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+The Project Gutenberg EBook of Tahiti. Erster Band., by Friedrich Gerstäcker
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Tahiti. Erster Band.
+ Roman aus der Südsee
+
+Author: Friedrich Gerstäcker
+
+Release Date: January 22, 2007 [EBook #20412]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TAHITI. ERSTER BAND. ***
+
+
+
+
+Produced by richyfourtytwo, Holt and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+
+ TAHITI.
+
+
+ _Roman aus der Südsee_
+
+ von
+
+ #Friedrich Gerstäcker.#
+
+
+ Zweite unveränderte Auflage.
+
+ Erster Band.
+
+
+ Der Verfasser behält sich die Uebersetzung dieses Werkes vor.
+
+
+ #Leipzig,#
+
+ _Hermann Costenoble._
+
+ 1857.
+
+
+
+
+Der
+
+#J. G. Cotta’schen Buchhandlung#
+
+die es ihm möglich machte den langgehegten Wunsch
+einer Reise um die Welt auszuführen, bringt diese
+_erste Frucht_ derselben
+
+_in dankbarer Hochachtung_
+
+#der Verfasser.#
+
+
+
+
+#Inhalt des ersten Bandes.#
+
+ Seite
+Cap. 1. Der Wallfischfänger 1
+
+ " 2. Die Flucht, und welchen Dollmetscher René fand 19
+
+ " 3. Das Mädchen von Atiu 47
+
+ " 4. Der Mi-to-na-re 69
+
+ " 5. Das Geständniß 124
+
+ " 6. Was der ehrwürdige Mr. Rowe dazu sagt 155
+
+ " 7. Der Verrath, und wie sich beide Theile dabei irrten 180
+
+ " 8. Tahiti 224
+
+ " 9. Die vier Häuptlinge 253
+
+ " 10. Die Versammlung 273
+
+
+
+
+Capitel 1.
+
+#Der Wallfischfänger.#
+
+
+Von einem leichten Ostpassat getrieben, dazu die Obersegel fest, ja
+sogar noch mit einem Reef im Kreuzsegel, der vor einigen Abenden
+hineingenommen, und den man sich gar nicht die Mühe gegeben hatte wieder
+auszustechen, kam ein schwerfälliges, schmutzig aussehendes Schiff
+langsam bei dem Winde nach Süden herunter und näherte sich einer, in der
+Ferne eben sichtbar werdenden kleinen hohen Insel der Cooksgruppe.
+
+Schon die großen fettigen Stellen in den Segeln, auf denen die Leute,
+nach dem Thranauskochen, beim Reefen allabendlich gelegen, verriethen
+den Wallfischfänger, hätten ihn nicht auch die, an besonderen Krahnen
+zu beiden Borden aufgehangenen und noch auf Querstützen über Deck
+besonders gehaltenen Boote als solchen dargethan. Andere Fahrzeuge
+besuchten auch selten diese Gewässer und selbst die Wallfischfänger nur
+in diesen Monaten Januar und Februar, ehe sie wieder mit einbrechendem
+Frühling nach Norden aufgingen, die einträglichere, wenigstens
+ergiebigere Jagd der »rechten Wallfische« der der Spermacetis
+vorzuziehen.
+
+Es war diesmal aber noch ziemlich früh in der Jahreszeit und der
+Delaware, wie der Wallfischfänger getauft worden, hatte im Anfang
+beabsichtigt gerade zu Tahiti anzulaufen; durch den starken Ostpassat
+aber und die klein geführten Segel, wie mit der starken
+Aequatorialströmung gegen sich zu viel nach Westen versetzt, mußte er
+erst wieder nach Süden hinunter, etwas mehr in die Region der
+veränderlichen Winde zu kommen, oder auch vielleicht einen der dann und
+wann einsetzenden Westwinde zu benutzen, und beschloß jetzt nur die
+erste in Sicht befindliche Insel anzulaufen, um einige Erfrischungen und
+vielleicht etwas Holz einzunehmen.
+
+Das Wasser zwischen diesen Inseln ist übrigens, häufiger Riffe wegen,
+den Schiffen oft gefährlich, und die mit den Localitäten nicht sehr gut
+vertrauten Fahrzeuge machen, wenn sie in solchen Gruppen nichts zu thun
+haben, lieber einen ziemlich bedeutenden Umweg, sie zu umgehen, als daß
+sie sich leichtsinniger Weise hineinwagen. Mit einem Wallfischfänger ist
+das aber ganz etwas anderes; er versäumt, sobald er sich erst einmal auf
+seinem Jagdgrund befindet, keine Zeit mehr, denn wenn er segelt, hat er
+die Möglichkeit eben so auf seiner Seite, daß er von Fischen weg, als
+ihnen gerade entgegenläuft, und wenn er still liegt, kann er eben so gut
+eine ganze »~school~« versäumen, die vielleicht dort vorübergeht wo er
+hätte sein können, als die auf ihn zukommenden gerade wie auf der Lauer
+abfangen. Das Ganze ist Glückssache und dem Pirschen auf Rothwild in
+einem fremden Walde nicht unähnlich. Kommen diese Wallfischfänger also
+an solche Stellen, so suchen sie, ehe es dunkel wird, hinter irgend eine
+kleinere Insel oder Riffbank zu laufen, wo sie entweder Ankergrund oder
+Raum zum Kreuzen haben, und treiben dort die Nacht herum, bis ihnen die
+aufsteigende Sonne wieder ihre Bahn beleuchtet.
+
+Gerade mit Sonnenuntergang war denn auch der Delaware, bis westlich von
+Atiu, einer nicht ganz unbedeutenden Insel, gekommen, und der Capitain
+wäre gern die Nacht vor Anker gegangen, die Stellen aber, die er
+untersuchte waren überall, bis fast dicht an die schäumenden Riffbänke,
+so tief, daß er sich nicht der Gefahr aussetzen mochte, so nahe unter
+dem bösartigen Ufer vielleicht einmal von einem der hier oft sehr rasch
+eintretenden Weststürme überrascht zu werden. Er ließ also die Segel
+dicht reefen und kreuzte, (eben nicht zum Vergnügen der Mannschaft, die
+sechs bis acht Mal in der Nacht mit dem Schiff herum mußte) in Lee der
+Insel auf und nieder.
+
+Capitain Lewis kümmerte sich übrigens den Henker darum, ob er seinen
+Leuten damit einen Gefallen that oder nicht – er und sie standen, wie
+man’s am Lande nennen würde – »auf Hofton« mit einander – d. h. er
+sprach, seit sie das letzte Mal auf den Sandwichsinseln gewesen, wo es
+zu einigen Auftritten gekommen war, nur höchst höflich mit ihnen und
+nannte sie, wenn er sie zu einer Arbeit im Einzelnen aufforderte,
+gewöhnlich Mister, und ~if you _please_~, mit starker Betonung des
+letzten Wortes, aber mit einem Blick dabei, der deutlich genug sagte:
+»Wenn Du nicht _springst_, Canaille, zu thun was ich Dir sage, so laß
+ich Dich bei den Beinen aufhängen.«
+
+Er, zum Dank dafür, hieß bei den Leuten, statt wie sonst die Capitaine
+gewöhnlich »den Alten« (~the old man~) zu nennen, »~the old devil~« (der
+alte Teufel); und wußte das auch recht gut, ja es schien ihm ordentlich
+Spaß zu machen daß er so genannt wurde, und er hatte seiner Mannschaft
+schon mehrmals versichert, er wolle sich bemühen, seinem Namen keine
+Schande zu machen; welches Versprechen er auch bis jetzt, so weit es in
+seinen Kräften stand, redlich gehalten.
+
+Die Mannschaft eines Schiffes ist in solchen Fällen übel d’ran –
+widersetzt sie sich, so ist es _Meuterei_, und sie wird darnach
+bestraft, mögen die Leute recht gehabt haben oder nicht, und halten sie,
+auf der anderen Seite aus bis zum Letzten, und verklagen nachher den
+Capitain, so ist Zehn gegen Eins zu wetten, daß dieser dennoch Recht
+bekommt. In sehr vielen Fällen hat er’s aber auch, und es giebt wohl auf
+keinen Fahrzeugen der Welt, Kriegsschiffe vielleicht ausgenommen, toller
+zusammen gewürfeltes Volk, als auf diesen Wallfischfängern. Ein
+ordentlicher Matrose geht selten oder nie darauf, es ist meist lauter
+aufgelesenes Ufervolk, die faul genug sind ihre eigene Arbeit bei Seite
+zu werfen, und Romantik genug im Kopfe haben, sich von einem
+»Wallfischzug« ein ganz besonderes Vergnügen und außerdem einen
+bedeutenden Nutzen zu versprechen. Die guten Leute sehen dann gewöhnlich
+immer etwas zu spät ein, daß sie sich in der ersten Erwartung jedesmal,
+und nur zu häufig auch in der anderen getäuscht haben, und sie sind dann
+eben _ein_mal und nicht wieder Wallfischfänger gewesen, so daß fast
+jedes neu ausgehende Schiff, die Offiziere ausgenommen, auch eine
+durchaus neue Besatzung hat.
+
+Schuster und Schneider, besonders die letzteren, sieht man sehr häufig
+dabei, Tischler und Maurer, Schmiede und Böttcher, Gerber und
+Cigarrenmacher – Alles wird Wallfischfänger und der Capitain eines
+solchen Fahrzeugs, der von dem Rheder, sobald er eine volle Besatzung
+hat und die Jahreszeit gekommen ist, in See hinaus geschickt wird, hat
+dann oft, wie sich nicht leugnen läßt, eine entsetzliche Zeit dies Volk,
+von dem er vorher weiß daß es doch nur _eine_ Reise bei ihm aushält –
+ja schon an den nächsten Plätzen wo er anlegt fortläuft, wenn er ihnen
+nur Gelegenheit dazu gäbe, so weit einzurichten, daß sie wenigstens erst
+einmal verstehen lernen was sie nur überhaupt zu thun haben. Dies sie
+nachher wirklich thun zu machen hat dann schon weniger Schwierigkeiten.
+Kommen nun ordentliche ruhige Menschen manchmal zwischen diese hinein –
+d. h. die Mannschaft, denn die Offiziere, vom Bootsteurer aufwärts,
+bilden ein ganz besonderes, abgeschlossenes Corps – so fühlen sich
+diese gewöhnlich höchst unglücklich und verwünschen den Augenblick, wo
+sie sich von der Romantik der Sache bethören ließen – aber leider zu
+spät, und die viertehalb Jahr, die eine solche Fahrt sehr häufig dauert,
+werden ihnen zur Hölle.
+
+Doch zurück an Bord unseres Fahrzeugs. Zum Ausschauen auf der Back vorn
+stand ein junger Mann, dessen edle, fast schöne Gesichtszüge, wie der
+schlanke schmächtig gebaute Körper wohl passender für einen Salon als
+das Vorcastle eines Wallfischfängers geschienen hätten. Das volle braune
+Haar quoll ihm in dichten Massen unter der breiten schottischen,
+dunkelblauen Mütze vor, und seine reinliche Kleidung selber unterschied
+ihn auffällig von der übrigen, besonders in diesem Punkt höchst
+nachlässigen Schaar. Es war ein junger Franzose aus sehr guter Familie,
+der sich in Boston mehr einer tollen Laune oder ziellosen Reiselust zu
+Liebe, als aus irgend einer andern Ursache hatte verleiten lassen, an
+Bord des Delaware eine Reise nach der Südsee mitzumachen, und der jetzt
+still und brütend nach dem nahen Lande hinüberschaute, das mit dem
+dunkeln Schatten seiner Palmen in träumerischer Ruhe vor ihm lag.
+
+»Nun René, so in Gedanken?« sagte plötzlich, dicht neben ihm, eine
+freundliche Stimme und eine Hand berührte leise seine Schulter – »an
+was denkst Du?«
+
+Der Angeredete fuhr erst wie erschreckt aus seinem Nachdenken empor und
+schaute sich um, als er aber den Sprechenden erkannte, sagte er rasch
+und fast erfreut:
+
+»Es ist mir lieb, Adolph, daß du gerade in diesem Augenblick zu mir
+kommst, ich bin eben mit meinem Entschluß ins Reine gekommen – ich
+verlasse dies Schiff.«
+
+»Thorheit,« sagte Adolph kopfschüttelnd – »Du kennst die Verhältnisse
+hier nicht, René. Kämst Du wirklich glücklich an Land, so brauchte der
+Capitain nur eine unbedeutende Belohnung auf Deinen Fang zu setzen und
+Du würdest rettungslos ausgeliefert. Ich bin schon früher hier gewesen
+und habe den Fall zweimal ausgeführt gesehen. Die Eingebornen sind
+seelensgut, aber wie die Kinder – ein Spielzeug könnte sie zu irgend
+etwas verführen – sei es nun zum Guten oder zum Bösen.«
+
+»Hab’ ich erst festen Boden unter den Füßen, so könnten sie mich nur als
+Leiche wieder zurückschaffen,« murmelte René mit düsterem Blick und
+fester Entschlossenheit zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch.
+
+»Das wäre Thorheit,« sagte aber sein älterer Freund, ein Landsmann von
+ihm und jetzt dritter Harpunier auf dem Delaware, der mit René schon in
+Algier gefochten und in Canada gejagt, und damals Alles versucht hatte
+ihm einen so tollen Entschluß, wenn auch vergebens, auszureden, als
+gemeiner Matrose das Leben eines Wallfischfängers zu versuchen. »Du
+bist noch jung René und das Leben steht Dir weit und freudig offen –
+hier nun einmal in die Klemme gerathen, bring Dich deshalb nicht gleich
+um Alles, blos weil es Dir in den Sinn kommt die Suppe, die Du Dir
+selber eingebrockt, nicht ausessen zu wollen. Ein, höchstens zwei Jahr,
+und Du bist wieder frei wie der Vogel in der Luft, und selbst diese Zeit
+wird Dir dann, so schmerzvoll und entsetzlich sie Dir jetzt auch
+scheint, eine freudige, vielleicht liebere Erinnerung sein, als manche
+froh und glücklich verlebte Stunde.«
+
+»Ich halt’ es nicht aus, Adolph, ich halt’ es bei Gott nicht aus« sagte
+René kopfschüttelnd – »hier unter dem rohen Volk noch Jahrelang bleiben
+und an Geist und Körper zu Grunde gehen – ich vermag es nicht. Du weißt
+dabei, wie nahe ich zweimal schon daran war mit dem Capitain selber, der
+fast schlimmer ist als der Schlimmste seiner Leute, zusammenzugerathen,
+und wer schützt mich dann vielleicht sogar vor seinen rohen
+_Mißhandlungen_? Das Resultat bliebe dasselbe, auch das ertrüge ich
+nicht, und lieber will ich mein Leben hier wagen, wo mir noch die
+Möglichkeit eines Entkommens bleibt, als zuletzt gezwungen werden dem
+Capitain vielleicht ein Messer in den Leib zu rennen und über Bord zu
+springen. Nein, Adolph, ich bin fest entschlossen« setzte er leise aber
+mit ruhiger und überzeugter Stimme hinzu – »die erste Gelegenheit, die
+sich mir bietet an Land zu kommen, und sollt’ ich es schwimmend zu
+suchen haben, benutz ich, und die Folgen mögen dann sein wie sie wollen
+– ich weiß und fühle, daß mir nichts Schlimmeres begegnen kann, als was
+ich jetzt in Seelenqual und innerer Unruhe zu leiden habe.«
+
+»Hol’s der Henker«, sagte Adolph nach kurzem Sinnen – »wer weiß ob ichs
+nicht an Deiner Stelle, und mit Deinem jungen Blut in den Adern am Ende
+auch thäte. Aber wie willst Du an Land kommen? es ist noch ganz ungewiß
+ob der alte Teufel ein Boot abschickt Erfrischungen einzunehmen oder
+nicht, – er traut uns allen mit einander nicht.«
+
+»Doch« entgegnete ihm René – »ich habe vorher zufällig gehört, daß
+unser Boot mit dem ersten Harpunier morgen mit Tagesanbruch hinüber
+soll, etwas Brodfrucht und Cocosnüsse abzuholen. Die Gelegenheit will
+ich jedenfalls benutzen, noch dazu da es uns einen Vorwand giebt,
+reichliche Kleider mit zu nehmen. – Die Leute haben ja sonst nichts,
+sich Kleinigkeiten von den Eingebornen einzutauschen.«
+
+»Und sowie Du im Wald drin bist« sagte Adolph immer noch kopfschüttelnd,
+»hetzt der alte Seehund von Harpunier Dir die ganze Einwohnerschaar
+hinterher – wie willst Du ihnen entgehen? – René, René es ist wahr,
+das Land liegt wohl verlockend genug vor uns da, und selbst mir zuckt’s
+in den Knochen, einmal frei darauf herumzuspatzieren und von diesem –
+verdammten Marterkasten loszukommen, aber – ich weiß doch nicht – hast
+du einmal das Schiff verlaufen und wirst wieder eingefangen, so kommst
+Du nachher erst in eine Hölle, wenn Du vorher in keiner gewesen bist,
+und wenn ich ganz aufrichtig sein soll, so glaub’ ich nicht daß Du zwei
+Tage von uns bleibst, ehe sie Dich wieder haben – und die zwei Tage
+über bist Du dann mehr wie ein gehetzter Wolf als wie ein Mensch.«
+
+»Und es hilft doch Alles Nichts« lächelte René trüb; »ich hab’s mir nun
+einmal in den Kopf gesetzt, und ich führ es auch aus, mag daraus
+entstehen was da will; schlimmer kann’s nicht werden als es schon ist.«
+
+»Doch, doch« sagte Adolph »es kann noch viel viel schlimmer werden, Du
+hast es noch nicht gesehen, wenn es an Bord eines Schiffes einmal
+_recht_ schlimm ist,« setzte er schaudernd hinzu – »und ich verlang’ es
+ebenfalls nie, nie wieder zu erleben. Außerdem bist Du der Sprache gar
+nicht mächtig – wie willst Du Dich den Leuten verständlich machen?
+René, es geht in der Welt alles nach Eigennutz – bist Du erst einmal
+älter, wirst Du das auch selber erfahren – und die Eingeborenen hier
+wissen recht gut, daß sie von einem entlaufenen Matrosen nicht viel
+Gutes und gar keinen Nutzen zu gewärtigen haben, während ihnen der
+Capitain eine Masse Sachen geben kann, die für sie und ihr einfaches
+Leben förmliche Schätze sind.«
+
+»Ich habe Geld bei mir« sagte René rasch – »~Peste~, ich brauche des
+alten Schuftes Blutgeld nicht, mir meine Bahn auch im schlimmsten Fall
+zu _erkaufen_, wenn es denn nicht anders sein kann.«
+
+»Das ist schon ein sehr sehr großer Vortheil« lächelte Adolph, »und es
+werden wenig Matrosen von Wallfischfängern weglaufen, die wirklich einen
+Franc in der Tasche haben, aber der Capitain bleibt immer im Vortheil.
+– Aexte, Beile, Kattune und Schmuck und besonders Spirituosen sind
+ihnen weit lieber als Geld, und über derlei Sachen hast Du immer nicht
+zu verfügen.«
+
+»Vernünftiger Weise magst Du Recht haben, Adolph«, lächelte aber der
+junge Mann, auf alle diese Argumente – »und ich glaube selbst daß es
+eine Art verzweifelter Schritte ist, auf einer so kleinen Insel, wie
+diese zu sein scheint, zu entlaufen – die Möglichkeit ist immer eher
+da, daß man eingefangen wird.« –
+
+»Sag’ lieber die Wahrscheinlichkeit« unterbrach ihn Adolph.
+
+»Und meinethalben auch die Wahrscheinlichkeit« murmelte René zwischen
+den zusammengebissenen Zähnen durch, »ich habe mir aber noch nie etwas
+so fest vorgenommen gehabt, ohne es durchzuführen, und den Versuch will
+ich machen, oder darüber zu Grunde gehen!«
+
+»~Eh bien~« lachte Adolph, »sobald Du einmal so weit gekommen, ist es
+nicht nöthig mehr darüber zu sprechen. Meine Wünsche für Dein Wohl hast
+Du übrigens, und ich wollte nur, daß ich Dir in irgend etwas dabei
+nützlich sein könnte; ich sehe nur noch nicht wie.«
+
+»Wer weiß wie sich das noch Alles machen kann« sagte René – »aber auf
+dem Quarterdeck werfen sie schon wieder die Falle los – in der
+Mitternachtswache möcht’ ich Dir noch etwas sagen.«
+
+»~Ship about~« unterbrach ihn hier der eintönige Ruf; die Leute traten
+sämmtlich an ihre Posten und das Schiff wurde über den anderen Bug
+gelegt, jetzt wieder vom Lande abhaltend.
+
+Mit der nächsten Morgendämmerung hatten sie die Küste, und zwar eine
+kleine Art Bai, die von zwei auslaufenden Corallenriffen gebildet wurde,
+gerade vor sich, und der Ruf des ersten Harpuniers sammelte die Leute in
+sein Boot; mehre dort schon aufgeschichtete Sachen, Handels- und
+Tauschartikel für die Eingebornen, wurden hineingelegt – das Boot
+schwang frei und auf das Wasser nieder, und die Mannschaft legte sich in
+die Ruder.
+
+»Was sind das für Pakete da vorn?« sagte der Harpunier, als sie eben von
+Bord abgestoßen waren, »wer hat die eingeworfen?«
+
+»Ein paar Hemden und andere Kleinigkeiten, Mr. Rowsy« erwiederte Einer
+der Leute – »wir wollten uns auch was von Früchten eintauschen!«
+
+»Und das andere daneben?«
+
+»Dasselbe« erwiederte René, den die Frage anging. Der Harpunier sagte
+nichts weiter und René warf noch einen verstohlenen Blick nach Bord
+zurück, wo Adolph stand und ihm zunickte. Er war ihm behülflich gewesen
+die Sachen rasch, und ohne daß sie an Bord selber etwas davon zu sehen
+bekamen, in’s Boot zu schaffen, der Capitain hätte es sonst unter keiner
+Bedingung zugelassen, obgleich dies etwas ziemlich gewöhnliches an Bord
+von Wallfischfängern ist.
+
+In Canoes kamen übrigens keine Indianer ab und ihnen entgegen, obgleich
+sie mehrere Canoes in der Bai liegen sahen, und nur erst als sie die
+Corallen-Bank berührten, erschienen oben zwischen den Büschen eine
+Anzahl Männer und Frauen mit Körben aus Cocosblättern geflochten, in
+denen sie Früchte und Muscheln trugen, und erst ein Zeichen der Fremden
+abzuwarten schienen, ehe sie sich ihnen näherten.
+
+Der Harpunier, der sich seit seiner Jugend fast in diesen Meeren
+herumgetrieben, sprach ihre Sprache ziemlich geläufig, und ein paar
+freundliche Worte in dieser hatten fast eine zauberhafte Wirkung auf die
+Schaar. Die, die im Anfang die furchtsamsten gewesen waren, riefen sich
+erstaunt unter einander zu daß die Fremden Freunde seien, und dieselbe
+Sprache mit ihnen hätten, und aus allen Büschen und Dickichten brachen
+sie jetzt heraus, und mischten sich so sorglos und vertrauend wie Kinder
+zwischen die Leute, befühlten das Zeug ihrer Kleider, lachten über ihre
+Bärte und Schuhe, und sprangen und sangen, als ob sie schon Jahre lang
+mit ihnen bekannt gewesen wären.
+
+Der Tauschhandel ging indessen rüstig vor sich; gegen Messer und Tabak,
+Kattune und Glasperlen brachten sie Massen der herrlichsten Früchte,
+besonders vortreffliche Orangen und Brodfrucht und während der Harpunier
+unter einem stattlichen Pandanus saß, die ihm gebrachten Waaren
+musterte, und bestimmte was er dafür geben wolle, mischten sich die
+Leute, nur Einen derselben bei dem Boot lassend, ebenfalls unter die
+Eingebornen, die wenigen Kleinigkeiten die sie mitgebracht, gegen
+Früchte und Muscheln, hauptsächlich aber die ersten, zu vertauschen.
+
+Diesen Zeitpunkt benutzte René, schnallte sein kleines Bündel, daß er im
+Anfang vor den Eingeborenen ausgebreitet gehabt, wieder zusammen, und
+verlor sich damit, ohne daß irgend Jemand auf ihn acht hatte, im
+Dickicht. Von den Eingeborenen sahen ihn vielleicht Einige, achteten
+aber nicht auf ihn, und die Leute vom Schiff waren viel zu sehr mit sich
+selber und ihrer Umgebung beschäftigt, sich nur im mindesten darum zu
+bekümmern, was Einer der ihrigen that.
+
+Zwei Stunden später etwa, als der Harpunier Alles weggegeben was er
+mitgebracht, und sein Boot fast gefüllt war mit all den Massen von
+Sachen die er dafür eingetauscht, rief sein Befehl die Leute wieder
+zusammen, und er stieg selber ins Boot, an Bord zurückzukehren.
+
+»Wo ist René!« frug er, als er einen Blick über die Mannschaft geworfen.
+
+»René!« tönte der Ruf der Matrosen – »~oh René~!«
+
+Kein René ließ sich blicken und Niemand wußte was aus ihm geworden, ja
+ein paar bezweifelten, daß er überhaupt mit an Bord gekommen sei, so
+wenig hatten sie sich, mit dem Land vor sich, um einander bekümmert.
+Jedenfalls fehlte aber _ein_ Mann, und der Offizier wußte auch, daß er
+bei der Herüberfahrt seine volle gewöhnliche Besatzung gehabt.
+
+»~Damn it~« rief der Harpunier endlich im Boot, in dem er seinen Sitz
+schon wieder eingenommen, in die Höhe springend – »~he has bolted~,[A]
+die Pest über den Hallunken; aber den wollen wir bald wieder haben. –
+Bleibt Ihr hier im Boot bis ich zurückkomme!« rief er dann seinen Leuten
+zu, und über die Sitze wegspringend, eilte er wieder an Land und wandte
+sich dort an einen der Eingebornen, der eine Art Oberherrschaft über die
+Andern auszuüben schien.
+
+»Hallo Freund!« redete er ihn an, »Einer von meinen Leuten ist mir
+weggelaufen, könnt Ihr ihn wieder fangen, und was wollt Ihr dafür
+haben?«
+
+»Hat er Gewehr mit?« frug der Alte ziemlich vorsichtig, denn er schien
+danach den Preis des Einfangens bestimmen zu wollen.
+
+»Nein, kein Schießgewehr, vielleicht nicht einmal ein Messer« lautete
+die ermuthigende Antwort.
+
+Die Eingebornen fingen jetzt eifrig an unter einander zu verhandeln, und
+zwar in so rascher und oft eigentümlicher Sprache, daß der Amerikaner
+selber nicht verstehen konnte was sie mitsammen hatten. Aus ihren
+Bewegungen wurde es ihm jedoch bald deutlich, denn zwei davon gingen
+nach einem besondern Theil im Busch und untersuchten hier die Fährten
+und ihren Gesticulationen nach schien es, als ob der Flüchtige sich dort
+hinein gewandt habe. Der alte Indianer zeigte sich auch bald erbötig ihm
+den Mann wieder zu verschaffen; seine Forderung dafür war aber ziemlich
+bedeutend; er wollte Kattun und Messer, etwas Tabak und in der That ein
+wenig von Allem haben, und als Jener endlich einwilligte ihm das Alles
+zu geben, hatte er noch ein Beil und ein Hemd und mehrere andere
+Kleinigkeiten vergessen.
+
+Der Harpunier wußte übrigens daß sich der Capitain nicht lange hier
+aufhalten wollte, und wüthend sein würde über die Flucht des Mannes; er
+sagte also dem Alten seine sämmtlichen Forderungen zu, vorausgesetzt daß
+sie mit dem Gefangenen am Ufer wären, sobald sie mit dem Boot und den
+verlangten Sachen wieder vom Schiff zurück sein könnten.
+
+Dies abgemacht, stieß das Boot augenblicklich vom Lande, die
+eingetauschten Früchte mit der fatalen Nachricht an Bord zu bringen und
+den Fanglohn für den Entflohenen herüber zu holen, während die
+Eingebornen indessen wie Spürhunde den einmal angenommenen Fährten des
+Flüchtigen nachliefen.
+
+
+Fußnoten:
+
+[A] Er ist ausgerissen.
+
+
+
+
+Capitel 2.
+
+#Die Flucht, und welchen Dollmetscher René fand.#
+
+
+René war, als er sich nur einmal außer dem Bereich seiner Kameraden sah,
+so rasch er konnte gerade einem der nächsten Hügel zugeeilt, und das
+selbst schien mit der Last die er trug gerade kein kleines Unternehmen.
+Für ein Hemd hatte er sich nämlich vorher ein paar grüne Cocosnüsse und
+einige Bananen eingetauscht, damit er nicht genöthigt wäre, gleich in
+den ersten vierundzwanzig Stunden wegen Nahrungsmitteln einen irgendwo
+gefundenen Versteck zu verlassen, und diese, neben seinen Bündel
+Kleidern tragend, mußte er sich durch das, manchmal entsetzlich dicke
+Gebüsch, fortwährend mit dem fatalen Gefühl verfolgt zu werden, Bahn
+brechen. Er wußte aber was ihm bevorstand, wurde er von den Leuten des
+Delaware wieder eingefangen, und wollte wenigstens Nichts was in seinen
+eigenen Kräften stand unversucht lassen, sich so weit als möglich jeder
+solchen Gefahr zu entziehen. In dieser Absicht arbeitete er sich auch
+dem höheren Theil der Insel zu, weil er dort erstens den Lagunen aus dem
+Weg ging, die hier seinen Pfad zu beengen drohten, und dann auch
+wahrscheinlich in dichtes Buschwerk hineinkam, was von den Eingebornen
+selber selten betreten wurde.
+
+Als er nur erst einmal hügeligen Boden erreichte, wurde seine Flucht
+dadurch sehr erleichtert, daß er cultivirtes und eingefenztes, wenn auch
+durch Unkraut ziemlich arg überwachsenes Land traf. Dort hatte er sich
+wenigstens durch keine verwachsenen Büsche mehr Bahn zu brechen und
+konnte sein Terrain ein wenig freier übersehen. Blieb er da in der Nähe,
+so wuchs auch Frucht genug, ihn ein Jahr im Proviant zu halten; überdies
+war der ganze Wald voll Früchte, denn die Guiaven standen mit Aepfeln,
+wenn auch noch nicht vollkommen gereift, förmlich bedeckt. Nur die
+Cocospalmen reichten nicht so weit hinauf, doch sah er hier in den
+Feldern eine Masse Wassermelonen, die ihn reichlich dafür entschädigen
+konnten. Weiter durfte er sich für jetzt aber nicht beladen, denn er
+trug schon, was er überhaupt tragen konnte, und die Hitze war groß. Die
+ungewohnte Anstrengung und Aufregung thaten natürlich auch das ihrige
+dabei.
+
+Durch die Felder ging das auch ganz gut, überhalb diesen wurde das
+Dickicht aber wieder so schlimm wie es je gewesen, und die Guiavenbüsche
+schienen hier eine förmliche undurchdringliche Hecke zu bilden, durch
+die er sich nur gebückt, und sein Gepäck oft nachschleppend,
+hindurchdrängen konnte. Nur erst, wo diese endlich aufhörten, und mit
+ihnen jede Art von Frucht, begannen hohe dunkle Casuarinen, die einen
+weit bessern Durchgang gewährt haben würden, wären nicht so viele
+trockene und dürre Aeste von ihnen heruntergefallen gewesen, die sich
+ihm oftmals wie förmliche Pallisaden entgegenstellten.
+
+Aber er _mußte_ hindurch, und das war ein tüchtiges Wort, ihn alle
+Schwierigkeiten mit leichtem Muth überwinden zu lassen. Hier wurde der
+Grund auch steinig, und er fand, als er den höchsten Punkt endlich
+erreichte, zu seiner Freude einen kleinen felsigen Platz, den er sich
+selber hätte nicht schöner und passender zu einem Castell ausbauen
+können, als es hier die Natur für ihn gethan. Zehn Fuß war er dort oben
+von allen Seiten frei, und das bröcklige Gestein, was den steil
+auflaufenden Gipfel bildete, konnte ihm im Anfang eben so wohl zum
+Verbergen, als später, sollte er gefunden werden, als Waffe dienen, auf
+irgend einen andringenden Feind niederzurollen.
+
+Mit einem förmlichen Triumphruf nahm er von dieser kleinen Festung
+Besitz, und als er oben seine Last abgeworfen, und sich die nassen Haare
+aus der Stirn gestrichen hatte, sagte er lächelnd:
+
+»Beim Himmel, mit Adolph hier und zwei guten Gewehren, wollt’ ich mir
+die ganze Besatzung des Delaware vom Leibe und einem förmlichen Sturm
+abhalten – ~ha – le Delaware~!« unterbrach er sich plötzlich selber
+überrascht, und fast unwillkürlich trat er hinter einen der Felsstücke,
+denn als er den ersten Blick nach außen warf sah er, daß er frei über
+das Meer schauen konnte, und dort lag auch sein altes Schiff so klar und
+nah vor ihm, daß er die einzelnen Leute an dessen Bord konnte auf- und
+abgehen sehen. Mit dem Glas mußten sie im Stande sein ihn, sobald er
+sich nur frei zeigte, vollkommen gut zu unterscheiden. Er überlegte sich
+jedoch bald, daß sie bis jetzt an Bord noch keine Ahnung von seiner
+Flucht haben konnten, denn eben kam erst das Boot, dem er entflohen,
+dorthin zurück, und er konnte selbst erkennen wie die Leute von unten
+hinauf an Bord kletterten.
+
+Jedenfalls war er also schon vermißt und er mußte darauf gefaßt sein daß
+ihn die Eingeborenen aufspüren würden, denn mit seiner Ladung hatte er
+an vielen Stellen eine ziemlich breite und tiefe Fährte zurückgelassen.
+Die kurze Zeit also die ihm bis dahin blieb, wollte er benutzen sich
+noch so gut als es eben anging zu befestigen, nachher dem Schicksal und
+seinem guten Glück das Uebrige zu überlassen. Er war jung und ein
+Franzose – also weit davon entfernt sich Sorgen vor der Zeit zu machen,
+überdies hatte er Alles was ihm jetzt bevorstand voraus gewußt und es
+kam ihm Nichts unerwartet.
+
+Schießwaffen hatte er, zwei kleine Terzerole ausgenommen, keine; außer
+diesen aber ein langes zweischneidiges schweres Messer in lederner
+Scheide, wovon er sich die meiste Hülfe versprach, und ein leichtes
+trotziges fast muthwilliges Lächeln überflog seine schönen Züge, als er
+die beiden kleinen Pistolen aus der Tasche nahm, und vor sich auf die
+Steine legte.
+
+»Es sind zwar keine Zweiunddreißigpfünder« sagte er dabei lachend vor
+sich hin, »und ich weiß in der That nicht einmal ob sie überhaupt
+losgehen werden, aber sie haben doch Mündungen, und ist den Eingebornen
+hier schon überhaupt jemals ein solches Instrument wie eine Pistole zu
+Gesicht gekommen, so müßte ich mich sehr irren, wenn ich nicht glauben
+sollte die ganze Insel damit von mir abhalten zu können. Kurze Frist
+werden sie mir aber doch wohl Ruhe lassen, und die will ich denn
+wenigstens benutzen meinen Körper ein wenig zu restauriren und mit
+Speise und Trank zu erquicken.«
+
+Und damit schnürte er wohlgemuth seinen Bündel wieder auf, in dem er
+auch ein kleines Packet mit einem paar Schiffszwiebacken und einem Stück
+Salzfleisch verborgen hatte, und mit einem Theil von diesem und einigen
+Bananen, wozu er eine der Cocosnüsse anzapfte und etwas davon trank,
+seinen allerdings brennenden Durst zu löschen, hielt er eine so
+vortreffliche und ruhige Mahlzeit, als ob er sich in voller Sicherheit
+in irgend einem guten Gasthaus befände, und nicht jeden Augenblick
+fürchten mußte, umstellt und gefangen zu werden.
+
+Die Feinde waren ihm übrigens weit näher als er je vermuthet, denn kaum
+hatte er sein Mahl beendet, und eben wieder die Cocosnuß an die Lippen
+gehoben, noch einen letzten Schluck zu thun, als er gar nicht weit von
+sich entfernt ein Geräusch zu hören glaubte. Er hielt horchend ein – da
+krachten wahrhaftig wieder die Büsche. Nichtsdestoweniger trank er erst
+in aller Ruhe, denn er wußte recht gut daß er hier oben in seiner festen
+Stellung nicht so plötzlich überrascht werden konnte, stellte dann die
+Nuß vorsichtig und ein paar Steine darum legend, bei Seite, daß sie
+nicht umfiel und seinen Wasservorrath gleich um die Hälfte verringerte,
+griff seine beiden Terzerole auf, und schaute dann, hinter irgend einen
+der größten Steine gedrückt, aufmerksam nach dorthin von woher sich
+jetzt vorsichtig irgend Jemand zu nähern schien. Es dauerte auch nicht
+lange, so konnte er schon die bunten Kattunüberwürfe mehrerer
+Eingeborener erkennen, die langsam und aufmerksam den Boden betrachtend,
+seinen hinterlassenen Spuren folgten.
+
+Wie viele es waren ließ sich noch nicht erkennen, das blieb sich aber
+auch gleich; war er erst einmal aufgefunden, so konnten sie, so sie
+überhaupt feindliche Absichten hatten, leicht Verstärkung holen, und er
+mußte vor allen Dingen sehen sich auf eine friedliche Art mit ihnen zu
+verständigen. Die Terzerole konnten ihm aber dabei nur mehr Schaden als
+Nutzen bringen, und er steckte sie deshalb vorläufig wieder in die
+Tasche, die Ankunft der Indianer jetzt auf das ruhigste und
+kaltblütigste erwartend.
+
+Diese ließen ihn auch nicht lange mehr über ihre Absicht im Zweifel. Der
+Erste der voranging mochte eine gewisse Obergewalt über die Andern
+haben, denn dicht unter den Steinen, auf denen sie den Flüchtling gar
+nicht zu vermuthen schienen, sandte er zwei rechts und zwei links ab, zu
+sehen wohin sich die Spuren etwa den Berg wieder hinunter zögen,
+während er selber gerade auf den Felsen zukam. René wußte recht gut daß
+er von diesen fünf Leuten noch weiter keine Gefahr zu fürchten hatte,
+und doch jedenfalls aufgefunden werden mußte, sich also deshalb
+aufrichtend, und mit beiden Ellbogen auf einem der vor ihm liegenden
+Blöcke stützend, sah er erst eine kurze Weile den Mann unten, der auf
+dem hier steinigen Boden nicht recht mit der Spur einig zu sein schien,
+lächelnd zu, und sagte dann plötzlich mit lauter Stimme den schon
+mehrfach gehörten und behaltenen Gruß:
+
+»~Joranna-boy~!«
+
+Wäre dem Eingebornen, der gebückt und die Augen fest auf den Boden
+geheftet, fast gerade unter ihm stand, ein grimmer Tausendfuß über den
+Nacken gelaufen, er hätte nicht rascher und mehr erschreckt in die Höhe
+und zur Seite springen können, und erst das laute Lachen René’s, der auf
+ihn herunterschaute, als ob Jemand aus dem Fenster einer höheren Etage
+sieht, brachte ihn wieder ein wenig zu sich. Der erste Schrei, den er
+aber in voller Ueberraschung ausgestoßen war hinreichend gewesen, seine
+Gefährten um ihn zu sammeln, und die fünf rothen Burschen, die hier mit
+so feindseligen Absichten heraufgekommen waren, wußten eigentlich nicht
+recht wie ihnen geschah, als sie den gerade, von dem sie die grimmigste
+Gegenwehr erwartet, in der größten Gemütlichkeit vor sich und so
+friedlich gesinnt fanden, wie sie es nimmer hätten erwarten dürfen.
+
+Erst sahen sie eine ganze Zeitlang schweigend zu ihm empor – es war
+augenscheinlich, sie mißtrauten noch dem äußeren Ansehn der Dinge –
+diese Freundlichkeit konnte Maske sein sie plötzlich zu überrumpeln, und
+obgleich sie bewaffnet waren, d. h. zwei führten Tapa-Hölzer und die
+andern drei Einer ein Beil und Zweie Messer – und der Weiße unten ihnen
+die Versicherung gegeben hatte daß der Flüchtling nichts derartiges
+mitgenommen habe, wußten sie doch nicht welche außerordentlichen Mittel
+ihm sonst vielleicht zu Gebote stehen möchten ihnen zu schaden. Sie
+waren allerdings willens die ausgesetzte Belohnung zu verdienen, dachten
+aber dabei gar nicht daran ihren Leib oder gar ihr Leben irgend einer
+unnöthigen und zu vermeidenden Gefahr auszusetzen.
+
+René blieb übrigens in seiner nichts weniger als feindlichen Stellung,
+wobei er sich jedoch wohl gehütet hatte seine Gestalt den Fernröhren des
+Schiffes preis zu geben, und da die so erstaunten und verdutzten
+Gestalten der Indianer allerdings komisch genug aussehen mußten, und er
+sich gar keine Mühe gab sein Lachen zu verbergen, so verlor sich diese
+Furcht denn auch endlich.
+
+Der Führer sah seine Begleiter erst ganz ernsthaft an, und dann verzog
+ein breites Grinsen oder Feixen seine sonst gutmüthigen Züge, während
+sich diese noch eine kleine Weile zu geniren schienen, – endlich mochte
+ihnen das Komische ihrer Lage aber auch wohl einleuchtend werden. Der
+Eine schnitt auf einmal ein ganz freundliches Gesicht, und war dann
+urplötzlich wieder so ernst und finster als vorher, als er aber den
+Häuptling ansah und dessen ausbrechende Fröhlichkeit bemerkte, glaubte
+er auch wahrscheinlich dem Anstand volle Genüge geleistet zu haben, und
+platzte nun auf einmal so rasch und laut heraus, daß sich die Andern
+ordentlich erschreckt nach ihm umsahen.
+
+»~Joranna, Joranna~!« rief jetzt der Erste hinauf, dem augenscheinlich
+ein Stein vom Herzen gefallen schien, da er die Sache sich so friedlich
+lösen sah – und es zeigte sich jetzt daß er auch etwas gebrochen
+englisch sprach, wie man fast auf allen diesen Inseln Einzelne findet,
+die Worte und Redensarten, im Verkehr mit den Fremden, aufgefangen und
+behalten haben. »~Joranna boy~! – wie geht’s – wie geht’s Freund –
+komm herunter, komm herunter – weißer Mann, Capitain sagt, soll
+herunterkommen.«
+
+»So?« lachte René in derselben Sprache, – »weißer Mann Capitain sagt
+also ich soll herunter kommen?«
+
+Der Indianer nickte auf das freundlichste, daß er ihn so gut verstanden
+hatte, und versicherte, sich zu seinen Begleitern wendend, diesen, daß
+er die Sache jetzt augenblicklich in Ordnung bringen würde.
+
+»Ja, komm herunter, komm herunter – weißer Mann Capitain sagt«
+wiederholte er noch einmal, dieses Factum vor allen Dingen außer jeden
+Zweifel zu stellen.
+
+»Und wenn ich, weißer Mann _kein_ Capitain nun nicht will?« lachte René.
+
+»Nicht will?« rief der Führer der Eingebornen erstaunt aus, und sah den
+Fremden an; dann aber, denn er konnte in dessen Gesicht immer noch
+keinen Ernst entdecken, dies ebenfalls für einen guten Spaß desselben
+haltend, den er zu ihrem eigenen Vergnügen gemacht habe, schaute er sich
+nach den Andern um, lachte laut auf, und erzählte ihnen mit der größten
+Freundlichkeit was der Weiße da oben eben so Lustiges gesagt habe.
+
+Die übrigen Eingebornen, die gleich von allem Anfang gar nichts Anderes
+erwartet hatten, konnten darin aber nicht den mindesten Spaß entdecken,
+und ein paar, zu diesem Zwecke an den Alten gerichtete Worte machten
+diesen ebenfalls wieder ernsthaft und ließen ihn doch an die Möglichkeit
+glauben daß der Fremde am Ende _wirklich_ nicht selber herunterkommen
+wollte, und ihn da herunter zu _holen_, war jedenfalls eine mißliche
+Sache.
+
+»Bah, bah« sagte der Alte jetzt kopfschüttelnd und mit einem Gesicht als
+ob man einem unartigen Kinde irgend eine Thorheit verweisen wolle –
+»närrisch Ding, närrisch Ding – weißer Mann Capitain guter Mann,
+verlangen weiter Nichts wie herunterkommen.«
+
+»Was bekommt Ihr dafür mich zu holen?« frug ihn aber René so gerade
+mitten in alle seine Berechnungen hinein, daß er ihn ganz wieder außer
+Fassung brachte, und er erst den Weißen, und dann seine Begleiter
+erstaunt ansah, augenscheinlich unschlüssig ob er diese, etwas
+indiscrete Frage so geradezu und der Wahrheit gemäß beantworten solle.
+Er hielt es am Ende für besser es erst mit den Seinen zu berathen; da
+diese aber nicht das mindeste Bedenken darin fanden seinem Wunsche zu
+willfahren, wandte er sich wieder zu dem jungen Franzosen und zählte ihm
+jetzt mit der größten Ernsthaftigkeit alle die Artikel auf die sie
+bekommen würden, und zwar mit einem Eifer und einer Genauigkeit, als ob
+das noch ein besonderer Beweggrund für ihn selber sein müsse, jetzt
+augenblicklich niederzusteigen und ihnen den Besitz aller dieser
+Herrlichkeiten nicht länger, widerrechtlicher Weise, vorzuenthalten.
+
+Zu ihrem Erstaunen ließ sich aber der Fremde selbst nicht durch die
+Erwähnung des Handbeils und die fünf Yards rothen Kattun bestechen,
+sondern blieb nur ruhig und unbeweglich in seiner Stellung. Angenehm war
+es ihm aber nicht, diese Masse verschiedenartiger Gegenstände aufzählen
+zu hören, und er konnte daraus nicht allein sehen wie viel dem Harpunier
+daran gelegen gewesen war ihn wieder zu bekommen, als auch wie sehr
+schon die Habgier dieser sonst einfachen und gutmüthigen Leute erregt
+worden, den ausgesetzten Lohn so rasch als möglich zu verdienen.
+Ueberredung half hier Nichts, so viel sah er recht gut ein, wäre er
+selbst ihrer Sprache vollkommen mächtig gewesen, und das einzige was
+sich noch mit ihnen im Guten anfangen ließ, war ihnen an Geld und
+vielleicht Kleidern gleichen Nutzen zu bieten, wo er dann wieder das zu
+seinen Gunsten hatte, daß sie bei dessen Annahme ihre Gliedmaßen in
+keine Gefahr brachten.
+
+»So?« sagte er also, da sie geendet hatten und nun nichts anderes zu
+erwarten schienen als daß er nach _solchen_ dargelegten Gründen, ihren
+Beweisen nicht länger werden widerstehen können – »so? – das also hat
+Euch weißer Mann Capitain Alles geboten, mich einzig und allein wieder
+unten abzuliefern?«
+
+»Ja Freund – blos unten abzuliefern« lautete die Antwort.
+
+»Todt oder lebendig?« frug aber der junge Mann mit größter
+Kaltblütigkeit zurück, und erschreckte dadurch den Alten nicht wenig,
+der jetzt zum ersten Mal an zu begreifen fing, daß der Fremde doch am
+Ende nicht so ganz gutwillig mit ihnen gehen werde.
+
+»Todt oder lebendig?« wiederholte er erstaunt und versuchte zu lachen,
+was ihm aber mißglückte – »todt? wir sollen doch weißen Mann nicht
+_todt_ abliefern – lebendig versteht sich.«
+
+»Und wenn sich nun weißer Mann zur Wehr setzt?« sagte René.
+
+»Zur Wehr setzen?« frug der Alte, der das Wort nicht so recht zu
+verstehen schien – »zur Wehr setzen?«
+
+»Nun ich meine, wenn weißer Mann unter keiner Bedingung gutwillig
+mitgehen will und sich vertheidigt« erklärte es ihm der Fremde deutlich
+genug.
+
+»Aber fünf Yards rothen Kattun – ein Handbeil – zwei Messer« begann
+der erstaunte Eingeborne alle die Herrlichkeiten wieder aufzuzählen;
+René aber, dem Nichts daran lag sie nur hinzuhalten, was er mit
+Leichtigkeit für den ganzen Tag hätte thun können da viele dieser Leute
+fast gar keinen Begriff von Zeit oder dem Werth derselben haben,
+unterbrach ihn mitten in der schon gehörten Liste und sagte freundlich,
+während er eine ganze handvoll Silbergeld aus seiner Tasche nahm und
+ihnen vorzeigte:
+
+»Was wollt Ihr denn thun, wenn ich Euch nun ebensoviel an baarem Gelde
+gebe, als Euch weißer Mann Capitain für mich versprochen hat, heh und
+dann bei Euch bleibe und mit Euch lebe und wohne?« –
+
+Das war jedenfalls ein Vorschlag zur Güte, und die Eingeborenen
+beriethen lange unter sich was sie damit thun sollten; endlich
+erkundigte sich der Alte näher danach wie viel Geld das eigentlich sei,
+was er da in der Hand halte. René zählte es über – es waren sechs
+Fünf-Frankenthaler und vielleicht zehn Franken an kleiner Münze Geld,
+was sie hier, in ihrem Verkehr mit Tahiti, recht gut kannten.
+
+Für eine solche Summe wußten sie auch gut genug, daß sie selbst in
+Papetee ebensoviel an Waaren bekommen könnten als ihnen geboten worden;
+erstlich aber war der Verkehr mit jenem Platz nicht sehr bedeutend, und
+dann hatten sie ja auch die Sachen noch nicht hier, während sie
+dieselben von Bord des Wallfischfängers gleich richtig und ohne weitere
+Mühe überliefert bekamen.
+
+Die Unterhandlung fiel für den Matrosen ungünstig aus, und der Alte
+suchte ihn nun, gewissermaßen als Entschuldigung seiner abschlägigen
+Antwort, und als einziges Motiv ihrer Weigerung, auseinanderzusetzen,
+wie sich auf dieser Insel Niemand ohne Beistimmung ihres ~Fua~ oder
+Königs von fremden Völkern aufhalten dürfe und daß sie also, wenn _sie_
+auch selber wünschten ihn bei sich zu behalten, ihn darin doch nicht
+unterstützen dürften. »Ja,« setzte dann der Alte mit vieler
+Aufrichtigkeit und auch gewiß Wahrheit hinzu – »wollten wir jetzt
+selbst Dein Geld nehmen, und Dich zufrieden lassen, wir könnten Dich
+doch nicht schützen, und der König würde bald Andere schicken, die Dich
+trotzdem abholten.«
+
+René sah dies recht gut ein, und beschloß also deshalb mit Sr. Majestät
+selber zu unterhandeln – wie aber das möglich zu machen? stieg er
+hinunter, so gab er sich vollkommen in die Gewalt seiner Feinde, und
+überfielen und banden ihn diese nachher, so konnten sie ihm mit leichter
+Mühe abnehmen was er bei sich hatte, ohne daß er je im Stande gewesen
+wäre auch nur eine Centime seines Geldes wieder zu bekommen – und Sr.
+Majestät zuzumuthen hier oben heraufzuklettern, mit einem entlaufenen
+Matrosen wegen einiger Thaler zu unterhandeln war doch auch ein wenig
+viel verlangt. Nichtsdestoweniger beschloß er den Versuch zu machen,
+denn hinunter wollte er auf keinen Fall eher steigen, bis nicht der
+Delaware die Insel verlassen hätte. Er bat also den Alten, der
+überhaupt der Leiter der Schaar zu sein schien, ihn erst noch einmal
+kurze Zeit hier oben zu lassen, und indessen selber hinunter zu Sr.
+Majestät zu gehen, oder wenigstens einen von seinen Leuten hinunter zu
+schicken, der dem König Kunde von seinem Vorschlag brächte, ihn um die
+Erlaubniß längeren Aufenthaltes auf dieser Insel und Schutz zu bitten,
+bis sich das fremde Schiff entfernt hätte, wofür er denn seinerseits
+Willens sei, Sr. Majestät, falls diese ihm seine Sicherheit garantire,
+zwanzig Fünf-Frankenthaler – ein Capital für diese Menschen –
+auszuzahlen.
+
+»Ja – sehr gut das,« sagte der Alte nach einer kurzen Pause ernster
+Ueberlegung – »sehr gut das, weißer Mann nicht Capitain kann mit ~fu-a~
+sprechen, aber muß hinunter gehn – König nicht heraufkommen hier oben
+auf Berg – König sehr faul, nicht viel Berge steigen.«
+
+»Ja, ich kann ihm da aber doch nicht helfen,« lachte René – »wenn er
+die zwanzig großen Stücke Silber verdienen will, muß er auch etwas mehr
+dafür thun, als blos mit dem Scepter winken. Also marsch Ihr guten
+Freunde, bringt Sr. Majestät meinen freundlichen Gruß und Handschlag,
+und meldet ihm, was ich ihm hiemit entbieten lasse. Er soll einen
+vortrefflichen Vasallen an mir haben, und kann auch, wenn er es nur
+irgend anzustellen weiß, noch weit mehr Nutzen aus mir ziehen; ich bin
+gelehrig, und wer weiß ob ich mich nicht selbst ganz vortrefflich zu
+Schwiegersohn und Nachfolger eignen würde.«
+
+Der Alte verstand sicher nicht die Hälfte von alle dem, was ihm der
+Fremde da in seinem leichten fröhlichen Muth vorplauderte, soviel aber
+begriff er, daß er dem König eine gewisse Summe, und zwar eine ziemlich
+bedeutende bot, ihn frei zu lassen und nicht die mindeste Absicht habe
+vorher herunter zu kommen. Ging nun der König diese Bedingung ein, so
+verlor er selber jedenfalls seinen Antheil an dem ausgesetzten Lohne,
+ging er sie aber _nicht_ ein, so war der ganze Weg doch umsonst gewesen,
+und es erschien ihm also weit besser gleich das Letztere von vornherein
+anzunehmen, und den jungen Burschen, der da oben doch so freundlich
+lachte, und sich gewiß nicht gegen sie wehren würde, nur vor allen
+Dingen erst einmal herunterzuholen und mitzunehmen: das Andere konnten
+sie ja nachher unten ausmachen. Ein paar mit seinen Begleitern rasch
+gewechselte Worte setzte diese von dem gefaßten Entschluß in Kenntniß,
+und sich dann wieder zu dem Matrosen wendend, der ihn aufmerksam
+betrachtete seine Entscheidung zu hören, sagte er mit bedächtiger
+Stimme, indem er sich das Lendentuch etwas fester anzog und einsteckte,
+ungefähr in derselben Weise wie Matrosen gewöhnlich, mehr in eine Art
+Angewohnheit, ihre um die Hüften dicht anschließenden Segeltuchhosen in
+die Höhe ziehen.
+
+»Ja weißer Mann, Alles recht gut, weißer Mann Capitain hat aber gesagt
+müssen unten sein, bis Boot mit Kattun und Tabak und Messer und Beil und
+Hacke und andere Sachen wieder zurückkommt; so steig nur herunter
+solange, wollen unten erst zu König gehn, und nachher zu weiße Mann
+Capitain.«
+
+»Ich habe Dir aber schon gesagt, Du etwas harthöriger Bursche Du,« sagte
+René, fast ungeduldig werdend, »daß ich nicht eher hinunter kommen will,
+bis ich Sr. Majestät den König dieser vielleicht vereinigten Inseln
+gesprochen habe – also mache daß Du zu ihm kömmst, je eher er hier ist,
+desto schneller können wir unsern Handel ins Reine bringen.«
+
+Der Alte aber, ob er dies Letzte nicht recht verstanden, oder für eine
+Einladung genommen, oder ob er auch vielleicht glaubte es sei jetzt über
+die Sache genug gesprochen worden, und müsse nun einmal gehandelt
+werden, kurz er rief seinen Begleitern zwei oder drei Worte mit einem
+entschiedenen Ton zu, und stieg dann mit weit mehr Entschlossenheit, als
+er bis jetzt überhaupt gezeigt hatte, die bröcklichen Felsen hinan dem
+Orte zu, wo der Fremde ihn ruhig erwartend stand.
+
+René hätte ihm mit leichter Mühe einen der schweren nur kaum in der
+Balance liegenden Steine auf den Kopf rollen können, aber er wollte
+selber in seinem eigenen Interesse Feindseligkeiten solange als möglich
+hinausschieben, und solche nur ein letztes, wirklich verzweifeltes
+Mittel sein lassen. Er behinderte deshalb auch den Alten nicht im
+Mindesten bei seinem Marsch, und dieser fand sich gleich darauf,
+vielleicht selbst gegen seine eigene Erwartung, oben auf der kleinen
+Plattform, neben seinem vermutheten Opfer, während seine vier Begleiter
+eben bemüht waren ihm langsam zu folgen.
+
+»So,« sagte der Indianer mit freundlichem Kopfnicken, als er endlich
+neben René stand und eben die Hand ausstreckte ihn auf die Schulter zu
+klopfen, »so Freund weißer Mann, nun wollen wir –« aber er sprach
+nichts weiter – nur ein Blick war auf das Terzerol gefallen, das der
+Weiße ruhig in der Hand hielt, und mit einem Satz der selbst diesen um
+seine Sicherheit besorgt machte, sprang er von der kleinen Steinveste ab
+nach der Wurzel eines tiefer liegenden Baumes, und von dieser wieder auf
+die Erde hinunter, wo er nicht eher stehen blieb, bis er den schützenden
+Stamm einer Casuarine erreicht hatte, hinter dem vor er jetzt mit den
+Händen auf das lebhafteste an zu gesticuliren fing, und dabei schrie und
+tobte, als ob ihm da oben das schmählichste Unrecht geschehen wäre.
+
+Die Anderen warteten natürlich, als sie des Führers Flucht sahen, in
+ihrer, wie sie glaubten ebenfalls höchst gefährdeten Stellung, gar nicht
+ab die Ursache so schnellen Rückzugs zu erfragen, sondern folgten nur
+eben, so rasch sie konnten, dem gegebenen Beispiel des Alten.
+
+Sonderbarer Weise richtete sich aber dieses Zorn keineswegs auf den
+jungen Mann, sondern nur auf den »weißen Mann Capitain«, der ihn hier
+unter falscher Vorspiegelung, mit Aussetzung eines weit geringeren
+Lohnes, auf eine Expedition ausgeschickt hatte, wo er gegen jede
+Verabredung Waffen, und sogar ihm recht gut bekannte Schießwaffen fand.
+
+»Das sind _zwei_ Handbeile,« rief er heftig, »und _zehn_ Ellen Kattun –
+zwei fünf,« indem er die eine Hand mit gespreitzten Fingern zweimal von
+sich drückte, – »und _vier_ Messer und _zwei_ zehn Stangen Tabak« – er
+wiederholte, wie mit sich selber redend, die Bewegung der Hand – »und
+_zwei_ Hacken, und _zwei_ handvoll Nägel und eine handvoll Knöpfe –
+weißer Mann Capitain sagt was nicht wahr ist – keine Waffen – puh –
+was ist das? – kleine blanke Ding da – puff! macht Loch in armen
+Kanaka.«
+
+»Habe keine Angst wackerer Krieger,« rief ihm René jetzt lachend
+hinunter, der im Anfang wirklich zu befürchten schien, der Alte müsse
+bei dem tollen Sprung wenigstens ein paar Beine gebrochen haben – sich
+übrigens nicht wenig über den Eindruck freute, den seine kleinen
+Terzerole gemacht hatten – »ich will Euch nicht das mindeste zu Leide
+thun – ja im Gegentheil, Euer König soll sogar eine von diesen
+Handkanonen bekommen, falls er auf meine Bedingungen eingeht, und wir
+werden gewiß nachher in Fried’ und Freundschaft zusammen leben, ja uns
+möglicher Weise noch einige benachbarte Inselgruppen zusammen
+unterwerfen; aber nun mache auch daß Du Sr. Majestät von meinen
+Vorschlägen in Kenntniß setzst, würdiger Greis, denn ich sehe schon daß
+vom Schiff aus wieder ein Boot abgeht, und möchte vorher noch Deine
+trostbringenden Nachrichten haben.«
+
+Der Alte sah jetzt allerdings selber ein daß hier, mit seinen wenigen
+Mann und mit Gewalt, Nichts auszurichten war; dann genügte ihm auch der
+auf das Einfangen des Entlaufenen gesetzte Preis nicht mehr; dieser
+hatte Schießwaffen und er glaubte von dem »weißen Mann Capitain«, wie er
+den Harpunierer nannte, vorher erst noch leicht die doppelte Ration
+herausdingen zu können, noch dazu da er das erst Geforderte so leicht
+und schnell bewilligt hatte. Da der Weiße übrigens, wie es schien,
+nicht die geringsten feindlichen Absichten zeigte, und wieder ganz in
+seine frühere friedliche Stellung zurückgefallen war, kam er auch hinter
+seinem, in der ersten Geschwindigkeit angenommenen Baume vor, und sich
+erst kurze Zeit mit seinen Leuten besprechend, wandte er sich dann
+plötzlich wieder zu dem Flüchtling und sagte:
+
+»Gut, gut – Raiteo will gehn, will mit ~fu-a~ sprechen – weißer Mann
+nicht Capitain bleibt hier so lange – Raiteo kommt wieder – Sonne
+dort« – und er zeigte dabei mit der Hand die Himmelsgegend an, an
+welcher sich die Sonne befinden würde, wenn er wieder zurückkäme. Damit
+zog er sich, und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, in die Büsche
+zurück, und wie es schien folgten ihm alle seine Leute; außer Sicht ließ
+er aber seine sämmtliche Mannschaft auf Wacht und vertheilte sie so, daß
+sie die Bergkuppe nach allen vier Seiten umgaben, nicht etwa eine Flucht
+des Weißen von dort zu verhindern, denn das wußte er recht gut, konnten
+sie nicht, sondern nur genau zu sehen wo er bliebe, falls er den Ort aus
+freien Stücken verlassen sollte, damit ihnen die neue Arbeit eines
+Nachspürens erspart würde.
+
+Raiteo, wie er sich selbst genannt, dachte übrigens gar nicht daran Sr.
+Majestät dem König den ganzen Nutzen dieses Fanges allein zu lassen,
+und beschloß vor allen Dingen einmal zu sehen, wie viel mehr Belohnung
+er, dieser neuen Entdeckung nach, aus dem fremden Schiff herauslocken
+könne. Demzufolge, und da er jetzt selbst durch eine lichte Stelle in
+den Guiavenbüschen das auf’s Neue heranrudernde Boot erkennen konnte,
+eilte er so rasch er vermochte dem Strand wieder zu, und traf dort mit
+dem eben auf dem weißen Corallensand auflaufenden Boot fast in ein und
+derselben Minute ein.
+
+Der Harpunier fluchte übrigens nicht wenig, als er hörte daß die
+Eingeborenen den Entlaufenen allerdings gefunden, aber noch nicht zum
+Strand gebracht hätten, und nun erst noch eine neue erhöhte Forderung
+stellten; er hätte ihnen jetzt gern das sechsfache gegeben, wäre der
+entlaufene Matrose damit in seinen Händen gewesen, denn der Capitain des
+Delaware wüthete ordentlich als er die Flucht des Manns und seinen
+dadurch erzwungenen Aufenthalt vernahm, und gab ihm jede Vollmacht den
+Burschen, den er exemplarisch zu bestrafen gedachte, wieder in seine
+Gewalt zu bekommen.
+
+Raiteo sollte aber die Sache nicht mehr allein auszufechten haben,
+sondern Sr. Majestät, die von dem reichen, für den Flüchtling
+versprochenen Lohn gehört hatte, mischte sich jetzt selber in das
+Geschäft, und schien Raiteo mehr als Führer wie Leitenden betrachten zu
+wollen.
+
+Der Harpunier hatte nun zwar selber schon Raiteo eine Belohnung geboten,
+wenn er ihn nur zu dem Platz hinbringen wolle wo der Flüchtling sei;
+Jener schien das aber einestheils nicht gern thun zu mögen, und anderer
+Seits zeigte dies wieder eine neue Schwierigkeit. Der Harpunier hätte
+seine Leute entweder zurücklassen oder mitnehmen müssen, und in beiden
+Fällen konnte es am Ende gar noch einem Andern einfallen, sein Glück
+ebenfalls in den Wäldern zu versuchen. Nach kurzem Ueberlegen suchte er
+deshalb die Indianer zu bewegen so rasch als möglich zurückzugehn und
+den Weißen zu holen, und die Versprechungen die er ihnen dafür machte,
+ja mehr noch die mitgebrachten Sachen die er ihnen zeigte, und von denen
+er einiges dem König schon gab, seine Habgier zu reizen, schienen ihm
+allerdings das günstigste Resultat zu versprechen.
+
+Die Leute waren diesmal in sehr bedeutender Anzahl, sogar mit einer
+Menge neugieriger Frauen, aufgebrochen den Gefangenen, der solcher Masse
+nicht hätte widerstehen können, zum Strand zu holen, und jetzt etwa
+lange genug abwesend daß der Harpunier schon dann und wann nach seiner
+Uhr sah, und die Zeit zu berechnen anfing, in der sie würden wieder
+zurück sein können, als Mr. Rowsey plötzlich, sehr zu seinem Erstaunen,
+ein Zeichen von seinem Schiff erhielt, so rasch er könne an Bord
+zurückzukommen.
+
+»Was zum Teufel kann nur los sein?« brummte er, als ihn Einer der Leute
+auf die eben aufsteigende Flagge aufmerksam machte – »Fische bei Gott!«
+rief er aber, als diese, zum verabredeten Signal, dreimal auf und
+niedergezogen wurde – »die hätten auch noch ein paar Stunden warten
+können. An Bord ~boys~, an Bord – rasch an Eure Riemen« – rief er dann
+seinen Leuten zu, die schnell dem Befehl gehorchten. Er selber blieb
+noch ein paar Momente wie unschlüssig am Ufer stehen, während sich die
+zurückgebliebenen Eingeborenen neugierig um ihn sammelten, theils zu
+erfahren was die Flagge am Schiff bedeuten solle – denn soviel hatten
+sie schon mit Schiffen verkehrt, zu wissen daß dies etwas Besonderes
+melden wolle – theils was die Weißen jetzt zu thun beabsichtigten.
+
+Der Harpunier wußte das in der That im Anfang selber nicht – mußten sie
+jetzt hinter Fischen her, wie es allen Anschein hatte, so konnten ein
+paar Tage vergehen, ehe sie hierher wieder zurück kamen, und sollte er
+indessen die für das Einfangen des Mannes bestimmten Güter in den Händen
+des Königs lassen? That er es nicht, so war es die Frage ob sich die
+Eingebornen, sobald sie das Schiff absegeln sahen, weiter um den Weißen
+bekümmern würden, und ließ er die Sachen da, so hieß das ein wenig viel
+der Ehrlichkeit dieser Leute vertraut, von der er, nach ziemlich langer
+Erfahrung, in solcher Hinsicht gerade keinen besonderen Begriff zu haben
+schien. Er entschloß sich aber doch zuletzt dazu, denn eines Theils lag
+in den mitgebrachten Sachen kein wirklicher Werth, und andern Theils
+durfte er dann auch darauf rechnen daß die Leute – wenn sie eben nicht
+mit dem Ganzen durchbrannten – ihr Bestes thun würden sein Vertrauen zu
+rechtfertigen. Sich also zu dem König wendend sagte er ihm mit kurzen
+Worten, er müsse jetzt an sein Schiff gehn, er wolle aber den Lohn für
+das Einfangen des Entlaufenen bei ihm niederlegen, und er verlange dafür
+von ihm, daß sie den Mann, wenn sie ihn einbrächten – sollte das Schiff
+noch dort liegen, wo sie es jetzt sähen – augenblicklich in ein Canoe
+nähmen und an Bord brächten, sollte es aber unter Segel sein, so lange
+gut verwahrten, bis er selber zurückkäme.
+
+Se. Majestät versprach ihm dafür die Sachen in sein eigenes Haus zu
+legen, und versicherte den Harpunier es würde Nichts davon kommen, denn
+sie seien alle _Christen_ und zwei »Mitonares« hier auf der Insel.
+
+Der alte Harpunier schien ihm etwas darauf erwiedern zu wollen, und sah
+ihn einen Augenblick wie zweifelnd an, endlich aber brummte er nur leise
+ein paar Worte in den Bart, sprang in sein Boot und schoß gleich darauf,
+so rasch ihn die mit äußerster Kraft der Leute geführten Riemen[B]
+bringen konnten, dem, etwa zwei englische Meilen entfernten Schiffe zu,
+von dessen Gaffel die Flagge noch immer wehte, und dann und wann gezogen
+wurde – ein Zeichen größter Eile.
+
+
+Fußnoten:
+
+[B] Riemen, das nautische Wort für die langen Ruder der See- und
+Wallfischboote.
+
+
+
+
+Capitel 3.
+
+#Das Mädchen von Atiu.#
+
+
+René saß indessen, nachdem ihn die Eingeborenen verlassen, eine ganze
+Weile sinnend auf den Steinen seines kleinen Fort’s, und überlegte was
+er am Besten thäte – hier auf dieser Stelle bleiben und die Rückkunft
+der Männer zu erwarten, oder sich vielleicht, mit mehr Vorsicht ein
+neues Versteck zu suchen, wo er wenigstens bis Dunkelwerden unentdeckt
+bleiben konnte und dann die ganze Nacht vor sich hatte eine Stelle zu
+finden seinen Verfolgern zu entgehn oder sie hinzuzögern; er wußte recht
+gut daß der Capitain des Delaware bald ungeduldig werden würde, wenn er
+ihn nicht rasch wieder zurückbekäme. Es war überdies auch möglich daß er
+selber in der Nacht ein Canoe fand mit dem er getrost in See gehen
+konnte; im Nord-Westen lagen noch mehre Inseln, und selbst die Gefahr
+der er sich dabei aussetzte, schien ihm nicht halb so groß als die, in
+der er sich jetzt wirklich befand wieder gefangen genommen und an Bord
+des Delaware zurückgeschafft zu werden. Er entschloß sich also endlich
+von dieser Kuppe wieder einer andern Hügelspitze zuzugehn, die er von
+hier aus gut erkennen konnte; jedenfalls nahm es dann seinen Feinden
+einige Zeit bis sie ihn wieder fanden, und die Nacht verbarg dann seine
+Spuren den Verfolgern.
+
+Diesen Versuch mußte er aber bald aufgeben, denn kaum hatte er etwa
+hundert Schritt den Berg hinunter gethan, so entdeckte sein scharf
+umherspähendes Auge die Gestalt des dort stationirten Insulaners, der
+sich allerdings, als er ihn kommen hörte, in das dichte üppige Kraut,
+was überall den Boden bedeckte, niederdrückte. Er war also umstellt, und
+es half ihm Nichts seinen Schlupfwinkel zu verändern, denn diese Wachen
+würden ihm natürlich auf den Fersen gefolgt sein; ja die Möglichkeit lag
+vor, daß sich seine Feinde, vielleicht zahlreicher als er selber eine
+Ahnung hatte, hier in den Hinterhalt gelegt, nur eben auf sein
+Niedersteigen wartend, um ihn dann, in dem dichten Gestrüpp soviel
+leichter überfallen und binden zu können, und scheu, hinter jedem Stamm
+einen versteckten, zum Ansprung bereiten Feind vermuthend, das gespannte
+Terzerol in der Hand, zog er sich rasch aber unbelästigt, wieder zu dem
+kaum verlassenen Versteck zurück.
+
+»Gut,« murmelte er dabei zwischen den fest zusammengebissenen Zähnen
+durch, als er zu seiner kleinen Veste zum zweiten Mal aufstieg – »laß
+sie dann die Folgen nehmen, wenn sie mich mit Gewalt zum Aeußersten
+treiben wollen; aber lebendig bringen sie mich beim ewigen Gott nicht
+von diesen Steinen hinunter.«
+
+Er untersuchte jetzt auf das sorgfältigste seine kleinen Terzerole,
+schraubte die Pistons los und that frisches Pulver wie nachher frische
+Kupferhütchen auf, und als er sich wenigstens dieser Hülfe versichert
+und sein Messer gefühlt hatte, ob es ihm locker und zum Griff bequem an
+der Seite hing, wußte er daß er für den Augenblick nichts weiter thun
+konnte und warf sich, der Dinge die er doch nicht zu ändern vermochte
+wartend, auf die Steine nieder, seine Kräfte wenigstens nicht durch
+unnöthige Anstrengungen vor der Zeit zu erschöpfen.
+
+Er mochte etwa eine halbe Stunde so gelegen haben, als der Lärm der
+jetzt zu ihm heraufsteigenden Schaar an sein Ohr drang – er horchte
+einen Augenblick auf und als er die lauten Stimmen einer großen Zahl
+Menschen deutlich unterschied, blieb er ruhig in seiner Stellung. Er
+wußte daß sie, mit solchem Geräusch ankommend, ihn nicht überraschen
+wollten, und daß sich jetzt der entscheidende Augenblick nahe. Er hatte
+das Boot wieder zurückkommen sehen und erwartete kaum anders, als daß
+sich der Harpunier selber mit seinen Leuten der Schaar angeschlossen
+habe.
+
+Diese kam jetzt so rasch und mit solchem Geplapper und Lachen und
+Schreien näher, daß er sich endlich aufrichten mußte; ein Blick
+überzeugte ihn aber er habe es nur mit Insulanern und keinem seiner
+früheren Kameraden zu thun, und mit der Ueberzeugung zog ihm auch wieder
+neue Hoffnung durch die Seele. Er lehnte sich jetzt in seine frühere
+Stellung auf den Stein, und als er sich Männer und Frauen in bunter
+Masse um sich sammeln sah, konnte er selbst ein Lächeln nicht
+zurückhalten.
+
+»Was für eine herrliche Situation wäre dies jetzt für einen der frommen
+Missionaire,« murmelte er leise vor sich hin, »für die »Prediger in der
+Wüste« wie sie sich selber nennen – Kanzel und Auditorium fix und
+fertig, und welch zahlreiche, bunte Versammlung – wahrhaftig auch
+Frauen – die lieben Dinger müssen doch überall dabei sein, selbst wenn
+es gilt einen armen Teufel von Matrosen wieder an seine Henker
+auszuliefern. Aber, ~prenez-garde mes dames~, noch _habt_ Ihr ihn nicht,
+und billig sind die zehn Ellen rother Kattun etc. wahrhaftig nicht
+verdient, _wenn_ Ihr ihn bekommt.«
+
+Die Schaar sammelte sich indessen um den Felsen herum und obgleich
+dießmal eine höhere Person als Raiteo, nämlich der Sohn des Königs
+selber, mitgekommen war, behielt doch jener bei den nachfolgenden
+Unterhandlungen als Dollmetscher das Wort, und forderte jetzt,
+augenscheinlich verdrießlich durch die Hartnäckigkeit des Burschen um
+den, ihm von Gott und Rechts wegen zustehenden Lohn gebracht zu sein,
+ihn einfach auf herunter zu kommen und mit ihnen zu gehn, weil sie sonst
+Gewalt brauchen müßten, und ihm nicht gern ein Leides thun wollten. Ihr
+König erlaube ihm nicht länger hier auf der Insel zu bleiben, also helfe
+ihm weiter kein Widerstand.
+
+René hatte sich hoch aufgerichtet, die jetzt frisch von der See
+herüberwehende Brise schlug ihm das dunkle lange Haar wild um die
+Schläfe, und sein Gesicht war von der inneren Aufregung vollkommen
+bleich geworden, aber seine Augen funkelten und ein trotziges Lächeln
+kräuste ihm selbst die Lippe, als er mit lauter herausfordernder Stimme
+hinunter rief:
+
+»So kommt denn, wenn Ihr den Muth habt mich zu holen – kommt und seht
+wessen Blut diese Steine zuerst färben soll – kommt und überliefert
+einen Mann, der Euch nie ein Leides gethan, seinen Feinden, Ihr seid ja
+am Ende gar Christen und wollt nach Gottes Geboten handeln – kommt,
+aber ehe ich jenes Schiff wieder lebendig betrete –« er schwieg
+plötzlich denn sein Auge hatte in diesem Moment fast unwillkürlich das
+ferne Fahrzeug gesucht, und er sah jetzt zum ersten Mal das von der
+Gaffel flatternde Zeichen, wie das zu dem Schiff zurückkehrende Boot, ja
+ein zweiter Blick überzeugte ihn sogar daß nach Westen hin die drei
+anderen Boote ebenfalls voll unter Segel waren, und die Wahrheit des
+Ganzen durchzuckte ihn im Nu.
+
+Als die unten Stehenden sahen daß er plötzlich seine Blicke so
+aufmerksam nach der Richtung hin sandte, wo das Schiff lag, suchten sie
+ebenfalls dorthin Aussicht zu gewinnen, und zwei junge Leute die rasch
+eine der Casuarinen erstiegen hatten, riefen bald etwas in ihrer Sprache
+hinunter. Von den Männern vertheilten sich jetzt mehre nach lichteren
+Punkten hin, wo sie die See nach dieser Richtung hin besser überschauen
+konnten, und es zeigte sich gar bald daß etwas Besonderes dort an Bord
+vorgehen müsse, was für den Augenblick, da es ja auch mit ihren
+Verhandlungen hier in naher Beziehung stehen mußte, ihre Aufmerksamkeit
+vollkommen von dem jungen Matrosen ablenkte.
+
+René selber dachte kaum mehr an die Eingeborenen – er sah wie das Boot,
+das ihn hatte abholen sollen, an Bord des Delaware zurückkehrte, der
+augenblicklich seine Raaen umbraßte und mit geblähten Segeln den
+vorangeeilten Booten nach Westen folgte. Jedenfalls hatten sie dort eine
+große Zahl Fische bemerkt, die ihm sicherlich sehr zu gelegener Zeit
+aufgekommen waren, und hielt die Jagd nur bis Abend an, daß das Schiff
+dadurch eine tüchtige Strecke nach Westen versetzt wurde, so war die
+Frage ob der Capitain seinetwegen hier wieder gegen den Passat ankreuzen
+würde; jedenfalls behielt er einen, vielleicht mehre Tage Zeit auf
+Flucht von der Insel zu denken und die Gefahr war wenigstens für den
+Augenblick von ihm genommen. Daß er die Insulaner _jetzt_ leicht von
+sich abhalten konnte, daran zweifelte er keinen Augenblick.
+
+Der Erfolg zeigte denn auch daß er darin vollkommen recht gehabt. Die
+Insulaner, als sie das Schiff unter vollen Segeln die Insel verlassen
+sahen, wußten nicht recht woran sie waren, und mußten erst wieder einen
+Boten nach unten schicken, neue Verhaltungsbefehle einzuholen.
+Allerdings begegnete diesem schon ein Anderer, der ihnen die Ordre
+brachte den jungen Fremden nur einstweilen einzufangen und mit
+herunterzunehmen. Das war aber weit eher gesagt als gethan, und kam das
+Fahrzeug am Ende nachher gar nicht zurück, so mußten sie ihn doch wieder
+los lassen; da war es also weit vernünftiger ihn jetzt gar nicht zu
+stören, bis das Schiff wirklich wieder da sei, nachher sei es noch Zeit
+genug.
+
+Als die Frauen und Mädchen, die dem Zug aus Neugierde gefolgt waren und
+sich im Anfang, da man noch nicht wußte ob es zu Feindseligkeiten kommen
+würde, scheu zurück gehalten hatten, nun, wie die Sachen jetzt standen,
+und daß nicht die mindeste Gefahr zu fürchten sei, sahen, so kamen sie
+weiter vor, und suchten Plätze zu bekommen, von denen sie den jungen
+Fremden genau beobachten konnten. Nur ein junges Mädchen allein war
+schon früher so weit vorgedrungen, daß sie sich dem Umstellten, auf
+einer anderen kleinen Erderhöhung fast gegenüber befand, und hatte die
+ganze Zeit keinen Blick von ihm verwandt.
+
+Es war ein junges bildschönes Kind von vielleicht funfzehn oder sechzehn
+Jahren, schlank gewachsen wie die Palme ihrer Wälder, aber mit vollem
+runden Gliederbau; die rabenschwarzen mit wohlriechendem Cocosöl
+getränkten Locken wild um die braune Stirn flatternd, und die schönen
+großen dunklen Augen halb ängstlich halb mitleidig auf den jungen Mann
+geheftet, dessen Leben wenn er sich zum äußersten widersetzte, wie sie
+recht gut wußte, in großer Gefahr schwebte. Sie war nach Art der übrigen
+Mädchen gekleidet; ein Lendentuch von farbigem Kattun, das ihr bis auf
+die feingeformten Knie niederging, schloß sich ihr dicht um die Hüften
+und ein anderes Tuch war nur lose über die linke Schulter gehangen, und
+auf der rechten mit einem Knoten locker zusammengehalten, daß es den
+rechten Arm vollkommen nackt und ihm freie Bewegung ließ. In den vollen
+Locken trug sie einen dünnen Kranz weißer und rother Blüthen, mit den
+Fasern des Cocosblattes fest zusammengebunden, in den Ohren aber zwei
+der großen weißen duftenden Sternblumen, und wie sie dort stand auf dem
+bröcklichen Gestein, um das sich dicht hinter ihr die vollen dunklen
+Büsche schmiegten, den linken Arm um die dünne Casuarine geschlungen,
+die sie da oben auf ihrer etwas gefährlichen Stelle stützte, glich sie
+eher einer lauschend aus dem Dickicht gebrochenen Waldnymphe, als einem
+einfachen schlichten Kind dieser Inseln.
+
+René war im Anfang natürlich zu sehr mit der Gefahr seiner eigenen Lage
+beschäftigt gewesen, einzelne Gestalten der ihn umgebenden Insulaner
+beachten zu können, und vorzüglich hatte er die Männer und ihre
+Bewegungen im Auge behalten, da er ja auch gar nicht wissen konnte, ob
+sie nicht einen plötzlichen Angriff auf ihn beabsichtigten; jetzt aber,
+als sein leichter Sinn ihn rasch über die geringere Gefahr, die ihm von
+den Insulanern selber drohte, hinwegsetzte, fühlte er mehr das
+eigenthümliche, ja interessante seiner Lage, und während das Blut in
+seine Wangen zurückkehrte und ein leichtes Lächeln über seine schönen
+Züge flog, schaute er sich um nach den einzelnen Gruppen, und sein Blick
+begegnete zum ersten Mal dem dunklen, brennenden Auge des Mädchens.
+
+Das holde Kind schlug aber, als sie sah daß er sie bemerkt hatte,
+verschämt den Blick zu Boden, und so zart war die lichtbraune Haut, daß
+René deutlich darauf das dunkle Erröthen, das ihre Schläfe und Wangen
+färbte, erkennen konnte; gerade jetzt wurde aber seine Aufmerksamkeit
+wieder auf die Schaar der Männer gelenkt, die sich ihm näherten und ihn
+noch einmal frugen, ob er gutwillig zu ihnen hinuntersteigen wolle oder
+nicht.
+
+»Gewiß!« rief René jetzt freudig, und war es früher schon seine Absicht
+gewesen, so hatte sie jetzt die Gestalt des holden ihm gegenüber
+stehenden Kindes nur noch bestärkt – »gewiß will ich hinunter kommen
+und bei Euch bleiben, aber Ihr müßt mir versprechen daß Ihr mich nicht
+festhalten oder binden wollt – freiwillig komme ich in Euere Mitte,
+und freiwillig werde ich darin bleiben, denn das Schiff, was mich zurück
+forderte, hat die Insel verlassen nicht wieder zurückzukehren. Wollt Ihr
+mir also fest und aufrichtig Sicherheit für meine Person versprechen, so
+steige ich augenblicklich zu Euch nieder, und ich hoffe wir sollen recht
+gute Freunde zusammen werden. Seid Ihr das zufrieden?«
+
+Die Insulaner, denen Raiteo die Worte des jungen Mannes verdollmetscht
+hatte, besprachen sich kurze Zeit in lauter, lärmender Stimme
+miteinander, und dieser wandte sich dann wieder zu ihm und sagte,
+freundlich dabei mit der Hand winkend:
+
+»Gut, weißer Mann, – ~a haere mai~ – sei willkommen und bleib bei uns
+bis dein Schiff wieder zurück kommt, oder so lange Du willst!«
+
+»~Eh bien~!« rief der junge Franzose lachend – »das ist ein Vorschlag
+zur Güte und die Sache löst sich freundlicher als ich erwarten durfte.«
+Und damit schob er seine Terzerole in die Tasche, drückte sich die Mütze
+wieder in die Stirn, und wollte sich eben über die Steine, die seine
+Festungswerke bildeten, hinüberschwingen, als ihn ein Ruf in gutem
+Englisch plötzlich nicht allein daran verhinderte, sondern auch erstaunt
+und überrascht aufschauen machte.
+
+Es war das junge holde Mädchen, das, den rechten Arm gegen ihn
+ausgestreckt, laut und fast ängstlich im reinsten Englisch rief:
+
+»Halt, Fremder – halt – sie sind falsch – sie wollen Dich binden und
+halten, und dem Schiff, das ihnen das Lösegeld zurückgelassen hat,
+wieder ausliefern – traue ihnen nicht, und bleibe wo Du bist, bis Dich
+der König selber seines Schutzes versichert hat.« Dann aber sich gegen
+die unten Stehenden wendend, unter denen Raiteo die hervorragendste und
+jedenfalls bestürzteste Persönlichkeit bildete, da er allein zu seinem
+Schrecken verstanden hatte, wie das junge Mädchen ihre eigenen
+Landsleute an den Fremden, seiner Meinung nach, verrieth, rief sie mit
+zürnender fast drohender Stimme in der schönen klangvollen melodischen
+Sprache ihres Stammes:
+
+»Schäme Dich, ~ahina~[C] – schämt Euch Ihr alle, den armen
+~hutupanutai~[D] verrätherisch unter Euch locken und überfallen zu
+wollen. – Wo sind seine Verwandte – wo seine Eltern – wo seine
+Geschwister? – weit weit von hier, und um schnöden Lohn drängt es Euch,
+ihn seinen Feinden zu überliefern, und _Ihr_ nennt Euch _Christen_? Ihr
+prahlt damit in den öffentlichen Versammlungen daß Ihr Euern Nächsten
+lieben wollt wie Euch selbst, und Anderen nicht das zufügen möchtet, was
+Euch nicht selbst geschehen solle; schämt Euch in Euere Seele hinein daß
+Euch ein armes junges Mädchen zurechtweisen und Euere Ehre retten muß
+vor dem Fremden!«
+
+Kaum aber hatte sie diese Worte gesprochen, und sah wie Aller Blicke auf
+sie gerichtet waren, als auch die natürliche mädchenhafte Scheu wieder
+jedes andere Gefühl verdrängte; das Blut schoß ihr in Strömen nach den
+Schläfen, und die Blicke niederschlagend, als ob sie selber jetzt gerade
+eine unrechte Handlung gethan, und nicht im Gegentheil Andere von einer
+solchen zurückgehalten hatte, glitt sie in die sie dicht umschließenden
+Büsche zurück, und war auch im nächsten Moment hinter dem Felsenhang
+verschwunden.
+
+René, der dieser so zeitgemäßen Warnung der Jungfrau nach, rasch seine
+alte Stellung wieder eingenommen hatte, und jetzt mit gezogenen Waffen
+und finsterem Blick die etwas verlegen unter ihm stehende Schaar
+betrachtete, konnte an deren ganzem Betragen leicht und deutlich sehen,
+wie viel Grund zu jener Anschuldigung, die er später mehr in den Blicken
+des Mädchens gelesen als aus ihren Worten verstanden hatte, vorhanden
+gewesen. Raiteo besonders, der bei den allsonntäglichen religiösen
+»~meetings~« eine Hauptrolle spielte, schien sich über den, ihn am
+tiefsten verletzenden Vorwurf, schlimm zu ärgern. Die Mädchen und Frauen
+flüsterten aber lebhaft untereinander, und aus den freundlichen ihm
+zugeworfenen Blicken durfte René wohl urtheilen daß er den _schönen_
+Theil seiner Feinde nicht mehr zu seinen Feinden zählen durfte, und daß
+dieser vollkommen mit dem Betragen Einer ihrer Schwestern einverstanden
+sei.
+
+Die Männer beriethen sich indessen eine ganze Zeitlang miteinander,
+sahen dann wieder nach dem Schiff aus, das mehr und mehr in der Ferne,
+und zwar nach Westen hin verschwand, und schienen total rathlos zu sein,
+was sie eigentlich thun sollten. Einen wirklichen Angriff zu machen,
+dazu fehlte ihnen in diesem Augenblick, wenn auch nicht der Muth, doch
+jedenfalls, durch das Absegeln des Schiffs, die dringende Ursache, und
+friedlich nach dem eben stattgehabten Vorfall wieder mit ihm
+anzuknüpfen, war auch eine schwierige Sache – wer konnte von ihm
+verlangen daß er nach dem letzten Beispiel ihnen jetzt noch einmal
+trauen sollte.
+
+So verging der Nachmittag, René beschloß übrigens jetzt weiter Nichts zu
+unternehmen; war das Schiff erst einmal gänzlich aus Sicht, so ließ
+sich eher hoffen die Leute zur Vernunft zu bringen, zeigten sie sich
+aber dann morgen noch eben so hartnäckig, dann wollte er versuchen ein
+Canoe zu bekommen, und von der Insel zu fliehen, denn er konnte sich
+nicht verhehlen daß der Delaware, da er, wie ihm das junge Mädchen
+gesagt, den für sein Einfangen bestimmten Lohn hier zurückgelassen, doch
+jedenfalls die Absicht haben mußte die Insel, wenn ihm das irgend
+möglich war, wieder anzulaufen. Das hing indessen noch Alles theils von
+dem Weg ab den die Fische nahmen, theils ob er an einem oder mehreren
+festkam, denn so lange er den Fisch langseits hatte, konnte er nicht
+segeln und trieb immer weiter nach Westen ab.
+
+Indessen stellte sich aber auch bei ihm wieder Hunger und Durst ein, und
+theils diesen zu befriedigen, theils den Insulanern unten zu zeigen daß
+er nicht die mindeste Furcht und noch ganz guten Appetit habe, setzte er
+sich oben auf seine Befestigungswerke und begann seine etwas
+hinausgeschobene Mahlzeit nach Kräften zu halten.
+
+Erst als es Abend wurde verließen ihn die Insulaner, und zwar ohne
+weiter mit ihm zu unterhandeln, bis auf den letzten Mann, und seine
+einzige Sorge war jetzt daß sie ihn in der Nacht, wenn er eingeschlafen
+wäre, überrumpeln möchten. Diesem zu begegnen, und da der Feind
+wahrscheinlich einen solchen Versuch erst spät machen und nicht glauben
+würde daß er sich gleich nach Dunkelwerden niederlegen werde, beschloß
+er, trotz der ihn umgebenden Gefahr, gerade jetzt ein paar Stunden zu
+schlafen um nachher desto munterer zu sein, denn ohne alle Rast wußte er
+recht gut daß er es nicht aushalten könne. Ueberdieß fürchtete er mehr
+als alles Andere, seinem Körper gleich im Anfang zu viel zuzumuthen, da
+er ja nicht wissen konnte welche Strapatzen und Gefahren er überhaupt
+noch zu bestehen hatte.
+
+Dieß Alles stimmte übrigens so vollkommen mit seiner eigenen Neigung
+überein, denn er war durch die gehabte Aufregung jetzt, da gewissermaßen
+ein Ruhestand eingetreten, förmlich erschöpft und so müde geworden, daß
+er es auch augenblicklich auszuführen beschloß, sein Bündel auf der
+einen Seite als Kopfkissen hinlegte – nur die Vorsicht gebrauchend an
+dem am leichtesten zu ersteigenden Platz einen Stein so locker zu
+placiren, daß er bei der leisesten Berührung niederfallen mußte – und
+sich dann mit sorgloser Ruhe auf den harten Boden und dem Schlaf in die
+Arme warf.
+
+Um den armen René möchte es aber schlecht gestanden haben, hätten die
+Insulaner wirklich beabsichtigt in der Nacht etwas gegen ihn zu
+unternehmen, denn lange nach Mitternacht berührte eine leichte Hand
+seine Schulter, ohne daß er erwacht wäre.
+
+»Fremder,« sagte da eine sanfte, weiche Stimme, und das junge schöne
+Mädchen, das neben ihm stand, legte ihre kalten Finger an seine, vom
+festen Schlaf erhitzte Stirn.
+
+»Ja,« sagte René, die Augen öffnend und umschauend – »ja – schon acht
+Glasen?«[E] – die kalte Nachtluft strich über ihn hin – um ihn
+rauschte das Laub des Waldes und die hellen funkelnden Sterne blickten
+klar auf ihn nieder. In dem Moment schoß ihm auch die ganze Gefahr
+seiner Lage durch die Seele, und rasch emporspringend, das Terzerol wie
+instinktartig im Griff, schien er den Angriff zu erwarten.
+
+»Ihr seid eine vortreffliche Schildwache,« lachte aber das junge
+Mädchen, das ruhig auf ihrem Platz stehen geblieben war – »wenn Ihr
+nicht besser über anderer Leute Gut wacht, als Euere eigene Sicherheit,
+möchte ich Euch wahrlich nicht einer Banane Werth vertrauen.«
+
+René faßte sich an die Stirn – er wußte im ersten Augenblick wahrhaftig
+nicht ob er wache oder träume, das ganze Fremdartige seiner Umgebung,
+das schöne lachende Mädchen dicht vor ihm, ein dunkles Bewußtsein
+drohender Gefahr die über ihm schwebe, und seine Sinne noch halb von dem
+kaum erst abgeschüttelten tiefen Schlaf befangen, verlangte Alles daß er
+sich erst sammle, und es verging wohl eine Minute, ehe er seine
+wirkliche Lage wieder vollständig begriff.
+
+Das junge Mädchen stand indeß, mit untergeschlagenen Armen, die zarten
+Lippen fest zusammengepreßt, und den Kopf schüttelnd vor ihm, und sagte
+endlich halb lachend halb erstaunt:
+
+»Bist Du nicht ein wunderlicher Mann, Fremder – schläfst hier mitten
+zwischen Deinen Feinden, als ob Du daheim im sichern Hause, von den
+Deinen bewacht lägest und nicht ein Preis auf dein Einbringen gesetzt
+sei, das habgierige Menschen zu deinem Verderben reizen muß.«
+
+»Und durft ich nicht schlafen, wenn ein solcher Schutzgeist über mich
+wachte, Du holdes Kind!« sagte René herzlich, die Hand nach der ihren
+ausstreckend – sie trat aber vor der Berührung einen Schritt zurück,
+und erwiederte, mit ernstem Blick nach oben deutend:
+
+»Allerdings hattest Du einen Schutzgeist der über Dich wachte, aber es
+ist das Auge Gottes, das jedes Haar Deines Hauptes gezählt hat, und ohne
+dessen Willen keins zur Erde fällt – ihm danke für Deine bisherige
+Sicherheit, nicht mir. Aber komm Fremder,« setzte sie dann freundlicher
+hinzu – »nimm Dein Bett und wandere und folge mir, ich will Dich vor
+Tag, und ehe böse Menschen im Thale neue Anschläge schmieden könnten, an
+die andere Seite der Insel bringen, dort steht das Haus eines frommen
+Mannes, das Dich schützen wird, bis Dein Schiff diese Gegend verlassen
+hat, und dann kannst Du später nach Tahiti, wo viele Deiner Landsleute
+leben, hinübergehn und dort in Sicherheit wohnen.«
+
+»Mein _Bett_ mitzunehmen, möchte hier schwer werden,« lachte aber René,
+dessen leichter Sinn ihn in der Nähe des schönen Mädchens das so
+freundlich um ihn besorgt war, schon über alles Andere weggesetzt hatte,
+»das wollen wir lieber liegen lassen; mit dem Kopfkissen möchte es eher
+gehn – und wie ists mit den Provisionen – soll ich die Cocosnuß und
+Bananen? –«
+
+»Wir finden genug auf unserem Weg« – unterbrach ihn aber das Mädchen –
+»iß und trink wenn Du _jetzt_ Hunger hast, und sorge nicht weiter.«
+
+»Dann mag es sich mein Dollmetscher morgen als schwachen Beweis meiner
+Erkenntlichkeit mit hinunter nehmen,« lachte René, »der alte Bursche
+wird schön schauen, wenn er das Nest leer und den Vogel ausgeflogen
+findet.«
+
+»O sprich nicht mit so leichtem Muth über eine Gefahr, der Du noch
+keineswegs entgangen bist,« bat aber das Mädchen, »ich selber kann
+nichts für Deine Sicherheit thun, als Dich zu einem Andern führen und
+diesen bitten Dir zu helfen – er ist selber ein Weißer und ein Diener
+des Herrn, und wird gewiß Alles für Dich thun was in seinen Kräften
+steht – er ist aber doch auch nur ein Mensch, und vermag Dir keinen
+anderen, als eben nur menschlichen Schutz zu gewähren.«
+
+»Ein Weißer? – und ein Diener des Herrn?« sagte aber René rasch und
+nachdenkend – »ein Missionair also?«
+
+»Gewiß, ein Missionair,« bestätigte die Jungfrau – »er hat mich von
+frühester Jugend auferzogen und seine Sprache und Religion gelehrt – er
+ist ein stiller, friedlicher und guter Mann.«
+
+René blieb nachdenkend eine kleine Weile stehn, und es ging ihm im Kopf
+herum was er Alles, vielleicht in seinem katholischen Vaterland noch
+übertrieben, über die protestantischen Missionaire dieser Inseln gehört
+und gelesen, bei denen er eigentlich schon aus zwei Gründen keine
+freundliche Aufnahme erwarten durfte, erstlich als entlaufener Matrose
+und dann als Katholik; er war aber nicht der Mann sich vor der Zeit
+vielleicht unnöthige Sorgen zu machen, that er’s doch nicht wenn er
+selbst Ursache dazu hatte.
+
+»~Eh bien~!« rief er fröhlich und entschlossen – »sei es wohin es
+wolle, wohin Du mich führst Du holdes Kind, geh ich gern, und wäre es in
+den Tod. Hier kann ich doch nicht bleiben,« setzte er lächelnd hinzu als
+er einen halb komischen halb verlegnen Blick umherwarf – »der
+Bequemlichkeiten sind nicht besonders viel, und vor Tag stöberte mich
+doch am Ende der alte Bursche von Dollmetscher wieder auf – also
+vorwärts, vorwärts Du liebes Mädchen – aber welchen Namen hast Du? wie
+kann ich Dich nennen?«
+
+»Meine Landsleute nannten mich Sadie,« sagte das schöne Mädchen leise –
+»Sadie nach einem jener freundlichen Sterne dort oben, aber mein
+Pflegevater verwarf den Namen als heidnisch, und ich heiße jetzt
+Prudentia – nur die Insulaner können das noch nicht gut aussprechen und
+nennen mich lieber mit dem alten Namen.«
+
+»Oh so laß mich Dich auch Sadie nennen, Du holdes Kind,« bat da René –
+»bist Du mir nicht auch ein freundlicher Stern geworden, der mich hier
+aus meiner Trübsal hinausführen soll? – und wie gern folg ich ihm –
+Prudentia, lieber Gott, der Name mag für des würdigen Mannes Mutter oder
+Gattin recht gut klingen, aber Deinen Namen hinein verwandeln, Sadie,
+heißt die Saiten einer Harfe zerreißen und Bindfaden darüberspannen –
+nein Sadie, leuchte mir voran, und jener Stern soll nicht genauer seine
+Bahn halten, als ich der Deinen folge.«
+
+Das junge Mädchen die wohl den alten liebgewonnenen Namen auch lieber
+hörte als das fremde, selbst für ihre Zunge schwere Wort, erwiederte
+nichts weiter, und wie eine Gemse von dem ziemlich steilen Hang
+hinunterkletternd, und den Arm vermeidend den René nach ihr ausstreckte
+sie dabei zu unterstützen, glitt sie auf den Boden nieder, daß René kaum
+ihren Schritten zu folgen vermochte.
+
+
+Fußnoten:
+
+[C] Verächtlicher Name für einen alten Mann.
+
+[D] ~hutupanutai~, die an den Strand gespühlte ~hutu~-Nuß – oder auch,
+in der bildreichen Sprache des Stammes, der an ihre Küsten geworfene
+Fremde ohne Verwandte und Freunde.
+
+[E] Glasen, ein Schiffsausdruck, vom Stundenglas entstanden, und jetzt
+die verschiedenen Schläge der Wachtuhr bedeutend, die alle vier Stunden
+mit eins beginnt und jede halbe Stunde einen Schlag hinzufügt.
+
+
+
+
+Capitel 4.
+
+#Der Mi-to-na-re.#
+
+
+Es war ein ziemlich langer Marsch durch eine wilde Gegend und oft durch
+Dickichte, durch die er allein nie seinen Weg gefunden; an den Sternen
+sah er dabei wie sie viele Umwege machten, entweder vollkommen
+undurchdringliche Stellen zu umgehen, oder auch vielleicht mögliche
+Verfolger irre zu führen. Endlich erreichten sie wieder eingezäunte
+Gartenplätze mit Bananen, Brodfrucht, Orangen, Wassermelonen und süßen
+Kartoffeln bepflanzt, und als die Sonne eben über dem, wieder vor ihnen
+liegenden Meeresspiegel emporstieg, betraten sie eine freundliche
+Ansiedlung wohnlicher Bambushütten, sogar mit einigen weißübertünchten
+Häusern dazwischen, dicht in dem Schatten hoher Cocospalmen und
+breitästiger Brodfruchtbäume hineingeschmiegt, und von einer hohen
+festen Umzäunung rings umschlossen.
+
+René zögerte im ersten Augenblick den Ort zu betreten – er blieb stehen
+und betrachtete forschend den kleinen freundlichen Platz, der wie ein in
+sich abgeschlossenes Paradies stillen Friedens vor ihm lag. Sadie
+schaute nach ihm um und frug ihn lächelnd ob er sich fürchte näher zu
+kommen.
+
+»_Fürchten_?« sagte der junge Mann leise mit dem Kopf schüttelnd, »wenn
+ich überhaupt etwas fürchtete auf der weiten Welt – hätte ich da je
+diese Insel betreten?«
+
+»Fürchtest Du _Nichts_?« sagte das Mädchen rasch und erstaunt, und
+schaute zu ihm auf – »fürchtest Du nicht _Gott_?« –
+
+Der junge Mann fühlte daß er hier ein Feld berührte das er vermeiden
+müsse – so wenig er sich selber aus irgend einem Religionsbekenntnis
+machte, hatte er doch zu viel gesunden Sinn für Recht es in Anderm zu
+achten, und er hätte besonders dem holden Kind nicht durch eine rauhe
+Antwort weh thun mögen – er sagte deshalb ausweichend:
+
+»Ich sprach nicht von Gott, Sadie – ich sprach von den Menschen – also
+hier wohnt der weiße Missionair?«
+
+»Hier wohnt er, wenn er auf der Insel ist,« – erwiederte das Mädchen,
+durch seine Antwort vollkommen wieder beruhigt – »gerade jetzt aber
+besucht er mehre andere Inseln in Missionsgeschäften, aber schon seit
+drei Tagen erwarten wir ihn zurück, und jede Stunde kann er wieder
+eintreffen.«
+
+»Also in diesem Augenblick wohnt kein Missionair auf dieser Insel?« –
+frug der junge Mann rasch, und wie es fast schien, erfreut. –
+
+»Kein _weißer_ Missionair wenigstens,« sagte die Jungfrau, »aber Du
+scheinst Dich darüber eher zu freuen, und ich hatte geglaubt es würde
+Dich beruhigen wenn Du einen Landsmann in der Nähe wüßtest.«
+
+»So habt Ihr auch _eingeborene_ Missionaire hier?« umging der junge Mann
+die halbgestellte Frage durch eine andere – »und sind die auf allen
+Inseln?«
+
+»Nicht auf allen, doch auf vielen – hier aber,« fuhr sie auf das Haus
+deutend fort – »wirst Du jedenfalls Schutz finden bis Dein Schiff
+zurückkehrt, denn von den Bewohnern dieser Insel wird es Keiner wagen
+Hand an Dich zu legen, so lange Du Dich in den Mauern dieses kleinen
+Wohnortes befindest – was Deine eigenen Landsleute aber thun wenn sie
+zurückkommen, weiß ich nicht, doch ich fürchte sie werden kaum die
+Heiligkeit dieses Ortes anerkennen, obgleich sie Alle dem Namen nach
+Christen sind. Mein Pflegevater hat mir oft erzählt, daß auf den
+Schiffen viel böse gottlose Menschen hausen, und wir Insulaner hier
+manchmal viel bessere Christen sind als jene – aber nicht wahr, Du
+gehörst nicht zu denen?«
+
+»O da mag Dein Pflegevater wohl vollkommen recht haben,« lächelte René,
+»denn viel _Christenthum_ darf man gewöhnlich auf den Wallfischfängern
+nicht suchen – darum sind aber doch auch viel gute brave Menschen
+zwischen ihnen, liebe Sadie, und ich mag leichtsinnig sein,« setzte er
+gutmüthig hinzu – »aber schlecht bin ich doch wohl nicht. Du mußt mir
+das freilich auf mein ehrlich Gesicht hin glauben, denn andere Bürgen
+habe ich weiter nicht dafür.«
+
+Das Mädchen lächelte, vollkommen zufrieden gestellt, vor sich hin, und
+jetzt zum ersten Mal seine Hand ergreifend, führte sie ihn durch die,
+ihrem Druck nachgebende kleine Gartenpforte, durch den breiten
+gutgehaltenen Gang des Gartens, und eine dichte Allee regelmäßig
+gepflanzter Bananen oder Pisang dem Hause zu, unter deren Schutzdach
+René die kleine, etwas wohlbeleibte Gestalt eines wie es schien
+halbcivilisirten Insulaners erkannte.
+
+René konnte ein leises Lächeln kaum verbergen als er die Gestalt mit
+flüchtigem aber forschendem Blick überflog, und fast unwillkürlich
+drängte sich ihm der wunderliche Gedanke auf daß der Mann, wenn ihm der
+Geist und die Civilisation wirklich von oben gekommen sei, jedenfalls
+noch mit den Beinen im Heidenthum stecke.
+
+Der kleine gelbbraune Missionair sah auch in seiner halb frommen halb
+wilden Tracht wirklich eigenthümlich genug aus. Er ging in bloßem Kopf,
+aber die sonst langen schwarzen Haare waren kurz und gottesfürchtig
+abgeschnitten und zugestutzt – ferner trug er ein weißes baumwollenes
+Hemd und eine weiße leinene Halsbinde, mit hellgelber mit blanken
+Knöpfen besetzter Weste, und über diesem Allen einen, dem Klima
+keineswegs zusagenden – schwarzen Frack. Bis soweit also war der Geist
+gekommen, darunter aber fing der Heide wieder an – der Mann konnte sich
+an die christliche Religion aber nicht an Hosen gewöhnen, und während er
+um die Lenden ein langes Stück roth und gelben Kattun, der höchst
+freundlich gegen den schwarzen Frack abstach, mehrfach geschlagen hatte,
+trug er die Beine vollkommen nackt, und unter dem Kattun vor schauten
+noch die alten heidnischen Tättowirungen früherer Zeiten, wie scheu, von
+dem christlichen Kleidungsstück bedroht, hervor.
+
+Der kleine Mann schien übrigens ungemein erstaunt über den Besuch und
+auch vielleicht gerade nicht besonders erfreut, als ihm Sadie in seiner
+Sprache mit kurzen Worten das, auf der andern Seite der Insel
+Vorgefallene erzählte, und ihm um seinen Schutz für den Verfolgten
+ansprach. Er hatte auch erst, wie es René vorkam, eine Menge
+Einwendungen dagegen zu machen, und das Wort ~Mitonare~ kam sehr häufig
+dabei vor, ~Sadie~ oder ~Pu-de-ni-a~ wie sie der kleine Missionair in
+seinem wunderlichen Kauderwelsch statt ~Prudentia~ nannte, wußte diesem
+allen aber zu begegnen, und da er sonst selber wohl gutmüthig und
+gastfrei war, hatte er endlich nichts länger dawider, streckte dem
+jungen Mann mit einem halb freundlichen halb salbungsvollen –
+wahrscheinlich abgesehenen Blick die dicke fette Hand entgegen, deren
+Finger auch noch frühere Tättowirungen zeigten, und sagte in einer
+Sprache die jedenfalls englisch sein sollte, aber meist immer wieder auf
+tahitisch auslief.
+
+»~Gu – day bodder – gu day a haere mai – gu fend here – ehoa ino –
+very gu fend –~« und dann folgte noch eine längere Auseinandersetzung,
+jetzt auf einmal in reinem Tahitisch als ob er glaubte daß der Fremde,
+durch die vorigen einleitenden Worte in seiner eigenen Sprache nun auch
+vollkommen vorbereitet für jede weitere Anrede in gutem Insulanisch sein
+müsse.
+
+Sadie, die übrigens mit halbverstohlenem Lächeln sah, wie der junge
+Fremde verlegen vor ihm stand, und nicht recht zu wissen schien was er
+aus dem Ganzen machen solle, übersetzte ihm schnell was der kleine Mann
+gesagt hatte, und bat ihn in das Haus zu treten, sich mit Speise und
+Trank zu stärken und von den überstandenen Strapatzen auszuruhn.
+
+»Aber wie kann ich jetzt erfahren,« frug René das junge Mädchen – »was
+aus dem Schiff geworden ist, das schon vielleicht in diesem Augenblick
+die Insel wieder, von anderer Seite, ansegelt?«
+
+»Auch daran hab’ ich gedacht« lächelte das Mädchen – »kümmere Dich
+nicht deßhalb; der Knabe der uns eben verließ, geht nach der nächsten
+Bergspitze hinauf, von wo er das Meer rings überschauen kann, und bringt
+uns Nachricht ob das fremde Segel noch in der Nähe ist. – Und nun in’s
+Haus, denn wie ich Dir schon gesagt habe, bis das Schiff zurückkehrt –
+denn nur gegen Deine eigenen Landsleute können wir Dich nicht schützen
+– bist Du sicher – und selbst dann finden sich vielleicht Mittel Dich
+zu verbergen« setzte sie freundlich hinzu.
+
+Der kleine Mitonare, denn als solchen hatte er sich René – ~mi
+mitonare~ – ~mi mitonare~ schon selber vorgestellt – ging ihnen jetzt
+geschäftig voran in’s Haus, und obgleich heute wirklich ihr Sonntag
+fiel[F], brachte er nichtsdestoweniger eigenhändig, erst Teller und
+Messer und Gabel, die sonst wahrscheinlich nur wenig benutzt, tief in
+einer Schrankecke zu ruhen schienen, und dann kaltes Fleisch, Früchte
+und Cocosnußmilch herbei, und lud nun den jungen Mann auf das
+freundlichste ein sich niederzusetzen und nach Herzenslust zuzulangen.
+
+René sah Sadie an und dann die Speisen – er schämte sich sie zu bitten
+mit ihm niederzusitzen, und doch hätt’ er es gar so gern gethan. Das
+schöne Mädchen mochte aber errathen was er wünsche, denn sie schüttelte
+lächelnd mit dem Kopf und war im nächsten Augenblick schon durch die
+offene Thür verschwunden.
+
+Der kleine Missionair begann nun eine Unterhaltung die René zu jeder
+andern Zeit ungemein amüsirt haben würde, in diesem Augenblick hatte er
+aber wirklich einen höchst bedeutenden Hunger, und die steten Fragen des
+Kleinen, die an und für sich schon des wunderlichen Kauderwelsch wegen
+eben so viele Räthsel waren, forderten eine Theilung seiner
+Aufmerksamkeit, die er jetzt weit lieber ungetheilt dem delicaten kalten
+Schweinebraten und den saftigen Früchten zugewandt hätte. Der Kleine
+ließ aber nicht nach und frug vor allen Dingen wie er selber hieße –
+der Name war einfach genug, und er konnte ihn ziemlich gut nachsprechen
+– dann wie das Schiff hieße auf dem er gekommen sei, und von wo es
+gesegelt wäre. Er interessirte sich besonders, da er in den letzten
+Jahren mit Hülfe des weißen Missionairs etwas Geographie getrieben, für
+die Hafenplätze der Englischen und Amerikanischen Küste, und schien sich
+ungemein zu freuen als er einen ihm bekannten Namen, Boston – das er
+übrigens hartnäckig ~bo-son~ aussprach – erwähnen hörte.
+
+Eine Hauptfrage des kleinen unermüdlichen Mannes war aber zuletzt nach
+des Fremden Religion und Vaterland, und René hätte sich selber keinen
+schlimmern Namen machen können, als daß er sich ohne weiteres für einen
+Franzosen ausgab.
+
+»Wi–wi?« sagte der kleine Mann etwas erstaunt, zog die Augenbrauen in
+die Höh, und spitzte den Mund – »Wi–wi?[G] – hm –«
+
+»Wi–wi?« sagte René, der diesen Ausdruck noch nicht kannte, erstaunt –
+»was Wi–wi? – nicht Wi–wi – ~frenchman~ – ~français~ – ~ferani~
+–« denn diesen Ausdruck hatte ihn schon Adolph gelehrt.
+
+»~Es–es~« nickte der Kleine schmunzelnd – »~Fe–ra–ni~ – ~Wi–wi~« –
+
+»Was zum Henker will er denn mit dem Wi–wi?« – dachte René – »das muß
+ein besonderer Dialekt für den Namen sein.«
+
+»Viel – viel Wi–wi’s in Tahiti – sagte der kleine Missionair wieder
+– keine Christen, Wi–wi’s!«
+
+»Keine Christen?« rief René lachend – »nun ich weiß doch nicht –
+einige sind sicher darunter, die sich wenigstens so nennen –«
+
+»~Es~, Christen« nickte der unverwüstliche Kleine – »aber keine guten
+– ~aita maitai~ –«
+
+Jetzt begriff René erst, worauf der kleine Protestantische Missionair
+oder Prediger eigentlich abziele, denn dieser mußte natürlich glauben,
+was ihm die protestantischen Geistlichen über die Religion der andern
+Weißen, die sich ebenfalls Christen nannten, und doch in ihren äußeren
+Gebräuchen besonders so bedeutend von diesen abwichen, gesagt hatte. Er
+hütete sich aber wohl auf irgend einen religiösen Streit einzugehen und
+beschränkte sich nur darauf ihm zu erklären, er wisse nicht was es in
+Tahiti für Christen gäbe, er sei noch nie dort gewesen, in seinem
+eigenen Vaterland – was er in aller Unschuld jetzt selber Wi–wi und
+zwar sehr zum Ergötzen des kleinen Mannes nannte – gäbe es aber sehr
+gute, fromme Christen.
+
+René hätte vielleicht noch eine Masse, ihm gerade nicht gelegene Fragen
+beantworten müssen, wäre in diesem Augenblick nicht draußen vor der Thür
+eine kleine Glocke geläutet worden und zu gleicher Zeit Sadie in der
+Thür des Gemaches erschienen. René sprang fast mit einem Freudenruf
+empor.
+
+Das junge Mädchen sah aber auch wunderlieblich aus in ihrer neuen
+Tracht, die sie der Sonntagsfeier zu Ehren angelegt hatte. Diese bestand
+in einem langen faltigen Gewand, das ihr oben von den Schultern bis auf
+die Knöchel niederfiel, im Gürtel aber von einer leichten rothseidenen
+Schärpe zusammengehalten wurde; die Haare hatte sie wieder frisch mit
+wohlriechendem Oel getränkt, und die langen vollen Locken glatt nieder
+gekämmt, daß sie ihr bis auf die Schultern herabfielen – aber keine
+Blume schmückte sie jetzt, wo sie zu Gottes Altar treten wollte, nur
+eine dünne Schnur, aus den Erhöhungen der reifen Ananas geschnitten, zog
+sich ihr um das Haar und die Stirn, den wilden Lockenschatz in etwas zu
+bändigen. In der Hand hielt sie ein kleines Buch mit goldenem Schnitt –
+ein englisches neues Testament, und das erst so wilde muthige Kind sah
+jetzt so mädchenhaft fromm und schüchtern aus, das dunkle Auge ruhte mit
+einem so milden sanften Blick auf ihm, daß er sie kaum wieder erkannt
+hätte, und doch war sie jetzt fast noch schöner als damals wie sie, den
+nackten Arm um den Baum geschlungen, von dem Felsen herab auf die
+verrätherischen Landsleute niederzürnte.
+
+»Wie schön Du bist, Sadie!« rief René fast unwillkürlich aus, und
+streckte ihr seine Hand entgegen.
+
+»Nicht Sadie jetzt« sagte aber das junge Mädchen und schüttelte leise
+mit dem Kopf – »Prudentia heiß ich, denn ich gehe jetzt zu meinem Gott,
+durch dessen heiliges Wasser ich den Namen bekommen habe. Aber hier mein
+Freund« setzte sie mit bittendem Ton hinzu indem sie die ihr gebotene
+Hand ergriff und dabei dem jungen Mann zugleich das kleine Buch
+entgegenhielt – »nimm das hier und lies darin, während wir in der
+Kirche für Dich und Dein Wohl beten wollen – es ist ein gutes Buch und
+wird Dich trösten.«
+
+Es lag etwas so rührend Herzliches in dem Ton mit dem das holde Kind
+diese Worte sprach, daß René das Buch nahm, ihr leise die gereichte Hand
+drückte und sagte –
+
+»Ich danke Dir, Sadie – Du mußt mir nun schon erlauben Dich so zu
+nennen – das andere Wort will mir gar nicht über die Lippen – aber Du
+bleibst doch nicht lange?«
+
+»Vielleicht nur zu kurze Zeit für so schwere Sünder als wir sind« sagte
+das Mädchen ernst und fast traurig – »aber lebe wohl und fürchte Nichts
+für Deine Sicherheit; von der andern Seite der Insel sind eben Männer
+zur Kirche herübergekommen, und sie berichten, daß Dein Schiff nirgend
+mehr zu sehen sei – es ist weit nach Westen gegangen und müßte lange
+Zeit brauchen wollte es gegen den Wind wieder nach uns aufkreuzen. –
+Bleibe aber hier im Hause und zeige dich nicht den Leuten draußen; doch
+darum sprechen wir nachher, jetzt darf ich nicht an weltliche Sachen
+denken – ich dachte aber auch nur Deinetwegen daran« – setzte sie
+leiser hinzu und eine tiefe Röthe breitete sich über ihre schönen so
+engelsanften Züge.
+
+Auf den kleinen Mitonare hatte der Ton der Glocke aber ebenfalls eine
+fast zauberhafte Wirkung ausgeübt. – Noch im Lachen über den Fremden
+hörte er den ersten Ton derselben und, wie ein in seiner Lust von dem
+strengen Blick des Lehrers ertappter Schulknabe, zog sich sein Gesicht
+nicht, nein zuckte es förmlich in die alten ehrbaren Falten hinein, die
+ihm dabei fast noch komischer standen, als das Lachen vorher. Er erhob
+sich aber jetzt hastig, ergriff seine Bücher – alle in der Tahitischen
+Sprache durch die Missionaire übersetzt, – und Sadie einige Worte
+sagend verließ er mit dieser langsamen Schrittes das Haus.
+
+René blieb allein zurück; Sadie hatte ihn heute absichtlich nicht
+aufgefordert sie in die Kirche zu begleiten, was sie sonst gewiß nicht
+versäumt haben würde; es waren aber viele Insulaner von der andern
+Seite, die gestern Theil an den Vorfällen gehabt, herübergekommen, und
+sie wollte beide Partheien nicht jetzt schon wieder zusammenbringen. Der
+Aufenthalt des Fremden konnte übrigens, wie sie recht gut wußten, nicht
+lange geheim bleiben, wenn er das überhaupt nur bis jetzt noch geblieben
+war; den Frieden des Missionsgebäudes störten aber, selbst die
+Verhärtetsten ihres Stammes nicht so leicht, und sie glaubte den armen,
+von allen Uebrigen verlassenen Fremden wenigstens hier sicher.
+
+René warf sich auf eine der überall in dem hohen luftigen Gebäude
+ausgebreiteten Matten, und lag lange in tiefem Brüten über die letzten
+für ihn so verhängnißvoll gewesenen Stunden. Er war einer sehr
+dringenden Gefahr für den Augenblick entgangen, aber kam das Schiff
+zurück – und er zweifelte kaum daran, daß der Capitain desselben ihn
+nun und nimmer so leicht aufgeben würde, ohne wenigstens noch einen
+Versuch zu machen ihn wiederzubekommen – würde er den Händen der Feinde
+auch dann entgehen können, und dann nicht vielleicht selbst der, bis
+dahin jedenfalls zurückgekehrte Missionair ihm seinen Schutz versagen?
+Es war doch wohl das beste, daß er weder Schiff noch Missionair
+abwartete, und so rasch als möglich die Insel zu verlassen suchte. –
+Aber Sadie? – würde sie ihn begleiten? – Er erschrak ordentlich vor
+dem Gedanken sie zurückzulassen, und mochte sich selber kaum gestehen,
+wie gewaltig dieß holde Kind des Waldes sein Herz schon gefesselt habe
+und halte.
+
+»Das ist Thorheit« murmelte er vor sich hin – »Wahnsinn, jetzt an Liebe
+zu denken wo Du selber noch nicht einmal eine Stätte hast Dein Haupt
+hinzulegen. Sei vernünftig René – hier an die Inseln geworfen hat das
+erste hübsche Gesicht was Dir in den Weg kam Dein, überhaupt etwas
+leicht entzündliches Herz in lichterlohe Flammen gesetzt – das ist ein
+Strohfeuer und brennt in der ersten Wache aus.«
+
+Er stützte den Kopf in die Hand und schlug das Buch auf, das noch immer
+vor ihm lag; aber die Buchstaben tanzten ihm vor den Augen; zwischen
+jeder Zeile lachten die holden schelmischen, und doch so sanften Züge
+des lieben Kindes heraus, und weder St. Lukas noch die Corinther
+vermochten den Zauber zu lösen der seine Seele mit der wilden Gluth
+plötzlicher aber gewaltig erwachter Liebe entzündet hatte.
+
+Der Tag verging ihm langsam – Sadie kehrte mit dem kleinen Missionair
+wohl um die Mittagszeit zurück, aber es war Sonntag – kein Lächeln
+stahl sich über ihre Züge – selten oder nie begegnete ihr Blick dem
+seinen, und die Stunden flossen ihm träge unter Gebeten und Hymnensängen
+dahin.
+
+Schon vor Tag am nächsten Morgen war er auf, badete in dem
+cristallhellen Wasser der Corallenbänke, und harrte dann mit wirklicher
+Sehnsucht des schönen Kindes, das aber heute lange, lange ausblieb und
+sich ihm gar nicht wieder zeigen wollte. Vergebens erfrug er sie bei dem
+Mitonare.
+
+»~Pu-de-ni-a?~« sagte dieser kopfschüttelnd und mit seinem räthselhaften
+englisch – »der Herr weiß wo man das Mädchen suchen soll, wenn man sie
+haben will – ~Pu-de-ni-a ataetai~ – wie kleine Eidechse, hier im Laub
+und da im Laub – kann sie nicht fassen – ist weg unter den Augen.«
+
+Der Kleine schien heute übrigens besonders aufgelegt zu einer
+Unterhaltung, lehnte sich auf seine Matte zurück, faltete die kurzen
+dicken Finger auf dem runden Magen und begann wieder auf das
+herablassenste eine ganze Reihe von Fragen an den jungen Mann zu
+stellen, die ihm oft kaum Zeit ließen nur den Sinn zu verstehen ehe sie
+wieder, ohne die Beantwortung der ersten abzuwarten, von andern
+verdrängt wurden. Er trug aber heute weder den schwarzen Frack, noch die
+hellgelbe Weste mit den blanken Knöpfen; selbst das weiße Halstuch lag,
+sorgfältig in ein Stück gelbes englisches Packpapier eingewickelt auf
+einem kleinen Bücherbret, neben seinem geistlichen Schatz. Seine
+Bewegungen waren aber dadurch auch freier geworden, und er schien mit
+dem Frack auch den ganzen Mitonare ausgezogen zu haben.
+
+Er war, wie er jetzt selber René aus freien Stücken erzählte, noch vor
+zehn Jahren ein entsetzlicher Heide gewesen, der glaubte daß das höchste
+Wesen ~Taaroa~ und nicht Gott hieß, der sogar seinen Götzen Früchte und
+Schweinefleisch zum Opfer brachte, und Gefallen an den sündhaften Tänzen
+der eingebornen Mädchen fand. ~Mitonare O-no-so-no~, Gott weiß wie der
+Mann in wirklichem Englisch hieß, hatte ihn jedoch gerettet, sein Vater
+aber und sein Großvater, und seinem Großvater sein Großvater waren alle
+in der Hölle – konnten aber nichts dafür – waren aus Versehen hinunter
+gekommen. – Er hatte sich sogar tättowiren lassen, und als er sah daß
+René, wahrscheinlich unbewußt, ein erstauntes Gesicht dabei machte, was
+er vielleicht für Unglauben nahm, lüftete er mit einer halben Wendung
+den Cattun, fiel aber erschrocken wieder in seine alte Stellung zurück,
+und sah sich nach allen Seiten um, als René der sich nicht helfen
+konnte, bei der Bewegung plötzlich in ein schallendes Gelächter
+ausbrach.
+
+Das hätte der kleine Mann aber bald übel genommen, René wußte ihn jedoch
+wieder zu beruhigen und er begnügte sich von da an ihm seine
+Lebensgeschichte _ohne_ Illustrationen zu geben.
+
+Das Mitonare sein war seiner Meinung nach ein sehr schweres Geschäft –
+weniger des Predigens, als des Frackes wegen – und der viele Aerger mit
+den Mädchen – soviel junges leichtsinniges Volk – denken immer können
+in den Himmel kommen wenn sie lustig sind – bah – wissens nicht besser
+– Da in dem Buch steht Alles d’rin – sehr gutes Buch – ein Bischen
+dick – aber sehr gutes Buch, und viele schwere Worte d’rin. Jetzt kam
+aber bald eine böse Zeit – weiße Mitonares – vier, fünf, sechs kamen
+hier herüber – sahen zu ob Mitonare rother Mann viel weiß, und kleine
+Kanakas ~iti–iti~ gut unterrichtet hat – viele schwere Worte auswendig
+lernen und viel Aerger mit ~iti–iti~. – »~Pu-de-ni-a~ gutes Kind«
+setzte er dann hinzu – »aber ein Bischen wild – ein Bischen sehr wild
+für ~waihini~ – Mitonare ~O–no–so–no~ Tochter – aber nicht Tochter
+– nur so Tochter –« und er bemühte sich dann in langer Rede und mit
+großer Anstrengung dem jungen Mann begreiflich zu machen daß ~Pu-de-ni-a
+O–no–so–no’s~ Pflegetochter sei.
+
+Das war etwa der Inhalt seiner Unterhaltung, bei der er ziemlich allein
+das Wort führte, und René allerdings nur nothdürftig den Sinn des Ganzen
+verstand, indem der Alte oft mehr Tahitische als englische Worte
+gebrauchte, und diese wenigen dann selbst noch auf wahrhaft grausame Art
+verstümmelte.
+
+René konnte es zuletzt nicht länger aushalten – die Sehnsucht die ihn
+auf der einen Seite quälte, Sadie wieder zu sehn, und die peinlich
+scharfe Aufmerksamkeit die er auf der andern genöthigt war dem
+Kauderwelsch des Kleinen zu schenken, wenn er nur überhaupt den
+ungefähren Sinn der Rede fassen wollte, machten ihm die Unterhaltung zu
+einer wahren Folter, und er benutzte die erste nur einigermaßen passende
+Gelegenheit aufzustehn, und in den Garten zu gehn. – Aber Sadie war
+nirgends, weder zu hören noch zu sehen.
+
+Die Sonne stieg indessen schon ziemlich hoch, und er warf sich endlich,
+als er die Gänge unzählige Male auf- und abgelaufen, ermüdet in dem
+Schatten eines Orangen- und Citronendickichts nieder, von wo aus er, da
+der Platz etwas erhöht lag, das ruhige Binnenwasser, das die Insel
+umgab und die weiter draußen von der Brandung hoch beschäumten Riffe,
+deutlich übersehen konnte. Dicht hinter dem kleinen Orangenhain lief die
+Einfriedigung des Gartens hin, und gleich von diesem ab begannen
+ziemlich steil die nächsten, dicht mit Guiaven- und Citronenbüschen
+bedeckten Hügel emporzusteigen.
+
+Wohl eine halbe Stunde hatte er so gelegen, und wilde wunderliche
+Luftschlösser gebaut mit träumenden Gedanken. – O wie reizend lag seine
+künftige Heimath unter den wehenden Palmen und duftigen Orangenblüthen
+dieser Wälder – wie schaukelte sein Canoe so still und friedlich auf
+der klaren herrlichen Fluth, wenn er Abends vom Fischfang heimkehrte –
+und welch’ holdes Bild stand in der niedern Thür der Bambushütte, und
+winkte ihm mit dem wehenden Tuch das fröhliche, herzliche Joranna
+entgegen – halt! – das waren Schritte – dicht hinter den
+Orangenbäumen den Hügel herab – ein leichter Sprung über den Zaun – er
+fuhr empor, und an ihm vorüber schoß mit flüchtigen Schritten die holde
+Wirklichkeit seiner schönsten Träume.
+
+»Sadie!« rief er leise –
+
+»Ha!« sagte das Mädchen und warf halb scheu halb erschreckt den Kopf
+zurück, den die vollen dunklen Locken heut’ wild umflatterten; als sie
+aber ihren Schützling erblickte färbte wieder jenes dunkle Roth, das
+ihrem Antlitz einen so unendlichen Zauber verlieh, die lieblichen Züge
+der Maid, und rasch auf ihn zutretend, reichte sie ihm freundlich und
+zutraulich die Hand, die er fest in der seinen hielt, während seine
+Blicke mit inniger Lust an den ihrigen hingen.
+
+Es war aber heute ganz wieder das wilde Kind wie an jenem Tage, wo sie
+wie ein zürnender Geist zwischen Verfolger und Verfolgten getreten. Das
+lange Gewand von gestern hatte sie abgeworfen, und das Schultertuch
+verrieth mehr von den üppigen Formen des wunderschönen Mädchens, als es
+verdeckte; auch durch die Locken wand sich wieder ein dichter Kranz
+duftender Blumen mit einem hochgefärbten Fern durchflochten, während
+zwei große weiße Sternblumen in ihren Ohrläppchen staken, und die feine
+Bronzefarbe der Haut nur noch mehr und reizender hervorhoben.
+
+»Wo bist Du aber nur so lange geblieben Sadie!« sagte jetzt René mit
+leisem fast zärtlichem Vorwurf.
+
+»Lange geblieben?« lachte aber das wilde Kind – »lange geblieben? hab’
+ich denn überhaupt kommen wollen? – wunderlicher Mann, wie weißt Du nur
+wo ich überall heute Morgen schon gewesen bin – und _Deinetwegen_ noch
+dazu« – setzte sie mit leichtem Erröthen und halb abgewandtem Gesicht
+hinzu – »doch komm,« fuhr sie rasch fort als sie mehr fühlte als sah
+daß er etwas darauf erwiedern wolle – »komm ich habe gute Nachrichten
+für Dich, und wir wollen indessen ein wenig zu meinem Lieblingsplätzchen
+auf jenen Hügel gehn.«
+
+»Aber ich habe meine Waffen im Haus gelassen,« sagte der junge Mann –
+»ich kann sie rasch holen.«
+
+»Du brauchst sie nicht mehr, wenigstens für den Augenblick nicht,« hielt
+ihn das Mädchen zurück – »unser Häuptling selber hat mir sein Wort
+gegeben, daß Du unbelästigt auf der Insel bleiben sollst, bis das Schiff
+wieder kommt und Dich noch einmal zurückfordert – und selbst dann wird
+er nicht streng mit Dir sein, – wenn sie ihn nicht dazu treiben; er ist
+ein guter Mann, und nur erst seit Ihr Weißen uns so viel Sachen
+herübergebracht habt, ohne die wir nun einmal nicht mehr glauben leben
+zu können, ist seine Habgier geweckt, und er thut Manches, was er sonst
+nicht gethan haben würde.«
+
+»Und bist Du _meinetwegen_ heute Morgen schon drüben an der andern Seite
+der Insel gewesen?« rief René erstaunt, fast erschreckt aus – »Mädchen
+da mußt Du ja vor Mitternacht aufgebrochen und die ganze Zeit gewandert
+sein, durch Dorn und Wildniß, mit den zarten Gliedern.«
+
+»Bah!« lachte das wilde Kind und warf sich mit rascher Kopfbewegung die
+Locken um die Schläfe, daß die losgeschüttelten Blüthen auf ihre
+Schultern niederfielen – »ist das der Rede werth? – schon als kleines
+Mädchen von vier Jahren hab’ ich den Weg allein gemacht, und jetzt bin
+ich funfzehn. – Aber gestern durft ich ja doch nicht gehn,« setzte sie
+ernster hinzu, – »gestern war Sabbath und – ich wollte doch auch nicht
+daß Du wie ein Gefangener im Hause sitzen bleiben solltest. – Doch wir
+wollen ja hier nicht stehn bleiben, ich bin müde und will mich setzen –
+komm,« sagte sie, und zog ihn nach sich, der Gartenpforte zu, durch die
+sie gingen und links davon einen kleinen Hügel emporstiegen, wohinauf
+ein ordentlicher Pfad ausgehauen und geebnet war.
+
+Es ließ sich kaum ein lieblicheres Plätzchen auf der weiten Gotteswelt
+denken als das, wohin das schöne Mädchen jetzt den jungen Mann führte.
+– Drei niedere Palmen, in ihren Kronen fast gleich, überhingen die
+kleine Stelle, und zwar so, daß die schattigen Blätter, weit nach vorn
+überneigend, die Sonne auffingen, wenn sie nur wenige Stunden hoch am
+Himmel stand – der Boden war mit einem feinen wohlriechenden Fern
+bedeckt, der duftende ~anei~, wie reich mit Blüthen geschmückte Büsche
+bildeten die Rückwand, und mehre mit Blüthen überstreute und zu
+gleicher Zeit von goldenen Früchten fast niedergebeugte Orangenbüsche
+die Seitenwände, während ein breiter niederer Sitz, mit feingeflochtenen
+Matten doppelt und dreifach weich überlegt, mit Bambus gezogener
+Rücklehne, die weite freie Aussicht auf das blaue Meer und die
+schäumende Brandung der Riffe gewährte.
+
+René stand lange in schweigender Bewunderung der reizenden Scene, mit
+dem schönen Mädchen, das ihn lächelnd betrachtete, an seiner Seite.
+
+»Nicht wahr, das ist ein lieblicher Platz hier auf der kleinen
+freundlichen Insel?« – sagte sie endlich leise, als ob sie fürchte das
+was sein Herz in diesem Augenblick fühlte, zu unterbrechen.
+
+»O wunder – wunderschön!« rief René begeistert ihre Hand ergreifend –
+»ein Paradies, dem selbst die Engel nicht fehlen.«
+
+»Pfui Fremder« – sagte aber das Mädchen ernst und fast traurig – »Du
+mußt nicht lästern, während der liebe Gott das Licht seiner Sonne auf
+Dich niedergießt und die Wunder seiner Welt um Dich her ausgebreitet hat
+– und Du thust mir auch weh damit, und ich habe Dir doch Nichts zu
+leide gethan.«
+
+»Sadie« – bat der junge Mann, tief ergriffen von der einfachen,
+rührenden Natürlichkeit des holden Kindes.
+
+»Laß nur gut sein,« sagte sie aber wieder etwas freundlicher, »und
+setze Dich hierher – nein, nicht so nah zu mir – da in die Ecke – so,
+und nun sollst Du mir eine Frage beantworten.«
+
+Sie sah ihm dabei treuherzig in die Augen, und wenn sie auch nicht
+duldete daß er den Arm um sie legte, ließ sie doch ihre Hand in der
+seinen ruhen.
+
+»Und was willst Du fragen Du holdes Lieb?« –
+
+»Zuerst heiß ich Prudentia, höchstens Sadie – aber nicht anders – aber
+ja – wie heißt Du denn eigentlich?«
+
+»René!«
+
+»René das ist ein hübscher kurzer Name, und klingt nicht so schwerfällig
+wie die anderen englischen Worte – René das könnte auch der Mitonare im
+Haus behalten,« setzte sie leise hinzu und ein schelmisches Lächeln
+blitzte ihr durch die Augen; es war aber auch im Moment wieder
+verschwunden.
+
+»Und was wolltest Du mich fragen, Sadie?«
+
+Das junge Mädchen wurde in dem Augenblick recht still und ernsthaft, und
+sah ihm erst eine ganze Weile forschend, schweigend in die Augen, als ob
+sie dort lesen wolle, wie es selbst in seinem innersten Herz beschaffen
+sei. Dann aber schüttelte sie mit dem Kopf; hatte sie nicht gefunden was
+sie suchte oder war sie über sich selbst böse, und sagte jetzt, aber
+noch immer keinen Blick dabei von ihm verwendend:
+
+»Ist es wahr, René daß Du ein ~Ferani~ bist?«
+
+»Wenn Du, wie ich glaube, Franzose darunter verstehst – ja,« erwiederte
+René offen aber auch halb erstaunt über den tiefen Ernst dieser doch
+gewiß höchst gleichgültigen Frage. –
+
+»Und bist Du ein Christ?« frug das Mädchen ängstlich.
+
+René konnte ein Lächeln kaum verbergen, er erinnerte sich aber auch
+zugleich der Fragen des kleinen Mitonares und sagte kopfschüttelnd:
+
+»Liebes Kind wer hat Euch solch tolle Grillen hier in den Kopf gesetzt,
+daß die Franzosen keine Christen wären? – gewiß sind wir Christen, wenn
+Dich das beruhigen kann.«
+
+»Aber habt Ihr nicht heidnische Gebräuche bei Euerer Religion?« frug ihn
+das Mädchen jetzt dringender.
+
+»Aber Du gutes Kind,« bat sie René, »sage mir nur –«
+
+»O bitte, bitte beantworte mir meine Frage treu und wahr,« unterbrach
+ihn aber, in fast ängstlicher Hast das schöne Mädchen – »ich will Dir
+dann auch mit Freuden jeder Frage Rede stehen.«
+
+»Nun gut denn Sadie, Dich zu beruhigen will ich Dir jeden Aufschluß
+geben, der nur in meinen Kräften steht. Der größte Theil der Franzosen,
+Italiener, Spanier, Portugiesen, des südlichen Deutschlands, wie
+überhaupt fast aller südlich gelegener Völker des Welttheils von dem wir
+Weißen abstammen, und von woher wir meist herüberkommen, sind
+_katholische_ – die nördlicher gelegenen Völker, aber auch wieder mit
+gewaltigen Ausnahmen, und noch bei Weitem die geringere Zahl –
+_protestantische_ Christen. Wir haben jedoch _einen_ Gott und _einen_
+Heiland, Jesus Christus; nur in den gleichgültigeren Gebräuchen
+unterscheiden wir uns von einander – die protestantischen Priester
+halten zum Beispiel die _schwarze_ Farbe für unumgänglich nothwendig zu
+ihrem Ornat – die katholischen nehmen andere. Wir haben auch – und ich
+glaube es ist besonders das, was Dir am Herzen liegt – in den Tempeln
+unseres Gottes die Bilder frommer Männer und Frauen aufgestellt, die in
+alten Zeiten gelebt haben und für ihren Glauben, wie der Heiland selber,
+gestorben sind – nicht aber als Götter, sondern nur als heilige
+Menschen, deren Vorbild uns anfeuern soll ihnen nachzuahmen. Wir glauben
+daß diese, durch ihren frommen Wandel zu Gottes Herrlichkeit eingegangen
+sind, und wenn die Katholiken zu ihnen beten, so geschieht es nicht etwa
+weil sie glaubten es seien dies selber göttliche Wesen, sondern nur um
+sie um ihre Fürsprache am Throne des Höchsten zu bitten. –
+
+»Ich bin der Herr Dein Gott, Du sollst nicht andre Götter haben neben
+mir« ist ein Gesetz, das für uns Katholiken so gut Gültigkeit hat, als
+für die Protestanten.«
+
+»Aber Ihr theilt kleine Götzenbilder aus und brennt vor Eueren Bildern
+Weihrauch und Kerzen,« sagte das Mädchen und René sah wie sie mit fast
+peinlicher Spannung der Antwort auf diese Frage harrte.
+
+»Die Priester, mein holdes Kind,« sagte René lächelnd, »theilen unter
+ihre Beichtkinder, wie sie solche nennen die unter ihrer geistlichen
+Fürsorge stehn – kleine Bilder der Jungfrau Maria, des Gekreuzigten
+oder selbst jener guten, später heilig gesprochenen Menschen aus, damit
+diese die Aufmerksamkeit ihrer Pflegbefohlenen von weltlichen Dingen
+ablenken und auf das Heil ihrer eigenen Seelen richten sollen – nicht
+um sie anzubeten.«
+
+»Und der Weihrauch? – die Kerzen?« frug das Mädchen immer noch besorgt.
+
+»Selbst das findet wohl eine sehr natürliche Auslegung,« erwiederte René
+gutmüthig – »jeder vernünftige Mensch weiß, daß solche Sachen gerade
+nicht nöthig sind zu seinem Gott zu beten, aber gar Viele wollen auch
+durch etwas Aeußeres daran gemahnt sein, daß sie in dem Hause des Herrn,
+in der Nähe ihres Schöpfers stehn, ihre Gedanken ganz von jedem andern
+fremden, weltlichen Gegenstand abzulenken.«
+
+»Und die Processionen die Ihr haltet – den Ablaß den Ihr um Geld für
+Euere Sünden bekommt?« sagte das Mädchen wieder und verwandte keinen
+Blick von seinen Augen.
+
+René kam in Verlegenheit; er hatte in seinem ganzen Leben – wenigstens
+seit er die Schule verlassen – noch nicht soviel über die Gebräuche und
+den Geist seiner eignen Religion nachgedacht, als heute morgen. Er hing
+dabei viel zu wenig selber an diesen Gebräuchen, sich zu einer warmen
+Vertheidigung derselben berufen zu fühlen, sah aber auch recht gut ein,
+daß die Protestantischen Missionaire seine Religion, die sich von Tahiti
+aus zu verbreiten drohte, oder die auf den Inseln einzuführen von seinen
+Landsleuten wenigstens schon der Versuch gemacht war, mit den
+schwärzesten Farben geschildert hätten.
+
+»Und die Processionen die Ihr haltet – den Ablaß den Ihr um Geld für
+Eure Sünden bekommt?« wiederholte dringend das holde Mädchen, und legte
+ihre Hand auf seinen Arm.
+
+René schüttelte lächelnd mit dem Kopf.
+
+»Sie haben sich große Mühe gegeben Sadie,« sagte er endlich, »Dir den
+Glauben so vieler Tausende in ihrem eignen Vaterlande von der
+schlimmsten Seite zu schildern – und schon das allein wäre nicht
+christlich, denn mir ist es fast, als ob sie vergessen hätten auch der
+_guten_ Seiten zu erwähnen, die doch gewiß eine jede Sache hat, also
+auch wohl eine Religion, in deren Glauben Millionen Menschen glücklich
+gelebt haben – und noch leben. Die Processionen sind Dir gewiß als
+etwas sehr Entsetzliches beschrieben, und es ist doch gewiß eine
+harmlose Sache, die übrigens, wie ich gar nicht läugnen will, und meiner
+Meinung nach auch vielleicht wegfallen dürfte. Sie sind aber von den
+Priestern eingesetzt, und gehst Du _Allem_ nach, mein Lieb, was die
+Priester einsetzen oder anordnen, so wirst Du wohl Manches finden,
+worüber Du Dir auch keine Rechenschaft geben kannst – seien es nun
+protestantische oder katholische – oder glaubst _Du_ daß _Alles_, was
+die Priester thun, von Gott selber anbefohlen ist?«
+
+»Ach Gott, ich weiß das ja nicht,« sagte das junge Mädchen mit recht
+trauriger bewegter Stimme.
+
+»Und was den Ablaß betrifft, mein Herz,« fuhr René fort, ihre Hand
+wieder ergreifend, »so hat der wohl Manches gegen, aber auch Vieles für
+sich. Gott wird uns als ein allbarmherziges Wesen geschildert – als den
+allliebenden Vater denken wir uns ihn ja – sollen wir da glauben daß er
+dem schwachen Menschenkinde das da sündigt, auf immer zürnt, und ist es
+nicht besser wir können, wenn wir über einen begangenen Fehler Reue
+fühlen, glauben daß uns Gott verziehen hat, in seiner unendlichen
+väterlichen Huld, und wir nun wieder, mit frohem, leichtem Herzen ein
+neues Leben beginnen dürfen, als daß wir uns Gott als einen ewig
+zürnenden Richter denken, der sogar ungerecht bis hinab in’s dritte,
+vierte, ja zehnte Glied straft und richtet? – Nein Sadie – dieser
+Glaube mag oft durch böswillige oder eigennützige Geistliche
+gemißbraucht sein, ich will das nicht leugnen, aber es ist immer kein
+_Götzen_dienst, und wer Dir das gesagt hat, mag es vielleicht recht gut
+gemeint haben, aber er übertrieb die Sache. – War es Dein Pflegevater,
+Sadie?«
+
+»Nein,« sagte das junge Mädchen, leise und nachdenklich mit dem Kopf
+schüttelnd – »mein Pflegevater ist nicht so streng und ernst, und er
+hat mir oft gesagt, daß unter den Franzosen auch gewiß recht viel brave
+und gute Menschen wären, vielleicht ebensoviel wie unter den Engländern,
+nur daß ihre Religion nicht die rechte sei, und das sie noch viele
+Mißbräuche duldeten.«
+
+»Und wer hat Dir denn all die schrecklichen Geschichten von uns erzählt,
+mein Lieb,« lächelte René – »in Deinem eigenen Köpfchen sind sie doch
+wahrlich nicht entsprungen.«
+
+»Nein,« sagte das Mädchen treuherzig – »aber auf Tahiti wohnt ein
+frommer, ernster, strenger Mann – der kommt des Jahres wohl ein- oder
+zweimal auf unsere Insel herüber und predigt hier – wir fürchten uns
+aber alle vor ihm, denn wir dürfen dann keine Blumen in den Haaren
+tragen, und nicht lachen und fröhlich sein, und er macht uns das Herz
+dabei auch so schwer, daß wir wenn er schon selbst Wochen lang fort ist,
+immer noch an die entsetzlichen Strafen denken müssen die uns, selbst
+nach leichtem Vergehen, in der Ewigkeit erwarten. – Oh er ist gar so
+finster, aber auch sehr fromm und er besonders hat uns vor Deiner
+Religion gewarnt, und uns mit ewiger Verdammniß gedroht, so Eines der
+falschen Lehre lauschen würde – und Du bist auch Katholik; René?«
+
+»Ich gehöre allerdings zu jenen Entsetzlichen,« sagte René fast
+scherzend, als er aber den schmerzlichen Zug um des lieben Kindes Mund
+gewahrte setzte er rasch hinzu – »aber fürchte nicht für mich, Du
+treues Herz – ich selber hänge nicht an jenen Gebräuchen, obgleich sie
+unsere Kirche verlangt, wenn ich sie auch nicht für so gefährlich halte,
+als Deine Priester Dich gelehrt haben.«
+
+»Ach das beruhigt mich recht, René,« sagte die Maid, und preßte die Hand
+auf das Herz, als ob sie da alles niederdrücken wolle, was ihr jetzt
+Gram und Kummer machen wolle – »und Vater Osborne sagt ja auch daß
+Gott so gut – so unendlich gut sei und die Menschen Alle wie seine
+Kinder liebe – würde er dann da so hart und grausam strafen können? –
+lieber Gott,« setzte sie mit recht treuherziger bewegter Stimme hinzu –
+»ich möchte ja nicht einmal ein fremdes armes Kind für ein wenig
+Muthwillen hart strafen – vielweniger denn mein eigenes.«
+
+»Und glaubst Du, Sadie, daß Euch Gott ein _Paradies_ zum Aufenthalt
+gegeben und Euere Wohnungen weit weit von dem Verkehr habgieriger
+schlechter Menschen gelegt hätte, wo sie Jahrhunderte lang die
+Einfachheit ihrer Sitten und ihr Glück bewahrten, zürnte er auf Euch und
+wolle Euch strafen für den falschen Glauben? – Sieh mein Mädchen,« fuhr
+er bewegter fort, als er sah wie sie ihm still und aufmerksam in’s Auge
+schaute – »weit über die Welt zerstreut liegen noch viele viele Länder,
+die viel hundert Mal größer sind als alle diese Inseln – und auf ihnen
+wohnen Menschen, verschieden an Farbe, an Körperbau, an Sprache und an
+Religion – Millionen sind Christen, Millionen Muhamedaner, Millionen
+was wir Heiden nennen, das heißt sie haben sich ihre Götter selber
+gebildet und feiern Gebräuche die wir nicht verstehen oder nicht
+anerkennen, aber sie leben _alle_ glücklich – gleich von Gottes Sonne
+beschienen und seiner Hand gehalten, glücklich in ihren Familien und
+ihrem bürgerlichen Treiben: – haben sie dann und wann Kriege
+untereinander so können sie kaum je soviel Blut vergießen, als die
+Christen schon unter sich des Glaubens wegen vergossen haben, und
+tausende von Jahren haben sie so, rund um die Grenzen christlicher
+Völker gelebt, und Gott zürnt ihnen nicht. Gott, meine Sadie, beurtheilt
+und straft oder belohnt die Menschen nach ihren Handlungen, nicht nach
+ihrem Glauben, – ihm ist der Gegenstand gleich, zu dem sich das Herz
+wandte, wenn das Herz selber treu und rein und seiner Liebe voll war. Da
+hast Du _meine_ Religion – ich glaube jede böse Handlung trägt auch
+zugleich ihre Strafe in sich selbst – unser Gewissen ist der strengste,
+unerbittlichste Richter, mit dem wir am allerschwersten fertig werden
+können, und wirft uns das nichts Böses vor, dann können wir auch getrost
+dem blauen Himmel da droben in’s Auge schauen. Aber herziges Kind, laß
+uns mit den trüben ernsten Gesprächen aufhören, ich bin ja kein
+Missionair, der über solche Sachen Stunden lang reden kann, und möchte
+es wahrhaftig am wenigsten unternehmen, weder die katholische noch
+protestantische Religion zu vertheidigen, und Alles was darin an
+Gebräuchen ist, zu rechtfertigen. – Mit Allem was die Natur an
+Reichthum und Herrlichkeit bieten kann hier ausgestattet, was sollen
+uns da solche traurige Gedanken quälen.«
+
+»O Sadie, ich bin in meinem Leben noch nicht so glücklich gewesen, als
+in diesem Augenblick – mir ist es, als ob erst jetzt, an Deiner Seite,
+der dunkle Schleier gehoben wäre, der bis dahin vor meinem künftigen
+Leben in düsterer Nacht gelegen. Rastlos, und von einem innern Drang
+getrieben, dem ich keinen Namen zu geben wußte, jagte es mich in der
+Welt umher – die Afrikanischen Wüsten und Canadischen Wälder konnten
+die Sehnsucht nicht befriedigen die mich weiter und weiter drängte; als
+Soldat zog ich in die Raubstaaten der Algierer – umsonst – als Jäger
+in die Felsengebirge Amerikas – umsonst – selbst die See versuchte
+ich, und in den Eismeeren des Nordens glaubt’ ich vielleicht den Punkt
+zu finden, der mir nicht Rast noch Ruhe ließ. Aber wie Spott klang es
+mir überall entgegen, und das rohe widerliche Wesen meiner letzten
+Umgebung zwang mich endlich auch zu dem letzten entscheidenden Schritt,
+die mir unerträglich gewordenen Fesseln abzuschütteln – oder darüber zu
+Grunde zu gehen. Da fand ich Dich, Sadie – und ich fühle nun – o mit
+jubelnder Stimme hallt es in meinem Herzen wieder, daß Du bis jetzt,
+Sadie das nur geahnte, aber so heiß ersehnte Ziel gewesen, dem meine
+Seele entgegenstrebte. Werde mein Weib – laß uns auf dieser
+freundlichen Insel, fern von den Sorgen, dem gefühllosen Treiben der
+Welt, unsre Heimath gründen. – Tief im Laub dieser Palmen versteckt,
+von diesem lachenden Himmel überspannt, von diesen blauen Wogen umspült,
+an Deiner Seite, Sadie, und die Welt, die mir bis jetzt nur eine kalte
+freudlose Straße gewesen, meinen Wanderstab darauf zu setzen, würde mir
+zum Himmel.«
+
+Er hatte ihre rechte Hand, die sie ihm willenlos überließ,
+leidenschaftlich in seine beiden Hände gefaßt, und schaute mit
+leuchtenden Blicken und hochgerötheten Wangen dem jungen schönen Mädchen
+bittend in’s Angesicht.
+
+Sadie saß mit klopfendem Herzen und niedergeschlagenen Augen neben ihm
+– – sie war recht ernst, ja fast traurig geworden, und schaute lange
+sinnend vor sich nieder – endlich blickte sie wieder zu ihm auf, sah
+ihn mit den treuen, in einer Thräne schwimmenden Augen an, und sagte mit
+leiser, kaum hörbarer, wie furchtsamer Stimme:
+
+»Und wenn Du wieder fortgingst von mir?«
+
+»Nie – nie – Sadie!« rief René leidenschaftlich und preßte, sie an
+sich ziehend, einen heißen, glühenden Kuß auf ihre Lippen. Sie duldete
+den Kuß, ohne ihn zu erwiedern, dann aber sich langsam seinem Arm
+entziehend sagte sie leise:
+
+»Willst Du mir etwas versprechen, René?«
+
+»Alles, Sadie, was in meinen Kräften steht,« rief René die Hand nicht
+lassend, die er noch in der seinen hielt.
+
+»Dann versprich mir,« flüsterte das schöne, jetzt tief erröthende
+Mädchen, »daß Du davon nicht wieder mit mir reden willst, bis mein
+Vater, der Missionair zurückgekehrt ist, und« – ihre Stimme war so
+leise geworden, daß er die Worte kaum verstehen konnte – »mich auch bis
+dahin nicht wieder küssen willst.«
+
+»Sadie!« –
+
+»Versprich mir das – nicht wahr Du sagst es mir zu?« bat sie dann und
+schaute ihm dabei so lieb und unschuldsvoll in die Augen, daß er ein
+Heiligenbild zu erblicken glaubte.
+
+»Wie könnte ich Dir die erste Bitte abschlagen Sadie« – sagte er mit
+tiefem Gefühl.
+
+Da floh der fast traurige Ernst von den Zügen des Mädchens, wie die
+Sonne aus trüben Wolken plötzlich über grüne wogende Saatfelder bricht,
+so überflog ein frohes Lächeln die engelschönen Züge.
+
+»Das ist gut von Dir,« sagte sie mit inniger Herzlichkeit – »das ist
+recht gut von Dir, nun können wir ja auch zusammen durch unsere Berge
+wandeln, und Abends auf dem stillen blauen Wasser fahren, wo unten die
+tausend kleinen bunten Fischchen zwischen den Corallenbüschen spielen
+und sich haschen – sonst hätte ich mich ja vor Dir verstecken müssen«
+– setzte sie treuherzig hinzu. »Und nun komm mein Freund – Mitonare
+steht schon da unten vor seiner Thür und schaut sich überall nach uns
+um, er hat Dein Mahl bereitet was Du nicht im Stich lassen darfst, und
+gegen Abend komm ich und hole Dich ab.«
+
+»Und jetzt willst Du mich verlassen Sadie?« bat René.
+
+»Du mußt Dich jetzt schon ein Bischen mit Mitonare unterhalten,«
+lächelte das junge Mädchen neckisch, »ich kann Dir nicht helfen – wir
+sind aber dann den ganzen Abend zusammen,« setzte sie tröstend hinzu und
+als ob sie trotz dem Versprechen einen vielleicht zu zärtlichen Abschied
+fürchte, glitt sie wie ein Reh durch die Seitenbüsche dieser natürlichen
+Laube, und war im nächsten Moment im Dickicht verschwunden.
+
+René, das Herz voll und überglücklich, saß noch eine lange Zeit an
+diesem wunderlieblichen Platz, der ihm durch das neue und so gewaltig in
+seinem Herzen aufgekeimte Gefühl förmlich heilig geworden war – er
+hatte ganz daran vergessen daß der kleine Missionair mit dem Essen auf
+ihn warte. Destomehr dachte dieser aber daran, und als der fremde
+Wi–wi, wie er ihn jetzt immer schmunzelnd nannte, gar nicht kommen
+wollte, schickte er seine ganze Schule nach allen Richtungen auf
+Kundschaft aus, und René fand sich bald von drei oder vier jungen
+nackten Burschen aufgetrieben, die ihm lachend und schreiend eine Masse
+Zeug vorplauderten von dem er keine Sylbe verstand. Nur das dann und
+wann wiederkehrende Wort ~Mitonare~ rief ihm seinen kleinen freundlichen
+Wirth in’s Gedächtniß zurück, und er folgte der munteren Schaar, die,
+rasch zutraulich geworden, ihn umsprang und umjubelte.
+
+Dem kleinen Mitonare schien übrigens ein Stein vom Herzen zu fallen, als
+er seinen so heiß ersehnten Gast erblickte, und er versicherte ihm, er
+habe schon eine volle Stunde mit Schmerzen auf ihn gewartet, indeß das
+Essen wahrscheinlich kalt geworden und verdorben wäre.
+
+Mitonare war aber viel zu gutmüthig böse zu werden, und als René nur
+tüchtig zulangte, und erst mit ihm scherzte und lachte, hatte er an ihm
+seinen Mann gefunden; er nannte René den besten Wi–wi den er je gesehn
+habe, und das wolle viel sagen, denn er sei schon einmal auf Tahiti
+gewesen, wo sie wild herumliefen, und erzählte ihm nun die tollsten
+Geschichten aus der alten fröhlichen Heidenzeit – wie sie’s hier
+gehalten und getrieben hätten – natürlich damals, wie er nie vergaß
+hinzuzusetzen, als wir noch entsetzliche Sünder waren. – Auch auf
+religiöse Gegenstände kam er ein paar Mal wieder zu sprechen, obgleich
+die René, so gut das eben gehen wollte, abzulenken suchte. Am meisten
+schmerzte es ihn daß sein Vater in der Hölle sein mußte, denn der war,
+obgleich ihm die Missionaire damals sehr zugesetzt, ein hartnäckiger
+Heide geblieben; aus seinem Großvater schien er sich weniger zu machen.
+
+René gewann übrigens bald sein ganzes Vertrauen, er zeigte ihm seine
+Schreibbücher und Rechenexempel, ja sogar sein allerheiligstes, das
+wichtigste Dokument seines Lebens – ein Diplom was ihm von der
+Missionsgesellschaft in ~O-no~ – wahrscheinlich London – ausgestellt
+war, und ihn hier als wirklichen »Prediger in der Wüste« anerkannte.
+
+Dicht neben dem Diplom lag, in der kleinen Schieblade zu der er René
+geführt hatte, auch ein schmales, nicht sehr langes aber zierlich
+gearbeitetes Kästchen aus Sandelholz, das er aber, als René’s Auge
+darauf fiel, rasch bei Seite zu schieben und mit daneben liegenden
+Papieren zu bedeckten suchte. Dadurch wurde aber des jungen Franzosen
+Neugierde rege gemacht, der es sonst vielleicht gar nicht beachtet
+hätte, und er drang nun darauf daß er ihm zeige was so Geheimnißvolles
+darin verborgen sei.
+
+Mitonare wollte erst gar nicht mit der Sprache heraus, endlich aber nahm
+er das Kästchen vor, hielt es noch eine ganze Zeit lang in der Hand
+während sein Auge fast mit einem Ausdruck von Anhänglichkeit darauf
+ruhte – und dann kam die ganze Geschichte heraus.
+
+Mitonare war in früherer Zeit – als er noch im blinden entsetzlichen
+Heidenthum gelebt – ein vortrefflicher und in der That der
+Haupttättowirer der Insel gewesen, und dies Kästchen enthielt seine
+damaligen Werkzeuge die er jetzt allerdings nicht mehr gebrauchte –
+denn »~bodder Au-e~« von Tahiti hatte ihm die Augen geöffnet zu was
+diese abgöttischen heidnischen Gebräuche führten – aber doch
+gewissermaßen noch als eine Art Reliquie, von der er sich gewiß sehr
+schwer hätte trennen mögen, aufbewahrte. –
+
+Trotz dem freilich, daß der kleine Mann Alles aufbot seinen Gast zu
+unterhalten, wäre diesem doch wohl die Zeit zuletzt gar lang geworden,
+denn er sehnte sich nach weit lieberer Gesellschaft; Sadie ließ ihn aber
+auch nicht so lange warten, und die Sonne war noch mehre Stunden hoch,
+als sie zu ihnen in die Thür trat. – Doch es war nicht dieselbe Sadie
+von heute Morgen, als sie leicht geschürzt, das Schultertuch um den
+nackten Oberkörper flatternd, mit wild tanzenden Locken, hochgerötheten
+Wangen und blitzenden Augen aus dem Dickicht sprang. Das leichte
+Schultertuch hatte sie mit dem langen, mehr Europäischen Sonntagsgewand
+vertauscht, und wenn auch ihren Zügen dasselbe liebe Lächeln geblieben
+war, schien sie doch in den wenigen Stunden ernster, gesetzter, ja älter
+geworden zu sein.
+
+Fast schüchtern reichte sie dem jungen Mann die Hand, und sie gingen,
+als sie bald darauf das Haus verließen, wohl eine ganze Weile schweigend
+neben einander her. Das verlor sich aber bald, René’s leichter Sinn ließ
+ihn nur sein Glück, die Seligkeit des jetzigen Augenblicks fühlen und
+Sadie, als sie sah daß er sein Versprechen von heute Morgen hielt,
+verlor bald gleichfalls jede Scheu, jedes ängstliche, sie beengende
+Gefühl, und war, als sie kaum den dunklen Schatten des Waldes betreten
+hatten, ganz wieder das fröhliche Kind wie früher. – Sie scherzte und
+lachte, erzählte dem Freunde tausend drollige Geschichten, beschrieb ihm
+ihre früheren Tänze und Gebräuche, auch das schöne Tahiti drüben, wo
+ihre Eltern gewohnt, und wo jetzt fremde Menschen Haß und Feindschaft
+gesäet um Gottes Willen, und führte ihn dabei einen schmalen Pfad
+entlang, unter überhängenden Cocospalmen hin, und durch fruchtbedeckte
+Guiaven, Orangen und Brodfruchtbäumen nach einem anderen kleinen
+Grundstück, das zu einer Art Gemüsegarten eingerichtet schien, aber auch
+mit einer Masse Fruchtbäumen, wie ~tappotappos~, Kaffee, Zuckerrohr,
+Bananen und anderen bepflanzt war.
+
+Mit der unbedeutensten Arbeit gab die Erde hier das Hundertfache des ihr
+anvertrauten Samens zurück, und René glaubte in seinem Leben kein
+schöneres, herrlicheres Land gesehn zu haben, als diese kleine Insel. O
+wie gern hätte er jetzt zu dem Mädchen von ihrer künftigen Heimath
+gesprochen, aber als ob sie fühlte daß solche Gedanken in ihm aufsteigen
+möchten lenkte sie ihn rasch und geschickt wieder davon ab, zeigte ihm
+und pflückte für ihn die verschiedenen saftigen Früchte und führte ihn
+zuletzt an den Strand hinunter, wo in einer natürlichen kleinen Bai ein
+schmales langes Canoe lag. Dies bestiegen sie und fuhren hinaus in das
+spiegelglatte und cristallhelle Binnenwasser, das durch die
+außenherumlaufenden Riffe vor jeder eindringenden See geschützt wird,
+und so still und friedlich in nie gestörter Ruhe liegt, als diese
+schönen Inseln bis jetzt selber im weiten Ocean lagen.
+
+René hatte früher noch nie die Bildung dieser Corallenbäume, tief unter
+dem klaren Wasser, gesehn, und er traute seinen Augen kaum als sich an
+mehren Stellen, zu denen ihn Sadie jetzt selber hinruderte, in
+Farbenspiel und Form eine ganz neue nie geahnte Welt vor ihm eröffnete.
+Er konnte sich nicht satt sehn an den, mit Zauberschnelle wechselnden
+Gruppen und Bildern und Sadie hatte eine ordentlich kindische Freude
+darüber, daß es ihm so gefiel hier draußen an den Stellen, die auch ihr
+Lieblingsaufenthalt waren.
+
+»Nun Dir das so gefällt,« sagte sie endlich lächelnd, »will ich Dich
+auch zu meinem Corallengarten bringen, und Dir meine kleinen Gold- und
+Silberfischchen zeigen; die darfst Du mir aber nicht scheu machen mit
+der Hand oder dem Ruder, denn es sind gar furchtsame kleine Dinger.« Und
+während sie noch sprach lenkte sie das Canoe weiter den Riffen zu, über
+die tiefe, dunkelblau daliegende Seitenfahrt, in der selbst große Boote
+die ganze Insel umsegeln konnten, wieder in flacheres Wasser hinein, wo
+dunkelbraune und röthlich graue Corallenbäume an vielen Stellen selbst
+bis zur Oberfläche des Wassers emporragten, und dann wieder, von dünnen,
+feineren Zweigen und Armen durchwachsen, verhältnißmäßig tiefere Stellen
+zwischen sich ließen, oder umgaben.
+
+Ueberall wimmelte es hier von kleinen blauen, gelben, weißen, rothen,
+gestreiften und gefleckten Fischchen; in Schaaren und einzeln schwammen
+sie herum, oft als ob ein Blitz zwischen sie eingeschlagen hätte,
+auseinanderschießend, wenn sie irgendwo nur Gefahr zu entdecken
+glaubten, aber dann auch gleich wieder, wie über ihre ungegründete
+Furcht beschämt, sich sammelnd und die erst unterbrochenen Spiele auf’s
+Neue beginnend.
+
+René wollte hier mit dem Canoe kurze Zeit still liegen, dem wunderlichen
+Treiben da unten zuzuschauen, aber Sadie ließ ihn nicht – »nur noch
+kurze Strecke,« bat sie, »dann sollst Du Dich satt sehn, an all den
+Herrlichkeiten der Tiefe.« Und das Ruder stärker einsetzend, trieb sie
+das leichte Fahrzeug rasch durch die, vorn am Bug leicht aufkräußende
+Fluth einer Stelle zu, wo ein starker Corallenzweig eben über die
+Oberfläche des Wassers vorragte. Hier hielt sie plötzlich gegen und den
+Zweig erfassend, rief sie René zu, den Stein der vorn, an einem Bastseil
+befestigt, im Bug liege hier hinaus und oben auf die Coralle zu werfen.
+René that dies, und sie brachten dadurch das Canoe förmlich vor Anker,
+das nun mit der schwachen Strömung, soweit es das Bastseil gestattete,
+still liegen blieb. Eine kleine Weile konnte René aber noch Nichts unter
+sich erkennen; das Wasser war noch nicht ruhig genug, und die kleine
+Fischwelt da unten, durch das plötzliche Erscheinen des Bootes gestört
+worden. Sadie legte aber den Finger auf die Lippen und sie sahen wohl
+eine halbe Minute schweigend nieder.
+
+Die Corallenbäume schienen hier einen förmlichen, vollkommen dichten
+Kranz zu bilden, der von unten aufsteigend, erst nach außen ein wenig
+abneigte und gerade in die Höhe, an manchen Stellen bis selbst zur
+Oberfläche des Wassers emporreichte. Der innere Raum mochte vielleicht
+zwanzig Fuß im Durchmesser haben, und das Ganze glich fast einer
+aufgebrochenen Riesenblume, die aus ihrem innersten Kelch bunte zackige
+Fasern aufschickte.
+
+Aber die Blume lebte – hier und da, tief unten aus dem Kelch heraus,
+kamen ein paar kleine Fischchen aufgeschossen als, wenn sie
+recognosciren wollten ob die Gefahr vorüber sei – das dunkle Canoe das
+mit seinem Schatten auf dem Wasser lag, machte sie vielleicht noch
+mistrauisch – aber nicht lange mehr – sie verschwanden wieder, und
+gleich darauf quoll es aus allen Winkelchen und Spalten herauf in
+Schaaren und Massen – alle Farben wild und bunt durcheinander, auf und
+nieder fahrend, herüber und hinüber schießend.
+
+»~Eita, eita!~« rief da Sadie – »~iti iti iti~« – und zu gleicher Zeit
+warf sie kleine Krumen indessen zerbröckelter Brodfrucht auf die
+Oberfläche des Wassers. Im Nu lebte dies, von allen Seiten schossen sie
+herauf, fünf sechs manchmal eine etwas größere Krume fassend und damit
+niedertauchend, andere an einem etwas zu großen Stück herumstoßend,
+ohne im Stande zu sein es zu bewältigen, und wieder andere sich mit dem
+kleinsten begnügend und wohl dabei fahrend.
+
+Mit der wiederkehrenden Ruhe waren aber auch, und zugleich mit den
+kleinen wunderniedlichen Bewohnern dieses eigenthümlichen Aufenthalts,
+dessen Feinde zurückgekehrt. – Zwei große dunkelbraune Fische, mit
+breiten Mäulern und tückisch blitzenden Augen, wohl ganze zwölf Zoll
+lang, für die kaum zierlichen Dinger aber natürlich entsetzliche
+Ungeheuer, kamen an den äußeren Rand der Blume, deren Spalten zu schmal
+waren sie durchzulassen, obgleich sie den schlankeren Inwohnern freien
+Aus- und Einlaß genügend gewährten, und schauten mit sehnsüchtigen
+Blicken nach den dichtgedrängten Schaaren solch delikater Leckerbissen
+hinüber. Die kleinen Dinger schienen aber recht gut zu wissen daß ihnen
+der Feind hier im Innern nichts anhaben könne, ausgenommen er kam von
+oben herein, und dann waren sie auch wie der Blitz in ihren
+Schlupfwinkeln.
+
+Manchmal wagte sich auch, selbst dicht unter oder über den Feinden, ein
+leichtsinniges Fischchen hinaus in’s Freie, gerade als ob es das
+Ungeheuer verhöhnen wolle, ehe dieses aber nur im Stande war sich nach
+ihm umzuwenden, obgleich das oft rasch genug ging, war jenes schon
+wieder zwischen den zackigen Pallisaden hineingeschlüpft, und erzählte
+nun wahrscheinlich den anderen da drinnen seine Heldenthaten.
+
+So trieben sie hier draußen, in den Wundern dieser für René jedenfalls
+neuen, fast zauberhaften Welt, bis die Sonne groß und glühend in das
+Meer tauchte und Stern nach Stern am reinen Himmel auffunkelte, und
+Sadie erzählte dem ihr gegenübersitzenden Freund von dem stillen Frieden
+dieses Landes und dem glücklichen Leben das die Bewohner desselben
+führen könnten – wären nicht oft böse Menschen da, die sie störten und
+kränkten, und Leidenschaften in ihnen weckten, die ihnen in früheren
+Zeiten fremd gewesen.
+
+René hätte die Nacht hindurch diesen lieben weichen Tönen lauschen
+mögen, aber das Mädchen lenkte endlich, trotz seinen Bitten noch nicht
+heimzukehren, das Canoe zum Lande zurück, und jetzt zwar gerade der
+Wohnung des kleinen Mitonare zu, der sie schon am Ufer empfing und sie
+etwas ungeduldig erwartet zu haben schien. Er that auch an Sadie mehre
+Fragen in ihrer Sprache, die das Blut in ihre Wangen trieben, aber sie
+antwortete ihm endlich lächelnd darauf und verschwand wieder wie gestern
+mit einem freundlichen Kopfnicken gegen René.
+
+Dem kleinen Mitonare schien aber heute Abend eine Menge im Kopf
+herumzugehen. – Beim Abendbrod, das sie sehr frugal aus etwas
+Brodfrucht und Cocosmilch und einigen Bananen hielten, war er einsylbig
+und sah René immer, wenn er sich unbeobachtet glaubte, von der Seite an;
+nach dem Essen aber, und als gerade der Mond draußen über die das Haus
+umgebenden Palmen aufstieg, faßte er den jungen Mann bei dem Arm, führte
+ihn hinaus an den Strand unter einen stattlichen Tuituinuß-Baum und nahm
+ihn hier, durch ein wenig Aufregung im noch mehr gemißhandelten Englisch
+als gewöhnlich, in’s Gebet. René mußte tüchtig aufpassen daß er den
+Zusammenhang verstand, denn sich an einzelne Worte zu halten hatte er
+lange aufgegeben, der Name ~Pu-de-ni-a~ der aber mehrfach vorkam, ließ
+ihn wohl ahnen was der kleine Mann eigentlich meinte, und er wollte ihm
+jetzt, über das ganze Verhältniß zu dem Mädchen klaren und offenen
+Aufschluß geben; er hatte ja Nichts weshalb er sich zu schämen brauchte,
+hätte ihn eben der kleine Mitonare nur zu Worte kommen lassen. Sowie er
+aber nur den Mund aufthat rief dieser ihm sein verhinderndes ~aita aita~
+dazwischen und redete dann nur noch lauter und heftiger, und er mußte
+ihn jetzt wohl schon gewähren lassen, bis er es von selber müde werden
+würde.
+
+»Weißer Mann,« sagte indessen der kleine Mitonare, aber wenigstens die
+Hälfte seiner Rede im Tahitischen oder doch solchen Worten die recht gut
+tahitisch sein konnten – »weißer Mann kommt her und findet Brodfrucht
+und Fleisch und Bananen und Cocosnüsse, Yam und Kartoffeln, und Mitonare
+ist freundlich mit ihm; zeigt ihm Diplom und andere Sachen, und thut gar
+nicht als ob Fremder ~Ferani~ wäre und an keinen Gott glaubte – und
+weißer Mann hat Schutz hier vor anderen weißen Männern. ~Tane~ ~tane
+Atiu~ sind freundlicher gegen ihn als Leute von seiner eigenen Farbe,
+und was thut ~Ferani~? – geht hin und macht kleines Mädchen von
+Mitonare unglücklich – schwatzt ihr allerlei tolles Zeug vor – aber
+~Pu-de-ni-a~ ist nicht wie viele andere Mädchen auf der Insel und auf
+Tahiti. – ~Ferani~ kann Mädchen genug bekommen – puh – so viel, aber
+nicht ~Pu-de-ni-a~. ~Ferani~ geht nachher weg und ~Pu-de-ni-a~ sitzt –
+gutes Kind und weint und ist nicht mehr glücklich und alte Mann Mitonare
+~O-no-so-no~ weint weil er ~Pu-de-ni-a~ weinen sieht. ~Ferani~ sollte
+sich etwas schämen und wenn ~Ferani~ auch kein Christ wäre, könnte er
+doch darum immer thun was recht wäre – sie wären auch früher keine
+Christen, nein, schreckliche Heiden gewesen, die sich tättowirt und nach
+einer Trommel, und nach dem Rauschen der Brandung getanzt hätten, ja sie
+hätten sogar ganzen kleinen, winzig kleinen Gott angebetet – aber
+darum hätten sie doch thun können was recht wäre – und es auch gethan,
+wenn sein Vater auch jetzt in der Hölle dafür wäre.«
+
+Das ungefähr war der Sinn der Rede des kleinen Mitonares, obgleich diese
+selber wohl über eine Stunde dauerte; wenn aber auch René im Anfang
+manchmal gern über die oft wunderlich genug klingenden Worte des
+Eifernden gelacht hätte, sah er doch aus dem Ganzen wie lieb der kleine
+Mann das Mädchen selber haben mußte, und wie viel er von ihr halte, und
+daß nur Besorgniß um sie ihn so ängstlich und eifrig gemacht habe, und
+er faßte endlich seine Hand, die ihm der Mitonare im Anfang aber gar
+nicht lassen wollte, und sagte ihm nun Alles, wie es ihm auf dem Herzen
+lag.
+
+Er liebte Sadie und wollte sie heirathen, und hier auf der Insel bei
+ihnen bleiben und Yams und Kartoffeln bauen, und Cocospalmen pflanzen –
+er wollte nie nie wieder fort von ihnen gehn und weder ihn noch
+Prudentia verlassen. Er erzählte ihm aber dann auch wie er das heute
+Morgen Sadie selber gesagt, und welches Versprechen sie ihm dafür
+abgenommen, und daß er sich fest darauf verlassen könne er würde es
+halten und Sadie, bis der alte Missionair zurückkomme, als seine
+Schwester ansehen, der kein Leid geschehen solle, so lange er es hindern
+könne.
+
+Der kleine alte Mann war freundlicher und freundlicher geworden, je
+nachdem er mehr und mehr begriff was der Fremde mit seinen Worten meine,
+und was er beabsichtigte, als er aber erst verstand welches Versprechen
+er dem Mädchen gegeben hatte, und wie er versicherte es treu halten zu
+wollen, da überkam die Freude jedes andere Gefühl, er fiel dem jungen
+Mann um den Hals und rieb sogar – sehr zu dessen Erstaunen der gar
+nicht wußte was er aus solcher Ceremonie machen sollte – Nasen mit ihm,
+die größte innigste Freundschaftsversicherung die er ihm überhaupt geben
+konnte.
+
+Der kleine Bursche wurde aber ganz wie ausgelassen – er erklärte René
+– dessen Namen er jetzt ebenfalls behalten hatte und ganz gegen seine
+sonstige Gewohnheit richtig aussprach, für den besten Wi–wi der je
+einen Götzen angebetet habe; und meinte, wenn er bei ihnen auf der Insel
+bliebe, dann wolle er und der andere Mitonare und ~Pu-de-ni-a~ doch
+einmal sehn, ob sie nicht aus diesem Wi–wi auch einen Christen machen
+könnten, wenn das auch vielleicht schwieriger halten würde, als einen
+verheiratheten Mann aus ihm zu machen. Er wußte in der That gar nicht,
+was er vor lauter Lust und Vergnügen angeben sollte, und es fehlte nicht
+viel so hätte er wirklich ein paar mal bald an zu tanzen gefangen, nur
+daß er sich noch immer zur rechten Zeit dabei erwischte – das hätte
+sich im Leben nicht für einen ~mi-to-na-re~ geschickt.
+
+So vergingen René die nächsten drei Wochen in einem Glück, von dem er
+früher nicht geglaubt hätte daß es eine Menschenbrust im Stande wäre zu
+fassen; aber nicht allein Sadie und Mitonare gewannen ihn in dieser Zeit
+weit lieber, je näher sie mit ihm bekannt wurden, nein, auch die
+Eingeborenen der Insel, denn das leichte fröhliche Temperament des
+jungen Franzosen sagte auch ihren Neigungen gerade zu; sie sahen ihn
+gern, lernten ihn lieb gewinnen und der alte König, außer dem
+hochklingenden Titel eine sehr unschuldige Persönlichkeit, die jedoch
+trotzdem viel Einfluß auf die übrigen ausübte, wurde sein bester Freund.
+Allerdings hatte ihm René mehrmals Geldgeschenke gemacht, was ihm des
+Mannes Herz zuerst öffnete, als er aber später mehrmals mit Sadie
+hinüberkam, und der alte Mann erfuhr in welchem Verhältniß die Beiden
+standen, und daß René sogar beabsichtige Einer seiner Unterthanen zu
+werden, da versicherte er ihn denn auch, daß er ihn, falls sein Schiff
+wirklich wieder zurückkommen solle, nicht mehr ausliefern werde und daß
+der weiße Mann Capitain – wie Raiteo als Dollmetscher übersetzte –
+schon sehen solle wie sie ihm eine Nase drehen wollten. Er dachte
+nämlich keineswegs daran den einmal erhaltenen, und auch in der That
+schon theils benutzten, theils vertheilten Fanglohn wieder
+herauszugeben.
+
+Am komischsten betrug sich Raiteo; – trotzdem daß er früher sich die
+größte Mühe gegeben hatte, des Flüchtlings habhaft zu werden, ja sich
+damals sogar nicht scheute Verrath zu gebrauchen, um seinen Zweck zu
+erreichen und den ausgesetzten Lohn zu verdienen, so that dieser doch
+jetzt, als wenn er gleich von dem ersten Augenblick an des jungen Mannes
+Hauptfreund und Beschützer gewesen wäre. Er erklärte ihn auch bald für
+seinen innigsten ~tajo~ und trug wohl Sorge dabei daß er René besonders
+darauf aufmerksam machte, wie uneigennützig er damals den Dollmetscher
+zwischen ihm und den Uebrigen abgegeben habe, und wie einige kleine
+Stücken Geld, selbst jetzt noch dafür ausgelegt, keineswegs zu spät
+kämen. René war klug genug sich auch diesen Burschen, den er übrigens
+leicht genug durchschaute, zum Freund zu halten, und ein paar Thaler
+thaten dies denn auch, wenn Versicherungen nur irgend einen Maßstab für
+Raiteo’s Gefühle geben konnten, auf das vollständigste.
+
+René schrieb übrigens auch in dieser Zeit nach Frankreich, den Brief für
+die erste sich bietende Gelegenheit nach Tahiti bereit zu halten, ihm
+einen Theil seiner noch dort stehenden Gelder unter seiner Adresse an
+den Französischen Consul Tahiti’s zu übersenden, wie ihm ebensowohl
+Einführungsbriefe auf die Hauptinsel dieser Gruppen zu verschaffen. Wenn
+er ihrer auch jetzt noch nicht bedurfte, wußte er doch nicht wie sich
+seine Verhältnisse in spätern Zeiten gestalten würden, und er wollte
+jetzt wenigstens nichts versäumen, dem vorzuarbeiten.
+
+Das Herz des kleinen Mitonares gewann er sich übrigens noch auf ganz
+besondere Weise durch den regelmäßigen Besuch seiner Kirche, in der er
+allerdings nichts von der Predigt verstand, aber doch die Melodien der
+Hymnen mit summte, und den Mitonare nur in dem Glauben befestigte, daß
+doch noch am Ende ein Christ aus ihm zu machen sei. Der gute kleine Mann
+war viel zu unschuldig, auf den Gedanken zu kommen, daß René einzig und
+allein Sadie’ens wegen das Gotteshaus besuche.
+
+
+Fußnoten:
+
+[F] Diese Inseln außer Tahiti und Imeo oder Eimeo feiern den Sonnabend
+statt Sonntag, da die ersten hier eingetroffenen Missionaire, die um das
+Cap der guten Hoffnung gekommen waren, den Tag den sie auf 180° West und
+Ost Länge gewonnen, nicht dazu zählten, wie sie es eigentlich thun
+mußten, und nun ihre eigene unterwegs gehaltene Zeitrechnung, die sie um
+einen Tag zu kurz sein ließ, beibehielten. Auf Tahiti und Imeo haben es
+die Franzosen jetzt abgeändert.
+
+[G] ~Wi-wi~, ein Spottname dieser Inseln für die Franzosen, nach deren
+~oui, oui~.
+
+
+
+
+Capitel 5.
+
+#Das Geständniß.#
+
+
+Das Einzige übrigens was jetzt manchmal Sadie sowohl als auch den
+kleinen Mitonare beunruhigte, war das so außergewöhnlich lange
+Ausbleiben des Mr. Osborne, obgleich es bei den Missionairen, wenn sie
+auch ihre bestimmte und feste Wohnung haben, doch wohl manchmal vorfiel
+daß sie auch kleine Abstecher nach anderen Inseln machten wo keine
+festen Prediger wohnten, und dann widriger Winde wegen oft länger
+aufgehalten wurden, als sie im Anfang selber beabsichtigt.
+
+So standen die Sachen als eines Morgens, in den letzten Tagen des
+Februar, ein Bursche über die Berge herüberkam und meldete, der
+Missionscutter – ein kleines Fahrzeug das sie alle gut genug auf der
+Insel kannten – sei in Sicht und halte gerade nach hierher zu. Gegen
+Mittag umsegelte es auch die südlichste Spitze der Insel, und von
+Sadie’s Lieblingsplätzchen aus konnten sie sein Näherkommen deutlich
+beobachten.
+
+Sadie und René standen dort schweigend Hand in Hand – war ihnen Beiden
+aber auch wohl das Herz übervoll, denn dort in dem kleinen Fahrzeug kam
+der Mann, der ihr Schicksal entscheiden sollte – mochte ihnen doch
+Keins Worte geben. Als aber der Cutter sich immer mehr und mehr näherte,
+jetzt sogar in die natürliche Einfahrt der Corallenriffe, von einer
+günstigen Briese getrieben, einbog, und in dem ruhigen Wasser
+pfeilschnell auf seinen gewöhnlichen Ankerplatz zuglitt – als die Segel
+fielen, der Anker niederschlug und das kleine Fahrzeug herumschwingend,
+kaum mehr als hundert Schritt vom festen Land der Insel ab einbog, da
+sagte René leise, Sadie zu sich herüberziehend:
+
+»Willst Du zuerst mit Deinem Vater allein reden, Sadie, oder wollen wir
+ihm Beide zusammen entgegengehn? – wie ist es Dir am liebsten?« –
+
+»Ich weiß es nicht René,« – sagte das Mädchen leise und schüchtern –
+»ich weiß es nicht – o mir ist auf einmal so bang und weh um’s Herz,
+als ob ich irgend ein großes Unrecht gethan hätte – und ich bin mir
+doch nichts Böses auf der weiten Gotteswelt bewußt – ich glaube ich
+fürchte mich meinem Vater entgegenzutreten – und er ist doch so gut –
+so unendlich gut.«
+
+»Dann laß mich zuerst mit ihm sprechen, Sadie,« bat René – »laß mich zu
+ihm gehn – ich habe Papiere die ihn über meine Abkunft und Verhältnisse
+beruhigen können – ich bin kein gewöhnlicher Matrose wie sie hier über
+diese Inseln hier und da zerstreut sein sollen; das allein ist auch die
+Ursache daß ich nicht im Stande war an Bord jenes Wallfischfängers
+zwischen dem rohen wüsten Volke auszuhalten; – wenn er hört wie innig
+wir uns lieben, kann er ja Nichts gegen eine Vereinigung mit Dir
+einzuwenden haben. Aber was hast Du? – was erschreckt Dich so sehr, Du
+süßes Lieb?«
+
+Der Ausdruck in Sadie’s Zügen ließ sich nicht verkennen – irgend etwas
+mußte sie beunruhigt haben, aber sie schüttelte erst schweigend mit dem
+Kopf und blickte nur scharf nach dem Cutter hinüber, an dessen Seite
+jetzt ein kleines Boot niedergelassen war, den zurückkehrenden
+Missionair an Land zu rudern. René hatte auf das Fahrzeug, mit der
+Geliebten beschäftigt, gar nicht mehr geachtet, als er aber jetzt der
+Richtung ihrer aufgehobenen Hand folgte, sah er wie vom Bord des
+Schooners zwei dunkelgekleidete Männer in die Jölle niederstiegen, statt
+einem.
+
+»Kennst Du den Mann, der dort mit Deinem Pflegevater kommt?« frug er das
+Mädchen.
+
+Sadie nickte langsam und schweigend mit dem Kopf und sagte endlich
+leise:
+
+»Das ist der einzige Mann, das einzige Wesen auf dieser Insel, das ich
+_fürchte_ – und ich weiß nicht weßhalb – Er hat noch Niemandem Böses,
+und Vielen schon Gutes gethan, aber er ist so ernst und streng und ich
+weiß nicht, aber wenn ich mir _seinen_ Gott als einstigen Richter denke,
+so überläuft mich’s mit Fieberfrost. Feste Formeln und Gebräuche hat er
+dabei, von denen er nicht weicht, ja von deren Beobachtung er unser
+Seelenheil abhängig macht, und nur wenn ich dann meinen Pflegevater
+dagegen reden höre, ist es mir wie Trost und Linderung für das kalte
+Wort des finstern Mannes.«
+
+»Das ist der Mann denn, von dem Du mir schon gesprochen, Sadie,« sagte
+René – »aber wo wohnt er? – was thut und treibt er?«
+
+»Er ist Missionair wie mein Vater, aber der ärgste Feind den Deine
+Landsleute auf den Inseln haben können – sein Name ist Rowe und
+obgleich er auf Tahiti seinen festen Wohnsitz hat, besucht er doch, als
+eine Art geistlicher Oberhirt, zu Zeiten die einzelnen Inseln, ihren
+Zustand zu untersuchen und an dem Sonntag wo er sich dort aufhält, zu
+predigen. Aber so lange er auf der Insel ist hörst Du kein Lachen und
+Singen fröhlicher Menschen, siehst keine Blume in den Haaren der Mädchen
+– selbst die Kinder fürchten den Mann.«
+
+»Und was kann er _uns_ schaden, Du holdes Lieb,« sagte René – »Dein
+Pflegevater allein hat Deine Hand zu vergeben, und wenn es selber dann
+_Dein_ Wille ist, was kümmert uns da der stolze Priester?«
+
+»Aber er wird meinem Pflegevater heftig zureden uns seine Einwilligung
+zu versagen,« flüsterte ängstlich das Mädchen.
+
+»Dann« – René biß die Lippen zusammen, zwischen denen sich ihm ein
+heftiges Wort herauszupressen drohte, aber er wollte dem lieben Kinde
+auch nicht weh thun und sagte, rasch abbrechend: »Hab guten Muth Sadie;
+es wird noch Alles gut gehen und das Beste sein, daß wir die beiden
+Herren erst eine Weile landen lassen; der kleine Mitonare mag mich gern
+leiden und wenn Dein Vater nach Dir frägt wird er schon einen günstigen
+Vorbericht für uns ablegen. Nachher gehen wir dann grade und offen zu
+ihm und sagen ihm wie lieb wir uns haben und wie wir hier bei ihm auf
+der Insel bleiben und wohnen wollen und er wird uns seine Einwilligung
+gewiß nicht versagen.«
+
+»Mache es wie Du willst, René,« sagte das arme Mädchen leise und
+schüchtern – »aber ich fürchte mich recht sehr, und ich wollte zu Gott
+der ehrwürdige Mr. Rowe wäre nur diesmal nicht mitgekommen.«
+
+Das Boot war indessen an Land gerudert, der kleine Mitonare aber, in
+aller seiner Unschuld niemand Anderen als seinen Missionair, den alten
+ehrwürdigen Mr. Osborne erwartend, an den Landungsplatz gegangen ihn zu
+begrüßen. Er trug sein gewöhnliches weißes Hemd, und das rothe
+Lendentuch fest um den runden stattlichen Leichnam geschlagen, außerdem
+aber noch, da er als Mitonare nicht gut im bloßen Kopf in der Sonne
+herumlaufen konnte, einen breiträndrigen Strohhut mit schwarzem breiten
+Bande, und stand schon schmunzelnd am Ufer seinem alten Freund die Hand
+mit einem herzlichen ~Joranna~ entgegenzustrecken, als er plötzlich die
+zweite Gestalt im Boot zuerst überrascht bemerkte, und dann erschreckt
+erkannte – denn Mitonare hatte einen noch viel größeren Respekt vor dem
+finsteren geistlichen Mann, der ihm diesmal so unverhofft über den Hals
+kam, als selbst alle Kinder der Insel zusammengenommen, nur daß _er_
+nicht ausreißen durfte, wenn ihm der fromme Mann in den Weg kam. Umdrehn
+aber und in das Haus, und dort angekommen in den schwarzen Frack und
+die gelbe Weste fahren, war das Werk eines Augenblicks. In beide
+Kleidungsstücken kam er zuerst in das verkehrte Aermelloch, aber wie
+eine gehetzte Ratte fand er zuletzt das rechte, und griff nun in wahrer
+Verzweiflung das eingewickelte Halstuch von dem Bücherbrett herunter, wo
+es friedlich bis zum nächsten Sabbath hatte ruhen sollen, riß es aus dem
+Papier, fuhr dann mit dem Halstuch in die Tasche statt dem letzteren,
+ehe er seinen Irrthum gewahrte, bekam es aber zuletzt doch noch
+glücklich um, und hätte nun fast, als er wieder mit einem Satze aus der
+Thür hinaus wollte, das Versäumte gut zu machen, die beiden geistlichen
+Herren umgerannt, die, ~the reverend Mr. Rowe~ voran, indeß gelandet
+waren und auf die freundliche Wohnung Mitonares zuschritten.
+
+Mr. Rowe, der übrigens wohl erkannte weshalb der kleine Mann so in Hast
+gewesen, denn dieser hatte in aller Eile den Hemdkragen gar nicht mit in
+das Halstuch hineingebunden, begrüßte ihn mit einem gütigen väterlichen
+Blick und Handdruck, wobei Mitonare ein Gesicht machte, als ob er seine
+Hand in einem Schraubstock hätte.
+
+»Nun, Bruder Ezra,« sagte Mr. Osborne freundlich, als dieser zu ihm
+hinantrat, und seine Hand auf das herzlichste schüttelte, was Mitonare
+mit ungemein gutem Willen erwiederte – »wie ist es Euch die Zeit
+meiner Abwesenheit ergangen? – immer wohl und gesund gewesen, und in
+keiner Weise zu Schaden gekommen? nicht wahr ich bin weit länger
+entfernt geblieben als ich im Anfang beabsichtigte?«
+
+Ich muß hier jedoch bemerken daß die Geistlichen mit dem kleinen Mann
+nur in seiner eignen Sprache redeten, blos wenn sich Mr. Osborne mit
+Bruder Ezra – wie der kleine Mitonare bei der Taufe genannt worden –
+allein befand, und gerade nichts Wichtiges zu verhandeln hatte, sprach
+er englisch mit ihm, um ihm diese Sprache geläufiger zu machen, und
+seinen etwas schweren Mund an die fremden Worte besser zu gewöhnen.
+
+Bruder Ezra antwortete auf das Befriedigenste, als aber die drei Männer
+in das Haus traten, sah sich Mr. Osborne erstaunt und vergebens nach
+seiner Pflegetochter um, die ihn sonst stets fast die erste begrüßt
+hatte, und er frug rasch, fast ängstlich nach dem Mädchen.
+
+Mitonare hätte in diesem Augenblick eben so gern seinen ganzen
+Catechismus aufgesagt – ihm sonst die schrecklichste aller
+Religionsübungen – als vor Bruder Rowe zu erzählen was mit ~Pu-de-ni-a~
+vorgegangen sei, und welcher Gast sich indessen auf der Insel
+eingefunden habe. Er wußte ja am besten in welcher Achtung die
+~Feranis~ bei dem frommen finsteren Manne standen, und sollte er jetzt
+erzählen was hier unter seinen eigenen Augen vorgegangen war, und was er
+selber geduldet hatte? denn jetzt kam es ihm auf einmal wunderbarer
+Weise vor, als ob das ein entsetzliches Verbrechen gewesen wäre.
+
+Durch sein Schweigen wurde der alte Mann aber nur noch besorgter; er
+glaubte jetzt wirklich es sei dem Mädchen, das er fast wie sein eignes
+Kind liebte, etwas widerfahren, und als nun auch Bruder Rowe dazutrat
+und Mitonare zum Sprechen aufforderte, konnte er natürlich nicht mehr
+zurückhalten. Der Angstschweiß stand ihm auf der Stirn, aber die ganze
+Sache kam nach und nach zu Tage, und erst als er mit sämmtlichen Factas
+geendet hatte, fing er an den jungen ~Ferani~ zu loben, der ein wahres
+Muster von einem Menschen sei und sogar als ~Ferani~ in seine Kirche
+gekommen wäre – und so andächtig zugehört hätte, als ob er jedes Wort
+davon verstände. Er erwähnte auch des Versprechens das ihm ~Pu-de-ni-a~
+abgenommen, was er ja auch als Hauptentschuldigung für sich aufstellte,
+und Mr. Osborne der den Charakter des Mädchens kannte, athmete leichter
+als er dies hörte.
+
+Bruder Rowe’s Züge hatten sich aber indessen mehr und mehr verfinstert
+– schon als er hörte daß ein, von einem Wallfischfänger entsprungener
+Matrose auf der Insel geblieben und nicht wieder von seinem eigenen
+Schiff mit fortgenommen sei, horchte er hoch auf, und als es nun gar
+herauskam daß es ein Franzose sei, der schon in aller Geschwindigkeit
+ein Liebesverhältniß mit der Adoptivtochter des Geistlichen angesponnen
+habe, sah man es ihm ordentlich an daß er sich Mühe geben mußte seinen
+Groll und Zorn zu bemeistern. Vergebens waren jetzt Bruder Ezra’s
+Psalmen, die er dem jungen Franzosen sang, vergebens selbst Mr. Osbornes
+Einwurf, daß man jedenfalls erst einmal den jungen Mann sehen und
+sprechen wolle – er war Matrose eines Wallfischfängers und Franzose –
+also Katholik, und ein richtiger Missionair der Südsee Inseln haßt
+nichts auf der Welt – selbst den Teufel wohl kaum ausgenommen –
+herzlicher, als diese beiden Individuen.
+
+Sein Urtheilsspruch war auch ohne weiteres gefällt – »ehe das Uebel
+tiefer griff, mußten schnelle Maßregeln dagegen ergriffen werden, und er
+wollte jetzt selbst ohne weiteres zu dem Häuptling hinübergehn und mit
+diesem das Nöthige dazu besprechen. Der Häuptling oder König brauche ihm
+nur zu gebieten die Insel zu verlassen, so müsse er dem Befehl Folge
+leisten, und Gelegenheit habe er jetzt gerade am besten in dem kleinen
+Schooner, der in einigen Tagen wieder mit ihm nach Tahiti zurück
+sollte. Weigerte er sich aber dem Befehl Folge zu leisten, so war nichts
+einfacher als ihn als Gefangenen mit fortzunehmen, und an den
+französischen Consul in Papetee auszuliefern. – Diese Inseln standen
+unter englischem Schutz, und es war ihnen von der englischen Regierung
+versprochen sie gegen jede Aufdringlichkeit, besonders von französischer
+Seite, zu schützen, wo man überdies nicht einmal wissen könne, ob da
+nicht am Ende gar irgend ein heimlich gehaltenes Missionswesen der
+Verbreiter »papistischer Gräuel« dahinter stäke. Andererseits würde aber
+auch die französische Regierung, die gerade erst ganz kürzlich ihr etwas
+gewaltsames Protectorat angetreten, Alles vermeiden, mit anderen
+Mächten, noch dazu eines entsprungenen Matrosen wegen, in Collision zu
+kommen. Für sie hier war es aber gerade in dieser Zeit von höchster
+Wichtigkeit jenen papistischen Propaganden, die sich über sämmtliche
+Inseln zu verbreiten suchten, entgegen zu arbeiten. Das Volk dieser
+Inseln sei viel zu empfänglich für äußeres Gepränge, nicht der Gefahr
+ausgesetzt zu sein von dem Flitterstaat der katholischen Religion
+bestochen zu werden, und nicht allein Jahre lange Anstrengungen und
+Arbeiten, nein auch die Seelen der Unglücklichen wären dann verloren für
+immer.«
+
+»Aber nicht allein in religiöser, nein auch in moralischer Beziehung sei
+es Pflicht der Geistlichen dahin zu wirken diese schlimmsten aller
+Vagabunden, flüchtige Seeleute, von sich entfernt zu halten. Auch Bruder
+Osborne wisse recht gut, wie gerade diese Menschen dem wohlthätigen
+Wirken der Missionaire stets feindlich entgegengetreten wären, selbst
+wenn sie denselben Glauben mit ihnen hatten; wie viel schlimmer war es
+jetzt, wo solche Menschen auch sogar noch in ihrem Glauben eine, ihrer
+Meinung nach vielleicht vollkommen genügende Ursache fänden, Unfrieden
+zwischen dem Geistlichen und seiner kleinen Gemeinde zu säen?«
+
+»Für den _Vater_ sei es außerdem besonders dringende Pflicht, sein
+angenommenes Kind vor Verführung zu schützen und ihr Herz zu wahren vor
+den Eindrücken, die bei einer solchen unnatürlichen Verbindung
+unvermeidlich wären. – Das war _seine_ Meinung über die Sache, und er
+hoffte Bruder Osborne würde mit ihm hierin vollkommen harmoniren. Es sei
+nöthig daß sie zusammenständen, in dieser jetzigen Zeit des Trübsals, um
+des Glaubens willen.«
+
+»Er hatte zuerst die Absicht gehabt den König _morgen_ zu besuchen, aber
+im Dienste Gottes gäbe es keine Ruhe noch lässiges Verschieben, und er
+wolle deshalb gleich dorthin aufbrechen, ihn mit sich herüber zu
+bringen.« Daß er die Einwilligung desselben, oder vielmehr den Befehl
+für den Flüchtling erhalten würde, mit erster Gelegenheit die Insel
+wieder zu verlassen, verstand sich von selbst, und er zweifelte daran
+nicht im mindesten.
+
+Mr. Osborne ersuchte ihn jetzt noch einmal, den Fremden wenigstens erst
+einmal rufen zu lassen und mit ihm zu sprechen, daß sie mit eigenen
+Augen sähen zu welcher Klasse von Menschen er gehöre. – Bruder Rowe’s
+Entschluß war gefaßt, und da er, durch seinen langen Aufenthalt zwischen
+diesen Inseln als Missionair, sich daran gewöhnt hatte unbedingt zu
+befehlen, indem seine Stimme für das Wort und den Willen des Herrn galt
+– ja da er die feste Ueberzeugung hatte daß alle diese Tausende von
+Insulanern nur durch ihn und die wenigen andern Geistlichen einer ewigen
+Qual entrissen, und der Seligkeit zugeführt seien, ihm also mehr als ihr
+Leben, ihr ganzes einstiges Heil danken mußten, so verstand es sich wohl
+von selbst daß er auch die weit geringere Leitung ihrer weltlichen
+Angelegenheiten wenn auch nicht gerade führen, doch in die Bahn leiten
+konnte und durfte, die er als die richtige bestimmte.
+
+Er beorderte jetzt ohne weiteres – denn ihre Mahlzeit hatten sie schon
+an Bord eingenommen – zwei Eingeborene, ihn in einem kleinen Boot, das
+er schon mehrfach dazu benutzt hatte, um die Insel hinum zu rudern,
+denn es fiel ihm nicht ein den langen Weg zu Fuß zu gehn. – In diesem
+wurde ein schmales Sonnendach aufgespannt, und eine Viertelstunde später
+schoß das kleine scharfgebaute Fahrzeug, von den kräftigen Armen der
+Insulaner getrieben, pfeilschnell über das spiegelglatte Binnenwasser,
+von der Strömung jetzt noch überdies begünstigt hin, und war in kurzer
+Zeit um die nächste vorragende Landspitze verschwunden.
+
+René und Sadie hatten indessen mit freudigem Staunen die rasche Abreise
+des finstern Mannes gesehen, die sie irgend einer Ursache in seinem
+geistlichen Wirken zuschrieben, und sie beschlossen nun auch ohne
+weiteres hinunter zu Mr. Osborne zu gehn, ihm Alles zu erzählen und ihn
+um seinen Segen zu bitten.
+
+Mitonare war übrigens indessen, nur erst einmal der beengenden Gegenwart
+des ~bodder Au-e~ enthoben, nicht müßig gewesen Mr. Osborne den jungen
+Fremden von der besten Seite zu schildern. Natürlich lag in diesem Lobe
+ein großer Theil Eigennutz verborgen, denn es mußte ja auch einzig und
+allein seine Entschuldigung sein, daß er Prudentia’s Umgang mit ihm
+überhaupt geduldet hatte. Solcher Art war er denn noch emsig damit
+beschäftigt, und Mr. Osborne saß gar ernst und sinnend vor ihm in
+seinem Lehnstuhl, den rechten Ellbogen auf die Lehne und das graue
+Haupt in die rechte Hand gestützt. Es schien ihm recht weh und trüb um’s
+Herz zu sein.
+
+Da traten die beiden jungen Leute in die Thür, und Sadie blieb erst
+einen Augenblick schüchtern in der Ferne stehen; als er aber den Blick
+zu ihr aufhob, und sie in das liebe ehrwürdige, jetzt so kummerschwere
+Antlitz schaute, da flog sie, wie in alter Zeit auf ihn zu, barg ihr
+Gesicht an seinem Herzen und rief:
+
+»Mein lieber, lieber Vater!«
+
+»Mein liebes, liebes Kind!« sagte der alte Mann und küßte das fest an
+ihn angeschmiegte Haupt des schönen Mädchens – »was habt Ihr denn hier,
+unter der Zeit meiner Abwesenheit für böse, böse Streiche getrieben?«
+
+Es lag eine so innige Zärtlichkeit in dem Ton mit dem er diese Worte
+sprach, und nur ein so leiser – von jedem Verdacht freier Vorwurf, daß
+sich Sadie nur fester gegen seine Brust preßte, aber ihre Hand zurück
+nach René ausstreckte, diesen herbeizurufen und zu ihrem Vater zu
+bringen.
+
+Der alte Mann, der wohl auf den ersten Blick sah, daß er keinen
+gewöhnlichen Matrosen vor sich habe, grüßte den, sich ihm jetzt offen
+und vertrauensvoll nähernden jungen Mann freundlich, winkte ihm einen
+Stuhl zu nehmen, den Mitonare indessen mit großer Bereitwilligkeit
+herbeigebracht hatte, und bat dann René, was er ihm zu sagen habe, ihm
+ohne jeden Umschweif, mit jedem Vertrauen zu eröffnen – er habe
+Prudentia als sein Kind angenommen, und von klein auferzogen als ihre
+Eltern gestorben waren und die kleine Waise allein zurückgelassen
+hatten, und hege dieselben Gefühle noch jetzt für das erwachsene
+Mädchen, als ob sie seine eigene leibliche Tochter sei. Er wolle auch
+nur ihr Glück, möchte das aber gesichert wissen da es keins der
+gewöhnlichen Mädchen der Eingeborenen sei, sondern eine fast Europäische
+Erziehung genossen habe und dabei auch vielleicht jetzt tiefer fühle,
+besonders andere Ansichten über die Ehe habe, als sie in diesen Gruppen
+bei ihren Landsmänninnen wohl meist gefunden würden.
+
+René verlangte Nichts mehr; er erzählte zuerst dem alten Mann, so
+gedrängt als möglich, seine ganze Lebensgeschichte, schilderte ihm, so
+treu er es selber vermochte, seinen ganzen Charakter, was ihn in die
+Welt, was ihn zuletzt an Bord eines Wallfischfängers getrieben habe, von
+dessen ganzen Wesen und Treiben er früher keinen Begriff gehabt, und wie
+er auf dieser Insel sich jener Existenz zu entziehen gesucht und hier
+Sadie’en gefunden und lieben gelernt habe. Er zeigte ihm dann die
+Papiere die er mit sich führte – und Mr. Osborne verstand nicht allein
+das Französische sondern sprach es auch sehr geläufig – erklärte ihm
+daß es sein fester Wille sei sich hier auf einer dieser Inseln, am
+liebsten auf dieser, niederzulassen, und bat den alten Mann ihm Sadie,
+die er in der kurzen Zeit seines Aufenthalts recht von Herzen lieb
+gewonnen habe, zum Weib zu geben. Er wollte sich dann bei ihnen seine
+Heimath gründen, und Mr. Osborne solle einen guten Sohn und Nachbar an
+ihm finden.
+
+»Sie sind Katholik?« frug ihn der alte Mann, als René schon eine ganze
+Zeit lang geschwiegen und er ihn indessen mehr sinnend als forschend
+betrachtet hatte.
+
+Des jungen Mannes Antlitz röthete sich ein wenig, als er erwiederte:
+
+»Lieber Herr, Sie haben gewiß genug von der Welt gesehn, zu wissen wie
+es mit der Religion unter jungen Leuten meistens steht. – Ich bin
+allerdings als Katholik erzogen, und die Meinigen waren sämmtlich,
+einige sogar sehr strenge Katholiken, ich selber muß Ihnen aber
+aufrichtig gestehn, habe mich nie streng an die Gebräuche weder meiner
+noch einer andern Sekte gehalten, und Sie können überzeugt sein, daß ich
+nie daran denken würde Jemanden zu meinem Glauben überreden zu wollen.
+Sadie ist in dem ihren aufgewachsen und ein so liebes, braves Mädchen
+geworden, sie wird ihm auch treu bleiben, und ich wäre der Letzte sie
+darin zu stören. Was mich selber betrifft, so suche ich recht zu thun,
+und hoffe dann mit meinem Gott schon fertig zu werden – er allein weiß
+ja auch nur, wer den _rechten_ Glauben hat. Sie werden aber auch nie
+finden, daß ich über den Glauben eines Andern spotte – ein Jeder hat
+ein Recht zu seiner Meinung.«
+
+Der Missionair hatte nun allerdings gar sehr verschiedene Ansichten über
+Religion, aber René gewann sich doch durch diese Offenheit sein Herz,
+denn keineswegs gehörte er zu jener stolzen Priestersekte die, ihr
+Religionspanier in der gehobenen Rechten, das Volk vor sich auf die Knie
+werfen und so lange damit fortschreiten bis sie zuletzt ganz zu
+vergessen scheinen daß das Volk eigentlich vor dem Panier und nicht vor
+ihnen kniet. Aber der alte Mann hatte doch noch andere und recht ernste
+Bedenken, und je mehr er den jungen lebensfrischen Mann da vor sich
+stehen sah, so viel schwerer ward ihm das Herz; aber er wollte das Alles
+nicht vor der Tochter aussprechen, und bat also das Mädchen auf kurze
+Zeit das Haus zu verlassen, er habe mit dem jungen Mann etwas allein zu
+reden.
+
+Sadie war ein viel zu folgsames Kind auch nur mit einem Blick zu zögern
+– sie küßte des alten ehrwürdigen Mannes Hand und verließ dann rasch
+das Zimmer.
+
+Der alte Mann saß, schon als die leichte Bambusthür lange hinter ihr
+zugefallen war, noch viele Minuten schweigend da, als ob er selber nicht
+rechte Worte für das finden könne was er sagen wolle.
+
+»Lieber junger Freund,« begann er endlich, »Sie sind frei und aufrichtig
+gegen mich gewesen, und ich will Ihnen Gleiches mit Gleichem vergelten;
+Sie werden mir deshalb auch Nichts übel nehmen, was ich zu Ihnen sage,
+denn Gott weiß es, es geschieht sowohl zu Prudentia’s als Ihrem eigenen
+Wohl. Sie sind, wie ich aus Ihren Papieren gesehn habe, von guter
+Herkunft, in dem gebildeten, geselligen Leben Europas erzogen, an
+Europäische Sitten, an ein Leben gewöhnt, das Ihnen _mehr_ bietet als
+nur einfach Essen und Trinken und ein einzelnes Wesen dem Sie sich
+anschließen können – mögen Sie dies noch so sehr lieben. Die Beweise
+haben Sie selber in ihrem unsteten Leben; weder in Afrika noch Amerika
+fanden Sie was Sie suchten, d. h. das was das Bedürfniß Ihres Herzens
+und Geistes befriedigen konnte – die rohe Gesellschaft des
+Wallfischfängers trieb Sie sogar zu einem verzweifelten Schritt, bei dem
+Sie lieber Ihr Leben einsetzen, als in jenes Verhältniß zurückkehren
+wollten. Sie fanden hier, gerade in Ihrer größten Gefahr, auf höchst
+romantische Weise ein junges reizendes Mädchen, dessen liebe regelmäßige
+Züge, dessen Gestalt zuerst ihre Leidenschaft weckte, und dessen
+Unschuld und Liebreiz, als Sie dasselbe näher kennen lernten, Ihr Herz
+gewannen. Scenerie und Umgebung, selbst sogar die verschiedene Farbe und
+Abstammung des Mädchens trug dazu bei, den Reiz in Ihrem eigenen
+jugendlichen Herzen zu erhöhen. Unser herrliches Klima, die tropische
+Vegetation, das stille blaue Meer, ja das ganze Stillleben unseres
+lauschigen Plätzchens hier bestach Ihre Sinne mehr und mehr, und Sie
+glauben jetzt – ja Sie sind fest überzeugt davon, daß Sie in dem
+Mädchen und dieser Insel das Ideal Ihres Lebens gefunden, das Ziel Ihres
+ganzen Strebens und Drängens erreicht haben. – Wenn Sie sich aber nun
+irren? – Ich weiß was Sie sagen wollen – Sie folgen dem Drange Ihres
+Herzens und fürchten nicht daß Sie dieses irre führt, aber hören Sie
+mich ruhig darüber an. Sie sind jung, das Leben liegt noch offen vor
+Ihnen – ich bin alt, meine Bahn ist bald durchwandelt, – Sie haben die
+Hoffnung, ich die Erfahrung, und drei und zwanzig Jahre meines Lebens
+hab’ ich auf diesen schönen Inseln zugebracht. In dieser Zeit habe ich
+aber auch viele viele Leute kommen und gehen, habe Hoffnungen und Träume
+aufblühen und verwelken sehn und weiß was ein Mann in Ihren
+Verhältnissen hier zu finden _glaubt_ – und was er _findet_.«
+
+»Jetzt ist Ihnen noch Alles neu – die Palmen selber, die ganze
+tropische Vegetation übt einen Reiz auf den Neuankommenden aus, dem er
+selten, wenigstens in seinem ersten Andrang, widerstehen kann; nur
+wenige Jahre führen aber darin eine gewaltige Aenderung herbei, denn das
+Herz, besonders das junge Herz bedarf einer Veränderung, bedarf eines
+Reizes für seine Thätigkeit, wenn es nicht erschlaffen oder in neuem,
+dann aber recht schlimmen Schmerz vergehn soll. Viele, sehr viele
+Europäer haben sich besonders in den letzteren Jahren hierher gezogen,
+die aber von ihnen, die wirklich hier geblieben sind, waren schon ältere
+Leute und brachten auch meistens ihre Familien, die ihnen an Stand und
+Erziehung gleich waren, mit sich. – Fast alle diese kamen hierher, ein
+Geschäft zu treiben und sich ein Vermögen zu erwerben, und sie werden
+meist Alle wieder, wenn ihre Kinder erwachsen sind, nach Europa
+zurückkehren. Dorthin passen sie auch – ihre Frauen stammen selbst von
+dort, und sehnen sich nach dort zurück, und sie lassen dann Nichts hier
+zurück, als eine freundliche Erinnerung; die Fasern ihres Herzens haben
+nicht zwischen den Palmen und Bananen Wurzel geschlagen.«
+
+»Sehr viele von ihnen haben auch Indianische Mädchen geheirathet – die
+ersten und hübschesten die ihnen begegneten – auf allen Inseln
+zerstreut finden Sie solche Beispiele; aber es sind das fast nur einzig
+und allein rohe Matrosen, denen das müßige Leben zusagt, die sich auch
+in ihrem Vaterlande in keinen anderen Zirkeln bewegt haben, als wo das
+materielle Wohl ihr Hauptziel und Streben war, und selbst diese
+verlassen gewöhnlich, nach einer längeren Reihe von Jahren, ihr leicht
+genug angetrautes Weib und die mit ihr gezeugten Kinder – selbst diesen
+genügt zuletzt nicht mehr diese tropische Ruhe, und sie sehnen sich nach
+Abwechselung, nach einer Veränderung ihrer Verhältnisse, sollten sie
+diese auch wieder mit harter Arbeit ja sogar dem früheren Leben erkaufen
+müssen.«
+
+»Auf Tahiti haben Sie einige wenige Beispiele unter Ihren Landsleuten,
+die sich mit Tahitischen Mädchen wirklich verheirathet haben; jetzt sind
+diese Frauen jung und schön, sie könnten sie nach Europa zurückführen
+und vielleicht stolz darauf sein – wenn Sie das Gefühl einer etwas
+wunderlichen und bizarren Eitelkeit so nennen wollen – werden sie aber
+alt – und weibliche Körper blühen und verblühen in unserem tropischen
+Klima so rasch wie unsere üppige Pflanzenwelt – dann ist das vorbei.
+Sie können keine alte Indianische Frau nach Europa bringen, sie dort in
+Ihre Kreise einzuführen. – Sie möchten das auch nicht, denn Sie wüßten
+recht gut, wie Sie hinter Ihrem Rücken dem Gespötte der Menge, die die
+näheren Beweggründe nicht kennt und nicht achtet, verfallen würden. Und
+wollen Sie das Wesen, das sich an Sie angeschlossen hat und mit Herz und
+Seele an Ihnen hängt nicht unglücklich und elend machen, so müssen Sie
+_bei_ ihm und hier auf den Inseln bleiben, und Unmuth und Sehnsucht nach
+einem andern Leben zehrt dann an Ihnen weit schlimmer und gewaltiger,
+als es an dem _jungen_ Herzen gethan. Dem lag die Welt noch frei – es
+konnte noch dem ersten Drange folgen, ob ihn der auch gleich manchmal
+irre führte, jetzt aber ist das vorbei – die Möglichkeit frei zu
+handeln ist genommen, und nur der Drang selber geblieben, der dann wie
+ein ewiger Wurm an Ihrem Herzen nagt.«
+
+»Ich spreche nach mehren Beispielen, die ich selber kenne, junger Mann,
+und die innige Liebe auch, die ich für Prudentia fühle, macht mich
+besorgt, ihr ein solches Schicksal ersparen zu wollen. Prudentia ist,
+wie ich Ihnen schon gesagt habe, und wie Sie auch selber, nach einem
+Zusammensein mit ihr von mehren Wochen gewiß finden mußten, keins der
+gewöhnlichen sinnlichen Mädchen dieser Inseln, die sich dem Ersten
+Besten, ohne Arges dabei zu denken, hingeben, und gar nichts anderes
+erwarten, als daß er sie, sobald er ihrer müde ist, wieder verläßt. Ich
+fürchte im Gegentheil, Sie haben Prudentia’s Herz schon zu sehr
+gewonnen; jetzt wäre aber doch noch vielleicht eine Trennung möglich. –
+Sie würden Beide an diese Zeit wie an einen schönen Traum zurückdenken,
+von dem es das Herz nur eine kurze Zeit schmerzt – daß es eben nichts
+weiter als ein Traum war; aber Sie können Beide auch dadurch vielleicht
+einem verfehlten Lebensziele entweichen, das dann später _nicht_ mehr zu
+ändern wäre, und leider für _Beide_ auch verderblich werden müßte.«
+
+»Ich bin fest davon überzeugt, daß Sie in diesem Augenblick Prudentia
+mit aller Leidenschaft einer innigen, vielleicht gar ersten Neigung
+lieben – aber wird der alte Hang eines unstäten Lebens, das in dem
+Herzen nur erst eingewurzelt, gar so leicht verderblich werden kann,
+diesem Herzen in dem Stillleben unserer Inseln Ruhe und Frieden lassen?
+– Unsere Palmen sind grün und herrlich – aber so wie sie dort stehn,
+stehn sie das ganze Jahr – kein gilbendes fallendes Blatt, keine
+Schneedecke, keine auskeimenden wachsenden Knospen geben ihnen im
+nächsten Frühjahr immer wieder denselben Reiz. – Unsere Bäume sind mit
+Früchten bedeckt – aber die Blüthenzeit fehlt uns – wir brauchen die
+Frucht nie zu erwarten – zu erhoffen – sie hängt voll und reif am
+Baume, während heimlich, von uns kaum bemerkt, andere indessen
+nachblühen und nachwachsen, die fehlenden immer wieder zu ersetzen und
+die Plätze der niederfallenden auszufüllen. Wir kennen auch hier nicht
+die Sorgen und Mühen des Lebens – das Salz jedes gesellschaftlichen
+Verkehrs, durch das eine _erworbene_ Existenz erst ihren ganzen uns
+beglückenden Reiz gewinnt – wir stehen Morgens auf und essen und
+trinken und legen uns Abends wieder schlafen. Nachrichten von der
+äußeren Welt dringen nur selten zu uns, und wie sie kommen wäre es fast
+besser sie blieben ganz aus, denn anstatt zu befriedigen lassen sie,
+selbst in dem Herzen der Aeltesten von uns, eine Leere zurück, die wir
+vergebens auszufüllen suchen.«
+
+»Wollen Sie nun, mit Ihrem jungen thatkräftigen Herzen in dieses
+felsenumgürtete Thal, aus dem es keine Rückkehr für Sie giebt,
+hinabspringen? – schauen Sie um sich her, junger Freund – noch stehn
+Sie oben – noch liegt die ganze übrige Welt ausgebreitet vor Ihren
+Blicken – haben Sie _nichts nichts_ mehr darin was auch nur den
+geringsten Anhaltepunkt an Ihr Herz hätte? – bedenken Sie, bei einem
+sinkenden Schiff kann das kleinste, unbedeutenste vergessene Tau das
+Boot, auf dem sich der Schiffbrüchige sonst vielleicht sicher den Wellen
+anvertrauen könnte, rettungslos mit in den Abgrund ziehen.«
+
+Der alte Mann schwieg, und eine Thräne zitterte in seinem Auge; ernst
+und forschend schaute er dabei den jungen Mann an, und es war, als ob er
+seine innersten Gefühle ergründen wollte, ehe sie auf die Lippen kämen
+– ja wahrer als sie der Mund vielleicht auszusprechen vermöchte. René
+begegnete aber, zwar gerührt, doch fest entschlossen dem Blick, und
+erwiederte endlich mit weicher Stimme:
+
+»Sie verstehn es, alter Herr Einem Herz und Seele zu fassen, mit Ihren
+Worten, aber ich springe getrost hinab in das Thal, denn da oben blüht
+für mich kein Glück, keine Freude mehr. Die Meinen sind todt oder
+schlimmer als so – ich stehe eine Waise in der Welt, weder Bruder noch
+Schwester leben, die Ansprüche auf meine Nähe machen dürften; Alles was
+mein Herz sonst hätte binden können, ist für mich verloren, und stießen
+Sie mich _jetzt_ wieder kalt und erbarmungslos in die Welt zurück, ich
+müßte rettungslos untergehn – und wäre recht recht elend. Auch Sadie
+hängt mit inniger Liebe an mir, und ihr Herz ist nicht geschaffen einmal
+zu lieben und so leicht wieder vergessen zu können – wollten Sie auch
+aus _ihrem_ Herzen diese erste Neigung reißen? – Sie haben Sadie zu
+lieb dazu wenn ich selber Ihnen auch gleichgültig sein müßte. Aber –
+ich kann mich auch irren,« brach er dann plötzlich ab – »ich täusche
+mich vielleicht selber in Sadie’s Herzen, und ihre Neigung wäre eines
+Rückschrittes fähig. – Sprechen Sie selbst mit Ihr, werther Herr –
+fragen Sie das Mädchen selber, und halten Sie unsere Vereinigung für
+gefahrbringend für _sie_, und glaubt Sadie daß sie mir jetzt noch ohne
+großen Schmerz entsagen könne – dann beim ewigen Gott will ich nicht in
+den Frieden dieses stillen Thales getreten sein, Thränen und Kummer zu
+säen, dann sollen Sie finden daß ich auch im Stande bin zu _entsagen_,
+und wenn mir das Herz darüber bräche; kein Wort des Unmuths – keine
+Klage soll über meine Lippen kommen, das erste beste Canoe mich zu einer
+anderen Insel – aus ihrer Nähe führen.«
+
+Er war aufgesprungen und seine Mütze ergreifend wollte er das Zimmer
+verlassen, der alte Missionair streckte ihm aber die Hand entgegen und
+sagte mit herzlichem, bewegtem Tone:
+
+»Das ist recht brav und ehrlich von Ihnen gehandelt, junger Mann, und
+ich gebe Ihnen mein Wort, ich habe auch, seit dem ersten Augenblick wo
+ich Sie sah, noch nicht einen Augenblick daran gezweifelt daß Sie Alles
+so auch _fühlten_, wie Sie es dem Mädchen vorgesprochen. Ich kenne
+übrigens Prudentia, oder wenn Sie denn lieber wollen, Sadie, viel zu
+gut um bei ihr langer Rede zu bedürfen, in wenigen Minuten haben Sie
+meine Antwort, treten Sie indessen hier in das nächste Haus – das
+Fenster ist fast so niedrig wie eine Thür – aber glauben Sie nicht,
+junger Freund, daß ich Ihnen das Wort reden werde,« setzte er ernster
+hinzu, »Sie müssen es meinem Gewissen überlassen mit Sadie zu handeln,
+wie ich es vor _dem_ verantworten kann.«
+
+»Handeln Sie, als wenn Sie ihr Vater wären,« sagte René herzlich – »ich
+will _Sadie’ens_ Glück, nicht das meine,« und er verließ mit schnellen
+Schritten das Zimmer.
+
+Auf des alten Mannes Ruf betrat das Mädchen schüchtern und mit
+niedergeschlagenen Blicken das Gemach – sie schaute nicht auf, aber sie
+fühlte das René nicht mehr im Zimmer sei, und ihr Herz klopfte fast
+hörbar in der Brust. – Ihr Vater hatte ihn abgewiesen und der schöne
+Traum ihres Glücks war in Nacht und Thränen zerflossen.
+
+»Prudentia,« sagte der alte Mann, und zog das zitternde Mädchen sanft zu
+sich – »ich habe den jungen Fremden fortgeschickt von hier – er hat
+Dich jetzt wohl lieb, aber wenn er eine Zeit lang von seiner Heimath
+entfernt ist, sehnt er sich wieder nach ihr zurück, und läßt mein armes
+Mädchen hier allein, und dann wärst Du wohl recht recht unglücklich
+geworden und elend. Jetzt ist der Eindruck den er auf Dein Herz
+gemacht, noch flüchtig, noch leicht wieder zu verwischen – Du wirst
+einen oder zwei Tage weinen, ihn nachher vergessen, und nicht wahr mein
+Kind, ich habe darin recht und gut gehandelt – ich wollte ja nur Dein
+Wohl.«
+
+»Ich will Alles thun was Du mir sagst mein Vater,« flüsterte das
+Mädchen, dicht an seine Brust geschmiegt, so leise, daß er kaum ihre
+Worte verstehen konnte.
+
+»Das ist mein gutes Kind,« sagte der Greis, aber die Stimme zitterte
+ihm; er fühlte nur zu gut was in dem Herzen des armen Mädchens vorging,
+und wie die Liebe für den Fremden schon viel zu tief Wurzel geschlagen
+habe, je wieder, ohne das Gefäß selber zu zerbrechen, herausgerissen zu
+werden. Er mußte sich aber selber einen Augenblick sammeln ehe er
+fortfahren konnte, und mit lebhafter Stimme wie ermuthigend setzte er
+hinzu:
+
+»Und, nicht wahr mein Kind – dann wirst Du auch wieder glücklich und
+froh sein, wie bisher? – wirst wieder lachen und singen und nicht das
+Köpfchen so trübe hängen lassen.«
+
+»Ich will mir rechte rechte Mühe geben lieber Vater,« flüsterte das
+Mädchen und barg ihr Haupt fester an dem Herzen des alten Mannes.
+
+»Und willst Du auch den Fremden vergessen meine Tochter? – willst Du
+mir das recht fest und aufrichtig versprechen, mein braves Mädchen?«
+frug sie jetzt leise der Greis.
+
+Das aber war zu viel für das arme gequälte Herz – einen Augenblick
+schien es, als ob sie sich von seiner Brust emporheben wolle, ihm in die
+Augen zu schauen – aber sie sank wieder zurück und klagte nur leise:
+
+»Ach das weiß ich nicht – das weiß ich wahrhaftig nicht, lieber, lieber
+Vater« – damit war aber auch ihre Kraft gebrochen, und laut und heftig
+schluchzend, als ob ihr das Herz vergehen wolle in unendlichem Weh, hing
+sie in seinen Armen.
+
+Und sie schluchzte nicht _allein_, denn aus der Ecke des Zimmers vor
+tönte es noch weit lauter und heftiger, und der kleine Mitonare saß da
+auf einem der niedern Bambusschemel, ganz allein und vergessen und
+weinte, in Thränen förmlich zerfließend, wie ein kleines Kind.
+
+Da vermochte sich aber der alte Missionair auch nicht länger zu halten,
+und der Tochter thränenüberströmtes Antlitz zu sich erhebend und küssend
+und wieder küssend rief er:
+
+»Nein, nein Prudentia, ich bin ja kein Tyrann daß ich mein Kind so elend
+und unglücklich machen mögte, nur weil die Möglichkeit existirt, daß es
+später noch einmal so kommen könne – nein, wenn Gott Dir eine so
+gewaltige und innige Liebe für ihn in’s Herz gelegt hat, dann nimm ihn,
+nimm ihn – der Herr segne Euch, und Er wird Alles zum Besten lenken.
+Aber sei auch wieder mein gutes fröhliches Mädchen, lach wieder, sing
+wieder und mache das Herz Deines alten Vaters froh durch Dein heiteres
+glückliches Angesicht.«
+
+»Vater – lieber Vater!« rief das Mädchen in jubelnder, kaum gefaßter
+Lust. – Mitonare hatte aber kaum gehört was die Sache, die ihm selber
+das Herz abzustoßen drohte, für eine Wendung nahm, als er, wie aus einer
+Pistole geschossen, zur Thür hinausfuhr, und nach kaum zwei Minuten mit
+dem »verzweifelten Wi–wi« – wie er ihn nannte, in’s Zimmer geschleppt
+kam.
+
+René lag mit an dem Herzen des alten Mannes – er wußte selber kaum wie,
+und der Greis flüsterte einen leisen Segen über den Häuptern der
+Glücklichen.
+
+
+
+
+Capitel 6.
+
+#Was der ehrwürdige Mr. Rowe dazu sagt.#
+
+
+Der Abend verging den beiden Liebenden wie ein Augenblick – sie hatten
+sich so tausenderlei zu sagen, so tausenderlei zu besprechen, daß sie
+den Flug der Stunden gar nicht bemerkten, und der alte gute Mann saß
+lächelnd dabei, und wohl auch ihm stiegen in der Erinnerung alte liebe,
+o so lang jetzt vergangene Bilder auf, und führten seine träumenden
+Gedanken zurück zur Jugendzeit.
+
+Aber auch die Gegenwart erheischte seine Umsicht, denn manchmal gedachte
+er ebenfalls seines, in ziemlicher Aufregung fortgegangenen Collegen und
+der Schritte die dieser jetzt zu thun suchte, das Glück, was er selber
+heute Abend hier geschaffen, wieder zu zerstören. Er hielt es auch für
+seine Pflicht dieses dem jungen Mann mitzutheilen und ihn wenigstens
+darauf vorzubereiten, daß seine Bahn von jetzt an noch immer keine ganz
+ebene sein könne. Hätte er dem von seinem Glück förmlich Trunkenen aber
+auch eine wirkliche Gefahr genannt, er würde ihr mit leichtem Herzen
+begegnet sein, vielweniger denn, wo es nur den bösen Willen oder Zorn
+eines fremden Geistlichen betraf, den weder Sadie’s Schicksal noch das
+seine kümmern durfte. Des Königs selber glaubte er dabei ziemlich gewiß
+zu sein, noch dazu da diese geistlichen Herren selten oder nie Geschenke
+verschwenden, und nur den Willen Gottes vielmehr als Gebot aufstellen.
+Hier war also nicht einmal etwas zu gewinnen, im Gegentheil nur zu
+verlieren, denn die Insulaner wußten recht gut daß bei dem Aufenthalt
+eines Weißen zwischen ihnen, der förmlich Einer der ihrigen wurde, stets
+hie und da etwas für sie abfiele.
+
+Mr. Osborne selber, wenn er auch einen Conflikt mit Bruder Rowe gern
+vermieden hätte, stand doch keineswegs in einer so abhängigen Stellung
+von ihm, seinen Zorn fürchten zu müssen. Nur Sadie versicherte René sie
+habe eine entsetzliche Angst vor dem finstern Mann, und wollte vieles
+darum geben, wäre er gar nicht mit ihrem Pflegevater herübergekommen.
+
+Seinem feindlichen Wirken aber in etwas zu begegnen, wurde noch an
+demselben Abend ein junger Mann mit einer Privat-Botschaft an den König
+geschickt, daß der alte Mr. Osborne, den sie Alle auf der Insel wie
+ihren Vater liebten, seine Pflegetochter dem jungen Fremden zum Weibe
+versprochen habe, und daß dieser hinführo mit ihnen auf der Insel zu
+leben wünsche, wozu sie des Königs Erlaubniß erbitten ließen.
+
+Am nächsten Tag kehrte Bruder Rowe, und in einer nichts weniger als
+freundlichen Stimmung zurück. Er hatte den König, von dem er ohne
+weiteres verlangt zu haben schien den Fremden, einen entsprungenen
+Matrosen und Katholik, in Güte oder mit Gewalt von der Insel zu
+entfernen, in einer keineswegs günstigen Laune dafür getroffen, und
+schon die Ausflüchte die dieser machte, wenn er sich auch dem finsteren
+Missionair gegenüber keine direkte Weigerung erlaubte, verriethen ihm
+daß er, wo er blinden Gehorsam erwartete und verlangte, auf
+Schwierigkeiten stoßen könne.
+
+Alles was er von dem Könige als festes Versprechen erreichen konnte war,
+sich mit ihrem eigenen Missionair darüber zu berathen, und wenn dieser
+es ebenfalls wünsche, dann wolle er gern den Befehl geben, daß der junge
+Fremde die Insel, auf der er sich übrigens bis jetzt sehr ordentlich
+betragen habe, verlassen solle. Wie er aber glaube gehört zu haben,
+wolle der Weiße eines ihrer Mädchen heirathen und solchen Leuten, wenn
+sie sich wacker aufführten, hätten sie noch nie den Aufenthalt
+verweigert.
+
+So rasch als möglich sollte jetzt Bruder Osborne dem König seinen Willen
+oder vielmehr Wunsch bekannt machen, wie er ebenfalls die Entfernung des
+Fremden verlange. Bruder Rowe kehrte zu diesem Zweck ohne weiteren
+Aufenthalt, als daß er die Nacht an der anderen Seite schlief, zu den
+Missionsgebäuden zurück, und es läßt sich denken mit welchen Gefühlen er
+hier des alten ehrwürdigen Mannes Entschluß vernahm, dem Fremden die
+Tochter zu geben und ihn als Sohn anzuerkennen. Vergebens waren alle
+seine Einwendungen, vergebens blieb selbst sein Zürnen dagegen.
+
+»Ich habe dem Mädchen,« sagte der Greis, »die Erziehung eines weißen
+Kindes gegeben, und vielleicht, wie ich jetzt zu spät sehe, Unrecht
+daran gethan; ich habe sie unfähig gemacht, sich in den gewöhnlichen
+Verhältnissen ihrer Landsleute wieder glücklich zu fühlen; diese können
+ihrem Herzen, ihrem Geiste nicht mehr genügen – bei der Verbindung mit
+_jedem_ Weißen ist sie aber derselben Gefahr ausgesetzt, der sie jetzt
+vielleicht entgegengeht – daß sie nicht auf die Länge der Zeit im
+Stande wäre sein Herz auszufüllen, aber auch das ist nur noch
+Vermuthung – es ist eine Möglichkeit die wir befürchten, aber nicht
+voraus wissen mögen, und ich kann mich nicht dazu verstehn, ihr Herz
+jetzt _gewiß_ zu brechen, weil es vielleicht später einmal gebrochen
+werden _dürfte_.«
+
+»Aber fürchtet Ihr nicht die _Sünde_ – Bruder Osborne?« rief da der
+Missionair, als alle andere Beweisgründe fehlgeschlagen hatten –
+»wollt’ Ihr es vor der Tafel der Gesellschaft in England verantworten,
+Euer im rechten Glauben erzogenes Kind selber in die Hände eines
+Anhängers des Pabstes zu liefern? Ich würde _gezwungen_ sein, so leid es
+mir auch selber thun möchte, diesen Fall nach Hause zu berichten, denn
+die Folgen sind gar nicht abzusehen, und können auf das verderblichste
+für unsere kleine Gemeinde wirken. Und wie steht Ihr dann vor jenen
+ehrwürdigen Männern wenn Ihr selber, Einer jener Auserwählten die unter
+die Heiden geschickt wurden den Saamen unserer Religion in ihre
+unwissenden verstockten Herzen zu pflanzen – wenn Ihr selber dann
+Unkraut zwischen den Weizen gesäet habt, mit Euren eigenen Händen, ja
+und ich möchte fast sagen auch mit den _Mitteln_, die Euch von der Tafel
+der Missionsgesellschaft _anvertraut_ waren in _ihrem_ Sinne, nicht in
+Eurem eigenen damit zu handeln?«
+
+Der alte Mann blieb aber auch fest, selbst gegen diese halbe
+Beschuldigung eines Mißbrauchs am Vertrauen, wenn ihn solche Anspielung
+auch wohl recht schwer und tief kränken mußte.
+
+»Ich habe dreiundzwanzig Jahre,« sagte er ruhig, »mein Leben der Sache
+geweiht, die ich für eine gute hielt und noch halte; ich habe mir in der
+ganzen langen Zeit keinen einzigen Vorwurf, meiner Handlungsweise wegen
+zu machen – wir sind Alle Sünder und ich bin nicht reiner davon als der
+Geringste unter uns, aber ich kann frei das Auge zu Gott emporheben und
+sagen: »Herr richte über mich!« – ich bin mir nichts Böses bewußt. Auch
+in _diesem_ Fall aber, Bruder Rowe, handele ich nach bestem Wissen und
+Willen, ich glaube nicht anders handeln zu können, und was ich da thue
+werde ich auch verantworten – Euere Berichte, Bruder, werde ich Euch
+freilich selber überlassen müssen.«
+
+Mr. Rowe ging mit raschen ungeduldigen Schritten im Zimmer auf und ab –
+am wenigsten wollte es dem fanatischen Priester in den Kopf, daß der
+Fremde mehr sei, als ein gewöhnlicher weggelaufener Matrose. – Bruder
+Osborne hatte, wie er meinte, so lange und zurückgezogen von der Welt
+gelebt, daß er sich durch die schönen Redensarten und Versprechungen
+eines jungen leichtsinnigen Menschen vielleicht ebenfalls täuschen
+ließe. Er wollte deshalb selber einmal mit ihm reden und dann bald
+ausfinden wes Geistes Kind er sei. Es war seine letzte Hoffnung.
+
+Mr. Osborne selber wünschte dies, weil er dadurch eine bessere Meinung
+für den Fremden bei dem strengen Geistlichen zu erreichen hoffte, und
+ließ René, der mit Sadie – jetzt aber freilich seines Versprechens
+enthoben – nach ihrem Lieblingsplätzchen gegangen war, zu sich bitten.
+
+Mr. Rowe hatte den Lehnstuhl des alten Mannes eingenommen, und saß, das
+rechte Bein über das linke geschlagen, den Kopf auf den linken Arm
+gestützt, ernst und schweigend wie zu Gericht, den Fremden, der bald
+darauf das Zimmer rasch und fröhlich betrat, zu erwarten.
+
+Schon dessen schnelles, nichts weniger als ceremonielles Eintreten rief
+die Falten auf seine Stirn zusammen und die beiden Ellbogen auf die
+Lehnen des Stuhles ruhen lassend, die Finger der beiden Hände aber vorn
+gefaltet, sah er ihn mit etwas vorgebeugtem Oberkörper unter den dunklen
+buschigen Brauen finster an und sagte, ohne den Gruß des Franzosen
+anders als mit einem leisen kaum bemerklichen Kopfnicken zu erwiedern,
+und ohne zu warten bis der Gast einen Stuhl genommen habe, viel weniger
+ihm selber einen solchen anzubieten:
+
+»Mit welchem Schiff sind Sie hier gelandet, Sir?«
+
+René sah erst den Frager, dann Sadie’ens Vater erstaunt an, als ob er
+hätte sagen wollen – was bedeutet das? – bin ich hier vor Gericht
+gerufen? – Mr. Osborne der aber die Unschicklichkeit eines solchen
+Betragens fühlte, nöthigte ihn freundlich Platz zu nehmen und bemerkte
+dann, fast wie entschuldigend, mit einem Blick auf seinen Collegen:
+
+»Mein würdiger Freund, hier, lieber René, wünscht sich mit Ihnen kurze
+Zeit zu unterhalten. Er ist, wie ich, schon lange Jahre auf diesen
+Inseln, und eine unserer Hauptstützen des Christenthums, selbst in den
+Zeiten gewesen, wo unsere Aussichten hier trüb und traurig waren, und
+wir schon fast die Hoffnung aufgegeben hatten Christi Lehre den Sieg
+über blindes Heidenthum zu verschaffen.«
+
+René verbeugte sich statt aller Antwort noch einmal, wie anerkennend,
+gegen den Geistlichen, der jedoch keine Miene dabei verzog und seinen
+Blick fest und forschend auf ihn geheftet hielt und sagte, die frühere
+Frage jetzt ohne Weiteres beantwortend:
+
+»Mit dem Delaware – einem Amerikanischen Wallfischfänger.«
+
+»Und weshalb verließen Sie Ihr Schiff? – hatten Sie nicht einen festen
+Contrakt für die ganze Reise gemacht?« lautete die zweite, fast noch
+schärfere Frage.
+
+»Sehr werther Herr,« erwiederte ihm jetzt René vollkommen ruhig und
+freundlich – »wollten Sie wohl vorher die Gefälligkeit haben und mir
+sagen ob diese Fragen im _Laufe der Unterhaltung_ an mich gerichtet
+werden, oder ob es doch gewissermaßen ein Examen sein soll, zu dem ich
+berufen bin?«
+
+Bruder Rowe wollte eben, wahrscheinlich keine gerade freundliche Antwort
+darauf geben, als Mr. Osborne, der jedes böse Wort zwischen den Beiden
+um alles in der Welt zu vermeiden wünschte, rasch einfiel und gegen René
+gewandt sagte:
+
+»Bruder Rowe nimmt innigen Antheil an Prudentia’s Schicksal, da das
+Mädchen eigentlich so zwischen uns groß geworden, und es ist besonders
+_deshalb_ daß er näheres Interesse für Ihr früheres Leben fühlt.«
+
+»Ich habe Ihnen, lieber Herr Osborne,« sagte da der junge Mann, »jeden
+nur möglichen Aufschluß gegeben, der in meinen Kräften stand, und ich
+will das auch mit Freuden diesem Herrn thun, wenn ihn das über Sadie’ens
+künftiges Glück zu beruhigen vermag.«
+
+»_Sadie_?« unterbrach ihn hier der Missionair streng – »soviel ich weiß
+heißt das Mädchen Prudentia – wobei ich wünsche daß sie ihrem Namen ein
+wenig mehr Ehre gemacht hätte – und ich will nicht hoffen daß man
+sogar in dem Hause eines Dieners der Kirche beabsichtigt die alten
+heidnischen Namen, die wir nur mit Mühe und Schwierigkeit unterdrücken
+konnten, wieder aufleben zu lassen.«
+
+»Es ist nicht des Heidenthums wegen lieber Herr,« lächelte René, »nur
+des Wohlklangs – Prudentia mag recht hübsch für eine alte würdige
+Matrone klingen, aber meinem fröhlichen heitern Mädchen paßt der Name
+gerade so, als wenn Sie ihn der Gazelle der Wüste geben wollten.«
+
+»Und _das_ sind die Ansichten die man hier mit in diese fromme
+christliche Gemeinde bringt?« rief der Geistliche, der nur mit Mühe
+seinen Zorn über den leichten fröhlichen Ton des jungen Franzosen
+bezwang, »das soll der Saamen sein, der ein Baum des Unglaubens seine
+Zweige ausbreiten und mit seinem Schatten die Frucht vergiften würde?«
+
+René sah ihn staunend an, der kleine Mitonare kauerte aber mit vor
+Schreck und Entsetzen offenem Munde hinten in der Ecke wieder auf seinem
+kleinen Stühlchen, und schien nichts Geringeres zu erwarten, als daß der
+schwarze Mann mit dem finstern Gesicht sich jetzt oben aus seinem Himmel
+einen kleinen Blitz herunterholen und den ruhig und unbefangen vor ihm
+sitzenden kecken Wi–wi zu Pulver brennen würde.
+
+»Sehr ehrwürdiger Herr,« sagte aber René vollkommen ruhig, denn er
+wollte den Mann nicht böser machen, da er wohl sah wie unangenehm das
+für seinen alten wackern Freund sein müsse – »ich hoffe nicht daß Sie
+etwas Sündhaftes in einem, dem Ohr wohlklingenden Namen finden werden.«
+
+Bruder Rowe schien aber darauf nicht weiter eingehen zu wollen und fuhr
+fort:
+
+»Und Sie gedenken sich hier auf dieser Insel niederzulassen?«
+
+»Mit des Häuptlings und meines väterlichen Freundes Erlaubniß hier –
+ja!«
+
+»Aber Sie gehören der katholischen Religion an.« –
+
+»Ich bin ein Christ,« sagte René ernst – »was verlangen Sie mehr?«
+
+Der Missionair biß sich auf die Lippen und Bruder Ezra sah nach oben,
+denn der Blitz _konnte_ jetzt nicht länger ausbleiben.
+
+»Und Ihre Kinder? – sollen das auch _Christen_ werden?« frug der
+Geistliche mit einer fast höhnischen Zweideutigkeit im Tone. René aber
+streckte den Arm nach seinem alten Freund aus, und dieses Hand
+ergreifend sagte er herzlich:
+
+»Die soll dieser würdige Mann hier in der Lehre erziehen die _er_ für
+die richtige hält – ich weiß er wird gute Menschen aus ihnen machen –
+der Glaube ist mir gleich.«
+
+»Der Glaube ist Ihnen gleich?« rief aber jetzt der Fanatiker, wie
+ordentlich froh einen Anhaltepunkt gefunden zu haben an der Schwäche des
+Gegners – »und wissen Sie daß Sie mit solchen Grundsätzen hier nur
+Unheil und Elend säen werden? ein Christ nennen Sie sich, und dem
+Antichrist dienen Sie – Ihrer Pflicht – ihrer Verbindlichkeiten im
+gesellschaftlichen Leben sind Sie entlaufen, und jetzt wollen Sie sich
+einem Volke aufdringen, das sie nur zwischen sich duldet, weil es seinem
+Geistlichen glaubt gefällig zu sein, in der That aber, ihm einen gar
+schlimmen Dienst damit leistet?«
+
+René war schon nach den ersten heftigen Worten des Mannes von seinem
+Stuhl aufgesprungen.
+
+»Monsieur,« unterbrach er ihn jetzt fest aber ruhig – »Ihr Stand, wie
+der Ort an dem wir uns befinden schützt Sie vor jeder Antwort auf diese
+Unverschämtheit – ~bon soir~« – und mit einem stolzen Gruß gegen den
+Priester, mit einem freundlichen Kopfnicken aber gegen den Greis,
+verließ er rasch das Zimmer.
+
+Der ehrwürdige Mr. Rowe hatte sich in einen höchst unehrwürdigen Zorn
+hineingearbeitet, und er war ebenfalls aufgesprungen und ging jetzt in
+dem geräumigen Gemach mit schnellen Schritten, die Hände auf dem Rücken,
+die Augen fest auf den Boden geheftet, auf und ab. Der alte Mr. Osborne
+aber war erstaunt und empört zugleich über ein so rücksichtsloses,
+förmlich unschickliches Betragen, und jetzt nur um so fester
+entschlossen dem Mann, der sich weit mehr Autorität über ihn anzumaßen
+suchte als er beanspruchen durfte, wissen zu lassen wo seine Grenze sei.
+Bruder Rowe mochte aber wohl fühlen daß er ein wenig zu weit gegangen
+sei, oder doch mit zornigen Reden an der Sache selber nichts mehr ändern
+könne, denn er schwieg von jetzt darüber, und erklärte nur seinem
+Collegen, daß er dieses Mal nicht hier predigen, sondern morgen früh, da
+noch dazu eine leichte westliche Brise eingesetzt hatte, zurück nach
+Tahiti aufbrechen wolle. Mr. Osborne dachte gar nicht daran ihn
+zurückzuhalten.
+
+Am nächsten Morgen hatte er auch, ohne viel mit den Anderen zu
+verkehren, seine Vorbereitungen zur Abreise getroffen, während indessen
+Mr. Osborne den dringenden Bitten René’s nachgab, und die Trauung des
+jungen Paares auf den nächsten Tag, als an einem Sonntag, gleich nach
+dem Gottesdienst festsetzte. Sie fanden es natürlich nicht für nöthig
+Bruder Rowe davon in Kenntniß zu setzen, und erwarteten jetzt wirklich
+den Augenblick mit Sehnsucht, wo der kleine Cutter wieder seine Anker
+lichten würde.
+
+So mochte es etwa zehn Uhr Morgens geworden sein, als plötzlich ein
+Knabe, der oben über die Hügel gekommen war, die Nachricht brachte, es
+nähere sich ein großes Schiff, von Süd-Osten her, der Insel. René war an
+diesem Tage viel zu sehr mit seinem Glück beschäftigt gewesen auch nur
+einen Blick auf den Horizont zu werfen, jetzt aber, als er auf diese
+Nachricht hier rasch nach Sadie’ens Lieblingsplätzchen eilte, von wo man
+eine freie Uebersicht über den ganzen südlichen Horizont hatte, genügte
+ein Blick dorthin ihn zu überzeugen daß ein, allem Anschein nach volles
+Schiff ohne Oberbramstengen, also jedenfalls ein Wallfischfänger, dicht
+am Winde liegend, von Süd-Osten gegen die erst seit gestern eingesetzte
+Westbrise aufkreuzend, herankam, und unverkennbar die Insel anlaufen
+wollte. Mehr ließ sich für den Augenblick noch nicht erkennen, aber dies
+war auch hinreichend ihn zu beunruhigen, und mit klopfendem Herzen stand
+er da, die Augen fest und unverwandt auf das näher und näher kommende
+Fahrzeug geheftet. Er hörte gar nicht wie sich ein leiser, leichter
+Schritt ihm näherte, und erst als Sadie ihre Hand auf seine Schulter
+legte und seinen Namen flüsterte, schaute er rasch und fast erschreckt
+empor, legte dann seinen Arm um sie und zog sie fest und innig an sich.
+
+Das arme Kind war aber selber zu Furcht erfüllt im Anfang reden zu
+können; sie sah nur das bleiche Antlitz des Geliebten und glaubte schon
+ihre schlimmsten Besorgnisse eingetroffen.
+
+»Ist es _Dein_ Schiff?« frug sie endlich mit kaum hörbarer Stimme und
+wagte ihm dabei nicht einmal in’s Auge zu schauen.
+
+»Das ist noch nicht möglich zu bestimmen Du liebes Herz,« suchte sie
+aber René, wenigstens für den Augenblick zu beruhigen – »ich kann das
+Holz des Schiffes noch nicht einmal ordentlich erkennen, und es
+schwimmen hier zu viele Wallfischfänger aller Nationen herum, wenn ich
+auch nicht geglaubt hätte daß sie sich noch so spät in der Jahreszeit
+hier aufhalten würden« – setzte er leiser, und fast wie mit sich selber
+redend, hinzu.
+
+Keins sprach von jetzt ab ein Wort mehr, ihre Blicke hingen aber an den
+hellen Segeln des Fahrzeugs, das rasch näher und näher kam, und bald für
+das Auge des jungen Mannes keinen Zweifel mehr ließ, die Insel selber
+sei sein nächstes Ziel. Nur zu bald erhielt er aber sogar völlige
+Gewißheit, denn das Schiff war jetzt schon so nahe gekommen, daß er in
+dem Außenclüver desselben einen ziemlich großen Theerfleck erkennen
+konnte, den er selbst einst mit ungeschickter Hand, als das Segel zum
+Ausbessern an Deck lag, hineingegossen hatte. Es war der _Delaware_ und
+gerade in dem Augenblick, wo er sich seines Glücks gewiß geglaubt, warf
+ihm das tückische Schicksal noch einmal jenes unglückselige Fahrzeug in
+die Bahn und drohte Alles Alles wieder mit _einem_ furchtbaren Schlage
+zu vernichten.
+
+Als er damals von Bord entflohen war und sich von seinen Feinden
+bedrängt sah, trat er der Gefahr, ja dem Tod wenn es sein mußte, mit
+ruhigem unerschüttertem Herzen entgegen; er hatte Nichts zu verlieren
+auf der weiten Gotteswelt als sein Leben, und achtete das kaum eines
+ernsten Gedankens werth. Jetzt aber stand er nicht mehr allein, hier auf
+diesem kleinen Eiland, rings von blauen Wogen umspült, war ihm Alles
+Alles geworden was das Herz des Menschen an diese Erde fesseln kann, und
+an der Schwelle dieses Glücks wieder solcher Art allein freudlos in die
+kalte Nacht gestoßen zu werden, oh das wäre zu grausam – zu entsetzlich
+grausam gewesen.
+
+Sadie frug ihn nicht weiter, sie las in seinen Blicken die Bestätigung
+ihrer schlimmsten Furcht; ihr Herz aber, das sich in mädchenhafter Scheu
+an den Geliebten geschmiegt, schlug ihr wieder in dem alten
+entschlossenen Muth, mit dem sie ihn damals schon seinen Feinden
+entzogen, und plötzlich seine Hand ergreifend, sagte sie rasch und fast
+freudig:
+
+»Sie sollen Dich nicht wieder mit fortnehmen, René, fürchte sie nicht –
+ich kenne alle Schlupfwinkel dieser Wälder und weiß Stellen wo die
+weißen Fremden wochenlang suchen und in Verzweiflung zuletzt es aufgeben
+müßten je hindurchzudringen. Wir Beide flüchten in den Wald, bis das
+Fahrzeug die Insel wieder verlassen hat, und wenn es sein muß trägt uns
+mein Canoe nach einer andern Insel, viele Meilen weit entfernt von hier
+– lieber mit Dir in den Wogen zu Grunde gehn, als allein hier ohne Dich
+leben René.«
+
+Und in wilder Leidenschaft warf sie sich an seine Brust, als ob sie
+schon jetzt gekommen wären, ihn aus ihren Armen zu reißen.
+
+»Sieh wie die See da draußen über den Riffen so hoch geht, Du herziges
+Lieb,« sagte aber leise und traurig der junge Mann – »ein Canoe könnte
+jetzt nicht leben in dieser Dünung, und ich trüge Dich dem gewissen
+Untergang entgegen. Ueberdies könnten wir nicht vor Nacht entfliehen und
+bis dahin wird wohl der auf meinen Fang gesetzte Preis Verräther genug
+gedungen haben mich einzubringen. Nein ich kann meinem Schicksal nicht
+mehr entgehen, und der einzige Trost ist, daß sie mich nicht lebendig
+mit sich führen sollen – oh Sadie, ich glaubte so glücklich zu sein
+und lasse Dich jetzt nun allein und trauernd hier zurück.«
+
+»Nein nein, habe guten Muth,« bat aber das Mädchen – »glaube auch nicht
+daß die Bewohner dieser Insel so falsch und treulos wären. Damals, als
+sie Dich noch nicht kannten, war es eine andere Sache; von fremden
+Seeleuten haben sie bis jetzt fast meist nur Noth und Aerger gehabt, und
+es hätte vielleicht kaum des gebotenen Preises bedurft Dich auf Dein
+Schiff zurückzuliefern. Jetzt gehörst Du jedoch zu uns – die Männer
+wissen daß Dich mein Pflegevater gern hat, und ihn lieben sie wie ihren
+eigenen Vater. Ja es giebt auch wohl Schlechte unter ihnen, die Dich
+vielleicht verriethen wenn sie es heimlich thun können, aber sie würden
+es jetzt nicht um den größten Lohn wagen dürfen, sie wären sonst
+ausgestoßen für immer. Doch komm zurück zum Haus – sieh das Schiff
+umsegelt die Insel und wird wahrscheinlich auf derselben Stelle sein
+Boot wieder an’s Ufer schicken, wo es Dich damals landete – wir wollen
+indeß mit meinem Vater bereden was am Besten für Dich zu thun sei, und
+dann rasch und entschlossen handeln – es ist ja nicht das erste Mal daß
+Sadie Dich führt,« setzte sie mit einem wehmüthigen und gar so innigen
+Lächeln hinzu, »Du bist ihr das erste Mal gefolgt, da Du mich noch gar
+nicht kanntest – wolltest Du jetzt zurückbleiben?«
+
+René preßte die Geliebte fester an sich, und hielt sie in einem langen
+Kuß an seinem Herzen, aber sie wand sich endlich aus seinen Armen und
+seine Hand wieder, wie in früherer Zeit ergreifend, wollte sie eben mit
+ihm hinunter zum Hause gehn, als ihnen von dort der alte Missionair mit
+einem anscheinend ziemlich schweren Korb entgegenkam, und mit ihnen
+zurück zu der kleinen Terrasse ging. René setzte hier den Korb, den er
+ihm abgenommen, auf die Erde nieder und der Greis sagte, nachdem er nur
+einen flüchtigen Blick auf seine Kinder geworfen, ohne weitere
+Umschweife:
+
+»Ich hab’ es mir gedacht, daß es das unglückselige Schiff sei, als ich
+nur hörte daß es dicht bei dem Wind die Insel anlaufe, und den
+prachtvollen Westwind versäume nach Nord-Osten aufzuhalten. Doch wir
+müssen jetzt _handeln_ Kinder, nicht lamentiren und traurig sein. Ich
+war erst Eurer Verbindung entgegen, nun aber, da die Sache doch einmal
+so weit gediehen ist, will ich Euch auch nicht Beide unglücklich wissen,
+so lange ich es noch verhindern kann – aber Zeit dürfen wir auch nicht
+mehr verlieren. Ich habe in dieser Sache einige Erfahrung, und schon
+viel in meinem Leben, gerade hier auf den Inseln mit Wallfischfängern
+verkehrt, denen Matrosen entlaufen waren. Die Capitaine sparen nicht
+mit den Belohnungen die sie auf den Einfang setzen, denn die Leute
+müssen das ja nachher selber von ihrem verdienten Gelde abbezahlen –
+sie bieten oft enorme Summen, hinreichend einen armen Insulaner, so gut
+und brav er auch sonst sein möchte, zu verführen – sie haben aber auch
+keine lange Zeit sich aufzuhalten, besonders wenn es erst einmal so spät
+in der Jahreszeit ist wie jetzt, wo sie nachher noch die Sandwichsinseln
+anlaufen müssen Erfrischungen einzunehmen und sich auf ihren Sommerzug
+in das Eismeer vorbereiten. Dies Schiff kann aber kaum dort noch zu
+guter Zeit eintreffen, wenn es nicht eine sehr schnelle Reise nach
+Oweyhy oder Woahu hat und es läßt sich denken daß der Capitain hier
+nicht wochenlang, eines einzelnen Mannes, und noch dazu eines
+gewöhnlichen Matrosen wegen, herumliegen wird. Vor allen Dingen ist es
+also nöthig Sie aus dem Weg zu bringen, damit Sie nachher Niemand
+verrathen _kann_, wenn ihm auch Gelegenheit dazu geboten würde, das ist
+jedenfalls das Sicherste, und dazu habe ich mir einen passenden Platz
+ausersehn.«
+
+»Ich führe ihn in die Berge, Vater,« sagte Sadie – »oben in den niedern
+Hügeln stehn einzelne Palmenhaine, und in der breiten Krone einer dieser
+Palmen kann er tagelang versteckt liegen. Ich weiß eine von ihnen die
+mein Bruder und ich in’s besonders hergerichtet und ausgeschlagen haben
+– den Platz kennt Niemand als ich selber, denn der Bruder ist ja todt
+und kein Pfad führt dorthin, kein Weg oder Steg und doch will ich die
+Stelle im Dunkeln finden.«
+
+»Der Platz wäre zu einer anderen Jahreszeit, und wenn wir keinen
+besseren hätten, vielleicht recht gut,« lächelte der Greis, »jetzt aber,
+wo es fast jede Nacht in schweren Schauern niederfällt, möchte der
+Wipfel einer Palme, besonders wenn es sich nicht um Stunden sondern um
+Tage handelt, doch ein fataler Aufenthaltsort sein. Nein, Du kennst das
+~Ihiamoea~ Prudentia – jenes letzte Ueberbleibsel aus der alten
+Heidenzeit. Es ist das ein kleines Gebäude, früher dem Gott ~Oro~
+geweiht, das jedenfalls auch mit allen übrigen derartigen Heiligthümern
+jener Zeit vernichtet wäre, bestände nicht auch zugleich in der Familie
+des jetzigen Oberhauptes der Insulaner eine alte Sage, daß der König
+sterben müsse sobald das Gebäude zusammenfiele. Sämmtliche Vorstellungen
+der Missionaire sind bis jetzt erfolglos gewesen sie von der Thorheit
+solchen Glaubens zu überzeugen, ja Einer unserer Brüder hätte beinah
+einst sein eigenes Leben eingebüßt, als er in vielleicht etwas
+übertriebenem Diensteifer selber Hand daran legen wollte. Nur zwei
+Personen sind auf der Insel die es jährlich einmal besuchen, der ~fua~
+oder König, ~Jeremias Aitaua~ (der Rächer), wie ihn Bruder Rowe getauft
+hat, und dessen Sohn; beide nur, um ein frisches Dach aufzulegen oder
+das alte, wenn es noch gut ist, nachzusehen. Das ist wenigstens die
+Entschuldigung, denn ich fürchte fast, daß sie dort doch noch, trotz
+ihrem angenommenen Christenthum, heimlich einige ihrer heidnischen
+Ceremonien feiern; da sie es aber allein thun, können wir Nichts dagegen
+machen, und die kleine von Stein dauerhaft aufgerichtete Hütte wird
+darum, so gut unterhalten, wohl noch mancher Regenzeit trotzen. Dorthin
+magst Du René führen. – Keiner der Eingeborenen getraut sich den Platz
+zu betreten und die Weißen könnten wochenlang ihre Zeit vergeuden, ehe
+sie ihn auffänden. Hier dieser Korb mit Provisionen wird ausreichen, wo
+nicht, findet sich schon wieder einmal Gelegenheit neue Zufuhr
+hinaufzuschaffen, obgleich ich fest überzeugt bin daß sich das Schiff
+keine vierundzwanzig Stunden an der Insel aufhält.«
+
+»So will ich zum Haus gehn und meine Waffen holen,« sagte René.
+
+»Sie sind in diesem Korb,« erwiederte ihm aber der Greis – »es ist auch
+weit besser daß Sie sich gar nicht wieder am Hause blicken lassen, denn
+neugierige Augen folgten Ihnen doch, und wenn ich auch nicht glaube daß
+Einer der hiesigen Leute zum Verräther werden würde, so ist es doch, wie
+gesagt, besser ihnen auch selbst die Möglichkeit zu nehmen verführt zu
+werden. Gehn Sie gleich von hier ab, und Prudentia kennt die Richtung
+gut genug, so weiß kein Mensch wo Sie geblieben sind. Aber Prudentia muß
+auch, so schnell als nur irgend möglich wieder zurückkehren, und ich
+hoffe daß dieser Kelch glücklich an uns vorübergehen wird.«
+
+»Lieber, väterlicher Freund –« sagte der junge Mann gerührt, und
+streckte dem Greis die Hand entgegen. Dieser aber wollte auch die jungen
+Leute nicht sehen lassen wie weh und ängstlich ihm selber, trotz seiner
+angenommenen Zuversicht, zu Muthe war, und sagte mit einem wohl etwas
+erzwungenen Lächeln:
+
+»Keinen Abschied, René – das ~Ihiamoea~ liegt nicht am andern Ende der
+Welt, daß wir –«
+
+»Ich muß Sie _hier_ wohl aufsuchen, Bruder Osborne!« sagte in diesem
+Augenblick, dicht hinter ihnen die Stimme des Bruder Rowe mit zwar
+ruhigem aber doch etwas scharfem Ton – »wenn ich überhaupt Abschied von
+Ihnen nehmen will – Sie scheinen ganz vergessen zu haben daß ich im
+Begriff bin aufzubrechen.«
+
+Die drei Menschen schauten sich um als ob sie auf einem Verbrechen
+ertappt wären, und das kalte, theilnahmlose Gesicht des Priesters war
+ebenfalls nicht geeignet jedes unangenehme Gefühl solcher Ueberraschung
+zu mildern. Der Geistliche schien dies aber gar nicht zu bemerken, oder
+wenn er es bemerkte, zu beachten; gegen Sadie die Hand ausstreckend
+legte er dem Mädchen, das seine Rechte ergriff und küßte, wie segnend
+die Linke auf das Haupt, neigte dann seinen Kopf gegen René, der diese
+kalte Höflichkeit ebenso formell erwiederte, und ging, Mr. Osborne’s Arm
+nehmend, mit diesem nach der Landung hinunter.
+
+»Und nun komm,« flüsterte Sadie, als das dichte Guiavengebüsch die
+Männer ihren Blicken entzogen – »nun komm René und gebe Gott daß ich
+Dir recht recht bald die frohe Botschaft Deiner Erlösung bringen kann.«
+
+Wenige Secunden später schloß sich der Wald hinter ihnen, und der kleine
+freundliche Platz lag still und einsam im Schatten seiner rauschenden
+Palmen.
+
+Der Missionscutter war indeß zur Abfahrt gerüstet, Bruder Rowe traf noch
+einige Anordnungen zu dem nächst zu haltenden Osterfest zwischen den
+Insulanern und verließ dann, mit einem frommen »Der Herr segne und
+behüte Euch« – die Insel.
+
+Mr. Osborne hatte kein Wort gegen ihn erwähnt, daß das Schiff was die
+Insel passirt war, dasselbe Fahrzeug sei, von dem René entsprungen war
+– er hielt es für besser die Sache mit keiner Sylbe weiter zu berühren.
+Auch Bruder Rowe kam nicht wieder auf die Verheirathung der beiden
+jungen Leute zurück; er mochte auch wohl einsehen, daß jede weitere
+Vorstellung oder Einsprache unnütz sein würde.
+
+Der Cutter war zuerst nach Mitiaro bestimmt, der ehrwürdige Mann hatte
+aber vorher die Indianer die ihn führten noch beordert in dem
+Binnenwasser der Insel am Ufer hinaufzuhalten, da er zuerst noch einmal
+den König an der andern Seite zu besuchen, und Rücksprache mit ihm über
+eine Betversammlung zu nehmen habe.
+
+
+
+
+Capitel 7.
+
+#Der Verrath, und wie sich beide Theile dabei irrten.#
+
+
+Am nördlichen Ufer der Insel war indessen Alles in Aufregung, denn das
+Wiedererscheinen des Schiffes, an das keiner der Insulaner fast mehr
+gedacht hatte, bot Ursache genug das sonstige Stillleben zu
+unterbrechen, hätten Manche von ihnen auch gerade _nicht_ Grund gehabt
+zu wünschen, daß es seinen Weg nicht wieder hierher gefunden habe.
+
+Der König dachte natürlich mit einiger Beunruhigung an die Geschenke,
+die er unter der Bedingung überliefert bekommen hatte, den Flüchtling
+einzufangen und wo waren diese Sachen jetzt alle geblieben? – wo war
+der Flüchtling? – Wer aber konnte auch wissen daß das Schiff nach so
+langer Zeit zurückkehren würde, und eine Ausrede war bald gefunden. Als
+der erste Harpunier wieder wie früher an Land kam und nach dem Mann
+frug, erwiederte ihm der rasch herbeigeholte Raiteo – denn der König
+schämte sich vielleicht vor seinem eigenen Volk, dem weißen Mann etwas
+vorzulügen – mit keineswegs christlicher Unverschämtheit, sie hätten
+den Flüchtling damals eingefangen und drei volle Wochen auch eingesperrt
+gehalten und gefüttert, wie aber das Schiff gar nichts mehr habe von
+sich hören oder sehen lassen, da seien sie endlich genöthigt gewesen ihn
+wieder frei zu lassen. Seit der Zeit sei er aber ebenfalls verschwunden
+und sie glaubten er wäre mit einem kleinen Schooner, der neulich einmal
+die Insel anlief, nach Tahiti oder einer der dortigen Inseln gezogen.
+
+Das Ganze schien wahrscheinlich genug, dennoch war der alte Seemann zu
+bekannt mit diesem Volk um ihnen sogleich, auf die erste Bestätigung
+hin, die erste beste Geschichte auch zu glauben. Sie hatten einmal den
+Fanglohn weg, den der ~fa-u~ jetzt, wie Raiteo mit vieler
+Geistesgegenwart weiter log, für die so lange Unterhaltung des
+Gefangenen beanspruchte, und er sah wohl ein, daß er auf’s Neue einen
+Preis aussetzen mußte. Auch hierin schien er wieder Schwierigkeiten zu
+finden, aber aus den langen Unterhandlungen die nach den neuen
+Versprechungen gehalten wurden, merkte der alte Harpunier deutlich
+genug daß der Matrose noch jedenfalls auf der Insel sein mußte, und der
+Sache ein Ende zu machen, denn die Sonne neigte sich schon ihrem
+Untergang, bot er dem König funfzig spanische Thaler – ein wahrer
+Reichthum für seine Verhältnisse – wie noch andere Güter die er mit im
+Boot führte, wenn er den Entsprungenen noch diesen Abend, oder
+wenigstens diese Nacht in seine Hände liefere.
+
+Raiteo ließ sich die Summe zweimal wiederholen und sogar, ganz sicher zu
+sein, an den Fingern vorzählen, denn er traute seinen eigenen Ohren kaum
+eine so ungeheuere Quantität baaren Geldes – ohne alle die übrigen
+Herrlichkeiten – in den Bereich ihres Arms zu bringen. Trotzdem
+schüttelte aber der ~fa-u~ mit dem Kopf – er wollte mit der Sache, der
+sich sein alter Freund der Missionair angenommen hatte, nichts mehr zu
+thun haben, und sagte Raiteo er möge die Fremden bedeuten den Mann
+selber zu suchen, wenn sie glaubten daß er noch hier auf der Insel sei.
+
+Der Harpunier nahm jetzt den Burschen, dem er wohl ansah zu was er mit
+Geld gebracht werden konnte, in Englisch vor, und bot ihm die Summe
+allein, wenn er ihm den Flüchtling diese Nacht ausliefern wolle.
+Hiergegen erklärte ihm aber Raiteo ganz offen der Mann sei allerdings
+noch da, so geschwind ließe sich das aber unter keiner Bedingung
+anstellen. Er habe die Zeit über, am andern Ende der Insel, auf der
+Mission gewohnt, das Schiff als es von dort heraufkam aber auch
+jedenfalls sehen können, und sei jetzt wieder irgendwo im Wald
+versteckt, wo er allein morgen wenigstens den ganzen Tag brauchen würde
+ihn nur aufzuspüren, und selbst dann sei es eine schwierige Sache, da
+der König nichts damit zu thun haben wolle, und er selber nachher,
+vielleicht seines Lebens auf der Insel nicht wieder froh würde. Er
+verdiene gewiß gern den hohen Preis, wenn sich aber weißer Mann Capitain
+nicht dazu entschließen wollte zwei drei Tage auf der Insel zu bleiben
+und auch womöglich noch mehr Leute herüberzubringen, so sehe er keine
+Möglichkeit seinen Zweck zu erreichen.
+
+Das ging nicht an, das Schiff hatte sich überdies schon, durch einige
+Spermfische gerade damals aufgehalten als sie wieder nach Norden auf
+kreuzen wollten, in der Jahreszeit verspätet, und der Capitain erst
+nicht einmal, trotzdem daß sie die Insel passirten, wieder anlaufen
+wollen, aber jedenfalls nur bis nächsten Morgen mit Tagesanbruch den
+äußersten Termin gesetzt – war es bis dahin nicht möglich den Mann
+wieder zu bekommen, so mußten sie es aufgeben, und der alte Seebär
+wollte sich eben, mit einem zwischen den Zähnen durchgebrummten
+Kraftfluch hineingeben und an Bord zurückkehren, als der kleine
+Missionscutter in Sicht kam und das hinten angehängte Boot gleich darauf
+den ehrwürdigen Mr. Rowe an Land brachte.
+
+Der Missionair hatte noch einiges mit dem ~fa-u~ zu bereden und der
+Harpunier zögerte einen Augenblick am Ufer – er konnte die Schwarzröcke
+nicht gut vertragen, aber eine Frage that auch keinen Schaden, und der
+Mann kam gerade von dort her, wo sich der Flüchtling aufgehalten.
+
+Bruder Rowe fühlte vielleicht eine gleiche Sympathie für diese Art
+Leute, er war aber nichts destoweniger freundlich gegen den Seemann, und
+beantwortete seine Fragen auf das leutseligste aber ausweichend. –
+Raiteo der mit offenem Munde dabeistand, kam es vor, als ob er mit der
+Sache nichts zu thun haben wolle, denn darum wissen mußte er.
+
+»Sehn Sie, Mr. – wie mag Ihr Name sein?« –
+
+»Rowe.« –
+
+»Ah – Mr. Rowe,« sagte der alte in seinem Geschäfte schon ergraute
+Seemann – indem er fast unwillkürlich neben dem langsam längs dem
+Strande hergehenden Priester herschritt, wodurch sie sich von Raiteo,
+der ihnen ja nicht folgen durfte, entfernten. »Es ist nicht wegen dem
+einen Burschen daß wir uns solche Mühe geben ihn wieder zu bekommen –
+was das belangt, so könnten wir eher noch zwei dazu entbehren, ehe wir
+gerade jetzt einen einzigen Tag hier versäumten, aber es ist wegen dem
+bösem Beispiel – sehn die Canaillen daß sie fortkommen _können_, dann
+läuft uns auf den Sandwichsinseln nachher am Ende der ganze Schwarm
+davon. Kriegen wir aber so einen Burschen wieder, und auch schon während
+wir uns Mühe danach geben, so sehen doch die Andern daß es ihnen nicht
+so ganz leicht gemacht wird und hingeht, und besinnen sich zweimal, eh’
+sie die Beine in die Hand nehmen. Auf den Preis kommts uns dabei nicht
+an, denn kriegen wir sie nicht, so bezahlen wir ja auch Nichts, als
+vielleicht ein Bischen Lumperei an Spielkram, und kriegen wir sie, nun
+dann müssen sie’s selber von ihrem Theil abtragen.«
+
+»Haben Sie einen hier von den Insulanern, dem Sie glauben vertrauen zu
+können?« frug ihn der Missionair jetzt, und drehte sich, wie im
+Gespräch, halb nach ihm um, zu sehn ob ihnen Niemand folge. – »Könnten
+Sie einen der Leute hier bewegen Sie zu führen?«
+
+»Führen? – gewiß,« brummte der Harpunier – »wenn ich nur wüßte wohin.«
+
+»Ich kann mich, meiner Stellung wegen, nicht mit solchen Sachen
+befassen,« erwiederte ihm indirekt hierauf der Geistliche – »Sie werden
+aber auch wohl als vernünftiger Mann einsehn, daß es mir nicht
+gleichgültig sein kann dabei, meist gewissenlose Menschen zwischen die,
+kaum einem etwas civilisirten und religiösen Leben gewonnenen Insulaner
+geworfen zu sehen.«
+
+»Nein gewiß nicht – kann ich mir denken – ist ganz natürlich« –
+brummte der Harpunier dabei zwischen den Zähnen durch, und warf nur
+manchmal einen Seitenblick auf den Geistlichen, als ob er hätte sagen
+wollen: »nun was steckt dahinter? – wo will der hinaus?«
+
+»Mir liegt also,« fuhr Bruder Rowe hier wieder fort – »gewissermaßen
+ebensoviel daran den entsprungenen Matrosen wieder von hier zu entfernen
+als Ihnen daran gelegen ist ihn wieder zu bekommen.«
+
+»Ja sagen Sie mir nur wie!« platzte der Alte, dem die Vorrede zu lange
+dauerte, heraus.
+
+»Unter der Bedingung daß Sie meinen Namen nicht dabei nennen, und auf
+eine Entschuldigung oder vielmehr Ausrede, dem Eingeborenen gegenüber,
+den Sie zu Ihrem Führer nehmen, denken wollen, kann ich Ihnen den Platz
+so genau angeben wo er versteckt ist, daß Sie nicht die mindeste
+Schwierigkeit haben werden ihn zu finden – ja noch mehr, der Ort liegt
+so vortrefflich ihn zu umstellen, daß Sie, wenn Sie Ihre Maßregeln gut
+treffen, ihn sicher in Ihre Gewalt bekommen _müssen_.«
+
+»Aber was soll ich dem alten Fuchs dem Raiteo weiß machen,« sagte der
+Harpunier sinnend, »er hat gesehn wie wir jetzt hier miteinander
+sprechen und ich kann es ja nicht gut von irgend einem Andern gehört
+haben.«
+
+Der Missionair blieb einen Augenblick stehn – dann sagte er bedächtig:
+
+»Machen Sie sich nachher mit einem meiner Bootleute etwas zu schaffen
+und sprechen Sie mit ihm über irgend einen Gegenstand. – Sie können
+Raiteo dann sagen daß Sie es von dem erfahren haben; ich bin ziemlich
+fest überzeugt daß ihn Raiteo nicht wieder danach fragen wird.«
+
+»Und wo ist der Platz?« frug der Harpunier.
+
+»Erkundigen Sie sich bei Raiteo,« sagte der Geistliche leise – »ob er
+ein Haus Namens ~Ihiamoea~ auf der Insel kennt. – ~I-hi-a-mo-e-a~ –
+können Sie den Namen behalten?«
+
+»Er ist verdammt lang,« brummte der Harpunier – »~I-hi-ma-nu~«.
+
+»~I-hi-a-mo-e-a~,« wiederholte der Missionair.
+
+Der Harpunier repetirte das Wort ein paar Mal leise vor sich hin und
+sagte dann:
+
+»Ich denke so wird’s gehn, und da steckt er also – aber kennt Raiteo
+den Ort?«
+
+»Genau genug,« lautete die Antwort. »Sie werden ihm aber einen guten
+Lohn versprechen müssen, denn die Insulaner haben eine gewisse Scheu vor
+jener Gegend.«
+
+»Er soll die ganzen funfzig Dollars haben wenn er uns heute Abend noch
+hinführt!« rief der Seemann rasch – »und Gott straf mich – noch Alles
+in Sachen dazu, was im Boot liegt – wenn wir den Kerl nur kriegen. Ich
+habe noch außerdem mein besonderes Gift auf ihn.«
+
+»Gut, dann verlieren Sie keine Zeit mehr,« sagte der Missionair, wieder
+nach den Gebäuden, wo noch die übrigen standen, zurückkehrend. »Können
+Sie sich aber auch auf Ihre andern Leute verlassen, daß Sie am Ende
+nicht, anstatt Einen zu fangen, das Uebel noch verschlimmern und mehre
+dabei einbüßen?«
+
+»Wir sind diesmal gescheuter gewesen, als das erste Mal,« erwiederte der
+Harpunier – »und haben gar keine Matrosen, sondern nur Officiere im
+Boot zum Rudern mitgenommen – die Leute sind sämmtlich Harpunier oder
+Bootsteurer, die laufen schon seltener weg, weil sie weit höhern Antheil
+bekommen und auch überhaupt eine Carriere zu machen haben – es sind nur
+die verwünschten Matrosen die durchbrennen, weil sie sichs gewöhnlich
+ein Bischen zu hübsch auf einem Wallfischfänger gedacht haben.«
+
+Sie waren indessen wieder zu des Königs Hause gekommen, welches der
+Missionair jetzt betrat das Wetter abzuwarten, das gerade im Osten
+heraufzog und schon mit drohenden Wolken über dem Horizont hing. Der
+Harpunier wechselte indessen mit seinen Leuten einige Worte, und ging
+dann nach den beiden mit dem Cutter gekommenen Insulanern zu, die unfern
+ihres eigenen Bootes auf den Corallen saßen und sich eine kleine Cigarre
+aus ihrem inländischen Tabak und Bananenblättern drehten. Er blieb
+einige Zeit bei diesen stehn, und ging dann, als er Raiteo gerade über
+sich am Rande des Gehölzes bemerkte, rasch auf diesen zu.
+
+»Raiteo,« sagte er hier dem aufmerksam Zuhorchenden – »willst Du in
+dieser Nacht Dein Glück machen und ein reicher Mann werden? Du kannst
+funfzig Dollar und den ganzen Plunder verdienen der da im Boot liegt.«
+
+»In dieser Nacht?« erwiederte Raiteo kopfschüttelnd – »habe weißen Mann
+Capitain schon gesagt daß es so schnell nicht geht – und ist immer ein
+bös Stück Arbeit – kann nicht.«
+
+»Aber Du kannst« – sagte der Harpunier – »kennst Du ein kleines Haus
+hier irgend wo auf der Insel, das sie ~I-hi~ warte einmal – verdammt
+– ~I-hi-mano~ –«
+
+»~Ihiamoea~?« sagte Raiteo rasch und leise und sah den Fremden erstaunt
+an – »und ist der weiße Mann im ~Ihiamoea~?«
+
+»Verdamme mich, wenn Du den Namen nicht wie am Schnürchen hast,« lachte
+der Wallfischfänger – »~Ihiamoea~ kannst Du uns dorthin noch heute
+Abend führen?«
+
+»Und wer hat Euch den Platz angegeben?« frug der Insulaner, und seine
+Augen suchten fast unwillkürlich die Stelle wo der Missionair noch vor
+dem Hause des ~fa-u~ stand.
+
+»Einer der Burschen dort im Boot,« erwiederte ihm der Seemann – »sie
+wollens aber nicht gern wissen lassen, daß die Nachricht von ihnen kommt
+– ich hab’ ihnen fünf Dollar dafür gegeben.«
+
+»Hm« – brummte Raiteo und schaute nach den Bootsleuten hin, die ruhig
+und abwechselnd ihre kleine dütenförmige Cigarre rauchten, und wieder
+nach dem Missionair hinüber; dann aber, den Kopf zurückwerfend als ob er
+hätte sagen wollen »was gehts mich an« gab er dem Harpunier ein Zeichen
+ihm etwas weiter in den Wald hinein zu folgen, und hatte nun mit diesem
+in wenigen Minuten das Nöthige besprochen. Das ~Ihiamoea~ war ein
+kleines niederes Gebäude mit einem Gemach und zwei Ausgängen, das oben
+auf einem der Hügel, im wildesten Dickicht und dichtesten Walde lag;
+aber auf einem etwa funfzig Schritt breiten, vollkommen freien Raum
+stand, und also mit größter Leichtigkeit umzingelt und besetzt werden
+konnte. In etwa anderthalb Stunden konnten sie es von hier aus erreichen
+und das aufsteigende Wetter begünstigte jedenfalls ein solches
+Unternehmen. Raiteo aber, so gierig er war das Geld zu verdienen,
+scheute sich eben so sehr seinen Namen dabei genannt zu wissen, als der
+Missionair. Er zeigte ihm deshalb jetzt den Pfad, auf dem sie sich
+gerade befanden, und der durch eine dichte Pandanus-Niederung hinführte
+– diesen sollte der Harpunier mit seinen Leuten, sobald es dunkelte,
+etwa 300 Schritt weit folgen, und dann pfeifen, und Raiteo würde ihn von
+da bis zu dem Haus führen und ihm angeben wie er es umstellen könne –
+in das Haus aber bedung er sich gleich von vorn herein aus, ging er
+nicht hinein; »die alten hier unten vertriebenen Götter saßen noch dort
+oben darin, und wenn sie auch einem weißen Mann wohl nichts anhaben
+konnten, so liefe doch ein Eingeborener die tödtlichste Gefahr an Leib
+und Seele.«
+
+Ueber die Ausbezahlung wurden sie ebenfalls einig, Raiteo bekam fünf
+Dollar im voraus, was ihn soviel gieriger auf das übrige machte, und der
+Rest sollte ihm ausbezahlt werden, wenn sie den Entsprungenen gebunden
+in ihrer Gewalt hätten.
+
+Der Abend setzte ein, wie es das Wetter klar genug angedeutet; einzelne
+Windstöße und Regen was vom Himmel herunter wollte. Der Wallfischfänger
+war indeß näher herangekommen, wo er durch das hohe Land gegen die Böen
+ziemlich geschützt lag und sich nicht in der mindesten Gefahr befand auf
+die Klippen getrieben zu werden, von denen ihn Wind und Strömung
+zugleich absetzten; in kurzen Gängen war es nur eben Alles was er thun
+konnte, daß er sich auf seiner Stelle hielt.
+
+Der Missionair hatte die Insel ebenfalls nicht verlassen, obgleich er
+lieber der durch ihn gewissermaßen herbeigeführten Katastrophe aus dem
+Wege gegangen wäre; auf See aber etwas ängstlich fürchtete er das Wetter
+möchte noch schlimmer werden und wollte sich da nicht in seiner
+Nußschaale von einem Fahrzeug den Wogen anvertrauen.
+
+Das Zeichen für den Harpunier an Bord zu kommen, wenn etwa in der Nacht
+möglicher Weise etwas vorfiele, sollten zwei Kanonenschüsse sein.
+
+ * * * * *
+
+René war indessen durch seine liebe Führerin glücklich an den Ort seiner
+Bestimmung gebracht und schon der Weg dahin überzeugte ihn, daß
+Europäer den Platz nimmer in wenigen Tagen auffinden könnten, hätten sie
+selbst gewußt daß ein solcher Schlupfwinkel hier existire, und von den
+Insulanern konnte ja auch keiner glauben daß ihm diese Stelle bekannt
+sei. Ebenso hatte er das aufsteigende Wetter bemerkt, und nicht ohne
+Grund durfte er hoffen daß es den Wallfischfänger zwingen konnte, die
+Insel vielleicht sogar eher zu verlassen, als er im Anfang beabsichtigt.
+Daß aber auch Sadie nicht von dem Wetter überrascht werde, trieb er
+diese selber mit zärtlicher Besorgniß zum schleunigen Heimweg an, und
+das schöne Mädchen flog mehr als sie ging den Pfad zurück, denn sie
+wußte ja daß sie, je eher sie wieder am Hause sei, desto sicherer auch
+den geringsten Verdacht niederschlagen müsse, der Fremde habe einen so
+weitentlegenen Platz als das ~Ihiamoea~ zu seinem Zufluchtsort gewählt.
+– An den Missionair dachte Niemand.
+
+Der Platz selber war für so kurzen Aufenthalt wohnlich genug; gegen Wind
+und Regen vollständig durch ein gutes Dach und fast fußdicke vielleicht
+sechs Fuß hohe Steinmauern geschützt, lag selbst eine breite aus dem
+dortigen Schilfgras geflochtene Matte in der Mitte der Hütte – ein
+Beweis mehr daß der alte Missionair recht hatte wenn er glaubte, der
+christlichste König dieser Insel hänge noch etwas an dem alten
+Heidenthum. Doch wie dem auch sei, es kam René hier vortrefflich zu
+statten.
+
+Vor allen Dingen sah er jedoch nach seinen Waffen, steckte sein Messer
+in den Gürtel, den er immer trug und untersuchte die Terzerole – aber
+der alte Mann hatte in der Eile das Pulverhorn vergessen, und wenn auch
+das Pulver noch ziemlich trocken aussah, war ihm doch nicht viel zu
+trauen.
+
+»Nun ich werde sie hoffentlich nicht brauchen,« murmelte er leise für
+sich hin – »besser wär’s aber doch ich wüßte sie sicher – es giebt
+Einem immer mehr Zutrauen eine gute Waffe in der Hand zu haben.« Bei den
+Waffen lagen aber auch eine Masse Lebensmittel und mit doch weiter
+keiner anderen Beschäftigung machte er sich über den Korb her, die
+Leckerbissen vorzunehmen, die ihm der gute alte Mann, mit einem paar
+Flaschen Wein und Cocosnußmilch zusammengemischt, eingepackt hatte.
+
+So vergingen ihm die Stunden rasch – ein paar Mal trat er in die
+vordere Thür der Hütte, vielleicht einen Blick in’s Freie zu gewinnen,
+aber der Wald umgab das kleine Heiligthum einer früheren Zeit hier zu
+hoch und dicht, auch nur einen Blick über dessen äußerste Grenzen zu
+gestatten, und er warf sich zuletzt, ermüdet vom Umhergehn in so engem
+Raume, auf die Matte, und schaute träumend auf die kahlen Steinwände,
+die in früherer Zeit wohl Zeuge mancher wildromantischen Scene,
+vielleicht manchen furchtbaren Opfers gewesen waren.
+
+»Und wo seid Ihr jetzt – Ihr stolzen Herrscher dieser Haine – Oro, Du
+kriegerischer Gott, Hiro, Du schlauer Beschützer der Diebe, Teroro, Du
+Sturmerwecker, Tane, Du Herrlicher und Ihr Alle, Alle, die Ihr früher in
+dem Rauschen der Palmen, in dem Donnern der ewigen Brandung zu Euern
+Kindern spracht? – Sie haben sich losgesagt von Euch, umgeworfen Euere
+Altäre, in den Wind verweht selbst Eure Namen, und das Kreuz, von
+einzelnen Fremden aufgepflanzt, hat wie mit einem Schlage Euer
+Jahrhunderte bestandenes Reich vernichtet. Aber solltet Ihr auch diese
+Haine, die einst Eure Macht sahen, so schnell und leicht haben verlassen
+können? wandelt Ihr vielleicht nicht selbst jetzt noch in den dunklen
+Schatten der Fruchtbäume, um die Stellen wo früher Euere Altäre
+gestanden, und schauet mit finsterem Groll auf die Tempel eines neuen
+Gottes, vor dem Euere abtrünnigen Kinder _jetzt_ ihre Kniee beugen?
+Umschwebst nicht Du selbst, furchtbarer Oro diese Dir einst, ja
+vielleicht selbst jetzt noch geweihte Stätte, und blickst zürnend auf
+den Fremden nieder, der sich, ein ungeladener Gast über Deine Schwelle
+gedrängt hat? – Zürne mir nicht, hätte nur ich, von all den weißen
+Fremden diese Ufer betreten, Du herrschtest _noch_ hier, in all Deiner
+Herrlichkeit, ich hätte Deinem Volke seine Götter und seinen Frieden
+gelassen, und wer weiß ob sie nicht glücklicher – besser geblieben
+wären.«
+
+Lange noch lag er sinnend und träumend auf der Matte, bis die
+einbrechende Nacht ihre Schatten niedersandte, und mit diesen der Regen
+laut und schallend auf das schilfige Dach der Hütte niederschlug. War er
+hier aber auch vor diesem geschützt, so fand er doch eine andere Plage
+– eine wahre Unzahl von Mosquitos stellten sich schon mit der Dämmerung
+ein, und umschwärmten ihn jetzt als sicher unverhoffte und gute Beute zu
+Tausenden.
+
+Im Anfang suchte er sich ihrer zu erwehren, zuletzt aber gab er das auf
+und streckte sich, nur sein Taschentuch über das Gesicht breitend, auf
+die Matte aus, der Nacht so viel Schlaf als möglich abzustehlen. Er
+fühlte sich vollkommen sicher daß der Wallfischfänger, wenn er überhaupt
+noch an der Insel sei, _diese_ Nacht gewiß Nichts unternehmen werde ihn
+wieder zu bekommen, und ärgerte sich fast, die bisherige Wohnung und
+Sadie’ens Nähe verlassen zu haben.
+
+Eine Stunde hatte er etwa so gelegen, aber er war nicht im Stande
+einzuschlafen, die Mosquitos trieben es zu arg, und schienen
+fortwährend in neuen unersättlichen Schaaren heranzuströmen.
+
+»Das ist ein schöner Polterabend,« brummte er leise vor sich hin – »und
+mein armes Mädchen sitzt indeß allein daheim und ängstigt sich um den
+fernen Freund – ha! –«
+
+Er fuhr in die Höh’ und horchte, schüttelte aber dann lächelnd mit dem
+Kopf und murmelte:
+
+»Das war wie in alter Zeit, als ich noch mit Adolphe in Canadas Wäldern
+jagte – das klang genau wie sein Jagdruf – der schrille Ton einer
+kleinen, an der französichen Küste heimischen Möve.«
+
+»Aber Wetter noch einmal!« rief er plötzlich in einiger Unruhe
+aufspringend – »und wenn das nun doch am Ende Adolphe selber – aber es
+ist ja nicht möglich – wie hätte er diesen Ort auffinden können.«
+
+Nichtsdestoweniger tappte er nach seinen Waffen herum, die neben ihm auf
+der Matte lagen, und steckte sie zu sich. Der Regen hatte jetzt für
+kurze Zeit nachgelassen, und nur die schweren Tropfen fielen draußen
+noch von den Zweigen nieder. Schlafen konnte er doch nicht, also stand
+er auf und ging an die Thür die, halbangelehnt, ihm einen Blick auf den
+kleinen freien, jetzt von dem auf wenige Momente vorbrechenden Mond
+erhellten Platz gewährte; ha dort drüben bewegte sich beim ewigen Gott
+eine Gestalt – Wild konnte es nicht sein, das gab es ja nicht auf
+diesen Inseln. Eine dunkle Wolke legte sich wieder über den Mond und
+hüllte Alles in tiefe Nacht, als aber René, das gespannte Terzerol
+krampfhaft fest in der Faust mit spähendem Blick und lauschend
+vorgebeugtem Oberkörper da stand, erkannte er deutlich zwei dunkle
+Gestalten die über den Plan, grade auf ihn zu glitten. –
+
+»Verrath!« murmelte er leise zwischen den Zähnen durch, und mit
+Blitzesschnelle in das Haus zurückspringend, gewann er die andere Thüre.
+Aber in demselben Moment fühlte er sich von drei eisernen Armen zu
+gleicher Zeit gepackt und es war ein Glück für wenigstens einen der
+Fänger, daß das Terzerol versagte, denn gerade gegen das Ohr des
+Harpuniers gepreßt hatte es René abgedrückt.
+
+»Teufel!« schrie er, als er es von sich werfend sein Messer zu ziehen
+suchte – umsonst, die Uebermacht war zu groß, und wenige Minuten später
+lag er, an Händen und Füßen gebunden, in der Gewalt seiner Feinde am
+Boden.
+
+»~Damn it~ mein Bürschchen,« lachte der alte Harpunier in aller Freude
+über den gelungenen Fang, »ich hatte heute Abend, als ich auf den Regen
+fluchte, nicht geglaubt daß er mir mit Deinem Pulver zu gleicher Zeit
+einen so guten Dienst erweisen würde – das war jedenfalls gut gemeint,
+ich rechne Dir’s aber nicht an – hätte dasselbe an Deiner Stelle
+gethan; nun sei aber auch vernünftig und wehr Dich nicht nutzlos mehr –
+wir sind hier unserer sieben gegen einen, und Du wirst begreifen daß da
+doch jeder Widerstand nutzlos ist.«
+
+»Mordet mich!« schrie aber René mit aller Kraft der Verzweiflung gegen
+seine Banden und die Arme die ihn niederhielten, ankämpfend – »mordet
+mich, wie Ihr mein Glück zerstört habt, aber beim ewigen Gott, Ihr sollt
+mich nicht lebendig von dieser Insel nehmen.«
+
+»Das käme auf einen Versuch an,« sagte der Harpunier kaltblütig –
+»willst Du denn gar keine ~raison~ annehmen, so haben wir uns schon so
+viel Mühe um Dich gegeben, daß wir Dich nun auch wohl das kleine
+Stückchen Wegs noch tragen können. Nehmt ihn auf Leute – nehmt ihn auf
+– oh wenn er gar so sehr strampelt – hier ist noch Leine genug zwanzig
+solche Bürschchen förmlich damit einzuwickeln – so das thuts – noch
+eins um die Füße, und nun nehmt ihn auf und fort damit – da kommt schon
+wieder ein neuer Regenschauer; daß die Pest ein solches Land hole.«
+
+»Ja wohinaus gehts aber jetzt?« sagte Einer der Leute, nachdem sie den
+sich wüthend Sträubenden aufgehoben hatten – »ich weiß den Weg nicht
+mehr.«
+
+Der alte Harpunier sah sich einen Augenblick selber verdutzt in der
+Dunkelheit um. –
+
+»~Damn it~,« brummte der Alte, »jetzt bin ich auch confus geworden –
+welchen Cours sind wir denn eigentlich heraufgesteuert. Wo ist denn die
+verdammte Bestie von Insulaner – he Raiteo, Canaille verwünschte – wo
+steckt der Satan?«
+
+»Verrathen und verkauft,« knirrschte René zwischen den zusammengebissenen
+Zähnen hindurch, als er von der verzweifelten Anstrengung zum Tod
+erschöpft zurücksank und sich jetzt willenlos forttragen ließ. – Nicht
+weit von ihm ab antwortete aber ein leiser Pfiff. Es war der Insulaner,
+der dort auf die Seeleute, außer dem Bereich des ~Ihiamoea~, wartete,
+und schweigend führte er den Zug den steilen schlüpfrigen Pfad wieder
+zurück nach dem Landungsplatz.
+
+Der Regen goß jetzt förmlich in Strömen nieder, wenn auch der Wind für
+den Augenblick etwas nachgelassen hatte, als sie aber oben die
+Pandanus-Niederung erreichten, und nun auf ebener Bahn, auf dem scharfen
+Corallensand, dicht am Ufer einer der kleinen zahlreichen Lagunen oder
+Binnenseeen hinschritten, dröhnten laut und mahnend die beiden
+Kanonenschüsse von Bord des Delaware zu ihnen herüber. – Fast
+unwillkürlich hielten die Leute einen Moment, der Harpunier aber rief:
+
+»Vorwärts, meine Jungen, vorwärts, wir kommen gerade zur rechten Zeit –
+Wetter noch einmal, das war abgepaßt, eine Stunde später und wir hätten
+die ganze Geschichte aufgeben müssen.«
+
+»Was mögen sie an Bord haben?« frug Einer der anderen Harpunier.
+
+»Wahrscheinlich wird dem Alten der Wind zu bunt,« lachte der Harpunier,
+»und jetzt ists gerade eine hübsche ruhige Zwischenzeit an Bord zu
+fahren – rasch Ihr Leute, da vorn seh’ ich schon die Hüttenfeuer.«
+
+Ein neuer Hoffnungsstrahl blitzte vor René’s Seele auf – wenn ihn auch
+Einer der Insulaner verrathen hatte, waren ihm doch fast alle Anderen
+gewogen und wer weiß ob sie ihn, wenn er sie anriefe, so vor ihren
+eigenen Augen wegschleppen ließen. Soviel hatte er, während seines
+Aufenthalts auf der Insel auch schon von der Tahitischen Sprache
+gelernt, und als er die ersten Stimmen an den nicht mehr fernen Häusern
+hörte, damit die Leute Zeit bekämen sich zu sammeln ehe die Weißen das
+Boot gewinnen konnten, schrie er plötzlich mit lauter donnernder Stimme
+um Hülfe.
+
+»Knebel her!« sagte der Harpunier ruhig aber rasch – »wer hat ihn – Du
+John?«
+
+»Ja hier« – antwortete der Mann dem Harpunier den Knebel reichend.
+
+»Der Kerl schreit uns am Ende doch noch die Insulaner auf den Hals –
+wer weiß wen er hier Alles zu Freunden gewonnen hat, und besser ist
+besser.«
+
+An allen Gliedern gebunden und mit dem Knebel im Mund vermochte der
+Gefangene sich nicht weiter zu rühren, und gleich darauf erreichten sie
+den Strand.
+
+Raiteo forderte aber jetzt, ehe sie zu seinen Leuten hinunterkamen, den
+bedungenen Lohn, denn er wollte sich nicht mit den Weißen zusammen
+blicken lassen. Ehe sie abstießen gedachte er dann mit einem Bruder von
+sich, zum Boot zu kommen und die Sachen in Empfang zu nehmen, die dort
+noch für ihn bestimmt waren.
+
+»Lauft rasch mit dem Burschen da voran, und legt ihn in’s Boot, bis ich
+den Schuft hier abgefertigt habe,« sagte da der Harpunier zu seinen
+Leuten – »Wort müssen wir ihm doch halten; und seht zu daß Ihr das Boot
+flott bekommt bis ich unten bin.« Und während die Leute mit ihrer Last
+rasch dem Strande zueilten, blieb er neben dem Insulaner stehen und
+zahlte ihm das Blutgeld. Als er sich von ihm abwandte seinen Leuten zu
+folgen, glitt Raiteo in die Büsche.
+
+»Höll’ und Teufel,« fluchte jedoch der alte Harpunier als er zum Strand
+kam und sah wie die Mannschaft mit dem Boot beschäftigt war, das hoch
+und trocken auf der Corallenbank und wohl funfzig Schritt vom Wasser ab
+saß – »ob ich es den verdammten Schuften von Insulanern nicht gesagt
+habe das Boot flott zu halten – und ich glaube beim Teufel, sie haben
+es noch mehr aufs Trockene gezogen; daß der Böse ihre Seelen verdamme.
+Hinein damit Jungens – greift unter und tragt es in’s Wasser – werft
+den Plunder hinaus der vorn darin liegt – der Eigenthümer mag ihn sich
+holen – wo ist René?«
+
+»Hier am Hause liegt er,« sagte Einer – »Bill und Adolphe stehen Wache
+bei ihm.«
+
+»Ach was Wache, der läuft jetzt nicht fort – hier Bill – hier Adolphe
+mit angefaßt und tragt das Boot zu Wasser – hallo meine Jungen alle
+zusammen – ~there she comes – a hoy-y~. Was zum Teufel macht es so
+schwer – was liegt da drinne?«
+
+»Es liegt hinten ganz voller Früchte,« antwortete Bill.
+
+»Früchte? hinaus damit, wir haben jetzt keine Zeit uns mit Früchten
+abzugeben – so – Alles hinaus – hier an die Seite damit, was in
+Körben ist, können wir nachher wieder hineinwerfen, und hallo hier –
+einmal eine Parthie von den Insulanern her, die können uns mit helfen,
+wenn sie uns wieder los werden wollen.«
+
+Von diesen ließ sich aber keiner blicken – der Hülferuf des
+Unglücklichen, den sie gehört, hatte ihnen das Schicksal desselben
+verrathen, und wenn sie auch, wie René in letzter Verzweiflung gehofft,
+keineswegs gesonnen waren ihr Leben daran zu setzen, um ihn wieder zu
+befreien, so mochten sie doch auch weiter Nichts mit der Sache zu thun
+haben, vielweniger denn den Fremden selber in irgend etwas behülflich
+sein.
+
+Dicht am Strand wo die Leute, vielleicht zehn Schritt von dem Boot, den
+Gebundenen niedergelegt hatten, stand eine kleine Bambushütte, in
+welcher die Missionäre, wenn sie sich auf dieser Seite der Insel
+befanden und, vielleicht von einem Wetter überrascht, nicht mehr zu dem
+Missionsgebäude kommen konnten, gewöhnlich übernachteten. Hierher hatte
+sich auch, als das Wetter ärger zu werden drohte, der ehrwürdige Bruder
+Rowe zurückgezogen, ließ sich aber natürlich nicht blicken wie er die
+Männer mit ihrem Gefangenen ankommen hörte, sondern hielt seine Thür,
+allerdings nur dünnes Bambusgeflecht, geschlossen. Durch die überall
+offenen Stäbe der Wände konnte er aber deutlich erkennen was draußen
+vorging, und der gebundene und geknebelte René wurde solcher Art in
+nicht zwei Schritten von seiner eigenen Thüre niedergelegt, während die
+Leute kaum zehn Schritt weiter damit beschäftigt waren das Boot dem
+Wasser zuzuarbeiten. Bruder Rowe stand dicht hinter der Thür und schaute
+schweigend und nachdenkend auf den gebunden am Boden Liegenden nieder.
+
+Außer ihm war aber noch eine andere Gestalt ganz in der Nähe, und zwar
+niemand anderes als das indirekte Werkzeug des ehrwürdigen Herren –
+Raiteo, der vorsichtig um das Haus herumglitt und die Bewegungen der
+dicht dabei in dem Boot beschäftigten Männer auf das vorsichtigste
+beobachtete. – Er hatte seinen Bruder oder irgend einen seiner Freunde
+schon abgeschickt die ihm noch zukommenden Waaren zu holen, und seine
+eigenen Gründe sich nicht selber dorthin zu bemühen.
+
+»Schuft? – so?« murmelte er dabei zwischen den Zähnen durch – »erst
+ist man gut genug weißer Mann Capitain da hinauf zu führen und nachher
+ist man Schuft; gut – gut Raiteo ist nicht so dumm – Raiteo hat Geld
+– liegt sicher unterm Baum – Raiteo hat seinen Contrakt erfüllt –
+jetzt kann Raiteo machen was er will, und jetzt will Raiteo einmal sehn
+was er machen will.«
+
+Die Wallfischfänger hatten indessen Alles was das Boot schwerer machen
+konnte hinausgeworfen, und während der Regen wieder in Strömen
+niedergoß, faßten die sieben kräftigen Gestalten das Boot und schoben es
+langsam aber in sicherem Fortgang den ersten kleinen Abgang hinunter, wo
+es wieder durch eine neue Corallenschicht aufgehalten, aber auch über
+diese endlich weggehoben wurde.
+
+»Die verdammten Schurken von Indianern lassen sich nicht blicken,« sagte
+der alte Harpunier, keuchend in aller Anstrengung, »aber hol’ sie der
+Henker, wir brauchen sie auch nicht – munter meine Jungen, munter –
+denn hinten kommts wieder so schwarz wie Nacht herauf und wir müssen
+machen daß wir das Schiff erreichen, wenn uns der Alte hier nicht
+zurücklassen soll, und dann hätte er nachher eine schöne Mannschaft an
+Bord, ohne alle Officiere.«
+
+Der Delaware hatte eine Laterne ausgehangen und schien, soweit man nach
+der Bewegung derselben urtheilen konnte, wieder näher zu kommen.
+
+Als sich die Seeleute mit dem Boot von dem Haus entfernten, glitt Raiteo
+dahinter vor, und wie eine Schlange dicht an den festgebundenen Körper
+des Gefangenen hinan, wo er, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben
+und ohne weitern Zeitverlust begann, die verschiedenen Seile mit denen
+der Körper des Unglücklichen förmlich umwunden war, durchzuschneiden.
+So leise und geschickt war dies Maneuvre auch, von der Nacht begünstigt,
+ausgeführt daß der, gewissermaßen dicht davorstehende Missionair, der
+die Augen doch fortwährend auf den Körper geheftet gehabt, wohl eine
+Bewegung sah, aber in der ersten Minute gar nicht unterscheiden konnte
+was es eigentlich sei. René übrigens, der schon jeden Gedanken an
+Rettung in dumpfer Verzweiflung aufgegeben hatte, und jetzt nur Trost in
+dem einzigen Entschluß fand, sowie man ihn an Bord seiner Fesseln
+entledige seinem Leben gewaltsam ein Ende zu machen, fühlte kaum den
+scharfen Schnitt eines Messers an den Seilen, als ihm wilde fröhliche
+Hoffnung durch Mark und Seele schoß. Er begriff zugleich die
+Nothwendigkeit vollkommen regungslos zu bleiben, die Aufmerksamkeit der
+nur kurze Strecke von ihm entfernten Seeleute nicht auf sich zu ziehen;
+aber selbst die Secunden die er hier wieder in furchtbarer Erwartung
+lag, ob nicht doch noch, ehe er den Gebrauch seiner Glieder wieder
+gewinnen konnte, Jemand von unten heraufkam und der Versuch zu seiner
+Rettung entdeckt würde – erfüllten ihn mit wahrer Höllenpein.
+
+Raiteo hatte Verstand genug die Füße erst frei zu machen, denn selbst
+mit gebundenen Händen war in diesem Dunkel die Möglichkeit zu entfliehen
+da. René drängte es aber den Arm frei zu bekommen, wenigstens sein
+Messer, das er noch an der Seite fühlte, zu erfassen; der Knebel
+verhinderte ihn aber auch nur einen Laut von sich zu geben, und Raiteo
+wollte den nicht entfernen bis er mit allem übrigen im Reinen wäre. Mit
+den Füßen glaubte er jetzt fertig zu sein und ging an die Arme, ein
+dünnes Seil, daß er in der Dunkelheit übersehen hatte, hielt jene aber
+noch zusammen, und René hob die Knie auf es ihm bemerklich zu machen.
+
+»Geh doch einmal Einer hinauf und sehe nach dem Gefangenen,« sagte in
+diesem Augenblick die Stimme des Harpuniers, die deutlich zu ihnen
+herüberdrang. Rasche Schritte wurden gegen sie zu gehört, und Raiteo der
+keineswegs im Sinne hatte seine eigene Person irgend einer Gefahr
+preiszugeben, ließ den noch immer Gebundenen wie er war, und glitt um
+das Haus hinum.
+
+Hierdurch wurde es aber auch jetzt dem Missionair, der schon der
+Bewegung des Gefangenen nach Verdacht geschöpft, klar, daß irgend Jemand
+an der Befreiung desselben arbeite. _Wer_, konnte er natürlich nicht
+erkennen, aber es lag keineswegs in seinem Plan den Mann hier auf der
+Insel zu behalten, nun es doch einmal soweit gediehen war.
+
+René schloß die Augen und sank zurück in stummer Verzweiflung.
+
+Der Mann von unten sprang auf den Liegenden zu, und bog sich zu ihm
+nieder, wie um nachzusehen ob seine Stricke auch noch in Ordnung seien;
+zu gleicher Zeit aber fühlte René wie ein scharfes Messer und eine
+geübte Hand das Tau von einander trennte das seine Arme fest umspannt
+hielt, eine Hand glitt an seinem Körper hinunter, fühlte das Seil um die
+Knie und trennte auch dieses.
+
+»Muth!« flüsterte dabei eine Stimme die René’s Ohren wie himmlische
+Sphärenmusik klang – »Muth René und jetzt fort,« – und sich
+aufrichtend rief er laut:
+
+»~All right~!« und drehte sich rasch um, den Platz zu verlassen, als er
+plötzlich einen Arm auf seiner Schulter fühlte und erschrocken stehen
+blieb. René lag noch am Boden, als er ebenfalls die zweite Gestalt
+bemerkte, aber seine Hand faßte leise das Messer und zog es aus der
+Scheide – er wußte er war frei, denn zwei Sätze konnten ihn in den
+Bereich des Waldes und aus der Gewalt seiner Feinde bringen.
+
+Adolphe, denn dieser war René’s Befreier, drehte fast unwillkürlich den
+Kopf halb ab, um nicht erkannt zu werden und suchte schon loszukommen,
+sich wieder unter seine Kameraden zu mischen und dadurch jeden Verdacht
+von sich zu entfernen, als er zu seinem Staunen die Stimme des
+Missionairs erkannte, der ihn leise etwas von dem vermeintlich
+Gebundenen fortzog, damit dieser ihn nicht erkennen möchte, und mit
+hastiger aber unterdrückter Stimme sagte:
+
+»Habt Acht auf Eueren Gefangenen Sir – man will ihn befreien – ich
+habe –«
+
+Er sagte nichts weiter, denn ein einziger Faustschlag des riesigen
+Franzosen, gerad gegen seine Stirn, streckte ihn besinnungslos zu Boden.
+
+»Bind ihn,« flüsterte da Adolphe rasch, sich zu diesem niederbiegend –
+»_er_ hat Dich an uns verrathen,« und so schnell wie er gekommen, sprang
+er die Corallenbank wieder hinunter, wo die Leute eben mit Anstrengung
+aller ihrer Kräfte das Boot bis zum Wasserrand gebracht hatten.
+
+»Der Gefangene liegt noch am Boden,« sagte er, als er sich hier wieder
+unter die Uebrigen mischte.
+
+»Aber habt Ihr nicht nachgesehen ob die Seile noch in Ordnung sind?«
+frug der Harpunier.
+
+»Ich kann noch einmal hinaufgehn,« erbot sich Adolphe.
+
+Da blitzte es vom Wasser herüber, und gleich darauf dröhnte der dumpfe
+Schall eines neuen Schusses, dem in kaum einer Minute ein zweiter
+folgte, zu ihnen herüber.
+
+»Hinein mit dem Boot in’s Wasser!« schrie der Alte, alles Andere in dem
+Bewußtsein der Nothwendigkeit vergessend, so rasch als möglich wieder an
+Bord zu kommen, »wacker Ihr Leute, wacker und legt Euch dagegen mit
+Brust und Seele!«
+
+Den vereinten Anstrengungen der Leute gelang es das Boot vorn in die
+Fluth zu bekommen, das unruhige Wogen derselben half nach, und bald lag
+es flott.
+
+»Jetzt hinein, mit Riemen und Masten!« lautete der rasch gegebene
+Befehl, »und vergeßt Nichts Ihr Jungen – laßt die Früchte liegen wo sie
+sind – vier von Euch nach dem Gefangenen – halt hier – das Boot stößt
+noch auf – noch einmal unter, alle zusammen – ~a hoy~ – ~there she
+goes~ – nun die Riemen und unsern ~mossier~ her und hinein mit Euch.«
+
+Es war auch Zeit daß sie von Lande abkamen – der Wind hatte sich,
+während einer fast anderthalb Stunden langen Stille, total herumgedreht,
+und aus Westen kann es in diesen Breiten oft gar bös an zu wehen fangen.
+– Dort stieg auch schon eine schwere rabenschwarze Wand auf, und der
+Delaware mußte jetzt allerdings machen daß er von der Küste abhielt. Die
+Leute rannten sämmtlich, so rasch sie konnten, die Bank hinauf, drei von
+ihnen die Riemen und den Mast in’s Boot zu nehmen; die andern drei den
+Gefangenen zu holen. Unter diesen Adolphe.
+
+»Auf mit ihm,« rief dieser, den Oberkörper des auf der Erde Liegenden so
+packend und mit Leichtigkeit emporhebend, daß er den Kopf unter seinen
+Arm bekam – »auf mit ihm Jungens – und hinunter – da geht ein anderer
+Kanonenschuß, bei Gott!«
+
+Die beiden andern Bootssteuerer faßten, der Eine in der Mitte, der
+Andere unter die Knie des Gebundenen, und im vollen Lauf fast ging es
+damit die Corallenbank hinunter.
+
+»Vorn in’s Boot mit ihm,« schrie der Harpunier – »haut ihm eins über
+den Schädel wenn er sich nicht fügen will – an Eure Riemen für Euer
+Leben, dort kommts herauf – hinein in’s Boot mit ihm sag’ ich – werft
+ihn hinein, zum Donnerwetter, wenn er nicht gehn will, darf’s ihm auch
+nicht auf eine Beule ankommen.«
+
+»Wetter noch einmal,« brummte Bill, als die im Boot Stehenden den Körper
+anfaßten, hineinzogen und vorn in den Bug mehr warfen als legten, »René
+ist hier ordentlich stolz geworden; der hat jetzt Schnallen an den
+Schuhen.«
+
+Es war aber in diesem Augenblick weder Zeit viel Bemerkungen zu machen,
+noch sie anzuhören oder gar zu beachten. Die Leute sprangen an ihre
+Plätze, warfen die Riemen in die Dollen, der alte Harpunier hatte den
+seinigen durch das Rudereisen gezogen, und durch die elastischen Riemen
+vorwärts getrieben flog das leichte Boot ordentlich durch die schon
+unruhige See dem glücklicher Weise nicht sehr fernen Schiff, das jetzt
+auch noch eine zweite Laterne aufgezogen hatte, entgegen.
+
+ * * * * *
+
+René war in dem Augenblick als ihn Adolphe verließ, in die Höhe
+gesprungen, und wußte in der That, in dem ersten Gefühl jubelnder
+Freiheit, nicht was er thun, ob er dem Rathe Adolphes folgen, oder den
+Priester ungebunden liegen lassen sollte, wo seine Flucht dann
+allerdings gleich bemerkt werden mußte, sobald sie ihn nur auffaßten.
+Eine zweite Person entschied aber seinen Zweifel, und zwar niemand
+Anderes als Raiteo.
+
+Raiteo war nämlich ein höchst aufmerksamer und selbst überraschter Zeuge
+sämmtlicher letzter, so schnell auf einander folgender Vorfälle gewesen.
+Klug genug aber einzusehn daß es für ihn jetzt besonders Zeit sei sich
+bei der Befreiung noch etwas zu betheiligen, wenn er überhaupt später
+Ehre und vielleicht auch noch Nutzen daraus ziehen wollte, hatte er auch
+noch einen andern Grund zu wünschen, die Weißen möchten die Insel mit
+dem Glauben verlassen, daß Alles in Ordnung sei, weil sie sonst am Ende
+noch Einsprache wegen den übrigen, zum Theil noch nicht einmal
+geborgenen Waaren thun, oder doch Lärm schlagen konnten, und dann den
+Antheil auf der Insel bekannt machen mußten, den er selber bei dem Fang
+des Europäers gehabt, und dessen er sich, so verstockt er sonst sein
+mochte, doch einigermaßen schämte. Kaum hatte er deshalb den Missionair,
+von dem er im ersten Augenblick gar nicht wußte woher er auf einmal kam,
+fallen gesehn und die Worte Adolphes gehört die dieser dem Freunde auf
+englisch zurief – »bind ihn« als ihm auch das ganze Nützliche einer
+solchen Maßregel einleuchtete und er, aus seinem Verstecke vorgleitend,
+ohne weiteres Hand an den geistlichen Herren legte, und ihn rasch an
+Händen und Füßen band.
+
+René der wußte daß er von dieser Seite keinen Angriff zu fürchten, ja
+nur Hülfe zu hoffen hatte, erkannte im ersten Augenblick den Burschen
+gar nicht, bis Raiteo sein Gesicht gegen ihn aufhob und mit leiser
+Stimme und bedeutungsvollen Zeichen sagte:
+
+»Knebel – schnell!«
+
+»Schurke verdammter, wo kommst Du her?« rief René fast unwillkürlich.
+
+»Pst,« sagte aber Raiteo, diesmal nicht im mindesten beleidigt –
+»Knebel.«
+
+Zeit war aber auch in der That nicht zu verlieren, und kaum hatte der
+Insulaner den Knebel auf das geschickteste in den Mund des am Boden
+Liegenden gebracht, von dem er sich jedoch vorher wohl überzeugt hatte
+daß er bewußtlos war, als sie auch schon die Leute die Corallenbank
+heraufspringen hörten, und nun rasch um das Haus herum und in das
+Dickicht schlüpften.
+
+Mit klopfendem Herzen hörte René wie sie den Körper seines
+Stellvertreters auffaßten und zum Boot hinunter trugen – dann aber, als
+die Riemen in das Wasser einfielen und die regelmäßigen – o so
+wohlbekannten Ruderschläge an sein Ohr tönten und weiter und weiter in
+der Ferne verhallten, da war es ihm als ob eine Centnerlast von seiner
+Brust gewälzt wäre, und mit der dringensten Gefahr auch jeder trübe
+Gedanke aus seiner Seele verschwunden – sein leichter Sinn schwamm
+wieder in der alten fröhlichen Lust oben.
+
+»Du bist doch der abgefeimteste durchtriebenste Erzschurke, Raiteo, der
+sich denken läßt,« wandte er sich lachend an diesen, der im Anfang nicht
+recht zu wissen schien auf welchem Fuß er nun, mit dem eben Befreiten
+wieder stehen würde, schon nach dem Klang der Stimme aber vollkommen
+begriff wie der »weiße Mann nicht Capitain« die Sache aufnahm, ihn aber
+das natürlich nicht merken lassen wollte, und nur mit kläglichem Ton
+jetzt versicherte und betheuerte, der »Bodder Aue« habe seinen
+Schlupfwinkel an weißen Mann Capitain verrathen, und weißer Mann
+Capitain ihn mit vorgehaltener Pistole und gebundenen Händen gezwungen
+sie nach dem von dem Missionair bezeichneten Platz hinzuführen.
+
+Das erste war, wie René aus Adolphes eigenem Munde erfahren, in der That
+so, das zweite jedoch kaum wahrscheinlich, doch nahm der junge Franzose
+den Burschen eben wie er war, und fühlte sich auch in seiner
+neugewonnenen Freiheit nicht im mindesten geneigt auf irgend Jemanden in
+der weiten Welt zu zürnen; überdies hatte Raiteo doch auch einen Theil
+seiner Schuld wieder gut gemacht, und dadurch jedenfalls Reue über etwa
+begangene Missethat gezeigt.
+
+René war übrigens noch zu sehr mit dem Schiff selber beschäftigt. Die
+neuen Kanonenschüsse verriethen des Capitains Eile in der er schien hier
+fortzukommen – etwas wofür ihn der Befreite in seinem Herzen segnete,
+und bald zeigten auch die niedergeholten Lichter daß das Boot an Bord
+sei. Noch konnte er die Compaßlampe durch die Nacht erkennen, aber bald
+erlosch dieser schwache Punkt ebenfalls, und mit dem jetzt aus vollen
+Backen einsetzenden West war in kaum einer halben Stunde jede Spur von
+dem so gefürchteten und auch so furchtbar gewesenen Schiff verschwunden.
+
+Nichtsdestoweniger, und trotz dem Wetter, blieb René die Nacht auf dem
+ersten Hügel, auf den ihn Raiteo noch hinaufführen mußte, mit diesem auf
+Wache, und erst, als er sich mit dämmerndem Tage überzeugte daß der
+Delaware nirgends mehr am Horizont zu erkennen war, flog er mehr als er
+ging die steilen schlüpfrigen Hänge hinunter, dem Missionsgebäude zu, wo
+Sadie schon in peinlicher Angst den ausgeschickten Boten erwartete, der
+ihr melden solle ob das Schiff die Insel verlassen habe.
+
+Wie erschrak das arme Mädchen, als sie die furchtbare Gefahr des
+Geliebten erfuhr, aber den Glücklichen konnten trübe Erinnerungen oder
+_vergangenes_ Leid, die jetzigen frohen Stunden nicht verbittern, und
+Sadie wie René _waren_ glücklich.
+
+René hütete sich übrigens wohl, zu erwähnen was aus dem geistlichen Mann
+geworden sei, obgleich er natürlich nicht verheimlichen konnte und
+wollte, daß er durch dessen freundliche Fürsorge verrathen worden, und
+Raiteo beobachtete ebenfalls in dieser Hinsicht eine höchst lobenswerthe
+Discretion.
+
+ * * * * *
+
+Was _war_ aber aus ihm geworden?
+
+Als das Boot nur eben nahe genug zum Schiff gekommen war, daß sie dort
+die regelmäßigen Ruderschläge unterscheiden konnten – schrie der
+Capitain schon mit Donnerstimme hinüber:
+
+»Boot ahoy!«
+
+»~Ship ahoy~!« lautete die rasche Antwort des Harpuniers – »~all
+right~!«
+
+»Scharf meine Jungen, scharf – macht daß Ihr an Bord kommt,« schrie die
+Stimme wieder – »steht bei hier mit den Taljen – alles klar?«
+
+»Alles klar Sir,« lautete die Antwort zweier Matrosen, die an den
+Krahnen standen zu welchen das Boot gehörte, die Taljen niederzulassen.
+
+»Nieder mit Eueren Blöcken,« rief’s schon in dem Augenblick von unten
+herauf, als daß Boot an die Seite schoß und die Ruder, wie mit einem
+Schlag in die Höhe geworfen, längs hineinfielen – »hier – hakt rasch
+ein – hinauf mit Euch – ~all right~!« – brüllte der Harpunier wieder
+durch das Schreien der Leute und das Rasseln der Raaen oben, die
+ebenfalls zu gleicher Zeit herumflogen. Seine Leute kletterten rasch an
+Bord hinauf, nur zwei zurücklassend, die an beiden Enden standen und die
+eingehakten Taljen wahrten, und eine halbe Minute später schwebte das
+Boot nach oben und unter seine Krahne, mit dem Deck gleich, während die
+im Boot Zurückgebliebenen den Gebundenen vorholten und nach Bord
+hineinreichten.
+
+»Der hat die letzten zehn Minuten gestrampelt, als ob er sich die Seele
+aus dem Leibe treten wollte,« brummte Bill, als sie ihn oben über die
+Schanzkleidung holten – »aber zum Donnerwetter –«
+
+»Zwei Reefen in Vor- und große Marssegel – fort mit Euch da hinauf!«
+schrie der Capitain in diesem Augenblick; die Leute mußten den
+Gebundenen, der sich am Boden wand wie ein Wurm, liegen lassen und das
+Niederrasseln der Raaen, das Heulen der Leute an den Reeftaljen
+übertäubte für den Augenblick selbst das, jetzt mit Macht aufkommende
+Wetter. Die nächste Viertelstunde nahm das Reefen selber in Anspruch,
+und Niemand kümmerte sich indessen um den unglückseligen Priester. Erst
+als die Mannschaft mit dem gewöhnlichen tönenden »~Oh – jolly men –
+hoy~« die Marsraaen wieder aufzog, trat der zweite Harpunier, der nicht
+mit am Lande gewesen war und schon die letzten fünf Minuten die an Deck
+liegende Gestalt forschend und etwas mistrauisch betrachtet hatte, auf
+diese zu und sich zu ihr niederbiegend rief er erstaunt:
+
+»~Why – damn it~ – das ist René nicht!«
+
+»René nicht?« antwortete der Capitain, der dicht neben ihm stand, mit
+der Linken eine der Brassen gefaßt hatte, und die Blicke auf die
+aufsteigenden Raaen gerichtet hielt – »wer soll’s _denn_ sein? –
+~belay that~ – – große Marsraae – was liegt an jetzt?«
+
+»Norden halb Westen,« tönte die monotone Stimme vom Steuerrad herüber.
+
+»~Steady then~ – halt den Cours – wer soll’s denn sein Mr. Browning.«
+
+»Weiß nicht Sir,« sagte dieser der, indeß der Capitain die obigen
+Befehle gegeben, dem Steward zugerufen hatte eine der noch im Spintge
+stehenden Lampe – die vorige Signallaterne – herauszubringen, und mit
+dieser vor den Gebundenen trat – »hallo wen haben wir hier?«
+
+»Hallo Mr. Rowsey,« rief aber in diesem Augenblick der Capitain, der
+ebenfalls hinangetreten war und jetzt mit in das ihm vollkommen fremde,
+wilde verstörte Gesicht des Bruder Rowe schaute – »wen zum Henker haben
+Sie uns da vom Lande mitgebracht? – haben Ihnen die Indianer _die_
+Jammergestalt hier als René verkauft?«
+
+Der alte Harpunier drückte sich rasch durch die, den Gebundenen
+umdrängenden Officiere und stand, während aller Augen halb erstaunt halb
+lachend auf ihn gerichtet waren, wohl eine halbe Minute verdutzt vor
+dem, was ihn im ersten Augenblick kaum weniger als eine Erscheinung
+deuchte; endlich aber platzte er heraus.
+
+»~Why~ – Gott straf mich, das ist ja der Pfaffe. – Den? –
+Himmeldonnerwetter – _den_ haben _wir_ doch nicht etwa im Boote
+mitgebracht?«
+
+»So bindet ihn wenigstens los,« sagte der Capitain ruhig, und nur mit
+Mühe sein Lachen verbeißend. Während aber zwei daran gingen die Banden
+aufzuschneiden und den Gefangenen besonders von seinem Knebel zu
+befreien, fluchte und wetterte der alte Harpunier auf Deck herum, und
+schien gar nicht übel Lust zu haben jetzt selber über den Missionair
+herzufallen, als ob der arme Mann die Schuld dieser für ihn so traurigen
+Verwechselung trage.
+
+Bruder Rowe bekam aber kaum seinen eigenen Mund frei, als er auch
+augenblicklich seine eigene Meinung von der Sache hatte, über Mord und
+Gewalt schrie, und verlangte ohne Säumen wieder an Land gesetzt zu
+werden. Mit Mühe nur bekam man von ihm heraus, daß seiner Meinung nach
+einer der Leute aus dem Boot ihm einen Schlag versetzt, der ihn
+bewußtlos niedergestreckt und ihn dann wahrscheinlich gebunden und
+geknebelt hatte. Hiergegen protestirte aber der Harpunier als eine
+Unmöglichkeit, denn so lang sei gar keiner von seinen Leuten von ihm
+entfernt gewesen, das zu bewerkstelligen. Nichtsdestoweniger wurden die
+Leute alle vorgerufen und der Priester sollte jetzt den nennen, den er
+für den Thäter halte – war das aber nicht im Stande. Der Harpunier
+erinnerte sich übrigens einmal Einen die Bank hinaufgeschickt zu haben
+nach dem Gebundenen zu sehn, der war jedoch augenblicklich zurückgekehrt
+und Adolphe meldete sich, gleich auf die erste Frage, ohne weiteres,
+hatte aber, wie er ruhig bemerkte, nur die Gestalt am Boden liegen
+gesehn und sich um weiter Nichts bekümmert.
+
+Adolphe war nun allerdings René’s Landsmann, und wenn auch bei Manchem,
+selbst bei dem Capitain ein leiser Verdacht aufsteigen mochte, daß damit
+nicht Alles richtig hergegangen sei, ließ sich auch nicht das mindeste
+mit einer Anklage machen, bei der der Kläger selber nicht einmal den
+Thäter erkannte, vielweniger auf ihn zu schwören vermochte. Dazu kam
+noch der alte Groll, den Wallfischfänger gewöhnlich gegen die
+Missionaire, sehr häufig allerdings ungegründet, manchmal aber auch mit
+Ursache haben, und in dem Aerger über das Entkommen des Matrosen mischte
+sich jedenfalls eine gewisse Parthie Schadenfreude, daß gerade der
+Priester, der den Seemann verrathen hatte, in dieselbe Grube gefallen
+war die er dem Andern gegraben, und der Capitain zuckte zuletzt nur mit
+den Schultern, als der geistliche Herr in vollem Zorn versicherte, er
+werde sich an seine Regierung wenden und volle Genugthuung für diese
+schmählige, nichtswürdige Behandlung fordern.
+
+Jetzt aber verlangte er vor allen Dingen augenblicklich und ohne
+weiteres Säumen wieder an Land gesetzt zu werden.
+
+»An Land!« rief dagegen der Capitain – »jetzt bei _dem_ Wetter? und
+wenn Sie mir tausend Dollar Passage bis zu der verdammten Insel zahlten,
+die ich wollte ich hätte sie im Leben nicht gesehen, möchte ich keins
+von meinen Booten und vielweniger mein ganzes Schiff noch einmal
+zwischen die Riffe hineinwagen.«
+
+Bruder Rowe war außer sich – aber Drohungen wie Versprechungen blieben
+gleich fruchtlos, und das einzige womit ihn der Capitain tröstete, war,
+daß er eine der nördlich gelegenen Inseln wolle anzulaufen suchen, von
+da könne er dann sehen wie er wieder nach Tahiti oder hierher
+zurückkomme.
+
+Zwei Tage später lief er Bola-Bola an, wo er den ~Rev.~ Mr. Rowe
+absetzte und vierzehn Tage vergingen ehe er von dort aus im Stande war
+seinem Schooner wissen zu lassen wo er sich befand, dessen Leute unter
+der Zeit übrigens in vollkommener Gemüthsruhe, und ohne auch nur einmal
+nachzufragen weshalb der weiße Mitonare sie so über Nacht verlassen
+habe, geblieben waren wo sie sich gerade befanden, sie hatten ja genug
+Brodfrucht und Cocosnüsse dort, und der Schooner lag sicher vor Anker,
+was wollten sie mehr? – sie hätten auf die Art noch ebensoviele Monate
+wie Wochen gewartet.
+
+
+
+
+Capitel 8.
+
+#Tahiti.#
+
+
+Wie nach dem wilden furchtbaren Schlag eines Wetters, der uns das Blut
+stocken machte in den Adern, fast immer Ruhe eintritt in der Natur, der
+nur leise grollende Donner mehr und mehr verhallt in weiter Ferne, und
+die Welt, von Sonnenschein beglüht, frisch aufathmend und neu belebt im
+reinen blitzenden Lichte liegt, so schien sich alles Leid, das der
+Himmel für die Liebenden in seinen dunklen Wolken geborgen, an diesem
+letzten furchtbaren Tage entladen – aber auch erschöpft zu haben.
+
+Mit dem, fast noch während dem Sturm scharf und heftig einsetzenden
+Ost-Passat, hätte der _Delaware_ jedenfalls eine lange Zeit gebraucht
+wieder gegen die Insel aufzukreuzen, wenn er ja noch im Sinn gehabt mit
+beispielloser Zähigkeit sein Ziel zu verfolgen. Das aber war, besonders
+nach den letzten Erfahrungen, nicht mehr zu fürchten, und wenn auch Mr.
+Osborne durch das eigenthümliche Verschwinden seines Collegen, dessen
+Schooner, wie ihm der ~fua~ gleich am andern Morgen meldete, seiner
+harrend in dem kleinen Boothafen lag, beunruhigt wurde, verhinderte ihn
+dies doch nicht die heilige Handlung an den, ihm jetzt nur noch lieber
+gewordenen jungen Leuten zu vollziehen und sein Kind, sein liebes,
+liebes Kind dem Schutz des Fremden anzuvertrauen, den ein wunderliches
+Geschick an diese Küste geworfen.
+
+Von da an gehörte René zu den Söhnen des Landes, und selbst Raiteo würde
+nicht mehr gewagt haben verrätherisch an ihm zu handeln – wenigstens
+nicht unter gewöhnlichen Umständen.
+
+Am meisten erstaunt waren aber die Insulaner über das Verschwinden des
+finsteren Mitonare, und Mr. Osborne wollte schon die betrübende
+Nachricht seines Todes nach Tahiti senden, als sich René doch genöthigt
+sah ihm seine »Vermuthung« über den eigenthümlichen Fall mitzutheilen.
+Bald darauf kam aber die Nachricht von Bola-Bola, daß er dort glücklich
+gelandet, und einige Tage später Mr. Rowe selber. Aber er verließ die
+Insel wieder, ohne auch nur eine Sylbe über seine Fahrt zu äußern oder
+selbst Mr. Osborne aufzusuchen, in dessen Hause er natürlich den, im
+vollen Besitz seines erstrebten Glückes gefunden hätte, der die Ursache
+seiner Schmach gewesen, und gegen den er jetzt einen, wenn auch
+heimlichen, doch so gewaltigeren Haß im Herzen trug. Ihm lag also nicht
+daran gerade jetzt mit ihm zusammenzutreffen.
+
+Aber was schadete der Haß des finsteren Mannes den Liebenden? – In
+ihrem neuen Glück dachten sie kaum der Außenwelt, und René besonders,
+bei dem der Uebergang von wildester Verzweiflung zu höchster Seligkeit
+in dem Umfange weniger Stunden lag, schien sich im Anfang kaum fassen zu
+können in jubelnder, jauchzender Lust. Der alte Mr. Osborne hatte sogar
+alle Hände voll zu thun ihn selbst nur während der kirchlichen Feier im
+Zaum zu halten, und Mi-to-na-re Ezra trippelte fortwährend um ihn herum,
+und schien ihn um’s Leben gern bald an einem Arm, bald an einem Beine
+fassen zu wollen, nur um den rastlosen beweglichen Wi–Wi ein einziges
+Mal fest und ruhig zu halten, wie es einem anständigen Christen, der er
+ja doch einmal werden wolle, gezieme.
+
+In einem gleichen Taumel vergingen ihm selbst die nächsten Monate. Des
+Missionairs Rowe Rückkehr von seinem unfreiwilligen Kreuzzug lockte ihm
+kaum ein Lächeln auf die Lippen, so gleichgültig war ihm der Mann
+geworden, und mit dem Bau für seine eigene kleine Heimath beschäftigt,
+den er mit vollem fröhlichen Eifer betrieb, fühlte er, daß er jetzt ein
+neuer Mensch geworden, und die Brücke hinter sich abgebrochen habe, die
+ihn bis dahin noch mit der Außenwelt, zu der er nicht mehr gehörte,
+verbunden.
+
+So verging fast ein volles Jahr und Mr. Osborne selber fing an zu
+glauben daß Bruder Rowe – der aber seit jenem Tag Atiu nicht wieder
+betreten, sondern stets einen anderen Geistlichen zur Revision gesandt
+hatte, seinen Groll gegen die ihm verhaßte Verbindung der jungen Leute
+– zu der _er_ die Hand geboten – in dem regen ja unruhigen politischen
+Treiben der Hauptinsel, wie in den gefährdeten Interessen seines Standes
+vergessen, oder wenigstens vergeben habe, wie es dem Verbreiter
+christlichen Glaubens und Duldens auch gezieme, als ihn eines Tages ein
+großes versiegeltes Schreiben des »~board of Missionaries~« von England,
+aus seinem Traum und Glauben riß.
+
+Es war seine Abberufung von Atiu und Versetzung nach Tahiti,
+gewissermaßen unter die Aufsicht der dort die obere Leitung der
+geistlichen ja auch politischen Angelegenheiten führenden Missionaire,
+unter denen Bruder Rowe eine sehr vorragende Stellung einnahm – und
+wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf ihn die Botschaft.
+
+Aber nicht ihn allein; es war die erste Trauerbotschaft für die ganze
+Insel, und wenn es Sadie’ens Herz mit Kummer und Sorge füllte, setzte
+sich der kleine Mi-to-na-re geradezu in seine Lieblingsecke im Haus auf
+den niederen Schemel, und fing an von Herzen weg zu weinen, daß er jetzt
+seinen alten Freund und Gönner, Bodder ~O-no-so-no~ verlieren und einen
+Anderen – vielleicht gar – es überlief ihn ordentlich wie mit
+Fieberfrost – vielleicht gar den »Bodder Aue« dafür herüber bekommen
+sollte.
+
+Sadie hatte kurz vorher dem Gatten ein Mädchen geboren, und wenn es
+möglich gewesen wäre René’s Glück zu erhöhen, so hätte es dies neue
+Gefühl der Vaterfreude thun müssen.
+
+René war auch der Einzige vielleicht, der in einer Uebersiedelung nach
+Tahiti nicht das Schmerzliche sah wie Sadie und Mr. Osborne, denn daß
+sie den alten Mann nicht wollten allein nach der fernen Insel ziehen
+lassen verstand sich von selbst. Der Platz hier war ihm lieb und theuer
+geworden, und nur mit schwerem Herzen trennte er sich davon, aber mit
+seiner Sadie und seinem Kind wußte er auch, daß er sich die Nachbarinsel
+ebenso gut zum Paradiese schaffen konnte, und wenn er auch ungern von
+ihrem Lieblingsplätzchen am stillen Strande schied, das der Erinnerungen
+so viele und theuere für ihn hatte, entschädigte ihn der _Wechsel_
+seines Aufenthalts – wenn er sich darüber auch nicht gerne laut Recht
+geben mochte – doch in etwas für die liebgewonnenen Stellen.
+
+Anders war es mit Sadie; – ihr ganzes Herz hing an dieser heimathlichen
+Küste, die ihr das Leben, die Liebe gegeben, und jedes Blatt, jede Blume
+die sie zurücklassen sollte that ihr weh. Auch eine heimliche, ihr fast
+unerklärliche Angst hatte sie vor Tahiti; sie war nur ein einziges Mal
+mit ihrem Pflegevater dort drüben gewesen, und zwar etwa ein Jahr
+vorher, ehe der Delaware an ihrer Insel landete; aber das Leben und
+Treiben der fremden bewaffneten Männer dort, das kecke Auftreten ihrer
+eigenen Landsmänninnen, die ewigen Streitigkeiten dort zwischen
+einzelnen ihres Stammes und den Missionairen selber, mit den
+Uebergriffen die sich die Franzosen, von den Kanonen ihrer Kriegsschiffe
+beschützt, in die Rechte ihrer Landsleute erlaubt, hatten das einfache
+Kind des Waldes tief verletzt, und sie war damals recht froh gewesen,
+als der kleine Missionscutter endlich wieder die Anker lichtete und dem
+heimischen Strand entgegenstrebte.
+
+_Das_ Land sollte jetzt ihre künftige Heimath werden, und wie nahender
+Schmerz lag der Gedanke auf ihrer Seele; sie konnte sich nicht daran
+gewöhnen, und mußte sich endlich gewaltsam losreißen von dem theueren
+Ort.
+
+Ein gar trauriger Abschied war es aber besonders von ihrem
+Lieblingsplätzchen am Seestrand; sie stand lange, lange dort, das Kind
+am Herzen und das kleine, zum ersten Mal sorgenschwere Haupt an die
+Brust des Gatten gelehnt, der sie fest und liebend umschlungen hielt.
+Was für süße selige Erinnerungen knüpften sich an diesen engen Raum, und
+ihr Herz blutete, wenn sie daran dachte ihn _auf immer_ verlassen zu
+sollen. Sie war so glücklich hier gewesen – war es noch, und was mehr
+konnte ihr die ferne Insel bieten? –
+
+Ach es war ein recht schmerzlicher Tag auch für den alten Missionair,
+und als der kleine Missionscutter endlich unter Segel ging, standen die
+Insulaner in weiten Schaaren am Strand, und winkten mit ihren Tüchern,
+und riefen den Scheidenden ihr _Joranna, Joranna_ nach, über das blaue
+Wasser. Und Sadie saß an Deck, ihr Kind auf dem Schooß und sah die
+Wipfel ihrer Palmen langsam in das Meer tauchen und die Hügel sich
+senken, und in dem feuchten Abendhauch der über die Wasser strich,
+verschwimmen – und wie die Nacht einbrach saß sie noch, den
+thränenvollen Blick fest dorthin geheftet, wo ein Theil ihres Herzens
+zurückblieb in bitterem Schmerz, sie mochte sich selber Vorwürfe darüber
+machen soviel sie wollte. René aber störte sie nicht in ihrem Gram, und
+quälte sie nicht noch mehr mit nutzlosem Trost; nur still und schweigend
+setzte er sich neben sie und ruhte ihr Haupt an seiner Brust, daß sie
+sich dort still und ungehindert ausweinen, aber dann auch wieder neue
+Kraft finden konnte, an dem Herzen des geliebten Mannes.
+
+Die Reise war kurz und glücklich, und Mr. Osborne schon in seinem neuen
+Wirkungskreis gekannt, und von den Insulanern geliebt, zu deren Herzen
+sein väterliches mildes Wesen weit eher sprach, als der starre finstere
+Ernst fast aller anderen Geistlichen. Auch von der Königin Aimata, mit
+dem Zunamen Pomare, wurde ihm ein freundliches Plätzchen mit Haus und
+Garten zu seinem künftigen Aufenthaltsort angewiesen, so daß er sich
+dort wohl hätte wieder recht wohl und glücklich fühlen können, wäre ihm
+nicht der unmittelbare Einfluß seines jetzigen und hier viel geltenden
+Gegners in seinem ganzen Wirkungskreis zu sichtbar und dadurch
+schmerzlich geworden.
+
+Fast nur auf die Stadt Papetee selber dabei beschränkt, wo französischer
+Einfluß und der sich dem geistlichen Joch entringende Sinn der
+Eingeborenen die Bevölkerung, wenn auch noch nicht dem anderen Glauben
+gewonnen, doch schon dem ihren sehr entfremdet hatte, waren ihm all jene
+lieben Pflichten seines Berufs – mit den Eingeborenen in ihrer
+Einfachheit zu verkehren und sie in der besseren Lehre zu festigen –
+genommen worden, und er fand nur zu bald, daß er es hier mit einem ganz
+anderen Menschenschlag zu thun habe als auf Atiu. Nicht mehr allein die
+gutmüthigen Insulaner die, fast unberührt von der Außenwelt, sorglos in
+den Tag hinein lebten und, wenn sich Jemand die Mühe dazu gab, auch
+leicht einer etwas edleren Richtung gewonnen werden konnten, der sie
+ihre angeborene Gutmüthigkeit schon von selbst entgegentrieb, war es auf
+Tahiti ein Volk, das nicht mit den Sitten, sondern fast nur allein mit
+den Unsitten der fremden Eindringlinge bekannt geworden, und bei dem –
+während ihm die Möglichkeit genommen war allein und kräftig auf sie
+einzuwirken – Leichtsinn und Verführung weit stärker und mächtiger und
+mit viel gewaltigeren Waffen arbeitete, sie aus guten einfachen Menschen
+zu allein Möglichen zu machen was schlecht und traurig war.
+
+Den Glauben an ihre alten Götter hatten die letzten Jahrzehnde, wenn
+auch noch nicht ganz zerstört, doch so erschüttert und untergraben, daß
+diese frühere Religion jeden Einfluß auf sie verloren, und während sie
+sich dem christlichen Cultus hingaben und sich in seinen Lehren zu
+festigen suchten, ja während die Geistlichen noch eifrig bemüht waren
+sie den »einzig wahren« Gott kennen zu lehren und sie besonders unkluger
+Weise in die Geheimnisse unserer _Dogmen_ einzuweihen, kamen plötzlich
+andere, ebenfalls weiße Männer – Abkömmlinge desselben Stammes, mit
+einem anderen Gott, wenigstens mit einem anderen Namen desselben, aber
+unter Jehovas Panier, Jesus Christus als den Heiland erkennend, straften
+die erstgekommenen mit ihren Lehren Lügen, und verlangten von den
+Insulanern sie sollten zum zweiten Mal den Glauben ändern und jetzt den
+einzig und »wirklich wahren« Gott erkennen lernen.
+
+Und hatten _diese_ recht? ihre alten Missionaire donnerten Anathemas von
+den Kanzeln nieder, gegen sie, vertrieben die »neuen« Priester aus dem
+Land, solange sie noch Macht darüber hatten, und stellten sie ihren
+Gemeinden als Götzenanbeter und Ungläubige hin, bis die vertriebenen
+Priester mit einem französischen Kriegsschiff zurückgebracht, und unter
+den Mündungen der Kanonen ihnen das Recht erzwungen worden zu _bleiben_
+und den neuen Glauben zu _lehren_ – und welchen Eindruck mußte das auf
+die Kinder dieser Inseln machen.
+
+Die Masse nahm es leicht – ihr Glaube war bei den Meisten noch nicht so
+ernster Art gewesen, ihnen das Herz schwer zu machen, als ihnen andere
+Priester jetzt bewiesen daß die weißen Missionaire, die sie bis dahin
+nur mit Scheu und Ehrfurcht betrachtet, von einer anderen Sekte
+angefeindet und des Irrthums ja der Lüge beschuldigt wurden. Viele
+freuten sich sogar eines Zwanges wieder ledig zu werden, der anfing
+ihnen lästig zu sein. Andere aber auch, die sich dem Christlichen
+Glauben mit voller ungetheilter Kraft und Liebe hingegeben, hörten mit
+Entsetzen die neue Lehre, nach der sie ja nur eines anderen Unglaubens
+wegen ihre alten Götter verrathen. Und war der _jetzige_ Glauben der
+rechte? – Hatte der erste gelogen, wer stand ihnen dann dafür, daß
+nicht vielleicht in Jahresfrist ein neues Schiff auch neue Priester
+bringen konnte, die wieder verwarfen was die jetzigen lehrten? – und
+wie dann wurden jene Versprechungen wahr, die ihnen von einem ewigen
+Leben gemacht, und derentwegen sie ihre eigenen Götter verlassen und
+verstoßen? – heiliger Gott, war das Alles ein Märchen gewesen, nur von
+dem weißen Mann erfunden, sich einzunisten in ihrem Land, und die
+Herrschaft an sich zu reißen, wie er es gethan?
+
+Manche Thräne ist da im Stillen geweint, manches Auge hat da
+verzweifelnd aufgeblickt, zu den freundlichen Sternen, in deren
+freundlichen Blinken sie sonst nur Glück und Freude sahen, denn einer
+zürnenden Gottheit Hand lag auf ihrem Land und sie wußten nicht wohin
+sie sich wenden sollten, den Strahl abzulenken der ihr Haupt bedrohte.
+Vor den alten Göttern durften sie ja nicht wagen sich wieder
+niederzuwerfen; deren Bilder lagen entehrt – zerstreut umher – von den
+Kindern derer geschändet, die einst anbetend vor ihnen den Staub geküßt
+– und der _neue_ Gott? – Zweifel waren in ihnen wach gerüttelt _dem_
+zu dienen, und in starrem Jammer sahen sie die einst so sonnige Welt sie
+öde und trostlos umlagern; oder sie warfen sich auch im tollen
+Uebermuth, Gott wie die Götter von sich stoßend, jenem chaotischen
+Nichts und mit ihm dem Taumel wilder, zerstörender Vergnügungen in die
+Arme, der ihnen von den Fremden im reichen vollen Maaß geboten wurde.
+
+Solchen Boden mußte der alte Mann mit seinem stillen traulichen Atiu
+vertauschen, und nicht einmal in den ihm nächsten Amtsbrüdern fand er
+dabei die nöthige Unterstützung und Hülfe, während sein klarer Verstand,
+wie sein gutes Herz zu gleicher Zeit auch nur zu deutlich fühlten, wie
+gerade deren starrer und unduldsamer Fanatismus _das_ Uebel das sie
+bekämpfen wollten – einer neuen für irrthümlich gehaltenen Lehre den
+Eingang zu verweigern – unterstützte, und dem Feind von den eigenen
+Truppen ganze Schaaren in’s Lager jagte.
+
+Der ehrwürdige Bruder Rowe machte ihm besonders das Leben schwer, und so
+sehr er das fühlte und den ihm feindlich gesinnten Mann zu einer offenen
+Erklärung zwingen wollte, so vorsichtig und geschmeidig wich dieser
+jeder Zeit ihm aus, und selbst der direkten Frage hielt er nicht Stand:
+Jene Zeit war vorbei, lange vorbei, wie er sagte, und geschehene Dinge,
+wenn man sie vielleicht auch wieder ungeschehen machen möchte, nicht
+mehr zu ändern – in _seinem_ Herzen lebte kein Gefühl der Rache oder
+des Zornes – weshalb auch Rache? weshalb Zorn? – wenn sich Mr. Osborne
+Vorwürfe über irgend etwas Geschehenes zu machen hätte, so bedauere er
+das, aber er selber thue es nicht – Mr. Osborne müsse das mit sich
+selber ausmachen.
+
+Mr. Osborne vertheidigte sich freilich mit Eifer auch selbst gegen eine
+solche Vermuthung, und sprach sich rein von jeder wissentlichen Sünde,
+aber Bruder Rowe antwortete ihm stets nur durch ein frommes Verdrehen
+der Augen und Achselzucken, und war freundlicher als je gegen ihn; aber
+nichtsdestoweniger schickte er im Geheimen Pfeil auf Pfeil ab gegen den
+alten Mann, und verkümmerte und trübte diesem das Leben dermaßen, daß
+er keiner einzigen Stunde mehr froh und sein Beruf, der ihm bis dahin
+eine Lust und Freude gewesen, ihm zur schweren traurigen Last wurde. Und
+dennoch gab er sich demselben jetzt mit um so größerem Eifer hin; er
+fühlte daß die gute Sache gerade jetzt am nöthigsten einer Hand bedürfe,
+die es wirklich gut mit ihr meine, und der es nicht blos um Sieg und
+Herrschaft der Einzelnen, sondern wirklich um das Glück der Eingeborenen
+zu thun wäre, Fleiß und Zeit daran zu opfern.
+
+Die Art aber, wie er dabei seiner Ueberzeugung folgte, mußte ihm mehr
+und mehr Gegner unter den Missionairen in’s Leben rufen, deren ganze
+Energie, mit nur wenigen Ausnahmen, einem anderen Systeme zustrebte.
+Diese wütheten förmlich gegen die »papistischen Gräuel« wie sie es
+nannten, und die »heidnische Wirthschaft« die plötzlich den Sieg auf
+diesen Inseln errungen, während sie selbst schon seit Jahren dagegen
+gepredigt und alle ihre Macht, wenn auch vergebens, aufgeboten hatten,
+die fremden Priester _einer anderen Religion_ fern zu halten. Von den
+Kanzeln nieder donnerten sie mit allen nur möglichen und unmöglichen
+Bibelcitaten gegen die »Unterdrücker des Körpers und der Seele« die
+Franzosen an, die ihnen mit ihren Kriegsschiffen die fremde Sekte
+aufgezwungen; warnten vor dem Antichrist, der jetzt unter ihnen
+herumgehe wie ein brüllender Löwe, zu suchen welchen er verschlinge, und
+prophezeihten die Wiedereinführung der Götzen und Schlachtopfer, der
+Kindesmorde und Glaubenskriege. Starrer als je beharrten sie dabei auf
+ihren Dogmen und Artikeln; auch die kleinsten Vergehen gegen ihre
+eingeführten Gebräuche und Ceremonien _ihrer_ Kirche, ja selbst die als
+heidnisch ausgeschrienen oft selbst unschuldigen Vergnügungen der
+Insulaner, wurden zum Verbrechen, und mit _eiserner_ Hand wollten sie
+die Schaar der Gläubigen, die ihnen noch unverführt und treu anhing, von
+dem Abgrund zurückhalten, der gierig ihre Seelen zu verschlingen drohte.
+
+Der alte ehrwürdige Mr. Osborne glaubte dem Ziel auf eine andere Art und
+Weise entgegenarbeiten zu müssen, und sein gutes Herz zwang ihn schon
+dazu. Er konnte, trotz allen Bemühungen ja Drohungen seiner Collegen,
+nicht dahin gebracht werden die andere Lehre zu _verdammen_, denn mit
+Recht behauptete er, daß gerade dadurch den Insulanern auch jede
+Möglichkeit benommen worden sei zwischen den beiden zu prüfen, wenn von
+beiden Seiten zu gleicher Zeit Fluch und Verdammung gegen sie
+ausgesprochen wurde. Er zeigte ihnen auch nicht den strengen ernsten und
+unversöhnlichen Gott, mit dessen Zorn und Strafgericht die Anderen
+drohten, sondern den milden, liebenden Vater, der auch dem irrenden
+Kinde gern und willig die Hand reiche und den Pfad zeige, mit gutem
+frommen Herzen darauf zu wandeln, und waren sie fröhlich dabei, sangen
+und tanzten sie und schmückten sie ihre Haare mit Blumen, so warnte er
+sie wohl vor dem Misbrauch solcher Freude, aber er schrie nicht gleich
+sein Anathema über sie, und sie hatten ihn deshalb lieb und glaubten
+seinen Worten, weil ihr Sinn einen Anklang in ihren Herzen fand.
+
+Freilich konnte er aber, trotz alledem, dem tollen und unsittlichen
+Treiben nicht wehren, das die Inseln, und vor allen anderen Tahiti,
+erfaßt hatte. Durch die jetzt fortwährend hier anlegenden Kriegsschiffe
+und Wallfischfänger hatte sich die weibliche Bevölkerung, mit einer nur
+sehr geringen Ausnahme, dem Laster rücksichtslos in die Arme geworfen,
+und welchen verderblichen Einfluß mußte das nicht auf die ganze
+Bevölkerung der Insel ausüben. Nur die unendliche Gutmüthigkeit und
+Harmlosigkeit dieser Stämme hielt sie dabei vor einem zügellosen
+Ausbruch _aller_ Leidenschaften zurück, wie es, unter gleichen
+Umständen, in jedem anderen Land der Welt nicht hätte ausbleiben können,
+und es läßt sich denken welche wunderliche und unnatürliche Stellung die
+Missionaire in solcher Umgebung oft einnehmen mußten.
+
+Hierzu kam noch der, zu jener Zeit gerade so verwickelte _politische_
+Zustand der Inseln, der eben durch den übergroßen Eifer der Missionaire
+herbeigeführt worden, und mit dem ich den Leser, ehe ich meine Erzählung
+wieder aufnehme, jedenfalls erst vertrauter machen muß.
+
+Innere Kämpfe, vorzüglich durch die Ankunft Europäischer Schiffe
+hervorgerufen und genährt, und mit den neu eingeführten Feuerwaffen
+tödtlich gemacht, hatten die Inseln schon vor der Einführung des
+Christenthums oder der Ankunft christlicher Missionaire erschüttert, und
+einen Partheienhaß in’s Leben gerufen, der Jahrzehnde wohl unter der
+Asche glimmend lag, aber nur einen Anlaß suchte wieder hervorzubrechen
+und mit erneuter Kraft das wunderschöne Land zu verwüsten. –
+
+Otu der aus einer wunderlichen Ursache den Namen Pomare[H] annahm, wußte
+sich, nachdem der rechtmäßige Königsstamm vertrieben worden, zum
+obersten Häuptling, ja zum ~Arii rahi~ oder König der Inseln
+emporzuschwingen, und es gelang ihm auch, besonders durch die gerade
+damals landenden Europäischen Schiffe unterstützt, sich zu halten und
+seinem Geschlechte Rang und Würde erblich zu machen. Nichtsdestoweniger
+lebten aber noch Häuptlinge des anderen Stammes, und nicht mit Unrecht
+glaubte besonders der Sohn Otus, Pomare ~II.~ eine kräftige Stütze
+seiner Macht in den fremden weißen Männern zu erhalten, deren Religion
+er auch annahm, ohne sich jedoch in seinen Sitten viel nach ihnen zu
+richten – wie er denn auch in Folge seiner Ausschweifungen
+hauptsächlich starb. – Ja er ließ sich sogar in höchst unchristliche
+Kriege um sein Götzenbild Oro ein, in Folge dessen eine Revolution
+ausbrach und der König vertrieben, die Mission selber zersprengt wurde.
+Der Verlust seiner Macht wurmte aber den König, und vielleicht fühlend
+daß ihn seine anderen Götter nicht genug geschützt hatten, und von dem
+neuen Gotte größere Protection erhoffend, vielleicht niedergebeugt durch
+manche häusliche Leiden zu gleicher Zeit, denn seine Königin war ihm
+ebenfalls gestorben, warf er das alte Heidenthum jetzt von sich,
+bekehrte sich öffentlich zum Christenthum und führte dies, mit Hülfe des
+Oberpriesters Tati, der die ihm bis dahin anvertrauten Götterbilder
+öffentlich verbrannte, auch auf den übrigen Inseln ein.
+
+Er starb am 30. Nov. 1821 und hinterließ nur einen Sohn von 18 Monaten
+etwa, den aber die Missionaire jetzt in ihrem Sinn und Geist zu erziehen
+hofften, indeß sie, während sie selber das Staatsruder in Händen
+führten, die Regentschaft seiner Tante übertrugen. Aber der junge Prinz
+starb schon 1827 – die fremde strenge Lebensweise in der ihn die
+Priester hielten, konnte seine überdies schwächliche Natur nicht
+vertragen, und das Volk rief jetzt, nicht ohne den Einfluß seiner
+Lehrer, die die Macht in diesem Königsgeschlechte wahren mußten wenn sie
+nicht fürchten wollten den kaum befestigten Einfluß wieder zu verlieren,
+Aimata die Tochter ihres vorigen Königs und Schwester des
+letztverstorbenen zu seiner Herrscherin aus.
+
+Nur gezwungen fügten sich aber die alten, von dem anderen Königstamm
+abzweigenden Häuptlinge, Tati an ihrer Spitze, denn mit des jungen
+Fürsten Tode bot sich neue Hoffnung ihren noch nie aufgegebenen
+Ansprüchen auf den Thron des Reichs; aber das Christenthum war schon zu
+mächtig geworden im Land, die Missionaire besonders hatten zu großen
+Einfluß gewonnen über die Bewohner und ihre Frauen, und jeder andere
+Anspruch verschwand vor der Krone der jungen schönen Königin[I].
+
+Die englischen Missionaire waren jetzt, so sehr sie sich auch Mühe gaben
+jeden politischen Einfluß, Europa gegenüber, von sich zu weisen, und
+schon seit der Krönung und Salbung des früheren jungen Herrschers, die
+eigentlich regierenden Herren des Landes; sie gaben Gesetze und
+verwalteten, indem sie über die Arbeitskräfte des Volkes geboten, die
+Kassen des Landes. In ihren Händen lag dabei der Haupt-Handel der Insel,
+denn ihre Unterstützung vom Mutterland wurde ihnen natürlich nicht in
+Geld sondern in englischen Waaren, die sie zu tüchtigen Preisen wieder
+verwertheten, übersandt, und es läßt sich denken daß sie eifersüchtig
+darüber wachten, solcher Vortheile nicht so rasch und leicht wieder
+beraubt zu werden.
+
+Eine solche Gefahr drohte ihnen aber im Jahr 1836, wo zwei von den
+Gambier-Inseln abgesandte Katholische Priester, Laval und Caret ziemlich
+heimlich auf Tahiti landeten und dort festen Fuß zu fassen suchten.
+Aber die Protestantischen Missionaire waren auf ihrer Hut und
+beschlossen, der Kraft der von ihnen gepredigten Lehre und der einfachen
+Leichtgläubigkeit ihrer Beichtkinder doch nicht so recht trauend, die
+gefährlichen Fremden unter jeder Bedingung und so rasch als möglich
+wieder zu entfernen.
+
+Die Priester machten indeß der Königin ihre Aufwartung die sie in
+Gegenwart ihrer Missionaire empfing, und ersuchten sie ihnen den
+Aufenthalt zu gestatten, legten auch, als sie den Platz wieder
+verließen, Geschenke für Pomare nieder, die nach einigem Weigern
+angenommen wurden; nichtsdestoweniger wurde ihnen in einer nächsten
+Versammlung, wobei einige der Häuptlinge gegenwärtig waren, und die sie
+in Begleitung des Amerikanischen Consuls, Herrn Mörenhout besuchten, die
+Eröffnung gemacht, daß ihnen der Aufenthalt auf diesen Inseln _nicht_
+gestattet werden könne. Die Katholischen Geistlichen protestirten
+dagegen, aber am nächsten Morgen bekamen sie die ganz unzweideutige
+Weisung der Königin die Insel ohne weiteres wieder zu verlassen, und als
+auch hierauf eine direkte Bitte an die Königin, sie ungehindert hier
+weilen zu lassen, Nichts half, schlossen sie sich in das ihnen von
+Mörenhout gegebene Haus ein, und wichen nur erst der förmlichen Gewalt,
+denn die von den Protestantischen Missionairen abgeschickte Polizei
+kletterte am Haus hinauf, stieg durch das Dach, und _trug_ die Priester,
+die nicht gutwillig gehen wollten, wieder auf ihr Fahrzeug zurück.
+
+Diese That sollte nicht ohne traurige Folgen für die Inseln bleiben,
+denn die religiöse Unduldsamkeit der Missionaire öffnete dem schon
+darauf harrenden Feind die Thore, gab Frankreich einen erwünschten
+Vorwand seinen Handel wie seine Religion dort vor allen Dingen zu
+befestigen, und dann die ganze Insel, als seiner Schiffahrt günstig
+gelegen, zu besetzen. Caret reiste nach Frankreich, dort Genugthuung für
+die erlittene Behandlung zu erbitten, und dem Admiral Du Petit Thouars
+wurde es aufgetragen ein schwaches friedliches Reich zu unterwerfen, das
+bis dahin noch keinem Fremden Uebles gethan, sondern Alle, gleichviel
+von welchem Lande, von welcher Religion in gastlicher Herzlichkeit bei
+sich aufgenommen hatte, bis jene fremden Priester selber einander
+befehdeten und Leid und Unheil über jene schönen Küsten brachten, die
+Gottes Vaterhuld mit Allem ausgeschmückt was groß und herrlich war.
+
+Im August 1838 ankerte die Fregatte Venus auf der Rhede von Papetee, und
+Du Petit Thouars erklärte der Königin Pomare in einem Schreiben, daß er
+gekommen sei für die unwürdige Behandlung mehrer Französischer
+Unterthanen, vorzüglich aber der beiden von hier exilirten Priester
+Caret und Laval Genugthuung zu fordern, und jetzt vor allen Dingen eine
+schriftliche Entschuldigung der Königin, die Summe von 2000 Spanischen
+Dollarn als Entschädigung für die erlittene Unbill der Priester, und die
+Begrüßung der Französischen Flagge mit 21 Kanonenschüssen verlange.
+Widrigenfalls drohten die Mündungen der Geschütze Vernichtung über den
+offen und schutzlos daliegenden Strand.
+
+Die arme Pomare hatte keine Wahl; sie schrieb den Brief, erbat sich das
+Pulver selbst von der Französischen Fregatte zu den verlangten Schüssen,
+und die Missionaire, deren Eigenthum bei einer Kanonade auch am meisten
+bedroht gewesen wäre, collectirten das Geld theils unter sich, theils
+bei anderen Engländern und Amerikanern der Inseln, und befriedigten
+damit den Französischen Admiral.
+
+Aber Du Petit Thouars ging weiter, und nicht bedenkend daß ein schwaches
+Volk dasselbe Recht, wenn auch nicht dieselbe Macht habe, ihm misliebige
+Personen von sich fern zu halten, und vielleicht von einem etwas
+rachsüchtigen Gefühl gegen die allerdings übermüthigen Protestantischen
+Priester geleitet, erzwang er noch außerdem einen Vertrag von den
+Eingeborenen, nach dem allen Franzosen: »was auch immer ihr Gewerbe
+sei« (also auch den Französischen Katholischen Missionairen) das Recht
+zustehen sollte, sich niederzulassen und Handel zu treiben auf allen
+Inseln.
+
+Ein bald nach ihm kommendes Kriegsschiff, die Artemise, Capitain La
+Place ging noch weiter und verlangte und erhielt – denn wie hätten sich
+ihm die Tahitier widersetzen können – volle Religionsfreiheit für alle
+Katholiken und einen Bauplatz für eine Katholische Kirche.
+
+Wenn aber auch die Protestantischen Missionaire diese Vorgänge mit
+stillem, freilich deshalb nicht minder heftigem Unmuth dulden mußten,
+gab es doch eine Parthei auf Tahiti, die mit Freuden einen Wechsel in
+den politischen Verhältnissen hereinbrechen sah, den sie bis dahin kaum
+für möglich gehalten. Es waren dies die von den Pomaren ihrer Macht
+beraubten Häuptlinge, die nur mit heimlichem Grimm die Oberherrschaft
+der fremden ihnen feindlich gesinnten Priester gefühlt, und vergebens
+gesucht hatten ihnen entgegen zu arbeiten. Nicht mit Unrecht hofften
+diese, daß die neuen, einer anderen Sekte zugehörigen Priester den
+Einfluß jener stolzen Männer schwächen müßten, und einmal dieser Stütze
+beraubt, und der Thron der Pomaren stand auch nicht so unerschütterlich
+mehr. Noch aber hatten die Englischen Missionaire die Zügel in den
+Händen, und als das Französische Kriegsschiff die Küste wieder
+verlassen, donnerten sie von den Kanzeln mit allem Ingrimm des
+hartnäckigsten Fanatismus gegen die neue Lehre, deren Symbole sie mit
+den früheren heidnischen Uebungen der Insulaner selber verglichen, und
+deren Lehren dem höllischen Abgrund gerade zuführten.
+
+Die Katholische Religion machte nur geringe Fortschritte, die
+Protestantischen Missionaire behaupteten ihre Macht, und wenn auch schon
+des Zweifels Saamen war eingestreut worden in die Herzen der armen
+Insulaner, die mit Entsetzen Feinde ihres Glaubens in demselben Volk
+erstehen sahen, das ihnen den neuen Gott gebracht, dauerte das dem
+heißen ungeduldigen Blut der unruhigen Häuptlinge zu lang, und mit der
+schon fast erstorbenen Hoffnung einstigen Sieges frisch angefacht,
+harrten sie, nicht stark genug ihn selber zu führen, einem frischen
+Schlag wider die Macht ihrer Nebenbuhler sehnsüchtig entgegen.
+
+Einen halben Bundesgenossen, Jemanden wenigstens, der der Französischen
+Sache eng ergeben und den Protestantischen Missionairen nicht besonders
+geneigt war, hatten sie in dem früheren Amerikanischen Consul Mörenhout,
+der dem Pietistischen Wesen der Protestanten theils abhold, anderseits
+auch seinen eigenen Nutzen durch die Oberherrschaft der Franzosen zu
+befördern glaubte, unter deren Schutz oder Protectorat er jetzt die
+Inseln zu bringen suchte.
+
+Ob er seinen Freunden, den unzufriedenen Häuptlingen seine ganzen Pläne
+mittheilte, ist nicht bekannt, aber soviel gewiß, daß im September 1842,
+als die Französische Fregatte Reine Blanche unter dem, vorgeschobener
+Unbilden wegen neue enorme Forderungen stellenden _Admiral_ Du Petit
+Thouars vor Papetee ankerte, die vier Häuptlinge Tati, Raiata, Utami und
+Hitoti mit Mörenhout an Bord gingen, und dort einen Vertrag
+unterzeichneten, in welchem sie den Admiral baten, da sie nicht im
+Stande wären ihr Land jetzt so zu regieren mit anderen mächtigeren
+Regierungen in Frieden zu leben, ihre Inseln unter den Schutz seines
+Königs zu nehmen, der ihnen jedoch, neben der Religionsfreiheit, alle
+übrigen Rechte unbekümmert ließ und garantirte.
+
+Die Einwilligung der Königin, die jeden Augenblick ihrer Entbindung
+entgegensah, wurde unter der Drohung des Französischen Admirals von
+10,000 Dollar Entschädigungssumme für allerdings nur imaginäre Unbill,
+oder volle Besitznahme der Inseln im Namen Sr. Majestät, des Königs von
+Frankreich _erzwungen_ und, selbst die Clausel eingeschlossen, die den
+Protestantischen Missionairen, der neuen Macht gegenüber, völlig die
+Hände band, daß nämlich »irgend ein Mann, der das Tahitische Volk mit
+Wort oder That gegen die Französische Regierung einzunehmen suche,
+verbannt werden solle von den Inseln.«
+
+In dieser Zeit aber war gerade der Mann abwesend von Tahiti, der bis
+dahin den meisten Einfluß als Protestantischer Geistlicher sowohl wie
+mehr irdischer Richter auf die Königin gehabt. Mr. Pritchard war nach
+England gegangen, die Englische Regierung für das kleine Insel-Reich zu
+interessiren und es gegen die wohl vorhergesehenen und gefürchteten
+Uebergriffe Katholischer Priester sowohl wie Französischer Kriegsschiffe
+zu schützen; aber die zurückgebliebenen Missionaire hofften destomehr
+auf diese Hülfe, zu der sie, wie sie glaubten, die neue Ungerechtigkeit
+des Französischen Befehlshabers jetzt nur noch mehr berechtigte, wenn
+nicht dem Englischen Volk auch der letzte Einfluß auf diese Inseln
+entzogen werden sollte.
+
+Kaum hatte deshalb Du Petit Thouars die Inseln wieder verlassen als sie,
+jedes Vertrags ungeachtet, an den sie sich nicht gebunden erklärten, und
+die Königin selber, da er ihr abgezwungen worden, davon entbanden, frei
+und offen in ihren Kirchen das Entsetzliche der Gefahr schilderten, in
+der die Seelen ihrer Beichtkinder schwebten, von dem Antichrist an sich
+gezogen und zerstört zu werden. Der blinde Fanatismus Einzelner trieb
+schon zum Aeußersten, keine Folgen der rückkehrenden Kriegsschiffe
+berechnend, hätten Andere nicht den wilden Eifer gedämmt, einen
+günstigen Zeitpunkt wenigstens zu erwarten den »papistischen Gräueln«
+mit _einem_ gewaltigen Schlag ein Ende zu machen.
+
+So standen die Sachen im Herbst des Jahres 1843, und während die
+Bewohner Tahitis theils Parthei für ihre Missionaire ergriffen, theils
+in kalter Gleichgültigkeit den Streitigkeiten der »beiden weißen Gotte«
+zusahen und ihren Erfolg abwarteten, arbeiteten die Protestanten
+unverdrossen ihrem einen Ziel entgegen, und die unruhigen Häuptlinge
+suchten vergebens den Conflikt zu ihren Gunsten auszubeuten. Die
+Franzosen hatten versprochen ihre Bundesgenossen zu werden, und sie in
+ihren gerechten Ansprüchen zu unterstützen, und jetzt befestigten sie
+nur die eigene Macht auf den Inseln und brachen der fremden Lehre Bahn
+– was kümmerte die trotzigen Herzen ein neuer Name Gottes.
+
+
+Fußnoten:
+
+[H] Der König schlug einst sein Lager zwischen den Bergen auf, und der
+Platz wo er lag war gerade dem Thau und einer scharfen Zugluft
+ausgesetzt. In der Nacht erkältete er sich und bekam einen Husten,
+wonach Einer seiner Höflinge diese Nacht eine Husten-Nacht (von ~po~
+Nacht und ~mare~ Husten) nannte. Dem König gefiel der Klang des Worts
+vielleicht, vielleicht hatte er eine andere Ursache, kurz er beschloß
+sich von der Zeit an ~Po-mare~ zu nennen, und der Titel ist jetzt, als
+erblich, auf seine Nachkommen übergegangen.
+
+[I] Aimata oder Pomare ~IV.~ ist etwa 1812 geboren und war zuerst an
+einen jungen Häuptling von Tahaa verheirathet, von dem sie sich wieder
+schied und zu ihrem zweiten Gemahl einen anderen jungen Häuptling von
+Huaheine, einer Nachbarinsel, nahm.
+
+
+
+
+Capitel 9.
+
+#Die vier Häuptlinge.#
+
+
+Ein sonniger Himmel spannte sich über die wildzerrissenen aber bis in
+ihre höchsten Kuppen bewaldeten Berge von Tahiti; aus den tiefen Thälern
+stiegen in festen, zusammengedrängten Massen die weißen schwankenden
+Schwaden auf, und wollten sich ausbreiten gegen den mächtigen Feind,
+aber die sengenden Strahlen trieben sie zurück, hinein wieder in
+Schlucht und Bergeshang, und hie und da niedergepreßt auf eine Halde,
+oder hingetrieben von dem neckischen Seewind über den saftigen Anwuchs
+breitblättriger ~Feis~[J], mußten sie sich wohl dicht an den Boden
+schmiegen, unter Laub und Busch, dem einsamen Jäger das wunderliche
+Schauspiel einer Schneelandschaft in den Tropen bietend, so weiß und
+weich lagen sie unter Busch und Strauch und füllten die Thäler aus,
+Inseln bildend aus Kuppe und Kraterhang.
+
+Und die Palmen im Thal unten schüttelten den Thau aus ihren wehenden
+Kronen, und rauschten und flüsterten dem Morgenwind ihren Gruß entgegen;
+aus dem Schatten eines mächtigen Wibaums[K] flötete der Omaomao[L], die
+Tahitische Drossel und der gellende Schrei der Möve, die über dem
+spiegelglatten, crystallhellen Binnenwasser der Riffe nach Beute strich,
+mischte sich darein. Von fern herüber aber donnerte klar und gewaltig
+das Brausen der ewigen Brandung über die Corallenwälle, die in einem
+weiten, nur an sehr wenigen Stellen kaum unterbrochenen Kreis all diese
+Inseln umgeben, als ob sie das freundliche Land schützen wollten gegen
+den wilden ungestümen Andrang der Wogen und ihre zerstörende Macht –
+die Elemente waren freundlicher gegen dies Paradies als die Menschen.
+
+Weit aus nach allen Seiten breitete dabei das blaue Meer, hie und da
+über die Fläche blitzte der Schein eines hellen Segels, und aus der
+Ferne herüber ragten die schroffen pittoresken Kuppen Imeos oder Moreas,
+mit dem Palmengürtel, der den Fuß ihrer Berge umschloß, eben sichtbar
+über dem Meeresspiegel. Massen von kleinen schlanken Canoes, den
+Luvbaum[M] an der Seite, der das schwanke Fahrzeug vor dem Umschlagen
+wahren sollte, glitten über das blitzende Binnenwasser, aus den Corallen
+herauf, mit Harpune oder Netz ihr Mahl zu holen, und oft unter der
+stürzenden Brandung hin, der kochenden Woge wie im Sprung entgehend,
+schoß der schwanke Bau wie ein dunkler Streif durch den schneeigen
+Schaum, und das braune trotzige Gesicht warf sich den Gischt aus dem
+lockigen Haar mit fröhlichem Lachen.
+
+Wie lauschig und versteckt lagen die Hütten der Eingeborenen in jenen
+schattigen Hainen, die das Ufer mit ihrem schwellenden Grün überzogen,
+und aus dem heraus sich die prachtvollen Cocospalmen noch weit über den
+Meeresspiegel beugten, als ob sie ihr Bild wiederfinden wollten in dem
+Crystall da unten. Wie dufteten die Orangen und Citronen, die schneeigen
+Sternblumen und die Mangablüthe so süß; das Bananenblatt zitterte und
+raschelte in dem Zephyr, der sich durch Blum und Blüthe stahl, seine
+Bahn zu suchen, den Klüften der Berge zu, und der stattliche
+Brodfruchtbaum drängte sich mit seinen gefingerten einzelnen Blättern in
+das stattliche Laub der Mape; die Papaya schüttelte ihre Kelche aus auf
+Ananas und Tappo-Tappo[N], die köstlichen Früchte dieser Zone, und tief
+im schattigen Laub versteckt glühten duftende Blüthen, und hoben ihre
+Kelche dem sonnigen Licht entgegen.
+
+Es war ein Paradies das Gottes milde Vaterhand erschaffen, ein Paradies
+von seinem Athem durchweht, und Seiner Werke Herrlichkeit kündend zu
+jeder Stunde – ein Paradies das nur die Leidenschaft und das trotzige
+Herz des Menschen oft, ach wie oft, so muth- und böswillig verdarb und
+zerstörte und Haß und Schmerz säete, selbst zwischen diese Palmen, und
+den Frieden verjagte, der auf den stillen Matten in heiterer Ruhe
+lagerte. Ehrgeiz und Fanatismus, Sinnlichkeit, Geldgier und sorgloser
+Leichtsinn reichten sich einander die Hand und der Indianer, der
+gastliche Herr dieses Aufenthalts in dem Engel hätten schwelgen können,
+sah in kurzsichtiger Lust wie die fremden Männer Spiel nach Spiel in
+sein Canoe häuften, es schmückten und verzierten und beluden – bis es
+_sank_.
+
+Sorglose Kinder des Augenblicks, denen Palme und Brodfrucht jeden Tag
+gaben was der Tag begehrte, was kümmerte sie die Zukunft? Der bunte
+Flittertand freute sie, jeder goldenen, blitzenden Masche jubelten sie
+entgegen, und ahneten das Netz nicht, das sich langsam aber sicher
+daraus wob, sie niederzuziehen aus ihrem Himmel.
+
+Aber nicht Alle theilten diese Apathie an den Ereignissen des Tages,
+denen das Volk kaum das Ohr lieh wenn sie geschehen; wie die
+Protestantischen Missionaire um den erschütterten Stamm die Wurzeln
+wieder tiefer senkten und gruben, ihm mehr Festigkeit zu geben bei dem
+nächsten Sturm, so nagte der Ehrgeiz, und andere Leidenschaften
+vielleicht, an den Herzen jener stolzen Häuptlinge, die Königsblut in
+ihren Adern fühlten, und der stille Frieden selbst der sie umgab reizte
+den schlafenden Grimm in ihrer Brust, und wandelte ihnen ihr Paradies zu
+einem Aufenthalt der Qual.
+
+In Papara, dem südwestlichen Theil von Tahiti stand, von mächtigen
+Mapebäumen beschattet, dicht am Uferrand eines kleinen klaren Bergbachs,
+der sprudelnd und silberrein aus den Bergen niedersprang, eine jener
+breitovalen, aus Bambus errichteten und mit den Blättern der Pandanus
+dicht gedeckten Hütten, um die sich der weiche Rasen schloß und der
+Brodfruchtbäume und wehende Palmen das Dach bildeten, den sengenden
+Sonnenstrahl abzuhalten von dem stillen Platz. Ein lauschiges Halbdunkel
+lagerte auf dem nur leise rauschenden, flüsternden Hain, dem die von der
+Brise kaum bewegten Wasser tausend und tausend kleine funkelnde Lichter
+entgegenblitzten.
+
+Aber keine fröhliche Kinderschaar spielte und sprang hier am
+Muschelstrand, oder schaukelte sich an langem, in die Wipfel der Palmen
+geknüpften Bastseil weit und keck hinaus über den korallendrohenden
+Wasserspiegel; kein schlankes Weib mit blumengeschmücktem Haar sammelte
+die Frucht von dem nahen Baum und breitete das reinliche Hibiscusblatt
+zum frischen Mahl. Nur an den Stamm einer Palme gelehnt, die Lenden mit
+dem ~pareu~, noch aus der auf der Insel selbst gefertigten Tapa[O]
+umwunden, deren gelbbraune Falten ihm fast bis zum Knie niederfielen,
+während Bein, Schultern und Leib die zierlichen blauen Linien der alten,
+und durch die Missionaire sonst fast überall verpönten Tättowirungen
+zeigten, lehnte ein Insulaner und schaute still und schweigend, wie in
+tiefem Nachdenken versenkt, auf das weite sonnige tiefblaue Meer hinaus,
+das seinen Strand bespühlte.
+
+Es war eine edle, kräftige Gestalt wie sie da stand unter der Königin
+des Waldes, und das weiche rabenschwarze lockige Haar fiel ihr, ungleich
+der frommen von den Protestantischen Geistlichen eingeführten Sitte es
+kurz abzuschneiden, voll und lang um die Schläfe, bis auf die Schultern
+nieder. Aber keine Blume stak darin oder hinter dem Ohr, noch glänzte
+sonst ein Schmuck an Arm, Hals oder Handgelenk, und die kühnen Züge und
+Arabesken des Tättowirers, alte heidnische Zeichen mit Haifischzähnen in
+unvergehbaren Punkten der Haut eingegraben, lagen fast drohend auf den
+vollgespannten Muskeln und Sehnen der nervigen Glieder.
+
+Da wurden leise aber regelmäßige Schritte im Laube laut – näher und
+näher kamen sie heran, und eine andere Gestalt erschien unter den
+schattigen Blüthe und Frucht bedeckten Orangen; aber der Sinnende hörte
+die Schritte nicht, seinem Träumen willenlos hingegeben, und der
+Neugekommene stand mit verschränkten Armen wohl mehrere Minuten lang
+schweigend neben ihm, indeß sein Blick in tiefem Ernst und Sinnen auf
+ihm haftete.
+
+Dem Aeußeren nach aber war es eine andere Gestalt, als die des ernsten
+Träumers an der Palme, seine Lenden umschloß, wie bei dem Ersten nur ein
+etwas bunterer Pareu, der Oberkörper stak aber in einem noch bunteren
+Oberhemd, und unter den, mit wohlriechendem Oel gesalbten Locken vor
+leuchteten die eben aufgebrochenen Knospen des Cap-Jasmin, jener
+reizenden lilienartigen Gardenia mit dem vollen Narcissenduft. Die Beine
+waren nackt, und die alten Tättowirungen auch auf ihnen sichtbar, aber
+der Pareu ging tief hinab und verhüllte das meiste davon, bis auf die
+zierlich gezeichneten Palmen, deren Wurzeln auf den Hacken saßen während
+der Stamm am hinteren Theil des Beines schlank und zierlich hinauf lief,
+sich über den Waden mit seinen breiten, federartigen Blattkronen
+auszubreiten. In der Hand trug er einen schlanken langen Bogen und
+einige buntbefiederte Pfeile mit Eisenspitzen (keine Waffen in jener
+Zeit, wo die inneren Kriege aufgehört hatten, und die Insulaner recht
+gut die Nichtigkeit solcher Wehr gegen Feuerwaffen erkannten, sondern
+mehr ein Spielzeug oder besser gesagt ein Uebungsspiel der Vornehmen,
+das besonders der Lieblingszeitvertreib des vorigen Königs gewesen) und
+um den Scheitel zog sich ihm ein wunderlich geflochtener Kranz von
+Gardenien mit den silberweißen Fasern der Arrowroot und kleinen rothen
+Blüthen bunt durchwebt.
+
+»Joranna Tati!« rief er endlich lachend, als er wohl glaubte den
+Sinnenden seinen Betrachtungen lange genug überlassen zu haben, und
+während ein leichtes Lächeln seine schönen Züge überflog – »Joranna
+Mann, und was hängst Du den Kopf und schaust so still und brütend vor
+Dich hin, als ob Du« – es zuckte spöttisch um seinen Mund – »plötzlich
+ein Missionair geworden wärest? Wollen Dich die frommen Väter vielleicht
+nach den Gambier-Inseln senden, ihren »Brüdern in Christo« dort Gleiches
+mit Gleichem zu vergelten, und bereitest Du Dich vor den Neubekehrten da
+drüben zu beweisen, daß man nur des Himmels Seligkeit erndten könne,
+wenn man die Mundwinkel an beiden Seiten herunterhängen lasse, und das
+Weiße der Augen zeige in brünstigem Gebet?« –
+
+Tati, denn der Häuptling war es, schaute rasch und finster auf bei dem
+Gruß, und seine Züge heiterten sich nicht auf, als er den bunten Schmuck
+und Tant erkannte, mit dem sich der Freund behangen.
+
+»Du siehst aus als ob _Du_ zum Tanze gingst mit den Areoïs[P], Paofai,«
+sagte er ernst, ohne den Gruß zu erwiedern, »ein Richter des Landes
+sollte sich das Schicksal desselben zu Herzen nehmen, in so schwerer
+Zeit!«
+
+»Das _Schicksal_?« lachte Paofai, die Locken schüttelnd, daß die Blüthen
+auf seine Schultern niederfielen, »das Schicksal liegt in der Hand jedes
+Einzelnen für sich selbst, und die ihre Nacken dem Joch gutwillig
+neigen, dürfen nachher nicht klagen wenn es sie drückt. Wer, beim Oro,
+heißt die fröhlichen Kinder unserer schönen Inseln sich den Fremden
+beugen und die Knie wund reiben vor einem Gott, der uns bis jetzt nur
+Arbeit und Krankheiten, nur Haß und Feindschaft geschickt hat aus fernem
+Land? – Ich für mein Theil bin es müde die helle Schattirung einer
+Haut, und Kenntnisse die dem Träger hier, wo er sie nicht gebrauchen
+kann, nur zur Last sind, höher geschätzt zu sehn als das, was unsere
+Väter ehrten. – Gleisnerische Worte – Oros Zorn über sie, daß sie zu
+Gift würden in dem Mund ihrer Träger.«
+
+»Und wer ist Schuld als wir selber, daß wir’s so lange zu tragen haben?«
+rief Tati sich hoch und stolz emporrichtend, »ruht nicht der Fluch
+unserer Götter auf diesem Lande, seit jene knechtischen Pomare’s den
+Scepter führen, ja liegt nicht selbst die junge Königin in der Gewalt
+dieser schleichenden Priester, die sich nur immer die _Diener_ des Herrn
+nennen, und dabei den Fuß selber auf die Nacken der Arii Rahi’s[Q]
+dieses Landes zu setzen wagen?«
+
+»Und weißt Du daß sie das Volk wieder zusammenrufen wollen zu neuem
+Unheil?« frug Paofai lauernd.
+
+»Sie wagen es nicht,« sagte Tati verächtlich mit dem Kopfe schüttelnd –
+»sie wagen es nicht, denn ihre Häuser stehn breit und bequem gleich vorn
+am Strand, und die eisernen Kugeln des nächsten Französischen Schiffes
+mähten sie nieder.«
+
+»Aber sie hoffen auf Englands Schutz!« rief Paofai, »und Piritati[R] ist
+dorthin gegangen Hülfe zu holen für sich und die Seinen.«
+
+»Bah, der Weg ist lang,« sagte Tati verächtlich, »und die Engländer
+haben einen großen Mund; sie sind kalt und ohne Herz wie ihr Gott, und
+so geizig, daß sie dem nicht einmal opfern lassen, sondern Cocosöl und
+Perlmutterschalen fortführen auf ihren Schiffen und die Schweine selber
+essen – Piritati wird kommen und Versprechungen bringen.«
+
+»Aber sie warten nicht _bis_ er kommt!« entgegnete Paofai – »der tolle
+Uebermuth der Priester, mit dem sie sich so lange eine wirkliche Macht
+vorgelogen haben, bis sie sie selber glauben, läßt sie jede Vorsicht
+vergessen, und um den Augenblick als Heilige und Halbgötter vor dem Volk
+zu stehn, wagen sie ihre Existenz.«
+
+»Sie hätten recht – die Feranis werden uns auch nimmer den Segen
+bringen,« sagte Tati finster – »mich reut schon die Hand die ich dabei
+im Spiel gehabt, denn der gierige Wi–Wi scheint Lust an der Beute zu
+bekommen, nach der er schon zweimal die Krallen ausgestreckt. So lange
+noch _ein_ Fremder auf dieser Insel lebt, blüht uns kein Friede und wir
+warfen uns selbst hinaus, als wir den Gleisnern einst den Aufenthalt
+gestatteten, und den Bambus schlugen zu ihren Hütten – wir hätten ihr
+Grab graben sollen.«
+
+»Ha dort kommt Botschaft von Papetee!« rief Paofai plötzlich, und
+deutete mit dem Arm hinaus in das Binnenwasser der Riffe, über das hin
+ein leichtes Canoe, von zwei Indianern gerudert, mit zwei Anderen im
+Hintertheil desselben, rasch über die klare Fluth herbeischoß. Schon von
+weitem erkannten sie die beiden Häuptlinge Paraita und Utami und Tati
+sagte finster:
+
+»Deren Eile kündet schon vorher des Kommens Grund, und der Feind ist uns
+ins Lager gerückt – o daß er die Streitaxt mit sich brächte und den
+Speer, und nicht ewig das todte Wort mit Singen und Beten.«
+
+Die beiden Männer erwarteten jetzt schweigend die Ankunft des Canoes,
+das draußen um eine etwas weit auszweigende Corallenspitze bog, und dann
+im geraden Strich auf den Platz zuschnitt auf dem die beiden Häuptlinge
+standen, und dessen helleres Dach sich schon von weitem, als treffliche
+Landmarke, erkennen ließ.
+
+»Ha sieh nur Utamis Gesicht!« rief da Paofai, als beide Führer endlich
+landeten und an’s Ufer sprangen – »der dunkle Zug über der Stirn
+deutet bei ihm nichts Gutes – es ist wie ich gesagt!«
+
+»Gruß Euch und Frieden – ~Joranna, Joranna bo-y~!« riefen die beiden
+Männer, als sie den Schattenrand betraten, den die Fruchtbäume und
+Palmen der senkrecht stehenden Sonne abgezwungen.
+
+»Joranna Utami – Joranna Paraita, und was führt Euch über das Wasser im
+Aoatea, wenn die Sonne über Euerem Scheitel brennt?« frug Paofai,
+während Tati ihnen die Hand entgegenstreckte sie zu begrüßen.
+
+»Fröhliche Botschaft,« lachte Paraita, aber die fest zusammengebissenen
+Zähne und der lauernde Blick mit dem er die Züge seiner Freunde
+beobachtete straften sein Lachen Lügen – »ein neues Englisches
+Kriegsschiff ist eingelaufen und die Mi-to-na-res schwimmen oben auf;
+der Englische Capitain will ihren Gott schützen, daß ihn der andere
+nicht über den Haufen wirft, wie sie bei uns Taaroa und Oro bei Seite
+geworfen haben, und der morgende Tag schon soll ihren Triumph
+beleuchten. Auf Tati, auf Paofai, ich glaube die Richter sollen vor
+Gericht, denn wir sind _Alle_ aufgefordert zu erscheinen.«
+
+»Und gilt es wirklich dem Vertrag, den wir mit dem Ferani
+abgeschlossen?« frug Tati finster.
+
+»Kein Zweifel,« lautete die Antwort – »der Königin Boten fliegen heute
+durchs ganze Land – gestern schon gingen die Canoes nach Morea hinüber
+und uns Beiden wurde selber aufgetragen _Euch_ mit zur Stelle zu
+bringen, genügt Euch das?«
+
+»Und wißt Ihr genau was berathen werden soll?« frug Paofai.
+
+Paraita lachte.
+
+»Es ist ein öffentliches Geheimniß, und das Volk in Papetee spricht von
+nichts Anderem – sie wollen unseren Vertrag verwerfen und das
+Protectorat Frankreichs von sich weisen.«
+
+»Das Französische Schiff im Hafen wird’s nicht leiden,« rief Tati.
+
+»Es liegt ein stärkeres daneben s’ihm zu wehren,« sagte achselzuckend
+Paraita.
+
+»Und was spricht Utami?« frug Tati, dessen Hand ergreifend, »auf welcher
+Seite siehst _Du_ den Segen unseres Landes?«
+
+»Auf keiner,« entgegnete kopfschüttelnd der greise Richter, »auf keiner
+von diesen Beiden. – Ich hatte gehofft durch einen solchen Schritt, der
+gewissermaßen nur zum Schein unsere Rechte beschränkte und mehr ein
+Freundschaftsbündniß war mit einer stärkeren Macht, jenen ehrgeizigen
+Priestern ein Ziel zu stecken, aber die Feranis schauen mit gierigem
+Auge auf dies Land, und wer weiß ob wir nachher bei dem Tausch
+gewönnen. Jedenfalls liegt das noch Alles in der Zukunft Schooß, und ich
+habe keine Lust einen Arm aufzuheben für Franke oder Missionair – laß
+sie sich unter einander schlagen.«
+
+»Und Du gehst?«
+
+»Gewiß – sie sollen nicht sagen können daß Utami ihren Ruf gefürchtet
+habe.«
+
+»Gefürchtet,« wiederholte Paofai verächtlich und spannte wie im Spiel
+den Bogen von dessen Sehne der Pfeil schwirrend abschnellte, und etwa
+vierzig Schritt davon entfernt den schlanken Stamm einer Papaya
+durchbohrte, in deren Holz er zitternd stecken blieb – »gefürchtet,«
+wiederholte er noch einmal, den Bogen auf die Schulter werfend – »aber
+es führt uns nicht zum Ziel dieses Kinderspiel – dem Volk wird wieder
+Sand in die Augen gestreut und so lange gesungen und gebetet, bis es
+ermüdet auseinandergeht, und Alles bleibt beim Alten. Da doch noch
+lieber dem Franzosen unterthan, dessen Sitte und Denkungsart besser zu
+uns paßt, als den schleichenden Frömmlern.«
+
+»Unterthan? – _keinem_!« rief da Tati trotzig, der indeß mit
+verschränkten Armen und in tiefem Brüten dem Gespräch der Freunde
+gelauscht – »aber wie dann, wenn wir den Augenblick benutzten, wo die
+Bewohner Tahitis das eine Joch abgeschüttelt und auch das andere von
+uns würfen? – Was sagst Du, Utami, wenn wir die Fremden stürzten mit
+dem einen Schlag und, wie die Missionaire jene fremden Priester, auf das
+Schiff packten das sie gebracht und sie fortschickten, gleichviel wohin,
+so _sie_ jetzt dem Engländer gäben, sie heimzuführen in ihre Heimath?
+Jetzt, jetzt noch ist es Zeit wieder _ein_ Reich, ein glückliches Reich
+zu gründen in unserem Inselland – jetzt wo das Volk gesehen welchen
+Fluch ihnen die Fremden gebracht in jeder Art, wird es zu uns stehn mit
+Kraft und Gewalt, und dem _einigen_ Volke können auch selbst die
+Feuerschlünde des Feindes nicht mehr fürchterlich sein.«
+
+Utami schüttelte ernst mit dem Kopf und sagte finster:
+
+»Zu spät – zu spät! – ein großer Theil der Unseren hängt dem neuen
+Gotte an, und die Missionaire haben dafür gesorgt daß ihr Wohl von der
+Anbetung jenes nicht getrennt werden konnte – sie stehen zu fest,
+während die Englischen Schiffe unsere Küsten verwüsten und unsere
+Fruchtbäume niederschmettern würden, ihrem Gotte Seelen zu gewinnen, wie
+sie dann sagten. – Ich fürchte wir haben uns selber Schaden gethan, als
+wir dem Ferani die Hand boten und bei ihm Hülfe zu finden hofften gegen
+den geistlichen Stolz.«
+
+»Gewalt thut hier Nichts,« stimmte auch Paraita bei – »wir sind zu
+schwach etwas derartiges zu unternehmen, und wenn wir auch Hand zu Hand
+mit den geschorenen Köpfen[S] fertig würden, ist uns die Europäische
+Macht zu stark. Wir müßten jedenfalls warten bis sich ihre Kriegsschiffe
+entfernt hätten, ein plötzlicher Schlag dann und es würde den Feinden
+schwer werden das zu _rächen_, was sie jetzt mit leichter Mühe
+_verhindern_ können. Aber noch haben wir den Vertreter jener fremden
+Macht unter uns, die uns Schutz und Freiheit versprochen für Glauben und
+Recht; wird der Französische Consul, denn zu solchem ist Mörenhout
+ernannt als ihn die Amerikaner nicht länger anerkannten, wird er es
+dulden, daß man den doch nun einmal von der Königin unterzeichneten
+Contrakt mit Füßen tritt?«
+
+»Wie kann er’s hindern?« sagte achselzuckend Paofai. – »Mit ein paar
+Redensarten ist nichts abgemacht, wenn der Fanatismus erst einmal in
+Schuß, bergab gekommen. Die Missionaire haben da ihre Leute, Aonui,
+Potowai, Terate und wie sie heißen; mit Jehovah auf den Lippen werfen
+die Narren sich blind in’s Feuer selbst der Schiffe, und wenn das Volk
+nur schreien und von Freiheit hört, dann brüllt es auch seinen Chor
+hinein, möge die Folge sein wie sie wolle. Ich habe große Lust der
+Versammlung gar nicht beizuwohnen; was kanns helfen?«
+
+»Das sie nachher sagen wir hätten uns gescheut ihnen unter die Augen zu
+treten?« rief Tati rasch. »Nein, keiner darf fehlen von uns, wenn wir
+nicht selber unsere Sache aufgeben wollen in Schimpf und Spott –
+keiner, und dort wird sich uns auch ein Ausweg zeigen das Schwerste
+abzuwenden.«
+
+»Dem stimme ich bei,« sagte Utami ernst – »unsere Aufgabe ist dem Land
+die Freiheit zu erhalten, die der Fanatismus der einen wie die Gier der
+anderen Seite gleich schwer bedroht, und gebe Gott daß uns das gelingt;
+einer späteren Zeit mag es dann vorbehalten bleiben unsere inneren
+Einrichtungen zu ordnen, von denen Franzosen wie Missionaire nichts
+verstehn. Unser Glück liegt in unserer eigenen Hand – wir wollen es aus
+keiner fremden. – So zögern wir denn nun auch nicht länger, kommt mit
+zu meinem Haus, daß wir uns dort mit Speiß und Trank stärken zu der
+Fahrt, und die morgende Sonne grüße uns die ersten auf dem Kampfplatz.«
+
+»Kampf?« lachte Paofai, während er seinen fortgeschossenen Pfeil
+wiederholte, den anderen zu folgen – »ein schöner Kampf wird es
+werden, der mit Singen anfängt und mit Beten aufhört. – Ich kenne meine
+Landsleute nicht mehr, daß sie aus dem fröhlichen glücklichen Volk
+solche Kriecher und Heuchler geworden sind. Aber zum Henker mit den
+Grillen – unsere Palmen müssen sie uns lassen und das stille Wasser
+unserer Riffe, unsere Blumen und Blüthen und unsere Weiber, und den
+Schwarzröcken zum Trotz will ich das Leben jetzt genießen. Himmel und
+Hölle? – Die Leute können vortreffliche Geschichten erzählen und man
+lacht darüber wenn man sie hört – tödten sie doch die Zeit« – und den
+Pfeil aus dem Holz reißend schob er ihn lachend in seinen Köcher zurück,
+und trat, die Locken aus seiner Stirn werfend, zu den Uebrigen in das
+Haus.
+
+
+Fußnoten:
+
+[J] Wilde Pisang.
+
+[K] Der Wibaum oder die Brasilianische Pflaume (~spondias dulcis~) hat
+mit den stärksten Stamm auf den Inseln – oft bis 4 und 5 Fuß im
+Durchmesser. Die Rinde ist grau und glatt und er trägt eine förmliche
+Masse großer pflaumenartiger saftiger Früchte von angenehmen Geschmak.
+
+[L] Der Omaomao, die Tahitische Drossel, und der einzige wirkliche
+Singvogel, wenigstens der bedeutendste, der Inseln. Er ist gelb und
+braun gefleckt, und von der Größe einer Drossel, mit der sein Gesang
+auch etwas Aehnliches hat. Von Gestalt ist er etwas schlanker.
+
+[M] Ein, an der einen Seite des Canoes, durch Queerhölzer etwa drei oder
+vier Fuß vom Fahrzeug selber ausgehaltener Baum, eine Art Kufe von
+leichtem Holz, die auf dem Wasser liegt und mitschwimmt, und nur dazu
+dient das leichte schwanke Fahrzeug vor dem Umschlagen zu bewahren.
+
+[N] Mape, Tahitische Kastanie. Die Papaya eine von Brasilien herüber
+gekommene, der Melone ähnliche aber auf einem Baum wachsende Frucht. Der
+Tappo-Tappo der Englische Crêmeapfel.
+
+[O] Das eigenthümliche Gewebe dieser Inseln, das die Frauen aus der
+gegohrenen Rinde verschiedener Bäume, die sie vorher zu fester Masse
+kneten so lange ausschlagen, bis ein dünnes, ziemlich dauerhaftes Zeug
+daraus wird.
+
+[P] Areoïs, die früheren heidnischen Tänzer auf den Inseln, die eine
+gewisse, sogar religiöse aber wüste Sekte bildeten und von Insel zu
+Insel zogen ihre Orgien zu feiern.
+
+[Q] Die ersten und obersten, aus fürstlichem Blut entsprossenen
+Häuptlinge.
+
+[R] In ihrer Aussprache Pritchard.
+
+[S] Die eifrigsten der Missionaire hatten ihren Gläubigen empfohlen die
+Haare kurz am Kopfe abzuschneiden, wahrscheinlich um nicht den sündigen
+Blumenschmuck darin tragen zu können.
+
+
+
+
+Capitel 10.
+
+#Die Versammlung.#
+
+
+Weißer Rauch quoll aus den Schießluken der Englischen Fregatte »Talbot«
+und der rasch folgende donnernde Schlag des Geschützes, der das Echo
+grollend weckte in den Bergen, grüßte das goldene Taggestirn, das eben
+seinen rothglühenden Schein über die östliche, palmenbedeckte Spitze der
+Bai warf, und seine Strahlen sandte über das weite Meer.
+
+Es war ein reizendes Bild das sich dem Blick entrollte, und Athem und
+Leben gewann mit dem ersten Licht; im Hintergrund die wildzerrissenen
+Kuppen des Gebirgs mit der dunklen kühn eingerissenen Schlucht –
+auseinandergebrochen als die Grundvesten der Berge einst in ihrem
+inneren Mark erbebten, und rechts und links das niedere palmenbedeckte
+Land ausschießend, als ob es die sonnige spiegelglatte Bai umspannen
+wolle mit liebendem Arm, während an dem Ufer hin die weißen niederen
+Gebäude dicht hineingeschmiegt standen in Palmen- und Orangenhain, mit
+hie und da einem alten mächtigen Banianbaum, der die dunkel glänzenden
+Zweige niederschüttelte, neue Wurzeln dem Erdreich um sich her
+abzugewinnen. Vorn schäumte und spielte die Fluth an dem hellen
+Corallensand, und den vorderen, von Banane und Palme eingeschlossenen
+Rand, in dem die stillen Wohnungen der Menschen so dicht versteckt wie
+Perlen in einer halbgeöffneten Muschel lagen, bildete ein dichter Wald
+von Brodfrucht und Orangen und buntblüthigen Akazien und breitblättrigen
+Hibiscus Tiliaceus mit den großen malvenähnlichen Blumen.
+
+Und nicht öde und weit lag das Meer, dem wunderschönen Lande gegenüber;
+nein, hinter dem licht funkelnden Wasserspiegel, den nur hie und da ein
+ruhig vor seinem Anker reitendes Schiff, oder das rasche Canoe mit dem
+blitzenden Streifen hinter sich unterbrach, dehnten sich die weiten
+schäumenden Riffe mit ihren Schneekronen und rollendem Donner, und
+umspannten selbst die kleine Königinsel Motuuta, die wie ein Smaragd,
+von silbernem Band umfaßt, in dem herrlichen Rahmen palmenwiegend lag,
+während hinter ihr, noch neben dem weiten Horizont des Oceans, die
+zackigen kühn gerissenen Kuppen und Spitzen Imeos, wie Nadeln
+emporstarrend oder riesige Kegel, in blauer Ferne lagen, bei klarer Luft
+selbst den Palmengürtel zeigend der sie umschloß.
+
+Still und regungslos lag dabei der Strand, bis zu dem Schuß, mit dem
+zugleich fast sich die Sonne über den Palmenstreifen hob – nur hie und
+da zeigte sich ein einzelner Indianer der, vielleicht nach seinem Canoe
+schauend, langsam am Ufer auf- und niederging; aber wie mit einem
+Zauberschlag _nach_ dem Schuß, und während das Echo noch in den fernen
+Schluchten dröhnte und grollte, quoll und drängte es sich ordentlich aus
+den Häusern und Hütten vor, in bunter glänzender Tracht, und fröhliches
+Leben brach sich die Bahn in’s Freie mit einem Mal.
+
+Es war Tag geworden in Papetee, und ein bedeutungsvoller wichtiger
+Morgen angebrochen für den kleinen Staat; ob zum Heil, ob zum Leid, was
+kümmerte das das fröhliche Inselvolk mit seinem leichten, glücklichen
+Sinn. Wie die sonnige Welle ihrer Binnenwasser trieben sie leicht über
+des Lebens Meer – ein Sturm rüttelte sie auf, wild und gewaltig, es ist
+wahr, aber mit der Ursache die sie gehoben, _mit_ dem Sturm, legte sich
+auch leicht beruhigt das Element, und ließ in derselben Stunde fast
+schon den Schiffer niederschauen in die cristallreine Tiefe, die offen
+wie ihr Herz da vor ihm lag.
+
+Wie ein Bienenschwarm zog es und drängte es dort eine Weile am Ufer
+herum, beide Geschlechter bunt gemischt durcheinander, und oft klang der
+fröhliche Laut lachender Mädchenstimmen silberrein über das Wasser
+selbst bis zu der Stelle, wo etwas einsam in der Bai, und in der That so
+weit abseits als er eben ankern durfte, ein großer weitbäuchiger,
+entsetzlich schmutziger und wettermitgenommener Wallfischfänger lag. Auf
+seinem Heck stand, etwas geschmacklos, aber vielleicht nicht ohne Grund,
+mit grellrothen Buchstaben im grünen Felde, der Name desselben, _Kitty
+Clover_, und von der Gaffel seines Besahnsegels wehte die Englische
+Flagge.
+
+Auf dem Quarterdeck desselben standen zwei Männer, beide in die
+gewöhnliche Seemannstracht, in blaue Jacken und weiße Hosen gekleidet,
+einen breiträndigen Strohhut mit langem schwarzen Band gerad auf den
+Kopf gesetzt. Der eine von ihnen, der ältere, war der Capitain der Kitty
+Clover, der so wenig den Schotten in seinem ganzen Wesen und Aussehn
+verleugnen konnte, wie der Andere den Iren.
+
+Dieser hatte das fast unvermeidliche rothe Haar seiner Landsleute, aber
+in merkwürdig kleine feste Locken mehr geknotet als gedreht, und auch um
+Kinn und Oberlippe zog sich ihm ein ungeheuer starker, aber eben so
+fest verworrener ineinandergedrehter Bart bis hoch unter die kleinen,
+lichtblauen Augen hinauf, die manchmal, wenn er seinen Kopf dem neben
+ihm Stehenden zuwandte, mit einem eigenen drollen Humor daraus
+vorblitzten.
+
+Noch acht oder zehn Matrosen etwa waren außer den beiden an Deck, und
+zwar mit Waschen desselben beschäftigt, wozu sie die vollen Eimer aus
+der klaren Fluth heraufschwangen, und mit raschgezieltem Wurf den
+breiten Strahl unter die oben befestigten Fässer und langs Deck hin
+sandten.
+
+Der Capitain oder Master des Wallfischfängers, Mac Rally, galt für einen
+vortrefflichen Seemann, aber noch besseren Händler, und das hagere
+scharfgeschnittene Gesicht, die hellblauen unstäten Augen, die eisernen
+Lippen zeigten zugleich Entschlossenheit wie List und Ausdauer.
+
+Die Kitty Clover war erst gestern hierher, angeblich vom Wallfischfang,
+eigentlich aber direkt von Valparaiso kommend, eingelaufen, und hatte
+den Iren gewissermaßen als Passagier, der übrigens auch einen ziemlichen
+Theil spirituöser Getränke als Fracht bei sich führte, mitgebracht.
+Theilweise gehörte von demselben Artikel, außer einer Anzahl von
+Fässern, von denen nicht einmal die Matrosen wußten was sie enthielten,
+auch eine ziemliche Parthie dem Capitain selber, und er zog es deshalb
+vor, den letztverlassenen Hafen nicht als direkt von dort gekommen
+anzugeben, einer vielleicht unangenehmen und zu ängstlichen
+Aufmerksamkeit der Steuerbehörden zu entgehen. Nichtsdestoweniger haben
+diese auf Wallfischfänger ebenfalls ein sehr scharfes und wachsames
+Auge, denn sie wissen recht gut daß solche Fahrzeuge, wenn sie auch
+gerade kein wirkliches Geschäft daraus machen, doch stets eine oft nicht
+unbedeutende Quantität gestatteter oder auch verbotener Waare bei sich
+führen, und was sie eben schmuggeln _können_, nicht gern versteuern.
+
+Die _verbotene_ Landung spirituöser Getränke war übrigens mit ungemeinen
+Schwierigkeiten verbunden, denn auf alle den Inseln hatten die
+Missionaire schon gegen die Einführung des Branntweins die heilsamsten
+Gesetze erlassen, die sie mit großer Strenge aufrecht hielten und
+bewachten; anderseits waren die Indianischen Behörden selber mit solcher
+Maßregel sehr zufrieden, denn die Einführung des bösen Getränks hatte
+nur Elend und Unfrieden, Zank und Blutvergießen in die Stämme gebracht,
+so daß sie gern und willig, was nicht immer der Fall war, ihre weißen
+Lehrer und Gesetzgeber in der Ausführung unterstützten.
+
+Die Franzosen nahmen es noch am leichtesten mit der Einführung von
+Spirituosen, aber nur wenn sie von ihren eigenen Schiffen gelandet
+wurden, denen sie dadurch gewissermaßen ein Monopol zu sichern
+wünschten, aber auch hartnäckig von den Behörden überwacht wurden und
+nicht, ohne öffentlich die einmal bestehenden Gesetze umzustoßen,
+dawiderhandeln durften.
+
+»Und Ihr seid hier bekannt, O’Flannagan,« sagte der Capitain endlich,
+nachdem er wohl eine Viertelstunde lang, ohne ein Wort zu sprechen, das
+Ufer durch sein langes Schiffsglas scharf beobachtet hatte, »und glaubt
+fest daß Ihr die ganze Ladung nach und nach sicher und ohne einen Penny
+Steuer zu zahlen an Land würdet schmuggeln können?«
+
+»Von _glauben_ ist da gar keine Rede, ~Captain dear~,« lachte der Ire,
+»meiner Mutter Sohn kennt hier jeden Zollbreit Boden am Ufer, und was
+mehr ist, jeden Zollbreits Sohn und Tochter, und die Mädchen besonders,
+hahaha liebe Dinger, sind rein auf mich versessen. Die führen nun schon
+einmal in der ganzen Welt das Regiment und die zu Freunden, das andere
+ist Alles Kleinigkeit und Kinderspiel.«
+
+»Aber wenn uns da nur die jetzigen politischen Verhältnisse keinen
+Strich durch die Rechnung machen,« sagte kopfschüttelnd der Schotte.
+»Wie uns der alte Indianer gestern Abend erzählte, so waren die
+Englischen Missionaire wieder die Herren da drüben, so gut wie früher,
+und das will mir nicht so recht einleuchten.«
+
+»Wir wären verloren mit unserem Geschäft wenns anders aussähe;« lachte
+Jim, »zum Teufel wenn die Franzosen das Heft in Händen hätten, dürften
+wir unseren Brandy nur getrost selber trinken, denn die würden eine
+solche Masse ihres eigenen Fabrikats hinüber an Land geworfen haben, daß
+sie die Stadt damit ersäufen könnten. Die Missionaire dagegen können
+höchstens die Strafe auf Einfuhr noch erhöhen, die Einfuhr selber noch
+schwieriger machen; das Alles muß uns aber die Preise nur gerade in die
+Höhe treiben, und – was wollen wir mehr?«
+
+»Weiter nichts,« schmunzelte der Schotte, das Fernrohr niederlegend und
+sich mit einem höchst vergnügten Gesicht die Hände reibend – »weiter
+nichts, Jimmy – höchstens noch etwas baar Geld – gutes Silber für
+unsere flüssige Waare.«
+
+»Ich fürchte nur Ihr habt mit dem anderen Artikel ein schlechtes
+Geschäft gemacht,« sagte Jim kopfschüttelnd – »ich glaube wirklich
+nicht, daß es hier je zu einem solchen Ausbruch von Feindseligkeiten
+kommen kann, die Eingeborenen zu veranlassen wirklich Geld für einen
+solchen Artikel auszulegen; – ja wenn es Brandy wäre.«
+
+»Nun, ich gehe da ziemlich sicher,« schmunzelte der Schotte, »denn ein
+Theil der Waffen ist feste Bestellung – von Jemandem aber den ich nicht
+nennen darf – und verkauf ich das andere nicht _hier_, so weiß ich daß
+ich auf den Fidschi- und Navigators-Inseln einen vortrefflichen Markt
+dafür finde.«
+
+»Ja, aber, das ist ein kitzliches Geschäft,« meinte Jim, sich mit dem
+Zeigefinger der rechten Hand durch das Halstuch fahrend – »die
+Engländer und Franzosen haben über derartigen Handel ihre eigenen
+Ansichten, und es geht bei einer solchen Geschichte immer gleich an die
+Raanocke[T]. Interessant ist so ein Geschäft wohl schon, aber –
+verdammt gefährlich, und der Nutzen doch eigentlich nicht im Verhältniß
+zum Risiko.«
+
+»Nun, das käme auf die Person an,« sagte, mit einem etwas zweideutigen
+Seitenblick auf den Iren, der jetzt aufmerksam durch das Glas nach der
+Insel hinüberschaute, der Capitain. Jim verstand aber die etwas
+malitiöse Anspielung und sagte lachend, ohne jedoch aufzusehen:
+
+»Ich bin gerade so kitzlich am Halse wie der beste Priester, Capitain,
+und jeder paßt auf sein Bischen Leben so gut er kann, ob’s nun eben der
+Mühe werth ist, oder nicht.«
+
+»Nein, Jimmy, so war’s gar nicht gemeint,« rief Mac Rally rasch und
+etwas verlegen.
+
+»Bitte, geniren Sie sich nicht,« lachte Jim, »thun Sie als ob Sie zu
+Hause wären, ~Captain dear~ – »aber dahinten kommen die Canoes,«
+unterbrach er sich plötzlich, den rechten Arm, ohne das Auge vom Glas zu
+nehmen, gegen Point Venus hinüberstreckend. Dorthin wurde auch eben,
+gerade die Spitze passirend, eine kleine Flotte Indianischer Fahrzeuge
+sichtbar. »Bei Jäsus, Mr. Mac,« fuhr er aber lebendiger werdend fort,
+als er sich den Inhalt der kleinen schlanken Fahrzeuge etwas genauer
+betrachtet – »heute geht die Geschichte los da drüben, heute bekommen
+wir was zu sehen, und je eher wir hinüberfahren, denk’ ich, desto besser
+ist’s, denn einen besseren Abend unser Ausschiffen zu beginnen, werden
+wir auch nicht so leicht finden. Kein Teufel paßt heut’ auf die aus- und
+eingehenden Boote, und solche Zeit muß man benutzen.«
+
+Der Capitain hatte das Glas wieder genommen und einen Augenblick
+durchgesehen, dann aber sich wieder aufrichtend und es zusammenschiebend
+sagte er, mit einem halbversteckten Lächeln in den selten aus ihrer Lage
+gebrachten fast wie ehernen Zügen:
+
+»Ihr habt recht Jim, da hinten schwimmen die Haupt-Schauspieler der
+heutigen Komödie – drei Canoes voll Schwarzröcke, Gott weiß wo sie alle
+herkommen. Die Feierlichkeit wird nun wohl auch bald ihren Anfang
+nehmen, und ich glaube je eher wir hinübergehn, desto besser. Ha, bei
+Gott,« unterbrach er sich plötzlich, als er sich zufällig nach den
+Kriegsschiffen hingewandt hatte und deutete mit dem Arm hinüber – »dort
+geht die Tahitische Nationalflagge!« Und in der That stieg in diesem
+Augenblick die rothe Flagge mit dem weißen Stern auf der Englischen
+Fregatte an der Gaffel des Besahnsegels auf. »Was die Leute doch für
+Streiche machen,« brummte der Alte dabei – »aber meiner Mutter Sohn
+müßte sich sehr irren, wenn sie nicht heute da drüben Unheil anrichten.«
+
+»Desto besser, ~Captain dear~,« rief Jim, sich vergnügt die Hände
+reibend, »desto besser; s’wär mir ein wahres Gaudium, wenn ich erleben
+könnte daß sich die beiden Erbfeinde, Franzosen und Engländer, wieder
+einmal beim Koller kriegten; s’ist überdies lange genug Frieden gewesen.
+Aber enges Fahrwasser zum Maneuvriren hätten sie hier, und die Corvette
+hielts auch mit der Fregatte nicht lange genug aus, den Spaß interessant
+zu machen.«
+
+»So weit treiben sie’s nicht,« sagte kopfschüttelnd der Capitain – »der
+Franzose ist zu klug sich hier mit einer solchen Fregatte in einen
+wahrhaft verzweifelten Kampf einzulassen. Nein, es kommt jetzt Alles
+darauf an wie das Schiff heißt, das zuerst in den Hafen einsegelt, und
+die guten Leute hier spielen wirklich nur eine Art Paar oder Unpaar, mit
+ihrem ganzen Land zum Einsatz.«
+
+»Bah, der Spaß ist der,« lachte der Ire, »daß die, die den Einsatz
+stellen, nicht einmal mitspielen – die aber die Nichts zu verlieren
+haben, die Missionaire, trumpfen aus.«
+
+»S’ist Zeit daß wir hinüberfahren,« sagte Mac Rally – »he da vorn –
+~damn it~ Ihr Burschen, Ihr schwemmt ja heute das Deck, als ob Ihr die
+Nägel herausweichen wolltet; mein Boot nieder, und viere von Euch
+hinein. Und Du Bob,« wandte er sich an einen der Leute, den Zimmermann,
+der eine gewisse Autorität an Bord ausübte wenn die Officiere an Land
+waren, »passe mir ein Bischen auf, und wenn es am Ufer Skandal geben und
+Einer von unseren bärbeißigen Nachbarn vielleicht geneigt sein sollte
+die Zähne zu zeigen – Du kennst ja das Zeichen – so auf mit Euerem
+Anker, und seht zu daß Ihr außer Schußlinie kommt, denn wir brauchen
+unsere Hölzer nothwendiger. – Aber bis dahin bin ich auch auf jeden
+Fall wieder zurück.«
+
+»Und soll die Flagge wehen bleiben, Capitain?« frug der mit Bob
+angeredete.
+
+Mac Rally stand schon auf der Schanzkleidung, und war eben im Begriff in
+das Boot hinabzusteigen. Er blieb stehn, und schaute einen Augenblick
+wie unschlüssig nach dem bunten, flatternden Tuch hinauf.
+
+»S’wär patriotischer,« sagte er endlich, die Augenbrauen hoch
+hinaufgezogen, »aber politisch ist’s nicht. – Sie können Einem freilich
+Nichts anhaben – Ach was,« setzte er dann laut hinzu – »der Wind
+schlägt das Tuch doch nur zu Schanden – wenn wir an Land sind nimm den
+Lappen herunter!« und mit dieser höchst unehrerbietigen Bemerkung der
+eigenen Nationalflagge sprang er, von dem Iren gefolgt, in sein Boot,
+das sie bald mit kräftigen Ruderschlägen blitzesschnell über das Wasser
+dem gar nicht so fernen Ufer zuführten.
+
+Hier aber wimmelte und schwärmte es indeß von Menschen und den Strand
+hinunter schien der Hauptzug zu gehn, wo auch wirklich an dem
+sogenannten Paré, jenem Theil der Küste wo der Königin Haus stand, der
+für heute bestimmte Versammlungsort des Festes lag, wenn hier überhaupt
+ein Fest gefeiert wurde.
+
+Eine bunte Mädchenschaar drängte sich am Ufer hin und an der Kirche
+vorüber, deren Glocke in einem, oben ausgeschnittenen stämmigen
+Orangenbusch hing. Es waren blühende, liebliche Gestalten, mit tief
+dunklen und doch so schwärmerischen Augen, und zartgeschnittenen,
+rosigen Lippen, oft mit kaum gebräuntem Teint, unter dem das feine
+liebliche Erröthen, wenn es Wangen und Nacken übergoß, so klar wie bei
+der weißen Haut fast hervortrat, und den üppigen Formen einen
+unendlichen Reiz verliehen hätte, wäre der nicht eben durch das sonst so
+lockige jetzt kurz abgeschnittene Haar und das entsetzlichste Modell
+eines Frauenhutes, das je die freie Stirn eines schönen Kindes
+mishandelte, entstellt worden. Es war die _fromme_ Schaar der
+Tahitierinnen, die sich zur Protestantischen Kirche bekannten, und mit
+den alten Vorurtheilen auch ihr Lockenhaar wegwerfen mußten, als falsch
+und sündig. Und weshalb? – es hatte Blumen getragen einst im
+heidnischen Tanz, und die freundlichen Kinder jenes herrlichen
+Himmelsstriches schmückten es jetzt selbst noch gern mit den knospenden
+Blüthen. Aber fort mit dem irdischen Tant! wer _Gott_ dienen wollte,
+durfte sein Herz nicht an die Erde und ihren Schmuck hängen – fort mit
+dem Haar das sündige Eitelkeit erweckte und der Verführung den Weg nur
+bahnte zum wankenden Herzen – fort mit dem duftigen Kranz darin und den
+wehenden Silberfasern der Arrowroot – einen anständigen _christlichen_
+Hut mit christlicher Form auf dem Kopf, und diesen geschoren darunter,
+und das sündige Herz mußte dann schon selber dem Schopfe folgen.
+
+Wie sie so ehrbar dahin schreiten, die sonst so wilden Mädchen, das Auge
+züchtig gesenkt, die schwere Bibel im Arm und gegen die volle Brust
+gepreßt, in der das Herz so ängstlich klopfend schlägt – der Hut
+verbirgt die Züge, und das lange faltige Gewand umhüllt fast vollkommen
+die zarten Gestalten, nur den Fuß – nicht das Schönste an ihnen – frei
+zur Schau tragend.
+
+»~Waihine – naha – naha Maïre~!« rief da eine neckische Stimme dicht
+neben dem Zug, und ein reizendes Mädchengesicht, aber ohne den
+entstellenden Hut, und die vollen blumendurchflochtenen Locken wild um
+die hohe edle Stirn flatternd, bog sich halb über, dem ihm nächsten
+Mädchen unter den schrecklichen Hut zu sehen, und die Züge zu erkennen
+– »~naha Maïre~.«
+
+Aber die also Angeredete, ob sie es war oder nicht, bog den Kopf nur
+mehr zur Seite. Sie schämte sich doch nicht ihrer frommen Tracht? –
+»~naha Maïre~,« klang wieder und wieder der neckische Ruf – »bist Du’s
+~aiu~[U] oder nicht? – sieh her Maïre, sieh her und wende Dein
+Köpfchen.«
+
+»Ah – da nimm das!« rief da plötzlich die fromme Maid, und den Kopf
+herumwerfend nach der Quälerin, deren lachende Augen über zwei Reihen
+prachtvoller Perlzähne blitzten und funkelten, schlug sie mit der linken
+flachen Hand (in der anderen hielt sie die Bibel), ein Zeichen
+gründlicher Verachtung, ihre Lende – »da nimm das Du böse Ate-ate und
+laß mich zufrieden – bah über die Schwätzerin.«
+
+»Hahahaha!« klangs aber wie Silberton von den Lippen der Anderen –
+»hahahaha, Maïre, Maïre, armes Kind, armes Kind.«
+
+»Laß sie gehn,« stieß da Maïre eine Nachbarin an, »laß sie gehn es sind
+wilde Dinger und taugen nicht zu uns – wenn’s der Mitonare sieht daß
+wir mit ihnen gesprochen ist er bös.«
+
+»Maïre, Maïre, armes Mädchen!« riefen die Ersteren wieder.
+
+»Bah!« lachte aber die Schöne jetzt, den Hut zurückwerfend, daß die
+funkelnden Augen voll die Gegner trafen – »albernes Zeug hier, könnt
+Ihr mich nicht zufrieden lassen beim Kirchgang oder beim vollen Zug –
+oder glaubt Ihr daß Ihr’s nachher wohl toller treibt als ich?«
+
+»Ah ~maitai maitai~ Maïre,« jubelte da Ate-ate laut auf – »so lebst Du
+noch unter dem Hut und Dein Herz liegt nicht bei den Locken daheim im
+Bananenblatt?«
+
+»Wenn sie nur so schnell wieder wüchsen wie man sie abschneiden kann,«
+zürnte das schöne Mädchen und warf einen mürrischen mistrauischen Blick
+nach ihrem Schatten hinunter, aber sie sah nur den Hut und schüttelte
+ärgerlich mit dem Kopf.
+
+»Wenn mir die Haare wachsen schneid’ ich sie nicht wieder ab,« sagte ein
+anderes Mädchen das neben Maïren ging – »so lange sie kurz sind bin ich
+fromm, und dann kann einmal eine Andere an die Reihe kommen.«
+
+Drrrrrrrrum – drum, drum, drum klang der Wirbel und Ton; heller
+fröhlicher Trommelschlag, das National- und Lieblingsinstrument der
+Insulaner, im Takt und Schlag ihres wildesten, aber auch deshalb
+geliebtesten Tanzes.
+
+»Hab’ Acht, Maïre,« rief Ate-ate an ihrer Seite hintanzend – »der
+~Upepehe~:
+
+ Horch!
+ Horch wie der Trommel Klang
+ Hell durch die Palmen drang,
+ Horch!
+ Zuckt mir’s durch Fuß und Knie,
+ Zuckt mir’s im Herzen hie
+ Horch!«
+
+»Horch!« rief aber Maïre und ihre Augen blitzten und funkelten in einem
+wilden, fröhlichen Feuer, zu dem das dicke Buch unter dem Arm gar nicht
+so recht passen wollte.
+
+ »Horch!
+ Laut wie die Brandung jägt,
+ Gegen die Riffe schlägt,
+ Horch!
+ Wirbelt der Trommel Ton
+ Herzchen ich komme schon
+ Horch!«
+
+Und in den Chor fiel die übrige fromme Schaar jubelnd ein, und mit den
+Büchern im Arm, während die großen Hüte den Wind fingen und auf- und
+niederschlugen, warfen sich die tollen Mädchen, denen die bekannten und
+so leidenschaftlich geliebten Töne viel zu verführerisch in die Ohren
+geklungen hatten ihnen widerstehn zu können, von beiden Seiten in den
+wilden Upepehe-Tanz und sprangen, von den nicht so feierlich geputzten
+jubelnden Schwestern redlich dabei unterstützt, auf und ab in der rasch
+gebildeten Bahn den üppigsten ihrer Tänze aufzuführen, so lange
+wenigstens die verführerische Trommel schlug.
+
+Wie von der Tarantel gestochen schien dabei die Schaar, und selbst die
+Ernstesten unter ihnen, die mit finsterem Blick den ersten Uebergriff
+geschaut und mit scharfem Wort ihn gerügt, schwiegen, sahen sich um nach
+rechts und links – zögerten noch und – sprangen mitten hinein in den
+jubelnden Chor.
+
+»_Mi-to-na-re_!«
+
+Wie dem Schwimmenden das Wort _ein Hai_ mit Bleies Schwere in die
+Glieder schlägt, und ihn oft zu seinem Verderben für den ersten
+Augenblick jeder eigenen Willenskraft beraubt, so schlug _das_ Wort in
+die Reihen der Tanzenden.
+
+»_Mitonare_!«
+
+Einen Moment standen sie wie in Stein gehauen, die fröhlichen jubelnden
+Gruppen, nur von den Zügen hatte der Schreck die Fröhlichkeit verwischt,
+und nicht hinaus suchte das Auge wo die Gefahr lag, sondern nur bei dem
+Nachbar wollte es Scherz oder Ernst der Warnung finden; der nächste
+Moment aber schon entschied den Sieg gegen die Trommel – »Mitonare!«
+und aus dem Tanz heraus zuckte die Schaar der Frommen wieder in den
+früheren stillen und ehrbaren Gang hinein, die Hüte fielen nieder –
+jetzt ein trefflicher Schutz die erregten glühenden Gesichter zu bergen
+vor irgend einem prüfenden Blick, die verschobenen Röcke wurden gerad
+gezupft, und wieder ernst und feierlich wanderte die junge Schaar,
+unschuldige Heuchler mit dem fröhlichen Muth im Herzen und den
+unnatürlichen Ernst starr und kalt draußen herumgelegt, die breite
+Straße entlang dem Paré zu.
+
+Aber nicht nur ein Scherz, den sich irgend ein neckisches Mädchenbild
+vielleicht erdacht die Schwestern fürchten zu machen, war das Wort
+gewesen – dort oben vor dem Hause des jetzt allerdings verreisten
+früheren Missionairs und jetzigen Englischen Consuls Pritchard (ein
+weites Gebäude mit bequemer luftiger Verandah, Europäischen Thüren,
+Glasfenstern und wohnlicher selbst eleganter innerer Einrichtung) stand
+die fromme Schaar der Missionaire versammelt – sie _Alle_, nicht ein
+einziger fehlte von Tahiti selber, wie von Imeo, in schwarzem Frack und
+Hosen, weißer Halsbinde und Weste und das unpraktischste Fabrikat das je
+ein Mensch in kaltem oder heißem Klima, in Sonne oder Schnee, in Staub
+oder Regen, bei Wind oder Stille, beim Gehen, Reiten oder Fahren
+getragen, den schwarzen Cylinderhut auf dem Kopf.
+
+»Er hat uns gesehn!« flüsterte Eines der Mädchen dem anderen zu – »er
+trägt ein kleines langes Stück Metall, das wie ~perú~[V] aussieht, in
+der Tasche, damit kann er von einer Insel nach der anderen hinübersehn.«
+
+»Bah’ heute sagt er Nichts,« flüsterte die Andere zurück – »und zankt
+er mich aus,« setzte sie trotzig hinzu – »geh ich zu dem anderen
+Priester mit Kreuz und Licht, dort darf ich mir so die Haare wachsen
+lassen und Blumen hineinflechten, und komme doch in den Himmel der
+Weißen.«
+
+»Die breite Pforte bleibt Dir verschlossen, wenn Dir die Mitonares nicht
+den Eingang zeigen,« warnte die Erste wieder.
+
+»Ei was,« lachte die Zweite leise, »dann biegen mir die anderen
+Mitonares den Bambus auseinander – wenn ich nur hineinkomme.«
+
+Die Mädchen kicherten zusammen unter ihren vorgebeugten Hüten, aber ganz
+leise, und der Zug schritt langsam vorwärts, denn er wuchs mit jedem
+Fußbreit Boden den er gewann, und an dem letzten »Bethaus« hatten sich
+ihm alle »Glieder der Kirche« (~Church members~) in feierlicher
+Procession und von dem Ehrwürdigen Mr. Rowe geführt, angeschlossen.
+
+Ehrwürdige Gestalten selbst, mit ihren braunen Gesichtern und weißen
+Jacken, manche in Hosen, einzelne sogar im Frack und Lendentuch, mit
+Weste und heftig gestärktem Vorhemd, die Beine tättowirt mit allen
+möglichen heidnischen Zeichen, und den Kopf geschoren in christlicher
+Demuth.
+
+Viele davon, ja die meisten, trugen Bücher unter dem Arm, und der stille
+Ernst der in ihren Reihen herrschte, mit der Schaar von
+schwarzgekleideten Männern die jetzt zu ihnen niederstieg und ihrem Zug
+voranging, machte einen eigenen wunderlichen Eindruck auf den Zuschauer.
+
+»Wer wird denn hier eigentlich begraben, Jim?« sagte Mac Rally, als sie
+am Strande hin, in etwa funfzig Stritt Entfernung vom Ufer, den Zug in
+ihrem Boot begleiteten – »das geht ja merkwürdig feierlich zu bei den
+Leuten – wenn ich nicht wüßte daß ich in Tahiti wäre, glaubte ich
+wahrhaftig, ich sei aus Versehen irgendwo in Neu-England angelaufen.«
+
+»Hätt’ ich die Mädchen mit den schauerlichen Hüten da eben nicht tanzen
+sehn,« lachte der Ire, »so glaubt’ ich’s auch – schwarz genug sieht der
+Kopf davorn aus, und dunkel gesprenkelt gehts durch den ganzen Zug; aber
+so ernsthaft werden sie’s wohl nicht meinen, und das Ganze läuft doch
+am Ende wieder darauf hinaus, daß sie den Höchsten ersuchen sich der
+Sache, die sie jetzt in die Dinte geritten haben, anzunehmen, und
+nachher eine Collekte für Missionszwecke sammeln.«
+
+Mac Rally schüttelte mit dem Kopf.
+
+»Und ich glaub’s nicht – wäre das Englische Kriegsschiff nicht da, ja,
+aber der Capitain hält zu ihnen, oder will wenigstens nicht zu dem
+Franzmann halten, was ich ihm auch nicht verdenken kann, und da wird sie
+der Böse wohl plagen daß sie irgend einen gescheuten Streich aushecken,
+bei dem ihnen nachher die Insulaner die Kastanien aus der Asche holen
+müssen. Ich kenne meine Leute.«
+
+»Wetter, jetzt wird’s Ernst!« rief Jim da, über die Bai hinüberzeigend,
+nach der er den Kopf zufällig gewandt – »da kommen die Boote Ihrer
+Majestät, mit wehenden Flaggen, die Tahitische vorn am Bug, darüber wird
+sich unser Französischer Nachbar unendlich freuen.«
+
+»So ~back water~, Jim, dort hinein in die Bucht,« rief Mac Rally, »es
+wird Zeit daß wir landen, und uns den Spaß jetzt vom Ufer aus
+betrachten.«
+
+»Ich habe ebenfalls Nichts zwischen den Booten zu suchen, Sirrah,«
+brummte der Ire, und dem Befehl gehorsam schoß das Boot gleich darauf
+einem der einfachen ausgebauten Landungsplätze zu, an dem es Einer der
+Leute befestigte, während sich die beiden Männer in dem Gedräng von
+Menschen verloren, Europäern wie Insulanern, die Alle dem oberen Theil
+der Bai, Paré genannt, wo die Königin ein großes Bambushaus stehen
+hatte, zuströmte.
+
+Die Leute am Ufer konnten aber nur höchst langsam vorrücken, während die
+Boote rasch über die glatte Bai dahin schossen und ihre Bemannung schon
+ihre Plätze eingenommen hatte, ehe der größte Theil der Missionaire, der
+sich dem vollen Zug bei dem letzten Bethaus angeschlossen, mit demselben
+eintraf.
+
+Die Königin Pomare, oder ~Pomare Waihine~ saß, von ihren Frauen
+umstanden, auf der Verandah ihres Hauses, ihren königlichen Gemahl zur
+Seite. Zur Rechten und Linken befanden sich die Englischen Officiere des
+Talbot mit den verschiedenen auf Tahiti anwesenden Consuln Englands,
+Frankreichs und Amerikas und manchen dort ansässigen Fremden, ebenso die
+Missionaire, und den Hof füllend in weitem Kreis standen die
+verschiedenen Häuptlinge des Landes mit der bunten wunderlichen Schaar
+der Eingeborenen, die sich von Civilisation wie Christenthum zum großen
+Theil gerade soviel zugeeignet hatte, als nöthig war ihnen ihre
+Nationalität zu nehmen, ohne ihnen viel anderes dafür zu bieten.
+
+Es ist wahr, das gute Herz und der treue offene Sinn der Insulaner hatte
+Viele den Segnungen unserer schönen Religion leicht zugänglich gemacht,
+und sie mit Freuden die Irrthümer von sich werfen lassen, denen sie
+überdies nicht aus Neigung sondern nur deshalb angehangen, weil es ihnen
+eben so von ihren Vätern überliefert worden; so entsagten sie dem,
+früher zu einem förmlichen Gebrauch gewordenen Kindesmord[W], ehe sie
+selbst begriffen was das Christenthum eigentlich sei, und nahmen dieses
+besonders deshalb an, weil es ihnen als eine Religion der Liebe wie des
+Friedens geschildert wurde, und sie ihrer Kriege und Streitigkeiten
+schon selber herzlich satt waren. Ja, die Priester entsagten sogar auf
+manchen Inseln zuerst dem Heidenthum, wie der hohe Priester Tati, der
+selber seine Götzen verbrannte, weil er einsah daß die Religion der
+Bleichgesichter in ihren Lehren eine gute sei, und das Volk glücklicher
+machen würde, wenn es ihr folge und seinen Misbräuchen, seinen Kämpfen
+entsage.
+
+Wären die Missionaire dabei stehen geblieben, hätten sie diesen noch
+uncivilisirten, aber jedem Guten empfänglichen Stämmen unser
+Christenthum gebracht wie es Christus lehrte, sie wären ein Segen dem
+Lande geworden und in ihrer Hand lag damals das Glück von Millionen,
+denn kein Stamm der Erde trug den Saamen des Edlen und Guten mehr und
+kräftiger in sich als gerade die Bewohner dieser schönen Inseln, aber
+statt dem wirklichen Kern unseres Glaubens brachten sie ihre Dogmen und
+Streitigkeiten, nichtssagende Formeln und Gebräuche, und die nächste
+Zeit schon sollte lehren wie sehr falsch sie gehandelt und wie ihr
+Ehrgeiz und Stolz der _eigenen Gemeinde nur_, nicht dem wirklichen
+Christenthum Anhänger zu gewinnen, das arme Volk das hier zum Opfer
+ausersehen worden, ehe es nur begreifen konnte um was es sich überhaupt
+handele, in die Gräuel eines Religionskrieges verwickelte.
+
+Hätten die Evangelischen Lehrer sich eben an den reinen und herrlichen
+Kern unserer Lehre gehalten, so konnten ihnen eintreffende Sekten keine
+Bekehrte mehr abtrünnig machen; sie brauchten sie nur auf das
+Eigentliche jedes wahren Glaubens zurückzuführen und der Insulaner hätte
+gewußt _weshalb_ er seine Götzen verbrannte. So aber machten sie die
+Formen zur Hauptsache; ein südliches unserer nordischen Kälte, unseren
+starren Fanatismus nicht gewohntes Volk, das schon durch Klima wie Boden
+von Gott selber angewiesen worden ganz anders zu leben und zu denken,
+sollte nicht allein seine Religion ändern (das war möglich und die
+besser Gesinnten bewiesen bald wie leicht es ihnen wurde guten Lehren
+ihr Ohr zu öffnen), nein auch ein anderes Leben beginnen; sie sollten
+vollkommen andere Menschen werden, Worte singen die sie nicht
+verstanden, Tage lang, statt ihrer Tänze und Spiele, ihr Antlitz in den
+Staub werfen und beten, und wo sie bis dahin dem Himmel frisch und
+fröhlich in’s Auge geblickt, Allem entsagen fast, was ihnen die Natur in
+ihrem reichsten Uebermaß geboten; mit einem Wort jenen dunklen
+Schwärmern und Kopfhängern gleich werden, die selbst in ihrem nordischen
+Vaterland nur theilweis Anhänger finden konnten, und in Streit und Hader
+leben mit anderen Sekten.
+
+Aber noch waren sie selbst darin nicht fest geworden, ja in Vielen sogar
+schon Zweifel aufgestiegen, ob ihre alten Götter nicht mit ihnen
+zürnten, und der neue keine Macht habe sie zu schützen, denn
+ansteckende Krankheiten wütheten unter ihnen und religiöse wie
+politische Streitigkeiten hatten Familien und Stämme entzweit, bei denen
+nur der harmlose gute Charakter der Insulaner selber oft blutiges Ende
+verhinderte. Da warfen die Franzosen ihre Missionaire herüber, die einen
+anderen Gott, einen anderen Glauben brachten, und während die
+Evangelischen Priester die Neugekommenen als Kinder des Satans und
+Götzenanbeter ausschrieen, verdächtigten die Letzteren ihre, ihnen
+allerdings nicht geneigten Vorgänger, und warnten die armen
+Eingeborenen, denen der Kopf wirbelte bei den neuen Dogmen und
+Gebräuchen, auf dem betretenen Wege fortzugehn – denn er führe genau zu
+dem Platz den sie bei Wegwerfung ihrer Götzen hätten vermeiden wollen –
+nämlich zur _Hölle_.
+
+Doch fort mit all solchen traurigen Betrachtungen, soweit sie nicht zu
+nahe mit den Personen selber verknüpft sind, mit denen wir es hier zu
+thun haben – sie thun weh, und man möchte da manchmal mit Keulen drein
+schlagen, die Menschen doch nur – das wenigste was man von ihnen
+verlangen kann – vernünftig zu machen.
+
+So vor denn, Du bunte Schaar, und grüße die Majestät, denn vor dem Hause
+flattert im frischen Morgenwind das Tahitische Banner, der einsame
+bleiche Stern im rothen Feld, und alle Fremden grüßen mit abgezogenen
+Hüten des Landes Königin.
+
+Auch die Eingeborenen folgten, auf ein Zeichen ihres Missionairs, diesem
+Gebrauch, die wenigstens, die Hüte hatten – und begriffen vielleicht
+dabei heut’ zum ersten Mal weshalb sie die wunderlichen Dinger
+eigentlich trugen.
+
+Pomare erhob sich, dankte mit freundlichem Nicken und ließ den Blick
+lange und forschend über die Menschenwogen gleiten, die ihren einfachen
+Palast umlagert hielten. Kaum aber zeigte sie sich so dem Volk, das in
+Liebe und Ehrfurcht an ihr hing, da rief ein alter Mann, ein Häuptling
+von Taiarabu, der unfern der Verandah stand:
+
+»Pomare! unsere Königin, ~ia ore na oe~!«[X] und wie der Schlag des
+Geschützes, der das Echo weckte in den Bergen, faßte den Ruf die Menge
+und laut wie der Brandung Donnerton klang das liebende Wort: »~ia ore na
+oe~!«
+
+Pomare wollte reden, sie hob die Hand und öffnete den Mund, aber die
+Stimme versagte ihr – sie barg die Stirn in der linken Hand und wandte
+den Kopf, ihre Bewegung zu verbergen; da fiel ihr Blick auf die Fremden
+an ihrer Seite, auf die schwarzen Männer Gottes, auf die buntblitzenden
+Uniformen der Seeleute, und gewaltsam raffte sie sich zusammen, nicht
+schwach zu scheinen vor den Fremden.
+
+Ein leiser Wink ihrer Hand rief Raiata, ihren »Sprecher« an ihre Seite
+und wie noch vor wenig Augenblicken ein wildes Meer von Köpfen herüber
+und hinüberwogend mit stürmischen Lauten die Luft erfüllt hatte, legte
+sich der Lärm im Augenblick und wechselte in Todtenstille, daß dumpf und
+dröhnend der fernen Brandung Rollen hörbar wurde über der Schaar, und
+wie ein Segen klang zu dem frommen Wort des Volks.
+
+»Es ist der Königin Wunsch,« klang da die volle klare Stimme Raiatas,
+»daß die Verhandlungen dieses Tages mit Gebet beginnen.«
+
+»Dazu geben wir unsere volle Beistimmung,« nahm da Einer der Missionaire
+rasch das Wort, »und wollen den ehrwürdigen Herren Rowe ersuchen das
+Gebet zu halten.«
+
+Die Königin neigte ihr Haupt und während einer feierlichen Stille, in
+der das Athmen der Menge hörbar war, begann der fromme Mann sein lautes
+Gebet.
+
+»Herr mein Gott, Deine Hand liegt schwer auf diesem Volk, Deines Zornes
+Wucht traf tief und schmerzlich das gebeugte Haupt, und unser Flehen
+steige jetzt auf zu Dir zu Ruhm und Preis, Jehovah, daß Du Dich erbarmen
+mögest unserer Noth.«
+
+»Von über dem Meere her drohete dem friedlichen Strand Gefahr, Deiner
+Kinder frommer Sinn, wie Du ihn gnädig gelegt hast in unsere Hand, wird
+gefährdet durch der Papisten Wort und die eisernen Geschütze unserer
+Feinde, und Deine Hand nur kann uns retten vor Noth und Vernichtung,
+Jehovah!«
+
+»Unsere Feinde sind stark – ihrer Waffen Macht trägt das Meer, und
+Nichts haben wir ihnen entgegenzusetzen als das fromme Wort – als
+_Dein_ Wort o Herr, wie Du es uns gegeben in der heiligen Schrift – o
+Jehovah!« –
+
+»Hier Herr ist ein Volk, ein zahlreiches Volk, auf das kein Strahl
+göttlicher Gerechtigkeit gefallen war in seiner Nacht; das seinen
+mühseligen Weg seit ungekannten Generationen, vielleicht seit dem Beginn
+des Götzendienstes unter Noahs Abkömmlingen in all der Finsterniß, in
+all dem Grausen schrecklichen Wahns seine dunkle Bahn gesucht – eines
+Wahnes der sich unter verschiedenen Verhältnissen aber sonst immer
+derselbe zeigte, und einen so gewaltigen Theil des menschlichen
+Geschlechts umfaßt, dessen vorragende Züge aber immer den Stempel des
+Fluchs getragen, in »Unreinigkeit und Blut.« – O Herr – hier – hier
+ist ein Volk, bei dem seit frühster ältester Zeit menschliche Opfer
+gebracht wurden – hier jener fremde Mummenschanz mit Götzenbild und
+Trug ist getrieben, Mummenschanz den die Betenden nicht einmal begriffen
+und nur gemacht den dunklen Geist der Seinen zu verwirren, ohne Trost zu
+bringen, ohne Ruh, und ohne nur das Herz im Entferntesten zu reinigen
+von der Sünde.« –
+
+»In dieser entsetzlichen Zeit ein Schiff, weit weit am Horizont kommt in
+Sicht – dreitausend Meilen fuhr es über eine Wasserwüste und führt eine
+gewählte Schaar von Passagieren an Bord, die einem festen Ziel
+entgegenziehen – und was das Ziel? – Die Nachricht von Gottes
+Vaterhuld zu bringen einer verderbenden Welt, das Heil denen zu bringen,
+die bereuen und glauben und den mit Blindheit geschlagenen Heiden den
+Weg zu zeigen zu Gottes Paradies. Die Herolde, die fröhlichen Muthes
+ausgegangen diese göttliche Proclamation zu verkünden sind unsere Brüder
+– von der Thür jenes Heiligthums aus begannen sie ihren Weg der Gnade.
+Mit Liebe und Anhänglichkeit an ihr Vaterland, mit Aussicht auf Erwerb
+und Achtung daheim, mit Gesundheit und Freuden und Allem was dies Leben
+wünschenswerth machen konnte, entsagten sie ruhig dem Allen, rechneten
+Alles nur Verlust, wo sie des Vortheils theilhaftig werden konnten den
+Heiland zu predigen diesen, dem Untergang geweihten Inseln.«
+
+»Sie waren auf Gefahr gefaßt, auf Noth und Hunger, auf stürmische See
+und blutgierigen Feind, auf Verfolgung der Götzenpriester und ihren Haß,
+auf blinden Wahn und alle Schrecken blinderen Aberglaubens; und Alles
+Alles haben sie besiegt, mit der Hülfe des Herren Zebaoth da droben und
+seiner Macht, und Jesus Christus seinem eingeborenen Sohn, und dem
+heiligen Geist in all seiner Herrlichkeit und unerschöpflichen Gnade.
+Aber – nicht gefaßt waren sie auf den Feind im Lager unter den eignen
+Brüdern – nicht gefaßt darauf daß ein anderes Christliches Reich seine
+Boten des Hasses und Aberglaubens senden würde in dies Inselland, das
+fromme Werk zu stören, zu verderben. Aber sieh, des Herren Hand ist
+stark auch in dem Schwachen, und wie der Widerstand den Gegendruck
+erhöht und stärker macht, so hat sich jetzt das ganze Volk erhoben wie
+_ein_ Mann, zu zeigen daß es Gott verehrt in Seiner Herrlichkeit – aber
+auch nur in _Seinem_ Wort, und von sich werfen will, was seinem Lande
+wie seinem Geiste Fesseln legen möchte zu Schmerz und Schmach.«
+
+Pomare wandte den Kopf nach dem Redner, und das Blut schoß ihr in vollen
+Strömen in Stirn und Schläfe – es war als ob sie reden wollte, aber
+nach wenigen Secunden senkte sie wieder die Augen zu Boden und der
+Ehrwürdige Mann fuhr fort.
+
+»Der Antichrist hat sich erhoben unter uns – nicht frei und offen aber
+trat er auf, dem ehrlichen Feind gegenüber der ehrliche Feind; nein
+schlau und heimlich schlich er herbei mit gleisnerischem Wort und Blick,
+fromme Worte auf den Lippen und Trug im Herzen. Wehe! Wehe über ihn,
+wehe wehe über Euch wenn Ihr ihm lauschtet was er Euch vorerzählt mit
+der Doppelzunge – der Fluch bliebe nicht aus, und was durch Gottes Hand
+gesäet in den langen Jahren der Trübsal und des Leides, das mähte des
+Teufels Hand nieder in _einer_ schwarzen Stunde.«
+
+»Das Gebet!« flüsterte einer seiner Amtsbrüder, denn die Königin hob
+wieder den Kopf und seufzte auf, wie von innerer Angst beklemmt.
+
+»Ich bin der Herr Dein Gott, Du sollst nicht andere Götter haben neben
+mir« – fuhr aber der Geistliche in vollem Eifer und hingerissen von dem
+Thema fort – »nicht buntes Schnitzwerk, bunten Kleides Zier, nicht
+leere Formeln und hohles Wort sind des Christen Schmuck, ein demüthiges
+Herz nur und einfacher Sinn –«
+
+»Das Gebet,« mahnte dringender die Stimme, denn unter dem Volke auch
+wurde jetzt manche Stimme laut, und selbst unter den gegenwärtigen
+Fremden, von denen mehrere der Römischen Kirche angehörten, erhob sich
+ein leises Murren und nur wohl die Gegenwart der Königin hielt eine
+förmliche Einrede zurück. Der ehrwürdige Mr. Rowe hielt einen Augenblick
+ein und schaute mit einem verklärten Blick zum Himmel, dann aber, wie
+von seinen Gefühlen übermannt, sagte er mit gedämpfter, anfangs kaum
+verständlicher, doch wieder wachsender, anschwellender Stimme:
+
+»Dein sei der Preis und die Ehre in der Höhe, Jehovah, Dein sei die
+Herrlichkeit – schütze unsere Brüder in dieser Inselwelt, schütze das
+ganze Christenthum vor den Versuchen des Pabstthums.«
+
+»Gieße Deinen Heiligen Geist aus von da droben auf alle Evangelische
+Kirchen, und vereinige sie zu Einem lebendigen Glauben.«
+
+»Gieb allen Christen, vorzüglich aber den Pastoren und Evangelisten
+Kraft und Muth Rom zu widerstreben und das glorreiche Reich Jesus
+Christus unseres Herren und Gottes aufzurichten.«
+
+»Zerstöre rasch, bei dem Geist Deines Mundes (2. Thess. 11, 8.) die
+tödtlichen Irrthümer des Pabstthums; brich das Joch, das es auf die
+Nacken so vielen Volkes gedrückt, und führe durch Deinen Rath die
+Seelen, die es von Christus sonst entfernen möchte und die uns werth und
+theuer sein müssen, zur glorreichen Freiheit ein der Kinder Gottes –
+aber –«
+
+»Amen!« fielen in diesem Augenblick die ihm nächsten Brüder laut und
+rasch ein – und _Amen_ riefen die Umstehenden, _Amen_ hallte es, wie
+dumpfen Donners Ton leise und scheu von den Lippen der Tausende, die das
+kleine Haus umdrängt hielten, und deren Blicke an dem ernsten Mann
+hingen wie er zu _seinem_ Gott sprach für ein fremdes Volk. Die Fremden
+aber, denen die fanatische Predigt schon viel zu lange gedauert, holten
+tief Athem, räusperten sich und flüsterten mit einander – der
+Geistliche konnte nicht weiter beten.
+
+Pomare bog sich jetzt leise zu ihrem Sprecher über, und Raiata den Arm
+ausstreckend über das Volk, sagte mit seiner lauten, auch zu den
+Entferntesten klar und deutlich dringenden Stimme:
+
+»Ihr Männer von Tahiti und Imeo, Häuptlinge und Volk, und Ihr Fremden
+die Ihr gegenwärtig seid an diesem Tag, und Theil nehmt an unserem
+Schicksal; die Königin Pomare, Aimata, wird zu Euch sprechen und mit
+Euch sprechen über das Eingreifen einer fremden Macht in ihre Rechte,
+das sie, wenn sie es duldete, nicht mehr Königin sein ließ auf dem Thron
+Otu’s. – Erwäget wohl was heute verhandelt wird, es ist eine wichtige
+Sache und kein blinder Eifer dafür oder dagegen sollte die Entscheidung
+lenken, aber redet auch in Frieden und betet zu Gott daß _wenn heute
+doch zornige Worte gesprochen werden sollten, sie mild und weich werden,
+wenn sie in Euer Herz eingehn, und dort nicht Aerger und bösen Geist
+erzeugen_.«
+
+»Segne meine Seele Jim, was die da erst kreuz und queer um den Compaß
+gehn, ehe sie den richtigen Cours kriegen,« sagte unser alter Bekannter,
+Mac Rally, zu seinem Begleiter, mit dem er sich ziemlich dicht zur
+Verandah, an der Seite aber an welcher die Missionaire standen,
+vorgedrängt hatte. Hier befanden sich die beiden auch fast hinter dem
+ganzen weiblichen Theil der Versammlung, der sich ohne frühere
+Verabredung, und eigentlich nur der ersten frommen Abtheilung der
+Mädchen folgend, da zusammengefunden und seinen Platz behauptet hatte.
+
+»Die Sache wird langweilig,« meinte Jim gähnend – »jetzt werden sie
+gleich an zu singen fangen, und wenn wir nicht hier die hübsche
+Nachbarschaft hätten –«
+
+»Ruhe da! – Still! – gebt Frieden!« tönte es von mehren Seiten, und
+Aller Köpfe wandten sich den beiden Seeleuten zu, die dadurch die
+Aufmerksamkeit der Menge weit mehr auf sich gezogen sahen, als sie wohl
+vermuthet. Raiata begann aber in demselben Augenblick wieder, und jetzt
+zwar mit Vorlesen einer langen Rede Pomares in Tahitischer Sprache, in
+der er zuerst ihre Gefühle bei dem jetzigen politischen Stand der Dinge
+beschrieb, bei welchem sie sich selber als verbannt von ihrem Königreich
+betrachten müsse, und das Volk dann aufforderte diesem Zustand durch
+energisches, aber auch einiges Handeln ein Ende zu machen.
+
+Dann wurde ein Brief des Englischen Admirals verlesen, der die
+Theilnahme der Königin von England für die Königin von Tahiti
+ausdrückte[Y] und auf das beifällige Murren der Versammlung wandte sich
+Raiata nun zu den verschiedenen Häuptlingen der nächsten Distrikte, ihre
+Meinung zu hören.
+
+»Fanue sprich Du was Du denkst von der Gestaltung der Dinge im Reich. –
+Der Aelteste bist Du, Pomare frägt Dich, willst Du die Flagge
+beibehalten wie sie ist, oder Dich der neuen Herrschaft beugen?«
+
+Fanue, ein Greis, tättowirt noch aus der Heidenzeit und mit einem
+Tapa-Mantel statt des bunten Kattuns, wie ihn fast alle Anderen trugen,
+stand, auf seinen Stab gestützt, und schien die Anrede, als etwas
+Selbstverständliches schon lange erwartet zu haben. Aber der Ton seiner
+Stimme klang rauh, rauh wie das Wort das er sprach, und das lange weiße
+Haar, das er nicht abgeschnitten hatte wie viele der »gläubigen
+Christen«, zurückwerfend aus der Stirn sagte er finster:
+
+»Raiata hätte sich die Frage sparen können, er weiß wie Fanue denkt und
+gedacht hat seit sie Oros Bildniß auf den Inseln stürzten. Der Fremden
+sind hier zu viel gewesen von vorn herein, und es ist nicht
+wahrscheinlich daß ich ihnen jetzt das Wort reden sollte. Was der Ferani
+dabei für ein Recht hat uns regieren zu wollen? – dasselbe Recht das
+sich der Hai nimmt, wenn er in unsere Binnenriffe kommt – nur daß sich
+der Haifisch schämt, wenn er von Menschen dabei erwischt wird, und
+wieder zurückgeht – und der Ferani _nicht_. Aber es giebt viele Arten
+von Hai’s,« setzte er langsamer hinzu und sein Blick schweifte düster
+über _alle_ Weiße – »eine vorsichtiger – feiger wie die andere. Fanue
+möchte einen Corallenblock nehmen und die Einfahrt verstopfen – nachher
+ließe sich leicht reine Bahn machen.«
+
+»Aber Du stehst der Frage keine Rede Fanue,« sagte Raiata ungeduldig,
+»willst Du die _Fahne_ beibehalten?«
+
+»Ich wußte nicht daß das bunte Spielzeug bei Euch die Hauptsache ist,«
+sagte der Greis mürrisch – »wenn’s denn einmal eine sein muß, ist die
+so gut wie jede andere – weshalb wechseln? aber Otu wußte Nichts von
+solchem Tant.«
+
+»Fanue stimmt also für Beibehaltung der Englischen Flagge,« fiel hier
+Mr. Dennis, Einer der Missionaire von Imeo in das Wort – »von solchem
+würdigen Mann war das nicht anders zu erwarten.«
+
+»Und Du Aonui?« fuhr Raiata fort.
+
+»Halt ein, Pomare!« rief aber in diesem Augenblick Mr. Mörenhout der
+Französische Consul, der der Verhandlung bis dahin schweigend aber mit
+krauser Stirn gelauscht – »das überschreitet Euere Macht. Der Vertrag,
+den Du sowohl, wie vier Deiner ersten Häuptlinge unterschrieben, giebt
+Dir nicht mehr das Recht hier zu entscheiden, was schon entschieden
+_ist_. Du bist die Königin dieser Inseln und wirst es bleiben, kannst es
+aber nur unter Frankreichs Schutz, das Dir ein besseres Bündniß bot als
+Deine Priester – gieb Dich nicht wieder ganz in ihre Macht, Du würdest
+es sicherlich zu spät bereuen.«
+
+»Dir ziemt keine Drohung hier, Consul Mörenhout,« sagte aber Pomare sich
+von ihrem Sitz erhebend – »ich war freundlich gegen Dein Land gesinnt
+– es ist ein mächtiges Land und ich streckte dem Könige Deiner Insel
+die Hand entgegen, weil ich glaubte daß er mich sicher führen würde in
+vielem Wirrsal und Leid, das Gott über mich verhängt hat. Aber die Hand
+die mich führen sollte faßte mich so fest an, daß ich laut aufschrie –
+sie that mir weh und ich will allein gehn jetzt auf meiner Bahn.«
+
+»Die Königin hat freie Wahl hier, zu thun und zu lassen was ihr
+gefällt,« nahm jetzt, als der Französische Consul erwiedern wollte, der
+Englische Capitain das Wort – »_gezwungene_ Versprechen binden nicht,
+und ihrer eigenen Aussage nach _ist_ sie dazu gezwungen, und zwar in
+einem Zustand gezwungen worden[Z], in dem die _Frau_ schon sicher sein
+sollte vor jeder Belästigung von außen her. Die Verhandlung hier
+übrigens, steht unter _meinem_ besonderen Schutz.«
+
+»In dem Fall,« entgegnete der Französische Consul finster, »kann ich
+Nichts thun als gegen Alles feierlich protestiren, was die geschlossenen
+Verträge des Landes, das ich hier zu repräsentiren die Ehre habe,
+verletzt; thun Sie was Sie verantworten können.«
+
+Eine kalte Verbeugung des Engländers antwortete ihm, und Raiata, über
+dessen Züge ein triumphirendes Lächeln flog, wiederholte seine Frage an
+Aonui, einen Häuptling aus Matavai-Bai.
+
+Aonui war ein frommer Christ – den geschorenen Kopf entblößt, trug er
+seinen Strohhut in den gefalteten Händen, und hatte schon seit der
+ersten Ansprache, und ohne auch nur den Blick auf einen Moment den
+Rednern zuzuwenden, zum Himmel aufgeschaut, dessen klare Bläue nur hie
+und da durch einzelne leichte Wolken unterbrochen und kaum gestört
+wurde. Er trug weiße Hosen und eine weiße Jacke, über die ersteren aber
+nichtsdestoweniger den Pareu und ein buntes roth und gelb gestreiftes
+Hemd, um den Hals eine feste schwarze Binde und kleine steife Stehkragen
+dort hinein geknüpft – er hatte das bei seinen Lehrern gesehn und
+Freude daran gefunden sich ebenso zu tragen. Bei der zweiten Anrede
+neigte er leise den Kopf, dann aber rief er plötzlich mit lauter und
+freudiger Stimme:
+
+»Jehovah sei Preis in der Höhe, sein die Ehre – aber Pomare ist unsere
+Königin ~ia ore na oe~, und die Britische Flagge die natürlichste
+unseren Herzen, unserem Glauben.«
+
+»Setz _unseren Interessen_ hinzu Aonui!« unterbrach ihn da Tati, der mit
+Ungeduld die Zeit erwartet zu haben schien, selber reden zu dürfen –
+»setz _unseren Interessen_ hinzu, aber laß das _Herz_ fort. Die
+natürlichste unseren Herzen muß und wird die Landesflagge sein, die
+rothe Fahne mit dem weißen Stern, oder besser noch die weiße
+Kriegesfahne unserer Väter!«
+
+»Aonui redet!« rief aber der Sprecher der Königin, seinen Stab erhebend,
+»Tati wird reden wenn die Königin befiehlt.«
+
+»Tati wird« – rief der stolze Häuptling wild und trotzig emporzuckend,
+aber er bezwang sich selbst, sogar noch ehe Paraitas Hand warnend seine
+Schulter berührte, und die Arme fest auf der Brust gekreuzt, die
+Unterlippe zwischen die Zähne gebissen, daß das Blut daraus zurückwich,
+blieb er stehn und schaute finster vor sich nieder.
+
+»Friede mein Bruder!« fuhr aber Aonui freundlich und mit ruhiger Stimme
+fort – »Friede sei zwischen uns immerdar, aber meiner Meinung bleib ich
+treu; die Britische Flagge muß unseren Herzen die theuerste sein, denn
+Groß-Britannien sandte uns die Bibel, und damit, glaub’ ich, hab ich
+Alles wohl gesagt. – Die heilige Schrift ist unter uns, mehr brauchen
+wir nicht!«
+
+»Nein, mehr brauchen wir nicht – wir haben unsere eigenen Gesetze und
+Lehrer und die Bibel – das genügt uns – fort mit der anderen Flagge!«
+fielen jetzt viele andere Stimmen ein, und »das sagt Terate, das sagt
+Avei – das sagt Nane ini!« rief es von drei verschiedenen Seiten in den
+Lärm.
+
+Die Missionaire schwiegen, aber mit aufgehobenen Händen standen sie da
+und in Bruder Rowes Augen glänzte eine Thräne.
+
+»Gut von Dir Nane ini! gut von Dir Avei und Terate. Ihr habt Eueren
+frommen christlichen Sinn bewährt!« rief aber Raiata und nickte da und
+dort hinüber; »Ihr seid Pomares Freunde, und der Sturm wird Euch nur
+fester in den Boden wurzeln. Jetzt aber spricht die Königin durch mich
+zu Dir, Tati, Häuptling und Richter von Papara, aber Vasall Pomares, der
+freien Königin von Tahiti und Imeo – und fragt Dich weshalb hast Du
+Hülfe gesucht bei den Feranis ohne Wissen Deiner Königin, ja ohne ihr zu
+künden was Du thatest?«
+
+Tati wollte sprechen, und seine ganze Gestalt zitterte vor innerer
+Aufregung. Er war heute in einen weiten Zeugmantel gehüllt, der in
+malerischen Falten bis über seine Knie hinunterhing, in den Haaren aber
+trug er, wie zum Trotz der anderen Parthei, die alten Häuptlingsfedern
+stolz befestigt.
+
+»Und Tati bleibt die Antwort schuldig?« frug höhnisch der Sprecher.
+
+»_Nein, nein, nein_ und abermals _nein_!« schrie aber jetzt der stolze
+Häuptling, dessen Zorn die Oberhand gewann – »nur nicht ich brauche zu
+antworten solcher Frage – dort die Männer an Deiner Seite, die
+schwarzen mit dem frommen Blick mögen Dir Rede stehn, wenn Du so
+neugierig bist.«
+
+»Wir? – wer? – wir?« frugen die Missionaire allerdings erstaunt, und
+vielleicht auch bestürzt über den trotzigen Ton des einflußreichen und
+immer noch gefährlichen Mannes.
+
+»Ihr – und noch einmal sag ich’s, _Ihr_!« rief aber, uneingeschüchtert
+der Häuptling, jetzt vortretend und den rechten nackten tättowirten Arm
+gegen sie ausstreckend. »Das unnatürliche Verhältniß,« fuhr er dann
+etwas ruhiger, aber immer noch in aufgeregter Stimmung fort, »das dieses
+Land in seinen Banden hält, trägt jetzt die Schuld unseres Zwiespaltes,
+und wird, Gott sei es geklagt, noch später sogar blutige Früchte tragen.
+Euch verhüllt ein Mantel unter dem Ihr Euch versteckt oder vorkommt, wie
+es Euch paßt, und den Frieden Gottes auf den Lippen könntet Ihr mit
+Euerer Nichts vernichtenden Ruhe, einem Heiligen die Kriegskeule in die
+Hand pressen und den Wurfspeer. Ihr Prediger allein seid es gewesen, die
+unser Land regiert seit sie Pomare den Zweiten in sein kühles Grab
+gelegt. Ihr habt Gesetze aufgeschrieben und durch der Häuptlinge Mund
+wurden sie That; Ihr habt Strafen aufgeschrieben, und durch der
+Häuptlinge Hand wurden sie Wahrheit. Ihr waret es, die uns das Buch
+erklärten, das Ihr die heilige Schrift nennt – wir kannten es nicht,
+Gott hatte uns im Dunkel gelassen über sein Reich. – Ihr habt viel
+Gutes gethan, Ihr habt die Väter verhindert daß sie ihre Kinder
+erschlugen, Ihr habt manches Leben gerettet, denn Oros Priester sind von
+diesen Inseln verschwunden, und sie schlachten keine Opfer mehr; aber
+Ihr habt auch das Vertrauen des Volkes zu seinen Fürsten und Häuptlingen
+untergraben, und nennt die Bibel wenn man Euch fragt warum. Ihr habt
+unsere Gebräuche und Feste vernichtet, und die Bibel ist der Grund auf
+den Ihr fußt – Euere Gesetze und Strafen, fragt man Euch woher? aus der
+Bibel –«
+
+»Aber Tati,« unterbrach ihn hier Aonui mit frommem Blick – »das ist ja
+–«
+
+»Ruhe dort wenn Tati spricht!« donnerte ihm aber der Häuptling entgegen
+und sein Fuß stampfte den Boden; dann jedoch, nach kurzer Pause, in der
+das Volk athemlos seiner klangvollen Stimme lauschte, fuhr er fort –
+»Das ist gut – das Buch der Bücher ist ein fester Grund und Ihr
+versteht darauf zu bauen, aber laßt es nicht den Wall sein hinter den
+Ihr springt Euch zu verbergen. Als jene fremden Priester die in unser
+Land gekommen waren, _durch Euch_ verbannt wurden von dieser Insel –«
+
+»Das ist falsch,« unterbrach ihn der Missionair Rowe mit einem frommen
+Blick nach oben und tiefen Seufzer, »das ist falsch, denn Tahitis
+Gesetze sprachen allein ihr Urtheil.«
+
+»Und _wer_ gab die Gesetze, die sie damals trafen?« lachte mit bitterem
+Hohn und trotzigem Zornesblick der Häuptling – »_Ihr_! – Wer _deutete_
+sie der Königin gegenüber? Ihr! Wagt es und sagt die Königin ist frei –
+es ist nicht wahr; in Eueren Maschen liegt sie, in Euerem Netze liegt
+das fanatisirte Volk, das nur des Aufrufs bedarf und einen Bibelvers,
+sich blind dahin zu stürzen wohin _Ihr_ es verlangt. Dreht Euere Augen
+zum Himmel – Gottes Tod – hier steh ich und der Herr da oben mag mich
+stürzen, wenn ich ein einzig falsches Wort nur spreche, ein einziges
+Wort, das mir nicht warm und wahr in der Seele glüht, und meinen Pulsen
+Fieberhitze giebt. – Die Gesetze? die Häuptlinge? nicht Ihr? – wagt es
+und sagt das Euerer Königin in’s Gesicht – sagt das Fanue, Terate und
+Avei – nicht Ihr? die Häuptlinge, das Volk führen es aus, Ihr aber, mit
+der Bibel in der Hand steht Ihr dahinter, und _Euer_ Ruf ist es –
+heimlich oder laut – der sie treibt.«
+
+»Nicht als Ankläger, Tati von Papara, sondern als Vorgerufener sollst Du
+Rede stehn Deiner Fürstin!« rief aber jetzt Raiata, der mit einem leisen
+Anflug von Schadenfreude des Häuptlings Zorn auf Leute hatte ausströmen
+sehn, die ihm bis dahin viel zu mächtig geschienen es auch nur für
+möglich zu halten; aber die Königin winkte und er mußte gehorchen.
+
+»Ei wenn Pomare denn _mit Willen_ blind ist,« rief der Häuptling
+trotzig, »mags drum sein; was kümmerts mich! So nimm denn Deine Antwort:
+Weil wir die Lösung unserer Wirren mit den Feranis denen überlassen
+wollten die sie herbeigeführt – den Missionairen; von denen aber im
+Stich gelassen, denn sie leugneten bei dem Fortschicken der Römischen
+Priester auch nur im mindesten betheiligt gewesen zu sein, und von dem
+Franken bedrängt, ja in ihm selber vielleicht einst eine Stütze sehend
+in schwererer Zeit gegen solche _heimliche_ Feinde, schrieb ich meinen
+Namen unter das Papier – bist Du zufrieden nun?«
+
+»Und Du Utami?«
+
+»Tati hat den Grund genannt,« entgegnete der allgemein geliebte Richter,
+und einzelne Stimmen des Beifalls wurden schüchtern laut.
+
+Und Paraita? und Hitoti?
+
+»Utami und Tati hatten unterschrieben,« nahm hier der vorsichtige
+Paraita das Wort, »wir hielten’s nicht der Mühe werth da lang darüber
+nachzudenken; Utami denkt allein für Viele.«
+
+»Und billigt Hitoti ebenfalls diesen Grund?« frug noch einmal der
+Sprecher.
+
+»Ich habe nicht nöthig Andere vorzuschieben,« brummte der Häuptling –
+»weil ich es für das Beste des Landes hielt that ich’s, und weil mir das
+Volk mehr am Herzen liegt als die Kirche – es mag ein Fehler sein, aber
+’s ist wahr.«
+
+Da erhob sich Pomare selber, ihr Antlitz von leisem Roth überhaucht, der
+den lieben Zügen einen noch viel höheren Reiz verlieh, und mit der
+Rechten sich auf den Stuhl stützend auf dem sie gesessen, sagte sie
+leise, und doch mit den weichen Tönen bis zu den entferntesten dringend,
+die in laut- und athemloser Spannung ihren Worten horchten.
+
+»Und _wünscht_ Ihr, Häuptlinge meines Landes, die Hülfe, den Schutz der
+Feranis?«
+
+»Nein, nein, beim ewigen Gott! nein!« riefen die Häuptlinge, Tati und
+Hitoti an der Spitze, durcheinander.
+
+»Was brauchen wir den Fremden?« fuhr Tati fort, den weiten Mantel von
+seinem Arm zurückschleudernd, »unsere Bäume sind fruchtreich, unsere
+Quellen süß, und kamen _wir_ zu ihm zuerst, Nahrung zu holen auf der
+Reise, oder er zu uns? Trenne Tatis Hand vom Rumpf wenn sie sich je
+ausstrecken sollte einen Fremden um Hülfe anzurufen – so lange er sich
+im eignen Lande helfen _darf_.«
+
+»Nein, wir wollen keine Hülfe von Fremden« wiederholte nochmals Hitoti,
+»aber laß dann auch Deine Priester zu dem stehn was sie sind – die
+Lehrer unserer Kinder, unseres Volkes. Als Richter aber brauchen wir sie
+nicht – sie kennen unser Land nicht, nicht unsere Sitten, unsere
+Bedürfnisse – sie kennen nur Gottes Wort – laß sie das lehren, und wir
+wollen ihnen folgen und sie ehren.«
+
+Die junge Königin winkte, leicht dankend mit der Hand, und Raiata,
+wieder das Wort ergreifend, fuhr fort:
+
+»So melde ich Euch denn, Ihr Häuptlinge und Eingeborene der Insel, Euch
+Fremden und Geistlichen die Ihr Antheil an uns und unserem Lande nehmt,
+daß es der Königin Wunsch und Wille ist mit allen fremden Nationen und
+Fürsten auf freundschaftlichem Fuß zu stehen und zu bleiben; sollte sie
+aber je die Hülfe irgend einer Nation verlangen müssen – was Gott
+verhüten möge – _so sei das_ Land kein anderes als Groß-Britannien, und
+stürbe sie, von diesem Lande sollte ihr Erbe und ihres Erben Erbe Schutz
+erbitten, zur spätesten fernsten Generation hinab. Ihr großer
+Bundesgenosse ist England; von dort hat sie ihre Lehrer, ihre
+Civilisation, ihre Gesetze und Religion erhalten, und sie will keinen
+anderen Bundesgenossen als den Briten.«
+
+»England hat uns die Bibel gebracht!« rief ein Theil der Häuptlinge
+durcheinander – »es hat uns den Heiland kennen gelehrt.«
+
+»Und Krankheiten, die uns das Fleisch von den Knochen faulen machen,«
+knirrschte Tati zwischen den Zähnen – »meinetwegen verschreibt Euch dem
+Teufel.«
+
+»England ist unser Heil, unser Stolz – England ist unser Anker in der
+Noth und im Sturm!« rief wieder ein Theil der Oberen, und der Englische
+Capitain neigte sich dankend dem bunten Chor, in Anerkennung dieser
+Freundlichkeit; Tati aber nahm Utamis Arm und wollte ihn fort aus dem
+Gedränge ziehen.
+
+»Warte noch,« sagte Utami, »erst kommt noch ein Gebet von Einem der
+frommen Männer,« und dem schon gegebenen Zeichen gehorchend, beruhigte
+sich wieder das wachsende Toben der Menge, aber Tati schüttelte
+ärgerlich mit dem Kopf und sagte, den Freund mit sich fortziehend:
+
+»So laß sie beten und singen, und meinetwegen – aber ich will mich
+nicht ärgern über das schwarze Volk; fort, fort mit den albernen und
+quälenden Gedanken, die mir nicht Ruhe noch Frieden lassen. Das Volk ist
+blind, und in tollem Aberglauben, mit dem es sich jetzt gerade so auf
+die ihm unverständlichen Sagen stürzt, wie es früher von den Wundern
+Oros und der anderen Götter träumte, läßt es sich von Jedem die Hände
+binden, der im Stande ist ihm den Schleier über die Augen zu werfen.
+Fort, wieder hinaus in’s Freie; die Komödie ist aus und die schwarzen
+Areois haben ihre Sache gut gemacht.«
+
+Und ärgerlich den Mantel um sich her ziehend, ohne den Blick
+zurückzuwerfen, schritt er die Straße entlang die hinein in die Stadt
+führt.
+
+
+Fußnoten:
+
+[T] Die Raanocke an Bord eines Schiffes ist das äußerste Ende der Raaen
+genannten Queerhölzer, an welchen die Segel befestigt sind. Bei
+Executionen an Bord werden die zum Strang Verurtheilten an der Raanocke
+aufgezogen.
+
+[U] Mein Herzchen.
+
+[V] Die Indianer der Südsee nennen das Gold ~perú~.
+
+[W] Das Wort _Kindesmord_ klingt aber hier auch schlimmer wie es in
+Wirklichkeit war, wenigstens fand Alles dabei statt, was sich nur irgend
+zur Milderung eines so entsetzlichen Verbrechens denken läßt. Die Inseln
+waren übervölkert (ein Uebelstand dem die Civilisation jetzt vollkommen
+abgeholfen hat) und die Frauen wurden als den Männern in jeder Hinsicht
+untergeordnete Geschöpfe betrachtet, hatten also auch keine Stimme bei
+dem Tödten der Kinder. Alle Berichte, selbst die der Missionaire stimmen
+übrigens darin überein, daß Kinder _nur_ gleich nach der Geburt,
+entweder von dem Vater selber oder einem Anderen, fortgenommen, in eine
+schon dazu bereitete Grube geworfen und mit Erde bedeckt wurden, _ein
+nur eine halbe Stunde altes Kind war vollkommen sicher und wurde nie
+getödtet_.
+
+[X] Mögest Du gerettet werden.
+
+[Y] Das war im Februar, im März wurde aber erst die Besitznahme der
+Inseln durch die Franzosen in England bekannt.
+
+[Z] Pomare erwartete gerade in jener Zeit, als sie Du Petit Thouars um
+ihre Unterschrift bedrängte, jede Stunde ihre Entbindung.
+
+ * * * * *
+
+Druck von _Ferber & Seydel_ in Leipzig
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Die Schreibweise einiger Wörter ist im
+Originalbuch inkonsistent. Im vorliegenden ebook wurden lediglich
+offensichtliche Druck- und Zeichensetzungsfehler korrigiert.
+
+Das Buch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen wurden
+folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: ~Antiquatext~
+Fettdruck: #fetter Text# ]
+
+
+
+[Transcriber’s Note: The spelling of some words is inconsistent in the
+original book. Only obvious typos and errors in punctuation have been
+fixed in this ebook.
+
+The book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been replaced
+by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: ~text in Antiqua font~
+Boldface: #bold text# ]
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Tahiti. Erster Band., by Friedrich Gerstäcker
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TAHITI. ERSTER BAND. ***
+
+***** This file should be named 20412-0.txt or 20412-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/0/4/1/20412/
+
+Produced by richyfourtytwo, Holt and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
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+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
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+ address specified in Section 4, "Information about donations to
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+1.F.
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
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+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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@@ -0,0 +1,7521 @@
+The Project Gutenberg EBook of Tahiti. Erster Band., by Friedrich Gerstäcker
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Tahiti. Erster Band.
+ Roman aus der Südsee
+
+Author: Friedrich Gerstäcker
+
+Release Date: January 22, 2007 [EBook #20412]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TAHITI. ERSTER BAND. ***
+
+
+
+
+Produced by richyfourtytwo, Holt and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ TAHITI.
+
+
+ _Roman aus der Südsee_
+
+ von
+
+ #Friedrich Gerstäcker.#
+
+
+ Zweite unveränderte Auflage.
+
+ Erster Band.
+
+
+ Der Verfasser behält sich die Uebersetzung dieses Werkes vor.
+
+
+ #Leipzig,#
+
+ _Hermann Costenoble._
+
+ 1857.
+
+
+
+
+Der
+
+#J. G. Cotta'schen Buchhandlung#
+
+die es ihm möglich machte den langgehegten Wunsch
+einer Reise um die Welt auszuführen, bringt diese
+_erste Frucht_ derselben
+
+_in dankbarer Hochachtung_
+
+#der Verfasser.#
+
+
+
+
+#Inhalt des ersten Bandes.#
+
+ Seite
+Cap. 1. Der Wallfischfänger 1
+
+ " 2. Die Flucht, und welchen Dollmetscher René fand 19
+
+ " 3. Das Mädchen von Atiu 47
+
+ " 4. Der Mi-to-na-re 69
+
+ " 5. Das Geständniß 124
+
+ " 6. Was der ehrwürdige Mr. Rowe dazu sagt 155
+
+ " 7. Der Verrath, und wie sich beide Theile dabei irrten 180
+
+ " 8. Tahiti 224
+
+ " 9. Die vier Häuptlinge 253
+
+ " 10. Die Versammlung 273
+
+
+
+
+Capitel 1.
+
+#Der Wallfischfänger.#
+
+
+Von einem leichten Ostpassat getrieben, dazu die Obersegel fest, ja
+sogar noch mit einem Reef im Kreuzsegel, der vor einigen Abenden
+hineingenommen, und den man sich gar nicht die Mühe gegeben hatte wieder
+auszustechen, kam ein schwerfälliges, schmutzig aussehendes Schiff
+langsam bei dem Winde nach Süden herunter und näherte sich einer, in der
+Ferne eben sichtbar werdenden kleinen hohen Insel der Cooksgruppe.
+
+Schon die großen fettigen Stellen in den Segeln, auf denen die Leute,
+nach dem Thranauskochen, beim Reefen allabendlich gelegen, verriethen
+den Wallfischfänger, hätten ihn nicht auch die, an besonderen Krahnen
+zu beiden Borden aufgehangenen und noch auf Querstützen über Deck
+besonders gehaltenen Boote als solchen dargethan. Andere Fahrzeuge
+besuchten auch selten diese Gewässer und selbst die Wallfischfänger nur
+in diesen Monaten Januar und Februar, ehe sie wieder mit einbrechendem
+Frühling nach Norden aufgingen, die einträglichere, wenigstens
+ergiebigere Jagd der »rechten Wallfische« der der Spermacetis
+vorzuziehen.
+
+Es war diesmal aber noch ziemlich früh in der Jahreszeit und der
+Delaware, wie der Wallfischfänger getauft worden, hatte im Anfang
+beabsichtigt gerade zu Tahiti anzulaufen; durch den starken Ostpassat
+aber und die klein geführten Segel, wie mit der starken
+Aequatorialströmung gegen sich zu viel nach Westen versetzt, mußte er
+erst wieder nach Süden hinunter, etwas mehr in die Region der
+veränderlichen Winde zu kommen, oder auch vielleicht einen der dann und
+wann einsetzenden Westwinde zu benutzen, und beschloß jetzt nur die
+erste in Sicht befindliche Insel anzulaufen, um einige Erfrischungen und
+vielleicht etwas Holz einzunehmen.
+
+Das Wasser zwischen diesen Inseln ist übrigens, häufiger Riffe wegen,
+den Schiffen oft gefährlich, und die mit den Localitäten nicht sehr gut
+vertrauten Fahrzeuge machen, wenn sie in solchen Gruppen nichts zu thun
+haben, lieber einen ziemlich bedeutenden Umweg, sie zu umgehen, als daß
+sie sich leichtsinniger Weise hineinwagen. Mit einem Wallfischfänger ist
+das aber ganz etwas anderes; er versäumt, sobald er sich erst einmal auf
+seinem Jagdgrund befindet, keine Zeit mehr, denn wenn er segelt, hat er
+die Möglichkeit eben so auf seiner Seite, daß er von Fischen weg, als
+ihnen gerade entgegenläuft, und wenn er still liegt, kann er eben so gut
+eine ganze »~school~« versäumen, die vielleicht dort vorübergeht wo er
+hätte sein können, als die auf ihn zukommenden gerade wie auf der Lauer
+abfangen. Das Ganze ist Glückssache und dem Pirschen auf Rothwild in
+einem fremden Walde nicht unähnlich. Kommen diese Wallfischfänger also
+an solche Stellen, so suchen sie, ehe es dunkel wird, hinter irgend eine
+kleinere Insel oder Riffbank zu laufen, wo sie entweder Ankergrund oder
+Raum zum Kreuzen haben, und treiben dort die Nacht herum, bis ihnen die
+aufsteigende Sonne wieder ihre Bahn beleuchtet.
+
+Gerade mit Sonnenuntergang war denn auch der Delaware, bis westlich von
+Atiu, einer nicht ganz unbedeutenden Insel, gekommen, und der Capitain
+wäre gern die Nacht vor Anker gegangen, die Stellen aber, die er
+untersuchte waren überall, bis fast dicht an die schäumenden Riffbänke,
+so tief, daß er sich nicht der Gefahr aussetzen mochte, so nahe unter
+dem bösartigen Ufer vielleicht einmal von einem der hier oft sehr rasch
+eintretenden Weststürme überrascht zu werden. Er ließ also die Segel
+dicht reefen und kreuzte, (eben nicht zum Vergnügen der Mannschaft, die
+sechs bis acht Mal in der Nacht mit dem Schiff herum mußte) in Lee der
+Insel auf und nieder.
+
+Capitain Lewis kümmerte sich übrigens den Henker darum, ob er seinen
+Leuten damit einen Gefallen that oder nicht -- er und sie standen, wie
+man's am Lande nennen würde -- »auf Hofton« mit einander -- d. h. er
+sprach, seit sie das letzte Mal auf den Sandwichsinseln gewesen, wo es
+zu einigen Auftritten gekommen war, nur höchst höflich mit ihnen und
+nannte sie, wenn er sie zu einer Arbeit im Einzelnen aufforderte,
+gewöhnlich Mister, und ~if you _please_~, mit starker Betonung des
+letzten Wortes, aber mit einem Blick dabei, der deutlich genug sagte:
+»Wenn Du nicht _springst_, Canaille, zu thun was ich Dir sage, so laß
+ich Dich bei den Beinen aufhängen.«
+
+Er, zum Dank dafür, hieß bei den Leuten, statt wie sonst die Capitaine
+gewöhnlich »den Alten« (~the old man~) zu nennen, »~the old devil~« (der
+alte Teufel); und wußte das auch recht gut, ja es schien ihm ordentlich
+Spaß zu machen daß er so genannt wurde, und er hatte seiner Mannschaft
+schon mehrmals versichert, er wolle sich bemühen, seinem Namen keine
+Schande zu machen; welches Versprechen er auch bis jetzt, so weit es in
+seinen Kräften stand, redlich gehalten.
+
+Die Mannschaft eines Schiffes ist in solchen Fällen übel d'ran --
+widersetzt sie sich, so ist es _Meuterei_, und sie wird darnach
+bestraft, mögen die Leute recht gehabt haben oder nicht, und halten sie,
+auf der anderen Seite aus bis zum Letzten, und verklagen nachher den
+Capitain, so ist Zehn gegen Eins zu wetten, daß dieser dennoch Recht
+bekommt. In sehr vielen Fällen hat er's aber auch, und es giebt wohl auf
+keinen Fahrzeugen der Welt, Kriegsschiffe vielleicht ausgenommen, toller
+zusammen gewürfeltes Volk, als auf diesen Wallfischfängern. Ein
+ordentlicher Matrose geht selten oder nie darauf, es ist meist lauter
+aufgelesenes Ufervolk, die faul genug sind ihre eigene Arbeit bei Seite
+zu werfen, und Romantik genug im Kopfe haben, sich von einem
+»Wallfischzug« ein ganz besonderes Vergnügen und außerdem einen
+bedeutenden Nutzen zu versprechen. Die guten Leute sehen dann gewöhnlich
+immer etwas zu spät ein, daß sie sich in der ersten Erwartung jedesmal,
+und nur zu häufig auch in der anderen getäuscht haben, und sie sind dann
+eben _ein_mal und nicht wieder Wallfischfänger gewesen, so daß fast
+jedes neu ausgehende Schiff, die Offiziere ausgenommen, auch eine
+durchaus neue Besatzung hat.
+
+Schuster und Schneider, besonders die letzteren, sieht man sehr häufig
+dabei, Tischler und Maurer, Schmiede und Böttcher, Gerber und
+Cigarrenmacher -- Alles wird Wallfischfänger und der Capitain eines
+solchen Fahrzeugs, der von dem Rheder, sobald er eine volle Besatzung
+hat und die Jahreszeit gekommen ist, in See hinaus geschickt wird, hat
+dann oft, wie sich nicht leugnen läßt, eine entsetzliche Zeit dies Volk,
+von dem er vorher weiß daß es doch nur _eine_ Reise bei ihm aushält --
+ja schon an den nächsten Plätzen wo er anlegt fortläuft, wenn er ihnen
+nur Gelegenheit dazu gäbe, so weit einzurichten, daß sie wenigstens erst
+einmal verstehen lernen was sie nur überhaupt zu thun haben. Dies sie
+nachher wirklich thun zu machen hat dann schon weniger Schwierigkeiten.
+Kommen nun ordentliche ruhige Menschen manchmal zwischen diese hinein --
+d. h. die Mannschaft, denn die Offiziere, vom Bootsteurer aufwärts,
+bilden ein ganz besonderes, abgeschlossenes Corps -- so fühlen sich
+diese gewöhnlich höchst unglücklich und verwünschen den Augenblick, wo
+sie sich von der Romantik der Sache bethören ließen -- aber leider zu
+spät, und die viertehalb Jahr, die eine solche Fahrt sehr häufig dauert,
+werden ihnen zur Hölle.
+
+Doch zurück an Bord unseres Fahrzeugs. Zum Ausschauen auf der Back vorn
+stand ein junger Mann, dessen edle, fast schöne Gesichtszüge, wie der
+schlanke schmächtig gebaute Körper wohl passender für einen Salon als
+das Vorcastle eines Wallfischfängers geschienen hätten. Das volle braune
+Haar quoll ihm in dichten Massen unter der breiten schottischen,
+dunkelblauen Mütze vor, und seine reinliche Kleidung selber unterschied
+ihn auffällig von der übrigen, besonders in diesem Punkt höchst
+nachlässigen Schaar. Es war ein junger Franzose aus sehr guter Familie,
+der sich in Boston mehr einer tollen Laune oder ziellosen Reiselust zu
+Liebe, als aus irgend einer andern Ursache hatte verleiten lassen, an
+Bord des Delaware eine Reise nach der Südsee mitzumachen, und der jetzt
+still und brütend nach dem nahen Lande hinüberschaute, das mit dem
+dunkeln Schatten seiner Palmen in träumerischer Ruhe vor ihm lag.
+
+»Nun René, so in Gedanken?« sagte plötzlich, dicht neben ihm, eine
+freundliche Stimme und eine Hand berührte leise seine Schulter -- »an
+was denkst Du?«
+
+Der Angeredete fuhr erst wie erschreckt aus seinem Nachdenken empor und
+schaute sich um, als er aber den Sprechenden erkannte, sagte er rasch
+und fast erfreut:
+
+»Es ist mir lieb, Adolph, daß du gerade in diesem Augenblick zu mir
+kommst, ich bin eben mit meinem Entschluß ins Reine gekommen -- ich
+verlasse dies Schiff.«
+
+»Thorheit,« sagte Adolph kopfschüttelnd -- »Du kennst die Verhältnisse
+hier nicht, René. Kämst Du wirklich glücklich an Land, so brauchte der
+Capitain nur eine unbedeutende Belohnung auf Deinen Fang zu setzen und
+Du würdest rettungslos ausgeliefert. Ich bin schon früher hier gewesen
+und habe den Fall zweimal ausgeführt gesehen. Die Eingebornen sind
+seelensgut, aber wie die Kinder -- ein Spielzeug könnte sie zu irgend
+etwas verführen -- sei es nun zum Guten oder zum Bösen.«
+
+»Hab' ich erst festen Boden unter den Füßen, so könnten sie mich nur als
+Leiche wieder zurückschaffen,« murmelte René mit düsterem Blick und
+fester Entschlossenheit zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch.
+
+»Das wäre Thorheit,« sagte aber sein älterer Freund, ein Landsmann von
+ihm und jetzt dritter Harpunier auf dem Delaware, der mit René schon in
+Algier gefochten und in Canada gejagt, und damals Alles versucht hatte
+ihm einen so tollen Entschluß, wenn auch vergebens, auszureden, als
+gemeiner Matrose das Leben eines Wallfischfängers zu versuchen. »Du
+bist noch jung René und das Leben steht Dir weit und freudig offen --
+hier nun einmal in die Klemme gerathen, bring Dich deshalb nicht gleich
+um Alles, blos weil es Dir in den Sinn kommt die Suppe, die Du Dir
+selber eingebrockt, nicht ausessen zu wollen. Ein, höchstens zwei Jahr,
+und Du bist wieder frei wie der Vogel in der Luft, und selbst diese Zeit
+wird Dir dann, so schmerzvoll und entsetzlich sie Dir jetzt auch
+scheint, eine freudige, vielleicht liebere Erinnerung sein, als manche
+froh und glücklich verlebte Stunde.«
+
+»Ich halt' es nicht aus, Adolph, ich halt' es bei Gott nicht aus« sagte
+René kopfschüttelnd -- »hier unter dem rohen Volk noch Jahrelang bleiben
+und an Geist und Körper zu Grunde gehen -- ich vermag es nicht. Du weißt
+dabei, wie nahe ich zweimal schon daran war mit dem Capitain selber, der
+fast schlimmer ist als der Schlimmste seiner Leute, zusammenzugerathen,
+und wer schützt mich dann vielleicht sogar vor seinen rohen
+_Mißhandlungen_? Das Resultat bliebe dasselbe, auch das ertrüge ich
+nicht, und lieber will ich mein Leben hier wagen, wo mir noch die
+Möglichkeit eines Entkommens bleibt, als zuletzt gezwungen werden dem
+Capitain vielleicht ein Messer in den Leib zu rennen und über Bord zu
+springen. Nein, Adolph, ich bin fest entschlossen« setzte er leise aber
+mit ruhiger und überzeugter Stimme hinzu -- »die erste Gelegenheit, die
+sich mir bietet an Land zu kommen, und sollt' ich es schwimmend zu
+suchen haben, benutz ich, und die Folgen mögen dann sein wie sie wollen
+-- ich weiß und fühle, daß mir nichts Schlimmeres begegnen kann, als was
+ich jetzt in Seelenqual und innerer Unruhe zu leiden habe.«
+
+»Hol's der Henker«, sagte Adolph nach kurzem Sinnen -- »wer weiß ob ichs
+nicht an Deiner Stelle, und mit Deinem jungen Blut in den Adern am Ende
+auch thäte. Aber wie willst Du an Land kommen? es ist noch ganz ungewiß
+ob der alte Teufel ein Boot abschickt Erfrischungen einzunehmen oder
+nicht, -- er traut uns allen mit einander nicht.«
+
+»Doch« entgegnete ihm René -- »ich habe vorher zufällig gehört, daß
+unser Boot mit dem ersten Harpunier morgen mit Tagesanbruch hinüber
+soll, etwas Brodfrucht und Cocosnüsse abzuholen. Die Gelegenheit will
+ich jedenfalls benutzen, noch dazu da es uns einen Vorwand giebt,
+reichliche Kleider mit zu nehmen. -- Die Leute haben ja sonst nichts,
+sich Kleinigkeiten von den Eingebornen einzutauschen.«
+
+»Und sowie Du im Wald drin bist« sagte Adolph immer noch kopfschüttelnd,
+»hetzt der alte Seehund von Harpunier Dir die ganze Einwohnerschaar
+hinterher -- wie willst Du ihnen entgehen? -- René, René es ist wahr,
+das Land liegt wohl verlockend genug vor uns da, und selbst mir zuckt's
+in den Knochen, einmal frei darauf herumzuspatzieren und von diesem --
+verdammten Marterkasten loszukommen, aber -- ich weiß doch nicht -- hast
+du einmal das Schiff verlaufen und wirst wieder eingefangen, so kommst
+Du nachher erst in eine Hölle, wenn Du vorher in keiner gewesen bist,
+und wenn ich ganz aufrichtig sein soll, so glaub' ich nicht daß Du zwei
+Tage von uns bleibst, ehe sie Dich wieder haben -- und die zwei Tage
+über bist Du dann mehr wie ein gehetzter Wolf als wie ein Mensch.«
+
+»Und es hilft doch Alles Nichts« lächelte René trüb; »ich hab's mir nun
+einmal in den Kopf gesetzt, und ich führ es auch aus, mag daraus
+entstehen was da will; schlimmer kann's nicht werden als es schon ist.«
+
+»Doch, doch« sagte Adolph »es kann noch viel viel schlimmer werden, Du
+hast es noch nicht gesehen, wenn es an Bord eines Schiffes einmal
+_recht_ schlimm ist,« setzte er schaudernd hinzu -- »und ich verlang' es
+ebenfalls nie, nie wieder zu erleben. Außerdem bist Du der Sprache gar
+nicht mächtig -- wie willst Du Dich den Leuten verständlich machen?
+René, es geht in der Welt alles nach Eigennutz -- bist Du erst einmal
+älter, wirst Du das auch selber erfahren -- und die Eingeborenen hier
+wissen recht gut, daß sie von einem entlaufenen Matrosen nicht viel
+Gutes und gar keinen Nutzen zu gewärtigen haben, während ihnen der
+Capitain eine Masse Sachen geben kann, die für sie und ihr einfaches
+Leben förmliche Schätze sind.«
+
+»Ich habe Geld bei mir« sagte René rasch -- »~Peste~, ich brauche des
+alten Schuftes Blutgeld nicht, mir meine Bahn auch im schlimmsten Fall
+zu _erkaufen_, wenn es denn nicht anders sein kann.«
+
+»Das ist schon ein sehr sehr großer Vortheil« lächelte Adolph, »und es
+werden wenig Matrosen von Wallfischfängern weglaufen, die wirklich einen
+Franc in der Tasche haben, aber der Capitain bleibt immer im Vortheil.
+-- Aexte, Beile, Kattune und Schmuck und besonders Spirituosen sind
+ihnen weit lieber als Geld, und über derlei Sachen hast Du immer nicht
+zu verfügen.«
+
+»Vernünftiger Weise magst Du Recht haben, Adolph«, lächelte aber der
+junge Mann, auf alle diese Argumente -- »und ich glaube selbst daß es
+eine Art verzweifelter Schritte ist, auf einer so kleinen Insel, wie
+diese zu sein scheint, zu entlaufen -- die Möglichkeit ist immer eher
+da, daß man eingefangen wird.« --
+
+»Sag' lieber die Wahrscheinlichkeit« unterbrach ihn Adolph.
+
+»Und meinethalben auch die Wahrscheinlichkeit« murmelte René zwischen
+den zusammengebissenen Zähnen durch, »ich habe mir aber noch nie etwas
+so fest vorgenommen gehabt, ohne es durchzuführen, und den Versuch will
+ich machen, oder darüber zu Grunde gehen!«
+
+»~Eh bien~« lachte Adolph, »sobald Du einmal so weit gekommen, ist es
+nicht nöthig mehr darüber zu sprechen. Meine Wünsche für Dein Wohl hast
+Du übrigens, und ich wollte nur, daß ich Dir in irgend etwas dabei
+nützlich sein könnte; ich sehe nur noch nicht wie.«
+
+»Wer weiß wie sich das noch Alles machen kann« sagte René -- »aber auf
+dem Quarterdeck werfen sie schon wieder die Falle los -- in der
+Mitternachtswache möcht' ich Dir noch etwas sagen.«
+
+»~Ship about~« unterbrach ihn hier der eintönige Ruf; die Leute traten
+sämmtlich an ihre Posten und das Schiff wurde über den anderen Bug
+gelegt, jetzt wieder vom Lande abhaltend.
+
+Mit der nächsten Morgendämmerung hatten sie die Küste, und zwar eine
+kleine Art Bai, die von zwei auslaufenden Corallenriffen gebildet wurde,
+gerade vor sich, und der Ruf des ersten Harpuniers sammelte die Leute in
+sein Boot; mehre dort schon aufgeschichtete Sachen, Handels- und
+Tauschartikel für die Eingebornen, wurden hineingelegt -- das Boot
+schwang frei und auf das Wasser nieder, und die Mannschaft legte sich in
+die Ruder.
+
+»Was sind das für Pakete da vorn?« sagte der Harpunier, als sie eben von
+Bord abgestoßen waren, »wer hat die eingeworfen?«
+
+»Ein paar Hemden und andere Kleinigkeiten, Mr. Rowsy« erwiederte Einer
+der Leute -- »wir wollten uns auch was von Früchten eintauschen!«
+
+»Und das andere daneben?«
+
+»Dasselbe« erwiederte René, den die Frage anging. Der Harpunier sagte
+nichts weiter und René warf noch einen verstohlenen Blick nach Bord
+zurück, wo Adolph stand und ihm zunickte. Er war ihm behülflich gewesen
+die Sachen rasch, und ohne daß sie an Bord selber etwas davon zu sehen
+bekamen, in's Boot zu schaffen, der Capitain hätte es sonst unter keiner
+Bedingung zugelassen, obgleich dies etwas ziemlich gewöhnliches an Bord
+von Wallfischfängern ist.
+
+In Canoes kamen übrigens keine Indianer ab und ihnen entgegen, obgleich
+sie mehrere Canoes in der Bai liegen sahen, und nur erst als sie die
+Corallen-Bank berührten, erschienen oben zwischen den Büschen eine
+Anzahl Männer und Frauen mit Körben aus Cocosblättern geflochten, in
+denen sie Früchte und Muscheln trugen, und erst ein Zeichen der Fremden
+abzuwarten schienen, ehe sie sich ihnen näherten.
+
+Der Harpunier, der sich seit seiner Jugend fast in diesen Meeren
+herumgetrieben, sprach ihre Sprache ziemlich geläufig, und ein paar
+freundliche Worte in dieser hatten fast eine zauberhafte Wirkung auf die
+Schaar. Die, die im Anfang die furchtsamsten gewesen waren, riefen sich
+erstaunt unter einander zu daß die Fremden Freunde seien, und dieselbe
+Sprache mit ihnen hätten, und aus allen Büschen und Dickichten brachen
+sie jetzt heraus, und mischten sich so sorglos und vertrauend wie Kinder
+zwischen die Leute, befühlten das Zeug ihrer Kleider, lachten über ihre
+Bärte und Schuhe, und sprangen und sangen, als ob sie schon Jahre lang
+mit ihnen bekannt gewesen wären.
+
+Der Tauschhandel ging indessen rüstig vor sich; gegen Messer und Tabak,
+Kattune und Glasperlen brachten sie Massen der herrlichsten Früchte,
+besonders vortreffliche Orangen und Brodfrucht und während der Harpunier
+unter einem stattlichen Pandanus saß, die ihm gebrachten Waaren
+musterte, und bestimmte was er dafür geben wolle, mischten sich die
+Leute, nur Einen derselben bei dem Boot lassend, ebenfalls unter die
+Eingebornen, die wenigen Kleinigkeiten die sie mitgebracht, gegen
+Früchte und Muscheln, hauptsächlich aber die ersten, zu vertauschen.
+
+Diesen Zeitpunkt benutzte René, schnallte sein kleines Bündel, daß er im
+Anfang vor den Eingeborenen ausgebreitet gehabt, wieder zusammen, und
+verlor sich damit, ohne daß irgend Jemand auf ihn acht hatte, im
+Dickicht. Von den Eingeborenen sahen ihn vielleicht Einige, achteten
+aber nicht auf ihn, und die Leute vom Schiff waren viel zu sehr mit sich
+selber und ihrer Umgebung beschäftigt, sich nur im mindesten darum zu
+bekümmern, was Einer der ihrigen that.
+
+Zwei Stunden später etwa, als der Harpunier Alles weggegeben was er
+mitgebracht, und sein Boot fast gefüllt war mit all den Massen von
+Sachen die er dafür eingetauscht, rief sein Befehl die Leute wieder
+zusammen, und er stieg selber ins Boot, an Bord zurückzukehren.
+
+»Wo ist René!« frug er, als er einen Blick über die Mannschaft geworfen.
+
+»René!« tönte der Ruf der Matrosen -- »~oh René~!«
+
+Kein René ließ sich blicken und Niemand wußte was aus ihm geworden, ja
+ein paar bezweifelten, daß er überhaupt mit an Bord gekommen sei, so
+wenig hatten sie sich, mit dem Land vor sich, um einander bekümmert.
+Jedenfalls fehlte aber _ein_ Mann, und der Offizier wußte auch, daß er
+bei der Herüberfahrt seine volle gewöhnliche Besatzung gehabt.
+
+»~Damn it~« rief der Harpunier endlich im Boot, in dem er seinen Sitz
+schon wieder eingenommen, in die Höhe springend -- »~he has bolted~,[A]
+die Pest über den Hallunken; aber den wollen wir bald wieder haben. --
+Bleibt Ihr hier im Boot bis ich zurückkomme!« rief er dann seinen Leuten
+zu, und über die Sitze wegspringend, eilte er wieder an Land und wandte
+sich dort an einen der Eingebornen, der eine Art Oberherrschaft über die
+Andern auszuüben schien.
+
+»Hallo Freund!« redete er ihn an, »Einer von meinen Leuten ist mir
+weggelaufen, könnt Ihr ihn wieder fangen, und was wollt Ihr dafür
+haben?«
+
+»Hat er Gewehr mit?« frug der Alte ziemlich vorsichtig, denn er schien
+danach den Preis des Einfangens bestimmen zu wollen.
+
+»Nein, kein Schießgewehr, vielleicht nicht einmal ein Messer« lautete
+die ermuthigende Antwort.
+
+Die Eingebornen fingen jetzt eifrig an unter einander zu verhandeln, und
+zwar in so rascher und oft eigentümlicher Sprache, daß der Amerikaner
+selber nicht verstehen konnte was sie mitsammen hatten. Aus ihren
+Bewegungen wurde es ihm jedoch bald deutlich, denn zwei davon gingen
+nach einem besondern Theil im Busch und untersuchten hier die Fährten
+und ihren Gesticulationen nach schien es, als ob der Flüchtige sich dort
+hinein gewandt habe. Der alte Indianer zeigte sich auch bald erbötig ihm
+den Mann wieder zu verschaffen; seine Forderung dafür war aber ziemlich
+bedeutend; er wollte Kattun und Messer, etwas Tabak und in der That ein
+wenig von Allem haben, und als Jener endlich einwilligte ihm das Alles
+zu geben, hatte er noch ein Beil und ein Hemd und mehrere andere
+Kleinigkeiten vergessen.
+
+Der Harpunier wußte übrigens daß sich der Capitain nicht lange hier
+aufhalten wollte, und wüthend sein würde über die Flucht des Mannes; er
+sagte also dem Alten seine sämmtlichen Forderungen zu, vorausgesetzt daß
+sie mit dem Gefangenen am Ufer wären, sobald sie mit dem Boot und den
+verlangten Sachen wieder vom Schiff zurück sein könnten.
+
+Dies abgemacht, stieß das Boot augenblicklich vom Lande, die
+eingetauschten Früchte mit der fatalen Nachricht an Bord zu bringen und
+den Fanglohn für den Entflohenen herüber zu holen, während die
+Eingebornen indessen wie Spürhunde den einmal angenommenen Fährten des
+Flüchtigen nachliefen.
+
+
+Fußnoten:
+
+[A] Er ist ausgerissen.
+
+
+
+
+Capitel 2.
+
+#Die Flucht, und welchen Dollmetscher René fand.#
+
+
+René war, als er sich nur einmal außer dem Bereich seiner Kameraden sah,
+so rasch er konnte gerade einem der nächsten Hügel zugeeilt, und das
+selbst schien mit der Last die er trug gerade kein kleines Unternehmen.
+Für ein Hemd hatte er sich nämlich vorher ein paar grüne Cocosnüsse und
+einige Bananen eingetauscht, damit er nicht genöthigt wäre, gleich in
+den ersten vierundzwanzig Stunden wegen Nahrungsmitteln einen irgendwo
+gefundenen Versteck zu verlassen, und diese, neben seinen Bündel
+Kleidern tragend, mußte er sich durch das, manchmal entsetzlich dicke
+Gebüsch, fortwährend mit dem fatalen Gefühl verfolgt zu werden, Bahn
+brechen. Er wußte aber was ihm bevorstand, wurde er von den Leuten des
+Delaware wieder eingefangen, und wollte wenigstens Nichts was in seinen
+eigenen Kräften stand unversucht lassen, sich so weit als möglich jeder
+solchen Gefahr zu entziehen. In dieser Absicht arbeitete er sich auch
+dem höheren Theil der Insel zu, weil er dort erstens den Lagunen aus dem
+Weg ging, die hier seinen Pfad zu beengen drohten, und dann auch
+wahrscheinlich in dichtes Buschwerk hineinkam, was von den Eingebornen
+selber selten betreten wurde.
+
+Als er nur erst einmal hügeligen Boden erreichte, wurde seine Flucht
+dadurch sehr erleichtert, daß er cultivirtes und eingefenztes, wenn auch
+durch Unkraut ziemlich arg überwachsenes Land traf. Dort hatte er sich
+wenigstens durch keine verwachsenen Büsche mehr Bahn zu brechen und
+konnte sein Terrain ein wenig freier übersehen. Blieb er da in der Nähe,
+so wuchs auch Frucht genug, ihn ein Jahr im Proviant zu halten; überdies
+war der ganze Wald voll Früchte, denn die Guiaven standen mit Aepfeln,
+wenn auch noch nicht vollkommen gereift, förmlich bedeckt. Nur die
+Cocospalmen reichten nicht so weit hinauf, doch sah er hier in den
+Feldern eine Masse Wassermelonen, die ihn reichlich dafür entschädigen
+konnten. Weiter durfte er sich für jetzt aber nicht beladen, denn er
+trug schon, was er überhaupt tragen konnte, und die Hitze war groß. Die
+ungewohnte Anstrengung und Aufregung thaten natürlich auch das ihrige
+dabei.
+
+Durch die Felder ging das auch ganz gut, überhalb diesen wurde das
+Dickicht aber wieder so schlimm wie es je gewesen, und die Guiavenbüsche
+schienen hier eine förmliche undurchdringliche Hecke zu bilden, durch
+die er sich nur gebückt, und sein Gepäck oft nachschleppend,
+hindurchdrängen konnte. Nur erst, wo diese endlich aufhörten, und mit
+ihnen jede Art von Frucht, begannen hohe dunkle Casuarinen, die einen
+weit bessern Durchgang gewährt haben würden, wären nicht so viele
+trockene und dürre Aeste von ihnen heruntergefallen gewesen, die sich
+ihm oftmals wie förmliche Pallisaden entgegenstellten.
+
+Aber er _mußte_ hindurch, und das war ein tüchtiges Wort, ihn alle
+Schwierigkeiten mit leichtem Muth überwinden zu lassen. Hier wurde der
+Grund auch steinig, und er fand, als er den höchsten Punkt endlich
+erreichte, zu seiner Freude einen kleinen felsigen Platz, den er sich
+selber hätte nicht schöner und passender zu einem Castell ausbauen
+können, als es hier die Natur für ihn gethan. Zehn Fuß war er dort oben
+von allen Seiten frei, und das bröcklige Gestein, was den steil
+auflaufenden Gipfel bildete, konnte ihm im Anfang eben so wohl zum
+Verbergen, als später, sollte er gefunden werden, als Waffe dienen, auf
+irgend einen andringenden Feind niederzurollen.
+
+Mit einem förmlichen Triumphruf nahm er von dieser kleinen Festung
+Besitz, und als er oben seine Last abgeworfen, und sich die nassen Haare
+aus der Stirn gestrichen hatte, sagte er lächelnd:
+
+»Beim Himmel, mit Adolph hier und zwei guten Gewehren, wollt' ich mir
+die ganze Besatzung des Delaware vom Leibe und einem förmlichen Sturm
+abhalten -- ~ha -- le Delaware~!« unterbrach er sich plötzlich selber
+überrascht, und fast unwillkürlich trat er hinter einen der Felsstücke,
+denn als er den ersten Blick nach außen warf sah er, daß er frei über
+das Meer schauen konnte, und dort lag auch sein altes Schiff so klar und
+nah vor ihm, daß er die einzelnen Leute an dessen Bord konnte auf- und
+abgehen sehen. Mit dem Glas mußten sie im Stande sein ihn, sobald er
+sich nur frei zeigte, vollkommen gut zu unterscheiden. Er überlegte sich
+jedoch bald, daß sie bis jetzt an Bord noch keine Ahnung von seiner
+Flucht haben konnten, denn eben kam erst das Boot, dem er entflohen,
+dorthin zurück, und er konnte selbst erkennen wie die Leute von unten
+hinauf an Bord kletterten.
+
+Jedenfalls war er also schon vermißt und er mußte darauf gefaßt sein daß
+ihn die Eingeborenen aufspüren würden, denn mit seiner Ladung hatte er
+an vielen Stellen eine ziemlich breite und tiefe Fährte zurückgelassen.
+Die kurze Zeit also die ihm bis dahin blieb, wollte er benutzen sich
+noch so gut als es eben anging zu befestigen, nachher dem Schicksal und
+seinem guten Glück das Uebrige zu überlassen. Er war jung und ein
+Franzose -- also weit davon entfernt sich Sorgen vor der Zeit zu machen,
+überdies hatte er Alles was ihm jetzt bevorstand voraus gewußt und es
+kam ihm Nichts unerwartet.
+
+Schießwaffen hatte er, zwei kleine Terzerole ausgenommen, keine; außer
+diesen aber ein langes zweischneidiges schweres Messer in lederner
+Scheide, wovon er sich die meiste Hülfe versprach, und ein leichtes
+trotziges fast muthwilliges Lächeln überflog seine schönen Züge, als er
+die beiden kleinen Pistolen aus der Tasche nahm, und vor sich auf die
+Steine legte.
+
+»Es sind zwar keine Zweiunddreißigpfünder« sagte er dabei lachend vor
+sich hin, »und ich weiß in der That nicht einmal ob sie überhaupt
+losgehen werden, aber sie haben doch Mündungen, und ist den Eingebornen
+hier schon überhaupt jemals ein solches Instrument wie eine Pistole zu
+Gesicht gekommen, so müßte ich mich sehr irren, wenn ich nicht glauben
+sollte die ganze Insel damit von mir abhalten zu können. Kurze Frist
+werden sie mir aber doch wohl Ruhe lassen, und die will ich denn
+wenigstens benutzen meinen Körper ein wenig zu restauriren und mit
+Speise und Trank zu erquicken.«
+
+Und damit schnürte er wohlgemuth seinen Bündel wieder auf, in dem er
+auch ein kleines Packet mit einem paar Schiffszwiebacken und einem Stück
+Salzfleisch verborgen hatte, und mit einem Theil von diesem und einigen
+Bananen, wozu er eine der Cocosnüsse anzapfte und etwas davon trank,
+seinen allerdings brennenden Durst zu löschen, hielt er eine so
+vortreffliche und ruhige Mahlzeit, als ob er sich in voller Sicherheit
+in irgend einem guten Gasthaus befände, und nicht jeden Augenblick
+fürchten mußte, umstellt und gefangen zu werden.
+
+Die Feinde waren ihm übrigens weit näher als er je vermuthet, denn kaum
+hatte er sein Mahl beendet, und eben wieder die Cocosnuß an die Lippen
+gehoben, noch einen letzten Schluck zu thun, als er gar nicht weit von
+sich entfernt ein Geräusch zu hören glaubte. Er hielt horchend ein -- da
+krachten wahrhaftig wieder die Büsche. Nichtsdestoweniger trank er erst
+in aller Ruhe, denn er wußte recht gut daß er hier oben in seiner festen
+Stellung nicht so plötzlich überrascht werden konnte, stellte dann die
+Nuß vorsichtig und ein paar Steine darum legend, bei Seite, daß sie
+nicht umfiel und seinen Wasservorrath gleich um die Hälfte verringerte,
+griff seine beiden Terzerole auf, und schaute dann, hinter irgend einen
+der größten Steine gedrückt, aufmerksam nach dorthin von woher sich
+jetzt vorsichtig irgend Jemand zu nähern schien. Es dauerte auch nicht
+lange, so konnte er schon die bunten Kattunüberwürfe mehrerer
+Eingeborener erkennen, die langsam und aufmerksam den Boden betrachtend,
+seinen hinterlassenen Spuren folgten.
+
+Wie viele es waren ließ sich noch nicht erkennen, das blieb sich aber
+auch gleich; war er erst einmal aufgefunden, so konnten sie, so sie
+überhaupt feindliche Absichten hatten, leicht Verstärkung holen, und er
+mußte vor allen Dingen sehen sich auf eine friedliche Art mit ihnen zu
+verständigen. Die Terzerole konnten ihm aber dabei nur mehr Schaden als
+Nutzen bringen, und er steckte sie deshalb vorläufig wieder in die
+Tasche, die Ankunft der Indianer jetzt auf das ruhigste und
+kaltblütigste erwartend.
+
+Diese ließen ihn auch nicht lange mehr über ihre Absicht im Zweifel. Der
+Erste der voranging mochte eine gewisse Obergewalt über die Andern
+haben, denn dicht unter den Steinen, auf denen sie den Flüchtling gar
+nicht zu vermuthen schienen, sandte er zwei rechts und zwei links ab, zu
+sehen wohin sich die Spuren etwa den Berg wieder hinunter zögen,
+während er selber gerade auf den Felsen zukam. René wußte recht gut daß
+er von diesen fünf Leuten noch weiter keine Gefahr zu fürchten hatte,
+und doch jedenfalls aufgefunden werden mußte, sich also deshalb
+aufrichtend, und mit beiden Ellbogen auf einem der vor ihm liegenden
+Blöcke stützend, sah er erst eine kurze Weile den Mann unten, der auf
+dem hier steinigen Boden nicht recht mit der Spur einig zu sein schien,
+lächelnd zu, und sagte dann plötzlich mit lauter Stimme den schon
+mehrfach gehörten und behaltenen Gruß:
+
+»~Joranna-boy~!«
+
+Wäre dem Eingebornen, der gebückt und die Augen fest auf den Boden
+geheftet, fast gerade unter ihm stand, ein grimmer Tausendfuß über den
+Nacken gelaufen, er hätte nicht rascher und mehr erschreckt in die Höhe
+und zur Seite springen können, und erst das laute Lachen René's, der auf
+ihn herunterschaute, als ob Jemand aus dem Fenster einer höheren Etage
+sieht, brachte ihn wieder ein wenig zu sich. Der erste Schrei, den er
+aber in voller Ueberraschung ausgestoßen war hinreichend gewesen, seine
+Gefährten um ihn zu sammeln, und die fünf rothen Burschen, die hier mit
+so feindseligen Absichten heraufgekommen waren, wußten eigentlich nicht
+recht wie ihnen geschah, als sie den gerade, von dem sie die grimmigste
+Gegenwehr erwartet, in der größten Gemütlichkeit vor sich und so
+friedlich gesinnt fanden, wie sie es nimmer hätten erwarten dürfen.
+
+Erst sahen sie eine ganze Zeitlang schweigend zu ihm empor -- es war
+augenscheinlich, sie mißtrauten noch dem äußeren Ansehn der Dinge --
+diese Freundlichkeit konnte Maske sein sie plötzlich zu überrumpeln, und
+obgleich sie bewaffnet waren, d. h. zwei führten Tapa-Hölzer und die
+andern drei Einer ein Beil und Zweie Messer -- und der Weiße unten ihnen
+die Versicherung gegeben hatte daß der Flüchtling nichts derartiges
+mitgenommen habe, wußten sie doch nicht welche außerordentlichen Mittel
+ihm sonst vielleicht zu Gebote stehen möchten ihnen zu schaden. Sie
+waren allerdings willens die ausgesetzte Belohnung zu verdienen, dachten
+aber dabei gar nicht daran ihren Leib oder gar ihr Leben irgend einer
+unnöthigen und zu vermeidenden Gefahr auszusetzen.
+
+René blieb übrigens in seiner nichts weniger als feindlichen Stellung,
+wobei er sich jedoch wohl gehütet hatte seine Gestalt den Fernröhren des
+Schiffes preis zu geben, und da die so erstaunten und verdutzten
+Gestalten der Indianer allerdings komisch genug aussehen mußten, und er
+sich gar keine Mühe gab sein Lachen zu verbergen, so verlor sich diese
+Furcht denn auch endlich.
+
+Der Führer sah seine Begleiter erst ganz ernsthaft an, und dann verzog
+ein breites Grinsen oder Feixen seine sonst gutmüthigen Züge, während
+sich diese noch eine kleine Weile zu geniren schienen, -- endlich mochte
+ihnen das Komische ihrer Lage aber auch wohl einleuchtend werden. Der
+Eine schnitt auf einmal ein ganz freundliches Gesicht, und war dann
+urplötzlich wieder so ernst und finster als vorher, als er aber den
+Häuptling ansah und dessen ausbrechende Fröhlichkeit bemerkte, glaubte
+er auch wahrscheinlich dem Anstand volle Genüge geleistet zu haben, und
+platzte nun auf einmal so rasch und laut heraus, daß sich die Andern
+ordentlich erschreckt nach ihm umsahen.
+
+»~Joranna, Joranna~!« rief jetzt der Erste hinauf, dem augenscheinlich
+ein Stein vom Herzen gefallen schien, da er die Sache sich so friedlich
+lösen sah -- und es zeigte sich jetzt daß er auch etwas gebrochen
+englisch sprach, wie man fast auf allen diesen Inseln Einzelne findet,
+die Worte und Redensarten, im Verkehr mit den Fremden, aufgefangen und
+behalten haben. »~Joranna boy~! -- wie geht's -- wie geht's Freund --
+komm herunter, komm herunter -- weißer Mann, Capitain sagt, soll
+herunterkommen.«
+
+»So?« lachte René in derselben Sprache, -- »weißer Mann Capitain sagt
+also ich soll herunter kommen?«
+
+Der Indianer nickte auf das freundlichste, daß er ihn so gut verstanden
+hatte, und versicherte, sich zu seinen Begleitern wendend, diesen, daß
+er die Sache jetzt augenblicklich in Ordnung bringen würde.
+
+»Ja, komm herunter, komm herunter -- weißer Mann Capitain sagt«
+wiederholte er noch einmal, dieses Factum vor allen Dingen außer jeden
+Zweifel zu stellen.
+
+»Und wenn ich, weißer Mann _kein_ Capitain nun nicht will?« lachte René.
+
+»Nicht will?« rief der Führer der Eingebornen erstaunt aus, und sah den
+Fremden an; dann aber, denn er konnte in dessen Gesicht immer noch
+keinen Ernst entdecken, dies ebenfalls für einen guten Spaß desselben
+haltend, den er zu ihrem eigenen Vergnügen gemacht habe, schaute er sich
+nach den Andern um, lachte laut auf, und erzählte ihnen mit der größten
+Freundlichkeit was der Weiße da oben eben so Lustiges gesagt habe.
+
+Die übrigen Eingebornen, die gleich von allem Anfang gar nichts Anderes
+erwartet hatten, konnten darin aber nicht den mindesten Spaß entdecken,
+und ein paar, zu diesem Zwecke an den Alten gerichtete Worte machten
+diesen ebenfalls wieder ernsthaft und ließen ihn doch an die Möglichkeit
+glauben daß der Fremde am Ende _wirklich_ nicht selber herunterkommen
+wollte, und ihn da herunter zu _holen_, war jedenfalls eine mißliche
+Sache.
+
+»Bah, bah« sagte der Alte jetzt kopfschüttelnd und mit einem Gesicht als
+ob man einem unartigen Kinde irgend eine Thorheit verweisen wolle --
+»närrisch Ding, närrisch Ding -- weißer Mann Capitain guter Mann,
+verlangen weiter Nichts wie herunterkommen.«
+
+»Was bekommt Ihr dafür mich zu holen?« frug ihn aber René so gerade
+mitten in alle seine Berechnungen hinein, daß er ihn ganz wieder außer
+Fassung brachte, und er erst den Weißen, und dann seine Begleiter
+erstaunt ansah, augenscheinlich unschlüssig ob er diese, etwas
+indiscrete Frage so geradezu und der Wahrheit gemäß beantworten solle.
+Er hielt es am Ende für besser es erst mit den Seinen zu berathen; da
+diese aber nicht das mindeste Bedenken darin fanden seinem Wunsche zu
+willfahren, wandte er sich wieder zu dem jungen Franzosen und zählte ihm
+jetzt mit der größten Ernsthaftigkeit alle die Artikel auf die sie
+bekommen würden, und zwar mit einem Eifer und einer Genauigkeit, als ob
+das noch ein besonderer Beweggrund für ihn selber sein müsse, jetzt
+augenblicklich niederzusteigen und ihnen den Besitz aller dieser
+Herrlichkeiten nicht länger, widerrechtlicher Weise, vorzuenthalten.
+
+Zu ihrem Erstaunen ließ sich aber der Fremde selbst nicht durch die
+Erwähnung des Handbeils und die fünf Yards rothen Kattun bestechen,
+sondern blieb nur ruhig und unbeweglich in seiner Stellung. Angenehm war
+es ihm aber nicht, diese Masse verschiedenartiger Gegenstände aufzählen
+zu hören, und er konnte daraus nicht allein sehen wie viel dem Harpunier
+daran gelegen gewesen war ihn wieder zu bekommen, als auch wie sehr
+schon die Habgier dieser sonst einfachen und gutmüthigen Leute erregt
+worden, den ausgesetzten Lohn so rasch als möglich zu verdienen.
+Ueberredung half hier Nichts, so viel sah er recht gut ein, wäre er
+selbst ihrer Sprache vollkommen mächtig gewesen, und das einzige was
+sich noch mit ihnen im Guten anfangen ließ, war ihnen an Geld und
+vielleicht Kleidern gleichen Nutzen zu bieten, wo er dann wieder das zu
+seinen Gunsten hatte, daß sie bei dessen Annahme ihre Gliedmaßen in
+keine Gefahr brachten.
+
+»So?« sagte er also, da sie geendet hatten und nun nichts anderes zu
+erwarten schienen als daß er nach _solchen_ dargelegten Gründen, ihren
+Beweisen nicht länger werden widerstehen können -- »so? -- das also hat
+Euch weißer Mann Capitain Alles geboten, mich einzig und allein wieder
+unten abzuliefern?«
+
+»Ja Freund -- blos unten abzuliefern« lautete die Antwort.
+
+»Todt oder lebendig?« frug aber der junge Mann mit größter
+Kaltblütigkeit zurück, und erschreckte dadurch den Alten nicht wenig,
+der jetzt zum ersten Mal an zu begreifen fing, daß der Fremde doch am
+Ende nicht so ganz gutwillig mit ihnen gehen werde.
+
+»Todt oder lebendig?« wiederholte er erstaunt und versuchte zu lachen,
+was ihm aber mißglückte -- »todt? wir sollen doch weißen Mann nicht
+_todt_ abliefern -- lebendig versteht sich.«
+
+»Und wenn sich nun weißer Mann zur Wehr setzt?« sagte René.
+
+»Zur Wehr setzen?« frug der Alte, der das Wort nicht so recht zu
+verstehen schien -- »zur Wehr setzen?«
+
+»Nun ich meine, wenn weißer Mann unter keiner Bedingung gutwillig
+mitgehen will und sich vertheidigt« erklärte es ihm der Fremde deutlich
+genug.
+
+»Aber fünf Yards rothen Kattun -- ein Handbeil -- zwei Messer« begann
+der erstaunte Eingeborne alle die Herrlichkeiten wieder aufzuzählen;
+René aber, dem Nichts daran lag sie nur hinzuhalten, was er mit
+Leichtigkeit für den ganzen Tag hätte thun können da viele dieser Leute
+fast gar keinen Begriff von Zeit oder dem Werth derselben haben,
+unterbrach ihn mitten in der schon gehörten Liste und sagte freundlich,
+während er eine ganze handvoll Silbergeld aus seiner Tasche nahm und
+ihnen vorzeigte:
+
+»Was wollt Ihr denn thun, wenn ich Euch nun ebensoviel an baarem Gelde
+gebe, als Euch weißer Mann Capitain für mich versprochen hat, heh und
+dann bei Euch bleibe und mit Euch lebe und wohne?« --
+
+Das war jedenfalls ein Vorschlag zur Güte, und die Eingeborenen
+beriethen lange unter sich was sie damit thun sollten; endlich
+erkundigte sich der Alte näher danach wie viel Geld das eigentlich sei,
+was er da in der Hand halte. René zählte es über -- es waren sechs
+Fünf-Frankenthaler und vielleicht zehn Franken an kleiner Münze Geld,
+was sie hier, in ihrem Verkehr mit Tahiti, recht gut kannten.
+
+Für eine solche Summe wußten sie auch gut genug, daß sie selbst in
+Papetee ebensoviel an Waaren bekommen könnten als ihnen geboten worden;
+erstlich aber war der Verkehr mit jenem Platz nicht sehr bedeutend, und
+dann hatten sie ja auch die Sachen noch nicht hier, während sie
+dieselben von Bord des Wallfischfängers gleich richtig und ohne weitere
+Mühe überliefert bekamen.
+
+Die Unterhandlung fiel für den Matrosen ungünstig aus, und der Alte
+suchte ihn nun, gewissermaßen als Entschuldigung seiner abschlägigen
+Antwort, und als einziges Motiv ihrer Weigerung, auseinanderzusetzen,
+wie sich auf dieser Insel Niemand ohne Beistimmung ihres ~Fua~ oder
+Königs von fremden Völkern aufhalten dürfe und daß sie also, wenn _sie_
+auch selber wünschten ihn bei sich zu behalten, ihn darin doch nicht
+unterstützen dürften. »Ja,« setzte dann der Alte mit vieler
+Aufrichtigkeit und auch gewiß Wahrheit hinzu -- »wollten wir jetzt
+selbst Dein Geld nehmen, und Dich zufrieden lassen, wir könnten Dich
+doch nicht schützen, und der König würde bald Andere schicken, die Dich
+trotzdem abholten.«
+
+René sah dies recht gut ein, und beschloß also deshalb mit Sr. Majestät
+selber zu unterhandeln -- wie aber das möglich zu machen? stieg er
+hinunter, so gab er sich vollkommen in die Gewalt seiner Feinde, und
+überfielen und banden ihn diese nachher, so konnten sie ihm mit leichter
+Mühe abnehmen was er bei sich hatte, ohne daß er je im Stande gewesen
+wäre auch nur eine Centime seines Geldes wieder zu bekommen -- und Sr.
+Majestät zuzumuthen hier oben heraufzuklettern, mit einem entlaufenen
+Matrosen wegen einiger Thaler zu unterhandeln war doch auch ein wenig
+viel verlangt. Nichtsdestoweniger beschloß er den Versuch zu machen,
+denn hinunter wollte er auf keinen Fall eher steigen, bis nicht der
+Delaware die Insel verlassen hätte. Er bat also den Alten, der
+überhaupt der Leiter der Schaar zu sein schien, ihn erst noch einmal
+kurze Zeit hier oben zu lassen, und indessen selber hinunter zu Sr.
+Majestät zu gehen, oder wenigstens einen von seinen Leuten hinunter zu
+schicken, der dem König Kunde von seinem Vorschlag brächte, ihn um die
+Erlaubniß längeren Aufenthaltes auf dieser Insel und Schutz zu bitten,
+bis sich das fremde Schiff entfernt hätte, wofür er denn seinerseits
+Willens sei, Sr. Majestät, falls diese ihm seine Sicherheit garantire,
+zwanzig Fünf-Frankenthaler -- ein Capital für diese Menschen --
+auszuzahlen.
+
+»Ja -- sehr gut das,« sagte der Alte nach einer kurzen Pause ernster
+Ueberlegung -- »sehr gut das, weißer Mann nicht Capitain kann mit ~fu-a~
+sprechen, aber muß hinunter gehn -- König nicht heraufkommen hier oben
+auf Berg -- König sehr faul, nicht viel Berge steigen.«
+
+»Ja, ich kann ihm da aber doch nicht helfen,« lachte René -- »wenn er
+die zwanzig großen Stücke Silber verdienen will, muß er auch etwas mehr
+dafür thun, als blos mit dem Scepter winken. Also marsch Ihr guten
+Freunde, bringt Sr. Majestät meinen freundlichen Gruß und Handschlag,
+und meldet ihm, was ich ihm hiemit entbieten lasse. Er soll einen
+vortrefflichen Vasallen an mir haben, und kann auch, wenn er es nur
+irgend anzustellen weiß, noch weit mehr Nutzen aus mir ziehen; ich bin
+gelehrig, und wer weiß ob ich mich nicht selbst ganz vortrefflich zu
+Schwiegersohn und Nachfolger eignen würde.«
+
+Der Alte verstand sicher nicht die Hälfte von alle dem, was ihm der
+Fremde da in seinem leichten fröhlichen Muth vorplauderte, soviel aber
+begriff er, daß er dem König eine gewisse Summe, und zwar eine ziemlich
+bedeutende bot, ihn frei zu lassen und nicht die mindeste Absicht habe
+vorher herunter zu kommen. Ging nun der König diese Bedingung ein, so
+verlor er selber jedenfalls seinen Antheil an dem ausgesetzten Lohne,
+ging er sie aber _nicht_ ein, so war der ganze Weg doch umsonst gewesen,
+und es erschien ihm also weit besser gleich das Letztere von vornherein
+anzunehmen, und den jungen Burschen, der da oben doch so freundlich
+lachte, und sich gewiß nicht gegen sie wehren würde, nur vor allen
+Dingen erst einmal herunterzuholen und mitzunehmen: das Andere konnten
+sie ja nachher unten ausmachen. Ein paar mit seinen Begleitern rasch
+gewechselte Worte setzte diese von dem gefaßten Entschluß in Kenntniß,
+und sich dann wieder zu dem Matrosen wendend, der ihn aufmerksam
+betrachtete seine Entscheidung zu hören, sagte er mit bedächtiger
+Stimme, indem er sich das Lendentuch etwas fester anzog und einsteckte,
+ungefähr in derselben Weise wie Matrosen gewöhnlich, mehr in eine Art
+Angewohnheit, ihre um die Hüften dicht anschließenden Segeltuchhosen in
+die Höhe ziehen.
+
+»Ja weißer Mann, Alles recht gut, weißer Mann Capitain hat aber gesagt
+müssen unten sein, bis Boot mit Kattun und Tabak und Messer und Beil und
+Hacke und andere Sachen wieder zurückkommt; so steig nur herunter
+solange, wollen unten erst zu König gehn, und nachher zu weiße Mann
+Capitain.«
+
+»Ich habe Dir aber schon gesagt, Du etwas harthöriger Bursche Du,« sagte
+René, fast ungeduldig werdend, »daß ich nicht eher hinunter kommen will,
+bis ich Sr. Majestät den König dieser vielleicht vereinigten Inseln
+gesprochen habe -- also mache daß Du zu ihm kömmst, je eher er hier ist,
+desto schneller können wir unsern Handel ins Reine bringen.«
+
+Der Alte aber, ob er dies Letzte nicht recht verstanden, oder für eine
+Einladung genommen, oder ob er auch vielleicht glaubte es sei jetzt über
+die Sache genug gesprochen worden, und müsse nun einmal gehandelt
+werden, kurz er rief seinen Begleitern zwei oder drei Worte mit einem
+entschiedenen Ton zu, und stieg dann mit weit mehr Entschlossenheit, als
+er bis jetzt überhaupt gezeigt hatte, die bröcklichen Felsen hinan dem
+Orte zu, wo der Fremde ihn ruhig erwartend stand.
+
+René hätte ihm mit leichter Mühe einen der schweren nur kaum in der
+Balance liegenden Steine auf den Kopf rollen können, aber er wollte
+selber in seinem eigenen Interesse Feindseligkeiten solange als möglich
+hinausschieben, und solche nur ein letztes, wirklich verzweifeltes
+Mittel sein lassen. Er behinderte deshalb auch den Alten nicht im
+Mindesten bei seinem Marsch, und dieser fand sich gleich darauf,
+vielleicht selbst gegen seine eigene Erwartung, oben auf der kleinen
+Plattform, neben seinem vermutheten Opfer, während seine vier Begleiter
+eben bemüht waren ihm langsam zu folgen.
+
+»So,« sagte der Indianer mit freundlichem Kopfnicken, als er endlich
+neben René stand und eben die Hand ausstreckte ihn auf die Schulter zu
+klopfen, »so Freund weißer Mann, nun wollen wir --« aber er sprach
+nichts weiter -- nur ein Blick war auf das Terzerol gefallen, das der
+Weiße ruhig in der Hand hielt, und mit einem Satz der selbst diesen um
+seine Sicherheit besorgt machte, sprang er von der kleinen Steinveste ab
+nach der Wurzel eines tiefer liegenden Baumes, und von dieser wieder auf
+die Erde hinunter, wo er nicht eher stehen blieb, bis er den schützenden
+Stamm einer Casuarine erreicht hatte, hinter dem vor er jetzt mit den
+Händen auf das lebhafteste an zu gesticuliren fing, und dabei schrie und
+tobte, als ob ihm da oben das schmählichste Unrecht geschehen wäre.
+
+Die Anderen warteten natürlich, als sie des Führers Flucht sahen, in
+ihrer, wie sie glaubten ebenfalls höchst gefährdeten Stellung, gar nicht
+ab die Ursache so schnellen Rückzugs zu erfragen, sondern folgten nur
+eben, so rasch sie konnten, dem gegebenen Beispiel des Alten.
+
+Sonderbarer Weise richtete sich aber dieses Zorn keineswegs auf den
+jungen Mann, sondern nur auf den »weißen Mann Capitain«, der ihn hier
+unter falscher Vorspiegelung, mit Aussetzung eines weit geringeren
+Lohnes, auf eine Expedition ausgeschickt hatte, wo er gegen jede
+Verabredung Waffen, und sogar ihm recht gut bekannte Schießwaffen fand.
+
+»Das sind _zwei_ Handbeile,« rief er heftig, »und _zehn_ Ellen Kattun --
+zwei fünf,« indem er die eine Hand mit gespreitzten Fingern zweimal von
+sich drückte, -- »und _vier_ Messer und _zwei_ zehn Stangen Tabak« -- er
+wiederholte, wie mit sich selber redend, die Bewegung der Hand -- »und
+_zwei_ Hacken, und _zwei_ handvoll Nägel und eine handvoll Knöpfe --
+weißer Mann Capitain sagt was nicht wahr ist -- keine Waffen -- puh --
+was ist das? -- kleine blanke Ding da -- puff! macht Loch in armen
+Kanaka.«
+
+»Habe keine Angst wackerer Krieger,« rief ihm René jetzt lachend
+hinunter, der im Anfang wirklich zu befürchten schien, der Alte müsse
+bei dem tollen Sprung wenigstens ein paar Beine gebrochen haben -- sich
+übrigens nicht wenig über den Eindruck freute, den seine kleinen
+Terzerole gemacht hatten -- »ich will Euch nicht das mindeste zu Leide
+thun -- ja im Gegentheil, Euer König soll sogar eine von diesen
+Handkanonen bekommen, falls er auf meine Bedingungen eingeht, und wir
+werden gewiß nachher in Fried' und Freundschaft zusammen leben, ja uns
+möglicher Weise noch einige benachbarte Inselgruppen zusammen
+unterwerfen; aber nun mache auch daß Du Sr. Majestät von meinen
+Vorschlägen in Kenntniß setzst, würdiger Greis, denn ich sehe schon daß
+vom Schiff aus wieder ein Boot abgeht, und möchte vorher noch Deine
+trostbringenden Nachrichten haben.«
+
+Der Alte sah jetzt allerdings selber ein daß hier, mit seinen wenigen
+Mann und mit Gewalt, Nichts auszurichten war; dann genügte ihm auch der
+auf das Einfangen des Entlaufenen gesetzte Preis nicht mehr; dieser
+hatte Schießwaffen und er glaubte von dem »weißen Mann Capitain«, wie er
+den Harpunierer nannte, vorher erst noch leicht die doppelte Ration
+herausdingen zu können, noch dazu da er das erst Geforderte so leicht
+und schnell bewilligt hatte. Da der Weiße übrigens, wie es schien,
+nicht die geringsten feindlichen Absichten zeigte, und wieder ganz in
+seine frühere friedliche Stellung zurückgefallen war, kam er auch hinter
+seinem, in der ersten Geschwindigkeit angenommenen Baume vor, und sich
+erst kurze Zeit mit seinen Leuten besprechend, wandte er sich dann
+plötzlich wieder zu dem Flüchtling und sagte:
+
+»Gut, gut -- Raiteo will gehn, will mit ~fu-a~ sprechen -- weißer Mann
+nicht Capitain bleibt hier so lange -- Raiteo kommt wieder -- Sonne
+dort« -- und er zeigte dabei mit der Hand die Himmelsgegend an, an
+welcher sich die Sonne befinden würde, wenn er wieder zurückkäme. Damit
+zog er sich, und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, in die Büsche
+zurück, und wie es schien folgten ihm alle seine Leute; außer Sicht ließ
+er aber seine sämmtliche Mannschaft auf Wacht und vertheilte sie so, daß
+sie die Bergkuppe nach allen vier Seiten umgaben, nicht etwa eine Flucht
+des Weißen von dort zu verhindern, denn das wußte er recht gut, konnten
+sie nicht, sondern nur genau zu sehen wo er bliebe, falls er den Ort aus
+freien Stücken verlassen sollte, damit ihnen die neue Arbeit eines
+Nachspürens erspart würde.
+
+Raiteo, wie er sich selbst genannt, dachte übrigens gar nicht daran Sr.
+Majestät dem König den ganzen Nutzen dieses Fanges allein zu lassen,
+und beschloß vor allen Dingen einmal zu sehen, wie viel mehr Belohnung
+er, dieser neuen Entdeckung nach, aus dem fremden Schiff herauslocken
+könne. Demzufolge, und da er jetzt selbst durch eine lichte Stelle in
+den Guiavenbüschen das auf's Neue heranrudernde Boot erkennen konnte,
+eilte er so rasch er vermochte dem Strand wieder zu, und traf dort mit
+dem eben auf dem weißen Corallensand auflaufenden Boot fast in ein und
+derselben Minute ein.
+
+Der Harpunier fluchte übrigens nicht wenig, als er hörte daß die
+Eingeborenen den Entlaufenen allerdings gefunden, aber noch nicht zum
+Strand gebracht hätten, und nun erst noch eine neue erhöhte Forderung
+stellten; er hätte ihnen jetzt gern das sechsfache gegeben, wäre der
+entlaufene Matrose damit in seinen Händen gewesen, denn der Capitain des
+Delaware wüthete ordentlich als er die Flucht des Manns und seinen
+dadurch erzwungenen Aufenthalt vernahm, und gab ihm jede Vollmacht den
+Burschen, den er exemplarisch zu bestrafen gedachte, wieder in seine
+Gewalt zu bekommen.
+
+Raiteo sollte aber die Sache nicht mehr allein auszufechten haben,
+sondern Sr. Majestät, die von dem reichen, für den Flüchtling
+versprochenen Lohn gehört hatte, mischte sich jetzt selber in das
+Geschäft, und schien Raiteo mehr als Führer wie Leitenden betrachten zu
+wollen.
+
+Der Harpunier hatte nun zwar selber schon Raiteo eine Belohnung geboten,
+wenn er ihn nur zu dem Platz hinbringen wolle wo der Flüchtling sei;
+Jener schien das aber einestheils nicht gern thun zu mögen, und anderer
+Seits zeigte dies wieder eine neue Schwierigkeit. Der Harpunier hätte
+seine Leute entweder zurücklassen oder mitnehmen müssen, und in beiden
+Fällen konnte es am Ende gar noch einem Andern einfallen, sein Glück
+ebenfalls in den Wäldern zu versuchen. Nach kurzem Ueberlegen suchte er
+deshalb die Indianer zu bewegen so rasch als möglich zurückzugehn und
+den Weißen zu holen, und die Versprechungen die er ihnen dafür machte,
+ja mehr noch die mitgebrachten Sachen die er ihnen zeigte, und von denen
+er einiges dem König schon gab, seine Habgier zu reizen, schienen ihm
+allerdings das günstigste Resultat zu versprechen.
+
+Die Leute waren diesmal in sehr bedeutender Anzahl, sogar mit einer
+Menge neugieriger Frauen, aufgebrochen den Gefangenen, der solcher Masse
+nicht hätte widerstehen können, zum Strand zu holen, und jetzt etwa
+lange genug abwesend daß der Harpunier schon dann und wann nach seiner
+Uhr sah, und die Zeit zu berechnen anfing, in der sie würden wieder
+zurück sein können, als Mr. Rowsey plötzlich, sehr zu seinem Erstaunen,
+ein Zeichen von seinem Schiff erhielt, so rasch er könne an Bord
+zurückzukommen.
+
+»Was zum Teufel kann nur los sein?« brummte er, als ihn Einer der Leute
+auf die eben aufsteigende Flagge aufmerksam machte -- »Fische bei Gott!«
+rief er aber, als diese, zum verabredeten Signal, dreimal auf und
+niedergezogen wurde -- »die hätten auch noch ein paar Stunden warten
+können. An Bord ~boys~, an Bord -- rasch an Eure Riemen« -- rief er dann
+seinen Leuten zu, die schnell dem Befehl gehorchten. Er selber blieb
+noch ein paar Momente wie unschlüssig am Ufer stehen, während sich die
+zurückgebliebenen Eingeborenen neugierig um ihn sammelten, theils zu
+erfahren was die Flagge am Schiff bedeuten solle -- denn soviel hatten
+sie schon mit Schiffen verkehrt, zu wissen daß dies etwas Besonderes
+melden wolle -- theils was die Weißen jetzt zu thun beabsichtigten.
+
+Der Harpunier wußte das in der That im Anfang selber nicht -- mußten sie
+jetzt hinter Fischen her, wie es allen Anschein hatte, so konnten ein
+paar Tage vergehen, ehe sie hierher wieder zurück kamen, und sollte er
+indessen die für das Einfangen des Mannes bestimmten Güter in den Händen
+des Königs lassen? That er es nicht, so war es die Frage ob sich die
+Eingebornen, sobald sie das Schiff absegeln sahen, weiter um den Weißen
+bekümmern würden, und ließ er die Sachen da, so hieß das ein wenig viel
+der Ehrlichkeit dieser Leute vertraut, von der er, nach ziemlich langer
+Erfahrung, in solcher Hinsicht gerade keinen besonderen Begriff zu haben
+schien. Er entschloß sich aber doch zuletzt dazu, denn eines Theils lag
+in den mitgebrachten Sachen kein wirklicher Werth, und andern Theils
+durfte er dann auch darauf rechnen daß die Leute -- wenn sie eben nicht
+mit dem Ganzen durchbrannten -- ihr Bestes thun würden sein Vertrauen zu
+rechtfertigen. Sich also zu dem König wendend sagte er ihm mit kurzen
+Worten, er müsse jetzt an sein Schiff gehn, er wolle aber den Lohn für
+das Einfangen des Entlaufenen bei ihm niederlegen, und er verlange dafür
+von ihm, daß sie den Mann, wenn sie ihn einbrächten -- sollte das Schiff
+noch dort liegen, wo sie es jetzt sähen -- augenblicklich in ein Canoe
+nähmen und an Bord brächten, sollte es aber unter Segel sein, so lange
+gut verwahrten, bis er selber zurückkäme.
+
+Se. Majestät versprach ihm dafür die Sachen in sein eigenes Haus zu
+legen, und versicherte den Harpunier es würde Nichts davon kommen, denn
+sie seien alle _Christen_ und zwei »Mitonares« hier auf der Insel.
+
+Der alte Harpunier schien ihm etwas darauf erwiedern zu wollen, und sah
+ihn einen Augenblick wie zweifelnd an, endlich aber brummte er nur leise
+ein paar Worte in den Bart, sprang in sein Boot und schoß gleich darauf,
+so rasch ihn die mit äußerster Kraft der Leute geführten Riemen[B]
+bringen konnten, dem, etwa zwei englische Meilen entfernten Schiffe zu,
+von dessen Gaffel die Flagge noch immer wehte, und dann und wann gezogen
+wurde -- ein Zeichen größter Eile.
+
+
+Fußnoten:
+
+[B] Riemen, das nautische Wort für die langen Ruder der See- und
+Wallfischboote.
+
+
+
+
+Capitel 3.
+
+#Das Mädchen von Atiu.#
+
+
+René saß indessen, nachdem ihn die Eingeborenen verlassen, eine ganze
+Weile sinnend auf den Steinen seines kleinen Fort's, und überlegte was
+er am Besten thäte -- hier auf dieser Stelle bleiben und die Rückkunft
+der Männer zu erwarten, oder sich vielleicht, mit mehr Vorsicht ein
+neues Versteck zu suchen, wo er wenigstens bis Dunkelwerden unentdeckt
+bleiben konnte und dann die ganze Nacht vor sich hatte eine Stelle zu
+finden seinen Verfolgern zu entgehn oder sie hinzuzögern; er wußte recht
+gut daß der Capitain des Delaware bald ungeduldig werden würde, wenn er
+ihn nicht rasch wieder zurückbekäme. Es war überdies auch möglich daß er
+selber in der Nacht ein Canoe fand mit dem er getrost in See gehen
+konnte; im Nord-Westen lagen noch mehre Inseln, und selbst die Gefahr
+der er sich dabei aussetzte, schien ihm nicht halb so groß als die, in
+der er sich jetzt wirklich befand wieder gefangen genommen und an Bord
+des Delaware zurückgeschafft zu werden. Er entschloß sich also endlich
+von dieser Kuppe wieder einer andern Hügelspitze zuzugehn, die er von
+hier aus gut erkennen konnte; jedenfalls nahm es dann seinen Feinden
+einige Zeit bis sie ihn wieder fanden, und die Nacht verbarg dann seine
+Spuren den Verfolgern.
+
+Diesen Versuch mußte er aber bald aufgeben, denn kaum hatte er etwa
+hundert Schritt den Berg hinunter gethan, so entdeckte sein scharf
+umherspähendes Auge die Gestalt des dort stationirten Insulaners, der
+sich allerdings, als er ihn kommen hörte, in das dichte üppige Kraut,
+was überall den Boden bedeckte, niederdrückte. Er war also umstellt, und
+es half ihm Nichts seinen Schlupfwinkel zu verändern, denn diese Wachen
+würden ihm natürlich auf den Fersen gefolgt sein; ja die Möglichkeit lag
+vor, daß sich seine Feinde, vielleicht zahlreicher als er selber eine
+Ahnung hatte, hier in den Hinterhalt gelegt, nur eben auf sein
+Niedersteigen wartend, um ihn dann, in dem dichten Gestrüpp soviel
+leichter überfallen und binden zu können, und scheu, hinter jedem Stamm
+einen versteckten, zum Ansprung bereiten Feind vermuthend, das gespannte
+Terzerol in der Hand, zog er sich rasch aber unbelästigt, wieder zu dem
+kaum verlassenen Versteck zurück.
+
+»Gut,« murmelte er dabei zwischen den fest zusammengebissenen Zähnen
+durch, als er zu seiner kleinen Veste zum zweiten Mal aufstieg -- »laß
+sie dann die Folgen nehmen, wenn sie mich mit Gewalt zum Aeußersten
+treiben wollen; aber lebendig bringen sie mich beim ewigen Gott nicht
+von diesen Steinen hinunter.«
+
+Er untersuchte jetzt auf das sorgfältigste seine kleinen Terzerole,
+schraubte die Pistons los und that frisches Pulver wie nachher frische
+Kupferhütchen auf, und als er sich wenigstens dieser Hülfe versichert
+und sein Messer gefühlt hatte, ob es ihm locker und zum Griff bequem an
+der Seite hing, wußte er daß er für den Augenblick nichts weiter thun
+konnte und warf sich, der Dinge die er doch nicht zu ändern vermochte
+wartend, auf die Steine nieder, seine Kräfte wenigstens nicht durch
+unnöthige Anstrengungen vor der Zeit zu erschöpfen.
+
+Er mochte etwa eine halbe Stunde so gelegen haben, als der Lärm der
+jetzt zu ihm heraufsteigenden Schaar an sein Ohr drang -- er horchte
+einen Augenblick auf und als er die lauten Stimmen einer großen Zahl
+Menschen deutlich unterschied, blieb er ruhig in seiner Stellung. Er
+wußte daß sie, mit solchem Geräusch ankommend, ihn nicht überraschen
+wollten, und daß sich jetzt der entscheidende Augenblick nahe. Er hatte
+das Boot wieder zurückkommen sehen und erwartete kaum anders, als daß
+sich der Harpunier selber mit seinen Leuten der Schaar angeschlossen
+habe.
+
+Diese kam jetzt so rasch und mit solchem Geplapper und Lachen und
+Schreien näher, daß er sich endlich aufrichten mußte; ein Blick
+überzeugte ihn aber er habe es nur mit Insulanern und keinem seiner
+früheren Kameraden zu thun, und mit der Ueberzeugung zog ihm auch wieder
+neue Hoffnung durch die Seele. Er lehnte sich jetzt in seine frühere
+Stellung auf den Stein, und als er sich Männer und Frauen in bunter
+Masse um sich sammeln sah, konnte er selbst ein Lächeln nicht
+zurückhalten.
+
+»Was für eine herrliche Situation wäre dies jetzt für einen der frommen
+Missionaire,« murmelte er leise vor sich hin, »für die »Prediger in der
+Wüste« wie sie sich selber nennen -- Kanzel und Auditorium fix und
+fertig, und welch zahlreiche, bunte Versammlung -- wahrhaftig auch
+Frauen -- die lieben Dinger müssen doch überall dabei sein, selbst wenn
+es gilt einen armen Teufel von Matrosen wieder an seine Henker
+auszuliefern. Aber, ~prenez-garde mes dames~, noch _habt_ Ihr ihn nicht,
+und billig sind die zehn Ellen rother Kattun etc. wahrhaftig nicht
+verdient, _wenn_ Ihr ihn bekommt.«
+
+Die Schaar sammelte sich indessen um den Felsen herum und obgleich
+dießmal eine höhere Person als Raiteo, nämlich der Sohn des Königs
+selber, mitgekommen war, behielt doch jener bei den nachfolgenden
+Unterhandlungen als Dollmetscher das Wort, und forderte jetzt,
+augenscheinlich verdrießlich durch die Hartnäckigkeit des Burschen um
+den, ihm von Gott und Rechts wegen zustehenden Lohn gebracht zu sein,
+ihn einfach auf herunter zu kommen und mit ihnen zu gehn, weil sie sonst
+Gewalt brauchen müßten, und ihm nicht gern ein Leides thun wollten. Ihr
+König erlaube ihm nicht länger hier auf der Insel zu bleiben, also helfe
+ihm weiter kein Widerstand.
+
+René hatte sich hoch aufgerichtet, die jetzt frisch von der See
+herüberwehende Brise schlug ihm das dunkle lange Haar wild um die
+Schläfe, und sein Gesicht war von der inneren Aufregung vollkommen
+bleich geworden, aber seine Augen funkelten und ein trotziges Lächeln
+kräuste ihm selbst die Lippe, als er mit lauter herausfordernder Stimme
+hinunter rief:
+
+»So kommt denn, wenn Ihr den Muth habt mich zu holen -- kommt und seht
+wessen Blut diese Steine zuerst färben soll -- kommt und überliefert
+einen Mann, der Euch nie ein Leides gethan, seinen Feinden, Ihr seid ja
+am Ende gar Christen und wollt nach Gottes Geboten handeln -- kommt,
+aber ehe ich jenes Schiff wieder lebendig betrete --« er schwieg
+plötzlich denn sein Auge hatte in diesem Moment fast unwillkürlich das
+ferne Fahrzeug gesucht, und er sah jetzt zum ersten Mal das von der
+Gaffel flatternde Zeichen, wie das zu dem Schiff zurückkehrende Boot, ja
+ein zweiter Blick überzeugte ihn sogar daß nach Westen hin die drei
+anderen Boote ebenfalls voll unter Segel waren, und die Wahrheit des
+Ganzen durchzuckte ihn im Nu.
+
+Als die unten Stehenden sahen daß er plötzlich seine Blicke so
+aufmerksam nach der Richtung hin sandte, wo das Schiff lag, suchten sie
+ebenfalls dorthin Aussicht zu gewinnen, und zwei junge Leute die rasch
+eine der Casuarinen erstiegen hatten, riefen bald etwas in ihrer Sprache
+hinunter. Von den Männern vertheilten sich jetzt mehre nach lichteren
+Punkten hin, wo sie die See nach dieser Richtung hin besser überschauen
+konnten, und es zeigte sich gar bald daß etwas Besonderes dort an Bord
+vorgehen müsse, was für den Augenblick, da es ja auch mit ihren
+Verhandlungen hier in naher Beziehung stehen mußte, ihre Aufmerksamkeit
+vollkommen von dem jungen Matrosen ablenkte.
+
+René selber dachte kaum mehr an die Eingeborenen -- er sah wie das Boot,
+das ihn hatte abholen sollen, an Bord des Delaware zurückkehrte, der
+augenblicklich seine Raaen umbraßte und mit geblähten Segeln den
+vorangeeilten Booten nach Westen folgte. Jedenfalls hatten sie dort eine
+große Zahl Fische bemerkt, die ihm sicherlich sehr zu gelegener Zeit
+aufgekommen waren, und hielt die Jagd nur bis Abend an, daß das Schiff
+dadurch eine tüchtige Strecke nach Westen versetzt wurde, so war die
+Frage ob der Capitain seinetwegen hier wieder gegen den Passat ankreuzen
+würde; jedenfalls behielt er einen, vielleicht mehre Tage Zeit auf
+Flucht von der Insel zu denken und die Gefahr war wenigstens für den
+Augenblick von ihm genommen. Daß er die Insulaner _jetzt_ leicht von
+sich abhalten konnte, daran zweifelte er keinen Augenblick.
+
+Der Erfolg zeigte denn auch daß er darin vollkommen recht gehabt. Die
+Insulaner, als sie das Schiff unter vollen Segeln die Insel verlassen
+sahen, wußten nicht recht woran sie waren, und mußten erst wieder einen
+Boten nach unten schicken, neue Verhaltungsbefehle einzuholen.
+Allerdings begegnete diesem schon ein Anderer, der ihnen die Ordre
+brachte den jungen Fremden nur einstweilen einzufangen und mit
+herunterzunehmen. Das war aber weit eher gesagt als gethan, und kam das
+Fahrzeug am Ende nachher gar nicht zurück, so mußten sie ihn doch wieder
+los lassen; da war es also weit vernünftiger ihn jetzt gar nicht zu
+stören, bis das Schiff wirklich wieder da sei, nachher sei es noch Zeit
+genug.
+
+Als die Frauen und Mädchen, die dem Zug aus Neugierde gefolgt waren und
+sich im Anfang, da man noch nicht wußte ob es zu Feindseligkeiten kommen
+würde, scheu zurück gehalten hatten, nun, wie die Sachen jetzt standen,
+und daß nicht die mindeste Gefahr zu fürchten sei, sahen, so kamen sie
+weiter vor, und suchten Plätze zu bekommen, von denen sie den jungen
+Fremden genau beobachten konnten. Nur ein junges Mädchen allein war
+schon früher so weit vorgedrungen, daß sie sich dem Umstellten, auf
+einer anderen kleinen Erderhöhung fast gegenüber befand, und hatte die
+ganze Zeit keinen Blick von ihm verwandt.
+
+Es war ein junges bildschönes Kind von vielleicht funfzehn oder sechzehn
+Jahren, schlank gewachsen wie die Palme ihrer Wälder, aber mit vollem
+runden Gliederbau; die rabenschwarzen mit wohlriechendem Cocosöl
+getränkten Locken wild um die braune Stirn flatternd, und die schönen
+großen dunklen Augen halb ängstlich halb mitleidig auf den jungen Mann
+geheftet, dessen Leben wenn er sich zum äußersten widersetzte, wie sie
+recht gut wußte, in großer Gefahr schwebte. Sie war nach Art der übrigen
+Mädchen gekleidet; ein Lendentuch von farbigem Kattun, das ihr bis auf
+die feingeformten Knie niederging, schloß sich ihr dicht um die Hüften
+und ein anderes Tuch war nur lose über die linke Schulter gehangen, und
+auf der rechten mit einem Knoten locker zusammengehalten, daß es den
+rechten Arm vollkommen nackt und ihm freie Bewegung ließ. In den vollen
+Locken trug sie einen dünnen Kranz weißer und rother Blüthen, mit den
+Fasern des Cocosblattes fest zusammengebunden, in den Ohren aber zwei
+der großen weißen duftenden Sternblumen, und wie sie dort stand auf dem
+bröcklichen Gestein, um das sich dicht hinter ihr die vollen dunklen
+Büsche schmiegten, den linken Arm um die dünne Casuarine geschlungen,
+die sie da oben auf ihrer etwas gefährlichen Stelle stützte, glich sie
+eher einer lauschend aus dem Dickicht gebrochenen Waldnymphe, als einem
+einfachen schlichten Kind dieser Inseln.
+
+René war im Anfang natürlich zu sehr mit der Gefahr seiner eigenen Lage
+beschäftigt gewesen, einzelne Gestalten der ihn umgebenden Insulaner
+beachten zu können, und vorzüglich hatte er die Männer und ihre
+Bewegungen im Auge behalten, da er ja auch gar nicht wissen konnte, ob
+sie nicht einen plötzlichen Angriff auf ihn beabsichtigten; jetzt aber,
+als sein leichter Sinn ihn rasch über die geringere Gefahr, die ihm von
+den Insulanern selber drohte, hinwegsetzte, fühlte er mehr das
+eigenthümliche, ja interessante seiner Lage, und während das Blut in
+seine Wangen zurückkehrte und ein leichtes Lächeln über seine schönen
+Züge flog, schaute er sich um nach den einzelnen Gruppen, und sein Blick
+begegnete zum ersten Mal dem dunklen, brennenden Auge des Mädchens.
+
+Das holde Kind schlug aber, als sie sah daß er sie bemerkt hatte,
+verschämt den Blick zu Boden, und so zart war die lichtbraune Haut, daß
+René deutlich darauf das dunkle Erröthen, das ihre Schläfe und Wangen
+färbte, erkennen konnte; gerade jetzt wurde aber seine Aufmerksamkeit
+wieder auf die Schaar der Männer gelenkt, die sich ihm näherten und ihn
+noch einmal frugen, ob er gutwillig zu ihnen hinuntersteigen wolle oder
+nicht.
+
+»Gewiß!« rief René jetzt freudig, und war es früher schon seine Absicht
+gewesen, so hatte sie jetzt die Gestalt des holden ihm gegenüber
+stehenden Kindes nur noch bestärkt -- »gewiß will ich hinunter kommen
+und bei Euch bleiben, aber Ihr müßt mir versprechen daß Ihr mich nicht
+festhalten oder binden wollt -- freiwillig komme ich in Euere Mitte,
+und freiwillig werde ich darin bleiben, denn das Schiff, was mich zurück
+forderte, hat die Insel verlassen nicht wieder zurückzukehren. Wollt Ihr
+mir also fest und aufrichtig Sicherheit für meine Person versprechen, so
+steige ich augenblicklich zu Euch nieder, und ich hoffe wir sollen recht
+gute Freunde zusammen werden. Seid Ihr das zufrieden?«
+
+Die Insulaner, denen Raiteo die Worte des jungen Mannes verdollmetscht
+hatte, besprachen sich kurze Zeit in lauter, lärmender Stimme
+miteinander, und dieser wandte sich dann wieder zu ihm und sagte,
+freundlich dabei mit der Hand winkend:
+
+»Gut, weißer Mann, -- ~a haere mai~ -- sei willkommen und bleib bei uns
+bis dein Schiff wieder zurück kommt, oder so lange Du willst!«
+
+»~Eh bien~!« rief der junge Franzose lachend -- »das ist ein Vorschlag
+zur Güte und die Sache löst sich freundlicher als ich erwarten durfte.«
+Und damit schob er seine Terzerole in die Tasche, drückte sich die Mütze
+wieder in die Stirn, und wollte sich eben über die Steine, die seine
+Festungswerke bildeten, hinüberschwingen, als ihn ein Ruf in gutem
+Englisch plötzlich nicht allein daran verhinderte, sondern auch erstaunt
+und überrascht aufschauen machte.
+
+Es war das junge holde Mädchen, das, den rechten Arm gegen ihn
+ausgestreckt, laut und fast ängstlich im reinsten Englisch rief:
+
+»Halt, Fremder -- halt -- sie sind falsch -- sie wollen Dich binden und
+halten, und dem Schiff, das ihnen das Lösegeld zurückgelassen hat,
+wieder ausliefern -- traue ihnen nicht, und bleibe wo Du bist, bis Dich
+der König selber seines Schutzes versichert hat.« Dann aber sich gegen
+die unten Stehenden wendend, unter denen Raiteo die hervorragendste und
+jedenfalls bestürzteste Persönlichkeit bildete, da er allein zu seinem
+Schrecken verstanden hatte, wie das junge Mädchen ihre eigenen
+Landsleute an den Fremden, seiner Meinung nach, verrieth, rief sie mit
+zürnender fast drohender Stimme in der schönen klangvollen melodischen
+Sprache ihres Stammes:
+
+»Schäme Dich, ~ahina~[C] -- schämt Euch Ihr alle, den armen
+~hutupanutai~[D] verrätherisch unter Euch locken und überfallen zu
+wollen. -- Wo sind seine Verwandte -- wo seine Eltern -- wo seine
+Geschwister? -- weit weit von hier, und um schnöden Lohn drängt es Euch,
+ihn seinen Feinden zu überliefern, und _Ihr_ nennt Euch _Christen_? Ihr
+prahlt damit in den öffentlichen Versammlungen daß Ihr Euern Nächsten
+lieben wollt wie Euch selbst, und Anderen nicht das zufügen möchtet, was
+Euch nicht selbst geschehen solle; schämt Euch in Euere Seele hinein daß
+Euch ein armes junges Mädchen zurechtweisen und Euere Ehre retten muß
+vor dem Fremden!«
+
+Kaum aber hatte sie diese Worte gesprochen, und sah wie Aller Blicke auf
+sie gerichtet waren, als auch die natürliche mädchenhafte Scheu wieder
+jedes andere Gefühl verdrängte; das Blut schoß ihr in Strömen nach den
+Schläfen, und die Blicke niederschlagend, als ob sie selber jetzt gerade
+eine unrechte Handlung gethan, und nicht im Gegentheil Andere von einer
+solchen zurückgehalten hatte, glitt sie in die sie dicht umschließenden
+Büsche zurück, und war auch im nächsten Moment hinter dem Felsenhang
+verschwunden.
+
+René, der dieser so zeitgemäßen Warnung der Jungfrau nach, rasch seine
+alte Stellung wieder eingenommen hatte, und jetzt mit gezogenen Waffen
+und finsterem Blick die etwas verlegen unter ihm stehende Schaar
+betrachtete, konnte an deren ganzem Betragen leicht und deutlich sehen,
+wie viel Grund zu jener Anschuldigung, die er später mehr in den Blicken
+des Mädchens gelesen als aus ihren Worten verstanden hatte, vorhanden
+gewesen. Raiteo besonders, der bei den allsonntäglichen religiösen
+»~meetings~« eine Hauptrolle spielte, schien sich über den, ihn am
+tiefsten verletzenden Vorwurf, schlimm zu ärgern. Die Mädchen und Frauen
+flüsterten aber lebhaft untereinander, und aus den freundlichen ihm
+zugeworfenen Blicken durfte René wohl urtheilen daß er den _schönen_
+Theil seiner Feinde nicht mehr zu seinen Feinden zählen durfte, und daß
+dieser vollkommen mit dem Betragen Einer ihrer Schwestern einverstanden
+sei.
+
+Die Männer beriethen sich indessen eine ganze Zeitlang miteinander,
+sahen dann wieder nach dem Schiff aus, das mehr und mehr in der Ferne,
+und zwar nach Westen hin verschwand, und schienen total rathlos zu sein,
+was sie eigentlich thun sollten. Einen wirklichen Angriff zu machen,
+dazu fehlte ihnen in diesem Augenblick, wenn auch nicht der Muth, doch
+jedenfalls, durch das Absegeln des Schiffs, die dringende Ursache, und
+friedlich nach dem eben stattgehabten Vorfall wieder mit ihm
+anzuknüpfen, war auch eine schwierige Sache -- wer konnte von ihm
+verlangen daß er nach dem letzten Beispiel ihnen jetzt noch einmal
+trauen sollte.
+
+So verging der Nachmittag, René beschloß übrigens jetzt weiter Nichts zu
+unternehmen; war das Schiff erst einmal gänzlich aus Sicht, so ließ
+sich eher hoffen die Leute zur Vernunft zu bringen, zeigten sie sich
+aber dann morgen noch eben so hartnäckig, dann wollte er versuchen ein
+Canoe zu bekommen, und von der Insel zu fliehen, denn er konnte sich
+nicht verhehlen daß der Delaware, da er, wie ihm das junge Mädchen
+gesagt, den für sein Einfangen bestimmten Lohn hier zurückgelassen, doch
+jedenfalls die Absicht haben mußte die Insel, wenn ihm das irgend
+möglich war, wieder anzulaufen. Das hing indessen noch Alles theils von
+dem Weg ab den die Fische nahmen, theils ob er an einem oder mehreren
+festkam, denn so lange er den Fisch langseits hatte, konnte er nicht
+segeln und trieb immer weiter nach Westen ab.
+
+Indessen stellte sich aber auch bei ihm wieder Hunger und Durst ein, und
+theils diesen zu befriedigen, theils den Insulanern unten zu zeigen daß
+er nicht die mindeste Furcht und noch ganz guten Appetit habe, setzte er
+sich oben auf seine Befestigungswerke und begann seine etwas
+hinausgeschobene Mahlzeit nach Kräften zu halten.
+
+Erst als es Abend wurde verließen ihn die Insulaner, und zwar ohne
+weiter mit ihm zu unterhandeln, bis auf den letzten Mann, und seine
+einzige Sorge war jetzt daß sie ihn in der Nacht, wenn er eingeschlafen
+wäre, überrumpeln möchten. Diesem zu begegnen, und da der Feind
+wahrscheinlich einen solchen Versuch erst spät machen und nicht glauben
+würde daß er sich gleich nach Dunkelwerden niederlegen werde, beschloß
+er, trotz der ihn umgebenden Gefahr, gerade jetzt ein paar Stunden zu
+schlafen um nachher desto munterer zu sein, denn ohne alle Rast wußte er
+recht gut daß er es nicht aushalten könne. Ueberdieß fürchtete er mehr
+als alles Andere, seinem Körper gleich im Anfang zu viel zuzumuthen, da
+er ja nicht wissen konnte welche Strapatzen und Gefahren er überhaupt
+noch zu bestehen hatte.
+
+Dieß Alles stimmte übrigens so vollkommen mit seiner eigenen Neigung
+überein, denn er war durch die gehabte Aufregung jetzt, da gewissermaßen
+ein Ruhestand eingetreten, förmlich erschöpft und so müde geworden, daß
+er es auch augenblicklich auszuführen beschloß, sein Bündel auf der
+einen Seite als Kopfkissen hinlegte -- nur die Vorsicht gebrauchend an
+dem am leichtesten zu ersteigenden Platz einen Stein so locker zu
+placiren, daß er bei der leisesten Berührung niederfallen mußte -- und
+sich dann mit sorgloser Ruhe auf den harten Boden und dem Schlaf in die
+Arme warf.
+
+Um den armen René möchte es aber schlecht gestanden haben, hätten die
+Insulaner wirklich beabsichtigt in der Nacht etwas gegen ihn zu
+unternehmen, denn lange nach Mitternacht berührte eine leichte Hand
+seine Schulter, ohne daß er erwacht wäre.
+
+»Fremder,« sagte da eine sanfte, weiche Stimme, und das junge schöne
+Mädchen, das neben ihm stand, legte ihre kalten Finger an seine, vom
+festen Schlaf erhitzte Stirn.
+
+»Ja,« sagte René, die Augen öffnend und umschauend -- »ja -- schon acht
+Glasen?«[E] -- die kalte Nachtluft strich über ihn hin -- um ihn
+rauschte das Laub des Waldes und die hellen funkelnden Sterne blickten
+klar auf ihn nieder. In dem Moment schoß ihm auch die ganze Gefahr
+seiner Lage durch die Seele, und rasch emporspringend, das Terzerol wie
+instinktartig im Griff, schien er den Angriff zu erwarten.
+
+»Ihr seid eine vortreffliche Schildwache,« lachte aber das junge
+Mädchen, das ruhig auf ihrem Platz stehen geblieben war -- »wenn Ihr
+nicht besser über anderer Leute Gut wacht, als Euere eigene Sicherheit,
+möchte ich Euch wahrlich nicht einer Banane Werth vertrauen.«
+
+René faßte sich an die Stirn -- er wußte im ersten Augenblick wahrhaftig
+nicht ob er wache oder träume, das ganze Fremdartige seiner Umgebung,
+das schöne lachende Mädchen dicht vor ihm, ein dunkles Bewußtsein
+drohender Gefahr die über ihm schwebe, und seine Sinne noch halb von dem
+kaum erst abgeschüttelten tiefen Schlaf befangen, verlangte Alles daß er
+sich erst sammle, und es verging wohl eine Minute, ehe er seine
+wirkliche Lage wieder vollständig begriff.
+
+Das junge Mädchen stand indeß, mit untergeschlagenen Armen, die zarten
+Lippen fest zusammengepreßt, und den Kopf schüttelnd vor ihm, und sagte
+endlich halb lachend halb erstaunt:
+
+»Bist Du nicht ein wunderlicher Mann, Fremder -- schläfst hier mitten
+zwischen Deinen Feinden, als ob Du daheim im sichern Hause, von den
+Deinen bewacht lägest und nicht ein Preis auf dein Einbringen gesetzt
+sei, das habgierige Menschen zu deinem Verderben reizen muß.«
+
+»Und durft ich nicht schlafen, wenn ein solcher Schutzgeist über mich
+wachte, Du holdes Kind!« sagte René herzlich, die Hand nach der ihren
+ausstreckend -- sie trat aber vor der Berührung einen Schritt zurück,
+und erwiederte, mit ernstem Blick nach oben deutend:
+
+»Allerdings hattest Du einen Schutzgeist der über Dich wachte, aber es
+ist das Auge Gottes, das jedes Haar Deines Hauptes gezählt hat, und ohne
+dessen Willen keins zur Erde fällt -- ihm danke für Deine bisherige
+Sicherheit, nicht mir. Aber komm Fremder,« setzte sie dann freundlicher
+hinzu -- »nimm Dein Bett und wandere und folge mir, ich will Dich vor
+Tag, und ehe böse Menschen im Thale neue Anschläge schmieden könnten, an
+die andere Seite der Insel bringen, dort steht das Haus eines frommen
+Mannes, das Dich schützen wird, bis Dein Schiff diese Gegend verlassen
+hat, und dann kannst Du später nach Tahiti, wo viele Deiner Landsleute
+leben, hinübergehn und dort in Sicherheit wohnen.«
+
+»Mein _Bett_ mitzunehmen, möchte hier schwer werden,« lachte aber René,
+dessen leichter Sinn ihn in der Nähe des schönen Mädchens das so
+freundlich um ihn besorgt war, schon über alles Andere weggesetzt hatte,
+»das wollen wir lieber liegen lassen; mit dem Kopfkissen möchte es eher
+gehn -- und wie ists mit den Provisionen -- soll ich die Cocosnuß und
+Bananen? --«
+
+»Wir finden genug auf unserem Weg« -- unterbrach ihn aber das Mädchen --
+»iß und trink wenn Du _jetzt_ Hunger hast, und sorge nicht weiter.«
+
+»Dann mag es sich mein Dollmetscher morgen als schwachen Beweis meiner
+Erkenntlichkeit mit hinunter nehmen,« lachte René, »der alte Bursche
+wird schön schauen, wenn er das Nest leer und den Vogel ausgeflogen
+findet.«
+
+»O sprich nicht mit so leichtem Muth über eine Gefahr, der Du noch
+keineswegs entgangen bist,« bat aber das Mädchen, »ich selber kann
+nichts für Deine Sicherheit thun, als Dich zu einem Andern führen und
+diesen bitten Dir zu helfen -- er ist selber ein Weißer und ein Diener
+des Herrn, und wird gewiß Alles für Dich thun was in seinen Kräften
+steht -- er ist aber doch auch nur ein Mensch, und vermag Dir keinen
+anderen, als eben nur menschlichen Schutz zu gewähren.«
+
+»Ein Weißer? -- und ein Diener des Herrn?« sagte aber René rasch und
+nachdenkend -- »ein Missionair also?«
+
+»Gewiß, ein Missionair,« bestätigte die Jungfrau -- »er hat mich von
+frühester Jugend auferzogen und seine Sprache und Religion gelehrt -- er
+ist ein stiller, friedlicher und guter Mann.«
+
+René blieb nachdenkend eine kleine Weile stehn, und es ging ihm im Kopf
+herum was er Alles, vielleicht in seinem katholischen Vaterland noch
+übertrieben, über die protestantischen Missionaire dieser Inseln gehört
+und gelesen, bei denen er eigentlich schon aus zwei Gründen keine
+freundliche Aufnahme erwarten durfte, erstlich als entlaufener Matrose
+und dann als Katholik; er war aber nicht der Mann sich vor der Zeit
+vielleicht unnöthige Sorgen zu machen, that er's doch nicht wenn er
+selbst Ursache dazu hatte.
+
+»~Eh bien~!« rief er fröhlich und entschlossen -- »sei es wohin es
+wolle, wohin Du mich führst Du holdes Kind, geh ich gern, und wäre es in
+den Tod. Hier kann ich doch nicht bleiben,« setzte er lächelnd hinzu als
+er einen halb komischen halb verlegnen Blick umherwarf -- »der
+Bequemlichkeiten sind nicht besonders viel, und vor Tag stöberte mich
+doch am Ende der alte Bursche von Dollmetscher wieder auf -- also
+vorwärts, vorwärts Du liebes Mädchen -- aber welchen Namen hast Du? wie
+kann ich Dich nennen?«
+
+»Meine Landsleute nannten mich Sadie,« sagte das schöne Mädchen leise --
+»Sadie nach einem jener freundlichen Sterne dort oben, aber mein
+Pflegevater verwarf den Namen als heidnisch, und ich heiße jetzt
+Prudentia -- nur die Insulaner können das noch nicht gut aussprechen und
+nennen mich lieber mit dem alten Namen.«
+
+»Oh so laß mich Dich auch Sadie nennen, Du holdes Kind,« bat da René --
+»bist Du mir nicht auch ein freundlicher Stern geworden, der mich hier
+aus meiner Trübsal hinausführen soll? -- und wie gern folg ich ihm --
+Prudentia, lieber Gott, der Name mag für des würdigen Mannes Mutter oder
+Gattin recht gut klingen, aber Deinen Namen hinein verwandeln, Sadie,
+heißt die Saiten einer Harfe zerreißen und Bindfaden darüberspannen --
+nein Sadie, leuchte mir voran, und jener Stern soll nicht genauer seine
+Bahn halten, als ich der Deinen folge.«
+
+Das junge Mädchen die wohl den alten liebgewonnenen Namen auch lieber
+hörte als das fremde, selbst für ihre Zunge schwere Wort, erwiederte
+nichts weiter, und wie eine Gemse von dem ziemlich steilen Hang
+hinunterkletternd, und den Arm vermeidend den René nach ihr ausstreckte
+sie dabei zu unterstützen, glitt sie auf den Boden nieder, daß René kaum
+ihren Schritten zu folgen vermochte.
+
+
+Fußnoten:
+
+[C] Verächtlicher Name für einen alten Mann.
+
+[D] ~hutupanutai~, die an den Strand gespühlte ~hutu~-Nuß -- oder auch,
+in der bildreichen Sprache des Stammes, der an ihre Küsten geworfene
+Fremde ohne Verwandte und Freunde.
+
+[E] Glasen, ein Schiffsausdruck, vom Stundenglas entstanden, und jetzt
+die verschiedenen Schläge der Wachtuhr bedeutend, die alle vier Stunden
+mit eins beginnt und jede halbe Stunde einen Schlag hinzufügt.
+
+
+
+
+Capitel 4.
+
+#Der Mi-to-na-re.#
+
+
+Es war ein ziemlich langer Marsch durch eine wilde Gegend und oft durch
+Dickichte, durch die er allein nie seinen Weg gefunden; an den Sternen
+sah er dabei wie sie viele Umwege machten, entweder vollkommen
+undurchdringliche Stellen zu umgehen, oder auch vielleicht mögliche
+Verfolger irre zu führen. Endlich erreichten sie wieder eingezäunte
+Gartenplätze mit Bananen, Brodfrucht, Orangen, Wassermelonen und süßen
+Kartoffeln bepflanzt, und als die Sonne eben über dem, wieder vor ihnen
+liegenden Meeresspiegel emporstieg, betraten sie eine freundliche
+Ansiedlung wohnlicher Bambushütten, sogar mit einigen weißübertünchten
+Häusern dazwischen, dicht in dem Schatten hoher Cocospalmen und
+breitästiger Brodfruchtbäume hineingeschmiegt, und von einer hohen
+festen Umzäunung rings umschlossen.
+
+René zögerte im ersten Augenblick den Ort zu betreten -- er blieb stehen
+und betrachtete forschend den kleinen freundlichen Platz, der wie ein in
+sich abgeschlossenes Paradies stillen Friedens vor ihm lag. Sadie
+schaute nach ihm um und frug ihn lächelnd ob er sich fürchte näher zu
+kommen.
+
+»_Fürchten_?« sagte der junge Mann leise mit dem Kopf schüttelnd, »wenn
+ich überhaupt etwas fürchtete auf der weiten Welt -- hätte ich da je
+diese Insel betreten?«
+
+»Fürchtest Du _Nichts_?« sagte das Mädchen rasch und erstaunt, und
+schaute zu ihm auf -- »fürchtest Du nicht _Gott_?« --
+
+Der junge Mann fühlte daß er hier ein Feld berührte das er vermeiden
+müsse -- so wenig er sich selber aus irgend einem Religionsbekenntnis
+machte, hatte er doch zu viel gesunden Sinn für Recht es in Anderm zu
+achten, und er hätte besonders dem holden Kind nicht durch eine rauhe
+Antwort weh thun mögen -- er sagte deshalb ausweichend:
+
+»Ich sprach nicht von Gott, Sadie -- ich sprach von den Menschen -- also
+hier wohnt der weiße Missionair?«
+
+»Hier wohnt er, wenn er auf der Insel ist,« -- erwiederte das Mädchen,
+durch seine Antwort vollkommen wieder beruhigt -- »gerade jetzt aber
+besucht er mehre andere Inseln in Missionsgeschäften, aber schon seit
+drei Tagen erwarten wir ihn zurück, und jede Stunde kann er wieder
+eintreffen.«
+
+»Also in diesem Augenblick wohnt kein Missionair auf dieser Insel?« --
+frug der junge Mann rasch, und wie es fast schien, erfreut. --
+
+»Kein _weißer_ Missionair wenigstens,« sagte die Jungfrau, »aber Du
+scheinst Dich darüber eher zu freuen, und ich hatte geglaubt es würde
+Dich beruhigen wenn Du einen Landsmann in der Nähe wüßtest.«
+
+»So habt Ihr auch _eingeborene_ Missionaire hier?« umging der junge Mann
+die halbgestellte Frage durch eine andere -- »und sind die auf allen
+Inseln?«
+
+»Nicht auf allen, doch auf vielen -- hier aber,« fuhr sie auf das Haus
+deutend fort -- »wirst Du jedenfalls Schutz finden bis Dein Schiff
+zurückkehrt, denn von den Bewohnern dieser Insel wird es Keiner wagen
+Hand an Dich zu legen, so lange Du Dich in den Mauern dieses kleinen
+Wohnortes befindest -- was Deine eigenen Landsleute aber thun wenn sie
+zurückkommen, weiß ich nicht, doch ich fürchte sie werden kaum die
+Heiligkeit dieses Ortes anerkennen, obgleich sie Alle dem Namen nach
+Christen sind. Mein Pflegevater hat mir oft erzählt, daß auf den
+Schiffen viel böse gottlose Menschen hausen, und wir Insulaner hier
+manchmal viel bessere Christen sind als jene -- aber nicht wahr, Du
+gehörst nicht zu denen?«
+
+»O da mag Dein Pflegevater wohl vollkommen recht haben,« lächelte René,
+»denn viel _Christenthum_ darf man gewöhnlich auf den Wallfischfängern
+nicht suchen -- darum sind aber doch auch viel gute brave Menschen
+zwischen ihnen, liebe Sadie, und ich mag leichtsinnig sein,« setzte er
+gutmüthig hinzu -- »aber schlecht bin ich doch wohl nicht. Du mußt mir
+das freilich auf mein ehrlich Gesicht hin glauben, denn andere Bürgen
+habe ich weiter nicht dafür.«
+
+Das Mädchen lächelte, vollkommen zufrieden gestellt, vor sich hin, und
+jetzt zum ersten Mal seine Hand ergreifend, führte sie ihn durch die,
+ihrem Druck nachgebende kleine Gartenpforte, durch den breiten
+gutgehaltenen Gang des Gartens, und eine dichte Allee regelmäßig
+gepflanzter Bananen oder Pisang dem Hause zu, unter deren Schutzdach
+René die kleine, etwas wohlbeleibte Gestalt eines wie es schien
+halbcivilisirten Insulaners erkannte.
+
+René konnte ein leises Lächeln kaum verbergen als er die Gestalt mit
+flüchtigem aber forschendem Blick überflog, und fast unwillkürlich
+drängte sich ihm der wunderliche Gedanke auf daß der Mann, wenn ihm der
+Geist und die Civilisation wirklich von oben gekommen sei, jedenfalls
+noch mit den Beinen im Heidenthum stecke.
+
+Der kleine gelbbraune Missionair sah auch in seiner halb frommen halb
+wilden Tracht wirklich eigenthümlich genug aus. Er ging in bloßem Kopf,
+aber die sonst langen schwarzen Haare waren kurz und gottesfürchtig
+abgeschnitten und zugestutzt -- ferner trug er ein weißes baumwollenes
+Hemd und eine weiße leinene Halsbinde, mit hellgelber mit blanken
+Knöpfen besetzter Weste, und über diesem Allen einen, dem Klima
+keineswegs zusagenden -- schwarzen Frack. Bis soweit also war der Geist
+gekommen, darunter aber fing der Heide wieder an -- der Mann konnte sich
+an die christliche Religion aber nicht an Hosen gewöhnen, und während er
+um die Lenden ein langes Stück roth und gelben Kattun, der höchst
+freundlich gegen den schwarzen Frack abstach, mehrfach geschlagen hatte,
+trug er die Beine vollkommen nackt, und unter dem Kattun vor schauten
+noch die alten heidnischen Tättowirungen früherer Zeiten, wie scheu, von
+dem christlichen Kleidungsstück bedroht, hervor.
+
+Der kleine Mann schien übrigens ungemein erstaunt über den Besuch und
+auch vielleicht gerade nicht besonders erfreut, als ihm Sadie in seiner
+Sprache mit kurzen Worten das, auf der andern Seite der Insel
+Vorgefallene erzählte, und ihm um seinen Schutz für den Verfolgten
+ansprach. Er hatte auch erst, wie es René vorkam, eine Menge
+Einwendungen dagegen zu machen, und das Wort ~Mitonare~ kam sehr häufig
+dabei vor, ~Sadie~ oder ~Pu-de-ni-a~ wie sie der kleine Missionair in
+seinem wunderlichen Kauderwelsch statt ~Prudentia~ nannte, wußte diesem
+allen aber zu begegnen, und da er sonst selber wohl gutmüthig und
+gastfrei war, hatte er endlich nichts länger dawider, streckte dem
+jungen Mann mit einem halb freundlichen halb salbungsvollen --
+wahrscheinlich abgesehenen Blick die dicke fette Hand entgegen, deren
+Finger auch noch frühere Tättowirungen zeigten, und sagte in einer
+Sprache die jedenfalls englisch sein sollte, aber meist immer wieder auf
+tahitisch auslief.
+
+»~Gu -- day bodder -- gu day a haere mai -- gu fend here -- ehoa ino --
+very gu fend --~« und dann folgte noch eine längere Auseinandersetzung,
+jetzt auf einmal in reinem Tahitisch als ob er glaubte daß der Fremde,
+durch die vorigen einleitenden Worte in seiner eigenen Sprache nun auch
+vollkommen vorbereitet für jede weitere Anrede in gutem Insulanisch sein
+müsse.
+
+Sadie, die übrigens mit halbverstohlenem Lächeln sah, wie der junge
+Fremde verlegen vor ihm stand, und nicht recht zu wissen schien was er
+aus dem Ganzen machen solle, übersetzte ihm schnell was der kleine Mann
+gesagt hatte, und bat ihn in das Haus zu treten, sich mit Speise und
+Trank zu stärken und von den überstandenen Strapatzen auszuruhn.
+
+»Aber wie kann ich jetzt erfahren,« frug René das junge Mädchen -- »was
+aus dem Schiff geworden ist, das schon vielleicht in diesem Augenblick
+die Insel wieder, von anderer Seite, ansegelt?«
+
+»Auch daran hab' ich gedacht« lächelte das Mädchen -- »kümmere Dich
+nicht deßhalb; der Knabe der uns eben verließ, geht nach der nächsten
+Bergspitze hinauf, von wo er das Meer rings überschauen kann, und bringt
+uns Nachricht ob das fremde Segel noch in der Nähe ist. -- Und nun in's
+Haus, denn wie ich Dir schon gesagt habe, bis das Schiff zurückkehrt --
+denn nur gegen Deine eigenen Landsleute können wir Dich nicht schützen
+-- bist Du sicher -- und selbst dann finden sich vielleicht Mittel Dich
+zu verbergen« setzte sie freundlich hinzu.
+
+Der kleine Mitonare, denn als solchen hatte er sich René -- ~mi
+mitonare~ -- ~mi mitonare~ schon selber vorgestellt -- ging ihnen jetzt
+geschäftig voran in's Haus, und obgleich heute wirklich ihr Sonntag
+fiel[F], brachte er nichtsdestoweniger eigenhändig, erst Teller und
+Messer und Gabel, die sonst wahrscheinlich nur wenig benutzt, tief in
+einer Schrankecke zu ruhen schienen, und dann kaltes Fleisch, Früchte
+und Cocosnußmilch herbei, und lud nun den jungen Mann auf das
+freundlichste ein sich niederzusetzen und nach Herzenslust zuzulangen.
+
+René sah Sadie an und dann die Speisen -- er schämte sich sie zu bitten
+mit ihm niederzusitzen, und doch hätt' er es gar so gern gethan. Das
+schöne Mädchen mochte aber errathen was er wünsche, denn sie schüttelte
+lächelnd mit dem Kopf und war im nächsten Augenblick schon durch die
+offene Thür verschwunden.
+
+Der kleine Missionair begann nun eine Unterhaltung die René zu jeder
+andern Zeit ungemein amüsirt haben würde, in diesem Augenblick hatte er
+aber wirklich einen höchst bedeutenden Hunger, und die steten Fragen des
+Kleinen, die an und für sich schon des wunderlichen Kauderwelsch wegen
+eben so viele Räthsel waren, forderten eine Theilung seiner
+Aufmerksamkeit, die er jetzt weit lieber ungetheilt dem delicaten kalten
+Schweinebraten und den saftigen Früchten zugewandt hätte. Der Kleine
+ließ aber nicht nach und frug vor allen Dingen wie er selber hieße --
+der Name war einfach genug, und er konnte ihn ziemlich gut nachsprechen
+-- dann wie das Schiff hieße auf dem er gekommen sei, und von wo es
+gesegelt wäre. Er interessirte sich besonders, da er in den letzten
+Jahren mit Hülfe des weißen Missionairs etwas Geographie getrieben, für
+die Hafenplätze der Englischen und Amerikanischen Küste, und schien sich
+ungemein zu freuen als er einen ihm bekannten Namen, Boston -- das er
+übrigens hartnäckig ~bo-son~ aussprach -- erwähnen hörte.
+
+Eine Hauptfrage des kleinen unermüdlichen Mannes war aber zuletzt nach
+des Fremden Religion und Vaterland, und René hätte sich selber keinen
+schlimmern Namen machen können, als daß er sich ohne weiteres für einen
+Franzosen ausgab.
+
+»Wi--wi?« sagte der kleine Mann etwas erstaunt, zog die Augenbrauen in
+die Höh, und spitzte den Mund -- »Wi--wi?[G] -- hm --«
+
+»Wi--wi?« sagte René, der diesen Ausdruck noch nicht kannte, erstaunt --
+»was Wi--wi? -- nicht Wi--wi -- ~frenchman~ -- ~français~ -- ~ferani~
+--« denn diesen Ausdruck hatte ihn schon Adolph gelehrt.
+
+»~Es--es~« nickte der Kleine schmunzelnd -- »~Fe--ra--ni~ -- ~Wi--wi~« --
+
+»Was zum Henker will er denn mit dem Wi--wi?« -- dachte René -- »das muß
+ein besonderer Dialekt für den Namen sein.«
+
+»Viel -- viel Wi--wi's in Tahiti -- sagte der kleine Missionair wieder
+-- keine Christen, Wi--wi's!«
+
+»Keine Christen?« rief René lachend -- »nun ich weiß doch nicht --
+einige sind sicher darunter, die sich wenigstens so nennen --«
+
+»~Es~, Christen« nickte der unverwüstliche Kleine -- »aber keine guten
+-- ~aita maitai~ --«
+
+Jetzt begriff René erst, worauf der kleine Protestantische Missionair
+oder Prediger eigentlich abziele, denn dieser mußte natürlich glauben,
+was ihm die protestantischen Geistlichen über die Religion der andern
+Weißen, die sich ebenfalls Christen nannten, und doch in ihren äußeren
+Gebräuchen besonders so bedeutend von diesen abwichen, gesagt hatte. Er
+hütete sich aber wohl auf irgend einen religiösen Streit einzugehen und
+beschränkte sich nur darauf ihm zu erklären, er wisse nicht was es in
+Tahiti für Christen gäbe, er sei noch nie dort gewesen, in seinem
+eigenen Vaterland -- was er in aller Unschuld jetzt selber Wi--wi und
+zwar sehr zum Ergötzen des kleinen Mannes nannte -- gäbe es aber sehr
+gute, fromme Christen.
+
+René hätte vielleicht noch eine Masse, ihm gerade nicht gelegene Fragen
+beantworten müssen, wäre in diesem Augenblick nicht draußen vor der Thür
+eine kleine Glocke geläutet worden und zu gleicher Zeit Sadie in der
+Thür des Gemaches erschienen. René sprang fast mit einem Freudenruf
+empor.
+
+Das junge Mädchen sah aber auch wunderlieblich aus in ihrer neuen
+Tracht, die sie der Sonntagsfeier zu Ehren angelegt hatte. Diese bestand
+in einem langen faltigen Gewand, das ihr oben von den Schultern bis auf
+die Knöchel niederfiel, im Gürtel aber von einer leichten rothseidenen
+Schärpe zusammengehalten wurde; die Haare hatte sie wieder frisch mit
+wohlriechendem Oel getränkt, und die langen vollen Locken glatt nieder
+gekämmt, daß sie ihr bis auf die Schultern herabfielen -- aber keine
+Blume schmückte sie jetzt, wo sie zu Gottes Altar treten wollte, nur
+eine dünne Schnur, aus den Erhöhungen der reifen Ananas geschnitten, zog
+sich ihr um das Haar und die Stirn, den wilden Lockenschatz in etwas zu
+bändigen. In der Hand hielt sie ein kleines Buch mit goldenem Schnitt --
+ein englisches neues Testament, und das erst so wilde muthige Kind sah
+jetzt so mädchenhaft fromm und schüchtern aus, das dunkle Auge ruhte mit
+einem so milden sanften Blick auf ihm, daß er sie kaum wieder erkannt
+hätte, und doch war sie jetzt fast noch schöner als damals wie sie, den
+nackten Arm um den Baum geschlungen, von dem Felsen herab auf die
+verrätherischen Landsleute niederzürnte.
+
+»Wie schön Du bist, Sadie!« rief René fast unwillkürlich aus, und
+streckte ihr seine Hand entgegen.
+
+»Nicht Sadie jetzt« sagte aber das junge Mädchen und schüttelte leise
+mit dem Kopf -- »Prudentia heiß ich, denn ich gehe jetzt zu meinem Gott,
+durch dessen heiliges Wasser ich den Namen bekommen habe. Aber hier mein
+Freund« setzte sie mit bittendem Ton hinzu indem sie die ihr gebotene
+Hand ergriff und dabei dem jungen Mann zugleich das kleine Buch
+entgegenhielt -- »nimm das hier und lies darin, während wir in der
+Kirche für Dich und Dein Wohl beten wollen -- es ist ein gutes Buch und
+wird Dich trösten.«
+
+Es lag etwas so rührend Herzliches in dem Ton mit dem das holde Kind
+diese Worte sprach, daß René das Buch nahm, ihr leise die gereichte Hand
+drückte und sagte --
+
+»Ich danke Dir, Sadie -- Du mußt mir nun schon erlauben Dich so zu
+nennen -- das andere Wort will mir gar nicht über die Lippen -- aber Du
+bleibst doch nicht lange?«
+
+»Vielleicht nur zu kurze Zeit für so schwere Sünder als wir sind« sagte
+das Mädchen ernst und fast traurig -- »aber lebe wohl und fürchte Nichts
+für Deine Sicherheit; von der andern Seite der Insel sind eben Männer
+zur Kirche herübergekommen, und sie berichten, daß Dein Schiff nirgend
+mehr zu sehen sei -- es ist weit nach Westen gegangen und müßte lange
+Zeit brauchen wollte es gegen den Wind wieder nach uns aufkreuzen. --
+Bleibe aber hier im Hause und zeige dich nicht den Leuten draußen; doch
+darum sprechen wir nachher, jetzt darf ich nicht an weltliche Sachen
+denken -- ich dachte aber auch nur Deinetwegen daran« -- setzte sie
+leiser hinzu und eine tiefe Röthe breitete sich über ihre schönen so
+engelsanften Züge.
+
+Auf den kleinen Mitonare hatte der Ton der Glocke aber ebenfalls eine
+fast zauberhafte Wirkung ausgeübt. -- Noch im Lachen über den Fremden
+hörte er den ersten Ton derselben und, wie ein in seiner Lust von dem
+strengen Blick des Lehrers ertappter Schulknabe, zog sich sein Gesicht
+nicht, nein zuckte es förmlich in die alten ehrbaren Falten hinein, die
+ihm dabei fast noch komischer standen, als das Lachen vorher. Er erhob
+sich aber jetzt hastig, ergriff seine Bücher -- alle in der Tahitischen
+Sprache durch die Missionaire übersetzt, -- und Sadie einige Worte
+sagend verließ er mit dieser langsamen Schrittes das Haus.
+
+René blieb allein zurück; Sadie hatte ihn heute absichtlich nicht
+aufgefordert sie in die Kirche zu begleiten, was sie sonst gewiß nicht
+versäumt haben würde; es waren aber viele Insulaner von der andern
+Seite, die gestern Theil an den Vorfällen gehabt, herübergekommen, und
+sie wollte beide Partheien nicht jetzt schon wieder zusammenbringen. Der
+Aufenthalt des Fremden konnte übrigens, wie sie recht gut wußten, nicht
+lange geheim bleiben, wenn er das überhaupt nur bis jetzt noch geblieben
+war; den Frieden des Missionsgebäudes störten aber, selbst die
+Verhärtetsten ihres Stammes nicht so leicht, und sie glaubte den armen,
+von allen Uebrigen verlassenen Fremden wenigstens hier sicher.
+
+René warf sich auf eine der überall in dem hohen luftigen Gebäude
+ausgebreiteten Matten, und lag lange in tiefem Brüten über die letzten
+für ihn so verhängnißvoll gewesenen Stunden. Er war einer sehr
+dringenden Gefahr für den Augenblick entgangen, aber kam das Schiff
+zurück -- und er zweifelte kaum daran, daß der Capitain desselben ihn
+nun und nimmer so leicht aufgeben würde, ohne wenigstens noch einen
+Versuch zu machen ihn wiederzubekommen -- würde er den Händen der Feinde
+auch dann entgehen können, und dann nicht vielleicht selbst der, bis
+dahin jedenfalls zurückgekehrte Missionair ihm seinen Schutz versagen?
+Es war doch wohl das beste, daß er weder Schiff noch Missionair
+abwartete, und so rasch als möglich die Insel zu verlassen suchte. --
+Aber Sadie? -- würde sie ihn begleiten? -- Er erschrak ordentlich vor
+dem Gedanken sie zurückzulassen, und mochte sich selber kaum gestehen,
+wie gewaltig dieß holde Kind des Waldes sein Herz schon gefesselt habe
+und halte.
+
+»Das ist Thorheit« murmelte er vor sich hin -- »Wahnsinn, jetzt an Liebe
+zu denken wo Du selber noch nicht einmal eine Stätte hast Dein Haupt
+hinzulegen. Sei vernünftig René -- hier an die Inseln geworfen hat das
+erste hübsche Gesicht was Dir in den Weg kam Dein, überhaupt etwas
+leicht entzündliches Herz in lichterlohe Flammen gesetzt -- das ist ein
+Strohfeuer und brennt in der ersten Wache aus.«
+
+Er stützte den Kopf in die Hand und schlug das Buch auf, das noch immer
+vor ihm lag; aber die Buchstaben tanzten ihm vor den Augen; zwischen
+jeder Zeile lachten die holden schelmischen, und doch so sanften Züge
+des lieben Kindes heraus, und weder St. Lukas noch die Corinther
+vermochten den Zauber zu lösen der seine Seele mit der wilden Gluth
+plötzlicher aber gewaltig erwachter Liebe entzündet hatte.
+
+Der Tag verging ihm langsam -- Sadie kehrte mit dem kleinen Missionair
+wohl um die Mittagszeit zurück, aber es war Sonntag -- kein Lächeln
+stahl sich über ihre Züge -- selten oder nie begegnete ihr Blick dem
+seinen, und die Stunden flossen ihm träge unter Gebeten und Hymnensängen
+dahin.
+
+Schon vor Tag am nächsten Morgen war er auf, badete in dem
+cristallhellen Wasser der Corallenbänke, und harrte dann mit wirklicher
+Sehnsucht des schönen Kindes, das aber heute lange, lange ausblieb und
+sich ihm gar nicht wieder zeigen wollte. Vergebens erfrug er sie bei dem
+Mitonare.
+
+»~Pu-de-ni-a?~« sagte dieser kopfschüttelnd und mit seinem räthselhaften
+englisch -- »der Herr weiß wo man das Mädchen suchen soll, wenn man sie
+haben will -- ~Pu-de-ni-a ataetai~ -- wie kleine Eidechse, hier im Laub
+und da im Laub -- kann sie nicht fassen -- ist weg unter den Augen.«
+
+Der Kleine schien heute übrigens besonders aufgelegt zu einer
+Unterhaltung, lehnte sich auf seine Matte zurück, faltete die kurzen
+dicken Finger auf dem runden Magen und begann wieder auf das
+herablassenste eine ganze Reihe von Fragen an den jungen Mann zu
+stellen, die ihm oft kaum Zeit ließen nur den Sinn zu verstehen ehe sie
+wieder, ohne die Beantwortung der ersten abzuwarten, von andern
+verdrängt wurden. Er trug aber heute weder den schwarzen Frack, noch die
+hellgelbe Weste mit den blanken Knöpfen; selbst das weiße Halstuch lag,
+sorgfältig in ein Stück gelbes englisches Packpapier eingewickelt auf
+einem kleinen Bücherbret, neben seinem geistlichen Schatz. Seine
+Bewegungen waren aber dadurch auch freier geworden, und er schien mit
+dem Frack auch den ganzen Mitonare ausgezogen zu haben.
+
+Er war, wie er jetzt selber René aus freien Stücken erzählte, noch vor
+zehn Jahren ein entsetzlicher Heide gewesen, der glaubte daß das höchste
+Wesen ~Taaroa~ und nicht Gott hieß, der sogar seinen Götzen Früchte und
+Schweinefleisch zum Opfer brachte, und Gefallen an den sündhaften Tänzen
+der eingebornen Mädchen fand. ~Mitonare O-no-so-no~, Gott weiß wie der
+Mann in wirklichem Englisch hieß, hatte ihn jedoch gerettet, sein Vater
+aber und sein Großvater, und seinem Großvater sein Großvater waren alle
+in der Hölle -- konnten aber nichts dafür -- waren aus Versehen hinunter
+gekommen. -- Er hatte sich sogar tättowiren lassen, und als er sah daß
+René, wahrscheinlich unbewußt, ein erstauntes Gesicht dabei machte, was
+er vielleicht für Unglauben nahm, lüftete er mit einer halben Wendung
+den Cattun, fiel aber erschrocken wieder in seine alte Stellung zurück,
+und sah sich nach allen Seiten um, als René der sich nicht helfen
+konnte, bei der Bewegung plötzlich in ein schallendes Gelächter
+ausbrach.
+
+Das hätte der kleine Mann aber bald übel genommen, René wußte ihn jedoch
+wieder zu beruhigen und er begnügte sich von da an ihm seine
+Lebensgeschichte _ohne_ Illustrationen zu geben.
+
+Das Mitonare sein war seiner Meinung nach ein sehr schweres Geschäft --
+weniger des Predigens, als des Frackes wegen -- und der viele Aerger mit
+den Mädchen -- soviel junges leichtsinniges Volk -- denken immer können
+in den Himmel kommen wenn sie lustig sind -- bah -- wissens nicht besser
+-- Da in dem Buch steht Alles d'rin -- sehr gutes Buch -- ein Bischen
+dick -- aber sehr gutes Buch, und viele schwere Worte d'rin. Jetzt kam
+aber bald eine böse Zeit -- weiße Mitonares -- vier, fünf, sechs kamen
+hier herüber -- sahen zu ob Mitonare rother Mann viel weiß, und kleine
+Kanakas ~iti--iti~ gut unterrichtet hat -- viele schwere Worte auswendig
+lernen und viel Aerger mit ~iti--iti~. -- »~Pu-de-ni-a~ gutes Kind«
+setzte er dann hinzu -- »aber ein Bischen wild -- ein Bischen sehr wild
+für ~waihini~ -- Mitonare ~O--no--so--no~ Tochter -- aber nicht Tochter
+-- nur so Tochter --« und er bemühte sich dann in langer Rede und mit
+großer Anstrengung dem jungen Mann begreiflich zu machen daß ~Pu-de-ni-a
+O--no--so--no's~ Pflegetochter sei.
+
+Das war etwa der Inhalt seiner Unterhaltung, bei der er ziemlich allein
+das Wort führte, und René allerdings nur nothdürftig den Sinn des Ganzen
+verstand, indem der Alte oft mehr Tahitische als englische Worte
+gebrauchte, und diese wenigen dann selbst noch auf wahrhaft grausame Art
+verstümmelte.
+
+René konnte es zuletzt nicht länger aushalten -- die Sehnsucht die ihn
+auf der einen Seite quälte, Sadie wieder zu sehn, und die peinlich
+scharfe Aufmerksamkeit die er auf der andern genöthigt war dem
+Kauderwelsch des Kleinen zu schenken, wenn er nur überhaupt den
+ungefähren Sinn der Rede fassen wollte, machten ihm die Unterhaltung zu
+einer wahren Folter, und er benutzte die erste nur einigermaßen passende
+Gelegenheit aufzustehn, und in den Garten zu gehn. -- Aber Sadie war
+nirgends, weder zu hören noch zu sehen.
+
+Die Sonne stieg indessen schon ziemlich hoch, und er warf sich endlich,
+als er die Gänge unzählige Male auf- und abgelaufen, ermüdet in dem
+Schatten eines Orangen- und Citronendickichts nieder, von wo aus er, da
+der Platz etwas erhöht lag, das ruhige Binnenwasser, das die Insel
+umgab und die weiter draußen von der Brandung hoch beschäumten Riffe,
+deutlich übersehen konnte. Dicht hinter dem kleinen Orangenhain lief die
+Einfriedigung des Gartens hin, und gleich von diesem ab begannen
+ziemlich steil die nächsten, dicht mit Guiaven- und Citronenbüschen
+bedeckten Hügel emporzusteigen.
+
+Wohl eine halbe Stunde hatte er so gelegen, und wilde wunderliche
+Luftschlösser gebaut mit träumenden Gedanken. -- O wie reizend lag seine
+künftige Heimath unter den wehenden Palmen und duftigen Orangenblüthen
+dieser Wälder -- wie schaukelte sein Canoe so still und friedlich auf
+der klaren herrlichen Fluth, wenn er Abends vom Fischfang heimkehrte --
+und welch' holdes Bild stand in der niedern Thür der Bambushütte, und
+winkte ihm mit dem wehenden Tuch das fröhliche, herzliche Joranna
+entgegen -- halt! -- das waren Schritte -- dicht hinter den
+Orangenbäumen den Hügel herab -- ein leichter Sprung über den Zaun -- er
+fuhr empor, und an ihm vorüber schoß mit flüchtigen Schritten die holde
+Wirklichkeit seiner schönsten Träume.
+
+»Sadie!« rief er leise --
+
+»Ha!« sagte das Mädchen und warf halb scheu halb erschreckt den Kopf
+zurück, den die vollen dunklen Locken heut' wild umflatterten; als sie
+aber ihren Schützling erblickte färbte wieder jenes dunkle Roth, das
+ihrem Antlitz einen so unendlichen Zauber verlieh, die lieblichen Züge
+der Maid, und rasch auf ihn zutretend, reichte sie ihm freundlich und
+zutraulich die Hand, die er fest in der seinen hielt, während seine
+Blicke mit inniger Lust an den ihrigen hingen.
+
+Es war aber heute ganz wieder das wilde Kind wie an jenem Tage, wo sie
+wie ein zürnender Geist zwischen Verfolger und Verfolgten getreten. Das
+lange Gewand von gestern hatte sie abgeworfen, und das Schultertuch
+verrieth mehr von den üppigen Formen des wunderschönen Mädchens, als es
+verdeckte; auch durch die Locken wand sich wieder ein dichter Kranz
+duftender Blumen mit einem hochgefärbten Fern durchflochten, während
+zwei große weiße Sternblumen in ihren Ohrläppchen staken, und die feine
+Bronzefarbe der Haut nur noch mehr und reizender hervorhoben.
+
+»Wo bist Du aber nur so lange geblieben Sadie!« sagte jetzt René mit
+leisem fast zärtlichem Vorwurf.
+
+»Lange geblieben?« lachte aber das wilde Kind -- »lange geblieben? hab'
+ich denn überhaupt kommen wollen? -- wunderlicher Mann, wie weißt Du nur
+wo ich überall heute Morgen schon gewesen bin -- und _Deinetwegen_ noch
+dazu« -- setzte sie mit leichtem Erröthen und halb abgewandtem Gesicht
+hinzu -- »doch komm,« fuhr sie rasch fort als sie mehr fühlte als sah
+daß er etwas darauf erwiedern wolle -- »komm ich habe gute Nachrichten
+für Dich, und wir wollen indessen ein wenig zu meinem Lieblingsplätzchen
+auf jenen Hügel gehn.«
+
+»Aber ich habe meine Waffen im Haus gelassen,« sagte der junge Mann --
+»ich kann sie rasch holen.«
+
+»Du brauchst sie nicht mehr, wenigstens für den Augenblick nicht,« hielt
+ihn das Mädchen zurück -- »unser Häuptling selber hat mir sein Wort
+gegeben, daß Du unbelästigt auf der Insel bleiben sollst, bis das Schiff
+wieder kommt und Dich noch einmal zurückfordert -- und selbst dann wird
+er nicht streng mit Dir sein, -- wenn sie ihn nicht dazu treiben; er ist
+ein guter Mann, und nur erst seit Ihr Weißen uns so viel Sachen
+herübergebracht habt, ohne die wir nun einmal nicht mehr glauben leben
+zu können, ist seine Habgier geweckt, und er thut Manches, was er sonst
+nicht gethan haben würde.«
+
+»Und bist Du _meinetwegen_ heute Morgen schon drüben an der andern Seite
+der Insel gewesen?« rief René erstaunt, fast erschreckt aus -- »Mädchen
+da mußt Du ja vor Mitternacht aufgebrochen und die ganze Zeit gewandert
+sein, durch Dorn und Wildniß, mit den zarten Gliedern.«
+
+»Bah!« lachte das wilde Kind und warf sich mit rascher Kopfbewegung die
+Locken um die Schläfe, daß die losgeschüttelten Blüthen auf ihre
+Schultern niederfielen -- »ist das der Rede werth? -- schon als kleines
+Mädchen von vier Jahren hab' ich den Weg allein gemacht, und jetzt bin
+ich funfzehn. -- Aber gestern durft ich ja doch nicht gehn,« setzte sie
+ernster hinzu, -- »gestern war Sabbath und -- ich wollte doch auch nicht
+daß Du wie ein Gefangener im Hause sitzen bleiben solltest. -- Doch wir
+wollen ja hier nicht stehn bleiben, ich bin müde und will mich setzen --
+komm,« sagte sie, und zog ihn nach sich, der Gartenpforte zu, durch die
+sie gingen und links davon einen kleinen Hügel emporstiegen, wohinauf
+ein ordentlicher Pfad ausgehauen und geebnet war.
+
+Es ließ sich kaum ein lieblicheres Plätzchen auf der weiten Gotteswelt
+denken als das, wohin das schöne Mädchen jetzt den jungen Mann führte.
+-- Drei niedere Palmen, in ihren Kronen fast gleich, überhingen die
+kleine Stelle, und zwar so, daß die schattigen Blätter, weit nach vorn
+überneigend, die Sonne auffingen, wenn sie nur wenige Stunden hoch am
+Himmel stand -- der Boden war mit einem feinen wohlriechenden Fern
+bedeckt, der duftende ~anei~, wie reich mit Blüthen geschmückte Büsche
+bildeten die Rückwand, und mehre mit Blüthen überstreute und zu
+gleicher Zeit von goldenen Früchten fast niedergebeugte Orangenbüsche
+die Seitenwände, während ein breiter niederer Sitz, mit feingeflochtenen
+Matten doppelt und dreifach weich überlegt, mit Bambus gezogener
+Rücklehne, die weite freie Aussicht auf das blaue Meer und die
+schäumende Brandung der Riffe gewährte.
+
+René stand lange in schweigender Bewunderung der reizenden Scene, mit
+dem schönen Mädchen, das ihn lächelnd betrachtete, an seiner Seite.
+
+»Nicht wahr, das ist ein lieblicher Platz hier auf der kleinen
+freundlichen Insel?« -- sagte sie endlich leise, als ob sie fürchte das
+was sein Herz in diesem Augenblick fühlte, zu unterbrechen.
+
+»O wunder -- wunderschön!« rief René begeistert ihre Hand ergreifend --
+»ein Paradies, dem selbst die Engel nicht fehlen.«
+
+»Pfui Fremder« -- sagte aber das Mädchen ernst und fast traurig -- »Du
+mußt nicht lästern, während der liebe Gott das Licht seiner Sonne auf
+Dich niedergießt und die Wunder seiner Welt um Dich her ausgebreitet hat
+-- und Du thust mir auch weh damit, und ich habe Dir doch Nichts zu
+leide gethan.«
+
+»Sadie« -- bat der junge Mann, tief ergriffen von der einfachen,
+rührenden Natürlichkeit des holden Kindes.
+
+»Laß nur gut sein,« sagte sie aber wieder etwas freundlicher, »und
+setze Dich hierher -- nein, nicht so nah zu mir -- da in die Ecke -- so,
+und nun sollst Du mir eine Frage beantworten.«
+
+Sie sah ihm dabei treuherzig in die Augen, und wenn sie auch nicht
+duldete daß er den Arm um sie legte, ließ sie doch ihre Hand in der
+seinen ruhen.
+
+»Und was willst Du fragen Du holdes Lieb?« --
+
+»Zuerst heiß ich Prudentia, höchstens Sadie -- aber nicht anders -- aber
+ja -- wie heißt Du denn eigentlich?«
+
+»René!«
+
+»René das ist ein hübscher kurzer Name, und klingt nicht so schwerfällig
+wie die anderen englischen Worte -- René das könnte auch der Mitonare im
+Haus behalten,« setzte sie leise hinzu und ein schelmisches Lächeln
+blitzte ihr durch die Augen; es war aber auch im Moment wieder
+verschwunden.
+
+»Und was wolltest Du mich fragen, Sadie?«
+
+Das junge Mädchen wurde in dem Augenblick recht still und ernsthaft, und
+sah ihm erst eine ganze Weile forschend, schweigend in die Augen, als ob
+sie dort lesen wolle, wie es selbst in seinem innersten Herz beschaffen
+sei. Dann aber schüttelte sie mit dem Kopf; hatte sie nicht gefunden was
+sie suchte oder war sie über sich selbst böse, und sagte jetzt, aber
+noch immer keinen Blick dabei von ihm verwendend:
+
+»Ist es wahr, René daß Du ein ~Ferani~ bist?«
+
+»Wenn Du, wie ich glaube, Franzose darunter verstehst -- ja,« erwiederte
+René offen aber auch halb erstaunt über den tiefen Ernst dieser doch
+gewiß höchst gleichgültigen Frage. --
+
+»Und bist Du ein Christ?« frug das Mädchen ängstlich.
+
+René konnte ein Lächeln kaum verbergen, er erinnerte sich aber auch
+zugleich der Fragen des kleinen Mitonares und sagte kopfschüttelnd:
+
+»Liebes Kind wer hat Euch solch tolle Grillen hier in den Kopf gesetzt,
+daß die Franzosen keine Christen wären? -- gewiß sind wir Christen, wenn
+Dich das beruhigen kann.«
+
+»Aber habt Ihr nicht heidnische Gebräuche bei Euerer Religion?« frug ihn
+das Mädchen jetzt dringender.
+
+»Aber Du gutes Kind,« bat sie René, »sage mir nur --«
+
+»O bitte, bitte beantworte mir meine Frage treu und wahr,« unterbrach
+ihn aber, in fast ängstlicher Hast das schöne Mädchen -- »ich will Dir
+dann auch mit Freuden jeder Frage Rede stehen.«
+
+»Nun gut denn Sadie, Dich zu beruhigen will ich Dir jeden Aufschluß
+geben, der nur in meinen Kräften steht. Der größte Theil der Franzosen,
+Italiener, Spanier, Portugiesen, des südlichen Deutschlands, wie
+überhaupt fast aller südlich gelegener Völker des Welttheils von dem wir
+Weißen abstammen, und von woher wir meist herüberkommen, sind
+_katholische_ -- die nördlicher gelegenen Völker, aber auch wieder mit
+gewaltigen Ausnahmen, und noch bei Weitem die geringere Zahl --
+_protestantische_ Christen. Wir haben jedoch _einen_ Gott und _einen_
+Heiland, Jesus Christus; nur in den gleichgültigeren Gebräuchen
+unterscheiden wir uns von einander -- die protestantischen Priester
+halten zum Beispiel die _schwarze_ Farbe für unumgänglich nothwendig zu
+ihrem Ornat -- die katholischen nehmen andere. Wir haben auch -- und ich
+glaube es ist besonders das, was Dir am Herzen liegt -- in den Tempeln
+unseres Gottes die Bilder frommer Männer und Frauen aufgestellt, die in
+alten Zeiten gelebt haben und für ihren Glauben, wie der Heiland selber,
+gestorben sind -- nicht aber als Götter, sondern nur als heilige
+Menschen, deren Vorbild uns anfeuern soll ihnen nachzuahmen. Wir glauben
+daß diese, durch ihren frommen Wandel zu Gottes Herrlichkeit eingegangen
+sind, und wenn die Katholiken zu ihnen beten, so geschieht es nicht etwa
+weil sie glaubten es seien dies selber göttliche Wesen, sondern nur um
+sie um ihre Fürsprache am Throne des Höchsten zu bitten. --
+
+»Ich bin der Herr Dein Gott, Du sollst nicht andre Götter haben neben
+mir« ist ein Gesetz, das für uns Katholiken so gut Gültigkeit hat, als
+für die Protestanten.«
+
+»Aber Ihr theilt kleine Götzenbilder aus und brennt vor Eueren Bildern
+Weihrauch und Kerzen,« sagte das Mädchen und René sah wie sie mit fast
+peinlicher Spannung der Antwort auf diese Frage harrte.
+
+»Die Priester, mein holdes Kind,« sagte René lächelnd, »theilen unter
+ihre Beichtkinder, wie sie solche nennen die unter ihrer geistlichen
+Fürsorge stehn -- kleine Bilder der Jungfrau Maria, des Gekreuzigten
+oder selbst jener guten, später heilig gesprochenen Menschen aus, damit
+diese die Aufmerksamkeit ihrer Pflegbefohlenen von weltlichen Dingen
+ablenken und auf das Heil ihrer eigenen Seelen richten sollen -- nicht
+um sie anzubeten.«
+
+»Und der Weihrauch? -- die Kerzen?« frug das Mädchen immer noch besorgt.
+
+»Selbst das findet wohl eine sehr natürliche Auslegung,« erwiederte René
+gutmüthig -- »jeder vernünftige Mensch weiß, daß solche Sachen gerade
+nicht nöthig sind zu seinem Gott zu beten, aber gar Viele wollen auch
+durch etwas Aeußeres daran gemahnt sein, daß sie in dem Hause des Herrn,
+in der Nähe ihres Schöpfers stehn, ihre Gedanken ganz von jedem andern
+fremden, weltlichen Gegenstand abzulenken.«
+
+»Und die Processionen die Ihr haltet -- den Ablaß den Ihr um Geld für
+Euere Sünden bekommt?« sagte das Mädchen wieder und verwandte keinen
+Blick von seinen Augen.
+
+René kam in Verlegenheit; er hatte in seinem ganzen Leben -- wenigstens
+seit er die Schule verlassen -- noch nicht soviel über die Gebräuche und
+den Geist seiner eignen Religion nachgedacht, als heute morgen. Er hing
+dabei viel zu wenig selber an diesen Gebräuchen, sich zu einer warmen
+Vertheidigung derselben berufen zu fühlen, sah aber auch recht gut ein,
+daß die Protestantischen Missionaire seine Religion, die sich von Tahiti
+aus zu verbreiten drohte, oder die auf den Inseln einzuführen von seinen
+Landsleuten wenigstens schon der Versuch gemacht war, mit den
+schwärzesten Farben geschildert hätten.
+
+»Und die Processionen die Ihr haltet -- den Ablaß den Ihr um Geld für
+Eure Sünden bekommt?« wiederholte dringend das holde Mädchen, und legte
+ihre Hand auf seinen Arm.
+
+René schüttelte lächelnd mit dem Kopf.
+
+»Sie haben sich große Mühe gegeben Sadie,« sagte er endlich, »Dir den
+Glauben so vieler Tausende in ihrem eignen Vaterlande von der
+schlimmsten Seite zu schildern -- und schon das allein wäre nicht
+christlich, denn mir ist es fast, als ob sie vergessen hätten auch der
+_guten_ Seiten zu erwähnen, die doch gewiß eine jede Sache hat, also
+auch wohl eine Religion, in deren Glauben Millionen Menschen glücklich
+gelebt haben -- und noch leben. Die Processionen sind Dir gewiß als
+etwas sehr Entsetzliches beschrieben, und es ist doch gewiß eine
+harmlose Sache, die übrigens, wie ich gar nicht läugnen will, und meiner
+Meinung nach auch vielleicht wegfallen dürfte. Sie sind aber von den
+Priestern eingesetzt, und gehst Du _Allem_ nach, mein Lieb, was die
+Priester einsetzen oder anordnen, so wirst Du wohl Manches finden,
+worüber Du Dir auch keine Rechenschaft geben kannst -- seien es nun
+protestantische oder katholische -- oder glaubst _Du_ daß _Alles_, was
+die Priester thun, von Gott selber anbefohlen ist?«
+
+»Ach Gott, ich weiß das ja nicht,« sagte das junge Mädchen mit recht
+trauriger bewegter Stimme.
+
+»Und was den Ablaß betrifft, mein Herz,« fuhr René fort, ihre Hand
+wieder ergreifend, »so hat der wohl Manches gegen, aber auch Vieles für
+sich. Gott wird uns als ein allbarmherziges Wesen geschildert -- als den
+allliebenden Vater denken wir uns ihn ja -- sollen wir da glauben daß er
+dem schwachen Menschenkinde das da sündigt, auf immer zürnt, und ist es
+nicht besser wir können, wenn wir über einen begangenen Fehler Reue
+fühlen, glauben daß uns Gott verziehen hat, in seiner unendlichen
+väterlichen Huld, und wir nun wieder, mit frohem, leichtem Herzen ein
+neues Leben beginnen dürfen, als daß wir uns Gott als einen ewig
+zürnenden Richter denken, der sogar ungerecht bis hinab in's dritte,
+vierte, ja zehnte Glied straft und richtet? -- Nein Sadie -- dieser
+Glaube mag oft durch böswillige oder eigennützige Geistliche
+gemißbraucht sein, ich will das nicht leugnen, aber es ist immer kein
+_Götzen_dienst, und wer Dir das gesagt hat, mag es vielleicht recht gut
+gemeint haben, aber er übertrieb die Sache. -- War es Dein Pflegevater,
+Sadie?«
+
+»Nein,« sagte das junge Mädchen, leise und nachdenklich mit dem Kopf
+schüttelnd -- »mein Pflegevater ist nicht so streng und ernst, und er
+hat mir oft gesagt, daß unter den Franzosen auch gewiß recht viel brave
+und gute Menschen wären, vielleicht ebensoviel wie unter den Engländern,
+nur daß ihre Religion nicht die rechte sei, und das sie noch viele
+Mißbräuche duldeten.«
+
+»Und wer hat Dir denn all die schrecklichen Geschichten von uns erzählt,
+mein Lieb,« lächelte René -- »in Deinem eigenen Köpfchen sind sie doch
+wahrlich nicht entsprungen.«
+
+»Nein,« sagte das Mädchen treuherzig -- »aber auf Tahiti wohnt ein
+frommer, ernster, strenger Mann -- der kommt des Jahres wohl ein- oder
+zweimal auf unsere Insel herüber und predigt hier -- wir fürchten uns
+aber alle vor ihm, denn wir dürfen dann keine Blumen in den Haaren
+tragen, und nicht lachen und fröhlich sein, und er macht uns das Herz
+dabei auch so schwer, daß wir wenn er schon selbst Wochen lang fort ist,
+immer noch an die entsetzlichen Strafen denken müssen die uns, selbst
+nach leichtem Vergehen, in der Ewigkeit erwarten. -- Oh er ist gar so
+finster, aber auch sehr fromm und er besonders hat uns vor Deiner
+Religion gewarnt, und uns mit ewiger Verdammniß gedroht, so Eines der
+falschen Lehre lauschen würde -- und Du bist auch Katholik; René?«
+
+»Ich gehöre allerdings zu jenen Entsetzlichen,« sagte René fast
+scherzend, als er aber den schmerzlichen Zug um des lieben Kindes Mund
+gewahrte setzte er rasch hinzu -- »aber fürchte nicht für mich, Du
+treues Herz -- ich selber hänge nicht an jenen Gebräuchen, obgleich sie
+unsere Kirche verlangt, wenn ich sie auch nicht für so gefährlich halte,
+als Deine Priester Dich gelehrt haben.«
+
+»Ach das beruhigt mich recht, René,« sagte die Maid, und preßte die Hand
+auf das Herz, als ob sie da alles niederdrücken wolle, was ihr jetzt
+Gram und Kummer machen wolle -- »und Vater Osborne sagt ja auch daß
+Gott so gut -- so unendlich gut sei und die Menschen Alle wie seine
+Kinder liebe -- würde er dann da so hart und grausam strafen können? --
+lieber Gott,« setzte sie mit recht treuherziger bewegter Stimme hinzu --
+»ich möchte ja nicht einmal ein fremdes armes Kind für ein wenig
+Muthwillen hart strafen -- vielweniger denn mein eigenes.«
+
+»Und glaubst Du, Sadie, daß Euch Gott ein _Paradies_ zum Aufenthalt
+gegeben und Euere Wohnungen weit weit von dem Verkehr habgieriger
+schlechter Menschen gelegt hätte, wo sie Jahrhunderte lang die
+Einfachheit ihrer Sitten und ihr Glück bewahrten, zürnte er auf Euch und
+wolle Euch strafen für den falschen Glauben? -- Sieh mein Mädchen,« fuhr
+er bewegter fort, als er sah wie sie ihm still und aufmerksam in's Auge
+schaute -- »weit über die Welt zerstreut liegen noch viele viele Länder,
+die viel hundert Mal größer sind als alle diese Inseln -- und auf ihnen
+wohnen Menschen, verschieden an Farbe, an Körperbau, an Sprache und an
+Religion -- Millionen sind Christen, Millionen Muhamedaner, Millionen
+was wir Heiden nennen, das heißt sie haben sich ihre Götter selber
+gebildet und feiern Gebräuche die wir nicht verstehen oder nicht
+anerkennen, aber sie leben _alle_ glücklich -- gleich von Gottes Sonne
+beschienen und seiner Hand gehalten, glücklich in ihren Familien und
+ihrem bürgerlichen Treiben: -- haben sie dann und wann Kriege
+untereinander so können sie kaum je soviel Blut vergießen, als die
+Christen schon unter sich des Glaubens wegen vergossen haben, und
+tausende von Jahren haben sie so, rund um die Grenzen christlicher
+Völker gelebt, und Gott zürnt ihnen nicht. Gott, meine Sadie, beurtheilt
+und straft oder belohnt die Menschen nach ihren Handlungen, nicht nach
+ihrem Glauben, -- ihm ist der Gegenstand gleich, zu dem sich das Herz
+wandte, wenn das Herz selber treu und rein und seiner Liebe voll war. Da
+hast Du _meine_ Religion -- ich glaube jede böse Handlung trägt auch
+zugleich ihre Strafe in sich selbst -- unser Gewissen ist der strengste,
+unerbittlichste Richter, mit dem wir am allerschwersten fertig werden
+können, und wirft uns das nichts Böses vor, dann können wir auch getrost
+dem blauen Himmel da droben in's Auge schauen. Aber herziges Kind, laß
+uns mit den trüben ernsten Gesprächen aufhören, ich bin ja kein
+Missionair, der über solche Sachen Stunden lang reden kann, und möchte
+es wahrhaftig am wenigsten unternehmen, weder die katholische noch
+protestantische Religion zu vertheidigen, und Alles was darin an
+Gebräuchen ist, zu rechtfertigen. -- Mit Allem was die Natur an
+Reichthum und Herrlichkeit bieten kann hier ausgestattet, was sollen
+uns da solche traurige Gedanken quälen.«
+
+»O Sadie, ich bin in meinem Leben noch nicht so glücklich gewesen, als
+in diesem Augenblick -- mir ist es, als ob erst jetzt, an Deiner Seite,
+der dunkle Schleier gehoben wäre, der bis dahin vor meinem künftigen
+Leben in düsterer Nacht gelegen. Rastlos, und von einem innern Drang
+getrieben, dem ich keinen Namen zu geben wußte, jagte es mich in der
+Welt umher -- die Afrikanischen Wüsten und Canadischen Wälder konnten
+die Sehnsucht nicht befriedigen die mich weiter und weiter drängte; als
+Soldat zog ich in die Raubstaaten der Algierer -- umsonst -- als Jäger
+in die Felsengebirge Amerikas -- umsonst -- selbst die See versuchte
+ich, und in den Eismeeren des Nordens glaubt' ich vielleicht den Punkt
+zu finden, der mir nicht Rast noch Ruhe ließ. Aber wie Spott klang es
+mir überall entgegen, und das rohe widerliche Wesen meiner letzten
+Umgebung zwang mich endlich auch zu dem letzten entscheidenden Schritt,
+die mir unerträglich gewordenen Fesseln abzuschütteln -- oder darüber zu
+Grunde zu gehen. Da fand ich Dich, Sadie -- und ich fühle nun -- o mit
+jubelnder Stimme hallt es in meinem Herzen wieder, daß Du bis jetzt,
+Sadie das nur geahnte, aber so heiß ersehnte Ziel gewesen, dem meine
+Seele entgegenstrebte. Werde mein Weib -- laß uns auf dieser
+freundlichen Insel, fern von den Sorgen, dem gefühllosen Treiben der
+Welt, unsre Heimath gründen. -- Tief im Laub dieser Palmen versteckt,
+von diesem lachenden Himmel überspannt, von diesen blauen Wogen umspült,
+an Deiner Seite, Sadie, und die Welt, die mir bis jetzt nur eine kalte
+freudlose Straße gewesen, meinen Wanderstab darauf zu setzen, würde mir
+zum Himmel.«
+
+Er hatte ihre rechte Hand, die sie ihm willenlos überließ,
+leidenschaftlich in seine beiden Hände gefaßt, und schaute mit
+leuchtenden Blicken und hochgerötheten Wangen dem jungen schönen Mädchen
+bittend in's Angesicht.
+
+Sadie saß mit klopfendem Herzen und niedergeschlagenen Augen neben ihm
+-- -- sie war recht ernst, ja fast traurig geworden, und schaute lange
+sinnend vor sich nieder -- endlich blickte sie wieder zu ihm auf, sah
+ihn mit den treuen, in einer Thräne schwimmenden Augen an, und sagte mit
+leiser, kaum hörbarer, wie furchtsamer Stimme:
+
+»Und wenn Du wieder fortgingst von mir?«
+
+»Nie -- nie -- Sadie!« rief René leidenschaftlich und preßte, sie an
+sich ziehend, einen heißen, glühenden Kuß auf ihre Lippen. Sie duldete
+den Kuß, ohne ihn zu erwiedern, dann aber sich langsam seinem Arm
+entziehend sagte sie leise:
+
+»Willst Du mir etwas versprechen, René?«
+
+»Alles, Sadie, was in meinen Kräften steht,« rief René die Hand nicht
+lassend, die er noch in der seinen hielt.
+
+»Dann versprich mir,« flüsterte das schöne, jetzt tief erröthende
+Mädchen, »daß Du davon nicht wieder mit mir reden willst, bis mein
+Vater, der Missionair zurückgekehrt ist, und« -- ihre Stimme war so
+leise geworden, daß er die Worte kaum verstehen konnte -- »mich auch bis
+dahin nicht wieder küssen willst.«
+
+»Sadie!« --
+
+»Versprich mir das -- nicht wahr Du sagst es mir zu?« bat sie dann und
+schaute ihm dabei so lieb und unschuldsvoll in die Augen, daß er ein
+Heiligenbild zu erblicken glaubte.
+
+»Wie könnte ich Dir die erste Bitte abschlagen Sadie« -- sagte er mit
+tiefem Gefühl.
+
+Da floh der fast traurige Ernst von den Zügen des Mädchens, wie die
+Sonne aus trüben Wolken plötzlich über grüne wogende Saatfelder bricht,
+so überflog ein frohes Lächeln die engelschönen Züge.
+
+»Das ist gut von Dir,« sagte sie mit inniger Herzlichkeit -- »das ist
+recht gut von Dir, nun können wir ja auch zusammen durch unsere Berge
+wandeln, und Abends auf dem stillen blauen Wasser fahren, wo unten die
+tausend kleinen bunten Fischchen zwischen den Corallenbüschen spielen
+und sich haschen -- sonst hätte ich mich ja vor Dir verstecken müssen«
+-- setzte sie treuherzig hinzu. »Und nun komm mein Freund -- Mitonare
+steht schon da unten vor seiner Thür und schaut sich überall nach uns
+um, er hat Dein Mahl bereitet was Du nicht im Stich lassen darfst, und
+gegen Abend komm ich und hole Dich ab.«
+
+»Und jetzt willst Du mich verlassen Sadie?« bat René.
+
+»Du mußt Dich jetzt schon ein Bischen mit Mitonare unterhalten,«
+lächelte das junge Mädchen neckisch, »ich kann Dir nicht helfen -- wir
+sind aber dann den ganzen Abend zusammen,« setzte sie tröstend hinzu und
+als ob sie trotz dem Versprechen einen vielleicht zu zärtlichen Abschied
+fürchte, glitt sie wie ein Reh durch die Seitenbüsche dieser natürlichen
+Laube, und war im nächsten Moment im Dickicht verschwunden.
+
+René, das Herz voll und überglücklich, saß noch eine lange Zeit an
+diesem wunderlieblichen Platz, der ihm durch das neue und so gewaltig in
+seinem Herzen aufgekeimte Gefühl förmlich heilig geworden war -- er
+hatte ganz daran vergessen daß der kleine Missionair mit dem Essen auf
+ihn warte. Destomehr dachte dieser aber daran, und als der fremde
+Wi--wi, wie er ihn jetzt immer schmunzelnd nannte, gar nicht kommen
+wollte, schickte er seine ganze Schule nach allen Richtungen auf
+Kundschaft aus, und René fand sich bald von drei oder vier jungen
+nackten Burschen aufgetrieben, die ihm lachend und schreiend eine Masse
+Zeug vorplauderten von dem er keine Sylbe verstand. Nur das dann und
+wann wiederkehrende Wort ~Mitonare~ rief ihm seinen kleinen freundlichen
+Wirth in's Gedächtniß zurück, und er folgte der munteren Schaar, die,
+rasch zutraulich geworden, ihn umsprang und umjubelte.
+
+Dem kleinen Mitonare schien übrigens ein Stein vom Herzen zu fallen, als
+er seinen so heiß ersehnten Gast erblickte, und er versicherte ihm, er
+habe schon eine volle Stunde mit Schmerzen auf ihn gewartet, indeß das
+Essen wahrscheinlich kalt geworden und verdorben wäre.
+
+Mitonare war aber viel zu gutmüthig böse zu werden, und als René nur
+tüchtig zulangte, und erst mit ihm scherzte und lachte, hatte er an ihm
+seinen Mann gefunden; er nannte René den besten Wi--wi den er je gesehn
+habe, und das wolle viel sagen, denn er sei schon einmal auf Tahiti
+gewesen, wo sie wild herumliefen, und erzählte ihm nun die tollsten
+Geschichten aus der alten fröhlichen Heidenzeit -- wie sie's hier
+gehalten und getrieben hätten -- natürlich damals, wie er nie vergaß
+hinzuzusetzen, als wir noch entsetzliche Sünder waren. -- Auch auf
+religiöse Gegenstände kam er ein paar Mal wieder zu sprechen, obgleich
+die René, so gut das eben gehen wollte, abzulenken suchte. Am meisten
+schmerzte es ihn daß sein Vater in der Hölle sein mußte, denn der war,
+obgleich ihm die Missionaire damals sehr zugesetzt, ein hartnäckiger
+Heide geblieben; aus seinem Großvater schien er sich weniger zu machen.
+
+René gewann übrigens bald sein ganzes Vertrauen, er zeigte ihm seine
+Schreibbücher und Rechenexempel, ja sogar sein allerheiligstes, das
+wichtigste Dokument seines Lebens -- ein Diplom was ihm von der
+Missionsgesellschaft in ~O-no~ -- wahrscheinlich London -- ausgestellt
+war, und ihn hier als wirklichen »Prediger in der Wüste« anerkannte.
+
+Dicht neben dem Diplom lag, in der kleinen Schieblade zu der er René
+geführt hatte, auch ein schmales, nicht sehr langes aber zierlich
+gearbeitetes Kästchen aus Sandelholz, das er aber, als René's Auge
+darauf fiel, rasch bei Seite zu schieben und mit daneben liegenden
+Papieren zu bedeckten suchte. Dadurch wurde aber des jungen Franzosen
+Neugierde rege gemacht, der es sonst vielleicht gar nicht beachtet
+hätte, und er drang nun darauf daß er ihm zeige was so Geheimnißvolles
+darin verborgen sei.
+
+Mitonare wollte erst gar nicht mit der Sprache heraus, endlich aber nahm
+er das Kästchen vor, hielt es noch eine ganze Zeit lang in der Hand
+während sein Auge fast mit einem Ausdruck von Anhänglichkeit darauf
+ruhte -- und dann kam die ganze Geschichte heraus.
+
+Mitonare war in früherer Zeit -- als er noch im blinden entsetzlichen
+Heidenthum gelebt -- ein vortrefflicher und in der That der
+Haupttättowirer der Insel gewesen, und dies Kästchen enthielt seine
+damaligen Werkzeuge die er jetzt allerdings nicht mehr gebrauchte --
+denn »~bodder Au-e~« von Tahiti hatte ihm die Augen geöffnet zu was
+diese abgöttischen heidnischen Gebräuche führten -- aber doch
+gewissermaßen noch als eine Art Reliquie, von der er sich gewiß sehr
+schwer hätte trennen mögen, aufbewahrte. --
+
+Trotz dem freilich, daß der kleine Mann Alles aufbot seinen Gast zu
+unterhalten, wäre diesem doch wohl die Zeit zuletzt gar lang geworden,
+denn er sehnte sich nach weit lieberer Gesellschaft; Sadie ließ ihn aber
+auch nicht so lange warten, und die Sonne war noch mehre Stunden hoch,
+als sie zu ihnen in die Thür trat. -- Doch es war nicht dieselbe Sadie
+von heute Morgen, als sie leicht geschürzt, das Schultertuch um den
+nackten Oberkörper flatternd, mit wild tanzenden Locken, hochgerötheten
+Wangen und blitzenden Augen aus dem Dickicht sprang. Das leichte
+Schultertuch hatte sie mit dem langen, mehr Europäischen Sonntagsgewand
+vertauscht, und wenn auch ihren Zügen dasselbe liebe Lächeln geblieben
+war, schien sie doch in den wenigen Stunden ernster, gesetzter, ja älter
+geworden zu sein.
+
+Fast schüchtern reichte sie dem jungen Mann die Hand, und sie gingen,
+als sie bald darauf das Haus verließen, wohl eine ganze Weile schweigend
+neben einander her. Das verlor sich aber bald, René's leichter Sinn ließ
+ihn nur sein Glück, die Seligkeit des jetzigen Augenblicks fühlen und
+Sadie, als sie sah daß er sein Versprechen von heute Morgen hielt,
+verlor bald gleichfalls jede Scheu, jedes ängstliche, sie beengende
+Gefühl, und war, als sie kaum den dunklen Schatten des Waldes betreten
+hatten, ganz wieder das fröhliche Kind wie früher. -- Sie scherzte und
+lachte, erzählte dem Freunde tausend drollige Geschichten, beschrieb ihm
+ihre früheren Tänze und Gebräuche, auch das schöne Tahiti drüben, wo
+ihre Eltern gewohnt, und wo jetzt fremde Menschen Haß und Feindschaft
+gesäet um Gottes Willen, und führte ihn dabei einen schmalen Pfad
+entlang, unter überhängenden Cocospalmen hin, und durch fruchtbedeckte
+Guiaven, Orangen und Brodfruchtbäumen nach einem anderen kleinen
+Grundstück, das zu einer Art Gemüsegarten eingerichtet schien, aber auch
+mit einer Masse Fruchtbäumen, wie ~tappotappos~, Kaffee, Zuckerrohr,
+Bananen und anderen bepflanzt war.
+
+Mit der unbedeutensten Arbeit gab die Erde hier das Hundertfache des ihr
+anvertrauten Samens zurück, und René glaubte in seinem Leben kein
+schöneres, herrlicheres Land gesehn zu haben, als diese kleine Insel. O
+wie gern hätte er jetzt zu dem Mädchen von ihrer künftigen Heimath
+gesprochen, aber als ob sie fühlte daß solche Gedanken in ihm aufsteigen
+möchten lenkte sie ihn rasch und geschickt wieder davon ab, zeigte ihm
+und pflückte für ihn die verschiedenen saftigen Früchte und führte ihn
+zuletzt an den Strand hinunter, wo in einer natürlichen kleinen Bai ein
+schmales langes Canoe lag. Dies bestiegen sie und fuhren hinaus in das
+spiegelglatte und cristallhelle Binnenwasser, das durch die
+außenherumlaufenden Riffe vor jeder eindringenden See geschützt wird,
+und so still und friedlich in nie gestörter Ruhe liegt, als diese
+schönen Inseln bis jetzt selber im weiten Ocean lagen.
+
+René hatte früher noch nie die Bildung dieser Corallenbäume, tief unter
+dem klaren Wasser, gesehn, und er traute seinen Augen kaum als sich an
+mehren Stellen, zu denen ihn Sadie jetzt selber hinruderte, in
+Farbenspiel und Form eine ganz neue nie geahnte Welt vor ihm eröffnete.
+Er konnte sich nicht satt sehn an den, mit Zauberschnelle wechselnden
+Gruppen und Bildern und Sadie hatte eine ordentlich kindische Freude
+darüber, daß es ihm so gefiel hier draußen an den Stellen, die auch ihr
+Lieblingsaufenthalt waren.
+
+»Nun Dir das so gefällt,« sagte sie endlich lächelnd, »will ich Dich
+auch zu meinem Corallengarten bringen, und Dir meine kleinen Gold- und
+Silberfischchen zeigen; die darfst Du mir aber nicht scheu machen mit
+der Hand oder dem Ruder, denn es sind gar furchtsame kleine Dinger.« Und
+während sie noch sprach lenkte sie das Canoe weiter den Riffen zu, über
+die tiefe, dunkelblau daliegende Seitenfahrt, in der selbst große Boote
+die ganze Insel umsegeln konnten, wieder in flacheres Wasser hinein, wo
+dunkelbraune und röthlich graue Corallenbäume an vielen Stellen selbst
+bis zur Oberfläche des Wassers emporragten, und dann wieder, von dünnen,
+feineren Zweigen und Armen durchwachsen, verhältnißmäßig tiefere Stellen
+zwischen sich ließen, oder umgaben.
+
+Ueberall wimmelte es hier von kleinen blauen, gelben, weißen, rothen,
+gestreiften und gefleckten Fischchen; in Schaaren und einzeln schwammen
+sie herum, oft als ob ein Blitz zwischen sie eingeschlagen hätte,
+auseinanderschießend, wenn sie irgendwo nur Gefahr zu entdecken
+glaubten, aber dann auch gleich wieder, wie über ihre ungegründete
+Furcht beschämt, sich sammelnd und die erst unterbrochenen Spiele auf's
+Neue beginnend.
+
+René wollte hier mit dem Canoe kurze Zeit still liegen, dem wunderlichen
+Treiben da unten zuzuschauen, aber Sadie ließ ihn nicht -- »nur noch
+kurze Strecke,« bat sie, »dann sollst Du Dich satt sehn, an all den
+Herrlichkeiten der Tiefe.« Und das Ruder stärker einsetzend, trieb sie
+das leichte Fahrzeug rasch durch die, vorn am Bug leicht aufkräußende
+Fluth einer Stelle zu, wo ein starker Corallenzweig eben über die
+Oberfläche des Wassers vorragte. Hier hielt sie plötzlich gegen und den
+Zweig erfassend, rief sie René zu, den Stein der vorn, an einem Bastseil
+befestigt, im Bug liege hier hinaus und oben auf die Coralle zu werfen.
+René that dies, und sie brachten dadurch das Canoe förmlich vor Anker,
+das nun mit der schwachen Strömung, soweit es das Bastseil gestattete,
+still liegen blieb. Eine kleine Weile konnte René aber noch Nichts unter
+sich erkennen; das Wasser war noch nicht ruhig genug, und die kleine
+Fischwelt da unten, durch das plötzliche Erscheinen des Bootes gestört
+worden. Sadie legte aber den Finger auf die Lippen und sie sahen wohl
+eine halbe Minute schweigend nieder.
+
+Die Corallenbäume schienen hier einen förmlichen, vollkommen dichten
+Kranz zu bilden, der von unten aufsteigend, erst nach außen ein wenig
+abneigte und gerade in die Höhe, an manchen Stellen bis selbst zur
+Oberfläche des Wassers emporreichte. Der innere Raum mochte vielleicht
+zwanzig Fuß im Durchmesser haben, und das Ganze glich fast einer
+aufgebrochenen Riesenblume, die aus ihrem innersten Kelch bunte zackige
+Fasern aufschickte.
+
+Aber die Blume lebte -- hier und da, tief unten aus dem Kelch heraus,
+kamen ein paar kleine Fischchen aufgeschossen als, wenn sie
+recognosciren wollten ob die Gefahr vorüber sei -- das dunkle Canoe das
+mit seinem Schatten auf dem Wasser lag, machte sie vielleicht noch
+mistrauisch -- aber nicht lange mehr -- sie verschwanden wieder, und
+gleich darauf quoll es aus allen Winkelchen und Spalten herauf in
+Schaaren und Massen -- alle Farben wild und bunt durcheinander, auf und
+nieder fahrend, herüber und hinüber schießend.
+
+»~Eita, eita!~« rief da Sadie -- »~iti iti iti~« -- und zu gleicher Zeit
+warf sie kleine Krumen indessen zerbröckelter Brodfrucht auf die
+Oberfläche des Wassers. Im Nu lebte dies, von allen Seiten schossen sie
+herauf, fünf sechs manchmal eine etwas größere Krume fassend und damit
+niedertauchend, andere an einem etwas zu großen Stück herumstoßend,
+ohne im Stande zu sein es zu bewältigen, und wieder andere sich mit dem
+kleinsten begnügend und wohl dabei fahrend.
+
+Mit der wiederkehrenden Ruhe waren aber auch, und zugleich mit den
+kleinen wunderniedlichen Bewohnern dieses eigenthümlichen Aufenthalts,
+dessen Feinde zurückgekehrt. -- Zwei große dunkelbraune Fische, mit
+breiten Mäulern und tückisch blitzenden Augen, wohl ganze zwölf Zoll
+lang, für die kaum zierlichen Dinger aber natürlich entsetzliche
+Ungeheuer, kamen an den äußeren Rand der Blume, deren Spalten zu schmal
+waren sie durchzulassen, obgleich sie den schlankeren Inwohnern freien
+Aus- und Einlaß genügend gewährten, und schauten mit sehnsüchtigen
+Blicken nach den dichtgedrängten Schaaren solch delikater Leckerbissen
+hinüber. Die kleinen Dinger schienen aber recht gut zu wissen daß ihnen
+der Feind hier im Innern nichts anhaben könne, ausgenommen er kam von
+oben herein, und dann waren sie auch wie der Blitz in ihren
+Schlupfwinkeln.
+
+Manchmal wagte sich auch, selbst dicht unter oder über den Feinden, ein
+leichtsinniges Fischchen hinaus in's Freie, gerade als ob es das
+Ungeheuer verhöhnen wolle, ehe dieses aber nur im Stande war sich nach
+ihm umzuwenden, obgleich das oft rasch genug ging, war jenes schon
+wieder zwischen den zackigen Pallisaden hineingeschlüpft, und erzählte
+nun wahrscheinlich den anderen da drinnen seine Heldenthaten.
+
+So trieben sie hier draußen, in den Wundern dieser für René jedenfalls
+neuen, fast zauberhaften Welt, bis die Sonne groß und glühend in das
+Meer tauchte und Stern nach Stern am reinen Himmel auffunkelte, und
+Sadie erzählte dem ihr gegenübersitzenden Freund von dem stillen Frieden
+dieses Landes und dem glücklichen Leben das die Bewohner desselben
+führen könnten -- wären nicht oft böse Menschen da, die sie störten und
+kränkten, und Leidenschaften in ihnen weckten, die ihnen in früheren
+Zeiten fremd gewesen.
+
+René hätte die Nacht hindurch diesen lieben weichen Tönen lauschen
+mögen, aber das Mädchen lenkte endlich, trotz seinen Bitten noch nicht
+heimzukehren, das Canoe zum Lande zurück, und jetzt zwar gerade der
+Wohnung des kleinen Mitonare zu, der sie schon am Ufer empfing und sie
+etwas ungeduldig erwartet zu haben schien. Er that auch an Sadie mehre
+Fragen in ihrer Sprache, die das Blut in ihre Wangen trieben, aber sie
+antwortete ihm endlich lächelnd darauf und verschwand wieder wie gestern
+mit einem freundlichen Kopfnicken gegen René.
+
+Dem kleinen Mitonare schien aber heute Abend eine Menge im Kopf
+herumzugehen. -- Beim Abendbrod, das sie sehr frugal aus etwas
+Brodfrucht und Cocosmilch und einigen Bananen hielten, war er einsylbig
+und sah René immer, wenn er sich unbeobachtet glaubte, von der Seite an;
+nach dem Essen aber, und als gerade der Mond draußen über die das Haus
+umgebenden Palmen aufstieg, faßte er den jungen Mann bei dem Arm, führte
+ihn hinaus an den Strand unter einen stattlichen Tuituinuß-Baum und nahm
+ihn hier, durch ein wenig Aufregung im noch mehr gemißhandelten Englisch
+als gewöhnlich, in's Gebet. René mußte tüchtig aufpassen daß er den
+Zusammenhang verstand, denn sich an einzelne Worte zu halten hatte er
+lange aufgegeben, der Name ~Pu-de-ni-a~ der aber mehrfach vorkam, ließ
+ihn wohl ahnen was der kleine Mann eigentlich meinte, und er wollte ihm
+jetzt, über das ganze Verhältniß zu dem Mädchen klaren und offenen
+Aufschluß geben; er hatte ja Nichts weshalb er sich zu schämen brauchte,
+hätte ihn eben der kleine Mitonare nur zu Worte kommen lassen. Sowie er
+aber nur den Mund aufthat rief dieser ihm sein verhinderndes ~aita aita~
+dazwischen und redete dann nur noch lauter und heftiger, und er mußte
+ihn jetzt wohl schon gewähren lassen, bis er es von selber müde werden
+würde.
+
+»Weißer Mann,« sagte indessen der kleine Mitonare, aber wenigstens die
+Hälfte seiner Rede im Tahitischen oder doch solchen Worten die recht gut
+tahitisch sein konnten -- »weißer Mann kommt her und findet Brodfrucht
+und Fleisch und Bananen und Cocosnüsse, Yam und Kartoffeln, und Mitonare
+ist freundlich mit ihm; zeigt ihm Diplom und andere Sachen, und thut gar
+nicht als ob Fremder ~Ferani~ wäre und an keinen Gott glaubte -- und
+weißer Mann hat Schutz hier vor anderen weißen Männern. ~Tane~ ~tane
+Atiu~ sind freundlicher gegen ihn als Leute von seiner eigenen Farbe,
+und was thut ~Ferani~? -- geht hin und macht kleines Mädchen von
+Mitonare unglücklich -- schwatzt ihr allerlei tolles Zeug vor -- aber
+~Pu-de-ni-a~ ist nicht wie viele andere Mädchen auf der Insel und auf
+Tahiti. -- ~Ferani~ kann Mädchen genug bekommen -- puh -- so viel, aber
+nicht ~Pu-de-ni-a~. ~Ferani~ geht nachher weg und ~Pu-de-ni-a~ sitzt --
+gutes Kind und weint und ist nicht mehr glücklich und alte Mann Mitonare
+~O-no-so-no~ weint weil er ~Pu-de-ni-a~ weinen sieht. ~Ferani~ sollte
+sich etwas schämen und wenn ~Ferani~ auch kein Christ wäre, könnte er
+doch darum immer thun was recht wäre -- sie wären auch früher keine
+Christen, nein, schreckliche Heiden gewesen, die sich tättowirt und nach
+einer Trommel, und nach dem Rauschen der Brandung getanzt hätten, ja sie
+hätten sogar ganzen kleinen, winzig kleinen Gott angebetet -- aber
+darum hätten sie doch thun können was recht wäre -- und es auch gethan,
+wenn sein Vater auch jetzt in der Hölle dafür wäre.«
+
+Das ungefähr war der Sinn der Rede des kleinen Mitonares, obgleich diese
+selber wohl über eine Stunde dauerte; wenn aber auch René im Anfang
+manchmal gern über die oft wunderlich genug klingenden Worte des
+Eifernden gelacht hätte, sah er doch aus dem Ganzen wie lieb der kleine
+Mann das Mädchen selber haben mußte, und wie viel er von ihr halte, und
+daß nur Besorgniß um sie ihn so ängstlich und eifrig gemacht habe, und
+er faßte endlich seine Hand, die ihm der Mitonare im Anfang aber gar
+nicht lassen wollte, und sagte ihm nun Alles, wie es ihm auf dem Herzen
+lag.
+
+Er liebte Sadie und wollte sie heirathen, und hier auf der Insel bei
+ihnen bleiben und Yams und Kartoffeln bauen, und Cocospalmen pflanzen --
+er wollte nie nie wieder fort von ihnen gehn und weder ihn noch
+Prudentia verlassen. Er erzählte ihm aber dann auch wie er das heute
+Morgen Sadie selber gesagt, und welches Versprechen sie ihm dafür
+abgenommen, und daß er sich fest darauf verlassen könne er würde es
+halten und Sadie, bis der alte Missionair zurückkomme, als seine
+Schwester ansehen, der kein Leid geschehen solle, so lange er es hindern
+könne.
+
+Der kleine alte Mann war freundlicher und freundlicher geworden, je
+nachdem er mehr und mehr begriff was der Fremde mit seinen Worten meine,
+und was er beabsichtigte, als er aber erst verstand welches Versprechen
+er dem Mädchen gegeben hatte, und wie er versicherte es treu halten zu
+wollen, da überkam die Freude jedes andere Gefühl, er fiel dem jungen
+Mann um den Hals und rieb sogar -- sehr zu dessen Erstaunen der gar
+nicht wußte was er aus solcher Ceremonie machen sollte -- Nasen mit ihm,
+die größte innigste Freundschaftsversicherung die er ihm überhaupt geben
+konnte.
+
+Der kleine Bursche wurde aber ganz wie ausgelassen -- er erklärte René
+-- dessen Namen er jetzt ebenfalls behalten hatte und ganz gegen seine
+sonstige Gewohnheit richtig aussprach, für den besten Wi--wi der je
+einen Götzen angebetet habe; und meinte, wenn er bei ihnen auf der Insel
+bliebe, dann wolle er und der andere Mitonare und ~Pu-de-ni-a~ doch
+einmal sehn, ob sie nicht aus diesem Wi--wi auch einen Christen machen
+könnten, wenn das auch vielleicht schwieriger halten würde, als einen
+verheiratheten Mann aus ihm zu machen. Er wußte in der That gar nicht,
+was er vor lauter Lust und Vergnügen angeben sollte, und es fehlte nicht
+viel so hätte er wirklich ein paar mal bald an zu tanzen gefangen, nur
+daß er sich noch immer zur rechten Zeit dabei erwischte -- das hätte
+sich im Leben nicht für einen ~mi-to-na-re~ geschickt.
+
+So vergingen René die nächsten drei Wochen in einem Glück, von dem er
+früher nicht geglaubt hätte daß es eine Menschenbrust im Stande wäre zu
+fassen; aber nicht allein Sadie und Mitonare gewannen ihn in dieser Zeit
+weit lieber, je näher sie mit ihm bekannt wurden, nein, auch die
+Eingeborenen der Insel, denn das leichte fröhliche Temperament des
+jungen Franzosen sagte auch ihren Neigungen gerade zu; sie sahen ihn
+gern, lernten ihn lieb gewinnen und der alte König, außer dem
+hochklingenden Titel eine sehr unschuldige Persönlichkeit, die jedoch
+trotzdem viel Einfluß auf die übrigen ausübte, wurde sein bester Freund.
+Allerdings hatte ihm René mehrmals Geldgeschenke gemacht, was ihm des
+Mannes Herz zuerst öffnete, als er aber später mehrmals mit Sadie
+hinüberkam, und der alte Mann erfuhr in welchem Verhältniß die Beiden
+standen, und daß René sogar beabsichtige Einer seiner Unterthanen zu
+werden, da versicherte er ihn denn auch, daß er ihn, falls sein Schiff
+wirklich wieder zurückkommen solle, nicht mehr ausliefern werde und daß
+der weiße Mann Capitain -- wie Raiteo als Dollmetscher übersetzte --
+schon sehen solle wie sie ihm eine Nase drehen wollten. Er dachte
+nämlich keineswegs daran den einmal erhaltenen, und auch in der That
+schon theils benutzten, theils vertheilten Fanglohn wieder
+herauszugeben.
+
+Am komischsten betrug sich Raiteo; -- trotzdem daß er früher sich die
+größte Mühe gegeben hatte, des Flüchtlings habhaft zu werden, ja sich
+damals sogar nicht scheute Verrath zu gebrauchen, um seinen Zweck zu
+erreichen und den ausgesetzten Lohn zu verdienen, so that dieser doch
+jetzt, als wenn er gleich von dem ersten Augenblick an des jungen Mannes
+Hauptfreund und Beschützer gewesen wäre. Er erklärte ihn auch bald für
+seinen innigsten ~tajo~ und trug wohl Sorge dabei daß er René besonders
+darauf aufmerksam machte, wie uneigennützig er damals den Dollmetscher
+zwischen ihm und den Uebrigen abgegeben habe, und wie einige kleine
+Stücken Geld, selbst jetzt noch dafür ausgelegt, keineswegs zu spät
+kämen. René war klug genug sich auch diesen Burschen, den er übrigens
+leicht genug durchschaute, zum Freund zu halten, und ein paar Thaler
+thaten dies denn auch, wenn Versicherungen nur irgend einen Maßstab für
+Raiteo's Gefühle geben konnten, auf das vollständigste.
+
+René schrieb übrigens auch in dieser Zeit nach Frankreich, den Brief für
+die erste sich bietende Gelegenheit nach Tahiti bereit zu halten, ihm
+einen Theil seiner noch dort stehenden Gelder unter seiner Adresse an
+den Französischen Consul Tahiti's zu übersenden, wie ihm ebensowohl
+Einführungsbriefe auf die Hauptinsel dieser Gruppen zu verschaffen. Wenn
+er ihrer auch jetzt noch nicht bedurfte, wußte er doch nicht wie sich
+seine Verhältnisse in spätern Zeiten gestalten würden, und er wollte
+jetzt wenigstens nichts versäumen, dem vorzuarbeiten.
+
+Das Herz des kleinen Mitonares gewann er sich übrigens noch auf ganz
+besondere Weise durch den regelmäßigen Besuch seiner Kirche, in der er
+allerdings nichts von der Predigt verstand, aber doch die Melodien der
+Hymnen mit summte, und den Mitonare nur in dem Glauben befestigte, daß
+doch noch am Ende ein Christ aus ihm zu machen sei. Der gute kleine Mann
+war viel zu unschuldig, auf den Gedanken zu kommen, daß René einzig und
+allein Sadie'ens wegen das Gotteshaus besuche.
+
+
+Fußnoten:
+
+[F] Diese Inseln außer Tahiti und Imeo oder Eimeo feiern den Sonnabend
+statt Sonntag, da die ersten hier eingetroffenen Missionaire, die um das
+Cap der guten Hoffnung gekommen waren, den Tag den sie auf 180° West und
+Ost Länge gewonnen, nicht dazu zählten, wie sie es eigentlich thun
+mußten, und nun ihre eigene unterwegs gehaltene Zeitrechnung, die sie um
+einen Tag zu kurz sein ließ, beibehielten. Auf Tahiti und Imeo haben es
+die Franzosen jetzt abgeändert.
+
+[G] ~Wi-wi~, ein Spottname dieser Inseln für die Franzosen, nach deren
+~oui, oui~.
+
+
+
+
+Capitel 5.
+
+#Das Geständniß.#
+
+
+Das Einzige übrigens was jetzt manchmal Sadie sowohl als auch den
+kleinen Mitonare beunruhigte, war das so außergewöhnlich lange
+Ausbleiben des Mr. Osborne, obgleich es bei den Missionairen, wenn sie
+auch ihre bestimmte und feste Wohnung haben, doch wohl manchmal vorfiel
+daß sie auch kleine Abstecher nach anderen Inseln machten wo keine
+festen Prediger wohnten, und dann widriger Winde wegen oft länger
+aufgehalten wurden, als sie im Anfang selber beabsichtigt.
+
+So standen die Sachen als eines Morgens, in den letzten Tagen des
+Februar, ein Bursche über die Berge herüberkam und meldete, der
+Missionscutter -- ein kleines Fahrzeug das sie alle gut genug auf der
+Insel kannten -- sei in Sicht und halte gerade nach hierher zu. Gegen
+Mittag umsegelte es auch die südlichste Spitze der Insel, und von
+Sadie's Lieblingsplätzchen aus konnten sie sein Näherkommen deutlich
+beobachten.
+
+Sadie und René standen dort schweigend Hand in Hand -- war ihnen Beiden
+aber auch wohl das Herz übervoll, denn dort in dem kleinen Fahrzeug kam
+der Mann, der ihr Schicksal entscheiden sollte -- mochte ihnen doch
+Keins Worte geben. Als aber der Cutter sich immer mehr und mehr näherte,
+jetzt sogar in die natürliche Einfahrt der Corallenriffe, von einer
+günstigen Briese getrieben, einbog, und in dem ruhigen Wasser
+pfeilschnell auf seinen gewöhnlichen Ankerplatz zuglitt -- als die Segel
+fielen, der Anker niederschlug und das kleine Fahrzeug herumschwingend,
+kaum mehr als hundert Schritt vom festen Land der Insel ab einbog, da
+sagte René leise, Sadie zu sich herüberziehend:
+
+»Willst Du zuerst mit Deinem Vater allein reden, Sadie, oder wollen wir
+ihm Beide zusammen entgegengehn? -- wie ist es Dir am liebsten?« --
+
+»Ich weiß es nicht René,« -- sagte das Mädchen leise und schüchtern --
+»ich weiß es nicht -- o mir ist auf einmal so bang und weh um's Herz,
+als ob ich irgend ein großes Unrecht gethan hätte -- und ich bin mir
+doch nichts Böses auf der weiten Gotteswelt bewußt -- ich glaube ich
+fürchte mich meinem Vater entgegenzutreten -- und er ist doch so gut --
+so unendlich gut.«
+
+»Dann laß mich zuerst mit ihm sprechen, Sadie,« bat René -- »laß mich zu
+ihm gehn -- ich habe Papiere die ihn über meine Abkunft und Verhältnisse
+beruhigen können -- ich bin kein gewöhnlicher Matrose wie sie hier über
+diese Inseln hier und da zerstreut sein sollen; das allein ist auch die
+Ursache daß ich nicht im Stande war an Bord jenes Wallfischfängers
+zwischen dem rohen wüsten Volke auszuhalten; -- wenn er hört wie innig
+wir uns lieben, kann er ja Nichts gegen eine Vereinigung mit Dir
+einzuwenden haben. Aber was hast Du? -- was erschreckt Dich so sehr, Du
+süßes Lieb?«
+
+Der Ausdruck in Sadie's Zügen ließ sich nicht verkennen -- irgend etwas
+mußte sie beunruhigt haben, aber sie schüttelte erst schweigend mit dem
+Kopf und blickte nur scharf nach dem Cutter hinüber, an dessen Seite
+jetzt ein kleines Boot niedergelassen war, den zurückkehrenden
+Missionair an Land zu rudern. René hatte auf das Fahrzeug, mit der
+Geliebten beschäftigt, gar nicht mehr geachtet, als er aber jetzt der
+Richtung ihrer aufgehobenen Hand folgte, sah er wie vom Bord des
+Schooners zwei dunkelgekleidete Männer in die Jölle niederstiegen, statt
+einem.
+
+»Kennst Du den Mann, der dort mit Deinem Pflegevater kommt?« frug er das
+Mädchen.
+
+Sadie nickte langsam und schweigend mit dem Kopf und sagte endlich
+leise:
+
+»Das ist der einzige Mann, das einzige Wesen auf dieser Insel, das ich
+_fürchte_ -- und ich weiß nicht weßhalb -- Er hat noch Niemandem Böses,
+und Vielen schon Gutes gethan, aber er ist so ernst und streng und ich
+weiß nicht, aber wenn ich mir _seinen_ Gott als einstigen Richter denke,
+so überläuft mich's mit Fieberfrost. Feste Formeln und Gebräuche hat er
+dabei, von denen er nicht weicht, ja von deren Beobachtung er unser
+Seelenheil abhängig macht, und nur wenn ich dann meinen Pflegevater
+dagegen reden höre, ist es mir wie Trost und Linderung für das kalte
+Wort des finstern Mannes.«
+
+»Das ist der Mann denn, von dem Du mir schon gesprochen, Sadie,« sagte
+René -- »aber wo wohnt er? -- was thut und treibt er?«
+
+»Er ist Missionair wie mein Vater, aber der ärgste Feind den Deine
+Landsleute auf den Inseln haben können -- sein Name ist Rowe und
+obgleich er auf Tahiti seinen festen Wohnsitz hat, besucht er doch, als
+eine Art geistlicher Oberhirt, zu Zeiten die einzelnen Inseln, ihren
+Zustand zu untersuchen und an dem Sonntag wo er sich dort aufhält, zu
+predigen. Aber so lange er auf der Insel ist hörst Du kein Lachen und
+Singen fröhlicher Menschen, siehst keine Blume in den Haaren der Mädchen
+-- selbst die Kinder fürchten den Mann.«
+
+»Und was kann er _uns_ schaden, Du holdes Lieb,« sagte René -- »Dein
+Pflegevater allein hat Deine Hand zu vergeben, und wenn es selber dann
+_Dein_ Wille ist, was kümmert uns da der stolze Priester?«
+
+»Aber er wird meinem Pflegevater heftig zureden uns seine Einwilligung
+zu versagen,« flüsterte ängstlich das Mädchen.
+
+»Dann« -- René biß die Lippen zusammen, zwischen denen sich ihm ein
+heftiges Wort herauszupressen drohte, aber er wollte dem lieben Kinde
+auch nicht weh thun und sagte, rasch abbrechend: »Hab guten Muth Sadie;
+es wird noch Alles gut gehen und das Beste sein, daß wir die beiden
+Herren erst eine Weile landen lassen; der kleine Mitonare mag mich gern
+leiden und wenn Dein Vater nach Dir frägt wird er schon einen günstigen
+Vorbericht für uns ablegen. Nachher gehen wir dann grade und offen zu
+ihm und sagen ihm wie lieb wir uns haben und wie wir hier bei ihm auf
+der Insel bleiben und wohnen wollen und er wird uns seine Einwilligung
+gewiß nicht versagen.«
+
+»Mache es wie Du willst, René,« sagte das arme Mädchen leise und
+schüchtern -- »aber ich fürchte mich recht sehr, und ich wollte zu Gott
+der ehrwürdige Mr. Rowe wäre nur diesmal nicht mitgekommen.«
+
+Das Boot war indessen an Land gerudert, der kleine Mitonare aber, in
+aller seiner Unschuld niemand Anderen als seinen Missionair, den alten
+ehrwürdigen Mr. Osborne erwartend, an den Landungsplatz gegangen ihn zu
+begrüßen. Er trug sein gewöhnliches weißes Hemd, und das rothe
+Lendentuch fest um den runden stattlichen Leichnam geschlagen, außerdem
+aber noch, da er als Mitonare nicht gut im bloßen Kopf in der Sonne
+herumlaufen konnte, einen breiträndrigen Strohhut mit schwarzem breiten
+Bande, und stand schon schmunzelnd am Ufer seinem alten Freund die Hand
+mit einem herzlichen ~Joranna~ entgegenzustrecken, als er plötzlich die
+zweite Gestalt im Boot zuerst überrascht bemerkte, und dann erschreckt
+erkannte -- denn Mitonare hatte einen noch viel größeren Respekt vor dem
+finsteren geistlichen Mann, der ihm diesmal so unverhofft über den Hals
+kam, als selbst alle Kinder der Insel zusammengenommen, nur daß _er_
+nicht ausreißen durfte, wenn ihm der fromme Mann in den Weg kam. Umdrehn
+aber und in das Haus, und dort angekommen in den schwarzen Frack und
+die gelbe Weste fahren, war das Werk eines Augenblicks. In beide
+Kleidungsstücken kam er zuerst in das verkehrte Aermelloch, aber wie
+eine gehetzte Ratte fand er zuletzt das rechte, und griff nun in wahrer
+Verzweiflung das eingewickelte Halstuch von dem Bücherbrett herunter, wo
+es friedlich bis zum nächsten Sabbath hatte ruhen sollen, riß es aus dem
+Papier, fuhr dann mit dem Halstuch in die Tasche statt dem letzteren,
+ehe er seinen Irrthum gewahrte, bekam es aber zuletzt doch noch
+glücklich um, und hätte nun fast, als er wieder mit einem Satze aus der
+Thür hinaus wollte, das Versäumte gut zu machen, die beiden geistlichen
+Herren umgerannt, die, ~the reverend Mr. Rowe~ voran, indeß gelandet
+waren und auf die freundliche Wohnung Mitonares zuschritten.
+
+Mr. Rowe, der übrigens wohl erkannte weshalb der kleine Mann so in Hast
+gewesen, denn dieser hatte in aller Eile den Hemdkragen gar nicht mit in
+das Halstuch hineingebunden, begrüßte ihn mit einem gütigen väterlichen
+Blick und Handdruck, wobei Mitonare ein Gesicht machte, als ob er seine
+Hand in einem Schraubstock hätte.
+
+»Nun, Bruder Ezra,« sagte Mr. Osborne freundlich, als dieser zu ihm
+hinantrat, und seine Hand auf das herzlichste schüttelte, was Mitonare
+mit ungemein gutem Willen erwiederte -- »wie ist es Euch die Zeit
+meiner Abwesenheit ergangen? -- immer wohl und gesund gewesen, und in
+keiner Weise zu Schaden gekommen? nicht wahr ich bin weit länger
+entfernt geblieben als ich im Anfang beabsichtigte?«
+
+Ich muß hier jedoch bemerken daß die Geistlichen mit dem kleinen Mann
+nur in seiner eignen Sprache redeten, blos wenn sich Mr. Osborne mit
+Bruder Ezra -- wie der kleine Mitonare bei der Taufe genannt worden --
+allein befand, und gerade nichts Wichtiges zu verhandeln hatte, sprach
+er englisch mit ihm, um ihm diese Sprache geläufiger zu machen, und
+seinen etwas schweren Mund an die fremden Worte besser zu gewöhnen.
+
+Bruder Ezra antwortete auf das Befriedigenste, als aber die drei Männer
+in das Haus traten, sah sich Mr. Osborne erstaunt und vergebens nach
+seiner Pflegetochter um, die ihn sonst stets fast die erste begrüßt
+hatte, und er frug rasch, fast ängstlich nach dem Mädchen.
+
+Mitonare hätte in diesem Augenblick eben so gern seinen ganzen
+Catechismus aufgesagt -- ihm sonst die schrecklichste aller
+Religionsübungen -- als vor Bruder Rowe zu erzählen was mit ~Pu-de-ni-a~
+vorgegangen sei, und welcher Gast sich indessen auf der Insel
+eingefunden habe. Er wußte ja am besten in welcher Achtung die
+~Feranis~ bei dem frommen finsteren Manne standen, und sollte er jetzt
+erzählen was hier unter seinen eigenen Augen vorgegangen war, und was er
+selber geduldet hatte? denn jetzt kam es ihm auf einmal wunderbarer
+Weise vor, als ob das ein entsetzliches Verbrechen gewesen wäre.
+
+Durch sein Schweigen wurde der alte Mann aber nur noch besorgter; er
+glaubte jetzt wirklich es sei dem Mädchen, das er fast wie sein eignes
+Kind liebte, etwas widerfahren, und als nun auch Bruder Rowe dazutrat
+und Mitonare zum Sprechen aufforderte, konnte er natürlich nicht mehr
+zurückhalten. Der Angstschweiß stand ihm auf der Stirn, aber die ganze
+Sache kam nach und nach zu Tage, und erst als er mit sämmtlichen Factas
+geendet hatte, fing er an den jungen ~Ferani~ zu loben, der ein wahres
+Muster von einem Menschen sei und sogar als ~Ferani~ in seine Kirche
+gekommen wäre -- und so andächtig zugehört hätte, als ob er jedes Wort
+davon verstände. Er erwähnte auch des Versprechens das ihm ~Pu-de-ni-a~
+abgenommen, was er ja auch als Hauptentschuldigung für sich aufstellte,
+und Mr. Osborne der den Charakter des Mädchens kannte, athmete leichter
+als er dies hörte.
+
+Bruder Rowe's Züge hatten sich aber indessen mehr und mehr verfinstert
+-- schon als er hörte daß ein, von einem Wallfischfänger entsprungener
+Matrose auf der Insel geblieben und nicht wieder von seinem eigenen
+Schiff mit fortgenommen sei, horchte er hoch auf, und als es nun gar
+herauskam daß es ein Franzose sei, der schon in aller Geschwindigkeit
+ein Liebesverhältniß mit der Adoptivtochter des Geistlichen angesponnen
+habe, sah man es ihm ordentlich an daß er sich Mühe geben mußte seinen
+Groll und Zorn zu bemeistern. Vergebens waren jetzt Bruder Ezra's
+Psalmen, die er dem jungen Franzosen sang, vergebens selbst Mr. Osbornes
+Einwurf, daß man jedenfalls erst einmal den jungen Mann sehen und
+sprechen wolle -- er war Matrose eines Wallfischfängers und Franzose --
+also Katholik, und ein richtiger Missionair der Südsee Inseln haßt
+nichts auf der Welt -- selbst den Teufel wohl kaum ausgenommen --
+herzlicher, als diese beiden Individuen.
+
+Sein Urtheilsspruch war auch ohne weiteres gefällt -- »ehe das Uebel
+tiefer griff, mußten schnelle Maßregeln dagegen ergriffen werden, und er
+wollte jetzt selbst ohne weiteres zu dem Häuptling hinübergehn und mit
+diesem das Nöthige dazu besprechen. Der Häuptling oder König brauche ihm
+nur zu gebieten die Insel zu verlassen, so müsse er dem Befehl Folge
+leisten, und Gelegenheit habe er jetzt gerade am besten in dem kleinen
+Schooner, der in einigen Tagen wieder mit ihm nach Tahiti zurück
+sollte. Weigerte er sich aber dem Befehl Folge zu leisten, so war nichts
+einfacher als ihn als Gefangenen mit fortzunehmen, und an den
+französischen Consul in Papetee auszuliefern. -- Diese Inseln standen
+unter englischem Schutz, und es war ihnen von der englischen Regierung
+versprochen sie gegen jede Aufdringlichkeit, besonders von französischer
+Seite, zu schützen, wo man überdies nicht einmal wissen könne, ob da
+nicht am Ende gar irgend ein heimlich gehaltenes Missionswesen der
+Verbreiter »papistischer Gräuel« dahinter stäke. Andererseits würde aber
+auch die französische Regierung, die gerade erst ganz kürzlich ihr etwas
+gewaltsames Protectorat angetreten, Alles vermeiden, mit anderen
+Mächten, noch dazu eines entsprungenen Matrosen wegen, in Collision zu
+kommen. Für sie hier war es aber gerade in dieser Zeit von höchster
+Wichtigkeit jenen papistischen Propaganden, die sich über sämmtliche
+Inseln zu verbreiten suchten, entgegen zu arbeiten. Das Volk dieser
+Inseln sei viel zu empfänglich für äußeres Gepränge, nicht der Gefahr
+ausgesetzt zu sein von dem Flitterstaat der katholischen Religion
+bestochen zu werden, und nicht allein Jahre lange Anstrengungen und
+Arbeiten, nein auch die Seelen der Unglücklichen wären dann verloren für
+immer.«
+
+»Aber nicht allein in religiöser, nein auch in moralischer Beziehung sei
+es Pflicht der Geistlichen dahin zu wirken diese schlimmsten aller
+Vagabunden, flüchtige Seeleute, von sich entfernt zu halten. Auch Bruder
+Osborne wisse recht gut, wie gerade diese Menschen dem wohlthätigen
+Wirken der Missionaire stets feindlich entgegengetreten wären, selbst
+wenn sie denselben Glauben mit ihnen hatten; wie viel schlimmer war es
+jetzt, wo solche Menschen auch sogar noch in ihrem Glauben eine, ihrer
+Meinung nach vielleicht vollkommen genügende Ursache fänden, Unfrieden
+zwischen dem Geistlichen und seiner kleinen Gemeinde zu säen?«
+
+»Für den _Vater_ sei es außerdem besonders dringende Pflicht, sein
+angenommenes Kind vor Verführung zu schützen und ihr Herz zu wahren vor
+den Eindrücken, die bei einer solchen unnatürlichen Verbindung
+unvermeidlich wären. -- Das war _seine_ Meinung über die Sache, und er
+hoffte Bruder Osborne würde mit ihm hierin vollkommen harmoniren. Es sei
+nöthig daß sie zusammenständen, in dieser jetzigen Zeit des Trübsals, um
+des Glaubens willen.«
+
+»Er hatte zuerst die Absicht gehabt den König _morgen_ zu besuchen, aber
+im Dienste Gottes gäbe es keine Ruhe noch lässiges Verschieben, und er
+wolle deshalb gleich dorthin aufbrechen, ihn mit sich herüber zu
+bringen.« Daß er die Einwilligung desselben, oder vielmehr den Befehl
+für den Flüchtling erhalten würde, mit erster Gelegenheit die Insel
+wieder zu verlassen, verstand sich von selbst, und er zweifelte daran
+nicht im mindesten.
+
+Mr. Osborne ersuchte ihn jetzt noch einmal, den Fremden wenigstens erst
+einmal rufen zu lassen und mit ihm zu sprechen, daß sie mit eigenen
+Augen sähen zu welcher Klasse von Menschen er gehöre. -- Bruder Rowe's
+Entschluß war gefaßt, und da er, durch seinen langen Aufenthalt zwischen
+diesen Inseln als Missionair, sich daran gewöhnt hatte unbedingt zu
+befehlen, indem seine Stimme für das Wort und den Willen des Herrn galt
+-- ja da er die feste Ueberzeugung hatte daß alle diese Tausende von
+Insulanern nur durch ihn und die wenigen andern Geistlichen einer ewigen
+Qual entrissen, und der Seligkeit zugeführt seien, ihm also mehr als ihr
+Leben, ihr ganzes einstiges Heil danken mußten, so verstand es sich wohl
+von selbst daß er auch die weit geringere Leitung ihrer weltlichen
+Angelegenheiten wenn auch nicht gerade führen, doch in die Bahn leiten
+konnte und durfte, die er als die richtige bestimmte.
+
+Er beorderte jetzt ohne weiteres -- denn ihre Mahlzeit hatten sie schon
+an Bord eingenommen -- zwei Eingeborene, ihn in einem kleinen Boot, das
+er schon mehrfach dazu benutzt hatte, um die Insel hinum zu rudern,
+denn es fiel ihm nicht ein den langen Weg zu Fuß zu gehn. -- In diesem
+wurde ein schmales Sonnendach aufgespannt, und eine Viertelstunde später
+schoß das kleine scharfgebaute Fahrzeug, von den kräftigen Armen der
+Insulaner getrieben, pfeilschnell über das spiegelglatte Binnenwasser,
+von der Strömung jetzt noch überdies begünstigt hin, und war in kurzer
+Zeit um die nächste vorragende Landspitze verschwunden.
+
+René und Sadie hatten indessen mit freudigem Staunen die rasche Abreise
+des finstern Mannes gesehen, die sie irgend einer Ursache in seinem
+geistlichen Wirken zuschrieben, und sie beschlossen nun auch ohne
+weiteres hinunter zu Mr. Osborne zu gehn, ihm Alles zu erzählen und ihn
+um seinen Segen zu bitten.
+
+Mitonare war übrigens indessen, nur erst einmal der beengenden Gegenwart
+des ~bodder Au-e~ enthoben, nicht müßig gewesen Mr. Osborne den jungen
+Fremden von der besten Seite zu schildern. Natürlich lag in diesem Lobe
+ein großer Theil Eigennutz verborgen, denn es mußte ja auch einzig und
+allein seine Entschuldigung sein, daß er Prudentia's Umgang mit ihm
+überhaupt geduldet hatte. Solcher Art war er denn noch emsig damit
+beschäftigt, und Mr. Osborne saß gar ernst und sinnend vor ihm in
+seinem Lehnstuhl, den rechten Ellbogen auf die Lehne und das graue
+Haupt in die rechte Hand gestützt. Es schien ihm recht weh und trüb um's
+Herz zu sein.
+
+Da traten die beiden jungen Leute in die Thür, und Sadie blieb erst
+einen Augenblick schüchtern in der Ferne stehen; als er aber den Blick
+zu ihr aufhob, und sie in das liebe ehrwürdige, jetzt so kummerschwere
+Antlitz schaute, da flog sie, wie in alter Zeit auf ihn zu, barg ihr
+Gesicht an seinem Herzen und rief:
+
+»Mein lieber, lieber Vater!«
+
+»Mein liebes, liebes Kind!« sagte der alte Mann und küßte das fest an
+ihn angeschmiegte Haupt des schönen Mädchens -- »was habt Ihr denn hier,
+unter der Zeit meiner Abwesenheit für böse, böse Streiche getrieben?«
+
+Es lag eine so innige Zärtlichkeit in dem Ton mit dem er diese Worte
+sprach, und nur ein so leiser -- von jedem Verdacht freier Vorwurf, daß
+sich Sadie nur fester gegen seine Brust preßte, aber ihre Hand zurück
+nach René ausstreckte, diesen herbeizurufen und zu ihrem Vater zu
+bringen.
+
+Der alte Mann, der wohl auf den ersten Blick sah, daß er keinen
+gewöhnlichen Matrosen vor sich habe, grüßte den, sich ihm jetzt offen
+und vertrauensvoll nähernden jungen Mann freundlich, winkte ihm einen
+Stuhl zu nehmen, den Mitonare indessen mit großer Bereitwilligkeit
+herbeigebracht hatte, und bat dann René, was er ihm zu sagen habe, ihm
+ohne jeden Umschweif, mit jedem Vertrauen zu eröffnen -- er habe
+Prudentia als sein Kind angenommen, und von klein auferzogen als ihre
+Eltern gestorben waren und die kleine Waise allein zurückgelassen
+hatten, und hege dieselben Gefühle noch jetzt für das erwachsene
+Mädchen, als ob sie seine eigene leibliche Tochter sei. Er wolle auch
+nur ihr Glück, möchte das aber gesichert wissen da es keins der
+gewöhnlichen Mädchen der Eingeborenen sei, sondern eine fast Europäische
+Erziehung genossen habe und dabei auch vielleicht jetzt tiefer fühle,
+besonders andere Ansichten über die Ehe habe, als sie in diesen Gruppen
+bei ihren Landsmänninnen wohl meist gefunden würden.
+
+René verlangte Nichts mehr; er erzählte zuerst dem alten Mann, so
+gedrängt als möglich, seine ganze Lebensgeschichte, schilderte ihm, so
+treu er es selber vermochte, seinen ganzen Charakter, was ihn in die
+Welt, was ihn zuletzt an Bord eines Wallfischfängers getrieben habe, von
+dessen ganzen Wesen und Treiben er früher keinen Begriff gehabt, und wie
+er auf dieser Insel sich jener Existenz zu entziehen gesucht und hier
+Sadie'en gefunden und lieben gelernt habe. Er zeigte ihm dann die
+Papiere die er mit sich führte -- und Mr. Osborne verstand nicht allein
+das Französische sondern sprach es auch sehr geläufig -- erklärte ihm
+daß es sein fester Wille sei sich hier auf einer dieser Inseln, am
+liebsten auf dieser, niederzulassen, und bat den alten Mann ihm Sadie,
+die er in der kurzen Zeit seines Aufenthalts recht von Herzen lieb
+gewonnen habe, zum Weib zu geben. Er wollte sich dann bei ihnen seine
+Heimath gründen, und Mr. Osborne solle einen guten Sohn und Nachbar an
+ihm finden.
+
+»Sie sind Katholik?« frug ihn der alte Mann, als René schon eine ganze
+Zeit lang geschwiegen und er ihn indessen mehr sinnend als forschend
+betrachtet hatte.
+
+Des jungen Mannes Antlitz röthete sich ein wenig, als er erwiederte:
+
+»Lieber Herr, Sie haben gewiß genug von der Welt gesehn, zu wissen wie
+es mit der Religion unter jungen Leuten meistens steht. -- Ich bin
+allerdings als Katholik erzogen, und die Meinigen waren sämmtlich,
+einige sogar sehr strenge Katholiken, ich selber muß Ihnen aber
+aufrichtig gestehn, habe mich nie streng an die Gebräuche weder meiner
+noch einer andern Sekte gehalten, und Sie können überzeugt sein, daß ich
+nie daran denken würde Jemanden zu meinem Glauben überreden zu wollen.
+Sadie ist in dem ihren aufgewachsen und ein so liebes, braves Mädchen
+geworden, sie wird ihm auch treu bleiben, und ich wäre der Letzte sie
+darin zu stören. Was mich selber betrifft, so suche ich recht zu thun,
+und hoffe dann mit meinem Gott schon fertig zu werden -- er allein weiß
+ja auch nur, wer den _rechten_ Glauben hat. Sie werden aber auch nie
+finden, daß ich über den Glauben eines Andern spotte -- ein Jeder hat
+ein Recht zu seiner Meinung.«
+
+Der Missionair hatte nun allerdings gar sehr verschiedene Ansichten über
+Religion, aber René gewann sich doch durch diese Offenheit sein Herz,
+denn keineswegs gehörte er zu jener stolzen Priestersekte die, ihr
+Religionspanier in der gehobenen Rechten, das Volk vor sich auf die Knie
+werfen und so lange damit fortschreiten bis sie zuletzt ganz zu
+vergessen scheinen daß das Volk eigentlich vor dem Panier und nicht vor
+ihnen kniet. Aber der alte Mann hatte doch noch andere und recht ernste
+Bedenken, und je mehr er den jungen lebensfrischen Mann da vor sich
+stehen sah, so viel schwerer ward ihm das Herz; aber er wollte das Alles
+nicht vor der Tochter aussprechen, und bat also das Mädchen auf kurze
+Zeit das Haus zu verlassen, er habe mit dem jungen Mann etwas allein zu
+reden.
+
+Sadie war ein viel zu folgsames Kind auch nur mit einem Blick zu zögern
+-- sie küßte des alten ehrwürdigen Mannes Hand und verließ dann rasch
+das Zimmer.
+
+Der alte Mann saß, schon als die leichte Bambusthür lange hinter ihr
+zugefallen war, noch viele Minuten schweigend da, als ob er selber nicht
+rechte Worte für das finden könne was er sagen wolle.
+
+»Lieber junger Freund,« begann er endlich, »Sie sind frei und aufrichtig
+gegen mich gewesen, und ich will Ihnen Gleiches mit Gleichem vergelten;
+Sie werden mir deshalb auch Nichts übel nehmen, was ich zu Ihnen sage,
+denn Gott weiß es, es geschieht sowohl zu Prudentia's als Ihrem eigenen
+Wohl. Sie sind, wie ich aus Ihren Papieren gesehn habe, von guter
+Herkunft, in dem gebildeten, geselligen Leben Europas erzogen, an
+Europäische Sitten, an ein Leben gewöhnt, das Ihnen _mehr_ bietet als
+nur einfach Essen und Trinken und ein einzelnes Wesen dem Sie sich
+anschließen können -- mögen Sie dies noch so sehr lieben. Die Beweise
+haben Sie selber in ihrem unsteten Leben; weder in Afrika noch Amerika
+fanden Sie was Sie suchten, d. h. das was das Bedürfniß Ihres Herzens
+und Geistes befriedigen konnte -- die rohe Gesellschaft des
+Wallfischfängers trieb Sie sogar zu einem verzweifelten Schritt, bei dem
+Sie lieber Ihr Leben einsetzen, als in jenes Verhältniß zurückkehren
+wollten. Sie fanden hier, gerade in Ihrer größten Gefahr, auf höchst
+romantische Weise ein junges reizendes Mädchen, dessen liebe regelmäßige
+Züge, dessen Gestalt zuerst ihre Leidenschaft weckte, und dessen
+Unschuld und Liebreiz, als Sie dasselbe näher kennen lernten, Ihr Herz
+gewannen. Scenerie und Umgebung, selbst sogar die verschiedene Farbe und
+Abstammung des Mädchens trug dazu bei, den Reiz in Ihrem eigenen
+jugendlichen Herzen zu erhöhen. Unser herrliches Klima, die tropische
+Vegetation, das stille blaue Meer, ja das ganze Stillleben unseres
+lauschigen Plätzchens hier bestach Ihre Sinne mehr und mehr, und Sie
+glauben jetzt -- ja Sie sind fest überzeugt davon, daß Sie in dem
+Mädchen und dieser Insel das Ideal Ihres Lebens gefunden, das Ziel Ihres
+ganzen Strebens und Drängens erreicht haben. -- Wenn Sie sich aber nun
+irren? -- Ich weiß was Sie sagen wollen -- Sie folgen dem Drange Ihres
+Herzens und fürchten nicht daß Sie dieses irre führt, aber hören Sie
+mich ruhig darüber an. Sie sind jung, das Leben liegt noch offen vor
+Ihnen -- ich bin alt, meine Bahn ist bald durchwandelt, -- Sie haben die
+Hoffnung, ich die Erfahrung, und drei und zwanzig Jahre meines Lebens
+hab' ich auf diesen schönen Inseln zugebracht. In dieser Zeit habe ich
+aber auch viele viele Leute kommen und gehen, habe Hoffnungen und Träume
+aufblühen und verwelken sehn und weiß was ein Mann in Ihren
+Verhältnissen hier zu finden _glaubt_ -- und was er _findet_.«
+
+»Jetzt ist Ihnen noch Alles neu -- die Palmen selber, die ganze
+tropische Vegetation übt einen Reiz auf den Neuankommenden aus, dem er
+selten, wenigstens in seinem ersten Andrang, widerstehen kann; nur
+wenige Jahre führen aber darin eine gewaltige Aenderung herbei, denn das
+Herz, besonders das junge Herz bedarf einer Veränderung, bedarf eines
+Reizes für seine Thätigkeit, wenn es nicht erschlaffen oder in neuem,
+dann aber recht schlimmen Schmerz vergehn soll. Viele, sehr viele
+Europäer haben sich besonders in den letzteren Jahren hierher gezogen,
+die aber von ihnen, die wirklich hier geblieben sind, waren schon ältere
+Leute und brachten auch meistens ihre Familien, die ihnen an Stand und
+Erziehung gleich waren, mit sich. -- Fast alle diese kamen hierher, ein
+Geschäft zu treiben und sich ein Vermögen zu erwerben, und sie werden
+meist Alle wieder, wenn ihre Kinder erwachsen sind, nach Europa
+zurückkehren. Dorthin passen sie auch -- ihre Frauen stammen selbst von
+dort, und sehnen sich nach dort zurück, und sie lassen dann Nichts hier
+zurück, als eine freundliche Erinnerung; die Fasern ihres Herzens haben
+nicht zwischen den Palmen und Bananen Wurzel geschlagen.«
+
+»Sehr viele von ihnen haben auch Indianische Mädchen geheirathet -- die
+ersten und hübschesten die ihnen begegneten -- auf allen Inseln
+zerstreut finden Sie solche Beispiele; aber es sind das fast nur einzig
+und allein rohe Matrosen, denen das müßige Leben zusagt, die sich auch
+in ihrem Vaterlande in keinen anderen Zirkeln bewegt haben, als wo das
+materielle Wohl ihr Hauptziel und Streben war, und selbst diese
+verlassen gewöhnlich, nach einer längeren Reihe von Jahren, ihr leicht
+genug angetrautes Weib und die mit ihr gezeugten Kinder -- selbst diesen
+genügt zuletzt nicht mehr diese tropische Ruhe, und sie sehnen sich nach
+Abwechselung, nach einer Veränderung ihrer Verhältnisse, sollten sie
+diese auch wieder mit harter Arbeit ja sogar dem früheren Leben erkaufen
+müssen.«
+
+»Auf Tahiti haben Sie einige wenige Beispiele unter Ihren Landsleuten,
+die sich mit Tahitischen Mädchen wirklich verheirathet haben; jetzt sind
+diese Frauen jung und schön, sie könnten sie nach Europa zurückführen
+und vielleicht stolz darauf sein -- wenn Sie das Gefühl einer etwas
+wunderlichen und bizarren Eitelkeit so nennen wollen -- werden sie aber
+alt -- und weibliche Körper blühen und verblühen in unserem tropischen
+Klima so rasch wie unsere üppige Pflanzenwelt -- dann ist das vorbei.
+Sie können keine alte Indianische Frau nach Europa bringen, sie dort in
+Ihre Kreise einzuführen. -- Sie möchten das auch nicht, denn Sie wüßten
+recht gut, wie Sie hinter Ihrem Rücken dem Gespötte der Menge, die die
+näheren Beweggründe nicht kennt und nicht achtet, verfallen würden. Und
+wollen Sie das Wesen, das sich an Sie angeschlossen hat und mit Herz und
+Seele an Ihnen hängt nicht unglücklich und elend machen, so müssen Sie
+_bei_ ihm und hier auf den Inseln bleiben, und Unmuth und Sehnsucht nach
+einem andern Leben zehrt dann an Ihnen weit schlimmer und gewaltiger,
+als es an dem _jungen_ Herzen gethan. Dem lag die Welt noch frei -- es
+konnte noch dem ersten Drange folgen, ob ihn der auch gleich manchmal
+irre führte, jetzt aber ist das vorbei -- die Möglichkeit frei zu
+handeln ist genommen, und nur der Drang selber geblieben, der dann wie
+ein ewiger Wurm an Ihrem Herzen nagt.«
+
+»Ich spreche nach mehren Beispielen, die ich selber kenne, junger Mann,
+und die innige Liebe auch, die ich für Prudentia fühle, macht mich
+besorgt, ihr ein solches Schicksal ersparen zu wollen. Prudentia ist,
+wie ich Ihnen schon gesagt habe, und wie Sie auch selber, nach einem
+Zusammensein mit ihr von mehren Wochen gewiß finden mußten, keins der
+gewöhnlichen sinnlichen Mädchen dieser Inseln, die sich dem Ersten
+Besten, ohne Arges dabei zu denken, hingeben, und gar nichts anderes
+erwarten, als daß er sie, sobald er ihrer müde ist, wieder verläßt. Ich
+fürchte im Gegentheil, Sie haben Prudentia's Herz schon zu sehr
+gewonnen; jetzt wäre aber doch noch vielleicht eine Trennung möglich. --
+Sie würden Beide an diese Zeit wie an einen schönen Traum zurückdenken,
+von dem es das Herz nur eine kurze Zeit schmerzt -- daß es eben nichts
+weiter als ein Traum war; aber Sie können Beide auch dadurch vielleicht
+einem verfehlten Lebensziele entweichen, das dann später _nicht_ mehr zu
+ändern wäre, und leider für _Beide_ auch verderblich werden müßte.«
+
+»Ich bin fest davon überzeugt, daß Sie in diesem Augenblick Prudentia
+mit aller Leidenschaft einer innigen, vielleicht gar ersten Neigung
+lieben -- aber wird der alte Hang eines unstäten Lebens, das in dem
+Herzen nur erst eingewurzelt, gar so leicht verderblich werden kann,
+diesem Herzen in dem Stillleben unserer Inseln Ruhe und Frieden lassen?
+-- Unsere Palmen sind grün und herrlich -- aber so wie sie dort stehn,
+stehn sie das ganze Jahr -- kein gilbendes fallendes Blatt, keine
+Schneedecke, keine auskeimenden wachsenden Knospen geben ihnen im
+nächsten Frühjahr immer wieder denselben Reiz. -- Unsere Bäume sind mit
+Früchten bedeckt -- aber die Blüthenzeit fehlt uns -- wir brauchen die
+Frucht nie zu erwarten -- zu erhoffen -- sie hängt voll und reif am
+Baume, während heimlich, von uns kaum bemerkt, andere indessen
+nachblühen und nachwachsen, die fehlenden immer wieder zu ersetzen und
+die Plätze der niederfallenden auszufüllen. Wir kennen auch hier nicht
+die Sorgen und Mühen des Lebens -- das Salz jedes gesellschaftlichen
+Verkehrs, durch das eine _erworbene_ Existenz erst ihren ganzen uns
+beglückenden Reiz gewinnt -- wir stehen Morgens auf und essen und
+trinken und legen uns Abends wieder schlafen. Nachrichten von der
+äußeren Welt dringen nur selten zu uns, und wie sie kommen wäre es fast
+besser sie blieben ganz aus, denn anstatt zu befriedigen lassen sie,
+selbst in dem Herzen der Aeltesten von uns, eine Leere zurück, die wir
+vergebens auszufüllen suchen.«
+
+»Wollen Sie nun, mit Ihrem jungen thatkräftigen Herzen in dieses
+felsenumgürtete Thal, aus dem es keine Rückkehr für Sie giebt,
+hinabspringen? -- schauen Sie um sich her, junger Freund -- noch stehn
+Sie oben -- noch liegt die ganze übrige Welt ausgebreitet vor Ihren
+Blicken -- haben Sie _nichts nichts_ mehr darin was auch nur den
+geringsten Anhaltepunkt an Ihr Herz hätte? -- bedenken Sie, bei einem
+sinkenden Schiff kann das kleinste, unbedeutenste vergessene Tau das
+Boot, auf dem sich der Schiffbrüchige sonst vielleicht sicher den Wellen
+anvertrauen könnte, rettungslos mit in den Abgrund ziehen.«
+
+Der alte Mann schwieg, und eine Thräne zitterte in seinem Auge; ernst
+und forschend schaute er dabei den jungen Mann an, und es war, als ob er
+seine innersten Gefühle ergründen wollte, ehe sie auf die Lippen kämen
+-- ja wahrer als sie der Mund vielleicht auszusprechen vermöchte. René
+begegnete aber, zwar gerührt, doch fest entschlossen dem Blick, und
+erwiederte endlich mit weicher Stimme:
+
+»Sie verstehn es, alter Herr Einem Herz und Seele zu fassen, mit Ihren
+Worten, aber ich springe getrost hinab in das Thal, denn da oben blüht
+für mich kein Glück, keine Freude mehr. Die Meinen sind todt oder
+schlimmer als so -- ich stehe eine Waise in der Welt, weder Bruder noch
+Schwester leben, die Ansprüche auf meine Nähe machen dürften; Alles was
+mein Herz sonst hätte binden können, ist für mich verloren, und stießen
+Sie mich _jetzt_ wieder kalt und erbarmungslos in die Welt zurück, ich
+müßte rettungslos untergehn -- und wäre recht recht elend. Auch Sadie
+hängt mit inniger Liebe an mir, und ihr Herz ist nicht geschaffen einmal
+zu lieben und so leicht wieder vergessen zu können -- wollten Sie auch
+aus _ihrem_ Herzen diese erste Neigung reißen? -- Sie haben Sadie zu
+lieb dazu wenn ich selber Ihnen auch gleichgültig sein müßte. Aber --
+ich kann mich auch irren,« brach er dann plötzlich ab -- »ich täusche
+mich vielleicht selber in Sadie's Herzen, und ihre Neigung wäre eines
+Rückschrittes fähig. -- Sprechen Sie selbst mit Ihr, werther Herr --
+fragen Sie das Mädchen selber, und halten Sie unsere Vereinigung für
+gefahrbringend für _sie_, und glaubt Sadie daß sie mir jetzt noch ohne
+großen Schmerz entsagen könne -- dann beim ewigen Gott will ich nicht in
+den Frieden dieses stillen Thales getreten sein, Thränen und Kummer zu
+säen, dann sollen Sie finden daß ich auch im Stande bin zu _entsagen_,
+und wenn mir das Herz darüber bräche; kein Wort des Unmuths -- keine
+Klage soll über meine Lippen kommen, das erste beste Canoe mich zu einer
+anderen Insel -- aus ihrer Nähe führen.«
+
+Er war aufgesprungen und seine Mütze ergreifend wollte er das Zimmer
+verlassen, der alte Missionair streckte ihm aber die Hand entgegen und
+sagte mit herzlichem, bewegtem Tone:
+
+»Das ist recht brav und ehrlich von Ihnen gehandelt, junger Mann, und
+ich gebe Ihnen mein Wort, ich habe auch, seit dem ersten Augenblick wo
+ich Sie sah, noch nicht einen Augenblick daran gezweifelt daß Sie Alles
+so auch _fühlten_, wie Sie es dem Mädchen vorgesprochen. Ich kenne
+übrigens Prudentia, oder wenn Sie denn lieber wollen, Sadie, viel zu
+gut um bei ihr langer Rede zu bedürfen, in wenigen Minuten haben Sie
+meine Antwort, treten Sie indessen hier in das nächste Haus -- das
+Fenster ist fast so niedrig wie eine Thür -- aber glauben Sie nicht,
+junger Freund, daß ich Ihnen das Wort reden werde,« setzte er ernster
+hinzu, »Sie müssen es meinem Gewissen überlassen mit Sadie zu handeln,
+wie ich es vor _dem_ verantworten kann.«
+
+»Handeln Sie, als wenn Sie ihr Vater wären,« sagte René herzlich -- »ich
+will _Sadie'ens_ Glück, nicht das meine,« und er verließ mit schnellen
+Schritten das Zimmer.
+
+Auf des alten Mannes Ruf betrat das Mädchen schüchtern und mit
+niedergeschlagenen Blicken das Gemach -- sie schaute nicht auf, aber sie
+fühlte das René nicht mehr im Zimmer sei, und ihr Herz klopfte fast
+hörbar in der Brust. -- Ihr Vater hatte ihn abgewiesen und der schöne
+Traum ihres Glücks war in Nacht und Thränen zerflossen.
+
+»Prudentia,« sagte der alte Mann, und zog das zitternde Mädchen sanft zu
+sich -- »ich habe den jungen Fremden fortgeschickt von hier -- er hat
+Dich jetzt wohl lieb, aber wenn er eine Zeit lang von seiner Heimath
+entfernt ist, sehnt er sich wieder nach ihr zurück, und läßt mein armes
+Mädchen hier allein, und dann wärst Du wohl recht recht unglücklich
+geworden und elend. Jetzt ist der Eindruck den er auf Dein Herz
+gemacht, noch flüchtig, noch leicht wieder zu verwischen -- Du wirst
+einen oder zwei Tage weinen, ihn nachher vergessen, und nicht wahr mein
+Kind, ich habe darin recht und gut gehandelt -- ich wollte ja nur Dein
+Wohl.«
+
+»Ich will Alles thun was Du mir sagst mein Vater,« flüsterte das
+Mädchen, dicht an seine Brust geschmiegt, so leise, daß er kaum ihre
+Worte verstehen konnte.
+
+»Das ist mein gutes Kind,« sagte der Greis, aber die Stimme zitterte
+ihm; er fühlte nur zu gut was in dem Herzen des armen Mädchens vorging,
+und wie die Liebe für den Fremden schon viel zu tief Wurzel geschlagen
+habe, je wieder, ohne das Gefäß selber zu zerbrechen, herausgerissen zu
+werden. Er mußte sich aber selber einen Augenblick sammeln ehe er
+fortfahren konnte, und mit lebhafter Stimme wie ermuthigend setzte er
+hinzu:
+
+»Und, nicht wahr mein Kind -- dann wirst Du auch wieder glücklich und
+froh sein, wie bisher? -- wirst wieder lachen und singen und nicht das
+Köpfchen so trübe hängen lassen.«
+
+»Ich will mir rechte rechte Mühe geben lieber Vater,« flüsterte das
+Mädchen und barg ihr Haupt fester an dem Herzen des alten Mannes.
+
+»Und willst Du auch den Fremden vergessen meine Tochter? -- willst Du
+mir das recht fest und aufrichtig versprechen, mein braves Mädchen?«
+frug sie jetzt leise der Greis.
+
+Das aber war zu viel für das arme gequälte Herz -- einen Augenblick
+schien es, als ob sie sich von seiner Brust emporheben wolle, ihm in die
+Augen zu schauen -- aber sie sank wieder zurück und klagte nur leise:
+
+»Ach das weiß ich nicht -- das weiß ich wahrhaftig nicht, lieber, lieber
+Vater« -- damit war aber auch ihre Kraft gebrochen, und laut und heftig
+schluchzend, als ob ihr das Herz vergehen wolle in unendlichem Weh, hing
+sie in seinen Armen.
+
+Und sie schluchzte nicht _allein_, denn aus der Ecke des Zimmers vor
+tönte es noch weit lauter und heftiger, und der kleine Mitonare saß da
+auf einem der niedern Bambusschemel, ganz allein und vergessen und
+weinte, in Thränen förmlich zerfließend, wie ein kleines Kind.
+
+Da vermochte sich aber der alte Missionair auch nicht länger zu halten,
+und der Tochter thränenüberströmtes Antlitz zu sich erhebend und küssend
+und wieder küssend rief er:
+
+»Nein, nein Prudentia, ich bin ja kein Tyrann daß ich mein Kind so elend
+und unglücklich machen mögte, nur weil die Möglichkeit existirt, daß es
+später noch einmal so kommen könne -- nein, wenn Gott Dir eine so
+gewaltige und innige Liebe für ihn in's Herz gelegt hat, dann nimm ihn,
+nimm ihn -- der Herr segne Euch, und Er wird Alles zum Besten lenken.
+Aber sei auch wieder mein gutes fröhliches Mädchen, lach wieder, sing
+wieder und mache das Herz Deines alten Vaters froh durch Dein heiteres
+glückliches Angesicht.«
+
+»Vater -- lieber Vater!« rief das Mädchen in jubelnder, kaum gefaßter
+Lust. -- Mitonare hatte aber kaum gehört was die Sache, die ihm selber
+das Herz abzustoßen drohte, für eine Wendung nahm, als er, wie aus einer
+Pistole geschossen, zur Thür hinausfuhr, und nach kaum zwei Minuten mit
+dem »verzweifelten Wi--wi« -- wie er ihn nannte, in's Zimmer geschleppt
+kam.
+
+René lag mit an dem Herzen des alten Mannes -- er wußte selber kaum wie,
+und der Greis flüsterte einen leisen Segen über den Häuptern der
+Glücklichen.
+
+
+
+
+Capitel 6.
+
+#Was der ehrwürdige Mr. Rowe dazu sagt.#
+
+
+Der Abend verging den beiden Liebenden wie ein Augenblick -- sie hatten
+sich so tausenderlei zu sagen, so tausenderlei zu besprechen, daß sie
+den Flug der Stunden gar nicht bemerkten, und der alte gute Mann saß
+lächelnd dabei, und wohl auch ihm stiegen in der Erinnerung alte liebe,
+o so lang jetzt vergangene Bilder auf, und führten seine träumenden
+Gedanken zurück zur Jugendzeit.
+
+Aber auch die Gegenwart erheischte seine Umsicht, denn manchmal gedachte
+er ebenfalls seines, in ziemlicher Aufregung fortgegangenen Collegen und
+der Schritte die dieser jetzt zu thun suchte, das Glück, was er selber
+heute Abend hier geschaffen, wieder zu zerstören. Er hielt es auch für
+seine Pflicht dieses dem jungen Mann mitzutheilen und ihn wenigstens
+darauf vorzubereiten, daß seine Bahn von jetzt an noch immer keine ganz
+ebene sein könne. Hätte er dem von seinem Glück förmlich Trunkenen aber
+auch eine wirkliche Gefahr genannt, er würde ihr mit leichtem Herzen
+begegnet sein, vielweniger denn, wo es nur den bösen Willen oder Zorn
+eines fremden Geistlichen betraf, den weder Sadie's Schicksal noch das
+seine kümmern durfte. Des Königs selber glaubte er dabei ziemlich gewiß
+zu sein, noch dazu da diese geistlichen Herren selten oder nie Geschenke
+verschwenden, und nur den Willen Gottes vielmehr als Gebot aufstellen.
+Hier war also nicht einmal etwas zu gewinnen, im Gegentheil nur zu
+verlieren, denn die Insulaner wußten recht gut daß bei dem Aufenthalt
+eines Weißen zwischen ihnen, der förmlich Einer der ihrigen wurde, stets
+hie und da etwas für sie abfiele.
+
+Mr. Osborne selber, wenn er auch einen Conflikt mit Bruder Rowe gern
+vermieden hätte, stand doch keineswegs in einer so abhängigen Stellung
+von ihm, seinen Zorn fürchten zu müssen. Nur Sadie versicherte René sie
+habe eine entsetzliche Angst vor dem finstern Mann, und wollte vieles
+darum geben, wäre er gar nicht mit ihrem Pflegevater herübergekommen.
+
+Seinem feindlichen Wirken aber in etwas zu begegnen, wurde noch an
+demselben Abend ein junger Mann mit einer Privat-Botschaft an den König
+geschickt, daß der alte Mr. Osborne, den sie Alle auf der Insel wie
+ihren Vater liebten, seine Pflegetochter dem jungen Fremden zum Weibe
+versprochen habe, und daß dieser hinführo mit ihnen auf der Insel zu
+leben wünsche, wozu sie des Königs Erlaubniß erbitten ließen.
+
+Am nächsten Tag kehrte Bruder Rowe, und in einer nichts weniger als
+freundlichen Stimmung zurück. Er hatte den König, von dem er ohne
+weiteres verlangt zu haben schien den Fremden, einen entsprungenen
+Matrosen und Katholik, in Güte oder mit Gewalt von der Insel zu
+entfernen, in einer keineswegs günstigen Laune dafür getroffen, und
+schon die Ausflüchte die dieser machte, wenn er sich auch dem finsteren
+Missionair gegenüber keine direkte Weigerung erlaubte, verriethen ihm
+daß er, wo er blinden Gehorsam erwartete und verlangte, auf
+Schwierigkeiten stoßen könne.
+
+Alles was er von dem Könige als festes Versprechen erreichen konnte war,
+sich mit ihrem eigenen Missionair darüber zu berathen, und wenn dieser
+es ebenfalls wünsche, dann wolle er gern den Befehl geben, daß der junge
+Fremde die Insel, auf der er sich übrigens bis jetzt sehr ordentlich
+betragen habe, verlassen solle. Wie er aber glaube gehört zu haben,
+wolle der Weiße eines ihrer Mädchen heirathen und solchen Leuten, wenn
+sie sich wacker aufführten, hätten sie noch nie den Aufenthalt
+verweigert.
+
+So rasch als möglich sollte jetzt Bruder Osborne dem König seinen Willen
+oder vielmehr Wunsch bekannt machen, wie er ebenfalls die Entfernung des
+Fremden verlange. Bruder Rowe kehrte zu diesem Zweck ohne weiteren
+Aufenthalt, als daß er die Nacht an der anderen Seite schlief, zu den
+Missionsgebäuden zurück, und es läßt sich denken mit welchen Gefühlen er
+hier des alten ehrwürdigen Mannes Entschluß vernahm, dem Fremden die
+Tochter zu geben und ihn als Sohn anzuerkennen. Vergebens waren alle
+seine Einwendungen, vergebens blieb selbst sein Zürnen dagegen.
+
+»Ich habe dem Mädchen,« sagte der Greis, »die Erziehung eines weißen
+Kindes gegeben, und vielleicht, wie ich jetzt zu spät sehe, Unrecht
+daran gethan; ich habe sie unfähig gemacht, sich in den gewöhnlichen
+Verhältnissen ihrer Landsleute wieder glücklich zu fühlen; diese können
+ihrem Herzen, ihrem Geiste nicht mehr genügen -- bei der Verbindung mit
+_jedem_ Weißen ist sie aber derselben Gefahr ausgesetzt, der sie jetzt
+vielleicht entgegengeht -- daß sie nicht auf die Länge der Zeit im
+Stande wäre sein Herz auszufüllen, aber auch das ist nur noch
+Vermuthung -- es ist eine Möglichkeit die wir befürchten, aber nicht
+voraus wissen mögen, und ich kann mich nicht dazu verstehn, ihr Herz
+jetzt _gewiß_ zu brechen, weil es vielleicht später einmal gebrochen
+werden _dürfte_.«
+
+»Aber fürchtet Ihr nicht die _Sünde_ -- Bruder Osborne?« rief da der
+Missionair, als alle andere Beweisgründe fehlgeschlagen hatten --
+»wollt' Ihr es vor der Tafel der Gesellschaft in England verantworten,
+Euer im rechten Glauben erzogenes Kind selber in die Hände eines
+Anhängers des Pabstes zu liefern? Ich würde _gezwungen_ sein, so leid es
+mir auch selber thun möchte, diesen Fall nach Hause zu berichten, denn
+die Folgen sind gar nicht abzusehen, und können auf das verderblichste
+für unsere kleine Gemeinde wirken. Und wie steht Ihr dann vor jenen
+ehrwürdigen Männern wenn Ihr selber, Einer jener Auserwählten die unter
+die Heiden geschickt wurden den Saamen unserer Religion in ihre
+unwissenden verstockten Herzen zu pflanzen -- wenn Ihr selber dann
+Unkraut zwischen den Weizen gesäet habt, mit Euren eigenen Händen, ja
+und ich möchte fast sagen auch mit den _Mitteln_, die Euch von der Tafel
+der Missionsgesellschaft _anvertraut_ waren in _ihrem_ Sinne, nicht in
+Eurem eigenen damit zu handeln?«
+
+Der alte Mann blieb aber auch fest, selbst gegen diese halbe
+Beschuldigung eines Mißbrauchs am Vertrauen, wenn ihn solche Anspielung
+auch wohl recht schwer und tief kränken mußte.
+
+»Ich habe dreiundzwanzig Jahre,« sagte er ruhig, »mein Leben der Sache
+geweiht, die ich für eine gute hielt und noch halte; ich habe mir in der
+ganzen langen Zeit keinen einzigen Vorwurf, meiner Handlungsweise wegen
+zu machen -- wir sind Alle Sünder und ich bin nicht reiner davon als der
+Geringste unter uns, aber ich kann frei das Auge zu Gott emporheben und
+sagen: »Herr richte über mich!« -- ich bin mir nichts Böses bewußt. Auch
+in _diesem_ Fall aber, Bruder Rowe, handele ich nach bestem Wissen und
+Willen, ich glaube nicht anders handeln zu können, und was ich da thue
+werde ich auch verantworten -- Euere Berichte, Bruder, werde ich Euch
+freilich selber überlassen müssen.«
+
+Mr. Rowe ging mit raschen ungeduldigen Schritten im Zimmer auf und ab --
+am wenigsten wollte es dem fanatischen Priester in den Kopf, daß der
+Fremde mehr sei, als ein gewöhnlicher weggelaufener Matrose. -- Bruder
+Osborne hatte, wie er meinte, so lange und zurückgezogen von der Welt
+gelebt, daß er sich durch die schönen Redensarten und Versprechungen
+eines jungen leichtsinnigen Menschen vielleicht ebenfalls täuschen
+ließe. Er wollte deshalb selber einmal mit ihm reden und dann bald
+ausfinden wes Geistes Kind er sei. Es war seine letzte Hoffnung.
+
+Mr. Osborne selber wünschte dies, weil er dadurch eine bessere Meinung
+für den Fremden bei dem strengen Geistlichen zu erreichen hoffte, und
+ließ René, der mit Sadie -- jetzt aber freilich seines Versprechens
+enthoben -- nach ihrem Lieblingsplätzchen gegangen war, zu sich bitten.
+
+Mr. Rowe hatte den Lehnstuhl des alten Mannes eingenommen, und saß, das
+rechte Bein über das linke geschlagen, den Kopf auf den linken Arm
+gestützt, ernst und schweigend wie zu Gericht, den Fremden, der bald
+darauf das Zimmer rasch und fröhlich betrat, zu erwarten.
+
+Schon dessen schnelles, nichts weniger als ceremonielles Eintreten rief
+die Falten auf seine Stirn zusammen und die beiden Ellbogen auf die
+Lehnen des Stuhles ruhen lassend, die Finger der beiden Hände aber vorn
+gefaltet, sah er ihn mit etwas vorgebeugtem Oberkörper unter den dunklen
+buschigen Brauen finster an und sagte, ohne den Gruß des Franzosen
+anders als mit einem leisen kaum bemerklichen Kopfnicken zu erwiedern,
+und ohne zu warten bis der Gast einen Stuhl genommen habe, viel weniger
+ihm selber einen solchen anzubieten:
+
+»Mit welchem Schiff sind Sie hier gelandet, Sir?«
+
+René sah erst den Frager, dann Sadie'ens Vater erstaunt an, als ob er
+hätte sagen wollen -- was bedeutet das? -- bin ich hier vor Gericht
+gerufen? -- Mr. Osborne der aber die Unschicklichkeit eines solchen
+Betragens fühlte, nöthigte ihn freundlich Platz zu nehmen und bemerkte
+dann, fast wie entschuldigend, mit einem Blick auf seinen Collegen:
+
+»Mein würdiger Freund, hier, lieber René, wünscht sich mit Ihnen kurze
+Zeit zu unterhalten. Er ist, wie ich, schon lange Jahre auf diesen
+Inseln, und eine unserer Hauptstützen des Christenthums, selbst in den
+Zeiten gewesen, wo unsere Aussichten hier trüb und traurig waren, und
+wir schon fast die Hoffnung aufgegeben hatten Christi Lehre den Sieg
+über blindes Heidenthum zu verschaffen.«
+
+René verbeugte sich statt aller Antwort noch einmal, wie anerkennend,
+gegen den Geistlichen, der jedoch keine Miene dabei verzog und seinen
+Blick fest und forschend auf ihn geheftet hielt und sagte, die frühere
+Frage jetzt ohne Weiteres beantwortend:
+
+»Mit dem Delaware -- einem Amerikanischen Wallfischfänger.«
+
+»Und weshalb verließen Sie Ihr Schiff? -- hatten Sie nicht einen festen
+Contrakt für die ganze Reise gemacht?« lautete die zweite, fast noch
+schärfere Frage.
+
+»Sehr werther Herr,« erwiederte ihm jetzt René vollkommen ruhig und
+freundlich -- »wollten Sie wohl vorher die Gefälligkeit haben und mir
+sagen ob diese Fragen im _Laufe der Unterhaltung_ an mich gerichtet
+werden, oder ob es doch gewissermaßen ein Examen sein soll, zu dem ich
+berufen bin?«
+
+Bruder Rowe wollte eben, wahrscheinlich keine gerade freundliche Antwort
+darauf geben, als Mr. Osborne, der jedes böse Wort zwischen den Beiden
+um alles in der Welt zu vermeiden wünschte, rasch einfiel und gegen René
+gewandt sagte:
+
+»Bruder Rowe nimmt innigen Antheil an Prudentia's Schicksal, da das
+Mädchen eigentlich so zwischen uns groß geworden, und es ist besonders
+_deshalb_ daß er näheres Interesse für Ihr früheres Leben fühlt.«
+
+»Ich habe Ihnen, lieber Herr Osborne,« sagte da der junge Mann, »jeden
+nur möglichen Aufschluß gegeben, der in meinen Kräften stand, und ich
+will das auch mit Freuden diesem Herrn thun, wenn ihn das über Sadie'ens
+künftiges Glück zu beruhigen vermag.«
+
+»_Sadie_?« unterbrach ihn hier der Missionair streng -- »soviel ich weiß
+heißt das Mädchen Prudentia -- wobei ich wünsche daß sie ihrem Namen ein
+wenig mehr Ehre gemacht hätte -- und ich will nicht hoffen daß man
+sogar in dem Hause eines Dieners der Kirche beabsichtigt die alten
+heidnischen Namen, die wir nur mit Mühe und Schwierigkeit unterdrücken
+konnten, wieder aufleben zu lassen.«
+
+»Es ist nicht des Heidenthums wegen lieber Herr,« lächelte René, »nur
+des Wohlklangs -- Prudentia mag recht hübsch für eine alte würdige
+Matrone klingen, aber meinem fröhlichen heitern Mädchen paßt der Name
+gerade so, als wenn Sie ihn der Gazelle der Wüste geben wollten.«
+
+»Und _das_ sind die Ansichten die man hier mit in diese fromme
+christliche Gemeinde bringt?« rief der Geistliche, der nur mit Mühe
+seinen Zorn über den leichten fröhlichen Ton des jungen Franzosen
+bezwang, »das soll der Saamen sein, der ein Baum des Unglaubens seine
+Zweige ausbreiten und mit seinem Schatten die Frucht vergiften würde?«
+
+René sah ihn staunend an, der kleine Mitonare kauerte aber mit vor
+Schreck und Entsetzen offenem Munde hinten in der Ecke wieder auf seinem
+kleinen Stühlchen, und schien nichts Geringeres zu erwarten, als daß der
+schwarze Mann mit dem finstern Gesicht sich jetzt oben aus seinem Himmel
+einen kleinen Blitz herunterholen und den ruhig und unbefangen vor ihm
+sitzenden kecken Wi--wi zu Pulver brennen würde.
+
+»Sehr ehrwürdiger Herr,« sagte aber René vollkommen ruhig, denn er
+wollte den Mann nicht böser machen, da er wohl sah wie unangenehm das
+für seinen alten wackern Freund sein müsse -- »ich hoffe nicht daß Sie
+etwas Sündhaftes in einem, dem Ohr wohlklingenden Namen finden werden.«
+
+Bruder Rowe schien aber darauf nicht weiter eingehen zu wollen und fuhr
+fort:
+
+»Und Sie gedenken sich hier auf dieser Insel niederzulassen?«
+
+»Mit des Häuptlings und meines väterlichen Freundes Erlaubniß hier --
+ja!«
+
+»Aber Sie gehören der katholischen Religion an.« --
+
+»Ich bin ein Christ,« sagte René ernst -- »was verlangen Sie mehr?«
+
+Der Missionair biß sich auf die Lippen und Bruder Ezra sah nach oben,
+denn der Blitz _konnte_ jetzt nicht länger ausbleiben.
+
+»Und Ihre Kinder? -- sollen das auch _Christen_ werden?« frug der
+Geistliche mit einer fast höhnischen Zweideutigkeit im Tone. René aber
+streckte den Arm nach seinem alten Freund aus, und dieses Hand
+ergreifend sagte er herzlich:
+
+»Die soll dieser würdige Mann hier in der Lehre erziehen die _er_ für
+die richtige hält -- ich weiß er wird gute Menschen aus ihnen machen --
+der Glaube ist mir gleich.«
+
+»Der Glaube ist Ihnen gleich?« rief aber jetzt der Fanatiker, wie
+ordentlich froh einen Anhaltepunkt gefunden zu haben an der Schwäche des
+Gegners -- »und wissen Sie daß Sie mit solchen Grundsätzen hier nur
+Unheil und Elend säen werden? ein Christ nennen Sie sich, und dem
+Antichrist dienen Sie -- Ihrer Pflicht -- ihrer Verbindlichkeiten im
+gesellschaftlichen Leben sind Sie entlaufen, und jetzt wollen Sie sich
+einem Volke aufdringen, das sie nur zwischen sich duldet, weil es seinem
+Geistlichen glaubt gefällig zu sein, in der That aber, ihm einen gar
+schlimmen Dienst damit leistet?«
+
+René war schon nach den ersten heftigen Worten des Mannes von seinem
+Stuhl aufgesprungen.
+
+»Monsieur,« unterbrach er ihn jetzt fest aber ruhig -- »Ihr Stand, wie
+der Ort an dem wir uns befinden schützt Sie vor jeder Antwort auf diese
+Unverschämtheit -- ~bon soir~« -- und mit einem stolzen Gruß gegen den
+Priester, mit einem freundlichen Kopfnicken aber gegen den Greis,
+verließ er rasch das Zimmer.
+
+Der ehrwürdige Mr. Rowe hatte sich in einen höchst unehrwürdigen Zorn
+hineingearbeitet, und er war ebenfalls aufgesprungen und ging jetzt in
+dem geräumigen Gemach mit schnellen Schritten, die Hände auf dem Rücken,
+die Augen fest auf den Boden geheftet, auf und ab. Der alte Mr. Osborne
+aber war erstaunt und empört zugleich über ein so rücksichtsloses,
+förmlich unschickliches Betragen, und jetzt nur um so fester
+entschlossen dem Mann, der sich weit mehr Autorität über ihn anzumaßen
+suchte als er beanspruchen durfte, wissen zu lassen wo seine Grenze sei.
+Bruder Rowe mochte aber wohl fühlen daß er ein wenig zu weit gegangen
+sei, oder doch mit zornigen Reden an der Sache selber nichts mehr ändern
+könne, denn er schwieg von jetzt darüber, und erklärte nur seinem
+Collegen, daß er dieses Mal nicht hier predigen, sondern morgen früh, da
+noch dazu eine leichte westliche Brise eingesetzt hatte, zurück nach
+Tahiti aufbrechen wolle. Mr. Osborne dachte gar nicht daran ihn
+zurückzuhalten.
+
+Am nächsten Morgen hatte er auch, ohne viel mit den Anderen zu
+verkehren, seine Vorbereitungen zur Abreise getroffen, während indessen
+Mr. Osborne den dringenden Bitten René's nachgab, und die Trauung des
+jungen Paares auf den nächsten Tag, als an einem Sonntag, gleich nach
+dem Gottesdienst festsetzte. Sie fanden es natürlich nicht für nöthig
+Bruder Rowe davon in Kenntniß zu setzen, und erwarteten jetzt wirklich
+den Augenblick mit Sehnsucht, wo der kleine Cutter wieder seine Anker
+lichten würde.
+
+So mochte es etwa zehn Uhr Morgens geworden sein, als plötzlich ein
+Knabe, der oben über die Hügel gekommen war, die Nachricht brachte, es
+nähere sich ein großes Schiff, von Süd-Osten her, der Insel. René war an
+diesem Tage viel zu sehr mit seinem Glück beschäftigt gewesen auch nur
+einen Blick auf den Horizont zu werfen, jetzt aber, als er auf diese
+Nachricht hier rasch nach Sadie'ens Lieblingsplätzchen eilte, von wo man
+eine freie Uebersicht über den ganzen südlichen Horizont hatte, genügte
+ein Blick dorthin ihn zu überzeugen daß ein, allem Anschein nach volles
+Schiff ohne Oberbramstengen, also jedenfalls ein Wallfischfänger, dicht
+am Winde liegend, von Süd-Osten gegen die erst seit gestern eingesetzte
+Westbrise aufkreuzend, herankam, und unverkennbar die Insel anlaufen
+wollte. Mehr ließ sich für den Augenblick noch nicht erkennen, aber dies
+war auch hinreichend ihn zu beunruhigen, und mit klopfendem Herzen stand
+er da, die Augen fest und unverwandt auf das näher und näher kommende
+Fahrzeug geheftet. Er hörte gar nicht wie sich ein leiser, leichter
+Schritt ihm näherte, und erst als Sadie ihre Hand auf seine Schulter
+legte und seinen Namen flüsterte, schaute er rasch und fast erschreckt
+empor, legte dann seinen Arm um sie und zog sie fest und innig an sich.
+
+Das arme Kind war aber selber zu Furcht erfüllt im Anfang reden zu
+können; sie sah nur das bleiche Antlitz des Geliebten und glaubte schon
+ihre schlimmsten Besorgnisse eingetroffen.
+
+»Ist es _Dein_ Schiff?« frug sie endlich mit kaum hörbarer Stimme und
+wagte ihm dabei nicht einmal in's Auge zu schauen.
+
+»Das ist noch nicht möglich zu bestimmen Du liebes Herz,« suchte sie
+aber René, wenigstens für den Augenblick zu beruhigen -- »ich kann das
+Holz des Schiffes noch nicht einmal ordentlich erkennen, und es
+schwimmen hier zu viele Wallfischfänger aller Nationen herum, wenn ich
+auch nicht geglaubt hätte daß sie sich noch so spät in der Jahreszeit
+hier aufhalten würden« -- setzte er leiser, und fast wie mit sich selber
+redend, hinzu.
+
+Keins sprach von jetzt ab ein Wort mehr, ihre Blicke hingen aber an den
+hellen Segeln des Fahrzeugs, das rasch näher und näher kam, und bald für
+das Auge des jungen Mannes keinen Zweifel mehr ließ, die Insel selber
+sei sein nächstes Ziel. Nur zu bald erhielt er aber sogar völlige
+Gewißheit, denn das Schiff war jetzt schon so nahe gekommen, daß er in
+dem Außenclüver desselben einen ziemlich großen Theerfleck erkennen
+konnte, den er selbst einst mit ungeschickter Hand, als das Segel zum
+Ausbessern an Deck lag, hineingegossen hatte. Es war der _Delaware_ und
+gerade in dem Augenblick, wo er sich seines Glücks gewiß geglaubt, warf
+ihm das tückische Schicksal noch einmal jenes unglückselige Fahrzeug in
+die Bahn und drohte Alles Alles wieder mit _einem_ furchtbaren Schlage
+zu vernichten.
+
+Als er damals von Bord entflohen war und sich von seinen Feinden
+bedrängt sah, trat er der Gefahr, ja dem Tod wenn es sein mußte, mit
+ruhigem unerschüttertem Herzen entgegen; er hatte Nichts zu verlieren
+auf der weiten Gotteswelt als sein Leben, und achtete das kaum eines
+ernsten Gedankens werth. Jetzt aber stand er nicht mehr allein, hier auf
+diesem kleinen Eiland, rings von blauen Wogen umspült, war ihm Alles
+Alles geworden was das Herz des Menschen an diese Erde fesseln kann, und
+an der Schwelle dieses Glücks wieder solcher Art allein freudlos in die
+kalte Nacht gestoßen zu werden, oh das wäre zu grausam -- zu entsetzlich
+grausam gewesen.
+
+Sadie frug ihn nicht weiter, sie las in seinen Blicken die Bestätigung
+ihrer schlimmsten Furcht; ihr Herz aber, das sich in mädchenhafter Scheu
+an den Geliebten geschmiegt, schlug ihr wieder in dem alten
+entschlossenen Muth, mit dem sie ihn damals schon seinen Feinden
+entzogen, und plötzlich seine Hand ergreifend, sagte sie rasch und fast
+freudig:
+
+»Sie sollen Dich nicht wieder mit fortnehmen, René, fürchte sie nicht --
+ich kenne alle Schlupfwinkel dieser Wälder und weiß Stellen wo die
+weißen Fremden wochenlang suchen und in Verzweiflung zuletzt es aufgeben
+müßten je hindurchzudringen. Wir Beide flüchten in den Wald, bis das
+Fahrzeug die Insel wieder verlassen hat, und wenn es sein muß trägt uns
+mein Canoe nach einer andern Insel, viele Meilen weit entfernt von hier
+-- lieber mit Dir in den Wogen zu Grunde gehn, als allein hier ohne Dich
+leben René.«
+
+Und in wilder Leidenschaft warf sie sich an seine Brust, als ob sie
+schon jetzt gekommen wären, ihn aus ihren Armen zu reißen.
+
+»Sieh wie die See da draußen über den Riffen so hoch geht, Du herziges
+Lieb,« sagte aber leise und traurig der junge Mann -- »ein Canoe könnte
+jetzt nicht leben in dieser Dünung, und ich trüge Dich dem gewissen
+Untergang entgegen. Ueberdies könnten wir nicht vor Nacht entfliehen und
+bis dahin wird wohl der auf meinen Fang gesetzte Preis Verräther genug
+gedungen haben mich einzubringen. Nein ich kann meinem Schicksal nicht
+mehr entgehen, und der einzige Trost ist, daß sie mich nicht lebendig
+mit sich führen sollen -- oh Sadie, ich glaubte so glücklich zu sein
+und lasse Dich jetzt nun allein und trauernd hier zurück.«
+
+»Nein nein, habe guten Muth,« bat aber das Mädchen -- »glaube auch nicht
+daß die Bewohner dieser Insel so falsch und treulos wären. Damals, als
+sie Dich noch nicht kannten, war es eine andere Sache; von fremden
+Seeleuten haben sie bis jetzt fast meist nur Noth und Aerger gehabt, und
+es hätte vielleicht kaum des gebotenen Preises bedurft Dich auf Dein
+Schiff zurückzuliefern. Jetzt gehörst Du jedoch zu uns -- die Männer
+wissen daß Dich mein Pflegevater gern hat, und ihn lieben sie wie ihren
+eigenen Vater. Ja es giebt auch wohl Schlechte unter ihnen, die Dich
+vielleicht verriethen wenn sie es heimlich thun können, aber sie würden
+es jetzt nicht um den größten Lohn wagen dürfen, sie wären sonst
+ausgestoßen für immer. Doch komm zurück zum Haus -- sieh das Schiff
+umsegelt die Insel und wird wahrscheinlich auf derselben Stelle sein
+Boot wieder an's Ufer schicken, wo es Dich damals landete -- wir wollen
+indeß mit meinem Vater bereden was am Besten für Dich zu thun sei, und
+dann rasch und entschlossen handeln -- es ist ja nicht das erste Mal daß
+Sadie Dich führt,« setzte sie mit einem wehmüthigen und gar so innigen
+Lächeln hinzu, »Du bist ihr das erste Mal gefolgt, da Du mich noch gar
+nicht kanntest -- wolltest Du jetzt zurückbleiben?«
+
+René preßte die Geliebte fester an sich, und hielt sie in einem langen
+Kuß an seinem Herzen, aber sie wand sich endlich aus seinen Armen und
+seine Hand wieder, wie in früherer Zeit ergreifend, wollte sie eben mit
+ihm hinunter zum Hause gehn, als ihnen von dort der alte Missionair mit
+einem anscheinend ziemlich schweren Korb entgegenkam, und mit ihnen
+zurück zu der kleinen Terrasse ging. René setzte hier den Korb, den er
+ihm abgenommen, auf die Erde nieder und der Greis sagte, nachdem er nur
+einen flüchtigen Blick auf seine Kinder geworfen, ohne weitere
+Umschweife:
+
+»Ich hab' es mir gedacht, daß es das unglückselige Schiff sei, als ich
+nur hörte daß es dicht bei dem Wind die Insel anlaufe, und den
+prachtvollen Westwind versäume nach Nord-Osten aufzuhalten. Doch wir
+müssen jetzt _handeln_ Kinder, nicht lamentiren und traurig sein. Ich
+war erst Eurer Verbindung entgegen, nun aber, da die Sache doch einmal
+so weit gediehen ist, will ich Euch auch nicht Beide unglücklich wissen,
+so lange ich es noch verhindern kann -- aber Zeit dürfen wir auch nicht
+mehr verlieren. Ich habe in dieser Sache einige Erfahrung, und schon
+viel in meinem Leben, gerade hier auf den Inseln mit Wallfischfängern
+verkehrt, denen Matrosen entlaufen waren. Die Capitaine sparen nicht
+mit den Belohnungen die sie auf den Einfang setzen, denn die Leute
+müssen das ja nachher selber von ihrem verdienten Gelde abbezahlen --
+sie bieten oft enorme Summen, hinreichend einen armen Insulaner, so gut
+und brav er auch sonst sein möchte, zu verführen -- sie haben aber auch
+keine lange Zeit sich aufzuhalten, besonders wenn es erst einmal so spät
+in der Jahreszeit ist wie jetzt, wo sie nachher noch die Sandwichsinseln
+anlaufen müssen Erfrischungen einzunehmen und sich auf ihren Sommerzug
+in das Eismeer vorbereiten. Dies Schiff kann aber kaum dort noch zu
+guter Zeit eintreffen, wenn es nicht eine sehr schnelle Reise nach
+Oweyhy oder Woahu hat und es läßt sich denken daß der Capitain hier
+nicht wochenlang, eines einzelnen Mannes, und noch dazu eines
+gewöhnlichen Matrosen wegen, herumliegen wird. Vor allen Dingen ist es
+also nöthig Sie aus dem Weg zu bringen, damit Sie nachher Niemand
+verrathen _kann_, wenn ihm auch Gelegenheit dazu geboten würde, das ist
+jedenfalls das Sicherste, und dazu habe ich mir einen passenden Platz
+ausersehn.«
+
+»Ich führe ihn in die Berge, Vater,« sagte Sadie -- »oben in den niedern
+Hügeln stehn einzelne Palmenhaine, und in der breiten Krone einer dieser
+Palmen kann er tagelang versteckt liegen. Ich weiß eine von ihnen die
+mein Bruder und ich in's besonders hergerichtet und ausgeschlagen haben
+-- den Platz kennt Niemand als ich selber, denn der Bruder ist ja todt
+und kein Pfad führt dorthin, kein Weg oder Steg und doch will ich die
+Stelle im Dunkeln finden.«
+
+»Der Platz wäre zu einer anderen Jahreszeit, und wenn wir keinen
+besseren hätten, vielleicht recht gut,« lächelte der Greis, »jetzt aber,
+wo es fast jede Nacht in schweren Schauern niederfällt, möchte der
+Wipfel einer Palme, besonders wenn es sich nicht um Stunden sondern um
+Tage handelt, doch ein fataler Aufenthaltsort sein. Nein, Du kennst das
+~Ihiamoea~ Prudentia -- jenes letzte Ueberbleibsel aus der alten
+Heidenzeit. Es ist das ein kleines Gebäude, früher dem Gott ~Oro~
+geweiht, das jedenfalls auch mit allen übrigen derartigen Heiligthümern
+jener Zeit vernichtet wäre, bestände nicht auch zugleich in der Familie
+des jetzigen Oberhauptes der Insulaner eine alte Sage, daß der König
+sterben müsse sobald das Gebäude zusammenfiele. Sämmtliche Vorstellungen
+der Missionaire sind bis jetzt erfolglos gewesen sie von der Thorheit
+solchen Glaubens zu überzeugen, ja Einer unserer Brüder hätte beinah
+einst sein eigenes Leben eingebüßt, als er in vielleicht etwas
+übertriebenem Diensteifer selber Hand daran legen wollte. Nur zwei
+Personen sind auf der Insel die es jährlich einmal besuchen, der ~fua~
+oder König, ~Jeremias Aitaua~ (der Rächer), wie ihn Bruder Rowe getauft
+hat, und dessen Sohn; beide nur, um ein frisches Dach aufzulegen oder
+das alte, wenn es noch gut ist, nachzusehen. Das ist wenigstens die
+Entschuldigung, denn ich fürchte fast, daß sie dort doch noch, trotz
+ihrem angenommenen Christenthum, heimlich einige ihrer heidnischen
+Ceremonien feiern; da sie es aber allein thun, können wir Nichts dagegen
+machen, und die kleine von Stein dauerhaft aufgerichtete Hütte wird
+darum, so gut unterhalten, wohl noch mancher Regenzeit trotzen. Dorthin
+magst Du René führen. -- Keiner der Eingeborenen getraut sich den Platz
+zu betreten und die Weißen könnten wochenlang ihre Zeit vergeuden, ehe
+sie ihn auffänden. Hier dieser Korb mit Provisionen wird ausreichen, wo
+nicht, findet sich schon wieder einmal Gelegenheit neue Zufuhr
+hinaufzuschaffen, obgleich ich fest überzeugt bin daß sich das Schiff
+keine vierundzwanzig Stunden an der Insel aufhält.«
+
+»So will ich zum Haus gehn und meine Waffen holen,« sagte René.
+
+»Sie sind in diesem Korb,« erwiederte ihm aber der Greis -- »es ist auch
+weit besser daß Sie sich gar nicht wieder am Hause blicken lassen, denn
+neugierige Augen folgten Ihnen doch, und wenn ich auch nicht glaube daß
+Einer der hiesigen Leute zum Verräther werden würde, so ist es doch, wie
+gesagt, besser ihnen auch selbst die Möglichkeit zu nehmen verführt zu
+werden. Gehn Sie gleich von hier ab, und Prudentia kennt die Richtung
+gut genug, so weiß kein Mensch wo Sie geblieben sind. Aber Prudentia muß
+auch, so schnell als nur irgend möglich wieder zurückkehren, und ich
+hoffe daß dieser Kelch glücklich an uns vorübergehen wird.«
+
+»Lieber, väterlicher Freund --« sagte der junge Mann gerührt, und
+streckte dem Greis die Hand entgegen. Dieser aber wollte auch die jungen
+Leute nicht sehen lassen wie weh und ängstlich ihm selber, trotz seiner
+angenommenen Zuversicht, zu Muthe war, und sagte mit einem wohl etwas
+erzwungenen Lächeln:
+
+»Keinen Abschied, René -- das ~Ihiamoea~ liegt nicht am andern Ende der
+Welt, daß wir --«
+
+»Ich muß Sie _hier_ wohl aufsuchen, Bruder Osborne!« sagte in diesem
+Augenblick, dicht hinter ihnen die Stimme des Bruder Rowe mit zwar
+ruhigem aber doch etwas scharfem Ton -- »wenn ich überhaupt Abschied von
+Ihnen nehmen will -- Sie scheinen ganz vergessen zu haben daß ich im
+Begriff bin aufzubrechen.«
+
+Die drei Menschen schauten sich um als ob sie auf einem Verbrechen
+ertappt wären, und das kalte, theilnahmlose Gesicht des Priesters war
+ebenfalls nicht geeignet jedes unangenehme Gefühl solcher Ueberraschung
+zu mildern. Der Geistliche schien dies aber gar nicht zu bemerken, oder
+wenn er es bemerkte, zu beachten; gegen Sadie die Hand ausstreckend
+legte er dem Mädchen, das seine Rechte ergriff und küßte, wie segnend
+die Linke auf das Haupt, neigte dann seinen Kopf gegen René, der diese
+kalte Höflichkeit ebenso formell erwiederte, und ging, Mr. Osborne's Arm
+nehmend, mit diesem nach der Landung hinunter.
+
+»Und nun komm,« flüsterte Sadie, als das dichte Guiavengebüsch die
+Männer ihren Blicken entzogen -- »nun komm René und gebe Gott daß ich
+Dir recht recht bald die frohe Botschaft Deiner Erlösung bringen kann.«
+
+Wenige Secunden später schloß sich der Wald hinter ihnen, und der kleine
+freundliche Platz lag still und einsam im Schatten seiner rauschenden
+Palmen.
+
+Der Missionscutter war indeß zur Abfahrt gerüstet, Bruder Rowe traf noch
+einige Anordnungen zu dem nächst zu haltenden Osterfest zwischen den
+Insulanern und verließ dann, mit einem frommen »Der Herr segne und
+behüte Euch« -- die Insel.
+
+Mr. Osborne hatte kein Wort gegen ihn erwähnt, daß das Schiff was die
+Insel passirt war, dasselbe Fahrzeug sei, von dem René entsprungen war
+-- er hielt es für besser die Sache mit keiner Sylbe weiter zu berühren.
+Auch Bruder Rowe kam nicht wieder auf die Verheirathung der beiden
+jungen Leute zurück; er mochte auch wohl einsehen, daß jede weitere
+Vorstellung oder Einsprache unnütz sein würde.
+
+Der Cutter war zuerst nach Mitiaro bestimmt, der ehrwürdige Mann hatte
+aber vorher die Indianer die ihn führten noch beordert in dem
+Binnenwasser der Insel am Ufer hinaufzuhalten, da er zuerst noch einmal
+den König an der andern Seite zu besuchen, und Rücksprache mit ihm über
+eine Betversammlung zu nehmen habe.
+
+
+
+
+Capitel 7.
+
+#Der Verrath, und wie sich beide Theile dabei irrten.#
+
+
+Am nördlichen Ufer der Insel war indessen Alles in Aufregung, denn das
+Wiedererscheinen des Schiffes, an das keiner der Insulaner fast mehr
+gedacht hatte, bot Ursache genug das sonstige Stillleben zu
+unterbrechen, hätten Manche von ihnen auch gerade _nicht_ Grund gehabt
+zu wünschen, daß es seinen Weg nicht wieder hierher gefunden habe.
+
+Der König dachte natürlich mit einiger Beunruhigung an die Geschenke,
+die er unter der Bedingung überliefert bekommen hatte, den Flüchtling
+einzufangen und wo waren diese Sachen jetzt alle geblieben? -- wo war
+der Flüchtling? -- Wer aber konnte auch wissen daß das Schiff nach so
+langer Zeit zurückkehren würde, und eine Ausrede war bald gefunden. Als
+der erste Harpunier wieder wie früher an Land kam und nach dem Mann
+frug, erwiederte ihm der rasch herbeigeholte Raiteo -- denn der König
+schämte sich vielleicht vor seinem eigenen Volk, dem weißen Mann etwas
+vorzulügen -- mit keineswegs christlicher Unverschämtheit, sie hätten
+den Flüchtling damals eingefangen und drei volle Wochen auch eingesperrt
+gehalten und gefüttert, wie aber das Schiff gar nichts mehr habe von
+sich hören oder sehen lassen, da seien sie endlich genöthigt gewesen ihn
+wieder frei zu lassen. Seit der Zeit sei er aber ebenfalls verschwunden
+und sie glaubten er wäre mit einem kleinen Schooner, der neulich einmal
+die Insel anlief, nach Tahiti oder einer der dortigen Inseln gezogen.
+
+Das Ganze schien wahrscheinlich genug, dennoch war der alte Seemann zu
+bekannt mit diesem Volk um ihnen sogleich, auf die erste Bestätigung
+hin, die erste beste Geschichte auch zu glauben. Sie hatten einmal den
+Fanglohn weg, den der ~fa-u~ jetzt, wie Raiteo mit vieler
+Geistesgegenwart weiter log, für die so lange Unterhaltung des
+Gefangenen beanspruchte, und er sah wohl ein, daß er auf's Neue einen
+Preis aussetzen mußte. Auch hierin schien er wieder Schwierigkeiten zu
+finden, aber aus den langen Unterhandlungen die nach den neuen
+Versprechungen gehalten wurden, merkte der alte Harpunier deutlich
+genug daß der Matrose noch jedenfalls auf der Insel sein mußte, und der
+Sache ein Ende zu machen, denn die Sonne neigte sich schon ihrem
+Untergang, bot er dem König funfzig spanische Thaler -- ein wahrer
+Reichthum für seine Verhältnisse -- wie noch andere Güter die er mit im
+Boot führte, wenn er den Entsprungenen noch diesen Abend, oder
+wenigstens diese Nacht in seine Hände liefere.
+
+Raiteo ließ sich die Summe zweimal wiederholen und sogar, ganz sicher zu
+sein, an den Fingern vorzählen, denn er traute seinen eigenen Ohren kaum
+eine so ungeheuere Quantität baaren Geldes -- ohne alle die übrigen
+Herrlichkeiten -- in den Bereich ihres Arms zu bringen. Trotzdem
+schüttelte aber der ~fa-u~ mit dem Kopf -- er wollte mit der Sache, der
+sich sein alter Freund der Missionair angenommen hatte, nichts mehr zu
+thun haben, und sagte Raiteo er möge die Fremden bedeuten den Mann
+selber zu suchen, wenn sie glaubten daß er noch hier auf der Insel sei.
+
+Der Harpunier nahm jetzt den Burschen, dem er wohl ansah zu was er mit
+Geld gebracht werden konnte, in Englisch vor, und bot ihm die Summe
+allein, wenn er ihm den Flüchtling diese Nacht ausliefern wolle.
+Hiergegen erklärte ihm aber Raiteo ganz offen der Mann sei allerdings
+noch da, so geschwind ließe sich das aber unter keiner Bedingung
+anstellen. Er habe die Zeit über, am andern Ende der Insel, auf der
+Mission gewohnt, das Schiff als es von dort heraufkam aber auch
+jedenfalls sehen können, und sei jetzt wieder irgendwo im Wald
+versteckt, wo er allein morgen wenigstens den ganzen Tag brauchen würde
+ihn nur aufzuspüren, und selbst dann sei es eine schwierige Sache, da
+der König nichts damit zu thun haben wolle, und er selber nachher,
+vielleicht seines Lebens auf der Insel nicht wieder froh würde. Er
+verdiene gewiß gern den hohen Preis, wenn sich aber weißer Mann Capitain
+nicht dazu entschließen wollte zwei drei Tage auf der Insel zu bleiben
+und auch womöglich noch mehr Leute herüberzubringen, so sehe er keine
+Möglichkeit seinen Zweck zu erreichen.
+
+Das ging nicht an, das Schiff hatte sich überdies schon, durch einige
+Spermfische gerade damals aufgehalten als sie wieder nach Norden auf
+kreuzen wollten, in der Jahreszeit verspätet, und der Capitain erst
+nicht einmal, trotzdem daß sie die Insel passirten, wieder anlaufen
+wollen, aber jedenfalls nur bis nächsten Morgen mit Tagesanbruch den
+äußersten Termin gesetzt -- war es bis dahin nicht möglich den Mann
+wieder zu bekommen, so mußten sie es aufgeben, und der alte Seebär
+wollte sich eben, mit einem zwischen den Zähnen durchgebrummten
+Kraftfluch hineingeben und an Bord zurückkehren, als der kleine
+Missionscutter in Sicht kam und das hinten angehängte Boot gleich darauf
+den ehrwürdigen Mr. Rowe an Land brachte.
+
+Der Missionair hatte noch einiges mit dem ~fa-u~ zu bereden und der
+Harpunier zögerte einen Augenblick am Ufer -- er konnte die Schwarzröcke
+nicht gut vertragen, aber eine Frage that auch keinen Schaden, und der
+Mann kam gerade von dort her, wo sich der Flüchtling aufgehalten.
+
+Bruder Rowe fühlte vielleicht eine gleiche Sympathie für diese Art
+Leute, er war aber nichts destoweniger freundlich gegen den Seemann, und
+beantwortete seine Fragen auf das leutseligste aber ausweichend. --
+Raiteo der mit offenem Munde dabeistand, kam es vor, als ob er mit der
+Sache nichts zu thun haben wolle, denn darum wissen mußte er.
+
+»Sehn Sie, Mr. -- wie mag Ihr Name sein?« --
+
+»Rowe.« --
+
+»Ah -- Mr. Rowe,« sagte der alte in seinem Geschäfte schon ergraute
+Seemann -- indem er fast unwillkürlich neben dem langsam längs dem
+Strande hergehenden Priester herschritt, wodurch sie sich von Raiteo,
+der ihnen ja nicht folgen durfte, entfernten. »Es ist nicht wegen dem
+einen Burschen daß wir uns solche Mühe geben ihn wieder zu bekommen --
+was das belangt, so könnten wir eher noch zwei dazu entbehren, ehe wir
+gerade jetzt einen einzigen Tag hier versäumten, aber es ist wegen dem
+bösem Beispiel -- sehn die Canaillen daß sie fortkommen _können_, dann
+läuft uns auf den Sandwichsinseln nachher am Ende der ganze Schwarm
+davon. Kriegen wir aber so einen Burschen wieder, und auch schon während
+wir uns Mühe danach geben, so sehen doch die Andern daß es ihnen nicht
+so ganz leicht gemacht wird und hingeht, und besinnen sich zweimal, eh'
+sie die Beine in die Hand nehmen. Auf den Preis kommts uns dabei nicht
+an, denn kriegen wir sie nicht, so bezahlen wir ja auch Nichts, als
+vielleicht ein Bischen Lumperei an Spielkram, und kriegen wir sie, nun
+dann müssen sie's selber von ihrem Theil abtragen.«
+
+»Haben Sie einen hier von den Insulanern, dem Sie glauben vertrauen zu
+können?« frug ihn der Missionair jetzt, und drehte sich, wie im
+Gespräch, halb nach ihm um, zu sehn ob ihnen Niemand folge. -- »Könnten
+Sie einen der Leute hier bewegen Sie zu führen?«
+
+»Führen? -- gewiß,« brummte der Harpunier -- »wenn ich nur wüßte wohin.«
+
+»Ich kann mich, meiner Stellung wegen, nicht mit solchen Sachen
+befassen,« erwiederte ihm indirekt hierauf der Geistliche -- »Sie werden
+aber auch wohl als vernünftiger Mann einsehn, daß es mir nicht
+gleichgültig sein kann dabei, meist gewissenlose Menschen zwischen die,
+kaum einem etwas civilisirten und religiösen Leben gewonnenen Insulaner
+geworfen zu sehen.«
+
+»Nein gewiß nicht -- kann ich mir denken -- ist ganz natürlich« --
+brummte der Harpunier dabei zwischen den Zähnen durch, und warf nur
+manchmal einen Seitenblick auf den Geistlichen, als ob er hätte sagen
+wollen: »nun was steckt dahinter? -- wo will der hinaus?«
+
+»Mir liegt also,« fuhr Bruder Rowe hier wieder fort -- »gewissermaßen
+ebensoviel daran den entsprungenen Matrosen wieder von hier zu entfernen
+als Ihnen daran gelegen ist ihn wieder zu bekommen.«
+
+»Ja sagen Sie mir nur wie!« platzte der Alte, dem die Vorrede zu lange
+dauerte, heraus.
+
+»Unter der Bedingung daß Sie meinen Namen nicht dabei nennen, und auf
+eine Entschuldigung oder vielmehr Ausrede, dem Eingeborenen gegenüber,
+den Sie zu Ihrem Führer nehmen, denken wollen, kann ich Ihnen den Platz
+so genau angeben wo er versteckt ist, daß Sie nicht die mindeste
+Schwierigkeit haben werden ihn zu finden -- ja noch mehr, der Ort liegt
+so vortrefflich ihn zu umstellen, daß Sie, wenn Sie Ihre Maßregeln gut
+treffen, ihn sicher in Ihre Gewalt bekommen _müssen_.«
+
+»Aber was soll ich dem alten Fuchs dem Raiteo weiß machen,« sagte der
+Harpunier sinnend, »er hat gesehn wie wir jetzt hier miteinander
+sprechen und ich kann es ja nicht gut von irgend einem Andern gehört
+haben.«
+
+Der Missionair blieb einen Augenblick stehn -- dann sagte er bedächtig:
+
+»Machen Sie sich nachher mit einem meiner Bootleute etwas zu schaffen
+und sprechen Sie mit ihm über irgend einen Gegenstand. -- Sie können
+Raiteo dann sagen daß Sie es von dem erfahren haben; ich bin ziemlich
+fest überzeugt daß ihn Raiteo nicht wieder danach fragen wird.«
+
+»Und wo ist der Platz?« frug der Harpunier.
+
+»Erkundigen Sie sich bei Raiteo,« sagte der Geistliche leise -- »ob er
+ein Haus Namens ~Ihiamoea~ auf der Insel kennt. -- ~I-hi-a-mo-e-a~ --
+können Sie den Namen behalten?«
+
+»Er ist verdammt lang,« brummte der Harpunier -- »~I-hi-ma-nu~«.
+
+»~I-hi-a-mo-e-a~,« wiederholte der Missionair.
+
+Der Harpunier repetirte das Wort ein paar Mal leise vor sich hin und
+sagte dann:
+
+»Ich denke so wird's gehn, und da steckt er also -- aber kennt Raiteo
+den Ort?«
+
+»Genau genug,« lautete die Antwort. »Sie werden ihm aber einen guten
+Lohn versprechen müssen, denn die Insulaner haben eine gewisse Scheu vor
+jener Gegend.«
+
+»Er soll die ganzen funfzig Dollars haben wenn er uns heute Abend noch
+hinführt!« rief der Seemann rasch -- »und Gott straf mich -- noch Alles
+in Sachen dazu, was im Boot liegt -- wenn wir den Kerl nur kriegen. Ich
+habe noch außerdem mein besonderes Gift auf ihn.«
+
+»Gut, dann verlieren Sie keine Zeit mehr,« sagte der Missionair, wieder
+nach den Gebäuden, wo noch die übrigen standen, zurückkehrend. »Können
+Sie sich aber auch auf Ihre andern Leute verlassen, daß Sie am Ende
+nicht, anstatt Einen zu fangen, das Uebel noch verschlimmern und mehre
+dabei einbüßen?«
+
+»Wir sind diesmal gescheuter gewesen, als das erste Mal,« erwiederte der
+Harpunier -- »und haben gar keine Matrosen, sondern nur Officiere im
+Boot zum Rudern mitgenommen -- die Leute sind sämmtlich Harpunier oder
+Bootsteurer, die laufen schon seltener weg, weil sie weit höhern Antheil
+bekommen und auch überhaupt eine Carriere zu machen haben -- es sind nur
+die verwünschten Matrosen die durchbrennen, weil sie sichs gewöhnlich
+ein Bischen zu hübsch auf einem Wallfischfänger gedacht haben.«
+
+Sie waren indessen wieder zu des Königs Hause gekommen, welches der
+Missionair jetzt betrat das Wetter abzuwarten, das gerade im Osten
+heraufzog und schon mit drohenden Wolken über dem Horizont hing. Der
+Harpunier wechselte indessen mit seinen Leuten einige Worte, und ging
+dann nach den beiden mit dem Cutter gekommenen Insulanern zu, die unfern
+ihres eigenen Bootes auf den Corallen saßen und sich eine kleine Cigarre
+aus ihrem inländischen Tabak und Bananenblättern drehten. Er blieb
+einige Zeit bei diesen stehn, und ging dann, als er Raiteo gerade über
+sich am Rande des Gehölzes bemerkte, rasch auf diesen zu.
+
+»Raiteo,« sagte er hier dem aufmerksam Zuhorchenden -- »willst Du in
+dieser Nacht Dein Glück machen und ein reicher Mann werden? Du kannst
+funfzig Dollar und den ganzen Plunder verdienen der da im Boot liegt.«
+
+»In dieser Nacht?« erwiederte Raiteo kopfschüttelnd -- »habe weißen Mann
+Capitain schon gesagt daß es so schnell nicht geht -- und ist immer ein
+bös Stück Arbeit -- kann nicht.«
+
+»Aber Du kannst« -- sagte der Harpunier -- »kennst Du ein kleines Haus
+hier irgend wo auf der Insel, das sie ~I-hi~ warte einmal -- verdammt
+-- ~I-hi-mano~ --«
+
+»~Ihiamoea~?« sagte Raiteo rasch und leise und sah den Fremden erstaunt
+an -- »und ist der weiße Mann im ~Ihiamoea~?«
+
+»Verdamme mich, wenn Du den Namen nicht wie am Schnürchen hast,« lachte
+der Wallfischfänger -- »~Ihiamoea~ kannst Du uns dorthin noch heute
+Abend führen?«
+
+»Und wer hat Euch den Platz angegeben?« frug der Insulaner, und seine
+Augen suchten fast unwillkürlich die Stelle wo der Missionair noch vor
+dem Hause des ~fa-u~ stand.
+
+»Einer der Burschen dort im Boot,« erwiederte ihm der Seemann -- »sie
+wollens aber nicht gern wissen lassen, daß die Nachricht von ihnen kommt
+-- ich hab' ihnen fünf Dollar dafür gegeben.«
+
+»Hm« -- brummte Raiteo und schaute nach den Bootsleuten hin, die ruhig
+und abwechselnd ihre kleine dütenförmige Cigarre rauchten, und wieder
+nach dem Missionair hinüber; dann aber, den Kopf zurückwerfend als ob er
+hätte sagen wollen »was gehts mich an« gab er dem Harpunier ein Zeichen
+ihm etwas weiter in den Wald hinein zu folgen, und hatte nun mit diesem
+in wenigen Minuten das Nöthige besprochen. Das ~Ihiamoea~ war ein
+kleines niederes Gebäude mit einem Gemach und zwei Ausgängen, das oben
+auf einem der Hügel, im wildesten Dickicht und dichtesten Walde lag;
+aber auf einem etwa funfzig Schritt breiten, vollkommen freien Raum
+stand, und also mit größter Leichtigkeit umzingelt und besetzt werden
+konnte. In etwa anderthalb Stunden konnten sie es von hier aus erreichen
+und das aufsteigende Wetter begünstigte jedenfalls ein solches
+Unternehmen. Raiteo aber, so gierig er war das Geld zu verdienen,
+scheute sich eben so sehr seinen Namen dabei genannt zu wissen, als der
+Missionair. Er zeigte ihm deshalb jetzt den Pfad, auf dem sie sich
+gerade befanden, und der durch eine dichte Pandanus-Niederung hinführte
+-- diesen sollte der Harpunier mit seinen Leuten, sobald es dunkelte,
+etwa 300 Schritt weit folgen, und dann pfeifen, und Raiteo würde ihn von
+da bis zu dem Haus führen und ihm angeben wie er es umstellen könne --
+in das Haus aber bedung er sich gleich von vorn herein aus, ging er
+nicht hinein; »die alten hier unten vertriebenen Götter saßen noch dort
+oben darin, und wenn sie auch einem weißen Mann wohl nichts anhaben
+konnten, so liefe doch ein Eingeborener die tödtlichste Gefahr an Leib
+und Seele.«
+
+Ueber die Ausbezahlung wurden sie ebenfalls einig, Raiteo bekam fünf
+Dollar im voraus, was ihn soviel gieriger auf das übrige machte, und der
+Rest sollte ihm ausbezahlt werden, wenn sie den Entsprungenen gebunden
+in ihrer Gewalt hätten.
+
+Der Abend setzte ein, wie es das Wetter klar genug angedeutet; einzelne
+Windstöße und Regen was vom Himmel herunter wollte. Der Wallfischfänger
+war indeß näher herangekommen, wo er durch das hohe Land gegen die Böen
+ziemlich geschützt lag und sich nicht in der mindesten Gefahr befand auf
+die Klippen getrieben zu werden, von denen ihn Wind und Strömung
+zugleich absetzten; in kurzen Gängen war es nur eben Alles was er thun
+konnte, daß er sich auf seiner Stelle hielt.
+
+Der Missionair hatte die Insel ebenfalls nicht verlassen, obgleich er
+lieber der durch ihn gewissermaßen herbeigeführten Katastrophe aus dem
+Wege gegangen wäre; auf See aber etwas ängstlich fürchtete er das Wetter
+möchte noch schlimmer werden und wollte sich da nicht in seiner
+Nußschaale von einem Fahrzeug den Wogen anvertrauen.
+
+Das Zeichen für den Harpunier an Bord zu kommen, wenn etwa in der Nacht
+möglicher Weise etwas vorfiele, sollten zwei Kanonenschüsse sein.
+
+ * * * * *
+
+René war indessen durch seine liebe Führerin glücklich an den Ort seiner
+Bestimmung gebracht und schon der Weg dahin überzeugte ihn, daß
+Europäer den Platz nimmer in wenigen Tagen auffinden könnten, hätten sie
+selbst gewußt daß ein solcher Schlupfwinkel hier existire, und von den
+Insulanern konnte ja auch keiner glauben daß ihm diese Stelle bekannt
+sei. Ebenso hatte er das aufsteigende Wetter bemerkt, und nicht ohne
+Grund durfte er hoffen daß es den Wallfischfänger zwingen konnte, die
+Insel vielleicht sogar eher zu verlassen, als er im Anfang beabsichtigt.
+Daß aber auch Sadie nicht von dem Wetter überrascht werde, trieb er
+diese selber mit zärtlicher Besorgniß zum schleunigen Heimweg an, und
+das schöne Mädchen flog mehr als sie ging den Pfad zurück, denn sie
+wußte ja daß sie, je eher sie wieder am Hause sei, desto sicherer auch
+den geringsten Verdacht niederschlagen müsse, der Fremde habe einen so
+weitentlegenen Platz als das ~Ihiamoea~ zu seinem Zufluchtsort gewählt.
+-- An den Missionair dachte Niemand.
+
+Der Platz selber war für so kurzen Aufenthalt wohnlich genug; gegen Wind
+und Regen vollständig durch ein gutes Dach und fast fußdicke vielleicht
+sechs Fuß hohe Steinmauern geschützt, lag selbst eine breite aus dem
+dortigen Schilfgras geflochtene Matte in der Mitte der Hütte -- ein
+Beweis mehr daß der alte Missionair recht hatte wenn er glaubte, der
+christlichste König dieser Insel hänge noch etwas an dem alten
+Heidenthum. Doch wie dem auch sei, es kam René hier vortrefflich zu
+statten.
+
+Vor allen Dingen sah er jedoch nach seinen Waffen, steckte sein Messer
+in den Gürtel, den er immer trug und untersuchte die Terzerole -- aber
+der alte Mann hatte in der Eile das Pulverhorn vergessen, und wenn auch
+das Pulver noch ziemlich trocken aussah, war ihm doch nicht viel zu
+trauen.
+
+»Nun ich werde sie hoffentlich nicht brauchen,« murmelte er leise für
+sich hin -- »besser wär's aber doch ich wüßte sie sicher -- es giebt
+Einem immer mehr Zutrauen eine gute Waffe in der Hand zu haben.« Bei den
+Waffen lagen aber auch eine Masse Lebensmittel und mit doch weiter
+keiner anderen Beschäftigung machte er sich über den Korb her, die
+Leckerbissen vorzunehmen, die ihm der gute alte Mann, mit einem paar
+Flaschen Wein und Cocosnußmilch zusammengemischt, eingepackt hatte.
+
+So vergingen ihm die Stunden rasch -- ein paar Mal trat er in die
+vordere Thür der Hütte, vielleicht einen Blick in's Freie zu gewinnen,
+aber der Wald umgab das kleine Heiligthum einer früheren Zeit hier zu
+hoch und dicht, auch nur einen Blick über dessen äußerste Grenzen zu
+gestatten, und er warf sich zuletzt, ermüdet vom Umhergehn in so engem
+Raume, auf die Matte, und schaute träumend auf die kahlen Steinwände,
+die in früherer Zeit wohl Zeuge mancher wildromantischen Scene,
+vielleicht manchen furchtbaren Opfers gewesen waren.
+
+»Und wo seid Ihr jetzt -- Ihr stolzen Herrscher dieser Haine -- Oro, Du
+kriegerischer Gott, Hiro, Du schlauer Beschützer der Diebe, Teroro, Du
+Sturmerwecker, Tane, Du Herrlicher und Ihr Alle, Alle, die Ihr früher in
+dem Rauschen der Palmen, in dem Donnern der ewigen Brandung zu Euern
+Kindern spracht? -- Sie haben sich losgesagt von Euch, umgeworfen Euere
+Altäre, in den Wind verweht selbst Eure Namen, und das Kreuz, von
+einzelnen Fremden aufgepflanzt, hat wie mit einem Schlage Euer
+Jahrhunderte bestandenes Reich vernichtet. Aber solltet Ihr auch diese
+Haine, die einst Eure Macht sahen, so schnell und leicht haben verlassen
+können? wandelt Ihr vielleicht nicht selbst jetzt noch in den dunklen
+Schatten der Fruchtbäume, um die Stellen wo früher Euere Altäre
+gestanden, und schauet mit finsterem Groll auf die Tempel eines neuen
+Gottes, vor dem Euere abtrünnigen Kinder _jetzt_ ihre Kniee beugen?
+Umschwebst nicht Du selbst, furchtbarer Oro diese Dir einst, ja
+vielleicht selbst jetzt noch geweihte Stätte, und blickst zürnend auf
+den Fremden nieder, der sich, ein ungeladener Gast über Deine Schwelle
+gedrängt hat? -- Zürne mir nicht, hätte nur ich, von all den weißen
+Fremden diese Ufer betreten, Du herrschtest _noch_ hier, in all Deiner
+Herrlichkeit, ich hätte Deinem Volke seine Götter und seinen Frieden
+gelassen, und wer weiß ob sie nicht glücklicher -- besser geblieben
+wären.«
+
+Lange noch lag er sinnend und träumend auf der Matte, bis die
+einbrechende Nacht ihre Schatten niedersandte, und mit diesen der Regen
+laut und schallend auf das schilfige Dach der Hütte niederschlug. War er
+hier aber auch vor diesem geschützt, so fand er doch eine andere Plage
+-- eine wahre Unzahl von Mosquitos stellten sich schon mit der Dämmerung
+ein, und umschwärmten ihn jetzt als sicher unverhoffte und gute Beute zu
+Tausenden.
+
+Im Anfang suchte er sich ihrer zu erwehren, zuletzt aber gab er das auf
+und streckte sich, nur sein Taschentuch über das Gesicht breitend, auf
+die Matte aus, der Nacht so viel Schlaf als möglich abzustehlen. Er
+fühlte sich vollkommen sicher daß der Wallfischfänger, wenn er überhaupt
+noch an der Insel sei, _diese_ Nacht gewiß Nichts unternehmen werde ihn
+wieder zu bekommen, und ärgerte sich fast, die bisherige Wohnung und
+Sadie'ens Nähe verlassen zu haben.
+
+Eine Stunde hatte er etwa so gelegen, aber er war nicht im Stande
+einzuschlafen, die Mosquitos trieben es zu arg, und schienen
+fortwährend in neuen unersättlichen Schaaren heranzuströmen.
+
+»Das ist ein schöner Polterabend,« brummte er leise vor sich hin -- »und
+mein armes Mädchen sitzt indeß allein daheim und ängstigt sich um den
+fernen Freund -- ha! --«
+
+Er fuhr in die Höh' und horchte, schüttelte aber dann lächelnd mit dem
+Kopf und murmelte:
+
+»Das war wie in alter Zeit, als ich noch mit Adolphe in Canadas Wäldern
+jagte -- das klang genau wie sein Jagdruf -- der schrille Ton einer
+kleinen, an der französichen Küste heimischen Möve.«
+
+»Aber Wetter noch einmal!« rief er plötzlich in einiger Unruhe
+aufspringend -- »und wenn das nun doch am Ende Adolphe selber -- aber es
+ist ja nicht möglich -- wie hätte er diesen Ort auffinden können.«
+
+Nichtsdestoweniger tappte er nach seinen Waffen herum, die neben ihm auf
+der Matte lagen, und steckte sie zu sich. Der Regen hatte jetzt für
+kurze Zeit nachgelassen, und nur die schweren Tropfen fielen draußen
+noch von den Zweigen nieder. Schlafen konnte er doch nicht, also stand
+er auf und ging an die Thür die, halbangelehnt, ihm einen Blick auf den
+kleinen freien, jetzt von dem auf wenige Momente vorbrechenden Mond
+erhellten Platz gewährte; ha dort drüben bewegte sich beim ewigen Gott
+eine Gestalt -- Wild konnte es nicht sein, das gab es ja nicht auf
+diesen Inseln. Eine dunkle Wolke legte sich wieder über den Mond und
+hüllte Alles in tiefe Nacht, als aber René, das gespannte Terzerol
+krampfhaft fest in der Faust mit spähendem Blick und lauschend
+vorgebeugtem Oberkörper da stand, erkannte er deutlich zwei dunkle
+Gestalten die über den Plan, grade auf ihn zu glitten. --
+
+»Verrath!« murmelte er leise zwischen den Zähnen durch, und mit
+Blitzesschnelle in das Haus zurückspringend, gewann er die andere Thüre.
+Aber in demselben Moment fühlte er sich von drei eisernen Armen zu
+gleicher Zeit gepackt und es war ein Glück für wenigstens einen der
+Fänger, daß das Terzerol versagte, denn gerade gegen das Ohr des
+Harpuniers gepreßt hatte es René abgedrückt.
+
+»Teufel!« schrie er, als er es von sich werfend sein Messer zu ziehen
+suchte -- umsonst, die Uebermacht war zu groß, und wenige Minuten später
+lag er, an Händen und Füßen gebunden, in der Gewalt seiner Feinde am
+Boden.
+
+»~Damn it~ mein Bürschchen,« lachte der alte Harpunier in aller Freude
+über den gelungenen Fang, »ich hatte heute Abend, als ich auf den Regen
+fluchte, nicht geglaubt daß er mir mit Deinem Pulver zu gleicher Zeit
+einen so guten Dienst erweisen würde -- das war jedenfalls gut gemeint,
+ich rechne Dir's aber nicht an -- hätte dasselbe an Deiner Stelle
+gethan; nun sei aber auch vernünftig und wehr Dich nicht nutzlos mehr --
+wir sind hier unserer sieben gegen einen, und Du wirst begreifen daß da
+doch jeder Widerstand nutzlos ist.«
+
+»Mordet mich!« schrie aber René mit aller Kraft der Verzweiflung gegen
+seine Banden und die Arme die ihn niederhielten, ankämpfend -- »mordet
+mich, wie Ihr mein Glück zerstört habt, aber beim ewigen Gott, Ihr sollt
+mich nicht lebendig von dieser Insel nehmen.«
+
+»Das käme auf einen Versuch an,« sagte der Harpunier kaltblütig --
+»willst Du denn gar keine ~raison~ annehmen, so haben wir uns schon so
+viel Mühe um Dich gegeben, daß wir Dich nun auch wohl das kleine
+Stückchen Wegs noch tragen können. Nehmt ihn auf Leute -- nehmt ihn auf
+-- oh wenn er gar so sehr strampelt -- hier ist noch Leine genug zwanzig
+solche Bürschchen förmlich damit einzuwickeln -- so das thuts -- noch
+eins um die Füße, und nun nehmt ihn auf und fort damit -- da kommt schon
+wieder ein neuer Regenschauer; daß die Pest ein solches Land hole.«
+
+»Ja wohinaus gehts aber jetzt?« sagte Einer der Leute, nachdem sie den
+sich wüthend Sträubenden aufgehoben hatten -- »ich weiß den Weg nicht
+mehr.«
+
+Der alte Harpunier sah sich einen Augenblick selber verdutzt in der
+Dunkelheit um. --
+
+»~Damn it~,« brummte der Alte, »jetzt bin ich auch confus geworden --
+welchen Cours sind wir denn eigentlich heraufgesteuert. Wo ist denn die
+verdammte Bestie von Insulaner -- he Raiteo, Canaille verwünschte -- wo
+steckt der Satan?«
+
+»Verrathen und verkauft,« knirrschte René zwischen den zusammengebissenen
+Zähnen hindurch, als er von der verzweifelten Anstrengung zum Tod
+erschöpft zurücksank und sich jetzt willenlos forttragen ließ. -- Nicht
+weit von ihm ab antwortete aber ein leiser Pfiff. Es war der Insulaner,
+der dort auf die Seeleute, außer dem Bereich des ~Ihiamoea~, wartete,
+und schweigend führte er den Zug den steilen schlüpfrigen Pfad wieder
+zurück nach dem Landungsplatz.
+
+Der Regen goß jetzt förmlich in Strömen nieder, wenn auch der Wind für
+den Augenblick etwas nachgelassen hatte, als sie aber oben die
+Pandanus-Niederung erreichten, und nun auf ebener Bahn, auf dem scharfen
+Corallensand, dicht am Ufer einer der kleinen zahlreichen Lagunen oder
+Binnenseeen hinschritten, dröhnten laut und mahnend die beiden
+Kanonenschüsse von Bord des Delaware zu ihnen herüber. -- Fast
+unwillkürlich hielten die Leute einen Moment, der Harpunier aber rief:
+
+»Vorwärts, meine Jungen, vorwärts, wir kommen gerade zur rechten Zeit --
+Wetter noch einmal, das war abgepaßt, eine Stunde später und wir hätten
+die ganze Geschichte aufgeben müssen.«
+
+»Was mögen sie an Bord haben?« frug Einer der anderen Harpunier.
+
+»Wahrscheinlich wird dem Alten der Wind zu bunt,« lachte der Harpunier,
+»und jetzt ists gerade eine hübsche ruhige Zwischenzeit an Bord zu
+fahren -- rasch Ihr Leute, da vorn seh' ich schon die Hüttenfeuer.«
+
+Ein neuer Hoffnungsstrahl blitzte vor René's Seele auf -- wenn ihn auch
+Einer der Insulaner verrathen hatte, waren ihm doch fast alle Anderen
+gewogen und wer weiß ob sie ihn, wenn er sie anriefe, so vor ihren
+eigenen Augen wegschleppen ließen. Soviel hatte er, während seines
+Aufenthalts auf der Insel auch schon von der Tahitischen Sprache
+gelernt, und als er die ersten Stimmen an den nicht mehr fernen Häusern
+hörte, damit die Leute Zeit bekämen sich zu sammeln ehe die Weißen das
+Boot gewinnen konnten, schrie er plötzlich mit lauter donnernder Stimme
+um Hülfe.
+
+»Knebel her!« sagte der Harpunier ruhig aber rasch -- »wer hat ihn -- Du
+John?«
+
+»Ja hier« -- antwortete der Mann dem Harpunier den Knebel reichend.
+
+»Der Kerl schreit uns am Ende doch noch die Insulaner auf den Hals --
+wer weiß wen er hier Alles zu Freunden gewonnen hat, und besser ist
+besser.«
+
+An allen Gliedern gebunden und mit dem Knebel im Mund vermochte der
+Gefangene sich nicht weiter zu rühren, und gleich darauf erreichten sie
+den Strand.
+
+Raiteo forderte aber jetzt, ehe sie zu seinen Leuten hinunterkamen, den
+bedungenen Lohn, denn er wollte sich nicht mit den Weißen zusammen
+blicken lassen. Ehe sie abstießen gedachte er dann mit einem Bruder von
+sich, zum Boot zu kommen und die Sachen in Empfang zu nehmen, die dort
+noch für ihn bestimmt waren.
+
+»Lauft rasch mit dem Burschen da voran, und legt ihn in's Boot, bis ich
+den Schuft hier abgefertigt habe,« sagte da der Harpunier zu seinen
+Leuten -- »Wort müssen wir ihm doch halten; und seht zu daß Ihr das Boot
+flott bekommt bis ich unten bin.« Und während die Leute mit ihrer Last
+rasch dem Strande zueilten, blieb er neben dem Insulaner stehen und
+zahlte ihm das Blutgeld. Als er sich von ihm abwandte seinen Leuten zu
+folgen, glitt Raiteo in die Büsche.
+
+»Höll' und Teufel,« fluchte jedoch der alte Harpunier als er zum Strand
+kam und sah wie die Mannschaft mit dem Boot beschäftigt war, das hoch
+und trocken auf der Corallenbank und wohl funfzig Schritt vom Wasser ab
+saß -- »ob ich es den verdammten Schuften von Insulanern nicht gesagt
+habe das Boot flott zu halten -- und ich glaube beim Teufel, sie haben
+es noch mehr aufs Trockene gezogen; daß der Böse ihre Seelen verdamme.
+Hinein damit Jungens -- greift unter und tragt es in's Wasser -- werft
+den Plunder hinaus der vorn darin liegt -- der Eigenthümer mag ihn sich
+holen -- wo ist René?«
+
+»Hier am Hause liegt er,« sagte Einer -- »Bill und Adolphe stehen Wache
+bei ihm.«
+
+»Ach was Wache, der läuft jetzt nicht fort -- hier Bill -- hier Adolphe
+mit angefaßt und tragt das Boot zu Wasser -- hallo meine Jungen alle
+zusammen -- ~there she comes -- a hoy-y~. Was zum Teufel macht es so
+schwer -- was liegt da drinne?«
+
+»Es liegt hinten ganz voller Früchte,« antwortete Bill.
+
+»Früchte? hinaus damit, wir haben jetzt keine Zeit uns mit Früchten
+abzugeben -- so -- Alles hinaus -- hier an die Seite damit, was in
+Körben ist, können wir nachher wieder hineinwerfen, und hallo hier --
+einmal eine Parthie von den Insulanern her, die können uns mit helfen,
+wenn sie uns wieder los werden wollen.«
+
+Von diesen ließ sich aber keiner blicken -- der Hülferuf des
+Unglücklichen, den sie gehört, hatte ihnen das Schicksal desselben
+verrathen, und wenn sie auch, wie René in letzter Verzweiflung gehofft,
+keineswegs gesonnen waren ihr Leben daran zu setzen, um ihn wieder zu
+befreien, so mochten sie doch auch weiter Nichts mit der Sache zu thun
+haben, vielweniger denn den Fremden selber in irgend etwas behülflich
+sein.
+
+Dicht am Strand wo die Leute, vielleicht zehn Schritt von dem Boot, den
+Gebundenen niedergelegt hatten, stand eine kleine Bambushütte, in
+welcher die Missionäre, wenn sie sich auf dieser Seite der Insel
+befanden und, vielleicht von einem Wetter überrascht, nicht mehr zu dem
+Missionsgebäude kommen konnten, gewöhnlich übernachteten. Hierher hatte
+sich auch, als das Wetter ärger zu werden drohte, der ehrwürdige Bruder
+Rowe zurückgezogen, ließ sich aber natürlich nicht blicken wie er die
+Männer mit ihrem Gefangenen ankommen hörte, sondern hielt seine Thür,
+allerdings nur dünnes Bambusgeflecht, geschlossen. Durch die überall
+offenen Stäbe der Wände konnte er aber deutlich erkennen was draußen
+vorging, und der gebundene und geknebelte René wurde solcher Art in
+nicht zwei Schritten von seiner eigenen Thüre niedergelegt, während die
+Leute kaum zehn Schritt weiter damit beschäftigt waren das Boot dem
+Wasser zuzuarbeiten. Bruder Rowe stand dicht hinter der Thür und schaute
+schweigend und nachdenkend auf den gebunden am Boden Liegenden nieder.
+
+Außer ihm war aber noch eine andere Gestalt ganz in der Nähe, und zwar
+niemand anderes als das indirekte Werkzeug des ehrwürdigen Herren --
+Raiteo, der vorsichtig um das Haus herumglitt und die Bewegungen der
+dicht dabei in dem Boot beschäftigten Männer auf das vorsichtigste
+beobachtete. -- Er hatte seinen Bruder oder irgend einen seiner Freunde
+schon abgeschickt die ihm noch zukommenden Waaren zu holen, und seine
+eigenen Gründe sich nicht selber dorthin zu bemühen.
+
+»Schuft? -- so?« murmelte er dabei zwischen den Zähnen durch -- »erst
+ist man gut genug weißer Mann Capitain da hinauf zu führen und nachher
+ist man Schuft; gut -- gut Raiteo ist nicht so dumm -- Raiteo hat Geld
+-- liegt sicher unterm Baum -- Raiteo hat seinen Contrakt erfüllt --
+jetzt kann Raiteo machen was er will, und jetzt will Raiteo einmal sehn
+was er machen will.«
+
+Die Wallfischfänger hatten indessen Alles was das Boot schwerer machen
+konnte hinausgeworfen, und während der Regen wieder in Strömen
+niedergoß, faßten die sieben kräftigen Gestalten das Boot und schoben es
+langsam aber in sicherem Fortgang den ersten kleinen Abgang hinunter, wo
+es wieder durch eine neue Corallenschicht aufgehalten, aber auch über
+diese endlich weggehoben wurde.
+
+»Die verdammten Schurken von Indianern lassen sich nicht blicken,« sagte
+der alte Harpunier, keuchend in aller Anstrengung, »aber hol' sie der
+Henker, wir brauchen sie auch nicht -- munter meine Jungen, munter --
+denn hinten kommts wieder so schwarz wie Nacht herauf und wir müssen
+machen daß wir das Schiff erreichen, wenn uns der Alte hier nicht
+zurücklassen soll, und dann hätte er nachher eine schöne Mannschaft an
+Bord, ohne alle Officiere.«
+
+Der Delaware hatte eine Laterne ausgehangen und schien, soweit man nach
+der Bewegung derselben urtheilen konnte, wieder näher zu kommen.
+
+Als sich die Seeleute mit dem Boot von dem Haus entfernten, glitt Raiteo
+dahinter vor, und wie eine Schlange dicht an den festgebundenen Körper
+des Gefangenen hinan, wo er, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben
+und ohne weitern Zeitverlust begann, die verschiedenen Seile mit denen
+der Körper des Unglücklichen förmlich umwunden war, durchzuschneiden.
+So leise und geschickt war dies Maneuvre auch, von der Nacht begünstigt,
+ausgeführt daß der, gewissermaßen dicht davorstehende Missionair, der
+die Augen doch fortwährend auf den Körper geheftet gehabt, wohl eine
+Bewegung sah, aber in der ersten Minute gar nicht unterscheiden konnte
+was es eigentlich sei. René übrigens, der schon jeden Gedanken an
+Rettung in dumpfer Verzweiflung aufgegeben hatte, und jetzt nur Trost in
+dem einzigen Entschluß fand, sowie man ihn an Bord seiner Fesseln
+entledige seinem Leben gewaltsam ein Ende zu machen, fühlte kaum den
+scharfen Schnitt eines Messers an den Seilen, als ihm wilde fröhliche
+Hoffnung durch Mark und Seele schoß. Er begriff zugleich die
+Nothwendigkeit vollkommen regungslos zu bleiben, die Aufmerksamkeit der
+nur kurze Strecke von ihm entfernten Seeleute nicht auf sich zu ziehen;
+aber selbst die Secunden die er hier wieder in furchtbarer Erwartung
+lag, ob nicht doch noch, ehe er den Gebrauch seiner Glieder wieder
+gewinnen konnte, Jemand von unten heraufkam und der Versuch zu seiner
+Rettung entdeckt würde -- erfüllten ihn mit wahrer Höllenpein.
+
+Raiteo hatte Verstand genug die Füße erst frei zu machen, denn selbst
+mit gebundenen Händen war in diesem Dunkel die Möglichkeit zu entfliehen
+da. René drängte es aber den Arm frei zu bekommen, wenigstens sein
+Messer, das er noch an der Seite fühlte, zu erfassen; der Knebel
+verhinderte ihn aber auch nur einen Laut von sich zu geben, und Raiteo
+wollte den nicht entfernen bis er mit allem übrigen im Reinen wäre. Mit
+den Füßen glaubte er jetzt fertig zu sein und ging an die Arme, ein
+dünnes Seil, daß er in der Dunkelheit übersehen hatte, hielt jene aber
+noch zusammen, und René hob die Knie auf es ihm bemerklich zu machen.
+
+»Geh doch einmal Einer hinauf und sehe nach dem Gefangenen,« sagte in
+diesem Augenblick die Stimme des Harpuniers, die deutlich zu ihnen
+herüberdrang. Rasche Schritte wurden gegen sie zu gehört, und Raiteo der
+keineswegs im Sinne hatte seine eigene Person irgend einer Gefahr
+preiszugeben, ließ den noch immer Gebundenen wie er war, und glitt um
+das Haus hinum.
+
+Hierdurch wurde es aber auch jetzt dem Missionair, der schon der
+Bewegung des Gefangenen nach Verdacht geschöpft, klar, daß irgend Jemand
+an der Befreiung desselben arbeite. _Wer_, konnte er natürlich nicht
+erkennen, aber es lag keineswegs in seinem Plan den Mann hier auf der
+Insel zu behalten, nun es doch einmal soweit gediehen war.
+
+René schloß die Augen und sank zurück in stummer Verzweiflung.
+
+Der Mann von unten sprang auf den Liegenden zu, und bog sich zu ihm
+nieder, wie um nachzusehen ob seine Stricke auch noch in Ordnung seien;
+zu gleicher Zeit aber fühlte René wie ein scharfes Messer und eine
+geübte Hand das Tau von einander trennte das seine Arme fest umspannt
+hielt, eine Hand glitt an seinem Körper hinunter, fühlte das Seil um die
+Knie und trennte auch dieses.
+
+»Muth!« flüsterte dabei eine Stimme die René's Ohren wie himmlische
+Sphärenmusik klang -- »Muth René und jetzt fort,« -- und sich
+aufrichtend rief er laut:
+
+»~All right~!« und drehte sich rasch um, den Platz zu verlassen, als er
+plötzlich einen Arm auf seiner Schulter fühlte und erschrocken stehen
+blieb. René lag noch am Boden, als er ebenfalls die zweite Gestalt
+bemerkte, aber seine Hand faßte leise das Messer und zog es aus der
+Scheide -- er wußte er war frei, denn zwei Sätze konnten ihn in den
+Bereich des Waldes und aus der Gewalt seiner Feinde bringen.
+
+Adolphe, denn dieser war René's Befreier, drehte fast unwillkürlich den
+Kopf halb ab, um nicht erkannt zu werden und suchte schon loszukommen,
+sich wieder unter seine Kameraden zu mischen und dadurch jeden Verdacht
+von sich zu entfernen, als er zu seinem Staunen die Stimme des
+Missionairs erkannte, der ihn leise etwas von dem vermeintlich
+Gebundenen fortzog, damit dieser ihn nicht erkennen möchte, und mit
+hastiger aber unterdrückter Stimme sagte:
+
+»Habt Acht auf Eueren Gefangenen Sir -- man will ihn befreien -- ich
+habe --«
+
+Er sagte nichts weiter, denn ein einziger Faustschlag des riesigen
+Franzosen, gerad gegen seine Stirn, streckte ihn besinnungslos zu Boden.
+
+»Bind ihn,« flüsterte da Adolphe rasch, sich zu diesem niederbiegend --
+»_er_ hat Dich an uns verrathen,« und so schnell wie er gekommen, sprang
+er die Corallenbank wieder hinunter, wo die Leute eben mit Anstrengung
+aller ihrer Kräfte das Boot bis zum Wasserrand gebracht hatten.
+
+»Der Gefangene liegt noch am Boden,« sagte er, als er sich hier wieder
+unter die Uebrigen mischte.
+
+»Aber habt Ihr nicht nachgesehen ob die Seile noch in Ordnung sind?«
+frug der Harpunier.
+
+»Ich kann noch einmal hinaufgehn,« erbot sich Adolphe.
+
+Da blitzte es vom Wasser herüber, und gleich darauf dröhnte der dumpfe
+Schall eines neuen Schusses, dem in kaum einer Minute ein zweiter
+folgte, zu ihnen herüber.
+
+»Hinein mit dem Boot in's Wasser!« schrie der Alte, alles Andere in dem
+Bewußtsein der Nothwendigkeit vergessend, so rasch als möglich wieder an
+Bord zu kommen, »wacker Ihr Leute, wacker und legt Euch dagegen mit
+Brust und Seele!«
+
+Den vereinten Anstrengungen der Leute gelang es das Boot vorn in die
+Fluth zu bekommen, das unruhige Wogen derselben half nach, und bald lag
+es flott.
+
+»Jetzt hinein, mit Riemen und Masten!« lautete der rasch gegebene
+Befehl, »und vergeßt Nichts Ihr Jungen -- laßt die Früchte liegen wo sie
+sind -- vier von Euch nach dem Gefangenen -- halt hier -- das Boot stößt
+noch auf -- noch einmal unter, alle zusammen -- ~a hoy~ -- ~there she
+goes~ -- nun die Riemen und unsern ~mossier~ her und hinein mit Euch.«
+
+Es war auch Zeit daß sie von Lande abkamen -- der Wind hatte sich,
+während einer fast anderthalb Stunden langen Stille, total herumgedreht,
+und aus Westen kann es in diesen Breiten oft gar bös an zu wehen fangen.
+-- Dort stieg auch schon eine schwere rabenschwarze Wand auf, und der
+Delaware mußte jetzt allerdings machen daß er von der Küste abhielt. Die
+Leute rannten sämmtlich, so rasch sie konnten, die Bank hinauf, drei von
+ihnen die Riemen und den Mast in's Boot zu nehmen; die andern drei den
+Gefangenen zu holen. Unter diesen Adolphe.
+
+»Auf mit ihm,« rief dieser, den Oberkörper des auf der Erde Liegenden so
+packend und mit Leichtigkeit emporhebend, daß er den Kopf unter seinen
+Arm bekam -- »auf mit ihm Jungens -- und hinunter -- da geht ein anderer
+Kanonenschuß, bei Gott!«
+
+Die beiden andern Bootssteuerer faßten, der Eine in der Mitte, der
+Andere unter die Knie des Gebundenen, und im vollen Lauf fast ging es
+damit die Corallenbank hinunter.
+
+»Vorn in's Boot mit ihm,« schrie der Harpunier -- »haut ihm eins über
+den Schädel wenn er sich nicht fügen will -- an Eure Riemen für Euer
+Leben, dort kommts herauf -- hinein in's Boot mit ihm sag' ich -- werft
+ihn hinein, zum Donnerwetter, wenn er nicht gehn will, darf's ihm auch
+nicht auf eine Beule ankommen.«
+
+»Wetter noch einmal,« brummte Bill, als die im Boot Stehenden den Körper
+anfaßten, hineinzogen und vorn in den Bug mehr warfen als legten, »René
+ist hier ordentlich stolz geworden; der hat jetzt Schnallen an den
+Schuhen.«
+
+Es war aber in diesem Augenblick weder Zeit viel Bemerkungen zu machen,
+noch sie anzuhören oder gar zu beachten. Die Leute sprangen an ihre
+Plätze, warfen die Riemen in die Dollen, der alte Harpunier hatte den
+seinigen durch das Rudereisen gezogen, und durch die elastischen Riemen
+vorwärts getrieben flog das leichte Boot ordentlich durch die schon
+unruhige See dem glücklicher Weise nicht sehr fernen Schiff, das jetzt
+auch noch eine zweite Laterne aufgezogen hatte, entgegen.
+
+ * * * * *
+
+René war in dem Augenblick als ihn Adolphe verließ, in die Höhe
+gesprungen, und wußte in der That, in dem ersten Gefühl jubelnder
+Freiheit, nicht was er thun, ob er dem Rathe Adolphes folgen, oder den
+Priester ungebunden liegen lassen sollte, wo seine Flucht dann
+allerdings gleich bemerkt werden mußte, sobald sie ihn nur auffaßten.
+Eine zweite Person entschied aber seinen Zweifel, und zwar niemand
+Anderes als Raiteo.
+
+Raiteo war nämlich ein höchst aufmerksamer und selbst überraschter Zeuge
+sämmtlicher letzter, so schnell auf einander folgender Vorfälle gewesen.
+Klug genug aber einzusehn daß es für ihn jetzt besonders Zeit sei sich
+bei der Befreiung noch etwas zu betheiligen, wenn er überhaupt später
+Ehre und vielleicht auch noch Nutzen daraus ziehen wollte, hatte er auch
+noch einen andern Grund zu wünschen, die Weißen möchten die Insel mit
+dem Glauben verlassen, daß Alles in Ordnung sei, weil sie sonst am Ende
+noch Einsprache wegen den übrigen, zum Theil noch nicht einmal
+geborgenen Waaren thun, oder doch Lärm schlagen konnten, und dann den
+Antheil auf der Insel bekannt machen mußten, den er selber bei dem Fang
+des Europäers gehabt, und dessen er sich, so verstockt er sonst sein
+mochte, doch einigermaßen schämte. Kaum hatte er deshalb den Missionair,
+von dem er im ersten Augenblick gar nicht wußte woher er auf einmal kam,
+fallen gesehn und die Worte Adolphes gehört die dieser dem Freunde auf
+englisch zurief -- »bind ihn« als ihm auch das ganze Nützliche einer
+solchen Maßregel einleuchtete und er, aus seinem Verstecke vorgleitend,
+ohne weiteres Hand an den geistlichen Herren legte, und ihn rasch an
+Händen und Füßen band.
+
+René der wußte daß er von dieser Seite keinen Angriff zu fürchten, ja
+nur Hülfe zu hoffen hatte, erkannte im ersten Augenblick den Burschen
+gar nicht, bis Raiteo sein Gesicht gegen ihn aufhob und mit leiser
+Stimme und bedeutungsvollen Zeichen sagte:
+
+»Knebel -- schnell!«
+
+»Schurke verdammter, wo kommst Du her?« rief René fast unwillkürlich.
+
+»Pst,« sagte aber Raiteo, diesmal nicht im mindesten beleidigt --
+»Knebel.«
+
+Zeit war aber auch in der That nicht zu verlieren, und kaum hatte der
+Insulaner den Knebel auf das geschickteste in den Mund des am Boden
+Liegenden gebracht, von dem er sich jedoch vorher wohl überzeugt hatte
+daß er bewußtlos war, als sie auch schon die Leute die Corallenbank
+heraufspringen hörten, und nun rasch um das Haus herum und in das
+Dickicht schlüpften.
+
+Mit klopfendem Herzen hörte René wie sie den Körper seines
+Stellvertreters auffaßten und zum Boot hinunter trugen -- dann aber, als
+die Riemen in das Wasser einfielen und die regelmäßigen -- o so
+wohlbekannten Ruderschläge an sein Ohr tönten und weiter und weiter in
+der Ferne verhallten, da war es ihm als ob eine Centnerlast von seiner
+Brust gewälzt wäre, und mit der dringensten Gefahr auch jeder trübe
+Gedanke aus seiner Seele verschwunden -- sein leichter Sinn schwamm
+wieder in der alten fröhlichen Lust oben.
+
+»Du bist doch der abgefeimteste durchtriebenste Erzschurke, Raiteo, der
+sich denken läßt,« wandte er sich lachend an diesen, der im Anfang nicht
+recht zu wissen schien auf welchem Fuß er nun, mit dem eben Befreiten
+wieder stehen würde, schon nach dem Klang der Stimme aber vollkommen
+begriff wie der »weiße Mann nicht Capitain« die Sache aufnahm, ihn aber
+das natürlich nicht merken lassen wollte, und nur mit kläglichem Ton
+jetzt versicherte und betheuerte, der »Bodder Aue« habe seinen
+Schlupfwinkel an weißen Mann Capitain verrathen, und weißer Mann
+Capitain ihn mit vorgehaltener Pistole und gebundenen Händen gezwungen
+sie nach dem von dem Missionair bezeichneten Platz hinzuführen.
+
+Das erste war, wie René aus Adolphes eigenem Munde erfahren, in der That
+so, das zweite jedoch kaum wahrscheinlich, doch nahm der junge Franzose
+den Burschen eben wie er war, und fühlte sich auch in seiner
+neugewonnenen Freiheit nicht im mindesten geneigt auf irgend Jemanden in
+der weiten Welt zu zürnen; überdies hatte Raiteo doch auch einen Theil
+seiner Schuld wieder gut gemacht, und dadurch jedenfalls Reue über etwa
+begangene Missethat gezeigt.
+
+René war übrigens noch zu sehr mit dem Schiff selber beschäftigt. Die
+neuen Kanonenschüsse verriethen des Capitains Eile in der er schien hier
+fortzukommen -- etwas wofür ihn der Befreite in seinem Herzen segnete,
+und bald zeigten auch die niedergeholten Lichter daß das Boot an Bord
+sei. Noch konnte er die Compaßlampe durch die Nacht erkennen, aber bald
+erlosch dieser schwache Punkt ebenfalls, und mit dem jetzt aus vollen
+Backen einsetzenden West war in kaum einer halben Stunde jede Spur von
+dem so gefürchteten und auch so furchtbar gewesenen Schiff verschwunden.
+
+Nichtsdestoweniger, und trotz dem Wetter, blieb René die Nacht auf dem
+ersten Hügel, auf den ihn Raiteo noch hinaufführen mußte, mit diesem auf
+Wache, und erst, als er sich mit dämmerndem Tage überzeugte daß der
+Delaware nirgends mehr am Horizont zu erkennen war, flog er mehr als er
+ging die steilen schlüpfrigen Hänge hinunter, dem Missionsgebäude zu, wo
+Sadie schon in peinlicher Angst den ausgeschickten Boten erwartete, der
+ihr melden solle ob das Schiff die Insel verlassen habe.
+
+Wie erschrak das arme Mädchen, als sie die furchtbare Gefahr des
+Geliebten erfuhr, aber den Glücklichen konnten trübe Erinnerungen oder
+_vergangenes_ Leid, die jetzigen frohen Stunden nicht verbittern, und
+Sadie wie René _waren_ glücklich.
+
+René hütete sich übrigens wohl, zu erwähnen was aus dem geistlichen Mann
+geworden sei, obgleich er natürlich nicht verheimlichen konnte und
+wollte, daß er durch dessen freundliche Fürsorge verrathen worden, und
+Raiteo beobachtete ebenfalls in dieser Hinsicht eine höchst lobenswerthe
+Discretion.
+
+ * * * * *
+
+Was _war_ aber aus ihm geworden?
+
+Als das Boot nur eben nahe genug zum Schiff gekommen war, daß sie dort
+die regelmäßigen Ruderschläge unterscheiden konnten -- schrie der
+Capitain schon mit Donnerstimme hinüber:
+
+»Boot ahoy!«
+
+»~Ship ahoy~!« lautete die rasche Antwort des Harpuniers -- »~all
+right~!«
+
+»Scharf meine Jungen, scharf -- macht daß Ihr an Bord kommt,« schrie die
+Stimme wieder -- »steht bei hier mit den Taljen -- alles klar?«
+
+»Alles klar Sir,« lautete die Antwort zweier Matrosen, die an den
+Krahnen standen zu welchen das Boot gehörte, die Taljen niederzulassen.
+
+»Nieder mit Eueren Blöcken,« rief's schon in dem Augenblick von unten
+herauf, als daß Boot an die Seite schoß und die Ruder, wie mit einem
+Schlag in die Höhe geworfen, längs hineinfielen -- »hier -- hakt rasch
+ein -- hinauf mit Euch -- ~all right~!« -- brüllte der Harpunier wieder
+durch das Schreien der Leute und das Rasseln der Raaen oben, die
+ebenfalls zu gleicher Zeit herumflogen. Seine Leute kletterten rasch an
+Bord hinauf, nur zwei zurücklassend, die an beiden Enden standen und die
+eingehakten Taljen wahrten, und eine halbe Minute später schwebte das
+Boot nach oben und unter seine Krahne, mit dem Deck gleich, während die
+im Boot Zurückgebliebenen den Gebundenen vorholten und nach Bord
+hineinreichten.
+
+»Der hat die letzten zehn Minuten gestrampelt, als ob er sich die Seele
+aus dem Leibe treten wollte,« brummte Bill, als sie ihn oben über die
+Schanzkleidung holten -- »aber zum Donnerwetter --«
+
+»Zwei Reefen in Vor- und große Marssegel -- fort mit Euch da hinauf!«
+schrie der Capitain in diesem Augenblick; die Leute mußten den
+Gebundenen, der sich am Boden wand wie ein Wurm, liegen lassen und das
+Niederrasseln der Raaen, das Heulen der Leute an den Reeftaljen
+übertäubte für den Augenblick selbst das, jetzt mit Macht aufkommende
+Wetter. Die nächste Viertelstunde nahm das Reefen selber in Anspruch,
+und Niemand kümmerte sich indessen um den unglückseligen Priester. Erst
+als die Mannschaft mit dem gewöhnlichen tönenden »~Oh -- jolly men --
+hoy~« die Marsraaen wieder aufzog, trat der zweite Harpunier, der nicht
+mit am Lande gewesen war und schon die letzten fünf Minuten die an Deck
+liegende Gestalt forschend und etwas mistrauisch betrachtet hatte, auf
+diese zu und sich zu ihr niederbiegend rief er erstaunt:
+
+»~Why -- damn it~ -- das ist René nicht!«
+
+»René nicht?« antwortete der Capitain, der dicht neben ihm stand, mit
+der Linken eine der Brassen gefaßt hatte, und die Blicke auf die
+aufsteigenden Raaen gerichtet hielt -- »wer soll's _denn_ sein? --
+~belay that~ -- -- große Marsraae -- was liegt an jetzt?«
+
+»Norden halb Westen,« tönte die monotone Stimme vom Steuerrad herüber.
+
+»~Steady then~ -- halt den Cours -- wer soll's denn sein Mr. Browning.«
+
+»Weiß nicht Sir,« sagte dieser der, indeß der Capitain die obigen
+Befehle gegeben, dem Steward zugerufen hatte eine der noch im Spintge
+stehenden Lampe -- die vorige Signallaterne -- herauszubringen, und mit
+dieser vor den Gebundenen trat -- »hallo wen haben wir hier?«
+
+»Hallo Mr. Rowsey,« rief aber in diesem Augenblick der Capitain, der
+ebenfalls hinangetreten war und jetzt mit in das ihm vollkommen fremde,
+wilde verstörte Gesicht des Bruder Rowe schaute -- »wen zum Henker haben
+Sie uns da vom Lande mitgebracht? -- haben Ihnen die Indianer _die_
+Jammergestalt hier als René verkauft?«
+
+Der alte Harpunier drückte sich rasch durch die, den Gebundenen
+umdrängenden Officiere und stand, während aller Augen halb erstaunt halb
+lachend auf ihn gerichtet waren, wohl eine halbe Minute verdutzt vor
+dem, was ihn im ersten Augenblick kaum weniger als eine Erscheinung
+deuchte; endlich aber platzte er heraus.
+
+»~Why~ -- Gott straf mich, das ist ja der Pfaffe. -- Den? --
+Himmeldonnerwetter -- _den_ haben _wir_ doch nicht etwa im Boote
+mitgebracht?«
+
+»So bindet ihn wenigstens los,« sagte der Capitain ruhig, und nur mit
+Mühe sein Lachen verbeißend. Während aber zwei daran gingen die Banden
+aufzuschneiden und den Gefangenen besonders von seinem Knebel zu
+befreien, fluchte und wetterte der alte Harpunier auf Deck herum, und
+schien gar nicht übel Lust zu haben jetzt selber über den Missionair
+herzufallen, als ob der arme Mann die Schuld dieser für ihn so traurigen
+Verwechselung trage.
+
+Bruder Rowe bekam aber kaum seinen eigenen Mund frei, als er auch
+augenblicklich seine eigene Meinung von der Sache hatte, über Mord und
+Gewalt schrie, und verlangte ohne Säumen wieder an Land gesetzt zu
+werden. Mit Mühe nur bekam man von ihm heraus, daß seiner Meinung nach
+einer der Leute aus dem Boot ihm einen Schlag versetzt, der ihn
+bewußtlos niedergestreckt und ihn dann wahrscheinlich gebunden und
+geknebelt hatte. Hiergegen protestirte aber der Harpunier als eine
+Unmöglichkeit, denn so lang sei gar keiner von seinen Leuten von ihm
+entfernt gewesen, das zu bewerkstelligen. Nichtsdestoweniger wurden die
+Leute alle vorgerufen und der Priester sollte jetzt den nennen, den er
+für den Thäter halte -- war das aber nicht im Stande. Der Harpunier
+erinnerte sich übrigens einmal Einen die Bank hinaufgeschickt zu haben
+nach dem Gebundenen zu sehn, der war jedoch augenblicklich zurückgekehrt
+und Adolphe meldete sich, gleich auf die erste Frage, ohne weiteres,
+hatte aber, wie er ruhig bemerkte, nur die Gestalt am Boden liegen
+gesehn und sich um weiter Nichts bekümmert.
+
+Adolphe war nun allerdings René's Landsmann, und wenn auch bei Manchem,
+selbst bei dem Capitain ein leiser Verdacht aufsteigen mochte, daß damit
+nicht Alles richtig hergegangen sei, ließ sich auch nicht das mindeste
+mit einer Anklage machen, bei der der Kläger selber nicht einmal den
+Thäter erkannte, vielweniger auf ihn zu schwören vermochte. Dazu kam
+noch der alte Groll, den Wallfischfänger gewöhnlich gegen die
+Missionaire, sehr häufig allerdings ungegründet, manchmal aber auch mit
+Ursache haben, und in dem Aerger über das Entkommen des Matrosen mischte
+sich jedenfalls eine gewisse Parthie Schadenfreude, daß gerade der
+Priester, der den Seemann verrathen hatte, in dieselbe Grube gefallen
+war die er dem Andern gegraben, und der Capitain zuckte zuletzt nur mit
+den Schultern, als der geistliche Herr in vollem Zorn versicherte, er
+werde sich an seine Regierung wenden und volle Genugthuung für diese
+schmählige, nichtswürdige Behandlung fordern.
+
+Jetzt aber verlangte er vor allen Dingen augenblicklich und ohne
+weiteres Säumen wieder an Land gesetzt zu werden.
+
+»An Land!« rief dagegen der Capitain -- »jetzt bei _dem_ Wetter? und
+wenn Sie mir tausend Dollar Passage bis zu der verdammten Insel zahlten,
+die ich wollte ich hätte sie im Leben nicht gesehen, möchte ich keins
+von meinen Booten und vielweniger mein ganzes Schiff noch einmal
+zwischen die Riffe hineinwagen.«
+
+Bruder Rowe war außer sich -- aber Drohungen wie Versprechungen blieben
+gleich fruchtlos, und das einzige womit ihn der Capitain tröstete, war,
+daß er eine der nördlich gelegenen Inseln wolle anzulaufen suchen, von
+da könne er dann sehen wie er wieder nach Tahiti oder hierher
+zurückkomme.
+
+Zwei Tage später lief er Bola-Bola an, wo er den ~Rev.~ Mr. Rowe
+absetzte und vierzehn Tage vergingen ehe er von dort aus im Stande war
+seinem Schooner wissen zu lassen wo er sich befand, dessen Leute unter
+der Zeit übrigens in vollkommener Gemüthsruhe, und ohne auch nur einmal
+nachzufragen weshalb der weiße Mitonare sie so über Nacht verlassen
+habe, geblieben waren wo sie sich gerade befanden, sie hatten ja genug
+Brodfrucht und Cocosnüsse dort, und der Schooner lag sicher vor Anker,
+was wollten sie mehr? -- sie hätten auf die Art noch ebensoviele Monate
+wie Wochen gewartet.
+
+
+
+
+Capitel 8.
+
+#Tahiti.#
+
+
+Wie nach dem wilden furchtbaren Schlag eines Wetters, der uns das Blut
+stocken machte in den Adern, fast immer Ruhe eintritt in der Natur, der
+nur leise grollende Donner mehr und mehr verhallt in weiter Ferne, und
+die Welt, von Sonnenschein beglüht, frisch aufathmend und neu belebt im
+reinen blitzenden Lichte liegt, so schien sich alles Leid, das der
+Himmel für die Liebenden in seinen dunklen Wolken geborgen, an diesem
+letzten furchtbaren Tage entladen -- aber auch erschöpft zu haben.
+
+Mit dem, fast noch während dem Sturm scharf und heftig einsetzenden
+Ost-Passat, hätte der _Delaware_ jedenfalls eine lange Zeit gebraucht
+wieder gegen die Insel aufzukreuzen, wenn er ja noch im Sinn gehabt mit
+beispielloser Zähigkeit sein Ziel zu verfolgen. Das aber war, besonders
+nach den letzten Erfahrungen, nicht mehr zu fürchten, und wenn auch Mr.
+Osborne durch das eigenthümliche Verschwinden seines Collegen, dessen
+Schooner, wie ihm der ~fua~ gleich am andern Morgen meldete, seiner
+harrend in dem kleinen Boothafen lag, beunruhigt wurde, verhinderte ihn
+dies doch nicht die heilige Handlung an den, ihm jetzt nur noch lieber
+gewordenen jungen Leuten zu vollziehen und sein Kind, sein liebes,
+liebes Kind dem Schutz des Fremden anzuvertrauen, den ein wunderliches
+Geschick an diese Küste geworfen.
+
+Von da an gehörte René zu den Söhnen des Landes, und selbst Raiteo würde
+nicht mehr gewagt haben verrätherisch an ihm zu handeln -- wenigstens
+nicht unter gewöhnlichen Umständen.
+
+Am meisten erstaunt waren aber die Insulaner über das Verschwinden des
+finsteren Mitonare, und Mr. Osborne wollte schon die betrübende
+Nachricht seines Todes nach Tahiti senden, als sich René doch genöthigt
+sah ihm seine »Vermuthung« über den eigenthümlichen Fall mitzutheilen.
+Bald darauf kam aber die Nachricht von Bola-Bola, daß er dort glücklich
+gelandet, und einige Tage später Mr. Rowe selber. Aber er verließ die
+Insel wieder, ohne auch nur eine Sylbe über seine Fahrt zu äußern oder
+selbst Mr. Osborne aufzusuchen, in dessen Hause er natürlich den, im
+vollen Besitz seines erstrebten Glückes gefunden hätte, der die Ursache
+seiner Schmach gewesen, und gegen den er jetzt einen, wenn auch
+heimlichen, doch so gewaltigeren Haß im Herzen trug. Ihm lag also nicht
+daran gerade jetzt mit ihm zusammenzutreffen.
+
+Aber was schadete der Haß des finsteren Mannes den Liebenden? -- In
+ihrem neuen Glück dachten sie kaum der Außenwelt, und René besonders,
+bei dem der Uebergang von wildester Verzweiflung zu höchster Seligkeit
+in dem Umfange weniger Stunden lag, schien sich im Anfang kaum fassen zu
+können in jubelnder, jauchzender Lust. Der alte Mr. Osborne hatte sogar
+alle Hände voll zu thun ihn selbst nur während der kirchlichen Feier im
+Zaum zu halten, und Mi-to-na-re Ezra trippelte fortwährend um ihn herum,
+und schien ihn um's Leben gern bald an einem Arm, bald an einem Beine
+fassen zu wollen, nur um den rastlosen beweglichen Wi--Wi ein einziges
+Mal fest und ruhig zu halten, wie es einem anständigen Christen, der er
+ja doch einmal werden wolle, gezieme.
+
+In einem gleichen Taumel vergingen ihm selbst die nächsten Monate. Des
+Missionairs Rowe Rückkehr von seinem unfreiwilligen Kreuzzug lockte ihm
+kaum ein Lächeln auf die Lippen, so gleichgültig war ihm der Mann
+geworden, und mit dem Bau für seine eigene kleine Heimath beschäftigt,
+den er mit vollem fröhlichen Eifer betrieb, fühlte er, daß er jetzt ein
+neuer Mensch geworden, und die Brücke hinter sich abgebrochen habe, die
+ihn bis dahin noch mit der Außenwelt, zu der er nicht mehr gehörte,
+verbunden.
+
+So verging fast ein volles Jahr und Mr. Osborne selber fing an zu
+glauben daß Bruder Rowe -- der aber seit jenem Tag Atiu nicht wieder
+betreten, sondern stets einen anderen Geistlichen zur Revision gesandt
+hatte, seinen Groll gegen die ihm verhaßte Verbindung der jungen Leute
+-- zu der _er_ die Hand geboten -- in dem regen ja unruhigen politischen
+Treiben der Hauptinsel, wie in den gefährdeten Interessen seines Standes
+vergessen, oder wenigstens vergeben habe, wie es dem Verbreiter
+christlichen Glaubens und Duldens auch gezieme, als ihn eines Tages ein
+großes versiegeltes Schreiben des »~board of Missionaries~« von England,
+aus seinem Traum und Glauben riß.
+
+Es war seine Abberufung von Atiu und Versetzung nach Tahiti,
+gewissermaßen unter die Aufsicht der dort die obere Leitung der
+geistlichen ja auch politischen Angelegenheiten führenden Missionaire,
+unter denen Bruder Rowe eine sehr vorragende Stellung einnahm -- und
+wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf ihn die Botschaft.
+
+Aber nicht ihn allein; es war die erste Trauerbotschaft für die ganze
+Insel, und wenn es Sadie'ens Herz mit Kummer und Sorge füllte, setzte
+sich der kleine Mi-to-na-re geradezu in seine Lieblingsecke im Haus auf
+den niederen Schemel, und fing an von Herzen weg zu weinen, daß er jetzt
+seinen alten Freund und Gönner, Bodder ~O-no-so-no~ verlieren und einen
+Anderen -- vielleicht gar -- es überlief ihn ordentlich wie mit
+Fieberfrost -- vielleicht gar den »Bodder Aue« dafür herüber bekommen
+sollte.
+
+Sadie hatte kurz vorher dem Gatten ein Mädchen geboren, und wenn es
+möglich gewesen wäre René's Glück zu erhöhen, so hätte es dies neue
+Gefühl der Vaterfreude thun müssen.
+
+René war auch der Einzige vielleicht, der in einer Uebersiedelung nach
+Tahiti nicht das Schmerzliche sah wie Sadie und Mr. Osborne, denn daß
+sie den alten Mann nicht wollten allein nach der fernen Insel ziehen
+lassen verstand sich von selbst. Der Platz hier war ihm lieb und theuer
+geworden, und nur mit schwerem Herzen trennte er sich davon, aber mit
+seiner Sadie und seinem Kind wußte er auch, daß er sich die Nachbarinsel
+ebenso gut zum Paradiese schaffen konnte, und wenn er auch ungern von
+ihrem Lieblingsplätzchen am stillen Strande schied, das der Erinnerungen
+so viele und theuere für ihn hatte, entschädigte ihn der _Wechsel_
+seines Aufenthalts -- wenn er sich darüber auch nicht gerne laut Recht
+geben mochte -- doch in etwas für die liebgewonnenen Stellen.
+
+Anders war es mit Sadie; -- ihr ganzes Herz hing an dieser heimathlichen
+Küste, die ihr das Leben, die Liebe gegeben, und jedes Blatt, jede Blume
+die sie zurücklassen sollte that ihr weh. Auch eine heimliche, ihr fast
+unerklärliche Angst hatte sie vor Tahiti; sie war nur ein einziges Mal
+mit ihrem Pflegevater dort drüben gewesen, und zwar etwa ein Jahr
+vorher, ehe der Delaware an ihrer Insel landete; aber das Leben und
+Treiben der fremden bewaffneten Männer dort, das kecke Auftreten ihrer
+eigenen Landsmänninnen, die ewigen Streitigkeiten dort zwischen
+einzelnen ihres Stammes und den Missionairen selber, mit den
+Uebergriffen die sich die Franzosen, von den Kanonen ihrer Kriegsschiffe
+beschützt, in die Rechte ihrer Landsleute erlaubt, hatten das einfache
+Kind des Waldes tief verletzt, und sie war damals recht froh gewesen,
+als der kleine Missionscutter endlich wieder die Anker lichtete und dem
+heimischen Strand entgegenstrebte.
+
+_Das_ Land sollte jetzt ihre künftige Heimath werden, und wie nahender
+Schmerz lag der Gedanke auf ihrer Seele; sie konnte sich nicht daran
+gewöhnen, und mußte sich endlich gewaltsam losreißen von dem theueren
+Ort.
+
+Ein gar trauriger Abschied war es aber besonders von ihrem
+Lieblingsplätzchen am Seestrand; sie stand lange, lange dort, das Kind
+am Herzen und das kleine, zum ersten Mal sorgenschwere Haupt an die
+Brust des Gatten gelehnt, der sie fest und liebend umschlungen hielt.
+Was für süße selige Erinnerungen knüpften sich an diesen engen Raum, und
+ihr Herz blutete, wenn sie daran dachte ihn _auf immer_ verlassen zu
+sollen. Sie war so glücklich hier gewesen -- war es noch, und was mehr
+konnte ihr die ferne Insel bieten? --
+
+Ach es war ein recht schmerzlicher Tag auch für den alten Missionair,
+und als der kleine Missionscutter endlich unter Segel ging, standen die
+Insulaner in weiten Schaaren am Strand, und winkten mit ihren Tüchern,
+und riefen den Scheidenden ihr _Joranna, Joranna_ nach, über das blaue
+Wasser. Und Sadie saß an Deck, ihr Kind auf dem Schooß und sah die
+Wipfel ihrer Palmen langsam in das Meer tauchen und die Hügel sich
+senken, und in dem feuchten Abendhauch der über die Wasser strich,
+verschwimmen -- und wie die Nacht einbrach saß sie noch, den
+thränenvollen Blick fest dorthin geheftet, wo ein Theil ihres Herzens
+zurückblieb in bitterem Schmerz, sie mochte sich selber Vorwürfe darüber
+machen soviel sie wollte. René aber störte sie nicht in ihrem Gram, und
+quälte sie nicht noch mehr mit nutzlosem Trost; nur still und schweigend
+setzte er sich neben sie und ruhte ihr Haupt an seiner Brust, daß sie
+sich dort still und ungehindert ausweinen, aber dann auch wieder neue
+Kraft finden konnte, an dem Herzen des geliebten Mannes.
+
+Die Reise war kurz und glücklich, und Mr. Osborne schon in seinem neuen
+Wirkungskreis gekannt, und von den Insulanern geliebt, zu deren Herzen
+sein väterliches mildes Wesen weit eher sprach, als der starre finstere
+Ernst fast aller anderen Geistlichen. Auch von der Königin Aimata, mit
+dem Zunamen Pomare, wurde ihm ein freundliches Plätzchen mit Haus und
+Garten zu seinem künftigen Aufenthaltsort angewiesen, so daß er sich
+dort wohl hätte wieder recht wohl und glücklich fühlen können, wäre ihm
+nicht der unmittelbare Einfluß seines jetzigen und hier viel geltenden
+Gegners in seinem ganzen Wirkungskreis zu sichtbar und dadurch
+schmerzlich geworden.
+
+Fast nur auf die Stadt Papetee selber dabei beschränkt, wo französischer
+Einfluß und der sich dem geistlichen Joch entringende Sinn der
+Eingeborenen die Bevölkerung, wenn auch noch nicht dem anderen Glauben
+gewonnen, doch schon dem ihren sehr entfremdet hatte, waren ihm all jene
+lieben Pflichten seines Berufs -- mit den Eingeborenen in ihrer
+Einfachheit zu verkehren und sie in der besseren Lehre zu festigen --
+genommen worden, und er fand nur zu bald, daß er es hier mit einem ganz
+anderen Menschenschlag zu thun habe als auf Atiu. Nicht mehr allein die
+gutmüthigen Insulaner die, fast unberührt von der Außenwelt, sorglos in
+den Tag hinein lebten und, wenn sich Jemand die Mühe dazu gab, auch
+leicht einer etwas edleren Richtung gewonnen werden konnten, der sie
+ihre angeborene Gutmüthigkeit schon von selbst entgegentrieb, war es auf
+Tahiti ein Volk, das nicht mit den Sitten, sondern fast nur allein mit
+den Unsitten der fremden Eindringlinge bekannt geworden, und bei dem --
+während ihm die Möglichkeit genommen war allein und kräftig auf sie
+einzuwirken -- Leichtsinn und Verführung weit stärker und mächtiger und
+mit viel gewaltigeren Waffen arbeitete, sie aus guten einfachen Menschen
+zu allein Möglichen zu machen was schlecht und traurig war.
+
+Den Glauben an ihre alten Götter hatten die letzten Jahrzehnde, wenn
+auch noch nicht ganz zerstört, doch so erschüttert und untergraben, daß
+diese frühere Religion jeden Einfluß auf sie verloren, und während sie
+sich dem christlichen Cultus hingaben und sich in seinen Lehren zu
+festigen suchten, ja während die Geistlichen noch eifrig bemüht waren
+sie den »einzig wahren« Gott kennen zu lehren und sie besonders unkluger
+Weise in die Geheimnisse unserer _Dogmen_ einzuweihen, kamen plötzlich
+andere, ebenfalls weiße Männer -- Abkömmlinge desselben Stammes, mit
+einem anderen Gott, wenigstens mit einem anderen Namen desselben, aber
+unter Jehovas Panier, Jesus Christus als den Heiland erkennend, straften
+die erstgekommenen mit ihren Lehren Lügen, und verlangten von den
+Insulanern sie sollten zum zweiten Mal den Glauben ändern und jetzt den
+einzig und »wirklich wahren« Gott erkennen lernen.
+
+Und hatten _diese_ recht? ihre alten Missionaire donnerten Anathemas von
+den Kanzeln nieder, gegen sie, vertrieben die »neuen« Priester aus dem
+Land, solange sie noch Macht darüber hatten, und stellten sie ihren
+Gemeinden als Götzenanbeter und Ungläubige hin, bis die vertriebenen
+Priester mit einem französischen Kriegsschiff zurückgebracht, und unter
+den Mündungen der Kanonen ihnen das Recht erzwungen worden zu _bleiben_
+und den neuen Glauben zu _lehren_ -- und welchen Eindruck mußte das auf
+die Kinder dieser Inseln machen.
+
+Die Masse nahm es leicht -- ihr Glaube war bei den Meisten noch nicht so
+ernster Art gewesen, ihnen das Herz schwer zu machen, als ihnen andere
+Priester jetzt bewiesen daß die weißen Missionaire, die sie bis dahin
+nur mit Scheu und Ehrfurcht betrachtet, von einer anderen Sekte
+angefeindet und des Irrthums ja der Lüge beschuldigt wurden. Viele
+freuten sich sogar eines Zwanges wieder ledig zu werden, der anfing
+ihnen lästig zu sein. Andere aber auch, die sich dem Christlichen
+Glauben mit voller ungetheilter Kraft und Liebe hingegeben, hörten mit
+Entsetzen die neue Lehre, nach der sie ja nur eines anderen Unglaubens
+wegen ihre alten Götter verrathen. Und war der _jetzige_ Glauben der
+rechte? -- Hatte der erste gelogen, wer stand ihnen dann dafür, daß
+nicht vielleicht in Jahresfrist ein neues Schiff auch neue Priester
+bringen konnte, die wieder verwarfen was die jetzigen lehrten? -- und
+wie dann wurden jene Versprechungen wahr, die ihnen von einem ewigen
+Leben gemacht, und derentwegen sie ihre eigenen Götter verlassen und
+verstoßen? -- heiliger Gott, war das Alles ein Märchen gewesen, nur von
+dem weißen Mann erfunden, sich einzunisten in ihrem Land, und die
+Herrschaft an sich zu reißen, wie er es gethan?
+
+Manche Thräne ist da im Stillen geweint, manches Auge hat da
+verzweifelnd aufgeblickt, zu den freundlichen Sternen, in deren
+freundlichen Blinken sie sonst nur Glück und Freude sahen, denn einer
+zürnenden Gottheit Hand lag auf ihrem Land und sie wußten nicht wohin
+sie sich wenden sollten, den Strahl abzulenken der ihr Haupt bedrohte.
+Vor den alten Göttern durften sie ja nicht wagen sich wieder
+niederzuwerfen; deren Bilder lagen entehrt -- zerstreut umher -- von den
+Kindern derer geschändet, die einst anbetend vor ihnen den Staub geküßt
+-- und der _neue_ Gott? -- Zweifel waren in ihnen wach gerüttelt _dem_
+zu dienen, und in starrem Jammer sahen sie die einst so sonnige Welt sie
+öde und trostlos umlagern; oder sie warfen sich auch im tollen
+Uebermuth, Gott wie die Götter von sich stoßend, jenem chaotischen
+Nichts und mit ihm dem Taumel wilder, zerstörender Vergnügungen in die
+Arme, der ihnen von den Fremden im reichen vollen Maaß geboten wurde.
+
+Solchen Boden mußte der alte Mann mit seinem stillen traulichen Atiu
+vertauschen, und nicht einmal in den ihm nächsten Amtsbrüdern fand er
+dabei die nöthige Unterstützung und Hülfe, während sein klarer Verstand,
+wie sein gutes Herz zu gleicher Zeit auch nur zu deutlich fühlten, wie
+gerade deren starrer und unduldsamer Fanatismus _das_ Uebel das sie
+bekämpfen wollten -- einer neuen für irrthümlich gehaltenen Lehre den
+Eingang zu verweigern -- unterstützte, und dem Feind von den eigenen
+Truppen ganze Schaaren in's Lager jagte.
+
+Der ehrwürdige Bruder Rowe machte ihm besonders das Leben schwer, und so
+sehr er das fühlte und den ihm feindlich gesinnten Mann zu einer offenen
+Erklärung zwingen wollte, so vorsichtig und geschmeidig wich dieser
+jeder Zeit ihm aus, und selbst der direkten Frage hielt er nicht Stand:
+Jene Zeit war vorbei, lange vorbei, wie er sagte, und geschehene Dinge,
+wenn man sie vielleicht auch wieder ungeschehen machen möchte, nicht
+mehr zu ändern -- in _seinem_ Herzen lebte kein Gefühl der Rache oder
+des Zornes -- weshalb auch Rache? weshalb Zorn? -- wenn sich Mr. Osborne
+Vorwürfe über irgend etwas Geschehenes zu machen hätte, so bedauere er
+das, aber er selber thue es nicht -- Mr. Osborne müsse das mit sich
+selber ausmachen.
+
+Mr. Osborne vertheidigte sich freilich mit Eifer auch selbst gegen eine
+solche Vermuthung, und sprach sich rein von jeder wissentlichen Sünde,
+aber Bruder Rowe antwortete ihm stets nur durch ein frommes Verdrehen
+der Augen und Achselzucken, und war freundlicher als je gegen ihn; aber
+nichtsdestoweniger schickte er im Geheimen Pfeil auf Pfeil ab gegen den
+alten Mann, und verkümmerte und trübte diesem das Leben dermaßen, daß
+er keiner einzigen Stunde mehr froh und sein Beruf, der ihm bis dahin
+eine Lust und Freude gewesen, ihm zur schweren traurigen Last wurde. Und
+dennoch gab er sich demselben jetzt mit um so größerem Eifer hin; er
+fühlte daß die gute Sache gerade jetzt am nöthigsten einer Hand bedürfe,
+die es wirklich gut mit ihr meine, und der es nicht blos um Sieg und
+Herrschaft der Einzelnen, sondern wirklich um das Glück der Eingeborenen
+zu thun wäre, Fleiß und Zeit daran zu opfern.
+
+Die Art aber, wie er dabei seiner Ueberzeugung folgte, mußte ihm mehr
+und mehr Gegner unter den Missionairen in's Leben rufen, deren ganze
+Energie, mit nur wenigen Ausnahmen, einem anderen Systeme zustrebte.
+Diese wütheten förmlich gegen die »papistischen Gräuel« wie sie es
+nannten, und die »heidnische Wirthschaft« die plötzlich den Sieg auf
+diesen Inseln errungen, während sie selbst schon seit Jahren dagegen
+gepredigt und alle ihre Macht, wenn auch vergebens, aufgeboten hatten,
+die fremden Priester _einer anderen Religion_ fern zu halten. Von den
+Kanzeln nieder donnerten sie mit allen nur möglichen und unmöglichen
+Bibelcitaten gegen die »Unterdrücker des Körpers und der Seele« die
+Franzosen an, die ihnen mit ihren Kriegsschiffen die fremde Sekte
+aufgezwungen; warnten vor dem Antichrist, der jetzt unter ihnen
+herumgehe wie ein brüllender Löwe, zu suchen welchen er verschlinge, und
+prophezeihten die Wiedereinführung der Götzen und Schlachtopfer, der
+Kindesmorde und Glaubenskriege. Starrer als je beharrten sie dabei auf
+ihren Dogmen und Artikeln; auch die kleinsten Vergehen gegen ihre
+eingeführten Gebräuche und Ceremonien _ihrer_ Kirche, ja selbst die als
+heidnisch ausgeschrienen oft selbst unschuldigen Vergnügungen der
+Insulaner, wurden zum Verbrechen, und mit _eiserner_ Hand wollten sie
+die Schaar der Gläubigen, die ihnen noch unverführt und treu anhing, von
+dem Abgrund zurückhalten, der gierig ihre Seelen zu verschlingen drohte.
+
+Der alte ehrwürdige Mr. Osborne glaubte dem Ziel auf eine andere Art und
+Weise entgegenarbeiten zu müssen, und sein gutes Herz zwang ihn schon
+dazu. Er konnte, trotz allen Bemühungen ja Drohungen seiner Collegen,
+nicht dahin gebracht werden die andere Lehre zu _verdammen_, denn mit
+Recht behauptete er, daß gerade dadurch den Insulanern auch jede
+Möglichkeit benommen worden sei zwischen den beiden zu prüfen, wenn von
+beiden Seiten zu gleicher Zeit Fluch und Verdammung gegen sie
+ausgesprochen wurde. Er zeigte ihnen auch nicht den strengen ernsten und
+unversöhnlichen Gott, mit dessen Zorn und Strafgericht die Anderen
+drohten, sondern den milden, liebenden Vater, der auch dem irrenden
+Kinde gern und willig die Hand reiche und den Pfad zeige, mit gutem
+frommen Herzen darauf zu wandeln, und waren sie fröhlich dabei, sangen
+und tanzten sie und schmückten sie ihre Haare mit Blumen, so warnte er
+sie wohl vor dem Misbrauch solcher Freude, aber er schrie nicht gleich
+sein Anathema über sie, und sie hatten ihn deshalb lieb und glaubten
+seinen Worten, weil ihr Sinn einen Anklang in ihren Herzen fand.
+
+Freilich konnte er aber, trotz alledem, dem tollen und unsittlichen
+Treiben nicht wehren, das die Inseln, und vor allen anderen Tahiti,
+erfaßt hatte. Durch die jetzt fortwährend hier anlegenden Kriegsschiffe
+und Wallfischfänger hatte sich die weibliche Bevölkerung, mit einer nur
+sehr geringen Ausnahme, dem Laster rücksichtslos in die Arme geworfen,
+und welchen verderblichen Einfluß mußte das nicht auf die ganze
+Bevölkerung der Insel ausüben. Nur die unendliche Gutmüthigkeit und
+Harmlosigkeit dieser Stämme hielt sie dabei vor einem zügellosen
+Ausbruch _aller_ Leidenschaften zurück, wie es, unter gleichen
+Umständen, in jedem anderen Land der Welt nicht hätte ausbleiben können,
+und es läßt sich denken welche wunderliche und unnatürliche Stellung die
+Missionaire in solcher Umgebung oft einnehmen mußten.
+
+Hierzu kam noch der, zu jener Zeit gerade so verwickelte _politische_
+Zustand der Inseln, der eben durch den übergroßen Eifer der Missionaire
+herbeigeführt worden, und mit dem ich den Leser, ehe ich meine Erzählung
+wieder aufnehme, jedenfalls erst vertrauter machen muß.
+
+Innere Kämpfe, vorzüglich durch die Ankunft Europäischer Schiffe
+hervorgerufen und genährt, und mit den neu eingeführten Feuerwaffen
+tödtlich gemacht, hatten die Inseln schon vor der Einführung des
+Christenthums oder der Ankunft christlicher Missionaire erschüttert, und
+einen Partheienhaß in's Leben gerufen, der Jahrzehnde wohl unter der
+Asche glimmend lag, aber nur einen Anlaß suchte wieder hervorzubrechen
+und mit erneuter Kraft das wunderschöne Land zu verwüsten. --
+
+Otu der aus einer wunderlichen Ursache den Namen Pomare[H] annahm, wußte
+sich, nachdem der rechtmäßige Königsstamm vertrieben worden, zum
+obersten Häuptling, ja zum ~Arii rahi~ oder König der Inseln
+emporzuschwingen, und es gelang ihm auch, besonders durch die gerade
+damals landenden Europäischen Schiffe unterstützt, sich zu halten und
+seinem Geschlechte Rang und Würde erblich zu machen. Nichtsdestoweniger
+lebten aber noch Häuptlinge des anderen Stammes, und nicht mit Unrecht
+glaubte besonders der Sohn Otus, Pomare ~II.~ eine kräftige Stütze
+seiner Macht in den fremden weißen Männern zu erhalten, deren Religion
+er auch annahm, ohne sich jedoch in seinen Sitten viel nach ihnen zu
+richten -- wie er denn auch in Folge seiner Ausschweifungen
+hauptsächlich starb. -- Ja er ließ sich sogar in höchst unchristliche
+Kriege um sein Götzenbild Oro ein, in Folge dessen eine Revolution
+ausbrach und der König vertrieben, die Mission selber zersprengt wurde.
+Der Verlust seiner Macht wurmte aber den König, und vielleicht fühlend
+daß ihn seine anderen Götter nicht genug geschützt hatten, und von dem
+neuen Gotte größere Protection erhoffend, vielleicht niedergebeugt durch
+manche häusliche Leiden zu gleicher Zeit, denn seine Königin war ihm
+ebenfalls gestorben, warf er das alte Heidenthum jetzt von sich,
+bekehrte sich öffentlich zum Christenthum und führte dies, mit Hülfe des
+Oberpriesters Tati, der die ihm bis dahin anvertrauten Götterbilder
+öffentlich verbrannte, auch auf den übrigen Inseln ein.
+
+Er starb am 30. Nov. 1821 und hinterließ nur einen Sohn von 18 Monaten
+etwa, den aber die Missionaire jetzt in ihrem Sinn und Geist zu erziehen
+hofften, indeß sie, während sie selber das Staatsruder in Händen
+führten, die Regentschaft seiner Tante übertrugen. Aber der junge Prinz
+starb schon 1827 -- die fremde strenge Lebensweise in der ihn die
+Priester hielten, konnte seine überdies schwächliche Natur nicht
+vertragen, und das Volk rief jetzt, nicht ohne den Einfluß seiner
+Lehrer, die die Macht in diesem Königsgeschlechte wahren mußten wenn sie
+nicht fürchten wollten den kaum befestigten Einfluß wieder zu verlieren,
+Aimata die Tochter ihres vorigen Königs und Schwester des
+letztverstorbenen zu seiner Herrscherin aus.
+
+Nur gezwungen fügten sich aber die alten, von dem anderen Königstamm
+abzweigenden Häuptlinge, Tati an ihrer Spitze, denn mit des jungen
+Fürsten Tode bot sich neue Hoffnung ihren noch nie aufgegebenen
+Ansprüchen auf den Thron des Reichs; aber das Christenthum war schon zu
+mächtig geworden im Land, die Missionaire besonders hatten zu großen
+Einfluß gewonnen über die Bewohner und ihre Frauen, und jeder andere
+Anspruch verschwand vor der Krone der jungen schönen Königin[I].
+
+Die englischen Missionaire waren jetzt, so sehr sie sich auch Mühe gaben
+jeden politischen Einfluß, Europa gegenüber, von sich zu weisen, und
+schon seit der Krönung und Salbung des früheren jungen Herrschers, die
+eigentlich regierenden Herren des Landes; sie gaben Gesetze und
+verwalteten, indem sie über die Arbeitskräfte des Volkes geboten, die
+Kassen des Landes. In ihren Händen lag dabei der Haupt-Handel der Insel,
+denn ihre Unterstützung vom Mutterland wurde ihnen natürlich nicht in
+Geld sondern in englischen Waaren, die sie zu tüchtigen Preisen wieder
+verwertheten, übersandt, und es läßt sich denken daß sie eifersüchtig
+darüber wachten, solcher Vortheile nicht so rasch und leicht wieder
+beraubt zu werden.
+
+Eine solche Gefahr drohte ihnen aber im Jahr 1836, wo zwei von den
+Gambier-Inseln abgesandte Katholische Priester, Laval und Caret ziemlich
+heimlich auf Tahiti landeten und dort festen Fuß zu fassen suchten.
+Aber die Protestantischen Missionaire waren auf ihrer Hut und
+beschlossen, der Kraft der von ihnen gepredigten Lehre und der einfachen
+Leichtgläubigkeit ihrer Beichtkinder doch nicht so recht trauend, die
+gefährlichen Fremden unter jeder Bedingung und so rasch als möglich
+wieder zu entfernen.
+
+Die Priester machten indeß der Königin ihre Aufwartung die sie in
+Gegenwart ihrer Missionaire empfing, und ersuchten sie ihnen den
+Aufenthalt zu gestatten, legten auch, als sie den Platz wieder
+verließen, Geschenke für Pomare nieder, die nach einigem Weigern
+angenommen wurden; nichtsdestoweniger wurde ihnen in einer nächsten
+Versammlung, wobei einige der Häuptlinge gegenwärtig waren, und die sie
+in Begleitung des Amerikanischen Consuls, Herrn Mörenhout besuchten, die
+Eröffnung gemacht, daß ihnen der Aufenthalt auf diesen Inseln _nicht_
+gestattet werden könne. Die Katholischen Geistlichen protestirten
+dagegen, aber am nächsten Morgen bekamen sie die ganz unzweideutige
+Weisung der Königin die Insel ohne weiteres wieder zu verlassen, und als
+auch hierauf eine direkte Bitte an die Königin, sie ungehindert hier
+weilen zu lassen, Nichts half, schlossen sie sich in das ihnen von
+Mörenhout gegebene Haus ein, und wichen nur erst der förmlichen Gewalt,
+denn die von den Protestantischen Missionairen abgeschickte Polizei
+kletterte am Haus hinauf, stieg durch das Dach, und _trug_ die Priester,
+die nicht gutwillig gehen wollten, wieder auf ihr Fahrzeug zurück.
+
+Diese That sollte nicht ohne traurige Folgen für die Inseln bleiben,
+denn die religiöse Unduldsamkeit der Missionaire öffnete dem schon
+darauf harrenden Feind die Thore, gab Frankreich einen erwünschten
+Vorwand seinen Handel wie seine Religion dort vor allen Dingen zu
+befestigen, und dann die ganze Insel, als seiner Schiffahrt günstig
+gelegen, zu besetzen. Caret reiste nach Frankreich, dort Genugthuung für
+die erlittene Behandlung zu erbitten, und dem Admiral Du Petit Thouars
+wurde es aufgetragen ein schwaches friedliches Reich zu unterwerfen, das
+bis dahin noch keinem Fremden Uebles gethan, sondern Alle, gleichviel
+von welchem Lande, von welcher Religion in gastlicher Herzlichkeit bei
+sich aufgenommen hatte, bis jene fremden Priester selber einander
+befehdeten und Leid und Unheil über jene schönen Küsten brachten, die
+Gottes Vaterhuld mit Allem ausgeschmückt was groß und herrlich war.
+
+Im August 1838 ankerte die Fregatte Venus auf der Rhede von Papetee, und
+Du Petit Thouars erklärte der Königin Pomare in einem Schreiben, daß er
+gekommen sei für die unwürdige Behandlung mehrer Französischer
+Unterthanen, vorzüglich aber der beiden von hier exilirten Priester
+Caret und Laval Genugthuung zu fordern, und jetzt vor allen Dingen eine
+schriftliche Entschuldigung der Königin, die Summe von 2000 Spanischen
+Dollarn als Entschädigung für die erlittene Unbill der Priester, und die
+Begrüßung der Französischen Flagge mit 21 Kanonenschüssen verlange.
+Widrigenfalls drohten die Mündungen der Geschütze Vernichtung über den
+offen und schutzlos daliegenden Strand.
+
+Die arme Pomare hatte keine Wahl; sie schrieb den Brief, erbat sich das
+Pulver selbst von der Französischen Fregatte zu den verlangten Schüssen,
+und die Missionaire, deren Eigenthum bei einer Kanonade auch am meisten
+bedroht gewesen wäre, collectirten das Geld theils unter sich, theils
+bei anderen Engländern und Amerikanern der Inseln, und befriedigten
+damit den Französischen Admiral.
+
+Aber Du Petit Thouars ging weiter, und nicht bedenkend daß ein schwaches
+Volk dasselbe Recht, wenn auch nicht dieselbe Macht habe, ihm misliebige
+Personen von sich fern zu halten, und vielleicht von einem etwas
+rachsüchtigen Gefühl gegen die allerdings übermüthigen Protestantischen
+Priester geleitet, erzwang er noch außerdem einen Vertrag von den
+Eingeborenen, nach dem allen Franzosen: »was auch immer ihr Gewerbe
+sei« (also auch den Französischen Katholischen Missionairen) das Recht
+zustehen sollte, sich niederzulassen und Handel zu treiben auf allen
+Inseln.
+
+Ein bald nach ihm kommendes Kriegsschiff, die Artemise, Capitain La
+Place ging noch weiter und verlangte und erhielt -- denn wie hätten sich
+ihm die Tahitier widersetzen können -- volle Religionsfreiheit für alle
+Katholiken und einen Bauplatz für eine Katholische Kirche.
+
+Wenn aber auch die Protestantischen Missionaire diese Vorgänge mit
+stillem, freilich deshalb nicht minder heftigem Unmuth dulden mußten,
+gab es doch eine Parthei auf Tahiti, die mit Freuden einen Wechsel in
+den politischen Verhältnissen hereinbrechen sah, den sie bis dahin kaum
+für möglich gehalten. Es waren dies die von den Pomaren ihrer Macht
+beraubten Häuptlinge, die nur mit heimlichem Grimm die Oberherrschaft
+der fremden ihnen feindlich gesinnten Priester gefühlt, und vergebens
+gesucht hatten ihnen entgegen zu arbeiten. Nicht mit Unrecht hofften
+diese, daß die neuen, einer anderen Sekte zugehörigen Priester den
+Einfluß jener stolzen Männer schwächen müßten, und einmal dieser Stütze
+beraubt, und der Thron der Pomaren stand auch nicht so unerschütterlich
+mehr. Noch aber hatten die Englischen Missionaire die Zügel in den
+Händen, und als das Französische Kriegsschiff die Küste wieder
+verlassen, donnerten sie von den Kanzeln mit allem Ingrimm des
+hartnäckigsten Fanatismus gegen die neue Lehre, deren Symbole sie mit
+den früheren heidnischen Uebungen der Insulaner selber verglichen, und
+deren Lehren dem höllischen Abgrund gerade zuführten.
+
+Die Katholische Religion machte nur geringe Fortschritte, die
+Protestantischen Missionaire behaupteten ihre Macht, und wenn auch schon
+des Zweifels Saamen war eingestreut worden in die Herzen der armen
+Insulaner, die mit Entsetzen Feinde ihres Glaubens in demselben Volk
+erstehen sahen, das ihnen den neuen Gott gebracht, dauerte das dem
+heißen ungeduldigen Blut der unruhigen Häuptlinge zu lang, und mit der
+schon fast erstorbenen Hoffnung einstigen Sieges frisch angefacht,
+harrten sie, nicht stark genug ihn selber zu führen, einem frischen
+Schlag wider die Macht ihrer Nebenbuhler sehnsüchtig entgegen.
+
+Einen halben Bundesgenossen, Jemanden wenigstens, der der Französischen
+Sache eng ergeben und den Protestantischen Missionairen nicht besonders
+geneigt war, hatten sie in dem früheren Amerikanischen Consul Mörenhout,
+der dem Pietistischen Wesen der Protestanten theils abhold, anderseits
+auch seinen eigenen Nutzen durch die Oberherrschaft der Franzosen zu
+befördern glaubte, unter deren Schutz oder Protectorat er jetzt die
+Inseln zu bringen suchte.
+
+Ob er seinen Freunden, den unzufriedenen Häuptlingen seine ganzen Pläne
+mittheilte, ist nicht bekannt, aber soviel gewiß, daß im September 1842,
+als die Französische Fregatte Reine Blanche unter dem, vorgeschobener
+Unbilden wegen neue enorme Forderungen stellenden _Admiral_ Du Petit
+Thouars vor Papetee ankerte, die vier Häuptlinge Tati, Raiata, Utami und
+Hitoti mit Mörenhout an Bord gingen, und dort einen Vertrag
+unterzeichneten, in welchem sie den Admiral baten, da sie nicht im
+Stande wären ihr Land jetzt so zu regieren mit anderen mächtigeren
+Regierungen in Frieden zu leben, ihre Inseln unter den Schutz seines
+Königs zu nehmen, der ihnen jedoch, neben der Religionsfreiheit, alle
+übrigen Rechte unbekümmert ließ und garantirte.
+
+Die Einwilligung der Königin, die jeden Augenblick ihrer Entbindung
+entgegensah, wurde unter der Drohung des Französischen Admirals von
+10,000 Dollar Entschädigungssumme für allerdings nur imaginäre Unbill,
+oder volle Besitznahme der Inseln im Namen Sr. Majestät, des Königs von
+Frankreich _erzwungen_ und, selbst die Clausel eingeschlossen, die den
+Protestantischen Missionairen, der neuen Macht gegenüber, völlig die
+Hände band, daß nämlich »irgend ein Mann, der das Tahitische Volk mit
+Wort oder That gegen die Französische Regierung einzunehmen suche,
+verbannt werden solle von den Inseln.«
+
+In dieser Zeit aber war gerade der Mann abwesend von Tahiti, der bis
+dahin den meisten Einfluß als Protestantischer Geistlicher sowohl wie
+mehr irdischer Richter auf die Königin gehabt. Mr. Pritchard war nach
+England gegangen, die Englische Regierung für das kleine Insel-Reich zu
+interessiren und es gegen die wohl vorhergesehenen und gefürchteten
+Uebergriffe Katholischer Priester sowohl wie Französischer Kriegsschiffe
+zu schützen; aber die zurückgebliebenen Missionaire hofften destomehr
+auf diese Hülfe, zu der sie, wie sie glaubten, die neue Ungerechtigkeit
+des Französischen Befehlshabers jetzt nur noch mehr berechtigte, wenn
+nicht dem Englischen Volk auch der letzte Einfluß auf diese Inseln
+entzogen werden sollte.
+
+Kaum hatte deshalb Du Petit Thouars die Inseln wieder verlassen als sie,
+jedes Vertrags ungeachtet, an den sie sich nicht gebunden erklärten, und
+die Königin selber, da er ihr abgezwungen worden, davon entbanden, frei
+und offen in ihren Kirchen das Entsetzliche der Gefahr schilderten, in
+der die Seelen ihrer Beichtkinder schwebten, von dem Antichrist an sich
+gezogen und zerstört zu werden. Der blinde Fanatismus Einzelner trieb
+schon zum Aeußersten, keine Folgen der rückkehrenden Kriegsschiffe
+berechnend, hätten Andere nicht den wilden Eifer gedämmt, einen
+günstigen Zeitpunkt wenigstens zu erwarten den »papistischen Gräueln«
+mit _einem_ gewaltigen Schlag ein Ende zu machen.
+
+So standen die Sachen im Herbst des Jahres 1843, und während die
+Bewohner Tahitis theils Parthei für ihre Missionaire ergriffen, theils
+in kalter Gleichgültigkeit den Streitigkeiten der »beiden weißen Gotte«
+zusahen und ihren Erfolg abwarteten, arbeiteten die Protestanten
+unverdrossen ihrem einen Ziel entgegen, und die unruhigen Häuptlinge
+suchten vergebens den Conflikt zu ihren Gunsten auszubeuten. Die
+Franzosen hatten versprochen ihre Bundesgenossen zu werden, und sie in
+ihren gerechten Ansprüchen zu unterstützen, und jetzt befestigten sie
+nur die eigene Macht auf den Inseln und brachen der fremden Lehre Bahn
+-- was kümmerte die trotzigen Herzen ein neuer Name Gottes.
+
+
+Fußnoten:
+
+[H] Der König schlug einst sein Lager zwischen den Bergen auf, und der
+Platz wo er lag war gerade dem Thau und einer scharfen Zugluft
+ausgesetzt. In der Nacht erkältete er sich und bekam einen Husten,
+wonach Einer seiner Höflinge diese Nacht eine Husten-Nacht (von ~po~
+Nacht und ~mare~ Husten) nannte. Dem König gefiel der Klang des Worts
+vielleicht, vielleicht hatte er eine andere Ursache, kurz er beschloß
+sich von der Zeit an ~Po-mare~ zu nennen, und der Titel ist jetzt, als
+erblich, auf seine Nachkommen übergegangen.
+
+[I] Aimata oder Pomare ~IV.~ ist etwa 1812 geboren und war zuerst an
+einen jungen Häuptling von Tahaa verheirathet, von dem sie sich wieder
+schied und zu ihrem zweiten Gemahl einen anderen jungen Häuptling von
+Huaheine, einer Nachbarinsel, nahm.
+
+
+
+
+Capitel 9.
+
+#Die vier Häuptlinge.#
+
+
+Ein sonniger Himmel spannte sich über die wildzerrissenen aber bis in
+ihre höchsten Kuppen bewaldeten Berge von Tahiti; aus den tiefen Thälern
+stiegen in festen, zusammengedrängten Massen die weißen schwankenden
+Schwaden auf, und wollten sich ausbreiten gegen den mächtigen Feind,
+aber die sengenden Strahlen trieben sie zurück, hinein wieder in
+Schlucht und Bergeshang, und hie und da niedergepreßt auf eine Halde,
+oder hingetrieben von dem neckischen Seewind über den saftigen Anwuchs
+breitblättriger ~Feis~[J], mußten sie sich wohl dicht an den Boden
+schmiegen, unter Laub und Busch, dem einsamen Jäger das wunderliche
+Schauspiel einer Schneelandschaft in den Tropen bietend, so weiß und
+weich lagen sie unter Busch und Strauch und füllten die Thäler aus,
+Inseln bildend aus Kuppe und Kraterhang.
+
+Und die Palmen im Thal unten schüttelten den Thau aus ihren wehenden
+Kronen, und rauschten und flüsterten dem Morgenwind ihren Gruß entgegen;
+aus dem Schatten eines mächtigen Wibaums[K] flötete der Omaomao[L], die
+Tahitische Drossel und der gellende Schrei der Möve, die über dem
+spiegelglatten, crystallhellen Binnenwasser der Riffe nach Beute strich,
+mischte sich darein. Von fern herüber aber donnerte klar und gewaltig
+das Brausen der ewigen Brandung über die Corallenwälle, die in einem
+weiten, nur an sehr wenigen Stellen kaum unterbrochenen Kreis all diese
+Inseln umgeben, als ob sie das freundliche Land schützen wollten gegen
+den wilden ungestümen Andrang der Wogen und ihre zerstörende Macht --
+die Elemente waren freundlicher gegen dies Paradies als die Menschen.
+
+Weit aus nach allen Seiten breitete dabei das blaue Meer, hie und da
+über die Fläche blitzte der Schein eines hellen Segels, und aus der
+Ferne herüber ragten die schroffen pittoresken Kuppen Imeos oder Moreas,
+mit dem Palmengürtel, der den Fuß ihrer Berge umschloß, eben sichtbar
+über dem Meeresspiegel. Massen von kleinen schlanken Canoes, den
+Luvbaum[M] an der Seite, der das schwanke Fahrzeug vor dem Umschlagen
+wahren sollte, glitten über das blitzende Binnenwasser, aus den Corallen
+herauf, mit Harpune oder Netz ihr Mahl zu holen, und oft unter der
+stürzenden Brandung hin, der kochenden Woge wie im Sprung entgehend,
+schoß der schwanke Bau wie ein dunkler Streif durch den schneeigen
+Schaum, und das braune trotzige Gesicht warf sich den Gischt aus dem
+lockigen Haar mit fröhlichem Lachen.
+
+Wie lauschig und versteckt lagen die Hütten der Eingeborenen in jenen
+schattigen Hainen, die das Ufer mit ihrem schwellenden Grün überzogen,
+und aus dem heraus sich die prachtvollen Cocospalmen noch weit über den
+Meeresspiegel beugten, als ob sie ihr Bild wiederfinden wollten in dem
+Crystall da unten. Wie dufteten die Orangen und Citronen, die schneeigen
+Sternblumen und die Mangablüthe so süß; das Bananenblatt zitterte und
+raschelte in dem Zephyr, der sich durch Blum und Blüthe stahl, seine
+Bahn zu suchen, den Klüften der Berge zu, und der stattliche
+Brodfruchtbaum drängte sich mit seinen gefingerten einzelnen Blättern in
+das stattliche Laub der Mape; die Papaya schüttelte ihre Kelche aus auf
+Ananas und Tappo-Tappo[N], die köstlichen Früchte dieser Zone, und tief
+im schattigen Laub versteckt glühten duftende Blüthen, und hoben ihre
+Kelche dem sonnigen Licht entgegen.
+
+Es war ein Paradies das Gottes milde Vaterhand erschaffen, ein Paradies
+von seinem Athem durchweht, und Seiner Werke Herrlichkeit kündend zu
+jeder Stunde -- ein Paradies das nur die Leidenschaft und das trotzige
+Herz des Menschen oft, ach wie oft, so muth- und böswillig verdarb und
+zerstörte und Haß und Schmerz säete, selbst zwischen diese Palmen, und
+den Frieden verjagte, der auf den stillen Matten in heiterer Ruhe
+lagerte. Ehrgeiz und Fanatismus, Sinnlichkeit, Geldgier und sorgloser
+Leichtsinn reichten sich einander die Hand und der Indianer, der
+gastliche Herr dieses Aufenthalts in dem Engel hätten schwelgen können,
+sah in kurzsichtiger Lust wie die fremden Männer Spiel nach Spiel in
+sein Canoe häuften, es schmückten und verzierten und beluden -- bis es
+_sank_.
+
+Sorglose Kinder des Augenblicks, denen Palme und Brodfrucht jeden Tag
+gaben was der Tag begehrte, was kümmerte sie die Zukunft? Der bunte
+Flittertand freute sie, jeder goldenen, blitzenden Masche jubelten sie
+entgegen, und ahneten das Netz nicht, das sich langsam aber sicher
+daraus wob, sie niederzuziehen aus ihrem Himmel.
+
+Aber nicht Alle theilten diese Apathie an den Ereignissen des Tages,
+denen das Volk kaum das Ohr lieh wenn sie geschehen; wie die
+Protestantischen Missionaire um den erschütterten Stamm die Wurzeln
+wieder tiefer senkten und gruben, ihm mehr Festigkeit zu geben bei dem
+nächsten Sturm, so nagte der Ehrgeiz, und andere Leidenschaften
+vielleicht, an den Herzen jener stolzen Häuptlinge, die Königsblut in
+ihren Adern fühlten, und der stille Frieden selbst der sie umgab reizte
+den schlafenden Grimm in ihrer Brust, und wandelte ihnen ihr Paradies zu
+einem Aufenthalt der Qual.
+
+In Papara, dem südwestlichen Theil von Tahiti stand, von mächtigen
+Mapebäumen beschattet, dicht am Uferrand eines kleinen klaren Bergbachs,
+der sprudelnd und silberrein aus den Bergen niedersprang, eine jener
+breitovalen, aus Bambus errichteten und mit den Blättern der Pandanus
+dicht gedeckten Hütten, um die sich der weiche Rasen schloß und der
+Brodfruchtbäume und wehende Palmen das Dach bildeten, den sengenden
+Sonnenstrahl abzuhalten von dem stillen Platz. Ein lauschiges Halbdunkel
+lagerte auf dem nur leise rauschenden, flüsternden Hain, dem die von der
+Brise kaum bewegten Wasser tausend und tausend kleine funkelnde Lichter
+entgegenblitzten.
+
+Aber keine fröhliche Kinderschaar spielte und sprang hier am
+Muschelstrand, oder schaukelte sich an langem, in die Wipfel der Palmen
+geknüpften Bastseil weit und keck hinaus über den korallendrohenden
+Wasserspiegel; kein schlankes Weib mit blumengeschmücktem Haar sammelte
+die Frucht von dem nahen Baum und breitete das reinliche Hibiscusblatt
+zum frischen Mahl. Nur an den Stamm einer Palme gelehnt, die Lenden mit
+dem ~pareu~, noch aus der auf der Insel selbst gefertigten Tapa[O]
+umwunden, deren gelbbraune Falten ihm fast bis zum Knie niederfielen,
+während Bein, Schultern und Leib die zierlichen blauen Linien der alten,
+und durch die Missionaire sonst fast überall verpönten Tättowirungen
+zeigten, lehnte ein Insulaner und schaute still und schweigend, wie in
+tiefem Nachdenken versenkt, auf das weite sonnige tiefblaue Meer hinaus,
+das seinen Strand bespühlte.
+
+Es war eine edle, kräftige Gestalt wie sie da stand unter der Königin
+des Waldes, und das weiche rabenschwarze lockige Haar fiel ihr, ungleich
+der frommen von den Protestantischen Geistlichen eingeführten Sitte es
+kurz abzuschneiden, voll und lang um die Schläfe, bis auf die Schultern
+nieder. Aber keine Blume stak darin oder hinter dem Ohr, noch glänzte
+sonst ein Schmuck an Arm, Hals oder Handgelenk, und die kühnen Züge und
+Arabesken des Tättowirers, alte heidnische Zeichen mit Haifischzähnen in
+unvergehbaren Punkten der Haut eingegraben, lagen fast drohend auf den
+vollgespannten Muskeln und Sehnen der nervigen Glieder.
+
+Da wurden leise aber regelmäßige Schritte im Laube laut -- näher und
+näher kamen sie heran, und eine andere Gestalt erschien unter den
+schattigen Blüthe und Frucht bedeckten Orangen; aber der Sinnende hörte
+die Schritte nicht, seinem Träumen willenlos hingegeben, und der
+Neugekommene stand mit verschränkten Armen wohl mehrere Minuten lang
+schweigend neben ihm, indeß sein Blick in tiefem Ernst und Sinnen auf
+ihm haftete.
+
+Dem Aeußeren nach aber war es eine andere Gestalt, als die des ernsten
+Träumers an der Palme, seine Lenden umschloß, wie bei dem Ersten nur ein
+etwas bunterer Pareu, der Oberkörper stak aber in einem noch bunteren
+Oberhemd, und unter den, mit wohlriechendem Oel gesalbten Locken vor
+leuchteten die eben aufgebrochenen Knospen des Cap-Jasmin, jener
+reizenden lilienartigen Gardenia mit dem vollen Narcissenduft. Die Beine
+waren nackt, und die alten Tättowirungen auch auf ihnen sichtbar, aber
+der Pareu ging tief hinab und verhüllte das meiste davon, bis auf die
+zierlich gezeichneten Palmen, deren Wurzeln auf den Hacken saßen während
+der Stamm am hinteren Theil des Beines schlank und zierlich hinauf lief,
+sich über den Waden mit seinen breiten, federartigen Blattkronen
+auszubreiten. In der Hand trug er einen schlanken langen Bogen und
+einige buntbefiederte Pfeile mit Eisenspitzen (keine Waffen in jener
+Zeit, wo die inneren Kriege aufgehört hatten, und die Insulaner recht
+gut die Nichtigkeit solcher Wehr gegen Feuerwaffen erkannten, sondern
+mehr ein Spielzeug oder besser gesagt ein Uebungsspiel der Vornehmen,
+das besonders der Lieblingszeitvertreib des vorigen Königs gewesen) und
+um den Scheitel zog sich ihm ein wunderlich geflochtener Kranz von
+Gardenien mit den silberweißen Fasern der Arrowroot und kleinen rothen
+Blüthen bunt durchwebt.
+
+»Joranna Tati!« rief er endlich lachend, als er wohl glaubte den
+Sinnenden seinen Betrachtungen lange genug überlassen zu haben, und
+während ein leichtes Lächeln seine schönen Züge überflog -- »Joranna
+Mann, und was hängst Du den Kopf und schaust so still und brütend vor
+Dich hin, als ob Du« -- es zuckte spöttisch um seinen Mund -- »plötzlich
+ein Missionair geworden wärest? Wollen Dich die frommen Väter vielleicht
+nach den Gambier-Inseln senden, ihren »Brüdern in Christo« dort Gleiches
+mit Gleichem zu vergelten, und bereitest Du Dich vor den Neubekehrten da
+drüben zu beweisen, daß man nur des Himmels Seligkeit erndten könne,
+wenn man die Mundwinkel an beiden Seiten herunterhängen lasse, und das
+Weiße der Augen zeige in brünstigem Gebet?« --
+
+Tati, denn der Häuptling war es, schaute rasch und finster auf bei dem
+Gruß, und seine Züge heiterten sich nicht auf, als er den bunten Schmuck
+und Tant erkannte, mit dem sich der Freund behangen.
+
+»Du siehst aus als ob _Du_ zum Tanze gingst mit den Areoïs[P], Paofai,«
+sagte er ernst, ohne den Gruß zu erwiedern, »ein Richter des Landes
+sollte sich das Schicksal desselben zu Herzen nehmen, in so schwerer
+Zeit!«
+
+»Das _Schicksal_?« lachte Paofai, die Locken schüttelnd, daß die Blüthen
+auf seine Schultern niederfielen, »das Schicksal liegt in der Hand jedes
+Einzelnen für sich selbst, und die ihre Nacken dem Joch gutwillig
+neigen, dürfen nachher nicht klagen wenn es sie drückt. Wer, beim Oro,
+heißt die fröhlichen Kinder unserer schönen Inseln sich den Fremden
+beugen und die Knie wund reiben vor einem Gott, der uns bis jetzt nur
+Arbeit und Krankheiten, nur Haß und Feindschaft geschickt hat aus fernem
+Land? -- Ich für mein Theil bin es müde die helle Schattirung einer
+Haut, und Kenntnisse die dem Träger hier, wo er sie nicht gebrauchen
+kann, nur zur Last sind, höher geschätzt zu sehn als das, was unsere
+Väter ehrten. -- Gleisnerische Worte -- Oros Zorn über sie, daß sie zu
+Gift würden in dem Mund ihrer Träger.«
+
+»Und wer ist Schuld als wir selber, daß wir's so lange zu tragen haben?«
+rief Tati sich hoch und stolz emporrichtend, »ruht nicht der Fluch
+unserer Götter auf diesem Lande, seit jene knechtischen Pomare's den
+Scepter führen, ja liegt nicht selbst die junge Königin in der Gewalt
+dieser schleichenden Priester, die sich nur immer die _Diener_ des Herrn
+nennen, und dabei den Fuß selber auf die Nacken der Arii Rahi's[Q]
+dieses Landes zu setzen wagen?«
+
+»Und weißt Du daß sie das Volk wieder zusammenrufen wollen zu neuem
+Unheil?« frug Paofai lauernd.
+
+»Sie wagen es nicht,« sagte Tati verächtlich mit dem Kopfe schüttelnd --
+»sie wagen es nicht, denn ihre Häuser stehn breit und bequem gleich vorn
+am Strand, und die eisernen Kugeln des nächsten Französischen Schiffes
+mähten sie nieder.«
+
+»Aber sie hoffen auf Englands Schutz!« rief Paofai, »und Piritati[R] ist
+dorthin gegangen Hülfe zu holen für sich und die Seinen.«
+
+»Bah, der Weg ist lang,« sagte Tati verächtlich, »und die Engländer
+haben einen großen Mund; sie sind kalt und ohne Herz wie ihr Gott, und
+so geizig, daß sie dem nicht einmal opfern lassen, sondern Cocosöl und
+Perlmutterschalen fortführen auf ihren Schiffen und die Schweine selber
+essen -- Piritati wird kommen und Versprechungen bringen.«
+
+»Aber sie warten nicht _bis_ er kommt!« entgegnete Paofai -- »der tolle
+Uebermuth der Priester, mit dem sie sich so lange eine wirkliche Macht
+vorgelogen haben, bis sie sie selber glauben, läßt sie jede Vorsicht
+vergessen, und um den Augenblick als Heilige und Halbgötter vor dem Volk
+zu stehn, wagen sie ihre Existenz.«
+
+»Sie hätten recht -- die Feranis werden uns auch nimmer den Segen
+bringen,« sagte Tati finster -- »mich reut schon die Hand die ich dabei
+im Spiel gehabt, denn der gierige Wi--Wi scheint Lust an der Beute zu
+bekommen, nach der er schon zweimal die Krallen ausgestreckt. So lange
+noch _ein_ Fremder auf dieser Insel lebt, blüht uns kein Friede und wir
+warfen uns selbst hinaus, als wir den Gleisnern einst den Aufenthalt
+gestatteten, und den Bambus schlugen zu ihren Hütten -- wir hätten ihr
+Grab graben sollen.«
+
+»Ha dort kommt Botschaft von Papetee!« rief Paofai plötzlich, und
+deutete mit dem Arm hinaus in das Binnenwasser der Riffe, über das hin
+ein leichtes Canoe, von zwei Indianern gerudert, mit zwei Anderen im
+Hintertheil desselben, rasch über die klare Fluth herbeischoß. Schon von
+weitem erkannten sie die beiden Häuptlinge Paraita und Utami und Tati
+sagte finster:
+
+»Deren Eile kündet schon vorher des Kommens Grund, und der Feind ist uns
+ins Lager gerückt -- o daß er die Streitaxt mit sich brächte und den
+Speer, und nicht ewig das todte Wort mit Singen und Beten.«
+
+Die beiden Männer erwarteten jetzt schweigend die Ankunft des Canoes,
+das draußen um eine etwas weit auszweigende Corallenspitze bog, und dann
+im geraden Strich auf den Platz zuschnitt auf dem die beiden Häuptlinge
+standen, und dessen helleres Dach sich schon von weitem, als treffliche
+Landmarke, erkennen ließ.
+
+»Ha sieh nur Utamis Gesicht!« rief da Paofai, als beide Führer endlich
+landeten und an's Ufer sprangen -- »der dunkle Zug über der Stirn
+deutet bei ihm nichts Gutes -- es ist wie ich gesagt!«
+
+»Gruß Euch und Frieden -- ~Joranna, Joranna bo-y~!« riefen die beiden
+Männer, als sie den Schattenrand betraten, den die Fruchtbäume und
+Palmen der senkrecht stehenden Sonne abgezwungen.
+
+»Joranna Utami -- Joranna Paraita, und was führt Euch über das Wasser im
+Aoatea, wenn die Sonne über Euerem Scheitel brennt?« frug Paofai,
+während Tati ihnen die Hand entgegenstreckte sie zu begrüßen.
+
+»Fröhliche Botschaft,« lachte Paraita, aber die fest zusammengebissenen
+Zähne und der lauernde Blick mit dem er die Züge seiner Freunde
+beobachtete straften sein Lachen Lügen -- »ein neues Englisches
+Kriegsschiff ist eingelaufen und die Mi-to-na-res schwimmen oben auf;
+der Englische Capitain will ihren Gott schützen, daß ihn der andere
+nicht über den Haufen wirft, wie sie bei uns Taaroa und Oro bei Seite
+geworfen haben, und der morgende Tag schon soll ihren Triumph
+beleuchten. Auf Tati, auf Paofai, ich glaube die Richter sollen vor
+Gericht, denn wir sind _Alle_ aufgefordert zu erscheinen.«
+
+»Und gilt es wirklich dem Vertrag, den wir mit dem Ferani
+abgeschlossen?« frug Tati finster.
+
+»Kein Zweifel,« lautete die Antwort -- »der Königin Boten fliegen heute
+durchs ganze Land -- gestern schon gingen die Canoes nach Morea hinüber
+und uns Beiden wurde selber aufgetragen _Euch_ mit zur Stelle zu
+bringen, genügt Euch das?«
+
+»Und wißt Ihr genau was berathen werden soll?« frug Paofai.
+
+Paraita lachte.
+
+»Es ist ein öffentliches Geheimniß, und das Volk in Papetee spricht von
+nichts Anderem -- sie wollen unseren Vertrag verwerfen und das
+Protectorat Frankreichs von sich weisen.«
+
+»Das Französische Schiff im Hafen wird's nicht leiden,« rief Tati.
+
+»Es liegt ein stärkeres daneben s'ihm zu wehren,« sagte achselzuckend
+Paraita.
+
+»Und was spricht Utami?« frug Tati, dessen Hand ergreifend, »auf welcher
+Seite siehst _Du_ den Segen unseres Landes?«
+
+»Auf keiner,« entgegnete kopfschüttelnd der greise Richter, »auf keiner
+von diesen Beiden. -- Ich hatte gehofft durch einen solchen Schritt, der
+gewissermaßen nur zum Schein unsere Rechte beschränkte und mehr ein
+Freundschaftsbündniß war mit einer stärkeren Macht, jenen ehrgeizigen
+Priestern ein Ziel zu stecken, aber die Feranis schauen mit gierigem
+Auge auf dies Land, und wer weiß ob wir nachher bei dem Tausch
+gewönnen. Jedenfalls liegt das noch Alles in der Zukunft Schooß, und ich
+habe keine Lust einen Arm aufzuheben für Franke oder Missionair -- laß
+sie sich unter einander schlagen.«
+
+»Und Du gehst?«
+
+»Gewiß -- sie sollen nicht sagen können daß Utami ihren Ruf gefürchtet
+habe.«
+
+»Gefürchtet,« wiederholte Paofai verächtlich und spannte wie im Spiel
+den Bogen von dessen Sehne der Pfeil schwirrend abschnellte, und etwa
+vierzig Schritt davon entfernt den schlanken Stamm einer Papaya
+durchbohrte, in deren Holz er zitternd stecken blieb -- »gefürchtet,«
+wiederholte er noch einmal, den Bogen auf die Schulter werfend -- »aber
+es führt uns nicht zum Ziel dieses Kinderspiel -- dem Volk wird wieder
+Sand in die Augen gestreut und so lange gesungen und gebetet, bis es
+ermüdet auseinandergeht, und Alles bleibt beim Alten. Da doch noch
+lieber dem Franzosen unterthan, dessen Sitte und Denkungsart besser zu
+uns paßt, als den schleichenden Frömmlern.«
+
+»Unterthan? -- _keinem_!« rief da Tati trotzig, der indeß mit
+verschränkten Armen und in tiefem Brüten dem Gespräch der Freunde
+gelauscht -- »aber wie dann, wenn wir den Augenblick benutzten, wo die
+Bewohner Tahitis das eine Joch abgeschüttelt und auch das andere von
+uns würfen? -- Was sagst Du, Utami, wenn wir die Fremden stürzten mit
+dem einen Schlag und, wie die Missionaire jene fremden Priester, auf das
+Schiff packten das sie gebracht und sie fortschickten, gleichviel wohin,
+so _sie_ jetzt dem Engländer gäben, sie heimzuführen in ihre Heimath?
+Jetzt, jetzt noch ist es Zeit wieder _ein_ Reich, ein glückliches Reich
+zu gründen in unserem Inselland -- jetzt wo das Volk gesehen welchen
+Fluch ihnen die Fremden gebracht in jeder Art, wird es zu uns stehn mit
+Kraft und Gewalt, und dem _einigen_ Volke können auch selbst die
+Feuerschlünde des Feindes nicht mehr fürchterlich sein.«
+
+Utami schüttelte ernst mit dem Kopf und sagte finster:
+
+»Zu spät -- zu spät! -- ein großer Theil der Unseren hängt dem neuen
+Gotte an, und die Missionaire haben dafür gesorgt daß ihr Wohl von der
+Anbetung jenes nicht getrennt werden konnte -- sie stehen zu fest,
+während die Englischen Schiffe unsere Küsten verwüsten und unsere
+Fruchtbäume niederschmettern würden, ihrem Gotte Seelen zu gewinnen, wie
+sie dann sagten. -- Ich fürchte wir haben uns selber Schaden gethan, als
+wir dem Ferani die Hand boten und bei ihm Hülfe zu finden hofften gegen
+den geistlichen Stolz.«
+
+»Gewalt thut hier Nichts,« stimmte auch Paraita bei -- »wir sind zu
+schwach etwas derartiges zu unternehmen, und wenn wir auch Hand zu Hand
+mit den geschorenen Köpfen[S] fertig würden, ist uns die Europäische
+Macht zu stark. Wir müßten jedenfalls warten bis sich ihre Kriegsschiffe
+entfernt hätten, ein plötzlicher Schlag dann und es würde den Feinden
+schwer werden das zu _rächen_, was sie jetzt mit leichter Mühe
+_verhindern_ können. Aber noch haben wir den Vertreter jener fremden
+Macht unter uns, die uns Schutz und Freiheit versprochen für Glauben und
+Recht; wird der Französische Consul, denn zu solchem ist Mörenhout
+ernannt als ihn die Amerikaner nicht länger anerkannten, wird er es
+dulden, daß man den doch nun einmal von der Königin unterzeichneten
+Contrakt mit Füßen tritt?«
+
+»Wie kann er's hindern?« sagte achselzuckend Paofai. -- »Mit ein paar
+Redensarten ist nichts abgemacht, wenn der Fanatismus erst einmal in
+Schuß, bergab gekommen. Die Missionaire haben da ihre Leute, Aonui,
+Potowai, Terate und wie sie heißen; mit Jehovah auf den Lippen werfen
+die Narren sich blind in's Feuer selbst der Schiffe, und wenn das Volk
+nur schreien und von Freiheit hört, dann brüllt es auch seinen Chor
+hinein, möge die Folge sein wie sie wolle. Ich habe große Lust der
+Versammlung gar nicht beizuwohnen; was kanns helfen?«
+
+»Das sie nachher sagen wir hätten uns gescheut ihnen unter die Augen zu
+treten?« rief Tati rasch. »Nein, keiner darf fehlen von uns, wenn wir
+nicht selber unsere Sache aufgeben wollen in Schimpf und Spott --
+keiner, und dort wird sich uns auch ein Ausweg zeigen das Schwerste
+abzuwenden.«
+
+»Dem stimme ich bei,« sagte Utami ernst -- »unsere Aufgabe ist dem Land
+die Freiheit zu erhalten, die der Fanatismus der einen wie die Gier der
+anderen Seite gleich schwer bedroht, und gebe Gott daß uns das gelingt;
+einer späteren Zeit mag es dann vorbehalten bleiben unsere inneren
+Einrichtungen zu ordnen, von denen Franzosen wie Missionaire nichts
+verstehn. Unser Glück liegt in unserer eigenen Hand -- wir wollen es aus
+keiner fremden. -- So zögern wir denn nun auch nicht länger, kommt mit
+zu meinem Haus, daß wir uns dort mit Speiß und Trank stärken zu der
+Fahrt, und die morgende Sonne grüße uns die ersten auf dem Kampfplatz.«
+
+»Kampf?« lachte Paofai, während er seinen fortgeschossenen Pfeil
+wiederholte, den anderen zu folgen -- »ein schöner Kampf wird es
+werden, der mit Singen anfängt und mit Beten aufhört. -- Ich kenne meine
+Landsleute nicht mehr, daß sie aus dem fröhlichen glücklichen Volk
+solche Kriecher und Heuchler geworden sind. Aber zum Henker mit den
+Grillen -- unsere Palmen müssen sie uns lassen und das stille Wasser
+unserer Riffe, unsere Blumen und Blüthen und unsere Weiber, und den
+Schwarzröcken zum Trotz will ich das Leben jetzt genießen. Himmel und
+Hölle? -- Die Leute können vortreffliche Geschichten erzählen und man
+lacht darüber wenn man sie hört -- tödten sie doch die Zeit« -- und den
+Pfeil aus dem Holz reißend schob er ihn lachend in seinen Köcher zurück,
+und trat, die Locken aus seiner Stirn werfend, zu den Uebrigen in das
+Haus.
+
+
+Fußnoten:
+
+[J] Wilde Pisang.
+
+[K] Der Wibaum oder die Brasilianische Pflaume (~spondias dulcis~) hat
+mit den stärksten Stamm auf den Inseln -- oft bis 4 und 5 Fuß im
+Durchmesser. Die Rinde ist grau und glatt und er trägt eine förmliche
+Masse großer pflaumenartiger saftiger Früchte von angenehmen Geschmak.
+
+[L] Der Omaomao, die Tahitische Drossel, und der einzige wirkliche
+Singvogel, wenigstens der bedeutendste, der Inseln. Er ist gelb und
+braun gefleckt, und von der Größe einer Drossel, mit der sein Gesang
+auch etwas Aehnliches hat. Von Gestalt ist er etwas schlanker.
+
+[M] Ein, an der einen Seite des Canoes, durch Queerhölzer etwa drei oder
+vier Fuß vom Fahrzeug selber ausgehaltener Baum, eine Art Kufe von
+leichtem Holz, die auf dem Wasser liegt und mitschwimmt, und nur dazu
+dient das leichte schwanke Fahrzeug vor dem Umschlagen zu bewahren.
+
+[N] Mape, Tahitische Kastanie. Die Papaya eine von Brasilien herüber
+gekommene, der Melone ähnliche aber auf einem Baum wachsende Frucht. Der
+Tappo-Tappo der Englische Crêmeapfel.
+
+[O] Das eigenthümliche Gewebe dieser Inseln, das die Frauen aus der
+gegohrenen Rinde verschiedener Bäume, die sie vorher zu fester Masse
+kneten so lange ausschlagen, bis ein dünnes, ziemlich dauerhaftes Zeug
+daraus wird.
+
+[P] Areoïs, die früheren heidnischen Tänzer auf den Inseln, die eine
+gewisse, sogar religiöse aber wüste Sekte bildeten und von Insel zu
+Insel zogen ihre Orgien zu feiern.
+
+[Q] Die ersten und obersten, aus fürstlichem Blut entsprossenen
+Häuptlinge.
+
+[R] In ihrer Aussprache Pritchard.
+
+[S] Die eifrigsten der Missionaire hatten ihren Gläubigen empfohlen die
+Haare kurz am Kopfe abzuschneiden, wahrscheinlich um nicht den sündigen
+Blumenschmuck darin tragen zu können.
+
+
+
+
+Capitel 10.
+
+#Die Versammlung.#
+
+
+Weißer Rauch quoll aus den Schießluken der Englischen Fregatte »Talbot«
+und der rasch folgende donnernde Schlag des Geschützes, der das Echo
+grollend weckte in den Bergen, grüßte das goldene Taggestirn, das eben
+seinen rothglühenden Schein über die östliche, palmenbedeckte Spitze der
+Bai warf, und seine Strahlen sandte über das weite Meer.
+
+Es war ein reizendes Bild das sich dem Blick entrollte, und Athem und
+Leben gewann mit dem ersten Licht; im Hintergrund die wildzerrissenen
+Kuppen des Gebirgs mit der dunklen kühn eingerissenen Schlucht --
+auseinandergebrochen als die Grundvesten der Berge einst in ihrem
+inneren Mark erbebten, und rechts und links das niedere palmenbedeckte
+Land ausschießend, als ob es die sonnige spiegelglatte Bai umspannen
+wolle mit liebendem Arm, während an dem Ufer hin die weißen niederen
+Gebäude dicht hineingeschmiegt standen in Palmen- und Orangenhain, mit
+hie und da einem alten mächtigen Banianbaum, der die dunkel glänzenden
+Zweige niederschüttelte, neue Wurzeln dem Erdreich um sich her
+abzugewinnen. Vorn schäumte und spielte die Fluth an dem hellen
+Corallensand, und den vorderen, von Banane und Palme eingeschlossenen
+Rand, in dem die stillen Wohnungen der Menschen so dicht versteckt wie
+Perlen in einer halbgeöffneten Muschel lagen, bildete ein dichter Wald
+von Brodfrucht und Orangen und buntblüthigen Akazien und breitblättrigen
+Hibiscus Tiliaceus mit den großen malvenähnlichen Blumen.
+
+Und nicht öde und weit lag das Meer, dem wunderschönen Lande gegenüber;
+nein, hinter dem licht funkelnden Wasserspiegel, den nur hie und da ein
+ruhig vor seinem Anker reitendes Schiff, oder das rasche Canoe mit dem
+blitzenden Streifen hinter sich unterbrach, dehnten sich die weiten
+schäumenden Riffe mit ihren Schneekronen und rollendem Donner, und
+umspannten selbst die kleine Königinsel Motuuta, die wie ein Smaragd,
+von silbernem Band umfaßt, in dem herrlichen Rahmen palmenwiegend lag,
+während hinter ihr, noch neben dem weiten Horizont des Oceans, die
+zackigen kühn gerissenen Kuppen und Spitzen Imeos, wie Nadeln
+emporstarrend oder riesige Kegel, in blauer Ferne lagen, bei klarer Luft
+selbst den Palmengürtel zeigend der sie umschloß.
+
+Still und regungslos lag dabei der Strand, bis zu dem Schuß, mit dem
+zugleich fast sich die Sonne über den Palmenstreifen hob -- nur hie und
+da zeigte sich ein einzelner Indianer der, vielleicht nach seinem Canoe
+schauend, langsam am Ufer auf- und niederging; aber wie mit einem
+Zauberschlag _nach_ dem Schuß, und während das Echo noch in den fernen
+Schluchten dröhnte und grollte, quoll und drängte es sich ordentlich aus
+den Häusern und Hütten vor, in bunter glänzender Tracht, und fröhliches
+Leben brach sich die Bahn in's Freie mit einem Mal.
+
+Es war Tag geworden in Papetee, und ein bedeutungsvoller wichtiger
+Morgen angebrochen für den kleinen Staat; ob zum Heil, ob zum Leid, was
+kümmerte das das fröhliche Inselvolk mit seinem leichten, glücklichen
+Sinn. Wie die sonnige Welle ihrer Binnenwasser trieben sie leicht über
+des Lebens Meer -- ein Sturm rüttelte sie auf, wild und gewaltig, es ist
+wahr, aber mit der Ursache die sie gehoben, _mit_ dem Sturm, legte sich
+auch leicht beruhigt das Element, und ließ in derselben Stunde fast
+schon den Schiffer niederschauen in die cristallreine Tiefe, die offen
+wie ihr Herz da vor ihm lag.
+
+Wie ein Bienenschwarm zog es und drängte es dort eine Weile am Ufer
+herum, beide Geschlechter bunt gemischt durcheinander, und oft klang der
+fröhliche Laut lachender Mädchenstimmen silberrein über das Wasser
+selbst bis zu der Stelle, wo etwas einsam in der Bai, und in der That so
+weit abseits als er eben ankern durfte, ein großer weitbäuchiger,
+entsetzlich schmutziger und wettermitgenommener Wallfischfänger lag. Auf
+seinem Heck stand, etwas geschmacklos, aber vielleicht nicht ohne Grund,
+mit grellrothen Buchstaben im grünen Felde, der Name desselben, _Kitty
+Clover_, und von der Gaffel seines Besahnsegels wehte die Englische
+Flagge.
+
+Auf dem Quarterdeck desselben standen zwei Männer, beide in die
+gewöhnliche Seemannstracht, in blaue Jacken und weiße Hosen gekleidet,
+einen breiträndigen Strohhut mit langem schwarzen Band gerad auf den
+Kopf gesetzt. Der eine von ihnen, der ältere, war der Capitain der Kitty
+Clover, der so wenig den Schotten in seinem ganzen Wesen und Aussehn
+verleugnen konnte, wie der Andere den Iren.
+
+Dieser hatte das fast unvermeidliche rothe Haar seiner Landsleute, aber
+in merkwürdig kleine feste Locken mehr geknotet als gedreht, und auch um
+Kinn und Oberlippe zog sich ihm ein ungeheuer starker, aber eben so
+fest verworrener ineinandergedrehter Bart bis hoch unter die kleinen,
+lichtblauen Augen hinauf, die manchmal, wenn er seinen Kopf dem neben
+ihm Stehenden zuwandte, mit einem eigenen drollen Humor daraus
+vorblitzten.
+
+Noch acht oder zehn Matrosen etwa waren außer den beiden an Deck, und
+zwar mit Waschen desselben beschäftigt, wozu sie die vollen Eimer aus
+der klaren Fluth heraufschwangen, und mit raschgezieltem Wurf den
+breiten Strahl unter die oben befestigten Fässer und langs Deck hin
+sandten.
+
+Der Capitain oder Master des Wallfischfängers, Mac Rally, galt für einen
+vortrefflichen Seemann, aber noch besseren Händler, und das hagere
+scharfgeschnittene Gesicht, die hellblauen unstäten Augen, die eisernen
+Lippen zeigten zugleich Entschlossenheit wie List und Ausdauer.
+
+Die Kitty Clover war erst gestern hierher, angeblich vom Wallfischfang,
+eigentlich aber direkt von Valparaiso kommend, eingelaufen, und hatte
+den Iren gewissermaßen als Passagier, der übrigens auch einen ziemlichen
+Theil spirituöser Getränke als Fracht bei sich führte, mitgebracht.
+Theilweise gehörte von demselben Artikel, außer einer Anzahl von
+Fässern, von denen nicht einmal die Matrosen wußten was sie enthielten,
+auch eine ziemliche Parthie dem Capitain selber, und er zog es deshalb
+vor, den letztverlassenen Hafen nicht als direkt von dort gekommen
+anzugeben, einer vielleicht unangenehmen und zu ängstlichen
+Aufmerksamkeit der Steuerbehörden zu entgehen. Nichtsdestoweniger haben
+diese auf Wallfischfänger ebenfalls ein sehr scharfes und wachsames
+Auge, denn sie wissen recht gut daß solche Fahrzeuge, wenn sie auch
+gerade kein wirkliches Geschäft daraus machen, doch stets eine oft nicht
+unbedeutende Quantität gestatteter oder auch verbotener Waare bei sich
+führen, und was sie eben schmuggeln _können_, nicht gern versteuern.
+
+Die _verbotene_ Landung spirituöser Getränke war übrigens mit ungemeinen
+Schwierigkeiten verbunden, denn auf alle den Inseln hatten die
+Missionaire schon gegen die Einführung des Branntweins die heilsamsten
+Gesetze erlassen, die sie mit großer Strenge aufrecht hielten und
+bewachten; anderseits waren die Indianischen Behörden selber mit solcher
+Maßregel sehr zufrieden, denn die Einführung des bösen Getränks hatte
+nur Elend und Unfrieden, Zank und Blutvergießen in die Stämme gebracht,
+so daß sie gern und willig, was nicht immer der Fall war, ihre weißen
+Lehrer und Gesetzgeber in der Ausführung unterstützten.
+
+Die Franzosen nahmen es noch am leichtesten mit der Einführung von
+Spirituosen, aber nur wenn sie von ihren eigenen Schiffen gelandet
+wurden, denen sie dadurch gewissermaßen ein Monopol zu sichern
+wünschten, aber auch hartnäckig von den Behörden überwacht wurden und
+nicht, ohne öffentlich die einmal bestehenden Gesetze umzustoßen,
+dawiderhandeln durften.
+
+»Und Ihr seid hier bekannt, O'Flannagan,« sagte der Capitain endlich,
+nachdem er wohl eine Viertelstunde lang, ohne ein Wort zu sprechen, das
+Ufer durch sein langes Schiffsglas scharf beobachtet hatte, »und glaubt
+fest daß Ihr die ganze Ladung nach und nach sicher und ohne einen Penny
+Steuer zu zahlen an Land würdet schmuggeln können?«
+
+»Von _glauben_ ist da gar keine Rede, ~Captain dear~,« lachte der Ire,
+»meiner Mutter Sohn kennt hier jeden Zollbreit Boden am Ufer, und was
+mehr ist, jeden Zollbreits Sohn und Tochter, und die Mädchen besonders,
+hahaha liebe Dinger, sind rein auf mich versessen. Die führen nun schon
+einmal in der ganzen Welt das Regiment und die zu Freunden, das andere
+ist Alles Kleinigkeit und Kinderspiel.«
+
+»Aber wenn uns da nur die jetzigen politischen Verhältnisse keinen
+Strich durch die Rechnung machen,« sagte kopfschüttelnd der Schotte.
+»Wie uns der alte Indianer gestern Abend erzählte, so waren die
+Englischen Missionaire wieder die Herren da drüben, so gut wie früher,
+und das will mir nicht so recht einleuchten.«
+
+»Wir wären verloren mit unserem Geschäft wenns anders aussähe;« lachte
+Jim, »zum Teufel wenn die Franzosen das Heft in Händen hätten, dürften
+wir unseren Brandy nur getrost selber trinken, denn die würden eine
+solche Masse ihres eigenen Fabrikats hinüber an Land geworfen haben, daß
+sie die Stadt damit ersäufen könnten. Die Missionaire dagegen können
+höchstens die Strafe auf Einfuhr noch erhöhen, die Einfuhr selber noch
+schwieriger machen; das Alles muß uns aber die Preise nur gerade in die
+Höhe treiben, und -- was wollen wir mehr?«
+
+»Weiter nichts,« schmunzelte der Schotte, das Fernrohr niederlegend und
+sich mit einem höchst vergnügten Gesicht die Hände reibend -- »weiter
+nichts, Jimmy -- höchstens noch etwas baar Geld -- gutes Silber für
+unsere flüssige Waare.«
+
+»Ich fürchte nur Ihr habt mit dem anderen Artikel ein schlechtes
+Geschäft gemacht,« sagte Jim kopfschüttelnd -- »ich glaube wirklich
+nicht, daß es hier je zu einem solchen Ausbruch von Feindseligkeiten
+kommen kann, die Eingeborenen zu veranlassen wirklich Geld für einen
+solchen Artikel auszulegen; -- ja wenn es Brandy wäre.«
+
+»Nun, ich gehe da ziemlich sicher,« schmunzelte der Schotte, »denn ein
+Theil der Waffen ist feste Bestellung -- von Jemandem aber den ich nicht
+nennen darf -- und verkauf ich das andere nicht _hier_, so weiß ich daß
+ich auf den Fidschi- und Navigators-Inseln einen vortrefflichen Markt
+dafür finde.«
+
+»Ja, aber, das ist ein kitzliches Geschäft,« meinte Jim, sich mit dem
+Zeigefinger der rechten Hand durch das Halstuch fahrend -- »die
+Engländer und Franzosen haben über derartigen Handel ihre eigenen
+Ansichten, und es geht bei einer solchen Geschichte immer gleich an die
+Raanocke[T]. Interessant ist so ein Geschäft wohl schon, aber --
+verdammt gefährlich, und der Nutzen doch eigentlich nicht im Verhältniß
+zum Risiko.«
+
+»Nun, das käme auf die Person an,« sagte, mit einem etwas zweideutigen
+Seitenblick auf den Iren, der jetzt aufmerksam durch das Glas nach der
+Insel hinüberschaute, der Capitain. Jim verstand aber die etwas
+malitiöse Anspielung und sagte lachend, ohne jedoch aufzusehen:
+
+»Ich bin gerade so kitzlich am Halse wie der beste Priester, Capitain,
+und jeder paßt auf sein Bischen Leben so gut er kann, ob's nun eben der
+Mühe werth ist, oder nicht.«
+
+»Nein, Jimmy, so war's gar nicht gemeint,« rief Mac Rally rasch und
+etwas verlegen.
+
+»Bitte, geniren Sie sich nicht,« lachte Jim, »thun Sie als ob Sie zu
+Hause wären, ~Captain dear~ -- »aber dahinten kommen die Canoes,«
+unterbrach er sich plötzlich, den rechten Arm, ohne das Auge vom Glas zu
+nehmen, gegen Point Venus hinüberstreckend. Dorthin wurde auch eben,
+gerade die Spitze passirend, eine kleine Flotte Indianischer Fahrzeuge
+sichtbar. »Bei Jäsus, Mr. Mac,« fuhr er aber lebendiger werdend fort,
+als er sich den Inhalt der kleinen schlanken Fahrzeuge etwas genauer
+betrachtet -- »heute geht die Geschichte los da drüben, heute bekommen
+wir was zu sehen, und je eher wir hinüberfahren, denk' ich, desto besser
+ist's, denn einen besseren Abend unser Ausschiffen zu beginnen, werden
+wir auch nicht so leicht finden. Kein Teufel paßt heut' auf die aus- und
+eingehenden Boote, und solche Zeit muß man benutzen.«
+
+Der Capitain hatte das Glas wieder genommen und einen Augenblick
+durchgesehen, dann aber sich wieder aufrichtend und es zusammenschiebend
+sagte er, mit einem halbversteckten Lächeln in den selten aus ihrer Lage
+gebrachten fast wie ehernen Zügen:
+
+»Ihr habt recht Jim, da hinten schwimmen die Haupt-Schauspieler der
+heutigen Komödie -- drei Canoes voll Schwarzröcke, Gott weiß wo sie alle
+herkommen. Die Feierlichkeit wird nun wohl auch bald ihren Anfang
+nehmen, und ich glaube je eher wir hinübergehn, desto besser. Ha, bei
+Gott,« unterbrach er sich plötzlich, als er sich zufällig nach den
+Kriegsschiffen hingewandt hatte und deutete mit dem Arm hinüber -- »dort
+geht die Tahitische Nationalflagge!« Und in der That stieg in diesem
+Augenblick die rothe Flagge mit dem weißen Stern auf der Englischen
+Fregatte an der Gaffel des Besahnsegels auf. »Was die Leute doch für
+Streiche machen,« brummte der Alte dabei -- »aber meiner Mutter Sohn
+müßte sich sehr irren, wenn sie nicht heute da drüben Unheil anrichten.«
+
+»Desto besser, ~Captain dear~,« rief Jim, sich vergnügt die Hände
+reibend, »desto besser; s'wär mir ein wahres Gaudium, wenn ich erleben
+könnte daß sich die beiden Erbfeinde, Franzosen und Engländer, wieder
+einmal beim Koller kriegten; s'ist überdies lange genug Frieden gewesen.
+Aber enges Fahrwasser zum Maneuvriren hätten sie hier, und die Corvette
+hielts auch mit der Fregatte nicht lange genug aus, den Spaß interessant
+zu machen.«
+
+»So weit treiben sie's nicht,« sagte kopfschüttelnd der Capitain -- »der
+Franzose ist zu klug sich hier mit einer solchen Fregatte in einen
+wahrhaft verzweifelten Kampf einzulassen. Nein, es kommt jetzt Alles
+darauf an wie das Schiff heißt, das zuerst in den Hafen einsegelt, und
+die guten Leute hier spielen wirklich nur eine Art Paar oder Unpaar, mit
+ihrem ganzen Land zum Einsatz.«
+
+»Bah, der Spaß ist der,« lachte der Ire, »daß die, die den Einsatz
+stellen, nicht einmal mitspielen -- die aber die Nichts zu verlieren
+haben, die Missionaire, trumpfen aus.«
+
+»S'ist Zeit daß wir hinüberfahren,« sagte Mac Rally -- »he da vorn --
+~damn it~ Ihr Burschen, Ihr schwemmt ja heute das Deck, als ob Ihr die
+Nägel herausweichen wolltet; mein Boot nieder, und viere von Euch
+hinein. Und Du Bob,« wandte er sich an einen der Leute, den Zimmermann,
+der eine gewisse Autorität an Bord ausübte wenn die Officiere an Land
+waren, »passe mir ein Bischen auf, und wenn es am Ufer Skandal geben und
+Einer von unseren bärbeißigen Nachbarn vielleicht geneigt sein sollte
+die Zähne zu zeigen -- Du kennst ja das Zeichen -- so auf mit Euerem
+Anker, und seht zu daß Ihr außer Schußlinie kommt, denn wir brauchen
+unsere Hölzer nothwendiger. -- Aber bis dahin bin ich auch auf jeden
+Fall wieder zurück.«
+
+»Und soll die Flagge wehen bleiben, Capitain?« frug der mit Bob
+angeredete.
+
+Mac Rally stand schon auf der Schanzkleidung, und war eben im Begriff in
+das Boot hinabzusteigen. Er blieb stehn, und schaute einen Augenblick
+wie unschlüssig nach dem bunten, flatternden Tuch hinauf.
+
+»S'wär patriotischer,« sagte er endlich, die Augenbrauen hoch
+hinaufgezogen, »aber politisch ist's nicht. -- Sie können Einem freilich
+Nichts anhaben -- Ach was,« setzte er dann laut hinzu -- »der Wind
+schlägt das Tuch doch nur zu Schanden -- wenn wir an Land sind nimm den
+Lappen herunter!« und mit dieser höchst unehrerbietigen Bemerkung der
+eigenen Nationalflagge sprang er, von dem Iren gefolgt, in sein Boot,
+das sie bald mit kräftigen Ruderschlägen blitzesschnell über das Wasser
+dem gar nicht so fernen Ufer zuführten.
+
+Hier aber wimmelte und schwärmte es indeß von Menschen und den Strand
+hinunter schien der Hauptzug zu gehn, wo auch wirklich an dem
+sogenannten Paré, jenem Theil der Küste wo der Königin Haus stand, der
+für heute bestimmte Versammlungsort des Festes lag, wenn hier überhaupt
+ein Fest gefeiert wurde.
+
+Eine bunte Mädchenschaar drängte sich am Ufer hin und an der Kirche
+vorüber, deren Glocke in einem, oben ausgeschnittenen stämmigen
+Orangenbusch hing. Es waren blühende, liebliche Gestalten, mit tief
+dunklen und doch so schwärmerischen Augen, und zartgeschnittenen,
+rosigen Lippen, oft mit kaum gebräuntem Teint, unter dem das feine
+liebliche Erröthen, wenn es Wangen und Nacken übergoß, so klar wie bei
+der weißen Haut fast hervortrat, und den üppigen Formen einen
+unendlichen Reiz verliehen hätte, wäre der nicht eben durch das sonst so
+lockige jetzt kurz abgeschnittene Haar und das entsetzlichste Modell
+eines Frauenhutes, das je die freie Stirn eines schönen Kindes
+mishandelte, entstellt worden. Es war die _fromme_ Schaar der
+Tahitierinnen, die sich zur Protestantischen Kirche bekannten, und mit
+den alten Vorurtheilen auch ihr Lockenhaar wegwerfen mußten, als falsch
+und sündig. Und weshalb? -- es hatte Blumen getragen einst im
+heidnischen Tanz, und die freundlichen Kinder jenes herrlichen
+Himmelsstriches schmückten es jetzt selbst noch gern mit den knospenden
+Blüthen. Aber fort mit dem irdischen Tant! wer _Gott_ dienen wollte,
+durfte sein Herz nicht an die Erde und ihren Schmuck hängen -- fort mit
+dem Haar das sündige Eitelkeit erweckte und der Verführung den Weg nur
+bahnte zum wankenden Herzen -- fort mit dem duftigen Kranz darin und den
+wehenden Silberfasern der Arrowroot -- einen anständigen _christlichen_
+Hut mit christlicher Form auf dem Kopf, und diesen geschoren darunter,
+und das sündige Herz mußte dann schon selber dem Schopfe folgen.
+
+Wie sie so ehrbar dahin schreiten, die sonst so wilden Mädchen, das Auge
+züchtig gesenkt, die schwere Bibel im Arm und gegen die volle Brust
+gepreßt, in der das Herz so ängstlich klopfend schlägt -- der Hut
+verbirgt die Züge, und das lange faltige Gewand umhüllt fast vollkommen
+die zarten Gestalten, nur den Fuß -- nicht das Schönste an ihnen -- frei
+zur Schau tragend.
+
+»~Waihine -- naha -- naha Maïre~!« rief da eine neckische Stimme dicht
+neben dem Zug, und ein reizendes Mädchengesicht, aber ohne den
+entstellenden Hut, und die vollen blumendurchflochtenen Locken wild um
+die hohe edle Stirn flatternd, bog sich halb über, dem ihm nächsten
+Mädchen unter den schrecklichen Hut zu sehen, und die Züge zu erkennen
+-- »~naha Maïre~.«
+
+Aber die also Angeredete, ob sie es war oder nicht, bog den Kopf nur
+mehr zur Seite. Sie schämte sich doch nicht ihrer frommen Tracht? --
+»~naha Maïre~,« klang wieder und wieder der neckische Ruf -- »bist Du's
+~aiu~[U] oder nicht? -- sieh her Maïre, sieh her und wende Dein
+Köpfchen.«
+
+»Ah -- da nimm das!« rief da plötzlich die fromme Maid, und den Kopf
+herumwerfend nach der Quälerin, deren lachende Augen über zwei Reihen
+prachtvoller Perlzähne blitzten und funkelten, schlug sie mit der linken
+flachen Hand (in der anderen hielt sie die Bibel), ein Zeichen
+gründlicher Verachtung, ihre Lende -- »da nimm das Du böse Ate-ate und
+laß mich zufrieden -- bah über die Schwätzerin.«
+
+»Hahahaha!« klangs aber wie Silberton von den Lippen der Anderen --
+»hahahaha, Maïre, Maïre, armes Kind, armes Kind.«
+
+»Laß sie gehn,« stieß da Maïre eine Nachbarin an, »laß sie gehn es sind
+wilde Dinger und taugen nicht zu uns -- wenn's der Mitonare sieht daß
+wir mit ihnen gesprochen ist er bös.«
+
+»Maïre, Maïre, armes Mädchen!« riefen die Ersteren wieder.
+
+»Bah!« lachte aber die Schöne jetzt, den Hut zurückwerfend, daß die
+funkelnden Augen voll die Gegner trafen -- »albernes Zeug hier, könnt
+Ihr mich nicht zufrieden lassen beim Kirchgang oder beim vollen Zug --
+oder glaubt Ihr daß Ihr's nachher wohl toller treibt als ich?«
+
+»Ah ~maitai maitai~ Maïre,« jubelte da Ate-ate laut auf -- »so lebst Du
+noch unter dem Hut und Dein Herz liegt nicht bei den Locken daheim im
+Bananenblatt?«
+
+»Wenn sie nur so schnell wieder wüchsen wie man sie abschneiden kann,«
+zürnte das schöne Mädchen und warf einen mürrischen mistrauischen Blick
+nach ihrem Schatten hinunter, aber sie sah nur den Hut und schüttelte
+ärgerlich mit dem Kopf.
+
+»Wenn mir die Haare wachsen schneid' ich sie nicht wieder ab,« sagte ein
+anderes Mädchen das neben Maïren ging -- »so lange sie kurz sind bin ich
+fromm, und dann kann einmal eine Andere an die Reihe kommen.«
+
+Drrrrrrrrum -- drum, drum, drum klang der Wirbel und Ton; heller
+fröhlicher Trommelschlag, das National- und Lieblingsinstrument der
+Insulaner, im Takt und Schlag ihres wildesten, aber auch deshalb
+geliebtesten Tanzes.
+
+»Hab' Acht, Maïre,« rief Ate-ate an ihrer Seite hintanzend -- »der
+~Upepehe~:
+
+ Horch!
+ Horch wie der Trommel Klang
+ Hell durch die Palmen drang,
+ Horch!
+ Zuckt mir's durch Fuß und Knie,
+ Zuckt mir's im Herzen hie
+ Horch!«
+
+»Horch!« rief aber Maïre und ihre Augen blitzten und funkelten in einem
+wilden, fröhlichen Feuer, zu dem das dicke Buch unter dem Arm gar nicht
+so recht passen wollte.
+
+ »Horch!
+ Laut wie die Brandung jägt,
+ Gegen die Riffe schlägt,
+ Horch!
+ Wirbelt der Trommel Ton
+ Herzchen ich komme schon
+ Horch!«
+
+Und in den Chor fiel die übrige fromme Schaar jubelnd ein, und mit den
+Büchern im Arm, während die großen Hüte den Wind fingen und auf- und
+niederschlugen, warfen sich die tollen Mädchen, denen die bekannten und
+so leidenschaftlich geliebten Töne viel zu verführerisch in die Ohren
+geklungen hatten ihnen widerstehn zu können, von beiden Seiten in den
+wilden Upepehe-Tanz und sprangen, von den nicht so feierlich geputzten
+jubelnden Schwestern redlich dabei unterstützt, auf und ab in der rasch
+gebildeten Bahn den üppigsten ihrer Tänze aufzuführen, so lange
+wenigstens die verführerische Trommel schlug.
+
+Wie von der Tarantel gestochen schien dabei die Schaar, und selbst die
+Ernstesten unter ihnen, die mit finsterem Blick den ersten Uebergriff
+geschaut und mit scharfem Wort ihn gerügt, schwiegen, sahen sich um nach
+rechts und links -- zögerten noch und -- sprangen mitten hinein in den
+jubelnden Chor.
+
+»_Mi-to-na-re_!«
+
+Wie dem Schwimmenden das Wort _ein Hai_ mit Bleies Schwere in die
+Glieder schlägt, und ihn oft zu seinem Verderben für den ersten
+Augenblick jeder eigenen Willenskraft beraubt, so schlug _das_ Wort in
+die Reihen der Tanzenden.
+
+»_Mitonare_!«
+
+Einen Moment standen sie wie in Stein gehauen, die fröhlichen jubelnden
+Gruppen, nur von den Zügen hatte der Schreck die Fröhlichkeit verwischt,
+und nicht hinaus suchte das Auge wo die Gefahr lag, sondern nur bei dem
+Nachbar wollte es Scherz oder Ernst der Warnung finden; der nächste
+Moment aber schon entschied den Sieg gegen die Trommel -- »Mitonare!«
+und aus dem Tanz heraus zuckte die Schaar der Frommen wieder in den
+früheren stillen und ehrbaren Gang hinein, die Hüte fielen nieder --
+jetzt ein trefflicher Schutz die erregten glühenden Gesichter zu bergen
+vor irgend einem prüfenden Blick, die verschobenen Röcke wurden gerad
+gezupft, und wieder ernst und feierlich wanderte die junge Schaar,
+unschuldige Heuchler mit dem fröhlichen Muth im Herzen und den
+unnatürlichen Ernst starr und kalt draußen herumgelegt, die breite
+Straße entlang dem Paré zu.
+
+Aber nicht nur ein Scherz, den sich irgend ein neckisches Mädchenbild
+vielleicht erdacht die Schwestern fürchten zu machen, war das Wort
+gewesen -- dort oben vor dem Hause des jetzt allerdings verreisten
+früheren Missionairs und jetzigen Englischen Consuls Pritchard (ein
+weites Gebäude mit bequemer luftiger Verandah, Europäischen Thüren,
+Glasfenstern und wohnlicher selbst eleganter innerer Einrichtung) stand
+die fromme Schaar der Missionaire versammelt -- sie _Alle_, nicht ein
+einziger fehlte von Tahiti selber, wie von Imeo, in schwarzem Frack und
+Hosen, weißer Halsbinde und Weste und das unpraktischste Fabrikat das je
+ein Mensch in kaltem oder heißem Klima, in Sonne oder Schnee, in Staub
+oder Regen, bei Wind oder Stille, beim Gehen, Reiten oder Fahren
+getragen, den schwarzen Cylinderhut auf dem Kopf.
+
+»Er hat uns gesehn!« flüsterte Eines der Mädchen dem anderen zu -- »er
+trägt ein kleines langes Stück Metall, das wie ~perú~[V] aussieht, in
+der Tasche, damit kann er von einer Insel nach der anderen hinübersehn.«
+
+»Bah' heute sagt er Nichts,« flüsterte die Andere zurück -- »und zankt
+er mich aus,« setzte sie trotzig hinzu -- »geh ich zu dem anderen
+Priester mit Kreuz und Licht, dort darf ich mir so die Haare wachsen
+lassen und Blumen hineinflechten, und komme doch in den Himmel der
+Weißen.«
+
+»Die breite Pforte bleibt Dir verschlossen, wenn Dir die Mitonares nicht
+den Eingang zeigen,« warnte die Erste wieder.
+
+»Ei was,« lachte die Zweite leise, »dann biegen mir die anderen
+Mitonares den Bambus auseinander -- wenn ich nur hineinkomme.«
+
+Die Mädchen kicherten zusammen unter ihren vorgebeugten Hüten, aber ganz
+leise, und der Zug schritt langsam vorwärts, denn er wuchs mit jedem
+Fußbreit Boden den er gewann, und an dem letzten »Bethaus« hatten sich
+ihm alle »Glieder der Kirche« (~Church members~) in feierlicher
+Procession und von dem Ehrwürdigen Mr. Rowe geführt, angeschlossen.
+
+Ehrwürdige Gestalten selbst, mit ihren braunen Gesichtern und weißen
+Jacken, manche in Hosen, einzelne sogar im Frack und Lendentuch, mit
+Weste und heftig gestärktem Vorhemd, die Beine tättowirt mit allen
+möglichen heidnischen Zeichen, und den Kopf geschoren in christlicher
+Demuth.
+
+Viele davon, ja die meisten, trugen Bücher unter dem Arm, und der stille
+Ernst der in ihren Reihen herrschte, mit der Schaar von
+schwarzgekleideten Männern die jetzt zu ihnen niederstieg und ihrem Zug
+voranging, machte einen eigenen wunderlichen Eindruck auf den Zuschauer.
+
+»Wer wird denn hier eigentlich begraben, Jim?« sagte Mac Rally, als sie
+am Strande hin, in etwa funfzig Stritt Entfernung vom Ufer, den Zug in
+ihrem Boot begleiteten -- »das geht ja merkwürdig feierlich zu bei den
+Leuten -- wenn ich nicht wüßte daß ich in Tahiti wäre, glaubte ich
+wahrhaftig, ich sei aus Versehen irgendwo in Neu-England angelaufen.«
+
+»Hätt' ich die Mädchen mit den schauerlichen Hüten da eben nicht tanzen
+sehn,« lachte der Ire, »so glaubt' ich's auch -- schwarz genug sieht der
+Kopf davorn aus, und dunkel gesprenkelt gehts durch den ganzen Zug; aber
+so ernsthaft werden sie's wohl nicht meinen, und das Ganze läuft doch
+am Ende wieder darauf hinaus, daß sie den Höchsten ersuchen sich der
+Sache, die sie jetzt in die Dinte geritten haben, anzunehmen, und
+nachher eine Collekte für Missionszwecke sammeln.«
+
+Mac Rally schüttelte mit dem Kopf.
+
+»Und ich glaub's nicht -- wäre das Englische Kriegsschiff nicht da, ja,
+aber der Capitain hält zu ihnen, oder will wenigstens nicht zu dem
+Franzmann halten, was ich ihm auch nicht verdenken kann, und da wird sie
+der Böse wohl plagen daß sie irgend einen gescheuten Streich aushecken,
+bei dem ihnen nachher die Insulaner die Kastanien aus der Asche holen
+müssen. Ich kenne meine Leute.«
+
+»Wetter, jetzt wird's Ernst!« rief Jim da, über die Bai hinüberzeigend,
+nach der er den Kopf zufällig gewandt -- »da kommen die Boote Ihrer
+Majestät, mit wehenden Flaggen, die Tahitische vorn am Bug, darüber wird
+sich unser Französischer Nachbar unendlich freuen.«
+
+»So ~back water~, Jim, dort hinein in die Bucht,« rief Mac Rally, »es
+wird Zeit daß wir landen, und uns den Spaß jetzt vom Ufer aus
+betrachten.«
+
+»Ich habe ebenfalls Nichts zwischen den Booten zu suchen, Sirrah,«
+brummte der Ire, und dem Befehl gehorsam schoß das Boot gleich darauf
+einem der einfachen ausgebauten Landungsplätze zu, an dem es Einer der
+Leute befestigte, während sich die beiden Männer in dem Gedräng von
+Menschen verloren, Europäern wie Insulanern, die Alle dem oberen Theil
+der Bai, Paré genannt, wo die Königin ein großes Bambushaus stehen
+hatte, zuströmte.
+
+Die Leute am Ufer konnten aber nur höchst langsam vorrücken, während die
+Boote rasch über die glatte Bai dahin schossen und ihre Bemannung schon
+ihre Plätze eingenommen hatte, ehe der größte Theil der Missionaire, der
+sich dem vollen Zug bei dem letzten Bethaus angeschlossen, mit demselben
+eintraf.
+
+Die Königin Pomare, oder ~Pomare Waihine~ saß, von ihren Frauen
+umstanden, auf der Verandah ihres Hauses, ihren königlichen Gemahl zur
+Seite. Zur Rechten und Linken befanden sich die Englischen Officiere des
+Talbot mit den verschiedenen auf Tahiti anwesenden Consuln Englands,
+Frankreichs und Amerikas und manchen dort ansässigen Fremden, ebenso die
+Missionaire, und den Hof füllend in weitem Kreis standen die
+verschiedenen Häuptlinge des Landes mit der bunten wunderlichen Schaar
+der Eingeborenen, die sich von Civilisation wie Christenthum zum großen
+Theil gerade soviel zugeeignet hatte, als nöthig war ihnen ihre
+Nationalität zu nehmen, ohne ihnen viel anderes dafür zu bieten.
+
+Es ist wahr, das gute Herz und der treue offene Sinn der Insulaner hatte
+Viele den Segnungen unserer schönen Religion leicht zugänglich gemacht,
+und sie mit Freuden die Irrthümer von sich werfen lassen, denen sie
+überdies nicht aus Neigung sondern nur deshalb angehangen, weil es ihnen
+eben so von ihren Vätern überliefert worden; so entsagten sie dem,
+früher zu einem förmlichen Gebrauch gewordenen Kindesmord[W], ehe sie
+selbst begriffen was das Christenthum eigentlich sei, und nahmen dieses
+besonders deshalb an, weil es ihnen als eine Religion der Liebe wie des
+Friedens geschildert wurde, und sie ihrer Kriege und Streitigkeiten
+schon selber herzlich satt waren. Ja, die Priester entsagten sogar auf
+manchen Inseln zuerst dem Heidenthum, wie der hohe Priester Tati, der
+selber seine Götzen verbrannte, weil er einsah daß die Religion der
+Bleichgesichter in ihren Lehren eine gute sei, und das Volk glücklicher
+machen würde, wenn es ihr folge und seinen Misbräuchen, seinen Kämpfen
+entsage.
+
+Wären die Missionaire dabei stehen geblieben, hätten sie diesen noch
+uncivilisirten, aber jedem Guten empfänglichen Stämmen unser
+Christenthum gebracht wie es Christus lehrte, sie wären ein Segen dem
+Lande geworden und in ihrer Hand lag damals das Glück von Millionen,
+denn kein Stamm der Erde trug den Saamen des Edlen und Guten mehr und
+kräftiger in sich als gerade die Bewohner dieser schönen Inseln, aber
+statt dem wirklichen Kern unseres Glaubens brachten sie ihre Dogmen und
+Streitigkeiten, nichtssagende Formeln und Gebräuche, und die nächste
+Zeit schon sollte lehren wie sehr falsch sie gehandelt und wie ihr
+Ehrgeiz und Stolz der _eigenen Gemeinde nur_, nicht dem wirklichen
+Christenthum Anhänger zu gewinnen, das arme Volk das hier zum Opfer
+ausersehen worden, ehe es nur begreifen konnte um was es sich überhaupt
+handele, in die Gräuel eines Religionskrieges verwickelte.
+
+Hätten die Evangelischen Lehrer sich eben an den reinen und herrlichen
+Kern unserer Lehre gehalten, so konnten ihnen eintreffende Sekten keine
+Bekehrte mehr abtrünnig machen; sie brauchten sie nur auf das
+Eigentliche jedes wahren Glaubens zurückzuführen und der Insulaner hätte
+gewußt _weshalb_ er seine Götzen verbrannte. So aber machten sie die
+Formen zur Hauptsache; ein südliches unserer nordischen Kälte, unseren
+starren Fanatismus nicht gewohntes Volk, das schon durch Klima wie Boden
+von Gott selber angewiesen worden ganz anders zu leben und zu denken,
+sollte nicht allein seine Religion ändern (das war möglich und die
+besser Gesinnten bewiesen bald wie leicht es ihnen wurde guten Lehren
+ihr Ohr zu öffnen), nein auch ein anderes Leben beginnen; sie sollten
+vollkommen andere Menschen werden, Worte singen die sie nicht
+verstanden, Tage lang, statt ihrer Tänze und Spiele, ihr Antlitz in den
+Staub werfen und beten, und wo sie bis dahin dem Himmel frisch und
+fröhlich in's Auge geblickt, Allem entsagen fast, was ihnen die Natur in
+ihrem reichsten Uebermaß geboten; mit einem Wort jenen dunklen
+Schwärmern und Kopfhängern gleich werden, die selbst in ihrem nordischen
+Vaterland nur theilweis Anhänger finden konnten, und in Streit und Hader
+leben mit anderen Sekten.
+
+Aber noch waren sie selbst darin nicht fest geworden, ja in Vielen sogar
+schon Zweifel aufgestiegen, ob ihre alten Götter nicht mit ihnen
+zürnten, und der neue keine Macht habe sie zu schützen, denn
+ansteckende Krankheiten wütheten unter ihnen und religiöse wie
+politische Streitigkeiten hatten Familien und Stämme entzweit, bei denen
+nur der harmlose gute Charakter der Insulaner selber oft blutiges Ende
+verhinderte. Da warfen die Franzosen ihre Missionaire herüber, die einen
+anderen Gott, einen anderen Glauben brachten, und während die
+Evangelischen Priester die Neugekommenen als Kinder des Satans und
+Götzenanbeter ausschrieen, verdächtigten die Letzteren ihre, ihnen
+allerdings nicht geneigten Vorgänger, und warnten die armen
+Eingeborenen, denen der Kopf wirbelte bei den neuen Dogmen und
+Gebräuchen, auf dem betretenen Wege fortzugehn -- denn er führe genau zu
+dem Platz den sie bei Wegwerfung ihrer Götzen hätten vermeiden wollen --
+nämlich zur _Hölle_.
+
+Doch fort mit all solchen traurigen Betrachtungen, soweit sie nicht zu
+nahe mit den Personen selber verknüpft sind, mit denen wir es hier zu
+thun haben -- sie thun weh, und man möchte da manchmal mit Keulen drein
+schlagen, die Menschen doch nur -- das wenigste was man von ihnen
+verlangen kann -- vernünftig zu machen.
+
+So vor denn, Du bunte Schaar, und grüße die Majestät, denn vor dem Hause
+flattert im frischen Morgenwind das Tahitische Banner, der einsame
+bleiche Stern im rothen Feld, und alle Fremden grüßen mit abgezogenen
+Hüten des Landes Königin.
+
+Auch die Eingeborenen folgten, auf ein Zeichen ihres Missionairs, diesem
+Gebrauch, die wenigstens, die Hüte hatten -- und begriffen vielleicht
+dabei heut' zum ersten Mal weshalb sie die wunderlichen Dinger
+eigentlich trugen.
+
+Pomare erhob sich, dankte mit freundlichem Nicken und ließ den Blick
+lange und forschend über die Menschenwogen gleiten, die ihren einfachen
+Palast umlagert hielten. Kaum aber zeigte sie sich so dem Volk, das in
+Liebe und Ehrfurcht an ihr hing, da rief ein alter Mann, ein Häuptling
+von Taiarabu, der unfern der Verandah stand:
+
+»Pomare! unsere Königin, ~ia ore na oe~!«[X] und wie der Schlag des
+Geschützes, der das Echo weckte in den Bergen, faßte den Ruf die Menge
+und laut wie der Brandung Donnerton klang das liebende Wort: »~ia ore na
+oe~!«
+
+Pomare wollte reden, sie hob die Hand und öffnete den Mund, aber die
+Stimme versagte ihr -- sie barg die Stirn in der linken Hand und wandte
+den Kopf, ihre Bewegung zu verbergen; da fiel ihr Blick auf die Fremden
+an ihrer Seite, auf die schwarzen Männer Gottes, auf die buntblitzenden
+Uniformen der Seeleute, und gewaltsam raffte sie sich zusammen, nicht
+schwach zu scheinen vor den Fremden.
+
+Ein leiser Wink ihrer Hand rief Raiata, ihren »Sprecher« an ihre Seite
+und wie noch vor wenig Augenblicken ein wildes Meer von Köpfen herüber
+und hinüberwogend mit stürmischen Lauten die Luft erfüllt hatte, legte
+sich der Lärm im Augenblick und wechselte in Todtenstille, daß dumpf und
+dröhnend der fernen Brandung Rollen hörbar wurde über der Schaar, und
+wie ein Segen klang zu dem frommen Wort des Volks.
+
+»Es ist der Königin Wunsch,« klang da die volle klare Stimme Raiatas,
+»daß die Verhandlungen dieses Tages mit Gebet beginnen.«
+
+»Dazu geben wir unsere volle Beistimmung,« nahm da Einer der Missionaire
+rasch das Wort, »und wollen den ehrwürdigen Herren Rowe ersuchen das
+Gebet zu halten.«
+
+Die Königin neigte ihr Haupt und während einer feierlichen Stille, in
+der das Athmen der Menge hörbar war, begann der fromme Mann sein lautes
+Gebet.
+
+»Herr mein Gott, Deine Hand liegt schwer auf diesem Volk, Deines Zornes
+Wucht traf tief und schmerzlich das gebeugte Haupt, und unser Flehen
+steige jetzt auf zu Dir zu Ruhm und Preis, Jehovah, daß Du Dich erbarmen
+mögest unserer Noth.«
+
+»Von über dem Meere her drohete dem friedlichen Strand Gefahr, Deiner
+Kinder frommer Sinn, wie Du ihn gnädig gelegt hast in unsere Hand, wird
+gefährdet durch der Papisten Wort und die eisernen Geschütze unserer
+Feinde, und Deine Hand nur kann uns retten vor Noth und Vernichtung,
+Jehovah!«
+
+»Unsere Feinde sind stark -- ihrer Waffen Macht trägt das Meer, und
+Nichts haben wir ihnen entgegenzusetzen als das fromme Wort -- als
+_Dein_ Wort o Herr, wie Du es uns gegeben in der heiligen Schrift -- o
+Jehovah!« --
+
+»Hier Herr ist ein Volk, ein zahlreiches Volk, auf das kein Strahl
+göttlicher Gerechtigkeit gefallen war in seiner Nacht; das seinen
+mühseligen Weg seit ungekannten Generationen, vielleicht seit dem Beginn
+des Götzendienstes unter Noahs Abkömmlingen in all der Finsterniß, in
+all dem Grausen schrecklichen Wahns seine dunkle Bahn gesucht -- eines
+Wahnes der sich unter verschiedenen Verhältnissen aber sonst immer
+derselbe zeigte, und einen so gewaltigen Theil des menschlichen
+Geschlechts umfaßt, dessen vorragende Züge aber immer den Stempel des
+Fluchs getragen, in »Unreinigkeit und Blut.« -- O Herr -- hier -- hier
+ist ein Volk, bei dem seit frühster ältester Zeit menschliche Opfer
+gebracht wurden -- hier jener fremde Mummenschanz mit Götzenbild und
+Trug ist getrieben, Mummenschanz den die Betenden nicht einmal begriffen
+und nur gemacht den dunklen Geist der Seinen zu verwirren, ohne Trost zu
+bringen, ohne Ruh, und ohne nur das Herz im Entferntesten zu reinigen
+von der Sünde.« --
+
+»In dieser entsetzlichen Zeit ein Schiff, weit weit am Horizont kommt in
+Sicht -- dreitausend Meilen fuhr es über eine Wasserwüste und führt eine
+gewählte Schaar von Passagieren an Bord, die einem festen Ziel
+entgegenziehen -- und was das Ziel? -- Die Nachricht von Gottes
+Vaterhuld zu bringen einer verderbenden Welt, das Heil denen zu bringen,
+die bereuen und glauben und den mit Blindheit geschlagenen Heiden den
+Weg zu zeigen zu Gottes Paradies. Die Herolde, die fröhlichen Muthes
+ausgegangen diese göttliche Proclamation zu verkünden sind unsere Brüder
+-- von der Thür jenes Heiligthums aus begannen sie ihren Weg der Gnade.
+Mit Liebe und Anhänglichkeit an ihr Vaterland, mit Aussicht auf Erwerb
+und Achtung daheim, mit Gesundheit und Freuden und Allem was dies Leben
+wünschenswerth machen konnte, entsagten sie ruhig dem Allen, rechneten
+Alles nur Verlust, wo sie des Vortheils theilhaftig werden konnten den
+Heiland zu predigen diesen, dem Untergang geweihten Inseln.«
+
+»Sie waren auf Gefahr gefaßt, auf Noth und Hunger, auf stürmische See
+und blutgierigen Feind, auf Verfolgung der Götzenpriester und ihren Haß,
+auf blinden Wahn und alle Schrecken blinderen Aberglaubens; und Alles
+Alles haben sie besiegt, mit der Hülfe des Herren Zebaoth da droben und
+seiner Macht, und Jesus Christus seinem eingeborenen Sohn, und dem
+heiligen Geist in all seiner Herrlichkeit und unerschöpflichen Gnade.
+Aber -- nicht gefaßt waren sie auf den Feind im Lager unter den eignen
+Brüdern -- nicht gefaßt darauf daß ein anderes Christliches Reich seine
+Boten des Hasses und Aberglaubens senden würde in dies Inselland, das
+fromme Werk zu stören, zu verderben. Aber sieh, des Herren Hand ist
+stark auch in dem Schwachen, und wie der Widerstand den Gegendruck
+erhöht und stärker macht, so hat sich jetzt das ganze Volk erhoben wie
+_ein_ Mann, zu zeigen daß es Gott verehrt in Seiner Herrlichkeit -- aber
+auch nur in _Seinem_ Wort, und von sich werfen will, was seinem Lande
+wie seinem Geiste Fesseln legen möchte zu Schmerz und Schmach.«
+
+Pomare wandte den Kopf nach dem Redner, und das Blut schoß ihr in vollen
+Strömen in Stirn und Schläfe -- es war als ob sie reden wollte, aber
+nach wenigen Secunden senkte sie wieder die Augen zu Boden und der
+Ehrwürdige Mann fuhr fort.
+
+»Der Antichrist hat sich erhoben unter uns -- nicht frei und offen aber
+trat er auf, dem ehrlichen Feind gegenüber der ehrliche Feind; nein
+schlau und heimlich schlich er herbei mit gleisnerischem Wort und Blick,
+fromme Worte auf den Lippen und Trug im Herzen. Wehe! Wehe über ihn,
+wehe wehe über Euch wenn Ihr ihm lauschtet was er Euch vorerzählt mit
+der Doppelzunge -- der Fluch bliebe nicht aus, und was durch Gottes Hand
+gesäet in den langen Jahren der Trübsal und des Leides, das mähte des
+Teufels Hand nieder in _einer_ schwarzen Stunde.«
+
+»Das Gebet!« flüsterte einer seiner Amtsbrüder, denn die Königin hob
+wieder den Kopf und seufzte auf, wie von innerer Angst beklemmt.
+
+»Ich bin der Herr Dein Gott, Du sollst nicht andere Götter haben neben
+mir« -- fuhr aber der Geistliche in vollem Eifer und hingerissen von dem
+Thema fort -- »nicht buntes Schnitzwerk, bunten Kleides Zier, nicht
+leere Formeln und hohles Wort sind des Christen Schmuck, ein demüthiges
+Herz nur und einfacher Sinn --«
+
+»Das Gebet,« mahnte dringender die Stimme, denn unter dem Volke auch
+wurde jetzt manche Stimme laut, und selbst unter den gegenwärtigen
+Fremden, von denen mehrere der Römischen Kirche angehörten, erhob sich
+ein leises Murren und nur wohl die Gegenwart der Königin hielt eine
+förmliche Einrede zurück. Der ehrwürdige Mr. Rowe hielt einen Augenblick
+ein und schaute mit einem verklärten Blick zum Himmel, dann aber, wie
+von seinen Gefühlen übermannt, sagte er mit gedämpfter, anfangs kaum
+verständlicher, doch wieder wachsender, anschwellender Stimme:
+
+»Dein sei der Preis und die Ehre in der Höhe, Jehovah, Dein sei die
+Herrlichkeit -- schütze unsere Brüder in dieser Inselwelt, schütze das
+ganze Christenthum vor den Versuchen des Pabstthums.«
+
+»Gieße Deinen Heiligen Geist aus von da droben auf alle Evangelische
+Kirchen, und vereinige sie zu Einem lebendigen Glauben.«
+
+»Gieb allen Christen, vorzüglich aber den Pastoren und Evangelisten
+Kraft und Muth Rom zu widerstreben und das glorreiche Reich Jesus
+Christus unseres Herren und Gottes aufzurichten.«
+
+»Zerstöre rasch, bei dem Geist Deines Mundes (2. Thess. 11, 8.) die
+tödtlichen Irrthümer des Pabstthums; brich das Joch, das es auf die
+Nacken so vielen Volkes gedrückt, und führe durch Deinen Rath die
+Seelen, die es von Christus sonst entfernen möchte und die uns werth und
+theuer sein müssen, zur glorreichen Freiheit ein der Kinder Gottes --
+aber --«
+
+»Amen!« fielen in diesem Augenblick die ihm nächsten Brüder laut und
+rasch ein -- und _Amen_ riefen die Umstehenden, _Amen_ hallte es, wie
+dumpfen Donners Ton leise und scheu von den Lippen der Tausende, die das
+kleine Haus umdrängt hielten, und deren Blicke an dem ernsten Mann
+hingen wie er zu _seinem_ Gott sprach für ein fremdes Volk. Die Fremden
+aber, denen die fanatische Predigt schon viel zu lange gedauert, holten
+tief Athem, räusperten sich und flüsterten mit einander -- der
+Geistliche konnte nicht weiter beten.
+
+Pomare bog sich jetzt leise zu ihrem Sprecher über, und Raiata den Arm
+ausstreckend über das Volk, sagte mit seiner lauten, auch zu den
+Entferntesten klar und deutlich dringenden Stimme:
+
+»Ihr Männer von Tahiti und Imeo, Häuptlinge und Volk, und Ihr Fremden
+die Ihr gegenwärtig seid an diesem Tag, und Theil nehmt an unserem
+Schicksal; die Königin Pomare, Aimata, wird zu Euch sprechen und mit
+Euch sprechen über das Eingreifen einer fremden Macht in ihre Rechte,
+das sie, wenn sie es duldete, nicht mehr Königin sein ließ auf dem Thron
+Otu's. -- Erwäget wohl was heute verhandelt wird, es ist eine wichtige
+Sache und kein blinder Eifer dafür oder dagegen sollte die Entscheidung
+lenken, aber redet auch in Frieden und betet zu Gott daß _wenn heute
+doch zornige Worte gesprochen werden sollten, sie mild und weich werden,
+wenn sie in Euer Herz eingehn, und dort nicht Aerger und bösen Geist
+erzeugen_.«
+
+»Segne meine Seele Jim, was die da erst kreuz und queer um den Compaß
+gehn, ehe sie den richtigen Cours kriegen,« sagte unser alter Bekannter,
+Mac Rally, zu seinem Begleiter, mit dem er sich ziemlich dicht zur
+Verandah, an der Seite aber an welcher die Missionaire standen,
+vorgedrängt hatte. Hier befanden sich die beiden auch fast hinter dem
+ganzen weiblichen Theil der Versammlung, der sich ohne frühere
+Verabredung, und eigentlich nur der ersten frommen Abtheilung der
+Mädchen folgend, da zusammengefunden und seinen Platz behauptet hatte.
+
+»Die Sache wird langweilig,« meinte Jim gähnend -- »jetzt werden sie
+gleich an zu singen fangen, und wenn wir nicht hier die hübsche
+Nachbarschaft hätten --«
+
+»Ruhe da! -- Still! -- gebt Frieden!« tönte es von mehren Seiten, und
+Aller Köpfe wandten sich den beiden Seeleuten zu, die dadurch die
+Aufmerksamkeit der Menge weit mehr auf sich gezogen sahen, als sie wohl
+vermuthet. Raiata begann aber in demselben Augenblick wieder, und jetzt
+zwar mit Vorlesen einer langen Rede Pomares in Tahitischer Sprache, in
+der er zuerst ihre Gefühle bei dem jetzigen politischen Stand der Dinge
+beschrieb, bei welchem sie sich selber als verbannt von ihrem Königreich
+betrachten müsse, und das Volk dann aufforderte diesem Zustand durch
+energisches, aber auch einiges Handeln ein Ende zu machen.
+
+Dann wurde ein Brief des Englischen Admirals verlesen, der die
+Theilnahme der Königin von England für die Königin von Tahiti
+ausdrückte[Y] und auf das beifällige Murren der Versammlung wandte sich
+Raiata nun zu den verschiedenen Häuptlingen der nächsten Distrikte, ihre
+Meinung zu hören.
+
+»Fanue sprich Du was Du denkst von der Gestaltung der Dinge im Reich. --
+Der Aelteste bist Du, Pomare frägt Dich, willst Du die Flagge
+beibehalten wie sie ist, oder Dich der neuen Herrschaft beugen?«
+
+Fanue, ein Greis, tättowirt noch aus der Heidenzeit und mit einem
+Tapa-Mantel statt des bunten Kattuns, wie ihn fast alle Anderen trugen,
+stand, auf seinen Stab gestützt, und schien die Anrede, als etwas
+Selbstverständliches schon lange erwartet zu haben. Aber der Ton seiner
+Stimme klang rauh, rauh wie das Wort das er sprach, und das lange weiße
+Haar, das er nicht abgeschnitten hatte wie viele der »gläubigen
+Christen«, zurückwerfend aus der Stirn sagte er finster:
+
+»Raiata hätte sich die Frage sparen können, er weiß wie Fanue denkt und
+gedacht hat seit sie Oros Bildniß auf den Inseln stürzten. Der Fremden
+sind hier zu viel gewesen von vorn herein, und es ist nicht
+wahrscheinlich daß ich ihnen jetzt das Wort reden sollte. Was der Ferani
+dabei für ein Recht hat uns regieren zu wollen? -- dasselbe Recht das
+sich der Hai nimmt, wenn er in unsere Binnenriffe kommt -- nur daß sich
+der Haifisch schämt, wenn er von Menschen dabei erwischt wird, und
+wieder zurückgeht -- und der Ferani _nicht_. Aber es giebt viele Arten
+von Hai's,« setzte er langsamer hinzu und sein Blick schweifte düster
+über _alle_ Weiße -- »eine vorsichtiger -- feiger wie die andere. Fanue
+möchte einen Corallenblock nehmen und die Einfahrt verstopfen -- nachher
+ließe sich leicht reine Bahn machen.«
+
+»Aber Du stehst der Frage keine Rede Fanue,« sagte Raiata ungeduldig,
+»willst Du die _Fahne_ beibehalten?«
+
+»Ich wußte nicht daß das bunte Spielzeug bei Euch die Hauptsache ist,«
+sagte der Greis mürrisch -- »wenn's denn einmal eine sein muß, ist die
+so gut wie jede andere -- weshalb wechseln? aber Otu wußte Nichts von
+solchem Tant.«
+
+»Fanue stimmt also für Beibehaltung der Englischen Flagge,« fiel hier
+Mr. Dennis, Einer der Missionaire von Imeo in das Wort -- »von solchem
+würdigen Mann war das nicht anders zu erwarten.«
+
+»Und Du Aonui?« fuhr Raiata fort.
+
+»Halt ein, Pomare!« rief aber in diesem Augenblick Mr. Mörenhout der
+Französische Consul, der der Verhandlung bis dahin schweigend aber mit
+krauser Stirn gelauscht -- »das überschreitet Euere Macht. Der Vertrag,
+den Du sowohl, wie vier Deiner ersten Häuptlinge unterschrieben, giebt
+Dir nicht mehr das Recht hier zu entscheiden, was schon entschieden
+_ist_. Du bist die Königin dieser Inseln und wirst es bleiben, kannst es
+aber nur unter Frankreichs Schutz, das Dir ein besseres Bündniß bot als
+Deine Priester -- gieb Dich nicht wieder ganz in ihre Macht, Du würdest
+es sicherlich zu spät bereuen.«
+
+»Dir ziemt keine Drohung hier, Consul Mörenhout,« sagte aber Pomare sich
+von ihrem Sitz erhebend -- »ich war freundlich gegen Dein Land gesinnt
+-- es ist ein mächtiges Land und ich streckte dem Könige Deiner Insel
+die Hand entgegen, weil ich glaubte daß er mich sicher führen würde in
+vielem Wirrsal und Leid, das Gott über mich verhängt hat. Aber die Hand
+die mich führen sollte faßte mich so fest an, daß ich laut aufschrie --
+sie that mir weh und ich will allein gehn jetzt auf meiner Bahn.«
+
+»Die Königin hat freie Wahl hier, zu thun und zu lassen was ihr
+gefällt,« nahm jetzt, als der Französische Consul erwiedern wollte, der
+Englische Capitain das Wort -- »_gezwungene_ Versprechen binden nicht,
+und ihrer eigenen Aussage nach _ist_ sie dazu gezwungen, und zwar in
+einem Zustand gezwungen worden[Z], in dem die _Frau_ schon sicher sein
+sollte vor jeder Belästigung von außen her. Die Verhandlung hier
+übrigens, steht unter _meinem_ besonderen Schutz.«
+
+»In dem Fall,« entgegnete der Französische Consul finster, »kann ich
+Nichts thun als gegen Alles feierlich protestiren, was die geschlossenen
+Verträge des Landes, das ich hier zu repräsentiren die Ehre habe,
+verletzt; thun Sie was Sie verantworten können.«
+
+Eine kalte Verbeugung des Engländers antwortete ihm, und Raiata, über
+dessen Züge ein triumphirendes Lächeln flog, wiederholte seine Frage an
+Aonui, einen Häuptling aus Matavai-Bai.
+
+Aonui war ein frommer Christ -- den geschorenen Kopf entblößt, trug er
+seinen Strohhut in den gefalteten Händen, und hatte schon seit der
+ersten Ansprache, und ohne auch nur den Blick auf einen Moment den
+Rednern zuzuwenden, zum Himmel aufgeschaut, dessen klare Bläue nur hie
+und da durch einzelne leichte Wolken unterbrochen und kaum gestört
+wurde. Er trug weiße Hosen und eine weiße Jacke, über die ersteren aber
+nichtsdestoweniger den Pareu und ein buntes roth und gelb gestreiftes
+Hemd, um den Hals eine feste schwarze Binde und kleine steife Stehkragen
+dort hinein geknüpft -- er hatte das bei seinen Lehrern gesehn und
+Freude daran gefunden sich ebenso zu tragen. Bei der zweiten Anrede
+neigte er leise den Kopf, dann aber rief er plötzlich mit lauter und
+freudiger Stimme:
+
+»Jehovah sei Preis in der Höhe, sein die Ehre -- aber Pomare ist unsere
+Königin ~ia ore na oe~, und die Britische Flagge die natürlichste
+unseren Herzen, unserem Glauben.«
+
+»Setz _unseren Interessen_ hinzu Aonui!« unterbrach ihn da Tati, der mit
+Ungeduld die Zeit erwartet zu haben schien, selber reden zu dürfen --
+»setz _unseren Interessen_ hinzu, aber laß das _Herz_ fort. Die
+natürlichste unseren Herzen muß und wird die Landesflagge sein, die
+rothe Fahne mit dem weißen Stern, oder besser noch die weiße
+Kriegesfahne unserer Väter!«
+
+»Aonui redet!« rief aber der Sprecher der Königin, seinen Stab erhebend,
+»Tati wird reden wenn die Königin befiehlt.«
+
+»Tati wird« -- rief der stolze Häuptling wild und trotzig emporzuckend,
+aber er bezwang sich selbst, sogar noch ehe Paraitas Hand warnend seine
+Schulter berührte, und die Arme fest auf der Brust gekreuzt, die
+Unterlippe zwischen die Zähne gebissen, daß das Blut daraus zurückwich,
+blieb er stehn und schaute finster vor sich nieder.
+
+»Friede mein Bruder!« fuhr aber Aonui freundlich und mit ruhiger Stimme
+fort -- »Friede sei zwischen uns immerdar, aber meiner Meinung bleib ich
+treu; die Britische Flagge muß unseren Herzen die theuerste sein, denn
+Groß-Britannien sandte uns die Bibel, und damit, glaub' ich, hab ich
+Alles wohl gesagt. -- Die heilige Schrift ist unter uns, mehr brauchen
+wir nicht!«
+
+»Nein, mehr brauchen wir nicht -- wir haben unsere eigenen Gesetze und
+Lehrer und die Bibel -- das genügt uns -- fort mit der anderen Flagge!«
+fielen jetzt viele andere Stimmen ein, und »das sagt Terate, das sagt
+Avei -- das sagt Nane ini!« rief es von drei verschiedenen Seiten in den
+Lärm.
+
+Die Missionaire schwiegen, aber mit aufgehobenen Händen standen sie da
+und in Bruder Rowes Augen glänzte eine Thräne.
+
+»Gut von Dir Nane ini! gut von Dir Avei und Terate. Ihr habt Eueren
+frommen christlichen Sinn bewährt!« rief aber Raiata und nickte da und
+dort hinüber; »Ihr seid Pomares Freunde, und der Sturm wird Euch nur
+fester in den Boden wurzeln. Jetzt aber spricht die Königin durch mich
+zu Dir, Tati, Häuptling und Richter von Papara, aber Vasall Pomares, der
+freien Königin von Tahiti und Imeo -- und fragt Dich weshalb hast Du
+Hülfe gesucht bei den Feranis ohne Wissen Deiner Königin, ja ohne ihr zu
+künden was Du thatest?«
+
+Tati wollte sprechen, und seine ganze Gestalt zitterte vor innerer
+Aufregung. Er war heute in einen weiten Zeugmantel gehüllt, der in
+malerischen Falten bis über seine Knie hinunterhing, in den Haaren aber
+trug er, wie zum Trotz der anderen Parthei, die alten Häuptlingsfedern
+stolz befestigt.
+
+»Und Tati bleibt die Antwort schuldig?« frug höhnisch der Sprecher.
+
+»_Nein, nein, nein_ und abermals _nein_!« schrie aber jetzt der stolze
+Häuptling, dessen Zorn die Oberhand gewann -- »nur nicht ich brauche zu
+antworten solcher Frage -- dort die Männer an Deiner Seite, die
+schwarzen mit dem frommen Blick mögen Dir Rede stehn, wenn Du so
+neugierig bist.«
+
+»Wir? -- wer? -- wir?« frugen die Missionaire allerdings erstaunt, und
+vielleicht auch bestürzt über den trotzigen Ton des einflußreichen und
+immer noch gefährlichen Mannes.
+
+»Ihr -- und noch einmal sag ich's, _Ihr_!« rief aber, uneingeschüchtert
+der Häuptling, jetzt vortretend und den rechten nackten tättowirten Arm
+gegen sie ausstreckend. »Das unnatürliche Verhältniß,« fuhr er dann
+etwas ruhiger, aber immer noch in aufgeregter Stimmung fort, »das dieses
+Land in seinen Banden hält, trägt jetzt die Schuld unseres Zwiespaltes,
+und wird, Gott sei es geklagt, noch später sogar blutige Früchte tragen.
+Euch verhüllt ein Mantel unter dem Ihr Euch versteckt oder vorkommt, wie
+es Euch paßt, und den Frieden Gottes auf den Lippen könntet Ihr mit
+Euerer Nichts vernichtenden Ruhe, einem Heiligen die Kriegskeule in die
+Hand pressen und den Wurfspeer. Ihr Prediger allein seid es gewesen, die
+unser Land regiert seit sie Pomare den Zweiten in sein kühles Grab
+gelegt. Ihr habt Gesetze aufgeschrieben und durch der Häuptlinge Mund
+wurden sie That; Ihr habt Strafen aufgeschrieben, und durch der
+Häuptlinge Hand wurden sie Wahrheit. Ihr waret es, die uns das Buch
+erklärten, das Ihr die heilige Schrift nennt -- wir kannten es nicht,
+Gott hatte uns im Dunkel gelassen über sein Reich. -- Ihr habt viel
+Gutes gethan, Ihr habt die Väter verhindert daß sie ihre Kinder
+erschlugen, Ihr habt manches Leben gerettet, denn Oros Priester sind von
+diesen Inseln verschwunden, und sie schlachten keine Opfer mehr; aber
+Ihr habt auch das Vertrauen des Volkes zu seinen Fürsten und Häuptlingen
+untergraben, und nennt die Bibel wenn man Euch fragt warum. Ihr habt
+unsere Gebräuche und Feste vernichtet, und die Bibel ist der Grund auf
+den Ihr fußt -- Euere Gesetze und Strafen, fragt man Euch woher? aus der
+Bibel --«
+
+»Aber Tati,« unterbrach ihn hier Aonui mit frommem Blick -- »das ist ja
+--«
+
+»Ruhe dort wenn Tati spricht!« donnerte ihm aber der Häuptling entgegen
+und sein Fuß stampfte den Boden; dann jedoch, nach kurzer Pause, in der
+das Volk athemlos seiner klangvollen Stimme lauschte, fuhr er fort --
+»Das ist gut -- das Buch der Bücher ist ein fester Grund und Ihr
+versteht darauf zu bauen, aber laßt es nicht den Wall sein hinter den
+Ihr springt Euch zu verbergen. Als jene fremden Priester die in unser
+Land gekommen waren, _durch Euch_ verbannt wurden von dieser Insel --«
+
+»Das ist falsch,« unterbrach ihn der Missionair Rowe mit einem frommen
+Blick nach oben und tiefen Seufzer, »das ist falsch, denn Tahitis
+Gesetze sprachen allein ihr Urtheil.«
+
+»Und _wer_ gab die Gesetze, die sie damals trafen?« lachte mit bitterem
+Hohn und trotzigem Zornesblick der Häuptling -- »_Ihr_! -- Wer _deutete_
+sie der Königin gegenüber? Ihr! Wagt es und sagt die Königin ist frei --
+es ist nicht wahr; in Eueren Maschen liegt sie, in Euerem Netze liegt
+das fanatisirte Volk, das nur des Aufrufs bedarf und einen Bibelvers,
+sich blind dahin zu stürzen wohin _Ihr_ es verlangt. Dreht Euere Augen
+zum Himmel -- Gottes Tod -- hier steh ich und der Herr da oben mag mich
+stürzen, wenn ich ein einzig falsches Wort nur spreche, ein einziges
+Wort, das mir nicht warm und wahr in der Seele glüht, und meinen Pulsen
+Fieberhitze giebt. -- Die Gesetze? die Häuptlinge? nicht Ihr? -- wagt es
+und sagt das Euerer Königin in's Gesicht -- sagt das Fanue, Terate und
+Avei -- nicht Ihr? die Häuptlinge, das Volk führen es aus, Ihr aber, mit
+der Bibel in der Hand steht Ihr dahinter, und _Euer_ Ruf ist es --
+heimlich oder laut -- der sie treibt.«
+
+»Nicht als Ankläger, Tati von Papara, sondern als Vorgerufener sollst Du
+Rede stehn Deiner Fürstin!« rief aber jetzt Raiata, der mit einem leisen
+Anflug von Schadenfreude des Häuptlings Zorn auf Leute hatte ausströmen
+sehn, die ihm bis dahin viel zu mächtig geschienen es auch nur für
+möglich zu halten; aber die Königin winkte und er mußte gehorchen.
+
+»Ei wenn Pomare denn _mit Willen_ blind ist,« rief der Häuptling
+trotzig, »mags drum sein; was kümmerts mich! So nimm denn Deine Antwort:
+Weil wir die Lösung unserer Wirren mit den Feranis denen überlassen
+wollten die sie herbeigeführt -- den Missionairen; von denen aber im
+Stich gelassen, denn sie leugneten bei dem Fortschicken der Römischen
+Priester auch nur im mindesten betheiligt gewesen zu sein, und von dem
+Franken bedrängt, ja in ihm selber vielleicht einst eine Stütze sehend
+in schwererer Zeit gegen solche _heimliche_ Feinde, schrieb ich meinen
+Namen unter das Papier -- bist Du zufrieden nun?«
+
+»Und Du Utami?«
+
+»Tati hat den Grund genannt,« entgegnete der allgemein geliebte Richter,
+und einzelne Stimmen des Beifalls wurden schüchtern laut.
+
+Und Paraita? und Hitoti?
+
+»Utami und Tati hatten unterschrieben,« nahm hier der vorsichtige
+Paraita das Wort, »wir hielten's nicht der Mühe werth da lang darüber
+nachzudenken; Utami denkt allein für Viele.«
+
+»Und billigt Hitoti ebenfalls diesen Grund?« frug noch einmal der
+Sprecher.
+
+»Ich habe nicht nöthig Andere vorzuschieben,« brummte der Häuptling --
+»weil ich es für das Beste des Landes hielt that ich's, und weil mir das
+Volk mehr am Herzen liegt als die Kirche -- es mag ein Fehler sein, aber
+'s ist wahr.«
+
+Da erhob sich Pomare selber, ihr Antlitz von leisem Roth überhaucht, der
+den lieben Zügen einen noch viel höheren Reiz verlieh, und mit der
+Rechten sich auf den Stuhl stützend auf dem sie gesessen, sagte sie
+leise, und doch mit den weichen Tönen bis zu den entferntesten dringend,
+die in laut- und athemloser Spannung ihren Worten horchten.
+
+»Und _wünscht_ Ihr, Häuptlinge meines Landes, die Hülfe, den Schutz der
+Feranis?«
+
+»Nein, nein, beim ewigen Gott! nein!« riefen die Häuptlinge, Tati und
+Hitoti an der Spitze, durcheinander.
+
+»Was brauchen wir den Fremden?« fuhr Tati fort, den weiten Mantel von
+seinem Arm zurückschleudernd, »unsere Bäume sind fruchtreich, unsere
+Quellen süß, und kamen _wir_ zu ihm zuerst, Nahrung zu holen auf der
+Reise, oder er zu uns? Trenne Tatis Hand vom Rumpf wenn sie sich je
+ausstrecken sollte einen Fremden um Hülfe anzurufen -- so lange er sich
+im eignen Lande helfen _darf_.«
+
+»Nein, wir wollen keine Hülfe von Fremden« wiederholte nochmals Hitoti,
+»aber laß dann auch Deine Priester zu dem stehn was sie sind -- die
+Lehrer unserer Kinder, unseres Volkes. Als Richter aber brauchen wir sie
+nicht -- sie kennen unser Land nicht, nicht unsere Sitten, unsere
+Bedürfnisse -- sie kennen nur Gottes Wort -- laß sie das lehren, und wir
+wollen ihnen folgen und sie ehren.«
+
+Die junge Königin winkte, leicht dankend mit der Hand, und Raiata,
+wieder das Wort ergreifend, fuhr fort:
+
+»So melde ich Euch denn, Ihr Häuptlinge und Eingeborene der Insel, Euch
+Fremden und Geistlichen die Ihr Antheil an uns und unserem Lande nehmt,
+daß es der Königin Wunsch und Wille ist mit allen fremden Nationen und
+Fürsten auf freundschaftlichem Fuß zu stehen und zu bleiben; sollte sie
+aber je die Hülfe irgend einer Nation verlangen müssen -- was Gott
+verhüten möge -- _so sei das_ Land kein anderes als Groß-Britannien, und
+stürbe sie, von diesem Lande sollte ihr Erbe und ihres Erben Erbe Schutz
+erbitten, zur spätesten fernsten Generation hinab. Ihr großer
+Bundesgenosse ist England; von dort hat sie ihre Lehrer, ihre
+Civilisation, ihre Gesetze und Religion erhalten, und sie will keinen
+anderen Bundesgenossen als den Briten.«
+
+»England hat uns die Bibel gebracht!« rief ein Theil der Häuptlinge
+durcheinander -- »es hat uns den Heiland kennen gelehrt.«
+
+»Und Krankheiten, die uns das Fleisch von den Knochen faulen machen,«
+knirrschte Tati zwischen den Zähnen -- »meinetwegen verschreibt Euch dem
+Teufel.«
+
+»England ist unser Heil, unser Stolz -- England ist unser Anker in der
+Noth und im Sturm!« rief wieder ein Theil der Oberen, und der Englische
+Capitain neigte sich dankend dem bunten Chor, in Anerkennung dieser
+Freundlichkeit; Tati aber nahm Utamis Arm und wollte ihn fort aus dem
+Gedränge ziehen.
+
+»Warte noch,« sagte Utami, »erst kommt noch ein Gebet von Einem der
+frommen Männer,« und dem schon gegebenen Zeichen gehorchend, beruhigte
+sich wieder das wachsende Toben der Menge, aber Tati schüttelte
+ärgerlich mit dem Kopf und sagte, den Freund mit sich fortziehend:
+
+»So laß sie beten und singen, und meinetwegen -- aber ich will mich
+nicht ärgern über das schwarze Volk; fort, fort mit den albernen und
+quälenden Gedanken, die mir nicht Ruhe noch Frieden lassen. Das Volk ist
+blind, und in tollem Aberglauben, mit dem es sich jetzt gerade so auf
+die ihm unverständlichen Sagen stürzt, wie es früher von den Wundern
+Oros und der anderen Götter träumte, läßt es sich von Jedem die Hände
+binden, der im Stande ist ihm den Schleier über die Augen zu werfen.
+Fort, wieder hinaus in's Freie; die Komödie ist aus und die schwarzen
+Areois haben ihre Sache gut gemacht.«
+
+Und ärgerlich den Mantel um sich her ziehend, ohne den Blick
+zurückzuwerfen, schritt er die Straße entlang die hinein in die Stadt
+führt.
+
+
+Fußnoten:
+
+[T] Die Raanocke an Bord eines Schiffes ist das äußerste Ende der Raaen
+genannten Queerhölzer, an welchen die Segel befestigt sind. Bei
+Executionen an Bord werden die zum Strang Verurtheilten an der Raanocke
+aufgezogen.
+
+[U] Mein Herzchen.
+
+[V] Die Indianer der Südsee nennen das Gold ~perú~.
+
+[W] Das Wort _Kindesmord_ klingt aber hier auch schlimmer wie es in
+Wirklichkeit war, wenigstens fand Alles dabei statt, was sich nur irgend
+zur Milderung eines so entsetzlichen Verbrechens denken läßt. Die Inseln
+waren übervölkert (ein Uebelstand dem die Civilisation jetzt vollkommen
+abgeholfen hat) und die Frauen wurden als den Männern in jeder Hinsicht
+untergeordnete Geschöpfe betrachtet, hatten also auch keine Stimme bei
+dem Tödten der Kinder. Alle Berichte, selbst die der Missionaire stimmen
+übrigens darin überein, daß Kinder _nur_ gleich nach der Geburt,
+entweder von dem Vater selber oder einem Anderen, fortgenommen, in eine
+schon dazu bereitete Grube geworfen und mit Erde bedeckt wurden, _ein
+nur eine halbe Stunde altes Kind war vollkommen sicher und wurde nie
+getödtet_.
+
+[X] Mögest Du gerettet werden.
+
+[Y] Das war im Februar, im März wurde aber erst die Besitznahme der
+Inseln durch die Franzosen in England bekannt.
+
+[Z] Pomare erwartete gerade in jener Zeit, als sie Du Petit Thouars um
+ihre Unterschrift bedrängte, jede Stunde ihre Entbindung.
+
+ * * * * *
+
+Druck von _Ferber & Seydel_ in Leipzig
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Die Schreibweise einiger Wörter ist im
+Originalbuch inkonsistent. Im vorliegenden ebook wurden lediglich
+offensichtliche Druck- und Zeichensetzungsfehler korrigiert.
+
+Das Buch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen wurden
+folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: ~Antiquatext~
+Fettdruck: #fetter Text# ]
+
+
+
+[Transcriber's Note: The spelling of some words is inconsistent in the
+original book. Only obvious typos and errors in punctuation have been
+fixed in this ebook.
+
+The book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been replaced
+by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: ~text in Antiqua font~
+Boldface: #bold text# ]
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Tahiti. Erster Band., by Friedrich Gerstäcker
+
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
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+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
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+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+opportunities to fix the problem.
+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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Binary files differ
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@@ -0,0 +1,9727 @@
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+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Tahiti. Erster Band., by Friedrich Gerstäcker
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
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+Title: Tahiti. Erster Band.
+ Roman aus der Südsee
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+Author: Friedrich Gerstäcker
+
+Release Date: January 22, 2007 [EBook #20412]
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+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TAHITI. ERSTER BAND. ***
+
+
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+
+Produced by richyfourtytwo, Holt and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+
+
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+
+
+
+<h1><b>TAHITI.</b></h1>
+
+<p class="center"><span class="g">Roman aus der S&uuml;dsee</span></p>
+
+<p class="center">von</p>
+
+<p class="center"><b>Friedrich Gerst&auml;cker.</b></p>
+
+<p class="center">Zweite unver&auml;nderte Auflage.</p>
+
+<p class="center"><b>ERSTER BAND.</b></p>
+
+<p class="center">Der Verfasser beh&auml;lt sich die Uebersetzung dieses Werkes vor.</p>
+
+<p class="center"><b>Leipzig,</b></p>
+
+<p class="center"><span class="g">Hermann Costenoble.</span></p>
+
+<p class="center">1857.</p>
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<p class="center"><span class="g"><b>Der</b></span></p>
+
+<p class="center"><b>J.&nbsp;G. Cotta&#8217;schen Buchhandlung</b></p>
+
+<p class="center">die es ihm m&ouml;glich machte den langgehegten Wunsch<br />
+einer Reise um die Welt auszuf&uuml;hren,<br />
+bringt diese
+<span class="g">erste Frucht</span> derselben<br />
+<span class="g">in dankbarer Hochachtung</span></p>
+
+<p class="center"><b>der Verfasser.</b></p>
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="Inhalt_des_ersten_Bandes" id="Inhalt_des_ersten_Bandes"></a><b>Inhalt des ersten Bandes.</b></h2>
+
+
+<div class="center">
+<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="">
+<colgroup>
+ <col id="col1" />
+ <col id="col2" />
+ <col id="col3" />
+ <col id="col4" />
+</colgroup>
+<tr><td /><td /><td /><td align="right" style="font-size: smaller">Seite</td></tr>
+<tr><td align="center">Cap. </td><td align="right">1.</td><td align="left">Der Wallfischfänger</td><td align="right">
+ <a href="#Capitel_1">1</a></td></tr>
+<tr><td align="center">"</td><td align="right">2.</td><td align="left">Die Flucht, und welchen Dollmetscher René fand</td><td align="right">
+ <a href="#Capitel_2">19</a></td></tr>
+<tr><td align="center">"</td><td align="right">3.</td><td align="left">Das Mädchen von Atiu</td><td align="right">
+ <a href="#Capitel_3">47</a></td></tr>
+<tr><td align="center">"</td><td align="right">4.</td><td align="left">Der Mi-to-na-re</td><td align="right">
+ <a href="#Capitel_4">69</a></td></tr>
+<tr><td align="center">"</td><td align="right">5.</td><td align="left">Das Geständniß</td><td align="right">
+ <a href="#Capitel_5">124</a></td></tr>
+<tr><td align="center">"</td><td align="right">6.</td><td align="left">Was der ehrwürdige Mr. Rowe dazu sagt</td><td align="right">
+ <a href="#Capitel_6">155</a></td></tr>
+<tr><td align="center">"</td><td align="right">7.</td><td align="left">Der Verrath, und wie sich beide Theile dabei irrten</td><td align="right">
+ <a href="#Capitel_7">180</a></td></tr>
+<tr><td align="center">"</td><td align="right">8.</td><td align="left">Tahiti</td><td align="right">
+ <a href="#Capitel_8">224</a></td></tr>
+<tr><td align="center">"</td><td align="right">9.</td><td align="left">Die vier Häuptlinge</td><td align="right">
+ <a href="#Capitel_9">253</a></td></tr>
+<tr><td align="center">"</td><td align="right">10.</td><td align="left">Die Versammlung</td><td align="right">
+ <a href="#Capitel_10">273</a></td></tr>
+</table></div>
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_1" id="Page_1">[1]</a></span></p>
+<h2><a name="Capitel_1" id="Capitel_1"></a>Capitel 1.</h2>
+
+<h3>Der Wallfischf&auml;nger.</h3>
+
+
+<p>Von einem leichten Ostpassat getrieben, dazu die
+Obersegel fest, ja sogar noch mit einem Reef im
+Kreuzsegel, der vor einigen Abenden hineingenommen,
+und den man sich gar nicht die M&uuml;he gegeben
+hatte wieder auszustechen, kam ein schwerf&auml;lliges,
+schmutzig aussehendes Schiff langsam bei dem Winde
+nach S&uuml;den herunter und n&auml;herte sich einer, in der
+Ferne eben sichtbar werdenden kleinen hohen Insel der
+Cooksgruppe.</p>
+
+<p>Schon die gro&szlig;en fettigen Stellen in den Segeln,
+auf denen die Leute, nach dem Thranauskochen, beim
+Reefen allabendlich gelegen, verriethen den Wallfischf&auml;nger,
+<span class="pagenum"><a name="Page_2" id="Page_2">[2]</a></span>h&auml;tten ihn nicht auch die, an besonderen Krahnen
+zu beiden Borden aufgehangenen und noch auf Querst&uuml;tzen
+&uuml;ber Deck besonders gehaltenen Boote als solchen
+dargethan. Andere Fahrzeuge besuchten auch
+selten diese Gew&auml;sser und selbst die Wallfischf&auml;nger
+nur in diesen Monaten Januar und Februar, ehe sie
+wieder mit einbrechendem Fr&uuml;hling nach Norden aufgingen,
+die eintr&auml;glichere, wenigstens ergiebigere Jagd der
+&raquo;rechten Wallfische&laquo; der der Spermacetis vorzuziehen.</p>
+
+<p>Es war diesmal aber noch ziemlich fr&uuml;h in der
+Jahreszeit und der Delaware, wie der Wallfischf&auml;nger
+getauft worden, hatte im Anfang beabsichtigt
+gerade zu Tahiti anzulaufen; durch den starken Ostpassat
+aber und die klein gef&uuml;hrten Segel, wie mit der
+starken Aequatorialstr&ouml;mung gegen sich zu viel nach Westen
+versetzt, mu&szlig;te er erst wieder nach S&uuml;den hinunter,
+etwas mehr in die Region der ver&auml;nderlichen Winde
+zu kommen, oder auch vielleicht einen der dann und
+wann einsetzenden Westwinde zu benutzen, und beschlo&szlig;
+jetzt nur die erste in Sicht befindliche Insel
+anzulaufen, um einige Erfrischungen und vielleicht
+etwas Holz einzunehmen.</p>
+
+<p>Das Wasser zwischen diesen Inseln ist &uuml;brigens,
+h&auml;ufiger Riffe wegen, den Schiffen oft gef&auml;hrlich, und
+die mit den Localit&auml;ten nicht sehr gut vertrauten Fahrzeuge
+machen, wenn sie in solchen Gruppen nichts zu
+thun haben, lieber einen ziemlich bedeutenden Umweg,<span class="pagenum"><a name="Page_3" id="Page_3">[3]</a></span>
+sie zu umgehen, als da&szlig; sie sich leichtsinniger Weise
+hineinwagen. Mit einem Wallfischf&auml;nger ist das aber
+ganz etwas anderes; er vers&auml;umt, sobald er sich erst
+einmal auf seinem Jagdgrund befindet, keine Zeit
+mehr, denn wenn er segelt, hat er die M&ouml;glichkeit
+eben so auf seiner Seite, da&szlig; er von Fischen weg,
+als ihnen gerade entgegenl&auml;uft, und wenn er still
+liegt, kann er eben so gut eine ganze &raquo;<span class="smcap">school</span>&laquo; vers&auml;umen,
+die vielleicht dort vor&uuml;bergeht wo er h&auml;tte
+sein k&ouml;nnen, als die auf ihn zukommenden gerade wie
+auf der Lauer abfangen. Das Ganze ist Gl&uuml;ckssache
+und dem Pirschen auf Rothwild in einem fremden
+Walde nicht un&auml;hnlich. Kommen diese Wallfischf&auml;nger
+also an solche Stellen, so suchen sie, ehe es dunkel
+wird, hinter irgend eine kleinere Insel oder Riffbank
+zu laufen, wo sie entweder Ankergrund oder
+Raum zum Kreuzen haben, und treiben dort die Nacht
+herum, bis ihnen die aufsteigende Sonne wieder ihre
+Bahn beleuchtet.</p>
+
+<p>Gerade mit Sonnenuntergang war denn auch der
+Delaware, bis westlich von Atiu, einer nicht ganz unbedeutenden
+Insel, gekommen, und der Capitain w&auml;re
+gern die Nacht vor Anker gegangen, die Stellen aber,
+die er untersuchte waren &uuml;berall, bis fast dicht an
+die sch&auml;umenden Riffb&auml;nke, so tief, da&szlig; er sich nicht
+der Gefahr aussetzen mochte, so nahe unter dem b&ouml;s<span class="pagenum"><a name="Page_4" id="Page_4">[4]</a></span>artigen
+Ufer vielleicht einmal von einem der hier oft
+sehr rasch eintretenden Westst&uuml;rme &uuml;berrascht zu werden.
+Er lie&szlig; also die Segel dicht reefen und kreuzte,
+(eben nicht zum Vergn&uuml;gen der Mannschaft, die sechs
+bis acht Mal in der Nacht mit dem Schiff herum
+mu&szlig;te) in Lee der Insel auf und nieder.</p>
+
+<p>Capitain Lewis k&uuml;mmerte sich &uuml;brigens den Henker
+darum, ob er seinen Leuten damit einen Gefallen
+that oder nicht &mdash; er und sie standen, wie man&#8217;s am
+Lande nennen w&uuml;rde &mdash; &raquo;auf Hofton&laquo; mit einander &mdash; d.&nbsp;h.
+er sprach, seit sie das letzte Mal auf den
+Sandwichsinseln gewesen, wo es zu einigen Auftritten
+gekommen war, nur h&ouml;chst h&ouml;flich mit ihnen und
+nannte sie, wenn er sie zu einer Arbeit im Einzelnen
+aufforderte, gew&ouml;hnlich Mister, und <span class="smcap">if you <span class="g">please</span></span>,
+mit starker Betonung des letzten Wortes, aber mit
+einem Blick dabei, der deutlich genug sagte: &raquo;Wenn
+Du nicht <span class="g">springst</span>, Canaille, zu thun was ich Dir
+sage, so la&szlig; ich Dich bei den Beinen aufh&auml;ngen.&laquo;</p>
+
+<p>Er, zum Dank daf&uuml;r, hie&szlig; bei den Leuten, statt
+wie sonst die Capitaine gew&ouml;hnlich &raquo;den Alten&laquo; (<span class="smcap">the
+old man</span>) zu nennen, &raquo;<span class="smcap">the old devil</span>&laquo; (der alte
+Teufel); und wu&szlig;te das auch recht gut, ja es schien
+ihm ordentlich Spa&szlig; zu machen da&szlig; er so genannt
+wurde, und er hatte seiner Mannschaft schon mehr<span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">[5]</a></span>mals
+versichert, er wolle sich bem&uuml;hen, seinem Namen
+keine Schande zu machen; welches Versprechen er auch
+bis jetzt, so weit es in seinen Kr&auml;ften stand, redlich
+gehalten.</p>
+
+<p>Die Mannschaft eines Schiffes ist in solchen F&auml;llen
+&uuml;bel d&#8217;ran &mdash; widersetzt sie sich, so ist es <span class="g">Meuterei</span>,
+und sie wird darnach bestraft, m&ouml;gen die Leute
+recht gehabt haben oder nicht, und halten sie, auf der
+anderen Seite aus bis zum Letzten, und verklagen
+nachher den Capitain, so ist Zehn gegen Eins zu
+wetten, da&szlig; dieser dennoch Recht bekommt. In sehr
+vielen F&auml;llen hat er&#8217;s aber auch, und es giebt wohl
+auf keinen Fahrzeugen der Welt, Kriegsschiffe vielleicht
+ausgenommen, toller zusammen gew&uuml;rfeltes
+Volk, als auf diesen Wallfischf&auml;ngern. Ein ordentlicher
+Matrose geht selten oder nie darauf, es ist meist
+lauter aufgelesenes Ufervolk, die faul genug sind ihre
+eigene Arbeit bei Seite zu werfen, und Romantik genug
+im Kopfe haben, sich von einem &raquo;Wallfischzug&laquo;
+ein ganz besonderes Vergn&uuml;gen und au&szlig;erdem einen
+bedeutenden Nutzen zu versprechen. Die guten Leute
+sehen dann gew&ouml;hnlich immer etwas zu sp&auml;t ein, da&szlig;
+sie sich in der ersten Erwartung jedesmal, und nur
+zu h&auml;ufig auch in der anderen get&auml;uscht haben, und
+sie sind dann eben <span class="g">ein</span>mal und nicht wieder Wallfischf&auml;nger
+gewesen, so da&szlig; fast jedes neu ausgehende<span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">[6]</a></span>
+Schiff, die Offiziere ausgenommen, auch eine durchaus
+neue Besatzung hat.</p>
+
+<p>Schuster und Schneider, besonders die letzteren,
+sieht man sehr h&auml;ufig dabei, Tischler und Maurer,
+Schmiede und B&ouml;ttcher, Gerber und Cigarrenmacher
+&mdash; Alles wird Wallfischf&auml;nger und der Capitain eines
+solchen Fahrzeugs, der von dem Rheder, sobald
+er eine volle Besatzung hat und die Jahreszeit gekommen
+ist, in See hinaus geschickt wird, hat dann
+oft, wie sich nicht leugnen l&auml;&szlig;t, eine entsetzliche Zeit
+dies Volk, von dem er vorher wei&szlig; da&szlig; es doch nur
+<span class="g">eine</span> Reise bei ihm aush&auml;lt &mdash; ja schon an den n&auml;chsten
+Pl&auml;tzen wo er anlegt fortl&auml;uft, wenn er ihnen
+nur Gelegenheit dazu g&auml;be, so weit einzurichten, da&szlig;
+sie wenigstens erst einmal verstehen lernen was sie
+nur &uuml;berhaupt zu thun haben. Dies sie nachher wirklich
+thun zu machen hat dann schon weniger Schwierigkeiten.
+Kommen nun ordentliche ruhige Menschen
+manchmal zwischen diese hinein &mdash; d.&nbsp;h. die Mannschaft,
+denn die Offiziere, vom Bootsteurer aufw&auml;rts,
+bilden ein ganz besonderes, abgeschlossenes Corps &mdash;
+so f&uuml;hlen sich diese gew&ouml;hnlich h&ouml;chst ungl&uuml;cklich und
+verw&uuml;nschen den Augenblick, wo sie sich von der Romantik
+der Sache beth&ouml;ren lie&szlig;en &mdash; aber leider zu
+sp&auml;t, und die viertehalb Jahr, die eine solche Fahrt
+sehr h&auml;ufig dauert, werden ihnen zur H&ouml;lle.<span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">[7]</a></span></p>
+
+<p>Doch zur&uuml;ck an Bord unseres Fahrzeugs. Zum
+Ausschauen auf der Back vorn stand ein junger
+Mann, dessen edle, fast sch&ouml;ne Gesichtsz&uuml;ge, wie der
+schlanke schm&auml;chtig gebaute K&ouml;rper wohl passender
+f&uuml;r einen Salon als das Vorcastle eines Wallfischf&auml;ngers
+geschienen h&auml;tten. Das volle braune Haar
+quoll ihm in dichten Massen unter der breiten schottischen,
+dunkelblauen M&uuml;tze vor, und seine reinliche
+Kleidung selber unterschied ihn auff&auml;llig von der &uuml;brigen,
+besonders in diesem Punkt h&ouml;chst nachl&auml;ssigen
+Schaar. Es war ein junger Franzose aus sehr guter
+Familie, der sich in Boston mehr einer tollen Laune
+oder ziellosen Reiselust zu Liebe, als aus irgend einer
+andern Ursache hatte verleiten lassen, an Bord des
+Delaware eine Reise nach der S&uuml;dsee mitzumachen,
+und der jetzt still und br&uuml;tend nach dem nahen Lande
+hin&uuml;berschaute, das mit dem dunkeln Schatten seiner
+Palmen in tr&auml;umerischer Ruhe vor ihm lag.</p>
+
+<p>&raquo;Nun Ren&eacute;, so in Gedanken?&laquo; sagte pl&ouml;tzlich,
+dicht neben ihm, eine freundliche Stimme und eine
+Hand ber&uuml;hrte leise seine Schulter &mdash; &raquo;an was denkst
+Du?&laquo;</p>
+
+<p>Der Angeredete fuhr erst wie erschreckt aus seinem
+Nachdenken empor und schaute sich um, als er aber
+den Sprechenden erkannte, sagte er rasch und fast erfreut:<span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[8]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Es ist mir lieb, Adolph, da&szlig; du gerade in diesem
+Augenblick zu mir kommst, ich bin eben mit meinem
+Entschlu&szlig; ins Reine gekommen &mdash; ich verlasse
+dies Schiff.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Thorheit,&laquo; sagte Adolph kopfsch&uuml;ttelnd &mdash; &raquo;Du
+kennst die Verh&auml;ltnisse hier nicht, Ren&eacute;. K&auml;mst Du
+wirklich gl&uuml;cklich an Land, so brauchte der Capitain
+nur eine unbedeutende Belohnung auf Deinen Fang
+zu setzen und Du w&uuml;rdest rettungslos ausgeliefert.
+Ich bin schon fr&uuml;her hier gewesen und habe den Fall
+zweimal ausgef&uuml;hrt gesehen. Die Eingebornen sind
+seelensgut, aber wie die Kinder &mdash; ein Spielzeug
+k&ouml;nnte sie zu irgend etwas verf&uuml;hren &mdash; sei es nun
+zum Guten oder zum B&ouml;sen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hab&#8217; ich erst festen Boden unter den F&uuml;&szlig;en, so
+k&ouml;nnten sie mich nur als Leiche wieder zur&uuml;ckschaffen,&laquo;
+murmelte Ren&eacute; mit d&uuml;sterem Blick und fester Entschlossenheit
+zwischen den zusammengebissenen Z&auml;hnen
+durch.</p>
+
+<p>&raquo;Das w&auml;re Thorheit,&laquo; sagte aber sein &auml;lterer
+Freund, ein Landsmann von ihm und jetzt dritter
+Harpunier auf dem Delaware, der mit Ren&eacute; schon in
+Algier gefochten und in Canada gejagt, und damals
+Alles versucht hatte ihm einen so tollen Entschlu&szlig;, wenn
+auch vergebens, auszureden, als gemeiner Matrose
+das Leben eines Wallfischf&auml;ngers zu versuchen. &raquo;Du<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[9]</a></span>
+bist noch jung Ren&eacute; und das Leben steht Dir weit
+und freudig offen &mdash; hier nun einmal in die Klemme
+gerathen, bring Dich deshalb nicht gleich um Alles,
+blos weil es Dir in den Sinn kommt die Suppe,
+die Du Dir selber eingebrockt, nicht ausessen zu wollen.
+Ein, h&ouml;chstens zwei Jahr, und Du bist wieder frei
+wie der Vogel in der Luft, und selbst diese Zeit wird
+Dir dann, so schmerzvoll und entsetzlich sie Dir jetzt auch
+scheint, eine freudige, vielleicht liebere Erinnerung sein,
+als manche froh und gl&uuml;cklich verlebte Stunde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich halt&#8217; es nicht aus, Adolph, ich halt&#8217; es bei
+Gott nicht aus&laquo; sagte Ren&eacute; kopfsch&uuml;ttelnd &mdash; &raquo;hier
+unter dem rohen Volk noch Jahrelang bleiben und
+an Geist und K&ouml;rper zu Grunde gehen &mdash; ich vermag
+es nicht. Du wei&szlig;t dabei, wie nahe ich zweimal
+schon daran war mit dem Capitain selber, der
+fast schlimmer ist als der Schlimmste seiner Leute,
+zusammenzugerathen, und wer sch&uuml;tzt mich dann vielleicht
+sogar vor seinen rohen <span class="g">Mi&szlig;handlungen</span>?
+Das Resultat bliebe dasselbe, auch das ertr&uuml;ge ich
+nicht, und lieber will ich mein Leben hier wagen, wo
+mir noch die M&ouml;glichkeit eines Entkommens bleibt,
+als zuletzt gezwungen werden dem Capitain vielleicht
+ein Messer in den Leib zu rennen und &uuml;ber
+Bord zu springen. Nein, Adolph, ich bin fest entschlossen&laquo;
+setzte er leise aber mit ruhiger und &uuml;ber<span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[10]</a></span>zeugter
+Stimme hinzu &mdash; &raquo;die erste Gelegenheit, die
+sich mir bietet an Land zu kommen, und sollt&#8217; ich es
+schwimmend zu suchen haben, benutz ich, und die
+Folgen m&ouml;gen dann sein wie sie wollen &mdash; ich wei&szlig;
+und f&uuml;hle, da&szlig; mir nichts Schlimmeres begegnen
+kann, als was ich jetzt in Seelenqual und innerer
+Unruhe zu leiden habe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hol&#8217;s der Henker&laquo;, sagte Adolph nach kurzem
+Sinnen &mdash; &raquo;wer wei&szlig; ob ichs nicht an Deiner Stelle,
+und mit Deinem jungen Blut in den Adern am Ende
+auch th&auml;te. Aber wie willst Du an Land kommen?
+es ist noch ganz ungewi&szlig; ob der alte Teufel ein
+Boot abschickt Erfrischungen einzunehmen oder nicht,
+&mdash; er traut uns allen mit einander nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Doch&laquo; entgegnete ihm Ren&eacute; &mdash; &raquo;ich habe vorher
+zuf&auml;llig geh&ouml;rt, da&szlig; unser Boot mit dem ersten
+Harpunier morgen mit Tagesanbruch hin&uuml;ber soll,
+etwas Brodfrucht und Cocosn&uuml;sse abzuholen. Die
+Gelegenheit will ich jedenfalls benutzen, noch dazu
+da es uns einen Vorwand giebt, reichliche Kleider mit
+zu nehmen. &mdash; Die Leute haben ja sonst nichts, sich
+Kleinigkeiten von den Eingebornen einzutauschen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und sowie Du im Wald drin bist&laquo; sagte Adolph
+immer noch kopfsch&uuml;ttelnd, &raquo;hetzt der alte Seehund von
+Harpunier Dir die ganze Einwohnerschaar hinterher
+&mdash; wie willst Du ihnen entgehen? &mdash; Ren&eacute;, Ren&eacute; es<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[11]</a></span>
+ist wahr, das Land liegt wohl verlockend genug
+vor uns da, und selbst mir zuckt&#8217;s in den Knochen,
+einmal frei darauf herumzuspatzieren und von diesem
+&mdash; verdammten Marterkasten loszukommen, aber &mdash;
+ich wei&szlig; doch nicht &mdash; hast du einmal das Schiff
+verlaufen und wirst wieder eingefangen, so kommst
+Du nachher erst in eine H&ouml;lle, wenn Du vorher in
+keiner gewesen bist, und wenn ich ganz aufrichtig sein
+soll, so glaub&#8217; ich nicht da&szlig; Du zwei Tage von uns
+bleibst, ehe sie Dich wieder haben &mdash; und die zwei
+Tage &uuml;ber bist Du dann mehr wie ein gehetzter Wolf
+als wie ein Mensch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und es hilft doch Alles Nichts&laquo; l&auml;chelte Ren&eacute;
+tr&uuml;b; &raquo;ich hab&#8217;s mir nun einmal in den Kopf gesetzt,
+und ich f&uuml;hr es auch aus, mag daraus entstehen was
+da will; schlimmer kann&#8217;s nicht werden als es
+schon ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Doch, doch&laquo; sagte Adolph &raquo;es kann noch viel
+viel schlimmer werden, Du hast es noch nicht gesehen,
+wenn es an Bord eines Schiffes einmal <span class="g">recht</span> schlimm
+ist,&laquo; setzte er schaudernd hinzu &mdash; &raquo;und ich verlang&#8217; es
+ebenfalls nie, nie wieder zu erleben. Au&szlig;erdem bist Du
+der Sprache gar nicht m&auml;chtig &mdash; wie willst Du Dich
+den Leuten verst&auml;ndlich machen? Ren&eacute;, es geht in
+der Welt alles nach Eigennutz &mdash; bist Du erst einmal
+&auml;lter, wirst Du das auch selber erfahren &mdash; und die<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[12]</a></span>
+Eingeborenen hier wissen recht gut, da&szlig; sie von einem
+entlaufenen Matrosen nicht viel Gutes und gar keinen
+Nutzen zu gew&auml;rtigen haben, w&auml;hrend ihnen der Capitain
+eine Masse Sachen geben kann, die f&uuml;r sie und
+ihr einfaches Leben f&ouml;rmliche Sch&auml;tze sind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe Geld bei mir&laquo; sagte Ren&eacute; rasch &mdash;
+&raquo;<span class="smcap">Peste</span>, ich brauche des alten Schuftes Blutgeld nicht,
+mir meine Bahn auch im schlimmsten Fall zu <span class="g">erkaufen</span>,
+wenn es denn nicht anders sein kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist schon ein sehr sehr gro&szlig;er Vortheil&laquo;
+l&auml;chelte Adolph, &raquo;und es werden wenig Matrosen
+von Wallfischf&auml;ngern weglaufen, die wirklich einen
+Franc in der Tasche haben, aber der Capitain bleibt
+immer im Vortheil. &mdash; Aexte, Beile, Kattune und
+Schmuck und besonders Spirituosen sind ihnen weit
+lieber als Geld, und &uuml;ber derlei Sachen hast Du
+immer nicht zu verf&uuml;gen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vern&uuml;nftiger Weise magst Du Recht haben,
+Adolph&laquo;, l&auml;chelte aber der junge Mann, auf alle
+diese Argumente &mdash; &raquo;und ich glaube selbst da&szlig; es
+eine Art verzweifelter Schritte ist, auf einer so kleinen
+Insel, wie diese zu sein scheint, zu entlaufen &mdash; die
+M&ouml;glichkeit ist immer eher da, da&szlig; man eingefangen
+wird.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Sag&#8217; lieber die Wahrscheinlichkeit&laquo; unterbrach
+ihn Adolph.<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[13]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Und meinethalben auch die Wahrscheinlichkeit&laquo;
+murmelte Ren&eacute; zwischen den zusammengebissenen Z&auml;hnen
+durch, &raquo;ich habe mir aber noch nie etwas so fest
+vorgenommen gehabt, ohne es durchzuf&uuml;hren, und
+den Versuch will ich machen, oder dar&uuml;ber zu Grunde
+gehen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="smcap">Eh bien</span>&laquo; lachte Adolph, &raquo;sobald Du einmal so
+weit gekommen, ist es nicht n&ouml;thig mehr dar&uuml;ber
+zu sprechen. Meine W&uuml;nsche f&uuml;r Dein Wohl hast
+Du &uuml;brigens, und ich wollte nur, da&szlig; ich Dir in
+irgend etwas dabei n&uuml;tzlich sein k&ouml;nnte; ich sehe nur
+noch nicht wie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer wei&szlig; wie sich das noch Alles machen kann&laquo;
+sagte Ren&eacute; &mdash; &raquo;aber auf dem Quarterdeck werfen sie
+schon wieder die Falle los &mdash; in der Mitternachtswache
+m&ouml;cht&#8217; ich Dir noch etwas sagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="smcap">Ship about</span>&laquo; unterbrach ihn hier der eint&ouml;nige
+Ruf; die Leute traten s&auml;mmtlich an ihre Posten und
+das Schiff wurde &uuml;ber den anderen Bug gelegt, jetzt
+wieder vom Lande abhaltend.</p>
+
+<p>Mit der n&auml;chsten Morgend&auml;mmerung hatten sie
+die K&uuml;ste, und zwar eine kleine Art Bai, die von
+zwei auslaufenden Corallenriffen gebildet wurde, gerade
+vor sich, und der Ruf des ersten Harpuniers
+sammelte die Leute in sein Boot; mehre dort schon
+aufgeschichtete Sachen, Handels- und Tauschartikel<span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[14]</a></span>
+f&uuml;r die Eingebornen, wurden hineingelegt &mdash; das
+Boot schwang frei und auf das Wasser nieder, und
+die Mannschaft legte sich in die Ruder.</p>
+
+<p>&raquo;Was sind das f&uuml;r Pakete da vorn?&laquo; sagte der
+Harpunier, als sie eben von Bord abgesto&szlig;en waren,
+&raquo;wer hat die eingeworfen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein paar Hemden und andere Kleinigkeiten,
+Mr. Rowsy&laquo; erwiederte Einer der Leute &mdash; &raquo;wir
+wollten uns auch was von Fr&uuml;chten eintauschen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und das andere daneben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dasselbe&laquo; erwiederte Ren&eacute;, den die Frage anging.
+Der Harpunier sagte nichts weiter und Ren&eacute;
+warf noch einen verstohlenen Blick nach Bord zur&uuml;ck,
+wo Adolph stand und ihm zunickte. Er war ihm beh&uuml;lflich
+gewesen die Sachen rasch, und ohne da&szlig; sie
+an Bord selber etwas davon zu sehen bekamen, in&#8217;s
+Boot zu schaffen, der Capitain h&auml;tte es sonst unter
+keiner Bedingung zugelassen, obgleich dies etwas
+ziemlich gew&ouml;hnliches an Bord von Wallfischf&auml;ngern
+ist.</p>
+
+<p>In Canoes kamen &uuml;brigens keine Indianer ab
+und ihnen entgegen, obgleich sie mehrere Canoes in
+der Bai liegen sahen, und nur erst als sie die Corallen-Bank
+ber&uuml;hrten, erschienen oben zwischen den
+B&uuml;schen eine Anzahl M&auml;nner und Frauen mit K&ouml;rben
+aus Cocosbl&auml;ttern geflochten, in denen sie Fr&uuml;chte<span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[15]</a></span>
+und Muscheln trugen, und erst ein Zeichen der
+Fremden abzuwarten schienen, ehe sie sich ihnen
+n&auml;herten.</p>
+
+<p>Der Harpunier, der sich seit seiner Jugend fast in
+diesen Meeren herumgetrieben, sprach ihre Sprache
+ziemlich gel&auml;ufig, und ein paar freundliche Worte in
+dieser hatten fast eine zauberhafte Wirkung auf die
+Schaar. Die, die im Anfang die furchtsamsten gewesen
+waren, riefen sich erstaunt unter einander zu
+da&szlig; die Fremden Freunde seien, und dieselbe Sprache
+mit ihnen h&auml;tten, und aus allen B&uuml;schen und Dickichten
+brachen sie jetzt heraus, und mischten sich so sorglos
+und vertrauend wie Kinder zwischen die Leute,
+bef&uuml;hlten das Zeug ihrer Kleider, lachten &uuml;ber ihre
+B&auml;rte und Schuhe, und sprangen und sangen, als ob
+sie schon Jahre lang mit ihnen bekannt gewesen
+w&auml;ren.</p>
+
+<p>Der Tauschhandel ging indessen r&uuml;stig vor sich;
+gegen Messer und Tabak, Kattune und Glasperlen
+brachten sie Massen der herrlichsten Fr&uuml;chte, besonders
+vortreffliche Orangen und Brodfrucht und w&auml;hrend
+der Harpunier unter einem stattlichen Pandanus
+sa&szlig;, die ihm gebrachten Waaren musterte, und bestimmte
+was er daf&uuml;r geben wolle, mischten sich die
+Leute, nur Einen derselben bei dem Boot lassend,
+ebenfalls unter die Eingebornen, die wenigen Kleinig<span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[16]</a></span>keiten
+die sie mitgebracht, gegen Fr&uuml;chte und Muscheln,
+haupts&auml;chlich aber die ersten, zu vertauschen.</p>
+
+<p>Diesen Zeitpunkt benutzte Ren&eacute;, schnallte sein kleines
+B&uuml;ndel, da&szlig; er im Anfang vor den Eingeborenen
+ausgebreitet gehabt, wieder zusammen, und verlor
+sich damit, ohne da&szlig; irgend Jemand auf ihn acht
+hatte, im Dickicht. Von den Eingeborenen sahen
+ihn vielleicht Einige, achteten aber nicht auf ihn,
+und die Leute vom Schiff waren viel zu sehr mit sich
+selber und ihrer Umgebung besch&auml;ftigt, sich nur im
+mindesten darum zu bek&uuml;mmern, was Einer der ihrigen
+that.</p>
+
+<p>Zwei Stunden sp&auml;ter etwa, als der Harpunier
+Alles weggegeben was er mitgebracht, und sein Boot
+fast gef&uuml;llt war mit all den Massen von Sachen die
+er daf&uuml;r eingetauscht, rief sein Befehl die Leute wieder
+zusammen, und er stieg selber ins Boot, an Bord
+zur&uuml;ckzukehren.</p>
+
+<p>&raquo;Wo ist Ren&eacute;!&laquo; frug er, als er einen Blick &uuml;ber
+die Mannschaft geworfen.</p>
+
+<p>&raquo;Ren&eacute;!&laquo; t&ouml;nte der Ruf der Matrosen &mdash; &raquo;<span class="smcap">oh
+Ren&eacute;</span>!&raquo;
+Kein Ren&eacute; lie&szlig; sich blicken und Niemand wu&szlig;te
+was aus ihm geworden, ja ein paar bezweifelten,
+da&szlig; er &uuml;berhaupt mit an Bord gekommen sei, so
+wenig hatten sie sich, mit dem Land vor sich, um<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">[17]</a></span>
+einander bek&uuml;mmert. Jedenfalls fehlte aber <span class="g">ein</span> Mann,
+und der Offizier wu&szlig;te auch, da&szlig; er bei der Her&uuml;berfahrt
+seine volle gew&ouml;hnliche Besatzung gehabt.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="smcap">Damn it</span>&laquo; rief der Harpunier endlich im Boot,
+in dem er seinen Sitz schon wieder eingenommen, in
+die H&ouml;he springend &mdash; &raquo;<span class="smcap">he has bolted</span>,<a name="FNanchor_A_1" id="FNanchor_A_1"></a><a href="#Footnote_A_1" class="fnanchor">[A]</a> die Pest
+&uuml;ber den Hallunken; aber den wollen wir bald wieder
+haben. &mdash; Bleibt Ihr hier im Boot bis ich zur&uuml;ckkomme!&laquo;
+rief er dann seinen Leuten zu, und &uuml;ber die
+Sitze wegspringend, eilte er wieder an Land und
+wandte sich dort an einen der Eingebornen, der eine
+Art Oberherrschaft &uuml;ber die Andern auszu&uuml;ben schien.</p>
+
+<p>&raquo;Hallo Freund!&laquo; redete er ihn an, &raquo;Einer von
+meinen Leuten ist mir weggelaufen, k&ouml;nnt Ihr ihn
+wieder fangen, und was wollt Ihr daf&uuml;r haben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hat er Gewehr mit?&laquo; frug der Alte ziemlich
+vorsichtig, denn er schien danach den Preis des Einfangens
+bestimmen zu wollen.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, kein Schie&szlig;gewehr, vielleicht nicht einmal
+ein Messer&laquo; lautete die ermuthigende Antwort.</p>
+
+<p>Die Eingebornen fingen jetzt eifrig an unter einander
+zu verhandeln, und zwar in so rascher und oft
+eigent&uuml;mlicher Sprache, da&szlig; der Amerikaner selber
+nicht verstehen konnte was sie mitsammen hatten.<span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">[18]</a></span>
+Aus ihren Bewegungen wurde es ihm jedoch bald
+deutlich, denn zwei davon gingen nach einem besondern
+Theil im Busch und untersuchten hier die F&auml;hrten
+und ihren Gesticulationen nach schien es, als ob
+der Fl&uuml;chtige sich dort hinein gewandt habe. Der
+alte Indianer zeigte sich auch bald erb&ouml;tig ihm den
+Mann wieder zu verschaffen; seine Forderung daf&uuml;r
+war aber ziemlich bedeutend; er wollte Kattun und
+Messer, etwas Tabak und in der That ein wenig von
+Allem haben, und als Jener endlich einwilligte ihm
+das Alles zu geben, hatte er noch ein Beil und ein
+Hemd und mehrere andere Kleinigkeiten vergessen.</p>
+
+<p>Der Harpunier wu&szlig;te &uuml;brigens da&szlig; sich der Capitain
+nicht lange hier aufhalten wollte, und w&uuml;thend
+sein w&uuml;rde &uuml;ber die Flucht des Mannes; er sagte
+also dem Alten seine s&auml;mmtlichen Forderungen zu,
+vorausgesetzt da&szlig; sie mit dem Gefangenen am Ufer
+w&auml;ren, sobald sie mit dem Boot und den verlangten
+Sachen wieder vom Schiff zur&uuml;ck sein k&ouml;nnten.</p>
+
+<p>Dies abgemacht, stie&szlig; das Boot augenblicklich
+vom Lande, die eingetauschten Fr&uuml;chte mit der fatalen
+Nachricht an Bord zu bringen und den Fanglohn
+f&uuml;r den Entflohenen her&uuml;ber zu holen, w&auml;hrend die
+Eingebornen indessen wie Sp&uuml;rhunde den einmal angenommenen
+F&auml;hrten des Fl&uuml;chtigen nachliefen.</p>
+
+<div class="footnotes"><h3>Fu&szlig;noten:</h3>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_A_1" id="Footnote_A_1"></a><a href="#FNanchor_A_1"><span class="label">[A]</span></a> Er ist ausgerissen.</p></div>
+</div>
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">[19]</a></span></p>
+<h2><a name="Capitel_2" id="Capitel_2"></a>Capitel 2.</h2>
+
+<h3>Die Flucht, und welchen Dollmetscher Ren&eacute; fand.</h3>
+
+
+<p>Ren&eacute; war, als er sich nur einmal au&szlig;er dem
+Bereich seiner Kameraden sah, so rasch er konnte
+gerade einem der n&auml;chsten H&uuml;gel zugeeilt, und das
+selbst schien mit der Last die er trug gerade kein kleines
+Unternehmen. F&uuml;r ein Hemd hatte er sich n&auml;mlich
+vorher ein paar gr&uuml;ne Cocosn&uuml;sse und einige
+Bananen eingetauscht, damit er nicht gen&ouml;thigt w&auml;re,
+gleich in den ersten vierundzwanzig Stunden wegen
+Nahrungsmitteln einen irgendwo gefundenen Versteck
+zu verlassen, und diese, neben seinen B&uuml;ndel Kleidern
+tragend, mu&szlig;te er sich durch das, manchmal entsetzlich
+dicke Geb&uuml;sch, fortw&auml;hrend mit dem fatalen Gef&uuml;hl
+verfolgt zu werden, Bahn brechen. Er wu&szlig;te<span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">[20]</a></span>
+aber was ihm bevorstand, wurde er von den Leuten
+des Delaware wieder eingefangen, und wollte wenigstens
+Nichts was in seinen eigenen Kr&auml;ften stand
+unversucht lassen, sich so weit als m&ouml;glich jeder solchen
+Gefahr zu entziehen. In dieser Absicht arbeitete
+er sich auch dem h&ouml;heren Theil der Insel zu, weil er
+dort erstens den Lagunen aus dem Weg ging, die
+hier seinen Pfad zu beengen drohten, und dann auch
+wahrscheinlich in dichtes Buschwerk hineinkam, was
+von den Eingebornen selber selten betreten wurde.</p>
+
+<p>Als er nur erst einmal h&uuml;geligen Boden erreichte,
+wurde seine Flucht dadurch sehr erleichtert, da&szlig; er
+cultivirtes und eingefenztes, wenn auch durch Unkraut
+ziemlich arg &uuml;berwachsenes Land traf. Dort hatte
+er sich wenigstens durch keine verwachsenen B&uuml;sche
+mehr Bahn zu brechen und konnte sein Terrain ein
+wenig freier &uuml;bersehen. Blieb er da in der N&auml;he, so
+wuchs auch Frucht genug, ihn ein Jahr im Proviant
+zu halten; &uuml;berdies war der ganze Wald voll Fr&uuml;chte,
+denn die Guiaven standen mit Aepfeln, wenn auch
+noch nicht vollkommen gereift, f&ouml;rmlich bedeckt. Nur
+die Cocospalmen reichten nicht so weit hinauf, doch
+sah er hier in den Feldern eine Masse Wassermelonen,
+die ihn reichlich daf&uuml;r entsch&auml;digen konnten. Weiter
+durfte er sich f&uuml;r jetzt aber nicht beladen, denn er trug
+schon, was er &uuml;berhaupt tragen konnte, und die Hitze<span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">[21]</a></span>
+war gro&szlig;. Die ungewohnte Anstrengung und Aufregung
+thaten nat&uuml;rlich auch das ihrige dabei.</p>
+
+<p>Durch die Felder ging das auch ganz gut, &uuml;berhalb
+diesen wurde das Dickicht aber wieder so schlimm
+wie es je gewesen, und die Guiavenb&uuml;sche schienen
+hier eine f&ouml;rmliche undurchdringliche Hecke zu bilden,
+durch die er sich nur geb&uuml;ckt, und sein Gep&auml;ck oft
+nachschleppend, hindurchdr&auml;ngen konnte. Nur erst,
+wo diese endlich aufh&ouml;rten, und mit ihnen jede Art
+von Frucht, begannen hohe dunkle Casuarinen, die
+einen weit bessern Durchgang gew&auml;hrt haben w&uuml;rden,
+w&auml;ren nicht so viele trockene und d&uuml;rre Aeste von
+ihnen heruntergefallen gewesen, die sich ihm oftmals
+wie f&ouml;rmliche Pallisaden entgegenstellten.</p>
+
+<p>Aber er <span class="g">mu&szlig;te</span> hindurch, und das war ein t&uuml;chtiges
+Wort, ihn alle Schwierigkeiten mit leichtem
+Muth &uuml;berwinden zu lassen. Hier wurde der Grund
+auch steinig, und er fand, als er den h&ouml;chsten Punkt
+endlich erreichte, zu seiner Freude einen kleinen felsigen
+Platz, den er sich selber h&auml;tte nicht sch&ouml;ner und passender
+zu einem Castell ausbauen k&ouml;nnen, als es hier
+die Natur f&uuml;r ihn gethan. Zehn Fu&szlig; war er dort
+oben von allen Seiten frei, und das br&ouml;cklige Gestein,
+was den steil auflaufenden Gipfel bildete, konnte
+ihm im Anfang eben so wohl zum Verbergen, als<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">[22]</a></span>
+sp&auml;ter, sollte er gefunden werden, als Waffe dienen,
+auf irgend einen andringenden Feind niederzurollen.</p>
+
+<p>Mit einem f&ouml;rmlichen Triumphruf nahm er von
+dieser kleinen Festung Besitz, und als er oben seine
+Last abgeworfen, und sich die nassen Haare aus der
+Stirn gestrichen hatte, sagte er l&auml;chelnd:</p>
+
+<p>&raquo;Beim Himmel, mit Adolph hier und zwei guten
+Gewehren, wollt&#8217; ich mir die ganze Besatzung des
+Delaware vom Leibe und einem f&ouml;rmlichen Sturm
+abhalten &mdash; <span class="smcap">ha &mdash; le Delaware</span>!&laquo; unterbrach er sich
+pl&ouml;tzlich selber &uuml;berrascht, und fast unwillk&uuml;rlich trat
+er hinter einen der Felsst&uuml;cke, denn als er den ersten
+Blick nach au&szlig;en warf sah er, da&szlig; er frei &uuml;ber das
+Meer schauen konnte, und dort lag auch sein altes
+Schiff so klar und nah vor ihm, da&szlig; er die einzelnen
+Leute an dessen Bord konnte auf- und abgehen sehen.
+Mit dem Glas mu&szlig;ten sie im Stande sein ihn, sobald
+er sich nur frei zeigte, vollkommen gut zu unterscheiden.
+Er &uuml;berlegte sich jedoch bald, da&szlig; sie bis
+jetzt an Bord noch keine Ahnung von seiner Flucht
+haben konnten, denn eben kam erst das Boot, dem
+er entflohen, dorthin zur&uuml;ck, und er konnte selbst erkennen
+wie die Leute von unten hinauf an Bord
+kletterten.</p>
+
+<p>Jedenfalls war er also schon vermi&szlig;t und er
+mu&szlig;te darauf gefa&szlig;t sein da&szlig; ihn die Eingeborenen<span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">[23]</a></span>
+aufsp&uuml;ren w&uuml;rden, denn mit seiner Ladung hatte er
+an vielen Stellen eine ziemlich breite und tiefe F&auml;hrte
+zur&uuml;ckgelassen. Die kurze Zeit also die ihm bis dahin
+blieb, wollte er benutzen sich noch so gut als
+es eben anging zu befestigen, nachher dem Schicksal
+und seinem guten Gl&uuml;ck das Uebrige zu &uuml;berlassen.
+Er war jung und ein Franzose &mdash; also weit davon
+entfernt sich Sorgen vor der Zeit zu machen, &uuml;berdies
+hatte er Alles was ihm jetzt bevorstand voraus
+gewu&szlig;t und es kam ihm Nichts unerwartet.</p>
+
+<p>Schie&szlig;waffen hatte er, zwei kleine Terzerole ausgenommen,
+keine; au&szlig;er diesen aber ein langes zweischneidiges
+schweres Messer in lederner Scheide, wovon
+er sich die meiste H&uuml;lfe versprach, und ein leichtes
+trotziges fast muthwilliges L&auml;cheln &uuml;berflog seine
+sch&ouml;nen Z&uuml;ge, als er die beiden kleinen Pistolen aus
+der Tasche nahm, und vor sich auf die Steine legte.</p>
+
+<p>&raquo;Es sind zwar keine Zweiunddrei&szlig;igpf&uuml;nder&laquo;
+sagte er dabei lachend vor sich hin, &raquo;und ich wei&szlig; in
+der That nicht einmal ob sie &uuml;berhaupt losgehen
+werden, aber sie haben doch M&uuml;ndungen, und ist
+den Eingebornen hier schon &uuml;berhaupt jemals ein
+solches Instrument wie eine Pistole zu Gesicht gekommen,
+so m&uuml;&szlig;te ich mich sehr irren, wenn ich nicht
+glauben sollte die ganze Insel damit von mir abhalten
+zu k&ouml;nnen. Kurze Frist werden sie mir aber<span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">[24]</a></span>
+doch wohl Ruhe lassen, und die will ich denn wenigstens
+benutzen meinen K&ouml;rper ein wenig zu restauriren
+und mit Speise und Trank zu erquicken.&laquo;</p>
+
+<p>Und damit schn&uuml;rte er wohlgemuth seinen B&uuml;ndel
+wieder auf, in dem er auch ein kleines Packet mit
+einem paar Schiffszwiebacken und einem St&uuml;ck Salzfleisch
+verborgen hatte, und mit einem Theil von
+diesem und einigen Bananen, wozu er eine der Cocosn&uuml;sse
+anzapfte und etwas davon trank, seinen
+allerdings brennenden Durst zu l&ouml;schen, hielt er eine
+so vortreffliche und ruhige Mahlzeit, als ob er sich
+in voller Sicherheit in irgend einem guten Gasthaus
+bef&auml;nde, und nicht jeden Augenblick f&uuml;rchten mu&szlig;te,
+umstellt und gefangen zu werden.</p>
+
+<p>Die Feinde waren ihm &uuml;brigens weit n&auml;her als
+er je vermuthet, denn kaum hatte er sein Mahl beendet,
+und eben wieder die Cocosnu&szlig; an die Lippen
+gehoben, noch einen letzten Schluck zu thun, als er
+gar nicht weit von sich entfernt ein Ger&auml;usch zu h&ouml;ren
+glaubte. Er hielt horchend ein &mdash; da krachten
+wahrhaftig wieder die B&uuml;sche. Nichtsdestoweniger
+trank er erst in aller Ruhe, denn er wu&szlig;te recht gut
+da&szlig; er hier oben in seiner festen Stellung nicht so
+pl&ouml;tzlich &uuml;berrascht werden konnte, stellte dann die
+Nu&szlig; vorsichtig und ein paar Steine darum legend,
+bei Seite, da&szlig; sie nicht umfiel und seinen Wasservor<span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">[25]</a></span>rath
+gleich um die H&auml;lfte verringerte, griff seine beiden
+Terzerole auf, und schaute dann, hinter irgend
+einen der gr&ouml;&szlig;ten Steine gedr&uuml;ckt, aufmerksam nach
+dorthin von woher sich jetzt vorsichtig irgend Jemand
+zu n&auml;hern schien. Es dauerte auch nicht lange, so
+konnte er schon die bunten Kattun&uuml;berw&uuml;rfe mehrerer
+Eingeborener erkennen, die langsam und aufmerksam
+den Boden betrachtend, seinen hinterlassenen Spuren
+folgten.</p>
+
+<p>Wie viele es waren lie&szlig; sich noch nicht erkennen,
+das blieb sich aber auch gleich; war er erst einmal
+aufgefunden, so konnten sie, so sie &uuml;berhaupt feindliche
+Absichten hatten, leicht Verst&auml;rkung holen, und
+er mu&szlig;te vor allen Dingen sehen sich auf eine friedliche
+Art mit ihnen zu verst&auml;ndigen. Die Terzerole
+konnten ihm aber dabei nur mehr Schaden als Nutzen
+bringen, und er steckte sie deshalb vorl&auml;ufig wieder in
+die Tasche, die Ankunft der Indianer jetzt auf das
+ruhigste und kaltbl&uuml;tigste erwartend.</p>
+
+<p>Diese lie&szlig;en ihn auch nicht lange mehr &uuml;ber ihre
+Absicht im Zweifel. Der Erste der voranging mochte
+eine gewisse Obergewalt &uuml;ber die Andern haben, denn
+dicht unter den Steinen, auf denen sie den Fl&uuml;chtling
+gar nicht zu vermuthen schienen, sandte er zwei
+rechts und zwei links ab, zu sehen wohin sich die
+Spuren etwa den Berg wieder hinunter z&ouml;gen, w&auml;h<span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">[26]</a></span>rend
+er selber gerade auf den Felsen zukam. Ren&eacute;
+wu&szlig;te recht gut da&szlig; er von diesen f&uuml;nf Leuten noch
+weiter keine Gefahr zu f&uuml;rchten hatte, und doch jedenfalls
+aufgefunden werden mu&szlig;te, sich also deshalb
+aufrichtend, und mit beiden Ellbogen auf einem der
+vor ihm liegenden Bl&ouml;cke st&uuml;tzend, sah er erst eine
+kurze Weile den Mann unten, der auf dem hier steinigen
+Boden nicht recht mit der Spur einig zu sein
+schien, l&auml;chelnd zu, und sagte dann pl&ouml;tzlich mit lauter
+Stimme den schon mehrfach geh&ouml;rten und behaltenen
+Gru&szlig;:</p>
+
+<p>&raquo;<span class="smcap">Joranna-boy</span>!&laquo;</p>
+
+<p>W&auml;re dem Eingebornen, der geb&uuml;ckt und die Augen
+fest auf den Boden geheftet, fast gerade unter
+ihm stand, ein grimmer Tausendfu&szlig; &uuml;ber den Nacken
+gelaufen, er h&auml;tte nicht rascher und mehr erschreckt in
+die H&ouml;he und zur Seite springen k&ouml;nnen, und erst
+das laute Lachen Ren&eacute;&#8217;s, der auf ihn herunterschaute,
+als ob Jemand aus dem Fenster einer h&ouml;heren Etage
+sieht, brachte ihn wieder ein wenig zu sich. Der erste
+Schrei, den er aber in voller Ueberraschung ausgesto&szlig;en
+war hinreichend gewesen, seine Gef&auml;hrten um
+ihn zu sammeln, und die f&uuml;nf rothen Burschen, die
+hier mit so feindseligen Absichten heraufgekommen
+waren, wu&szlig;ten eigentlich nicht recht wie ihnen geschah,
+als sie den gerade, von dem sie die grimmigste Gegen<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">[27]</a></span>wehr
+erwartet, in der gr&ouml;&szlig;ten Gem&uuml;tlichkeit vor sich
+und so friedlich gesinnt fanden, wie sie es nimmer
+h&auml;tten erwarten d&uuml;rfen.</p>
+
+<p>Erst sahen sie eine ganze Zeitlang schweigend zu
+ihm empor &mdash; es war augenscheinlich, sie mi&szlig;trauten
+noch dem &auml;u&szlig;eren Ansehn der Dinge &mdash; diese Freundlichkeit
+konnte Maske sein sie pl&ouml;tzlich zu &uuml;berrumpeln,
+und obgleich sie bewaffnet waren, d.&nbsp;h. zwei
+f&uuml;hrten Tapa-H&ouml;lzer und die andern drei Einer ein
+Beil und Zweie Messer &mdash; und der Wei&szlig;e unten
+ihnen die Versicherung gegeben hatte da&szlig; der Fl&uuml;chtling
+nichts derartiges mitgenommen habe, wu&szlig;ten sie
+doch nicht welche au&szlig;erordentlichen Mittel ihm sonst
+vielleicht zu Gebote stehen m&ouml;chten ihnen zu schaden.
+Sie waren allerdings willens die ausgesetzte Belohnung
+zu verdienen, dachten aber dabei gar nicht daran
+ihren Leib oder gar ihr Leben irgend einer unn&ouml;thigen
+und zu vermeidenden Gefahr auszusetzen.</p>
+
+<p>Ren&eacute; blieb &uuml;brigens in seiner nichts weniger als
+feindlichen Stellung, wobei er sich jedoch wohl geh&uuml;tet
+hatte seine Gestalt den Fernr&ouml;hren des Schiffes
+preis zu geben, und da die so erstaunten und verdutzten
+Gestalten der Indianer allerdings komisch genug
+aussehen mu&szlig;ten, und er sich gar keine M&uuml;he gab
+sein Lachen zu verbergen, so verlor sich diese Furcht
+denn auch endlich.<span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">[28]</a></span></p>
+
+<p>Der F&uuml;hrer sah seine Begleiter erst ganz ernsthaft
+an, und dann verzog ein breites Grinsen oder Feixen
+seine sonst gutm&uuml;thigen Z&uuml;ge, w&auml;hrend sich diese noch
+eine kleine Weile zu geniren schienen, &mdash; endlich mochte
+ihnen das Komische ihrer Lage aber auch wohl einleuchtend
+werden. Der Eine schnitt auf einmal ein
+ganz freundliches Gesicht, und war dann urpl&ouml;tzlich
+wieder so ernst und finster als vorher, als er aber
+den H&auml;uptling ansah und dessen ausbrechende Fr&ouml;hlichkeit
+bemerkte, glaubte er auch wahrscheinlich dem
+Anstand volle Gen&uuml;ge geleistet zu haben, und platzte
+nun auf einmal so rasch und laut heraus, da&szlig; sich
+die Andern ordentlich erschreckt nach ihm umsahen.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="smcap">Joranna, Joranna</span>!&laquo; rief jetzt der Erste hinauf,
+dem augenscheinlich ein Stein vom Herzen gefallen
+schien, da er die Sache sich so friedlich l&ouml;sen sah &mdash; und
+es zeigte sich jetzt da&szlig; er auch etwas gebrochen
+englisch sprach, wie man fast auf allen diesen Inseln
+Einzelne findet, die Worte und Redensarten, im Verkehr
+mit den Fremden, aufgefangen und behalten haben.
+&raquo;<span class="smcap">Joranna boy</span>! &mdash; wie geht&#8217;s &mdash; wie geht&#8217;s Freund &mdash; komm
+herunter, komm herunter &mdash; wei&szlig;er Mann,
+Capitain sagt, soll herunterkommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So?&laquo; lachte Ren&eacute; in derselben Sprache, &mdash; &raquo;wei&szlig;er
+Mann Capitain sagt also ich soll herunter
+kommen?&laquo;<span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">[29]</a></span></p>
+
+<p>Der Indianer nickte auf das freundlichste, da&szlig;
+er ihn so gut verstanden hatte, und versicherte, sich
+zu seinen Begleitern wendend, diesen, da&szlig; er die
+Sache jetzt augenblicklich in Ordnung bringen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, komm herunter, komm herunter &mdash; wei&szlig;er
+Mann Capitain sagt&laquo; wiederholte er noch einmal,
+dieses Factum vor allen Dingen au&szlig;er jeden Zweifel
+zu stellen.</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn ich, wei&szlig;er Mann <span class="g">kein</span> Capitain
+nun nicht will?&laquo; lachte Ren&eacute;.</p>
+
+<p>&raquo;Nicht will?&laquo; rief der F&uuml;hrer der Eingebornen
+erstaunt aus, und sah den Fremden an; dann aber,
+denn er konnte in dessen Gesicht immer noch keinen
+Ernst entdecken, dies ebenfalls f&uuml;r einen guten Spa&szlig;
+desselben haltend, den er zu ihrem eigenen Vergn&uuml;gen
+gemacht habe, schaute er sich nach den Andern
+um, lachte laut auf, und erz&auml;hlte ihnen mit der gr&ouml;&szlig;ten
+Freundlichkeit was der Wei&szlig;e da oben eben so
+Lustiges gesagt habe.</p>
+
+<p>Die &uuml;brigen Eingebornen, die gleich von allem
+Anfang gar nichts Anderes erwartet hatten, konnten
+darin aber nicht den mindesten Spa&szlig; entdecken, und
+ein paar, zu diesem Zwecke an den Alten gerichtete
+Worte machten diesen ebenfalls wieder ernsthaft und
+lie&szlig;en ihn doch an die M&ouml;glichkeit glauben da&szlig; der
+Fremde am Ende <span class="g">wirklich</span> nicht selber herunterkom<span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">[30]</a></span>men
+wollte, und ihn da herunter zu <span class="g">holen</span>, war
+jedenfalls eine mi&szlig;liche Sache.</p>
+
+<p>&raquo;Bah, bah&laquo; sagte der Alte jetzt kopfsch&uuml;ttelnd und
+mit einem Gesicht als ob man einem unartigen Kinde
+irgend eine Thorheit verweisen wolle &mdash; &raquo;n&auml;rrisch
+Ding, n&auml;rrisch Ding &mdash; wei&szlig;er Mann Capitain
+guter Mann, verlangen weiter Nichts wie herunterkommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was bekommt Ihr daf&uuml;r mich zu holen?&laquo; frug
+ihn aber Ren&eacute; so gerade mitten in alle seine Berechnungen
+hinein, da&szlig; er ihn ganz wieder au&szlig;er Fassung
+brachte, und er erst den Wei&szlig;en, und dann seine
+Begleiter erstaunt ansah, augenscheinlich unschl&uuml;ssig
+ob er diese, etwas indiscrete Frage so geradezu und
+der Wahrheit gem&auml;&szlig; beantworten solle. Er hielt es
+am Ende f&uuml;r besser es erst mit den Seinen zu berathen;
+da diese aber nicht das mindeste Bedenken darin
+fanden seinem Wunsche zu willfahren, wandte er sich
+wieder zu dem jungen Franzosen und z&auml;hlte ihm jetzt
+mit der gr&ouml;&szlig;ten Ernsthaftigkeit alle die Artikel auf
+die sie bekommen w&uuml;rden, und zwar mit einem Eifer
+und einer Genauigkeit, als ob das noch ein besonderer
+Beweggrund f&uuml;r ihn selber sein m&uuml;sse, jetzt augenblicklich
+niederzusteigen und ihnen den Besitz aller
+dieser Herrlichkeiten nicht l&auml;nger, widerrechtlicher Weise,
+vorzuenthalten.<span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">[31]</a></span></p>
+
+<p>Zu ihrem Erstaunen lie&szlig; sich aber der Fremde
+selbst nicht durch die Erw&auml;hnung des Handbeils und
+die f&uuml;nf Yards rothen Kattun bestechen, sondern
+blieb nur ruhig und unbeweglich in seiner Stellung.
+Angenehm war es ihm aber nicht, diese Masse verschiedenartiger
+Gegenst&auml;nde aufz&auml;hlen zu h&ouml;ren, und
+er konnte daraus nicht allein sehen wie viel dem
+Harpunier daran gelegen gewesen war ihn wieder zu
+bekommen, als auch wie sehr schon die Habgier dieser
+sonst einfachen und gutm&uuml;thigen Leute erregt worden,
+den ausgesetzten Lohn so rasch als m&ouml;glich zu verdienen.
+Ueberredung half hier Nichts, so viel sah er
+recht gut ein, w&auml;re er selbst ihrer Sprache vollkommen
+m&auml;chtig gewesen, und das einzige was sich noch mit
+ihnen im Guten anfangen lie&szlig;, war ihnen an Geld
+und vielleicht Kleidern gleichen Nutzen zu bieten, wo
+er dann wieder das zu seinen Gunsten hatte, da&szlig; sie
+bei dessen Annahme ihre Gliedma&szlig;en in keine Gefahr
+brachten.</p>
+
+<p>&raquo;So?&laquo; sagte er also, da sie geendet hatten und
+nun nichts anderes zu erwarten schienen als da&szlig; er
+nach <span class="g">solchen</span> dargelegten Gr&uuml;nden, ihren Beweisen
+nicht l&auml;nger werden widerstehen k&ouml;nnen &mdash; &raquo;so? &mdash; das
+also hat Euch wei&szlig;er Mann Capitain Alles geboten,
+mich einzig und allein wieder unten abzuliefern?&laquo;<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">[32]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Ja Freund &mdash; blos unten abzuliefern&laquo; lautete
+die Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;Todt oder lebendig?&laquo; frug aber der junge Mann
+mit gr&ouml;&szlig;ter Kaltbl&uuml;tigkeit zur&uuml;ck, und erschreckte dadurch
+den Alten nicht wenig, der jetzt zum ersten Mal
+an zu begreifen fing, da&szlig; der Fremde doch am Ende
+nicht so ganz gutwillig mit ihnen gehen werde.</p>
+
+<p>&raquo;Todt oder lebendig?&laquo; wiederholte er erstaunt
+und versuchte zu lachen, was ihm aber mi&szlig;gl&uuml;ckte &mdash;
+&raquo;todt? wir sollen doch wei&szlig;en Mann nicht <span class="g">todt</span> abliefern
+&mdash; lebendig versteht sich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn sich nun wei&szlig;er Mann zur Wehr
+setzt?&laquo; sagte Ren&eacute;.</p>
+
+<p>&raquo;Zur Wehr setzen?&laquo; frug der Alte, der das Wort
+nicht so recht zu verstehen schien &mdash; &raquo;zur Wehr setzen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun ich meine, wenn wei&szlig;er Mann unter keiner
+Bedingung gutwillig mitgehen will und sich vertheidigt&laquo;
+erkl&auml;rte es ihm der Fremde deutlich genug.</p>
+
+<p>&raquo;Aber f&uuml;nf Yards rothen Kattun &mdash; ein Handbeil
+&mdash; zwei Messer&laquo; begann der erstaunte Eingeborne
+alle die Herrlichkeiten wieder aufzuz&auml;hlen; Ren&eacute; aber,
+dem Nichts daran lag sie nur hinzuhalten, was
+er mit Leichtigkeit f&uuml;r den ganzen Tag h&auml;tte thun
+k&ouml;nnen da viele dieser Leute fast gar keinen Begriff
+von Zeit oder dem Werth derselben haben, unterbrach
+ihn mitten in der schon geh&ouml;rten Liste und sagte<span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">[33]</a></span>
+freundlich, w&auml;hrend er eine ganze handvoll Silbergeld
+aus seiner Tasche nahm und ihnen vorzeigte:</p>
+
+<p>&raquo;Was wollt Ihr denn thun, wenn ich Euch nun
+ebensoviel an baarem Gelde gebe, als Euch wei&szlig;er
+Mann Capitain f&uuml;r mich versprochen hat, heh
+und dann bei Euch bleibe und mit Euch lebe und
+wohne?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Das war jedenfalls ein Vorschlag zur G&uuml;te, und
+die Eingeborenen beriethen lange unter sich was sie
+damit thun sollten; endlich erkundigte sich der Alte
+n&auml;her danach wie viel Geld das eigentlich sei, was
+er da in der Hand halte. Ren&eacute; z&auml;hlte es &uuml;ber &mdash;
+es waren sechs F&uuml;nf-Frankenthaler und vielleicht zehn
+Franken an kleiner M&uuml;nze Geld, was sie hier, in
+ihrem Verkehr mit Tahiti, recht gut kannten.</p>
+
+<p>F&uuml;r eine solche Summe wu&szlig;ten sie auch gut genug,
+da&szlig; sie selbst in Papetee ebensoviel an Waaren
+bekommen k&ouml;nnten als ihnen geboten worden; erstlich
+aber war der Verkehr mit jenem Platz nicht sehr bedeutend,
+und dann hatten sie ja auch die Sachen noch
+nicht hier, w&auml;hrend sie dieselben von Bord des Wallfischf&auml;ngers
+gleich richtig und ohne weitere M&uuml;he &uuml;berliefert
+bekamen.</p>
+
+<p>Die Unterhandlung fiel f&uuml;r den Matrosen ung&uuml;nstig
+aus, und der Alte suchte ihn nun, gewisserma&szlig;en
+als Entschuldigung seiner abschl&auml;gigen Ant<span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">[34]</a></span>wort,
+und als einziges Motiv ihrer Weigerung, auseinanderzusetzen,
+wie sich auf dieser Insel Niemand
+ohne Beistimmung ihres <span class="smcap">Fua</span> oder K&ouml;nigs von
+fremden V&ouml;lkern aufhalten d&uuml;rfe und da&szlig; sie also,
+wenn <span class="g">sie</span> auch selber w&uuml;nschten ihn bei sich zu behalten,
+ihn darin doch nicht unterst&uuml;tzen d&uuml;rften.
+&raquo;Ja,&laquo; setzte dann der Alte mit vieler Aufrichtigkeit
+und auch gewi&szlig; Wahrheit hinzu &mdash; &raquo;wollten wir
+jetzt selbst Dein Geld nehmen, und Dich zufrieden
+lassen, wir k&ouml;nnten Dich doch nicht sch&uuml;tzen, und der
+K&ouml;nig w&uuml;rde bald Andere schicken, die Dich trotzdem
+abholten.&laquo;</p>
+
+<p>Ren&eacute; sah dies recht gut ein, und beschlo&szlig; also
+deshalb mit Sr. Majest&auml;t selber zu unterhandeln &mdash;
+wie aber das m&ouml;glich zu machen? stieg er hinunter,
+so gab er sich vollkommen in die Gewalt seiner Feinde,
+und &uuml;berfielen und banden ihn diese nachher, so konnten
+sie ihm mit leichter M&uuml;he abnehmen was er bei
+sich hatte, ohne da&szlig; er je im Stande gewesen w&auml;re
+auch nur eine Centime seines Geldes wieder zu bekommen
+&mdash; und Sr. Majest&auml;t zuzumuthen hier oben
+heraufzuklettern, mit einem entlaufenen Matrosen wegen
+einiger Thaler zu unterhandeln war doch auch
+ein wenig viel verlangt. Nichtsdestoweniger beschlo&szlig;
+er den Versuch zu machen, denn hinunter wollte er
+auf keinen Fall eher steigen, bis nicht der Delaware<span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">[35]</a></span>
+die Insel verlassen h&auml;tte. Er bat also den Alten,
+der &uuml;berhaupt der Leiter der Schaar zu sein schien,
+ihn erst noch einmal kurze Zeit hier oben zu lassen,
+und indessen selber hinunter zu Sr. Majest&auml;t zu gehen,
+oder wenigstens einen von seinen Leuten hinunter zu
+schicken, der dem K&ouml;nig Kunde von seinem Vorschlag
+br&auml;chte, ihn um die Erlaubni&szlig; l&auml;ngeren Aufenthaltes
+auf dieser Insel und Schutz zu bitten, bis sich das
+fremde Schiff entfernt h&auml;tte, wof&uuml;r er denn seinerseits
+Willens sei, Sr. Majest&auml;t, falls diese ihm seine
+Sicherheit garantire, zwanzig F&uuml;nf-Frankenthaler &mdash; ein
+Capital f&uuml;r diese Menschen &mdash; auszuzahlen.</p>
+
+<p>&raquo;Ja &mdash; sehr gut das,&laquo; sagte der Alte nach einer
+kurzen Pause ernster Ueberlegung &mdash; &raquo;sehr gut das,
+wei&szlig;er Mann nicht Capitain kann mit <span class="smcap">fu-a</span> sprechen,
+aber mu&szlig; hinunter gehn &mdash; K&ouml;nig nicht heraufkommen
+hier oben auf Berg &mdash; K&ouml;nig sehr faul, nicht
+viel Berge steigen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich kann ihm da aber doch nicht helfen,&laquo;
+lachte Ren&eacute; &mdash; &raquo;wenn er die zwanzig gro&szlig;en St&uuml;cke
+Silber verdienen will, mu&szlig; er auch etwas mehr daf&uuml;r
+thun, als blos mit dem Scepter winken. Also
+marsch Ihr guten Freunde, bringt Sr. Majest&auml;t meinen
+freundlichen Gru&szlig; und Handschlag, und meldet
+ihm, was ich ihm hiemit entbieten lasse. Er soll
+einen vortrefflichen Vasallen an mir haben, und kann<span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">[36]</a></span>
+auch, wenn er es nur irgend anzustellen wei&szlig;, noch
+weit mehr Nutzen aus mir ziehen; ich bin gelehrig,
+und wer wei&szlig; ob ich mich nicht selbst ganz vortrefflich
+zu Schwiegersohn und Nachfolger eignen w&uuml;rde.&laquo;</p>
+
+<p>Der Alte verstand sicher nicht die H&auml;lfte von alle
+dem, was ihm der Fremde da in seinem leichten fr&ouml;hlichen
+Muth vorplauderte, soviel aber begriff er, da&szlig;
+er dem K&ouml;nig eine gewisse Summe, und zwar eine
+ziemlich bedeutende bot, ihn frei zu lassen und nicht
+die mindeste Absicht habe vorher herunter zu kommen.
+Ging nun der K&ouml;nig diese Bedingung ein, so verlor
+er selber jedenfalls seinen Antheil an dem ausgesetzten
+Lohne, ging er sie aber <span class="g">nicht</span> ein, so war der ganze
+Weg doch umsonst gewesen, und es erschien ihm also
+weit besser gleich das Letztere von vornherein anzunehmen,
+und den jungen Burschen, der da oben doch
+so freundlich lachte, und sich gewi&szlig; nicht gegen sie
+wehren w&uuml;rde, nur vor allen Dingen erst einmal
+herunterzuholen und mitzunehmen: das Andere konnten
+sie ja nachher unten ausmachen. Ein paar mit
+seinen Begleitern rasch gewechselte Worte setzte diese
+von dem gefa&szlig;ten Entschlu&szlig; in Kenntni&szlig;, und sich
+dann wieder zu dem Matrosen wendend, der ihn aufmerksam
+betrachtete seine Entscheidung zu h&ouml;ren, sagte
+er mit bed&auml;chtiger Stimme, indem er sich das Lendentuch
+etwas fester anzog und einsteckte, ungef&auml;hr in<span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">[37]</a></span>
+derselben Weise wie Matrosen gew&ouml;hnlich, mehr in
+eine Art Angewohnheit, ihre um die H&uuml;ften dicht anschlie&szlig;enden
+Segeltuchhosen in die H&ouml;he ziehen.</p>
+
+<p>&raquo;Ja wei&szlig;er Mann, Alles recht gut, wei&szlig;er Mann
+Capitain hat aber gesagt m&uuml;ssen unten sein, bis Boot
+mit Kattun und Tabak und Messer und Beil und
+Hacke und andere Sachen wieder zur&uuml;ckkommt; so steig
+nur herunter solange, wollen unten erst zu K&ouml;nig
+gehn, und nachher zu wei&szlig;e Mann Capitain.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe Dir aber schon gesagt, Du etwas harth&ouml;riger
+Bursche Du,&laquo; sagte Ren&eacute;, fast ungeduldig
+werdend, &raquo;da&szlig; ich nicht eher hinunter kommen will,
+bis ich Sr. Majest&auml;t den K&ouml;nig dieser vielleicht vereinigten
+Inseln gesprochen habe &mdash; also mache da&szlig;
+Du zu ihm k&ouml;mmst, je eher er hier ist, desto schneller
+k&ouml;nnen wir unsern Handel ins Reine bringen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Alte aber, ob er dies Letzte nicht recht verstanden,
+oder f&uuml;r eine Einladung genommen, oder ob
+er auch vielleicht glaubte es sei jetzt &uuml;ber die Sache
+genug gesprochen worden, und m&uuml;sse nun einmal gehandelt
+werden, kurz er rief seinen Begleitern zwei
+oder drei Worte mit einem entschiedenen Ton zu, und
+stieg dann mit weit mehr Entschlossenheit, als er bis
+jetzt &uuml;berhaupt gezeigt hatte, die br&ouml;cklichen Felsen
+hinan dem Orte zu, wo der Fremde ihn ruhig erwartend
+stand.<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">[38]</a></span></p>
+
+<p>Ren&eacute; h&auml;tte ihm mit leichter M&uuml;he einen der schweren
+nur kaum in der Balance liegenden Steine auf den
+Kopf rollen k&ouml;nnen, aber er wollte selber in seinem
+eigenen Interesse Feindseligkeiten solange als m&ouml;glich
+hinausschieben, und solche nur ein letztes, wirklich
+verzweifeltes Mittel sein lassen. Er behinderte
+deshalb auch den Alten nicht im Mindesten bei seinem
+Marsch, und dieser fand sich gleich darauf, vielleicht
+selbst gegen seine eigene Erwartung, oben auf
+der kleinen Plattform, neben seinem vermutheten Opfer,
+w&auml;hrend seine vier Begleiter eben bem&uuml;ht waren ihm
+langsam zu folgen.</p>
+
+<p>&raquo;So,&laquo; sagte der Indianer mit freundlichem Kopfnicken,
+als er endlich neben Ren&eacute; stand und eben die
+Hand ausstreckte ihn auf die Schulter zu klopfen,
+&raquo;so Freund wei&szlig;er Mann, nun wollen wir &mdash;&laquo; aber
+er sprach nichts weiter &mdash; nur ein Blick war auf das
+Terzerol gefallen, das der Wei&szlig;e ruhig in der Hand
+hielt, und mit einem Satz der selbst diesen um seine
+Sicherheit besorgt machte, sprang er von der kleinen
+Steinveste ab nach der Wurzel eines tiefer liegenden
+Baumes, und von dieser wieder auf die Erde hinunter,
+wo er nicht eher stehen blieb, bis er den sch&uuml;tzenden
+Stamm einer Casuarine erreicht hatte, hinter
+dem vor er jetzt mit den H&auml;nden auf das lebhafteste
+an zu gesticuliren fing, und dabei schrie und tobte,<span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">[39]</a></span>
+als ob ihm da oben das schm&auml;hlichste Unrecht geschehen
+w&auml;re.</p>
+
+<p>Die Anderen warteten nat&uuml;rlich, als sie des F&uuml;hrers
+Flucht sahen, in ihrer, wie sie glaubten ebenfalls
+h&ouml;chst gef&auml;hrdeten Stellung, gar nicht ab die Ursache
+so schnellen R&uuml;ckzugs zu erfragen, sondern folgten
+nur eben, so rasch sie konnten, dem gegebenen Beispiel
+des Alten.</p>
+
+<p>Sonderbarer Weise richtete sich aber dieses Zorn
+keineswegs auf den jungen Mann, sondern nur auf
+den &raquo;wei&szlig;en Mann Capitain&laquo;, der ihn hier unter
+falscher Vorspiegelung, mit Aussetzung eines weit geringeren
+Lohnes, auf eine Expedition ausgeschickt hatte,
+wo er gegen jede Verabredung Waffen, und sogar
+ihm recht gut bekannte Schie&szlig;waffen fand.</p>
+
+<p>&raquo;Das sind <span class="g">zwei</span> Handbeile,&laquo; rief er heftig, &raquo;und
+<span class="g">zehn</span> Ellen Kattun &mdash; zwei f&uuml;nf,&laquo; indem er die eine
+Hand mit gespreitzten Fingern zweimal von sich
+dr&uuml;ckte, &mdash; &raquo;und <span class="g">vier</span> Messer und <span class="g">zwei</span> zehn Stangen
+Tabak&laquo; &mdash; er wiederholte, wie mit sich selber
+redend, die Bewegung der Hand &mdash; &raquo;und <span class="g">zwei</span>
+Hacken, und <span class="g">zwei</span> handvoll N&auml;gel und eine handvoll
+Kn&ouml;pfe &mdash; wei&szlig;er Mann Capitain sagt was
+nicht wahr ist &mdash; keine Waffen &mdash; puh &mdash; was ist
+das? &mdash; kleine blanke Ding da &mdash; puff! macht Loch
+in armen Kanaka.&laquo;<span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">[40]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Habe keine Angst wackerer Krieger,&laquo; rief ihm
+Ren&eacute; jetzt lachend hinunter, der im Anfang wirklich
+zu bef&uuml;rchten schien, der Alte m&uuml;sse bei dem tollen
+Sprung wenigstens ein paar Beine gebrochen haben
+&mdash; sich &uuml;brigens nicht wenig &uuml;ber den Eindruck freute,
+den seine kleinen Terzerole gemacht hatten &mdash; &raquo;ich
+will Euch nicht das mindeste zu Leide thun &mdash; ja im
+Gegentheil, Euer K&ouml;nig soll sogar eine von diesen
+Handkanonen bekommen, falls er auf meine Bedingungen
+eingeht, und wir werden gewi&szlig; nachher in
+Fried&#8217; und Freundschaft zusammen leben, ja uns m&ouml;glicher
+Weise noch einige benachbarte Inselgruppen zusammen
+unterwerfen; aber nun mache auch da&szlig; Du
+Sr. Majest&auml;t von meinen Vorschl&auml;gen in Kenntni&szlig;
+setzst, w&uuml;rdiger Greis, denn ich sehe schon da&szlig; vom
+Schiff aus wieder ein Boot abgeht, und m&ouml;chte vorher
+noch Deine trostbringenden Nachrichten haben.&laquo;</p>
+
+<p>Der Alte sah jetzt allerdings selber ein da&szlig; hier,
+mit seinen wenigen Mann und mit Gewalt, Nichts
+auszurichten war; dann gen&uuml;gte ihm auch der auf
+das Einfangen des Entlaufenen gesetzte Preis nicht
+mehr; dieser hatte Schie&szlig;waffen und er glaubte von
+dem &raquo;wei&szlig;en Mann Capitain&laquo;, wie er den Harpunierer
+nannte, vorher erst noch leicht die doppelte
+Ration herausdingen zu k&ouml;nnen, noch dazu da er das
+erst Geforderte so leicht und schnell bewilligt hatte.<span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">[41]</a></span>
+Da der Wei&szlig;e &uuml;brigens, wie es schien, nicht die geringsten
+feindlichen Absichten zeigte, und wieder ganz
+in seine fr&uuml;here friedliche Stellung zur&uuml;ckgefallen war,
+kam er auch hinter seinem, in der ersten Geschwindigkeit
+angenommenen Baume vor, und sich erst kurze
+Zeit mit seinen Leuten besprechend, wandte er sich
+dann pl&ouml;tzlich wieder zu dem Fl&uuml;chtling und sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Gut, gut &mdash; Raiteo will gehn, will mit <span class="smcap">fu-a</span>
+sprechen &mdash; wei&szlig;er Mann nicht Capitain bleibt hier
+so lange &mdash; Raiteo kommt wieder &mdash; Sonne dort&laquo;
+&mdash; und er zeigte dabei mit der Hand die Himmelsgegend
+an, an welcher sich die Sonne befinden w&uuml;rde,
+wenn er wieder zur&uuml;ckk&auml;me. Damit zog er sich, und
+ohne weiter eine Antwort abzuwarten, in die B&uuml;sche
+zur&uuml;ck, und wie es schien folgten ihm alle seine Leute;
+au&szlig;er Sicht lie&szlig; er aber seine s&auml;mmtliche Mannschaft
+auf Wacht und vertheilte sie so, da&szlig; sie die Bergkuppe
+nach allen vier Seiten umgaben, nicht etwa eine Flucht
+des Wei&szlig;en von dort zu verhindern, denn das wu&szlig;te
+er recht gut, konnten sie nicht, sondern nur genau zu
+sehen wo er bliebe, falls er den Ort aus freien St&uuml;cken
+verlassen sollte, damit ihnen die neue Arbeit eines
+Nachsp&uuml;rens erspart w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Raiteo, wie er sich selbst genannt, dachte &uuml;brigens
+gar nicht daran Sr. Majest&auml;t dem K&ouml;nig den
+ganzen Nutzen dieses Fanges allein zu lassen, und<span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">[42]</a></span>
+beschlo&szlig; vor allen Dingen einmal zu sehen, wie viel
+mehr Belohnung er, dieser neuen Entdeckung nach,
+aus dem fremden Schiff herauslocken k&ouml;nne. Demzufolge,
+und da er jetzt selbst durch eine lichte Stelle
+in den Guiavenb&uuml;schen das auf&#8217;s Neue heranrudernde
+Boot erkennen konnte, eilte er so rasch er vermochte
+dem Strand wieder zu, und traf dort mit dem eben
+auf dem wei&szlig;en Corallensand auflaufenden Boot fast
+in ein und derselben Minute ein.</p>
+
+<p>Der Harpunier fluchte &uuml;brigens nicht wenig, als
+er h&ouml;rte da&szlig; die Eingeborenen den Entlaufenen allerdings
+gefunden, aber noch nicht zum Strand gebracht
+h&auml;tten, und nun erst noch eine neue erh&ouml;hte Forderung
+stellten; er h&auml;tte ihnen jetzt gern das sechsfache
+gegeben, w&auml;re der entlaufene Matrose damit in seinen
+H&auml;nden gewesen, denn der Capitain des Delaware
+w&uuml;thete ordentlich als er die Flucht des Manns
+und seinen dadurch erzwungenen Aufenthalt vernahm,
+und gab ihm jede Vollmacht den Burschen, den er
+exemplarisch zu bestrafen gedachte, wieder in seine
+Gewalt zu bekommen.</p>
+
+<p>Raiteo sollte aber die Sache nicht mehr allein
+auszufechten haben, sondern Sr. Majest&auml;t, die von
+dem reichen, f&uuml;r den Fl&uuml;chtling versprochenen Lohn
+geh&ouml;rt hatte, mischte sich jetzt selber in das Gesch&auml;ft,<span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">[43]</a></span>
+und schien Raiteo mehr als F&uuml;hrer wie Leitenden betrachten
+zu wollen.</p>
+
+<p>Der Harpunier hatte nun zwar selber schon Raiteo
+eine Belohnung geboten, wenn er ihn nur zu dem
+Platz hinbringen wolle wo der Fl&uuml;chtling sei; Jener
+schien das aber einestheils nicht gern thun zu m&ouml;gen,
+und anderer Seits zeigte dies wieder eine neue Schwierigkeit.
+Der Harpunier h&auml;tte seine Leute entweder
+zur&uuml;cklassen oder mitnehmen m&uuml;ssen, und in beiden
+F&auml;llen konnte es am Ende gar noch einem Andern
+einfallen, sein Gl&uuml;ck ebenfalls in den W&auml;ldern zu
+versuchen. Nach kurzem Ueberlegen suchte er deshalb
+die Indianer zu bewegen so rasch als m&ouml;glich zur&uuml;ckzugehn
+und den Wei&szlig;en zu holen, und die Versprechungen
+die er ihnen daf&uuml;r machte, ja mehr noch die
+mitgebrachten Sachen die er ihnen zeigte, und von
+denen er einiges dem K&ouml;nig schon gab, seine Habgier
+zu reizen, schienen ihm allerdings das g&uuml;nstigste Resultat
+zu versprechen.</p>
+
+<p>Die Leute waren diesmal in sehr bedeutender Anzahl,
+sogar mit einer Menge neugieriger Frauen, aufgebrochen
+den Gefangenen, der solcher Masse nicht
+h&auml;tte widerstehen k&ouml;nnen, zum Strand zu holen, und
+jetzt etwa lange genug abwesend da&szlig; der Harpunier
+schon dann und wann nach seiner Uhr sah, und die
+Zeit zu berechnen anfing, in der sie w&uuml;rden wieder<span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">[44]</a></span>
+zur&uuml;ck sein k&ouml;nnen, als Mr. Rowsey pl&ouml;tzlich, sehr zu
+seinem Erstaunen, ein Zeichen von seinem Schiff erhielt,
+so rasch er k&ouml;nne an Bord zur&uuml;ckzukommen.</p>
+
+<p>&raquo;Was zum Teufel kann nur los sein?&laquo; brummte
+er, als ihn Einer der Leute auf die eben aufsteigende
+Flagge aufmerksam machte &mdash; &raquo;Fische bei Gott!&laquo; rief
+er aber, als diese, zum verabredeten Signal, dreimal
+auf und niedergezogen wurde &mdash; &raquo;die h&auml;tten auch noch
+ein paar Stunden warten k&ouml;nnen. An Bord <span class="smcap">boys</span>,
+an Bord &mdash; rasch an Eure Riemen&laquo; &mdash; rief er dann
+seinen Leuten zu, die schnell dem Befehl gehorchten.
+Er selber blieb noch ein paar Momente wie unschl&uuml;ssig
+am Ufer stehen, w&auml;hrend sich die zur&uuml;ckgebliebenen
+Eingeborenen neugierig um ihn sammelten,
+theils zu erfahren was die Flagge am Schiff bedeuten
+solle &mdash; denn soviel hatten sie schon mit Schiffen
+verkehrt, zu wissen da&szlig; dies etwas Besonderes melden
+wolle &mdash; theils was die Wei&szlig;en jetzt zu thun
+beabsichtigten.</p>
+
+<p>Der Harpunier wu&szlig;te das in der That im Anfang
+selber nicht &mdash; mu&szlig;ten sie jetzt hinter Fischen
+her, wie es allen Anschein hatte, so konnten ein paar
+Tage vergehen, ehe sie hierher wieder zur&uuml;ck kamen, und
+sollte er indessen die f&uuml;r das Einfangen des Mannes
+bestimmten G&uuml;ter in den H&auml;nden des K&ouml;nigs lassen?
+That er es nicht, so war es die Frage ob sich die<span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">[45]</a></span>
+Eingebornen, sobald sie das Schiff absegeln sahen,
+weiter um den Wei&szlig;en bek&uuml;mmern w&uuml;rden, und lie&szlig;
+er die Sachen da, so hie&szlig; das ein wenig viel der
+Ehrlichkeit dieser Leute vertraut, von der er, nach
+ziemlich langer Erfahrung, in solcher Hinsicht gerade
+keinen besonderen Begriff zu haben schien. Er entschlo&szlig;
+sich aber doch zuletzt dazu, denn eines Theils lag in
+den mitgebrachten Sachen kein wirklicher Werth, und
+andern Theils durfte er dann auch darauf rechnen da&szlig;
+die Leute &mdash; wenn sie eben nicht mit dem Ganzen durchbrannten
+&mdash; ihr Bestes thun w&uuml;rden sein Vertrauen
+zu rechtfertigen. Sich also zu dem K&ouml;nig wendend
+sagte er ihm mit kurzen Worten, er m&uuml;sse jetzt an sein
+Schiff gehn, er wolle aber den Lohn f&uuml;r das Einfangen
+des Entlaufenen bei ihm niederlegen, und er
+verlange daf&uuml;r von ihm, da&szlig; sie den Mann, wenn sie
+ihn einbr&auml;chten &mdash; sollte das Schiff noch dort liegen,
+wo sie es jetzt s&auml;hen &mdash; augenblicklich in ein Canoe
+n&auml;hmen und an Bord br&auml;chten, sollte es aber unter
+Segel sein, so lange gut verwahrten, bis er selber
+zur&uuml;ckk&auml;me.</p>
+
+<p>Se. Majest&auml;t versprach ihm daf&uuml;r die Sachen in
+sein eigenes Haus zu legen, und versicherte den Harpunier
+es w&uuml;rde Nichts davon kommen, denn sie seien
+alle <span class="g">Christen</span> und zwei &raquo;Mitonares&laquo; hier auf der
+Insel.<span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">[46]</a></span></p>
+
+<p>Der alte Harpunier schien ihm etwas darauf erwiedern
+zu wollen, und sah ihn einen Augenblick wie
+zweifelnd an, endlich aber brummte er nur leise ein
+paar Worte in den Bart, sprang in sein Boot und
+scho&szlig; gleich darauf, so rasch ihn die mit &auml;u&szlig;erster
+Kraft der Leute gef&uuml;hrten Riemen<a name="FNanchor_B_2" id="FNanchor_B_2"></a><a href="#Footnote_B_2" class="fnanchor">[B]</a> bringen konnten,
+dem, etwa zwei englische Meilen entfernten Schiffe
+zu, von dessen Gaffel die Flagge noch immer wehte,
+und dann und wann gezogen wurde &mdash; ein Zeichen
+gr&ouml;&szlig;ter Eile.</p>
+
+<div class="footnotes"><h3>Fu&szlig;noten:</h3>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_B_2" id="Footnote_B_2"></a><a href="#FNanchor_B_2"><span class="label">[B]</span></a> Riemen, das nautische Wort f&uuml;r die langen Ruder der
+See- und Wallfischboote.</p></div>
+</div>
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">[47]</a></span></p>
+<h2><a name="Capitel_3" id="Capitel_3"></a>Capitel 3.</h2>
+
+<h3>Das M&auml;dchen von Atiu.</h3>
+
+
+<p>Ren&eacute; sa&szlig; indessen, nachdem ihn die Eingeborenen
+verlassen, eine ganze Weile sinnend auf den Steinen
+seines kleinen Fort&#8217;s, und &uuml;berlegte was er am Besten
+th&auml;te &mdash; hier auf dieser Stelle bleiben und die R&uuml;ckkunft
+der M&auml;nner zu erwarten, oder sich vielleicht,
+mit mehr Vorsicht ein neues Versteck zu suchen, wo
+er wenigstens bis Dunkelwerden unentdeckt bleiben
+konnte und dann die ganze Nacht vor sich hatte eine
+Stelle zu finden seinen Verfolgern zu entgehn oder
+sie hinzuz&ouml;gern; er wu&szlig;te recht gut da&szlig; der Capitain
+des Delaware bald ungeduldig werden w&uuml;rde,
+wenn er ihn nicht rasch wieder zur&uuml;ckbek&auml;me. Es
+war &uuml;berdies auch m&ouml;glich da&szlig; er selber in der Nacht<span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">[48]</a></span>
+ein Canoe fand mit dem er getrost in See gehen
+konnte; im Nord-Westen lagen noch mehre Inseln,
+und selbst die Gefahr der er sich dabei aussetzte, schien
+ihm nicht halb so gro&szlig; als die, in der er sich jetzt
+wirklich befand wieder gefangen genommen und an
+Bord des Delaware zur&uuml;ckgeschafft zu werden. Er
+entschlo&szlig; sich also endlich von dieser Kuppe wieder
+einer andern H&uuml;gelspitze zuzugehn, die er von hier
+aus gut erkennen konnte; jedenfalls nahm es dann
+seinen Feinden einige Zeit bis sie ihn wieder fanden,
+und die Nacht verbarg dann seine Spuren den Verfolgern.</p>
+
+<p>Diesen Versuch mu&szlig;te er aber bald aufgeben, denn
+kaum hatte er etwa hundert Schritt den Berg hinunter
+gethan, so entdeckte sein scharf umhersp&auml;hendes
+Auge die Gestalt des dort stationirten Insulaners,
+der sich allerdings, als er ihn kommen h&ouml;rte, in das
+dichte &uuml;ppige Kraut, was &uuml;berall den Boden bedeckte,
+niederdr&uuml;ckte. Er war also umstellt, und es half ihm
+Nichts seinen Schlupfwinkel zu ver&auml;ndern, denn diese
+Wachen w&uuml;rden ihm nat&uuml;rlich auf den Fersen gefolgt
+sein; ja die M&ouml;glichkeit lag vor, da&szlig; sich seine Feinde,
+vielleicht zahlreicher als er selber eine Ahnung hatte,
+hier in den Hinterhalt gelegt, nur eben auf sein Niedersteigen
+wartend, um ihn dann, in dem dichten Gestr&uuml;pp
+soviel leichter &uuml;berfallen und binden zu k&ouml;nnen,<span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">[49]</a></span>
+und scheu, hinter jedem Stamm einen versteckten, zum
+Ansprung bereiten Feind vermuthend, das gespannte
+Terzerol in der Hand, zog er sich rasch aber unbel&auml;stigt,
+wieder zu dem kaum verlassenen Versteck
+zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Gut,&laquo; murmelte er dabei zwischen den fest zusammengebissenen
+Z&auml;hnen durch, als er zu seiner kleinen
+Veste zum zweiten Mal aufstieg &mdash; &raquo;la&szlig; sie dann
+die Folgen nehmen, wenn sie mich mit Gewalt zum
+Aeu&szlig;ersten treiben wollen; aber lebendig bringen sie
+mich beim ewigen Gott nicht von diesen Steinen
+hinunter.&laquo;</p>
+
+<p>Er untersuchte jetzt auf das sorgf&auml;ltigste seine
+kleinen Terzerole, schraubte die Pistons los und that
+frisches Pulver wie nachher frische Kupferh&uuml;tchen
+auf, und als er sich wenigstens dieser H&uuml;lfe versichert
+und sein Messer gef&uuml;hlt hatte, ob es ihm locker und
+zum Griff bequem an der Seite hing, wu&szlig;te er da&szlig;
+er f&uuml;r den Augenblick nichts weiter thun konnte und
+warf sich, der Dinge die er doch nicht zu &auml;ndern vermochte
+wartend, auf die Steine nieder, seine Kr&auml;fte
+wenigstens nicht durch unn&ouml;thige Anstrengungen vor
+der Zeit zu ersch&ouml;pfen.</p>
+
+<p>Er mochte etwa eine halbe Stunde so gelegen
+haben, als der L&auml;rm der jetzt zu ihm heraufsteigenden
+Schaar an sein Ohr drang &mdash; er horchte einen Au<span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">[50]</a></span>genblick
+auf und als er die lauten Stimmen einer
+gro&szlig;en Zahl Menschen deutlich unterschied, blieb er
+ruhig in seiner Stellung. Er wu&szlig;te da&szlig; sie, mit
+solchem Ger&auml;usch ankommend, ihn nicht &uuml;berraschen
+wollten, und da&szlig; sich jetzt der entscheidende Augenblick
+nahe. Er hatte das Boot wieder zur&uuml;ckkommen sehen
+und erwartete kaum anders, als da&szlig; sich der Harpunier
+selber mit seinen Leuten der Schaar angeschlossen
+habe.</p>
+
+<p>Diese kam jetzt so rasch und mit solchem Geplapper
+und Lachen und Schreien n&auml;her, da&szlig; er sich endlich
+aufrichten mu&szlig;te; ein Blick &uuml;berzeugte ihn aber
+er habe es nur mit Insulanern und keinem seiner
+fr&uuml;heren Kameraden zu thun, und mit der Ueberzeugung
+zog ihm auch wieder neue Hoffnung durch die
+Seele. Er lehnte sich jetzt in seine fr&uuml;here Stellung
+auf den Stein, und als er sich M&auml;nner und Frauen
+in bunter Masse um sich sammeln sah, konnte er selbst
+ein L&auml;cheln nicht zur&uuml;ckhalten.</p>
+
+<p>&raquo;Was f&uuml;r eine herrliche Situation w&auml;re dies jetzt
+f&uuml;r einen der frommen Missionaire,&laquo; murmelte er
+leise vor sich hin, &raquo;f&uuml;r die &raquo;Prediger in der W&uuml;ste&laquo;
+wie sie sich selber nennen &mdash; Kanzel und Auditorium
+fix und fertig, und welch zahlreiche, bunte Versammlung
+&mdash; wahrhaftig auch Frauen &mdash; die lieben Dinger
+m&uuml;ssen doch &uuml;berall dabei sein, selbst wenn es gilt<span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">[51]</a></span>
+einen armen Teufel von Matrosen wieder an seine
+Henker auszuliefern. Aber, <span class="smcap">prenez-garde mes dames</span>,
+noch <span class="g">habt</span> Ihr ihn nicht, und billig sind die zehn
+Ellen rother Kattun etc. wahrhaftig nicht verdient,
+<span class="g">wenn</span> Ihr ihn bekommt.&laquo;</p>
+
+<p>Die Schaar sammelte sich indessen um den Felsen
+herum und obgleich die&szlig;mal eine h&ouml;here Person als
+Raiteo, n&auml;mlich der Sohn des K&ouml;nigs selber, mitgekommen
+war, behielt doch jener bei den nachfolgenden
+Unterhandlungen als Dollmetscher das Wort,
+und forderte jetzt, augenscheinlich verdrie&szlig;lich durch
+die Hartn&auml;ckigkeit des Burschen um den, ihm von Gott
+und Rechts wegen zustehenden Lohn gebracht zu sein,
+ihn einfach auf herunter zu kommen und mit ihnen
+zu gehn, weil sie sonst Gewalt brauchen m&uuml;&szlig;ten, und
+ihm nicht gern ein Leides thun wollten. Ihr K&ouml;nig
+erlaube ihm nicht l&auml;nger hier auf der Insel zu bleiben,
+also helfe ihm weiter kein Widerstand.</p>
+
+<p>Ren&eacute; hatte sich hoch aufgerichtet, die jetzt frisch
+von der See her&uuml;berwehende Brise schlug ihm das
+dunkle lange Haar wild um die Schl&auml;fe, und sein
+Gesicht war von der inneren Aufregung vollkommen
+bleich geworden, aber seine Augen funkelten und ein
+trotziges L&auml;cheln kr&auml;uste ihm selbst die Lippe, als er
+mit lauter herausfordernder Stimme hinunter rief:</p>
+
+<p>&raquo;So kommt denn, wenn Ihr den Muth habt<span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">[52]</a></span>
+mich zu holen &mdash; kommt und seht wessen Blut diese
+Steine zuerst f&auml;rben soll &mdash; kommt und &uuml;berliefert
+einen Mann, der Euch nie ein Leides gethan, seinen
+Feinden, Ihr seid ja am Ende gar Christen und wollt
+nach Gottes Geboten handeln &mdash; kommt, aber ehe ich
+jenes Schiff wieder lebendig betrete &mdash;&laquo; er schwieg
+pl&ouml;tzlich denn sein Auge hatte in diesem Moment fast
+unwillk&uuml;rlich das ferne Fahrzeug gesucht, und er sah
+jetzt zum ersten Mal das von der Gaffel flatternde
+Zeichen, wie das zu dem Schiff zur&uuml;ckkehrende Boot,
+ja ein zweiter Blick &uuml;berzeugte ihn sogar da&szlig; nach
+Westen hin die drei anderen Boote ebenfalls voll
+unter Segel waren, und die Wahrheit des Ganzen
+durchzuckte ihn im Nu.</p>
+
+<p>Als die unten Stehenden sahen da&szlig; er pl&ouml;tzlich
+seine Blicke so aufmerksam nach der Richtung hin
+sandte, wo das Schiff lag, suchten sie ebenfalls dorthin
+Aussicht zu gewinnen, und zwei junge Leute die
+rasch eine der Casuarinen erstiegen hatten, riefen
+bald etwas in ihrer Sprache hinunter. Von den
+M&auml;nnern vertheilten sich jetzt mehre nach lichteren
+Punkten hin, wo sie die See nach dieser Richtung
+hin besser &uuml;berschauen konnten, und es zeigte sich gar
+bald da&szlig; etwas Besonderes dort an Bord vorgehen
+m&uuml;sse, was f&uuml;r den Augenblick, da es ja auch mit
+ihren Verhandlungen hier in naher Beziehung stehen<span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">[53]</a></span>
+mu&szlig;te, ihre Aufmerksamkeit vollkommen von dem
+jungen Matrosen ablenkte.</p>
+
+<p>Ren&eacute; selber dachte kaum mehr an die Eingeborenen
+&mdash; er sah wie das Boot, das ihn hatte abholen
+sollen, an Bord des Delaware zur&uuml;ckkehrte, der augenblicklich
+seine Raaen umbra&szlig;te und mit gebl&auml;hten
+Segeln den vorangeeilten Booten nach Westen folgte.
+Jedenfalls hatten sie dort eine gro&szlig;e Zahl Fische
+bemerkt, die ihm sicherlich sehr zu gelegener Zeit aufgekommen
+waren, und hielt die Jagd nur bis Abend
+an, da&szlig; das Schiff dadurch eine t&uuml;chtige Strecke nach
+Westen versetzt wurde, so war die Frage ob der Capitain
+seinetwegen hier wieder gegen den Passat ankreuzen
+w&uuml;rde; jedenfalls behielt er einen, vielleicht
+mehre Tage Zeit auf Flucht von der Insel zu denken
+und die Gefahr war wenigstens f&uuml;r den Augenblick
+von ihm genommen. Da&szlig; er die Insulaner <span class="g">jetzt</span>
+leicht von sich abhalten konnte, daran zweifelte er keinen
+Augenblick.</p>
+
+<p>Der Erfolg zeigte denn auch da&szlig; er darin vollkommen
+recht gehabt. Die Insulaner, als sie das
+Schiff unter vollen Segeln die Insel verlassen sahen,
+wu&szlig;ten nicht recht woran sie waren, und mu&szlig;ten erst
+wieder einen Boten nach unten schicken, neue Verhaltungsbefehle
+einzuholen. Allerdings begegnete diesem
+schon ein Anderer, der ihnen die Ordre brachte den<span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">[54]</a></span>
+jungen Fremden nur einstweilen einzufangen und mit
+herunterzunehmen. Das war aber weit eher gesagt
+als gethan, und kam das Fahrzeug am Ende nachher
+gar nicht zur&uuml;ck, so mu&szlig;ten sie ihn doch wieder los
+lassen; da war es also weit vern&uuml;nftiger ihn jetzt gar
+nicht zu st&ouml;ren, bis das Schiff wirklich wieder da sei,
+nachher sei es noch Zeit genug.</p>
+
+<p>Als die Frauen und M&auml;dchen, die dem Zug aus
+Neugierde gefolgt waren und sich im Anfang, da
+man noch nicht wu&szlig;te ob es zu Feindseligkeiten kommen
+w&uuml;rde, scheu zur&uuml;ck gehalten hatten, nun, wie
+die Sachen jetzt standen, und da&szlig; nicht die mindeste
+Gefahr zu f&uuml;rchten sei, sahen, so kamen sie weiter vor,
+und suchten Pl&auml;tze zu bekommen, von denen sie den
+jungen Fremden genau beobachten konnten. Nur ein
+junges M&auml;dchen allein war schon fr&uuml;her so weit vorgedrungen,
+da&szlig; sie sich dem Umstellten, auf einer anderen
+kleinen Erderh&ouml;hung fast gegen&uuml;ber befand, und
+hatte die ganze Zeit keinen Blick von ihm verwandt.</p>
+
+<p>Es war ein junges bildsch&ouml;nes Kind von vielleicht
+funfzehn oder sechzehn Jahren, schlank gewachsen wie
+die Palme ihrer W&auml;lder, aber mit vollem runden
+Gliederbau; die rabenschwarzen mit wohlriechendem
+Cocos&ouml;l getr&auml;nkten Locken wild um die braune Stirn
+flatternd, und die sch&ouml;nen gro&szlig;en dunklen Augen halb
+&auml;ngstlich halb mitleidig auf den jungen Mann gehef<span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">[55]</a></span>tet,
+dessen Leben wenn er sich zum &auml;u&szlig;ersten widersetzte,
+wie sie recht gut wu&szlig;te, in gro&szlig;er Gefahr
+schwebte. Sie war nach Art der &uuml;brigen M&auml;dchen gekleidet;
+ein Lendentuch von farbigem Kattun, das ihr
+bis auf die feingeformten Knie niederging, schlo&szlig; sich
+ihr dicht um die H&uuml;ften und ein anderes Tuch war
+nur lose &uuml;ber die linke Schulter gehangen, und auf
+der rechten mit einem Knoten locker zusammengehalten,
+da&szlig; es den rechten Arm vollkommen nackt und
+ihm freie Bewegung lie&szlig;. In den vollen Locken trug
+sie einen d&uuml;nnen Kranz wei&szlig;er und rother Bl&uuml;then,
+mit den Fasern des Cocosblattes fest zusammengebunden,
+in den Ohren aber zwei der gro&szlig;en wei&szlig;en duftenden
+Sternblumen, und wie sie dort stand auf dem
+br&ouml;cklichen Gestein, um das sich dicht hinter ihr die
+vollen dunklen B&uuml;sche schmiegten, den linken Arm um
+die d&uuml;nne Casuarine geschlungen, die sie da oben auf
+ihrer etwas gef&auml;hrlichen Stelle st&uuml;tzte, glich sie eher
+einer lauschend aus dem Dickicht gebrochenen Waldnymphe,
+als einem einfachen schlichten Kind dieser
+Inseln.</p>
+
+<p>Ren&eacute; war im Anfang nat&uuml;rlich zu sehr mit der
+Gefahr seiner eigenen Lage besch&auml;ftigt gewesen, einzelne
+Gestalten der ihn umgebenden Insulaner beachten
+zu k&ouml;nnen, und vorz&uuml;glich hatte er die M&auml;nner
+und ihre Bewegungen im Auge behalten, da er ja<span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">[56]</a></span>
+auch gar nicht wissen konnte, ob sie nicht einen pl&ouml;tzlichen
+Angriff auf ihn beabsichtigten; jetzt aber, als
+sein leichter Sinn ihn rasch &uuml;ber die geringere Gefahr,
+die ihm von den Insulanern selber drohte, hinwegsetzte,
+f&uuml;hlte er mehr das eigenth&uuml;mliche, ja interessante
+seiner Lage, und w&auml;hrend das Blut in seine
+Wangen zur&uuml;ckkehrte und ein leichtes L&auml;cheln &uuml;ber
+seine sch&ouml;nen Z&uuml;ge flog, schaute er sich um nach den
+einzelnen Gruppen, und sein Blick begegnete zum
+ersten Mal dem dunklen, brennenden Auge des M&auml;dchens.</p>
+
+<p>Das holde Kind schlug aber, als sie sah da&szlig; er
+sie bemerkt hatte, versch&auml;mt den Blick zu Boden, und
+so zart war die lichtbraune Haut, da&szlig; Ren&eacute; deutlich
+darauf das dunkle Err&ouml;then, das ihre Schl&auml;fe und
+Wangen f&auml;rbte, erkennen konnte; gerade jetzt wurde
+aber seine Aufmerksamkeit wieder auf die Schaar der
+M&auml;nner gelenkt, die sich ihm n&auml;herten und ihn noch
+einmal frugen, ob er gutwillig zu ihnen hinuntersteigen
+wolle oder nicht.</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;!&laquo; rief Ren&eacute; jetzt freudig, und war es
+fr&uuml;her schon seine Absicht gewesen, so hatte sie jetzt
+die Gestalt des holden ihm gegen&uuml;ber stehenden Kindes
+nur noch best&auml;rkt &mdash; &raquo;gewi&szlig; will ich hinunter
+kommen und bei Euch bleiben, aber Ihr m&uuml;&szlig;t mir
+versprechen da&szlig; Ihr mich nicht festhalten oder binden<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">[57]</a></span>
+wollt &mdash; freiwillig komme ich in Euere Mitte, und
+freiwillig werde ich darin bleiben, denn das Schiff,
+was mich zur&uuml;ck forderte, hat die Insel verlassen
+nicht wieder zur&uuml;ckzukehren. Wollt Ihr mir also fest
+und aufrichtig Sicherheit f&uuml;r meine Person versprechen,
+so steige ich augenblicklich zu Euch nieder, und
+ich hoffe wir sollen recht gute Freunde zusammen
+werden. Seid Ihr das zufrieden?&laquo;</p>
+
+<p>Die Insulaner, denen Raiteo die Worte des jungen
+Mannes verdollmetscht hatte, besprachen sich kurze
+Zeit in lauter, l&auml;rmender Stimme miteinander, und
+dieser wandte sich dann wieder zu ihm und sagte,
+freundlich dabei mit der Hand winkend:</p>
+
+<p>&raquo;Gut, wei&szlig;er Mann, &mdash; <span class="smcap">a haere mai</span> &mdash; sei
+willkommen und bleib bei uns bis dein Schiff wieder
+zur&uuml;ck kommt, oder so lange Du willst!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="smcap">Eh bien</span>!&laquo; rief der junge Franzose lachend &mdash;
+&raquo;das ist ein Vorschlag zur G&uuml;te und die Sache l&ouml;st
+sich freundlicher als ich erwarten durfte.&laquo; Und damit
+schob er seine Terzerole in die Tasche, dr&uuml;ckte sich die
+M&uuml;tze wieder in die Stirn, und wollte sich eben &uuml;ber
+die Steine, die seine Festungswerke bildeten, hin&uuml;berschwingen,
+als ihn ein Ruf in gutem Englisch pl&ouml;tzlich
+nicht allein daran verhinderte, sondern auch erstaunt
+und &uuml;berrascht aufschauen machte.</p>
+
+<p>Es war das junge holde M&auml;dchen, das, den<span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">[58]</a></span>
+rechten Arm gegen ihn ausgestreckt, laut und fast
+&auml;ngstlich im reinsten Englisch rief:</p>
+
+<p>&raquo;Halt, Fremder &mdash; halt &mdash; sie sind falsch &mdash; sie
+wollen Dich binden und halten, und dem Schiff, das
+ihnen das L&ouml;segeld zur&uuml;ckgelassen hat, wieder ausliefern
+&mdash; traue ihnen nicht, und bleibe wo Du bist,
+bis Dich der K&ouml;nig selber seines Schutzes versichert
+hat.&laquo; Dann aber sich gegen die unten Stehenden
+wendend, unter denen Raiteo die hervorragendste und
+jedenfalls best&uuml;rzteste Pers&ouml;nlichkeit bildete, da er allein
+zu seinem Schrecken verstanden hatte, wie das junge
+M&auml;dchen ihre eigenen Landsleute an den Fremden,
+seiner Meinung nach, verrieth, rief sie mit z&uuml;rnender
+fast drohender Stimme in der sch&ouml;nen klangvollen
+melodischen Sprache ihres Stammes:</p>
+
+<p>&raquo;Sch&auml;me Dich, <span class="smcap">ahina</span><a name="FNanchor_C_3" id="FNanchor_C_3"></a><a href="#Footnote_C_3" class="fnanchor">[C]</a> &mdash; sch&auml;mt Euch Ihr
+alle, den armen <span class="smcap">hutupanutai</span><a name="FNanchor_D_4" id="FNanchor_D_4"></a><a href="#Footnote_D_4" class="fnanchor">[D]</a> verr&auml;therisch unter
+Euch locken und &uuml;berfallen zu wollen. &mdash; Wo sind
+seine Verwandte &mdash; wo seine Eltern &mdash; wo seine Geschwister?
+&mdash; weit weit von hier, und um schn&ouml;den
+Lohn dr&auml;ngt es Euch, ihn seinen Feinden zu &uuml;ber<span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">[59]</a></span>liefern,
+und <span class="g">Ihr</span> nennt Euch <span class="g">Christen</span>? Ihr prahlt
+damit in den &ouml;ffentlichen Versammlungen da&szlig; Ihr
+Euern N&auml;chsten lieben wollt wie Euch selbst, und
+Anderen nicht das zuf&uuml;gen m&ouml;chtet, was Euch nicht
+selbst geschehen solle; sch&auml;mt Euch in Euere Seele
+hinein da&szlig; Euch ein armes junges M&auml;dchen zurechtweisen
+und Euere Ehre retten mu&szlig; vor dem Fremden!&laquo;</p>
+
+<p>Kaum aber hatte sie diese Worte gesprochen, und
+sah wie Aller Blicke auf sie gerichtet waren, als
+auch die nat&uuml;rliche m&auml;dchenhafte Scheu wieder jedes
+andere Gef&uuml;hl verdr&auml;ngte; das Blut scho&szlig; ihr in
+Str&ouml;men nach den Schl&auml;fen, und die Blicke niederschlagend,
+als ob sie selber jetzt gerade eine unrechte
+Handlung gethan, und nicht im Gegentheil Andere
+von einer solchen zur&uuml;ckgehalten hatte, glitt sie in die
+sie dicht umschlie&szlig;enden B&uuml;sche zur&uuml;ck, und war auch
+im n&auml;chsten Moment hinter dem Felsenhang verschwunden.</p>
+
+<p>Ren&eacute;, der dieser so zeitgem&auml;&szlig;en Warnung der Jungfrau
+nach, rasch seine alte Stellung wieder eingenommen
+hatte, und jetzt mit gezogenen Waffen und finsterem
+Blick die etwas verlegen unter ihm stehende
+Schaar betrachtete, konnte an deren ganzem Betragen
+leicht und deutlich sehen, wie viel Grund zu jener
+Anschuldigung, die er sp&auml;ter mehr in den Blicken des
+M&auml;dchens gelesen als aus ihren Worten verstanden<span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">[60]</a></span>
+hatte, vorhanden gewesen. Raiteo besonders, der
+bei den allsonnt&auml;glichen religi&ouml;sen &raquo;<span class="smcap">meetings</span>&laquo; eine
+Hauptrolle spielte, schien sich &uuml;ber den, ihn am tiefsten
+verletzenden Vorwurf, schlimm zu &auml;rgern. Die
+M&auml;dchen und Frauen fl&uuml;sterten aber lebhaft untereinander,
+und aus den freundlichen ihm zugeworfenen
+Blicken durfte Ren&eacute; wohl urtheilen da&szlig; er den <span class="g">sch&ouml;nen</span>
+Theil seiner Feinde nicht mehr zu seinen Feinden
+z&auml;hlen durfte, und da&szlig; dieser vollkommen mit
+dem Betragen Einer ihrer Schwestern einverstanden
+sei.</p>
+
+<p>Die M&auml;nner beriethen sich indessen eine ganze
+Zeitlang miteinander, sahen dann wieder nach dem
+Schiff aus, das mehr und mehr in der Ferne, und
+zwar nach Westen hin verschwand, und schienen total
+rathlos zu sein, was sie eigentlich thun sollten. Einen
+wirklichen Angriff zu machen, dazu fehlte ihnen in
+diesem Augenblick, wenn auch nicht der Muth, doch
+jedenfalls, durch das Absegeln des Schiffs, die dringende
+Ursache, und friedlich nach dem eben stattgehabten
+Vorfall wieder mit ihm anzukn&uuml;pfen, war
+auch eine schwierige Sache &mdash; wer konnte von ihm
+verlangen da&szlig; er nach dem letzten Beispiel ihnen jetzt
+noch einmal trauen sollte.</p>
+
+<p>So verging der Nachmittag, Ren&eacute; beschlo&szlig; &uuml;brigens
+jetzt weiter Nichts zu unternehmen; war das<span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">[61]</a></span>
+Schiff erst einmal g&auml;nzlich aus Sicht, so lie&szlig; sich
+eher hoffen die Leute zur Vernunft zu bringen, zeigten
+sie sich aber dann morgen noch eben so hartn&auml;ckig,
+dann wollte er versuchen ein Canoe zu bekommen,
+und von der Insel zu fliehen, denn er konnte sich
+nicht verhehlen da&szlig; der Delaware, da er, wie ihm
+das junge M&auml;dchen gesagt, den f&uuml;r sein Einfangen
+bestimmten Lohn hier zur&uuml;ckgelassen, doch jedenfalls
+die Absicht haben mu&szlig;te die Insel, wenn ihm das
+irgend m&ouml;glich war, wieder anzulaufen. Das hing
+indessen noch Alles theils von dem Weg ab den die
+Fische nahmen, theils ob er an einem oder mehreren
+festkam, denn so lange er den Fisch langseits hatte,
+konnte er nicht segeln und trieb immer weiter nach
+Westen ab.</p>
+
+<p>Indessen stellte sich aber auch bei ihm wieder
+Hunger und Durst ein, und theils diesen zu befriedigen,
+theils den Insulanern unten zu zeigen da&szlig; er
+nicht die mindeste Furcht und noch ganz guten Appetit
+habe, setzte er sich oben auf seine Befestigungswerke
+und begann seine etwas hinausgeschobene Mahlzeit
+nach Kr&auml;ften zu halten.</p>
+
+<p>Erst als es Abend wurde verlie&szlig;en ihn die Insulaner,
+und zwar ohne weiter mit ihm zu unterhandeln,
+bis auf den letzten Mann, und seine einzige
+Sorge war jetzt da&szlig; sie ihn in der Nacht, wenn er<span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">[62]</a></span>
+eingeschlafen w&auml;re, &uuml;berrumpeln m&ouml;chten. Diesem zu
+begegnen, und da der Feind wahrscheinlich einen solchen
+Versuch erst sp&auml;t machen und nicht glauben
+w&uuml;rde da&szlig; er sich gleich nach Dunkelwerden niederlegen
+werde, beschlo&szlig; er, trotz der ihn umgebenden
+Gefahr, gerade jetzt ein paar Stunden zu schlafen
+um nachher desto munterer zu sein, denn ohne alle
+Rast wu&szlig;te er recht gut da&szlig; er es nicht aushalten
+k&ouml;nne. Ueberdie&szlig; f&uuml;rchtete er mehr als alles Andere,
+seinem K&ouml;rper gleich im Anfang zu viel zuzumuthen,
+da er ja nicht wissen konnte welche Strapatzen und
+Gefahren er &uuml;berhaupt noch zu bestehen hatte.</p>
+
+<p>Die&szlig; Alles stimmte &uuml;brigens so vollkommen mit
+seiner eigenen Neigung &uuml;berein, denn er war durch
+die gehabte Aufregung jetzt, da gewisserma&szlig;en ein
+Ruhestand eingetreten, f&ouml;rmlich ersch&ouml;pft und so m&uuml;de
+geworden, da&szlig; er es auch augenblicklich auszuf&uuml;hren
+beschlo&szlig;, sein B&uuml;ndel auf der einen Seite als Kopfkissen
+hinlegte &mdash; nur die Vorsicht gebrauchend an
+dem am leichtesten zu ersteigenden Platz einen Stein
+so locker zu placiren, da&szlig; er bei der leisesten Ber&uuml;hrung
+niederfallen mu&szlig;te &mdash; und sich dann mit sorgloser
+Ruhe auf den harten Boden und dem Schlaf
+in die Arme warf.</p>
+
+<p>Um den armen Ren&eacute; m&ouml;chte es aber schlecht gestanden
+haben, h&auml;tten die Insulaner wirklich beabsich<span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">[63]</a></span>tigt
+in der Nacht etwas gegen ihn zu unternehmen,
+denn lange nach Mitternacht ber&uuml;hrte eine leichte Hand
+seine Schulter, ohne da&szlig; er erwacht w&auml;re.</p>
+
+<p>&raquo;Fremder,&laquo; sagte da eine sanfte, weiche Stimme,
+und das junge sch&ouml;ne M&auml;dchen, das neben ihm stand,
+legte ihre kalten Finger an seine, vom festen Schlaf
+erhitzte Stirn.</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte Ren&eacute;, die Augen &ouml;ffnend und umschauend &mdash; &raquo;ja &mdash; schon
+acht Glasen?&laquo;<a name="FNanchor_E_5" id="FNanchor_E_5"></a><a href="#Footnote_E_5" class="fnanchor">[E]</a> &mdash; die
+kalte Nachtluft strich &uuml;ber ihn hin &mdash; um ihn rauschte
+das Laub des Waldes und die hellen funkelnden
+Sterne blickten klar auf ihn nieder. In dem Moment
+scho&szlig; ihm auch die ganze Gefahr seiner Lage
+durch die Seele, und rasch emporspringend, das Terzerol
+wie instinktartig im Griff, schien er den Angriff
+zu erwarten.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr seid eine vortreffliche Schildwache,&laquo; lachte
+aber das junge M&auml;dchen, das ruhig auf ihrem Platz
+stehen geblieben war &mdash; &raquo;wenn Ihr nicht besser &uuml;ber
+anderer Leute Gut wacht, als Euere eigene Sicherheit,
+m&ouml;chte ich Euch wahrlich nicht einer Banane
+Werth vertrauen.&laquo;<span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">[64]</a></span></p>
+
+<p>Ren&eacute; fa&szlig;te sich an die Stirn &mdash; er wu&szlig;te im
+ersten Augenblick wahrhaftig nicht ob er wache oder
+tr&auml;ume, das ganze Fremdartige seiner Umgebung, das
+sch&ouml;ne lachende M&auml;dchen dicht vor ihm, ein dunkles
+Bewu&szlig;tsein drohender Gefahr die &uuml;ber ihm schwebe,
+und seine Sinne noch halb von dem kaum erst abgesch&uuml;ttelten
+tiefen Schlaf befangen, verlangte Alles
+da&szlig; er sich erst sammle, und es verging wohl eine
+Minute, ehe er seine wirkliche Lage wieder vollst&auml;ndig
+begriff.</p>
+
+<p>Das junge M&auml;dchen stand inde&szlig;, mit untergeschlagenen
+Armen, die zarten Lippen fest zusammengepre&szlig;t,
+und den Kopf sch&uuml;ttelnd vor ihm, und sagte
+endlich halb lachend halb erstaunt:</p>
+
+<p>&raquo;Bist Du nicht ein wunderlicher Mann, Fremder &mdash; schl&auml;fst
+hier mitten zwischen Deinen Feinden,
+als ob Du daheim im sichern Hause, von den Deinen
+bewacht l&auml;gest und nicht ein Preis auf dein
+Einbringen gesetzt sei, das habgierige Menschen zu
+deinem Verderben reizen mu&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und durft ich nicht schlafen, wenn ein solcher
+Schutzgeist &uuml;ber mich wachte, Du holdes Kind!&laquo;
+sagte Ren&eacute; herzlich, die Hand nach der ihren ausstreckend &mdash; sie
+trat aber vor der Ber&uuml;hrung einen
+Schritt zur&uuml;ck, und erwiederte, mit ernstem Blick nach
+oben deutend:<span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">[65]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Allerdings hattest Du einen Schutzgeist der &uuml;ber
+Dich wachte, aber es ist das Auge Gottes, das jedes
+Haar Deines Hauptes gez&auml;hlt hat, und ohne dessen
+Willen keins zur Erde f&auml;llt &mdash; ihm danke f&uuml;r Deine
+bisherige Sicherheit, nicht mir. Aber komm Fremder,&laquo;
+setzte sie dann freundlicher hinzu &mdash; &raquo;nimm
+Dein Bett und wandere und folge mir, ich will Dich
+vor Tag, und ehe b&ouml;se Menschen im Thale neue Anschl&auml;ge
+schmieden k&ouml;nnten, an die andere Seite der
+Insel bringen, dort steht das Haus eines frommen
+Mannes, das Dich sch&uuml;tzen wird, bis Dein Schiff
+diese Gegend verlassen hat, und dann kannst Du sp&auml;ter
+nach Tahiti, wo viele Deiner Landsleute leben,
+hin&uuml;bergehn und dort in Sicherheit wohnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein <span class="g">Bett</span> mitzunehmen, m&ouml;chte hier schwer
+werden,&laquo; lachte aber Ren&eacute;, dessen leichter Sinn ihn
+in der N&auml;he des sch&ouml;nen M&auml;dchens das so freundlich
+um ihn besorgt war, schon &uuml;ber alles Andere
+weggesetzt hatte, &raquo;das wollen wir lieber liegen lassen;
+mit dem Kopfkissen m&ouml;chte es eher gehn &mdash; und wie
+ists mit den Provisionen &mdash; soll ich die Cocosnu&szlig;
+und Bananen?&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir finden genug auf unserem Weg&laquo; &mdash; unterbrach
+ihn aber das M&auml;dchen &mdash; &raquo;i&szlig; und trink wenn
+Du <span class="g">jetzt</span> Hunger hast, und sorge nicht weiter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann mag es sich mein Dollmetscher morgen<span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">[66]</a></span>
+als schwachen Beweis meiner Erkenntlichkeit mit hinunter
+nehmen,&laquo; lachte Ren&eacute;, &raquo;der alte Bursche wird
+sch&ouml;n schauen, wenn er das Nest leer und den Vogel
+ausgeflogen findet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O sprich nicht mit so leichtem Muth &uuml;ber eine
+Gefahr, der Du noch keineswegs entgangen bist,&laquo;
+bat aber das M&auml;dchen, &raquo;ich selber kann nichts f&uuml;r
+Deine Sicherheit thun, als Dich zu einem Andern
+f&uuml;hren und diesen bitten Dir zu helfen &mdash; er ist selber
+ein Wei&szlig;er und ein Diener des Herrn, und wird gewi&szlig;
+Alles f&uuml;r Dich thun was in seinen Kr&auml;ften steht
+&mdash; er ist aber doch auch nur ein Mensch, und vermag
+Dir keinen anderen, als eben nur menschlichen
+Schutz zu gew&auml;hren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Wei&szlig;er? &mdash; und ein Diener des Herrn?&laquo;
+sagte aber Ren&eacute; rasch und nachdenkend &mdash; &raquo;ein Missionair
+also?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;, ein Missionair,&laquo; best&auml;tigte die Jungfrau
+&mdash; &raquo;er hat mich von fr&uuml;hester Jugend auferzogen
+und seine Sprache und Religion gelehrt &mdash; er ist ein
+stiller, friedlicher und guter Mann.&laquo;</p>
+
+<p>Ren&eacute; blieb nachdenkend eine kleine Weile stehn,
+und es ging ihm im Kopf herum was er Alles, vielleicht
+in seinem katholischen Vaterland noch &uuml;bertrieben,
+&uuml;ber die protestantischen Missionaire dieser Inseln
+geh&ouml;rt und gelesen, bei denen er eigentlich schon<span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">[67]</a></span>
+aus zwei Gr&uuml;nden keine freundliche Aufnahme erwarten
+durfte, erstlich als entlaufener Matrose und dann
+als Katholik; er war aber nicht der Mann sich vor
+der Zeit vielleicht unn&ouml;thige Sorgen zu machen, that
+er&#8217;s doch nicht wenn er selbst Ursache dazu hatte.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="smcap">Eh bien</span>!&laquo; rief er fr&ouml;hlich und entschlossen &mdash;
+&raquo;sei es wohin es wolle, wohin Du mich f&uuml;hrst Du
+holdes Kind, geh ich gern, und w&auml;re es in den
+Tod. Hier kann ich doch nicht bleiben,&laquo; setzte er l&auml;chelnd
+hinzu als er einen halb komischen halb verlegnen
+Blick umherwarf &mdash; &raquo;der Bequemlichkeiten sind
+nicht besonders viel, und vor Tag st&ouml;berte mich doch
+am Ende der alte Bursche von Dollmetscher wieder
+auf &mdash; also vorw&auml;rts, vorw&auml;rts Du liebes M&auml;dchen
+&mdash; aber welchen Namen hast Du? wie kann ich Dich
+nennen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meine Landsleute nannten mich Sadie,&laquo; sagte
+das sch&ouml;ne M&auml;dchen leise &mdash; &raquo;Sadie nach einem jener
+freundlichen Sterne dort oben, aber mein Pflegevater
+verwarf den Namen als heidnisch, und ich hei&szlig;e
+jetzt Prudentia &mdash; nur die Insulaner k&ouml;nnen das noch
+nicht gut aussprechen und nennen mich lieber mit dem
+alten Namen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh so la&szlig; mich Dich auch Sadie nennen, Du
+holdes Kind,&laquo; bat da Ren&eacute; &mdash; &raquo;bist Du mir nicht
+auch ein freundlicher Stern geworden, der mich hier<span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">[68]</a></span>
+aus meiner Tr&uuml;bsal hinausf&uuml;hren soll? &mdash; und wie
+gern folg ich ihm &mdash; Prudentia, lieber Gott, der Name
+mag f&uuml;r des w&uuml;rdigen Mannes Mutter oder Gattin
+recht gut klingen, aber Deinen Namen hinein verwandeln,
+Sadie, hei&szlig;t die Saiten einer Harfe zerrei&szlig;en
+und Bindfaden dar&uuml;berspannen &mdash; nein Sadie,
+leuchte mir voran, und jener Stern soll nicht genauer
+seine Bahn halten, als ich der Deinen folge.&laquo;</p>
+
+<p>Das junge M&auml;dchen die wohl den alten liebgewonnenen
+Namen auch lieber h&ouml;rte als das fremde,
+selbst f&uuml;r ihre Zunge schwere Wort, erwiederte nichts
+weiter, und wie eine Gemse von dem ziemlich steilen
+Hang hinunterkletternd, und den Arm vermeidend den
+Ren&eacute; nach ihr ausstreckte sie dabei zu unterst&uuml;tzen,
+glitt sie auf den Boden nieder, da&szlig; Ren&eacute; kaum ihren
+Schritten zu folgen vermochte.</p>
+
+<div class="footnotes"><h3>Fu&szlig;noten:</h3>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_C_3" id="Footnote_C_3"></a><a href="#FNanchor_C_3"><span class="label">[C]</span></a> Ver&auml;chtlicher Name f&uuml;r einen alten Mann.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_D_4" id="Footnote_D_4"></a><a href="#FNanchor_D_4"><span class="label">[D]</span></a> <span class="smcap">hutupanutai</span>, die an den Strand gesp&uuml;hlte <span class="smcap">hutu</span>-Nu&szlig;
+&mdash; oder auch, in der bildreichen Sprache des Stammes, der
+an ihre K&uuml;sten geworfene Fremde ohne Verwandte und Freunde.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_E_5" id="Footnote_E_5"></a><a href="#FNanchor_E_5"><span class="label">[E]</span></a> Glasen, ein Schiffsausdruck, vom Stundenglas entstanden,
+und jetzt die verschiedenen Schl&auml;ge der Wachtuhr bedeutend,
+die alle vier Stunden mit eins beginnt und jede
+halbe Stunde einen Schlag hinzuf&uuml;gt.</p></div>
+</div>
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">[69]</a></span></p>
+<h2><a name="Capitel_4" id="Capitel_4"></a>Capitel 4.</h2>
+
+<h3>Der Mi-to-na-re.</h3>
+
+
+<p>Es war ein ziemlich langer Marsch durch eine
+wilde Gegend und oft durch Dickichte, durch die er
+allein nie seinen Weg gefunden; an den Sternen sah
+er dabei wie sie viele Umwege machten, entweder vollkommen
+undurchdringliche Stellen zu umgehen, oder
+auch vielleicht m&ouml;gliche Verfolger irre zu f&uuml;hren. Endlich
+erreichten sie wieder eingez&auml;unte Gartenpl&auml;tze mit
+Bananen, Brodfrucht, Orangen, Wassermelonen und
+s&uuml;&szlig;en Kartoffeln bepflanzt, und als die Sonne eben
+&uuml;ber dem, wieder vor ihnen liegenden Meeresspiegel
+emporstieg, betraten sie eine freundliche Ansiedlung
+wohnlicher Bambush&uuml;tten, sogar mit einigen wei&szlig;&uuml;bert&uuml;nchten
+H&auml;usern dazwischen, dicht in dem Schat<span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">[70]</a></span>ten
+hoher Cocospalmen und breit&auml;stiger Brodfruchtb&auml;ume
+hineingeschmiegt, und von einer hohen festen
+Umz&auml;unung rings umschlossen.</p>
+
+<p>Ren&eacute; z&ouml;gerte im ersten Augenblick den Ort zu betreten
+&mdash; er blieb stehen und betrachtete forschend den
+kleinen freundlichen Platz, der wie ein in sich abgeschlossenes
+Paradies stillen Friedens vor ihm lag.
+Sadie schaute nach ihm um und frug ihn l&auml;chelnd
+ob er sich f&uuml;rchte n&auml;her zu kommen.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="g">F&uuml;rchten</span>?&laquo; sagte der junge Mann leise mit
+dem Kopf sch&uuml;ttelnd, &raquo;wenn ich &uuml;berhaupt etwas
+f&uuml;rchtete auf der weiten Welt &mdash; h&auml;tte ich da je diese
+Insel betreten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;rchtest Du <span class="g">Nichts</span>?&laquo; sagte das M&auml;dchen
+rasch und erstaunt, und schaute zu ihm auf &mdash; &raquo;f&uuml;rchtest
+Du nicht <span class="g">Gott</span>?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Der junge Mann f&uuml;hlte da&szlig; er hier ein Feld ber&uuml;hrte
+das er vermeiden m&uuml;sse &mdash; so wenig er sich
+selber aus irgend einem Religionsbekenntnis machte,
+hatte er doch zu viel gesunden Sinn f&uuml;r Recht es
+in Anderm zu achten, und er h&auml;tte besonders dem
+holden Kind nicht durch eine rauhe Antwort weh
+thun m&ouml;gen &mdash; er sagte deshalb ausweichend:</p>
+
+<p>&raquo;Ich sprach nicht von Gott, Sadie &mdash; ich sprach
+von den Menschen &mdash; also hier wohnt der wei&szlig;e
+Missionair?&laquo;<span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">[71]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Hier wohnt er, wenn er auf der Insel ist,&laquo; &mdash;
+erwiederte das M&auml;dchen, durch seine Antwort vollkommen
+wieder beruhigt &mdash; &raquo;gerade jetzt aber besucht
+er mehre andere Inseln in Missionsgesch&auml;ften, aber
+schon seit drei Tagen erwarten wir ihn zur&uuml;ck, und
+jede Stunde kann er wieder eintreffen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also in diesem Augenblick wohnt kein Missionair
+auf dieser Insel?&laquo; &mdash; frug der junge Mann rasch, und
+wie es fast schien, erfreut.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Kein <span class="g">wei&szlig;er</span> Missionair wenigstens,&laquo; sagte die
+Jungfrau, &raquo;aber Du scheinst Dich dar&uuml;ber eher zu
+freuen, und ich hatte geglaubt es w&uuml;rde Dich beruhigen
+wenn Du einen Landsmann in der N&auml;he
+w&uuml;&szlig;test.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So habt Ihr auch <span class="g">eingeborene</span> Missionaire
+hier?&laquo; umging der junge Mann die halbgestellte Frage
+durch eine andere &mdash; &raquo;und sind die auf allen Inseln?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht auf allen, doch auf vielen &mdash; hier aber,&laquo;
+fuhr sie auf das Haus deutend fort &mdash; &raquo;wirst Du
+jedenfalls Schutz finden bis Dein Schiff zur&uuml;ckkehrt,
+denn von den Bewohnern dieser Insel wird es Keiner
+wagen Hand an Dich zu legen, so lange Du Dich
+in den Mauern dieses kleinen Wohnortes befindest &mdash;
+was Deine eigenen Landsleute aber thun wenn sie
+zur&uuml;ckkommen, wei&szlig; ich nicht, doch ich f&uuml;rchte sie werden
+kaum die Heiligkeit dieses Ortes anerkennen, ob<span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">[72]</a></span>gleich
+sie Alle dem Namen nach Christen sind. Mein
+Pflegevater hat mir oft erz&auml;hlt, da&szlig; auf den Schiffen
+viel b&ouml;se gottlose Menschen hausen, und wir Insulaner
+hier manchmal viel bessere Christen sind als
+jene &mdash; aber nicht wahr, Du geh&ouml;rst nicht zu denen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O da mag Dein Pflegevater wohl vollkommen
+recht haben,&laquo; l&auml;chelte Ren&eacute;, &raquo;denn viel <span class="g">Christenthum</span>
+darf man gew&ouml;hnlich auf den Wallfischf&auml;ngern
+nicht suchen &mdash; darum sind aber doch auch viel gute
+brave Menschen zwischen ihnen, liebe Sadie, und ich
+mag leichtsinnig sein,&laquo; setzte er gutm&uuml;thig hinzu &mdash;
+&raquo;aber schlecht bin ich doch wohl nicht. Du mu&szlig;t mir
+das freilich auf mein ehrlich Gesicht hin glauben,
+denn andere B&uuml;rgen habe ich weiter nicht daf&uuml;r.&laquo;</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen l&auml;chelte, vollkommen zufrieden gestellt,
+vor sich hin, und jetzt zum ersten Mal seine
+Hand ergreifend, f&uuml;hrte sie ihn durch die, ihrem Druck
+nachgebende kleine Gartenpforte, durch den breiten
+gutgehaltenen Gang des Gartens, und eine dichte
+Allee regelm&auml;&szlig;ig gepflanzter Bananen oder Pisang
+dem Hause zu, unter deren Schutzdach Ren&eacute; die
+kleine, etwas wohlbeleibte Gestalt eines wie es schien
+halbcivilisirten Insulaners erkannte.</p>
+
+<p>Ren&eacute; konnte ein leises L&auml;cheln kaum verbergen
+als er die Gestalt mit fl&uuml;chtigem aber forschendem
+Blick &uuml;berflog, und fast unwillk&uuml;rlich dr&auml;ngte sich ihm<span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">[73]</a></span>
+der wunderliche Gedanke auf da&szlig; der Mann, wenn
+ihm der Geist und die Civilisation wirklich von oben
+gekommen sei, jedenfalls noch mit den Beinen im
+Heidenthum stecke.</p>
+
+<p>Der kleine gelbbraune Missionair sah auch in seiner
+halb frommen halb wilden Tracht wirklich eigenth&uuml;mlich
+genug aus. Er ging in blo&szlig;em Kopf, aber
+die sonst langen schwarzen Haare waren kurz und
+gottesf&uuml;rchtig abgeschnitten und zugestutzt &mdash; ferner
+trug er ein wei&szlig;es baumwollenes Hemd und eine
+wei&szlig;e leinene Halsbinde, mit hellgelber mit blanken
+Kn&ouml;pfen besetzter Weste, und &uuml;ber diesem Allen einen,
+dem Klima keineswegs zusagenden &mdash; schwarzen
+Frack. Bis soweit also war der Geist gekommen,
+darunter aber fing der Heide wieder an &mdash; der Mann
+konnte sich an die christliche Religion aber nicht an
+Hosen gew&ouml;hnen, und w&auml;hrend er um die Lenden ein
+langes St&uuml;ck roth und gelben Kattun, der h&ouml;chst
+freundlich gegen den schwarzen Frack abstach, mehrfach
+geschlagen hatte, trug er die Beine vollkommen
+nackt, und unter dem Kattun vor schauten noch die
+alten heidnischen T&auml;ttowirungen fr&uuml;herer Zeiten, wie
+scheu, von dem christlichen Kleidungsst&uuml;ck bedroht,
+hervor.</p>
+
+<p>Der kleine Mann schien &uuml;brigens ungemein erstaunt
+&uuml;ber den Besuch und auch vielleicht gerade nicht<span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">[74]</a></span>
+besonders erfreut, als ihm Sadie in seiner Sprache
+mit kurzen Worten das, auf der andern Seite der
+Insel Vorgefallene erz&auml;hlte, und ihm um seinen Schutz
+f&uuml;r den Verfolgten ansprach. Er hatte auch erst, wie
+es Ren&eacute; vorkam, eine Menge Einwendungen dagegen
+zu machen, und das Wort <span class="smcap">Mitonare</span> kam sehr h&auml;ufig
+dabei vor, <span class="smcap">Sadie</span> oder <span class="smcap">Pu-de-ni-a</span> wie sie der kleine
+Missionair in seinem wunderlichen Kauderwelsch statt
+<span class="smcap">Prudentia</span> nannte, wu&szlig;te diesem allen aber zu begegnen,
+und da er sonst selber wohl gutm&uuml;thig und
+gastfrei war, hatte er endlich nichts l&auml;nger dawider,
+streckte dem jungen Mann mit einem halb freundlichen
+halb salbungsvollen &mdash; wahrscheinlich abgesehenen
+Blick die dicke fette Hand entgegen, deren
+Finger auch noch fr&uuml;here T&auml;ttowirungen zeigten, und
+sagte in einer Sprache die jedenfalls englisch sein sollte,
+aber meist immer wieder auf tahitisch auslief.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="smcap">Gu &mdash; day bodder &mdash; gu day a haere mai &mdash; gu
+fend here &mdash; ehoa ino &mdash; very gu fend &mdash;</span>&laquo;
+und dann folgte noch eine l&auml;ngere Auseinandersetzung,
+jetzt auf einmal in reinem Tahitisch als ob er glaubte
+da&szlig; der Fremde, durch die vorigen einleitenden Worte
+in seiner eigenen Sprache nun auch vollkommen vorbereitet
+f&uuml;r jede weitere Anrede in gutem Insulanisch
+sein m&uuml;sse.</p>
+
+<p>Sadie, die &uuml;brigens mit halbverstohlenem L&auml;cheln<span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">[75]</a></span>
+sah, wie der junge Fremde verlegen vor ihm stand,
+und nicht recht zu wissen schien was er aus dem
+Ganzen machen solle, &uuml;bersetzte ihm schnell was der
+kleine Mann gesagt hatte, und bat ihn in das Haus
+zu treten, sich mit Speise und Trank zu st&auml;rken und
+von den &uuml;berstandenen Strapatzen auszuruhn.</p>
+
+<p>&raquo;Aber wie kann ich jetzt erfahren,&laquo; frug Ren&eacute; das
+junge M&auml;dchen &mdash; &raquo;was aus dem Schiff geworden
+ist, das schon vielleicht in diesem Augenblick die Insel
+wieder, von anderer Seite, ansegelt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch daran hab&#8217; ich gedacht&laquo; l&auml;chelte das M&auml;dchen
+&mdash; &raquo;k&uuml;mmere Dich nicht de&szlig;halb; der Knabe der
+uns eben verlie&szlig;, geht nach der n&auml;chsten Bergspitze
+hinauf, von wo er das Meer rings &uuml;berschauen kann,
+und bringt uns Nachricht ob das fremde Segel noch
+in der N&auml;he ist. &mdash; Und nun in&#8217;s Haus, denn wie
+ich Dir schon gesagt habe, bis das Schiff zur&uuml;ckkehrt
+&mdash; denn nur gegen Deine eigenen Landsleute k&ouml;nnen
+wir Dich nicht sch&uuml;tzen &mdash; bist Du sicher &mdash; und selbst
+dann finden sich vielleicht Mittel Dich zu verbergen&laquo;
+setzte sie freundlich hinzu.</p>
+
+<p>Der kleine Mitonare, denn als solchen hatte er
+sich Ren&eacute; &mdash; <span class="smcap">mi mitonare</span> &mdash; <span class="smcap">mi mitonare</span> schon
+selber vorgestellt &mdash; ging ihnen jetzt gesch&auml;ftig voran
+in&#8217;s Haus, und obgleich heute wirklich ihr Sonntag<span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">[76]</a></span>
+fiel<a name="FNanchor_F_6" id="FNanchor_F_6"></a><a href="#Footnote_F_6" class="fnanchor">[F]</a>, brachte er nichtsdestoweniger eigenh&auml;ndig, erst
+Teller und Messer und Gabel, die sonst wahrscheinlich
+nur wenig benutzt, tief in einer Schrankecke
+zu ruhen schienen, und dann kaltes Fleisch, Fr&uuml;chte
+und Cocosnu&szlig;milch herbei, und lud nun den jungen
+Mann auf das freundlichste ein sich niederzusetzen und
+nach Herzenslust zuzulangen.</p>
+
+<p>Ren&eacute; sah Sadie an und dann die Speisen &mdash; er
+sch&auml;mte sich sie zu bitten mit ihm niederzusitzen, und
+doch h&auml;tt&#8217; er es gar so gern gethan. Das sch&ouml;ne
+M&auml;dchen mochte aber errathen was er w&uuml;nsche, denn sie
+sch&uuml;ttelte l&auml;chelnd mit dem Kopf und war im n&auml;chsten
+Augenblick schon durch die offene Th&uuml;r verschwunden.</p>
+
+<p>Der kleine Missionair begann nun eine Unterhaltung
+die Ren&eacute; zu jeder andern Zeit ungemein am&uuml;sirt
+haben w&uuml;rde, in diesem Augenblick hatte er aber
+wirklich einen h&ouml;chst bedeutenden Hunger, und die
+steten Fragen des Kleinen, die an und f&uuml;r sich schon<span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">[77]</a></span>
+des wunderlichen Kauderwelsch wegen eben so viele
+R&auml;thsel waren, forderten eine Theilung seiner Aufmerksamkeit,
+die er jetzt weit lieber ungetheilt dem delicaten
+kalten Schweinebraten und den saftigen Fr&uuml;chten
+zugewandt h&auml;tte. Der Kleine lie&szlig; aber nicht
+nach und frug vor allen Dingen wie er selber hie&szlig;e
+&mdash; der Name war einfach genug, und er konnte ihn
+ziemlich gut nachsprechen &mdash; dann wie das Schiff
+hie&szlig;e auf dem er gekommen sei, und von wo es gesegelt
+w&auml;re. Er interessirte sich besonders, da er in
+den letzten Jahren mit H&uuml;lfe des wei&szlig;en Missionairs
+etwas Geographie getrieben, f&uuml;r die Hafenpl&auml;tze der
+Englischen und Amerikanischen K&uuml;ste, und schien sich
+ungemein zu freuen als er einen ihm bekannten Namen,
+Boston &mdash; das er &uuml;brigens hartn&auml;ckig <span class="smcap">bo-son</span>
+aussprach &mdash; erw&auml;hnen h&ouml;rte.</p>
+
+<p>Eine Hauptfrage des kleinen unerm&uuml;dlichen Mannes
+war aber zuletzt nach des Fremden Religion und
+Vaterland, und Ren&eacute; h&auml;tte sich selber keinen schlimmern
+Namen machen k&ouml;nnen, als da&szlig; er sich ohne
+weiteres f&uuml;r einen Franzosen ausgab.</p>
+
+<p>&raquo;Wi&mdash;wi?&laquo; sagte der kleine Mann etwas erstaunt,
+zog die Augenbrauen in die H&ouml;h, und spitzte
+den Mund &mdash; &raquo;Wi&mdash;wi?<a name="FNanchor_G_7" id="FNanchor_G_7"></a><a href="#Footnote_G_7" class="fnanchor">[G]</a> &mdash; hm &mdash;&laquo;<span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">[78]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Wi&mdash;wi?&laquo; sagte Ren&eacute;, der diesen Ausdruck noch
+nicht kannte, erstaunt &mdash; &raquo;was Wi&mdash;wi? &mdash; nicht
+Wi&mdash;wi &mdash; <span class="smcap">frenchman</span> &mdash; <span class="smcap">fran&ccedil;ais</span> &mdash; <span class="smcap">ferani</span> &mdash;&laquo;
+denn diesen Ausdruck hatte ihn schon Adolph gelehrt.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="smcap">Es&mdash;es</span>&laquo; nickte der Kleine schmunzelnd &mdash; &raquo;<span class="smcap">Fe&mdash;ra&mdash;ni</span>
+&mdash; <span class="smcap">Wi&mdash;wi</span>&laquo;&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was zum Henker will er denn mit dem Wi&mdash;wi?&laquo;
+&mdash; dachte Ren&eacute; &mdash; &raquo;das mu&szlig; ein besonderer
+Dialekt f&uuml;r den Namen sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Viel &mdash; viel Wi&mdash;wi&#8217;s in Tahiti &mdash; sagte der
+kleine Missionair wieder &mdash; keine Christen, Wi&mdash;wi&#8217;s!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Keine Christen?&laquo; rief Ren&eacute; lachend &mdash; &raquo;nun ich
+wei&szlig; doch nicht &mdash; einige sind sicher darunter, die sich
+wenigstens so nennen&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="smcap">Es</span>, Christen&laquo; nickte der unverw&uuml;stliche Kleine &mdash;
+&raquo;aber keine guten &mdash; <span class="smcap">aita maitai</span> &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt begriff Ren&eacute; erst, worauf der kleine Protestantische
+Missionair oder Prediger eigentlich abziele,
+denn dieser mu&szlig;te nat&uuml;rlich glauben, was ihm die protestantischen
+Geistlichen &uuml;ber die Religion der andern
+Wei&szlig;en, die sich ebenfalls Christen nannten, und doch
+in ihren &auml;u&szlig;eren Gebr&auml;uchen besonders so bedeutend
+von diesen abwichen, gesagt hatte. Er h&uuml;tete sich
+aber wohl auf irgend einen religi&ouml;sen Streit einzugehen
+und beschr&auml;nkte sich nur darauf ihm zu erkl&auml;ren,
+er wisse nicht was es in Tahiti f&uuml;r Christen g&auml;be, er<span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">[79]</a></span>
+sei noch nie dort gewesen, in seinem eigenen Vaterland
+&mdash; was er in aller Unschuld jetzt selber Wi&mdash;wi
+und zwar sehr zum Erg&ouml;tzen des kleinen Mannes
+nannte &mdash; g&auml;be es aber sehr gute, fromme Christen.</p>
+
+<p>Ren&eacute; h&auml;tte vielleicht noch eine Masse, ihm gerade
+nicht gelegene Fragen beantworten m&uuml;ssen, w&auml;re in
+diesem Augenblick nicht drau&szlig;en vor der Th&uuml;r eine
+kleine Glocke gel&auml;utet worden und zu gleicher Zeit
+Sadie in der Th&uuml;r des Gemaches erschienen. Ren&eacute;
+sprang fast mit einem Freudenruf empor.</p>
+
+<p>Das junge M&auml;dchen sah aber auch wunderlieblich
+aus in ihrer neuen Tracht, die sie der Sonntagsfeier
+zu Ehren angelegt hatte. Diese bestand in
+einem langen faltigen Gewand, das ihr oben von den
+Schultern bis auf die Kn&ouml;chel niederfiel, im G&uuml;rtel
+aber von einer leichten rothseidenen Sch&auml;rpe zusammengehalten
+wurde; die Haare hatte sie wieder frisch
+mit wohlriechendem Oel getr&auml;nkt, und die langen
+vollen Locken glatt nieder gek&auml;mmt, da&szlig; sie ihr bis
+auf die Schultern herabfielen &mdash; aber keine Blume
+schm&uuml;ckte sie jetzt, wo sie zu Gottes Altar treten
+wollte, nur eine d&uuml;nne Schnur, aus den Erh&ouml;hungen
+der reifen Ananas geschnitten, zog sich ihr um das
+Haar und die Stirn, den wilden Lockenschatz in etwas
+zu b&auml;ndigen. In der Hand hielt sie ein kleines Buch
+mit goldenem Schnitt &mdash; ein englisches neues Testa<span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">[80]</a></span>ment,
+und das erst so wilde muthige Kind sah jetzt
+so m&auml;dchenhaft fromm und sch&uuml;chtern aus, das dunkle
+Auge ruhte mit einem so milden sanften Blick auf
+ihm, da&szlig; er sie kaum wieder erkannt h&auml;tte, und doch
+war sie jetzt fast noch sch&ouml;ner als damals wie sie, den
+nackten Arm um den Baum geschlungen, von dem
+Felsen herab auf die verr&auml;therischen Landsleute niederz&uuml;rnte.</p>
+
+<p>&raquo;Wie sch&ouml;n Du bist, Sadie!&laquo; rief Ren&eacute; fast unwillk&uuml;rlich
+aus, und streckte ihr seine Hand entgegen.</p>
+
+<p>&raquo;Nicht Sadie jetzt&laquo; sagte aber das junge M&auml;dchen
+und sch&uuml;ttelte leise mit dem Kopf &mdash; &raquo;Prudentia
+hei&szlig; ich, denn ich gehe jetzt zu meinem Gott, durch
+dessen heiliges Wasser ich den Namen bekommen habe.
+Aber hier mein Freund&laquo; setzte sie mit bittendem Ton
+hinzu indem sie die ihr gebotene Hand ergriff und
+dabei dem jungen Mann zugleich das kleine Buch
+entgegenhielt &mdash; &raquo;nimm das hier und lies darin, w&auml;hrend
+wir in der Kirche f&uuml;r Dich und Dein Wohl
+beten wollen &mdash; es ist ein gutes Buch und wird Dich
+tr&ouml;sten.&laquo;</p>
+
+<p>Es lag etwas so r&uuml;hrend Herzliches in dem Ton
+mit dem das holde Kind diese Worte sprach, da&szlig;
+Ren&eacute; das Buch nahm, ihr leise die gereichte Hand
+dr&uuml;ckte und sagte&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke Dir, Sadie &mdash; Du mu&szlig;t mir nun<span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81">[81]</a></span>
+schon erlauben Dich so zu nennen &mdash; das andere
+Wort will mir gar nicht &uuml;ber die Lippen &mdash; aber Du
+bleibst doch nicht lange?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht nur zu kurze Zeit f&uuml;r so schwere S&uuml;nder
+als wir sind&laquo; sagte das M&auml;dchen ernst und fast
+traurig &mdash; &raquo;aber lebe wohl und f&uuml;rchte Nichts f&uuml;r
+Deine Sicherheit; von der andern Seite der Insel
+sind eben M&auml;nner zur Kirche her&uuml;bergekommen,
+und sie berichten, da&szlig; Dein Schiff nirgend mehr zu
+sehen sei &mdash; es ist weit nach Westen gegangen und
+m&uuml;&szlig;te lange Zeit brauchen wollte es gegen den Wind
+wieder nach uns aufkreuzen. &mdash; Bleibe aber hier im
+Hause und zeige dich nicht den Leuten drau&szlig;en; doch
+darum sprechen wir nachher, jetzt darf ich nicht an
+weltliche Sachen denken &mdash; ich dachte aber auch nur
+Deinetwegen daran&laquo; &mdash; setzte sie leiser hinzu und
+eine tiefe R&ouml;the breitete sich &uuml;ber ihre sch&ouml;nen so
+engelsanften Z&uuml;ge.</p>
+
+<p>Auf den kleinen Mitonare hatte der Ton der Glocke
+aber ebenfalls eine fast zauberhafte Wirkung ausge&uuml;bt. &mdash; Noch
+im Lachen &uuml;ber den Fremden h&ouml;rte er
+den ersten Ton derselben und, wie ein in seiner Lust
+von dem strengen Blick des Lehrers ertappter Schulknabe,
+zog sich sein Gesicht nicht, nein zuckte es f&ouml;rmlich
+in die alten ehrbaren Falten hinein, die ihm dabei
+fast noch komischer standen, als das Lachen vorher.<span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82">[82]</a></span>
+Er erhob sich aber jetzt hastig, ergriff seine B&uuml;cher &mdash; alle
+in der Tahitischen Sprache durch die Missionaire
+&uuml;bersetzt, &mdash; und Sadie einige Worte sagend verlie&szlig;
+er mit dieser langsamen Schrittes das Haus.</p>
+
+<p>Ren&eacute; blieb allein zur&uuml;ck; Sadie hatte ihn heute
+absichtlich nicht aufgefordert sie in die Kirche zu begleiten,
+was sie sonst gewi&szlig; nicht vers&auml;umt haben
+w&uuml;rde; es waren aber viele Insulaner von der andern
+Seite, die gestern Theil an den Vorf&auml;llen gehabt, her&uuml;bergekommen,
+und sie wollte beide Partheien nicht
+jetzt schon wieder zusammenbringen. Der Aufenthalt
+des Fremden konnte &uuml;brigens, wie sie recht gut wu&szlig;ten,
+nicht lange geheim bleiben, wenn er das &uuml;berhaupt
+nur bis jetzt noch geblieben war; den Frieden
+des Missionsgeb&auml;udes st&ouml;rten aber, selbst die Verh&auml;rtetsten
+ihres Stammes nicht so leicht, und sie glaubte
+den armen, von allen Uebrigen verlassenen Fremden
+wenigstens hier sicher.</p>
+
+<p>Ren&eacute; warf sich auf eine der &uuml;berall in dem hohen
+luftigen Geb&auml;ude ausgebreiteten Matten, und lag
+lange in tiefem Br&uuml;ten &uuml;ber die letzten f&uuml;r ihn so verh&auml;ngni&szlig;voll
+gewesenen Stunden. Er war einer sehr
+dringenden Gefahr f&uuml;r den Augenblick entgangen, aber
+kam das Schiff zur&uuml;ck &mdash; und er zweifelte kaum daran,
+da&szlig; der Capitain desselben ihn nun und nimmer so
+leicht aufgeben w&uuml;rde, ohne wenigstens noch einen<span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83">[83]</a></span>
+Versuch zu machen ihn wiederzubekommen &mdash; w&uuml;rde
+er den H&auml;nden der Feinde auch dann entgehen k&ouml;nnen,
+und dann nicht vielleicht selbst der, bis dahin jedenfalls
+zur&uuml;ckgekehrte Missionair ihm seinen Schutz
+versagen? Es war doch wohl das beste, da&szlig; er weder
+Schiff noch Missionair abwartete, und so rasch
+als m&ouml;glich die Insel zu verlassen suchte. &mdash; Aber
+Sadie? &mdash; w&uuml;rde sie ihn begleiten? &mdash; Er erschrak
+ordentlich vor dem Gedanken sie zur&uuml;ckzulassen, und
+mochte sich selber kaum gestehen, wie gewaltig die&szlig;
+holde Kind des Waldes sein Herz schon gefesselt habe
+und halte.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist Thorheit&laquo; murmelte er vor sich hin &mdash;
+&raquo;Wahnsinn, jetzt an Liebe zu denken wo Du selber noch
+nicht einmal eine St&auml;tte hast Dein Haupt hinzulegen.
+Sei vern&uuml;nftig Ren&eacute; &mdash; hier an die Inseln geworfen
+hat das erste h&uuml;bsche Gesicht was Dir in den
+Weg kam Dein, &uuml;berhaupt etwas leicht entz&uuml;ndliches
+Herz in lichterlohe Flammen gesetzt &mdash; das ist ein
+Strohfeuer und brennt in der ersten Wache aus.&laquo;</p>
+
+<p>Er st&uuml;tzte den Kopf in die Hand und schlug das
+Buch auf, das noch immer vor ihm lag; aber die
+Buchstaben tanzten ihm vor den Augen; zwischen
+jeder Zeile lachten die holden schelmischen, und doch
+so sanften Z&uuml;ge des lieben Kindes heraus, und weder
+St. Lukas noch die Corinther vermochten den Zauber<span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84">[84]</a></span>
+zu l&ouml;sen der seine Seele mit der wilden Gluth pl&ouml;tzlicher
+aber gewaltig erwachter Liebe entz&uuml;ndet hatte.</p>
+
+<p>Der Tag verging ihm langsam &mdash; Sadie kehrte
+mit dem kleinen Missionair wohl um die Mittagszeit
+zur&uuml;ck, aber es war Sonntag &mdash; kein L&auml;cheln
+stahl sich &uuml;ber ihre Z&uuml;ge &mdash; selten oder nie begegnete
+ihr Blick dem seinen, und die Stunden flossen
+ihm tr&auml;ge unter Gebeten und Hymnens&auml;ngen dahin.</p>
+
+<p>Schon vor Tag am n&auml;chsten Morgen war er auf,
+badete in dem cristallhellen Wasser der Corallenb&auml;nke,
+und harrte dann mit wirklicher Sehnsucht des sch&ouml;nen
+Kindes, das aber heute lange, lange ausblieb und
+sich ihm gar nicht wieder zeigen wollte. Vergebens
+erfrug er sie bei dem Mitonare.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="smcap">Pu-de-ni-a?</span>&laquo; sagte dieser kopfsch&uuml;ttelnd und mit
+seinem r&auml;thselhaften englisch &mdash; &raquo;der Herr wei&szlig; wo
+man das M&auml;dchen suchen soll, wenn man sie haben
+will &mdash; <span class="smcap">Pu-de-ni-a ataetai</span> &mdash; wie kleine Eidechse,
+hier im Laub und da im Laub &mdash; kann sie nicht fassen
+&mdash; ist weg unter den Augen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Kleine schien heute &uuml;brigens besonders aufgelegt
+zu einer Unterhaltung, lehnte sich auf seine
+Matte zur&uuml;ck, faltete die kurzen dicken Finger auf dem
+runden Magen und begann wieder auf das herablassenste
+eine ganze Reihe von Fragen an den jungen
+Mann zu stellen, die ihm oft kaum Zeit lie&szlig;en nur<span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85">[85]</a></span>
+den Sinn zu verstehen ehe sie wieder, ohne die Beantwortung
+der ersten abzuwarten, von andern verdr&auml;ngt
+wurden. Er trug aber heute weder den schwarzen
+Frack, noch die hellgelbe Weste mit den blanken
+Kn&ouml;pfen; selbst das wei&szlig;e Halstuch lag, sorgf&auml;ltig
+in ein St&uuml;ck gelbes englisches Packpapier eingewickelt
+auf einem kleinen B&uuml;cherbret, neben seinem
+geistlichen Schatz. Seine Bewegungen waren aber
+dadurch auch freier geworden, und er schien mit dem
+Frack auch den ganzen Mitonare ausgezogen zu
+haben.</p>
+
+<p>Er war, wie er jetzt selber Ren&eacute; aus freien St&uuml;cken
+erz&auml;hlte, noch vor zehn Jahren ein entsetzlicher Heide
+gewesen, der glaubte da&szlig; das h&ouml;chste Wesen <span class="smcap">Taaroa</span>
+und nicht Gott hie&szlig;, der sogar seinen G&ouml;tzen Fr&uuml;chte
+und Schweinefleisch zum Opfer brachte, und Gefallen
+an den s&uuml;ndhaften T&auml;nzen der eingebornen M&auml;dchen
+fand. <span class="smcap">Mitonare O-no-so-no</span>, Gott wei&szlig; wie der
+Mann in wirklichem Englisch hie&szlig;, hatte ihn jedoch gerettet,
+sein Vater aber und sein Gro&szlig;vater, und seinem
+Gro&szlig;vater sein Gro&szlig;vater waren alle in der H&ouml;lle &mdash;
+konnten aber nichts daf&uuml;r &mdash; waren aus Versehen hinunter
+gekommen. &mdash; Er hatte sich sogar t&auml;ttowiren
+lassen, und als er sah da&szlig; Ren&eacute;, wahrscheinlich
+unbewu&szlig;t, ein erstauntes Gesicht dabei machte, was
+er vielleicht f&uuml;r Unglauben nahm, l&uuml;ftete er mit einer<span class="pagenum"><a name="Page_86" id="Page_86">[86]</a></span>
+halben Wendung den Cattun, fiel aber erschrocken
+wieder in seine alte Stellung zur&uuml;ck, und sah sich nach
+allen Seiten um, als Ren&eacute; der sich nicht helfen konnte,
+bei der Bewegung pl&ouml;tzlich in ein schallendes Gel&auml;chter
+ausbrach.</p>
+
+<p>Das h&auml;tte der kleine Mann aber bald &uuml;bel genommen,
+Ren&eacute; wu&szlig;te ihn jedoch wieder zu beruhigen
+und er begn&uuml;gte sich von da an ihm seine Lebensgeschichte
+<span class="g">ohne</span> Illustrationen zu geben.</p>
+
+<p>Das Mitonare sein war seiner Meinung nach ein
+sehr schweres Gesch&auml;ft &mdash; weniger des Predigens, als
+des Frackes wegen &mdash; und der viele Aerger mit den
+M&auml;dchen &mdash; soviel junges leichtsinniges Volk &mdash;
+&mdash; denken immer k&ouml;nnen in den Himmel kommen
+wenn sie lustig sind &mdash; bah &mdash; wissens nicht besser &mdash;
+Da in dem Buch steht Alles d&#8217;rin &mdash; sehr gutes Buch
+&mdash; ein Bischen dick &mdash; aber sehr gutes Buch, und
+viele schwere Worte d&#8217;rin. Jetzt kam aber bald eine
+b&ouml;se Zeit &mdash; wei&szlig;e Mitonares &mdash; vier, f&uuml;nf, sechs
+kamen hier her&uuml;ber &mdash; sahen zu ob Mitonare rother
+Mann viel wei&szlig;, und kleine Kanakas <span class="smcap">iti&mdash;iti</span> gut unterrichtet
+hat &mdash; viele schwere Worte auswendig lernen
+und viel Aerger mit <span class="smcap">iti&mdash;iti</span>. &mdash; &raquo;<span class="smcap">Pu-de-ni-a</span>
+gutes Kind&laquo; setzte er dann hinzu &mdash; &raquo;aber ein Bischen
+wild &mdash; ein Bischen sehr wild f&uuml;r <span class="smcap">waihini</span> &mdash;
+Mitonare <span class="smcap">O&mdash;no&mdash;so&mdash;no</span> Tochter &mdash; aber nicht<span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87">[87]</a></span>
+Tochter &mdash; nur so Tochter &mdash;&laquo; und er bem&uuml;hte sich
+dann in langer Rede und mit gro&szlig;er Anstrengung
+dem jungen Mann begreiflich zu machen da&szlig; <span class="smcap">Pu-de-ni-a
+O&mdash;no&mdash;so&mdash;no&#8217;s</span> Pflegetochter sei.</p>
+
+<p>Das war etwa der Inhalt seiner Unterhaltung,
+bei der er ziemlich allein das Wort f&uuml;hrte, und Ren&eacute;
+allerdings nur nothd&uuml;rftig den Sinn des Ganzen verstand,
+indem der Alte oft mehr Tahitische als englische
+Worte gebrauchte, und diese wenigen dann selbst noch
+auf wahrhaft grausame Art verst&uuml;mmelte.</p>
+
+<p>Ren&eacute; konnte es zuletzt nicht l&auml;nger aushalten &mdash;
+die Sehnsucht die ihn auf der einen Seite qu&auml;lte,
+Sadie wieder zu sehn, und die peinlich scharfe Aufmerksamkeit
+die er auf der andern gen&ouml;thigt war dem
+Kauderwelsch des Kleinen zu schenken, wenn er nur
+&uuml;berhaupt den ungef&auml;hren Sinn der Rede fassen wollte,
+machten ihm die Unterhaltung zu einer wahren Folter,
+und er benutzte die erste nur einigerma&szlig;en passende
+Gelegenheit aufzustehn, und in den Garten zu gehn.
+&mdash; Aber Sadie war nirgends, weder zu h&ouml;ren noch
+zu sehen.</p>
+
+<p>Die Sonne stieg indessen schon ziemlich hoch, und
+er warf sich endlich, als er die G&auml;nge unz&auml;hlige Male
+auf- und abgelaufen, erm&uuml;det in dem Schatten eines
+Orangen- und Citronendickichts nieder, von wo aus
+er, da der Platz etwas erh&ouml;ht lag, das ruhige Binnen<span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88">[88]</a></span>wasser,
+das die Insel umgab und die weiter drau&szlig;en
+von der Brandung hoch besch&auml;umten Riffe, deutlich
+&uuml;bersehen konnte. Dicht hinter dem kleinen Orangenhain
+lief die Einfriedigung des Gartens hin, und
+gleich von diesem ab begannen ziemlich steil die n&auml;chsten,
+dicht mit Guiaven- und Citronenb&uuml;schen bedeckten
+H&uuml;gel emporzusteigen.</p>
+
+<p>Wohl eine halbe Stunde hatte er so gelegen, und
+wilde wunderliche Luftschl&ouml;sser gebaut mit tr&auml;umenden
+Gedanken. &mdash; O wie reizend lag seine k&uuml;nftige Heimath
+unter den wehenden Palmen und duftigen Orangenbl&uuml;then
+dieser W&auml;lder &mdash; wie schaukelte sein Canoe
+so still und friedlich auf der klaren herrlichen Fluth,
+wenn er Abends vom Fischfang heimkehrte &mdash; und
+welch&#8217; holdes Bild stand in der niedern Th&uuml;r der
+Bambush&uuml;tte, und winkte ihm mit dem wehenden
+Tuch das fr&ouml;hliche, herzliche Joranna entgegen &mdash;
+halt! &mdash; das waren Schritte &mdash; dicht hinter den
+Orangenb&auml;umen den H&uuml;gel herab &mdash; ein leichter
+Sprung &uuml;ber den Zaun &mdash; er fuhr empor, und an
+ihm vor&uuml;ber scho&szlig; mit fl&uuml;chtigen Schritten die holde
+Wirklichkeit seiner sch&ouml;nsten Tr&auml;ume.</p>
+
+<p>&raquo;Sadie!&laquo; rief er leise&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Ha!&laquo; sagte das M&auml;dchen und warf halb scheu
+halb erschreckt den Kopf zur&uuml;ck, den die vollen dunklen
+Locken heut&#8217; wild umflatterten; als sie aber ihren<span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89">[89]</a></span>
+Sch&uuml;tzling erblickte f&auml;rbte wieder jenes dunkle Roth,
+das ihrem Antlitz einen so unendlichen Zauber verlieh,
+die lieblichen Z&uuml;ge der Maid, und rasch auf ihn
+zutretend, reichte sie ihm freundlich und zutraulich die
+Hand, die er fest in der seinen hielt, w&auml;hrend seine
+Blicke mit inniger Lust an den ihrigen hingen.</p>
+
+<p>Es war aber heute ganz wieder das wilde Kind
+wie an jenem Tage, wo sie wie ein z&uuml;rnender Geist
+zwischen Verfolger und Verfolgten getreten. Das
+lange Gewand von gestern hatte sie abgeworfen, und
+das Schultertuch verrieth mehr von den &uuml;ppigen Formen
+des wundersch&ouml;nen M&auml;dchens, als es verdeckte;
+auch durch die Locken wand sich wieder ein dichter
+Kranz duftender Blumen mit einem hochgef&auml;rbten
+Fern durchflochten, w&auml;hrend zwei gro&szlig;e wei&szlig;e Sternblumen
+in ihren Ohrl&auml;ppchen staken, und die feine
+Bronzefarbe der Haut nur noch mehr und reizender
+hervorhoben.</p>
+
+<p>&raquo;Wo bist Du aber nur so lange geblieben Sadie!&laquo;
+sagte jetzt Ren&eacute; mit leisem fast z&auml;rtlichem Vorwurf.</p>
+
+<p>&raquo;Lange geblieben?&laquo; lachte aber das wilde Kind &mdash;
+&raquo;lange geblieben? hab&#8217; ich denn &uuml;berhaupt kommen
+wollen? &mdash; wunderlicher Mann, wie wei&szlig;t Du nur
+wo ich &uuml;berall heute Morgen schon gewesen bin &mdash; und
+<span class="g">Deinetwegen</span> noch dazu&laquo; &mdash; setzte sie mit leichtem<span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90">[90]</a></span>
+Err&ouml;then und halb abgewandtem Gesicht hinzu &mdash;
+&raquo;doch komm,&laquo; fuhr sie rasch fort als sie mehr f&uuml;hlte
+als sah da&szlig; er etwas darauf erwiedern wolle &mdash; &raquo;komm
+ich habe gute Nachrichten f&uuml;r Dich, und wir wollen
+indessen ein wenig zu meinem Lieblingspl&auml;tzchen auf
+jenen H&uuml;gel gehn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich habe meine Waffen im Haus gelassen,&laquo;
+sagte der junge Mann &mdash; &raquo;ich kann sie rasch holen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du brauchst sie nicht mehr, wenigstens f&uuml;r den
+Augenblick nicht,&laquo; hielt ihn das M&auml;dchen zur&uuml;ck &mdash;
+&raquo;unser H&auml;uptling selber hat mir sein Wort gegeben,
+da&szlig; Du unbel&auml;stigt auf der Insel bleiben sollst, bis
+das Schiff wieder kommt und Dich noch einmal zur&uuml;ckfordert
+&mdash; und selbst dann wird er nicht streng
+mit Dir sein, &mdash; wenn sie ihn nicht dazu treiben; er
+ist ein guter Mann, und nur erst seit Ihr Wei&szlig;en
+uns so viel Sachen her&uuml;bergebracht habt, ohne die wir
+nun einmal nicht mehr glauben leben zu k&ouml;nnen, ist
+seine Habgier geweckt, und er thut Manches, was er
+sonst nicht gethan haben w&uuml;rde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und bist Du <span class="g">meinetwegen</span> heute Morgen
+schon dr&uuml;ben an der andern Seite der Insel gewesen?&laquo;
+rief Ren&eacute; erstaunt, fast erschreckt aus &mdash; &raquo;M&auml;dchen
+da mu&szlig;t Du ja vor Mitternacht aufgebrochen
+und die ganze Zeit gewandert sein, durch Dorn und
+Wildni&szlig;, mit den zarten Gliedern.&laquo;<span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91">[91]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Bah!&laquo; lachte das wilde Kind und warf sich mit
+rascher Kopfbewegung die Locken um die Schl&auml;fe, da&szlig;
+die losgesch&uuml;ttelten Bl&uuml;then auf ihre Schultern niederfielen
+&mdash; &raquo;ist das der Rede werth? &mdash; schon als
+kleines M&auml;dchen von vier Jahren hab&#8217; ich den Weg
+allein gemacht, und jetzt bin ich funfzehn. &mdash; Aber
+gestern durft ich ja doch nicht gehn,&laquo; setzte sie ernster
+hinzu, &mdash; &raquo;gestern war Sabbath und &mdash; ich wollte doch
+auch nicht da&szlig; Du wie ein Gefangener im Hause
+sitzen bleiben solltest. &mdash; Doch wir wollen ja hier nicht
+stehn bleiben, ich bin m&uuml;de und will mich setzen &mdash;
+komm,&laquo; sagte sie, und zog ihn nach sich, der Gartenpforte
+zu, durch die sie gingen und links davon einen
+kleinen H&uuml;gel emporstiegen, wohinauf ein ordentlicher
+Pfad ausgehauen und geebnet war.</p>
+
+<p>Es lie&szlig; sich kaum ein lieblicheres Pl&auml;tzchen auf
+der weiten Gotteswelt denken als das, wohin das
+sch&ouml;ne M&auml;dchen jetzt den jungen Mann f&uuml;hrte. &mdash; Drei
+niedere Palmen, in ihren Kronen fast gleich, &uuml;berhingen
+die kleine Stelle, und zwar so, da&szlig; die schattigen
+Bl&auml;tter, weit nach vorn &uuml;berneigend, die Sonne
+auffingen, wenn sie nur wenige Stunden hoch am
+Himmel stand &mdash; der Boden war mit einem feinen
+wohlriechenden Fern bedeckt, der duftende <span class="smcap">anei</span>, wie
+reich mit Bl&uuml;then geschm&uuml;ckte B&uuml;sche bildeten die R&uuml;ckwand,
+und mehre mit Bl&uuml;then &uuml;berstreute und zu<span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92">[92]</a></span>
+gleicher Zeit von goldenen Fr&uuml;chten fast niedergebeugte
+Orangenb&uuml;sche die Seitenw&auml;nde, w&auml;hrend ein breiter
+niederer Sitz, mit feingeflochtenen Matten doppelt und
+dreifach weich &uuml;berlegt, mit Bambus gezogener R&uuml;cklehne,
+die weite freie Aussicht auf das blaue Meer und
+die sch&auml;umende Brandung der Riffe gew&auml;hrte.</p>
+
+<p>Ren&eacute; stand lange in schweigender Bewunderung
+der reizenden Scene, mit dem sch&ouml;nen M&auml;dchen, das
+ihn l&auml;chelnd betrachtete, an seiner Seite.</p>
+
+<p>&raquo;Nicht wahr, das ist ein lieblicher Platz hier auf
+der kleinen freundlichen Insel?&laquo; &mdash; sagte sie endlich
+leise, als ob sie f&uuml;rchte das was sein Herz in diesem
+Augenblick f&uuml;hlte, zu unterbrechen.</p>
+
+<p>&raquo;O wunder &mdash; wundersch&ouml;n!&laquo; rief Ren&eacute; begeistert
+ihre Hand ergreifend &mdash; &raquo;ein Paradies, dem
+selbst die Engel nicht fehlen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Pfui Fremder&laquo; &mdash; sagte aber das M&auml;dchen ernst
+und fast traurig &mdash; &raquo;Du mu&szlig;t nicht l&auml;stern, w&auml;hrend
+der liebe Gott das Licht seiner Sonne auf Dich niedergie&szlig;t
+und die Wunder seiner Welt um Dich her
+ausgebreitet hat &mdash; und Du thust mir auch weh damit,
+und ich habe Dir doch Nichts zu leide gethan.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sadie&laquo; &mdash; bat der junge Mann, tief ergriffen
+von der einfachen, r&uuml;hrenden Nat&uuml;rlichkeit des holden
+Kindes.</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; nur gut sein,&laquo; sagte sie aber wieder etwas<span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93">[93]</a></span>
+freundlicher, &raquo;und setze Dich hierher &mdash; nein, nicht so
+nah zu mir &mdash; da in die Ecke &mdash; so, und nun sollst
+Du mir eine Frage beantworten.&laquo;</p>
+
+<p>Sie sah ihm dabei treuherzig in die Augen, und
+wenn sie auch nicht duldete da&szlig; er den Arm um sie
+legte, lie&szlig; sie doch ihre Hand in der seinen ruhen.</p>
+
+<p>&raquo;Und was willst Du fragen Du holdes Lieb?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Zuerst hei&szlig; ich Prudentia, h&ouml;chstens Sadie &mdash;
+aber nicht anders &mdash; aber ja &mdash; wie hei&szlig;t Du denn
+eigentlich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ren&eacute;!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ren&eacute; das ist ein h&uuml;bscher kurzer Name, und klingt
+nicht so schwerf&auml;llig wie die anderen englischen Worte
+&mdash; Ren&eacute; das k&ouml;nnte auch der Mitonare im Haus behalten,&laquo;
+setzte sie leise hinzu und ein schelmisches L&auml;cheln
+blitzte ihr durch die Augen; es war aber auch
+im Moment wieder verschwunden.</p>
+
+<p>&raquo;Und was wolltest Du mich fragen, Sadie?&laquo;</p>
+
+<p>Das junge M&auml;dchen wurde in dem Augenblick
+recht still und ernsthaft, und sah ihm erst eine ganze
+Weile forschend, schweigend in die Augen, als ob sie
+dort lesen wolle, wie es selbst in seinem innersten
+Herz beschaffen sei. Dann aber sch&uuml;ttelte sie mit dem
+Kopf; hatte sie nicht gefunden was sie suchte oder
+war sie &uuml;ber sich selbst b&ouml;se, und sagte jetzt, aber noch
+immer keinen Blick dabei von ihm verwendend:<span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94">[94]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Ist es wahr, Ren&eacute; da&szlig; Du ein <span class="smcap">Ferani</span> bist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Du, wie ich glaube, Franzose darunter
+verstehst &mdash; ja,&laquo; erwiederte Ren&eacute; offen aber auch halb
+erstaunt &uuml;ber den tiefen Ernst dieser doch gewi&szlig; h&ouml;chst
+gleichg&uuml;ltigen Frage.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Und bist Du ein Christ?&laquo; frug das M&auml;dchen
+&auml;ngstlich.</p>
+
+<p>Ren&eacute; konnte ein L&auml;cheln kaum verbergen, er erinnerte
+sich aber auch zugleich der Fragen des kleinen
+Mitonares und sagte kopfsch&uuml;ttelnd:</p>
+
+<p>&raquo;Liebes Kind wer hat Euch solch tolle Grillen
+hier in den Kopf gesetzt, da&szlig; die Franzosen keine Christen
+w&auml;ren? &mdash; gewi&szlig; sind wir Christen, wenn Dich
+das beruhigen kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber habt Ihr nicht heidnische Gebr&auml;uche bei
+Euerer Religion?&laquo; frug ihn das M&auml;dchen jetzt dringender.</p>
+
+<p>&raquo;Aber Du gutes Kind,&laquo; bat sie Ren&eacute;, &raquo;sage mir
+nur &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O bitte, bitte beantworte mir meine Frage treu
+und wahr,&laquo; unterbrach ihn aber, in fast &auml;ngstlicher
+Hast das sch&ouml;ne M&auml;dchen &mdash; &raquo;ich will Dir dann auch
+mit Freuden jeder Frage Rede stehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun gut denn Sadie, Dich zu beruhigen will
+ich Dir jeden Aufschlu&szlig; geben, der nur in meinen
+Kr&auml;ften steht. Der gr&ouml;&szlig;te Theil der Franzosen, Ita<span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95">[95]</a></span>liener,
+Spanier, Portugiesen, des s&uuml;dlichen Deutschlands,
+wie &uuml;berhaupt fast aller s&uuml;dlich gelegener V&ouml;lker
+des Welttheils von dem wir Wei&szlig;en abstammen,
+und von woher wir meist her&uuml;berkommen, sind <span class="g">katholische</span>
+&mdash; die n&ouml;rdlicher gelegenen V&ouml;lker, aber
+auch wieder mit gewaltigen Ausnahmen, und noch bei
+Weitem die geringere Zahl &mdash; <span class="g">protestantische</span> Christen.
+Wir haben jedoch <span class="g">einen</span> Gott und <span class="g">einen</span> Heiland,
+Jesus Christus; nur in den gleichg&uuml;ltigeren
+Gebr&auml;uchen unterscheiden wir uns von einander &mdash;
+die protestantischen Priester halten zum Beispiel die
+<span class="g">schwarze</span> Farbe f&uuml;r unumg&auml;nglich nothwendig zu
+ihrem Ornat &mdash; die katholischen nehmen andere. Wir
+haben auch &mdash; und ich glaube es ist besonders das,
+was Dir am Herzen liegt &mdash; in den Tempeln unseres
+Gottes die Bilder frommer M&auml;nner und Frauen aufgestellt,
+die in alten Zeiten gelebt haben und f&uuml;r ihren
+Glauben, wie der Heiland selber, gestorben sind
+&mdash; nicht aber als G&ouml;tter, sondern nur als heilige
+Menschen, deren Vorbild uns anfeuern soll ihnen
+nachzuahmen. Wir glauben da&szlig; diese, durch ihren
+frommen Wandel zu Gottes Herrlichkeit eingegangen
+sind, und wenn die Katholiken zu ihnen beten, so geschieht
+es nicht etwa weil sie glaubten es seien dies
+selber g&ouml;ttliche Wesen, sondern nur um sie um ihre
+F&uuml;rsprache am Throne des H&ouml;chsten zu bitten. <span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96">[96]</a></span>&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin der Herr Dein Gott, Du sollst nicht andre
+G&ouml;tter haben neben mir&laquo; ist ein Gesetz, das f&uuml;r uns
+Katholiken so gut G&uuml;ltigkeit hat, als f&uuml;r die Protestanten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Ihr theilt kleine G&ouml;tzenbilder aus und
+brennt vor Eueren Bildern Weihrauch und Kerzen,&laquo;
+sagte das M&auml;dchen und Ren&eacute; sah wie sie mit fast
+peinlicher Spannung der Antwort auf diese Frage
+harrte.</p>
+
+<p>&raquo;Die Priester, mein holdes Kind,&laquo; sagte Ren&eacute;
+l&auml;chelnd, &raquo;theilen unter ihre Beichtkinder, wie sie solche
+nennen die unter ihrer geistlichen F&uuml;rsorge stehn &mdash;
+kleine Bilder der Jungfrau Maria, des Gekreuzigten
+oder selbst jener guten, sp&auml;ter heilig gesprochenen Menschen
+aus, damit diese die Aufmerksamkeit ihrer Pflegbefohlenen
+von weltlichen Dingen ablenken und auf
+das Heil ihrer eigenen Seelen richten sollen &mdash; nicht
+um sie anzubeten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und der Weihrauch? &mdash; die Kerzen?&laquo; frug das
+M&auml;dchen immer noch besorgt.</p>
+
+<p>&raquo;Selbst das findet wohl eine sehr nat&uuml;rliche Auslegung,&laquo;
+erwiederte Ren&eacute; gutm&uuml;thig &mdash; &raquo;jeder vern&uuml;nftige
+Mensch wei&szlig;, da&szlig; solche Sachen gerade nicht
+n&ouml;thig sind zu seinem Gott zu beten, aber gar Viele
+wollen auch durch etwas Aeu&szlig;eres daran gemahnt
+sein, da&szlig; sie in dem Hause des Herrn, in der N&auml;he<span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97">[97]</a></span>
+ihres Sch&ouml;pfers stehn, ihre Gedanken ganz von jedem
+andern fremden, weltlichen Gegenstand abzulenken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und die Processionen die Ihr haltet &mdash; den Abla&szlig;
+den Ihr um Geld f&uuml;r Euere S&uuml;nden bekommt?&laquo;
+sagte das M&auml;dchen wieder und verwandte keinen Blick
+von seinen Augen.</p>
+
+<p>Ren&eacute; kam in Verlegenheit; er hatte in seinem
+ganzen Leben &mdash; wenigstens seit er die Schule verlassen
+&mdash; noch nicht soviel &uuml;ber die Gebr&auml;uche und
+den Geist seiner eignen Religion nachgedacht, als heute
+morgen. Er hing dabei viel zu wenig selber an diesen
+Gebr&auml;uchen, sich zu einer warmen Vertheidigung
+derselben berufen zu f&uuml;hlen, sah aber auch recht gut
+ein, da&szlig; die Protestantischen Missionaire seine Religion,
+die sich von Tahiti aus zu verbreiten drohte,
+oder die auf den Inseln einzuf&uuml;hren von seinen Landsleuten
+wenigstens schon der Versuch gemacht war, mit
+den schw&auml;rzesten Farben geschildert h&auml;tten.</p>
+
+<p>&raquo;Und die Processionen die Ihr haltet &mdash; den Abla&szlig;
+den Ihr um Geld f&uuml;r Eure S&uuml;nden bekommt?&laquo;
+wiederholte dringend das holde M&auml;dchen, und legte
+ihre Hand auf seinen Arm.</p>
+
+<p>Ren&eacute; sch&uuml;ttelte l&auml;chelnd mit dem Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben sich gro&szlig;e M&uuml;he gegeben Sadie,&laquo;
+sagte er endlich, &raquo;Dir den Glauben so vieler Tausende
+in ihrem eignen Vaterlande von der schlimmsten Seite<span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98">[98]</a></span>
+zu schildern &mdash; und schon das allein w&auml;re nicht christlich,
+denn mir ist es fast, als ob sie vergessen h&auml;tten
+auch der <span class="g">guten</span> Seiten zu erw&auml;hnen, die doch gewi&szlig;
+eine jede Sache hat, also auch wohl eine Religion,
+in deren Glauben Millionen Menschen gl&uuml;cklich gelebt
+haben &mdash; und noch leben. Die Processionen sind
+Dir gewi&szlig; als etwas sehr Entsetzliches beschrieben,
+und es ist doch gewi&szlig; eine harmlose Sache, die &uuml;brigens,
+wie ich gar nicht l&auml;ugnen will, und meiner Meinung
+nach auch vielleicht wegfallen d&uuml;rfte. Sie sind
+aber von den Priestern eingesetzt, und gehst Du <span class="g">Allem</span>
+nach, mein Lieb, was die Priester einsetzen oder
+anordnen, so wirst Du wohl Manches finden, wor&uuml;ber
+Du Dir auch keine Rechenschaft geben kannst &mdash;
+seien es nun protestantische oder katholische &mdash; oder
+glaubst <span class="g">Du</span> da&szlig; <span class="g">Alles</span>, was die Priester thun, von
+Gott selber anbefohlen ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach Gott, ich wei&szlig; das ja nicht,&laquo; sagte das
+junge M&auml;dchen mit recht trauriger bewegter Stimme.</p>
+
+<p>&raquo;Und was den Abla&szlig; betrifft, mein Herz,&laquo; fuhr
+Ren&eacute; fort, ihre Hand wieder ergreifend, &raquo;so hat der
+wohl Manches gegen, aber auch Vieles f&uuml;r sich. Gott
+wird uns als ein allbarmherziges Wesen geschildert
+&mdash; als den allliebenden Vater denken wir uns ihn
+ja &mdash; sollen wir da glauben da&szlig; er dem schwachen
+Menschenkinde das da s&uuml;ndigt, auf immer z&uuml;rnt, und<span class="pagenum"><a name="Page_99" id="Page_99">[99]</a></span>
+ist es nicht besser wir k&ouml;nnen, wenn wir &uuml;ber einen
+begangenen Fehler Reue f&uuml;hlen, glauben da&szlig; uns
+Gott verziehen hat, in seiner unendlichen v&auml;terlichen
+Huld, und wir nun wieder, mit frohem, leichtem Herzen
+ein neues Leben beginnen d&uuml;rfen, als da&szlig; wir
+uns Gott als einen ewig z&uuml;rnenden Richter denken,
+der sogar ungerecht bis hinab in&#8217;s dritte, vierte, ja
+zehnte Glied straft und richtet? &mdash; Nein Sadie &mdash; dieser
+Glaube mag oft durch b&ouml;swillige oder eigenn&uuml;tzige
+Geistliche gemi&szlig;braucht sein, ich will das nicht
+leugnen, aber es ist immer kein <span class="g">G&ouml;tzen</span>dienst, und
+wer Dir das gesagt hat, mag es vielleicht recht gut
+gemeint haben, aber er &uuml;bertrieb die Sache. &mdash; War
+es Dein Pflegevater, Sadie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; sagte das junge M&auml;dchen, leise und nachdenklich
+mit dem Kopf sch&uuml;ttelnd &mdash; &raquo;mein Pflegevater
+ist nicht so streng und ernst, und er hat mir oft
+gesagt, da&szlig; unter den Franzosen auch gewi&szlig; recht viel
+brave und gute Menschen w&auml;ren, vielleicht ebensoviel
+wie unter den Engl&auml;ndern, nur da&szlig; ihre Religion
+nicht die rechte sei, und das sie noch viele Mi&szlig;br&auml;uche
+duldeten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wer hat Dir denn all die schrecklichen Geschichten
+von uns erz&auml;hlt, mein Lieb,&laquo; l&auml;chelte Ren&eacute; &mdash; &raquo;in
+Deinem eigenen K&ouml;pfchen sind sie doch wahrlich
+nicht entsprungen.&laquo;<span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100">[100]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; sagte das M&auml;dchen treuherzig &mdash; &raquo;aber
+auf Tahiti wohnt ein frommer, ernster, strenger Mann &mdash; der
+kommt des Jahres wohl ein- oder zweimal
+auf unsere Insel her&uuml;ber und predigt hier &mdash; wir
+f&uuml;rchten uns aber alle vor ihm, denn wir d&uuml;rfen dann
+keine Blumen in den Haaren tragen, und nicht lachen
+und fr&ouml;hlich sein, und er macht uns das Herz dabei
+auch so schwer, da&szlig; wir wenn er schon selbst Wochen
+lang fort ist, immer noch an die entsetzlichen Strafen
+denken m&uuml;ssen die uns, selbst nach leichtem Vergehen,
+in der Ewigkeit erwarten. &mdash; Oh er ist gar so finster,
+aber auch sehr fromm und er besonders hat uns vor
+Deiner Religion gewarnt, und uns mit ewiger Verdammni&szlig;
+gedroht, so Eines der falschen Lehre lauschen
+w&uuml;rde &mdash; und Du bist auch Katholik; Ren&eacute;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich geh&ouml;re allerdings zu jenen Entsetzlichen,&laquo;
+sagte Ren&eacute; fast scherzend, als er aber den schmerzlichen
+Zug um des lieben Kindes Mund gewahrte setzte er
+rasch hinzu &mdash; &raquo;aber f&uuml;rchte nicht f&uuml;r mich, Du treues
+Herz &mdash; ich selber h&auml;nge nicht an jenen Gebr&auml;uchen,
+obgleich sie unsere Kirche verlangt, wenn ich sie auch
+nicht f&uuml;r so gef&auml;hrlich halte, als Deine Priester Dich
+gelehrt haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach das beruhigt mich recht, Ren&eacute;,&laquo; sagte die
+Maid, und pre&szlig;te die Hand auf das Herz, als ob
+sie da alles niederdr&uuml;cken wolle, was ihr jetzt Gram<span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101">[101]</a></span>
+und Kummer machen wolle &mdash; &raquo;und Vater Osborne
+sagt ja auch da&szlig; Gott so gut &mdash; so unendlich gut sei
+und die Menschen Alle wie seine Kinder liebe &mdash; w&uuml;rde
+er dann da so hart und grausam strafen k&ouml;nnen? &mdash; lieber
+Gott,&laquo; setzte sie mit recht treuherziger bewegter
+Stimme hinzu &mdash; &raquo;ich m&ouml;chte ja nicht einmal ein
+fremdes armes Kind f&uuml;r ein wenig Muthwillen hart
+strafen &mdash; vielweniger denn mein eigenes.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und glaubst Du, Sadie, da&szlig; Euch Gott ein
+<span class="g">Paradies</span> zum Aufenthalt gegeben und Euere Wohnungen
+weit weit von dem Verkehr habgieriger schlechter
+Menschen gelegt h&auml;tte, wo sie Jahrhunderte lang
+die Einfachheit ihrer Sitten und ihr Gl&uuml;ck bewahrten,
+z&uuml;rnte er auf Euch und wolle Euch strafen f&uuml;r den
+falschen Glauben? &mdash; Sieh mein M&auml;dchen,&laquo; fuhr er
+bewegter fort, als er sah wie sie ihm still und aufmerksam
+in&#8217;s Auge schaute &mdash; &raquo;weit &uuml;ber die Welt
+zerstreut liegen noch viele viele L&auml;nder, die viel hundert
+Mal gr&ouml;&szlig;er sind als alle diese Inseln &mdash; und
+auf ihnen wohnen Menschen, verschieden an Farbe,
+an K&ouml;rperbau, an Sprache und an Religion &mdash; Millionen
+sind Christen, Millionen Muhamedaner, Millionen
+was wir Heiden nennen, das hei&szlig;t sie haben
+sich ihre G&ouml;tter selber gebildet und feiern Gebr&auml;uche
+die wir nicht verstehen oder nicht anerkennen, aber sie
+leben <span class="g">alle</span> gl&uuml;cklich &mdash; gleich von Gottes Sonne<span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102">[102]</a></span>
+beschienen und seiner Hand gehalten, gl&uuml;cklich in ihren
+Familien und ihrem b&uuml;rgerlichen Treiben: &mdash; haben
+sie dann und wann Kriege untereinander so k&ouml;nnen
+sie kaum je soviel Blut vergie&szlig;en, als die Christen
+schon unter sich des Glaubens wegen vergossen haben,
+und tausende von Jahren haben sie so, rund um die
+Grenzen christlicher V&ouml;lker gelebt, und Gott z&uuml;rnt
+ihnen nicht. Gott, meine Sadie, beurtheilt und straft
+oder belohnt die Menschen nach ihren Handlungen,
+nicht nach ihrem Glauben, &mdash; ihm ist der Gegenstand
+gleich, zu dem sich das Herz wandte, wenn das Herz
+selber treu und rein und seiner Liebe voll war. Da
+hast Du <span class="g">meine</span> Religion &mdash; ich glaube jede b&ouml;se
+Handlung tr&auml;gt auch zugleich ihre Strafe in sich
+selbst &mdash; unser Gewissen ist der strengste, unerbittlichste
+Richter, mit dem wir am allerschwersten fertig
+werden k&ouml;nnen, und wirft uns das nichts B&ouml;ses vor,
+dann k&ouml;nnen wir auch getrost dem blauen Himmel
+da droben in&#8217;s Auge schauen. Aber herziges Kind, la&szlig;
+uns mit den tr&uuml;ben ernsten Gespr&auml;chen aufh&ouml;ren, ich
+bin ja kein Missionair, der &uuml;ber solche Sachen Stunden
+lang reden kann, und m&ouml;chte es wahrhaftig am
+wenigsten unternehmen, weder die katholische noch
+protestantische Religion zu vertheidigen, und Alles
+was darin an Gebr&auml;uchen ist, zu rechtfertigen. &mdash; Mit
+Allem was die Natur an Reichthum und Herrlichkeit<span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103">[103]</a></span>
+bieten kann hier ausgestattet, was sollen uns da solche
+traurige Gedanken qu&auml;len.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O Sadie, ich bin in meinem Leben noch nicht
+so gl&uuml;cklich gewesen, als in diesem Augenblick &mdash; mir
+ist es, als ob erst jetzt, an Deiner Seite, der dunkle
+Schleier gehoben w&auml;re, der bis dahin vor meinem
+k&uuml;nftigen Leben in d&uuml;sterer Nacht gelegen. Rastlos,
+und von einem innern Drang getrieben, dem ich keinen
+Namen zu geben wu&szlig;te, jagte es mich in der
+Welt umher &mdash; die Afrikanischen W&uuml;sten und Canadischen
+W&auml;lder konnten die Sehnsucht nicht befriedigen
+die mich weiter und weiter dr&auml;ngte; als Soldat
+zog ich in die Raubstaaten der Algierer &mdash; umsonst &mdash; als
+J&auml;ger in die Felsengebirge Amerikas &mdash; umsonst &mdash; selbst
+die See versuchte ich, und in den Eismeeren
+des Nordens glaubt&#8217; ich vielleicht den Punkt
+zu finden, der mir nicht Rast noch Ruhe lie&szlig;. Aber
+wie Spott klang es mir &uuml;berall entgegen, und das
+rohe widerliche Wesen meiner letzten Umgebung zwang
+mich endlich auch zu dem letzten entscheidenden Schritt,
+die mir unertr&auml;glich gewordenen Fesseln abzusch&uuml;tteln &mdash; oder
+dar&uuml;ber zu Grunde zu gehen. Da fand ich
+Dich, Sadie &mdash; und ich f&uuml;hle nun &mdash; o mit jubelnder
+Stimme hallt es in meinem Herzen wieder, da&szlig;
+Du bis jetzt, Sadie das nur geahnte, aber so hei&szlig; ersehnte
+Ziel gewesen, dem meine Seele entgegenstrebte.<span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104">[104]</a></span>
+Werde mein Weib &mdash; la&szlig; uns auf dieser freundlichen
+Insel, fern von den Sorgen, dem gef&uuml;hllosen Treiben
+der Welt, unsre Heimath gr&uuml;nden. &mdash; Tief im
+Laub dieser Palmen versteckt, von diesem lachenden
+Himmel &uuml;berspannt, von diesen blauen Wogen umsp&uuml;lt,
+an Deiner Seite, Sadie, und die Welt, die
+mir bis jetzt nur eine kalte freudlose Stra&szlig;e gewesen,
+meinen Wanderstab darauf zu setzen, w&uuml;rde mir zum
+Himmel.&laquo;</p>
+
+<p>Er hatte ihre rechte Hand, die sie ihm willenlos
+&uuml;berlie&szlig;, leidenschaftlich in seine beiden H&auml;nde gefa&szlig;t,
+und schaute mit leuchtenden Blicken und hochger&ouml;theten
+Wangen dem jungen sch&ouml;nen M&auml;dchen bittend
+in&#8217;s Angesicht.</p>
+
+<p>Sadie sa&szlig; mit klopfendem Herzen und niedergeschlagenen
+Augen neben ihm &mdash; &mdash; sie war recht ernst,
+ja fast traurig geworden, und schaute lange sinnend
+vor sich nieder &mdash; endlich blickte sie wieder zu ihm
+auf, sah ihn mit den treuen, in einer Thr&auml;ne schwimmenden
+Augen an, und sagte mit leiser, kaum h&ouml;rbarer,
+wie furchtsamer Stimme:</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn Du wieder fortgingst von mir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nie &mdash; nie &mdash; Sadie!&laquo; rief Ren&eacute; leidenschaftlich
+und pre&szlig;te, sie an sich ziehend, einen hei&szlig;en, gl&uuml;henden
+Ku&szlig; auf ihre Lippen. Sie duldete den Ku&szlig;,<span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105">[105]</a></span>
+ohne ihn zu erwiedern, dann aber sich langsam seinem
+Arm entziehend sagte sie leise:</p>
+
+<p>&raquo;Willst Du mir etwas versprechen, Ren&eacute;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alles, Sadie, was in meinen Kr&auml;ften steht,&laquo;
+rief Ren&eacute; die Hand nicht lassend, die er noch in der
+seinen hielt.</p>
+
+<p>&raquo;Dann versprich mir,&laquo; fl&uuml;sterte das sch&ouml;ne, jetzt
+tief err&ouml;thende M&auml;dchen, &raquo;da&szlig; Du davon nicht wieder
+mit mir reden willst, bis mein Vater, der Missionair
+zur&uuml;ckgekehrt ist, und&laquo; &mdash; ihre Stimme war
+so leise geworden, da&szlig; er die Worte kaum verstehen
+konnte &mdash; &raquo;mich auch bis dahin nicht wieder k&uuml;ssen
+willst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sadie!&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Versprich mir das &mdash; nicht wahr Du sagst es
+mir zu?&laquo; bat sie dann und schaute ihm dabei so lieb
+und unschuldsvoll in die Augen, da&szlig; er ein Heiligenbild
+zu erblicken glaubte.</p>
+
+<p>&raquo;Wie k&ouml;nnte ich Dir die erste Bitte abschlagen
+Sadie&laquo; &mdash; sagte er mit tiefem Gef&uuml;hl.</p>
+
+<p>Da floh der fast traurige Ernst von den Z&uuml;gen
+des M&auml;dchens, wie die Sonne aus tr&uuml;ben Wolken
+pl&ouml;tzlich &uuml;ber gr&uuml;ne wogende Saatfelder bricht, so
+&uuml;berflog ein frohes L&auml;cheln die engelsch&ouml;nen Z&uuml;ge.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist gut von Dir,&laquo; sagte sie mit inniger
+Herzlichkeit &mdash; &raquo;das ist recht gut von Dir, nun k&ouml;nnen<span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106">[106]</a></span>
+wir ja auch zusammen durch unsere Berge wandeln,
+und Abends auf dem stillen blauen Wasser fahren,
+wo unten die tausend kleinen bunten Fischchen zwischen
+den Corallenb&uuml;schen spielen und sich haschen &mdash; sonst
+h&auml;tte ich mich ja vor Dir verstecken m&uuml;ssen&laquo; &mdash; setzte
+sie treuherzig hinzu. &raquo;Und nun komm mein
+Freund &mdash; Mitonare steht schon da unten vor seiner
+Th&uuml;r und schaut sich &uuml;berall nach uns um, er hat
+Dein Mahl bereitet was Du nicht im Stich lassen
+darfst, und gegen Abend komm ich und hole Dich ab.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und jetzt willst Du mich verlassen Sadie?&laquo; bat
+Ren&eacute;.</p>
+
+<p>&raquo;Du mu&szlig;t Dich jetzt schon ein Bischen mit Mitonare
+unterhalten,&laquo; l&auml;chelte das junge M&auml;dchen
+neckisch, &raquo;ich kann Dir nicht helfen &mdash; wir sind aber
+dann den ganzen Abend zusammen,&laquo; setzte sie tr&ouml;stend
+hinzu und als ob sie trotz dem Versprechen einen vielleicht
+zu z&auml;rtlichen Abschied f&uuml;rchte, glitt sie wie ein
+Reh durch die Seitenb&uuml;sche dieser nat&uuml;rlichen Laube,
+und war im n&auml;chsten Moment im Dickicht verschwunden.</p>
+
+<p>Ren&eacute;, das Herz voll und &uuml;bergl&uuml;cklich, sa&szlig; noch
+eine lange Zeit an diesem wunderlieblichen Platz, der
+ihm durch das neue und so gewaltig in seinem Herzen
+aufgekeimte Gef&uuml;hl f&ouml;rmlich heilig geworden war &mdash; er
+hatte ganz daran vergessen da&szlig; der kleine Mis<span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107">[107]</a></span>sionair
+mit dem Essen auf ihn warte. Destomehr
+dachte dieser aber daran, und als der fremde Wi&mdash;wi,
+wie er ihn jetzt immer schmunzelnd nannte, gar nicht
+kommen wollte, schickte er seine ganze Schule nach
+allen Richtungen auf Kundschaft aus, und Ren&eacute; fand
+sich bald von drei oder vier jungen nackten Burschen
+aufgetrieben, die ihm lachend und schreiend eine Masse
+Zeug vorplauderten von dem er keine Sylbe verstand.
+Nur das dann und wann wiederkehrende Wort <span class="smcap">Mitonare</span>
+rief ihm seinen kleinen freundlichen Wirth in&#8217;s
+Ged&auml;chtni&szlig; zur&uuml;ck, und er folgte der munteren Schaar,
+die, rasch zutraulich geworden, ihn umsprang und umjubelte.</p>
+
+<p>Dem kleinen Mitonare schien &uuml;brigens ein Stein
+vom Herzen zu fallen, als er seinen so hei&szlig; ersehnten
+Gast erblickte, und er versicherte ihm, er habe schon eine
+volle Stunde mit Schmerzen auf ihn gewartet, inde&szlig;
+das Essen wahrscheinlich kalt geworden und verdorben
+w&auml;re.</p>
+
+<p>Mitonare war aber viel zu gutm&uuml;thig b&ouml;se zu
+werden, und als Ren&eacute; nur t&uuml;chtig zulangte, und erst
+mit ihm scherzte und lachte, hatte er an ihm seinen
+Mann gefunden; er nannte Ren&eacute; den besten Wi&mdash;wi
+den er je gesehn habe, und das wolle viel sagen, denn
+er sei schon einmal auf Tahiti gewesen, wo sie wild
+herumliefen, und erz&auml;hlte ihm nun die tollsten Ge<span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108">[108]</a></span>schichten
+aus der alten fr&ouml;hlichen Heidenzeit &mdash; wie
+sie&#8217;s hier gehalten und getrieben h&auml;tten &mdash; nat&uuml;rlich
+damals, wie er nie verga&szlig; hinzuzusetzen, als wir
+noch entsetzliche S&uuml;nder waren. &mdash; Auch auf religi&ouml;se
+Gegenst&auml;nde kam er ein paar Mal wieder zu
+sprechen, obgleich die Ren&eacute;, so gut das eben gehen
+wollte, abzulenken suchte. Am meisten schmerzte es
+ihn da&szlig; sein Vater in der H&ouml;lle sein mu&szlig;te, denn
+der war, obgleich ihm die Missionaire damals sehr
+zugesetzt, ein hartn&auml;ckiger Heide geblieben; aus seinem
+Gro&szlig;vater schien er sich weniger zu machen.</p>
+
+<p>Ren&eacute; gewann &uuml;brigens bald sein ganzes Vertrauen,
+er zeigte ihm seine Schreibb&uuml;cher und Rechenexempel,
+ja sogar sein allerheiligstes, das wichtigste
+Dokument seines Lebens &mdash; ein Diplom was ihm
+von der Missionsgesellschaft in <span class="smcap">O-no</span> &mdash; wahrscheinlich
+London &mdash; ausgestellt war, und ihn hier als
+wirklichen &raquo;Prediger in der W&uuml;ste&laquo; anerkannte.</p>
+
+<p>Dicht neben dem Diplom lag, in der kleinen
+Schieblade zu der er Ren&eacute; gef&uuml;hrt hatte, auch ein
+schmales, nicht sehr langes aber zierlich gearbeitetes
+K&auml;stchen aus Sandelholz, das er aber, als Ren&eacute;&#8217;s
+Auge darauf fiel, rasch bei Seite zu schieben und mit
+daneben liegenden Papieren zu bedeckten suchte. Dadurch
+wurde aber des jungen Franzosen Neugierde
+rege gemacht, der es sonst vielleicht gar nicht beachtet<span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109">[109]</a></span>
+h&auml;tte, und er drang nun darauf da&szlig; er ihm zeige
+was so Geheimni&szlig;volles darin verborgen sei.</p>
+
+<p>Mitonare wollte erst gar nicht mit der Sprache
+heraus, endlich aber nahm er das K&auml;stchen vor, hielt
+es noch eine ganze Zeit lang in der Hand w&auml;hrend
+sein Auge fast mit einem Ausdruck von Anh&auml;nglichkeit
+darauf ruhte &mdash; und dann kam die ganze Geschichte
+heraus.</p>
+
+<p>Mitonare war in fr&uuml;herer Zeit &mdash; als er noch im
+blinden entsetzlichen Heidenthum gelebt &mdash; ein vortrefflicher
+und in der That der Hauptt&auml;ttowirer der
+Insel gewesen, und dies K&auml;stchen enthielt seine damaligen
+Werkzeuge die er jetzt allerdings nicht mehr
+gebrauchte &mdash; denn &raquo;<span class="smcap">bodder Au-e</span>&laquo; von Tahiti hatte
+ihm die Augen ge&ouml;ffnet zu was diese abg&ouml;ttischen
+heidnischen Gebr&auml;uche f&uuml;hrten &mdash; aber doch gewisserma&szlig;en
+noch als eine Art Reliquie, von der er sich gewi&szlig;
+sehr schwer h&auml;tte trennen m&ouml;gen, aufbewahrte.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Trotz dem freilich, da&szlig; der kleine Mann Alles
+aufbot seinen Gast zu unterhalten, w&auml;re diesem doch
+wohl die Zeit zuletzt gar lang geworden, denn er
+sehnte sich nach weit lieberer Gesellschaft; Sadie lie&szlig;
+ihn aber auch nicht so lange warten, und die Sonne
+war noch mehre Stunden hoch, als sie zu ihnen in
+die Th&uuml;r trat. &mdash; Doch es war nicht dieselbe Sadie
+von heute Morgen, als sie leicht gesch&uuml;rzt, das Schul<span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110">[110]</a></span>tertuch
+um den nackten Oberk&ouml;rper flatternd, mit wild
+tanzenden Locken, hochger&ouml;theten Wangen und blitzenden
+Augen aus dem Dickicht sprang. Das leichte
+Schultertuch hatte sie mit dem langen, mehr Europ&auml;ischen
+Sonntagsgewand vertauscht, und wenn auch
+ihren Z&uuml;gen dasselbe liebe L&auml;cheln geblieben war,
+schien sie doch in den wenigen Stunden ernster, gesetzter,
+ja &auml;lter geworden zu sein.</p>
+
+<p>Fast sch&uuml;chtern reichte sie dem jungen Mann die
+Hand, und sie gingen, als sie bald darauf das Haus
+verlie&szlig;en, wohl eine ganze Weile schweigend neben
+einander her. Das verlor sich aber bald, Ren&eacute;&#8217;s leichter
+Sinn lie&szlig; ihn nur sein Gl&uuml;ck, die Seligkeit des
+jetzigen Augenblicks f&uuml;hlen und Sadie, als sie sah
+da&szlig; er sein Versprechen von heute Morgen hielt, verlor
+bald gleichfalls jede Scheu, jedes &auml;ngstliche, sie
+beengende Gef&uuml;hl, und war, als sie kaum den dunklen
+Schatten des Waldes betreten hatten, ganz wieder
+das fr&ouml;hliche Kind wie fr&uuml;her. &mdash; Sie scherzte und
+lachte, erz&auml;hlte dem Freunde tausend drollige Geschichten,
+beschrieb ihm ihre fr&uuml;heren T&auml;nze und Gebr&auml;uche,
+auch das sch&ouml;ne Tahiti dr&uuml;ben, wo ihre Eltern gewohnt,
+und wo jetzt fremde Menschen Ha&szlig; und Feindschaft
+ges&auml;et um Gottes Willen, und f&uuml;hrte ihn dabei
+einen schmalen Pfad entlang, unter &uuml;berh&auml;ngenden
+Cocospalmen hin, und durch fruchtbedeckte Guia<span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111">[111]</a></span>ven,
+Orangen und Brodfruchtb&auml;umen nach einem anderen
+kleinen Grundst&uuml;ck, das zu einer Art Gem&uuml;segarten
+eingerichtet schien, aber auch mit einer Masse
+Fruchtb&auml;umen, wie <span class="smcap">tappotappos</span>, Kaffee, Zuckerrohr,
+Bananen und anderen bepflanzt war.</p>
+
+<p>Mit der unbedeutensten Arbeit gab die Erde hier
+das Hundertfache des ihr anvertrauten Samens zur&uuml;ck,
+und Ren&eacute; glaubte in seinem Leben kein sch&ouml;neres,
+herrlicheres Land gesehn zu haben, als diese kleine
+Insel. O wie gern h&auml;tte er jetzt zu dem M&auml;dchen
+von ihrer k&uuml;nftigen Heimath gesprochen, aber als ob
+sie f&uuml;hlte da&szlig; solche Gedanken in ihm aufsteigen m&ouml;chten
+lenkte sie ihn rasch und geschickt wieder davon ab,
+zeigte ihm und pfl&uuml;ckte f&uuml;r ihn die verschiedenen saftigen
+Fr&uuml;chte und f&uuml;hrte ihn zuletzt an den Strand hinunter,
+wo in einer nat&uuml;rlichen kleinen Bai ein schmales
+langes Canoe lag. Dies bestiegen sie und fuhren
+hinaus in das spiegelglatte und cristallhelle Binnenwasser,
+das durch die au&szlig;enherumlaufenden Riffe vor
+jeder eindringenden See gesch&uuml;tzt wird, und so still
+und friedlich in nie gest&ouml;rter Ruhe liegt, als diese
+sch&ouml;nen Inseln bis jetzt selber im weiten Ocean lagen.</p>
+
+<p>Ren&eacute; hatte fr&uuml;her noch nie die Bildung dieser
+Corallenb&auml;ume, tief unter dem klaren Wasser, gesehn,
+und er traute seinen Augen kaum als sich an mehren
+Stellen, zu denen ihn Sadie jetzt selber hinruderte,<span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112">[112]</a></span>
+in Farbenspiel und Form eine ganz neue nie geahnte
+Welt vor ihm er&ouml;ffnete. Er konnte sich nicht satt
+sehn an den, mit Zauberschnelle wechselnden Gruppen
+und Bildern und Sadie hatte eine ordentlich
+kindische Freude dar&uuml;ber, da&szlig; es ihm so gefiel hier
+drau&szlig;en an den Stellen, die auch ihr Lieblingsaufenthalt
+waren.</p>
+
+<p>&raquo;Nun Dir das so gef&auml;llt,&laquo; sagte sie endlich l&auml;chelnd,
+&raquo;will ich Dich auch zu meinem Corallengarten
+bringen, und Dir meine kleinen Gold- und Silberfischchen
+zeigen; die darfst Du mir aber nicht scheu
+machen mit der Hand oder dem Ruder, denn es sind
+gar furchtsame kleine Dinger.&laquo; Und w&auml;hrend sie noch
+sprach lenkte sie das Canoe weiter den Riffen zu, &uuml;ber
+die tiefe, dunkelblau daliegende Seitenfahrt, in der
+selbst gro&szlig;e Boote die ganze Insel umsegeln konnten,
+wieder in flacheres Wasser hinein, wo dunkelbraune
+und r&ouml;thlich graue Corallenb&auml;ume an vielen Stellen
+selbst bis zur Oberfl&auml;che des Wassers emporragten,
+und dann wieder, von d&uuml;nnen, feineren Zweigen und
+Armen durchwachsen, verh&auml;ltni&szlig;m&auml;&szlig;ig tiefere Stellen
+zwischen sich lie&szlig;en, oder umgaben.</p>
+
+<p>Ueberall wimmelte es hier von kleinen blauen,
+gelben, wei&szlig;en, rothen, gestreiften und gefleckten Fischchen;
+in Schaaren und einzeln schwammen sie herum,
+oft als ob ein Blitz zwischen sie eingeschlagen h&auml;tte,<span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113">[113]</a></span>
+auseinanderschie&szlig;end, wenn sie irgendwo nur Gefahr
+zu entdecken glaubten, aber dann auch gleich wieder,
+wie &uuml;ber ihre ungegr&uuml;ndete Furcht besch&auml;mt, sich sammelnd
+und die erst unterbrochenen Spiele auf&#8217;s Neue
+beginnend.</p>
+
+<p>Ren&eacute; wollte hier mit dem Canoe kurze Zeit still
+liegen, dem wunderlichen Treiben da unten zuzuschauen,
+aber Sadie lie&szlig; ihn nicht &mdash; &raquo;nur noch kurze
+Strecke,&laquo; bat sie, &raquo;dann sollst Du Dich satt sehn, an
+all den Herrlichkeiten der Tiefe.&laquo; Und das Ruder
+st&auml;rker einsetzend, trieb sie das leichte Fahrzeug rasch
+durch die, vorn am Bug leicht aufkr&auml;u&szlig;ende Fluth
+einer Stelle zu, wo ein starker Corallenzweig eben &uuml;ber
+die Oberfl&auml;che des Wassers vorragte. Hier hielt sie
+pl&ouml;tzlich gegen und den Zweig erfassend, rief sie Ren&eacute;
+zu, den Stein der vorn, an einem Bastseil befestigt, im
+Bug liege hier hinaus und oben auf die Coralle zu
+werfen. Ren&eacute; that dies, und sie brachten dadurch das
+Canoe f&ouml;rmlich vor Anker, das nun mit der schwachen
+Str&ouml;mung, soweit es das Bastseil gestattete, still liegen
+blieb. Eine kleine Weile konnte Ren&eacute; aber noch
+Nichts unter sich erkennen; das Wasser war noch nicht
+ruhig genug, und die kleine Fischwelt da unten, durch
+das pl&ouml;tzliche Erscheinen des Bootes gest&ouml;rt worden.
+Sadie legte aber den Finger auf die Lippen und sie
+sahen wohl eine halbe Minute schweigend nieder.<span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114">[114]</a></span></p>
+
+<p>Die Corallenb&auml;ume schienen hier einen f&ouml;rmlichen,
+vollkommen dichten Kranz zu bilden, der von unten
+aufsteigend, erst nach au&szlig;en ein wenig abneigte und
+gerade in die H&ouml;he, an manchen Stellen bis selbst
+zur Oberfl&auml;che des Wassers emporreichte. Der innere
+Raum mochte vielleicht zwanzig Fu&szlig; im Durchmesser
+haben, und das Ganze glich fast einer aufgebrochenen
+Riesenblume, die aus ihrem innersten Kelch bunte
+zackige Fasern aufschickte.</p>
+
+<p>Aber die Blume lebte &mdash; hier und da, tief unten
+aus dem Kelch heraus, kamen ein paar kleine Fischchen
+aufgeschossen als, wenn sie recognosciren wollten
+ob die Gefahr vor&uuml;ber sei &mdash; das dunkle Canoe das
+mit seinem Schatten auf dem Wasser lag, machte sie
+vielleicht noch mistrauisch &mdash; aber nicht lange mehr
+&mdash; sie verschwanden wieder, und gleich darauf quoll
+es aus allen Winkelchen und Spalten herauf in Schaaren
+und Massen &mdash; alle Farben wild und bunt durcheinander,
+auf und nieder fahrend, her&uuml;ber und hin&uuml;ber
+schie&szlig;end.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="smcap">Eita, eita!</span>&laquo; rief da Sadie &mdash; &raquo;<span class="smcap">iti iti iti</span>&laquo; &mdash;
+und zu gleicher Zeit warf sie kleine Krumen indessen
+zerbr&ouml;ckelter Brodfrucht auf die Oberfl&auml;che des Wassers.
+Im Nu lebte dies, von allen Seiten schossen
+sie herauf, f&uuml;nf sechs manchmal eine etwas gr&ouml;&szlig;ere
+Krume fassend und damit niedertauchend, andere an<span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115">[115]</a></span>
+einem etwas zu gro&szlig;en St&uuml;ck herumsto&szlig;end, ohne im
+Stande zu sein es zu bew&auml;ltigen, und wieder andere
+sich mit dem kleinsten begn&uuml;gend und wohl dabei
+fahrend.</p>
+
+<p>Mit der wiederkehrenden Ruhe waren aber auch,
+und zugleich mit den kleinen wunderniedlichen Bewohnern
+dieses eigenth&uuml;mlichen Aufenthalts, dessen
+Feinde zur&uuml;ckgekehrt. &mdash; Zwei gro&szlig;e dunkelbraune
+Fische, mit breiten M&auml;ulern und t&uuml;ckisch blitzenden
+Augen, wohl ganze zw&ouml;lf Zoll lang, f&uuml;r die kaum
+zierlichen Dinger aber nat&uuml;rlich entsetzliche Ungeheuer,
+kamen an den &auml;u&szlig;eren Rand der Blume, deren Spalten
+zu schmal waren sie durchzulassen, obgleich sie den
+schlankeren Inwohnern freien Aus- und Einla&szlig; gen&uuml;gend
+gew&auml;hrten, und schauten mit sehns&uuml;chtigen
+Blicken nach den dichtgedr&auml;ngten Schaaren solch delikater
+Leckerbissen hin&uuml;ber. Die kleinen Dinger schienen
+aber recht gut zu wissen da&szlig; ihnen der Feind hier
+im Innern nichts anhaben k&ouml;nne, ausgenommen er
+kam von oben herein, und dann waren sie auch wie
+der Blitz in ihren Schlupfwinkeln.</p>
+
+<p>Manchmal wagte sich auch, selbst dicht unter oder
+&uuml;ber den Feinden, ein leichtsinniges Fischchen hinaus
+in&#8217;s Freie, gerade als ob es das Ungeheuer verh&ouml;hnen
+wolle, ehe dieses aber nur im Stande war sich
+nach ihm umzuwenden, obgleich das oft rasch genug<span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116">[116]</a></span>
+ging, war jenes schon wieder zwischen den zackigen
+Pallisaden hineingeschl&uuml;pft, und erz&auml;hlte nun wahrscheinlich
+den anderen da drinnen seine Heldenthaten.</p>
+
+<p>So trieben sie hier drau&szlig;en, in den Wundern
+dieser f&uuml;r Ren&eacute; jedenfalls neuen, fast zauberhaften
+Welt, bis die Sonne gro&szlig; und gl&uuml;hend in das Meer
+tauchte und Stern nach Stern am reinen Himmel
+auffunkelte, und Sadie erz&auml;hlte dem ihr gegen&uuml;bersitzenden
+Freund von dem stillen Frieden dieses
+Landes und dem gl&uuml;cklichen Leben das die Bewohner
+desselben f&uuml;hren k&ouml;nnten &mdash; w&auml;ren nicht oft b&ouml;se Menschen
+da, die sie st&ouml;rten und kr&auml;nkten, und Leidenschaften
+in ihnen weckten, die ihnen in fr&uuml;heren Zeiten
+fremd gewesen.</p>
+
+<p>Ren&eacute; h&auml;tte die Nacht hindurch diesen lieben weichen
+T&ouml;nen lauschen m&ouml;gen, aber das M&auml;dchen lenkte
+endlich, trotz seinen Bitten noch nicht heimzukehren,
+das Canoe zum Lande zur&uuml;ck, und jetzt zwar gerade
+der Wohnung des kleinen Mitonare zu, der sie schon
+am Ufer empfing und sie etwas ungeduldig erwartet
+zu haben schien. Er that auch an Sadie mehre Fragen
+in ihrer Sprache, die das Blut in ihre Wangen
+trieben, aber sie antwortete ihm endlich l&auml;chelnd darauf
+und verschwand wieder wie gestern mit einem freundlichen
+Kopfnicken gegen Ren&eacute;.</p>
+
+<p>Dem kleinen Mitonare schien aber heute Abend<span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117">[117]</a></span>
+eine Menge im Kopf herumzugehen. &mdash; Beim Abendbrod,
+das sie sehr frugal aus etwas Brodfrucht und
+Cocosmilch und einigen Bananen hielten, war er einsylbig
+und sah Ren&eacute; immer, wenn er sich unbeobachtet
+glaubte, von der Seite an; nach dem Essen aber,
+und als gerade der Mond drau&szlig;en &uuml;ber die das Haus
+umgebenden Palmen aufstieg, fa&szlig;te er den jungen
+Mann bei dem Arm, f&uuml;hrte ihn hinaus an den Strand
+unter einen stattlichen Tuituinu&szlig;-Baum und nahm
+ihn hier, durch ein wenig Aufregung im noch mehr
+gemi&szlig;handelten Englisch als gew&ouml;hnlich, in&#8217;s Gebet.
+Ren&eacute; mu&szlig;te t&uuml;chtig aufpassen da&szlig; er den Zusammenhang
+verstand, denn sich an einzelne Worte zu halten
+hatte er lange aufgegeben, der Name <span class="smcap">Pu-de-ni-a</span>
+der aber mehrfach vorkam, lie&szlig; ihn wohl ahnen was
+der kleine Mann eigentlich meinte, und er wollte ihm
+jetzt, &uuml;ber das ganze Verh&auml;ltni&szlig; zu dem M&auml;dchen
+klaren und offenen Aufschlu&szlig; geben; er hatte ja Nichts
+weshalb er sich zu sch&auml;men brauchte, h&auml;tte ihn eben
+der kleine Mitonare nur zu Worte kommen lassen.
+Sowie er aber nur den Mund aufthat rief dieser ihm
+sein verhinderndes <span class="smcap">aita aita</span> dazwischen und redete
+dann nur noch lauter und heftiger, und er mu&szlig;te ihn
+jetzt wohl schon gew&auml;hren lassen, bis er es von selber
+m&uuml;de werden w&uuml;rde.</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;er Mann,&laquo; sagte indessen der kleine Mito<span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118">[118]</a></span>nare,
+aber wenigstens die H&auml;lfte seiner Rede im Tahitischen
+oder doch solchen Worten die recht gut tahitisch
+sein konnten &mdash; &raquo;wei&szlig;er Mann kommt her und
+findet Brodfrucht und Fleisch und Bananen und Cocosn&uuml;sse,
+Yam und Kartoffeln, und Mitonare ist
+freundlich mit ihm; zeigt ihm Diplom und andere
+Sachen, und thut gar nicht als ob Fremder <span class="smcap">Ferani</span>
+w&auml;re und an keinen Gott glaubte &mdash; und wei&szlig;er Mann
+hat Schutz hier vor anderen wei&szlig;en M&auml;nnern. <span class="smcap">Tane</span>
+<span class="smcap">tane Atiu</span> sind freundlicher gegen ihn als Leute von
+seiner eigenen Farbe, und was thut <span class="smcap">Ferani</span>? &mdash; geht
+hin und macht kleines M&auml;dchen von Mitonare ungl&uuml;cklich &mdash; schwatzt
+ihr allerlei tolles Zeug vor &mdash; aber
+<span class="smcap">Pu-de-ni-a</span> ist nicht wie viele andere M&auml;dchen
+auf der Insel und auf Tahiti. &mdash; <span class="smcap">Ferani</span> kann M&auml;dchen
+genug bekommen &mdash; puh &mdash; so viel, aber nicht
+<span class="smcap">Pu-de-ni-a</span>. <span class="smcap">Ferani</span> geht nachher weg und <span class="smcap">Pu-de-ni-a</span>
+sitzt &mdash; gutes Kind und weint und ist nicht mehr
+gl&uuml;cklich und alte Mann Mitonare <span class="smcap">O-no-so-no</span> weint
+weil er <span class="smcap">Pu-de-ni-a</span> weinen sieht. <span class="smcap">Ferani</span> sollte sich
+etwas sch&auml;men und wenn <span class="smcap">Ferani</span> auch kein Christ w&auml;re,
+k&ouml;nnte er doch darum immer thun was recht w&auml;re &mdash; sie
+w&auml;ren auch fr&uuml;her keine Christen, nein, schreckliche
+Heiden gewesen, die sich t&auml;ttowirt und nach einer
+Trommel, und nach dem Rauschen der Brandung getanzt
+h&auml;tten, ja sie h&auml;tten sogar ganzen kleinen, winzig<span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119">[119]</a></span>
+kleinen Gott angebetet &mdash; aber darum h&auml;tten sie doch
+thun k&ouml;nnen was recht w&auml;re &mdash; und es auch gethan,
+wenn sein Vater auch jetzt in der H&ouml;lle daf&uuml;r w&auml;re.&laquo;</p>
+
+<p>Das ungef&auml;hr war der Sinn der Rede des kleinen
+Mitonares, obgleich diese selber wohl &uuml;ber eine
+Stunde dauerte; wenn aber auch Ren&eacute; im Anfang
+manchmal gern &uuml;ber die oft wunderlich genug klingenden
+Worte des Eifernden gelacht h&auml;tte, sah er doch
+aus dem Ganzen wie lieb der kleine Mann das M&auml;dchen
+selber haben mu&szlig;te, und wie viel er von ihr
+halte, und da&szlig; nur Besorgni&szlig; um sie ihn so &auml;ngstlich
+und eifrig gemacht habe, und er fa&szlig;te endlich seine
+Hand, die ihm der Mitonare im Anfang aber gar
+nicht lassen wollte, und sagte ihm nun Alles, wie es
+ihm auf dem Herzen lag.</p>
+
+<p>Er liebte Sadie und wollte sie heirathen, und hier
+auf der Insel bei ihnen bleiben und Yams und Kartoffeln
+bauen, und Cocospalmen pflanzen &mdash; er wollte
+nie nie wieder fort von ihnen gehn und weder ihn
+noch Prudentia verlassen. Er erz&auml;hlte ihm aber dann
+auch wie er das heute Morgen Sadie selber gesagt,
+und welches Versprechen sie ihm daf&uuml;r abgenommen,
+und da&szlig; er sich fest darauf verlassen k&ouml;nne er w&uuml;rde
+es halten und Sadie, bis der alte Missionair zur&uuml;ckkomme,
+als seine Schwester ansehen, der kein Leid geschehen
+solle, so lange er es hindern k&ouml;nne.<span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120">[120]</a></span></p>
+
+<p>Der kleine alte Mann war freundlicher und freundlicher
+geworden, je nachdem er mehr und mehr begriff
+was der Fremde mit seinen Worten meine, und was
+er beabsichtigte, als er aber erst verstand welches Versprechen
+er dem M&auml;dchen gegeben hatte, und wie er
+versicherte es treu halten zu wollen, da &uuml;berkam die
+Freude jedes andere Gef&uuml;hl, er fiel dem jungen Mann
+um den Hals und rieb sogar &mdash; sehr zu dessen Erstaunen
+der gar nicht wu&szlig;te was er aus solcher Ceremonie
+machen sollte &mdash; Nasen mit ihm, die gr&ouml;&szlig;te
+innigste Freundschaftsversicherung die er ihm &uuml;berhaupt
+geben konnte.</p>
+
+<p>Der kleine Bursche wurde aber ganz wie ausgelassen &mdash; er
+erkl&auml;rte Ren&eacute; &mdash; dessen Namen er jetzt
+ebenfalls behalten hatte und ganz gegen seine sonstige
+Gewohnheit richtig aussprach, f&uuml;r den besten Wi&mdash;wi
+der je einen G&ouml;tzen angebetet habe; und meinte, wenn
+er bei ihnen auf der Insel bliebe, dann wolle er und
+der andere Mitonare und <span class="smcap">Pu-de-ni-a</span> doch einmal
+sehn, ob sie nicht aus diesem Wi&mdash;wi auch einen
+Christen machen k&ouml;nnten, wenn das auch vielleicht
+schwieriger halten w&uuml;rde, als einen verheiratheten
+Mann aus ihm zu machen. Er wu&szlig;te in der That
+gar nicht, was er vor lauter Lust und Vergn&uuml;gen
+angeben sollte, und es fehlte nicht viel so h&auml;tte er
+wirklich ein paar mal bald an zu tanzen gefangen,<span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121">[121]</a></span>
+nur da&szlig; er sich noch immer zur rechten Zeit dabei erwischte &mdash; das
+h&auml;tte sich im Leben nicht f&uuml;r einen
+<span class="smcap">mi-to-na-re</span> geschickt.</p>
+
+<p>So vergingen Ren&eacute; die n&auml;chsten drei Wochen in
+einem Gl&uuml;ck, von dem er fr&uuml;her nicht geglaubt h&auml;tte
+da&szlig; es eine Menschenbrust im Stande w&auml;re zu fassen;
+aber nicht allein Sadie und Mitonare gewannen ihn
+in dieser Zeit weit lieber, je n&auml;her sie mit ihm bekannt
+wurden, nein, auch die Eingeborenen der Insel, denn
+das leichte fr&ouml;hliche Temperament des jungen Franzosen
+sagte auch ihren Neigungen gerade zu; sie sahen
+ihn gern, lernten ihn lieb gewinnen und der alte K&ouml;nig,
+au&szlig;er dem hochklingenden Titel eine sehr unschuldige
+Pers&ouml;nlichkeit, die jedoch trotzdem viel Einflu&szlig;
+auf die &uuml;brigen aus&uuml;bte, wurde sein bester Freund.
+Allerdings hatte ihm Ren&eacute; mehrmals Geldgeschenke
+gemacht, was ihm des Mannes Herz zuerst &ouml;ffnete,
+als er aber sp&auml;ter mehrmals mit Sadie hin&uuml;berkam,
+und der alte Mann erfuhr in welchem Verh&auml;ltni&szlig; die
+Beiden standen, und da&szlig; Ren&eacute; sogar beabsichtige Einer
+seiner Unterthanen zu werden, da versicherte er
+ihn denn auch, da&szlig; er ihn, falls sein Schiff wirklich
+wieder zur&uuml;ckkommen solle, nicht mehr ausliefern werde
+und da&szlig; der wei&szlig;e Mann Capitain &mdash; wie Raiteo
+als Dollmetscher &uuml;bersetzte &mdash; schon sehen solle wie sie
+ihm eine Nase drehen wollten. Er dachte n&auml;mlich<span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122">[122]</a></span>
+keineswegs daran den einmal erhaltenen, und auch
+in der That schon theils benutzten, theils vertheilten
+Fanglohn wieder herauszugeben.</p>
+
+<p>Am komischsten betrug sich Raiteo; &mdash; trotzdem da&szlig;
+er fr&uuml;her sich die gr&ouml;&szlig;te M&uuml;he gegeben hatte, des
+Fl&uuml;chtlings habhaft zu werden, ja sich damals sogar
+nicht scheute Verrath zu gebrauchen, um seinen Zweck
+zu erreichen und den ausgesetzten Lohn zu verdienen,
+so that dieser doch jetzt, als wenn er gleich von dem
+ersten Augenblick an des jungen Mannes Hauptfreund
+und Besch&uuml;tzer gewesen w&auml;re. Er erkl&auml;rte ihn auch
+bald f&uuml;r seinen innigsten <span class="smcap">tajo</span> und trug wohl Sorge
+dabei da&szlig; er Ren&eacute; besonders darauf aufmerksam machte,
+wie uneigenn&uuml;tzig er damals den Dollmetscher zwischen
+ihm und den Uebrigen abgegeben habe, und wie einige
+kleine St&uuml;cken Geld, selbst jetzt noch daf&uuml;r ausgelegt,
+keineswegs zu sp&auml;t k&auml;men. Ren&eacute; war klug genug sich
+auch diesen Burschen, den er &uuml;brigens leicht genug
+durchschaute, zum Freund zu halten, und ein paar
+Thaler thaten dies denn auch, wenn Versicherungen
+nur irgend einen Ma&szlig;stab f&uuml;r Raiteo&#8217;s Gef&uuml;hle geben
+konnten, auf das vollst&auml;ndigste.</p>
+
+<p>Ren&eacute; schrieb &uuml;brigens auch in dieser Zeit nach
+Frankreich, den Brief f&uuml;r die erste sich bietende Gelegenheit
+nach Tahiti bereit zu halten, ihm einen Theil
+seiner noch dort stehenden Gelder unter seiner Adresse<span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123">[123]</a></span>
+an den Franz&ouml;sischen Consul Tahiti&#8217;s zu &uuml;bersenden,
+wie ihm ebensowohl Einf&uuml;hrungsbriefe auf die Hauptinsel
+dieser Gruppen zu verschaffen. Wenn er ihrer
+auch jetzt noch nicht bedurfte, wu&szlig;te er doch nicht wie
+sich seine Verh&auml;ltnisse in sp&auml;tern Zeiten gestalten w&uuml;rden,
+und er wollte jetzt wenigstens nichts vers&auml;umen,
+dem vorzuarbeiten.</p>
+
+<p>Das Herz des kleinen Mitonares gewann er sich
+&uuml;brigens noch auf ganz besondere Weise durch den
+regelm&auml;&szlig;igen Besuch seiner Kirche, in der er allerdings
+nichts von der Predigt verstand, aber doch die Melodien
+der Hymnen mit summte, und den Mitonare nur
+in dem Glauben befestigte, da&szlig; doch noch am Ende
+ein Christ aus ihm zu machen sei. Der gute kleine
+Mann war viel zu unschuldig, auf den Gedanken zu
+kommen, da&szlig; Ren&eacute; einzig und allein Sadie&#8217;ens wegen
+das Gotteshaus besuche.</p>
+
+<div class="footnotes"><h3>Fu&szlig;noten:</h3>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_F_6" id="Footnote_F_6"></a><a href="#FNanchor_F_6"><span class="label">[F]</span></a> Diese Inseln au&szlig;er Tahiti und Imeo oder Eimeo feiern
+den Sonnabend statt Sonntag, da die ersten hier eingetroffenen
+Missionaire, die um das Cap der guten Hoffnung
+gekommen waren, den Tag den sie auf 180&deg; West
+und Ost L&auml;nge gewonnen, nicht dazu z&auml;hlten, wie sie
+es eigentlich thun mu&szlig;ten, und nun ihre eigene unterwegs
+gehaltene Zeitrechnung, die sie um einen Tag zu
+kurz sein lie&szlig;, beibehielten. Auf Tahiti und Imeo haben
+es die Franzosen jetzt abge&auml;ndert.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_G_7" id="Footnote_G_7"></a><a href="#FNanchor_G_7"><span class="label">[G]</span></a> <span class="smcap">Wi-wi</span>, ein Spottname dieser Inseln f&uuml;r die Franzosen,
+nach deren <span class="smcap">oui, oui</span>.</p></div>
+</div>
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124">[124]</a></span></p>
+<h2><a name="Capitel_5" id="Capitel_5"></a>Capitel 5.</h2>
+
+<h3>Das Gest&auml;ndni&szlig;.</h3>
+
+
+<p>Das Einzige &uuml;brigens was jetzt manchmal Sadie
+sowohl als auch den kleinen Mitonare beunruhigte,
+war das so au&szlig;ergew&ouml;hnlich lange Ausbleiben des
+Mr. Osborne, obgleich es bei den Missionairen, wenn
+sie auch ihre bestimmte und feste Wohnung haben,
+doch wohl manchmal vorfiel da&szlig; sie auch kleine Abstecher
+nach anderen Inseln machten wo keine festen
+Prediger wohnten, und dann widriger Winde wegen
+oft l&auml;nger aufgehalten wurden, als sie im Anfang
+selber beabsichtigt.</p>
+
+<p>So standen die Sachen als eines Morgens, in
+den letzten Tagen des Februar, ein Bursche &uuml;ber die
+Berge her&uuml;berkam und meldete, der Missionscutter <span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125">[125]</a></span>&mdash;
+ein kleines Fahrzeug das sie alle gut genug auf der
+Insel kannten &mdash; sei in Sicht und halte gerade nach
+hierher zu. Gegen Mittag umsegelte es auch die s&uuml;dlichste
+Spitze der Insel, und von Sadie&#8217;s Lieblingspl&auml;tzchen
+aus konnten sie sein N&auml;herkommen deutlich
+beobachten.</p>
+
+<p>Sadie und Ren&eacute; standen dort schweigend Hand
+in Hand &mdash; war ihnen Beiden aber auch wohl das
+Herz &uuml;bervoll, denn dort in dem kleinen Fahrzeug
+kam der Mann, der ihr Schicksal entscheiden sollte &mdash; mochte
+ihnen doch Keins Worte geben. Als aber der
+Cutter sich immer mehr und mehr n&auml;herte, jetzt sogar
+in die nat&uuml;rliche Einfahrt der Corallenriffe, von einer
+g&uuml;nstigen Briese getrieben, einbog, und in dem ruhigen
+Wasser pfeilschnell auf seinen gew&ouml;hnlichen Ankerplatz
+zuglitt &mdash; als die Segel fielen, der Anker niederschlug
+und das kleine Fahrzeug herumschwingend,
+kaum mehr als hundert Schritt vom festen Land der
+Insel ab einbog, da sagte Ren&eacute; leise, Sadie zu sich
+her&uuml;berziehend:</p>
+
+<p>&raquo;Willst Du zuerst mit Deinem Vater allein reden,
+Sadie, oder wollen wir ihm Beide zusammen entgegengehn? &mdash; wie
+ist es Dir am liebsten?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es nicht Ren&eacute;,&laquo; &mdash; sagte das M&auml;dchen
+leise und sch&uuml;chtern &mdash; &raquo;ich wei&szlig; es nicht &mdash; o
+mir ist auf einmal so bang und weh um&#8217;s Herz, als<span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126">[126]</a></span>
+ob ich irgend ein gro&szlig;es Unrecht gethan h&auml;tte &mdash; und
+ich bin mir doch nichts B&ouml;ses auf der weiten Gotteswelt
+bewu&szlig;t &mdash; ich glaube ich f&uuml;rchte mich meinem
+Vater entgegenzutreten &mdash; und er ist doch so gut &mdash; so
+unendlich gut.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann la&szlig; mich zuerst mit ihm sprechen, Sadie,&laquo;
+bat Ren&eacute; &mdash; &raquo;la&szlig; mich zu ihm gehn &mdash; ich habe Papiere
+die ihn &uuml;ber meine Abkunft und Verh&auml;ltnisse
+beruhigen k&ouml;nnen &mdash; ich bin kein gew&ouml;hnlicher Matrose
+wie sie hier &uuml;ber diese Inseln hier und da zerstreut
+sein sollen; das allein ist auch die Ursache da&szlig;
+ich nicht im Stande war an Bord jenes Wallfischf&auml;ngers
+zwischen dem rohen w&uuml;sten Volke auszuhalten; &mdash; wenn
+er h&ouml;rt wie innig wir uns lieben, kann
+er ja Nichts gegen eine Vereinigung mit Dir einzuwenden
+haben. Aber was hast Du? &mdash; was erschreckt
+Dich so sehr, Du s&uuml;&szlig;es Lieb?&laquo;</p>
+
+<p>Der Ausdruck in Sadie&#8217;s Z&uuml;gen lie&szlig; sich nicht
+verkennen &mdash; irgend etwas mu&szlig;te sie beunruhigt haben,
+aber sie sch&uuml;ttelte erst schweigend mit dem Kopf
+und blickte nur scharf nach dem Cutter hin&uuml;ber, an
+dessen Seite jetzt ein kleines Boot niedergelassen war,
+den zur&uuml;ckkehrenden Missionair an Land zu rudern.
+Ren&eacute; hatte auf das Fahrzeug, mit der Geliebten besch&auml;ftigt,
+gar nicht mehr geachtet, als er aber jetzt der
+Richtung ihrer aufgehobenen Hand folgte, sah er wie<span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127">[127]</a></span>
+vom Bord des Schooners zwei dunkelgekleidete M&auml;nner
+in die J&ouml;lle niederstiegen, statt einem.</p>
+
+<p>&raquo;Kennst Du den Mann, der dort mit Deinem
+Pflegevater kommt?&laquo; frug er das M&auml;dchen.</p>
+
+<p>Sadie nickte langsam und schweigend mit dem
+Kopf und sagte endlich leise:</p>
+
+<p>&raquo;Das ist der einzige Mann, das einzige Wesen
+auf dieser Insel, das ich <span class="g">f&uuml;rchte</span> &mdash; und ich wei&szlig;
+nicht we&szlig;halb &mdash; Er hat noch Niemandem B&ouml;ses, und
+Vielen schon Gutes gethan, aber er ist so ernst und
+streng und ich wei&szlig; nicht, aber wenn ich mir <span class="g">seinen</span>
+Gott als einstigen Richter denke, so &uuml;berl&auml;uft mich&#8217;s
+mit Fieberfrost. Feste Formeln und Gebr&auml;uche hat er
+dabei, von denen er nicht weicht, ja von deren Beobachtung
+er unser Seelenheil abh&auml;ngig macht, und nur
+wenn ich dann meinen Pflegevater dagegen reden
+h&ouml;re, ist es mir wie Trost und Linderung f&uuml;r das
+kalte Wort des finstern Mannes.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist der Mann denn, von dem Du mir schon
+gesprochen, Sadie,&laquo; sagte Ren&eacute; &mdash; &raquo;aber wo wohnt
+er? &mdash; was thut und treibt er?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist Missionair wie mein Vater, aber der
+&auml;rgste Feind den Deine Landsleute auf den Inseln
+haben k&ouml;nnen &mdash; sein Name ist Rowe und obgleich
+er auf Tahiti seinen festen Wohnsitz hat, besucht er
+doch, als eine Art geistlicher Oberhirt, zu Zeiten die<span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128">[128]</a></span>
+einzelnen Inseln, ihren Zustand zu untersuchen und
+an dem Sonntag wo er sich dort aufh&auml;lt, zu predigen.
+Aber so lange er auf der Insel ist h&ouml;rst Du
+kein Lachen und Singen fr&ouml;hlicher Menschen, siehst
+keine Blume in den Haaren der M&auml;dchen &mdash; selbst
+die Kinder f&uuml;rchten den Mann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und was kann er <span class="g">uns</span> schaden, Du holdes Lieb,&laquo;
+sagte Ren&eacute; &mdash; &raquo;Dein Pflegevater allein hat Deine
+Hand zu vergeben, und wenn es selber dann <span class="g">Dein</span>
+Wille ist, was k&uuml;mmert uns da der stolze Priester?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber er wird meinem Pflegevater heftig zureden
+uns seine Einwilligung zu versagen,&laquo; fl&uuml;sterte &auml;ngstlich
+das M&auml;dchen.</p>
+
+<p>&raquo;Dann&laquo; &mdash; Ren&eacute; bi&szlig; die Lippen zusammen, zwischen
+denen sich ihm ein heftiges Wort herauszupressen
+drohte, aber er wollte dem lieben Kinde auch nicht
+weh thun und sagte, rasch abbrechend: &raquo;Hab guten
+Muth Sadie; es wird noch Alles gut gehen und das
+Beste sein, da&szlig; wir die beiden Herren erst eine Weile
+landen lassen; der kleine Mitonare mag mich gern
+leiden und wenn Dein Vater nach Dir fr&auml;gt wird er
+schon einen g&uuml;nstigen Vorbericht f&uuml;r uns ablegen.
+Nachher gehen wir dann grade und offen zu ihm und
+sagen ihm wie lieb wir uns haben und wie wir hier
+bei ihm auf der Insel bleiben und wohnen wollen<span class="pagenum"><a name="Page_129" id="Page_129">[129]</a></span>
+und er wird uns seine Einwilligung gewi&szlig; nicht versagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mache es wie Du willst, Ren&eacute;,&laquo; sagte das arme
+M&auml;dchen leise und sch&uuml;chtern &mdash; &raquo;aber ich f&uuml;rchte mich
+recht sehr, und ich wollte zu Gott der ehrw&uuml;rdige
+Mr. Rowe w&auml;re nur diesmal nicht mitgekommen.&laquo;</p>
+
+<p>Das Boot war indessen an Land gerudert, der
+kleine Mitonare aber, in aller seiner Unschuld niemand
+Anderen als seinen Missionair, den alten ehrw&uuml;rdigen
+Mr. Osborne erwartend, an den Landungsplatz
+gegangen ihn zu begr&uuml;&szlig;en. Er trug sein gew&ouml;hnliches
+wei&szlig;es Hemd, und das rothe Lendentuch fest
+um den runden stattlichen Leichnam geschlagen, au&szlig;erdem
+aber noch, da er als Mitonare nicht gut im
+blo&szlig;en Kopf in der Sonne herumlaufen konnte, einen
+breitr&auml;ndrigen Strohhut mit schwarzem breiten Bande,
+und stand schon schmunzelnd am Ufer seinem alten
+Freund die Hand mit einem herzlichen <span class="smcap">Joranna</span> entgegenzustrecken,
+als er pl&ouml;tzlich die zweite Gestalt im
+Boot zuerst &uuml;berrascht bemerkte, und dann erschreckt
+erkannte &mdash; denn Mitonare hatte einen noch viel
+gr&ouml;&szlig;eren Respekt vor dem finsteren geistlichen Mann,
+der ihm diesmal so unverhofft &uuml;ber den Hals kam,
+als selbst alle Kinder der Insel zusammengenommen,
+nur da&szlig; <span class="g">er</span> nicht ausrei&szlig;en durfte, wenn ihm der
+fromme Mann in den Weg kam. Umdrehn aber<span class="pagenum"><a name="Page_130" id="Page_130">[130]</a></span>
+und in das Haus, und dort angekommen in den
+schwarzen Frack und die gelbe Weste fahren, war das
+Werk eines Augenblicks. In beide Kleidungsst&uuml;cken
+kam er zuerst in das verkehrte Aermelloch, aber wie
+eine gehetzte Ratte fand er zuletzt das rechte, und griff
+nun in wahrer Verzweiflung das eingewickelte Halstuch
+von dem B&uuml;cherbrett herunter, wo es friedlich bis
+zum n&auml;chsten Sabbath hatte ruhen sollen, ri&szlig; es aus
+dem Papier, fuhr dann mit dem Halstuch in die Tasche
+statt dem letzteren, ehe er seinen Irrthum gewahrte,
+bekam es aber zuletzt doch noch gl&uuml;cklich um, und h&auml;tte
+nun fast, als er wieder mit einem Satze aus der Th&uuml;r
+hinaus wollte, das Vers&auml;umte gut zu machen, die
+beiden geistlichen Herren umgerannt, die, <span class="smcap">the reverend
+Mr. Rowe</span> voran, inde&szlig; gelandet waren und auf die
+freundliche Wohnung Mitonares zuschritten.</p>
+
+<p>Mr. Rowe, der &uuml;brigens wohl erkannte weshalb
+der kleine Mann so in Hast gewesen, denn dieser
+hatte in aller Eile den Hemdkragen gar nicht mit
+in das Halstuch hineingebunden, begr&uuml;&szlig;te ihn mit
+einem g&uuml;tigen v&auml;terlichen Blick und Handdruck, wobei
+Mitonare ein Gesicht machte, als ob er seine
+Hand in einem Schraubstock h&auml;tte.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, Bruder Ezra,&laquo; sagte Mr. Osborne freundlich,
+als dieser zu ihm hinantrat, und seine Hand auf
+das herzlichste sch&uuml;ttelte, was Mitonare mit unge<span class="pagenum"><a name="Page_131" id="Page_131">[131]</a></span>mein
+gutem Willen erwiederte &mdash; &raquo;wie ist es Euch
+die Zeit meiner Abwesenheit ergangen? &mdash; immer
+wohl und gesund gewesen, und in keiner Weise zu
+Schaden gekommen? nicht wahr ich bin weit l&auml;nger
+entfernt geblieben als ich im Anfang beabsichtigte?&laquo;</p>
+
+<p>Ich mu&szlig; hier jedoch bemerken da&szlig; die Geistlichen
+mit dem kleinen Mann nur in seiner eignen Sprache
+redeten, blos wenn sich Mr. Osborne mit Bruder
+Ezra &mdash; wie der kleine Mitonare bei der Taufe genannt
+worden &mdash; allein befand, und gerade nichts
+Wichtiges zu verhandeln hatte, sprach er englisch mit
+ihm, um ihm diese Sprache gel&auml;ufiger zu machen, und
+seinen etwas schweren Mund an die fremden Worte
+besser zu gew&ouml;hnen.</p>
+
+<p>Bruder Ezra antwortete auf das Befriedigenste, als
+aber die drei M&auml;nner in das Haus traten, sah sich
+Mr. Osborne erstaunt und vergebens nach seiner
+Pflegetochter um, die ihn sonst stets fast die erste begr&uuml;&szlig;t
+hatte, und er frug rasch, fast &auml;ngstlich nach
+dem M&auml;dchen.</p>
+
+<p>Mitonare h&auml;tte in diesem Augenblick eben so gern
+seinen ganzen Catechismus aufgesagt &mdash; ihm sonst
+die schrecklichste aller Religions&uuml;bungen &mdash; als vor
+Bruder Rowe zu erz&auml;hlen was mit <span class="smcap">Pu-de-ni-a</span> vorgegangen
+sei, und welcher Gast sich indessen auf der
+Insel eingefunden habe. Er wu&szlig;te ja am besten in<span class="pagenum"><a name="Page_132" id="Page_132">[132]</a></span>
+welcher Achtung die <span class="smcap">Feranis</span> bei dem frommen finsteren
+Manne standen, und sollte er jetzt erz&auml;hlen was
+hier unter seinen eigenen Augen vorgegangen war,
+und was er selber geduldet hatte? denn jetzt kam es
+ihm auf einmal wunderbarer Weise vor, als ob das
+ein entsetzliches Verbrechen gewesen w&auml;re.</p>
+
+<p>Durch sein Schweigen wurde der alte Mann aber
+nur noch besorgter; er glaubte jetzt wirklich es sei dem
+M&auml;dchen, das er fast wie sein eignes Kind liebte,
+etwas widerfahren, und als nun auch Bruder Rowe
+dazutrat und Mitonare zum Sprechen aufforderte,
+konnte er nat&uuml;rlich nicht mehr zur&uuml;ckhalten. Der Angstschwei&szlig;
+stand ihm auf der Stirn, aber die ganze Sache
+kam nach und nach zu Tage, und erst als er mit
+s&auml;mmtlichen Factas geendet hatte, fing er an den
+jungen <span class="smcap">Ferani</span> zu loben, der ein wahres Muster von
+einem Menschen sei und sogar als <span class="smcap">Ferani</span> in seine
+Kirche gekommen w&auml;re &mdash; und so and&auml;chtig zugeh&ouml;rt
+h&auml;tte, als ob er jedes Wort davon verst&auml;nde. Er erw&auml;hnte
+auch des Versprechens das ihm <span class="smcap">Pu-de-ni-a</span>
+abgenommen, was er ja auch als Hauptentschuldigung
+f&uuml;r sich aufstellte, und Mr. Osborne der den
+Charakter des M&auml;dchens kannte, athmete leichter als
+er dies h&ouml;rte.</p>
+
+<p>Bruder Rowe&#8217;s Z&uuml;ge hatten sich aber indessen mehr
+und mehr verfinstert &mdash; schon als er h&ouml;rte da&szlig; ein,<span class="pagenum"><a name="Page_133" id="Page_133">[133]</a></span>
+von einem Wallfischf&auml;nger entsprungener Matrose auf
+der Insel geblieben und nicht wieder von seinem eigenen
+Schiff mit fortgenommen sei, horchte er hoch auf,
+und als es nun gar herauskam da&szlig; es ein Franzose
+sei, der schon in aller Geschwindigkeit ein Liebesverh&auml;ltni&szlig;
+mit der Adoptivtochter des Geistlichen angesponnen
+habe, sah man es ihm ordentlich an da&szlig; er
+sich M&uuml;he geben mu&szlig;te seinen Groll und Zorn zu
+bemeistern. Vergebens waren jetzt Bruder Ezra&#8217;s Psalmen,
+die er dem jungen Franzosen sang, vergebens
+selbst Mr. Osbornes Einwurf, da&szlig; man jedenfalls
+erst einmal den jungen Mann sehen und sprechen
+wolle &mdash; er war Matrose eines Wallfischf&auml;ngers und
+Franzose &mdash; also Katholik, und ein richtiger Missionair
+der S&uuml;dsee Inseln ha&szlig;t nichts auf der Welt &mdash; selbst
+den Teufel wohl kaum ausgenommen &mdash; herzlicher,
+als diese beiden Individuen.</p>
+
+<p>Sein Urtheilsspruch war auch ohne weiteres gef&auml;llt &mdash; &raquo;ehe
+das Uebel tiefer griff, mu&szlig;ten schnelle
+Ma&szlig;regeln dagegen ergriffen werden, und er wollte
+jetzt selbst ohne weiteres zu dem H&auml;uptling hin&uuml;bergehn
+und mit diesem das N&ouml;thige dazu besprechen.
+Der H&auml;uptling oder K&ouml;nig brauche ihm nur zu gebieten
+die Insel zu verlassen, so m&uuml;sse er dem Befehl
+Folge leisten, und Gelegenheit habe er jetzt gerade am
+besten in dem kleinen Schooner, der in einigen Tagen<span class="pagenum"><a name="Page_134" id="Page_134">[134]</a></span>
+wieder mit ihm nach Tahiti zur&uuml;ck sollte. Weigerte
+er sich aber dem Befehl Folge zu leisten, so war nichts
+einfacher als ihn als Gefangenen mit fortzunehmen,
+und an den franz&ouml;sischen Consul in Papetee auszuliefern. &mdash; Diese
+Inseln standen unter englischem
+Schutz, und es war ihnen von der englischen Regierung
+versprochen sie gegen jede Aufdringlichkeit, besonders
+von franz&ouml;sischer Seite, zu sch&uuml;tzen, wo man
+&uuml;berdies nicht einmal wissen k&ouml;nne, ob da nicht am
+Ende gar irgend ein heimlich gehaltenes Missionswesen
+der Verbreiter &raquo;papistischer Gr&auml;uel&laquo; dahinter
+st&auml;ke. Andererseits w&uuml;rde aber auch die franz&ouml;sische
+Regierung, die gerade erst ganz k&uuml;rzlich ihr etwas gewaltsames
+Protectorat angetreten, Alles vermeiden,
+mit anderen M&auml;chten, noch dazu eines entsprungenen
+Matrosen wegen, in Collision zu kommen. F&uuml;r sie
+hier war es aber gerade in dieser Zeit von h&ouml;chster
+Wichtigkeit jenen papistischen Propaganden, die sich
+&uuml;ber s&auml;mmtliche Inseln zu verbreiten suchten, entgegen
+zu arbeiten. Das Volk dieser Inseln sei viel zu empf&auml;nglich
+f&uuml;r &auml;u&szlig;eres Gepr&auml;nge, nicht der Gefahr
+ausgesetzt zu sein von dem Flitterstaat der katholischen
+Religion bestochen zu werden, und nicht allein Jahre
+lange Anstrengungen und Arbeiten, nein auch die
+Seelen der Ungl&uuml;cklichen w&auml;ren dann verloren f&uuml;r
+immer.&laquo;<span class="pagenum"><a name="Page_135" id="Page_135">[135]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Aber nicht allein in religi&ouml;ser, nein auch in moralischer
+Beziehung sei es Pflicht der Geistlichen dahin
+zu wirken diese schlimmsten aller Vagabunden,
+fl&uuml;chtige Seeleute, von sich entfernt zu halten. Auch
+Bruder Osborne wisse recht gut, wie gerade diese
+Menschen dem wohlth&auml;tigen Wirken der Missionaire
+stets feindlich entgegengetreten w&auml;ren, selbst wenn sie
+denselben Glauben mit ihnen hatten; wie viel schlimmer
+war es jetzt, wo solche Menschen auch sogar noch
+in ihrem Glauben eine, ihrer Meinung nach vielleicht
+vollkommen gen&uuml;gende Ursache f&auml;nden, Unfrieden zwischen
+dem Geistlichen und seiner kleinen Gemeinde zu
+s&auml;en?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r den <span class="g">Vater</span> sei es au&szlig;erdem besonders dringende
+Pflicht, sein angenommenes Kind vor Verf&uuml;hrung
+zu sch&uuml;tzen und ihr Herz zu wahren vor den
+Eindr&uuml;cken, die bei einer solchen unnat&uuml;rlichen Verbindung
+unvermeidlich w&auml;ren. &mdash; Das war <span class="g">seine</span>
+Meinung &uuml;ber die Sache, und er hoffte Bruder Osborne
+w&uuml;rde mit ihm hierin vollkommen harmoniren.
+Es sei n&ouml;thig da&szlig; sie zusammenst&auml;nden, in dieser jetzigen
+Zeit des Tr&uuml;bsals, um des Glaubens willen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hatte zuerst die Absicht gehabt den K&ouml;nig
+<span class="g">morgen</span> zu besuchen, aber im Dienste Gottes g&auml;be
+es keine Ruhe noch l&auml;ssiges Verschieben, und er wolle
+deshalb gleich dorthin aufbrechen, ihn mit sich her&uuml;ber<span class="pagenum"><a name="Page_136" id="Page_136">[136]</a></span>
+zu bringen.&laquo; Da&szlig; er die Einwilligung desselben, oder
+vielmehr den Befehl f&uuml;r den Fl&uuml;chtling erhalten w&uuml;rde,
+mit erster Gelegenheit die Insel wieder zu verlassen,
+verstand sich von selbst, und er zweifelte daran nicht
+im mindesten.</p>
+
+<p>Mr. Osborne ersuchte ihn jetzt noch einmal, den
+Fremden wenigstens erst einmal rufen zu lassen und
+mit ihm zu sprechen, da&szlig; sie mit eigenen Augen s&auml;hen
+zu welcher Klasse von Menschen er geh&ouml;re. &mdash; Bruder
+Rowe&#8217;s Entschlu&szlig; war gefa&szlig;t, und da er, durch seinen
+langen Aufenthalt zwischen diesen Inseln als
+Missionair, sich daran gew&ouml;hnt hatte unbedingt zu befehlen,
+indem seine Stimme f&uuml;r das Wort und den
+Willen des Herrn galt &mdash; ja da er die feste Ueberzeugung
+hatte da&szlig; alle diese Tausende von Insulanern
+nur durch ihn und die wenigen andern Geistlichen
+einer ewigen Qual entrissen, und der Seligkeit zugef&uuml;hrt
+seien, ihm also mehr als ihr Leben, ihr ganzes
+einstiges Heil danken mu&szlig;ten, so verstand es sich wohl
+von selbst da&szlig; er auch die weit geringere Leitung ihrer
+weltlichen Angelegenheiten wenn auch nicht gerade
+f&uuml;hren, doch in die Bahn leiten konnte und durfte,
+die er als die richtige bestimmte.</p>
+
+<p>Er beorderte jetzt ohne weiteres &mdash; denn ihre Mahlzeit
+hatten sie schon an Bord eingenommen &mdash; zwei
+Eingeborene, ihn in einem kleinen Boot, das er schon<span class="pagenum"><a name="Page_137" id="Page_137">[137]</a></span>
+mehrfach dazu benutzt hatte, um die Insel hinum zu
+rudern, denn es fiel ihm nicht ein den langen Weg
+zu Fu&szlig; zu gehn. &mdash; In diesem wurde ein schmales
+Sonnendach aufgespannt, und eine Viertelstunde sp&auml;ter
+scho&szlig; das kleine scharfgebaute Fahrzeug, von den
+kr&auml;ftigen Armen der Insulaner getrieben, pfeilschnell
+&uuml;ber das spiegelglatte Binnenwasser, von der Str&ouml;mung
+jetzt noch &uuml;berdies beg&uuml;nstigt hin, und war in
+kurzer Zeit um die n&auml;chste vorragende Landspitze verschwunden.</p>
+
+<p>Ren&eacute; und Sadie hatten indessen mit freudigem
+Staunen die rasche Abreise des finstern Mannes gesehen,
+die sie irgend einer Ursache in seinem geistlichen
+Wirken zuschrieben, und sie beschlossen nun auch ohne
+weiteres hinunter zu Mr. Osborne zu gehn, ihm Alles
+zu erz&auml;hlen und ihn um seinen Segen zu bitten.</p>
+
+<p>Mitonare war &uuml;brigens indessen, nur erst einmal
+der beengenden Gegenwart des <span class="smcap">bodder Au-e</span> enthoben,
+nicht m&uuml;&szlig;ig gewesen Mr. Osborne den jungen
+Fremden von der besten Seite zu schildern. Nat&uuml;rlich
+lag in diesem Lobe ein gro&szlig;er Theil Eigennutz
+verborgen, denn es mu&szlig;te ja auch einzig und allein
+seine Entschuldigung sein, da&szlig; er Prudentia&#8217;s Umgang
+mit ihm &uuml;berhaupt geduldet hatte. Solcher Art
+war er denn noch emsig damit besch&auml;ftigt, und Mr.
+Osborne sa&szlig; gar ernst und sinnend vor ihm in seinem<span class="pagenum"><a name="Page_138" id="Page_138">[138]</a></span>
+Lehnstuhl, den rechten Ellbogen auf die Lehne und
+das graue Haupt in die rechte Hand gest&uuml;tzt. Es
+schien ihm recht weh und tr&uuml;b um&#8217;s Herz zu sein.</p>
+
+<p>Da traten die beiden jungen Leute in die Th&uuml;r,
+und Sadie blieb erst einen Augenblick sch&uuml;chtern in
+der Ferne stehen; als er aber den Blick zu ihr aufhob,
+und sie in das liebe ehrw&uuml;rdige, jetzt so kummerschwere
+Antlitz schaute, da flog sie, wie in alter Zeit auf ihn
+zu, barg ihr Gesicht an seinem Herzen und rief:</p>
+
+<p>&raquo;Mein lieber, lieber Vater!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein liebes, liebes Kind!&laquo; sagte der alte Mann
+und k&uuml;&szlig;te das fest an ihn angeschmiegte Haupt des
+sch&ouml;nen M&auml;dchens &mdash; &raquo;was habt Ihr denn hier, unter
+der Zeit meiner Abwesenheit f&uuml;r b&ouml;se, b&ouml;se Streiche
+getrieben?&laquo;</p>
+
+<p>Es lag eine so innige Z&auml;rtlichkeit in dem Ton
+mit dem er diese Worte sprach, und nur ein so leiser &mdash; von
+jedem Verdacht freier Vorwurf, da&szlig; sich Sadie
+nur fester gegen seine Brust pre&szlig;te, aber ihre Hand
+zur&uuml;ck nach Ren&eacute; ausstreckte, diesen herbeizurufen und
+zu ihrem Vater zu bringen.</p>
+
+<p>Der alte Mann, der wohl auf den ersten Blick
+sah, da&szlig; er keinen gew&ouml;hnlichen Matrosen vor sich
+habe, gr&uuml;&szlig;te den, sich ihm jetzt offen und vertrauensvoll
+n&auml;hernden jungen Mann freundlich, winkte ihm
+einen Stuhl zu nehmen, den Mitonare indessen mit<span class="pagenum"><a name="Page_139" id="Page_139">[139]</a></span>
+gro&szlig;er Bereitwilligkeit herbeigebracht hatte, und bat
+dann Ren&eacute;, was er ihm zu sagen habe, ihm ohne
+jeden Umschweif, mit jedem Vertrauen zu er&ouml;ffnen &mdash; er
+habe Prudentia als sein Kind angenommen, und
+von klein auferzogen als ihre Eltern gestorben waren
+und die kleine Waise allein zur&uuml;ckgelassen hatten, und
+hege dieselben Gef&uuml;hle noch jetzt f&uuml;r das erwachsene
+M&auml;dchen, als ob sie seine eigene leibliche Tochter sei.
+Er wolle auch nur ihr Gl&uuml;ck, m&ouml;chte das aber gesichert
+wissen da es keins der gew&ouml;hnlichen M&auml;dchen
+der Eingeborenen sei, sondern eine fast Europ&auml;ische
+Erziehung genossen habe und dabei auch vielleicht jetzt
+tiefer f&uuml;hle, besonders andere Ansichten &uuml;ber die Ehe
+habe, als sie in diesen Gruppen bei ihren Landsm&auml;nninnen
+wohl meist gefunden w&uuml;rden.</p>
+
+<p>Ren&eacute; verlangte Nichts mehr; er erz&auml;hlte zuerst dem
+alten Mann, so gedr&auml;ngt als m&ouml;glich, seine ganze
+Lebensgeschichte, schilderte ihm, so treu er es selber
+vermochte, seinen ganzen Charakter, was ihn in die
+Welt, was ihn zuletzt an Bord eines Wallfischf&auml;ngers
+getrieben habe, von dessen ganzen Wesen und Treiben
+er fr&uuml;her keinen Begriff gehabt, und wie er auf dieser
+Insel sich jener Existenz zu entziehen gesucht und hier
+Sadie&#8217;en gefunden und lieben gelernt habe. Er zeigte
+ihm dann die Papiere die er mit sich f&uuml;hrte &mdash; und
+Mr. Osborne verstand nicht allein das Franz&ouml;sische<span class="pagenum"><a name="Page_140" id="Page_140">[140]</a></span>
+sondern sprach es auch sehr gel&auml;ufig &mdash; erkl&auml;rte ihm
+da&szlig; es sein fester Wille sei sich hier auf einer dieser
+Inseln, am liebsten auf dieser, niederzulassen, und bat
+den alten Mann ihm Sadie, die er in der kurzen Zeit
+seines Aufenthalts recht von Herzen lieb gewonnen
+habe, zum Weib zu geben. Er wollte sich dann bei
+ihnen seine Heimath gr&uuml;nden, und Mr. Osborne solle
+einen guten Sohn und Nachbar an ihm finden.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind Katholik?&laquo; frug ihn der alte Mann,
+als Ren&eacute; schon eine ganze Zeit lang geschwiegen und
+er ihn indessen mehr sinnend als forschend betrachtet
+hatte.</p>
+
+<p>Des jungen Mannes Antlitz r&ouml;thete sich ein wenig,
+als er erwiederte:</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Herr, Sie haben gewi&szlig; genug von der
+Welt gesehn, zu wissen wie es mit der Religion unter
+jungen Leuten meistens steht. &mdash; Ich bin allerdings
+als Katholik erzogen, und die Meinigen waren s&auml;mmtlich,
+einige sogar sehr strenge Katholiken, ich selber
+mu&szlig; Ihnen aber aufrichtig gestehn, habe mich nie
+streng an die Gebr&auml;uche weder meiner noch einer andern
+Sekte gehalten, und Sie k&ouml;nnen &uuml;berzeugt sein,
+da&szlig; ich nie daran denken w&uuml;rde Jemanden zu meinem
+Glauben &uuml;berreden zu wollen. Sadie ist in dem
+ihren aufgewachsen und ein so liebes, braves M&auml;dchen
+geworden, sie wird ihm auch treu bleiben, und<span class="pagenum"><a name="Page_141" id="Page_141">[141]</a></span>
+ich w&auml;re der Letzte sie darin zu st&ouml;ren. Was mich
+selber betrifft, so suche ich recht zu thun, und hoffe
+dann mit meinem Gott schon fertig zu werden &mdash; er
+allein wei&szlig; ja auch nur, wer den <span class="g">rechten</span> Glauben
+hat. Sie werden aber auch nie finden, da&szlig; ich &uuml;ber
+den Glauben eines Andern spotte &mdash; ein Jeder hat
+ein Recht zu seiner Meinung.&laquo;</p>
+
+<p>Der Missionair hatte nun allerdings gar sehr
+verschiedene Ansichten &uuml;ber Religion, aber Ren&eacute; gewann
+sich doch durch diese Offenheit sein Herz, denn
+keineswegs geh&ouml;rte er zu jener stolzen Priestersekte die,
+ihr Religionspanier in der gehobenen Rechten, das
+Volk vor sich auf die Knie werfen und so lange damit
+fortschreiten bis sie zuletzt ganz zu vergessen scheinen
+da&szlig; das Volk eigentlich vor dem Panier und
+nicht vor ihnen kniet. Aber der alte Mann hatte
+doch noch andere und recht ernste Bedenken, und je
+mehr er den jungen lebensfrischen Mann da vor sich
+stehen sah, so viel schwerer ward ihm das Herz; aber
+er wollte das Alles nicht vor der Tochter aussprechen,
+und bat also das M&auml;dchen auf kurze Zeit das Haus
+zu verlassen, er habe mit dem jungen Mann etwas
+allein zu reden.</p>
+
+<p>Sadie war ein viel zu folgsames Kind auch nur
+mit einem Blick zu z&ouml;gern &mdash; sie k&uuml;&szlig;te des alten ehr<span class="pagenum"><a name="Page_142" id="Page_142">[142]</a></span>w&uuml;rdigen
+Mannes Hand und verlie&szlig; dann rasch das
+Zimmer.</p>
+
+<p>Der alte Mann sa&szlig;, schon als die leichte Bambusth&uuml;r
+lange hinter ihr zugefallen war, noch viele
+Minuten schweigend da, als ob er selber nicht rechte
+Worte f&uuml;r das finden k&ouml;nne was er sagen wolle.</p>
+
+<p>&raquo;Lieber junger Freund,&laquo; begann er endlich, &raquo;Sie
+sind frei und aufrichtig gegen mich gewesen, und ich
+will Ihnen Gleiches mit Gleichem vergelten; Sie werden
+mir deshalb auch Nichts &uuml;bel nehmen, was ich
+zu Ihnen sage, denn Gott wei&szlig; es, es geschieht sowohl
+zu Prudentia&#8217;s als Ihrem eigenen Wohl. Sie
+sind, wie ich aus Ihren Papieren gesehn habe, von
+guter Herkunft, in dem gebildeten, geselligen Leben
+Europas erzogen, an Europ&auml;ische Sitten, an ein Leben
+gew&ouml;hnt, das Ihnen <span class="g">mehr</span> bietet als nur einfach
+Essen und Trinken und ein einzelnes Wesen dem
+Sie sich anschlie&szlig;en k&ouml;nnen &mdash; m&ouml;gen Sie dies noch
+so sehr lieben. Die Beweise haben Sie selber in ihrem
+unsteten Leben; weder in Afrika noch Amerika
+fanden Sie was Sie suchten, d.&nbsp;h. das was das Bed&uuml;rfni&szlig;
+Ihres Herzens und Geistes befriedigen konnte &mdash; die
+rohe Gesellschaft des Wallfischf&auml;ngers trieb Sie
+sogar zu einem verzweifelten Schritt, bei dem Sie lieber
+Ihr Leben einsetzen, als in jenes Verh&auml;ltni&szlig; zur&uuml;ckkehren
+wollten. Sie fanden hier, gerade in Ihrer<span class="pagenum"><a name="Page_143" id="Page_143">[143]</a></span>
+gr&ouml;&szlig;ten Gefahr, auf h&ouml;chst romantische Weise ein
+junges reizendes M&auml;dchen, dessen liebe regelm&auml;&szlig;ige
+Z&uuml;ge, dessen Gestalt zuerst ihre Leidenschaft weckte, und
+dessen Unschuld und Liebreiz, als Sie dasselbe n&auml;her
+kennen lernten, Ihr Herz gewannen. Scenerie und
+Umgebung, selbst sogar die verschiedene Farbe und
+Abstammung des M&auml;dchens trug dazu bei, den Reiz
+in Ihrem eigenen jugendlichen Herzen zu erh&ouml;hen.
+Unser herrliches Klima, die tropische Vegetation, das
+stille blaue Meer, ja das ganze Stillleben unseres
+lauschigen Pl&auml;tzchens hier bestach Ihre Sinne mehr
+und mehr, und Sie glauben jetzt &mdash; ja Sie sind fest
+&uuml;berzeugt davon, da&szlig; Sie in dem M&auml;dchen und dieser
+Insel das Ideal Ihres Lebens gefunden, das Ziel
+Ihres ganzen Strebens und Dr&auml;ngens erreicht haben. &mdash; Wenn
+Sie sich aber nun irren? &mdash; Ich wei&szlig; was
+Sie sagen wollen &mdash; Sie folgen dem Drange Ihres
+Herzens und f&uuml;rchten nicht da&szlig; Sie dieses irre f&uuml;hrt,
+aber h&ouml;ren Sie mich ruhig dar&uuml;ber an. Sie sind
+jung, das Leben liegt noch offen vor Ihnen &mdash; ich
+bin alt, meine Bahn ist bald durchwandelt, &mdash; Sie
+haben die Hoffnung, ich die Erfahrung, und drei und
+zwanzig Jahre meines Lebens hab&#8217; ich auf diesen
+sch&ouml;nen Inseln zugebracht. In dieser Zeit habe ich
+aber auch viele viele Leute kommen und gehen, habe
+Hoffnungen und Tr&auml;ume aufbl&uuml;hen und verwelken<span class="pagenum"><a name="Page_144" id="Page_144">[144]</a></span>
+sehn und wei&szlig; was ein Mann in Ihren Verh&auml;ltnissen
+hier zu finden <span class="g">glaubt</span> &mdash; und was er <span class="g">findet</span>.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt ist Ihnen noch Alles neu &mdash; die Palmen
+selber, die ganze tropische Vegetation &uuml;bt einen Reiz
+auf den Neuankommenden aus, dem er selten, wenigstens
+in seinem ersten Andrang, widerstehen kann;
+nur wenige Jahre f&uuml;hren aber darin eine gewaltige
+Aenderung herbei, denn das Herz, besonders das junge
+Herz bedarf einer Ver&auml;nderung, bedarf eines Reizes
+f&uuml;r seine Th&auml;tigkeit, wenn es nicht erschlaffen oder in
+neuem, dann aber recht schlimmen Schmerz vergehn
+soll. Viele, sehr viele Europ&auml;er haben sich besonders
+in den letzteren Jahren hierher gezogen, die aber von
+ihnen, die wirklich hier geblieben sind, waren schon
+&auml;ltere Leute und brachten auch meistens ihre Familien,
+die ihnen an Stand und Erziehung gleich waren, mit
+sich. &mdash; Fast alle diese kamen hierher, ein Gesch&auml;ft zu
+treiben und sich ein Verm&ouml;gen zu erwerben, und sie
+werden meist Alle wieder, wenn ihre Kinder erwachsen
+sind, nach Europa zur&uuml;ckkehren. Dorthin passen
+sie auch &mdash; ihre Frauen stammen selbst von dort, und
+sehnen sich nach dort zur&uuml;ck, und sie lassen dann Nichts
+hier zur&uuml;ck, als eine freundliche Erinnerung; die Fasern
+ihres Herzens haben nicht zwischen den Palmen
+und Bananen Wurzel geschlagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr viele von ihnen haben auch Indianische<span class="pagenum"><a name="Page_145" id="Page_145">[145]</a></span>
+M&auml;dchen geheirathet &mdash; die ersten und h&uuml;bschesten
+die ihnen begegneten &mdash; auf allen Inseln zerstreut
+finden Sie solche Beispiele; aber es sind das fast nur
+einzig und allein rohe Matrosen, denen das m&uuml;&szlig;ige
+Leben zusagt, die sich auch in ihrem Vaterlande in
+keinen anderen Zirkeln bewegt haben, als wo das
+materielle Wohl ihr Hauptziel und Streben war, und
+selbst diese verlassen gew&ouml;hnlich, nach einer l&auml;ngeren
+Reihe von Jahren, ihr leicht genug angetrautes Weib
+und die mit ihr gezeugten Kinder &mdash; selbst diesen gen&uuml;gt
+zuletzt nicht mehr diese tropische Ruhe, und sie
+sehnen sich nach Abwechselung, nach einer Ver&auml;nderung
+ihrer Verh&auml;ltnisse, sollten sie diese auch wieder
+mit harter Arbeit ja sogar dem fr&uuml;heren Leben erkaufen
+m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auf Tahiti haben Sie einige wenige Beispiele
+unter Ihren Landsleuten, die sich mit Tahitischen
+M&auml;dchen wirklich verheirathet haben; jetzt sind diese
+Frauen jung und sch&ouml;n, sie k&ouml;nnten sie nach Europa
+zur&uuml;ckf&uuml;hren und vielleicht stolz darauf sein &mdash; wenn
+Sie das Gef&uuml;hl einer etwas wunderlichen und bizarren
+Eitelkeit so nennen wollen &mdash; werden sie aber alt &mdash; und
+weibliche K&ouml;rper bl&uuml;hen und verbl&uuml;hen in
+unserem tropischen Klima so rasch wie unsere &uuml;ppige
+Pflanzenwelt &mdash; dann ist das vorbei. Sie k&ouml;nnen
+keine alte Indianische Frau nach Europa bringen,<span class="pagenum"><a name="Page_146" id="Page_146">[146]</a></span>
+sie dort in Ihre Kreise einzuf&uuml;hren. &mdash; Sie m&ouml;chten
+das auch nicht, denn Sie w&uuml;&szlig;ten recht gut, wie Sie
+hinter Ihrem R&uuml;cken dem Gesp&ouml;tte der Menge, die
+die n&auml;heren Beweggr&uuml;nde nicht kennt und nicht achtet,
+verfallen w&uuml;rden. Und wollen Sie das Wesen, das
+sich an Sie angeschlossen hat und mit Herz und Seele
+an Ihnen h&auml;ngt nicht ungl&uuml;cklich und elend machen,
+so m&uuml;ssen Sie <span class="g">bei</span> ihm und hier auf den Inseln bleiben,
+und Unmuth und Sehnsucht nach einem andern
+Leben zehrt dann an Ihnen weit schlimmer und gewaltiger,
+als es an dem <span class="g">jungen</span> Herzen gethan.
+Dem lag die Welt noch frei &mdash; es konnte noch dem
+ersten Drange folgen, ob ihn der auch gleich manchmal
+irre f&uuml;hrte, jetzt aber ist das vorbei &mdash; die M&ouml;glichkeit
+frei zu handeln ist genommen, und nur der
+Drang selber geblieben, der dann wie ein ewiger Wurm
+an Ihrem Herzen nagt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich spreche nach mehren Beispielen, die ich selber
+kenne, junger Mann, und die innige Liebe auch, die
+ich f&uuml;r Prudentia f&uuml;hle, macht mich besorgt, ihr ein
+solches Schicksal ersparen zu wollen. Prudentia ist,
+wie ich Ihnen schon gesagt habe, und wie Sie auch
+selber, nach einem Zusammensein mit ihr von mehren
+Wochen gewi&szlig; finden mu&szlig;ten, keins der gew&ouml;hnlichen
+sinnlichen M&auml;dchen dieser Inseln, die sich dem
+Ersten Besten, ohne Arges dabei zu denken, hingeben,<span class="pagenum"><a name="Page_147" id="Page_147">[147]</a></span>
+und gar nichts anderes erwarten, als da&szlig; er sie, sobald
+er ihrer m&uuml;de ist, wieder verl&auml;&szlig;t. Ich f&uuml;rchte
+im Gegentheil, Sie haben Prudentia&#8217;s Herz schon zu
+sehr gewonnen; jetzt w&auml;re aber doch noch vielleicht
+eine Trennung m&ouml;glich. &mdash; Sie w&uuml;rden Beide an diese
+Zeit wie an einen sch&ouml;nen Traum zur&uuml;ckdenken, von
+dem es das Herz nur eine kurze Zeit schmerzt &mdash; da&szlig;
+es eben nichts weiter als ein Traum war; aber Sie
+k&ouml;nnen Beide auch dadurch vielleicht einem verfehlten
+Lebensziele entweichen, das dann sp&auml;ter <span class="g">nicht</span> mehr
+zu &auml;ndern w&auml;re, und leider f&uuml;r <span class="g">Beide</span> auch verderblich
+werden m&uuml;&szlig;te.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin fest davon &uuml;berzeugt, da&szlig; Sie in diesem
+Augenblick Prudentia mit aller Leidenschaft einer innigen,
+vielleicht gar ersten Neigung lieben &mdash; aber
+wird der alte Hang eines unst&auml;ten Lebens, das in
+dem Herzen nur erst eingewurzelt, gar so leicht verderblich
+werden kann, diesem Herzen in dem Stillleben
+unserer Inseln Ruhe und Frieden lassen? &mdash; Unsere
+Palmen sind gr&uuml;n und herrlich &mdash; aber so wie
+sie dort stehn, stehn sie das ganze Jahr &mdash; kein gilbendes
+fallendes Blatt, keine Schneedecke, keine auskeimenden
+wachsenden Knospen geben ihnen im n&auml;chsten
+Fr&uuml;hjahr immer wieder denselben Reiz. &mdash; Unsere
+B&auml;ume sind mit Fr&uuml;chten bedeckt &mdash; aber die Bl&uuml;thenzeit
+fehlt uns &mdash; wir brauchen die Frucht nie zu er<span class="pagenum"><a name="Page_148" id="Page_148">[148]</a></span>warten
+&mdash; zu erhoffen &mdash; sie h&auml;ngt voll und reif am
+Baume, w&auml;hrend heimlich, von uns kaum bemerkt,
+andere indessen nachbl&uuml;hen und nachwachsen, die fehlenden
+immer wieder zu ersetzen und die Pl&auml;tze der
+niederfallenden auszuf&uuml;llen. Wir kennen auch hier
+nicht die Sorgen und M&uuml;hen des Lebens &mdash; das
+Salz jedes gesellschaftlichen Verkehrs, durch das eine
+<span class="g">erworbene</span> Existenz erst ihren ganzen uns begl&uuml;ckenden
+Reiz gewinnt &mdash; wir stehen Morgens auf und
+essen und trinken und legen uns Abends wieder schlafen.
+Nachrichten von der &auml;u&szlig;eren Welt dringen nur
+selten zu uns, und wie sie kommen w&auml;re es fast besser
+sie blieben ganz aus, denn anstatt zu befriedigen lassen
+sie, selbst in dem Herzen der Aeltesten von uns, eine
+Leere zur&uuml;ck, die wir vergebens auszuf&uuml;llen suchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wollen Sie nun, mit Ihrem jungen thatkr&auml;ftigen
+Herzen in dieses felsenumg&uuml;rtete Thal, aus dem
+es keine R&uuml;ckkehr f&uuml;r Sie giebt, hinabspringen? &mdash; schauen
+Sie um sich her, junger Freund &mdash; noch stehn
+Sie oben &mdash; noch liegt die ganze &uuml;brige Welt ausgebreitet
+vor Ihren Blicken &mdash; haben Sie <span class="g">nichts
+nichts</span> mehr darin was auch nur den geringsten Anhaltepunkt
+an Ihr Herz h&auml;tte? &mdash; bedenken Sie, bei
+einem sinkenden Schiff kann das kleinste, unbedeutenste
+vergessene Tau das Boot, auf dem sich der
+Schiffbr&uuml;chige sonst vielleicht sicher den Wellen an<span class="pagenum"><a name="Page_149" id="Page_149">[149]</a></span>vertrauen
+k&ouml;nnte, rettungslos mit in den Abgrund
+ziehen.&laquo;</p>
+
+<p>Der alte Mann schwieg, und eine Thr&auml;ne zitterte
+in seinem Auge; ernst und forschend schaute er dabei
+den jungen Mann an, und es war, als ob er seine
+innersten Gef&uuml;hle ergr&uuml;nden wollte, ehe sie auf die
+Lippen k&auml;men &mdash; ja wahrer als sie der Mund vielleicht
+auszusprechen verm&ouml;chte. Ren&eacute; begegnete aber,
+zwar ger&uuml;hrt, doch fest entschlossen dem Blick, und erwiederte
+endlich mit weicher Stimme:</p>
+
+<p>&raquo;Sie verstehn es, alter Herr Einem Herz und
+Seele zu fassen, mit Ihren Worten, aber ich springe
+getrost hinab in das Thal, denn da oben bl&uuml;ht f&uuml;r
+mich kein Gl&uuml;ck, keine Freude mehr. Die Meinen
+sind todt oder schlimmer als so &mdash; ich stehe eine Waise
+in der Welt, weder Bruder noch Schwester leben, die
+Anspr&uuml;che auf meine N&auml;he machen d&uuml;rften; Alles was
+mein Herz sonst h&auml;tte binden k&ouml;nnen, ist f&uuml;r mich verloren,
+und stie&szlig;en Sie mich <span class="g">jetzt</span> wieder kalt und erbarmungslos
+in die Welt zur&uuml;ck, ich m&uuml;&szlig;te rettungslos
+untergehn &mdash; und w&auml;re recht recht elend. Auch
+Sadie h&auml;ngt mit inniger Liebe an mir, und ihr Herz
+ist nicht geschaffen einmal zu lieben und so leicht wieder
+vergessen zu k&ouml;nnen &mdash; wollten Sie auch aus <span class="g">ihrem</span>
+Herzen diese erste Neigung rei&szlig;en? &mdash; Sie haben
+Sadie zu lieb dazu wenn ich selber Ihnen auch gleich<span class="pagenum"><a name="Page_150" id="Page_150">[150]</a></span>g&uuml;ltig
+sein m&uuml;&szlig;te. Aber &mdash; ich kann mich auch irren,&laquo;
+brach er dann pl&ouml;tzlich ab &mdash; &raquo;ich t&auml;usche mich vielleicht
+selber in Sadie&#8217;s Herzen, und ihre Neigung
+w&auml;re eines R&uuml;ckschrittes f&auml;hig. &mdash; Sprechen Sie selbst
+mit Ihr, werther Herr &mdash; fragen Sie das M&auml;dchen
+selber, und halten Sie unsere Vereinigung f&uuml;r gefahrbringend
+f&uuml;r <span class="g">sie</span>, und glaubt Sadie da&szlig; sie mir jetzt
+noch ohne gro&szlig;en Schmerz entsagen k&ouml;nne &mdash; dann
+beim ewigen Gott will ich nicht in den Frieden dieses
+stillen Thales getreten sein, Thr&auml;nen und Kummer
+zu s&auml;en, dann sollen Sie finden da&szlig; ich auch im Stande
+bin zu <span class="g">entsagen</span>, und wenn mir das Herz dar&uuml;ber
+br&auml;che; kein Wort des Unmuths &mdash; keine Klage soll
+&uuml;ber meine Lippen kommen, das erste beste Canoe mich
+zu einer anderen Insel &mdash; aus ihrer N&auml;he f&uuml;hren.&laquo;</p>
+
+<p>Er war aufgesprungen und seine M&uuml;tze ergreifend
+wollte er das Zimmer verlassen, der alte Missionair
+streckte ihm aber die Hand entgegen und sagte mit
+herzlichem, bewegtem Tone:</p>
+
+<p>&raquo;Das ist recht brav und ehrlich von Ihnen gehandelt,
+junger Mann, und ich gebe Ihnen mein
+Wort, ich habe auch, seit dem ersten Augenblick wo
+ich Sie sah, noch nicht einen Augenblick daran gezweifelt
+da&szlig; Sie Alles so auch <span class="g">f&uuml;hlten</span>, wie Sie es
+dem M&auml;dchen vorgesprochen. Ich kenne &uuml;brigens Prudentia,
+oder wenn Sie denn lieber wollen, Sadie,<span class="pagenum"><a name="Page_151" id="Page_151">[151]</a></span>
+viel zu gut um bei ihr langer Rede zu bed&uuml;rfen, in
+wenigen Minuten haben Sie meine Antwort, treten
+Sie indessen hier in das n&auml;chste Haus &mdash; das Fenster
+ist fast so niedrig wie eine Th&uuml;r &mdash; aber glauben Sie
+nicht, junger Freund, da&szlig; ich Ihnen das Wort reden
+werde,&laquo; setzte er ernster hinzu, &raquo;Sie m&uuml;ssen es meinem
+Gewissen &uuml;berlassen mit Sadie zu handeln, wie
+ich es vor <span class="g">dem</span> verantworten kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Handeln Sie, als wenn Sie ihr Vater w&auml;ren,&laquo;
+sagte Ren&eacute; herzlich &mdash; &raquo;ich will <span class="g">Sadie&#8217;ens</span> Gl&uuml;ck,
+nicht das meine,&laquo; und er verlie&szlig; mit schnellen Schritten
+das Zimmer.</p>
+
+<p>Auf des alten Mannes Ruf betrat das M&auml;dchen
+sch&uuml;chtern und mit niedergeschlagenen Blicken das Gemach &mdash; sie
+schaute nicht auf, aber sie f&uuml;hlte das
+Ren&eacute; nicht mehr im Zimmer sei, und ihr Herz klopfte
+fast h&ouml;rbar in der Brust. &mdash; Ihr Vater hatte ihn abgewiesen
+und der sch&ouml;ne Traum ihres Gl&uuml;cks war in
+Nacht und Thr&auml;nen zerflossen.</p>
+
+<p>&raquo;Prudentia,&laquo; sagte der alte Mann, und zog das
+zitternde M&auml;dchen sanft zu sich &mdash; &raquo;ich habe den
+jungen Fremden fortgeschickt von hier &mdash; er hat Dich
+jetzt wohl lieb, aber wenn er eine Zeit lang von seiner
+Heimath entfernt ist, sehnt er sich wieder nach ihr
+zur&uuml;ck, und l&auml;&szlig;t mein armes M&auml;dchen hier allein,
+und dann w&auml;rst Du wohl recht recht ungl&uuml;cklich ge<span class="pagenum"><a name="Page_152" id="Page_152">[152]</a></span>worden
+und elend. Jetzt ist der Eindruck den er auf
+Dein Herz gemacht, noch fl&uuml;chtig, noch leicht wieder
+zu verwischen &mdash; Du wirst einen oder zwei Tage weinen,
+ihn nachher vergessen, und nicht wahr mein Kind,
+ich habe darin recht und gut gehandelt &mdash; ich wollte
+ja nur Dein Wohl.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will Alles thun was Du mir sagst mein
+Vater,&laquo; fl&uuml;sterte das M&auml;dchen, dicht an seine Brust
+geschmiegt, so leise, da&szlig; er kaum ihre Worte verstehen
+konnte.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist mein gutes Kind,&laquo; sagte der Greis, aber
+die Stimme zitterte ihm; er f&uuml;hlte nur zu gut was
+in dem Herzen des armen M&auml;dchens vorging, und
+wie die Liebe f&uuml;r den Fremden schon viel zu tief Wurzel
+geschlagen habe, je wieder, ohne das Gef&auml;&szlig; selber
+zu zerbrechen, herausgerissen zu werden. Er mu&szlig;te
+sich aber selber einen Augenblick sammeln ehe er fortfahren
+konnte, und mit lebhafter Stimme wie ermuthigend
+setzte er hinzu:</p>
+
+<p>&raquo;Und, nicht wahr mein Kind &mdash; dann wirst Du
+auch wieder gl&uuml;cklich und froh sein, wie bisher? &mdash; wirst
+wieder lachen und singen und nicht das K&ouml;pfchen
+so tr&uuml;be h&auml;ngen lassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will mir rechte rechte M&uuml;he geben lieber
+Vater,&laquo; fl&uuml;sterte das M&auml;dchen und barg ihr Haupt
+fester an dem Herzen des alten Mannes.<span class="pagenum"><a name="Page_153" id="Page_153">[153]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Und willst Du auch den Fremden vergessen meine
+Tochter? &mdash; willst Du mir das recht fest und aufrichtig
+versprechen, mein braves M&auml;dchen?&laquo; frug sie
+jetzt leise der Greis.</p>
+
+<p>Das aber war zu viel f&uuml;r das arme gequ&auml;lte Herz &mdash; einen
+Augenblick schien es, als ob sie sich von seiner
+Brust emporheben wolle, ihm in die Augen zu
+schauen &mdash; aber sie sank wieder zur&uuml;ck und klagte nur
+leise:</p>
+
+<p>&raquo;Ach das wei&szlig; ich nicht &mdash; das wei&szlig; ich wahrhaftig
+nicht, lieber, lieber Vater&laquo; &mdash; damit war aber
+auch ihre Kraft gebrochen, und laut und heftig schluchzend,
+als ob ihr das Herz vergehen wolle in unendlichem
+Weh, hing sie in seinen Armen.</p>
+
+<p>Und sie schluchzte nicht <span class="g">allein</span>, denn aus der
+Ecke des Zimmers vor t&ouml;nte es noch weit lauter und
+heftiger, und der kleine Mitonare sa&szlig; da auf einem
+der niedern Bambusschemel, ganz allein und vergessen
+und weinte, in Thr&auml;nen f&ouml;rmlich zerflie&szlig;end, wie ein
+kleines Kind.</p>
+
+<p>Da vermochte sich aber der alte Missionair auch
+nicht l&auml;nger zu halten, und der Tochter thr&auml;nen&uuml;berstr&ouml;mtes
+Antlitz zu sich erhebend und k&uuml;ssend und wieder
+k&uuml;ssend rief er:</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein Prudentia, ich bin ja kein Tyrann
+da&szlig; ich mein Kind so elend und ungl&uuml;cklich machen<span class="pagenum"><a name="Page_154" id="Page_154">[154]</a></span>
+m&ouml;gte, nur weil die M&ouml;glichkeit existirt, da&szlig; es sp&auml;ter
+noch einmal so kommen k&ouml;nne &mdash; nein, wenn Gott
+Dir eine so gewaltige und innige Liebe f&uuml;r ihn in&#8217;s
+Herz gelegt hat, dann nimm ihn, nimm ihn &mdash; der
+Herr segne Euch, und Er wird Alles zum Besten
+lenken. Aber sei auch wieder mein gutes fr&ouml;hliches
+M&auml;dchen, lach wieder, sing wieder und mache das
+Herz Deines alten Vaters froh durch Dein heiteres
+gl&uuml;ckliches Angesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Vater &mdash; lieber Vater!&laquo; rief das M&auml;dchen in
+jubelnder, kaum gefa&szlig;ter Lust. &mdash; Mitonare hatte aber
+kaum geh&ouml;rt was die Sache, die ihm selber das Herz
+abzusto&szlig;en drohte, f&uuml;r eine Wendung nahm, als er,
+wie aus einer Pistole geschossen, zur Th&uuml;r hinausfuhr,
+und nach kaum zwei Minuten mit dem &raquo;verzweifelten
+Wi&mdash;wi&laquo; &mdash; wie er ihn nannte, in&#8217;s Zimmer
+geschleppt kam.</p>
+
+<p>Ren&eacute; lag mit an dem Herzen des alten Mannes &mdash; er
+wu&szlig;te selber kaum wie, und der Greis fl&uuml;sterte
+einen leisen Segen &uuml;ber den H&auml;uptern der Gl&uuml;cklichen.</p>
+
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_155" id="Page_155">[155]</a></span></p>
+<h2><a name="Capitel_6" id="Capitel_6"></a>Capitel 6.</h2>
+
+<h3>Was der ehrw&uuml;rdige Mr. Rowe dazu sagt.</h3>
+
+
+<p>Der Abend verging den beiden Liebenden wie ein
+Augenblick &mdash; sie hatten sich so tausenderlei zu sagen,
+so tausenderlei zu besprechen, da&szlig; sie den Flug der
+Stunden gar nicht bemerkten, und der alte gute Mann
+sa&szlig; l&auml;chelnd dabei, und wohl auch ihm stiegen in der
+Erinnerung alte liebe, o so lang jetzt vergangene Bilder
+auf, und f&uuml;hrten seine tr&auml;umenden Gedanken zur&uuml;ck
+zur Jugendzeit.</p>
+
+<p>Aber auch die Gegenwart erheischte seine Umsicht,
+denn manchmal gedachte er ebenfalls seines, in ziemlicher
+Aufregung fortgegangenen Collegen und der
+Schritte die dieser jetzt zu thun suchte, das Gl&uuml;ck, was
+er selber heute Abend hier geschaffen, wieder zu zer<span class="pagenum"><a name="Page_156" id="Page_156">[156]</a></span>st&ouml;ren.
+Er hielt es auch f&uuml;r seine Pflicht dieses dem
+jungen Mann mitzutheilen und ihn wenigstens darauf
+vorzubereiten, da&szlig; seine Bahn von jetzt an noch immer
+keine ganz ebene sein k&ouml;nne. H&auml;tte er dem von
+seinem Gl&uuml;ck f&ouml;rmlich Trunkenen aber auch eine wirkliche
+Gefahr genannt, er w&uuml;rde ihr mit leichtem Herzen
+begegnet sein, vielweniger denn, wo es nur den
+b&ouml;sen Willen oder Zorn eines fremden Geistlichen betraf,
+den weder Sadie&#8217;s Schicksal noch das seine k&uuml;mmern
+durfte. Des K&ouml;nigs selber glaubte er dabei
+ziemlich gewi&szlig; zu sein, noch dazu da diese geistlichen
+Herren selten oder nie Geschenke verschwenden, und
+nur den Willen Gottes vielmehr als Gebot aufstellen.
+Hier war also nicht einmal etwas zu gewinnen, im
+Gegentheil nur zu verlieren, denn die Insulaner wu&szlig;ten
+recht gut da&szlig; bei dem Aufenthalt eines Wei&szlig;en
+zwischen ihnen, der f&ouml;rmlich Einer der ihrigen wurde,
+stets hie und da etwas f&uuml;r sie abfiele.</p>
+
+<p>Mr. Osborne selber, wenn er auch einen Conflikt
+mit Bruder Rowe gern vermieden h&auml;tte, stand doch
+keineswegs in einer so abh&auml;ngigen Stellung von ihm,
+seinen Zorn f&uuml;rchten zu m&uuml;ssen. Nur Sadie versicherte
+Ren&eacute; sie habe eine entsetzliche Angst vor dem
+finstern Mann, und wollte vieles darum geben, w&auml;re
+er gar nicht mit ihrem Pflegevater her&uuml;bergekommen.</p>
+
+<p>Seinem feindlichen Wirken aber in etwas zu be<span class="pagenum"><a name="Page_157" id="Page_157">[157]</a></span>gegnen,
+wurde noch an demselben Abend ein junger
+Mann mit einer Privat-Botschaft an den K&ouml;nig geschickt,
+da&szlig; der alte Mr. Osborne, den sie Alle auf
+der Insel wie ihren Vater liebten, seine Pflegetochter
+dem jungen Fremden zum Weibe versprochen habe,
+und da&szlig; dieser hinf&uuml;hro mit ihnen auf der Insel zu
+leben w&uuml;nsche, wozu sie des K&ouml;nigs Erlaubni&szlig; erbitten
+lie&szlig;en.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Tag kehrte Bruder Rowe, und in
+einer nichts weniger als freundlichen Stimmung zur&uuml;ck.
+Er hatte den K&ouml;nig, von dem er ohne weiteres
+verlangt zu haben schien den Fremden, einen entsprungenen
+Matrosen und Katholik, in G&uuml;te oder mit
+Gewalt von der Insel zu entfernen, in einer keineswegs
+g&uuml;nstigen Laune daf&uuml;r getroffen, und schon die
+Ausfl&uuml;chte die dieser machte, wenn er sich auch dem
+finsteren Missionair gegen&uuml;ber keine direkte Weigerung
+erlaubte, verriethen ihm da&szlig; er, wo er blinden Gehorsam
+erwartete und verlangte, auf Schwierigkeiten
+sto&szlig;en k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Alles was er von dem K&ouml;nige als festes Versprechen
+erreichen konnte war, sich mit ihrem eigenen
+Missionair dar&uuml;ber zu berathen, und wenn dieser es
+ebenfalls w&uuml;nsche, dann wolle er gern den Befehl
+geben, da&szlig; der junge Fremde die Insel, auf der er
+sich &uuml;brigens bis jetzt sehr ordentlich betragen habe,<span class="pagenum"><a name="Page_158" id="Page_158">[158]</a></span>
+verlassen solle. Wie er aber glaube geh&ouml;rt zu haben,
+wolle der Wei&szlig;e eines ihrer M&auml;dchen heirathen und
+solchen Leuten, wenn sie sich wacker auff&uuml;hrten, h&auml;tten
+sie noch nie den Aufenthalt verweigert.</p>
+
+<p>So rasch als m&ouml;glich sollte jetzt Bruder Osborne
+dem K&ouml;nig seinen Willen oder vielmehr Wunsch bekannt
+machen, wie er ebenfalls die Entfernung des
+Fremden verlange. Bruder Rowe kehrte zu diesem
+Zweck ohne weiteren Aufenthalt, als da&szlig; er die Nacht
+an der anderen Seite schlief, zu den Missionsgeb&auml;uden
+zur&uuml;ck, und es l&auml;&szlig;t sich denken mit welchen Gef&uuml;hlen
+er hier des alten ehrw&uuml;rdigen Mannes Entschlu&szlig;
+vernahm, dem Fremden die Tochter zu geben und ihn
+als Sohn anzuerkennen. Vergebens waren alle seine
+Einwendungen, vergebens blieb selbst sein Z&uuml;rnen
+dagegen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe dem M&auml;dchen,&laquo; sagte der Greis, &raquo;die
+Erziehung eines wei&szlig;en Kindes gegeben, und vielleicht,
+wie ich jetzt zu sp&auml;t sehe, Unrecht daran gethan;
+ich habe sie unf&auml;hig gemacht, sich in den gew&ouml;hnlichen
+Verh&auml;ltnissen ihrer Landsleute wieder gl&uuml;cklich zu f&uuml;hlen;
+diese k&ouml;nnen ihrem Herzen, ihrem Geiste nicht
+mehr gen&uuml;gen &mdash; bei der Verbindung mit <span class="g">jedem</span>
+Wei&szlig;en ist sie aber derselben Gefahr ausgesetzt, der
+sie jetzt vielleicht entgegengeht &mdash; da&szlig; sie nicht auf die
+L&auml;nge der Zeit im Stande w&auml;re sein Herz auszuf&uuml;llen,<span class="pagenum"><a name="Page_159" id="Page_159">[159]</a></span>
+aber auch das ist nur noch Vermuthung &mdash; es ist eine
+M&ouml;glichkeit die wir bef&uuml;rchten, aber nicht voraus
+wissen m&ouml;gen, und ich kann mich nicht dazu verstehn,
+ihr Herz jetzt <span class="g">gewi&szlig;</span> zu brechen, weil es vielleicht
+sp&auml;ter einmal gebrochen werden <span class="g">d&uuml;rfte</span>.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber f&uuml;rchtet Ihr nicht die <span class="g">S&uuml;nde</span> &mdash; Bruder
+Osborne?&laquo; rief da der Missionair, als alle andere
+Beweisgr&uuml;nde fehlgeschlagen hatten &mdash; &raquo;wollt&#8217; Ihr
+es vor der Tafel der Gesellschaft in England verantworten,
+Euer im rechten Glauben erzogenes Kind
+selber in die H&auml;nde eines Anh&auml;ngers des Pabstes zu
+liefern? Ich w&uuml;rde <span class="g">gezwungen</span> sein, so leid es
+mir auch selber thun m&ouml;chte, diesen Fall nach Hause
+zu berichten, denn die Folgen sind gar nicht abzusehen,
+und k&ouml;nnen auf das verderblichste f&uuml;r unsere
+kleine Gemeinde wirken. Und wie steht Ihr dann vor
+jenen ehrw&uuml;rdigen M&auml;nnern wenn Ihr selber, Einer
+jener Auserw&auml;hlten die unter die Heiden geschickt wurden
+den Saamen unserer Religion in ihre unwissenden
+verstockten Herzen zu pflanzen &mdash; wenn Ihr selber
+dann Unkraut zwischen den Weizen ges&auml;et habt,
+mit Euren eigenen H&auml;nden, ja und ich m&ouml;chte fast
+sagen auch mit den <span class="g">Mitteln</span>, die Euch von der Tafel
+der Missionsgesellschaft <span class="g">anvertraut</span> waren in
+<span class="g">ihrem</span> Sinne, nicht in Eurem eigenen damit zu
+handeln?&laquo;<span class="pagenum"><a name="Page_160" id="Page_160">[160]</a></span></p>
+
+<p>Der alte Mann blieb aber auch fest, selbst gegen
+diese halbe Beschuldigung eines Mi&szlig;brauchs am Vertrauen,
+wenn ihn solche Anspielung auch wohl recht
+schwer und tief kr&auml;nken mu&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe dreiundzwanzig Jahre,&laquo; sagte er ruhig,
+&raquo;mein Leben der Sache geweiht, die ich f&uuml;r eine gute
+hielt und noch halte; ich habe mir in der ganzen langen
+Zeit keinen einzigen Vorwurf, meiner Handlungsweise
+wegen zu machen &mdash; wir sind Alle S&uuml;nder und
+ich bin nicht reiner davon als der Geringste unter uns,
+aber ich kann frei das Auge zu Gott emporheben und
+sagen: &raquo;Herr richte &uuml;ber mich!&laquo; &mdash; ich bin mir nichts
+B&ouml;ses bewu&szlig;t. Auch in <span class="g">diesem</span> Fall aber, Bruder
+Rowe, handele ich nach bestem Wissen und Willen,
+ich glaube nicht anders handeln zu k&ouml;nnen, und was
+ich da thue werde ich auch verantworten &mdash; Euere
+Berichte, Bruder, werde ich Euch freilich selber &uuml;berlassen
+m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p>Mr. Rowe ging mit raschen ungeduldigen Schritten
+im Zimmer auf und ab &mdash; am wenigsten wollte
+es dem fanatischen Priester in den Kopf, da&szlig; der Fremde
+mehr sei, als ein gew&ouml;hnlicher weggelaufener Matrose. &mdash; Bruder
+Osborne hatte, wie er meinte, so
+lange und zur&uuml;ckgezogen von der Welt gelebt, da&szlig; er
+sich durch die sch&ouml;nen Redensarten und Versprechungen
+eines jungen leichtsinnigen Menschen vielleicht eben<span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161">[161]</a></span>falls
+t&auml;uschen lie&szlig;e. Er wollte deshalb selber einmal
+mit ihm reden und dann bald ausfinden wes Geistes
+Kind er sei. Es war seine letzte Hoffnung.</p>
+
+<p>Mr. Osborne selber w&uuml;nschte dies, weil er dadurch
+eine bessere Meinung f&uuml;r den Fremden bei dem
+strengen Geistlichen zu erreichen hoffte, und lie&szlig; Ren&eacute;,
+der mit Sadie &mdash; jetzt aber freilich seines Versprechens
+enthoben &mdash; nach ihrem Lieblingspl&auml;tzchen gegangen
+war, zu sich bitten.</p>
+
+<p>Mr. Rowe hatte den Lehnstuhl des alten Mannes
+eingenommen, und sa&szlig;, das rechte Bein &uuml;ber das
+linke geschlagen, den Kopf auf den linken Arm gest&uuml;tzt,
+ernst und schweigend wie zu Gericht, den Fremden,
+der bald darauf das Zimmer rasch und fr&ouml;hlich
+betrat, zu erwarten.</p>
+
+<p>Schon dessen schnelles, nichts weniger als ceremonielles
+Eintreten rief die Falten auf seine Stirn zusammen
+und die beiden Ellbogen auf die Lehnen des
+Stuhles ruhen lassend, die Finger der beiden H&auml;nde
+aber vorn gefaltet, sah er ihn mit etwas vorgebeugtem
+Oberk&ouml;rper unter den dunklen buschigen Brauen finster
+an und sagte, ohne den Gru&szlig; des Franzosen anders
+als mit einem leisen kaum bemerklichen Kopfnicken
+zu erwiedern, und ohne zu warten bis der Gast
+einen Stuhl genommen habe, viel weniger ihm selber
+einen solchen anzubieten:<span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162">[162]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Mit welchem Schiff sind Sie hier gelandet, Sir?&laquo;</p>
+
+<p>Ren&eacute; sah erst den Frager, dann Sadie&#8217;ens Vater
+erstaunt an, als ob er h&auml;tte sagen wollen &mdash; was
+bedeutet das? &mdash; bin ich hier vor Gericht gerufen? &mdash; Mr.
+Osborne der aber die Unschicklichkeit eines solchen
+Betragens f&uuml;hlte, n&ouml;thigte ihn freundlich Platz
+zu nehmen und bemerkte dann, fast wie entschuldigend,
+mit einem Blick auf seinen Collegen:</p>
+
+<p>&raquo;Mein w&uuml;rdiger Freund, hier, lieber Ren&eacute;, w&uuml;nscht
+sich mit Ihnen kurze Zeit zu unterhalten. Er ist, wie
+ich, schon lange Jahre auf diesen Inseln, und eine
+unserer Hauptst&uuml;tzen des Christenthums, selbst in den
+Zeiten gewesen, wo unsere Aussichten hier tr&uuml;b und
+traurig waren, und wir schon fast die Hoffnung aufgegeben
+hatten Christi Lehre den Sieg &uuml;ber blindes
+Heidenthum zu verschaffen.&laquo;</p>
+
+<p>Ren&eacute; verbeugte sich statt aller Antwort noch einmal,
+wie anerkennend, gegen den Geistlichen, der jedoch
+keine Miene dabei verzog und seinen Blick fest
+und forschend auf ihn geheftet hielt und sagte, die
+fr&uuml;here Frage jetzt ohne Weiteres beantwortend:</p>
+
+<p>&raquo;Mit dem Delaware &mdash; einem Amerikanischen
+Wallfischf&auml;nger.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und weshalb verlie&szlig;en Sie Ihr Schiff? &mdash; hatten
+Sie nicht einen festen Contrakt f&uuml;r die ganze Reise
+gemacht?&laquo; lautete die zweite, fast noch sch&auml;rfere Frage.<span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163">[163]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Sehr werther Herr,&laquo; erwiederte ihm jetzt Ren&eacute;
+vollkommen ruhig und freundlich &mdash; &raquo;wollten Sie
+wohl vorher die Gef&auml;lligkeit haben und mir sagen ob
+diese Fragen im <span class="g">Laufe der Unterhaltung</span> an
+mich gerichtet werden, oder ob es doch gewisserma&szlig;en
+ein Examen sein soll, zu dem ich berufen bin?&laquo;</p>
+
+<p>Bruder Rowe wollte eben, wahrscheinlich keine
+gerade freundliche Antwort darauf geben, als Mr.
+Osborne, der jedes b&ouml;se Wort zwischen den Beiden
+um alles in der Welt zu vermeiden w&uuml;nschte, rasch
+einfiel und gegen Ren&eacute; gewandt sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Bruder Rowe nimmt innigen Antheil an Prudentia&#8217;s
+Schicksal, da das M&auml;dchen eigentlich so zwischen
+uns gro&szlig; geworden, und es ist besonders <span class="g">deshalb</span>
+da&szlig; er n&auml;heres Interesse f&uuml;r Ihr fr&uuml;heres Leben
+f&uuml;hlt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe Ihnen, lieber Herr Osborne,&laquo; sagte
+da der junge Mann, &raquo;jeden nur m&ouml;glichen Aufschlu&szlig;
+gegeben, der in meinen Kr&auml;ften stand, und ich will
+das auch mit Freuden diesem Herrn thun, wenn ihn
+das &uuml;ber Sadie&#8217;ens k&uuml;nftiges Gl&uuml;ck zu beruhigen
+vermag.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="g">Sadie</span>?&laquo; unterbrach ihn hier der Missionair
+streng &mdash; &raquo;soviel ich wei&szlig; hei&szlig;t das M&auml;dchen Prudentia &mdash; wobei
+ich w&uuml;nsche da&szlig; sie ihrem Namen ein
+wenig mehr Ehre gemacht h&auml;tte &mdash; und ich will nicht<span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164">[164]</a></span>
+hoffen da&szlig; man sogar in dem Hause eines Dieners
+der Kirche beabsichtigt die alten heidnischen Namen,
+die wir nur mit M&uuml;he und Schwierigkeit unterdr&uuml;cken
+konnten, wieder aufleben zu lassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist nicht des Heidenthums wegen lieber Herr,&laquo;
+l&auml;chelte Ren&eacute;, &raquo;nur des Wohlklangs &mdash; Prudentia
+mag recht h&uuml;bsch f&uuml;r eine alte w&uuml;rdige Matrone klingen,
+aber meinem fr&ouml;hlichen heitern M&auml;dchen pa&szlig;t der
+Name gerade so, als wenn Sie ihn der Gazelle der
+W&uuml;ste geben wollten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und <span class="g">das</span> sind die Ansichten die man hier mit
+in diese fromme christliche Gemeinde bringt?&laquo; rief der
+Geistliche, der nur mit M&uuml;he seinen Zorn &uuml;ber den
+leichten fr&ouml;hlichen Ton des jungen Franzosen bezwang,
+&raquo;das soll der Saamen sein, der ein Baum
+des Unglaubens seine Zweige ausbreiten und mit seinem
+Schatten die Frucht vergiften w&uuml;rde?&laquo;</p>
+
+<p>Ren&eacute; sah ihn staunend an, der kleine Mitonare
+kauerte aber mit vor Schreck und Entsetzen offenem
+Munde hinten in der Ecke wieder auf seinem kleinen
+St&uuml;hlchen, und schien nichts Geringeres zu erwarten,
+als da&szlig; der schwarze Mann mit dem finstern Gesicht
+sich jetzt oben aus seinem Himmel einen kleinen Blitz
+herunterholen und den ruhig und unbefangen vor ihm
+sitzenden kecken Wi&mdash;wi zu Pulver brennen w&uuml;rde.<span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165">[165]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Sehr ehrw&uuml;rdiger Herr,&laquo; sagte aber Ren&eacute; vollkommen
+ruhig, denn er wollte den Mann nicht b&ouml;ser
+machen, da er wohl sah wie unangenehm das f&uuml;r
+seinen alten wackern Freund sein m&uuml;sse &mdash; &raquo;ich hoffe
+nicht da&szlig; Sie etwas S&uuml;ndhaftes in einem, dem Ohr
+wohlklingenden Namen finden werden.&laquo;</p>
+
+<p>Bruder Rowe schien aber darauf nicht weiter eingehen
+zu wollen und fuhr fort:</p>
+
+<p>&raquo;Und Sie gedenken sich hier auf dieser Insel niederzulassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit des H&auml;uptlings und meines v&auml;terlichen
+Freundes Erlaubni&szlig; hier &mdash; ja!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Sie geh&ouml;ren der katholischen Religion
+an.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin ein Christ,&laquo; sagte Ren&eacute; ernst &mdash; &raquo;was
+verlangen Sie mehr?&laquo;</p>
+
+<p>Der Missionair bi&szlig; sich auf die Lippen und Bruder
+Ezra sah nach oben, denn der Blitz <span class="g">konnte</span> jetzt
+nicht l&auml;nger ausbleiben.</p>
+
+<p>&raquo;Und Ihre Kinder? &mdash; sollen das auch <span class="g">Christen</span>
+werden?&laquo; frug der Geistliche mit einer fast h&ouml;hnischen
+Zweideutigkeit im Tone. Ren&eacute; aber streckte
+den Arm nach seinem alten Freund aus, und dieses
+Hand ergreifend sagte er herzlich:</p>
+
+<p>&raquo;Die soll dieser w&uuml;rdige Mann hier in der Lehre<span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166">[166]</a></span>
+erziehen die <span class="g">er</span> f&uuml;r die richtige h&auml;lt &mdash; ich wei&szlig; er
+wird gute Menschen aus ihnen machen &mdash; der Glaube
+ist mir gleich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Glaube ist Ihnen gleich?&laquo; rief aber jetzt
+der Fanatiker, wie ordentlich froh einen Anhaltepunkt
+gefunden zu haben an der Schw&auml;che des Gegners &mdash; &raquo;und
+wissen Sie da&szlig; Sie mit solchen Grunds&auml;tzen
+hier nur Unheil und Elend s&auml;en werden? ein Christ
+nennen Sie sich, und dem Antichrist dienen Sie &mdash; Ihrer
+Pflicht &mdash; ihrer Verbindlichkeiten im gesellschaftlichen
+Leben sind Sie entlaufen, und jetzt wollen Sie
+sich einem Volke aufdringen, das sie nur zwischen sich
+duldet, weil es seinem Geistlichen glaubt gef&auml;llig zu
+sein, in der That aber, ihm einen gar schlimmen
+Dienst damit leistet?&laquo;</p>
+
+<p>Ren&eacute; war schon nach den ersten heftigen Worten
+des Mannes von seinem Stuhl aufgesprungen.</p>
+
+<p>&raquo;Monsieur,&laquo; unterbrach er ihn jetzt fest aber ruhig &mdash; &raquo;Ihr
+Stand, wie der Ort an dem wir uns befinden
+sch&uuml;tzt Sie vor jeder Antwort auf diese Unversch&auml;mtheit &mdash; <span class="smcap">bon
+soir</span>&laquo; &mdash; und mit einem stolzen
+Gru&szlig; gegen den Priester, mit einem freundlichen Kopfnicken
+aber gegen den Greis, verlie&szlig; er rasch das
+Zimmer.</p>
+
+<p>Der ehrw&uuml;rdige Mr. Rowe hatte sich in einen<span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167">[167]</a></span>
+h&ouml;chst unehrw&uuml;rdigen Zorn hineingearbeitet, und er
+war ebenfalls aufgesprungen und ging jetzt in dem
+ger&auml;umigen Gemach mit schnellen Schritten, die H&auml;nde
+auf dem R&uuml;cken, die Augen fest auf den Boden geheftet,
+auf und ab. Der alte Mr. Osborne aber war
+erstaunt und emp&ouml;rt zugleich &uuml;ber ein so r&uuml;cksichtsloses,
+f&ouml;rmlich unschickliches Betragen, und jetzt nur
+um so fester entschlossen dem Mann, der sich weit
+mehr Autorit&auml;t &uuml;ber ihn anzuma&szlig;en suchte als er beanspruchen
+durfte, wissen zu lassen wo seine Grenze
+sei. Bruder Rowe mochte aber wohl f&uuml;hlen da&szlig; er
+ein wenig zu weit gegangen sei, oder doch mit zornigen
+Reden an der Sache selber nichts mehr &auml;ndern
+k&ouml;nne, denn er schwieg von jetzt dar&uuml;ber, und erkl&auml;rte
+nur seinem Collegen, da&szlig; er dieses Mal nicht hier
+predigen, sondern morgen fr&uuml;h, da noch dazu eine
+leichte westliche Brise eingesetzt hatte, zur&uuml;ck nach Tahiti
+aufbrechen wolle. Mr. Osborne dachte gar nicht
+daran ihn zur&uuml;ckzuhalten.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen hatte er auch, ohne viel mit
+den Anderen zu verkehren, seine Vorbereitungen zur
+Abreise getroffen, w&auml;hrend indessen Mr. Osborne den
+dringenden Bitten Ren&eacute;&#8217;s nachgab, und die Trauung
+des jungen Paares auf den n&auml;chsten Tag, als an einem
+Sonntag, gleich nach dem Gottesdienst festsetzte.
+Sie fanden es nat&uuml;rlich nicht f&uuml;r n&ouml;thig Bruder<span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168">[168]</a></span>
+Rowe davon in Kenntni&szlig; zu setzen, und erwarteten
+jetzt wirklich den Augenblick mit Sehnsucht, wo der
+kleine Cutter wieder seine Anker lichten w&uuml;rde.</p>
+
+<p>So mochte es etwa zehn Uhr Morgens geworden
+sein, als pl&ouml;tzlich ein Knabe, der oben &uuml;ber die H&uuml;gel
+gekommen war, die Nachricht brachte, es n&auml;here
+sich ein gro&szlig;es Schiff, von S&uuml;d-Osten her, der Insel.
+Ren&eacute; war an diesem Tage viel zu sehr mit seinem
+Gl&uuml;ck besch&auml;ftigt gewesen auch nur einen Blick auf
+den Horizont zu werfen, jetzt aber, als er auf diese
+Nachricht hier rasch nach Sadie&#8217;ens Lieblingspl&auml;tzchen
+eilte, von wo man eine freie Uebersicht &uuml;ber den ganzen
+s&uuml;dlichen Horizont hatte, gen&uuml;gte ein Blick dorthin
+ihn zu &uuml;berzeugen da&szlig; ein, allem Anschein nach
+volles Schiff ohne Oberbramstengen, also jedenfalls
+ein Wallfischf&auml;nger, dicht am Winde liegend, von
+S&uuml;d-Osten gegen die erst seit gestern eingesetzte Westbrise
+aufkreuzend, herankam, und unverkennbar die
+Insel anlaufen wollte. Mehr lie&szlig; sich f&uuml;r den Augenblick
+noch nicht erkennen, aber dies war auch hinreichend
+ihn zu beunruhigen, und mit klopfendem Herzen
+stand er da, die Augen fest und unverwandt auf
+das n&auml;her und n&auml;her kommende Fahrzeug geheftet.
+Er h&ouml;rte gar nicht wie sich ein leiser, leichter Schritt
+ihm n&auml;herte, und erst als Sadie ihre Hand auf seine
+Schulter legte und seinen Namen fl&uuml;sterte, schaute<span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">[169]</a></span>
+er rasch und fast erschreckt empor, legte dann seinen
+Arm um sie und zog sie fest und innig an sich.</p>
+
+<p>Das arme Kind war aber selber zu Furcht erf&uuml;llt
+im Anfang reden zu k&ouml;nnen; sie sah nur das bleiche
+Antlitz des Geliebten und glaubte schon ihre schlimmsten
+Besorgnisse eingetroffen.</p>
+
+<p>&raquo;Ist es <span class="g">Dein</span> Schiff?&laquo; frug sie endlich mit kaum
+h&ouml;rbarer Stimme und wagte ihm dabei nicht einmal
+in&#8217;s Auge zu schauen.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist noch nicht m&ouml;glich zu bestimmen Du
+liebes Herz,&laquo; suchte sie aber Ren&eacute;, wenigstens f&uuml;r den
+Augenblick zu beruhigen &mdash; &raquo;ich kann das Holz des
+Schiffes noch nicht einmal ordentlich erkennen, und
+es schwimmen hier zu viele Wallfischf&auml;nger aller Nationen
+herum, wenn ich auch nicht geglaubt h&auml;tte
+da&szlig; sie sich noch so sp&auml;t in der Jahreszeit hier aufhalten
+w&uuml;rden&laquo; &mdash; setzte er leiser, und fast wie mit
+sich selber redend, hinzu.</p>
+
+<p>Keins sprach von jetzt ab ein Wort mehr, ihre
+Blicke hingen aber an den hellen Segeln des Fahrzeugs,
+das rasch n&auml;her und n&auml;her kam, und bald f&uuml;r
+das Auge des jungen Mannes keinen Zweifel mehr
+lie&szlig;, die Insel selber sei sein n&auml;chstes Ziel. Nur zu
+bald erhielt er aber sogar v&ouml;llige Gewi&szlig;heit, denn das
+Schiff war jetzt schon so nahe gekommen, da&szlig; er in
+dem Au&szlig;encl&uuml;ver desselben einen ziemlich gro&szlig;en Theer<span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">[170]</a></span>fleck
+erkennen konnte, den er selbst einst mit ungeschickter
+Hand, als das Segel zum Ausbessern an Deck
+lag, hineingegossen hatte. Es war der <span class="g">Delaware</span>
+und gerade in dem Augenblick, wo er sich seines Gl&uuml;cks
+gewi&szlig; geglaubt, warf ihm das t&uuml;ckische Schicksal noch
+einmal jenes ungl&uuml;ckselige Fahrzeug in die Bahn und
+drohte Alles Alles wieder mit <span class="g">einem</span> furchtbaren
+Schlage zu vernichten.</p>
+
+<p>Als er damals von Bord entflohen war und sich
+von seinen Feinden bedr&auml;ngt sah, trat er der Gefahr,
+ja dem Tod wenn es sein mu&szlig;te, mit ruhigem unersch&uuml;ttertem
+Herzen entgegen; er hatte Nichts zu verlieren
+auf der weiten Gotteswelt als sein Leben, und
+achtete das kaum eines ernsten Gedankens werth. Jetzt
+aber stand er nicht mehr allein, hier auf diesem kleinen
+Eiland, rings von blauen Wogen umsp&uuml;lt, war
+ihm Alles Alles geworden was das Herz des Menschen
+an diese Erde fesseln kann, und an der Schwelle
+dieses Gl&uuml;cks wieder solcher Art allein freudlos in
+die kalte Nacht gesto&szlig;en zu werden, oh das w&auml;re zu
+grausam &mdash; zu entsetzlich grausam gewesen.</p>
+
+<p>Sadie frug ihn nicht weiter, sie las in seinen
+Blicken die Best&auml;tigung ihrer schlimmsten Furcht; ihr
+Herz aber, das sich in m&auml;dchenhafter Scheu an den
+Geliebten geschmiegt, schlug ihr wieder in dem alten
+entschlossenen Muth, mit dem sie ihn damals schon<span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">[171]</a></span>
+seinen Feinden entzogen, und pl&ouml;tzlich seine Hand ergreifend,
+sagte sie rasch und fast freudig:</p>
+
+<p>&raquo;Sie sollen Dich nicht wieder mit fortnehmen,
+Ren&eacute;, f&uuml;rchte sie nicht &mdash; ich kenne alle Schlupfwinkel
+dieser W&auml;lder und wei&szlig; Stellen wo die wei&szlig;en
+Fremden wochenlang suchen und in Verzweiflung zuletzt
+es aufgeben m&uuml;&szlig;ten je hindurchzudringen. Wir
+Beide fl&uuml;chten in den Wald, bis das Fahrzeug die
+Insel wieder verlassen hat, und wenn es sein mu&szlig;
+tr&auml;gt uns mein Canoe nach einer andern Insel, viele
+Meilen weit entfernt von hier &mdash; lieber mit Dir in
+den Wogen zu Grunde gehn, als allein hier ohne
+Dich leben Ren&eacute;.&laquo;</p>
+
+<p>Und in wilder Leidenschaft warf sie sich an seine
+Brust, als ob sie schon jetzt gekommen w&auml;ren, ihn
+aus ihren Armen zu rei&szlig;en.</p>
+
+<p>&raquo;Sieh wie die See da drau&szlig;en &uuml;ber den Riffen
+so hoch geht, Du herziges Lieb,&laquo; sagte aber leise und
+traurig der junge Mann &mdash; &raquo;ein Canoe k&ouml;nnte jetzt
+nicht leben in dieser D&uuml;nung, und ich tr&uuml;ge Dich dem
+gewissen Untergang entgegen. Ueberdies k&ouml;nnten wir
+nicht vor Nacht entfliehen und bis dahin wird wohl
+der auf meinen Fang gesetzte Preis Verr&auml;ther genug
+gedungen haben mich einzubringen. Nein ich kann
+meinem Schicksal nicht mehr entgehen, und der einzige
+Trost ist, da&szlig; sie mich nicht lebendig mit sich<span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">[172]</a></span>
+f&uuml;hren sollen &mdash; oh Sadie, ich glaubte so gl&uuml;cklich
+zu sein und lasse Dich jetzt nun allein und trauernd
+hier zur&uuml;ck.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein nein, habe guten Muth,&laquo; bat aber das
+M&auml;dchen &mdash; &raquo;glaube auch nicht da&szlig; die Bewohner
+dieser Insel so falsch und treulos w&auml;ren. Damals,
+als sie Dich noch nicht kannten, war es eine andere
+Sache; von fremden Seeleuten haben sie bis jetzt fast
+meist nur Noth und Aerger gehabt, und es h&auml;tte
+vielleicht kaum des gebotenen Preises bedurft Dich
+auf Dein Schiff zur&uuml;ckzuliefern. Jetzt geh&ouml;rst Du jedoch
+zu uns &mdash; die M&auml;nner wissen da&szlig; Dich mein
+Pflegevater gern hat, und ihn lieben sie wie ihren
+eigenen Vater. Ja es giebt auch wohl Schlechte unter
+ihnen, die Dich vielleicht verriethen wenn sie es
+heimlich thun k&ouml;nnen, aber sie w&uuml;rden es jetzt nicht
+um den gr&ouml;&szlig;ten Lohn wagen d&uuml;rfen, sie w&auml;ren sonst
+ausgesto&szlig;en f&uuml;r immer. Doch komm zur&uuml;ck zum Haus
+&mdash; sieh das Schiff umsegelt die Insel und wird wahrscheinlich
+auf derselben Stelle sein Boot wieder an&#8217;s
+Ufer schicken, wo es Dich damals landete &mdash; wir
+wollen inde&szlig; mit meinem Vater bereden was am
+Besten f&uuml;r Dich zu thun sei, und dann rasch und
+entschlossen handeln &mdash; es ist ja nicht das erste Mal
+da&szlig; Sadie Dich f&uuml;hrt,&laquo; setzte sie mit einem wehm&uuml;thigen
+und gar so innigen L&auml;cheln hinzu, &raquo;Du bist<span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">[173]</a></span>
+ihr das erste Mal gefolgt, da Du mich noch gar
+nicht kanntest &mdash; wolltest Du jetzt zur&uuml;ckbleiben?&laquo;</p>
+
+<p>Ren&eacute; pre&szlig;te die Geliebte fester an sich, und hielt
+sie in einem langen Ku&szlig; an seinem Herzen, aber
+sie wand sich endlich aus seinen Armen und seine Hand
+wieder, wie in fr&uuml;herer Zeit ergreifend, wollte sie eben
+mit ihm hinunter zum Hause gehn, als ihnen von
+dort der alte Missionair mit einem anscheinend ziemlich
+schweren Korb entgegenkam, und mit ihnen zur&uuml;ck
+zu der kleinen Terrasse ging. Ren&eacute; setzte hier den Korb,
+den er ihm abgenommen, auf die Erde nieder und der
+Greis sagte, nachdem er nur einen fl&uuml;chtigen Blick
+auf seine Kinder geworfen, ohne weitere Umschweife:</p>
+
+<p>&raquo;Ich hab&#8217; es mir gedacht, da&szlig; es das ungl&uuml;ckselige
+Schiff sei, als ich nur h&ouml;rte da&szlig; es dicht bei
+dem Wind die Insel anlaufe, und den prachtvollen
+Westwind vers&auml;ume nach Nord-Osten aufzuhalten.
+Doch wir m&uuml;ssen jetzt <span class="g">handeln</span> Kinder, nicht lamentiren
+und traurig sein. Ich war erst Eurer Verbindung
+entgegen, nun aber, da die Sache doch einmal
+so weit gediehen ist, will ich Euch auch nicht Beide
+ungl&uuml;cklich wissen, so lange ich es noch verhindern
+kann &mdash; aber Zeit d&uuml;rfen wir auch nicht mehr verlieren.
+Ich habe in dieser Sache einige Erfahrung,
+und schon viel in meinem Leben, gerade hier auf den
+Inseln mit Wallfischf&auml;ngern verkehrt, denen Matrosen<span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">[174]</a></span>
+entlaufen waren. Die Capitaine sparen nicht mit den
+Belohnungen die sie auf den Einfang setzen, denn
+die Leute m&uuml;ssen das ja nachher selber von ihrem verdienten
+Gelde abbezahlen &mdash; sie bieten oft enorme
+Summen, hinreichend einen armen Insulaner, so gut
+und brav er auch sonst sein m&ouml;chte, zu verf&uuml;hren &mdash;
+sie haben aber auch keine lange Zeit sich aufzuhalten,
+besonders wenn es erst einmal so sp&auml;t in der Jahreszeit
+ist wie jetzt, wo sie nachher noch die Sandwichsinseln
+anlaufen m&uuml;ssen Erfrischungen einzunehmen
+und sich auf ihren Sommerzug in das Eismeer vorbereiten.
+Dies Schiff kann aber kaum dort noch zu
+guter Zeit eintreffen, wenn es nicht eine sehr schnelle
+Reise nach Oweyhy oder Woahu hat und es l&auml;&szlig;t
+sich denken da&szlig; der Capitain hier nicht wochenlang,
+eines einzelnen Mannes, und noch dazu eines gew&ouml;hnlichen
+Matrosen wegen, herumliegen wird. Vor
+allen Dingen ist es also n&ouml;thig Sie aus dem Weg
+zu bringen, damit Sie nachher Niemand verrathen
+<span class="g">kann</span>, wenn ihm auch Gelegenheit dazu geboten
+w&uuml;rde, das ist jedenfalls das Sicherste, und dazu
+habe ich mir einen passenden Platz ausersehn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich f&uuml;hre ihn in die Berge, Vater,&laquo; sagte Sadie
+&mdash; &raquo;oben in den niedern H&uuml;geln stehn einzelne
+Palmenhaine, und in der breiten Krone einer dieser
+Palmen kann er tagelang versteckt liegen. Ich wei&szlig;<span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">[175]</a></span>
+eine von ihnen die mein Bruder und ich in&#8217;s besonders
+hergerichtet und ausgeschlagen haben &mdash; den Platz
+kennt Niemand als ich selber, denn der Bruder ist ja
+todt und kein Pfad f&uuml;hrt dorthin, kein Weg oder Steg
+und doch will ich die Stelle im Dunkeln finden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Platz w&auml;re zu einer anderen Jahreszeit, und
+wenn wir keinen besseren h&auml;tten, vielleicht recht gut,&laquo;
+l&auml;chelte der Greis, &raquo;jetzt aber, wo es fast jede Nacht
+in schweren Schauern niederf&auml;llt, m&ouml;chte der Wipfel
+einer Palme, besonders wenn es sich nicht um Stunden
+sondern um Tage handelt, doch ein fataler Aufenthaltsort
+sein. Nein, Du kennst das <span class="smcap">Ihiamoea</span>
+Prudentia &mdash; jenes letzte Ueberbleibsel aus der alten
+Heidenzeit. Es ist das ein kleines Geb&auml;ude, fr&uuml;her
+dem Gott <span class="smcap">Oro</span> geweiht, das jedenfalls auch mit allen
+&uuml;brigen derartigen Heiligth&uuml;mern jener Zeit vernichtet
+w&auml;re, best&auml;nde nicht auch zugleich in der Familie
+des jetzigen Oberhauptes der Insulaner eine alte Sage,
+da&szlig; der K&ouml;nig sterben m&uuml;sse sobald das Geb&auml;ude zusammenfiele.
+S&auml;mmtliche Vorstellungen der Missionaire
+sind bis jetzt erfolglos gewesen sie von der Thorheit
+solchen Glaubens zu &uuml;berzeugen, ja Einer unserer
+Br&uuml;der h&auml;tte beinah einst sein eigenes Leben eingeb&uuml;&szlig;t,
+als er in vielleicht etwas &uuml;bertriebenem Diensteifer
+selber Hand daran legen wollte. Nur zwei Personen
+sind auf der Insel die es j&auml;hrlich einmal be<span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">[176]</a></span>suchen,
+der <span class="smcap">fua</span> oder K&ouml;nig, <span class="smcap">Jeremias Aitaua</span> (der
+R&auml;cher), wie ihn Bruder Rowe getauft hat, und dessen
+Sohn; beide nur, um ein frisches Dach aufzulegen
+oder das alte, wenn es noch gut ist, nachzusehen.
+Das ist wenigstens die Entschuldigung, denn ich f&uuml;rchte
+fast, da&szlig; sie dort doch noch, trotz ihrem angenommenen
+Christenthum, heimlich einige ihrer heidnischen
+Ceremonien feiern; da sie es aber allein thun,
+k&ouml;nnen wir Nichts dagegen machen, und die kleine
+von Stein dauerhaft aufgerichtete H&uuml;tte wird darum,
+so gut unterhalten, wohl noch mancher Regenzeit
+trotzen. Dorthin magst Du Ren&eacute; f&uuml;hren. &mdash;
+Keiner der Eingeborenen getraut sich den Platz zu betreten
+und die Wei&szlig;en k&ouml;nnten wochenlang ihre Zeit
+vergeuden, ehe sie ihn auff&auml;nden. Hier dieser Korb
+mit Provisionen wird ausreichen, wo nicht, findet sich
+schon wieder einmal Gelegenheit neue Zufuhr hinaufzuschaffen,
+obgleich ich fest &uuml;berzeugt bin da&szlig; sich das
+Schiff keine vierundzwanzig Stunden an der Insel
+aufh&auml;lt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So will ich zum Haus gehn und meine Waffen
+holen,&laquo; sagte Ren&eacute;.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind in diesem Korb,&laquo; erwiederte ihm aber
+der Greis &mdash; &raquo;es ist auch weit besser da&szlig; Sie sich
+gar nicht wieder am Hause blicken lassen, denn neugierige
+Augen folgten Ihnen doch, und wenn ich auch<span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">[177]</a></span>
+nicht glaube da&szlig; Einer der hiesigen Leute zum Verr&auml;ther
+werden w&uuml;rde, so ist es doch, wie gesagt, besser
+ihnen auch selbst die M&ouml;glichkeit zu nehmen verf&uuml;hrt
+zu werden. Gehn Sie gleich von hier ab, und Prudentia
+kennt die Richtung gut genug, so wei&szlig; kein
+Mensch wo Sie geblieben sind. Aber Prudentia mu&szlig;
+auch, so schnell als nur irgend m&ouml;glich wieder zur&uuml;ckkehren,
+und ich hoffe da&szlig; dieser Kelch gl&uuml;cklich an uns
+vor&uuml;bergehen wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lieber, v&auml;terlicher Freund &mdash;&laquo; sagte der junge
+Mann ger&uuml;hrt, und streckte dem Greis die Hand entgegen.
+Dieser aber wollte auch die jungen Leute
+nicht sehen lassen wie weh und &auml;ngstlich ihm selber,
+trotz seiner angenommenen Zuversicht, zu Muthe war,
+und sagte mit einem wohl etwas erzwungenen L&auml;cheln:</p>
+
+<p>&raquo;Keinen Abschied, Ren&eacute; &mdash; das <span class="smcap">Ihiamoea</span> liegt
+nicht am andern Ende der Welt, da&szlig; wir &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig; Sie <span class="g">hier</span> wohl aufsuchen, Bruder Osborne!&laquo;
+sagte in diesem Augenblick, dicht hinter ihnen
+die Stimme des Bruder Rowe mit zwar ruhigem aber
+doch etwas scharfem Ton &mdash; &raquo;wenn ich &uuml;berhaupt Abschied
+von Ihnen nehmen will &mdash; Sie scheinen ganz
+vergessen zu haben da&szlig; ich im Begriff bin aufzubrechen.&laquo;</p>
+
+<p>Die drei Menschen schauten sich um als ob sie
+auf einem Verbrechen ertappt w&auml;ren, und das kalte,<span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">[178]</a></span>
+theilnahmlose Gesicht des Priesters war ebenfalls nicht
+geeignet jedes unangenehme Gef&uuml;hl solcher Ueberraschung
+zu mildern. Der Geistliche schien dies aber
+gar nicht zu bemerken, oder wenn er es bemerkte, zu
+beachten; gegen Sadie die Hand ausstreckend legte er
+dem M&auml;dchen, das seine Rechte ergriff und k&uuml;&szlig;te,
+wie segnend die Linke auf das Haupt, neigte dann
+seinen Kopf gegen Ren&eacute;, der diese kalte H&ouml;flichkeit
+ebenso formell erwiederte, und ging, Mr. Osborne&#8217;s
+Arm nehmend, mit diesem nach der Landung hinunter.</p>
+
+<p>&raquo;Und nun komm,&laquo; fl&uuml;sterte Sadie, als das dichte
+Guiavengeb&uuml;sch die M&auml;nner ihren Blicken entzogen &mdash;
+&raquo;nun komm Ren&eacute; und gebe Gott da&szlig; ich Dir recht
+recht bald die frohe Botschaft Deiner Erl&ouml;sung bringen
+kann.&laquo;</p>
+
+<p>Wenige Secunden sp&auml;ter schlo&szlig; sich der Wald hinter
+ihnen, und der kleine freundliche Platz lag still und
+einsam im Schatten seiner rauschenden Palmen.</p>
+
+<p>Der Missionscutter war inde&szlig; zur Abfahrt ger&uuml;stet,
+Bruder Rowe traf noch einige Anordnungen zu
+dem n&auml;chst zu haltenden Osterfest zwischen den Insulanern
+und verlie&szlig; dann, mit einem frommen &raquo;Der
+Herr segne und beh&uuml;te Euch&laquo; &mdash; die Insel.</p>
+
+<p>Mr. Osborne hatte kein Wort gegen ihn erw&auml;hnt,
+da&szlig; das Schiff was die Insel passirt war, dasselbe<span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">[179]</a></span>
+Fahrzeug sei, von dem Ren&eacute; entsprungen war &mdash; er
+hielt es f&uuml;r besser die Sache mit keiner Sylbe weiter
+zu ber&uuml;hren. Auch Bruder Rowe kam nicht wieder
+auf die Verheirathung der beiden jungen Leute zur&uuml;ck;
+er mochte auch wohl einsehen, da&szlig; jede weitere Vorstellung
+oder Einsprache unn&uuml;tz sein w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Der Cutter war zuerst nach Mitiaro bestimmt,
+der ehrw&uuml;rdige Mann hatte aber vorher die Indianer
+die ihn f&uuml;hrten noch beordert in dem Binnenwasser
+der Insel am Ufer hinaufzuhalten, da er zuerst noch
+einmal den K&ouml;nig an der andern Seite zu besuchen,
+und R&uuml;cksprache mit ihm &uuml;ber eine Betversammlung
+zu nehmen habe.</p>
+
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">[180]</a></span></p>
+<h2><a name="Capitel_7" id="Capitel_7"></a>Capitel 7.</h2>
+
+<h3>Der Verrath, und wie sich beide Theile dabei irrten.</h3>
+
+
+<p>Am n&ouml;rdlichen Ufer der Insel war indessen Alles
+in Aufregung, denn das Wiedererscheinen des Schiffes,
+an das keiner der Insulaner fast mehr gedacht
+hatte, bot Ursache genug das sonstige Stillleben zu
+unterbrechen, h&auml;tten Manche von ihnen auch gerade
+<span class="g">nicht</span> Grund gehabt zu w&uuml;nschen, da&szlig; es seinen Weg
+nicht wieder hierher gefunden habe.</p>
+
+<p>Der K&ouml;nig dachte nat&uuml;rlich mit einiger Beunruhigung
+an die Geschenke, die er unter der Bedingung
+&uuml;berliefert bekommen hatte, den Fl&uuml;chtling einzufangen
+und wo waren diese Sachen jetzt alle geblieben? &mdash; wo
+war der Fl&uuml;chtling? &mdash; Wer aber konnte auch
+wissen da&szlig; das Schiff nach so langer Zeit zur&uuml;ckkehren<span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181">[181]</a></span>
+w&uuml;rde, und eine Ausrede war bald gefunden. Als
+der erste Harpunier wieder wie fr&uuml;her an Land kam
+und nach dem Mann frug, erwiederte ihm der rasch
+herbeigeholte Raiteo &mdash; denn der K&ouml;nig sch&auml;mte sich
+vielleicht vor seinem eigenen Volk, dem wei&szlig;en Mann
+etwas vorzul&uuml;gen &mdash; mit keineswegs christlicher Unversch&auml;mtheit,
+sie h&auml;tten den Fl&uuml;chtling damals eingefangen
+und drei volle Wochen auch eingesperrt gehalten
+und gef&uuml;ttert, wie aber das Schiff gar nichts
+mehr habe von sich h&ouml;ren oder sehen lassen, da seien
+sie endlich gen&ouml;thigt gewesen ihn wieder frei zu lassen.
+Seit der Zeit sei er aber ebenfalls verschwunden und
+sie glaubten er w&auml;re mit einem kleinen Schooner, der
+neulich einmal die Insel anlief, nach Tahiti oder einer
+der dortigen Inseln gezogen.</p>
+
+<p>Das Ganze schien wahrscheinlich genug, dennoch
+war der alte Seemann zu bekannt mit diesem Volk
+um ihnen sogleich, auf die erste Best&auml;tigung hin, die
+erste beste Geschichte auch zu glauben. Sie hatten
+einmal den Fanglohn weg, den der <span class="smcap">fa-u</span> jetzt, wie
+Raiteo mit vieler Geistesgegenwart weiter log, f&uuml;r die
+so lange Unterhaltung des Gefangenen beanspruchte,
+und er sah wohl ein, da&szlig; er auf&#8217;s Neue einen Preis
+aussetzen mu&szlig;te. Auch hierin schien er wieder Schwierigkeiten
+zu finden, aber aus den langen Unterhandlungen
+die nach den neuen Versprechungen gehalten<span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182">[182]</a></span>
+wurden, merkte der alte Harpunier deutlich genug da&szlig;
+der Matrose noch jedenfalls auf der Insel sein mu&szlig;te,
+und der Sache ein Ende zu machen, denn die Sonne
+neigte sich schon ihrem Untergang, bot er dem K&ouml;nig
+funfzig spanische Thaler &mdash; ein wahrer Reichthum f&uuml;r
+seine Verh&auml;ltnisse &mdash; wie noch andere G&uuml;ter die er
+mit im Boot f&uuml;hrte, wenn er den Entsprungenen noch
+diesen Abend, oder wenigstens diese Nacht in seine
+H&auml;nde liefere.</p>
+
+<p>Raiteo lie&szlig; sich die Summe zweimal wiederholen
+und sogar, ganz sicher zu sein, an den Fingern vorz&auml;hlen,
+denn er traute seinen eigenen Ohren kaum
+eine so ungeheuere Quantit&auml;t baaren Geldes &mdash; ohne
+alle die &uuml;brigen Herrlichkeiten &mdash; in den Bereich ihres
+Arms zu bringen. Trotzdem sch&uuml;ttelte aber der <span class="smcap">fa-u</span>
+mit dem Kopf &mdash; er wollte mit der Sache, der sich
+sein alter Freund der Missionair angenommen hatte,
+nichts mehr zu thun haben, und sagte Raiteo er m&ouml;ge
+die Fremden bedeuten den Mann selber zu suchen,
+wenn sie glaubten da&szlig; er noch hier auf der Insel sei.</p>
+
+<p>Der Harpunier nahm jetzt den Burschen, dem er
+wohl ansah zu was er mit Geld gebracht werden
+konnte, in Englisch vor, und bot ihm die Summe
+allein, wenn er ihm den Fl&uuml;chtling diese Nacht ausliefern
+wolle. Hiergegen erkl&auml;rte ihm aber Raiteo ganz
+offen der Mann sei allerdings noch da, so geschwind<span class="pagenum"><a name="Page_183" id="Page_183">[183]</a></span>
+lie&szlig;e sich das aber unter keiner Bedingung anstellen.
+Er habe die Zeit &uuml;ber, am andern Ende der Insel,
+auf der Mission gewohnt, das Schiff als es von dort
+heraufkam aber auch jedenfalls sehen k&ouml;nnen, und sei
+jetzt wieder irgendwo im Wald versteckt, wo er allein
+morgen wenigstens den ganzen Tag brauchen w&uuml;rde
+ihn nur aufzusp&uuml;ren, und selbst dann sei es eine
+schwierige Sache, da der K&ouml;nig nichts damit zu thun
+haben wolle, und er selber nachher, vielleicht seines Lebens
+auf der Insel nicht wieder froh w&uuml;rde. Er verdiene
+gewi&szlig; gern den hohen Preis, wenn sich aber wei&szlig;er
+Mann Capitain nicht dazu entschlie&szlig;en wollte zwei
+drei Tage auf der Insel zu bleiben und auch wom&ouml;glich
+noch mehr Leute her&uuml;berzubringen, so sehe er keine
+M&ouml;glichkeit seinen Zweck zu erreichen.</p>
+
+<p>Das ging nicht an, das Schiff hatte sich &uuml;berdies
+schon, durch einige Spermfische gerade damals
+aufgehalten als sie wieder nach Norden auf kreuzen
+wollten, in der Jahreszeit versp&auml;tet, und der Capitain
+erst nicht einmal, trotzdem da&szlig; sie die Insel passirten,
+wieder anlaufen wollen, aber jedenfalls nur bis n&auml;chsten
+Morgen mit Tagesanbruch den &auml;u&szlig;ersten Termin
+gesetzt &mdash; war es bis dahin nicht m&ouml;glich den Mann
+wieder zu bekommen, so mu&szlig;ten sie es aufgeben, und
+der alte Seeb&auml;r wollte sich eben, mit einem zwischen
+den Z&auml;hnen durchgebrummten Kraftfluch hineingeben<span class="pagenum"><a name="Page_184" id="Page_184">[184]</a></span>
+und an Bord zur&uuml;ckkehren, als der kleine Missionscutter
+in Sicht kam und das hinten angeh&auml;ngte Boot
+gleich darauf den ehrw&uuml;rdigen Mr. Rowe an Land
+brachte.</p>
+
+<p>Der Missionair hatte noch einiges mit dem <span class="smcap">fa-u</span>
+zu bereden und der Harpunier z&ouml;gerte einen Augenblick
+am Ufer &mdash; er konnte die Schwarzr&ouml;cke nicht gut
+vertragen, aber eine Frage that auch keinen Schaden,
+und der Mann kam gerade von dort her, wo sich der
+Fl&uuml;chtling aufgehalten.</p>
+
+<p>Bruder Rowe f&uuml;hlte vielleicht eine gleiche Sympathie
+f&uuml;r diese Art Leute, er war aber nichts destoweniger
+freundlich gegen den Seemann, und beantwortete
+seine Fragen auf das leutseligste aber ausweichend. &mdash; Raiteo
+der mit offenem Munde dabeistand,
+kam es vor, als ob er mit der Sache nichts
+zu thun haben wolle, denn darum wissen mu&szlig;te er.</p>
+
+<p>&raquo;Sehn Sie, Mr. &mdash; wie mag Ihr Name sein?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Rowe.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Ah &mdash; Mr. Rowe,&laquo; sagte der alte in seinem Gesch&auml;fte
+schon ergraute Seemann &mdash; indem er fast unwillk&uuml;rlich
+neben dem langsam l&auml;ngs dem Strande
+hergehenden Priester herschritt, wodurch sie sich von
+Raiteo, der ihnen ja nicht folgen durfte, entfernten.
+&raquo;Es ist nicht wegen dem einen Burschen da&szlig; wir uns
+solche M&uuml;he geben ihn wieder zu bekommen &mdash; was<span class="pagenum"><a name="Page_185" id="Page_185">[185]</a></span>
+das belangt, so k&ouml;nnten wir eher noch zwei dazu
+entbehren, ehe wir gerade jetzt einen einzigen Tag hier
+vers&auml;umten, aber es ist wegen dem b&ouml;sem Beispiel &mdash; sehn
+die Canaillen da&szlig; sie fortkommen <span class="g">k&ouml;nnen</span>, dann
+l&auml;uft uns auf den Sandwichsinseln nachher am Ende
+der ganze Schwarm davon. Kriegen wir aber so einen
+Burschen wieder, und auch schon w&auml;hrend wir
+uns M&uuml;he danach geben, so sehen doch die Andern
+da&szlig; es ihnen nicht so ganz leicht gemacht wird und
+hingeht, und besinnen sich zweimal, eh&#8217; sie die Beine
+in die Hand nehmen. Auf den Preis kommts uns
+dabei nicht an, denn kriegen wir sie nicht, so bezahlen
+wir ja auch Nichts, als vielleicht ein Bischen Lumperei
+an Spielkram, und kriegen wir sie, nun dann
+m&uuml;ssen sie&#8217;s selber von ihrem Theil abtragen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Haben Sie einen hier von den Insulanern, dem
+Sie glauben vertrauen zu k&ouml;nnen?&laquo; frug ihn der Missionair
+jetzt, und drehte sich, wie im Gespr&auml;ch, halb
+nach ihm um, zu sehn ob ihnen Niemand folge. &mdash; &raquo;K&ouml;nnten
+Sie einen der Leute hier bewegen Sie zu
+f&uuml;hren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;hren? &mdash; gewi&szlig;,&laquo; brummte der Harpunier &mdash; &raquo;wenn
+ich nur w&uuml;&szlig;te wohin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann mich, meiner Stellung wegen, nicht
+mit solchen Sachen befassen,&laquo; erwiederte ihm indirekt
+hierauf der Geistliche &mdash; &raquo;Sie werden aber auch wohl<span class="pagenum"><a name="Page_186" id="Page_186">[186]</a></span>
+als vern&uuml;nftiger Mann einsehn, da&szlig; es mir nicht
+gleichg&uuml;ltig sein kann dabei, meist gewissenlose Menschen
+zwischen die, kaum einem etwas civilisirten und
+religi&ouml;sen Leben gewonnenen Insulaner geworfen zu
+sehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein gewi&szlig; nicht &mdash; kann ich mir denken &mdash; ist
+ganz nat&uuml;rlich&laquo; &mdash; brummte der Harpunier dabei zwischen
+den Z&auml;hnen durch, und warf nur manchmal einen
+Seitenblick auf den Geistlichen, als ob er h&auml;tte
+sagen wollen: &raquo;nun was steckt dahinter? &mdash; wo will
+der hinaus?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mir liegt also,&laquo; fuhr Bruder Rowe hier wieder
+fort &mdash; &raquo;gewisserma&szlig;en ebensoviel daran den entsprungenen
+Matrosen wieder von hier zu entfernen
+als Ihnen daran gelegen ist ihn wieder zu bekommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja sagen Sie mir nur wie!&laquo; platzte der Alte,
+dem die Vorrede zu lange dauerte, heraus.</p>
+
+<p>&raquo;Unter der Bedingung da&szlig; Sie meinen Namen
+nicht dabei nennen, und auf eine Entschuldigung oder
+vielmehr Ausrede, dem Eingeborenen gegen&uuml;ber, den
+Sie zu Ihrem F&uuml;hrer nehmen, denken wollen, kann
+ich Ihnen den Platz so genau angeben wo er versteckt
+ist, da&szlig; Sie nicht die mindeste Schwierigkeit haben
+werden ihn zu finden &mdash; ja noch mehr, der Ort liegt
+so vortrefflich ihn zu umstellen, da&szlig; Sie, wenn Sie<span class="pagenum"><a name="Page_187" id="Page_187">[187]</a></span>
+Ihre Ma&szlig;regeln gut treffen, ihn sicher in Ihre Gewalt
+bekommen <span class="g">m&uuml;ssen</span>.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber was soll ich dem alten Fuchs dem Raiteo
+wei&szlig; machen,&laquo; sagte der Harpunier sinnend, &raquo;er hat
+gesehn wie wir jetzt hier miteinander sprechen und ich
+kann es ja nicht gut von irgend einem Andern geh&ouml;rt
+haben.&laquo;</p>
+
+<p>Der Missionair blieb einen Augenblick stehn &mdash; dann
+sagte er bed&auml;chtig:</p>
+
+<p>&raquo;Machen Sie sich nachher mit einem meiner Bootleute
+etwas zu schaffen und sprechen Sie mit ihm &uuml;ber
+irgend einen Gegenstand. &mdash; Sie k&ouml;nnen Raiteo dann
+sagen da&szlig; Sie es von dem erfahren haben; ich bin
+ziemlich fest &uuml;berzeugt da&szlig; ihn Raiteo nicht wieder
+danach fragen wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wo ist der Platz?&laquo; frug der Harpunier.</p>
+
+<p>&raquo;Erkundigen Sie sich bei Raiteo,&laquo; sagte der Geistliche
+leise &mdash; &raquo;ob er ein Haus Namens <span class="smcap">Ihiamoea</span> auf
+der Insel kennt. &mdash; <span class="smcap">I-hi-a-mo-e-a</span> &mdash; k&ouml;nnen Sie
+den Namen behalten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist verdammt lang,&laquo; brummte der Harpunier &mdash; &raquo;<span class="smcap">I-hi-ma-nu</span>&laquo;.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="smcap">I-hi-a-mo-e-a</span>,&laquo; wiederholte der Missionair.</p>
+
+<p>Der Harpunier repetirte das Wort ein paar Mal
+leise vor sich hin und sagte dann:<span class="pagenum"><a name="Page_188" id="Page_188">[188]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Ich denke so wird&#8217;s gehn, und da steckt er also &mdash; aber
+kennt Raiteo den Ort?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Genau genug,&laquo; lautete die Antwort. &raquo;Sie werden
+ihm aber einen guten Lohn versprechen m&uuml;ssen,
+denn die Insulaner haben eine gewisse Scheu vor jener
+Gegend.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er soll die ganzen funfzig Dollars haben wenn
+er uns heute Abend noch hinf&uuml;hrt!&laquo; rief der Seemann
+rasch &mdash; &raquo;und Gott straf mich &mdash; noch Alles
+in Sachen dazu, was im Boot liegt &mdash; wenn wir
+den Kerl nur kriegen. Ich habe noch au&szlig;erdem mein
+besonderes Gift auf ihn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut, dann verlieren Sie keine Zeit mehr,&laquo; sagte
+der Missionair, wieder nach den Geb&auml;uden, wo noch
+die &uuml;brigen standen, zur&uuml;ckkehrend. &raquo;K&ouml;nnen Sie sich
+aber auch auf Ihre andern Leute verlassen, da&szlig; Sie
+am Ende nicht, anstatt Einen zu fangen, das Uebel
+noch verschlimmern und mehre dabei einb&uuml;&szlig;en?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir sind diesmal gescheuter gewesen, als das
+erste Mal,&laquo; erwiederte der Harpunier &mdash; &raquo;und haben
+gar keine Matrosen, sondern nur Officiere im Boot
+zum Rudern mitgenommen &mdash; die Leute sind s&auml;mmtlich
+Harpunier oder Bootsteurer, die laufen schon seltener
+weg, weil sie weit h&ouml;hern Antheil bekommen
+und auch &uuml;berhaupt eine Carriere zu machen haben &mdash; es
+sind nur die verw&uuml;nschten Matrosen die durch<span class="pagenum"><a name="Page_189" id="Page_189">[189]</a></span>brennen,
+weil sie sichs gew&ouml;hnlich ein Bischen zu
+h&uuml;bsch auf einem Wallfischf&auml;nger gedacht haben.&laquo;</p>
+
+<p>Sie waren indessen wieder zu des K&ouml;nigs Hause
+gekommen, welches der Missionair jetzt betrat das
+Wetter abzuwarten, das gerade im Osten heraufzog
+und schon mit drohenden Wolken &uuml;ber dem Horizont
+hing. Der Harpunier wechselte indessen mit seinen
+Leuten einige Worte, und ging dann nach den beiden
+mit dem Cutter gekommenen Insulanern zu, die unfern
+ihres eigenen Bootes auf den Corallen sa&szlig;en
+und sich eine kleine Cigarre aus ihrem inl&auml;ndischen
+Tabak und Bananenbl&auml;ttern drehten. Er blieb einige
+Zeit bei diesen stehn, und ging dann, als er Raiteo
+gerade &uuml;ber sich am Rande des Geh&ouml;lzes bemerkte,
+rasch auf diesen zu.</p>
+
+<p>&raquo;Raiteo,&laquo; sagte er hier dem aufmerksam Zuhorchenden &mdash; &raquo;willst
+Du in dieser Nacht Dein Gl&uuml;ck
+machen und ein reicher Mann werden? Du kannst
+funfzig Dollar und den ganzen Plunder verdienen
+der da im Boot liegt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In dieser Nacht?&laquo; erwiederte Raiteo kopfsch&uuml;ttelnd &mdash; &raquo;habe
+wei&szlig;en Mann Capitain schon gesagt
+da&szlig; es so schnell nicht geht &mdash; und ist immer ein b&ouml;s
+St&uuml;ck Arbeit &mdash; kann nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Du kannst&laquo; &mdash; sagte der Harpunier &mdash; &raquo;kennst
+Du ein kleines Haus hier irgend wo auf der<span class="pagenum"><a name="Page_190" id="Page_190">[190]</a></span>
+Insel, das sie <span class="smcap">I-hi</span> warte einmal &mdash; verdammt &mdash; <span class="smcap">I-hi-mano</span> &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="smcap">Ihiamoea</span>?&laquo; sagte Raiteo rasch und leise und sah
+den Fremden erstaunt an &mdash; &raquo;und ist der wei&szlig;e Mann
+im <span class="smcap">Ihiamoea</span>?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verdamme mich, wenn Du den Namen nicht
+wie am Schn&uuml;rchen hast,&laquo; lachte der Wallfischf&auml;nger &mdash; &raquo;<span class="smcap">Ihiamoea</span>
+kannst Du uns dorthin noch heute
+Abend f&uuml;hren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wer hat Euch den Platz angegeben?&laquo; frug
+der Insulaner, und seine Augen suchten fast unwillk&uuml;rlich
+die Stelle wo der Missionair noch vor dem
+Hause des <span class="smcap">fa-u</span> stand.</p>
+
+<p>&raquo;Einer der Burschen dort im Boot,&laquo; erwiederte
+ihm der Seemann &mdash; &raquo;sie wollens aber nicht gern
+wissen lassen, da&szlig; die Nachricht von ihnen kommt &mdash; ich
+hab&#8217; ihnen f&uuml;nf Dollar daf&uuml;r gegeben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm&laquo; &mdash; brummte Raiteo und schaute nach den
+Bootsleuten hin, die ruhig und abwechselnd ihre kleine
+d&uuml;tenf&ouml;rmige Cigarre rauchten, und wieder nach dem
+Missionair hin&uuml;ber; dann aber, den Kopf zur&uuml;ckwerfend
+als ob er h&auml;tte sagen wollen &raquo;was gehts mich
+an&laquo; gab er dem Harpunier ein Zeichen ihm etwas
+weiter in den Wald hinein zu folgen, und hatte nun
+mit diesem in wenigen Minuten das N&ouml;thige besprochen.
+Das <span class="smcap">Ihiamoea</span> war ein kleines niederes Ge<span class="pagenum"><a name="Page_191" id="Page_191">[191]</a></span>b&auml;ude
+mit einem Gemach und zwei Ausg&auml;ngen, das
+oben auf einem der H&uuml;gel, im wildesten Dickicht und
+dichtesten Walde lag; aber auf einem etwa funfzig
+Schritt breiten, vollkommen freien Raum stand, und
+also mit gr&ouml;&szlig;ter Leichtigkeit umzingelt und besetzt werden
+konnte. In etwa anderthalb Stunden konnten
+sie es von hier aus erreichen und das aufsteigende
+Wetter beg&uuml;nstigte jedenfalls ein solches Unternehmen.
+Raiteo aber, so gierig er war das Geld zu verdienen,
+scheute sich eben so sehr seinen Namen dabei genannt
+zu wissen, als der Missionair. Er zeigte ihm deshalb
+jetzt den Pfad, auf dem sie sich gerade befanden,
+und der durch eine dichte Pandanus-Niederung hinf&uuml;hrte &mdash; diesen
+sollte der Harpunier mit seinen Leuten,
+sobald es dunkelte, etwa 300 Schritt weit folgen,
+und dann pfeifen, und Raiteo w&uuml;rde ihn von da bis
+zu dem Haus f&uuml;hren und ihm angeben wie er es umstellen
+k&ouml;nne &mdash; in das Haus aber bedung er sich
+gleich von vorn herein aus, ging er nicht hinein; &raquo;die
+alten hier unten vertriebenen G&ouml;tter sa&szlig;en noch dort
+oben darin, und wenn sie auch einem wei&szlig;en Mann
+wohl nichts anhaben konnten, so liefe doch ein Eingeborener
+die t&ouml;dtlichste Gefahr an Leib und Seele.&laquo;</p>
+
+<p>Ueber die Ausbezahlung wurden sie ebenfalls einig,
+Raiteo bekam f&uuml;nf Dollar im voraus, was ihn soviel
+gieriger auf das &uuml;brige machte, und der Rest sollte<span class="pagenum"><a name="Page_192" id="Page_192">[192]</a></span>
+ihm ausbezahlt werden, wenn sie den Entsprungenen
+gebunden in ihrer Gewalt h&auml;tten.</p>
+
+<p>Der Abend setzte ein, wie es das Wetter klar genug
+angedeutet; einzelne Windst&ouml;&szlig;e und Regen was
+vom Himmel herunter wollte. Der Wallfischf&auml;nger
+war inde&szlig; n&auml;her herangekommen, wo er durch das
+hohe Land gegen die B&ouml;en ziemlich gesch&uuml;tzt lag und
+sich nicht in der mindesten Gefahr befand auf die
+Klippen getrieben zu werden, von denen ihn Wind
+und Str&ouml;mung zugleich absetzten; in kurzen G&auml;ngen
+war es nur eben Alles was er thun konnte, da&szlig; er
+sich auf seiner Stelle hielt.</p>
+
+<p>Der Missionair hatte die Insel ebenfalls nicht verlassen,
+obgleich er lieber der durch ihn gewisserma&szlig;en
+herbeigef&uuml;hrten Katastrophe aus dem Wege gegangen
+w&auml;re; auf See aber etwas &auml;ngstlich f&uuml;rchtete er das
+Wetter m&ouml;chte noch schlimmer werden und wollte sich
+da nicht in seiner Nu&szlig;schaale von einem Fahrzeug
+den Wogen anvertrauen.</p>
+
+<p>Das Zeichen f&uuml;r den Harpunier an Bord zu kommen,
+wenn etwa in der Nacht m&ouml;glicher Weise etwas
+vorfiele, sollten zwei Kanonensch&uuml;sse sein.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Ren&eacute; war indessen durch seine liebe F&uuml;hrerin gl&uuml;cklich
+an den Ort seiner Bestimmung gebracht und schon<span class="pagenum"><a name="Page_193" id="Page_193">[193]</a></span>
+der Weg dahin &uuml;berzeugte ihn, da&szlig; Europ&auml;er den
+Platz nimmer in wenigen Tagen auffinden k&ouml;nnten,
+h&auml;tten sie selbst gewu&szlig;t da&szlig; ein solcher Schlupfwinkel
+hier existire, und von den Insulanern konnte ja auch
+keiner glauben da&szlig; ihm diese Stelle bekannt sei. Ebenso
+hatte er das aufsteigende Wetter bemerkt, und nicht
+ohne Grund durfte er hoffen da&szlig; es den Wallfischf&auml;nger
+zwingen konnte, die Insel vielleicht sogar eher
+zu verlassen, als er im Anfang beabsichtigt. Da&szlig;
+aber auch Sadie nicht von dem Wetter &uuml;berrascht
+werde, trieb er diese selber mit z&auml;rtlicher Besorgni&szlig;
+zum schleunigen Heimweg an, und das sch&ouml;ne M&auml;dchen
+flog mehr als sie ging den Pfad zur&uuml;ck, denn sie
+wu&szlig;te ja da&szlig; sie, je eher sie wieder am Hause sei,
+desto sicherer auch den geringsten Verdacht niederschlagen
+m&uuml;sse, der Fremde habe einen so weitentlegenen
+Platz als das <span class="smcap">Ihiamoea</span> zu seinem Zufluchtsort gew&auml;hlt. &mdash; An
+den Missionair dachte Niemand.</p>
+
+<p>Der Platz selber war f&uuml;r so kurzen Aufenthalt
+wohnlich genug; gegen Wind und Regen vollst&auml;ndig
+durch ein gutes Dach und fast fu&szlig;dicke vielleicht sechs
+Fu&szlig; hohe Steinmauern gesch&uuml;tzt, lag selbst eine breite
+aus dem dortigen Schilfgras geflochtene Matte in der
+Mitte der H&uuml;tte &mdash; ein Beweis mehr da&szlig; der alte
+Missionair recht hatte wenn er glaubte, der christlichste
+K&ouml;nig dieser Insel h&auml;nge noch etwas an dem alten<span class="pagenum"><a name="Page_194" id="Page_194">[194]</a></span>
+Heidenthum. Doch wie dem auch sei, es kam Ren&eacute;
+hier vortrefflich zu statten.</p>
+
+<p>Vor allen Dingen sah er jedoch nach seinen Waffen,
+steckte sein Messer in den G&uuml;rtel, den er immer
+trug und untersuchte die Terzerole &mdash; aber der alte
+Mann hatte in der Eile das Pulverhorn vergessen,
+und wenn auch das Pulver noch ziemlich trocken aussah,
+war ihm doch nicht viel zu trauen.</p>
+
+<p>&raquo;Nun ich werde sie hoffentlich nicht brauchen,&laquo;
+murmelte er leise f&uuml;r sich hin &mdash; &raquo;besser w&auml;r&#8217;s aber
+doch ich w&uuml;&szlig;te sie sicher &mdash; es giebt Einem immer
+mehr Zutrauen eine gute Waffe in der Hand zu haben.&laquo;
+Bei den Waffen lagen aber auch eine Masse
+Lebensmittel und mit doch weiter keiner anderen Besch&auml;ftigung
+machte er sich &uuml;ber den Korb her, die Leckerbissen
+vorzunehmen, die ihm der gute alte Mann,
+mit einem paar Flaschen Wein und Cocosnu&szlig;milch
+zusammengemischt, eingepackt hatte.</p>
+
+<p>So vergingen ihm die Stunden rasch &mdash; ein paar
+Mal trat er in die vordere Th&uuml;r der H&uuml;tte, vielleicht
+einen Blick in&#8217;s Freie zu gewinnen, aber der Wald
+umgab das kleine Heiligthum einer fr&uuml;heren Zeit hier
+zu hoch und dicht, auch nur einen Blick &uuml;ber dessen
+&auml;u&szlig;erste Grenzen zu gestatten, und er warf sich zuletzt,
+erm&uuml;det vom Umhergehn in so engem Raume,
+auf die Matte, und schaute tr&auml;umend auf die kahlen<span class="pagenum"><a name="Page_195" id="Page_195">[195]</a></span>
+Steinw&auml;nde, die in fr&uuml;herer Zeit wohl Zeuge mancher
+wildromantischen Scene, vielleicht manchen furchtbaren
+Opfers gewesen waren.</p>
+
+<p>&raquo;Und wo seid Ihr jetzt &mdash; Ihr stolzen Herrscher
+dieser Haine &mdash; Oro, Du kriegerischer Gott, Hiro, Du
+schlauer Besch&uuml;tzer der Diebe, Teroro, Du Sturmerwecker,
+Tane, Du Herrlicher und Ihr Alle, Alle, die
+Ihr fr&uuml;her in dem Rauschen der Palmen, in dem
+Donnern der ewigen Brandung zu Euern Kindern
+spracht? &mdash; Sie haben sich losgesagt von Euch, umgeworfen
+Euere Alt&auml;re, in den Wind verweht selbst
+Eure Namen, und das Kreuz, von einzelnen Fremden
+aufgepflanzt, hat wie mit einem Schlage Euer Jahrhunderte
+bestandenes Reich vernichtet. Aber solltet
+Ihr auch diese Haine, die einst Eure Macht sahen,
+so schnell und leicht haben verlassen k&ouml;nnen? wandelt
+Ihr vielleicht nicht selbst jetzt noch in den dunklen
+Schatten der Fruchtb&auml;ume, um die Stellen wo
+fr&uuml;her Euere Alt&auml;re gestanden, und schauet mit finsterem
+Groll auf die Tempel eines neuen Gottes, vor
+dem Euere abtr&uuml;nnigen Kinder <span class="g">jetzt</span> ihre Kniee beugen?
+Umschwebst nicht Du selbst, furchtbarer Oro
+diese Dir einst, ja vielleicht selbst jetzt noch geweihte
+St&auml;tte, und blickst z&uuml;rnend auf den Fremden nieder,
+der sich, ein ungeladener Gast &uuml;ber Deine Schwelle
+gedr&auml;ngt hat? &mdash; Z&uuml;rne mir nicht, h&auml;tte nur ich, von<span class="pagenum"><a name="Page_196" id="Page_196">[196]</a></span>
+all den wei&szlig;en Fremden diese Ufer betreten, Du
+herrschtest <span class="g">noch</span> hier, in all Deiner Herrlichkeit, ich
+h&auml;tte Deinem Volke seine G&ouml;tter und seinen Frieden
+gelassen, und wer wei&szlig; ob sie nicht gl&uuml;cklicher &mdash;
+besser geblieben w&auml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>Lange noch lag er sinnend und tr&auml;umend auf der
+Matte, bis die einbrechende Nacht ihre Schatten niedersandte,
+und mit diesen der Regen laut und schallend
+auf das schilfige Dach der H&uuml;tte niederschlug. War
+er hier aber auch vor diesem gesch&uuml;tzt, so fand er doch
+eine andere Plage &mdash; eine wahre Unzahl von Mosquitos
+stellten sich schon mit der D&auml;mmerung ein, und
+umschw&auml;rmten ihn jetzt als sicher unverhoffte und gute
+Beute zu Tausenden.</p>
+
+<p>Im Anfang suchte er sich ihrer zu erwehren, zuletzt
+aber gab er das auf und streckte sich, nur sein
+Taschentuch &uuml;ber das Gesicht breitend, auf die Matte
+aus, der Nacht so viel Schlaf als m&ouml;glich abzustehlen.
+Er f&uuml;hlte sich vollkommen sicher da&szlig; der Wallfischf&auml;nger,
+wenn er &uuml;berhaupt noch an der Insel sei,
+<span class="g">diese</span> Nacht gewi&szlig; Nichts unternehmen werde ihn
+wieder zu bekommen, und &auml;rgerte sich fast, die bisherige
+Wohnung und Sadie&#8217;ens N&auml;he verlassen zu
+haben.</p>
+
+<p>Eine Stunde hatte er etwa so gelegen, aber er
+war nicht im Stande einzuschlafen, die Mosquitos<span class="pagenum"><a name="Page_197" id="Page_197">[197]</a></span>
+trieben es zu arg, und schienen fortw&auml;hrend in neuen
+uners&auml;ttlichen Schaaren heranzustr&ouml;men.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist ein sch&ouml;ner Polterabend,&laquo; brummte er
+leise vor sich hin &mdash; &raquo;und mein armes M&auml;dchen sitzt
+inde&szlig; allein daheim und &auml;ngstigt sich um den fernen
+Freund &mdash; ha! &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Er fuhr in die H&ouml;h&#8217; und horchte, sch&uuml;ttelte aber
+dann l&auml;chelnd mit dem Kopf und murmelte:</p>
+
+<p>&raquo;Das war wie in alter Zeit, als ich noch mit
+Adolphe in Canadas W&auml;ldern jagte &mdash; das klang
+genau wie sein Jagdruf &mdash; der schrille Ton einer
+kleinen, an der franz&ouml;sichen K&uuml;ste heimischen M&ouml;ve.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Wetter noch einmal!&laquo; rief er pl&ouml;tzlich in
+einiger Unruhe aufspringend &mdash; &raquo;und wenn das nun
+doch am Ende Adolphe selber &mdash; aber es ist ja nicht
+m&ouml;glich &mdash; wie h&auml;tte er diesen Ort auffinden k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>Nichtsdestoweniger tappte er nach seinen Waffen
+herum, die neben ihm auf der Matte lagen, und steckte
+sie zu sich. Der Regen hatte jetzt f&uuml;r kurze Zeit nachgelassen,
+und nur die schweren Tropfen fielen drau&szlig;en
+noch von den Zweigen nieder. Schlafen konnte er
+doch nicht, also stand er auf und ging an die Th&uuml;r
+die, halbangelehnt, ihm einen Blick auf den kleinen
+freien, jetzt von dem auf wenige Momente vorbrechenden
+Mond erhellten Platz gew&auml;hrte; ha dort
+dr&uuml;ben bewegte sich beim ewigen Gott eine Gestalt <span class="pagenum"><a name="Page_198" id="Page_198">[198]</a></span>&mdash;
+Wild konnte es nicht sein, das gab es ja nicht auf
+diesen Inseln. Eine dunkle Wolke legte sich wieder
+&uuml;ber den Mond und h&uuml;llte Alles in tiefe Nacht, als
+aber Ren&eacute;, das gespannte Terzerol krampfhaft fest in
+der Faust mit sp&auml;hendem Blick und lauschend vorgebeugtem
+Oberk&ouml;rper da stand, erkannte er deutlich
+zwei dunkle Gestalten die &uuml;ber den Plan, grade auf
+ihn zu glitten.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Verrath!&laquo; murmelte er leise zwischen den Z&auml;hnen
+durch, und mit Blitzesschnelle in das Haus zur&uuml;ckspringend,
+gewann er die andere Th&uuml;re. Aber in
+demselben Moment f&uuml;hlte er sich von drei eisernen
+Armen zu gleicher Zeit gepackt und es war ein Gl&uuml;ck
+f&uuml;r wenigstens einen der F&auml;nger, da&szlig; das Terzerol
+versagte, denn gerade gegen das Ohr des Harpuniers
+gepre&szlig;t hatte es Ren&eacute; abgedr&uuml;ckt.</p>
+
+<p>&raquo;Teufel!&laquo; schrie er, als er es von sich werfend
+sein Messer zu ziehen suchte &mdash; umsonst, die Uebermacht
+war zu gro&szlig;, und wenige Minuten sp&auml;ter lag
+er, an H&auml;nden und F&uuml;&szlig;en gebunden, in der Gewalt
+seiner Feinde am Boden.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="smcap">Damn it</span> mein B&uuml;rschchen,&laquo; lachte der alte Harpunier
+in aller Freude &uuml;ber den gelungenen Fang, &raquo;ich
+hatte heute Abend, als ich auf den Regen fluchte,
+nicht geglaubt da&szlig; er mir mit Deinem Pulver zu
+gleicher Zeit einen so guten Dienst erweisen w&uuml;rde <span class="pagenum"><a name="Page_199" id="Page_199">[199]</a></span>&mdash;
+das war jedenfalls gut gemeint, ich rechne Dir&#8217;s aber
+nicht an &mdash; h&auml;tte dasselbe an Deiner Stelle gethan;
+nun sei aber auch vern&uuml;nftig und wehr Dich nicht
+nutzlos mehr &mdash; wir sind hier unserer sieben gegen
+einen, und Du wirst begreifen da&szlig; da doch jeder Widerstand
+nutzlos ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mordet mich!&laquo; schrie aber Ren&eacute; mit aller Kraft
+der Verzweiflung gegen seine Banden und die Arme
+die ihn niederhielten, ank&auml;mpfend &mdash; &raquo;mordet mich,
+wie Ihr mein Gl&uuml;ck zerst&ouml;rt habt, aber beim ewigen
+Gott, Ihr sollt mich nicht lebendig von dieser Insel
+nehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das k&auml;me auf einen Versuch an,&laquo; sagte der Harpunier
+kaltbl&uuml;tig &mdash; &raquo;willst Du denn gar keine
+<span class="smcap">raison</span> annehmen, so haben wir uns schon so viel
+M&uuml;he um Dich gegeben, da&szlig; wir Dich nun auch
+wohl das kleine St&uuml;ckchen Wegs noch tragen k&ouml;nnen.
+Nehmt ihn auf Leute &mdash; nehmt ihn auf &mdash; oh wenn
+er gar so sehr strampelt &mdash; hier ist noch Leine genug
+zwanzig solche B&uuml;rschchen f&ouml;rmlich damit einzuwickeln
+&mdash; so das thuts &mdash; noch eins um die F&uuml;&szlig;e, und nun
+nehmt ihn auf und fort damit &mdash; da kommt schon
+wieder ein neuer Regenschauer; da&szlig; die Pest ein solches
+Land hole.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja wohinaus gehts aber jetzt?&laquo; sagte Einer der
+Leute, nachdem sie den sich w&uuml;thend Str&auml;ubenden<span class="pagenum"><a name="Page_200" id="Page_200">[200]</a></span>
+aufgehoben hatten &mdash; &raquo;ich wei&szlig; den Weg nicht
+mehr.&laquo;</p>
+
+<p>Der alte Harpunier sah sich einen Augenblick selber
+verdutzt in der Dunkelheit um.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="smcap">Damn it</span>,&laquo; brummte der Alte, &raquo;jetzt bin ich auch
+confus geworden &mdash; welchen Cours sind wir denn
+eigentlich heraufgesteuert. Wo ist denn die verdammte
+Bestie von Insulaner &mdash; he Raiteo, Canaille verw&uuml;nschte
+&mdash; wo steckt der Satan?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verrathen und verkauft,&laquo; knirrschte Ren&eacute; zwischen
+den zusammengebissenen Z&auml;hnen hindurch, als
+er von der verzweifelten Anstrengung zum Tod ersch&ouml;pft
+zur&uuml;cksank und sich jetzt willenlos forttragen
+lie&szlig;. &mdash; Nicht weit von ihm ab antwortete aber ein
+leiser Pfiff. Es war der Insulaner, der dort auf die
+Seeleute, au&szlig;er dem Bereich des <span class="smcap">Ihiamoea</span>, wartete,
+und schweigend f&uuml;hrte er den Zug den steilen schl&uuml;pfrigen
+Pfad wieder zur&uuml;ck nach dem Landungsplatz.</p>
+
+<p>Der Regen go&szlig; jetzt f&ouml;rmlich in Str&ouml;men nieder,
+wenn auch der Wind f&uuml;r den Augenblick etwas nachgelassen
+hatte, als sie aber oben die Pandanus-Niederung
+erreichten, und nun auf ebener Bahn, auf
+dem scharfen Corallensand, dicht am Ufer einer der
+kleinen zahlreichen Lagunen oder Binnenseeen hinschritten,
+dr&ouml;hnten laut und mahnend die beiden Kanonensch&uuml;sse
+von Bord des Delaware zu ihnen her<span class="pagenum"><a name="Page_201" id="Page_201">[201]</a></span>&uuml;ber.
+&mdash; Fast unwillk&uuml;rlich hielten die Leute einen
+Moment, der Harpunier aber rief:</p>
+
+<p>&raquo;Vorw&auml;rts, meine Jungen, vorw&auml;rts, wir kommen
+gerade zur rechten Zeit &mdash; Wetter noch einmal,
+das war abgepa&szlig;t, eine Stunde sp&auml;ter und wir h&auml;tten
+die ganze Geschichte aufgeben m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was m&ouml;gen sie an Bord haben?&laquo; frug Einer
+der anderen Harpunier.</p>
+
+<p>&raquo;Wahrscheinlich wird dem Alten der Wind zu
+bunt,&laquo; lachte der Harpunier, &raquo;und jetzt ists gerade
+eine h&uuml;bsche ruhige Zwischenzeit an Bord zu fahren
+&mdash; rasch Ihr Leute, da vorn seh&#8217; ich schon die H&uuml;ttenfeuer.&laquo;</p>
+
+<p>Ein neuer Hoffnungsstrahl blitzte vor Ren&eacute;&#8217;s
+Seele auf &mdash; wenn ihn auch Einer der Insulaner
+verrathen hatte, waren ihm doch fast alle Anderen
+gewogen und wer wei&szlig; ob sie ihn, wenn er sie anriefe,
+so vor ihren eigenen Augen wegschleppen lie&szlig;en.
+Soviel hatte er, w&auml;hrend seines Aufenthalts auf der
+Insel auch schon von der Tahitischen Sprache gelernt,
+und als er die ersten Stimmen an den nicht mehr
+fernen H&auml;usern h&ouml;rte, damit die Leute Zeit bek&auml;men
+sich zu sammeln ehe die Wei&szlig;en das Boot gewinnen
+konnten, schrie er pl&ouml;tzlich mit lauter donnernder
+Stimme um H&uuml;lfe.<span class="pagenum"><a name="Page_202" id="Page_202">[202]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Knebel her!&laquo; sagte der Harpunier ruhig aber
+rasch &mdash; &raquo;wer hat ihn &mdash; Du John?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja hier&laquo; &mdash; antwortete der Mann dem Harpunier
+den Knebel reichend.</p>
+
+<p>&raquo;Der Kerl schreit uns am Ende doch noch die
+Insulaner auf den Hals &mdash; wer wei&szlig; wen er hier
+Alles zu Freunden gewonnen hat, und besser ist
+besser.&laquo;</p>
+
+<p>An allen Gliedern gebunden und mit dem Knebel
+im Mund vermochte der Gefangene sich nicht weiter
+zu r&uuml;hren, und gleich darauf erreichten sie den Strand.</p>
+
+<p>Raiteo forderte aber jetzt, ehe sie zu seinen Leuten
+hinunterkamen, den bedungenen Lohn, denn er wollte
+sich nicht mit den Wei&szlig;en zusammen blicken lassen.
+Ehe sie abstie&szlig;en gedachte er dann mit einem Bruder
+von sich, zum Boot zu kommen und die Sachen in
+Empfang zu nehmen, die dort noch f&uuml;r ihn bestimmt
+waren.</p>
+
+<p>&raquo;Lauft rasch mit dem Burschen da voran, und
+legt ihn in&#8217;s Boot, bis ich den Schuft hier abgefertigt
+habe,&laquo; sagte da der Harpunier zu seinen Leuten
+&mdash; &raquo;Wort m&uuml;ssen wir ihm doch halten; und seht
+zu da&szlig; Ihr das Boot flott bekommt bis ich unten
+bin.&laquo; Und w&auml;hrend die Leute mit ihrer Last rasch
+dem Strande zueilten, blieb er neben dem Insulaner
+stehen und zahlte ihm das Blutgeld. Als er sich von<span class="pagenum"><a name="Page_203" id="Page_203">[203]</a></span>
+ihm abwandte seinen Leuten zu folgen, glitt Raiteo
+in die B&uuml;sche.</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;ll&#8217; und Teufel,&laquo; fluchte jedoch der alte Harpunier
+als er zum Strand kam und sah wie die Mannschaft
+mit dem Boot besch&auml;ftigt war, das hoch und
+trocken auf der Corallenbank und wohl funfzig Schritt
+vom Wasser ab sa&szlig; &mdash; &raquo;ob ich es den verdammten
+Schuften von Insulanern nicht gesagt habe das Boot
+flott zu halten &mdash; und ich glaube beim Teufel, sie haben
+es noch mehr aufs Trockene gezogen; da&szlig; der
+B&ouml;se ihre Seelen verdamme. Hinein damit Jungens &mdash; greift
+unter und tragt es in&#8217;s Wasser &mdash; werft den
+Plunder hinaus der vorn darin liegt &mdash; der Eigenth&uuml;mer
+mag ihn sich holen &mdash; wo ist Ren&eacute;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hier am Hause liegt er,&laquo; sagte Einer &mdash; &raquo;Bill
+und Adolphe stehen Wache bei ihm.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach was Wache, der l&auml;uft jetzt nicht fort &mdash; hier
+Bill &mdash; hier Adolphe mit angefa&szlig;t und tragt das
+Boot zu Wasser &mdash; hallo meine Jungen alle zusammen &mdash; <span class="smcap">there
+she comes &mdash; a hoy-y</span>. Was zum
+Teufel macht es so schwer &mdash; was liegt da drinne?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es liegt hinten ganz voller Fr&uuml;chte,&laquo; antwortete
+Bill.</p>
+
+<p>&raquo;Fr&uuml;chte? hinaus damit, wir haben jetzt keine Zeit
+uns mit Fr&uuml;chten abzugeben &mdash; so &mdash; Alles hinaus &mdash; hier
+an die Seite damit, was in K&ouml;rben ist, k&ouml;n<span class="pagenum"><a name="Page_204" id="Page_204">[204]</a></span>nen
+wir nachher wieder hineinwerfen, und hallo hier &mdash; einmal
+eine Parthie von den Insulanern her, die
+k&ouml;nnen uns mit helfen, wenn sie uns wieder los werden
+wollen.&laquo;</p>
+
+<p>Von diesen lie&szlig; sich aber keiner blicken &mdash; der
+H&uuml;lferuf des Ungl&uuml;cklichen, den sie geh&ouml;rt, hatte ihnen
+das Schicksal desselben verrathen, und wenn sie
+auch, wie Ren&eacute; in letzter Verzweiflung gehofft, keineswegs
+gesonnen waren ihr Leben daran zu setzen,
+um ihn wieder zu befreien, so mochten sie doch auch
+weiter Nichts mit der Sache zu thun haben, vielweniger
+denn den Fremden selber in irgend etwas beh&uuml;lflich
+sein.</p>
+
+<p>Dicht am Strand wo die Leute, vielleicht zehn
+Schritt von dem Boot, den Gebundenen niedergelegt
+hatten, stand eine kleine Bambush&uuml;tte, in welcher die
+Mission&auml;re, wenn sie sich auf dieser Seite der Insel
+befanden und, vielleicht von einem Wetter &uuml;berrascht,
+nicht mehr zu dem Missionsgeb&auml;ude kommen konnten,
+gew&ouml;hnlich &uuml;bernachteten. Hierher hatte sich auch,
+als das Wetter &auml;rger zu werden drohte, der ehrw&uuml;rdige
+Bruder Rowe zur&uuml;ckgezogen, lie&szlig; sich aber nat&uuml;rlich
+nicht blicken wie er die M&auml;nner mit ihrem Gefangenen
+ankommen h&ouml;rte, sondern hielt seine Th&uuml;r,
+allerdings nur d&uuml;nnes Bambusgeflecht, geschlossen.
+Durch die &uuml;berall offenen St&auml;be der W&auml;nde konnte<span class="pagenum"><a name="Page_205" id="Page_205">[205]</a></span>
+er aber deutlich erkennen was drau&szlig;en vorging, und
+der gebundene und geknebelte Ren&eacute; wurde solcher Art
+in nicht zwei Schritten von seiner eigenen Th&uuml;re niedergelegt,
+w&auml;hrend die Leute kaum zehn Schritt weiter
+damit besch&auml;ftigt waren das Boot dem Wasser zuzuarbeiten.
+Bruder Rowe stand dicht hinter der Th&uuml;r
+und schaute schweigend und nachdenkend auf den gebunden
+am Boden Liegenden nieder.</p>
+
+<p>Au&szlig;er ihm war aber noch eine andere Gestalt
+ganz in der N&auml;he, und zwar niemand anderes als
+das indirekte Werkzeug des ehrw&uuml;rdigen Herren &mdash; Raiteo,
+der vorsichtig um das Haus herumglitt und
+die Bewegungen der dicht dabei in dem Boot besch&auml;ftigten
+M&auml;nner auf das vorsichtigste beobachtete. &mdash; Er
+hatte seinen Bruder oder irgend einen seiner Freunde
+schon abgeschickt die ihm noch zukommenden Waaren
+zu holen, und seine eigenen Gr&uuml;nde sich nicht selber
+dorthin zu bem&uuml;hen.</p>
+
+<p>&raquo;Schuft? &mdash; so?&laquo; murmelte er dabei zwischen den
+Z&auml;hnen durch &mdash; &raquo;erst ist man gut genug wei&szlig;er
+Mann Capitain da hinauf zu f&uuml;hren und nachher ist
+man Schuft; gut &mdash; gut Raiteo ist nicht so dumm &mdash; Raiteo
+hat Geld &mdash; liegt sicher unterm Baum &mdash; Raiteo
+hat seinen Contrakt erf&uuml;llt &mdash; jetzt kann Raiteo
+machen was er will, und jetzt will Raiteo einmal
+sehn was er machen will.&laquo;<span class="pagenum"><a name="Page_206" id="Page_206">[206]</a></span></p>
+
+<p>Die Wallfischf&auml;nger hatten indessen Alles was das
+Boot schwerer machen konnte hinausgeworfen, und
+w&auml;hrend der Regen wieder in Str&ouml;men niedergo&szlig;,
+fa&szlig;ten die sieben kr&auml;ftigen Gestalten das Boot und
+schoben es langsam aber in sicherem Fortgang den
+ersten kleinen Abgang hinunter, wo es wieder durch
+eine neue Corallenschicht aufgehalten, aber auch &uuml;ber
+diese endlich weggehoben wurde.</p>
+
+<p>&raquo;Die verdammten Schurken von Indianern lassen
+sich nicht blicken,&laquo; sagte der alte Harpunier, keuchend
+in aller Anstrengung, &raquo;aber hol&#8217; sie der Henker, wir
+brauchen sie auch nicht &mdash; munter meine Jungen,
+munter &mdash; denn hinten kommts wieder so schwarz wie
+Nacht herauf und wir m&uuml;ssen machen da&szlig; wir das
+Schiff erreichen, wenn uns der Alte hier nicht zur&uuml;cklassen
+soll, und dann h&auml;tte er nachher eine sch&ouml;ne
+Mannschaft an Bord, ohne alle Officiere.&laquo;</p>
+
+<p>Der Delaware hatte eine Laterne ausgehangen
+und schien, soweit man nach der Bewegung derselben
+urtheilen konnte, wieder n&auml;her zu kommen.</p>
+
+<p>Als sich die Seeleute mit dem Boot von dem Haus
+entfernten, glitt Raiteo dahinter vor, und wie eine
+Schlange dicht an den festgebundenen K&ouml;rper des Gefangenen
+hinan, wo er, ohne auch nur einen Laut
+von sich zu geben und ohne weitern Zeitverlust begann,
+die verschiedenen Seile mit denen der K&ouml;rper<span class="pagenum"><a name="Page_207" id="Page_207">[207]</a></span>
+des Ungl&uuml;cklichen f&ouml;rmlich umwunden war, durchzuschneiden.
+So leise und geschickt war dies Maneuvre
+auch, von der Nacht beg&uuml;nstigt, ausgef&uuml;hrt da&szlig; der,
+gewisserma&szlig;en dicht davorstehende Missionair, der die
+Augen doch fortw&auml;hrend auf den K&ouml;rper geheftet gehabt,
+wohl eine Bewegung sah, aber in der ersten
+Minute gar nicht unterscheiden konnte was es eigentlich
+sei. Ren&eacute; &uuml;brigens, der schon jeden Gedanken
+an Rettung in dumpfer Verzweiflung aufgegeben hatte,
+und jetzt nur Trost in dem einzigen Entschlu&szlig; fand,
+sowie man ihn an Bord seiner Fesseln entledige seinem
+Leben gewaltsam ein Ende zu machen, f&uuml;hlte
+kaum den scharfen Schnitt eines Messers an den Seilen,
+als ihm wilde fr&ouml;hliche Hoffnung durch Mark
+und Seele scho&szlig;. Er begriff zugleich die Nothwendigkeit
+vollkommen regungslos zu bleiben, die Aufmerksamkeit
+der nur kurze Strecke von ihm entfernten Seeleute
+nicht auf sich zu ziehen; aber selbst die Secunden
+die er hier wieder in furchtbarer Erwartung lag, ob
+nicht doch noch, ehe er den Gebrauch seiner Glieder
+wieder gewinnen konnte, Jemand von unten heraufkam
+und der Versuch zu seiner Rettung entdeckt w&uuml;rde &mdash; erf&uuml;llten
+ihn mit wahrer H&ouml;llenpein.</p>
+
+<p>Raiteo hatte Verstand genug die F&uuml;&szlig;e erst frei zu
+machen, denn selbst mit gebundenen H&auml;nden war in
+diesem Dunkel die M&ouml;glichkeit zu entfliehen da. Ren&eacute;<span class="pagenum"><a name="Page_208" id="Page_208">[208]</a></span>
+dr&auml;ngte es aber den Arm frei zu bekommen, wenigstens
+sein Messer, das er noch an der Seite f&uuml;hlte,
+zu erfassen; der Knebel verhinderte ihn aber auch nur
+einen Laut von sich zu geben, und Raiteo wollte den
+nicht entfernen bis er mit allem &uuml;brigen im Reinen
+w&auml;re. Mit den F&uuml;&szlig;en glaubte er jetzt fertig zu sein
+und ging an die Arme, ein d&uuml;nnes Seil, da&szlig; er in
+der Dunkelheit &uuml;bersehen hatte, hielt jene aber noch
+zusammen, und Ren&eacute; hob die Knie auf es ihm bemerklich
+zu machen.</p>
+
+<p>&raquo;Geh doch einmal Einer hinauf und sehe nach
+dem Gefangenen,&laquo; sagte in diesem Augenblick die
+Stimme des Harpuniers, die deutlich zu ihnen her&uuml;berdrang.
+Rasche Schritte wurden gegen sie zu geh&ouml;rt,
+und Raiteo der keineswegs im Sinne hatte seine
+eigene Person irgend einer Gefahr preiszugeben, lie&szlig;
+den noch immer Gebundenen wie er war, und glitt
+um das Haus hinum.</p>
+
+<p>Hierdurch wurde es aber auch jetzt dem Missionair,
+der schon der Bewegung des Gefangenen nach
+Verdacht gesch&ouml;pft, klar, da&szlig; irgend Jemand an der
+Befreiung desselben arbeite. <span class="g">Wer</span>, konnte er nat&uuml;rlich
+nicht erkennen, aber es lag keineswegs in seinem
+Plan den Mann hier auf der Insel zu behalten, nun
+es doch einmal soweit gediehen war.<span class="pagenum"><a name="Page_209" id="Page_209">[209]</a></span></p>
+
+<p>Ren&eacute; schlo&szlig; die Augen und sank zur&uuml;ck in stummer
+Verzweiflung.</p>
+
+<p>Der Mann von unten sprang auf den Liegenden
+zu, und bog sich zu ihm nieder, wie um nachzusehen
+ob seine Stricke auch noch in Ordnung seien; zu
+gleicher Zeit aber f&uuml;hlte Ren&eacute; wie ein scharfes Messer
+und eine ge&uuml;bte Hand das Tau von einander trennte
+das seine Arme fest umspannt hielt, eine Hand glitt
+an seinem K&ouml;rper hinunter, f&uuml;hlte das Seil um die
+Knie und trennte auch dieses.</p>
+
+<p>&raquo;Muth!&laquo; fl&uuml;sterte dabei eine Stimme die Ren&eacute;&#8217;s
+Ohren wie himmlische Sph&auml;renmusik klang &mdash; &raquo;Muth
+Ren&eacute; und jetzt fort,&laquo; &mdash; und sich aufrichtend rief er
+laut:</p>
+
+<p>&raquo;<span class="smcap">All right</span>!&laquo; und drehte sich rasch um, den Platz
+zu verlassen, als er pl&ouml;tzlich einen Arm auf seiner
+Schulter f&uuml;hlte und erschrocken stehen blieb. Ren&eacute;
+lag noch am Boden, als er ebenfalls die zweite Gestalt
+bemerkte, aber seine Hand fa&szlig;te leise das Messer
+und zog es aus der Scheide &mdash; er wu&szlig;te er war frei,
+denn zwei S&auml;tze konnten ihn in den Bereich des Waldes
+und aus der Gewalt seiner Feinde bringen.</p>
+
+<p>Adolphe, denn dieser war Ren&eacute;&#8217;s Befreier, drehte
+fast unwillk&uuml;rlich den Kopf halb ab, um nicht erkannt
+zu werden und suchte schon loszukommen, sich wieder
+unter seine Kameraden zu mischen und dadurch<span class="pagenum"><a name="Page_210" id="Page_210">[210]</a></span>
+jeden Verdacht von sich zu entfernen, als er zu seinem
+Staunen die Stimme des Missionairs erkannte,
+der ihn leise etwas von dem vermeintlich Gebundenen
+fortzog, damit dieser ihn nicht erkennen m&ouml;chte, und
+mit hastiger aber unterdr&uuml;ckter Stimme sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Habt Acht auf Eueren Gefangenen Sir &mdash; man
+will ihn befreien &mdash; ich habe &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Er sagte nichts weiter, denn ein einziger Faustschlag
+des riesigen Franzosen, gerad gegen seine Stirn,
+streckte ihn besinnungslos zu Boden.</p>
+
+<p>&raquo;Bind ihn,&laquo; fl&uuml;sterte da Adolphe rasch, sich zu
+diesem niederbiegend &mdash; &raquo;<span class="g">er</span> hat Dich an uns verrathen,&laquo;
+und so schnell wie er gekommen, sprang er
+die Corallenbank wieder hinunter, wo die Leute eben
+mit Anstrengung aller ihrer Kr&auml;fte das Boot bis zum
+Wasserrand gebracht hatten.</p>
+
+<p>&raquo;Der Gefangene liegt noch am Boden,&laquo; sagte er,
+als er sich hier wieder unter die Uebrigen mischte.</p>
+
+<p>&raquo;Aber habt Ihr nicht nachgesehen ob die Seile
+noch in Ordnung sind?&laquo; frug der Harpunier.</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann noch einmal hinaufgehn,&laquo; erbot sich
+Adolphe.</p>
+
+<p>Da blitzte es vom Wasser her&uuml;ber, und gleich
+darauf dr&ouml;hnte der dumpfe Schall eines neuen Schusses,
+dem in kaum einer Minute ein zweiter folgte, zu
+ihnen her&uuml;ber.<span class="pagenum"><a name="Page_211" id="Page_211">[211]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Hinein mit dem Boot in&#8217;s Wasser!&laquo; schrie der
+Alte, alles Andere in dem Bewu&szlig;tsein der Nothwendigkeit
+vergessend, so rasch als m&ouml;glich wieder an Bord
+zu kommen, &raquo;wacker Ihr Leute, wacker und legt Euch
+dagegen mit Brust und Seele!&laquo;</p>
+
+<p>Den vereinten Anstrengungen der Leute gelang es
+das Boot vorn in die Fluth zu bekommen, das unruhige
+Wogen derselben half nach, und bald lag es
+flott.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt hinein, mit Riemen und Masten!&laquo; lautete
+der rasch gegebene Befehl, &raquo;und verge&szlig;t Nichts Ihr
+Jungen &mdash; la&szlig;t die Fr&uuml;chte liegen wo sie sind &mdash; vier
+von Euch nach dem Gefangenen &mdash; halt hier &mdash; das
+Boot st&ouml;&szlig;t noch auf &mdash; noch einmal unter, alle zusammen
+&mdash; <span class="smcap">a hoy</span> &mdash; <span class="smcap">there she goes</span> &mdash; nun die
+Riemen und unsern <span class="smcap">mossier</span> her und hinein mit
+Euch.&laquo;</p>
+
+<p>Es war auch Zeit da&szlig; sie von Lande abkamen &mdash;
+der Wind hatte sich, w&auml;hrend einer fast anderthalb
+Stunden langen Stille, total herumgedreht, und aus
+Westen kann es in diesen Breiten oft gar b&ouml;s an zu
+wehen fangen. &mdash; Dort stieg auch schon eine schwere
+rabenschwarze Wand auf, und der Delaware mu&szlig;te
+jetzt allerdings machen da&szlig; er von der K&uuml;ste abhielt.
+Die Leute rannten s&auml;mmtlich, so rasch sie konnten,
+die Bank hinauf, drei von ihnen die Riemen und den<span class="pagenum"><a name="Page_212" id="Page_212">[212]</a></span>
+Mast in&#8217;s Boot zu nehmen; die andern drei den Gefangenen
+zu holen. Unter diesen Adolphe.</p>
+
+<p>&raquo;Auf mit ihm,&laquo; rief dieser, den Oberk&ouml;rper des
+auf der Erde Liegenden so packend und mit Leichtigkeit
+emporhebend, da&szlig; er den Kopf unter seinen Arm
+bekam &mdash; &raquo;auf mit ihm Jungens &mdash; und hinunter &mdash;
+da geht ein anderer Kanonenschu&szlig;, bei Gott!&laquo;</p>
+
+<p>Die beiden andern Bootssteuerer fa&szlig;ten, der Eine
+in der Mitte, der Andere unter die Knie des Gebundenen,
+und im vollen Lauf fast ging es damit die
+Corallenbank hinunter.</p>
+
+<p>&raquo;Vorn in&#8217;s Boot mit ihm,&laquo; schrie der Harpunier
+&mdash; &raquo;haut ihm eins &uuml;ber den Sch&auml;del wenn er
+sich nicht f&uuml;gen will &mdash; an Eure Riemen f&uuml;r Euer
+Leben, dort kommts herauf &mdash; hinein in&#8217;s Boot mit
+ihm sag&#8217; ich &mdash; werft ihn hinein, zum Donnerwetter,
+wenn er nicht gehn will, darf&#8217;s ihm auch nicht auf
+eine Beule ankommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wetter noch einmal,&laquo; brummte Bill, als die im
+Boot Stehenden den K&ouml;rper anfa&szlig;ten, hineinzogen
+und vorn in den Bug mehr warfen als legten, &raquo;Ren&eacute;
+ist hier ordentlich stolz geworden; der hat jetzt Schnallen
+an den Schuhen.&laquo;</p>
+
+<p>Es war aber in diesem Augenblick weder Zeit viel
+Bemerkungen zu machen, noch sie anzuh&ouml;ren oder gar
+zu beachten. Die Leute sprangen an ihre Pl&auml;tze,<span class="pagenum"><a name="Page_213" id="Page_213">[213]</a></span>
+warfen die Riemen in die Dollen, der alte Harpunier
+hatte den seinigen durch das Rudereisen gezogen, und
+durch die elastischen Riemen vorw&auml;rts getrieben flog
+das leichte Boot ordentlich durch die schon unruhige
+See dem gl&uuml;cklicher Weise nicht sehr fernen Schiff,
+das jetzt auch noch eine zweite Laterne aufgezogen
+hatte, entgegen.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Ren&eacute; war in dem Augenblick als ihn Adolphe
+verlie&szlig;, in die H&ouml;he gesprungen, und wu&szlig;te in der
+That, in dem ersten Gef&uuml;hl jubelnder Freiheit, nicht
+was er thun, ob er dem Rathe Adolphes folgen, oder
+den Priester ungebunden liegen lassen sollte, wo seine
+Flucht dann allerdings gleich bemerkt werden mu&szlig;te,
+sobald sie ihn nur auffa&szlig;ten. Eine zweite Person
+entschied aber seinen Zweifel, und zwar niemand Anderes
+als Raiteo.</p>
+
+<p>Raiteo war n&auml;mlich ein h&ouml;chst aufmerksamer und
+selbst &uuml;berraschter Zeuge s&auml;mmtlicher letzter, so schnell
+auf einander folgender Vorf&auml;lle gewesen. Klug genug
+aber einzusehn da&szlig; es f&uuml;r ihn jetzt besonders Zeit sei
+sich bei der Befreiung noch etwas zu betheiligen, wenn
+er &uuml;berhaupt sp&auml;ter Ehre und vielleicht auch noch
+Nutzen daraus ziehen wollte, hatte er auch noch einen
+andern Grund zu w&uuml;nschen, die Wei&szlig;en m&ouml;chten die<span class="pagenum"><a name="Page_214" id="Page_214">[214]</a></span>
+Insel mit dem Glauben verlassen, da&szlig; Alles in Ordnung
+sei, weil sie sonst am Ende noch Einsprache
+wegen den &uuml;brigen, zum Theil noch nicht einmal geborgenen
+Waaren thun, oder doch L&auml;rm schlagen
+konnten, und dann den Antheil auf der Insel bekannt
+machen mu&szlig;ten, den er selber bei dem Fang des Europ&auml;ers
+gehabt, und dessen er sich, so verstockt er sonst
+sein mochte, doch einigerma&szlig;en sch&auml;mte. Kaum hatte
+er deshalb den Missionair, von dem er im ersten Augenblick
+gar nicht wu&szlig;te woher er auf einmal kam,
+fallen gesehn und die Worte Adolphes geh&ouml;rt die dieser
+dem Freunde auf englisch zurief &mdash; &raquo;bind ihn&laquo;
+als ihm auch das ganze N&uuml;tzliche einer solchen Ma&szlig;regel
+einleuchtete und er, aus seinem Verstecke vorgleitend,
+ohne weiteres Hand an den geistlichen Herren
+legte, und ihn rasch an H&auml;nden und F&uuml;&szlig;en band.</p>
+
+<p>Ren&eacute; der wu&szlig;te da&szlig; er von dieser Seite keinen
+Angriff zu f&uuml;rchten, ja nur H&uuml;lfe zu hoffen hatte, erkannte
+im ersten Augenblick den Burschen gar nicht,
+bis Raiteo sein Gesicht gegen ihn aufhob und mit
+leiser Stimme und bedeutungsvollen Zeichen sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Knebel &mdash; schnell!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schurke verdammter, wo kommst Du her?&laquo; rief
+Ren&eacute; fast unwillk&uuml;rlich.</p>
+
+<p>&raquo;Pst,&laquo; sagte aber Raiteo, diesmal nicht im mindesten
+beleidigt &mdash; &raquo;Knebel.&laquo;<span class="pagenum"><a name="Page_215" id="Page_215">[215]</a></span></p>
+
+<p>Zeit war aber auch in der That nicht zu verlieren,
+und kaum hatte der Insulaner den Knebel auf das
+geschickteste in den Mund des am Boden Liegenden
+gebracht, von dem er sich jedoch vorher wohl &uuml;berzeugt
+hatte da&szlig; er bewu&szlig;tlos war, als sie auch schon
+die Leute die Corallenbank heraufspringen h&ouml;rten, und
+nun rasch um das Haus herum und in das Dickicht
+schl&uuml;pften.</p>
+
+<p>Mit klopfendem Herzen h&ouml;rte Ren&eacute; wie sie den
+K&ouml;rper seines Stellvertreters auffa&szlig;ten und zum Boot
+hinunter trugen &mdash; dann aber, als die Riemen in
+das Wasser einfielen und die regelm&auml;&szlig;igen &mdash; o so
+wohlbekannten Ruderschl&auml;ge an sein Ohr t&ouml;nten und
+weiter und weiter in der Ferne verhallten, da war es
+ihm als ob eine Centnerlast von seiner Brust gew&auml;lzt
+w&auml;re, und mit der dringensten Gefahr auch jeder
+tr&uuml;be Gedanke aus seiner Seele verschwunden &mdash; sein
+leichter Sinn schwamm wieder in der alten fr&ouml;hlichen
+Lust oben.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist doch der abgefeimteste durchtriebenste
+Erzschurke, Raiteo, der sich denken l&auml;&szlig;t,&laquo; wandte er
+sich lachend an diesen, der im Anfang nicht recht zu
+wissen schien auf welchem Fu&szlig; er nun, mit dem eben
+Befreiten wieder stehen w&uuml;rde, schon nach dem Klang
+der Stimme aber vollkommen begriff wie der &raquo;wei&szlig;e
+Mann nicht Capitain&laquo; die Sache aufnahm, ihn aber<span class="pagenum"><a name="Page_216" id="Page_216">[216]</a></span>
+das nat&uuml;rlich nicht merken lassen wollte, und nur mit
+kl&auml;glichem Ton jetzt versicherte und betheuerte, der
+&raquo;Bodder Aue&laquo; habe seinen Schlupfwinkel an wei&szlig;en
+Mann Capitain verrathen, und wei&szlig;er Mann Capitain
+ihn mit vorgehaltener Pistole und gebundenen
+H&auml;nden gezwungen sie nach dem von dem Missionair
+bezeichneten Platz hinzuf&uuml;hren.</p>
+
+<p>Das erste war, wie Ren&eacute; aus Adolphes eigenem
+Munde erfahren, in der That so, das zweite jedoch
+kaum wahrscheinlich, doch nahm der junge Franzose
+den Burschen eben wie er war, und f&uuml;hlte sich
+auch in seiner neugewonnenen Freiheit nicht im mindesten
+geneigt auf irgend Jemanden in der weiten
+Welt zu z&uuml;rnen; &uuml;berdies hatte Raiteo doch auch einen
+Theil seiner Schuld wieder gut gemacht, und dadurch
+jedenfalls Reue &uuml;ber etwa begangene Missethat
+gezeigt.</p>
+
+<p>Ren&eacute; war &uuml;brigens noch zu sehr mit dem Schiff
+selber besch&auml;ftigt. Die neuen Kanonensch&uuml;sse verriethen
+des Capitains Eile in der er schien hier fortzukommen &mdash; etwas
+wof&uuml;r ihn der Befreite in seinem
+Herzen segnete, und bald zeigten auch die niedergeholten
+Lichter da&szlig; das Boot an Bord sei. Noch
+konnte er die Compa&szlig;lampe durch die Nacht erkennen,
+aber bald erlosch dieser schwache Punkt ebenfalls,
+und mit dem jetzt aus vollen Backen einsetzen<span class="pagenum"><a name="Page_217" id="Page_217">[217]</a></span>den
+West war in kaum einer halben Stunde jede
+Spur von dem so gef&uuml;rchteten und auch so furchtbar
+gewesenen Schiff verschwunden.</p>
+
+<p>Nichtsdestoweniger, und trotz dem Wetter, blieb
+Ren&eacute; die Nacht auf dem ersten H&uuml;gel, auf den ihn
+Raiteo noch hinauff&uuml;hren mu&szlig;te, mit diesem auf
+Wache, und erst, als er sich mit d&auml;mmerndem Tage
+&uuml;berzeugte da&szlig; der Delaware nirgends mehr am Horizont
+zu erkennen war, flog er mehr als er ging die
+steilen schl&uuml;pfrigen H&auml;nge hinunter, dem Missionsgeb&auml;ude
+zu, wo Sadie schon in peinlicher Angst den
+ausgeschickten Boten erwartete, der ihr melden solle
+ob das Schiff die Insel verlassen habe.</p>
+
+<p>Wie erschrak das arme M&auml;dchen, als sie die furchtbare
+Gefahr des Geliebten erfuhr, aber den Gl&uuml;cklichen
+konnten tr&uuml;be Erinnerungen oder <span class="g">vergangenes</span>
+Leid, die jetzigen frohen Stunden nicht verbittern,
+und Sadie wie Ren&eacute; <span class="g">waren</span> gl&uuml;cklich.</p>
+
+<p>Ren&eacute; h&uuml;tete sich &uuml;brigens wohl, zu erw&auml;hnen was
+aus dem geistlichen Mann geworden sei, obgleich er
+nat&uuml;rlich nicht verheimlichen konnte und wollte, da&szlig;
+er durch dessen freundliche F&uuml;rsorge verrathen worden,
+und Raiteo beobachtete ebenfalls in dieser Hinsicht
+eine h&ouml;chst lobenswerthe Discretion.</p>
+
+<hr />
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_218" id="Page_218">[218]</a></span></p>
+
+<p>Was <span class="g">war</span> aber aus ihm geworden?</p>
+
+<p>Als das Boot nur eben nahe genug zum Schiff
+gekommen war, da&szlig; sie dort die regelm&auml;&szlig;igen Ruderschl&auml;ge
+unterscheiden konnten &mdash; schrie der Capitain
+schon mit Donnerstimme hin&uuml;ber:</p>
+
+<p>&raquo;Boot ahoy!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="smcap">Ship ahoy</span>!&laquo; lautete die rasche Antwort des Harpuniers &mdash; &raquo;<span class="smcap">all
+right</span>!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Scharf meine Jungen, scharf &mdash; macht da&szlig; Ihr
+an Bord kommt,&laquo; schrie die Stimme wieder &mdash; &raquo;steht
+bei hier mit den Taljen &mdash; alles klar?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alles klar Sir,&laquo; lautete die Antwort zweier Matrosen,
+die an den Krahnen standen zu welchen das
+Boot geh&ouml;rte, die Taljen niederzulassen.</p>
+
+<p>&raquo;Nieder mit Eueren Bl&ouml;cken,&laquo; rief&#8217;s schon in dem
+Augenblick von unten herauf, als da&szlig; Boot an die
+Seite scho&szlig; und die Ruder, wie mit einem Schlag
+in die H&ouml;he geworfen, l&auml;ngs hineinfielen &mdash; &raquo;hier &mdash; hakt
+rasch ein &mdash; hinauf mit Euch &mdash; <span class="smcap">all right</span>!&laquo; &mdash; br&uuml;llte
+der Harpunier wieder durch das Schreien der
+Leute und das Rasseln der Raaen oben, die ebenfalls
+zu gleicher Zeit herumflogen. Seine Leute kletterten
+rasch an Bord hinauf, nur zwei zur&uuml;cklassend, die an
+beiden Enden standen und die eingehakten Taljen
+wahrten, und eine halbe Minute sp&auml;ter schwebte das<span class="pagenum"><a name="Page_219" id="Page_219">[219]</a></span>
+Boot nach oben und unter seine Krahne, mit dem
+Deck gleich, w&auml;hrend die im Boot Zur&uuml;ckgebliebenen
+den Gebundenen vorholten und nach Bord hineinreichten.</p>
+
+<p>&raquo;Der hat die letzten zehn Minuten gestrampelt,
+als ob er sich die Seele aus dem Leibe treten wollte,&laquo;
+brummte Bill, als sie ihn oben &uuml;ber die Schanzkleidung
+holten &mdash; aber zum Donnerwetter &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zwei Reefen in Vor- und gro&szlig;e Marssegel &mdash; fort
+mit Euch da hinauf!&laquo; schrie der Capitain in diesem
+Augenblick; die Leute mu&szlig;ten den Gebundenen,
+der sich am Boden wand wie ein Wurm, liegen lassen
+und das Niederrasseln der Raaen, das Heulen
+der Leute an den Reeftaljen &uuml;bert&auml;ubte f&uuml;r den Augenblick
+selbst das, jetzt mit Macht aufkommende Wetter.
+Die n&auml;chste Viertelstunde nahm das Reefen selber
+in Anspruch, und Niemand k&uuml;mmerte sich indessen
+um den ungl&uuml;ckseligen Priester. Erst als die Mannschaft
+mit dem gew&ouml;hnlichen t&ouml;nenden &raquo;<span class="smcap">Oh &mdash; jolly
+men &mdash; hoy</span>&laquo; die Marsraaen wieder aufzog, trat der
+zweite Harpunier, der nicht mit am Lande gewesen
+war und schon die letzten f&uuml;nf Minuten die an Deck
+liegende Gestalt forschend und etwas mistrauisch betrachtet
+hatte, auf diese zu und sich zu ihr niederbiegend
+rief er erstaunt:</p>
+
+<p>&raquo;<span class="smcap">Why &mdash; damn it</span> &mdash; das ist Ren&eacute; nicht!&laquo;<span class="pagenum"><a name="Page_220" id="Page_220">[220]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Ren&eacute; nicht?&laquo; antwortete der Capitain, der dicht
+neben ihm stand, mit der Linken eine der Brassen gefa&szlig;t
+hatte, und die Blicke auf die aufsteigenden Raaen
+gerichtet hielt &mdash; &raquo;wer soll&#8217;s <span class="g">denn</span> sein? &mdash; <span class="smcap">belay
+that</span> &mdash; &mdash; gro&szlig;e Marsraae &mdash; was liegt an jetzt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Norden halb Westen,&laquo; t&ouml;nte die monotone
+Stimme vom Steuerrad her&uuml;ber.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="smcap">Steady then</span> &mdash; halt den Cours &mdash; wer soll&#8217;s
+denn sein Mr. Browning.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig; nicht Sir,&laquo; sagte dieser der, inde&szlig; der
+Capitain die obigen Befehle gegeben, dem Steward
+zugerufen hatte eine der noch im Spintge stehenden
+Lampe &mdash; die vorige Signallaterne &mdash; herauszubringen,
+und mit dieser vor den Gebundenen trat &mdash; &raquo;hallo
+wen haben wir hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hallo Mr. Rowsey,&laquo; rief aber in diesem Augenblick
+der Capitain, der ebenfalls hinangetreten war
+und jetzt mit in das ihm vollkommen fremde, wilde
+verst&ouml;rte Gesicht des Bruder Rowe schaute &mdash; &raquo;wen
+zum Henker haben Sie uns da vom Lande mitgebracht? &mdash; haben
+Ihnen die Indianer <span class="g">die</span> Jammergestalt
+hier als Ren&eacute; verkauft?&laquo;</p>
+
+<p>Der alte Harpunier dr&uuml;ckte sich rasch durch die,
+den Gebundenen umdr&auml;ngenden Officiere und stand,
+w&auml;hrend aller Augen halb erstaunt halb lachend auf<span class="pagenum"><a name="Page_221" id="Page_221">[221]</a></span>
+ihn gerichtet waren, wohl eine halbe Minute verdutzt
+vor dem, was ihn im ersten Augenblick kaum
+weniger als eine Erscheinung deuchte; endlich aber
+platzte er heraus.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="smcap">Why</span> &mdash; Gott straf mich, das ist ja der Pfaffe. &mdash;
+Den? &mdash; Himmeldonnerwetter &mdash; <span class="g">den</span> haben <span class="g">wir</span>
+doch nicht etwa im Boote mitgebracht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So bindet ihn wenigstens los,&laquo; sagte der Capitain
+ruhig, und nur mit M&uuml;he sein Lachen verbei&szlig;end.
+W&auml;hrend aber zwei daran gingen die Banden
+aufzuschneiden und den Gefangenen besonders von
+seinem Knebel zu befreien, fluchte und wetterte der
+alte Harpunier auf Deck herum, und schien gar nicht
+&uuml;bel Lust zu haben jetzt selber &uuml;ber den Missionair
+herzufallen, als ob der arme Mann die Schuld dieser
+f&uuml;r ihn so traurigen Verwechselung trage.</p>
+
+<p>Bruder Rowe bekam aber kaum seinen eigenen
+Mund frei, als er auch augenblicklich seine eigene
+Meinung von der Sache hatte, &uuml;ber Mord und Gewalt
+schrie, und verlangte ohne S&auml;umen wieder an
+Land gesetzt zu werden. Mit M&uuml;he nur bekam man
+von ihm heraus, da&szlig; seiner Meinung nach einer der
+Leute aus dem Boot ihm einen Schlag versetzt, der
+ihn bewu&szlig;tlos niedergestreckt und ihn dann wahrscheinlich
+gebunden und geknebelt hatte. Hiergegen<span class="pagenum"><a name="Page_222" id="Page_222">[222]</a></span>
+protestirte aber der Harpunier als eine Unm&ouml;glichkeit,
+denn so lang sei gar keiner von seinen Leuten von
+ihm entfernt gewesen, das zu bewerkstelligen. Nichtsdestoweniger
+wurden die Leute alle vorgerufen und
+der Priester sollte jetzt den nennen, den er f&uuml;r den
+Th&auml;ter halte &mdash; war das aber nicht im Stande. Der
+Harpunier erinnerte sich &uuml;brigens einmal Einen die
+Bank hinaufgeschickt zu haben nach dem Gebundenen
+zu sehn, der war jedoch augenblicklich zur&uuml;ckgekehrt
+und Adolphe meldete sich, gleich auf die erste Frage,
+ohne weiteres, hatte aber, wie er ruhig bemerkte, nur
+die Gestalt am Boden liegen gesehn und sich um weiter
+Nichts bek&uuml;mmert.</p>
+
+<p>Adolphe war nun allerdings Ren&eacute;&#8217;s Landsmann,
+und wenn auch bei Manchem, selbst bei dem Capitain
+ein leiser Verdacht aufsteigen mochte, da&szlig; damit
+nicht Alles richtig hergegangen sei, lie&szlig; sich auch nicht
+das mindeste mit einer Anklage machen, bei der der
+Kl&auml;ger selber nicht einmal den Th&auml;ter erkannte, vielweniger
+auf ihn zu schw&ouml;ren vermochte. Dazu kam
+noch der alte Groll, den Wallfischf&auml;nger gew&ouml;hnlich
+gegen die Missionaire, sehr h&auml;ufig allerdings ungegr&uuml;ndet,
+manchmal aber auch mit Ursache haben, und
+in dem Aerger &uuml;ber das Entkommen des Matrosen
+mischte sich jedenfalls eine gewisse Parthie Schadenfreude,
+da&szlig; gerade der Priester, der den Seemann ver<span class="pagenum"><a name="Page_223" id="Page_223">[223]</a></span>rathen
+hatte, in dieselbe Grube gefallen war die er
+dem Andern gegraben, und der Capitain zuckte zuletzt
+nur mit den Schultern, als der geistliche Herr in
+vollem Zorn versicherte, er werde sich an seine Regierung
+wenden und volle Genugthuung f&uuml;r diese
+schm&auml;hlige, nichtsw&uuml;rdige Behandlung fordern.</p>
+
+<p>Jetzt aber verlangte er vor allen Dingen augenblicklich
+und ohne weiteres S&auml;umen wieder an Land
+gesetzt zu werden.</p>
+
+<p>&raquo;An Land!&laquo; rief dagegen der Capitain &mdash; &raquo;jetzt
+bei <span class="g">dem</span> Wetter? und wenn Sie mir tausend Dollar
+Passage bis zu der verdammten Insel zahlten, die ich
+wollte ich h&auml;tte sie im Leben nicht gesehen, m&ouml;chte ich
+keins von meinen Booten und vielweniger mein
+ganzes Schiff noch einmal zwischen die Riffe hineinwagen.&laquo;</p>
+
+<p>Bruder Rowe war au&szlig;er sich &mdash; aber Drohungen
+wie Versprechungen blieben gleich fruchtlos, und das
+einzige womit ihn der Capitain tr&ouml;stete, war, da&szlig; er
+eine der n&ouml;rdlich gelegenen Inseln wolle anzulaufen
+suchen, von da k&ouml;nne er dann sehen wie er wieder
+nach Tahiti oder hierher zur&uuml;ckkomme.</p>
+
+<p>Zwei Tage sp&auml;ter lief er Bola-Bola an, wo er
+den <span class="smcap">Rev.</span> Mr. Rowe absetzte und vierzehn Tage vergingen
+ehe er von dort aus im Stande war seinem<span class="pagenum"><a name="Page_224" id="Page_224">[224]</a></span>
+Schooner wissen zu lassen wo er sich befand, dessen
+Leute unter der Zeit &uuml;brigens in vollkommener Gem&uuml;thsruhe,
+und ohne auch nur einmal nachzufragen
+weshalb der wei&szlig;e Mitonare sie so &uuml;ber Nacht verlassen
+habe, geblieben waren wo sie sich gerade befanden,
+sie hatten ja genug Brodfrucht und Cocosn&uuml;sse
+dort, und der Schooner lag sicher vor Anker, was
+wollten sie mehr? &mdash; sie h&auml;tten auf die Art noch ebensoviele
+Monate wie Wochen gewartet.</p>
+
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_225" id="Page_225">[225]</a></span></p>
+<h2><a name="Capitel_8" id="Capitel_8"></a>Capitel 8.</h2>
+
+<h3>Tahiti.</h3>
+
+
+<p>Wie nach dem wilden furchtbaren Schlag eines
+Wetters, der uns das Blut stocken machte in den
+Adern, fast immer Ruhe eintritt in der Natur, der
+nur leise grollende Donner mehr und mehr verhallt
+in weiter Ferne, und die Welt, von Sonnenschein
+begl&uuml;ht, frisch aufathmend und neu belebt im reinen
+blitzenden Lichte liegt, so schien sich alles Leid, das
+der Himmel f&uuml;r die Liebenden in seinen dunklen Wolken
+geborgen, an diesem letzten furchtbaren Tage entladen &mdash; aber
+auch ersch&ouml;pft zu haben.</p>
+
+<p>Mit dem, fast noch w&auml;hrend dem Sturm scharf
+und heftig einsetzenden Ost-Passat, h&auml;tte der <span class="g">Delaware</span>
+jedenfalls eine lange Zeit gebraucht wieder<span class="pagenum"><a name="Page_226" id="Page_226">[226]</a></span>
+gegen die Insel aufzukreuzen, wenn er ja noch im
+Sinn gehabt mit beispielloser Z&auml;higkeit sein Ziel zu
+verfolgen. Das aber war, besonders nach den letzten
+Erfahrungen, nicht mehr zu f&uuml;rchten, und wenn auch
+Mr. Osborne durch das eigenth&uuml;mliche Verschwinden
+seines Collegen, dessen Schooner, wie ihm der <span class="smcap">fua</span>
+gleich am andern Morgen meldete, seiner harrend in
+dem kleinen Boothafen lag, beunruhigt wurde, verhinderte
+ihn dies doch nicht die heilige Handlung an
+den, ihm jetzt nur noch lieber gewordenen jungen Leuten
+zu vollziehen und sein Kind, sein liebes, liebes
+Kind dem Schutz des Fremden anzuvertrauen, den
+ein wunderliches Geschick an diese K&uuml;ste geworfen.</p>
+
+<p>Von da an geh&ouml;rte Ren&eacute; zu den S&ouml;hnen des
+Landes, und selbst Raiteo w&uuml;rde nicht mehr gewagt
+haben verr&auml;therisch an ihm zu handeln &mdash; wenigstens
+nicht unter gew&ouml;hnlichen Umst&auml;nden.</p>
+
+<p>Am meisten erstaunt waren aber die Insulaner
+&uuml;ber das Verschwinden des finsteren Mitonare, und
+Mr. Osborne wollte schon die betr&uuml;bende Nachricht
+seines Todes nach Tahiti senden, als sich Ren&eacute; doch
+gen&ouml;thigt sah ihm seine &raquo;Vermuthung&laquo; &uuml;ber den eigenth&uuml;mlichen
+Fall mitzutheilen. Bald darauf kam
+aber die Nachricht von Bola-Bola, da&szlig; er dort gl&uuml;cklich
+gelandet, und einige Tage sp&auml;ter Mr. Rowe
+selber. Aber er verlie&szlig; die Insel wieder, ohne auch<span class="pagenum"><a name="Page_227" id="Page_227">[227]</a></span>
+nur eine Sylbe &uuml;ber seine Fahrt zu &auml;u&szlig;ern oder
+selbst Mr. Osborne aufzusuchen, in dessen Hause
+er nat&uuml;rlich den, im vollen Besitz seines erstrebten
+Gl&uuml;ckes gefunden h&auml;tte, der die Ursache seiner Schmach
+gewesen, und gegen den er jetzt einen, wenn auch
+heimlichen, doch so gewaltigeren Ha&szlig; im Herzen trug.
+Ihm lag also nicht daran gerade jetzt mit ihm zusammenzutreffen.</p>
+
+<p>Aber was schadete der Ha&szlig; des finsteren Mannes
+den Liebenden? &mdash; In ihrem neuen Gl&uuml;ck dachten
+sie kaum der Au&szlig;enwelt, und Ren&eacute; besonders, bei
+dem der Uebergang von wildester Verzweiflung zu
+h&ouml;chster Seligkeit in dem Umfange weniger Stunden
+lag, schien sich im Anfang kaum fassen zu k&ouml;nnen in
+jubelnder, jauchzender Lust. Der alte Mr. Osborne
+hatte sogar alle H&auml;nde voll zu thun ihn selbst nur
+w&auml;hrend der kirchlichen Feier im Zaum zu halten, und
+Mi-to-na-re Ezra trippelte fortw&auml;hrend um ihn
+herum, und schien ihn um&#8217;s Leben gern bald an einem
+Arm, bald an einem Beine fassen zu wollen,
+nur um den rastlosen beweglichen Wi&mdash;Wi ein einziges
+Mal fest und ruhig zu halten, wie es einem
+anst&auml;ndigen Christen, der er ja doch einmal werden
+wolle, gezieme.</p>
+
+<p>In einem gleichen Taumel vergingen ihm selbst
+die n&auml;chsten Monate. Des Missionairs Rowe R&uuml;ck<span class="pagenum"><a name="Page_228" id="Page_228">[228]</a></span>kehr
+von seinem unfreiwilligen Kreuzzug lockte ihm
+kaum ein L&auml;cheln auf die Lippen, so gleichg&uuml;ltig war
+ihm der Mann geworden, und mit dem Bau f&uuml;r seine
+eigene kleine Heimath besch&auml;ftigt, den er mit vollem
+fr&ouml;hlichen Eifer betrieb, f&uuml;hlte er, da&szlig; er jetzt ein
+neuer Mensch geworden, und die Br&uuml;cke hinter sich
+abgebrochen habe, die ihn bis dahin noch mit der
+Au&szlig;enwelt, zu der er nicht mehr geh&ouml;rte, verbunden.</p>
+
+<p>So verging fast ein volles Jahr und Mr. Osborne
+selber fing an zu glauben da&szlig; Bruder Rowe &mdash; der
+aber seit jenem Tag Atiu nicht wieder betreten,
+sondern stets einen anderen Geistlichen zur Revision
+gesandt hatte, seinen Groll gegen die ihm verha&szlig;te
+Verbindung der jungen Leute &mdash; zu der <span class="g">er</span> die Hand
+geboten &mdash; in dem regen ja unruhigen politischen
+Treiben der Hauptinsel, wie in den gef&auml;hrdeten Interessen
+seines Standes vergessen, oder wenigstens vergeben
+habe, wie es dem Verbreiter christlichen Glaubens
+und Duldens auch gezieme, als ihn eines Tages
+ein gro&szlig;es versiegeltes Schreiben des &raquo;<span class="smcap">board of Missionaries</span>&laquo;
+von England, aus seinem Traum und
+Glauben ri&szlig;.</p>
+
+<p>Es war seine Abberufung von Atiu und Versetzung
+nach Tahiti, gewisserma&szlig;en unter die Aufsicht
+der dort die obere Leitung der geistlichen ja auch politischen
+Angelegenheiten f&uuml;hrenden Missionaire, unter<span class="pagenum"><a name="Page_229" id="Page_229">[229]</a></span>
+denen Bruder Rowe eine sehr vorragende Stellung
+einnahm &mdash; und wie ein Blitz aus heiterem Himmel
+traf ihn die Botschaft.</p>
+
+<p>Aber nicht ihn allein; es war die erste Trauerbotschaft
+f&uuml;r die ganze Insel, und wenn es Sadie&#8217;ens
+Herz mit Kummer und Sorge f&uuml;llte, setzte sich der
+kleine Mi-to-na-re geradezu in seine Lieblingsecke
+im Haus auf den niederen Schemel, und fing an
+von Herzen weg zu weinen, da&szlig; er jetzt seinen alten
+Freund und G&ouml;nner, Bodder <span class="smcap">O-no-so-no</span> verlieren
+und einen Anderen &mdash; vielleicht gar &mdash; es &uuml;berlief
+ihn ordentlich wie mit Fieberfrost &mdash; vielleicht gar
+den &raquo;Bodder Aue&laquo; daf&uuml;r her&uuml;ber bekommen sollte.</p>
+
+<p>Sadie hatte kurz vorher dem Gatten ein M&auml;dchen
+geboren, und wenn es m&ouml;glich gewesen w&auml;re Ren&eacute;&#8217;s
+Gl&uuml;ck zu erh&ouml;hen, so h&auml;tte es dies neue Gef&uuml;hl der
+Vaterfreude thun m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Ren&eacute; war auch der Einzige vielleicht, der in einer
+Uebersiedelung nach Tahiti nicht das Schmerzliche sah
+wie Sadie und Mr. Osborne, denn da&szlig; sie den alten
+Mann nicht wollten allein nach der fernen Insel ziehen
+lassen verstand sich von selbst. Der Platz hier
+war ihm lieb und theuer geworden, und nur mit
+schwerem Herzen trennte er sich davon, aber mit seiner
+Sadie und seinem Kind wu&szlig;te er auch, da&szlig; er
+sich die Nachbarinsel ebenso gut zum Paradiese schaffen<span class="pagenum"><a name="Page_230" id="Page_230">[230]</a></span>
+konnte, und wenn er auch ungern von ihrem Lieblingspl&auml;tzchen
+am stillen Strande schied, das der Erinnerungen
+so viele und theuere f&uuml;r ihn hatte, entsch&auml;digte
+ihn der <span class="g">Wechsel</span> seines Aufenthalts &mdash; wenn
+er sich dar&uuml;ber auch nicht gerne laut Recht geben
+mochte &mdash; doch in etwas f&uuml;r die liebgewonnenen
+Stellen.</p>
+
+<p>Anders war es mit Sadie; &mdash; ihr ganzes Herz
+hing an dieser heimathlichen K&uuml;ste, die ihr das Leben,
+die Liebe gegeben, und jedes Blatt, jede Blume die
+sie zur&uuml;cklassen sollte that ihr weh. Auch eine heimliche,
+ihr fast unerkl&auml;rliche Angst hatte sie vor Tahiti;
+sie war nur ein einziges Mal mit ihrem Pflegevater
+dort dr&uuml;ben gewesen, und zwar etwa ein Jahr vorher,
+ehe der Delaware an ihrer Insel landete; aber
+das Leben und Treiben der fremden bewaffneten M&auml;nner
+dort, das kecke Auftreten ihrer eigenen Landsm&auml;nninnen,
+die ewigen Streitigkeiten dort zwischen
+einzelnen ihres Stammes und den Missionairen selber,
+mit den Uebergriffen die sich die Franzosen, von
+den Kanonen ihrer Kriegsschiffe besch&uuml;tzt, in die Rechte
+ihrer Landsleute erlaubt, hatten das einfache Kind des
+Waldes tief verletzt, und sie war damals recht froh
+gewesen, als der kleine Missionscutter endlich wieder
+die Anker lichtete und dem heimischen Strand entgegenstrebte.<span class="pagenum"><a name="Page_231" id="Page_231">[231]</a></span></p>
+
+<p><span class="g">Das</span> Land sollte jetzt ihre k&uuml;nftige Heimath werden,
+und wie nahender Schmerz lag der Gedanke auf
+ihrer Seele; sie konnte sich nicht daran gew&ouml;hnen,
+und mu&szlig;te sich endlich gewaltsam losrei&szlig;en von dem
+theueren Ort.</p>
+
+<p>Ein gar trauriger Abschied war es aber besonders
+von ihrem Lieblingspl&auml;tzchen am Seestrand; sie stand
+lange, lange dort, das Kind am Herzen und das kleine,
+zum ersten Mal sorgenschwere Haupt an die Brust
+des Gatten gelehnt, der sie fest und liebend umschlungen
+hielt. Was f&uuml;r s&uuml;&szlig;e selige Erinnerungen kn&uuml;pften
+sich an diesen engen Raum, und ihr Herz blutete,
+wenn sie daran dachte ihn <span class="g">auf immer</span> verlassen zu
+sollen. Sie war so gl&uuml;cklich hier gewesen &mdash; war
+es noch, und was mehr konnte ihr die ferne Insel
+bieten?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ach es war ein recht schmerzlicher Tag auch f&uuml;r
+den alten Missionair, und als der kleine Missionscutter
+endlich unter Segel ging, standen die Insulaner
+in weiten Schaaren am Strand, und winkten
+mit ihren T&uuml;chern, und riefen den Scheidenden ihr
+<span class="g">Joranna, Joranna</span> nach, &uuml;ber das blaue Wasser.
+Und Sadie sa&szlig; an Deck, ihr Kind auf dem Schoo&szlig;
+und sah die Wipfel ihrer Palmen langsam in das
+Meer tauchen und die H&uuml;gel sich senken, und in dem
+feuchten Abendhauch der &uuml;ber die Wasser strich, ver<span class="pagenum"><a name="Page_232" id="Page_232">[232]</a></span>schwimmen
+&mdash; und wie die Nacht einbrach sa&szlig; sie
+noch, den thr&auml;nenvollen Blick fest dorthin geheftet,
+wo ein Theil ihres Herzens zur&uuml;ckblieb in bitterem
+Schmerz, sie mochte sich selber Vorw&uuml;rfe dar&uuml;ber
+machen soviel sie wollte. Ren&eacute; aber st&ouml;rte sie nicht
+in ihrem Gram, und qu&auml;lte sie nicht noch mehr mit
+nutzlosem Trost; nur still und schweigend setzte er sich
+neben sie und ruhte ihr Haupt an seiner Brust, da&szlig;
+sie sich dort still und ungehindert ausweinen, aber
+dann auch wieder neue Kraft finden konnte, an dem
+Herzen des geliebten Mannes.</p>
+
+<p>Die Reise war kurz und gl&uuml;cklich, und Mr. Osborne
+schon in seinem neuen Wirkungskreis gekannt,
+und von den Insulanern geliebt, zu deren Herzen sein
+v&auml;terliches mildes Wesen weit eher sprach, als der
+starre finstere Ernst fast aller anderen Geistlichen.
+Auch von der K&ouml;nigin Aimata, mit dem Zunamen
+Pomare, wurde ihm ein freundliches Pl&auml;tzchen mit
+Haus und Garten zu seinem k&uuml;nftigen Aufenthaltsort
+angewiesen, so da&szlig; er sich dort wohl h&auml;tte wieder
+recht wohl und gl&uuml;cklich f&uuml;hlen k&ouml;nnen, w&auml;re ihm
+nicht der unmittelbare Einflu&szlig; seines jetzigen und hier
+viel geltenden Gegners in seinem ganzen Wirkungskreis
+zu sichtbar und dadurch schmerzlich geworden.</p>
+
+<p>Fast nur auf die Stadt Papetee selber dabei beschr&auml;nkt,
+wo franz&ouml;sischer Einflu&szlig; und der sich dem<span class="pagenum"><a name="Page_233" id="Page_233">[233]</a></span>
+geistlichen Joch entringende Sinn der Eingeborenen
+die Bev&ouml;lkerung, wenn auch noch nicht dem anderen
+Glauben gewonnen, doch schon dem ihren sehr entfremdet
+hatte, waren ihm all jene lieben Pflichten
+seines Berufs &mdash; mit den Eingeborenen in ihrer Einfachheit
+zu verkehren und sie in der besseren Lehre zu
+festigen &mdash; genommen worden, und er fand nur zu
+bald, da&szlig; er es hier mit einem ganz anderen Menschenschlag
+zu thun habe als auf Atiu. Nicht mehr
+allein die gutm&uuml;thigen Insulaner die, fast unber&uuml;hrt
+von der Au&szlig;enwelt, sorglos in den Tag hinein lebten
+und, wenn sich Jemand die M&uuml;he dazu gab, auch
+leicht einer etwas edleren Richtung gewonnen werden
+konnten, der sie ihre angeborene Gutm&uuml;thigkeit schon
+von selbst entgegentrieb, war es auf Tahiti ein Volk,
+das nicht mit den Sitten, sondern fast nur allein mit
+den Unsitten der fremden Eindringlinge bekannt geworden,
+und bei dem &mdash; w&auml;hrend ihm die M&ouml;glichkeit
+genommen war allein und kr&auml;ftig auf sie einzuwirken &mdash; Leichtsinn
+und Verf&uuml;hrung weit st&auml;rker und
+m&auml;chtiger und mit viel gewaltigeren Waffen arbeitete,
+sie aus guten einfachen Menschen zu allein M&ouml;glichen
+zu machen was schlecht und traurig war.</p>
+
+<p>Den Glauben an ihre alten G&ouml;tter hatten die
+letzten Jahrzehnde, wenn auch noch nicht ganz zerst&ouml;rt,
+doch so ersch&uuml;ttert und untergraben, da&szlig; diese<span class="pagenum"><a name="Page_234" id="Page_234">[234]</a></span>
+fr&uuml;here Religion jeden Einflu&szlig; auf sie verloren, und
+w&auml;hrend sie sich dem christlichen Cultus hingaben und
+sich in seinen Lehren zu festigen suchten, ja w&auml;hrend
+die Geistlichen noch eifrig bem&uuml;ht waren sie den &raquo;einzig
+wahren&laquo; Gott kennen zu lehren und sie besonders
+unkluger Weise in die Geheimnisse unserer <span class="g">Dogmen</span>
+einzuweihen, kamen pl&ouml;tzlich andere, ebenfalls wei&szlig;e
+M&auml;nner &mdash; Abk&ouml;mmlinge desselben Stammes, mit
+einem anderen Gott, wenigstens mit einem anderen
+Namen desselben, aber unter Jehovas Panier, Jesus
+Christus als den Heiland erkennend, straften die erstgekommenen
+mit ihren Lehren L&uuml;gen, und verlangten
+von den Insulanern sie sollten zum zweiten Mal den
+Glauben &auml;ndern und jetzt den einzig und &raquo;wirklich
+wahren&laquo; Gott erkennen lernen.</p>
+
+<p>Und hatten <span class="g">diese</span> recht? ihre alten Missionaire
+donnerten Anathemas von den Kanzeln nieder, gegen
+sie, vertrieben die &raquo;neuen&laquo; Priester aus dem Land,
+solange sie noch Macht dar&uuml;ber hatten, und stellten
+sie ihren Gemeinden als G&ouml;tzenanbeter und Ungl&auml;ubige
+hin, bis die vertriebenen Priester mit einem franz&ouml;sischen
+Kriegsschiff zur&uuml;ckgebracht, und unter den
+M&uuml;ndungen der Kanonen ihnen das Recht erzwungen
+worden zu <span class="g">bleiben</span> und den neuen Glauben zu <span class="g">lehren</span> &mdash; und
+welchen Eindruck mu&szlig;te das auf die
+Kinder dieser Inseln machen.<span class="pagenum"><a name="Page_235" id="Page_235">[235]</a></span></p>
+
+<p>Die Masse nahm es leicht &mdash; ihr Glaube war
+bei den Meisten noch nicht so ernster Art gewesen,
+ihnen das Herz schwer zu machen, als ihnen andere
+Priester jetzt bewiesen da&szlig; die wei&szlig;en Missionaire,
+die sie bis dahin nur mit Scheu und Ehrfurcht betrachtet,
+von einer anderen Sekte angefeindet und des
+Irrthums ja der L&uuml;ge beschuldigt wurden. Viele
+freuten sich sogar eines Zwanges wieder ledig zu werden,
+der anfing ihnen l&auml;stig zu sein. Andere aber
+auch, die sich dem Christlichen Glauben mit voller
+ungetheilter Kraft und Liebe hingegeben, h&ouml;rten mit
+Entsetzen die neue Lehre, nach der sie ja nur eines
+anderen Unglaubens wegen ihre alten G&ouml;tter verrathen.
+Und war der <span class="g">jetzige</span> Glauben der rechte? &mdash;
+Hatte der erste gelogen, wer stand ihnen dann daf&uuml;r,
+da&szlig; nicht vielleicht in Jahresfrist ein neues Schiff
+auch neue Priester bringen konnte, die wieder verwarfen
+was die jetzigen lehrten? &mdash; und wie dann wurden
+jene Versprechungen wahr, die ihnen von einem
+ewigen Leben gemacht, und derentwegen sie ihre eigenen
+G&ouml;tter verlassen und versto&szlig;en? &mdash; heiliger Gott,
+war das Alles ein M&auml;rchen gewesen, nur von dem
+wei&szlig;en Mann erfunden, sich einzunisten in ihrem
+Land, und die Herrschaft an sich zu rei&szlig;en, wie er es
+gethan?</p>
+
+<p>Manche Thr&auml;ne ist da im Stillen geweint, man<span class="pagenum"><a name="Page_236" id="Page_236">[236]</a></span>ches
+Auge hat da verzweifelnd aufgeblickt, zu den
+freundlichen Sternen, in deren freundlichen Blinken
+sie sonst nur Gl&uuml;ck und Freude sahen, denn einer z&uuml;rnenden
+Gottheit Hand lag auf ihrem Land und sie
+wu&szlig;ten nicht wohin sie sich wenden sollten, den Strahl
+abzulenken der ihr Haupt bedrohte. Vor den alten
+G&ouml;ttern durften sie ja nicht wagen sich wieder niederzuwerfen;
+deren Bilder lagen entehrt &mdash; zerstreut umher
+&mdash; von den Kindern derer gesch&auml;ndet, die einst
+anbetend vor ihnen den Staub gek&uuml;&szlig;t &mdash; und der
+<span class="g">neue</span> Gott? &mdash; Zweifel waren in ihnen wach ger&uuml;ttelt
+<span class="g">dem</span> zu dienen, und in starrem Jammer sahen
+sie die einst so sonnige Welt sie &ouml;de und trostlos umlagern;
+oder sie warfen sich auch im tollen Uebermuth,
+Gott wie die G&ouml;tter von sich sto&szlig;end, jenem chaotischen
+Nichts und mit ihm dem Taumel wilder, zerst&ouml;render
+Vergn&uuml;gungen in die Arme, der ihnen von
+den Fremden im reichen vollen Maa&szlig; geboten wurde.</p>
+
+<p>Solchen Boden mu&szlig;te der alte Mann mit seinem
+stillen traulichen Atiu vertauschen, und nicht einmal
+in den ihm n&auml;chsten Amtsbr&uuml;dern fand er dabei die
+n&ouml;thige Unterst&uuml;tzung und H&uuml;lfe, w&auml;hrend sein klarer
+Verstand, wie sein gutes Herz zu gleicher Zeit auch
+nur zu deutlich f&uuml;hlten, wie gerade deren starrer und
+unduldsamer Fanatismus <span class="g">das</span> Uebel das sie bek&auml;mpfen
+wollten &mdash; einer neuen f&uuml;r irrth&uuml;mlich gehalte<span class="pagenum"><a name="Page_237" id="Page_237">[237]</a></span>nen
+Lehre den Eingang zu verweigern &mdash; unterst&uuml;tzte,
+und dem Feind von den eigenen Truppen ganze
+Schaaren in&#8217;s Lager jagte.</p>
+
+<p>Der ehrw&uuml;rdige Bruder Rowe machte ihm besonders
+das Leben schwer, und so sehr er das f&uuml;hlte und
+den ihm feindlich gesinnten Mann zu einer offenen
+Erkl&auml;rung zwingen wollte, so vorsichtig und geschmeidig
+wich dieser jeder Zeit ihm aus, und selbst der direkten
+Frage hielt er nicht Stand: Jene Zeit war vorbei,
+lange vorbei, wie er sagte, und geschehene Dinge,
+wenn man sie vielleicht auch wieder ungeschehen machen
+m&ouml;chte, nicht mehr zu &auml;ndern &mdash; in <span class="g">seinem</span>
+Herzen lebte kein Gef&uuml;hl der Rache oder des Zornes
+&mdash; weshalb auch Rache? weshalb Zorn? &mdash; wenn
+sich Mr. Osborne Vorw&uuml;rfe &uuml;ber irgend etwas Geschehenes
+zu machen h&auml;tte, so bedauere er das, aber
+er selber thue es nicht &mdash; Mr. Osborne m&uuml;sse das
+mit sich selber ausmachen.</p>
+
+<p>Mr. Osborne vertheidigte sich freilich mit Eifer
+auch selbst gegen eine solche Vermuthung, und sprach
+sich rein von jeder wissentlichen S&uuml;nde, aber Bruder
+Rowe antwortete ihm stets nur durch ein frommes Verdrehen
+der Augen und Achselzucken, und war freundlicher
+als je gegen ihn; aber nichtsdestoweniger schickte
+er im Geheimen Pfeil auf Pfeil ab gegen den alten
+Mann, und verk&uuml;mmerte und tr&uuml;bte diesem das Leben<span class="pagenum"><a name="Page_238" id="Page_238">[238]</a></span>
+derma&szlig;en, da&szlig; er keiner einzigen Stunde mehr froh
+und sein Beruf, der ihm bis dahin eine Lust und
+Freude gewesen, ihm zur schweren traurigen Last
+wurde. Und dennoch gab er sich demselben jetzt mit
+um so gr&ouml;&szlig;erem Eifer hin; er f&uuml;hlte da&szlig; die gute
+Sache gerade jetzt am n&ouml;thigsten einer Hand bed&uuml;rfe,
+die es wirklich gut mit ihr meine, und der es nicht
+blos um Sieg und Herrschaft der Einzelnen, sondern
+wirklich um das Gl&uuml;ck der Eingeborenen zu thun w&auml;re,
+Flei&szlig; und Zeit daran zu opfern.</p>
+
+<p>Die Art aber, wie er dabei seiner Ueberzeugung
+folgte, mu&szlig;te ihm mehr und mehr Gegner unter den
+Missionairen in&#8217;s Leben rufen, deren ganze Energie,
+mit nur wenigen Ausnahmen, einem anderen
+Systeme zustrebte. Diese w&uuml;theten f&ouml;rmlich gegen die
+&raquo;papistischen Gr&auml;uel&laquo; wie sie es nannten, und die
+&raquo;heidnische Wirthschaft&laquo; die pl&ouml;tzlich den Sieg auf
+diesen Inseln errungen, w&auml;hrend sie selbst schon seit
+Jahren dagegen gepredigt und alle ihre Macht, wenn
+auch vergebens, aufgeboten hatten, die fremden Priester
+<span class="g">einer anderen Religion</span> fern zu halten.
+Von den Kanzeln nieder donnerten sie mit allen nur
+m&ouml;glichen und unm&ouml;glichen Bibelcitaten gegen die
+&raquo;Unterdr&uuml;cker des K&ouml;rpers und der Seele&laquo; die Franzosen
+an, die ihnen mit ihren Kriegsschiffen die fremde
+Sekte aufgezwungen; warnten vor dem Antichrist, der<span class="pagenum"><a name="Page_239" id="Page_239">[239]</a></span>
+jetzt unter ihnen herumgehe wie ein br&uuml;llender L&ouml;we,
+zu suchen welchen er verschlinge, und prophezeihten
+die Wiedereinf&uuml;hrung der G&ouml;tzen und Schlachtopfer,
+der Kindesmorde und Glaubenskriege. Starrer als
+je beharrten sie dabei auf ihren Dogmen und Artikeln;
+auch die kleinsten Vergehen gegen ihre eingef&uuml;hrten
+Gebr&auml;uche und Ceremonien <span class="g">ihrer</span> Kirche, ja
+selbst die als heidnisch ausgeschrienen oft selbst unschuldigen
+Vergn&uuml;gungen der Insulaner, wurden zum
+Verbrechen, und mit <span class="g">eiserner</span> Hand wollten sie die
+Schaar der Gl&auml;ubigen, die ihnen noch unverf&uuml;hrt und
+treu anhing, von dem Abgrund zur&uuml;ckhalten, der gierig
+ihre Seelen zu verschlingen drohte.</p>
+
+<p>Der alte ehrw&uuml;rdige Mr. Osborne glaubte dem
+Ziel auf eine andere Art und Weise entgegenarbeiten
+zu m&uuml;ssen, und sein gutes Herz zwang ihn schon dazu.
+Er konnte, trotz allen Bem&uuml;hungen ja Drohungen
+seiner Collegen, nicht dahin gebracht werden die andere
+Lehre zu <span class="g">verdammen</span>, denn mit Recht behauptete
+er, da&szlig; gerade dadurch den Insulanern auch jede
+M&ouml;glichkeit benommen worden sei zwischen den beiden
+zu pr&uuml;fen, wenn von beiden Seiten zu gleicher
+Zeit Fluch und Verdammung gegen sie ausgesprochen
+wurde. Er zeigte ihnen auch nicht den strengen ernsten
+und unvers&ouml;hnlichen Gott, mit dessen Zorn und
+Strafgericht die Anderen drohten, sondern den milden,<span class="pagenum"><a name="Page_240" id="Page_240">[240]</a></span>
+liebenden Vater, der auch dem irrenden Kinde gern
+und willig die Hand reiche und den Pfad zeige, mit
+gutem frommen Herzen darauf zu wandeln, und waren
+sie fr&ouml;hlich dabei, sangen und tanzten sie und
+schm&uuml;ckten sie ihre Haare mit Blumen, so warnte er
+sie wohl vor dem Misbrauch solcher Freude, aber er
+schrie nicht gleich sein Anathema &uuml;ber sie, und sie hatten
+ihn deshalb lieb und glaubten seinen Worten,
+weil ihr Sinn einen Anklang in ihren Herzen fand.</p>
+
+<p>Freilich konnte er aber, trotz alledem, dem tollen
+und unsittlichen Treiben nicht wehren, das die Inseln,
+und vor allen anderen Tahiti, erfa&szlig;t hatte. Durch
+die jetzt fortw&auml;hrend hier anlegenden Kriegsschiffe und
+Wallfischf&auml;nger hatte sich die weibliche Bev&ouml;lkerung,
+mit einer nur sehr geringen Ausnahme, dem Laster
+r&uuml;cksichtslos in die Arme geworfen, und welchen verderblichen
+Einflu&szlig; mu&szlig;te das nicht auf die ganze Bev&ouml;lkerung
+der Insel aus&uuml;ben. Nur die unendliche
+Gutm&uuml;thigkeit und Harmlosigkeit dieser St&auml;mme hielt
+sie dabei vor einem z&uuml;gellosen Ausbruch <span class="g">aller</span> Leidenschaften
+zur&uuml;ck, wie es, unter gleichen Umst&auml;nden,
+in jedem anderen Land der Welt nicht h&auml;tte ausbleiben
+k&ouml;nnen, und es l&auml;&szlig;t sich denken welche wunderliche
+und unnat&uuml;rliche Stellung die Missionaire in
+solcher Umgebung oft einnehmen mu&szlig;ten.</p>
+
+<p>Hierzu kam noch der, zu jener Zeit gerade so ver<span class="pagenum"><a name="Page_241" id="Page_241">[241]</a></span>wickelte
+<span class="g">politische</span> Zustand der Inseln, der eben
+durch den &uuml;bergro&szlig;en Eifer der Missionaire herbeigef&uuml;hrt
+worden, und mit dem ich den Leser, ehe ich
+meine Erz&auml;hlung wieder aufnehme, jedenfalls erst
+vertrauter machen mu&szlig;.</p>
+
+<p>Innere K&auml;mpfe, vorz&uuml;glich durch die Ankunft
+Europ&auml;ischer Schiffe hervorgerufen und gen&auml;hrt, und
+mit den neu eingef&uuml;hrten Feuerwaffen t&ouml;dtlich gemacht,
+hatten die Inseln schon vor der Einf&uuml;hrung des Christenthums
+oder der Ankunft christlicher Missionaire
+ersch&uuml;ttert, und einen Partheienha&szlig; in&#8217;s Leben gerufen,
+der Jahrzehnde wohl unter der Asche glimmend
+lag, aber nur einen Anla&szlig; suchte wieder hervorzubrechen
+und mit erneuter Kraft das wundersch&ouml;ne Land
+zu verw&uuml;sten.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Otu der aus einer wunderlichen Ursache den Namen
+Pomare<a name="FNanchor_H_8" id="FNanchor_H_8"></a><a href="#Footnote_H_8" class="fnanchor">[H]</a> annahm, wu&szlig;te sich, nachdem der
+<span class="pagenum"><a name="Page_242" id="Page_242">[242]</a></span>rechtm&auml;&szlig;ige K&ouml;nigsstamm vertrieben worden, zum
+obersten H&auml;uptling, ja zum <span class="smcap">Arii rahi</span> oder K&ouml;nig
+der Inseln emporzuschwingen, und es gelang ihm
+auch, besonders durch die gerade damals landenden
+Europ&auml;ischen Schiffe unterst&uuml;tzt, sich zu halten und
+seinem Geschlechte Rang und W&uuml;rde erblich zu machen.
+Nichtsdestoweniger lebten aber noch H&auml;uptlinge
+des anderen Stammes, und nicht mit Unrecht
+glaubte besonders der Sohn Otus, Pomare <span class="smcap">II.</span> eine
+kr&auml;ftige St&uuml;tze seiner Macht in den fremden wei&szlig;en
+M&auml;nnern zu erhalten, deren Religion er auch annahm,
+ohne sich jedoch in seinen Sitten viel nach
+ihnen zu richten &mdash; wie er denn auch in Folge seiner
+Ausschweifungen haupts&auml;chlich starb. &mdash; Ja er
+lie&szlig; sich sogar in h&ouml;chst unchristliche Kriege um sein
+G&ouml;tzenbild Oro ein, in Folge dessen eine Revolution
+ausbrach und der K&ouml;nig vertrieben, die Mission selber
+zersprengt wurde. Der Verlust seiner Macht
+wurmte aber den K&ouml;nig, und vielleicht f&uuml;hlend da&szlig;
+ihn seine anderen G&ouml;tter nicht genug gesch&uuml;tzt hatten,
+und von dem neuen Gotte gr&ouml;&szlig;ere Protection erhoffend,
+vielleicht niedergebeugt durch manche h&auml;usliche
+Leiden zu gleicher Zeit, denn seine K&ouml;nigin war ihm
+ebenfalls gestorben, warf er das alte Heidenthum jetzt
+von sich, bekehrte sich &ouml;ffentlich zum Christenthum und
+f&uuml;hrte dies, mit H&uuml;lfe des Oberpriesters Tati, der die<span class="pagenum"><a name="Page_243" id="Page_243">[243]</a></span>
+ihm bis dahin anvertrauten G&ouml;tterbilder &ouml;ffentlich verbrannte,
+auch auf den &uuml;brigen Inseln ein.</p>
+
+<p>Er starb am 30. Nov. 1821 und hinterlie&szlig; nur
+einen Sohn von 18 Monaten etwa, den aber die
+Missionaire jetzt in ihrem Sinn und Geist zu erziehen
+hofften, inde&szlig; sie, w&auml;hrend sie selber das Staatsruder
+in H&auml;nden f&uuml;hrten, die Regentschaft seiner Tante &uuml;bertrugen.
+Aber der junge Prinz starb schon 1827 &mdash;
+die fremde strenge Lebensweise in der ihn die Priester
+hielten, konnte seine &uuml;berdies schw&auml;chliche Natur nicht
+vertragen, und das Volk rief jetzt, nicht ohne den Einflu&szlig;
+seiner Lehrer, die die Macht in diesem K&ouml;nigsgeschlechte
+wahren mu&szlig;ten wenn sie nicht f&uuml;rchten
+wollten den kaum befestigten Einflu&szlig; wieder zu verlieren,
+Aimata die Tochter ihres vorigen K&ouml;nigs und
+Schwester des letztverstorbenen zu seiner Herrscherin
+aus.</p>
+
+<p>Nur gezwungen f&uuml;gten sich aber die alten, von
+dem anderen K&ouml;nigstamm abzweigenden H&auml;uptlinge,
+Tati an ihrer Spitze, denn mit des jungen F&uuml;rsten
+Tode bot sich neue Hoffnung ihren noch nie aufgegebenen
+Anspr&uuml;chen auf den Thron des Reichs; aber
+das Christenthum war schon zu m&auml;chtig geworden
+im Land, die Missionaire besonders hatten zu gro&szlig;en
+Einflu&szlig; gewonnen &uuml;ber die Bewohner und ihre Frauen,<span class="pagenum"><a name="Page_244" id="Page_244">[244]</a></span>
+und jeder andere Anspruch verschwand vor der Krone
+der jungen sch&ouml;nen K&ouml;nigin<a name="FNanchor_I_9" id="FNanchor_I_9"></a><a href="#Footnote_I_9" class="fnanchor">[I]</a>.</p>
+
+<p>Die englischen Missionaire waren jetzt, so sehr
+sie sich auch M&uuml;he gaben jeden politischen Einflu&szlig;,
+Europa gegen&uuml;ber, von sich zu weisen, und schon
+seit der Kr&ouml;nung und Salbung des fr&uuml;heren jungen
+Herrschers, die eigentlich regierenden Herren des Landes;
+sie gaben Gesetze und verwalteten, indem sie &uuml;ber
+die Arbeitskr&auml;fte des Volkes geboten, die Kassen des
+Landes. In ihren H&auml;nden lag dabei der Haupt-Handel
+der Insel, denn ihre Unterst&uuml;tzung vom Mutterland
+wurde ihnen nat&uuml;rlich nicht in Geld sondern
+in englischen Waaren, die sie zu t&uuml;chtigen Preisen
+wieder verwertheten, &uuml;bersandt, und es l&auml;&szlig;t sich denken
+da&szlig; sie eifers&uuml;chtig dar&uuml;ber wachten, solcher Vortheile
+nicht so rasch und leicht wieder beraubt zu
+werden.</p>
+
+<p>Eine solche Gefahr drohte ihnen aber im Jahr
+1836, wo zwei von den Gambier-Inseln abgesandte
+Katholische Priester, Laval und Caret ziemlich heimlich
+auf Tahiti landeten und dort festen Fu&szlig; zu fassen<span class="pagenum"><a name="Page_245" id="Page_245">[245]</a></span>
+suchten. Aber die Protestantischen Missionaire waren
+auf ihrer Hut und beschlossen, der Kraft der von ihnen
+gepredigten Lehre und der einfachen Leichtgl&auml;ubigkeit
+ihrer Beichtkinder doch nicht so recht trauend, die
+gef&auml;hrlichen Fremden unter jeder Bedingung und so
+rasch als m&ouml;glich wieder zu entfernen.</p>
+
+<p>Die Priester machten inde&szlig; der K&ouml;nigin ihre Aufwartung
+die sie in Gegenwart ihrer Missionaire empfing,
+und ersuchten sie ihnen den Aufenthalt zu gestatten,
+legten auch, als sie den Platz wieder verlie&szlig;en,
+Geschenke f&uuml;r Pomare nieder, die nach einigem
+Weigern angenommen wurden; nichtsdestoweniger
+wurde ihnen in einer n&auml;chsten Versammlung, wobei
+einige der H&auml;uptlinge gegenw&auml;rtig waren, und
+die sie in Begleitung des Amerikanischen Consuls,
+Herrn M&ouml;renhout besuchten, die Er&ouml;ffnung gemacht,
+da&szlig; ihnen der Aufenthalt auf diesen Inseln <span class="g">nicht</span>
+gestattet werden k&ouml;nne. Die Katholischen Geistlichen
+protestirten dagegen, aber am n&auml;chsten Morgen bekamen
+sie die ganz unzweideutige Weisung der K&ouml;nigin
+die Insel ohne weiteres wieder zu verlassen, und
+als auch hierauf eine direkte Bitte an die K&ouml;nigin,
+sie ungehindert hier weilen zu lassen, Nichts half,
+schlossen sie sich in das ihnen von M&ouml;renhout gegebene
+Haus ein, und wichen nur erst der f&ouml;rmlichen
+Gewalt, denn die von den Protestantischen Missio<span class="pagenum"><a name="Page_246" id="Page_246">[246]</a></span>nairen
+abgeschickte Polizei kletterte am Haus hinauf,
+stieg durch das Dach, und <span class="g">trug</span> die Priester, die
+nicht gutwillig gehen wollten, wieder auf ihr Fahrzeug
+zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Diese That sollte nicht ohne traurige Folgen f&uuml;r
+die Inseln bleiben, denn die religi&ouml;se Unduldsamkeit
+der Missionaire &ouml;ffnete dem schon darauf harrenden
+Feind die Thore, gab Frankreich einen erw&uuml;nschten
+Vorwand seinen Handel wie seine Religion dort vor
+allen Dingen zu befestigen, und dann die ganze Insel,
+als seiner Schiffahrt g&uuml;nstig gelegen, zu besetzen.
+Caret reiste nach Frankreich, dort Genugthuung f&uuml;r
+die erlittene Behandlung zu erbitten, und dem Admiral
+Du Petit Thouars wurde es aufgetragen ein schwaches
+friedliches Reich zu unterwerfen, das bis dahin
+noch keinem Fremden Uebles gethan, sondern Alle,
+gleichviel von welchem Lande, von welcher Religion
+in gastlicher Herzlichkeit bei sich aufgenommen hatte,
+bis jene fremden Priester selber einander befehdeten
+und Leid und Unheil &uuml;ber jene sch&ouml;nen K&uuml;sten brachten,
+die Gottes Vaterhuld mit Allem ausgeschm&uuml;ckt
+was gro&szlig; und herrlich war.</p>
+
+<p>Im August 1838 ankerte die Fregatte Venus auf
+der Rhede von Papetee, und Du Petit Thouars erkl&auml;rte
+der K&ouml;nigin Pomare in einem Schreiben, da&szlig;
+er gekommen sei f&uuml;r die unw&uuml;rdige Behandlung mehrer<span class="pagenum"><a name="Page_247" id="Page_247">[247]</a></span>
+Franz&ouml;sischer Unterthanen, vorz&uuml;glich aber der beiden
+von hier exilirten Priester Caret und Laval Genugthuung
+zu fordern, und jetzt vor allen Dingen eine
+schriftliche Entschuldigung der K&ouml;nigin, die Summe
+von 2000 Spanischen Dollarn als Entsch&auml;digung f&uuml;r
+die erlittene Unbill der Priester, und die Begr&uuml;&szlig;ung
+der Franz&ouml;sischen Flagge mit 21 Kanonensch&uuml;ssen verlange.
+Widrigenfalls drohten die M&uuml;ndungen der
+Gesch&uuml;tze Vernichtung &uuml;ber den offen und schutzlos
+daliegenden Strand.</p>
+
+<p>Die arme Pomare hatte keine Wahl; sie schrieb
+den Brief, erbat sich das Pulver selbst von der Franz&ouml;sischen
+Fregatte zu den verlangten Sch&uuml;ssen, und die
+Missionaire, deren Eigenthum bei einer Kanonade auch
+am meisten bedroht gewesen w&auml;re, collectirten das Geld
+theils unter sich, theils bei anderen Engl&auml;ndern und
+Amerikanern der Inseln, und befriedigten damit den
+Franz&ouml;sischen Admiral.</p>
+
+<p>Aber Du Petit Thouars ging weiter, und nicht
+bedenkend da&szlig; ein schwaches Volk dasselbe Recht, wenn
+auch nicht dieselbe Macht habe, ihm misliebige Personen
+von sich fern zu halten, und vielleicht von einem
+etwas rachs&uuml;chtigen Gef&uuml;hl gegen die allerdings
+&uuml;berm&uuml;thigen Protestantischen Priester geleitet, erzwang
+er noch au&szlig;erdem einen Vertrag von den Eingeborenen,
+nach dem allen Franzosen: &raquo;was auch<span class="pagenum"><a name="Page_248" id="Page_248">[248]</a></span>
+immer ihr Gewerbe sei&laquo; (also auch den Franz&ouml;sischen
+Katholischen Missionairen) das Recht zustehen sollte,
+sich niederzulassen und Handel zu treiben auf allen
+Inseln.</p>
+
+<p>Ein bald nach ihm kommendes Kriegsschiff, die
+Artemise, Capitain La Place ging noch weiter und
+verlangte und erhielt &mdash; denn wie h&auml;tten sich ihm die
+Tahitier widersetzen k&ouml;nnen &mdash; volle Religionsfreiheit
+f&uuml;r alle Katholiken und einen Bauplatz f&uuml;r eine Katholische
+Kirche.</p>
+
+<p>Wenn aber auch die Protestantischen Missionaire
+diese Vorg&auml;nge mit stillem, freilich deshalb nicht minder
+heftigem Unmuth dulden mu&szlig;ten, gab es doch
+eine Parthei auf Tahiti, die mit Freuden einen Wechsel
+in den politischen Verh&auml;ltnissen hereinbrechen sah,
+den sie bis dahin kaum f&uuml;r m&ouml;glich gehalten. Es
+waren dies die von den Pomaren ihrer Macht beraubten
+H&auml;uptlinge, die nur mit heimlichem Grimm
+die Oberherrschaft der fremden ihnen feindlich gesinnten
+Priester gef&uuml;hlt, und vergebens gesucht hatten
+ihnen entgegen zu arbeiten. Nicht mit Unrecht hofften
+diese, da&szlig; die neuen, einer anderen Sekte zugeh&ouml;rigen
+Priester den Einflu&szlig; jener stolzen M&auml;nner schw&auml;chen
+m&uuml;&szlig;ten, und einmal dieser St&uuml;tze beraubt, und
+der Thron der Pomaren stand auch nicht so unersch&uuml;tterlich
+mehr. Noch aber hatten die Englischen<span class="pagenum"><a name="Page_249" id="Page_249">[249]</a></span>
+Missionaire die Z&uuml;gel in den H&auml;nden, und als das
+Franz&ouml;sische Kriegsschiff die K&uuml;ste wieder verlassen,
+donnerten sie von den Kanzeln mit allem Ingrimm
+des hartn&auml;ckigsten Fanatismus gegen die neue Lehre,
+deren Symbole sie mit den fr&uuml;heren heidnischen Uebungen
+der Insulaner selber verglichen, und deren Lehren
+dem h&ouml;llischen Abgrund gerade zuf&uuml;hrten.</p>
+
+<p>Die Katholische Religion machte nur geringe Fortschritte,
+die Protestantischen Missionaire behaupteten
+ihre Macht, und wenn auch schon des Zweifels Saamen
+war eingestreut worden in die Herzen der armen
+Insulaner, die mit Entsetzen Feinde ihres Glaubens
+in demselben Volk erstehen sahen, das ihnen den neuen
+Gott gebracht, dauerte das dem hei&szlig;en ungeduldigen
+Blut der unruhigen H&auml;uptlinge zu lang, und mit der
+schon fast erstorbenen Hoffnung einstigen Sieges frisch
+angefacht, harrten sie, nicht stark genug ihn selber zu
+f&uuml;hren, einem frischen Schlag wider die Macht ihrer
+Nebenbuhler sehns&uuml;chtig entgegen.</p>
+
+<p>Einen halben Bundesgenossen, Jemanden wenigstens,
+der der Franz&ouml;sischen Sache eng ergeben und
+den Protestantischen Missionairen nicht besonders
+geneigt war, hatten sie in dem fr&uuml;heren Amerikanischen
+Consul M&ouml;renhout, der dem Pietistischen Wesen
+der Protestanten theils abhold, anderseits auch seinen
+eigenen Nutzen durch die Oberherrschaft der Franzosen<span class="pagenum"><a name="Page_250" id="Page_250">[250]</a></span>
+zu bef&ouml;rdern glaubte, unter deren Schutz oder Protectorat
+er jetzt die Inseln zu bringen suchte.</p>
+
+<p>Ob er seinen Freunden, den unzufriedenen H&auml;uptlingen
+seine ganzen Pl&auml;ne mittheilte, ist nicht bekannt,
+aber soviel gewi&szlig;, da&szlig; im September 1842, als die
+Franz&ouml;sische Fregatte Reine Blanche unter dem, vorgeschobener
+Unbilden wegen neue enorme Forderungen
+stellenden <span class="g">Admiral</span> Du Petit Thouars vor Papetee
+ankerte, die vier H&auml;uptlinge Tati, Raiata, Utami
+und Hitoti mit M&ouml;renhout an Bord gingen, und dort
+einen Vertrag unterzeichneten, in welchem sie den Admiral
+baten, da sie nicht im Stande w&auml;ren ihr Land
+jetzt so zu regieren mit anderen m&auml;chtigeren Regierungen
+in Frieden zu leben, ihre Inseln unter den
+Schutz seines K&ouml;nigs zu nehmen, der ihnen jedoch,
+neben der Religionsfreiheit, alle &uuml;brigen Rechte unbek&uuml;mmert
+lie&szlig; und garantirte.</p>
+
+<p>Die Einwilligung der K&ouml;nigin, die jeden Augenblick
+ihrer Entbindung entgegensah, wurde unter der
+Drohung des Franz&ouml;sischen Admirals von 10,000
+Dollar Entsch&auml;digungssumme f&uuml;r allerdings nur imagin&auml;re
+Unbill, oder volle Besitznahme der Inseln im
+Namen Sr. Majest&auml;t, des K&ouml;nigs von Frankreich <span class="g">erzwungen</span>
+und, selbst die Clausel eingeschlossen, die den
+Protestantischen Missionairen, der neuen Macht gegen&uuml;ber,
+v&ouml;llig die H&auml;nde band, da&szlig; n&auml;mlich &raquo;irgend ein<span class="pagenum"><a name="Page_251" id="Page_251">[251]</a></span>
+Mann, der das Tahitische Volk mit Wort oder That
+gegen die Franz&ouml;sische Regierung einzunehmen suche,
+verbannt werden solle von den Inseln.&laquo;</p>
+
+<p>In dieser Zeit aber war gerade der Mann abwesend
+von Tahiti, der bis dahin den meisten Einflu&szlig;
+als Protestantischer Geistlicher sowohl wie mehr irdischer
+Richter auf die K&ouml;nigin gehabt. Mr. Pritchard
+war nach England gegangen, die Englische Regierung
+f&uuml;r das kleine Insel-Reich zu interessiren und es gegen
+die wohl vorhergesehenen und gef&uuml;rchteten Uebergriffe
+Katholischer Priester sowohl wie Franz&ouml;sischer Kriegsschiffe
+zu sch&uuml;tzen; aber die zur&uuml;ckgebliebenen Missionaire
+hofften destomehr auf diese H&uuml;lfe, zu der sie,
+wie sie glaubten, die neue Ungerechtigkeit des Franz&ouml;sischen
+Befehlshabers jetzt nur noch mehr berechtigte,
+wenn nicht dem Englischen Volk auch der letzte Einflu&szlig;
+auf diese Inseln entzogen werden sollte.</p>
+
+<p>Kaum hatte deshalb Du Petit Thouars die Inseln
+wieder verlassen als sie, jedes Vertrags ungeachtet,
+an den sie sich nicht gebunden erkl&auml;rten, und die
+K&ouml;nigin selber, da er ihr abgezwungen worden, davon
+entbanden, frei und offen in ihren Kirchen das
+Entsetzliche der Gefahr schilderten, in der die Seelen
+ihrer Beichtkinder schwebten, von dem Antichrist an
+sich gezogen und zerst&ouml;rt zu werden. Der blinde Fanatismus
+Einzelner trieb schon zum Aeu&szlig;ersten, keine<span class="pagenum"><a name="Page_252" id="Page_252">[252]</a></span>
+Folgen der r&uuml;ckkehrenden Kriegsschiffe berechnend, h&auml;tten
+Andere nicht den wilden Eifer ged&auml;mmt, einen
+g&uuml;nstigen Zeitpunkt wenigstens zu erwarten den &raquo;papistischen
+Gr&auml;ueln&laquo; mit <span class="g">einem</span> gewaltigen Schlag
+ein Ende zu machen.</p>
+
+<p>So standen die Sachen im Herbst des Jahres
+1843, und w&auml;hrend die Bewohner Tahitis theils
+Parthei f&uuml;r ihre Missionaire ergriffen, theils in kalter
+Gleichg&uuml;ltigkeit den Streitigkeiten der &raquo;beiden wei&szlig;en
+Gotte&laquo; zusahen und ihren Erfolg abwarteten, arbeiteten
+die Protestanten unverdrossen ihrem einen Ziel
+entgegen, und die unruhigen H&auml;uptlinge suchten vergebens
+den Conflikt zu ihren Gunsten auszubeuten.
+Die Franzosen hatten versprochen ihre Bundesgenossen
+zu werden, und sie in ihren gerechten Anspr&uuml;chen zu
+unterst&uuml;tzen, und jetzt befestigten sie nur die eigene
+Macht auf den Inseln und brachen der fremden Lehre
+Bahn &mdash; was k&uuml;mmerte die trotzigen Herzen ein neuer
+Name Gottes.</p>
+
+<div class="footnotes"><h3>Fu&szlig;noten:</h3>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_H_8" id="Footnote_H_8"></a><a href="#FNanchor_H_8"><span class="label">[H]</span></a> Der K&ouml;nig schlug einst sein Lager zwischen den Bergen
+auf, und der Platz wo er lag war gerade dem Thau und
+einer scharfen Zugluft ausgesetzt. In der Nacht erk&auml;ltete er
+sich und bekam einen Husten, wonach Einer seiner H&ouml;flinge
+diese Nacht eine Husten-Nacht (von <span class="smcap">po</span> Nacht und <span class="smcap">mare</span>
+Husten) nannte. Dem K&ouml;nig gefiel der Klang des Worts
+vielleicht, vielleicht hatte er eine andere Ursache, kurz er beschlo&szlig;
+sich von der Zeit an <span class="smcap">Po-mare</span> zu nennen, und der
+Titel ist jetzt, als erblich, auf seine Nachkommen &uuml;bergegangen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_I_9" id="Footnote_I_9"></a><a href="#FNanchor_I_9"><span class="label">[I]</span></a> Aimata oder Pomare <span class="smcap">IV.</span> ist etwa 1812 geboren und
+war zuerst an einen jungen H&auml;uptling von Tahaa verheirathet,
+von dem sie sich wieder schied und zu ihrem zweiten Gemahl
+einen anderen jungen H&auml;uptling von Huaheine, einer Nachbarinsel,
+nahm.</p></div>
+</div>
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_253" id="Page_253">[253]</a></span></p>
+<h2><a name="Capitel_9" id="Capitel_9"></a>Capitel 9.</h2>
+
+<h3>Die vier H&auml;uptlinge.</h3>
+
+
+<p>Ein sonniger Himmel spannte sich &uuml;ber die wildzerrissenen
+aber bis in ihre h&ouml;chsten Kuppen bewaldeten
+Berge von Tahiti; aus den tiefen Th&auml;lern
+stiegen in festen, zusammengedr&auml;ngten Massen die
+wei&szlig;en schwankenden Schwaden auf, und wollten sich
+ausbreiten gegen den m&auml;chtigen Feind, aber die sengenden
+Strahlen trieben sie zur&uuml;ck, hinein wieder in
+Schlucht und Bergeshang, und hie und da niedergepre&szlig;t
+auf eine Halde, oder hingetrieben von dem neckischen
+Seewind &uuml;ber den saftigen Anwuchs breitbl&auml;ttriger
+<span class="smcap">Feis</span><a name="FNanchor_J_10" id="FNanchor_J_10"></a><a href="#Footnote_J_10" class="fnanchor">[J]</a>, mu&szlig;ten sie sich wohl dicht an den Bo<span class="pagenum"><a name="Page_254" id="Page_254">[254]</a></span>den
+schmiegen, unter Laub und Busch, dem einsamen
+J&auml;ger das wunderliche Schauspiel einer Schneelandschaft
+in den Tropen bietend, so wei&szlig; und weich lagen
+sie unter Busch und Strauch und f&uuml;llten die Th&auml;ler
+aus, Inseln bildend aus Kuppe und Kraterhang.</p>
+
+<p>Und die Palmen im Thal unten sch&uuml;ttelten den
+Thau aus ihren wehenden Kronen, und rauschten
+und fl&uuml;sterten dem Morgenwind ihren Gru&szlig; entgegen;
+aus dem Schatten eines m&auml;chtigen Wibaums<a name="FNanchor_K_11" id="FNanchor_K_11"></a><a href="#Footnote_K_11" class="fnanchor">[K]</a>
+fl&ouml;tete der Omaomao<a name="FNanchor_L_12" id="FNanchor_L_12"></a><a href="#Footnote_L_12" class="fnanchor">[L]</a>, die Tahitische Drossel und
+der gellende Schrei der M&ouml;ve, die &uuml;ber dem spiegelglatten,
+crystallhellen Binnenwasser der Riffe nach
+Beute strich, mischte sich darein. Von fern her&uuml;ber
+aber donnerte klar und gewaltig das Brausen der
+ewigen Brandung &uuml;ber die Corallenw&auml;lle, die in einem
+weiten, nur an sehr wenigen Stellen kaum unterbrochenen
+Kreis all diese Inseln umgeben, als ob<span class="pagenum"><a name="Page_255" id="Page_255">[255]</a></span>
+sie das freundliche Land sch&uuml;tzen wollten gegen den
+wilden ungest&uuml;men Andrang der Wogen und ihre
+zerst&ouml;rende Macht &mdash; die Elemente waren freundlicher
+gegen dies Paradies als die Menschen.</p>
+
+<p>Weit aus nach allen Seiten breitete dabei das
+blaue Meer, hie und da &uuml;ber die Fl&auml;che blitzte der
+Schein eines hellen Segels, und aus der Ferne her&uuml;ber
+ragten die schroffen pittoresken Kuppen Imeos
+oder Moreas, mit dem Palmeng&uuml;rtel, der den Fu&szlig;
+ihrer Berge umschlo&szlig;, eben sichtbar &uuml;ber dem Meeresspiegel.
+Massen von kleinen schlanken Canoes, den
+Luvbaum<a name="FNanchor_M_13" id="FNanchor_M_13"></a><a href="#Footnote_M_13" class="fnanchor">[M]</a> an der Seite, der das schwanke Fahrzeug
+vor dem Umschlagen wahren sollte, glitten &uuml;ber
+das blitzende Binnenwasser, aus den Corallen herauf,
+mit Harpune oder Netz ihr Mahl zu holen, und oft
+unter der st&uuml;rzenden Brandung hin, der kochenden
+Woge wie im Sprung entgehend, scho&szlig; der schwanke
+Bau wie ein dunkler Streif durch den schneeigen
+Schaum, und das braune trotzige Gesicht warf sich
+den Gischt aus dem lockigen Haar mit fr&ouml;hlichem
+Lachen.<span class="pagenum"><a name="Page_256" id="Page_256">[256]</a></span></p>
+
+<p>Wie lauschig und versteckt lagen die H&uuml;tten der
+Eingeborenen in jenen schattigen Hainen, die das
+Ufer mit ihrem schwellenden Gr&uuml;n &uuml;berzogen, und
+aus dem heraus sich die prachtvollen Cocospalmen
+noch weit &uuml;ber den Meeresspiegel beugten, als ob
+sie ihr Bild wiederfinden wollten in dem Crystall
+da unten. Wie dufteten die Orangen und Citronen,
+die schneeigen Sternblumen und die Mangabl&uuml;the so
+s&uuml;&szlig;; das Bananenblatt zitterte und raschelte in dem
+Zephyr, der sich durch Blum und Bl&uuml;the stahl, seine
+Bahn zu suchen, den Kl&uuml;ften der Berge zu, und der
+stattliche Brodfruchtbaum dr&auml;ngte sich mit seinen gefingerten
+einzelnen Bl&auml;ttern in das stattliche Laub der
+Mape; die Papaya sch&uuml;ttelte ihre Kelche aus auf
+Ananas und Tappo-Tappo<a name="FNanchor_N_14" id="FNanchor_N_14"></a><a href="#Footnote_N_14" class="fnanchor">[N]</a>, die k&ouml;stlichen Fr&uuml;chte
+dieser Zone, und tief im schattigen Laub versteckt
+gl&uuml;hten duftende Bl&uuml;then, und hoben ihre Kelche
+dem sonnigen Licht entgegen.</p>
+
+<p>Es war ein Paradies das Gottes milde Vaterhand
+erschaffen, ein Paradies von seinem Athem durchweht,
+und Seiner Werke Herrlichkeit k&uuml;ndend zu jeder
+Stunde &mdash; ein Paradies das nur die Leidenschaft<span class="pagenum"><a name="Page_257" id="Page_257">[257]</a></span>
+und das trotzige Herz des Menschen oft, ach wie oft,
+so muth- und b&ouml;swillig verdarb und zerst&ouml;rte und
+Ha&szlig; und Schmerz s&auml;ete, selbst zwischen diese Palmen,
+und den Frieden verjagte, der auf den stillen Matten
+in heiterer Ruhe lagerte. Ehrgeiz und Fanatismus,
+Sinnlichkeit, Geldgier und sorgloser Leichtsinn reichten
+sich einander die Hand und der Indianer, der
+gastliche Herr dieses Aufenthalts in dem Engel h&auml;tten
+schwelgen k&ouml;nnen, sah in kurzsichtiger Lust wie die
+fremden M&auml;nner Spiel nach Spiel in sein Canoe
+h&auml;uften, es schm&uuml;ckten und verzierten und beluden &mdash;
+bis es <span class="g">sank</span>.</p>
+
+<p>Sorglose Kinder des Augenblicks, denen Palme
+und Brodfrucht jeden Tag gaben was der Tag begehrte,
+was k&uuml;mmerte sie die Zukunft? Der bunte
+Flittertand freute sie, jeder goldenen, blitzenden Masche
+jubelten sie entgegen, und ahneten das Netz nicht,
+das sich langsam aber sicher daraus wob, sie niederzuziehen
+aus ihrem Himmel.</p>
+
+<p>Aber nicht Alle theilten diese Apathie an den Ereignissen
+des Tages, denen das Volk kaum das Ohr
+lieh wenn sie geschehen; wie die Protestantischen Missionaire
+um den ersch&uuml;tterten Stamm die Wurzeln
+wieder tiefer senkten und gruben, ihm mehr Festigkeit
+zu geben bei dem n&auml;chsten Sturm, so nagte der
+Ehrgeiz, und andere Leidenschaften vielleicht, an den<span class="pagenum"><a name="Page_258" id="Page_258">[258]</a></span>
+Herzen jener stolzen H&auml;uptlinge, die K&ouml;nigsblut in
+ihren Adern f&uuml;hlten, und der stille Frieden selbst der
+sie umgab reizte den schlafenden Grimm in ihrer Brust,
+und wandelte ihnen ihr Paradies zu einem Aufenthalt
+der Qual.</p>
+
+<p>In Papara, dem s&uuml;dwestlichen Theil von Tahiti
+stand, von m&auml;chtigen Mapeb&auml;umen beschattet, dicht
+am Uferrand eines kleinen klaren Bergbachs, der sprudelnd
+und silberrein aus den Bergen niedersprang,
+eine jener breitovalen, aus Bambus errichteten und
+mit den Bl&auml;ttern der Pandanus dicht gedeckten H&uuml;tten,
+um die sich der weiche Rasen schlo&szlig; und der Brodfruchtb&auml;ume
+und wehende Palmen das Dach bildeten,
+den sengenden Sonnenstrahl abzuhalten von dem stillen
+Platz. Ein lauschiges Halbdunkel lagerte auf
+dem nur leise rauschenden, fl&uuml;sternden Hain, dem die
+von der Brise kaum bewegten Wasser tausend und
+tausend kleine funkelnde Lichter entgegenblitzten.</p>
+
+<p>Aber keine fr&ouml;hliche Kinderschaar spielte und sprang
+hier am Muschelstrand, oder schaukelte sich an langem,
+in die Wipfel der Palmen gekn&uuml;pften Bastseil weit
+und keck hinaus &uuml;ber den korallendrohenden Wasserspiegel;
+kein schlankes Weib mit blumengeschm&uuml;cktem
+Haar sammelte die Frucht von dem nahen Baum
+und breitete das reinliche Hibiscusblatt zum frischen
+Mahl. Nur an den Stamm einer Palme gelehnt,<span class="pagenum"><a name="Page_259" id="Page_259">[259]</a></span>
+die Lenden mit dem <span class="smcap">pareu</span>, noch aus der auf der
+Insel selbst gefertigten Tapa<a name="FNanchor_O_15" id="FNanchor_O_15"></a><a href="#Footnote_O_15" class="fnanchor">[O]</a> umwunden, deren
+gelbbraune Falten ihm fast bis zum Knie niederfielen,
+w&auml;hrend Bein, Schultern und Leib die zierlichen
+blauen Linien der alten, und durch die Missionaire
+sonst fast &uuml;berall verp&ouml;nten T&auml;ttowirungen zeigten,
+lehnte ein Insulaner und schaute still und schweigend,
+wie in tiefem Nachdenken versenkt, auf das weite sonnige
+tiefblaue Meer hinaus, das seinen Strand besp&uuml;hlte.</p>
+
+<p>Es war eine edle, kr&auml;ftige Gestalt wie sie da stand
+unter der K&ouml;nigin des Waldes, und das weiche rabenschwarze
+lockige Haar fiel ihr, ungleich der frommen
+von den Protestantischen Geistlichen eingef&uuml;hrten
+Sitte es kurz abzuschneiden, voll und lang um
+die Schl&auml;fe, bis auf die Schultern nieder. Aber keine
+Blume stak darin oder hinter dem Ohr, noch gl&auml;nzte
+sonst ein Schmuck an Arm, Hals oder Handgelenk,
+und die k&uuml;hnen Z&uuml;ge und Arabesken des T&auml;ttowirers,
+alte heidnische Zeichen mit Haifischz&auml;hnen in unvergehbaren
+Punkten der Haut eingegraben, lagen fast<span class="pagenum"><a name="Page_260" id="Page_260">[260]</a></span>
+drohend auf den vollgespannten Muskeln und Sehnen
+der nervigen Glieder.</p>
+
+<p>Da wurden leise aber regelm&auml;&szlig;ige Schritte im
+Laube laut &mdash; n&auml;her und n&auml;her kamen sie heran, und
+eine andere Gestalt erschien unter den schattigen Bl&uuml;the
+und Frucht bedeckten Orangen; aber der Sinnende
+h&ouml;rte die Schritte nicht, seinem Tr&auml;umen willenlos
+hingegeben, und der Neugekommene stand mit verschr&auml;nkten
+Armen wohl mehrere Minuten lang schweigend
+neben ihm, inde&szlig; sein Blick in tiefem Ernst und
+Sinnen auf ihm haftete.</p>
+
+<p>Dem Aeu&szlig;eren nach aber war es eine andere
+Gestalt, als die des ernsten Tr&auml;umers an der Palme,
+seine Lenden umschlo&szlig;, wie bei dem Ersten nur ein
+etwas bunterer Pareu, der Oberk&ouml;rper stak aber in
+einem noch bunteren Oberhemd, und unter den, mit
+wohlriechendem Oel gesalbten Locken vor leuchteten
+die eben aufgebrochenen Knospen des Cap-Jasmin,
+jener reizenden lilienartigen Gardenia mit dem vollen
+Narcissenduft. Die Beine waren nackt, und die alten
+T&auml;ttowirungen auch auf ihnen sichtbar, aber der Pareu
+ging tief hinab und verh&uuml;llte das meiste davon, bis
+auf die zierlich gezeichneten Palmen, deren Wurzeln
+auf den Hacken sa&szlig;en w&auml;hrend der Stamm am hinteren
+Theil des Beines schlank und zierlich hinauf
+lief, sich &uuml;ber den Waden mit seinen breiten, feder<span class="pagenum"><a name="Page_261" id="Page_261">[261]</a></span>artigen
+Blattkronen auszubreiten. In der Hand trug
+er einen schlanken langen Bogen und einige buntbefiederte
+Pfeile mit Eisenspitzen (keine Waffen in jener
+Zeit, wo die inneren Kriege aufgeh&ouml;rt hatten, und die
+Insulaner recht gut die Nichtigkeit solcher Wehr gegen
+Feuerwaffen erkannten, sondern mehr ein Spielzeug
+oder besser gesagt ein Uebungsspiel der Vornehmen,
+das besonders der Lieblingszeitvertreib des vorigen
+K&ouml;nigs gewesen) und um den Scheitel zog sich ihm
+ein wunderlich geflochtener Kranz von Gardenien mit
+den silberwei&szlig;en Fasern der Arrowroot und kleinen
+rothen Bl&uuml;then bunt durchwebt.</p>
+
+<p>&raquo;Joranna Tati!&laquo; rief er endlich lachend, als er
+wohl glaubte den Sinnenden seinen Betrachtungen
+lange genug &uuml;berlassen zu haben, und w&auml;hrend ein
+leichtes L&auml;cheln seine sch&ouml;nen Z&uuml;ge &uuml;berflog &mdash; &raquo;Joranna
+Mann, und was h&auml;ngst Du den Kopf und
+schaust so still und br&uuml;tend vor Dich hin, als ob
+Du&laquo; &mdash; es zuckte sp&ouml;ttisch um seinen Mund &mdash; &raquo;pl&ouml;tzlich
+ein Missionair geworden w&auml;rest? Wollen Dich
+die frommen V&auml;ter vielleicht nach den Gambier-Inseln
+senden, ihren &raquo;Br&uuml;dern in Christo&laquo; dort Gleiches mit
+Gleichem zu vergelten, und bereitest Du Dich vor
+den Neubekehrten da dr&uuml;ben zu beweisen, da&szlig; man nur
+des Himmels Seligkeit erndten k&ouml;nne, wenn man
+die Mundwinkel an beiden Seiten herunterh&auml;ngen<span class="pagenum"><a name="Page_262" id="Page_262">[262]</a></span>
+lasse, und das Wei&szlig;e der Augen zeige in br&uuml;nstigem
+Gebet?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Tati, denn der H&auml;uptling war es, schaute rasch
+und finster auf bei dem Gru&szlig;, und seine Z&uuml;ge heiterten
+sich nicht auf, als er den bunten Schmuck und
+Tant erkannte, mit dem sich der Freund behangen.</p>
+
+<p>&raquo;Du siehst aus als ob <span class="g">Du</span> zum Tanze gingst mit
+den Areo&iuml;s<a name="FNanchor_P_16" id="FNanchor_P_16"></a><a href="#Footnote_P_16" class="fnanchor">[P]</a>, Paofai,&laquo; sagte er ernst, ohne den Gru&szlig;
+zu erwiedern, &raquo;ein Richter des Landes sollte sich das
+Schicksal desselben zu Herzen nehmen, in so schwerer
+Zeit!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das <span class="g">Schicksal</span>?&laquo; lachte Paofai, die Locken
+sch&uuml;ttelnd, da&szlig; die Bl&uuml;then auf seine Schultern niederfielen,
+&raquo;das Schicksal liegt in der Hand jedes Einzelnen
+f&uuml;r sich selbst, und die ihre Nacken dem Joch
+gutwillig neigen, d&uuml;rfen nachher nicht klagen wenn
+es sie dr&uuml;ckt. Wer, beim Oro, hei&szlig;t die fr&ouml;hlichen
+Kinder unserer sch&ouml;nen Inseln sich den Fremden beugen
+und die Knie wund reiben vor einem Gott, der
+uns bis jetzt nur Arbeit und Krankheiten, nur Ha&szlig;
+und Feindschaft geschickt hat aus fernem Land? &mdash; Ich
+f&uuml;r mein Theil bin es m&uuml;de die helle Schatti<span class="pagenum"><a name="Page_263" id="Page_263">[263]</a></span>rung
+einer Haut, und Kenntnisse die dem Tr&auml;ger hier,
+wo er sie nicht gebrauchen kann, nur zur Last sind,
+h&ouml;her gesch&auml;tzt zu sehn als das, was unsere V&auml;ter
+ehrten. &mdash; Gleisnerische Worte &mdash; Oros Zorn &uuml;ber
+sie, da&szlig; sie zu Gift w&uuml;rden in dem Mund ihrer
+Tr&auml;ger.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wer ist Schuld als wir selber, da&szlig; wir&#8217;s
+so lange zu tragen haben?&laquo; rief Tati sich hoch und
+stolz emporrichtend, &raquo;ruht nicht der Fluch unserer G&ouml;tter
+auf diesem Lande, seit jene knechtischen Pomare&#8217;s
+den Scepter f&uuml;hren, ja liegt nicht selbst die junge
+K&ouml;nigin in der Gewalt dieser schleichenden Priester,
+die sich nur immer die <span class="g">Diener</span> des Herrn nennen,
+und dabei den Fu&szlig; selber auf die Nacken der Arii
+Rahi&#8217;s<a name="FNanchor_Q_17" id="FNanchor_Q_17"></a><a href="#Footnote_Q_17" class="fnanchor">[Q]</a> dieses Landes zu setzen wagen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wei&szlig;t Du da&szlig; sie das Volk wieder zusammenrufen
+wollen zu neuem Unheil?&laquo; frug Paofai
+lauernd.</p>
+
+<p>&raquo;Sie wagen es nicht,&laquo; sagte Tati ver&auml;chtlich mit
+dem Kopfe sch&uuml;ttelnd &mdash; &raquo;sie wagen es nicht, denn
+ihre H&auml;user stehn breit und bequem gleich vorn am
+Strand, und die eisernen Kugeln des n&auml;chsten Franz&ouml;sischen
+Schiffes m&auml;hten sie nieder.&laquo;<span class="pagenum"><a name="Page_264" id="Page_264">[264]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Aber sie hoffen auf Englands Schutz!&laquo; rief Paofai,
+&raquo;und Piritati<a name="FNanchor_R_18" id="FNanchor_R_18"></a><a href="#Footnote_R_18" class="fnanchor">[R]</a> ist dorthin gegangen H&uuml;lfe zu
+holen f&uuml;r sich und die Seinen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bah, der Weg ist lang,&laquo; sagte Tati ver&auml;chtlich,
+&raquo;und die Engl&auml;nder haben einen gro&szlig;en Mund; sie
+sind kalt und ohne Herz wie ihr Gott, und so geizig,
+da&szlig; sie dem nicht einmal opfern lassen, sondern Cocos&ouml;l
+und Perlmutterschalen fortf&uuml;hren auf ihren Schiffen
+und die Schweine selber essen &mdash; Piritati wird kommen
+und Versprechungen bringen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber sie warten nicht <span class="g">bis</span> er kommt!&laquo; entgegnete
+Paofai &mdash; &raquo;der tolle Uebermuth der Priester, mit dem
+sie sich so lange eine wirkliche Macht vorgelogen haben,
+bis sie sie selber glauben, l&auml;&szlig;t sie jede Vorsicht
+vergessen, und um den Augenblick als Heilige und
+Halbg&ouml;tter vor dem Volk zu stehn, wagen sie ihre
+Existenz.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie h&auml;tten recht &mdash; die Feranis werden uns
+auch nimmer den Segen bringen,&laquo; sagte Tati finster &mdash; &raquo;mich
+reut schon die Hand die ich dabei im Spiel gehabt,
+denn der gierige Wi&mdash;Wi scheint Lust an der
+Beute zu bekommen, nach der er schon zweimal die
+Krallen ausgestreckt. So lange noch <span class="g">ein</span> Fremder
+auf dieser Insel lebt, bl&uuml;ht uns kein Friede und wir<span class="pagenum"><a name="Page_265" id="Page_265">[265]</a></span>
+warfen uns selbst hinaus, als wir den Gleisnern
+einst den Aufenthalt gestatteten, und den Bambus
+schlugen zu ihren H&uuml;tten &mdash; wir h&auml;tten ihr Grab
+graben sollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ha dort kommt Botschaft von Papetee!&laquo; rief
+Paofai pl&ouml;tzlich, und deutete mit dem Arm hinaus in
+das Binnenwasser der Riffe, &uuml;ber das hin ein leichtes
+Canoe, von zwei Indianern gerudert, mit zwei Anderen
+im Hintertheil desselben, rasch &uuml;ber die klare
+Fluth herbeischo&szlig;. Schon von weitem erkannten sie
+die beiden H&auml;uptlinge Paraita und Utami und Tati
+sagte finster:</p>
+
+<p>&raquo;Deren Eile k&uuml;ndet schon vorher des Kommens
+Grund, und der Feind ist uns ins Lager ger&uuml;ckt &mdash; o
+da&szlig; er die Streitaxt mit sich br&auml;chte und den Speer,
+und nicht ewig das todte Wort mit Singen und
+Beten.&laquo;</p>
+
+<p>Die beiden M&auml;nner erwarteten jetzt schweigend
+die Ankunft des Canoes, das drau&szlig;en um eine etwas
+weit auszweigende Corallenspitze bog, und dann im
+geraden Strich auf den Platz zuschnitt auf dem die
+beiden H&auml;uptlinge standen, und dessen helleres Dach
+sich schon von weitem, als treffliche Landmarke, erkennen
+lie&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Ha sieh nur Utamis Gesicht!&laquo; rief da Paofai,
+als beide F&uuml;hrer endlich landeten und an&#8217;s Ufer<span class="pagenum"><a name="Page_266" id="Page_266">[266]</a></span>
+sprangen &mdash; &raquo;der dunkle Zug &uuml;ber der Stirn deutet
+bei ihm nichts Gutes &mdash; es ist wie ich gesagt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gru&szlig; Euch und Frieden &mdash; <span class="smcap">Joranna, Joranna
+bo-y</span>!&laquo; riefen die beiden M&auml;nner, als sie den Schattenrand
+betraten, den die Fruchtb&auml;ume und Palmen
+der senkrecht stehenden Sonne abgezwungen.</p>
+
+<p>&raquo;Joranna Utami &mdash; Joranna Paraita, und was
+f&uuml;hrt Euch &uuml;ber das Wasser im Aoatea, wenn die
+Sonne &uuml;ber Euerem Scheitel brennt?&laquo; frug Paofai,
+w&auml;hrend Tati ihnen die Hand entgegenstreckte sie zu
+begr&uuml;&szlig;en.</p>
+
+<p>&raquo;Fr&ouml;hliche Botschaft,&laquo; lachte Paraita, aber die
+fest zusammengebissenen Z&auml;hne und der lauernde Blick
+mit dem er die Z&uuml;ge seiner Freunde beobachtete straften
+sein Lachen L&uuml;gen &mdash; &raquo;ein neues Englisches Kriegsschiff
+ist eingelaufen und die Mi-to-na-res schwimmen
+oben auf; der Englische Capitain will ihren Gott
+sch&uuml;tzen, da&szlig; ihn der andere nicht &uuml;ber den Haufen
+wirft, wie sie bei uns Taaroa und Oro bei Seite geworfen
+haben, und der morgende Tag schon soll ihren
+Triumph beleuchten. Auf Tati, auf Paofai, ich glaube
+die Richter sollen vor Gericht, denn wir sind <span class="g">Alle</span>
+aufgefordert zu erscheinen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und gilt es wirklich dem Vertrag, den wir mit
+dem Ferani abgeschlossen?&laquo; frug Tati finster.</p>
+
+<p>&raquo;Kein Zweifel,&laquo; lautete die Antwort &mdash; &raquo;der<span class="pagenum"><a name="Page_267" id="Page_267">[267]</a></span>
+K&ouml;nigin Boten fliegen heute durchs ganze Land &mdash; gestern
+schon gingen die Canoes nach Morea hin&uuml;ber
+und uns Beiden wurde selber aufgetragen <span class="g">Euch</span> mit
+zur Stelle zu bringen, gen&uuml;gt Euch das?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wi&szlig;t Ihr genau was berathen werden
+soll?&laquo; frug Paofai.</p>
+
+<p>Paraita lachte.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist ein &ouml;ffentliches Geheimni&szlig;, und das Volk
+in Papetee spricht von nichts Anderem &mdash; sie wollen
+unseren Vertrag verwerfen und das Protectorat Frankreichs
+von sich weisen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Franz&ouml;sische Schiff im Hafen wird&#8217;s nicht
+leiden,&laquo; rief Tati.</p>
+
+<p>&raquo;Es liegt ein st&auml;rkeres daneben s&#8217;ihm zu wehren,&laquo;
+sagte achselzuckend Paraita.</p>
+
+<p>&raquo;Und was spricht Utami?&laquo; frug Tati, dessen Hand
+ergreifend, &raquo;auf welcher Seite siehst <span class="g">Du</span> den Segen
+unseres Landes?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auf keiner,&laquo; entgegnete kopfsch&uuml;ttelnd der greise
+Richter, &raquo;auf keiner von diesen Beiden. &mdash; Ich hatte
+gehofft durch einen solchen Schritt, der gewisserma&szlig;en
+nur zum Schein unsere Rechte beschr&auml;nkte und mehr
+ein Freundschaftsb&uuml;ndni&szlig; war mit einer st&auml;rkeren
+Macht, jenen ehrgeizigen Priestern ein Ziel zu stecken,
+aber die Feranis schauen mit gierigem Auge auf dies
+Land, und wer wei&szlig; ob wir nachher bei dem Tausch<span class="pagenum"><a name="Page_268" id="Page_268">[268]</a></span>
+gew&ouml;nnen. Jedenfalls liegt das noch Alles in der
+Zukunft Schoo&szlig;, und ich habe keine Lust einen Arm
+aufzuheben f&uuml;r Franke oder Missionair &mdash; la&szlig; sie sich
+unter einander schlagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Du gehst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig; &mdash; sie sollen nicht sagen k&ouml;nnen da&szlig;
+Utami ihren Ruf gef&uuml;rchtet habe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gef&uuml;rchtet,&laquo; wiederholte Paofai ver&auml;chtlich und
+spannte wie im Spiel den Bogen von dessen Sehne
+der Pfeil schwirrend abschnellte, und etwa vierzig
+Schritt davon entfernt den schlanken Stamm einer
+Papaya durchbohrte, in deren Holz er zitternd stecken
+blieb &mdash; &raquo;gef&uuml;rchtet,&laquo; wiederholte er noch einmal, den
+Bogen auf die Schulter werfend &mdash; &raquo;aber es f&uuml;hrt
+uns nicht zum Ziel dieses Kinderspiel &mdash; dem Volk
+wird wieder Sand in die Augen gestreut und so lange
+gesungen und gebetet, bis es erm&uuml;det auseinandergeht,
+und Alles bleibt beim Alten. Da doch noch lieber
+dem Franzosen unterthan, dessen Sitte und Denkungsart
+besser zu uns pa&szlig;t, als den schleichenden
+Fr&ouml;mmlern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unterthan? &mdash; <span class="g">keinem</span>!&laquo; rief da Tati trotzig,
+der inde&szlig; mit verschr&auml;nkten Armen und in tiefem Br&uuml;ten
+dem Gespr&auml;ch der Freunde gelauscht &mdash; &raquo;aber wie
+dann, wenn wir den Augenblick benutzten, wo die
+Bewohner Tahitis das eine Joch abgesch&uuml;ttelt und<span class="pagenum"><a name="Page_269" id="Page_269">[269]</a></span>
+auch das andere von uns w&uuml;rfen? &mdash; Was sagst Du,
+Utami, wenn wir die Fremden st&uuml;rzten mit dem einen
+Schlag und, wie die Missionaire jene fremden Priester,
+auf das Schiff packten das sie gebracht und sie
+fortschickten, gleichviel wohin, so <span class="g">sie</span> jetzt dem Engl&auml;nder
+g&auml;ben, sie heimzuf&uuml;hren in ihre Heimath? Jetzt,
+jetzt noch ist es Zeit wieder <span class="g">ein</span> Reich, ein gl&uuml;ckliches
+Reich zu gr&uuml;nden in unserem Inselland &mdash; jetzt wo
+das Volk gesehen welchen Fluch ihnen die Fremden
+gebracht in jeder Art, wird es zu uns stehn mit
+Kraft und Gewalt, und dem <span class="g">einigen</span> Volke k&ouml;nnen
+auch selbst die Feuerschl&uuml;nde des Feindes nicht mehr
+f&uuml;rchterlich sein.&laquo;</p>
+
+<p>Utami sch&uuml;ttelte ernst mit dem Kopf und sagte
+finster:</p>
+
+<p>&raquo;Zu sp&auml;t &mdash; zu sp&auml;t! &mdash; ein gro&szlig;er Theil der
+Unseren h&auml;ngt dem neuen Gotte an, und die Missionaire
+haben daf&uuml;r gesorgt da&szlig; ihr Wohl von der
+Anbetung jenes nicht getrennt werden konnte &mdash; sie
+stehen zu fest, w&auml;hrend die Englischen Schiffe unsere
+K&uuml;sten verw&uuml;sten und unsere Fruchtb&auml;ume niederschmettern
+w&uuml;rden, ihrem Gotte Seelen zu gewinnen,
+wie sie dann sagten. &mdash; Ich f&uuml;rchte wir haben uns
+selber Schaden gethan, als wir dem Ferani die Hand
+boten und bei ihm H&uuml;lfe zu finden hofften gegen den
+geistlichen Stolz.&laquo;<span class="pagenum"><a name="Page_270" id="Page_270">[270]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Gewalt thut hier Nichts,&laquo; stimmte auch Paraita
+bei &mdash; &raquo;wir sind zu schwach etwas derartiges zu unternehmen,
+und wenn wir auch Hand zu Hand mit
+den geschorenen K&ouml;pfen<a name="FNanchor_S_19" id="FNanchor_S_19"></a><a href="#Footnote_S_19" class="fnanchor">[S]</a> fertig w&uuml;rden, ist uns die
+Europ&auml;ische Macht zu stark. Wir m&uuml;&szlig;ten jedenfalls
+warten bis sich ihre Kriegsschiffe entfernt h&auml;tten, ein
+pl&ouml;tzlicher Schlag dann und es w&uuml;rde den Feinden
+schwer werden das zu <span class="g">r&auml;chen</span>, was sie jetzt mit leichter
+M&uuml;he <span class="g">verhindern</span> k&ouml;nnen. Aber noch haben
+wir den Vertreter jener fremden Macht unter uns,
+die uns Schutz und Freiheit versprochen f&uuml;r Glauben
+und Recht; wird der Franz&ouml;sische Consul, denn zu
+solchem ist M&ouml;renhout ernannt als ihn die Amerikaner
+nicht l&auml;nger anerkannten, wird er es dulden,
+da&szlig; man den doch nun einmal von der K&ouml;nigin unterzeichneten
+Contrakt mit F&uuml;&szlig;en tritt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie kann er&#8217;s hindern?&laquo; sagte achselzuckend Paofai.
+&mdash; &raquo;Mit ein paar Redensarten ist nichts abgemacht,
+wenn der Fanatismus erst einmal in Schu&szlig;,
+bergab gekommen. Die Missionaire haben da ihre
+Leute, Aonui, Potowai, Terate und wie sie hei&szlig;en;
+mit Jehovah auf den Lippen werfen die Narren sich<span class="pagenum"><a name="Page_271" id="Page_271">[271]</a></span>
+blind in&#8217;s Feuer selbst der Schiffe, und wenn das
+Volk nur schreien und von Freiheit h&ouml;rt, dann br&uuml;llt
+es auch seinen Chor hinein, m&ouml;ge die Folge sein
+wie sie wolle. Ich habe gro&szlig;e Lust der Versammlung
+gar nicht beizuwohnen; was kanns helfen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das sie nachher sagen wir h&auml;tten uns gescheut
+ihnen unter die Augen zu treten?&laquo; rief Tati rasch.
+&raquo;Nein, keiner darf fehlen von uns, wenn wir nicht
+selber unsere Sache aufgeben wollen in Schimpf und
+Spott &mdash; keiner, und dort wird sich uns auch ein
+Ausweg zeigen das Schwerste abzuwenden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dem stimme ich bei,&laquo; sagte Utami ernst &mdash; &raquo;unsere
+Aufgabe ist dem Land die Freiheit zu erhalten,
+die der Fanatismus der einen wie die Gier der anderen
+Seite gleich schwer bedroht, und gebe Gott da&szlig;
+uns das gelingt; einer sp&auml;teren Zeit mag es dann
+vorbehalten bleiben unsere inneren Einrichtungen zu
+ordnen, von denen Franzosen wie Missionaire nichts
+verstehn. Unser Gl&uuml;ck liegt in unserer eigenen Hand
+&mdash; wir wollen es aus keiner fremden. &mdash; So z&ouml;gern
+wir denn nun auch nicht l&auml;nger, kommt mit zu meinem
+Haus, da&szlig; wir uns dort mit Spei&szlig; und Trank
+st&auml;rken zu der Fahrt, und die morgende Sonne gr&uuml;&szlig;e
+uns die ersten auf dem Kampfplatz.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kampf?&laquo; lachte Paofai, w&auml;hrend er seinen fortgeschossenen
+Pfeil wiederholte, den anderen zu folgen <span class="pagenum"><a name="Page_272" id="Page_272">[272]</a></span>&mdash;
+&raquo;ein sch&ouml;ner Kampf wird es werden, der mit Singen
+anf&auml;ngt und mit Beten aufh&ouml;rt. &mdash; Ich kenne meine
+Landsleute nicht mehr, da&szlig; sie aus dem fr&ouml;hlichen
+gl&uuml;cklichen Volk solche Kriecher und Heuchler geworden
+sind. Aber zum Henker mit den Grillen &mdash; unsere
+Palmen m&uuml;ssen sie uns lassen und das stille
+Wasser unserer Riffe, unsere Blumen und Bl&uuml;then
+und unsere Weiber, und den Schwarzr&ouml;cken zum Trotz
+will ich das Leben jetzt genie&szlig;en. Himmel und H&ouml;lle?
+&mdash; Die Leute k&ouml;nnen vortreffliche Geschichten erz&auml;hlen
+und man lacht dar&uuml;ber wenn man sie h&ouml;rt &mdash; t&ouml;dten
+sie doch die Zeit&laquo; &mdash; und den Pfeil aus dem Holz
+rei&szlig;end schob er ihn lachend in seinen K&ouml;cher zur&uuml;ck,
+und trat, die Locken aus seiner Stirn werfend, zu
+den Uebrigen in das Haus.</p>
+
+
+<div class="footnotes"><h3>Fu&szlig;noten:</h3>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_J_10" id="Footnote_J_10"></a><a href="#FNanchor_J_10"><span class="label">[J]</span></a> Wilde Pisang.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_K_11" id="Footnote_K_11"></a><a href="#FNanchor_K_11"><span class="label">[K]</span></a> Der Wibaum oder die Brasilianische Pflaume (<span class="smcap">spondias
+dulcis</span>) hat mit den st&auml;rksten Stamm auf den Inseln &mdash;
+oft bis 4 und 5 Fu&szlig; im Durchmesser. Die Rinde ist grau
+und glatt und er tr&auml;gt eine f&ouml;rmliche Masse gro&szlig;er pflaumenartiger
+saftiger Fr&uuml;chte von angenehmen Geschmak.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_L_12" id="Footnote_L_12"></a><a href="#FNanchor_L_12"><span class="label">[L]</span></a> Der Omaomao, die Tahitische Drossel, und der einzige
+wirkliche Singvogel, wenigstens der bedeutendste, der Inseln.
+Er ist gelb und braun gefleckt, und von der Gr&ouml;&szlig;e einer
+Drossel, mit der sein Gesang auch etwas Aehnliches hat.
+Von Gestalt ist er etwas schlanker.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_M_13" id="Footnote_M_13"></a><a href="#FNanchor_M_13"><span class="label">[M]</span></a> Ein, an der einen Seite des Canoes, durch Queerh&ouml;lzer
+etwa drei oder vier Fu&szlig; vom Fahrzeug selber ausgehaltener
+Baum, eine Art Kufe von leichtem Holz, die auf dem Wasser
+liegt und mitschwimmt, und nur dazu dient das leichte schwanke
+Fahrzeug vor dem Umschlagen zu bewahren.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_N_14" id="Footnote_N_14"></a><a href="#FNanchor_N_14"><span class="label">[N]</span></a> Mape, Tahitische Kastanie. Die Papaya eine von Brasilien
+her&uuml;ber gekommene, der Melone &auml;hnliche aber auf einem
+Baum wachsende Frucht. Der Tappo-Tappo der Englische
+Cr&ecirc;meapfel.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_O_15" id="Footnote_O_15"></a><a href="#FNanchor_O_15"><span class="label">[O]</span></a> Das eigenth&uuml;mliche Gewebe dieser Inseln, das die
+Frauen aus der gegohrenen Rinde verschiedener B&auml;ume, die
+sie vorher zu fester Masse kneten so lange ausschlagen, bis ein
+d&uuml;nnes, ziemlich dauerhaftes Zeug daraus wird.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_P_16" id="Footnote_P_16"></a><a href="#FNanchor_P_16"><span class="label">[P]</span></a> Areo&iuml;s, die fr&uuml;heren heidnischen T&auml;nzer auf den Inseln,
+die eine gewisse, sogar religi&ouml;se aber w&uuml;ste Sekte bildeten
+und von Insel zu Insel zogen ihre Orgien zu feiern.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_Q_17" id="Footnote_Q_17"></a><a href="#FNanchor_Q_17"><span class="label">[Q]</span></a> Die ersten und obersten, aus f&uuml;rstlichem Blut entsprossenen
+H&auml;uptlinge.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_R_18" id="Footnote_R_18"></a><a href="#FNanchor_R_18"><span class="label">[R]</span></a> In ihrer Aussprache Pritchard.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_S_19" id="Footnote_S_19"></a><a href="#FNanchor_S_19"><span class="label">[S]</span></a> Die eifrigsten der Missionaire hatten ihren Gl&auml;ubigen
+empfohlen die Haare kurz am Kopfe abzuschneiden, wahrscheinlich
+um nicht den s&uuml;ndigen Blumenschmuck darin tragen zu
+k&ouml;nnen.</p></div>
+</div>
+
+
+<hr class="endchapter" />
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_273" id="Page_273">[273]</a></span></p>
+<h2><a name="Capitel_10" id="Capitel_10"></a>Capitel 10.</h2>
+
+<h3>Die Versammlung.</h3>
+
+
+<p>Wei&szlig;er Rauch quoll aus den Schie&szlig;luken der
+Englischen Fregatte &raquo;Talbot&laquo; und der rasch folgende
+donnernde Schlag des Gesch&uuml;tzes, der das Echo grollend
+weckte in den Bergen, gr&uuml;&szlig;te das goldene Taggestirn,
+das eben seinen rothgl&uuml;henden Schein &uuml;ber
+die &ouml;stliche, palmenbedeckte Spitze der Bai warf, und
+seine Strahlen sandte &uuml;ber das weite Meer.</p>
+
+<p>Es war ein reizendes Bild das sich dem Blick
+entrollte, und Athem und Leben gewann mit dem ersten
+Licht; im Hintergrund die wildzerrissenen Kuppen des
+Gebirgs mit der dunklen k&uuml;hn eingerissenen Schlucht &mdash;
+auseinandergebrochen als die Grundvesten der Berge
+einst in ihrem inneren Mark erbebten, und rechts und<span class="pagenum"><a name="Page_274" id="Page_274">[274]</a></span>
+links das niedere palmenbedeckte Land ausschie&szlig;end,
+als ob es die sonnige spiegelglatte Bai umspannen
+wolle mit liebendem Arm, w&auml;hrend an dem Ufer hin
+die wei&szlig;en niederen Geb&auml;ude dicht hineingeschmiegt
+standen in Palmen- und Orangenhain, mit hie und
+da einem alten m&auml;chtigen Banianbaum, der die dunkel
+gl&auml;nzenden Zweige niedersch&uuml;ttelte, neue Wurzeln dem
+Erdreich um sich her abzugewinnen. Vorn sch&auml;umte
+und spielte die Fluth an dem hellen Corallensand, und
+den vorderen, von Banane und Palme eingeschlossenen
+Rand, in dem die stillen Wohnungen der Menschen
+so dicht versteckt wie Perlen in einer halbge&ouml;ffneten
+Muschel lagen, bildete ein dichter Wald von Brodfrucht
+und Orangen und buntbl&uuml;thigen Akazien und
+breitbl&auml;ttrigen Hibiscus Tiliaceus mit den gro&szlig;en
+malven&auml;hnlichen Blumen.</p>
+
+<p>Und nicht &ouml;de und weit lag das Meer, dem wundersch&ouml;nen
+Lande gegen&uuml;ber; nein, hinter dem licht
+funkelnden Wasserspiegel, den nur hie und da ein
+ruhig vor seinem Anker reitendes Schiff, oder das
+rasche Canoe mit dem blitzenden Streifen hinter sich
+unterbrach, dehnten sich die weiten sch&auml;umenden Riffe
+mit ihren Schneekronen und rollendem Donner, und
+umspannten selbst die kleine K&ouml;niginsel Motuuta, die
+wie ein Smaragd, von silbernem Band umfa&szlig;t, in
+dem herrlichen Rahmen palmenwiegend lag, w&auml;hrend<span class="pagenum"><a name="Page_275" id="Page_275">[275]</a></span>
+hinter ihr, noch neben dem weiten Horizont des
+Oceans, die zackigen k&uuml;hn gerissenen Kuppen und Spitzen
+Imeos, wie Nadeln emporstarrend oder riesige
+Kegel, in blauer Ferne lagen, bei klarer Luft selbst
+den Palmeng&uuml;rtel zeigend der sie umschlo&szlig;.</p>
+
+<p>Still und regungslos lag dabei der Strand, bis
+zu dem Schu&szlig;, mit dem zugleich fast sich die Sonne
+&uuml;ber den Palmenstreifen hob &mdash; nur hie und da zeigte
+sich ein einzelner Indianer der, vielleicht nach seinem
+Canoe schauend, langsam am Ufer auf- und niederging;
+aber wie mit einem Zauberschlag <span class="g">nach</span> dem
+Schu&szlig;, und w&auml;hrend das Echo noch in den fernen
+Schluchten dr&ouml;hnte und grollte, quoll und dr&auml;ngte
+es sich ordentlich aus den H&auml;usern und H&uuml;tten vor,
+in bunter gl&auml;nzender Tracht, und fr&ouml;hliches Leben brach
+sich die Bahn in&#8217;s Freie mit einem Mal.</p>
+
+<p>Es war Tag geworden in Papetee, und ein bedeutungsvoller
+wichtiger Morgen angebrochen f&uuml;r den
+kleinen Staat; ob zum Heil, ob zum Leid, was
+k&uuml;mmerte das das fr&ouml;hliche Inselvolk mit seinem leichten,
+gl&uuml;cklichen Sinn. Wie die sonnige Welle ihrer
+Binnenwasser trieben sie leicht &uuml;ber des Lebens Meer
+&mdash; ein Sturm r&uuml;ttelte sie auf, wild und gewaltig, es
+ist wahr, aber mit der Ursache die sie gehoben, <span class="g">mit</span>
+dem Sturm, legte sich auch leicht beruhigt das Element,
+und lie&szlig; in derselben Stunde fast schon den<span class="pagenum"><a name="Page_276" id="Page_276">[276]</a></span>
+Schiffer niederschauen in die cristallreine Tiefe, die
+offen wie ihr Herz da vor ihm lag.</p>
+
+<p>Wie ein Bienenschwarm zog es und dr&auml;ngte es
+dort eine Weile am Ufer herum, beide Geschlechter
+bunt gemischt durcheinander, und oft klang der fr&ouml;hliche
+Laut lachender M&auml;dchenstimmen silberrein &uuml;ber
+das Wasser selbst bis zu der Stelle, wo etwas einsam
+in der Bai, und in der That so weit abseits
+als er eben ankern durfte, ein gro&szlig;er weitb&auml;uchiger,
+entsetzlich schmutziger und wettermitgenommener Wallfischf&auml;nger
+lag. Auf seinem Heck stand, etwas geschmacklos,
+aber vielleicht nicht ohne Grund, mit grellrothen
+Buchstaben im gr&uuml;nen Felde, der Name desselben,
+<span class="g">Kitty Clover</span>, und von der Gaffel seines Besahnsegels
+wehte die Englische Flagge.</p>
+
+<p>Auf dem Quarterdeck desselben standen zwei M&auml;nner,
+beide in die gew&ouml;hnliche Seemannstracht, in blaue
+Jacken und wei&szlig;e Hosen gekleidet, einen breitr&auml;ndigen
+Strohhut mit langem schwarzen Band gerad auf den
+Kopf gesetzt. Der eine von ihnen, der &auml;ltere, war
+der Capitain der Kitty Clover, der so wenig den Schotten
+in seinem ganzen Wesen und Aussehn verleugnen
+konnte, wie der Andere den Iren.</p>
+
+<p>Dieser hatte das fast unvermeidliche rothe Haar
+seiner Landsleute, aber in merkw&uuml;rdig kleine feste
+Locken mehr geknotet als gedreht, und auch um Kinn<span class="pagenum"><a name="Page_277" id="Page_277">[277]</a></span>
+und Oberlippe zog sich ihm ein ungeheuer starker, aber
+eben so fest verworrener ineinandergedrehter Bart bis
+hoch unter die kleinen, lichtblauen Augen hinauf, die
+manchmal, wenn er seinen Kopf dem neben ihm Stehenden
+zuwandte, mit einem eigenen drollen Humor
+daraus vorblitzten.</p>
+
+<p>Noch acht oder zehn Matrosen etwa waren au&szlig;er
+den beiden an Deck, und zwar mit Waschen desselben
+besch&auml;ftigt, wozu sie die vollen Eimer aus der klaren
+Fluth heraufschwangen, und mit raschgezieltem Wurf
+den breiten Strahl unter die oben befestigten F&auml;sser
+und langs Deck hin sandten.</p>
+
+<p>Der Capitain oder Master des Wallfischf&auml;ngers,
+Mac Rally, galt f&uuml;r einen vortrefflichen Seemann,
+aber noch besseren H&auml;ndler, und das hagere scharfgeschnittene
+Gesicht, die hellblauen unst&auml;ten Augen,
+die eisernen Lippen zeigten zugleich Entschlossenheit
+wie List und Ausdauer.</p>
+
+<p>Die Kitty Clover war erst gestern hierher, angeblich
+vom Wallfischfang, eigentlich aber direkt von
+Valparaiso kommend, eingelaufen, und hatte den
+Iren gewisserma&szlig;en als Passagier, der &uuml;brigens auch
+einen ziemlichen Theil spiritu&ouml;ser Getr&auml;nke als Fracht
+bei sich f&uuml;hrte, mitgebracht. Theilweise geh&ouml;rte von
+demselben Artikel, au&szlig;er einer Anzahl von F&auml;ssern,
+von denen nicht einmal die Matrosen wu&szlig;ten was<span class="pagenum"><a name="Page_278" id="Page_278">[278]</a></span>
+sie enthielten, auch eine ziemliche Parthie dem Capitain
+selber, und er zog es deshalb vor, den letztverlassenen
+Hafen nicht als direkt von dort gekommen
+anzugeben, einer vielleicht unangenehmen und zu &auml;ngstlichen
+Aufmerksamkeit der Steuerbeh&ouml;rden zu entgehen.
+Nichtsdestoweniger haben diese auf Wallfischf&auml;nger
+ebenfalls ein sehr scharfes und wachsames Auge, denn
+sie wissen recht gut da&szlig; solche Fahrzeuge, wenn sie
+auch gerade kein wirkliches Gesch&auml;ft daraus machen,
+doch stets eine oft nicht unbedeutende Quantit&auml;t gestatteter
+oder auch verbotener Waare bei sich f&uuml;hren,
+und was sie eben schmuggeln <span class="g">k&ouml;nnen</span>, nicht gern
+versteuern.</p>
+
+<p>Die <span class="g">verbotene</span> Landung spiritu&ouml;ser Getr&auml;nke
+war &uuml;brigens mit ungemeinen Schwierigkeiten verbunden,
+denn auf alle den Inseln hatten die Missionaire
+schon gegen die Einf&uuml;hrung des Branntweins
+die heilsamsten Gesetze erlassen, die sie mit gro&szlig;er
+Strenge aufrecht hielten und bewachten; anderseits
+waren die Indianischen Beh&ouml;rden selber mit solcher
+Ma&szlig;regel sehr zufrieden, denn die Einf&uuml;hrung des
+b&ouml;sen Getr&auml;nks hatte nur Elend und Unfrieden, Zank
+und Blutvergie&szlig;en in die St&auml;mme gebracht, so da&szlig;
+sie gern und willig, was nicht immer der Fall war,
+ihre wei&szlig;en Lehrer und Gesetzgeber in der Ausf&uuml;hrung
+unterst&uuml;tzten.<span class="pagenum"><a name="Page_279" id="Page_279">[279]</a></span></p>
+
+<p>Die Franzosen nahmen es noch am leichtesten mit
+der Einf&uuml;hrung von Spirituosen, aber nur wenn sie
+von ihren eigenen Schiffen gelandet wurden, denen
+sie dadurch gewisserma&szlig;en ein Monopol zu sichern
+w&uuml;nschten, aber auch hartn&auml;ckig von den Beh&ouml;rden
+&uuml;berwacht wurden und nicht, ohne &ouml;ffentlich die einmal
+bestehenden Gesetze umzusto&szlig;en, dawiderhandeln
+durften.</p>
+
+<p>&raquo;Und Ihr seid hier bekannt, O&#8217;Flannagan,&laquo; sagte
+der Capitain endlich, nachdem er wohl eine Viertelstunde
+lang, ohne ein Wort zu sprechen, das Ufer
+durch sein langes Schiffsglas scharf beobachtet hatte,
+&raquo;und glaubt fest da&szlig; Ihr die ganze Ladung nach und
+nach sicher und ohne einen Penny Steuer zu zahlen
+an Land w&uuml;rdet schmuggeln k&ouml;nnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von <span class="g">glauben</span> ist da gar keine Rede, <span class="smcap">Captain
+dear</span>,&laquo; lachte der Ire, &raquo;meiner Mutter Sohn kennt
+hier jeden Zollbreit Boden am Ufer, und was mehr
+ist, jeden Zollbreits Sohn und Tochter, und die M&auml;dchen
+besonders, hahaha liebe Dinger, sind rein auf
+mich versessen. Die f&uuml;hren nun schon einmal in der
+ganzen Welt das Regiment und die zu Freunden, das
+andere ist Alles Kleinigkeit und Kinderspiel.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wenn uns da nur die jetzigen politischen
+Verh&auml;ltnisse keinen Strich durch die Rechnung machen,&laquo;
+sagte kopfsch&uuml;ttelnd der Schotte. &raquo;Wie uns<span class="pagenum"><a name="Page_280" id="Page_280">[280]</a></span>
+der alte Indianer gestern Abend erz&auml;hlte, so waren
+die Englischen Missionaire wieder die Herren da dr&uuml;ben,
+so gut wie fr&uuml;her, und das will mir nicht so
+recht einleuchten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir w&auml;ren verloren mit unserem Gesch&auml;ft wenns
+anders auss&auml;he;&laquo; lachte Jim, &raquo;zum Teufel wenn die
+Franzosen das Heft in H&auml;nden h&auml;tten, d&uuml;rften wir
+unseren Brandy nur getrost selber trinken, denn die
+w&uuml;rden eine solche Masse ihres eigenen Fabrikats hin&uuml;ber
+an Land geworfen haben, da&szlig; sie die Stadt damit
+ers&auml;ufen k&ouml;nnten. Die Missionaire dagegen k&ouml;nnen
+h&ouml;chstens die Strafe auf Einfuhr noch erh&ouml;hen,
+die Einfuhr selber noch schwieriger machen; das Alles
+mu&szlig; uns aber die Preise nur gerade in die H&ouml;he
+treiben, und &mdash; was wollen wir mehr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weiter nichts,&laquo; schmunzelte der Schotte, das
+Fernrohr niederlegend und sich mit einem h&ouml;chst vergn&uuml;gten
+Gesicht die H&auml;nde reibend &mdash; &raquo;weiter nichts,
+Jimmy &mdash; h&ouml;chstens noch etwas baar Geld &mdash; gutes
+Silber f&uuml;r unsere fl&uuml;ssige Waare.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich f&uuml;rchte nur Ihr habt mit dem anderen Artikel
+ein schlechtes Gesch&auml;ft gemacht,&laquo; sagte Jim kopfsch&uuml;ttelnd
+&mdash; &raquo;ich glaube wirklich nicht, da&szlig; es hier
+je zu einem solchen Ausbruch von Feindseligkeiten
+kommen kann, die Eingeborenen zu veranlassen wirk<span class="pagenum"><a name="Page_281" id="Page_281">[281]</a></span>lich
+Geld f&uuml;r einen solchen Artikel auszulegen; &mdash; ja
+wenn es Brandy w&auml;re.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, ich gehe da ziemlich sicher,&laquo; schmunzelte
+der Schotte, &raquo;denn ein Theil der Waffen ist feste Bestellung
+&mdash; von Jemandem aber den ich nicht nennen
+darf &mdash; und verkauf ich das andere nicht <span class="g">hier</span>, so wei&szlig;
+ich da&szlig; ich auf den Fidschi- und Navigators-Inseln
+einen vortrefflichen Markt daf&uuml;r finde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, aber, das ist ein kitzliches Gesch&auml;ft,&laquo; meinte
+Jim, sich mit dem Zeigefinger der rechten Hand durch
+das Halstuch fahrend &mdash; &raquo;die Engl&auml;nder und Franzosen
+haben &uuml;ber derartigen Handel ihre eigenen Ansichten,
+und es geht bei einer solchen Geschichte immer
+gleich an die Raanocke<a name="FNanchor_T_20" id="FNanchor_T_20"></a><a href="#Footnote_T_20" class="fnanchor">[T]</a>. Interessant ist so ein Gesch&auml;ft
+wohl schon, aber &mdash; verdammt gef&auml;hrlich, und
+der Nutzen doch eigentlich nicht im Verh&auml;ltni&szlig; zum
+Risiko.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, das k&auml;me auf die Person an,&laquo; sagte, mit
+einem etwas zweideutigen Seitenblick auf den Iren,
+der jetzt aufmerksam durch das Glas nach der Insel
+hin&uuml;berschaute, der Capitain. Jim verstand aber die<span class="pagenum"><a name="Page_282" id="Page_282">[282]</a></span>
+etwas maliti&ouml;se Anspielung und sagte lachend, ohne
+jedoch aufzusehen:</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin gerade so kitzlich am Halse wie der beste
+Priester, Capitain, und jeder pa&szlig;t auf sein Bischen
+Leben so gut er kann, ob&#8217;s nun eben der M&uuml;he werth
+ist, oder nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Jimmy, so war&#8217;s gar nicht gemeint,&laquo; rief
+Mac Rally rasch und etwas verlegen.</p>
+
+<p>&raquo;Bitte, geniren Sie sich nicht,&laquo; lachte Jim, &raquo;thun
+Sie als ob Sie zu Hause w&auml;ren, <span class="smcap">Captain dear</span> &mdash;
+&raquo;aber dahinten kommen die Canoes,&laquo; unterbrach er
+sich pl&ouml;tzlich, den rechten Arm, ohne das Auge vom
+Glas zu nehmen, gegen Point Venus hin&uuml;berstreckend.
+Dorthin wurde auch eben, gerade die Spitze passirend,
+eine kleine Flotte Indianischer Fahrzeuge sichtbar.
+&raquo;Bei J&auml;sus, Mr. Mac,&laquo; fuhr er aber lebendiger
+werdend fort, als er sich den Inhalt der kleinen schlanken
+Fahrzeuge etwas genauer betrachtet &mdash; &raquo;heute
+geht die Geschichte los da dr&uuml;ben, heute bekommen
+wir was zu sehen, und je eher wir hin&uuml;berfahren,
+denk&#8217; ich, desto besser ist&#8217;s, denn einen besseren Abend
+unser Ausschiffen zu beginnen, werden wir auch nicht
+so leicht finden. Kein Teufel pa&szlig;t heut&#8217; auf die aus- und
+eingehenden Boote, und solche Zeit mu&szlig; man
+benutzen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Capitain hatte das Glas wieder genommen<span class="pagenum"><a name="Page_283" id="Page_283">[283]</a></span>
+und einen Augenblick durchgesehen, dann aber sich
+wieder aufrichtend und es zusammenschiebend sagte er,
+mit einem halbversteckten L&auml;cheln in den selten aus
+ihrer Lage gebrachten fast wie ehernen Z&uuml;gen:</p>
+
+<p>&raquo;Ihr habt recht Jim, da hinten schwimmen die
+Haupt-Schauspieler der heutigen Kom&ouml;die &mdash; drei
+Canoes voll Schwarzr&ouml;cke, Gott wei&szlig; wo sie alle herkommen.
+Die Feierlichkeit wird nun wohl auch bald
+ihren Anfang nehmen, und ich glaube je eher wir hin&uuml;bergehn,
+desto besser. Ha, bei Gott,&laquo; unterbrach er
+sich pl&ouml;tzlich, als er sich zuf&auml;llig nach den Kriegsschiffen
+hingewandt hatte und deutete mit dem Arm
+hin&uuml;ber &mdash; &raquo;dort geht die Tahitische Nationalflagge!&laquo;
+Und in der That stieg in diesem Augenblick die rothe
+Flagge mit dem wei&szlig;en Stern auf der Englischen
+Fregatte an der Gaffel des Besahnsegels auf. &raquo;Was
+die Leute doch f&uuml;r Streiche machen,&laquo; brummte der Alte
+dabei &mdash; &raquo;aber meiner Mutter Sohn m&uuml;&szlig;te sich sehr
+irren, wenn sie nicht heute da dr&uuml;ben Unheil anrichten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Desto besser, <span class="smcap">Captain dear</span>,&laquo; rief Jim, sich vergn&uuml;gt
+die H&auml;nde reibend, &raquo;desto besser; s&#8217;w&auml;r mir ein
+wahres Gaudium, wenn ich erleben k&ouml;nnte da&szlig; sich
+die beiden Erbfeinde, Franzosen und Engl&auml;nder, wieder
+einmal beim Koller kriegten; s&#8217;ist &uuml;berdies lange
+genug Frieden gewesen. Aber enges Fahrwasser zum<span class="pagenum"><a name="Page_284" id="Page_284">[284]</a></span>
+Maneuvriren h&auml;tten sie hier, und die Corvette hielts
+auch mit der Fregatte nicht lange genug aus, den
+Spa&szlig; interessant zu machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So weit treiben sie&#8217;s nicht,&laquo; sagte kopfsch&uuml;ttelnd
+der Capitain &mdash; &raquo;der Franzose ist zu klug sich hier
+mit einer solchen Fregatte in einen wahrhaft verzweifelten
+Kampf einzulassen. Nein, es kommt jetzt Alles
+darauf an wie das Schiff hei&szlig;t, das zuerst in den
+Hafen einsegelt, und die guten Leute hier spielen wirklich
+nur eine Art Paar oder Unpaar, mit ihrem ganzen
+Land zum Einsatz.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bah, der Spa&szlig; ist der,&laquo; lachte der Ire, &raquo;da&szlig;
+die, die den Einsatz stellen, nicht einmal mitspielen &mdash; die
+aber die Nichts zu verlieren haben, die Missionaire,
+trumpfen aus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;S&#8217;ist Zeit da&szlig; wir hin&uuml;berfahren,&laquo; sagte Mac
+Rally &mdash; &raquo;he da vorn &mdash; <span class="smcap">damn it</span> Ihr Burschen, Ihr
+schwemmt ja heute das Deck, als ob Ihr die N&auml;gel
+herausweichen wolltet; mein Boot nieder, und viere
+von Euch hinein. Und Du Bob,&laquo; wandte er sich an
+einen der Leute, den Zimmermann, der eine gewisse
+Autorit&auml;t an Bord aus&uuml;bte wenn die Officiere an
+Land waren, &raquo;passe mir ein Bischen auf, und wenn
+es am Ufer Skandal geben und Einer von unseren
+b&auml;rbei&szlig;igen Nachbarn vielleicht geneigt sein sollte die
+Z&auml;hne zu zeigen &mdash; Du kennst ja das Zeichen &mdash; so<span class="pagenum"><a name="Page_285" id="Page_285">[285]</a></span>
+auf mit Euerem Anker, und seht zu da&szlig; Ihr au&szlig;er
+Schu&szlig;linie kommt, denn wir brauchen unsere H&ouml;lzer
+nothwendiger. &mdash; Aber bis dahin bin ich auch auf
+jeden Fall wieder zur&uuml;ck.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und soll die Flagge wehen bleiben, Capitain?&laquo;
+frug der mit Bob angeredete.</p>
+
+<p>Mac Rally stand schon auf der Schanzkleidung,
+und war eben im Begriff in das Boot hinabzusteigen.
+Er blieb stehn, und schaute einen Augenblick wie unschl&uuml;ssig
+nach dem bunten, flatternden Tuch hinauf.</p>
+
+<p>&raquo;S&#8217;w&auml;r patriotischer,&laquo; sagte er endlich, die Augenbrauen
+hoch hinaufgezogen, &raquo;aber politisch ist&#8217;s
+nicht. &mdash; Sie k&ouml;nnen Einem freilich Nichts anhaben &mdash; Ach
+was,&laquo; setzte er dann laut hinzu &mdash; &raquo;der Wind
+schl&auml;gt das Tuch doch nur zu Schanden &mdash; wenn wir
+an Land sind nimm den Lappen herunter!&laquo; und mit
+dieser h&ouml;chst unehrerbietigen Bemerkung der eigenen
+Nationalflagge sprang er, von dem Iren gefolgt, in
+sein Boot, das sie bald mit kr&auml;ftigen Ruderschl&auml;gen
+blitzesschnell &uuml;ber das Wasser dem gar nicht so fernen
+Ufer zuf&uuml;hrten.</p>
+
+<p>Hier aber wimmelte und schw&auml;rmte es inde&szlig; von
+Menschen und den Strand hinunter schien der Hauptzug
+zu gehn, wo auch wirklich an dem sogenannten
+Par&eacute;, jenem Theil der K&uuml;ste wo der K&ouml;nigin Haus<span class="pagenum"><a name="Page_286" id="Page_286">[286]</a></span>
+stand, der f&uuml;r heute bestimmte Versammlungsort des
+Festes lag, wenn hier &uuml;berhaupt ein Fest gefeiert
+wurde.</p>
+
+<p>Eine bunte M&auml;dchenschaar dr&auml;ngte sich am Ufer
+hin und an der Kirche vor&uuml;ber, deren Glocke in einem,
+oben ausgeschnittenen st&auml;mmigen Orangenbusch hing.
+Es waren bl&uuml;hende, liebliche Gestalten, mit tief dunklen
+und doch so schw&auml;rmerischen Augen, und zartgeschnittenen,
+rosigen Lippen, oft mit kaum gebr&auml;untem
+Teint, unter dem das feine liebliche Err&ouml;then, wenn
+es Wangen und Nacken &uuml;bergo&szlig;, so klar wie bei der
+wei&szlig;en Haut fast hervortrat, und den &uuml;ppigen Formen
+einen unendlichen Reiz verliehen h&auml;tte, w&auml;re
+der nicht eben durch das sonst so lockige jetzt kurz abgeschnittene
+Haar und das entsetzlichste Modell eines
+Frauenhutes, das je die freie Stirn eines sch&ouml;nen
+Kindes mishandelte, entstellt worden. Es war die
+<span class="g">fromme</span> Schaar der Tahitierinnen, die sich zur Protestantischen
+Kirche bekannten, und mit den alten Vorurtheilen
+auch ihr Lockenhaar wegwerfen mu&szlig;ten, als
+falsch und s&uuml;ndig. Und weshalb? &mdash; es hatte Blumen
+getragen einst im heidnischen Tanz, und die
+freundlichen Kinder jenes herrlichen Himmelsstriches
+schm&uuml;ckten es jetzt selbst noch gern mit den knospenden
+Bl&uuml;then. Aber fort mit dem irdischen Tant!
+wer <span class="g">Gott</span> dienen wollte, durfte sein Herz nicht an<span class="pagenum"><a name="Page_287" id="Page_287">[287]</a></span>
+die Erde und ihren Schmuck h&auml;ngen &mdash; fort mit dem
+Haar das s&uuml;ndige Eitelkeit erweckte und der Verf&uuml;hrung
+den Weg nur bahnte zum wankenden Herzen &mdash; fort
+mit dem duftigen Kranz darin und den wehenden
+Silberfasern der Arrowroot &mdash; einen anst&auml;ndigen
+<span class="g">christlichen</span> Hut mit christlicher Form auf dem Kopf,
+und diesen geschoren darunter, und das s&uuml;ndige Herz
+mu&szlig;te dann schon selber dem Schopfe folgen.</p>
+
+<p>Wie sie so ehrbar dahin schreiten, die sonst so wilden
+M&auml;dchen, das Auge z&uuml;chtig gesenkt, die schwere
+Bibel im Arm und gegen die volle Brust gepre&szlig;t, in
+der das Herz so &auml;ngstlich klopfend schl&auml;gt &mdash; der Hut
+verbirgt die Z&uuml;ge, und das lange faltige Gewand
+umh&uuml;llt fast vollkommen die zarten Gestalten, nur
+den Fu&szlig; &mdash; nicht das Sch&ouml;nste an ihnen &mdash; frei zur
+Schau tragend.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="smcap">Waihine &mdash; naha &mdash; naha Ma&iuml;re</span>!&laquo; rief da eine
+neckische Stimme dicht neben dem Zug, und ein reizendes
+M&auml;dchengesicht, aber ohne den entstellenden
+Hut, und die vollen blumendurchflochtenen Locken wild
+um die hohe edle Stirn flatternd, bog sich halb &uuml;ber,
+dem ihm n&auml;chsten M&auml;dchen unter den schrecklichen
+Hut zu sehen, und die Z&uuml;ge zu erkennen &mdash; &raquo;<span class="smcap">naha
+Ma&iuml;re</span>.&laquo;</p>
+
+<p>Aber die also Angeredete, ob sie es war oder nicht,
+bog den Kopf nur mehr zur Seite. Sie sch&auml;mte sich<span class="pagenum"><a name="Page_288" id="Page_288">[288]</a></span>
+doch nicht ihrer frommen Tracht? &mdash; &raquo;<span class="smcap">naha Ma&iuml;re</span>,&laquo;
+klang wieder und wieder der neckische Ruf &mdash; &raquo;bist
+Du&#8217;s <span class="smcap">aiu</span><a name="FNanchor_U_21" id="FNanchor_U_21"></a><a href="#Footnote_U_21" class="fnanchor">[U]</a> oder nicht? &mdash; sieh her Ma&iuml;re, sieh her
+und wende Dein K&ouml;pfchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah &mdash; da nimm das!&laquo; rief da pl&ouml;tzlich die
+fromme Maid, und den Kopf herumwerfend nach der
+Qu&auml;lerin, deren lachende Augen &uuml;ber zwei Reihen
+prachtvoller Perlz&auml;hne blitzten und funkelten, schlug
+sie mit der linken flachen Hand (in der anderen hielt
+sie die Bibel), ein Zeichen gr&uuml;ndlicher Verachtung,
+ihre Lende &mdash; &raquo;da nimm das Du b&ouml;se Ate-ate und
+la&szlig; mich zufrieden &mdash; bah &uuml;ber die Schw&auml;tzerin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hahahaha!&laquo; klangs aber wie Silberton von den
+Lippen der Anderen &mdash; &raquo;hahahaha, Ma&iuml;re, Ma&iuml;re,
+armes Kind, armes Kind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; sie gehn,&laquo; stie&szlig; da Ma&iuml;re eine Nachbarin
+an, &raquo;la&szlig; sie gehn es sind wilde Dinger und taugen
+nicht zu uns &mdash; wenn&#8217;s der Mitonare sieht da&szlig; wir
+mit ihnen gesprochen ist er b&ouml;s.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ma&iuml;re, Ma&iuml;re, armes M&auml;dchen!&laquo; riefen die Ersteren
+wieder.</p>
+
+<p>&raquo;Bah!&laquo; lachte aber die Sch&ouml;ne jetzt, den Hut zur&uuml;ckwerfend,
+da&szlig; die funkelnden Augen voll die Geg<span class="pagenum"><a name="Page_289" id="Page_289">[289]</a></span>ner
+trafen &mdash; &raquo;albernes Zeug hier, k&ouml;nnt Ihr mich
+nicht zufrieden lassen beim Kirchgang oder beim vollen
+Zug &mdash; oder glaubt Ihr da&szlig; Ihr&#8217;s nachher wohl
+toller treibt als ich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah <span class="smcap">maitai maitai</span> Ma&iuml;re,&laquo; jubelte da Ate-ate
+laut auf &mdash; &raquo;so lebst Du noch unter dem Hut und
+Dein Herz liegt nicht bei den Locken daheim im Bananenblatt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn sie nur so schnell wieder w&uuml;chsen wie
+man sie abschneiden kann,&laquo; z&uuml;rnte das sch&ouml;ne M&auml;dchen
+und warf einen m&uuml;rrischen mistrauischen Blick
+nach ihrem Schatten hinunter, aber sie sah nur den
+Hut und sch&uuml;ttelte &auml;rgerlich mit dem Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn mir die Haare wachsen schneid&#8217; ich sie
+nicht wieder ab,&laquo; sagte ein anderes M&auml;dchen das
+neben Ma&iuml;ren ging &mdash; &raquo;so lange sie kurz sind bin
+ich fromm, und dann kann einmal eine Andere an die
+Reihe kommen.&laquo;</p>
+
+<p>Drrrrrrrrum &mdash; drum, drum, drum klang der
+Wirbel und Ton; heller fr&ouml;hlicher Trommelschlag,
+das National- und Lieblingsinstrument der Insulaner,
+im Takt und Schlag ihres wildesten, aber auch
+deshalb geliebtesten Tanzes.</p>
+
+<p>&raquo;Hab&#8217; Acht, Ma&iuml;re,&laquo; rief Ate-ate an ihrer Seite
+hintanzend &mdash; &raquo;der <span class="smcap">Upepehe</span>:<span class="pagenum"><a name="Page_290" id="Page_290">[290]</a></span></p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Horch!<br /></span>
+<span class="i0">Horch wie der Trommel Klang<br /></span>
+<span class="i0">Hell durch die Palmen drang,<br /></span>
+<span class="i0">Horch!<br /></span>
+<span class="i0">Zuckt mir&#8217;s durch Fu&szlig; und Knie,<br /></span>
+<span class="i0">Zuckt mir&#8217;s im Herzen hie<br /></span>
+<span class="i0">Horch!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>&raquo;Horch!&laquo; rief aber Ma&iuml;re und ihre Augen blitzten
+und funkelten in einem wilden, fr&ouml;hlichen Feuer,
+zu dem das dicke Buch unter dem Arm gar nicht so
+recht passen wollte.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Horch!<br /></span>
+<span class="i0">Laut wie die Brandung j&auml;gt,<br /></span>
+<span class="i0">Gegen die Riffe schl&auml;gt,<br /></span>
+<span class="i0">Horch!<br /></span>
+<span class="i0">Wirbelt der Trommel Ton<br /></span>
+<span class="i0">Herzchen ich komme schon<br /></span>
+<span class="i0">Horch!&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Und in den Chor fiel die &uuml;brige fromme Schaar
+jubelnd ein, und mit den B&uuml;chern im Arm, w&auml;hrend
+die gro&szlig;en H&uuml;te den Wind fingen und auf- und niederschlugen,
+warfen sich die tollen M&auml;dchen, denen die
+bekannten und so leidenschaftlich geliebten T&ouml;ne viel
+zu verf&uuml;hrerisch in die Ohren geklungen hatten ihnen<span class="pagenum"><a name="Page_291" id="Page_291">[291]</a></span>
+widerstehn zu k&ouml;nnen, von beiden Seiten in den wilden
+Upepehe-Tanz und sprangen, von den nicht so
+feierlich geputzten jubelnden Schwestern redlich dabei
+unterst&uuml;tzt, auf und ab in der rasch gebildeten Bahn
+den &uuml;ppigsten ihrer T&auml;nze aufzuf&uuml;hren, so lange wenigstens
+die verf&uuml;hrerische Trommel schlug.</p>
+
+<p>Wie von der Tarantel gestochen schien dabei die
+Schaar, und selbst die Ernstesten unter ihnen, die
+mit finsterem Blick den ersten Uebergriff geschaut und
+mit scharfem Wort ihn ger&uuml;gt, schwiegen, sahen sich
+um nach rechts und links &mdash; z&ouml;gerten noch und &mdash; sprangen
+mitten hinein in den jubelnden Chor.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="g">Mi-to-na-re</span>!&laquo;</p>
+
+<p>Wie dem Schwimmenden das Wort <span class="g">ein Hai</span>
+mit Bleies Schwere in die Glieder schl&auml;gt, und ihn
+oft zu seinem Verderben f&uuml;r den ersten Augenblick
+jeder eigenen Willenskraft beraubt, so schlug <span class="g">das</span>
+Wort in die Reihen der Tanzenden.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="g">Mitonare</span>!&laquo;</p>
+
+<p>Einen Moment standen sie wie in Stein gehauen,
+die fr&ouml;hlichen jubelnden Gruppen, nur von den Z&uuml;gen
+hatte der Schreck die Fr&ouml;hlichkeit verwischt, und
+nicht hinaus suchte das Auge wo die Gefahr lag,
+sondern nur bei dem Nachbar wollte es Scherz oder
+Ernst der Warnung finden; der n&auml;chste Moment
+aber schon entschied den Sieg gegen die Trommel <span class="pagenum"><a name="Page_292" id="Page_292">[292]</a></span>&mdash;
+&raquo;Mitonare!&laquo; und aus dem Tanz heraus zuckte die
+Schaar der Frommen wieder in den fr&uuml;heren stillen
+und ehrbaren Gang hinein, die H&uuml;te fielen nieder &mdash; jetzt
+ein trefflicher Schutz die erregten gl&uuml;henden Gesichter
+zu bergen vor irgend einem pr&uuml;fenden Blick,
+die verschobenen R&ouml;cke wurden gerad gezupft, und wieder
+ernst und feierlich wanderte die junge Schaar,
+unschuldige Heuchler mit dem fr&ouml;hlichen Muth im
+Herzen und den unnat&uuml;rlichen Ernst starr und kalt
+drau&szlig;en herumgelegt, die breite Stra&szlig;e entlang dem
+Par&eacute; zu.</p>
+
+<p>Aber nicht nur ein Scherz, den sich irgend ein
+neckisches M&auml;dchenbild vielleicht erdacht die Schwestern
+f&uuml;rchten zu machen, war das Wort gewesen &mdash; dort
+oben vor dem Hause des jetzt allerdings verreisten
+fr&uuml;heren Missionairs und jetzigen Englischen
+Consuls Pritchard (ein weites Geb&auml;ude mit bequemer
+luftiger Verandah, Europ&auml;ischen Th&uuml;ren, Glasfenstern
+und wohnlicher selbst eleganter innerer Einrichtung)
+stand die fromme Schaar der Missionaire
+versammelt &mdash; sie <span class="g">Alle</span>, nicht ein einziger fehlte von
+Tahiti selber, wie von Imeo, in schwarzem Frack und
+Hosen, wei&szlig;er Halsbinde und Weste und das unpraktischste
+Fabrikat das je ein Mensch in kaltem oder
+hei&szlig;em Klima, in Sonne oder Schnee, in Staub oder
+Regen, bei Wind oder Stille, beim Gehen, Reiten<span class="pagenum"><a name="Page_293" id="Page_293">[293]</a></span>
+oder Fahren getragen, den schwarzen Cylinderhut auf
+dem Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Er hat uns gesehn!&laquo; fl&uuml;sterte Eines der M&auml;dchen
+dem anderen zu &mdash; &raquo;er tr&auml;gt ein kleines langes
+St&uuml;ck Metall, das wie <span class="smcap">per&uacute;</span><a name="FNanchor_V_22" id="FNanchor_V_22"></a><a href="#Footnote_V_22" class="fnanchor">[V]</a> aussieht, in der Tasche,
+damit kann er von einer Insel nach der anderen
+hin&uuml;bersehn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bah&#8217; heute sagt er Nichts,&laquo; fl&uuml;sterte die Andere
+zur&uuml;ck &mdash; &raquo;und zankt er mich aus,&laquo; setzte sie trotzig
+hinzu &mdash; &raquo;geh ich zu dem anderen Priester mit Kreuz
+und Licht, dort darf ich mir so die Haare wachsen
+lassen und Blumen hineinflechten, und komme doch
+in den Himmel der Wei&szlig;en.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die breite Pforte bleibt Dir verschlossen, wenn
+Dir die Mitonares nicht den Eingang zeigen,&laquo; warnte
+die Erste wieder.</p>
+
+<p>&raquo;Ei was,&laquo; lachte die Zweite leise, &raquo;dann biegen
+mir die anderen Mitonares den Bambus auseinander &mdash; wenn
+ich nur hineinkomme.&laquo;</p>
+
+<p>Die M&auml;dchen kicherten zusammen unter ihren vorgebeugten
+H&uuml;ten, aber ganz leise, und der Zug schritt
+langsam vorw&auml;rts, denn er wuchs mit jedem Fu&szlig;breit
+Boden den er gewann, und an dem letzten
+&raquo;Bethaus&laquo; hatten sich ihm alle &raquo;Glieder der Kirche&laquo;<span class="pagenum"><a name="Page_294" id="Page_294">[294]</a></span>
+(<span class="smcap">Church members</span>) in feierlicher Procession und von
+dem Ehrw&uuml;rdigen Mr. Rowe gef&uuml;hrt, angeschlossen.</p>
+
+<p>Ehrw&uuml;rdige Gestalten selbst, mit ihren braunen
+Gesichtern und wei&szlig;en Jacken, manche in Hosen, einzelne
+sogar im Frack und Lendentuch, mit Weste und
+heftig gest&auml;rktem Vorhemd, die Beine t&auml;ttowirt mit
+allen m&ouml;glichen heidnischen Zeichen, und den Kopf
+geschoren in christlicher Demuth.</p>
+
+<p>Viele davon, ja die meisten, trugen B&uuml;cher unter
+dem Arm, und der stille Ernst der in ihren Reihen
+herrschte, mit der Schaar von schwarzgekleideten M&auml;nnern
+die jetzt zu ihnen niederstieg und ihrem Zug
+voranging, machte einen eigenen wunderlichen Eindruck
+auf den Zuschauer.</p>
+
+<p>&raquo;Wer wird denn hier eigentlich begraben, Jim?&laquo;
+sagte Mac Rally, als sie am Strande hin, in etwa
+funfzig Stritt Entfernung vom Ufer, den Zug in
+ihrem Boot begleiteten &mdash; &raquo;das geht ja merkw&uuml;rdig
+feierlich zu bei den Leuten &mdash; wenn ich nicht w&uuml;&szlig;te
+da&szlig; ich in Tahiti w&auml;re, glaubte ich wahrhaftig, ich sei
+aus Versehen irgendwo in Neu-England angelaufen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;H&auml;tt&#8217; ich die M&auml;dchen mit den schauerlichen H&uuml;ten
+da eben nicht tanzen sehn,&laquo; lachte der Ire, &raquo;so
+glaubt&#8217; ich&#8217;s auch &mdash; schwarz genug sieht der Kopf
+davorn aus, und dunkel gesprenkelt gehts durch den
+ganzen Zug; aber so ernsthaft werden sie&#8217;s wohl nicht<span class="pagenum"><a name="Page_295" id="Page_295">[295]</a></span>
+meinen, und das Ganze l&auml;uft doch am Ende wieder
+darauf hinaus, da&szlig; sie den H&ouml;chsten ersuchen sich der
+Sache, die sie jetzt in die Dinte geritten haben, anzunehmen,
+und nachher eine Collekte f&uuml;r Missionszwecke
+sammeln.&laquo;</p>
+
+<p>Mac Rally sch&uuml;ttelte mit dem Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Und ich glaub&#8217;s nicht &mdash; w&auml;re das Englische
+Kriegsschiff nicht da, ja, aber der Capitain h&auml;lt zu
+ihnen, oder will wenigstens nicht zu dem Franzmann
+halten, was ich ihm auch nicht verdenken kann, und
+da wird sie der B&ouml;se wohl plagen da&szlig; sie irgend einen
+gescheuten Streich aushecken, bei dem ihnen nachher
+die Insulaner die Kastanien aus der Asche holen
+m&uuml;ssen. Ich kenne meine Leute.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wetter, jetzt wird&#8217;s Ernst!&laquo; rief Jim da, &uuml;ber
+die Bai hin&uuml;berzeigend, nach der er den Kopf zuf&auml;llig
+gewandt &mdash; &raquo;da kommen die Boote Ihrer Majest&auml;t,
+mit wehenden Flaggen, die Tahitische vorn am Bug,
+dar&uuml;ber wird sich unser Franz&ouml;sischer Nachbar unendlich
+freuen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So <span class="smcap">back water</span>, Jim, dort hinein in die Bucht,&laquo;
+rief Mac Rally, &raquo;es wird Zeit da&szlig; wir landen, und
+uns den Spa&szlig; jetzt vom Ufer aus betrachten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe ebenfalls Nichts zwischen den Booten
+zu suchen, Sirrah,&laquo; brummte der Ire, und dem Befehl
+gehorsam scho&szlig; das Boot gleich darauf einem<span class="pagenum"><a name="Page_296" id="Page_296">[296]</a></span>
+der einfachen ausgebauten Landungspl&auml;tze zu, an dem
+es Einer der Leute befestigte, w&auml;hrend sich die beiden
+M&auml;nner in dem Gedr&auml;ng von Menschen verloren,
+Europ&auml;ern wie Insulanern, die Alle dem oberen Theil
+der Bai, Par&eacute; genannt, wo die K&ouml;nigin ein gro&szlig;es
+Bambushaus stehen hatte, zustr&ouml;mte.</p>
+
+<p>Die Leute am Ufer konnten aber nur h&ouml;chst langsam
+vorr&uuml;cken, w&auml;hrend die Boote rasch &uuml;ber die glatte
+Bai dahin schossen und ihre Bemannung schon ihre
+Pl&auml;tze eingenommen hatte, ehe der gr&ouml;&szlig;te Theil der
+Missionaire, der sich dem vollen Zug bei dem letzten
+Bethaus angeschlossen, mit demselben eintraf.</p>
+
+<p>Die K&ouml;nigin Pomare, oder <span class="smcap">Pomare Waihine</span> sa&szlig;,
+von ihren Frauen umstanden, auf der Verandah ihres
+Hauses, ihren k&ouml;niglichen Gemahl zur Seite. Zur
+Rechten und Linken befanden sich die Englischen Officiere
+des Talbot mit den verschiedenen auf Tahiti
+anwesenden Consuln Englands, Frankreichs und Amerikas
+und manchen dort ans&auml;ssigen Fremden, ebenso
+die Missionaire, und den Hof f&uuml;llend in weitem Kreis
+standen die verschiedenen H&auml;uptlinge des Landes mit
+der bunten wunderlichen Schaar der Eingeborenen,
+die sich von Civilisation wie Christenthum zum gro&szlig;en
+Theil gerade soviel zugeeignet hatte, als n&ouml;thig war
+ihnen ihre Nationalit&auml;t zu nehmen, ohne ihnen viel
+anderes daf&uuml;r zu bieten.<span class="pagenum"><a name="Page_297" id="Page_297">[297]</a></span></p>
+
+<p>Es ist wahr, das gute Herz und der treue offene
+Sinn der Insulaner hatte Viele den Segnungen unserer
+sch&ouml;nen Religion leicht zug&auml;nglich gemacht, und
+sie mit Freuden die Irrth&uuml;mer von sich werfen lassen,
+denen sie &uuml;berdies nicht aus Neigung sondern nur
+deshalb angehangen, weil es ihnen eben so von ihren
+V&auml;tern &uuml;berliefert worden; so entsagten sie dem, fr&uuml;her
+zu einem f&ouml;rmlichen Gebrauch gewordenen Kindesmord<a name="FNanchor_W_23" id="FNanchor_W_23"></a><a href="#Footnote_W_23" class="fnanchor">[W]</a>,
+ehe sie selbst begriffen was das Christenthum
+eigentlich sei, und nahmen dieses besonders deshalb
+an, weil es ihnen als eine Religion der Liebe
+wie des Friedens geschildert wurde, und sie ihrer
+Kriege und Streitigkeiten schon selber herzlich satt
+waren. Ja, die Priester entsagten sogar auf manchen<span class="pagenum"><a name="Page_298" id="Page_298">[298]</a></span>
+Inseln zuerst dem Heidenthum, wie der hohe Priester
+Tati, der selber seine G&ouml;tzen verbrannte, weil er einsah
+da&szlig; die Religion der Bleichgesichter in ihren Lehren
+eine gute sei, und das Volk gl&uuml;cklicher machen
+w&uuml;rde, wenn es ihr folge und seinen Misbr&auml;uchen,
+seinen K&auml;mpfen entsage.</p>
+
+<p>W&auml;ren die Missionaire dabei stehen geblieben, h&auml;tten
+sie diesen noch uncivilisirten, aber jedem Guten
+empf&auml;nglichen St&auml;mmen unser Christenthum gebracht
+wie es Christus lehrte, sie w&auml;ren ein Segen dem
+Lande geworden und in ihrer Hand lag damals das
+Gl&uuml;ck von Millionen, denn kein Stamm der Erde
+trug den Saamen des Edlen und Guten mehr und
+kr&auml;ftiger in sich als gerade die Bewohner dieser sch&ouml;nen
+Inseln, aber statt dem wirklichen Kern unseres
+Glaubens brachten sie ihre Dogmen und Streitigkeiten,
+nichtssagende Formeln und Gebr&auml;uche, und die
+n&auml;chste Zeit schon sollte lehren wie sehr falsch sie gehandelt
+und wie ihr Ehrgeiz und Stolz der <span class="g">eigenen
+Gemeinde nur</span>, nicht dem wirklichen Christenthum
+Anh&auml;nger zu gewinnen, das arme Volk das hier zum
+Opfer ausersehen worden, ehe es nur begreifen konnte
+um was es sich &uuml;berhaupt handele, in die Gr&auml;uel
+eines Religionskrieges verwickelte.</p>
+
+<p>H&auml;tten die Evangelischen Lehrer sich eben an den
+reinen und herrlichen Kern unserer Lehre gehalten, so<span class="pagenum"><a name="Page_299" id="Page_299">[299]</a></span>
+konnten ihnen eintreffende Sekten keine Bekehrte mehr
+abtr&uuml;nnig machen; sie brauchten sie nur auf das Eigentliche
+jedes wahren Glaubens zur&uuml;ckzuf&uuml;hren und
+der Insulaner h&auml;tte gewu&szlig;t <span class="g">weshalb</span> er seine G&ouml;tzen
+verbrannte. So aber machten sie die Formen zur
+Hauptsache; ein s&uuml;dliches unserer nordischen K&auml;lte,
+unseren starren Fanatismus nicht gewohntes Volk,
+das schon durch Klima wie Boden von Gott selber
+angewiesen worden ganz anders zu leben und zu denken,
+sollte nicht allein seine Religion &auml;ndern (das war
+m&ouml;glich und die besser Gesinnten bewiesen bald wie
+leicht es ihnen wurde guten Lehren ihr Ohr zu &ouml;ffnen),
+nein auch ein anderes Leben beginnen; sie sollten vollkommen
+andere Menschen werden, Worte singen die
+sie nicht verstanden, Tage lang, statt ihrer T&auml;nze und
+Spiele, ihr Antlitz in den Staub werfen und beten,
+und wo sie bis dahin dem Himmel frisch und fr&ouml;hlich
+in&#8217;s Auge geblickt, Allem entsagen fast, was ihnen
+die Natur in ihrem reichsten Ueberma&szlig; geboten; mit
+einem Wort jenen dunklen Schw&auml;rmern und Kopfh&auml;ngern
+gleich werden, die selbst in ihrem nordischen
+Vaterland nur theilweis Anh&auml;nger finden konnten,
+und in Streit und Hader leben mit anderen Sekten.</p>
+
+<p>Aber noch waren sie selbst darin nicht fest geworden,
+ja in Vielen sogar schon Zweifel aufgestiegen,
+ob ihre alten G&ouml;tter nicht mit ihnen z&uuml;rnten, und der<span class="pagenum"><a name="Page_300" id="Page_300">[300]</a></span>
+neue keine Macht habe sie zu sch&uuml;tzen, denn ansteckende
+Krankheiten w&uuml;theten unter ihnen und religi&ouml;se wie
+politische Streitigkeiten hatten Familien und St&auml;mme
+entzweit, bei denen nur der harmlose gute Charakter
+der Insulaner selber oft blutiges Ende verhinderte.
+Da warfen die Franzosen ihre Missionaire her&uuml;ber,
+die einen anderen Gott, einen anderen Glauben brachten,
+und w&auml;hrend die Evangelischen Priester die Neugekommenen
+als Kinder des Satans und G&ouml;tzenanbeter
+ausschrieen, verd&auml;chtigten die Letzteren ihre, ihnen
+allerdings nicht geneigten Vorg&auml;nger, und warnten
+die armen Eingeborenen, denen der Kopf wirbelte
+bei den neuen Dogmen und Gebr&auml;uchen, auf
+dem betretenen Wege fortzugehn &mdash; denn er f&uuml;hre
+genau zu dem Platz den sie bei Wegwerfung ihrer
+G&ouml;tzen h&auml;tten vermeiden wollen &mdash; n&auml;mlich zur <span class="g">H&ouml;lle</span>.</p>
+
+<p>Doch fort mit all solchen traurigen Betrachtungen,
+soweit sie nicht zu nahe mit den Personen selber verkn&uuml;pft
+sind, mit denen wir es hier zu thun haben &mdash; sie
+thun weh, und man m&ouml;chte da manchmal mit
+Keulen drein schlagen, die Menschen doch nur &mdash; das
+wenigste was man von ihnen verlangen kann &mdash; vern&uuml;nftig
+zu machen.</p>
+
+<p>So vor denn, Du bunte Schaar, und gr&uuml;&szlig;e die
+Majest&auml;t, denn vor dem Hause flattert im frischen
+Morgenwind das Tahitische Banner, der einsame<span class="pagenum"><a name="Page_301" id="Page_301">[301]</a></span>
+bleiche Stern im rothen Feld, und alle Fremden
+gr&uuml;&szlig;en mit abgezogenen H&uuml;ten des Landes K&ouml;nigin.</p>
+
+<p>Auch die Eingeborenen folgten, auf ein Zeichen
+ihres Missionairs, diesem Gebrauch, die wenigstens,
+die H&uuml;te hatten &mdash; und begriffen vielleicht dabei heut&#8217;
+zum ersten Mal weshalb sie die wunderlichen Dinger
+eigentlich trugen.</p>
+
+<p>Pomare erhob sich, dankte mit freundlichem Nicken
+und lie&szlig; den Blick lange und forschend &uuml;ber die Menschenwogen
+gleiten, die ihren einfachen Palast umlagert
+hielten. Kaum aber zeigte sie sich so dem Volk,
+das in Liebe und Ehrfurcht an ihr hing, da rief ein
+alter Mann, ein H&auml;uptling von Taiarabu, der unfern
+der Verandah stand:</p>
+
+<p>&raquo;Pomare! unsere K&ouml;nigin, <span class="smcap">ia ore na oe</span>!&laquo;<a name="FNanchor_X_24" id="FNanchor_X_24"></a><a href="#Footnote_X_24" class="fnanchor">[X]</a>
+und wie der Schlag des Gesch&uuml;tzes, der das Echo
+weckte in den Bergen, fa&szlig;te den Ruf die Menge und
+laut wie der Brandung Donnerton klang das liebende
+Wort: &raquo;<span class="smcap">ia ore na oe</span>!&laquo;</p>
+
+<p>Pomare wollte reden, sie hob die Hand und &ouml;ffnete
+den Mund, aber die Stimme versagte ihr &mdash; sie
+barg die Stirn in der linken Hand und wandte den
+Kopf, ihre Bewegung zu verbergen; da fiel ihr Blick
+auf die Fremden an ihrer Seite, auf die schwarzen<span class="pagenum"><a name="Page_302" id="Page_302">[302]</a></span>
+M&auml;nner Gottes, auf die buntblitzenden Uniformen
+der Seeleute, und gewaltsam raffte sie sich zusammen,
+nicht schwach zu scheinen vor den Fremden.</p>
+
+<p>Ein leiser Wink ihrer Hand rief Raiata, ihren
+&raquo;Sprecher&laquo; an ihre Seite und wie noch vor wenig
+Augenblicken ein wildes Meer von K&ouml;pfen her&uuml;ber
+und hin&uuml;berwogend mit st&uuml;rmischen Lauten die Luft
+erf&uuml;llt hatte, legte sich der L&auml;rm im Augenblick und
+wechselte in Todtenstille, da&szlig; dumpf und dr&ouml;hnend
+der fernen Brandung Rollen h&ouml;rbar wurde &uuml;ber der
+Schaar, und wie ein Segen klang zu dem frommen
+Wort des Volks.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist der K&ouml;nigin Wunsch,&laquo; klang da die volle
+klare Stimme Raiatas, &raquo;da&szlig; die Verhandlungen dieses
+Tages mit Gebet beginnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dazu geben wir unsere volle Beistimmung,&laquo;
+nahm da Einer der Missionaire rasch das Wort, &raquo;und
+wollen den ehrw&uuml;rdigen Herren Rowe ersuchen das
+Gebet zu halten.&laquo;</p>
+
+<p>Die K&ouml;nigin neigte ihr Haupt und w&auml;hrend einer
+feierlichen Stille, in der das Athmen der Menge
+h&ouml;rbar war, begann der fromme Mann sein lautes
+Gebet.</p>
+
+<p>&raquo;Herr mein Gott, Deine Hand liegt schwer auf
+diesem Volk, Deines Zornes Wucht traf tief und
+schmerzlich das gebeugte Haupt, und unser Flehen<span class="pagenum"><a name="Page_303" id="Page_303">[303]</a></span>
+steige jetzt auf zu Dir zu Ruhm und Preis, Jehovah,
+da&szlig; Du Dich erbarmen m&ouml;gest unserer Noth.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von &uuml;ber dem Meere her drohete dem friedlichen
+Strand Gefahr, Deiner Kinder frommer Sinn, wie
+Du ihn gn&auml;dig gelegt hast in unsere Hand, wird gef&auml;hrdet
+durch der Papisten Wort und die eisernen Gesch&uuml;tze
+unserer Feinde, und Deine Hand nur kann
+uns retten vor Noth und Vernichtung, Jehovah!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unsere Feinde sind stark &mdash; ihrer Waffen Macht
+tr&auml;gt das Meer, und Nichts haben wir ihnen entgegenzusetzen
+als das fromme Wort &mdash; als <span class="g">Dein</span> Wort
+o Herr, wie Du es uns gegeben in der heiligen
+Schrift &mdash; o Jehovah!&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Hier Herr ist ein Volk, ein zahlreiches Volk,
+auf das kein Strahl g&ouml;ttlicher Gerechtigkeit gefallen
+war in seiner Nacht; das seinen m&uuml;hseligen Weg seit
+ungekannten Generationen, vielleicht seit dem Beginn
+des G&ouml;tzendienstes unter Noahs Abk&ouml;mmlingen in all
+der Finsterni&szlig;, in all dem Grausen schrecklichen Wahns
+seine dunkle Bahn gesucht &mdash; eines Wahnes der sich
+unter verschiedenen Verh&auml;ltnissen aber sonst immer
+derselbe zeigte, und einen so gewaltigen Theil des
+menschlichen Geschlechts umfa&szlig;t, dessen vorragende
+Z&uuml;ge aber immer den Stempel des Fluchs getragen,
+in &raquo;Unreinigkeit und Blut.&laquo; &mdash; O Herr &mdash; hier <span class="pagenum"><a name="Page_304" id="Page_304">[304]</a></span>&mdash;
+hier ist ein Volk, bei dem seit fr&uuml;hster &auml;ltester Zeit
+menschliche Opfer gebracht wurden &mdash; hier jener fremde
+Mummenschanz mit G&ouml;tzenbild und Trug ist getrieben,
+Mummenschanz den die Betenden nicht einmal
+begriffen und nur gemacht den dunklen Geist der Seinen
+zu verwirren, ohne Trost zu bringen, ohne Ruh,
+und ohne nur das Herz im Entferntesten zu reinigen
+von der S&uuml;nde.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;In dieser entsetzlichen Zeit ein Schiff, weit weit
+am Horizont kommt in Sicht &mdash; dreitausend Meilen
+fuhr es &uuml;ber eine Wasserw&uuml;ste und f&uuml;hrt eine gew&auml;hlte
+Schaar von Passagieren an Bord, die einem
+festen Ziel entgegenziehen &mdash; und was das Ziel? &mdash; Die
+Nachricht von Gottes Vaterhuld zu bringen einer
+verderbenden Welt, das Heil denen zu bringen,
+die bereuen und glauben und den mit Blindheit geschlagenen
+Heiden den Weg zu zeigen zu Gottes Paradies.
+Die Herolde, die fr&ouml;hlichen Muthes ausgegangen
+diese g&ouml;ttliche Proclamation zu verk&uuml;nden sind
+unsere Br&uuml;der &mdash; von der Th&uuml;r jenes Heiligthums
+aus begannen sie ihren Weg der Gnade. Mit Liebe
+und Anh&auml;nglichkeit an ihr Vaterland, mit Aussicht
+auf Erwerb und Achtung daheim, mit Gesundheit
+und Freuden und Allem was dies Leben w&uuml;nschenswerth
+machen konnte, entsagten sie ruhig dem
+Allen, rechneten Alles nur Verlust, wo sie des Vor<span class="pagenum"><a name="Page_305" id="Page_305">[305]</a></span>theils
+theilhaftig werden konnten den Heiland zu
+predigen diesen, dem Untergang geweihten Inseln.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie waren auf Gefahr gefa&szlig;t, auf Noth und
+Hunger, auf st&uuml;rmische See und blutgierigen Feind,
+auf Verfolgung der G&ouml;tzenpriester und ihren Ha&szlig;,
+auf blinden Wahn und alle Schrecken blinderen
+Aberglaubens; und Alles Alles haben sie besiegt, mit
+der H&uuml;lfe des Herren Zebaoth da droben und seiner
+Macht, und Jesus Christus seinem eingeborenen Sohn,
+und dem heiligen Geist in all seiner Herrlichkeit und
+unersch&ouml;pflichen Gnade. Aber &mdash; nicht gefa&szlig;t waren
+sie auf den Feind im Lager unter den eignen Br&uuml;dern &mdash; nicht
+gefa&szlig;t darauf da&szlig; ein anderes Christliches
+Reich seine Boten des Hasses und Aberglaubens
+senden w&uuml;rde in dies Inselland, das fromme Werk zu
+st&ouml;ren, zu verderben. Aber sieh, des Herren Hand
+ist stark auch in dem Schwachen, und wie der Widerstand
+den Gegendruck erh&ouml;ht und st&auml;rker macht, so hat
+sich jetzt das ganze Volk erhoben wie <span class="g">ein</span> Mann, zu
+zeigen da&szlig; es Gott verehrt in Seiner Herrlichkeit &mdash; aber
+auch nur in <span class="g">Seinem</span> Wort, und von sich werfen
+will, was seinem Lande wie seinem Geiste Fesseln
+legen m&ouml;chte zu Schmerz und Schmach.&laquo;</p>
+
+<p>Pomare wandte den Kopf nach dem Redner, und
+das Blut scho&szlig; ihr in vollen Str&ouml;men in Stirn und
+Schl&auml;fe &mdash; es war als ob sie reden wollte, aber nach<span class="pagenum"><a name="Page_306" id="Page_306">[306]</a></span>
+wenigen Secunden senkte sie wieder die Augen zu Boden
+und der Ehrw&uuml;rdige Mann fuhr fort.</p>
+
+<p>&raquo;Der Antichrist hat sich erhoben unter uns &mdash; nicht
+frei und offen aber trat er auf, dem ehrlichen
+Feind gegen&uuml;ber der ehrliche Feind; nein schlau und
+heimlich schlich er herbei mit gleisnerischem Wort und
+Blick, fromme Worte auf den Lippen und Trug im
+Herzen. Wehe! Wehe &uuml;ber ihn, wehe wehe &uuml;ber
+Euch wenn Ihr ihm lauschtet was er Euch vorerz&auml;hlt
+mit der Doppelzunge &mdash; der Fluch bliebe nicht
+aus, und was durch Gottes Hand ges&auml;et in den langen
+Jahren der Tr&uuml;bsal und des Leides, das m&auml;hte des
+Teufels Hand nieder in <span class="g">einer</span> schwarzen Stunde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Gebet!&laquo; fl&uuml;sterte einer seiner Amtsbr&uuml;der,
+denn die K&ouml;nigin hob wieder den Kopf und seufzte
+auf, wie von innerer Angst beklemmt.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin der Herr Dein Gott, Du sollst nicht
+andere G&ouml;tter haben neben mir&laquo; &mdash; fuhr aber der
+Geistliche in vollem Eifer und hingerissen von dem
+Thema fort &mdash; &raquo;nicht buntes Schnitzwerk, bunten Kleides
+Zier, nicht leere Formeln und hohles Wort sind
+des Christen Schmuck, ein dem&uuml;thiges Herz nur und
+einfacher Sinn &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Gebet,&laquo; mahnte dringender die Stimme,
+denn unter dem Volke auch wurde jetzt manche Stimme
+laut, und selbst unter den gegenw&auml;rtigen Fremden, von<span class="pagenum"><a name="Page_307" id="Page_307">[307]</a></span>
+denen mehrere der R&ouml;mischen Kirche angeh&ouml;rten, erhob
+sich ein leises Murren und nur wohl die Gegenwart
+der K&ouml;nigin hielt eine f&ouml;rmliche Einrede zur&uuml;ck.
+Der ehrw&uuml;rdige Mr. Rowe hielt einen Augenblick ein
+und schaute mit einem verkl&auml;rten Blick zum Himmel,
+dann aber, wie von seinen Gef&uuml;hlen &uuml;bermannt, sagte
+er mit ged&auml;mpfter, anfangs kaum verst&auml;ndlicher, doch
+wieder wachsender, anschwellender Stimme:</p>
+
+<p>&raquo;Dein sei der Preis und die Ehre in der H&ouml;he,
+Jehovah, Dein sei die Herrlichkeit &mdash; sch&uuml;tze unsere
+Br&uuml;der in dieser Inselwelt, sch&uuml;tze das ganze Christenthum
+vor den Versuchen des Pabstthums.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gie&szlig;e Deinen Heiligen Geist aus von da droben
+auf alle Evangelische Kirchen, und vereinige sie zu
+Einem lebendigen Glauben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gieb allen Christen, vorz&uuml;glich aber den Pastoren
+und Evangelisten Kraft und Muth Rom zu widerstreben
+und das glorreiche Reich Jesus Christus unseres
+Herren und Gottes aufzurichten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zerst&ouml;re rasch, bei dem Geist Deines Mundes
+(2. Thess. 11, 8.) die t&ouml;dtlichen Irrth&uuml;mer des Pabstthums;
+brich das Joch, das es auf die Nacken so
+vielen Volkes gedr&uuml;ckt, und f&uuml;hre durch Deinen Rath
+die Seelen, die es von Christus sonst entfernen m&ouml;chte
+und die uns werth und theuer sein m&uuml;ssen, zur glorreichen
+Freiheit ein der Kinder Gottes &mdash; aber &mdash;&laquo;<span class="pagenum"><a name="Page_308" id="Page_308">[308]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Amen!&laquo; fielen in diesem Augenblick die ihm
+n&auml;chsten Br&uuml;der laut und rasch ein &mdash; und <span class="g">Amen</span>
+riefen die Umstehenden, <span class="g">Amen</span> hallte es, wie dumpfen
+Donners Ton leise und scheu von den Lippen der
+Tausende, die das kleine Haus umdr&auml;ngt hielten, und
+deren Blicke an dem ernsten Mann hingen wie er zu
+<span class="g">seinem</span> Gott sprach f&uuml;r ein fremdes Volk. Die
+Fremden aber, denen die fanatische Predigt schon viel
+zu lange gedauert, holten tief Athem, r&auml;usperten sich
+und fl&uuml;sterten mit einander &mdash; der Geistliche konnte
+nicht weiter beten.</p>
+
+<p>Pomare bog sich jetzt leise zu ihrem Sprecher &uuml;ber,
+und Raiata den Arm ausstreckend &uuml;ber das Volk, sagte
+mit seiner lauten, auch zu den Entferntesten klar und
+deutlich dringenden Stimme:</p>
+
+<p>&raquo;Ihr M&auml;nner von Tahiti und Imeo, H&auml;uptlinge
+und Volk, und Ihr Fremden die Ihr gegenw&auml;rtig
+seid an diesem Tag, und Theil nehmt an unserem
+Schicksal; die K&ouml;nigin Pomare, Aimata, wird zu
+Euch sprechen und mit Euch sprechen &uuml;ber das Eingreifen
+einer fremden Macht in ihre Rechte, das sie,
+wenn sie es duldete, nicht mehr K&ouml;nigin sein lie&szlig; auf
+dem Thron Otu&#8217;s. &mdash; Erw&auml;get wohl was heute verhandelt
+wird, es ist eine wichtige Sache und kein
+blinder Eifer daf&uuml;r oder dagegen sollte die Entscheidung
+lenken, aber redet auch in Frieden und betet zu<span class="pagenum"><a name="Page_309" id="Page_309">[309]</a></span>
+Gott da&szlig; <span class="g">wenn heute doch zornige Worte gesprochen
+werden sollten, sie mild und weich
+werden, wenn sie in Euer Herz eingehn, und
+dort nicht Aerger und b&ouml;sen Geist erzeugen</span>.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Segne meine Seele Jim, was die da erst kreuz
+und queer um den Compa&szlig; gehn, ehe sie den richtigen
+Cours kriegen,&laquo; sagte unser alter Bekannter,
+Mac Rally, zu seinem Begleiter, mit dem er sich
+ziemlich dicht zur Verandah, an der Seite aber an
+welcher die Missionaire standen, vorgedr&auml;ngt hatte.
+Hier befanden sich die beiden auch fast hinter dem
+ganzen weiblichen Theil der Versammlung, der sich
+ohne fr&uuml;here Verabredung, und eigentlich nur der ersten
+frommen Abtheilung der M&auml;dchen folgend, da
+zusammengefunden und seinen Platz behauptet hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Die Sache wird langweilig,&laquo; meinte Jim g&auml;hnend &mdash; &raquo;jetzt
+werden sie gleich an zu singen fangen,
+und wenn wir nicht hier die h&uuml;bsche Nachbarschaft
+h&auml;tten &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ruhe da! &mdash; Still! &mdash; gebt Frieden!&laquo; t&ouml;nte es
+von mehren Seiten, und Aller K&ouml;pfe wandten sich
+den beiden Seeleuten zu, die dadurch die Aufmerksamkeit
+der Menge weit mehr auf sich gezogen sahen,
+als sie wohl vermuthet. Raiata begann aber in demselben
+Augenblick wieder, und jetzt zwar mit Vorlesen
+einer langen Rede Pomares in Tahitischer Sprache,<span class="pagenum"><a name="Page_310" id="Page_310">[310]</a></span>
+in der er zuerst ihre Gef&uuml;hle bei dem jetzigen politischen
+Stand der Dinge beschrieb, bei welchem sie sich
+selber als verbannt von ihrem K&ouml;nigreich betrachten
+m&uuml;sse, und das Volk dann aufforderte diesem Zustand
+durch energisches, aber auch einiges Handeln ein Ende
+zu machen.</p>
+
+<p>Dann wurde ein Brief des Englischen Admirals
+verlesen, der die Theilnahme der K&ouml;nigin von England
+f&uuml;r die K&ouml;nigin von Tahiti ausdr&uuml;ckte<a name="FNanchor_Y_25" id="FNanchor_Y_25"></a><a href="#Footnote_Y_25" class="fnanchor">[Y]</a> und
+auf das beif&auml;llige Murren der Versammlung wandte
+sich Raiata nun zu den verschiedenen H&auml;uptlingen der
+n&auml;chsten Distrikte, ihre Meinung zu h&ouml;ren.</p>
+
+<p>&raquo;Fanue sprich Du was Du denkst von der Gestaltung
+der Dinge im Reich. &mdash; Der Aelteste bist Du,
+Pomare fr&auml;gt Dich, willst Du die Flagge beibehalten
+wie sie ist, oder Dich der neuen Herrschaft beugen?&laquo;</p>
+
+<p>Fanue, ein Greis, t&auml;ttowirt noch aus der Heidenzeit
+und mit einem Tapa-Mantel statt des bunten
+Kattuns, wie ihn fast alle Anderen trugen, stand, auf
+seinen Stab gest&uuml;tzt, und schien die Anrede, als etwas
+Selbstverst&auml;ndliches schon lange erwartet zu haben.
+Aber der Ton seiner Stimme klang rauh, rauh wie<span class="pagenum"><a name="Page_311" id="Page_311">[311]</a></span>
+das Wort das er sprach, und das lange wei&szlig;e Haar,
+das er nicht abgeschnitten hatte wie viele der &raquo;gl&auml;ubigen
+Christen&laquo;, zur&uuml;ckwerfend aus der Stirn sagte er
+finster:</p>
+
+<p>&raquo;Raiata h&auml;tte sich die Frage sparen k&ouml;nnen, er
+wei&szlig; wie Fanue denkt und gedacht hat seit sie Oros
+Bildni&szlig; auf den Inseln st&uuml;rzten. Der Fremden sind
+hier zu viel gewesen von vorn herein, und es ist nicht
+wahrscheinlich da&szlig; ich ihnen jetzt das Wort reden
+sollte. Was der Ferani dabei f&uuml;r ein Recht hat uns
+regieren zu wollen? &mdash; dasselbe Recht das sich der
+Hai nimmt, wenn er in unsere Binnenriffe kommt &mdash; nur
+da&szlig; sich der Haifisch sch&auml;mt, wenn er von Menschen
+dabei erwischt wird, und wieder zur&uuml;ckgeht &mdash; und
+der Ferani <span class="g">nicht</span>. Aber es giebt viele Arten
+von Hai&#8217;s,&laquo; setzte er langsamer hinzu und sein Blick
+schweifte d&uuml;ster &uuml;ber <span class="g">alle</span> Wei&szlig;e &mdash; &raquo;eine vorsichtiger &mdash; feiger
+wie die andere. Fanue m&ouml;chte einen
+Corallenblock nehmen und die Einfahrt verstopfen &mdash; nachher
+lie&szlig;e sich leicht reine Bahn machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Du stehst der Frage keine Rede Fanue,&laquo;
+sagte Raiata ungeduldig, &raquo;willst Du die <span class="g">Fahne</span> beibehalten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wu&szlig;te nicht da&szlig; das bunte Spielzeug bei
+Euch die Hauptsache ist,&laquo; sagte der Greis m&uuml;rrisch &mdash; &raquo;wenn&#8217;s
+denn einmal eine sein mu&szlig;, ist die so gut wie<span class="pagenum"><a name="Page_312" id="Page_312">[312]</a></span>
+jede andere &mdash; weshalb wechseln? aber Otu wu&szlig;te
+Nichts von solchem Tant.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Fanue stimmt also f&uuml;r Beibehaltung der Englischen
+Flagge,&laquo; fiel hier Mr. Dennis, Einer der Missionaire
+von Imeo in das Wort &mdash; &raquo;von solchem
+w&uuml;rdigen Mann war das nicht anders zu erwarten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Du Aonui?&laquo; fuhr Raiata fort.</p>
+
+<p>&raquo;Halt ein, Pomare!&laquo; rief aber in diesem Augenblick
+Mr. M&ouml;renhout der Franz&ouml;sische Consul, der der
+Verhandlung bis dahin schweigend aber mit krauser
+Stirn gelauscht &mdash; &raquo;das &uuml;berschreitet Euere Macht.
+Der Vertrag, den Du sowohl, wie vier Deiner ersten
+H&auml;uptlinge unterschrieben, giebt Dir nicht mehr das
+Recht hier zu entscheiden, was schon entschieden <span class="g">ist</span>.
+Du bist die K&ouml;nigin dieser Inseln und wirst es bleiben,
+kannst es aber nur unter Frankreichs Schutz, das
+Dir ein besseres B&uuml;ndni&szlig; bot als Deine Priester &mdash;
+gieb Dich nicht wieder ganz in ihre Macht, Du w&uuml;rdest
+es sicherlich zu sp&auml;t bereuen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dir ziemt keine Drohung hier, Consul M&ouml;renhout,&laquo;
+sagte aber Pomare sich von ihrem Sitz erhebend
+&mdash; &raquo;ich war freundlich gegen Dein Land gesinnt
+&mdash; es ist ein m&auml;chtiges Land und ich streckte
+dem K&ouml;nige Deiner Insel die Hand entgegen, weil ich
+glaubte da&szlig; er mich sicher f&uuml;hren w&uuml;rde in vielem
+Wirrsal und Leid, das Gott &uuml;ber mich verh&auml;ngt hat.<span class="pagenum"><a name="Page_313" id="Page_313">[313]</a></span>
+Aber die Hand die mich f&uuml;hren sollte fa&szlig;te mich so
+fest an, da&szlig; ich laut aufschrie &mdash; sie that mir weh
+und ich will allein gehn jetzt auf meiner Bahn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die K&ouml;nigin hat freie Wahl hier, zu thun und
+zu lassen was ihr gef&auml;llt,&laquo; nahm jetzt, als der Franz&ouml;sische
+Consul erwiedern wollte, der Englische Capitain
+das Wort &mdash; &raquo;<span class="g">gezwungene</span> Versprechen binden
+nicht, und ihrer eigenen Aussage nach <span class="g">ist</span> sie dazu
+gezwungen, und zwar in einem Zustand gezwungen
+worden<a name="FNanchor_Z_26" id="FNanchor_Z_26"></a><a href="#Footnote_Z_26" class="fnanchor">[Z]</a>, in dem die <span class="g">Frau</span> schon sicher sein sollte
+vor jeder Bel&auml;stigung von au&szlig;en her. Die Verhandlung
+hier &uuml;brigens, steht unter <span class="g">meinem</span> besonderen
+Schutz.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In dem Fall,&laquo; entgegnete der Franz&ouml;sische Consul
+finster, &raquo;kann ich Nichts thun als gegen Alles
+feierlich protestiren, was die geschlossenen Vertr&auml;ge des
+Landes, das ich hier zu repr&auml;sentiren die Ehre habe,
+verletzt; thun Sie was Sie verantworten k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>Eine kalte Verbeugung des Engl&auml;nders antwortete
+ihm, und Raiata, &uuml;ber dessen Z&uuml;ge ein triumphirendes
+L&auml;cheln flog, wiederholte seine Frage an Aonui,
+einen H&auml;uptling aus Matavai-Bai.<span class="pagenum"><a name="Page_314" id="Page_314">[314]</a></span></p>
+
+<p>Aonui war ein frommer Christ &mdash; den geschorenen
+Kopf entbl&ouml;&szlig;t, trug er seinen Strohhut in den gefalteten
+H&auml;nden, und hatte schon seit der ersten Ansprache,
+und ohne auch nur den Blick auf einen Moment
+den Rednern zuzuwenden, zum Himmel aufgeschaut,
+dessen klare Bl&auml;ue nur hie und da durch einzelne
+leichte Wolken unterbrochen und kaum gest&ouml;rt
+wurde. Er trug wei&szlig;e Hosen und eine wei&szlig;e Jacke,
+&uuml;ber die ersteren aber nichtsdestoweniger den Pareu
+und ein buntes roth und gelb gestreiftes Hemd, um
+den Hals eine feste schwarze Binde und kleine steife
+Stehkragen dort hinein gekn&uuml;pft &mdash; er hatte das bei
+seinen Lehrern gesehn und Freude daran gefunden sich
+ebenso zu tragen. Bei der zweiten Anrede neigte er
+leise den Kopf, dann aber rief er pl&ouml;tzlich mit lauter
+und freudiger Stimme:</p>
+
+<p>&raquo;Jehovah sei Preis in der H&ouml;he, sein die Ehre &mdash; aber
+Pomare ist unsere K&ouml;nigin <span class="smcap">ia ore na oe</span>, und
+die Britische Flagge die nat&uuml;rlichste unseren Herzen,
+unserem Glauben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Setz <span class="g">unseren Interessen</span> hinzu Aonui!&laquo; unterbrach
+ihn da Tati, der mit Ungeduld die Zeit erwartet
+zu haben schien, selber reden zu d&uuml;rfen &mdash; &raquo;setz
+<span class="g">unseren Interessen</span> hinzu, aber la&szlig; das <span class="g">Herz</span>
+fort. Die nat&uuml;rlichste unseren Herzen mu&szlig; und wird
+die Landesflagge sein, die rothe Fahne mit dem wei&szlig;en<span class="pagenum"><a name="Page_315" id="Page_315">[315]</a></span>
+Stern, oder besser noch die wei&szlig;e Kriegesfahne unserer
+V&auml;ter!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aonui redet!&laquo; rief aber der Sprecher der K&ouml;nigin,
+seinen Stab erhebend, &raquo;Tati wird reden wenn
+die K&ouml;nigin befiehlt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Tati wird&laquo; &mdash; rief der stolze H&auml;uptling wild und
+trotzig emporzuckend, aber er bezwang sich selbst, sogar
+noch ehe Paraitas Hand warnend seine Schulter ber&uuml;hrte,
+und die Arme fest auf der Brust gekreuzt, die
+Unterlippe zwischen die Z&auml;hne gebissen, da&szlig; das Blut
+daraus zur&uuml;ckwich, blieb er stehn und schaute finster
+vor sich nieder.</p>
+
+<p>&raquo;Friede mein Bruder!&laquo; fuhr aber Aonui freundlich
+und mit ruhiger Stimme fort &mdash; &raquo;Friede sei zwischen
+uns immerdar, aber meiner Meinung bleib ich
+treu; die Britische Flagge mu&szlig; unseren Herzen die
+theuerste sein, denn Gro&szlig;-Britannien sandte uns die
+Bibel, und damit, glaub&#8217; ich, hab ich Alles wohl gesagt. &mdash; Die
+heilige Schrift ist unter uns, mehr brauchen
+wir nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, mehr brauchen wir nicht &mdash; wir haben
+unsere eigenen Gesetze und Lehrer und die Bibel &mdash; das
+gen&uuml;gt uns &mdash; fort mit der anderen Flagge!&laquo;
+fielen jetzt viele andere Stimmen ein, und &raquo;das sagt
+Terate, das sagt Avei &mdash; das sagt Nane ini!&laquo; rief es
+von drei verschiedenen Seiten in den L&auml;rm.<span class="pagenum"><a name="Page_316" id="Page_316">[316]</a></span></p>
+
+<p>Die Missionaire schwiegen, aber mit aufgehobenen
+H&auml;nden standen sie da und in Bruder Rowes Augen
+gl&auml;nzte eine Thr&auml;ne.</p>
+
+<p>&raquo;Gut von Dir Nane ini! gut von Dir Avei und
+Terate. Ihr habt Eueren frommen christlichen Sinn
+bew&auml;hrt!&laquo; rief aber Raiata und nickte da und dort
+hin&uuml;ber; &raquo;Ihr seid Pomares Freunde, und der Sturm
+wird Euch nur fester in den Boden wurzeln. Jetzt
+aber spricht die K&ouml;nigin durch mich zu Dir, Tati,
+H&auml;uptling und Richter von Papara, aber Vasall Pomares,
+der freien K&ouml;nigin von Tahiti und Imeo &mdash; und
+fragt Dich weshalb hast Du H&uuml;lfe gesucht bei
+den Feranis ohne Wissen Deiner K&ouml;nigin, ja ohne
+ihr zu k&uuml;nden was Du thatest?&laquo;</p>
+
+<p>Tati wollte sprechen, und seine ganze Gestalt zitterte
+vor innerer Aufregung. Er war heute in einen
+weiten Zeugmantel geh&uuml;llt, der in malerischen Falten
+bis &uuml;ber seine Knie hinunterhing, in den Haaren aber
+trug er, wie zum Trotz der anderen Parthei, die alten
+H&auml;uptlingsfedern stolz befestigt.</p>
+
+<p>&raquo;Und Tati bleibt die Antwort schuldig?&laquo; frug
+h&ouml;hnisch der Sprecher.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="g">Nein, nein, nein</span> und abermals <span class="g">nein</span>!&laquo; schrie
+aber jetzt der stolze H&auml;uptling, dessen Zorn die Oberhand
+gewann &mdash; &raquo;nur nicht ich brauche zu antworten
+solcher Frage &mdash; dort die M&auml;nner an Deiner Seite,<span class="pagenum"><a name="Page_317" id="Page_317">[317]</a></span>
+die schwarzen mit dem frommen Blick m&ouml;gen Dir
+Rede stehn, wenn Du so neugierig bist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir? &mdash; wer? &mdash; wir?&laquo; frugen die Missionaire
+allerdings erstaunt, und vielleicht auch best&uuml;rzt &uuml;ber
+den trotzigen Ton des einflu&szlig;reichen und immer noch
+gef&auml;hrlichen Mannes.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr &mdash; und noch einmal sag ich&#8217;s, <span class="g">Ihr</span>!&laquo; rief
+aber, uneingesch&uuml;chtert der H&auml;uptling, jetzt vortretend
+und den rechten nackten t&auml;ttowirten Arm gegen sie
+ausstreckend. &raquo;Das unnat&uuml;rliche Verh&auml;ltni&szlig;,&laquo; fuhr
+er dann etwas ruhiger, aber immer noch in aufgeregter
+Stimmung fort, &raquo;das dieses Land in seinen
+Banden h&auml;lt, tr&auml;gt jetzt die Schuld unseres Zwiespaltes,
+und wird, Gott sei es geklagt, noch sp&auml;ter
+sogar blutige Fr&uuml;chte tragen. Euch verh&uuml;llt ein Mantel
+unter dem Ihr Euch versteckt oder vorkommt, wie
+es Euch pa&szlig;t, und den Frieden Gottes auf den Lippen
+k&ouml;nntet Ihr mit Euerer Nichts vernichtenden Ruhe,
+einem Heiligen die Kriegskeule in die Hand pressen
+und den Wurfspeer. Ihr Prediger allein seid es
+gewesen, die unser Land regiert seit sie Pomare den
+Zweiten in sein k&uuml;hles Grab gelegt. Ihr habt Gesetze
+aufgeschrieben und durch der H&auml;uptlinge Mund
+wurden sie That; Ihr habt Strafen aufgeschrieben,
+und durch der H&auml;uptlinge Hand wurden sie Wahrheit.
+Ihr waret es, die uns das Buch erkl&auml;rten, das<span class="pagenum"><a name="Page_318" id="Page_318">[318]</a></span>
+Ihr die heilige Schrift nennt &mdash; wir kannten es nicht,
+Gott hatte uns im Dunkel gelassen &uuml;ber sein Reich. &mdash; Ihr
+habt viel Gutes gethan, Ihr habt die V&auml;ter verhindert
+da&szlig; sie ihre Kinder erschlugen, Ihr habt manches
+Leben gerettet, denn Oros Priester sind von diesen
+Inseln verschwunden, und sie schlachten keine Opfer
+mehr; aber Ihr habt auch das Vertrauen des Volkes
+zu seinen F&uuml;rsten und H&auml;uptlingen untergraben, und
+nennt die Bibel wenn man Euch fragt warum. Ihr
+habt unsere Gebr&auml;uche und Feste vernichtet, und die
+Bibel ist der Grund auf den Ihr fu&szlig;t &mdash; Euere Gesetze
+und Strafen, fragt man Euch woher? aus der
+Bibel &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Tati,&laquo; unterbrach ihn hier Aonui mit frommem
+Blick &mdash; &raquo;das ist ja &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ruhe dort wenn Tati spricht!&laquo; donnerte ihm
+aber der H&auml;uptling entgegen und sein Fu&szlig; stampfte
+den Boden; dann jedoch, nach kurzer Pause, in der das
+Volk athemlos seiner klangvollen Stimme lauschte,
+fuhr er fort &mdash; &raquo;Das ist gut &mdash; das Buch der B&uuml;cher
+ist ein fester Grund und Ihr versteht darauf zu bauen,
+aber la&szlig;t es nicht den Wall sein hinter den Ihr springt
+Euch zu verbergen. Als jene fremden Priester die in
+unser Land gekommen waren, <span class="g">durch Euch</span> verbannt
+wurden von dieser Insel &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist falsch,&laquo; unterbrach ihn der Missionair<span class="pagenum"><a name="Page_319" id="Page_319">[319]</a></span>
+Rowe mit einem frommen Blick nach oben und tiefen
+Seufzer, &raquo;das ist falsch, denn Tahitis Gesetze sprachen
+allein ihr Urtheil.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und <span class="g">wer</span> gab die Gesetze, die sie damals trafen?&laquo;
+lachte mit bitterem Hohn und trotzigem Zornesblick
+der H&auml;uptling &mdash; &raquo;<span class="g">Ihr</span>! &mdash; Wer <span class="g">deutete</span> sie
+der K&ouml;nigin gegen&uuml;ber? Ihr! Wagt es und sagt
+die K&ouml;nigin ist frei &mdash; es ist nicht wahr; in Eueren
+Maschen liegt sie, in Euerem Netze liegt das fanatisirte
+Volk, das nur des Aufrufs bedarf und einen
+Bibelvers, sich blind dahin zu st&uuml;rzen wohin <span class="g">Ihr</span> es
+verlangt. Dreht Euere Augen zum Himmel &mdash; Gottes
+Tod &mdash; hier steh ich und der Herr da oben mag
+mich st&uuml;rzen, wenn ich ein einzig falsches Wort nur
+spreche, ein einziges Wort, das mir nicht warm und
+wahr in der Seele gl&uuml;ht, und meinen Pulsen Fieberhitze
+giebt. &mdash; Die Gesetze? die H&auml;uptlinge? nicht
+Ihr? &mdash; wagt es und sagt das Euerer K&ouml;nigin in&#8217;s
+Gesicht &mdash; sagt das Fanue, Terate und Avei &mdash; nicht
+Ihr? die H&auml;uptlinge, das Volk f&uuml;hren es aus, Ihr
+aber, mit der Bibel in der Hand steht Ihr dahinter,
+und <span class="g">Euer</span> Ruf ist es &mdash; heimlich oder laut &mdash; der
+sie treibt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht als Ankl&auml;ger, Tati von Papara, sondern
+als Vorgerufener sollst Du Rede stehn Deiner F&uuml;rstin!&laquo;
+rief aber jetzt Raiata, der mit einem leisen Anflug von<span class="pagenum"><a name="Page_320" id="Page_320">[320]</a></span>
+Schadenfreude des H&auml;uptlings Zorn auf Leute hatte
+ausstr&ouml;men sehn, die ihm bis dahin viel zu m&auml;chtig
+geschienen es auch nur f&uuml;r m&ouml;glich zu halten; aber
+die K&ouml;nigin winkte und er mu&szlig;te gehorchen.</p>
+
+<p>&raquo;Ei wenn Pomare denn <span class="g">mit Willen</span> blind ist,&laquo;
+rief der H&auml;uptling trotzig, &raquo;mags drum sein; was
+k&uuml;mmerts mich! So nimm denn Deine Antwort:
+Weil wir die L&ouml;sung unserer Wirren mit den Feranis
+denen &uuml;berlassen wollten die sie herbeigef&uuml;hrt &mdash; den
+Missionairen; von denen aber im Stich gelassen,
+denn sie leugneten bei dem Fortschicken der R&ouml;mischen
+Priester auch nur im mindesten betheiligt gewesen zu
+sein, und von dem Franken bedr&auml;ngt, ja in ihm selber
+vielleicht einst eine St&uuml;tze sehend in schwererer Zeit
+gegen solche <span class="g">heimliche</span> Feinde, schrieb ich meinen
+Namen unter das Papier &mdash; bist Du zufrieden nun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Du Utami?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Tati hat den Grund genannt,&laquo; entgegnete der
+allgemein geliebte Richter, und einzelne Stimmen des
+Beifalls wurden sch&uuml;chtern laut.</p>
+
+<p>Und Paraita? und Hitoti?</p>
+
+<p>&raquo;Utami und Tati hatten unterschrieben,&laquo; nahm
+hier der vorsichtige Paraita das Wort, &raquo;wir hielten&#8217;s
+nicht der M&uuml;he werth da lang dar&uuml;ber nachzudenken;
+Utami denkt allein f&uuml;r Viele.&laquo;<span class="pagenum"><a name="Page_321" id="Page_321">[321]</a></span></p>
+
+<p>&raquo;Und billigt Hitoti ebenfalls diesen Grund?&laquo; frug
+noch einmal der Sprecher.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe nicht n&ouml;thig Andere vorzuschieben,&laquo;
+brummte der H&auml;uptling &mdash; &raquo;weil ich es f&uuml;r das Beste
+des Landes hielt that ich&#8217;s, und weil mir das Volk
+mehr am Herzen liegt als die Kirche &mdash; es mag ein
+Fehler sein, aber &#8217;s ist wahr.&laquo;</p>
+
+<p>Da erhob sich Pomare selber, ihr Antlitz von
+leisem Roth &uuml;berhaucht, der den lieben Z&uuml;gen einen
+noch viel h&ouml;heren Reiz verlieh, und mit der Rechten
+sich auf den Stuhl st&uuml;tzend auf dem sie gesessen, sagte
+sie leise, und doch mit den weichen T&ouml;nen bis zu den
+entferntesten dringend, die in laut- und athemloser
+Spannung ihren Worten horchten.</p>
+
+<p>&raquo;Und <span class="g">w&uuml;nscht</span> Ihr, H&auml;uptlinge meines Landes,
+die H&uuml;lfe, den Schutz der Feranis?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein, beim ewigen Gott! nein!&laquo; riefen
+die H&auml;uptlinge, Tati und Hitoti an der Spitze, durcheinander.</p>
+
+<p>&raquo;Was brauchen wir den Fremden?&laquo; fuhr Tati fort,
+den weiten Mantel von seinem Arm zur&uuml;ckschleudernd,
+&raquo;unsere B&auml;ume sind fruchtreich, unsere Quellen s&uuml;&szlig;,
+und kamen <span class="g">wir</span> zu ihm zuerst, Nahrung zu holen auf
+der Reise, oder er zu uns? Trenne Tatis Hand vom
+Rumpf wenn sie sich je ausstrecken sollte einen Frem<span class="pagenum"><a name="Page_322" id="Page_322">[322]</a></span>den
+um H&uuml;lfe anzurufen &mdash; so lange er sich im eignen
+Lande helfen <span class="g">darf</span>.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, wir wollen keine H&uuml;lfe von Fremden&laquo;
+wiederholte nochmals Hitoti, &raquo;aber la&szlig; dann auch
+Deine Priester zu dem stehn was sie sind &mdash; die Lehrer
+unserer Kinder, unseres Volkes. Als Richter aber
+brauchen wir sie nicht &mdash; sie kennen unser Land nicht,
+nicht unsere Sitten, unsere Bed&uuml;rfnisse &mdash; sie kennen
+nur Gottes Wort &mdash; la&szlig; sie das lehren, und wir
+wollen ihnen folgen und sie ehren.&laquo;</p>
+
+<p>Die junge K&ouml;nigin winkte, leicht dankend mit der
+Hand, und Raiata, wieder das Wort ergreifend, fuhr
+fort:</p>
+
+<p>&raquo;So melde ich Euch denn, Ihr H&auml;uptlinge und
+Eingeborene der Insel, Euch Fremden und Geistlichen
+die Ihr Antheil an uns und unserem Lande nehmt,
+da&szlig; es der K&ouml;nigin Wunsch und Wille ist mit allen
+fremden Nationen und F&uuml;rsten auf freundschaftlichem
+Fu&szlig; zu stehen und zu bleiben; sollte sie aber je die
+H&uuml;lfe irgend einer Nation verlangen m&uuml;ssen &mdash; was
+Gott verh&uuml;ten m&ouml;ge &mdash; <span class="g">so sei das</span> Land kein anderes
+als Gro&szlig;-Britannien, und st&uuml;rbe sie, von diesem Lande
+sollte ihr Erbe und ihres Erben Erbe Schutz erbitten,
+zur sp&auml;testen fernsten Generation hinab. Ihr gro&szlig;er
+Bundesgenosse ist England; von dort hat sie ihre
+Lehrer, ihre Civilisation, ihre Gesetze und Religion<span class="pagenum"><a name="Page_323" id="Page_323">[323]</a></span>
+erhalten, und sie will keinen anderen Bundesgenossen
+als den Briten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;England hat uns die Bibel gebracht!&laquo; rief ein
+Theil der H&auml;uptlinge durcheinander &mdash; &raquo;es hat uns
+den Heiland kennen gelehrt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Krankheiten, die uns das Fleisch von den
+Knochen faulen machen,&laquo; knirrschte Tati zwischen den
+Z&auml;hnen &mdash; &raquo;meinetwegen verschreibt Euch dem Teufel.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;England ist unser Heil, unser Stolz &mdash; England
+ist unser Anker in der Noth und im Sturm!&laquo; rief
+wieder ein Theil der Oberen, und der Englische Capitain
+neigte sich dankend dem bunten Chor, in Anerkennung
+dieser Freundlichkeit; Tati aber nahm Utamis
+Arm und wollte ihn fort aus dem Gedr&auml;nge
+ziehen.</p>
+
+<p>&raquo;Warte noch,&laquo; sagte Utami, &raquo;erst kommt noch ein
+Gebet von Einem der frommen M&auml;nner,&laquo; und dem
+schon gegebenen Zeichen gehorchend, beruhigte sich
+wieder das wachsende Toben der Menge, aber Tati
+sch&uuml;ttelte &auml;rgerlich mit dem Kopf und sagte, den
+Freund mit sich fortziehend:</p>
+
+<p>&raquo;So la&szlig; sie beten und singen, und meinetwegen &mdash; aber
+ich will mich nicht &auml;rgern &uuml;ber das schwarze
+Volk; fort, fort mit den albernen und qu&auml;lenden Gedanken,
+die mir nicht Ruhe noch Frieden lassen. Das
+Volk ist blind, und in tollem Aberglauben, mit dem<span class="pagenum"><a name="Page_324" id="Page_324">[324]</a></span>
+es sich jetzt gerade so auf die ihm unverst&auml;ndlichen
+Sagen st&uuml;rzt, wie es fr&uuml;her von den Wundern Oros
+und der anderen G&ouml;tter tr&auml;umte, l&auml;&szlig;t es sich von
+Jedem die H&auml;nde binden, der im Stande ist ihm den
+Schleier &uuml;ber die Augen zu werfen. Fort, wieder
+hinaus in&#8217;s Freie; die Kom&ouml;die ist aus und die
+schwarzen Areois haben ihre Sache gut gemacht.&laquo;</p>
+
+<p>Und &auml;rgerlich den Mantel um sich her ziehend,
+ohne den Blick zur&uuml;ckzuwerfen, schritt er die Stra&szlig;e
+entlang die hinein in die Stadt f&uuml;hrt.</p>
+
+
+<div class="footnotes"><h3>Fu&szlig;noten:</h3>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_T_20" id="Footnote_T_20"></a><a href="#FNanchor_T_20"><span class="label">[T]</span></a> Die Raanocke an Bord eines Schiffes ist das &auml;u&szlig;erste
+Ende der Raaen genannten Queerh&ouml;lzer, an welchen die Segel
+befestigt sind. Bei Executionen an Bord werden die zum
+Strang Verurtheilten an der Raanocke aufgezogen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_U_21" id="Footnote_U_21"></a><a href="#FNanchor_U_21"><span class="label">[U]</span></a> Mein Herzchen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_V_22" id="Footnote_V_22"></a><a href="#FNanchor_V_22"><span class="label">[V]</span></a> Die Indianer der S&uuml;dsee nennen das Gold <span class="smcap">per&uacute;</span>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_W_23" id="Footnote_W_23"></a><a href="#FNanchor_W_23"><span class="label">[W]</span></a> Das Wort <span class="g">Kindesmord</span> klingt aber hier auch schlimmer
+wie es in Wirklichkeit war, wenigstens fand Alles dabei
+statt, was sich nur irgend zur Milderung eines so entsetzlichen
+Verbrechens denken l&auml;&szlig;t. Die Inseln waren &uuml;berv&ouml;lkert (ein
+Uebelstand dem die Civilisation jetzt vollkommen abgeholfen hat)
+und die Frauen wurden als den M&auml;nnern in jeder Hinsicht
+untergeordnete Gesch&ouml;pfe betrachtet, hatten also auch keine
+Stimme bei dem T&ouml;dten der Kinder. Alle Berichte, selbst die
+der Missionaire stimmen &uuml;brigens darin &uuml;berein, da&szlig; Kinder
+<span class="g">nur</span> gleich nach der Geburt, entweder von dem Vater selber
+oder einem Anderen, fortgenommen, in eine schon dazu bereitete
+Grube geworfen und mit Erde bedeckt wurden, <span class="g">ein
+nur eine halbe Stunde altes Kind war vollkommen
+sicher und wurde nie get&ouml;dtet</span>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_X_24" id="Footnote_X_24"></a><a href="#FNanchor_X_24"><span class="label">[X]</span></a> M&ouml;gest Du gerettet werden.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_Y_25" id="Footnote_Y_25"></a><a href="#FNanchor_Y_25"><span class="label">[Y]</span></a> Das war im Februar, im M&auml;rz wurde aber erst die
+Besitznahme der Inseln durch die Franzosen in England bekannt.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_Z_26" id="Footnote_Z_26"></a><a href="#FNanchor_Z_26"><span class="label">[Z]</span></a> Pomare erwartete gerade in jener Zeit, als sie Du
+Petit Thouars um ihre Unterschrift bedr&auml;ngte, jede Stunde ihre
+Entbindung.</p></div>
+
+</div>
+
+<div class="footnote"><p>&nbsp;</p></div>
+
+<hr />
+
+<p class="printer">Druck von <span class="g">Ferber &amp; Seydel</span> in Leipzig</p>
+
+
+<div class="note">
+<p><b>Anmerkungen zur Transkription:</b> Die Schreibweise einiger W&ouml;rter ist im
+Originalbuch inkonsistent. Im vorliegenden ebook wurden lediglich
+offensichtliche Druck- und Zeichensetzungsfehler korrigiert.</p>
+
+<p><b>Transcriber&#8217;s Note:</b> The spelling of some words is inconsistent in the
+original book. Only obvious typos and errors in punctuation have been
+fixed in this ebook.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Tahiti. Erster Band., by Friedrich Gerstäcker
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TAHITI. ERSTER BAND. ***
+
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+works. See paragraph 1.E below.
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+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
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+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
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+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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