlang, unter überhängenden +Cocospalmen hin, und durch fruchtbedeckte Guia<span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111">[111]</a></span>ven, +Orangen und Brodfruchtbäumen nach einem anderen +kleinen Grundstück, das zu einer Art Gemüsegarten +eingerichtet schien, aber auch mit einer Masse +Fruchtbäumen, wie <span class="smcap">tappotappos</span>, Kaffee, Zuckerrohr, +Bananen und anderen bepflanzt war.</p> + +<p>Mit der unbedeutensten Arbeit gab die Erde hier +das Hundertfache des ihr anvertrauten Samens zurück, +und René glaubte in seinem Leben kein schöneres, +herrlicheres Land gesehn zu haben, als diese kleine +Insel. O wie gern hätte er jetzt zu dem Mädchen +von ihrer künftigen Heimath gesprochen, aber als ob +sie fühlte daß solche Gedanken in ihm aufsteigen möchten +lenkte sie ihn rasch und geschickt wieder davon ab, +zeigte ihm und pflückte für ihn die verschiedenen saftigen +Früchte und führte ihn zuletzt an den Strand hinunter, +wo in einer natürlichen kleinen Bai ein schmales +langes Canoe lag. Dies bestiegen sie und fuhren +hinaus in das spiegelglatte und cristallhelle Binnenwasser, +das durch die außenherumlaufenden Riffe vor +jeder eindringenden See geschützt wird, und so still +und friedlich in nie gestörter Ruhe liegt, als diese +schönen Inseln bis jetzt selber im weiten Ocean lagen.</p> + +<p>René hatte früher noch nie die Bildung dieser +Corallenbäume, tief unter dem klaren Wasser, gesehn, +und er traute seinen Augen kaum als sich an mehren +Stellen, zu denen ihn Sadie jetzt selber hinruderte,<span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112">[112]</a></span> +in Farbenspiel und Form eine ganz neue nie geahnte +Welt vor ihm eröffnete. Er konnte sich nicht satt +sehn an den, mit Zauberschnelle wechselnden Gruppen +und Bildern und Sadie hatte eine ordentlich +kindische Freude darüber, daß es ihm so gefiel hier +draußen an den Stellen, die auch ihr Lieblingsaufenthalt +waren.</p> + +<p>»Nun Dir das so gefällt,« sagte sie endlich lächelnd, +»will ich Dich auch zu meinem Corallengarten +bringen, und Dir meine kleinen Gold- und Silberfischchen +zeigen; die darfst Du mir aber nicht scheu +machen mit der Hand oder dem Ruder, denn es sind +gar furchtsame kleine Dinger.« Und während sie noch +sprach lenkte sie das Canoe weiter den Riffen zu, über +die tiefe, dunkelblau daliegende Seitenfahrt, in der +selbst große Boote die ganze Insel umsegeln konnten, +wieder in flacheres Wasser hinein, wo dunkelbraune +und röthlich graue Corallenbäume an vielen Stellen +selbst bis zur Oberfläche des Wassers emporragten, +und dann wieder, von dünnen, feineren Zweigen und +Armen durchwachsen, verhältnißmäßig tiefere Stellen +zwischen sich ließen, oder umgaben.</p> + +<p>Ueberall wimmelte es hier von kleinen blauen, +gelben, weißen, rothen, gestreiften und gefleckten Fischchen; +in Schaaren und einzeln schwammen sie herum, +oft als ob ein Blitz zwischen sie eingeschlagen hätte,<span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113">[113]</a></span> +auseinanderschießend, wenn sie irgendwo nur Gefahr +zu entdecken glaubten, aber dann auch gleich wieder, +wie über ihre ungegründete Furcht beschämt, sich sammelnd +und die erst unterbrochenen Spiele auf’s Neue +beginnend.</p> + +<p>René wollte hier mit dem Canoe kurze Zeit still +liegen, dem wunderlichen Treiben da unten zuzuschauen, +aber Sadie ließ ihn nicht — »nur noch kurze +Strecke,« bat sie, »dann sollst Du Dich satt sehn, an +all den Herrlichkeiten der Tiefe.« Und das Ruder +stärker einsetzend, trieb sie das leichte Fahrzeug rasch +durch die, vorn am Bug leicht aufkräußende Fluth +einer Stelle zu, wo ein starker Corallenzweig eben über +die Oberfläche des Wassers vorragte. Hier hielt sie +plötzlich gegen und den Zweig erfassend, rief sie René +zu, den Stein der vorn, an einem Bastseil befestigt, im +Bug liege hier hinaus und oben auf die Coralle zu +werfen. René that dies, und sie brachten dadurch das +Canoe förmlich vor Anker, das nun mit der schwachen +Strömung, soweit es das Bastseil gestattete, still liegen +blieb. Eine kleine Weile konnte René aber noch +Nichts unter sich erkennen; das Wasser war noch nicht +ruhig genug, und die kleine Fischwelt da unten, durch +das plötzliche Erscheinen des Bootes gestört worden. +Sadie legte aber den Finger auf die Lippen und sie +sahen wohl eine halbe Minute schweigend nieder.<span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114">[114]</a></span></p> + +<p>Die Corallenbäume schienen hier einen förmlichen, +vollkommen dichten Kranz zu bilden, der von unten +aufsteigend, erst nach außen ein wenig abneigte und +gerade in die Höhe, an manchen Stellen bis selbst +zur Oberfläche des Wassers emporreichte. Der innere +Raum mochte vielleicht zwanzig Fuß im Durchmesser +haben, und das Ganze glich fast einer aufgebrochenen +Riesenblume, die aus ihrem innersten Kelch bunte +zackige Fasern aufschickte.</p> + +<p>Aber die Blume lebte — hier und da, tief unten +aus dem Kelch heraus, kamen ein paar kleine Fischchen +aufgeschossen als, wenn sie recognosciren wollten +ob die Gefahr vorüber sei — das dunkle Canoe das +mit seinem Schatten auf dem Wasser lag, machte sie +vielleicht noch mistrauisch — aber nicht lange mehr +— sie verschwanden wieder, und gleich darauf quoll +es aus allen Winkelchen und Spalten herauf in Schaaren +und Massen — alle Farben wild und bunt durcheinander, +auf und nieder fahrend, herüber und hinüber +schießend.</p> + +<p>»<span class="smcap">Eita, eita!</span>« rief da Sadie — »<span class="smcap">iti iti iti</span>« — +und zu gleicher Zeit warf sie kleine Krumen indessen +zerbröckelter Brodfrucht auf die Oberfläche des Wassers. +Im Nu lebte dies, von allen Seiten schossen +sie herauf, fünf sechs manchmal eine etwas größere +Krume fassend und damit niedertauchend, andere an<span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115">[115]</a></span> +einem etwas zu großen Stück herumstoßend, ohne im +Stande zu sein es zu bewältigen, und wieder andere +sich mit dem kleinsten begnügend und wohl dabei +fahrend.</p> + +<p>Mit der wiederkehrenden Ruhe waren aber auch, +und zugleich mit den kleinen wunderniedlichen Bewohnern +dieses eigenthümlichen Aufenthalts, dessen +Feinde zurückgekehrt. — Zwei große dunkelbraune +Fische, mit breiten Mäulern und tückisch blitzenden +Augen, wohl ganze zwölf Zoll lang, für die kaum +zierlichen Dinger aber natürlich entsetzliche Ungeheuer, +kamen an den äußeren Rand der Blume, deren Spalten +zu schmal waren sie durchzulassen, obgleich sie den +schlankeren Inwohnern freien Aus- und Einlaß genügend +gewährten, und schauten mit sehnsüchtigen +Blicken nach den dichtgedrängten Schaaren solch delikater +Leckerbissen hinüber. Die kleinen Dinger schienen +aber recht gut zu wissen daß ihnen der Feind hier +im Innern nichts anhaben könne, ausgenommen er +kam von oben herein, und dann waren sie auch wie +der Blitz in ihren Schlupfwinkeln.</p> + +<p>Manchmal wagte sich auch, selbst dicht unter oder +über den Feinden, ein leichtsinniges Fischchen hinaus +in’s Freie, gerade als ob es das Ungeheuer verhöhnen +wolle, ehe dieses aber nur im Stande war sich +nach ihm umzuwenden, obgleich das oft rasch genug<span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116">[116]</a></span> +ging, war jenes schon wieder zwischen den zackigen +Pallisaden hineingeschlüpft, und erzählte nun wahrscheinlich +den anderen da drinnen seine Heldenthaten.</p> + +<p>So trieben sie hier draußen, in den Wundern +dieser für René jedenfalls neuen, fast zauberhaften +Welt, bis die Sonne groß und glühend in das Meer +tauchte und Stern nach Stern am reinen Himmel +auffunkelte, und Sadie erzählte dem ihr gegenübersitzenden +Freund von dem stillen Frieden dieses +Landes und dem glücklichen Leben das die Bewohner +desselben führen könnten — wären nicht oft böse Menschen +da, die sie störten und kränkten, und Leidenschaften +in ihnen weckten, die ihnen in früheren Zeiten +fremd gewesen.</p> + +<p>René hätte die Nacht hindurch diesen lieben weichen +Tönen lauschen mögen, aber das Mädchen lenkte +endlich, trotz seinen Bitten noch nicht heimzukehren, +das Canoe zum Lande zurück, und jetzt zwar gerade +der Wohnung des kleinen Mitonare zu, der sie schon +am Ufer empfing und sie etwas ungeduldig erwartet +zu haben schien. Er that auch an Sadie mehre Fragen +in ihrer Sprache, die das Blut in ihre Wangen +trieben, aber sie antwortete ihm endlich lächelnd darauf +und verschwand wieder wie gestern mit einem freundlichen +Kopfnicken gegen René.</p> + +<p>Dem kleinen Mitonare schien aber heute Abend<span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117">[117]</a></span> +eine Menge im Kopf herumzugehen. — Beim Abendbrod, +das sie sehr frugal aus etwas Brodfrucht und +Cocosmilch und einigen Bananen hielten, war er einsylbig +und sah René immer, wenn er sich unbeobachtet +glaubte, von der Seite an; nach dem Essen aber, +und als gerade der Mond draußen über die das Haus +umgebenden Palmen aufstieg, faßte er den jungen +Mann bei dem Arm, führte ihn hinaus an den Strand +unter einen stattlichen Tuituinuß-Baum und nahm +ihn hier, durch ein wenig Aufregung im noch mehr +gemißhandelten Englisch als gewöhnlich, in’s Gebet. +René mußte tüchtig aufpassen daß er den Zusammenhang +verstand, denn sich an einzelne Worte zu halten +hatte er lange aufgegeben, der Name <span class="smcap">Pu-de-ni-a</span> +der aber mehrfach vorkam, ließ ihn wohl ahnen was +der kleine Mann eigentlich meinte, und er wollte ihm +jetzt, über das ganze Verhältniß zu dem Mädchen +klaren und offenen Aufschluß geben; er hatte ja Nichts +weshalb er sich zu schämen brauchte, hätte ihn eben +der kleine Mitonare nur zu Worte kommen lassen. +Sowie er aber nur den Mund aufthat rief dieser ihm +sein verhinderndes <span class="smcap">aita aita</span> dazwischen und redete +dann nur noch lauter und heftiger, und er mußte ihn +jetzt wohl schon gewähren lassen, bis er es von selber +müde werden würde.</p> + +<p>»Weißer Mann,« sagte indessen der kleine Mito<span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118">[118]</a></span>nare, +aber wenigstens die Hälfte seiner Rede im Tahitischen +oder doch solchen Worten die recht gut tahitisch +sein konnten — »weißer Mann kommt her und +findet Brodfrucht und Fleisch und Bananen und Cocosnüsse, +Yam und Kartoffeln, und Mitonare ist +freundlich mit ihm; zeigt ihm Diplom und andere +Sachen, und thut gar nicht als ob Fremder <span class="smcap">Ferani</span> +wäre und an keinen Gott glaubte — und weißer Mann +hat Schutz hier vor anderen weißen Männern. <span class="smcap">Tane</span> +<span class="smcap">tane Atiu</span> sind freundlicher gegen ihn als Leute von +seiner eigenen Farbe, und was thut <span class="smcap">Ferani</span>? — geht +hin und macht kleines Mädchen von Mitonare unglücklich — schwatzt +ihr allerlei tolles Zeug vor — aber +<span class="smcap">Pu-de-ni-a</span> ist nicht wie viele andere Mädchen +auf der Insel und auf Tahiti. — <span class="smcap">Ferani</span> kann Mädchen +genug bekommen — puh — so viel, aber nicht +<span class="smcap">Pu-de-ni-a</span>. <span class="smcap">Ferani</span> geht nachher weg und <span class="smcap">Pu-de-ni-a</span> +sitzt — gutes Kind und weint und ist nicht mehr +glücklich und alte Mann Mitonare <span class="smcap">O-no-so-no</span> weint +weil er <span class="smcap">Pu-de-ni-a</span> weinen sieht. <span class="smcap">Ferani</span> sollte sich +etwas schämen und wenn <span class="smcap">Ferani</span> auch kein Christ wäre, +könnte er doch darum immer thun was recht wäre — sie +wären auch früher keine Christen, nein, schreckliche +Heiden gewesen, die sich tättowirt und nach einer +Trommel, und nach dem Rauschen der Brandung getanzt +hätten, ja sie hätten sogar ganzen kleinen, winzig<span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119">[119]</a></span> +kleinen Gott angebetet — aber darum hätten sie doch +thun können was recht wäre — und es auch gethan, +wenn sein Vater auch jetzt in der Hölle dafür wäre.«</p> + +<p>Das ungefähr war der Sinn der Rede des kleinen +Mitonares, obgleich diese selber wohl über eine +Stunde dauerte; wenn aber auch René im Anfang +manchmal gern über die oft wunderlich genug klingenden +Worte des Eifernden gelacht hätte, sah er doch +aus dem Ganzen wie lieb der kleine Mann das Mädchen +selber haben mußte, und wie viel er von ihr +halte, und daß nur Besorgniß um sie ihn so ängstlich +und eifrig gemacht habe, und er faßte endlich seine +Hand, die ihm der Mitonare im Anfang aber gar +nicht lassen wollte, und sagte ihm nun Alles, wie es +ihm auf dem Herzen lag.</p> + +<p>Er liebte Sadie und wollte sie heirathen, und hier +auf der Insel bei ihnen bleiben und Yams und Kartoffeln +bauen, und Cocospalmen pflanzen — er wollte +nie nie wieder fort von ihnen gehn und weder ihn +noch Prudentia verlassen. Er erzählte ihm aber dann +auch wie er das heute Morgen Sadie selber gesagt, +und welches Versprechen sie ihm dafür abgenommen, +und daß er sich fest darauf verlassen könne er würde +es halten und Sadie, bis der alte Missionair zurückkomme, +als seine Schwester ansehen, der kein Leid geschehen +solle, so lange er es hindern könne.<span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120">[120]</a></span></p> + +<p>Der kleine alte Mann war freundlicher und freundlicher +geworden, je nachdem er mehr und mehr begriff +was der Fremde mit seinen Worten meine, und was +er beabsichtigte, als er aber erst verstand welches Versprechen +er dem Mädchen gegeben hatte, und wie er +versicherte es treu halten zu wollen, da überkam die +Freude jedes andere Gefühl, er fiel dem jungen Mann +um den Hals und rieb sogar — sehr zu dessen Erstaunen +der gar nicht wußte was er aus solcher Ceremonie +machen sollte — Nasen mit ihm, die größte +innigste Freundschaftsversicherung die er ihm überhaupt +geben konnte.</p> + +<p>Der kleine Bursche wurde aber ganz wie ausgelassen — er +erklärte René — dessen Namen er jetzt +ebenfalls behalten hatte und ganz gegen seine sonstige +Gewohnheit richtig aussprach, für den besten Wi—wi +der je einen Götzen angebetet habe; und meinte, wenn +er bei ihnen auf der Insel bliebe, dann wolle er und +der andere Mitonare und <span class="smcap">Pu-de-ni-a</span> doch einmal +sehn, ob sie nicht aus diesem Wi—wi auch einen +Christen machen könnten, wenn das auch vielleicht +schwieriger halten würde, als einen verheiratheten +Mann aus ihm zu machen. Er wußte in der That +gar nicht, was er vor lauter Lust und Vergnügen +angeben sollte, und es fehlte nicht viel so hätte er +wirklich ein paar mal bald an zu tanzen gefangen,<span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121">[121]</a></span> +nur daß er sich noch immer zur rechten Zeit dabei erwischte — das +hätte sich im Leben nicht für einen +<span class="smcap">mi-to-na-re</span> geschickt.</p> + +<p>So vergingen René die nächsten drei Wochen in +einem Glück, von dem er früher nicht geglaubt hätte +daß es eine Menschenbrust im Stande wäre zu fassen; +aber nicht allein Sadie und Mitonare gewannen ihn +in dieser Zeit weit lieber, je näher sie mit ihm bekannt +wurden, nein, auch die Eingeborenen der Insel, denn +das leichte fröhliche Temperament des jungen Franzosen +sagte auch ihren Neigungen gerade zu; sie sahen +ihn gern, lernten ihn lieb gewinnen und der alte König, +außer dem hochklingenden Titel eine sehr unschuldige +Persönlichkeit, die jedoch trotzdem viel Einfluß +auf die übrigen ausübte, wurde sein bester Freund. +Allerdings hatte ihm René mehrmals Geldgeschenke +gemacht, was ihm des Mannes Herz zuerst öffnete, +als er aber später mehrmals mit Sadie hinüberkam, +und der alte Mann erfuhr in welchem Verhältniß die +Beiden standen, und daß René sogar beabsichtige Einer +seiner Unterthanen zu werden, da versicherte er +ihn denn auch, daß er ihn, falls sein Schiff wirklich +wieder zurückkommen solle, nicht mehr ausliefern werde +und daß der weiße Mann Capitain — wie Raiteo +als Dollmetscher übersetzte — schon sehen solle wie sie +ihm eine Nase drehen wollten. Er dachte nämlich<span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122">[122]</a></span> +keineswegs daran den einmal erhaltenen, und auch +in der That schon theils benutzten, theils vertheilten +Fanglohn wieder herauszugeben.</p> + +<p>Am komischsten betrug sich Raiteo; — trotzdem daß +er früher sich die größte Mühe gegeben hatte, des +Flüchtlings habhaft zu werden, ja sich damals sogar +nicht scheute Verrath zu gebrauchen, um seinen Zweck +zu erreichen und den ausgesetzten Lohn zu verdienen, +so that dieser doch jetzt, als wenn er gleich von dem +ersten Augenblick an des jungen Mannes Hauptfreund +und Beschützer gewesen wäre. Er erklärte ihn auch +bald für seinen innigsten <span class="smcap">tajo</span> und trug wohl Sorge +dabei daß er René besonders darauf aufmerksam machte, +wie uneigennützig er damals den Dollmetscher zwischen +ihm und den Uebrigen abgegeben habe, und wie einige +kleine Stücken Geld, selbst jetzt noch dafür ausgelegt, +keineswegs zu spät kämen. René war klug genug sich +auch diesen Burschen, den er übrigens leicht genug +durchschaute, zum Freund zu halten, und ein paar +Thaler thaten dies denn auch, wenn Versicherungen +nur irgend einen Maßstab für Raiteo’s Gefühle geben +konnten, auf das vollständigste.</p> + +<p>René schrieb übrigens auch in dieser Zeit nach +Frankreich, den Brief für die erste sich bietende Gelegenheit +nach Tahiti bereit zu halten, ihm einen Theil +seiner noch dort stehenden Gelder unter seiner Adresse<span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123">[123]</a></span> +an den Französischen Consul Tahiti’s zu übersenden, +wie ihm ebensowohl Einführungsbriefe auf die Hauptinsel +dieser Gruppen zu verschaffen. Wenn er ihrer +auch jetzt noch nicht bedurfte, wußte er doch nicht wie +sich seine Verhältnisse in spätern Zeiten gestalten würden, +und er wollte jetzt wenigstens nichts versäumen, +dem vorzuarbeiten.</p> + +<p>Das Herz des kleinen Mitonares gewann er sich +übrigens noch auf ganz besondere Weise durch den +regelmäßigen Besuch seiner Kirche, in der er allerdings +nichts von der Predigt verstand, aber doch die Melodien +der Hymnen mit summte, und den Mitonare nur +in dem Glauben befestigte, daß doch noch am Ende +ein Christ aus ihm zu machen sei. Der gute kleine +Mann war viel zu unschuldig, auf den Gedanken zu +kommen, daß René einzig und allein Sadie’ens wegen +das Gotteshaus besuche.</p> + +<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_F_6" id="Footnote_F_6"></a><a href="#FNanchor_F_6"><span class="label">[F]</span></a> Diese Inseln außer Tahiti und Imeo oder Eimeo feiern +den Sonnabend statt Sonntag, da die ersten hier eingetroffenen +Missionaire, die um das Cap der guten Hoffnung +gekommen waren, den Tag den sie auf 180° West +und Ost Länge gewonnen, nicht dazu zählten, wie sie +es eigentlich thun mußten, und nun ihre eigene unterwegs +gehaltene Zeitrechnung, die sie um einen Tag zu +kurz sein ließ, beibehielten. Auf Tahiti und Imeo haben +es die Franzosen jetzt abgeändert.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_G_7" id="Footnote_G_7"></a><a href="#FNanchor_G_7"><span class="label">[G]</span></a> <span class="smcap">Wi-wi</span>, ein Spottname dieser Inseln für die Franzosen, +nach deren <span class="smcap">oui, oui</span>.</p></div> +</div> + + +<hr class="endchapter" /> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124">[124]</a></span></p> +<h2><a name="Capitel_5" id="Capitel_5"></a>Capitel 5.</h2> + +<h3>Das Geständniß.</h3> + + +<p>Das Einzige übrigens was jetzt manchmal Sadie +sowohl als auch den kleinen Mitonare beunruhigte, +war das so außergewöhnlich lange Ausbleiben des +Mr. Osborne, obgleich es bei den Missionairen, wenn +sie auch ihre bestimmte und feste Wohnung haben, +doch wohl manchmal vorfiel daß sie auch kleine Abstecher +nach anderen Inseln machten wo keine festen +Prediger wohnten, und dann widriger Winde wegen +oft länger aufgehalten wurden, als sie im Anfang +selber beabsichtigt.</p> + +<p>So standen die Sachen als eines Morgens, in +den letzten Tagen des Februar, ein Bursche über die +Berge herüberkam und meldete, der Missionscutter <span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125">[125]</a></span>— +ein kleines Fahrzeug das sie alle gut genug auf der +Insel kannten — sei in Sicht und halte gerade nach +hierher zu. Gegen Mittag umsegelte es auch die südlichste +Spitze der Insel, und von Sadie’s Lieblingsplätzchen +aus konnten sie sein Näherkommen deutlich +beobachten.</p> + +<p>Sadie und René standen dort schweigend Hand +in Hand — war ihnen Beiden aber auch wohl das +Herz übervoll, denn dort in dem kleinen Fahrzeug +kam der Mann, der ihr Schicksal entscheiden sollte — mochte +ihnen doch Keins Worte geben. Als aber der +Cutter sich immer mehr und mehr näherte, jetzt sogar +in die natürliche Einfahrt der Corallenriffe, von einer +günstigen Briese getrieben, einbog, und in dem ruhigen +Wasser pfeilschnell auf seinen gewöhnlichen Ankerplatz +zuglitt — als die Segel fielen, der Anker niederschlug +und das kleine Fahrzeug herumschwingend, +kaum mehr als hundert Schritt vom festen Land der +Insel ab einbog, da sagte René leise, Sadie zu sich +herüberziehend:</p> + +<p>»Willst Du zuerst mit Deinem Vater allein reden, +Sadie, oder wollen wir ihm Beide zusammen entgegengehn? — wie +ist es Dir am liebsten?« —</p> + +<p>»Ich weiß es nicht René,« — sagte das Mädchen +leise und schüchtern — »ich weiß es nicht — o +mir ist auf einmal so bang und weh um’s Herz, als<span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126">[126]</a></span> +ob ich irgend ein großes Unrecht gethan hätte — und +ich bin mir doch nichts Böses auf der weiten Gotteswelt +bewußt — ich glaube ich fürchte mich meinem +Vater entgegenzutreten — und er ist doch so gut — so +unendlich gut.«</p> + +<p>»Dann laß mich zuerst mit ihm sprechen, Sadie,« +bat René — »laß mich zu ihm gehn — ich habe Papiere +die ihn über meine Abkunft und Verhältnisse +beruhigen können — ich bin kein gewöhnlicher Matrose +wie sie hier über diese Inseln hier und da zerstreut +sein sollen; das allein ist auch die Ursache daß +ich nicht im Stande war an Bord jenes Wallfischfängers +zwischen dem rohen wüsten Volke auszuhalten; — wenn +er hört wie innig wir uns lieben, kann +er ja Nichts gegen eine Vereinigung mit Dir einzuwenden +haben. Aber was hast Du? — was erschreckt +Dich so sehr, Du süßes Lieb?«</p> + +<p>Der Ausdruck in Sadie’s Zügen ließ sich nicht +verkennen — irgend etwas mußte sie beunruhigt haben, +aber sie schüttelte erst schweigend mit dem Kopf +und blickte nur scharf nach dem Cutter hinüber, an +dessen Seite jetzt ein kleines Boot niedergelassen war, +den zurückkehrenden Missionair an Land zu rudern. +René hatte auf das Fahrzeug, mit der Geliebten beschäftigt, +gar nicht mehr geachtet, als er aber jetzt der +Richtung ihrer aufgehobenen Hand folgte, sah er wie<span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127">[127]</a></span> +vom Bord des Schooners zwei dunkelgekleidete Männer +in die Jölle niederstiegen, statt einem.</p> + +<p>»Kennst Du den Mann, der dort mit Deinem +Pflegevater kommt?« frug er das Mädchen.</p> + +<p>Sadie nickte langsam und schweigend mit dem +Kopf und sagte endlich leise:</p> + +<p>»Das ist der einzige Mann, das einzige Wesen +auf dieser Insel, das ich <span class="g">fürchte</span> — und ich weiß +nicht weßhalb — Er hat noch Niemandem Böses, und +Vielen schon Gutes gethan, aber er ist so ernst und +streng und ich weiß nicht, aber wenn ich mir <span class="g">seinen</span> +Gott als einstigen Richter denke, so überläuft mich’s +mit Fieberfrost. Feste Formeln und Gebräuche hat er +dabei, von denen er nicht weicht, ja von deren Beobachtung +er unser Seelenheil abhängig macht, und nur +wenn ich dann meinen Pflegevater dagegen reden +höre, ist es mir wie Trost und Linderung für das +kalte Wort des finstern Mannes.«</p> + +<p>»Das ist der Mann denn, von dem Du mir schon +gesprochen, Sadie,« sagte René — »aber wo wohnt +er? — was thut und treibt er?«</p> + +<p>»Er ist Missionair wie mein Vater, aber der +ärgste Feind den Deine Landsleute auf den Inseln +haben können — sein Name ist Rowe und obgleich +er auf Tahiti seinen festen Wohnsitz hat, besucht er +doch, als eine Art geistlicher Oberhirt, zu Zeiten die<span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128">[128]</a></span> +einzelnen Inseln, ihren Zustand zu untersuchen und +an dem Sonntag wo er sich dort aufhält, zu predigen. +Aber so lange er auf der Insel ist hörst Du +kein Lachen und Singen fröhlicher Menschen, siehst +keine Blume in den Haaren der Mädchen — selbst +die Kinder fürchten den Mann.«</p> + +<p>»Und was kann er <span class="g">uns</span> schaden, Du holdes Lieb,« +sagte René — »Dein Pflegevater allein hat Deine +Hand zu vergeben, und wenn es selber dann <span class="g">Dein</span> +Wille ist, was kümmert uns da der stolze Priester?«</p> + +<p>»Aber er wird meinem Pflegevater heftig zureden +uns seine Einwilligung zu versagen,« flüsterte ängstlich +das Mädchen.</p> + +<p>»Dann« — René biß die Lippen zusammen, zwischen +denen sich ihm ein heftiges Wort herauszupressen +drohte, aber er wollte dem lieben Kinde auch nicht +weh thun und sagte, rasch abbrechend: »Hab guten +Muth Sadie; es wird noch Alles gut gehen und das +Beste sein, daß wir die beiden Herren erst eine Weile +landen lassen; der kleine Mitonare mag mich gern +leiden und wenn Dein Vater nach Dir frägt wird er +schon einen günstigen Vorbericht für uns ablegen. +Nachher gehen wir dann grade und offen zu ihm und +sagen ihm wie lieb wir uns haben und wie wir hier +bei ihm auf der Insel bleiben und wohnen wollen<span class="pagenum"><a name="Page_129" id="Page_129">[129]</a></span> +und er wird uns seine Einwilligung gewiß nicht versagen.«</p> + +<p>»Mache es wie Du willst, René,« sagte das arme +Mädchen leise und schüchtern — »aber ich fürchte mich +recht sehr, und ich wollte zu Gott der ehrwürdige +Mr. Rowe wäre nur diesmal nicht mitgekommen.«</p> + +<p>Das Boot war indessen an Land gerudert, der +kleine Mitonare aber, in aller seiner Unschuld niemand +Anderen als seinen Missionair, den alten ehrwürdigen +Mr. Osborne erwartend, an den Landungsplatz +gegangen ihn zu begrüßen. Er trug sein gewöhnliches +weißes Hemd, und das rothe Lendentuch fest +um den runden stattlichen Leichnam geschlagen, außerdem +aber noch, da er als Mitonare nicht gut im +bloßen Kopf in der Sonne herumlaufen konnte, einen +breiträndrigen Strohhut mit schwarzem breiten Bande, +und stand schon schmunzelnd am Ufer seinem alten +Freund die Hand mit einem herzlichen <span class="smcap">Joranna</span> entgegenzustrecken, +als er plötzlich die zweite Gestalt im +Boot zuerst überrascht bemerkte, und dann erschreckt +erkannte — denn Mitonare hatte einen noch viel +größeren Respekt vor dem finsteren geistlichen Mann, +der ihm diesmal so unverhofft über den Hals kam, +als selbst alle Kinder der Insel zusammengenommen, +nur daß <span class="g">er</span> nicht ausreißen durfte, wenn ihm der +fromme Mann in den Weg kam. Umdrehn aber<span class="pagenum"><a name="Page_130" id="Page_130">[130]</a></span> +und in das Haus, und dort angekommen in den +schwarzen Frack und die gelbe Weste fahren, war das +Werk eines Augenblicks. In beide Kleidungsstücken +kam er zuerst in das verkehrte Aermelloch, aber wie +eine gehetzte Ratte fand er zuletzt das rechte, und griff +nun in wahrer Verzweiflung das eingewickelte Halstuch +von dem Bücherbrett herunter, wo es friedlich bis +zum nächsten Sabbath hatte ruhen sollen, riß es aus +dem Papier, fuhr dann mit dem Halstuch in die Tasche +statt dem letzteren, ehe er seinen Irrthum gewahrte, +bekam es aber zuletzt doch noch glücklich um, und hätte +nun fast, als er wieder mit einem Satze aus der Thür +hinaus wollte, das Versäumte gut zu machen, die +beiden geistlichen Herren umgerannt, die, <span class="smcap">the reverend +Mr. Rowe</span> voran, indeß gelandet waren und auf die +freundliche Wohnung Mitonares zuschritten.</p> + +<p>Mr. Rowe, der übrigens wohl erkannte weshalb +der kleine Mann so in Hast gewesen, denn dieser +hatte in aller Eile den Hemdkragen gar nicht mit +in das Halstuch hineingebunden, begrüßte ihn mit +einem gütigen väterlichen Blick und Handdruck, wobei +Mitonare ein Gesicht machte, als ob er seine +Hand in einem Schraubstock hätte.</p> + +<p>»Nun, Bruder Ezra,« sagte Mr. Osborne freundlich, +als dieser zu ihm hinantrat, und seine Hand auf +das herzlichste schüttelte, was Mitonare mit unge<span class="pagenum"><a name="Page_131" id="Page_131">[131]</a></span>mein +gutem Willen erwiederte — »wie ist es Euch +die Zeit meiner Abwesenheit ergangen? — immer +wohl und gesund gewesen, und in keiner Weise zu +Schaden gekommen? nicht wahr ich bin weit länger +entfernt geblieben als ich im Anfang beabsichtigte?«</p> + +<p>Ich muß hier jedoch bemerken daß die Geistlichen +mit dem kleinen Mann nur in seiner eignen Sprache +redeten, blos wenn sich Mr. Osborne mit Bruder +Ezra — wie der kleine Mitonare bei der Taufe genannt +worden — allein befand, und gerade nichts +Wichtiges zu verhandeln hatte, sprach er englisch mit +ihm, um ihm diese Sprache geläufiger zu machen, und +seinen etwas schweren Mund an die fremden Worte +besser zu gewöhnen.</p> + +<p>Bruder Ezra antwortete auf das Befriedigenste, als +aber die drei Männer in das Haus traten, sah sich +Mr. Osborne erstaunt und vergebens nach seiner +Pflegetochter um, die ihn sonst stets fast die erste begrüßt +hatte, und er frug rasch, fast ängstlich nach +dem Mädchen.</p> + +<p>Mitonare hätte in diesem Augenblick eben so gern +seinen ganzen Catechismus aufgesagt — ihm sonst +die schrecklichste aller Religionsübungen — als vor +Bruder Rowe zu erzählen was mit <span class="smcap">Pu-de-ni-a</span> vorgegangen +sei, und welcher Gast sich indessen auf der +Insel eingefunden habe. Er wußte ja am besten in<span class="pagenum"><a name="Page_132" id="Page_132">[132]</a></span> +welcher Achtung die <span class="smcap">Feranis</span> bei dem frommen finsteren +Manne standen, und sollte er jetzt erzählen was +hier unter seinen eigenen Augen vorgegangen war, +und was er selber geduldet hatte? denn jetzt kam es +ihm auf einmal wunderbarer Weise vor, als ob das +ein entsetzliches Verbrechen gewesen wäre.</p> + +<p>Durch sein Schweigen wurde der alte Mann aber +nur noch besorgter; er glaubte jetzt wirklich es sei dem +Mädchen, das er fast wie sein eignes Kind liebte, +etwas widerfahren, und als nun auch Bruder Rowe +dazutrat und Mitonare zum Sprechen aufforderte, +konnte er natürlich nicht mehr zurückhalten. Der Angstschweiß +stand ihm auf der Stirn, aber die ganze Sache +kam nach und nach zu Tage, und erst als er mit +sämmtlichen Factas geendet hatte, fing er an den +jungen <span class="smcap">Ferani</span> zu loben, der ein wahres Muster von +einem Menschen sei und sogar als <span class="smcap">Ferani</span> in seine +Kirche gekommen wäre — und so andächtig zugehört +hätte, als ob er jedes Wort davon verstände. Er erwähnte +auch des Versprechens das ihm <span class="smcap">Pu-de-ni-a</span> +abgenommen, was er ja auch als Hauptentschuldigung +für sich aufstellte, und Mr. Osborne der den +Charakter des Mädchens kannte, athmete leichter als +er dies hörte.</p> + +<p>Bruder Rowe’s Züge hatten sich aber indessen mehr +und mehr verfinstert — schon als er hörte daß ein,<span class="pagenum"><a name="Page_133" id="Page_133">[133]</a></span> +von einem Wallfischfänger entsprungener Matrose auf +der Insel geblieben und nicht wieder von seinem eigenen +Schiff mit fortgenommen sei, horchte er hoch auf, +und als es nun gar herauskam daß es ein Franzose +sei, der schon in aller Geschwindigkeit ein Liebesverhältniß +mit der Adoptivtochter des Geistlichen angesponnen +habe, sah man es ihm ordentlich an daß er +sich Mühe geben mußte seinen Groll und Zorn zu +bemeistern. Vergebens waren jetzt Bruder Ezra’s Psalmen, +die er dem jungen Franzosen sang, vergebens +selbst Mr. Osbornes Einwurf, daß man jedenfalls +erst einmal den jungen Mann sehen und sprechen +wolle — er war Matrose eines Wallfischfängers und +Franzose — also Katholik, und ein richtiger Missionair +der Südsee Inseln haßt nichts auf der Welt — selbst +den Teufel wohl kaum ausgenommen — herzlicher, +als diese beiden Individuen.</p> + +<p>Sein Urtheilsspruch war auch ohne weiteres gefällt — »ehe +das Uebel tiefer griff, mußten schnelle +Maßregeln dagegen ergriffen werden, und er wollte +jetzt selbst ohne weiteres zu dem Häuptling hinübergehn +und mit diesem das Nöthige dazu besprechen. +Der Häuptling oder König brauche ihm nur zu gebieten +die Insel zu verlassen, so müsse er dem Befehl +Folge leisten, und Gelegenheit habe er jetzt gerade am +besten in dem kleinen Schooner, der in einigen Tagen<span class="pagenum"><a name="Page_134" id="Page_134">[134]</a></span> +wieder mit ihm nach Tahiti zurück sollte. Weigerte +er sich aber dem Befehl Folge zu leisten, so war nichts +einfacher als ihn als Gefangenen mit fortzunehmen, +und an den französischen Consul in Papetee auszuliefern. — Diese +Inseln standen unter englischem +Schutz, und es war ihnen von der englischen Regierung +versprochen sie gegen jede Aufdringlichkeit, besonders +von französischer Seite, zu schützen, wo man +überdies nicht einmal wissen könne, ob da nicht am +Ende gar irgend ein heimlich gehaltenes Missionswesen +der Verbreiter »papistischer Gräuel« dahinter +stäke. Andererseits würde aber auch die französische +Regierung, die gerade erst ganz kürzlich ihr etwas gewaltsames +Protectorat angetreten, Alles vermeiden, +mit anderen Mächten, noch dazu eines entsprungenen +Matrosen wegen, in Collision zu kommen. Für sie +hier war es aber gerade in dieser Zeit von höchster +Wichtigkeit jenen papistischen Propaganden, die sich +über sämmtliche Inseln zu verbreiten suchten, entgegen +zu arbeiten. Das Volk dieser Inseln sei viel zu empfänglich +für äußeres Gepränge, nicht der Gefahr +ausgesetzt zu sein von dem Flitterstaat der katholischen +Religion bestochen zu werden, und nicht allein Jahre +lange Anstrengungen und Arbeiten, nein auch die +Seelen der Unglücklichen wären dann verloren für +immer.«<span class="pagenum"><a name="Page_135" id="Page_135">[135]</a></span></p> + +<p>»Aber nicht allein in religiöser, nein auch in moralischer +Beziehung sei es Pflicht der Geistlichen dahin +zu wirken diese schlimmsten aller Vagabunden, +flüchtige Seeleute, von sich entfernt zu halten. Auch +Bruder Osborne wisse recht gut, wie gerade diese +Menschen dem wohlthätigen Wirken der Missionaire +stets feindlich entgegengetreten wären, selbst wenn sie +denselben Glauben mit ihnen hatten; wie viel schlimmer +war es jetzt, wo solche Menschen auch sogar noch +in ihrem Glauben eine, ihrer Meinung nach vielleicht +vollkommen genügende Ursache fänden, Unfrieden zwischen +dem Geistlichen und seiner kleinen Gemeinde zu +säen?«</p> + +<p>»Für den <span class="g">Vater</span> sei es außerdem besonders dringende +Pflicht, sein angenommenes Kind vor Verführung +zu schützen und ihr Herz zu wahren vor den +Eindrücken, die bei einer solchen unnatürlichen Verbindung +unvermeidlich wären. — Das war <span class="g">seine</span> +Meinung über die Sache, und er hoffte Bruder Osborne +würde mit ihm hierin vollkommen harmoniren. +Es sei nöthig daß sie zusammenständen, in dieser jetzigen +Zeit des Trübsals, um des Glaubens willen.«</p> + +<p>»Er hatte zuerst die Absicht gehabt den König +<span class="g">morgen</span> zu besuchen, aber im Dienste Gottes gäbe +es keine Ruhe noch lässiges Verschieben, und er wolle +deshalb gleich dorthin aufbrechen, ihn mit sich herüber<span class="pagenum"><a name="Page_136" id="Page_136">[136]</a></span> +zu bringen.« Daß er die Einwilligung desselben, oder +vielmehr den Befehl für den Flüchtling erhalten würde, +mit erster Gelegenheit die Insel wieder zu verlassen, +verstand sich von selbst, und er zweifelte daran nicht +im mindesten.</p> + +<p>Mr. Osborne ersuchte ihn jetzt noch einmal, den +Fremden wenigstens erst einmal rufen zu lassen und +mit ihm zu sprechen, daß sie mit eigenen Augen sähen +zu welcher Klasse von Menschen er gehöre. — Bruder +Rowe’s Entschluß war gefaßt, und da er, durch seinen +langen Aufenthalt zwischen diesen Inseln als +Missionair, sich daran gewöhnt hatte unbedingt zu befehlen, +indem seine Stimme für das Wort und den +Willen des Herrn galt — ja da er die feste Ueberzeugung +hatte daß alle diese Tausende von Insulanern +nur durch ihn und die wenigen andern Geistlichen +einer ewigen Qual entrissen, und der Seligkeit zugeführt +seien, ihm also mehr als ihr Leben, ihr ganzes +einstiges Heil danken mußten, so verstand es sich wohl +von selbst daß er auch die weit geringere Leitung ihrer +weltlichen Angelegenheiten wenn auch nicht gerade +führen, doch in die Bahn leiten konnte und durfte, +die er als die richtige bestimmte.</p> + +<p>Er beorderte jetzt ohne weiteres — denn ihre Mahlzeit +hatten sie schon an Bord eingenommen — zwei +Eingeborene, ihn in einem kleinen Boot, das er schon<span class="pagenum"><a name="Page_137" id="Page_137">[137]</a></span> +mehrfach dazu benutzt hatte, um die Insel hinum zu +rudern, denn es fiel ihm nicht ein den langen Weg +zu Fuß zu gehn. — In diesem wurde ein schmales +Sonnendach aufgespannt, und eine Viertelstunde später +schoß das kleine scharfgebaute Fahrzeug, von den +kräftigen Armen der Insulaner getrieben, pfeilschnell +über das spiegelglatte Binnenwasser, von der Strömung +jetzt noch überdies begünstigt hin, und war in +kurzer Zeit um die nächste vorragende Landspitze verschwunden.</p> + +<p>René und Sadie hatten indessen mit freudigem +Staunen die rasche Abreise des finstern Mannes gesehen, +die sie irgend einer Ursache in seinem geistlichen +Wirken zuschrieben, und sie beschlossen nun auch ohne +weiteres hinunter zu Mr. Osborne zu gehn, ihm Alles +zu erzählen und ihn um seinen Segen zu bitten.</p> + +<p>Mitonare war übrigens indessen, nur erst einmal +der beengenden Gegenwart des <span class="smcap">bodder Au-e</span> enthoben, +nicht müßig gewesen Mr. Osborne den jungen +Fremden von der besten Seite zu schildern. Natürlich +lag in diesem Lobe ein großer Theil Eigennutz +verborgen, denn es mußte ja auch einzig und allein +seine Entschuldigung sein, daß er Prudentia’s Umgang +mit ihm überhaupt geduldet hatte. Solcher Art +war er denn noch emsig damit beschäftigt, und Mr. +Osborne saß gar ernst und sinnend vor ihm in seinem<span class="pagenum"><a name="Page_138" id="Page_138">[138]</a></span> +Lehnstuhl, den rechten Ellbogen auf die Lehne und +das graue Haupt in die rechte Hand gestützt. Es +schien ihm recht weh und trüb um’s Herz zu sein.</p> + +<p>Da traten die beiden jungen Leute in die Thür, +und Sadie blieb erst einen Augenblick schüchtern in +der Ferne stehen; als er aber den Blick zu ihr aufhob, +und sie in das liebe ehrwürdige, jetzt so kummerschwere +Antlitz schaute, da flog sie, wie in alter Zeit auf ihn +zu, barg ihr Gesicht an seinem Herzen und rief:</p> + +<p>»Mein lieber, lieber Vater!«</p> + +<p>»Mein liebes, liebes Kind!« sagte der alte Mann +und küßte das fest an ihn angeschmiegte Haupt des +schönen Mädchens — »was habt Ihr denn hier, unter +der Zeit meiner Abwesenheit für böse, böse Streiche +getrieben?«</p> + +<p>Es lag eine so innige Zärtlichkeit in dem Ton +mit dem er diese Worte sprach, und nur ein so leiser — von +jedem Verdacht freier Vorwurf, daß sich Sadie +nur fester gegen seine Brust preßte, aber ihre Hand +zurück nach René ausstreckte, diesen herbeizurufen und +zu ihrem Vater zu bringen.</p> + +<p>Der alte Mann, der wohl auf den ersten Blick +sah, daß er keinen gewöhnlichen Matrosen vor sich +habe, grüßte den, sich ihm jetzt offen und vertrauensvoll +nähernden jungen Mann freundlich, winkte ihm +einen Stuhl zu nehmen, den Mitonare indessen mit<span class="pagenum"><a name="Page_139" id="Page_139">[139]</a></span> +großer Bereitwilligkeit herbeigebracht hatte, und bat +dann René, was er ihm zu sagen habe, ihm ohne +jeden Umschweif, mit jedem Vertrauen zu eröffnen — er +habe Prudentia als sein Kind angenommen, und +von klein auferzogen als ihre Eltern gestorben waren +und die kleine Waise allein zurückgelassen hatten, und +hege dieselben Gefühle noch jetzt für das erwachsene +Mädchen, als ob sie seine eigene leibliche Tochter sei. +Er wolle auch nur ihr Glück, möchte das aber gesichert +wissen da es keins der gewöhnlichen Mädchen +der Eingeborenen sei, sondern eine fast Europäische +Erziehung genossen habe und dabei auch vielleicht jetzt +tiefer fühle, besonders andere Ansichten über die Ehe +habe, als sie in diesen Gruppen bei ihren Landsmänninnen +wohl meist gefunden würden.</p> + +<p>René verlangte Nichts mehr; er erzählte zuerst dem +alten Mann, so gedrängt als möglich, seine ganze +Lebensgeschichte, schilderte ihm, so treu er es selber +vermochte, seinen ganzen Charakter, was ihn in die +Welt, was ihn zuletzt an Bord eines Wallfischfängers +getrieben habe, von dessen ganzen Wesen und Treiben +er früher keinen Begriff gehabt, und wie er auf dieser +Insel sich jener Existenz zu entziehen gesucht und hier +Sadie’en gefunden und lieben gelernt habe. Er zeigte +ihm dann die Papiere die er mit sich führte — und +Mr. Osborne verstand nicht allein das Französische<span class="pagenum"><a name="Page_140" id="Page_140">[140]</a></span> +sondern sprach es auch sehr geläufig — erklärte ihm +daß es sein fester Wille sei sich hier auf einer dieser +Inseln, am liebsten auf dieser, niederzulassen, und bat +den alten Mann ihm Sadie, die er in der kurzen Zeit +seines Aufenthalts recht von Herzen lieb gewonnen +habe, zum Weib zu geben. Er wollte sich dann bei +ihnen seine Heimath gründen, und Mr. Osborne solle +einen guten Sohn und Nachbar an ihm finden.</p> + +<p>»Sie sind Katholik?« frug ihn der alte Mann, +als René schon eine ganze Zeit lang geschwiegen und +er ihn indessen mehr sinnend als forschend betrachtet +hatte.</p> + +<p>Des jungen Mannes Antlitz röthete sich ein wenig, +als er erwiederte:</p> + +<p>»Lieber Herr, Sie haben gewiß genug von der +Welt gesehn, zu wissen wie es mit der Religion unter +jungen Leuten meistens steht. — Ich bin allerdings +als Katholik erzogen, und die Meinigen waren sämmtlich, +einige sogar sehr strenge Katholiken, ich selber +muß Ihnen aber aufrichtig gestehn, habe mich nie +streng an die Gebräuche weder meiner noch einer andern +Sekte gehalten, und Sie können überzeugt sein, +daß ich nie daran denken würde Jemanden zu meinem +Glauben überreden zu wollen. Sadie ist in dem +ihren aufgewachsen und ein so liebes, braves Mädchen +geworden, sie wird ihm auch treu bleiben, und<span class="pagenum"><a name="Page_141" id="Page_141">[141]</a></span> +ich wäre der Letzte sie darin zu stören. Was mich +selber betrifft, so suche ich recht zu thun, und hoffe +dann mit meinem Gott schon fertig zu werden — er +allein weiß ja auch nur, wer den <span class="g">rechten</span> Glauben +hat. Sie werden aber auch nie finden, daß ich über +den Glauben eines Andern spotte — ein Jeder hat +ein Recht zu seiner Meinung.«</p> + +<p>Der Missionair hatte nun allerdings gar sehr +verschiedene Ansichten über Religion, aber René gewann +sich doch durch diese Offenheit sein Herz, denn +keineswegs gehörte er zu jener stolzen Priestersekte die, +ihr Religionspanier in der gehobenen Rechten, das +Volk vor sich auf die Knie werfen und so lange damit +fortschreiten bis sie zuletzt ganz zu vergessen scheinen +daß das Volk eigentlich vor dem Panier und +nicht vor ihnen kniet. Aber der alte Mann hatte +doch noch andere und recht ernste Bedenken, und je +mehr er den jungen lebensfrischen Mann da vor sich +stehen sah, so viel schwerer ward ihm das Herz; aber +er wollte das Alles nicht vor der Tochter aussprechen, +und bat also das Mädchen auf kurze Zeit das Haus +zu verlassen, er habe mit dem jungen Mann etwas +allein zu reden.</p> + +<p>Sadie war ein viel zu folgsames Kind auch nur +mit einem Blick zu zögern — sie küßte des alten ehr<span class="pagenum"><a name="Page_142" id="Page_142">[142]</a></span>würdigen +Mannes Hand und verließ dann rasch das +Zimmer.</p> + +<p>Der alte Mann saß, schon als die leichte Bambusthür +lange hinter ihr zugefallen war, noch viele +Minuten schweigend da, als ob er selber nicht rechte +Worte für das finden könne was er sagen wolle.</p> + +<p>»Lieber junger Freund,« begann er endlich, »Sie +sind frei und aufrichtig gegen mich gewesen, und ich +will Ihnen Gleiches mit Gleichem vergelten; Sie werden +mir deshalb auch Nichts übel nehmen, was ich +zu Ihnen sage, denn Gott weiß es, es geschieht sowohl +zu Prudentia’s als Ihrem eigenen Wohl. Sie +sind, wie ich aus Ihren Papieren gesehn habe, von +guter Herkunft, in dem gebildeten, geselligen Leben +Europas erzogen, an Europäische Sitten, an ein Leben +gewöhnt, das Ihnen <span class="g">mehr</span> bietet als nur einfach +Essen und Trinken und ein einzelnes Wesen dem +Sie sich anschließen können — mögen Sie dies noch +so sehr lieben. Die Beweise haben Sie selber in ihrem +unsteten Leben; weder in Afrika noch Amerika +fanden Sie was Sie suchten, d. h. das was das Bedürfniß +Ihres Herzens und Geistes befriedigen konnte — die +rohe Gesellschaft des Wallfischfängers trieb Sie +sogar zu einem verzweifelten Schritt, bei dem Sie lieber +Ihr Leben einsetzen, als in jenes Verhältniß zurückkehren +wollten. Sie fanden hier, gerade in Ihrer<span class="pagenum"><a name="Page_143" id="Page_143">[143]</a></span> +größten Gefahr, auf höchst romantische Weise ein +junges reizendes Mädchen, dessen liebe regelmäßige +Züge, dessen Gestalt zuerst ihre Leidenschaft weckte, und +dessen Unschuld und Liebreiz, als Sie dasselbe näher +kennen lernten, Ihr Herz gewannen. Scenerie und +Umgebung, selbst sogar die verschiedene Farbe und +Abstammung des Mädchens trug dazu bei, den Reiz +in Ihrem eigenen jugendlichen Herzen zu erhöhen. +Unser herrliches Klima, die tropische Vegetation, das +stille blaue Meer, ja das ganze Stillleben unseres +lauschigen Plätzchens hier bestach Ihre Sinne mehr +und mehr, und Sie glauben jetzt — ja Sie sind fest +überzeugt davon, daß Sie in dem Mädchen und dieser +Insel das Ideal Ihres Lebens gefunden, das Ziel +Ihres ganzen Strebens und Drängens erreicht haben. — Wenn +Sie sich aber nun irren? — Ich weiß was +Sie sagen wollen — Sie folgen dem Drange Ihres +Herzens und fürchten nicht daß Sie dieses irre führt, +aber hören Sie mich ruhig darüber an. Sie sind +jung, das Leben liegt noch offen vor Ihnen — ich +bin alt, meine Bahn ist bald durchwandelt, — Sie +haben die Hoffnung, ich die Erfahrung, und drei und +zwanzig Jahre meines Lebens hab’ ich auf diesen +schönen Inseln zugebracht. In dieser Zeit habe ich +aber auch viele viele Leute kommen und gehen, habe +Hoffnungen und Träume aufblühen und verwelken<span class="pagenum"><a name="Page_144" id="Page_144">[144]</a></span> +sehn und weiß was ein Mann in Ihren Verhältnissen +hier zu finden <span class="g">glaubt</span> — und was er <span class="g">findet</span>.«</p> + +<p>»Jetzt ist Ihnen noch Alles neu — die Palmen +selber, die ganze tropische Vegetation übt einen Reiz +auf den Neuankommenden aus, dem er selten, wenigstens +in seinem ersten Andrang, widerstehen kann; +nur wenige Jahre führen aber darin eine gewaltige +Aenderung herbei, denn das Herz, besonders das junge +Herz bedarf einer Veränderung, bedarf eines Reizes +für seine Thätigkeit, wenn es nicht erschlaffen oder in +neuem, dann aber recht schlimmen Schmerz vergehn +soll. Viele, sehr viele Europäer haben sich besonders +in den letzteren Jahren hierher gezogen, die aber von +ihnen, die wirklich hier geblieben sind, waren schon +ältere Leute und brachten auch meistens ihre Familien, +die ihnen an Stand und Erziehung gleich waren, mit +sich. — Fast alle diese kamen hierher, ein Geschäft zu +treiben und sich ein Vermögen zu erwerben, und sie +werden meist Alle wieder, wenn ihre Kinder erwachsen +sind, nach Europa zurückkehren. Dorthin passen +sie auch — ihre Frauen stammen selbst von dort, und +sehnen sich nach dort zurück, und sie lassen dann Nichts +hier zurück, als eine freundliche Erinnerung; die Fasern +ihres Herzens haben nicht zwischen den Palmen +und Bananen Wurzel geschlagen.«</p> + +<p>»Sehr viele von ihnen haben auch Indianische<span class="pagenum"><a name="Page_145" id="Page_145">[145]</a></span> +Mädchen geheirathet — die ersten und hübschesten +die ihnen begegneten — auf allen Inseln zerstreut +finden Sie solche Beispiele; aber es sind das fast nur +einzig und allein rohe Matrosen, denen das müßige +Leben zusagt, die sich auch in ihrem Vaterlande in +keinen anderen Zirkeln bewegt haben, als wo das +materielle Wohl ihr Hauptziel und Streben war, und +selbst diese verlassen gewöhnlich, nach einer längeren +Reihe von Jahren, ihr leicht genug angetrautes Weib +und die mit ihr gezeugten Kinder — selbst diesen genügt +zuletzt nicht mehr diese tropische Ruhe, und sie +sehnen sich nach Abwechselung, nach einer Veränderung +ihrer Verhältnisse, sollten sie diese auch wieder +mit harter Arbeit ja sogar dem früheren Leben erkaufen +müssen.«</p> + +<p>»Auf Tahiti haben Sie einige wenige Beispiele +unter Ihren Landsleuten, die sich mit Tahitischen +Mädchen wirklich verheirathet haben; jetzt sind diese +Frauen jung und schön, sie könnten sie nach Europa +zurückführen und vielleicht stolz darauf sein — wenn +Sie das Gefühl einer etwas wunderlichen und bizarren +Eitelkeit so nennen wollen — werden sie aber alt — und +weibliche Körper blühen und verblühen in +unserem tropischen Klima so rasch wie unsere üppige +Pflanzenwelt — dann ist das vorbei. Sie können +keine alte Indianische Frau nach Europa bringen,<span class="pagenum"><a name="Page_146" id="Page_146">[146]</a></span> +sie dort in Ihre Kreise einzuführen. — Sie möchten +das auch nicht, denn Sie wüßten recht gut, wie Sie +hinter Ihrem Rücken dem Gespötte der Menge, die +die näheren Beweggründe nicht kennt und nicht achtet, +verfallen würden. Und wollen Sie das Wesen, das +sich an Sie angeschlossen hat und mit Herz und Seele +an Ihnen hängt nicht unglücklich und elend machen, +so müssen Sie <span class="g">bei</span> ihm und hier auf den Inseln bleiben, +und Unmuth und Sehnsucht nach einem andern +Leben zehrt dann an Ihnen weit schlimmer und gewaltiger, +als es an dem <span class="g">jungen</span> Herzen gethan. +Dem lag die Welt noch frei — es konnte noch dem +ersten Drange folgen, ob ihn der auch gleich manchmal +irre führte, jetzt aber ist das vorbei — die Möglichkeit +frei zu handeln ist genommen, und nur der +Drang selber geblieben, der dann wie ein ewiger Wurm +an Ihrem Herzen nagt.«</p> + +<p>»Ich spreche nach mehren Beispielen, die ich selber +kenne, junger Mann, und die innige Liebe auch, die +ich für Prudentia fühle, macht mich besorgt, ihr ein +solches Schicksal ersparen zu wollen. Prudentia ist, +wie ich Ihnen schon gesagt habe, und wie Sie auch +selber, nach einem Zusammensein mit ihr von mehren +Wochen gewiß finden mußten, keins der gewöhnlichen +sinnlichen Mädchen dieser Inseln, die sich dem +Ersten Besten, ohne Arges dabei zu denken, hingeben,<span class="pagenum"><a name="Page_147" id="Page_147">[147]</a></span> +und gar nichts anderes erwarten, als daß er sie, sobald +er ihrer müde ist, wieder verläßt. Ich fürchte +im Gegentheil, Sie haben Prudentia’s Herz schon zu +sehr gewonnen; jetzt wäre aber doch noch vielleicht +eine Trennung möglich. — Sie würden Beide an diese +Zeit wie an einen schönen Traum zurückdenken, von +dem es das Herz nur eine kurze Zeit schmerzt — daß +es eben nichts weiter als ein Traum war; aber Sie +können Beide auch dadurch vielleicht einem verfehlten +Lebensziele entweichen, das dann später <span class="g">nicht</span> mehr +zu ändern wäre, und leider für <span class="g">Beide</span> auch verderblich +werden müßte.«</p> + +<p>»Ich bin fest davon überzeugt, daß Sie in diesem +Augenblick Prudentia mit aller Leidenschaft einer innigen, +vielleicht gar ersten Neigung lieben — aber +wird der alte Hang eines unstäten Lebens, das in +dem Herzen nur erst eingewurzelt, gar so leicht verderblich +werden kann, diesem Herzen in dem Stillleben +unserer Inseln Ruhe und Frieden lassen? — Unsere +Palmen sind grün und herrlich — aber so wie +sie dort stehn, stehn sie das ganze Jahr — kein gilbendes +fallendes Blatt, keine Schneedecke, keine auskeimenden +wachsenden Knospen geben ihnen im nächsten +Frühjahr immer wieder denselben Reiz. — Unsere +Bäume sind mit Früchten bedeckt — aber die Blüthenzeit +fehlt uns — wir brauchen die Frucht nie zu er<span class="pagenum"><a name="Page_148" id="Page_148">[148]</a></span>warten +— zu erhoffen — sie hängt voll und reif am +Baume, während heimlich, von uns kaum bemerkt, +andere indessen nachblühen und nachwachsen, die fehlenden +immer wieder zu ersetzen und die Plätze der +niederfallenden auszufüllen. Wir kennen auch hier +nicht die Sorgen und Mühen des Lebens — das +Salz jedes gesellschaftlichen Verkehrs, durch das eine +<span class="g">erworbene</span> Existenz erst ihren ganzen uns beglückenden +Reiz gewinnt — wir stehen Morgens auf und +essen und trinken und legen uns Abends wieder schlafen. +Nachrichten von der äußeren Welt dringen nur +selten zu uns, und wie sie kommen wäre es fast besser +sie blieben ganz aus, denn anstatt zu befriedigen lassen +sie, selbst in dem Herzen der Aeltesten von uns, eine +Leere zurück, die wir vergebens auszufüllen suchen.«</p> + +<p>»Wollen Sie nun, mit Ihrem jungen thatkräftigen +Herzen in dieses felsenumgürtete Thal, aus dem +es keine Rückkehr für Sie giebt, hinabspringen? — schauen +Sie um sich her, junger Freund — noch stehn +Sie oben — noch liegt die ganze übrige Welt ausgebreitet +vor Ihren Blicken — haben Sie <span class="g">nichts +nichts</span> mehr darin was auch nur den geringsten Anhaltepunkt +an Ihr Herz hätte? — bedenken Sie, bei +einem sinkenden Schiff kann das kleinste, unbedeutenste +vergessene Tau das Boot, auf dem sich der +Schiffbrüchige sonst vielleicht sicher den Wellen an<span class="pagenum"><a name="Page_149" id="Page_149">[149]</a></span>vertrauen +könnte, rettungslos mit in den Abgrund +ziehen.«</p> + +<p>Der alte Mann schwieg, und eine Thräne zitterte +in seinem Auge; ernst und forschend schaute er dabei +den jungen Mann an, und es war, als ob er seine +innersten Gefühle ergründen wollte, ehe sie auf die +Lippen kämen — ja wahrer als sie der Mund vielleicht +auszusprechen vermöchte. René begegnete aber, +zwar gerührt, doch fest entschlossen dem Blick, und erwiederte +endlich mit weicher Stimme:</p> + +<p>»Sie verstehn es, alter Herr Einem Herz und +Seele zu fassen, mit Ihren Worten, aber ich springe +getrost hinab in das Thal, denn da oben blüht für +mich kein Glück, keine Freude mehr. Die Meinen +sind todt oder schlimmer als so — ich stehe eine Waise +in der Welt, weder Bruder noch Schwester leben, die +Ansprüche auf meine Nähe machen dürften; Alles was +mein Herz sonst hätte binden können, ist für mich verloren, +und stießen Sie mich <span class="g">jetzt</span> wieder kalt und erbarmungslos +in die Welt zurück, ich müßte rettungslos +untergehn — und wäre recht recht elend. Auch +Sadie hängt mit inniger Liebe an mir, und ihr Herz +ist nicht geschaffen einmal zu lieben und so leicht wieder +vergessen zu können — wollten Sie auch aus <span class="g">ihrem</span> +Herzen diese erste Neigung reißen? — Sie haben +Sadie zu lieb dazu wenn ich selber Ihnen auch gleich<span class="pagenum"><a name="Page_150" id="Page_150">[150]</a></span>gültig +sein müßte. Aber — ich kann mich auch irren,« +brach er dann plötzlich ab — »ich täusche mich vielleicht +selber in Sadie’s Herzen, und ihre Neigung +wäre eines Rückschrittes fähig. — Sprechen Sie selbst +mit Ihr, werther Herr — fragen Sie das Mädchen +selber, und halten Sie unsere Vereinigung für gefahrbringend +für <span class="g">sie</span>, und glaubt Sadie daß sie mir jetzt +noch ohne großen Schmerz entsagen könne — dann +beim ewigen Gott will ich nicht in den Frieden dieses +stillen Thales getreten sein, Thränen und Kummer +zu säen, dann sollen Sie finden daß ich auch im Stande +bin zu <span class="g">entsagen</span>, und wenn mir das Herz darüber +bräche; kein Wort des Unmuths — keine Klage soll +über meine Lippen kommen, das erste beste Canoe mich +zu einer anderen Insel — aus ihrer Nähe führen.«</p> + +<p>Er war aufgesprungen und seine Mütze ergreifend +wollte er das Zimmer verlassen, der alte Missionair +streckte ihm aber die Hand entgegen und sagte mit +herzlichem, bewegtem Tone:</p> + +<p>»Das ist recht brav und ehrlich von Ihnen gehandelt, +junger Mann, und ich gebe Ihnen mein +Wort, ich habe auch, seit dem ersten Augenblick wo +ich Sie sah, noch nicht einen Augenblick daran gezweifelt +daß Sie Alles so auch <span class="g">fühlten</span>, wie Sie es +dem Mädchen vorgesprochen. Ich kenne übrigens Prudentia, +oder wenn Sie denn lieber wollen, Sadie,<span class="pagenum"><a name="Page_151" id="Page_151">[151]</a></span> +viel zu gut um bei ihr langer Rede zu bedürfen, in +wenigen Minuten haben Sie meine Antwort, treten +Sie indessen hier in das nächste Haus — das Fenster +ist fast so niedrig wie eine Thür — aber glauben Sie +nicht, junger Freund, daß ich Ihnen das Wort reden +werde,« setzte er ernster hinzu, »Sie müssen es meinem +Gewissen überlassen mit Sadie zu handeln, wie +ich es vor <span class="g">dem</span> verantworten kann.«</p> + +<p>»Handeln Sie, als wenn Sie ihr Vater wären,« +sagte René herzlich — »ich will <span class="g">Sadie’ens</span> Glück, +nicht das meine,« und er verließ mit schnellen Schritten +das Zimmer.</p> + +<p>Auf des alten Mannes Ruf betrat das Mädchen +schüchtern und mit niedergeschlagenen Blicken das Gemach — sie +schaute nicht auf, aber sie fühlte das +René nicht mehr im Zimmer sei, und ihr Herz klopfte +fast hörbar in der Brust. — Ihr Vater hatte ihn abgewiesen +und der schöne Traum ihres Glücks war in +Nacht und Thränen zerflossen.</p> + +<p>»Prudentia,« sagte der alte Mann, und zog das +zitternde Mädchen sanft zu sich — »ich habe den +jungen Fremden fortgeschickt von hier — er hat Dich +jetzt wohl lieb, aber wenn er eine Zeit lang von seiner +Heimath entfernt ist, sehnt er sich wieder nach ihr +zurück, und läßt mein armes Mädchen hier allein, +und dann wärst Du wohl recht recht unglücklich ge<span class="pagenum"><a name="Page_152" id="Page_152">[152]</a></span>worden +und elend. Jetzt ist der Eindruck den er auf +Dein Herz gemacht, noch flüchtig, noch leicht wieder +zu verwischen — Du wirst einen oder zwei Tage weinen, +ihn nachher vergessen, und nicht wahr mein Kind, +ich habe darin recht und gut gehandelt — ich wollte +ja nur Dein Wohl.«</p> + +<p>»Ich will Alles thun was Du mir sagst mein +Vater,« flüsterte das Mädchen, dicht an seine Brust +geschmiegt, so leise, daß er kaum ihre Worte verstehen +konnte.</p> + +<p>»Das ist mein gutes Kind,« sagte der Greis, aber +die Stimme zitterte ihm; er fühlte nur zu gut was +in dem Herzen des armen Mädchens vorging, und +wie die Liebe für den Fremden schon viel zu tief Wurzel +geschlagen habe, je wieder, ohne das Gefäß selber +zu zerbrechen, herausgerissen zu werden. Er mußte +sich aber selber einen Augenblick sammeln ehe er fortfahren +konnte, und mit lebhafter Stimme wie ermuthigend +setzte er hinzu:</p> + +<p>»Und, nicht wahr mein Kind — dann wirst Du +auch wieder glücklich und froh sein, wie bisher? — wirst +wieder lachen und singen und nicht das Köpfchen +so trübe hängen lassen.«</p> + +<p>»Ich will mir rechte rechte Mühe geben lieber +Vater,« flüsterte das Mädchen und barg ihr Haupt +fester an dem Herzen des alten Mannes.<span class="pagenum"><a name="Page_153" id="Page_153">[153]</a></span></p> + +<p>»Und willst Du auch den Fremden vergessen meine +Tochter? — willst Du mir das recht fest und aufrichtig +versprechen, mein braves Mädchen?« frug sie +jetzt leise der Greis.</p> + +<p>Das aber war zu viel für das arme gequälte Herz — einen +Augenblick schien es, als ob sie sich von seiner +Brust emporheben wolle, ihm in die Augen zu +schauen — aber sie sank wieder zurück und klagte nur +leise:</p> + +<p>»Ach das weiß ich nicht — das weiß ich wahrhaftig +nicht, lieber, lieber Vater« — damit war aber +auch ihre Kraft gebrochen, und laut und heftig schluchzend, +als ob ihr das Herz vergehen wolle in unendlichem +Weh, hing sie in seinen Armen.</p> + +<p>Und sie schluchzte nicht <span class="g">allein</span>, denn aus der +Ecke des Zimmers vor tönte es noch weit lauter und +heftiger, und der kleine Mitonare saß da auf einem +der niedern Bambusschemel, ganz allein und vergessen +und weinte, in Thränen förmlich zerfließend, wie ein +kleines Kind.</p> + +<p>Da vermochte sich aber der alte Missionair auch +nicht länger zu halten, und der Tochter thränenüberströmtes +Antlitz zu sich erhebend und küssend und wieder +küssend rief er:</p> + +<p>»Nein, nein Prudentia, ich bin ja kein Tyrann +daß ich mein Kind so elend und unglücklich machen<span class="pagenum"><a name="Page_154" id="Page_154">[154]</a></span> +mögte, nur weil die Möglichkeit existirt, daß es später +noch einmal so kommen könne — nein, wenn Gott +Dir eine so gewaltige und innige Liebe für ihn in’s +Herz gelegt hat, dann nimm ihn, nimm ihn — der +Herr segne Euch, und Er wird Alles zum Besten +lenken. Aber sei auch wieder mein gutes fröhliches +Mädchen, lach wieder, sing wieder und mache das +Herz Deines alten Vaters froh durch Dein heiteres +glückliches Angesicht.</p> + +<p>»Vater — lieber Vater!« rief das Mädchen in +jubelnder, kaum gefaßter Lust. — Mitonare hatte aber +kaum gehört was die Sache, die ihm selber das Herz +abzustoßen drohte, für eine Wendung nahm, als er, +wie aus einer Pistole geschossen, zur Thür hinausfuhr, +und nach kaum zwei Minuten mit dem »verzweifelten +Wi—wi« — wie er ihn nannte, in’s Zimmer +geschleppt kam.</p> + +<p>René lag mit an dem Herzen des alten Mannes — er +wußte selber kaum wie, und der Greis flüsterte +einen leisen Segen über den Häuptern der Glücklichen.</p> + + + +<hr class="endchapter" /> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_155" id="Page_155">[155]</a></span></p> +<h2><a name="Capitel_6" id="Capitel_6"></a>Capitel 6.</h2> + +<h3>Was der ehrwürdige Mr. Rowe dazu sagt.</h3> + + +<p>Der Abend verging den beiden Liebenden wie ein +Augenblick — sie hatten sich so tausenderlei zu sagen, +so tausenderlei zu besprechen, daß sie den Flug der +Stunden gar nicht bemerkten, und der alte gute Mann +saß lächelnd dabei, und wohl auch ihm stiegen in der +Erinnerung alte liebe, o so lang jetzt vergangene Bilder +auf, und führten seine träumenden Gedanken zurück +zur Jugendzeit.</p> + +<p>Aber auch die Gegenwart erheischte seine Umsicht, +denn manchmal gedachte er ebenfalls seines, in ziemlicher +Aufregung fortgegangenen Collegen und der +Schritte die dieser jetzt zu thun suchte, das Glück, was +er selber heute Abend hier geschaffen, wieder zu zer<span class="pagenum"><a name="Page_156" id="Page_156">[156]</a></span>stören. +Er hielt es auch für seine Pflicht dieses dem +jungen Mann mitzutheilen und ihn wenigstens darauf +vorzubereiten, daß seine Bahn von jetzt an noch immer +keine ganz ebene sein könne. Hätte er dem von +seinem Glück förmlich Trunkenen aber auch eine wirkliche +Gefahr genannt, er würde ihr mit leichtem Herzen +begegnet sein, vielweniger denn, wo es nur den +bösen Willen oder Zorn eines fremden Geistlichen betraf, +den weder Sadie’s Schicksal noch das seine kümmern +durfte. Des Königs selber glaubte er dabei +ziemlich gewiß zu sein, noch dazu da diese geistlichen +Herren selten oder nie Geschenke verschwenden, und +nur den Willen Gottes vielmehr als Gebot aufstellen. +Hier war also nicht einmal etwas zu gewinnen, im +Gegentheil nur zu verlieren, denn die Insulaner wußten +recht gut daß bei dem Aufenthalt eines Weißen +zwischen ihnen, der förmlich Einer der ihrigen wurde, +stets hie und da etwas für sie abfiele.</p> + +<p>Mr. Osborne selber, wenn er auch einen Conflikt +mit Bruder Rowe gern vermieden hätte, stand doch +keineswegs in einer so abhängigen Stellung von ihm, +seinen Zorn fürchten zu müssen. Nur Sadie versicherte +René sie habe eine entsetzliche Angst vor dem +finstern Mann, und wollte vieles darum geben, wäre +er gar nicht mit ihrem Pflegevater herübergekommen.</p> + +<p>Seinem feindlichen Wirken aber in etwas zu be<span class="pagenum"><a name="Page_157" id="Page_157">[157]</a></span>gegnen, +wurde noch an demselben Abend ein junger +Mann mit einer Privat-Botschaft an den König geschickt, +daß der alte Mr. Osborne, den sie Alle auf +der Insel wie ihren Vater liebten, seine Pflegetochter +dem jungen Fremden zum Weibe versprochen habe, +und daß dieser hinführo mit ihnen auf der Insel zu +leben wünsche, wozu sie des Königs Erlaubniß erbitten +ließen.</p> + +<p>Am nächsten Tag kehrte Bruder Rowe, und in +einer nichts weniger als freundlichen Stimmung zurück. +Er hatte den König, von dem er ohne weiteres +verlangt zu haben schien den Fremden, einen entsprungenen +Matrosen und Katholik, in Güte oder mit +Gewalt von der Insel zu entfernen, in einer keineswegs +günstigen Laune dafür getroffen, und schon die +Ausflüchte die dieser machte, wenn er sich auch dem +finsteren Missionair gegenüber keine direkte Weigerung +erlaubte, verriethen ihm daß er, wo er blinden Gehorsam +erwartete und verlangte, auf Schwierigkeiten +stoßen könne.</p> + +<p>Alles was er von dem Könige als festes Versprechen +erreichen konnte war, sich mit ihrem eigenen +Missionair darüber zu berathen, und wenn dieser es +ebenfalls wünsche, dann wolle er gern den Befehl +geben, daß der junge Fremde die Insel, auf der er +sich übrigens bis jetzt sehr ordentlich betragen habe,<span class="pagenum"><a name="Page_158" id="Page_158">[158]</a></span> +verlassen solle. Wie er aber glaube gehört zu haben, +wolle der Weiße eines ihrer Mädchen heirathen und +solchen Leuten, wenn sie sich wacker aufführten, hätten +sie noch nie den Aufenthalt verweigert.</p> + +<p>So rasch als möglich sollte jetzt Bruder Osborne +dem König seinen Willen oder vielmehr Wunsch bekannt +machen, wie er ebenfalls die Entfernung des +Fremden verlange. Bruder Rowe kehrte zu diesem +Zweck ohne weiteren Aufenthalt, als daß er die Nacht +an der anderen Seite schlief, zu den Missionsgebäuden +zurück, und es läßt sich denken mit welchen Gefühlen +er hier des alten ehrwürdigen Mannes Entschluß +vernahm, dem Fremden die Tochter zu geben und ihn +als Sohn anzuerkennen. Vergebens waren alle seine +Einwendungen, vergebens blieb selbst sein Zürnen +dagegen.</p> + +<p>»Ich habe dem Mädchen,« sagte der Greis, »die +Erziehung eines weißen Kindes gegeben, und vielleicht, +wie ich jetzt zu spät sehe, Unrecht daran gethan; +ich habe sie unfähig gemacht, sich in den gewöhnlichen +Verhältnissen ihrer Landsleute wieder glücklich zu fühlen; +diese können ihrem Herzen, ihrem Geiste nicht +mehr genügen — bei der Verbindung mit <span class="g">jedem</span> +Weißen ist sie aber derselben Gefahr ausgesetzt, der +sie jetzt vielleicht entgegengeht — daß sie nicht auf die +Länge der Zeit im Stande wäre sein Herz auszufüllen,<span class="pagenum"><a name="Page_159" id="Page_159">[159]</a></span> +aber auch das ist nur noch Vermuthung — es ist eine +Möglichkeit die wir befürchten, aber nicht voraus +wissen mögen, und ich kann mich nicht dazu verstehn, +ihr Herz jetzt <span class="g">gewiß</span> zu brechen, weil es vielleicht +später einmal gebrochen werden <span class="g">dürfte</span>.«</p> + +<p>»Aber fürchtet Ihr nicht die <span class="g">Sünde</span> — Bruder +Osborne?« rief da der Missionair, als alle andere +Beweisgründe fehlgeschlagen hatten — »wollt’ Ihr +es vor der Tafel der Gesellschaft in England verantworten, +Euer im rechten Glauben erzogenes Kind +selber in die Hände eines Anhängers des Pabstes zu +liefern? Ich würde <span class="g">gezwungen</span> sein, so leid es +mir auch selber thun möchte, diesen Fall nach Hause +zu berichten, denn die Folgen sind gar nicht abzusehen, +und können auf das verderblichste für unsere +kleine Gemeinde wirken. Und wie steht Ihr dann vor +jenen ehrwürdigen Männern wenn Ihr selber, Einer +jener Auserwählten die unter die Heiden geschickt wurden +den Saamen unserer Religion in ihre unwissenden +verstockten Herzen zu pflanzen — wenn Ihr selber +dann Unkraut zwischen den Weizen gesäet habt, +mit Euren eigenen Händen, ja und ich möchte fast +sagen auch mit den <span class="g">Mitteln</span>, die Euch von der Tafel +der Missionsgesellschaft <span class="g">anvertraut</span> waren in +<span class="g">ihrem</span> Sinne, nicht in Eurem eigenen damit zu +handeln?«<span class="pagenum"><a name="Page_160" id="Page_160">[160]</a></span></p> + +<p>Der alte Mann blieb aber auch fest, selbst gegen +diese halbe Beschuldigung eines Mißbrauchs am Vertrauen, +wenn ihn solche Anspielung auch wohl recht +schwer und tief kränken mußte.</p> + +<p>»Ich habe dreiundzwanzig Jahre,« sagte er ruhig, +»mein Leben der Sache geweiht, die ich für eine gute +hielt und noch halte; ich habe mir in der ganzen langen +Zeit keinen einzigen Vorwurf, meiner Handlungsweise +wegen zu machen — wir sind Alle Sünder und +ich bin nicht reiner davon als der Geringste unter uns, +aber ich kann frei das Auge zu Gott emporheben und +sagen: »Herr richte über mich!« — ich bin mir nichts +Böses bewußt. Auch in <span class="g">diesem</span> Fall aber, Bruder +Rowe, handele ich nach bestem Wissen und Willen, +ich glaube nicht anders handeln zu können, und was +ich da thue werde ich auch verantworten — Euere +Berichte, Bruder, werde ich Euch freilich selber überlassen +müssen.«</p> + +<p>Mr. Rowe ging mit raschen ungeduldigen Schritten +im Zimmer auf und ab — am wenigsten wollte +es dem fanatischen Priester in den Kopf, daß der Fremde +mehr sei, als ein gewöhnlicher weggelaufener Matrose. — Bruder +Osborne hatte, wie er meinte, so +lange und zurückgezogen von der Welt gelebt, daß er +sich durch die schönen Redensarten und Versprechungen +eines jungen leichtsinnigen Menschen vielleicht eben<span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161">[161]</a></span>falls +täuschen ließe. Er wollte deshalb selber einmal +mit ihm reden und dann bald ausfinden wes Geistes +Kind er sei. Es war seine letzte Hoffnung.</p> + +<p>Mr. Osborne selber wünschte dies, weil er dadurch +eine bessere Meinung für den Fremden bei dem +strengen Geistlichen zu erreichen hoffte, und ließ René, +der mit Sadie — jetzt aber freilich seines Versprechens +enthoben — nach ihrem Lieblingsplätzchen gegangen +war, zu sich bitten.</p> + +<p>Mr. Rowe hatte den Lehnstuhl des alten Mannes +eingenommen, und saß, das rechte Bein über das +linke geschlagen, den Kopf auf den linken Arm gestützt, +ernst und schweigend wie zu Gericht, den Fremden, +der bald darauf das Zimmer rasch und fröhlich +betrat, zu erwarten.</p> + +<p>Schon dessen schnelles, nichts weniger als ceremonielles +Eintreten rief die Falten auf seine Stirn zusammen +und die beiden Ellbogen auf die Lehnen des +Stuhles ruhen lassend, die Finger der beiden Hände +aber vorn gefaltet, sah er ihn mit etwas vorgebeugtem +Oberkörper unter den dunklen buschigen Brauen finster +an und sagte, ohne den Gruß des Franzosen anders +als mit einem leisen kaum bemerklichen Kopfnicken +zu erwiedern, und ohne zu warten bis der Gast +einen Stuhl genommen habe, viel weniger ihm selber +einen solchen anzubieten:<span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162">[162]</a></span></p> + +<p>»Mit welchem Schiff sind Sie hier gelandet, Sir?«</p> + +<p>René sah erst den Frager, dann Sadie’ens Vater +erstaunt an, als ob er hätte sagen wollen — was +bedeutet das? — bin ich hier vor Gericht gerufen? — Mr. +Osborne der aber die Unschicklichkeit eines solchen +Betragens fühlte, nöthigte ihn freundlich Platz +zu nehmen und bemerkte dann, fast wie entschuldigend, +mit einem Blick auf seinen Collegen:</p> + +<p>»Mein würdiger Freund, hier, lieber René, wünscht +sich mit Ihnen kurze Zeit zu unterhalten. Er ist, wie +ich, schon lange Jahre auf diesen Inseln, und eine +unserer Hauptstützen des Christenthums, selbst in den +Zeiten gewesen, wo unsere Aussichten hier trüb und +traurig waren, und wir schon fast die Hoffnung aufgegeben +hatten Christi Lehre den Sieg über blindes +Heidenthum zu verschaffen.«</p> + +<p>René verbeugte sich statt aller Antwort noch einmal, +wie anerkennend, gegen den Geistlichen, der jedoch +keine Miene dabei verzog und seinen Blick fest +und forschend auf ihn geheftet hielt und sagte, die +frühere Frage jetzt ohne Weiteres beantwortend:</p> + +<p>»Mit dem Delaware — einem Amerikanischen +Wallfischfänger.«</p> + +<p>»Und weshalb verließen Sie Ihr Schiff? — hatten +Sie nicht einen festen Contrakt für die ganze Reise +gemacht?« lautete die zweite, fast noch schärfere Frage.<span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163">[163]</a></span></p> + +<p>»Sehr werther Herr,« erwiederte ihm jetzt René +vollkommen ruhig und freundlich — »wollten Sie +wohl vorher die Gefälligkeit haben und mir sagen ob +diese Fragen im <span class="g">Laufe der Unterhaltung</span> an +mich gerichtet werden, oder ob es doch gewissermaßen +ein Examen sein soll, zu dem ich berufen bin?«</p> + +<p>Bruder Rowe wollte eben, wahrscheinlich keine +gerade freundliche Antwort darauf geben, als Mr. +Osborne, der jedes böse Wort zwischen den Beiden +um alles in der Welt zu vermeiden wünschte, rasch +einfiel und gegen René gewandt sagte:</p> + +<p>»Bruder Rowe nimmt innigen Antheil an Prudentia’s +Schicksal, da das Mädchen eigentlich so zwischen +uns groß geworden, und es ist besonders <span class="g">deshalb</span> +daß er näheres Interesse für Ihr früheres Leben +fühlt.«</p> + +<p>»Ich habe Ihnen, lieber Herr Osborne,« sagte +da der junge Mann, »jeden nur möglichen Aufschluß +gegeben, der in meinen Kräften stand, und ich will +das auch mit Freuden diesem Herrn thun, wenn ihn +das über Sadie’ens künftiges Glück zu beruhigen +vermag.«</p> + +<p>»<span class="g">Sadie</span>?« unterbrach ihn hier der Missionair +streng — »soviel ich weiß heißt das Mädchen Prudentia — wobei +ich wünsche daß sie ihrem Namen ein +wenig mehr Ehre gemacht hätte — und ich will nicht<span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164">[164]</a></span> +hoffen daß man sogar in dem Hause eines Dieners +der Kirche beabsichtigt die alten heidnischen Namen, +die wir nur mit Mühe und Schwierigkeit unterdrücken +konnten, wieder aufleben zu lassen.«</p> + +<p>»Es ist nicht des Heidenthums wegen lieber Herr,« +lächelte René, »nur des Wohlklangs — Prudentia +mag recht hübsch für eine alte würdige Matrone klingen, +aber meinem fröhlichen heitern Mädchen paßt der +Name gerade so, als wenn Sie ihn der Gazelle der +Wüste geben wollten.«</p> + +<p>»Und <span class="g">das</span> sind die Ansichten die man hier mit +in diese fromme christliche Gemeinde bringt?« rief der +Geistliche, der nur mit Mühe seinen Zorn über den +leichten fröhlichen Ton des jungen Franzosen bezwang, +»das soll der Saamen sein, der ein Baum +des Unglaubens seine Zweige ausbreiten und mit seinem +Schatten die Frucht vergiften würde?«</p> + +<p>René sah ihn staunend an, der kleine Mitonare +kauerte aber mit vor Schreck und Entsetzen offenem +Munde hinten in der Ecke wieder auf seinem kleinen +Stühlchen, und schien nichts Geringeres zu erwarten, +als daß der schwarze Mann mit dem finstern Gesicht +sich jetzt oben aus seinem Himmel einen kleinen Blitz +herunterholen und den ruhig und unbefangen vor ihm +sitzenden kecken Wi—wi zu Pulver brennen würde.<span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165">[165]</a></span></p> + +<p>»Sehr ehrwürdiger Herr,« sagte aber René vollkommen +ruhig, denn er wollte den Mann nicht böser +machen, da er wohl sah wie unangenehm das für +seinen alten wackern Freund sein müsse — »ich hoffe +nicht daß Sie etwas Sündhaftes in einem, dem Ohr +wohlklingenden Namen finden werden.«</p> + +<p>Bruder Rowe schien aber darauf nicht weiter eingehen +zu wollen und fuhr fort:</p> + +<p>»Und Sie gedenken sich hier auf dieser Insel niederzulassen?«</p> + +<p>»Mit des Häuptlings und meines väterlichen +Freundes Erlaubniß hier — ja!«</p> + +<p>»Aber Sie gehören der katholischen Religion +an.« —</p> + +<p>»Ich bin ein Christ,« sagte René ernst — »was +verlangen Sie mehr?«</p> + +<p>Der Missionair biß sich auf die Lippen und Bruder +Ezra sah nach oben, denn der Blitz <span class="g">konnte</span> jetzt +nicht länger ausbleiben.</p> + +<p>»Und Ihre Kinder? — sollen das auch <span class="g">Christen</span> +werden?« frug der Geistliche mit einer fast höhnischen +Zweideutigkeit im Tone. René aber streckte +den Arm nach seinem alten Freund aus, und dieses +Hand ergreifend sagte er herzlich:</p> + +<p>»Die soll dieser würdige Mann hier in der Lehre<span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166">[166]</a></span> +erziehen die <span class="g">er</span> für die richtige hält — ich weiß er +wird gute Menschen aus ihnen machen — der Glaube +ist mir gleich.«</p> + +<p>»Der Glaube ist Ihnen gleich?« rief aber jetzt +der Fanatiker, wie ordentlich froh einen Anhaltepunkt +gefunden zu haben an der Schwäche des Gegners — »und +wissen Sie daß Sie mit solchen Grundsätzen +hier nur Unheil und Elend säen werden? ein Christ +nennen Sie sich, und dem Antichrist dienen Sie — Ihrer +Pflicht — ihrer Verbindlichkeiten im gesellschaftlichen +Leben sind Sie entlaufen, und jetzt wollen Sie +sich einem Volke aufdringen, das sie nur zwischen sich +duldet, weil es seinem Geistlichen glaubt gefällig zu +sein, in der That aber, ihm einen gar schlimmen +Dienst damit leistet?«</p> + +<p>René war schon nach den ersten heftigen Worten +des Mannes von seinem Stuhl aufgesprungen.</p> + +<p>»Monsieur,« unterbrach er ihn jetzt fest aber ruhig — »Ihr +Stand, wie der Ort an dem wir uns befinden +schützt Sie vor jeder Antwort auf diese Unverschämtheit — <span class="smcap">bon +soir</span>« — und mit einem stolzen +Gruß gegen den Priester, mit einem freundlichen Kopfnicken +aber gegen den Greis, verließ er rasch das +Zimmer.</p> + +<p>Der ehrwürdige Mr. Rowe hatte sich in einen<span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167">[167]</a></span> +höchst unehrwürdigen Zorn hineingearbeitet, und er +war ebenfalls aufgesprungen und ging jetzt in dem +geräumigen Gemach mit schnellen Schritten, die Hände +auf dem Rücken, die Augen fest auf den Boden geheftet, +auf und ab. Der alte Mr. Osborne aber war +erstaunt und empört zugleich über ein so rücksichtsloses, +förmlich unschickliches Betragen, und jetzt nur +um so fester entschlossen dem Mann, der sich weit +mehr Autorität über ihn anzumaßen suchte als er beanspruchen +durfte, wissen zu lassen wo seine Grenze +sei. Bruder Rowe mochte aber wohl fühlen daß er +ein wenig zu weit gegangen sei, oder doch mit zornigen +Reden an der Sache selber nichts mehr ändern +könne, denn er schwieg von jetzt darüber, und erklärte +nur seinem Collegen, daß er dieses Mal nicht hier +predigen, sondern morgen früh, da noch dazu eine +leichte westliche Brise eingesetzt hatte, zurück nach Tahiti +aufbrechen wolle. Mr. Osborne dachte gar nicht +daran ihn zurückzuhalten.</p> + +<p>Am nächsten Morgen hatte er auch, ohne viel mit +den Anderen zu verkehren, seine Vorbereitungen zur +Abreise getroffen, während indessen Mr. Osborne den +dringenden Bitten René’s nachgab, und die Trauung +des jungen Paares auf den nächsten Tag, als an einem +Sonntag, gleich nach dem Gottesdienst festsetzte. +Sie fanden es natürlich nicht für nöthig Bruder<span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168">[168]</a></span> +Rowe davon in Kenntniß zu setzen, und erwarteten +jetzt wirklich den Augenblick mit Sehnsucht, wo der +kleine Cutter wieder seine Anker lichten würde.</p> + +<p>So mochte es etwa zehn Uhr Morgens geworden +sein, als plötzlich ein Knabe, der oben über die Hügel +gekommen war, die Nachricht brachte, es nähere +sich ein großes Schiff, von Süd-Osten her, der Insel. +René war an diesem Tage viel zu sehr mit seinem +Glück beschäftigt gewesen auch nur einen Blick auf +den Horizont zu werfen, jetzt aber, als er auf diese +Nachricht hier rasch nach Sadie’ens Lieblingsplätzchen +eilte, von wo man eine freie Uebersicht über den ganzen +südlichen Horizont hatte, genügte ein Blick dorthin +ihn zu überzeugen daß ein, allem Anschein nach +volles Schiff ohne Oberbramstengen, also jedenfalls +ein Wallfischfänger, dicht am Winde liegend, von +Süd-Osten gegen die erst seit gestern eingesetzte Westbrise +aufkreuzend, herankam, und unverkennbar die +Insel anlaufen wollte. Mehr ließ sich für den Augenblick +noch nicht erkennen, aber dies war auch hinreichend +ihn zu beunruhigen, und mit klopfendem Herzen +stand er da, die Augen fest und unverwandt auf +das näher und näher kommende Fahrzeug geheftet. +Er hörte gar nicht wie sich ein leiser, leichter Schritt +ihm näherte, und erst als Sadie ihre Hand auf seine +Schulter legte und seinen Namen flüsterte, schaute<span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">[169]</a></span> +er rasch und fast erschreckt empor, legte dann seinen +Arm um sie und zog sie fest und innig an sich.</p> + +<p>Das arme Kind war aber selber zu Furcht erfüllt +im Anfang reden zu können; sie sah nur das bleiche +Antlitz des Geliebten und glaubte schon ihre schlimmsten +Besorgnisse eingetroffen.</p> + +<p>»Ist es <span class="g">Dein</span> Schiff?« frug sie endlich mit kaum +hörbarer Stimme und wagte ihm dabei nicht einmal +in’s Auge zu schauen.</p> + +<p>»Das ist noch nicht möglich zu bestimmen Du +liebes Herz,« suchte sie aber René, wenigstens für den +Augenblick zu beruhigen — »ich kann das Holz des +Schiffes noch nicht einmal ordentlich erkennen, und +es schwimmen hier zu viele Wallfischfänger aller Nationen +herum, wenn ich auch nicht geglaubt hätte +daß sie sich noch so spät in der Jahreszeit hier aufhalten +würden« — setzte er leiser, und fast wie mit +sich selber redend, hinzu.</p> + +<p>Keins sprach von jetzt ab ein Wort mehr, ihre +Blicke hingen aber an den hellen Segeln des Fahrzeugs, +das rasch näher und näher kam, und bald für +das Auge des jungen Mannes keinen Zweifel mehr +ließ, die Insel selber sei sein nächstes Ziel. Nur zu +bald erhielt er aber sogar völlige Gewißheit, denn das +Schiff war jetzt schon so nahe gekommen, daß er in +dem Außenclüver desselben einen ziemlich großen Theer<span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">[170]</a></span>fleck +erkennen konnte, den er selbst einst mit ungeschickter +Hand, als das Segel zum Ausbessern an Deck +lag, hineingegossen hatte. Es war der <span class="g">Delaware</span> +und gerade in dem Augenblick, wo er sich seines Glücks +gewiß geglaubt, warf ihm das tückische Schicksal noch +einmal jenes unglückselige Fahrzeug in die Bahn und +drohte Alles Alles wieder mit <span class="g">einem</span> furchtbaren +Schlage zu vernichten.</p> + +<p>Als er damals von Bord entflohen war und sich +von seinen Feinden bedrängt sah, trat er der Gefahr, +ja dem Tod wenn es sein mußte, mit ruhigem unerschüttertem +Herzen entgegen; er hatte Nichts zu verlieren +auf der weiten Gotteswelt als sein Leben, und +achtete das kaum eines ernsten Gedankens werth. Jetzt +aber stand er nicht mehr allein, hier auf diesem kleinen +Eiland, rings von blauen Wogen umspült, war +ihm Alles Alles geworden was das Herz des Menschen +an diese Erde fesseln kann, und an der Schwelle +dieses Glücks wieder solcher Art allein freudlos in +die kalte Nacht gestoßen zu werden, oh das wäre zu +grausam — zu entsetzlich grausam gewesen.</p> + +<p>Sadie frug ihn nicht weiter, sie las in seinen +Blicken die Bestätigung ihrer schlimmsten Furcht; ihr +Herz aber, das sich in mädchenhafter Scheu an den +Geliebten geschmiegt, schlug ihr wieder in dem alten +entschlossenen Muth, mit dem sie ihn damals schon<span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">[171]</a></span> +seinen Feinden entzogen, und plötzlich seine Hand ergreifend, +sagte sie rasch und fast freudig:</p> + +<p>»Sie sollen Dich nicht wieder mit fortnehmen, +René, fürchte sie nicht — ich kenne alle Schlupfwinkel +dieser Wälder und weiß Stellen wo die weißen +Fremden wochenlang suchen und in Verzweiflung zuletzt +es aufgeben müßten je hindurchzudringen. Wir +Beide flüchten in den Wald, bis das Fahrzeug die +Insel wieder verlassen hat, und wenn es sein muß +trägt uns mein Canoe nach einer andern Insel, viele +Meilen weit entfernt von hier — lieber mit Dir in +den Wogen zu Grunde gehn, als allein hier ohne +Dich leben René.«</p> + +<p>Und in wilder Leidenschaft warf sie sich an seine +Brust, als ob sie schon jetzt gekommen wären, ihn +aus ihren Armen zu reißen.</p> + +<p>»Sieh wie die See da draußen über den Riffen +so hoch geht, Du herziges Lieb,« sagte aber leise und +traurig der junge Mann — »ein Canoe könnte jetzt +nicht leben in dieser Dünung, und ich trüge Dich dem +gewissen Untergang entgegen. Ueberdies könnten wir +nicht vor Nacht entfliehen und bis dahin wird wohl +der auf meinen Fang gesetzte Preis Verräther genug +gedungen haben mich einzubringen. Nein ich kann +meinem Schicksal nicht mehr entgehen, und der einzige +Trost ist, daß sie mich nicht lebendig mit sich<span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">[172]</a></span> +führen sollen — oh Sadie, ich glaubte so glücklich +zu sein und lasse Dich jetzt nun allein und trauernd +hier zurück.«</p> + +<p>»Nein nein, habe guten Muth,« bat aber das +Mädchen — »glaube auch nicht daß die Bewohner +dieser Insel so falsch und treulos wären. Damals, +als sie Dich noch nicht kannten, war es eine andere +Sache; von fremden Seeleuten haben sie bis jetzt fast +meist nur Noth und Aerger gehabt, und es hätte +vielleicht kaum des gebotenen Preises bedurft Dich +auf Dein Schiff zurückzuliefern. Jetzt gehörst Du jedoch +zu uns — die Männer wissen daß Dich mein +Pflegevater gern hat, und ihn lieben sie wie ihren +eigenen Vater. Ja es giebt auch wohl Schlechte unter +ihnen, die Dich vielleicht verriethen wenn sie es +heimlich thun können, aber sie würden es jetzt nicht +um den größten Lohn wagen dürfen, sie wären sonst +ausgestoßen für immer. Doch komm zurück zum Haus +— sieh das Schiff umsegelt die Insel und wird wahrscheinlich +auf derselben Stelle sein Boot wieder an’s +Ufer schicken, wo es Dich damals landete — wir +wollen indeß mit meinem Vater bereden was am +Besten für Dich zu thun sei, und dann rasch und +entschlossen handeln — es ist ja nicht das erste Mal +daß Sadie Dich führt,« setzte sie mit einem wehmüthigen +und gar so innigen Lächeln hinzu, »Du bist<span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">[173]</a></span> +ihr das erste Mal gefolgt, da Du mich noch gar +nicht kanntest — wolltest Du jetzt zurückbleiben?«</p> + +<p>René preßte die Geliebte fester an sich, und hielt +sie in einem langen Kuß an seinem Herzen, aber +sie wand sich endlich aus seinen Armen und seine Hand +wieder, wie in früherer Zeit ergreifend, wollte sie eben +mit ihm hinunter zum Hause gehn, als ihnen von +dort der alte Missionair mit einem anscheinend ziemlich +schweren Korb entgegenkam, und mit ihnen zurück +zu der kleinen Terrasse ging. René setzte hier den Korb, +den er ihm abgenommen, auf die Erde nieder und der +Greis sagte, nachdem er nur einen flüchtigen Blick +auf seine Kinder geworfen, ohne weitere Umschweife:</p> + +<p>»Ich hab’ es mir gedacht, daß es das unglückselige +Schiff sei, als ich nur hörte daß es dicht bei +dem Wind die Insel anlaufe, und den prachtvollen +Westwind versäume nach Nord-Osten aufzuhalten. +Doch wir müssen jetzt <span class="g">handeln</span> Kinder, nicht lamentiren +und traurig sein. Ich war erst Eurer Verbindung +entgegen, nun aber, da die Sache doch einmal +so weit gediehen ist, will ich Euch auch nicht Beide +unglücklich wissen, so lange ich es noch verhindern +kann — aber Zeit dürfen wir auch nicht mehr verlieren. +Ich habe in dieser Sache einige Erfahrung, +und schon viel in meinem Leben, gerade hier auf den +Inseln mit Wallfischfängern verkehrt, denen Matrosen<span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">[174]</a></span> +entlaufen waren. Die Capitaine sparen nicht mit den +Belohnungen die sie auf den Einfang setzen, denn +die Leute müssen das ja nachher selber von ihrem verdienten +Gelde abbezahlen — sie bieten oft enorme +Summen, hinreichend einen armen Insulaner, so gut +und brav er auch sonst sein möchte, zu verführen — +sie haben aber auch keine lange Zeit sich aufzuhalten, +besonders wenn es erst einmal so spät in der Jahreszeit +ist wie jetzt, wo sie nachher noch die Sandwichsinseln +anlaufen müssen Erfrischungen einzunehmen +und sich auf ihren Sommerzug in das Eismeer vorbereiten. +Dies Schiff kann aber kaum dort noch zu +guter Zeit eintreffen, wenn es nicht eine sehr schnelle +Reise nach Oweyhy oder Woahu hat und es läßt +sich denken daß der Capitain hier nicht wochenlang, +eines einzelnen Mannes, und noch dazu eines gewöhnlichen +Matrosen wegen, herumliegen wird. Vor +allen Dingen ist es also nöthig Sie aus dem Weg +zu bringen, damit Sie nachher Niemand verrathen +<span class="g">kann</span>, wenn ihm auch Gelegenheit dazu geboten +würde, das ist jedenfalls das Sicherste, und dazu +habe ich mir einen passenden Platz ausersehn.«</p> + +<p>»Ich führe ihn in die Berge, Vater,« sagte Sadie +— »oben in den niedern Hügeln stehn einzelne +Palmenhaine, und in der breiten Krone einer dieser +Palmen kann er tagelang versteckt liegen. Ich weiß<span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">[175]</a></span> +eine von ihnen die mein Bruder und ich in’s besonders +hergerichtet und ausgeschlagen haben — den Platz +kennt Niemand als ich selber, denn der Bruder ist ja +todt und kein Pfad führt dorthin, kein Weg oder Steg +und doch will ich die Stelle im Dunkeln finden.«</p> + +<p>»Der Platz wäre zu einer anderen Jahreszeit, und +wenn wir keinen besseren hätten, vielleicht recht gut,« +lächelte der Greis, »jetzt aber, wo es fast jede Nacht +in schweren Schauern niederfällt, möchte der Wipfel +einer Palme, besonders wenn es sich nicht um Stunden +sondern um Tage handelt, doch ein fataler Aufenthaltsort +sein. Nein, Du kennst das <span class="smcap">Ihiamoea</span> +Prudentia — jenes letzte Ueberbleibsel aus der alten +Heidenzeit. Es ist das ein kleines Gebäude, früher +dem Gott <span class="smcap">Oro</span> geweiht, das jedenfalls auch mit allen +übrigen derartigen Heiligthümern jener Zeit vernichtet +wäre, bestände nicht auch zugleich in der Familie +des jetzigen Oberhauptes der Insulaner eine alte Sage, +daß der König sterben müsse sobald das Gebäude zusammenfiele. +Sämmtliche Vorstellungen der Missionaire +sind bis jetzt erfolglos gewesen sie von der Thorheit +solchen Glaubens zu überzeugen, ja Einer unserer +Brüder hätte beinah einst sein eigenes Leben eingebüßt, +als er in vielleicht etwas übertriebenem Diensteifer +selber Hand daran legen wollte. Nur zwei Personen +sind auf der Insel die es jährlich einmal be<span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">[176]</a></span>suchen, +der <span class="smcap">fua</span> oder König, <span class="smcap">Jeremias Aitaua</span> (der +Rächer), wie ihn Bruder Rowe getauft hat, und dessen +Sohn; beide nur, um ein frisches Dach aufzulegen +oder das alte, wenn es noch gut ist, nachzusehen. +Das ist wenigstens die Entschuldigung, denn ich fürchte +fast, daß sie dort doch noch, trotz ihrem angenommenen +Christenthum, heimlich einige ihrer heidnischen +Ceremonien feiern; da sie es aber allein thun, +können wir Nichts dagegen machen, und die kleine +von Stein dauerhaft aufgerichtete Hütte wird darum, +so gut unterhalten, wohl noch mancher Regenzeit +trotzen. Dorthin magst Du René führen. — +Keiner der Eingeborenen getraut sich den Platz zu betreten +und die Weißen könnten wochenlang ihre Zeit +vergeuden, ehe sie ihn auffänden. Hier dieser Korb +mit Provisionen wird ausreichen, wo nicht, findet sich +schon wieder einmal Gelegenheit neue Zufuhr hinaufzuschaffen, +obgleich ich fest überzeugt bin daß sich das +Schiff keine vierundzwanzig Stunden an der Insel +aufhält.«</p> + +<p>»So will ich zum Haus gehn und meine Waffen +holen,« sagte René.</p> + +<p>»Sie sind in diesem Korb,« erwiederte ihm aber +der Greis — »es ist auch weit besser daß Sie sich +gar nicht wieder am Hause blicken lassen, denn neugierige +Augen folgten Ihnen doch, und wenn ich auch<span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">[177]</a></span> +nicht glaube daß Einer der hiesigen Leute zum Verräther +werden würde, so ist es doch, wie gesagt, besser +ihnen auch selbst die Möglichkeit zu nehmen verführt +zu werden. Gehn Sie gleich von hier ab, und Prudentia +kennt die Richtung gut genug, so weiß kein +Mensch wo Sie geblieben sind. Aber Prudentia muß +auch, so schnell als nur irgend möglich wieder zurückkehren, +und ich hoffe daß dieser Kelch glücklich an uns +vorübergehen wird.«</p> + +<p>»Lieber, väterlicher Freund —« sagte der junge +Mann gerührt, und streckte dem Greis die Hand entgegen. +Dieser aber wollte auch die jungen Leute +nicht sehen lassen wie weh und ängstlich ihm selber, +trotz seiner angenommenen Zuversicht, zu Muthe war, +und sagte mit einem wohl etwas erzwungenen Lächeln:</p> + +<p>»Keinen Abschied, René — das <span class="smcap">Ihiamoea</span> liegt +nicht am andern Ende der Welt, daß wir —«</p> + +<p>»Ich muß Sie <span class="g">hier</span> wohl aufsuchen, Bruder Osborne!« +sagte in diesem Augenblick, dicht hinter ihnen +die Stimme des Bruder Rowe mit zwar ruhigem aber +doch etwas scharfem Ton — »wenn ich überhaupt Abschied +von Ihnen nehmen will — Sie scheinen ganz +vergessen zu haben daß ich im Begriff bin aufzubrechen.«</p> + +<p>Die drei Menschen schauten sich um als ob sie +auf einem Verbrechen ertappt wären, und das kalte,<span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">[178]</a></span> +theilnahmlose Gesicht des Priesters war ebenfalls nicht +geeignet jedes unangenehme Gefühl solcher Ueberraschung +zu mildern. Der Geistliche schien dies aber +gar nicht zu bemerken, oder wenn er es bemerkte, zu +beachten; gegen Sadie die Hand ausstreckend legte er +dem Mädchen, das seine Rechte ergriff und küßte, +wie segnend die Linke auf das Haupt, neigte dann +seinen Kopf gegen René, der diese kalte Höflichkeit +ebenso formell erwiederte, und ging, Mr. Osborne’s +Arm nehmend, mit diesem nach der Landung hinunter.</p> + +<p>»Und nun komm,« flüsterte Sadie, als das dichte +Guiavengebüsch die Männer ihren Blicken entzogen — +»nun komm René und gebe Gott daß ich Dir recht +recht bald die frohe Botschaft Deiner Erlösung bringen +kann.«</p> + +<p>Wenige Secunden später schloß sich der Wald hinter +ihnen, und der kleine freundliche Platz lag still und +einsam im Schatten seiner rauschenden Palmen.</p> + +<p>Der Missionscutter war indeß zur Abfahrt gerüstet, +Bruder Rowe traf noch einige Anordnungen zu +dem nächst zu haltenden Osterfest zwischen den Insulanern +und verließ dann, mit einem frommen »Der +Herr segne und behüte Euch« — die Insel.</p> + +<p>Mr. Osborne hatte kein Wort gegen ihn erwähnt, +daß das Schiff was die Insel passirt war, dasselbe<span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">[179]</a></span> +Fahrzeug sei, von dem René entsprungen war — er +hielt es für besser die Sache mit keiner Sylbe weiter +zu berühren. Auch Bruder Rowe kam nicht wieder +auf die Verheirathung der beiden jungen Leute zurück; +er mochte auch wohl einsehen, daß jede weitere Vorstellung +oder Einsprache unnütz sein würde.</p> + +<p>Der Cutter war zuerst nach Mitiaro bestimmt, +der ehrwürdige Mann hatte aber vorher die Indianer +die ihn führten noch beordert in dem Binnenwasser +der Insel am Ufer hinaufzuhalten, da er zuerst noch +einmal den König an der andern Seite zu besuchen, +und Rücksprache mit ihm über eine Betversammlung +zu nehmen habe.</p> + + + +<hr class="endchapter" /> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">[180]</a></span></p> +<h2><a name="Capitel_7" id="Capitel_7"></a>Capitel 7.</h2> + +<h3>Der Verrath, und wie sich beide Theile dabei irrten.</h3> + + +<p>Am nördlichen Ufer der Insel war indessen Alles +in Aufregung, denn das Wiedererscheinen des Schiffes, +an das keiner der Insulaner fast mehr gedacht +hatte, bot Ursache genug das sonstige Stillleben zu +unterbrechen, hätten Manche von ihnen auch gerade +<span class="g">nicht</span> Grund gehabt zu wünschen, daß es seinen Weg +nicht wieder hierher gefunden habe.</p> + +<p>Der König dachte natürlich mit einiger Beunruhigung +an die Geschenke, die er unter der Bedingung +überliefert bekommen hatte, den Flüchtling einzufangen +und wo waren diese Sachen jetzt alle geblieben? — wo +war der Flüchtling? — Wer aber konnte auch +wissen daß das Schiff nach so langer Zeit zurückkehren<span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181">[181]</a></span> +würde, und eine Ausrede war bald gefunden. Als +der erste Harpunier wieder wie früher an Land kam +und nach dem Mann frug, erwiederte ihm der rasch +herbeigeholte Raiteo — denn der König schämte sich +vielleicht vor seinem eigenen Volk, dem weißen Mann +etwas vorzulügen — mit keineswegs christlicher Unverschämtheit, +sie hätten den Flüchtling damals eingefangen +und drei volle Wochen auch eingesperrt gehalten +und gefüttert, wie aber das Schiff gar nichts +mehr habe von sich hören oder sehen lassen, da seien +sie endlich genöthigt gewesen ihn wieder frei zu lassen. +Seit der Zeit sei er aber ebenfalls verschwunden und +sie glaubten er wäre mit einem kleinen Schooner, der +neulich einmal die Insel anlief, nach Tahiti oder einer +der dortigen Inseln gezogen.</p> + +<p>Das Ganze schien wahrscheinlich genug, dennoch +war der alte Seemann zu bekannt mit diesem Volk +um ihnen sogleich, auf die erste Bestätigung hin, die +erste beste Geschichte auch zu glauben. Sie hatten +einmal den Fanglohn weg, den der <span class="smcap">fa-u</span> jetzt, wie +Raiteo mit vieler Geistesgegenwart weiter log, für die +so lange Unterhaltung des Gefangenen beanspruchte, +und er sah wohl ein, daß er auf’s Neue einen Preis +aussetzen mußte. Auch hierin schien er wieder Schwierigkeiten +zu finden, aber aus den langen Unterhandlungen +die nach den neuen Versprechungen gehalten<span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182">[182]</a></span> +wurden, merkte der alte Harpunier deutlich genug daß +der Matrose noch jedenfalls auf der Insel sein mußte, +und der Sache ein Ende zu machen, denn die Sonne +neigte sich schon ihrem Untergang, bot er dem König +funfzig spanische Thaler — ein wahrer Reichthum für +seine Verhältnisse — wie noch andere Güter die er +mit im Boot führte, wenn er den Entsprungenen noch +diesen Abend, oder wenigstens diese Nacht in seine +Hände liefere.</p> + +<p>Raiteo ließ sich die Summe zweimal wiederholen +und sogar, ganz sicher zu sein, an den Fingern vorzählen, +denn er traute seinen eigenen Ohren kaum +eine so ungeheuere Quantität baaren Geldes — ohne +alle die übrigen Herrlichkeiten — in den Bereich ihres +Arms zu bringen. Trotzdem schüttelte aber der <span class="smcap">fa-u</span> +mit dem Kopf — er wollte mit der Sache, der sich +sein alter Freund der Missionair angenommen hatte, +nichts mehr zu thun haben, und sagte Raiteo er möge +die Fremden bedeuten den Mann selber zu suchen, +wenn sie glaubten daß er noch hier auf der Insel sei.</p> + +<p>Der Harpunier nahm jetzt den Burschen, dem er +wohl ansah zu was er mit Geld gebracht werden +konnte, in Englisch vor, und bot ihm die Summe +allein, wenn er ihm den Flüchtling diese Nacht ausliefern +wolle. Hiergegen erklärte ihm aber Raiteo ganz +offen der Mann sei allerdings noch da, so geschwind<span class="pagenum"><a name="Page_183" id="Page_183">[183]</a></span> +ließe sich das aber unter keiner Bedingung anstellen. +Er habe die Zeit über, am andern Ende der Insel, +auf der Mission gewohnt, das Schiff als es von dort +heraufkam aber auch jedenfalls sehen können, und sei +jetzt wieder irgendwo im Wald versteckt, wo er allein +morgen wenigstens den ganzen Tag brauchen würde +ihn nur aufzuspüren, und selbst dann sei es eine +schwierige Sache, da der König nichts damit zu thun +haben wolle, und er selber nachher, vielleicht seines Lebens +auf der Insel nicht wieder froh würde. Er verdiene +gewiß gern den hohen Preis, wenn sich aber weißer +Mann Capitain nicht dazu entschließen wollte zwei +drei Tage auf der Insel zu bleiben und auch womöglich +noch mehr Leute herüberzubringen, so sehe er keine +Möglichkeit seinen Zweck zu erreichen.</p> + +<p>Das ging nicht an, das Schiff hatte sich überdies +schon, durch einige Spermfische gerade damals +aufgehalten als sie wieder nach Norden auf kreuzen +wollten, in der Jahreszeit verspätet, und der Capitain +erst nicht einmal, trotzdem daß sie die Insel passirten, +wieder anlaufen wollen, aber jedenfalls nur bis nächsten +Morgen mit Tagesanbruch den äußersten Termin +gesetzt — war es bis dahin nicht möglich den Mann +wieder zu bekommen, so mußten sie es aufgeben, und +der alte Seebär wollte sich eben, mit einem zwischen +den Zähnen durchgebrummten Kraftfluch hineingeben<span class="pagenum"><a name="Page_184" id="Page_184">[184]</a></span> +und an Bord zurückkehren, als der kleine Missionscutter +in Sicht kam und das hinten angehängte Boot +gleich darauf den ehrwürdigen Mr. Rowe an Land +brachte.</p> + +<p>Der Missionair hatte noch einiges mit dem <span class="smcap">fa-u</span> +zu bereden und der Harpunier zögerte einen Augenblick +am Ufer — er konnte die Schwarzröcke nicht gut +vertragen, aber eine Frage that auch keinen Schaden, +und der Mann kam gerade von dort her, wo sich der +Flüchtling aufgehalten.</p> + +<p>Bruder Rowe fühlte vielleicht eine gleiche Sympathie +für diese Art Leute, er war aber nichts destoweniger +freundlich gegen den Seemann, und beantwortete +seine Fragen auf das leutseligste aber ausweichend. — Raiteo +der mit offenem Munde dabeistand, +kam es vor, als ob er mit der Sache nichts +zu thun haben wolle, denn darum wissen mußte er.</p> + +<p>»Sehn Sie, Mr. — wie mag Ihr Name sein?« —</p> + +<p>»Rowe.« —</p> + +<p>»Ah — Mr. Rowe,« sagte der alte in seinem Geschäfte +schon ergraute Seemann — indem er fast unwillkürlich +neben dem langsam längs dem Strande +hergehenden Priester herschritt, wodurch sie sich von +Raiteo, der ihnen ja nicht folgen durfte, entfernten. +»Es ist nicht wegen dem einen Burschen daß wir uns +solche Mühe geben ihn wieder zu bekommen — was<span class="pagenum"><a name="Page_185" id="Page_185">[185]</a></span> +das belangt, so könnten wir eher noch zwei dazu +entbehren, ehe wir gerade jetzt einen einzigen Tag hier +versäumten, aber es ist wegen dem bösem Beispiel — sehn +die Canaillen daß sie fortkommen <span class="g">können</span>, dann +läuft uns auf den Sandwichsinseln nachher am Ende +der ganze Schwarm davon. Kriegen wir aber so einen +Burschen wieder, und auch schon während wir +uns Mühe danach geben, so sehen doch die Andern +daß es ihnen nicht so ganz leicht gemacht wird und +hingeht, und besinnen sich zweimal, eh’ sie die Beine +in die Hand nehmen. Auf den Preis kommts uns +dabei nicht an, denn kriegen wir sie nicht, so bezahlen +wir ja auch Nichts, als vielleicht ein Bischen Lumperei +an Spielkram, und kriegen wir sie, nun dann +müssen sie’s selber von ihrem Theil abtragen.«</p> + +<p>»Haben Sie einen hier von den Insulanern, dem +Sie glauben vertrauen zu können?« frug ihn der Missionair +jetzt, und drehte sich, wie im Gespräch, halb +nach ihm um, zu sehn ob ihnen Niemand folge. — »Könnten +Sie einen der Leute hier bewegen Sie zu +führen?«</p> + +<p>»Führen? — gewiß,« brummte der Harpunier — »wenn +ich nur wüßte wohin.«</p> + +<p>»Ich kann mich, meiner Stellung wegen, nicht +mit solchen Sachen befassen,« erwiederte ihm indirekt +hierauf der Geistliche — »Sie werden aber auch wohl<span class="pagenum"><a name="Page_186" id="Page_186">[186]</a></span> +als vernünftiger Mann einsehn, daß es mir nicht +gleichgültig sein kann dabei, meist gewissenlose Menschen +zwischen die, kaum einem etwas civilisirten und +religiösen Leben gewonnenen Insulaner geworfen zu +sehen.«</p> + +<p>»Nein gewiß nicht — kann ich mir denken — ist +ganz natürlich« — brummte der Harpunier dabei zwischen +den Zähnen durch, und warf nur manchmal einen +Seitenblick auf den Geistlichen, als ob er hätte +sagen wollen: »nun was steckt dahinter? — wo will +der hinaus?«</p> + +<p>»Mir liegt also,« fuhr Bruder Rowe hier wieder +fort — »gewissermaßen ebensoviel daran den entsprungenen +Matrosen wieder von hier zu entfernen +als Ihnen daran gelegen ist ihn wieder zu bekommen.«</p> + +<p>»Ja sagen Sie mir nur wie!« platzte der Alte, +dem die Vorrede zu lange dauerte, heraus.</p> + +<p>»Unter der Bedingung daß Sie meinen Namen +nicht dabei nennen, und auf eine Entschuldigung oder +vielmehr Ausrede, dem Eingeborenen gegenüber, den +Sie zu Ihrem Führer nehmen, denken wollen, kann +ich Ihnen den Platz so genau angeben wo er versteckt +ist, daß Sie nicht die mindeste Schwierigkeit haben +werden ihn zu finden — ja noch mehr, der Ort liegt +so vortrefflich ihn zu umstellen, daß Sie, wenn Sie<span class="pagenum"><a name="Page_187" id="Page_187">[187]</a></span> +Ihre Maßregeln gut treffen, ihn sicher in Ihre Gewalt +bekommen <span class="g">müssen</span>.«</p> + +<p>»Aber was soll ich dem alten Fuchs dem Raiteo +weiß machen,« sagte der Harpunier sinnend, »er hat +gesehn wie wir jetzt hier miteinander sprechen und ich +kann es ja nicht gut von irgend einem Andern gehört +haben.«</p> + +<p>Der Missionair blieb einen Augenblick stehn — dann +sagte er bedächtig:</p> + +<p>»Machen Sie sich nachher mit einem meiner Bootleute +etwas zu schaffen und sprechen Sie mit ihm über +irgend einen Gegenstand. — Sie können Raiteo dann +sagen daß Sie es von dem erfahren haben; ich bin +ziemlich fest überzeugt daß ihn Raiteo nicht wieder +danach fragen wird.«</p> + +<p>»Und wo ist der Platz?« frug der Harpunier.</p> + +<p>»Erkundigen Sie sich bei Raiteo,« sagte der Geistliche +leise — »ob er ein Haus Namens <span class="smcap">Ihiamoea</span> auf +der Insel kennt. — <span class="smcap">I-hi-a-mo-e-a</span> — können Sie +den Namen behalten?«</p> + +<p>»Er ist verdammt lang,« brummte der Harpunier — »<span class="smcap">I-hi-ma-nu</span>«.</p> + +<p>»<span class="smcap">I-hi-a-mo-e-a</span>,« wiederholte der Missionair.</p> + +<p>Der Harpunier repetirte das Wort ein paar Mal +leise vor sich hin und sagte dann:<span class="pagenum"><a name="Page_188" id="Page_188">[188]</a></span></p> + +<p>»Ich denke so wird’s gehn, und da steckt er also — aber +kennt Raiteo den Ort?«</p> + +<p>»Genau genug,« lautete die Antwort. »Sie werden +ihm aber einen guten Lohn versprechen müssen, +denn die Insulaner haben eine gewisse Scheu vor jener +Gegend.«</p> + +<p>»Er soll die ganzen funfzig Dollars haben wenn +er uns heute Abend noch hinführt!« rief der Seemann +rasch — »und Gott straf mich — noch Alles +in Sachen dazu, was im Boot liegt — wenn wir +den Kerl nur kriegen. Ich habe noch außerdem mein +besonderes Gift auf ihn.«</p> + +<p>»Gut, dann verlieren Sie keine Zeit mehr,« sagte +der Missionair, wieder nach den Gebäuden, wo noch +die übrigen standen, zurückkehrend. »Können Sie sich +aber auch auf Ihre andern Leute verlassen, daß Sie +am Ende nicht, anstatt Einen zu fangen, das Uebel +noch verschlimmern und mehre dabei einbüßen?«</p> + +<p>»Wir sind diesmal gescheuter gewesen, als das +erste Mal,« erwiederte der Harpunier — »und haben +gar keine Matrosen, sondern nur Officiere im Boot +zum Rudern mitgenommen — die Leute sind sämmtlich +Harpunier oder Bootsteurer, die laufen schon seltener +weg, weil sie weit höhern Antheil bekommen +und auch überhaupt eine Carriere zu machen haben — es +sind nur die verwünschten Matrosen die durch<span class="pagenum"><a name="Page_189" id="Page_189">[189]</a></span>brennen, +weil sie sichs gewöhnlich ein Bischen zu +hübsch auf einem Wallfischfänger gedacht haben.«</p> + +<p>Sie waren indessen wieder zu des Königs Hause +gekommen, welches der Missionair jetzt betrat das +Wetter abzuwarten, das gerade im Osten heraufzog +und schon mit drohenden Wolken über dem Horizont +hing. Der Harpunier wechselte indessen mit seinen +Leuten einige Worte, und ging dann nach den beiden +mit dem Cutter gekommenen Insulanern zu, die unfern +ihres eigenen Bootes auf den Corallen saßen +und sich eine kleine Cigarre aus ihrem inländischen +Tabak und Bananenblättern drehten. Er blieb einige +Zeit bei diesen stehn, und ging dann, als er Raiteo +gerade über sich am Rande des Gehölzes bemerkte, +rasch auf diesen zu.</p> + +<p>»Raiteo,« sagte er hier dem aufmerksam Zuhorchenden — »willst +Du in dieser Nacht Dein Glück +machen und ein reicher Mann werden? Du kannst +funfzig Dollar und den ganzen Plunder verdienen +der da im Boot liegt.«</p> + +<p>»In dieser Nacht?« erwiederte Raiteo kopfschüttelnd — »habe +weißen Mann Capitain schon gesagt +daß es so schnell nicht geht — und ist immer ein bös +Stück Arbeit — kann nicht.«</p> + +<p>»Aber Du kannst« — sagte der Harpunier — »kennst +Du ein kleines Haus hier irgend wo auf der<span class="pagenum"><a name="Page_190" id="Page_190">[190]</a></span> +Insel, das sie <span class="smcap">I-hi</span> warte einmal — verdammt — <span class="smcap">I-hi-mano</span> —«</p> + +<p>»<span class="smcap">Ihiamoea</span>?« sagte Raiteo rasch und leise und sah +den Fremden erstaunt an — »und ist der weiße Mann +im <span class="smcap">Ihiamoea</span>?«</p> + +<p>»Verdamme mich, wenn Du den Namen nicht +wie am Schnürchen hast,« lachte der Wallfischfänger — »<span class="smcap">Ihiamoea</span> +kannst Du uns dorthin noch heute +Abend führen?«</p> + +<p>»Und wer hat Euch den Platz angegeben?« frug +der Insulaner, und seine Augen suchten fast unwillkürlich +die Stelle wo der Missionair noch vor dem +Hause des <span class="smcap">fa-u</span> stand.</p> + +<p>»Einer der Burschen dort im Boot,« erwiederte +ihm der Seemann — »sie wollens aber nicht gern +wissen lassen, daß die Nachricht von ihnen kommt — ich +hab’ ihnen fünf Dollar dafür gegeben.«</p> + +<p>»Hm« — brummte Raiteo und schaute nach den +Bootsleuten hin, die ruhig und abwechselnd ihre kleine +dütenförmige Cigarre rauchten, und wieder nach dem +Missionair hinüber; dann aber, den Kopf zurückwerfend +als ob er hätte sagen wollen »was gehts mich +an« gab er dem Harpunier ein Zeichen ihm etwas +weiter in den Wald hinein zu folgen, und hatte nun +mit diesem in wenigen Minuten das Nöthige besprochen. +Das <span class="smcap">Ihiamoea</span> war ein kleines niederes Ge<span class="pagenum"><a name="Page_191" id="Page_191">[191]</a></span>bäude +mit einem Gemach und zwei Ausgängen, das +oben auf einem der Hügel, im wildesten Dickicht und +dichtesten Walde lag; aber auf einem etwa funfzig +Schritt breiten, vollkommen freien Raum stand, und +also mit größter Leichtigkeit umzingelt und besetzt werden +konnte. In etwa anderthalb Stunden konnten +sie es von hier aus erreichen und das aufsteigende +Wetter begünstigte jedenfalls ein solches Unternehmen. +Raiteo aber, so gierig er war das Geld zu verdienen, +scheute sich eben so sehr seinen Namen dabei genannt +zu wissen, als der Missionair. Er zeigte ihm deshalb +jetzt den Pfad, auf dem sie sich gerade befanden, +und der durch eine dichte Pandanus-Niederung hinführte — diesen +sollte der Harpunier mit seinen Leuten, +sobald es dunkelte, etwa 300 Schritt weit folgen, +und dann pfeifen, und Raiteo würde ihn von da bis +zu dem Haus führen und ihm angeben wie er es umstellen +könne — in das Haus aber bedung er sich +gleich von vorn herein aus, ging er nicht hinein; »die +alten hier unten vertriebenen Götter saßen noch dort +oben darin, und wenn sie auch einem weißen Mann +wohl nichts anhaben konnten, so liefe doch ein Eingeborener +die tödtlichste Gefahr an Leib und Seele.«</p> + +<p>Ueber die Ausbezahlung wurden sie ebenfalls einig, +Raiteo bekam fünf Dollar im voraus, was ihn soviel +gieriger auf das übrige machte, und der Rest sollte<span class="pagenum"><a name="Page_192" id="Page_192">[192]</a></span> +ihm ausbezahlt werden, wenn sie den Entsprungenen +gebunden in ihrer Gewalt hätten.</p> + +<p>Der Abend setzte ein, wie es das Wetter klar genug +angedeutet; einzelne Windstöße und Regen was +vom Himmel herunter wollte. Der Wallfischfänger +war indeß näher herangekommen, wo er durch das +hohe Land gegen die Böen ziemlich geschützt lag und +sich nicht in der mindesten Gefahr befand auf die +Klippen getrieben zu werden, von denen ihn Wind +und Strömung zugleich absetzten; in kurzen Gängen +war es nur eben Alles was er thun konnte, daß er +sich auf seiner Stelle hielt.</p> + +<p>Der Missionair hatte die Insel ebenfalls nicht verlassen, +obgleich er lieber der durch ihn gewissermaßen +herbeigeführten Katastrophe aus dem Wege gegangen +wäre; auf See aber etwas ängstlich fürchtete er das +Wetter möchte noch schlimmer werden und wollte sich +da nicht in seiner Nußschaale von einem Fahrzeug +den Wogen anvertrauen.</p> + +<p>Das Zeichen für den Harpunier an Bord zu kommen, +wenn etwa in der Nacht möglicher Weise etwas +vorfiele, sollten zwei Kanonenschüsse sein.</p> + +<hr /> + +<p>René war indessen durch seine liebe Führerin glücklich +an den Ort seiner Bestimmung gebracht und schon<span class="pagenum"><a name="Page_193" id="Page_193">[193]</a></span> +der Weg dahin überzeugte ihn, daß Europäer den +Platz nimmer in wenigen Tagen auffinden könnten, +hätten sie selbst gewußt daß ein solcher Schlupfwinkel +hier existire, und von den Insulanern konnte ja auch +keiner glauben daß ihm diese Stelle bekannt sei. Ebenso +hatte er das aufsteigende Wetter bemerkt, und nicht +ohne Grund durfte er hoffen daß es den Wallfischfänger +zwingen konnte, die Insel vielleicht sogar eher +zu verlassen, als er im Anfang beabsichtigt. Daß +aber auch Sadie nicht von dem Wetter überrascht +werde, trieb er diese selber mit zärtlicher Besorgniß +zum schleunigen Heimweg an, und das schöne Mädchen +flog mehr als sie ging den Pfad zurück, denn sie +wußte ja daß sie, je eher sie wieder am Hause sei, +desto sicherer auch den geringsten Verdacht niederschlagen +müsse, der Fremde habe einen so weitentlegenen +Platz als das <span class="smcap">Ihiamoea</span> zu seinem Zufluchtsort gewählt. — An +den Missionair dachte Niemand.</p> + +<p>Der Platz selber war für so kurzen Aufenthalt +wohnlich genug; gegen Wind und Regen vollständig +durch ein gutes Dach und fast fußdicke vielleicht sechs +Fuß hohe Steinmauern geschützt, lag selbst eine breite +aus dem dortigen Schilfgras geflochtene Matte in der +Mitte der Hütte — ein Beweis mehr daß der alte +Missionair recht hatte wenn er glaubte, der christlichste +König dieser Insel hänge noch etwas an dem alten<span class="pagenum"><a name="Page_194" id="Page_194">[194]</a></span> +Heidenthum. Doch wie dem auch sei, es kam René +hier vortrefflich zu statten.</p> + +<p>Vor allen Dingen sah er jedoch nach seinen Waffen, +steckte sein Messer in den Gürtel, den er immer +trug und untersuchte die Terzerole — aber der alte +Mann hatte in der Eile das Pulverhorn vergessen, +und wenn auch das Pulver noch ziemlich trocken aussah, +war ihm doch nicht viel zu trauen.</p> + +<p>»Nun ich werde sie hoffentlich nicht brauchen,« +murmelte er leise für sich hin — »besser wär’s aber +doch ich wüßte sie sicher — es giebt Einem immer +mehr Zutrauen eine gute Waffe in der Hand zu haben.« +Bei den Waffen lagen aber auch eine Masse +Lebensmittel und mit doch weiter keiner anderen Beschäftigung +machte er sich über den Korb her, die Leckerbissen +vorzunehmen, die ihm der gute alte Mann, +mit einem paar Flaschen Wein und Cocosnußmilch +zusammengemischt, eingepackt hatte.</p> + +<p>So vergingen ihm die Stunden rasch — ein paar +Mal trat er in die vordere Thür der Hütte, vielleicht +einen Blick in’s Freie zu gewinnen, aber der Wald +umgab das kleine Heiligthum einer früheren Zeit hier +zu hoch und dicht, auch nur einen Blick über dessen +äußerste Grenzen zu gestatten, und er warf sich zuletzt, +ermüdet vom Umhergehn in so engem Raume, +auf die Matte, und schaute träumend auf die kahlen<span class="pagenum"><a name="Page_195" id="Page_195">[195]</a></span> +Steinwände, die in früherer Zeit wohl Zeuge mancher +wildromantischen Scene, vielleicht manchen furchtbaren +Opfers gewesen waren.</p> + +<p>»Und wo seid Ihr jetzt — Ihr stolzen Herrscher +dieser Haine — Oro, Du kriegerischer Gott, Hiro, Du +schlauer Beschützer der Diebe, Teroro, Du Sturmerwecker, +Tane, Du Herrlicher und Ihr Alle, Alle, die +Ihr früher in dem Rauschen der Palmen, in dem +Donnern der ewigen Brandung zu Euern Kindern +spracht? — Sie haben sich losgesagt von Euch, umgeworfen +Euere Altäre, in den Wind verweht selbst +Eure Namen, und das Kreuz, von einzelnen Fremden +aufgepflanzt, hat wie mit einem Schlage Euer Jahrhunderte +bestandenes Reich vernichtet. Aber solltet +Ihr auch diese Haine, die einst Eure Macht sahen, +so schnell und leicht haben verlassen können? wandelt +Ihr vielleicht nicht selbst jetzt noch in den dunklen +Schatten der Fruchtbäume, um die Stellen wo +früher Euere Altäre gestanden, und schauet mit finsterem +Groll auf die Tempel eines neuen Gottes, vor +dem Euere abtrünnigen Kinder <span class="g">jetzt</span> ihre Kniee beugen? +Umschwebst nicht Du selbst, furchtbarer Oro +diese Dir einst, ja vielleicht selbst jetzt noch geweihte +Stätte, und blickst zürnend auf den Fremden nieder, +der sich, ein ungeladener Gast über Deine Schwelle +gedrängt hat? — Zürne mir nicht, hätte nur ich, von<span class="pagenum"><a name="Page_196" id="Page_196">[196]</a></span> +all den weißen Fremden diese Ufer betreten, Du +herrschtest <span class="g">noch</span> hier, in all Deiner Herrlichkeit, ich +hätte Deinem Volke seine Götter und seinen Frieden +gelassen, und wer weiß ob sie nicht glücklicher — +besser geblieben wären.«</p> + +<p>Lange noch lag er sinnend und träumend auf der +Matte, bis die einbrechende Nacht ihre Schatten niedersandte, +und mit diesen der Regen laut und schallend +auf das schilfige Dach der Hütte niederschlug. War +er hier aber auch vor diesem geschützt, so fand er doch +eine andere Plage — eine wahre Unzahl von Mosquitos +stellten sich schon mit der Dämmerung ein, und +umschwärmten ihn jetzt als sicher unverhoffte und gute +Beute zu Tausenden.</p> + +<p>Im Anfang suchte er sich ihrer zu erwehren, zuletzt +aber gab er das auf und streckte sich, nur sein +Taschentuch über das Gesicht breitend, auf die Matte +aus, der Nacht so viel Schlaf als möglich abzustehlen. +Er fühlte sich vollkommen sicher daß der Wallfischfänger, +wenn er überhaupt noch an der Insel sei, +<span class="g">diese</span> Nacht gewiß Nichts unternehmen werde ihn +wieder zu bekommen, und ärgerte sich fast, die bisherige +Wohnung und Sadie’ens Nähe verlassen zu +haben.</p> + +<p>Eine Stunde hatte er etwa so gelegen, aber er +war nicht im Stande einzuschlafen, die Mosquitos<span class="pagenum"><a name="Page_197" id="Page_197">[197]</a></span> +trieben es zu arg, und schienen fortwährend in neuen +unersättlichen Schaaren heranzuströmen.</p> + +<p>»Das ist ein schöner Polterabend,« brummte er +leise vor sich hin — »und mein armes Mädchen sitzt +indeß allein daheim und ängstigt sich um den fernen +Freund — ha! —«</p> + +<p>Er fuhr in die Höh’ und horchte, schüttelte aber +dann lächelnd mit dem Kopf und murmelte:</p> + +<p>»Das war wie in alter Zeit, als ich noch mit +Adolphe in Canadas Wäldern jagte — das klang +genau wie sein Jagdruf — der schrille Ton einer +kleinen, an der französichen Küste heimischen Möve.«</p> + +<p>»Aber Wetter noch einmal!« rief er plötzlich in +einiger Unruhe aufspringend — »und wenn das nun +doch am Ende Adolphe selber — aber es ist ja nicht +möglich — wie hätte er diesen Ort auffinden können.«</p> + +<p>Nichtsdestoweniger tappte er nach seinen Waffen +herum, die neben ihm auf der Matte lagen, und steckte +sie zu sich. Der Regen hatte jetzt für kurze Zeit nachgelassen, +und nur die schweren Tropfen fielen draußen +noch von den Zweigen nieder. Schlafen konnte er +doch nicht, also stand er auf und ging an die Thür +die, halbangelehnt, ihm einen Blick auf den kleinen +freien, jetzt von dem auf wenige Momente vorbrechenden +Mond erhellten Platz gewährte; ha dort +drüben bewegte sich beim ewigen Gott eine Gestalt <span class="pagenum"><a name="Page_198" id="Page_198">[198]</a></span>— +Wild konnte es nicht sein, das gab es ja nicht auf +diesen Inseln. Eine dunkle Wolke legte sich wieder +über den Mond und hüllte Alles in tiefe Nacht, als +aber René, das gespannte Terzerol krampfhaft fest in +der Faust mit spähendem Blick und lauschend vorgebeugtem +Oberkörper da stand, erkannte er deutlich +zwei dunkle Gestalten die über den Plan, grade auf +ihn zu glitten. —</p> + +<p>»Verrath!« murmelte er leise zwischen den Zähnen +durch, und mit Blitzesschnelle in das Haus zurückspringend, +gewann er die andere Thüre. Aber in +demselben Moment fühlte er sich von drei eisernen +Armen zu gleicher Zeit gepackt und es war ein Glück +für wenigstens einen der Fänger, daß das Terzerol +versagte, denn gerade gegen das Ohr des Harpuniers +gepreßt hatte es René abgedrückt.</p> + +<p>»Teufel!« schrie er, als er es von sich werfend +sein Messer zu ziehen suchte — umsonst, die Uebermacht +war zu groß, und wenige Minuten später lag +er, an Händen und Füßen gebunden, in der Gewalt +seiner Feinde am Boden.</p> + +<p>»<span class="smcap">Damn it</span> mein Bürschchen,« lachte der alte Harpunier +in aller Freude über den gelungenen Fang, »ich +hatte heute Abend, als ich auf den Regen fluchte, +nicht geglaubt daß er mir mit Deinem Pulver zu +gleicher Zeit einen so guten Dienst erweisen würde <span class="pagenum"><a name="Page_199" id="Page_199">[199]</a></span>— +das war jedenfalls gut gemeint, ich rechne Dir’s aber +nicht an — hätte dasselbe an Deiner Stelle gethan; +nun sei aber auch vernünftig und wehr Dich nicht +nutzlos mehr — wir sind hier unserer sieben gegen +einen, und Du wirst begreifen daß da doch jeder Widerstand +nutzlos ist.«</p> + +<p>»Mordet mich!« schrie aber René mit aller Kraft +der Verzweiflung gegen seine Banden und die Arme +die ihn niederhielten, ankämpfend — »mordet mich, +wie Ihr mein Glück zerstört habt, aber beim ewigen +Gott, Ihr sollt mich nicht lebendig von dieser Insel +nehmen.«</p> + +<p>»Das käme auf einen Versuch an,« sagte der Harpunier +kaltblütig — »willst Du denn gar keine +<span class="smcap">raison</span> annehmen, so haben wir uns schon so viel +Mühe um Dich gegeben, daß wir Dich nun auch +wohl das kleine Stückchen Wegs noch tragen können. +Nehmt ihn auf Leute — nehmt ihn auf — oh wenn +er gar so sehr strampelt — hier ist noch Leine genug +zwanzig solche Bürschchen förmlich damit einzuwickeln +— so das thuts — noch eins um die Füße, und nun +nehmt ihn auf und fort damit — da kommt schon +wieder ein neuer Regenschauer; daß die Pest ein solches +Land hole.«</p> + +<p>»Ja wohinaus gehts aber jetzt?« sagte Einer der +Leute, nachdem sie den sich wüthend Sträubenden<span class="pagenum"><a name="Page_200" id="Page_200">[200]</a></span> +aufgehoben hatten — »ich weiß den Weg nicht +mehr.«</p> + +<p>Der alte Harpunier sah sich einen Augenblick selber +verdutzt in der Dunkelheit um. —</p> + +<p>»<span class="smcap">Damn it</span>,« brummte der Alte, »jetzt bin ich auch +confus geworden — welchen Cours sind wir denn +eigentlich heraufgesteuert. Wo ist denn die verdammte +Bestie von Insulaner — he Raiteo, Canaille verwünschte +— wo steckt der Satan?«</p> + +<p>»Verrathen und verkauft,« knirrschte René zwischen +den zusammengebissenen Zähnen hindurch, als +er von der verzweifelten Anstrengung zum Tod erschöpft +zurücksank und sich jetzt willenlos forttragen +ließ. — Nicht weit von ihm ab antwortete aber ein +leiser Pfiff. Es war der Insulaner, der dort auf die +Seeleute, außer dem Bereich des <span class="smcap">Ihiamoea</span>, wartete, +und schweigend führte er den Zug den steilen schlüpfrigen +Pfad wieder zurück nach dem Landungsplatz.</p> + +<p>Der Regen goß jetzt förmlich in Strömen nieder, +wenn auch der Wind für den Augenblick etwas nachgelassen +hatte, als sie aber oben die Pandanus-Niederung +erreichten, und nun auf ebener Bahn, auf +dem scharfen Corallensand, dicht am Ufer einer der +kleinen zahlreichen Lagunen oder Binnenseeen hinschritten, +dröhnten laut und mahnend die beiden Kanonenschüsse +von Bord des Delaware zu ihnen her<span class="pagenum"><a name="Page_201" id="Page_201">[201]</a></span>über. +— Fast unwillkürlich hielten die Leute einen +Moment, der Harpunier aber rief:</p> + +<p>»Vorwärts, meine Jungen, vorwärts, wir kommen +gerade zur rechten Zeit — Wetter noch einmal, +das war abgepaßt, eine Stunde später und wir hätten +die ganze Geschichte aufgeben müssen.«</p> + +<p>»Was mögen sie an Bord haben?« frug Einer +der anderen Harpunier.</p> + +<p>»Wahrscheinlich wird dem Alten der Wind zu +bunt,« lachte der Harpunier, »und jetzt ists gerade +eine hübsche ruhige Zwischenzeit an Bord zu fahren +— rasch Ihr Leute, da vorn seh’ ich schon die Hüttenfeuer.«</p> + +<p>Ein neuer Hoffnungsstrahl blitzte vor René’s +Seele auf — wenn ihn auch Einer der Insulaner +verrathen hatte, waren ihm doch fast alle Anderen +gewogen und wer weiß ob sie ihn, wenn er sie anriefe, +so vor ihren eigenen Augen wegschleppen ließen. +Soviel hatte er, während seines Aufenthalts auf der +Insel auch schon von der Tahitischen Sprache gelernt, +und als er die ersten Stimmen an den nicht mehr +fernen Häusern hörte, damit die Leute Zeit bekämen +sich zu sammeln ehe die Weißen das Boot gewinnen +konnten, schrie er plötzlich mit lauter donnernder +Stimme um Hülfe.<span class="pagenum"><a name="Page_202" id="Page_202">[202]</a></span></p> + +<p>»Knebel her!« sagte der Harpunier ruhig aber +rasch — »wer hat ihn — Du John?«</p> + +<p>»Ja hier« — antwortete der Mann dem Harpunier +den Knebel reichend.</p> + +<p>»Der Kerl schreit uns am Ende doch noch die +Insulaner auf den Hals — wer weiß wen er hier +Alles zu Freunden gewonnen hat, und besser ist +besser.«</p> + +<p>An allen Gliedern gebunden und mit dem Knebel +im Mund vermochte der Gefangene sich nicht weiter +zu rühren, und gleich darauf erreichten sie den Strand.</p> + +<p>Raiteo forderte aber jetzt, ehe sie zu seinen Leuten +hinunterkamen, den bedungenen Lohn, denn er wollte +sich nicht mit den Weißen zusammen blicken lassen. +Ehe sie abstießen gedachte er dann mit einem Bruder +von sich, zum Boot zu kommen und die Sachen in +Empfang zu nehmen, die dort noch für ihn bestimmt +waren.</p> + +<p>»Lauft rasch mit dem Burschen da voran, und +legt ihn in’s Boot, bis ich den Schuft hier abgefertigt +habe,« sagte da der Harpunier zu seinen Leuten +— »Wort müssen wir ihm doch halten; und seht +zu daß Ihr das Boot flott bekommt bis ich unten +bin.« Und während die Leute mit ihrer Last rasch +dem Strande zueilten, blieb er neben dem Insulaner +stehen und zahlte ihm das Blutgeld. Als er sich von<span class="pagenum"><a name="Page_203" id="Page_203">[203]</a></span> +ihm abwandte seinen Leuten zu folgen, glitt Raiteo +in die Büsche.</p> + +<p>»Höll’ und Teufel,« fluchte jedoch der alte Harpunier +als er zum Strand kam und sah wie die Mannschaft +mit dem Boot beschäftigt war, das hoch und +trocken auf der Corallenbank und wohl funfzig Schritt +vom Wasser ab saß — »ob ich es den verdammten +Schuften von Insulanern nicht gesagt habe das Boot +flott zu halten — und ich glaube beim Teufel, sie haben +es noch mehr aufs Trockene gezogen; daß der +Böse ihre Seelen verdamme. Hinein damit Jungens — greift +unter und tragt es in’s Wasser — werft den +Plunder hinaus der vorn darin liegt — der Eigenthümer +mag ihn sich holen — wo ist René?«</p> + +<p>»Hier am Hause liegt er,« sagte Einer — »Bill +und Adolphe stehen Wache bei ihm.«</p> + +<p>»Ach was Wache, der läuft jetzt nicht fort — hier +Bill — hier Adolphe mit angefaßt und tragt das +Boot zu Wasser — hallo meine Jungen alle zusammen — <span class="smcap">there +she comes — a hoy-y</span>. Was zum +Teufel macht es so schwer — was liegt da drinne?«</p> + +<p>»Es liegt hinten ganz voller Früchte,« antwortete +Bill.</p> + +<p>»Früchte? hinaus damit, wir haben jetzt keine Zeit +uns mit Früchten abzugeben — so — Alles hinaus — hier +an die Seite damit, was in Körben ist, kön<span class="pagenum"><a name="Page_204" id="Page_204">[204]</a></span>nen +wir nachher wieder hineinwerfen, und hallo hier — einmal +eine Parthie von den Insulanern her, die +können uns mit helfen, wenn sie uns wieder los werden +wollen.«</p> + +<p>Von diesen ließ sich aber keiner blicken — der +Hülferuf des Unglücklichen, den sie gehört, hatte ihnen +das Schicksal desselben verrathen, und wenn sie +auch, wie René in letzter Verzweiflung gehofft, keineswegs +gesonnen waren ihr Leben daran zu setzen, +um ihn wieder zu befreien, so mochten sie doch auch +weiter Nichts mit der Sache zu thun haben, vielweniger +denn den Fremden selber in irgend etwas behülflich +sein.</p> + +<p>Dicht am Strand wo die Leute, vielleicht zehn +Schritt von dem Boot, den Gebundenen niedergelegt +hatten, stand eine kleine Bambushütte, in welcher die +Missionäre, wenn sie sich auf dieser Seite der Insel +befanden und, vielleicht von einem Wetter überrascht, +nicht mehr zu dem Missionsgebäude kommen konnten, +gewöhnlich übernachteten. Hierher hatte sich auch, +als das Wetter ärger zu werden drohte, der ehrwürdige +Bruder Rowe zurückgezogen, ließ sich aber natürlich +nicht blicken wie er die Männer mit ihrem Gefangenen +ankommen hörte, sondern hielt seine Thür, +allerdings nur dünnes Bambusgeflecht, geschlossen. +Durch die überall offenen Stäbe der Wände konnte<span class="pagenum"><a name="Page_205" id="Page_205">[205]</a></span> +er aber deutlich erkennen was draußen vorging, und +der gebundene und geknebelte René wurde solcher Art +in nicht zwei Schritten von seiner eigenen Thüre niedergelegt, +während die Leute kaum zehn Schritt weiter +damit beschäftigt waren das Boot dem Wasser zuzuarbeiten. +Bruder Rowe stand dicht hinter der Thür +und schaute schweigend und nachdenkend auf den gebunden +am Boden Liegenden nieder.</p> + +<p>Außer ihm war aber noch eine andere Gestalt +ganz in der Nähe, und zwar niemand anderes als +das indirekte Werkzeug des ehrwürdigen Herren — Raiteo, +der vorsichtig um das Haus herumglitt und +die Bewegungen der dicht dabei in dem Boot beschäftigten +Männer auf das vorsichtigste beobachtete. — Er +hatte seinen Bruder oder irgend einen seiner Freunde +schon abgeschickt die ihm noch zukommenden Waaren +zu holen, und seine eigenen Gründe sich nicht selber +dorthin zu bemühen.</p> + +<p>»Schuft? — so?« murmelte er dabei zwischen den +Zähnen durch — »erst ist man gut genug weißer +Mann Capitain da hinauf zu führen und nachher ist +man Schuft; gut — gut Raiteo ist nicht so dumm — Raiteo +hat Geld — liegt sicher unterm Baum — Raiteo +hat seinen Contrakt erfüllt — jetzt kann Raiteo +machen was er will, und jetzt will Raiteo einmal +sehn was er machen will.«<span class="pagenum"><a name="Page_206" id="Page_206">[206]</a></span></p> + +<p>Die Wallfischfänger hatten indessen Alles was das +Boot schwerer machen konnte hinausgeworfen, und +während der Regen wieder in Strömen niedergoß, +faßten die sieben kräftigen Gestalten das Boot und +schoben es langsam aber in sicherem Fortgang den +ersten kleinen Abgang hinunter, wo es wieder durch +eine neue Corallenschicht aufgehalten, aber auch über +diese endlich weggehoben wurde.</p> + +<p>»Die verdammten Schurken von Indianern lassen +sich nicht blicken,« sagte der alte Harpunier, keuchend +in aller Anstrengung, »aber hol’ sie der Henker, wir +brauchen sie auch nicht — munter meine Jungen, +munter — denn hinten kommts wieder so schwarz wie +Nacht herauf und wir müssen machen daß wir das +Schiff erreichen, wenn uns der Alte hier nicht zurücklassen +soll, und dann hätte er nachher eine schöne +Mannschaft an Bord, ohne alle Officiere.«</p> + +<p>Der Delaware hatte eine Laterne ausgehangen +und schien, soweit man nach der Bewegung derselben +urtheilen konnte, wieder näher zu kommen.</p> + +<p>Als sich die Seeleute mit dem Boot von dem Haus +entfernten, glitt Raiteo dahinter vor, und wie eine +Schlange dicht an den festgebundenen Körper des Gefangenen +hinan, wo er, ohne auch nur einen Laut +von sich zu geben und ohne weitern Zeitverlust begann, +die verschiedenen Seile mit denen der Körper<span class="pagenum"><a name="Page_207" id="Page_207">[207]</a></span> +des Unglücklichen förmlich umwunden war, durchzuschneiden. +So leise und geschickt war dies Maneuvre +auch, von der Nacht begünstigt, ausgeführt daß der, +gewissermaßen dicht davorstehende Missionair, der die +Augen doch fortwährend auf den Körper geheftet gehabt, +wohl eine Bewegung sah, aber in der ersten +Minute gar nicht unterscheiden konnte was es eigentlich +sei. René übrigens, der schon jeden Gedanken +an Rettung in dumpfer Verzweiflung aufgegeben hatte, +und jetzt nur Trost in dem einzigen Entschluß fand, +sowie man ihn an Bord seiner Fesseln entledige seinem +Leben gewaltsam ein Ende zu machen, fühlte +kaum den scharfen Schnitt eines Messers an den Seilen, +als ihm wilde fröhliche Hoffnung durch Mark +und Seele schoß. Er begriff zugleich die Nothwendigkeit +vollkommen regungslos zu bleiben, die Aufmerksamkeit +der nur kurze Strecke von ihm entfernten Seeleute +nicht auf sich zu ziehen; aber selbst die Secunden +die er hier wieder in furchtbarer Erwartung lag, ob +nicht doch noch, ehe er den Gebrauch seiner Glieder +wieder gewinnen konnte, Jemand von unten heraufkam +und der Versuch zu seiner Rettung entdeckt würde — erfüllten +ihn mit wahrer Höllenpein.</p> + +<p>Raiteo hatte Verstand genug die Füße erst frei zu +machen, denn selbst mit gebundenen Händen war in +diesem Dunkel die Möglichkeit zu entfliehen da. René<span class="pagenum"><a name="Page_208" id="Page_208">[208]</a></span> +drängte es aber den Arm frei zu bekommen, wenigstens +sein Messer, das er noch an der Seite fühlte, +zu erfassen; der Knebel verhinderte ihn aber auch nur +einen Laut von sich zu geben, und Raiteo wollte den +nicht entfernen bis er mit allem übrigen im Reinen +wäre. Mit den Füßen glaubte er jetzt fertig zu sein +und ging an die Arme, ein dünnes Seil, daß er in +der Dunkelheit übersehen hatte, hielt jene aber noch +zusammen, und René hob die Knie auf es ihm bemerklich +zu machen.</p> + +<p>»Geh doch einmal Einer hinauf und sehe nach +dem Gefangenen,« sagte in diesem Augenblick die +Stimme des Harpuniers, die deutlich zu ihnen herüberdrang. +Rasche Schritte wurden gegen sie zu gehört, +und Raiteo der keineswegs im Sinne hatte seine +eigene Person irgend einer Gefahr preiszugeben, ließ +den noch immer Gebundenen wie er war, und glitt +um das Haus hinum.</p> + +<p>Hierdurch wurde es aber auch jetzt dem Missionair, +der schon der Bewegung des Gefangenen nach +Verdacht geschöpft, klar, daß irgend Jemand an der +Befreiung desselben arbeite. <span class="g">Wer</span>, konnte er natürlich +nicht erkennen, aber es lag keineswegs in seinem +Plan den Mann hier auf der Insel zu behalten, nun +es doch einmal soweit gediehen war.<span class="pagenum"><a name="Page_209" id="Page_209">[209]</a></span></p> + +<p>René schloß die Augen und sank zurück in stummer +Verzweiflung.</p> + +<p>Der Mann von unten sprang auf den Liegenden +zu, und bog sich zu ihm nieder, wie um nachzusehen +ob seine Stricke auch noch in Ordnung seien; zu +gleicher Zeit aber fühlte René wie ein scharfes Messer +und eine geübte Hand das Tau von einander trennte +das seine Arme fest umspannt hielt, eine Hand glitt +an seinem Körper hinunter, fühlte das Seil um die +Knie und trennte auch dieses.</p> + +<p>»Muth!« flüsterte dabei eine Stimme die René’s +Ohren wie himmlische Sphärenmusik klang — »Muth +René und jetzt fort,« — und sich aufrichtend rief er +laut:</p> + +<p>»<span class="smcap">All right</span>!« und drehte sich rasch um, den Platz +zu verlassen, als er plötzlich einen Arm auf seiner +Schulter fühlte und erschrocken stehen blieb. René +lag noch am Boden, als er ebenfalls die zweite Gestalt +bemerkte, aber seine Hand faßte leise das Messer +und zog es aus der Scheide — er wußte er war frei, +denn zwei Sätze konnten ihn in den Bereich des Waldes +und aus der Gewalt seiner Feinde bringen.</p> + +<p>Adolphe, denn dieser war René’s Befreier, drehte +fast unwillkürlich den Kopf halb ab, um nicht erkannt +zu werden und suchte schon loszukommen, sich wieder +unter seine Kameraden zu mischen und dadurch<span class="pagenum"><a name="Page_210" id="Page_210">[210]</a></span> +jeden Verdacht von sich zu entfernen, als er zu seinem +Staunen die Stimme des Missionairs erkannte, +der ihn leise etwas von dem vermeintlich Gebundenen +fortzog, damit dieser ihn nicht erkennen möchte, und +mit hastiger aber unterdrückter Stimme sagte:</p> + +<p>»Habt Acht auf Eueren Gefangenen Sir — man +will ihn befreien — ich habe —«</p> + +<p>Er sagte nichts weiter, denn ein einziger Faustschlag +des riesigen Franzosen, gerad gegen seine Stirn, +streckte ihn besinnungslos zu Boden.</p> + +<p>»Bind ihn,« flüsterte da Adolphe rasch, sich zu +diesem niederbiegend — »<span class="g">er</span> hat Dich an uns verrathen,« +und so schnell wie er gekommen, sprang er +die Corallenbank wieder hinunter, wo die Leute eben +mit Anstrengung aller ihrer Kräfte das Boot bis zum +Wasserrand gebracht hatten.</p> + +<p>»Der Gefangene liegt noch am Boden,« sagte er, +als er sich hier wieder unter die Uebrigen mischte.</p> + +<p>»Aber habt Ihr nicht nachgesehen ob die Seile +noch in Ordnung sind?« frug der Harpunier.</p> + +<p>»Ich kann noch einmal hinaufgehn,« erbot sich +Adolphe.</p> + +<p>Da blitzte es vom Wasser herüber, und gleich +darauf dröhnte der dumpfe Schall eines neuen Schusses, +dem in kaum einer Minute ein zweiter folgte, zu +ihnen herüber.<span class="pagenum"><a name="Page_211" id="Page_211">[211]</a></span></p> + +<p>»Hinein mit dem Boot in’s Wasser!« schrie der +Alte, alles Andere in dem Bewußtsein der Nothwendigkeit +vergessend, so rasch als möglich wieder an Bord +zu kommen, »wacker Ihr Leute, wacker und legt Euch +dagegen mit Brust und Seele!«</p> + +<p>Den vereinten Anstrengungen der Leute gelang es +das Boot vorn in die Fluth zu bekommen, das unruhige +Wogen derselben half nach, und bald lag es +flott.</p> + +<p>»Jetzt hinein, mit Riemen und Masten!« lautete +der rasch gegebene Befehl, »und vergeßt Nichts Ihr +Jungen — laßt die Früchte liegen wo sie sind — vier +von Euch nach dem Gefangenen — halt hier — das +Boot stößt noch auf — noch einmal unter, alle zusammen +— <span class="smcap">a hoy</span> — <span class="smcap">there she goes</span> — nun die +Riemen und unsern <span class="smcap">mossier</span> her und hinein mit +Euch.«</p> + +<p>Es war auch Zeit daß sie von Lande abkamen — +der Wind hatte sich, während einer fast anderthalb +Stunden langen Stille, total herumgedreht, und aus +Westen kann es in diesen Breiten oft gar bös an zu +wehen fangen. — Dort stieg auch schon eine schwere +rabenschwarze Wand auf, und der Delaware mußte +jetzt allerdings machen daß er von der Küste abhielt. +Die Leute rannten sämmtlich, so rasch sie konnten, +die Bank hinauf, drei von ihnen die Riemen und den<span class="pagenum"><a name="Page_212" id="Page_212">[212]</a></span> +Mast in’s Boot zu nehmen; die andern drei den Gefangenen +zu holen. Unter diesen Adolphe.</p> + +<p>»Auf mit ihm,« rief dieser, den Oberkörper des +auf der Erde Liegenden so packend und mit Leichtigkeit +emporhebend, daß er den Kopf unter seinen Arm +bekam — »auf mit ihm Jungens — und hinunter — +da geht ein anderer Kanonenschuß, bei Gott!«</p> + +<p>Die beiden andern Bootssteuerer faßten, der Eine +in der Mitte, der Andere unter die Knie des Gebundenen, +und im vollen Lauf fast ging es damit die +Corallenbank hinunter.</p> + +<p>»Vorn in’s Boot mit ihm,« schrie der Harpunier +— »haut ihm eins über den Schädel wenn er +sich nicht fügen will — an Eure Riemen für Euer +Leben, dort kommts herauf — hinein in’s Boot mit +ihm sag’ ich — werft ihn hinein, zum Donnerwetter, +wenn er nicht gehn will, darf’s ihm auch nicht auf +eine Beule ankommen.«</p> + +<p>»Wetter noch einmal,« brummte Bill, als die im +Boot Stehenden den Körper anfaßten, hineinzogen +und vorn in den Bug mehr warfen als legten, »René +ist hier ordentlich stolz geworden; der hat jetzt Schnallen +an den Schuhen.«</p> + +<p>Es war aber in diesem Augenblick weder Zeit viel +Bemerkungen zu machen, noch sie anzuhören oder gar +zu beachten. Die Leute sprangen an ihre Plätze,<span class="pagenum"><a name="Page_213" id="Page_213">[213]</a></span> +warfen die Riemen in die Dollen, der alte Harpunier +hatte den seinigen durch das Rudereisen gezogen, und +durch die elastischen Riemen vorwärts getrieben flog +das leichte Boot ordentlich durch die schon unruhige +See dem glücklicher Weise nicht sehr fernen Schiff, +das jetzt auch noch eine zweite Laterne aufgezogen +hatte, entgegen.</p> + +<hr /> + +<p>René war in dem Augenblick als ihn Adolphe +verließ, in die Höhe gesprungen, und wußte in der +That, in dem ersten Gefühl jubelnder Freiheit, nicht +was er thun, ob er dem Rathe Adolphes folgen, oder +den Priester ungebunden liegen lassen sollte, wo seine +Flucht dann allerdings gleich bemerkt werden mußte, +sobald sie ihn nur auffaßten. Eine zweite Person +entschied aber seinen Zweifel, und zwar niemand Anderes +als Raiteo.</p> + +<p>Raiteo war nämlich ein höchst aufmerksamer und +selbst überraschter Zeuge sämmtlicher letzter, so schnell +auf einander folgender Vorfälle gewesen. Klug genug +aber einzusehn daß es für ihn jetzt besonders Zeit sei +sich bei der Befreiung noch etwas zu betheiligen, wenn +er überhaupt später Ehre und vielleicht auch noch +Nutzen daraus ziehen wollte, hatte er auch noch einen +andern Grund zu wünschen, die Weißen möchten die<span class="pagenum"><a name="Page_214" id="Page_214">[214]</a></span> +Insel mit dem Glauben verlassen, daß Alles in Ordnung +sei, weil sie sonst am Ende noch Einsprache +wegen den übrigen, zum Theil noch nicht einmal geborgenen +Waaren thun, oder doch Lärm schlagen +konnten, und dann den Antheil auf der Insel bekannt +machen mußten, den er selber bei dem Fang des Europäers +gehabt, und dessen er sich, so verstockt er sonst +sein mochte, doch einigermaßen schämte. Kaum hatte +er deshalb den Missionair, von dem er im ersten Augenblick +gar nicht wußte woher er auf einmal kam, +fallen gesehn und die Worte Adolphes gehört die dieser +dem Freunde auf englisch zurief — »bind ihn« +als ihm auch das ganze Nützliche einer solchen Maßregel +einleuchtete und er, aus seinem Verstecke vorgleitend, +ohne weiteres Hand an den geistlichen Herren +legte, und ihn rasch an Händen und Füßen band.</p> + +<p>René der wußte daß er von dieser Seite keinen +Angriff zu fürchten, ja nur Hülfe zu hoffen hatte, erkannte +im ersten Augenblick den Burschen gar nicht, +bis Raiteo sein Gesicht gegen ihn aufhob und mit +leiser Stimme und bedeutungsvollen Zeichen sagte:</p> + +<p>»Knebel — schnell!«</p> + +<p>»Schurke verdammter, wo kommst Du her?« rief +René fast unwillkürlich.</p> + +<p>»Pst,« sagte aber Raiteo, diesmal nicht im mindesten +beleidigt — »Knebel.«<span class="pagenum"><a name="Page_215" id="Page_215">[215]</a></span></p> + +<p>Zeit war aber auch in der That nicht zu verlieren, +und kaum hatte der Insulaner den Knebel auf das +geschickteste in den Mund des am Boden Liegenden +gebracht, von dem er sich jedoch vorher wohl überzeugt +hatte daß er bewußtlos war, als sie auch schon +die Leute die Corallenbank heraufspringen hörten, und +nun rasch um das Haus herum und in das Dickicht +schlüpften.</p> + +<p>Mit klopfendem Herzen hörte René wie sie den +Körper seines Stellvertreters auffaßten und zum Boot +hinunter trugen — dann aber, als die Riemen in +das Wasser einfielen und die regelmäßigen — o so +wohlbekannten Ruderschläge an sein Ohr tönten und +weiter und weiter in der Ferne verhallten, da war es +ihm als ob eine Centnerlast von seiner Brust gewälzt +wäre, und mit der dringensten Gefahr auch jeder +trübe Gedanke aus seiner Seele verschwunden — sein +leichter Sinn schwamm wieder in der alten fröhlichen +Lust oben.</p> + +<p>»Du bist doch der abgefeimteste durchtriebenste +Erzschurke, Raiteo, der sich denken läßt,« wandte er +sich lachend an diesen, der im Anfang nicht recht zu +wissen schien auf welchem Fuß er nun, mit dem eben +Befreiten wieder stehen würde, schon nach dem Klang +der Stimme aber vollkommen begriff wie der »weiße +Mann nicht Capitain« die Sache aufnahm, ihn aber<span class="pagenum"><a name="Page_216" id="Page_216">[216]</a></span> +das natürlich nicht merken lassen wollte, und nur mit +kläglichem Ton jetzt versicherte und betheuerte, der +»Bodder Aue« habe seinen Schlupfwinkel an weißen +Mann Capitain verrathen, und weißer Mann Capitain +ihn mit vorgehaltener Pistole und gebundenen +Händen gezwungen sie nach dem von dem Missionair +bezeichneten Platz hinzuführen.</p> + +<p>Das erste war, wie René aus Adolphes eigenem +Munde erfahren, in der That so, das zweite jedoch +kaum wahrscheinlich, doch nahm der junge Franzose +den Burschen eben wie er war, und fühlte sich +auch in seiner neugewonnenen Freiheit nicht im mindesten +geneigt auf irgend Jemanden in der weiten +Welt zu zürnen; überdies hatte Raiteo doch auch einen +Theil seiner Schuld wieder gut gemacht, und dadurch +jedenfalls Reue über etwa begangene Missethat +gezeigt.</p> + +<p>René war übrigens noch zu sehr mit dem Schiff +selber beschäftigt. Die neuen Kanonenschüsse verriethen +des Capitains Eile in der er schien hier fortzukommen — etwas +wofür ihn der Befreite in seinem +Herzen segnete, und bald zeigten auch die niedergeholten +Lichter daß das Boot an Bord sei. Noch +konnte er die Compaßlampe durch die Nacht erkennen, +aber bald erlosch dieser schwache Punkt ebenfalls, +und mit dem jetzt aus vollen Backen einsetzen<span class="pagenum"><a name="Page_217" id="Page_217">[217]</a></span>den +West war in kaum einer halben Stunde jede +Spur von dem so gefürchteten und auch so furchtbar +gewesenen Schiff verschwunden.</p> + +<p>Nichtsdestoweniger, und trotz dem Wetter, blieb +René die Nacht auf dem ersten Hügel, auf den ihn +Raiteo noch hinaufführen mußte, mit diesem auf +Wache, und erst, als er sich mit dämmerndem Tage +überzeugte daß der Delaware nirgends mehr am Horizont +zu erkennen war, flog er mehr als er ging die +steilen schlüpfrigen Hänge hinunter, dem Missionsgebäude +zu, wo Sadie schon in peinlicher Angst den +ausgeschickten Boten erwartete, der ihr melden solle +ob das Schiff die Insel verlassen habe.</p> + +<p>Wie erschrak das arme Mädchen, als sie die furchtbare +Gefahr des Geliebten erfuhr, aber den Glücklichen +konnten trübe Erinnerungen oder <span class="g">vergangenes</span> +Leid, die jetzigen frohen Stunden nicht verbittern, +und Sadie wie René <span class="g">waren</span> glücklich.</p> + +<p>René hütete sich übrigens wohl, zu erwähnen was +aus dem geistlichen Mann geworden sei, obgleich er +natürlich nicht verheimlichen konnte und wollte, daß +er durch dessen freundliche Fürsorge verrathen worden, +und Raiteo beobachtete ebenfalls in dieser Hinsicht +eine höchst lobenswerthe Discretion.</p> + +<hr /> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_218" id="Page_218">[218]</a></span></p> + +<p>Was <span class="g">war</span> aber aus ihm geworden?</p> + +<p>Als das Boot nur eben nahe genug zum Schiff +gekommen war, daß sie dort die regelmäßigen Ruderschläge +unterscheiden konnten — schrie der Capitain +schon mit Donnerstimme hinüber:</p> + +<p>»Boot ahoy!«</p> + +<p>»<span class="smcap">Ship ahoy</span>!« lautete die rasche Antwort des Harpuniers — »<span class="smcap">all +right</span>!«</p> + +<p>»Scharf meine Jungen, scharf — macht daß Ihr +an Bord kommt,« schrie die Stimme wieder — »steht +bei hier mit den Taljen — alles klar?«</p> + +<p>»Alles klar Sir,« lautete die Antwort zweier Matrosen, +die an den Krahnen standen zu welchen das +Boot gehörte, die Taljen niederzulassen.</p> + +<p>»Nieder mit Eueren Blöcken,« rief’s schon in dem +Augenblick von unten herauf, als daß Boot an die +Seite schoß und die Ruder, wie mit einem Schlag +in die Höhe geworfen, längs hineinfielen — »hier — hakt +rasch ein — hinauf mit Euch — <span class="smcap">all right</span>!« — brüllte +der Harpunier wieder durch das Schreien der +Leute und das Rasseln der Raaen oben, die ebenfalls +zu gleicher Zeit herumflogen. Seine Leute kletterten +rasch an Bord hinauf, nur zwei zurücklassend, die an +beiden Enden standen und die eingehakten Taljen +wahrten, und eine halbe Minute später schwebte das<span class="pagenum"><a name="Page_219" id="Page_219">[219]</a></span> +Boot nach oben und unter seine Krahne, mit dem +Deck gleich, während die im Boot Zurückgebliebenen +den Gebundenen vorholten und nach Bord hineinreichten.</p> + +<p>»Der hat die letzten zehn Minuten gestrampelt, +als ob er sich die Seele aus dem Leibe treten wollte,« +brummte Bill, als sie ihn oben über die Schanzkleidung +holten — aber zum Donnerwetter —«</p> + +<p>»Zwei Reefen in Vor- und große Marssegel — fort +mit Euch da hinauf!« schrie der Capitain in diesem +Augenblick; die Leute mußten den Gebundenen, +der sich am Boden wand wie ein Wurm, liegen lassen +und das Niederrasseln der Raaen, das Heulen +der Leute an den Reeftaljen übertäubte für den Augenblick +selbst das, jetzt mit Macht aufkommende Wetter. +Die nächste Viertelstunde nahm das Reefen selber +in Anspruch, und Niemand kümmerte sich indessen +um den unglückseligen Priester. Erst als die Mannschaft +mit dem gewöhnlichen tönenden »<span class="smcap">Oh — jolly +men — hoy</span>« die Marsraaen wieder aufzog, trat der +zweite Harpunier, der nicht mit am Lande gewesen +war und schon die letzten fünf Minuten die an Deck +liegende Gestalt forschend und etwas mistrauisch betrachtet +hatte, auf diese zu und sich zu ihr niederbiegend +rief er erstaunt:</p> + +<p>»<span class="smcap">Why — damn it</span> — das ist René nicht!«<span class="pagenum"><a name="Page_220" id="Page_220">[220]</a></span></p> + +<p>»René nicht?« antwortete der Capitain, der dicht +neben ihm stand, mit der Linken eine der Brassen gefaßt +hatte, und die Blicke auf die aufsteigenden Raaen +gerichtet hielt — »wer soll’s <span class="g">denn</span> sein? — <span class="smcap">belay +that</span> — — große Marsraae — was liegt an jetzt?«</p> + +<p>»Norden halb Westen,« tönte die monotone +Stimme vom Steuerrad herüber.</p> + +<p>»<span class="smcap">Steady then</span> — halt den Cours — wer soll’s +denn sein Mr. Browning.«</p> + +<p>»Weiß nicht Sir,« sagte dieser der, indeß der +Capitain die obigen Befehle gegeben, dem Steward +zugerufen hatte eine der noch im Spintge stehenden +Lampe — die vorige Signallaterne — herauszubringen, +und mit dieser vor den Gebundenen trat — »hallo +wen haben wir hier?«</p> + +<p>»Hallo Mr. Rowsey,« rief aber in diesem Augenblick +der Capitain, der ebenfalls hinangetreten war +und jetzt mit in das ihm vollkommen fremde, wilde +verstörte Gesicht des Bruder Rowe schaute — »wen +zum Henker haben Sie uns da vom Lande mitgebracht? — haben +Ihnen die Indianer <span class="g">die</span> Jammergestalt +hier als René verkauft?«</p> + +<p>Der alte Harpunier drückte sich rasch durch die, +den Gebundenen umdrängenden Officiere und stand, +während aller Augen halb erstaunt halb lachend auf<span class="pagenum"><a name="Page_221" id="Page_221">[221]</a></span> +ihn gerichtet waren, wohl eine halbe Minute verdutzt +vor dem, was ihn im ersten Augenblick kaum +weniger als eine Erscheinung deuchte; endlich aber +platzte er heraus.</p> + +<p>»<span class="smcap">Why</span> — Gott straf mich, das ist ja der Pfaffe. — +Den? — Himmeldonnerwetter — <span class="g">den</span> haben <span class="g">wir</span> +doch nicht etwa im Boote mitgebracht?«</p> + +<p>»So bindet ihn wenigstens los,« sagte der Capitain +ruhig, und nur mit Mühe sein Lachen verbeißend. +Während aber zwei daran gingen die Banden +aufzuschneiden und den Gefangenen besonders von +seinem Knebel zu befreien, fluchte und wetterte der +alte Harpunier auf Deck herum, und schien gar nicht +übel Lust zu haben jetzt selber über den Missionair +herzufallen, als ob der arme Mann die Schuld dieser +für ihn so traurigen Verwechselung trage.</p> + +<p>Bruder Rowe bekam aber kaum seinen eigenen +Mund frei, als er auch augenblicklich seine eigene +Meinung von der Sache hatte, über Mord und Gewalt +schrie, und verlangte ohne Säumen wieder an +Land gesetzt zu werden. Mit Mühe nur bekam man +von ihm heraus, daß seiner Meinung nach einer der +Leute aus dem Boot ihm einen Schlag versetzt, der +ihn bewußtlos niedergestreckt und ihn dann wahrscheinlich +gebunden und geknebelt hatte. Hiergegen<span class="pagenum"><a name="Page_222" id="Page_222">[222]</a></span> +protestirte aber der Harpunier als eine Unmöglichkeit, +denn so lang sei gar keiner von seinen Leuten von +ihm entfernt gewesen, das zu bewerkstelligen. Nichtsdestoweniger +wurden die Leute alle vorgerufen und +der Priester sollte jetzt den nennen, den er für den +Thäter halte — war das aber nicht im Stande. Der +Harpunier erinnerte sich übrigens einmal Einen die +Bank hinaufgeschickt zu haben nach dem Gebundenen +zu sehn, der war jedoch augenblicklich zurückgekehrt +und Adolphe meldete sich, gleich auf die erste Frage, +ohne weiteres, hatte aber, wie er ruhig bemerkte, nur +die Gestalt am Boden liegen gesehn und sich um weiter +Nichts bekümmert.</p> + +<p>Adolphe war nun allerdings René’s Landsmann, +und wenn auch bei Manchem, selbst bei dem Capitain +ein leiser Verdacht aufsteigen mochte, daß damit +nicht Alles richtig hergegangen sei, ließ sich auch nicht +das mindeste mit einer Anklage machen, bei der der +Kläger selber nicht einmal den Thäter erkannte, vielweniger +auf ihn zu schwören vermochte. Dazu kam +noch der alte Groll, den Wallfischfänger gewöhnlich +gegen die Missionaire, sehr häufig allerdings ungegründet, +manchmal aber auch mit Ursache haben, und +in dem Aerger über das Entkommen des Matrosen +mischte sich jedenfalls eine gewisse Parthie Schadenfreude, +daß gerade der Priester, der den Seemann ver<span class="pagenum"><a name="Page_223" id="Page_223">[223]</a></span>rathen +hatte, in dieselbe Grube gefallen war die er +dem Andern gegraben, und der Capitain zuckte zuletzt +nur mit den Schultern, als der geistliche Herr in +vollem Zorn versicherte, er werde sich an seine Regierung +wenden und volle Genugthuung für diese +schmählige, nichtswürdige Behandlung fordern.</p> + +<p>Jetzt aber verlangte er vor allen Dingen augenblicklich +und ohne weiteres Säumen wieder an Land +gesetzt zu werden.</p> + +<p>»An Land!« rief dagegen der Capitain — »jetzt +bei <span class="g">dem</span> Wetter? und wenn Sie mir tausend Dollar +Passage bis zu der verdammten Insel zahlten, die ich +wollte ich hätte sie im Leben nicht gesehen, möchte ich +keins von meinen Booten und vielweniger mein +ganzes Schiff noch einmal zwischen die Riffe hineinwagen.«</p> + +<p>Bruder Rowe war außer sich — aber Drohungen +wie Versprechungen blieben gleich fruchtlos, und das +einzige womit ihn der Capitain tröstete, war, daß er +eine der nördlich gelegenen Inseln wolle anzulaufen +suchen, von da könne er dann sehen wie er wieder +nach Tahiti oder hierher zurückkomme.</p> + +<p>Zwei Tage später lief er Bola-Bola an, wo er +den <span class="smcap">Rev.</span> Mr. Rowe absetzte und vierzehn Tage vergingen +ehe er von dort aus im Stande war seinem<span class="pagenum"><a name="Page_224" id="Page_224">[224]</a></span> +Schooner wissen zu lassen wo er sich befand, dessen +Leute unter der Zeit übrigens in vollkommener Gemüthsruhe, +und ohne auch nur einmal nachzufragen +weshalb der weiße Mitonare sie so über Nacht verlassen +habe, geblieben waren wo sie sich gerade befanden, +sie hatten ja genug Brodfrucht und Cocosnüsse +dort, und der Schooner lag sicher vor Anker, was +wollten sie mehr? — sie hätten auf die Art noch ebensoviele +Monate wie Wochen gewartet.</p> + + + +<hr class="endchapter" /> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_225" id="Page_225">[225]</a></span></p> +<h2><a name="Capitel_8" id="Capitel_8"></a>Capitel 8.</h2> + +<h3>Tahiti.</h3> + + +<p>Wie nach dem wilden furchtbaren Schlag eines +Wetters, der uns das Blut stocken machte in den +Adern, fast immer Ruhe eintritt in der Natur, der +nur leise grollende Donner mehr und mehr verhallt +in weiter Ferne, und die Welt, von Sonnenschein +beglüht, frisch aufathmend und neu belebt im reinen +blitzenden Lichte liegt, so schien sich alles Leid, das +der Himmel für die Liebenden in seinen dunklen Wolken +geborgen, an diesem letzten furchtbaren Tage entladen — aber +auch erschöpft zu haben.</p> + +<p>Mit dem, fast noch während dem Sturm scharf +und heftig einsetzenden Ost-Passat, hätte der <span class="g">Delaware</span> +jedenfalls eine lange Zeit gebraucht wieder<span class="pagenum"><a name="Page_226" id="Page_226">[226]</a></span> +gegen die Insel aufzukreuzen, wenn er ja noch im +Sinn gehabt mit beispielloser Zähigkeit sein Ziel zu +verfolgen. Das aber war, besonders nach den letzten +Erfahrungen, nicht mehr zu fürchten, und wenn auch +Mr. Osborne durch das eigenthümliche Verschwinden +seines Collegen, dessen Schooner, wie ihm der <span class="smcap">fua</span> +gleich am andern Morgen meldete, seiner harrend in +dem kleinen Boothafen lag, beunruhigt wurde, verhinderte +ihn dies doch nicht die heilige Handlung an +den, ihm jetzt nur noch lieber gewordenen jungen Leuten +zu vollziehen und sein Kind, sein liebes, liebes +Kind dem Schutz des Fremden anzuvertrauen, den +ein wunderliches Geschick an diese Küste geworfen.</p> + +<p>Von da an gehörte René zu den Söhnen des +Landes, und selbst Raiteo würde nicht mehr gewagt +haben verrätherisch an ihm zu handeln — wenigstens +nicht unter gewöhnlichen Umständen.</p> + +<p>Am meisten erstaunt waren aber die Insulaner +über das Verschwinden des finsteren Mitonare, und +Mr. Osborne wollte schon die betrübende Nachricht +seines Todes nach Tahiti senden, als sich René doch +genöthigt sah ihm seine »Vermuthung« über den eigenthümlichen +Fall mitzutheilen. Bald darauf kam +aber die Nachricht von Bola-Bola, daß er dort glücklich +gelandet, und einige Tage später Mr. Rowe +selber. Aber er verließ die Insel wieder, ohne auch<span class="pagenum"><a name="Page_227" id="Page_227">[227]</a></span> +nur eine Sylbe über seine Fahrt zu äußern oder +selbst Mr. Osborne aufzusuchen, in dessen Hause +er natürlich den, im vollen Besitz seines erstrebten +Glückes gefunden hätte, der die Ursache seiner Schmach +gewesen, und gegen den er jetzt einen, wenn auch +heimlichen, doch so gewaltigeren Haß im Herzen trug. +Ihm lag also nicht daran gerade jetzt mit ihm zusammenzutreffen.</p> + +<p>Aber was schadete der Haß des finsteren Mannes +den Liebenden? — In ihrem neuen Glück dachten +sie kaum der Außenwelt, und René besonders, bei +dem der Uebergang von wildester Verzweiflung zu +höchster Seligkeit in dem Umfange weniger Stunden +lag, schien sich im Anfang kaum fassen zu können in +jubelnder, jauchzender Lust. Der alte Mr. Osborne +hatte sogar alle Hände voll zu thun ihn selbst nur +während der kirchlichen Feier im Zaum zu halten, und +Mi-to-na-re Ezra trippelte fortwährend um ihn +herum, und schien ihn um’s Leben gern bald an einem +Arm, bald an einem Beine fassen zu wollen, +nur um den rastlosen beweglichen Wi—Wi ein einziges +Mal fest und ruhig zu halten, wie es einem +anständigen Christen, der er ja doch einmal werden +wolle, gezieme.</p> + +<p>In einem gleichen Taumel vergingen ihm selbst +die nächsten Monate. Des Missionairs Rowe Rück<span class="pagenum"><a name="Page_228" id="Page_228">[228]</a></span>kehr +von seinem unfreiwilligen Kreuzzug lockte ihm +kaum ein Lächeln auf die Lippen, so gleichgültig war +ihm der Mann geworden, und mit dem Bau für seine +eigene kleine Heimath beschäftigt, den er mit vollem +fröhlichen Eifer betrieb, fühlte er, daß er jetzt ein +neuer Mensch geworden, und die Brücke hinter sich +abgebrochen habe, die ihn bis dahin noch mit der +Außenwelt, zu der er nicht mehr gehörte, verbunden.</p> + +<p>So verging fast ein volles Jahr und Mr. Osborne +selber fing an zu glauben daß Bruder Rowe — der +aber seit jenem Tag Atiu nicht wieder betreten, +sondern stets einen anderen Geistlichen zur Revision +gesandt hatte, seinen Groll gegen die ihm verhaßte +Verbindung der jungen Leute — zu der <span class="g">er</span> die Hand +geboten — in dem regen ja unruhigen politischen +Treiben der Hauptinsel, wie in den gefährdeten Interessen +seines Standes vergessen, oder wenigstens vergeben +habe, wie es dem Verbreiter christlichen Glaubens +und Duldens auch gezieme, als ihn eines Tages +ein großes versiegeltes Schreiben des »<span class="smcap">board of Missionaries</span>« +von England, aus seinem Traum und +Glauben riß.</p> + +<p>Es war seine Abberufung von Atiu und Versetzung +nach Tahiti, gewissermaßen unter die Aufsicht +der dort die obere Leitung der geistlichen ja auch politischen +Angelegenheiten führenden Missionaire, unter<span class="pagenum"><a name="Page_229" id="Page_229">[229]</a></span> +denen Bruder Rowe eine sehr vorragende Stellung +einnahm — und wie ein Blitz aus heiterem Himmel +traf ihn die Botschaft.</p> + +<p>Aber nicht ihn allein; es war die erste Trauerbotschaft +für die ganze Insel, und wenn es Sadie’ens +Herz mit Kummer und Sorge füllte, setzte sich der +kleine Mi-to-na-re geradezu in seine Lieblingsecke +im Haus auf den niederen Schemel, und fing an +von Herzen weg zu weinen, daß er jetzt seinen alten +Freund und Gönner, Bodder <span class="smcap">O-no-so-no</span> verlieren +und einen Anderen — vielleicht gar — es überlief +ihn ordentlich wie mit Fieberfrost — vielleicht gar +den »Bodder Aue« dafür herüber bekommen sollte.</p> + +<p>Sadie hatte kurz vorher dem Gatten ein Mädchen +geboren, und wenn es möglich gewesen wäre René’s +Glück zu erhöhen, so hätte es dies neue Gefühl der +Vaterfreude thun müssen.</p> + +<p>René war auch der Einzige vielleicht, der in einer +Uebersiedelung nach Tahiti nicht das Schmerzliche sah +wie Sadie und Mr. Osborne, denn daß sie den alten +Mann nicht wollten allein nach der fernen Insel ziehen +lassen verstand sich von selbst. Der Platz hier +war ihm lieb und theuer geworden, und nur mit +schwerem Herzen trennte er sich davon, aber mit seiner +Sadie und seinem Kind wußte er auch, daß er +sich die Nachbarinsel ebenso gut zum Paradiese schaffen<span class="pagenum"><a name="Page_230" id="Page_230">[230]</a></span> +konnte, und wenn er auch ungern von ihrem Lieblingsplätzchen +am stillen Strande schied, das der Erinnerungen +so viele und theuere für ihn hatte, entschädigte +ihn der <span class="g">Wechsel</span> seines Aufenthalts — wenn +er sich darüber auch nicht gerne laut Recht geben +mochte — doch in etwas für die liebgewonnenen +Stellen.</p> + +<p>Anders war es mit Sadie; — ihr ganzes Herz +hing an dieser heimathlichen Küste, die ihr das Leben, +die Liebe gegeben, und jedes Blatt, jede Blume die +sie zurücklassen sollte that ihr weh. Auch eine heimliche, +ihr fast unerklärliche Angst hatte sie vor Tahiti; +sie war nur ein einziges Mal mit ihrem Pflegevater +dort drüben gewesen, und zwar etwa ein Jahr vorher, +ehe der Delaware an ihrer Insel landete; aber +das Leben und Treiben der fremden bewaffneten Männer +dort, das kecke Auftreten ihrer eigenen Landsmänninnen, +die ewigen Streitigkeiten dort zwischen +einzelnen ihres Stammes und den Missionairen selber, +mit den Uebergriffen die sich die Franzosen, von +den Kanonen ihrer Kriegsschiffe beschützt, in die Rechte +ihrer Landsleute erlaubt, hatten das einfache Kind des +Waldes tief verletzt, und sie war damals recht froh +gewesen, als der kleine Missionscutter endlich wieder +die Anker lichtete und dem heimischen Strand entgegenstrebte.<span class="pagenum"><a name="Page_231" id="Page_231">[231]</a></span></p> + +<p><span class="g">Das</span> Land sollte jetzt ihre künftige Heimath werden, +und wie nahender Schmerz lag der Gedanke auf +ihrer Seele; sie konnte sich nicht daran gewöhnen, +und mußte sich endlich gewaltsam losreißen von dem +theueren Ort.</p> + +<p>Ein gar trauriger Abschied war es aber besonders +von ihrem Lieblingsplätzchen am Seestrand; sie stand +lange, lange dort, das Kind am Herzen und das kleine, +zum ersten Mal sorgenschwere Haupt an die Brust +des Gatten gelehnt, der sie fest und liebend umschlungen +hielt. Was für süße selige Erinnerungen knüpften +sich an diesen engen Raum, und ihr Herz blutete, +wenn sie daran dachte ihn <span class="g">auf immer</span> verlassen zu +sollen. Sie war so glücklich hier gewesen — war +es noch, und was mehr konnte ihr die ferne Insel +bieten? —</p> + +<p>Ach es war ein recht schmerzlicher Tag auch für +den alten Missionair, und als der kleine Missionscutter +endlich unter Segel ging, standen die Insulaner +in weiten Schaaren am Strand, und winkten +mit ihren Tüchern, und riefen den Scheidenden ihr +<span class="g">Joranna, Joranna</span> nach, über das blaue Wasser. +Und Sadie saß an Deck, ihr Kind auf dem Schooß +und sah die Wipfel ihrer Palmen langsam in das +Meer tauchen und die Hügel sich senken, und in dem +feuchten Abendhauch der über die Wasser strich, ver<span class="pagenum"><a name="Page_232" id="Page_232">[232]</a></span>schwimmen +— und wie die Nacht einbrach saß sie +noch, den thränenvollen Blick fest dorthin geheftet, +wo ein Theil ihres Herzens zurückblieb in bitterem +Schmerz, sie mochte sich selber Vorwürfe darüber +machen soviel sie wollte. René aber störte sie nicht +in ihrem Gram, und quälte sie nicht noch mehr mit +nutzlosem Trost; nur still und schweigend setzte er sich +neben sie und ruhte ihr Haupt an seiner Brust, daß +sie sich dort still und ungehindert ausweinen, aber +dann auch wieder neue Kraft finden konnte, an dem +Herzen des geliebten Mannes.</p> + +<p>Die Reise war kurz und glücklich, und Mr. Osborne +schon in seinem neuen Wirkungskreis gekannt, +und von den Insulanern geliebt, zu deren Herzen sein +väterliches mildes Wesen weit eher sprach, als der +starre finstere Ernst fast aller anderen Geistlichen. +Auch von der Königin Aimata, mit dem Zunamen +Pomare, wurde ihm ein freundliches Plätzchen mit +Haus und Garten zu seinem künftigen Aufenthaltsort +angewiesen, so daß er sich dort wohl hätte wieder +recht wohl und glücklich fühlen können, wäre ihm +nicht der unmittelbare Einfluß seines jetzigen und hier +viel geltenden Gegners in seinem ganzen Wirkungskreis +zu sichtbar und dadurch schmerzlich geworden.</p> + +<p>Fast nur auf die Stadt Papetee selber dabei beschränkt, +wo französischer Einfluß und der sich dem<span class="pagenum"><a name="Page_233" id="Page_233">[233]</a></span> +geistlichen Joch entringende Sinn der Eingeborenen +die Bevölkerung, wenn auch noch nicht dem anderen +Glauben gewonnen, doch schon dem ihren sehr entfremdet +hatte, waren ihm all jene lieben Pflichten +seines Berufs — mit den Eingeborenen in ihrer Einfachheit +zu verkehren und sie in der besseren Lehre zu +festigen — genommen worden, und er fand nur zu +bald, daß er es hier mit einem ganz anderen Menschenschlag +zu thun habe als auf Atiu. Nicht mehr +allein die gutmüthigen Insulaner die, fast unberührt +von der Außenwelt, sorglos in den Tag hinein lebten +und, wenn sich Jemand die Mühe dazu gab, auch +leicht einer etwas edleren Richtung gewonnen werden +konnten, der sie ihre angeborene Gutmüthigkeit schon +von selbst entgegentrieb, war es auf Tahiti ein Volk, +das nicht mit den Sitten, sondern fast nur allein mit +den Unsitten der fremden Eindringlinge bekannt geworden, +und bei dem — während ihm die Möglichkeit +genommen war allein und kräftig auf sie einzuwirken — Leichtsinn +und Verführung weit stärker und +mächtiger und mit viel gewaltigeren Waffen arbeitete, +sie aus guten einfachen Menschen zu allein Möglichen +zu machen was schlecht und traurig war.</p> + +<p>Den Glauben an ihre alten Götter hatten die +letzten Jahrzehnde, wenn auch noch nicht ganz zerstört, +doch so erschüttert und untergraben, daß diese<span class="pagenum"><a name="Page_234" id="Page_234">[234]</a></span> +frühere Religion jeden Einfluß auf sie verloren, und +während sie sich dem christlichen Cultus hingaben und +sich in seinen Lehren zu festigen suchten, ja während +die Geistlichen noch eifrig bemüht waren sie den »einzig +wahren« Gott kennen zu lehren und sie besonders +unkluger Weise in die Geheimnisse unserer <span class="g">Dogmen</span> +einzuweihen, kamen plötzlich andere, ebenfalls weiße +Männer — Abkömmlinge desselben Stammes, mit +einem anderen Gott, wenigstens mit einem anderen +Namen desselben, aber unter Jehovas Panier, Jesus +Christus als den Heiland erkennend, straften die erstgekommenen +mit ihren Lehren Lügen, und verlangten +von den Insulanern sie sollten zum zweiten Mal den +Glauben ändern und jetzt den einzig und »wirklich +wahren« Gott erkennen lernen.</p> + +<p>Und hatten <span class="g">diese</span> recht? ihre alten Missionaire +donnerten Anathemas von den Kanzeln nieder, gegen +sie, vertrieben die »neuen« Priester aus dem Land, +solange sie noch Macht darüber hatten, und stellten +sie ihren Gemeinden als Götzenanbeter und Ungläubige +hin, bis die vertriebenen Priester mit einem französischen +Kriegsschiff zurückgebracht, und unter den +Mündungen der Kanonen ihnen das Recht erzwungen +worden zu <span class="g">bleiben</span> und den neuen Glauben zu <span class="g">lehren</span> — und +welchen Eindruck mußte das auf die +Kinder dieser Inseln machen.<span class="pagenum"><a name="Page_235" id="Page_235">[235]</a></span></p> + +<p>Die Masse nahm es leicht — ihr Glaube war +bei den Meisten noch nicht so ernster Art gewesen, +ihnen das Herz schwer zu machen, als ihnen andere +Priester jetzt bewiesen daß die weißen Missionaire, +die sie bis dahin nur mit Scheu und Ehrfurcht betrachtet, +von einer anderen Sekte angefeindet und des +Irrthums ja der Lüge beschuldigt wurden. Viele +freuten sich sogar eines Zwanges wieder ledig zu werden, +der anfing ihnen lästig zu sein. Andere aber +auch, die sich dem Christlichen Glauben mit voller +ungetheilter Kraft und Liebe hingegeben, hörten mit +Entsetzen die neue Lehre, nach der sie ja nur eines +anderen Unglaubens wegen ihre alten Götter verrathen. +Und war der <span class="g">jetzige</span> Glauben der rechte? — +Hatte der erste gelogen, wer stand ihnen dann dafür, +daß nicht vielleicht in Jahresfrist ein neues Schiff +auch neue Priester bringen konnte, die wieder verwarfen +was die jetzigen lehrten? — und wie dann wurden +jene Versprechungen wahr, die ihnen von einem +ewigen Leben gemacht, und derentwegen sie ihre eigenen +Götter verlassen und verstoßen? — heiliger Gott, +war das Alles ein Märchen gewesen, nur von dem +weißen Mann erfunden, sich einzunisten in ihrem +Land, und die Herrschaft an sich zu reißen, wie er es +gethan?</p> + +<p>Manche Thräne ist da im Stillen geweint, man<span class="pagenum"><a name="Page_236" id="Page_236">[236]</a></span>ches +Auge hat da verzweifelnd aufgeblickt, zu den +freundlichen Sternen, in deren freundlichen Blinken +sie sonst nur Glück und Freude sahen, denn einer zürnenden +Gottheit Hand lag auf ihrem Land und sie +wußten nicht wohin sie sich wenden sollten, den Strahl +abzulenken der ihr Haupt bedrohte. Vor den alten +Göttern durften sie ja nicht wagen sich wieder niederzuwerfen; +deren Bilder lagen entehrt — zerstreut umher +— von den Kindern derer geschändet, die einst +anbetend vor ihnen den Staub geküßt — und der +<span class="g">neue</span> Gott? — Zweifel waren in ihnen wach gerüttelt +<span class="g">dem</span> zu dienen, und in starrem Jammer sahen +sie die einst so sonnige Welt sie öde und trostlos umlagern; +oder sie warfen sich auch im tollen Uebermuth, +Gott wie die Götter von sich stoßend, jenem chaotischen +Nichts und mit ihm dem Taumel wilder, zerstörender +Vergnügungen in die Arme, der ihnen von +den Fremden im reichen vollen Maaß geboten wurde.</p> + +<p>Solchen Boden mußte der alte Mann mit seinem +stillen traulichen Atiu vertauschen, und nicht einmal +in den ihm nächsten Amtsbrüdern fand er dabei die +nöthige Unterstützung und Hülfe, während sein klarer +Verstand, wie sein gutes Herz zu gleicher Zeit auch +nur zu deutlich fühlten, wie gerade deren starrer und +unduldsamer Fanatismus <span class="g">das</span> Uebel das sie bekämpfen +wollten — einer neuen für irrthümlich gehalte<span class="pagenum"><a name="Page_237" id="Page_237">[237]</a></span>nen +Lehre den Eingang zu verweigern — unterstützte, +und dem Feind von den eigenen Truppen ganze +Schaaren in’s Lager jagte.</p> + +<p>Der ehrwürdige Bruder Rowe machte ihm besonders +das Leben schwer, und so sehr er das fühlte und +den ihm feindlich gesinnten Mann zu einer offenen +Erklärung zwingen wollte, so vorsichtig und geschmeidig +wich dieser jeder Zeit ihm aus, und selbst der direkten +Frage hielt er nicht Stand: Jene Zeit war vorbei, +lange vorbei, wie er sagte, und geschehene Dinge, +wenn man sie vielleicht auch wieder ungeschehen machen +möchte, nicht mehr zu ändern — in <span class="g">seinem</span> +Herzen lebte kein Gefühl der Rache oder des Zornes +— weshalb auch Rache? weshalb Zorn? — wenn +sich Mr. Osborne Vorwürfe über irgend etwas Geschehenes +zu machen hätte, so bedauere er das, aber +er selber thue es nicht — Mr. Osborne müsse das +mit sich selber ausmachen.</p> + +<p>Mr. Osborne vertheidigte sich freilich mit Eifer +auch selbst gegen eine solche Vermuthung, und sprach +sich rein von jeder wissentlichen Sünde, aber Bruder +Rowe antwortete ihm stets nur durch ein frommes Verdrehen +der Augen und Achselzucken, und war freundlicher +als je gegen ihn; aber nichtsdestoweniger schickte +er im Geheimen Pfeil auf Pfeil ab gegen den alten +Mann, und verkümmerte und trübte diesem das Leben<span class="pagenum"><a name="Page_238" id="Page_238">[238]</a></span> +dermaßen, daß er keiner einzigen Stunde mehr froh +und sein Beruf, der ihm bis dahin eine Lust und +Freude gewesen, ihm zur schweren traurigen Last +wurde. Und dennoch gab er sich demselben jetzt mit +um so größerem Eifer hin; er fühlte daß die gute +Sache gerade jetzt am nöthigsten einer Hand bedürfe, +die es wirklich gut mit ihr meine, und der es nicht +blos um Sieg und Herrschaft der Einzelnen, sondern +wirklich um das Glück der Eingeborenen zu thun wäre, +Fleiß und Zeit daran zu opfern.</p> + +<p>Die Art aber, wie er dabei seiner Ueberzeugung +folgte, mußte ihm mehr und mehr Gegner unter den +Missionairen in’s Leben rufen, deren ganze Energie, +mit nur wenigen Ausnahmen, einem anderen +Systeme zustrebte. Diese wütheten förmlich gegen die +»papistischen Gräuel« wie sie es nannten, und die +»heidnische Wirthschaft« die plötzlich den Sieg auf +diesen Inseln errungen, während sie selbst schon seit +Jahren dagegen gepredigt und alle ihre Macht, wenn +auch vergebens, aufgeboten hatten, die fremden Priester +<span class="g">einer anderen Religion</span> fern zu halten. +Von den Kanzeln nieder donnerten sie mit allen nur +möglichen und unmöglichen Bibelcitaten gegen die +»Unterdrücker des Körpers und der Seele« die Franzosen +an, die ihnen mit ihren Kriegsschiffen die fremde +Sekte aufgezwungen; warnten vor dem Antichrist, der<span class="pagenum"><a name="Page_239" id="Page_239">[239]</a></span> +jetzt unter ihnen herumgehe wie ein brüllender Löwe, +zu suchen welchen er verschlinge, und prophezeihten +die Wiedereinführung der Götzen und Schlachtopfer, +der Kindesmorde und Glaubenskriege. Starrer als +je beharrten sie dabei auf ihren Dogmen und Artikeln; +auch die kleinsten Vergehen gegen ihre eingeführten +Gebräuche und Ceremonien <span class="g">ihrer</span> Kirche, ja +selbst die als heidnisch ausgeschrienen oft selbst unschuldigen +Vergnügungen der Insulaner, wurden zum +Verbrechen, und mit <span class="g">eiserner</span> Hand wollten sie die +Schaar der Gläubigen, die ihnen noch unverführt und +treu anhing, von dem Abgrund zurückhalten, der gierig +ihre Seelen zu verschlingen drohte.</p> + +<p>Der alte ehrwürdige Mr. Osborne glaubte dem +Ziel auf eine andere Art und Weise entgegenarbeiten +zu müssen, und sein gutes Herz zwang ihn schon dazu. +Er konnte, trotz allen Bemühungen ja Drohungen +seiner Collegen, nicht dahin gebracht werden die andere +Lehre zu <span class="g">verdammen</span>, denn mit Recht behauptete +er, daß gerade dadurch den Insulanern auch jede +Möglichkeit benommen worden sei zwischen den beiden +zu prüfen, wenn von beiden Seiten zu gleicher +Zeit Fluch und Verdammung gegen sie ausgesprochen +wurde. Er zeigte ihnen auch nicht den strengen ernsten +und unversöhnlichen Gott, mit dessen Zorn und +Strafgericht die Anderen drohten, sondern den milden,<span class="pagenum"><a name="Page_240" id="Page_240">[240]</a></span> +liebenden Vater, der auch dem irrenden Kinde gern +und willig die Hand reiche und den Pfad zeige, mit +gutem frommen Herzen darauf zu wandeln, und waren +sie fröhlich dabei, sangen und tanzten sie und +schmückten sie ihre Haare mit Blumen, so warnte er +sie wohl vor dem Misbrauch solcher Freude, aber er +schrie nicht gleich sein Anathema über sie, und sie hatten +ihn deshalb lieb und glaubten seinen Worten, +weil ihr Sinn einen Anklang in ihren Herzen fand.</p> + +<p>Freilich konnte er aber, trotz alledem, dem tollen +und unsittlichen Treiben nicht wehren, das die Inseln, +und vor allen anderen Tahiti, erfaßt hatte. Durch +die jetzt fortwährend hier anlegenden Kriegsschiffe und +Wallfischfänger hatte sich die weibliche Bevölkerung, +mit einer nur sehr geringen Ausnahme, dem Laster +rücksichtslos in die Arme geworfen, und welchen verderblichen +Einfluß mußte das nicht auf die ganze Bevölkerung +der Insel ausüben. Nur die unendliche +Gutmüthigkeit und Harmlosigkeit dieser Stämme hielt +sie dabei vor einem zügellosen Ausbruch <span class="g">aller</span> Leidenschaften +zurück, wie es, unter gleichen Umständen, +in jedem anderen Land der Welt nicht hätte ausbleiben +können, und es läßt sich denken welche wunderliche +und unnatürliche Stellung die Missionaire in +solcher Umgebung oft einnehmen mußten.</p> + +<p>Hierzu kam noch der, zu jener Zeit gerade so ver<span class="pagenum"><a name="Page_241" id="Page_241">[241]</a></span>wickelte +<span class="g">politische</span> Zustand der Inseln, der eben +durch den übergroßen Eifer der Missionaire herbeigeführt +worden, und mit dem ich den Leser, ehe ich +meine Erzählung wieder aufnehme, jedenfalls erst +vertrauter machen muß.</p> + +<p>Innere Kämpfe, vorzüglich durch die Ankunft +Europäischer Schiffe hervorgerufen und genährt, und +mit den neu eingeführten Feuerwaffen tödtlich gemacht, +hatten die Inseln schon vor der Einführung des Christenthums +oder der Ankunft christlicher Missionaire +erschüttert, und einen Partheienhaß in’s Leben gerufen, +der Jahrzehnde wohl unter der Asche glimmend +lag, aber nur einen Anlaß suchte wieder hervorzubrechen +und mit erneuter Kraft das wunderschöne Land +zu verwüsten. —</p> + +<p>Otu der aus einer wunderlichen Ursache den Namen +Pomare<a name="FNanchor_H_8" id="FNanchor_H_8"></a><a href="#Footnote_H_8" class="fnanchor">[H]</a> annahm, wußte sich, nachdem der +<span class="pagenum"><a name="Page_242" id="Page_242">[242]</a></span>rechtmäßige Königsstamm vertrieben worden, zum +obersten Häuptling, ja zum <span class="smcap">Arii rahi</span> oder König +der Inseln emporzuschwingen, und es gelang ihm +auch, besonders durch die gerade damals landenden +Europäischen Schiffe unterstützt, sich zu halten und +seinem Geschlechte Rang und Würde erblich zu machen. +Nichtsdestoweniger lebten aber noch Häuptlinge +des anderen Stammes, und nicht mit Unrecht +glaubte besonders der Sohn Otus, Pomare <span class="smcap">II.</span> eine +kräftige Stütze seiner Macht in den fremden weißen +Männern zu erhalten, deren Religion er auch annahm, +ohne sich jedoch in seinen Sitten viel nach +ihnen zu richten — wie er denn auch in Folge seiner +Ausschweifungen hauptsächlich starb. — Ja er +ließ sich sogar in höchst unchristliche Kriege um sein +Götzenbild Oro ein, in Folge dessen eine Revolution +ausbrach und der König vertrieben, die Mission selber +zersprengt wurde. Der Verlust seiner Macht +wurmte aber den König, und vielleicht fühlend daß +ihn seine anderen Götter nicht genug geschützt hatten, +und von dem neuen Gotte größere Protection erhoffend, +vielleicht niedergebeugt durch manche häusliche +Leiden zu gleicher Zeit, denn seine Königin war ihm +ebenfalls gestorben, warf er das alte Heidenthum jetzt +von sich, bekehrte sich öffentlich zum Christenthum und +führte dies, mit Hülfe des Oberpriesters Tati, der die<span class="pagenum"><a name="Page_243" id="Page_243">[243]</a></span> +ihm bis dahin anvertrauten Götterbilder öffentlich verbrannte, +auch auf den übrigen Inseln ein.</p> + +<p>Er starb am 30. Nov. 1821 und hinterließ nur +einen Sohn von 18 Monaten etwa, den aber die +Missionaire jetzt in ihrem Sinn und Geist zu erziehen +hofften, indeß sie, während sie selber das Staatsruder +in Händen führten, die Regentschaft seiner Tante übertrugen. +Aber der junge Prinz starb schon 1827 — +die fremde strenge Lebensweise in der ihn die Priester +hielten, konnte seine überdies schwächliche Natur nicht +vertragen, und das Volk rief jetzt, nicht ohne den Einfluß +seiner Lehrer, die die Macht in diesem Königsgeschlechte +wahren mußten wenn sie nicht fürchten +wollten den kaum befestigten Einfluß wieder zu verlieren, +Aimata die Tochter ihres vorigen Königs und +Schwester des letztverstorbenen zu seiner Herrscherin +aus.</p> + +<p>Nur gezwungen fügten sich aber die alten, von +dem anderen Königstamm abzweigenden Häuptlinge, +Tati an ihrer Spitze, denn mit des jungen Fürsten +Tode bot sich neue Hoffnung ihren noch nie aufgegebenen +Ansprüchen auf den Thron des Reichs; aber +das Christenthum war schon zu mächtig geworden +im Land, die Missionaire besonders hatten zu großen +Einfluß gewonnen über die Bewohner und ihre Frauen,<span class="pagenum"><a name="Page_244" id="Page_244">[244]</a></span> +und jeder andere Anspruch verschwand vor der Krone +der jungen schönen Königin<a name="FNanchor_I_9" id="FNanchor_I_9"></a><a href="#Footnote_I_9" class="fnanchor">[I]</a>.</p> + +<p>Die englischen Missionaire waren jetzt, so sehr +sie sich auch Mühe gaben jeden politischen Einfluß, +Europa gegenüber, von sich zu weisen, und schon +seit der Krönung und Salbung des früheren jungen +Herrschers, die eigentlich regierenden Herren des Landes; +sie gaben Gesetze und verwalteten, indem sie über +die Arbeitskräfte des Volkes geboten, die Kassen des +Landes. In ihren Händen lag dabei der Haupt-Handel +der Insel, denn ihre Unterstützung vom Mutterland +wurde ihnen natürlich nicht in Geld sondern +in englischen Waaren, die sie zu tüchtigen Preisen +wieder verwertheten, übersandt, und es läßt sich denken +daß sie eifersüchtig darüber wachten, solcher Vortheile +nicht so rasch und leicht wieder beraubt zu +werden.</p> + +<p>Eine solche Gefahr drohte ihnen aber im Jahr +1836, wo zwei von den Gambier-Inseln abgesandte +Katholische Priester, Laval und Caret ziemlich heimlich +auf Tahiti landeten und dort festen Fuß zu fassen<span class="pagenum"><a name="Page_245" id="Page_245">[245]</a></span> +suchten. Aber die Protestantischen Missionaire waren +auf ihrer Hut und beschlossen, der Kraft der von ihnen +gepredigten Lehre und der einfachen Leichtgläubigkeit +ihrer Beichtkinder doch nicht so recht trauend, die +gefährlichen Fremden unter jeder Bedingung und so +rasch als möglich wieder zu entfernen.</p> + +<p>Die Priester machten indeß der Königin ihre Aufwartung +die sie in Gegenwart ihrer Missionaire empfing, +und ersuchten sie ihnen den Aufenthalt zu gestatten, +legten auch, als sie den Platz wieder verließen, +Geschenke für Pomare nieder, die nach einigem +Weigern angenommen wurden; nichtsdestoweniger +wurde ihnen in einer nächsten Versammlung, wobei +einige der Häuptlinge gegenwärtig waren, und +die sie in Begleitung des Amerikanischen Consuls, +Herrn Mörenhout besuchten, die Eröffnung gemacht, +daß ihnen der Aufenthalt auf diesen Inseln <span class="g">nicht</span> +gestattet werden könne. Die Katholischen Geistlichen +protestirten dagegen, aber am nächsten Morgen bekamen +sie die ganz unzweideutige Weisung der Königin +die Insel ohne weiteres wieder zu verlassen, und +als auch hierauf eine direkte Bitte an die Königin, +sie ungehindert hier weilen zu lassen, Nichts half, +schlossen sie sich in das ihnen von Mörenhout gegebene +Haus ein, und wichen nur erst der förmlichen +Gewalt, denn die von den Protestantischen Missio<span class="pagenum"><a name="Page_246" id="Page_246">[246]</a></span>nairen +abgeschickte Polizei kletterte am Haus hinauf, +stieg durch das Dach, und <span class="g">trug</span> die Priester, die +nicht gutwillig gehen wollten, wieder auf ihr Fahrzeug +zurück.</p> + +<p>Diese That sollte nicht ohne traurige Folgen für +die Inseln bleiben, denn die religiöse Unduldsamkeit +der Missionaire öffnete dem schon darauf harrenden +Feind die Thore, gab Frankreich einen erwünschten +Vorwand seinen Handel wie seine Religion dort vor +allen Dingen zu befestigen, und dann die ganze Insel, +als seiner Schiffahrt günstig gelegen, zu besetzen. +Caret reiste nach Frankreich, dort Genugthuung für +die erlittene Behandlung zu erbitten, und dem Admiral +Du Petit Thouars wurde es aufgetragen ein schwaches +friedliches Reich zu unterwerfen, das bis dahin +noch keinem Fremden Uebles gethan, sondern Alle, +gleichviel von welchem Lande, von welcher Religion +in gastlicher Herzlichkeit bei sich aufgenommen hatte, +bis jene fremden Priester selber einander befehdeten +und Leid und Unheil über jene schönen Küsten brachten, +die Gottes Vaterhuld mit Allem ausgeschmückt +was groß und herrlich war.</p> + +<p>Im August 1838 ankerte die Fregatte Venus auf +der Rhede von Papetee, und Du Petit Thouars erklärte +der Königin Pomare in einem Schreiben, daß +er gekommen sei für die unwürdige Behandlung mehrer<span class="pagenum"><a name="Page_247" id="Page_247">[247]</a></span> +Französischer Unterthanen, vorzüglich aber der beiden +von hier exilirten Priester Caret und Laval Genugthuung +zu fordern, und jetzt vor allen Dingen eine +schriftliche Entschuldigung der Königin, die Summe +von 2000 Spanischen Dollarn als Entschädigung für +die erlittene Unbill der Priester, und die Begrüßung +der Französischen Flagge mit 21 Kanonenschüssen verlange. +Widrigenfalls drohten die Mündungen der +Geschütze Vernichtung über den offen und schutzlos +daliegenden Strand.</p> + +<p>Die arme Pomare hatte keine Wahl; sie schrieb +den Brief, erbat sich das Pulver selbst von der Französischen +Fregatte zu den verlangten Schüssen, und die +Missionaire, deren Eigenthum bei einer Kanonade auch +am meisten bedroht gewesen wäre, collectirten das Geld +theils unter sich, theils bei anderen Engländern und +Amerikanern der Inseln, und befriedigten damit den +Französischen Admiral.</p> + +<p>Aber Du Petit Thouars ging weiter, und nicht +bedenkend daß ein schwaches Volk dasselbe Recht, wenn +auch nicht dieselbe Macht habe, ihm misliebige Personen +von sich fern zu halten, und vielleicht von einem +etwas rachsüchtigen Gefühl gegen die allerdings +übermüthigen Protestantischen Priester geleitet, erzwang +er noch außerdem einen Vertrag von den Eingeborenen, +nach dem allen Franzosen: »was auch<span class="pagenum"><a name="Page_248" id="Page_248">[248]</a></span> +immer ihr Gewerbe sei« (also auch den Französischen +Katholischen Missionairen) das Recht zustehen sollte, +sich niederzulassen und Handel zu treiben auf allen +Inseln.</p> + +<p>Ein bald nach ihm kommendes Kriegsschiff, die +Artemise, Capitain La Place ging noch weiter und +verlangte und erhielt — denn wie hätten sich ihm die +Tahitier widersetzen können — volle Religionsfreiheit +für alle Katholiken und einen Bauplatz für eine Katholische +Kirche.</p> + +<p>Wenn aber auch die Protestantischen Missionaire +diese Vorgänge mit stillem, freilich deshalb nicht minder +heftigem Unmuth dulden mußten, gab es doch +eine Parthei auf Tahiti, die mit Freuden einen Wechsel +in den politischen Verhältnissen hereinbrechen sah, +den sie bis dahin kaum für möglich gehalten. Es +waren dies die von den Pomaren ihrer Macht beraubten +Häuptlinge, die nur mit heimlichem Grimm +die Oberherrschaft der fremden ihnen feindlich gesinnten +Priester gefühlt, und vergebens gesucht hatten +ihnen entgegen zu arbeiten. Nicht mit Unrecht hofften +diese, daß die neuen, einer anderen Sekte zugehörigen +Priester den Einfluß jener stolzen Männer schwächen +müßten, und einmal dieser Stütze beraubt, und +der Thron der Pomaren stand auch nicht so unerschütterlich +mehr. Noch aber hatten die Englischen<span class="pagenum"><a name="Page_249" id="Page_249">[249]</a></span> +Missionaire die Zügel in den Händen, und als das +Französische Kriegsschiff die Küste wieder verlassen, +donnerten sie von den Kanzeln mit allem Ingrimm +des hartnäckigsten Fanatismus gegen die neue Lehre, +deren Symbole sie mit den früheren heidnischen Uebungen +der Insulaner selber verglichen, und deren Lehren +dem höllischen Abgrund gerade zuführten.</p> + +<p>Die Katholische Religion machte nur geringe Fortschritte, +die Protestantischen Missionaire behaupteten +ihre Macht, und wenn auch schon des Zweifels Saamen +war eingestreut worden in die Herzen der armen +Insulaner, die mit Entsetzen Feinde ihres Glaubens +in demselben Volk erstehen sahen, das ihnen den neuen +Gott gebracht, dauerte das dem heißen ungeduldigen +Blut der unruhigen Häuptlinge zu lang, und mit der +schon fast erstorbenen Hoffnung einstigen Sieges frisch +angefacht, harrten sie, nicht stark genug ihn selber zu +führen, einem frischen Schlag wider die Macht ihrer +Nebenbuhler sehnsüchtig entgegen.</p> + +<p>Einen halben Bundesgenossen, Jemanden wenigstens, +der der Französischen Sache eng ergeben und +den Protestantischen Missionairen nicht besonders +geneigt war, hatten sie in dem früheren Amerikanischen +Consul Mörenhout, der dem Pietistischen Wesen +der Protestanten theils abhold, anderseits auch seinen +eigenen Nutzen durch die Oberherrschaft der Franzosen<span class="pagenum"><a name="Page_250" id="Page_250">[250]</a></span> +zu befördern glaubte, unter deren Schutz oder Protectorat +er jetzt die Inseln zu bringen suchte.</p> + +<p>Ob er seinen Freunden, den unzufriedenen Häuptlingen +seine ganzen Pläne mittheilte, ist nicht bekannt, +aber soviel gewiß, daß im September 1842, als die +Französische Fregatte Reine Blanche unter dem, vorgeschobener +Unbilden wegen neue enorme Forderungen +stellenden <span class="g">Admiral</span> Du Petit Thouars vor Papetee +ankerte, die vier Häuptlinge Tati, Raiata, Utami +und Hitoti mit Mörenhout an Bord gingen, und dort +einen Vertrag unterzeichneten, in welchem sie den Admiral +baten, da sie nicht im Stande wären ihr Land +jetzt so zu regieren mit anderen mächtigeren Regierungen +in Frieden zu leben, ihre Inseln unter den +Schutz seines Königs zu nehmen, der ihnen jedoch, +neben der Religionsfreiheit, alle übrigen Rechte unbekümmert +ließ und garantirte.</p> + +<p>Die Einwilligung der Königin, die jeden Augenblick +ihrer Entbindung entgegensah, wurde unter der +Drohung des Französischen Admirals von 10,000 +Dollar Entschädigungssumme für allerdings nur imaginäre +Unbill, oder volle Besitznahme der Inseln im +Namen Sr. Majestät, des Königs von Frankreich <span class="g">erzwungen</span> +und, selbst die Clausel eingeschlossen, die den +Protestantischen Missionairen, der neuen Macht gegenüber, +völlig die Hände band, daß nämlich »irgend ein<span class="pagenum"><a name="Page_251" id="Page_251">[251]</a></span> +Mann, der das Tahitische Volk mit Wort oder That +gegen die Französische Regierung einzunehmen suche, +verbannt werden solle von den Inseln.«</p> + +<p>In dieser Zeit aber war gerade der Mann abwesend +von Tahiti, der bis dahin den meisten Einfluß +als Protestantischer Geistlicher sowohl wie mehr irdischer +Richter auf die Königin gehabt. Mr. Pritchard +war nach England gegangen, die Englische Regierung +für das kleine Insel-Reich zu interessiren und es gegen +die wohl vorhergesehenen und gefürchteten Uebergriffe +Katholischer Priester sowohl wie Französischer Kriegsschiffe +zu schützen; aber die zurückgebliebenen Missionaire +hofften destomehr auf diese Hülfe, zu der sie, +wie sie glaubten, die neue Ungerechtigkeit des Französischen +Befehlshabers jetzt nur noch mehr berechtigte, +wenn nicht dem Englischen Volk auch der letzte Einfluß +auf diese Inseln entzogen werden sollte.</p> + +<p>Kaum hatte deshalb Du Petit Thouars die Inseln +wieder verlassen als sie, jedes Vertrags ungeachtet, +an den sie sich nicht gebunden erklärten, und die +Königin selber, da er ihr abgezwungen worden, davon +entbanden, frei und offen in ihren Kirchen das +Entsetzliche der Gefahr schilderten, in der die Seelen +ihrer Beichtkinder schwebten, von dem Antichrist an +sich gezogen und zerstört zu werden. Der blinde Fanatismus +Einzelner trieb schon zum Aeußersten, keine<span class="pagenum"><a name="Page_252" id="Page_252">[252]</a></span> +Folgen der rückkehrenden Kriegsschiffe berechnend, hätten +Andere nicht den wilden Eifer gedämmt, einen +günstigen Zeitpunkt wenigstens zu erwarten den »papistischen +Gräueln« mit <span class="g">einem</span> gewaltigen Schlag +ein Ende zu machen.</p> + +<p>So standen die Sachen im Herbst des Jahres +1843, und während die Bewohner Tahitis theils +Parthei für ihre Missionaire ergriffen, theils in kalter +Gleichgültigkeit den Streitigkeiten der »beiden weißen +Gotte« zusahen und ihren Erfolg abwarteten, arbeiteten +die Protestanten unverdrossen ihrem einen Ziel +entgegen, und die unruhigen Häuptlinge suchten vergebens +den Conflikt zu ihren Gunsten auszubeuten. +Die Franzosen hatten versprochen ihre Bundesgenossen +zu werden, und sie in ihren gerechten Ansprüchen zu +unterstützen, und jetzt befestigten sie nur die eigene +Macht auf den Inseln und brachen der fremden Lehre +Bahn — was kümmerte die trotzigen Herzen ein neuer +Name Gottes.</p> + +<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_H_8" id="Footnote_H_8"></a><a href="#FNanchor_H_8"><span class="label">[H]</span></a> Der König schlug einst sein Lager zwischen den Bergen +auf, und der Platz wo er lag war gerade dem Thau und +einer scharfen Zugluft ausgesetzt. In der Nacht erkältete er +sich und bekam einen Husten, wonach Einer seiner Höflinge +diese Nacht eine Husten-Nacht (von <span class="smcap">po</span> Nacht und <span class="smcap">mare</span> +Husten) nannte. Dem König gefiel der Klang des Worts +vielleicht, vielleicht hatte er eine andere Ursache, kurz er beschloß +sich von der Zeit an <span class="smcap">Po-mare</span> zu nennen, und der +Titel ist jetzt, als erblich, auf seine Nachkommen übergegangen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_I_9" id="Footnote_I_9"></a><a href="#FNanchor_I_9"><span class="label">[I]</span></a> Aimata oder Pomare <span class="smcap">IV.</span> ist etwa 1812 geboren und +war zuerst an einen jungen Häuptling von Tahaa verheirathet, +von dem sie sich wieder schied und zu ihrem zweiten Gemahl +einen anderen jungen Häuptling von Huaheine, einer Nachbarinsel, +nahm.</p></div> +</div> + + +<hr class="endchapter" /> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_253" id="Page_253">[253]</a></span></p> +<h2><a name="Capitel_9" id="Capitel_9"></a>Capitel 9.</h2> + +<h3>Die vier Häuptlinge.</h3> + + +<p>Ein sonniger Himmel spannte sich über die wildzerrissenen +aber bis in ihre höchsten Kuppen bewaldeten +Berge von Tahiti; aus den tiefen Thälern +stiegen in festen, zusammengedrängten Massen die +weißen schwankenden Schwaden auf, und wollten sich +ausbreiten gegen den mächtigen Feind, aber die sengenden +Strahlen trieben sie zurück, hinein wieder in +Schlucht und Bergeshang, und hie und da niedergepreßt +auf eine Halde, oder hingetrieben von dem neckischen +Seewind über den saftigen Anwuchs breitblättriger +<span class="smcap">Feis</span><a name="FNanchor_J_10" id="FNanchor_J_10"></a><a href="#Footnote_J_10" class="fnanchor">[J]</a>, mußten sie sich wohl dicht an den Bo<span class="pagenum"><a name="Page_254" id="Page_254">[254]</a></span>den +schmiegen, unter Laub und Busch, dem einsamen +Jäger das wunderliche Schauspiel einer Schneelandschaft +in den Tropen bietend, so weiß und weich lagen +sie unter Busch und Strauch und füllten die Thäler +aus, Inseln bildend aus Kuppe und Kraterhang.</p> + +<p>Und die Palmen im Thal unten schüttelten den +Thau aus ihren wehenden Kronen, und rauschten +und flüsterten dem Morgenwind ihren Gruß entgegen; +aus dem Schatten eines mächtigen Wibaums<a name="FNanchor_K_11" id="FNanchor_K_11"></a><a href="#Footnote_K_11" class="fnanchor">[K]</a> +flötete der Omaomao<a name="FNanchor_L_12" id="FNanchor_L_12"></a><a href="#Footnote_L_12" class="fnanchor">[L]</a>, die Tahitische Drossel und +der gellende Schrei der Möve, die über dem spiegelglatten, +crystallhellen Binnenwasser der Riffe nach +Beute strich, mischte sich darein. Von fern herüber +aber donnerte klar und gewaltig das Brausen der +ewigen Brandung über die Corallenwälle, die in einem +weiten, nur an sehr wenigen Stellen kaum unterbrochenen +Kreis all diese Inseln umgeben, als ob<span class="pagenum"><a name="Page_255" id="Page_255">[255]</a></span> +sie das freundliche Land schützen wollten gegen den +wilden ungestümen Andrang der Wogen und ihre +zerstörende Macht — die Elemente waren freundlicher +gegen dies Paradies als die Menschen.</p> + +<p>Weit aus nach allen Seiten breitete dabei das +blaue Meer, hie und da über die Fläche blitzte der +Schein eines hellen Segels, und aus der Ferne herüber +ragten die schroffen pittoresken Kuppen Imeos +oder Moreas, mit dem Palmengürtel, der den Fuß +ihrer Berge umschloß, eben sichtbar über dem Meeresspiegel. +Massen von kleinen schlanken Canoes, den +Luvbaum<a name="FNanchor_M_13" id="FNanchor_M_13"></a><a href="#Footnote_M_13" class="fnanchor">[M]</a> an der Seite, der das schwanke Fahrzeug +vor dem Umschlagen wahren sollte, glitten über +das blitzende Binnenwasser, aus den Corallen herauf, +mit Harpune oder Netz ihr Mahl zu holen, und oft +unter der stürzenden Brandung hin, der kochenden +Woge wie im Sprung entgehend, schoß der schwanke +Bau wie ein dunkler Streif durch den schneeigen +Schaum, und das braune trotzige Gesicht warf sich +den Gischt aus dem lockigen Haar mit fröhlichem +Lachen.<span class="pagenum"><a name="Page_256" id="Page_256">[256]</a></span></p> + +<p>Wie lauschig und versteckt lagen die Hütten der +Eingeborenen in jenen schattigen Hainen, die das +Ufer mit ihrem schwellenden Grün überzogen, und +aus dem heraus sich die prachtvollen Cocospalmen +noch weit über den Meeresspiegel beugten, als ob +sie ihr Bild wiederfinden wollten in dem Crystall +da unten. Wie dufteten die Orangen und Citronen, +die schneeigen Sternblumen und die Mangablüthe so +süß; das Bananenblatt zitterte und raschelte in dem +Zephyr, der sich durch Blum und Blüthe stahl, seine +Bahn zu suchen, den Klüften der Berge zu, und der +stattliche Brodfruchtbaum drängte sich mit seinen gefingerten +einzelnen Blättern in das stattliche Laub der +Mape; die Papaya schüttelte ihre Kelche aus auf +Ananas und Tappo-Tappo<a name="FNanchor_N_14" id="FNanchor_N_14"></a><a href="#Footnote_N_14" class="fnanchor">[N]</a>, die köstlichen Früchte +dieser Zone, und tief im schattigen Laub versteckt +glühten duftende Blüthen, und hoben ihre Kelche +dem sonnigen Licht entgegen.</p> + +<p>Es war ein Paradies das Gottes milde Vaterhand +erschaffen, ein Paradies von seinem Athem durchweht, +und Seiner Werke Herrlichkeit kündend zu jeder +Stunde — ein Paradies das nur die Leidenschaft<span class="pagenum"><a name="Page_257" id="Page_257">[257]</a></span> +und das trotzige Herz des Menschen oft, ach wie oft, +so muth- und böswillig verdarb und zerstörte und +Haß und Schmerz säete, selbst zwischen diese Palmen, +und den Frieden verjagte, der auf den stillen Matten +in heiterer Ruhe lagerte. Ehrgeiz und Fanatismus, +Sinnlichkeit, Geldgier und sorgloser Leichtsinn reichten +sich einander die Hand und der Indianer, der +gastliche Herr dieses Aufenthalts in dem Engel hätten +schwelgen können, sah in kurzsichtiger Lust wie die +fremden Männer Spiel nach Spiel in sein Canoe +häuften, es schmückten und verzierten und beluden — +bis es <span class="g">sank</span>.</p> + +<p>Sorglose Kinder des Augenblicks, denen Palme +und Brodfrucht jeden Tag gaben was der Tag begehrte, +was kümmerte sie die Zukunft? Der bunte +Flittertand freute sie, jeder goldenen, blitzenden Masche +jubelten sie entgegen, und ahneten das Netz nicht, +das sich langsam aber sicher daraus wob, sie niederzuziehen +aus ihrem Himmel.</p> + +<p>Aber nicht Alle theilten diese Apathie an den Ereignissen +des Tages, denen das Volk kaum das Ohr +lieh wenn sie geschehen; wie die Protestantischen Missionaire +um den erschütterten Stamm die Wurzeln +wieder tiefer senkten und gruben, ihm mehr Festigkeit +zu geben bei dem nächsten Sturm, so nagte der +Ehrgeiz, und andere Leidenschaften vielleicht, an den<span class="pagenum"><a name="Page_258" id="Page_258">[258]</a></span> +Herzen jener stolzen Häuptlinge, die Königsblut in +ihren Adern fühlten, und der stille Frieden selbst der +sie umgab reizte den schlafenden Grimm in ihrer Brust, +und wandelte ihnen ihr Paradies zu einem Aufenthalt +der Qual.</p> + +<p>In Papara, dem südwestlichen Theil von Tahiti +stand, von mächtigen Mapebäumen beschattet, dicht +am Uferrand eines kleinen klaren Bergbachs, der sprudelnd +und silberrein aus den Bergen niedersprang, +eine jener breitovalen, aus Bambus errichteten und +mit den Blättern der Pandanus dicht gedeckten Hütten, +um die sich der weiche Rasen schloß und der Brodfruchtbäume +und wehende Palmen das Dach bildeten, +den sengenden Sonnenstrahl abzuhalten von dem stillen +Platz. Ein lauschiges Halbdunkel lagerte auf +dem nur leise rauschenden, flüsternden Hain, dem die +von der Brise kaum bewegten Wasser tausend und +tausend kleine funkelnde Lichter entgegenblitzten.</p> + +<p>Aber keine fröhliche Kinderschaar spielte und sprang +hier am Muschelstrand, oder schaukelte sich an langem, +in die Wipfel der Palmen geknüpften Bastseil weit +und keck hinaus über den korallendrohenden Wasserspiegel; +kein schlankes Weib mit blumengeschmücktem +Haar sammelte die Frucht von dem nahen Baum +und breitete das reinliche Hibiscusblatt zum frischen +Mahl. Nur an den Stamm einer Palme gelehnt,<span class="pagenum"><a name="Page_259" id="Page_259">[259]</a></span> +die Lenden mit dem <span class="smcap">pareu</span>, noch aus der auf der +Insel selbst gefertigten Tapa<a name="FNanchor_O_15" id="FNanchor_O_15"></a><a href="#Footnote_O_15" class="fnanchor">[O]</a> umwunden, deren +gelbbraune Falten ihm fast bis zum Knie niederfielen, +während Bein, Schultern und Leib die zierlichen +blauen Linien der alten, und durch die Missionaire +sonst fast überall verpönten Tättowirungen zeigten, +lehnte ein Insulaner und schaute still und schweigend, +wie in tiefem Nachdenken versenkt, auf das weite sonnige +tiefblaue Meer hinaus, das seinen Strand bespühlte.</p> + +<p>Es war eine edle, kräftige Gestalt wie sie da stand +unter der Königin des Waldes, und das weiche rabenschwarze +lockige Haar fiel ihr, ungleich der frommen +von den Protestantischen Geistlichen eingeführten +Sitte es kurz abzuschneiden, voll und lang um +die Schläfe, bis auf die Schultern nieder. Aber keine +Blume stak darin oder hinter dem Ohr, noch glänzte +sonst ein Schmuck an Arm, Hals oder Handgelenk, +und die kühnen Züge und Arabesken des Tättowirers, +alte heidnische Zeichen mit Haifischzähnen in unvergehbaren +Punkten der Haut eingegraben, lagen fast<span class="pagenum"><a name="Page_260" id="Page_260">[260]</a></span> +drohend auf den vollgespannten Muskeln und Sehnen +der nervigen Glieder.</p> + +<p>Da wurden leise aber regelmäßige Schritte im +Laube laut — näher und näher kamen sie heran, und +eine andere Gestalt erschien unter den schattigen Blüthe +und Frucht bedeckten Orangen; aber der Sinnende +hörte die Schritte nicht, seinem Träumen willenlos +hingegeben, und der Neugekommene stand mit verschränkten +Armen wohl mehrere Minuten lang schweigend +neben ihm, indeß sein Blick in tiefem Ernst und +Sinnen auf ihm haftete.</p> + +<p>Dem Aeußeren nach aber war es eine andere +Gestalt, als die des ernsten Träumers an der Palme, +seine Lenden umschloß, wie bei dem Ersten nur ein +etwas bunterer Pareu, der Oberkörper stak aber in +einem noch bunteren Oberhemd, und unter den, mit +wohlriechendem Oel gesalbten Locken vor leuchteten +die eben aufgebrochenen Knospen des Cap-Jasmin, +jener reizenden lilienartigen Gardenia mit dem vollen +Narcissenduft. Die Beine waren nackt, und die alten +Tättowirungen auch auf ihnen sichtbar, aber der Pareu +ging tief hinab und verhüllte das meiste davon, bis +auf die zierlich gezeichneten Palmen, deren Wurzeln +auf den Hacken saßen während der Stamm am hinteren +Theil des Beines schlank und zierlich hinauf +lief, sich über den Waden mit seinen breiten, feder<span class="pagenum"><a name="Page_261" id="Page_261">[261]</a></span>artigen +Blattkronen auszubreiten. In der Hand trug +er einen schlanken langen Bogen und einige buntbefiederte +Pfeile mit Eisenspitzen (keine Waffen in jener +Zeit, wo die inneren Kriege aufgehört hatten, und die +Insulaner recht gut die Nichtigkeit solcher Wehr gegen +Feuerwaffen erkannten, sondern mehr ein Spielzeug +oder besser gesagt ein Uebungsspiel der Vornehmen, +das besonders der Lieblingszeitvertreib des vorigen +Königs gewesen) und um den Scheitel zog sich ihm +ein wunderlich geflochtener Kranz von Gardenien mit +den silberweißen Fasern der Arrowroot und kleinen +rothen Blüthen bunt durchwebt.</p> + +<p>»Joranna Tati!« rief er endlich lachend, als er +wohl glaubte den Sinnenden seinen Betrachtungen +lange genug überlassen zu haben, und während ein +leichtes Lächeln seine schönen Züge überflog — »Joranna +Mann, und was hängst Du den Kopf und +schaust so still und brütend vor Dich hin, als ob +Du« — es zuckte spöttisch um seinen Mund — »plötzlich +ein Missionair geworden wärest? Wollen Dich +die frommen Väter vielleicht nach den Gambier-Inseln +senden, ihren »Brüdern in Christo« dort Gleiches mit +Gleichem zu vergelten, und bereitest Du Dich vor +den Neubekehrten da drüben zu beweisen, daß man nur +des Himmels Seligkeit erndten könne, wenn man +die Mundwinkel an beiden Seiten herunterhängen<span class="pagenum"><a name="Page_262" id="Page_262">[262]</a></span> +lasse, und das Weiße der Augen zeige in brünstigem +Gebet?« —</p> + +<p>Tati, denn der Häuptling war es, schaute rasch +und finster auf bei dem Gruß, und seine Züge heiterten +sich nicht auf, als er den bunten Schmuck und +Tant erkannte, mit dem sich der Freund behangen.</p> + +<p>»Du siehst aus als ob <span class="g">Du</span> zum Tanze gingst mit +den Areoïs<a name="FNanchor_P_16" id="FNanchor_P_16"></a><a href="#Footnote_P_16" class="fnanchor">[P]</a>, Paofai,« sagte er ernst, ohne den Gruß +zu erwiedern, »ein Richter des Landes sollte sich das +Schicksal desselben zu Herzen nehmen, in so schwerer +Zeit!«</p> + +<p>»Das <span class="g">Schicksal</span>?« lachte Paofai, die Locken +schüttelnd, daß die Blüthen auf seine Schultern niederfielen, +»das Schicksal liegt in der Hand jedes Einzelnen +für sich selbst, und die ihre Nacken dem Joch +gutwillig neigen, dürfen nachher nicht klagen wenn +es sie drückt. Wer, beim Oro, heißt die fröhlichen +Kinder unserer schönen Inseln sich den Fremden beugen +und die Knie wund reiben vor einem Gott, der +uns bis jetzt nur Arbeit und Krankheiten, nur Haß +und Feindschaft geschickt hat aus fernem Land? — Ich +für mein Theil bin es müde die helle Schatti<span class="pagenum"><a name="Page_263" id="Page_263">[263]</a></span>rung +einer Haut, und Kenntnisse die dem Träger hier, +wo er sie nicht gebrauchen kann, nur zur Last sind, +höher geschätzt zu sehn als das, was unsere Väter +ehrten. — Gleisnerische Worte — Oros Zorn über +sie, daß sie zu Gift würden in dem Mund ihrer +Träger.«</p> + +<p>»Und wer ist Schuld als wir selber, daß wir’s +so lange zu tragen haben?« rief Tati sich hoch und +stolz emporrichtend, »ruht nicht der Fluch unserer Götter +auf diesem Lande, seit jene knechtischen Pomare’s +den Scepter führen, ja liegt nicht selbst die junge +Königin in der Gewalt dieser schleichenden Priester, +die sich nur immer die <span class="g">Diener</span> des Herrn nennen, +und dabei den Fuß selber auf die Nacken der Arii +Rahi’s<a name="FNanchor_Q_17" id="FNanchor_Q_17"></a><a href="#Footnote_Q_17" class="fnanchor">[Q]</a> dieses Landes zu setzen wagen?«</p> + +<p>»Und weißt Du daß sie das Volk wieder zusammenrufen +wollen zu neuem Unheil?« frug Paofai +lauernd.</p> + +<p>»Sie wagen es nicht,« sagte Tati verächtlich mit +dem Kopfe schüttelnd — »sie wagen es nicht, denn +ihre Häuser stehn breit und bequem gleich vorn am +Strand, und die eisernen Kugeln des nächsten Französischen +Schiffes mähten sie nieder.«<span class="pagenum"><a name="Page_264" id="Page_264">[264]</a></span></p> + +<p>»Aber sie hoffen auf Englands Schutz!« rief Paofai, +»und Piritati<a name="FNanchor_R_18" id="FNanchor_R_18"></a><a href="#Footnote_R_18" class="fnanchor">[R]</a> ist dorthin gegangen Hülfe zu +holen für sich und die Seinen.«</p> + +<p>»Bah, der Weg ist lang,« sagte Tati verächtlich, +»und die Engländer haben einen großen Mund; sie +sind kalt und ohne Herz wie ihr Gott, und so geizig, +daß sie dem nicht einmal opfern lassen, sondern Cocosöl +und Perlmutterschalen fortführen auf ihren Schiffen +und die Schweine selber essen — Piritati wird kommen +und Versprechungen bringen.«</p> + +<p>»Aber sie warten nicht <span class="g">bis</span> er kommt!« entgegnete +Paofai — »der tolle Uebermuth der Priester, mit dem +sie sich so lange eine wirkliche Macht vorgelogen haben, +bis sie sie selber glauben, läßt sie jede Vorsicht +vergessen, und um den Augenblick als Heilige und +Halbgötter vor dem Volk zu stehn, wagen sie ihre +Existenz.«</p> + +<p>»Sie hätten recht — die Feranis werden uns +auch nimmer den Segen bringen,« sagte Tati finster — »mich +reut schon die Hand die ich dabei im Spiel gehabt, +denn der gierige Wi—Wi scheint Lust an der +Beute zu bekommen, nach der er schon zweimal die +Krallen ausgestreckt. So lange noch <span class="g">ein</span> Fremder +auf dieser Insel lebt, blüht uns kein Friede und wir<span class="pagenum"><a name="Page_265" id="Page_265">[265]</a></span> +warfen uns selbst hinaus, als wir den Gleisnern +einst den Aufenthalt gestatteten, und den Bambus +schlugen zu ihren Hütten — wir hätten ihr Grab +graben sollen.«</p> + +<p>»Ha dort kommt Botschaft von Papetee!« rief +Paofai plötzlich, und deutete mit dem Arm hinaus in +das Binnenwasser der Riffe, über das hin ein leichtes +Canoe, von zwei Indianern gerudert, mit zwei Anderen +im Hintertheil desselben, rasch über die klare +Fluth herbeischoß. Schon von weitem erkannten sie +die beiden Häuptlinge Paraita und Utami und Tati +sagte finster:</p> + +<p>»Deren Eile kündet schon vorher des Kommens +Grund, und der Feind ist uns ins Lager gerückt — o +daß er die Streitaxt mit sich brächte und den Speer, +und nicht ewig das todte Wort mit Singen und +Beten.«</p> + +<p>Die beiden Männer erwarteten jetzt schweigend +die Ankunft des Canoes, das draußen um eine etwas +weit auszweigende Corallenspitze bog, und dann im +geraden Strich auf den Platz zuschnitt auf dem die +beiden Häuptlinge standen, und dessen helleres Dach +sich schon von weitem, als treffliche Landmarke, erkennen +ließ.</p> + +<p>»Ha sieh nur Utamis Gesicht!« rief da Paofai, +als beide Führer endlich landeten und an’s Ufer<span class="pagenum"><a name="Page_266" id="Page_266">[266]</a></span> +sprangen — »der dunkle Zug über der Stirn deutet +bei ihm nichts Gutes — es ist wie ich gesagt!«</p> + +<p>»Gruß Euch und Frieden — <span class="smcap">Joranna, Joranna +bo-y</span>!« riefen die beiden Männer, als sie den Schattenrand +betraten, den die Fruchtbäume und Palmen +der senkrecht stehenden Sonne abgezwungen.</p> + +<p>»Joranna Utami — Joranna Paraita, und was +führt Euch über das Wasser im Aoatea, wenn die +Sonne über Euerem Scheitel brennt?« frug Paofai, +während Tati ihnen die Hand entgegenstreckte sie zu +begrüßen.</p> + +<p>»Fröhliche Botschaft,« lachte Paraita, aber die +fest zusammengebissenen Zähne und der lauernde Blick +mit dem er die Züge seiner Freunde beobachtete straften +sein Lachen Lügen — »ein neues Englisches Kriegsschiff +ist eingelaufen und die Mi-to-na-res schwimmen +oben auf; der Englische Capitain will ihren Gott +schützen, daß ihn der andere nicht über den Haufen +wirft, wie sie bei uns Taaroa und Oro bei Seite geworfen +haben, und der morgende Tag schon soll ihren +Triumph beleuchten. Auf Tati, auf Paofai, ich glaube +die Richter sollen vor Gericht, denn wir sind <span class="g">Alle</span> +aufgefordert zu erscheinen.«</p> + +<p>»Und gilt es wirklich dem Vertrag, den wir mit +dem Ferani abgeschlossen?« frug Tati finster.</p> + +<p>»Kein Zweifel,« lautete die Antwort — »der<span class="pagenum"><a name="Page_267" id="Page_267">[267]</a></span> +Königin Boten fliegen heute durchs ganze Land — gestern +schon gingen die Canoes nach Morea hinüber +und uns Beiden wurde selber aufgetragen <span class="g">Euch</span> mit +zur Stelle zu bringen, genügt Euch das?«</p> + +<p>»Und wißt Ihr genau was berathen werden +soll?« frug Paofai.</p> + +<p>Paraita lachte.</p> + +<p>»Es ist ein öffentliches Geheimniß, und das Volk +in Papetee spricht von nichts Anderem — sie wollen +unseren Vertrag verwerfen und das Protectorat Frankreichs +von sich weisen.«</p> + +<p>»Das Französische Schiff im Hafen wird’s nicht +leiden,« rief Tati.</p> + +<p>»Es liegt ein stärkeres daneben s’ihm zu wehren,« +sagte achselzuckend Paraita.</p> + +<p>»Und was spricht Utami?« frug Tati, dessen Hand +ergreifend, »auf welcher Seite siehst <span class="g">Du</span> den Segen +unseres Landes?«</p> + +<p>»Auf keiner,« entgegnete kopfschüttelnd der greise +Richter, »auf keiner von diesen Beiden. — Ich hatte +gehofft durch einen solchen Schritt, der gewissermaßen +nur zum Schein unsere Rechte beschränkte und mehr +ein Freundschaftsbündniß war mit einer stärkeren +Macht, jenen ehrgeizigen Priestern ein Ziel zu stecken, +aber die Feranis schauen mit gierigem Auge auf dies +Land, und wer weiß ob wir nachher bei dem Tausch<span class="pagenum"><a name="Page_268" id="Page_268">[268]</a></span> +gewönnen. Jedenfalls liegt das noch Alles in der +Zukunft Schooß, und ich habe keine Lust einen Arm +aufzuheben für Franke oder Missionair — laß sie sich +unter einander schlagen.«</p> + +<p>»Und Du gehst?«</p> + +<p>»Gewiß — sie sollen nicht sagen können daß +Utami ihren Ruf gefürchtet habe.«</p> + +<p>»Gefürchtet,« wiederholte Paofai verächtlich und +spannte wie im Spiel den Bogen von dessen Sehne +der Pfeil schwirrend abschnellte, und etwa vierzig +Schritt davon entfernt den schlanken Stamm einer +Papaya durchbohrte, in deren Holz er zitternd stecken +blieb — »gefürchtet,« wiederholte er noch einmal, den +Bogen auf die Schulter werfend — »aber es führt +uns nicht zum Ziel dieses Kinderspiel — dem Volk +wird wieder Sand in die Augen gestreut und so lange +gesungen und gebetet, bis es ermüdet auseinandergeht, +und Alles bleibt beim Alten. Da doch noch lieber +dem Franzosen unterthan, dessen Sitte und Denkungsart +besser zu uns paßt, als den schleichenden +Frömmlern.«</p> + +<p>»Unterthan? — <span class="g">keinem</span>!« rief da Tati trotzig, +der indeß mit verschränkten Armen und in tiefem Brüten +dem Gespräch der Freunde gelauscht — »aber wie +dann, wenn wir den Augenblick benutzten, wo die +Bewohner Tahitis das eine Joch abgeschüttelt und<span class="pagenum"><a name="Page_269" id="Page_269">[269]</a></span> +auch das andere von uns würfen? — Was sagst Du, +Utami, wenn wir die Fremden stürzten mit dem einen +Schlag und, wie die Missionaire jene fremden Priester, +auf das Schiff packten das sie gebracht und sie +fortschickten, gleichviel wohin, so <span class="g">sie</span> jetzt dem Engländer +gäben, sie heimzuführen in ihre Heimath? Jetzt, +jetzt noch ist es Zeit wieder <span class="g">ein</span> Reich, ein glückliches +Reich zu gründen in unserem Inselland — jetzt wo +das Volk gesehen welchen Fluch ihnen die Fremden +gebracht in jeder Art, wird es zu uns stehn mit +Kraft und Gewalt, und dem <span class="g">einigen</span> Volke können +auch selbst die Feuerschlünde des Feindes nicht mehr +fürchterlich sein.«</p> + +<p>Utami schüttelte ernst mit dem Kopf und sagte +finster:</p> + +<p>»Zu spät — zu spät! — ein großer Theil der +Unseren hängt dem neuen Gotte an, und die Missionaire +haben dafür gesorgt daß ihr Wohl von der +Anbetung jenes nicht getrennt werden konnte — sie +stehen zu fest, während die Englischen Schiffe unsere +Küsten verwüsten und unsere Fruchtbäume niederschmettern +würden, ihrem Gotte Seelen zu gewinnen, +wie sie dann sagten. — Ich fürchte wir haben uns +selber Schaden gethan, als wir dem Ferani die Hand +boten und bei ihm Hülfe zu finden hofften gegen den +geistlichen Stolz.«<span class="pagenum"><a name="Page_270" id="Page_270">[270]</a></span></p> + +<p>»Gewalt thut hier Nichts,« stimmte auch Paraita +bei — »wir sind zu schwach etwas derartiges zu unternehmen, +und wenn wir auch Hand zu Hand mit +den geschorenen Köpfen<a name="FNanchor_S_19" id="FNanchor_S_19"></a><a href="#Footnote_S_19" class="fnanchor">[S]</a> fertig würden, ist uns die +Europäische Macht zu stark. Wir müßten jedenfalls +warten bis sich ihre Kriegsschiffe entfernt hätten, ein +plötzlicher Schlag dann und es würde den Feinden +schwer werden das zu <span class="g">rächen</span>, was sie jetzt mit leichter +Mühe <span class="g">verhindern</span> können. Aber noch haben +wir den Vertreter jener fremden Macht unter uns, +die uns Schutz und Freiheit versprochen für Glauben +und Recht; wird der Französische Consul, denn zu +solchem ist Mörenhout ernannt als ihn die Amerikaner +nicht länger anerkannten, wird er es dulden, +daß man den doch nun einmal von der Königin unterzeichneten +Contrakt mit Füßen tritt?«</p> + +<p>»Wie kann er’s hindern?« sagte achselzuckend Paofai. +— »Mit ein paar Redensarten ist nichts abgemacht, +wenn der Fanatismus erst einmal in Schuß, +bergab gekommen. Die Missionaire haben da ihre +Leute, Aonui, Potowai, Terate und wie sie heißen; +mit Jehovah auf den Lippen werfen die Narren sich<span class="pagenum"><a name="Page_271" id="Page_271">[271]</a></span> +blind in’s Feuer selbst der Schiffe, und wenn das +Volk nur schreien und von Freiheit hört, dann brüllt +es auch seinen Chor hinein, möge die Folge sein +wie sie wolle. Ich habe große Lust der Versammlung +gar nicht beizuwohnen; was kanns helfen?«</p> + +<p>»Das sie nachher sagen wir hätten uns gescheut +ihnen unter die Augen zu treten?« rief Tati rasch. +»Nein, keiner darf fehlen von uns, wenn wir nicht +selber unsere Sache aufgeben wollen in Schimpf und +Spott — keiner, und dort wird sich uns auch ein +Ausweg zeigen das Schwerste abzuwenden.«</p> + +<p>»Dem stimme ich bei,« sagte Utami ernst — »unsere +Aufgabe ist dem Land die Freiheit zu erhalten, +die der Fanatismus der einen wie die Gier der anderen +Seite gleich schwer bedroht, und gebe Gott daß +uns das gelingt; einer späteren Zeit mag es dann +vorbehalten bleiben unsere inneren Einrichtungen zu +ordnen, von denen Franzosen wie Missionaire nichts +verstehn. Unser Glück liegt in unserer eigenen Hand +— wir wollen es aus keiner fremden. — So zögern +wir denn nun auch nicht länger, kommt mit zu meinem +Haus, daß wir uns dort mit Speiß und Trank +stärken zu der Fahrt, und die morgende Sonne grüße +uns die ersten auf dem Kampfplatz.«</p> + +<p>»Kampf?« lachte Paofai, während er seinen fortgeschossenen +Pfeil wiederholte, den anderen zu folgen <span class="pagenum"><a name="Page_272" id="Page_272">[272]</a></span>— +»ein schöner Kampf wird es werden, der mit Singen +anfängt und mit Beten aufhört. — Ich kenne meine +Landsleute nicht mehr, daß sie aus dem fröhlichen +glücklichen Volk solche Kriecher und Heuchler geworden +sind. Aber zum Henker mit den Grillen — unsere +Palmen müssen sie uns lassen und das stille +Wasser unserer Riffe, unsere Blumen und Blüthen +und unsere Weiber, und den Schwarzröcken zum Trotz +will ich das Leben jetzt genießen. Himmel und Hölle? +— Die Leute können vortreffliche Geschichten erzählen +und man lacht darüber wenn man sie hört — tödten +sie doch die Zeit« — und den Pfeil aus dem Holz +reißend schob er ihn lachend in seinen Köcher zurück, +und trat, die Locken aus seiner Stirn werfend, zu +den Uebrigen in das Haus.</p> + + +<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_J_10" id="Footnote_J_10"></a><a href="#FNanchor_J_10"><span class="label">[J]</span></a> Wilde Pisang.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_K_11" id="Footnote_K_11"></a><a href="#FNanchor_K_11"><span class="label">[K]</span></a> Der Wibaum oder die Brasilianische Pflaume (<span class="smcap">spondias +dulcis</span>) hat mit den stärksten Stamm auf den Inseln — +oft bis 4 und 5 Fuß im Durchmesser. Die Rinde ist grau +und glatt und er trägt eine förmliche Masse großer pflaumenartiger +saftiger Früchte von angenehmen Geschmak.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_L_12" id="Footnote_L_12"></a><a href="#FNanchor_L_12"><span class="label">[L]</span></a> Der Omaomao, die Tahitische Drossel, und der einzige +wirkliche Singvogel, wenigstens der bedeutendste, der Inseln. +Er ist gelb und braun gefleckt, und von der Größe einer +Drossel, mit der sein Gesang auch etwas Aehnliches hat. +Von Gestalt ist er etwas schlanker.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_M_13" id="Footnote_M_13"></a><a href="#FNanchor_M_13"><span class="label">[M]</span></a> Ein, an der einen Seite des Canoes, durch Queerhölzer +etwa drei oder vier Fuß vom Fahrzeug selber ausgehaltener +Baum, eine Art Kufe von leichtem Holz, die auf dem Wasser +liegt und mitschwimmt, und nur dazu dient das leichte schwanke +Fahrzeug vor dem Umschlagen zu bewahren.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_N_14" id="Footnote_N_14"></a><a href="#FNanchor_N_14"><span class="label">[N]</span></a> Mape, Tahitische Kastanie. Die Papaya eine von Brasilien +herüber gekommene, der Melone ähnliche aber auf einem +Baum wachsende Frucht. Der Tappo-Tappo der Englische +Crêmeapfel.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_O_15" id="Footnote_O_15"></a><a href="#FNanchor_O_15"><span class="label">[O]</span></a> Das eigenthümliche Gewebe dieser Inseln, das die +Frauen aus der gegohrenen Rinde verschiedener Bäume, die +sie vorher zu fester Masse kneten so lange ausschlagen, bis ein +dünnes, ziemlich dauerhaftes Zeug daraus wird.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_P_16" id="Footnote_P_16"></a><a href="#FNanchor_P_16"><span class="label">[P]</span></a> Areoïs, die früheren heidnischen Tänzer auf den Inseln, +die eine gewisse, sogar religiöse aber wüste Sekte bildeten +und von Insel zu Insel zogen ihre Orgien zu feiern.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_Q_17" id="Footnote_Q_17"></a><a href="#FNanchor_Q_17"><span class="label">[Q]</span></a> Die ersten und obersten, aus fürstlichem Blut entsprossenen +Häuptlinge.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_R_18" id="Footnote_R_18"></a><a href="#FNanchor_R_18"><span class="label">[R]</span></a> In ihrer Aussprache Pritchard.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_S_19" id="Footnote_S_19"></a><a href="#FNanchor_S_19"><span class="label">[S]</span></a> Die eifrigsten der Missionaire hatten ihren Gläubigen +empfohlen die Haare kurz am Kopfe abzuschneiden, wahrscheinlich +um nicht den sündigen Blumenschmuck darin tragen zu +können.</p></div> +</div> + + +<hr class="endchapter" /> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_273" id="Page_273">[273]</a></span></p> +<h2><a name="Capitel_10" id="Capitel_10"></a>Capitel 10.</h2> + +<h3>Die Versammlung.</h3> + + +<p>Weißer Rauch quoll aus den Schießluken der +Englischen Fregatte »Talbot« und der rasch folgende +donnernde Schlag des Geschützes, der das Echo grollend +weckte in den Bergen, grüßte das goldene Taggestirn, +das eben seinen rothglühenden Schein über +die östliche, palmenbedeckte Spitze der Bai warf, und +seine Strahlen sandte über das weite Meer.</p> + +<p>Es war ein reizendes Bild das sich dem Blick +entrollte, und Athem und Leben gewann mit dem ersten +Licht; im Hintergrund die wildzerrissenen Kuppen des +Gebirgs mit der dunklen kühn eingerissenen Schlucht — +auseinandergebrochen als die Grundvesten der Berge +einst in ihrem inneren Mark erbebten, und rechts und<span class="pagenum"><a name="Page_274" id="Page_274">[274]</a></span> +links das niedere palmenbedeckte Land ausschießend, +als ob es die sonnige spiegelglatte Bai umspannen +wolle mit liebendem Arm, während an dem Ufer hin +die weißen niederen Gebäude dicht hineingeschmiegt +standen in Palmen- und Orangenhain, mit hie und +da einem alten mächtigen Banianbaum, der die dunkel +glänzenden Zweige niederschüttelte, neue Wurzeln dem +Erdreich um sich her abzugewinnen. Vorn schäumte +und spielte die Fluth an dem hellen Corallensand, und +den vorderen, von Banane und Palme eingeschlossenen +Rand, in dem die stillen Wohnungen der Menschen +so dicht versteckt wie Perlen in einer halbgeöffneten +Muschel lagen, bildete ein dichter Wald von Brodfrucht +und Orangen und buntblüthigen Akazien und +breitblättrigen Hibiscus Tiliaceus mit den großen +malvenähnlichen Blumen.</p> + +<p>Und nicht öde und weit lag das Meer, dem wunderschönen +Lande gegenüber; nein, hinter dem licht +funkelnden Wasserspiegel, den nur hie und da ein +ruhig vor seinem Anker reitendes Schiff, oder das +rasche Canoe mit dem blitzenden Streifen hinter sich +unterbrach, dehnten sich die weiten schäumenden Riffe +mit ihren Schneekronen und rollendem Donner, und +umspannten selbst die kleine Königinsel Motuuta, die +wie ein Smaragd, von silbernem Band umfaßt, in +dem herrlichen Rahmen palmenwiegend lag, während<span class="pagenum"><a name="Page_275" id="Page_275">[275]</a></span> +hinter ihr, noch neben dem weiten Horizont des +Oceans, die zackigen kühn gerissenen Kuppen und Spitzen +Imeos, wie Nadeln emporstarrend oder riesige +Kegel, in blauer Ferne lagen, bei klarer Luft selbst +den Palmengürtel zeigend der sie umschloß.</p> + +<p>Still und regungslos lag dabei der Strand, bis +zu dem Schuß, mit dem zugleich fast sich die Sonne +über den Palmenstreifen hob — nur hie und da zeigte +sich ein einzelner Indianer der, vielleicht nach seinem +Canoe schauend, langsam am Ufer auf- und niederging; +aber wie mit einem Zauberschlag <span class="g">nach</span> dem +Schuß, und während das Echo noch in den fernen +Schluchten dröhnte und grollte, quoll und drängte +es sich ordentlich aus den Häusern und Hütten vor, +in bunter glänzender Tracht, und fröhliches Leben brach +sich die Bahn in’s Freie mit einem Mal.</p> + +<p>Es war Tag geworden in Papetee, und ein bedeutungsvoller +wichtiger Morgen angebrochen für den +kleinen Staat; ob zum Heil, ob zum Leid, was +kümmerte das das fröhliche Inselvolk mit seinem leichten, +glücklichen Sinn. Wie die sonnige Welle ihrer +Binnenwasser trieben sie leicht über des Lebens Meer +— ein Sturm rüttelte sie auf, wild und gewaltig, es +ist wahr, aber mit der Ursache die sie gehoben, <span class="g">mit</span> +dem Sturm, legte sich auch leicht beruhigt das Element, +und ließ in derselben Stunde fast schon den<span class="pagenum"><a name="Page_276" id="Page_276">[276]</a></span> +Schiffer niederschauen in die cristallreine Tiefe, die +offen wie ihr Herz da vor ihm lag.</p> + +<p>Wie ein Bienenschwarm zog es und drängte es +dort eine Weile am Ufer herum, beide Geschlechter +bunt gemischt durcheinander, und oft klang der fröhliche +Laut lachender Mädchenstimmen silberrein über +das Wasser selbst bis zu der Stelle, wo etwas einsam +in der Bai, und in der That so weit abseits +als er eben ankern durfte, ein großer weitbäuchiger, +entsetzlich schmutziger und wettermitgenommener Wallfischfänger +lag. Auf seinem Heck stand, etwas geschmacklos, +aber vielleicht nicht ohne Grund, mit grellrothen +Buchstaben im grünen Felde, der Name desselben, +<span class="g">Kitty Clover</span>, und von der Gaffel seines Besahnsegels +wehte die Englische Flagge.</p> + +<p>Auf dem Quarterdeck desselben standen zwei Männer, +beide in die gewöhnliche Seemannstracht, in blaue +Jacken und weiße Hosen gekleidet, einen breiträndigen +Strohhut mit langem schwarzen Band gerad auf den +Kopf gesetzt. Der eine von ihnen, der ältere, war +der Capitain der Kitty Clover, der so wenig den Schotten +in seinem ganzen Wesen und Aussehn verleugnen +konnte, wie der Andere den Iren.</p> + +<p>Dieser hatte das fast unvermeidliche rothe Haar +seiner Landsleute, aber in merkwürdig kleine feste +Locken mehr geknotet als gedreht, und auch um Kinn<span class="pagenum"><a name="Page_277" id="Page_277">[277]</a></span> +und Oberlippe zog sich ihm ein ungeheuer starker, aber +eben so fest verworrener ineinandergedrehter Bart bis +hoch unter die kleinen, lichtblauen Augen hinauf, die +manchmal, wenn er seinen Kopf dem neben ihm Stehenden +zuwandte, mit einem eigenen drollen Humor +daraus vorblitzten.</p> + +<p>Noch acht oder zehn Matrosen etwa waren außer +den beiden an Deck, und zwar mit Waschen desselben +beschäftigt, wozu sie die vollen Eimer aus der klaren +Fluth heraufschwangen, und mit raschgezieltem Wurf +den breiten Strahl unter die oben befestigten Fässer +und langs Deck hin sandten.</p> + +<p>Der Capitain oder Master des Wallfischfängers, +Mac Rally, galt für einen vortrefflichen Seemann, +aber noch besseren Händler, und das hagere scharfgeschnittene +Gesicht, die hellblauen unstäten Augen, +die eisernen Lippen zeigten zugleich Entschlossenheit +wie List und Ausdauer.</p> + +<p>Die Kitty Clover war erst gestern hierher, angeblich +vom Wallfischfang, eigentlich aber direkt von +Valparaiso kommend, eingelaufen, und hatte den +Iren gewissermaßen als Passagier, der übrigens auch +einen ziemlichen Theil spirituöser Getränke als Fracht +bei sich führte, mitgebracht. Theilweise gehörte von +demselben Artikel, außer einer Anzahl von Fässern, +von denen nicht einmal die Matrosen wußten was<span class="pagenum"><a name="Page_278" id="Page_278">[278]</a></span> +sie enthielten, auch eine ziemliche Parthie dem Capitain +selber, und er zog es deshalb vor, den letztverlassenen +Hafen nicht als direkt von dort gekommen +anzugeben, einer vielleicht unangenehmen und zu ängstlichen +Aufmerksamkeit der Steuerbehörden zu entgehen. +Nichtsdestoweniger haben diese auf Wallfischfänger +ebenfalls ein sehr scharfes und wachsames Auge, denn +sie wissen recht gut daß solche Fahrzeuge, wenn sie +auch gerade kein wirkliches Geschäft daraus machen, +doch stets eine oft nicht unbedeutende Quantität gestatteter +oder auch verbotener Waare bei sich führen, +und was sie eben schmuggeln <span class="g">können</span>, nicht gern +versteuern.</p> + +<p>Die <span class="g">verbotene</span> Landung spirituöser Getränke +war übrigens mit ungemeinen Schwierigkeiten verbunden, +denn auf alle den Inseln hatten die Missionaire +schon gegen die Einführung des Branntweins +die heilsamsten Gesetze erlassen, die sie mit großer +Strenge aufrecht hielten und bewachten; anderseits +waren die Indianischen Behörden selber mit solcher +Maßregel sehr zufrieden, denn die Einführung des +bösen Getränks hatte nur Elend und Unfrieden, Zank +und Blutvergießen in die Stämme gebracht, so daß +sie gern und willig, was nicht immer der Fall war, +ihre weißen Lehrer und Gesetzgeber in der Ausführung +unterstützten.<span class="pagenum"><a name="Page_279" id="Page_279">[279]</a></span></p> + +<p>Die Franzosen nahmen es noch am leichtesten mit +der Einführung von Spirituosen, aber nur wenn sie +von ihren eigenen Schiffen gelandet wurden, denen +sie dadurch gewissermaßen ein Monopol zu sichern +wünschten, aber auch hartnäckig von den Behörden +überwacht wurden und nicht, ohne öffentlich die einmal +bestehenden Gesetze umzustoßen, dawiderhandeln +durften.</p> + +<p>»Und Ihr seid hier bekannt, O’Flannagan,« sagte +der Capitain endlich, nachdem er wohl eine Viertelstunde +lang, ohne ein Wort zu sprechen, das Ufer +durch sein langes Schiffsglas scharf beobachtet hatte, +»und glaubt fest daß Ihr die ganze Ladung nach und +nach sicher und ohne einen Penny Steuer zu zahlen +an Land würdet schmuggeln können?«</p> + +<p>»Von <span class="g">glauben</span> ist da gar keine Rede, <span class="smcap">Captain +dear</span>,« lachte der Ire, »meiner Mutter Sohn kennt +hier jeden Zollbreit Boden am Ufer, und was mehr +ist, jeden Zollbreits Sohn und Tochter, und die Mädchen +besonders, hahaha liebe Dinger, sind rein auf +mich versessen. Die führen nun schon einmal in der +ganzen Welt das Regiment und die zu Freunden, das +andere ist Alles Kleinigkeit und Kinderspiel.«</p> + +<p>»Aber wenn uns da nur die jetzigen politischen +Verhältnisse keinen Strich durch die Rechnung machen,« +sagte kopfschüttelnd der Schotte. »Wie uns<span class="pagenum"><a name="Page_280" id="Page_280">[280]</a></span> +der alte Indianer gestern Abend erzählte, so waren +die Englischen Missionaire wieder die Herren da drüben, +so gut wie früher, und das will mir nicht so +recht einleuchten.«</p> + +<p>»Wir wären verloren mit unserem Geschäft wenns +anders aussähe;« lachte Jim, »zum Teufel wenn die +Franzosen das Heft in Händen hätten, dürften wir +unseren Brandy nur getrost selber trinken, denn die +würden eine solche Masse ihres eigenen Fabrikats hinüber +an Land geworfen haben, daß sie die Stadt damit +ersäufen könnten. Die Missionaire dagegen können +höchstens die Strafe auf Einfuhr noch erhöhen, +die Einfuhr selber noch schwieriger machen; das Alles +muß uns aber die Preise nur gerade in die Höhe +treiben, und — was wollen wir mehr?«</p> + +<p>»Weiter nichts,« schmunzelte der Schotte, das +Fernrohr niederlegend und sich mit einem höchst vergnügten +Gesicht die Hände reibend — »weiter nichts, +Jimmy — höchstens noch etwas baar Geld — gutes +Silber für unsere flüssige Waare.«</p> + +<p>»Ich fürchte nur Ihr habt mit dem anderen Artikel +ein schlechtes Geschäft gemacht,« sagte Jim kopfschüttelnd +— »ich glaube wirklich nicht, daß es hier +je zu einem solchen Ausbruch von Feindseligkeiten +kommen kann, die Eingeborenen zu veranlassen wirk<span class="pagenum"><a name="Page_281" id="Page_281">[281]</a></span>lich +Geld für einen solchen Artikel auszulegen; — ja +wenn es Brandy wäre.«</p> + +<p>»Nun, ich gehe da ziemlich sicher,« schmunzelte +der Schotte, »denn ein Theil der Waffen ist feste Bestellung +— von Jemandem aber den ich nicht nennen +darf — und verkauf ich das andere nicht <span class="g">hier</span>, so weiß +ich daß ich auf den Fidschi- und Navigators-Inseln +einen vortrefflichen Markt dafür finde.«</p> + +<p>»Ja, aber, das ist ein kitzliches Geschäft,« meinte +Jim, sich mit dem Zeigefinger der rechten Hand durch +das Halstuch fahrend — »die Engländer und Franzosen +haben über derartigen Handel ihre eigenen Ansichten, +und es geht bei einer solchen Geschichte immer +gleich an die Raanocke<a name="FNanchor_T_20" id="FNanchor_T_20"></a><a href="#Footnote_T_20" class="fnanchor">[T]</a>. Interessant ist so ein Geschäft +wohl schon, aber — verdammt gefährlich, und +der Nutzen doch eigentlich nicht im Verhältniß zum +Risiko.«</p> + +<p>»Nun, das käme auf die Person an,« sagte, mit +einem etwas zweideutigen Seitenblick auf den Iren, +der jetzt aufmerksam durch das Glas nach der Insel +hinüberschaute, der Capitain. Jim verstand aber die<span class="pagenum"><a name="Page_282" id="Page_282">[282]</a></span> +etwas malitiöse Anspielung und sagte lachend, ohne +jedoch aufzusehen:</p> + +<p>»Ich bin gerade so kitzlich am Halse wie der beste +Priester, Capitain, und jeder paßt auf sein Bischen +Leben so gut er kann, ob’s nun eben der Mühe werth +ist, oder nicht.«</p> + +<p>»Nein, Jimmy, so war’s gar nicht gemeint,« rief +Mac Rally rasch und etwas verlegen.</p> + +<p>»Bitte, geniren Sie sich nicht,« lachte Jim, »thun +Sie als ob Sie zu Hause wären, <span class="smcap">Captain dear</span> — +»aber dahinten kommen die Canoes,« unterbrach er +sich plötzlich, den rechten Arm, ohne das Auge vom +Glas zu nehmen, gegen Point Venus hinüberstreckend. +Dorthin wurde auch eben, gerade die Spitze passirend, +eine kleine Flotte Indianischer Fahrzeuge sichtbar. +»Bei Jäsus, Mr. Mac,« fuhr er aber lebendiger +werdend fort, als er sich den Inhalt der kleinen schlanken +Fahrzeuge etwas genauer betrachtet — »heute +geht die Geschichte los da drüben, heute bekommen +wir was zu sehen, und je eher wir hinüberfahren, +denk’ ich, desto besser ist’s, denn einen besseren Abend +unser Ausschiffen zu beginnen, werden wir auch nicht +so leicht finden. Kein Teufel paßt heut’ auf die aus- und +eingehenden Boote, und solche Zeit muß man +benutzen.«</p> + +<p>Der Capitain hatte das Glas wieder genommen<span class="pagenum"><a name="Page_283" id="Page_283">[283]</a></span> +und einen Augenblick durchgesehen, dann aber sich +wieder aufrichtend und es zusammenschiebend sagte er, +mit einem halbversteckten Lächeln in den selten aus +ihrer Lage gebrachten fast wie ehernen Zügen:</p> + +<p>»Ihr habt recht Jim, da hinten schwimmen die +Haupt-Schauspieler der heutigen Komödie — drei +Canoes voll Schwarzröcke, Gott weiß wo sie alle herkommen. +Die Feierlichkeit wird nun wohl auch bald +ihren Anfang nehmen, und ich glaube je eher wir hinübergehn, +desto besser. Ha, bei Gott,« unterbrach er +sich plötzlich, als er sich zufällig nach den Kriegsschiffen +hingewandt hatte und deutete mit dem Arm +hinüber — »dort geht die Tahitische Nationalflagge!« +Und in der That stieg in diesem Augenblick die rothe +Flagge mit dem weißen Stern auf der Englischen +Fregatte an der Gaffel des Besahnsegels auf. »Was +die Leute doch für Streiche machen,« brummte der Alte +dabei — »aber meiner Mutter Sohn müßte sich sehr +irren, wenn sie nicht heute da drüben Unheil anrichten.«</p> + +<p>»Desto besser, <span class="smcap">Captain dear</span>,« rief Jim, sich vergnügt +die Hände reibend, »desto besser; s’wär mir ein +wahres Gaudium, wenn ich erleben könnte daß sich +die beiden Erbfeinde, Franzosen und Engländer, wieder +einmal beim Koller kriegten; s’ist überdies lange +genug Frieden gewesen. Aber enges Fahrwasser zum<span class="pagenum"><a name="Page_284" id="Page_284">[284]</a></span> +Maneuvriren hätten sie hier, und die Corvette hielts +auch mit der Fregatte nicht lange genug aus, den +Spaß interessant zu machen.«</p> + +<p>»So weit treiben sie’s nicht,« sagte kopfschüttelnd +der Capitain — »der Franzose ist zu klug sich hier +mit einer solchen Fregatte in einen wahrhaft verzweifelten +Kampf einzulassen. Nein, es kommt jetzt Alles +darauf an wie das Schiff heißt, das zuerst in den +Hafen einsegelt, und die guten Leute hier spielen wirklich +nur eine Art Paar oder Unpaar, mit ihrem ganzen +Land zum Einsatz.«</p> + +<p>»Bah, der Spaß ist der,« lachte der Ire, »daß +die, die den Einsatz stellen, nicht einmal mitspielen — die +aber die Nichts zu verlieren haben, die Missionaire, +trumpfen aus.«</p> + +<p>»S’ist Zeit daß wir hinüberfahren,« sagte Mac +Rally — »he da vorn — <span class="smcap">damn it</span> Ihr Burschen, Ihr +schwemmt ja heute das Deck, als ob Ihr die Nägel +herausweichen wolltet; mein Boot nieder, und viere +von Euch hinein. Und Du Bob,« wandte er sich an +einen der Leute, den Zimmermann, der eine gewisse +Autorität an Bord ausübte wenn die Officiere an +Land waren, »passe mir ein Bischen auf, und wenn +es am Ufer Skandal geben und Einer von unseren +bärbeißigen Nachbarn vielleicht geneigt sein sollte die +Zähne zu zeigen — Du kennst ja das Zeichen — so<span class="pagenum"><a name="Page_285" id="Page_285">[285]</a></span> +auf mit Euerem Anker, und seht zu daß Ihr außer +Schußlinie kommt, denn wir brauchen unsere Hölzer +nothwendiger. — Aber bis dahin bin ich auch auf +jeden Fall wieder zurück.«</p> + +<p>»Und soll die Flagge wehen bleiben, Capitain?« +frug der mit Bob angeredete.</p> + +<p>Mac Rally stand schon auf der Schanzkleidung, +und war eben im Begriff in das Boot hinabzusteigen. +Er blieb stehn, und schaute einen Augenblick wie unschlüssig +nach dem bunten, flatternden Tuch hinauf.</p> + +<p>»S’wär patriotischer,« sagte er endlich, die Augenbrauen +hoch hinaufgezogen, »aber politisch ist’s +nicht. — Sie können Einem freilich Nichts anhaben — Ach +was,« setzte er dann laut hinzu — »der Wind +schlägt das Tuch doch nur zu Schanden — wenn wir +an Land sind nimm den Lappen herunter!« und mit +dieser höchst unehrerbietigen Bemerkung der eigenen +Nationalflagge sprang er, von dem Iren gefolgt, in +sein Boot, das sie bald mit kräftigen Ruderschlägen +blitzesschnell über das Wasser dem gar nicht so fernen +Ufer zuführten.</p> + +<p>Hier aber wimmelte und schwärmte es indeß von +Menschen und den Strand hinunter schien der Hauptzug +zu gehn, wo auch wirklich an dem sogenannten +Paré, jenem Theil der Küste wo der Königin Haus<span class="pagenum"><a name="Page_286" id="Page_286">[286]</a></span> +stand, der für heute bestimmte Versammlungsort des +Festes lag, wenn hier überhaupt ein Fest gefeiert +wurde.</p> + +<p>Eine bunte Mädchenschaar drängte sich am Ufer +hin und an der Kirche vorüber, deren Glocke in einem, +oben ausgeschnittenen stämmigen Orangenbusch hing. +Es waren blühende, liebliche Gestalten, mit tief dunklen +und doch so schwärmerischen Augen, und zartgeschnittenen, +rosigen Lippen, oft mit kaum gebräuntem +Teint, unter dem das feine liebliche Erröthen, wenn +es Wangen und Nacken übergoß, so klar wie bei der +weißen Haut fast hervortrat, und den üppigen Formen +einen unendlichen Reiz verliehen hätte, wäre +der nicht eben durch das sonst so lockige jetzt kurz abgeschnittene +Haar und das entsetzlichste Modell eines +Frauenhutes, das je die freie Stirn eines schönen +Kindes mishandelte, entstellt worden. Es war die +<span class="g">fromme</span> Schaar der Tahitierinnen, die sich zur Protestantischen +Kirche bekannten, und mit den alten Vorurtheilen +auch ihr Lockenhaar wegwerfen mußten, als +falsch und sündig. Und weshalb? — es hatte Blumen +getragen einst im heidnischen Tanz, und die +freundlichen Kinder jenes herrlichen Himmelsstriches +schmückten es jetzt selbst noch gern mit den knospenden +Blüthen. Aber fort mit dem irdischen Tant! +wer <span class="g">Gott</span> dienen wollte, durfte sein Herz nicht an<span class="pagenum"><a name="Page_287" id="Page_287">[287]</a></span> +die Erde und ihren Schmuck hängen — fort mit dem +Haar das sündige Eitelkeit erweckte und der Verführung +den Weg nur bahnte zum wankenden Herzen — fort +mit dem duftigen Kranz darin und den wehenden +Silberfasern der Arrowroot — einen anständigen +<span class="g">christlichen</span> Hut mit christlicher Form auf dem Kopf, +und diesen geschoren darunter, und das sündige Herz +mußte dann schon selber dem Schopfe folgen.</p> + +<p>Wie sie so ehrbar dahin schreiten, die sonst so wilden +Mädchen, das Auge züchtig gesenkt, die schwere +Bibel im Arm und gegen die volle Brust gepreßt, in +der das Herz so ängstlich klopfend schlägt — der Hut +verbirgt die Züge, und das lange faltige Gewand +umhüllt fast vollkommen die zarten Gestalten, nur +den Fuß — nicht das Schönste an ihnen — frei zur +Schau tragend.</p> + +<p>»<span class="smcap">Waihine — naha — naha Maïre</span>!« rief da eine +neckische Stimme dicht neben dem Zug, und ein reizendes +Mädchengesicht, aber ohne den entstellenden +Hut, und die vollen blumendurchflochtenen Locken wild +um die hohe edle Stirn flatternd, bog sich halb über, +dem ihm nächsten Mädchen unter den schrecklichen +Hut zu sehen, und die Züge zu erkennen — »<span class="smcap">naha +Maïre</span>.«</p> + +<p>Aber die also Angeredete, ob sie es war oder nicht, +bog den Kopf nur mehr zur Seite. Sie schämte sich<span class="pagenum"><a name="Page_288" id="Page_288">[288]</a></span> +doch nicht ihrer frommen Tracht? — »<span class="smcap">naha Maïre</span>,« +klang wieder und wieder der neckische Ruf — »bist +Du’s <span class="smcap">aiu</span><a name="FNanchor_U_21" id="FNanchor_U_21"></a><a href="#Footnote_U_21" class="fnanchor">[U]</a> oder nicht? — sieh her Maïre, sieh her +und wende Dein Köpfchen.«</p> + +<p>»Ah — da nimm das!« rief da plötzlich die +fromme Maid, und den Kopf herumwerfend nach der +Quälerin, deren lachende Augen über zwei Reihen +prachtvoller Perlzähne blitzten und funkelten, schlug +sie mit der linken flachen Hand (in der anderen hielt +sie die Bibel), ein Zeichen gründlicher Verachtung, +ihre Lende — »da nimm das Du böse Ate-ate und +laß mich zufrieden — bah über die Schwätzerin.«</p> + +<p>»Hahahaha!« klangs aber wie Silberton von den +Lippen der Anderen — »hahahaha, Maïre, Maïre, +armes Kind, armes Kind.«</p> + +<p>»Laß sie gehn,« stieß da Maïre eine Nachbarin +an, »laß sie gehn es sind wilde Dinger und taugen +nicht zu uns — wenn’s der Mitonare sieht daß wir +mit ihnen gesprochen ist er bös.«</p> + +<p>»Maïre, Maïre, armes Mädchen!« riefen die Ersteren +wieder.</p> + +<p>»Bah!« lachte aber die Schöne jetzt, den Hut zurückwerfend, +daß die funkelnden Augen voll die Geg<span class="pagenum"><a name="Page_289" id="Page_289">[289]</a></span>ner +trafen — »albernes Zeug hier, könnt Ihr mich +nicht zufrieden lassen beim Kirchgang oder beim vollen +Zug — oder glaubt Ihr daß Ihr’s nachher wohl +toller treibt als ich?«</p> + +<p>»Ah <span class="smcap">maitai maitai</span> Maïre,« jubelte da Ate-ate +laut auf — »so lebst Du noch unter dem Hut und +Dein Herz liegt nicht bei den Locken daheim im Bananenblatt?«</p> + +<p>»Wenn sie nur so schnell wieder wüchsen wie +man sie abschneiden kann,« zürnte das schöne Mädchen +und warf einen mürrischen mistrauischen Blick +nach ihrem Schatten hinunter, aber sie sah nur den +Hut und schüttelte ärgerlich mit dem Kopf.</p> + +<p>»Wenn mir die Haare wachsen schneid’ ich sie +nicht wieder ab,« sagte ein anderes Mädchen das +neben Maïren ging — »so lange sie kurz sind bin +ich fromm, und dann kann einmal eine Andere an die +Reihe kommen.«</p> + +<p>Drrrrrrrrum — drum, drum, drum klang der +Wirbel und Ton; heller fröhlicher Trommelschlag, +das National- und Lieblingsinstrument der Insulaner, +im Takt und Schlag ihres wildesten, aber auch +deshalb geliebtesten Tanzes.</p> + +<p>»Hab’ Acht, Maïre,« rief Ate-ate an ihrer Seite +hintanzend — »der <span class="smcap">Upepehe</span>:<span class="pagenum"><a name="Page_290" id="Page_290">[290]</a></span></p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Horch!<br /></span> +<span class="i0">Horch wie der Trommel Klang<br /></span> +<span class="i0">Hell durch die Palmen drang,<br /></span> +<span class="i0">Horch!<br /></span> +<span class="i0">Zuckt mir’s durch Fuß und Knie,<br /></span> +<span class="i0">Zuckt mir’s im Herzen hie<br /></span> +<span class="i0">Horch!«<br /></span> +</div></div> + +<p>»Horch!« rief aber Maïre und ihre Augen blitzten +und funkelten in einem wilden, fröhlichen Feuer, +zu dem das dicke Buch unter dem Arm gar nicht so +recht passen wollte.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Horch!<br /></span> +<span class="i0">Laut wie die Brandung jägt,<br /></span> +<span class="i0">Gegen die Riffe schlägt,<br /></span> +<span class="i0">Horch!<br /></span> +<span class="i0">Wirbelt der Trommel Ton<br /></span> +<span class="i0">Herzchen ich komme schon<br /></span> +<span class="i0">Horch!«<br /></span> +</div></div> + +<p>Und in den Chor fiel die übrige fromme Schaar +jubelnd ein, und mit den Büchern im Arm, während +die großen Hüte den Wind fingen und auf- und niederschlugen, +warfen sich die tollen Mädchen, denen die +bekannten und so leidenschaftlich geliebten Töne viel +zu verführerisch in die Ohren geklungen hatten ihnen<span class="pagenum"><a name="Page_291" id="Page_291">[291]</a></span> +widerstehn zu können, von beiden Seiten in den wilden +Upepehe-Tanz und sprangen, von den nicht so +feierlich geputzten jubelnden Schwestern redlich dabei +unterstützt, auf und ab in der rasch gebildeten Bahn +den üppigsten ihrer Tänze aufzuführen, so lange wenigstens +die verführerische Trommel schlug.</p> + +<p>Wie von der Tarantel gestochen schien dabei die +Schaar, und selbst die Ernstesten unter ihnen, die +mit finsterem Blick den ersten Uebergriff geschaut und +mit scharfem Wort ihn gerügt, schwiegen, sahen sich +um nach rechts und links — zögerten noch und — sprangen +mitten hinein in den jubelnden Chor.</p> + +<p>»<span class="g">Mi-to-na-re</span>!«</p> + +<p>Wie dem Schwimmenden das Wort <span class="g">ein Hai</span> +mit Bleies Schwere in die Glieder schlägt, und ihn +oft zu seinem Verderben für den ersten Augenblick +jeder eigenen Willenskraft beraubt, so schlug <span class="g">das</span> +Wort in die Reihen der Tanzenden.</p> + +<p>»<span class="g">Mitonare</span>!«</p> + +<p>Einen Moment standen sie wie in Stein gehauen, +die fröhlichen jubelnden Gruppen, nur von den Zügen +hatte der Schreck die Fröhlichkeit verwischt, und +nicht hinaus suchte das Auge wo die Gefahr lag, +sondern nur bei dem Nachbar wollte es Scherz oder +Ernst der Warnung finden; der nächste Moment +aber schon entschied den Sieg gegen die Trommel <span class="pagenum"><a name="Page_292" id="Page_292">[292]</a></span>— +»Mitonare!« und aus dem Tanz heraus zuckte die +Schaar der Frommen wieder in den früheren stillen +und ehrbaren Gang hinein, die Hüte fielen nieder — jetzt +ein trefflicher Schutz die erregten glühenden Gesichter +zu bergen vor irgend einem prüfenden Blick, +die verschobenen Röcke wurden gerad gezupft, und wieder +ernst und feierlich wanderte die junge Schaar, +unschuldige Heuchler mit dem fröhlichen Muth im +Herzen und den unnatürlichen Ernst starr und kalt +draußen herumgelegt, die breite Straße entlang dem +Paré zu.</p> + +<p>Aber nicht nur ein Scherz, den sich irgend ein +neckisches Mädchenbild vielleicht erdacht die Schwestern +fürchten zu machen, war das Wort gewesen — dort +oben vor dem Hause des jetzt allerdings verreisten +früheren Missionairs und jetzigen Englischen +Consuls Pritchard (ein weites Gebäude mit bequemer +luftiger Verandah, Europäischen Thüren, Glasfenstern +und wohnlicher selbst eleganter innerer Einrichtung) +stand die fromme Schaar der Missionaire +versammelt — sie <span class="g">Alle</span>, nicht ein einziger fehlte von +Tahiti selber, wie von Imeo, in schwarzem Frack und +Hosen, weißer Halsbinde und Weste und das unpraktischste +Fabrikat das je ein Mensch in kaltem oder +heißem Klima, in Sonne oder Schnee, in Staub oder +Regen, bei Wind oder Stille, beim Gehen, Reiten<span class="pagenum"><a name="Page_293" id="Page_293">[293]</a></span> +oder Fahren getragen, den schwarzen Cylinderhut auf +dem Kopf.</p> + +<p>»Er hat uns gesehn!« flüsterte Eines der Mädchen +dem anderen zu — »er trägt ein kleines langes +Stück Metall, das wie <span class="smcap">perú</span><a name="FNanchor_V_22" id="FNanchor_V_22"></a><a href="#Footnote_V_22" class="fnanchor">[V]</a> aussieht, in der Tasche, +damit kann er von einer Insel nach der anderen +hinübersehn.«</p> + +<p>»Bah’ heute sagt er Nichts,« flüsterte die Andere +zurück — »und zankt er mich aus,« setzte sie trotzig +hinzu — »geh ich zu dem anderen Priester mit Kreuz +und Licht, dort darf ich mir so die Haare wachsen +lassen und Blumen hineinflechten, und komme doch +in den Himmel der Weißen.«</p> + +<p>»Die breite Pforte bleibt Dir verschlossen, wenn +Dir die Mitonares nicht den Eingang zeigen,« warnte +die Erste wieder.</p> + +<p>»Ei was,« lachte die Zweite leise, »dann biegen +mir die anderen Mitonares den Bambus auseinander — wenn +ich nur hineinkomme.«</p> + +<p>Die Mädchen kicherten zusammen unter ihren vorgebeugten +Hüten, aber ganz leise, und der Zug schritt +langsam vorwärts, denn er wuchs mit jedem Fußbreit +Boden den er gewann, und an dem letzten +»Bethaus« hatten sich ihm alle »Glieder der Kirche«<span class="pagenum"><a name="Page_294" id="Page_294">[294]</a></span> +(<span class="smcap">Church members</span>) in feierlicher Procession und von +dem Ehrwürdigen Mr. Rowe geführt, angeschlossen.</p> + +<p>Ehrwürdige Gestalten selbst, mit ihren braunen +Gesichtern und weißen Jacken, manche in Hosen, einzelne +sogar im Frack und Lendentuch, mit Weste und +heftig gestärktem Vorhemd, die Beine tättowirt mit +allen möglichen heidnischen Zeichen, und den Kopf +geschoren in christlicher Demuth.</p> + +<p>Viele davon, ja die meisten, trugen Bücher unter +dem Arm, und der stille Ernst der in ihren Reihen +herrschte, mit der Schaar von schwarzgekleideten Männern +die jetzt zu ihnen niederstieg und ihrem Zug +voranging, machte einen eigenen wunderlichen Eindruck +auf den Zuschauer.</p> + +<p>»Wer wird denn hier eigentlich begraben, Jim?« +sagte Mac Rally, als sie am Strande hin, in etwa +funfzig Stritt Entfernung vom Ufer, den Zug in +ihrem Boot begleiteten — »das geht ja merkwürdig +feierlich zu bei den Leuten — wenn ich nicht wüßte +daß ich in Tahiti wäre, glaubte ich wahrhaftig, ich sei +aus Versehen irgendwo in Neu-England angelaufen.«</p> + +<p>»Hätt’ ich die Mädchen mit den schauerlichen Hüten +da eben nicht tanzen sehn,« lachte der Ire, »so +glaubt’ ich’s auch — schwarz genug sieht der Kopf +davorn aus, und dunkel gesprenkelt gehts durch den +ganzen Zug; aber so ernsthaft werden sie’s wohl nicht<span class="pagenum"><a name="Page_295" id="Page_295">[295]</a></span> +meinen, und das Ganze läuft doch am Ende wieder +darauf hinaus, daß sie den Höchsten ersuchen sich der +Sache, die sie jetzt in die Dinte geritten haben, anzunehmen, +und nachher eine Collekte für Missionszwecke +sammeln.«</p> + +<p>Mac Rally schüttelte mit dem Kopf.</p> + +<p>»Und ich glaub’s nicht — wäre das Englische +Kriegsschiff nicht da, ja, aber der Capitain hält zu +ihnen, oder will wenigstens nicht zu dem Franzmann +halten, was ich ihm auch nicht verdenken kann, und +da wird sie der Böse wohl plagen daß sie irgend einen +gescheuten Streich aushecken, bei dem ihnen nachher +die Insulaner die Kastanien aus der Asche holen +müssen. Ich kenne meine Leute.«</p> + +<p>»Wetter, jetzt wird’s Ernst!« rief Jim da, über +die Bai hinüberzeigend, nach der er den Kopf zufällig +gewandt — »da kommen die Boote Ihrer Majestät, +mit wehenden Flaggen, die Tahitische vorn am Bug, +darüber wird sich unser Französischer Nachbar unendlich +freuen.«</p> + +<p>»So <span class="smcap">back water</span>, Jim, dort hinein in die Bucht,« +rief Mac Rally, »es wird Zeit daß wir landen, und +uns den Spaß jetzt vom Ufer aus betrachten.«</p> + +<p>»Ich habe ebenfalls Nichts zwischen den Booten +zu suchen, Sirrah,« brummte der Ire, und dem Befehl +gehorsam schoß das Boot gleich darauf einem<span class="pagenum"><a name="Page_296" id="Page_296">[296]</a></span> +der einfachen ausgebauten Landungsplätze zu, an dem +es Einer der Leute befestigte, während sich die beiden +Männer in dem Gedräng von Menschen verloren, +Europäern wie Insulanern, die Alle dem oberen Theil +der Bai, Paré genannt, wo die Königin ein großes +Bambushaus stehen hatte, zuströmte.</p> + +<p>Die Leute am Ufer konnten aber nur höchst langsam +vorrücken, während die Boote rasch über die glatte +Bai dahin schossen und ihre Bemannung schon ihre +Plätze eingenommen hatte, ehe der größte Theil der +Missionaire, der sich dem vollen Zug bei dem letzten +Bethaus angeschlossen, mit demselben eintraf.</p> + +<p>Die Königin Pomare, oder <span class="smcap">Pomare Waihine</span> saß, +von ihren Frauen umstanden, auf der Verandah ihres +Hauses, ihren königlichen Gemahl zur Seite. Zur +Rechten und Linken befanden sich die Englischen Officiere +des Talbot mit den verschiedenen auf Tahiti +anwesenden Consuln Englands, Frankreichs und Amerikas +und manchen dort ansässigen Fremden, ebenso +die Missionaire, und den Hof füllend in weitem Kreis +standen die verschiedenen Häuptlinge des Landes mit +der bunten wunderlichen Schaar der Eingeborenen, +die sich von Civilisation wie Christenthum zum großen +Theil gerade soviel zugeeignet hatte, als nöthig war +ihnen ihre Nationalität zu nehmen, ohne ihnen viel +anderes dafür zu bieten.<span class="pagenum"><a name="Page_297" id="Page_297">[297]</a></span></p> + +<p>Es ist wahr, das gute Herz und der treue offene +Sinn der Insulaner hatte Viele den Segnungen unserer +schönen Religion leicht zugänglich gemacht, und +sie mit Freuden die Irrthümer von sich werfen lassen, +denen sie überdies nicht aus Neigung sondern nur +deshalb angehangen, weil es ihnen eben so von ihren +Vätern überliefert worden; so entsagten sie dem, früher +zu einem förmlichen Gebrauch gewordenen Kindesmord<a name="FNanchor_W_23" id="FNanchor_W_23"></a><a href="#Footnote_W_23" class="fnanchor">[W]</a>, +ehe sie selbst begriffen was das Christenthum +eigentlich sei, und nahmen dieses besonders deshalb +an, weil es ihnen als eine Religion der Liebe +wie des Friedens geschildert wurde, und sie ihrer +Kriege und Streitigkeiten schon selber herzlich satt +waren. Ja, die Priester entsagten sogar auf manchen<span class="pagenum"><a name="Page_298" id="Page_298">[298]</a></span> +Inseln zuerst dem Heidenthum, wie der hohe Priester +Tati, der selber seine Götzen verbrannte, weil er einsah +daß die Religion der Bleichgesichter in ihren Lehren +eine gute sei, und das Volk glücklicher machen +würde, wenn es ihr folge und seinen Misbräuchen, +seinen Kämpfen entsage.</p> + +<p>Wären die Missionaire dabei stehen geblieben, hätten +sie diesen noch uncivilisirten, aber jedem Guten +empfänglichen Stämmen unser Christenthum gebracht +wie es Christus lehrte, sie wären ein Segen dem +Lande geworden und in ihrer Hand lag damals das +Glück von Millionen, denn kein Stamm der Erde +trug den Saamen des Edlen und Guten mehr und +kräftiger in sich als gerade die Bewohner dieser schönen +Inseln, aber statt dem wirklichen Kern unseres +Glaubens brachten sie ihre Dogmen und Streitigkeiten, +nichtssagende Formeln und Gebräuche, und die +nächste Zeit schon sollte lehren wie sehr falsch sie gehandelt +und wie ihr Ehrgeiz und Stolz der <span class="g">eigenen +Gemeinde nur</span>, nicht dem wirklichen Christenthum +Anhänger zu gewinnen, das arme Volk das hier zum +Opfer ausersehen worden, ehe es nur begreifen konnte +um was es sich überhaupt handele, in die Gräuel +eines Religionskrieges verwickelte.</p> + +<p>Hätten die Evangelischen Lehrer sich eben an den +reinen und herrlichen Kern unserer Lehre gehalten, so<span class="pagenum"><a name="Page_299" id="Page_299">[299]</a></span> +konnten ihnen eintreffende Sekten keine Bekehrte mehr +abtrünnig machen; sie brauchten sie nur auf das Eigentliche +jedes wahren Glaubens zurückzuführen und +der Insulaner hätte gewußt <span class="g">weshalb</span> er seine Götzen +verbrannte. So aber machten sie die Formen zur +Hauptsache; ein südliches unserer nordischen Kälte, +unseren starren Fanatismus nicht gewohntes Volk, +das schon durch Klima wie Boden von Gott selber +angewiesen worden ganz anders zu leben und zu denken, +sollte nicht allein seine Religion ändern (das war +möglich und die besser Gesinnten bewiesen bald wie +leicht es ihnen wurde guten Lehren ihr Ohr zu öffnen), +nein auch ein anderes Leben beginnen; sie sollten vollkommen +andere Menschen werden, Worte singen die +sie nicht verstanden, Tage lang, statt ihrer Tänze und +Spiele, ihr Antlitz in den Staub werfen und beten, +und wo sie bis dahin dem Himmel frisch und fröhlich +in’s Auge geblickt, Allem entsagen fast, was ihnen +die Natur in ihrem reichsten Uebermaß geboten; mit +einem Wort jenen dunklen Schwärmern und Kopfhängern +gleich werden, die selbst in ihrem nordischen +Vaterland nur theilweis Anhänger finden konnten, +und in Streit und Hader leben mit anderen Sekten.</p> + +<p>Aber noch waren sie selbst darin nicht fest geworden, +ja in Vielen sogar schon Zweifel aufgestiegen, +ob ihre alten Götter nicht mit ihnen zürnten, und der<span class="pagenum"><a name="Page_300" id="Page_300">[300]</a></span> +neue keine Macht habe sie zu schützen, denn ansteckende +Krankheiten wütheten unter ihnen und religiöse wie +politische Streitigkeiten hatten Familien und Stämme +entzweit, bei denen nur der harmlose gute Charakter +der Insulaner selber oft blutiges Ende verhinderte. +Da warfen die Franzosen ihre Missionaire herüber, +die einen anderen Gott, einen anderen Glauben brachten, +und während die Evangelischen Priester die Neugekommenen +als Kinder des Satans und Götzenanbeter +ausschrieen, verdächtigten die Letzteren ihre, ihnen +allerdings nicht geneigten Vorgänger, und warnten +die armen Eingeborenen, denen der Kopf wirbelte +bei den neuen Dogmen und Gebräuchen, auf +dem betretenen Wege fortzugehn — denn er führe +genau zu dem Platz den sie bei Wegwerfung ihrer +Götzen hätten vermeiden wollen — nämlich zur <span class="g">Hölle</span>.</p> + +<p>Doch fort mit all solchen traurigen Betrachtungen, +soweit sie nicht zu nahe mit den Personen selber verknüpft +sind, mit denen wir es hier zu thun haben — sie +thun weh, und man möchte da manchmal mit +Keulen drein schlagen, die Menschen doch nur — das +wenigste was man von ihnen verlangen kann — vernünftig +zu machen.</p> + +<p>So vor denn, Du bunte Schaar, und grüße die +Majestät, denn vor dem Hause flattert im frischen +Morgenwind das Tahitische Banner, der einsame<span class="pagenum"><a name="Page_301" id="Page_301">[301]</a></span> +bleiche Stern im rothen Feld, und alle Fremden +grüßen mit abgezogenen Hüten des Landes Königin.</p> + +<p>Auch die Eingeborenen folgten, auf ein Zeichen +ihres Missionairs, diesem Gebrauch, die wenigstens, +die Hüte hatten — und begriffen vielleicht dabei heut’ +zum ersten Mal weshalb sie die wunderlichen Dinger +eigentlich trugen.</p> + +<p>Pomare erhob sich, dankte mit freundlichem Nicken +und ließ den Blick lange und forschend über die Menschenwogen +gleiten, die ihren einfachen Palast umlagert +hielten. Kaum aber zeigte sie sich so dem Volk, +das in Liebe und Ehrfurcht an ihr hing, da rief ein +alter Mann, ein Häuptling von Taiarabu, der unfern +der Verandah stand:</p> + +<p>»Pomare! unsere Königin, <span class="smcap">ia ore na oe</span>!«<a name="FNanchor_X_24" id="FNanchor_X_24"></a><a href="#Footnote_X_24" class="fnanchor">[X]</a> +und wie der Schlag des Geschützes, der das Echo +weckte in den Bergen, faßte den Ruf die Menge und +laut wie der Brandung Donnerton klang das liebende +Wort: »<span class="smcap">ia ore na oe</span>!«</p> + +<p>Pomare wollte reden, sie hob die Hand und öffnete +den Mund, aber die Stimme versagte ihr — sie +barg die Stirn in der linken Hand und wandte den +Kopf, ihre Bewegung zu verbergen; da fiel ihr Blick +auf die Fremden an ihrer Seite, auf die schwarzen<span class="pagenum"><a name="Page_302" id="Page_302">[302]</a></span> +Männer Gottes, auf die buntblitzenden Uniformen +der Seeleute, und gewaltsam raffte sie sich zusammen, +nicht schwach zu scheinen vor den Fremden.</p> + +<p>Ein leiser Wink ihrer Hand rief Raiata, ihren +»Sprecher« an ihre Seite und wie noch vor wenig +Augenblicken ein wildes Meer von Köpfen herüber +und hinüberwogend mit stürmischen Lauten die Luft +erfüllt hatte, legte sich der Lärm im Augenblick und +wechselte in Todtenstille, daß dumpf und dröhnend +der fernen Brandung Rollen hörbar wurde über der +Schaar, und wie ein Segen klang zu dem frommen +Wort des Volks.</p> + +<p>»Es ist der Königin Wunsch,« klang da die volle +klare Stimme Raiatas, »daß die Verhandlungen dieses +Tages mit Gebet beginnen.«</p> + +<p>»Dazu geben wir unsere volle Beistimmung,« +nahm da Einer der Missionaire rasch das Wort, »und +wollen den ehrwürdigen Herren Rowe ersuchen das +Gebet zu halten.«</p> + +<p>Die Königin neigte ihr Haupt und während einer +feierlichen Stille, in der das Athmen der Menge +hörbar war, begann der fromme Mann sein lautes +Gebet.</p> + +<p>»Herr mein Gott, Deine Hand liegt schwer auf +diesem Volk, Deines Zornes Wucht traf tief und +schmerzlich das gebeugte Haupt, und unser Flehen<span class="pagenum"><a name="Page_303" id="Page_303">[303]</a></span> +steige jetzt auf zu Dir zu Ruhm und Preis, Jehovah, +daß Du Dich erbarmen mögest unserer Noth.«</p> + +<p>»Von über dem Meere her drohete dem friedlichen +Strand Gefahr, Deiner Kinder frommer Sinn, wie +Du ihn gnädig gelegt hast in unsere Hand, wird gefährdet +durch der Papisten Wort und die eisernen Geschütze +unserer Feinde, und Deine Hand nur kann +uns retten vor Noth und Vernichtung, Jehovah!«</p> + +<p>»Unsere Feinde sind stark — ihrer Waffen Macht +trägt das Meer, und Nichts haben wir ihnen entgegenzusetzen +als das fromme Wort — als <span class="g">Dein</span> Wort +o Herr, wie Du es uns gegeben in der heiligen +Schrift — o Jehovah!« —</p> + +<p>»Hier Herr ist ein Volk, ein zahlreiches Volk, +auf das kein Strahl göttlicher Gerechtigkeit gefallen +war in seiner Nacht; das seinen mühseligen Weg seit +ungekannten Generationen, vielleicht seit dem Beginn +des Götzendienstes unter Noahs Abkömmlingen in all +der Finsterniß, in all dem Grausen schrecklichen Wahns +seine dunkle Bahn gesucht — eines Wahnes der sich +unter verschiedenen Verhältnissen aber sonst immer +derselbe zeigte, und einen so gewaltigen Theil des +menschlichen Geschlechts umfaßt, dessen vorragende +Züge aber immer den Stempel des Fluchs getragen, +in »Unreinigkeit und Blut.« — O Herr — hier <span class="pagenum"><a name="Page_304" id="Page_304">[304]</a></span>— +hier ist ein Volk, bei dem seit frühster ältester Zeit +menschliche Opfer gebracht wurden — hier jener fremde +Mummenschanz mit Götzenbild und Trug ist getrieben, +Mummenschanz den die Betenden nicht einmal +begriffen und nur gemacht den dunklen Geist der Seinen +zu verwirren, ohne Trost zu bringen, ohne Ruh, +und ohne nur das Herz im Entferntesten zu reinigen +von der Sünde.« —</p> + +<p>»In dieser entsetzlichen Zeit ein Schiff, weit weit +am Horizont kommt in Sicht — dreitausend Meilen +fuhr es über eine Wasserwüste und führt eine gewählte +Schaar von Passagieren an Bord, die einem +festen Ziel entgegenziehen — und was das Ziel? — Die +Nachricht von Gottes Vaterhuld zu bringen einer +verderbenden Welt, das Heil denen zu bringen, +die bereuen und glauben und den mit Blindheit geschlagenen +Heiden den Weg zu zeigen zu Gottes Paradies. +Die Herolde, die fröhlichen Muthes ausgegangen +diese göttliche Proclamation zu verkünden sind +unsere Brüder — von der Thür jenes Heiligthums +aus begannen sie ihren Weg der Gnade. Mit Liebe +und Anhänglichkeit an ihr Vaterland, mit Aussicht +auf Erwerb und Achtung daheim, mit Gesundheit +und Freuden und Allem was dies Leben wünschenswerth +machen konnte, entsagten sie ruhig dem +Allen, rechneten Alles nur Verlust, wo sie des Vor<span class="pagenum"><a name="Page_305" id="Page_305">[305]</a></span>theils +theilhaftig werden konnten den Heiland zu +predigen diesen, dem Untergang geweihten Inseln.«</p> + +<p>»Sie waren auf Gefahr gefaßt, auf Noth und +Hunger, auf stürmische See und blutgierigen Feind, +auf Verfolgung der Götzenpriester und ihren Haß, +auf blinden Wahn und alle Schrecken blinderen +Aberglaubens; und Alles Alles haben sie besiegt, mit +der Hülfe des Herren Zebaoth da droben und seiner +Macht, und Jesus Christus seinem eingeborenen Sohn, +und dem heiligen Geist in all seiner Herrlichkeit und +unerschöpflichen Gnade. Aber — nicht gefaßt waren +sie auf den Feind im Lager unter den eignen Brüdern — nicht +gefaßt darauf daß ein anderes Christliches +Reich seine Boten des Hasses und Aberglaubens +senden würde in dies Inselland, das fromme Werk zu +stören, zu verderben. Aber sieh, des Herren Hand +ist stark auch in dem Schwachen, und wie der Widerstand +den Gegendruck erhöht und stärker macht, so hat +sich jetzt das ganze Volk erhoben wie <span class="g">ein</span> Mann, zu +zeigen daß es Gott verehrt in Seiner Herrlichkeit — aber +auch nur in <span class="g">Seinem</span> Wort, und von sich werfen +will, was seinem Lande wie seinem Geiste Fesseln +legen möchte zu Schmerz und Schmach.«</p> + +<p>Pomare wandte den Kopf nach dem Redner, und +das Blut schoß ihr in vollen Strömen in Stirn und +Schläfe — es war als ob sie reden wollte, aber nach<span class="pagenum"><a name="Page_306" id="Page_306">[306]</a></span> +wenigen Secunden senkte sie wieder die Augen zu Boden +und der Ehrwürdige Mann fuhr fort.</p> + +<p>»Der Antichrist hat sich erhoben unter uns — nicht +frei und offen aber trat er auf, dem ehrlichen +Feind gegenüber der ehrliche Feind; nein schlau und +heimlich schlich er herbei mit gleisnerischem Wort und +Blick, fromme Worte auf den Lippen und Trug im +Herzen. Wehe! Wehe über ihn, wehe wehe über +Euch wenn Ihr ihm lauschtet was er Euch vorerzählt +mit der Doppelzunge — der Fluch bliebe nicht +aus, und was durch Gottes Hand gesäet in den langen +Jahren der Trübsal und des Leides, das mähte des +Teufels Hand nieder in <span class="g">einer</span> schwarzen Stunde.«</p> + +<p>»Das Gebet!« flüsterte einer seiner Amtsbrüder, +denn die Königin hob wieder den Kopf und seufzte +auf, wie von innerer Angst beklemmt.</p> + +<p>»Ich bin der Herr Dein Gott, Du sollst nicht +andere Götter haben neben mir« — fuhr aber der +Geistliche in vollem Eifer und hingerissen von dem +Thema fort — »nicht buntes Schnitzwerk, bunten Kleides +Zier, nicht leere Formeln und hohles Wort sind +des Christen Schmuck, ein demüthiges Herz nur und +einfacher Sinn —«</p> + +<p>»Das Gebet,« mahnte dringender die Stimme, +denn unter dem Volke auch wurde jetzt manche Stimme +laut, und selbst unter den gegenwärtigen Fremden, von<span class="pagenum"><a name="Page_307" id="Page_307">[307]</a></span> +denen mehrere der Römischen Kirche angehörten, erhob +sich ein leises Murren und nur wohl die Gegenwart +der Königin hielt eine förmliche Einrede zurück. +Der ehrwürdige Mr. Rowe hielt einen Augenblick ein +und schaute mit einem verklärten Blick zum Himmel, +dann aber, wie von seinen Gefühlen übermannt, sagte +er mit gedämpfter, anfangs kaum verständlicher, doch +wieder wachsender, anschwellender Stimme:</p> + +<p>»Dein sei der Preis und die Ehre in der Höhe, +Jehovah, Dein sei die Herrlichkeit — schütze unsere +Brüder in dieser Inselwelt, schütze das ganze Christenthum +vor den Versuchen des Pabstthums.«</p> + +<p>»Gieße Deinen Heiligen Geist aus von da droben +auf alle Evangelische Kirchen, und vereinige sie zu +Einem lebendigen Glauben.«</p> + +<p>»Gieb allen Christen, vorzüglich aber den Pastoren +und Evangelisten Kraft und Muth Rom zu widerstreben +und das glorreiche Reich Jesus Christus unseres +Herren und Gottes aufzurichten.«</p> + +<p>»Zerstöre rasch, bei dem Geist Deines Mundes +(2. Thess. 11, 8.) die tödtlichen Irrthümer des Pabstthums; +brich das Joch, das es auf die Nacken so +vielen Volkes gedrückt, und führe durch Deinen Rath +die Seelen, die es von Christus sonst entfernen möchte +und die uns werth und theuer sein müssen, zur glorreichen +Freiheit ein der Kinder Gottes — aber —«<span class="pagenum"><a name="Page_308" id="Page_308">[308]</a></span></p> + +<p>»Amen!« fielen in diesem Augenblick die ihm +nächsten Brüder laut und rasch ein — und <span class="g">Amen</span> +riefen die Umstehenden, <span class="g">Amen</span> hallte es, wie dumpfen +Donners Ton leise und scheu von den Lippen der +Tausende, die das kleine Haus umdrängt hielten, und +deren Blicke an dem ernsten Mann hingen wie er zu +<span class="g">seinem</span> Gott sprach für ein fremdes Volk. Die +Fremden aber, denen die fanatische Predigt schon viel +zu lange gedauert, holten tief Athem, räusperten sich +und flüsterten mit einander — der Geistliche konnte +nicht weiter beten.</p> + +<p>Pomare bog sich jetzt leise zu ihrem Sprecher über, +und Raiata den Arm ausstreckend über das Volk, sagte +mit seiner lauten, auch zu den Entferntesten klar und +deutlich dringenden Stimme:</p> + +<p>»Ihr Männer von Tahiti und Imeo, Häuptlinge +und Volk, und Ihr Fremden die Ihr gegenwärtig +seid an diesem Tag, und Theil nehmt an unserem +Schicksal; die Königin Pomare, Aimata, wird zu +Euch sprechen und mit Euch sprechen über das Eingreifen +einer fremden Macht in ihre Rechte, das sie, +wenn sie es duldete, nicht mehr Königin sein ließ auf +dem Thron Otu’s. — Erwäget wohl was heute verhandelt +wird, es ist eine wichtige Sache und kein +blinder Eifer dafür oder dagegen sollte die Entscheidung +lenken, aber redet auch in Frieden und betet zu<span class="pagenum"><a name="Page_309" id="Page_309">[309]</a></span> +Gott daß <span class="g">wenn heute doch zornige Worte gesprochen +werden sollten, sie mild und weich +werden, wenn sie in Euer Herz eingehn, und +dort nicht Aerger und bösen Geist erzeugen</span>.«</p> + +<p>»Segne meine Seele Jim, was die da erst kreuz +und queer um den Compaß gehn, ehe sie den richtigen +Cours kriegen,« sagte unser alter Bekannter, +Mac Rally, zu seinem Begleiter, mit dem er sich +ziemlich dicht zur Verandah, an der Seite aber an +welcher die Missionaire standen, vorgedrängt hatte. +Hier befanden sich die beiden auch fast hinter dem +ganzen weiblichen Theil der Versammlung, der sich +ohne frühere Verabredung, und eigentlich nur der ersten +frommen Abtheilung der Mädchen folgend, da +zusammengefunden und seinen Platz behauptet hatte.</p> + +<p>»Die Sache wird langweilig,« meinte Jim gähnend — »jetzt +werden sie gleich an zu singen fangen, +und wenn wir nicht hier die hübsche Nachbarschaft +hätten —«</p> + +<p>»Ruhe da! — Still! — gebt Frieden!« tönte es +von mehren Seiten, und Aller Köpfe wandten sich +den beiden Seeleuten zu, die dadurch die Aufmerksamkeit +der Menge weit mehr auf sich gezogen sahen, +als sie wohl vermuthet. Raiata begann aber in demselben +Augenblick wieder, und jetzt zwar mit Vorlesen +einer langen Rede Pomares in Tahitischer Sprache,<span class="pagenum"><a name="Page_310" id="Page_310">[310]</a></span> +in der er zuerst ihre Gefühle bei dem jetzigen politischen +Stand der Dinge beschrieb, bei welchem sie sich +selber als verbannt von ihrem Königreich betrachten +müsse, und das Volk dann aufforderte diesem Zustand +durch energisches, aber auch einiges Handeln ein Ende +zu machen.</p> + +<p>Dann wurde ein Brief des Englischen Admirals +verlesen, der die Theilnahme der Königin von England +für die Königin von Tahiti ausdrückte<a name="FNanchor_Y_25" id="FNanchor_Y_25"></a><a href="#Footnote_Y_25" class="fnanchor">[Y]</a> und +auf das beifällige Murren der Versammlung wandte +sich Raiata nun zu den verschiedenen Häuptlingen der +nächsten Distrikte, ihre Meinung zu hören.</p> + +<p>»Fanue sprich Du was Du denkst von der Gestaltung +der Dinge im Reich. — Der Aelteste bist Du, +Pomare frägt Dich, willst Du die Flagge beibehalten +wie sie ist, oder Dich der neuen Herrschaft beugen?«</p> + +<p>Fanue, ein Greis, tättowirt noch aus der Heidenzeit +und mit einem Tapa-Mantel statt des bunten +Kattuns, wie ihn fast alle Anderen trugen, stand, auf +seinen Stab gestützt, und schien die Anrede, als etwas +Selbstverständliches schon lange erwartet zu haben. +Aber der Ton seiner Stimme klang rauh, rauh wie<span class="pagenum"><a name="Page_311" id="Page_311">[311]</a></span> +das Wort das er sprach, und das lange weiße Haar, +das er nicht abgeschnitten hatte wie viele der »gläubigen +Christen«, zurückwerfend aus der Stirn sagte er +finster:</p> + +<p>»Raiata hätte sich die Frage sparen können, er +weiß wie Fanue denkt und gedacht hat seit sie Oros +Bildniß auf den Inseln stürzten. Der Fremden sind +hier zu viel gewesen von vorn herein, und es ist nicht +wahrscheinlich daß ich ihnen jetzt das Wort reden +sollte. Was der Ferani dabei für ein Recht hat uns +regieren zu wollen? — dasselbe Recht das sich der +Hai nimmt, wenn er in unsere Binnenriffe kommt — nur +daß sich der Haifisch schämt, wenn er von Menschen +dabei erwischt wird, und wieder zurückgeht — und +der Ferani <span class="g">nicht</span>. Aber es giebt viele Arten +von Hai’s,« setzte er langsamer hinzu und sein Blick +schweifte düster über <span class="g">alle</span> Weiße — »eine vorsichtiger — feiger +wie die andere. Fanue möchte einen +Corallenblock nehmen und die Einfahrt verstopfen — nachher +ließe sich leicht reine Bahn machen.«</p> + +<p>»Aber Du stehst der Frage keine Rede Fanue,« +sagte Raiata ungeduldig, »willst Du die <span class="g">Fahne</span> beibehalten?«</p> + +<p>»Ich wußte nicht daß das bunte Spielzeug bei +Euch die Hauptsache ist,« sagte der Greis mürrisch — »wenn’s +denn einmal eine sein muß, ist die so gut wie<span class="pagenum"><a name="Page_312" id="Page_312">[312]</a></span> +jede andere — weshalb wechseln? aber Otu wußte +Nichts von solchem Tant.«</p> + +<p>»Fanue stimmt also für Beibehaltung der Englischen +Flagge,« fiel hier Mr. Dennis, Einer der Missionaire +von Imeo in das Wort — »von solchem +würdigen Mann war das nicht anders zu erwarten.«</p> + +<p>»Und Du Aonui?« fuhr Raiata fort.</p> + +<p>»Halt ein, Pomare!« rief aber in diesem Augenblick +Mr. Mörenhout der Französische Consul, der der +Verhandlung bis dahin schweigend aber mit krauser +Stirn gelauscht — »das überschreitet Euere Macht. +Der Vertrag, den Du sowohl, wie vier Deiner ersten +Häuptlinge unterschrieben, giebt Dir nicht mehr das +Recht hier zu entscheiden, was schon entschieden <span class="g">ist</span>. +Du bist die Königin dieser Inseln und wirst es bleiben, +kannst es aber nur unter Frankreichs Schutz, das +Dir ein besseres Bündniß bot als Deine Priester — +gieb Dich nicht wieder ganz in ihre Macht, Du würdest +es sicherlich zu spät bereuen.«</p> + +<p>»Dir ziemt keine Drohung hier, Consul Mörenhout,« +sagte aber Pomare sich von ihrem Sitz erhebend +— »ich war freundlich gegen Dein Land gesinnt +— es ist ein mächtiges Land und ich streckte +dem Könige Deiner Insel die Hand entgegen, weil ich +glaubte daß er mich sicher führen würde in vielem +Wirrsal und Leid, das Gott über mich verhängt hat.<span class="pagenum"><a name="Page_313" id="Page_313">[313]</a></span> +Aber die Hand die mich führen sollte faßte mich so +fest an, daß ich laut aufschrie — sie that mir weh +und ich will allein gehn jetzt auf meiner Bahn.«</p> + +<p>»Die Königin hat freie Wahl hier, zu thun und +zu lassen was ihr gefällt,« nahm jetzt, als der Französische +Consul erwiedern wollte, der Englische Capitain +das Wort — »<span class="g">gezwungene</span> Versprechen binden +nicht, und ihrer eigenen Aussage nach <span class="g">ist</span> sie dazu +gezwungen, und zwar in einem Zustand gezwungen +worden<a name="FNanchor_Z_26" id="FNanchor_Z_26"></a><a href="#Footnote_Z_26" class="fnanchor">[Z]</a>, in dem die <span class="g">Frau</span> schon sicher sein sollte +vor jeder Belästigung von außen her. Die Verhandlung +hier übrigens, steht unter <span class="g">meinem</span> besonderen +Schutz.«</p> + +<p>»In dem Fall,« entgegnete der Französische Consul +finster, »kann ich Nichts thun als gegen Alles +feierlich protestiren, was die geschlossenen Verträge des +Landes, das ich hier zu repräsentiren die Ehre habe, +verletzt; thun Sie was Sie verantworten können.«</p> + +<p>Eine kalte Verbeugung des Engländers antwortete +ihm, und Raiata, über dessen Züge ein triumphirendes +Lächeln flog, wiederholte seine Frage an Aonui, +einen Häuptling aus Matavai-Bai.<span class="pagenum"><a name="Page_314" id="Page_314">[314]</a></span></p> + +<p>Aonui war ein frommer Christ — den geschorenen +Kopf entblößt, trug er seinen Strohhut in den gefalteten +Händen, und hatte schon seit der ersten Ansprache, +und ohne auch nur den Blick auf einen Moment +den Rednern zuzuwenden, zum Himmel aufgeschaut, +dessen klare Bläue nur hie und da durch einzelne +leichte Wolken unterbrochen und kaum gestört +wurde. Er trug weiße Hosen und eine weiße Jacke, +über die ersteren aber nichtsdestoweniger den Pareu +und ein buntes roth und gelb gestreiftes Hemd, um +den Hals eine feste schwarze Binde und kleine steife +Stehkragen dort hinein geknüpft — er hatte das bei +seinen Lehrern gesehn und Freude daran gefunden sich +ebenso zu tragen. Bei der zweiten Anrede neigte er +leise den Kopf, dann aber rief er plötzlich mit lauter +und freudiger Stimme:</p> + +<p>»Jehovah sei Preis in der Höhe, sein die Ehre — aber +Pomare ist unsere Königin <span class="smcap">ia ore na oe</span>, und +die Britische Flagge die natürlichste unseren Herzen, +unserem Glauben.«</p> + +<p>»Setz <span class="g">unseren Interessen</span> hinzu Aonui!« unterbrach +ihn da Tati, der mit Ungeduld die Zeit erwartet +zu haben schien, selber reden zu dürfen — »setz +<span class="g">unseren Interessen</span> hinzu, aber laß das <span class="g">Herz</span> +fort. Die natürlichste unseren Herzen muß und wird +die Landesflagge sein, die rothe Fahne mit dem weißen<span class="pagenum"><a name="Page_315" id="Page_315">[315]</a></span> +Stern, oder besser noch die weiße Kriegesfahne unserer +Väter!«</p> + +<p>»Aonui redet!« rief aber der Sprecher der Königin, +seinen Stab erhebend, »Tati wird reden wenn +die Königin befiehlt.«</p> + +<p>»Tati wird« — rief der stolze Häuptling wild und +trotzig emporzuckend, aber er bezwang sich selbst, sogar +noch ehe Paraitas Hand warnend seine Schulter berührte, +und die Arme fest auf der Brust gekreuzt, die +Unterlippe zwischen die Zähne gebissen, daß das Blut +daraus zurückwich, blieb er stehn und schaute finster +vor sich nieder.</p> + +<p>»Friede mein Bruder!« fuhr aber Aonui freundlich +und mit ruhiger Stimme fort — »Friede sei zwischen +uns immerdar, aber meiner Meinung bleib ich +treu; die Britische Flagge muß unseren Herzen die +theuerste sein, denn Groß-Britannien sandte uns die +Bibel, und damit, glaub’ ich, hab ich Alles wohl gesagt. — Die +heilige Schrift ist unter uns, mehr brauchen +wir nicht!«</p> + +<p>»Nein, mehr brauchen wir nicht — wir haben +unsere eigenen Gesetze und Lehrer und die Bibel — das +genügt uns — fort mit der anderen Flagge!« +fielen jetzt viele andere Stimmen ein, und »das sagt +Terate, das sagt Avei — das sagt Nane ini!« rief es +von drei verschiedenen Seiten in den Lärm.<span class="pagenum"><a name="Page_316" id="Page_316">[316]</a></span></p> + +<p>Die Missionaire schwiegen, aber mit aufgehobenen +Händen standen sie da und in Bruder Rowes Augen +glänzte eine Thräne.</p> + +<p>»Gut von Dir Nane ini! gut von Dir Avei und +Terate. Ihr habt Eueren frommen christlichen Sinn +bewährt!« rief aber Raiata und nickte da und dort +hinüber; »Ihr seid Pomares Freunde, und der Sturm +wird Euch nur fester in den Boden wurzeln. Jetzt +aber spricht die Königin durch mich zu Dir, Tati, +Häuptling und Richter von Papara, aber Vasall Pomares, +der freien Königin von Tahiti und Imeo — und +fragt Dich weshalb hast Du Hülfe gesucht bei +den Feranis ohne Wissen Deiner Königin, ja ohne +ihr zu künden was Du thatest?«</p> + +<p>Tati wollte sprechen, und seine ganze Gestalt zitterte +vor innerer Aufregung. Er war heute in einen +weiten Zeugmantel gehüllt, der in malerischen Falten +bis über seine Knie hinunterhing, in den Haaren aber +trug er, wie zum Trotz der anderen Parthei, die alten +Häuptlingsfedern stolz befestigt.</p> + +<p>»Und Tati bleibt die Antwort schuldig?« frug +höhnisch der Sprecher.</p> + +<p>»<span class="g">Nein, nein, nein</span> und abermals <span class="g">nein</span>!« schrie +aber jetzt der stolze Häuptling, dessen Zorn die Oberhand +gewann — »nur nicht ich brauche zu antworten +solcher Frage — dort die Männer an Deiner Seite,<span class="pagenum"><a name="Page_317" id="Page_317">[317]</a></span> +die schwarzen mit dem frommen Blick mögen Dir +Rede stehn, wenn Du so neugierig bist.«</p> + +<p>»Wir? — wer? — wir?« frugen die Missionaire +allerdings erstaunt, und vielleicht auch bestürzt über +den trotzigen Ton des einflußreichen und immer noch +gefährlichen Mannes.</p> + +<p>»Ihr — und noch einmal sag ich’s, <span class="g">Ihr</span>!« rief +aber, uneingeschüchtert der Häuptling, jetzt vortretend +und den rechten nackten tättowirten Arm gegen sie +ausstreckend. »Das unnatürliche Verhältniß,« fuhr +er dann etwas ruhiger, aber immer noch in aufgeregter +Stimmung fort, »das dieses Land in seinen +Banden hält, trägt jetzt die Schuld unseres Zwiespaltes, +und wird, Gott sei es geklagt, noch später +sogar blutige Früchte tragen. Euch verhüllt ein Mantel +unter dem Ihr Euch versteckt oder vorkommt, wie +es Euch paßt, und den Frieden Gottes auf den Lippen +könntet Ihr mit Euerer Nichts vernichtenden Ruhe, +einem Heiligen die Kriegskeule in die Hand pressen +und den Wurfspeer. Ihr Prediger allein seid es +gewesen, die unser Land regiert seit sie Pomare den +Zweiten in sein kühles Grab gelegt. Ihr habt Gesetze +aufgeschrieben und durch der Häuptlinge Mund +wurden sie That; Ihr habt Strafen aufgeschrieben, +und durch der Häuptlinge Hand wurden sie Wahrheit. +Ihr waret es, die uns das Buch erklärten, das<span class="pagenum"><a name="Page_318" id="Page_318">[318]</a></span> +Ihr die heilige Schrift nennt — wir kannten es nicht, +Gott hatte uns im Dunkel gelassen über sein Reich. — Ihr +habt viel Gutes gethan, Ihr habt die Väter verhindert +daß sie ihre Kinder erschlugen, Ihr habt manches +Leben gerettet, denn Oros Priester sind von diesen +Inseln verschwunden, und sie schlachten keine Opfer +mehr; aber Ihr habt auch das Vertrauen des Volkes +zu seinen Fürsten und Häuptlingen untergraben, und +nennt die Bibel wenn man Euch fragt warum. Ihr +habt unsere Gebräuche und Feste vernichtet, und die +Bibel ist der Grund auf den Ihr fußt — Euere Gesetze +und Strafen, fragt man Euch woher? aus der +Bibel —«</p> + +<p>»Aber Tati,« unterbrach ihn hier Aonui mit frommem +Blick — »das ist ja —«</p> + +<p>»Ruhe dort wenn Tati spricht!« donnerte ihm +aber der Häuptling entgegen und sein Fuß stampfte +den Boden; dann jedoch, nach kurzer Pause, in der das +Volk athemlos seiner klangvollen Stimme lauschte, +fuhr er fort — »Das ist gut — das Buch der Bücher +ist ein fester Grund und Ihr versteht darauf zu bauen, +aber laßt es nicht den Wall sein hinter den Ihr springt +Euch zu verbergen. Als jene fremden Priester die in +unser Land gekommen waren, <span class="g">durch Euch</span> verbannt +wurden von dieser Insel —«</p> + +<p>»Das ist falsch,« unterbrach ihn der Missionair<span class="pagenum"><a name="Page_319" id="Page_319">[319]</a></span> +Rowe mit einem frommen Blick nach oben und tiefen +Seufzer, »das ist falsch, denn Tahitis Gesetze sprachen +allein ihr Urtheil.«</p> + +<p>»Und <span class="g">wer</span> gab die Gesetze, die sie damals trafen?« +lachte mit bitterem Hohn und trotzigem Zornesblick +der Häuptling — »<span class="g">Ihr</span>! — Wer <span class="g">deutete</span> sie +der Königin gegenüber? Ihr! Wagt es und sagt +die Königin ist frei — es ist nicht wahr; in Eueren +Maschen liegt sie, in Euerem Netze liegt das fanatisirte +Volk, das nur des Aufrufs bedarf und einen +Bibelvers, sich blind dahin zu stürzen wohin <span class="g">Ihr</span> es +verlangt. Dreht Euere Augen zum Himmel — Gottes +Tod — hier steh ich und der Herr da oben mag +mich stürzen, wenn ich ein einzig falsches Wort nur +spreche, ein einziges Wort, das mir nicht warm und +wahr in der Seele glüht, und meinen Pulsen Fieberhitze +giebt. — Die Gesetze? die Häuptlinge? nicht +Ihr? — wagt es und sagt das Euerer Königin in’s +Gesicht — sagt das Fanue, Terate und Avei — nicht +Ihr? die Häuptlinge, das Volk führen es aus, Ihr +aber, mit der Bibel in der Hand steht Ihr dahinter, +und <span class="g">Euer</span> Ruf ist es — heimlich oder laut — der +sie treibt.«</p> + +<p>»Nicht als Ankläger, Tati von Papara, sondern +als Vorgerufener sollst Du Rede stehn Deiner Fürstin!« +rief aber jetzt Raiata, der mit einem leisen Anflug von<span class="pagenum"><a name="Page_320" id="Page_320">[320]</a></span> +Schadenfreude des Häuptlings Zorn auf Leute hatte +ausströmen sehn, die ihm bis dahin viel zu mächtig +geschienen es auch nur für möglich zu halten; aber +die Königin winkte und er mußte gehorchen.</p> + +<p>»Ei wenn Pomare denn <span class="g">mit Willen</span> blind ist,« +rief der Häuptling trotzig, »mags drum sein; was +kümmerts mich! So nimm denn Deine Antwort: +Weil wir die Lösung unserer Wirren mit den Feranis +denen überlassen wollten die sie herbeigeführt — den +Missionairen; von denen aber im Stich gelassen, +denn sie leugneten bei dem Fortschicken der Römischen +Priester auch nur im mindesten betheiligt gewesen zu +sein, und von dem Franken bedrängt, ja in ihm selber +vielleicht einst eine Stütze sehend in schwererer Zeit +gegen solche <span class="g">heimliche</span> Feinde, schrieb ich meinen +Namen unter das Papier — bist Du zufrieden nun?«</p> + +<p>»Und Du Utami?«</p> + +<p>»Tati hat den Grund genannt,« entgegnete der +allgemein geliebte Richter, und einzelne Stimmen des +Beifalls wurden schüchtern laut.</p> + +<p>Und Paraita? und Hitoti?</p> + +<p>»Utami und Tati hatten unterschrieben,« nahm +hier der vorsichtige Paraita das Wort, »wir hielten’s +nicht der Mühe werth da lang darüber nachzudenken; +Utami denkt allein für Viele.«<span class="pagenum"><a name="Page_321" id="Page_321">[321]</a></span></p> + +<p>»Und billigt Hitoti ebenfalls diesen Grund?« frug +noch einmal der Sprecher.</p> + +<p>»Ich habe nicht nöthig Andere vorzuschieben,« +brummte der Häuptling — »weil ich es für das Beste +des Landes hielt that ich’s, und weil mir das Volk +mehr am Herzen liegt als die Kirche — es mag ein +Fehler sein, aber ’s ist wahr.«</p> + +<p>Da erhob sich Pomare selber, ihr Antlitz von +leisem Roth überhaucht, der den lieben Zügen einen +noch viel höheren Reiz verlieh, und mit der Rechten +sich auf den Stuhl stützend auf dem sie gesessen, sagte +sie leise, und doch mit den weichen Tönen bis zu den +entferntesten dringend, die in laut- und athemloser +Spannung ihren Worten horchten.</p> + +<p>»Und <span class="g">wünscht</span> Ihr, Häuptlinge meines Landes, +die Hülfe, den Schutz der Feranis?«</p> + +<p>»Nein, nein, beim ewigen Gott! nein!« riefen +die Häuptlinge, Tati und Hitoti an der Spitze, durcheinander.</p> + +<p>»Was brauchen wir den Fremden?« fuhr Tati fort, +den weiten Mantel von seinem Arm zurückschleudernd, +»unsere Bäume sind fruchtreich, unsere Quellen süß, +und kamen <span class="g">wir</span> zu ihm zuerst, Nahrung zu holen auf +der Reise, oder er zu uns? Trenne Tatis Hand vom +Rumpf wenn sie sich je ausstrecken sollte einen Frem<span class="pagenum"><a name="Page_322" id="Page_322">[322]</a></span>den +um Hülfe anzurufen — so lange er sich im eignen +Lande helfen <span class="g">darf</span>.«</p> + +<p>»Nein, wir wollen keine Hülfe von Fremden« +wiederholte nochmals Hitoti, »aber laß dann auch +Deine Priester zu dem stehn was sie sind — die Lehrer +unserer Kinder, unseres Volkes. Als Richter aber +brauchen wir sie nicht — sie kennen unser Land nicht, +nicht unsere Sitten, unsere Bedürfnisse — sie kennen +nur Gottes Wort — laß sie das lehren, und wir +wollen ihnen folgen und sie ehren.«</p> + +<p>Die junge Königin winkte, leicht dankend mit der +Hand, und Raiata, wieder das Wort ergreifend, fuhr +fort:</p> + +<p>»So melde ich Euch denn, Ihr Häuptlinge und +Eingeborene der Insel, Euch Fremden und Geistlichen +die Ihr Antheil an uns und unserem Lande nehmt, +daß es der Königin Wunsch und Wille ist mit allen +fremden Nationen und Fürsten auf freundschaftlichem +Fuß zu stehen und zu bleiben; sollte sie aber je die +Hülfe irgend einer Nation verlangen müssen — was +Gott verhüten möge — <span class="g">so sei das</span> Land kein anderes +als Groß-Britannien, und stürbe sie, von diesem Lande +sollte ihr Erbe und ihres Erben Erbe Schutz erbitten, +zur spätesten fernsten Generation hinab. Ihr großer +Bundesgenosse ist England; von dort hat sie ihre +Lehrer, ihre Civilisation, ihre Gesetze und Religion<span class="pagenum"><a name="Page_323" id="Page_323">[323]</a></span> +erhalten, und sie will keinen anderen Bundesgenossen +als den Briten.«</p> + +<p>»England hat uns die Bibel gebracht!« rief ein +Theil der Häuptlinge durcheinander — »es hat uns +den Heiland kennen gelehrt.«</p> + +<p>»Und Krankheiten, die uns das Fleisch von den +Knochen faulen machen,« knirrschte Tati zwischen den +Zähnen — »meinetwegen verschreibt Euch dem Teufel.«</p> + +<p>»England ist unser Heil, unser Stolz — England +ist unser Anker in der Noth und im Sturm!« rief +wieder ein Theil der Oberen, und der Englische Capitain +neigte sich dankend dem bunten Chor, in Anerkennung +dieser Freundlichkeit; Tati aber nahm Utamis +Arm und wollte ihn fort aus dem Gedränge +ziehen.</p> + +<p>»Warte noch,« sagte Utami, »erst kommt noch ein +Gebet von Einem der frommen Männer,« und dem +schon gegebenen Zeichen gehorchend, beruhigte sich +wieder das wachsende Toben der Menge, aber Tati +schüttelte ärgerlich mit dem Kopf und sagte, den +Freund mit sich fortziehend:</p> + +<p>»So laß sie beten und singen, und meinetwegen — aber +ich will mich nicht ärgern über das schwarze +Volk; fort, fort mit den albernen und quälenden Gedanken, +die mir nicht Ruhe noch Frieden lassen. Das +Volk ist blind, und in tollem Aberglauben, mit dem<span class="pagenum"><a name="Page_324" id="Page_324">[324]</a></span> +es sich jetzt gerade so auf die ihm unverständlichen +Sagen stürzt, wie es früher von den Wundern Oros +und der anderen Götter träumte, läßt es sich von +Jedem die Hände binden, der im Stande ist ihm den +Schleier über die Augen zu werfen. Fort, wieder +hinaus in’s Freie; die Komödie ist aus und die +schwarzen Areois haben ihre Sache gut gemacht.«</p> + +<p>Und ärgerlich den Mantel um sich her ziehend, +ohne den Blick zurückzuwerfen, schritt er die Straße +entlang die hinein in die Stadt führt.</p> + + +<div class="footnotes"><h3>Fußnoten:</h3> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_T_20" id="Footnote_T_20"></a><a href="#FNanchor_T_20"><span class="label">[T]</span></a> Die Raanocke an Bord eines Schiffes ist das äußerste +Ende der Raaen genannten Queerhölzer, an welchen die Segel +befestigt sind. Bei Executionen an Bord werden die zum +Strang Verurtheilten an der Raanocke aufgezogen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_U_21" id="Footnote_U_21"></a><a href="#FNanchor_U_21"><span class="label">[U]</span></a> Mein Herzchen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_V_22" id="Footnote_V_22"></a><a href="#FNanchor_V_22"><span class="label">[V]</span></a> Die Indianer der Südsee nennen das Gold <span class="smcap">perú</span>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_W_23" id="Footnote_W_23"></a><a href="#FNanchor_W_23"><span class="label">[W]</span></a> Das Wort <span class="g">Kindesmord</span> klingt aber hier auch schlimmer +wie es in Wirklichkeit war, wenigstens fand Alles dabei +statt, was sich nur irgend zur Milderung eines so entsetzlichen +Verbrechens denken läßt. Die Inseln waren übervölkert (ein +Uebelstand dem die Civilisation jetzt vollkommen abgeholfen hat) +und die Frauen wurden als den Männern in jeder Hinsicht +untergeordnete Geschöpfe betrachtet, hatten also auch keine +Stimme bei dem Tödten der Kinder. Alle Berichte, selbst die +der Missionaire stimmen übrigens darin überein, daß Kinder +<span class="g">nur</span> gleich nach der Geburt, entweder von dem Vater selber +oder einem Anderen, fortgenommen, in eine schon dazu bereitete +Grube geworfen und mit Erde bedeckt wurden, <span class="g">ein +nur eine halbe Stunde altes Kind war vollkommen +sicher und wurde nie getödtet</span>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_X_24" id="Footnote_X_24"></a><a href="#FNanchor_X_24"><span class="label">[X]</span></a> Mögest Du gerettet werden.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_Y_25" id="Footnote_Y_25"></a><a href="#FNanchor_Y_25"><span class="label">[Y]</span></a> Das war im Februar, im März wurde aber erst die +Besitznahme der Inseln durch die Franzosen in England bekannt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_Z_26" id="Footnote_Z_26"></a><a href="#FNanchor_Z_26"><span class="label">[Z]</span></a> Pomare erwartete gerade in jener Zeit, als sie Du +Petit Thouars um ihre Unterschrift bedrängte, jede Stunde ihre +Entbindung.</p></div> + +</div> + +<div class="footnote"><p> </p></div> + +<hr /> + +<p class="printer">Druck von <span class="g">Ferber & Seydel</span> in Leipzig</p> + + +<div class="note"> +<p><b>Anmerkungen zur Transkription:</b> Die Schreibweise einiger Wörter ist im +Originalbuch inkonsistent. Im vorliegenden ebook wurden lediglich +offensichtliche Druck- und Zeichensetzungsfehler korrigiert.</p> + +<p><b>Transcriber’s Note:</b> The spelling of some words is inconsistent in the +original book. Only obvious typos and errors in punctuation have been +fixed in this ebook.</p> +</div> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of Project Gutenberg's Tahiti. Erster Band., by Friedrich Gerstäcker + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TAHITI. ERSTER BAND. *** + +***** This file should be named 20412-h.htm or 20412-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/0/4/1/20412/ + +Produced by richyfourtytwo, Holt and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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