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+The Project Gutenberg EBook of Auf Gottes Wegen, by Björnstjerne Björnson
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Auf Gottes Wegen
+
+Author: Björnstjerne Björnson
+
+Editor: Julius Elias
+
+Release Date: November 11, 2006 [EBook #19760]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUF GOTTES WEGEN ***
+
+
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+
+Produced by Ralph Janke, Juliet Sutherland and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+ANMERKUNGEN ZUR TRANSKRIPTION
+
+_ umschließt im Original gesperrt gesetzten Text
+
+= umschließt im Original kursiv gesetzten Text
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+
+
+BJÖRNSTJERNE BJÖRNSON
+
+AUF GOTTES WEGEN
+
+ROMAN
+
+ * * * * *
+
+S. FISCHER, VERLAG, BERLIN
+
+1911
+
+ * * * * *
+
+Alle Rechte vorbehalten
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+ * * * * *
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+AUF GOTTES WEGEN
+
+ROMAN
+
+
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+Inhaltsverzeichnis
+
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+Schultage 6
+
+Jugend 56
+
+Mannesalter 126
+
+
+
+Meinem besten Freunde,
+
+dem Staatsrat Frederik Hegel,
+
+zur Erinnerung
+
+ * * * * *
+
+Aulestad, 11. September 1889.
+
+ Nie warst Du hier; doch fast beständig
+ Auf Schritt und Tritt begegn' ich Dir.
+ Es ist kein Weg, kein Zimmer hier,
+ Wo Dein Gedächtnis nicht lebendig
+ Und mich umhegt seit jenen Jahren,
+ Da Deine Treue, Deine Tat
+ In meinem Kampf mir Heimat waren.
+
+ Wie oft, als ich dies Buch geschrieben,
+ Sah mir Dein warmes Auge zu;
+ Da waren eins wir, ich und Du
+ Und das, was still zum Licht getrieben.
+ Weil drum im Buch sich vielfach spiegelt
+ Dein frischer Glaub' und echter Sinn, --
+ Mit Deinem Namen sei's besiegelt.
+
+
+
+
+Schultage
+
+
+1
+
+Im Tauwetter, auf der Felsenkuppe nach der See zu, stand im letzten
+Sonnenglanz ein vierzehnjähriger Junge, ganz in sich versunken. Er
+blickte gen Westen übers Meer hinaus, er blickte gen Osten, auf die
+Stadt, den Strand, die mächtigen Berge, hinter denen noch höhere
+Felsengipfel emporragten. Alles in klarer Luft.
+
+Der Sturm hatte lange und furchtbarer gewütet, als die ältesten Leute
+sich entsinnen konnten. Trotz der neuen Mole hatten sich Schiffe im
+Hafen losgerissen und waren untergegangen. Der Telegraph meldete von
+Schiffbrüchen die Küste entlang; in der ganzen Umgegend gab es nichts
+als zerrissene Netze, fortgeschwemmte Fischreusen, verschwundene
+Bootstege. Und immer noch hatten die Leute Angst, das Schlimmste komme
+noch erst.
+
+Jetzt endlich -- seit ein paar Stunden -- war es vorüber; der Sturm
+hatte sich gelegt, die Windstöße, die ruckweise aufeinander gefolgt
+waren, hörten auf; kaum noch ein letzter Nachhall war zu spüren.
+
+Nur das Meer wollte nicht gehorchen. Die Tiefen aufrühren und dann
+einfach davonlaufen -- das geht doch nicht! Wellenzüge, soweit das Auge
+reichte, höher als haushoch, kamen in endlosen Reihen, mit schaumweißen
+Kronen und donnerndem Fall. Über Stadt und Strand hin dröhnte ihr Tosen,
+gewaltig, dumpfrollend, wie Bergrutsche in der Ferne.
+
+Jedesmal, wenn die Wogen in voller Höhe gegen die Klippen stürmten,
+spritzte der Gischt meterhoch empor; von weitem sah es aus, wie wenn
+weiße Meeresungeheuer der alten Sagen hier ans Land emporzuklimmen
+versuchten. Aber nur vereinzelte salzige Spritzer gelangten an ihr Ziel.
+Sie brannten dem Knaben, der da stand, auf der Wange; doch er rührte
+sich nicht vom Fleck.
+
+Gewöhnlich sagten die Leute, nur der tollste Weststurm vermöchte den
+Wellenschaum so hoch emporzuschleudern; heute kam er bei stiller Luft.
+Das hatte nur _einer_ erlebt; und das war der Junge!
+
+Weit draußen im Westen verflossen Himmel und Meer in der Glut der
+untertauchenden Sonne. Etwas wie ein goldenes Friedensreich breitete
+sich da hinten aus. Alle die meerschwarzen, weißköpfigen Wellen, die
+sich, soweit der Blick reichte, von dort heranwälzten, waren vertriebene
+Aufrührer. Reihe auf Reihe kamen sie daher, unter millionenstimmigem
+Protest.
+
+Eben jetzt hatte der Farbenkontrast seinen Höhepunkt erreicht. Keine
+Vermittelung mehr. Nicht der leiseste rote Schimmer drang mehr bis
+herüber. _Dort_ die warme Glut, _hier_ das kalte Schwarzblau
+über dem Meer und dem Schneemorast am Land. Was man hoch droben von der
+Stadt sah, kroch in sich zusammen und ward immer kleiner mit jedem Male.
+Der Junge wandte den Blick vom Meere landwärts. Und immer unruhiger
+wurde er. Das kündete Unheil. Sollte wirklich noch mehr kommen? Seine
+Phantasie war aufgeschreckt und, übernächtig wie er war, hatte er keine
+Widerstandskraft.
+
+Draußen die Pracht begann zu erlöschen; alle Farben verblichen
+gleichzeitig. Das Brüllen von unten, wo die Ungeheuer heraufwollten,
+klang stärker; oder war er nur hellhöriger geworden? Galt ihm das? Ihm?
+Was hatte er denn wieder getan? Oder würde er vielleicht bald irgend
+etwas anstellen? Schon öfter war diese unklare Angst eine böse
+Vorbedeutung gewesen!
+
+Nicht der Sturm allein hatte ihn geschreckt. Vor kurzem hatte ein
+Laienprediger geweissagt, die Welt werde untergehen. Alle Anzeichen der
+Bibel täten genau stimmen, und die Zahlen bei Jeremias und Daniel seien
+nicht mehr zu mißdeuten. Der Prediger erregte solches Aufsehen, daß die
+Zeitungen sich der Sache bemächtigten und erklären mußten, ganz dasselbe
+sei schon unendlich oft prophezeit worden, und die Zahlen bei Jeremias
+und Daniel hätten _immer_ gestimmt. Aber als der Orkan losbrach,
+entsetzlicher denn seit Menschengedenken, als Schiffe sich losrissen und
+gegen die Brücken geschleudert wurden, zerschmettert und
+zerschmetternd, und zumal als die Finsternis der Nacht das Erdreich
+bedeckte, und sämtliche Lichter in den Laternen erloschen ... als man
+die Brandung bloß noch hörte, ohne sie mehr zu sehen ... dazwischen
+Kommandorufe, Getöse, Gekreische, langgedehntes Jammergeschrei ... und
+dabei in den Straßen das Entsetzen, wenn ganze Dächer abgehoben wurden,
+die Häuser erbebten, Scheiben klirrten, Steine durch die Luft flogen,
+Menschen flüchteten, ferne Rufe die Angst erhöhten ... ja, da gedachten
+wohl manche der Worte des Laienpredigers: So helf uns Gott! Dies ist der
+jüngste Tag! Bald werden die Sterne fallen! Besonders die Kinder waren
+in einer Todesangst. Die Eltern hatten keine Zeit, bei ihnen zu bleiben.
+Denn noch in der letzten Stunde war man einigermaßen im Zweifel, ob es
+auch wirklich die letzte Stunde war, und nach alter Gewohnheit behielt
+die Sorge um den irdischen Besitz doch die Oberhand. Man mußte
+verstecken und abschließen und eilen, und nach dem Feuer sehen und an
+allen Ecken und Enden sein. Den Kindern aber steckte man Gebet- und
+Gesangbücher in die Hände und hieß sie lesen, was da von Erdbeben und
+anderen Plagen und vom jüngsten Tage stand; man schlug ihnen rasch die
+Stellen auf und stürzte davon. Als ob die Kinder jetzt hätten lesen
+können!
+
+Sie verkrochen sich lieber im Bett und zogen die Decke über den Kopf;
+manche nahmen den Hund mit oder die Katze; sie fühlten sich geborgener
+so; sie wollten zusammen sterben! Aber oft wollten Hund und Katze nicht
+unter der Decke sterben, und dann setzte es einen Kampf.
+
+Der Junge, der oben auf der höchsten Felsenkuppe stand, war vor Schreck
+überhaupt rein von Sinnen gewesen. Aber er war einer von denen, die das
+Entsetzen von einem Ort zum anderen hetzte, vom Haus auf die Straße, von
+der Straße nach dem Hafen, vom Hafen wieder nach Hause. Nicht weniger
+als dreimal war sein Vater hinter ihm her gewesen, hatte ihn
+eingefangen, ja, sämtliche Türen hinter ihm verrammelt; aber entwischt
+war er doch. So etwas blieb doch sonst nicht unbestraft; kein Junge
+wurde strenger gehalten und so reichlich mit Prügel bedacht wie Edvard
+Kallem. Aber ein Gutes hatte der Sturm doch gehabt: Prügel setzte es
+nicht in dieser Nacht.
+
+Die Nacht verging, und noch standen die Sterne am Himmel; der Tag kam,
+und die Sonne schien hell wie immer. Auch der Sturm ging vorüber, und
+mit ihm der letzte Rest von Angst.
+
+Doch hat die Angst einmal ein Menschengemüt so grenzenlos beherrscht, da
+bleibt der Schrecken vor dem Schrecken zurück. Nicht allein in bösen
+Träumen, nein, auch am Tage, wenn man sich am allersichersten wähnt,
+lauert sie in unserer Phantasie, um beim geringsten Außergewöhnlichen
+über uns herzufallen, uns mit tückischen Augen und Nebelodem zu
+verschlingen, uns bisweilen in den Wahnsinn zu treiben ...
+
+Da stand der Knabe; es war ihm unbehaglich zu Mut in der sinkenden Sonne
+und beim Toben der Brandung, --und da war auch schon die Höllenangst
+wieder über ihm; die Schrecken des jüngsten Tages umbrausten ihn. Er
+begriff nicht, wie er sich so gefährlich weit hier herauf hatte wagen
+können, und noch dazu allein! Wie gelähmt fühlte er sich; er wagte
+nicht, den Fuß zu heben --wer weiß, ob er nicht beobachtet wurde;
+Feindesmächte waren um ihn her. Er betete heimlich zu seiner
+verstorbenen Mutter: wenn das wirklich das Ende sei, und die
+Auferstehung sie befreie, so möge sie hier heraufkommen zu ihm; nicht zu
+seiner Schwester --die hatte ja Rektors; er aber hatte niemand.
+
+Doch alles blieb beim alten. Nur der Schimmer im Westen verblich, und im
+Osten dunkelte es; der Geist der Kälte schritt unerbittlich weiter und
+wurde Alleinherrscher; das gab eine gleichmäßige Größe und die
+Sicherheit der Einheit. Nach und nach schöpfte Edvard wieder soviel Mut,
+daß er freier zu atmen wagte --erst versuchsweise, dann ganz tief, viele
+Male. Jetzt fing er an, sich zu bewegen, leise, unmerklich und nicht
+ohne Angst, daß die Unsichtbaren hier oben Verdacht schöpfen könnten, --
+denn sie wollten ihn doch haben. Behutsam glitt er dem Abstieg zu und
+fort vom Felshang. Keine Flucht, behüte! Er wußte gar nicht einmal, ob
+er überhaupt gehen _wollte_; er wollte es nur versuchen, -- konnte ja
+schließlich zurückkommen. Aber der Abstieg hier war nicht leicht und
+mußte eigentlich vor Einbruch der Dunkelheit gemacht werden; und es
+wurde so furchtbar schnell dunkel jetzt. Wenn er nur so weit wäre, daß
+er den Fußweg, der vom Fischerdorf drunten über den Berg heraufführte,
+wieder erreicht hätte, ja, dann war alle Gefahr überstanden; aber hier
+-- nur vorsichtig, vorsichtig, ein ganz kleinwinziger Schritt, und noch
+einer, und noch ein kleiner! Nur zum Versuch; er würde schon
+wiederkommen!
+
+Doch kaum hatte er auf solche Art den obersten und schwierigsten Teil
+der Kuppe zurückgelegt und fühlte sich sicher vor den Mächten da oben,
+mit denen er feilschte, so schlug er ihnen auch gründlich ein
+Schnippchen; in großen Sätzen gings abwärts; wie ein Gummiball sprang er
+von einem Felsvorsprung auf den andern, bis er plötzlich unten eine
+Zipfelmütze auftauchen sah --so weit, weit unten, daß er sie nur eben
+erkennen konnte. Augenblicklich blieb er stehen. Seine Flucht, sein
+ganzes Entsetzen, all das eben Erlebte war wie weggeblasen; nicht der
+leiseste Gedanke mehr daran. Jetzt wollte _er_ Angst einjagen; auf _den_
+dort hatte er schon die ganze Zeit gelauert! Bewegung, Augen, Haltung,
+alles zeigte, wie er sich über die Gewißheit freute, ihn nun bald in
+Schußweite zu haben. _Der_ sollte es kriegen!
+
+Der andere kam einhergeschlendert, ohne zu ahnen, welcher Gefahr er
+entgegenging, langsam, als ob er seine Freiheit und Einsamkeit genösse;
+bald hörte man seine schweren Stiefel, den Klang der eisenbeschlagenen
+Absätze gegen die Steine.
+
+Ein gutgewachsener Knabe, hellblond und vielleicht ein Jahr älter als
+der andere, der ihm auflauerte; mit einem losen Friesanzug bekleidet,
+einen wollenen Schal um den Hals, und große Fausthandschuhe an den
+Händen; er trug einen ländlichen Korb -- blaugemalt, mit gelb-weißen
+Rosen.
+
+Ein großes Geheimnis ging endlich seiner Offenbarung entgegen; seit
+Tagen war die ganze Schule darauf gespannt gewesen, wie, wo und mit wem
+der Zusammenstoß erfolgen werde, der jetzt drohte, wann der feierliche
+Moment der Abrechnung komme, in dem Ole Tuft vor einem Mitglied der
+gestrengen Schulpolizei endlich eingestehen mußte, wo er sich
+nachmittags und abends herumtrieb und was er da anstellte.
+
+Ole Tuft war der Sohn eines wohlhabenden Bauern vom Strande draußen --
+das einzige Kind. Sein Vater, der vor einem Jahr gestorben, war der
+angesehenste Laienprediger der westlichen Lande gewesen und hatte schon
+frühzeitig seinen Sohn zum Geistlichen bestimmt, weshalb dieser jetzt
+das Gymnasium besuchte. Ole war begabt, fleißig und seinen Lehrern
+gegenüber von einer Ehrerbietung, die ihn zu ihrem erklärten Liebling
+machte.
+
+Aber die Haare allein machen noch nicht den Hund (trau', schau', wem?).
+Dieser treuherzige, höchst ehrerbietige Junge blieb plötzlich den
+Nachmittagsspielen der Kameraden fern; zu Hause war er nicht (er wohnte
+bei einer Tante); bei Schultzes, wo er den Kindern Nachhilfstunde gab,
+war er auch nicht -- das erledigte er gleich nach Tisch; auch nicht bei
+Rektors, d. h. bei Rektors Pflegetochter, Josefine Kallem, Edvards
+Schwester; Ole und sie waren dicke Freunde. Zuweilen sahen die Knaben
+ihn dort ins Haus gehen, aber nicht wieder herauskommen; und trotzdem
+war Josefine immer allein, wenn sie ihm nachgingen, um zu inspizieren;
+sie hatten nämlich Wachen ausgestellt -- die Untersuchung wurde
+systematisch betrieben. Bis zum Schulhaus konnten sie seine Spur
+verfolgen; dort aber verschwand sie. Die Erde konnte ihn doch nicht
+verschlungen haben! Das Haus wurde durchschnüffelt von unten bis oben,
+jede Ecke, jedes Schlupfloch wieder und wieder durchstöbert. Josefine
+selbst führte die Jungens herum, bis hinauf unters Dach, bis hinunter in
+den Keller, in sämtliche Räume, wo nicht gerade die Familie selber sich
+aufhielt, versicherte auch auf Ehre und Gewissen, dort sei er nicht; sie
+könnten selbst nachsehen. Wo in aller Welt steckte er nur?
+
+Der Primus gewann in diesen Tagen bei einer Lotterie "=Les trois
+mousquetaires=" von Alexandre Dumas dem Älteren, ein Prachtwerk mit
+Illustrationen; da er aber bald heraus hatte, daß das kein Buch für
+einen Gelehrten war, setzte er es als Prämie aus für _den_ Kameraden,
+der entdecken würde, wo Ole Tuft seine Nachmittage und Abende zubrachte,
+und was er da trieb. Dies Angebot warf den zündenden Funken in Edvard
+Kallems Phantasie; er hatte nämlich bis vor einem Jahr in Spanien
+gelebt, er las Französisch wie seine Muttersprache, und "=Les trois
+mousquetaires=" war der wundervollste Roman auf der ganzen Welt -- das
+hatte er immer gehört. Jetzt stand er hier auf der Lauer, für "=Les
+trois mousquetaires="! Hurra, alle Drei sollen leben! Jetzt hatte er
+sie!
+
+Leise, leise schlich er weiter, bis er den Fußweg erreicht hatte. Der
+Sünder war dicht vor ihm.
+
+Edvard Kallems Kopf hatte etwas, das an einen Raubvogel gemahnte -- die
+Nase wie ein Schnabel -- die Augen wild, schon an und für sich und noch
+mehr dadurch, daß sie ein ganz klein wenig schielten. Die Stirn scharf
+und niedrig, von lichtbraunem, kurzgeschorenem Haar umrahmt. Eine
+auffallende Beweglichkeit ließ ahnen, wie geschmeidig er war. Eben jetzt
+wollte er ganz still stehen, aber der Körper bog sich, die Füße bewegten
+sich, die Arme hoben sich, als wolle er im nächsten Augenblick durch die
+Lüfte stoßen. "Bäh!" schrie er aus aller Kraft seiner Lungen. Der
+Ankömmling fuhr zusammen -- fast hätte er seinen Korb fallen lassen. "So
+-- jetzt _hab_' ich Dich! Jetzt hilft Dir keine Verstocktheit mehr!"
+
+Ole Tuft wurde zu Stein. "Jawohl -- jetzt stehst Du da! Hoho! Was hast
+Du in Deinem Korb?" Und er stürzte auf Ole los. Der aber nahm
+blitzschnell seinen Korb aus der rechten Hand in die linke und hielt ihn
+auf den Rücken; es war Edvard nicht möglich, ihn hervorzuzerren.
+
+"Was denkst Du Dir denn, Mensch! Glaubst etwa, Du könntst mir noch
+entwischen? Her mit dem Korb!" -- "Du kriegst ihn nicht." -- "Wirst Du
+wohl gehorchen? So geh ich einfach hinunter und frag'!" --"Nein, nein!"
+-- "Doch! Zum Kuckuck, wenn ich's nicht tu!" -- "Du tust's nicht!" --
+"Ich tu's!" -- Und schon drängte er an Ole vorüber, den Berg hinab.
+
+"Ich will's ja sagen -- versprich mir bloß, daß Du's nicht weiter
+sagst!" -- "Nicht weiter sagen? Du bist wohl nicht bei Trost?" -- "Doch!
+Du darfst nicht!" --"Blödsinn! was denkst Du Dir denn? Her mit dem Korb
+-- oder ich geh'!" schrie Edvard. -- "Wenn Du's nicht weiter sagst --
+--". Die Tränen traten Ole in die Augen. "Ich verspreche gar nichts!" --
+"Nichts sagen, Edvard! Nein?" -- "Ich verspreche gar nichts. Den Korb
+her! Fix!" -- "Es ist nichts dabei, Du!" -- "Wenn nichts dabei ist,
+kannst Du's doch sagen! Fix!" Ole nahm das, nach Knabenmanier, für ein
+halbes Versprechen; flehend blickte er den andern an und faßte sich ein
+Herz: "Ich geh' dort hinunter, weil ich ... weil ich ... ach, Du weißt
+ja selber ... auf Gottes Wegen!" Das Letzte sagte er sehr verlegen und
+brach in Tränen aus. -- "Auf Gottes Wegen?" fragte Edvard, ziemlich
+unsicher. Er war aufs höchste verwundert.
+
+Er erinnerte sich, wie der Geographielehrer in einer schläfrigen Stunde
+einmal die Frage gestellt hatte: "Welche Wege sind die besten?" Im
+Lehrbuch stand: "Für den Warentransport sind noch immer die Seewege die
+besten." -- "Na -- also welche Wege sind die besten? Du, Tuft?" --
+"Gottes Wege!" antwortete Tuft. Die ganze Klasse war mit einemmal
+munter; ein brüllendes Gelächter verkündete das.
+
+Aber bei alledem -- Edvard Kallem wußte wirklich nicht recht, was
+"Gottes Wege" bedeute. Ole -- drunten im Fischerdorf -- auf Gottes
+Wegen? Vor lauter Neugier vergaß er ganz, daß er Sittenpolizei war!
+Gradheraus, wie jeder andere Junge, sagte er: "Ich versteh' nicht, was
+Du damit meinst! Gottes Wege -- sagst Du?" Der andere bemerkte sogleich
+die Veränderung. Die eben noch so scharfen Augen blickten freundlich;
+nur der seltsame Glanz, der nie aus ihnen wich, lag noch darin. Unter
+allen Schulkameraden bewunderte Ole in aller Stille keinen so sehr wie
+den Edvard Kallem. Der Bauernjunge litt entsetzlich unter dem
+überlegenen Scharfsinn und der Gewandtheit der Stadtjungen, und der
+vornehmste Repräsentant dieser Eigenschaften war Edvard Kallem. Und noch
+ein Glorienschein umgab sein Haupt ... er war der Bruder seiner
+braunlockigen Schwester.
+
+Einen unerträglichen Fehler hatte er: er war ein Erzspottvogel. Alle
+Augenblicke setzte es deswegen Haue --mal von den Lehrern, dann vom
+Vater oder von den Kameraden. Und in der nächsten Minute fing er schon
+wieder an. Das ging über den Verstand des Bauernjungen. Und darum wirkte
+auch ein freundliches Wort, ein Lächeln von Edvard weit mehr, als es
+eigentlich sagen wollte. Es hatte den Sonnenglanz der Gnade, der
+Vornehmheit. Diese einschmeichelnden, milden Fragen, die der gewesene
+Raubvogel (von dem jetzt bloß noch der Schnabel übrig war) stellte,
+verflossen in eins mit dem Leuchten der Augen. Und Ole streckte die
+Waffen. Sowie Edvard seine Taktik änderte und treuherzig bat, den Korb
+sehen zu dürfen, lieferte Ole ihn aus und fühlte sich völlig beruhigt
+und kampfunfähig; er trocknete sich die Augen mit seinen großen
+Fausthandschuhen, zog den einen aus und schneuzte sich in die Finger
+--besann sich auf einmal, daß er zu diesem Zweck ein karriertes Sacktuch
+besaß, suchte darnach und fand es nicht ...
+
+Edvard hatte den Korbdeckel aufgemacht; ehe er ihn zurückschlug, blickte
+er auf: "Du möchtest vielleicht lieber nicht -- --?" -- "Doch, gern!" --
+Edvard schob den Deckel zur Seite. Ein großes Buch lag darunter --die
+Bibel. Er wurde starr, beinah ehrfürchtig. Unter der Bibel lagen
+verschiedene ungebundene Hefte. Er nahm ein paar heraus, drehte sie um
+und legte sie wieder hinein. Es waren Traktate. Die Bibel legte er
+behutsam wieder an ihren Platz, breitete das Tuch darüber und machte den
+Deckel zu. Im Grunde war er so klug wie zuvor, oder vielmehr nur noch
+neugieriger.
+
+"Du liest doch nicht etwa den Leuten da unten aus der Bibel vor?" fragte
+er. Ole Tuft errötete. "Doch --manchmal --" -- "Wem denn?" -- "Ach, den
+Kranken. Aber oft komm' ich ja nicht dazu --" -- "Zu den Kranken gehst
+Du?" -- "Ja -- zu den Kranken geh' ich eben." -- "Zu den Kranken? Du?
+Aber lieber Gott, -- was tust Du denn da?" -- "Oh, ihnen helfen --so gut
+ich eben kann!" -- "Du?" fragte Edvard mit allem Erstaunen, dessen er
+fähig war. Und nach einer Pause fügte er hinzu: "Mit was denn? Mit
+Essen?" --"Das auch. Ich helf' ihnen eben mit allem, was sie brauchen.
+Umbetten -- --" -- "Umbetten?" -- "Ja! Sie liegen doch auf Stroh. Und
+darin liegen sie, bis es stinkt, weißt Du. Manchmal machen sie's auch
+noch schmutzig, wenn sie krank sind, und sich nicht selber helfen
+können; tagsüber ist ja oft kein Mensch bei ihnen. Die Leute sind bei
+der Arbeit, und die Kinder in der Schule. Und wenn ich dann nachmittags
+hinkomme, geh' ich hinunter zu den Böten, die mit Stroh fahren; das
+kauf' ich und trag's hinauf und nehm' das alte weg." -- "Wo kriegst Du
+denn das Geld her?" fragte Edvard. -- "Tante spart es mir zusammen, und
+auch Josefine." -- "Josefine?" rief der Bruder. -- "Ja! Aber vielleicht
+hätt' ich das nicht sagen sollen."
+
+"Von wem kriegt denn Josefine das Geld?" fragte Edvard mit der wachsamen
+Strenge des älteren Bruders. Ole überlegte einen Augenblick und erwiderte
+dann fest und bestimmt: "Von Deinem Vater." -- "Von Vater?" -- --
+
+Edvard wußte, selbst wenn Josefine ihn darum bäte, so würde der Vater
+niemals Geld unnütz ausgeben; erst mußte er wissen, wozu er es gab. Der
+Vater hatte also gebilligt, was Ole tat. Und damit war die Sache in
+Edvards Augen über jeden Zweifel erhaben. Ole fühlte augenblicklich
+diesen völligen Umschlag; er sah ihn auch Edvards Augen an. Jetzt kam
+ihm die Lust, noch mehr zu erzählen, und das tat er auch. Er berichtete,
+er habe oft furchtbar viel Arbeit, wenn er komme. Feuer müsse er machen,
+das Essen aufsetzen, kochen ... -- "Kannst Du kochen?" -- "Freilich!
+Und Reinmachen, und Einkaufen, und sehen, ob nicht irgend jemand
+hinüberrudert, den ich nach der Apotheke schicken kann; denn oft hat der
+Doktor irgend was verschrieben, aber sie haben es nicht geholt." -- "Und
+zu alledem hast Du Zeit?" -- "Ja. Bei Schultzes mach' ich's gleich nach
+Tisch ab, und meine eigenen Schularbeiten mach' ich nachts." Und so
+erzählte er, des längeren und breiteren, bis ihm selber einfiel, daß sie
+noch vor Einbruch der Dunkelheit unten sein müßten.
+
+In tiefen Gedanken ging Edvard voran; der andere mit dem Korb
+hinterdrein.
+
+Hier, wo die Klippe abfiel, hörte man das Tosen des Meers, als komme es
+aus der Luft, wie das Sausen eines vorüberziehenden Vogelschwarms --
+hoch, hoch oben. Es wurde kalt; man sah den Mond; aber die Sterne noch
+nicht. Doch -- einen einzigen. "Wie bist Du denn eigentlich darauf
+gekommen?" fragte Edvard und wandte sich um. Ole blieb gleichfalls
+stehen. Er nahm seinen Korb aus einer Hand in die andere. Ob er's wagen,
+ob er alles sagen sollte? Edvard merkte sofort -- da steckte noch mehr
+dahinter -- und zwar war _das_ das Wichtigste. "Kannst Du's nicht sagen?"
+fragte er, als wenn es ihm ganz gleichgültig sei. -- "Oh doch -- ich
+_kann_ schon!" Aber Ole fuhr fort, den Korb von einer Hand in die andere
+zu nehmen, und sagte nichts weiter. Jetzt konnte Edvard nicht länger an
+sich halten; er fing an, Ole ordentlich deswegen zu quälen, was diesem
+auch ganz lieb war -- doch immer noch überlegte er. "Es ist doch nichts
+Böses?" -- "Nein, etwas Böses ist es nicht." Nach einer Pause fügte er
+hinzu: "Im Gegenteil -- eher was Großes -- etwas wirklich Großes sogar!"
+-- "Etwas wirklich Großes?" -- "Eigentlich das Größte in der Welt!" --
+"Nanu!" -- "Wenn Du's bloß nicht weitersagen wolltest! Keiner
+Menschenseele! Hörst Du? Dann wollt' ich Dir's schon erzählen!" --"Also
+-- Du -- was denn?" -- "_Ich will Missionär werden_!" -- "Missionär?" --
+"Ja -- Heidenmissionär! Ein richtiger, für die Wilden, weißt Du, die
+Menschen fressen!" Er sah -- viel mehr konnte Edvard nicht ertragen;
+deshalb beeilte er sich, rasch noch etwas über Zyklone, wilde Raubtiere
+und giftige Schlangen hinzuzufügen: "Auf so was muß man sich einüben,
+siehst Du!" -- "Einüben? Gegen reißende Tiere und giftige Schlangen?"
+Edvard fing an, das Unglaubliche glaublich zu finden. -- "Das Schlimmste
+sind die Menschen!" sagte Ole, die Tiere umgehend. "Das sind nämlich
+ganz fürchterliche Heiden, diese Kerle, und wild, und bös, und grausam.
+So ohne weiteres hinrennen -- das hat keinen Sinn. Man muß Übung haben."
+-- "Aber wieso kommst Du zu denen unten? Das sind doch keine Heiden --
+die im Dorf?" -- "Das nicht. Aber man lernt doch allerhand auch bei
+ihnen. Zimperlich darf man nicht bei ihnen sein -- im Gegenteil, die
+ärgsten Schweinereien muten sie einem zu. Wenn einer krank ist und
+querköpfig, so ist er meist auch voller Mißtrauen; manche sind geradezu
+bösartig. Denk bloß, neulich abends hat ein Weib mich sogar hauen
+wollen." --"Hauen?" -- "Da hab' ich zu Gott gebetet, sie sollte es tun;
+aber sie hat bloß geflucht." Oles Augen glühten; sein Gesicht war
+verzückt. "Hier, in einem Traktat, den ich in meinem Korbe hab', steht,
+es sei der Fehler unserer Missionäre, daß sie hinausgingen, ohne sich
+erst zu üben. Denn es sei eine große Kunst, Menschen zu gewinnen, steht
+da. Sie zu gewinnen für das Reich Gottes, das sei die schwerste aller
+Künste. Und eigentlich müßten wir uns von Jugend, ja von Kindesbeinen
+an darauf einüben; so steht geschrieben, und das will ich tun. Denn
+Missionär sein -- siehst Du -- das ist doch das Höchste auf Erden. Das
+ist mehr als König sein, mehr als Kaiser und Papst sein; das steht in
+dem Traktat. Und es steht auch darin, ein Missionär habe gesagt: Und
+hätte ich zehn Leben, ich gäbe sie alle zehn hin für die Mission ... Und
+das will ich auch."
+
+Sie gingen jetzt Seite an Seite. Ole hatte sich, ohne es zu wissen, den
+aufleuchtenden Sternen zugekehrt. Beide standen eine Weile so und
+starrten in die Luft. Unter ihnen der Hafen mit den Schiffen in
+verschwommenen Umrissen, die Brücken, niedrig, schwer; die Stadt mit
+ihren verstreuten Lichtern; weiter draußen der Strand, wollgrau von
+Schnee, und daneben das schwarze Meer; hier unten hörte man es wieder,
+wenn auch schwächer; das einförmige Tosen verfloß mit dem sternbesäten
+Halbdunkel. Zwischen den Knaben zitterten unsichtbare Fäden hin und her;
+Gefühle knüpften sich an. Von keinem andern wünschte Ole so sehnlich,
+gut beurteilt zu werden, wie von dem, der in seiner leichten Pelzmütze
+vor ihm stand; und Edvard dachte, wie viel besser doch Ole sei als er.
+Denn daß er selber gräßlich war, das wußte er; das hörte er ja alle
+Tage. Er sah seitwärts auf den Bauernjungen; -- die tief über die Ohren
+gezogene Zipfelmütze, die großen Fausthandschuhe, der plumpe Schal, die
+weite Friesjacke, die breiten Hosen, die schweren, eisenbeschlagenen
+Stiefel --nur -- die Augen wogen das alles auf, und das treuherzige
+Gesicht, wenn es auch ein bißchen altklug war ... Ole wird einmal ein
+großer Mann werden!
+
+Sie trabten weiter, Edvard voran, Ole hinterher, hinunter zur
+"Vorstadt". So hieß der Stadtteil, der an den "Berg" stieß und im
+wesentlichen aus Arbeiterhäusern, Werkstätten und kleineren Fabriken
+bestand. Ordentliche Straßenanlagen oder Beleuchtung gab es hier noch
+nicht; es war jetzt, beim Tauwetter, ein entsetzlicher Morast, der in
+der Abendkälte gerade zu gefrieren begann. Die paar Laternen, die
+vorhanden waren, hingen an Stricken, die vom einen Haus zum andern quer
+über die Gasse gespannt waren, und hinauf- und hinuntergezogen werden
+konnten. Sie waren schwarz von Qualm und daher äußerst schlechter Laune.
+Hier und dort hatte eine kleine Werkstatt ihre eigene kleine Laterne,
+die über der Haustreppe hing. Unter einer solchen Laterne blieb Edvard
+stehen. Er mußte wieder etwas fragen. Nämlich -- wer es eigentlich sei,
+dessen Ole sich dort unten annahm? Einer, den sie beide kannten?
+Frohgemut setzte Ole seinen Korb auf die Treppe und stützte sich mit der
+Hand darauf. Er lächelte: "Du kennst doch die Marte von der Werft?" Ja,
+die kannte die ganze Stadt; eine tüchtige Frau; aber sie trank; und oft
+hatten die Schuljungen am Samstagabend ihren Jux mit ihr, wenn sie, an
+eine Mauer gelehnt, dastand und sie ausschimpfte und sich schließlich
+umdrehte und zum Zeichen ihrer Hochachtung -- na ja, wie das Zeichen
+aussah, läßt sich nicht gut beschreiben! Aber die Bengels warteten bloß
+darauf; und die Sache wurde stets mit Jubelgeheul begrüßt.
+
+"Die Marte von der Werft!" rief Edvard. "Die willst Du bekehren?" --
+"Still doch! Nicht so laut!" bat Ole. Er war flammend rot geworden und
+sah sich erschrocken um. Edvard wiederholte flüsternd: "Glaubst Du,
+irgend ein Mensch könnte die bekehren?" -- "Ich glaube, ich bin auf dem
+besten Wege!" flüsterte der andere geheimnisvoll. -- "Du mußt schon
+entschuldigen -- aber ich glaub' es nicht!" Die Augen schielten, der
+Mund verzog sich zu einem Lächeln. -- "Wart' nur erst und hör' mich an!
+Du weißt doch, im Winter ist sie auf dem Glatteis hingefallen und hat
+sich bösen Schaden getan?" Jawohl, das wußte er. -- "Seitdem liegt sie
+im Bett, und kein Mensch hat Lust, ihr zu helfen. Sie ist doch so
+bösartig und kratzbürstig. Gegen mich war sie anfangs widerwärtig --
+kaum zum Aushalten war's. Aber ich achtete einfach nicht darauf, und
+jetzt heißt es nur noch 'mein Gottesengelchen', 'mein Lämmeken', 'mein
+Goldsöhnchen', 'mein gutes Kind'. Denn ich habe sie umgebettet und
+Kleider und Essen und Bettzeug für sie gesammelt, und die ärgsten Dinge
+für sie getan, siehst Du. Und doch hat sie eines Abends Miene gemacht,
+mich zu schlagen, wie ich ihr aufhelfen wollte, und ihr krankes Bein ihr
+dabei wehtat. Sie schrie wie besessen und hob ihren Stock gegen mich;
+aber dann nahm sie sich zusammen und fluchte nur ganz fürchterlich und
+warf mir Schimpfworte an den Kopf. Jetzt ist sie wieder ganz sanft, und
+neulich hab' ich's sogar gewagt, ihr aus der Bibel vorzulesen." -- "Der
+Marte von der Werft?" -- "Die Bergpredigt. Und daß Du's nur weißt -- sie
+hat geweint." -- "Geweint? Hat sie's denn verstanden?" -- "Nee, sie hat
+so geweint, daß sie nicht viel davon gehört hat, glaub' ich. Aber die
+Bibel war es doch, siehst Du. Sie fing schon an zu weinen, als ich das
+Buch nur herauszog."
+
+Die Knaben sahen einander an; vom Hof her klangen Hammerschläge und in
+der Ferne eine Dampfpfeife; dann von der Gasse gegenüber das leise
+Weinen eines Kindes. -- "Hat sie was gesagt?" -- "Sie sagte, sie sei
+viel zu schlecht, um so was anzuhören, hat sie gesagt. Und ich erklärte
+ihr, daß dem lieben Gott gerade die Geringsten die liebsten wären. Sie
+tat aber, als höre sie das nicht, sondern sagte nur, ich solle doch
+einmal beim Wäscher-Lars nachsehen, ob er daheim sei." --"Beim
+Wäscher-Lars?" schrie Edvard, und Ole mußte wieder "Psst!" sagen; der
+Wäscher-Lars war nämlich ihr guter Freund. -- "Du kannst mir's glauben,
+der ist die ganze Zeit über furchtbar nett gewesen. Im Wäscher-Lars
+steckt viel Gutes, das sagen alle. Jeden Abend kommt er und hilft ihr.
+Heut Abend ist er früher gekommen als sonst, darum konnt' ich gehen;
+sonst bleib' ich viel länger." -- "Hast Du ihr noch öfter vorgelesen?"
+-- "Ja, heute wieder. Gleich fing sie wieder zu weinen an; aber heute,
+glaub' ich, hat sie was gehört. Denn wie ich ihr das vom verlorenen Sohn
+vorlas, sagte sie: ich bin ja woll eins von seinen Schweinen!" -- Beide
+Jungens lachten. "Da sagt' ich denn, das glaubte ich doch nicht. Dann
+wollte ich versuchen, zu beten. Ach, das nützt ja doch alles nichts!
+sagte sie. Aber als ich dann das Vaterunser anfing, wurde sie ganz
+verdreht, weißt Du, gerad' als ob sie sich fürchte, und sie richtete
+sich auf und schrie, davon wolle sie nichts wissen --unter keinen
+Umständen! Und dann legte sie sich wieder hin und heulte." -- "Es wurde
+also nichts?" -- "Nein, und dann kam der Wäscher-Lars, und sie sagte,
+ich solle gehen. Aber siehst Du, wie es gewirkt hat? Glaubst Du nicht,
+daß ich auf dem besten Wege bin?" -- Edvard war nicht so ganz sicher.
+
+Seine Bewunderung hatte augenscheinlich einen kleinen Knax bekommen.
+
+Bald darauf trennten sie sich.
+
+
+2
+
+In den höheren Schulen herrscht bisweilen ein Geist, der dem Geist der
+Stadt, in der die Schule liegt, völlig entgegengesetzt ist; ja, in der
+Regel steht die Schule in gewissen Stücken unter ganz selbständigen
+Einwirkungen. Ein einziger Lehrer vermag die Schüler in seinem Bann zu
+halten, ebenso wie es oft von einem Kameraden oder von ein paar abhängt,
+ob unter den Knaben ein Geist der Ritterlichkeit oder das Gegenteil, ein
+Geist des Gehorsams oder das Gegenteil herrscht. In der Regel übernimmt
+irgend ein einzelner die Führung. Auch in sittlicher Hinsicht ist das
+so. Die Knaben arten ihrem Vorbild nach, und meist hat einer oder haben
+mehrere die Macht, als Vorbild zu wirken.
+
+Gegenwärtig hatte der Primus Anders Hegge teilweise die Oberleitung in
+Händen. Einen so gelehrten Schüler hatte die Schule seit ihrer Gründung
+nicht gesehen; er war ein Jahr länger geblieben als nötig, nur um der
+Schule den Glanz eines unzweifelhaften =prae ceteris= zu verschaffen.
+Die Knaben waren unglaublich stolz auf ihn. Bewundernd erzählten sie,
+wie er die Lehrer in der Gewalt habe, und daß er seine Stunden nach
+eigenem Belieben wählen und kommen und gehen könne, wie es ihm gerade
+passe. Meist arbeitete er für sich. Er besaß eine Bibliothek, deren
+Regale längst die Wände so angefüllt hatten, daß sie jetzt den Fußboden
+entlang krochen. Ein langer Bücherständer stand auf jeder Seite des
+Sofas. Es gingen solche Wundergeschichten darüber um, daß sogar die
+kleinsten Jungens ihn besuchen und mit eigenen Augen sehen mußten. Und
+mitten drin, am Fenster, saß er selber und rauchte, in einem bis auf die
+Füße reichenden Schlafrock, dem Geschenk einer verheirateten Schwester,
+auf dem Kopf eine Samtmütze mit Goldquaste, das Geschenk einer Tante, an
+den Füßen gestickte Pantoffeln, das Geschenk einer Patin. Er war ein
+Damenprodukt -- wohnte bei seiner verwitweten Mutter, und fünf ältliche
+Verwandte bezahlten seine Bücher, kleideten ihn und versahen ihn mit
+Taschengeld.
+
+Ein großer, kräftiger Bursche mit einem regelmäßigen, feingeschnittenen
+Gesicht, dem Gesicht eines alten Geschlechts. Es wäre schön gewesen,
+wenn es nicht Glotzaugen und einen gierigen und lauernden Ausdruck
+gehabt hätte. Ähnlich sein wohlgebauter Körper: er hätte einen
+stattlichen Eindruck gemacht, wenn er nicht vornüber gebückt gegangen
+wäre, als drücke eine Last seinen Rücken, und einen ungleichmäßigen Gang
+gehabt hätte. Hände und Füße waren zierlich; er konnte nicht leiden,
+wenn man ihn anrührte, war verfroren und zimperlich und hatte einen
+durchaus weiblichen Geschmack.
+
+Alles, was ihm einmal gesagt worden war, behielt er, Großes und Kleines,
+ohne Unterschied; oder wenn ein Unterschied war, so bestand er darin,
+daß das Kleine ihm das wichtigste war. Wenige Dinge entgingen ihm;
+sachte und nicht ohne eine Art Kunst stahl er sich in das Vertrauen
+eines Menschen. Er kannte die Familiengeschichten aus dem ganzen Land,
+auch solche aus fremden Ländern kannte er. Diese Geschichten zu erzählen
+-- am liebsten Skandalgeschichten -- und in aller Stille noch andere
+einzuheimsen -- das war ihm des Daseins größte Wonne! Hätten die Lehrer
+geahnt, wie diese bewundernswerte Schubladeneinrichtung mit all ihrem
+Inhalt die Luft der Schule verdarb -- sie hätten ihn schwerlich noch ein
+Jahr dabehalten. Die ganze Schule war nichts als Kritik und Zweifel;
+Klatsch und Spott waren Hoftugenden, die am ehesten zu Gunst führten;
+schlüpfrige Geschichten waren die Festunterhaltung. Gierig nach Neuem
+saß er inmitten seines Rauchgespinstes zwischen seinen Bücherregalen,
+wenn jemand ihn besuchte. Und als Edvard an diesem Abend kam und
+erzählte, nun wisse er, wohin Ole gehe und was er treibe, und nun wolle
+er seine Prämie, da stand Anders auf und bat ihn, doch einen Augenblick
+zu warten; er wolle nur schnell etwas Bier holen; dann wollten sie sich
+einen vergnügten Abend machen.
+
+Das erste Glas schmeckte vortrefflich, ein anderes halbes ebenso; und
+dann erzählte Edvard. Erst, daß Ole unten im Fischerdorf Kranke pflege.
+
+Anders war ungefähr ebenso paff, wie Edvard vorhin, als er die Bibel
+sah. Edvard lachte herzlich. Aber es dauerte nicht lange, so äußerte
+Anders einen leisen Zweifel. Ole habe ihm wahrscheinlich nur etwas
+weismachen wollen, um sich leichter aus der Patsche zu ziehen; dahinter
+stecke etwas. Bauernjungen seien immer Heimlichtuer. Und zum Beweis
+erzählte er ein paar ganz amüsante Geschichtchen aus der Schule. Edvard
+gefiel dieses ewige Zweifeln nicht recht, und um ein Ende zu machen (er
+war im Grunde furchtbar müde), berichtete er, sein Vater wisse alles, er
+sei damit einverstanden und unterstütze Ole mit Geld. Jetzt zweifelte
+natürlich auch Anders nicht länger. Aber trotz allem -- es konnte etwas
+dahinterstecken; Bauernjungens seien nun mal solche Heimlichtuer.
+
+Das wurde Edvard denn doch zu viel; er sprang von seinem Sitz auf und
+fragte, ob Anders etwa glaube, daß einer von ihnen lüge.
+
+Anders trank ruhig einen Schluck Bier und ließ vorsichtig seine
+Glotzaugen rollen. "Lügen" -- hm -- ein sonderbarer Ausdruck. Durfte
+man vielleicht wissen, was das für Kranke waren, mit denen Ole sich
+beschäftigte?
+
+Darauf war Edvard nicht gefaßt. Er hatte sich vorgenommen, gerade soviel
+zu sagen, als nötig war, um die Prämie zu bekommen, und kein Wort
+darüber. Er stand wieder auf. Wenn Anders es nicht glauben wolle, so
+möge er's bleiben lassen; aber seine Prämie wolle er.
+
+Es war nicht Anders Hegges Art, mit jemand zu brechen, was Edvard auch
+recht gut wußte. Natürlich sollte Edvard das Buch haben. Aber nun müsse
+er erst mal eine amüsante Geschichte hören, wie sich die Kranken draußen
+im Fischerdorf aufführten. Der Armenarzt und seine Frau seien gestern
+bei seiner Mutter gewesen, und da habe jemand nach der Marte von der
+Werft gefragt, die man schon so lange nicht mehr gesehen habe. Ob sie
+noch immer von ihrem Fall im Winter bettlägrig sei? Ja freilich; und sie
+litte keine Not; denn die Leute schickten ihr unbegreiflicherweise
+alles, was sie brauche, und der Wäscher-Lars bringe ihr Abend für Abend
+Schnaps, so daß sie sich manch liebes Mal einen recht fidelen Schwips
+ansäuselten. So bald stehe die gewiß nicht wieder auf.
+
+Edvard wurde feuerrot, was Anders wohl bemerkte. War etwa die Marte von
+der Werft eine von denen, denen Ole "half"? Ja, es ließ sich nicht
+leugnen.
+
+Die Glotzaugen weiteten sich ordentlich, um diese Beute aufzunehmen.
+Edvard sah, wie sie eingesogen und verschlungen wurde, und ihm war, als
+sinke er selber mit hinein und werde zerrissen und aufgefressen. Aber
+wenn es etwas gibt, was ein Schuljunge nicht verträgt, so ist es, sich
+gefangen zu sehen in seiner eigenen Arglosigkeit. Er beeilte sich, den
+ehrenrührigen Verdacht, als ob er das Lächerliche an Ole Tufts Vorhaben
+nicht durchschaue, von sich abzuwälzen. "Und denk Dir --aus der Bibel
+hat er der Marte vorgelesen!" -- Ihr aus der Bibel vorgelesen? Wieder
+wurden die Glotzaugen ganz groß, um zu schlingen; aber schnell zogen sie
+sich wieder zusammen. Anders kam ins Lachen; er schüttelte sich
+geradezu; und Edvard mit.
+
+Ja, er las der Marte aus der Bibel vor, die Geschichte vom verlorenen
+Sohn; und Edvard erzählte, was Marte gesagt hatte. Sie lachten um die
+Wette und tranken den Rest des Biers aus. Alles, was an Anders
+liebenswürdig und amüsant war, kam zum Vorschein, wenn er lachte. Das
+Lachen selbst hatte einen leichten Beiklang, wie wenn man jemand am Hals
+kitzelt -- --es forderte zu immer neuer Heiterkeit heraus -- zu endlos
+neuer Heiterkeit. Und Edvard mußte alles erzählen -- und noch ein
+bißchen mehr.
+
+Als er später mit dem Prachtband unterm Arm nach Hause lief, hatte er
+ein scheußliches Gefühl. Der Bierdunst war verflogen; das Lachen reizte
+ihn nicht mehr, und der gekränkten Eitelkeit war Genüge getan. Aber kaum
+war er an der frischen Luft, da glaubte er auch schon Oles gute Augen
+vor sich zu sehen. Er wollte das Gefühl abschütteln; er war so
+entsetzlich müde; heut abend konnte er nicht mehr denken. Aber morgen --
+ja, morgen wollte er Anders bitten, zu schweigen.
+
+Doch am nächsten Morgen verschlief er die Zeit; er konnte nur gerade
+noch in die Kleider springen -- und davonrasen -- mit einer Buttersemmel
+im Mund und einem flüchtigen Gedanken an "=Les trois mousquetaires=",
+die jetzt ihm gehörten; heut nachmittag würde er sie lesen. In der
+Schule schlug er sich mit Hängen und Würgen von einer Stunde zur andern
+durch; er konnte keine seiner Aufgaben, und Sonnabends war gerade immer
+so viel. Bis auf die beiden letzten Stunden vor Schulschluß war er
+vollauf in Anspruch genommen; dann kam Französisch und Naturgeschichte;
+von den beiden Fächern war er dispensiert. Und nun ging's die Treppe
+hinunter, vor allen andern.
+
+Wie er vor der Tür des Schulhauses stand, kam eben Anders von der andern
+Seite her. Der hatte jetzt eine Stunde in der obersten Klasse.
+Augenblicklich fiel Edvard der gestrige Abend ein, und es packte ihn
+ein Schrecken, was Anders jetzt wohl erzählen würde. Fast in derselben
+Sekunde aber erblickte er zwischen zwei Landungsbrücken ein Ungetüm von
+einem Dampfer, einen Havaristen, der sich langsam dem Hafen näherte.
+Solch ein Riesenschiff war noch nie im Hafen gewesen, sagten die Leute,
+die vorüberliefen. Mastlos, mit zerbrochener Schanzverkleidung, mit
+gestützten Schornsteinen, bis oben voll gespritzt von weißem Gischt, nur
+eben noch fähig, sich fortzubewegen -- so kam es angezogen. Vielleicht
+im Schlepptau eines andern Dampfers --Edvard konnte der Brücken wegen
+nichts sehen. Alles rannte hinunter; und er mit.
+
+Unterdessen schritt Anders durch das Schultor. Eben als er öffnete,
+leerten sich die Klassen; ihr ganzer Inhalt stürzte die Treppe hinunter
+in den Hof -- wie durch einen langen Trichter. Ein Orkan in einem
+Riesenbauch --. Das Haus erdröhnte. Zuerst ein vereinzelter scharfer
+Schrei -- die jubelnde Ichverkündigung des Ersten -- dann ein Gemisch
+von Diskant- und Altstimmen -- dann gebrochene Übergangsstimmen, die in
+einer etwas dunkleren Klangfarbe darüber hinwischten -- dann ein
+gemeinsames Emporsprühen wie von einem gen Himmel flammenden Feuermeer,
+bald ein halbes Erlöschen hier -- bald eine freudig aufschießende
+Feuersäule dort; dann wieder ein einheitlicher, breiter Glanz über dem
+ganzen Hofe.
+
+Ruhig kam Anders dahergegangen. Nicht wie in einem Feuermeer, mehr wie
+durch gefahrvolle Brandungen getragen, gewiegt -- hin und her gespült --
+von einem Ufer zum andern. Aber sein Ziel hatte er vor Augen. Er wollte
+sich vorsichtig durchschlagen bis zu dem Bretterhaufen am Zaun des
+Nachbars; dort war es still; und dort konnte er, gegen das Holz gelehnt,
+sich's ein bißchen bequem machen.
+
+Nachdem er sich diese Rückenstütze gesichert und mit seinen Glotzaugen
+vorsichtig ausgespäht hatte, ob die Luft auch rein sei, glitt sein Blick
+zufrieden über die Menge hin; er genoß das reizvolle Gefühl der
+Gewißheit, diesen ganzen Aufruhr durch bloße drei, vier Worte -- seinem
+Nachbar ins Ohr geflüstert -- dämpfen zu können. Wie Öl auf eine tobende
+See würden sie wirken, und der Lärm würde verstummen, sobald die paar
+Worte über ihn hinflossen. Wo war Ole? Da --ein großer Junge hielt ihn
+gerade gepackt; sie hatten sich gegenseitig am Rockkragen und wirbelten
+im Kreis herum; der Große versuchte den Kleinen zu Fall zu bringen und
+half mit dem Fuß nach. Oles schwere Stiefel zappelten in der Luft; die
+eisenbeschlagenen Absätze blinkten; er lachte aus vollem Halse; denn der
+andere wurde immer wütender und aufgeregter, ohne ihn doch werfen zu
+können.
+
+Da beugte Anders sich zu dem ihm Zunächststehenden herab: "Jetzt weiß
+ich, was Ole Tuft jeden Abend treibt." -- "Ach, Quatsch!" -- "Doch, ich
+weiß es." -- "Wer hat's denn 'rausgekriegt?" -- "Edvard Kallem." --
+"Edvard Kallem? Hat der das Buch bekommen?" -- "Freilich." -- "Nee -- so
+was! Edvard Kallem!"
+
+"Edvard Kallem? Was ist mit Edvard Kallem?" fragte jetzt ein Dritter.
+Und der Zweite, der es eben gehört hatte, berichtete sofort. Ein
+Vierter, ein Fünfter, ein Sechster schoß fort: "Edvard Kallem hat die
+Prämie gewonnen! Anders Hegge weiß jetzt, was Ole Tuft jeden Abend
+treibt!" Und überall, wo die Worte erklangen, verstummte der Lärm; alles
+wollte hören, alles stürzte auf Anders Hegge zu.
+
+Kaum war ein Viertel der Jungens zusammengelaufen, so wurden auch die
+andern drei Viertel aufmerksam. Was in aller Welt mochte dort an dem
+Bretterhaufen los sein? Warum liefen denn alle dorthin? Sie scharten
+sich um Anders, sie kletterten auf den Holzstoß, so viel ihrer überhaupt
+Platz hatten. "Was ist los?" -- "Edvard Kallem hat die Prämie gewonnen!"
+-- "Edvard Kallem?" Wieder loderte es auf. Alle fragten -- alle
+antworteten --alle, außer Ole Tuft; der blieb stehen, wo der Kamerad ihn
+losgelassen hatte.
+
+Dann wurde es mäuschenstill. Anders Hegge erzählte. Das war sein gutes
+Recht; er hatte dafür bezahlt. Er erzählte gut, in einer klaren,
+trockenen Art, die allem einen Schimmer von Doppelsinnigkeit verlieh.
+Erst erzählte er, wo Ole sei und was er da treibe -- daß er die
+Werft-Marte umbette, sie herumschleppe und trage, ihr das Essen koche
+und nach der Arznei in die Apotheke laufe; dann -- _weshalb_ er das tue;
+er wolle Missionär werden und wolle sich an der Werft-Marte drunten
+üben; er lese ihr aus der Bibel vor, und Marte heule, und wenn dann Ole
+fort sei, komme der Wäscher-Lars mit Schnaps, und dann tränken sich die
+beiden, Marte und Lars, auf das Bibellesen hin einen ordentlichen
+Schwips an. Zuerst standen die Jungens ganz starr -- so was war ihnen
+noch nie vorgekommen! Sie faßten es in der Hauptsache als eine Art
+Zeitvertreib auf, und so, wie es erzählt wurde, konnte es gar nicht
+anders aufgefaßt werden. Aber Missionär und Bibelvorleser spielen? Das
+hatten sie noch nie gehört. Es war lustig, aber zugleich auch noch etwas
+anderes; was? -- darüber waren sie sich im Augenblick nicht klar. Da
+niemand lachte, ging Anders weiter. Weshalb war Ole auf diesen Einfall
+gekommen? Ganz einfach, weil er ehrgeizig war und ein Apostel werden
+wollte; und das war viel, viel mehr als König werden, oder Kaiser, oder
+Papst; das hatte Ole selber zu Edvard Kallem gesagt. Aber um das zu
+werden, mußte er "Gottes Wege" finden, und Gottes Wege -- nun ja, die
+begannen dort unten bei der Marte von der Werft. Dort wollte er sich
+üben, Wunder zu tun, sich mit Heiden und wilden Tieren und giftigen
+Schlangen herumzuschlagen und Zyklonen Einhalt zu gebieten. Jetzt brach
+das Gebrülle los. Doch gerade in diesem Augenblick läutete es; die
+Jungens konnten nur eben noch, sich vor Lachen schüttelnd, an Ole
+vorüberstürmen.
+
+Schon einmal in seinem jungen Leben hatte Ole Tuft in einen bodenlosen
+Abgrund geblickt; das war an dem Wintertag, als er am Grabe seines
+Vaters stand und die ersten gefrorenen Erdschollen auf den Sarg poltern
+hörte. Die Luft war voll treibenden Nebels, und das Meer wie Blei.
+Alles, was er an Leid kannte, führte dorthin zurück; auch jetzt stand er
+wieder dort; auch jetzt hörte er wieder die Kirchenglocke von damals.
+Gerade als das hohle Dröhnen auf den Treppen und Gängen verhallt, der
+letzte Nachzügler verschwunden, die letzte Tür geschlossen und mit
+einemmal alles so still war -- da, durch das Schweigen, durch die Leere,
+vernahm er eine Glocke -- bimbam, dingdang -- und plötzlich war er auch
+schon draußen, vor der geteerten Holzkirche am Strand; die langarmigen,
+alten laublosen Birken an der Mauer und die ehrwürdige Tanne vor dem
+Portal rauschten; Glockenklänge, schrill, dünn, kamen dahergewankt, und
+die scharfen Erdschollen auf dem Sarg schlugen ihm Wunden fürs ganze
+Leben. Das unaufhaltsame Weinen der Mutter -- sie hatte es
+zurückgehalten bis jetzt -- keinen Laut bis dahin -- nicht am Bett,
+nicht, als sie ihn hinaustrugen; aber jetzt, mit einemmal -- ach, nicht
+einzudämmen mehr! ... O Vater, Mutter, Mutter, Vater! ... Und auch er
+brach in Tränen aus.
+
+Schon aus dem Grunde konnte er den Kameraden nicht folgen; und er wollte
+überhaupt nicht mehr in die Schule. Auf das hin konnte er keinem von
+ihnen mehr begegnen, konnte nicht einmal mehr in der Stadt bleiben. In
+zwei Stunden würde jedermann es wissen und gaffen und fragen und
+grinsen. Und das, was er vorhatte, war ja jetzt auch entweiht für ihn;
+wozu noch studieren! In eine andere Stadt wollte er auch nicht. Nein --
+nur heim, heim, heim!
+
+Aber wenn er länger hier stehen bliebe, so würden sie bald einen aus der
+Klasse herunterschicken, um ihn zu holen; er mußte gleich fort --. Nicht
+erst nach Hause zur Tante; dort hätte er erzählen müssen. Nicht durch
+das große Tor und über die Hauptstraße; die war immer so voll von
+Menschen, und er sah so verheult aus! Nein, er mußte durch das kleine
+Schlupfloch fort, das Josefine ihm zurechtgemacht hatte, und durch das
+sie ihm jeden Nachmittag hinaushalf, ohne daß die Jungens es sahen.
+
+Das Holz war gegen des Nachbars Bretterzaun aufgestapelt; aber zur
+Rechten lehnte der Stapel an einem Schuppen, und dorthin lief jetzt Ole.
+Er löste zwei Planken in der Wand, die nach dem Holzhaufen ging, kroch
+hindurch und machte hinter sich wieder zu. Dieses Kunststück wäre
+unmöglich auszuführen gewesen, wenn nicht zwischen Schuppen und
+Bretterstapel ein freier Raum gewesen wäre; und ein solcher befand sich
+dort, dank einem Naturhindernis in Gestalt eines großen Steines, der
+höher war als der Knabe und ein Stück von der Wand weg stand. Wäre der
+Stein nicht gewesen, so hätte die zweite Holzschicht sich an die erste
+angelehnt und ganz abgeschlossen; so aber blieb zu beiden Seiten des
+Steins und darüber ein freier Raum. Und hier hatten die Kinder sich
+Stuben eingerichtet, eine auf jeder Seite und eine auf dem Stein selbst.
+Die hintere war die bequemste; dort war ein Brett zum Sitzen, und wenn
+es auf beiden Seiten in den Holzstapeln festgemacht war, so konnten die
+Kinder zur Not sogar aneinander vorüber. Oben drüber hatten sie Bretter
+gelegt, und darauf wieder Holz, damit niemand Verdacht schöpfe; es war
+ein tüchtiges Stück Arbeit gewesen für die zwei. Allzu hell war es ja
+nicht gerade; aber das trug just dazu bei, es recht gemütlich zu machen.
+Hier erzählte sie ihm von Spanien und er ihr von den Abenteuern der
+Missionäre, sie von Stiergefechten, er von Kämpfen mit Tigern und Löwen
+und Schlangen, von furchtbaren Zyklonen und Windhosen, von wilden Affen
+und Menschenfressern. Seine Erzählungen hatten nach und nach die ihren
+übertrumpft; sie waren reicher und sie hatten ein bestimmtes Ziel. Sie
+lebte von Erinnerungen, er von allem, was seine Phantasie nur zu
+ergattern vermochte, und bei allem war er selber im Mittelpunkt der
+Dinge. So lange schilderte er, und so glühend, bis auch in ihr die
+Sehnsucht erwachte, im Mittelpunkt dieser Dinge zu sein! Erst schickte
+sie ein paar vorsichtige Fragen voraus: ob es auch angehe, daß Frauen
+Missionäre würden? Das wußte er nun zwar nicht; es war sicherlich doch
+bloß Männerarbeit, das Missionieren; aber Frauen von Missionären konnten
+sie werden. Ob denn die Missionäre verheiratet seien, fragte sie. Er
+nahm das zunächst als dogmatische Frage. Einmal habe er seinen Vater
+darüber in einer Versammlung reden hören; irgendeiner habe Zweifel
+darüber geäußert; denn Paulus, den man ja doch den ersten und größten
+Missionär nennen müsse, sei nicht verheiratet gewesen, ja, er habe sich
+dessen sogar gerühmt. Aber der Vater habe erwidert, Paulus habe
+geglaubt, Jesus werde bald wiederkommen, und darum habe er sich beeilen
+müssen, überall umherzuwandern und das zu verkündigen, auf das die
+Menschen sich bereithalten sollten. Die Missionäre von heute dagegen
+müßten im Gegenteil auf einem und demselben Fleck Erde leben, und dazu
+gehörten doch wohl auch Frauen. Er habe selber von Missionärsfrauen
+gelesen, die Schule für kleine Negerkinder hielten.
+
+Weiter war keins von den beiden gegangen; aber daß _sie_ doch ganz im
+geheimen daran dachte, ging deutlich aus einigen Fragen hervor, wie z.
+B., ob es wahr sei, daß die Negerkinder Schnecken äßen? Das behagte ihr
+nicht.
+
+Und inmitten dieses Halbdunkels -- ihr brauner und sein blonder Kopf
+dicht zusammengesteckt über atembeklemmenden Abenteuern -- hatten sie
+unter Palmen gesessen; es wimmelte von kleinen Schwarzen, und alle waren
+sie artig und bekehrt, und zahme junge Tiger gab es da, die sich dicht
+vor ihren Füßen im Sand wälzten; gutmütige Affen bedienten sie,
+Elefanten trugen sie behutsam, die Bäume hingen voll der Nahrung, deren
+sie bedurften.
+
+Und jetzt kam Ole, um dies Eden zum letztenmal zu sehen und Abschied
+davon zu nehmen.
+
+Eben hatte er sich aufgerichtet, um über den Stein zu klettern, als ihm
+einfiel, heut sei Samstag. Samstag von elf Uhr ab hatte sie frei (sie
+hatte Privatunterricht), und da setzte sie sich oft während der großen
+Pause der Knaben hinter die Holzstapel.
+
+Wenn sie jetzt eben dort säße! Wenn sie alles gehört hätte! Schnell
+hinauf auf den Stein, und richtig -- da saß sie unten auf dem Brett und
+sah zu ihm hinauf.
+
+Ihr bloßer Anblick und mehr noch die Art, wie sie seinem Blick
+begegnete, ließ ihn von neuem in helle Tränen ausbrechen. "Ich -- will
+-- heim!" schluchzte er, "und nie -- nie wiederkommen!" Und er ließ sich
+zu ihr hinuntergleiten. Sofort nahm sie sich seiner an, gab ihm
+schleunigst ihr Taschentuch, damit er es sich vor den Mund halte, um
+sich durch sein Weinen nicht zu verraten. Sie kannte den Schulhof, und
+sie wußte, man suche ihn jetzt auf dem Hof. Und er gehorchte, wie immer,
+ihrer überlegenen Führung in den Dingen, die zur guten Erziehung
+gehören; nur daß er glaubte, es handle sich einmal wieder um das ewige
+Geschnäuze, und so schnäuzte er sich denn und weinte, und weinte und
+schnäuzte sich. Da packte sie ihn hurtig mit ihrer derben
+Kleinmädelfaust im Nacken, mit der andern umspannte sie mit festem Griff
+seine Hände mitsamt dem Taschentuch und preßte ihm das in den Mund;
+während sie gleichzeitig ihren dunkelhaarigen Kopf unheilverkündend
+dicht vor seinem Gesicht schüttelte. Jetzt begriff er! Es war auch die
+höchste Zeit; denn schon rief man auf dem Schulhof seinen Namen, wieder
+und wieder, in Zwischenräumen und aus verschiedenen Richtungen. Es fiel
+ihm entsetzlich schwer, das Weinen zu unterdrücken, so daß er am ganzen
+Körper zitterte; aber er hielt es zurück. Hielt es zurück, bis sie den
+Kameraden, den man nach ihm ausgeschickt hatte, wieder hinaufstürmen
+hörten. "Ich -- will -- heim!" fing er dann gleich wieder an und heulte
+von neuem drauflos -- er konnte nicht anders. Dann gab er ihr das
+Taschentuch zurück, nickte, stand auf und zog die Planken in des
+Nachbars Bretterwand weg -- immerzu laut schluchzend und in tiefstem
+Entsetzen. Kaum waren die Planken weg, so war er auch im Loch; das auf
+der Schulbank blank gescheuerte Hinterteil und die glänzenden,
+eisenbeschlagenen Absätze schoben sich weiter und weiter hinein, bis sie
+verschwanden. Auf der andern Seite stand er auf, drängelte sich zwischen
+der Bretterwand und einem Holzhaufen durch, bis zu ein paar alten
+Balken, die da lagen und vermorschten; von dort eilte er zur Hintertür,
+und erst, als er draußen, auf freiem Grund und Boden, in einem engen
+Gäßchen stand, fiel ihm ein, daß er vergessen hatte, Josefine Lebewohl
+zu sagen; ja, daß er sich nicht einmal bei ihr bedankt hatte. Auch das
+noch, zu all dem andern Unglück! Nun erst recht trieb es ihn im Galopp
+zur Stadt hinaus, und er machte nicht eher halt, als bis er auf Umwegen
+die Landstraße erreicht hatte. Der gehörte so gewissermaßen zu seinen
+Schildknappen, der alte Strandweg.
+
+Josefine stand eine Weile da und blickte auf die Stelle, wo die
+Absatzeisen verschwunden waren; aber nicht lange. Sie sprang auf den
+Stein, glitt an der Wand wieder herab, schob die Bretter beiseite, kroch
+hindurch und schob sie vorsorglich hinter sich zu. Gleich darauf
+erschien sie ohne Hut in der Apotheke und fragte nach ihrem Bruder; erst
+in der Apotheke selbst, wo er sich am liebsten aufhielt; aber da war er
+nicht; er hatte nicht einmal seine Schulbücher abgegeben. Dann
+durchsuchte sie oben alle Zimmer; dort war er ebenfalls nicht; aber vom
+Fenster aus sah sie den großen fremden Dampfer, umringt von zehn, zwölf
+Booten; natürlich, da war er! Also rasch hinunter zur Brücke. Sie machte
+ihr eigenes kleines weißgestrichenes Boot los und schoß hinaus.
+
+Sie ruderte, daß ihr der Schweiß von der Stirn lief, ruderte und blickte
+sich um, bis sie das schwere Wrack erreicht hatte, das grüne Ungeheuer,
+das dort lag und unter den Pumpen stöhnte. Weit draußen sah sie Edvard,
+die Schulbücher unterm Arm, oben auf der Kommandobrücke stehen, im
+Gespräch mit seinem Freund Rojert Mo.
+
+Sobald sie nahe genug war, rief sie seinen Namen. Er und sämtliche
+Umstehenden hörten es. Die letzteren sahen ein braunhaariges Mädel, die
+Ruder in der Hand, glühend rot vor Anstrengung, aufrecht dastehen und
+nach der Kommandobrücke starren; sie besannen sich einen Augenblick, was
+das wohl bedeuten könne, und vergaßen es dann wieder; Edvard aber gab es
+einen Stich: da war irgend etwas Unangenehmes geschehen; und wie der
+Wind war er von der Kommandobrücke herunter, auf Deck, darüber weg, an
+der andern Seite des Dampfers hinab -- und über die andern Boote in
+ihres geturnt, das er gleichzeitig abstieß. "Was ist los?" Die Bücher
+legte er hinter sich ins Boot, nahm ihr die Ruder aus der Hand und
+setzte sich. "Was ist los?"
+
+Rot und atemlos, mit fliegenden Haaren, stand sie da und sah ihn an,
+während er das Boot drehte. Dann stieg sie über das mittlere Sitzbrett,
+machte das zweite paar Ruder los und setzte sich ihm gegenüber auf die
+hinterste Ruderbank. Er hatte keine Lust, ein drittes Mal zu fragen, und
+ruderte drauflos; und nun fing sie, die Ruder über Wasser haltend, an:
+
+"Was hast Du Ole Tuft getan?" Er wurde blaß und rot; auch er hielt jetzt
+die Ruder hoch.
+
+"Es ist aus mit ihm in der Schule. Er ist nach Hause und kommt nicht
+wieder."
+
+"Ach was, Du lügst!" Aber seine eigene Stimme widersprach ihm. Er ahnte,
+-- sie redete die Wahrheit. Er schlug aus Leibeskräften die Ruder ins
+Wasser und ruderte, als wolle er hinter ihm drein.
+
+"Jawohl, es ist schon das beste, Du ruderst drauflos!" Sie selber fing
+an, nachzulassen. "Das beste, Du rennst ihm gleich nach, und wenn's bis
+nach Store-Tuft ist! Sonst geht Dir's schlecht! Beim Vater und auch in
+der Schule! So ein Jammerkerl, wie Du bist!" -- "Halt's Maul, Du!" --
+"Wart' Du nur! Wenn Du ihm nicht augenblicklich nachsetzt und ihn wieder
+mit nach Hause bringst, sag' ich's dem Vater und dem Rektor, -- verlaß
+Dich drauf!"
+
+"Bist selber ein Jammerkerl, und eine Petze bist Du, daß Du's nur
+weißt!" -- "Hättest bloß hören sollen, wie Anders Hegge und die ganze
+Schule sich aufführten; alle haben sie Ole ausgelacht, alle, alle -- und
+wie der arme Bengel geweint hat, als würde er ausgepeitscht -- und dann
+schnurstracks heimrannte! Pfui, schäm' Dich! Wenn Du ihn nicht wieder
+mitbringst, so wirst Du mal was erleben!" -- "Schafskopf! Siehst Du denn
+nicht, daß ich schon rudere, was ich nur kann!" -- Seine Nägel wurden
+weiß, sein Gesicht quoll auf, er beugte sich jedesmal fast bis auf den
+Boden, um möglichst weit auszuholen. Ohne ein Wort weiter zu verlieren,
+setzte sie sich auf die Bank dicht vor seiner und legte sich gleichfalls
+tüchtig in die Stangen.
+
+Als er an der Brücke aufstand, um anzulegen, sagte er: "Heut morgen hab'
+ich nicht mehr frühstücken können, und jetzt krieg' ich auch kein
+Mittagessen. Hast Du Geld bei Dir, daß ich mir ein paar Brezeln kaufen
+kann?" -- "Ja, ein paar Pfennige hab' ich", und sie zog die Ruder ein
+und holte das Geld heraus. "Nimm meine Bücher!" rief er und sprang
+davon. Bald darauf war auch er draußen auf der Landstraße.
+
+
+3
+
+Der Tag war nicht ganz klar gewesen; eine Unruhe war in der Luft, die
+Wolken jagten in anderer Richtung als der leichte Südwind. Es war mild
+und taute wieder. Die Wege waren jämmerlich, voll Schneeschlamm und
+Schmutz, besonders hier, in der Nähe der Stadt, war alles zu einem Brei
+zusammengetrampelt und -getreten.
+
+Der Junge war noch nicht zehn Minuten unterwegs, als seine etwas dünnen
+Stiefel auch schon von Wasser vollgesogen waren. Na, das machte nichts!
+Schlimmer war es mit der letzten Brezel; denn satt war er nicht, nicht
+im entferntesten! Aber auch das machte nichts. Er würde Ole schon bald
+einholen; er war schneller zu Fuß, war beweglicher, und er legte ganz
+gehörig los. Wenn er ihn nur erst eingeholt hatte -- in Ordnung bringen
+würde er die Sache schon, daran zweifelte er keinen Augenblick. Ole war
+verträglich, und er, Edvard, würde bei den Jungens für ihn eintreten;
+das zum mindesten war er ihm schuldig. Und ihm selber machte es überdies
+Spaß; er würde schon noch ein paar von den andern auf seine Seite
+bringen, und dann sollte es eine Schlacht setzen!
+
+Doch als er eine ganze Viertelmeile gegangen war, ohne in diesem Matsch
+auch nur eine Spur von Oles Stiefeln, geschweige denn von ihm selber zu
+entdecken, als er sich gar eine halbe Meile vorwärts geschleppt hatte,
+durch die scheußlichste Unwegsamkeit, mit patschnassen Füßen,
+abwechselnd schweißtriefend und eiskalt, dann wieder halbtrocken und
+wieder schweißtriefend --dazu drohte Regen und Sturm, und die Landschaft
+war schauerlich einsam mit ihren langen öden Bergrücken und den
+dazwischenliegenden Wäldern -- da sank sein Mut bedeutend.
+
+Und dann -- sonderbar! Nach der ersten Viertelmeile begegnete er keiner
+Menschenseele mehr. Spuren sah er genug auf dem Wege, von Pferden und
+Menschen und Hunden; alle liefen sie in derselben Richtung wie er, und
+die meisten waren frisch. Aber keine Menschenseele war zu erblicken,
+nicht einmal in den Gehöften; keinen Hund hörte er bellen, keinen
+Schornstein sah er rauchen; wie ausgestorben war alles. Eine leere Bucht
+nach der andern; vorspringende Bergrücken, durch Geröll oder Erdrutsche
+gebildet, trennten sie; immer wieder eine Bucht, und an jeder Bucht ein
+Gehöft oder mehrere, und ein Fluß oder ein Bach; aber nirgends ein
+Mensch. Ach, wie oft war der Junge schon einen kahlen Hang
+hinangeklettert und oben weitergewandert, bis er die nächste Senkung
+überschauen konnte, ohne Ole auf der Landstraße zu erblicken, ohne
+überhaupt eine Menschenseele zu erblicken! Er merkte wohl, er würde,
+ausgehungert und müde, bis hinaus nach Store-Tuft traben müssen. Das
+war fast eine Meile. Dann blieb er zu lange aus, der Vater würde es
+erfahren, es setzte dann doch Hausarrest und Verhör und Schelte und
+Schläge, vielleicht kam's auch gar noch vor den Rektor, und die ganze
+Geschichte ging noch einmal von vorn los ... Er war dem Weinen nahe.
+Dieser verdammte Anders Hegge mit seinen lüsternen Fischaugen und seinem
+fetten Lächeln bei allem, was ihm behagte! Und die lauernde
+Freundlichkeit, das kitzliche Lachen, das Geklatsche -- o pfui! So ein
+Scheusal! Und dafür mußte er hier mit schmerzenden Füßen, müde und
+verzweifelt, durch den Schmutz stapfen! Das also hatte seine
+entsetzliche Angst gestern abend bedeutet! Das war's gewesen!
+
+Ach was, zum Teufel mit dem Geflenne und der Kopfhängerei! Einmal mußt
+du ja hinkommen, und Schläge hast du schon mehr als einmal gekriegt!
+Trallalla! Und er fing an, ein lustiges spanisches Lied zu singen, sang
+Vers für Vers -- kam außer Atem -- mußte langsam gehen, und erschrak
+doch, als er seine eigene Stimme nicht mehr hörte. Also ein neues Lied
+-- und wieder einmal hinauf -- den ganzen langen Steinhang.
+
+Auch da kein Mensch, bloß Wagenspuren und Fußspuren von Erwachsenen und
+Kindern und Pferden und Hunden aus den Gehöften drunten. Alle vorwärts
+laufend. Was war denn los? Eine Feuersbrunst? Auktion? Dazu hätten sie
+nicht das Fuhrwerk mitgenommen. Vielleicht irgendwo ein Bergsturz? Oder
+ein großes Schiffsunglück gestern? Ach, ihm konnte das eigentlich gleich
+sein! Gerade, als er über den nächsten Bergrücken klettern wollte, der
+eine lange Nase in den Fjord hinausstreckte, sah er zum erstenmal Oles
+Spuren; da war er am Wegrand entlang gegangen; er kannte die
+eisenbeschlagenen Absätze, ebenso die Holzflecken unter jedem Fuß. Die
+Spuren waren ganz frisch; jetzt konnte Ole nicht mehr weit sein! Das gab
+ihm neue Kraft. Er lief wacker drauflos.
+
+Ein hoher Tannenwald umfing ihn; alles war still. Als er beim Steigen
+mit Singen aufhören mußte, wurde ihm ganz unheimlich zumute. Je höher
+er kam, desto dichter wurde der Wald; der Schnee lag fester, Steine und
+Heidekrautbüschel guckten neugierig daraus hervor wie Tiere. Und dann
+raschelte es hier und knisterte es dort, und irgendwo schrie es; ein
+großer aufgescheuchter Vogel flog mit entsetzlichem Flügelschlag auf;
+der Junge suchte schweißtriefend nach Oles Fußtapfen, um sie nicht zu
+verlieren; die Angst von gestern war plötzlich wieder über ihm. Wenn
+er's doch über sich brachte, recht draufloszurennen! Wenn der Wald doch
+ein Ende nehmen wollte! Während der unverantwortlich langen Stille nach
+dem Auffliegen des Vogels hatte er schließlich das Gefühl: wenn jetzt
+bloß noch das winzigste Bißchen dazu komme, so würde er verrückt! Und
+der Hohlweg, durch den er mußte! Schon ganz von weitem starrte er
+hinein, zwischen die hohen, schwarzen Wände; als ob sie über ihm
+zusammenklappen wollten -- sahen sie aus; von oben hingen ein paar
+unheimliche Bäume darüber und spähten lauernd hernieder. Als er endlich
+drin war, kam er sich wie die allerwinzigste kleine Ameise im Walde vor:
+wenn sie bloß stillständen, bis er vorüber war -- wenn bloß keiner sich
+auf einmal von oben herunterbeugte und ihn beim Kragen packte, oder
+dicht vor ihm oder dicht hinter ihm sich fallen ließ -- oder ihn anwehte
+... Er ging mit starren Augen -- wie ein Nachtwandler; die
+Kiefernwurzeln zogen sich krumm und verwittert über den lehmigen Pfad
+hin ... und alle lebten sie ... Aber nein ... Er tat, als merke er
+nichts ...
+
+Ganz fern, hoch oben in der Luft, flog ein Vogel nach der Stadt, aus der
+er kam ... Ach! Wer auf seinem Rücken säße! So deutlich sah er die
+Stadt, die Schiffe im Hafen, hörte die frohen Weisen, das helle
+Ankerrasseln ... das Dröhnen an den Brücken ... den herzensfrohen Lärm
+und Spektakel ... die Kommandorufe ... Nanu ... da hörte er ja _wirklich_
+Kommandorufe ... Und eine Schiffspfeife ... und noch eine ... eine ganz
+derbe ... Und Stimmen! ... Jawohl ... Stimmen ... und dazu
+Pferdegewieher! Und Hundegekläff! Und wieder Stimmen und Stimmen! Er
+war aus dem Hohlweg heraus, -- ganz kurz war der gewesen! -- und
+zwischen den Bäumen hindurch schimmerte die See ... und Schiffe ... Was
+war denn das? War er denn wieder in der Stadt? War er im Ring
+herumgelaufen? Er war doch immer am Strand entlang gegangen! Er fing an
+zu rennen, in Sätzen -- -- Freilich, jetzt kannte er sich wieder aus!
+Ja, wahrhaftig, er war immer nur geradaus gelaufen! Und da öffnete sich
+der Wald ... und die Bucht ... die hatte er doch schon einmal gesehen?
+Und auch die Inseln erkannte er wieder ... Er war auf dem richtigen Weg
+... nun war's nicht mehr weit bis Store-Tuft! ... Aber was taten denn
+diese Boote da? Was bedeutete dies gleichmäßige, ununterbrochene Gelärm?
+Ein Fischzug! Hurra! Ein Fischzug! Mitten in einen Fischzug war er
+hineingeraten! Hurra! Hurra! Vorbei aller Hunger, alle Müdigkeit, alle
+Furcht! In langen Sprüngen setzte der Junge den Hügel hinunter.
+
+Eins der Netze war eben an Land gezogen, eins stand ausgespannt im
+Wasser, eins wurde eben eingeholt. Von allen Seiten strömte es herbei.
+Aber es war Samstagabend, es hieß warten, bis zum Sonntagabend, um die
+unzähligen gefangenen Fische auszunehmen. Auf den ersten Blick hatte er
+das begriffen.
+
+Der ganze Strand war voll Menschen, bis hinauf zur Straße, zu beiden
+Seiten, Leute überall, immer mehr Leute. Wagen und Schlitten
+durcheinander standen da, mit und ohne Fässer und Tonnen, Pferde vor-
+oder ausgespannt -- Hunde zu Haufen; überall junges Volk, und Lachen und
+Lärm ... Und draußen, in der Bucht, Boote um die Netze ... die Netze,
+die eingeholt werden mußten, und ein Geschrei und ein Spektakel, und
+hoch in den Lüften ein Vogelschwarm, naseweise, kreischend,
+flügelflatternd -- bis weit hinaus.
+
+Der Himmel ward dunkler, der Dampferqualm machte die Luft noch düsterer
+und drohender, die nackten Inseln paßten zu dem heraufziehenden
+Unwetter: sie sahen aus, als seien sie eben erst emporgestiegen; die
+bewaldete Klippe weit draußen ragte geheimnisvoll, einsam im
+Regenschauer empor; die Dampfer rauchten und kreischten und fauchten und
+pfiffen um die Wette um sie her; die reinen Konkurrenten.
+
+Die Männer stampften in Flößerstiefeln umher, Ölmäntel über ihrem
+gewöhnlichen Anzug; andere trugen -- mehr nach Bauernart -- Frieswams
+und Pelzmütze. Die Weiber, dicke Tücher über der gewohnten Kleidung oder
+in Männerröcke eingemummt, arbeiteten mit den Männern um die Wette beim
+Ausnehmen der Fische; der gewohnte stille Verkehrston war wie
+ausgewechselt.
+
+Schon fielen vereinzelte schwere Regentropfen, die dichter und dichter
+wurden. Fast alle Gesichter, in die Edvard sah, waren durch und durch
+naß. Er wurde ordentlich begafft: ein schmächtiges Stadtjüngelchen, --in
+solch einem Treiben -- leicht gekleidet -- mit triefendem Gesicht --
+außer Atem, die dünne Pelzmütze platt an den Kopf angeklebt!
+
+Aber wen sah er da vor sich? War das nicht Ingebret Syvertsen, der
+lange, schwarze Kerl, der mit Vater Kallem Geschäfte machte? Dort stand
+er nun und feilschte -- lang und hager -- in Öltuch gewickelt von Kopf
+bis zu Füßen. Der war tüchtig mit dabei gewesen! Wie Silberschimmer lag
+noch der Gischt über ihm! "Grüß Gott, Ingebret!" rief der Knabe froh.
+Der lange Kerl mit dem nassen Gesicht unter dem Südwester, einen großen
+herabhängenden Tropfen an der Nase, mit seinem dünnen schwarzen Bart und
+den drei Zahnlücken im Oberkiefer, erkannte ihn auch sofort und lachte;
+dann rief er: "Dein Vater ist auch unterwegs, Jung'! Zu Pferde!" --
+Irgend jemand sprach in diesem Augenblick Ingebret an; er drehte sich
+um, wurde ärgerlich und verwickelte sich in viele Worte; und als er sich
+wieder dem Jungen zuwandte, sah er ihn schon weit draußen, hinter dem
+ganzen Fischertreiben, auf der Straße.
+
+Edvard war in hellem Schreck davongelaufen ... und erst jetzt, auf der
+Straße, fiel's ihm ein -- er lief ja dem Vater geradenwegs in die Arme.
+Ob er überhaupt Store-Tuft noch erreichen konnte, bevor er den Vater
+traf?
+
+Aber -- was sollte er tun? Gesehen hatten sie ihn, alle diese Menschen;
+und sie hatten ihn derart angestarrt, -- sie würden's schon
+herauskriegen, wer er war! Und wenn der Vater vorüberkam, würde er's
+auch erfahren! Wozu also noch lange durchbrennen! Haue jetzt gleich --
+oder Haue später -- das kam auf eins heraus. Fast wollte er wieder
+anfangen zu singen. Denn ärger als es war, konnte es doch nicht werden.
+Und wirklich -- er setzte auch ein, und zwar die Marseillaise auf
+Französisch -- die paßte just für einen, den Schläge erwarteten ...!
+Hurra! Aber er war noch nicht mit dem ersten Vers zu Ende, als ihm auch
+schon das Herz in die Hosen sank. Die Stimme versagte, und auch der
+Takt, und alles hatte auf einmal eine ganz andere Farbe. Ach, und wie
+sauer ihm das Gehen wurde! Es regnete jetzt tüchtig. Der Gesang wurde zu
+abgerissenen Strophen, bis er ganz aufhörte. Die Gedanken des Knaben
+hatten sich verfangen in etwas, das er kürzlich in der Zeitung gelesen
+hatte: die Überschwemmung einer großen Kohlengrube in England. Die
+Menschen waren davongestürzt, so schnell sie nur konnten, und die Pferde
+hinter den Menschen her; dort unten wußten sie sich nicht selber zu
+helfen. Die armen Tiere! Ein Junge hatte sich retten können, und der
+erzählte, wie ein Pferd hinter ihm hergekeucht war; der Junge war
+hinaufgeklettert, das Pferd konnte nicht mit ... Edvard sah das Tier
+ganz deutlich vor sich, den Kopf, die schönen glänzenden Augen, er hörte
+das Schnauben und Wiehern, und jedesmal machte es ihn ganz krank. In
+solchem Entsetzen sterben -- das war etwas! Und all das sollte am
+jüngsten Tag wieder auferstehen! Was da wohl alles aus den Eingeweiden
+der Gruben und Eingeweiden der Erde hervorkommen würde! Weshalb sollten
+die Tiere nicht auch mit dabei sein? Sicher traten sie auch vor und
+wieherten und klagten die Menschen an! Du großer Gott, mußten das
+Anklagen werden! Und so viele -- wenn man bedachte -- von der
+Erschaffung der Welt an! Und wo waren sie alle zu finden? Auf der Erde
+und unter der Erde und --und die Wesen, die im Meer lagen, auf dem
+Grunde der See? Und die Geschöpfe, die wieder unter ihnen lagen? Denn an
+vielen Stellen war ja Land gewesen, wo jetzt See war. Ach ja!
+
+Wie hungrig er war! Und nun fror ihn; er konnte nicht länger schnell
+gehen, und er war durch und durch naß.
+
+Viel Ursache, sich nach dem Ziel seiner Wanderung zu sehnen, hatte er ja
+auch gerade nicht. Er kannte die neue Reitpeitsche nur zu gut; die alte
+hatte er selber aus der Welt spediert; aber hätte er gewußt, daß die
+neue noch schlimmer ausfallen würde -- er hätte die alte vermutlich noch
+ein paar Jahre länger leben lassen. Au! Jetzt kribbelte es ihn auch noch
+unter den Nägeln, und seine Finger wurden steif. Und die Füße! An die
+durfte er gar nicht erst denken; dann würden sie nämlich noch schlimmer;
+horch, wie es in den Stiefeln klatschte! Er machte sich den Spaß, die
+Füße kreuzweise voreinander zu setzen; er wechselte von rechts nach
+links und von links nach rechts; aber es machte ihn nur müde. Immer
+zäher und zäher ging's, immer mühseliger wurde es; jetzt kam wieder eine
+Steigung. Himmel, war das nicht die letzte? Lag nicht Store-Tuft in der
+nächsten Senkung? Dicht am Fuß der Anhöhe? Natürlich, das war die
+Tuft-Niederung! Vielleicht kam er doch noch vor dem Vater hin? Und wenn
+es auch nur ein Aufschub war -- es war doch immerhin etwas!
+Donnerwetter! Es war schon der Mühe wert, sich zu beeilen! In den Jungen
+kam neues Leben. Frisch drauflos!
+
+Übrigens -- der Vater war nicht bloß streng! Er war auch gut. Besonders,
+wenn Josefine zu Edvard hielt und ein gutes Wort für ihn einlegte. Und
+das würde sie schon, wenn Ole wiederkam; dann hielt sie sicher zu ihm.
+Sie würden versuchen, auch den Apotheker zu gewinnen. Er war furchtbar
+nett, der Apotheker, und es war auf alle Fälle gut, Hilfstruppen zu
+haben, so viel wie möglich. Herrgott, gab es denn nicht noch mehr ...?
+
+Da tauchte der rote Pferdekopf über der Hügellinie auf! Die großen
+Strohschuhe, die der Vater im Winter als Steigbügel benützte, standen zu
+beiden Seiten des Fuchsen ab wie die Tatzen eines Raubtieres. Der Junge
+wurde zu Stein und stand still.
+
+"Rauen", der Fuchs, glotzte aus dem schweren, spanischen Sattelzeug
+heraus Edvard an; er traute seinen eigenen klugen Augen nicht. Dem Vater
+erging es augenscheinlich ebenso; denn sein runder Kopf in der grauen
+Wollmütze streckte sich weiter und weiter über den Pferdehals vor, bis
+er sich mit beiden Händen auf den Sattelknopf stützen mußte. Dieser
+pudelnasse Bursche mit dem Pelzklex auf dem Kopf -- der dort, blaß und
+erschrocken, wie ein Gespenst mitten auf der Straße stand -- war das der
+Junge, der um diese Zeit zu Hause sitzen und seine Aufgaben machen
+sollte, bevor er sich überhaupt rühren durfte? Am Samstag nachmittag? In
+solchem Wetter, bei solchem Schmutz, und so leicht gekleidet -- hier
+draußen auf dem Weg nach Store-Tuft? Und das ohne Erlaubnis? "Hölle und
+Teufel, was treibst Du hier?"
+
+Das Pferd blieb stehen; der warme Atem füllte die Luft rings um den
+Jungen und hüllte ihn in Nebel und einen unangenehmen Schweißgeruch.
+Edvard vermochte sich nicht zu rühren, wagte nicht zu antworten. Er
+starrte bloß durch den Nebel blöd und dumm zum Vater auf; zuletzt wußte
+er gar nichts mehr von sich.
+
+Unverzüglich stieg der Vater ab, und gleich darauf stand er, die Zügel
+um den linken Arm, die Peitsche in der rechten Hand, vor ihm. "Was
+gibts, he? Woher kommst Du? Hölle und Teufel, wirst Du wohl antworten!"
+
+Edvard glitt mechanisch weiter und weiter zurück; der Vater ihm nach;
+und ebenso mechanisch hob der Junge den rechten Arm, um das Gesicht zu
+schützen; den linken hielt er abwehrend vor sich ausgestreckt. "Wo
+willst Du hin?" -- "Zu Ole Tuft." -- "Was willst Du da? He? Ist Ole Tuft
+zu Hause?" -- "Ja." -- "Was willst Du bei ihm?" -- "Ich will -- ich will
+-- --" --"He?" -- "-- ihn um Verzeihung bitten." -- "Um Verzeihung?
+Nanu? Na? He?" -- Und die Peitsche fuhr in die Höhe. Der Junge beeilte
+sich: "Er will nicht mehr in die Schule kommen." -- "So? Eklig gegen ihn
+gewesen? He? Und Du an der Spitze? He?" -- "Ja." --"Also Deine Schuld,
+was? He?" Er kreischte. -- "Ich hab' 'rausgekriegt --" Der Junge
+stockte. -- "Was?" --"-- -- daß er ... daß er ..." Er fing an zu weinen.
+"-- He?" -- "... daß er Kranke pflegt." -- "Und hast's weitergesagt, he?
+Gepetzt? He?" Edvard getraute sich nicht zu antworten, und nun begann
+die Peitsche eklig zu werden. Beide Arme des Jungen gingen im Takt mit
+der Peitsche auf und nieder, unsicher, wohin sie zielte. Er wich immer
+weiter zurück. "Stillgestanden!", schnarrte es. Statt dessen sprang der
+Junge mit einem Satz bis unmittelbar an den Rand des Straßengrabens.
+Zornig hob der Vater die Peitsche; das Pferd hinter ihm erhielt, ohne
+daß er es wußte, einen tüchtigen Hieb und zerrte so heftig, daß der
+Vater fast umgerissen wurde. Edvard vermochte beim besten Willen der
+überwältigenden Komik dieser erlösenden Unterbrechung nicht zu
+widerstehen; er fing schallend zu lachen an, erschrak aber gleich, als
+er es selber hörte, so unsinnig, daß er über den Graben wegsprang und in
+den Wald hineinrannte. Sobald er dem Vater den Rücken gedreht hatte,
+konnte er sich nicht mehr halten, er mußte wieder lachen, und wußte das
+durch nichts Besseres zu verdecken als durch ein lautes Geheul.
+
+Die Verachtung des Vaters für den Jungen war grenzenlos. Er selber wurde
+dadurch ganz kaltblütig, brachte das Pferd zum Stehen und schwang sich
+in den Sattel. "Komm!" sagte er ruhig und wies mit der Peitsche nach
+Store-Tuft. Weitere Abrechnung folgt, wenn wir dort sind! dachte der
+Junge.
+
+Er gehorchte selbstverständlich und kam eiligst --bis auf einen
+gemessenen Abstand vom Pferd. -- Und diesen Abstand hielt er auch
+unverändert ein. Das Pferd schritt schnell aus, so daß es nicht ganz
+leicht war.
+
+Und nun jagte der graue Mann auf dem roten Pferd den Sohn erbarmungslos
+vor sich her durch den Schneeschlamm, trotzdem die Füße des Jungen
+wundgelaufen waren -- man sah es an der Art, wie er sie setzte; trotzdem
+er erfrorene Hände hatte -- er steckte sie ab und zu in den Mund;
+trotzdem er bis auf die Haut durchnäßt sein mußte -- die Pelzmütze
+klebte am Kopf wie ein Waschlappen! Der graue Mann selber saß trocken,
+in warmen, wasserdichten Kleidern, da, in der Hand die Peitsche, mitten
+im Gesicht den großen Riecher, daneben zwei funkelnde Augen. Niemand,
+der den Aufzug gesehen, hätte ahnen können, daß dieser gestrenge Herr
+keinen höheren Wunsch hegte, als den Jungen, den er da so wütend vor
+sich hertrieb, lieben zu können.
+
+Aber um einen Menschen lieben zu können -- dazu gehört, daß er so ist,
+wie wir wolle -- nicht wahr? Und wenn nun das der Junge nicht wollte?
+Und wenn Kallem an Mißgeschick nicht gewöhnt war? Das erste ernstliche
+Mißgeschick, das ihn betroffen hatte, war der Tod seiner Frau gewesen,
+und ganz kurze Zeit darauf kam das mit dem Jungen. Bis dahin hatten sie
+alle im Ausland gelebt, Kallem in Frieden mit seiner Frau, seinem
+Geschäft und seinem Sport und seinen stillen Büchern -- er war nämlich
+ein eifriger Leser; nichts hatte ihn je gestört oder geplagt. Das
+Geschäft besorgte der Bruder seiner Frau; es ging ausgezeichnet; das
+Haus besorgte seine Frau, ebenfalls ausgezeichnet. Alles ging ohne
+Störung oder Sorge, genau so, wie es gehen sollte --bis zum Tode der
+Frau.
+
+Aber dann!
+
+Weder er noch andere konnten anfänglich die unerwartete Veränderung
+begreifen, die mit ihm vorging. Manche meinten, der Verlust seiner Frau
+habe ihn verrückt gemacht; er selber meinte, das spanische Klima sei zu
+warm für ihn; er müsse fort, er müsse nach Hause. Der spanische
+Geschäftsführer stimmte sofort bei; es war nämlich eine ganz
+ausgezeichnete Spekulation, das Hauptgeschäft nach Norwegen zu verlegen
+und in Spanien eine Filiale zu unterhalten. So brachen sie denn auf --
+vor nunmehr etwa einem Jahr.
+
+Aber der Junge, der schon in Spanien schuld war, daß der Vater das
+erstemal sich vergaß -- übrigens auch ein zweites, und unglücklicherweise
+ein drittes, viertes, fünftes, sechstes Mal -- immer war's der
+Junge!--brachte ihn leider auch in Norwegen aus dem Gleichgewicht. Im
+warmen wie im kalten Klima -- der Junge war immer gleich eklig!
+
+Bald kamen auch aus der Schule Klagen über ihn; dann aus der Apotheke,
+wo sie bei Kallems altem Freund zur Miete wohnten; dann von den Leuten,
+von den Nachbarn, von den Landungsbrücken. Vielleicht mußten auch andere
+Eltern Klagen anhören über ihre Jungens; vielleicht waren die Leute in
+dieser Gegend überhaupt schnell mit Klagen bei der Hand; davon wußte
+Kallem nichts; er war eine Einsiedlernatur. Soviel aber wußte er: sein
+Sohn war der begabteste Junge in der Schule; das versicherte ihn ein
+Lehrer nach dem andern; er wußte ferner, daß es dem Sohn auch im übrigen
+an nichts fehle, weder an Gemüt noch an Willen; nur --er war so
+gleichgültig und selbstzufrieden, mochte sich immer nur amüsieren,
+mochte in alles, was ihn nichts anging, seine Nase stecken, war
+gleichzeitig dreist und doch feig, ein schändlicher Spottvogel und
+grenzenlos unartig. Einen Engel im Himmel konnte es um die Geduld
+bringen; und nun gar Kallem, der überhaupt keine Geduld hatte.
+
+Dieser schmächtige, geschmeidige Krabat, der da mit feigen Seitenblicken
+auf das Pferd und die Peitsche vor ihm herhinkte, hatte den Unfrieden in
+seines Vaters Leben gebracht. Nicht allein, daß er ihn im tiefsten
+Innern unsicher gemacht hatte, nein, er hatte ihn bisweilen seine
+Ohnmacht fühlen lassen -- bis zur Hilflosigkeit; in solchen Augenblicken
+hätte er den Jungen am liebsten in Stücke geschlagen.
+
+Dann wieder konnte er ihn vornehmen, konnte drohen, flehen. Noch in
+dieser letzten Sturmnacht hatte er ihn ins Gebet genommen, hatte mit den
+eindringlichsten Worten die schmähliche Angst des Knaben zu bannen
+versucht, hatte ihn ermahnt, ihm durch Erzählungen aus der
+Naturgeschichte erklärt, wie alle Prophezeiungen vom Untergang der Welt
+nur Erfindungen seien, Lügen... Der Junge antwortete: "Hm" und "Ja" --
+und glaubte kein Wort von allem, was der Vater sagte! Sobald das
+Unwetter losbrach, war er wie verrückt gewesen -- und auf und davon in
+der jammervollsten Todesangst! Und heute trifft er ihn hier, auf offener
+Landstraße, eine Meile vor der Stadt, in Regen und Wind und Schmutz
+--selbstverständlich ohne Erlaubnis! Erst verunglimpft er den bravsten
+Jungen der ganzen Schule, einen kleinen Kerl, über den Kallem sich manch
+liebes Mal gefreut und den er oft mit ein paar Groschen bei seiner
+kleinen Mission unterstützt hatte, wenn Josefine ihm davon erzählte; --
+und obendrein...
+
+"Sieh mal an! Hölle und Teufel! Ob er nicht zu allem hin noch lacht!"
+dachte er, während er dabei tat, als sehe er es nicht. Und worüber
+eigentlich? Na ja, über das Pferd da hinter ihm, mit "Hölle und Teufel"
+auf dem Rücken -- und die Peitsche -- und die gleichmäßigen schweren
+Tritte im Schneeschmutz: schwapp-schwapp -- -- schwapp-schwapp -- --
+schwapp-schwapp! Und das alles wuchs nach und nach ins Maßlose, wuchs
+an, bis es zu einem ungeheuren, formlosen, verzerrten Etwas wurde ...
+Der Junge versuchte hastig, an etwas anderes zu denken, -- er stürzte
+sich kopfüber in die englische Steinkohlengrube, die sich mit Wasser
+füllte -- er suchte das Pferd, das hinter dem Jungen herkeuchte. Aber er
+kam nicht bis zur Grube hinunter; nichts als die helle Landstraße und
+"schwapp-schwapp -- schwapp-schwapp" -- und Hölle und Teufel, und die
+Peitsche, und er selber an der Spitze, auf anderthalb Beinen --
+hi-hi-hi!
+
+"He?" schrie es hinter ihm.
+
+Der Laut rieselte dem Jungen den Rücken hinunter wie ein spitzes Stück
+Eis. Unfern sah man jetzt Store-Tuft.
+
+Dicht am Fuß der Böschung lag es, die sie eben hinab mußten. Es bestand
+aus ziemlich vielen Gebäuden, deren Mehrzahl im Viereck den Hof umgab.
+Auf der andern Seite lärmte der Fluß, mit Mühle und Sägwerk. Die Inseln
+draußen und die Landspitzen zu beiden Seiten schlossen die Bucht so
+völlig ab, daß das Meer ganz still lag, wie ein Teich mit vereisten
+Rändern. Am Strand lag eine Reihe von Bootsschuppen. Um sämtliche
+Gebäude Obstgärten, zum Teil recht ansehnliche.
+
+Aus dem Wohnhaus von Store-Tuft stieg Rauch auf --endlich! Dort kochte
+die Mutter das Mittagmahl für Ole. Und Hunger und Kummer und Entbehren
+wurden übermächtig in dem Knaben, und vor lauter Sehnsucht nach einer
+warmen Stube und trockenen Kleidern und Heimweh nach seiner Mutter und
+der Heimat in Spanien hätte er fast wieder zu weinen angefangen. Aber
+dann dachte er daran, wie der Vater wieder sagen würde: "Hölle und
+Teufel! Jetzt flennt er!" Und da bezwang er sich.
+
+Ängstlich blickte er nach dem Hof.
+
+Das Wohnhaus lag mit der Langseite nach dem Garten zu -- ein rot
+angestrichener, zweistöckiger Holzbau mit weißen Fensterrahmen. Dahin
+steuerten sie, der Knabe immer voran, der Vater hinterdrein.
+
+An der Giebelseite vorbei gelangten sie in den Hof; gegenüber lagen die
+Ställe für das Vieh -- Schafstall, Kuhstall, Pferdestall -- alles unter
+einem Dach. Die Gebäude waren ganz neu und lagen rechtwinklig zur
+Scheune; gegenüber der Holzschuppen und die anderen Wirtschaftsgebäude.
+Auf dem Hof standen Ziegen und knabberten Tannennadeln, umschwärmt von
+Spatzen in unglaublichen Mengen; die Versammlung fand unmittelbar vor
+der Kornscheuer statt.
+
+Jetzt erblickten die Ziegen die Ankömmlinge. Sie hoben die Köpfe und
+streckten die Hälse, alle auf einmal, Augen gespannt, Ohren gespitzt,
+starr, den letzten Bissen unbeweglich im Maul, neugierig bis aufs
+äußerste. Bloß der Bock kaute weiter, während er den beiden schwerfällig
+und gleichmütig entgegensah. Der Spatzenschwarm schwirrte geräuschvoll
+davon.
+
+Zwischen der Giebelseite des Hauptgebäudes und dem Stall hielt der Vater
+und stieg ab. Der Junge war schon drin und begaffte das Scheunendach,
+das beschädigt war und eben ausgebessert wurde; Arbeiter waren jedoch
+nicht zu sehen. Wahrscheinlich waren sie kurz vorher mit auf den
+Fischzug gegangen; die Leiter stand noch auf ihrem Gestell gegen die
+Scheune gelehnt. "Halt!" rief der Vater. Und der Junge blieb stehen und
+wandte sich um. Der Vater war dabei, "Rauen" an einem Schleifstein
+festzubinden, der an der Giebelwand des Hauptgebäudes lehnte. Der Junge
+sah zu. "Merkwürdig, wie ruhig er jetzt ist!" dachte der Vater. Er trat
+vor und deutete mit der Peitsche nach der großen Steinschwelle vor dem
+Hauseingang; dahin sollte der Junge vorangehen. Das tat er denn auch.
+Erst kam er an einem Gitterschlitten vorbei; zwei Kätzchen spielten
+zwischen den Sprossen, eins innen, das andere außen. Die Fenster, an
+denen sie vorbeikamen, gingen so tief herunter, daß sie durch die ganze
+Schlafstube, die auf der andern Seite ebenfalls Fenster hatte, und dann
+ebenso in die Wohnstube sehen konnten. Da saß Ole, in einem weißen Hemd,
+das ihm bis auf die Füße reichte, am Herd mit hochgezogenen Beinen;
+neben ihm stand, über ein paar Töpfe gebeugt, die Mutter. Mehr zu sehen
+hatte Edvard nicht Zeit. Er stieg über die Schwelle und hinein in den
+Flur, aus dem ihm ein herber Fischgeruch, alter und frischer, und ein
+Geruch von etwas, was er nicht kannte, entgegenströmte. Wieder deutete
+der Vater voran -- nach rechts; auch links war eine Tür, eine
+feingemalte mit einer Messingklinke; da sollte er nicht hinein. Na,
+dachte der Junge, soviel hätt' ich auch gewußt, daß wir irgendwohinein
+wollen, wo Menschen sind, und nicht in die kalte Gaststube! Er legte
+seine steifen Finger auf die Klinke und drückte.
+
+Der Herd war in der Ecke links, dicht an der Tür. Und große Augen
+machten sie, die zwei, die da saßen! Oles Krauskopf guckte nur eben aus
+Vaters blauweißem Leinenhemd heraus. Die Mutter war ziemlich
+hochgewachsen und hatte feine Züge. Sie trug eine schwarze Haube. Das
+blonde, mit Wasser glattgekämmte Haar schmiegte sich um die Wangen,
+wodurch ihr Gesicht lang erschien. Sie richtete sich von ihren Töpfen
+auf und wandte sich den Eintretenden zu, die sie alle beide kannte. Ihr
+Gesicht war ernst, doch freundlich; ein bißchen ängstlich schien sie,
+oder unsicher; die Augen wollten anfangs auf keinem der beiden so
+richtig ruhen. Oles Stiefel standen am Herd; seine Kleider samt Hemd und
+Strümpfen hingen an einer Stange, die zwischen den Dachbalken befestigt
+war, zum Trocknen; auf dem andern Gestänge lag Holz und allerlei sonst.
+Ringsumher Hausgerät und Geschirr, wie immer am Werktag.
+
+Die Stube war nicht gemalt, sondern vertäfelt; unter den Fenstern zu
+beiden Seiten liefen rotgestrichene Bänke entlang; in der Ecke links,
+auf der andern Seite des Fensters, stand ein Tisch mit einem Bücherregal
+darüber; am Tischende, gleich neben der Kammertür, hing die Schlaguhr;
+sie ging so gleichmäßig und unbekümmert, als sei der Unfriede niemals
+über diese Schwelle gekommen. Draußen sah Edvard die Kätzchen im
+Schlitten; das eine mit der Pfote von innen durchs Gitter heraus-, das
+andere von außen hineingreifend. Und unmittelbar vor sich Oles Gesicht.
+Ole lächelte; denn auch ihm war bang zumute. Aber die Töpfe!
+
+Die Töpfe, die waren doch das Allerbeste, dachte der verhungerte und
+durchfrorene Edvard. In dem einen kleinen waren Kartoffeln; die waren
+schon fertig. Aber zwei hingen noch überm Feuer. Ob Fisch war in dem
+einen? Und im andern -- --?
+
+Die Mutter war verlegen; sie wußte nicht, was anfangen. Da standen sie,
+unbeweglich, der barsche Mann und der Junge. Gerade als sie die beiden
+zum Sitzen auffordern oder irgend sonst etwas sagen wollte, da ergriff
+der Vater das Wort. Sie werde ja wohl wissen, was geschehen sei -- he?
+Der Bengel komme und wolle um Verzeihung bitten und sich seine Strafe
+holen. Das sei notwendig; denn er sei ein böser Junge, bei dem nichts
+nütze, als Strafe; im Guten sei bei ihm nichts auszurichten.
+
+"Ach -- aber -- so schlimm ist es doch nicht!" sagte die Mutter mild.
+Ihr war ganz angst, und Ole wurde so bläulich bleich wie sein Hemd. --
+"Doch! Er soll seine Haue haben! Aber erst bittest Du um Verzeihung! Und
+zwar auf der Stelle -- das rat' ich Dir!" -- Ole fing zu weinen an.
+Edvard nicht. Ole konnte nicht mehr sitzen bleiben. Er stand auf und sah
+die Mutter an. "Da -- --" sagte er. Weiter brachte er nichts heraus.
+Aber man sah, was er meinte: sie sollte sich ins Mittel legen.
+
+"Bitt' um Verzeihung!" knirschte es. Die Peitsche zuckte. "Mutter!"
+schrie Ole. Edvard mußte vor. Ole hatte sich abgewendet; er wollte nicht
+mehr sehen. So etwas war er nicht gewöhnt. Edvard wich zurück; der Vater
+hinterdrein, daß die Sporen klirrten. Edvard lief, in seiner Not, mit
+ausgestreckten Händen auf Oles Mutter zu; sie nahm sie nicht, und Ole
+fing an, aus vollem Hals zu schreien. So großes Mitgefühl war zuviel für
+den armen Edvard; auch er heulte los, während er rund um die Mutter
+herumlief. Ein solcher Lärm war es, daß die Ziegen wieder, mit dem
+Futter im Maul, dastanden und glotzten und aufhorchten; die Spatzen, die
+zurückgekommen waren, schwirrten husch-husch aufs Dach.
+
+Und was geschieht? Die Spatzen wiesen dem Jungen den Weg. Mit einem
+blitzschnellen Satz war er am Vater vorbei, zur Tür hinaus, die
+weitoffen hinter ihm stehen blieb. Die Ziegen stoben nach allen Seiten
+auseinander. Und der Junge -- die Leiter hinauf -- und aufs Dach. Sobald
+er oben stand, fing er an, die Leiter nachzuziehen. -- "So ein Bengel!
+So ein Bengel!" schrie der Vater, der am Fenster stand. "He?" -- Und
+fort war er.
+
+Sobald der Sohn ihn kommen sah, ließ er die Leiter fahren, daß sie
+polternd herunterfiel. Der Junge selber lief wie eine Katze das Dach
+hinauf, bis zum First, guckte sich um und balancierte da, als hätt' er
+sein Lebtag nichts anderes getrieben. Jetzt fühlte er augenscheinlich
+keine Schmerzen mehr in den Füßen!
+
+Des Vaters Angst überstieg alle Grenzen. "So pass' doch auf, Du! Pass'
+auf, sag' ich! Pass' auf! Willst Du wohl machen, daß Du 'runterkommst!
+Und zwar auf der Stelle! Mach', daß Du 'runterkommst, Du Lümmel!" Und er
+rannte in seinen Reitstiefeln im Hof herum und drohte hinauf.
+
+"Fällt mir gar nicht ein! Ich spring' auf den Hof hinunter! Jawohl!"
+
+"Bengel! Bist Du toll? Hölle und Teufel! Willst Du's wohl bleiben
+lassen!"
+
+"Ja, wenn Du mich nicht haust!" -- "Ich verspreche gar nichts!" -- "So?
+Du versprichst gar nichts?" Und der Junge kletterte noch ein bißchen
+höher hinauf.
+
+-- "Doch! doch! Du Spitzbub! Du Lump!" -- "Also Du versprichst es?" --
+"Ich versprech's ja -- zum Teufel! Willst Du machen, daß Du
+'runterkommst?" --"Auch nicht an den Haaren reißen -- und nicht hauen --
+und nichts?" -- "Ja doch, ja! Mach', daß Du 'runterkommst! Herrgott --
+Du rutschst ja aus! Edvard!" -- Er kreischte. -- "Also es gilt --? Du
+hast's versprochen?" -- "Junge, wenn ich Dich hier hätte -- Du solltest
+-- --" er drohte mit der Peitsche hinauf. "Ja doch -- ich hab's
+versprochen! Ich versprech' alles! Pass' auf!" -- "Darf ich bis morgen
+hier bleiben?" sagte jetzt der Junge, "bei Ole? Darf ich?" -- "Ich
+antworte überhaupt nicht mehr, bis Du herunterkommst!" -- "Also nicht?
+Na denn -- --" -- "Du Starrkopf! Du miserabler Bengel!" -- "Also Du
+sagst ja?" -- "Ja doch, zum Teufel! Aber pack' Dich wenigstens fort vom
+Dachrand, Du Satanslümmel!" -- "Du, Vater, eigentlich wär' mir's lieber,
+wenn Du zuerst weggingst!" -- "O nein! Das schlag Dir nur aus dem Kopf!
+Mach' was Du willst. Erst will ich Dich wieder hier unten sehen!" --
+Schließlich war das dem Jungen auch recht. Der Vater legte die Leiter
+an, und der Junge kletterte langsam herunter; immerhin nicht eher, als
+bis der Vater ein Stück weit auf den Hof hinaus gegangen war. Und er
+hielt sich in gemessenem Abstand, trotzdem der Vater gern mit ihm
+geredet hätte und beteuerte, er werde ihm nichts tun. Er ging auch nicht
+ins Haus, solang der Vater da war, trotzdem er so naß war, und zwang den
+Vater dadurch, zu gehen.
+
+Fünf, sechs Minuten darauf lagen beide Jungen strampelnd auf der Diele
+-- Edvard in einem gleichgroßen Hemd wie Ole und im übrigen ebenso
+unbekleidet; beide waren dabei, ein paar dicke wollene Strümpfe
+anzuziehen, von der Art, wie die Bauern sie tragen, und die weit hinauf
+bis an den Schenkel reichen. Sie fanden es am bequemsten, das Geschäft
+auf dem sandbestreuten Fußboden vorzunehmen. Sie pufften einander in die
+Seiten und den Rücken und lachten, als sei all das, was wir soeben
+miterlebt haben, schon vor wer weiß wie langer Zeit geschehen. Ole
+machte alles nach, was Edvard vormachte; und sie lachten so, daß zuletzt
+auch die Mutter mitlachen mußte; dieser Edvard hatte auch die
+unglaublichsten Einfälle! Die Strümpfe mußten sie anziehen, damit sie
+nicht froren, wenn sie beim Essen am Tisch saßen; denn da gab's keinen
+Herd für die Beine. Und endlich waren sie denn auch so weit fertig, daß
+sie aufstehen konnten. Nun zeigte es sich, was das andere Gericht war;
+es war Rahmbrei. Das hatte Edvard noch nie gegessen. Ole sollte ein
+bißchen vergnügter werden, als er bei seiner Ankunft war; darum hatte
+die Mutter den Brei noch zugegeben. Edvard klatschte in die Hände und
+lachte das Essen an.
+
+Aber Ole saß mit einemmal so ernst und still da! Nanu, was jetzt? Die
+Hände gefaltet, die Augen niedergeschlagen? Und die Mutter stand vor
+ihnen -- auch sie ernst, die Hände gefaltet, die Augen niedergeschlagen.
+Ihr Gesicht neigte sich; es war, als glitte es weiter und weiter weg,
+oder als schöben sich Nebel davor und löschten alles Licht darin aus.
+Und dann begann sie, wie aus weiter, weiter Ferne, mit einem langen,
+langen Tischgebet, in einem einförmigen, leisen Ton, als rede sie still
+mit jemand anderm, an einem andern Ort als hier. Edvard fühlte sich wie
+ausgestoßen. Die Verlassenheit, die Angst kamen wieder über ihn, die
+alten Bilder, die alte Sehnsucht nach der Mutter. Dann war es weg,
+zusammengerollt wie Nebel, die am Gebirg herunter sinken.
+
+Edvard hatte noch nie an einem Tischgebet teilgenommen, und die Art und
+das Wesen der Mutter waren für ihn etwas ganz, ganz Neues; und er
+verstand sie nicht, wenn sie so murmelte. Noch lange nachher saß er
+still da. Ole sprach ebenfalls nicht; die ganze Zeit, solange sie aßen,
+war er einsilbig; kaum daß er einmal lächelte. Das Essen war eine
+Gottesgabe; deshalb mußte Ernst herrschen.
+
+Aber sie aßen denn auch mit Ernst! Die Mutter fragte schließlich, ob es
+nicht besser sei, ein bißchen für den Abend aufzuheben. Nein, meinten
+sie, dies sei ja doch gleichzeitig auch Abendbrot. Sie durften zusammen
+in der Altenteilstube schlafen, die als Gastzimmer diente; es war dort
+schon alles zurecht gemacht; und jetzt wollten sie noch ein Stündchen am
+Herd sitzen, dann aber zu Bett gehen.
+
+Die Mutter merkte, daß sie am liebsten allein sein mochten und ließ sie
+denn auch allein.
+
+Und dann später in der Schlafstube! Erst der entsetzlichste Spektakel!
+Die Pelzdecken und Federbetten stoben nur so um sie herum; dann wurde es
+allmählich ruhiger, und endlich kam es zu einem Gespräch. Ole erzählte,
+wie die Jungens sich benommen hatten, und Edvard versprach, er wolle den
+und jenen dafür durchhauen, und wenn es Anders Hegge selber wäre; wenn
+der nicht den Mund halte von "Gottes Wegen" und all dem, so würde er,
+Edvard, ihn ordentlich durchwichsen. Anders Hegge sei feig. Er wisse
+schon, wer ihm dabei helfen würde; das reine Kinderspiel!
+
+Als sie müder wurden, kam die Sentimentalität; Ole sprach von Josefine,
+und Edvard ging auf seinen Ton ein und versicherte, sie sei
+unvergleichlich gewesen heute; er beschrieb, wie sie ihm nachgerudert
+war. Und Ole fand das groß. Ja, Josefine hatte etwas Großes; darin
+stimmten sie beide überein.
+
+Edvard konnte nicht begreifen, weswegen Ole Missionär werden wollte. Was
+zum Kuckuck hatte es denn für einen Sinn, auf wilde Abenteuer
+auszuziehen, wo es doch hier in der Heimat genug zu tun gab? Ole sollte
+Pastor werden, und er Arzt, und beide würden sie im selben Kirchspiel
+leben. Wäre das nicht famos?
+
+Edvard malte das immer weiter aus; sie würden Hof an Hof wohnen und oft
+zusammenkommen, besonders abends zu einem Glase Punsch, wie jetzt der
+Vater und der Apotheker, und Schach spielen wie sie. Dann wollten sie
+sich einen flotten Wagen kaufen, und jeder ein Pferd dazu halten, und
+zusammen ausfahren; das war gemütlicher als allein. Oder sie konnten am
+Strand wohnen und gemeinsam ein großes Boot haben -- alles gemeinsam.
+
+Ole war es, als sei bei allem Josefine mit, wenn auch Edvard davon
+nichts sagte. Aber es war klar, daß sie mit dabei war. Und Ole fand
+das so zart von Edvard, und war ihm so ungeheuer dankbar; und das
+gab den Ausschlag. Josefine als Pfarrfrau, die auf dem Hof waltete
+und schaltete ...
+
+Also schließlich war er einverstanden; es wurde bestimmt, der eine
+sollte Pastor werden und der andere Doktor, und sie wollten
+zusammenwohnen. Das letzte, wovon sie sprachen, waren Fischzüge.
+
+Sie hörten noch gewissermaßen die schweren Schritte und die Reden der
+Männer, die vom Fischzug heimkehrten, aber sie waren so müde.
+
+
+
+
+Jugend
+
+
+1
+
+Erstes Paar vor!
+
+Auf dem Land draußen, etwa fünf Kilometer von der Stadt entfernt, hatte
+sich das junge Volk versammelt. Der Hügel, auf dessen nach der Bucht zu
+abfallendem Teil sie saßen, war lustig bunt von Sommerkleidern,
+besonders von Mädchenkleidern:
+
+"Gelbe, schwarze, braune, weiße,
+Grün und violett und blau --"
+
+-- manche einfarbig, viele gesprenkelt, gewürfelt, gestreift; Filzhüte,
+Strohhüte, Tüllhüte, Mützen, unbedeckte Köpfe, Sonnenschirme. Eben stieg
+ein harmonischer Gesang aus diesem Farbenmischmasch empor, Klänge eines
+vereinten Männer- und Frauenchors, in langen, farbenvollen Bogen. Kein
+eigentlicher Vorsänger; ein junges, brünettes Mädchen in braunkariertem
+Kleide lag in der Mitte der Schar, auf den einen Ellbogen gestützt, und
+führte mit einem Sopran an, der klarer und freier als die Stimmen der
+andern war; und ihr folgten sie. Sie waren gut aufeinander eingesungen.
+In der Bucht unter ihnen lag ein frischgestrichenes Deckboot mit neuen,
+zur Hälfte gerefften Segeln; und das Wasser spiegelglatt.
+
+Gesang und Boot vereinten sich zu einem lichten Bündnis unten in der
+schwarzen, von nackten, im Hintergrund immer höher ansteigenden Klippen
+überschatteten und eingeklemmten Bucht. Die Bucht selbst glich einem
+Bergsee, der sich dereinst beim Schneegang gebildet hat und vergessen
+worden ist. Die Berge -- wie schwer und stumpf in Linien und Farben --
+holperig und bleiern; die letzten da hinten schwarzblau, mit Kappen
+schmutzigen Schnees, -- Ungeheuer einer wie der andere.
+
+In dem schwarzen Wasser lag das Boot, bereit zum Tanz; das war in
+fröhlicherem Verband daheim, als die Gesellschaft jener hohen Beisitzer
+des Natur- und Menschenlebens es ist, Gesang und Boot waren ein Protest
+gegen alles überragend Herrschsüchtige, alles unverschämt Stumpfe und
+Rohe -- ein freischwebender Protest voll stolzer Farbenfreude!
+
+Im übrigen merkten die Berge so wenig etwas von diesem Protest, wie das
+junge Volk begriff, daß er von ihm ausging. Das "Hochgeborene", das
+darin liegt, in einer Natur wie dem westlichen Norwegen zur Welt
+gekommen und aufgewachsen zu sein, besteht eben darin, daß die Natur den
+Menschen zwingt, ihr Trotz zu bieten, wenn er nicht unterjocht sein
+will; unter oder oben -- entweder -- oder! Und sie waren oben; denn das
+Volk des Westlandes ist das lebhafteste, am reichsten begabte
+Skandinaviens. In so hohem Grad sind sie die Herren der Natur, in der
+sie leben, daß auch nicht einer unter all diesen jungen Menschen jene
+Berge als schwer oder farbenkalt empfand; die ganze Natur hier erschien
+ihnen so stark und frisch wie nirgends sonst in der Welt.
+
+Denn nicht nur die lichten Halden und das weite Meer hatten die
+Menschen, die hier saßen und sangen, geboren und aufgezogen; nein,
+ebensogut waren sie Kinder der Berge, der Vorberge und der tiefer
+landeinwärts gelegenen Höhen. Kurz vor dem Gesang noch war ein
+Wortgefecht gewesen zwischen ihnen, so unerbittlich hart, so bleigrau
+wie der grauste Berg. Und just um dies unheimlich Felsenharte in ihrem
+eigenen Innern zu überwinden, hatten sie den harmonischen Gesang lange,
+strahlende Bogen zwischen die Gipfel über den Abgründen spannen lassen.
+Der Sommertag war an sich ziemlich grau; aber bisweilen, wie eben
+jetzt, brach die Sonne mitten in Sang und Segel und Landschaft hinein.
+
+Zwei waren da, an die war Sonne und Sang weggeworfen. Seht dort, den --
+wie er da unten rechts, ein bißchen abseits, auf seinen Ellbogen
+gestützt, im Gras liegt! Ein langer Bursch im hellen Sommeranzug, ohne
+Hut. Ein runder, kurzgeschorener Kopf, eine breite, niedere Stirn, die
+aussieht, als sei sie hieb- und kugelfest; _die_ Stirn muß gute Stöße
+ausgeteilt haben in seinen Knabenjahren! Unter der Stirn eine Nase wie
+ein Schnabel und ein paar scharfe Augen, die gerade jetzt beinah ein
+bißchen schielen; aber entweder verdeckten es die Brillengläser, oder es
+war an sich unbedeutend. Das ganze Gesicht hatte etwas Strenges, der
+Mund war straff, das Kinn scharf. Doch wenn man es näher betrachtete, so
+wechselte der Eindruck; das Scharfgeschnittene wurde eher Energie als
+Strenge, und der Wille, der seinen Sitz in dieser Gebirgsgegend
+aufgeschlagen hatte, konnte sicherlich auch gar freundlich und
+schalkhaft sein. Selbst jetzt, wie er so dasaß, voll Ingrimm, und sich
+den Teufel um Gesang und Sonnenschein scherte, -- -- viel lieber hätte
+er sich eine Keilerei gewünscht! -- selbst jetzt flog ein Schimmer von
+Humor über die finsteren Brauen. Er war offenbar der Sieger.
+
+Wer etwa zweifelte, der brauchte bloß einen Blick auf die andere Seite
+der Gruppe zu werfen, auf den, der dort links, ein bißchen weiter oben,
+an einen Baum gelehnt saß. Das Bild eines verwundeten Kriegers! Und noch
+in den Zügen die zitternde Unruhe der Schlacht. Ein langes, blondes
+Gesicht, das nicht an der Westküste daheim war, sondern im Gebirg oder
+im Oberland. Entweder war er fremd hier oder von einer eingewanderten
+Familie. Er ähnelte auffallend den herkömmlichen Abbildungen von
+Melanchthon; nur daß vielleicht der Blick schmachtender, die Augenbrauen
+ein bißchen zu hoch geschürzt waren. Die Ähnlichkeit im ganzen --
+besonders in Stirn, Augenstellung und Mund -- war so groß, daß er unter
+seinen Studienkameraden auch tatsächlich den Namen Melanchthon führte.
+Das war Ole Tuft, jetzt noch Student der Theologie, bald ausstudiert;
+und der andere, der Sieger mit dem Adlerschnabel, der eben noch recht
+kräftig zugehauen haben mochte, war sein Jugendkamerad, der Mediziner
+Edvard Kallem.
+
+Vor mehreren Jahren schon waren ihre Wege auseinandergegangen, ohne daß
+es darum zu einem Zusammenstoß gekommen wäre; heute aber war etwas
+geschehen, das zu einer Entscheidung führen sollte.
+
+Mitten zwischen ihnen, also in der Mitte des Hügels, im Kreis der
+Singenden, saß eine hochgewachsene Mädchengestalt in dotterfarbenem
+seidenen Kleid, um den Hals eine breite, gelbe Spitze, die in tiefen
+Falten bis an den Gürtel hinabreichte. Sie sang nicht mit, sondern
+reihte einen ganzen Berg Feldblumen und Gräser zum Kranze. Man konnte
+sofort erkennen, daß sie die Schwester des Siegers sein mußte, nur
+dunkler von Haut und Haarfarbe. Dieselbe Kopfform -- wenn auch ihre
+Stirn verhältnismäßig höher war, überhaupt das ganze Gesicht
+verhältnismäßig größer -- zweifellos zu groß. Die scharfe Familiennase
+war sanfter gebogen in ihrem regelmäßigen Gesicht; _seine_ schmalen Lippen
+waren hier voll, sein Kinn gerundet, seine unebenen Brauen ebenmäßig,
+die Augen größer --. Und doch war es dasselbe Gesicht. Der Ausdruck bei
+beiden verschieden; bei ihr -- wenn nicht kalt, so doch verschlossen und
+ruhig; niemand hätte so leicht diese tiefen Augen ergründet. Und doch
+war auch der Ausdruck bei beiden merkwürdig verwandt. Der Kopf saß auf
+einem starken, von kräftig ausgebildeten Schultern getragenen Hals; auch
+die Büste war recht üppig. Das dunkle Haar war zu einem eigenartigen
+Knoten verschlungen. Den Hals trug sie frei; aber das gelbe Kleid mit
+der gelben Spitze schmiegte sich eng an den sammetbraunen Körper, wie
+überhaupt der ganze Anzug den Eindruck von etwas fest Zugeknöpftem
+machte; und ebenso ihr Wesen. Sie flocht, wie gesagt, einen Kranz und
+wandte den Blick weder nach dem einen noch nach dem andern der zwei,
+die da miteinander gefochten hatten.
+
+Hervorgerufen war der Kampf durch einen großen, schwarzen Hund; der lag
+jetzt da und tat, als ob er schliefe. Sein nasser, schwerer Pelz glänzte
+in der Sonne. Ein paar junge Leute hatten Stöcke ins Meer geworfen und
+den Hund hinterher gehetzt; und dabei hatten sie jedesmal gerufen:
+"Samson! Samson!" -- das war der Name des Hundes. Da sagte Edvard Kallem
+zu einigen Umstehenden: "Samson -- das bedeutet Sonnengott". -- "Was?"
+fragte ein junges Mädchen, "Samson bedeutet Sonnengott?" -- "Gewiß. Wenn
+auch die Theologen sich schwer hüten, das zu sagen." Er sagte es ganz
+jugendlich leichthin, gar nicht um jemand zu ärgern oder um daran
+weiterzuspinnen. Aber Ole Tuft hörte es zufällig und fragte etwas
+überlegen: "Weshalb sollten denn die Geistlichen den Kindern nicht
+sagen, daß Samson Sonnengott bedeutet?" -- "Weil dann die ganze
+Samsonerzählung nicht mehr als Vorbild für den Christusmythus zu
+brauchen wäre." Das Wort saß; und das sollte es auch. Lächelnd,
+überlegen sagte Ole: "Samson läßt sich wohl trotzdem als Vorbild
+gebrauchen --ob er nun Sonnengott heißt oder nicht!" -- "Ja -- ob er
+Sonnengott _heißt_ oder nicht; wenn er aber der Sonnengott _war_?" -- "So?
+Also er war der Sonnengott?" rief Ole lachend. -- "Das sagt doch der
+Name." -- "Der Name? Sind wir etwa Bären oder Wölfe, weil wir nach Bären
+und Wölfen heißen? Oder Götter, weil wir nach Göttern heißen."
+Verschiedene aus der Gesellschaft hörten das mit an; jetzt kamen auch
+andere hinzu, unter ihnen Josefine. Und beide wandten sich sofort an
+sie.
+
+"Der Fehler ist," sagte Edvard, "daß in die Geschichten, die von Samson
+handeln, überhaupt erst Sinn kommt, wenn man weiß, daß er der Sonnengott
+war." --"Ach! Heutzutag müssen ja sämtliche Ahnen und Urgeschichten
+aller Völker irgendwie auf die Sonnensage Bezug haben!" Und Ole gab ein
+paar amüsante Parodien auf diese wissenschaftliche Mode zum besten.
+Allgemeine Heiterkeit; auch Josefine lachte. Sofort geriet Edvard in
+Eifer und begann auseinanderzusetzen: als sich bei uns eine neue
+Religion bildete, da wurden unsere eigenen Götter, die ursprünglich
+indische Sonnengötter waren, zu Stammvätern; ihre Altäre, an denen das
+Volk geopfert hatte, wurden in Grabstätten umgewandelt. Auf diese Weise
+wurden auch die alten Sonnengötter der Juden umgewandelt in Stammväter,
+als der Jahvekultus sie als Götter verdrängte. -- "So? Und woher will
+man denn das wissen?" -- "Wissen? Mach' doch die Probe mit Samson! Wie
+sinnlos, zu glauben, daß die Stärke eines Menschen in seinen Haaren
+liegen kann! Sobald wir aber davon ausgehen, daß es die Sonnenstrahlen
+sind -- zur Sommerzeit lang, im Schoß des Winters kurz geschnitten --
+kommt Sinn in die Sache. Und wenn die Strahlen gegen das Frühjahr hin
+wieder wuchsen --nicht wahr? -- da konnte der Sonnengott wiederum die
+Säulen der Welt umfassen!... Nie haben Bienen Honig gesammelt in einem
+Aas; wenn wir aber hören, daß es --so oft die Sonne durch ein
+Himmelszeichen ging, z. B. durch den Löwen, -- hieß: die Sonne schlug
+den Löwen -- ja, dann verstehen wir, daß die Bienen Honig im Aas des
+erschlagenen Löwen sammelten, d. h. in der wärmsten Zeit des Sommers."
+
+Jetzt waren alle ganz Ohr, und Josefine war im höchsten Grade
+verwundert. Sie sah nicht zu ihrem Bruder auf, denn sie merkte, daß er
+sie ansah; aber es war nicht mißzuverstehen: was Edvard anfänglich ohne
+jeden andern Gedanken als den, ein bißchen zu protzen, begonnen hatte,
+das erhielt eine bestimmte Bedeutung dadurch, daß Josefine zwischen
+ihnen stand. "Bei den Ägyptern", erzählte er, "begann der Frühling, wenn
+die Sonne das Lamm schlachtete, d. h. durch das Zeichen des Lammes ging,
+und aus Freude über die Erneuerung schlachteten alle ägyptischen
+Familien an diesem Tag ein Lamm. Von ihnen haben es die Juden. Wenn die
+Juden dies später zu etwas umgewandelt haben, das sie von den Ägyptern
+unterscheiden sollte, so ist das eine Fälschung. Gerade wie mit der
+Beschneidung; auch die haben sie aus Ägypten. Aber so was verschweigen
+die Herren Pfaffen."
+
+Von all dem wußte Ole Tuft wenig oder nichts. Sein eifriges Studium
+hatte sich streng auf die Theologie beschränkt; er hatte auch gar keine
+Zeit zu anderen Dingen und sein Glaube war altes Bauernerbe und in sich
+selbst viel zu gefestigt, um sich mit wissenschaftlichen Zweifeln
+abzugeben. Hätte er das nun geradeheraus gesagt, so wäre kaum weiter
+etwas daraus entstanden. Aber auch er fühlte, daß Josefine zwischen
+ihnen stand und sich bestechen ließ. So begann er voll Hohn alles als
+bloße Erdichtung zu bezeichnen, die heute glänzt und morgen zergeht.
+
+Das ertrug die Eitelkeit des andern nicht! "Den Theologen fehlt es ganz
+einfach an der primitivsten Ehrlichkeit", schrie er. "Sie verschweigen,
+daß die wichtigsten Teile ihres Glaubens nicht den Juden offenbart,
+sondern einfach irgendwo anders hergenommen sind. So der
+Unsterblichkeitsglaube. Der stammt aus Ägypten. Ebenso die Gebote. Kein
+Mensch klettert einen hohen Berg hinauf, um sich unter Donner und Blitz
+offenbaren zu lassen, was die Leute schon tausend Jahre lang gewußt
+haben. Woher stammt der Teufel? Woher die Strafen der Hölle? Woher der
+jüngste Tag und das Gericht? Woher die Engel? Die Juden haben von all
+dem nichts gewußt. Die Pfaffen sind -- na, einfach Leute, die nicht
+ehrlich nachforschen und dem Volk derartiges weismachen!" Josefine
+senkte den Kopf; die Jugend, besonders die männliche, war offenbar auf
+Kallems Seite. Freidenkertum war Mode; und sich ein bißchen über den
+angestammten Glauben lustig machen, war ganz vergnüglich.
+
+Ein junger Mann ergoß seinen Spott über die Schöpfungsgeschichte; Kallem
+besaß geologische und paläontologische Kenntnisse und wußte sie gut
+anzubringen. Dabei konnte Ole Tuft noch weniger mit; er erwähnte bloß
+ein paar Versuche, die hier und dort gemacht worden waren, die
+Bibellehre mit gewissen neueren Entdeckungen in Einklang zu bringen.
+Aber er kam schlecht weg dabei. Und nun ging's, Trumpf über Trumpf, von
+einem Dogma zum andern; am längsten stritten sie sich über die Lehre von
+der Versöhnung; die stamme aus einer Zeit, so uralt, so roh, daß noch
+nicht einmal die persönliche Verantwortlichkeit des Individuums
+existierte, bloß die des Stammes und der Familie. Tuft war verzweifelt;
+jetzt galt es! Mit lauter Stimme, bewegt und kraftvoll, fing er an,
+seinen Glauben zu bekennen. Als ob _das_ was helfen konnte! Behauptungen
+-- Behauptungen! Bring uns die Beweise! Zu spät erkannte Ole Tuft, daß
+er zu viel verteidigt und darum alles verloren hatte. Er empfand ein
+tiefes Weh; er kämpfte ohne Hoffnung, aber er kämpfte dennoch und rief
+es laut in alle Welt hinaus: wenn auch nur eine dieser Wahrheiten
+zweifelhaft erscheine, so trage allein er die Schuld; er sei zu schwach,
+sie zu verteidigen. Aber Gottes Wort bleibe unangetastet bestehen, bis
+ans Ende der Welt! -- Ja, aber was denn eigentlich Gottes Wort sei? --
+Gottes Wort -- das sei die Bibel, in ihrer Ganzheit und ihrem Geist, die
+Schöpfung (oho!), der Sündenfall (hört! hört!), der Erlösungstod (hört!
+hört! hört!) -- -- --Er schrie, die andern schrien, Tränen traten ihm in
+die Augen; seine Stimme zitterte; er war bleich und schön.
+
+Ganz so unbarmherzig wie Kinder sind junge Leute nicht; aber doch auf
+dieselbe Art. Einigen tat Ole leid; andere wollten ihn jetzt erst recht
+"reinlegen" -- und vor allen Edvard Kallem.
+
+Josefine aber machte sich heimlich zu der Brünette mit der Sopranstimme.
+Und augenblicklich stimmte diese eins ihrer Lieder an, und die andern
+fielen nach und nach ein -- die Herren ein bißchen später als die Damen.
+Die Gesellschaft bestand zufällig -- bis auf wenige Ausnahmen -- aus
+einem Damen- und Herrenchor, die in den drei letzten Wintern mit einem
+Fleiß und einer Eintracht geübt hatten, wie das nur in einer kleinen
+Stadt möglich ist.
+
+Josefine setzte sich mitten auf den Hügel; die anderen um sie herum. Sie
+sang nicht mit; sie war mit ihren Blumen beschäftigt.
+
+Die ganze Gesellschaft war mit dem Schiff hergekommen, das dort unten so
+heiter in der Sonne lag. Josefine, Edvard und Ole hatten dicht
+beieinander gesessen; denn viel Platz war nicht. Keiner hätte nach ihrer
+heiteren, meist im Flüsterton geführten Unterhaltung ahnen können, daß
+nicht alles zwischen ihnen die lautere Freundschaft und Güte war. Und
+jetzt, kaum drei Stunden später, saß Ole Tuft da als Ausgestoßener. Wie
+weh das tat! Ein plötzlicher Angriff auf seinen Beruf, seinen Glauben --
+vor aller Augen! Und gerade von Edvard! Und so grausam! So erbarmungslos
+höhnisch! Und Josefine! Kein Wort der Teilnahme von ihr -- keinen Blick!
+
+Von Kindheit an hatten sie zusammengehalten, Ole und sie, hatten
+einander geschrieben, als er in Kristiania war -- er alle vierzehn Tage;
+sie, sooft sie etwas zu schreiben hatte. Wenn er in den Ferien zu Hause
+war, kamen sie täglich zusammen. In den zwei Jahren, als sie in der
+französischen Pension und in Spanien war, wurde der Briefwechsel
+eifriger geführt, auch ihrerseits, -- und als sie wieder nach Hause kam
+-- so sehr sie sich auch sonst verändert hatte -- im Verhältnis zu ihm
+war sie dieselbe geblieben! Ihr Vater unterstützte ihn bei seinen
+Studien, so daß er sich mit voller Hingabe ihnen widmen konnte; zu
+Weihnachten sollte er sein letztes Examen machen; und jedermann
+prophezeite ihm, es würde ganz glänzend ausfallen. Daß man ihn so
+unterstützt hatte, das verdankte er ohne Zweifel ihr, vielleicht auch
+ihrem Bruder. Beide hatten ihn seinerzeit bei ihrem Vater, beim Rektor,
+beim Apotheker und auch sonst eingeführt; auch jetzt verschaffte sie ihm
+Zutritt überall. Für gewöhnlich war sie wortkarg und manchmal recht
+schwierig; aber in ihrem Freundschaftsverhältnis von unverbrüchlicher
+Treue. Sie konnte ihn auszanken (er war gar nicht immer so, wie's ihr
+paßte); aber das gehörte zu ihrem Verkehr; er nahm das weiter nicht
+schwer, und sie erst recht nicht. Sie war ja vom ersten Tag an sein
+Vormund gewesen. Noch hatte er nicht gewagt, ihr zu sagen, daß er sie
+liebe; es hatte ja auch keine Eile; und im Grunde war es viel zu heilig.
+Er war ja ihrer so sicher wie seines Glaubens. Er war ein Bauer; sein
+Wesen war Einheit, sein Grundton Gefestigtheit. Für seinen Glauben
+sorgte Gott. Für sein Wohlergehen und seine Zukunft sorgte
+selbstverständlich auch Gott -- aber durch Josefine. Sie war in seinen
+Augen das schönste, gesundeste, tüchtigste Mädchen im ganzen Land -- und
+sehr reich. Das zählte auch mit; er war von kleinauf ein ehrgeiziger
+Träumer gewesen. Nur daß die Träume jetzt nach einer andern Richtung
+gingen.
+
+Seine Studienkameraden wußten das recht wohl; sie nannten ihn, außer
+"Melanchthon", den "Bischofprätendenten der Fjorde" oder auch den
+"Fjordbischof". Ihm selber war es geradezu ein Bedürfnis geworden, als
+solcher betrachtet zu werden; und weil etwas Kindliches darin lag, stand
+ihm diese lächelnde Überzeugtheit ganz gut. Außerdem -- er sah so gut
+aus -- hatte ein so hübsches, offenes, rosiges Gesicht --; da wirkt der
+Ehrgeiz nicht leicht abstoßend.
+
+Und jetzt fühlte er -- er war abgestürzt von seiner ruhigen, lächelnden
+Höhe! Jeder, der sich immer sicher gefühlt hat und zum erstenmal eine
+gründliche Niederlage erleidet, wird dadurch aus allen Fugen geraten!
+Das Schlimmste war -- Josefine verleugnete ihn. Wieder und wieder
+blickte er zu ihr hin; aber sie ordnete ihre Blumen und Gräser, als sei
+er überhaupt nicht vorhanden.
+
+Zuletzt war es wirklich, als rückten alle von ihm ab, oder als sei er
+tatsächlich nicht mehr da. Er saß, ohne zu sitzen, hörte, ohne zu hören,
+sah, ohne zu sehen. Droben vor dem Haus deckte man den Tisch zum
+Abendbrot. Sobald es fertig war, ging man hinauf, aß, trank, schwatzte,
+lachte; bloß er war nicht mit dabei; er stand und starrte hinaus -- nach
+dem jenseitigen Ufer der Bucht -- oder in weite, weite Fernen ... Ein
+junger Kaufmann redete zu ihm über Dampferlinien -- daß sie so gar nicht
+günstig lägen. -- -- Ein Mädchen mit schrägstehenden Zähnen, roten
+Zöpfen und Sommersprossen -- er hatte ihr einmal Unterricht gegeben --
+versicherte ihm, die Seeleute seien gar nicht so gebildet, wie man das
+von so weitgereisten Menschen erwarten sollte. Die Wirtin kam und
+fragte, warum er denn nichts esse, und der Wirt stieß mit ihm an; sie
+erwiesen ihm dadurch etwas vom alten Respekt; aber sie warfen beide
+einen hastigen Blick auf seine Augen, vor dem er erbebte: er fühlte den
+Zweifel. In seinem nagenden, immer mehr zunehmenden Schmerz sah er
+überall Zweifel und Hohn, selbst in der Fröhlichkeit der andern. Edvard
+war lustig bis zur Ausgelassenheit, und alles drängte sich um ihn. Ihm
+zu Ehren -- er war vor etwa vierzehn Tagen heimgekehrt -- war ja auch
+der ganze Ausflug unternommen. Ole sah wie im Traum, daß Josefines
+Blumen jetzt auf dem Tisch standen, und hörte, wie die Zusammenstellung
+der Farben gerühmt wurde. Sie selber hatte mit zwei Freundinnen an einem
+kleinen steinernen Tischchen Platz genommen, an dem niemand weiter
+sitzen konnte. Vielleicht, damit er sich nicht anschließen sollte? Ganz
+drüben, auf der andern Seite war es. Er sah sie plaudern und lachen;
+sämtliche junge Herren bedienten sie. Edvard war auch ein paarmal dort,
+und brachte sie zum Lachen. Und das alles beobachtete er mit einem
+sonderbaren Gefühl von Angst. Der Lärm tat ihm weh, das Lachen war wie
+ein Hohn, das Essen blieb ihm im Halse stecken, das Getränk brannte, die
+Menschen waren wie Automaten -- das Haus, die Bucht, das Boot, die Berge
+so erdrückend nahe.
+
+Da Windstille eingetreten war, mußte die Gesellschaft zu Fuß nach der
+Stadt zurückgehen. In geschlossener Kolonne, singend, begann man zu
+marschieren; aber bald kamen aus den umliegenden Gehöften Sommergäste
+herzu, und da es Bekannte waren, machte man halt. Die Neuhinzugekommenen
+schlossen sich ein Stück Wegs an; dann kamen weitere; und jedesmal gab
+es einen Aufenthalt, und jedesmal lösten sich einzelne Gruppen los.
+Dadurch gelang es Ole, unbemerkt zurückzubleiben. Er konnte die
+Gesellschaft und ihre Lustigkeit nicht mehr ertragen.
+
+Denn jetzt erst konzentrierte alles sich um Josefine. Edvards
+plötzliches Umschwenken, sein Angriff, die Schmach der Niederlage, das
+verletzte religiöse Empfinden ... alles verfloß in dem _einen_ Gedanken,
+daß _sie_ nicht zu ihm gestanden war, mit keinem Wort, mit keinem Blick;
+daß sie ihm erst ausgewichen war und ihn jetzt ganz im Stich ließ. Das
+ertrug er nicht; denn sie war ihm viel zu teuer geworden. Er wußte es
+und er schämte sich dessen nicht. Sein früherer höchster Erdenwunsch --
+Missionär zu werden -- war von ihm abgefallen wie eine Haut, als
+Josefine keinen Wert mehr darauf legte. Jedesmal, wenn die Mutter ihm
+gesagt hatte, er möge doch nur nicht Missionär werden, hatte er
+erwidert: man solle Gott mehr gehorchen als den Menschen. Aber als
+Josefine, in ihrer kraftvollen Art, in eine nähere Wirklichkeit
+hineinwuchs, da gab er es auf, ohne daß sie auch nur ein Wort darüber zu
+verlieren brauchte. Daß es sich strafen müsse, wenn man einen Menschen
+_so_ liebe, das sagte er sich selber. Aber er konnte nicht anders.
+
+Unter solchen und tausend ähnlichen Gedanken blieb er nach und nach
+zurück und bog vom Weg ab in ein Wäldchen ein; dort warf er sich nieder
+und wartete, bis die Sommergäste zurück- und vorbeikommen würden. Er
+drehte sein Gesicht der Erde zu. Das kühle Gras, das ihm Wangen und
+Stirn kitzelte, und die feuchte Erde, die er einatmete, redeten zu ihm
+... Solch dürftiges, im Schatten wachsendes Gras hat keinen Duft; und so
+war es auch mit ihm; durch sie hatte auch er die Sonnenseite kennen
+gelernt; ohne sie war nichts als Schatten.
+
+Und der Bruder hatte sie ihm genommen! schrie es in ihm.
+
+Dieser Bruder, der sich bis vor wenigen Tagen nicht um sie gekümmert
+hatte, während er, Ole, von Kind auf um sie gewesen war, mit ihr
+gerudert hatte, ihr vorgelesen, ihr Bruder und Schwester zugleich
+gewesen war und ihr geschrieben hatte, wenn sie fern voneinander waren!
+Hatte ihr Bruder das je getan? Selbst seine Niederlage durfte er sich
+zugute schreiben! Denn hätte er's -- ihretwillen -- nicht so
+gewissenhaft genommen mit dem Examen, zu dem ihr Vater ihm verholfen
+hatte -- so hätte er mehr gewußt von den Dingen, um die sich's handelte
+-- hätte vielleicht keinen solchen Abfall erlitten. Auch das mußte er um
+seiner Treue willen erdulden.
+
+Edvard war, in Josefines Kinder- und Backfischzeit, selten mit ihr
+zusammen gewesen, ohne sie zu necken. Sie war immer ein hageres Ding
+gewesen, mit großen schwarzen Augen, meist sehr zerzaustem Haar, roten
+Händen und einer "schlottrigen" Figur. Er hatte sie nur das "Entenküken"
+genannt, und als sie einmal gefallen war und hinkte, "das lahme
+Entenküken". Er konnte nie so recht klug aus ihr werden; sie war so herb
+und trotzig und immer -- drei Schritt vom Leibe. Und dann -- sie war so
+oft der Anlaß, daß er Schläge bekam. Sie hielt es für "gerecht", zu
+erzählen, wenn er etwas Dummes angestellt hatte. Und wenn er sie dafür
+verprügelte, so war es "gerecht", auch das wieder zu erzählen. Das
+empörte ihn gegen sie. Bald kamen sie auch dadurch auseinander, daß er
+das väterliche Haus verließ. Nach jenem unglückseligen Tag, an dem Vater
+und Sohn auf dem Weg nach Store-Tuft zusammengetroffen waren, erbarmte
+sich der Apotheker seines alten Freundes und nahm den Jungen ganz
+regelrecht als seinen eigenen Sohn zu sich. Und was dem Vater nicht
+geglückt war, das glückte _ihm_. Der Junge wurde sofort aus der Schule
+genommen und durfte seinem Hauptinteresse, den Naturwissenschaften,
+leben. Chemische und physikalische Analysen oder botanische Ausflüge
+waren sein Höchstes, und zwei Jahre lang trieb er ausschließlich
+derartige Studien. Die zum Abiturientenexamen notwendigen Fächer eignete
+er sich dann durch Privatunterricht so rasch wie möglich an, und nach
+der Prüfung begann er sein medizinisches Studium. So lange er daheim
+war, sah er seine Schwester nur, wenn sie ihn in der Apotheke besuchte,
+und da ihre Interessen auseinandergingen, war der Verkehr eigentlich
+gleich Null. Später nahm ihn der Apotheker fast in jeder Vakanz mit ins
+Ausland; Edvard hatte gute Sprachkenntnisse, und die gingen dem
+Apotheker ab. Also kamen auch während der Ferien Bruder und Schwester
+nur selten zusammen. Aber seit er als Student mit dem Apotheker seine
+erste Reise ins Ausland gemacht und sie den heimgekehrten, erwachsenen
+Bruder gesehen und gehört hatte -- modern in Kleidung und Gedanken,
+feurig, kraftvoll, das Ideal der gesamten Jugend, besonders der
+weiblichen -- hatte sie ihn heimlich bewundert. Er seinerseits übersah
+sie einfach; oder er zog sie auf; das kostete sie Stunden der Qual; aber
+sie schluckte es tapfer hinunter, nur damit sie sein konnte, wo er war
+-- wenn auch nur ganz still in einer Ecke.
+
+Ole verstand sie, trotzdem sie sich nie verriet. Auch ihm gegenüber
+sprach sie selten anders von Edvard als von einem "Ekel", einem "Wicht",
+einer "Plappermühle" usw. Aber durch die treuen Dienste, die er ihr
+erwies, so oft sie vom Bruder übersehen oder gekränkt dasaß, sammelte
+Ole sich Schätze in ihrem Herzen.
+
+Mit Edvard war eine große Veränderung vorgegangen; seine Neugierde war
+zur Wißbegier, seine Unruhe zu Energie geworden. Aber gleichzeitig
+durchlief auch die Schwester verschiedene Stufen der Entwicklung, von
+denen er nichts ahnte. Zweiundeinhalbes Jahr waren jetzt verflossen,
+seitdem er sie zum letztenmal gesehen hatte; sie war zwei Jahre in
+Frankreich und Spanien gewesen, und in den letzten Ferien, als sie zu
+Hause war, hatte er mit dem Apotheker eine Reise nach England gemacht;
+auch in diesem Jahr waren sie ein paar Monate zusammen fort gewesen. Die
+Schwester, die er _jetzt_ sah, die kannte er nicht. Nach der ersten
+Begegnung war er ganz von ihr erfüllt.
+
+Schön sei sie nicht, sagte er zu Ole (zu dessen größter Verwunderung),
+sobald die beiden sich trafen. Aber er wurde nicht müde, von dem neuen
+und eigenartigen Eindruck zu sprechen, den sie hier unter all den andern
+mache. Ihre Mutter müsse sich an einer Spanierin versehen haben, als sie
+mit ihr schwanger ging. Wäre nicht dieses Unnennbare -- die Augen
+gewesen, was auf der ganzen Welt Volk von Volk unterscheidet -- wären
+nicht die Augen gewesen, sie hätte unter Spaniern ruhig für eine
+Landsmännin gelten können. Wie das in einem norwegischen Hause wirkte!
+Sie sprach gut --lebendig und rasch -- war aber eigentlich wortkarg, und
+hielt sich zurück. Kühn in ihrer Kleidung, mit einer Vorliebe für starke
+Farben, ganz modern, fast herausfordernd, aber in jeder andern Hinsicht
+eher scheu.
+
+Fortan war Edvard ihr Bruder. Der Vater war verreist, und während der
+Zeit wohnte sie bei Rektors und war nicht immer zu haben; aber so oft es
+sich machen ließ, waren sie zusammen. Sie hatte die Empfindung, als ob
+er sie gern "entdeckt" hätte, und war auf ihrer Hut; aber es
+schmeichelte ihr, daß er in Gesellschaft seine Worte an sie richtete und
+daß seine Augen stets die ihren suchten.
+
+ * * * * *
+
+Während Ole, tief unglücklich, sein Gesicht ins Gras des Waldbodens
+preßte, standen sie alle vor ihm, die Stunden, da sie auf dem Ball den
+Bruder hatte tanzen sehen -- mit der und mit jener -- manchmal mehrere
+Tänze mit einer und derselben -- und mit ihr bloß eine "Pflichttour".
+
+Und jetzt?
+
+Jetzt war sie Edvards Schwester -- seine geliebte Schwester -- und Oles
+und ihre Wege gingen auseinander ...
+
+Weshalb mußte Edvard sich in ein Verhältnis eindrängen, von dem er doch
+gar nichts wußte? Sich Rechte anmaßen, die er sich durch nichts verdient
+hatte? Nach ein paar Tagen des Zusammenseins einfach entscheiden, wer
+für sie passe -- und wer nicht?
+
+Weshalb vor aller Augen ihn angreifen und ihn verhöhnen in dem, was ihm
+Lebenssache war? Und nicht allein ihn -- sondern Gott selber.
+
+Und wie Ole Tuft diesem Gedanken nachhing, verbreitete sich um ihn ein
+seltsam heller Lichtschimmer -- und in diesem Schimmer stieg etwas
+Großes empor über den Bergen jenseits des Fjords ... Er fühlte, wie es
+ihn im Nacken packte, während er so dalag, das Antlitz tief in den Rasen
+gedrückt. Und es flüsterte, und das Flüstern erfüllte den ganzen Raum --
+von dort bis hier --: "Was hast Du aus mir gemacht?"
+
+Ah -- wie plattgedrückt kam er sich vor -- wie in die Erde
+hineingepreßt! Und er begriff jetzt, weshalb der Schmerz wie mit einem
+Schermesser das Kranke aus seinem Fleische schnitt. Er hatte verloren
+heute, weil er als Lügner dastand. "Du sollst keine anderen Götter haben
+neben mir!" "Gott, Gott! Vergib mir! Schone meiner! -- Und Deine
+fleischlichen, Deine eitlen Träume!... Nimm, gleich Israel, der Nacht
+wahr, um zu ringen mit mir!... Wurm, der Du Dich krümmst!" -- -- --
+
+Über ihm den Raum durchbrauste der Klang von tausend Schwingen.
+
+Es war nicht das erstemal, daß der Ernst des Alten Testaments von den
+Höhen auf ihn herniederstürzte und seine Wohnstatt aufschlug in ihm. All
+diese Fragen -- ob "groß" -- oder "klein" -- ob er das "Höchste" wagen
+oder sich, wie die andern, mit dem Mittelmäßigen begnügen sollte -- sie
+waren ihm nichts Neues.
+
+Doch wenn er dann Josefine wieder traf -- bei guter Laune -- so waren
+diese Fragen wie weggeblasen. Mit einem einzigen guten Händedruck schob
+sie sie beiseite. Auch jetzt war es wieder so. Ohne jeden Übergang
+strömte von ihr ein gesunder Protest in ihn über. Nimmermehr hätte
+Josefine sich heut von ihm abgewandt, bloß weil der Bruder es wünschte!
+Nimmermehr! Wenn sie es so aufgefaßt hätte, dann hätte sie gerade
+entgegengesetzt gehandelt. Nein -- weil er ein Schwächling war, wandte
+sie sich von ihm ab, einzig deswegen. Vielleicht auch, weil sie sich
+nicht gern in einen Streit mischen mochte; sie war so scheu. Sie wandte
+sich ja eigentlich auch nicht dem Bruder zu. Sie hatte mitten unter den
+andern auf dem Hügel gesessen und später, beim Essen, mit einigen
+Freundinnen an einem besonderen Tisch. Und auch beim Aufbruch hatte sie
+sich nicht an den Bruder gehalten, der doch fast alle um sich
+sammelte.... Warum hatte er denn daran nicht eher gedacht? Sie war ja
+doch treu.... Ganz gewiß! Sie war treu! Er stand auf. Wieso in aller
+Welt hatte er das nicht gleich gesehen?
+
+Er hätte gern gehabt, daß sie ihm auf eine oder die andere Weise
+geholfen oder ihn wenigstens getröstet hätte, ihm gezeigt hätte, wie
+leid er ihr tat. Aber dergleichen lag nicht in Josefines Natur. Was fiel
+ihm denn nur ein? Besonders, wenn irgendwie ein Aufsehen entstanden war,
+und die Leute sie beobachteten.
+
+Ein rechter Schafskopf war er gewesen. Und im Bewußtsein dieser
+erfreulichen Entdeckung sprang er das Gehölz hinab über den
+Straßengraben und machte sich ebenfalls auf den Heimweg.
+
+Großer Gott im Himmel, wie er sie liebte! Er sah sie vor sich, wie sie
+sein konnte, wenn er ihr zu kindisch war; er sah den guten, großen
+Blick, bei all ihrer Majestät!...
+
+Der späte Sonnenuntergang hinterließ keine Röte am Himmel; die Nacht war
+grau und schlaff, der Weg, am Fuß einer kahlen Anhöhe entlang, anmutlos;
+zu beiden Seiten kleine Anwesen, die Häuser auf der Anhöhe, ärmlicher
+Kleinbetrieb, da und dort ein paar dürftige Sommervillen, niedrige Bäume
+und vereinzelte Büsche.
+
+Er sah es und sah es nicht, während er seinen eigenen Gedanken nachhing.
+Keine Seele unterwegs; ja, doch, ganz da vorn ein einzelner Mensch, der
+auf die Stadt zuging. Ole mäßigte seine Schritte, um diesen einen nicht
+einzuholen, und merkte gar nicht, daß vor dem, der dort ging, einer war,
+der kam. Jetzt konnte er auf einmal beide unterscheiden. Himmel!... War
+das nicht...? Oder täuschte er sich?... Nein, er kannte den Hut, und nun
+auch den Gang, die Figur! Es gab nur _eine_ solche! Josefine kam zurück,
+um ihn zu holen! Das sah ihr ähnlich.
+
+"Aber wo steckst Du denn?" sagte sie. Ihr großes Gesicht war gerötet,
+ihr Busen wogte, die Stimme klang gedämpft, der Sonnenschirm, den sie in
+der linken Hand trug, war nicht ganz ruhig. Ole antwortete nicht; er sah
+ihr Gesicht, ihr Kleid, die Hutfeder, die stolze Gestalt an, bis sie
+unwillkürlich lächelte; so viel stumme Bewunderung und Dankbarkeit
+durchbricht am Ende jeden Panzer. "Josefine, ach, Josefine!" Von seinem
+flachen Strohhut bis zu den Stiefeln herab war alles ein einziger
+Widerschein von Glück und Bewunderung. Da kam sie heiter heran, legte
+ihre rechte Hand auf seinen linken Arm und schob ihn sachte vorwärts: er
+solle gehen.
+
+Sein Gesicht trug die Spuren des Grases, in das er sich geworfen hatte;
+sie glaubte, er habe geweint. "Du bist zu dumm, Ole!" flüsterte sie.
+
+Die graue Sommernacht, die nicht schlafen kann und auch nicht wachen,
+erweckt leicht das Gefühl von etwas Halberreichtem, -- für die beiden
+wurde sie, was ein halbdunkles Zimmer für zwei heimlich Verlobte ist.
+Sie ließ ihre Hand auf seinem Arm liegen, und als seine Augen den ihren
+begegneten, sah sie ihn an, wie wenn man ein Kind zudeckt. "Siehst Du,
+ich dachte," sagte er, "ich glaubte, ja, denk' nur, ich glaubte ..."
+Tränen standen ihm in den Augen. "Du bist zu dumm, Ole!" flüsterte sie
+wieder. Und damit waren die Stürme des Tages abgetan.
+
+Ihre Hand blieb auf seinem Arm liegen; es sah aus, als führe sie einen
+Arrestanten. Er fühlte kaum den Druck, aber es rieselte ihm durch Mark
+und Bein. Ab und zu streifte ihr seidenes Kleid sein Bein; sie gingen im
+Takt, der elektrische Strom ihrer Nähe trug ihn. Sie waren ganz allein,
+und es war ganz still; sie hörten ihre eigenen Schritte und das Rascheln
+des seidenen Kleides. Er hielt den Arm, auf dem ihre Hand lag, ängstlich
+still, als könne sonst die Hand hinunterfallen und entzweigehen. Das
+einzige Unvollkommene war -- denn etwas Unvollkommenes muß ja immer sein
+-- daß er eine steigende Lust verspürte, die Hand zu nehmen und sie in
+seinen Arm zu stecken -- auf die allgemein übliche Weise; dann konnte er
+sie drücken. Aber er wagte es nicht.
+
+Sie gingen und gingen. Er sah vor sich hin und entdeckte, daß kein
+Mondschein war. "Es ist kein Mondschein!" sagte er. -- "Sonst wäre es
+heller", erwiderte sie lächelnd. "Viel heller!" Die Stimmen waren
+zusammengetroffen, die Klänge hatten sich vermischt und spielten noch
+lange miteinander wie Vögel in der Luft.
+
+Aber gerade darum war es schwer, weitere folgen zu lassen. Während Ole
+darüber nachsann, was er das nächste Mal sagen solle, wurde er gerührt
+und stolz. Er dachte an jenen Samstagabend im schmutzigen Schnee, als
+sie auf dem Schulhof so schlimm gegen ihn gewesen waren, und er
+davongelaufen war nach Store-Tuft; er gedachte seines damaligen Elends;
+aber von diesem Elend schrieb sich seine Erhöhung von heute her, heute,
+da er von der andern Seite in die Stadt kam und sie am Arm führte....
+Nein, doch nicht ganz! Das war das Unvollkommene dabei.
+
+Sollte er es sagen? Würde sie es zu dreist finden? "Wir sind wohl ganz
+allein jetzt, wir zwei beiden?" --auf schlauen Umwegen wollte er darauf
+zugehen; aber seine Stimme war nicht sicher; sie verriet ihn. Und so
+antwortete Josefine gar nicht. Es wurde still zwischen ihnen, ganz
+still. Und plötzlich glitt ihre Hand von selbst in seinen Arm, so, wie
+es bei Verlobten Sitte ist. Ein Beben ging durch sein ganzes Wesen, und
+mutig gab er ihr einen leisen Druck, wagte aber nicht, sie dabei
+anzusehen. Sie gingen weiter.
+
+Bald lag die Stadt, in Schleier gehüllt, vor ihnen; das Takelwerk der
+Schiffe floß zu Türmen zusammen; es sah aus, wie die zusammengelaufenen
+Maste von Zuckerwerkschiffen. Die Häuser in flaumigen Umrissen, fast
+farblos; alles wohl eingepackt und verwahrt; die Berge standen und
+hielten Wacht. Ein einziger, schwacher, unbestimmbarer, langgezogener
+Laut, ein matter Streifen durch das lichtgraue Schweigen. "Möchtest Du
+mir nicht etwas erzählen?" fragte sie schnell, als könne sie es nicht
+mehr aushalten. Er fühlte sich wie erlöst und fragte, ob er vom -- Licht
+erzählen solle. "Ja, vom Licht!" erwiderte sie. War es Ironie?
+
+Er fing an; aber er wußte es nicht klarzumachen. Beim erstenmal, als sie
+eine rasche Frage stellte, um die Sache bestimmter zu gestalten, fühlte
+er -- er konnte nicht weiter; er war nicht genügend daheim in diesem
+Stoff. "Ich will Dir lieber das Ende von Jeanne d'Arc erzählen!" sagte
+er. "Du weißt, -- wo wir gestern unterbrochen wurden." -- "Also nehmen
+wir Jeanne d'Arc!" sagte sie immer lustiger; sie lachte. -- "Du magst
+nicht?" -- "Doch, doch!" Das sagte sie sanfter, als wolle sie das
+Vorhergehende wieder gutmachen. So erzählte er denn den Schluß der
+Geschichte von Jeanne d'Arc, nach einem vor kurzem erschienenen Werk,
+das er in diesen Ferien von ihrem Vater entlehnt hatte. _Der_ Stoff lag
+ihm; seine westländische, singende Stimme gab dem Ganzen etwas
+Schwebendes, die streng schulgemäße Behandlung des Wortes, die den
+ehemaligen Bauern kennzeichnete, getragen vom gemilderten Tonfall des
+Dialekts, paßten dazu wie alte Schrift. Sein weiches, lichtes
+Melanchthonantlitz schwärmte; sie blickte zu ihm auf, und blickte
+jedesmal in sein reines Herz.
+
+So kamen sie in die Stadt. Die Erzählung ergriff sie, und beide waren so
+eifrig geworden, daß sie gar nicht darauf achteten, ob ihnen jemand
+begegnen könne, oder daß zu beiden Seiten Häuser standen; er redete nur
+ein bißchen leiser, und sprach weiter.
+
+Aber als sie sich der Straße näherten, wo seine Tante wohnte, und wo er
+hinein mußte, hielt er inne, trotzdem seine Erzählung noch nicht zu Ende
+war. Ob er sie wohl nach Hause begleiten durfte? Rektors wohnten ein
+paar Häuser weiter. Wenn er nicht mit durfte, so mußte er sich hier von
+ihr trennen. Dies Dilemma war übrigens nicht neu.
+
+Gerade deshalb meldete es sich jetzt auch bei ihr. Sie hatte dies
+"Aneinanderkleben" -- daß einer mitging bis an die Haustür des andern,
+wenn doch sein eigener Weg in ganz anderer Richtung lag -- nie leiden
+mögen. Schon seit ihrer Kinderzeit -- weil man sie immer mit ihm geneckt
+hatte. Aber sie wußte -- _er_ legte hohen Wert darauf.
+
+Während des kurzen Stück Wegs, das sie beide noch gemeinsam hatten,
+wurde diese Frage in ihnen beiden geradezu brennend. Sollen wir uns hier
+verabschieden --? Oder --? Ursprünglich etwas ganz Kindisches, war es --
+durch die Wiederholung -- etwas Großes geworden. Sie war sich selber
+nicht klar über den Grund; aber als sie am Kreuzweg standen, zog sie
+sachte ihre handschuhlose Hand aus seinem Arm und bot sie ihm zum
+Abschied. Sie sah, wie enttäuscht er war. Und um es gleich wieder
+gutzumachen, strahlte sie ihn aus ihren großen Augen an, drückte ihm
+fest die Hand, und ihr "Danke, Du! Und auf Wiedersehen!" war von ganz
+anderer Art und Farbe als sonst alle diese Jahre her. Wie ein Gelübde
+fürs Leben sprangen die Worte von Herz zu Herzen, und so waren sie auch
+gemeint. Für seine Treue dankte sie ihm, für seine Liebe jetzt und
+immerdar. Er war bleich geworden. Sie sah es und überlegte einen
+Augenblick. Dann zog sie die Hand zurück und ging. Unten wandte sie sich
+noch einmal nach ihm um -- dankbar, daß er weder in Wort noch Tat _ihrem_
+Willen widerstrebt hatte. Sie nickte zu ihm hinauf; er zog den Hut.
+
+Wenige Minuten später stand sie in ihrem Zimmer, viel zu erhitzt, um
+sich zu Bett zu legen, und überhaupt hellwach. Sie hatte nicht die
+geringste Lust, zu schlafen; sie wollte zum mindesten erst die Sonne auf
+den Dächern -- oder gar den lichten Tag sehen! Ihr Zimmer ging auf den
+Hof hinaus, den großen Schulhof, dessen Abschluß die Turnhalle bildete;
+einige Turnapparate standen auch draußen. Von der Straße aus lag das
+Zimmer im ersten Stockwerk -- von der Hofseite im Erdgeschoß; hundertmal
+war sie als Kind zum Fenster hinausgesprungen, statt die Tür zu
+benützen. Sie öffnete das Fenster und verspürte fast Lust, auch heute
+wieder hinauszuspringen und auf dem Hof spazierenzugehen. Am liebsten
+wäre sie die ganze Nacht mit Ole umhergestreift; aber so etwas verstand
+er nicht. Vielleicht hatte sie ihn bloß deswegen schon oben
+verabschiedet, weil er es nicht vorgeschlagen hatte.
+
+Bei näherem Überlegen getraute sie sich aber doch nicht auf den Hof
+hinaus. Es geschah nicht selten, daß junge Leute, wenn sie von einer
+Land- oder Bootpartie oder aus einer Gesellschaft heimkehrten und dabei
+an dem alten Schulhof vorbeikamen, auf den Einfall gerieten, den alten
+Spielplatz ihrer Knabenjahre wieder aufzusuchen und sich ein paarmal am
+Reck zu schwingen; und von halbbetrunkenen jungen Leuten gesehen werden
+-- das wollte sie nicht. Sie nahm ihren Hut ab und blieb --
+vornübergebeugt -- am offenen Fenster stehen -- -- sah vor sich, was
+eben geschehen war, und was auch jetzt sie noch hinauszog.
+
+Da hörte sie draußen Schritte -- erst auf der Treppe, dann auf dem
+Sandweg, der hierherführte. Sollte das Ole sein --? War er so
+sentimental, daß es ihn trieb, unter ihrem Fenster zu schmachten? Wenn
+er es wirklich wäre! Gott gnade ihm, wenn er's war! -- Sie lauschte in
+höchster Spannung. Nein -- die Schritte waren zu rasch. Das war -- --
+sie fühlte es -- -- dort stand -- -- ihr Bruder ...
+
+Ja, es war Edvard. Er war gar nicht verwundert, sie zu sehen; er kam
+direkt auf sie zu. Als er unter dem offenen Fenster angelangt war,
+streckte er seine rechte Hand hinauf; und sie nahm sie. Seine Augen
+schielten ein bißchen -- das sicherste Zeichen, daß er erregt war. "Gut,
+daß Du noch wach bist; ich hätte sonst geklopft." Forschend suchte sein
+Blick den ihren; er ließ ihre Hand nicht los. "Bist Du eben erst
+gekommen?" -- "Ja, eben erst," -- Sie war plötzlich ganz in seiner
+Gewalt; und hätte er sie um das Unmöglichste befragt -- sie hätte
+antworten müssen, solange diese Augen so in die ihren schauten. "Wie ich
+Dich unter den Letzten nicht gefunden habe, dachte ich mir, Du wärst
+zurückgegangen zu Ole." -- "Ja." -- Er hielt _inne_; seine Stimme
+zitterte. "Ich war ein rechter Narr! Ihr seid wohl verlobt jetzt?" -- Es
+dauerte eine Weile, obwohl die Antwort sofort in ihren Augen aufsprühte.
+"Ich glaube!" sagte sie.
+
+Voll Liebe, aber auch voll Kummer sah er sie an. Sie hätte am liebsten
+laut hinausgeweint. War es so töricht, was sie getan hatte? Eine
+entsetzliche Angst überfiel sie. Da faßte er mit beiden Händen ihren
+Kopf, zog ihn zu sich nieder und küßte sie auf die Stirn. Sie brach in
+Tränen aus und legte beide Arme fest um seinen Hals. So lagen sie --
+Wange an Wange.
+
+"Na ja -- wenn es nun einmal so ist -- so wünsch' ich Dir alles Gute,
+Josefine, liebe Josefine!" Sie umschlangen sich noch fester. Dann ließen
+sie einander los.
+
+"Ich geh' heute fort!" flüsterte er und ergriff ihre Hand. Sie reichte
+ihm alle beide. -- "Heut, Edvard?" --" -- Ich war ein Narr! Leb' wohl,
+Josefine!" Sie machte ihre Hände frei, um ihr Taschentuch herauszuziehen
+und an die Augen zu pressen. "Ich komm' noch und sag' Dir Adieu!"
+schluchzte sie. "Nein, nein! Du mußt nicht!... Noch einmal!" -- Und um
+ein Ende zu machen, preßte er sie wieder in seine Arme, küßte sie und
+ging davon, ohne sich umzusehen.
+
+
+2
+
+_Zweites Paar vor!_
+
+Im März des folgenden Jahres, just als Edvard Kallem vor seinem zweiten
+medizinischen Examen stand, kamen plötzlich Dinge, die ihn auf ganz
+andere Art in Anspruch nahmen.
+
+Und das müssen wir jetzt berichten.
+
+In der Zeit, als seine zusammenhangslosen naturgeschichtlichen Studien
+mehr und mehr sich um die Physiologie kristallisierten, war unter allen
+Physiologen der tüchtigste ein junger Student der exakten
+Wissenschaften, Tomas Rendalen. Er war etwas älter als Edvard Kallem,
+und weil es an und für sich merkwürdig war, daß ein Nicht-Mediziner in
+diesem Fach Hervorragendes leistete, fiel er allen auf, und somit auch
+Edvard Kallem, ohne daß dieser sich darum näher an ihn angeschlossen
+hätte. Rendalen gehörte auch keineswegs zu denen, die für den ersten
+besten zu haben sind.
+
+Erst später, eigentlich erst jetzt, nach Neujahr, als sie mit demselben
+Dampfer aus den Weihnachtsferien nach Kristiania zurückfuhren, kam es zu
+einer Art Annäherung. Aber das erstemal, als Kallem Tomas Rendalen in
+seiner Wohnung aufsuchte, blieb er auch gleich die Nacht über. Und ein
+paar Abende darauf, als Rendalen =ihn= besuchte, wanderten sie zwischen
+ihren beiden Wohnungen, die übrigens ganz nah beieinanderlagen, auf und
+ab, bis morgens gegen drei oder vier. Ein so genialer Mensch war Edvard
+Kallem seiner Lebtag noch nicht unter die Finger gekommen; und Rendalen
+seinerseits kam eines Morgens, noch ehe Kallem nach der Klinik gegangen
+war, dahergestürzt, bloß um zu erklären, von all seinen Freunden und
+Bekannten sei Kallem ihm der liebste.
+
+Rendalen war eine ursprünglichere, kraftvollere Natur als Kallem; er war
+eine Mischung von Zahm und Wild, von Leidenschaft, Schwermut, Musik,
+voll hoher Mitteilungsfähigkeit, aber mit verschlossenen Kammern, die
+sich selten oder nie öffneten. Eine grenzenlose Energie -- und dabei
+manchmal so von aller Kraft verlassen, daß er überhaupt nicht mehr
+weiter konnte; die ganze Maschinerie in Unordnung, als wenn ein Rad
+gesprungen wäre. In der ganzen Charakterlandschaft nicht _eine_ gerade
+Linie -- lauter Unebenheiten, und doch über allem das Licht eines großen
+Geistes. So unberechenbar die Schwankungen waren, so unangenehm die
+Enttäuschungen -- die ganze Persönlichkeit war in ihrer Unmittelbarkeit,
+ihrer Geradheit so gewinnend, daß man ihn lieben mußte.
+
+Sein ganzes Denken ging auf Schulwesen und Erziehung, und darin wiederum
+auf den _einen_ Kern: jedes Kind über das "gefährliche Alter"
+wegzubringen, das auf so ganz ungleiche Art sich äußere. Manche gingen
+daran zugrunde; manche trügen Wunden davon, die erst spät heilten; die
+mit gesundem Geblüt, unter besseren Verhältnissen Aufgewachsenen,
+könnten heil ausgehen; aber jedenfalls seien sie in der Minderzahl. Alle
+Erziehung, aller Unterricht müsse sich auf das eine Ziel konzentrieren:
+einen _sittlichen_ Menschen zu schaffen. Das war sein A und O.
+
+Unermüdlich war er im Vortrag seines Unterrichtplans, seiner
+Behandlungsweise; im Beschreiben der Schuleinrichtung und des
+Zusammenarbeitens mit der Familie. Seine Mutter war Vorsteherin einer
+weithin bekannten Mädchenschule an der Westküste, und die wollte er
+übernehmen, um seine Pläne ins Werk zu setzen. Sein großes Ziel war die
+Simultanschule --Knaben und Mädchen zusammen. Aber erst hieß es, den
+Unterricht in allen Hauptfächern reformieren, und zwar so, daß die
+Fächer leichter gemacht wurden, und nicht bloß zugänglich für die
+Begabtesten. Und das wollte er an der Mädchenschule ausprobieren.
+
+Er besaß eine nicht unbedeutende Sammlung von Schulmaterial aus Amerika
+und vielen europäischen Ländern, einen Schatz, den er unablässig
+vermehrte. Auch eine ganze Bibliothek von Schulliteratur nannte er sein
+eigen. Er wohnte mit einem Kandidaten der Theologie, Vangen, zusammen,
+der zu Weihnachten fertig geworden war und sich jetzt auf das praktische
+Examen vorbereitete. Alle drei Zimmer, die sie gemeinsam bewohnten,
+waren angefüllt mit Rendalens Sammlungen und Bibliothek.
+
+Sein Äußeres war auffallend. Rotes, ins Blonde hinüberspielendes Haar,
+das starr in die Höhe stand, Sommersprossen, blinzelnde graue Augen
+unter weißen, kurzhaarigen Brauen, die kaum zu sehen waren, die Nase
+breit und leise aufwärts strebend, der Mund zusammengekniffen; kurze,
+sommersprossige Hände, jeder Finger voll Energie; nicht groß, aber
+vorzüglich gebaut; sein Gang, auf auswärts gerichteten Füßen, war
+leicht, als gehe er auf Tasten. Er war der erste Turner, wohin er auch
+kam, und bei jeder Gelegenheit hing er an den Turnseilen. Auch Edvard,
+der immer gern geturnt hatte, wurde durch ihn zu dreifachem Eifer
+angespornt; denn Rendalen besaß, wie kein zweiter, die Fähigkeit, andere
+für das, was er selbst liebte, zu gewinnen. Seine Hauptleidenschaft in
+dieser Zeit war, auf den Händen zu gehen; und gerade das konnte Kallem
+zum Entzücken; dies setzte vielleicht der Achtung, die Rendalen vor ihm
+hatte, die Krone auf.
+
+Sie hatten viele Berührungspunkte. Beide waren Spezialisten, beide
+bedeutend in dem, was sie sich als Ziel gesteckt hatten; modern in ihrem
+Denken, voll reformatorischen Mutes, beide zum äußersten auf ihre Person
+bedacht; beide kleideten sich mit Geschmack, --Rendalen legte sogar
+übertriebenen Wert darauf. Beide hatten jenes lebhaft-wechselnde Spiel
+der Gedanken, das schon errät, wenn erst die Hälfte gesagt ist. Beide
+ergänzten sich gegenseitig in ihrem Wissen. Rendalen war musikalisch,
+war ein Meister auf dem Klavier und sang recht gut. Kallem sang noch
+besser, und Rendalen feuerte ihn immer mehr an.
+
+So herzlich sich auch Rendalen im einzelnen und dem einzelnen hingab --
+er hielt sich gleichzeitig immer in einer gewissen Distanz, über die
+niemand hinwegkam. Er liebte seinen Pflegebruder Vangen; aber gerade an
+Vangen sah man recht eigentlich, daß immer eine bestimmte Scheidewand da
+war. Auch darin begegnete Kallem Rendalens Bedürfnis; er hatte ebenfalls
+diese Unnahbarkeit, bei aller Hingabe.
+
+Daneben gab es aber auch genug Ungleichheiten, die das Verhältnis
+einerseits frisch erhielten, andrerseits erschwerten. Die
+Schwierigkeiten kamen fast alle auf Rendalens Konto; Kallem war
+geschmeidiger und fügsamer. Wenn Rendalen gerade einmal Lust hatte, so
+spielte er stundenlang Klavier, spielte, als ob überhaupt niemand im
+Zimmer sei; man konnte ebensogut gleich gehen. Überhaupt war er es, der
+bei jedem Zusammensein den Ton angab. Er war launisch und hatte lange
+Schwermutsperioden, wo nur selten jemand ein Wort aus ihm herausbrachte.
+Eine ungeheure Arbeitskraft, wenn er mit etwas beschäftigt war, das
+seine Seele gefangen nahm, und dann gab er allen den Laufpaß. War er
+aber in der mitteilsamen Laune und so recht "in Stimmung", so war die
+ganze Luft um ihn herum mit Elektrizität geladen.
+
+Das medizinische Studium war für Kallem jeden Tag eine neue Entdeckung,
+und bei ihren gemeinsamen physiologischen Studien trugen sie einander
+getreulich alles zu -- jeder von seiner Seite. Im Januar und Februar
+waren sie fast jeden Abend zusammen, wenn nicht sonst, so doch sicher
+von sechs bis sieben in der Turnhalle. Meist aßen sie hinterher
+zusammen, am liebsten bei Rendalen, der ein Klavier hatte.
+
+Anfang März kam Rendalens Mutter auf Besuch. Sie wohnte bei den
+Wirtsleuten des Sohnes, die vor kurzem erst nach der Stadt gezogen
+waren: ein blinder Mann aus Nordland, der noch dazu auf einer Seite
+gelähmt war, und eine außerordentlich musikalische Frau, ganz jung, fast
+noch ein Kind -- die seltsamste Ehe, die man sich denken konnte.
+Rendalen sprach oft von ihnen. Solange die Mutter des Kameraden in der
+Stadt war, hielt Kallem sich fern. Jedesmal, wenn sie vom Turnen kamen,
+merkte er, daß Rendalen seine Begleitung nicht wünsche. Aber auch, als
+die Mutter nach acht Tagen abgereist war, blieb es dabei; entweder
+turnte Rendalen länger als Kallem, oder er ging nach den ersten paar
+Übungen gleich wieder weg; er wünschte offenbar nicht, daß Kallem ihn
+begleiten solle. Wahrscheinlich hat er wieder seinen Schwermutsrappel!
+dachte Edvard.
+
+Aber eines Vormittags, als Kallem etwas früher als gewöhnlich nach Hause
+gekommen war -- in der Regel war er den ganzen Vormittag fort -- hörte
+er draußen läuten. Das Mädchen öffnete, und Rendalens Schritt erklang im
+Vorzimmer. Er trat hastig ein, -- finster, wortkarg. Er habe ein
+Anliegen: ob Kallem nicht die Wohnung mit ihm tauschen wolle.
+
+Kallem kannte ihn zu genau und war zu gutmütig, um sich irgendwelche
+Verwunderung anmerken zu lassen; er fragte auch gar nicht nach dem
+Grund, sondern sagte bloß, seine beiden kleinen Zimmer würden wohl
+schwerlich für Rendalens Sammlungen und sein Klavier ausreichen. Und
+Vangen? Oder wolle er nicht länger mit Vangen zusammenwohnen? Doch,
+freilich! Aber neben Kallems zwei Stuben sei ein großer Saal, auf den
+er, Rendalen, es schon längst abgesehen habe; die Wirtin würde ihn gern
+vermieten. Und ihm passe er gerade. Allein schon Klavier zu spielen in
+diesem Saal! -- "Hast Du bereits mit der Wirtin darüber gesprochen?" --
+"Nein; das will ich jetzt." Und damit war er hinaus. Dann kamen beide,
+er und die Wirtin, wieder herein. Und wenige Minuten später war alles
+abgemacht. Schon am Nachmittag wurde der Umzug bewerkstelligt. Als der
+wackere Vangen auf seinen langen Beinen vom Mittagessen nach Hause kam,
+saß Kallem im ersten Zimmer rechts neben der Korridortür in Schlafrock
+und Pantoffeln und erzählte ihm, Rendalen wohne jetzt in der
+Sehestedsstraße, in Kallems früherer Wohnung; sie hätten getauscht.
+Beide lachten.
+
+"Und dabei gefiel es ihm hier so gut!" sagte Vangen. Das war aber auch
+das einzige, was er sagte.
+
+Kallem dachte natürlich über die Ursache dieses hastigen Umzugs nach und
+hatte auch die Absicht, sich jedesmal einen ausführlichen Schwatz mit
+dem Mädchen zu leisten, wenn es kam, um nach dem Ofen zu sehen oder ihm
+Frühstück und Abendbrot zu bringen, das er im Hause einnahm. Sie sah
+aus, als wisse sie etwas. Marie hatte ein eigentümliches Lächeln,
+ungefähr als wenn sie sagen wollte: "O -- ich durchschau' Euch alle
+miteinander -- auch Dich, Du Schlauberger!" Gleich als sie ihm zum
+erstenmal die Tür aufmachte, hatte sie dieses Lächeln. Ihre Augen waren
+bis über die Hälfte verhüllt von den Lidern, die in einer hängenden
+Falte darüber lagen. Die Nase war platt und aufgestülpt und zog beim
+Lachen den Mund wie an zwei straffen Bändern in die Höhe, daß die
+Oberlippe vorstand und eine Reihe Zähne zeigte, die sich um den Platz zu
+streiten schienen; sie blitzten mit dem Lächeln um die Wette. Alles, was
+sie sagte, hatte einen Unterton von Schelmerei und Spottlust; unter den
+Lidern schoß es hervor, in den Mundwinkeln spielte es. Dabei eine weiche
+Stimme. Im übrigen ein kerniges Mädel, gut gebaut, klug wie der Teufel
+und trotz ihrer lachlustigen Kritik zurückhaltend und vorsichtig in
+Worten und Benehmen. Aber das Lachen lag immer auf der Lauer. Als er
+sagte: "Mein Name ist Edvard Kallem -- ich werde in Herrn Rendalens
+Zimmern wohnen!" antwortete sie lächelnd: "Oh!" -- als kenne sie alle
+seine Geheimnisse von Kindesbeinen an. Erwähnte er Rendalen irgendwie,
+so sah sie aus, als wisse sie einen ganzen Haufen lustiger Geschichten
+von ihm; aber trotzdem -- zum besten gab sie nichts.
+
+Das Haus, in dem er jetzt wohnte, war ein Eckgebäude, schräg gegenüber
+der Universität. Die Haustür ging auf die Straße, an der auch Kallems
+Zimmer gelegen waren. Sie lagen im zweiten Stock, auf demselben Korridor
+wie die Wohnung der Wirtsleute, d. h. das eine Zimmer -- das andere,
+sein Schlafzimmer, lag außerhalb mit eigenem Eingang. Rendalen hatte
+noch ein drittes Zimmer gehabt, das Eckzimmer weiter drinnen. An der
+Korridortür befestigte Kallem seine Visitenkarte, unter einem großen
+Schild, auf dem "Sören Kule" stand; das war der Name des Wirts. Tags
+darauf, an einem Sonntag, machte er seinen Antrittsbesuch.
+
+Der blinde, gelähmte Mann saß in einem großen Rollstuhl. Er war noch
+jung, der Unglückliche, kaum über dreißig, von übermäßig dicker Gestalt,
+mit schweren Gesichtszügen und schwerer Zunge. Schon sein: "Herein!" auf
+Kallems Klopfen klang schwerfällig. Kallem nannte seinen Namen. Der
+andere saß da, ohne sich zu rühren und antwortete langsam: "So, so! --
+Ich bin nämlich blind. -- Und kann mich auch nur wenig bewegen." Er
+sagte es mit nordländischem Tonfall. Die einzelnen Silben kamen wie das
+plumpe Trotten von Londoner Bierbrauerpferden heraus. Die Gesichtszüge
+waren, trotz ihrer Fülle, scharf geschnitten und klar; es war
+augenscheinlich Rasse in dem Mann. Kallem war Mediziner genug, um auf
+der Stelle zu erkennen, was die Ursache seiner Blindheit und Gelähmtheit
+war. Verschiedene Stahlstiche, Holzschnitte und Photographien von
+Spanien an den Wänden brachten ihn auf den Gedanken, daß er vielleicht
+von dort das Geschenk mitgebracht hatte, mit dem das galante Völkchen da
+unten so freigebig ist.
+
+"Bitte, nehmen Sie Platz!" ertönte es endlich wieder. In die bewegliche
+Seite des Körpers schien eine Art Leben zu kommen, während er den Kopf
+nach einer Tür links wandte. "Ragni!" Niemand antwortete; niemand kam.
+Die Stille färbte sich grau vor seiner Stimme, seinem gleichgültigen
+Wesen, seiner schwerfälligen Ruhe. Kallem sah sich um. Wahrhaftig -- da
+lagen Kinderspielsachen! War es ihm nicht, als habe er Kinderstimmen
+gehört? _Hier_ waren Kinder? "Ragni!" dröhnte es noch einmal, langsam.
+Dann --leiser: "Sie wird in der Küche sein und das Essen richten!"
+Wieder dieselbe graue Stille. Schellengeläut von der Straße her zerriß
+sie einen Augenblick; dann zog sie sich um so lastender wieder zusammen.
+Die Möbel waren -- für eine kleine norwegische Stube im Winter -- zu
+schwer und zu dunkel; auch waren sie zerschlissen und verblichen. Die
+Kupferstiche und Photographien hingen in großen Rahmen, die nicht dicht
+schlossen, so daß Staub und teilweise Feuchtigkeit das Papier verdorben
+hatten. Nur das Kinderspielzeug und der Flügel hoben sich von dem andern
+ab; der Flügel schien ganz neu zu sein und stammte von der besten
+Pariser Firma -- augenscheinlich ein Konzertflügel. "Die gnädige Frau
+spielt so gut -- habe ich gehört?" -- "Ja." -- Kallem wußte, daß sie
+sich von Kind auf für die Musik ausgebildet hatte, und -- um etwas zu
+sagen --griff er dies Thema auf. "Sie hat auf dem Konservatorium in
+Berlin studiert, nicht wahr?" -- "Ja!" --Im Zimmer rechts, das an das
+Eckzimmer stieß, wurden Stühle gerückt. Kallem griff dies Thema auf. --
+"Ich bekomme im Eckzimmer einen Nachbarn, wie ich höre?" -- "Ja." --
+"Ein Verwandter von Ihnen?" --"Ja, eine Tante." -- Wieder wandte Sören
+Kule den Kopf nach links und rief gleichgültig: "Ragni!" Niemand
+antwortete, niemand kam. "Mir war, als hörte ich draußen jemand gehen",
+sagte er, wie um sich zu entschuldigen, daß er gerufen hatte. Kallem
+stand auf und verabschiedete sich.
+
+Einige Tage später gab er Rendalen eine humoristische Schilderung dieses
+Besuchs. Rendalen lachte. Er selber sei nur selten dort gewesen; aber er
+habe viel gehört von "Sören Kule". Er versicherte, seinetwegen möge den
+Kerl der Teufel holen -- er habe nicht die geringste Lust, über ihn zu
+sprechen. Und er setzte sich ans Klavier und spielte.
+
+Wieder einige Tage später -- wem begegnete Kallem draußen im Korridor?
+Wem anders, als seinem zukünftigen Schwager, Herrn Ole Tuft --
+Kandidaten der Theologie und zurzeit in Kristiania, um sein
+Schlußexamen zu machen. Große Wiedersehensszene! Der eine hatte keine
+Ahnung von Kallems Umzug, der andere keine, daß Ole Tuft im Hause
+verkehre. Kallem lud ihn ein, mit ihm auf sein Zimmer zu kommen und
+erfuhr nun, daß Ole heute zum erstenmal hier war. Er verkehrte bei der
+Tante der Wirtsleute, die gestern hier eingezogen war. Edvard Kallem
+wußte jetzt gleich, zu welcher Art Menschen sie gehöre, und ließ das
+Thema augenblicklich fallen. Er fragte, ob Ole den Sören Kule kenne.
+Nein, nur durch die Tante. Die ganze Familie stamme aus Nordland. Wer
+eigentlich dieser Sören Kule sei? Ein wohlhabender Fischhändler, der
+blind und lahm geworden sei; er habe sein Geschäft verkaufen müssen und
+dies Haus in Kristiania erstanden; davon und von seinen Zinsen lebe er.
+Sie hätten Verwandte in der Stadt und seien erst im Oktober hergekommen.
+-- Ob Ole Tuft wisse, was die Ursache seiner Blindheit und Gelähmtheit
+sei? -- Nein. -- Kallem erklärte, wie darüber eigentlich kein Zweifel
+sein könne. Ole Tuft war ganz entsetzt! "Wie darf er's dann wagen, zu
+heiraten! Und dazu zweimal!" --"Er ist zum zweitenmal verheiratet?" --
+"Ja! Seit etwa einem halben Jahr -- oder auch vielleicht einem Jahr.
+--Mit der Schwester seiner verstorbenen Frau." -- "So stammen die Kinder
+aus seiner ersten Ehe?" -- "Ja. Sie selber ist ja noch ein Kind. Denk
+doch -- achtzehn Jahre! Und bald ein Jahr verheiratet!" -- "War er schon
+so, wie er sich zum zweitenmal verheiratete?" --"Nein, das glaub' ich
+doch nicht. Kränklich, ja -- aber nicht so. Die wenigsten werden es ja
+begreifen können." -- "Hast Du sie gesehen?" -- "Nein. Aber sie soll ein
+'feines' kleines Geschöpf sein, sagt die Tante, und musikalisch. Sie hat
+schon öffentlich gespielt." -- "In Nordland wahrscheinlich?" -- "Sie
+sollen ungeheuer kritisch sein da oben." -- Er kam wieder auf die Ehe
+zurück. "Vielleicht haben die Eltern sie zustande gebracht --der Kinder
+wegen." -- "Also Pfarrersleute?" -- hätte Kallem fast gesagt; aber er
+besann sich beizeiten. "Wählerisch ist sie jedenfalls nicht -- bei
+Gott!" --sagte er statt dessen. Sie sprachen dann noch ein bißchen über
+gleichgültige Dinge. Die Schwester wurde nicht erwähnt. Eine Weile
+später ging Ole zur Tante hinein, die er hatte besuchen wollen. Kallem
+war diesen Vormittag zufällig daheim und hörte die Frau des Hauses
+spielen. Erst Tonleitern, nichts als Tonleitern; dann aber ein Stück, so
+meisterhaft vorgetragen, daß er einen Spalt seiner Tür öffnete, um
+besser zu hören. Sie spielte vor allem so gesangvoll! Wie in aller Welt
+konnte ein Weib, so jung, von diesem Kunstverstand und dieser Lyrik,
+solch einen verfaulten Fleischklumpen heiraten? Es war ein Rätsel. Er
+ging damit zu Rendalen; aber Rendalen wußte gar nichts. Immerhin war er
+just bei guter Laune und äußerte sich voller Begeisterung über ihr
+Spiel; wenig Kühnheit war darin, aber ein Gesang, ein erotischer
+Farbenreiz, die ihresgleichen suchten. Er spielte ein russisches Stück
+-- wie sie --oder doch -- wie er hinzufügte -- so ungefähr; er spielte
+es ausgezeichnet. Kallem wollte wissen, wie sie aussehe. "Dumm sieht sie
+aus!" schrie Rendalen. "Einfach dumm! Die Stirn könnte ihre Rettung
+sein; aber da zerrt sie die Haare darüber. Auch die Augen könnten sie
+retten. Aber mein Lebtag hab' ich noch kein Wesen gesehen, das so
+blödsinnig schüchtern gewesen wäre mit seinen Augen!" -- "_Hat_ sie denn
+Augen?" -- "Herrgott! Und was für vieltönige! Die meisten singen glatt
+unisono -- wenn's hoch kommt zweistimmig! Aber manche -- ganz wenige --
+singen strahlende Akkorde! Wenn sie beim Spiel aufblickt, dann fühlst
+Du's. Aber für gewöhnlich kleben sie an den Tischbeinen oder bohren
+Löcher in die Ecken -- oder zünden das Feuer im Ofen an. Manchmal fahren
+sie ein Stück an der Wand hinauf, wie eine Ratte, die keinen Ausweg
+findet." Er war ganz belustigt über seine eigenen Bilder und setzte sich
+an's Klavier, um einen raschen Tanz zu spielen. -- "Ist das nun nicht
+des Teufels, daß solch ein musikalisches Geschöpf -- ach was! Bloß
+nicht sentimental werden, Alter!" Er wollte in's Theater, und Kallem
+mußte mit.
+
+Acht Tage waren vergangen, und noch hatte Kallem sie nicht gesehen, wie
+sehr er sich auch bemühte hatte. Dann machte er einen Familienball mit,
+-- der Sohn des Hauses war sein Studienfreund -- und bei einer
+Kotillontour kam der Freund mit zwei Damen und fragte, was er wählen
+wolle -- "Nußkern" -- oder "Heckenröschen"? Besonders geistvoll war es
+ja nicht; aber Edvard wählte die "Heckenrose". Die Heckenrose hatte eine
+Musikerstirn und reizende, gewölbte Augenbrauen; im übrigen war sie
+schweigsam und unbedeutend. Ziemlich groß, abfallende Schultern, schöne
+Arme, nicht voll, aber wohlgeformt; gerade eigentlich wie der ganze
+Mensch. Sie tanzte gut; aber es hatte den Anschein, als möchte sie so
+rasch wie möglich von ihm loskommen; und wie er sie an ihren Platz
+zurückführte, hatte sie ihn kaum angesehen. Er war höchst erstaunt, als
+sie ihn bei der nächsten Tour holte. Vielleicht kannte sie nicht viele
+Menschen, und ihre Bekannten waren gerade nicht frei. Sie sah sich scheu
+um, kam dann mit kleinen, zaghaften Schritten auf ihn zu und verbeugte
+sich, ohne jedoch aufzublicken. Es schien fast, als fürchte sie sich,
+und darum wollte er ganz besonders freundlich zu ihr sein und setzte
+sich neben sie. Aber als sie auf alles, was er auch sagen mochte, nur
+mit "Ja" oder "Nein" oder "Vielleicht" antwortete, wurde das einem so
+gefeierten Kavalier doch zu viel; er stand auf und verließ sie. Kurz
+darauf hatte er wieder die Wahl zwischen dem "Nußkern", den er vorhin
+verschmäht hatte, und einem "Bonbon", und jetzt nahm er den "Nußkern".
+Die gefiel ihm besser; ein rundliches, bewegliches Ding, das eine
+Mischung von nordländischem und Bergener Dialekt sprach. Sie erzählte
+ihm, ihr Vater stamme aus Bergen und sei jetzt Pastor in Nordland. Sie
+sei hier bei ihrer Schwester zu Besuch und mache viele Bälle mit; sie
+hätten so viele Verwandte in der Stadt. Alles das singend -- echt
+nordländisch. Leider müsse sie bald wieder nach Hause; sie bangten sich
+so nach ihr daheim, und die alten Leute möchten nicht gern allein sein.
+Kallem war natürlich der galante Mann und tat, als interessiere ihn das
+alles sehr; sie waren bald dicke Freunde. Sie plapperte wie ein Mühlrad;
+sie sei hierhergekommen, um ihrer Schwester beim Umzug zu helfen. Die
+Schwester sei so unpraktisch -- ganz im Gegensatz zu _ihr_; sie könne
+überhaupt nichts als Klavierspielen. Von kindauf habe sie gespielt, und
+sie sei zwei Jahre in Berlin gewesen. Jetzt begann Kallem die Ohren zu
+spitzen. Und wirklich -- die Schwester war seine Tänzerin von vorhin,
+die er so langweilig gefunden hatte -- seine Hauswirtin, Frau Ragni
+Kule. Der "Nußkern" war übrigens gar nicht ihre Schwester; sie waren
+Stiefschwestern. Und der "Nußkern" war auch nicht, wie er glaubte, die
+ältere; im Gegenteil -- die Schwester war bald neunzehn und _sie_ knapp
+siebzehn.
+
+Sofort engagierte er Frau Kule und sagte ihr ganz erstaunt, sie sei ja
+seine Wirtin? Ob sie das wisse? Ob sie ihn darum vorhin geholt habe? Sie
+sah aus, als fühle sie sich auf einer Sünde ertappt und wußte nichts zu
+ihrer Entschuldigung vorzubringen. "Aber warum haben Sie mir denn das
+nicht gesagt?" fragte er eifrig und eindringlich. Über diese neue Sünde
+-- daß sie es verschwiegen hatte -- wurde sie noch viel zerknirschter;
+sie wußte keine Silbe zu erwidern. Da sagte er -- übermütig und
+ungeduldig: "Das Sprechen fällt Ihnen wohl schwer, gnädige Frau?" Sie
+wurde sehr blaß. In ihr Gesicht trat zu dem Schrecken etwas
+herzzerreißend Unglückliches. Seine ganze Ungezogenheit kam natürlich
+daher, daß er von vornherein wegwerfend von einem Geschöpf dachte, das
+sich dazu hergegeben hatte, solch einen Klumpen verdorbenen Fleisches zu
+heiraten. Aber ihre blasse Hilflosigkeit erweckte so unmittelbar sein
+Mitgefühl, daß er rasch hinzufügte: "Ich weiß ja, Sie verfügen über eine
+Sprache, die Ihnen leichter fällt, als den meisten andern." Und nun ging
+er ganz natürlich auf ihre Musik über, führte sie zu einem Platz,
+erzählte, er habe sie spielen hören, und erwähnte Rendalens kompetentes
+Urteil. Dann lenkte er die Unterhaltung auf allerhand berühmte
+Virtuosen, die er selber gehört hatte und fesselte sie auf diese Art;
+denn auch sie hatte viele von ihnen gehört. Nach und nach faßte sie
+soviel Zutrauen, daß sie nach Rendalen zu fragen wagte; sie habe ihn
+nicht wiedergesehen, seitdem er ausgezogen sei. -- Es gehe ihm recht
+gut. --Und nun schilderte er Rendalens Eigenheiten so, daß sie lachen
+mußte. Sie sah nicht dumm aus, wenn sie lachte; ganz und gar nicht.
+Einen Augenblick konnte dann auch das "Vielstrahlige" in ihre Augen
+kommen. "Weshalb ist Herr Rendalen ausgezogen?" fragte sie. Es klang
+ebenfalls ein bißchen singend nordländisch; aber weniger als bei der
+Schwester. Die Stimme war in all dem Lärm ziemlich schwach, aber sehr
+süß. Er antwortete mit einer Gegenfrage. Nein; sie wisse nichts; und
+dabei sah sie ihn an. Waren das Augen! "Ob es wegen des Zimmers war?" --
+"Des Zimmers?" fragte er zurück. -- "Ja -- daß er vielleicht gehört hat,
+die Tante möchte es gern -- die Tante meines Mannes!" berichtigte sie
+und war schon wieder ganz verlegen. -- Ob sie ihm denn gekündigt hätten?
+-- Keineswegs! -- "Na, dann konnte er sich doch auch nicht gekränkt
+fühlen!" -- Nein, das meinte sie auch. Aber Rendalen sei nicht einmal
+gekommen, um sich zu verabschieden. Die Verlegenheit verließ sie nie
+ganz; sie stand ihr gut, wie ein Schleier bisweilen kleiden kann. "Waren
+Sie oft mit seiner Mutter zusammen?" -- "Ja!" sagte sie und lächelte. --
+"Weshalb lächeln Sie?" --"Ach -- es ist vielleicht nicht ganz recht --
+aber sie war wie ein Mann." -- Kaum hatte sie das gesagt, so wurde sie
+verlegen und wollte es zurücknehmen; sie habe bloß gemeint, Frau
+Rendalen sei so tüchtig. Kallem hielt sie aber dabei fest und trieb Ulk
+damit; sie mußte wieder lachen, und wie gesagt, wenn sie lachte, war sie
+süß. "Aber Sie können ja sprechen?" Sie sah ihn verstohlen an; machte er
+sich lustig über sie? Dann erinnerte er sich, daß Rendalen ihr gesagt
+hatte, sie solle die Stirn frei tragen; und heute abend trug sie die
+Stirn frei. Schau', schau'!
+
+Wie schön sie tatsächlich war! Daß er das nicht gleich gesehen hatte!
+Daß andere es nicht sahen und davon sprachen! Das Gesicht freilich
+kindlich, unentwickelt, und die schlanke Figur ein bißchen schmächtig.
+Ihre Stirn war entzückend; die Brauen waren fein gebogen, aber hell und
+nicht stark. Die Augen bekam man auch jetzt nur schwer zu sehen; aber er
+wußte nun, daß sie in ihrer graublauen Scheuheit treuherzig und daß sie
+reich waren. Weich und unbestimmt waren Wange, Kinn und Mund; -- der
+Mund stand ein bißchen offen; er war klein, und wirkte dadurch ganz
+besonders "süß". Die Nase war unbedeutend, und auch etwas schief. Das
+Haar nicht stark, jedoch mit einem rötlichen Schimmer über dem Blond.
+Aber die Hautfarbe! Vom reinsten zartesten Weiß. -- Man konnte den Blick
+nicht mehr davon wenden, wenn man es einmal entdeckt hatte! Man sah es
+freilich nicht gleich, wenn die Farbe des Kleides sie nicht hob und die
+Beleuchtung schlecht war. Sie trug keinen Schmuck, nicht einmal ein
+Armband. Die Handgelenke ließen eine lange, schmale Hand ahnen, die er
+gern gesehen hätte. "Sie lieben also die Musik über alles?" -- "Ja,"
+erwiderte sie; "es ist ja das einzige, was ich kann!" Sie blickte vor
+sich nieder. Er überlegte, ob er eigentlich nichts fragen könne, was sie
+nicht als Schande empfinden konnte. Aber vor allem mußte er sich selber
+in acht nehmen; war er nicht auf dem besten Weg, sich zu verlieben?
+Leider müsse er jetzt weiter, um mit andern zu tanzen und sich zu
+unterhalten. Sobald er sie verlassen hatte, war ihm, als finde er sie
+nicht wieder; aus der Entfernung wurde sie gewissermaßen unsichtbar.
+Sobald es der Anstand erlaubte, war er wieder bei ihr. Sie hatte
+augenscheinlich nichts dagegen. Diesmal war sie ein bißchen
+zutraulicher, ja, sie sah ihn sogar ein paarmal an und lächelte ihm
+gerade in die Augen. Ei, ei! Das war mehr, als Rendalen erreicht hatte!
+Seine Verliebtheit hatte begonnen durch ihre Verlegenheit und wuchs
+durch ihre Zutraulichkeit. Er fragte, ob er die Damen nach Hause
+begleiten dürfe. Er habe doch ein größeres Anrecht darauf als andere,
+weil sie seine Wirtin sei. Das wurde sofort angenommen; sie überlegte
+gar nicht. Allerdings, sagte sie, ihr Neffe, der vorhin Kallem zwischen
+"Nußkern" und "Heckenrose" hatte wählen lassen, würde sie begleiten;
+aber sie könnten ja beide mitkommen. -- "Natürlich!" sagte er munter;
+heimlich dachte er: "der Neffe" kann dann den "Nußkern" nehmen!
+
+Eine feuchte Nacht mit leisem Schneefall. Die Schneesterne sanken
+vereinzelt und bedächtig, als wähle jeder sich seinen Platz und habe
+jeder sein Geschäft. Kein Windhauch mischte sich darein. Die beiden
+Damen erschienen, wohl eingemummt, mit Finnen-Schuhen[1] an den Füßen.
+Drinnen waren Musik und Tanz noch in vollem Gang; im Vorsaal und auf der
+Treppe klang helles, junges Lachen und von draußen das Schellengeläut
+der zum Abholen bestellten Schlitten. Der "Neffe" konnte so früh nicht
+fort, da er Wirt war; aber er schaffte einen Stellvertreter herbei, der
+auch sofort seine Dame unter den Arm nahm und in großen Sätzen mit ihr
+den Hügel hinabjagte. Als jedoch Kallem es mit der seinen ebenso machen
+wollte, wurde sie ängstlich, klammerte sich fest an ihn, während sie
+mitrennen mußte, rannte atemlos und bat, er möge das doch lassen. Sie
+benahm sich, als wenn sie nicht gut sähe. Er blieb stehen und fragte, ob
+das der Fall sei. Nein, aber sie habe eine Todesangst, sie könne fallen.
+"Sie sind wohl überhaupt sehr ängstlicher Natur, wie?" -- "Ja, das bin
+ich", sagte sie treuherzig. Süß war sie ja; aber im Grunde doch eine
+rechte Zimperliese. Sie gingen nun ein Stück weit, ohne zu sprechen; die
+beiden andern waren nicht zu sehen. Bah, dachte er, es ist nicht der
+Mühe wert, sich darüber zu ärgern; sie wird eben nicht anders können.
+"Es ist noch nicht einmal ein Uhr", sagte er. -- "Nein, aber das jüngere
+von den Kindern ist nicht wohl; das Mädchen wacht bei ihm, und die muß
+morgen wieder früh heraus." Der nordländische Singsang ihrer Stimme
+versetzte ihn ans Meer. "Ich vermisse jetzt im Winter das offene Meer
+so", sagte er. "Hier ist nichts als Eis. Es wird wohl allen Westländern
+so gehen!" Sie antwortete, in Berlin habe sie oft, besonders beim
+Spielen, das Meer geradezu gehört. "Aber ist es nicht wunderbar, daß das
+Meer einen immer frisch macht, wenn man in seiner Nähe ist, und
+schwermütig, wenn man daran denkt?" -- -- Ein paar Schlitten kamen rasch
+von oben herunter; die beiden mußten ausweichen, und sie zog ihn mit
+sich bis an den äußersten Rand des Wegs, während es vorübersauste, drei
+Schlitten hintereinander, in rasendem Tempo.
+
+Sie gingen weiter und lauschten dem Schellengeläut, bis es sich verlor;
+wieder trat die Stille ein, deren die Schneeflocken bedurften, um sich
+bemerkbar zu machen.
+
+"Man sollte eigentlich nicht reden, wenn Schnee fällt", sagte sie.
+
+Jetzt warteten die beiden andern auf sie, und das Gespräch ging eine
+Zeitlang zwischen dem "Nußkern" und den Herren hin und her, bis wieder
+ein Hügel kam, den das erste Paar im Sturm nahm. Die andern sahen sie
+nur noch durch den Schneeschleier, ohne sie zu hören. Aber sobald die
+Straße dichter bebaut war und der Verkehr lebhafter wurde, schlossen
+sich die Paare wieder zusammen, und damit war auch der angenehmere Teil
+der Wanderung zu Ende.
+
+Hinterher verwuchsen die Eindrücke mit dem Naturbild: sie -- mitten
+unter den Schneesternen -- das Weißeste, Feinste, was er je gesehen
+hatte. Was sie vom Meer und vom Schneefall gesagt hatte, war voll
+musikalischer Phantasie; zuletzt schwebte die ganze Gestalt in weicher
+Unbestimmtheit. Allmählich, während alle diese Eindrucksperlen vom
+Grunde seiner Seele aufstiegen, gerieten seine Sinne in wirren
+Liebestaumel. Sie war in diesen Zimmern; so oft eine Tür zum Vorsaal
+sich öffnete, gab es einen Widerhall in ihm; ging ein leichter Schritt
+über den Gang, so war sie es; er hatte fast ein Gefühl, als ginge es
+über ihn selber hinweg. Im Grunde fürchtete er sich davor, ihr wieder zu
+begegnen; da schwand wohl alles wieder in nichts zusammen. Jetzt war das
+Bild so schön. Und wirklich, so geschah es auch ... Als er fünf oder
+sechs Tage später von der Universität kam, begegnete er ihr und ihrer
+Schwester mit zwei kleinen Kindern. Es gingen viele Menschen auf dem
+Fußsteig zwischen ihnen, so daß er sie erst erkannte, als sie einander
+gegenüberstanden. Er grüßte; der "Nußkern" lächelte und grüßte auch;
+aber die andere wurde rot und vergaß zu grüßen, und jetzt sah sie nichts
+weniger als talentvoll aus. Er hielt sie an, erkundigte sich, wie ihnen
+der Abend bekommen sei, und begann ein Gespräch mit der Schwester. Die
+andere beugte sich über die Kinder, -- zwei reizende kleine Mädchen,
+angezogen wie Puppen, das eine drei, das andere etwa vier Jahre alt. Er
+lud die Gesellschaft in die Konditorei ein, was nach einigem Schwanken
+angenommen wurde. Aber die junge Frau blickte nicht mehr auf, und im
+Lokal konnte er sie kaum dazu bewegen, sich zu setzen. In ihrer
+Verlegenheit und vor lauter Unruhe begann sie an den Kindern
+herumzubasteln, bis die Kleinen ungeduldig wurden. Er bot ihnen Wein und
+Kuchen an, aber sie wußte nicht, was sie nehmen sollte; zuletzt überließ
+sie die Wahl der Schwester. Ihr Gesicht war heute von einer Mütze mit
+Ohrenklappen eingerahmt, unter der die Stirn völlig verschwand, wodurch
+das Gesicht rund und nichtssagend wurde. Ihre Figur steckte in Kleidern,
+die ihr alle zu weit waren -- später hörte er, daß sie von ihrer
+verstorbenen Schwester sie geerbt habe. Erst als er selber sich mit den
+Kindern beschäftigte, wozu er -- als großer Kinderfreund -- ein
+auffallendes Geschick hatte, kamen sie sich wieder näher; noch dazu
+unten auf dem Fußboden. Das Kleinste hatte sich mit dem
+Schlagsahnekuchen beschmiert, den die Frau in ihrer Ungeschicklichkeit
+für das Kind gewählt hatte, und als sie es, jedes mit seinem
+Taschentuch, abwischten, zerfloß sie im demütigen Gefühl ihres Vergehens
+und konnte nicht aufhören zu danken. Nun wollte die Kleine, die sich so
+wundervoll beschweint hatte, noch einen Kuchen von derselben Sorte,
+beileibe keinen andern, und Kallem war -- obgleich er wußte, daß
+allzuviel nicht gut war für das Kind -- natürlich völlig damit
+einverstanden. Aber er nahm es auf den Schoß, ließ sich eine Serviette
+geben und paßte auf, bis der letzte Bissen verspeist war. Die junge Frau
+stand daneben und ließ sich voll Demut belehren. Jetzt wollte die Kleine
+noch einen dritten Kuchen, und auch damit war Kallem einverstanden. Die
+Ältere, die bis dahin geduldig zugesehen hatte, wie ihre Schwester aß,
+wagte nun auch zu bitten; da nahm er sie auf sein zweites Knie und
+fütterte alle beide. Alle Teile amüsierten sich während dieser wichtigen
+Handlung, sogar Frau Ragni fand den Mut, zu lachen. Und wie gesagt, wenn
+sie lachte, war sie "süß". Die Erwachsenen tranken noch ein Glas Wein.
+Auf dem Heimweg trug Kallem das kleinste Mädelchen auf dem Arm. Sie
+waren bald dicke Freunde, er und die Kleine; ihre Stiefmutter war auf
+den Wein hin mutiger geworden und sagte: "Ist sie nicht süß, die kleine
+Juanita?" Sie reichte ihre Hand hinauf, und die Kleine patschte mit
+ihrem Fausthandschuh hinein; die junge Frau hielt ihn im Gehen eine
+Weile fest.
+
+Kallem trug das Kind die Treppe hinauf und versäumte nicht, ihm sein
+Zimmer zu zeigen und beide einzuladen, ihn am nächsten Vormittag zu
+besuchen. Es war ein Sonntag. Gleich nach Tisch kaufte er Apfelsinen,
+Äpfel, Feigen und kandierte Früchte, um etwas zu haben, wenn sie kämen.
+
+"Ist sie nicht süß, die kleine Juanita?" -- mit ihrem leisen
+nordländischen Tonfall! Er setzte es in Musik und summte es vor sich
+hin, so oft er an sie dachte. Dann hörte er die Stimme, sah die Augen,
+wie sie zu dem Kind aufblickte, die ausgestreckte Hand. "Ist sie nicht
+süß, die kleine Juanita?" wurde eine Lieblingsstrophe, die er auch
+Rendalen lehrte; sie begrüßten sich damit abends beim Turnen. Aber daß
+sie verlegen geworden war, als sie ihn wiedersah -- vielleicht, weil es
+heller Tag war --, das behielt Kallem für sich. Er erzählte, wie putzig
+sie gewesen war in ihren zu großen Kleidern, die aussahen, als seien sie
+für einen Backfisch gemacht, der noch wächst. Aber daß sie in der
+Konditorei unruhig geworden war, als er sie ansah, davon sagte er keinen
+Ton.
+
+Die Kinder waren oft bei ihm. Er schenkte ihnen Apfelsinen und süße
+Früchte, lief vor ihnen auf den Händen und sprang über die Stühle, und
+sie waren unbändig vergnügt! Bloß das Mädchen verdarb ihm allen Spaß; er
+las in ihrem Lächeln nur zu deutlich: "Du bist ein Schelm! Du tust ja
+doch alles nur der Mutter wegen!"
+
+Er war feig genug, ihr zu sagen, die Kinder dürften jetzt eine Zeitlang
+nicht mehr kommen. Es schnitt ihm ins Herz, als er am nächsten Abend
+hörte, wie die Ältere die Tür aufmachte und schon auf dem Korridor war,
+um zu ihm herüberzulaufen, und dann zu weinen anfing, als man sie
+zurückholte. Er klingelte nach dem Mädchen und befahl ihr, den Kindern
+den Rest von dem, was er für sie gekauft hatte, zu bringen. Sie nahm es.
+"Das ist aber zu viel!" sagte sie und sah ihn verschmitzt lächelnd an;
+prügeln hätte er sie können. Aber dann dachte er: "Zum Kuckuck auch,
+wenn sie doch Verdacht hat bei allem, was ich tue, dann können auch die
+Kinder wiederkommen!" Und am nächsten Abend holte er sie selber aus der
+Küche zu sich herein.
+
+Eines Tags begegnete er der Schwester, die eben ausgehen wollte. Sie
+grüßte fröhlich und sagte: "Gut bekommen neulich?" "Denken Sie nur,"
+fügte sie hinzu, "in ein paar Tagen reise ich nach Hause." Er meinte, da
+gehöre es sich doch, daß sie Abschied feierten, etwa in der Konditorei.
+Das fand sie auch, und sie verabredeten, sie wollten sich am nächsten
+Tag treffen, ganz wie neulich, auch die Kinder mit dabei, und alles
+sollte wiederholt werden. So geschah es auch. Frau Ragni war nicht ganz
+so verlegen wie das letzte Mal, er noch munterer, die Kinder
+ausgelassen. Die ganze Tollheit des Verliebten war über ihm, als sie
+voll Fröhlichkeit nach Hause zurückkehrten. Er tanzte, Juanita auf dem
+Kopf, voraus und lehrte die Schwestern singen: "Ist sie nicht süß, die
+kleine Juanita?"
+
+Als die Schwester abreiste, kam er auf den Bahnhof. Eine Menge Verwandte
+und andere Menschen waren da, um Abschied zu nehmen. Beide Schwestern
+waren tief unglücklich, am unglücklichsten wohl die zurückbleibende. Sie
+weinte unaufhörlich, auch nachdem der Zug schon fort war. Einen
+Augenblick dachte er daran, sich zurückzuziehen und sie mit den
+Verwandten allein zu lassen; aber sie sagte: "Ach bitte, gehen Sie
+nicht!" Dabei wollte sie eigentlich gar nichts von ihm; sie ging neben
+ihm her wie neben den andern und weinte den ganzen Weg über; auch als
+die andern gegangen waren, und er und sie vor der Haustür standen, wußte
+sie nichts zu sagen, sondern ging ohne weiteres hinauf. Auf der Treppe
+fragte er, ob sie und die Kinder nicht ein bißchen mit ihm spazieren
+fahren wollten; das würde sie zerstreuen. Sie schüttelte nur den Kopf.
+"Aber morgen vielleicht?" fragte er ehrerbietig, während er ihr die Tür
+öffnete. Sie ging hinein, kam jedoch wieder zurück. "Danke, morgen
+vielleicht!" sagte sie, gab ihm die Hand und sah ihn mit ihren guten,
+tränenvollen Augen an.
+
+Aus diesem tiefen Schmerz glaubte er schließen zu können, daß sie sich
+verlassen fühlte. Im Alltagsleben vielleicht nicht; denn da füllte sie
+die Zeit mit ihrer Phantasie aus; wenn aber etwas geschah, das sie aus
+dem Traum herausriß, so wachte sie auf, blickte um sich und fand sich
+einsam.
+
+Am nächsten Tag saß sie mit den Kindern in einem Schlitten, den er
+selber fuhr. Nach der Fahrt ging er mit hinein zu Kule, der sich auf
+seine schwerfällige Art dafür bedankte, daß er so freundlich gegen die
+Kinder sei. Kallem ließ sich alle ihre Spielsachen zeigen, und Kule bat
+seine Frau, etwas Musik zu machen. Die Kinder wurden hinausgeschickt; er
+selber saß dabei und paffte aus einer langen Pfeife, die ihm seine Frau
+hatte stopfen sollen, was Kallem ihr jedoch abgenommen hatte. Heute sah
+Kallem auch zum erstenmal die Köchin, ein derbes, ältliches Mannsweib,
+deren nordländischer Singsang wie Vogelgeschrei über der Meeresbrandung
+klang. Sie war in der Küche und hatte zugleich Kule zu bedienen. Die
+Frau des Hauses widmete sich augenscheinlich nur ihren eigenen
+Angelegenheiten, d. h. den Kindern und ihrer Musik. Sie spielte in
+diesem Augenblick dasselbe russische Stück, das Kallem von seinem Zimmer
+aus gehört hatte; vielleicht noch besser. Nicht, daß er besonders
+aufmerksam zugehört hätte; er sah nur sie selbst an. Die obere Partie
+des Gesichts, das jetzt über Notenblatt und Tasten leuchtete, war eine
+ganz andere, als die, die er kannte. Das war wohl, was Rendalen gesehen
+hatte. Welche Entwicklung müßte sie erst durchmachen, damit auch die
+untere Hälfte dazu stimmte! Vor einigen Tagen hatte er einen Brief von
+einem Vetter aus Madison in Wiskonsin erhalten, der zum Professor an der
+dortigen Universität ernannt worden war; seine Frau, eine Norwegerin,
+studierte bei ihm. So etwas war nötig, um diese matte Wange und dieses
+schlaffe Kinn, den willenlosen Mund mit der spröden Haut auf den Lippen
+zu wecken und zu formen. Aber wie rührend war dabei diese ganze
+kindliche Unmündigkeit! Dicht daneben sah er die ungeheure Faust des
+Mannes auf der Stuhllehne -- der ganze Kerl lag im Stuhl wie ein toter
+Flußgott in Hosen! Während des Spiels öffnete sich die Tür rechts, und
+herein trat ein drittes überlebensgroßes Nordlandwesen, eine alte Dame
+mit weißen Haaren, einem großen vollen Gesicht und einer Hornbrille. Das
+war die Tante. Sie war größer als Kallem und entsprechend stark. Die
+junge Frau kreuzte zwischen ihnen wie eine Lustjacht zwischen
+schwerbefrachteten Ozeandampfern. Eben blickte sie zu Kallem hin wie zu
+einem Vertrauten. Sie hatte ihm freilich nichts anvertraut; aber ihre
+gemeinsame Jugend fand sich zusammen gegen all das, was so unbegreiflich
+schwerfällig und hinderlich war. Seine Liebe verlangte ungeduldig, sie
+frei zu machen; daß er es nicht konnte, lastete wie eine Schwüle in der
+ganzen Stube. Es quälte ihn, dieses unfaßbare Verhältnis.
+
+Der Eindruck, den er von dem Besuch mitnahm, störte ihn bei den
+Vorarbeiten zum Examen, die er bis zu diesem Tag regelmäßig betrieben
+hatte. Er entwarf die wildesten Pläne, ja, er schrieb sogar an seinen
+Vetter in Amerika und fragte an, ob sie geneigt seien, eine junge Dame
+bei sich aufzunehmen. Er vertraute sich Rendalen an, der anfänglich voll
+Ingrimm dagegen protestierte, sich aber später doch gewinnen ließ. Das
+Gefühl ihrer Verantwortung sich selbst gegenüber mußte geweckt werden;
+sie mußte die Gefahren eines fortgesetzten Zusammenlebens kennen lernen;
+vor allem mußte sie fort, weit fort, damit sie geistige Freiheit zu
+ihrer Entwicklung habe. Kallem wurde kraft dieser selbst übernommenen
+Fürsorge immer sicherer und seine Liebe immer mächtiger. Jede Begegnung
+mit ihr, wie kurz sie auch war, ja, nur ein Gruß auf der Straße oder im
+Korridor bestärkte ihn in dem Gefühl, daß sie ihm und keinem andern
+gehöre, und daß sie befreit werden müsse!
+
+Und das alles, eh' er ein einziges Wort zu ihr selbst gesagt hatte.
+
+Er war schon oft verliebt gewesen, hatte sich schon oft hingegeben, auch
+ohne es zu sein. Aber dieses zarte und unvollkommene, dieses begabte und
+verlassene Wesen begehrte er zu retten und zu formen; das lag in seiner
+Natur, und darum gab er sich mit ganzer Seele hin. Sie ihrerseits verlor
+mit jeder Begegnung ein bißchen von ihrer Scheu; es war, als vermöge er
+sie zu trösten über die Abreise der Schwester, ja, wenn er sich nicht
+täuschte, so war er ihr mehr als ein Ersatz. Ein untrügliches Zeichen
+hatte er jedenfalls. Er hatte ihr gesagt, daß er abends zu Hause bleibe,
+hauptsächlich, um sie spielen zu hören, und daß er immer einen Spalt
+seiner Tür öffne; und seitdem spielte sie jeden Abend, oft lange.
+
+Wenn er ihr mit den Kindern begegnete und sie mit in die Konditorei
+nahm, hatte er die größte Lust, sich auszusprechen; aber ihr Wesen war
+nicht darnach. Besonders ihre Treuherzigkeit war im Wege; er durfte sie
+nicht erschrecken. Seine eigene Energie drängte zu einer Lösung; aber
+seine Liebe beugte sich vor ihrem Bedürfnis nach poetischem Spiel, bei
+dem die Liebe nicht bei Namen genannt wurde, und doch alles zu ihrer
+Bilderschrift wurde. Das gab dem Verhältnis eine Süßigkeit, der nichts,
+was er bisher kennen gelernt hatte, gleich kam.
+
+Einen Abend in der Woche nahm sie teil an einer Art Privatkonzert, oder
+wie man es nennen wollte, das bei Verwandten ihres Mannes stattfand,
+denselben Leuten, wo sie damals getanzt hatte. Dazu verschaffte sich
+Kallem durch seinen Studiengenossen, ihren Neffen, Zutritt. Natürlich
+bloß, um sie nach Hause begleiten zu können. Es war um die Zeit der
+Schneeschmelze, und die Straßen waren voll Eis. Als er ihr sagte, daß er
+auch hinkäme, und bat, sie nach Hause bringen zu dürfen, -- worüber sie
+sehr erfreut war -- nahm sie als selbstverständlich an, daß er im
+Schlitten oder Wagen kommen werde.
+
+Nach einem langen Abend mit zuviel Musik in zu engen Räumen brachen sie
+endlich auf. Sie zog rasch ihren Mantel an und eilte mit ihm hinaus.
+Draußen nahm er ihren Arm. "Das trifft sich gut," sagte er --"eben geht
+der Mond auf." Sie dachte, sie würden einen von den Schlitten nehmen,
+die da standen, oder den Wagen, der eben kam. Es war Glatteis gleich vor
+der Haustür, und sie stieß einen kleinen Schrei aus, schritt aber
+tapfer aus. Inzwischen fuhr ein Schlitten nach dem andern davon und
+zuletzt auch der Wagen. "Fahren wir nicht?" fragte sie. Der Schelm
+lachte; er habe es sich gerade so hübsch gedacht, zu gehen. Sie
+versuchte ihre Enttäuschung zu verbergen; aber nach einigen
+verzweifelten Versuchen bat sie ganz rührend, sie wollten doch fahren.
+Ihm fiel ein, wie ängstlich sie das erste Mal gewesen war, und unter
+Gewissensbissen versicherte er, sie würden nur bis zum nächsten
+Halteplatz gehen, der nicht weit entfernt war. Der Weg war nicht so
+besonders glatt, aber abschüssig; sie klammerte sich an seinen Arm,
+starrte geradeaus und stieß leise Schreie aus; etwas weiter wurde es
+schlimmer; die ganze Breite des Wegs war manchmal von Eis bedeckt,
+trotzdem auch hier einzelne sichere Stellen waren. Jetzt verlor er ein
+bißchen den Mut, besonders, da er sie nicht dazu bewegen konnte, zu
+schlittern. Etwas so Furchtsames war ihm doch noch nie vorgekommen.
+Natürlich ging es nur Schritt für Schritt vorwärts, mit vielen langen
+Pausen.
+
+Die umliegenden Gärten und Felder waren teils nackt, teils mit Schnee
+oder Eis bedeckt; dorthinaus wollte sie. Aber er zeigte ihr, daß bald
+ein Haus, bald ein geschlossener Garten den Weg versperrte; es war nicht
+wie auf dem Lande. Die Felder sahen zerrissen aus, ebenso der Himmel.
+Lange Wolkenherden zogen durch das schwarze Blau dort oben, genau wie
+das Eis zwischen den kahlen Stellen hier unten lag. Der Mond schien in
+rasender Hast hinter den Wolken herzujagen, sie einzuholen, durch sie
+hindurch und weiter zu fahren. Da droben mußte ein Orkan toben; hier
+unten war es still. Kallem fühlte sich unglücklich und unsicher seines
+Fehlgriffs wegen. Das unstäte Licht über der Landschaft mit ihren
+zerrissenen Farben erhöhte diese Stimmung noch; ganz gewiß würde etwas
+Schlimmes geschehen. Und wie immer, wenn dieses Gefühl über ihn kam, zog
+jene Schreckensnacht aus seiner Kindheit mit allen Konsequenzen an
+seiner Seele vorüber. Sollte denn dies angstvolle Vorgefühl eigener
+Fehlgriffe sein ganzes Leben verfolgen? Er spannte alle seine Sinne an:
+sie durfte nicht hinfallen. Ohne ihre Hasenherzigkeit wären die Hügel
+eine einzige lustige Schlitterbahn gewesen; nun machte sie auch ihn
+ängstlich. Jede glatte Stelle wurde zu einer wirklichen Gefahr, und die
+Errettung aus der einen brachte nur eine neue Gefahr, in die sie
+gerieten. Sie sprachen nicht, sahen sich nicht an, beide ängstlich und
+ungeduldig. Minuten brauchten sie, wo Sekunden genügt hätten; der eine
+schob im Stillen die Schuld auf den andern, während sie kämpften, als
+gelte es das Leben. Nur ein atemloses: "O Gott!" oder "Nehmen Sie sich
+ja in acht hier!" oder ein hoffnungsloses: "Nein, es geht ja nicht!" und
+ein "Versuchen Sie's noch einmal! Kommen Sie!" Zuletzt nicht einmal mehr
+das. Sie mochte jammern, verzweifeln, beinahe weinen -- er antwortete
+nicht mehr. Und so sehr war sie von ihrer Angst erfüllt, daß sie den
+Übergang nicht einmal merkte.
+
+Da sahen sie in der Ferne die Rettung, nämlich zu beiden Seiten hohe
+Häuser, die Schutz boten gegen die Sonne, so daß der Schnee nicht
+geschmolzen war. Dorthin galt es zu kommen, dort war auch ganz in der
+Nähe ein Schlittenhalteplatz. Endlich war es geglückt. Sie blieb stehen,
+holte tief Atem und versuchte zu lachen; aber es ging nicht. "Wir wollen
+einen Augenblick stehen bleiben!" bat sie aufs neue tief aufatmend. Sie
+ließen einander los; weiter unten hörte man Schellengeklingel; beide
+lauschten. "Wenn nur nicht der letzte. Schlitten gerade wegfährt!" sagte
+sie. "Es ist spät." Sie nahm seinen Arm und sie gingen weiter. Ganz
+leicht war es auch hier nicht, der Schnee war festgetreten, aber auf dem
+Fußweg war gestreut. Sie gingen jetzt schneller und allmählich sicherer.
+"Gott sei Dank!" sagte sie erleichtert, als komme sie vom Eismeer
+zurück. Aber kaum hatte sie es gesagt, so lag sie auch schon am Boden.
+Sie waren an eine tückische Stelle geraten, wo ausgegossenes Wasser
+gefroren war und sich später mit einer Reifschicht überzogen hatte. Sie
+glitt aus und zwar gerade über einen seiner Füße, so daß auch er
+ausglitt und fiel -- der eine über den andern. Er machte seinem
+übervollen Herzen in einem Fluch Luft und war sofort wieder auf den
+Beinen, um ihr zu helfen. Aber sie lag regungslos, mit geschlossenen
+Augen da.
+
+Es überlief ihn eisig. Eine Gehirnerschütterung? Er hob sie auf und
+legte sie über sein Knie, zog mit den Zähnen seinen rechten Handschuh
+aus und machte ihr den Kragen auf. Ihr Arm hing herunter, ihr Gesicht
+war totenblaß. Er öffnete ihren Mantel, um ihr Luft zu schaffen. Jetzt
+rührte sie sich. "Ragni!" flüsterte er. "Ragni!" und beugte sich tiefer
+auf sie herab, "süße, süße Ragni! Verzeih mir!" Sie schlug die Augen
+auf. "Verzeih mir, hörst Du!" In ihren Wangen stieg die Röte auf, ihre
+Hand griff nach dem Mantel, der offen war; sie hatte es also gefühlt,
+nur in der Betäubung des Schreckens gelegen. Er konnte seine Freude
+nicht mehr zügeln, -- er zog ihren Kopf zu sich empor und küßte sie
+ein-, zwei-, dreimal. "O Du -- wie ich Dich liebe!" flüsterte er und
+küßte sie wieder. Sie wollte sich aufrichten; er merkte es, stand sofort
+auf und zog sie mit empor. Aber sie konnte nicht allein stehen, sondern
+taumelte, so daß er sie an den Gartenzaun gerade vor dem Hause lehnen
+mußte. Daran hielt sie sich und neigte sich darüber, als könne sie
+allein sich nicht tragen. Er ließ sie los, um zu sehen, ob sie sich
+aufrecht halten konnte; ja, es ging. "Ich laufe nach einem Wagen!" sagte
+er, und fort war er. Im Laufen fiel ihm ein, daß er das von Anfang an
+hätte tun können, dann hätte sich alles das vermeiden lassen. Ob noch
+ein Wagen zu haben war? Wenn nicht, so rannte er eben weiter. Wenn sie
+nur stehen konnte! Wenn nur niemand kam ... Er sprang, er glitschte, und
+als er einen Schlitten stehen sah, sprang er hinein und befahl dem
+Kutscher, draufloszufahren, was das Pferd nur laufen könne, ohne ihm zu
+sagen, wohin. Erst als dies erledigt war und der Schlitten davonsauste,
+kam ihm zum Bewußtsein, was er gesagt und getan hatte, während er sie
+in seinen Armen hielt. Es hatte wohl in ihm fortgetönt, aber jetzt erst
+brach es in voller Melodie hervor.
+
+"Fahren Sie zu! Dort steht sie, dort rechts! Wir sind gefallen, und sie
+hat sich wehgetan. Ja, dort!" Er sprang heraus und eilte zu ihr hin,
+während der Kutscher umwendete und dicht heranfuhr. Sie lehnte noch
+immer am Zaun, aber jetzt halb mit dem Rücken und halb von der Seite.
+Den Mantel hatte sie wieder zugeknöpft und den Schleier herabgezogen.
+Als er kam, streckte sie die Hand aus, um sich zu stützen; er nahm sie,
+legte aber seinen andern Arm um ihren Leib, um sie vor sich herzuführen;
+er wollte nicht noch einmal riskieren, daß sie ihm ein Bein stelle. Es
+ging gut, er hob sie in den Schlitten, packte sie ein, bezahlte den
+Kutscher und nannte die Adresse. Sie bat ihn, nicht mitzufahren. Sie
+sagte nicht gute Nacht, sie blickte nicht auf. Und der Schlitten fuhr
+ab.
+
+Er fühlte sofort -- jetzt ging sie von ihm. -- -- --
+
+Nichts macht einem wackern Burschen soviel zu schaffen wie seine eigene
+Dummheit und Ungebärdigkeit. Stundenlang strich er diese Nacht durch die
+Straßen und schlich dann nach Hause wie ein geprügelter Hund. Am
+nächsten Morgen wagte er nicht, das Mädchen zu fragen. Aber abends
+erzählte sie ungefragt, die gnädige Frau sei nicht wohl gewesen; sie
+habe Erbrechen gehabt und liege zu Bett; immerhin gehe es besser. Maries
+mitwissendes Lächeln versetzte ihn in ohnmächtige Wut. Sie hatte noch
+obendrein die Unverschämtheit, in seinem Gesicht zu forschen. Trotzdem
+mußte er sich den Tag darauf bequemen, zu fragen. Ja, die gnädige Frau
+sei auf, und es gehe ihr ganz gut. Aber weder diesen, noch den nächsten
+Tag bekam er einen Schimmer von ihr zu sehen; auch von den Kindern hörte
+er keinen Ton. Sie spielte auch nicht am Abend; er blieb eigens zu
+Hause, um zu horchen. Weder sie selbst, noch die Kinder kamen den
+gewohnten Weg an seiner Tür vorbei, wenn sie ausgingen; sie gingen die
+Hintertreppe hinunter. Nie traf er sie mehr. Sie wählte neue Wege.
+
+Bisher war seine Liebe ein heimliches Glück voll von Plänen gewesen.
+Jetzt war er gewaltsam ins Heiligtum eingebrochen, und ein endloser
+Traum, ein fruchtloses Grübeln löste seine klaren Tage und seine
+gesunden Nächte ab. Er ging alles durch, was geschehen war, jedesmal mit
+brennender Selbstquälerei. Er verachtete sich selbst, ließ sich zu
+Kneipereien mitschleppen und verachtete sich noch mehr. Seitdem er ihre
+Lippen berührt, ihr Ohr beleidigt hatte, war ihr Bild wie mit einem
+Schleier überzogen; er sah nicht das reine Taubenweiße, das von Musik
+Getragene in all seiner Anmut und Hilflosigkeit; er sah ein Weib, das er
+begehrte. Aber er hatte Sinn für Humor und eine gesunde Natur; er wollte
+sich nicht in Selbstquälerei und törichter Begierde verzehren. Er wollte
+sogleich ausziehen, und zwar unter dem Vorwand einer Reise. Damit
+glaubte er über alle Schwierigkeiten hinwegzukommen wie über einen Zaun.
+Er hielt es nicht aus, daß ihm das Haus verschlossen war; er hielt nicht
+einmal das unverschämte Lächeln des Mädchens mehr aus.
+
+Auf einmal frappierte ihn die Ähnlichkeit, die sein Umzug mit dem
+Aufbruch Rendalens hatte. Auch Rendalen hatte kurzen Prozeß gemacht. Es
+war doch nicht etwa aus demselben Grund gewesen -- --? Er schlug eine
+Lache auf. Natürlich -- genau dasselbe war auch dem widerfahren!
+
+Rendalens Mutter war in der Stadt gewesen und hatte hier gewohnt;
+während der Zeit war Ragni viel mit den beiden zusammen gewesen;
+Rendalen und sie hatten vierhändig gespielt. Das hatten sie auch nach
+der Abreise der Mutter fortgesetzt -- und immer auf seinem Flügel, das
+wußte er ... Er empfand dieses Zusammentreffen wie eine Demütigung.
+
+Eine feinere, edlere Natur als Rendalen kannte Kallem überhaupt nicht;
+der hatte sich auch nicht das Geringste erlaubt. Aber daß sie auch ihn
+so unruhig machte, daß er auszog! Sie mußte also etwas derartiges an
+sich haben? Das redete er sich zu seiner Entschuldigung ein. Ja, noch
+mehr, er empfand es als eine gesteigerte Versuchung. Am selben Abend
+noch sagte er Marie, er müsse verreisen, entweder morgen oder den Tag
+darauf, das wisse er noch nicht; jedenfalls solle sie um die Rechnung
+bitten; selbstverständlich bezahle er das volle Quartal. Das Mädchen sah
+ihn an; sie erriet sofort den tieferen Zusammenhang. Weidete sie sich
+daran, -- hatte sie etwas zu erzählen? Sie fragte in ihrer bescheidenen
+Art, ob er die Rechnung sogleich wünsche. Nein.
+
+Am nächsten Tag kam es nicht zum Umzug; aber am folgenden sollte er vor
+sich gehen. Er wollte ein paar Tage verreisen, sich aber zuerst eine
+neue Wohnung suchen und seine Sachen hinbringen lassen. Nachmittags ging
+er aus und mietete -- und zwar in einem ganz andern Teil der Stadt. Dann
+überlegte er eine Weile, was er als Grund angeben solle, namentlich
+Rendalen gegenüber. Er beschloß, ihm die volle Wahrheit zu sagen, den
+andern einfach, er sei in seiner jetzigen Wohnung mehrfach gestört
+worden; es war ja auch wahr. Gegen fünf Uhr kam er wieder nach Hause,
+ging ins Schlafzimmer, zog Schlafrock und Pantoffel an, ging dann wieder
+ins Nebenzimmer und legte sich aufs Sofa, wo er in einen tiefen Schlaf
+fiel; den hatte er auch nötig. Gegen sieben kam das Mädchen und heizte
+ein, ohne daß er es merkte. Etwas später erwachte er, hörte das Prasseln
+und sah die Helle und schloß daraus, daß es über sieben sein müsse.
+Seine Gedanken waren sofort drüben bei ihr. Er hoffte ganz heimlich,
+wenn sie erführe, daß er fortziehe, so würde er sie noch einmal spielen
+hören. Bisher hatte er sich hierin getäuscht; aber trotzdem konnte er
+den Glauben, daß seine Abreise ihr naheging, nicht aufgeben. Er lag auf
+dem Bett und lauschte. Sollte er ohne weiteres zu ihr hineingehen und
+Abschied nehmen? Sollte er Licht anzünden? Sollte er wieder ausgehen? Er
+stand auf und starrte ins Ofenfeuer. Da hörte er im Vorsaal eine Tür
+gehen und mehrere Stimmen -- ein paar Damenstimmen mit stark
+nordländischem Tonfall. Er dachte, es seien wohl neu angekommene
+Verwandte, die zum Besuch dagewesen waren. Die Damen wurden bis zur Tür
+begleitet; er hörte die langsame Sprechweise der Tante, auch eine
+Männerstimme hörte er -- war das Ole Tuft? Nur die, nach der er
+lauschte, hörte er nicht. Allgemeines Abschiednehmen, die Tür wurde
+zugemacht. Dann die Stimme der Tante und Ole Tufts -- wirklich, es war
+seine Stimme. Er mußte also eben gekommen sein, als die andern gingen.
+Beide verschwanden im Zimmer der Tante, die Tür schloß sich hinter
+ihnen, gleichzeitig wurde weiter hinten eine Tür geschlossen. Wieder
+klingelt es, wieder geht eine Tür auf und herausstürmen jubelnd die zwei
+Kinder; sie wollen die Gelegenheit benützen und zu Kallem hinein; aber
+sie dürfen nicht. Unter Gelächter wird im Korridor Jagd auf sie gemacht;
+sie werden eingefangen, und eine Tür wird hinter ihnen zugeschlagen;
+gleichzeitig öffnet sich die Entreetür; eine der Damen hatte ihre
+Überschuhe vergessen. Und jetzt hörte er Ragnis Stimme: sie wolle Licht
+holen, es sei ja ganz dunkel hier. Im Singsang der nordländischen
+Schifferlieder wurde das abgelehnt. Hier waren die Gummischuhe, gleich
+an der Tür; sie seien nur nicht leicht anzuziehen -- es seien ganz
+"neue"! So! Nun saßen sie. Wieder ein zärtliches "Adieu, adieu!" und als
+Antwort ein "Auf Wiedersehen am Freitag!" Das letzte sagte Ragni.
+Täuschte er sich --oder klang es wirklich wie die Stimme eines Menschen,
+der sich in der Nähe einer Gefahr glaubt? Nicht so recht ihre gewohnte
+Stimme? Sprach sie, ohne es zu wollen, von ihm? Er schnellte auf und war
+an der Tür, noch ehe sie draußen zugemacht hatte. Wenn er öffnete,
+standen sie sich Auge in Auge gegenüber. Sollte er --? Er lauschte wie
+auf ein Zeichen. Er hörte sie nicht gehen; vielleicht stand sie draußen?
+Sein Herz schlug Sturm, während die Hand leise, leise auf die Türklinke
+drückte und lautlos öffnete. Vor seinen Augen, die in das Ofenfeuer
+gestarrt hatten, lag der Gang draußen im Stockfinstern. Er tastete sich
+nach der Entreetür, fühlte das Schloß, tastete sich weiter vor; aber es
+war niemand da. Sollte sie mit hinausgegangen sein? Nein, sie hatte sich
+ja verabschiedet und von Wiederkommen am Freitag gesprochen. Weshalb
+hatte er sie dann nicht gehen, keine Tür hinten öffnen hören? Sie mußte
+hier im Flur sein. -- Er hörte sein eigenes Herz schlagen; aber vorwärts
+mußte er. Jetzt fühlte er Kleider zwischen den Fingern; eisig
+durchrieselte es ihn; aber gleich kam ihm die Besinnung wieder -- die
+Kleider waren kalt und leer. Dann räusperte sich drinnen jemand -- das
+war Kule. Von der Küche oder vom Eßzimmer her tönte Geplauder -- das
+waren die Kinder. Bei diesen freundlichen Lauten aus einer Welt des
+Guten stand er still wie ein Verbrecher. Er hätte das nicht tun sollen.
+Nun hörte er die langgezogenen Fragen der Tante und Oles klare
+Antworten, d. h. die Töne, nicht die Worte. War Ragni im Korridor? Sie
+konnte ja etwas gesucht haben und, erschrocken über sein Auftauchen,
+stehen geblieben sein. Wenn er weiter ging, konnte er sie erschrecken,
+so daß sie geradenwegs auf eine Tür zustürzte und sie öffnete. Dann
+stand er im vollen Lichte da! -- -- --
+
+Nein, dazu war sie zu furchtsam. Wieder ein paar Schritte vorwärts. Er
+hatte Pantoffel an; man hörte ihn kaum; aber er wünschte, sie möchte
+nicht da sein. Die Kinder plauderten gerade am andern Ende des
+Korridors; je näher er kam, desto deutlicher hörte er es; er sah sie im
+Geist auf ihren Stühlchen knien und Häuser auf dem Tisch bauen. Er
+schämte sich. Was wollte er eigentlich? Aber während er sich das fragte,
+ging er weiter; er tastete von einer Seite zur andern, von einem Mantel
+zu einem Schal, vom Rahmen einer Tür nach den Vorsaalfenstern, von denen
+er einen Schimmer sah. Ein Wagen rumpelte vorbei, gleich darauf erklang
+gedämpftes, ungleiches Schellengeläut; bei diesem Übergangswetter
+benützte man beides, Wagen und Schlitten. In der Küche fiel etwas zu
+Boden; Kule räusperte sich wieder; die Zeit mußte ihm lang werden;
+vielleicht brauchte er Licht? Zwischen dem Kinderzimmer und der Küche
+stand anscheinend die Tür offen, denn auf einmal waren die Kinder
+draußen und fragten, was hinuntergefallen sei. Das Nordlandmädchen
+antwortete schwerfällig, in langgezogener, süßlicher Freundlichkeit,
+eine Un-ter-tas-se wäre hinuntergefallen, sie sei vom Bo-rt
+heruntergerutscht. Weiter! War Ragni überhaupt hier, so stand sie in der
+hintersten Ecke. Wie sie sich ängstigen mußte! Was mochte sie von ihm
+denken! Und wenn er umkehrte, nahm er sich aus wie ein ertappter Dieb.
+Jetzt vermochte er am Fenster ein klein wenig zu sehen; aber weiter
+hinten wieder nichts, kein Lichtschimmer unten oder oben an den Türen,
+auch aus den Schlüssellöchern nicht; nicht einmal geradeaus vor dem
+Kinderzimmer. Ob sie vielleicht dort stand? Er bildete sich ein, daß er
+sie dann sehen müsse.
+
+War sie vielleicht zur Tante hineingegangen -- dicht neben seiner Tür?
+Oder hatte sie ganz einfach die Tür zur Stube der Kinder oder zum Zimmer
+Kules hinter sich offen stehen lassen, als sie herauskam, und sie im
+selben Moment geschlossen, als er seine öffnete? Und saß nun drinnen und
+träumte? Das nahm er jetzt als ganz sicher an; denn er wünschte, es
+möchte so sein. Dennoch ging er weiter. Endlich stand er ganz hinten an
+der Tür; er hörte die Kinder und links die Köchin, die in ihrer Küche
+rumorte und ab- und zuging. Jetzt kehrte er um und fühlte sich gleich
+freier. Mit ausgestreckten Händen ging er zurück, diesmal schneller. Da
+faßte er einen warmen, festen Arm. Er erbebte, erschauerte, Funken
+sprühten vor seinen Augen; er blieb stehen. Aber der Arm regte sich
+kaum, und er faßte wieder Mut. Langsam ließ er die Hand vom Arm um ihren
+Leib gleiten und umschlang sie behutsam. Warm und weich fühlte es sich
+an; sie stand ganz still, aber ein Zittern ging durch ihren Körper. Er
+zog sie leise an sich. Mit der andern Hand faßte er die ihre und
+drückte sie; auch diese zitterte. Er drückte sie wieder -- und nun
+glitten sie langsam, Schritt für Schritt vorwärts -- sie ohne
+Widerstreben, aber auch nicht freiwillig. Er hörte kaum seine eigenen
+Schritte, die ihrigen gar nicht. Die Kinder plauderten leise. Aus den
+Zimmern Kules und der Tante kam jetzt kein Laut; vor ihnen ein schwacher
+Schimmer aus seiner eigenen Tür. Jetzt waren sie dort; er stieß die Tür
+behutsam auf und wollte sie hineinführen. Aber nun blieb sie stehen und
+wollte ihm ihre Hand entziehen. Er hörte ihr Atmen, fühlte ihren Hauch,
+sah das blasse Gesicht, während er sie sachte bis zur Schwelle schob
+--dann hinüber -- und die Tür hinter ihnen anlehnte. Drinnen ließ er sie
+los, um so leise wie möglich ganz zuzumachen. Sie blieb stehen, wie er
+sie verlassen hatte, mit dem Rücken gegen ihn, beide Hände vors Gesicht
+gepreßt. Als er kam, fing sie zu weinen an. Er umschlang sie, um sie an
+sich zu drücken, und jetzt ging ihr Weinen in Schluchzen über. Sie
+schluchzte so schmerzlich, so unglücklich, daß sein Blut nüchtern wurde,
+und er auf ganz andere Gedanken kam. Willenlos ließ sie sich nach dem
+Sofa führen; sie weinte so verzweifelt, daß ihn plötzlich nach Licht
+verlangte, wie wenn jemand krank wird. Darum machte er hastig die Lampe
+zurecht; dann fiel ihm ein, daß er erst die Gardinen zuziehen mußte; und
+nun erst zündete er an.
+
+Nur ein Mensch, der sein Leid Tage und Nächte lang in seinem Innern
+verschlossen hat, kann so weinen. Der Tisch zitterte, an den sie sich
+lehnte.
+
+Hundertmal hatte er über Liebhaber in Romanen und Theaterstücken
+gespottet, die auf die Knie sinken. Jetzt schob er das eine Tischende
+beiseite und ließ sich vor ihr aufs Knie gleiten wie der demütigste
+Sünder. Er suchte ihr Gesicht; aber sie hielt mit beiden Händen ihr
+Taschentuch vor. Kopf, Brust, Schultern bewegten sich stoßweise unter
+ihrem heftigen Schluchzen. Er fühlte jeden Ruck und bat und bat, sie
+möge ihm doch vergeben! Er sei nicht Herr seiner selbst gewesen, als er
+damals, auf dem Eis, so zu ihr gesprochen habe. Er liebe sie, sie
+gehörten zusammen. "So weine doch nicht so!" bat er, "das halt' ich
+nicht aus!" Er nahm sie bei den Händen, zog sie neben sich aufs Sofa,
+lehnte ihren Kopf an seine Brust und schlang die Arme um sie; er küßte
+ihr Haar, er lehnte ihre feuchte Wange an seine. Was er auch begann --
+sie weinte. Er wollte ihr Wein zu trinken geben. Nein, nein! Aber dieses
+Schluchzen war zu entsetzlich! War der Grund, weil er sie mit zu sich
+hereingenommen hatte? Er habe sich so nach ihr gesehnt, daß er nicht
+habe widerstehen können, als er sie draußen im Gang gehört habe. Sie
+könne doch nicht wollen, daß er ohne Abschied weggehen solle? Und sie
+nie wieder sehen? Sie schüttelte den Kopf, machte sich von ihm los,
+legte das Gesicht auf den Tisch und weinte in ihr Taschentuch hinein,
+noch heftiger als zuvor. "Soll ich _nicht_ fort?" fragte er. Doch sie
+hörte es gar nicht. Da ließ er sie ruhig weinen; erst nach einer langen
+Pause beugte er sich zu ihr nieder und sagte: "Ich tue alles, was Du
+willst." Da hob sie sich und all ihr Weinen vom Tisch und schmiegte sich
+an seine Brust. Er umschlang sie mit beiden Armen, und während er sie so
+hielt, fühlte er --sie faßte es schöner und tiefer auf als er.
+
+Ein Geräusch wurde an der Tür hörbar und gleich darauf wurde sie
+geöffnet. Das Mädchen kam mit dem Abendessen. Erschrocken ließ er die
+Frau los und stand auf. Ragni aber legte sich einfach wieder über den
+Tisch und schluchzte. Das Mädchen setzte das Brett behutsam auf die Ecke
+des Tisches, die frei war, stellte ebenso behutsam die Lampe weg und
+schob das Brett nach. Sie war rot und sah keins von den beiden an; aber
+das Lächeln war da und sagte deutlich: "Das hab' ich schon längst
+erwartet!" So wunderbar verschieden kann man eine und dieselbe Sache
+sehen, daß Kallem jetzt fand, es liege eine verschwiegene, schalkhafte
+Freude darin. Still war das Mädchen gekommen, still ging es wieder
+hinaus und schloß die Tür hinter sich, so leise wie er selber vorhin.
+
+"Gott im Himmel, Ragni!" rief er. Sie antwortete nicht; ihr schien das
+alles viel zu klein; das Leid, das sie bedrückte, überwog alles. Er kam
+zurück und preßte sie wieder an sich; da sagte sie: "O Gott, was bin ich
+unglücklich!" -- und das war eigentlich das einzige, was sie sagte,
+solange sie da war. Er konnte nichts erwidern; alles was ihm einfiel,
+kam ihm dumm vor. Er machte wohl einen leisen Versuch, und half mit
+Liebkosungen nach; aber sie wehrte das eine wie das andere ab; sie stand
+auf -- sie wollte fort. Er fühlte sich außerstande, sie zurückzuhalten,
+sondern geleitete sie zur Tür. Ehe sie öffnete, wandte sie sich nach ihm
+um, voll schmerzlicher Hingebung, wie in der Todesstunde. Er löschte die
+Lampe, und sie glitt hinaus.
+
+Aber im selben Augenblick, als sie die Tür hinter sich schloß, fiel ein
+schwacher Lichtschein auf sie; er kam aus der Vertiefung, die zum Zimmer
+der Tante führte; dort wurde eben die Tür geöffnet, und sie selbst stand
+davor -- in Ragnis aufgescheuchter Phantasie groß wie ein aufgerichteter
+Walfisch. Natürlich -- die Tante hatte Ragni im Zimmer des Mieters
+schluchzen hören und sofort erfaßt, was Ragnis seltsames Wesen in all
+den Tagen zu bedeuten hatte. Nun stand sie vor ihrer Tür Wache, und im
+selben Moment, als Ragni aus Kallems Zimmer kam, stieß die Tante ihre
+Tür auf, so daß der Lichtschein auf die Kommende fiel. Die Tante
+streckte die Hand aus; das hieß so viel als: "Hier herein, mein Kind!"
+Und Ragni kam. Die Tante ließ sie an sich vorüber. Sie war nicht allein.
+An der Wand gegen das Zimmer hin, das Ragni eben verlassen hatte, stand
+ein Sofa, und aus der Sofaecke erhob sich ein hochgewachsener blonder
+Mann mit mildem Antlitz -- Ole Tuft. Er war zuerst auf ihr Weinen
+aufmerksam geworden und war sogar an Kallems Tür gewesen. Ragni sank auf
+einen Stuhl zwischen Sofa und Tür.
+
+ * * * * *
+
+Tags darauf lag sie zu Bett. Aber bevor Kallem ausging, schickte sie ihm
+einen Zettel, auf dem sie schrieb, die Tante habe gehört, wie sie bei
+ihm geweint habe, ebenso Herr Tuft; er sei sogar an der Tür gewesen.
+Weiter kein Wort; doch -- ganz unten, fast unleserlich: "Nie wieder!"
+
+Mitten in der Angst, die auch ihn jetzt befiel, fand Kallem diese beiden
+armen Wörtchen: "Nie wieder!" doch so beredt, daß sich seine Augen mit
+Tränen füllten; aber auch sein Herz mit Mut. Jetzt mußte etwas
+geschehen! Die Tante und Ole Tuft hatten sie ins Gebet genommen! Er
+hatte nichts gehört; es mußte sehr still zugegangen sein, oder sie waren
+nicht im anstoßenden Zimmer gewesen. Arme, arme Ragni!
+
+Tiefstes Mitleid ergriff ihn und heftigster Ingrimm, Furcht, Rachelust,
+grenzenlose Liebe, Enttäuschung, Wut!
+
+Er kleidete sich an und eilte auf die Straße. Wohin? Richtig! Zu Ole
+Tuft, diesem verdammten Duckmäuser, der sich in seine Angelegenheiten
+mischen wollte! Spion und Angeber also? Was zum Teufel wollte er denn
+eigentlich? Was beabsichtigte er? Waren das vielleicht auch "Gottes
+Wege"? Durch Schlüssellöcher gucken und an den Türen horchen? Dieser
+Kerl, der ihm "auf Gottes Wegen" seine prächtige Schwester genommen
+hatte -- wollte der ihm nun auch seine Liebe nehmen? Weshalb kam er
+nicht zu ihm selber? Weshalb es der Tante sagen?
+
+Er hatte die größte Lust, ihn aufzusuchen und ihn tüchtig durchzubläuen,
+ihn halbtot zu schlagen! Verdient hätte ers, weiß Gott! Er schlug
+wirklich die Richtung nach Ole Tufts Wohnung ein; aber da stiegen die
+großen Augen seiner Schwester vor ihm auf und sahen ihn fest an. Er
+konnte sich wenden und drehen, wie er wollte -- sie waren da, die tiefen
+Augen. Und dann fühlte er ihre Wange an der seinen, wie an jenem letzten
+Abend. Das Ende vom Liede war, daß er vorbeiging. Aber damit war er in
+die Nähe seiner früheren Wohnung gelangt, und da fiel ihm Rendalen ein.
+Zu dem wollte er! Kein Tüttelchen wollte er ihm verheimlichen; es war ja
+allein schon ein Glück, sich aussprechen zu können. Als er sich
+Rendalens Haustür näherte, sah er jemand herauskommen. War das nicht --
+--? Ole Tuft! Ole Tuft in eigener Person! Der Schurke! ... In Kallem
+kochte es; aber Tuft ging nach einer andern Richtung und sah den
+Schwager nicht.
+
+Kallem kannte Tuft, so wie er jetzt war, nicht. Hätte er ihn gekannt, so
+hätte er begriffen, daß es ihm nur galt, zwei Seelen vom Untergang zu
+retten. Um dieser beiden teuren Seelen willen lebte er in einem
+schlaflosen Fieberzustand; ihretwillen rief er andere zu Hilfe. Eher
+konnte er sich weder Rast noch Ruhe gönnen. Selbst zu Kallem zu gehen --
+das hatte seine Gefahren, wäre auch sicherlich zwecklos gewesen. Hier
+mußten andere einschreiten. Hätte Kallem das geahnt, er wäre -- anstatt
+zu Rendalen zu gehen -- Tuft nachgelaufen und hätte ihn durchgeprügelt,
+bis er kein Glied mehr hätte rühren können.
+
+Glücklicherweise ahnte er jedoch nichts und klingelte bei Rendalen, ganz
+erfüllt von dem, was er mitzuteilen hatte. Rendalen öffnete selbst, und
+zwar sofort; er stand zum Ausgehen gerüstet da, hatte den Hut auf und
+den Überzieher überm Arm und war aufs sorgfältigste gekleidet und
+geschniegelt. Kaum erblickte er Kallem, so warf er den Kopf zurück wie
+ein Pferd, das einen Feind vor sich sieht. "Du!" rief er. Kallem trat,
+aufs äußerste erstaunt, rasch ein. Rendalen machte die Tür zu, schloß
+sogar ab, und schleuderte Hut und Überzieher hin. "Zu Dir wollte ich
+eben!" zischte er. Er war ganz weiß zwischen seinen Sommersprossen, die
+schmalen Lippen waren zusammengepreßt, die grauen Augen sprühten. Und
+nun ballte er seine breiten, kurzen Hände, diese Hände eines Hünen, bis
+sie ganz weiß wurden. Sein aufrechtstehendes rotes Haar schien mit den
+Augen um die Wette Funken zu sprühen; die ungeheure persönliche Macht,
+die dem Mann eignete, beunruhigte und erschreckte Kallem. "Was zum
+Henker ist denn los?" Der andere antwortete in höchster Wut, aber doch
+gedämpft: "Tuft ist hier gewesen und hat mir alles erzählt. Aha! Jetzt
+wirst Du bleich!" Er kam noch dichter heran: "Sie war das Unschuldigste
+unter der Sonne -- Du Schurke!" Seine Stimme zitterte.
+
+"Na, hör mal!" sagte Kallem. Ihm wurde eiskalt. Der andere aber war ganz
+von Sinnen und unterbrach ihn: "Du meinst wohl, das ginge mich nichts
+an? Alle Menschen geht so etwas an! Und weißt Du, warum ich ausgezogen
+bin? Glaubst Du, ich hätte weniger Macht über ein Menschenkind als Du?
+Du feiger, verfluchter Schurke!" Gleich wilden Schreien entrangen sich
+die dickunterstrichenen Worte seinem wilden Sinn, obwohl sie noch leiser
+gesprochen waren als die vorhergehenden. Eine derartige Wut und ein
+derartiger Hohn wirken ansteckend.
+
+"Na, na, nur nicht eifersüchtig werden, mein Junge!" rief Kallem. Wenn
+man eine Bütte mit Blut über ihn ausgegossen hätte, Rendalen hätte nicht
+röter werden können. Gleich darauf wurde er wieder weiß. Vergebens
+versuchte er zu sprechen, und da es ihm nicht gelang, so ging er
+geradenwegs auf Kallem zu, die Augen in seine gebohrt, daß sie
+tatsächlich brannten. "Ich hätte die größte Lust, Dich ... Dich zu
+schlagen!" brachte er nur heraus. "Bitte!" sagte Kallem und nahm
+Stellung. Kaum hatte er es voller Hohn herausgestoßen, als auch schon
+Rendalens rechte Hand niedersauste. Kallem bückte sich und stand
+unverletzt, mit spöttischer Miene da. Rendalen nahm einen zweiten
+Anlauf, Kallem wich abermals behende aus. "Bist Du denn ganz verrückt?"
+rief er, so laut er konnte.
+
+Als wenn einer ihn von hinten gepackt hätte und festhielte, stand
+Rendalen plötzlich da, und nach und nach kam es über ihn wie eine Art
+Ohnmacht. Bleich, steif starrte er vor sich hin, bis er mit dem Aufgebot
+seiner ganzen Willenskraft vermochte, sich umzuwenden, langsam nach dem
+Fenster zu gehen und still, mit leerem Blick hinauszusehen. Sein Atem
+ging so heftig, daß Kallem glaubte, der Schlag müsse Rendalen treffen.
+Kallem selbst stand, ohne sich zu rühren, da; denn immerhin war er
+selber doch auch so wütend, daß er es nicht über sich brachte, zu ihm
+hinzugehen. Rendalen war ihm ein Rätsel -- eben noch der wildeste
+Ausbruch von Leidenschaft, und jetzt wie gelähmt! Nichts als sein
+heftiges Atmen war zu hören. Und dabei dieses unglückliche Gesicht -- so
+über alle Beschreibung unglücklich! Was in aller Welt bedeutete denn
+das? Er blickte auf den Freund, bis die alte Wärme für ihn wieder
+erwachte, und ohne weiteren Übergang trat auch er ans Fenster und
+stellte sich neben ihn. "Du brauchst es Dir nicht so zu Herzen zu
+nehmen", sagte er. "So schlimm, wie Du vielleicht glaubst, ist es
+nicht." Der andere antwortete nicht; vielleicht hörte er es nicht; er
+sah noch immer zum Fenster hinaus. Oder glaubte er ihm nicht -- meinte,
+es sei Spott? Da lächelte Kallem ihn an -- und dies Lächeln war nicht zu
+verkennen; es war gut und aufrichtig. In Rendalens Gesicht kam wieder
+Bewegung und Farbe; er wandte den Kopf. Voll froher Eile sagte Kallem:
+"Nicht ein Haar habe ich ihr gekrümmt, weiß Gott, alter Junge!" Rendalen
+begriff den Sinn der Worte nicht gleich; er vermochte nicht, das Ganze
+so plötzlich am andern Ende zu fassen. Aber als Kallem seinen Kopf noch
+dichter zu ihm hinüberbeugte und sagte: "Ich gebe Dir mein Ehrenwort --
+ich habe ihr nichts getan!" da jubelte es in Rendalen auf, und er
+schlang die Arme um des Freundes Hals.
+
+Sie waren beide zu tief ergriffen, als daß das gegenseitige Vertrauen
+hinterher nicht unbedingt gewesen wäre. Rendalen erfuhr alles, genau,
+wie es zugegangen, wie in den beiden Menschen die Liebe erwacht war. Es
+machte einen tiefen Eindruck auf ihn, was er auch gar nicht verbergen
+wollte oder konnte. Kallem fragte nun offen, ob auch er sie liebe? Da
+aber wurde Rendalen wieder blaß und zornig, und Kallem war unglücklich
+über seine Unbedachtsamkeit; aber sie war nicht wieder gutzumachen. Das
+Gespräch stockte; Rendalens Augen wichen den seinen aus. Endlich, als er
+die Form gefunden hatte für das, was er antworten wollte, sagte er: "Ich
+habe kein Recht, zu lieben. Darum bin ich ausgezogen."
+
+Es ging Kallem durch Mark und Bein. Rendalen hatte die Arme auf den
+Tisch gestützt, zwischen den Händen hielt er ein Buch, das er
+unaufhörlich hin- und herdrehte und von außen und innen besah. "In
+unserer Familie ist der Wahnsinn erblich ... durch lange Generationen.
+Mein Vater war geisteskrank. In mir -- ja, Du kennst ja das Unbändige in
+mir ... ist es hart an der Grenze. Geradeso war mein Vater. Darum, als
+Du das sagtest ... Du weißt schon ... vom Verrücktsein ... das traf! Es
+sind die Worte meiner Mutter. Ich darf mir nicht nachgeben. Also auch
+nicht in der Liebe. Trotzdem hab' ich's nicht immer können. Nein
+--beichten kann ich nicht. Die Musik ist mein Betäubungsmittel. Aber
+hier hat auch sie mich im Stich gelassen. Wie auch schon früher." -- Er
+legte das Buch weg, nahm ein anderes, legte es auf das erste und
+wirbelte beide auf dem Tisch herum. Da hörte er Kallem halb lachend
+sagen: "Und da hast Du mich zum Stellvertreter gewählt?" -- "Was Teufel
+sollt' ich denn sonst machen? Ich hab' Dich für einen anständigen Kerl
+gehalten."
+
+ * * * * *
+
+Am Nachmittag verfaßte Kallem im Schweiß seines Angesichtes einen Brief
+an den Apotheker, der ihm helfen sollte. Je mehr er schrieb, desto
+unmöglicher schien es ihm, dem alten Hagestolz und grilligen
+Naturforscher verständlich zu machen, was Liebe ist, und was für tiefe
+Not das Wesen litt, für das er um Hilfe bat. Er zerriß den Brief. Rasch
+entschlossen schrieb er seinem Vater. Dieser brauchte ja jetzt Ole Tuft
+nicht mehr zu unterstützen; ob er vielleicht einem andern helfen würde?
+Sein Vater war ein Sonderling, aber ein warmherziger Mensch, der alle
+Ungerechtigkeit haßte. Und etwas Ungerechteres als Ragnis
+selbstgewähltes Geschick kannte Kallem nicht; er war fast überzeugt, daß
+sein Vater dasselbe fühlen mußte. So erzählte er ihm denn von ihrer
+Liebe -- ganz ohne Vorbehalt; er gelobte, wenn der Vater ihr helfen
+würde, so wolle er diesen Bund heilig halten. Von jetzt ab wolle er
+seine Studien ernsthafter betreiben als je; er wolle versuchen, das
+Höchste zu erreichen, was zu erreichen sei. Und wenn es auch seiner und
+ihrer Ausbildung wegen lange dauern würde, bis sie sich heiraten könnten
+-- er wolle ebenso treulich auf sie warten, wie sie auf ihn; das sei
+sein feierliches Gelöbnis. Er hoffe, der Vater habe keinen Grund, zu
+glauben, daß er es brechen würde, sondern werde ihn vielmehr beim Wort
+nehmen und ihr helfen.
+
+Und er hatte sich nicht getäuscht. Drei Tage darauf hatte er die
+telegraphische Antwort, daß alles nach seinem Wunsche geordnet sei, und
+daß das Nötige mit der ersten Post eintreffe. Mit diesem Siegestelegramm
+bewaffnet, begann er nun seinen und Rendalens gemeinschaftlichen Plan --
+sie zu seinem Vetter in Madison hinüberzuschaffen -- ins Werk zu setzen.
+Er schrieb sogleich an den Vetter und bat um Kabelantwort: "Ja" oder
+"Nein".
+
+Das Mädchen, das sich als Ragni völlig ergeben erwies, vermittelte ihre
+erste Zusammenkunft. Sie fand auf der Straße statt und außerhalb der
+Stadt, und war nur kurz; das Mädchen begleitete sie. Er teilte ihr
+sofort mit, um was es sich handle, wie alles geordnet werden könne, und
+wer dabei beteiligt sei. Sie erschrak so, daß er es für unmöglich hielt,
+weiter zu gehen. Unter keinen Umständen wollte sie die Kinder verlassen.
+Er war ganz verzweifelt nach dieser Begegnung und ging zu Rendalen, um
+ihm sein Herz auszuschütten. Dieser schlug sogleich vor, die Kinder zu
+seiner Mutter zu schicken; er würde ihr darüber schreiben. Als Kallem
+dies bei der nächsten Begegnung Ragni mitteilte, schien sie immerhin zu
+überlegen; sie gab demütig zu, so gut könne sie selber sie nicht
+erziehen. Aber immer, wenn sie an einem Tag so halbwegs auf etwas
+eingegangen war, nahm sie es am andern wieder zurück; jedesmal, wenn sie
+wieder mit den Kindern zusammengewesen war, erschien es ihr als
+Unmöglichkeit. Und da sie jedesmal dermaßen aufgeregt wurde, daß alle
+Vorübergehenden sie anstarrten, konnten sie sich nicht länger auf der
+Straße treffen. Nun kam kein anderer Ort in Frage als Rendalens oder
+seine Wohnung; aber Ragni war wieder so scheu geworden, daß er an ihrer
+Einwilligung zweifelte. Er bereitete sie in Briefen darauf vor und bat
+Marie, sie ebenfalls zu überreden und selbst mitzukommen. Hierauf waren
+sie ein paarmal ganz kurze Zeit auf seinem Zimmer, ein einziges Mal auch
+bei Rendalen zusammen; aber immer war es ein unbestimmtes Hin und Her.
+Nie wußte sie, was sie tun solle, und immer war sie voll Verzweiflung.
+Sie fürchtete sich auch vor der Reise selber. So ganz allein nach
+Amerika! Und von New-York allein nach Madison -- das war noch das
+Allerschlimmste! Unmöglich, ganz unmöglich! Marie erbot sich,
+mitzugehen, und Kallem versprach, auch ihre Überfahrt zu bezahlen. Aber
+beide die Kinder verlassen -- das konnten sie unter gar keinen
+Umständen; der bloße Gedanke schon war ein Unrecht! Marie mußte also
+bleiben, bis die Kinder gut versorgt waren.
+
+Wenn sie selber wirklich reiste, so mußte sie an Bord gebracht werden,
+ohne daß jemand davon erfuhr. Also mußte das Nötigste für die Reise
+gekauft werden; das mußte selbstverständlich umsichtig vorbereitet
+werden. Hier erwartete er abermals Widerstand; aber so kindlich war sie
+noch, daß sie sich, noch ehe etwas Bestimmtes über die Reise selbst
+ausgemacht war, verführen ließ, die Reisegarderobe einzukaufen; das
+machte ihr Spaß. Wenn er nur einmal länger mit ihr hätte sprechen
+können, oder wenigstens eine Weile täglich; aber sie war vorsichtig bis
+aufs äußerste. So schrieb er denn ellenlange Briefe; zu antworten wagte
+sie nicht, da sie sich von der Tante und von der Köchin überwacht
+glaubte. Aber weil die Briefe mit aller Macht der Liebe zu ihr sprachen,
+und da sie auch alle List der Liebe anwandten, indem sie auf ihre
+Phantasie einzuwirken suchten, so richteten sie mehr aus als die
+Zusammenkünfte. Daß die Briefe an ihr Ziel gelangten, verdankten sie der
+schlauen Marie, die sowohl der Tante als der Nordlandköchin über war.
+Kallem lebte, solange diese Unterhandlungen andauerten und seine ganzen
+Kräfte in Spannung erhielten, für nichts anderes. Beharrlichkeit erhöht
+den Mut; und als endlich das Kabeltelegramm die Antwort "Ja" brachte,
+wagte er es, einen kühnen Plan zu entwerfen. Dieser bestand darin, bis
+zur nächsten Abfahrt des großen englischen Dampfers alles fertig zu
+machen, Ragni selbst kein Wort zu sagen, sondern sich nur zu
+vergewissern, daß sie an dem Tage einen Vorwand hatte, frühzeitig
+auszugehen und lange fortzubleiben, und endlich es so einzurichten, daß
+auch Marie frei war. Auf zwei Stunden vor der Abfahrt des Dampfers war
+Ragni in seine Wohnung bestellt; Gepäck und Billet waren längst dort.
+
+Am bestimmten Tage und zur bestimmten Stunde kamen Marie und sie. Ragnis
+Gepäck war schon früh am Morgen an Bord gebracht worden, auch der Wagen,
+der sie abholen sollte, bestellt und bezahlt. Nichts im Zimmer erinnerte
+an eine Abreise; aber die Art, wie er sie empfing, erweckte in ihr die
+Furcht, daß etwas im Werke sei. Sonst war er immer sehr zurückhaltend
+gewesen, schon weil Marie dabei war; heute umarmte er Ragni mit all der
+Innigkeit, die er für sie empfand, und schien sie kaum lassen zu können.
+Sein Schmerz nahm keine Rücksicht und kannte keine Umwege mehr; er nahm
+ihre beiden Hände in seine, und Auge in Auge erzählte er ihr hastig,
+alles sei an Bord gebracht; in zwei Stunden gehe der Dampfer; und hier
+sei das Billet.
+
+Sie begriff sofort: jetzt mußte sie wählen zwischen ihm und allem
+übrigen -- ohne Bedenkzeit. Und das brachte ihm den Sieg. Erst stand
+sie in stummer Hilflosigkeit da; dann schmiegte sie sich still an ihn
+und verharrte so. Er küßte sie -- wie zum Willkommen --sie hielten sich
+eng umschlungen und weinten. Das Mädchen sah draußen vor den Fenstern
+jemand vorbeikommen und ließ die Gardinen herunter; es wurde halbdunkel,
+und in diesem Halbdunkel hörten sie auch Marie im Nebenzimmer weinen.
+Ihre Umarmung ging endlich in ein Flüstern über, erst abgerissen, dann
+von gedämpftem Schluchzen begleitet, das verstummte und wiederkehrte wie
+Sordinespiel. Und das Flüstern sprach von dem Tag, an dem er ihr
+nachreisen würde, um sich nie wieder von ihr zu trennen; welch ein
+treuer Freund er ihr sein würde, und wie die Zukunft, die ihnen winke,
+wohl all dieser Opfer wert sei; wie ihre Briefe Tagebücher sein sollten
+-- seine und ihre. Kurze, hastige Worte von grenzenloser Liebe -- und
+all die Worte waren seine; von ihr nur das sordinierte Schluchzen.
+
+Trotzdem die Stunde, die sie jetzt zusammen verlebten, die
+Abschiedsstunde war, so war es doch die erste Stunde ungestörter
+Hingabe, die sie verbrachten. Das Neue, das hierin lag, leuchtete so in
+den Schmerz hinein, daß er wie zu einem Sonnennebel um sie her ward. Ihr
+leises Schluchzen ging bald in Flüstern über; bei den ersten Worten, die
+sie sprach, wollte er sie ansehen; aber sie ließ es nicht zu. Wenn er
+ganz still sitzen und sie nicht ansehen wolle, so würde sie ihm etwas
+sagen. Er sei der weiße Pascha! Sie wollte nicht recht mit der Sprache
+heraus, was sie damit meine; das würde zu lang werden. Von Kind auf habe
+sie auf den weißen Pascha gewartet, d. h. seit ihres Vaters Tode; damals
+sei sie zwölf Jahr alt gewesen. Es sei ihr immer traurig ergangen, am
+traurigsten, als sie von Berlin heimgekommen sei und nicht den Mut
+gehabt habe, öffentlich zu spielen. Aber davon wolle sie auch nicht
+weiter erzählen; es würde zu lange dauern. Die ganze Zeit habe sie von
+dem weißen Pascha geträumt -- wenn er doch nur kommen wolle! Daß er
+kommen würde, das wußte sie ganz sicher. Sogar als sie zu den
+"Walfischen" hinunterstieg, wußte sie, er würde ihr nachkommen; er fand
+schon den Weg. Einmal hatte sie geglaubt, Rendalen sei der weiße Pascha;
+aber da er's nicht war, mußte er ausziehen, damit der richtige kommen
+konnte. -- Am ersten Abend hatten sie sich mitten in dem leisen
+Schneefall getroffen. Weshalb mußten sie sich gerade da treffen? Da
+hatte sie ihn angesehen und gedacht: ob er wohl der weiße Pascha sei?
+Das nächste Mal, als sie sich trafen, hatte er die kleine Juanita
+getragen; da war sie schon beinah sicher, daß dies keinem andern habe
+einfallen können. Aber dann war alles so überstürzt gekommen, und so
+ganz anders, als sie sich's gedacht hatte. -- Er fragte, ebenfalls
+flüsternd, ob sie ihm nicht erzählen wolle, was sie damals, vor einem
+Jahr, veranlaßt habe, zu den "Walfischen" hinunterzusteigen. Ein
+Schauder durchflog sie bei seiner Frage. -- Und trotzdem -- obgleich sie
+verheiratet gewesen sei, habe sie noch immer auf den weißen Pascha
+warten können? -- Mehr als je. --Ob sie denn nicht gewußt habe, was Ehe
+ist? -- Sie schmiegte sich enger an ihn und schwieg.
+
+Obgleich er nun bei dem angelangt war, was er am liebsten hätte wissen
+mögen, brach er dennoch ab.
+
+Er erzählte ihr, es sei verabredet, daß Rendalen sie an Bord erwarte;
+dieser wolle gleichzeitig auf ein paar Tage nach Hause reisen und werde
+für sie sorgen. Sie standen beide auf.
+
+Ob Kallem sie denn nicht aufs Schiff begleite? Er umfaßte sie, barg
+seinen Kopf an ihrer Brust und sagte, es sei besser, nicht. Das war das
+Schwerste. Einen Augenblick lang war sie ganz außer sich; sie setzten
+sich aufs neue und nun kam ein langes, aufreibendes Abschiednehmen.
+Marie stand wie auf Kohlen. Bis an den Wagen wollte er sie wenigstens
+begleiten. Aber Marie untersagte es ganz bestimmt; niemand dürfe sie
+zusammen sehen.
+
+Er hörte den Wagen davonfahren, ohne ihn zu sehen, und in all den
+folgenden Jahren erschien ihm dieser Augenblick als das Grausamste, was
+er je durchgemacht hatte.
+
+Er ging nicht hinunter, um das Schiff noch von fern zu sehen; erst
+nachmittags ging er zu der Stelle, wo es gelegen hatte.
+
+Von dort machte er einen weiten Spaziergang, und zwar so, daß die Tante
+ihn sehen mußte. Damit verfolgte er eine bestimmte Absicht.
+
+Das lenkte eine Zeitlang den Verdacht von ihm ab. Man konnte sich nicht
+denken, daß der Mann zurückblieb, der Ragnis Flucht ins Werk gesetzt
+hatte, um dessentwillen es geschah.
+
+Jeder, der sich der Begebenheit erinnert, wird sich entsinnen, wie
+streng Ragni verurteilt wurde. Fremd, ohne Verkehr, scheu, hatte sie nur
+die Erinnerung an ein erotisch-gesangvolles Klavierspiel zurückgelassen;
+und das konnte sie hier nicht verteidigen. Vor einem Jahr hatte sie es
+übernommen, für die Kinder ihrer verstorbenen Schwester zu leben; und
+jetzt lief sie davon. Der blinde Mann, den sie geheiratet hatte, war
+ihre eigene Wahl gewesen; sie hatte keinerlei Beschwerden durch ihn
+gehabt.
+
+Wenn sie es jetzt bereute -- warum hatte sie es nicht gesagt? Weshalb
+sich so hinterlistig benehmen?
+
+Für Kallem war es nicht leicht, das mitanzuhören; hatte er ihren Ruf
+zugrunde gerichtet? Schon jetzt nahmen alle als sicher an, daß sie ein
+Verhältnis mit einem andern gehabt habe; und die Stunde war nicht fern,
+da alle wissen würden, daß er der Schuldige war.
+
+Eines Tages traf er die Kinder mit Marie vor der Universität, und beide
+steuerten sofort auf ihn zu. Was hätte er nicht darum gegeben, wenn
+Ragni lächelnd hinter ihnen hergekommen wäre! Natürlich nahm er die
+Kinder mit in die Konditorei und hörte, wie sie erzählten, daß "Mama"
+auf einem großen Schiff fortgereist sei; "Mama" komme aber zu
+Weihnachten wieder und bringe ihnen neue Kleider und neue Puppen mit.
+
+Auf dem Tisch lag eine illustrierte Zeitschrift; Juanita kam auf den
+Einfall, alle Damen auf den Bildern seien "Mama"; wenn die ältere
+Schwester das bestritt, rückte sie bloß ihren kleinen Finger auf eine
+andere: "Das ist Mama."
+
+Kallem hatte am selben Tage einer verunglückten Operation beigewohnt;
+infolge eines bösen Mißgeschicks hatte der Patient sich verblutet. Bei
+seiner gegenwärtigen Nervosität hatte das großen Eindruck auf ihn
+gemacht. Und als er die Kinder verlassen hatte und zum Mittagessen ging,
+kam es ihm vor, als sei er selber der unglückliche Operateur. Er hatte
+Ragni retten wollen, und hatte es nur schlimmer gemacht; jetzt
+verblutete ihr guter Name. Und das Gesellschaftsleben ist ein Gewebe von
+Muskeln, Sehnen und Adern ...
+
+Einige Tage später saß er auf der Universitätsbibliothek und studierte
+in einem Kartenwerk, als plötzlich lächelnd und frisch Ole Tuft vor ihm
+stand. Er wisse nicht, wo Kallem jetzt wohne, und habe ihn darum hier
+aufgesucht. Kallem stand auf und setzte sich zu ihm.
+
+Der Schwager hatte jetzt nichts mehr von Kallems Wildheit zu fürchten;
+Kallem hatte kein Verlangen mehr, ihn "halbtot" zu schlagen, nicht
+einmal mehr, ihn vorwurfsvoll anzusehen; er war sehr zufrieden, wenn Ole
+ihn nicht vorwurfsvoll ansah. Ole wußte wahrscheinlich, was bald alle,
+die der Sache näherstanden, erfahren mußten -- daß Edvard Kallem der
+Sünder war, wußten es von Josefine, die es vom Vater gehört hatte. Oder
+irrte er sich? Versteckte sich hinter Oles Freundlichkeit nicht Zweifel,
+Verdacht an seiner vollen Ehrenhaftigkeit -- die Prophezeiung, daß ein
+solcher Anfang nie zum Siege führen würde? War diese Herzlichkeit echte,
+ungemischte "Brüderlichkeit", verdünnt mit dem Gehorsam eines jungen
+Theologen gegen das Gebot: "Liebet alle Menschen"?
+
+Ole war gekommen, um ihm mitzuteilen, daß er fertig sei und nach Hause
+zurückkehre; das Glück strahlte ihm aus den Augen. Er fragte, ob er
+Grüße bestellen solle, und erzählte, er habe Hoffnung, bald zu Amt und
+Würden zu gelangen. Er ließ durchblicken, was dann geschehen würde; der
+Weg lag gebahnt vor ihm, und seine Ziele waren zweifellos keine
+geringen. Der stattliche Bursch erregte Aufmerksamkeit bei allen, die in
+der Bibliothek aus- und eingingen.
+
+Edvard blieb mit unbedecktem Kopf oben auf der Bibliothekstreppe stehen,
+während Ole Tuft in seiner etwas schwerfälligen Art über den Platz
+schritt. Wahrlich --da ging einer, der sicher war in sich selbst; _sein_
+Anfang war ganz, so wie seine Natur ganz war.
+
+
+
+
+Mannesalter
+
+
+1
+
+"-- -- Die Rechtfertigung hat ihren Ursprung in der göttlichen Gnade.
+Sie kann ihn nicht im Sünder, in seiner sittlichen Arbeit an sich selbst
+haben; denn dieser ist ein Ungerechter. Als solcher verdient er sie auch
+nicht, ebensowenig wie er Rechtsanspruch darauf erheben kann. Nur Gottes
+erhabener Wille kann ihn rechtfertigen."
+
+Der Pastor ging auf und ab, ein Heft in der Hand, aus dem er flüsternd
+auswendig lernte. Die Sonne schien hell durch die beiden Fenster, die
+nach Südwesten lagen und weit offen standen; durch das hintere ergoß
+sich milchweißer Glanz über den graugestrichenen Fußboden; das unruhige
+Laub junger Espen zeichnete sich auf den Scheiben ab; die Espen mit
+ihren zitternden Blättern standen draußen am Staket. Aus dem Garten
+strömte der Duft von Aurikeln, Flieder und Goldregen herein; der Pastor
+unterschied jede Mischung in den Luftströmungen; er hatte die Bäume und
+Blumen selbst gepflanzt; sie liebkosten ihn geradezu. Sobald der Luftzug
+nur um ein Winziges stärker wurde, so sandten die sprossenden Birken und
+die frischen Triebe der Tannen, die außerhalb seines Pfarrhofs standen,
+eine scharfe Welle herein, die rücksichtslos die Strömung des Gartens
+wegspülte, und jedesmal flutete eine ganze Gesellschaft
+verschiedenartiger Gerüche vom offenen Feld nach. Es roch nach Wachstum.
+
+Psst!
+
+"-- -- Was kann Gott dazu bewegen, so gnädig zu sein gegen den armen
+Sünder, der aus sich selbst nicht das Geringste vermag? Seine
+unbegreifliche Liebe zum Sünder, seine unverdiente Barmherzigkeit kann
+ihn dazu bewegen."
+
+Jetzt pfiff das Dampfschiff zum drittenmal. Nein --da konnte er nicht
+widerstehen -- er mußte den Dampfer sehen, wie er in großem Bogen von
+der Brücke weg über die Bucht fuhr und den Wasserspiegel in zwei Hälften
+teilte; der größere fiel der Insel draußen zu, der kleinere dem Strand
+vor der Stadt. Der Pastor nahm sein Fernrohr vom Pult. Die Brücke unten
+war voll bunter Sonnenschirme; dazwischen Männerhüte, meist in dunklen
+Farben; hie und da leinene Hauben und Kopftücher, gewöhnlich mehrere
+beieinander.
+
+Jetzt hörte man von rechts Schritte im Sand; sie kamen aus dem Garten
+seiner Mutter und lenkten auf den seinen zu -- Schritte eines
+Erwachsenen, und auf jeden Schritt des Erwachsenen zwei Kinderschritte.
+"Du, Mutter, was hat das Dampfschiff im Bauch?" --"Haha!" -- Die Gestalt
+einer Frau tauchte auf, die den Eindruck von Kraft hervorrief. Ein
+starker Hals und eine volle Brust, der ganze Wuchs ungewöhnlich schön;
+das Gesicht dunkel, ziemlich groß, mit gebogener Nase; das Haar fast
+schwarz. Sie trug ein cremefarbenes, mit hochroten Blumen gemustertes
+Musselinkleid mit einer Passe von hochroter Seide, um den Leib einen
+seidenen Gürtel von gleicher Farbe. Zu ihrer dunkeln Haut, dem schwarzen
+Haar und den tiefen Augen bildete das einen bezaubernden Gegensatz; sie
+pries den warmen Frühlingstag mit kundiger Farbenpracht. Aber sobald sie
+in das lächelnde Melanchthonantlitz am Fenster sah, senkte sich der rote
+Sonnenschirm zwischen sie und ihn. An der Hand führte sie ihren
+vierjährigen Knaben, ein hübsches Kerlchen mit blondem Haar und einem
+Gesicht wie das Antlitz des Mannes im Fenster. Der Junge ließ die Hand
+der Mutter fahren, öffnete die Tür zwischen den beiden Gärten und sprang
+vorbei, um die nächste Tür, auf den Weg hinaus, zu öffnen. Als die Frau
+vorüberkam, flüsterte der Pastor: "Ich gratuliere! Du siehst ja reizend
+aus!" Es klang bittersüß. Wie konnte eine Pastorsfrau sich so kleiden!
+
+Ohne den Sonnenschirm zu senken schritt sie nach der offenen Gartentür
+und weiter auf dem Weg nach der Stadt zu. "Wohin?" -- "Zum Schiff, und
+zusehen!" rief der Junge, davonspringend. Ihr Nacken unter dem Hut, ihre
+Figur im Sonnenlicht, der Gang, die Farben ... der Pastor lag im
+Fenster, trommelte auf den Fenstersims und pfiff lautlos. Die warmen
+Augen flogen ihr nach, bis er sich mit einem kräftigen Aufstemmen aller
+fünf Finger von der Fensterbank erhob.
+
+"-- -- Gott straft nicht, er erbarmt sich unser. Doch nicht wie ein
+Heerführer einen Waffenstillstand gewährt oder ein König eine Amnestie
+erläßt (nein, 'Amnestie', das verstehen vielleicht nicht alle; wie sag'
+ich gleich -- Erlaß? ... Nein, das genügt nicht. 'Gnadenerlaß'! Also:)
+Doch nicht, wie ein Heerführer Waffenstillstand gewährt oder ein König
+einen Gnadenerlaß, ist die göttliche Rechtfertigung; nein, das
+widerspräche der Allheiligkeit Gottes. Die Rechtfertigung ist allerdings
+eine Gnade; aber sie ist auch eine Gerichtshandlung. Sie muß eine
+rechtliche Grundlage haben, d. h. den Forderungen des Gesetzes, die
+Gottes eigene sind, muß _Genüge geschehen_."
+
+Eigentlich ist das doch sehr juristisch.
+
+Der Pastor sah in das Heft, das aufgeschlagen auf dem Pult zwischen den
+zwei Fenstern lag; er verglich es mit dem, was er in der Hand hielt.
+Dabei hörte er das laute Getöse des Dampfers, der jetzt gerade auf der
+Bucht unten vorüberfuhr. Er mußte aus dem Fenster spähen, und die Folge
+davon war, daß er, ohne es zu wissen, sich behaglich hinauslehnte. Die
+Sonne schien auf das weiße Leinwanddach des Dampfers, die Schaumlinie
+zwischen Land und Insel war wie eine straffe Schnur; am Himmel kein
+Wolkenstreifen, so daß der Rauch sich vom freien Grund abhob; ebenso
+ungedämpft hörte man den Lärm. Der Pastor ließ den Blick vom Dampfer
+nach der Stadt, zum Strand, über die Bucht hin schweifen, bis zu den
+Bergen auf der andern Seite der Bucht; die ganz hinten, die blauen
+drüben waren noch nicht frei von Schnee. Das Getöse des Dampfers hallte
+über die weite Landschaft hin wie eine Predigt, die seine eigene
+ablöste. Ein bescheidener Duft aus dem Garten lenkte sein Auge vom
+Großen aufs Kleine. Das alles hatten er und Klein-Edvard miteinander
+geschafft, oder vielmehr, er hatte gearbeitet und der Kleine hatte sich
+unnütz gemacht. Der Pastor besah sich namentlich die Beete, auf denen
+bis jetzt noch nichts kam; dann die ersten, die schon ganz fertig waren
+und leider auch schon gejätet werden mußten. Dabei konnte Edvard auch
+helfen. Langweilig war es ja; aber er hatte sich nun einmal vorgenommen,
+in diesem Jahre solle kein anderer den Garten anrühren; außerdem war das
+Bücken gesund, da mischte sich die Galle mit dem Blut. Ohne es zu wollen
+dachte er daran, wie ihm seine Frau dann manchmal ein Glas Wein und ein
+Stückchen Kuchen brachte; es liegt in der Natur des Weibes, unsere
+Schwächen zu ahnen und schwach gegen sie zu sein. Er blickte hinüber auf
+den Weg, wo sie verschwunden war, und richtete sich straff in die Höhe:
+
+"-- -- Den Forderungen des Gesetzes, die Gottes sind, muß Genüge
+geschehen. Könnte das durch den Sünder selbst geschehen, so wäre die
+Rechtfertigung keine Gnade; folglich muß es durch den _Geist_ geschehen.
+
+Aber auch diese Erfüllung des Gesetzes durch einen andern muß aus Gottes
+erlösender Gnade kommen, wenn sie nicht die Rechtfertigung (hu, wie
+juristisch!) aufheben soll. Und soll ferner diese neue Gnadenhandlung
+allen zugute kommen, so muß die Gesetzerfüllung für das _ganze sündige
+Menschengeschlecht_ gelten. Einzig Gott selbst kann eine solche
+Erfüllung, einen solchen 'Vergleich', eine solche, 'Sühne'
+zustandebringen.
+
+Für den Christen ist es eine Tatsache des Glaubens, daß diese Grundlage
+für eine Weltsühne, diese Auslösung der Schuld des ganzen
+Menschengeschlechts ein für allemal durch _Jesum Christum_ geschaffen
+worden ist, und daß sie jedem einzelnen Sünder zugute kommen kann."
+
+Der Pastor blickte auf. Wie weit wohl das Dampfschiff ...? Was, nirgends
+mehr? Er ging ans Fenster und blieb dort stehen. In einer geraden Linie
+schoß jetzt das Boot auf die Landspitze zu, die so weit hinausragte, daß
+sie fast bis an die Insel stieß. Das große Kirchdorf drüben rechts auf
+der Höhe, deren Ende die Landspitze bildete, schaute vom Hang herüber.
+Die Bucht lag dazwischen. Hof an Hof sonnte sich dort, grün und
+fruchtbar; stolze Besitztümer -- das sah man an der Entfernung zwischen
+den einzelnen Gehöften. Die Seite des Hügels, die sich nach der Insel
+erstreckte, hatte die Form einer flachen Zange; und dort, durch den
+Sund, mußte das Dampfschiff in den großen Fjord verschwinden.
+
+Dies dumpfe Dröhnen des Dampfers! Ist es nicht, als habe die Natur
+Sprache bekommen? Die ganze Landschaft, nicht nur ein Teil. Wenn
+z. B. über die ganze Landschaft eine Saite gespannt wäre, und ein
+Bogen striche darüber, dann müßte das klingen wie das Dröhnen des
+Dampfers. -- --
+
+Psst!
+
+"-- -- Gott hat gewollt und bewirkt, daß ein Sünder gerechtfertigt
+werden kann durch Gottes Gnade, und zwar dadurch, daß Christus dem
+Gesetz Genüge getan hat. Christi Verdienst, Christi Gerechtigkeit haben
+die Schuld bezahlt. Jeder kann sich sozusagen sein Stück von der
+Gerechtigkeit abschneiden, die Christus für die Welt gewonnen hat. --
+Nein -- das klingt vielleicht zu weltlich. Wenn es auch der Sinn ist."
+
+Bald darauf lag er wieder im Fenster, breit auf beide Ellbogen gestützt,
+als wolle er überhaupt nicht mehr aufstehen. Er sah den Weg hinunter,
+auf dem Josefine mit dem Kleinen verschwunden war; er blickte über die
+Bucht weg nach der Insel, und dachte an das Inselkindchen, das dort
+drüben links spielte; von hier aus konnte er es nicht sehen, aber er
+wußte, daß es dort spiele, und wie niedlich es sei. Von den Bergen
+wieder geschwind zum Dampfer, der auf den Sund lossteuerte. Dort draußen
+hatte die Insel einen Waldhut auf, dem der Rauch des Dampfers eben einen
+Flor umlegte. Der Wind ging dort anscheinend in anderer Richtung? Nein,
+jetzt ging er auch hier in der gleichen. Um diese Zeit schlägt er so oft
+um. Jetzt duftete es nicht mehr vom Garten und von den Bäumen und
+Feldern herein; bald wird wohl ein Flügelschlag schwarze Streifen ins
+Wasser ritzen! Eine Dampfpfeife stöhnte und keuchte links unten an der
+Bucht; da ging ein Zug ab, oder ein Güterzug rangierte.
+
+Wie still es sonst war! Er hörte in weiter Ferne ein paar Kinderstimmen,
+jede Schwingung darin. Ab und zu klopfte und hämmerte es in dem neuen
+Haus drunten an der Ecke der Strandstraße und des Wegs, der hier
+heraufführte. Es klang, wie es in leeren Räumen zu klingen pflegt. In
+der Ferne immer noch gedämpfte Staccatotöne des Dampfergedröhns. Das
+Haus, in dem er wohnte, lag frei, und diesem Umstand war es zu
+verdanken, daß er einen so weiten Blick und einen so hellhörigen
+Standort hatte. Aber wenn die Felder in Grundstücke parzelliert wurden,
+so war es damit vorbei.
+
+Darüber verfiel er in Nachdenken; sollte er nicht selber aufkaufen? Er
+hätte es gern getan; aber Haus und Grundbesitz und alles, was sie
+hatten, gehörte seiner Frau. Der Rest seines eigenen kleinen Vermögens
+steckte in dem kleinen Haus mit Garten rechts nebenan, in dem seine
+Mutter wohnte.
+
+Es hat mancherlei Vorteile, mit einer reichen Frau verheiratet zu sein,
+selbst wenn im Ehekontrakt steht, daß sie allein das Verfügungsrecht
+über ihr Vermögen hat; manche Bequemlichkeiten fallen ab, die das Leben
+freundlicher und die Arbeitsbedingungen leichter gestalten; es ist auch
+meist der Schlüssel zu einer gewissen Macht -- namentlich für einen
+Pastor. Viel Gutes läßt sich damit tun, was andere sich versagen müssen,
+und das setzt sich um in Macht. Er hatte das empfunden, und hatte es mit
+Behagen empfunden. Das paßte ihm.
+
+Aber. -- Ja, alle "Aber" wurzeln in dem einen Punkt: wie die Frau ist,
+die über das Vermögen zu verfügen hat. "Aber wie nun die Gemeinde ist
+Christo Untertan --."
+
+Psst! -- Er begann wieder zu lesen, diesmal laut: "Die äußere Grundlage
+für die Rechtfertigung war also, daß Jesus dem Gesetz Genüge getan hat;
+die innere Bedingung ist, daß der Sünder das _glaubt_. Wie versöhnt auch
+Gott mit der Welt sein mag, er kann einzig dem Sünder seine Gnade
+schenken, der in Gemeinschaft steht mit Christus, '_weil er an ihn als
+seinen Erlöser glaubt_'."
+
+Das Heft sank; der Pastor wußte selber nicht, was er las. Denn die
+Stelle im Epheserbrief hielt seine Gedanken gefangen. Ist das Weib nicht
+Untertan in allen Dingen,... ja, dann sät eben der Umstand, daß die Frau
+das Verfügungsrecht über das Vermögen hat, eine Saat der Ungleichheit.
+
+So tief war er hiervon überzeugt, so stark waren die Beweise, die er
+sich dafür zurechtlegte, daß er fern und nah nichts mehr sah und hörte,
+-- es nur noch wie die Erzählung eines andern in sich aufnahm. Er
+trommelte auf die Fensterbank und blickte auf den Weg hinunter. Die
+beiden eben ausgekrochenen Schmetterlinge, die in endlosen Schwingungen
+sich über und unter seinem Fenster umkreisten, hatten keine Ahnung von
+all den Schwierigkeiten, die es mit sich bringt, wenn man ein Vermögen
+besitzt, über das man nicht verfügen kann. Etwas weiter drüben, hinter
+dem Schemel des Jungen, der seit ein paar Tagen vergessen dalag,
+läutete eine anmutige Declytera mit langem Blütenstengel voll roter
+Glöckchen zur Hochzeit -- zur Hochzeit -- ohne das geringste Verständnis
+für Epheser 5 Vers 24. Der Pastor übersah sie darum auch. Ja, nicht
+einmal Gärtner Nergaards Bienen, die jedenfalls dieses Jahr zum
+erstenmal hier oben waren (wahrhaftig! sie kannten den Weg wieder, seit
+der Wind umgeschlagen war und der Duft lockte!) -- nicht einmal die
+Bienen hörte er, wie sie um die frischen Triebe hinter dem Haus surrten.
+Eheliche Kümmernisse im Sinne Epheser 5 Vers 24 ziehen einem eine Kappe
+über den Kopf, und wenn auch die Sonnenstrahlen aufs Haar brennen! Über
+das sanft abfallende Kirchdorf drüben zur Rechten mit seinen drei
+Schattierungen von Grün: Wiesen, Äcker und Wald, --glitten seine Augen
+so blind hin wie der Wind. Eben jetzt zog sich ein Streifen Schwarz über
+die Bucht, wie versuchsweise, -- ein paar vereinzelte Furchen; er war
+mitten drin und sah es nicht. Irgendwo von oben muhte eine angepflockte
+Kuh sehnsuchtsvoll nach: Wasser -- Wasser! Alles um ihn her ein Warten
+-- und ungesehen ..., bis ein verzweifelter Kinderschrei die warme
+Blütenduftluft zerriß ... ein einziger, langgezogener Schrei. In diesem
+Schrei hörte er jede Schwingung; der packte ihn an der Brust wie eine
+erbarmungslose Hand. Er fuhr auf und stand mit angehaltenem Atem still
+und wartete auf den nächsten. Aber er kam nicht, der nächste ... es
+mußte schon beim ersten sich vollständig erschöpft haben ... nein! da
+gellte es wieder! War der erste Schrei verzweifelt gewesen, so war
+dieser die Todesangst selbst ... und wieder einer ... und noch einer!
+Der Pastor stand blaß -- alle Sinne gespannt -- da. Da erklangen von
+rechts rasche Schritte im Sand. Es war seine Mutter, die an dem Türchen
+zwischen den beiden Gärten zum Vorschein kam, eine alte, hagere Frau mit
+schwarzer Haube über dem schneeweißen Haar, das an den Wangen
+herabgekämmt war und einen steifen Rahmen um das vorsichtige, ein
+bißchen trockene Gesicht bildete.
+
+"Nein!" stieß der Pastor hervor, "nein, Gott sei Dank, Edvard ist das
+nicht! Solches Getue leistet sich der nicht, wenn er weint! _Mein_ Bengel
+macht kein solches Geschnörkel! Der heult schlankweg drauf los!"
+
+"Schlimm genug ist's -- einerlei, wer's ist!" antwortete sie.
+
+"Hast recht, Mutter!" Und er betete im Herzen sogleich für den armen
+Knirps, der da so jammervoll schrie. Aber nachdem das erledigt war,
+dankte er doch Gott, daß es nicht _sein_ Junge war. Das mußte man ihm
+schon erlauben!
+
+Währenddessen kam ein hochgewachsener Mann in hellem Anzug und Panamahut
+den Weg herauf. Die ganze Zeit über blickte er nach dem Haus und dem
+Garten. Der Pastor sah auch ihn an, erkannte ihn aber nicht. Der Fremde
+kam über die Straße herüber und geradenwegs auf die Treppe zu. Ein
+hochgewachsener Mann mit kurzem, sonnverbranntem Gesicht, einer Brille,
+und eigentümlich raschem Gang. Wer in aller Welt...? -- Der Pastor trat
+vom Fenster zurück, eben als der Fremde die Treppe erreichte. Er mußte
+sie in zwei Sätzen genommen haben, denn schon erklangen Schritte im
+Gang. Es klopfte.
+
+"Herein!"
+
+Die Tür wurde geöffnet; doch der Fremde blieb draußen stehen.
+
+"Edvard!"
+
+Der andere antwortete nicht. "Aber, Edvard! Du hier! Und ohne Dich
+anzumelden? Bist Du's denn wirklich?" Und der Pastor lief auf ihn zu,
+streckte ihm beide Hände entgegen und zog ihn herein. "Willkommen!
+Herzlich willkommen, alter lieber Kerl!" Sein Gesicht strahlte vor
+Freude.
+
+Edvards sonnverbrannte Hände drückten zur Antwort des Schwagers Hände,
+seine Augen glänzten hinter der Brille; gesprochen hatte er noch nicht.
+
+"Warum redest Du denn kein Wort, Alter?" rief der Pastor und legte beide
+Hände auf Edvards Schultern. "Bist Du denn Deiner Schwester nicht
+begegnet?" --"Doch! Von ihr hab' ich erfahren, wo ihr wohnt." --"Und Du
+bist ihr davongelaufen? Wolltest wohl eher hier sein? Es ging Dir wohl
+zu langsam mit dem Jungen, was?" fragte der Pastor. Seine warmen Augen
+blickten voll ungeteilter Freude in die Augen des andern. --"Nicht nur
+deswegen. Du wohnst hübsch hier."
+
+"Ja, nicht wahr? Und Du sollst gerade so hübsch wohnen, wenn ich auch
+unseren Stadtteil im Norden dem Zentrum vorgezogen hätte." -- "Ich hatte
+ja wohl keine Wahl." -- "Nein, das ist wahr. Wenn Du das Krankenhaus
+übernehmen wolltest, so mußtest Du auch die Doktorwohnung dazu nehmen;
+die beiden gehören zusammen. Übrigens nicht zu teuer -- das sagen alle.
+Und sehr bequem -- und eine Menge Grundbesitz dabei. Na, jetzt hast Du
+Dich aber auch lang genug draußen herumgetrieben. Wahrhaftig -- mehr als
+lang -- so in einer Tour. Aber warum hast Du denn nicht geschrieben?
+Warum Dich nicht angemeldet? Herrgott -- ich hab' Dich ja nicht einmal
+gleich erkannt! Und dabei hast Du Dich eigentlich gar nicht verändert!"
+Er betrachtete das hagere Gesicht des Schwagers, das ihm nur weicher im
+Ausdruck erschien als früher. Dabei plauderte er unaufhörlich weiter,
+während sie auf und ab gingen oder am Fenster standen. Jetzt wandte
+Edvard sich zu ihm: "Aber Du, Ole -- Du hast Dich verändert!" --
+"Wirklich? Das hätt' ich nicht gedacht. Die andern finden das nicht." --
+"Doch -- Du hast so einen geistlichen Anstrich bekommen." -- "Geistlich?
+Haha! Du meinst, ich bin ein bißchen dicker geworden? Ich kann Dir
+versichern, ich tue alles, was ein Mensch tun kann, um dem abzuhelfen;
+ich arbeite im Garten, ich mache weite Spaziergänge; aber -- -- --
+siehst Du, meine Frau pflegt mich eben zu gut. Und die Menschen hier
+sind zu liebenswürdig zu mir." -- "Du solltest es machen wie ich." --
+"Wie machst Du's denn?" -- "Ich lauf' auf den Händen!" -- "Hahaha! auf
+den Händen? In meiner Stellung?" -- "In Deiner Stellung? Wenn Du einmal
+durch das ganze Kirchenschiff auf den Händen liefest -- _das_ wäre eine
+Predigt!" -- "Hahaha! Und Du kannst wirklich noch auf den Händen
+laufen?" -- "Und ob!" -- Und im selben Augenblick lief er auch schon.
+Die lose, kurze, rohseidene Jacke hing ihm dabei über den Kopf, der
+Pastor betrachtete sie, das Rückenteil der Weste, das Hemd zwischen
+Weste und Hosenbund, ein Stück von den Hosenträgern, die Hosen, die
+Strümpfe, die braunen Segeltuchschuhe mit den dicken Gummisohlen. Kallem
+hatte mittlerweile schon fast die Runde um das Zimmer gemacht. Der
+Pastor wußte nicht recht, wie er sich dazu verhalten solle. Kallem stand
+tiefatmend und erhitzt auf, nahm seine Brille ab, putzte sie und begann
+kurzsichtig die Bücherregale zu betrachten.
+
+Nun fühlte der Pastor, daß irgend etwas vorgefallen war -- etwas,
+worüber der Schwager sich ärgerte. Hatte die Schwester etwas gesagt, das
+ihn verstimmen konnte? Doch nein -- was hätte das wohl sein sollen! Bei
+ihrer Bewunderung für ihn! Das beste war -- gleich ehrlich und offen
+fragen; warum nicht lieber gleich Klarheit schaffen? Kallem hatte die
+Brille wieder aufgesetzt und ging an ihm vorbei, zum Pult; darüber hing
+ein Christus von Michelangelo -- ein Holzschnitt. Er sah flüchtig zu ihm
+auf, dann auf das Heft, das aufgeschlagen auf dem Pult lag. Und ehe der
+Pastor noch eine Frage tun konnte, sagte Kallem: "Johnsons systematische
+Theologie? Die hab' ich mir gleich in Kristianssand gekauft." -- "Die?
+Du?" -- "Ja. Ich hab' sie seither nie bekommen können. Dort lag sie im
+Schaufenster aus. Es war wie ein Wahrzeichen der Heimat." -- "Nein! Das
+ist nicht Norwegen!" sagte der Pastor. "Das ist in der Hauptsache nichts
+als unhaltbare Juristerei." Verwundert über diese Antwort des Pastors
+und den Ton, in dem sie vorgebracht wurde, wandte Kallem sich um: "Ist
+diese Denkweise unter den jüngeren norwegischen Theologen allgemein?" --
+"Ja. Ich habe mir das alles wieder zusammengesucht, um morgen die
+verschiedenen Ansichten über die Versöhnungslehre genau
+auseinandersetzen zu können." -- "Aha! Na ja -- eine ganz gute Manier!"
+-- Kallem sah zum Fenster hinaus. Zum vierten oder fünften Male schon.
+Sicher -- da stimmte irgend etwas nicht. "Da sind sie!" sagte er. Er
+stand am hinteren Fenster, der Pastor am vorderen, von wo aus er jetzt
+den roten Sonnenschirm seiner Frau über dem Musselinkleid auftauchen
+sah. Sie ging langsam und hielt den Jungen an der Hand, der anscheinend
+unaufhörlich plapperte, denn sein kleines Gesicht war fortwährend zu ihr
+emporgewandt, während er den unebenen Weg entlang stolperte. Die beiden
+gingen drüben auf der andern Seite. Aber hier unmittelbar am Zaun ging
+eine Dame ... Eben hob sie ihren grünen Sonnenschirm in die Höhe (wie
+hübsch der war!) -- eine Dame, nicht so groß wie Josefine, aber
+schlanker; sie sah sich um; ihre Bewegungen waren merkwürdig leicht; ihr
+Haar war rotblond, und sie trug ein schottisches Reisekostüm von
+fremdartigem Schnitt; es mußte eine Ausländerin sein. Freilich, jetzt
+erklärte es sich, weshalb Edvard vorausgegangen war; er hatte allein
+sein und die beiden allein lassen wollen. "Wer ist denn die Dame, die da
+neben Josefine geht? Sie muß mit demselben Dampfer gekommen sein wie
+Du?" -- "Ja." -- "Du kennst sie?" -- "Ja. Es ist meine Frau." -- "Deine
+... Du bist verheiratet?" Er sagte es so laut, daß beide Damen
+heraufsahen. Er zog den Kopf zurück und wandte sich um. Aber er sprach
+ins Leere. Der Doktor sah noch immer zum Fenster hinaus. Die Antwort kam
+auch von draußen: "Ja, seit sechs Jahren." --"Seit sechs --?" Des
+Pastors Kopf fuhr wieder zum Fenster hinaus; ein aufs höchste
+verwundertes Gesicht starrte Kallem an. Seit sechs Jahren! dachte er.
+Wie lang ist es doch her, daß ...? Mein Gott, es ist ja knapp sechs
+Jahre her, daß ...
+
+Die Damen waren mittlerweile vor dem Garten angelangt, die Fremde dicht
+am Zaun, während Josefine und der Junge jetzt herüberkamen. "Du,
+Mutter, warum fallen denn kleine Jungs immer grad' auf den Kopf?" Keine
+Antwort. "Mutter, warum fallen sie denn nicht auf die Beine?" Keine
+Antwort. "Weil der Oberkörper schwerer ist, mein Junge!" Kallem sagte
+es. Alle drei sahen hinauf.
+
+Im selben Augenblick verließ er das Fenster, um ihnen entgegenzugehen;
+der Pastor hinterdrein; aber er blieb auf der untersten Treppenstufe
+stehen.
+
+Die Augen der Dame füllten sich mit Tränen, während Kallem auf sie
+zukam; vergebens versuchte sie, es zu verbergen, indem sie bald nach
+rechts, bald nach links blickte. Josefines Augen waren kalt. Der kleine
+Edvard war auf seinen Vater zugelaufen und erzählte ihm, Nicolai
+Andersen sei auf "die Leiter" hinaufgeklettert (er deutete dabei nach
+dem neuen Haus hinunter) "und 'runtergepurzelt". Und "die neue Dame"
+habe ihm ihr Taschentuch um den Kopf gebunden. Das schien den Pastor
+gerade jetzt nicht so stark zu interessieren, als der Junge erwartet
+hatte; deshalb lief er ums Haus herum zur Großmutter, um es der zu
+erzählen.
+
+"Ich brauche sie Dir wohl nicht vorzustellen?" sagte Edvard Kallem,
+während er die Hand seiner Frau faßte und dem Pastor in die Augen sah.
+Dieser suchte nach Worten, fand keine und schielte zu Josefine hinüber,
+die jedoch keine Miene machte, ihm zu helfen.
+
+Vor kaum acht Tagen hatte der eifrige Geistliche gegen die vielen
+Scheidungen mit darauffolgender neuer Ehe im "Morgenblatt" einen Artikel
+geschrieben mit der Überschrift: "Ehe oder Hurerei?" Und hatte darin mit
+unwiderleglichen Beweisen dargetan, daß nach der heiligen Schrift kein
+anderer Scheidungsgrund gelte als Untreue. Wer seinen Ehegenossen beim
+Ehebruch betreffe, sei frei und könne sich wieder verheiraten; wenn
+jedoch ein Mensch sich aus anderen Gründen scheiden lasse und sich
+wieder verheirate, während sein Ehegenosse noch lebe, so bestehe die
+erste Ehe fort und die zweite sei Hurerei. Vor noch nicht acht Tagen
+hatte er unter voller Zustimmung seiner Frau das geschrieben. Und eben,
+weil jene Begebenheit mit Kallem und Ragni Kule ihm noch frisch im
+Gedächtnis stand, erzählte er in diesem Artikel, wie die Frau eines
+kranken Mannes der Stellung, die Gott ihr zuerteilt hatte, überdrüssig
+geworden sei und heimlich ein Liebesverhältnis mit einem andern
+unterhalten habe, wie sie dann gleich nach der Entdeckung geflüchtet sei
+und sich habe scheiden lassen. "Gesetzt nun den Fall," schrieb er, "daß
+eine solche Frau sich wieder verheiratet und noch dazu mit dem, der ihr
+geholfen hatte, ihren Mann zu betrügen? Wer könnte eine solche Ehe
+anders nennen als fortgesetzten Ehebruch?"
+
+Wort für Wort hatte er so geschrieben. Seine Frau stimmte völlig mit ihm
+überein; sie haßte die Frau, die ihren Bruder verführt hatte, im voraus.
+Und nun standen beide vor ihr. Und Ragni war des Bruders Frau.
+
+Etwas Undenkbareres hätte das Wiedersehen gar nicht bringen können! Und
+dabei waren sie so sicher gewesen, daß der Bruder all solche
+Leichtfertigkeit von sich abgetan hatte! Er war ja jetzt ein Mann der
+Wissenschaft, dem schon eine Professur angetragen war, unter sämtlichen
+jüngeren Ärzten vielleicht der Mann, von dem die Kollegen am meisten
+erwarteten.
+
+Das war eine Enttäuschung, die nicht zu verwinden war! Und der Gedanke,
+daß sie nun mit diesen beiden an einem und demselben Ort leben, sie
+ihren Bekannten in der Gemeinde als Herr und Frau Kallem vorstellen
+sollten! Nachdem Tuft unter seinem vollen Namen ihr Zusammenleben für
+Ehebruch erklärt hatte!
+
+Natürlich hatte Kallem es gelesen, er, der so eifrig nach der
+Wesenseigentümlichkeit des zeitgenössischen Norwegens forschte, daß er
+sogar Johnsons Dogmatik las! Natürlich las er vor allem die Zeitungen.
+Er hatte es gelesen, und das erklärte alles! Sie stand da und wußte
+nicht wohin, klammerte sich bloß an ihn an. Und er? Sein rechter Arm
+umschlang sie jetzt, als wollte er sich laut zu ihr bekennen. Sie hielt
+mit ihrer Rechten hartnäckig den Sonnenschirm über sich, als könne der
+sie schützen; aber auf die Dauer ging das nicht, das Taschentuch mußte
+heraus, und weil sie ihr eigenes nicht hatte, nahm sie verstohlen das
+ihres Mannes.
+
+"Wollen wir nicht hineingehen?" sagte der Pastor mechanisch. Das
+geschah. Er führte sie im Haus umher, während Josefine sich entfernte,
+um für Erfrischungen zu sorgen. Vom Studierzimmer, das nach dem Garten
+zu gelegen war, kamen sie ins Wohnzimmer, das nach der Straße ging, dann
+in die dahinter liegende Eßstube, von dort in die Küche, die an der
+Nordseite des Hauses lag und einen besonderen Eingang hatte. Auf
+derselben Seite lag noch die Speisekammer und ein Fremdenzimmer, das an
+das Studierzimmer stieß und eine Altane hatte, die mit der Treppe am
+anderen Ende der Fassade korrespondierte. Im Oberstock verschiedene
+Schlafzimmer usw. Das Herumführen dauerte kaum fünf Minuten. Von Seiten
+des Pastors nur die allernotwendigsten Worte; von Seiten Kallems ein
+paar spöttische Bemerkungen, erst als er aus mehreren Anzeichen ersah,
+daß der Pastor zurzeit im Fremdenzimmer schlief und Josefine mit ihrem
+kleinen Sohn oben, und dann, als er die seltene Sammlung von Bildern
+berühmter Theologen sah, die, um Luthers Bild gruppiert, an der großen
+Wand des Wohnzimmers hingen. Die Erfrischungen, die Josefine anbot,
+lehnte er ab, verabschiedete sich und ging.
+
+Ragni war wie eine Unsichtbare nebenher gegangen. Jetzt, zum Schluß,
+glitt ihre lange, schmale Hand durch die Hände des Schwagers und der
+Schwägerin wie ein Hermelinschwänzchen durch ein Mauerloch. Die Augen
+huschten scheu über sie hinweg wie der Schatten eines Flügels. Der
+Pastor gab bis an die Treppe das Geleite; Josefine blieb an dem großen
+Fenster stehen.
+
+Kallem ging so rasch, daß Ragni alle drei Schritt einen kleinen Sprung
+machen mußte. Der Pastor stand noch draußen und sah es. Diese Hast
+steigerte die Erregung, in der sie sich befand, und als sie ungefähr in
+der Mitte zwischen der Strandstraße und dem Pfarrhof waren, bat sie
+ihn, stehen zu bleiben, und fing zu weinen an.
+
+Kallem stutzte über diese von der seinen so verschiedene Gefühlsskala;
+er war empört. Aber bald merkte er, daß sie wahrscheinlich gerade über
+seine eigene Art sich zu benehmen weinte. Er zog sie mit sich an den
+Zaun, und stellte sich mit dem Rücken dagegen: "Hab' ich mich nicht
+richtig benommen?" -- "Du warst so böse -- hu, so böse, und nicht bloß
+gegen sie und ihn, sondern auch gegen mich; ja, Du, -- ganz besonders
+gegen mich! -- Nicht angesehen hast Du mich -- überhaupt nicht die
+geringste Rücksicht darauf genommen, daß ich dabei war!" -- "Aber,
+liebes Herz, das hab' ich doch gerade Deinetwegen getan!" -- "Dann laß
+mich lieber gleich wieder fort! Das halt' ich nicht aus!" Und sie warf
+sich an seine Brust. -- "Aber, Kind, --hast Du denn nicht gesehen, wie
+Josefine war?" --"Ja doch!" erwiderte Ragni, und hob den Kopf; der Hut
+saß im Nacken, das Haar war zerzaust. "Sie wird mich noch einmal töten!"
+Und wieder flüchtete sie an seine Brust. -- "Na, na!" sagte er, "sie
+soll Dir schon kein Härchen krümmen. Aber verteidigen werd' ich Dich
+wohl noch dürfen!" -- Sofort tauchte ihr Kopf wieder auf. "Nicht so! Ich
+hätt' überhaupt nie geglaubt, daß Du so sein könntest! Es war so ... so
+unvornehm, Edvard!" Und sie faßte ihn am Rockkragen und zupfte daran. --
+"Nun hör' einmal", sagte er ruhig, -- "das, was der Kerl über uns
+geschrieben hat, das war unvornehm! Und ihr Schweigen? Ich finde, das
+war noch schlimmer als alles, was er geschrieben hat." Hierauf erwiderte
+sie nichts. Nach einer Weile hörte er ein leises: "Ich passe nicht da
+hinein!" Er beugte sich über ihren Kopf; der Hut fiel zu Boden; keins
+von beiden achtete darauf. Leise redete er in ihr rotblondes Haar
+hinein: sie müsse nicht gleich so verzweifelt sein, nicht gleich von
+Sterben oder Fortgehen sprechen. "Wir müssen das mannhafter nehmen,
+verstehst Du, Schatz?" -- "Ja." Ihr zerzauster Kopf richtete sich
+wieder auf. "Aber Du mußt nicht vergessen, daß ich jetzt dabei bin; Du
+kannst nicht so sein, als wenn Du allein wärst!" -- Nein, das merkte er
+denn auch, und hatte ein recht böses Gewissen.
+
+ * * * * *
+
+Zur selben Zeit war Josefine wieder in dem Zimmer, das nach der Straße
+hinausging; es hatte ein einziges Fenster, das größer als zwei
+gewöhnliche war, und da stand sie und lehnte den Kopf ans Fensterkreuz.
+Der Pastor stand hinter ihr. Er nannte es einen bösen Zufall, daß er das
+im "Morgenblatt" geschrieben hatte. "Dein Bruder hat mir erzählt, er sei
+schon seit sechs Jahren verheiratet." Josefine fuhr hastig herum. Aber
+nach einer Weile des Nachdenkens sagte sie nur: "Unsinn!" und wandte
+sich wieder zum Fenster zurück. Der Pastor meinte auch, das könne nur
+ein schlechter Witz sein. Sie hätten sich doch nicht trauen lassen
+können, ehe sie gesetzlich geschieden war. -- "Ganz merkwürdig war er --
+auf einmal fing er an, auf den Händen zu laufen!" Wieder wandte sie sich
+nach ihm um, mit ihren größten Augen. "Jawohl, auf den Händen ist er
+gelaufen", versicherte der Pastor. "Ums ganze Studierzimmer herum. Er
+behauptete, so sollte ich einmal zum Altar gehen. Wenn er Luther
+verhöhnt, so muß ich mich ja wohl damit abfinden, daß er auch mich
+verhöhnt!"
+
+Sie wünschte offenbar nicht, daß er gerade jetzt über diese Begegnung
+sprechen sollte; es tat ihr zu weh. Er zog sich ins Studierzimmer
+zurück; aber er sah keineswegs bloß mißvergnügt aus, während er sich
+seine Pfeife stopfte.
+
+Josefine hatte sich so unendlich viel von dem Wiedersehen und dem
+Zusammenleben mit dem Bruder versprochen. Sie hatte nicht die leiseste
+Andeutung hören wollen, daß es möglicherweise anders kommen könne, als
+sie erwartete. Wer weiß -- was sie jetzt litt, war ihr vielleicht ganz
+gesund!
+
+Aber war er denn selber heut so gewesen, wie er hätte sein sollen? O
+ja, er glaubte doch wohl. Gebe Gott, daß er es nur immer so sanftmütig
+ertrug! Denn bei dem einen Mal blieb es nicht; das ahnte er wohl.
+
+Die Pfeife schmeckte, und das Predigtheft wurde wieder zur Hand
+genommen; aber der Gedanke an Josefine drängte sich dazwischen. Nie
+hatte er in ihrem ehelichen Verhältnis die Sicherheit gefühlt, deren
+andere sich erfreuten. Sie hatte ihre schwierigen Zeiten --und dies
+letztemal war es schlimm gewesen. Zweifellos, weil alle ihre Gedanken
+sich mit dem einen beschäftigten, der nun bald zurückkehren würde ...
+
+"Psst!"
+
+"-- Die Rechtfertigung ist eine Tat des Augenblicks in uns, ein Vorgang
+ein für allemal. Alle Sünden sind ausgelöscht; in Gottes Augen sind wir
+ebenso rein und heilig wie Christus."
+
+
+2
+
+Die beiden, die dort unten auf der Straße Frieden geschlossen hatten,
+wanderten Arm in Arm weiter. An der Ecke der Strandstraße stand auf
+einem Gerüst Maurer Andersen, ein vierschrötiger Mensch mit langem,
+braunem Bart und einer Schutzbrille -- der ganze Mann weiß von Kalk. Er
+erkannte die hellgekleidete Dame wieder, die seinem Jungen beigesprungen
+war, und da sie jetzt Arm in Arm mit dem Brillenmann einherkam, den er
+vorher hatte hinaufgehen sehen, dachte er sich, das müsse der neue
+Doktor sein. Der Pastor war ja sein Schwager; von dem kamen sie jetzt
+jedenfalls zurück. Andersen hielt mit der Arbeit inne und grüßte; Ragni
+hielt ihren Mann an und sagte etwas -- das sah Andersen. Er rief den
+Arbeitern, die da hämmerten, zu, sie möchten einen Augenblick still
+sein, und fragte dann, was sie gesagt habe. Sie wollte wissen, ob der
+Junge jetzt schlafe. Jawohl; aber sie möchten doch recht gern, der Herr
+Doktor solle nach ihm sehen, wenn er wieder wach sei; "Sie sind ja doch
+wohl der neue Herr Doktor?" -- "Richtig geraten!" Jetzt kamen sofort
+die Leute im Haus drinnen an die Fenster, ebenso die im nächsten Haus;
+ein Vorübergehender blieb stehen, guckte die beiden an, ging weiter und
+erzählte es der ganzen Straße. Andersen benützte die Gelegenheit, auch
+gleich mit seinen schwachen Augen zu kommen. Jawohl, die würde sich der
+Doktor nächstdem einmal ansehen. Aus den Fenstern und auf der Straße
+sahen ihnen die Leute nach. Sie waren jung, was brauchte es weiter? Bald
+hatten sie vergessen, was kürzlich vorgefallen war, und fühlten -- hier
+konnten sie heimisch werden!
+
+Unter denen, die unwillkürlich grüßten, befand sich ein junger Mann mit
+fast zu üppigem Haarwuchs, blassem, merkwürdig gewölbtem Gesicht,
+schmächtig gebaut und hoch aufgeschossen; etwas Feines, Befangenes lag
+über ihm. Als sie ihn ansahen, errötete er. "Da hast Du wahrhaftig schon
+eine Eroberung gemacht!" flüsterte Kallem. Kurz darauf kam ein
+sonderbarer Gesell ihnen entgegen, lang, vornübergebeugt, in Bluse und
+Schurzfell. Schwarzes, verstaubtes Haar, das Gesicht ungewaschen, fast
+rußig. Er trug allerlei Handwerkszeug in seinen schmalfingrigen Händen;
+die hingen an außergewöhnlich langen Armen, die im Bogen hinter ihm
+herschlenkerten. Hätten sie im Takt geschwungen, sie hätten
+zusammenstoßen müssen. Eine Mütze trug er nicht; das kurzgeschnittene
+Haar ließ die ganze Kopfform erkennen. Die Stirn war weder breit noch
+hoch, aber ungewöhnlich fein gebaut. Die Wangenpartie länglich, mit
+vortretenden Backenknochen. In den kleinen, eiskalten Augen und um den
+zusammengekniffenen Mund etwas Höhnisches. Die Nase klein und flach, das
+Kinn ziemlich lang. "Du, sieh doch den!" flüsterte Kallem. "Pfui!"
+antwortete sie. Jetzt strich der Mensch mit forschendem Blick an ihnen
+vorüber. Kallem blickte ihn ebenfalls an, und als sie aneinander vorbei
+waren, drehten sich beide um. Eine alte Frau kam gewatschelt. "Wer ist
+der Mann da?", fragte Kallem. Sie sah erst Kallem an, und dann den
+andern. "Das ist Kristen Larssen." -- "Ein Feinschmied?" -- "Was für'n
+Ding?" -- "Feinschmied." -- "O ja. Aber Uhrmacher ist er auch. Und
+Büchsenmacher. Alles mögliche."
+
+Der Strandweg war gegen die Bucht hin offen, ohne Steindamm. Im Wasser
+lag allerhand verfaultes Zeug, ebenso am Lande. Die ganze Stadt hatte
+etwas Unfertiges. Ein großes Haus neben einem kleinen; einmal ein
+steinernes Haus, dann ein hölzernes; und alles wie in der Eile und mit
+geringen Mitteln errichtet. Die Häuser lagen nicht einmal in einer
+geraden Linie, und die Straße war kaum eine Straße zu nennen. Die Leute,
+denen sie begegneten, noch nicht Städter, und doch auch nicht mehr
+Landleute. Durchgehends "mißtrauisch und freundlich", wie Kallem sagte.
+"Mischware".
+
+Jetzt waren sie auf dem Marktplatz angelangt, von wo der Weg zur Kirche
+hinaufführte. Diese lag frei, hoch und schlank auf der Höhe. Hier waren
+sie Josefine begegnet, eben als sie hatten hinaufgehen wollen; denn dort
+oben, rechts von der Kirche, frei, in einem Park mit einem Garten vorn,
+lag ihr Haus. Von hier aus konnte man es nicht sehen.
+
+Die Straße gabelte sich unmittelbar vor der Kirche und führte nach zwei
+Seiten weiter. An dem Weg rechts mußte ihr Heim liegen. Als sie sich der
+Kirche näherten, sahen sie den Park hinter ihrem Haus und darin das Dach
+des großen Krankenhauses. Endlich --sie gingen ganz langsam, voller
+Spannung, ohne ein Wort zu reden -- endlich der große Garten, und darin
+ihr Haus! Ein Holzbau im Schweizerstil, etwas zu breit, die Fenster groß
+und alle weit offen. Eine Veranda auf einen sandbestreuten Platz hinaus,
+zu dem eine Treppe hinunterführte. Daneben der Blumengarten, weiterhin
+der Gemüsegarten, und zu beiden Seiten, der Stadt zu, ein ziemlich
+großer Obstgarten. Die beiden nahmen alles gleichzeitig in sich auf. Das
+also war es! Sechs lange Jahre hatten sie -- jedes für sich -- dafür
+gearbeitet, es erträumt in wer weiß wie vielen Formen -- nur nicht in
+dieser! Es hinverlegt nach wer weiß wie vielen Orten -- bloß nicht
+hierher! All die geträumten Bilder waren ausgelöscht von dem, was sie
+hier vor sich sahen! Beide wandten sich um, maßen Weite und Leuchtkraft
+der Landschaft, und wandten sich dann lächelnd einander wieder zu.
+Seltsam --gerade in diesem Augenblick kein Mensch zu sehen --kein Laut,
+kein Geräusch, das an etwas -- nah oder fern -- erinnerte! Sie und ihr
+Heim! Das eine von ihnen sah, was das andere sah; des einen Sehen und
+Fühlen wurde geschärft durch das Bewußtsein, daß das andere ebenso sah
+und fühlte. Ragni löste ihren Arm aus Kallems Arm, ging nach dem Zaun
+hinüber -- er war aus Wachholderstäben --, faßte durch die Stäbe, und
+pflückte ein paar Gräser und einen grünen Zweig; damit kam sie zurück
+und befestigte es an seinem Rock. Er sah etwas weiter oben einen Büschel
+Glockenblumen, ging hin, griff durchs Gitter darnach und kam damit
+zurück; sie nahm sie und sammelte noch mehr dazu; als es schließlich
+viele waren, sah es hübsch aus.
+
+Neben dem Haus und auf dem Hof lagen Kisten, unausgepackte Möbel, Stroh,
+Sägespäne, Matten. Ragnis großen Flügel hatte man augenscheinlich soeben
+ausgepackt und die Beine daran geschraubt; aber kein Mensch war zu
+sehen.
+
+Ein großer, freistehender Taubenschlag war da. "Denk doch, wenn jetzt
+Tauben angeflogen kämen? Tauben müssen wir uns halten!" -- "Aber denk
+erst, wenn ein Hund gesprungen käme! Einen Hund müssen wir uns halten!"
+-- Von hier aus führte keine Tür ins Haus; erst vom Weg aus, der Park
+und Garten trennte. Hier blieben sie stehen und wandten sich noch einmal
+um, der weiten Landschaft zu.
+
+In der reichsten Gegend vielleicht, die das Land besaß, der
+sonnenfreudigsten, da lag den beiden das eigene Heim, die Mitte des
+Kompasses. Ragni lugte seitwärts, ob das Pfarrhaus zu sehen sei. Keine
+Spur! Kallem ahnte, nach was sie sah, und lächelte. Sie hörten durch
+die offenen Fenster drin die Arbeiter; jetzt hörte man sie mit Radau und
+Gelächter die Verandatreppe herunterkommen; sie gingen auf den Flügel
+los, ohne die beiden zu beachten, die weiter oben standen. Sie
+schwatzten, probierten, mühten sich ab, unter all dem überflüssigen
+Gelärme, das eine Arbeit, an die die Leute nicht gewöhnt sind, zu
+begleiten pflegt. Dann zogen sie mit dem Flügel zur Veranda ab, und bald
+hörte man sie wieder auf der Treppe trampeln. Kallem und Ragni blickten
+in den Park; hohe, schöne Bäume und hinten zwischen den Stämmen das
+Krankenhaus, ein mächtiger Holzbau auf Steinfundament, mit großen,
+kleinscheibigen Fenstern. Dann gingen sie durch die Tür in den Garten
+und auf ihr eigenes Haus zu.
+
+Zuerst ein kleines Wirtschaftsgebäude; sonst aber lag das Hauptgebäude
+nach allen Seiten frei.
+
+Die Obstbäume fingen schon zu blühen an; es mußte warm sein hier oben.
+Und der Garten! Ragni dachte mit keinem Gedanken daran, daß der
+wohlbestellte Garten Josefines Werk war; sie freute sich darauf, selbst
+zuzugreifen. Das Haus mußte neu gestrichen werden; es sollte auch eine
+andere Farbe bekommen, nicht diese ärmliche gelbe. _Ihr_ Haus, _ihr_ Heim!
+Kallem trat dreimal fest auf die Erde; der Boden war sein! Er wollte
+gleich von hier ins Haus; aber nein, sie wollte zum Vordereingang
+hinein, die Verandatreppe hinauf. So gingen sie zwischen den Kisten und
+dem Stroh hindurch und guckten zu den Fenstern hinein. Das Haus war im
+Verhältnis zu seiner Länge und Breite niedrig, das Dach ragte weit vor
+und lag schwer darauf. Aber es war gut.
+
+Auch die Veranda hatte keine Verhältnisse; sie war breit und die Treppe
+bequem.
+
+Arm in Arm gingen die beiden hinauf; das erste, was ihnen in die Augen
+fiel, war eine Enttäuschung; die Eingangstür, eine Glastür, befand sich
+nicht in der Mitte des Zimmers, sondern ganz unten in der südlichen
+Wand. Sie sahen bald, daß es nicht anders möglich war, wenn die Veranda
+in der Mitte des Hauses liegen sollte; rechts lagen nämlich noch zwei
+Zimmer in einer Flucht mit dem Verandazimmer. Jetzt kamen die Männer,
+die den Flügel hineingetragen hatten, alle wieder heraus; sie dachten
+sich gleich, wer die beiden waren, und als sie Ragni erblickten, nahm
+erst der eine, dann nahmen alle andern Hut oder Mütze ab. Kallem grüßte,
+Ragni schlüpfte zu ihrem Flügel hinein, der mitten im Zimmer stand,
+holte den Schlüssel hervor und öffnete ihn, als müsse sie ihn gleich auf
+der Stelle genau prüfen; sie konnte nicht anders, sie mußte hören, ob er
+noch gestimmt war. Mit den Handschuhen an den Händen schlug sie
+Longfellows "Sweet home" an. Bei den ersten Klängen dieser Hymne an die
+Heimat nahm Kallem den Hut ab. Die andern sahen das, glaubten wohl, es
+sei ein Choral, und folgten seinem Beispiel.
+
+Ragni hatte ihnen den Rücken zugewandt und bemerkte daher nicht, daß nun
+von rechts noch zwei Leute zum Vorschein kamen, ein Mann mit rundem,
+glänzendem Gesicht, und hinter ihm ein kleines Weibchen, das gern
+hereingeguckt hätte und doch auch nicht gern gesehen sein wollte. Aber
+jetzt öffnete sich auch die Tür gerade vor ihr, und ein Bauernmädchen
+spähte bescheiden herein, was das wohl für seltsame Töne sein mochten.
+Ragni dachte sich gleich, daß es ihr Dienstmädchen sei, das aus der
+Küche kam, und ging ihr entgegen. "Du bist Sigrid?" -- Ja, freilich, es
+war Sigrid. -- "Und wir sind Doktors." -- "Kann mirs denken!" sagte sie
+und kam jetzt ganz herein, ein kräftiges, anmutiges Geschöpf. "Ist es
+das erstemal, daß Du bei fremden Leuten bist?" fragte Kallem. -- Jawohl,
+es sei das erstemal. -- "Und bei uns ist es das erstemal, daß wir
+haushalten," sagte Kallem; "das wird ganz famos gehen!"
+
+Ragni ging mit hinaus in die Küche. Dort fiel ihr sofort ihr neues
+Tischservice in die Augen, das eben ausgepackt und abgewaschen war.
+Jetzt aber konnte sie es nicht mehr aushalten; sie ging hinaus in den
+Korridor und die Treppe hinauf; sie mußte allein sein. Die Tür zu ihrem
+Schlafzimmer stand gerade vor ihr offen; sie ging hinein und trat auf
+die Altane, die über der Veranda lag. Womit hatte sie solch großes Glück
+verdient? Was wog ihre Arbeit, ihre Sehnsucht im Vergleich zu dem, was
+hier in dem Haus eines reichen Mannes für sie bereit stand? Und doch --
+in diesem großen, unverdienten Glück war eine Angst ... Auch von hier
+spähte sie hinüber -- gen Norden. Ob das Pfarrhaus zu sehen war? Nein,
+es war nicht zu sehen.
+
+Josefine hegte einen Groll gegen sie; das hatte sie sogleich gefühlt.
+Und ob der Bruder das auch häßlich fand -- er hing doch an seiner
+Schwester; ja, etwas war an ihr, das er ganz besonders liebte; in
+solchen Dingen täuschte sie sich nie.
+
+Kallem besah sich die Räume unten. Das Paar an der Tür rechts hatte sich
+wieder zurückgezogen, und die Männer waren bei der Arbeit. Das
+Verandazimmer war groß; die Fenster gingen auf einer Seite nach der
+Kirche, auf der andern nach dem Garten; aber er würde Ragni vorschlagen,
+jene zu verhängen. Einfarbige, hellgraue Wände, die Decke hellblau mit
+goldenen Sternen; die Farben waren alt; nur der Fußboden war neu
+gestrichen, ebenfalls hellgrau. Im Zimmer links waren sie noch dabei,
+frisch zu tapezieren. Was, immer noch nicht fertig? Und auch im nächsten
+Zimmer noch nicht? Zwei waren dort an der Arbeit, der Mann und die
+kleine Frau, die vorhin in der Tür aufgetaucht waren. "Guten Tag!"
+grüßte Kallem. "Guten Tag!" erwiderte das runde, glänzende Gesicht mit
+dänischem Tonfall. Kallem trat näher an den Tisch heran, vor dem der
+Mann stand und die Tapeten zurecht schnitt. Die Frau hielt sich dicht an
+seiner Seite; jetzt verkroch sie sich ganz hinter ihm. "Ist das Ihre
+Frau?" -- "Jawohl, meine Frau; und außerdem mein Gesell; Gesell und
+Frau; aber meine Gesellenfrau ist sie darum doch nicht!" Das kleine
+Weibchen hinter ihm kicherte, wenn auch fast unhörbar. Der Mann hatte
+hervorstehende rollende Augen, in denen ein Schelm saß. "Ich dachte, Ihr
+wärt fertig." -- "Man arbeitet unter Hindernissen, Herr Doktor!" Sie
+gluckste vor Lachen, aber immer wie aus einem dicken Pack heraus. --
+"Ist Ihre Frau auch Dänin?" -- "Nein, Norwegerin; aber wir passen
+trotzdem gut zueinander." Sie duckte sich, fortwährend kichernd, noch
+tiefer hinunter.
+
+Der Raum, in dem sie standen, war lang und schmal; Kallem sah sofort,
+daß es das Eßzimmer werden mußte, wahrscheinlich auch das Wartezimmer
+für die Kranken. Das dahinter, mit den Fenstern nach vornheraus und nach
+Südost, war selbstverständlich sein Arbeitszimmer, in dem er Patienten
+empfing, wenn er nicht im Krankenhaus war. Er ging gar nicht erst
+hinein, sondern vom Eßzimmer gleich hinaus auf den Gang. Da war rechts
+die Küchentür. Auf dem Küchentisch sah er eine Reihe Bierflaschen
+stehen; einige leer, andere noch voll. "Wem gehören die Flaschen?" --
+"Dem Sattler." --"Sie meinen dem Tapezierer?" -- Kallem begriff mit
+einemmal, was da für "Hindernisse" vorgelegen hatten, und daß der Mann
+betrunken war, und die Frau noch mehr. _Da_rum waren die Männer so lang im
+Hause geblieben, bis sie den Flügel geholt hatten! Sie waren mit Bier
+traktiert worden. "Bitte, rufen Sie mir den Dänen mal heraus!" Das
+Mädchen ging, und sofort kam auch das runde, glänzende Gesicht mit
+hundert Schelmen in den Augen zum Vorschein und dahinter die Frau, die
+einmal rechts und einmal links davon hervorguckte.
+
+"Die Flaschen da gehören Ihnen?" -- "Nicht so ganz!" -- "Ihr seid also
+mehrere?" -- "Ja -- beim Trinken!" -- "Aber Sie haben sie bezahlt?" --
+"Das Bier, ja; aber nicht die Flaschen; die muß man zurückgeben." Die
+Frau kicherte.
+
+"Darf ich fragen, wie Sie heißen?" -- "Sören Pedersen heiss' ich,
+jawohl, Sören Pedersen!" -- "Also hören Sie mal, Sören Pedersen, wollen
+Sie mir die Flaschen da verkaufen?" -- "Das Bier, meinen Sie?" -- "Das
+Bier." -- "Aber gern!" -- "Dann haben wir heut Nacht doch was zu
+trinken; wir müssen nämlich durcharbeiten heut Nacht; wir möchten morgen
+fertig sein. Wir arbeiten mit. Wollen Sie?" -- "Wenn der Herr Doktor
+befehlen." -- "Und dann darf ich Sie wohl bitten, heute mit uns zu Abend
+zu essen?"
+
+In drei, vier Sätzen sprang Kallem jetzt die Treppe hinauf. Ragni stand
+im Sonnenglanz draußen auf der Altane. Sie wandte sich nach ihm um. Er
+fragte, ob sie ihr Gebet verrichtet habe. Ja; sie sei fertig.
+
+Auch er blieb ein Weilchen auf der Altane stehen und sah nach dem
+Inselkindchen hinaus, das da vor seiner Mutter spielte -- von hier aus
+konnte man es sehen -- auf die Bucht mit den Wasserfurchen, auf die
+Berge dahinter in ihrer vornehmen Ferne. Er blickte hinüber, nach
+rechts, wo Pastors wohnten; sie merkte es wohl. "Sie können uns doch zum
+Donnerwetter nicht behandeln, als ob wir nicht verheiratet wären? Nicht?
+Das wollen wir doch sehen!"
+
+Sie zog ihn ins Zimmer und wies auf die Farbe der Wände in ihrem
+Schlafzimmer; mattweißer Ölanstrich, wie sie es sich gewünscht hatte.
+Alles sollte weiß sein hier oben, mit Ausnahme der langen Gardinen und
+Portieren, die von der Decke herab über den beiden Betten, dem
+Altanfenster und der Tür hängen sollten. Die waren blau in Farbe und
+Muster, zu den Ornamenten an den Betten und übrigen Möbeln passend. Sie
+wurde ganz gesprächig; aber Kallem mußte das Krankenhaus besehen; und da
+wollte sie mit.
+
+Das erste, was er auszusetzen hatte, als sie im Park davor standen,
+waren ein paar alte schöne Bäume: die standen viel zu nah -- die mußten
+weg. Statt ihrer sah er im Geist schon einen großen freien Platz mit
+einem Springbrunnen in der Mitte, von dem nach allen Seiten hin Wege in
+den Park führten. Das Krankenhaus war zweistöckig, gelb gestrichen, mit
+ungewöhnlich großen Fenstern, aber sehr kleinen Scheiben. Im Unterbau,
+einem mächtigen Steinsockel, war die Wohnung für die Dienerschaft und
+den Verwalter eingerichtet. Es sah sehr behaglich aus; Gardinen an allen
+Fenstern, und Blumen davor. Der Eingang befand sich an der linken Seite
+des Hauses; ein dichtes, hohes Gitter hegte einen sehr großen Hofraum
+ein. Kallem freute sich, als er längs des Gitters Ahornbäume stehen sah;
+er wußte, in vierzehn Tagen konnten hier amerikanische Zelte für die
+Kranken aufgeschlagen sein -- den ganzen Sommer über.
+
+Die Haustür war offen; kein Portier. Im Fenster der Portierloge lagen
+fromme Schriften und Traktate zum Verkauf aus. Kein Anschlag an der Tür,
+der angab, wann Besuchszeit sei für die Kranken. Den Portier sahen sie
+dann im inneren Hof; ein älterer Mann mit ernsten, forschenden Augen; er
+trug eine Brille, über die er hinwegblickte, und die er abnahm, als er
+merkte, wen er vor sich hatte. "Sie sind der neue Herr Doktor?" -- "Ja."
+Jetzt nahm er auch seine Mütze ab: "Willkommen!" Der Patient, mit dem er
+sich eben unterhalten hatte, schlich davon; er war bleich und trug
+--trotz des sommerlich warmen Tags einen dicken wollenen Schal um den
+Hals; er hielt sich in der Entfernung, grüßte auch nicht. Der Portier
+ging mit ihnen.
+
+Das Haus hatte -- zu beiden Seiten eines hellen Korridors -- je eine
+Reihe Zimmer, die nach vorn groß, die nach dem Hof zu kleiner; in beiden
+Stockwerken gleich. Der Portier war nicht nur Portier, sondern auch
+Verwalter und ältester Aufseher des Hauses. Als solcher stellte er die
+übrigen Beamten vor, wie sie ihnen gerade in den Weg liefen. Ganz nette
+Leute, Männer wie Frauen; unter den letzten zwei Diakonissinnen, -- die
+waren die allerfreundlichsten.
+
+Das erste, was Kallem notwendig erschien, war, das Haus von den alten,
+verpesteten Typhusstuben zu reinigen und einen besonderen Typhuspavillon
+für den Winter zu errichten. Der Operationssaal war recht hell; aber ein
+neuer, gebohnter Fußboden mußte sogleich gelegt werden. Der
+Ventilationsapparat war miserabel. Mit Ausnahme dieser und noch einiger
+geringerer Mängel -- z. B. die kleinscheibigen Fenster -- war das Haus
+gut; die Zimmer hoch, die Gänge geräumig; das Ganze machte den Eindruck
+von Helle; es gefiel ihm sehr.
+
+Der Krankenbestand war in Anbetracht der Jahreszeit gar nicht gering.
+Sein Spezialstudium, die Tuberkulose, war durch drei Patienten vertreten
+-- zwei Knaben und ein etwa zehnjähriges Mädchen, magere, wachsbleiche,
+armselige Geschöpfe. Er freute sich darauf, sie bald in seine
+amerikanischen Zelte legen zu können. Der frühere Besitzer des
+Krankenhauses, der alte Doktor Kule -- ein Onkel von Ragnis erstem Mann
+--, war gestorben. Kallem hatte es sehr billig erstanden, da sich im
+Augenblick niemand anders fand, der es übernehmen wollte. Hier konnte er
+sich einrichten und seine Zeit einteilen, ganz wie er wollte; er hatte
+freie Hand. Der Bezirk gab einen Beitrag; ein Komitee, bestehend aus dem
+Distriktsarzt und einem zweiten Arzt, führte die Oberaufsicht; aber er
+war ganz sein eigener Herr. Dieser erste Besuch machte ihnen beiden
+Freude. Sie kehrten in ihre Wohnung zurück, guten Muts und fürchterlich
+hungrig, nahmen in der Küche eine kleine Vespermahlzeit zu sich, tranken
+ein Glas Wein dazu, und dann noch eins auf das große Ereignis: daß sie
+zum erstenmal im eigenen Hause aßen.
+
+Im Wohnzimmer stand noch alles bunt durcheinander. Trotzdem ging Ragni
+an den Flügel. Sie hatte sich --seit fünf oder sechs Jahren -- ganz
+heimlich an Übersetzungen aus der englischen Literatur, besonders der
+Versliteratur versucht. Ein bißchen warm vom Wein -- ein bißchen
+verlegen -- schlug sie ein paar Akkorde an -- bat ihn, sich nicht vor
+sie hin zu stellen -- schlug wieder Akkorde an und sang mit einer
+kleinen, weichen Stimme, die mehr rezitierte als sang:
+
+ Wir sind daheim!
+ Unser Wesen und Sein
+ Soll hier blühn und gedeihn
+ Aus zartestem Keim!
+ In Dingen, Gedanken,
+ In Stimmen, in Blumen,
+ Soll alles sich ranken
+ Um uns.
+
+ Hier wird mein Sinn
+ Durch dich offenbart.
+ Und du, der nun sehend ward,
+ Sieh, wer ich bin,
+ Die sündig und selig-fröhlich,
+ Beglückt dich und kränkt,
+ Und stets sich versenkt
+ Harmonisch und selig
+ In dich!
+
+
+3
+
+Den nächsten Morgen wachten sie durch ein lautes, anhaltendes Dröhnen
+auf. Als sie ganz munter wurden, merkten sie, daß es die Kirchenglocken
+waren, die zum Kirchgang läuteten; beide hatten lang geschlafen; aber
+sie hatten auch bis gegen drei Uhr, also bis in den hellen Morgen
+hinein, gearbeitet.
+
+Eins, zwei, drei war Kallem aus dem Bett und im Badezimmer nebenan, wo
+er sich mächtig abduschte. Dafür hatte der alte Doktor also doch Sinn
+gehabt! Und kaum war er halb angezogen, so lief er auch schon hinaus auf
+die Altane, zu der herrlichen Aussicht. Er rief Ragni zu, sie solle
+ebenfalls duschen und sich ankleiden und herauskommen; aber sie hatte
+schon gestern gemerkt, wie gräßlich kalt das Wasser war und lag nun mit
+großen, offenen Augen da und überlegte, ob sie mogeln oder es wirklich
+wagen solle. Sie zog es vor, zu mogeln und stand gleich darauf in einem
+allerliebsten Morgenkleid neben ihm. Aber wie unschuldsvoll sie ihn auch
+anblickte, und wie eifrig sie die wundervolle Aussicht, den köstlichen
+Tag rühmte -- er vergaß die Dusche nicht. Sie hatte gestern feierlichst
+gelobt, sie gleich vom ersten Tag an zu nehmen; eben weil sie sich so
+leicht erkältete, sollte sie sich's zum täglichen Brot machen, und ganz
+besonders hier, wo Wärme und Kälte so schroff wechselten. Also --! Sie
+setzte ihr kläglichstes Frätzchen auf -- sie versuchte, darüber
+wegzuscherzen; aber er deutete unbeirrt auf das Badezimmer. Wollte sie
+ihr Gelübde brechen? Wenn sie's ein erstes Mal tat, so tat sie's später
+noch oft. Sie küßte ihn und sagte, er sei ein Scheusal; er küßte sie,
+und sagte, sie sei ein süßes Ding. Aber die Dusche! Sie rannte hinein,
+streifte ihren Morgenrock ab, als wolle sie unter die Dusche gehen ...
+Aber husch! lag sie wieder unter der Decke. Als er kam, zog sie die
+Decke über den Kopf. Da nahm er ohne weiteres Decke samt Inhalt und trug
+beides nach der Tür; und jetzt bat sie so rührend um Gnade, und das
+klang so verängstigt, daß er alles beides wieder zurücktrug. Sie schlang
+die Arme um ihn und zog ihn zu sich nieder; und vor ihren warmen
+Gliedern zerschellte alle Logik.
+
+Die Glocken läuteten und läuteten. Wagen rollten vorüber, alle von der
+Stadt her. Kaum war der eine vorbei, so kam schon ein anderer. Die Tür
+stand offen. Sooft die Glocken nach ihren drei bekannten Schlägen
+aussetzten, hörte man im Zimmer das Surren der Fliegen, und von draußen
+die Vögel. Jetzt vernahmen sie auch von der Bucht her das Schnauben
+eines kleinen Dampfers; sie hatten ihn vorhin vom jenseitigen Ufer
+abstoßen sehen, vermutlich mit Ausflüglern an Bord. Irgendwo mußte ein
+Fest sein, zu dem die Leute strömten.
+
+Von Südwest wehte eine leichte Brise, und bei jedem Windstoß füllte sich
+das Zimmer mit Wohlgeruch; es strömte förmlich von Bäumen und Wiesen
+herein. Zwischen dem Glockenklang flüsterte es und wisperte; die Luft
+war trunken.
+
+Eine Weile später standen sie wieder auf der Altane und sahen die Leute
+zur Kirche gehen. Aber fortwährend zogen daneben mit Menschen
+vollgepfropfte Wagen an der Kirche vorüber und weiter. Der Dampfer war
+schon ganz nahe; da pfiff es auch von der Eisenbahn her. Beide
+verfolgten nun mit den Augen zwei Schwalben, die offenbar mit ihrem
+eigenen Schatten auf dem Sand vor der Veranda spielten. Über- und
+nebeneinandervorbei flogen sie -- die Schatten auf dem Sand machten die
+Schwingungen nach; die Vögel waren bald ganz unten, dann wieder höher;
+wenn sie zu hoch geflogen waren und die Schatten verloren hatten,
+senkten sie sich wieder und suchten nach ihnen. "Nächstes Jahr", sagte
+sie flüsternd, "wollen wir Nistkästen anbringen!"
+
+Sie kleideten sich völlig an, gingen hinunter und frühstückten. Sören
+Pedersen und seine Frau waren längst da und hatten längst gefrühstückt;
+sie waren schon in voller Tätigkeit.
+
+Sie erfuhren jetzt, daß fast alle Leute in das benachbarte Kirchspiel
+fuhren, wo der Bezirkspfarrer Meek sein fünfzigjähriges Jubiläum feierte
+und zugleich seine Abschiedspredigt hielt. Seit heut früh seien schon
+die Fußgänger unterwegs; jetzt kämen die zu Wagen, und außerdem noch ein
+ganzes Schiff voll Menschen vom andern Ufer. Meek sei die ganzen fünfzig
+Jahre in einer und derselben Gemeinde gewesen -- "ein ganz
+absonderlicher Mann". Kallem und Ragni frühstückten im Verandazimmer.
+Aber das Frühstück wurde unterbrochen. Es klopfte, und herein trat
+lächelnd, bescheiden, ein älterer hagerer Mann mit einer Hornbrille; es
+war Doktor Kent, der zeitweilige Leiter des Krankenhauses. Er kam eben
+von dort. Kallem und Ragni standen beide auf. Doktor Kent hatte eine
+angenehme, leise Stimme und ein ruhiges Lächeln bei allem, was er sagte.
+Er setzte sich etwas abseits, während sie weiter aßen, und machte einige
+kurze Angaben über die Kranken in der "Anstalt" und über den allgemeinen
+Gesundheitszustand in Stadt und Umgegend. Auf Befragen erteilte er
+bündigen Bescheid, welchen von den Beamten Kallem seine Aufwartung
+machen müsse, welches die Stadtverordneten, Gemeindevorsteher und
+Mitglieder des Amtsgerichts waren, deren Bekanntschaft wünschenswert
+sei. Selbst das rein Geschäftsmäßige klang freundlich in Doktor Kents
+Mund. Als sein leichter Einspänner vorfuhr -- er hatte einen
+Krankenbesuch auf dem Lande zu machen -- bat Kallem, er möge ihn
+mitnehmen; sofort war auch Ragni dabei, und so bestellten sie denn einen
+größeren Wagen und saßen bald alle drei darin. Als sie eben abfahren
+wollten, fiel Ragni ein, daß der Flügel leicht übergestimmt werden
+mußte, und sie fragte Sören Pedersen, ob er jemand wisse, der stimmen
+könne, wenigstens einmal fürs erste. Freilich -- Kristen Larssen. So kam
+es, daß die Fahrt mit Mitteilungen über Kristen Larssen begann. Kent
+erzählte, er sei in einer der abgelegensten, elendesten Gemeinden
+aufgewachsen, und dereinst einer Lappalie wegen mit dem Gesetz in
+Konflikt geraten -- Kent hatte eine schwache Erinnerung, als sei es
+geschehen, weil er einen Tanz, den er spielte, die "Vergebung der
+Sünden" betitelt hatte. Kristen Larssen sei Erfinder; eine jetzt ganz
+allgemein verbreitete Strickmaschine und verschiedenes Handwerksgeräte
+stammten von ihm. Er sei ein kalter Mensch --kalt, wie Eisen im Winter,
+und Sören Pedersen und seine Frau seien sein einziger Umgang. Was denn
+das eigentlich für Leutchen seien? -- Ihre Antezedentien kenne er nicht;
+_sie_ stamme aus hiesiger Gegend, _er_ von Fünen. Beide tüchtig in der
+Arbeit; aber man habe bald gemerkt, daß sie tranken. Der Pastor hatte
+dem abzuhelfen versucht; er hatte sie liebgewonnen, während sie bei ihm
+in seinem Haus arbeiteten. Merkwürdigerweise glückte es; sie hörten
+nicht allein auf zu trinken, sondern Sören Pedersen wurde ein überaus
+eifriger Temperenzler und äußerst fromm; er konnte schließlich die ganze
+Bibel auswendig. Buchstäblich wahr -- ganz auswendig! Er erzählte selber
+oft, daß es sein größtes Vergnügen sei, wenn Aase ihm zuhöre, und in
+kleineren Versammlungen trug er ganze Kapitel aus der Bibel aus dem
+Kopfe vor, während die Leute dabei saßen und nachlasen. Der Pastor
+meldete ihn in einer Bibelschule an, und er selbst hatte keinen höheren
+Wunsch, als dahin zu kommen; aber Aase mußte auch mit! Da man ihm hierin
+nicht willfahren konnte, verzichtete er auf die Bibelschule und wurde an
+allem irre.
+
+So traf er mit dem Tausendkünstler Larssen zusammen, der sich gerade
+damals hier in der Stadt niederließ. Kristen Larssen hatte von Sören
+Pedersens Gabe zum Auswendiglernen gehört und versuchte, hinter den
+Mechanismus der Sache zu kommen. Aber da war keinerlei Mechanismus;
+"alles ist eine Gnadengabe Gottes; denn bei Gott ist kein Ding
+unmöglich."
+
+"Das steht in Matthäus", antwortete Kristen Larssen; "aber im Buch der
+Richter steht, daß der Herr mit Juda war, aber Juda vermochte nicht den
+Feind aus dem Tal zu vertreiben, weil der Feind eiserne Wagen hatte!"
+
+Der ehrliche Sören Pedersen erschrak aufs tiefste darüber, daß der Gott
+der Juden die eisernen Wagen nicht besiegen konnte. -- "In einem und
+demselben Buch Mosis", fuhr Kristen Larssen fort, "steht ferner
+geschrieben: Du sollst nicht töten! -- und gleichzeitig auch, daß der
+Herr unablässig gebot, zu töten. Also sind da Widersprüche."
+
+Das war für Sören Pedersen etwas ganz Neues, trotzdem er die Bibel
+auswendig konnte. Er wollte wissen, wie das zusammenhänge, und verlangte
+nun in jeder religiösen Versammlung Auskunft darüber. Schließlich hatte
+er mindestens hundert Widersprüche herausgefunden, nach denen er fragte;
+es war nicht mehr auszuhalten. Die einen lachten sich halb krank, die
+anderen nahmen Ärgernis daran. Zuletzt wurden er und Aase von den
+Zusammenkünften ausgeschlossen. "Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen
+erzählen darf" -- sagte Doktor Kent -- "aber Ihr Schwager hat Sören
+Pedersen und Frau Aase eigenhändig hinausgeworfen -- zum Betsaal hinaus!
+Sie waren früher als die andern gekommen und wollten nicht gehen. Ihr
+Schwager ist sehr stark; aber Sören Pedersen behauptete sich, bis der
+Pastor auf den Gedanken kam, erst Aase vorzunehmen, und nun rissen sie
+sich um die Frau, als sei sie ein Stück Holz." Kallem und Ragni lachten
+ausgelassen. "Ich habe selber einen andern Zusammenstoß miterlebt", fuhr
+Doktor Kent fort. "Der Pastor hielt Prüfung ab in der Schule; ich gehöre
+zur Schulkommission. Sören Pedersen und Frau Aase waren auch da und
+allen ahnte Unheil. "Gott kann nicht lügen!" sagte unter anderem der
+Pastor. Da stand Sören Pedersen auf: "Es steht geschrieben: Siehe der
+Herr hat einen falschen Geist gegeben in aller dieser seiner Propheten
+Mund." Wieder wurde Sören Pedersen hinausbefördert."
+
+Die Landschaft, durch die sie unter solchen schnurrigen Histörchen
+fuhren, war eine hochgelegene, frühlingshelle freie Ebene, unterbrochen
+von größeren oder kleineren Stücken Waldes, oder besser gesagt -- eines
+Waldes, der von bebauten Feldern durchzogen war. Die Gehöfte stattlich,
+die Felder fruchtbar, der Weg führte in Windungen abwechselnd durch
+Wälder und Felder, über Hügel und Bäche. Steingehege, wo man's am
+wenigsten vermutete, und Wege und Stege die Kreuz und die Quer. Wer von
+den Prärien Amerikas und dem Flachland Mitteleuropas kam, den mußte all
+diese Unruhe in gute Laune versetzen. Derselbe flimmernde Sonnenschein
+wie gestern, der gleiche kräftige Duft von Wiese und Wald -- und dazu
+eine Blumenpracht und ein Vogelsang! Da rief der Kuckuck!
+
+Es war kurz vor Johannis mit seiner üppigen Flora. Ragni freute sich
+über den Reichtum ringsumher. Von allen Fächern war ihr Botanik das
+liebste, und der Gegensatz zwischen der Flora, die sie studiert hatte,
+und dieser hier interessierte sie lebhaft. Sie fragte, ob in vielen
+Gegenden Norwegens Berberitze und Akelei wild wüchsen? Doktor Kent
+meinte, sie müßten vor langer Zeit einmal eingeführt worden sein,
+vielleicht von den Mönchen aus dem Kloster drunten.
+
+Als sie aus den Wiesen wieder in einen kleinen Streifen Wald,
+größtenteils Tannenwald, kamen, sah sie zum drittenmal Linnäa; da hielt
+es sie nicht länger im Wagen; alle drei stiegen aus.
+
+Die Linnäa hatte eben angefangen ihre glockenförmigen lichtroten Blüten
+zu öffnen. Ragni und sie begannen sogleich miteinander zu wispern und zu
+tuscheln: ach, wenn sie nur einmal miteinander allein sein könnten!
+Sechs Jahre lang hatten sie sich nicht mehr gesehen -- nein, sie war ja
+im Frühling abgereist -- also sechseinhalb Jahre! Sie hob einige zu sich
+empor; und da entdeckte sie auch die =Pyrola uniflora=[2] -- einsam, mit
+wehmütig gesenktem Köpfchen. Kallem hatte gerade auch eine gefunden; sie
+fragte, wie sie auf norwegisch heiße. Er fragte Kent, ob man sie nicht
+den "Leuchter des heiligen Olaf" nenne. Er fragte wie ein Apotheker und
+erhielt Antwort wie aus einem Herbarium. Ragni verlor sich immer weiter
+von den beiden weg. Der Duft, der ihr aus dem Blütenkelch
+entgegenströmte, mahnte sie, weiter vorzudringen; die Blume war ja
+gesandt, um sie immer tiefer hineinzulocken. Tiefer hinein und ein
+bißchen weiter zurück -- fort von den andern. Sie hörte sie plaudern; im
+Wald klingt jeder Laut so deutlich; sie hörte ein paar aufgescheuchte
+Vögel. Doch jetzt, nur ein Stückchen weiter weg, hörte sie bloß noch das
+Knistern ihrer eigenen Schritte auf dem Waldboden. Eine einzige kleine
+Sauerkleeblüte fand sie noch, einen kleinen Nachzügler. Verstimmt lugte
+sie aus ihren vielen kleeartigen Blättchen hervor; -- ob sie wußte, daß
+sie ihre Genossen verloren hatte?
+
+"Weiter, weiter!" sagten sie alle; ja, dort hinein lockten sie alle, die
+Linnäen und die heiligen Leuchter und der Sauerklee; bloß deswegen war
+der eine, letzte noch zurückgeblieben. Und jetzt war Ragni bei den
+Siebensternen[3], die große Familienzusammenkunft abhielten. Alle
+warteten darauf, sie zu sehen; kein Fuß noch war hier geschritten in
+diesem Jahr. Ragni kniete zwischen ihnen nieder und erzählte, daß sie
+von weit, weit hergekommen sei -- erzählte ohne Worte; die waren unter
+ihnen nicht nötig: Tür um Tür hatte sie aufgeschlossen, um in Norwegen
+einzudringen; kaum hatte sie die eine geöffnet, so lag dahinter eine
+andere ... bis Ragni jetzt endlich zu ihnen kam. Gleich, als sie die
+Linnäa sah, wußte sie -- jetzt stand sie vor der letzten Tür. Und hier
+war das Innerste. All das Große, Gefahrvolle draußen -- vom Meer an --
+all das Mächtige und Böse, das Bunte und Geschäftige, all die
+Herrlichkeit und all die Schrecken,.. sie wiesen nur tiefer hier herein;
+hier herein müssen wir, um zu verstehen, weshalb nicht alles in tausend
+Stücke bricht. Ihr hier drinnen, ihr sitzt am Steuer.
+
+"Auch wir haben auf Dich gewartet. Hier ist das innerste Geheimnis." --
+"Ach! Sagt es mir!" -- "Gut sein!" -- "Ach ja, ich glaube, das ist auch
+das einzige, wozu ich wirklich Anlage habe. Wenn nun aber die andern
+nicht -- --?" -- "Laß die andern sein, wie sie wollen. Du aber sei gut!"
+
+Und sie verstand jetzt, denn sie war ja ins Innerste gedrungen. Sie
+verstand jetzt, was das Stärkste war. Die Sternblumen.
+
+"Ragni!" rief Kallem aus weiter Ferne; der Wald hallte wieder von seiner
+klaren Stimme. "Ja!" -- Ein paar von der Familie wollten gern mit; sie
+hob sie zu sich empor. Dann eilte sie wieder dem Wege zu. Am Waldrand
+stand eine =Actaea=[4] -- die stand dort, damit sie ihr den Weg ins
+Innere hätte weisen können, falls sie hier ausgestiegen wäre. Jetzt
+wollte sie mit. Und dicht am Weg stand ein Busch und darunter,
+wohlverborgen, eine ganze Gesellschaft Maiglöckchen; wo hatte sie nur
+ihre Augen gehabt? Sie wußten, woher sie kam; auch sie waren als Wachen
+ausgestellt, um ihr den Weg ins Innere zu zeigen. Sobald sie einander
+sahen, verstanden sie sich. Das ist so bei allen, die "von einem Stamme
+sind". Einige wollten mit.
+
+"Ragni!" rief Kallem. "Ja, ja!" Und sie trat auf den Fahrweg hinaus.
+Jetzt sah sie, wie weit zurück sie war. Die beiden Männer standen am
+Wagen und unterhielten sich; sie waren ganz oben auf der Höhe. Die
+schlanke Gestalt Kallems und die kleine, schmächtige Figur des Doktors
+hoben sich scharf ab. Beide hatten alle Hände voll. Sie kam eilig heran
+und hörte schon von weitem Kallem Vortrag halten über einen jungen
+Sturmhut, den er in der Hand hielt und hin und herschwenkte; er gab, auf
+Deutsch, die begeisterten Worte eines deutschen Botanikers über diese
+prachtvolle Giftpflanze wieder, die er in Norwegen gefunden hatte.
+Doktor Kent überreichte ihr liebenswürdig eine =Pelygala amara=[5]; er
+wußte, daß ihr, die von Amerika kam, diese blaue Blume neu war. Sie
+bedankte sich herzlich. Sie stiegen in den Wagen und fingen gleich an,
+ihre Ausbeute zu ordnen. Die Herren baten Ragni, sich auszusuchen, was
+ihr gefiel. Sie kamen von einem kleinen Moor; Kent hatte die Blüte einer
+Moortanne im Knopfloch stecken; sie hatten überhaupt alles mitgenommen,
+sogar ein Schmerkraut. -- "Das Raubtier!" sagte Ragni. Das wollte sie
+nicht haben; es sei auch so "schmierig"! -- "Du bist doch in allem
+Ästhetiker!" bemerkte Kallem. Sie warf ihm einen gewürzten Blick zu,
+etwa wie der Duft ihrer Linnäen. "Ist Ihnen aufgefallen, daß wir ganz
+allein unterwegs sind?" fragte Doktor Kent. Er erzählte, alle Leute
+seien in der Kirche: der alte Meek halte heute, an seinem
+fünfzigjährigen Jubiläum, seine Abschiedspredigt. Mit zwanzig Jahren war
+er bei seinem Vater Vikar gewesen -- wie das damals so Sitte war -- und
+hatte nach ihm das Amt geerbt. Jetzt war er siebzig, und wollte mit
+seiner Enkelin eine Reise ins Ausland unternehmen! -- "Also ein rüstiger
+Herr?" -- "Ja, und lebt gesund. Immer unterwegs, und immer zu Fuß. Er
+war unser Zwischenhändler." -- "Zwischenhändler?" -- "Nun ja, jeder
+Bezirk hier hat so eine Art Vermittler zwischen Wissenschaft und
+Praxis. Ihm hat die Gemeinde viel von ihrem Wohlstande zu verdanken, und
+durch die eine Gemeinde auch die andern." -- "Er ist also beliebt?" --
+"Er ist der beliebteste Mann weit und breit in der ganzen Umgegend." --
+"Wie ist er denn auf der Kanzel?" -- "Na ja, er hat fünfzig Jahre lang
+von seiner Kanzel herunter Geschichtchen erzählt. Seinerzeit wurde viel
+darüber gespottet; manche fanden es auch profan; aber jetzt machen es
+ihm verschiedene nach." -- "Was für Geschichten denn?" -- Also -- die
+letzte, die Kent gehört hatte, handelte von einer Frau in St. Louis in
+Amerika, die dreißig Jahre lang im Gefängnis gesessen hatte und trotz
+ihrer siebzig Jahre noch immer die unbotmäßigste Gefangene war. Da
+sollten die Gefangenen in ein anderes Haus überführt werden, dessen
+Vorsteherin Quäkerin war. Die Alte wollte sich nicht wegschaffen lassen;
+sie setzte sich aus Leibeskräften zur Wehr, so daß man sie binden und
+auf einem Stuhl forttragen mußte. Als sie mit ihr ankamen, stand die
+Leiterin des Gefängnisses in der Tür und nahm das rasende Weib in
+Empfang. "Bindet sie los!" sagte sie. -- "Aber wird das auch gehen?" --
+"Bindet sie los!" Man tat es. Sobald die Alte frei war, beugte ihre neue
+Oberin sich über sie, umarmte sie und gab ihr einen Willkommenkuß, wie
+eine Schwester der Schwester. Da fiel die alte Frau auf die Knie und
+sagte: "Kannst Du wirklich glauben, daß an mir noch was Gutes ist?" Und
+von Stund an gehorchte sie ihr.
+
+Jetzt stiegen Kallem und Kent aus; sie bogen in einen Bauernhof ein, der
+ein Stück oberhalb des Weges lag. Vor der Altane sprang ein großer
+schwarzer Hund auf; er sah den Wagen und bellte ihn an, aber bloß ein
+paarmal; dann lief er den beiden einige Schritte entgegen, beschnupperte
+sie, lief zurück und legte sich wieder.
+
+Sonst war niemand zu sehen. Der Junge lenkte die Pferde um und fuhr ein
+bißchen zur Seite. Die beiden Ärzte gingen zu dem Kranken hinein, Ragni
+wanderte auf dem Hof auf und ab. Durch das Fenster sah sie einen Alten
+im Bett liegen; seine Frau saß neben ihm; sie sang mit zitteriger Stimme
+dem Kranken etwas vor und fuhr auch, als die Tür sich hinter ihr
+öffnete, ruhig fort.
+
+Ragni sah sich auf dem Hof um; dann setzte sie sich auf die
+Scheunentreppe.
+
+Nichts, was in uns alles so in Stille einwiegen könnte, wie ein ruhender
+Bauernhof! Nicht der Wald, denn irgendwo raschelt und raunt es da immer;
+man muß lauschen oder Umschau halten; nicht das Meer, selbst wenn es
+schweigt; völlig in Frieden ist es nie. Nicht die Wiese; denn da wimmelt
+es von Leben. Und so überall. Aber in einem abgeschlossenen Bauernhof
+--. Das Hühnervolk umpickt und umgackert dich so anheimelnd, der Hund
+liegt ganz still und die Katze geht ein paar Schritte, und bleibt
+stehen, und geht wieder ein paar Schritte; die Pflugschar lehnt neben
+der Egge, der Schleifstein ist trocken, die Wagen lassen die Deichsel
+hängen, die Gesindeglocke schweigt; alles, was sonst da lebt, ruht wie
+du; und was sich etwa noch regt, erhöht nur den Frieden. Das Schwein,
+das du ganz dort hinten wühlen siehst, ist nur mit sich selber
+beschäftigt; das Pferd, das kaut und die Fliegen wegwedelt, kennt nur
+sein eigenes Behagen; die Vögel, die kommen und dich grüßen, tragen dir
+die Sorglosigkeit zu, die in allem Frieden liegt.
+
+Doch mitten in der Ruhe schoß in Ragni wieder die Angst auf, die sie
+seit der Begegnung mit Josefine verfolgte. War etwas in ihrem eigenen
+Gewissen, das sie anklagte? Nein, und tausendmal nein! Nicht einmal die
+Kinder ihrer Schwester? -- Nein! Denn unter solchen Verhältnissen hätte
+sie nicht einmal denen etwas sein können. Also, was denn? Was hatte sie
+getan? Ihn geliebt. Weshalb sollte sie das nicht dürfen?
+
+Die Stille war weg. Ragni ging hinter den Hofgebäuden herum, und da fand
+sie zwei Arten =Orobus=[6], nicht weit voneinander -- erst draußen auf
+der Wiese die Vogelerbse, und dann noch eine andere Art im Gebüsch; auf
+den Namen der letzteren konnte sie sich nicht besinnen. Als sie
+zurückging, fand sie einen prächtigen Hahnenkamm und eine dritte Art
+Veilchen; zwei hatten die andern ihr schon gegeben. War das eine Flora!
+Und da! Da wieder! Die entzückendste Veronica; o weh, die Krone fiel ab;
+aber da ist wieder eine; die hält. Später hörte sie, daß in dieser
+Gegend die spröde Blume auch "Männertreu" genannt wurde.
+
+Und jetzt wieder auf den Hof. Durch die Fenster sah sie, wie Kallem,
+tief über den Kranken gebückt, dessen Brust behorchte. Bald darauf kam
+Kent heraus, neben ihm die alte Frau. Er schrie, so laut er konnte, aber
+sie schien trotzdem fast nichts zu verstehen. Jetzt stand Kallems hohe
+Gestalt in der Tür; er kam auf sie zu. Wie sie ihn liebte!
+
+ * * * * *
+
+Nachmittags saßen sie zusammen in dem nach Südosten gelegenen
+Arbeitszimmer des Doktors. Bis auf die Bücher war jetzt alles in
+Ordnung. Sören Pedersen kam, begleitet von Aase, zur Eßzimmertür herein;
+er pfiffig, sie verschüchtert. Eben kämen der Herr Pastor und seine Frau
+durch den Garten.
+
+Kallem sah, wie Ragni bleich wurde. In Gegenwart der beiden begnügte er
+sich damit, frischweg zu sagen: "Komm, Ragni!" und ging dann ins
+Verandazimmer und von dort auf den Korridor, um die Gäste zu empfangen.
+
+Die Begrüßung war steif. Der Pastor bat, die ungelegene Besuchszeit zu
+entschuldigen; ihm passe es so am besten, da er gerade vom
+Abendgottesdienst komme. Sie hätten überhaupt bloß anfragen wollen, ob
+Schwager und Schwägerin nicht heute bei ihnen zu Abend essen wollten?
+Sonntags sei ja ein Geistlicher erst abends so recht sein eigener Herr.
+-- Die Stimme hatte noch etwas von dem feierlichen Predigerton, und
+Gesicht und Wesen trugen einen Abglanz der Kirche. Josefine stand ganz
+still und sah sich im Zimmer um; und bald ging auch der Pastor dazu
+über.
+
+Er fand es "zu gemütlich" hier! Der Flügel war ein "Prachtstück".
+Während sie ihn betrachteten, wandte sich Josefine zu Ragni; es waren
+die ersten Worte, die sie sprach: "Sie spielen ja so schön?" -- "O-- --"
+-- n"Wollen Sie uns nicht etwas vorspielen?" Und der Pastor fügte hinzu:
+"Ach ja, bitte!"
+
+Ragni sah ihren Mann an -- wie ein Ertrinkender, der nach Hilfe
+ausschaut. "Ragni muß in Stimmung sein, um spielen zu können!" sagte er.
+"Natürlich -- Sie werden müde sein!" entschuldigte der Pastor. Man
+setzte sich; Kallem und der Pastor einander gegenüber, Josefine ein
+bißchen abseits; Ragni blieb stehen.
+
+"Natürlich -- Ihr müßt beide müde sein!" fuhr der Pastor fort. "Die
+lange Reise -- -- und jetzt das ganze Einrichten hier! Wie ich von
+Doktor Kent höre, seid Ihr bald fertig?" -- Ja. Sie hätten aber auch
+eine ganz ausgezeichnete Hilfe gehabt an Sören Pedersen und seiner Frau.
+Ragni fürchtete auf einmal, die beiden könnten noch im Eßzimmer sein und
+lief hinein; nein, sie waren fort. Auch im Zimmer des Doktors waren sie
+nicht.
+
+Das Gesicht des Pastors hatte einen ganz eigenen väterlichen Ausdruck
+angenommen. "Wir haben Sören Pedersen und seine Frau für Euch nehmen
+müssen, weil sonst niemand zu haben war. Aber eigentlich müßte man
+solchen Leuten überhaupt keine Arbeit geben." -- "So?" -— "Tüchtige
+Arbeiter; aber sie vertrinken alles, was sie verdienen, und bleiben
+tagelang von der Arbeit weg, wie auch hier. Sie erregen großes Ärgernis
+in der Gemeinde." -- "Alle Wetter!" Ragni strich dicht an Kallem vorbei
+und fuhr ihm leicht mit der Hand über den Kopf; sie tat, als wolle sie
+etwas vom Flügel holen. Der Pastor ließ sich durch den leichtfertigen
+Ton des Doktors nicht abschrecken. "Wir haben alles versucht bei den
+beiden, was wir nur konnten -- sie trinkt geradeso wie er. Ihr würdet
+Euch wundern, wenn Ihr wüßtet, wie gut alle Leute gegen sie gewesen
+sind. Aber alles vergebens -- ja, schlimmer als vergebens! Nun, ich will
+nicht näher auf die Sache eingehen." Und er blickte hinüber zu seiner
+Frau, die in ihrem enganschließenden Kleid dasaß, kraftvoll,
+undurchdringlich, aus einem Guß und tadellos vom Scheitel bis zur Sohle.
+Die Augen mit dem wohlgeschulten Blick, der alles sieht, ohne bestimmtes
+eigentliches "Sehen". Kallem wäre am liebsten aufgesprungen und hätte
+sie angeschrien. Aber Ragni stand, im Hintergrund, unbemerkt von den
+andern, ihm gerade gegenüber.
+
+"Zu dumm," sagte er, "daß der alte Doktor ein Haus dicht neben das
+Krankenhaus gebaut hat. Daß man fremde Menschen immer so dicht auf dem
+Leibe haben muß!" -- "Der Alte hat es für seinen Schwager gebaut. Und
+nun ist der auch tot." -- "Ja, das hab' ich gehört. Wenn ich in der Lage
+wäre, noch mehr Geld in Häuser zu stecken, so würd' ich es kaufen,
+trotzdem ich keine Verwendung dafür habe." Josefine wandte sich kaum
+merkbar um, vermutlich um zu sehen, ob Ragni noch da war. "Ich glaube
+nicht, daß es zu verkaufen ist!" sagte sie. "Ich kenne die Erben." Eine
+Weile war es still.
+
+Der Pastor schlug ein neues Thema an. Er hatte heut vormittag im
+"Morgenblatt" einen Artikel über die Unsicherheit der amerikanischen
+Verhältnisse im einzelnen und allgemeinen gelesen. Er sprach wie einer,
+der die Sache kennt, und wandte sich dabei stets an seine Frau. Wenn er
+einmal jemand anders ansah -- wie eben Ragni, die ja aus Amerika kam --
+so war das nur vorübergehend; gleich wandte er sich wieder seiner Frau
+zu.
+
+Pastor Tuft war ein recht stattlicher, hübscher Mann, besonders seit
+eine gewisse Behäbigkeit den knochigen Untergrund des Gesichts
+ausgefüllt hatte; die Stimme klang frisch, und die Melanchthonaugen
+strahlten warm in alles, was er sagte. Seine Worte und sein ganzes
+Auftreten hatten etwas Mildüberredendes; aber man fühlte hinter der
+Milde die Kraft!
+
+Ganz unerwartet machte Josefine eine aufwärtsdeutende Bewegung mit dem
+Kopf. "Ja, natürlich, es ist Zeit, daß wir gehen!" sagte Tuft und stand
+auf. "Ich verschwatze mich immer. -- Also, Ihr kommt mit, nicht?"
+Josefine stand auf, und ebenso Kallem. Aber der hatte auch noch eine
+Frau, die ihm Blicke zuwarf -- graue -- und sehr weiche. "Danke! Aber
+wir sind zu müde. Ein andermal!"
+
+Damit geleiteten sie die beiden hinaus. Kallem trat dann ans Fenster und
+sah ihnen nach, wie sie hoch und stattlich davonschritten. Bald lag die
+Kirche hinter ihnen. Alle Vorübergehenden grüßten ehrerbietig. Als sie
+schon nicht mehr zu sehen waren, stand er noch da. Dann schlenderte er
+ein paarmal durchs Zimmer und schlug plötzlich einen Purzelbaum. "Du,
+hol mir doch Sören Pedersen und Frau Aase!" und gleich darauf war er
+draußen, um sie zu suchen. Aber sie waren nirgends zu finden. Sigrid
+berichtete, sie seien gleich gegangen, als Pastors erschienen.
+"Schockschwerenot! Pass' auf, jetzt trinken sie sich einen an! Lauf
+schnell und lade sie zum Nachtessen ein! Sag' ihnen, wir seien allein!"
+Das Mädchen rannte davon. "Laß nicht locker!" rief Kallem ihr nach. "Ob
+sie wollen oder nicht!"
+
+"Hören Sie mal, Herr Sattlermeister!" sagte der Doktor, als die beiden
+wieder im Wohnzimmer standen, sie natürlich hinter ihm -- "Hören Sie
+mal, der Herr Pastor sagt, Sie trinken, Sie und Ihre Frau, und er habe
+Sie nicht davon abbringen können?" -- "Da sagt der Herr Pastor bloß, was
+wahr ist." -- "Aber das ist eine böse Krankheit, Pedersen!" -- "O ja --
+hinterher!" -- "Wollen Sie es mir überlassen, Sie zu kurieren?" -- "I,
+warum denn nicht, Herr Doktor! Aber im Ernst -- es wird lange dauern."
+-- "Zwei Minuten." -- "Zwei Minuten?" Er lächelte. Aber bevor er
+ausgelächelt hatte, hatte Kallem ihn schon in der Gewalt seiner Augen,
+die einen mächtigen, verwirrenden Ausdruck haben konnten. Der Sattler
+wechselte die Farbe und wich zurück. Der Doktor ging ihm nach und hieß
+ihn sich setzen. Er gehorchte augenblicklich. "Sehen Sie mich an!" Aase
+wurde es fast übel. "Sie setzen sich ebenfalls!" sagte der Doktor über
+die Achsel zu ihr, und wie hingeweht saß sie auf einem Stuhl. Der Doktor
+hatte gestern sofort erkannt, wen er da vor sich hatte; es dauerte keine
+zwei Minuten, so war Sören Pedersen weg und ebenso Frau Aase, trotzdem
+diese nur zugesehen hatte. Der Doktor befahl ihnen, die Augen wieder zu
+öffnen; beide gehorchten sofort. "Nun hören Sie mich an, Pedersen: von
+jetzt ab hören Sie auf, Branntwein oder Spiritus in irgendwelcher Form
+zu trinken; auch keinen Wein, kein starkes Bier --_einen_ -- _einen ganzen_
+Monat lang! Hören Sie? Wenn der Monat vorbei ist -- es ist jetzt halb
+sieben --so kommen Sie wieder hierher -- auf die Minute!"
+
+"Und Sie auch, Aase. So oft er trinken will, schreien Sie. Und hinterher
+singt Ihr beide." -- "Wir können nicht singen." -- "Einerlei? Ihr
+singt!"
+
+
+4
+
+Josefine verließ die Stadt. Sie nahm ihren Jungen mit nach der
+Westküste, wo er Seebäder nehmen sollte. Der Pastor wollte etwas später
+nachkommen; er hatte, seit er Pastor war, noch keinen Urlaub gehabt.
+Gleich nach dem Examen war er als Hilfsprediger hierher gekommen und
+hatte das Zutrauen der Gemeinde in so hohem Maße gewonnen, daß sie, als
+vor zwei Jahren die Stadt aus der Diözese ausgepfarrt wurde, einstimmig
+um seine Berufung einkam; und er erhielt das Amt. Fast sechs Jahre lang
+hatte er nun streng gearbeitet und konnte ein paar Wochen Ferien wohl
+gebrauchen. Josefine ging eines Tages zu ihrem Bruder hinauf, als er
+nicht zu Hause war, erzählte Ragni, daß sie verreise, verabschiedete
+sich und bat, den Bruder zu grüßen.
+
+Ragni war sich sofort klar darüber, daß diese Reise nur ein Vorwand war,
+um sie nicht in die Gesellschaft einführen zu müssen; sie wollten nicht
+für sie eintreten. Zu Kallem, der weniger mißtrauisch war, sagte sie
+jedoch nichts davon. Er vergaß bald die ganze Geschichte; denn er hatte
+ungeheuer viel zu tun. Doktor Kent wollte ins Ausland, und Kallem mußte
+seine Praxis übernehmen zum Dank dafür, daß Kent vor Kallems Ankunft das
+Krankenhaus beaufsichtigt hatte. Der dritte Arzt am Ort war ein junger
+Militärarzt und augenblicklich bei den Übungen. Er hieß Arentz und
+zeichnete sich durch überaus breite, tadellos geplättete Vorhemden aus.
+Kallem erkannte in seinem korrekten Wissen Wort für Wort das Lehrbuch
+wieder -- er mußte sich anfangs Mühe geben, ihn nicht "Niemeyer"[7] zu
+nennen; aber er mochte ihn seiner unbedingten Ehrenhaftigkeit wegen gern
+leiden. Da das Herumliegen auf Landwegen und Straßen Kallem unerträglich
+wurde, dachte er daran, Arentz zum Assistenten zu nehmen; wollte er
+selber ein freier Mann sein, so mußte er sich anders einrichten.
+
+Ragni sah ihn nur mittags das Essen hinunterschlingen und spät abends
+heimkommen. Vielleicht saß er einmal ein Weilchen bei ihr auf der
+Veranda, oder ging im Garten umher und half ihr, wenn sie gerade bei der
+Arbeit war; aber selten. Er mußte wieder hinein, zu seinen Büchern.
+Anders gestaltete es sich, als sein Kollege wieder zurückkam; er
+glaubte, die versäumte Zeit nachholen zu müssen und fortan saß er
+beständig im Laboratorium oder in seinem Arbeitszimmer. Schließlich
+siedelte auch Ragni dahin über; sie bekam ihren eigenen Stuhl und ihre
+eigenen Bücherfächer; das Studierzimmer wurde zur Wohnstube.
+
+Stundenlang lasen sie, jedes für sich, und wechselten kaum zehn Worte.
+Er versenkte sich immer mehr in ein langes, einsames Studium und ahnte
+nicht, was für einen Eindruck es machte, wenn er sich in einer Pause
+aufs Sofa warf, so lang er war, und sie ansah, ohne ein Wort zu reden,
+oder -- wie es meist der Fall war -- am Fenster stand und hinausstarrte.
+Kam er ins Zimmer zurück, so war es nur, um sich wieder ans Fenster zu
+begeben. Er behauptete, nirgends könne er so gut denken, wie da; das
+habe er von seinem Vater.
+
+An seinem Heim hatte er eine große Freude; selten kam er nach Hause,
+ohne es zu rühmen, und dann wanderte er umher, sorglos und munter wie
+eine Schwalbe. Nach Tisch hörte er gern Musik, doch achtete er nicht
+immer darauf, was sie spielte.
+
+Und sie? Von Tag zu Tag fühlte sie sich inniger in Wesen und Dinge ihres
+Heims ein. Ihn nannte sie wieder ihren "weißen Pascha", den Flügel "das
+Märchen". "Jetzt ein Märchen!" sagte sie, wenn sie spielen wollte, und
+gewöhnte es ihm ebenfalls an. Das Schlafzimmer nannte sie "zwischen den
+Sternen", die Tauben, die sie zu Pfingsten bekommen hatte, "meine
+Pfingstlilien", Sigrid "die Siebenarmige". Wenn sie und Kallem im
+Arbeitszimmer saßen und lasen, hatte sie das Gefühl, als segelten sie
+beide fort, jedes in seinem Boot, jedes nach seinem Land. "Wollen wir
+jetzt hinein und segeln?" sagte sie.
+
+Er kannte dies Bedürfnis nach Bildern aus ihren amerikanischen Briefen.
+"Wir arbeiten uns jeder von einem Ende eines Welttunnels langsam
+zueinander hin", schrieb sie; und auf dies Bild vom Tunnel kam sie immer
+wieder zurück; zuletzt "waren sie einander so nahe, daß sie ihn sprechen
+hören konnte." Von den Dampfern, die "droben, über ihnen, aneinander
+vorbeischwammen mit ihren Briefen", schrieb sie: "die Sehnsucht des
+einen zieht und die des andern schiebt nach."
+
+Eines Abends auf der Veranda -- es regnete, aber sie selber saßen
+trocken unter dem vorstehenden Dach -- sagte sie: "Solche Häuser müßten
+einen Kopf haben." -- "Einen Kopf?" -- "Ja, zwischen den Flügeln, wie
+jedes andere brave Huhn." -- "Ach, so meinst Du's!" -- "Ich habe immer
+das Gefühl, als säße ich unter Flügeln und würde bebrütet." -- "Sag'
+mal, wie kommt es, daß Du in Deiner Kindheit nicht in den Bildern der
+Bibel heimisch geworden bist?" -- "Weil ich einen Vater hatte, der mir,
+als ich zehn Jahr alt war, vom Ursprung der Arten erzählte; Pflanzen,
+Tiere und Menschen wurden zu _einer_ Familie. Das war so etwas für mich.
+Als ich dann einen Stiefvater bekam, der Geistlicher war und behauptete,
+Erde und Menschen seien gleich bei der Erschaffung vollkommen gewesen
+und alles sei nur um der Menschen willen da, da glaubte ich das nicht.
+Außerdem war mein Vater ein stiller, kränklicher Mann, den ich lieb
+hatte, und mein Stiefvater ein starker, jähzorniger Mensch, den ich
+fürchtete."
+
+Kallem fragte, ob sie ihm nicht einmal ihre Kindheit und Entwicklung
+schildern wolle. Aber darauf antwortete sie bestimmt: "Nein!"
+
+ * * * * *
+
+Kristen Larssen arbeitete hin und wieder beim Doktor, -- so bei der
+Einrichtung des Laboratoriums, des Ventilationsapparates usw. Mit einem
+schweigsameren, mißtrauischeren Menschen hatte Kallem es noch nie zu tun
+gehabt, aber auch noch nie mit einem klügeren. Eines Sonntags, Anfang
+August, kam er herauf, in seinem höchsten Staat -- einem langschößigen,
+braunen Rock mit außerordentlich engen Ärmeln, einer karierten, zu
+kurzen Weste und einer grauen Hose von sogenanntem englischen Leder.
+Alltags trug er meist keine Kopfbedeckung; Sonntags, wenn er Staat
+machen wollte, trug er den Hut in der Hand; er konnte nichts auf dem
+Kopf ertragen, wenn es nicht ganz besonders kalt war. Jetzt stand er da
+im Studierzimmer, lang, hager, kurzgeschoren, reingewaschen, mit
+schwarzen Bartstoppeln. Das einzige halbwegs Freundliche an der ganzen
+Erscheinung war der über ein rotgewürfeltes Halstuch heruntergeklappte
+weiße Hemdenbund. Der Doktor bat ihn, Platz zu nehmen und fragte, was
+ihm fehle. Als Antwort kam erst ein forschender Blick, dann die
+Erklärung, er habe ja gar nicht gesagt, daß ihm etwas fehle.
+
+Kallem merkte, daß es Larssen nach dieser Antwort nicht leicht fallen
+würde, mit seinem Anliegen herauszurücken; aber er dachte: Geschieht dir
+ganz recht!
+
+Na ja, endlich sagte er denn, er wisse, die "Frau Doktern" sei fünf oder
+sechs Jahre in Amerika gewesen; ob sie ihm vielleicht ein paar englische
+Bücher leihen könne? Vielleicht würde sie ihm auch sagen, wie er sich am
+besten weiterhelfen könne; er habe auf eigene Hand ein bißchen Englisch
+gelernt.
+
+Ob er denn ans Auswandern denke? -- Ja, könnte schon sein; "aber
+hinübergehen, und drüben auch für die Norweger schuften ... dazu hab'
+ich keine Lust." -- "Wie alt sind Sie?" -- "O, so reichlich an die
+Vierzig!" Er sah aus, als sei er schon fünfzig. "Da fällt mir ein,
+Larssen, -- meine Frau wird Sie sicher gern Englisch lehren, etwa
+abends." Nein, das wollte er unter gar keinen Umständen. Aber Kallem
+machte ihm begreiflich, daß man die Aussprache nur durch mündlichen
+Unterricht lernen könne. Im selben Augenblick kam Ragni herein, und der
+Doktor erklärte ihr, daß für Kristen Larssen die englische Sprache
+gleichbedeutend sei mit einem paar Flügel. Erst wurde sie ein bißchen
+rot; es war keineswegs die einzige unangenehme Aufgabe, die Kallem ihr
+aufbürdete; er schien wirklich der Ansicht zu sein, sie habe nicht genug
+zu tun. Sie selber war der Ansicht, daß sie gern möglichst frei sein
+wollte. Aber während sie so stand und Kristen Larssen ansah, und daran
+dachte, wie Kallem gesagt hatte, er habe noch nie einen klügeren
+Menschen getroffen, wurde sie von Mitleid erfaßt. Eben vertiefte er sich
+in ein englisches Buch; er verstand zur Not, wovon es handelte. Und da
+erbot sie sich nicht nur, ihm zu helfen, sie nötigte ihm ihre Hilfe
+geradezu auf. Schon am selben Nachmittag um fünf Uhr kam er, und sie
+saßen zusammen am Tisch und buchstabierten sich durch einen leichten
+Text durch. Kallem kam nach Hause und sah die beiden Köpfe über dasselbe
+Buch gebeugt, der eine lang, dunkel und eckig, der andere klein,
+feingeformt, rötlich; ein eiskaltes, dunkles Gesicht, durchfurcht,
+verkniffen -- ein warmes Frühlingsauge, eine blendende Haut, eine
+sonnige Laune. Sie hielt ihr Taschentuch vor den Mund und mußte sich
+offenbar zwingen, neben ihm zu sitzen. Kallem erinnerte sich jetzt, daß
+auch ihm schon Kristen Larssens unangenehmer Atem aufgefallen war. Er
+sorgte sogleich dafür, daß sie zwei Bücher bekamen und daß jedes an
+einer Seite des Tisches saß. Sobald sie konnte, machte sie sich davon.
+Um das wieder gut zu machen, lud Kallem Larssen zum Abendessen ein und
+versuchte, ihn zum Auftauen zu bringen; aber als er ging, war er noch
+ebenso kalt und vorsichtig wie beim Kommen. Jetzt begann dieser Mann ihn
+zu beschäftigen. Was in aller Welt war das für ein Mensch, und wie war
+er so geworden?
+
+Bei Gelegenheit suchte er ihn unter einem Vorwand in seinem Hause auf.
+Hier traf er die Frau, ein mageres, dürres Frauenzimmer, dessen Kopf
+dicht in ein großes Tuch eingewickelt war; was der Mann zu wenig auf dem
+Kopf hatte, das hatte sie zu viel. Kein Kind. Kein Feuer auf dem Herd;
+sie koche immer gleich auf mehrere Tage, sagte sie. Vorsichtig und
+mißtrauisch ging sie ab und zu und strickte. Kallem dachte sich, sie
+müßten wohl übereingekommen sein, so dürftig zu leben, damit sie für die
+Reise zurücklegen konnten. Nur um einen Vorwand zu haben, hatte er einen
+Revolver mitgenommen, der nicht richtig funktionierte; die Waffe lag in
+einem Kasten, und er hatte den ganzen Kasten mitgenommen, dachte aber
+jetzt erst daran, daß auch die Munition darin lag. Er zeigte es ihr.
+"Ach, bei uns liegt viel solches Zeugs herum!" sagte sie und nahm den
+Revolver ohne eine Spur von Furcht in die Hand. "Der ist aber fein!" Und
+sie legte ihn in den Kasten zurück, schloß ihn zu und stellte ihn auf
+ein Wandbrett über der Werkzeugbank des Mannes. Brett und Bank lagen
+voll Sachen zum Reparieren; "er hat jetzt zu viel außer dem Haus zu
+tun," sagte sie, "das Kleinzeug da muß warten!" Der eine Raum diente
+als Werkstatt, Küche und Schlafstube. Eine Uhr an der Wand, ein Tisch,
+ein Bett, eine Schlafbank, drei hölzerne Stühle; sonst alles kahl; und
+überall ein scharfer, übler Geruch.
+
+Den Rückweg nahm er am Sattlerladen von Sören Pedersen vorbei, dem er
+bei der Etablierung eines Geschäfts geholfen hatte, das recht gut ging.
+Da stand Kristen Larssen; in der einen Hand hielt er ein Glas, in der
+andern eine Flasche, und Sören Pedersen und seine Frau schrien oder
+sangen Glas und Flasche an; es klang wie ein langgezogenes, klägliches
+Hundegeheul. Kristen Larssen lachte -- ein Lachen, wie es nur aus den
+tiefsten Tiefen des Menschen kommt. Eine breite Seligkeit lag in diesem
+weitaufgerissenen Maul -- die innerste Offenbarung eines bosheitsvollen
+Herzens, das wildeste Freudenhalleluja des Entdeckers. Vielleicht auch
+ein Interesse für die beiden -- wer weiß? Ob er das Tag für Tag so
+trieb?
+
+ * * * * *
+
+Das Talent Kallems, andere in Arbeit zu setzen, sollte Ragni noch in
+höherem Grade kennen lernen.
+
+In einer kleineren Gesellschaft bei Doktor Kent sollten sie den alten
+Pastor Meek und seine Enkelin, Tilla Kraby, kennen lernen; die beiden
+waren von ihrer Reise ins Ausland zurückgekehrt, wollten aber bald
+wieder von hier weg. Während ihres kurzen und wahrscheinlich letzten
+Aufenthalts in der Gegend wurden sie sehr gefeiert; auch diese
+Gesellschaft wurde ihnen zu Ehren gegeben, und Kallem und seine Frau,
+die sonst ganz zurückgezogen lebten, gingen heute nur hin, um sie doch
+wenigstens einmal gesehen zu haben. Die Ehrengäste ließen auf sich
+warten; und unterdessen wurde Ragni eine ungewöhnlich starke Dame
+vorgestellt, kaum dreißig, lebhaft und hübsch; gleich ihre ersten Worte
+jagten der jungen Frau einen Schreck ein. "Ich weiß nicht, ob es Ihnen
+unangenehm ist," sagte sie -- -- "ich bin nämlich die Schwester von
+Sören Kule." Als sie Ragnis tiefe Verlegenheit bemerkte, zog sie sie
+schnell beiseite: "Denken Sie nur ja nicht, daß ich es nicht ganz genau
+ebenso gemacht hätte, wie Sie!" flüsterte sie. "Noch dazu, wenn man
+einen Mann findet, wie Ihren!" -- -- und sie drückte Ragnis Arm. Sie war
+sehr gewandt und fesch und hatte keine Ahnung, wie sie das feine
+Geschöpf peinigte, das sie da am Arm hielt. Schon daß ihr Gesicht und
+ihre Figur von der "Walfischart" waren, war ja genug; Ragni kannte das
+alles so gut -- bis auf die eigentümliche Bewegung der "Flossen"; sie
+mußte an Tran denken. Jetzt sah man den alten Pastor Meek und seine
+Enkelin eintreten; der Gastgeber und seine Schwester -- Dr. Kent war
+nicht verheiratet -- gingen ihnen entgegen -- auch die übrigen fast
+alle. Zwischen das "Guten Tag!" und "Willkommen!" der Vordersten klang
+das: "Nein! wie prächtig er aussieht!" und "Was diese Tilla für Reisen
+macht!" der Fernerstehenden. Und während der ganzen Szene fragten Kallem
+und Ragni sich, wem die beiden ähnlich sähen; diese Gesichter hatten sie
+schon irgendwo erblickt.
+
+Pastor Meek war über mittelgroß, breitschulterig, ein bißchen
+wohlbeleibt. Den Kopf, der breit und leuchtend war, trug er stark
+zurückgeworfen; dichtes, weißes Haar umrahmte das Gesicht. "Jetzt weiß
+ich's!" flüsterte Ragni. "Sie müssen verwandt sein mit dem jungen
+Menschen, dem wir am ersten Tag begegnet sind. Du weißt doch -- der so
+schön war?" -- "Ja, richtig! Dasselbe gewölbte Antlitz! Man könnte
+glauben, sie gehörten zu den Bourbonen." -- Der Alte dankte für die
+Willkommgrüße mit einer tiefen, wohlklingenden, langsamen Stimme. Die
+Augen waren nicht unbefangen -- eher forschend und resigniert. Kein
+Eindruck von Sicherheit, wohl aber von großem Wohlwollen und von
+Nachdenklichkeit. Jedesmal, wenn einer der höheren Beamten ihn anredete,
+kam etwas altmodisch Zeremonielles, Reserviertes über ihn. Der "neue
+Doktor" wurde vorgestellt, und Frau Lili Bing sagte, wie aus einer
+inneren Eingebung heraus zu Ragni: "Sie beide müssen zueinander passen!
+Darf ich vorstellen: Frau Kallem -- Fräulein Kraby." Ein bißchen
+schüchtern begrüßten sie einander und sprachen bald darauf von dem
+jungen Mann, der ihr so ähnlich sah. Es war ihr Vetter, und er war sehr
+musikalisch. Dadurch kamen sie auf Musik zu sprechen und gingen den
+ganzen Abend überhaupt nicht mehr voneinander.
+
+Selten -- ja, Kallem ausgenommen, vielleicht niemals -- hatte Ragni
+jemand gefunden, zu dem sie sich gleich so hingezogen gefühlt hatte.
+Dies stille und zugleich so lebhafte blonde Wesen hatte eine so
+liebenswürdige Art, und alles, was sie sagte, war so ganz ihr eigenstes
+Denken. Und in wenigen Tagen verließ sie die Stadt für immer! Es gab
+ihrem Zusammensein einen eigenen, wehmütigen Reiz, daß sie sich heute
+wahrscheinlich zum ersten- und letztenmal sahen. Es bewirkte auch, daß
+Ragni später, als der Gastgeber sie in seiner schalkhaften Weise bat,
+etwas zu spielen, gleich bereit war. Sie wollte der neuen Freundin
+soviel von sich geben, als sie konnte.
+
+"Bitte," flüsterte sie ihr zu, "stellen Sie sich so, daß ich ein
+vertrautes Gesicht vor mir habe!" Dann stimmte sie "Solvejgs Lied" aus
+"Peer Gynt" an. Man hatte ein Bravourstück erwartet, nicht ein einfaches
+Lied; aber als sie es auf dem Flügel zu Ende "gesungen" hatte, waren
+alle so hingerissen, daß der Bürgermeister, der bei solchen
+Gelegenheiten gern das große Wort führte, um Wiederholung bat. Sie
+spielte es noch einmal. Darnach den unvergleichlichen, humpelnden
+Gnomenmarsch aus derselben Suite; und gleich darauf Seimers
+"Kinderspiel" -- der feinste, anmutigste Gegensatz. Sie spielte es mit
+derselben tiefeindringenden Interpretation des kleinsten Details. Dann
+eine Weise von Sinding -- im alten Stil -- jeder Ton ein Wort für sich;
+dann eine heitere, kernfrische Melodie von Svendsen; zum Schluß den
+Festmarsch von Seimers. Heute hatte sie keine Angst; ihre Augen
+wanderten mit reicher Botschaft zu Tilla, von ihr zu den anderen -- --
+reine Märchenbotschaft! Die Gesellschaft war ganz hingerissen; der
+Bürgermeister wanderte durch die Zimmer wie eine schmetternde Trompete.
+Der alte Meek kam voll altfränkischer Ehrerbietung; "Großvater ist so
+musikalisch!" flüsterte Tilla.
+
+Eine Stunde darauf verabschiedete sich der alte Meek; er blieb nie
+länger in Gesellschaft. Seine Enkelin begleitete ihn; Kallem und Ragni
+schlossen sich an.
+
+Der Abend war milde, trotzdem es Ende August war, Tage, an denen die
+Übergänge in der Temperatur nach Sonnenuntergang meist schroff sind;
+immerhin nicht so mild, daß Sommermäntel und Überzieher überflüssig
+gewesen wären. Überall Spaziergänger. Als man beim Doktorhaus angelangt
+war, fragte Ragni, die sonst so zurückhaltend war, ob sie nicht mit
+hinein kommen wollten. Und der alte Pastor erwiderte voll Galanterie,
+wenn sie die Hoffnung hegen dürften, noch ein bißchen Musik zu hören, so
+sei ihnen die Einladung nur zu willkommen. Die Lampen im Verandazimmer
+wurden angezündet, der Flügel wurde geöffnet, und eine italienische
+Barkarole ruderte zu den offenen Fenstern hinaus. Der alte Meek war ganz
+beglückt und wagte sich mit der Frage heraus, ob nicht sein Enkel, der
+hier die Schule besuche, einmal kommen dürfe, um die Frau Doktor spielen
+zu hören -- natürlich bloß, wenn es ihnen nicht ungelegen sei. Er sei
+leider ein solcher Musiknarr, daß er mit neunzehn Jahren noch nicht
+einmal sein Abiturium gemacht habe. Aber weil man das Unglück nun eben
+nicht ändern könne, so sei es immerhin das Beste, wenn er nur _gute_ Musik
+höre. Ragni erwiderte, es würde ihr ein Vergnügen sein. Kallem fragte,
+ob er den jungen Mann aufsuchen und es ihm sagen solle. Dafür war der
+Alte ungeheuer dankbar und sagte, er wäre dem Doktor noch dankbarer,
+wenn er ihn auch gleich untersuchen wolle; denn irgend etwas sei da
+nicht in Ordnung. Kallem sagte, er habe das schon gemerkt; er glaube
+auch zu wissen, was es sei.
+
+Jetzt setzte sich der Alte an den Flügel.
+
+"Da sollen Sie eins von seinen Liedern hören!" sagte er. Und mit
+Fingern -- viel weniger steif, als man es ihm zugetraut hätte -- und
+einer Stimme, so leise, als ob man mit dem Finger an eine Kirchenglocke
+rühre -- vor allem mit einer ganz eigentümlichen Anwendung der Fistel,
+summte er:
+
+ Wann wird es wirklich Morgen?
+ Wenn goldner Strahlenglanz
+ Über Firnen hüpft im Tanz,
+ Tief in den Abgrund dringend,
+ Beschwingend
+ Den zum Lichte kletternden Stengel,
+ Daß er sich träumt als seligen Engel.
+ Dann ist es Morgen,
+ Wirklich, wirklich Morgen.
+ Doch wenn's wettert und sprüht,
+ Und krank mein Gemüt,
+ Kann das Morgen sein?
+ Nein.
+
+ Wohl ist es wirklich Morgen,
+ Wenn Blümlein im Frühlicht blinken,
+ Und Vöglein Tautropfen trinken
+ Und zwitschernd dem Baum zum Lohne
+ Eine Krone
+ Von jungfrischem Grün versprechen,
+ Vom Meere erzählen den sehnenden Bächen.
+ Dann ist es Morgen,
+ Wirklich, wirklich Morgen.
+ Doch wenn's wettert und sprüht
+ Und krank mein Gemüt,
+ Kann das Morgen sein?
+ Nein.
+
+ Wann wird es wirklich Morgen?
+ Wenn die Kraft, die das Leid durchdringt,
+ Sonne der Seele bringt,
+ Wenn in deinen Armen
+ Erwarmen
+ Alle die Menschen, groß und klein,
+ Dann gegen alle nur gut zu sein.
+ Dann ist es Morgen,
+ Wirklich, wirklich Morgen,
+ Die gefährliche Kraft,
+ Die das Höchste schafft,
+ Ist sie's, die dir nah?
+ Ja.
+
+Melodie wie Begleitung waren ganz eigenartig. "Wie das sich Hals
+über Kopf hinauswirft!" sagte Ragni. Kallem fragte, was das für
+ein Frauenzimmertext sei. Tilla erwiderte, er habe in irgendeiner
+Zeitung gestanden; wahrscheinlich eine Übersetzung. Als aber die
+andern gegangen waren, vertraute Ragni ihrem Mann an, der
+"Frauenzimmertext" sei eine von ihren Übersetzungen. Sein Vetter habe
+sie an ein norwegisch-amerikanisches Blatt eingeschickt, und von da sei
+sie weitergegangen. Dies Zusammentreffen bewirkte, daß Kallem schon am
+nächsten Tag Karl Meek aufsuchte, und daß dieser drei Tage darauf samt
+Klavier, Büchern und Kleidern in dem großen Giebelzimmer in Kallems Haus
+installiert war -- in der Stube, die nach dem Park hinausging. Kallem
+hatte auch den stärksten Widerstand von seiten Ragnis überwunden.
+
+
+5
+
+Fortan saß ein langhaariger, aufgeschossener Mensch mit am Tisch, -- die
+Beine um die Stuhlbeine geschlungen --und mit schmalen, roten Fingern,
+die voller Frostbeulen waren und so feucht, daß Ragni es nicht über sich
+brachte, sie zu berühren. Auch reden konnte sie nicht mit ihm, nach dem,
+was Kallem ihr von ihm gesagt hatte; all das Schöne, das sie bei der
+ersten Begegnung an ihm gesehen hatte, war durch diese Worte wie
+ausgelöscht. Er trat hastig ein, als habe er es sich eingeübt; und
+regelmäßig blieb dann sein Rock oder sein Ärmel an der Türklinke hängen,
+oder die Tür wollte nicht beim ersten Versuch zugehen -- oder er
+verhedderte sich mit den Beinen, oder er riß einen Stuhl um oder rannte
+mit dem Mädchen zusammen, die etwas hereingebracht hatte und wieder
+hinausging. Er sah den Menschen nie ins Gesicht; die schönen Augen waren
+schläfrig und erloschen, die Gesichtsfarbe aschgrau; er studierte das
+Muster auf dem Teller und dem porzellanenen Brotkorb, die vor ihm
+standen. Nie redete er ein Wort. Wenn jemand ihn ansprach, fuhr er auf,
+und antwortete "Ja" oder "Nein" -- als habe er glühende Kohlen im Mund.
+Aber fressen tat er -- nach Ragnis Ausdruck -- wie ein Scheunendrescher.
+Und wenn er dann mit den feuchtkalten Händen an seinen Hosen
+herunterstrich oder sich durch das dicke, fettige Haar fuhr, dann war er
+noch schlimmer als Kristen Larssen!
+
+Jeden und jeden Tag diesen ekligen Bengel am Tisch! Und abends Kristen
+Larssen! Dazu noch die vielen alten Weiber, die Kallem ihr schickte,
+damit Ragni sie mit wollenem Zeug versehe! Kinder, die sie oft von Kopf
+bis zu Fuß neu kleiden mußte, -- alle seine Tuberkulosefreunde!
+
+Nicht nur, daß die Menschen an sich ihr unangenehm waren; sondern daß
+alle Türen offenstanden --! Sie hatte keine Freistatt mehr, war nicht
+mehr Herr ihrer Zeit! Mit ihm darüber zu sprechen, -- was hatte das für
+einen Zweck? Wenn das, was _ihr_ die tiefste Qual bereitete, _seine_
+höchste Freude war? Ein bißchen Eifersucht war auch dabei: er hatte
+überhaupt keinen Blick mehr für sie und das, was ihr lieb war! Die Sache
+mit seiner Schwester ließ er auch einfach so hängen. Pastors waren schon
+längst wieder da. Josefine hatte eines Morgens einen flüchtigen Besuch
+gemacht -- im Garten -- und hatte Blumen vom Grab des alten Kallem
+gebracht; die beiden Schwäger trafen sich auf der Straße und an den
+Krankenbetten; auch seine Schwester traf Kallem bisweilen dort; sie tat
+viel für die Armen. Aber weder kam sie zu ihm, noch er zu ihr; Pastors
+gaben auch keine Gesellschaft für sie, wie jedermann doch erwartet
+hatte; sie gaben überhaupt keine Gesellschaften mehr. Ragni war sich
+keinen Augenblick unklar über den Grund. Kallem merkte nicht, wie dies
+Unausgesprochene sie peinigte, auch nicht, daß es ihr in gewisser Art
+die Stadt verschloß. Und sie mochte ihn damit nicht quälen. Er hatte die
+ganze Freiheit des vielbeschäftigten Mannes, der über alles hinweggeht,
+was ihm nicht "bequem" ist. Bei seiner täglichen Jagd auf Tuberkulose
+waren ihm die alten Weiber und die Kinder, die er angeschleppt brachte,
+weit wichtiger als "diese ganzen religiösen Katzbalgereien", -- leider
+auch wichtiger als die Anmut und Traulichkeit, die _ihr_ ein
+Lebensbedürfnis waren.
+
+Ganz hinten in dem großen Krankenhausgebäude war ein langgestrecktes
+Vorratshaus, mit Holzschuppen usw. Dort richtete Kallem einen Turnsaal
+ein, und dorthin ging's in Gesellschaft des aschgrauen Burschen jeden
+Abend von sechs Uhr an. Solange das dauerte, kam er pünktlich nach
+Hause, machte selber seine Turnübungen, forderte seinen Begleiter zu
+einem Wettstreit heraus und brachte Ordnung und Schwung in die Sache.
+Der verschüchterte Junge hatte, seitdem er ins Haus gekommen war, sein
+Klavier kaum angerührt; er war zu befangen der Hausfrau gegenüber.
+Deshalb setzte sich Kallem täglich gegen Abend eine halbe Stunde mit
+einem Buch zu ihm aufs Zimmer; und während der Zeit mußte Karl spielen.
+Als Arzt hatte er sich sein Vertrauen erzwungen und war nun mit immer
+wacher Freundlichkeit auf dem Posten, und bald kam der Junge wirklich
+schon viel sicherer ins Wohnzimmer und schlich auch nicht gleich wieder
+heimlich hinaus. Schließlich -- auf eindringliches Zureden Kallems --
+faßte sie sich ein Herz und sagte eines Sonntagmorgens zu Karl: "Gehen
+Sie nicht auf Ihr Zimmer, bitte! Wollen wir nicht einmal ein bißchen
+vierhändig spielen? Wir nehmen etwas ganz Leichtes!" fügte sie hinzu.
+Verzweiflung erfaßte ihn; aber das Glück wollte, daß er fast seinen
+Klaviersessel umriß, als er sich setzen wollte, und beim Rettungsversuch
+beinah auch ihren umwarf -- und darüber kamen sie beide ins Lachen, und
+das half über das Schlimmste hinweg.
+
+Da saß sie nun -- frisch und schlank, in einem rotseidenen Kleid, um
+Hals und Handgelenk Spitzen, die weißen langen Spielfinger neben seinen
+schmalen, roten; ihr geistvolles Gesicht oft ihm zugewandt; ein
+Resedaparfüm entströmte ihrem Kleid -- ein Duft ihrem Haar ... Er
+zitterte vor Verlegenheit. Wie häßlich er sich selber vorkam! Und wie
+sein eigenes Haar roch! Er strengte sich so an beim Spielen, daß er bald
+ganz müde war und lauter Dummheiten machte. "Sie sind gewiß nicht recht
+aufgelegt heute!" sagte sie und stand auf.
+
+Wie ein begossener Pudel zog er ab; er wand und krümmte sich -- er
+wollte davonlaufen -- zum neunundneunzigstenmal. Mittags kam er nicht
+zum Essen, war überhaupt im ganzen Hause nicht zu finden. Kallem fragte
+nach ihm. Da erzählte Ragni, wie kläglich es gegangen sei; schon nach
+einer halben Stunde sei er müde gewesen. Ein junger Mensch, der so wenig
+leisten könne -- das sei ihr einfach widerlich! "Ach, Du mit Deiner
+ewigen Ästhetik!" Und er machte sich auf die Suche nach dem Jungen,
+opferte seinen ganzen schönen Sonntagnachmittag und kam endlich, gegen
+Abend, mit ihm zurück. Drinnen, im Studierzimmer, beteuerte sie
+flüsternd, sie wolle lieb sein jetzt. Und Kristen Larssen kam, und
+geduldig wie ein geprügelter Hund setzte sie sich zu ihm und las mit ihm
+Englisch.
+
+Anfangs hatte sie mit diesem wunderlichen Menschen Mitleid gehabt; aber
+in seiner Gesellschaft, unter dem Hauch seines Atems gefror sie zu Eis.
+Eben darum fand sie es selber gräßlich feig, daß sie weitermachte, ohne
+zu mucksen; aus Mitleid geschah es ganz gewiß nicht! Zäh, -- pünktlich
+auf den Glockenschlag, erschien er in seinem langen, braunen,
+engärmeligen Rock, mit dem unerträglichen, jahrealten Schweißgeruch des
+Arbeiters, der aus Kleidern und Körper aufstieg. Der Atem drang über den
+ganzen Tisch herüber; sie fühlte ihn, sogar wenn er nicht bis zu ihr
+drang. Kristen Larssen zog den Stuhl vor, setzte sich, schlug sein Buch
+auf, und wenn er die Stelle gefunden hatte, bohrte er seine kalten,
+fürchterlichen Augen in ihre warmen, angstvollen Taubenblicke, die
+furchtsam im ganzen Zimmer umherflatterten. Seine langen, dunkeln
+Finger, schwarz behaart wie die ganze Hand, griffen fest zu; die Finger
+der Linken um das Buch, die Rechte fuhr nach. Dann räusperte er sich;
+und endlich begann er; in der Regel mit irgendeiner Frage, die noch auf
+die vorige Lektion Bezug hatte, immer klug, -- immer mißtrauisch auf
+irgendeinen Irrtum, einen Mangel an Verständnis oder Logik bei ihr
+lauernd. Er machte sie unsicher, selbst in den sichersten Dingen.
+
+Wenn er so dasaß und langsam, wohlüberlegt sich Wort für Wort
+durcharbeitete, und sie sich einmal unterstand, ihn zu unterbrechen,
+weil er einen Fehler gemacht hatte, so setzte er seine Finger nur um so
+fester auf, um ja die Stelle zu behalten, wo sie ihn unterbrochen hatte;
+und dann blickte er auf -- unwillig, mißtrauisch. Sie wiederholte ihre
+Korrektur -- unsicher, bang; aber nie konnte sie es ihm klar genug
+machen; immer mußte er um eine noch deutlichere Erklärung bitten. Also
+sagte sie es zum drittenmal, und endlich war er so gnädig, es hingehen
+zu lassen -- auf ihre Verantwortung! Und sooft sie unterbrach, wußte sie
+es -- wußte, was jetzt kommen würde, wußte, daß der böse Atemhauch sie
+überfluten würde, Welle um Welle.
+
+Was es diesen Mann kostete an Arbeit, daß er so sicher aufzutreten
+vermochte, niemals einen Fehler, der einmal berichtigt worden war,
+wieder machte, was für Fähigkeiten in ihm steckten, daß er diese vielen
+seltsamen Fragen, die jedem Philologen Ehre gemacht hätten, überhaupt
+stellen konnte -- das übersah sie keineswegs. Aber immer war er ihr
+fürchterlich -- von innen heraus fürchterlich. Er war so ganz und gar
+wie ein alter Affe, den sie einmal gesehen hatte, der ehrbar mit einem
+silbernen Löffel speiste. Und dieses Bild umschwebte ihn verzerrend, wie
+zur Rache.
+
+Ein sehr angenehmes Verhältnis entwickelte sich daneben in ihrem
+täglichen Leben: das Zusammenarbeiten mit dem Mädchen. Sie freundeten
+sich an. Beide gleich geschickt -- Ragni im Anordnen, das Mädchen im
+Ausführen. Ragni arbeitete gern und rasch; das Mädchen war klug und
+wißbegierig. Eins freute sich am andern.
+
+Vierzehn Tage nach dem mißglückten Versuch mit dem Vierhändigspielen
+sagte sie zu Karl Meek: "Was meinen Sie? Wollen wir's noch einmal
+versuchen?" -- "Danke, nein ... es geht doch nicht!" erwiderte er
+entsetzt. -- "Ich habe schon etwas Vierhändiges hervorgesucht, das Ihnen
+sicher nicht zu schwer ist!" -- Und sie legte es aufs Klavier, während
+er -- auf zwei Meter Abstand -- stehen blieb und herüberschielte, rot
+und immer röter wurde und sich mit den Händen durchs Haar fuhr. "Kennen
+Sie das?" Er antwortete nicht; das war ja eins von seinen Stücken!
+"Bergbach" hatte er es betitelt; er hatte es oben auf seinem Zimmer
+Kallem öfters vorgespielt. Da stand es -- für vier Hände gesetzt; sie
+wollte auf diese Weise alles wieder gut machen.
+
+"Also, kommen Sie!" Dasselbe rotseidene Kleid, dieselben Spitzen um die
+langen Spielfinger -- dieselbe Büste -- dieselben seltsam traumvollen
+Augen, die ihn manchmal anblickten, daß er erschauerte. Aber er selber
+war heut auch neu gekleidet, und sein Haar und seine ganze Person
+zurechtgestutzt und gestriegelt. Und nun hüpfte unter ihren
+geschmeidigen Fingern der "Bergbach" hervor; wo Karl nicht folgen
+konnte, wartete sie, und nahm ihn dann wieder mit. Zuletzt ging es, wenn
+auch nicht gut, so doch immerhin nicht schlechter als das letztemal, und
+sie versprach gnädigst, nach diesem Anfang noch häufiger mit ihm zu
+spielen.
+
+Er verbeugte sich und wollte gehen. "Heut ist Sonntag", sagte sie. "Sie
+haben doch nichts zu tun?" -- "Nein." -- "Wollen wir einen kleinen
+Spaziergang machen?" -- "Gewiß ... wenn Frau Doktor ... ja, gern!"
+
+Wie der Blitz war er wieder da in Überzieher und Pelzmütze, sie wartete
+schon in ihrem hübschen Kragen und flotten, amerikanischen Federbarett.
+
+"Wir wollen meinem Mann entgegengehen." Und sie gingen. Sie fühlte, sie
+allein müsse die ganze Zeit über reden; und so schilderte sie denn die
+Schneestürme auf den amerikanischen Prärien, und was für Folgen sie für
+Menschen und Vieh hätten. Er sah, wie ihre Wangen sich nach und nach
+röteten, wie ihre kleinen Füße spielend ausschritten. Der Oktobertag war
+sonnenlos, aber nicht kalt. Die Felder dunkel, müde; der Laubwald im
+Entblättern. Aber er sah nichts von alledem; er war wie im Rausch: sie
+ging neben ihm her, sie, die feinste, die musikalischste Frau, die er
+kannte! Er hätte sich freudig für sie in den Straßenstaub werfen, sich
+erschießen, ins Wasser springen können! Und das war keine erdichtete
+Frauengestalt -- sondern Frau Ragni Kallem, in ihrem roten Seidenkleid
+unter dem weichen Umhang und dem amerikanischen Federbarett, die Frau,
+für die alle seine Kameraden schwärmten. Ihre Augen sahen ihn an, und er
+wagte es nicht, ihnen auf den Grund zu schauen. Vor aller Blicken ging
+sie da neben ihm, unterhielt sich mit ihm. Und auch er fing an, zu
+erzählen, als sie vom amerikanischen Winter auf den Winter in den
+heimischen Wäldern zu sprechen kam. Sein Vater, der Sohn des alten
+Pastor Meek, war Arzt, hatte aber in ein großes Bauerngut des
+Waldbezirks hineingeheiratet und lebte nun dort als Bauer. Karl war oft
+mit ihm hinaufgewandert über das Flußeis -- in die unendliche Einsamkeit
+der Waldberge; war mitgewesen beim Holzfällen, beim Fallenstellen, auf
+der Jagd. Er schilderte Landschaften und Eindrücke, von denen sie keine
+Ahnung hatte; schilderte das Aussehen eines Birkhahns, sein Werben und
+Spielen, seinen Flügelschlag, sein Geschrei so lebendig, daß sie ihn
+fortan nur noch "den Birkhahn" nannte.
+
+Sie trafen Kallem nicht und gingen deshalb denselben Weg zurück. Noch
+einmal spielten sie das vierhändige Stück, und viel besser. Sie wollten
+es gut einüben und es eines Abends Kallem vorspielen, wenn er in seinem
+Arbeitszimmer saß. Kallem -- das war für ihn das Höchste, was er kannte.
+
+Nach und nach erlangte sie eine Art Herrschaft über den "Birkhahn"; sie
+gewöhnte sich an sein ovales Gesicht, sein ungleiches Wesen, -- bald
+übermütig heiter, bald voll Mißmut, ungeduldig und auffahrend,
+demütig-unterwürfig -— mit kurzen Anfällen von Fleiß und langem =Dolce
+far niente=; ungeheuer geschniegelt und dabei mehr als schlampig; sie
+fing an, ihn wieder fast schön zu finden, und überwand sich sogar, ihm
+die Hand zu geben. Sie half ihm bei seinen Schularbeiten, besonders beim
+Englischen. Seine Kenntnisse waren so ungleich, daß Kallem ihm
+vorschlug, lieber die Schule zu verlassen und in Privatstunden das
+nachzuholen, was ihm fehlte; er schrieb auch in dieser Angelegenheit an
+Karls Vater. Seitdem saß Karl oft mit seinen Büchern und Aufsätzen im
+Wohnzimmer, lernte, spielte Klavier, spielte Klavier oder lernte -- für
+sich oder mit ihr.
+
+Nachmittags konnte man ihnen auf langen Spaziergängen begegnen. Sobald
+der erste Schnee gefallen war, -- er kam schon Anfang November -- gingen
+sie Kallem entgegen und fuhren mit ihm heim -- jedes auf einer
+Schlittenkufe. Als die Bucht zufror, gehörten sie draußen auf dem Eis zu
+den Allereifrigsten. Nur einen Sport betrieben Kallem und Karl für sich
+allein: Karl sollte auf den Händen laufen lernen. Mit ungeheurem Ernst
+hob der Doktor die langen Beine des andern in die Höhe und hielt sie
+fest, während Karl zu gehen versuchte, bis er nicht mehr konnte. Anfangs
+nur im Turnsaal, bald aber auch im Zimmer, auf dem Flur, auf der Treppe,
+vor dem Mittagessen, vor dem Abendbrot. "Beine hoch, Junge!" Wie Ragni
+lachte, wenn sie immer wieder herunterpurzelten! Nach und nach aber
+wurde er eifrig. Einmal mußte es ja doch gelingen! Es gelang nämlich
+nie -- -- er war "zu lappig"! Schließlich wurde es für ihn eine
+Ehrensache; und für sie im Grunde ebenfalls. Es war ihr ganz ernstlich
+darum zu tun, daß er ein "ganzer Kerl" wurde; sein weiches Wesen, sein
+Hang zum Träumen, zum "die Zeit verquasen", verdroß sie; und das sagte
+sie ihm auch. Aber Vorwürfe vertrug er nicht und wurde fast ungezogen.
+Dann strafte sie ihn durch kühle Zurückhaltung. Es half ihm nichts, daß
+er zerknirscht war, daß er hundert Annäherungsversuche machte, daß er
+sogar weinte, -- sie ließ ihn in der tödlichen Angst, daß sie ihn bei
+Kallem verklagen werde; sie half ihm ohne eine Miene, ohne ein Wort, das
+nicht zur Sache gehörte; sie ging nicht mit ihm spazieren, sie sah ihn
+überhaupt nicht -- bis sie in Kallems Gegenwart wieder redete, als wenn
+nichts geschehen sei. Von dieser Schattenseite ihres Zusammenlebens
+hatte Kallem keine Ahnung.
+
+Kallem hatte keinerlei Verkehr; er hatte keine Zeit dazu. Seine Praxis
+mußte er einschränken, weshalb er auch mit seiner Absicht, Doktor
+Arentz, den jungen Militärarzt, zu seiner Hilfe heranzuziehen, Ernst
+machte. Ende November wurde das geordnet, und fortan nahm er mehr teil
+an dem Zusammenleben und dem Unterricht, die dadurch festeren Halt
+gewannen.
+
+Karl Meeks Vater kam eigens zu dem Zweck in die Stadt, um ihnen beiden
+zu danken und sie zu bitten, zu Weihnachten mit seinem Sohn in ihr
+Waldnest hinaufzukommen. Otto Meek war größer und stärker als sein
+Vater, sein Gesicht großzügiger -- mehr "bourbonisch"; aber es hatte
+etwas Schwermütiges oder besser gesagt Schweres. Kallem nahm die
+Einladung an und traf sofort die nötigen Verabredungen mit seinen
+Kollegen, damit er abkommen könne. Aber als die Zeit herankam, wurde
+Doktor Kent krank, und Ragni mußte, so ungern sie es auch tat, mit Karl
+allein reisen; Kallem wollte nachkommen. Ein Reisepelz wurde für sie
+gekauft, pelzgefütterte Stiefel und ein Fußsack, auch eine kostbare
+Pelzmütze, ein Geschenk Karls. Wie eine Grönländerin sah sie aus, als
+sie alles anhatte.
+
+Kallem begleitete sie zur Bahn; Ragni hatte ein bißchen geweint -- es
+war die erste Trennung, seit sie verheiratet waren. Als sie schon im Zug
+saß und Kallem noch vor dem Wagen stand, wollte sie wieder heraus;
+Kallem mußte einsteigen und schelten. Sobald der Kummer gestillt war,
+stieg er wieder aus und blickte Karl an, der frisch und fröhlich dasaß.
+"Hör' mal, lieber Birkhahn, von heut ab sag ich Du und Karl zu Dir! Du
+bist ein braver Junge!" Karl aber sprang heraus und fiel ihm um den
+Hals.
+
+Dann fuhren sie davon.
+
+Kallem arbeitete und fand es gar nicht so übel, daß er einmal völlig
+Frieden hatte; sie hatten ihn in der letzten Zeit doch recht gestört.
+Aber schon am dritten Tage, dem heiligen Abend, war es ihm langweilig.
+Er nahm sich vor, sie zu überraschen; Doktor Kent ging es besser.
+
+Am heiligen Abend, als er eben von Kent kam und ins Krankenhaus wollte,
+sah er von fern eine Menge Menschen vor dem Tor stehen. Ein
+Langschlitten mit einem Pferd davor fuhr gerade heraus; im Schlitten
+lagen Stroh und Betten -- man mußte einen Kranken gebracht haben. Er
+hörte Kinder weinen. Wer war da verunglückt? Maurer Andersen war's --
+der Mann, der Kallem und Ragni an ihrem Ankunftstag in der Stadt oben
+vor dem neuen Haus begrüßt hatte. Im Winter, während das Handwerk brach
+lag, zog Maurer Andersen als Hausierer umher, und auf einem steilen
+Waldweg hatte er sich verirrt, war abgestürzt und nur durch einen Zufall
+hatte man ihn gefunden. Drinnen bei den Krankenschwestern traf Kallem
+die untröstliche Frau, die erzählte, wie der unermüdliche Mann noch bis
+Weihnachten herumgewandert sei; damit er zum heiligen Abend daheim wäre,
+habe er einen abkürzenden Weg eingeschlagen -- er sei nun mal so ein
+"Haushammel". Aber er habe schwache Augen und sei auf seinen
+Finnenschuhen abgerutscht und gestürzt und habe das Bein gebrochen. Und
+da liege er nun, und könne sich nicht rühren. Das sei nun sein
+Weihnachten! "Und wir haben gewartet und gewartet!" schloß sie. "Und
+erst die Kinder!"
+
+Kallem eilte zu dem Kranken, der schon im warmen Zimmer im Bett lag. Der
+starke Mann mit dem großen braunen Bart, der über das Hemd wallte, war
+nicht wiederzuerkennen. Die Augen zusammengedrückt, die Lider
+geschwollen, starr. Die Schleimhaut des Auges ganz entzündet, die
+Hornhaut bedroht, und da ihn der geringste Lichtschimmer schmerzte, war
+vielleicht noch größere Gefahr im Anzug. Das Gesicht aufgedunsen, mit
+bläulichroten Flecken; die Finger an beiden Händen weiß und gefühllos;
+die Handrücken noch einmal so groß wie sonst und mit Wasserblasen
+bedeckt. Das rechte Bein war am oberen Ende der Wade gebrochen, und der
+Bruch ging bis ins Kniegelenk; die Wunde war so groß wie ein Markstück;
+ein Knochensplitter ragte daraus hervor -- wie ein Finger. Dem gegenüber
+war die ganze übrige Verletzung des Beins überhaupt nicht von Bedeutung.
+
+Andersen konnte kaum sprechen, und lallte nur dann und wann, das Bein
+dürfe nicht abgenommen werden. Das könne man erst am andern Morgen
+entscheiden, wenn es hell sei, beruhigte Kallem ihn immer wieder,
+während er ihn zurecht legte. Er ließ das Zimmer sofort halbdunkel
+machen, ließ Borwasserumschläge über die Augen legen und beorderte eine
+regelmäßige Aufsicht zum Wechseln der Kompressen. Das Gesicht des
+Kranken wurde mit Öl bestrichen und mit einer dünnen Watteschicht
+bedeckt; ebenso verfuhr man mit den Händen. Die Beinwunde wurde mit
+Karbolwasser ausgespritzt und eine kleine blutende Ader unterbunden; die
+Wunde dann mit Jodoform bestrichen, mit Watte umwickelt und in eine
+Drahtbandage gelegt. Wenn er aufwachte und sich schwach fühlte, sollte
+er alle zwei Stunden Naphtha bekommen -- bei zu großen Schmerzen eine
+Morphiumeinspritzung.
+
+Daraufhin schlief der Kranke ein, klagte jedesmal, wenn er erwachte,
+über unleidliche Schmerzen, weniger an der Bruchstelle als hauptsächlich
+im Schienbein, in der Nähe des Spanns; beständig quälte ihn die Angst,
+daß ihm der Fuß abgenommen würde.
+
+Am nächsten Tag um neun Uhr fand Kallem ihn viel wohler, in jeder
+Beziehung. Auch die Gedanken waren klarer; aber fortwährend drehten sie
+sich um den Fuß, der erhalten bleiben sollte. Er äußerte den Wunsch, den
+Pastor, der sein guter Freund war, zu sehen; seine Frau, die eben da
+war, machte sich sofort auf den Weg, um den Pastor zu bitten, vor der
+Kirche bei ihm vorzusprechen. Unterdessen wurden die Augen des Kranken
+untersucht; sie waren weniger geschwollen, aber äußerst lichtscheu; man
+wandte Atropin an, und die Umschläge wurden durch eine leichte Binde
+ersetzt. Kallem war gerade im Krankenzimmer, als die Frau mit dem Pastor
+kam; er ging den beiden entgegen. Nach seiner Ansicht mußte Andersens
+rechtes Bein exartikuliert, d. h. unter dem Kniegelenk abgenommen
+werden. Aber das durfte der Kranke vorläufig noch nicht erfahren. Da
+brach die Frau, die bisher ihr Schicksal mit Fassung ertragen hatte,
+zusammen, so daß Kallem sie gar nicht hineinlassen durfte; der Pastor
+ging mit.
+
+Es machte einen tiefen Eindruck auf ihn, als er in dem großen
+halbdunkeln Zimmer neben seinem kranken Freund stand und ihn daliegen
+sah, diesen Riesen, mit verbundenen Augen, unkenntlichem Gesicht,
+umwickelten Händen, und ihn klagen hörte. Aber bald fühlte er nur noch
+Bewunderung -- so stark, so sicher war der Kranke im Glauben. Er äußerte
+den Wunsch, man möge heut in der Kirche für ihn beten; "Sie kennen mich
+ja alle!" sagte er. Der Pastor versprach ihm das. Dann aber betete er
+noch von Herzen am Schmerzenslager für den Kranken und seine
+Angehörigen. Das Gebet wirkte belebend auf den Kranken; er flüsterte:
+"Ich habe einen Bund geschlossen mit Gott, des Fußes wegen!" und lag
+dann ganz still, während der Pastor den Segen Paulus' sprach. Kaum eine
+Stunde darauf kam Doktor Arentz, und Andersen wurde in den
+Operationssaal geschafft. Man sagte ihm, er solle chloroformiert werden,
+damit man den Schaden gründlich untersuchen könne, und da die Schmerzen
+noch immer unerträglich waren, willigte er sogleich ein; "aber der Fuß
+darf nicht abgenommen werden!"
+
+Die genauere Untersuchung ergab, daß das obere Ende des Wadenbeins bis
+schräg an das Kniegelenk hinauf zersplittert war, leider auch, daß eine
+größere Blutader zwischen den Bruchenden so eingeklemmt lag, daß sie mit
+einer großen Blutpfropfthrombe, die sich einige Zoll den Schenkel hinauf
+erstreckte, gefüllt war.
+
+Das Bein wurde selbstverständlich abgenommen; in einer Viertelstunde war
+es geschehen.
+
+Alle, die mit ihm zu tun hatten, erhielten strengste Anweisung, ihn in
+dem Glauben zu lassen, daß das Bein ihm erhalten sei. Man mußte ihn vor
+jeder Gemütsbewegung schützen, damit er ja nicht in Versuchung komme,
+sich aufzurichten, den Fuß zu bewegen oder seine Lage zu ändern; wenn
+ein Blutspfropfen sich von der Thrombe löste, konnte es mit ihm zu Ende
+sein. Er wurde in eine Stahldrahtbandage gelegt, die vom Hüftgelenk bis
+an das Bettende herunterreichte; der Stumpf wurde mit Karbolgaze und
+Jute verbunden und mit der Außenseite an einen langen Klotz
+festgebunden.
+
+Jetzt wurde Andersen wieder geweckt, und man bedeutete ihm, sich ganz
+ruhig zu verhalten. Er bekam Wein, aber löffelweise, damit er sich nicht
+rührte, ebenso Fleischbrühe mit Eigelb; bald fiel er in Schlaf.
+
+Sowie Kallem sich umgezogen hatte, ging er hinunter in das Zimmer der
+Pflegerinnen, wo die Frau wartete, und erzählte ihr den ganzen Hergang,
+wies sie auch auf die Gefahr hin, die drohte, wenn Andersen sich bewege.
+Er gewann ihr breites, kluges Gesicht mit der Adlernase geradezu lieb;
+eine reinere Seelenstärke hatte er kaum je gesehen. "Sollte es schlimm
+ablaufen," schloß er, "so haben Sie viele Freunde!" -- "Gott lebt
+noch!" flüsterte sie.
+
+Zwischen drei und vier Uhr erwachte Andersen, und bekam wieder
+löffelweise Wein, Brühe mit Eigelb, Milch; er versicherte, er fühle sich
+wohl, nur sein Schienbein tue ihm weh; manchmal fühle er Schmerzen in
+der Ferse. Im Lauf des Nachmittags stärkten sich seine Lebensgeister,
+und er wünschte, der Pastor möge wiederkommen. Gerade als die Frau ihn
+holen wollte, kam er von selbst. Kallem hatte ihn gebeten, zu tun, als
+ob der Fuß noch nicht abgenommen sei.
+
+Es zeigte sich gleich, daß Andersen keinen anderen Gedanken hatte, als
+seinen Fuß. "Ich glaube, ich darf jetzt wohl sagen, daß Gott mich erhört
+hat!" sagte er; "dafür müssen wir ihm auch gebührend danken!"
+
+Das rührte den Pastor, und er schickte sich an, ein warmes Dankgebet
+dafür emporzusenden, daß der Fuß dem Kranken ein Pfand der göttlichen
+Gnade geworden sei und ihn noch inniger mit seinem Erlöser verbunden
+habe. Andersen schien darüber nachzusinnen; endlich sagte er: "Jetzt
+müssen Sie noch beten, daß er mir auch später den Fuß nicht nimmt!" --
+Wie er darauf komme? -- "Weil ich solche Schmerzen drin habe." -- Aber
+eben habe er doch geglaubt, daß Gott ihn erhört habe? "Ja, aber man muß
+beten ohne Unterlaß!" Der Pastor weigerte sich; sofort wurde der
+hartnäckige Mann unruhig, und die Frau flüsterte flehend, der Herr
+Pastor möge Andersen doch den Willen tun. Da tat er's; aber er tat es
+mehr auf ihre Verantwortung hin als auf seine eigene, und es wirkte in
+ihm nach. Kallem war eben nach Hause gekommen, als der Pastor ganz blaß
+bei ihm erschien und erzählte, was vorgefallen war. "Das tu' ich nicht
+noch einmal!" schloß er. "Ich kann Dir versichern, Du hast ein gutes
+Werk getan!" Der Pastor stand in Überzieher und Mütze, die Hand auf der
+Türklinke, da; Kallems Worte und der Ton, in dem sie gesagt wurden,
+verletzten ihn. "Nur in der Wahrheit können wir uns dem Gott der
+Wahrheit nähern! Adieu." Der Doktor kam ihm nach: "Du glaubst also,
+wenn Du Andersen jetzt sagst, daß das Bein abgenommen ist, so kann ihn
+Gott erretten?"
+
+"Ja!" antwortete der Pastor ärgerlich, ohne sich umzuwenden.
+
+Kallem wagte unter diesen Umständen nicht, zu verreisen. Er schrieb
+ausführlich an Ragni und versprach, zu kommen, sobald er könne.
+
+Am nächsten Morgen fand er alles in gewünschter Ordnung, betonte aber
+wieder, der Kranke müsse völlig still auf dem Rücken liegen, dürfe auch
+nicht so viel sprechen. Am Nachmittag verlangte Andersen das heilige
+Abendmahl, doch die Pflegerin entgegnete, er könne keine Gemütsbewegung
+vertragen. "Ich will meinen Bund mit Gott erneuern!" gab Andersen
+zurück.
+
+Das wagten sie ihm nicht abzuschlagen; aber sie wagten es auch nicht
+zuzulassen, ohne vorher den Doktor zu fragen, und dieser war am
+Vormittag an ein Wochenbett gerufen worden. Die Krankenschwester beriet
+sich also mit dem Hausmeister, der von altersher allmächtig war im
+Hause. Auch ihm gegenüber wiederholte Andersen seinen Wunsch aufs
+bestimmteste, und der Hausmeister glaubte, man müsse ihm willfahren; er
+wolle die Verantwortung auf sich nehmen. Eine Weile darauf war der
+Pastor bei ihm in der Portierstube, um den Wein anzuwärmen; das Wetter
+war umgeschlagen, und es war ein bitterkalter Abend. Dann gingen die
+beiden hinauf. Andersen freute sich, als er hörte, wer kam. "Das wußt'
+ich!" sagte er.
+
+Der Pastor fragte, ob er einen besonderen Wunsch habe.
+
+"Jawohl."
+
+Die ändern gingen hinaus. Jetzt erzählte Andersen, daß er in seiner
+Kindheit einmal einem Jungen ein Bein gestellt habe mit eben dem Fuß,
+der jetzt krank sei. Gott werde ihn doch nicht etwa dafür jetzt strafen
+wollen? "Nein, nein!" -- Er sei nun aber einmal auf den Gedanken
+gekommen, und fühle das Bedürfnis, das heilige Abendmahl zu nehmen. --
+Weiter liege nichts Besonderes vor? -- Nein. -- Der Pastor bat ihn, sich
+zu sammeln; sie wollten miteinander beten. Andersen schwieg und sie
+beteten. Nach dem Gebet erteilte ihm der Pastor die Vergebung der Sünden
+und wollte ihm das Brot und den Wein reichen. -- "Nein, warten Sie noch
+ein bißchen! Vergebung der Sünde habe ich nun; jetzt ist die Tafel
+blank. Jetzt schreiben wir den Fuß darauf, damit man's im Himmel lesen
+kann. Ich fühle mich so froh, so von Herzen froh!"
+
+"Der ganze Mensch ist mit in den Bund einbegriffen, lieber Andersen." --
+"Ja, aber diesmal verspricht unser Herrgott meiner Frau und meinen
+Kindern, daß mein Fuß wieder gesund wird. Jetzt kommen Sie!" Und er
+streckte die erfrorenen Hände aus.
+
+Dem Pastor trat der Schweiß auf die Stirn. "Das kann ich nicht!"
+flüsterte er, völlig ohne Bewußtsein dessen, was er sagte.
+
+Andersens Lippen bebten, die umwickelten Hände tasteten umher; er wollte
+sich damit in die Augen fahren, stieß jedoch auf den Verband. "Wir
+können nicht in Gottes Ratschluß eindringen!" sagte der Pastor.
+"Gesetzt, -- das, was wir wollen, wäre unmöglich?" War es ein Etwas in
+des Pastors Stimme, oder war es der Widerstand an sich, was Andersen
+mißtrauisch machte?
+
+Ohne zu antworten riß er sich den Verband von den Augen, richtete sich
+auf, ganz rasch, warf die Decke zur Seite und fiel wieder auf das Kassen
+zurück. Er faßte nach seiner Brust, schrie, er müsse ersticken, und fing
+an zu keuchen und zu röcheln; ein Blutstropfen war in die Lunge
+gedrungen.
+
+Der Pastor hatte das, was er in Händen hielt, weggestellt und eilte nach
+der Tür, vor der der Hausmeister und die andern warteten; sie rannten zu
+Doktor Arentz und Doktor Kent; aber noch eh einer von ihnen kam, war
+Kallem zurück. Der Pastor war schon fort. In der Nacht starb Andersen.
+
+
+6
+
+Der Hausmeister war der erste, der es büßen mußte. Noch am selben Tag
+mußte er aus dem Hause.
+
+Sodann ging Kallem hinunter zu Andersens Witwe. "Sie sind eine
+außergewöhnlich tüchtige Frau. Wenn Sie wollen, können Sie den
+Hausmeister- und Verwalterposten am Krankenhaus haben. Greifen Sie zu,
+packen Sie gleich morgen Ihre Sachen zusammen und ziehen Sie mit den
+Kindern hinauf. Dann denken Sie weniger an Ihren Kummer! Haben Sie ein
+gutes Dienstmädchen?" -- "Ja." -- "Nehmen Sie die mit. Mehr ist nicht
+nötig. Alles andere finden Sie dort oben, und die Schwestern werden
+Ihnen helfen."
+
+Die Oberschwester erhielt eine scharfe Zurechtweisung; aber dabei ließ
+es Kallem bewenden. Ihr Versehen konnte sie am besten dadurch wieder gut
+machen, daß sie Mutter Andersen nach besten Kräften unterstützte.
+
+Den Pastor suchte er nicht auf; ebensowenig der Pastor ihn. Von andern
+hörte er, daß er erkrankt sei, und fand es auch ganz erklärlich.
+Josefine begegnete Kallem ein paar Tage später auf der Straße; sie tat,
+als sähe sie ihn nicht.
+
+Wie dieser Vorfall wirkte, ist gar nicht zu beschreiben. Die ganze Stadt
+geriet in Aufruhr. War es nicht etwas Seltsames um den Glauben, wenn
+sogar der Glaube an eine Lüge einen Menschen vom sichern Tod hätte
+retten können?
+
+Der Hausmeister und seine große Familie fielen natürlich dem Pastor und
+seiner Frau zur Last. Josefine mußte Geld herausrücken zu einer
+Buchhandlung -- und zwar weit mehr, als ihr lieb war.
+
+An diesem Mann hatte Kallem seitdem einen treuen und aufrichtigen Feind.
+--
+
+Unmittelbar darauf fuhr Kallem nach dem Walddorf hinauf. Er meldete sich
+nicht an; er kam abends bei Mondschein vom Bahnhof her auf dem Gut
+angefahren, just als der Gutshof und die Landstraße draußen von
+angespannten Schlitten, vollen und leeren, wimmelten. Alt und jung
+wollte eine Schlittenpartie machen; von hier sollte die Fahrt ausgehen,
+und hierher wollte man am Schluß zurückkehren und noch tanzen.
+
+Man beachtete den Ankömmling nicht weiter; man glaubte, er gehöre zur
+Gesellschaft. Erst als er im Flur stand, wo die Hausbewohner und Gäste
+sich eben anzogen, bemerkten einige, daß er fremd war; aber sie dachten
+nicht weiter darüber nach; es trotteten ja so viele pelzvermummte
+Gestalten aus und ein. Ragni hatte gerade ihren Pelz angezogen, als sie
+sich von rückwärts her umschlungen fühlte. Sie stieß einen Schrei aus
+und sah auf. Nein, war das eine Freude! Karl, der abseits in einer Ecke
+stand und sich gerade in seine Pelzstiefel hineinquälte, zog sie, ohne
+ein Wort zu sagen, wieder aus, ebenso Mantel und Mütze, schmiß die Beine
+in die Luft und lief Kallem auf den Händen entgegen; jetzt war die Kunst
+erlernt! Der Vater mit seinem mächtigen Haar und schwermütigen Gesicht
+stand daneben; er stellte Kallem seiner Frau vor, einem blassen, stillen
+Geschöpf; sie sprach den Dialekt der Gegend und hatte eine zarte Stimme
+-- das war so ziemlich alles, was Kallem bemerkte. Es blieb ihm zu
+nichts anderem Zeit; er mußte einfach mitfahren.
+
+Pferdegewieher und laute Rufe, Gekreisch und Gelächter, bis die Meldung
+kam, auf der ganzen Linie sei alles bereit; der erste Schlitten mit
+einer Dame und einem Pelzmann hintenauf, sauste davon; und ihm nach
+Schlitten auf Schlitten, breite und schmale, einspännige und
+zweispännige. Eine lange, wellenförmige Schnur mit grauschwarzen Knoten
+-- im Mondschein -- über das Schneefeld, dem Wald zu, in dem es bald
+zwischen den Stämmen widerhallte von Schellen, Hundegebell, Lachen und
+Geschwätz. Einige fingen zu singen an, andere fielen ein; aber es war
+unmöglich, Takt zu halten; zusammen stimmte es nie. Kallem saß mit
+seiner Frau in einem Breitschlitten; sie sah so reizend aus in ihrem
+vielen Pelzwerk, daß er nicht anders konnte -- er mußte ihr ab und zu
+einen Kuß geben. Eine schwierige Aufgabe! Ach, und was sie alles erlebt
+hatte! Während er ihr zuhörte, wurde ihm klar, daß sie erst jetzt ihre
+Jugend erlebte! Nie hatte er etwas so Fröhliches gesehen! Nie hatte er
+gewußt, daß sie diesen Drang nach Freude in sich trug! Derselbe Gedanke
+kam ihm, später am Abend, als alles tanzte, spielte, lachte, schwatzte,
+tollte, aß: sie holte die Fröhlichkeit vieler Jahre nach. Ob ein dicker
+Waldbesitzer ihre zarte Gestalt umfaßt hielt und sie dahintrug, daß sie
+kaum mit den äußersten Zehenspitzen den Boden berührte; ob sie sich eins
+der Kinder geholt hatte und mit dem loswalzte, oder ob Karl oder
+irgendein anderer Gymnasiast oder Student sie links herumschwenkte wie
+einen Kreisel -- immer dasselbe strahlende Gesicht, derselbe heilige
+Eifer. Tanz und Spiel gingen in einer Eckstube vor sich, die die ganze
+Breite des Hauses einnahm; aber oft flutete der Tanz auch in die anderen
+Zimmer, sogar bis in die Küche auf der andern Seite des Hauses hinüber.
+Die Küchentür stand offen. Ein paar ältere Herren versuchten, in einer
+Ecke ein Spielchen zu machen; aber sie mußten es aufgeben. In einemfort
+wurden sie zum Tanz geholt. Alt und jung -- alles war gleich fröhlich.
+
+Am andern Morgen um elf Uhr schlief Ragni noch, und als sie gegen Mittag
+hinunterkam, ein bißchen müde und taumelig und sehr verwundert, daß sie
+gar nicht gehört hatte, wie Kallem aufgestanden war, erfuhr sie, daß er
+abgereist sei. Ein Telegramm von Kent, dem es wieder schlechter ging,
+hatte ihn heimgerufen. Ein kurzer Brief, den er beim Frühstück noch
+hingekritzelt hatte, tröstete sie ein bißchen. Er schrieb, er habe sie
+nach der durchtollten Nacht nicht wecken, noch weniger sie mitnehmen
+mögen; aber eine größere Freude habe er noch nie erlebt, als sie so
+fröhlich zu sehen.
+
+Das erste, was Kallem bei seiner Rückkehr vorfand, war eine
+Balleinladung vom "Verein". Die wollte er annehmen. Die Einladung war
+von der Hand seiner Schwester geschrieben (sie war im Vorstand) und
+lautete auf "Doktor Kallem und Frau". Sieh mal an!
+
+Ob er an Ragni telegraphierte? Nein, er ließ sie lieber, wo sie war;
+besser konnte sie es ja nicht haben.
+
+Indessen kam er selber in eine recht ernste Sache hinein. Sein erster
+Krankenbesuch noch am selben Abend galt einer armen Mutter mit vielen
+Kindern, Sissel Aune, einer Waschfrau unten in der Stadt, die an einer
+Lungenentzündung darniederlag. Hauptsächlich um ihretwillen hatte Kent
+telegraphiert. Der siebente Tag war ohne Krisis hingegangen, und wenn
+nun die kommende Nacht halb vorüber war, so war auch der neunte Tag
+vorbei. Würde sie ihn überleben? Der obere und der untere Lungenflügel
+waren angegriffen, das Herz begann auszusetzen, der Puls war sehr
+schwach -- dazu noch andere schlimme Zeichen -- sollte er dem Herzen in
+dem letzten Kampf mit Atropin nachhelfen? In einem solchen Fall war das
+Mittel noch nicht erprobt; aber immerhin -- rationell war es. Wo er ging
+und stand, was er auch vornahm -- überall verfolgte ihn diese Frage. Die
+fünf Kinder der Kranken waren bei Sören Pedersen und Aase untergebracht;
+in solchen Fällen waren die Zwei unbezahlbar.
+
+Als er zum zweitenmal hinging, blieb er gleich da; es war ein Ringkampf
+-- Aug' in Auge mit dem Tod.
+
+Eine kleine, sehr saubere Stube mit drei Betten. Im Fenster ein
+kümmerlicher Geraniumstock, und an der Wand ein Bild von König Karl XV.
+zu Pferd -- unter Glas und Rahmen --, ein paar mit Stecknadeln
+befestigte Photographien und eine Geige mit drei Saiten, die vierte hing
+herab. Die dalag, war dereinst eine schöne Frau gewesen, war sicher auch
+jetzt noch stark und kernig, wenn sie wieder gesund wurde. Jetzt lag sie
+da, abgemagert bis auf die Knochen, die zerschundenen Arbeitshände auf
+einer zerlumpten Decke. Aber der Mann, der neben ihr saß, der war nicht
+stark, wie sie -- ach nein -- der war ein rechter Schwächling! Ein gutes
+Gesicht, und verwandt mit der Geige an der Wand insofern, als
+vielleicht auch in ihm eine Saite gesprungen war, bis die dort an der
+Wand so verwahrloste. Müde, abgezehrt von Nachtwachen saß er da --
+allein --, nicht weil die Nachbarn ihm nicht geholfen hätten, sondern
+weil die Hilfe, die zuletzt am Bett gesessen hatte, eben ausruhte, bis
+das Schwerste beginnen würde. Es hatte Kallem gerührt, zu sehen, wie die
+Nachbarn zu beiden Seiten des Hauses Wache standen; sie wollten
+verhindern, daß allzu fröhliche Weihnachtsgäste hier vorbeizögen; nachts
+lösten sich die Wachen ab. Er hörte das von der Frau, die gegen elf Uhr
+wiederkam, um zu helfen. Es war nicht viel zu tun -- außer für den
+Doktor, und der wußte nicht, ob er wagen dürfe, etwas zu tun.
+
+Zuerst machte er eine Einspritzung von ein Drittel Milligramm; darnach
+wurde der Puls kräftiger. Kallem faßte Hoffnung, wagte aber nicht, sie
+den flehenden Augen des Mannes zu übermitteln. Sie konnte trügen. Ein
+paar Stunden lang hielt sich der Puls; dann sank er wieder. Wieder eine
+Dosis; und wieder hob er sich. In größter Spannung saß er da und
+beobachtete. Er hatte sich ein Buch mitgebracht, versuchte es, unter die
+Lampe zu halten, brachte auch dann und wann einmal Sinn in einen Satz,
+vergaß ihn aber sofort wieder. Gesprochen wurde gar nichts, nur gestöhnt
+und geseufzt. Der letzte Ruf aus der Ferne, das letzte Schellengeläute
+war längst verklungen, die letzte Tür geschlossen -- die Nacht leer und
+grau. Fünf Kinder -- das älteste zehn Jahre -- konnten in jeder Sekunde
+ihre Versorgerin verlieren; und der Mann, der dort saß und bald nickte,
+bald sich über die Knie strich, bald die Ellbogen darauf legte und die
+Hände faltete -- und von der Frau hinüberstierte zum Arzt -- auch der
+verlor seine Versorgerin.
+
+Sowie der Puls nachließ, eine neue Dosis; und immer wurde er wieder
+kräftiger; es schien also wirklich richtig, was er tat. Aber die Krise
+wollte nicht eintreten; es war Mitternacht vorüber, der neunte Tag war
+-- demnach, was die Leute sagten -- abgelaufen -- und noch immer
+derselbe aufreibende Kampf. Kallem stand auf, zwischen Furcht und
+Hoffnung schwankend, nahm sein Buch, hielt es gegen das Licht, legte es
+wieder weg, und ging wieder ans Bett, um zu messen. Ja -- jetzt war es
+bald zu Ende mit den Kräften. Der Mann sah es ihm an und kämpfte, um
+nicht laut aufzuweinen. Der Doktor gebot ihm Schweigen. Wieder ein
+Versuch; und bald darauf schlief sie ein. War es denn wirklich Schlaf?
+Die andern sahen ihn an und er sie. Er ging auf ein Weilchen vom Bett
+weg, um mit frischen Sinnen aufs neue zu horchen. Sie schlief! Einen
+ruhigen, echten Schlaf! Er wandte sich dem Manne zu, der es seinem
+Gesicht ablas; und ein Widerschein vom Licht des Lebens sprang von des
+Arztes Gesicht über auf seines. Der Mann stand auf -- wieder krampfte
+alles in ihm sich zusammen -- gleich würde es ausbrechen. "Gehen Sie zu
+Bett!" flüsterte der Doktor. Der Mann warf sich über eins der drei
+Betten, preßte das Gesicht in die Kissen, -- und jetzt brach es los.
+
+Flüsternd erteilte Kallem der Frau, die am Kochherd saß und sich jetzt
+erhob, seine Anweisungen. Er versprach, am Vormittag wiederzukommen. Sie
+half ihm in seinen Mantel; leise öffnete er die Tür und zog sie hinter
+sich zu. Aus dem trüben Wetter war starker Schneefall geworden; nirgends
+Licht, in keinem Fenster, nur das eine, das über dem neuentzündeten
+Lebensfunken wachte. Kallem konnte es sich nicht versagen, als er am
+Sattlerladen vorbeikam, anzuklopfen; aber die da drinnen schliefen fest.
+Er klopfte noch einmal; denn er wußte ganz sicher -- die beiden hatten
+ihr Bett und ihre kleine warme Stube den Kindern überlassen und
+übernachteten selber im Laden. So war es auch! "Wer ist da?" fragte
+Sören Pedersens fünische Stimme. "Sagen Sie den Kindern, wenn sie
+aufwachen, daß ihre Mutter wieder gesund wird." -- "Das ist aber ein
+Segen!" antwortete der Füne, und hinter ihm hörte man Aases
+hochländisches: "Ach nee -- ist's denn die Möglichkeit?" -- "Kommt
+morgen mit den Kindern zum Mittagessen zu mir!" rief Kallem.
+
+
+7
+
+Die ganze Nacht und den ganzen Tag ein unglaublicher Schneefall, und
+gegen Abend Sturm, der den frischgefallenen Schnee zu großen Wehen
+zusammenfegte. Der Sturm ging vorüber, doch der Schneefall dauerte mit
+ungeschwächter Kraft fort. Alles vom Lande, was auf den Ball wollte,
+mußte bis zur Stadt mit dem Schneepflug fahren; in der Stadt selber ging
+er heut schon zum zweitenmal. Zum Ball! Zum Ball! Der erste große
+Weihnachtsball!
+
+Zum Ball! Zum Ball! In den größeren Städten, wo der Tanz ein Geschäft
+ist, das die Jugend abwechselnd in den verschiedenen Vereinen und
+Familien betreibt, hat man keine Vorstellung davon, was in der
+Kleinstadt alles von der Aussicht auf den ersten Weihnachtsball
+aufgewirbelt wird, besonders auch unter der ländlichen Jugend, die mit
+dicken Pelzen über dem Ballstaat zur Stadt fährt. Aber wie der
+Schneepflug gutmütig den überflüssigen Schnee beiseite fegt, so fegt die
+bestehende Sitte, die natürliche Schüchternheit mehr als die Hälfte von
+dem weg, was man sich zusammenphantasiert hat. Und was zusammenkommt,
+ist eine sittsame, ehrbare Gesellschaft, die sich anfangs gegenseitig
+kaum zu kennen scheint.
+
+Kallem lag auf dem Sofa. Er war in bester Stimmung. Die prächtige Sissel
+Aune erholte sich; der Mann war heute ganz berauscht von Lebenslust und
+Branntwein, den die Nachbarn ihm eingegossen hatten. Die Kinder waren
+zum Mittagessen dagewesen, obgleich das Mädchen keineswegs davon erbaut
+war; in solchen Sachen war sie genau wie Ragni; die beiden waren sich
+überhaupt ähnlich.
+
+Die Kinder von Sissel Aune waren nicht ganz so verlegen gewesen, wie die
+von Maurer Andersen, die auch dabei waren. Kallem hatte ihnen schlecht
+Klavier vorgespielt und war ihnen prachtvoll auf den Händen vorgelaufen,
+und der Sattler hatte unaufhörlich von Maurer Andersens Tod geredet:
+Maurer Andersen sei an der Wahrheit gestorben. "Und es gibt gerade
+genug, die von der Lüge leben, daß es wirklich einmal nottut, daß einer
+an der Wahrheit stirbt" -- und ähnliches Gewäsch, das Aase höchst
+bedeutend fand.
+
+Ein langer, strahlend vergnügter Brief von Ragni lag auf Kallems Bauch.
+Er hatte ihn schon zum zweitenmal gelesen. Karl hatte einen Bericht über
+ihr Befinden seit des Doktors Abreise beigelegt; ganz witzig --
+namentlich eine Beschreibung ihrer ersten Skitour (die auch ihre letzte
+war). Er hatte ihre tiefinnerlichste Feigheit gut gezeichnet.
+
+Und jetzt mußte er also auf einen Ball, an dessen Spitze eine
+Pastorsfrau stand. Sie und ihre fesche Freundin, Frau Lilli Bing! Ob
+Josefine das wohl gegen den Willen ihres Mannes tat? Es war übrigens ein
+öffentliches Geheimnis; Lilli Bing hatte es ihm verraten. Die Pastorin
+war die gefeiertste Tänzerin der Stadt. Die Herren wetteiferten
+miteinander, nur um im Kotillon einmal mit ihr herumtanzen zu dürfen. Er
+sah sie vor sich -- hochgewachsen, mit bloßem Hals, dunkeläugig, glühend
+vom Tanz. Ja, er wollte mit ihr tanzen! Er sehnte sich nach ihr -- er
+verhehlte es sich nicht. Ragnis Brief legte er beiseite, ebenso den von
+Karl und das Buch, in dem er gelesen hatte; dann stand er auf, schraubte
+die Lampe nieder, sagte dem Mädchen Bescheid und ging hinauf, um sich
+umzukleiden!
+
+Merkwürdig, wie das schneite! Nicht in Flocken, sondern in großen
+Fetzen, die einander jagten. Wäre es nicht windstill gewesen, man hätte
+überhaupt nicht den Weg gefunden. Die Laternen verdrossen; kaum daß ihr
+Schein über den Lichtkern hinausreichte; ringsum kein Laut. Der Regen
+hat Klang und Landschaft; der Schnee verdeckt alles; nie ist der Mensch
+so einsam, wie im Schnee. Nicht einmal einen Zaun hatte Kallem zur
+Begleitung; kein Stein am Weg, der ihn begrüßt hätte; kein Baum im
+Garten beugte sich vor ihm; er sah sie überhaupt nicht mehr; sie waren
+weg -- eingehüllt -- fort. Die Kirche stand noch da; aber umgewandelt
+in einen weißen Steinhaufen, mit einem weißen Stab darüber. Er und die
+Kirche -- die Kirche und er; und sonst nichts! Die Häuser unten in der
+Straße wichen zurück; sie spielten Versteckens -- mit ausgestreckten
+Pranken; die Pranken waren einmal Treppen gewesen. Und unten am
+Strandweg lagen ein paar umgestürzte Boote; sie sahen aus wie weiße
+Elefanten, die schliefen. Die Bucht ein Schneemeer; sonderbar -- die
+Insel hatte sich losgerissen und war davongeschwommen; man sah sie
+nirgends mehr. Nach dem Kalender war Vollmond; und es war nicht ganz
+finster; obgleich auch der Mond weggeschneit war aus dieser
+verwunschenen Welt.
+
+Kallem stapfte vorwärts wie ein umgestülpter Zuckerhut. Er und der
+Schnee, der fiel -- das war das einzige, was sich regte. Nicht einmal
+aus dem Häuschen glommen Feueraugen, obgleich es kaum zehn Uhr war.
+Erloschen und zugeschlossen und zugeschneit. Nur die verdrossenen
+Lichtkerne in den Laternen bezeugten, daß hier zu Zeiten eine lebendige
+Stadt war.
+
+Jetzt hörte er eine Klarinette dudeln und einen Baß rumpeln -- Fuchs und
+Eisbär, die irgendwo miteinander hopsten. Es trippelte und es humpelte,
+die Schneeflocken rieselten herab, und die Häuser standen und
+faulenzten.
+
+Endlich war er so weit gekommen, daß er inmitten eines qualmigen
+Feuernebels ein großes Haus erblickte; da drin war's -- da dudelte es
+und stampfte. Und er steuerte drauf los.
+
+War er fehlgegangen? Er platzte in eine Art Kneipe oder etwas ähnliches
+-- mitten in Tabaksqualm, Punschdampf und Speisendunst hinein. Dort sah
+er ein paar dicke Herren wie Schweine in ihrem Fett hocken. Sie waren
+nicht im Ballanzug; wohl aber die andern, die eben hereinkamen. Und als
+er sich endlich zur richtigen Treppe durchgefunden hatte, begegneten ihm
+noch mehrere Herren im Frack, die an ihm vorbeistürmten, dem Tabak und
+dem Punsch zu. Kallem haßte und verachtete Tabak und Punsch und
+Wirtshausleben, und vor allem die Herren, die nicht tanzen konnten, ohne
+sich zu "stärken".
+
+Man sollte nie zu spät auf einen Ball kommen. Er sah auf die Uhr -- es
+war elf und nicht erst zehn, wie er geglaubt hatte -- entweder war er zu
+spät nach Hause gekommen, oder er hatte zu lange gelesen. Ein paar
+glühende, schwitzende junge Leute, die eben aus dem Qualm auftauchten --
+jedesmal, wenn die Tür aufging, drang ein qualmiger Nebel heraus --
+begrüßten ihn und bestätigten dadurch sein Kommen; so ging er denn
+mechanisch weiter und zog seinen Überzieher aus. Im Flur noch weitere
+solcher überhitzten, schwitzenden Menschen. Der eine schien nur
+hinunterzulaufen, weil der andere lief; nichtssagende Worte -- unstete
+Augen -- ihr Lachen wie hohle Trommelwirbel. Auch Damen kamen, immer
+drei oder vier zusammen, wie aufgeblühte Rosen sahen sie aus; sie
+lachten -- über nichts, schwatzten -- von nichts, stets auf dem Sprung,
+daß man sie wieder in Musik und Geplapper hineinführen sollte. Die Musik
+schrill, die Gasflammen in einem Flor von Qualm, die Kronleuchter in
+gelbrotem Dunst.
+
+Ein überfüllter Ballsaal; man hatte Mühe, sich durch die vielen
+Kavaliere hindurchzuwinden, die müßig, in Klumpen zusammengedrängt, an
+der Tür herumstanden. Eine Mischung von fein und grob -- eine echt
+norwegische Mischung.
+
+Es wurde gerade der Walzer im Kotillon getanzt. Kallems Brillengläser
+waren jetzt wieder trocken, und bei seiner Länge sah er bald, daß seine
+Schwester nicht unter den Tanzenden, augenscheinlich überhaupt nicht im
+Saal war. Doch er vergaß sie; denn der Anblick hier war in gewisser Art
+neu für ihn; er kannte von Norwegen nur die Westküste und Kristiania.
+Ein Ball in einer kleinen norwegischen Binnenstadt ist etwas ganz
+Eigenartiges. Damen und Herren, die einem eleganten Pariser Ball Ehre
+machen würden, gleiten leicht dahin zwischen jungen Menschen, die einen
+schweren Alltagsschritt, die niemals die Kunst des Tanzes erlernt haben,
+sondern ehrlich und unverdrossen wie Taglöhner, den Takt treten. Herren
+im Gehrock, Herren im Frack, Damen in ausgeschnittener Balltoilette,
+Damen in biederen, dunkeln, hohen Kleidern, manche älter, manche
+blutjung, und jeder auf seine Weise und für sich vergnügt.
+
+Von dem Augenblick an, als Kallem das Pech hatte, in die Restauration
+zu geraten oder vielmehr nur in ihre Nähe -- mit ihrem Punschgeruch
+und Tabaksqualm, die er haßte, war er übellaunig und verdrossen
+gewesen. Aber hier im Ballsaal, angesichts so viel genußfroher
+Selbstverständlichkeit verzog sich das. Da walzten zwei vorüber -- er im
+Frack, sie im dunkeln Wollkleid, wie mit einem Schloß zugeschlossen; sie
+hielten sich so treulich umschlungen, machten keine Pause, drehten sich
+nur unablässig, ernsthaft und bedächtig. Dort streifte ein langer,
+blonder Bursch in kurzer Jacke, wahrscheinlich ein junger Seemann, der
+zu Weihnachten nach Hause gekommen war, an ihnen vorbei; er tanzte mit
+einer Frau von mindestens vierzig Jahren, -- zweifellos seine eigene
+Mutter; wenn die nicht so aussah, als könne sie noch eine tüchtige
+Marssegelkühlte bestehen! Dort ein bekannter Eisenbahnbeamter, das
+Gesicht in die Höhe gewandt, ein dünnes Kerlchen im schwarzen Frack, das
+unter fortwährenden Körperverrenkungen herumhüpfte; trat er auf den
+rechten Fuß, so neigte er sich nach rechts -- trat er auf den linken
+Fuß, beugte er sich nach links -- immer ganz gewissenhaft im Takt, und
+dabei so vergnügt, so lokomotivenpfeifenvergnügt! Seine Tänzerin lachte
+nur immerzu, aber gar nicht etwa verlegen, im Gegenteil -- sie amüsierte
+sich! Und sie tanzten und tanzten, und wenn sie sich eben erst gesetzt
+hatten, standen sie auch schon wieder auf. Da fegte ein junger Kaufmann
+vorüber, und dicht hinterdrein ein junger Offizier, beide tadellos, mit
+frischen, jungen ballmäßig gekleideten Tänzerinnen; darnach ein ganz
+verrückter Kerl mit einer hohen Haartolle und einem großen, schwarzen
+Frauenzimmer. Sie rasten durch die Mitte des langen Ballsaals hin und
+zurück, daß alles erschrak und auswich wie vor Pferden. Da wirbelte ein
+Turm vorbei -- ein dicker, hoher, runder Turm, mit einer kleinen,
+schmächtigen Dame, die an ihm lehnte wie eine Leiter. Nach oben zu
+rührte sich der Turm überhaupt nicht; er drehte sich nur; hätte man ihm
+einen Teller Suppe auf den Kopf gesetzt, es wäre auch kein Tropfen
+übergeschwappt. Da kamen zwei, die die Hände von sich streckten wie
+Segel, zwei große Menschen, die Platz für drei normale Paare wegnahmen.
+Aber es schien althergebrachtes Ballgesetz zu sein, daß jeder Recht
+hatte auf soviel Platz, wie ihm paßte, auf soviel Gerase und Getolle,
+wie ihm beliebte, überhaupt das Recht, ganz nach seiner eigenen Fasson
+selig zu sein! Hier tanzte jeder einfach für sich, und keiner, um zu
+tanzen, sondern alle, um sich zu amüsieren.
+
+Aber -- Donnerwetter -- da kamen zwei, die konnten tanzen! Sie kamen
+aus einem Nebenzimmer -- ein flotter, bartloser Kavallerieleutnant und
+eine hohe, ... Josefine! Sie war in roter Seide, mit Schwarz; der feste
+Hals, die gedrechselten Arme in ihrer warmen Farbe -- das üppige Haar,
+in den gewohnten Knoten gebunden -- die wilden Augen -- ja, wild waren
+sie! --und die Figur! Ja, sie war die Ballkönigin! Wie sie tanzte!
+Jetzt sah man erst die ganze Kraft und Geschmeidigkeit ihres Körpers!
+Und jetzt blitzte das irische Blut auf! Das war sie! Der Bruder drängte
+sich weiter vor; es war, als versage ihm der Atem. Ihm war, als ob
+alles nur auf diese beiden starrte, die sich bald rechts-, bald
+linksherumschwenkten, bald auf einem Fleck wirbelnd, bald den ganzen
+Saal umkreisend. Kein neues Paar kam hinzu; alle schauten und schauten,
+und nach und nach hielten die meisten der Tänzer inne; sie wollten
+zusehen. Der Kavallerist hatte nur den einen Fehler, daß er nicht größer
+war als seine Dame; aber er war ein kraftvoller, männlicher Kerl, der
+vorzüglich führte. Der Tanz war diesen beiden kerngesunden Menschen
+Leidenschaft und Rausch; das sah man. Und wie ein Rausch wirkte es
+auch. Kallem konnte nicht widerstehen; auch er mußte tanzen -- und zwar
+mit ihr -- und auf der Stelle! Als sie das nächstemal in einem
+glänzenden Bogen vorbeikamen, sah er sie an -- sah sie so an, daß er
+wußte, sie _mußte_ dahin blicken, wo er stand. Und so war es auch. Als
+ob jemand sie umfaßt und zum Stehen gebracht hätte, stand sie still.
+"Vielen Dank!" sagte sie zu ihrem Herrn. Und schon war auch der Bruder
+an ihrer Seite; ebenso schnell aber auch ihre Freundin Lilli Bing.
+"Komm, setz' Dich zu mir!" sagte sie, und gleich darauf, zu Kallem
+gewandt: "Wie nett von Ihnen, daß Sie gekommen sind!" -- "Ich habe zu
+danken -- für die Einladung!" erwiderte er sich an beide wendend. "Aber
+ich hab' eine solche Lust, mit Dir zu tanzen, Josefine --" er zog seine
+Handschuhe an -- "Sie gestatten?" Und er verbeugte sich vor dem
+Leutnant, der sich höflich wieder verbeugte. "Hast Du auch Lust?" wandte
+er sich zu Josefine. Sie war vom raschen Tanzen außer Atem; aber ihre
+dunkeln Augen strahlten. "Ja!" antwortete sie leise. Der Saal hatte sich
+inzwischen wieder mit Tänzern gefüllt; deshalb warteten sie ein
+Weilchen. Aber als das Gedränge nicht abnehmen wollte, umfaßte er sie,
+um zu beginnen. "Es geht nicht!" flüsterte sie. "Doch es geht!" sagte er
+und schwenkte sie an den andern vorüber, ohne anzustoßen, ohne sich
+aufhalten zu lassen; wurde es gefährlich, so trug er sie mehr, als daß
+er sie führte. Aber bald merkte er, wie unnötig das war; sie bog sich
+und schmiegte sich in seinem Arm dem leisesten Druck. Sie waren sich
+nicht so gleich, daß es "klebrig" wirkte, und doch auch nicht so
+ungleich, daß es abstieß; sie wurden sich gegenseitig interessant und
+genossen diesen Augenblick der Versöhnung vor neuem Kampf. Ab und zu
+sahen sie einander an, immer gleichzeitig -- er sehr rot, sie sehr
+bleich.
+
+Jetzt strahlten die Lampen hell, die Musik war heiter, die Menschen
+fröhlich und natürlich, der Ballsaal prächtig! Sie hatten nicht
+miteinander getanzt, seit er Balllöwe und sie ein unausstehlicher
+Backfisch war, mit dem er aus Gnade ein paarmal herumwalzte. Aber in
+Haltung, Rhythmus, in ihrer ganzen Art zu tanzen waren sie wie
+aufeinander eingespielt; sie tanzten so leicht -- sie waren glücklich.
+Während sie sich umfangen hielten, konnten sich ihre Gedanken nicht
+voneinander lösen; sie hatten sich ineinander verschlungen. Sie gehörten
+zueinander in starkem Naturzusammenhang, nun sie bis auf den Urgrund der
+Natur gedrungen waren. Und weil das, was sie gemeinsam erlebt hatten,
+eigentlich in ihrer Kindheit lag, in einem fernen Land, so flüchteten
+sie beide dorthin. In die brennendheiße Luft, Seite an Seite auf ihren
+kleinen Ponys, zwischen ihnen der wunderliche Vater; er war so schön zu
+Pferde!
+
+Der Bruder, der die Schwester überragte, blickte hinab auf ihre breite
+Kopfform; daran erkannte er den Vater wieder. Sie dachte ebenfalls an
+den Vater, während sie in sein scharfgeschnittenes Gesicht emporblickte;
+und trotzdem ähnelte er der Mutter, mehr als sie. Sie erkannte im Bruder
+das Gütige und Kluge der Mutter, wenn auch die Gewitterzüge des Vaters
+dazwischen kreuzten. Sie hätte sich an ihn schmiegen mögen wie an ihre
+Mutter, in dem Gefühl tiefster Geborgenheit -- wie an jenem letzten
+Abend in ihrer Fjordstadt. Und eine größere Sehnsucht kannte sie nicht
+auf Erden.
+
+Da hörte die Musik auf.
+
+Arm in Arm gingen sie zu dem Platz zurück, den Lilli ihr angeboten hatte
+-- voll Wärme und Dankbarkeit. Sie trafen dort Lilli und den
+Kavallerieleutnant -- sie in ihrer Üppigkeit ganz außer Rand und Band,
+er, wie immer, korrekt und ehrerbietig.
+
+Bald darauf war Kallem in Überzieher und Seehundsstiefeln, die Hände
+tief in die weiten Taschen vergraben, wieder draußen im Schneegestöber.
+
+Entweder hätten die beiden Geschwister jetzt allein sein müssen, oder er
+mußte gehen. Es hatte ihn zu gewaltig gepackt. Er hatte sie unendlich
+lieb, und sie ihn vielleicht noch mehr. In solchen Augenblicken -- wenn
+ihr Wesen sich ganz mit dem seinen verschmolz, da formte es sich so, wie
+es wollte und konnte; für gewöhnlich hielt etwas sie gebunden; das
+Christentum war es kaum -- was aber war es? Sie tat alles, was sie
+wollte, bis zur Rücksichtslosigkeit; und dennoch war sie gebundener als
+die meisten.
+
+Es schneite und schneite; die Luft war mondhell, trotzdem man den Mond
+nicht sah. Und vor sich in der Luft sah er seine Schwester, barhaupt,
+mit nackten Armen, mit Glutaugen, und in der Ferne Musik!
+
+Als er aber in sein weißes Schlafzimmer trat, in dem das aufmerksame
+Mädchen eingeheizt hatte, da sah er die droben im Walddorf tanzen --
+Ragni, getragen von einem dicken Waldbesitzer, daß sie den Boden kaum
+mit den äußersten Zehenspitzen berührte; -- sie wirbelte mit den kleinen
+Kindern im Kreis herum, sie hüpfte mit dem "Birkhahn" oder einem
+schneidigen Jungen aus der Hauptstadt davon; er sah ihre Glückseligkeit
+nach jedem Tanz, er hörte ihr: "Nein, wie ich mich amüsiere, Edvard!" --
+und damit schlief er ein.
+
+Und am andern Tag -- er hatte eben sein einsames Mittagessen beendet und
+war gewohnheitsmäßig in die Wohnstube gegangen -- denn da pflegte Ragni
+ihm vorzuspielen -- da öffnete sich die Tür und -- er traute seinen
+eigenen Augen kaum -- ja, wirklich, in dieser Pelzvermummung steckte
+Ragni! Er rief sie herbei, so, wie sie war, weiß und rosig und mollig
+und zärtlich -- und hob sie in die Höhe.
+
+"Ach nein," sagte sie, als sie ein Weilchen nachher friedlich
+beisammensaßen -- "weißt Du, es war doch immer wieder dasselbe, und dann
+-- ich hatte Sehnsucht." -- "Du hast eine schiefe Nase!" -- "Und Du --
+na, warte nur -- auf dem Ball bist Du gewesen!" -- "Du hast eine schiefe
+Nase!" -- "Das sieht man fast gar nicht. Du, aber weißt Du -- Karl ist
+gar nicht immer lieb. Das will ich Dir nur sagen!" -- "Karl?" -- "Gegen
+mich, ja! Gegen mich ist er riesig nett -- man kann sich gar nicht
+vorstellen, wie nett. Aber gegen meine Geschwister ist er ganz anders
+-- heftig -- furchtbar heftig, und launisch, ein Starrkopf." -- "O, das
+kann ich mir ganz gut denken." -- "Und weißt auch Du, warum ich
+abgereist bin? Wir wollen einmal allein sein. Nicht? Wir haben ihn ja
+immer um uns." --"Du lieber Gott -- hast Du _den_ nun _auch_ schon wieder
+satt?" -- "Das hab' ich doch gar nicht gesagt; aber so immer um einen
+-- -- -- das wird --" -- "Langweilig?" -- "Na ja, meinetwegen langweilig;
+aber es ist so. Ich bin gräßlich, ich weiß! Du, und um noch was möcht'
+ich Dich bitten; aber sei gut und sag' nicht gleich Ästhetiker!" --
+"Nun, und --?" -- "Sag' Kristen Larssen nicht, daß ich wieder da bin!
+Bitte, bitte nicht! Wir wollen einmal ganz ungestört sein, ja?" -- "Aber
+ich hab' eben jetzt ein paar Kinder, die -- --" -- "Nein, nein! Auch
+keine Kinder! Ach nein!" Und sie fing zu weinen an.
+
+"Aber liebste, süßeste Ragni --!" -- "Ach Gott, ich weiß ja, es ist
+schrecklich egoistisch; aber ich _kann_ ganz einfach nicht! Ich bin für so
+was nicht geschaffen!"
+
+Eine Weile später sang der Flügel in seinen vollsten Akkorden die
+Jubelhymne ihrer Heimkehr! Die Geister der Schönheit nahmen Besitz vom
+Haus. Sie flogen aufs Dach, zu den Fenstern und Türen hinaus, ins
+Schlafzimmer hinauf, in die Küche, ins Studierzimmer hinüber. Sie
+sangen, sangen, sangen, daß die Tuberkelbazillen, die der Doktor eben
+untersuchte, geradenwegs lostanzten auf das, was sie vernichten sollte;
+sie sangen die Küchentür auf, daß der ganze Aufwaschtisch tanzte und der
+Kaffeekessel überkochte; und das neue Kleid, das Sigrid zu Weihnachten
+von Frau Doktor bekommen hatte, fix und fertig, mit Sammetbesatz und
+Jakett, mit Schnüren und Quasten besetzt, hoch oben auf dem Dachboden,
+zu alleroberst im ganzen Haus, auf Ballgedanken verfiel.
+
+
+8
+
+Tags darauf kam Kallem von Sissel Aune, der Waschfrau. Er hatte sich
+über den Mann geärgert, der in übermäßiger Freude seine Geige hatte
+herrichten lassen und jetzt bei allen möglichen Gelagen aufspielte und
+sich volltrank. Er wollte mit ihm denselben Versuch machen wie mit Sören
+Pedersen und Aase, und ging deshalb zu ihnen, um mit ihrer Hilfe dem
+lyrischen Aune beizukommen. Aber er fand die "Gattin Aase" allein im
+Laden, wo sie eben einem von Sissels Kindern auf einen Sattel half; vier
+hatte sie bei sich im Laden, das fünfte lag daneben in der Stube. Sören
+Pedersen sei nicht zu Hause, er sei bei Kristen Larssen, der krank sei.
+Kristen Larssen? -- Ja, er habe fürchterliches Erbrechen gehabt, zuletzt
+das reine Blut; aber dem Doktor wolle er nichts sagen. Kallem wollte
+sofort zu ihm, aber erst wollte er noch einen kleinen Beitrag zum
+Unterhalt der Kinder geben; das wurde jedoch nicht angenommen. Aase
+hatte heute zwei Sättel und eine Sprungfedermatratze verkauft; eine
+Nichte von ihr arbeitete jetzt mit in der Werkstatt; eine Frau, die
+ebenfalls Aase hieß; um die zwei voneinander zu unterscheiden, nannte
+Sören die Nichte: "Aases Aase".
+
+Kallem fand Kristen Larssen im Bett. In seinen langbehaarten Fingern
+hielt er eine Arbeit; Sören Pedersen las ihm vor. In der Ecke zwischen
+Fenster und Tisch, ganz eingeklemmt in einen Winkel, saß die Frau und
+strickte; das Kopftuch hatte sie so tief hereingezogen, daß das Gesicht
+ganz im Schatten lag. Eine entsetzlich schlechte Luft war in der Stube.
+Als Kallem den Kranken sah, erschrak er; noch schmutzig-grauer, noch
+hagerer als sonst sah er aus. "Haben Sie etwas Fettes gegessen in den
+Weihnachtstagen?" -- "Hm ... Sülze haben wir gehabt." -- "Haben Sie
+schon früher solche Anfälle gehabt?" -- "O ja ... ab und zu." -- "Aber
+nicht so schlimm, wie diesmal!" sagte sie, und strickte. -- "Haben Sie
+Schmerzen jetzt?" -- "Jetzt nicht. Aber manchmal ..." -- "Unter der
+Brust und im Magen?" --"Ja." -- "Und die Schmerzen kommen häufig
+wieder?" -- "O ja." -- "Mit jedem Tag öfter!" sagte die Stimme aus der
+Ecke. Kallem begann sofort mit der Untersuchung und fand in der
+Magengrube eine Geschwulst von der Größe einer Wallnuß. Kristen Larssen
+wußte schon lange davon. -- "Ist sie gewachsen?" -- "O ja." --"Jeden Tag
+mehr!" sagte die Stimme in der Ecke. Kallem ward es heiß und heißer.
+Weshalb hatte er sich bei Larssens abweisender Art beruhigt? Die Augen
+der Frau folgten ihm -- ihre Stricknadeln gingen immer langsamer -- es
+war, als erstarre sie nach und nach; der Doktor versuchte, seine ruhige
+Miene zu bewahren; aber sie ließ sich nicht täuschen -- er merkte es.
+Und Kristen Larssens kalte Augen folgten ihm -- forschend. Kallem hieß
+sie die Herdklappe öffnen und sie offen lassen -- Tag und Nacht --
+wieviel Holz es auch kostete. Sören Pedersen stand auf, voller Eifer,
+und öffnete das Ventil. Kristen Larssen und seine Frau verfolgten sein
+Tun mit mißbilligenden Blicken; _sein_ Holz war es freilich nicht! Um Zeit
+und Ruhe zu gewinnen, blätterte Kallem in den Büchern, die herumlagen.
+Es waren seine eigenen englischen, und ein Buch über Mechanik. Dann sah
+er das Schiffchen an, das der Kranke zwischen den Fingern hielt. "Was
+ist denn das?" Und Sören Pedersen erklärte, es sei eine Verbesserung der
+von Kristen Larssen erfundenen Strickmaschine. Und während er das
+erklärte, handhabten Larssens Finger die Räder und Nadeln so zart, so
+behende, daß seine ganze Gedankenkraft, seine ganze Liebe zur Sache
+dabei deutlich zum Vorschein kam.
+
+Die ganze Stube, die Arbeitsbank, der Fußboden, der Tisch -- alles lag
+wieder voll von Sachen, die neu hergerichtet werden sollten -- Gewehre,
+Uhren, Nähmaschinen, Kaffeemühlen, Schlösser, zerbrochene Werkzeuge.
+Kallems Revolver lag neben dem Kasten, und Kallem hörte, das sei das
+einzige, was Larssen über die Weihnachtszeit fertiggemacht habe. Während
+Sören Pedersens Wortschwall hatte Kallem überlegen können; jetzt wußte
+er, wie er's anzugreifen hatte. Er sprach von Diät und schmerzstillenden
+Mitteln und forderte dann Sören Pedersen auf, mitzukommen.
+
+Sowie sie auf der Straße waren, sagte ihm Kallem, daß es mit Kristen
+Larssen zu Ende gehe. Es sei ohne Zweifel ein weitvorgeschrittener
+Magenkrebs.
+
+Die selbstzufriedene Pfiffigkeit in Sören Pedersens runder, glänzender
+Fratze stahl sich plötzlich auf allerhand Schleichwegen fort; das
+Gesicht blieb ganz leer -- mit offenen Türen und Fenstern -- zurück.
+
+"Ich werde Ihnen bald Bestimmtes sagen; und dann müssen Sie, der ihn
+besser kennt als ich, es ihm sagen." Aune, über die er eigentlich hatte
+sprechen wollen, vergaß Kallem ganz und gar.
+
+Innerhalb weniger Tage wußte die ganze Stadt, daß der Tausendkünstler
+Kristen Larssen an Magenkrebs hoffnungslos darniederlag; sogar ins Blatt
+kam es. Er wurde darin als "ein in der ganzen Umgegend wohlbekannter
+Mechaniker und Erfinder" erwähnt. Kein Haus, in das Kallem kam, kein
+Bekannter, den er auf der Straße traf, ohne daß man sich nach Kristen
+Larssen erkundigt hätte. Das nächste Mal, als er den Kranken besuchte,
+-- nachdem Sören Pedersen sich seiner Mission entledigt hatte -- wurde
+die Sache mit keinem Wort erwähnt. Larssen lag da, wie immer, zwischen
+den Fingern seine Erfindung -- ein bißchen matt, nach einem
+fürchterlichen Anfall von Schmerzen. Der Bart war gewachsen; er sah
+abschreckend häßlich aus. Die Frau strickte; nur daß sie ein bißchen
+näher am Bett saß. Die englischen Bücher lagen nicht mehr da; und das
+war das einzige äußere Zeichen, daß die Zukunft aufgegeben war.
+
+Kallem ging von da zu Sören Pedersen, der ihm erzählte, der frühere
+Hausmeister des Krankenhauses sei bei Larssen gewesen und habe versucht,
+ihn zu bekehren; damit er doch nicht geradenwegs in die Hölle käme.
+Larssen hatte bloß geantwortet, man möge ihn doch nicht aufhalten; er
+habe eben eine Arbeit vor, die beinahe fertig sei. Dann war der Pastor
+gekommen; der ging taktvoller und behutsamer zu Werke; aber vielleicht
+gerade darum hatte Larssen diesmal die Geduld verloren; seine
+aufgespeicherte Bitterkeit machte sich in flammenden Worten Luft, und
+die Frau mit dem vorgezogenen Kopftuch und den ewigen Stricknadeln hatte
+sich dicht neben die Tür gestellt. Der Pastor hatte verstanden -- und
+entfernte sich geduldig; seit der Geschichte mit Maurer Andersen war er
+nicht mehr der Alte. In der Gemeinde freilich erregte das
+verschiedentlich Ärgernis.
+
+Nach einer Sitzung im Jünglingsverein versammelte sich der Jünglingschor
+vor Kristen Larssens Haus und stimmte gedämpft einen Choral an. Andere
+kamen dazu, in aller Stille. Es traf sich, daß der Kranke eben einen
+Anfall hatte. Er sagte, es sei, als ob Tausende von Stecknadeln ihn
+unablässig stächen -- und bei seinen Leiden reizte der Gesang ihn so,
+daß Kallem einschreiten und alle derartigen Demonstrationen untersagen
+mußte. Zwei Laienprediger, der ehemalige Hausmeister und noch einer
+suchten den Doktor im Krankenhaus auf und erklärten, wie alles bloß in
+bester Absicht geschehen sei, und wie man doch unmöglich einem
+Sterbenden Gottes Wort vorenthalten dürfe. Kallem wurde heftig und
+antwortete grob.
+
+Als er abends zur gewöhnlichen Zeit bei Kristen Larssen war, glaubte er
+ganz bestimmt, durch das Fenster ein Gesicht hereinschauen zu sehen. Der
+Kranke fragte eben, wie lange er überhaupt noch zu leben habe, und ob
+die Schmerzen immer zunehmen würden. Und Kallem kümmerte sich darum
+weiter nicht um die Sache draußen; er bat nur, man möchte die Fenster
+verhängen. Er erwog, ob er Larssen die reine Wahrheit sagen könne, und
+kam zum Schluß: ja, es ist das beste. Also erklärte er ihm, es könne
+noch zwei bis drei Monate dauern --die Schmerzen würden sich immer
+häufiger einstellen --wenn auch nicht alle Tage gleich oft und gleich
+heftig. Die Frau hörte es mit an.
+
+Niemand war am Fenster, als Kallem herauskam; aber auf der Straße -- in
+einiger Entfernung -- ging eine Dame, langsam, als warte sie auf jemand.
+Als sie ihn erblickte, kam sie sogleich auf ihn zu. Es war seine
+Schwester. "Hast Du vorhin bei Kristen Larssen zum Fenster
+hereingesehen?" -- "Ich --," und er sah, wie ihr Gesicht rot wurde unter
+der Kapuze -- "ich bin nicht der Mensch, der andern in die Fenster
+sieht!" --"Entschuldige! Aber ich hab' wirklich jemand vor dem Fenster
+gesehen. Und Du weißt, wer es war?" -- "Ja. Aber ich bin gekommen, um
+mit Dir zu sprechen, Edvard. Ich weiß, wann Du gewöhnlich hier bist." --
+"Was soll ich?" Und nun erst bemerkte er, daß sie in voller Aufregung
+war.
+
+"Ist es wahr, daß Du gesagt hast, Du nähmest die Verantwortung auf Dich,
+wenn Larssen in die Hölle komme?" -- "Ich glaube überhaupt an keine
+Hölle!" -- "Und das hast Du ausgesprochen?" -- "Ich weiß nicht. Ich
+glaube nicht." -- "Es gibt nämlich Menschen, die sind anderer Ansicht
+als Du, und die sind empört über derartige Aussprüche. Durch dergleichen
+verlierst Du alles, was Du Dir hier erarbeitet hast; das kann ich Dir
+nur sagen." -- Kallem kannte sie so ganz wieder in diesen Worten. "Ja,
+natürlich ist es dumm, so etwas auszusprechen. Aber ist es nicht ebenso
+verrückt, einen Mann wie Kristen Larssen so zu plagen! Solang er noch
+bei Verstand ist, bestimmt niemand ihn, an eine Hölle zu glauben. Also
+sollen sie ihn doch in Ruhe lassen!" --"_Das_ verlangen sie doch auch gar
+nicht von ihm!" --"So? Und was denn?" -- "Das weißt Du so gut wie ich,
+Edvard. Und ich bitte Dich um Deiner selbst willen -- verhöhne nicht
+ernste und wohlmeinende Menschen!" -- "Ich habe nicht höhnen wollen. Ich
+sage bloß -- sie können sich und ihm die Mühe sparen." -- "Ist er denn
+so kalt?" -- "Kalt oder warm -- das kommt lediglich auf die Veranlassung
+an, und darauf, wie ein Mensch sein Leben gelebt hat!" -- "Aber der
+Mensch kann sich eine Seelenkälte anleben; und ganz gewiß -- so ist es
+bei ihm gewesen!" -- "Vielleicht. Aber ich kenne jemand, der recht warm
+ist, und der doch genau so denkt wie Kristen Larssen. Also das ist es
+nicht!" -- "Ja, was ist es dann?" -- "Tausenderlei. Die, die ich meine,
+denkt fast immer in Bildern, und seitdem sie einmal ein uraltes Bild der
+Dreieinigkeit gesehen hat -- ein mächtiger Körper mit drei Köpfen darauf
+-- und hörte, daß der Kopf in der Mitte der Sohn der beiden an der Seite
+-- Vater und Mutter -- sei (Du weißt doch, der heilige Geist war im
+Anfang weiblichen Geschlechts --) konnte sie nicht mehr an die
+Dreieinigkeit glauben. Sie lachte darüber. Und wie gesagt -- sie ist
+recht warm!" -- "Pfui!" stieß Josefine in tiefstem Zorn heraus; "warm
+mag sie ja sein; aber jedenfalls ist sie _unrein_!" -- Kallem fühlte im
+Herzen einen Stich; das ging auf Ragni! Die Schwester war böse und sah
+böse aus, wie in ihren Backfischtagen! Und sofort wurde er auch wieder
+der Junge von damals: klatsch! Da hatte sie eine Ohrfeige! Sie traf nur
+die Kapuze; aber sie kam von Herzen.
+
+Mit blitzenden Augen sprang sie auf ihn los, wie in den Tagen, als sie
+sich noch prügelten. "Ich glaube beinah, Du", -- zischte sie! Und
+sprühte vor Hohn und Wut. -- -- Und wandte sich voll Verachtung ab --
+und ging.
+
+Ob jemand sie beide gesehen hatte? Sie waren allein auf der Straße. Aber
+er empfand eine unbestimmte Angst. Vielleicht mußte Ragni es entgelten!
+
+Das Wort "unrein" in Josefines Mund -- meinte Kallem -- sei auf die
+Vergangenheit gemünzt. Und darum war er empört. Wieviel größer wäre erst
+seine Empörung gewesen, wenn er gewußt hätte, daß es eigentlich auf die
+Gegenwart ging? Daß Pastors sich nach ihrer Heimkehr zurückhielten,
+hatte auch darin seinen Grund, daß der Gotteslästerer Larssen Liebkind
+war in Kallems Haus, daß Ragni Englisch mit ihm trieb, daß Kallem wie
+ein Kamerad mit ihm verkehrte. Kristen Larssen war für den größten Teil
+der Gemeinde eine Art Teufel, und wenn diese Ankömmlinge, Mann und
+Frau, Gemeinschaft hielten mit ihm (wie früher mit Sören Pedersen und
+seiner Frau) -- so war das eine Herausforderung. Kurz darauf war Karl
+Meek ins Haus gekommen, und seitdem sah man Ragni nie anders als in
+seiner Begleitung. Schließlich reisten sie sogar zusammen in das
+Walddorf hinauf -- so viel war gar nicht einmal nötig, wo es sich um
+eine geschiedene Frau handelte, die "freie" Ansichten hatte und schon
+einmal beim Ehebruch ertappt worden war.
+
+Josefine war in der aufrichtigen Absicht gekommen, ihren Bruder zu
+warnen. Hätte sie in Ruhe sprechen können, so hätte sie ihm das alles
+gesagt; sie war unerschrocken, und sie hatte ihn lieb. Jetzt ging sie
+mit dem Brandmal seiner Verachtung nach Hause zurück.
+
+Und nun brach ihre zurückgedrängte Leidenschaft sich Bahn; zuerst in
+bitterem Haß auf die Leute, die Bruder und Schwester auseinandergebracht
+hatte, allmählich aber auf alles, was zwischen ihnen stand: Maurer
+Andersens Tod -- je tiefer er ihren Gatten bewegte, desto schärfer trat
+der Gegensatz zwischen ihnen zutage, und das zur ungünstigsten Zeit.
+Alles, dessen Tuft sich selbst anklagte, waren ja Zugeständnisse, die er
+_ihr_ gemacht hatte; und gerade jetzt wollte er damit aufräumen. Schlimmer
+konnt' es sich gar nicht treffen.
+
+Im Haus nebenan wohnte eine vertrocknete Alte, des Pastors Mutter; sie
+lebte in ständigem Protest gegen das Vorderhaus. Nie setzte sie einen
+Fuß über die Schwelle, wenn Besuch da war, auch sonst nur selten, außer
+zu den Hausandachten und an kirchlichen Festtagen zum Mittagessen. Das
+ganze Wesen der Schwiegertochter, ihr Tanzen, ihre Toilette, ihre
+Freundinnen waren ihr ein Ärgernis, -- des Pastors ständiges Werben um
+sie ein Frevel. Der kleine Junge wurde ihr Spion. An einem Sommertag
+hatte Josefine auf der andern Seite der offenen Tür gesessen und gehört,
+wie sie ihn ausfragte, wer am Tag vorher dagewesen sei, was sie gegessen
+hätten, ob sie Wein getrunken hätten und wievielerlei Sorten.
+"Großmutter hat gefragt, ob Mutter heut schon wieder aus ist!" sagte er
+ein andermal. "Und sie hat gefragt, was Vater zu Mutter sagt, wenn
+Mutter nach Hause kommt, und ob Vater oben bei uns geschlafen hat!"
+
+Josefine ertrug das mit Ruhe. Aber daß sie wußte --hinter den
+christlichen Ermahnungen des Pastors steckte die Schwiegermutter, -- das
+machte sie nicht gerade nachgiebiger. Sie gedachte ihr Leben zu führen,
+wie es ihr paßte -- mochte er dasselbe tun.
+
+Für ihn war es immer derselbe Kampf, von Jugend an, von der Zeit, da er
+um ihretwillen den Missionsgedanken aufgegeben hatte; und immer mit
+demselben Ausgang: er unterlag seiner Verliebtheit. Nicht daß sie ihn
+dazu verlockt hätte -- im Gegenteil! Wenn sie ihn bisweilen genug hatte
+-- sie hatte immer rasch alles genug -- starke Strömungen gingen in ihr
+-- dann erschien sie ihm am schönsten, am begehrenswertesten, wie die
+Frauen der alten Sagazeit. Dann vermochte er nicht zu widerstehen.
+
+Aber die große Aufgabe, vor die Gott ihn am Krankenbett seines Freundes
+gestellt hatte, die zeigte ihm, was er in seinem Leben versäumt hatte.
+Das war die Frucht der Nachgiebigkeit!
+
+Als er in seiner Selbstprüfung so weit gekommen war, daß er mit seiner
+Frau darüber hätte sprechen können --da war _sie_ stumm -- in ihrem
+eigenen Kampf. Nach dem Schlag, den sie erlitten hatte, war sie sich
+sofort klar über das, was jetzt die Gerechtigkeit erfordere --sich
+rächen nannte sie's immer --, aber bald auch darüber, daß ihr Bruder ihr
+eigenes unklares Verhältnis durchschaut hatte. Seit sie mit ihm getanzt
+hatte, wußte sie, daß niemand sie so verstand wie er; seit ihrer letzten
+Begegnung wußte sie, daß er ihre Einmischung in Glaubenssachen
+verachtete; und darin hatte er recht. Nie hatte sie endgültig
+abgerechnet; immer nur sich damit begnügt, ihres Gatten Glaube und
+Handeln geachtet zu sehen, und selber ihren Frieden zu haben. So konnte
+es nicht länger bleiben; ihres Bruders Verachtung ertrug sie nicht.
+
+Im Pastorhause war morgens und abends Andacht; dazu kam regelmäßig die
+Großmutter, nach ihr die Mädchen und gleich darauf der Pastor. Zur
+Morgenandacht kam Josefine nicht immer, und die Abendandacht fiel aus,
+wenn Gäste da waren. Der Pastor sprach zur Einleitung und zum Schluß ein
+Gebet, wie es sich eben für die Gelegenheit schickte. In dieser Zeit
+waren diese Gebete lang und inbrünstig -- und Josefine blieb weg.
+
+Diese feierlichen "Abrechnungen" waren ihr ein Greuel -- die
+öffentlichen noch mehr als die privaten. Die letzten fanden meist abends
+statt, wenn es Schlafenszeit war, und der Junge zu Bette und die
+Hausandacht beendet war. Wenn Josefine es voraussah, hinauf -- zu Bett;
+da kam er ihr meist nicht nach. Der Boden da oben war schlüpfrig! Aber
+heut Abend kam er. Sie hatte es an den Schritten unten im Studierzimmer
+gehört, und jetzt vernahm sie ihn auf der Treppe. Sie riegelte nicht ab,
+und ließ die große Lampe brennen. Aber als er draußen an die Türklinke
+faßte, sagte sie: "Du darfst nicht herein." -- "Doch!" -- "Nicht, solang
+ich beim Auskleiden bin!" -- "Ich werde warten." --Er ging wieder
+hinunter, und sie machte sich langsam fertig.
+
+Die Schlafstube lag nach dem Garten zu, über dem Studierzimmer; rechts,
+durch eine Portiere getrennt, das Ankleidezimmer, über dem
+Fremdenzimmer; links eine Tür zur Garderobe. Dicht daneben führte eine
+Korridortreppe vom Arbeitszimmer herauf. Und da hörte sie ihn jetzt
+kommen -- zum zweitenmal -- mit festem Schritt. Sie lag schon zu Bett.
+Die Zimmertür lag in der Mitte, den Fenstern gegenüber; die Betten
+standen rechts von der Tür; das ihre zunächst. Der Junge schlief auf der
+andern Seite, nach der Garderobe zu.
+
+Er fragte nicht mehr, ob er eintreten dürfe; er öffnete einfach die Tür.
+Sie lag da, in ihrem weißen Nachtkleid, das schwarze Haar in einem
+Knoten, wie immer, den Kopf in die linke Hand gestützt, wie auf dem
+Sprung, sich aufzurichten.
+
+Er setzte sich zu ihr auf die Bettkante. Sofort rückte sie etwas von ihm
+ab, als sei ihr die Berührung unangenehm. Er sah finster drein. --
+"Josefine, Du weichst mir aus. Das ist nicht recht von Dir. Ich brauche
+Trost und Rat. Die alte Pein ist wieder über mir. -- Und wir dürfen die
+Abrechnung nicht länger hinausschieben!" -- Er sah sie an -- voll
+Schmerz. Sie sah ihn an -- stumm. -- "Du weißt, was es ist. Ich lebe
+hier, bei Dir in Wohlsein und Genuß und draußen in der Gemeinde
+allgemein verehrt. Aber in einem solchen Leben wächst sich der
+Gottesmensch nicht zu seiner natürlichen Entwicklung aus! Und vor kurzem
+wurde ich gewogen -- und zu leicht befunden!" -- Er barg sein Antlitz in
+den Händen und saß lange ganz still, als bete er. "Liebe, liebste
+Josefine!" Und er blickte auf. -- "Hilf mir! Ich muß alles anders machen
+um mich her! Ich muß mein ganzes Leben anders gestalten!" --"Wieso?" --
+"Ach -- ich bin kein Pfarrer, und Du bist keine Pfarrersfrau! Wir gehen
+beide zugrund -- an unserem Eigenwillen!" -- "Alle die -- die Versuche,
+die Du machst, Ole, anders zu leben, fangen immer bei mir und meinem
+Haus an! Fang einmal bei Dir selber an! Ich bin, wie's mir paßt. Sei Du,
+wie's Dir paßt! Und unser Haushalt -- nun ja, der ist einfach nicht
+anders, als eine Familie von Geschmack und Vermögen ihn erfordert;
+behagt es Dir nicht, so hast Du ja Deine eigenen Zimmer; richte Dich
+ein, wie Du magst. Wünscht Du eine getrennte Lebensweise -- bitte! Sag'
+es nur!" -- "Ach!" erwiderte er, "Du degradierst das Ganze zu einem
+Umzug im Haus oder einem veränderten Küchenzettel!" -- "Immer dieselben
+allgemeinen Anklagen! Keinen Pfifferling Respekt hab' ich vor ihnen!" --
+"Weil Du den geistigen Grund in ihnen nicht erfaßt!" -- Sie wurde blaß.
+-- "Soviel ich weiß", sagte sie hart, "paßte es _mir_ nicht, so
+fleischlich zu sein wie Du. Und damit hat es angefangen!" -- "Das
+lässest Du mich jedesmal wieder hören. Aber ich schäme mich nicht, daß
+die erste Krise von meiner allzu heißen fleischlichen Begierde und von
+Deinem Widerstande kam; das hat mich geweckt. Nein, ich schäme mich
+dessen nicht. Denn als ich die Absicht äußerte, einmal von Grund aus zu
+reformieren --" -- "Hab' ich Dir das etwa verboten?" unterbrach sie ihn.
+"Ja, bei mir anzufangen, das hab' ich Dir verboten! Fang bei Dir selber
+an, Ole!" -- Er stand auf. "Du verstehst mich nicht! Du verstehst nicht,
+was Gott von uns will! Ich bleibe dabei -- es ist etwas Ungeistliches an
+Dir, Josefine! Nie bist Du aufgegangen in Reue und Gebet! Nie hast Du
+Dich hingegeben in inbrünstiger Andacht! Du kennst nicht die Sehnsucht
+nach dem Unendlichen -- sondern nur nach dem Irdischen. Den Willen,
+Christin zu sein, hast Du wohl; aber etwas dafür tun magst Du nicht! --
+Du antwortest nicht? Möchtest Du's nicht wenigstens versuchen? Jetzt --
+zusammen mit mir? Ach, Josefine, wie ich leide -- auch um Deinetwillen!"
+Er setzte sich demütig wieder zu ihr hin. "Meinst Du damit, ich solle
+Dir zu den Zulukaffern folgen?" entgegnete sie kalt. -- "Ich meine, wir
+sollen uns gemeinsam in allem Guten vervollkommnen, liebe Josefine, dann
+wird Gott uns weiterhelfen." -- "Leeres Geschwätz versteh' ich nicht!"
+erwiderte sie. "Sag' gerad' heraus, was wir tun sollen!" -- "Wir sollen
+im Glauben an Jesum Christum mit den Geringen und für sie leben." --"
+Mein lieber Ole, das kann ich besser als Du! Du wachst niemals eine
+Nacht am Krankenbett in einem armen Haus; ich tu' es oft. Und ich habe
+auch die 'Gegenseitigkeit' gegründet" (so nannte sich ein Verein von
+besser situierten Frauen der Stadt, deren jede ihre Armen hatte, denen
+sie Arbeit und Unterstützung verschaffte. Josefine war Vorsitzende der
+Gesellschaft und verteilte die Arbeit). -- "Ja," antwortete ihr Mann
+zustimmend, "administratives Talent hast Du wie Dein Bruder. Aber darin
+besteht es nicht -- selbst als große Dame zu leben und dann und wann
+einmal sich zu den Geringen herabzulassen; nein --man muß mitten unter
+ihnen und ganz für sie leben!" -- "Sollen wir das Haus verkaufen? In die
+Vorstadt ziehen? Sag', was Du willst!" -- "Wenn Gott uns dazu treibt --
+ja! Aber es muß in und aus Glauben geschehen, um Jesu willen. Sonst hat
+es keinen Wert." -- Sie antwortete mit keiner Silbe.
+
+"Was meinst Du, Josefine? Wollen wir nicht versuchen, ein echtes
+Christenleben zu führen?" Seine Augen flehten; seine Hand suchte die
+ihre: "Josefine!" Sie zog ihre Hand weg. "Nein! Du weißt ja, ich sehe
+nicht ein, warum ich mir mein eigenes Leben unbehaglich machen soll; das
+würde keinem nützen, und mir würde es schaden." -- "Sag' das nicht! Wenn
+wir es nun einmal versuchten? Im Glauben an Jesu miteinander ganz dafür
+leben, andern Gutes zu tun?" --"Ach was, Unsinn! Und wenn es Dich auch
+verletzt --einerlei! Aber daß ich an Jesus glauben muß, um den Armen zu
+helfen, ist Unsinn! Es hilft nichts, ich rede wie ich denke." -- "Wenn
+Du an Jesus _glaubtest_, so würdest Du den Grund erfassen." -- "Ich habe
+nie gesagt, daß ich nicht an Jesus glaube." -- "Ach, Josefine, das ist
+kein Glauben! So verstehst Du also nicht einmal, was Glauben ist! Diesen
+schweren Schaden an Deiner Seele habe ich zu verantworten! Ich, der
+jahraus, jahrein mit Dir lebt und nichts weiter erreicht hat!" Er beugte
+sich über sie; Tränen standen in seinen Augen. "Wie herrlich könnten wir
+miteinander leben, wenn Du Dich vor Gott beugen wolltest -- bei den
+Gaben, die Du hast -- und bei meiner Liebe zu Dir!" Er wollte sie
+zärtlich umfassen. -- "Weg!" sagte sie und setzte sich auf.
+
+Er fuhr auf, wie von einer Natter gestochen. Sie legte sich wieder
+zurück, beide Hände unter dem Kopf; ihre Brust wogte; sie war in vollem
+Aufruhr. "Ich weiß nicht, ob wir es vor Gott verantworten können, unter
+diesen Umständen zusammenzubleiben", sagte er. --"Gut! Tu, was Du
+willst!"
+
+Er wandte sich ab; er fand es unter seiner Würde zu antworten. Der
+Kleine stöhnte im Schlaf und wälzte sich herum, als beunruhige ihn
+etwas. Tuft sah ihn an; mit halboffenem Mund lag das Kind auf dem einen
+Arm. Tuft kannte diese Stirn, er hatte sie bei seinem Vater gesehen, es
+war auch seine eigene, ebenso das Haar, der Bau der kleinen Hand, die
+Finger, ja sogar die Nagelstellung. Aber er sah den Tag kommen, da auch
+der Junge nicht mehr sein eigen sein würde, wenn es so weiterging.
+
+"Nein, Josefine, es soll auch nicht so weitergehen! Gott helfe uns
+beiden! Aber fortan ruht der Kampf nimmermehr!"
+
+Das Breite und Mächtige in ihm, das hinter der Herzensgüte lag, war am
+Hervorbrechen; sie fühlte es. Und auch in ihr quoll es empor. Sie hörte
+ihn im Studierzimmer auf- und abgehen, ohne Ruhe, aber auch ohne
+Zweifel. Sie konnte nicht schlafen.
+
+ * * * * *
+
+Am Tag, nachdem Kristen Larssen die volle Wahrheit über seine Krankheit
+erfahren hatte, erschoß er sich. Das jagte den Leuten einen furchtbaren
+Schreck ein; etwas Gruseliges ging von ihm aus; man wagte kaum, am Haus
+vorbeizugehen. Es verbreitete sich ein Gerücht, Kallem habe Larssen
+seinen Revolver zu diesem Zweck überlassen; doch wurde das von der Frau
+selbst, von Sören Pedersen und durch Kallems eigene Aussage widerlegt.
+
+Kristen Larssen hatte sich gedrückt, ohne Ankündigung, ohne Dank. Zu
+seiner Frau hatte er gesagt, ein rascher Tod sei für ihn das beste. Aber
+auch zwischen ihnen beiden war nichts weiter besprochen worden,
+keinerlei Abschluß, kein Abschied hatte stattgefunden. Er hatte sie
+gebeten, zu Sören Pedersen zu gehen, und während der Zeit war er aus dem
+Bett gekrochen und mit der ihm eigenen überlegenen Gründlichkeit hatte
+er die Tat vollbracht.
+
+Das herkömmliche Begräbnis wurde verweigert und eine Ecke an der
+nördlichen Mauer angewiesen. Dort arbeiteten drei Männer stramm, um ein
+Grab zu graben. Es war ein bitterkalter Tag, der Tag, an dem man ihn in
+die Erde bettete; und es gab Leute, die auch darin eine Fügung Gottes
+sahen. Zu einer ungewöhnlichen Zeit, nämlich nachmittags, ohne
+Glockenläuten, ohne Pfarrer und ohne Gesang wurde Kristen Larssen
+hinabgesenkt. Unter den wenigen, die zugegen waren, fiel am meisten Aune
+auf; er war betrunken und machte sich fortwährend bemerkbar; dabei war
+er so dünn gekleidet, daß man fror, wenn man den blaugefrorenen Kerl nur
+ansah. Sören Pedersen bat ihn mehrere Male, sich ruhig zu verhalten;
+aber vergebens. Von Sörens blankem Gesicht sah man nur die Augen, die
+Nase und etwas von den Backen; das übrige war von unten durch einen
+mächtigen, mehrmals um den Hals geschlungenen wollenen Schal und von
+oben durch eine bis in die Augen gezogene Pelzmütze verdeckt. Die Hände
+staken in nordländischen Handschuhen, -- einem Paar von jenen
+Ungeheuern, wie sie die Leute dort zum Fischfang tragen -- und die Füße
+in Pelzschlurren. Sören Pedersen war in die Breite gegangen; der
+Überzieher war ihm zu eng geworden; mit diesen Auswüchsen sah er wie ein
+Hummer aus. Aase in kurzem Mantel und Baschlik hielt sich an der rechten
+Seite der Witwe, die lang und hager dastand, in Finnenschuhen und einem
+bis an die Füße gehenden, oben und unten gleich weiten Sack, um den Kopf
+ein dickes wollenes Umschlagtuch; sie hatte es offenbar darauf angelegt,
+ihr Gesicht zu verbergen. Aune schwankte umher und erzählte, er habe ihr
+geholfen, ihre Sachen nach der Bahn zu schaffen. Jetzt hatte er das Haus
+abgeschlossen; den Schlüssel trüge er in der Tasche. Und er zog ihn
+hervor. Die Witwe wollte von hier aus gleich auf den Bahnhof und bei
+Verwandten -- ein paar Meilen von hier --bleiben; später wollte sie dann
+weiter nach ihrem Heimatort. Außer diesen vieren waren nur noch zwei
+Männer da, die das Grab gegraben hatten; der eine stand auf sein
+Grabscheit gelehnt, trug Rock und Fausthandschuhe und kaute ohne
+Unterlaß Tabak. Der andere hauste hinter einem braunen Bart und war
+verwachsen und triefäugig.
+
+Etwas abseits an der Mauer war ein festgestampfter Schneehügel; Karl
+Meek und Ragni, die eben zusammen anlangten, stellten sich dorthin. Alle
+warteten auf Kallem, dem eine Abhaltung dazwischen gekommen war, und der
+jetzt eilends herbeistürzte. Er nahm vor der Witwe seine Mütze ab, die
+andern grüßten ihn; dann trat er ans Grab. Er wollte gern einige Worte
+sprechen, wartete aber, ob nicht vorher sonst etwas geschehen würde. Als
+nichts geschah, sagte er:
+
+"Ich kenne die Vergangenheit des Mannes, den wir hier begraben, nicht;
+ich kannte auch ihn selbst nicht. Er hat in religiösen Dingen anders
+gedacht als die Menschen, unter denen er lebte, und er hat dafür büßen
+müssen. Sein und seiner Frau Lebensziel war, hinüberzugelangen nach dem
+freien Amerika." (Bei dem Wort Amerika begann hinter den Taschentüchern
+ein Keuchen und Schneuzen). "Er versuchte, allein Englisch zu lernen;
+das war für ihn, als schüfe er sich Flügel damit. Wenn ich jedoch dies
+gesagt und noch hinzugefügt habe, daß er der begabteste Mensch war, dem
+ich hier begegnet bin, so habe ich ungefähr alles gesagt, was ich von
+ihm weiß.
+
+Darum will ich auch nicht von denen sein, die ihn verurteilen. Oft, wenn
+wir zusammen waren, hatte ich den Eindruck, als ob ihn fröre. Die Kälte,
+die ihn rings umgab, war in sein Inneres gedrungen.
+
+Es hat sich so gefügt, daß nur wir fünf oder sechs ihm Lebewohl sagen.
+Aber alle, denen seine sinnreiche Arbeit von Nutzen war, und besonders
+alle die Tausende, denen seine Erfindungen das Leben erleichtert und
+damit mehr Freude geschaffen haben, worauf es doch ankommt -- alle die
+schulden ihm Dank; und den bringe ich ihm dar!"
+
+Es wurde still. Der kalte Schnee knirschte, wenn einer oder der andere
+sich rührte; aber keiner machte Anstalt zum Gehen. Da schwankte Aune an
+das Grab. "Na ja, und nun will ich Dir man auch noch für die Violine
+danken! Und -- und -- vergib uns unsre Schuld! Und -- und -- leb' wohl!"
+Beinah wäre er hineingetaumelt. Sören Pedersen packte ihn ärgerlich am
+Arm, wandte sich zu seiner Frau und sagte: "Hör' mal, Aasechen, Du
+betest das Vaterunser so schön! Sag' es doch einmal!" Und sie trat einen
+Schritt vor, zog die Handschuhe aus und faltete die Hände. Die Männer
+nahmen die Mützen ab und alle senkten den Kopf; dann betete Aase das
+Vaterunser.
+
+Darauf fielen die ersten schweren Schollen auf den Sarg; es klang, als
+wolle er in Stücke gehen.
+
+Die Frau trat auf Kallem zu. Erst jetzt konnte er sie in der Nähe sehen,
+in Tränen aufgelöst, erschöpft von Nachtwachen, fast all ihrer Kraft und
+ihrer letzten Hoffnung beraubt. Aber mit festem Griff nahm sie Kallems
+Hand, mit starkem, tiefem Blick sah sie ihm in die Augen, in
+grenzenlosem Schmerz, in verhaltener Bewegung nickte sie nur; sprechen
+konnte sie nicht. Nie ist einem Menschen wärmer gedankt worden. Ebenso
+nahm sie die Hand Ragnis; und Ragni erschrak; denn sie wußte in ihrem
+Innern, daß sie es nicht verdiene. Die Witwe eilte an den andern vorbei,
+der Stadt zu; Sören Pedersen und Aase hatten Mühe ihr zu folgen. Ragni
+aber nahm Kallems Arm; sie hätte sich ihm an die Brust werfen und laut
+weinen mögen.
+
+
+9
+
+Kristen Larssens Haus stand leer; kein Käufer oder Mieter fand sich. Das
+Unheimliche, das ihm anhaftete, fiel auch auf die zurück, die seine
+Freunde gewesen waren. Hätte Sören Pedersen nicht größere Kundschaft auf
+dem Land als in der Stadt gehabt, es wäre ihm schlecht ergangen. Ragni
+merkte nicht, daß man sie in dieser Zeit noch mehr beobachtete, noch
+mehr über sie sprach, als vorher; sie war nicht im mindesten
+vorsichtig. Schon daß Pastors nicht mit ihnen verkehrten, machte sie zur
+Zielscheibe des Klatsches; etwas Neues durfte nicht mehr hinzukommen.
+
+Gegen das, worauf man jetzt verfiel, war sie wehrlos, weil sie nichts
+davon ahnte. Wenn sie und Karl Meek Hand in Hand Schlittschuh liefen,
+wenn er sie zum Lachen brachte, während er ihr die Schlittschuhe anzog,
+oder wenn sie versuchte, ihn hinunterzupuffen, während sie, jeder auf
+einer Kufe, auf des Doktors Schlitten standen; oder wenn sie zusammen
+Kjaelke[8] fuhren oder, -- war Besuch da -- vierhändig spielten: immer
+hatte man einen Blick aufgefangen, der nicht mißzuverstehen war, oder
+ein Wort gehört, das eine Nebenbedeutung hatte, oder Freiheiten
+beobachtet, die nur möglich waren zwischen Menschen, die an noch größere
+gewöhnt waren. Das erste Mal mit einem Zimmerherrn, nun wieder mit einem
+-- was konnte Kallem anders erwarten? Das war nur seine gerechte Strafe.
+
+Sören Kules Familie stand an der Spitze; es war eine im ganzen Oberland
+verbreitete Familie, die eine blühende Phantasie hatte, besonders in
+sinnlichen Dingen.
+
+Man mußte nur Lilli Bing loslegen hören, wie Ragni Kule seinerzeit
+"Abend für Abend" zu dem Studenten Kallem auf sein Zimmer ging; es lag
+ja auf demselben Flur. "Mein Gott, was war denn Schlimmes dabei, wenn
+sie sich liebten? Wer konnte es auch mit dem widerwärtigen Sören
+aushalten!"
+
+Daß die jetzige Frau Kallem nicht einmal über den Korridor zu gehen
+brauchte, ließ sie immer dabei durchblicken. Einmal sagte sie: "Wenn sie
+keine Kinder kriegt, was schadet's denn eigentlich!" Daß keiner von
+denen, über die es herging, etwas davon hörte?
+
+Daß nicht einer von den üblichen anonymen Briefen hereinplatzte! Das
+eine läßt sich nur damit erklären, daß sie fast keinen Umgang hatten,
+das andere damit, daß man vielleicht glaubte, Kallem würde sich nicht
+darum kümmern; Freidenker haben ja meist lockere Begriffe in sittlicher
+Beziehung! Im Frühjahr sah man Kallem seine Frau und Karl Meek zum
+Dampfschiff begleiten; sie fuhren hinüber zum anderen Ufer; Montag früh
+sah man, wie er sie an der Brücke wieder abholte. Man wußte, daß er
+selbst den ganzen Tag auswärts war und die beiden den ganzen Tag in Haus
+und Garten zusammen steckten.
+
+Karl bestand sein Examen recht gut, wenn auch unter allseitiger
+Spannung; der Tag nahte, an dem er seine Freunde verlassen mußte. Ragni
+hatte im ganzen Freude an dem Zusammensein mit ihm gehabt; aber sein
+unsteter Fleiß hatte ihr Mühe verursacht, und sein leidenschaftliches
+Wesen nahm mit der Körperkraft noch zu. Seine tiefe Ergebenheit für sie
+dämpfte es; aber auch die Form dieser Ergebenheit peinigte sie oft; sie
+liebte Gleichmäßigkeit und Frieden. Sie prophezeite ihm, es werde ihm
+einmal schlimm ergehen; er führe viel zu große Segel.
+
+Sie sehnte sich nach dem Alleinsein. Als sie es Kallem sagte, neckte er
+sie: nach drei Wochen werde sie Karl vermissen. Karl wollte jetzt, in
+den Sommerferien, zu Hause sein, dann aber nach Deutschland gehen, um
+sich der Musik zu widmen. Obgleich er sich daran gewöhnt hatte, unter
+Ragnis Augen zu denken und zu leben, -- im Kampf mit ihr, im Gehorsam
+gegen sie, und immer voll Anbetung für sie, so freute er sich doch
+darauf, selbständig zu werden. Die Trennung würde keine Schwierigkeiten
+machen.
+
+Da geschah es, daß er an einem der letzten Tage bei einem Freund war,
+dem einzigen, mit dem er dann und wann noch zusammenkam, seit er in
+Kallems Hause wohnte; und als er von seiner Abreise sprach, sagte der
+Freund: "Was ist denn eigentlich mit Dir und Frau Kallem?" Karl verstand
+nicht, was er meinte, und floß über von Lobpreisungen und Bewunderung
+für sie. Der andere unterbrach ihn. "Ja, ja, das weiß ich alles! Aber
+-- offen gesagt -- hast Du nicht ein Verhältnis mit ihr? Die Leute sagen
+es." Karl fuhr auf! Was unterstand er sich? Er solle Rechenschaft
+ablegen für seine Worte! Aber es war des Freundes ernstliche Absicht,
+Karl zu warnen; er habe selber erst kürzlich von dem Gerücht erfahren;
+allgemein verbreitet sei es noch nicht. Geduldig ertrug er Karls Raserei
+und machte ihm klar: er könne es nicht anders erwarten, als daß die
+Leute sich -- bei ihrer beiderseitigen Unvorsichtigkeit -- allerhand
+dächten. -- --
+
+Zu Haus bei Kallem begriff man nicht, was auf einmal in Karl gefahren
+war. Die paar letzten Tage kam er nie zu ihnen herein, war selten
+daheim, und war wieder ebenso stumm, scheu und finster wie damals, als
+er ins Haus zog. Der nächstliegende Gedanke war ja, daß er unglücklich
+war über die Trennung, besonders von Ragni; aber es war doch merkwürdig,
+daß die Verzweiflung genau zwischen drei und fünf Uhr am Mittwoch
+Nachmittag begonnen hatte! Um drei hatten sie in heiterster Stimmung
+miteinander vierhändig gespielt; um fünf wollte sie etwas aus seinem
+letzten Examenfach mit ihm durchnehmen; und da war er so sinnlos
+geistesabwesend nach Hause gekommen, daß sie es aufgeben mußte. Und so
+war er seitdem immer. Kallem neckte Ragni damit, daß der Junge verliebt
+sei; eben vor des "Abschieds bittrer Stunde" sei es in ihm aufgeblüht.
+Und er sang: "Zwei Drosseln saßen im Buchenlaub" und prophezeite, daß
+sie in allernächster Zeit eine Liebeserklärung bekommen würde,
+wahrscheinlich in Versen -- er habe selbst seinerzeit mehrere
+verbrochen. Vielleicht würde Karl sich auch erschießen. Sie solle sich
+nur ja nicht einbilden, daß jemand in dem Alter billiger von ihrer
+schiefen Nase als mit einem kleinen Herzensschnupfen loskomme.
+
+Wenn der Junge dasaß und sie in fürchterlichem Schweigen anstarrte,
+nicht aß, nicht sprach; wenn er den Schwermütigen spielte und sich von
+ihnen in die Einsamkeit zurückzog, sagte Kallem: "Hu! Das Leben ist
+schwarz!" Er ahmte den Jungen nach, sah sie mit ersterbenden Augen an,
+seufzte über drei Treppenstufen herauf, durchwühlte mit beiden Händen
+sein Haar und heulte. Gegen Karl selbst jedoch war er die Herzlichkeit
+selbst.
+
+In der Stunde der Trennung aber hörte aller Spaß auf; denn Karl war
+so verzweifelt vor Schmerz, daß man überhaupt nicht mit ihm sprechen
+konnte und den Abschied nur möglichst beschleunigen mußte. Ragni
+wollte nicht mit zum Bahnhof fahren; sie fürchtete sich vor seinen
+Überschwenglichkeiten. Aber als Karl sah, daß sie auf der Treppe stehen
+blieb, sprang er aus dem Wagen und noch einmal zu ihr hinauf. Sie wich
+zurück, er kam ihr nach, sah sie an und weinte so, daß das Mädchen, das
+etwas weiter hinten stand, wirkliches Mitleid mit ihm empfand und
+ebenfalls zu weinen anfing. Ragni wurde kalt und stumm; sie konnte nicht
+ahnen, daß Karl in diesem Augenblick das Schönste tat, was er je getan,
+das Tiefste fühlte, was er _je_ gefühlt hatte.
+
+Auf dem Bahnhof bemerkten verschiedene Leute seine Verzweiflung, sowie
+Kallems Ernst. Besonders aber auch, daß Ragni nicht mitgekommen war. Ob
+Kallem es nun erfahren hatte?
+
+ * * * * *
+
+Dieser Abschluß ihres Zusammenlebens mit Karl Meek hinterließ einen
+unangenehmen Nachgeschmack. Sie sprachen nicht gern von ihm, ja, sie
+machten sich beide Gedanken darüber, ob sie sich eigentlich auf einen
+solchen Versuch hätten einlassen sollen; sie hätten vielleicht
+voraussehen müssen, daß es so enden würde. Doch davon sagte keines etwas
+zum andern. Ihr eigenes Zusammenleben wurde inniger; nie war Kallem
+soviel zu Hause gewesen wie jetzt, noch nie hatte er ein solches
+Verständnis für alles gehabt, was sie anging.
+
+Der Sommer wurde ganz dem "Fieberpavillon" gewidmet; sie konnten sich
+beide nicht satt daran sehen, wie er gebaut wurde, wie man ihn
+einrichtete, wie man alles zum Gebrauch fertig machte. Jetzt, seit alle
+Sommerzelte aufgeschlagen waren, war die gute Einrichtung und Ordnung
+des Krankenhauses in aller Munde.
+
+Aber während sie so allein waren und ihre Zeit zwischen dem Krankenhaus,
+ihren Studien, dem Garten und dem Klavier teilten, drängte sich, gerade
+weil sie allein waren, zwischen alle ihre Interessen ein Gedanke, den
+sie beide längst gedacht hatten, und der immer mehr wuchs, eben weil er
+nie ausgesprochen wurde. Bald konnten sie nicht mehr Zusammensein, ohne
+daß der eine etwas davon in den Augen des andern zu lesen glaubte.
+
+Weshalb hatten sie kein Kind? Lag der Fehler an Ragni? Wollte sie nichts
+dafür tun?
+
+Er hatte sich nach und nach davon überzeugt, sie sei zu scheu, als daß
+_er_ den Anfang hätte machen dürfen. Warum wagte sie nicht selbst davon zu
+sprechen? Warum wagte sie nicht einmal den Wunsch zu verraten, davon zu
+sprechen, damit er ihr hätte weiterhelfen können? Was war der Grund? Die
+Angst vor der Untersuchung -- vor der Operation? Er sah sie selten, ohne
+daß er fühlte: jetzt dachte sie daran. Und sie wieder fühlte: er
+entbehrt das Kind. --
+
+Ende August erhielt Ragni einen dicken Brief aus Berlin -- von Karl
+Meek! Er war ihnen beiden willkommen, ja, mehr als sie sich zuerst
+eingestehen mochten.
+
+Karl hatte die Festspiele in Bayreuth besucht und schilderte nun seine
+Eindrücke in glühenden Farben und mit überschwenglichen Worten. Der
+ganze Brief handelte nur davon, zuletzt vier bis fünf Zeilen des Dankes,
+Grüße, und schließlich die Frage: "Darf ich Ihnen öfter schreiben?"
+Beide merkten sofort, daß die vier oder fünf Zeilen den eigentlichen
+Brief bildeten, und alles andere nur geistreiche Einkleidung war. Gerade
+das gefiel Kallem, und er äußerte den Wunsch, daß sie mit ihm in
+Briefwechsel treten solle. Das könne ihm in mehr als einer Hinsicht
+während seines Aufenthaltes im Ausland von Nutzen sein.
+
+Ohne besondere Lust, wie oft in der Zeit, als sie noch mit Karl
+gearbeitet hatte, mehr aus Gehorsam und Güte setzte sie sich hin,
+schrieb -- humoristisch -- weil sie so am besten damit fertig wurde, und
+erhielt Antwort -- erst eine, dann noch eine, lange Antworten, ganze
+Tagebücher.
+
+An einem der ersten Oktobertage war Ragni im Garten, um Obst und Gemüse
+zu ernten. Sie ging gerade auf den Zaun am Kirchweg zu, als ein Wagen
+langsam vorüberfuhr. Darin saß ein vierschrötiger Kerl, der sich vom
+Rumpeln des Wagens hin- und herwerfen ließ, wie Milch in einem
+Butterfaß. Ragnis Tauben schwirrten eben vom Kirchendach über den Wagen
+weg aufs Haus zu; bei dem eigentümlichen Laut des Flügelrauschens wandte
+der Fremde den Kopf nach der Richtung, in der sie flogen. "Waren das
+nicht Tauben?" fragte er, und der Kutscher antwortete.
+
+Ragni wollte eben auf eine Leiter steigen, um Äpfel zu brechen; aber sie
+mußte sich festhalten. Diese schwere Stimme, dieser langsame Takt, diese
+nordländische Einförmigkeit -- das war Sören Kule! Seine blinden Augen
+waren halb nach der Richtung der Tauben gewandt, halb dahin, von wo die
+Antwort kam, während der Wagen schlottrig weiterrumpelte.
+
+Sören Kule hier? Ein blinder, halbgelähmter Mann ist nicht auf Reisen!
+Ob ihn die doppelte Erbschaft, die ihm zugefallen war, hierhergeführt
+hatte?
+
+Bald darauf kam Kallem. Auch er war Kule begegnet; sie sah es ihm sofort
+an -- und er sah sofort, daß sie in die Wohnstube geflüchtet war, um
+sich zu verbergen. Da trafen sie einander; sie preßte ihren Kopf an
+seine Brust; sie witterte böse Geister in der Luft.
+
+Kallem sagte sich: falls Sören Kule eine von den Besitzungen übernimmt,
+die den Geschwistern zugefallen sind, also hierherzieht, dann hat
+Josefine ihre Hand dabei im Spiel; da ist ihr "Gerechtigkeitsgefühl" bei
+der Arbeit gewesen!
+
+Denn er empfand: der einzige Mensch auf Erden, gegen den er unrecht
+gehandelt hatte, ohne es wieder gutzumachen, war dieser blinde Mann.
+
+Ich will ihn aufsuchen, dachte er. Ich will offen und ehrlich mit ihm
+reden. Dann kann ich ihm zugleich begreiflich machen, daß er um Ragnis
+willen nicht seinen Wohnsitz hier haben darf.
+
+Er erfuhr bald, wo Kule wohnte: in dem Haus gleich hinter ihnen; im Park
+neben dem Krankenhaus!
+
+Dieser Teil der Erbschaft also war ihm zugefallen! Und in solcher Nähe
+sollten sie ihn jetzt täglich haben! Lange ging er umher, um seine
+Selbstbeherrschung wieder zu gewinnen; aber noch als er vor dem Haus
+stand, war er so aufgeregt, daß er mühsam an sich halten mußte. Ein
+kleines zweistöckiges Backsteinhaus mit einem Garten davor. Im Hausflur
+hörte er von der Küche her das Geräusch des Aufwaschens und sah hinein;
+da stand das nordländische Hünenweib mit aufgestreiften Ärmeln, so
+unverändert, als hätten sie sich erst gestern gesehen. Als die Tür
+aufging, sah sie sich um und erkannte sofort den großen Brillenmann mit
+der krummen Nase und den dichten Augenbrauen wieder; sie lächelte und
+wandte sich ganz nach ihm um. "Ei, wirklich -- der Herr Kallem?" sagte
+sie singend. "Ja." -- "Gestern hab' ich's gehört, daß Sie hier wohnen."
+Ihr Lächeln wurde breiter. Du Tranfisch Du! dachte er, Du hast es schon
+längst gewußt! "Wann sind Sie angekommen?" --"Gestern." -- "Von
+Kristiania?" -- "Ja, von Kristiania. Kule hat das Haus hier geerbt; und
+das Leben soll hier billiger sein." Hinter Kallem öffnete sich eine Tür;
+er wandte sich um. Ein vierschrötiger Kerl mit kleinen schlauen Augen,
+die mißtrauisch dreinsahen, streckte vorsichtig seinen Kopf aus der
+Zimmertür. Kallem schloß die Küchentür; der andere trat in den Flur und
+machte die Stubentür hinter sich zu; dann standen sie einander
+gegenüber. Aber die Küchentür öffnete sich wieder und die Nordlandköchin
+guckte heraus und lächelte dem Vierschrötigen zu. Kallem ahnte ein süßes
+Geheimnis. "Ist das _Dein_ Mann?" -- "Ja, seit'n Sommer." Der Bursche sah
+wie ein Seemann aus. "Ist Herr Kule zu sprechen?" Der Vierschrötige
+setzte eine feierliche Miene auf; er wollte hineingehen und fragen. Er
+blieb lange fort, Kallem hörte, daß drinnen unterhandelt wurde. Bald
+vernahm er Kules schleppende Stimme, bald die knappen, trockenen, in
+Trondhjemer Dialekt gesprochenen Worte des andern, beides gedämpft.
+Inzwischen erzählte Oline, ihr Mann sei ursprünglich Seminarist gewesen,
+habe das Steuermannsexamen gemacht, spräche Spanisch und sei Kules
+Sekretär und Bevollmächtigter. Dann erzählte sie, daß "die Kinderchens"
+im Westland in Frau Rendalens Pensionat seien, d. h. es gehöre jetzt
+nicht mehr Frau Rendalen, sondern dem Sohn, "dem Herrn, der auch mal bei
+uns gewohnt hat". Und plötzlich fragte sie: "Na, und die gnäd'ge Frau?
+Was macht denn die gnäd'ge Frau? So haben Sie sich doch noch gekriegt,
+wa--as? Das wird aber eine Freude werden!" Jetzt öffnete sich die Tür,
+der Vierschrötige stellte sich draußen auf, und Kallem ging an ihm
+vorbei zu Kule hinein.
+
+Kule saß in demselben plumpen Rollstuhl mit demselben Brett vor den
+Beinen; dieselben spanischen Bilder an der Wand; dieselben Möbel, nur
+daß sie einen andern verblichenen Überzug hatten. Nur kein Flügel und
+kein Kinderspielzeug.
+
+Kule selber war grau und bedeutend dicker geworden. Die "Flossen" lagen
+auf den Armlehnen, wie gewöhnlich; eine riesige Tabakspfeife stand
+unbenutzt daneben.
+
+Kallem nannte seinen Namen; Kule antwortete nicht. Aber eine kleine
+Bewegung der gesunden Hand und ein paar heisere stöhnende Laute deuteten
+an, daß die Wogen in ihm hoch gingen.
+
+Auch Kallem mußte sich zusammennehmen, damit er ruhig bleibe. Um die
+Qual abzukürzen, sagte er sofort, Herr Kule wisse vielleicht nicht, daß
+sie Nachbarn seien. -- Doch, das wisse er. -- "Das hätte ich nicht
+gedacht," erwiderte Kallem und ließ den Ton seiner Worte erklären, was
+er damit meine. Kule schwieg.
+
+"-- Sie werden hier wohnen bleiben?"
+
+"Ja."
+
+Kallem blickte in das blinde Gesicht; es war kalt und verschlossen. Er
+fühlte, es war unmöglich, auch nur einen Funken Mitleid mit Ragni darin
+zu erwecken. Ein entsetzlicher Widerwille packte ihn. "Dann habe ich
+nichts weiter zu sagen!" sprach er und erhob sich.
+
+Die Küchentür stand halboffen. "Bitte, auch 'n schönen Gruß an die
+Gnä--di--ge!"
+
+Erst draußen erinnerte sich Kallem seiner ursprünglichen Absicht; aber
+diese neue Roheit Kules befreite ihn davon. Also -- fortan war er ihr
+Nachbar. So hieß es eben versuchen, die eigene Vergangenheit zu tragen,
+wie andere auch.
+
+Er wanderte zur Stadt hinaus; er hatte nicht den Mut, sogleich nach Haus
+zu gehen. Schlechtigkeit ertrug sie nicht -- in keiner Form. Er mußte
+erst überlegen, wie er es ihr beibringen sollte.
+
+Ragni war im Studierzimmer und hatte schon längst die Lampe angezündet,
+als er heimkam. Sie las ihr Urteil sogleich auf seinem Gesicht -- ja,
+sie hatte es schon an seinem Schritt gehört. Sie sank in einen Sessel,
+und ihr war, als sei von nun an alle Freude dahin.
+
+Er versuchte, ihr klarzumachen, daß sie, eben weil sie schuldlos war,
+nichts zu fürchten brauche. Sie schüttelte nur den Kopf. Das war es ja
+nicht. Nein, die Schlechtigkeit war es, _die_ konnte sie nicht ertragen,
+die Kälte. Und sie erinnerte ihn an das, was er selber an Kristen
+Larssens Grab gesagt hatte.
+
+Aber sie könnten sich doch nicht mit Kristen Larssen vergleichen? Sie
+hätten doch vieles, was Wärme gab. Freilich -- aber der gute Ruf! "Wenn
+sie mir den nehmen, nehmen sie mir auch alle Wärme!" Und nach einer
+Pause fuhr sie fort: "Das ist -- die Kälte!" Sie weinte nicht, wie sie
+es sonst so leicht tat.
+
+"Dann ziehen wir fort!" rief Kallem.
+
+Als wenn sie das schon lang erwogen hätte, antwortete sie: "Wo gibt es
+einen Arzt, der so reich wäre, daß er alles, was Du hier hineingesteckt
+hast, kaufen könnte? Und Deine Arbeit? Für die Du lebst, die Dich
+glücklich macht? Nein, Edvard!" -- "Aber wenn Du unglücklich bist, kann
+ich nichts mehr leisten." Und er küßte sie. Sie antwortete nicht. "Woran
+denkst Du?" -- "Ich glaube doch, daß Du's kannst." -- "Was?" -- "Ohne
+mich arbeiten und glücklich werden!" erwiderte sie und brach in Tränen
+aus. Er zog sie dicht an sich und wartete; sie mußte ja fühlen, daß sie
+ihm wehgetan hatte. "Eigentlich passe ich nicht zu Dir!" -- "Aber
+Ragni!" -- "Ja, als Dein guter Kamerad -- der beste, den Du auf Erden
+hast! Wenn ich es doch lange sein dürfte!" --
+
+Sie schmiegte sich eng an ihn, als wolle sie ihm das Siegel des
+Schweigens auf den Mund drücken.
+
+
+10
+
+Am nächsten Tag war Nebel. Obwohl Ragni gut und traumlos geschlafen
+hatte, war ihr doch der Kopf schwer. Sie ging umher und sah alles nur in
+dem kalten Licht von gestern; nirgends mehr ein Glanz über den Dingen.
+Erst wollte sie gar nicht in die Küche hinaus; sie bildete sich ein, man
+könne von dort das Haus sehen, in dem Kule wohnte. Schließlich wurde ihr
+das aber doch zweifelhaft, und sie getraute sich hinaus; nein, es war
+nicht zu sehen. Dann wagte sie nicht ihre Morgenrunde durch den Garten
+zu machen; er konnte ja vielleicht gerade vorüberfahren. Endlich setzte
+sie sich an den Flügel, stand aber wieder auf, ohne gespielt zu haben.
+Sie schrieb einen Brief an Karl; sie war ihm auf zwei Briefe Antwort
+schuldig, und irgend etwas mußte sie ja vornehmen. Sie schrieb -- aus
+ihrer Stimmung heraus -- Schlechtigkeit in jeder Form, wie Lüge, Verrat,
+Hinterlist, herrschsüchtige Verfolgung, Tücke, Betrug -- sei _Todeskälte_.
+Die sei es, gegen die wir kämpften. Leben sei Wärme. Manche Menschen
+seien mehr anfällig für Erkältungen als andere, gerade wie der eine
+empfänglich sei für Tuberkulose und der andere nicht; und sie sei
+sicher eine von jenen Unglücklichen. Von frühster Kindheit an habe sie
+den Hauch der Kälte gespürt, und zuletzt würde wohl dieser kalte Strom
+stärker werden als die Wärme, die sie ihm als Widerstand
+entgegenzusetzen vermöge; das sei die ganze Frage.
+
+Der Brief war nicht lang; denn während sie so an ihre Kindheit dachte
+und an das, was sie später durchgemacht hatte bis zu ihrer Verheiratung
+mit Kule, kam ihr die Lust, es aufzuschreiben, um es gelegentlich einmal
+in Kallems treues Gedächtnis niederzulegen. Mündlich erzählen konnte sie
+es nicht; aber es aufschreiben --ja, jetzt konnte sie es. Auch trieb sie
+eine unbestimmte Furcht, und noch am selben Tage fing sie an.
+
+Sie bot ihre ganze Kraft auf, um ruhig und gefaßt zu sein, als Kallem
+nach Hause kam. Er sah sie forschend an, war aber selbst in größter
+Spannung -- einer ganz anderen, neuen Sache wegen. Er wollte eine
+Operation vornehmen, an deren Gelingen die beiden anderen Ärzte und noch
+ein dritter, der von weither geholt worden war, Zweifel hegten.
+
+Einer der angesehensten Männer der Umgegend, Oberst Bajer, litt seit
+etwa einem Monat an Magenhautentzündung mit Anzeichen von Septichämie.
+Doktor Arentz war sein Hausarzt und behandelte ihn in der üblichen Weise
+mit Wasserumschlägen und Opium. Aber die Krankheit wurde bedenklich und
+Arentz riet, Kallem zu Rate zu ziehen. Die Frau des Obersten widersetzte
+sich -- nicht gerade, weil sie eine eifrige Christin war, sondern weil
+ihr Kallem an sich unsympathisch war. Sie war ein gutes, warmherziges
+Wesen, aber hysterisch, und solche Menschen ergreifen leicht Partei für
+oder wider. Pastor Tuft hatte sie einmal gerettet; sie war krank gewesen
+an Schwäche, nichts wollte helfen, bis er gekommen war und ihren Willen
+durch den Glauben gestärkt hatte -- eine Tatsache, die niemand
+bestreiten konnte; seitdem schwärmte sie für ihn.
+
+Der Arzt des Nachbarbezirks und Doktor Kent wurden zugezogen; aber beide
+waren ehrlich genug, einzugestehen, daß nichts mehr zu machen sei; der
+Oberst sei ein Todeskandidat und eine Operation unmöglich.
+
+Jetzt siegte die Liebe zum Gatten über allen Widerwillen; sie ließ
+anspannen und fuhr selbst zu Kallem, der sich sofort und unbedingt
+bereit erklärte, die Operation vorzunehmen. Ohne sich von den
+Einwendungen der andern abhalten zu lassen, öffnete er die Bauchhöhle
+und fand Eiter; dann öffnete er den Dickdarm. Besonders da die andern
+abgeraten hatten, erforderte dies Ereignis seine ganze Charakterstärke.
+Der Oberst war als Ehrenmann bekannt, in Stadt und Land nahm man Anteil,
+und der Zustand der Frau war derartig, daß sie wahnsinnig werden mußte,
+wenn der Mann starb. Ihre Abneigung gegen Kallem schlug in unbegrenztes
+Vertrauen um; es war, als habe seine Nähe sie magnetisiert. Alles das
+erfüllte Kallem mit tiefer Besorgnis.
+
+Nun hatte Ragni an anderes zu denken als an sich selbst; denn sie sah,
+welche Seelenqual das Gefühl der Verantwortung unmittelbar vor der
+Operation und mehr noch in den Tagen nachher in ihm erregte. In solchen
+Zeiten hielt sie mit seltener Kunst alles Kleinliche von ihm fern,
+ermutigte ihn, heiterte ihn auf, lebte überhaupt ausschließlich für ihn.
+Einem solchen Mann etwas sein zu können -- das war "Wärme" genug!
+
+Der Oberst erholte sich; Kallem war bei übersprudelnder Laune. Ragni
+spielte wieder, nahm ihre übrigen Arbeiten wieder auf, ja, sie wagte
+sich sogar in den Garten und ließ die Augen zu dem Haus oben
+hinüberschweifen. Sie hörte den Wagen vorbeirollen, ohne mehr als
+höchstens ein ganz klein bißchen zu zittern; sie wurde von der
+Nordlandsköchin, die mit ihrem Korb auf den Markt ging, angesprochen,
+und obgleich sie dabei ein Gefühl hatte, als werde sie von einer
+Schlange gebissen, starb sie doch nicht daran. Es kam sogar der Tag, da
+sie mit ihr plaudern konnte, zuletzt konnte sie sogar jeden Morgen ihr
+Kommen abwarten, ohne davonzulaufen. Das geschah nicht etwa aus Mut --
+beileibe nicht -- aber es geschah; und sie fühlte sich wohl dabei.
+
+Das Wetter schlug um und kehrte seine allerrauhste Seite hervor. Die
+Blätter stoben im Nordwind, die Erde war festgefroren und jeden Morgen
+mit Reif bedeckt. Die Öfen zogen, daß es nur so krachte, und ihr
+Prasseln wetteiferte mit dem Wagengerassel, das draußen über den hohlen
+Boden zog. Jeden Tag fragte man sich, ob man nicht die Doppelfenster
+einsetzen und die Verandatür schließen solle. Und jeden Tag schob man es
+wieder auf; wer weiß -- vielleicht kamen noch schöne Tage!
+
+Eines Tages brachte die Post Ragni Briefe aus Amerika, aus Nordland und
+aus Berlin; einer war von Karl. Sie hatte alle geöffnet, aber keinen
+gelesen; es war zu vielerlei zu tun, damit das Haus für den Winter in
+Ordnung komme. Den Brief der Schwester las sie aber doch am Nachmittag;
+und er machte sie betrübt; der Schwester ging es nicht gut. Ragni dachte
+daran, sie zu sich zu nehmen. Die letzten zwei oder drei Briefe von Karl
+hatten stark nach Heimweh geschmeckt; er war schwermütig, und sie hatte
+deshalb nicht sonderliche Lust, seinen neuesten Brief zu lesen. Sie war
+gerade mitten in einem amerikanischen Roman, einem der besten von
+Howell; es war ein tiefeindringendes, spannendes Seelengemälde; und so
+nahm sie zuerst ihr Buch vor, als sie sich gegen Abend ins Studierzimmer
+setzte. Aber etwas in der Erzählung erinnerte sie an Karl; sie legte das
+Buch weg und nahm seinen Brief vor. Wie immer, ganze Bogen, auch recht
+interessant, aber der Ton geradezu seelisch krank. Als sie an den
+letzten Bogen kam, sah sie darüber in roter Tinte die Worte: "_Bitte
+allein lesen_!"
+
+Er schrieb: "Seit ich Ihren Brief über die 'Kälte der Schlechtigkeit'
+erhalten habe, war ich in Zweifel, ob ich Ihnen sagen solle, daß ich es
+sogleich verstanden habe. Ich habe schon längst gewußt, was man von uns
+gesagt hat. Solch eine rohe Verleumdung! Das war es, was mich diesen
+Sommer beinahe zum Wahnsinn getrieben hat, als ich es -- kurz vor
+unserer Trennung --erfuhr. Ist es nicht furchtbar? Damals dachte ich,
+es könne überhaupt nichts mehr kommen, was mich noch tiefer treffen
+könnte; aber nun ist doch noch etwas gekommen: auch _Sie_ haben es
+erfahren! Denn natürlich ist das der Sinn ihres Briefes.
+
+Wochenlang habe ich hin- und hergesonnen. Aber um meinet- und um
+Ihretwillen ist es besser, wenn wir davon sprechen. Lassen Sie Kallem
+nichts davon erfahren! Ich schäme mich so entsetzlich -- ich bin so
+unglücklich -- ach, wenn Sie wüßten, wie unglücklich ich bin! -- Aber
+ihm wollen wir es ersparen!
+
+Darum schreib' ich das auf einen besonderen Bogen; ich werd' es fortan
+immer so machen. Auch des andern wegen, das nun kommt, Sie Liebe,
+Liebste!
+
+Von der ersten Zeit an, als Sie so gut zu mir waren, hab' ich Sie
+unendlich lieb gehabt. Ich hätte nie gedacht, daß ich Sie oder überhaupt
+einen Menschen noch lieber haben könnte. Jetzt aber sind wir in dieser
+Schmach und diesem Schmerz gleichsam miteinander verschmolzen; wir beide
+sind die einzigen, die darum wissen; und jetzt, -- Gott ist mein Zeuge!
+-- lebe und leide und arbeite ich nur noch in Gedanken an Sie! Immer
+sind Sie um mich -- vom Morgen bis zum Abend und bis in den Traum meiner
+Nächte!
+
+Ich liebe, liebe, liebe Sie! Ich schreib' es -- unter Tränen. Ich liebe
+Sie -- ich liebe Sie -- ich liebe Sie!
+
+Vielleicht erschreckt Sie das Wort, erschreckt Sie mehr als das andere,
+das es heraufbeschworen hat! Aber wenn Sie wüßten, welch eine Wonne es
+für mich ist, es bloß niederschreiben zu dürfen, bloß zu wissen, daß Sie
+es lesen! Sie sind so gut -- Sie wissen, welch grenzenlose Ehrfurcht ich
+vor Ihnen habe -- -- --"
+
+Als Kallem um acht Uhr nach Hause kam, stand der Abendtisch im Eßzimmer
+gedeckt; im Studierzimmer war geheizt und die Lampe angezündet; aber
+beide Zimmer waren leer; in der Wohnstube war es dunkel. Sigrid brachte
+den Tee und berichtete, Frau Doktor seien zu Bett gegangen. -- "Zu Bett?
+Fehlt ihr etwas?" -- "Ich glaube, sie war nur müde."
+
+Kallem eilte sofort hinauf. Es war dunkel; doch im Mondschein sah er
+einen Arm im weißen Nachthemd sich ihm entgegenstrecken. "Verzeih!"
+sagte sie. "Ich war so müde; und dann hatte ich auch einen Brief von
+meiner Schwester, der mich traurig gemacht hat. Nein, mach' kein Licht,
+bitte! Es ist so schön so!" -- Was für ein frischer, gesunder Duft von
+ihm ausströmte! Wie voll Kraft seine Stimme klang, während er
+antwortete: "Von Deiner Schwester?" -- "Ja, sie fühlt sich unglücklich
+da oben." -- "Wie wär's, wenn wir sie zu uns nähmen?" -- "Ich wollte
+Dich eben darum bitten. Wie gut Du bist!" -- Sie weinte. -- "Aber
+Schatz, warum weinst Du denn? Glaub' mir, der einzige Grund, weshalb ich
+das nicht schon lange vorgeschlagen habe, war Dein Wunsch, wir sollten
+allein sein miteinander." --"Ja, das ist ja auch das Allerschönste! Aber
+wenn nun eins von uns krank wird?" -- "Dummes Zeug! Wir werden nicht
+krank! Du bist doch so wohl jetzt! Die Stirn ist ein bißchen warm! Laß
+mal Deinen Puls fühlen! Na ja, ein bißchen Ruhe hast Du nötig, weiter
+nichts. Es war ganz richtig, daß Du zu Bett gegangen bist. Ich gehe
+jetzt hinunter und esse; ich habe einen Bärenhunger. Dann hast Du Ruhe.
+Karl hat geschrieben?" -- "Ja. Der Brief liegt auf Deinem Schreibtisch."
+-- "Schön! Ich werd' ihn beim Essen lesen. Nachher hab' ich noch viel zu
+tun. Gutnacht, Kleines!" -- Er küßte sie; Ragni schlang beide Arme um
+seinen Hals, zog seinen Kopf dichter zu sich heran und küßte ihn. "Du
+herrlicher Mensch!"
+
+Er ging. Sie hörte seine raschen Schritte auf der Treppe und unten im
+Korridor, hörte, wie er die Tür öffnete und hinter sich schloß.
+
+Wieder dieser Schmerz in der Brust, den sein Kommen gemildert, sein
+Schritt verscheucht hatte! Etwas Schweres, Entsetzliches -- nie wieder
+würde sie es los werden -- und dabei fror sie so. Die Kälte, die Kälte,
+die Kälte -- jetzt war sie ihr bis ins Innerste gedrungen. Jetzt begriff
+sie -- zu Eis erstarrend -- weshalb der "Walfisch" gekommen war und
+sich in das kleine Haus nebenan gewälzt hatte und nicht wieder hinaus
+wollte. Jetzt wußte sie, weshalb die andern das zugegeben hatten.
+
+"Gott, ach Gott -- wie hat das nur kommen können? Was hab' ich denn
+getan?" klagte sie und verkroch sich vor sich selber. Wie ein Flüstern
+durch Meeresbrandung tönten Karls Liebesworte hindurch. Armer Junge! Da
+lag sie -- im Dunkeln -- damit keiner sie sah --damit sie nachdenken
+konnte. Was sollte sie tun? Den letzten Bogen hatte sie herausgenommen.
+Sollte sie ihn Kallem zeigen?
+
+Als Kallem nach zwölf Uhr heraufkam, um zu Bett zu gehen, war sie über
+all ihren traurigen Erwägungen eingeschlafen. Er steckte hinter ihr das
+Licht an, sah ihr ins Gesicht, horchte auf ihren Atem. Sie schlief
+--unschuldig -- mit offenem Mund.
+
+Am nächsten Vormittag wanderte sie auf der Südseite des Hauses umher,
+auf und ab, auf und ab, noch immer gleich verstört, gleich ratlos. Es
+hatte geschneit, zum erstenmal dieses Jahr; der Schnee war schon halb
+wieder geschmolzen. Über den Bergkämmen lag dichter Nebel, so dicht, daß
+er aussah wie festes Land, trotzig, undurchdringlich -- ein Land, das an
+die Berge grenzte und sich über den ganzen Horizont erstreckte. Das
+seltsame Land sandte eine lange Zunge hernieder nach dem Wald -- wie das
+äußerste Züngeln eines Geheimnisses. Sie fror. Weit konnte sie nicht
+gehen, ohne daß der Schutz des Hauses aufhörte und man sie vom Weg aus
+sehen konnte; und heut ertrug sie es nicht, daß man sie sah; vielleicht
+nie wieder.
+
+Welch ein kindischer Wettkampf das war zwischen den Baumarten da
+draußen, rings um die Gehöfte! Am fernsten von den Häusern Nadelwald;
+bei trübem Wetter war er fast schwarz. Mehr in der Nähe mischte Laubholz
+sich dazwischen, langhalsige Espen, verrenkte Birken, die lichtgelb aus
+dem Dunkel leuchteten; noch näher Eberesche und Faulbaum, blutrot;
+dazwischen Ahorn und anderes; von flachsweißen bis rotgoldnen. Hohe
+Erlen und Espen, die zu alt waren, um überhaupt noch Laub zu treiben,
+ragten mit nackten Zweigen über der Farbenpracht der andern empor gleich
+blaugrauem Rauch.
+
+Sie stampfte mit den Füßen, die gar nicht warm werden wollten, die nicht
+wußten, ob vorwärts oder rückwärts, weil sie selber nicht wußte, wohin.
+Wenn Kallem es erführe -- was dann? Und wenn er es nicht erführe?
+
+Die Wiesen waren von schwarzerdigem, gepflügtem Ackerland
+durchschnitten. Dazwischen mattgrüne, mit Wintersaat bestellte
+Roggenfelder und stoppelige Kleeäcker. Aber dort -- weit hinter den
+Häusern -- mißvergnügte, graue Erdflecken, die man überhaupt nicht
+beachtete, außer, wenn es sich darum handelte, sie zu plündern; nur zu
+viele solcher gab es hier zu Lande.
+
+Juanita? Wie kam das Kind auf einmal mitten in das Herbstbild? Diese
+frischeste, lebendigste Erinnerung an den ersten Frühling? Ach, hier
+draußen wachte die Sehnsucht nach den Kindern auf! Jetzt wußte sie, daß
+er nicht war, wo die Kinder waren; jetzt konnte sie zu Rendalens reisen
+und die Kinder sehen!
+
+Solange sie auf der Reise war, brauchte sie auch nicht zu entscheiden,
+was das Richtige sei; und sie bedurfte dringend des Aufschubs. Nur ein
+kurzer Brief an Karl Meek, daß er vorläufig nicht mehr schreiben solle;
+sie werde ihm später vielleicht Nachricht zukommen lassen. Ob sie die
+paar Worte telegraphierte? Nicht von hier aus! Aber auf der Stelle
+abreisen und von unterwegs telegraphieren.
+
+Ein Vorsatz, ein inneres Geheiß, so stark, als habe sie überhaupt weiter
+nichts mehr zu tun als noch einmal die Kinder zu sehen, stieg in ihr
+auf. Als Kallem etwas später nach Hause kam, wanderte sie im Zimmer auf
+und ab, um sich warme Füße zu machen, und sagte ihm selber, sie _müsse_
+die Kinder sehen. Er empfing den unfehlbaren Eindruck, daß die
+Erinnerung an ihr Zusammenleben mit Kule in Sehnsucht nach den Kindern
+umgeschlagen sei. Das war ganz natürlich. "Reise nur gleich!" sagte er;
+"später wird es zu kalt." Damit meinte er freilich nicht, daß es gerade
+heut noch sein sollte; aber sie wollte es so, und am Nachmittag brachte
+er sie zur Bahn.
+
+Gleich nach ihrer Ankunft bei Rendalens kam ein verzweifelter Brief: das
+Wiedersehen mit den Kindern war grausam gewesen. Sie hatten sie nicht
+wiedererkannt! Und auch sie die Kinder nicht. Äußerst wohlerzogene
+Kinder, gewiß! Aber nicht ihrer Schwester Kinder! Nicht verwandt mit ihr
+selber. Nur mit ihm! -- Sein Blut war stärker als ihres. Große, dicke
+Kinder, die sie ansahen, als begriffen sie nicht, was sie wolle. Und
+dazu diese vielen fremden Menschen, die sie beständig beobachteten! Am
+liebsten wäre sie gleich wieder heimgereist, wenn sie nicht so erkältet
+gewesen wäre. --Ein späterer Brief lautete ein bißchen lebensfroher.
+Nicht daß sie zufriedener gewesen wäre mit den Kindern; die waren noch
+gerade so fremd und "materiell"; sooft sie die Kinder mit sich auf ihr
+Zimmer nahm, um mit ihnen zu plaudern oder ihnen vorzuspielen, fühlte
+sie, daß sie sie nur aufhielt. Aber das Zusammensein mit den prächtigen
+Menschen in und außerhalb der Schule machte ihr Freude; "hätten wir doch
+etwas Ähnliches!" seufzte sie.
+
+Auch von Rendalen erhielt Kallem einen Brief, der in schwungvollen
+Worten ausdrückte, wie sich die ganze Kolonie freue, Ragni in ihrer
+Mitte zu haben. Er übermittelte die "einstimmige Bitte", sie ihnen doch
+noch eine Zeitlang zu lassen; sie sei auch müde von der Reise und nicht
+ganz wohl; die Ruhe scheine ihr gut zu tun.
+
+So blieb sie acht Tage und noch einmal acht Tage fort. Mittags an einem
+kalten Wintertag kam sie zurück, blaß, noch immer erkältet, ängstlich,
+unfähig, zu sagen, wie fürchterlich es ihr war, wieder unter Menschen zu
+kommen, die sie für eine ehrlose Frau hielten. Kallem erschrak über ihr
+Erkältetsein und ihr schlechtes Aussehen; ihr Wiedersehen war kein
+frohes Wiederfinden, sondern eine besorgte Untersuchung ihrer Brust und
+ein bißchen mattes Erzählen; sie war müde und verlangte ins Bett.
+
+Kallem fragte, ob Karl geschrieben habe; hierher sei kein Brief von ihm
+gekommen. -- Nein, sie habe auch keinen erhalten. -- Ob sie denn nicht
+geschrieben habe? -- Nein. Karl habe eine Vertraulichkeit gezeigt, die
+ihr nicht gefiele. -- Es waren schon oft kleine Reibereien zwischen den
+beiden vorgekommen, von denen er erst später gehört hatte; und da sie
+ihn nicht ansah, fühlte er, daß er nicht fragen dürfe.
+
+Mehrere Tage hütete sie das Bett. Ein leidiger trockener Husten wollte
+nicht weichen; sonst waren keinerlei besorgniserregende Indizien
+vorhanden. Als sie wieder aufstand, kam sie ihm merkwürdig mager vor;
+das Gesicht hatte einen matten kränklichen Zug; unter den Augen lagen
+dunkle Ringe. Sie sehnte sich hinaus --in die frische Luft. Aber sie
+weigerte sich auf das bestimmteste, außerhalb des Gartens spazieren zu
+gehen. Erst behauptete sie, das sei langweilig; als er sie aus dieser
+Stellung vertrieb, verschanzte sie sich hinter eine stärkere: sie fing
+zu weinen an. Er hielt das für ein verdächtiges Zeichen; sie war am Ende
+gar schwanger? In dieser Hoffnung gab er sich zufrieden und wartete. Sie
+machte ihre Spaziergänge im Garten und erzählte es ihm voll Stolz; aber
+daß sie fast immer nur in der Dämmerung ging, das verschwieg sie. Nach
+und nach fand sie selber, daß ihr besser war; und er fand das auch.
+
+So verging eine Zeit. Er wartete auf das, was er so gern gehört hätte,
+glaubte da und dort Anzeichen zu bemerken; zwischendurch aber ängstigte
+es ihn, daß sie immer magerer zu werden schien; er konnte sie auch nicht
+zum Essen bewegen. Eines Abends, als er fort gewesen, war sie wie
+gewöhnlich draußen in der Dämmerung spazieren gegangen und hatte nachher
+Schüttelfrost und Beklemmungen. Als Kallem zu Bett ging, schlief sie;
+aber ihr Husten weckte ihn. Er machte Licht und sah, daß sie die Hand
+gegen die Brust preßte. "Tut das weh?" -- "Ja." -- "Wo?" -- "Hier!"
+--Und sie zeigte auf das rechte Schlüsselbein. -- "Hast Du Stiche da,
+wenn Du hustest?" -- "Ja." -- Im selben Augenblick hatte sie einen
+heftigen Hustenanfall. Er stand auf, zog sich an, legte im Ofen nach,
+klingelte und schickte das Mädchen nach der Apotheke. Unterdessen
+untersuchte er sie und fragte sie dabei aus. Er hörte von dem
+Schüttelfrost gestern Abend, und wie sie ihre Spaziergänge am liebsten
+in der Dämmerung mache. "In der Dämmerung!" rief er; mehr war nicht
+nötig; sie versteckte ihren Kopf in den Kissen. -- Das möge sie doch in
+Zukunft gefälligst bleiben lassen! Und vorläufig müsse sie das Bett
+hüten, und zwar mehrere Tage. Das Senfpflaster auf der Brust war ihr
+unangenehm, mit den Hustenpillen hatte er mehr Glück. Er verbarg seine
+Besorgnis hinter allerhand Scherz und Zärtlichkeit; und wirklich -- nach
+ein paar Tagen war sie wieder so wohl, als er kaum zu hoffen gewagt
+hatte! Auch ganz gehorsam war sie geworden; vierzehn Tage lang hielt sie
+sich still im Zimmer. Der Husten kam seltener; die einzelnen heftigen
+Anfälle stachen zwar in der Brust; aber sonst fühlte sie sich ganz wohl;
+nur ungeheuer matt und kurzatmig, so daß sie nicht einmal mehr Lust
+hatte zu spielen.
+
+Im Garten wurde ein Weg für sie gebahnt, und zum erstenmal ging sie --
+mit Kallem -- wieder bei Tag aus, kehrte aber gleich wieder ins Haus
+zurück. Erst ängstigte ihn das, ängstigte ihn merkwürdig; aber aus ihrer
+Art und Weise schloß er, daß es nur Laune sei. Sie fühlte sich indessen
+matter, als sie gestehen wollte. Am Tag darauf versuchte sie es mit
+Sigrid. Aber nach den ersten Schritten versagte ihr der Atem; sie mußte
+ausruhen, und bat Sigrid, nichts zu sagen; es werde schon vorübergehen,
+wenn sie "mehr trainierte". Das Wetter wurde milder; über Mittag waren
+sogar ein paar Grad Wärme. Sie fühlte sich wohler und konnte länger
+gehen; Kallem freute sich, als er eines Tages sah, daß sie das Klavier
+öffnete. -- --
+
+Eines Abends erschien Sören Pedersen; bleich --allein -- beides äußerst
+ungewöhnlich. Was war denn los? Kristen Larssen ginge um! Kallem brach
+in schallendes Gelächter aus. Sören verzog keine Miene: Kristen Larssen
+ginge, wahrhaftigen Gott, um! Im letzten Jahr seines Lebens hatte er nie
+mehr Geige gespielt; er hatte seine Geige Aune gegeben. Aber jetzt
+spiele er Geige in seinem alten Haus. -- Ob denn niemand drin wohne? --
+Nein. Das Haus sei abgeschlossen; aber er spiele darin! Mehrere hatten
+es gleichzeitig gehört; nicht der leiseste Zweifel sei möglich. -- Ach
+was -- da habe sich einfach irgendein Schelm eingeschlichen! Wer den
+Schlüssel habe? --Der Neffe seiner Frau. -- "Wer ist das?" -- "Aune!"
+--"Na, siehst Du wohl!" -- "Aune hat ja aber selber das ganze Haus mit
+durchsucht; und Aune hat am meisten Angst von uns allen!" -- Ein
+Mädchen, die ein krankes Kind hatte -- Kallem kannte sie, er war ihr
+Arzt --hatte eines Nachts Kristen Larssen an der Hauswand entlang
+schleichen sehen. Seitdem hatten noch mehrere ihn gesehen. "Zweifeln tat
+keiner daran!" schloß Sören. Wie wollte der Herr Doktor denn das
+erklären, daß Frau Bajer, die Frau des Obersten, eines Tags zu ihnen in
+ihren Tapezierladen gekommen sei, und ihnen erzählt habe, sie habe
+geträumt, Kristen Larssen sitze in einer langen Stube zwischen vielen
+großen, gelehrten Männern, die alle buchstabieren lernten? Sie hatte
+sich gedrungen gefühlt, Sören Pedersen, den Kristen Larssen ja doch
+verführt hatte, das zu erzählen. "Und denken Sie sich, Herr Doktor,
+gerade in der Nacht vorher haben wir beide, Aase und ich, geträumt, die
+Frau Oberst komme zu uns in den Laden!"
+
+"Ich will Ihnen etwas ebenso Merkwürdiges erzählen, Pedersen. Am ersten
+Tag, als meine Frau und ich hier in der Stadt waren, begegneten wir
+Maurer Andersen, Karl Meek, Kristen Larssen, Sigrid, Ihnen und Ihrer
+Frau -- alles im Lauf einer Viertelstunde!" Pedersen rollte seine
+Kugelaugen, ohne zu verstehen. Daran war doch weiter nichts Besonderes?
+-- "Nein, denn auf die hundert anderen, denen wir begegneten, gaben wir
+gar nicht acht. Genau so wie Sie, Sören Pedersen, nicht acht geben auf
+die Hunderte, von denen Sie und Aase träumen, -- wenn Sie sie nicht
+gerade tags darauf in Ihrem Laden sehen!"
+
+Sören Pedersen war aber nicht überzeugt.
+
+Der Aberglaube lag nun einmal in der Luft. Einer steckte den andern an;
+bald sprach die ganze Stadt von nichts weiter; besonders, nachdem sich
+auch der Pastor in die Sache gemischt hatte. Seit dem Frühjahr hatte er
+allein gehaust mit seiner Mutter -- Frau und Sohn waren erst kürzlich
+wiedergekommen -- und in dieser ganzen Zeit hatte seine Lehre zugenommen
+an Strenge, -- in der letzten Zeit mit einem Gepräge von Leidenschaft,
+das Unheil prophezeite. Jetzt verkündete er im Betsaal, jeder Gläubige
+wisse ganz wohl, daß Geister unter uns lebten und wirkten, und daß viele
+nach dem Tode den Weg der Ruhelosen wanderten; das seien erwiesene
+Tatsachen, die sich als Mahnung von Geschlecht zu Geschlecht
+wiederholten.
+
+Als Kallem davon hörte, machte er ernst mit einem Gedanken, den er schon
+längst gehabt hatte -- nämlich: sich Aunes zu bemächtigen. Aune hatte
+gar keine Lust und war erfinderisch genug, ihm immer wieder zu
+entschlüpfen; er besaß eine große Überredungsgabe, mit der er auch
+Kallem oft zum Besten gehabt hatte; aber jetzt mußte er heran! Die Frau
+war vollkommen einverstanden, und in ihrer Gegenwart nahm Kallem ihn
+eines Sonntag vormittags im Krankenhause vor -- zunächst wegen des
+Trinkens, dann aber vor allem, um Licht in die Spukgeschichte zu
+bringen, die natürlich kein anderer als dieser Erzschelm selbst in Szene
+gesetzt hatte. Und so war es auch! Jetzt kam aber die Schwierigkeit:
+wurde das bekannt, so war Aune zugrunde gerichtet. Das war der Frau
+sofort klar, und sie bat für ihn. Darum ließ sich nichts anderes tun in
+der Sache, als es ihm zu verbieten und zu schweigen.
+
+Natürlich hinderte das Kallem nicht, auf seiner Vormittagsrunde Doktor
+Kent, der so wenig an den Spuk glaubte, wie er selbst, zu erzählen, man
+wisse jetzt, wer die ganze Geschichte mit Kristen Larssen in Szene
+gesetzt habe; den Namen dürfe man nicht nennen; aber das Ganze sei ein
+abgekartetes Spiel. Kent, der bei einem Kranken Josefine traf und wußte,
+daß nichts ihr willkommener war als eine Nachricht von ihrem Bruder,
+wiederholte ihr Kallems Worte. Beim Mittagessen erzählte der kleine
+Edvard, der täglich von diesen Spukgeschichten voll war, jetzt hätten
+auch zwei Jungens Kristen Larssen gesehen, Aunes Junge und der Sohn des
+Laienpredigers. Edvard funkelte vor Eifer. Da erklärte die Mutter ihm
+kurz und bestimmt, das sei ein Betrug; einer der Ärzte aus der Stadt
+wisse, von wem der Betrug herrühre; es gebe keinen Kristen Larssen, der
+umgehe.
+
+Als der Junge sich entfernt hatte, sagte der Pastor, er finde ihr
+Benehmen rücksichtslos. "Wieso rücksichtslos?" -- "Nun, daß _Du_ dem
+Jungen das sagst; Du hast doch gehört, daß er sich gleich dahinter
+verschanzte, _ich_ glaubte auch an Gespenster!" Des Pastors Ton war nicht
+überlegen, nicht einmal vorwurfsvoll; sie fühlte, er hatte recht, und
+antwortete darum nicht. Aber es wirkte nach, und eine Weile darauf stand
+sie im Studierzimmer.
+
+"Ich habe über das nachgedacht, was Du vorhin sagtest." Er lag auf dem
+Sofa und rauchte, erhob sich aber, um Platz zu machen. Es tat ihm wohl,
+daß sie zu ihm hereinkam. Aber sie blieb stehen. "Soll etwas, das Du dem
+Jungen einmal gesagt hast, für ihn eine Wahrheit sein, auch wenn es
+nicht wahr ist?" -- "Nein. Aber Du könntest es mir überlassen, es zu
+berichtigen!" -- "Und wer sagt mir, daß Du es berichtigen willst?"
+--"Was soll das heißen?" -- "Das soll heißen, daß Du dem Jungen
+fortwährend Dinge beibringst, an die Du selber unmöglich glauben
+kannst." -- "Was für Dinge?" --Er wurde rot; denn er begriff, jetzt kam
+es zu einer Abrechnung. -- "Ich habe in der letzten Zeit oft daran
+gedacht, mit Dir darüber zu reden," sagte sie, "und nun soll es einmal
+geschehen. Du selbst glaubst nicht daran, daß die Welt vor etwa
+sechstausend Jahren in sechs Tagen geschaffen worden ist, oder daß die
+Sagen von den ersten Menschen und den Patriarchen etwas anderes seien
+als Sagen, nicht wahr? Ebenso die ganze Geschichte vom Paradies. Erde
+und Menschen können nicht gleich von Anfang an vollkommen gewesen sein.
+Aber die Kinder lehrst Du das, und in der letzten Zeit auch Edvard." --
+
+Er schritt im Zimmer auf und ab; sie stand zwischen den beiden Türen,
+die zum Flur und zum Wohnzimmer führten. So oft er sich ihr näherte,
+schaute er sie mit einem starken, ja mächtigen Blick an; so sieht ein
+schlechtes Gewissen nicht aus; das fühlte sie. Und um ihr zu zeigen, in
+welchem Geist hier verhandelt werden mußte, blieb er stehen und sagte
+ruhig: "Wollen wir uns nicht setzen, Josefine?" -- "Nein", erwiderte
+sie. "Ich würde ja doch gleich wieder aufstehen!"
+
+"Das, was Du Sage nennst," sagte er, "trägt in sich die ewige Wahrheit,
+daß Gott alles und alle geschaffen hat, und daß die Sünde ein Abfall von
+ihm ist." --"Weshalb es nicht so lehren, anstatt in unwahren Bildern?"
+-- "Kinder fassen es am besten in Bildern, Josefine." -- "Dann sage
+ihnen, daß es nur Märchen sind." -- "Darauf kommt es nicht an." --
+"Gewiß kommt es darauf an, daß die Kinder ewige Wahrheiten nicht in
+unwahren Bildern lernen, meine ich!" -- Er sah, wie leidenschaftlich sie
+die Sache nahm, und warnte sie; sie müßten ohne Leidenschaft darüber
+reden können. "Nein", sagte sie, "das kann ich nicht. Denn Du mußt
+wissen -- es geht um die Zukunft unseres Kindes --und um Deine und
+meine!" Und sie trat an den Schreibtisch, wie um ihm näher zu kommen,
+vielleicht auch, um sich zu stützen.
+
+Aber er ließ sich nicht beirren. "Wärst Du selber so durchdrungen von
+jener ewigen Wahrheit, die Du im Munde führst, Josefine, -- kämpftest Du
+nur um sie, so wäre all dies für Dich etwas ganz Untergeordnetes. Das,
+was wir an Stelle des Alten setzen könnten, ist ja auch nichts Sicheres;
+wir wissen, so, wie das ehrwürdige Buch es berichtet, kann es schwerlich
+zugegangen sein; aber wir wissen auch nicht, wie es in Wirklichkeit
+gewesen ist. Bloß das wissen wir: von Gott stammt unser Leben, in Gott
+sind wir glücklich -- im übrigen laß Kinder und Erwachsene die ersten
+Vorgänge auffassen nach der Väter Weise -- bis auf weiteres." Die
+ehrliche Kraft der Überzeugung lag in seinen Worten, und sie verfehlten
+ihre Wirkung nicht. Darum schwieg sie lange. Dann aber brach plötzlich
+etwas anderes hervor. "Weißt Du, daß -- ohne die grenzenlose
+Verschandelung meines Verstandes und Willens in meiner Kindheit auch ich
+anders geworden wäre, als ich jetzt bin?" -- "Ja," sagte er kalt, "wie
+ich höre, hast Du es in der letzten Zeit so weit gebracht, den Glauben
+für das Unglück Deines Lebens zu halten!" -- "Das hab' ich nie gesagt!"
+fuhr sie auf und wurde sehr blaß. "Und auch niemals gemeint!" Ruhiger
+fügte sie hinzu: "Den Glauben an Gott und die Erlösung durch Jesus hab'
+ich niemals als Zwang an meinem Verstand empfunden. Niemals!" --
+"Wirklich? Das ist ja schön!" sagte er, seufzte aber gleich darauf tief.
+-- "Gut! Wenn Du mich nicht anhören willst," sagte sie, "so will ich
+mich kurz fassen. Entweder Du hörst auf, dem Jungen Märchen zu erzählen,
+die nicht unschuldig sind, wenn sie seinen Kinderverstand einengen
+können; oder ich halte Dich nicht mehr für vollkommen gewissenhaft,
+Ole!"
+
+Es war nicht das erste Mal, daß sie harte Worte brauchte; sie hatten
+lange und schwere Kämpfe miteinander gehabt. Aber nie hatte sie so hart
+gesprochen, niemals seinen Glauben angegriffen. Sie hatte ihr Recht
+verteidigt, so zu sein, wie sie war, wenn auch mit heftigen Ausfällen
+gegen die Art, wie er war; sie war seinen Herausforderungen mit
+schneidiger Waffe begegnet; aber niemals, bis zu diesem Augenblick,
+hatte sie etwas derartiges gesagt oder Bedingungen gestellt. Er hatte
+schon ziemlich lange das drückende Gefühl gehabt, daß sich in ihr etwas
+zusammenzog; aber ihr fest gewappneter Vorsatz -- von solchem Zorn,
+solchem Willen getragen --! So standen sie sich gegenüber, Aug' in Auge;
+und wollten die Tiefe ihres Willens aneinander messen. Auch in ihm
+kochte es auf zu gewaltigem Zorn, und um von vornherein jede falsche
+Hoffnung abzuschneiden, sagte er: "Der Junge bleibt bei mir!" -- "Bei
+Dir?" -- Sie wurde aschfahl. "Hast _Du_ ein größeres Anrecht an ihn als
+ich? Bist _Du_ seine Mutter?" -- "Ich bin sein Vater. Bibel und Gesetz
+machen den Vater zum Eigentümer des Kindes."
+
+Jetzt begann sie auf- und abzugehen; aber nur zwischen Fenster und Tür,
+wie zwischen den Stäben eines Käfigs. Ihre Brust wogte; ihr Atem ging
+hörbar; ihre Gesichtsfarbe, ihre Augen, ihre Stimme verrieten, in welch
+furchtbarer Aufregung sie war. Sie hatte nie geglaubt, daß er zu so
+etwas imstande sei. -- "Schämst Du Dich nicht? Du wolltest den Jungen
+behalten?" -- "Das will ich, so wahr Gott es mir gebietet! Du sollst
+unsern Jungen nicht verderben." -- "Ihn verderben? Ich? Das ist zu viel!
+Jetzt sollst Du die Wahrheit hören! Von Kindheit an hast Du Macht über
+mich gewonnen -- _dadurch_! Hast Macht gewonnen über meinen Verstand durch
+Deinen unerschütterlichen Glauben, ohne daß ich es merkte, weil Du gut
+warst und Dich hingabst. Und damit hast Du meine Natur verpfuscht -- ja,
+das hast Du! -- denn ich war anders geartet. Du hast meinem Leben Bahn
+und Ziel gewiesen, ich merkte es selber nicht. Ich sag' es, wie es ist;
+ich messe Dir keine Schuld bei. Aber Du sollst wissen, weshalb Du nicht
+auch Macht gewinnen darfst über mein Kind! Das darfst Du nicht --
+solange noch ein Funken Leben in mir ist -- trotz Gesetz und Bibel!
+Jetzt weißt Du's --und Du wirst es sehen!"
+
+Hätte sie geahnt, daß er schon lange, lange darauf gewartet hatte, sie
+möge ihm einmal so gegenüberstehen, sie hätte es sich erspart, mit
+solch sprühender Leidenschaftlichkeit zu reden. Er selber war vollkommen
+Herr seiner Gefühle. "Ja, Deine göttlichen Gefühle hab' ich auf Abwege
+geleitet -- das weiß ich längst. Ich hab' es getan durch den Glauben,
+der nicht der Deine wurde. Das hab' ich gewußt, mein Kind, noch ehe Du
+wegreistest!" Er sagte es breit und sicher. -- "Nun, also dann weißt Du
+es!" schrie sie mit derselben funkelnden Leidenschaft. "So weißt Du es!
+Dein Glaube ist niemals der meine geworden! Er paßte mir nicht! Aber
+auch zu keinem andern Glauben bin ich gekommen. Immer dachte ich, es sei
+Sünde, daß ich nicht glauben konnte wie Du! Es lag wie ein Stein auf
+mir, daß ich nicht alle meine Kräfte aufwenden konnte für etwas, das
+mein war! Darum bin ich nicht geworden wie andere. Alles war
+verpfuscht!" -- "Und was hätte denn aus Dir werden sollen, wie?" -- "Oh
+-- wenn Du gleich das Tollste wissen willst -- Kunstreiterin!"
+antwortete sie, ohne mit der Wimper zu zucken. Er blieb stehen; er
+traute seinen Ohren und Augen nicht. "Kunstreiterin!" Er lachte
+höhnisch. "Wahrlich -- ein großer Verlust für die Welt und für Dich, daß
+Du das nicht geworden bist, Josefine!" -- "Das wußt' ich, daß Du so
+denken würdest. Aber wenn es mein Los gewesen wäre, einen Zirkus zu
+leiten, so hätt' ich Hunderten Brot und Tausenden ein gesundes Vergnügen
+verschafft. Das ist gar nicht so wenig, Du -- das ist mehr, als die
+meisten Menschen leisten! Und was hab' ich so geleistet? Mit was für
+Kleinkram hab' ich mich beschäftigt? Was hab' ich erreicht? Daß ich nahe
+daran bin, Dich und mich zu verachten! Was ist aus unserm Leben, was ist
+aus unserer Ehe geworden? Kannst Du ehrlich behaupten, Du fühltest noch
+Liebe zu mir? Kann ich behaupten, ich hätte Dich noch lieb?" -- "Nein,
+Josefine -- wen Du lieb hast, das wissen wir beide!"--Wenn er sie
+geschlagen hätte, wie ihr Bruder, sie hätte nicht rasender sein können;
+erstens weil es überhaupt ausgesprochen wurde -- sie wußte ja kaum, daß
+man wagen konnte, es zu denken -- und dann, weil der Mann es aussprach,
+der ihrem Bruder und ihr alles verdankte, was er war, und der trotzdem
+Schuld daran trug, daß die Geschwister entzweit waren. "Allerdings -- _er_
+hat, was Du nicht hast!" antwortete sie, um ihn so recht empfindlich zu
+verletzen. "Im übrigen ist es erbärmlich von Dir, so etwas zu sagen." --
+"So? Glaubst Du, ich wüßte nicht, daß es seine Schuld ist, wenn ich Dich
+verloren habe, Dich und meinen häuslichen Frieden und dadurch die
+Freudigkeit für meinen Beruf, und daß mir nun auch noch die Gefahr
+droht, mein Kind zu verlieren?"
+
+Seine Stimme zitterte; er hatte anfangs im Zorn gesprochen, doch der
+Zorn ging über in tiefes Leid, und der gleiche Vorgang war in ihr. Sie
+hätte am liebsten laut geweint. Doch keines wollte einem weicheren
+Gefühl nachgeben. Sie stand am Fenster und blickte hinaus. Er ging im
+Zimmer auf und ab. Ein langes, langes Schweigen. Und währenddessen
+gewann in ihr der Zorn wieder die Oberhand. Seine schweren Schritte
+klangen ihr voll Trotz; auch in dem Schweigen lag Trotz. Und das, was er
+vorhin gesagt hatte, war schändlich.
+
+"Also," sagte sie, ohne ihn anzusehen, "Du kennst nun die Bedingung.
+Solche Märchen, wie die Spukgeschichte von Kristen Larssen ... erzählst
+Du, und hast sie dabei nicht einmal untersucht. Und genau so ist es mit
+den Märchen vom Paradiese, an die glaubst Du nicht einmal und erzählst
+sie doch. Kann ich Achtung haben vor so etwas? Da ist mein Bruder doch
+ein anderer Mensch! Der ist doch aufrichtig. Kommst Du meinem Jungen
+noch weiterhin mit solchen Märchen, ohne ihm zu sagen, daß es Märchen
+sind," -- und jetzt wandte sie sich um -- "so ist es aus mit uns beiden,
+Ole! Bei Gott, es ist aus! Niemals wird es Dir gelingen, ihn mir
+wegzunehmen durch so etwas!" Sie trat auf ihn zu. "Darin gebe ich nie
+und nimmer nach, Ole!" Sie ging.
+
+ * * * * *
+
+Am selben Sonntag und zur selben Zeit kam Kallem nach Hause zum
+Mittagessen, das bei ihm etwas später lag als bei seinem Schwager.
+
+Schon durch die Küchentür sah er Ragni in einer großen Schürze, die bis
+unters Kinn reichte, am Küchentisch stehen und Gemüse putzen. Er legte
+im Flur ab und ging zu ihr hinein; in letzter Zeit war in ihm eine
+stetig wachsende Angst, die er ihr jedoch verbarg. War es die weiße
+Schürze, die einen so bleichen Schein über sie warf, oder der Dampf von
+Sigrids Braten -- Ragni sah entsetzlich schlecht aus. Und sie hatte
+sicher geweint! Das schnitt ihm ins Herz. Sie sah nicht von ihrer Arbeit
+auf, sondern sagte: "Wir haben einen Gast zu Tisch." --"So?" -- "Ja,
+Otto Meek, Karls Vater, ist heut Vormittag dagewesen und kommt zum
+Essen." -- "Wie geht's denn Karl?" -- "Nicht gut. Da kommt ja Herr
+Meek." Der große Kopf in der Pelzmütze tauchte jenseits des Zaunes auf;
+jetzt trat Meek in den Garten; und Kallem ging ihm entgegen. Früher, als
+Meek noch praktizierte, hatte auch er sich besonders mit
+Brustkrankheiten befaßt, die in dieser Gegend des Landes nur allzu
+verbreitet waren, und er verfolgte Kallems Arbeit am Krankenhaus und
+seine Schriften mit reger Teilnahme; Kallem freute sich über sein
+Kommen. Während er ihm half, den Überzieher abzulegen, sagte er, Ragni
+habe ihm erzählt, es ginge Karl nicht gut. "Nein, es geht ihm nicht
+gut." -- "Was ist es denn?" --"Ja, deshalb bin ich gerade gekommen,"
+erwiderte Meek. -- "Haben Sie mit meiner Frau darüber gesprochen?" --
+"Ja." Sie gingen beide ins Zimmer. Es war warm und gemütlich drin; der
+Flügel stand offen. Hatte sie gespielt, als Meek gekommen war? Dann
+konnte es ihr nicht so schlecht gehen, wie es aussah; er brannte darauf,
+sie zu untersuchen.
+
+Meek war heute noch schwerfälliger und schweigsamer als gewöhnlich.
+"Na," sagte Kallem, "haben Sie sich über Karl geeinigt, Sie und meine
+Frau?" -- Meek sah ein bißchen verwundert auf. "Sie meinen, daß man ihm
+schreiben soll?" -- "Na ja, das auch. Es hat natürlich -- wie schon oft
+-- eine kleine Reiberei gegeben?" -- "Ja", antwortete Meek und schwieg
+dann wieder. --"Sie denken wohl, ich wüßte etwas davon? Nein, mein
+Bester, keinen Schimmer!" Meek schien immer nachdenklicher zu werden.
+"Ich habe Ihrer Frau gesagt, sie müsse es Ihnen sagen. Es ist ja schön
+von ihr, daß sie es nicht getan hat. Aber die Sache fängt an, eine
+gefährliche Wendung zu nehmen." Seine schwermütigen Augen blickten in
+Kallems Augen. -- "Gefährlich, sagen Sie?" -- "Ja. Ich muß ihn nach
+Hause kommen lassen." -- Kallem sprang von seinem Stuhl auf; Meek fuhr
+fort: "Es hat gar keinen Zweck, daß er dort ist." --"Aber, mein Gott,
+was ist denn los? Wollen Sie, daß wir es wieder mit ihm versuchen?" --
+Kallem dachte, der Junge habe möglicherweise einen Rückfall gehabt. Meek
+sah ihn forschend, beinah erschrocken an. "Wie geht es eigentlich Ihrer
+Frau?" Kallem wurde rot; das traf wie ein Schuß mitten in seine
+heimliche Angst. "Sie hat sich eine häßliche Erkältung zugezogen, die
+nicht weichen will; ich habe eine Zeitlang geglaubt, ... Wissen Sie was?
+Könnten Sie sie nicht einmal untersuchen?" Sein Zweifel war zur
+Gewißheit geworden; sein Herz schlug so, daß er selber sie nicht hätte
+untersuchen können. Meek sah ihn noch immer an; und Kallems Angst wurde
+immer größer. "Ich bitte Sie, wollen Sie sie nicht untersuchen?" --
+"Doch, natürlich. Sie haben es in der letzten Zeit nicht getan?" --"In
+der allerletzten Zeit nicht. Ich wollte sie nicht ängstigen. Ihre
+Phantasie bemächtigt sich gleich der Sache, und das ist bei ihr
+furchtbar gefährlich. Außerdem war da noch etwas anderes ... Aber jetzt
+werd' ich --" Er wollte hinausgehen und sie holen. "Haben Sie ihren
+Vater gekannt?" fragte Meek. Kallem überlief es kalt. "Haben _Sie_ ...?"
+-- "Ja. Ich war Fischerarzt dort oben." -- "_War er_ --?" fragte Kallem
+atemlos, und verschluckte den Schluß. Meek nickte bloß. Kallem griff
+sich mit beiden Händen an den Kopf, eilte nach der Tür, und kam wieder
+zurück: "Wollen Sie jetzt gleich, auf der Stelle, sie untersuchen, ja?"
+-- "Wie Sie wünschen." -- Kallem führte sie behutsam herein, ohne daß
+sie erst hatte die Schürze abbinden können; sanft zog er sie ans
+Fenster. Ja, sie hatte geweint. Und diese Ringe um die Augen, die
+Magerkeit, die Farbe --! Sie sah sein Entsetzen und deutete es falsch.
+Draußen in der Küche hatte sie gedacht: jetzt sprechen sie von Karl.
+Jetzt erfährt Kallem, was geschehen ist, und warum ich keine Briefe mehr
+von ihm haben will. Als sie nun Kallems Aufregung sah, dachte sie: ist
+er böse, weil ich nichts gesagt habe? Das konnte sie nicht ertragen; ihr
+wurde kalt und heiß. -- "Liebe, liebste Ragni, darf Doktor Meek nicht
+mal Deine Brust untersuchen?" Also das war es --! Sie erschrak aufs
+heftigste und sah ihn wie ein wundes Tier an, das um Schonung fleht.
+Aber er bat wieder und begann behutsam ihr die große Schürze abzubinden;
+und gehorsam wie sie war, fügte sie sich.
+
+Gleich an der ganzen Art, wie und wo Meek innehielt und wieder horchte,
+merkte Kallem, daß da etwas Entsetzliches über sie beide hereingebrochen
+war. Ihre verängstigten Blicke suchten die Augen des Gatten und
+vermehrten seinen eigenen Schmerz -- ahnte sie es selbst? Oder war es
+ein Vorwurf, daß er einen andern das tun ließ?
+
+Jetzt lag der große Kopf an ihrem Rücken. An der rechten Seite -- da ...
+Verdichtung in der Lungenspitze? Kavernen im Gewebe? Er dachte sich das
+Schlimmste -- und sie auch; das sah er. Wußte sie vielleicht mehr, als
+sie hatte sagen wollen? Verheimlichte sie ihm etwas, ebenso wie er seine
+Furcht verheimlichte? O Gott, so kummervoll fragend sucht kein Auge das
+andere, es sei denn in Todesangst! Auch ihn packte sie.
+
+"Haben Sie in der letzten Zeit außergewöhnlich viel gehustet?" Sie
+schien unsicher, was sie antworten solle, und blickte flehend auf
+Kallem. Ihre Hände zitterten, und sie wollte es verbergen; Meek sah es.
+"Fühlen Sie sich sehr matt, wenn Sie spazieren gehen?" fragte er. Wieder
+blickte sie verzweifelt auf Kallem, als wolle sie ihn dafür um
+Verzeihung bitten. "Kommen Sie leicht außer Atem?" fuhr der andere fort.
+-- "Ja." -- "Fühlen Sie sich manchmal sehr entkräftet, -- fast als ob
+Sie ohnmächtig werden wollten?" In schrecklicher Angst sah sie jetzt
+Kallem an. -- "Sind Sie etwa schon in Ohnmacht gefallen?" -- "Ja." --
+"Ist das wahr?" rief Kallem. -- "Ja, heute", sagte sie hastig, mit
+zitternder Stimme. -- "Nachdem ich mit Ihnen gesprochen hatte?" -- "Ja.
+Ich wollte gern ein bißchen frische Luft schöpfen, und ..." Bei diesen
+Worten brachen die Tränen hervor.
+
+Meek wartete eine Weile. "Wenn Sie husten, --haben Sie dann Schmerzen
+hier?" er zeigte auf das rechte Schlüsselbein. Sie nickte. "Haben Sie
+jemals Ihren Auswurf angesehen?" Sie antwortete nicht. "Haben Sie ihn
+nie angesehen?" -- "Doch, gestern Abend." -- "Nun, und -- ?" Sie schwieg
+und starrte zu Boden. -- "War Blut darin?" -- Sie nickte; die Tränen
+liefen ihr über die Wangen; sie wagte nicht mehr aufzusehen.
+
+Kallem stand da, unfähig zu sprechen. Meek fragte nicht weiter. Ragni
+ordnete ihre Toilette. Meek reichte ihr stillschweigend ein Tuch, das
+sie abgenommen hatte, als die Untersuchung begann. Und während sie
+hilflos dasaß und es wieder umzubinden versuchte, schien Kallem etwas
+einzufallen, was er im Arbeitszimmer holen mußte. Er kam nicht wieder.
+Sie wußte weshalb; und eine Weile zweifelte sie, ob sie überhaupt
+aufstehen könne, und hatte ein Gefühl, als würde sie wieder ohnmächtig
+werden; aber der Gedanke an ihn, der da drin in seinem Studierzimmer
+saß, überwand die Ohnmachtsanwandlung; sie wollte zu ihm. Sie bat Meek
+um Entschuldigung, stand auf, ging auf die Eßzimmertür zu und
+verschwand. Auch sie kam nicht wieder.
+
+Meek wartete eine Weile, wartete lang und länger. Dann ging er auf den
+Flur, zog seinen Mantel an, rief zur Küchentür hinein, er müsse gehen,
+und bat, die Herrschaften zu grüßen.
+
+Sigrid suchte sie in der Wohnstube, klopfte an die Tür des
+Arbeitszimmers, -- keine Antwort. Sie horchte und öffnete schließlich.
+Kallem lag auf dem Sofa; Ragni kniete, an ihn gelehnt, vor ihm. Leise
+meldete Sigrid, das Essen sei fertig, und Doktor Meek sei fortgegangen.
+Keines antwortete; keines blickte auf.
+
+Edvard und Ragni hatten bis jetzt geglaubt, der Tag, an dem Ragni nach
+Amerika gereist, sei der schwerste ihres Lebens gewesen; brieflich und
+mündlich hatten sie einander gesagt, das sei ein Gefühl gewesen, als
+müßten sie sterben. Aber der Tod ist noch anders; er gleicht nichts
+sonst auf der Welt. Das erfuhren sie jetzt. --
+
+Auf diesen Tag folgte eine lange Zeit voll Kampf ohne Hoffnung, voll
+Verzweiflung ohne Worte, voll innigster Liebe ohne Freude. Ragni hatte
+allerlei zu "ordnen", womit sie in der Stille anfing. Sie hatte auch
+verschiedenes zu schreiben, und so oft sie nur irgend konnte, machte sie
+sich daran, schrieb, strich aus, -- nach langer Arbeit wurde das Ganze
+nur kurz. Aber so lange sie mit dem beschäftigt war, was sie sich zu
+erledigen vorgenommen hatte, ging es ihr leidlich. Kallem war ganz
+erstaunt.
+
+Er selbst hatte allen Mut verloren. Er sah das Schlimmste kommen. Am
+längsten sträubte er sich, ihren Auswurf zu untersuchen; ... er wußte im
+voraus, daß er den Tuberkelbazillus darin finden würde, den Feind, zu
+dessen Bekämpfung er Vermögen und Leben eingesetzt hatte. Nun war er vom
+Feind in seinem eigenen Hause besiegt worden. Aber eines Tages mußte er
+doch darangehen; und er fand ihn. Er rannte nicht im Laboratorium auf
+und ab, er weinte nicht, er rang nicht die Hände. Er versuchte nur, ob
+er ohne sie denken könne; aber immer dachte er nur an sie. Von der
+ersten Stunde ihrer Begegnung an -- all die kleinen Züge, die
+unbedeutendsten Beweise ihrer Anmut und Begabung, ihre Schwächen ebenso
+wie ihre schweigende, poetische Liebe -- alles durchlebte er noch einmal
+mit der gleichen Wonne, dem gleichen Schmerz; alles war ihm gleich lieb,
+gleich unentbehrlich; unzählige Begebenheiten voll Humor, Wärme, Furcht,
+Schönheitssinn, Hingebung an den Augenblick -- alle sahen sie ihn an wie
+Augen. Wo sollte er hin? Was sollte er weiter? Sie war ja auch in all
+seinen Arbeiten. Ihr Bild aus dem dritten Jahr in Amerika stand drüben
+auf dem Kaminsims; es war seinerzeit gekommen als erster Abdruck dessen,
+was ihr geistiges Entwicklungsleben in Gesicht und Augen
+hineinmodelliert hatte, eine wundervolle Bestätigung dessen, was er
+geahnt hatte, als er sie hinüberschickte. Aus dem Bild heraus suchten
+ihre Augen wie immer die seinen; dieses Lächeln ihrer Augen war ihm in
+der Wartezeit wie eine Verheißung alles Guten gewesen! Und was war es
+ihm eben dadurch nicht alles gewesen! Jetzt strömten wieder die
+Erinnerungen herbei an ihr erstes Wiedersehen, an die ersten Worte, die
+erste Verlegenheit über das Fremde, das hinzugekommen war, das erste
+ganze, volle Wiedererkennen, die erste Umarmung ...
+
+Und das nur, um zu sagen, daß nun alles zu Ende gehe! Auch alles, was er
+im Zusammenleben mit ihr gedacht und getan hatte, seine Freude daran,
+seine Kraft, sein Glaube. Was in aller Welt war nur geschehen? Er mußte
+wirklich einmal mit ihr darüber sprechen. Da war etwas, was sie ihm
+verheimlichte. Eine Unvorsichtigkeit, die sie nicht einzugestehen wagte?
+Was konnte es sein? Aber in sie dringen mochte er nicht.
+
+Dann, eines Tages, als er nach Hause kam, fand er sie nicht unten. Und
+als er hinaufkam, lag sie im Bett! Sie streckte ihre Hand aus -- wie
+mager die geworden war! -- und richtete die großen Augen mit einem
+matten, halbverschleierten Ausdruck auf ihn: "Ich hab' mich ein bißchen
+hingelegt", flüsterte sie; "bloß auf einen Augenblick!" Sie sah nicht
+einmal so schlecht aus, vielleicht weil sie lag. Er setzte sich an ihr
+Bett und hielt ihre lange, magere Hand zwischen seinen beiden Händen.
+
+"Hinter all dem", begann er vorsichtig, "steckt etwas, in das ich nicht
+eingeweiht bin. Einmal war ich auf vollständig falscher Fährte; aber
+auch später ist es schneller gegangen, als ich begreife -- einfach, weil
+ich nicht wachsam genug gewesen bin. Da steckt etwas dahinter,
+irgendeine große, vielleicht wiederholte Unvorsichtigkeit, die ich nicht
+mit in Rechnung gezogen habe. Schatz, sag' es mir jetzt; sonst hab' ich
+keine Ruhe."
+
+"Ich will es Dir sagen. Ich habe es mir eben überlegt. Drunten in meinem
+Schreibtisch sind ein paar Papiere, im ersten Fach links; die sind alle
+für Dich. Die sollst Du lesen, wenn --" sie unterbrach sich selbst.
+"Später!" fügte sie hinzu und drückte schwach seine Hand. --"Also jetzt
+soll ich es nicht erfahren:" -- "Doch, das, wonach Du fragst, gewiß. Ich
+kam nur nicht so weit." Sie bat ihn, sie etwas anders zu legen, und er
+half ihr. --"Doch, Du sollst es wissen. Nur Dir zuliebe habe ich es
+verheimlicht," -- ihre Augen füllten sich mit Tränen, -- "Du, mein ..."
+Wieder ein leiser Händedruck und ein Lächeln. Er trocknete ihre Tränen
+mit seinem Taschentuch ab und wischte sich heimlich die Augen hinter der
+Brille. Sie lag und sah ihn an, ohne zu sprechen; hatte sie es vergessen
+oder überlegte sie? Er beugte sich über sie: "Nun --?" fragte er;
+"willst Du es mir nicht sagen?" -- "Doch! Das, was zu oberst liegt, von
+Karls Hand, das kannst Du gleich lesen. Das andere nicht." -- "Steht es
+denn in Karls Brief?" Sie nickte. "Der Schlüssel?" flüsterte er. "Der
+steckt", antwortete sie, ohne die Augen zu öffnen, und ließ seine Hand
+los.
+
+Er ging hinunter, öffnete das Fach und nahm den Brief heraus, den wir
+kennen; dann setzte er sich hin, um ihn gründlich zu lesen.
+
+Sein Entsetzen! Und seine Empörung, -- und seine Ohnmacht! Und davon
+hatte er nichts erfahren, als es noch Zeit war! Er lief wie ein Rasender
+auf und ab; dann setzte er sich aufs neue hin, wie gelähmt. Er faßte
+Entschlüsse und verwarf sie wieder! Vor alle Welt wollte er hintreten
+und ihnen zurufen, es sei eine Lüge! In den Betsaal wollte er
+einbrechen, wenn er gesteckt voll war, auf die Kanzel steigen und sie
+des feigsten, erbärmlichsten Mordes anklagen! ... Und dann wieder fiel
+ihm ein, daß Ragni, selbst wenn sie ganz gesund gewesen, an so etwas
+gestorben wäre.
+
+Er selbst lebte nur dafür, den Menschen so viel Gutes zu erweisen, wie
+er nur konnte; und nicht ein einziger unter ihnen war ehrlich genug, war
+dankbar genug oder auch nur empört genug, ihm zu sagen, daß er wachen
+müsse über seinem und seiner Frau guten Namen, über der Ehre seiner Ehe!
+So viel träge Verantwortungslosigkeit! So viel Raum für
+Splitterrichterei und Bosheit in dieser "christlichen" Gesellschaft!
+Jetzt verstand er seine Schwester! Diese Verleumdung hatte sie geglaubt!
+Das also war es, worüber sie mit ihm hatte reden wollen an jenem Abend,
+als sie auf ihn gewartet! Und aus Empörung über das, was sie so steif
+und fest glaubte -- was trauen die Menschen einem Freidenker nicht alles
+zu? -- hatte sie ihnen den "Walfisch" auf den Hals geschickt! Alle, die
+nicht fünfe gerade sein ließen, glaubten daran, alle verurteilten,
+niemand erhob Einspruch, niemand kam!
+
+Das also hatte nun Ragni von ihrer Herzensgüte gegen Karl! Sie war um so
+uneigennütziger gewesen, als sie anfangs und auch später noch oft nur
+mit Überwindung ihrer eigensten Natur darangegangen war; erst jetzt,
+hinterher, hatte er das erfahren. Er kannte kein lieberes Geschöpf als
+sie! Und ihr großes, warmes Gemüt, das sollten diese ...! Diese
+Schurken, diese gewissenlosen Zionswächter, diese psalmodierenden
+Egoisten und herzenskalten Gebetmacher! Er las Karls Brief noch einmal;
+Karl tat ihm so herzlich leid. Armer, armer Junge! Natürlich hatte die
+Liebe in ihm erwachen müssen! Welcher brave Kerl würde nicht ein Wesen
+anbeten, dem die Menschen um seinetwillen so schweres Unrecht antaten?
+Da mußte ja die Dankbarkeit und Bewunderung des Jungen zuletzt zu Liebe
+werden! Sowie Karl zurückkehrte, sollte er zu ihnen kommen! Ganz sicher!
+Und hier sollte er bleiben, bis sie ihren letzten Atemzug getan hatte!
+Und _seinen_ Arm wollte er nehmen, seinen und keinen andern ... an jenem
+furchtbaren Tag ... hinter ihrem Sarg ...! Er warf sich aufs Sofa und
+schrie laut auf.
+
+Vielleicht war er zu sehr von seinen eigenen Interessen eingenommen
+gewesen; er hätte mehr mit Menschen umgehen, hätte sie unter Menschen
+bringen sollen; dann wäre das nie geschehen. Keiner, der einen tieferen
+Eindruck von ihrer reinen Seelengüte empfangen hätte, würde gewagt haben
+... obgleich -- wer weiß? Dogmenblinde Gewohnheitstiere sehen nicht.
+
+Sigrid kam gerannt: der Frau Doktor sei wieder schlecht geworden; ein
+Hustenanfall. In neun, zehn Sätzen nahm er Zimmer, Flur und Treppen; der
+Anfall war vorüber, als er kam; sie lag da, in Schweiß wie gebadet, so
+matt, so hinfällig, daß sie jeden Augenblick ohnmächtig werden konnte.
+Ihr Auswurf war grünlich, mit ziemlich viel Blut darin; er kannte das.
+Er erklärte es sich damit, daß er zu lange weggeblieben war; ihre
+Spannung hatte sich gesteigert, sie war heiß geworden, hatte sich
+aufgedeckt ... Sie lag mit geschlossenen Augen da und er verhalf ihr zum
+Schlafen. Fortan verließ sie das Zimmer nicht mehr.
+
+Von ihrem Bett ging er sogleich an seinen Schreibtisch, um Doktor Meek
+mitzuteilen, was geschehen war, und ohne sich auf weiteres einzulassen,
+schloß er: "Wenn Karl zurück ist, so sehen wir ihn wohl bald? Ich weiß
+jetzt alles."
+
+Dann ging er aus, um eine Pflegerin zu besorgen, und sowie er zurückkam,
+wieder zu ihr hinauf. Sie schien sich leichter zu fühlen und schlief;
+und als sie endlich aufwachte, war er das erste, was ihre Augen trafen.
+Er gab ihr zu trinken, liebkoste sie, und die Fragen in ihren Blicken
+erwiderte er mit Küssen auf ihre magere Hand, während es um seinen Mund
+zuckte und Tränen die Brillengläser benetzten.
+
+Aber sie redeten von ganz anderen Dingen: daß ihre Schwester nicht
+kommen könne, und daß er Sissel Aune zu Ragnis Pflege geholt habe; sie
+eigne sich von allen, die er kenne, am besten dazu und sei ihnen treu
+ergeben. Ragni nickte zustimmend. Und dabei sahen sie einander an, wie
+Menschen, die sich nicht satt aneinander sehen können. Und beide dachten
+an das, was sie nun beide wußten -- an die Ursache, weshalb sie jetzt so
+dalag. "Der arme Karl!" flüsterte sie. "Der arme Karl!" wiederholte er.
+
+Er mußte aufstehen und tat, als habe er unten etwas vergessen; irgendein
+Vorwand fand sich ja immer.
+
+Hätte er nur wenigstens mit ihr reden können! Aber er wagte es nicht. Er
+hatte auch keine Zeit, mit sich selber allein zu sein. Er machte nur die
+notwendigsten Besuche im Krankenhaus und schränkte seine Sprechstunden
+möglichst ein; von allem andern machte er sich völlig frei, um bei ihr
+sitzen zu können.
+
+Er hatte den Menschen sein Vermögen und seine Arbeit geopfert, und nun
+lohnten sie ihm damit, daß sie sein Lebensglück mordeten -- wie grausam
+fand er das! Was ist das für ein Maß, mit dem die Menschen messen, wenn
+nicht ein Blick auf Ragni ihnen sagt, daß sie das feinste, reinste
+kleine Wesen unter der Sonne ist? Das war und blieb ihm unfaßlich! Diese
+Blindheit empörte ihn immer wieder! Von denen, die er kannte, schloß er
+auf die andern: nichts als Mittelware, für gewöhnlich nicht uneben, aber
+selbstverständlich nie über die Grenzen hinaus! Alle gingen sie in die
+Kirche, viele noch obendrein in die Betstunde -- Pastor Tufts Leibgarde.
+Unter ihr hatte er auch mehrere ganz anständige, vorsichtige Menschen
+getroffen. Und trotzdem -- ebenso gewissenlos in ihrem Urteil, so
+liebevoll-grausam -- lauter makellose Mörder!
+
+Nicht einer, den er an der Gurgel packen konnte: "Du bist es! Du sollst
+mir Rede stehen!" Alle -- und keiner. Sanfte Mitwisser, liebenswürdige
+Mitschuldige. Eine war da -- die stand abseiten -- Josefine. Josefine
+hatte die Geschichte nicht aufgebracht; das war nicht ihre Art. Aber
+glauben, was einmal im Umlauf war, wenn es jemand galt, gegen den sie
+eingenommen war, --ja. Mit eisigem Schweigen ließ sie dann die andern
+bei ihrem häßlichen Glauben beharren -- oder schürte ihn noch gar. Wie
+sein Herz sich mit Erbitterung gegen sie füllte! Trotzdem sie sicher
+nicht der Urheber war --das wiederholte er sich wieder und wieder; sie
+hätte die Verleumdung gar nicht über ihre Lippen gebracht, dazu war sie
+zu vornehm, -- aber Josefine trug die Hauptverantwortung für diesen
+Mord! Er war überzeugt -- so wenig sie selbst Christin war -- die
+christliche Dogmensucht hatte sich auch in ihr beleidigt gefühlt durch
+die Ungläubigkeit eines kleinen Menschenwesens, -- sich beleidigt
+gefühlt, weil ein so schuldbeladenes Geschöpf es wagte, _ihren_ Glauben zu
+verwerfen. Daher jene merkwürdig peinliche "Gerechtigkeit", die so
+sicher und so wohlmeinend tötete.
+
+Aber so weit war er ihr verwandt, daß auch ihn jetzt die tiefsten
+Schauer der Rachsucht durchtobten. Auch er nannte sie "Gerechtigkeit";
+und auch er hatte keine Ahnung, daß er sich selbst belog. Wenn er bei
+Ragni saß, fühlte er nichts davon; ihre Nähe allein machte ihn gut. Bei
+ihr wurde er, wenn ihm solche Gedanken kamen, furchtbar aufgeregt,
+streichelte ihre Hand, strich ihr über die Stirn, sah ihr ins Auge,
+rückte ihr die Kissen zurecht -- bis er gehen mußte; denn sonst wäre er
+niedergekniet und hätte alle Selbstbeherrschung verloren.
+
+Da saß nun die stattliche Sissel Aune. Ihre dunkeln Augen wachten mit
+verständiger Ruhe und wandten sich zuweilen teilnahmsvoll ihm zu. In ihr
+hatte er alle die Menschen um sich, denen er etwas gewesen war, die ihm
+gern geholfen hätten, jetzt, wenn sie's nur gekonnt hätten. Aase und
+Sören Pedersen kamen jeden Morgen an die Küchentür geschlichen, um
+nachzufragen, wie es gehe; und je mehr die Kunde sich verbreitete,
+desto mehr Menschen kamen -- alle still und voll Teilnahme. Sigrid
+selber fiel es schwer, zu Ragni hinaufzugehen; sie mußte dann immer
+gleich weinen. Aber manchmal kam sie doch -- z. B. wenn Frau Oberst
+Bajer eine schöne Topfblume abgab, die sie den Winter über mit Liebe
+großgezogen hatte und der strengen Kälte wegen unter dem Mantel
+daherbrachte. Die mußte Sigrid doch ins Krankenzimmer hinauftragen und
+so stellen, daß Ragni sie sehen konnte. Ein Mädchen, deren Kind Kallem
+von schwerer Krankheit geheilt hatte -- dieselbe, die Kristen Larssen
+hatte spuken sehen -- und die ebenfalls einen Blumentopf besaß, einen
+einzigen, brachte ihn auch an, als sie von der Gabe der Oberstfrau
+hörte. Der Topf, in dem die Pflanze stand, war mehr als einfach; aber
+was tat's?
+
+Kallem hätte es ja sonst nicht ausgehalten.
+
+Eines Tags, als er vom Krankenhaus zurückkam, wo etwas Besonderes
+vorlag, und gedankenvoll durch den Flur ging, sah er fremde Reisekleider
+dort hängen. Bevor er selber ablegte, öffnete er die Wohnzimmertür. Am
+Verandafenster standen Otto und Karl Meek. Karl wandte sich zuerst um,
+ging auf Kallem zu und fiel ihm um den Hals. Er sah schlecht aus und
+hatte etwas Unruhiges, fast Verwirrtes. Sein langes Haar war ungepflegt,
+sein ovales Gesicht, schon an sich groß, schien noch größer geworden zu
+sein. Die Augen darin brannten schmachtend, mit einer Leidenschaft, wie
+sie Kallem nicht an ihm kannte. Und diese Augen ließen die seinen nicht
+los. Ein Flehen um Nachsicht war in ihnen, die Geschichte eines großen
+Schmerzes, der ihn verfolgte, wo er ging und stand. Karl konnte seine
+Bewegung nicht meistern, vermochte nicht ruhig zu sein; und als Kallem
+nun auch mit dem Vater reden mußte, fing er an, sich umzusehen, ging zum
+Flügel hin, strich mit der Hand über die Tische, betastete die Blumen,
+blätterte in den Noten, ging dann ins Eßzimmer, in die Studierstube.
+Dort blieb er lange -- allein. Dann ging er hinaus in die Küche, zu
+Sigrid, und blieb draußen. Kallem sah sich wiederholt nach ihm um;
+Doktor Meek bemerkte es und sagte: "Wir Meeks haben alle starke Gefühle.
+Wir haben versucht, sie zu zügeln; aber der dort kann seine nicht
+zügeln; sie werden bloß eingezwängt auf der einen Seite, um auf der
+andern wieder hervorzubrechen." Karl trat wieder ein; ganz verweint.
+Kallem wollte nicht, daß er so zu Ragni hinaufgehe; jedenfalls müsse er
+erst warten, bis er ruhiger geworden sei. Karl beteuerte, oben würde er
+sogleich ruhig werden; er bat inständig, man solle ihn hinauf lassen;
+umsonst. Er sollte sie heute überhaupt nicht mehr sehen. Der Abend war
+immer ihre schlimmste Zeit; sie durfte gar nicht einmal wissen, daß er
+überhaupt da sei.
+
+Am andern Vormittag, als sie zurecht gemacht war, teilte Kallem ihr mit,
+daß Doktor Meek in der Stadt und gestern Abend dagewesen sei, um sich
+nach ihr zu erkundigen. -- "Und Karl?" fragte sie. -- Ja, Karl sei auch
+mitgekommen. -- Eine Weile lag sie da, ohne etwas zu sagen. "Wenn unten
+gespielt wird, muß ich es hier hören!" -- "Ja, wenn die Tür offen ist;
+aber meinst Du wirklich ...?" Der Flur war warm und abgeschlossen; durch
+ihn wurden alle Räume oben gelüftet; also in der Beziehung stand nichts
+im Wege. "Glaubst Du wirklich, Du könntest Musik vertragen?" -- "Ich
+sehne mich nach Musik!" erwiderte sie. Sissel Aune sah den Doktor an;
+sie war augenscheinlich nicht dafür. "Karl darf Dich wohl nicht
+begrüßen, wie?" Ragni faltete den Zipfel des Leintuchs mit der einen
+Hand zusammen; in der andern hielt sie das Taschentuch. Sie antwortete
+nicht; es war ihr offenbar peinlich. "Aber Doktor Meek darf Dir doch
+guten Tag sagen?" -- "Muß es sein?" --Kallem wäre es lieb gewesen, wenn
+er sie gesehen hätte. Später kam Doktor Meek, und Kallem erzählte ihm
+alles. Karl bat voller Demut, ob er nicht -- hinter den andern -- an der
+Tür stehen dürfe. Er wolle kein Wort reden, sich nicht rühren, gleich
+wieder gehen. Kallem fühlte Mitleid mit ihm und mochte es ihm nicht
+abschlagen. Er ging erst zu Ragni hinein und meldete Doktor Meek; dann
+kam dieser; und sein breiter Rücken verdeckte Karl, der sich an der Tür
+aufstellte. Ragni lag mit dem Antlitz dem Licht abgekehrt, also nach der
+Tür zu. Sie sah Karl nicht, er aber sah einen flüchtigen Augenblick lang
+ihr abgemagertes, hohlwangiges Antlitz, die Fieberrosen, die trockenen
+Lippen; die Augen mit ihrem Glanz glichen einem langen Notschrei. Um den
+zehrenden Durst zu löschen, der sie Tag und Nacht quälte, trat auch
+Sissel ans Bett, halb vor sie hin und stützte und erquickte sie.
+
+Meek fragte nach diesem und jenem; sie antwortete zerstreut und spähte
+furchtsam nach beiden Seiten an ihm vorüber; ahnte sie, daß Karl da war?
+Nachher veränderte sie ihre Lage etwas und Sissel glitt wieder zur
+Seite; jetzt hätte sie Karl sehen müssen; aber er war schon fort.
+
+Sie fanden ihn nachher im Wohnzimmer, in sich verkrochen, verzweifelt.
+Aber er bat, man möge ihn dalassen, ihm sein altes Zimmer wieder geben;
+auch wenn er sie nicht wieder sehen dürfe -- er könne nicht fort von
+hier. Kallem wagte nicht, es ihm abzuschlagen; auch sein Vater schien es
+zu wünschen. Etwas an seinem ganzen Zustand ängstigte sie beide.
+
+Am nächsten Vormittag spielte Karl. Die Tür unten stand offen; Ragnis
+Tür war angelehnt; es klang gedämpft und schön. Er hatte im Spielen
+Fortschritte gemacht; das Stück kannte sie nicht, aber es ergriff sie.
+Sie bat, ihn zu grüßen und ihm ihren Dank zu bestellen. Später spielte
+er noch einmal, am nächsten Vormittag wieder. Schließlich erlaubte sie
+ihm, heraufzukommen und sie zu begrüßen. Karl versprach, ganz, ganz
+still zu sein und nur einen Augenblick zu bleiben. Schon im Flur ging er
+auf den Zehen und glitt wie ein Schatten ins Zimmer. Trotzdem kostete es
+ihn die größte Mühe, sich zu beherrschen. Aber sobald er unter der
+Gewalt ihrer Augen stand, wie in alten Tagen, empfand er, daß sie bang
+war vor ihm und es am liebsten gesehen hätte, wenn er gleich wieder
+gegangen wäre. Das drückte ihn nieder; er stand da wie eine zaghafte
+Bitte, bleiben zu dürfen. Sie fühlte die Veränderung, die in ihm
+vorging; Kallem nahm ihre Hand, und sie beruhigte sich. Je länger er so
+dastand, desto größeres Mitleid empfand sie mit ihm. Er hatte gelitten,
+er war ein guter Junge; sie versuchte zu lächeln, ja, sie streckte sogar
+ihre magere Hand aus. Karl sah Kallem an und nahm die Hand nicht, kam
+auch nicht näher; aber eine heiße Bewegung stieg in ihm auf, und wie um
+sie zu dämpfen flüsterte sie: "Guter Karl!" Da ging er.
+
+Nach dieser Begegnung war er still und in sich gekehrt, als grüble er
+über einen Entschluß. Er sprach seltener mit Kallem, mit anderen gar
+nicht. Jeden Vormittag durfte er einen kurzen Augenblick zu ihr hinein;
+unten spielte er für sie und hielt sich im übrigen den ganzen Tag
+abseiten.
+
+Eines Vormittags, als er wieder spielte, hörte sie gleich am ersten
+Anschlag, daß das etwas von ihm selber war. Schon ein paarmal hatte er
+kleine Bruchstücke gespielt, die augenscheinlich von ihm waren; diesmal
+aber folgte er neuen Vorbildern; das Eigenartige seiner Begabung litt
+darunter. Dieses neue Stück war der Anlauf zu etwas Größerem, eine wilde
+Einleitung, aufgewühlte Leidenschaft -- mein Gott, gewiß soll das er
+selber sein! dachte sie. Zuletzt, mitten in den Braus hinein, kam eine
+Stille, und eine Melodie löste sich daraus, treuherzig und zart; ob _ich_
+das wohl sein soll? Dann fing es an zu schreien und zu heulen um diese
+friedvolle, kleine Melodie herum -- ein paar Takte Melodie, darauf Takte
+voll Jammer und Geschrei -- das erste Thema schmetterte und sprudelte
+über das andere hinweg -- -- äußerst natürlich gemacht -- zu natürlich,
+denn es wirkte unwiderstehlich komisch. Sie mußte sich zusammennehmen,
+um nicht zu lachen; so etwas vertrug sie gar nicht. Sie sah Sissel Aune
+an, um sie zu bitten, doch schnell hinunterzugehen und dem Spiel ein
+Ende zu bereiten; aber auch auf Sissel Aunes klugem Gesicht lag ein
+solches Erstaunen über dies natürliche Geschrei -- ja, können denn die
+Leute auch in der Musik schreien? Der letzte vergessene Rest von Ragnis
+alter Lustigkeit brach sich in einem hellen Lachen Bahn -- und noch
+einem -- und dann Husten! Wieder Husten, und wieder und wieder -- ein
+Anfall, schlimmer, als sie ihn je gehabt hatte.
+
+Karl hörte mitten im Spiele, daß es in der Küche klingelte und
+klingelte; er hörte Sigrid die Treppe hinaufstürmen und gleich darauf
+wieder zurückkommen und nach dem Doktor rufen. Er wußte, daß der Doktor
+soeben ins Krankenhaus gegangen war, und lief selber, ohne Mantel und
+Hut, ihm nach, fand ihn aber nicht gleich, so daß beide erst kamen, als
+der Anfall schon vorbei war. Mehr Blut als gewöhnlich im Auswurf. Kallem
+war sehr erschrocken; Karl, der ihm, ohne es selber zu wissen, ins
+Krankenzimmer gefolgt war, sah es und zog sich augenblicklich zurück.
+
+Später wurde das Zimmer gelüftet; Kallem war noch immer bei Ragni. Da
+kam Karl an die Tür und hörte ihn sprechen; er wagte, hineinzublicken.
+Ragni lag matt in ihrem Bett; Kallem hatte sie eben gefragt, ob sie
+nicht ein bißchen Erleichterung spüre. Undeutlich sah sie Karl, sein
+großes, erschrockenes Gesicht. Sie dachte daran, daß sie ihn ausgelacht
+hatte; sie hatte durch Kallem gehört, wie er in seiner Angst ohne Hut
+und Mantel davongestürmt war. Und sie gab Kallem ein Zeichen, Karl
+hereinzulassen. Sie lächelte ihm zu, hob sogar ein wenig -- ein ganz
+klein wenig -- die Hand. War es, um zu danken? Er wagte sich näher
+heran; heute wollte er ihre Hand fassen; noch mehr wollte er -- er
+wollte sich über sie beugen; in seinen Augen glomm es auf. Kallem, der
+rechts von Ragni stand, sah es, sah zugleich, daß die Hand, über die
+Karl sich beugen, die er vielleicht küssen wollte, das Taschentuch
+hielt; hastig sagte er: "Laß, Karl!" Karl richtete sich auch wieder auf
+und sah sie beide an; aber wieder glomm es wunderlich in seinen Augen
+auf, und wie der Blitz hatte er sich über Hand und Taschentuch gebeugt
+und beide geküßt. Eh noch Zeit war, ein Wort zu sprechen, stand er
+wieder aufrecht, -- stand da, wie einer, der zum Kampf gerüstet ist oder
+eine große Tat vollbracht hat. Ragni lag da, mit Augen ohne Hoffnung,
+ohne Verständnis; sie verstand seine kriegerische Haltung, seinen
+erhabenen Vorsatz nicht; desto besser aber seine erschreckende
+Unberechenbarkeit. Und Karl war schon zur Tür hinaus.
+
+Wenn es seine Absicht war, mit ihr zu sterben, so hatte er die Rechnung
+ohne den Wirt gemacht, und unter andern Umständen hätte es komisch
+wirken müssen, besonders wenn man bedachte, daß sie nach ihrem Anfall
+eben wieder frisch zurecht gemacht worden, und daß das Taschentuch ganz
+frisch war. Aber Kallem dachte bloß daran, wie törichte Menschen doch
+die beste Absicht ins Schlechteste verkehren können: für sie war es ein
+Schreck gewesen.
+
+Sobald er konnte, suchte er Karl auf. Der hatte sich gerade zum Ausgehen
+angezogen. "Wo willst Du hin?" sagte Kallem. Karl antwortete nicht; er
+war im Innersten aufgewühlt; er wollte einfach hinaus! Kallem zog ihn
+mit sich ins Zimmer, stellte sich vor ihn hin und blickte ihm fest ins
+Auge; dann legte er den Arm um seinen Hals. Da brach Karl in Tränen aus.
+Er sei ein unmöglicher Mensch, klagte er, überflüssig, fertig, bevor er
+überhaupt angefangen habe, untauglich zu allem. Lange gelang es Kallem
+nicht, ein Wort dazwischen zu werfen, geschweige denn, ihn zu trösten;
+seine Erbärmlichkeit, seine Unwürdigkeit seien zu groß; er habe auch gar
+kein Talent. Seine letzte Komposition, seinem eigensten Leben
+entsprungen, wie keine andere, das wahrste, was er zu schaffen imstande
+war, habe er heut Vormittag gespielt; und da sei sie ihm einfach
+komisch, furchtbar komisch vorgekommen! -- Aha! dachte Kallem. Da liegt
+der Hase im Pfeffer!
+
+Und so war's. In ihrer Gegenwart fühlte er auch unwillkürlich ihr
+Urteil.
+
+Kallem merkte, was für ein Mißgriff es gewesen war, ihn hierherkommen
+zu lassen. Mit Schrecken dachte er daran, was Ragni seinerzeit mit ihm
+hatte ausstehen müssen. Ihm selber machte es jetzt nicht geringe Mühe,
+ihn im Gleichgewicht zu halten.
+
+Eines Tages -- sie hatte eben nach Karl gefragt -- sagte er zu ihr:
+"Sicher hast Du mehr Schererei mit ihm gehabt, als ich gewußt habe?" Sie
+schloß die Augen, öffnete sie wieder und lächelte.
+
+Karl ging nicht mehr zu ihr hinauf, bat auch nicht mehr darum. Spielen
+konnte er in all seiner Selbstquälerei nicht; Kallem mußte ihn geradezu
+zwingen, ihm ein paar von seinen kleinen Stücken vorzuspielen. Er tat es
+nur bei geschlossenen Türen; aber Ragni hörte es doch und sagte zu
+Kallem, sie seien gut, was auch er fand. Dieses Lob machte Karl wieder
+froh; und so leise gewann er wieder ein bißchen Selbstvertrauen; nach
+und nach wurde er umgänglicher.
+
+Sobald Kallem um sich her ein bißchen Ruhe geschaffen hatte, kam er
+selber an die Reihe. Sein mannhaftes Kämpfen hielt nicht immer stand,
+und Karl gingen endlich doch auch die Augen dafür auf, daß es noch
+andere Menschen gab, die litten, und daß man sich auch um andere kümmern
+konnte. Und nun schlug er vollständig um, lebte nur noch für Kallem, war
+voller Aufmerksamkeit, voller Sorgfalt. Ein Trostmittel, das nie
+fehlschlug, wandte er am häufigsten an: von Ragni sprechen, sie bis ins
+einzelne schildern. Er konnte ein feines Bild von der Eigenart ihres
+Wesens, ihres Talentes geben, eine Handlungsweise, ein Wort von ihr
+künstlerisch darstellen; und die Vergötterung, mit der er das tat, war
+gerade, was Kallem brauchte; er _brauchte_ die leuchtende Wärme des
+Mitgefühls; denn mit ihrer zunehmenden Entkräftung brach auch er
+zusammen. Sie konnte nicht einmal mehr den Kopf auf dem Kissen halten;
+bald glitt er zur einen, bald zur andern Seite; ihre Augen hatten etwas
+Übersinnliches, das alles verklärte, was sie ansah; ihre schmalen,
+stimmlosen Lippen waren offen vor Atemnot; wie sie so dalag, in dem
+weißen Zimmer, dem weißen Bett, in dem weißen Nachtgewand, glich sie
+einem federlosen Vögelchen, das in einem verlassenen Daunennest nach
+Luft schnappt. Oft, wenn Kallem ihr Zimmer verließ, weil er seinen
+Schmerz nicht mehr beherrschen konnte, oder weil er am Rande seiner
+Kraft, war es Karl, der ihn zur Ruhe brachte, der das rechte Wort fand,
+oder auch ganz allmählich ihn in einen endlosen Lobgesang auf sie
+hinüberleitete.
+
+Sie vermochte nur wenig zu sprechen, hatte auch keine Lust dazu; aber
+aus allem, was sie sagte, ging hervor, daß sie sich nicht einen
+Augenblick lang über ihren Zustand täuschte, wie etwa andere
+Lungenkranke es tun. Eines Tags machte sie Kallem ein Zeichen, er möge
+sich tiefer herabbeugen. "Kristen Larssen!" flüsterte sie. "Dort, in der
+Ecke." Dann lächelte sie und fügte nach einem Weilchen hinzu: "Jetzt
+fürcht' ich mich nicht mehr vor ihm." Ein andermal schickte sie nach
+Kallem, bloß um ihm zu sagen: "Du sollst niemand gram sein --
+meinetwegen!" Sie nannte keinen Namen. Kallem drückte ihre durchsichtige
+Hand; ihr Blick umfloß sie wie ein ganzer Himmel von Güte. Zuweilen
+versuchte sie, noch ein Lächeln hinzuzufügen, das sie doch nicht mehr
+besaß. Wenn sie seine Tränen sah, winkte sie ihm, er solle sich bücken,
+und fuhr ihm mit den Fingern durchs Haar. Einmal, als er ihr in dieser
+Stellung dankte für alles, was sie ihm gewesen war, von der ersten
+Begegnung an bis jetzt, versuchte sie ihn an den Haaren zu zupfen; so
+etwas solle er bleiben lassen.
+
+Fortan wurde zwischen ihnen kaum noch ein Wort gesprochen. Nur noch ihre
+Augen und Hände sprachen. Sie waren eins in ihrem Schmerz und besaßen
+nichts mehr, was unausgesprochen war. Für die Dankbarkeit, die sie
+empfanden, für das Grauen, das sie vor dem Scheiden hatten, gab es ja
+auch keine Worte. Die Stunde nahte.
+
+Eines Nachmittags hörten sie Sissel klingeln, klingeln, klingeln. Sigrid
+stürzte hinauf, Kallem, Karl; Karl blieb vor der Tür stehen. Er hörte,
+daß sie wieder einen Hustenanfall hatte, einen entsetzlichen. Er begriff
+nicht, daß sie überhaupt noch so viel Kraft hatte; jeder Hustenausbruch
+zerriß ihm die Brust, schnitt ihm ins Fleisch, zerbrach ihn; ihr
+Schmerzgestöhne dazwischen trieb ihm den Schweiß auf die Stirn; er
+_konnte_ nicht lauschen und wagte auch nicht, zu gehen. Das mußte ihr
+Letztes sein. Er hörte Sigrid weinen, hörte sie rufen: "Frau Doktor!
+Frau Doktor!" Und gleich darauf: "Sie stirbt!" Da öffnete er die Tür.
+Das erste, was er sah, war Blut. Da wurde ihm schlecht, und er fiel in
+Ohnmacht.
+
+Als er erwachte, lag er auf seinem Bett. Sigrid saß davor und weinte.
+Das war das erste, was er begriff. Dann fiel ihm das andere ein und er
+fragte: "Ist sie tot?" -- "Der Herr Doktor glaubt, daß es bald zu Ende
+ist."
+
+Später durften sie zu ihr, alle beide. Sie lag im Bett, als schliefe
+sie, weiß wie die Bettücher, in denen sie lag. Kallem hielt ihre Hand.
+Sein Gesicht sahen die Eintretenden nicht; aber von Zeit zu Zeit ein
+Zusammenzucken der Schultern; und sie hörten ihn stöhnen. Auf der andern
+Seite stand Sissel. Seltsam, wie verschiedene Grade des Schmerzes es
+gab! Obgleich auf ihrem kräftigen, offenen Gesicht viel Mitgefühl lag --
+es war doch das einer Fremden; meilenweit entfernt von Kallems stummer
+Verzweiflung sah sie es mit an. "Ist sie tot?" flüsterte Sigrid. Sissel
+schüttelte den Kopf. Und Ragni hörte die Frage; sie blickte auf. Mit
+ihrer allerletzten Kraft wollte sie ihnen noch einmal etwas Liebes
+erweisen -- sie versuchte -- man konnte nicht sagen zu lächeln -- dazu
+war sie nicht mehr imstande -- aber ihnen noch einmal Kunde von sich zu
+geben. Erst Sigrid und Karl; dann aber ausschließlich Kallem. Bald
+darauf war sie tot.
+
+Die andern gingen; Kallem blieb.
+
+Als er hinunterkam, fand er niemand. Karl war auf sein Zimmer gegangen;
+Sigrid saß mit Sissel in ihrer Kammer. Leer die Küche, leer die Stuben,
+leer das Studierzimmer. Er hatte ihr versprochen, etwas zu lesen, was
+sie geschrieben hatte -- es lag unter Karls Brief. "Nachher!" stand
+darauf. Aber er konnte jetzt nicht, überhaupt nicht, solang sie noch im
+Hause war. Er stellte sich vor ihren Bücherständer und sah ihn an; auch
+der war ein Bild von ihr. Wie oft hatte er da gestanden und gelächelt,
+wenn er die Büchertitel las! Jetzt fiel sein Auge auf die "Wildente" von
+Ibsen. Bei seiner Größe konnte er das Buch gerade so weit von oben
+herunter sehen, um zu bemerken, daß zwischen den letzten Blättern eine
+Lücke war. Er zog das Buch heraus. Wirklich, sie hatte die Blätter, auf
+denen Hedvigs unglückliche Geschichte abschließt, -- wie sie sich
+erschießt und was darauf folgt -- herausgeschnitten! Herausgeschnitten!
+Als habe es _so_ nicht kommen dürfen!
+
+Nichts hätte ihn tiefer ergreifen können. Er warf sich aufs Sofa und
+schluchzte wie ein mißhandeltes Kind. Ja, sie war zu fein gewesen und zu
+furchtsam. Die Welt, in der wir kämpfen, ist noch zu roh. Sie muß erst
+besser werden, bis solche Wesen mitleben können. Sie hatte versucht, aus
+der Welt herauszuschneiden, was sie nicht mochte, -- nun war sie selber
+herausgeschnitten worden.
+
+
+11
+
+Schon einige Tage vor dem Sonntag, da es den Kampf um die Erziehung des
+kleinen Edvard gab, hatte der Junge gehustet. Abends ging es ihm gar
+nicht gut, so daß er das Zimmer hüten mußte.
+
+Nach einigen Tagen durfte er wieder hinaus und schien auch leidlich wohl
+zu sein; doch eines Abends war er wieder fiebrig und verdrießlich und
+hatte einen trockenen Husten. Die folgenden Tage mußte er wieder das
+Haus hüten. Weil er an die frische Luft gewöhnt war, wurde er weinerlich
+und verlor den Appetit; Josefine hatte viel Mühe mit ihm und wurde
+zuletzt streng. Der Junge jammerte -- er wolle zur Großmutter! Das
+durfte er nicht. Als jedoch die Großmutter zu ihm herüberkam, war er
+eigensinnig und lief zum Vater. Von dort kam er weinend zurück: der
+Vater hatte ihm nicht erlaubt, die Bücher aus den untersten Fächern
+herauszunehmen und Häuser damit zu bauen.
+
+Er wurde ins Bett gesteckt, heiß, aufgeregt; dabei klagte er über Stiche
+auf der rechten Seite der Brust beim Husten; nachts hatte er
+Fieberanfälle und phantasierte: Kristen Larssen lief mit einem großen
+Sack hinter den Jungens her und wollte sie in die Hölle schleppen.
+
+Josefine doktorte mit Terpentinumschlägen an ihm herum; aber am Morgen,
+als der Pastor heraufkam, bat sie ihn, nach dem Arzt zu schicken.
+
+Kent war ihr Hausarzt; er konnte erst gegen Abend vorsprechen, und da
+konstatierte er, daß der Junge eine Brustfellentzündung auf der rechten
+Seite hatte. Was Josefine angewandt hatte, war ganz richtig gewesen; er
+selber verordnete Diät und alle zwei Stunden eine Medizin und sagte,
+wenn die Temperatur 39 Grad übersteige, solle man ihn rufen lassen.
+
+In den folgenden Tagen besserte sich das Befinden des Jungen; er aß und
+hustete weniger; Temperatur abends nie mehr als 38 Grad. Gott sei Dank!
+
+So gering auch die Gefahr gewesen war -- Tuft und Josefine hatten beide
+das Gefühl, als lege sich eine unsichtbare Hand mit leisem Druck auf
+ihre Schultern. Sie wandten sich ganz allmählich einander wieder zu und
+suchten Gelegenheit, miteinander zu sprechen --freilich nur über den
+Zustand des Kindes; aber durch Stimme und Wesen klang es wie eine Bitte
+um Verzeihung.
+
+Der Husten und der Schmerz in der Seite ließen nach; das Befinden des
+Jungen besserte sich scheinbar; aber der Appetit wollte nicht recht
+kommen, das Fieber wollte nicht ganz weichen, und so nahmen auch die
+Kräfte nicht zu. Man kaufte ihm neue Spielsachen, die ihm einen Tag lang
+Spaß machten und ihn am nächsten schon langweilten. Die Märchen, die
+Vater und Mutter ihm abwechslungsweise erzählten, hörte er an, ohne
+dazwischenzufragen; den Besuch der Großmutter beachtete er gar nicht.
+Einmal war er plötzlich ganz heiß, dann fror er wieder. Am meisten
+beunruhigte es Kent, daß gegen Abend die Temperatur immer stieg; er fing
+an, Chinin zu geben, und legte eine spanische Fliege. Josefine wich
+nicht vom Bett und wollte von Ablösung nichts wissen; der Junge duldete
+auch nicht, daß andere ihm nahe kamen.
+
+Aber es wurde besser, und eines Abends, als sie die Temperatur gemessen
+hatten, sagte der Pastor: "Ich glaube, wir kommen mit dem Schreck davon,
+Josefine!" Sie sah ihn an; er streckte seine Hand aus; sie legte die
+ihre flüchtig hinein, schien sich aber dessen zu schämen und zog sie
+gleich wieder zurück.
+
+Doktor Kent hatte ihnen erzählt, Frau Kallem sei schwer krank und
+verlasse ihr Zimmer im Oberstock nicht mehr. Von anderer Seite hörten
+sie später, es sei Schwindsucht; sie fragten -- jeder für sich -- Doktor
+Kent; und er sagte, es sei sogar galoppierende Schwindsucht.
+
+Josefine gegenüber erwähnte der Pastor nichts; aber zu Kent äußerte er,
+es sei jedenfalls ein Glück für seinen Schwager; vielleicht werde er
+jetzt ein freier Mann und würde die Schwingen regen.
+
+Josefine hatte eine andere Auffassung; das sah er daran, daß sie sich
+völlig in sich selbst zurückzog. Kaum, daß er dann und wann ein paar
+Worte von ihr zu hören bekam.
+
+Eines Nachmittags, lange Zeit nachher, als sie auf ihrem Bett lag und
+nachsann, wie ihr Bruder Ragnis Tod ertragen würde, sah sie ihn
+plötzlich. Sie dachte sich erst nichts dabei; aber das Bild wurde
+seltsam deutlich. Sie sah ihn, so lang er war -- auf dem Sofa seines
+Studierzimmers liegen, sie sah den ganzen Raum, die Gardinen, die
+Bücherregale, die Bücher, den Schreibtisch, die zwei Tische, einen
+großen Lehnsessel, verschiedene aufgeschlagene Bücher, beschriebene
+Papiere bogenweise nebeneinander, ... alles sah sie, jedes Blatt, jeden
+Buchstaben, -- und ihn selber, in einem braunen Anzug, den sie nicht
+kannte. Und dabei war sie nie in dem Studierzimmer gewesen, seit es
+möbliert war, und hatte die Möbel nie gesehen, auch nicht die Gardinen,
+die Teppiche; aber sie zweifelte keinen Augenblick, daß es genau so war,
+wie sie es sah. Zu jeder andern Zeit würde das einen seltsamen Eindruck
+auf sie gemacht haben; aber jetzt wurde alles verdrängt durch sein
+Aussehen. Er war so ganz verzehrt von Kummer! Je genauer sie ihn ansah,
+desto schlimmer wurde es. In einer solchen Verzweiflung sah sie ihn, daß
+es sie packte, wie nichts in ihrem Leben, nicht einmal des Vaters Tod
+sie gepackt hatte. Sie sah, wie er sich herumwarf und laut aufweinte,
+sah, wie er die Hände zusammengekrampft vors Gesicht hielt, sah zuletzt
+bloß noch ihn, den Jammer dieser Augen unter der Brille und den
+buschigen Brauen, und eine große Öde um ihn her. In kaltem Schweiß
+gebadet, wachte sie auf, so matt, daß sie kein Glied rühren konnte.
+Fortan lebte sie wie unter dem Druck einer unklaren Angst, die ihr den
+Schlaf raubte. Galt es ihrem Bruder oder ihrem Kinde? Dort neben ihr lag
+der kleine Edvard, atemlos, hustend, wie ein schon weit Entfernter.
+Seine hohe Stirn schien unbewohnt; seine Augen sahen ins Leere; seine
+Hände -- das waren nicht mehr die derben Bubenfäustchen, nicht mehr
+lebendig.... Zuweilen stürzte sie an sein Bettchen, bloß um ihn wieder
+zu haben, und war's auch nur in einem flüchtigen Blick! Ja, ja ... da
+war er! Aber ... Gott im Himmel! -- Wenn sie ihn hergeben mußte? Und in
+diesem Leid fühlte sie den Schmerz des Bruders mit, fühlte sich eins mit
+ihm. Das Schicksal des Jungen verknüpfte sich ihr mit dem Schicksal
+Ragnis. In wachen Nächten und bangen Tagen flössen die beiden so
+unauflöslich ineinander, daß sie beide für sie eins wurden.
+
+Bisher war ihr Gottesgefühl eigentlich nur Freiheitsdrang und eine nie
+versagende Wahrheitsliebe gewesen. In der Angst wurde es ihr zum
+Schicksal, zum unbeugsamen, mystischen Schicksal. Alles erschreckte sie;
+sie sah in allem Zeichen und Vorbedeutungen. Der Junge schien nur auf
+der kranken Seite liegen zu können; sonst schmerzte es ihn so, daß er
+laut jammerte, ... und jedesmal, wenn sie ihm dabei helfen mußte, kam
+ihr das ganz unbegreiflich vor. Sie schob ihm Luftkissen unter; seine
+einzige Antwort bestand in herzzerreißenden Bitten, sie möge ihn doch
+ruhig liegen lassen. Sie wußte nicht mehr, was richtig war und was
+falsch. Nicht einmal an seine Beine durfte sie mehr rühren; er zog die
+Knie herauf, das eine über das andere ... lauter unerklärliche Einfälle,
+durch die sie sich gänzlich überflüssig oder sogar lästig vorkommen
+mußte. Ob das bedeutete, daß sie sich an den Gedanken gewöhnen mußte,
+daß sie im Grund _ganz_ überflüssig war?
+
+Schließlich mußte sie das ja aufreiben. Schon die Angst vom einenmal zum
+andern, wenn sie ihn anrühren mußte, wäre genug gewesen. Aber die
+Gedanken, die dabei mit unterliefen, machten sie geradezu verrückt.
+Sprechen konnte sie mit niemand darüber. Die Sache mit den Beinen
+hauptsächlich kam ihr so ganz mystisch-widersinnig vor, daß sie sich
+förmlich ängstigte vor ihrem Jungen; er gehörte nicht mehr ihr. Erst
+später, und ganz zufällig, entdeckte sie eine Anschwellung um die
+Knöchel. Das -- so hatte sie immer gehört -- war der Anfang vom Ende.
+Sie vermochte sich kaum die Treppe hinunterzuschleppen ins
+Studierzimmer, wo der Pastor in einer Rauchwolke saß. Er sah sie,
+bleich, entsetzt in ihrem Nachtkleid vor sich stehen. "Was ist denn,
+Du?" Er hörte ihren Bericht, ging mit ihr hinauf, sah ebenfalls die
+Schwellungen, fiel vor dem Bett auf die Knie, den Kopf in die Hände
+gedrückt: er betete. Die kurzen, hastigen Atemzüge des Kleinen, die
+glänzenden und doch gänzlich gleichgültigen Augen, mit denen er seinen
+Vater ansah, -- das schrie förmlich zu ihr über des Vaters Kopf weg.
+Auch sie hätte beten mögen; aber im selben Augenblick schob der Junge
+den Vater mit der Hand weg; der Tabakgeruch störte ihn. Und damit schob
+er sie weg vom Gebet.
+
+Doktor Kents ruhiges Lächeln, sein stilles, bestimmtes Urteil, daß die
+Krankheit noch dieselbe sei wie damals, als er zuerst die Entzündung
+entdeckt hatte, daß nichts Schlimmeres hinzugekommen sei, und die
+Anschwellung sicher nur von der unglücklichen Lage der Knie herrühre,
+erleichterte sie beide so, daß Josefine vor Freude weinte. Die
+Untersuchung des Urins bestätigte seine Diagnose.
+
+In dieser Nacht schlief Josefine wieder besser als seit langer Zeit;
+trotzdem fühlte sie sich matter als vorher.
+
+Wieder verging eine Zeit; da kamen eines Abends der Pastor und Doktor
+Kent mit einer gewissen Feierlichkeit herauf. Josefine lag in den
+Kleidern auf dem Bett und richtete sich empor, um aufzustehen; aber Kent
+und der Pastor baten sie, sich wieder hinzulegen. Doktor Kent erzählte,
+gestern sei Frau Kallem gestorben. Beide Männer blickten Josefine an;
+sie schloß die Augen. Eine Weile tiefes Schweigen. Als aber mehrmals ein
+Zucken über ihr Gesicht lief, sagte Tuft hastig: "Unter diesen Umständen
+ist es für Edvard nur gut, Josefine. Natürlich geht es ihm jetzt nahe;
+aber später wird alles gut werden. Er wird daran wachsen." Josefine
+wandte den Kopf ab. Ihre Augen blieben geschlossen; aber dann brachen
+die Tränen hervor.
+
+Im selben Augenblick fühlte er, was er da gesagt hatte, war etwas
+Eingelerntes; ja, er hatte sich einer Roheit schuldig gemacht. Während
+der Krankheit seines Jungen, im angsterfüllten Zusammenleben dieser
+letzten Zeit war er ein anderer geworden. Diese Worte aus einem früheren
+Dasein -- eben weil sie in dieser Stunde fielen, auf ihren brennenden
+Schmerz hin -- weil sie über ihrem eigenen kranken Kind fielen --
+gewannen selbständiges Leben, wurden ihm zu einem stummen Gefolge --
+"Sendboten Gottes".
+
+Bis diese Worte fielen, hatte Josefine in der Stille mitgebetet, wenn
+der Pastor betete; nun tat sie es nicht mehr. Sie hatte dasselbe Gefühl,
+wie in der ersten Zeit ihrer Ehe, wenn er so maßlos war und doch
+zugleich von ihr forderte, daß sie mit ihm fromme Lieder singen solle.
+Damals hatte er nichts gemerkt; heute fühlte er es sogleich. Aber gerade
+darum _verlangte_ ihn nach einer Gemeinschaft, vor allem im Gebet für sein
+krankes Kind. Er wandte sich an die Freunde der Betstunde; deren war er
+sicher. Die ganze schmerzliche Abrechnung dieser Tage, das Zittern um
+das Leben des Kindes, seine freudlose, wunde Liebe, all das wirkte
+zusammen zu einer starken Erschütterung. Er bat sie alle, mit ihm zu
+beten, er stürmte Gottes Barmherzigkeit; wenn er nur einer höheren
+Gemeinschaft mit Gott würdig befunden wurde, so war die Prüfung nicht zu
+hart.
+
+Er leuchtete von Glaubenskraft, als er nach Hause kam und berichtete.
+Wenn das Stärkste in ihm einmal aufwachte, so war er wie kaum ein
+anderer; aber es kam so selten dazu.
+
+Josefines Zustand wurde besorgniserregend. Frische Luft und regelmäßigen
+Schlaf entbehren, Woche um Woche, -- den Appetit verlieren durch die
+unaufhörliche Spannung -- das war fast genug, um selbst kerngesunde
+Naturen wie die ihre zu brechen. Tuft sprach heimlich mit Kent darüber;
+aber es war nichts zu machen, wenn sie nicht selber wollte.
+
+Während er jede ihrer Bewegungen überwachte, mußte er ihr, gegen seinen
+Willen, eines Tages mitteilen, daß Ragni nicht hier, sondern im Friedhof
+des Nachbardorfs beerdigt werden sollte. Darin offenbarte sich doch des
+Schwagers Groll, ja Abscheu auf die denkbar stärkste Weise. Zweifellos
+war dieser Entschluß gegen die Gesellschaft im allgemeinen, am meisten
+aber gegen sie beide gerichtet.
+
+Was Josefine fühlte, erfuhr Tuft nicht; ihm selbst ging es nahe. Ein
+einziges Mal verriet sie, wie ungeduldig sie geworden war. Er hatte sich
+über den Jungen gebeugt und kam ihm dabei etwas zu nah; Edvard stöhnte
+und schob ihn mit der Hand von sich. "So laß doch das ewige Rauchen!"
+sagte sie erbittert. Er wandte sich nach ihr um: "Das werd' ich auch!"
+antwortete er sanft. Als er sich dann wieder aufrichtete, fügte er
+bekümmert hinzu: "Heute steht es nicht gut mit ihm!" --"Nein", erwiderte
+sie still; die Art, wie er das aufgenommen hatte, beschämte sie.
+
+Der Doktor wurde geholt. Er war an diese plötzlichen Botschaften
+gewöhnt, daher nahm er sie mit Ruhe auf, und er besaß die unschätzbare
+Gabe, diese Ruhe auch andern mitzuteilen. Sofort schien es den Eltern,
+als esse der Junge mit mehr Appetit und sei freundlicher gegen die
+Großmutter. Viermal am Tag kam sie herüber, und die Art, wie er sie
+empfing, galt als Barometer.
+
+Die Großmutter war oben im Krankenhaus gewesen und hatte von dort Kallem
+und Karl Meek mit Ragnis Leiche wegfahren sehen. Der Sarg war weiß und
+stand auf einem schwarzen Schlitten; vorn neben dem Kutscher saß Sigrid;
+Kallem und Karl fuhren in einem Breitschlitten hinterdrein. Das war das
+ganze Gefolge.
+
+Der Bericht über Ragnis letzte Fahrt kam ihnen überraschend. Und daß
+Karl Meek dabei gewesen war, er ganz allein! Bedeutete das, Kallem hege
+keinen Argwohn gegen ihn? Oder, was wahrscheinlicher war: er habe
+vergeben? Wollte vielleicht die Tatsache bemänteln und ihr so diesen
+letzten Dienst erweisen? Wer doch auch so gut sein könnte!
+
+In der Nacht darauf kam Josefine zu ihrem Mann herunter, als er schon
+schlief. Ihr Haarknoten hatte sich gelöst; mit dem großen, hohläugigen
+Gesicht, von dem das schwarze Haar abstand, den Augen, die starr über
+die Lampe wegstierten, die sie trug, sah sie aus wie eine Besessene oder
+eine Nachtwandlerin. Er richtete sich im Bett auf und wollte aufstehen.
+Sie hielt ihn mit der Hand zurück und sagte eintönig: "Ich muß mit Dir
+reden, Ole; ich kann nicht schlafen. Diese Frau, die Frau meines
+Bruders, wird uns unsern Jungen nehmen."
+
+Er fühlte, wie ihm alles Blut zum Herzen strömte. "Was sagst Du da?"
+flüsterte er.
+
+"Wir sind zu hart gewesen, wir beide. Jetzt müssen wir bezahlen; und mit
+weniger begnügt sie sich nicht." -- "Liebste Josefine, Du bist ja ganz
+außer Dir. Wir wollen uns doch nach Hilfe umsehen ...!" Und er sprang
+aus dem Bett. -- "Ja, Hilfe suche ich! Alle, die beten können, müssen
+mir jetzt beistehen! Hörst Du, Ole!"
+
+"Aber liebste ...!"
+
+"Oder glaubst Du nicht, daß Ihr stärker seid als diese Frau? Glaubst Du
+es nicht? Neulich bist Du so freudig aus der Betstunde heimgekommen --
+ach, Du kennst die Leute ja, ... rufe sie, sie sollen kommen, -- hörst
+Du, Ole!" Und sie fing zu jammern und zu weinen an. "Es ist doch
+Christenpflicht, uns zu helfen! Sie dürfen es doch nicht ruhig mit
+ansehen, daß sie ihn uns nimmt!" Die Stimme klang in einem langen
+Klageton aus. Er saß auf dem Bettrand; die Unterkleider hatte er
+angezogen, hielt aber nun, die Hosen in der Hand, inne. "Liebe, Liebste,
+so glaub' doch nur -- Gott hat die Macht, und kein anderer! Du bist
+krank, Josefine!" -- Er war voll Sorge und Liebe und eilte, sich fertig
+anzukleiden. "Du holst sie, nicht wahr?" sagte sie erfreut und stellte
+die Lampe hin. "Ich wußte es ja! Ich danke Dir! Sei heilig versichert,
+Ole -- es eilt!" Er zog sich rasch weiter an, sagte aber: "Du weißt,
+Josefine, wir müssen vorsichtig sein, wenn wir für nicht-geistliche
+Dinge beten!" Das machte sie unruhig; sie streckte die Hände nach ihm
+aus. Alles an ihr war lose und offen, die Ärmel glitten zurück --
+unglaublich mager war sie geworden! Eine große Angst überfiel ihn. Ihr
+wildes Aussehen, die fieberkranke Sprache, die abgezehrte Gestalt....
+"Um Gotteswillen, Josefine, Du darfst nicht alles so aufs Gebet setzen!
+Du könntest darüber zusammenbrechen, so, wie Du jetzt bist...." --
+"_Glaubst_ Du denn nicht, Ole?" Es entfuhr ihr wie ein Blitz. "Doch, doch!
+Aber wenn nun Gottes Wille nicht der unsere ist, Kind?" -- Die
+schmerzliche Erinnerung an Andersens Sterbebett stieg in ihm auf. "Du
+betest um nicht mehr und nicht weniger als um ein Wunder!" -- "Ja.
+Natürlich! Selbstverständlich! Um was beten wir denn sonst?" -- "Wir
+beten, um Gemeinschaft zu finden mit Gott, Josefine. Wenigstens darum
+bete _ich_. Dann ist alles gut; dann ist meine Seele gestärkt -- und ich
+bedarf dessen oft so sehr!" -- "Gottes Herz erweichen, so steht es
+geschrieben. Steht es nicht geschrieben? Gottes Herz erweichen! Hörst
+Du, Ole! Gottes Herz erweichen? So antworte doch!" -- Er war vor dem
+Ofen niedergekniet, in der einen Hand ein Holzscheit, in der andern ein
+Messer; er wollte Feuer anmachen; sie war so leicht bekleidet. Aber
+jetzt hielt er inne und sah sie voll Trauer an: "Um ein Wunder beten --
+das darf ich nicht, Josefine! Ich bin dessen nicht würdig!" Und während
+er das sagte, wuchs es in ihm, und eh' er es wußte, war er so erregt,
+daß er das, was er in Händen hielt, fallen lassen mußte, um sein Gesicht
+zu bedecken. Als er aber wieder aufsah, sprang er in die Höhe; wenn sie
+in ihrem Schoß das kostbarste Porzellan gehalten und es hätte fallen
+lassen, daß es in tausend Stücke zersprang -- sie hätte nicht anders
+dastehen können -- starr, von Entsetzen gelähmt, die Hände ausgestreckt
+über dem, was ihr entglitten, die Augen auf ihn geheftet, der Sinne
+beraubt, als müsse sie auf der Stelle umsinken. Aber das geschah nicht;
+denn als er sie anfaßte, erwachte sie, faßte sich sofort und sagte rasch
+ohne Übergang: "Dann müssen wir nach meinem Bruder schicken! Dann kann
+nur er sie bewegen, von dem Jungen abzulassen!" Diese Worte, aus diesem
+wunderlichen Gedankengang geboren, klangen ihm wie eine Eingebung.
+Tausendmal hatte er dasselbe gedacht; der Fall mit dem Oberst hatte
+schon den Wunsch in ihm erweckt, viele hatten es ihm geraten. Aber bis
+jetzt hatte er sich immer geschämt.
+
+Ein paar Minuten später war er auf dem Weg zu Doktor Kent, der zuerst
+gefragt werden mußte.
+
+Eine klare, kalte Nacht, der Weg vom Tag aufgeweicht, in der Nacht
+gefroren, so daß Tuft aufpassen mußte -- dazu die Gedanken, die ihn
+hetzten -- es war schwierig genug. Was wurde aus den Dogmen der Bibel,
+von Schöpfung, Sündenfall und all dem andern -- was war es wert, wenn
+der Tod anklopfte? Was war dann Nummer eins und was Nummer zwanzig?
+
+In Kents Haus wollte niemand wach werden; er klingelte und klingelte,
+ohne selber den Klang der Glocke zu hören; sie mußte abgestellt sein. Er
+fing an, gegen die Tür zu donnern; es klang hart und hohl; und ihm, der
+an den Tod dachte, war, als klopfe der an; es war ja auch so! Endlich
+kam, etwas verdrossen, ein Mädchen; als sie jedoch sah, daß es der
+Pastor war, ging sie, um Doktor Kent zu benachrichtigen. Der geduldige
+Kent erschien, hieß ihn eintreten und hörte ihn an. Mit Freuden wolle er
+zu Kallem gehen; hätte er nur gewußt, ob es tunlich sei, so hätte er es
+schon längst getan.
+
+Josefine war oben bei dem Jungen, als Tuft zurückkam; sie verstand ihn
+nicht richtig und glaubte, ihr Bruder werde sogleich kommen; und als er
+um sieben, um acht, um neun noch nicht da war, fürchtete sie, er wolle
+nicht, und geriet völlig außer sich; der Pastor mußte sich wieder auf
+den Weg machen. Kent war nicht gleich zu finden, gab aber Bescheid,
+Kallem und er würden Punkt elf Uhr kommen. Sie kamen auch; aber da war
+der Pastor eben abgerufen worden, so daß niemand zu ihrem Empfange da
+war. Kallem hatte seinen Fuß nicht mehr auf diese Treppe gesetzt seit
+dem Tag und der Stunde, da er die Stadt betreten hatte.
+
+Wenn man sich nach etwas sehnt, geht es einem leicht wie jetzt
+Josefinen: seit der Nacht war der Bruder ständig in ihren Gedanken
+gewesen; als er nun aber mit Kent endlich über die dicken Läufer die
+Treppe heraufkam, dachte sie nicht an ihn. Sie stand gerade über den
+Jungen gebeugt und gab ihm zu trinken; als es klopfte, schrak sie auf
+und die Stimme versagte ihr. Die Tür wurde trotzdem geöffnet; Kent ließ
+Kallem zuerst eintreten.
+
+Ein leiser Schrei tönte ihm entgegen. Fast hätte sie zu Boden fallen
+lassen, was sie in der Hand hielt. Wie sah er aus! Das war der Tod
+selbst, der da eintrat, knöchern, schneidend scharf, -- nicht um zu
+helfen, sondern um über ihr Kind das Urteil zu sprechen; das fühlte sie
+sofort.
+
+Kurz, erbarmungslos sah er sie an, ohne einen Funken Mitgefühl, obwohl
+auch sie von Kummer mitgenommen war. Als er näher gekommen, blickte er
+auf den Knaben; und fortan existierte sie nicht mehr für ihn. Sie trat
+auch ganz von selbst beiseite. Kent kam auf sie zu und begrüßte sie
+freundlich; dann ging er zu Kallem zurück. Und jetzt ging es wie
+gewöhnlich -- wie es Kallem selbst neulich mit Doktor Meek gegangen war:
+Kent sah das Kind auf einmal mit andern Augen, mit Kallems Augen; das
+Aussehen des Jungen wurde plötzlich ein ganz anderes und erschreckte ihn
+aufs tiefste. Was er bisher weit von sich gewiesen hatte -- jetzt
+drängte es sich ihm von selbst auf: "Empyème?" flüsterte er auf
+französisch Kallem zu. Der antwortete nicht, trat nur näher, fühlte des
+Knaben leichten, schwachen Puls, beklopfte leise die Brust, horchte auf
+die hastigen Atemzüge, besah sich die Temperaturliste und den letzten
+Auswurf des Jungen. Darauf eine kurze Beratung der Ärzte; Josefine hörte
+jeden Laut, obwohl sie ein ganzes Stück entfernt, auf der andern Seite
+des Bettes stand -- das Bett des Jungen war da, wo früher das des Vaters
+gestanden hatte. -- Aber sie begriff die technischen Ausdrücke und darum
+auch deren Bedeutung nicht. Irgend etwas unerhört Entsetzliches war es;
+das fühlte sie; ihre Hände krampften sich unter der Brust zusammen,
+während ihre Augen von einem zum andern wanderten. Endlich machte Kent
+ein paar Schritte auf sie zu. Er wolle nur fragen, ob sie erlaube, daß
+man eine nadelfeine Spritzenspitze in die Brusthöhle einführe? "Eine
+Operation?" flüsterte sie und mußte sich stützen.
+
+"Das werden wir dann sehen", erwiderte er ebenso leise. Sie sank auf
+einen Stuhl. Ihr Bruder wartete die Antwort nicht ab, sondern zog seine
+Verbandtasche hervor, nahm daraus etwas Blankes, Dünnes, Langes und
+beugte sich damit über den Jungen. Mehr sah sie nicht, dachte auch
+nichts mehr --, sie fühlte bloß noch eins: nicht nachgeben! Sie hörte
+den Jungen jammern und "Mutter" rufen -- angstvoll, immer wieder; aber
+sie konnte nicht aufstehen, sie getraute sich nicht aufzustehen. Dann
+hörte sie Kent sagen: "So, jetzt ist's vorbei, Jungchen!" Aber was
+vorbei war, das sah sie nicht.
+
+Der Kleine jammerte und jammerte: die Mutter solle wieder zu ihm kommen.
+Sie versuchte es ein paarmal; aber es ging nicht; der Bruder drückte sie
+immer wieder in den Sessel nieder, trotzdem er sie überhaupt nicht
+ansah.
+
+Dann ging die Tür. Er war fort; und sie atmete auf. Kent trat auf sie
+zu, mild, teilnahmvoll: "Es ist eine Operation nötig, Frau Pastor!"
+flüsterte er. "Wozu denn?" Sie wußte ja, es nützte doch nichts; sie
+hatte es in ihres Bruders Gesicht gelesen. "Weil wir alles versuchen
+müssen", erwiderte Kent. Der Junge bat jetzt im kläglichsten Ton die
+Mutter, sie möge zu ihm kommen. "Ich komme schon!" Sie kniete bei ihm
+nieder und brach in Tränen aus. "Es hat so weh getan!" klagte er. Ach,
+wenn sie hätte antworten können: "damit Du gesund wirst und wieder
+aufstehen kannst!" Aber nicht einmal Kent wagte das. Sie suchte nach
+Mut, um die Operation zu verbieten; aber sie wagte es ihrem Bruder
+gegenüber nicht. Kent wartete; das fühlte sie zuletzt und sah ihn
+verzweifelt an. Er beugte sich zu ihr hinab: "Ihr Bruder schickt
+gewöhnlich jemand von seinen Leuten vorher zum Desinfizieren und
+Vorbereiten", sagte er leise. "Heute schon?" flüsterte sie und
+schluchzte bitterlich. "Nein, aber mit dem Reinmachen und Auslüften muß
+jedenfalls heute begonnen werden. Die angrenzenden Zimmer müssen wir
+auch dazu nehmen." Sie hatte ihren Kopf wieder neben den ihres Jungen
+gelegt und antwortete nicht; sie hörte ihn weggehen.
+
+Als der Pastor nach Hause kam, eilte er gleich ins Krankenzimmer hinauf
+und war nicht wenig verwundert, dort die Großmutter und -- Sissel Aune
+zu finden. Die letztere hielt Wacht bei dem Jungen, der äußerst
+empfindlich war und niemand als die Mutter um sich dulden wollte; auch
+den Vater nicht; der roch noch immer nach Tabak; obgleich er das Rauchen
+aufgesteckt hatte. Der Pastor fand Josefine im Studierzimmer auf dem
+Sofa, verzweifelt, aufgelöst; sie stammelte zusammenhangslose Worte:
+"Das Todesurteil!" antwortete sie fast auf alles, was er sagte.
+
+Am Nachmittag kam eine Krankenhausschwester und übernahm die Aufsicht;
+mit ihr rückten neue Leute ein; das ganze Haus war in der Gewalt
+Fremder. Das Scheuern klang wie das Hobeln der Sargbretter. Die
+Dienstmädchen kummervoll; die Großmutter in Tränen; und als das Bett des
+Kindes in ein anderes Zimmer getragen wurde und sie die Tritte der
+Träger hörten, saßen die Eltern Hand in Hand und zitterten.
+
+Wenn jetzt jemand gesagt hätte: "Es ist gut für die Eltern, wenn der
+Junge stirbt. Freilich, jetzt sehen sie das noch nicht ein; aber sie
+werden daran wachsen!" Wenn jemand die Roheit hätte, ihnen so etwas zu
+sagen! Tuft _mußte_ mit Josefine darüber sprechen, mußte ihr bekennen, was
+seine eigenen Worte in ihm bewirkt hatten. Sie drückte ihm stumm die
+Hand.
+
+Abends, als wieder Ruhe im Hause war, waren beide oben beim Jungen, und
+beiden war es, als habe der Tod ihn schon gezeichnet. Die Hand der
+Mutter in der seinen schlief er ein; dann führte Tuft sie sanft hinweg.
+Es war ihr jetzt nur willkommen, daß jemand sie führte; infolge der
+vielen Umänderungen im Hause war auch ein zweites Bett im Fremdenzimmer
+aufgeschlagen worden.
+
+Am nächsten Tag saßen die Eltern von früh an bei dem Kleinen. Sobald sie
+weg waren, sollte er in sein ehemaliges Zimmer geschafft werden; dort
+war alles zur Operation bereit. Um zehn Uhr kamen die Ärzte. Josefine
+lag auf dem Sofa im Studierzimmer. Als sie die Männer kommen hörte,
+hielt sie sich die Ohren zu; die Teppiche waren fortgenommen, so daß man
+das leiseste Stiefelknarren hörte. Sie ließ sich nicht trösten, ließ
+sich nicht zureden, verfiel wieder in den halbbesinnungslosen Zustand,
+in dem sie schon einmal gewesen war; sie wollte um jeden Preis hinauf zu
+dem Jungen; er konnte ihnen ja unter den Händen sterben. Der Pastor
+hätte gern mit den Ärzten gesprochen; aber sie hängte sich an ihn: sie
+wollte mit. So blieb er unten. Wenn irgend jemand oben einen Fuß rührte,
+so wußte sie gleich, wer es war; bewegten beide Ärzte sich zu gleicher
+Zeit, dann ging etwas Besonderes vor; dann krümmte sie sich und saß in
+sich zusammengekauert da, die Hände vor den Ohren. In ein anderes Zimmer
+wollte sie sich nicht bringen lassen; hier wollte sie bleiben, und
+Qualen erleiden. Manchmal, wenn sie sich halb zu Tode gehetzt hatte,
+flüchtete sie zu Tuft, wie zu einem stillen Hafen; "hilf mir!" flüsterte
+sie; es ginge um ihren Verstand, um ihr Leben; immer habe sie gewußt,
+daß es einmal ein jammervolles Ende mit ihr nehmen würde.
+
+Tuft bewog sie endlich, sich aufs Sofa hinzulegen und sich kalte
+Umschläge machen zu lassen; er bat sie so innig, und seine Liebe war so
+stark, daß sie ihr einen Halt gab. "Danke, Ole, danke!" Darnach wurde
+sie still.
+
+"Er schreit!" rief sie plötzlich und setzte sich auf; sie wollte hinauf.
+Der Pastor beteuerte, er höre nichts; aber im selben Augenblick hörten
+sie es beide. "Ja, ja!" rief sie und wollte hinauf. Tuft umschlang sie
+mit beiden Armen, bat und beschwor. Und wieder wurde sie still. Von oben
+kam kein Laut mehr jetzt.
+
+Oben ging alles schnell. Auf Kallems Verantwortung wurde der Junge
+chloroformiert, und das Schreien, das die Eltern gehört hatten, galt der
+Flanellmaske, die Kent ihm vors Gesicht hielt. Der Junge schob sie weg;
+er meinte, er müsse ersticken. "Mutter! Mutter!" Aber bald schlief er
+ein. Die Großmutter saß in einem frischgewaschenen Kleid auf der andern
+Seite am Kopfende und hielt seine Hand; sie zitterte, die Alte. Aber sie
+saß da, und sie wollte da sitzen bleiben, bis alles zu Ende war. Niemand
+hatte sie darum gebeten; aber sie hatte ihren Gott darum gebeten. Sobald
+der Junge eingeschläfert war, forderte Kallem sie jedoch höflich auf, zu
+gehen. Langsam und stumm entfernte sie sich.
+
+Nun gings ans Werk. Zwischen den Rippen auf der rechten Seite wurde ein
+acht Zentimeter tiefer Einschnitt gemacht. Mit stumpfen Instrumenten
+bohrte Kallem tief hinein, kam bis an den Rippenrand und sägte ein
+kleines Stück heraus; der Eiter strömte aus der Wunde.
+
+In diesem Augenblick wurden alle von einem wilden Schrei im Hintergrund
+aufgeschreckt. Josefine hatte blitzschnell die Tür aufgerissen, sah die
+weißen Operationsmäntel, sah Kallem voller Blut in der Brust ihres
+Kindes wühlen, -- und stürzte kopfüber zu Boden.
+
+"War die Tür nicht abgeschlossen?" fragte Kallem. Sissel kam von innen
+gelaufen, der Pastor von außen, und zusammen trugen sie sie hinaus.
+"Achten Sie auf den Puls!" wurde der Diakonissin zugeflüstert. "Und
+schließen Sie die Tür zu!" -- "Und Sissel --?" -- "Muß draußen bleiben!"
+
+Man hörte Josefine bald darauf an der Tür; aber niemand achtete ihrer.
+Eine Drainröhre wurde in die Brusthöhle eingeführt, diese wurde
+ausgespritzt und vorsichtig ein Gazeverband darum gelegt. Die Röhre
+mußte ein paar Tage liegen bleiben und die Zimmertemperatur gleichmäßig
+auf 15 Grad gehalten werden. Bald darauf zog Kallem sich samt seinen
+Instrumenten ins nächste Zimmer zurück und war verschwunden, bevor noch
+irgend jemand, der nicht der Operation beigewohnt hatte, wußte, daß er
+fertig war.
+
+Die Großmutter, die Ärmste, war wieder hinaufgegangen, um an der Tür zu
+horchen, als Sissel, die jetzt im Zimmer war, öffnete und etwas unter
+der Schürze davontrug. Im Vorbeigehen erzählte sie schnell, es sei
+alles vorüber. Die Großmutter wagte sich hinein; aber als sie das blasse
+Kind sah, verlor sie alle Herrschaft über sich selbst; sie ging schnell
+wieder hinaus und erreichte ihr Haus mit Mühe und Not.
+
+Dieses Petrefakt von der Meeresküste, pietistisch plattgedrückt, in die
+Nordwand des Hauses eingemauert, war für gewöhnlich gänzlich
+unzugänglich; der einzige Mensch, mit dem sie eine Art Gemeinschaft zu
+haben schien, war der Knabe. Ihr ganzes Haus war seine Spielstube;
+alles, was er nur wollte, durfte er ihr hineinschleppen; sie schleppte
+es wieder hinaus; sie hatte ja nichts anderes zu tun, als hinter ihm her
+aufzuräumen. Man hätte denken sollen, er müßte deswegen an ihr hängen;
+aber es war eigen: seit er krank war, mochte er die Großmutter gar nicht
+mehr sehen. Das klare Wesen der Mutter hatte, bei aller Strenge, seine
+Phantasie gefangen genommen; die Nachgiebigkeit der Großmutter, mit all
+ihrer Hinterhältigkeit und ihren Verboten, mit all den Gebeten, die er
+auswendig lernen sollte, und all den biblischen Geschichten, die er
+nicht verstand, hatte ihn gequält. Nun er matt und krank war, durfte sie
+überhaupt nicht mehr reden. Ein Jammer ist es mit diesen alten Leuten!
+Auch ihr Sohn vernachlässigte sie, seit Josefine wieder zugänglicher
+war. Wäre nicht die Diakonissin gekommen -- die Operation wäre
+vielleicht vor sich gegangen, ohne daß die Alte darum gewußt hätte.
+
+Einige Stunden später schlich sie sich wieder hinauf, lauschte draußen,
+hörte nichts, dachte, es sei vorbei und wagte sich hinein. Sissel saß da
+und nickte; aber sie sah gleich auf. "Lebt er?" fragte die Großmutter.
+"Ja", antwortete Sissel, nur ebenso laut, daß man es hörte; größer
+schien auch ihre Hoffnung kaum. Die Großmutter konnte nicht mehr; sie
+ging. Aber schon etliche Stunden darauf war sie wieder da. Er lebte noch
+immer. Diesmal hatte sie ihre Brille mitgebracht und ein altes, liebes
+Buch; Sissel konnte schlafen; sie würde hier sitzen bleiben, bis es zu
+Ende war. Sissel sagte ihr, was zu tun sei, und legte sich dann auf
+Josefines Bett.
+
+Erst um sechs Uhr abends streckte der Pastor den Kopf zur Tür herein.
+Erst jetzt wagte er, Josefine auf einen Augenblick zu verlassen. Er sah
+seine Mutter dasitzen, mit ihrer Brille und der alten Postille; er trat
+näher und forschte in ihrem Antlitz wie in einer Schrift: "Er lebt!" las
+er darin. Sie nickte, wie vorhin Sissel, -- im selben Sinne. Vor dem
+leichenblassen, schlafenden, schlaffen Gesicht des Jungen schauderte er
+zurück und ging.
+
+Ganz, ganz still war das Haus. In der Küche, die abseits lag, hörte man
+leise reden; überall waren die Türangeln geölt, überall lagen wieder
+Läufer und Teppiche. Allstündlich kam der Pastor, immer auf den
+Zehenspitzen; und immer derselbe Bescheid: bis jetzt lebe er noch. Alle
+kamen und gingen, lautlos, als wandelten Gespenster. In dem
+Fremdenzimmer, wo Josefine lag, und in seiner Nähe gab es keine Worte
+mehr, nur noch Zeichen.
+
+Die Nacht war womöglich noch schweigsamer. Großmutter saß nicht mehr am
+Bett, sondern Sissel; in der Küche brannte das Feuer, und irgend jemand
+wachte da immer, für den Fall, daß etwas sich ereignen sollte. Auch der
+Pastor wachte und ging ab und zu. Aber gegen drei Uhr schliefen er und
+die Küchenwache ein. Als die Großmutter gegen vier kam, schlief auch
+Sissel. Großmutter setzte sich wieder an ihren Platz. Nirgends ein Laut,
+bis gegen sieben Uhr. Großmutter sah nach dem Ofen und gab dem Kranken
+die Medizin; atmete der kleine Edvard leichter? Oder täuschte sie sich?
+
+Gegen sieben Uhr ging langsam die Tür auf. Sie glaubte, es sei ihr Sohn;
+aber es war Josefine, die hereintrat. Im Zwielicht sahen ihr großes
+Gesicht unter dem wirren Haar, ihre wilden Augen noch entsetzlicher aus;
+die Alte, die längst für ihren Verstand gefürchtet hatte, erschrak. Aber
+Josefine blieb an der Tür stehen; sie hörte Sissels feste Atemzüge, aber
+nicht die des Jungen; da wagte sie nicht weiterzugehen. Das sah die
+Großmutter und nickte ihr ermunternd zu. Ein paar Schritte vorwärts --
+und die Mutter sah ihren Jungen -- zum Erschrecken blaß, ohne jedes
+Lebenszeichen. Aber Großmutter nickte wieder; da wagte sie sich weiter
+vor. Die Gardinen waren noch zugezogen, deshalb sah sie nicht
+deutlicher; aber jetzt schien ihr doch, als atme er! Sie kniete nieder.
+Atmete er wirklich leichter, oder...? Sie hatte sich so verrannt in
+ihren Glauben an das Todesurteil, daß sie gar nicht hörte, was sie
+hörte. In äußerster Spannung lauschte sie, überlegte, hielt den Atem an,
+und erst, als sie die Gewißheit hatte, daß er leichter atmete, ließ sie
+den eigenen Atem unwillkürlich mit voller Gewalt über das Gesicht des
+Jungen hinströmen. Der warme Hauch weckte ihn; er schlug die Augen auf
+und sah seine Mutter an, und es schien, als besinne er sich. Ja, es war
+die Mutter; sie war wieder da! Seine Augen wurden lebhafter, klarer, als
+man sie seit Wochen gesehen hatte, und sie blickten in die ihren, bis
+Josefines Augen von Tränen überflössen.
+
+Kein Wort sagte er, kein Glied regte er aus Furcht vor den alten
+Schmerzen; und ihr war, als müsse ihm der Lebensgeist entfliehen, wenn
+er es tue oder wenn sie ihn anrühre oder anrede. Ja, sie dachte sogar,
+sie atme zu laut, atmete leiser, bewegte keine Hand, wandte nicht den
+Kopf. Und in dieser bewegungslosen Stille war ihr, als seien Flügel
+ausgebreitet über ihnen beiden. Der Augenblick glich dem, da sie ihn
+geboren, da sie den ersten kleinen Laut seiner lebendigen Stimme gehört
+hatte. Jetzt begann das Leben zum zweitenmal, jetzt, in diesen ersten,
+scheuen Atemzügen. Seine Augen waren wie Licht im Schnee. Nicht satt
+konnte sie sich sehen an ihrem frischen Glanz; sie beide schwebten
+miteinander, als ob es nimmer enden solle.
+
+Aber dem Jungen wurde die Macht ihrer Augen zu schwer; er gab sich der
+Sicherheit ihrer Nähe hin und schloß die Augen wieder, öffnete sie noch
+ein paarmal, um sich zu vergewissern, ... ja, sie war noch da, und dann
+schlief er ein.
+
+Eine Weile darauf stand sie im Studierzimmer. Draußen war heller Tag;
+herein damit! Sie zog die Gardinen auf; der Tag füllte den hohen Raum
+mit dem Leben des Lebens, füllte ihre eigene Seele bis in den
+verborgensten Winkel; sie stieß die Tür zum Fremdenzimmer auf und
+stellte sich in die Öffnung.
+
+Da lag Tuft, breit und stark, mit ausgestrecktem Arm, das dichte Haar,
+die hohe Stirn noch glänzend vom gestrigen Schweiß, um den Mund ein
+Lächeln. Jetzt weckte das Licht ihn halb aus dem Schlaf. "Ole!" sagte
+sie. Er öffnete die Augen weit, kniff sie aber gleich wieder zu. Im
+Geist ordnete er, was er da mit einem Blick gesehen hatte, und zugleich
+hörte er aus all dem Licht heraus Josefines Stimme: "Er lebt!"
+
+ * * * * *
+
+Am Sonntag sprach in der Kirche von der Kanzel herab ein Mann aus dem
+heraus, was er gelernt hatte.
+
+Darüber nämlich, was für uns alle das Größte ist.
+
+Der eine vergißt es in seinem Strebersinn, der andere in seinem
+Kampfeseifer, ein dritter in seiner Verranntheit und ein vierter über
+seiner eigenen Weisheit, ein fünfter in seinem Alltagstrott, und alle
+haben wir es mehr oder minder verkehrt gelernt. "Denn fragte ich nun
+Euch, die Ihr mir zuhört, so würdet Ihr alle, just weil ich von dieser
+Stätte aus frage, mir gedankenlos antworten: 'Das Höchste ist der
+Glaube'."
+
+"Ich aber sage Euch: wahrlich er ist es nicht! Sitz am Bett Deines
+Kindes, das daliegt in Atemnot, am Rande des Todes; oder laß Dein Weib,
+aufgerieben von Angst und Nachtwachen, dem Kinde nachgleiten bis an
+diesen äußersten Rand -- da lehrt Dich die Liebe, daß _das Leben das
+Höchste_ ist. Und nie wieder von diesem Tag an werde ich Gott oder Gottes
+Willen zuerst in einer Formel, in einem Sakrament oder in einem Buch
+oder einer Bibelstelle suchen, als sei er vor allem hier oder dort;
+nein, vor allem im Leben, in dem Leben, das der Tiefe der Todesangst
+abgerungen ist, im Sieg des Lichts, in der Inbrunst der Liebe, in der
+Gemeinschaft der Lebenden ist Gott. Gottes vornehmstes Wort an uns ist
+das Leben; unsere höchste Gottesverehrung die Liebe zu den Lebenden.
+Dieser Lehre, so selbstverständlich sie ist, bedurfte vor allen andern
+ich. Diese Lehre hatte ich aus verschiedenen Gründen und auf mancherlei
+Weise abgelehnt -- am stärksten in letzter Zeit. Aber niemals wieder
+soll das Wort mir das Vornehmste sein, ebensowenig die Zeichen; nein,
+das Größte soll mir sein die ewige Offenbarung des Lebens. Niemals
+wieder will ich festfrieren in einer Lehre; die Lebenswärme soll meinen
+Willen lösen. Niemals wieder will ich Menschen richten nach Dogmen und
+nach der Gerechtigkeit vergangener Zeiten, wenn sie nicht den Maßstab
+der Liebe unserer Zeit tragen. Niemals, so wahr ein Gott lebt! Und das,
+weil ich an ihn glaube, an den Gott des Lebens, und an seine unablässige
+Offenbarung im Leben!"
+
+
+12
+
+Am selben Nachmittag erschien bei Tuft ein seltener Besuch. Es klopfte
+leise an, und auf das erste "Herein" zeigte sich niemand. Auf das zweite
+wurde die Tür bedächtig geöffnet von Sören Pedersen, und hinter ihm
+tauchte nach langem Zögern und in großer Verlegenheit Aase auf.
+
+Sie wollten nichts Geringeres als dem Herrn Pastor für die heutige
+Predigt danken. "Denn niemand, Herr Pastor, kann leben ohne Gott;
+wenigstens wir ungelehrten Leute nicht. Es geht nicht, es geht ganz
+einfach nicht. Und so kommen wir wie der verlorene Sohn -- d. h. Aase
+wäre da wohl die verlorene Tochter -- (komm nur näher! Na, so mach', was
+Du willst!) und bitten Sie, ob Sie nicht zu Gott um Gnade für uns beide
+beten wollen, Herr Pastor!" Und Tuft tat es mit einer Inbrunst, wie nur
+er sie in ein Gebet zu legen vermochte. Sören sagte dann, sie wollten
+jetzt gleich zu Herrn Doktor Kallem gehen. "Ganz gewiß ist er der beste
+Mensch auf der ganzen Erde, jedenfalls hier in der Stadt. Aber in diesen
+Dingen ist er im Irrtum, Herr Pastor. Es gibt ganz sicherlich einen Gott
+und auch Geister, und das wollen wir ihm jetzt sagen."
+
+Tuft selber hatte beschlossen, an diesem Nachmittag noch Kallem
+aufzusuchen. Er war ihm dankbar, und es drängte ihn, zu bekennen, daß
+ohne das Unrecht, das sie an Ragni begangen hatten, nicht einmal die
+Erlebnisse dieser Tage ihm zur Erkenntnis der Lebenswerte verholfen
+hätten. Vor allem wollte er Josefine rechtfertigen, indem er ihre Schuld
+auf sich nahm. In der geschäftigen Dogmen-Postkutsche, in der er getrabt
+war wie ein Postpferd mit Säcken voll Papier beladen, hatte sie
+mitfahren müssen, ob sie nun wollte oder nicht. Und durch dies Unrecht
+war sie mißtrauisch und hart geworden.
+
+Als er sich eine Stunde später auf den Weg machte, stand ihre gemeinsame
+Kindheit merkwürdig lebendig vor ihm. Damals hatte er Missionär werden
+wollen; jetzt würde er es vielleicht im Ernst werden. Die Evolutions-
+und Entwicklungslehre auch ins Religiöse zu übertragen, das war eine
+Mission wert, und sie gedachte er auf sich zu nehmen. Der kleine
+Dogmengott vergangener Zeiten und seine Priester mußten überwunden
+werden wie die Götzen und Wundertäter der Heiden. Und hatte er später in
+theologischem Machtbegehr davon geträumt, Bischof zu werden -- nun wohl!
+Hier war ein gefahrvolles Bistum -- aus leicht erklärlichen Gründen --
+frei in Norwegen.
+
+Auf der Treppe zum oberen Eingang wartete Sigrid, als Pastor Tuft mit
+langen Schritten über den Hof gesteuert kam. Sie war schwarzgekleidet
+und trug ein schwarzes Tuch über dem lichtgelben Haar. "Herr Doktor ist
+nicht zu Hause!" sagte sie in ihrer stillen Art. Er machte sofort Kehrt
+und ging entschlossen nach dem Krankenhaus hinauf. Dort stand Mutter
+Andersen, ebenfalls in Schwarz und einer Haube mit schwarzen Bändern.
+"Tragen Sie noch immer Trauer um Ihren Mann?" -- "Nein, jetzt um Frau
+Kallem." -- "Ist Doktor Kallem hier?" -- "Nein, er ist vor einer Weile
+nach Hause gegangen."
+
+Da irrst Du! dachte Tuft und schlug den Weg nach der Landstraße ein; er
+konnte inzwischen eine tüchtige Promenade machen.
+
+Es waren viele Spaziergänger unterwegs; sie grüßten ihn voll freudiger
+Teilnahme, das war zweifellos. Mutter Andersens strenges Gesicht hatte
+einen Schatten über ihn geworfen; aber vor der Milde der andern zog sich
+der Schatten zurück. Wieder überkam den Pastor der stürmende Mut, den er
+vor einer Weile noch gehabt hatte, und der den meisten Neubekehrten
+eigen ist. Dicht beim Krankenhaus begegnete er Sören Pedersen und seiner
+Frau; auch sie wollten sich an diesem lichten Sonntagabend voll
+Frühlingsverheißung einen kleinen Spaziergang leisten. "War er zu
+Hause?" fragte Tuft. "Ja, Herr Pastor", erwiderte Pedersen höchst
+aufgeräumt. "Na, was hat er denn gesagt, der Doktor?" -- "Es hat mir
+gefallen, was er sagte, Herr Pastor. Es gibt zwei Arten von Menschen,
+sagte er; die eine glaubt nur das, was sie weiß; die andere tut das
+auch, aber das, was sie glaubt, läßt sich nicht beweisen -- wenigstens
+für niemand, als sie selber." -- "Er hat recht." Tuft lachte und eilte
+weiter. Aber sowie er allein war, überfiel ihn Markus 16, Vers 16; das
+lag noch von seiner "rechtgläubigen" Zeit her im Hinterhalt und lauerte
+ihm auf. "Wer aber nicht glaubet, der wird verdammt werden!" Gott
+respektiert also nicht "zwei Arten Menschen". Tuft setzte sich eifrig
+zur Wehr; vom neunten Vers bis zum sechzehnten Kapitel ist alles ein
+späterer Zusatz, von dem die ältesten Handschriften nichts wissen. Wenn
+diese Stelle unecht ist, so enthält keins der drei Evangelien eine
+Stelle, die auch nur annähernd so furchtbar wäre. Und das vierte, das
+sie enthält, hat damit sich selbst "verdammt". Nein -- das Leben ist
+alles -- und der Glaube ist der wunderbare Weg zur Erklärung des Lebens,
+d. h. zu Gott. Auf diesem Wege werden wir dereinst die höchste
+Gemeinschaft mit ihm erlangen, wenn nicht hienieden, so doch im
+Jenseits. Der Glaube soll uns nicht zum Gericht werden, sondern zum
+Führer. Menschen um ihres Glaubens willen zu verdammen, mochte in
+entschwundenen Zeiten als Wahrheit gelten; in unserer Zeit stößt es ab.
+Gott offenbart sich unserem Verstand auf höhere Weise. Wieder schritt er
+eilig über den Hofraum.
+
+Aber wieder kam Sigrid auf die Treppe: "Herr Doktor ist nicht zu Hause."
+Die verschleierten Augen wichen den seinen aus; aber sie blieb
+unbeweglich stehen, das Gesicht dicht eingerahmt von ihrem Tuch. Das
+Haus hinter ihr war wie ein Geheimnis, eine geschlossene Gemeinschaft,
+etwas in sich Treu-Gefestigtes, von dem er ausgeschlossen war.
+
+Jetzt begriff er.
+
+Der Preis, um den er hier Einlaß fand, war doch wohl höher, als er
+gedacht hatte. Demütig ging er heim; Josefine gegenüber schwieg er von
+der Sache.
+
+Die Zurückweisung war ihm ein neuer Ansporn, weiter auf dem Wege
+vorzudringen, der einzig die Geschwister wieder zusammenführen konnte.
+Und das war die Bedingung für alles andere. Er gestand sich ehrlich ein,
+daß er war auf seinen Schwager eifersüchtig gewesen. Dies rein
+persönliche Gefühl hatte großen Einfluß auf die Beschränktheit seiner
+Lehre gehabt.
+
+Da kam ihm von außen her Hilfe. Zuerst verwunderte Fragen,
+zurückhaltendes Wesen, was ihm wehtat, ihn zuweilen schwankend machte;
+bald aber offener Kampf mit seinen treusten Anhängern. Und das trieb ihn
+vorwärts. Sein alter Freund, der ehemalige Krankenhausverwalter, schien
+nur auf die Gelegenheit gewartet zu haben, um sich von einem
+Dankbarkeitsverhältnis, das ihm lästig war, freizumachen; er schlug
+gewaltig Lärm und zog Hilfstruppen sogar aus der Hauptstadt herbei.
+Seminarlehrer, Schulmeister, Wanderprediger und verschiedene Pastoren
+gingen Pastor Tuft in der Betstunde mit allen möglichen theologischen
+Instrumenten zuleibe. Vor allem lernte er, sich deutlich ausdrücken;
+denn die meisten Punkte, in denen sie ihn angriffen, beruhten auf
+Mißverständnissen. Er lernte aber auch den Gebrauch von Kräften und
+Kenntnissen, die er bis jetzt nicht geübt hatte.
+
+Im ersten Monat war Josefine nur müde und stumpf; sie war mehr
+heruntergekommen, als sie wußte. Aber nach einiger Zeit fing sie an, dem
+Bauernjungen, der einst ihr Herz mit seinem lichten Glauben gefangen
+hatte, zu folgen.... Ob er wiederkam?
+
+Ein Ereignis, das sie ihrem Mann verheimlichte, hatte sie wieder so
+zurückgebracht, daß sie nur langsam zu Kräften kam. Auch sie war nämlich
+in aller Stille bei ihrem Bruder gewesen, sobald sie wieder ausgehen
+konnte; auch sie war von Sigrid auf der Treppe empfangen worden mit dem
+Bescheid, er sei nicht zu Hause; aber sie hatte ihn, als sie kam, auf
+der Veranda stehen sehen! Mit knapper Not hatte sie sich heimgeschleppt.
+
+Sie hatte ja das tiefste Mitgefühl mit ihm gehabt und war zu jedem
+Zugeständnis bereit gewesen; seine Unerbittlichkeit jedoch weckte ihren
+Trotz. Von ihrer eigenen Eifersucht auf Ragni hatte Josefine selbst
+keine Ahnung, also auch nicht davon, wie dadurch ihr eigenes Wesen
+beeinflußt worden war. Sie sah ihre Schuld darin, daß sie unverträglich
+gegen eine Frau gewesen war, die im Grunde eben doch eine Sünderin war.
+Wenn Sissel Aune oben bei dem Jungen saß und ihm von Ragni erzählte, wie
+liebevoll sie bis zum letzten Augenblick gewesen sei, dann empfand sie
+das Unmenschliche ihres Betragens, daß sie Ragnis Herzensgüte, daß sie
+Kallems Liebe hatte übersehen können. Aber abgesehen von dieser
+Unversöhnlichkeit fühlte sie sich nicht schuldig.
+
+Die Enttäuschung war um so größer und hätte schwere Folgen gehabt, wenn
+nicht gerade jetzt ihres Mannes Kampf sie mitgerissen hätte. Ein
+unklarer Mensch, der wesentlich nur in Trotz gelebt hat, kann nur durch
+eine große Begebenheit erlöst werden. Und zu einer solchen wurde ihr
+der Tag, als Tuft zu ihr sagte: "Josefine -- hierfür müssen wir Amt und
+Vermögen einsetzen!"
+
+Drei Monate waren vergangen, da fühlte sie sich, neubelebt vom Kampf,
+stark genug, es mit ihrem Bruder aufzunehmen. Sie schrieb ihm, was
+sie auch verbrochen hätten -- es müsse Klarheit sein zwischen ihnen;
+einer Anklage wenigstens müßten sie gewürdigt werden. Ihre Dankbarkeit
+gegen ihn sei groß, ebenso groß aber ihr Bedürfnis, mit ihm
+zusammenzuarbeiten, nun, da sie ihre frühere Unverträglichkeit bereuten
+und dem Geist der Liebe und der Gerechtigkeit, den sie verkannt hätten,
+jedes nur mögliche Opfer zu bringen bereit seien.
+
+Ein sehr geschickter Brief; das sagte auch ihr Mann.
+
+Aber Tag auf Tag verging ohne Antwort. Es war ein wahres Glück, daß
+gerade diese Tage die schwersten Kampftage für Tuft waren. In der
+Betstunde und nachher auch in der Kirche hatte er die Worte angewendet,
+mit denen Josefines Brief schloß: "Gerechtigkeit und Liebe" ohne
+Unterschied des Glaubens (wie in der Erzählung vom barmherzigen
+Samariter) sei der Kern des Christentums; deshalb müsse alles mit diesem
+Maß gemessen werden, in erster Linie die Lehre selbst, bis jedes
+Körnlein, das sich nicht daran messen ließe, vor der Offenbarungsmacht
+der Gerechtigkeit unserer Zeit fallen müsse als eine Gotteslehre ferner
+und harter Zeiten.
+
+Dafür wurde er noch am selben Tage zur Disputation geladen.
+
+Zwei Versammlungen wurden abgehalten im Verlauf der Woche, alle drei
+stark besucht. Sein Hauptgegner war ein Pastor und Redakteur einer
+theologischen Zeitschrift aus der Hauptstadt. Die Lehre von der Hölle
+war fast ausschließlich der Gegenstand, um den es sich drehte, und Tuft
+hielt daran fest: alles, was Paulus darüber gesagt habe, sei völlig
+verschieden z. B. von der Offenbarung Johannis. Nach Paulus sei das
+Leben hier und im Jenseits ein stetiges Fortschreiten, das damit ende,
+daß Gott "Alles in Allem" werde. Diese Lehre halte das Maß der
+Gerechtigkeit und der Liebe, -- und es machte Eindruck, als er mit
+seiner metallreichen Stimme in der lebhaften, westländischen Tonart über
+die dichtgedrängte Versammlung hinrief, ob sie denn glaubten, Krieg und
+Unterdrückung durch den Stärkeren würden ein Ende nehmen, solange die
+Lehre von der Hölle mit ihrer grausamen Rachsucht und Roheit in allen
+Schulen und Kirchen als Gottes Gerechtigkeit und Liebe gelehrt würde!
+
+Die Gegner waren ganz im "Stil der Höllenlehre", indem sie alles taten,
+ihn zu verketzern und zu verdammen. Unter den Zuhörern herrschte nur
+eine Meinung: in Klarheit und Überzeugungstreue war Tuft den andern
+allen über.
+
+Das letzte Mal war auch Doktor Kallem zugegen; er sah auch Josefine mit
+flammenden Augen dasitzen; und am nächsten Tag gegen Abend kam seine
+Antwort.
+
+Sie stand gerade vor dem Haus und sah ihrem Jungen zu, wie er mit der
+Gartenspritze spielte, als der Brief kam; sofort erkannte sie die
+Handschrift, und zitterte so, daß sie ihn gar nicht öffnen konnte. Es
+erschreckte sie, wie wenig kräftig sie im Grunde doch noch war. Sollte
+sie die Gesundheit ihrer Jugend nie wieder erlangen?
+
+Sie ging also auf ihr Zimmer und riegelte hinter sich ab. Ein dicker
+Brief! Sie drehte und wendete ihn, setzte sich und überlegte, ob sie ihn
+vielleicht nicht doch Tuft zuerst lesen lassen sollte. Aber
+möglicherweise stand etwas über ihn darin, was er nicht sehen durfte.
+
+Sie öffnete.
+
+Kein Wort von ihrem Bruder, kein Wort an sie! Das erste, was sie sah,
+war von fremder Hand geschrieben; das nächste ebenfalls, das übernächste
+auch, zwei verschiedene Handschriften. Ein paar zusammengeheftete Bogen,
+einige Briefe, ein paar lose Zettel ... von Edvard kein Wort.
+
+Was bedeutete das? Aus all den Papieren zog Josefine unwillkürlich das
+kleinste hervor, ein Zettelchen mit drei Zeilen darauf:
+
+"Sie haben meinen guten Namen getötet und ich hab' es nicht gewußt. Denn
+ich wußte nicht, daß ich einen hatte, bis er getötet war."
+
+Auf einem andern Zettel bloß die feingeschriebenen Worte: "Vergib ihnen;
+sie wissen nicht, was sie tun."
+
+Diese zarte, leichtschwingende Handschrift war natürlich Ragnis.
+Josefine begann zu zittern, und wußte doch nicht warum.
+
+Da lag ein Brief von einer andern Hand geschrieben, die ersten Worte in
+roter Tinte. Keine Unterschrift. Aber als sie las, daß Kallem dies nicht
+sehen dürfe, vermutete sie einen Liebesbrief von Karl Meek, den Kallem
+nach ihrem Tode gefunden hatte. Was sollte sie damit? Flüchtig las sie
+die ersten Worte, hielt aber inne, als es "Sie" hieß -- als er von einem
+Schmerz sprach, den er hatte allein tragen wollen, der nun aber auch sie
+betroffen hätte, eine Verleumdung...? War es Verleumdung gewesen?
+
+Überall die allerehrerbietigsten Ausdrücke! -- Wann war der Brief
+geschrieben? Es war kein Datum angegeben; aber der Schreiber war im
+Ausland; also nach ihrem Zusammenleben hier. Der Brief war ein einziger
+großer Schrei, ein Schmerz, so echt, wie sie einen größeren nie gelesen
+hatte.
+
+Josefines Hand zitterte; sie mußte den Brief auf den Tisch legen.
+
+Sie las, wie Karl infolge dieser grausamen Verleumdung an niemand anders
+und an nichts anderes zu denken vermochte; sie las, wie dadurch seine
+Liebe zu Ragni erwacht war; Josefine sah diese Liebe, aus Kummer,
+Dankbarkeit, Anbetung geboren, ihr entgegenatmen, -- in den reinsten,
+rührendsten Ausdrücken.
+
+Ragni unschuldig? Gott im Himmel, war sie wirklich unschuldig? Dann
+waren die ergreifenden Szenen zwischen Edvard und ihr, während der Tod
+sie Zoll für Zoll auseinanderriß (Sissel Aune hatte sie ihr
+geschildert) ja nicht zu ertragen gewesen! Ja, dann begriff sie,
+weshalb er mit ihrer Leiche von hier weggezogen war und Karl Meek
+mitgenommen hatte. Sie begriff nur das eine nicht: daß er es überlebt
+hatte.
+
+Es klopfte an die Tür; sie sprang auf; es war bloß das Mädchen, das sie
+zum Abendessen holen wollte. Sie vermochte nicht zu antworten. Es
+klopfte wieder. "Nein, nein!" würgte sie endlich heraus, während sie
+sich wand vor Scham und Schmerz. Sie mußte zu ihrem Bruder! Sie mußte zu
+ihm! und sollte sie auf den Knien zu ihm rutschen!
+
+Aber da waren noch mehr Papiere; und sie hatte ein Gefühl, als ob ihr
+Bruder neben ihr stehe und ihr gebiete zu lesen. Zitternd las sie:
+
+"Ich will jetzt abschreiben, was ich nach vielen Versuchen und
+Ausstreichen über meine Kindheit und meine erste Ehe zustande gebracht
+habe; aber ich fühle mich auf einmal so müde und so fertig. Immer hatte
+ich mir ausgedacht, ich wolle ein paar Worte als Einleitung schreiben,
+und hatte mich darauf gefreut. Jetzt ist es zu spät. Jetzt kann ich Dir
+bloß noch sagen, Du 'weißer Pascha' meines Lebens, wie das alles so mit
+mir gekommen ist. Ganz kurz hab' ich's gesagt, weil es mir eine Qual
+war. Ich hab' es auch nur gesagt, damit Du mich verteidigen kannst,
+sollte irgend jemand es noch der Mühe wert finden, von mir zu sprechen,
+wenn ich fort bin. Liebster Freund, ich klage nicht. Ich habe das
+Schönste erlebt, was ich erleben konnte; nur daß es so kurz war! Du mußt
+Dir bloß vorstellen -- ich hatte mich selber aus bloßer Furcht vor noch
+etwas Schlimmerem weggeworfen; und da hast Du mich emporgetragen aus der
+Tiefe des Meeres zum Frieden, zu allem Guten in guter Menschen Obhut --
+bis Du dann zum zweitenmal kamst und mich noch weitergetragen hast -- zu
+Dir selbst. Und hier, in Deinem Heim, alles zu eigen zu haben, Dich, und
+alles, was Dir gehört -- ohne es zu verdienen; ich hab' es oft schwer
+empfunden; aber glücklich war ich doch."
+
+"Ich weiß, ich füllte meinen Platz nicht aus; aber nun, da es zu Ende
+geht, ist mir, als schade auch das nichts mehr. Du hättest Nachsicht
+gehabt mit mir, wie lang es auch gedauert hätte; das weiß ich ja gewiß."
+
+"Liebster, wenn ich Dir auch alles sagen wollte, was von Dank und
+Bewunderung für Dich in mir ist --Du würdest es nicht begreifen; so
+selbstverständlich war es Dir, daß alles Frohe in Deinem Leben von mir
+kam. Und das ist auch in meinem Leben das Schönste gewesen."
+
+"Aber Du liest das ja erst, wenn ich nicht mehr im Sessel neben Dir
+sitze, und da ist nichts, was die Erinnerung an mich besser in Dir
+wachhalten könnte, so wie ich sie in Dir lebendig wissen möchte, als ein
+großes unendliches
+
+ ich danke Dir!"
+
+Das war die Ehe, der sie den Namen Ehe hatte absprechen wollen! Sie,
+Josefine, im Vergleich mit ihrer eigenen!
+
+Sie glitt hernieder vom Stuhl, auf die Knie. Sie schluchzte, schluchzte
+-- und zwang sich, still zu sein, damit niemand sie hier finden solle,
+zusammengekauert, zusammengebrochen unter der Schmach ihres Verbrechens.
+Ihre Hände tasteten um Ragnis Handschrift, ihr Kopf sank auf die Hände:
+"Vergib! Vergib!" flüsterte sie, und sie wußte, daß niemand, niemand sie
+höre, und daß niemand, niemand ihr vergeben könne.
+
+Und blitzschnell erfaßte sie, daß Ragni auch in ihrer ersten Ehe rein
+gewesen, daß sie auch in ihr verleumdet worden war. Die Schriftstücke
+über diese Ehe, wie sie zustande gekommen war, -- sie brauchte sie
+nicht, sie konnte sie nicht lesen. Mit fiebernden Händen packte sie
+alles zusammen -- Ole sollte es lesen. Jetzt mußte _er_ ihr helfen; es
+galt ja ihr Leben. Sie war mitschuldig des Mordes, des Mordes an einer
+ganz Unschuldigen! Nicht durch Worte oder Hetzereien; gesagt hatte sie
+nichts; aber gerade durch ihr Schweigen, gerade dadurch, daß sie Ragni
+vom ersten Tag an von sich gestoßen hatte -- gerade dadurch war die
+Ärmste rettungslos verloren gewesen; das hatte sie getroffen wie der
+Blitz; das hatte sie betäubt, schreckerstarrt zu Boden geschlagen. Das
+Urteil, das sie in ihres Bruders Augen gelesen hatte, das Todesurteil,
+-- sie hatte nicht falsch gelesen! -- nur galt es nicht ihrem Sohn, ihr
+selber galt es. _Sie_ verdiente den Tod!
+
+Entsetzen packte sie; der Schweiß brach ihr aus wie nach einem
+betäubenden Schlag.... _Jetzt war es da_!
+
+Ja, jetzt war es da, wovor sie Jahr um Jahr erschauernd gebangt hatte,
+-- etwas über alle Maßen Grauenhaftes, das sie zu Staub zermalmen würde.
+Nichts war sie gewesen; nichts hatte sie gewollt, nichts geleistet; und
+dabei hatte sie getrotzt und verurteilt und das höchste Spiel gespielt!
+
+Jetzt war es da! Sie hatte geglaubt, die Sache mit dem Jungen sei das
+Äußerste gewesen; nein, erst jetzt war es da, jetzt, seit sie wieder ein
+frohes Zusammenleben mit ihrem Mann und festen Boden unter den Füßen
+gewonnen hatte.... _Jetzt_ traf es sie -- und traf sie tödlich.
+
+Sie eilte hinunter ins Studierzimmer, während Tuft noch aß, und legte
+den Brief auf seinen Tisch; Hut und Tuch hatte sie schon an; und nun
+lief sie mehr als sie ging zum Haus des Bruders. Nun galt es biegen oder
+brechen.
+
+An einem Fußweg bog sie nach der Kirche ab; dabei dachte sie an Oles
+letzte Predigt. Wenn ihr Zusammenleben von Anfang an so freie Wahl, auf
+solche Ziele eingestellt gewesen wäre! Sie weinte und lief auf das
+fürchterliche Haus zu. Links hinter dem Laub erblickte sie auch die
+weiße Hauswand des andern, in dem Kule wohnte -- das Mordinstrument!
+Nein, nein, nein! Sie hatte ihn nicht kommen heißen; sie hatte keinen
+Teil daran! Doch -- sie hatte gehört, wie man davon sprach, und es für
+ganz gerecht gehalten. Einige hatten es als guten Witz aufgefaßt, andere
+wieder ernst, ja, religiös. Josefine erinnerte sich jedes Wortes, zu
+dem sie geschwiegen, jedes Gedankens, den sie im Stillen gehabt hatte.
+
+Mord, Mord! Da gab es keine Vergebung, das wußte sie. Was wollte sie bei
+dem Bruder? Er hatte ihr Kind gerettet; darüber hinaus wollte er nichts
+mit ihr zu schaffen haben. Und dennoch -- ihr Leben hing von jetzt an
+diesem Fleck Erde; sie mußte hin, und wenn es ihr Tod war! Und sie
+hastete weiter.
+
+Ihr Leben war geschändet; sie konnte keinem ehrlichen Menschen mehr ins
+Auge sehen. Mit Kälte und Bosheit hatte sie ein völlig, völlig
+unschuldiges Menschenkind getötet -- hatte ihres Bruders Heim zerstört!
+Wie sollte sie darnach noch weiter leben? Was wollte sie jetzt? Ihre
+gerechte Strafe suchen? Aber die konnte nur sie selbst sich auferlegen.
+Zuerst mußte sie ihn gesehen, ihn gehört, selber mit ihm gesprochen
+haben -- ja -- -- denn sie hatte auch etwas zu sagen, -- -- er wußte ja
+gar nicht, wie sie ihn liebe, wie sie ihn immer geliebt hatte; -- er
+kannte sie überhaupt nicht. Und sie weinte und hastete weiter.
+
+Sie sah ihn im Garten zwischen dem Haus und den Nebengebäuden stehen,
+über irgend etwas gebückt, was er eben in der Hand hielt. Sie sah ihn --
+über die Johannisbeer- und Stachelbeerhecke weg, wo die höheren
+Obstbäume ein bißchen weiter auseinanderstanden. Ein Frösteln durchrann
+sie; aber sie schritt weiter. Bald war sie unter den Bäumen des Parks,
+und bog dann nach dem Hof ab; nur die Mauer der Stallgebäude war noch
+dazwischen; jetzt trat Josefine hervor.
+
+In einem hellgelben, rohseidenen Rock, demselben vielleicht, in dem er
+vor zwei Jahren gekommen war, stand er da -- die Ärmel aufgestreift, die
+Manschetten abgelegt -- und wusch unter der Pumpe einen Reisekoffer; die
+vielen Zettel, die die verschiedenen Eisenbahnen übereinander
+daraufgeklebt hatten, mußten aufgeweicht werden. Wollte er verreisen? Er
+war sonnverbrannt und mager; im Profil erschien sein Gesicht noch
+schärfer. Jetzt hörte er ihre Schritte und blickte auf.
+
+Blickte ihr in das verweinte, flehende Gesicht. Von ihrer einstigen
+farbenfrohen Kleidung keine Spur mehr; ein dunkles Sommerkleid; um die
+Taille einen Gürtel; auf dem Kopf ein breitrandiger Strohhut mit braunem
+Band; über dem Arm lose ein Tuch. Ihre Tränen brachen hervor. "Edvard!"
+rief sie verzweifelt; weiter kam sie nicht....
+
+... Denn er hatte den Koffer fallen lassen und sich hoch emporgerichtet;
+eine Stimme, die in zwei Oktaven zu klingen schien, sagte: "Nie verzeihe
+ich Dir, Josefine!" "Edvard -- so laß mich doch erklären ... --" Sie
+wandte sich dem Haus zu, voll Angst und Verzweiflung, so streng sah er
+aus. Er glaubte, sie wolle hineingehen.
+
+"... Nie kommst Du über diese Schwelle!" Und er stemmte die Hände in die
+Seiten, als wolle er Wache halten.
+
+
+13
+
+Tuft ging vom Abendbrot in sein Studierzimmer, sah aber die Briefe nicht
+liegen, weil er gar nicht auf den Schreibtisch blickte. Wie so häufig
+abends machte er einen kleinen Spaziergang; wäre Josefine dagewesen, so
+hätte sie ihn wohl begleitet, dachte er. Wohl eine Stunde ging er auf
+und ab; es war Sonnabend, und er überdachte seine Predigt für morgen.
+Als er nach Hause kam, setzte er sich mit einem Buch ans Fenster und
+las, wanderte dazwischen auf und ab, las wieder, bis es zehn Uhr war.
+
+Er ging nach oben, um sich zu legen; Josefine war nicht da; nicht in
+ihrem eigenen Zimmer, nicht im ganzen Haus. So stieg er wieder hinunter
+ins Arbeitszimmer, um auf sie zu warten; wo konnte sie nur sein? Bei
+einem Kranken? Er wußte von keinem. Gedankenlos griff er nach dem Brief,
+während er am Schreibtisch vorüberging; sein Name stand darauf -- von
+Josefines Hand! Heiß stieg es in ihm auf; er ging ans Fenster, um besser
+sehen zu können. Kein Siegel; bloß verschiedene Papiere; und obendrauf
+ein Zettel mit folgenden, von Josefine geschriebenen Worten: "Ich bin
+zu ihm gegangen -- es gilt mein Leben." Was war das?
+
+Eine Viertelstunde später war auch Tuft auf dem Weg zur Kirche; auch er
+lief mehr als er ging. Er war der allein Schuldige; er hatte seinerzeit
+Josefine den Gedanken eingegeben, Ragni sei ihrem ersten Mann untreu
+gewesen, und damit alles ins Rollen gebracht, was seitdem geschehen war!
+Und wenn er nicht auf seinen Schwager eifersüchtig gewesen wäre, so
+hätte er kaum dessen Bruch mit der Kirche, den Verkehr mit Spöttern zum
+Vorwand genommen, sich von den beiden zurückzuziehen. Und wenn der
+Schwager antworten würde: Josefine sei ja überhaupt gar nicht Christin
+genug, um aus diesem Grund Ragni zu verdammen, oder darum gleich das
+Schlimmste von einem Freidenker anzunehmen -- er, Tuft, würde antworten,
+daß solche, die so etwas tun, eben keine Christen sind, sondern
+Halbchristen. Der, dem die Liebe zu Gott Lebensgesetz geworden ist,
+urteilt überhaupt nicht; aber die anderen tun das um so eifriger.
+Josefine hatte nach ihrem ganzen Lebensgang eine Halbchristin werden
+müssen, und das war wiederum seine Schuld. Das theologische Studium
+unterbindet alles Wachstum des Mannes.
+
+Wie klar er das alles jetzt überschaute! Und darum war es ihm auch so
+unerträglich, sie in dieser Seelennot zu wissen. Er rannte so, daß er
+ganz außer Atem in den Park, ans Tor, über den Hof und auf die Treppe
+kam. Die Haustür war verschlossen, -- es war doch kaum über zehn! Er
+klingelte wieder und wieder, und bald hörte er im Korridor Schritte,
+Männerschritte. Kallem war es, der öffnete.
+
+"Ist Josefine nicht hier?" -- "Nein." -- "Ist sie nicht hier gewesen?"
+-- "Doch, vor anderthalb Stunden." --"Und -- --?" -- "Ich habe ihr mein
+Haus verboten." -- "Du hast nicht mit ihr gesprochen?" -- "Nein." -- Da
+streckte Tuft die rechte Hand aus: "Jetzt bist auch Du dogmenbesessen!"
+wandte ihm den Rücken und stürzte fort. Sein breiter Hut über den
+breiten Schultern war wie ein vierkantiger Nachdruck auf seine letzten
+Worte.
+
+Es war schon über elf Uhr -- da klingelte es wieder. Genau auf dieselbe
+Art. Kallem erschien sofort. Er war also nicht zu Bett gewesen.
+
+Wieder war es Tuft, der dastand; aber, soweit Kallem zu unterscheiden
+vermochte, noch ehe er ihn näher sah, ein ganz anderer, ein verstörter,
+verzweifelter Mann. "Wo, denkst Du, könnte sie hingegangen sein,
+Edvard?" -- "Ich denke, zu Ragnis Grab wird sie gegangen sein!"
+
+Ein wunder Laut aus der Kehle, ein fast sichtbares Aufwallen von
+Schmerz. Und wieder war er auf und davon. Seine schweren Schritte
+klangen noch lange herauf durch die Stille der Nacht.
+
+Gegen ein Uhr wieder das Klingeln; aber nur einmal, zaghaft --
+angstvoll. Kallem kam sofort aus dem Wohnzimmer; er war also noch immer
+auf.
+
+Eine Frau stand vor der Tür. Der kurzsichtige Kallem ging hastig auf sie
+zu und erkannte Sissel Aunes Stimme. "Liebster, bester Herr Doktor,
+seien Sie doch gut und barmherzig!" fing sie an zu jammern. "Liebster,
+bester Herr Doktor!" -- Kallem glaubte, sie komme seiner Schwester
+wegen; ihr sei etwas geschehen. Es überlief ihn kalt. Aber Sissel fuhr
+fort: "Niemand kann ihn mehr bändigen; jede Nacht ist er wie verrückt."
+--"Aune?" fragte Kallem. "Ja. Er glaubt, Kristen Larssen sei hinter ihm
+her, und da rennt er davon, immerzu, wer weiß, wie weit, in den Wald und
+auf die Landstraße; heut ist's die dritte Nacht; und ich _kann_ nicht
+mehr! Liebster, bester Herr Doktor -- ich hab' ja sonst niemand, zu dem
+ich gehen könnte!" -- sie fing zu weinen an -- "und niemand kann ihn ja
+bändigen, außer Ihnen!"
+
+Der muntere Buchbinder und Spielmann verrückt geworden? Also hatte er
+sich seiner Macht entzogen? Oder trank er wieder? War es Delirium? Nein,
+es war einfache "Verrücktheit" aus Angst vor Kristen Larssens Geist.
+Kallem ging sofort mit.
+
+Der Himmel war bewölkt; eine dunkle Nacht. Aber ein frischer Nordwind
+begann die Wolken auseinanderzufegen. Er rüttelte auch die Bäume am Weg;
+das laubdichte Rauschen fragte und spürte so manches auf, während sie
+vorübergingen. War es nicht auch seltsam und wunderlich, daß Aune, der
+unter den Leuten den Glauben an Kristen Larssens Spukerei aufgebracht
+hatte, jetzt selber davonrannte, in sinnlosem Entsetzen -- vor seiner
+eigenen Luggeschichte? Jeden Abend, sobald es dunkel würde, versicherte
+Sissel, erschiene ihm Kristen Larssen und wolle ihn in die Hölle mit
+sich nehmen! -- "Aber liebe Sissel, es gibt ja gar keine Hölle!" -- Im
+selben Augenblick hörten sie aus weiter Ferne einen Schrei, einen
+einzigen, endlosen, schneidenden Hilferuf. Wie ein Gespenst stieg er auf
+durch die Nacht -- man sah ihn beinahe. "Das ist er!" rief Sissel und
+faltete die Hände. "Jesus Christus! Hilf!" schrie sie und fing zu laufen
+an. Kallem eilte ihr nach. "Ruhig, Sissel! So kommst Du bloß langsamer
+vorwärts. Ruhig gehen, ruhig! Hörst Du?" Sie gehorchte sofort, wandte
+sich aber leidenschaftlich zu ihm: "Wer anders als der Satan kann einen
+Menschen so hetzen?" fragte sie schweratmend. Da schlug in der Nähe ein
+Hofhund an; der Schrei hatte ihn aufgeschreckt; er kläffte unaufhörlich.
+Kallems Stimme überschrie den Hund: "Aune ist so wenig vom Satan
+besessen als der wütige Köter dort! Weißt Du, wie überhaupt die Leute
+den Satan erfunden haben? Sie glaubten, alles sei vollkommen erschaffen
+auf Erden; und da hatten sie niemand, dem sie Schuld dafür geben
+konnten, daß die Sünde in die Welt gekommen war."
+
+Im selben Augenblick fiel der rasende Hund sie an. Sissel flüchtete zu
+Kallem. "So ein wütiger Pfaff!" rief der und bückte sich nach einem
+Stein. Da wich der Köter ein Stück zurück. Ein neuer Schrei -- näher als
+der erste -- ein Notschrei aus der letzten Kraft eines Menschen. Ein
+Schauder überlief sie; sogar der Hund stutzte. Aber dann setzte er, an
+ihnen vorbei, in einem großen Bogen auf den Spuk los. "Gott steh uns
+bei -- jetzt hat er ihn!" weinte Sissel auf und stürzte vorwärts; dem
+Hund durfte der Besessene auf keinen Fall zwischen die Zähne laufen! Und
+dabei hörten sie den Köter bellen, bellen, als ob er eine wilde Bestie
+vor sich habe, die er im nächsten Augenblick zerreißen wollte. Jetzt
+liefen sie beide, so schnell sie konnten; Kallem war Sissel bald weit
+voraus. Aune konnte es kaum sein, der da in Gefahr war, aus solcher Nähe
+hatte der letzte Schrei nicht geklungen. Das rasende Tier war über den
+ersten besten hergefallen. Wer aber war das? Seit seiner Kindheit war
+Kallem nicht so gelaufen; er hörte am Bellen des Hundes, daß der Gegner
+sich wehrte, und lief mit erneuter Kraft. Bald sah er am Wegrand vor
+einem Gehölz etwas Großes, Schwarzes, und davor den Hund. Noch einmal
+durchschnitt ein Schrei die Nacht; ja, er kam von dort her! Was war das
+für ein großer, schwarzer Klumpen? Doch kein Tier?
+
+Nein, ein Mann war es, ein großer Mann, der mit einem kleineren rang,
+und auf beide ging der Hund los. Der Große schlug nach ihm, sie drehten
+sich umeinander; und zugleich hielt der Große mit der Linken einen
+andern gepackt. Und nun erkannte Kallem den breiten Hut über den breiten
+Schultern; Tuft war es, der Aune festhielt, mit Riesenkraft; der Hund
+wollte auf Aune los, und Tuft stieß ihn jedesmal mit einem Fußtritt weg.
+Wer weiß -- Aune mochte glauben, der Hund sei der Teufel und Kristen
+Larssens Gespenst halte ihn gepackt; denn der Unglückliche schlug um
+sich mit Händen und Füßen, sperrte sich, biß um sich, zerrte und riß, um
+loszukommen; jetzt warf er sich hintenüber und mit dem letzten heiseren
+Rest seiner Stimme kreischte er: "Hilfe! Hilfe!" War seine Angst vorher
+schon groß gewesen, so wurde sie erst recht groß, als er Kallem aus dem
+Halbdunkel herauswachsen sah: er warf sich zu Boden und brüllte. Der
+Hund packte ihn sofort am Bein; der Pastor zog beide Beine gleichzeitig
+in die Höhe; so rasend war die Bestie, daß sie Kallem nicht bemerkte,
+bis der ihr einen Fußtritt versetzte, der sie ein paar Meter weit
+wegschleuderte. Ein einziges kurzes Aufheulen, ein Schnappen -- ein Arzt
+versteht zu treffen -- und sie sahen und hörten nichts mehr von ihr;
+vielleicht war sie tot.
+
+Jetzt nahm Kallem Aune beim Arm und der Pastor ließ ihn los. Er war
+wirklich übel zugerichtet, der Rock schleppte zerrissen hinter ihm her,
+der Ärmel hing ihm in Fetzen auf die Hand herunter, ebenso sein wollenes
+Hemd. Das Blut quoll ihm aus Biß- und Kratzwunden; aber er war so angst-
+und wutentflammt, daß er überhaupt keinen Schmerz fühlte. Kallem packte
+den armen Narren mit beiden Händen am Kragen, hob ihn zu sich empor und
+bohrte mit all seiner durch den raschen Lauf und die Gemütserregung noch
+gesteigerten Energie den Blick in die Augen des andern, bis sie ganz
+groß und dumm und glasig wurden; mit aufgerissenem Mund und schlaffen
+Gesichtsmuskeln hing der Kerl da, wie ein ausgenommener Hering. Als
+endlich Sissel atemlos und weinend anlangte, lag Aune unter den Bäumen
+im Gras und schlief. Die beiden Männer standen vor ihm. Kallem meinte,
+Aune könne da liegen bleiben; Tau würde nicht fallen, da es windig sei.
+Später würde man sie beide abholen. Er denke, er werde schon Herr dieser
+Verrücktheit werden.
+
+Der Pastor hatte seinen Rock ausgezogen, sich das Blut abgewischt und
+wurde, so gut es ging, verbunden; dann gingen er und Kallem heimwärts.
+
+Kein Wort mehr von Aune oder wie er auf ihn gestoßen war; aber kaum
+standen sie auf dem Weg, sagte Tuft klagend: "Da war sie auch nicht,
+Edvard! Da war sie auch nicht!" Und kurz darauf: "Jetzt weiß ich nichts
+mehr, nein, jetzt weiß ich nichts mehr! Daß Du sie hast von Dir stoßen
+können, Edvard!" Das laubschwere Sausen der Bäume wiederholte es,
+wiederholte unaufhörlich: "Daß Du sie hast von Dir stoßen können,
+Edvard!"
+
+"Weißt Du, was sie geschrieben und neben die Briefe von Dir hingelegt
+hatte? Um meines Lebens willen gehe ich zu meinem Bruder!"
+
+Kallem überrieselte es eisig. "Um meines Lebens willen!" sauste es
+tausendstimmig, und das Sausen umwand ihn, enger und enger, bis er kaum
+mehr Atem zu holen vermochte.
+
+Der Morgen begann zu dämmern; Tufts heißes, verzweifeltes Antlitz war
+gen Osten gekehrt, als flehe er unaufhörlich: "Gnade, Gnade für sie!" Er
+schritt aus, so schnell er konnte; er wußte nicht, wo er sie suchen
+sollte; aber er mußte gehen, gehen, gehen; -- und Kallem mit.
+
+"Ach, die Angst, die Angst!" jammerte er wieder. "Erinnerst Du Dich noch
+der Sturmnacht in unserer Kindheit, Edvard? Wir glaubten, die Welt würde
+untergehen. Weißt Du noch, wie Du Dich gefürchtet hast, am Abend darnach
+auf den Klippen? Diese ganze Nacht haben auch nach mir die
+'Meerungeheuer' gezüngelt! Die Angst, die Angst! Die Seelenangst vor der
+Sündenstrafe! Von Kindheit an peitscht sie alles Verständnis aus uns
+heraus, gerade wenn wir es am meisten nötig haben! Und wir laufen davon
+und verzweifeln, oder werfen uns vor Gott in den Staub. Das Angstdogma
+werden wir später vielleicht los, aber das Anererbte, das Eingeübte! Und
+eben wie ich darüber nachdachte, stolperte ich über den verrückten Kerl;
+er sprang auf -- die Angst war in ihm -- er glaubte, ich sei ein
+Gespenst und der Hund sei der Teufel! Und Josefine! Auch sie verzweifelt
+und läuft davon! Und Du, Edvard! Auch Du, auch Du stehst unter dem
+Eindruck dieser Angst, wenn Du das Herz hast, sie noch mehr zu peinigen,
+als sie selbst sich schon peinigt! Denn das ist das schlimmste bei
+dieser Angst -- sie macht uns schlecht; wer selber geschreckt worden
+ist, lernt andere schrecken!" -- Die Worte fielen schwer, wie seine
+Schritte schwer klangen; Kallem redete nicht; wenn er litt, war er
+stumm.
+
+Der Sohn des Laienpredigers aber hatte von kindauf alles Erleben in
+Lehren umsetzen hören. Er verblutete in seinem Innern; aber er sprach
+die ganze Zeit. Kallem dürfe nicht an Josefine zweifeln; sie sei das
+ehrlichste, wahrhaftigste Geschöpf auf Erden. In dieser Sache sei sie
+von ihm irregeleitet worden. Voll innigstem Mitgefühl legte er die
+Geschichte ihrer Seele bloß, so wie er selbst sie sah, und bewies
+deutlich -- wenn ihr Bruder sie _jetzt_ von sich stieße, so könne sie
+nicht weiterleben.
+
+Kallem warf dann und wann ein "Lieber Ole!" -- "Hör' mal, Ole!"
+dazwischen -- aber weiter kam er nicht. Denn selbst, als er den Schwager
+mit sich nach Hause nahm, um seine Wunden genauer zu untersuchen, redete
+Tuft unaufhörlich. Es war, als ob das Entsetzen, die Ungewißheit ihn
+übermannen würden, wenn er schwiege; und dann -- Edvard _sollte_ sie so
+sehen, wie _er_ sie sah, und vor allem, er sollte ihr helfen! "Allen, die
+gefehlt haben, müssen wir helfen; und vor allem müssen wir denen helfen,
+die gegen _uns_ gefehlt haben, sobald wir selber ihre Schuld einsehen!
+Gottes Vergebung besteht darin, daß er uns dann weiter hilft!" -- Noch
+als Kallem ihn zur Tür begleitete, fuhr er in seiner Auseinandersetzung
+fort; seine Riesenkraft gab auch jetzt noch nicht nach. O Gott! Wenn sie
+vielleicht doch mittlerweile zu ihrem Kind und zu ihm zurückgekehrt
+wäre! Seine Hoffnung war freilich nur gering; aber er lief doch, so
+rasch er konnte.
+
+Es wurde heller und heller. Kallem konnte nicht schlafen. Schließlich
+hielt er es gar nicht mehr aus. In einer Angst, größer als er seinem
+Schwager hatte zeigen wollen, wanderte er durch alle Zimmer, wieder und
+wieder, als müsse er das Haus durchsuchen. Denn es war ja wahr: auch er
+hatte nur geurteilt und verdammt.
+
+Die Schwester hatte immer mehr an ihm gehangen, als er an ihr. Seitdem
+sie diesen Winter zusammen getanzt hatten, wußte er, daß ihre Liebe sich
+nicht verringert hatte. Ja, selbst als er sie geschlagen hatte -- war
+sie da nicht zu ihm gekommen, um ihm Gutes zu erweisen? Ihr Ausfall
+gegen Ragni damals ... natürlich steckte da noch mehr dahinter als
+Dogmenblindheit, -- Eifersucht! Eifersucht war es, weil er alles nur
+noch Ragni war und ihr nichts mehr. Er hätte die beiden Frauen
+zusammenführen können; daran war kein Zweifel möglich. Aber hatte er
+auch nur einen Finger deswegen gerührt?
+
+Je mehr er in die Tiefe stieg, desto mehr schrumpfte sein Recht, streng
+zu sein, zusammen; er war ja mitschuldig! Die großen Augen der Schwester
+von gestern Abend, ... jetzt schauten sie ihn in der äußersten Not an,
+jetzt _sah_ er sie! Ihr ganzes Leben lang hatte sie, unklar und scheu,
+wenn nicht die Leidenschaft einmal die Luft reinigte, eingezwängt in
+widernatürliche Lehren, trotzig auf ihrer Wahrhaftigkeit beharrend,
+ausgeschaut nach ihm, Jahr für Jahr, Monat für Monat, Tag für Tag. Und
+als er endlich kam, stieß er sie beiseite. Stieß sie beiseite um einer
+Frau willen, die seiner nicht würdig war -- so wie _sie_ die Sache
+auffassen mußte.
+
+Arme, arme Josefine! Er war ihr tatsächlich nie etwas gewesen, hatte ihr
+nur wehgetan, und doch hatte sie sich so treulich nach ihm gesehnt!
+
+Es wurde ihm schwül in den Zimmern; und eine Angst überkam ihn. Es trieb
+ihn hinaus, die Schwester zu suchen. Heller und heller wurde es; im
+Vorgefühl des Morgens schlug er die Verandatür zurück. Aber er hatte ja
+da draußen nichts zu schaffen; im Gegenteil, er mußte sie wieder
+schließen, wenn er ausgehen wollte. Er trat hinaus, um sie wieder
+zuzumachen, und blickte dabei zufällig zur Seite: von der Veranda gegen
+den Nordwind geschützt, auf Ragnis Bank unter den Fenstern seines
+Studierzimmers saß Josefine, ihr Tuch über den Knien. Sie sah ihn und
+kroch in sich zusammen wie ein flügellahmer Vogel, der sich nicht vom
+Fleck rühren kann und doch Angst hat, man könne ihn sehen. Und doch saß
+sie ja bloß dort, damit er sie sehen solle! Nirgends anders konnte sie
+sein; sie hatte es versucht! Er eilte die Treppe hinunter, auf sie zu.
+Da zitterte sie. "Ach nein, nein Edvard! Laß mich sitzen!" bat sie und
+brach in Tränen aus. Und noch als er ihren Arm faßte und sie emporhob,
+flehte sie, weich wie ein Kind: "Ach nein, Edvard, laß mich!" Weiter
+aber kam sie nicht. Sie fühlte, daß sie an seiner Brust lag, fühlte die
+Bewegung, die sein Innerstes erschütterte. Nein, er war nicht böse! Er
+würde sie doch vielleicht anhören! Und sie schlang ihre Arme um ihn, und
+ihre Tränen mischten sich mit seinen. So standen die beiden Geschwister,
+Kopf an Kopf, Wange an Wange; und alles Verwandte in ihren Nerven und
+ihrem Blut, das älteste und ursprünglichste in ihrem Fühlen, das
+heimisch-vertraute in ihrem Erinnern, bis auf den leisen Geruch ihrer
+Kleidungsstücke draußen im Flur bei Vater und Mutter, all das strömte
+jetzt zusammen im Verlangen, nimmermehr voneinander zu lassen.
+
+Und dennoch -- als er mit ihr der Veranda zuschritt, zögerte sie; sie
+wagte nicht, ihm dahinein zu folgen. Durch Tränen sah sie zu ihm auf; er
+zwang sie vorwärts, Schritt für Schritt; noch auf der Treppe zögerte
+sie. Aber er zog sie weiter, bis sie in der Wohnstube standen; hier
+schlang sie wieder die Arme um ihn, sank dann auf einen Stuhl und barg
+das Gesicht in den Händen; das ganze Zimmer lauschte lange ihrem Weinen;
+und er mit.
+
+Endlich ging er zu ihr hin und strich ihr übers Haar; aber er wußte,
+nicht er war es, der das tat; sondern Ragni.
+
+Dann schritten sie in der Sommernacht Arm in Arm durch eine morgenwache
+Stadt, wo die Menschen noch schliefen. Der edle Gang der beiden hohen
+Geschwistergestalten hallte im Takt der alten Tage. Ohne ein Wort
+darüber zu verlieren, gingen sie, um Ole zu suchen, verpaßten aber den
+Richtweg und kamen hinunter auf die Strandstraße. Bald bogen sie ab,
+hinauf nach dem Pfarrhaus; sie waren schon ein paar Schritte auf diesem
+Weg gegangen, als Josefine, wie aus einem Zwang heraus, den Kopf nach
+dem Strand zurückwandte. Sofort hielt sie Edvard an. "Da ist er!"
+flüsterte sie. Von dort her kam Tuft. Er ging schnell, schnell, hielt
+aber den Kopf so tief gesenkt, als vermöge er dessen Last nicht mehr zu
+tragen. Vergebens hatte er den ganzen Strand abgesucht nach ihr; nun
+wollte er weiter suchen, in südlicher Richtung -- ebenso vergeblich,
+aber ebenso schnell. Beide verstanden; ihr Arm zitterte im Arm des
+Bruders. Fest schmiegte sie sich an ihn; denn vor wenigen Augenblicken
+noch hatte sie ihm gesagt: hätte der Bruder sie aus seinem Garten
+verjagt, dann --! Still! Sie wandten um und gingen Ole entgegen.
+Hellhörig, wie er war, vernahm er sofort die Schritte -- er blickte auf,
+erkannte sie, breitete die Arme aus; weitergehen konnte er nicht mehr,
+auch nicht sprechen. Josefine aber machte sich los vom Arm des Bruders
+und eilte zu ihm.
+
+ * * * * *
+
+Langsam gingen alle drei nach Hause; der Pastor, Josefine am Arm, -- auf
+der andern Seite Kallem. Immer wieder sagte er: "Auf Gottes Wegen! Auf
+Gottes Wegen!"
+
+"Aber ich bin nicht Deines Glaubens!" versuchte Kallem einzuwenden.
+"Nein, nein, nein!" rief der Pastor eifrig. "Wo gute Menschen gehen, da
+sind Gottes Wege!"FOOTNOTES:
+
+Anmerkungen:
+
+[Anmerkung 1: Halbhohe, gefütterte Schuhe aus weichem Renntierleder.]
+
+[Anmerkung 2: Eine Erika-Art.]
+
+[Anmerkung 3: Eine Violenart.]
+
+[Anmerkung 4: Von der Familie der Ranunkeln.]
+
+[Anmerkung 5: Kreuzkraut.]
+
+[Anmerkung 6: Linsenwicke.]
+
+[Anmerkung 7: _Felix Niemeyer_ (1820--1871), Arzt, Universitätsprofessor in
+Greifswald und Tübingen. Hauptsächlich bekannt durch sein "Lehrbuch der
+speziellen Pathologie und Therapie".]
+
+[Anmerkung 8: Kleiner Stoßschlitten.]
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Auf Gottes Wegen, by Björnstjerne Björnson
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUF GOTTES WEGEN ***
+
+***** This file should be named 19760-8.txt or 19760-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+
+Produced by Ralph Janke, Juliet Sutherland and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+The Project Gutenberg EBook of Auf Gottes Wegen, by Björnstjerne Björnson
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
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+Title: Auf Gottes Wegen
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+Author: Björnstjerne Björnson
+
+Editor: Julius Elias
+
+Release Date: November 11, 2006 [EBook #19760]
+
+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUF GOTTES WEGEN ***
+
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+Produced by Ralph Janke, Juliet Sutherland and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
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+
+
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+<p>
+<a href="#BJORNSTJERNE_BJORNSON"><b>BJ&Ouml;RNSTJERNE BJ&Ouml;RNSON</b></a><br />
+<a href="#AUF_GOTTES_WEGEN"><b>AUF GOTTES WEGEN</b></a><br />
+<a href="#Inhaltsverzeichnis"><b>Inhaltsverzeichnis</b></a><br />
+<a href="#Schultage"><b>Schultage</b></a><br />
+<a href="#Jugend"><b>Jugend</b></a><br />
+<a href="#Mannesalter"><b>Mannesalter</b></a><br />
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+End Autogenerated TOC. -->
+
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+<h1>BJ&Ouml;RNSTJERNE BJ&Ouml;RNSON</h1>
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+<h2>AUF GOTTES WEGEN</h2>
+
+<h3>ROMAN</h3>
+
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+<p class="center">S. FISCHER, VERLAG, BERLIN</p>
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+<p class="center">1911</p>
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+<hr style="width: 65%;" />
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+<h2><a name="Inhaltsverzeichnis" id="Inhaltsverzeichnis"></a>Inhaltsverzeichnis</h2>
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+<p style="margin-left: 20%;"><a href="#Schultage">Schultage</a></p>
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+
+
+<p><a class="page" name="Page_5" id ="Page_5" title="5"></a>Meinem besten Freunde,</p>
+
+<p>dem Staatsrat Frederik Hegel,</p>
+
+<p>zur Erinnerung</p>
+
+
+<p class="letterdate">Aulestad, 11. September 1889.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Nie warst Du hier; doch fast best&auml;ndig<br /></span>
+<span class="i0">Auf Schritt und Tritt begegn' ich Dir.<br /></span>
+<span class="i0">Es ist kein Weg, kein Zimmer hier,<br /></span>
+<span class="i0">Wo Dein Ged&auml;chtnis nicht lebendig<br /></span>
+<span class="i0">Und mich umhegt seit jenen Jahren,<br /></span>
+<span class="i0">Da Deine Treue, Deine Tat<br /></span>
+<span class="i0">In meinem Kampf mir Heimat waren.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wie oft, als ich dies Buch geschrieben,<br /></span>
+<span class="i0">Sah mir Dein warmes Auge zu;<br /></span>
+<span class="i0">Da waren eins wir, ich und Du<br /></span>
+<span class="i0">Und das, was still zum Licht getrieben.<br /></span>
+<span class="i0">Weil drum im Buch sich vielfach spiegelt<br /></span>
+<span class="i0">Dein frischer Glaub' und echter Sinn, &mdash;<br /></span>
+<span class="i0">Mit Deinem Namen sei's besiegelt.<br /></span>
+</div></div>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a class="page" name="Page_6" id ="Page_6" title="6"></a><a name="Schultage" id="Schultage"></a><a href="#Inhaltsverzeichnis">Schultage</a></h2>
+
+
+<h3><a href="#Inhaltsverzeichnis">1</a></h3>
+
+<p>Im Tauwetter, auf der Felsenkuppe nach der See zu,
+stand im letzten Sonnenglanz ein vierzehnj&auml;hriger
+Junge, ganz in sich versunken. Er blickte gen Westen
+&uuml;bers Meer hinaus, er blickte gen Osten, auf die Stadt,
+den Strand, die m&auml;chtigen Berge, hinter denen noch
+h&ouml;here Felsengipfel emporragten. Alles in klarer Luft.</p>
+
+<p>Der Sturm hatte lange und furchtbarer gew&uuml;tet, als
+die &auml;ltesten Leute sich entsinnen konnten. Trotz der
+neuen Mole hatten sich Schiffe im Hafen losgerissen
+und waren untergegangen. Der Telegraph meldete von
+Schiffbr&uuml;chen die K&uuml;ste entlang; in der ganzen Umgegend
+gab es nichts als zerrissene Netze, fortgeschwemmte
+Fischreusen, verschwundene Bootstege. Und
+immer noch hatten die Leute Angst, das Schlimmste
+komme noch erst.</p>
+
+<p>Jetzt endlich &mdash; seit ein paar Stunden &mdash; war es
+vor&uuml;ber; der Sturm hatte sich gelegt, die Windst&ouml;&szlig;e,
+die ruckweise aufeinander gefolgt waren, h&ouml;rten auf;
+kaum noch ein letzter Nachhall war zu sp&uuml;ren.</p>
+
+<p>Nur das Meer wollte nicht gehorchen. Die Tiefen
+aufr&uuml;hren und dann einfach davonlaufen &mdash; das geht
+doch nicht! Wellenz&uuml;ge, soweit das Auge reichte, h&ouml;her
+als haushoch, kamen in endlosen Reihen, mit schaumwei&szlig;en
+Kronen und donnerndem Fall. &Uuml;ber Stadt und
+Strand hin dr&ouml;hnte ihr Tosen, gewaltig, dumpfrollend,
+wie Bergrutsche in der Ferne.</p>
+
+<p>Jedesmal, wenn die Wogen in voller H&ouml;he gegen die
+Klippen st&uuml;rmten, spritzte der Gischt meterhoch empor;
+von weitem sah es aus, wie wenn wei&szlig;e Meeresungeheuer
+der alten Sagen hier ans Land emporzuklimmen versuchten.
+Aber nur vereinzelte salzige Spritzer gelangten
+an ihr Ziel. Sie brannten dem Knaben, der da stand,
+auf der Wange; doch er r&uuml;hrte sich nicht vom Fleck.</p>
+
+<p>Gew&ouml;hnlich sagten die Leute, nur der tollste Weststurm
+verm&ouml;chte den Wellenschaum so hoch empor<a class="page" name="Page_7" id ="Page_7" title="7"></a>zuschleudern;
+heute kam er bei stiller Luft. Das hatte
+nur <em class="gesperrt">einer</em> erlebt; und das war der Junge!</p>
+
+<p>Weit drau&szlig;en im Westen verflossen Himmel und Meer
+in der Glut der untertauchenden Sonne. Etwas wie ein
+goldenes Friedensreich breitete sich da hinten aus. Alle
+die meerschwarzen, wei&szlig;k&ouml;pfigen Wellen, die sich, soweit
+der Blick reichte, von dort heranw&auml;lzten, waren
+vertriebene Aufr&uuml;hrer. Reihe auf Reihe kamen sie daher,
+unter millionenstimmigem Protest.</p>
+
+<p>Eben jetzt hatte der Farbenkontrast seinen H&ouml;hepunkt
+erreicht. Keine Vermittelung mehr. Nicht der leiseste
+rote Schimmer drang mehr bis her&uuml;ber. <em class="gesperrt">Dort</em> die
+warme Glut, <em class="gesperrt">hier</em> das kalte Schwarzblau &uuml;ber dem
+Meer und dem Schneemorast am Land. Was man hoch
+droben von der Stadt sah, kroch in sich zusammen und
+ward immer kleiner mit jedem Male. Der Junge wandte
+den Blick vom Meere landw&auml;rts. Und immer unruhiger
+wurde er. Das k&uuml;ndete Unheil. Sollte wirklich noch
+mehr kommen? Seine Phantasie war aufgeschreckt und,
+&uuml;bern&auml;chtig wie er war, hatte er keine Widerstandskraft.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en die Pracht begann zu erl&ouml;schen; alle Farben
+verblichen gleichzeitig. Das Br&uuml;llen von unten, wo die
+Ungeheuer heraufwollten, klang st&auml;rker; oder war er
+nur hellh&ouml;riger geworden? Galt ihm das? Ihm? Was
+hatte er denn wieder getan? Oder w&uuml;rde er vielleicht
+bald irgend etwas anstellen? Schon &ouml;fter war diese unklare
+Angst eine b&ouml;se Vorbedeutung gewesen!</p>
+
+<p>Nicht der Sturm allein hatte ihn geschreckt. Vor
+kurzem hatte ein Laienprediger geweissagt, die Welt
+werde untergehen. Alle Anzeichen der Bibel t&auml;ten genau
+stimmen, und die Zahlen bei Jeremias und Daniel seien
+nicht mehr zu mi&szlig;deuten. Der Prediger erregte solches
+Aufsehen, da&szlig; die Zeitungen sich der Sache bem&auml;chtigten
+und erkl&auml;ren mu&szlig;ten, ganz dasselbe sei schon unendlich
+oft prophezeit worden, und die Zahlen bei Jeremias
+und Daniel h&auml;tten <em class="gesperrt">immer</em> gestimmt. Aber als
+der Orkan losbrach, entsetzlicher denn seit Menschengedenken,
+als Schiffe sich losrissen und gegen die Br&uuml;cken<a class="page" name="Page_8" id ="Page_8" title="8"></a>
+geschleudert wurden, zerschmettert und zerschmetternd,
+und zumal als die Finsternis der Nacht das Erdreich
+bedeckte, und s&auml;mtliche Lichter in den Laternen erloschen
+... als man die Brandung blo&szlig; noch h&ouml;rte, ohne
+sie mehr zu sehen ... dazwischen Kommandorufe, Get&ouml;se,
+Gekreische, langgedehntes Jammergeschrei ... und
+dabei in den Stra&szlig;en das Entsetzen, wenn ganze D&auml;cher
+abgehoben wurden, die H&auml;user erbebten, Scheiben klirrten,
+Steine durch die Luft flogen, Menschen fl&uuml;chteten,
+ferne Rufe die Angst erh&ouml;hten ... ja, da gedachten wohl
+manche der Worte des Laienpredigers: So helf uns Gott!
+Dies ist der j&uuml;ngste Tag! Bald werden die Sterne fallen!
+Besonders die Kinder waren in einer Todesangst. Die
+Eltern hatten keine Zeit, bei ihnen zu bleiben. Denn
+noch in der letzten Stunde war man einigerma&szlig;en im
+Zweifel, ob es auch wirklich die letzte Stunde war, und
+nach alter Gewohnheit behielt die Sorge um den irdischen
+Besitz doch die Oberhand. Man mu&szlig;te verstecken
+und abschlie&szlig;en und eilen, und nach dem Feuer sehen
+und an allen Ecken und Enden sein. Den Kindern aber
+steckte man Gebet- und Gesangb&uuml;cher in die H&auml;nde
+und hie&szlig; sie lesen, was da von Erdbeben und anderen
+Plagen und vom j&uuml;ngsten Tage stand; man schlug ihnen
+rasch die Stellen auf und st&uuml;rzte davon. Als ob die
+Kinder jetzt h&auml;tten lesen k&ouml;nnen!</p>
+
+<p>Sie verkrochen sich lieber im Bett und zogen die
+Decke &uuml;ber den Kopf; manche nahmen den Hund mit
+oder die Katze; sie f&uuml;hlten sich geborgener so; sie
+wollten zusammen sterben! Aber oft wollten Hund und
+Katze nicht unter der Decke sterben, und dann setzte
+es einen Kampf.</p>
+
+<p>Der Junge, der oben auf der h&ouml;chsten Felsenkuppe
+stand, war vor Schreck &uuml;berhaupt rein von Sinnen gewesen.
+Aber er war einer von denen, die das Entsetzen
+von einem Ort zum anderen hetzte, vom Haus auf die
+Stra&szlig;e, von der Stra&szlig;e nach dem Hafen, vom Hafen
+wieder nach Hause. Nicht weniger als dreimal war sein
+Vater hinter ihm her gewesen, hatte ihn eingefangen,<a class="page" name="Page_9" id ="Page_9" title="9"></a>
+ja, s&auml;mtliche T&uuml;ren hinter ihm verrammelt; aber entwischt
+war er doch. So etwas blieb doch sonst nicht
+unbestraft; kein Junge wurde strenger gehalten und so
+reichlich mit Pr&uuml;gel bedacht wie Edvard Kallem. Aber
+ein Gutes hatte der Sturm doch gehabt: Pr&uuml;gel setzte
+es nicht in dieser Nacht.</p>
+
+<p>Die Nacht verging, und noch standen die Sterne am
+Himmel; der Tag kam, und die Sonne schien hell wie
+immer. Auch der Sturm ging vor&uuml;ber, und mit ihm
+der letzte Rest von Angst.</p>
+
+<p>Doch hat die Angst einmal ein Menschengem&uuml;t so
+grenzenlos beherrscht, da bleibt der Schrecken vor dem
+Schrecken zur&uuml;ck. Nicht allein in b&ouml;sen Tr&auml;umen, nein,
+auch am Tage, wenn man sich am allersichersten w&auml;hnt,
+lauert sie in unserer Phantasie, um beim geringsten
+Au&szlig;ergew&ouml;hnlichen &uuml;ber uns herzufallen, uns mit t&uuml;ckischen
+Augen und Nebelodem zu verschlingen, uns bisweilen
+in den Wahnsinn zu treiben ...</p>
+
+<p>Da stand der Knabe; es war ihm unbehaglich zu Mut
+in der sinkenden Sonne und beim Toben der Brandung, &mdash;
+und da war auch schon die H&ouml;llenangst wieder &uuml;ber
+ihm; die Schrecken des j&uuml;ngsten Tages umbrausten ihn.
+Er begriff nicht, wie er sich so gef&auml;hrlich weit hier herauf
+hatte wagen k&ouml;nnen, und noch dazu allein! Wie gel&auml;hmt
+f&uuml;hlte er sich; er wagte nicht, den Fu&szlig; zu heben &mdash;
+wer wei&szlig;, ob er nicht beobachtet wurde; Feindesm&auml;chte
+waren um ihn her. Er betete heimlich zu seiner verstorbenen
+Mutter: wenn das wirklich das Ende sei,
+und die Auferstehung sie befreie, so m&ouml;ge sie hier
+heraufkommen zu ihm; nicht zu seiner Schwester &mdash;
+die hatte ja Rektors; er aber hatte niemand.</p>
+
+<p>Doch alles blieb beim alten. Nur der Schimmer im
+Westen verblich, und im Osten dunkelte es; der Geist
+der K&auml;lte schritt unerbittlich weiter und wurde Alleinherrscher;
+das gab eine gleichm&auml;&szlig;ige Gr&ouml;&szlig;e und die
+Sicherheit der Einheit. Nach und nach sch&ouml;pfte Edvard
+wieder soviel Mut, da&szlig; er freier zu atmen wagte &mdash;
+erst versuchsweise, dann ganz tief, viele Male. Jetzt<a class="page" name="Page_10" id ="Page_10" title="10"></a>
+fing er an, sich zu bewegen, leise, unmerklich und nicht
+ohne Angst, da&szlig; die Unsichtbaren hier oben Verdacht
+sch&ouml;pfen k&ouml;nnten, &mdash; denn sie wollten ihn doch haben.
+Behutsam glitt er dem Abstieg zu und fort vom Felshang.
+Keine Flucht, beh&uuml;te! Er wu&szlig;te gar nicht einmal,
+ob er &uuml;berhaupt gehen <em class="gesperrt">wollte</em>; er wollte es nur
+versuchen, &mdash; konnte ja schlie&szlig;lich zur&uuml;ckkommen. Aber
+der Abstieg hier war nicht leicht und mu&szlig;te eigentlich
+vor Einbruch der Dunkelheit gemacht werden; und es
+wurde so furchtbar schnell dunkel jetzt. Wenn er nur
+so weit w&auml;re, da&szlig; er den Fu&szlig;weg, der vom Fischerdorf
+drunten &uuml;ber den Berg herauff&uuml;hrte, wieder erreicht
+h&auml;tte, ja, dann war alle Gefahr &uuml;berstanden; aber
+hier &mdash; nur vorsichtig, vorsichtig, ein ganz kleinwinziger
+Schritt, und noch einer, und noch ein kleiner! Nur
+zum Versuch; er w&uuml;rde schon wiederkommen!</p>
+
+<p>Doch kaum hatte er auf solche Art den obersten und
+schwierigsten Teil der Kuppe zur&uuml;ckgelegt und f&uuml;hlte
+sich sicher vor den M&auml;chten da oben, mit denen er
+feilschte, so schlug er ihnen auch gr&uuml;ndlich ein Schnippchen;
+in gro&szlig;en S&auml;tzen gings abw&auml;rts; wie ein Gummiball
+sprang er von einem Felsvorsprung auf den andern,
+bis er pl&ouml;tzlich unten eine Zipfelm&uuml;tze auftauchen sah &mdash;
+so weit, weit unten, da&szlig; er sie nur eben erkennen konnte.
+Augenblicklich blieb er stehen. Seine Flucht, sein ganzes
+Entsetzen, all das eben Erlebte war wie weggeblasen;
+nicht der leiseste Gedanke mehr daran. Jetzt wollte <em class="gesperrt">er</em>
+Angst einjagen; auf <em class="gesperrt">den</em> dort hatte er schon die ganze
+Zeit gelauert! Bewegung, Augen, Haltung, alles zeigte,
+wie er sich &uuml;ber die Gewi&szlig;heit freute, ihn nun bald in
+Schu&szlig;weite zu haben. <em class="gesperrt">Der</em> sollte es kriegen!</p>
+
+<p>Der andere kam einhergeschlendert, ohne zu ahnen,
+welcher Gefahr er entgegenging, langsam, als ob er
+seine Freiheit und Einsamkeit gen&ouml;sse; bald h&ouml;rte man
+seine schweren Stiefel, den Klang der eisenbeschlagenen
+Abs&auml;tze gegen die Steine.</p>
+
+<p>Ein gutgewachsener Knabe, hellblond und vielleicht ein
+Jahr &auml;lter als der andere, der ihm auflauerte; mit einem<a class="page" name="Page_11" id ="Page_11" title="11"></a>
+losen Friesanzug bekleidet, einen wollenen Schal um den
+Hals, und gro&szlig;e Fausthandschuhe an den H&auml;nden; er
+trug einen l&auml;ndlichen Korb &mdash; blaugemalt, mit gelb-wei&szlig;en
+Rosen.</p>
+
+<p>Ein gro&szlig;es Geheimnis ging endlich seiner Offenbarung
+entgegen; seit Tagen war die ganze Schule darauf gespannt
+gewesen, wie, wo und mit wem der Zusammensto&szlig;
+erfolgen werde, der jetzt drohte, wann der feierliche
+Moment der Abrechnung komme, in dem Ole Tuft
+vor einem Mitglied der gestrengen Schulpolizei endlich
+eingestehen mu&szlig;te, wo er sich nachmittags und abends
+herumtrieb und was er da anstellte.</p>
+
+<p>Ole Tuft war der Sohn eines wohlhabenden Bauern
+vom Strande drau&szlig;en &mdash; das einzige Kind. Sein Vater,
+der vor einem Jahr gestorben, war der angesehenste
+Laienprediger der westlichen Lande gewesen und hatte
+schon fr&uuml;hzeitig seinen Sohn zum Geistlichen bestimmt,
+weshalb dieser jetzt das Gymnasium besuchte. Ole war
+begabt, flei&szlig;ig und seinen Lehrern gegen&uuml;ber von einer
+Ehrerbietung, die ihn zu ihrem erkl&auml;rten Liebling machte.</p>
+
+<p>Aber die Haare allein machen noch nicht den Hund
+(trau', schau', wem?). Dieser treuherzige, h&ouml;chst ehrerbietige
+Junge blieb pl&ouml;tzlich den Nachmittagsspielen
+der Kameraden fern; zu Hause war er nicht (er wohnte
+bei einer Tante); bei Schultzes, wo er den Kindern
+Nachhilfstunde gab, war er auch nicht &mdash; das erledigte
+er gleich nach Tisch; auch nicht bei Rektors, d. h.
+bei Rektors Pflegetochter, Josefine Kallem, Edvards
+Schwester; Ole und sie waren dicke Freunde. Zuweilen
+sahen die Knaben ihn dort ins Haus gehen, aber nicht
+wieder herauskommen; und trotzdem war Josefine immer
+allein, wenn sie ihm nachgingen, um zu inspizieren; sie
+hatten n&auml;mlich Wachen ausgestellt &mdash; die Untersuchung
+wurde systematisch betrieben. Bis zum Schulhaus konnten
+sie seine Spur verfolgen; dort aber verschwand sie.
+Die Erde konnte ihn doch nicht verschlungen haben!
+Das Haus wurde durchschn&uuml;ffelt von unten bis oben,
+jede Ecke, jedes Schlupfloch wieder und wieder durch<a class="page" name="Page_12" id ="Page_12" title="12"></a>st&ouml;bert.
+Josefine selbst f&uuml;hrte die Jungens herum, bis
+hinauf unters Dach, bis hinunter in den Keller, in s&auml;mtliche
+R&auml;ume, wo nicht gerade die Familie selber sich
+aufhielt, versicherte auch auf Ehre und Gewissen, dort
+sei er nicht; sie k&ouml;nnten selbst nachsehen. Wo in aller
+Welt steckte er nur?</p>
+
+<p>Der Primus gewann in diesen Tagen bei einer Lotterie
+"<i>Les trois mousquetaires</i>" von Alexandre Dumas dem &Auml;lteren,
+ein Prachtwerk mit Illustrationen; da er aber bald
+heraus hatte, da&szlig; das kein Buch f&uuml;r einen Gelehrten war,
+setzte er es als Pr&auml;mie aus f&uuml;r <em class="gesperrt">den</em> Kameraden, der
+entdecken w&uuml;rde, wo Ole Tuft seine Nachmittage und
+Abende zubrachte, und was er da trieb. Dies Angebot
+warf den z&uuml;ndenden Funken in Edvard Kallems Phantasie;
+er hatte n&auml;mlich bis vor einem Jahr in Spanien
+gelebt, er las Franz&ouml;sisch wie seine Muttersprache, und
+"<i>Les trois mousquetaires</i>" war der wundervollste Roman
+auf der ganzen Welt &mdash; das hatte er immer geh&ouml;rt. Jetzt
+stand er hier auf der Lauer, f&uuml;r "<i>Les trois mousquetaires</i>"!
+Hurra, alle Drei sollen leben! Jetzt hatte er sie!</p>
+
+<p>Leise, leise schlich er weiter, bis er den Fu&szlig;weg erreicht hatte.
+Der S&uuml;nder war dicht vor ihm.</p>
+
+<p>Edvard Kallems Kopf hatte etwas, das an einen Raubvogel
+gemahnte &mdash; die Nase wie ein Schnabel &mdash; die
+Augen wild, schon an und f&uuml;r sich und noch mehr dadurch,
+da&szlig; sie ein ganz klein wenig schielten. Die Stirn
+scharf und niedrig, von lichtbraunem, kurzgeschorenem
+Haar umrahmt. Eine auffallende Beweglichkeit lie&szlig;
+ahnen, wie geschmeidig er war. Eben jetzt wollte er
+ganz still stehen, aber der K&ouml;rper bog sich, die F&uuml;&szlig;e
+bewegten sich, die Arme hoben sich, als wolle er im
+n&auml;chsten Augenblick durch die L&uuml;fte sto&szlig;en. "B&auml;h!"
+schrie er aus aller Kraft seiner Lungen. Der Ank&ouml;mmling
+fuhr zusammen &mdash; fast h&auml;tte er seinen Korb fallen
+lassen. "So &mdash; jetzt <em class="gesperrt">hab</em>' ich Dich! Jetzt hilft Dir
+keine Verstocktheit mehr!"</p>
+
+<p>Ole Tuft wurde zu Stein. "Jawohl &mdash; jetzt stehst Du
+da! Hoho! Was hast Du in Deinem Korb?" Und er<a class="page" name="Page_13" id ="Page_13" title="13"></a>
+st&uuml;rzte auf Ole los. Der aber nahm blitzschnell seinen
+Korb aus der rechten Hand in die linke und hielt ihn
+auf den R&uuml;cken; es war Edvard nicht m&ouml;glich, ihn hervorzuzerren.</p>
+
+<p>"Was denkst Du Dir denn, Mensch! Glaubst etwa,
+Du k&ouml;nntst mir noch entwischen? Her mit dem Korb!"
+&mdash; "Du kriegst ihn nicht." &mdash; "Wirst Du wohl gehorchen?
+So geh ich einfach hinunter und frag'!" &mdash;
+"Nein, nein!" &mdash; "Doch! Zum Kuckuck, wenn ich's
+nicht tu!" &mdash; "Du tust's nicht!" &mdash; "Ich tu's!" &mdash; Und
+schon dr&auml;ngte er an Ole vor&uuml;ber, den Berg hinab.</p>
+
+<p>"Ich will's ja sagen &mdash; versprich mir blo&szlig;, da&szlig; Du's
+nicht weiter sagst!" &mdash; "Nicht weiter sagen? Du bist
+wohl nicht bei Trost?" &mdash; "Doch! Du darfst nicht!" &mdash;
+"Bl&ouml;dsinn! was denkst Du Dir denn? Her mit dem
+Korb &mdash; oder ich geh'!" schrie Edvard. &mdash; "Wenn Du's
+nicht weiter sagst &mdash; &mdash;". Die Tr&auml;nen traten Ole in
+die Augen. "Ich verspreche gar nichts!" &mdash; "Nichts
+sagen, Edvard! Nein?" &mdash; "Ich verspreche gar nichts.
+Den Korb her! Fix!" &mdash; "Es ist nichts dabei, Du!" &mdash;
+"Wenn nichts dabei ist, kannst Du's doch sagen! Fix!"
+Ole nahm das, nach Knabenmanier, f&uuml;r ein halbes Versprechen;
+flehend blickte er den andern an und fa&szlig;te
+sich ein Herz: "Ich geh' dort hinunter, weil ich ... weil
+ich ... ach, Du wei&szlig;t ja selber ... auf Gottes Wegen!"
+Das Letzte sagte er sehr verlegen und brach in Tr&auml;nen
+aus. &mdash; "Auf Gottes Wegen?" fragte Edvard, ziemlich
+unsicher. Er war aufs h&ouml;chste verwundert.</p>
+
+<p>Er erinnerte sich, wie der Geographielehrer in einer
+schl&auml;frigen Stunde einmal die Frage gestellt hatte:
+"Welche Wege sind die besten?" Im Lehrbuch stand:
+"F&uuml;r den Warentransport sind noch immer die Seewege
+die besten." &mdash; "Na &mdash; also welche Wege sind die besten?
+Du, Tuft?" &mdash; "Gottes Wege!" antwortete Tuft. Die
+ganze Klasse war mit einemmal munter; ein br&uuml;llendes
+Gel&auml;chter verk&uuml;ndete das.</p>
+
+<p>Aber bei alledem &mdash; Edvard Kallem wu&szlig;te wirklich
+nicht recht, was "Gottes Wege" bedeute. Ole <a class="page" name="Page_14" id ="Page_14" title="14"></a>&mdash;
+drunten im Fischerdorf &mdash; auf Gottes Wegen? Vor
+lauter Neugier verga&szlig; er ganz, da&szlig; er Sittenpolizei war!
+Gradheraus, wie jeder andere Junge, sagte er: "Ich versteh'
+nicht, was Du damit meinst! Gottes Wege &mdash; sagst
+Du?" Der andere bemerkte sogleich die Ver&auml;nderung.
+Die eben noch so scharfen Augen blickten freundlich;
+nur der seltsame Glanz, der nie aus ihnen wich, lag
+noch darin. Unter allen Schulkameraden bewunderte
+Ole in aller Stille keinen so sehr wie den Edvard Kallem.
+Der Bauernjunge litt entsetzlich unter dem &uuml;berlegenen
+Scharfsinn und der Gewandtheit der Stadtjungen, und
+der vornehmste Repr&auml;sentant dieser Eigenschaften war
+Edvard Kallem. Und noch ein Glorienschein umgab
+sein Haupt ... er war der Bruder seiner braunlockigen
+Schwester.</p>
+
+<p>Einen unertr&auml;glichen Fehler hatte er: er war ein Erzspottvogel.
+Alle Augenblicke setzte es deswegen Haue &mdash;
+mal von den Lehrern, dann vom Vater oder von den
+Kameraden. Und in der n&auml;chsten Minute fing er schon
+wieder an. Das ging &uuml;ber den Verstand des Bauernjungen.
+Und darum wirkte auch ein freundliches Wort,
+ein L&auml;cheln von Edvard weit mehr, als es eigentlich
+sagen wollte. Es hatte den Sonnenglanz der Gnade, der
+Vornehmheit. Diese einschmeichelnden, milden Fragen,
+die der gewesene Raubvogel (von dem jetzt blo&szlig; noch
+der Schnabel &uuml;brig war) stellte, verflossen in eins mit
+dem Leuchten der Augen. Und Ole streckte die Waffen.
+Sowie Edvard seine Taktik &auml;nderte und treuherzig bat,
+den Korb sehen zu d&uuml;rfen, lieferte Ole ihn aus und
+f&uuml;hlte sich v&ouml;llig beruhigt und kampfunf&auml;hig; er trocknete
+sich die Augen mit seinen gro&szlig;en Fausthandschuhen,
+zog den einen aus und schneuzte sich in die Finger &mdash;
+besann sich auf einmal, da&szlig; er zu diesem Zweck ein
+karriertes Sacktuch besa&szlig;, suchte darnach und fand es
+nicht ...</p>
+
+<p>Edvard hatte den Korbdeckel aufgemacht; ehe er ihn
+zur&uuml;ckschlug, blickte er auf: "Du m&ouml;chtest vielleicht
+lieber nicht &mdash; &mdash;?" &mdash; "Doch, gern!" &mdash; Edvard schob<a class="page" name="Page_15" id ="Page_15" title="15"></a>
+den Deckel zur Seite. Ein gro&szlig;es Buch lag darunter &mdash;
+die Bibel. Er wurde starr, beinah ehrf&uuml;rchtig. Unter
+der Bibel lagen verschiedene ungebundene Hefte. Er
+nahm ein paar heraus, drehte sie um und legte sie wieder
+hinein. Es waren Traktate. Die Bibel legte er behutsam
+wieder an ihren Platz, breitete das Tuch dar&uuml;ber
+und machte den Deckel zu. Im Grunde war er so klug
+wie zuvor, oder vielmehr nur noch neugieriger.</p>
+
+<p>"Du liest doch nicht etwa den Leuten da unten aus
+der Bibel vor?" fragte er. Ole Tuft err&ouml;tete. "Doch &mdash;
+manchmal &mdash;" &mdash; "Wem denn?" &mdash; "Ach, den Kranken.
+Aber oft komm' ich ja nicht dazu &mdash;" &mdash; "Zu den
+Kranken gehst Du?" &mdash; "Ja &mdash; zu den Kranken geh'
+ich eben." &mdash; "Zu den Kranken? Du? Aber lieber
+Gott, &mdash; was tust Du denn da?" &mdash; "Oh, ihnen helfen &mdash;
+so gut ich eben kann!" &mdash; "Du?" fragte Edvard mit
+allem Erstaunen, dessen er f&auml;hig war. Und nach einer
+Pause f&uuml;gte er hinzu: "Mit was denn? Mit Essen?" &mdash;
+"Das auch. Ich helf' ihnen eben mit allem, was sie
+brauchen. Umbetten &mdash; &mdash;" &mdash; "Umbetten?" &mdash; "Ja!
+Sie liegen doch auf Stroh. Und darin liegen sie, bis es
+stinkt, wei&szlig;t Du. Manchmal machen sie's auch noch
+schmutzig, wenn sie krank sind, und sich nicht selber
+helfen k&ouml;nnen; tags&uuml;ber ist ja oft kein Mensch bei ihnen.
+Die Leute sind bei der Arbeit, und die Kinder in der
+Schule. Und wenn ich dann nachmittags hinkomme,
+geh' ich hinunter zu den B&ouml;ten, die mit Stroh fahren;
+das kauf' ich und trag's hinauf und nehm' das alte
+weg." &mdash; "Wo kriegst Du denn das Geld her?" fragte
+Edvard. &mdash; "Tante spart es mir zusammen, und auch
+Josefine." &mdash; "Josefine?" rief der Bruder. &mdash; "Ja! Aber
+vielleicht h&auml;tt' ich das nicht sagen sollen."</p>
+
+<p>"Von wem kriegt denn Josefine das Geld?" fragte
+Edvard mit der wachsamen Strenge des &auml;lteren Bruders.
+Ole &uuml;berlegte einen Augenblick und erwiderte dann
+fest und bestimmt: "Von Deinem Vater." &mdash; "Von
+Vater?" &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Edvard wu&szlig;te, selbst wenn Josefine ihn darum b&auml;te,<a class="page" name="Page_16" id ="Page_16" title="16"></a>
+so w&uuml;rde der Vater niemals Geld unn&uuml;tz ausgeben; erst
+mu&szlig;te er wissen, wozu er es gab. Der Vater hatte also
+gebilligt, was Ole tat. Und damit war die Sache in
+Edvards Augen &uuml;ber jeden Zweifel erhaben. Ole f&uuml;hlte
+augenblicklich diesen v&ouml;lligen Umschlag; er sah ihn auch
+Edvards Augen an. Jetzt kam ihm die Lust, noch mehr
+zu erz&auml;hlen, und das tat er auch. Er berichtete, er habe
+oft furchtbar viel Arbeit, wenn er komme. Feuer m&uuml;sse
+er machen, das Essen aufsetzen, kochen ... &mdash; "Kannst
+Du kochen?" &mdash; "Freilich! Und Reinmachen, und Einkaufen,
+und sehen, ob nicht irgend jemand hin&uuml;berrudert,
+den ich nach der Apotheke schicken kann; denn
+oft hat der Doktor irgend was verschrieben, aber sie
+haben es nicht geholt." &mdash; "Und zu alledem hast Du
+Zeit?" &mdash; "Ja. Bei Schultzes mach' ich's gleich nach
+Tisch ab, und meine eigenen Schularbeiten mach' ich
+nachts." Und so erz&auml;hlte er, des l&auml;ngeren und breiteren,
+bis ihm selber einfiel, da&szlig; sie noch vor Einbruch der
+Dunkelheit unten sein m&uuml;&szlig;ten.</p>
+
+<p>In tiefen Gedanken ging Edvard voran; der andere
+mit dem Korb hinterdrein.</p>
+
+<p>Hier, wo die Klippe abfiel, h&ouml;rte man das Tosen des
+Meers, als komme es aus der Luft, wie das Sausen eines
+vor&uuml;berziehenden Vogelschwarms &mdash; hoch, hoch oben.
+Es wurde kalt; man sah den Mond; aber die Sterne
+noch nicht. Doch &mdash; einen einzigen. "Wie bist Du denn
+eigentlich darauf gekommen?" fragte Edvard und wandte
+sich um. Ole blieb gleichfalls stehen. Er nahm seinen
+Korb aus einer Hand in die andere. Ob er's wagen, ob
+er alles sagen sollte? Edvard merkte sofort &mdash; da steckte
+noch mehr dahinter &mdash; und zwar war <em class="gesperrt">das</em> das Wichtigste.
+"Kannst Du's nicht sagen?" fragte er, als wenn
+es ihm ganz gleichg&uuml;ltig sei. &mdash; "Oh doch &mdash; ich <em class="gesperrt">kann</em>
+schon!" Aber Ole fuhr fort, den Korb von einer Hand
+in die andere zu nehmen, und sagte nichts weiter. Jetzt
+konnte Edvard nicht l&auml;nger an sich halten; er fing an,
+Ole ordentlich deswegen zu qu&auml;len, was diesem auch
+ganz lieb war &mdash; doch immer noch &uuml;berlegte er. "Es<a class="page" name="Page_17" id ="Page_17" title="17"></a>
+ist doch nichts B&ouml;ses?" &mdash; "Nein, etwas B&ouml;ses ist es
+nicht." Nach einer Pause f&uuml;gte er hinzu: "Im Gegenteil
+&mdash; eher was Gro&szlig;es &mdash; etwas wirklich Gro&szlig;es sogar!"
+&mdash; "Etwas wirklich Gro&szlig;es?" &mdash; "Eigentlich das
+Gr&ouml;&szlig;te in der Welt!" &mdash; "Nanu!" &mdash; "Wenn Du's blo&szlig;
+nicht weitersagen wolltest! Keiner Menschenseele!
+H&ouml;rst Du? Dann wollt' ich Dir's schon erz&auml;hlen!" &mdash;
+"Also &mdash; Du &mdash; was denn?" &mdash; "<em class="gesperrt">Ich will Mission&auml;r
+werden</em>!" &mdash; "Mission&auml;r?" &mdash; "Ja &mdash; Heidenmission&auml;r!
+Ein richtiger, f&uuml;r die Wilden, wei&szlig;t Du, die Menschen
+fressen!" Er sah &mdash; viel mehr konnte Edvard nicht ertragen;
+deshalb beeilte er sich, rasch noch etwas &uuml;ber
+Zyklone, wilde Raubtiere und giftige Schlangen hinzuzuf&uuml;gen:
+"Auf so was mu&szlig; man sich ein&uuml;ben, siehst
+Du!" &mdash; "Ein&uuml;ben? Gegen rei&szlig;ende Tiere und giftige
+Schlangen?" Edvard fing an, das Unglaubliche glaublich
+zu finden. &mdash; "Das Schlimmste sind die Menschen!"
+sagte Ole, die Tiere umgehend. "Das sind n&auml;mlich ganz
+f&uuml;rchterliche Heiden, diese Kerle, und wild, und b&ouml;s,
+und grausam. So ohne weiteres hinrennen &mdash; das hat
+keinen Sinn. Man mu&szlig; &Uuml;bung haben." &mdash; "Aber wieso
+kommst Du zu denen unten? Das sind doch keine
+Heiden &mdash; die im Dorf?" &mdash; "Das nicht. Aber man
+lernt doch allerhand auch bei ihnen. Zimperlich darf
+man nicht bei ihnen sein &mdash; im Gegenteil, die &auml;rgsten
+Schweinereien muten sie einem zu. Wenn einer krank
+ist und querk&ouml;pfig, so ist er meist auch voller Mi&szlig;trauen;
+manche sind geradezu b&ouml;sartig. Denk blo&szlig;, neulich
+abends hat ein Weib mich sogar hauen wollen." &mdash;
+"Hauen?" &mdash; "Da hab' ich zu Gott gebetet, sie sollte
+es tun; aber sie hat blo&szlig; geflucht." Oles Augen gl&uuml;hten;
+sein Gesicht war verz&uuml;ckt. "Hier, in einem Traktat,
+den ich in meinem Korbe hab', steht, es sei der Fehler
+unserer Mission&auml;re, da&szlig; sie hinausgingen, ohne sich erst
+zu &uuml;ben. Denn es sei eine gro&szlig;e Kunst, Menschen zu
+gewinnen, steht da. Sie zu gewinnen f&uuml;r das Reich
+Gottes, das sei die schwerste aller K&uuml;nste. Und eigentlich
+m&uuml;&szlig;ten wir uns von Jugend, ja von Kindesbeinen<a class="page" name="Page_18" id ="Page_18" title="18"></a>
+an darauf ein&uuml;ben; so steht geschrieben, und das will
+ich tun. Denn Mission&auml;r sein &mdash; siehst Du &mdash; das ist
+doch das H&ouml;chste auf Erden. Das ist mehr als K&ouml;nig
+sein, mehr als Kaiser und Papst sein; das steht in dem
+Traktat. Und es steht auch darin, ein Mission&auml;r habe
+gesagt: Und h&auml;tte ich zehn Leben, ich g&auml;be sie alle
+zehn hin f&uuml;r die Mission ... Und das will ich auch."</p>
+
+<p>Sie gingen jetzt Seite an Seite. Ole hatte sich, ohne
+es zu wissen, den aufleuchtenden Sternen zugekehrt.
+Beide standen eine Weile so und starrten in die Luft.
+Unter ihnen der Hafen mit den Schiffen in verschwommenen
+Umrissen, die Br&uuml;cken, niedrig, schwer; die
+Stadt mit ihren verstreuten Lichtern; weiter drau&szlig;en
+der Strand, wollgrau von Schnee, und daneben das
+schwarze Meer; hier unten h&ouml;rte man es wieder, wenn
+auch schw&auml;cher; das einf&ouml;rmige Tosen verflo&szlig; mit dem
+sternbes&auml;ten Halbdunkel. Zwischen den Knaben zitterten
+unsichtbare F&auml;den hin und her; Gef&uuml;hle kn&uuml;pften
+sich an. Von keinem andern w&uuml;nschte Ole so sehnlich,
+gut beurteilt zu werden, wie von dem, der in seiner
+leichten Pelzm&uuml;tze vor ihm stand; und Edvard dachte,
+wie viel besser doch Ole sei als er. Denn da&szlig; er selber
+gr&auml;&szlig;lich war, das wu&szlig;te er; das h&ouml;rte er ja alle Tage.
+Er sah seitw&auml;rts auf den Bauernjungen; &mdash; die tief &uuml;ber
+die Ohren gezogene Zipfelm&uuml;tze, die gro&szlig;en Fausthandschuhe,
+der plumpe Schal, die weite Friesjacke, die
+breiten Hosen, die schweren, eisenbeschlagenen Stiefel &mdash;
+nur &mdash; die Augen wogen das alles auf, und das treuherzige
+Gesicht, wenn es auch ein bi&szlig;chen altklug war ...
+Ole wird einmal ein gro&szlig;er Mann werden!</p>
+
+<p>Sie trabten weiter, Edvard voran, Ole hinterher, hinunter
+zur "Vorstadt". So hie&szlig; der Stadtteil, der an
+den "Berg" stie&szlig; und im wesentlichen aus Arbeiterh&auml;usern,
+Werkst&auml;tten und kleineren Fabriken bestand.
+Ordentliche Stra&szlig;enanlagen oder Beleuchtung gab es
+hier noch nicht; es war jetzt, beim Tauwetter, ein entsetzlicher
+Morast, der in der Abendk&auml;lte gerade zu gefrieren
+begann. Die paar Laternen, die vorhanden waren,<a class="page" name="Page_19" id ="Page_19" title="19"></a>
+hingen an Stricken, die vom einen Haus zum andern
+quer &uuml;ber die Gasse gespannt waren, und hinauf- und
+hinuntergezogen werden konnten. Sie waren schwarz
+von Qualm und daher &auml;u&szlig;erst schlechter Laune. Hier
+und dort hatte eine kleine Werkstatt ihre eigene kleine
+Laterne, die &uuml;ber der Haustreppe hing. Unter einer
+solchen Laterne blieb Edvard stehen. Er mu&szlig;te wieder
+etwas fragen. N&auml;mlich &mdash; wer es eigentlich sei, dessen
+Ole sich dort unten annahm? Einer, den sie beide
+kannten? Frohgemut setzte Ole seinen Korb auf die
+Treppe und st&uuml;tzte sich mit der Hand darauf. Er l&auml;chelte:
+"Du kennst doch die Marte von der Werft?" Ja, die
+kannte die ganze Stadt; eine t&uuml;chtige Frau; aber sie
+trank; und oft hatten die Schuljungen am Samstagabend
+ihren Jux mit ihr, wenn sie, an eine Mauer gelehnt,
+dastand und sie ausschimpfte und sich schlie&szlig;lich umdrehte
+und zum Zeichen ihrer Hochachtung &mdash; na ja,
+wie das Zeichen aussah, l&auml;&szlig;t sich nicht gut beschreiben!
+Aber die Bengels warteten blo&szlig; darauf; und die Sache
+wurde stets mit Jubelgeheul begr&uuml;&szlig;t.</p>
+
+<p>"Die Marte von der Werft!" rief Edvard. "Die willst
+Du bekehren?" &mdash; "Still doch! Nicht so laut!" bat Ole.
+Er war flammend rot geworden und sah sich erschrocken
+um. Edvard wiederholte fl&uuml;sternd: "Glaubst Du, irgend
+ein Mensch k&ouml;nnte die bekehren?" &mdash; "Ich glaube, ich
+bin auf dem besten Wege!" fl&uuml;sterte der andere geheimnisvoll.
+&mdash; "Du mu&szlig;t schon entschuldigen &mdash; aber
+ich glaub' es nicht!" Die Augen schielten, der Mund
+verzog sich zu einem L&auml;cheln. &mdash; "Wart' nur erst und
+h&ouml;r' mich an! Du wei&szlig;t doch, im Winter ist sie auf
+dem Glatteis hingefallen und hat sich b&ouml;sen Schaden
+getan?" Jawohl, das wu&szlig;te er. &mdash; "Seitdem liegt sie
+im Bett, und kein Mensch hat Lust, ihr zu helfen.
+Sie ist doch so b&ouml;sartig und kratzb&uuml;rstig. Gegen mich
+war sie anfangs widerw&auml;rtig &mdash; kaum zum Aushalten
+war's. Aber ich achtete einfach nicht darauf, und jetzt
+hei&szlig;t es nur noch 'mein Gottesengelchen', 'mein L&auml;mmeken',
+'mein Golds&ouml;hnchen', 'mein gutes Kind'.<a class="page" name="Page_20" id ="Page_20" title="20"></a>
+Denn ich habe sie umgebettet und Kleider und Essen
+und Bettzeug f&uuml;r sie gesammelt, und die &auml;rgsten Dinge
+f&uuml;r sie getan, siehst Du. Und doch hat sie eines Abends
+Miene gemacht, mich zu schlagen, wie ich ihr aufhelfen
+wollte, und ihr krankes Bein ihr dabei wehtat. Sie schrie
+wie besessen und hob ihren Stock gegen mich; aber dann
+nahm sie sich zusammen und fluchte nur ganz f&uuml;rchterlich
+und warf mir Schimpfworte an den Kopf. Jetzt
+ist sie wieder ganz sanft, und neulich hab' ich's sogar
+gewagt, ihr aus der Bibel vorzulesen." &mdash; "Der Marte
+von der Werft?" &mdash; "Die Bergpredigt. Und da&szlig; Du's
+nur wei&szlig;t &mdash; sie hat geweint." &mdash; "Geweint? Hat sie's
+denn verstanden?" &mdash; "Nee, sie hat so geweint, da&szlig; sie
+nicht viel davon geh&ouml;rt hat, glaub' ich. Aber die Bibel
+war es doch, siehst Du. Sie fing schon an zu weinen,
+als ich das Buch nur herauszog."</p>
+
+<p>Die Knaben sahen einander an; vom Hof her klangen
+Hammerschl&auml;ge und in der Ferne eine Dampfpfeife;
+dann von der Gasse gegen&uuml;ber das leise Weinen eines
+Kindes. &mdash; "Hat sie was gesagt?" &mdash; "Sie sagte, sie sei
+viel zu schlecht, um so was anzuh&ouml;ren, hat sie gesagt.
+Und ich erkl&auml;rte ihr, da&szlig; dem lieben Gott gerade die
+Geringsten die liebsten w&auml;ren. Sie tat aber, als h&ouml;re
+sie das nicht, sondern sagte nur, ich solle doch einmal
+beim W&auml;scher-Lars nachsehen, ob er daheim sei." &mdash;
+"Beim W&auml;scher-Lars?" schrie Edvard, und Ole mu&szlig;te
+wieder "Psst!" sagen; der W&auml;scher-Lars war n&auml;mlich ihr
+guter Freund. &mdash; "Du kannst mir's glauben, der ist die
+ganze Zeit &uuml;ber furchtbar nett gewesen. Im W&auml;scher-Lars
+steckt viel Gutes, das sagen alle. Jeden Abend
+kommt er und hilft ihr. Heut Abend ist er fr&uuml;her gekommen
+als sonst, darum konnt' ich gehen; sonst bleib'
+ich viel l&auml;nger." &mdash; "Hast Du ihr noch &ouml;fter vorgelesen?"
+&mdash; "Ja, heute wieder. Gleich fing sie wieder zu weinen
+an; aber heute, glaub' ich, hat sie was geh&ouml;rt. Denn
+wie ich ihr das vom verlorenen Sohn vorlas, sagte sie:
+ich bin ja woll eins von seinen Schweinen!" &mdash; Beide
+Jungens lachten. "Da sagt' ich denn, das glaubte ich<a class="page" name="Page_21" id ="Page_21" title="21"></a>
+doch nicht. Dann wollte ich versuchen, zu beten. Ach,
+das n&uuml;tzt ja doch alles nichts! sagte sie. Aber als ich
+dann das Vaterunser anfing, wurde sie ganz verdreht,
+wei&szlig;t Du, gerad' als ob sie sich f&uuml;rchte, und sie richtete
+sich auf und schrie, davon wolle sie nichts wissen &mdash;
+unter keinen Umst&auml;nden! Und dann legte sie sich wieder
+hin und heulte." &mdash; "Es wurde also nichts?" &mdash; "Nein,
+und dann kam der W&auml;scher-Lars, und sie sagte, ich
+solle gehen. Aber siehst Du, wie es gewirkt hat?
+Glaubst Du nicht, da&szlig; ich auf dem besten Wege bin?"
+&mdash; Edvard war nicht so ganz sicher.</p>
+
+<p>Seine Bewunderung hatte augenscheinlich einen kleinen
+Knax bekommen.</p>
+
+<p>Bald darauf trennten sie sich.</p>
+
+
+<h3><a href="#Inhaltsverzeichnis">2</a></h3>
+
+<p>In den h&ouml;heren Schulen herrscht bisweilen ein Geist,
+der dem Geist der Stadt, in der die Schule liegt,
+v&ouml;llig entgegengesetzt ist; ja, in der Regel steht die
+Schule in gewissen St&uuml;cken unter ganz selbst&auml;ndigen
+Einwirkungen. Ein einziger Lehrer vermag die Sch&uuml;ler
+in seinem Bann zu halten, ebenso wie es oft von einem
+Kameraden oder von ein paar abh&auml;ngt, ob unter den
+Knaben ein Geist der Ritterlichkeit oder das Gegenteil,
+ein Geist des Gehorsams oder das Gegenteil herrscht.
+In der Regel &uuml;bernimmt irgend ein einzelner die F&uuml;hrung.
+Auch in sittlicher Hinsicht ist das so. Die Knaben
+arten ihrem Vorbild nach, und meist hat einer oder
+haben mehrere die Macht, als Vorbild zu wirken.</p>
+
+<p>Gegenw&auml;rtig hatte der Primus Anders Hegge teilweise
+die Oberleitung in H&auml;nden. Einen so gelehrten
+Sch&uuml;ler hatte die Schule seit ihrer Gr&uuml;ndung nicht gesehen;
+er war ein Jahr l&auml;nger geblieben als n&ouml;tig, nur
+um der Schule den Glanz eines unzweifelhaften <i>prae
+ceteris</i> zu verschaffen. Die Knaben waren unglaublich
+stolz auf ihn. Bewundernd erz&auml;hlten sie, wie er die
+Lehrer in der Gewalt habe, und da&szlig; er seine Stunden<a class="page" name="Page_22" id ="Page_22" title="22"></a>
+nach eigenem Belieben w&auml;hlen und kommen und gehen
+k&ouml;nne, wie es ihm gerade passe. Meist arbeitete er f&uuml;r
+sich. Er besa&szlig; eine Bibliothek, deren Regale l&auml;ngst die
+W&auml;nde so angef&uuml;llt hatten, da&szlig; sie jetzt den Fu&szlig;boden
+entlang krochen. Ein langer B&uuml;cherst&auml;nder stand auf
+jeder Seite des Sofas. Es gingen solche Wundergeschichten
+dar&uuml;ber um, da&szlig; sogar die kleinsten Jungens ihn besuchen
+und mit eigenen Augen sehen mu&szlig;ten. Und
+mitten drin, am Fenster, sa&szlig; er selber und rauchte, in
+einem bis auf die F&uuml;&szlig;e reichenden Schlafrock, dem Geschenk
+einer verheirateten Schwester, auf dem Kopf eine
+Samtm&uuml;tze mit Goldquaste, das Geschenk einer Tante,
+an den F&uuml;&szlig;en gestickte Pantoffeln, das Geschenk einer
+Patin. Er war ein Damenprodukt &mdash; wohnte bei seiner
+verwitweten Mutter, und f&uuml;nf &auml;ltliche Verwandte bezahlten
+seine B&uuml;cher, kleideten ihn und versahen ihn mit
+Taschengeld.</p>
+
+<p>Ein gro&szlig;er, kr&auml;ftiger Bursche mit einem regelm&auml;&szlig;igen,
+feingeschnittenen Gesicht, dem Gesicht eines alten Geschlechts.
+Es w&auml;re sch&ouml;n gewesen, wenn es nicht Glotzaugen
+und einen gierigen und lauernden Ausdruck gehabt
+h&auml;tte. &Auml;hnlich sein wohlgebauter K&ouml;rper: er
+h&auml;tte einen stattlichen Eindruck gemacht, wenn er nicht
+vorn&uuml;ber geb&uuml;ckt gegangen w&auml;re, als dr&uuml;cke eine Last
+seinen R&uuml;cken, und einen ungleichm&auml;&szlig;igen Gang gehabt
+h&auml;tte. H&auml;nde und F&uuml;&szlig;e waren zierlich; er konnte nicht
+leiden, wenn man ihn anr&uuml;hrte, war verfroren und zimperlich
+und hatte einen durchaus weiblichen Geschmack.</p>
+
+<p>Alles, was ihm einmal gesagt worden war, behielt er,
+Gro&szlig;es und Kleines, ohne Unterschied; oder wenn ein
+Unterschied war, so bestand er darin, da&szlig; das Kleine
+ihm das wichtigste war. Wenige Dinge entgingen ihm;
+sachte und nicht ohne eine Art Kunst stahl er sich in
+das Vertrauen eines Menschen. Er kannte die Familiengeschichten
+aus dem ganzen Land, auch solche aus
+fremden L&auml;ndern kannte er. Diese Geschichten zu erz&auml;hlen
+&mdash; am liebsten Skandalgeschichten &mdash; und in aller
+Stille noch andere einzuheimsen &mdash; das war ihm des<a class="page" name="Page_23" id ="Page_23" title="23"></a>
+Daseins gr&ouml;&szlig;te Wonne! H&auml;tten die Lehrer geahnt, wie
+diese bewundernswerte Schubladeneinrichtung mit all
+ihrem Inhalt die Luft der Schule verdarb &mdash; sie h&auml;tten
+ihn schwerlich noch ein Jahr dabehalten. Die ganze
+Schule war nichts als Kritik und Zweifel; Klatsch und
+Spott waren Hoftugenden, die am ehesten zu Gunst
+f&uuml;hrten; schl&uuml;pfrige Geschichten waren die Festunterhaltung.
+Gierig nach Neuem sa&szlig; er inmitten seines
+Rauchgespinstes zwischen seinen B&uuml;cherregalen, wenn
+jemand ihn besuchte. Und als Edvard an diesem Abend
+kam und erz&auml;hlte, nun wisse er, wohin Ole gehe und
+was er treibe, und nun wolle er seine Pr&auml;mie, da stand
+Anders auf und bat ihn, doch einen Augenblick zu
+warten; er wolle nur schnell etwas Bier holen; dann
+wollten sie sich einen vergn&uuml;gten Abend machen.</p>
+
+<p>Das erste Glas schmeckte vortrefflich, ein anderes
+halbes ebenso; und dann erz&auml;hlte Edvard. Erst, da&szlig;
+Ole unten im Fischerdorf Kranke pflege.</p>
+
+<p>Anders war ungef&auml;hr ebenso paff, wie Edvard vorhin,
+als er die Bibel sah. Edvard lachte herzlich. Aber es
+dauerte nicht lange, so &auml;u&szlig;erte Anders einen leisen
+Zweifel. Ole habe ihm wahrscheinlich nur etwas weismachen
+wollen, um sich leichter aus der Patsche zu
+ziehen; dahinter stecke etwas. Bauernjungen seien immer
+Heimlichtuer. Und zum Beweis erz&auml;hlte er ein
+paar ganz am&uuml;sante Geschichtchen aus der Schule.
+Edvard gefiel dieses ewige Zweifeln nicht recht, und um
+ein Ende zu machen (er war im Grunde furchtbar
+m&uuml;de), berichtete er, sein Vater wisse alles, er sei damit
+einverstanden und unterst&uuml;tze Ole mit Geld.
+Jetzt zweifelte nat&uuml;rlich auch Anders nicht l&auml;nger. Aber
+trotz allem &mdash; es konnte etwas dahinterstecken; Bauernjungens
+seien nun mal solche Heimlichtuer.</p>
+
+<p>Das wurde Edvard denn doch zu viel; er sprang von
+seinem Sitz auf und fragte, ob Anders etwa glaube,
+da&szlig; einer von ihnen l&uuml;ge.</p>
+
+<p>Anders trank ruhig einen Schluck Bier und lie&szlig; vorsichtig
+seine Glotzaugen rollen. "L&uuml;gen" &mdash; hm &mdash; ein<a class="page" name="Page_24" id ="Page_24" title="24"></a>
+sonderbarer Ausdruck. Durfte man vielleicht wissen,
+was das f&uuml;r Kranke waren, mit denen Ole sich besch&auml;ftigte?</p>
+
+<p>Darauf war Edvard nicht gefa&szlig;t. Er hatte sich vorgenommen,
+gerade soviel zu sagen, als n&ouml;tig war, um die
+Pr&auml;mie zu bekommen, und kein Wort dar&uuml;ber. Er stand
+wieder auf. Wenn Anders es nicht glauben wolle, so
+m&ouml;ge er's bleiben lassen; aber seine Pr&auml;mie wolle er.</p>
+
+<p>Es war nicht Anders Hegges Art, mit jemand zu
+brechen, was Edvard auch recht gut wu&szlig;te. Nat&uuml;rlich
+sollte Edvard das Buch haben. Aber nun m&uuml;sse er erst
+mal eine am&uuml;sante Geschichte h&ouml;ren, wie sich die
+Kranken drau&szlig;en im Fischerdorf auff&uuml;hrten. Der Armenarzt
+und seine Frau seien gestern bei seiner Mutter
+gewesen, und da habe jemand nach der Marte von der
+Werft gefragt, die man schon so lange nicht mehr gesehen
+habe. Ob sie noch immer von ihrem Fall im
+Winter bettl&auml;grig sei? Ja freilich; und sie litte keine
+Not; denn die Leute schickten ihr unbegreiflicherweise
+alles, was sie brauche, und der W&auml;scher-Lars bringe ihr
+Abend f&uuml;r Abend Schnaps, so da&szlig; sie sich manch liebes
+Mal einen recht fidelen Schwips ans&auml;uselten. So bald
+stehe die gewi&szlig; nicht wieder auf.</p>
+
+<p>Edvard wurde feuerrot, was Anders wohl bemerkte.
+War etwa die Marte von der Werft eine von denen,
+denen Ole "half"? Ja, es lie&szlig; sich nicht leugnen.</p>
+
+<p>Die Glotzaugen weiteten sich ordentlich, um diese
+Beute aufzunehmen. Edvard sah, wie sie eingesogen
+und verschlungen wurde, und ihm war, als sinke er
+selber mit hinein und werde zerrissen und aufgefressen.
+Aber wenn es etwas gibt, was ein Schuljunge nicht vertr&auml;gt,
+so ist es, sich gefangen zu sehen in seiner eigenen
+Arglosigkeit. Er beeilte sich, den ehrenr&uuml;hrigen Verdacht,
+als ob er das L&auml;cherliche an Ole Tufts Vorhaben nicht
+durchschaue, von sich abzuw&auml;lzen. "Und denk Dir &mdash;
+aus der Bibel hat er der Marte vorgelesen!" &mdash; Ihr aus
+der Bibel vorgelesen? Wieder wurden die Glotzaugen
+ganz gro&szlig;, um zu schlingen; aber schnell zogen sie sich<a class="page" name="Page_25" id ="Page_25" title="25"></a>
+wieder zusammen. Anders kam ins Lachen; er sch&uuml;ttelte
+sich geradezu; und Edvard mit.</p>
+
+<p>Ja, er las der Marte aus der Bibel vor, die Geschichte
+vom verlorenen Sohn; und Edvard erz&auml;hlte, was Marte
+gesagt hatte. Sie lachten um die Wette und tranken
+den Rest des Biers aus. Alles, was an Anders liebensw&uuml;rdig
+und am&uuml;sant war, kam zum Vorschein, wenn
+er lachte. Das Lachen selbst hatte einen leichten Beiklang,
+wie wenn man jemand am Hals kitzelt &mdash; &mdash;
+es forderte zu immer neuer Heiterkeit heraus &mdash; zu
+endlos neuer Heiterkeit. Und Edvard mu&szlig;te alles erz&auml;hlen
+&mdash; und noch ein bi&szlig;chen mehr.</p>
+
+<p>Als er sp&auml;ter mit dem Prachtband unterm Arm nach
+Hause lief, hatte er ein scheu&szlig;liches Gef&uuml;hl. Der Bierdunst
+war verflogen; das Lachen reizte ihn nicht mehr,
+und der gekr&auml;nkten Eitelkeit war Gen&uuml;ge getan. Aber
+kaum war er an der frischen Luft, da glaubte er auch
+schon Oles gute Augen vor sich zu sehen. Er wollte
+das Gef&uuml;hl absch&uuml;tteln; er war so entsetzlich m&uuml;de;
+heut abend konnte er nicht mehr denken. Aber morgen
+&mdash; ja, morgen wollte er Anders bitten, zu schweigen.</p>
+
+<p>Doch am n&auml;chsten Morgen verschlief er die Zeit; er
+konnte nur gerade noch in die Kleider springen &mdash; und
+davonrasen &mdash; mit einer Buttersemmel im Mund und
+einem fl&uuml;chtigen Gedanken an "<i>Les trois mousquetaires</i>",
+die jetzt ihm geh&ouml;rten; heut nachmittag w&uuml;rde er sie
+lesen. In der Schule schlug er sich mit H&auml;ngen und
+W&uuml;rgen von einer Stunde zur andern durch; er konnte
+keine seiner Aufgaben, und Sonnabends war gerade
+immer so viel. Bis auf die beiden letzten Stunden vor
+Schulschlu&szlig; war er vollauf in Anspruch genommen;
+dann kam Franz&ouml;sisch und Naturgeschichte; von den
+beiden F&auml;chern war er dispensiert. Und nun ging's die
+Treppe hinunter, vor allen andern.</p>
+
+<p>Wie er vor der T&uuml;r des Schulhauses stand, kam eben
+Anders von der andern Seite her. Der hatte jetzt eine
+Stunde in der obersten Klasse. Augenblicklich fiel Edvard
+der gestrige Abend ein, und es packte ihn ein<a class="page" name="Page_26" id ="Page_26" title="26"></a>
+Schrecken, was Anders jetzt wohl erz&auml;hlen w&uuml;rde. Fast
+in derselben Sekunde aber erblickte er zwischen zwei
+Landungsbr&uuml;cken ein Unget&uuml;m von einem Dampfer,
+einen Havaristen, der sich langsam dem Hafen n&auml;herte.
+Solch ein Riesenschiff war noch nie im Hafen gewesen,
+sagten die Leute, die vor&uuml;berliefen. Mastlos, mit zerbrochener
+Schanzverkleidung, mit gest&uuml;tzten Schornsteinen,
+bis oben voll gespritzt von wei&szlig;em Gischt, nur
+eben noch f&auml;hig, sich fortzubewegen &mdash; so kam es angezogen.
+Vielleicht im Schlepptau eines andern Dampfers &mdash;
+Edvard konnte der Br&uuml;cken wegen nichts sehen.
+Alles rannte hinunter; und er mit.</p>
+
+<p>Unterdessen schritt Anders durch das Schultor. Eben
+als er &ouml;ffnete, leerten sich die Klassen; ihr ganzer Inhalt
+st&uuml;rzte die Treppe hinunter in den Hof &mdash; wie durch
+einen langen Trichter. Ein Orkan in einem Riesenbauch &mdash;.
+Das Haus erdr&ouml;hnte. Zuerst ein vereinzelter
+scharfer Schrei &mdash; die jubelnde Ichverk&uuml;ndigung des
+Ersten &mdash; dann ein Gemisch von Diskant- und Altstimmen
+&mdash; dann gebrochene &Uuml;bergangsstimmen, die
+in einer etwas dunkleren Klangfarbe dar&uuml;ber hinwischten
+&mdash; dann ein gemeinsames Emporspr&uuml;hen wie von
+einem gen Himmel flammenden Feuermeer, bald ein
+halbes Erl&ouml;schen hier &mdash; bald eine freudig aufschie&szlig;ende
+Feuers&auml;ule dort; dann wieder ein einheitlicher, breiter
+Glanz &uuml;ber dem ganzen Hofe.</p>
+
+<p>Ruhig kam Anders dahergegangen. Nicht wie in einem
+Feuermeer, mehr wie durch gefahrvolle Brandungen
+getragen, gewiegt &mdash; hin und her gesp&uuml;lt &mdash; von einem
+Ufer zum andern. Aber sein Ziel hatte er vor Augen.
+Er wollte sich vorsichtig durchschlagen bis zu dem
+Bretterhaufen am Zaun des Nachbars; dort war es still;
+und dort konnte er, gegen das Holz gelehnt, sich's ein
+bi&szlig;chen bequem machen.</p>
+
+<p>Nachdem er sich diese R&uuml;ckenst&uuml;tze gesichert und mit
+seinen Glotzaugen vorsichtig ausgesp&auml;ht hatte, ob die
+Luft auch rein sei, glitt sein Blick zufrieden &uuml;ber die
+Menge hin; er geno&szlig; das reizvolle Gef&uuml;hl der Gewi&szlig;<a class="page" name="Page_27" id ="Page_27" title="27"></a>heit,
+diesen ganzen Aufruhr durch blo&szlig;e drei, vier
+Worte &mdash; seinem Nachbar ins Ohr gefl&uuml;stert &mdash; d&auml;mpfen
+zu k&ouml;nnen. Wie &Ouml;l auf eine tobende See w&uuml;rden sie
+wirken, und der L&auml;rm w&uuml;rde verstummen, sobald die
+paar Worte &uuml;ber ihn hinflossen. Wo war Ole? Da &mdash;
+ein gro&szlig;er Junge hielt ihn gerade gepackt; sie hatten
+sich gegenseitig am Rockkragen und wirbelten im Kreis
+herum; der Gro&szlig;e versuchte den Kleinen zu Fall zu
+bringen und half mit dem Fu&szlig; nach. Oles schwere
+Stiefel zappelten in der Luft; die eisenbeschlagenen Abs&auml;tze
+blinkten; er lachte aus vollem Halse; denn der
+andere wurde immer w&uuml;tender und aufgeregter, ohne
+ihn doch werfen zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Da beugte Anders sich zu dem ihm Zun&auml;chststehenden
+herab: "Jetzt wei&szlig; ich, was Ole Tuft jeden Abend
+treibt." &mdash; "Ach, Quatsch!" &mdash; "Doch, ich wei&szlig;
+es." &mdash; "Wer hat's denn 'rausgekriegt?" &mdash; "Edvard
+Kallem." &mdash; "Edvard Kallem? Hat der das Buch bekommen?"
+&mdash; "Freilich." &mdash; "Nee &mdash; so was! Edvard
+Kallem!"</p>
+
+<p>"Edvard Kallem? Was ist mit Edvard Kallem?"
+fragte jetzt ein Dritter. Und der Zweite, der es eben
+geh&ouml;rt hatte, berichtete sofort. Ein Vierter, ein F&uuml;nfter,
+ein Sechster scho&szlig; fort: "Edvard Kallem hat die Pr&auml;mie
+gewonnen! Anders Hegge wei&szlig; jetzt, was Ole Tuft
+jeden Abend treibt!" Und &uuml;berall, wo die Worte erklangen,
+verstummte der L&auml;rm; alles wollte h&ouml;ren, alles
+st&uuml;rzte auf Anders Hegge zu.</p>
+
+<p>Kaum war ein Viertel der Jungens zusammengelaufen,
+so wurden auch die andern drei Viertel aufmerksam.
+Was in aller Welt mochte dort an dem Bretterhaufen
+los sein? Warum liefen denn alle dorthin? Sie scharten
+sich um Anders, sie kletterten auf den Holzsto&szlig;, so viel
+ihrer &uuml;berhaupt Platz hatten. "Was ist los?" &mdash; "Edvard
+Kallem hat die Pr&auml;mie gewonnen!" &mdash; "Edvard Kallem?"
+Wieder loderte es auf. Alle fragten &mdash; alle antworteten &mdash;
+alle, au&szlig;er Ole Tuft; der blieb stehen, wo der Kamerad
+ihn losgelassen hatte.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_28" id ="Page_28" title="28"></a>Dann wurde es m&auml;uschenstill. Anders Hegge erz&auml;hlte.
+Das war sein gutes Recht; er hatte daf&uuml;r bezahlt. Er
+erz&auml;hlte gut, in einer klaren, trockenen Art, die allem
+einen Schimmer von Doppelsinnigkeit verlieh. Erst erz&auml;hlte
+er, wo Ole sei und was er da treibe &mdash; da&szlig; er
+die Werft-Marte umbette, sie herumschleppe und trage,
+ihr das Essen koche und nach der Arznei in die Apotheke
+laufe; dann &mdash; <em class="gesperrt">weshalb</em> er das tue; er wolle Mission&auml;r
+werden und wolle sich an der Werft-Marte drunten &uuml;ben;
+er lese ihr aus der Bibel vor, und Marte heule, und
+wenn dann Ole fort sei, komme der W&auml;scher-Lars mit
+Schnaps, und dann tr&auml;nken sich die beiden, Marte und
+Lars, auf das Bibellesen hin einen ordentlichen Schwips
+an. Zuerst standen die Jungens ganz starr &mdash; so was
+war ihnen noch nie vorgekommen! Sie fa&szlig;ten es in der
+Hauptsache als eine Art Zeitvertreib auf, und so, wie
+es erz&auml;hlt wurde, konnte es gar nicht anders aufgefa&szlig;t
+werden. Aber Mission&auml;r und Bibelvorleser spielen? Das
+hatten sie noch nie geh&ouml;rt. Es war lustig, aber zugleich
+auch noch etwas anderes; was? &mdash; dar&uuml;ber waren sie
+sich im Augenblick nicht klar. Da niemand lachte, ging
+Anders weiter. Weshalb war Ole auf diesen Einfall gekommen?
+Ganz einfach, weil er ehrgeizig war und ein
+Apostel werden wollte; und das war viel, viel mehr
+als K&ouml;nig werden, oder Kaiser, oder Papst; das hatte
+Ole selber zu Edvard Kallem gesagt. Aber um das zu
+werden, mu&szlig;te er "Gottes Wege" finden, und Gottes
+Wege &mdash; nun ja, die begannen dort unten bei der Marte
+von der Werft. Dort wollte er sich &uuml;ben, Wunder zu
+tun, sich mit Heiden und wilden Tieren und giftigen
+Schlangen herumzuschlagen und Zyklonen Einhalt zu
+gebieten. Jetzt brach das Gebr&uuml;lle los. Doch gerade
+in diesem Augenblick l&auml;utete es; die Jungens konnten
+nur eben noch, sich vor Lachen sch&uuml;ttelnd, an Ole
+vor&uuml;berst&uuml;rmen.</p>
+
+<p>Schon einmal in seinem jungen Leben hatte Ole
+Tuft in einen bodenlosen Abgrund geblickt; das war an
+dem Wintertag, als er am Grabe seines Vaters stand<a class="page" name="Page_29" id ="Page_29" title="29"></a>
+und die ersten gefrorenen Erdschollen auf den Sarg
+poltern h&ouml;rte. Die Luft war voll treibenden Nebels,
+und das Meer wie Blei. Alles, was er an Leid kannte,
+f&uuml;hrte dorthin zur&uuml;ck; auch jetzt stand er wieder dort;
+auch jetzt h&ouml;rte er wieder die Kirchenglocke von damals.
+Gerade als das hohle Dr&ouml;hnen auf den Treppen
+und G&auml;ngen verhallt, der letzte Nachz&uuml;gler verschwunden,
+die letzte T&uuml;r geschlossen und mit einemmal alles
+so still war &mdash; da, durch das Schweigen, durch die Leere,
+vernahm er eine Glocke &mdash; bimbam, dingdang &mdash; und
+pl&ouml;tzlich war er auch schon drau&szlig;en, vor der geteerten
+Holzkirche am Strand; die langarmigen, alten laublosen
+Birken an der Mauer und die ehrw&uuml;rdige Tanne vor
+dem Portal rauschten; Glockenkl&auml;nge, schrill, d&uuml;nn,
+kamen dahergewankt, und die scharfen Erdschollen auf
+dem Sarg schlugen ihm Wunden f&uuml;rs ganze Leben. Das
+unaufhaltsame Weinen der Mutter &mdash; sie hatte es zur&uuml;ckgehalten
+bis jetzt &mdash; keinen Laut bis dahin &mdash; nicht
+am Bett, nicht, als sie ihn hinaustrugen; aber jetzt, mit
+einemmal &mdash; ach, nicht einzud&auml;mmen mehr! ... O
+Vater, Mutter, Mutter, Vater! ... Und auch er brach
+in Tr&auml;nen aus.</p>
+
+<p>Schon aus dem Grunde konnte er den Kameraden
+nicht folgen; und er wollte &uuml;berhaupt nicht mehr in
+die Schule. Auf das hin konnte er keinem von ihnen
+mehr begegnen, konnte nicht einmal mehr in der Stadt
+bleiben. In zwei Stunden w&uuml;rde jedermann es wissen
+und gaffen und fragen und grinsen. Und das, was er
+vorhatte, war ja jetzt auch entweiht f&uuml;r ihn; wozu
+noch studieren! In eine andere Stadt wollte er auch
+nicht. Nein &mdash; nur heim, heim, heim!</p>
+
+<p>Aber wenn er l&auml;nger hier stehen bliebe, so w&uuml;rden
+sie bald einen aus der Klasse herunterschicken, um ihn
+zu holen; er mu&szlig;te gleich fort &mdash;. Nicht erst nach Hause
+zur Tante; dort h&auml;tte er erz&auml;hlen m&uuml;ssen. Nicht durch
+das gro&szlig;e Tor und &uuml;ber die Hauptstra&szlig;e; die war immer
+so voll von Menschen, und er sah so verheult aus! Nein,
+er mu&szlig;te durch das kleine Schlupfloch fort, das Josefine<a class="page" name="Page_30" id ="Page_30" title="30"></a>
+ihm zurechtgemacht hatte, und durch das sie ihm
+jeden Nachmittag hinaushalf, ohne da&szlig; die Jungens es
+sahen.</p>
+
+<p>Das Holz war gegen des Nachbars Bretterzaun aufgestapelt;
+aber zur Rechten lehnte der Stapel an
+einem Schuppen, und dorthin lief jetzt Ole. Er l&ouml;ste
+zwei Planken in der Wand, die nach dem Holzhaufen
+ging, kroch hindurch und machte hinter sich wieder zu.
+Dieses Kunstst&uuml;ck w&auml;re unm&ouml;glich auszuf&uuml;hren gewesen,
+wenn nicht zwischen Schuppen und Bretterstapel ein
+freier Raum gewesen w&auml;re; und ein solcher befand sich
+dort, dank einem Naturhindernis in Gestalt eines gro&szlig;en
+Steines, der h&ouml;her war als der Knabe und ein St&uuml;ck
+von der Wand weg stand. W&auml;re der Stein nicht gewesen,
+so h&auml;tte die zweite Holzschicht sich an die erste
+angelehnt und ganz abgeschlossen; so aber blieb zu
+beiden Seiten des Steins und dar&uuml;ber ein freier Raum.
+Und hier hatten die Kinder sich Stuben eingerichtet,
+eine auf jeder Seite und eine auf dem Stein selbst. Die
+hintere war die bequemste; dort war ein Brett zum
+Sitzen, und wenn es auf beiden Seiten in den Holzstapeln
+festgemacht war, so konnten die Kinder zur Not
+sogar aneinander vor&uuml;ber. Oben dr&uuml;ber hatten sie
+Bretter gelegt, und darauf wieder Holz, damit niemand
+Verdacht sch&ouml;pfe; es war ein t&uuml;chtiges St&uuml;ck Arbeit gewesen
+f&uuml;r die zwei. Allzu hell war es ja nicht gerade;
+aber das trug just dazu bei, es recht gem&uuml;tlich zu machen.
+Hier erz&auml;hlte sie ihm von Spanien und er ihr von den
+Abenteuern der Mission&auml;re, sie von Stiergefechten, er
+von K&auml;mpfen mit Tigern und L&ouml;wen und Schlangen,
+von furchtbaren Zyklonen und Windhosen, von wilden
+Affen und Menschenfressern. Seine Erz&auml;hlungen hatten
+nach und nach die ihren &uuml;bertrumpft; sie waren reicher
+und sie hatten ein bestimmtes Ziel. Sie lebte von Erinnerungen,
+er von allem, was seine Phantasie nur zu
+ergattern vermochte, und bei allem war er selber im
+Mittelpunkt der Dinge. So lange schilderte er, und so
+gl&uuml;hend, bis auch in ihr die Sehnsucht erwachte, im<a class="page" name="Page_31" id ="Page_31" title="31"></a>
+Mittelpunkt dieser Dinge zu sein! Erst schickte sie ein
+paar vorsichtige Fragen voraus: ob es auch angehe, da&szlig;
+Frauen Mission&auml;re w&uuml;rden? Das wu&szlig;te er nun zwar
+nicht; es war sicherlich doch blo&szlig; M&auml;nnerarbeit, das
+Missionieren; aber Frauen von Mission&auml;ren konnten sie
+werden. Ob denn die Mission&auml;re verheiratet seien, fragte
+sie. Er nahm das zun&auml;chst als dogmatische Frage. Einmal
+habe er seinen Vater dar&uuml;ber in einer Versammlung
+reden h&ouml;ren; irgendeiner habe Zweifel dar&uuml;ber ge&auml;u&szlig;ert;
+denn Paulus, den man ja doch den ersten und
+gr&ouml;&szlig;ten Mission&auml;r nennen m&uuml;sse, sei nicht verheiratet
+gewesen, ja, er habe sich dessen sogar ger&uuml;hmt. Aber
+der Vater habe erwidert, Paulus habe geglaubt, Jesus
+werde bald wiederkommen, und darum habe er sich
+beeilen m&uuml;ssen, &uuml;berall umherzuwandern und das zu verk&uuml;ndigen,
+auf das die Menschen sich bereithalten sollten.
+Die Mission&auml;re von heute dagegen m&uuml;&szlig;ten im Gegenteil
+auf einem und demselben Fleck Erde leben, und dazu
+geh&ouml;rten doch wohl auch Frauen. Er habe selber
+von Mission&auml;rsfrauen gelesen, die Schule f&uuml;r kleine Negerkinder
+hielten.</p>
+
+<p>Weiter war keins von den beiden gegangen; aber da&szlig;
+<em class="gesperrt">sie</em> doch ganz im geheimen daran dachte, ging deutlich
+aus einigen Fragen hervor, wie z. B., ob es wahr sei, da&szlig;
+die Negerkinder Schnecken &auml;&szlig;en? Das behagte ihr nicht.</p>
+
+<p>Und inmitten dieses Halbdunkels &mdash; ihr brauner und
+sein blonder Kopf dicht zusammengesteckt &uuml;ber atembeklemmenden
+Abenteuern &mdash; hatten sie unter Palmen
+gesessen; es wimmelte von kleinen Schwarzen, und alle
+waren sie artig und bekehrt, und zahme junge Tiger
+gab es da, die sich dicht vor ihren F&uuml;&szlig;en im Sand
+w&auml;lzten; gutm&uuml;tige Affen bedienten sie, Elefanten
+trugen sie behutsam, die B&auml;ume hingen voll der Nahrung,
+deren sie bedurften.</p>
+
+<p>Und jetzt kam Ole, um dies Eden zum letztenmal
+zu sehen und Abschied davon zu nehmen.</p>
+
+<p>Eben hatte er sich aufgerichtet, um &uuml;ber den Stein
+zu klettern, als ihm einfiel, heut sei Samstag. Samstag<a class="page" name="Page_32" id ="Page_32" title="32"></a>
+von elf Uhr ab hatte sie frei (sie hatte Privatunterricht),
+und da setzte sie sich oft w&auml;hrend der gro&szlig;en Pause
+der Knaben hinter die Holzstapel.</p>
+
+<p>Wenn sie jetzt eben dort s&auml;&szlig;e! Wenn sie alles geh&ouml;rt
+h&auml;tte! Schnell hinauf auf den Stein, und richtig &mdash; da
+sa&szlig; sie unten auf dem Brett und sah zu ihm hinauf.</p>
+
+<p>Ihr blo&szlig;er Anblick und mehr noch die Art, wie sie
+seinem Blick begegnete, lie&szlig; ihn von neuem in helle
+Tr&auml;nen ausbrechen. "Ich &mdash; will &mdash; heim!" schluchzte
+er, "und nie &mdash; nie wiederkommen!" Und er lie&szlig; sich
+zu ihr hinuntergleiten. Sofort nahm sie sich seiner an,
+gab ihm schleunigst ihr Taschentuch, damit er es sich
+vor den Mund halte, um sich durch sein Weinen
+nicht zu verraten. Sie kannte den Schulhof, und sie
+wu&szlig;te, man suche ihn jetzt auf dem Hof. Und er
+gehorchte, wie immer, ihrer &uuml;berlegenen F&uuml;hrung in
+den Dingen, die zur guten Erziehung geh&ouml;ren; nur da&szlig;
+er glaubte, es handle sich einmal wieder um das ewige
+Geschn&auml;uze, und so schn&auml;uzte er sich denn und weinte,
+und weinte und schn&auml;uzte sich. Da packte sie ihn hurtig
+mit ihrer derben Kleinm&auml;delfaust im Nacken, mit der
+andern umspannte sie mit festem Griff seine H&auml;nde
+mitsamt dem Taschentuch und pre&szlig;te ihm das in den
+Mund; w&auml;hrend sie gleichzeitig ihren dunkelhaarigen
+Kopf unheilverk&uuml;ndend dicht vor seinem Gesicht sch&uuml;ttelte.
+Jetzt begriff er! Es war auch die h&ouml;chste Zeit;
+denn schon rief man auf dem Schulhof seinen Namen,
+wieder und wieder, in Zwischenr&auml;umen und
+aus verschiedenen Richtungen. Es fiel ihm entsetzlich
+schwer, das Weinen zu unterdr&uuml;cken, so da&szlig; er am
+ganzen K&ouml;rper zitterte; aber er hielt es zur&uuml;ck. Hielt
+es zur&uuml;ck, bis sie den Kameraden, den man nach ihm
+ausgeschickt hatte, wieder hinaufst&uuml;rmen h&ouml;rten. "Ich
+&mdash; will &mdash; heim!" fing er dann gleich wieder an und
+heulte von neuem drauflos &mdash; er konnte nicht anders.
+Dann gab er ihr das Taschentuch zur&uuml;ck, nickte, stand
+auf und zog die Planken in des Nachbars Bretterwand
+weg &mdash; immerzu laut schluchzend und in tiefstem Ent<a class="page" name="Page_33" id ="Page_33" title="33"></a>setzen.
+Kaum waren die Planken weg, so war er auch im
+Loch; das auf der Schulbank blank gescheuerte Hinterteil
+und die gl&auml;nzenden, eisenbeschlagenen Abs&auml;tze schoben
+sich weiter und weiter hinein, bis sie verschwanden.
+Auf der andern Seite stand er auf, dr&auml;ngelte sich zwischen
+der Bretterwand und einem Holzhaufen durch, bis zu
+ein paar alten Balken, die da lagen und vermorschten;
+von dort eilte er zur Hintert&uuml;r, und erst, als er drau&szlig;en,
+auf freiem Grund und Boden, in einem engen G&auml;&szlig;chen
+stand, fiel ihm ein, da&szlig; er vergessen hatte, Josefine
+Lebewohl zu sagen; ja, da&szlig; er sich nicht einmal bei
+ihr bedankt hatte. Auch das noch, zu all dem andern
+Ungl&uuml;ck! Nun erst recht trieb es ihn im Galopp zur
+Stadt hinaus, und er machte nicht eher halt, als bis er
+auf Umwegen die Landstra&szlig;e erreicht hatte. Der geh&ouml;rte
+so gewisserma&szlig;en zu seinen Schildknappen, der
+alte Strandweg.</p>
+
+<p>Josefine stand eine Weile da und blickte auf die Stelle,
+wo die Absatzeisen verschwunden waren; aber nicht
+lange. Sie sprang auf den Stein, glitt an der Wand
+wieder herab, schob die Bretter beiseite, kroch hindurch
+und schob sie vorsorglich hinter sich zu. Gleich
+darauf erschien sie ohne Hut in der Apotheke und fragte
+nach ihrem Bruder; erst in der Apotheke selbst, wo er
+sich am liebsten aufhielt; aber da war er nicht; er hatte
+nicht einmal seine Schulb&uuml;cher abgegeben. Dann durchsuchte
+sie oben alle Zimmer; dort war er ebenfalls nicht;
+aber vom Fenster aus sah sie den gro&szlig;en fremden Dampfer,
+umringt von zehn, zw&ouml;lf Booten; nat&uuml;rlich, da war
+er! Also rasch hinunter zur Br&uuml;cke. Sie machte ihr
+eigenes kleines wei&szlig;gestrichenes Boot los und scho&szlig;
+hinaus.</p>
+
+<p>Sie ruderte, da&szlig; ihr der Schwei&szlig; von der Stirn lief,
+ruderte und blickte sich um, bis sie das schwere Wrack
+erreicht hatte, das gr&uuml;ne Ungeheuer, das dort lag und
+unter den Pumpen st&ouml;hnte. Weit drau&szlig;en sah sie Edvard,
+die Schulb&uuml;cher unterm Arm, oben auf der Kommandobr&uuml;cke
+stehen, im Gespr&auml;ch mit seinem Freund Rojert Mo.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_34" id ="Page_34" title="34"></a>Sobald sie nahe genug war, rief sie seinen Namen.
+Er und s&auml;mtliche Umstehenden h&ouml;rten es. Die letzteren
+sahen ein braunhaariges M&auml;del, die Ruder in der Hand,
+gl&uuml;hend rot vor Anstrengung, aufrecht dastehen und
+nach der Kommandobr&uuml;cke starren; sie besannen sich
+einen Augenblick, was das wohl bedeuten k&ouml;nne, und
+verga&szlig;en es dann wieder; Edvard aber gab es einen
+Stich: da war irgend etwas Unangenehmes geschehen;
+und wie der Wind war er von der Kommandobr&uuml;cke
+herunter, auf Deck, dar&uuml;ber weg, an der andern Seite
+des Dampfers hinab &mdash; und &uuml;ber die andern Boote in
+ihres geturnt, das er gleichzeitig abstie&szlig;. "Was ist los?"
+Die B&uuml;cher legte er hinter sich ins Boot, nahm ihr die
+Ruder aus der Hand und setzte sich. "Was ist los?"</p>
+
+<p>Rot und atemlos, mit fliegenden Haaren, stand sie
+da und sah ihn an, w&auml;hrend er das Boot drehte. Dann
+stieg sie &uuml;ber das mittlere Sitzbrett, machte das zweite
+paar Ruder los und setzte sich ihm gegen&uuml;ber auf die
+hinterste Ruderbank. Er hatte keine Lust, ein drittes
+Mal zu fragen, und ruderte drauflos; und nun fing sie,
+die Ruder &uuml;ber Wasser haltend, an:</p>
+
+<p>"Was hast Du Ole Tuft getan?" Er wurde bla&szlig; und
+rot; auch er hielt jetzt die Ruder hoch.</p>
+
+<p>"Es ist aus mit ihm in der Schule. Er ist nach Hause
+und kommt nicht wieder."</p>
+
+<p>"Ach was, Du l&uuml;gst!" Aber seine eigene Stimme
+widersprach ihm. Er ahnte, &mdash; sie redete die Wahrheit.
+Er schlug aus Leibeskr&auml;ften die Ruder ins Wasser und
+ruderte, als wolle er hinter ihm drein.</p>
+
+<p>"Jawohl, es ist schon das beste, Du ruderst drauflos!"
+Sie selber fing an, nachzulassen. "Das beste, Du rennst
+ihm gleich nach, und wenn's bis nach Store-Tuft ist!
+Sonst geht Dir's schlecht! Beim Vater und auch in der
+Schule! So ein Jammerkerl, wie Du bist!" &mdash; "Halt's
+Maul, Du!" &mdash; "Wart' Du nur! Wenn Du ihm nicht
+augenblicklich nachsetzt und ihn wieder mit nach Hause
+bringst, sag' ich's dem Vater und dem Rektor, &mdash; verla&szlig;
+Dich drauf!"</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_35" id ="Page_35" title="35"></a>"Bist selber ein Jammerkerl, und eine Petze bist Du,
+da&szlig; Du's nur wei&szlig;t!" &mdash; "H&auml;ttest blo&szlig; h&ouml;ren sollen,
+wie Anders Hegge und die ganze Schule sich auff&uuml;hrten;
+alle haben sie Ole ausgelacht, alle, alle &mdash; und wie der
+arme Bengel geweint hat, als w&uuml;rde er ausgepeitscht &mdash; und
+dann schnurstracks heimrannte! Pfui, sch&auml;m' Dich!
+Wenn Du ihn nicht wieder mitbringst, so wirst Du mal
+was erleben!" &mdash; "Schafskopf! Siehst Du denn nicht,
+da&szlig; ich schon rudere, was ich nur kann!" &mdash; Seine
+N&auml;gel wurden wei&szlig;, sein Gesicht quoll auf, er beugte
+sich jedesmal fast bis auf den Boden, um m&ouml;glichst weit
+auszuholen. Ohne ein Wort weiter zu verlieren, setzte sie
+sich auf die Bank dicht vor seiner und legte sich gleichfalls
+t&uuml;chtig in die Stangen.</p>
+
+<p>Als er an der Br&uuml;cke aufstand, um anzulegen, sagte
+er: "Heut morgen hab' ich nicht mehr fr&uuml;hst&uuml;cken
+k&ouml;nnen, und jetzt krieg' ich auch kein Mittagessen.
+Hast Du Geld bei Dir, da&szlig; ich mir ein paar Brezeln
+kaufen kann?" &mdash; "Ja, ein paar Pfennige hab' ich",
+und sie zog die Ruder ein und holte das Geld heraus.
+"Nimm meine B&uuml;cher!" rief er und sprang davon. Bald
+darauf war auch er drau&szlig;en auf der Landstra&szlig;e.</p>
+
+
+<h3><a href="#Inhaltsverzeichnis">3</a></h3>
+
+<p>Der Tag war nicht ganz klar gewesen; eine Unruhe
+war in der Luft, die Wolken jagten in anderer
+Richtung als der leichte S&uuml;dwind. Es war mild und
+taute wieder. Die Wege waren j&auml;mmerlich, voll Schneeschlamm
+und Schmutz, besonders hier, in der N&auml;he der
+Stadt, war alles zu einem Brei zusammengetrampelt und
+-getreten.</p>
+
+<p>Der Junge war noch nicht zehn Minuten unterwegs,
+als seine etwas d&uuml;nnen Stiefel auch schon von Wasser
+vollgesogen waren. Na, das machte nichts! Schlimmer
+war es mit der letzten Brezel; denn satt war er nicht,
+nicht im entferntesten! Aber auch das machte nichts.
+Er w&uuml;rde Ole schon bald einholen; er war schneller zu<a class="page" name="Page_36" id ="Page_36" title="36"></a>
+Fu&szlig;, war beweglicher, und er legte ganz geh&ouml;rig los.
+Wenn er ihn nur erst eingeholt hatte &mdash; in Ordnung
+bringen w&uuml;rde er die Sache schon, daran zweifelte er
+keinen Augenblick. Ole war vertr&auml;glich, und er, Edvard,
+w&uuml;rde bei den Jungens f&uuml;r ihn eintreten; das zum mindesten
+war er ihm schuldig. Und ihm selber machte
+es &uuml;berdies Spa&szlig;; er w&uuml;rde schon noch ein paar von den
+andern auf seine Seite bringen, und dann sollte es eine
+Schlacht setzen!</p>
+
+<p>Doch als er eine ganze Viertelmeile gegangen war,
+ohne in diesem Matsch auch nur eine Spur von Oles
+Stiefeln, geschweige denn von ihm selber zu entdecken,
+als er sich gar eine halbe Meile vorw&auml;rts geschleppt
+hatte, durch die scheu&szlig;lichste Unwegsamkeit, mit patschnassen
+F&uuml;&szlig;en, abwechselnd schwei&szlig;triefend und eiskalt,
+dann wieder halbtrocken und wieder schwei&szlig;triefend &mdash;
+dazu drohte Regen und Sturm, und die Landschaft
+war schauerlich einsam mit ihren langen &ouml;den Bergr&uuml;cken
+und den dazwischenliegenden W&auml;ldern &mdash; da
+sank sein Mut bedeutend.</p>
+
+<p>Und dann &mdash; sonderbar! Nach der ersten Viertelmeile
+begegnete er keiner Menschenseele mehr. Spuren
+sah er genug auf dem Wege, von Pferden und Menschen
+und Hunden; alle liefen sie in derselben Richtung wie
+er, und die meisten waren frisch. Aber keine Menschenseele
+war zu erblicken, nicht einmal in den Geh&ouml;ften;
+keinen Hund h&ouml;rte er bellen, keinen Schornstein sah
+er rauchen; wie ausgestorben war alles. Eine leere Bucht
+nach der andern; vorspringende Bergr&uuml;cken, durch Ger&ouml;ll
+oder Erdrutsche gebildet, trennten sie; immer wieder
+eine Bucht, und an jeder Bucht ein Geh&ouml;ft oder mehrere,
+und ein Flu&szlig; oder ein Bach; aber nirgends ein
+Mensch. Ach, wie oft war der Junge schon einen kahlen
+Hang hinangeklettert und oben weitergewandert, bis
+er die n&auml;chste Senkung &uuml;berschauen konnte, ohne Ole
+auf der Landstra&szlig;e zu erblicken, ohne &uuml;berhaupt eine
+Menschenseele zu erblicken! Er merkte wohl, er w&uuml;rde,
+ausgehungert und m&uuml;de, bis hinaus nach Store-Tuft<a class="page" name="Page_37" id ="Page_37" title="37"></a>
+traben m&uuml;ssen. Das war fast eine Meile. Dann blieb
+er zu lange aus, der Vater w&uuml;rde es erfahren, es setzte
+dann doch Hausarrest und Verh&ouml;r und Schelte und
+Schl&auml;ge, vielleicht kam's auch gar noch vor den Rektor,
+und die ganze Geschichte ging noch einmal von vorn
+los ... Er war dem Weinen nahe. Dieser verdammte
+Anders Hegge mit seinen l&uuml;sternen Fischaugen und
+seinem fetten L&auml;cheln bei allem, was ihm behagte! Und
+die lauernde Freundlichkeit, das kitzliche Lachen, das
+Geklatsche &mdash; o pfui! So ein Scheusal! Und daf&uuml;r mu&szlig;te
+er hier mit schmerzenden F&uuml;&szlig;en, m&uuml;de und verzweifelt,
+durch den Schmutz stapfen! Das also hatte seine entsetzliche
+Angst gestern abend bedeutet! Das war's gewesen!</p>
+
+<p>Ach was, zum Teufel mit dem Geflenne und der
+Kopfh&auml;ngerei! Einmal mu&szlig;t du ja hinkommen, und
+Schl&auml;ge hast du schon mehr als einmal gekriegt! Trallalla!
+Und er fing an, ein lustiges spanisches Lied zu
+singen, sang Vers f&uuml;r Vers &mdash; kam au&szlig;er Atem &mdash; mu&szlig;te
+langsam gehen, und erschrak doch, als er seine eigene
+Stimme nicht mehr h&ouml;rte. Also ein neues Lied &mdash; und
+wieder einmal hinauf &mdash; den ganzen langen Steinhang.</p>
+
+<p>Auch da kein Mensch, blo&szlig; Wagenspuren und Fu&szlig;spuren
+von Erwachsenen und Kindern und Pferden und
+Hunden aus den Geh&ouml;ften drunten. Alle vorw&auml;rts
+laufend. Was war denn los? Eine Feuersbrunst? Auktion?
+Dazu h&auml;tten sie nicht das Fuhrwerk mitgenommen.
+Vielleicht irgendwo ein Bergsturz? Oder ein gro&szlig;es
+Schiffsungl&uuml;ck gestern? Ach, ihm konnte das eigentlich
+gleich sein! Gerade, als er &uuml;ber den n&auml;chsten Bergr&uuml;cken
+klettern wollte, der eine lange Nase in den Fjord
+hinausstreckte, sah er zum erstenmal Oles Spuren; da war
+er am Wegrand entlang gegangen; er kannte die eisenbeschlagenen
+Abs&auml;tze, ebenso die Holzflecken unter
+jedem Fu&szlig;. Die Spuren waren ganz frisch; jetzt konnte
+Ole nicht mehr weit sein! Das gab ihm neue Kraft. Er
+lief wacker drauflos.</p>
+
+<p>Ein hoher Tannenwald umfing ihn; alles war still.
+Als er beim Steigen mit Singen aufh&ouml;ren mu&szlig;te, wurde<a class="page" name="Page_38" id ="Page_38" title="38"></a>
+ihm ganz unheimlich zumute. Je h&ouml;her er kam, desto
+dichter wurde der Wald; der Schnee lag fester, Steine
+und Heidekrautb&uuml;schel guckten neugierig daraus hervor
+wie Tiere. Und dann raschelte es hier und knisterte es
+dort, und irgendwo schrie es; ein gro&szlig;er aufgescheuchter
+Vogel flog mit entsetzlichem Fl&uuml;gelschlag auf; der
+Junge suchte schwei&szlig;triefend nach Oles Fu&szlig;tapfen, um
+sie nicht zu verlieren; die Angst von gestern war pl&ouml;tzlich
+wieder &uuml;ber ihm. Wenn er's doch &uuml;ber sich brachte,
+recht draufloszurennen! Wenn der Wald doch ein Ende
+nehmen wollte! W&auml;hrend der unverantwortlich langen
+Stille nach dem Auffliegen des Vogels hatte er schlie&szlig;lich
+das Gef&uuml;hl: wenn jetzt blo&szlig; noch das winzigste
+Bi&szlig;chen dazu komme, so w&uuml;rde er verr&uuml;ckt! Und der
+Hohlweg, durch den er mu&szlig;te! Schon ganz von weitem
+starrte er hinein, zwischen die hohen, schwarzen W&auml;nde;
+als ob sie &uuml;ber ihm zusammenklappen wollten &mdash; sahen
+sie aus; von oben hingen ein paar unheimliche B&auml;ume
+dar&uuml;ber und sp&auml;hten lauernd hernieder. Als er endlich
+drin war, kam er sich wie die allerwinzigste kleine Ameise
+im Walde vor: wenn sie blo&szlig; stillst&auml;nden, bis er vor&uuml;ber
+war &mdash; wenn blo&szlig; keiner sich auf einmal von oben
+herunterbeugte und ihn beim Kragen packte, oder dicht
+vor ihm oder dicht hinter ihm sich fallen lie&szlig; &mdash; oder
+ihn anwehte ... Er ging mit starren Augen &mdash; wie ein
+Nachtwandler; die Kiefernwurzeln zogen sich krumm
+und verwittert &uuml;ber den lehmigen Pfad hin ... und alle
+lebten sie ... Aber nein ... Er tat, als merke er nichts ...</p>
+
+<p>Ganz fern, hoch oben in der Luft, flog ein Vogel
+nach der Stadt, aus der er kam ... Ach! Wer auf seinem
+R&uuml;cken s&auml;&szlig;e! So deutlich sah er die Stadt, die Schiffe
+im Hafen, h&ouml;rte die frohen Weisen, das helle Ankerrasseln
+... das Dr&ouml;hnen an den Br&uuml;cken ... den herzensfrohen
+L&auml;rm und Spektakel ... die Kommandorufe ...
+Nanu ... da h&ouml;rte er ja <em class="gesperrt">wirklich</em> Kommandorufe ...
+Und eine Schiffspfeife ... und noch eine ... eine ganz
+derbe ... Und Stimmen! ... Jawohl ... Stimmen ...
+und dazu Pferdegewieher! Und Hundegekl&auml;ff! Und<a class="page" name="Page_39" id ="Page_39" title="39"></a>
+wieder Stimmen und Stimmen! Er war aus dem Hohlweg
+heraus, &mdash; ganz kurz war der gewesen! &mdash; und
+zwischen den B&auml;umen hindurch schimmerte die See ...
+und Schiffe ... Was war denn das? War er denn wieder
+in der Stadt? War er im Ring herumgelaufen? Er war
+doch immer am Strand entlang gegangen! Er fing an
+zu rennen, in S&auml;tzen &mdash; &mdash; Freilich, jetzt kannte er sich
+wieder aus! Ja, wahrhaftig, er war immer nur geradaus
+gelaufen! Und da &ouml;ffnete sich der Wald ... und
+die Bucht ... die hatte er doch schon einmal gesehen?
+Und auch die Inseln erkannte er wieder ... Er war auf
+dem richtigen Weg ... nun war's nicht mehr weit bis
+Store-Tuft! ... Aber was taten denn diese Boote da?
+Was bedeutete dies gleichm&auml;&szlig;ige, ununterbrochene Gel&auml;rm?
+Ein Fischzug! Hurra! Ein Fischzug! Mitten
+in einen Fischzug war er hineingeraten! Hurra! Hurra!
+Vorbei aller Hunger, alle M&uuml;digkeit, alle Furcht! In
+langen Spr&uuml;ngen setzte der Junge den H&uuml;gel hinunter.</p>
+
+<p>Eins der Netze war eben an Land gezogen, eins stand
+ausgespannt im Wasser, eins wurde eben eingeholt. Von
+allen Seiten str&ouml;mte es herbei. Aber es war Samstagabend,
+es hie&szlig; warten, bis zum Sonntagabend, um die unz&auml;hligen
+gefangenen Fische auszunehmen. Auf den ersten
+Blick hatte er das begriffen.</p>
+
+<p>Der ganze Strand war voll Menschen, bis hinauf zur
+Stra&szlig;e, zu beiden Seiten, Leute &uuml;berall, immer mehr
+Leute. Wagen und Schlitten durcheinander standen da,
+mit und ohne F&auml;sser und Tonnen, Pferde vor- oder
+ausgespannt &mdash; Hunde zu Haufen; &uuml;berall junges Volk,
+und Lachen und L&auml;rm ... Und drau&szlig;en, in der Bucht,
+Boote um die Netze ... die Netze, die eingeholt werden
+mu&szlig;ten, und ein Geschrei und ein Spektakel, und hoch
+in den L&uuml;ften ein Vogelschwarm, naseweise, kreischend,
+fl&uuml;gelflatternd &mdash; bis weit hinaus.</p>
+
+<p>Der Himmel ward dunkler, der Dampferqualm machte
+die Luft noch d&uuml;sterer und drohender, die nackten Inseln
+pa&szlig;ten zu dem heraufziehenden Unwetter: sie sahen
+aus, als seien sie eben erst emporgestiegen; die bewaldete<a class="page" name="Page_40" id ="Page_40" title="40"></a>
+Klippe weit drau&szlig;en ragte geheimnisvoll, einsam im
+Regenschauer empor; die Dampfer rauchten und kreischten
+und fauchten und pfiffen um die Wette um sie her;
+die reinen Konkurrenten.</p>
+
+<p>Die M&auml;nner stampften in Fl&ouml;&szlig;erstiefeln umher, &Ouml;lm&auml;ntel
+&uuml;ber ihrem gew&ouml;hnlichen Anzug; andere trugen
+&mdash; mehr nach Bauernart &mdash; Frieswams und Pelzm&uuml;tze.
+Die Weiber, dicke T&uuml;cher &uuml;ber der gewohnten Kleidung
+oder in M&auml;nnerr&ouml;cke eingemummt, arbeiteten mit den
+M&auml;nnern um die Wette beim Ausnehmen der Fische;
+der gewohnte stille Verkehrston war wie ausgewechselt.</p>
+
+<p>Schon fielen vereinzelte schwere Regentropfen, die
+dichter und dichter wurden. Fast alle Gesichter, in die
+Edvard sah, waren durch und durch na&szlig;. Er wurde
+ordentlich begafft: ein schm&auml;chtiges Stadtj&uuml;ngelchen, &mdash;
+in solch einem Treiben &mdash; leicht gekleidet &mdash; mit triefendem
+Gesicht &mdash; au&szlig;er Atem, die d&uuml;nne Pelzm&uuml;tze platt
+an den Kopf angeklebt!</p>
+
+<p>Aber wen sah er da vor sich? War das nicht Ingebret
+Syvertsen, der lange, schwarze Kerl, der mit Vater Kallem
+Gesch&auml;fte machte? Dort stand er nun und feilschte
+&mdash; lang und hager &mdash; in &Ouml;ltuch gewickelt von Kopf
+bis zu F&uuml;&szlig;en. Der war t&uuml;chtig mit dabei gewesen!
+Wie Silberschimmer lag noch der Gischt &uuml;ber ihm!
+"Gr&uuml;&szlig; Gott, Ingebret!" rief der Knabe froh. Der lange
+Kerl mit dem nassen Gesicht unter dem S&uuml;dwester, einen
+gro&szlig;en herabh&auml;ngenden Tropfen an der Nase, mit seinem
+d&uuml;nnen schwarzen Bart und den drei Zahnl&uuml;cken im
+Oberkiefer, erkannte ihn auch sofort und lachte; dann
+rief er: "Dein Vater ist auch unterwegs, Jung'! Zu
+Pferde!" &mdash; Irgend jemand sprach in diesem Augenblick
+Ingebret an; er drehte sich um, wurde &auml;rgerlich
+und verwickelte sich in viele Worte; und als er sich
+wieder dem Jungen zuwandte, sah er ihn schon weit
+drau&szlig;en, hinter dem ganzen Fischertreiben, auf der
+Stra&szlig;e.</p>
+
+<p>Edvard war in hellem Schreck davongelaufen ... und
+erst jetzt, auf der Stra&szlig;e, fiel's ihm ein &mdash; er lief ja<a class="page" name="Page_41" id ="Page_41" title="41"></a>
+dem Vater geradenwegs in die Arme. Ob er &uuml;berhaupt
+Store-Tuft noch erreichen konnte, bevor er den Vater
+traf?</p>
+
+<p>Aber &mdash; was sollte er tun? Gesehen hatten sie ihn,
+alle diese Menschen; und sie hatten ihn derart angestarrt,
+&mdash; sie w&uuml;rden's schon herauskriegen, wer er
+war! Und wenn der Vater vor&uuml;berkam, w&uuml;rde er's auch
+erfahren! Wozu also noch lange durchbrennen! Haue
+jetzt gleich &mdash; oder Haue sp&auml;ter &mdash; das kam auf eins
+heraus. Fast wollte er wieder anfangen zu singen. Denn
+&auml;rger als es war, konnte es doch nicht werden. Und
+wirklich &mdash; er setzte auch ein, und zwar die Marseillaise
+auf Franz&ouml;sisch &mdash; die pa&szlig;te just f&uuml;r einen, den Schl&auml;ge
+erwarteten ...! Hurra! Aber er war noch nicht mit
+dem ersten Vers zu Ende, als ihm auch schon das Herz
+in die Hosen sank. Die Stimme versagte, und auch der
+Takt, und alles hatte auf einmal eine ganz andere Farbe.
+Ach, und wie sauer ihm das Gehen wurde! Es regnete
+jetzt t&uuml;chtig. Der Gesang wurde zu abgerissenen Strophen,
+bis er ganz aufh&ouml;rte. Die Gedanken des Knaben
+hatten sich verfangen in etwas, das er k&uuml;rzlich in der
+Zeitung gelesen hatte: die &Uuml;berschwemmung einer gro&szlig;en
+Kohlengrube in England. Die Menschen waren
+davongest&uuml;rzt, so schnell sie nur konnten, und die
+Pferde hinter den Menschen her; dort unten wu&szlig;ten
+sie sich nicht selber zu helfen. Die armen Tiere! Ein
+Junge hatte sich retten k&ouml;nnen, und der erz&auml;hlte, wie
+ein Pferd hinter ihm hergekeucht war; der Junge war
+hinaufgeklettert, das Pferd konnte nicht mit ... Edvard
+sah das Tier ganz deutlich vor sich, den Kopf, die
+sch&ouml;nen gl&auml;nzenden Augen, er h&ouml;rte das Schnauben und
+Wiehern, und jedesmal machte es ihn ganz krank. In
+solchem Entsetzen sterben &mdash; das war etwas! Und all
+das sollte am j&uuml;ngsten Tag wieder auferstehen! Was
+da wohl alles aus den Eingeweiden der Gruben und
+Eingeweiden der Erde hervorkommen w&uuml;rde! Weshalb
+sollten die Tiere nicht auch mit dabei sein? Sicher
+traten sie auch vor und wieherten und klagten die<a class="page" name="Page_42" id ="Page_42" title="42"></a>
+Menschen an! Du gro&szlig;er Gott, mu&szlig;ten das Anklagen
+werden! Und so viele &mdash; wenn man bedachte &mdash; von
+der Erschaffung der Welt an! Und wo waren sie alle
+zu finden? Auf der Erde und unter der Erde und &mdash;
+und die Wesen, die im Meer lagen, auf dem Grunde der
+See? Und die Gesch&ouml;pfe, die wieder unter ihnen lagen?
+Denn an vielen Stellen war ja Land gewesen, wo jetzt
+See war. Ach ja!</p>
+
+<p>Wie hungrig er war! Und nun fror ihn; er konnte nicht
+l&auml;nger schnell gehen, und er war durch und durch na&szlig;.</p>
+
+<p>Viel Ursache, sich nach dem Ziel seiner Wanderung
+zu sehnen, hatte er ja auch gerade nicht. Er kannte
+die neue Reitpeitsche nur zu gut; die alte hatte er
+selber aus der Welt spediert; aber h&auml;tte er gewu&szlig;t,
+da&szlig; die neue noch schlimmer ausfallen w&uuml;rde &mdash; er
+h&auml;tte die alte vermutlich noch ein paar Jahre l&auml;nger
+leben lassen. Au! Jetzt kribbelte es ihn auch noch
+unter den N&auml;geln, und seine Finger wurden steif. Und
+die F&uuml;&szlig;e! An die durfte er gar nicht erst denken; dann
+w&uuml;rden sie n&auml;mlich noch schlimmer; horch, wie es in
+den Stiefeln klatschte! Er machte sich den Spa&szlig;, die
+F&uuml;&szlig;e kreuzweise voreinander zu setzen; er wechselte
+von rechts nach links und von links nach rechts; aber
+es machte ihn nur m&uuml;de. Immer z&auml;her und z&auml;her ging's,
+immer m&uuml;hseliger wurde es; jetzt kam wieder eine Steigung.
+Himmel, war das nicht die letzte? Lag nicht
+Store-Tuft in der n&auml;chsten Senkung? Dicht am Fu&szlig;
+der Anh&ouml;he? Nat&uuml;rlich, das war die Tuft-Niederung!
+Vielleicht kam er doch noch vor dem Vater hin? Und
+wenn es auch nur ein Aufschub war &mdash; es war doch
+immerhin etwas! Donnerwetter! Es war schon der M&uuml;he
+wert, sich zu beeilen! In den Jungen kam neues Leben.
+Frisch drauflos!</p>
+
+<p>&Uuml;brigens &mdash; der Vater war nicht blo&szlig; streng! Er war
+auch gut. Besonders, wenn Josefine zu Edvard hielt
+und ein gutes Wort f&uuml;r ihn einlegte. Und das w&uuml;rde
+sie schon, wenn Ole wiederkam; dann hielt sie sicher
+zu ihm. Sie w&uuml;rden versuchen, auch den Apotheker zu<a class="page" name="Page_43" id ="Page_43" title="43"></a>
+gewinnen. Er war furchtbar nett, der Apotheker, und
+es war auf alle F&auml;lle gut, Hilfstruppen zu haben, so viel
+wie m&ouml;glich. Herrgott, gab es denn nicht noch mehr ...?</p>
+
+<p>Da tauchte der rote Pferdekopf &uuml;ber der H&uuml;gellinie
+auf! Die gro&szlig;en Strohschuhe, die der Vater im Winter
+als Steigb&uuml;gel ben&uuml;tzte, standen zu beiden Seiten des
+Fuchsen ab wie die Tatzen eines Raubtieres. Der Junge
+wurde zu Stein und stand still.</p>
+
+<p>"Rauen", der Fuchs, glotzte aus dem schweren, spanischen
+Sattelzeug heraus Edvard an; er traute seinen
+eigenen klugen Augen nicht. Dem Vater erging es
+augenscheinlich ebenso; denn sein runder Kopf in der
+grauen Wollm&uuml;tze streckte sich weiter und weiter &uuml;ber
+den Pferdehals vor, bis er sich mit beiden H&auml;nden auf
+den Sattelknopf st&uuml;tzen mu&szlig;te. Dieser pudelnasse
+Bursche mit dem Pelzklex auf dem Kopf &mdash; der dort,
+bla&szlig; und erschrocken, wie ein Gespenst mitten auf der
+Stra&szlig;e stand &mdash; war das der Junge, der um diese Zeit
+zu Hause sitzen und seine Aufgaben machen sollte, bevor
+er sich &uuml;berhaupt r&uuml;hren durfte? Am Samstag nachmittag?
+In solchem Wetter, bei solchem Schmutz, und
+so leicht gekleidet &mdash; hier drau&szlig;en auf dem Weg nach
+Store-Tuft? Und das ohne Erlaubnis? "H&ouml;lle und
+Teufel, was treibst Du hier?"</p>
+
+<p>Das Pferd blieb stehen; der warme Atem f&uuml;llte die
+Luft rings um den Jungen und h&uuml;llte ihn in Nebel und
+einen unangenehmen Schwei&szlig;geruch. Edvard vermochte
+sich nicht zu r&uuml;hren, wagte nicht zu antworten. Er
+starrte blo&szlig; durch den Nebel bl&ouml;d und dumm zum
+Vater auf; zuletzt wu&szlig;te er gar nichts mehr von sich.</p>
+
+<p>Unverz&uuml;glich stieg der Vater ab, und gleich darauf
+stand er, die Z&uuml;gel um den linken Arm, die Peitsche
+in der rechten Hand, vor ihm. "Was gibts, he? Woher
+kommst Du? H&ouml;lle und Teufel, wirst Du wohl antworten!"</p>
+
+<p>Edvard glitt mechanisch weiter und weiter zur&uuml;ck;
+der Vater ihm nach; und ebenso mechanisch hob der
+Junge den rechten Arm, um das Gesicht zu sch&uuml;tzen;<a class="page" name="Page_44" id ="Page_44" title="44"></a>
+den linken hielt er abwehrend vor sich ausgestreckt.
+"Wo willst Du hin?" &mdash; "Zu Ole Tuft." &mdash; "Was willst
+Du da? He? Ist Ole Tuft zu Hause?" &mdash; "Ja." &mdash; "Was
+willst Du bei ihm?" &mdash; "Ich will &mdash; ich will &mdash; &mdash;" &mdash;
+"He?" &mdash; "&mdash; ihn um Verzeihung bitten." &mdash; "Um
+Verzeihung? Nanu? Na? He?" &mdash; Und die Peitsche
+fuhr in die H&ouml;he. Der Junge beeilte sich: "Er will nicht
+mehr in die Schule kommen." &mdash; "So? Eklig gegen ihn
+gewesen? He? Und Du an der Spitze? He?" &mdash; "Ja." &mdash;
+"Also Deine Schuld, was? He?" Er kreischte. &mdash; "Ich
+hab' 'rausgekriegt &mdash;" Der Junge stockte. &mdash; "Was?" &mdash;
+"&mdash; &mdash; da&szlig; er ... da&szlig; er ..." Er fing an zu weinen.
+"&mdash; He?" &mdash; "... da&szlig; er Kranke pflegt." &mdash; "Und
+hast's weitergesagt, he? Gepetzt? He?" Edvard getraute
+sich nicht zu antworten, und nun begann die Peitsche
+eklig zu werden. Beide Arme des Jungen gingen im Takt
+mit der Peitsche auf und nieder, unsicher, wohin sie
+zielte. Er wich immer weiter zur&uuml;ck. "Stillgestanden!",
+schnarrte es. Statt dessen sprang der Junge mit einem
+Satz bis unmittelbar an den Rand des Stra&szlig;engrabens.
+Zornig hob der Vater die Peitsche; das Pferd hinter
+ihm erhielt, ohne da&szlig; er es wu&szlig;te, einen t&uuml;chtigen
+Hieb und zerrte so heftig, da&szlig; der Vater fast umgerissen
+wurde. Edvard vermochte beim besten Willen
+der &uuml;berw&auml;ltigenden Komik dieser erl&ouml;senden Unterbrechung
+nicht zu widerstehen; er fing schallend zu
+lachen an, erschrak aber gleich, als er es selber h&ouml;rte, so
+unsinnig, da&szlig; er &uuml;ber den Graben wegsprang und in
+den Wald hineinrannte. Sobald er dem Vater den
+R&uuml;cken gedreht hatte, konnte er sich nicht mehr halten,
+er mu&szlig;te wieder lachen, und wu&szlig;te das durch nichts
+Besseres zu verdecken als durch ein lautes Geheul.</p>
+
+<p>Die Verachtung des Vaters f&uuml;r den Jungen war
+grenzenlos. Er selber wurde dadurch ganz kaltbl&uuml;tig,
+brachte das Pferd zum Stehen und schwang sich in
+den Sattel. "Komm!" sagte er ruhig und wies mit
+der Peitsche nach Store-Tuft. Weitere Abrechnung
+folgt, wenn wir dort sind! dachte der Junge.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_45" id ="Page_45" title="45"></a>Er gehorchte selbstverst&auml;ndlich und kam eiligst &mdash;
+bis auf einen gemessenen Abstand vom Pferd. &mdash; Und
+diesen Abstand hielt er auch unver&auml;ndert ein. Das
+Pferd schritt schnell aus, so da&szlig; es nicht ganz leicht war.</p>
+
+<p>Und nun jagte der graue Mann auf dem roten Pferd
+den Sohn erbarmungslos vor sich her durch den Schneeschlamm,
+trotzdem die F&uuml;&szlig;e des Jungen wundgelaufen
+waren &mdash; man sah es an der Art, wie er sie setzte; trotzdem
+er erfrorene H&auml;nde hatte &mdash; er steckte sie ab und
+zu in den Mund; trotzdem er bis auf die Haut
+durchn&auml;&szlig;t sein mu&szlig;te &mdash; die Pelzm&uuml;tze klebte am Kopf
+wie ein Waschlappen! Der graue Mann selber sa&szlig;
+trocken, in warmen, wasserdichten Kleidern, da, in der
+Hand die Peitsche, mitten im Gesicht den gro&szlig;en
+Riecher, daneben zwei funkelnde Augen. Niemand, der
+den Aufzug gesehen, h&auml;tte ahnen k&ouml;nnen, da&szlig; dieser
+gestrenge Herr keinen h&ouml;heren Wunsch hegte, als den
+Jungen, den er da so w&uuml;tend vor sich hertrieb, lieben
+zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Aber um einen Menschen lieben zu k&ouml;nnen &mdash; dazu
+geh&ouml;rt, da&szlig; er so ist, wie wir wolle &mdash; nicht wahr?
+Und wenn nun das der Junge nicht wollte? Und wenn
+Kallem an Mi&szlig;geschick nicht gew&ouml;hnt war? Das erste
+ernstliche Mi&szlig;geschick, das ihn betroffen hatte, war der
+Tod seiner Frau gewesen, und ganz kurze Zeit darauf
+kam das mit dem Jungen. Bis dahin hatten sie alle im
+Ausland gelebt, Kallem in Frieden mit seiner Frau,
+seinem Gesch&auml;ft und seinem Sport und seinen stillen
+B&uuml;chern &mdash; er war n&auml;mlich ein eifriger Leser; nichts
+hatte ihn je gest&ouml;rt oder geplagt. Das Gesch&auml;ft besorgte
+der Bruder seiner Frau; es ging ausgezeichnet; das Haus
+besorgte seine Frau, ebenfalls ausgezeichnet. Alles ging
+ohne St&ouml;rung oder Sorge, genau so, wie es gehen sollte &mdash;
+bis zum Tode der Frau.</p>
+
+<p>Aber dann!</p>
+
+<p>Weder er noch andere konnten anf&auml;nglich die unerwartete
+Ver&auml;nderung begreifen, die mit ihm vorging.
+Manche meinten, der Verlust seiner Frau habe<a class="page" name="Page_46" id ="Page_46" title="46"></a>
+ihn verr&uuml;ckt gemacht; er selber meinte, das spanische
+Klima sei zu warm f&uuml;r ihn; er m&uuml;sse fort, er m&uuml;sse nach
+Hause. Der spanische Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer stimmte sofort
+bei; es war n&auml;mlich eine ganz ausgezeichnete Spekulation,
+das Hauptgesch&auml;ft nach Norwegen zu verlegen
+und in Spanien eine Filiale zu unterhalten. So brachen
+sie denn auf &mdash; vor nunmehr etwa einem Jahr.</p>
+
+<p>Aber der Junge, der schon in Spanien schuld war,
+da&szlig; der Vater das erstemal sich verga&szlig; &mdash; &uuml;brigens
+auch ein zweites, und ungl&uuml;cklicherweise ein drittes,
+viertes, f&uuml;nftes, sechstes Mal &mdash; immer war's der Junge!&mdash;
+brachte ihn leider auch in Norwegen aus dem Gleichgewicht.
+Im warmen wie im kalten Klima &mdash; der Junge
+war immer gleich eklig!</p>
+
+<p>Bald kamen auch aus der Schule Klagen &uuml;ber ihn;
+dann aus der Apotheke, wo sie bei Kallems altem Freund
+zur Miete wohnten; dann von den Leuten, von den
+Nachbarn, von den Landungsbr&uuml;cken. Vielleicht mu&szlig;ten
+auch andere Eltern Klagen anh&ouml;ren &uuml;ber ihre Jungens;
+vielleicht waren die Leute in dieser Gegend &uuml;berhaupt
+schnell mit Klagen bei der Hand; davon wu&szlig;te Kallem
+nichts; er war eine Einsiedlernatur. Soviel aber wu&szlig;te
+er: sein Sohn war der begabteste Junge in der Schule;
+das versicherte ihn ein Lehrer nach dem andern; er
+wu&szlig;te ferner, da&szlig; es dem Sohn auch im &uuml;brigen an
+nichts fehle, weder an Gem&uuml;t noch an Willen; nur &mdash;
+er war so gleichg&uuml;ltig und selbstzufrieden, mochte sich
+immer nur am&uuml;sieren, mochte in alles, was ihn nichts
+anging, seine Nase stecken, war gleichzeitig dreist und
+doch feig, ein sch&auml;ndlicher Spottvogel und grenzenlos
+unartig. Einen Engel im Himmel konnte es um die Geduld
+bringen; und nun gar Kallem, der &uuml;berhaupt keine
+Geduld hatte.</p>
+
+<p>Dieser schm&auml;chtige, geschmeidige Krabat, der da mit
+feigen Seitenblicken auf das Pferd und die Peitsche vor
+ihm herhinkte, hatte den Unfrieden in seines Vaters
+Leben gebracht. Nicht allein, da&szlig; er ihn im tiefsten
+Innern unsicher gemacht hatte, nein, er hatte ihn bis<a class="page" name="Page_47" id ="Page_47" title="47"></a>weilen
+seine Ohnmacht f&uuml;hlen lassen &mdash; bis zur Hilflosigkeit;
+in solchen Augenblicken h&auml;tte er den Jungen
+am liebsten in St&uuml;cke geschlagen.</p>
+
+<p>Dann wieder konnte er ihn vornehmen, konnte drohen,
+flehen. Noch in dieser letzten Sturmnacht hatte er ihn
+ins Gebet genommen, hatte mit den eindringlichsten
+Worten die schm&auml;hliche Angst des Knaben zu bannen
+versucht, hatte ihn ermahnt, ihm durch Erz&auml;hlungen
+aus der Naturgeschichte erkl&auml;rt, wie alle Prophezeiungen
+vom Untergang der Welt nur Erfindungen seien, L&uuml;gen...
+Der Junge antwortete: "Hm" und "Ja" &mdash; und glaubte
+kein Wort von allem, was der Vater sagte! Sobald das
+Unwetter losbrach, war er wie verr&uuml;ckt gewesen &mdash; und
+auf und davon in der jammervollsten Todesangst! Und
+heute trifft er ihn hier, auf offener Landstra&szlig;e, eine
+Meile vor der Stadt, in Regen und Wind und Schmutz &mdash;
+selbstverst&auml;ndlich ohne Erlaubnis! Erst verunglimpft er
+den bravsten Jungen der ganzen Schule, einen kleinen
+Kerl, &uuml;ber den Kallem sich manch liebes Mal gefreut
+und den er oft mit ein paar Groschen bei seiner kleinen
+Mission unterst&uuml;tzt hatte, wenn Josefine ihm davon erz&auml;hlte;
+&mdash; und obendrein...</p>
+
+<p>"Sieh mal an! H&ouml;lle und Teufel! Ob er nicht zu
+allem hin noch lacht!" dachte er, w&auml;hrend er dabei tat,
+als sehe er es nicht. Und wor&uuml;ber eigentlich? Na ja,
+&uuml;ber das Pferd da hinter ihm, mit "H&ouml;lle und Teufel"
+auf dem R&uuml;cken &mdash; und die Peitsche &mdash; und die gleichm&auml;&szlig;igen
+schweren Tritte im Schneeschmutz: schwapp-schwapp
+&mdash; &mdash; schwapp-schwapp &mdash; &mdash; schwapp-schwapp!
+Und das alles wuchs nach und nach ins Ma&szlig;lose, wuchs
+an, bis es zu einem ungeheuren, formlosen, verzerrten
+Etwas wurde ... Der Junge versuchte hastig, an etwas
+anderes zu denken, &mdash; er st&uuml;rzte sich kopf&uuml;ber in die
+englische Steinkohlengrube, die sich mit Wasser f&uuml;llte
+&mdash; er suchte das Pferd, das hinter dem Jungen herkeuchte.
+Aber er kam nicht bis zur Grube hinunter;
+nichts als die helle Landstra&szlig;e und "schwapp-schwapp
+&mdash; schwapp-schwapp" &mdash; und H&ouml;lle und Teufel, und die<a class="page" name="Page_48" id ="Page_48" title="48"></a>
+Peitsche, und er selber an der Spitze, auf anderthalb
+Beinen &mdash; hi-hi-hi!</p>
+
+<p>"He?" schrie es hinter ihm.</p>
+
+<p>Der Laut rieselte dem Jungen den R&uuml;cken hinunter
+wie ein spitzes St&uuml;ck Eis. Unfern sah man jetzt Store-Tuft.</p>
+
+<p>Dicht am Fu&szlig; der B&ouml;schung lag es, die sie eben
+hinab mu&szlig;ten. Es bestand aus ziemlich vielen Geb&auml;uden,
+deren Mehrzahl im Viereck den Hof umgab.
+Auf der andern Seite l&auml;rmte der Flu&szlig;, mit M&uuml;hle und
+S&auml;gwerk. Die Inseln drau&szlig;en und die Landspitzen zu
+beiden Seiten schlossen die Bucht so v&ouml;llig ab, da&szlig; das
+Meer ganz still lag, wie ein Teich mit vereisten R&auml;ndern.
+Am Strand lag eine Reihe von Bootsschuppen. Um
+s&auml;mtliche Geb&auml;ude Obstg&auml;rten, zum Teil recht ansehnliche.</p>
+
+<p>Aus dem Wohnhaus von Store-Tuft stieg Rauch auf &mdash;
+endlich! Dort kochte die Mutter das Mittagmahl f&uuml;r
+Ole. Und Hunger und Kummer und Entbehren wurden
+&uuml;berm&auml;chtig in dem Knaben, und vor lauter Sehnsucht
+nach einer warmen Stube und trockenen Kleidern und
+Heimweh nach seiner Mutter und der Heimat in Spanien
+h&auml;tte er fast wieder zu weinen angefangen. Aber dann
+dachte er daran, wie der Vater wieder sagen w&uuml;rde:
+"H&ouml;lle und Teufel! Jetzt flennt er!" Und da bezwang
+er sich.</p>
+
+<p>&Auml;ngstlich blickte er nach dem Hof.</p>
+
+<p>Das Wohnhaus lag mit der Langseite nach dem Garten
+zu &mdash; ein rot angestrichener, zweist&ouml;ckiger Holzbau mit
+wei&szlig;en Fensterrahmen. Dahin steuerten sie, der Knabe
+immer voran, der Vater hinterdrein.</p>
+
+<p>An der Giebelseite vorbei gelangten sie in den Hof;
+gegen&uuml;ber lagen die St&auml;lle f&uuml;r das Vieh &mdash; Schafstall,
+Kuhstall, Pferdestall &mdash; alles unter einem Dach. Die
+Geb&auml;ude waren ganz neu und lagen rechtwinklig zur
+Scheune; gegen&uuml;ber der Holzschuppen und die anderen
+Wirtschaftsgeb&auml;ude. Auf dem Hof standen Ziegen und
+knabberten Tannennadeln, umschw&auml;rmt von Spatzen in<a class="page" name="Page_49" id ="Page_49" title="49"></a>
+unglaublichen Mengen; die Versammlung fand unmittelbar
+vor der Kornscheuer statt.</p>
+
+<p>Jetzt erblickten die Ziegen die Ank&ouml;mmlinge. Sie
+hoben die K&ouml;pfe und streckten die H&auml;lse, alle auf einmal,
+Augen gespannt, Ohren gespitzt, starr, den letzten
+Bissen unbeweglich im Maul, neugierig bis aufs &auml;u&szlig;erste.
+Blo&szlig; der Bock kaute weiter, w&auml;hrend er den beiden
+schwerf&auml;llig und gleichm&uuml;tig entgegensah. Der Spatzenschwarm
+schwirrte ger&auml;uschvoll davon.</p>
+
+<p>Zwischen der Giebelseite des Hauptgeb&auml;udes und dem
+Stall hielt der Vater und stieg ab. Der Junge war schon
+drin und begaffte das Scheunendach, das besch&auml;digt war
+und eben ausgebessert wurde; Arbeiter waren jedoch
+nicht zu sehen. Wahrscheinlich waren sie kurz vorher
+mit auf den Fischzug gegangen; die Leiter stand noch
+auf ihrem Gestell gegen die Scheune gelehnt. "Halt!"
+rief der Vater. Und der Junge blieb stehen und wandte
+sich um. Der Vater war dabei, "Rauen" an einem
+Schleifstein festzubinden, der an der Giebelwand des
+Hauptgeb&auml;udes lehnte. Der Junge sah zu. "Merkw&uuml;rdig,
+wie ruhig er jetzt ist!" dachte der Vater. Er
+trat vor und deutete mit der Peitsche nach der gro&szlig;en
+Steinschwelle vor dem Hauseingang; dahin sollte der
+Junge vorangehen. Das tat er denn auch. Erst kam er
+an einem Gitterschlitten vorbei; zwei K&auml;tzchen spielten
+zwischen den Sprossen, eins innen, das andere au&szlig;en.
+Die Fenster, an denen sie vorbeikamen, gingen so tief
+herunter, da&szlig; sie durch die ganze Schlafstube, die auf
+der andern Seite ebenfalls Fenster hatte, und dann ebenso
+in die Wohnstube sehen konnten. Da sa&szlig; Ole, in einem
+wei&szlig;en Hemd, das ihm bis auf die F&uuml;&szlig;e reichte, am
+Herd mit hochgezogenen Beinen; neben ihm stand, &uuml;ber
+ein paar T&ouml;pfe gebeugt, die Mutter. Mehr zu sehen
+hatte Edvard nicht Zeit. Er stieg &uuml;ber die Schwelle und
+hinein in den Flur, aus dem ihm ein herber Fischgeruch,
+alter und frischer, und ein Geruch von etwas, was er
+nicht kannte, entgegenstr&ouml;mte. Wieder deutete der
+Vater voran &mdash; nach rechts; auch links war eine T&uuml;r,<a class="page" name="Page_50" id ="Page_50" title="50"></a>
+eine feingemalte mit einer Messingklinke; da sollte er
+nicht hinein. Na, dachte der Junge, soviel h&auml;tt' ich
+auch gewu&szlig;t, da&szlig; wir irgendwohinein wollen, wo Menschen
+sind, und nicht in die kalte Gaststube! Er legte
+seine steifen Finger auf die Klinke und dr&uuml;ckte.</p>
+
+<p>Der Herd war in der Ecke links, dicht an der T&uuml;r.
+Und gro&szlig;e Augen machten sie, die zwei, die da sa&szlig;en!
+Oles Krauskopf guckte nur eben aus Vaters blauwei&szlig;em
+Leinenhemd heraus. Die Mutter war ziemlich hochgewachsen
+und hatte feine Z&uuml;ge. Sie trug eine schwarze
+Haube. Das blonde, mit Wasser glattgek&auml;mmte Haar
+schmiegte sich um die Wangen, wodurch ihr Gesicht
+lang erschien. Sie richtete sich von ihren T&ouml;pfen auf
+und wandte sich den Eintretenden zu, die sie alle
+beide kannte. Ihr Gesicht war ernst, doch freundlich;
+ein bi&szlig;chen &auml;ngstlich schien sie, oder unsicher;
+die Augen wollten anfangs auf keinem der beiden so
+richtig ruhen. Oles Stiefel standen am Herd; seine
+Kleider samt Hemd und Str&uuml;mpfen hingen an einer
+Stange, die zwischen den Dachbalken befestigt war,
+zum Trocknen; auf dem andern Gest&auml;nge lag Holz und
+allerlei sonst. Ringsumher Hausger&auml;t und Geschirr, wie
+immer am Werktag.</p>
+
+<p>Die Stube war nicht gemalt, sondern vert&auml;felt; unter
+den Fenstern zu beiden Seiten liefen rotgestrichene
+B&auml;nke entlang; in der Ecke links, auf der andern Seite
+des Fensters, stand ein Tisch mit einem B&uuml;cherregal
+dar&uuml;ber; am Tischende, gleich neben der Kammert&uuml;r,
+hing die Schlaguhr; sie ging so gleichm&auml;&szlig;ig und unbek&uuml;mmert,
+als sei der Unfriede niemals &uuml;ber diese
+Schwelle gekommen. Drau&szlig;en sah Edvard die K&auml;tzchen
+im Schlitten; das eine mit der Pfote von innen durchs
+Gitter heraus-, das andere von au&szlig;en hineingreifend.
+Und unmittelbar vor sich Oles Gesicht. Ole l&auml;chelte;
+denn auch ihm war bang zumute. Aber die T&ouml;pfe!</p>
+
+<p>Die T&ouml;pfe, die waren doch das Allerbeste, dachte der
+verhungerte und durchfrorene Edvard. In dem einen
+kleinen waren Kartoffeln; die waren schon fertig.<a class="page" name="Page_51" id ="Page_51" title="51"></a>
+Aber zwei hingen noch &uuml;berm Feuer. Ob Fisch war
+in dem einen? Und im andern &mdash; &mdash;?</p>
+
+<p>Die Mutter war verlegen; sie wu&szlig;te nicht, was anfangen.
+Da standen sie, unbeweglich, der barsche Mann
+und der Junge. Gerade als sie die beiden zum Sitzen
+auffordern oder irgend sonst etwas sagen wollte, da ergriff
+der Vater das Wort. Sie werde ja wohl wissen, was
+geschehen sei &mdash; he? Der Bengel komme und wolle um
+Verzeihung bitten und sich seine Strafe holen. Das sei
+notwendig; denn er sei ein b&ouml;ser Junge, bei dem nichts
+n&uuml;tze, als Strafe; im Guten sei bei ihm nichts auszurichten.</p>
+
+<p>"Ach &mdash; aber &mdash; so schlimm ist es doch nicht!" sagte
+die Mutter mild. Ihr war ganz angst, und Ole wurde so
+bl&auml;ulich bleich wie sein Hemd. &mdash; "Doch! Er soll seine
+Haue haben! Aber erst bittest Du um Verzeihung!
+Und zwar auf der Stelle &mdash; das rat' ich Dir!" &mdash; Ole fing
+zu weinen an. Edvard nicht. Ole konnte nicht mehr
+sitzen bleiben. Er stand auf und sah die Mutter an.
+"Da &mdash; &mdash;" sagte er. Weiter brachte er nichts heraus.
+Aber man sah, was er meinte: sie sollte sich ins Mittel
+legen.</p>
+
+<p>"Bitt' um Verzeihung!" knirschte es. Die Peitsche
+zuckte. "Mutter!" schrie Ole. Edvard mu&szlig;te vor.
+Ole hatte sich abgewendet; er wollte nicht mehr sehen.
+So etwas war er nicht gew&ouml;hnt. Edvard wich zur&uuml;ck;
+der Vater hinterdrein, da&szlig; die Sporen klirrten. Edvard
+lief, in seiner Not, mit ausgestreckten H&auml;nden auf Oles
+Mutter zu; sie nahm sie nicht, und Ole fing an, aus
+vollem Hals zu schreien. So gro&szlig;es Mitgef&uuml;hl war zuviel
+f&uuml;r den armen Edvard; auch er heulte los, w&auml;hrend er
+rund um die Mutter herumlief. Ein solcher L&auml;rm war
+es, da&szlig; die Ziegen wieder, mit dem Futter im Maul,
+dastanden und glotzten und aufhorchten; die Spatzen,
+die zur&uuml;ckgekommen waren, schwirrten husch-husch
+aufs Dach.</p>
+
+<p>Und was geschieht? Die Spatzen wiesen dem Jungen
+den Weg. Mit einem blitzschnellen Satz war er am<a class="page" name="Page_52" id ="Page_52" title="52"></a>
+Vater vorbei, zur T&uuml;r hinaus, die weitoffen hinter ihm
+stehen blieb. Die Ziegen stoben nach allen Seiten auseinander.
+Und der Junge &mdash; die Leiter hinauf &mdash; und
+aufs Dach. Sobald er oben stand, fing er an, die Leiter
+nachzuziehen. &mdash; "So ein Bengel! So ein Bengel!"
+schrie der Vater, der am Fenster stand. "He?" &mdash; Und
+fort war er.</p>
+
+<p>Sobald der Sohn ihn kommen sah, lie&szlig; er die Leiter
+fahren, da&szlig; sie polternd herunterfiel. Der Junge selber
+lief wie eine Katze das Dach hinauf, bis zum First,
+guckte sich um und balancierte da, als h&auml;tt' er sein
+Lebtag nichts anderes getrieben. Jetzt f&uuml;hlte er augenscheinlich
+keine Schmerzen mehr in den F&uuml;&szlig;en!</p>
+
+<p>Des Vaters Angst &uuml;berstieg alle Grenzen. "So pass'
+doch auf, Du! Pass' auf, sag' ich! Pass' auf! Willst Du
+wohl machen, da&szlig; Du 'runterkommst! Und zwar auf
+der Stelle! Mach', da&szlig; Du 'runterkommst, Du L&uuml;mmel!"
+Und er rannte in seinen Reitstiefeln im Hof herum und
+drohte hinauf.</p>
+
+<p>"F&auml;llt mir gar nicht ein! Ich spring' auf den Hof
+hinunter! Jawohl!"</p>
+
+<p>"Bengel! Bist Du toll? H&ouml;lle und Teufel! Willst
+Du's wohl bleiben lassen!"</p>
+
+<p>"Ja, wenn Du mich nicht haust!" &mdash; "Ich verspreche
+gar nichts!" &mdash; "So? Du versprichst gar nichts?" Und
+der Junge kletterte noch ein bi&szlig;chen h&ouml;her hinauf.</p>
+
+<p>&mdash; "Doch! doch! Du Spitzbub! Du Lump!" &mdash; "Also
+Du versprichst es?" &mdash; "Ich versprech's ja &mdash; zum
+Teufel! Willst Du machen, da&szlig; Du 'runterkommst?" &mdash;
+"Auch nicht an den Haaren rei&szlig;en &mdash; und nicht hauen
+&mdash; und nichts?" &mdash; "Ja doch, ja! Mach', da&szlig; Du
+'runterkommst! Herrgott &mdash; Du rutschst ja aus! Edvard!"
+&mdash; Er kreischte. &mdash; "Also es gilt &mdash;? Du hast's
+versprochen?" &mdash; "Junge, wenn ich Dich hier h&auml;tte &mdash; Du
+solltest &mdash; &mdash;" er drohte mit der Peitsche hinauf.
+"Ja doch &mdash; ich hab's versprochen! Ich versprech'
+alles! Pass' auf!" &mdash; "Darf ich bis morgen hier bleiben?"
+sagte jetzt der Junge, "bei Ole? Darf ich?" &mdash; "Ich<a class="page" name="Page_53" id ="Page_53" title="53"></a>
+antworte &uuml;berhaupt nicht mehr, bis Du herunterkommst!"
+&mdash; "Also nicht? Na denn &mdash; &mdash;" &mdash; "Du
+Starrkopf! Du miserabler Bengel!" &mdash; "Also Du sagst
+ja?" &mdash; "Ja doch, zum Teufel! Aber pack' Dich wenigstens
+fort vom Dachrand, Du Satansl&uuml;mmel!" &mdash; "Du,
+Vater, eigentlich w&auml;r' mir's lieber, wenn Du zuerst
+weggingst!" &mdash; "O nein! Das schlag Dir nur aus dem
+Kopf! Mach' was Du willst. Erst will ich Dich wieder
+hier unten sehen!" &mdash; Schlie&szlig;lich war das dem Jungen
+auch recht. Der Vater legte die Leiter an, und der Junge
+kletterte langsam herunter; immerhin nicht eher, als
+bis der Vater ein St&uuml;ck weit auf den Hof hinaus gegangen
+war. Und er hielt sich in gemessenem Abstand,
+trotzdem der Vater gern mit ihm geredet h&auml;tte und
+beteuerte, er werde ihm nichts tun. Er ging auch nicht
+ins Haus, solang der Vater da war, trotzdem er so na&szlig;
+war, und zwang den Vater dadurch, zu gehen.</p>
+
+<p>F&uuml;nf, sechs Minuten darauf lagen beide Jungen
+strampelnd auf der Diele &mdash; Edvard in einem gleichgro&szlig;en
+Hemd wie Ole und im &uuml;brigen ebenso unbekleidet;
+beide waren dabei, ein paar dicke wollene
+Str&uuml;mpfe anzuziehen, von der Art, wie die Bauern sie
+tragen, und die weit hinauf bis an den Schenkel reichen.
+Sie fanden es am bequemsten, das Gesch&auml;ft auf dem
+sandbestreuten Fu&szlig;boden vorzunehmen. Sie pufften einander
+in die Seiten und den R&uuml;cken und lachten, als sei
+all das, was wir soeben miterlebt haben, schon vor wer
+wei&szlig; wie langer Zeit geschehen. Ole machte alles nach,
+was Edvard vormachte; und sie lachten so, da&szlig; zuletzt
+auch die Mutter mitlachen mu&szlig;te; dieser Edvard hatte
+auch die unglaublichsten Einf&auml;lle! Die Str&uuml;mpfe mu&szlig;ten
+sie anziehen, damit sie nicht froren, wenn sie beim Essen
+am Tisch sa&szlig;en; denn da gab's keinen Herd f&uuml;r die
+Beine. Und endlich waren sie denn auch so weit fertig,
+da&szlig; sie aufstehen konnten. Nun zeigte es sich, was das
+andere Gericht war; es war Rahmbrei. Das hatte Edvard
+noch nie gegessen. Ole sollte ein bi&szlig;chen vergn&uuml;gter
+werden, als er bei seiner Ankunft war; darum hatte<a class="page" name="Page_54" id ="Page_54" title="54"></a>
+die Mutter den Brei noch zugegeben. Edvard klatschte
+in die H&auml;nde und lachte das Essen an.</p>
+
+<p>Aber Ole sa&szlig; mit einemmal so ernst und still da!
+Nanu, was jetzt? Die H&auml;nde gefaltet, die Augen niedergeschlagen?
+Und die Mutter stand vor ihnen &mdash; auch
+sie ernst, die H&auml;nde gefaltet, die Augen niedergeschlagen.
+Ihr Gesicht neigte sich; es war, als glitte es weiter und
+weiter weg, oder als sch&ouml;ben sich Nebel davor und
+l&ouml;schten alles Licht darin aus. Und dann begann sie,
+wie aus weiter, weiter Ferne, mit einem langen, langen
+Tischgebet, in einem einf&ouml;rmigen, leisen Ton, als rede
+sie still mit jemand anderm, an einem andern Ort als hier.
+Edvard f&uuml;hlte sich wie ausgesto&szlig;en. Die Verlassenheit,
+die Angst kamen wieder &uuml;ber ihn, die alten Bilder, die
+alte Sehnsucht nach der Mutter. Dann war es weg,
+zusammengerollt wie Nebel, die am Gebirg herunter
+sinken.</p>
+
+<p>Edvard hatte noch nie an einem Tischgebet teilgenommen,
+und die Art und das Wesen der Mutter waren
+f&uuml;r ihn etwas ganz, ganz Neues; und er verstand sie nicht,
+wenn sie so murmelte. Noch lange nachher sa&szlig; er still
+da. Ole sprach ebenfalls nicht; die ganze Zeit, solange
+sie a&szlig;en, war er einsilbig; kaum da&szlig; er einmal l&auml;chelte.
+Das Essen war eine Gottesgabe; deshalb mu&szlig;te Ernst
+herrschen.</p>
+
+<p>Aber sie a&szlig;en denn auch mit Ernst! Die Mutter
+fragte schlie&szlig;lich, ob es nicht besser sei, ein bi&szlig;chen f&uuml;r
+den Abend aufzuheben. Nein, meinten sie, dies sei ja
+doch gleichzeitig auch Abendbrot. Sie durften zusammen
+in der Altenteilstube schlafen, die als Gastzimmer
+diente; es war dort schon alles zurecht gemacht;
+und jetzt wollten sie noch ein St&uuml;ndchen am Herd
+sitzen, dann aber zu Bett gehen.</p>
+
+<p>Die Mutter merkte, da&szlig; sie am liebsten allein sein
+mochten und lie&szlig; sie denn auch allein.</p>
+
+<p>Und dann sp&auml;ter in der Schlafstube! Erst der entsetzlichste
+Spektakel! Die Pelzdecken und Federbetten
+stoben nur so um sie herum; dann wurde es allm&auml;hlich<a class="page" name="Page_55" id ="Page_55" title="55"></a>
+ruhiger, und endlich kam es zu einem Gespr&auml;ch. Ole
+erz&auml;hlte, wie die Jungens sich benommen hatten, und
+Edvard versprach, er wolle den und jenen daf&uuml;r
+durchhauen, und wenn es Anders Hegge selber w&auml;re;
+wenn der nicht den Mund halte von "Gottes Wegen"
+und all dem, so w&uuml;rde er, Edvard, ihn ordentlich
+durchwichsen. Anders Hegge sei feig. Er wisse
+schon, wer ihm dabei helfen w&uuml;rde; das reine Kinderspiel!</p>
+
+<p>Als sie m&uuml;der wurden, kam die Sentimentalit&auml;t; Ole
+sprach von Josefine, und Edvard ging auf seinen Ton
+ein und versicherte, sie sei unvergleichlich gewesen
+heute; er beschrieb, wie sie ihm nachgerudert war.
+Und Ole fand das gro&szlig;. Ja, Josefine hatte etwas Gro&szlig;es;
+darin stimmten sie beide &uuml;berein.</p>
+
+<p>Edvard konnte nicht begreifen, weswegen Ole Mission&auml;r
+werden wollte. Was zum Kuckuck hatte es denn
+f&uuml;r einen Sinn, auf wilde Abenteuer auszuziehen, wo
+es doch hier in der Heimat genug zu tun gab? Ole sollte
+Pastor werden, und er Arzt, und beide w&uuml;rden sie im
+selben Kirchspiel leben. W&auml;re das nicht famos?</p>
+
+<p>Edvard malte das immer weiter aus; sie w&uuml;rden Hof
+an Hof wohnen und oft zusammenkommen, besonders
+abends zu einem Glase Punsch, wie jetzt der Vater und
+der Apotheker, und Schach spielen wie sie. Dann wollten
+sie sich einen flotten Wagen kaufen, und jeder ein Pferd
+dazu halten, und zusammen ausfahren; das war gem&uuml;tlicher
+als allein. Oder sie konnten am Strand wohnen
+und gemeinsam ein gro&szlig;es Boot haben &mdash; alles gemeinsam.</p>
+
+<p>Ole war es, als sei bei allem Josefine mit, wenn auch
+Edvard davon nichts sagte. Aber es war klar, da&szlig; sie
+mit dabei war. Und Ole fand das so zart von Edvard,
+und war ihm so ungeheuer dankbar; und das gab den
+Ausschlag. Josefine als Pfarrfrau, die auf dem Hof
+waltete und schaltete ...</p>
+
+<p>Also schlie&szlig;lich war er einverstanden; es wurde bestimmt,
+der eine sollte Pastor werden und der andere<a class="page" name="Page_56" id ="Page_56" title="56"></a>
+Doktor, und sie wollten zusammenwohnen. Das letzte,
+wovon sie sprachen, waren Fischz&uuml;ge.</p>
+
+<p>Sie h&ouml;rten noch gewisserma&szlig;en die schweren Schritte
+und die Reden der M&auml;nner, die vom Fischzug heimkehrten,
+aber sie waren so m&uuml;de.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="Jugend" id="Jugend"></a><a href="#Inhaltsverzeichnis">Jugend</a></h2>
+
+
+<h3><a href="#Inhaltsverzeichnis">1</a></h3>
+
+<p class="center"><em class="gesperrt">Erstes Paar vor!</em></p>
+
+<p>Auf dem Land drau&szlig;en, etwa f&uuml;nf Kilometer von
+der Stadt entfernt, hatte sich das junge Volk versammelt.
+Der H&uuml;gel, auf dessen nach der Bucht zu
+abfallendem Teil sie sa&szlig;en, war lustig bunt von Sommerkleidern,
+besonders von M&auml;dchenkleidern:</p>
+
+<div style="margin-left: 30%"><p class="noindent">
+"Gelbe, schwarze, braune, wei&szlig;e,<br />
+Gr&uuml;n und violett und blau &mdash;"<br />
+</p></div>
+
+<p>&mdash; manche einfarbig, viele gesprenkelt, gew&uuml;rfelt, gestreift;
+Filzh&uuml;te, Strohh&uuml;te, T&uuml;llh&uuml;te, M&uuml;tzen, unbedeckte
+K&ouml;pfe, Sonnenschirme. Eben stieg ein harmonischer
+Gesang aus diesem Farbenmischmasch empor,
+Kl&auml;nge eines vereinten M&auml;nner- und Frauenchors, in
+langen, farbenvollen Bogen. Kein eigentlicher Vors&auml;nger;
+ein junges, br&uuml;nettes M&auml;dchen in braunkariertem
+Kleide lag in der Mitte der Schar, auf den einen
+Ellbogen gest&uuml;tzt, und f&uuml;hrte mit einem Sopran an,
+der klarer und freier als die Stimmen der andern war;
+und ihr folgten sie. Sie waren gut aufeinander eingesungen.
+In der Bucht unter ihnen lag ein frischgestrichenes
+Deckboot mit neuen, zur H&auml;lfte gerefften
+Segeln; und das Wasser spiegelglatt.</p>
+
+<p>Gesang und Boot vereinten sich zu einem lichten
+B&uuml;ndnis unten in der schwarzen, von nackten, im Hintergrund
+immer h&ouml;her ansteigenden Klippen &uuml;berschatteten
+und eingeklemmten Bucht. Die Bucht selbst glich<a class="page" name="Page_57" id ="Page_57" title="57"></a>
+einem Bergsee, der sich dereinst beim Schneegang gebildet
+hat und vergessen worden ist. Die Berge &mdash; wie
+schwer und stumpf in Linien und Farben &mdash; holperig
+und bleiern; die letzten da hinten schwarzblau, mit
+Kappen schmutzigen Schnees, &mdash; Ungeheuer einer wie
+der andere.</p>
+
+<p>In dem schwarzen Wasser lag das Boot, bereit zum
+Tanz; das war in fr&ouml;hlicherem Verband daheim, als
+die Gesellschaft jener hohen Beisitzer des Natur- und
+Menschenlebens es ist, Gesang und Boot waren ein
+Protest gegen alles &uuml;berragend Herrschs&uuml;chtige, alles unversch&auml;mt
+Stumpfe und Rohe &mdash; ein freischwebender
+Protest voll stolzer Farbenfreude!</p>
+
+<p>Im &uuml;brigen merkten die Berge so wenig etwas von
+diesem Protest, wie das junge Volk begriff, da&szlig; er von
+ihm ausging. Das "Hochgeborene", das darin liegt, in
+einer Natur wie dem westlichen Norwegen zur Welt gekommen
+und aufgewachsen zu sein, besteht eben darin,
+da&szlig; die Natur den Menschen zwingt, ihr Trotz zu
+bieten, wenn er nicht unterjocht sein will; unter oder
+oben &mdash; entweder &mdash; oder! Und sie waren oben; denn
+das Volk des Westlandes ist das lebhafteste, am reichsten
+begabte Skandinaviens. In so hohem Grad sind sie die
+Herren der Natur, in der sie leben, da&szlig; auch nicht einer
+unter all diesen jungen Menschen jene Berge als schwer
+oder farbenkalt empfand; die ganze Natur hier erschien
+ihnen so stark und frisch wie nirgends sonst in der Welt.</p>
+
+<p>Denn nicht nur die lichten Halden und das weite
+Meer hatten die Menschen, die hier sa&szlig;en und sangen,
+geboren und aufgezogen; nein, ebensogut waren sie Kinder
+der Berge, der Vorberge und der tiefer landeinw&auml;rts
+gelegenen H&ouml;hen. Kurz vor dem Gesang noch war ein
+Wortgefecht gewesen zwischen ihnen, so unerbittlich
+hart, so bleigrau wie der grauste Berg. Und just um dies
+unheimlich Felsenharte in ihrem eigenen Innern zu
+&uuml;berwinden, hatten sie den harmonischen Gesang lange,
+strahlende Bogen zwischen die Gipfel &uuml;ber den Abgr&uuml;nden
+spannen lassen. Der Sommertag war an sich<a class="page" name="Page_58" id ="Page_58" title="58"></a>
+ziemlich grau; aber bisweilen, wie eben jetzt, brach die
+Sonne mitten in Sang und Segel und Landschaft hinein.</p>
+
+<p>Zwei waren da, an die war Sonne und Sang weggeworfen.
+Seht dort, den &mdash; wie er da unten rechts, ein
+bi&szlig;chen abseits, auf seinen Ellbogen gest&uuml;tzt, im Gras
+liegt! Ein langer Bursch im hellen Sommeranzug, ohne
+Hut. Ein runder, kurzgeschorener Kopf, eine breite,
+niedere Stirn, die aussieht, als sei sie hieb- und kugelfest;
+<em class="gesperrt">die</em> Stirn mu&szlig; gute St&ouml;&szlig;e ausgeteilt haben in seinen
+Knabenjahren! Unter der Stirn eine Nase wie ein
+Schnabel und ein paar scharfe Augen, die gerade jetzt
+beinah ein bi&szlig;chen schielen; aber entweder verdeckten
+es die Brillengl&auml;ser, oder es war an sich unbedeutend.
+Das ganze Gesicht hatte etwas Strenges, der Mund war
+straff, das Kinn scharf. Doch wenn man es n&auml;her betrachtete,
+so wechselte der Eindruck; das Scharfgeschnittene
+wurde eher Energie als Strenge, und der Wille,
+der seinen Sitz in dieser Gebirgsgegend aufgeschlagen
+hatte, konnte sicherlich auch gar freundlich und schalkhaft
+sein. Selbst jetzt, wie er so dasa&szlig;, voll Ingrimm,
+und sich den Teufel um Gesang und Sonnenschein
+scherte, &mdash; &mdash; viel lieber h&auml;tte er sich eine Keilerei gew&uuml;nscht!
+&mdash; selbst jetzt flog ein Schimmer von Humor
+&uuml;ber die finsteren Brauen. Er war offenbar der Sieger.</p>
+
+<p>Wer etwa zweifelte, der brauchte blo&szlig; einen Blick
+auf die andere Seite der Gruppe zu werfen, auf den,
+der dort links, ein bi&szlig;chen weiter oben, an einen Baum
+gelehnt sa&szlig;. Das Bild eines verwundeten Kriegers!
+Und noch in den Z&uuml;gen die zitternde Unruhe der
+Schlacht. Ein langes, blondes Gesicht, das nicht an der
+Westk&uuml;ste daheim war, sondern im Gebirg oder im
+Oberland. Entweder war er fremd hier oder von einer
+eingewanderten Familie. Er &auml;hnelte auffallend den herk&ouml;mmlichen
+Abbildungen von Melanchthon; nur da&szlig;
+vielleicht der Blick schmachtender, die Augenbrauen ein
+bi&szlig;chen zu hoch gesch&uuml;rzt waren. Die &Auml;hnlichkeit im
+ganzen &mdash; besonders in Stirn, Augenstellung und Mund
+&mdash; war so gro&szlig;, da&szlig; er unter seinen Studienkameraden<a class="page" name="Page_59" id ="Page_59" title="59"></a>
+auch tats&auml;chlich den Namen Melanchthon f&uuml;hrte. Das
+war Ole Tuft, jetzt noch Student der Theologie, bald
+ausstudiert; und der andere, der Sieger mit dem Adlerschnabel,
+der eben noch recht kr&auml;ftig zugehauen haben
+mochte, war sein Jugendkamerad, der Mediziner Edvard
+Kallem.</p>
+
+<p>Vor mehreren Jahren schon waren ihre Wege auseinandergegangen,
+ohne da&szlig; es darum zu einem Zusammensto&szlig;
+gekommen w&auml;re; heute aber war etwas geschehen,
+das zu einer Entscheidung f&uuml;hren sollte.</p>
+
+<p>Mitten zwischen ihnen, also in der Mitte des H&uuml;gels,
+im Kreis der Singenden, sa&szlig; eine hochgewachsene M&auml;dchengestalt
+in dotterfarbenem seidenen Kleid, um den
+Hals eine breite, gelbe Spitze, die in tiefen Falten bis
+an den G&uuml;rtel hinabreichte. Sie sang nicht mit, sondern
+reihte einen ganzen Berg Feldblumen und Gr&auml;ser
+zum Kranze. Man konnte sofort erkennen, da&szlig; sie die
+Schwester des Siegers sein mu&szlig;te, nur dunkler von Haut
+und Haarfarbe. Dieselbe Kopfform &mdash; wenn auch ihre
+Stirn verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig h&ouml;her war, &uuml;berhaupt das ganze
+Gesicht verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig gr&ouml;&szlig;er &mdash; zweifellos zu gro&szlig;.
+Die scharfe Familiennase war sanfter gebogen in ihrem
+regelm&auml;&szlig;igen Gesicht; <em class="gesperrt">seine</em> schmalen Lippen waren
+hier voll, sein Kinn gerundet, seine unebenen Brauen
+ebenm&auml;&szlig;ig, die Augen gr&ouml;&szlig;er &mdash;. Und doch war es
+dasselbe Gesicht. Der Ausdruck bei beiden verschieden;
+bei ihr &mdash; wenn nicht kalt, so doch verschlossen und
+ruhig; niemand h&auml;tte so leicht diese tiefen Augen ergr&uuml;ndet.
+Und doch war auch der Ausdruck bei beiden
+merkw&uuml;rdig verwandt. Der Kopf sa&szlig; auf einem starken,
+von kr&auml;ftig ausgebildeten Schultern getragenen Hals;
+auch die B&uuml;ste war recht &uuml;ppig. Das dunkle Haar war
+zu einem eigenartigen Knoten verschlungen. Den Hals
+trug sie frei; aber das gelbe Kleid mit der gelben Spitze
+schmiegte sich eng an den sammetbraunen K&ouml;rper, wie
+&uuml;berhaupt der ganze Anzug den Eindruck von etwas fest
+Zugekn&ouml;pftem machte; und ebenso ihr Wesen. Sie
+flocht, wie gesagt, einen Kranz und wandte den Blick<a class="page" name="Page_60" id ="Page_60" title="60"></a>
+weder nach dem einen noch nach dem andern der zwei,
+die da miteinander gefochten hatten.</p>
+
+<p>Hervorgerufen war der Kampf durch einen gro&szlig;en,
+schwarzen Hund; der lag jetzt da und tat, als ob er
+schliefe. Sein nasser, schwerer Pelz gl&auml;nzte in der Sonne.
+Ein paar junge Leute hatten St&ouml;cke ins Meer geworfen
+und den Hund hinterher gehetzt; und dabei hatten sie
+jedesmal gerufen: "Samson! Samson!" &mdash; das war der
+Name des Hundes. Da sagte Edvard Kallem zu einigen
+Umstehenden: "Samson &mdash; das bedeutet Sonnengott".
+&mdash; "Was?" fragte ein junges M&auml;dchen, "Samson bedeutet
+Sonnengott?" &mdash; "Gewi&szlig;. Wenn auch die Theologen
+sich schwer h&uuml;ten, das zu sagen." Er sagte es
+ganz jugendlich leichthin, gar nicht um jemand zu
+&auml;rgern oder um daran weiterzuspinnen. Aber Ole Tuft
+h&ouml;rte es zuf&auml;llig und fragte etwas &uuml;berlegen: "Weshalb
+sollten denn die Geistlichen den Kindern nicht sagen,
+da&szlig; Samson Sonnengott bedeutet?" &mdash; "Weil dann die
+ganze Samsonerz&auml;hlung nicht mehr als Vorbild f&uuml;r den
+Christusmythus zu brauchen w&auml;re." Das Wort sa&szlig;; und
+das sollte es auch. L&auml;chelnd, &uuml;berlegen sagte Ole: "Samson
+l&auml;&szlig;t sich wohl trotzdem als Vorbild gebrauchen &mdash;
+ob er nun Sonnengott hei&szlig;t oder nicht!" &mdash; "Ja &mdash; ob
+er Sonnengott <em class="gesperrt">hei&szlig;t</em> oder nicht; wenn er aber der
+Sonnengott <em class="gesperrt">war</em>?" &mdash; "So? Also er war der Sonnengott?"
+rief Ole lachend. &mdash; "Das sagt doch der Name."
+&mdash; "Der Name? Sind wir etwa B&auml;ren oder W&ouml;lfe, weil
+wir nach B&auml;ren und W&ouml;lfen hei&szlig;en? Oder G&ouml;tter, weil
+wir nach G&ouml;ttern hei&szlig;en." Verschiedene aus der Gesellschaft
+h&ouml;rten das mit an; jetzt kamen auch andere
+hinzu, unter ihnen Josefine. Und beide wandten sich
+sofort an sie.</p>
+
+<p>"Der Fehler ist," sagte Edvard, "da&szlig; in die Geschichten,
+die von Samson handeln, &uuml;berhaupt erst Sinn
+kommt, wenn man wei&szlig;, da&szlig; er der Sonnengott war." &mdash;
+"Ach! Heutzutag m&uuml;ssen ja s&auml;mtliche Ahnen und Urgeschichten
+aller V&ouml;lker irgendwie auf die Sonnensage Bezug
+haben!" Und Ole gab ein paar am&uuml;sante Parodien<a class="page" name="Page_61" id ="Page_61" title="61"></a>
+auf diese wissenschaftliche Mode zum besten. Allgemeine
+Heiterkeit; auch Josefine lachte. Sofort geriet
+Edvard in Eifer und begann auseinanderzusetzen: als
+sich bei uns eine neue Religion bildete, da wurden unsere
+eigenen G&ouml;tter, die urspr&uuml;nglich indische Sonneng&ouml;tter
+waren, zu Stammv&auml;tern; ihre Alt&auml;re, an denen das Volk
+geopfert hatte, wurden in Grabst&auml;tten umgewandelt.
+Auf diese Weise wurden auch die alten Sonneng&ouml;tter der
+Juden umgewandelt in Stammv&auml;ter, als der Jahvekultus
+sie als G&ouml;tter verdr&auml;ngte. &mdash; "So? Und woher will man
+denn das wissen?" &mdash; "Wissen? Mach' doch die Probe
+mit Samson! Wie sinnlos, zu glauben, da&szlig; die St&auml;rke
+eines Menschen in seinen Haaren liegen kann! Sobald
+wir aber davon ausgehen, da&szlig; es die Sonnenstrahlen
+sind &mdash; zur Sommerzeit lang, im Scho&szlig; des Winters kurz
+geschnitten &mdash; kommt Sinn in die Sache. Und wenn die
+Strahlen gegen das Fr&uuml;hjahr hin wieder wuchsen &mdash;
+nicht wahr? &mdash; da konnte der Sonnengott wiederum die
+S&auml;ulen der Welt umfassen!... Nie haben Bienen Honig
+gesammelt in einem Aas; wenn wir aber h&ouml;ren, da&szlig; es &mdash;
+so oft die Sonne durch ein Himmelszeichen ging, z. B.
+durch den L&ouml;wen, &mdash; hie&szlig;: die Sonne schlug den L&ouml;wen
+&mdash; ja, dann verstehen wir, da&szlig; die Bienen Honig im
+Aas des erschlagenen L&ouml;wen sammelten, d. h. in der
+w&auml;rmsten Zeit des Sommers."</p>
+
+<p>Jetzt waren alle ganz Ohr, und Josefine war im h&ouml;chsten
+Grade verwundert. Sie sah nicht zu ihrem Bruder
+auf, denn sie merkte, da&szlig; er sie ansah; aber es war nicht
+mi&szlig;zuverstehen: was Edvard anf&auml;nglich ohne jeden
+andern Gedanken als den, ein bi&szlig;chen zu protzen, begonnen
+hatte, das erhielt eine bestimmte Bedeutung dadurch,
+da&szlig; Josefine zwischen ihnen stand. "Bei den
+&Auml;gyptern", erz&auml;hlte er, "begann der Fr&uuml;hling, wenn die
+Sonne das Lamm schlachtete, d. h. durch das Zeichen
+des Lammes ging, und aus Freude &uuml;ber die Erneuerung
+schlachteten alle &auml;gyptischen Familien an diesem Tag
+ein Lamm. Von ihnen haben es die Juden. Wenn die
+Juden dies sp&auml;ter zu etwas umgewandelt haben, das sie<a class="page" name="Page_62" id ="Page_62" title="62"></a>
+von den &Auml;gyptern unterscheiden sollte, so ist das eine
+F&auml;lschung. Gerade wie mit der Beschneidung; auch die
+haben sie aus &Auml;gypten. Aber so was verschweigen die
+Herren Pfaffen."</p>
+
+<p>Von all dem wu&szlig;te Ole Tuft wenig oder nichts. Sein
+eifriges Studium hatte sich streng auf die Theologie
+beschr&auml;nkt; er hatte auch gar keine Zeit zu anderen
+Dingen und sein Glaube war altes Bauernerbe und in
+sich selbst viel zu gefestigt, um sich mit wissenschaftlichen
+Zweifeln abzugeben. H&auml;tte er das nun geradeheraus
+gesagt, so w&auml;re kaum weiter etwas daraus entstanden.
+Aber auch er f&uuml;hlte, da&szlig; Josefine zwischen
+ihnen stand und sich bestechen lie&szlig;. So begann er voll
+Hohn alles als blo&szlig;e Erdichtung zu bezeichnen, die heute
+gl&auml;nzt und morgen zergeht.</p>
+
+<p>Das ertrug die Eitelkeit des andern nicht! "Den
+Theologen fehlt es ganz einfach an der primitivsten
+Ehrlichkeit", schrie er. "Sie verschweigen, da&szlig; die wichtigsten
+Teile ihres Glaubens nicht den Juden offenbart,
+sondern einfach irgendwo anders hergenommen sind. So
+der Unsterblichkeitsglaube. Der stammt aus &Auml;gypten.
+Ebenso die Gebote. Kein Mensch klettert einen hohen
+Berg hinauf, um sich unter Donner und Blitz offenbaren
+zu lassen, was die Leute schon tausend Jahre lang gewu&szlig;t
+haben. Woher stammt der Teufel? Woher die Strafen
+der H&ouml;lle? Woher der j&uuml;ngste Tag und das Gericht?
+Woher die Engel? Die Juden haben von all dem nichts
+gewu&szlig;t. Die Pfaffen sind &mdash; na, einfach Leute, die nicht
+ehrlich nachforschen und dem Volk derartiges weismachen!"
+Josefine senkte den Kopf; die Jugend, besonders
+die m&auml;nnliche, war offenbar auf Kallems Seite.
+Freidenkertum war Mode; und sich ein bi&szlig;chen &uuml;ber
+den angestammten Glauben lustig machen, war ganz
+vergn&uuml;glich.</p>
+
+<p>Ein junger Mann ergo&szlig; seinen Spott &uuml;ber die Sch&ouml;pfungsgeschichte;
+Kallem besa&szlig; geologische und pal&auml;ontologische
+Kenntnisse und wu&szlig;te sie gut anzubringen.
+Dabei konnte Ole Tuft noch weniger mit; er erw&auml;hnte<a class="page" name="Page_63" id ="Page_63" title="63"></a>
+blo&szlig; ein paar Versuche, die hier und dort gemacht worden
+waren, die Bibellehre mit gewissen neueren Entdeckungen
+in Einklang zu bringen. Aber er kam schlecht weg
+dabei. Und nun ging's, Trumpf &uuml;ber Trumpf, von einem
+Dogma zum andern; am l&auml;ngsten stritten sie sich &uuml;ber
+die Lehre von der Vers&ouml;hnung; die stamme aus einer
+Zeit, so uralt, so roh, da&szlig; noch nicht einmal die pers&ouml;nliche
+Verantwortlichkeit des Individuums existierte, blo&szlig;
+die des Stammes und der Familie. Tuft war verzweifelt;
+jetzt galt es! Mit lauter Stimme, bewegt und kraftvoll,
+fing er an, seinen Glauben zu bekennen. Als ob <em class="gesperrt">das</em>
+was helfen konnte! Behauptungen &mdash; Behauptungen!
+Bring uns die Beweise! Zu sp&auml;t erkannte Ole Tuft,
+da&szlig; er zu viel verteidigt und darum alles verloren hatte.
+Er empfand ein tiefes Weh; er k&auml;mpfte ohne Hoffnung,
+aber er k&auml;mpfte dennoch und rief es laut in alle Welt
+hinaus: wenn auch nur eine dieser Wahrheiten zweifelhaft
+erscheine, so trage allein er die Schuld; er sei zu
+schwach, sie zu verteidigen. Aber Gottes Wort bleibe
+unangetastet bestehen, bis ans Ende der Welt! &mdash; Ja,
+aber was denn eigentlich Gottes Wort sei? &mdash; Gottes
+Wort &mdash; das sei die Bibel, in ihrer Ganzheit und ihrem
+Geist, die Sch&ouml;pfung (oho!), der S&uuml;ndenfall (h&ouml;rt!
+h&ouml;rt!), der Erl&ouml;sungstod (h&ouml;rt! h&ouml;rt! h&ouml;rt!) &mdash; &mdash; &mdash;
+Er schrie, die andern schrien, Tr&auml;nen traten ihm in
+die Augen; seine Stimme zitterte; er war bleich und
+sch&ouml;n.</p>
+
+<p>Ganz so unbarmherzig wie Kinder sind junge Leute
+nicht; aber doch auf dieselbe Art. Einigen tat Ole leid;
+andere wollten ihn jetzt erst recht "reinlegen" &mdash; und
+vor allen Edvard Kallem.</p>
+
+<p>Josefine aber machte sich heimlich zu der Br&uuml;nette mit
+der Sopranstimme. Und augenblicklich stimmte diese eins
+ihrer Lieder an, und die andern fielen nach und nach
+ein &mdash; die Herren ein bi&szlig;chen sp&auml;ter als die Damen.
+Die Gesellschaft bestand zuf&auml;llig &mdash; bis auf wenige
+Ausnahmen &mdash; aus einem Damen- und Herrenchor, die
+in den drei letzten Wintern mit einem Flei&szlig; und einer<a class="page" name="Page_64" id ="Page_64" title="64"></a>
+Eintracht ge&uuml;bt hatten, wie das nur in einer kleinen
+Stadt m&ouml;glich ist.</p>
+
+<p>Josefine setzte sich mitten auf den H&uuml;gel; die anderen
+um sie herum. Sie sang nicht mit; sie war mit ihren
+Blumen besch&auml;ftigt.</p>
+
+<p>Die ganze Gesellschaft war mit dem Schiff hergekommen,
+das dort unten so heiter in der Sonne lag.
+Josefine, Edvard und Ole hatten dicht beieinander gesessen;
+denn viel Platz war nicht. Keiner h&auml;tte nach
+ihrer heiteren, meist im Fl&uuml;sterton gef&uuml;hrten Unterhaltung
+ahnen k&ouml;nnen, da&szlig; nicht alles zwischen ihnen
+die lautere Freundschaft und G&uuml;te war. Und jetzt,
+kaum drei Stunden sp&auml;ter, sa&szlig; Ole Tuft da als Ausgesto&szlig;ener.
+Wie weh das tat! Ein pl&ouml;tzlicher Angriff auf
+seinen Beruf, seinen Glauben &mdash; vor aller Augen! Und
+gerade von Edvard! Und so grausam! So erbarmungslos
+h&ouml;hnisch! Und Josefine! Kein Wort der Teilnahme
+von ihr &mdash; keinen Blick!</p>
+
+<p>Von Kindheit an hatten sie zusammengehalten, Ole
+und sie, hatten einander geschrieben, als er in Kristiania
+war &mdash; er alle vierzehn Tage; sie, sooft sie etwas zu schreiben
+hatte. Wenn er in den Ferien zu Hause war, kamen
+sie t&auml;glich zusammen. In den zwei Jahren, als sie in der
+franz&ouml;sischen Pension und in Spanien war, wurde der
+Briefwechsel eifriger gef&uuml;hrt, auch ihrerseits, &mdash; und als
+sie wieder nach Hause kam &mdash; so sehr sie sich auch sonst
+ver&auml;ndert hatte &mdash; im Verh&auml;ltnis zu ihm war sie dieselbe
+geblieben! Ihr Vater unterst&uuml;tzte ihn bei seinen Studien,
+so da&szlig; er sich mit voller Hingabe ihnen widmen
+konnte; zu Weihnachten sollte er sein letztes Examen
+machen; und jedermann prophezeite ihm, es w&uuml;rde ganz
+gl&auml;nzend ausfallen. Da&szlig; man ihn so unterst&uuml;tzt hatte,
+das verdankte er ohne Zweifel ihr, vielleicht auch ihrem
+Bruder. Beide hatten ihn seinerzeit bei ihrem Vater,
+beim Rektor, beim Apotheker und auch sonst eingef&uuml;hrt;
+auch jetzt verschaffte sie ihm Zutritt &uuml;berall. F&uuml;r gew&ouml;hnlich
+war sie wortkarg und manchmal recht schwierig;
+aber in ihrem Freundschaftsverh&auml;ltnis von unverbr&uuml;ch<a class="page" name="Page_65" id ="Page_65" title="65"></a>licher
+Treue. Sie konnte ihn auszanken (er war gar nicht
+immer so, wie's ihr pa&szlig;te); aber das geh&ouml;rte zu ihrem
+Verkehr; er nahm das weiter nicht schwer, und sie erst
+recht nicht. Sie war ja vom ersten Tag an sein Vormund
+gewesen. Noch hatte er nicht gewagt, ihr zu
+sagen, da&szlig; er sie liebe; es hatte ja auch keine Eile; und
+im Grunde war es viel zu heilig. Er war ja ihrer so sicher
+wie seines Glaubens. Er war ein Bauer; sein Wesen war
+Einheit, sein Grundton Gefestigtheit. F&uuml;r seinen Glauben
+sorgte Gott. F&uuml;r sein Wohlergehen und seine Zukunft
+sorgte selbstverst&auml;ndlich auch Gott &mdash; aber durch
+Josefine. Sie war in seinen Augen das sch&ouml;nste, gesundeste,
+t&uuml;chtigste M&auml;dchen im ganzen Land &mdash; und sehr
+reich. Das z&auml;hlte auch mit; er war von kleinauf ein ehrgeiziger
+Tr&auml;umer gewesen. Nur da&szlig; die Tr&auml;ume jetzt
+nach einer andern Richtung gingen.</p>
+
+<p>Seine Studienkameraden wu&szlig;ten das recht wohl; sie
+nannten ihn, au&szlig;er "Melanchthon", den "Bischofpr&auml;tendenten
+der Fjorde" oder auch den "Fjordbischof".
+Ihm selber war es geradezu ein Bed&uuml;rfnis geworden, als
+solcher betrachtet zu werden; und weil etwas Kindliches
+darin lag, stand ihm diese l&auml;chelnde &Uuml;berzeugtheit ganz
+gut. Au&szlig;erdem &mdash; er sah so gut aus &mdash; hatte ein so
+h&uuml;bsches, offenes, rosiges Gesicht &mdash;; da wirkt der Ehrgeiz
+nicht leicht absto&szlig;end.</p>
+
+<p>Und jetzt f&uuml;hlte er &mdash; er war abgest&uuml;rzt von seiner
+ruhigen, l&auml;chelnden H&ouml;he! Jeder, der sich immer sicher
+gef&uuml;hlt hat und zum erstenmal eine gr&uuml;ndliche Niederlage
+erleidet, wird dadurch aus allen Fugen geraten!
+Das Schlimmste war &mdash; Josefine verleugnete ihn. Wieder
+und wieder blickte er zu ihr hin; aber sie ordnete ihre
+Blumen und Gr&auml;ser, als sei er &uuml;berhaupt nicht vorhanden.</p>
+
+<p>Zuletzt war es wirklich, als r&uuml;ckten alle von ihm ab,
+oder als sei er tats&auml;chlich nicht mehr da. Er sa&szlig;, ohne
+zu sitzen, h&ouml;rte, ohne zu h&ouml;ren, sah, ohne zu sehen.
+Droben vor dem Haus deckte man den Tisch zum Abendbrot.
+Sobald es fertig war, ging man hinauf, a&szlig;, trank,<a class="page" name="Page_66" id ="Page_66" title="66"></a>
+schwatzte, lachte; blo&szlig; er war nicht mit dabei; er stand
+und starrte hinaus &mdash; nach dem jenseitigen Ufer der
+Bucht &mdash; oder in weite, weite Fernen ... Ein junger
+Kaufmann redete zu ihm &uuml;ber Dampferlinien &mdash; da&szlig;
+sie so gar nicht g&uuml;nstig l&auml;gen. &mdash; &mdash; Ein M&auml;dchen mit
+schr&auml;gstehenden Z&auml;hnen, roten Z&ouml;pfen und Sommersprossen &mdash; er
+hatte ihr einmal Unterricht gegeben &mdash; versicherte
+ihm, die Seeleute seien gar nicht so gebildet,
+wie man das von so weitgereisten Menschen erwarten
+sollte. Die Wirtin kam und fragte, warum er denn nichts
+esse, und der Wirt stie&szlig; mit ihm an; sie erwiesen ihm
+dadurch etwas vom alten Respekt; aber sie warfen beide
+einen hastigen Blick auf seine Augen, vor dem er erbebte:
+er f&uuml;hlte den Zweifel. In seinem nagenden, immer mehr
+zunehmenden Schmerz sah er &uuml;berall Zweifel und Hohn,
+selbst in der Fr&ouml;hlichkeit der andern. Edvard war lustig
+bis zur Ausgelassenheit, und alles dr&auml;ngte sich um ihn.
+Ihm zu Ehren &mdash; er war vor etwa vierzehn Tagen heimgekehrt
+&mdash; war ja auch der ganze Ausflug unternommen.
+Ole sah wie im Traum, da&szlig; Josefines Blumen jetzt auf
+dem Tisch standen, und h&ouml;rte, wie die Zusammenstellung
+der Farben ger&uuml;hmt wurde. Sie selber hatte mit
+zwei Freundinnen an einem kleinen steinernen Tischchen
+Platz genommen, an dem niemand weiter sitzen
+konnte. Vielleicht, damit er sich nicht anschlie&szlig;en
+sollte? Ganz dr&uuml;ben, auf der andern Seite war es. Er
+sah sie plaudern und lachen; s&auml;mtliche junge Herren
+bedienten sie. Edvard war auch ein paarmal dort, und
+brachte sie zum Lachen. Und das alles beobachtete er
+mit einem sonderbaren Gef&uuml;hl von Angst. Der L&auml;rm
+tat ihm weh, das Lachen war wie ein Hohn, das Essen
+blieb ihm im Halse stecken, das Getr&auml;nk brannte, die
+Menschen waren wie Automaten &mdash; das Haus, die Bucht,
+das Boot, die Berge so erdr&uuml;ckend nahe.</p>
+
+<p>Da Windstille eingetreten war, mu&szlig;te die Gesellschaft
+zu Fu&szlig; nach der Stadt zur&uuml;ckgehen. In geschlossener
+Kolonne, singend, begann man zu marschieren; aber
+bald kamen aus den umliegenden Geh&ouml;ften Sommer<a class="page" name="Page_67" id ="Page_67" title="67"></a>g&auml;ste
+herzu, und da es Bekannte waren, machte man
+halt. Die Neuhinzugekommenen schlossen sich ein
+St&uuml;ck Wegs an; dann kamen weitere; und jedesmal gab
+es einen Aufenthalt, und jedesmal l&ouml;sten sich einzelne
+Gruppen los. Dadurch gelang es Ole, unbemerkt zur&uuml;ckzubleiben.
+Er konnte die Gesellschaft und ihre Lustigkeit
+nicht mehr ertragen.</p>
+
+<p>Denn jetzt erst konzentrierte alles sich um Josefine.
+Edvards pl&ouml;tzliches Umschwenken, sein Angriff, die
+Schmach der Niederlage, das verletzte religi&ouml;se Empfinden
+... alles verflo&szlig; in dem <em class="gesperrt">einen</em> Gedanken, da&szlig; <em class="gesperrt">sie</em>
+nicht zu ihm gestanden war, mit keinem Wort, mit
+keinem Blick; da&szlig; sie ihm erst ausgewichen war und ihn
+jetzt ganz im Stich lie&szlig;. Das ertrug er nicht; denn sie
+war ihm viel zu teuer geworden. Er wu&szlig;te es und er
+sch&auml;mte sich dessen nicht. Sein fr&uuml;herer h&ouml;chster Erdenwunsch<br />
+<span style="margin-left: 0.5em;">&mdash; Mission&auml;r zu werden &mdash; war von ihm abgefallen</span><br />
+wie eine Haut, als Josefine keinen Wert mehr darauf
+legte. Jedesmal, wenn die Mutter ihm gesagt hatte,
+er m&ouml;ge doch nur nicht Mission&auml;r werden, hatte er erwidert:
+man solle Gott mehr gehorchen als den Menschen.
+Aber als Josefine, in ihrer kraftvollen Art, in eine
+n&auml;here Wirklichkeit hineinwuchs, da gab er es auf, ohne
+da&szlig; sie auch nur ein Wort dar&uuml;ber zu verlieren brauchte.
+Da&szlig; es sich strafen m&uuml;sse, wenn man einen Menschen
+<em class="gesperrt">so</em> liebe, das sagte er sich selber. Aber er konnte nicht
+anders.</p>
+
+<p>Unter solchen und tausend &auml;hnlichen Gedanken blieb
+er nach und nach zur&uuml;ck und bog vom Weg ab in ein
+W&auml;ldchen ein; dort warf er sich nieder und wartete,
+bis die Sommerg&auml;ste zur&uuml;ck- und vorbeikommen w&uuml;rden.
+Er drehte sein Gesicht der Erde zu. Das k&uuml;hle Gras,
+das ihm Wangen und Stirn kitzelte, und die feuchte
+Erde, die er einatmete, redeten zu ihm ... Solch d&uuml;rftiges,
+im Schatten wachsendes Gras hat keinen Duft;
+und so war es auch mit ihm; durch sie hatte auch er die
+Sonnenseite kennen gelernt; ohne sie war nichts als
+Schatten.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_68" id ="Page_68" title="68"></a>Und der Bruder hatte sie ihm genommen! schrie es
+in ihm.</p>
+
+<p>Dieser Bruder, der sich bis vor wenigen Tagen nicht
+um sie gek&uuml;mmert hatte, w&auml;hrend er, Ole, von Kind auf
+um sie gewesen war, mit ihr gerudert hatte, ihr vorgelesen,
+ihr Bruder und Schwester zugleich gewesen war
+und ihr geschrieben hatte, wenn sie fern voneinander
+waren! Hatte ihr Bruder das je getan? Selbst seine
+Niederlage durfte er sich zugute schreiben! Denn h&auml;tte
+er's &mdash; ihretwillen &mdash; nicht so gewissenhaft genommen
+mit dem Examen, zu dem ihr Vater ihm verholfen hatte &mdash; so
+h&auml;tte er mehr gewu&szlig;t von den Dingen, um die sich's
+handelte &mdash; h&auml;tte vielleicht keinen solchen Abfall erlitten.
+Auch das mu&szlig;te er um seiner Treue willen erdulden.</p>
+
+<p>Edvard war, in Josefines Kinder- und Backfischzeit,
+selten mit ihr zusammen gewesen, ohne sie zu necken.
+Sie war immer ein hageres Ding gewesen, mit gro&szlig;en
+schwarzen Augen, meist sehr zerzaustem Haar, roten
+H&auml;nden und einer "schlottrigen" Figur. Er hatte sie
+nur das "Entenk&uuml;ken" genannt, und als sie einmal gefallen
+war und hinkte, "das lahme Entenk&uuml;ken". Er
+konnte nie so recht klug aus ihr werden; sie war so herb
+und trotzig und immer &mdash; drei Schritt vom Leibe.
+Und dann &mdash; sie war so oft der Anla&szlig;, da&szlig; er Schl&auml;ge
+bekam. Sie hielt es f&uuml;r "gerecht", zu erz&auml;hlen, wenn er
+etwas Dummes angestellt hatte. Und wenn er sie daf&uuml;r
+verpr&uuml;gelte, so war es "gerecht", auch das wieder zu
+erz&auml;hlen. Das emp&ouml;rte ihn gegen sie. Bald kamen sie
+auch dadurch auseinander, da&szlig; er das v&auml;terliche Haus
+verlie&szlig;. Nach jenem ungl&uuml;ckseligen Tag, an dem Vater
+und Sohn auf dem Weg nach Store-Tuft zusammengetroffen
+waren, erbarmte sich der Apotheker seines
+alten Freundes und nahm den Jungen ganz regelrecht
+als seinen eigenen Sohn zu sich. Und was dem Vater
+nicht gegl&uuml;ckt war, das gl&uuml;ckte <em class="gesperrt">ihm</em>. Der Junge wurde
+sofort aus der Schule genommen und durfte seinem
+Hauptinteresse, den Naturwissenschaften, leben. Che<a class="page" name="Page_69" id ="Page_69" title="69"></a>mische
+und physikalische Analysen oder botanische Ausfl&uuml;ge
+waren sein H&ouml;chstes, und zwei Jahre lang trieb er
+ausschlie&szlig;lich derartige Studien. Die zum Abiturientenexamen
+notwendigen F&auml;cher eignete er sich dann durch
+Privatunterricht so rasch wie m&ouml;glich an, und nach
+der Pr&uuml;fung begann er sein medizinisches Studium.
+So lange er daheim war, sah er seine Schwester nur,
+wenn sie ihn in der Apotheke besuchte, und da ihre
+Interessen auseinandergingen, war der Verkehr eigentlich
+gleich Null. Sp&auml;ter nahm ihn der Apotheker fast
+in jeder Vakanz mit ins Ausland; Edvard hatte gute
+Sprachkenntnisse, und die gingen dem Apotheker ab.
+Also kamen auch w&auml;hrend der Ferien Bruder und
+Schwester nur selten zusammen. Aber seit er als
+Student mit dem Apotheker seine erste Reise ins Ausland
+gemacht und sie den heimgekehrten, erwachsenen
+Bruder gesehen und geh&ouml;rt hatte &mdash; modern in Kleidung
+und Gedanken, feurig, kraftvoll, das Ideal der gesamten
+Jugend, besonders der weiblichen &mdash; hatte sie ihn heimlich
+bewundert. Er seinerseits &uuml;bersah sie einfach; oder
+er zog sie auf; das kostete sie Stunden der Qual; aber sie
+schluckte es tapfer hinunter, nur damit sie sein konnte,
+wo er war &mdash; wenn auch nur ganz still in einer Ecke.</p>
+
+<p>Ole verstand sie, trotzdem sie sich nie verriet. Auch
+ihm gegen&uuml;ber sprach sie selten anders von Edvard als
+von einem "Ekel", einem "Wicht", einer "Plapperm&uuml;hle"
+usw. Aber durch die treuen Dienste, die er
+ihr erwies, so oft sie vom Bruder &uuml;bersehen oder gekr&auml;nkt
+dasa&szlig;, sammelte Ole sich Sch&auml;tze in ihrem Herzen.</p>
+
+<p>Mit Edvard war eine gro&szlig;e Ver&auml;nderung vorgegangen;
+seine Neugierde war zur Wi&szlig;begier, seine Unruhe zu
+Energie geworden. Aber gleichzeitig durchlief auch die
+Schwester verschiedene Stufen der Entwicklung, von
+denen er nichts ahnte. Zweiundeinhalbes Jahr waren
+jetzt verflossen, seitdem er sie zum letztenmal gesehen
+hatte; sie war zwei Jahre in Frankreich und Spanien
+gewesen, und in den letzten Ferien, als sie zu Hause
+war, hatte er mit dem Apotheker eine Reise nach Eng<a class="page" name="Page_70" id ="Page_70" title="70"></a>land
+gemacht; auch in diesem Jahr waren sie ein paar
+Monate zusammen fort gewesen. Die Schwester, die
+er <em class="gesperrt">jetzt</em> sah, die kannte er nicht. Nach der ersten Begegnung
+war er ganz von ihr erf&uuml;llt.</p>
+
+<p>Sch&ouml;n sei sie nicht, sagte er zu Ole (zu dessen gr&ouml;&szlig;ter
+Verwunderung), sobald die beiden sich trafen. Aber er
+wurde nicht m&uuml;de, von dem neuen und eigenartigen
+Eindruck zu sprechen, den sie hier unter all den andern
+mache. Ihre Mutter m&uuml;sse sich an einer Spanierin
+versehen haben, als sie mit ihr schwanger ging. W&auml;re
+nicht dieses Unnennbare &mdash; die Augen gewesen, was auf
+der ganzen Welt Volk von Volk unterscheidet &mdash; w&auml;ren
+nicht die Augen gewesen, sie h&auml;tte unter Spaniern
+ruhig f&uuml;r eine Landsm&auml;nnin gelten k&ouml;nnen. Wie das in
+einem norwegischen Hause wirkte! Sie sprach gut &mdash;
+lebendig und rasch &mdash; war aber eigentlich wortkarg, und
+hielt sich zur&uuml;ck. K&uuml;hn in ihrer Kleidung, mit einer
+Vorliebe f&uuml;r starke Farben, ganz modern, fast herausfordernd,
+aber in jeder andern Hinsicht eher scheu.</p>
+
+<p>Fortan war Edvard ihr Bruder. Der Vater war verreist,
+und w&auml;hrend der Zeit wohnte sie bei Rektors und
+war nicht immer zu haben; aber so oft es sich machen
+lie&szlig;, waren sie zusammen. Sie hatte die Empfindung, als
+ob er sie gern "entdeckt" h&auml;tte, und war auf ihrer Hut;
+aber es schmeichelte ihr, da&szlig; er in Gesellschaft seine
+Worte an sie richtete und da&szlig; seine Augen stets die
+ihren suchten.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>W&auml;hrend Ole, tief ungl&uuml;cklich, sein Gesicht ins Gras
+des Waldbodens pre&szlig;te, standen sie alle vor ihm, die
+Stunden, da sie auf dem Ball den Bruder hatte tanzen
+sehen &mdash; mit der und mit jener &mdash; manchmal mehrere
+T&auml;nze mit einer und derselben &mdash; und mit ihr blo&szlig; eine
+"Pflichttour".</p>
+
+<p>Und jetzt?</p>
+
+<p>Jetzt war sie Edvards Schwester &mdash; seine geliebte
+Schwester &mdash; und Oles und ihre Wege gingen auseinander ...</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_71" id ="Page_71" title="71"></a>Weshalb mu&szlig;te Edvard sich in ein Verh&auml;ltnis eindr&auml;ngen,
+von dem er doch gar nichts wu&szlig;te? Sich Rechte
+anma&szlig;en, die er sich durch nichts verdient hatte? Nach
+ein paar Tagen des Zusammenseins einfach entscheiden,
+wer f&uuml;r sie passe &mdash; und wer nicht?</p>
+
+<p>Weshalb vor aller Augen ihn angreifen und ihn verh&ouml;hnen
+in dem, was ihm Lebenssache war? Und nicht
+allein ihn &mdash; sondern Gott selber.</p>
+
+<p>Und wie Ole Tuft diesem Gedanken nachhing, verbreitete
+sich um ihn ein seltsam heller Lichtschimmer &mdash; und
+in diesem Schimmer stieg etwas Gro&szlig;es empor &uuml;ber
+den Bergen jenseits des Fjords ... Er f&uuml;hlte, wie es
+ihn im Nacken packte, w&auml;hrend er so dalag, das Antlitz
+tief in den Rasen gedr&uuml;ckt. Und es fl&uuml;sterte, und das
+Fl&uuml;stern erf&uuml;llte den ganzen Raum &mdash; von dort bis
+hier &mdash;: "Was hast Du aus mir gemacht?"</p>
+
+<p>Ah &mdash; wie plattgedr&uuml;ckt kam er sich vor &mdash; wie in die
+Erde hineingepre&szlig;t! Und er begriff jetzt, weshalb der
+Schmerz wie mit einem Schermesser das Kranke aus
+seinem Fleische schnitt. Er hatte verloren heute, weil
+er als L&uuml;gner dastand. "Du sollst keine anderen G&ouml;tter
+haben neben mir!" "Gott, Gott! Vergib mir! Schone
+meiner! &mdash; Und Deine fleischlichen, Deine eitlen
+Tr&auml;ume!... Nimm, gleich Israel, der Nacht wahr,
+um zu ringen mit mir!... Wurm, der Du Dich
+kr&uuml;mmst!" &mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>&Uuml;ber ihm den Raum durchbrauste der Klang von
+tausend Schwingen.</p>
+
+<p>Es war nicht das erstemal, da&szlig; der Ernst des Alten
+Testaments von den H&ouml;hen auf ihn herniederst&uuml;rzte
+und seine Wohnstatt aufschlug in ihm. All diese Fragen &mdash; ob
+"gro&szlig;" &mdash; oder "klein" &mdash; ob er das "H&ouml;chste"
+wagen oder sich, wie die andern, mit dem Mittelm&auml;&szlig;igen
+begn&uuml;gen sollte &mdash; sie waren ihm nichts Neues.</p>
+
+<p>Doch wenn er dann Josefine wieder traf &mdash; bei guter
+Laune &mdash; so waren diese Fragen wie weggeblasen. Mit
+einem einzigen guten H&auml;ndedruck schob sie sie beiseite.
+Auch jetzt war es wieder so. Ohne jeden &Uuml;bergang<a class="page" name="Page_72" id ="Page_72" title="72"></a>
+str&ouml;mte von ihr ein gesunder Protest in ihn &uuml;ber.
+Nimmermehr h&auml;tte Josefine sich heut von ihm abgewandt,
+blo&szlig; weil der Bruder es w&uuml;nschte! Nimmermehr!
+Wenn sie es so aufgefa&szlig;t h&auml;tte, dann h&auml;tte sie gerade
+entgegengesetzt gehandelt. Nein &mdash; weil er ein Schw&auml;chling
+war, wandte sie sich von ihm ab, einzig deswegen.
+Vielleicht auch, weil sie sich nicht gern in einen Streit
+mischen mochte; sie war so scheu. Sie wandte sich ja
+eigentlich auch nicht dem Bruder zu. Sie hatte mitten
+unter den andern auf dem H&uuml;gel gesessen und sp&auml;ter,
+beim Essen, mit einigen Freundinnen an einem besonderen
+Tisch. Und auch beim Aufbruch hatte sie sich
+nicht an den Bruder gehalten, der doch fast alle um sich
+sammelte.... Warum hatte er denn daran nicht eher
+gedacht? Sie war ja doch treu.... Ganz gewi&szlig;! Sie
+war treu! Er stand auf. Wieso in aller Welt hatte er
+das nicht gleich gesehen?</p>
+
+<p>Er h&auml;tte gern gehabt, da&szlig; sie ihm auf eine oder die
+andere Weise geholfen oder ihn wenigstens getr&ouml;stet
+h&auml;tte, ihm gezeigt h&auml;tte, wie leid er ihr tat. Aber dergleichen
+lag nicht in Josefines Natur. Was fiel ihm
+denn nur ein? Besonders, wenn irgendwie ein Aufsehen
+entstanden war, und die Leute sie beobachteten.</p>
+
+<p>Ein rechter Schafskopf war er gewesen. Und im Bewu&szlig;tsein
+dieser erfreulichen Entdeckung sprang er das
+Geh&ouml;lz hinab &uuml;ber den Stra&szlig;engraben und machte sich
+ebenfalls auf den Heimweg.</p>
+
+<p>Gro&szlig;er Gott im Himmel, wie er sie liebte! Er sah
+sie vor sich, wie sie sein konnte, wenn er ihr zu kindisch
+war; er sah den guten, gro&szlig;en Blick, bei all ihrer Majest&auml;t!...</p>
+
+<p>Der sp&auml;te Sonnenuntergang hinterlie&szlig; keine R&ouml;te am
+Himmel; die Nacht war grau und schlaff, der Weg,
+am Fu&szlig; einer kahlen Anh&ouml;he entlang, anmutlos; zu
+beiden Seiten kleine Anwesen, die H&auml;user auf der Anh&ouml;he,
+&auml;rmlicher Kleinbetrieb, da und dort ein paar
+d&uuml;rftige Sommervillen, niedrige B&auml;ume und vereinzelte
+B&uuml;sche.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_73" id ="Page_73" title="73"></a>Er sah es und sah es nicht, w&auml;hrend er seinen eigenen
+Gedanken nachhing. Keine Seele unterwegs; ja, doch,
+ganz da vorn ein einzelner Mensch, der auf die Stadt
+zuging. Ole m&auml;&szlig;igte seine Schritte, um diesen einen
+nicht einzuholen, und merkte gar nicht, da&szlig; vor dem,
+der dort ging, einer war, der kam. Jetzt konnte er auf
+einmal beide unterscheiden. Himmel!... War das
+nicht...? Oder t&auml;uschte er sich?... Nein, er kannte
+den Hut, und nun auch den Gang, die Figur! Es gab
+nur <em class="gesperrt">eine</em> solche! Josefine kam zur&uuml;ck, um ihn zu holen!
+Das sah ihr &auml;hnlich.</p>
+
+<p>"Aber wo steckst Du denn?" sagte sie. Ihr gro&szlig;es
+Gesicht war ger&ouml;tet, ihr Busen wogte, die Stimme klang
+ged&auml;mpft, der Sonnenschirm, den sie in der linken Hand
+trug, war nicht ganz ruhig. Ole antwortete nicht; er
+sah ihr Gesicht, ihr Kleid, die Hutfeder, die stolze Gestalt
+an, bis sie unwillk&uuml;rlich l&auml;chelte; so viel stumme
+Bewunderung und Dankbarkeit durchbricht am Ende
+jeden Panzer. "Josefine, ach, Josefine!" Von seinem
+flachen Strohhut bis zu den Stiefeln herab war alles
+ein einziger Widerschein von Gl&uuml;ck und Bewunderung.
+Da kam sie heiter heran, legte ihre rechte Hand auf
+seinen linken Arm und schob ihn sachte vorw&auml;rts: er
+solle gehen.</p>
+
+<p>Sein Gesicht trug die Spuren des Grases, in das er sich
+geworfen hatte; sie glaubte, er habe geweint. "Du bist
+zu dumm, Ole!" fl&uuml;sterte sie.</p>
+
+<p>Die graue Sommernacht, die nicht schlafen kann und
+auch nicht wachen, erweckt leicht das Gef&uuml;hl von etwas
+Halberreichtem, &mdash; f&uuml;r die beiden wurde sie, was ein halbdunkles
+Zimmer f&uuml;r zwei heimlich Verlobte ist. Sie lie&szlig;
+ihre Hand auf seinem Arm liegen, und als seine Augen
+den ihren begegneten, sah sie ihn an, wie wenn man ein
+Kind zudeckt. "Siehst Du, ich dachte," sagte er, "ich
+glaubte, ja, denk' nur, ich glaubte ..." Tr&auml;nen standen
+ihm in den Augen. "Du bist zu dumm, Ole!" fl&uuml;sterte
+sie wieder. Und damit waren die St&uuml;rme des Tages
+abgetan.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_74" id ="Page_74" title="74"></a>Ihre Hand blieb auf seinem Arm liegen; es sah aus,
+als f&uuml;hre sie einen Arrestanten. Er f&uuml;hlte kaum den
+Druck, aber es rieselte ihm durch Mark und Bein. Ab
+und zu streifte ihr seidenes Kleid sein Bein; sie gingen
+im Takt, der elektrische Strom ihrer N&auml;he trug ihn.
+Sie waren ganz allein, und es war ganz still; sie h&ouml;rten
+ihre eigenen Schritte und das Rascheln des seidenen
+Kleides. Er hielt den Arm, auf dem ihre Hand lag,
+&auml;ngstlich still, als k&ouml;nne sonst die Hand hinunterfallen
+und entzweigehen. Das einzige Unvollkommene war &mdash; denn
+etwas Unvollkommenes mu&szlig; ja immer sein &mdash; da&szlig;
+er eine steigende Lust versp&uuml;rte, die Hand zu nehmen
+und sie in seinen Arm zu stecken &mdash; auf die allgemein
+&uuml;bliche Weise; dann konnte er sie dr&uuml;cken.
+Aber er wagte es nicht.</p>
+
+<p>Sie gingen und gingen. Er sah vor sich hin und entdeckte,
+da&szlig; kein Mondschein war. "Es ist kein Mondschein!"
+sagte er. &mdash; "Sonst w&auml;re es heller", erwiderte
+sie l&auml;chelnd. "Viel heller!" Die Stimmen waren zusammengetroffen,
+die Kl&auml;nge hatten sich vermischt
+und spielten noch lange miteinander wie V&ouml;gel in der
+Luft.</p>
+
+<p>Aber gerade darum war es schwer, weitere folgen zu
+lassen. W&auml;hrend Ole dar&uuml;ber nachsann, was er das
+n&auml;chste Mal sagen solle, wurde er ger&uuml;hrt und stolz.
+Er dachte an jenen Samstagabend im schmutzigen
+Schnee, als sie auf dem Schulhof so schlimm gegen ihn
+gewesen waren, und er davongelaufen war nach Store-Tuft;
+er gedachte seines damaligen Elends; aber von
+diesem Elend schrieb sich seine Erh&ouml;hung von heute
+her, heute, da er von der andern Seite in die Stadt kam
+und sie am Arm f&uuml;hrte.... Nein, doch nicht ganz!
+Das war das Unvollkommene dabei.</p>
+
+<p>Sollte er es sagen? W&uuml;rde sie es zu dreist finden?
+"Wir sind wohl ganz allein jetzt, wir zwei beiden?" &mdash;
+auf schlauen Umwegen wollte er darauf zugehen; aber
+seine Stimme war nicht sicher; sie verriet ihn. Und so
+antwortete Josefine gar nicht. Es wurde still zwischen<a class="page" name="Page_75" id ="Page_75" title="75"></a>
+ihnen, ganz still. Und pl&ouml;tzlich glitt ihre Hand von
+selbst in seinen Arm, so, wie es bei Verlobten Sitte ist.
+Ein Beben ging durch sein ganzes Wesen, und mutig
+gab er ihr einen leisen Druck, wagte aber nicht, sie dabei
+anzusehen. Sie gingen weiter.</p>
+
+<p>Bald lag die Stadt, in Schleier geh&uuml;llt, vor ihnen;
+das Takelwerk der Schiffe flo&szlig; zu T&uuml;rmen zusammen;
+es sah aus, wie die zusammengelaufenen Maste von
+Zuckerwerkschiffen. Die H&auml;user in flaumigen Umrissen,
+fast farblos; alles wohl eingepackt und verwahrt;
+die Berge standen und hielten Wacht. Ein einziger,
+schwacher, unbestimmbarer, langgezogener Laut, ein
+matter Streifen durch das lichtgraue Schweigen. "M&ouml;chtest
+Du mir nicht etwas erz&auml;hlen?" fragte sie schnell,
+als k&ouml;nne sie es nicht mehr aushalten. Er f&uuml;hlte sich
+wie erl&ouml;st und fragte, ob er vom &mdash; Licht erz&auml;hlen solle.
+"Ja, vom Licht!" erwiderte sie. War es Ironie?</p>
+
+<p>Er fing an; aber er wu&szlig;te es nicht klarzumachen.
+Beim erstenmal, als sie eine rasche Frage stellte, um die
+Sache bestimmter zu gestalten, f&uuml;hlte er &mdash; er konnte
+nicht weiter; er war nicht gen&uuml;gend daheim in diesem
+Stoff. "Ich will Dir lieber das Ende von Jeanne d'Arc
+erz&auml;hlen!" sagte er. "Du wei&szlig;t, &mdash; wo wir gestern
+unterbrochen wurden." &mdash; "Also nehmen wir Jeanne
+d'Arc!" sagte sie immer lustiger; sie lachte. &mdash; "Du
+magst nicht?" &mdash; "Doch, doch!" Das sagte sie sanfter,
+als wolle sie das Vorhergehende wieder gutmachen. So
+erz&auml;hlte er denn den Schlu&szlig; der Geschichte von Jeanne
+d'Arc, nach einem vor kurzem erschienenen Werk, das
+er in diesen Ferien von ihrem Vater entlehnt hatte. <em class="gesperrt">Der</em>
+Stoff lag ihm; seine westl&auml;ndische, singende Stimme
+gab dem Ganzen etwas Schwebendes, die streng schulgem&auml;&szlig;e
+Behandlung des Wortes, die den ehemaligen
+Bauern kennzeichnete, getragen vom gemilderten Tonfall
+des Dialekts, pa&szlig;ten dazu wie alte Schrift. Sein
+weiches, lichtes Melanchthonantlitz schw&auml;rmte; sie
+blickte zu ihm auf, und blickte jedesmal in sein reines
+Herz.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_76" id ="Page_76" title="76"></a>So kamen sie in die Stadt. Die Erz&auml;hlung ergriff sie,
+und beide waren so eifrig geworden, da&szlig; sie gar nicht
+darauf achteten, ob ihnen jemand begegnen k&ouml;nne, oder
+da&szlig; zu beiden Seiten H&auml;user standen; er redete nur ein
+bi&szlig;chen leiser, und sprach weiter.</p>
+
+<p>Aber als sie sich der Stra&szlig;e n&auml;herten, wo seine Tante
+wohnte, und wo er hinein mu&szlig;te, hielt er inne, trotzdem
+seine Erz&auml;hlung noch nicht zu Ende war. Ob er
+sie wohl nach Hause begleiten durfte? Rektors wohnten
+ein paar H&auml;user weiter. Wenn er nicht mit durfte, so
+mu&szlig;te er sich hier von ihr trennen. Dies Dilemma war
+&uuml;brigens nicht neu.</p>
+
+<p>Gerade deshalb meldete es sich jetzt auch bei ihr.
+Sie hatte dies "Aneinanderkleben" &mdash; da&szlig; einer mitging
+bis an die Haust&uuml;r des andern, wenn doch sein eigener
+Weg in ganz anderer Richtung lag &mdash; nie leiden m&ouml;gen.
+Schon seit ihrer Kinderzeit &mdash; weil man sie immer mit
+ihm geneckt hatte. Aber sie wu&szlig;te &mdash; <em class="gesperrt">er</em> legte hohen
+Wert darauf.</p>
+
+<p>W&auml;hrend des kurzen St&uuml;ck Wegs, das sie beide noch
+gemeinsam hatten, wurde diese Frage in ihnen beiden
+geradezu brennend. Sollen wir uns hier verabschieden &mdash;?
+Oder &mdash;? Urspr&uuml;nglich etwas ganz Kindisches, war
+es &mdash; durch die Wiederholung &mdash; etwas Gro&szlig;es geworden.
+Sie war sich selber nicht klar &uuml;ber den Grund;
+aber als sie am Kreuzweg standen, zog sie sachte ihre
+handschuhlose Hand aus seinem Arm und bot sie ihm
+zum Abschied. Sie sah, wie entt&auml;uscht er war. Und um
+es gleich wieder gutzumachen, strahlte sie ihn aus ihren
+gro&szlig;en Augen an, dr&uuml;ckte ihm fest die Hand, und ihr
+"Danke, Du! Und auf Wiedersehen!" war von ganz
+anderer Art und Farbe als sonst alle diese Jahre her.
+Wie ein Gel&uuml;bde f&uuml;rs Leben sprangen die Worte von
+Herz zu Herzen, und so waren sie auch gemeint. F&uuml;r
+seine Treue dankte sie ihm, f&uuml;r seine Liebe jetzt und
+immerdar. Er war bleich geworden. Sie sah es und &uuml;berlegte
+einen Augenblick. Dann zog sie die Hand zur&uuml;ck
+und ging. Unten wandte sie sich noch einmal nach ihm<a class="page" name="Page_77" id ="Page_77" title="77"></a>
+um &mdash; dankbar, da&szlig; er weder in Wort noch Tat <em class="gesperrt">ihrem</em>
+Willen widerstrebt hatte. Sie nickte zu ihm hinauf;
+er zog den Hut.</p>
+
+<p>Wenige Minuten sp&auml;ter stand sie in ihrem Zimmer,
+viel zu erhitzt, um sich zu Bett zu legen, und &uuml;berhaupt
+hellwach. Sie hatte nicht die geringste Lust, zu schlafen;
+sie wollte zum mindesten erst die Sonne auf den D&auml;chern &mdash; oder
+gar den lichten Tag sehen! Ihr Zimmer ging
+auf den Hof hinaus, den gro&szlig;en Schulhof, dessen Abschlu&szlig;
+die Turnhalle bildete; einige Turnapparate standen
+auch drau&szlig;en. Von der Stra&szlig;e aus lag das Zimmer
+im ersten Stockwerk &mdash; von der Hofseite im Erdgescho&szlig;;
+hundertmal war sie als Kind zum Fenster hinausgesprungen,
+statt die T&uuml;r zu ben&uuml;tzen. Sie &ouml;ffnete das
+Fenster und versp&uuml;rte fast Lust, auch heute wieder
+hinauszuspringen und auf dem Hof spazierenzugehen.
+Am liebsten w&auml;re sie die ganze Nacht mit Ole umhergestreift;
+aber so etwas verstand er nicht. Vielleicht
+hatte sie ihn blo&szlig; deswegen schon oben verabschiedet,
+weil er es nicht vorgeschlagen hatte.</p>
+
+<p>Bei n&auml;herem &Uuml;berlegen getraute sie sich aber doch
+nicht auf den Hof hinaus. Es geschah nicht selten, da&szlig;
+junge Leute, wenn sie von einer Land- oder Bootpartie
+oder aus einer Gesellschaft heimkehrten und dabei an
+dem alten Schulhof vorbeikamen, auf den Einfall gerieten,
+den alten Spielplatz ihrer Knabenjahre wieder
+aufzusuchen und sich ein paarmal am Reck zu schwingen;
+und von halbbetrunkenen jungen Leuten gesehen werden &mdash; das
+wollte sie nicht. Sie nahm ihren Hut ab und
+blieb &mdash; vorn&uuml;bergebeugt &mdash; am offenen Fenster stehen &mdash; &mdash; sah
+vor sich, was eben geschehen war, und was auch
+jetzt sie noch hinauszog.</p>
+
+<p>Da h&ouml;rte sie drau&szlig;en Schritte &mdash; erst auf der Treppe,
+dann auf dem Sandweg, der hierherf&uuml;hrte. Sollte das
+Ole sein &mdash;? War er so sentimental, da&szlig; es ihn trieb,
+unter ihrem Fenster zu schmachten? Wenn er es wirklich
+w&auml;re! Gott gnade ihm, wenn er's war! &mdash; Sie
+lauschte in h&ouml;chster Spannung. Nein &mdash; die Schritte<a class="page" name="Page_78" id ="Page_78" title="78"></a>
+waren zu rasch. Das war &mdash; &mdash; sie f&uuml;hlte es &mdash; &mdash; dort
+stand &mdash; &mdash; ihr Bruder ...</p>
+
+<p>Ja, es war Edvard. Er war gar nicht verwundert, sie
+zu sehen; er kam direkt auf sie zu. Als er unter dem
+offenen Fenster angelangt war, streckte er seine rechte
+Hand hinauf; und sie nahm sie. Seine Augen schielten
+ein bi&szlig;chen &mdash; das sicherste Zeichen, da&szlig; er erregt war.
+"Gut, da&szlig; Du noch wach bist; ich h&auml;tte sonst geklopft."
+Forschend suchte sein Blick den ihren; er lie&szlig; ihre Hand
+nicht los. "Bist Du eben erst gekommen?" &mdash; "Ja,
+eben erst," &mdash; Sie war pl&ouml;tzlich ganz in seiner Gewalt;
+und h&auml;tte er sie um das Unm&ouml;glichste befragt &mdash; sie
+h&auml;tte antworten m&uuml;ssen, solange diese Augen so in die
+ihren schauten. "Wie ich Dich unter den Letzten nicht
+gefunden habe, dachte ich mir, Du w&auml;rst zur&uuml;ckgegangen
+zu Ole." &mdash; "Ja." &mdash; Er hielt <em class="gesperrt">inne</em>; seine Stimme
+zitterte. "Ich war ein rechter Narr! Ihr seid wohl verlobt
+jetzt?" &mdash; Es dauerte eine Weile, obwohl die Antwort sofort
+in ihren Augen aufspr&uuml;hte. "Ich glaube!" sagte sie.</p>
+
+<p>Voll Liebe, aber auch voll Kummer sah er sie an.
+Sie h&auml;tte am liebsten laut hinausgeweint. War es so
+t&ouml;richt, was sie getan hatte? Eine entsetzliche Angst
+&uuml;berfiel sie. Da fa&szlig;te er mit beiden H&auml;nden ihren
+Kopf, zog ihn zu sich nieder und k&uuml;&szlig;te sie auf die Stirn.
+Sie brach in Tr&auml;nen aus und legte beide Arme fest um
+seinen Hals. So lagen sie &mdash; Wange an Wange.</p>
+
+<p>"Na ja &mdash; wenn es nun einmal so ist &mdash; so w&uuml;nsch'
+ich Dir alles Gute, Josefine, liebe Josefine!" Sie umschlangen
+sich noch fester. Dann lie&szlig;en sie einander los.</p>
+
+<p>"Ich geh' heute fort!" fl&uuml;sterte er und ergriff ihre
+Hand. Sie reichte ihm alle beide. &mdash; "Heut, Edvard?" &mdash;
+" &mdash; Ich war ein Narr! Leb' wohl, Josefine!" Sie machte
+ihre H&auml;nde frei, um ihr Taschentuch herauszuziehen
+und an die Augen zu pressen. "Ich komm' noch und
+sag' Dir Adieu!" schluchzte sie. "Nein, nein! Du
+mu&szlig;t nicht!... Noch einmal!" &mdash; Und um ein Ende
+zu machen, pre&szlig;te er sie wieder in seine Arme, k&uuml;&szlig;te sie
+und ging davon, ohne sich umzusehen.</p>
+
+
+<h3><a class="page" name="Page_79" id ="Page_79" title="79"></a>2</h3>
+
+<p class="center"><em class="gesperrt">Zweites Paar vor!</em></p>
+
+<p>Im M&auml;rz des folgenden Jahres, just als Edvard Kallem
+vor seinem zweiten medizinischen Examen stand,
+kamen pl&ouml;tzlich Dinge, die ihn auf ganz andere Art in
+Anspruch nahmen.</p>
+
+<p>Und das m&uuml;ssen wir jetzt berichten.</p>
+
+<p>In der Zeit, als seine zusammenhangslosen naturgeschichtlichen
+Studien mehr und mehr sich um die
+Physiologie kristallisierten, war unter allen Physiologen
+der t&uuml;chtigste ein junger Student der exakten Wissenschaften,
+Tomas Rendalen. Er war etwas &auml;lter als
+Edvard Kallem, und weil es an und f&uuml;r sich merkw&uuml;rdig
+war, da&szlig; ein Nicht-Mediziner in diesem Fach
+Hervorragendes leistete, fiel er allen auf, und somit
+auch Edvard Kallem, ohne da&szlig; dieser sich darum n&auml;her
+an ihn angeschlossen h&auml;tte. Rendalen geh&ouml;rte auch keineswegs
+zu denen, die f&uuml;r den ersten besten zu haben sind.</p>
+
+<p>Erst sp&auml;ter, eigentlich erst jetzt, nach Neujahr, als
+sie mit demselben Dampfer aus den Weihnachtsferien
+nach Kristiania zur&uuml;ckfuhren, kam es zu einer Art Ann&auml;herung.
+Aber das erstemal, als Kallem Tomas Rendalen
+in seiner Wohnung aufsuchte, blieb er auch gleich
+die Nacht &uuml;ber. Und ein paar Abende darauf, als Rendalen
+<i>ihn</i> besuchte, wanderten sie zwischen ihren beiden
+Wohnungen, die &uuml;brigens ganz nah beieinanderlagen,
+auf und ab, bis morgens gegen drei oder vier. Ein so
+genialer Mensch war Edvard Kallem seiner Lebtag noch
+nicht unter die Finger gekommen; und Rendalen seinerseits
+kam eines Morgens, noch ehe Kallem nach der
+Klinik gegangen war, dahergest&uuml;rzt, blo&szlig; um zu erkl&auml;ren,
+von all seinen Freunden und Bekannten sei
+Kallem ihm der liebste.</p>
+
+<p>Rendalen war eine urspr&uuml;nglichere, kraftvollere Natur
+als Kallem; er war eine Mischung von Zahm und Wild,
+von Leidenschaft, Schwermut, Musik, voll hoher Mitteilungsf&auml;higkeit,
+aber mit verschlossenen Kammern,<a class="page" name="Page_80" id ="Page_80" title="80"></a>
+die sich selten oder nie &ouml;ffneten. Eine grenzenlose
+Energie &mdash; und dabei manchmal so von aller Kraft verlassen,
+da&szlig; er &uuml;berhaupt nicht mehr weiter konnte;
+die ganze Maschinerie in Unordnung, als wenn ein Rad
+gesprungen w&auml;re. In der ganzen Charakterlandschaft
+nicht <em class="gesperrt">eine</em> gerade Linie &mdash; lauter Unebenheiten, und
+doch &uuml;ber allem das Licht eines gro&szlig;en Geistes. So
+unberechenbar die Schwankungen waren, so unangenehm
+die Entt&auml;uschungen &mdash; die ganze Pers&ouml;nlichkeit
+war in ihrer Unmittelbarkeit, ihrer Geradheit so gewinnend,
+da&szlig; man ihn lieben mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Sein ganzes Denken ging auf Schulwesen und Erziehung,
+und darin wiederum auf den <em class="gesperrt">einen</em> Kern:
+jedes Kind &uuml;ber das "gef&auml;hrliche Alter" wegzubringen,
+das auf so ganz ungleiche Art sich &auml;u&szlig;ere. Manche
+gingen daran zugrunde; manche tr&uuml;gen Wunden davon,
+die erst sp&auml;t heilten; die mit gesundem Gebl&uuml;t, unter
+besseren Verh&auml;ltnissen Aufgewachsenen, k&ouml;nnten heil
+ausgehen; aber jedenfalls seien sie in der Minderzahl.
+Alle Erziehung, aller Unterricht m&uuml;sse sich auf das eine
+Ziel konzentrieren: einen <em class="gesperrt">sittlichen</em> Menschen zu
+schaffen. Das war sein A und O.</p>
+
+<p>Unerm&uuml;dlich war er im Vortrag seines Unterrichtplans,
+seiner Behandlungsweise; im Beschreiben der
+Schuleinrichtung und des Zusammenarbeitens mit der
+Familie. Seine Mutter war Vorsteherin einer weithin
+bekannten M&auml;dchenschule an der Westk&uuml;ste, und die
+wollte er &uuml;bernehmen, um seine Pl&auml;ne ins Werk zu
+setzen. Sein gro&szlig;es Ziel war die Simultanschule &mdash;
+Knaben und M&auml;dchen zusammen. Aber erst hie&szlig; es,
+den Unterricht in allen Hauptf&auml;chern reformieren, und
+zwar so, da&szlig; die F&auml;cher leichter gemacht wurden, und
+nicht blo&szlig; zug&auml;nglich f&uuml;r die Begabtesten. Und das
+wollte er an der M&auml;dchenschule ausprobieren.</p>
+
+<p>Er besa&szlig; eine nicht unbedeutende Sammlung von
+Schulmaterial aus Amerika und vielen europ&auml;ischen L&auml;ndern,
+einen Schatz, den er unabl&auml;ssig vermehrte. Auch
+eine ganze Bibliothek von Schulliteratur nannte er sein<a class="page" name="Page_81" id ="Page_81" title="81"></a>
+eigen. Er wohnte mit einem Kandidaten der Theologie,
+Vangen, zusammen, der zu Weihnachten fertig
+geworden war und sich jetzt auf das praktische Examen
+vorbereitete. Alle drei Zimmer, die sie gemeinsam
+bewohnten, waren angef&uuml;llt mit Rendalens Sammlungen
+und Bibliothek.</p>
+
+<p>Sein &Auml;u&szlig;eres war auffallend. Rotes, ins Blonde hin&uuml;berspielendes
+Haar, das starr in die H&ouml;he stand, Sommersprossen,
+blinzelnde graue Augen unter wei&szlig;en,
+kurzhaarigen Brauen, die kaum zu sehen waren, die Nase
+breit und leise aufw&auml;rts strebend, der Mund zusammengekniffen;
+kurze, sommersprossige H&auml;nde, jeder Finger
+voll Energie; nicht gro&szlig;, aber vorz&uuml;glich gebaut; sein
+Gang, auf ausw&auml;rts gerichteten F&uuml;&szlig;en, war leicht, als
+gehe er auf Tasten. Er war der erste Turner, wohin er
+auch kam, und bei jeder Gelegenheit hing er an den
+Turnseilen. Auch Edvard, der immer gern geturnt hatte,
+wurde durch ihn zu dreifachem Eifer angespornt; denn
+Rendalen besa&szlig;, wie kein zweiter, die F&auml;higkeit, andere
+f&uuml;r das, was er selbst liebte, zu gewinnen. Seine Hauptleidenschaft
+in dieser Zeit war, auf den H&auml;nden zu gehen;
+und gerade das konnte Kallem zum Entz&uuml;cken; dies setzte
+vielleicht der Achtung, die Rendalen vor ihm hatte, die
+Krone auf.</p>
+
+<p>Sie hatten viele Ber&uuml;hrungspunkte. Beide waren
+Spezialisten, beide bedeutend in dem, was sie sich als
+Ziel gesteckt hatten; modern in ihrem Denken, voll
+reformatorischen Mutes, beide zum &auml;u&szlig;ersten auf ihre
+Person bedacht; beide kleideten sich mit Geschmack, &mdash;
+Rendalen legte sogar &uuml;bertriebenen Wert darauf. Beide
+hatten jenes lebhaft-wechselnde Spiel der Gedanken,
+das schon err&auml;t, wenn erst die H&auml;lfte gesagt ist. Beide
+erg&auml;nzten sich gegenseitig in ihrem Wissen. Rendalen
+war musikalisch, war ein Meister auf dem Klavier und
+sang recht gut. Kallem sang noch besser, und Rendalen
+feuerte ihn immer mehr an.</p>
+
+<p>So herzlich sich auch Rendalen im einzelnen und dem
+einzelnen hingab &mdash; er hielt sich gleichzeitig immer in<a class="page" name="Page_82" id ="Page_82" title="82"></a>
+einer gewissen Distanz, &uuml;ber die niemand hinwegkam.
+Er liebte seinen Pflegebruder Vangen; aber gerade an
+Vangen sah man recht eigentlich, da&szlig; immer eine bestimmte
+Scheidewand da war. Auch darin begegnete
+Kallem Rendalens Bed&uuml;rfnis; er hatte ebenfalls diese
+Unnahbarkeit, bei aller Hingabe.</p>
+
+<p>Daneben gab es aber auch genug Ungleichheiten, die
+das Verh&auml;ltnis einerseits frisch erhielten, andrerseits erschwerten.
+Die Schwierigkeiten kamen fast alle auf Rendalens
+Konto; Kallem war geschmeidiger und f&uuml;gsamer.
+Wenn Rendalen gerade einmal Lust hatte, so spielte er
+stundenlang Klavier, spielte, als ob &uuml;berhaupt niemand
+im Zimmer sei; man konnte ebensogut gleich gehen.
+&Uuml;berhaupt war er es, der bei jedem Zusammensein den
+Ton angab. Er war launisch und hatte lange Schwermutsperioden,
+wo nur selten jemand ein Wort aus ihm
+herausbrachte. Eine ungeheure Arbeitskraft, wenn er
+mit etwas besch&auml;ftigt war, das seine Seele gefangen nahm,
+und dann gab er allen den Laufpa&szlig;. War er aber in der
+mitteilsamen Laune und so recht "in Stimmung", so
+war die ganze Luft um ihn herum mit Elektrizit&auml;t geladen.</p>
+
+<p>Das medizinische Studium war f&uuml;r Kallem jeden Tag
+eine neue Entdeckung, und bei ihren gemeinsamen
+physiologischen Studien trugen sie einander getreulich
+alles zu &mdash; jeder von seiner Seite. Im Januar und Februar
+waren sie fast jeden Abend zusammen, wenn nicht sonst,
+so doch sicher von sechs bis sieben in der Turnhalle.
+Meist a&szlig;en sie hinterher zusammen, am liebsten bei
+Rendalen, der ein Klavier hatte.</p>
+
+<p>Anfang M&auml;rz kam Rendalens Mutter auf Besuch.
+Sie wohnte bei den Wirtsleuten des Sohnes, die vor
+kurzem erst nach der Stadt gezogen waren: ein blinder
+Mann aus Nordland, der noch dazu auf einer Seite gel&auml;hmt
+war, und eine au&szlig;erordentlich musikalische Frau,
+ganz jung, fast noch ein Kind &mdash; die seltsamste Ehe, die
+man sich denken konnte. Rendalen sprach oft von
+ihnen. Solange die Mutter des Kameraden in der Stadt<a class="page" name="Page_83" id ="Page_83" title="83"></a>
+war, hielt Kallem sich fern. Jedesmal, wenn sie vom
+Turnen kamen, merkte er, da&szlig; Rendalen seine Begleitung
+nicht w&uuml;nsche. Aber auch, als die Mutter nach
+acht Tagen abgereist war, blieb es dabei; entweder
+turnte Rendalen l&auml;nger als Kallem, oder er ging nach
+den ersten paar &Uuml;bungen gleich wieder weg; er w&uuml;nschte
+offenbar nicht, da&szlig; Kallem ihn begleiten solle. Wahrscheinlich
+hat er wieder seinen Schwermutsrappel! dachte
+Edvard.</p>
+
+<p>Aber eines Vormittags, als Kallem etwas fr&uuml;her als
+gew&ouml;hnlich nach Hause gekommen war &mdash; in der Regel
+war er den ganzen Vormittag fort &mdash; h&ouml;rte er drau&szlig;en
+l&auml;uten. Das M&auml;dchen &ouml;ffnete, und Rendalens Schritt
+erklang im Vorzimmer. Er trat hastig ein, &mdash; finster,
+wortkarg. Er habe ein Anliegen: ob Kallem nicht die
+Wohnung mit ihm tauschen wolle.</p>
+
+<p>Kallem kannte ihn zu genau und war zu gutm&uuml;tig,
+um sich irgendwelche Verwunderung anmerken zu
+lassen; er fragte auch gar nicht nach dem Grund,
+sondern sagte blo&szlig;, seine beiden kleinen Zimmer w&uuml;rden
+wohl schwerlich f&uuml;r Rendalens Sammlungen und sein
+Klavier ausreichen. Und Vangen? Oder wolle er nicht
+l&auml;nger mit Vangen zusammenwohnen? Doch, freilich!
+Aber neben Kallems zwei Stuben sei ein gro&szlig;er Saal,
+auf den er, Rendalen, es schon l&auml;ngst abgesehen habe;
+die Wirtin w&uuml;rde ihn gern vermieten. Und ihm passe
+er gerade. Allein schon Klavier zu spielen in diesem
+Saal! &mdash; "Hast Du bereits mit der Wirtin dar&uuml;ber gesprochen?"
+&mdash; "Nein; das will ich jetzt." Und damit
+war er hinaus. Dann kamen beide, er und die Wirtin,
+wieder herein. Und wenige Minuten sp&auml;ter war alles
+abgemacht. Schon am Nachmittag wurde der Umzug
+bewerkstelligt. Als der wackere Vangen auf seinen langen
+Beinen vom Mittagessen nach Hause kam, sa&szlig; Kallem
+im ersten Zimmer rechts neben der Korridort&uuml;r in
+Schlafrock und Pantoffeln und erz&auml;hlte ihm, Rendalen
+wohne jetzt in der Sehestedsstra&szlig;e, in Kallems fr&uuml;herer
+Wohnung; sie h&auml;tten getauscht. Beide lachten.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_84" id ="Page_84" title="84"></a>"Und dabei gefiel es ihm hier so gut!" sagte Vangen.
+Das war aber auch das einzige, was er sagte.</p>
+
+<p>Kallem dachte nat&uuml;rlich &uuml;ber die Ursache dieses
+hastigen Umzugs nach und hatte auch die Absicht, sich
+jedesmal einen ausf&uuml;hrlichen Schwatz mit dem M&auml;dchen
+zu leisten, wenn es kam, um nach dem Ofen zu sehen
+oder ihm Fr&uuml;hst&uuml;ck und Abendbrot zu bringen, das er
+im Hause einnahm. Sie sah aus, als wisse sie etwas.
+Marie hatte ein eigent&uuml;mliches L&auml;cheln, ungef&auml;hr als
+wenn sie sagen wollte: "O &mdash; ich durchschau' Euch
+alle miteinander &mdash; auch Dich, Du Schlauberger!" Gleich
+als sie ihm zum erstenmal die T&uuml;r aufmachte, hatte sie
+dieses L&auml;cheln. Ihre Augen waren bis &uuml;ber die H&auml;lfte
+verh&uuml;llt von den Lidern, die in einer h&auml;ngenden Falte
+dar&uuml;ber lagen. Die Nase war platt und aufgest&uuml;lpt und
+zog beim Lachen den Mund wie an zwei straffen B&auml;ndern
+in die H&ouml;he, da&szlig; die Oberlippe vorstand und eine Reihe
+Z&auml;hne zeigte, die sich um den Platz zu streiten schienen;
+sie blitzten mit dem L&auml;cheln um die Wette. Alles,
+was sie sagte, hatte einen Unterton von Schelmerei und
+Spottlust; unter den Lidern scho&szlig; es hervor, in den
+Mundwinkeln spielte es. Dabei eine weiche Stimme.
+Im &uuml;brigen ein kerniges M&auml;del, gut gebaut, klug wie
+der Teufel und trotz ihrer lachlustigen Kritik zur&uuml;ckhaltend
+und vorsichtig in Worten und Benehmen. Aber
+das Lachen lag immer auf der Lauer. Als er sagte:
+"Mein Name ist Edvard Kallem &mdash; ich werde in Herrn
+Rendalens Zimmern wohnen!" antwortete sie l&auml;chelnd:
+"Oh!" &mdash; als kenne sie alle seine Geheimnisse von Kindesbeinen
+an. Erw&auml;hnte er Rendalen irgendwie, so sah sie
+aus, als wisse sie einen ganzen Haufen lustiger Geschichten
+von ihm; aber trotzdem &mdash; zum besten gab
+sie nichts.</p>
+
+<p>Das Haus, in dem er jetzt wohnte, war ein Eckgeb&auml;ude,
+schr&auml;g gegen&uuml;ber der Universit&auml;t. Die Haust&uuml;r
+ging auf die Stra&szlig;e, an der auch Kallems Zimmer
+gelegen waren. Sie lagen im zweiten Stock, auf demselben
+Korridor wie die Wohnung der Wirtsleute, d. h.<a class="page" name="Page_85" id ="Page_85" title="85"></a>
+das eine Zimmer &mdash; das andere, sein Schlafzimmer, lag
+au&szlig;erhalb mit eigenem Eingang. Rendalen hatte noch ein
+drittes Zimmer gehabt, das Eckzimmer weiter drinnen.
+An der Korridort&uuml;r befestigte Kallem seine Visitenkarte,
+unter einem gro&szlig;en Schild, auf dem "S&ouml;ren Kule" stand;
+das war der Name des Wirts. Tags darauf, an einem
+Sonntag, machte er seinen Antrittsbesuch.</p>
+
+<p>Der blinde, gel&auml;hmte Mann sa&szlig; in einem gro&szlig;en
+Rollstuhl. Er war noch jung, der Ungl&uuml;ckliche, kaum
+&uuml;ber drei&szlig;ig, von &uuml;berm&auml;&szlig;ig dicker Gestalt, mit schweren
+Gesichtsz&uuml;gen und schwerer Zunge. Schon sein: "Herein!"
+auf Kallems Klopfen klang schwerf&auml;llig. Kallem
+nannte seinen Namen. Der andere sa&szlig; da, ohne sich zu
+r&uuml;hren und antwortete langsam: "So, so! &mdash; Ich bin
+n&auml;mlich blind. &mdash; Und kann mich auch nur wenig bewegen."
+Er sagte es mit nordl&auml;ndischem Tonfall. Die
+einzelnen Silben kamen wie das plumpe Trotten von
+Londoner Bierbrauerpferden heraus. Die Gesichtsz&uuml;ge
+waren, trotz ihrer F&uuml;lle, scharf geschnitten und klar;
+es war augenscheinlich Rasse in dem Mann. Kallem war
+Mediziner genug, um auf der Stelle zu erkennen, was
+die Ursache seiner Blindheit und Gel&auml;hmtheit war.
+Verschiedene Stahlstiche, Holzschnitte und Photographien
+von Spanien an den W&auml;nden brachten ihn auf
+den Gedanken, da&szlig; er vielleicht von dort das Geschenk
+mitgebracht hatte, mit dem das galante V&ouml;lkchen da
+unten so freigebig ist.</p>
+
+<p>"Bitte, nehmen Sie Platz!" ert&ouml;nte es endlich wieder.
+In die bewegliche Seite des K&ouml;rpers schien eine Art
+Leben zu kommen, w&auml;hrend er den Kopf nach einer
+T&uuml;r links wandte. "Ragni!" Niemand antwortete;
+niemand kam. Die Stille f&auml;rbte sich grau vor seiner
+Stimme, seinem gleichg&uuml;ltigen Wesen, seiner schwerf&auml;lligen
+Ruhe. Kallem sah sich um. Wahrhaftig &mdash; da
+lagen Kinderspielsachen! War es ihm nicht, als habe
+er Kinderstimmen geh&ouml;rt? <em class="gesperrt">Hier</em> waren Kinder?
+"Ragni!" dr&ouml;hnte es noch einmal, langsam. Dann &mdash;
+leiser: "Sie wird in der K&uuml;che sein und das Essen<a class="page" name="Page_86" id ="Page_86" title="86"></a>
+richten!" Wieder dieselbe graue Stille. Schellengel&auml;ut
+von der Stra&szlig;e her zerri&szlig; sie einen Augenblick; dann
+zog sie sich um so lastender wieder zusammen. Die
+M&ouml;bel waren &mdash; f&uuml;r eine kleine norwegische Stube im
+Winter &mdash; zu schwer und zu dunkel; auch waren sie zerschlissen
+und verblichen. Die Kupferstiche und Photographien
+hingen in gro&szlig;en Rahmen, die nicht dicht
+schlossen, so da&szlig; Staub und teilweise Feuchtigkeit das
+Papier verdorben hatten. Nur das Kinderspielzeug und
+der Fl&uuml;gel hoben sich von dem andern ab; der Fl&uuml;gel
+schien ganz neu zu sein und stammte von der besten
+Pariser Firma &mdash; augenscheinlich ein Konzertfl&uuml;gel. "Die
+gn&auml;dige Frau spielt so gut &mdash; habe ich geh&ouml;rt?" &mdash; "Ja."
+&mdash; Kallem wu&szlig;te, da&szlig; sie sich von Kind auf f&uuml;r die
+Musik ausgebildet hatte, und &mdash; um etwas zu sagen &mdash;
+griff er dies Thema auf. "Sie hat auf dem Konservatorium
+in Berlin studiert, nicht wahr?" &mdash; "Ja!" &mdash;
+Im Zimmer rechts, das an das Eckzimmer stie&szlig;, wurden
+St&uuml;hle ger&uuml;ckt. Kallem griff dies Thema auf. &mdash; "Ich
+bekomme im Eckzimmer einen Nachbarn, wie ich
+h&ouml;re?" &mdash; "Ja." &mdash; "Ein Verwandter von Ihnen?" &mdash;
+"Ja, eine Tante." &mdash; Wieder wandte S&ouml;ren Kule den
+Kopf nach links und rief gleichg&uuml;ltig: "Ragni!" Niemand
+antwortete, niemand kam. "Mir war, als h&ouml;rte
+ich drau&szlig;en jemand gehen", sagte er, wie um sich zu
+entschuldigen, da&szlig; er gerufen hatte. Kallem stand auf
+und verabschiedete sich.</p>
+
+<p>Einige Tage sp&auml;ter gab er Rendalen eine humoristische
+Schilderung dieses Besuchs. Rendalen lachte. Er
+selber sei nur selten dort gewesen; aber er habe viel
+geh&ouml;rt von "S&ouml;ren Kule". Er versicherte, seinetwegen
+m&ouml;ge den Kerl der Teufel holen &mdash; er habe nicht die
+geringste Lust, &uuml;ber ihn zu sprechen. Und er setzte
+sich ans Klavier und spielte.</p>
+
+<p>Wieder einige Tage sp&auml;ter &mdash; wem begegnete Kallem
+drau&szlig;en im Korridor? Wem anders, als seinem zuk&uuml;nftigen
+Schwager, Herrn Ole Tuft &mdash; Kandidaten der
+Theologie und zurzeit in Kristiania, um sein Schlu&szlig;<a class="page" name="Page_87" id ="Page_87" title="87"></a>examen
+zu machen. Gro&szlig;e Wiedersehensszene! Der eine
+hatte keine Ahnung von Kallems Umzug, der andere
+keine, da&szlig; Ole Tuft im Hause verkehre. Kallem lud
+ihn ein, mit ihm auf sein Zimmer zu kommen und
+erfuhr nun, da&szlig; Ole heute zum erstenmal hier war.
+Er verkehrte bei der Tante der Wirtsleute, die gestern
+hier eingezogen war. Edvard Kallem wu&szlig;te jetzt gleich,
+zu welcher Art Menschen sie geh&ouml;re, und lie&szlig; das
+Thema augenblicklich fallen. Er fragte, ob Ole den
+S&ouml;ren Kule kenne. Nein, nur durch die Tante. Die
+ganze Familie stamme aus Nordland. Wer eigentlich
+dieser S&ouml;ren Kule sei? Ein wohlhabender Fischh&auml;ndler,
+der blind und lahm geworden sei; er habe
+sein Gesch&auml;ft verkaufen m&uuml;ssen und dies Haus in Kristiania
+erstanden; davon und von seinen Zinsen lebe er.
+Sie h&auml;tten Verwandte in der Stadt und seien erst im
+Oktober hergekommen. &mdash; Ob Ole Tuft wisse, was die
+Ursache seiner Blindheit und Gel&auml;hmtheit sei? &mdash; Nein.
+&mdash; Kallem erkl&auml;rte, wie dar&uuml;ber eigentlich kein Zweifel
+sein k&ouml;nne. Ole Tuft war ganz entsetzt! "Wie darf
+er's dann wagen, zu heiraten! Und dazu zweimal!" &mdash;
+"Er ist zum zweitenmal verheiratet?" &mdash; "Ja! Seit etwa
+einem halben Jahr &mdash; oder auch vielleicht einem Jahr. &mdash;
+Mit der Schwester seiner verstorbenen Frau." &mdash; "So
+stammen die Kinder aus seiner ersten Ehe?" &mdash; "Ja.
+Sie selber ist ja noch ein Kind. Denk doch &mdash; achtzehn
+Jahre! Und bald ein Jahr verheiratet!" &mdash; "War
+er schon so, wie er sich zum zweitenmal verheiratete?" &mdash;
+"Nein, das glaub' ich doch nicht. Kr&auml;nklich, ja &mdash; aber
+nicht so. Die wenigsten werden es ja begreifen k&ouml;nnen."
+&mdash; "Hast Du sie gesehen?" &mdash; "Nein. Aber sie soll ein
+'feines' kleines Gesch&ouml;pf sein, sagt die Tante, und musikalisch.
+Sie hat schon &ouml;ffentlich gespielt." &mdash; "In Nordland
+wahrscheinlich?" &mdash; "Sie sollen ungeheuer kritisch
+sein da oben." &mdash; Er kam wieder auf die Ehe zur&uuml;ck.
+"Vielleicht haben die Eltern sie zustande gebracht &mdash;
+der Kinder wegen." &mdash; "Also Pfarrersleute?" &mdash; h&auml;tte
+Kallem fast gesagt; aber er besann sich beizeiten.<a class="page" name="Page_88" id ="Page_88" title="88"></a>
+"W&auml;hlerisch ist sie jedenfalls nicht &mdash; bei Gott!" &mdash;
+sagte er statt dessen. Sie sprachen dann noch ein bi&szlig;chen
+&uuml;ber gleichg&uuml;ltige Dinge. Die Schwester wurde
+nicht erw&auml;hnt. Eine Weile sp&auml;ter ging Ole zur Tante
+hinein, die er hatte besuchen wollen. Kallem war diesen
+Vormittag zuf&auml;llig daheim und h&ouml;rte die Frau des
+Hauses spielen. Erst Tonleitern, nichts als Tonleitern;
+dann aber ein St&uuml;ck, so meisterhaft vorgetragen, da&szlig; er
+einen Spalt seiner T&uuml;r &ouml;ffnete, um besser zu h&ouml;ren.
+Sie spielte vor allem so gesangvoll! Wie in aller Welt
+konnte ein Weib, so jung, von diesem Kunstverstand
+und dieser Lyrik, solch einen verfaulten Fleischklumpen
+heiraten? Es war ein R&auml;tsel. Er ging damit zu Rendalen;
+aber Rendalen wu&szlig;te gar nichts. Immerhin war er just
+bei guter Laune und &auml;u&szlig;erte sich voller Begeisterung
+&uuml;ber ihr Spiel; wenig K&uuml;hnheit war darin, aber ein
+Gesang, ein erotischer Farbenreiz, die ihresgleichen
+suchten. Er spielte ein russisches St&uuml;ck &mdash; wie sie &mdash;
+oder doch &mdash; wie er hinzuf&uuml;gte &mdash; so ungef&auml;hr; er spielte
+es ausgezeichnet. Kallem wollte wissen, wie sie aussehe.
+"Dumm sieht sie aus!" schrie Rendalen. "Einfach
+dumm! Die Stirn k&ouml;nnte ihre Rettung sein; aber da
+zerrt sie die Haare dar&uuml;ber. Auch die Augen k&ouml;nnten
+sie retten. Aber mein Lebtag hab' ich noch kein Wesen
+gesehen, das so bl&ouml;dsinnig sch&uuml;chtern gewesen w&auml;re mit
+seinen Augen!" &mdash; "<em class="gesperrt">Hat</em> sie denn Augen?" &mdash; "Herrgott!
+Und was f&uuml;r vielt&ouml;nige! Die meisten singen glatt
+unisono &mdash; wenn's hoch kommt zweistimmig! Aber
+manche &mdash; ganz wenige &mdash; singen strahlende Akkorde!
+Wenn sie beim Spiel aufblickt, dann f&uuml;hlst Du's. Aber
+f&uuml;r gew&ouml;hnlich kleben sie an den Tischbeinen oder
+bohren L&ouml;cher in die Ecken &mdash; oder z&uuml;nden das Feuer
+im Ofen an. Manchmal fahren sie ein St&uuml;ck an der
+Wand hinauf, wie eine Ratte, die keinen Ausweg findet."
+Er war ganz belustigt &uuml;ber seine eigenen Bilder und
+setzte sich an's Klavier, um einen raschen Tanz zu
+spielen. &mdash; "Ist das nun nicht des Teufels, da&szlig; solch
+ein musikalisches Gesch&ouml;pf &mdash; ach was! Blo&szlig; nicht<a class="page" name="Page_89" id ="Page_89" title="89"></a>
+sentimental werden, Alter!" Er wollte in's Theater,
+und Kallem mu&szlig;te mit.</p>
+
+<p>Acht Tage waren vergangen, und noch hatte Kallem
+sie nicht gesehen, wie sehr er sich auch bem&uuml;hte hatte.
+Dann machte er einen Familienball mit, &mdash; der Sohn
+des Hauses war sein Studienfreund &mdash; und bei einer
+Kotillontour kam der Freund mit zwei Damen und fragte,
+was er w&auml;hlen wolle &mdash; "Nu&szlig;kern" &mdash; oder "Heckenr&ouml;schen"?
+Besonders geistvoll war es ja nicht; aber Edvard
+w&auml;hlte die "Heckenrose". Die Heckenrose hatte eine
+Musikerstirn und reizende, gew&ouml;lbte Augenbrauen; im
+&uuml;brigen war sie schweigsam und unbedeutend. Ziemlich
+gro&szlig;, abfallende Schultern, sch&ouml;ne Arme, nicht voll,
+aber wohlgeformt; gerade eigentlich wie der ganze
+Mensch. Sie tanzte gut; aber es hatte den Anschein,
+als m&ouml;chte sie so rasch wie m&ouml;glich von ihm loskommen;
+und wie er sie an ihren Platz zur&uuml;ckf&uuml;hrte, hatte sie
+ihn kaum angesehen. Er war h&ouml;chst erstaunt, als sie
+ihn bei der n&auml;chsten Tour holte. Vielleicht kannte sie
+nicht viele Menschen, und ihre Bekannten waren gerade
+nicht frei. Sie sah sich scheu um, kam dann mit kleinen,
+zaghaften Schritten auf ihn zu und verbeugte sich, ohne
+jedoch aufzublicken. Es schien fast, als f&uuml;rchte sie sich,
+und darum wollte er ganz besonders freundlich zu ihr
+sein und setzte sich neben sie. Aber als sie auf alles,
+was er auch sagen mochte, nur mit "Ja" oder "Nein"
+oder "Vielleicht" antwortete, wurde das einem so gefeierten
+Kavalier doch zu viel; er stand auf und verlie&szlig;
+sie. Kurz darauf hatte er wieder die Wahl zwischen
+dem "Nu&szlig;kern", den er vorhin verschm&auml;ht hatte, und
+einem "Bonbon", und jetzt nahm er den "Nu&szlig;kern".
+Die gefiel ihm besser; ein rundliches, bewegliches Ding,
+das eine Mischung von nordl&auml;ndischem und Bergener
+Dialekt sprach. Sie erz&auml;hlte ihm, ihr Vater stamme aus
+Bergen und sei jetzt Pastor in Nordland. Sie sei hier
+bei ihrer Schwester zu Besuch und mache viele B&auml;lle
+mit; sie h&auml;tten so viele Verwandte in der Stadt. Alles
+das singend &mdash; echt nordl&auml;ndisch. Leider m&uuml;sse sie bald<a class="page" name="Page_90" id ="Page_90" title="90"></a>
+wieder nach Hause; sie bangten sich so nach ihr daheim,
+und die alten Leute m&ouml;chten nicht gern allein
+sein. Kallem war nat&uuml;rlich der galante Mann und tat,
+als interessiere ihn das alles sehr; sie waren bald dicke
+Freunde. Sie plapperte wie ein M&uuml;hlrad; sie sei hierhergekommen,
+um ihrer Schwester beim Umzug zu
+helfen. Die Schwester sei so unpraktisch &mdash; ganz im
+Gegensatz zu <em class="gesperrt">ihr</em>; sie k&ouml;nne &uuml;berhaupt nichts als Klavierspielen.
+Von kindauf habe sie gespielt, und sie sei
+zwei Jahre in Berlin gewesen. Jetzt begann Kallem die
+Ohren zu spitzen. Und wirklich &mdash; die Schwester war
+seine T&auml;nzerin von vorhin, die er so langweilig gefunden
+hatte &mdash; seine Hauswirtin, Frau Ragni Kule.
+Der "Nu&szlig;kern" war &uuml;brigens gar nicht ihre Schwester;
+sie waren Stiefschwestern. Und der "Nu&szlig;kern" war auch
+nicht, wie er glaubte, die &auml;ltere; im Gegenteil &mdash; die
+Schwester war bald neunzehn und <em class="gesperrt">sie</em> knapp siebzehn.</p>
+
+<p>Sofort engagierte er Frau Kule und sagte ihr ganz
+erstaunt, sie sei ja seine Wirtin? Ob sie das wisse? Ob
+sie ihn darum vorhin geholt habe? Sie sah aus, als
+f&uuml;hle sie sich auf einer S&uuml;nde ertappt und wu&szlig;te nichts
+zu ihrer Entschuldigung vorzubringen. "Aber warum
+haben Sie mir denn das nicht gesagt?" fragte er eifrig
+und eindringlich. &Uuml;ber diese neue S&uuml;nde &mdash; da&szlig; sie
+es verschwiegen hatte &mdash; wurde sie noch viel zerknirschter;
+sie wu&szlig;te keine Silbe zu erwidern. Da sagte er &mdash; &uuml;berm&uuml;tig
+und ungeduldig: "Das Sprechen f&auml;llt Ihnen
+wohl schwer, gn&auml;dige Frau?" Sie wurde sehr bla&szlig;. In
+ihr Gesicht trat zu dem Schrecken etwas herzzerrei&szlig;end
+Ungl&uuml;ckliches. Seine ganze Ungezogenheit kam nat&uuml;rlich
+daher, da&szlig; er von vornherein wegwerfend von
+einem Gesch&ouml;pf dachte, das sich dazu hergegeben hatte,
+solch einen Klumpen verdorbenen Fleisches zu heiraten.
+Aber ihre blasse Hilflosigkeit erweckte so unmittelbar
+sein Mitgef&uuml;hl, da&szlig; er rasch hinzuf&uuml;gte: "Ich wei&szlig; ja,
+Sie verf&uuml;gen &uuml;ber eine Sprache, die Ihnen leichter f&auml;llt,
+als den meisten andern." Und nun ging er ganz nat&uuml;rlich
+auf ihre Musik &uuml;ber, f&uuml;hrte sie zu einem Platz,<a class="page" name="Page_91" id ="Page_91" title="91"></a>
+erz&auml;hlte, er habe sie spielen h&ouml;ren, und erw&auml;hnte
+Rendalens kompetentes Urteil. Dann lenkte er die
+Unterhaltung auf allerhand ber&uuml;hmte Virtuosen, die er
+selber geh&ouml;rt hatte und fesselte sie auf diese Art; denn
+auch sie hatte viele von ihnen geh&ouml;rt. Nach und nach
+fa&szlig;te sie soviel Zutrauen, da&szlig; sie nach Rendalen zu
+fragen wagte; sie habe ihn nicht wiedergesehen, seitdem
+er ausgezogen sei. &mdash; Es gehe ihm recht gut. &mdash;
+Und nun schilderte er Rendalens Eigenheiten so, da&szlig;
+sie lachen mu&szlig;te. Sie sah nicht dumm aus, wenn sie
+lachte; ganz und gar nicht. Einen Augenblick konnte
+dann auch das "Vielstrahlige" in ihre Augen kommen.
+"Weshalb ist Herr Rendalen ausgezogen?" fragte sie.
+Es klang ebenfalls ein bi&szlig;chen singend nordl&auml;ndisch;
+aber weniger als bei der Schwester. Die Stimme war
+in all dem L&auml;rm ziemlich schwach, aber sehr s&uuml;&szlig;. Er
+antwortete mit einer Gegenfrage. Nein; sie wisse
+nichts; und dabei sah sie ihn an. Waren das Augen!
+"Ob es wegen des Zimmers war?" &mdash; "Des Zimmers?"
+fragte er zur&uuml;ck. &mdash; "Ja &mdash; da&szlig; er vielleicht geh&ouml;rt hat,
+die Tante m&ouml;chte es gern &mdash; die Tante meines Mannes!"
+berichtigte sie und war schon wieder ganz verlegen.
+&mdash; Ob sie ihm denn gek&uuml;ndigt h&auml;tten? &mdash; Keineswegs!
+&mdash; "Na, dann konnte er sich doch auch nicht
+gekr&auml;nkt f&uuml;hlen!" &mdash; Nein, das meinte sie auch. Aber
+Rendalen sei nicht einmal gekommen, um sich zu verabschieden.
+Die Verlegenheit verlie&szlig; sie nie ganz; sie
+stand ihr gut, wie ein Schleier bisweilen kleiden kann.
+"Waren Sie oft mit seiner Mutter zusammen?" &mdash; "Ja!"
+sagte sie und l&auml;chelte. &mdash; "Weshalb l&auml;cheln Sie?" &mdash;
+"Ach &mdash; es ist vielleicht nicht ganz recht &mdash; aber sie
+war wie ein Mann." &mdash; Kaum hatte sie das gesagt, so
+wurde sie verlegen und wollte es zur&uuml;cknehmen; sie
+habe blo&szlig; gemeint, Frau Rendalen sei so t&uuml;chtig.
+Kallem hielt sie aber dabei fest und trieb Ulk damit;
+sie mu&szlig;te wieder lachen, und wie gesagt, wenn sie lachte,
+war sie s&uuml;&szlig;. "Aber Sie k&ouml;nnen ja sprechen?" Sie
+sah ihn verstohlen an; machte er sich lustig &uuml;ber sie?<a class="page" name="Page_92" id ="Page_92" title="92"></a>
+Dann erinnerte er sich, da&szlig; Rendalen ihr gesagt hatte,
+sie solle die Stirn frei tragen; und heute abend trug sie
+die Stirn frei. Schau', schau'!</p>
+
+<p>Wie sch&ouml;n sie tats&auml;chlich war! Da&szlig; er das nicht gleich
+gesehen hatte! Da&szlig; andere es nicht sahen und davon
+sprachen! Das Gesicht freilich kindlich, unentwickelt,
+und die schlanke Figur ein bi&szlig;chen schm&auml;chtig. Ihre
+Stirn war entz&uuml;ckend; die Brauen waren fein gebogen,
+aber hell und nicht stark. Die Augen bekam man auch
+jetzt nur schwer zu sehen; aber er wu&szlig;te nun, da&szlig; sie
+in ihrer graublauen Scheuheit treuherzig und da&szlig; sie
+reich waren. Weich und unbestimmt waren Wange, Kinn
+und Mund; &mdash; der Mund stand ein bi&szlig;chen offen; er
+war klein, und wirkte dadurch ganz besonders "s&uuml;&szlig;".
+Die Nase war unbedeutend, und auch etwas schief. Das
+Haar nicht stark, jedoch mit einem r&ouml;tlichen Schimmer
+&uuml;ber dem Blond. Aber die Hautfarbe! Vom reinsten
+zartesten Wei&szlig;. &mdash; Man konnte den Blick nicht mehr
+davon wenden, wenn man es einmal entdeckt hatte!
+Man sah es freilich nicht gleich, wenn die Farbe des
+Kleides sie nicht hob und die Beleuchtung schlecht war.
+Sie trug keinen Schmuck, nicht einmal ein Armband.
+Die Handgelenke lie&szlig;en eine lange, schmale Hand ahnen,
+die er gern gesehen h&auml;tte. "Sie lieben also die Musik
+&uuml;ber alles?" &mdash; "Ja," erwiderte sie; "es ist ja das einzige,
+was ich kann!" Sie blickte vor sich nieder. Er
+&uuml;berlegte, ob er eigentlich nichts fragen k&ouml;nne, was sie
+nicht als Schande empfinden konnte. Aber vor allem
+mu&szlig;te er sich selber in acht nehmen; war er nicht
+auf dem besten Weg, sich zu verlieben? Leider m&uuml;sse
+er jetzt weiter, um mit andern zu tanzen und sich zu
+unterhalten. Sobald er sie verlassen hatte, war ihm, als
+finde er sie nicht wieder; aus der Entfernung wurde
+sie gewisserma&szlig;en unsichtbar. Sobald es der Anstand
+erlaubte, war er wieder bei ihr. Sie hatte augenscheinlich
+nichts dagegen. Diesmal war sie ein bi&szlig;chen zutraulicher,
+ja, sie sah ihn sogar ein paarmal an und
+l&auml;chelte ihm gerade in die Augen. Ei, ei! Das war<a class="page" name="Page_93" id ="Page_93" title="93"></a>
+mehr, als Rendalen erreicht hatte! Seine Verliebtheit
+hatte begonnen durch ihre Verlegenheit und wuchs
+durch ihre Zutraulichkeit. Er fragte, ob er die Damen
+nach Hause begleiten d&uuml;rfe. Er habe doch ein gr&ouml;&szlig;eres
+Anrecht darauf als andere, weil sie seine Wirtin sei.
+Das wurde sofort angenommen; sie &uuml;berlegte gar nicht.
+Allerdings, sagte sie, ihr Neffe, der vorhin Kallem zwischen
+"Nu&szlig;kern" und "Heckenrose" hatte w&auml;hlen lassen,
+w&uuml;rde sie begleiten; aber sie k&ouml;nnten ja beide mitkommen.
+&mdash; "Nat&uuml;rlich!" sagte er munter; heimlich
+dachte er: "der Neffe" kann dann den "Nu&szlig;kern"
+nehmen!</p>
+
+<p>Eine feuchte Nacht mit leisem Schneefall. Die Schneesterne
+sanken vereinzelt und bed&auml;chtig, als w&auml;hle jeder
+sich seinen Platz und habe jeder sein Gesch&auml;ft. Kein
+Windhauch mischte sich darein. Die beiden Damen erschienen,
+wohl eingemummt, mit Finnen-Schuhen<a name="FNanchor_1_1" id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> an
+den F&uuml;&szlig;en. Drinnen waren Musik und Tanz noch in
+vollem Gang; im Vorsaal und auf der Treppe klang
+helles, junges Lachen und von drau&szlig;en das Schellengel&auml;ut
+der zum Abholen bestellten Schlitten. Der "Neffe"
+konnte so fr&uuml;h nicht fort, da er Wirt war; aber er schaffte
+einen Stellvertreter herbei, der auch sofort seine Dame
+unter den Arm nahm und in gro&szlig;en S&auml;tzen mit ihr
+den H&uuml;gel hinabjagte. Als jedoch Kallem es mit der
+seinen ebenso machen wollte, wurde sie &auml;ngstlich, klammerte
+sich fest an ihn, w&auml;hrend sie mitrennen mu&szlig;te,
+rannte atemlos und bat, er m&ouml;ge das doch lassen. Sie
+benahm sich, als wenn sie nicht gut s&auml;he. Er blieb
+stehen und fragte, ob das der Fall sei. Nein, aber sie
+habe eine Todesangst, sie k&ouml;nne fallen. "Sie sind wohl
+&uuml;berhaupt sehr &auml;ngstlicher Natur, wie?" &mdash; "Ja, das bin
+ich", sagte sie treuherzig. S&uuml;&szlig; war sie ja; aber im
+Grunde doch eine rechte Zimperliese. Sie gingen nun
+ein St&uuml;ck weit, ohne zu sprechen; die beiden andern
+waren nicht zu sehen. Bah, dachte er, es ist nicht der<a class="page" name="Page_94" id ="Page_94" title="94"></a>
+M&uuml;he wert, sich dar&uuml;ber zu &auml;rgern; sie wird eben nicht
+anders k&ouml;nnen. "Es ist noch nicht einmal ein Uhr",
+sagte er. &mdash; "Nein, aber das j&uuml;ngere von den Kindern
+ist nicht wohl; das M&auml;dchen wacht bei ihm, und die
+mu&szlig; morgen wieder fr&uuml;h heraus." Der nordl&auml;ndische
+Singsang ihrer Stimme versetzte ihn ans Meer. "Ich
+vermisse jetzt im Winter das offene Meer so", sagte er.
+"Hier ist nichts als Eis. Es wird wohl allen Westl&auml;ndern
+so gehen!" Sie antwortete, in Berlin habe sie oft, besonders
+beim Spielen, das Meer geradezu geh&ouml;rt. "Aber
+ist es nicht wunderbar, da&szlig; das Meer einen immer frisch
+macht, wenn man in seiner N&auml;he ist, und schwerm&uuml;tig,
+wenn man daran denkt?" &mdash; &mdash; Ein paar Schlitten kamen
+rasch von oben herunter; die beiden mu&szlig;ten ausweichen,
+und sie zog ihn mit sich bis an den &auml;u&szlig;ersten Rand des
+Wegs, w&auml;hrend es vor&uuml;bersauste, drei Schlitten hintereinander,
+in rasendem Tempo.</p>
+
+<p>Sie gingen weiter und lauschten dem Schellengel&auml;ut,
+bis es sich verlor; wieder trat die Stille ein, deren die
+Schneeflocken bedurften, um sich bemerkbar zu machen.</p>
+
+<p>"Man sollte eigentlich nicht reden, wenn Schnee
+f&auml;llt", sagte sie.</p>
+
+<p>Jetzt warteten die beiden andern auf sie, und das
+Gespr&auml;ch ging eine Zeitlang zwischen dem "Nu&szlig;kern"
+und den Herren hin und her, bis wieder ein H&uuml;gel kam,
+den das erste Paar im Sturm nahm. Die andern sahen
+sie nur noch durch den Schneeschleier, ohne sie zu h&ouml;ren.
+Aber sobald die Stra&szlig;e dichter bebaut war und der Verkehr
+lebhafter wurde, schlossen sich die Paare wieder
+zusammen, und damit war auch der angenehmere Teil
+der Wanderung zu Ende.</p>
+
+<p>Hinterher verwuchsen die Eindr&uuml;cke mit dem Naturbild:
+sie &mdash; mitten unter den Schneesternen &mdash; das
+Wei&szlig;este, Feinste, was er je gesehen hatte. Was sie vom
+Meer und vom Schneefall gesagt hatte, war voll musikalischer
+Phantasie; zuletzt schwebte die ganze Gestalt
+in weicher Unbestimmtheit. Allm&auml;hlich, w&auml;hrend alle
+diese Eindrucksperlen vom Grunde seiner Seele auf<a class="page" name="Page_95" id ="Page_95" title="95"></a>stiegen,
+gerieten seine Sinne in wirren Liebestaumel.
+Sie war in diesen Zimmern; so oft eine T&uuml;r zum Vorsaal
+sich &ouml;ffnete, gab es einen Widerhall in ihm; ging
+ein leichter Schritt &uuml;ber den Gang, so war sie es; er
+hatte fast ein Gef&uuml;hl, als ginge es &uuml;ber ihn selber hinweg.
+Im Grunde f&uuml;rchtete er sich davor, ihr wieder zu begegnen;
+da schwand wohl alles wieder in nichts zusammen.
+Jetzt war das Bild so sch&ouml;n. Und wirklich,
+so geschah es auch ... Als er f&uuml;nf oder sechs Tage sp&auml;ter
+von der Universit&auml;t kam, begegnete er ihr und ihrer
+Schwester mit zwei kleinen Kindern. Es gingen viele
+Menschen auf dem Fu&szlig;steig zwischen ihnen, so da&szlig; er
+sie erst erkannte, als sie einander gegen&uuml;berstanden. Er
+gr&uuml;&szlig;te; der "Nu&szlig;kern" l&auml;chelte und gr&uuml;&szlig;te auch; aber
+die andere wurde rot und verga&szlig; zu gr&uuml;&szlig;en, und jetzt
+sah sie nichts weniger als talentvoll aus. Er hielt sie an,
+erkundigte sich, wie ihnen der Abend bekommen sei,
+und begann ein Gespr&auml;ch mit der Schwester. Die andere
+beugte sich &uuml;ber die Kinder, &mdash; zwei reizende kleine
+M&auml;dchen, angezogen wie Puppen, das eine drei, das
+andere etwa vier Jahre alt. Er lud die Gesellschaft in
+die Konditorei ein, was nach einigem Schwanken angenommen
+wurde. Aber die junge Frau blickte nicht
+mehr auf, und im Lokal konnte er sie kaum dazu bewegen,
+sich zu setzen. In ihrer Verlegenheit und vor
+lauter Unruhe begann sie an den Kindern herumzubasteln,
+bis die Kleinen ungeduldig wurden. Er bot
+ihnen Wein und Kuchen an, aber sie wu&szlig;te nicht, was
+sie nehmen sollte; zuletzt &uuml;berlie&szlig; sie die Wahl der
+Schwester. Ihr Gesicht war heute von einer M&uuml;tze
+mit Ohrenklappen eingerahmt, unter der die Stirn v&ouml;llig
+verschwand, wodurch das Gesicht rund und nichtssagend
+wurde. Ihre Figur steckte in Kleidern, die ihr alle zu
+weit waren &mdash; sp&auml;ter h&ouml;rte er, da&szlig; sie von ihrer verstorbenen
+Schwester sie geerbt habe. Erst als er selber
+sich mit den Kindern besch&auml;ftigte, wozu er &mdash; als gro&szlig;er
+Kinderfreund &mdash; ein auffallendes Geschick hatte, kamen
+sie sich wieder n&auml;her; noch dazu unten auf dem Fu&szlig;<a class="page" name="Page_96" id ="Page_96" title="96"></a>boden.
+Das Kleinste hatte sich mit dem Schlagsahnekuchen
+beschmiert, den die Frau in ihrer Ungeschicklichkeit
+f&uuml;r das Kind gew&auml;hlt hatte, und als sie es, jedes
+mit seinem Taschentuch, abwischten, zerflo&szlig; sie im dem&uuml;tigen
+Gef&uuml;hl ihres Vergehens und konnte nicht aufh&ouml;ren
+zu danken. Nun wollte die Kleine, die sich so
+wundervoll beschweint hatte, noch einen Kuchen von
+derselben Sorte, beileibe keinen andern, und Kallem
+war &mdash; obgleich er wu&szlig;te, da&szlig; allzuviel nicht gut
+war f&uuml;r das Kind &mdash; nat&uuml;rlich v&ouml;llig damit einverstanden.
+Aber er nahm es auf den Scho&szlig;, lie&szlig; sich
+eine Serviette geben und pa&szlig;te auf, bis der letzte Bissen
+verspeist war. Die junge Frau stand daneben und lie&szlig;
+sich voll Demut belehren. Jetzt wollte die Kleine noch
+einen dritten Kuchen, und auch damit war Kallem
+einverstanden. Die &Auml;ltere, die bis dahin geduldig zugesehen
+hatte, wie ihre Schwester a&szlig;, wagte nun auch
+zu bitten; da nahm er sie auf sein zweites Knie und
+f&uuml;tterte alle beide. Alle Teile am&uuml;sierten sich w&auml;hrend
+dieser wichtigen Handlung, sogar Frau Ragni fand den
+Mut, zu lachen. Und wie gesagt, wenn sie lachte, war
+sie "s&uuml;&szlig;". Die Erwachsenen tranken noch ein Glas
+Wein. Auf dem Heimweg trug Kallem das kleinste
+M&auml;delchen auf dem Arm. Sie waren bald dicke Freunde,
+er und die Kleine; ihre Stiefmutter war auf den Wein
+hin mutiger geworden und sagte: "Ist sie nicht s&uuml;&szlig;,
+die kleine Juanita?" Sie reichte ihre Hand hinauf, und
+die Kleine patschte mit ihrem Fausthandschuh hinein;
+die junge Frau hielt ihn im Gehen eine Weile fest.</p>
+
+<p>Kallem trug das Kind die Treppe hinauf und vers&auml;umte
+nicht, ihm sein Zimmer zu zeigen und beide
+einzuladen, ihn am n&auml;chsten Vormittag zu besuchen.
+Es war ein Sonntag. Gleich nach Tisch kaufte er Apfelsinen,
+&Auml;pfel, Feigen und kandierte Fr&uuml;chte, um etwas
+zu haben, wenn sie k&auml;men.</p>
+
+<p>"Ist sie nicht s&uuml;&szlig;, die kleine Juanita?" &mdash; mit ihrem
+leisen nordl&auml;ndischen Tonfall! Er setzte es in Musik
+und summte es vor sich hin, so oft er an sie dachte.<a class="page" name="Page_97" id ="Page_97" title="97"></a>
+Dann h&ouml;rte er die Stimme, sah die Augen, wie sie zu
+dem Kind aufblickte, die ausgestreckte Hand. "Ist sie
+nicht s&uuml;&szlig;, die kleine Juanita?" wurde eine Lieblingsstrophe,
+die er auch Rendalen lehrte; sie begr&uuml;&szlig;ten
+sich damit abends beim Turnen. Aber da&szlig; sie verlegen
+geworden war, als sie ihn wiedersah &mdash; vielleicht, weil
+es heller Tag war &mdash;, das behielt Kallem f&uuml;r sich. Er
+erz&auml;hlte, wie putzig sie gewesen war in ihren zu gro&szlig;en
+Kleidern, die aussahen, als seien sie f&uuml;r einen Backfisch
+gemacht, der noch w&auml;chst. Aber da&szlig; sie in der Konditorei
+unruhig geworden war, als er sie ansah, davon
+sagte er keinen Ton.</p>
+
+<p>Die Kinder waren oft bei ihm. Er schenkte ihnen
+Apfelsinen und s&uuml;&szlig;e Fr&uuml;chte, lief vor ihnen auf den
+H&auml;nden und sprang &uuml;ber die St&uuml;hle, und sie waren
+unb&auml;ndig vergn&uuml;gt! Blo&szlig; das M&auml;dchen verdarb ihm
+allen Spa&szlig;; er las in ihrem L&auml;cheln nur zu deutlich:
+"Du bist ein Schelm! Du tust ja doch alles nur der
+Mutter wegen!"</p>
+
+<p>Er war feig genug, ihr zu sagen, die Kinder d&uuml;rften
+jetzt eine Zeitlang nicht mehr kommen. Es schnitt ihm
+ins Herz, als er am n&auml;chsten Abend h&ouml;rte, wie die
+&Auml;ltere die T&uuml;r aufmachte und schon auf dem Korridor
+war, um zu ihm her&uuml;berzulaufen, und dann zu weinen
+anfing, als man sie zur&uuml;ckholte. Er klingelte nach dem
+M&auml;dchen und befahl ihr, den Kindern den Rest von
+dem, was er f&uuml;r sie gekauft hatte, zu bringen. Sie nahm
+es. "Das ist aber zu viel!" sagte sie und sah ihn verschmitzt
+l&auml;chelnd an; pr&uuml;geln h&auml;tte er sie k&ouml;nnen. Aber
+dann dachte er: "Zum Kuckuck auch, wenn sie doch
+Verdacht hat bei allem, was ich tue, dann k&ouml;nnen auch
+die Kinder wiederkommen!" Und am n&auml;chsten Abend
+holte er sie selber aus der K&uuml;che zu sich herein.</p>
+
+<p>Eines Tags begegnete er der Schwester, die eben ausgehen
+wollte. Sie gr&uuml;&szlig;te fr&ouml;hlich und sagte: "Gut bekommen
+neulich?" "Denken Sie nur," f&uuml;gte sie hinzu,
+"in ein paar Tagen reise ich nach Hause." Er meinte,
+da geh&ouml;re es sich doch, da&szlig; sie Abschied feierten, etwa<a class="page" name="Page_98" id ="Page_98" title="98"></a>
+in der Konditorei. Das fand sie auch, und sie verabredeten,
+sie wollten sich am n&auml;chsten Tag treffen, ganz
+wie neulich, auch die Kinder mit dabei, und alles sollte
+wiederholt werden. So geschah es auch. Frau Ragni
+war nicht ganz so verlegen wie das letzte Mal, er noch
+munterer, die Kinder ausgelassen. Die ganze Tollheit
+des Verliebten war &uuml;ber ihm, als sie voll Fr&ouml;hlichkeit
+nach Hause zur&uuml;ckkehrten. Er tanzte, Juanita auf dem
+Kopf, voraus und lehrte die Schwestern singen: "Ist
+sie nicht s&uuml;&szlig;, die kleine Juanita?"</p>
+
+<p>Als die Schwester abreiste, kam er auf den Bahnhof.
+Eine Menge Verwandte und andere Menschen waren da,
+um Abschied zu nehmen. Beide Schwestern waren tief ungl&uuml;cklich,
+am ungl&uuml;cklichsten wohl die zur&uuml;ckbleibende.
+Sie weinte unaufh&ouml;rlich, auch nachdem der Zug schon
+fort war. Einen Augenblick dachte er daran, sich zur&uuml;ckzuziehen
+und sie mit den Verwandten allein zu lassen;
+aber sie sagte: "Ach bitte, gehen Sie nicht!" Dabei
+wollte sie eigentlich gar nichts von ihm; sie ging neben
+ihm her wie neben den andern und weinte den ganzen
+Weg &uuml;ber; auch als die andern gegangen waren, und er
+und sie vor der Haust&uuml;r standen, wu&szlig;te sie nichts zu
+sagen, sondern ging ohne weiteres hinauf. Auf der Treppe
+fragte er, ob sie und die Kinder nicht ein bi&szlig;chen mit
+ihm spazieren fahren wollten; das w&uuml;rde sie zerstreuen.
+Sie sch&uuml;ttelte nur den Kopf. "Aber morgen vielleicht?"
+fragte er ehrerbietig, w&auml;hrend er ihr die T&uuml;r &ouml;ffnete.
+Sie ging hinein, kam jedoch wieder zur&uuml;ck. "Danke,
+morgen vielleicht!" sagte sie, gab ihm die Hand und sah
+ihn mit ihren guten, tr&auml;nenvollen Augen an.</p>
+
+<p>Aus diesem tiefen Schmerz glaubte er schlie&szlig;en zu
+k&ouml;nnen, da&szlig; sie sich verlassen f&uuml;hlte. Im Alltagsleben
+vielleicht nicht; denn da f&uuml;llte sie die Zeit mit ihrer
+Phantasie aus; wenn aber etwas geschah, das sie aus dem
+Traum herausri&szlig;, so wachte sie auf, blickte um sich und
+fand sich einsam.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Tag sa&szlig; sie mit den Kindern in einem
+Schlitten, den er selber fuhr. Nach der Fahrt ging er<a class="page" name="Page_99" id ="Page_99" title="99"></a>
+mit hinein zu Kule, der sich auf seine schwerf&auml;llige Art
+daf&uuml;r bedankte, da&szlig; er so freundlich gegen die Kinder
+sei. Kallem lie&szlig; sich alle ihre Spielsachen zeigen, und
+Kule bat seine Frau, etwas Musik zu machen. Die
+Kinder wurden hinausgeschickt; er selber sa&szlig; dabei und
+paffte aus einer langen Pfeife, die ihm seine Frau hatte
+stopfen sollen, was Kallem ihr jedoch abgenommen
+hatte. Heute sah Kallem auch zum erstenmal die K&ouml;chin,
+ein derbes, &auml;ltliches Mannsweib, deren nordl&auml;ndischer
+Singsang wie Vogelgeschrei &uuml;ber der Meeresbrandung
+klang. Sie war in der K&uuml;che und hatte zugleich Kule
+zu bedienen. Die Frau des Hauses widmete sich augenscheinlich
+nur ihren eigenen Angelegenheiten, d. h. den
+Kindern und ihrer Musik. Sie spielte in diesem Augenblick
+dasselbe russische St&uuml;ck, das Kallem von seinem
+Zimmer aus geh&ouml;rt hatte; vielleicht noch besser. Nicht,
+da&szlig; er besonders aufmerksam zugeh&ouml;rt h&auml;tte; er sah
+nur sie selbst an. Die obere Partie des Gesichts, das
+jetzt &uuml;ber Notenblatt und Tasten leuchtete, war eine
+ganz andere, als die, die er kannte. Das war wohl,
+was Rendalen gesehen hatte. Welche Entwicklung m&uuml;&szlig;te
+sie erst durchmachen, damit auch die untere H&auml;lfte dazu
+stimmte! Vor einigen Tagen hatte er einen Brief von
+einem Vetter aus Madison in Wiskonsin erhalten, der
+zum Professor an der dortigen Universit&auml;t ernannt
+worden war; seine Frau, eine Norwegerin, studierte bei
+ihm. So etwas war n&ouml;tig, um diese matte Wange und
+dieses schlaffe Kinn, den willenlosen Mund mit der
+spr&ouml;den Haut auf den Lippen zu wecken und zu formen.
+Aber wie r&uuml;hrend war dabei diese ganze kindliche Unm&uuml;ndigkeit!
+Dicht daneben sah er die ungeheure Faust
+des Mannes auf der Stuhllehne &mdash; der ganze Kerl lag
+im Stuhl wie ein toter Flu&szlig;gott in Hosen! W&auml;hrend
+des Spiels &ouml;ffnete sich die T&uuml;r rechts, und herein trat
+ein drittes &uuml;berlebensgro&szlig;es Nordlandwesen, eine alte
+Dame mit wei&szlig;en Haaren, einem gro&szlig;en vollen Gesicht
+und einer Hornbrille. Das war die Tante. Sie
+war gr&ouml;&szlig;er als Kallem und entsprechend stark. Die<a class="page" name="Page_100" id ="Page_100" title="100"></a>
+junge Frau kreuzte zwischen ihnen wie eine Lustjacht
+zwischen schwerbefrachteten Ozeandampfern. Eben
+blickte sie zu Kallem hin wie zu einem Vertrauten.
+Sie hatte ihm freilich nichts anvertraut; aber ihre gemeinsame
+Jugend fand sich zusammen gegen all das,
+was so unbegreiflich schwerf&auml;llig und hinderlich war.
+Seine Liebe verlangte ungeduldig, sie frei zu machen;
+da&szlig; er es nicht konnte, lastete wie eine Schw&uuml;le in der
+ganzen Stube. Es qu&auml;lte ihn, dieses unfa&szlig;bare Verh&auml;ltnis.</p>
+
+<p>Der Eindruck, den er von dem Besuch mitnahm,
+st&ouml;rte ihn bei den Vorarbeiten zum Examen, die er
+bis zu diesem Tag regelm&auml;&szlig;ig betrieben hatte. Er entwarf
+die wildesten Pl&auml;ne, ja, er schrieb sogar an seinen
+Vetter in Amerika und fragte an, ob sie geneigt seien,
+eine junge Dame bei sich aufzunehmen. Er vertraute
+sich Rendalen an, der anf&auml;nglich voll Ingrimm dagegen
+protestierte, sich aber sp&auml;ter doch gewinnen lie&szlig;. Das
+Gef&uuml;hl ihrer Verantwortung sich selbst gegen&uuml;ber mu&szlig;te
+geweckt werden; sie mu&szlig;te die Gefahren eines fortgesetzten
+Zusammenlebens kennen lernen; vor allem
+mu&szlig;te sie fort, weit fort, damit sie geistige Freiheit zu
+ihrer Entwicklung habe. Kallem wurde kraft dieser
+selbst &uuml;bernommenen F&uuml;rsorge immer sicherer und seine
+Liebe immer m&auml;chtiger. Jede Begegnung mit ihr, wie
+kurz sie auch war, ja, nur ein Gru&szlig; auf der Stra&szlig;e oder
+im Korridor best&auml;rkte ihn in dem Gef&uuml;hl, da&szlig; sie ihm
+und keinem andern geh&ouml;re, und da&szlig; sie befreit werden
+m&uuml;sse!</p>
+
+<p>Und das alles, eh' er ein einziges Wort zu ihr selbst
+gesagt hatte.</p>
+
+<p>Er war schon oft verliebt gewesen, hatte sich schon
+oft hingegeben, auch ohne es zu sein. Aber dieses
+zarte und unvollkommene, dieses begabte und verlassene
+Wesen begehrte er zu retten und zu formen; das lag in
+seiner Natur, und darum gab er sich mit ganzer Seele
+hin. Sie ihrerseits verlor mit jeder Begegnung ein bi&szlig;chen
+von ihrer Scheu; es war, als verm&ouml;ge er sie zu<a class="page" name="Page_101" id ="Page_101" title="101"></a>
+tr&ouml;sten &uuml;ber die Abreise der Schwester, ja, wenn er sich
+nicht t&auml;uschte, so war er ihr mehr als ein Ersatz. Ein
+untr&uuml;gliches Zeichen hatte er jedenfalls. Er hatte ihr
+gesagt, da&szlig; er abends zu Hause bleibe, haupts&auml;chlich,
+um sie spielen zu h&ouml;ren, und da&szlig; er immer einen Spalt
+seiner T&uuml;r &ouml;ffne; und seitdem spielte sie jeden Abend,
+oft lange.</p>
+
+<p>Wenn er ihr mit den Kindern begegnete und sie mit
+in die Konditorei nahm, hatte er die gr&ouml;&szlig;te Lust, sich
+auszusprechen; aber ihr Wesen war nicht darnach. Besonders
+ihre Treuherzigkeit war im Wege; er durfte sie
+nicht erschrecken. Seine eigene Energie dr&auml;ngte zu einer
+L&ouml;sung; aber seine Liebe beugte sich vor ihrem Bed&uuml;rfnis
+nach poetischem Spiel, bei dem die Liebe nicht
+bei Namen genannt wurde, und doch alles zu ihrer
+Bilderschrift wurde. Das gab dem Verh&auml;ltnis eine S&uuml;&szlig;igkeit,
+der nichts, was er bisher kennen gelernt hatte,
+gleich kam.</p>
+
+<p>Einen Abend in der Woche nahm sie teil an einer
+Art Privatkonzert, oder wie man es nennen wollte, das
+bei Verwandten ihres Mannes stattfand, denselben Leuten,
+wo sie damals getanzt hatte. Dazu verschaffte
+sich Kallem durch seinen Studiengenossen, ihren Neffen,
+Zutritt. Nat&uuml;rlich blo&szlig;, um sie nach Hause begleiten
+zu k&ouml;nnen. Es war um die Zeit der Schneeschmelze,
+und die Stra&szlig;en waren voll Eis. Als er ihr sagte, da&szlig;
+er auch hink&auml;me, und bat, sie nach Hause bringen zu
+d&uuml;rfen, &mdash; wor&uuml;ber sie sehr erfreut war &mdash; nahm sie
+als selbstverst&auml;ndlich an, da&szlig; er im Schlitten oder Wagen
+kommen werde.</p>
+
+<p>Nach einem langen Abend mit zuviel Musik in zu
+engen R&auml;umen brachen sie endlich auf. Sie zog rasch
+ihren Mantel an und eilte mit ihm hinaus. Drau&szlig;en
+nahm er ihren Arm. "Das trifft sich gut," sagte er &mdash;
+"eben geht der Mond auf." Sie dachte, sie w&uuml;rden
+einen von den Schlitten nehmen, die da standen, oder
+den Wagen, der eben kam. Es war Glatteis gleich vor
+der Haust&uuml;r, und sie stie&szlig; einen kleinen Schrei aus,<a class="page" name="Page_102" id ="Page_102" title="102"></a>
+schritt aber tapfer aus. Inzwischen fuhr ein Schlitten
+nach dem andern davon und zuletzt auch der Wagen.
+"Fahren wir nicht?" fragte sie. Der Schelm lachte; er
+habe es sich gerade so h&uuml;bsch gedacht, zu gehen. Sie versuchte
+ihre Entt&auml;uschung zu verbergen; aber nach einigen
+verzweifelten Versuchen bat sie ganz r&uuml;hrend, sie wollten
+doch fahren. Ihm fiel ein, wie &auml;ngstlich sie das erste
+Mal gewesen war, und unter Gewissensbissen versicherte
+er, sie w&uuml;rden nur bis zum n&auml;chsten Halteplatz gehen,
+der nicht weit entfernt war. Der Weg war nicht so
+besonders glatt, aber absch&uuml;ssig; sie klammerte sich an
+seinen Arm, starrte geradeaus und stie&szlig; leise Schreie
+aus; etwas weiter wurde es schlimmer; die ganze Breite
+des Wegs war manchmal von Eis bedeckt, trotzdem
+auch hier einzelne sichere Stellen waren. Jetzt verlor
+er ein bi&szlig;chen den Mut, besonders, da er sie nicht dazu
+bewegen konnte, zu schlittern. Etwas so Furchtsames
+war ihm doch noch nie vorgekommen. Nat&uuml;rlich ging
+es nur Schritt f&uuml;r Schritt vorw&auml;rts, mit vielen langen
+Pausen.</p>
+
+<p>Die umliegenden G&auml;rten und Felder waren teils nackt,
+teils mit Schnee oder Eis bedeckt; dorthinaus wollte sie.
+Aber er zeigte ihr, da&szlig; bald ein Haus, bald ein geschlossener
+Garten den Weg versperrte; es war nicht
+wie auf dem Lande. Die Felder sahen zerrissen aus,
+ebenso der Himmel. Lange Wolkenherden zogen durch
+das schwarze Blau dort oben, genau wie das Eis zwischen
+den kahlen Stellen hier unten lag. Der Mond schien
+in rasender Hast hinter den Wolken herzujagen, sie einzuholen,
+durch sie hindurch und weiter zu fahren. Da
+droben mu&szlig;te ein Orkan toben; hier unten war es still.
+Kallem f&uuml;hlte sich ungl&uuml;cklich und unsicher seines Fehlgriffs
+wegen. Das unst&auml;te Licht &uuml;ber der Landschaft
+mit ihren zerrissenen Farben erh&ouml;hte diese Stimmung
+noch; ganz gewi&szlig; w&uuml;rde etwas Schlimmes geschehen.
+Und wie immer, wenn dieses Gef&uuml;hl &uuml;ber ihn kam,
+zog jene Schreckensnacht aus seiner Kindheit mit allen
+Konsequenzen an seiner Seele vor&uuml;ber. Sollte denn dies<a class="page" name="Page_103" id ="Page_103" title="103"></a>
+angstvolle Vorgef&uuml;hl eigener Fehlgriffe sein ganzes Leben
+verfolgen? Er spannte alle seine Sinne an: sie durfte nicht
+hinfallen. Ohne ihre Hasenherzigkeit w&auml;ren die H&uuml;gel
+eine einzige lustige Schlitterbahn gewesen; nun machte
+sie auch ihn &auml;ngstlich. Jede glatte Stelle wurde zu einer
+wirklichen Gefahr, und die Errettung aus der einen
+brachte nur eine neue Gefahr, in die sie gerieten. Sie
+sprachen nicht, sahen sich nicht an, beide &auml;ngstlich und
+ungeduldig. Minuten brauchten sie, wo Sekunden gen&uuml;gt
+h&auml;tten; der eine schob im Stillen die Schuld auf
+den andern, w&auml;hrend sie k&auml;mpften, als gelte es das Leben.
+Nur ein atemloses: "O Gott!" oder "Nehmen Sie sich
+ja in acht hier!" oder ein hoffnungsloses: "Nein, es
+geht ja nicht!" und ein "Versuchen Sie's noch einmal!
+Kommen Sie!" Zuletzt nicht einmal mehr das. Sie
+mochte jammern, verzweifeln, beinahe weinen &mdash; er
+antwortete nicht mehr. Und so sehr war sie von ihrer
+Angst erf&uuml;llt, da&szlig; sie den &Uuml;bergang nicht einmal merkte.</p>
+
+<p>Da sahen sie in der Ferne die Rettung, n&auml;mlich zu
+beiden Seiten hohe H&auml;user, die Schutz boten gegen die
+Sonne, so da&szlig; der Schnee nicht geschmolzen war.
+Dorthin galt es zu kommen, dort war auch ganz in der
+N&auml;he ein Schlittenhalteplatz. Endlich war es gegl&uuml;ckt.
+Sie blieb stehen, holte tief Atem und versuchte zu
+lachen; aber es ging nicht. "Wir wollen einen Augenblick
+stehen bleiben!" bat sie aufs neue tief aufatmend.
+Sie lie&szlig;en einander los; weiter unten h&ouml;rte man Schellengeklingel;
+beide lauschten. "Wenn nur nicht der letzte.
+Schlitten gerade wegf&auml;hrt!" sagte sie. "Es ist sp&auml;t."
+Sie nahm seinen Arm und sie gingen weiter. Ganz
+leicht war es auch hier nicht, der Schnee war festgetreten,
+aber auf dem Fu&szlig;weg war gestreut. Sie
+gingen jetzt schneller und allm&auml;hlich sicherer. "Gott sei
+Dank!" sagte sie erleichtert, als komme sie vom Eismeer
+zur&uuml;ck. Aber kaum hatte sie es gesagt, so lag sie auch
+schon am Boden. Sie waren an eine t&uuml;ckische Stelle
+geraten, wo ausgegossenes Wasser gefroren war und sich
+sp&auml;ter mit einer Reifschicht &uuml;berzogen hatte. Sie glitt<a class="page" name="Page_104" id ="Page_104" title="104"></a>
+aus und zwar gerade &uuml;ber einen seiner F&uuml;&szlig;e, so da&szlig;
+auch er ausglitt und fiel &mdash; der eine &uuml;ber den andern.
+Er machte seinem &uuml;bervollen Herzen in einem Fluch
+Luft und war sofort wieder auf den Beinen, um ihr
+zu helfen. Aber sie lag regungslos, mit geschlossenen
+Augen da.</p>
+
+<p>Es &uuml;berlief ihn eisig. Eine Gehirnersch&uuml;tterung? Er
+hob sie auf und legte sie &uuml;ber sein Knie, zog mit den
+Z&auml;hnen seinen rechten Handschuh aus und machte ihr
+den Kragen auf. Ihr Arm hing herunter, ihr Gesicht
+war totenbla&szlig;. Er &ouml;ffnete ihren Mantel, um ihr Luft
+zu schaffen. Jetzt r&uuml;hrte sie sich. "Ragni!" fl&uuml;sterte
+er. "Ragni!" und beugte sich tiefer auf sie herab,
+"s&uuml;&szlig;e, s&uuml;&szlig;e Ragni! Verzeih mir!" Sie schlug die Augen
+auf. "Verzeih mir, h&ouml;rst Du!" In ihren Wangen stieg
+die R&ouml;te auf, ihre Hand griff nach dem Mantel, der
+offen war; sie hatte es also gef&uuml;hlt, nur in der Bet&auml;ubung
+des Schreckens gelegen. Er konnte seine Freude
+nicht mehr z&uuml;geln, &mdash; er zog ihren Kopf zu sich empor
+und k&uuml;&szlig;te sie ein-, zwei-, dreimal. "O Du &mdash; wie ich
+Dich liebe!" fl&uuml;sterte er und k&uuml;&szlig;te sie wieder. Sie
+wollte sich aufrichten; er merkte es, stand sofort auf
+und zog sie mit empor. Aber sie konnte nicht allein
+stehen, sondern taumelte, so da&szlig; er sie an den Gartenzaun
+gerade vor dem Hause lehnen mu&szlig;te. Daran hielt
+sie sich und neigte sich dar&uuml;ber, als k&ouml;nne sie allein
+sich nicht tragen. Er lie&szlig; sie los, um zu sehen, ob sie
+sich aufrecht halten konnte; ja, es ging. "Ich laufe
+nach einem Wagen!" sagte er, und fort war er. Im
+Laufen fiel ihm ein, da&szlig; er das von Anfang an h&auml;tte
+tun k&ouml;nnen, dann h&auml;tte sich alles das vermeiden lassen.
+Ob noch ein Wagen zu haben war? Wenn nicht, so
+rannte er eben weiter. Wenn sie nur stehen konnte!
+Wenn nur niemand kam ... Er sprang, er glitschte, und
+als er einen Schlitten stehen sah, sprang er hinein und
+befahl dem Kutscher, draufloszufahren, was das Pferd
+nur laufen k&ouml;nne, ohne ihm zu sagen, wohin. Erst als
+dies erledigt war und der Schlitten davonsauste, kam<a class="page" name="Page_105" id ="Page_105" title="105"></a>
+ihm zum Bewu&szlig;tsein, was er gesagt und getan hatte,
+w&auml;hrend er sie in seinen Armen hielt. Es hatte wohl
+in ihm fortget&ouml;nt, aber jetzt erst brach es in voller
+Melodie hervor.</p>
+
+<p>"Fahren Sie zu! Dort steht sie, dort rechts! Wir
+sind gefallen, und sie hat sich wehgetan. Ja, dort!" Er
+sprang heraus und eilte zu ihr hin, w&auml;hrend der Kutscher
+umwendete und dicht heranfuhr. Sie lehnte noch immer
+am Zaun, aber jetzt halb mit dem R&uuml;cken und halb
+von der Seite. Den Mantel hatte sie wieder zugekn&ouml;pft
+und den Schleier herabgezogen. Als er kam, streckte
+sie die Hand aus, um sich zu st&uuml;tzen; er nahm sie,
+legte aber seinen andern Arm um ihren Leib, um sie
+vor sich herzuf&uuml;hren; er wollte nicht noch einmal riskieren,
+da&szlig; sie ihm ein Bein stelle. Es ging gut, er
+hob sie in den Schlitten, packte sie ein, bezahlte den
+Kutscher und nannte die Adresse. Sie bat ihn, nicht
+mitzufahren. Sie sagte nicht gute Nacht, sie blickte
+nicht auf. Und der Schlitten fuhr ab.</p>
+
+<p>Er f&uuml;hlte sofort &mdash; jetzt ging sie von ihm. &mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Nichts macht einem wackern Burschen soviel zu schaffen
+wie seine eigene Dummheit und Ungeb&auml;rdigkeit.
+Stundenlang strich er diese Nacht durch die Stra&szlig;en
+und schlich dann nach Hause wie ein gepr&uuml;gelter Hund.
+Am n&auml;chsten Morgen wagte er nicht, das M&auml;dchen zu
+fragen. Aber abends erz&auml;hlte sie ungefragt, die gn&auml;dige
+Frau sei nicht wohl gewesen; sie habe Erbrechen gehabt
+und liege zu Bett; immerhin gehe es besser. Maries
+mitwissendes L&auml;cheln versetzte ihn in ohnm&auml;chtige Wut.
+Sie hatte noch obendrein die Unversch&auml;mtheit, in seinem
+Gesicht zu forschen. Trotzdem mu&szlig;te er sich den Tag
+darauf bequemen, zu fragen. Ja, die gn&auml;dige Frau sei
+auf, und es gehe ihr ganz gut. Aber weder diesen, noch
+den n&auml;chsten Tag bekam er einen Schimmer von ihr zu
+sehen; auch von den Kindern h&ouml;rte er keinen Ton. Sie
+spielte auch nicht am Abend; er blieb eigens zu Hause,
+um zu horchen. Weder sie selbst, noch die Kinder kamen
+den gewohnten Weg an seiner T&uuml;r vorbei, wenn sie<a class="page" name="Page_106" id ="Page_106" title="106"></a>
+ausgingen; sie gingen die Hintertreppe hinunter. Nie
+traf er sie mehr. Sie w&auml;hlte neue Wege.</p>
+
+<p>Bisher war seine Liebe ein heimliches Gl&uuml;ck voll von
+Pl&auml;nen gewesen. Jetzt war er gewaltsam ins Heiligtum
+eingebrochen, und ein endloser Traum, ein fruchtloses
+Gr&uuml;beln l&ouml;ste seine klaren Tage und seine gesunden
+N&auml;chte ab. Er ging alles durch, was geschehen war,
+jedesmal mit brennender Selbstqu&auml;lerei. Er verachtete
+sich selbst, lie&szlig; sich zu Kneipereien mitschleppen und
+verachtete sich noch mehr. Seitdem er ihre Lippen ber&uuml;hrt,
+ihr Ohr beleidigt hatte, war ihr Bild wie mit
+einem Schleier &uuml;berzogen; er sah nicht das reine Taubenwei&szlig;e,
+das von Musik Getragene in all seiner Anmut
+und Hilflosigkeit; er sah ein Weib, das er begehrte.
+Aber er hatte Sinn f&uuml;r Humor und eine gesunde Natur;
+er wollte sich nicht in Selbstqu&auml;lerei und t&ouml;richter Begierde
+verzehren. Er wollte sogleich ausziehen, und zwar
+unter dem Vorwand einer Reise. Damit glaubte er &uuml;ber
+alle Schwierigkeiten hinwegzukommen wie &uuml;ber einen
+Zaun. Er hielt es nicht aus, da&szlig; ihm das Haus verschlossen
+war; er hielt nicht einmal das unversch&auml;mte
+L&auml;cheln des M&auml;dchens mehr aus.</p>
+
+<p>Auf einmal frappierte ihn die &Auml;hnlichkeit, die sein
+Umzug mit dem Aufbruch Rendalens hatte. Auch Rendalen
+hatte kurzen Proze&szlig; gemacht. Es war doch nicht
+etwa aus demselben Grund gewesen &mdash; &mdash;? Er schlug
+eine Lache auf. Nat&uuml;rlich &mdash; genau dasselbe war auch
+dem widerfahren!</p>
+
+<p>Rendalens Mutter war in der Stadt gewesen und hatte
+hier gewohnt; w&auml;hrend der Zeit war Ragni viel mit den
+beiden zusammen gewesen; Rendalen und sie hatten
+vierh&auml;ndig gespielt. Das hatten sie auch nach der Abreise
+der Mutter fortgesetzt &mdash; und immer auf seinem
+Fl&uuml;gel, das wu&szlig;te er ... Er empfand dieses Zusammentreffen
+wie eine Dem&uuml;tigung.</p>
+
+<p>Eine feinere, edlere Natur als Rendalen kannte Kallem
+&uuml;berhaupt nicht; der hatte sich auch nicht das Geringste
+erlaubt. Aber da&szlig; sie auch ihn so unruhig<a class="page" name="Page_107" id ="Page_107" title="107"></a>
+machte, da&szlig; er auszog! Sie mu&szlig;te also etwas derartiges
+an sich haben? Das redete er sich zu seiner Entschuldigung
+ein. Ja, noch mehr, er empfand es als eine gesteigerte
+Versuchung. Am selben Abend noch sagte er
+Marie, er m&uuml;sse verreisen, entweder morgen oder den
+Tag darauf, das wisse er noch nicht; jedenfalls solle sie
+um die Rechnung bitten; selbstverst&auml;ndlich bezahle er
+das volle Quartal. Das M&auml;dchen sah ihn an; sie erriet
+sofort den tieferen Zusammenhang. Weidete sie sich
+daran, &mdash; hatte sie etwas zu erz&auml;hlen? Sie fragte in
+ihrer bescheidenen Art, ob er die Rechnung sogleich
+w&uuml;nsche. Nein.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Tag kam es nicht zum Umzug; aber
+am folgenden sollte er vor sich gehen. Er wollte ein
+paar Tage verreisen, sich aber zuerst eine neue Wohnung
+suchen und seine Sachen hinbringen lassen. Nachmittags
+ging er aus und mietete &mdash; und zwar in einem ganz
+andern Teil der Stadt. Dann &uuml;berlegte er eine Weile,
+was er als Grund angeben solle, namentlich Rendalen
+gegen&uuml;ber. Er beschlo&szlig;, ihm die volle Wahrheit zu
+sagen, den andern einfach, er sei in seiner jetzigen Wohnung
+mehrfach gest&ouml;rt worden; es war ja auch wahr.
+Gegen f&uuml;nf Uhr kam er wieder nach Hause, ging ins
+Schlafzimmer, zog Schlafrock und Pantoffel an, ging
+dann wieder ins Nebenzimmer und legte sich aufs Sofa,
+wo er in einen tiefen Schlaf fiel; den hatte er auch n&ouml;tig.
+Gegen sieben kam das M&auml;dchen und heizte ein, ohne
+da&szlig; er es merkte. Etwas sp&auml;ter erwachte er, h&ouml;rte das
+Prasseln und sah die Helle und schlo&szlig; daraus, da&szlig; es
+&uuml;ber sieben sein m&uuml;sse. Seine Gedanken waren sofort
+dr&uuml;ben bei ihr. Er hoffte ganz heimlich, wenn sie erf&uuml;hre,
+da&szlig; er fortziehe, so w&uuml;rde er sie noch einmal
+spielen h&ouml;ren. Bisher hatte er sich hierin get&auml;uscht;
+aber trotzdem konnte er den Glauben, da&szlig; seine Abreise
+ihr naheging, nicht aufgeben. Er lag auf dem
+Bett und lauschte. Sollte er ohne weiteres zu ihr hineingehen
+und Abschied nehmen? Sollte er Licht anz&uuml;nden?
+Sollte er wieder ausgehen? Er stand auf und starrte<a class="page" name="Page_108" id ="Page_108" title="108"></a>
+ins Ofenfeuer. Da h&ouml;rte er im Vorsaal eine T&uuml;r gehen
+und mehrere Stimmen &mdash; ein paar Damenstimmen mit
+stark nordl&auml;ndischem Tonfall. Er dachte, es seien wohl
+neu angekommene Verwandte, die zum Besuch dagewesen
+waren. Die Damen wurden bis zur T&uuml;r begleitet;
+er h&ouml;rte die langsame Sprechweise der Tante,
+auch eine M&auml;nnerstimme h&ouml;rte er &mdash; war das Ole Tuft?
+Nur die, nach der er lauschte, h&ouml;rte er nicht. Allgemeines
+Abschiednehmen, die T&uuml;r wurde zugemacht.
+Dann die Stimme der Tante und Ole Tufts &mdash; wirklich,
+es war seine Stimme. Er mu&szlig;te also eben gekommen
+sein, als die andern gingen. Beide verschwanden
+im Zimmer der Tante, die T&uuml;r schlo&szlig; sich hinter
+ihnen, gleichzeitig wurde weiter hinten eine T&uuml;r geschlossen.
+Wieder klingelt es, wieder geht eine T&uuml;r auf
+und herausst&uuml;rmen jubelnd die zwei Kinder; sie wollen
+die Gelegenheit ben&uuml;tzen und zu Kallem hinein; aber
+sie d&uuml;rfen nicht. Unter Gel&auml;chter wird im Korridor
+Jagd auf sie gemacht; sie werden eingefangen, und eine
+T&uuml;r wird hinter ihnen zugeschlagen; gleichzeitig &ouml;ffnet
+sich die Entreet&uuml;r; eine der Damen hatte ihre &Uuml;berschuhe
+vergessen. Und jetzt h&ouml;rte er Ragnis Stimme:
+sie wolle Licht holen, es sei ja ganz dunkel hier. Im
+Singsang der nordl&auml;ndischen Schifferlieder wurde das
+abgelehnt. Hier waren die Gummischuhe, gleich an der
+T&uuml;r; sie seien nur nicht leicht anzuziehen &mdash; es seien
+ganz "neue"! So! Nun sa&szlig;en sie. Wieder ein z&auml;rtliches
+"Adieu, adieu!" und als Antwort ein "Auf Wiedersehen
+am Freitag!" Das letzte sagte Ragni. T&auml;uschte er sich &mdash;
+oder klang es wirklich wie die Stimme eines Menschen,
+der sich in der N&auml;he einer Gefahr glaubt? Nicht so
+recht ihre gewohnte Stimme? Sprach sie, ohne es zu
+wollen, von ihm? Er schnellte auf und war an der T&uuml;r,
+noch ehe sie drau&szlig;en zugemacht hatte. Wenn er &ouml;ffnete,
+standen sie sich Auge in Auge gegen&uuml;ber. Sollte er &mdash;?
+Er lauschte wie auf ein Zeichen. Er h&ouml;rte sie nicht gehen;
+vielleicht stand sie drau&szlig;en? Sein Herz schlug Sturm,
+w&auml;hrend die Hand leise, leise auf die T&uuml;rklinke dr&uuml;ckte<a class="page" name="Page_109" id ="Page_109" title="109"></a>
+und lautlos &ouml;ffnete. Vor seinen Augen, die in das Ofenfeuer
+gestarrt hatten, lag der Gang drau&szlig;en im Stockfinstern.
+Er tastete sich nach der Entreet&uuml;r, f&uuml;hlte das
+Schlo&szlig;, tastete sich weiter vor; aber es war niemand da.
+Sollte sie mit hinausgegangen sein? Nein, sie hatte sich
+ja verabschiedet und von Wiederkommen am Freitag
+gesprochen. Weshalb hatte er sie dann nicht gehen,
+keine T&uuml;r hinten &ouml;ffnen h&ouml;ren? Sie mu&szlig;te hier im
+Flur sein. &mdash; Er h&ouml;rte sein eigenes Herz schlagen; aber
+vorw&auml;rts mu&szlig;te er. Jetzt f&uuml;hlte er Kleider zwischen
+den Fingern; eisig durchrieselte es ihn; aber gleich kam
+ihm die Besinnung wieder &mdash; die Kleider waren kalt und
+leer. Dann r&auml;usperte sich drinnen jemand &mdash; das war
+Kule. Von der K&uuml;che oder vom E&szlig;zimmer her t&ouml;nte
+Geplauder &mdash; das waren die Kinder. Bei diesen freundlichen
+Lauten aus einer Welt des Guten stand er still
+wie ein Verbrecher. Er h&auml;tte das nicht tun sollen.
+Nun h&ouml;rte er die langgezogenen Fragen der Tante
+und Oles klare Antworten, d. h. die T&ouml;ne, nicht die
+Worte. War Ragni im Korridor? Sie konnte ja etwas
+gesucht haben und, erschrocken &uuml;ber sein Auftauchen,
+stehen geblieben sein. Wenn er weiter ging, konnte er
+sie erschrecken, so da&szlig; sie geradenwegs auf eine T&uuml;r zust&uuml;rzte
+und sie &ouml;ffnete. Dann stand er im vollen Lichte
+da! &mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Nein, dazu war sie zu furchtsam. Wieder ein paar
+Schritte vorw&auml;rts. Er hatte Pantoffel an; man h&ouml;rte
+ihn kaum; aber er w&uuml;nschte, sie m&ouml;chte nicht da sein.
+Die Kinder plauderten gerade am andern Ende des Korridors;
+je n&auml;her er kam, desto deutlicher h&ouml;rte er es;
+er sah sie im Geist auf ihren St&uuml;hlchen knien und H&auml;user
+auf dem Tisch bauen. Er sch&auml;mte sich. Was wollte er
+eigentlich? Aber w&auml;hrend er sich das fragte, ging er
+weiter; er tastete von einer Seite zur andern, von einem
+Mantel zu einem Schal, vom Rahmen einer T&uuml;r nach den
+Vorsaalfenstern, von denen er einen Schimmer sah. Ein
+Wagen rumpelte vorbei, gleich darauf erklang ged&auml;mpftes,
+ungleiches Schellengel&auml;ut; bei diesem &Uuml;bergangs<a class="page" name="Page_110" id ="Page_110" title="110"></a>wetter
+ben&uuml;tzte man beides, Wagen und Schlitten. In
+der K&uuml;che fiel etwas zu Boden; Kule r&auml;usperte sich
+wieder; die Zeit mu&szlig;te ihm lang werden; vielleicht
+brauchte er Licht? Zwischen dem Kinderzimmer und
+der K&uuml;che stand anscheinend die T&uuml;r offen, denn auf
+einmal waren die Kinder drau&szlig;en und fragten, was
+hinuntergefallen sei. Das Nordlandm&auml;dchen antwortete
+schwerf&auml;llig, in langgezogener, s&uuml;&szlig;licher Freundlichkeit,
+eine Un-ter-tas-se w&auml;re hinuntergefallen, sie sei vom
+Bo-rt heruntergerutscht. Weiter! War Ragni &uuml;berhaupt
+hier, so stand sie in der hintersten Ecke. Wie sie sich
+&auml;ngstigen mu&szlig;te! Was mochte sie von ihm denken!
+Und wenn er umkehrte, nahm er sich aus wie ein ertappter
+Dieb. Jetzt vermochte er am Fenster ein klein
+wenig zu sehen; aber weiter hinten wieder nichts, kein
+Lichtschimmer unten oder oben an den T&uuml;ren, auch
+aus den Schl&uuml;ssell&ouml;chern nicht; nicht einmal geradeaus
+vor dem Kinderzimmer. Ob sie vielleicht dort stand?
+Er bildete sich ein, da&szlig; er sie dann sehen m&uuml;sse.</p>
+
+<p>War sie vielleicht zur Tante hineingegangen &mdash; dicht
+neben seiner T&uuml;r? Oder hatte sie ganz einfach die T&uuml;r
+zur Stube der Kinder oder zum Zimmer Kules hinter
+sich offen stehen lassen, als sie herauskam, und sie im
+selben Moment geschlossen, als er seine &ouml;ffnete? Und
+sa&szlig; nun drinnen und tr&auml;umte? Das nahm er jetzt als
+ganz sicher an; denn er w&uuml;nschte, es m&ouml;chte so sein.
+Dennoch ging er weiter. Endlich stand er ganz hinten
+an der T&uuml;r; er h&ouml;rte die Kinder und links die K&ouml;chin,
+die in ihrer K&uuml;che rumorte und ab- und zuging. Jetzt
+kehrte er um und f&uuml;hlte sich gleich freier. Mit ausgestreckten
+H&auml;nden ging er zur&uuml;ck, diesmal schneller.
+Da fa&szlig;te er einen warmen, festen Arm. Er erbebte,
+erschauerte, Funken spr&uuml;hten vor seinen Augen; er
+blieb stehen. Aber der Arm regte sich kaum, und er
+fa&szlig;te wieder Mut. Langsam lie&szlig; er die Hand vom Arm
+um ihren Leib gleiten und umschlang sie behutsam.
+Warm und weich f&uuml;hlte es sich an; sie stand ganz still,
+aber ein Zittern ging durch ihren K&ouml;rper. Er zog sie<a class="page" name="Page_111" id ="Page_111" title="111"></a>
+leise an sich. Mit der andern Hand fa&szlig;te er die ihre
+und dr&uuml;ckte sie; auch diese zitterte. Er dr&uuml;ckte sie
+wieder &mdash; und nun glitten sie langsam, Schritt f&uuml;r
+Schritt vorw&auml;rts &mdash; sie ohne Widerstreben, aber auch
+nicht freiwillig. Er h&ouml;rte kaum seine eigenen Schritte,
+die ihrigen gar nicht. Die Kinder plauderten leise.
+Aus den Zimmern Kules und der Tante kam jetzt kein
+Laut; vor ihnen ein schwacher Schimmer aus seiner
+eigenen T&uuml;r. Jetzt waren sie dort; er stie&szlig; die T&uuml;r
+behutsam auf und wollte sie hineinf&uuml;hren. Aber nun
+blieb sie stehen und wollte ihm ihre Hand entziehen.
+Er h&ouml;rte ihr Atmen, f&uuml;hlte ihren Hauch, sah das blasse
+Gesicht, w&auml;hrend er sie sachte bis zur Schwelle schob &mdash;
+dann hin&uuml;ber &mdash; und die T&uuml;r hinter ihnen anlehnte.
+Drinnen lie&szlig; er sie los, um so leise wie m&ouml;glich ganz
+zuzumachen. Sie blieb stehen, wie er sie verlassen hatte,
+mit dem R&uuml;cken gegen ihn, beide H&auml;nde vors Gesicht
+gepre&szlig;t. Als er kam, fing sie zu weinen an. Er umschlang
+sie, um sie an sich zu dr&uuml;cken, und jetzt ging
+ihr Weinen in Schluchzen &uuml;ber. Sie schluchzte so
+schmerzlich, so ungl&uuml;cklich, da&szlig; sein Blut n&uuml;chtern
+wurde, und er auf ganz andere Gedanken kam. Willenlos
+lie&szlig; sie sich nach dem Sofa f&uuml;hren; sie weinte so
+verzweifelt, da&szlig; ihn pl&ouml;tzlich nach Licht verlangte,
+wie wenn jemand krank wird. Darum machte er hastig
+die Lampe zurecht; dann fiel ihm ein, da&szlig; er erst die
+Gardinen zuziehen mu&szlig;te; und nun erst z&uuml;ndete er an.</p>
+
+<p>Nur ein Mensch, der sein Leid Tage und N&auml;chte
+lang in seinem Innern verschlossen hat, kann so weinen.
+Der Tisch zitterte, an den sie sich lehnte.</p>
+
+<p>Hundertmal hatte er &uuml;ber Liebhaber in Romanen und
+Theaterst&uuml;cken gespottet, die auf die Knie sinken. Jetzt
+schob er das eine Tischende beiseite und lie&szlig; sich vor
+ihr aufs Knie gleiten wie der dem&uuml;tigste S&uuml;nder. Er
+suchte ihr Gesicht; aber sie hielt mit beiden H&auml;nden
+ihr Taschentuch vor. Kopf, Brust, Schultern bewegten
+sich sto&szlig;weise unter ihrem heftigen Schluchzen. Er
+f&uuml;hlte jeden Ruck und bat und bat, sie m&ouml;ge ihm doch<a class="page" name="Page_112" id ="Page_112" title="112"></a>
+vergeben! Er sei nicht Herr seiner selbst gewesen, als
+er damals, auf dem Eis, so zu ihr gesprochen habe. Er
+liebe sie, sie geh&ouml;rten zusammen. "So weine doch nicht
+so!" bat er, "das halt' ich nicht aus!" Er nahm sie bei
+den H&auml;nden, zog sie neben sich aufs Sofa, lehnte ihren
+Kopf an seine Brust und schlang die Arme um sie; er
+k&uuml;&szlig;te ihr Haar, er lehnte ihre feuchte Wange an seine.
+Was er auch begann &mdash; sie weinte. Er wollte ihr Wein
+zu trinken geben. Nein, nein! Aber dieses Schluchzen
+war zu entsetzlich! War der Grund, weil er sie mit
+zu sich hereingenommen hatte? Er habe sich so nach
+ihr gesehnt, da&szlig; er nicht habe widerstehen k&ouml;nnen, als
+er sie drau&szlig;en im Gang geh&ouml;rt habe. Sie k&ouml;nne doch
+nicht wollen, da&szlig; er ohne Abschied weggehen solle?
+Und sie nie wieder sehen? Sie sch&uuml;ttelte den Kopf,
+machte sich von ihm los, legte das Gesicht auf den
+Tisch und weinte in ihr Taschentuch hinein, noch
+heftiger als zuvor. "Soll ich <em class="gesperrt">nicht</em> fort?" fragte er.
+Doch sie h&ouml;rte es gar nicht. Da lie&szlig; er sie ruhig
+weinen; erst nach einer langen Pause beugte er sich zu
+ihr nieder und sagte: "Ich tue alles, was Du willst."
+Da hob sie sich und all ihr Weinen vom Tisch und
+schmiegte sich an seine Brust. Er umschlang sie mit
+beiden Armen, und w&auml;hrend er sie so hielt, f&uuml;hlte er &mdash;
+sie fa&szlig;te es sch&ouml;ner und tiefer auf als er.</p>
+
+<p>Ein Ger&auml;usch wurde an der T&uuml;r h&ouml;rbar und gleich
+darauf wurde sie ge&ouml;ffnet. Das M&auml;dchen kam mit dem
+Abendessen. Erschrocken lie&szlig; er die Frau los und stand
+auf. Ragni aber legte sich einfach wieder &uuml;ber den
+Tisch und schluchzte. Das M&auml;dchen setzte das Brett
+behutsam auf die Ecke des Tisches, die frei war, stellte
+ebenso behutsam die Lampe weg und schob das Brett
+nach. Sie war rot und sah keins von den beiden an; aber
+das L&auml;cheln war da und sagte deutlich: "Das hab' ich
+schon l&auml;ngst erwartet!" So wunderbar verschieden kann
+man eine und dieselbe Sache sehen, da&szlig; Kallem jetzt
+fand, es liege eine verschwiegene, schalkhafte Freude
+darin. Still war das M&auml;dchen gekommen, still ging es<a class="page" name="Page_113" id ="Page_113" title="113"></a>
+wieder hinaus und schlo&szlig; die T&uuml;r hinter sich, so leise
+wie er selber vorhin.</p>
+
+<p>"Gott im Himmel, Ragni!" rief er. Sie antwortete
+nicht; ihr schien das alles viel zu klein; das Leid, das sie
+bedr&uuml;ckte, &uuml;berwog alles. Er kam zur&uuml;ck und pre&szlig;te
+sie wieder an sich; da sagte sie: "O Gott, was bin ich
+ungl&uuml;cklich!" &mdash; und das war eigentlich das einzige,
+was sie sagte, solange sie da war. Er konnte nichts erwidern;
+alles was ihm einfiel, kam ihm dumm vor. Er
+machte wohl einen leisen Versuch, und half mit Liebkosungen
+nach; aber sie wehrte das eine wie das andere
+ab; sie stand auf &mdash; sie wollte fort. Er f&uuml;hlte sich au&szlig;erstande,
+sie zur&uuml;ckzuhalten, sondern geleitete sie zur
+T&uuml;r. Ehe sie &ouml;ffnete, wandte sie sich nach ihm um, voll
+schmerzlicher Hingebung, wie in der Todesstunde. Er
+l&ouml;schte die Lampe, und sie glitt hinaus.</p>
+
+<p>Aber im selben Augenblick, als sie die T&uuml;r hinter sich
+schlo&szlig;, fiel ein schwacher Lichtschein auf sie; er kam
+aus der Vertiefung, die zum Zimmer der Tante f&uuml;hrte;
+dort wurde eben die T&uuml;r ge&ouml;ffnet, und sie selbst stand
+davor &mdash; in Ragnis aufgescheuchter Phantasie gro&szlig; wie
+ein aufgerichteter Walfisch. Nat&uuml;rlich &mdash; die Tante
+hatte Ragni im Zimmer des Mieters schluchzen h&ouml;ren
+und sofort erfa&szlig;t, was Ragnis seltsames Wesen in all
+den Tagen zu bedeuten hatte. Nun stand sie vor ihrer
+T&uuml;r Wache, und im selben Moment, als Ragni aus Kallems
+Zimmer kam, stie&szlig; die Tante ihre T&uuml;r auf, so da&szlig;
+der Lichtschein auf die Kommende fiel. Die Tante
+streckte die Hand aus; das hie&szlig; so viel als: "Hier herein,
+mein Kind!" Und Ragni kam. Die Tante lie&szlig; sie an
+sich vor&uuml;ber. Sie war nicht allein. An der Wand gegen
+das Zimmer hin, das Ragni eben verlassen hatte, stand
+ein Sofa, und aus der Sofaecke erhob sich ein hochgewachsener
+blonder Mann mit mildem Antlitz &mdash; Ole
+Tuft. Er war zuerst auf ihr Weinen aufmerksam geworden
+und war sogar an Kallems T&uuml;r gewesen. Ragni
+sank auf einen Stuhl zwischen Sofa und T&uuml;r.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p><a class="page" name="Page_114" id ="Page_114" title="114"></a>Tags darauf lag sie zu Bett. Aber bevor Kallem ausging,
+schickte sie ihm einen Zettel, auf dem sie schrieb,
+die Tante habe geh&ouml;rt, wie sie bei ihm geweint habe,
+ebenso Herr Tuft; er sei sogar an der T&uuml;r gewesen.
+Weiter kein Wort; doch &mdash; ganz unten, fast unleserlich:
+"Nie wieder!"</p>
+
+<p>Mitten in der Angst, die auch ihn jetzt befiel, fand
+Kallem diese beiden armen W&ouml;rtchen: "Nie wieder!"
+doch so beredt, da&szlig; sich seine Augen mit Tr&auml;nen f&uuml;llten;
+aber auch sein Herz mit Mut. Jetzt mu&szlig;te etwas geschehen!
+Die Tante und Ole Tuft hatten sie ins Gebet
+genommen! Er hatte nichts geh&ouml;rt; es mu&szlig;te sehr still
+zugegangen sein, oder sie waren nicht im ansto&szlig;enden
+Zimmer gewesen. Arme, arme Ragni!</p>
+
+<p>Tiefstes Mitleid ergriff ihn und heftigster Ingrimm,
+Furcht, Rachelust, grenzenlose Liebe, Entt&auml;uschung, Wut!</p>
+
+<p>Er kleidete sich an und eilte auf die Stra&szlig;e. Wohin?
+Richtig! Zu Ole Tuft, diesem verdammten Duckm&auml;user,
+der sich in seine Angelegenheiten mischen
+wollte! Spion und Angeber also? Was zum Teufel
+wollte er denn eigentlich? Was beabsichtigte er? Waren
+das vielleicht auch "Gottes Wege"? Durch Schl&uuml;ssell&ouml;cher
+gucken und an den T&uuml;ren horchen? Dieser Kerl,
+der ihm "auf Gottes Wegen" seine pr&auml;chtige Schwester
+genommen hatte &mdash; wollte der ihm nun auch seine Liebe
+nehmen? Weshalb kam er nicht zu ihm selber? Weshalb
+es der Tante sagen?</p>
+
+<p>Er hatte die gr&ouml;&szlig;te Lust, ihn aufzusuchen und ihn
+t&uuml;chtig durchzubl&auml;uen, ihn halbtot zu schlagen! Verdient
+h&auml;tte ers, wei&szlig; Gott! Er schlug wirklich die
+Richtung nach Ole Tufts Wohnung ein; aber da stiegen
+die gro&szlig;en Augen seiner Schwester vor ihm auf und
+sahen ihn fest an. Er konnte sich wenden und drehen,
+wie er wollte &mdash; sie waren da, die tiefen Augen. Und
+dann f&uuml;hlte er ihre Wange an der seinen, wie an jenem
+letzten Abend. Das Ende vom Liede war, da&szlig; er vorbeiging.
+Aber damit war er in die N&auml;he seiner fr&uuml;heren<a class="page" name="Page_115" id ="Page_115" title="115"></a>
+Wohnung gelangt, und da fiel ihm Rendalen ein. Zu
+dem wollte er! Kein T&uuml;ttelchen wollte er ihm verheimlichen;
+es war ja allein schon ein Gl&uuml;ck, sich aussprechen
+zu k&ouml;nnen. Als er sich Rendalens Haust&uuml;r n&auml;herte, sah
+er jemand herauskommen. War das nicht &mdash; &mdash;? Ole
+Tuft! Ole Tuft in eigener Person! Der Schurke! ...
+In Kallem kochte es; aber Tuft ging nach einer andern
+Richtung und sah den Schwager nicht.</p>
+
+<p>Kallem kannte Tuft, so wie er jetzt war, nicht. H&auml;tte
+er ihn gekannt, so h&auml;tte er begriffen, da&szlig; es ihm nur galt,
+zwei Seelen vom Untergang zu retten. Um dieser beiden
+teuren Seelen willen lebte er in einem schlaflosen Fieberzustand;
+ihretwillen rief er andere zu Hilfe. Eher konnte
+er sich weder Rast noch Ruhe g&ouml;nnen. Selbst zu Kallem
+zu gehen &mdash; das hatte seine Gefahren, w&auml;re auch sicherlich
+zwecklos gewesen. Hier mu&szlig;ten andere einschreiten.
+H&auml;tte Kallem das geahnt, er w&auml;re &mdash; anstatt zu Rendalen
+zu gehen &mdash; Tuft nachgelaufen und h&auml;tte ihn durchgepr&uuml;gelt,
+bis er kein Glied mehr h&auml;tte r&uuml;hren k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Gl&uuml;cklicherweise ahnte er jedoch nichts und klingelte
+bei Rendalen, ganz erf&uuml;llt von dem, was er mitzuteilen
+hatte. Rendalen &ouml;ffnete selbst, und zwar sofort; er
+stand zum Ausgehen ger&uuml;stet da, hatte den Hut auf und
+den &Uuml;berzieher &uuml;berm Arm und war aufs sorgf&auml;ltigste
+gekleidet und geschniegelt. Kaum erblickte er Kallem,
+so warf er den Kopf zur&uuml;ck wie ein Pferd, das einen
+Feind vor sich sieht. "Du!" rief er. Kallem trat, aufs
+&auml;u&szlig;erste erstaunt, rasch ein. Rendalen machte die T&uuml;r
+zu, schlo&szlig; sogar ab, und schleuderte Hut und &Uuml;berzieher
+hin. "Zu Dir wollte ich eben!" zischte er. Er war ganz
+wei&szlig; zwischen seinen Sommersprossen, die schmalen
+Lippen waren zusammengepre&szlig;t, die grauen Augen
+spr&uuml;hten. Und nun ballte er seine breiten, kurzen
+H&auml;nde, diese H&auml;nde eines H&uuml;nen, bis sie ganz wei&szlig;
+wurden. Sein aufrechtstehendes rotes Haar schien mit
+den Augen um die Wette Funken zu spr&uuml;hen; die ungeheure
+pers&ouml;nliche Macht, die dem Mann eignete, beunruhigte
+und erschreckte Kallem. "Was zum Henker<a class="page" name="Page_116" id ="Page_116" title="116"></a>
+ist denn los?" Der andere antwortete in h&ouml;chster Wut,
+aber doch ged&auml;mpft: "Tuft ist hier gewesen und hat
+mir alles erz&auml;hlt. Aha! Jetzt wirst Du bleich!" Er
+kam noch dichter heran: "Sie war das Unschuldigste
+unter der Sonne &mdash; Du Schurke!" Seine Stimme zitterte.</p>
+
+<p>"Na, h&ouml;r mal!" sagte Kallem. Ihm wurde eiskalt. Der
+andere aber war ganz von Sinnen und unterbrach ihn:
+"Du meinst wohl, das ginge mich nichts an? Alle Menschen
+geht so etwas an! Und wei&szlig;t Du, warum ich
+ausgezogen bin? Glaubst Du, ich h&auml;tte weniger Macht
+&uuml;ber ein Menschenkind als Du? Du feiger, verfluchter
+Schurke!" Gleich wilden Schreien entrangen sich die
+dickunterstrichenen Worte seinem wilden Sinn, obwohl
+sie noch leiser gesprochen waren als die vorhergehenden.
+Eine derartige Wut und ein derartiger Hohn wirken ansteckend.</p>
+
+<p>"Na, na, nur nicht eifers&uuml;chtig werden, mein Junge!"
+rief Kallem. Wenn man eine B&uuml;tte mit Blut &uuml;ber ihn
+ausgegossen h&auml;tte, Rendalen h&auml;tte nicht r&ouml;ter werden
+k&ouml;nnen. Gleich darauf wurde er wieder wei&szlig;. Vergebens
+versuchte er zu sprechen, und da es ihm nicht
+gelang, so ging er geradenwegs auf Kallem zu, die Augen
+in seine gebohrt, da&szlig; sie tats&auml;chlich brannten. "Ich
+h&auml;tte die gr&ouml;&szlig;te Lust, Dich ... Dich zu schlagen!"
+brachte er nur heraus. "Bitte!" sagte Kallem und nahm
+Stellung. Kaum hatte er es voller Hohn herausgesto&szlig;en,
+als auch schon Rendalens rechte Hand niedersauste.
+Kallem b&uuml;ckte sich und stand unverletzt, mit sp&ouml;ttischer
+Miene da. Rendalen nahm einen zweiten Anlauf,
+Kallem wich abermals behende aus. "Bist Du denn
+ganz verr&uuml;ckt?" rief er, so laut er konnte.</p>
+
+<p>Als wenn einer ihn von hinten gepackt h&auml;tte und
+festhielte, stand Rendalen pl&ouml;tzlich da, und nach und
+nach kam es &uuml;ber ihn wie eine Art Ohnmacht. Bleich,
+steif starrte er vor sich hin, bis er mit dem Aufgebot
+seiner ganzen Willenskraft vermochte, sich umzuwenden,
+langsam nach dem Fenster zu gehen und still,<a class="page" name="Page_117" id ="Page_117" title="117"></a>
+mit leerem Blick hinauszusehen. Sein Atem ging so heftig,
+da&szlig; Kallem glaubte, der Schlag m&uuml;sse Rendalen treffen.
+Kallem selbst stand, ohne sich zu r&uuml;hren, da; denn
+immerhin war er selber doch auch so w&uuml;tend, da&szlig; er es
+nicht &uuml;ber sich brachte, zu ihm hinzugehen. Rendalen
+war ihm ein R&auml;tsel &mdash; eben noch der wildeste Ausbruch
+von Leidenschaft, und jetzt wie gel&auml;hmt! Nichts als
+sein heftiges Atmen war zu h&ouml;ren. Und dabei dieses
+ungl&uuml;ckliche Gesicht &mdash; so &uuml;ber alle Beschreibung ungl&uuml;cklich!
+Was in aller Welt bedeutete denn das? Er
+blickte auf den Freund, bis die alte W&auml;rme f&uuml;r ihn
+wieder erwachte, und ohne weiteren &Uuml;bergang trat
+auch er ans Fenster und stellte sich neben ihn. "Du
+brauchst es Dir nicht so zu Herzen zu nehmen", sagte er.
+"So schlimm, wie Du vielleicht glaubst, ist es nicht."
+Der andere antwortete nicht; vielleicht h&ouml;rte er es
+nicht; er sah noch immer zum Fenster hinaus. Oder
+glaubte er ihm nicht &mdash; meinte, es sei Spott? Da
+l&auml;chelte Kallem ihn an &mdash; und dies L&auml;cheln war nicht
+zu verkennen; es war gut und aufrichtig. In Rendalens
+Gesicht kam wieder Bewegung und Farbe; er wandte
+den Kopf. Voll froher Eile sagte Kallem: "Nicht ein
+Haar habe ich ihr gekr&uuml;mmt, wei&szlig; Gott, alter Junge!"
+Rendalen begriff den Sinn der Worte nicht gleich; er
+vermochte nicht, das Ganze so pl&ouml;tzlich am andern
+Ende zu fassen. Aber als Kallem seinen Kopf noch
+dichter zu ihm hin&uuml;berbeugte und sagte: "Ich gebe
+Dir mein Ehrenwort &mdash; ich habe ihr nichts getan!" da
+jubelte es in Rendalen auf, und er schlang die Arme
+um des Freundes Hals.</p>
+
+<p>Sie waren beide zu tief ergriffen, als da&szlig; das gegenseitige
+Vertrauen hinterher nicht unbedingt gewesen
+w&auml;re. Rendalen erfuhr alles, genau, wie es zugegangen,
+wie in den beiden Menschen die Liebe erwacht war.
+Es machte einen tiefen Eindruck auf ihn, was er auch
+gar nicht verbergen wollte oder konnte. Kallem fragte
+nun offen, ob auch er sie liebe? Da aber wurde
+Rendalen wieder bla&szlig; und zornig, und Kallem war<a class="page" name="Page_118" id ="Page_118" title="118"></a>
+ungl&uuml;cklich &uuml;ber seine Unbedachtsamkeit; aber sie war
+nicht wieder gutzumachen. Das Gespr&auml;ch stockte;
+Rendalens Augen wichen den seinen aus. Endlich, als
+er die Form gefunden hatte f&uuml;r das, was er antworten
+wollte, sagte er: "Ich habe kein Recht, zu lieben.
+Darum bin ich ausgezogen."</p>
+
+<p>Es ging Kallem durch Mark und Bein. Rendalen hatte
+die Arme auf den Tisch gest&uuml;tzt, zwischen den H&auml;nden
+hielt er ein Buch, das er unaufh&ouml;rlich hin- und herdrehte
+und von au&szlig;en und innen besah. "In unserer
+Familie ist der Wahnsinn erblich ... durch lange Generationen.
+Mein Vater war geisteskrank. In mir &mdash; ja,
+Du kennst ja das Unb&auml;ndige in mir ... ist es hart an der
+Grenze. Geradeso war mein Vater. Darum, als Du das
+sagtest ... Du wei&szlig;t schon ... vom Verr&uuml;cktsein ...
+das traf! Es sind die Worte meiner Mutter. Ich darf
+mir nicht nachgeben. Also auch nicht in der Liebe.
+Trotzdem hab' ich's nicht immer k&ouml;nnen. Nein &mdash;
+beichten kann ich nicht. Die Musik ist mein Bet&auml;ubungsmittel.
+Aber hier hat auch sie mich im Stich gelassen.
+Wie auch schon fr&uuml;her." &mdash; Er legte das Buch
+weg, nahm ein anderes, legte es auf das erste und wirbelte
+beide auf dem Tisch herum. Da h&ouml;rte er Kallem halb
+lachend sagen: "Und da hast Du mich zum Stellvertreter
+gew&auml;hlt?" &mdash; "Was Teufel sollt' ich denn sonst
+machen? Ich hab' Dich f&uuml;r einen anst&auml;ndigen Kerl
+gehalten."</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Am Nachmittag verfa&szlig;te Kallem im Schwei&szlig; seines
+Angesichtes einen Brief an den Apotheker, der ihm
+helfen sollte. Je mehr er schrieb, desto unm&ouml;glicher
+schien es ihm, dem alten Hagestolz und grilligen Naturforscher
+verst&auml;ndlich zu machen, was Liebe ist, und was
+f&uuml;r tiefe Not das Wesen litt, f&uuml;r das er um Hilfe bat.
+Er zerri&szlig; den Brief. Rasch entschlossen schrieb er
+seinem Vater. Dieser brauchte ja jetzt Ole Tuft nicht
+mehr zu unterst&uuml;tzen; ob er vielleicht einem andern
+helfen w&uuml;rde? Sein Vater war ein Sonderling, aber ein<a class="page" name="Page_119" id ="Page_119" title="119"></a>
+warmherziger Mensch, der alle Ungerechtigkeit ha&szlig;te.
+Und etwas Ungerechteres als Ragnis selbstgew&auml;hltes
+Geschick kannte Kallem nicht; er war fast &uuml;berzeugt,
+da&szlig; sein Vater dasselbe f&uuml;hlen mu&szlig;te. So erz&auml;hlte er
+ihm denn von ihrer Liebe &mdash; ganz ohne Vorbehalt; er
+gelobte, wenn der Vater ihr helfen w&uuml;rde, so wolle er
+diesen Bund heilig halten. Von jetzt ab wolle er seine
+Studien ernsthafter betreiben als je; er wolle versuchen,
+das H&ouml;chste zu erreichen, was zu erreichen sei. Und
+wenn es auch seiner und ihrer Ausbildung wegen lange
+dauern w&uuml;rde, bis sie sich heiraten k&ouml;nnten &mdash; er wolle
+ebenso treulich auf sie warten, wie sie auf ihn; das sei
+sein feierliches Gel&ouml;bnis. Er hoffe, der Vater habe
+keinen Grund, zu glauben, da&szlig; er es brechen w&uuml;rde,
+sondern werde ihn vielmehr beim Wort nehmen und
+ihr helfen.</p>
+
+<p>Und er hatte sich nicht get&auml;uscht. Drei Tage darauf
+hatte er die telegraphische Antwort, da&szlig; alles nach
+seinem Wunsche geordnet sei, und da&szlig; das N&ouml;tige mit
+der ersten Post eintreffe. Mit diesem Siegestelegramm
+bewaffnet, begann er nun seinen und Rendalens gemeinschaftlichen
+Plan &mdash; sie zu seinem Vetter in Madison
+hin&uuml;berzuschaffen &mdash; ins Werk zu setzen. Er schrieb
+sogleich an den Vetter und bat um Kabelantwort: "Ja"
+oder "Nein".</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen, das sich als Ragni v&ouml;llig ergeben erwies,
+vermittelte ihre erste Zusammenkunft. Sie fand auf
+der Stra&szlig;e statt und au&szlig;erhalb der Stadt, und war nur
+kurz; das M&auml;dchen begleitete sie. Er teilte ihr sofort
+mit, um was es sich handle, wie alles geordnet werden
+k&ouml;nne, und wer dabei beteiligt sei. Sie erschrak so, da&szlig;
+er es f&uuml;r unm&ouml;glich hielt, weiter zu gehen. Unter
+keinen Umst&auml;nden wollte sie die Kinder verlassen. Er
+war ganz verzweifelt nach dieser Begegnung und ging
+zu Rendalen, um ihm sein Herz auszusch&uuml;tten. Dieser
+schlug sogleich vor, die Kinder zu seiner Mutter zu
+schicken; er w&uuml;rde ihr dar&uuml;ber schreiben. Als Kallem
+dies bei der n&auml;chsten Begegnung Ragni mitteilte, schien<a class="page" name="Page_120" id ="Page_120" title="120"></a>
+sie immerhin zu &uuml;berlegen; sie gab dem&uuml;tig zu, so gut
+k&ouml;nne sie selber sie nicht erziehen. Aber immer, wenn
+sie an einem Tag so halbwegs auf etwas eingegangen
+war, nahm sie es am andern wieder zur&uuml;ck; jedesmal,
+wenn sie wieder mit den Kindern zusammengewesen
+war, erschien es ihr als Unm&ouml;glichkeit. Und da sie jedesmal
+derma&szlig;en aufgeregt wurde, da&szlig; alle Vor&uuml;bergehenden
+sie anstarrten, konnten sie sich nicht l&auml;nger auf der
+Stra&szlig;e treffen. Nun kam kein anderer Ort in Frage als
+Rendalens oder seine Wohnung; aber Ragni war wieder
+so scheu geworden, da&szlig; er an ihrer Einwilligung zweifelte.
+Er bereitete sie in Briefen darauf vor und bat Marie,
+sie ebenfalls zu &uuml;berreden und selbst mitzukommen.
+Hierauf waren sie ein paarmal ganz kurze Zeit auf seinem
+Zimmer, ein einziges Mal auch bei Rendalen zusammen;
+aber immer war es ein unbestimmtes Hin und Her.
+Nie wu&szlig;te sie, was sie tun solle, und immer war
+sie voll Verzweiflung. Sie f&uuml;rchtete sich auch vor der
+Reise selber. So ganz allein nach Amerika! Und von
+New-York allein nach Madison &mdash; das war noch das
+Allerschlimmste! Unm&ouml;glich, ganz unm&ouml;glich! Marie
+erbot sich, mitzugehen, und Kallem versprach, auch
+ihre &Uuml;berfahrt zu bezahlen. Aber beide die Kinder
+verlassen &mdash; das konnten sie unter gar keinen Umst&auml;nden;
+der blo&szlig;e Gedanke schon war ein Unrecht!
+Marie mu&szlig;te also bleiben, bis die Kinder gut versorgt
+waren.</p>
+
+<p>Wenn sie selber wirklich reiste, so mu&szlig;te sie an Bord
+gebracht werden, ohne da&szlig; jemand davon erfuhr. Also
+mu&szlig;te das N&ouml;tigste f&uuml;r die Reise gekauft werden; das
+mu&szlig;te selbstverst&auml;ndlich umsichtig vorbereitet werden.
+Hier erwartete er abermals Widerstand; aber so kindlich
+war sie noch, da&szlig; sie sich, noch ehe etwas Bestimmtes
+&uuml;ber die Reise selbst ausgemacht war, verf&uuml;hren lie&szlig;,
+die Reisegarderobe einzukaufen; das machte ihr Spa&szlig;.
+Wenn er nur einmal l&auml;nger mit ihr h&auml;tte sprechen k&ouml;nnen,
+oder wenigstens eine Weile t&auml;glich; aber sie war
+vorsichtig bis aufs &auml;u&szlig;erste. So schrieb er denn ellen<a class="page" name="Page_121" id ="Page_121" title="121"></a>lange
+Briefe; zu antworten wagte sie nicht, da sie sich
+von der Tante und von der K&ouml;chin &uuml;berwacht glaubte.
+Aber weil die Briefe mit aller Macht der Liebe zu ihr
+sprachen, und da sie auch alle List der Liebe anwandten,
+indem sie auf ihre Phantasie einzuwirken suchten, so
+richteten sie mehr aus als die Zusammenk&uuml;nfte. Da&szlig;
+die Briefe an ihr Ziel gelangten, verdankten sie der
+schlauen Marie, die sowohl der Tante als der Nordlandk&ouml;chin
+&uuml;ber war. Kallem lebte, solange diese Unterhandlungen
+andauerten und seine ganzen Kr&auml;fte in
+Spannung erhielten, f&uuml;r nichts anderes. Beharrlichkeit
+erh&ouml;ht den Mut; und als endlich das Kabeltelegramm
+die Antwort "Ja" brachte, wagte er es, einen k&uuml;hnen
+Plan zu entwerfen. Dieser bestand darin, bis zur n&auml;chsten
+Abfahrt des gro&szlig;en englischen Dampfers alles fertig
+zu machen, Ragni selbst kein Wort zu sagen, sondern
+sich nur zu vergewissern, da&szlig; sie an dem Tage einen
+Vorwand hatte, fr&uuml;hzeitig auszugehen und lange fortzubleiben,
+und endlich es so einzurichten, da&szlig; auch
+Marie frei war. Auf zwei Stunden vor der Abfahrt des
+Dampfers war Ragni in seine Wohnung bestellt; Gep&auml;ck
+und Billet waren l&auml;ngst dort.</p>
+
+<p>Am bestimmten Tage und zur bestimmten Stunde
+kamen Marie und sie. Ragnis Gep&auml;ck war schon fr&uuml;h
+am Morgen an Bord gebracht worden, auch der Wagen,
+der sie abholen sollte, bestellt und bezahlt. Nichts im
+Zimmer erinnerte an eine Abreise; aber die Art, wie er
+sie empfing, erweckte in ihr die Furcht, da&szlig; etwas im
+Werke sei. Sonst war er immer sehr zur&uuml;ckhaltend gewesen,
+schon weil Marie dabei war; heute umarmte er
+Ragni mit all der Innigkeit, die er f&uuml;r sie empfand, und
+schien sie kaum lassen zu k&ouml;nnen. Sein Schmerz nahm
+keine R&uuml;cksicht und kannte keine Umwege mehr; er
+nahm ihre beiden H&auml;nde in seine, und Auge in Auge
+erz&auml;hlte er ihr hastig, alles sei an Bord gebracht; in zwei
+Stunden gehe der Dampfer; und hier sei das Billet.</p>
+
+<p>Sie begriff sofort: jetzt mu&szlig;te sie w&auml;hlen zwischen
+ihm und allem &uuml;brigen &mdash; ohne Bedenkzeit. Und das<a class="page" name="Page_122" id ="Page_122" title="122"></a>
+brachte ihm den Sieg. Erst stand sie in stummer Hilflosigkeit
+da; dann schmiegte sie sich still an ihn und
+verharrte so. Er k&uuml;&szlig;te sie &mdash; wie zum Willkommen &mdash;
+sie hielten sich eng umschlungen und weinten. Das
+M&auml;dchen sah drau&szlig;en vor den Fenstern jemand vorbeikommen
+und lie&szlig; die Gardinen herunter; es wurde halbdunkel,
+und in diesem Halbdunkel h&ouml;rten sie auch
+Marie im Nebenzimmer weinen. Ihre Umarmung ging
+endlich in ein Fl&uuml;stern &uuml;ber, erst abgerissen, dann von
+ged&auml;mpftem Schluchzen begleitet, das verstummte und
+wiederkehrte wie Sordinespiel. Und das Fl&uuml;stern sprach
+von dem Tag, an dem er ihr nachreisen w&uuml;rde, um sich
+nie wieder von ihr zu trennen; welch ein treuer Freund
+er ihr sein w&uuml;rde, und wie die Zukunft, die ihnen winke,
+wohl all dieser Opfer wert sei; wie ihre Briefe Tageb&uuml;cher
+sein sollten &mdash; seine und ihre. Kurze, hastige
+Worte von grenzenloser Liebe &mdash; und all die Worte
+waren seine; von ihr nur das sordinierte Schluchzen.</p>
+
+<p>Trotzdem die Stunde, die sie jetzt zusammen verlebten,
+die Abschiedsstunde war, so war es doch die erste
+Stunde ungest&ouml;rter Hingabe, die sie verbrachten. Das
+Neue, das hierin lag, leuchtete so in den Schmerz hinein,
+da&szlig; er wie zu einem Sonnennebel um sie her ward. Ihr
+leises Schluchzen ging bald in Fl&uuml;stern &uuml;ber; bei den
+ersten Worten, die sie sprach, wollte er sie ansehen; aber
+sie lie&szlig; es nicht zu. Wenn er ganz still sitzen und sie nicht
+ansehen wolle, so w&uuml;rde sie ihm etwas sagen. Er sei der
+wei&szlig;e Pascha! Sie wollte nicht recht mit der Sprache
+heraus, was sie damit meine; das w&uuml;rde zu lang werden.
+Von Kind auf habe sie auf den wei&szlig;en Pascha gewartet,
+d. h. seit ihres Vaters Tode; damals sei sie zw&ouml;lf Jahr alt
+gewesen. Es sei ihr immer traurig ergangen, am traurigsten,
+als sie von Berlin heimgekommen sei und nicht den
+Mut gehabt habe, &ouml;ffentlich zu spielen. Aber davon
+wolle sie auch nicht weiter erz&auml;hlen; es w&uuml;rde zu lange
+dauern. Die ganze Zeit habe sie von dem wei&szlig;en
+Pascha getr&auml;umt &mdash; wenn er doch nur kommen wolle!
+Da&szlig; er kommen w&uuml;rde, das wu&szlig;te sie ganz sicher.<a class="page" name="Page_123" id ="Page_123" title="123"></a>
+Sogar als sie zu den "Walfischen" hinunterstieg, wu&szlig;te
+sie, er w&uuml;rde ihr nachkommen; er fand schon den Weg.
+Einmal hatte sie geglaubt, Rendalen sei der wei&szlig;e Pascha;
+aber da er's nicht war, mu&szlig;te er ausziehen, damit der
+richtige kommen konnte. &mdash; Am ersten Abend hatten
+sie sich mitten in dem leisen Schneefall getroffen. Weshalb
+mu&szlig;ten sie sich gerade da treffen? Da hatte sie
+ihn angesehen und gedacht: ob er wohl der wei&szlig;e
+Pascha sei? Das n&auml;chste Mal, als sie sich trafen, hatte
+er die kleine Juanita getragen; da war sie schon beinah
+sicher, da&szlig; dies keinem andern habe einfallen k&ouml;nnen.
+Aber dann war alles so &uuml;berst&uuml;rzt gekommen, und so
+ganz anders, als sie sich's gedacht hatte. &mdash; Er fragte,
+ebenfalls fl&uuml;sternd, ob sie ihm nicht erz&auml;hlen wolle,
+was sie damals, vor einem Jahr, veranla&szlig;t habe, zu den
+"Walfischen" hinunterzusteigen. Ein Schauder durchflog
+sie bei seiner Frage. &mdash; Und trotzdem &mdash; obgleich
+sie verheiratet gewesen sei, habe sie noch immer auf
+den wei&szlig;en Pascha warten k&ouml;nnen? &mdash; Mehr als je. &mdash;
+Ob sie denn nicht gewu&szlig;t habe, was Ehe ist? &mdash; Sie
+schmiegte sich enger an ihn und schwieg.</p>
+
+<p>Obgleich er nun bei dem angelangt war, was er am
+liebsten h&auml;tte wissen m&ouml;gen, brach er dennoch ab.</p>
+
+<p>Er erz&auml;hlte ihr, es sei verabredet, da&szlig; Rendalen sie an
+Bord erwarte; dieser wolle gleichzeitig auf ein paar Tage
+nach Hause reisen und werde f&uuml;r sie sorgen. Sie standen
+beide auf.</p>
+
+<p>Ob Kallem sie denn nicht aufs Schiff begleite? Er
+umfa&szlig;te sie, barg seinen Kopf an ihrer Brust und sagte,
+es sei besser, nicht. Das war das Schwerste. Einen
+Augenblick lang war sie ganz au&szlig;er sich; sie setzten
+sich aufs neue und nun kam ein langes, aufreibendes
+Abschiednehmen. Marie stand wie auf Kohlen. Bis
+an den Wagen wollte er sie wenigstens begleiten. Aber
+Marie untersagte es ganz bestimmt; niemand d&uuml;rfe sie
+zusammen sehen.</p>
+
+<p>Er h&ouml;rte den Wagen davonfahren, ohne ihn zu sehen,
+und in all den folgenden Jahren erschien ihm dieser<a class="page" name="Page_124" id ="Page_124" title="124"></a>
+Augenblick als das Grausamste, was er je durchgemacht
+hatte.</p>
+
+<p>Er ging nicht hinunter, um das Schiff noch von fern
+zu sehen; erst nachmittags ging er zu der Stelle, wo es
+gelegen hatte.</p>
+
+<p>Von dort machte er einen weiten Spaziergang, und
+zwar so, da&szlig; die Tante ihn sehen mu&szlig;te. Damit verfolgte
+er eine bestimmte Absicht.</p>
+
+<p>Das lenkte eine Zeitlang den Verdacht von ihm ab.
+Man konnte sich nicht denken, da&szlig; der Mann zur&uuml;ckblieb,
+der Ragnis Flucht ins Werk gesetzt hatte, um
+dessentwillen es geschah.</p>
+
+<p>Jeder, der sich der Begebenheit erinnert, wird sich
+entsinnen, wie streng Ragni verurteilt wurde. Fremd,
+ohne Verkehr, scheu, hatte sie nur die Erinnerung
+an ein erotisch-gesangvolles Klavierspiel zur&uuml;ckgelassen;
+und das konnte sie hier nicht verteidigen. Vor einem
+Jahr hatte sie es &uuml;bernommen, f&uuml;r die Kinder ihrer
+verstorbenen Schwester zu leben; und jetzt lief sie
+davon. Der blinde Mann, den sie geheiratet hatte,
+war ihre eigene Wahl gewesen; sie hatte keinerlei Beschwerden
+durch ihn gehabt.</p>
+
+<p>Wenn sie es jetzt bereute &mdash; warum hatte sie es nicht
+gesagt? Weshalb sich so hinterlistig benehmen?</p>
+
+<p>F&uuml;r Kallem war es nicht leicht, das mitanzuh&ouml;ren;
+hatte er ihren Ruf zugrunde gerichtet? Schon jetzt
+nahmen alle als sicher an, da&szlig; sie ein Verh&auml;ltnis mit
+einem andern gehabt habe; und die Stunde war nicht
+fern, da alle wissen w&uuml;rden, da&szlig; er der Schuldige war.</p>
+
+<p>Eines Tages traf er die Kinder mit Marie vor der
+Universit&auml;t, und beide steuerten sofort auf ihn zu. Was
+h&auml;tte er nicht darum gegeben, wenn Ragni l&auml;chelnd
+hinter ihnen hergekommen w&auml;re! Nat&uuml;rlich nahm er
+die Kinder mit in die Konditorei und h&ouml;rte, wie sie
+erz&auml;hlten, da&szlig; "Mama" auf einem gro&szlig;en Schiff fortgereist
+sei; "Mama" komme aber zu Weihnachten wieder
+und bringe ihnen neue Kleider und neue Puppen mit.</p>
+
+<p>Auf dem Tisch lag eine illustrierte Zeitschrift; Juanita<a class="page" name="Page_125" id ="Page_125" title="125"></a>
+kam auf den Einfall, alle Damen auf den Bildern seien
+"Mama"; wenn die &auml;ltere Schwester das bestritt, r&uuml;ckte
+sie blo&szlig; ihren kleinen Finger auf eine andere: "Das
+ist Mama."</p>
+
+<p>Kallem hatte am selben Tage einer verungl&uuml;ckten
+Operation beigewohnt; infolge eines b&ouml;sen Mi&szlig;geschicks
+hatte der Patient sich verblutet. Bei seiner
+gegenw&auml;rtigen Nervosit&auml;t hatte das gro&szlig;en Eindruck
+auf ihn gemacht. Und als er die Kinder verlassen hatte
+und zum Mittagessen ging, kam es ihm vor, als sei
+er selber der ungl&uuml;ckliche Operateur. Er hatte Ragni
+retten wollen, und hatte es nur schlimmer gemacht; jetzt
+verblutete ihr guter Name. Und das Gesellschaftsleben
+ist ein Gewebe von Muskeln, Sehnen und Adern ...</p>
+
+<p>Einige Tage sp&auml;ter sa&szlig; er auf der Universit&auml;tsbibliothek
+und studierte in einem Kartenwerk, als pl&ouml;tzlich
+l&auml;chelnd und frisch Ole Tuft vor ihm stand. Er wisse
+nicht, wo Kallem jetzt wohne, und habe ihn darum
+hier aufgesucht. Kallem stand auf und setzte sich zu ihm.</p>
+
+<p>Der Schwager hatte jetzt nichts mehr von Kallems
+Wildheit zu f&uuml;rchten; Kallem hatte kein Verlangen
+mehr, ihn "halbtot" zu schlagen, nicht einmal mehr,
+ihn vorwurfsvoll anzusehen; er war sehr zufrieden,
+wenn Ole ihn nicht vorwurfsvoll ansah. Ole wu&szlig;te
+wahrscheinlich, was bald alle, die der Sache n&auml;herstanden,
+erfahren mu&szlig;ten &mdash; da&szlig; Edvard Kallem der
+S&uuml;nder war, wu&szlig;ten es von Josefine, die es vom Vater
+geh&ouml;rt hatte. Oder irrte er sich? Versteckte sich hinter
+Oles Freundlichkeit nicht Zweifel, Verdacht an seiner
+vollen Ehrenhaftigkeit &mdash; die Prophezeiung, da&szlig; ein
+solcher Anfang nie zum Siege f&uuml;hren w&uuml;rde? War diese
+Herzlichkeit echte, ungemischte "Br&uuml;derlichkeit", verd&uuml;nnt
+mit dem Gehorsam eines jungen Theologen gegen
+das Gebot: "Liebet alle Menschen"?</p>
+
+<p>Ole war gekommen, um ihm mitzuteilen, da&szlig; er fertig
+sei und nach Hause zur&uuml;ckkehre; das Gl&uuml;ck strahlte
+ihm aus den Augen. Er fragte, ob er Gr&uuml;&szlig;e bestellen
+solle, und erz&auml;hlte, er habe Hoffnung, bald zu Amt und<a class="page" name="Page_126" id ="Page_126" title="126"></a>
+W&uuml;rden zu gelangen. Er lie&szlig; durchblicken, was dann
+geschehen w&uuml;rde; der Weg lag gebahnt vor ihm, und
+seine Ziele waren zweifellos keine geringen. Der stattliche
+Bursch erregte Aufmerksamkeit bei allen, die in
+der Bibliothek aus- und eingingen.</p>
+
+<p>Edvard blieb mit unbedecktem Kopf oben auf der
+Bibliothekstreppe stehen, w&auml;hrend Ole Tuft in seiner
+etwas schwerf&auml;lligen Art &uuml;ber den Platz schritt. Wahrlich &mdash;
+da ging einer, der sicher war in sich selbst; <em class="gesperrt">sein</em>
+Anfang war ganz, so wie seine Natur ganz war.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="Mannesalter" id="Mannesalter"></a><a href="#Inhaltsverzeichnis">Mannesalter</a></h2>
+
+
+<h3><a href="#Inhaltsverzeichnis">1</a></h3>
+
+<p>"&mdash; &mdash; Die Rechtfertigung hat ihren Ursprung in
+der g&ouml;ttlichen Gnade. Sie kann ihn nicht im S&uuml;nder,
+in seiner sittlichen Arbeit an sich selbst haben; denn dieser
+ist ein Ungerechter. Als solcher verdient er sie auch
+nicht, ebensowenig wie er Rechtsanspruch darauf erheben
+kann. Nur Gottes erhabener Wille kann ihn
+rechtfertigen."</p>
+
+<p>Der Pastor ging auf und ab, ein Heft in der Hand,
+aus dem er fl&uuml;sternd auswendig lernte. Die Sonne
+schien hell durch die beiden Fenster, die nach S&uuml;dwesten
+lagen und weit offen standen; durch das hintere ergo&szlig;
+sich milchwei&szlig;er Glanz &uuml;ber den graugestrichenen Fu&szlig;boden;
+das unruhige Laub junger Espen zeichnete sich
+auf den Scheiben ab; die Espen mit ihren zitternden
+Bl&auml;ttern standen drau&szlig;en am Staket. Aus dem Garten
+str&ouml;mte der Duft von Aurikeln, Flieder und Goldregen
+herein; der Pastor unterschied jede Mischung in den
+Luftstr&ouml;mungen; er hatte die B&auml;ume und Blumen selbst
+gepflanzt; sie liebkosten ihn geradezu. Sobald der Luftzug
+nur um ein Winziges st&auml;rker wurde, so sandten die
+sprossenden Birken und die frischen Triebe der Tannen,
+die au&szlig;erhalb seines Pfarrhofs standen, eine scharfe
+Welle herein, die r&uuml;cksichtslos die Str&ouml;mung des Gartens<a class="page" name="Page_127" id ="Page_127" title="127"></a>
+wegsp&uuml;lte, und jedesmal flutete eine ganze Gesellschaft
+verschiedenartiger Ger&uuml;che vom offenen Feld nach. Es
+roch nach Wachstum.</p>
+
+<p>Psst!</p>
+
+<p>"&mdash; &mdash; Was kann Gott dazu bewegen, so gn&auml;dig zu
+sein gegen den armen S&uuml;nder, der aus sich selbst nicht
+das Geringste vermag? Seine unbegreifliche Liebe zum
+S&uuml;nder, seine unverdiente Barmherzigkeit kann ihn dazu
+bewegen."</p>
+
+<p>Jetzt pfiff das Dampfschiff zum drittenmal. Nein &mdash;
+da konnte er nicht widerstehen &mdash; er mu&szlig;te den Dampfer
+sehen, wie er in gro&szlig;em Bogen von der Br&uuml;cke weg
+&uuml;ber die Bucht fuhr und den Wasserspiegel in zwei
+H&auml;lften teilte; der gr&ouml;&szlig;ere fiel der Insel drau&szlig;en zu,
+der kleinere dem Strand vor der Stadt. Der Pastor nahm
+sein Fernrohr vom Pult. Die Br&uuml;cke unten war voll
+bunter Sonnenschirme; dazwischen M&auml;nnerh&uuml;te, meist
+in dunklen Farben; hie und da leinene Hauben und
+Kopft&uuml;cher, gew&ouml;hnlich mehrere beieinander.</p>
+
+<p>Jetzt h&ouml;rte man von rechts Schritte im Sand; sie
+kamen aus dem Garten seiner Mutter und lenkten auf
+den seinen zu &mdash; Schritte eines Erwachsenen, und auf
+jeden Schritt des Erwachsenen zwei Kinderschritte.
+"Du, Mutter, was hat das Dampfschiff im Bauch?" &mdash;
+"Haha!" &mdash; Die Gestalt einer Frau tauchte auf, die den
+Eindruck von Kraft hervorrief. Ein starker Hals und eine
+volle Brust, der ganze Wuchs ungew&ouml;hnlich sch&ouml;n; das
+Gesicht dunkel, ziemlich gro&szlig;, mit gebogener Nase;
+das Haar fast schwarz. Sie trug ein cremefarbenes, mit
+hochroten Blumen gemustertes Musselinkleid mit einer
+Passe von hochroter Seide, um den Leib einen seidenen
+G&uuml;rtel von gleicher Farbe. Zu ihrer dunkeln Haut, dem
+schwarzen Haar und den tiefen Augen bildete das einen
+bezaubernden Gegensatz; sie pries den warmen Fr&uuml;hlingstag
+mit kundiger Farbenpracht. Aber sobald sie in
+das l&auml;chelnde Melanchthonantlitz am Fenster sah, senkte
+sich der rote Sonnenschirm zwischen sie und ihn. An
+der Hand f&uuml;hrte sie ihren vierj&auml;hrigen Knaben, ein<a class="page" name="Page_128" id ="Page_128" title="128"></a>
+h&uuml;bsches Kerlchen mit blondem Haar und einem Gesicht
+wie das Antlitz des Mannes im Fenster. Der Junge lie&szlig;
+die Hand der Mutter fahren, &ouml;ffnete die T&uuml;r zwischen
+den beiden G&auml;rten und sprang vorbei, um die n&auml;chste
+T&uuml;r, auf den Weg hinaus, zu &ouml;ffnen. Als die Frau vor&uuml;berkam,
+fl&uuml;sterte der Pastor: "Ich gratuliere! Du
+siehst ja reizend aus!" Es klang bitters&uuml;&szlig;. Wie konnte
+eine Pastorsfrau sich so kleiden!</p>
+
+<p>Ohne den Sonnenschirm zu senken schritt sie nach
+der offenen Gartent&uuml;r und weiter auf dem Weg nach
+der Stadt zu. "Wohin?" &mdash; "Zum Schiff, und zusehen!"
+rief der Junge, davonspringend. Ihr Nacken
+unter dem Hut, ihre Figur im Sonnenlicht, der Gang,
+die Farben ... der Pastor lag im Fenster, trommelte
+auf den Fenstersims und pfiff lautlos. Die warmen
+Augen flogen ihr nach, bis er sich mit einem kr&auml;ftigen
+Aufstemmen aller f&uuml;nf Finger von der Fensterbank
+erhob.</p>
+
+<p>"&mdash; &mdash; Gott straft nicht, er erbarmt sich unser. Doch
+nicht wie ein Heerf&uuml;hrer einen Waffenstillstand gew&auml;hrt
+oder ein K&ouml;nig eine Amnestie erl&auml;&szlig;t (nein,
+'Amnestie', das verstehen vielleicht nicht alle; wie sag'
+ich gleich &mdash; Erla&szlig;? ... Nein, das gen&uuml;gt nicht. 'Gnadenerla&szlig;'!
+Also:) Doch nicht, wie ein Heerf&uuml;hrer
+Waffenstillstand gew&auml;hrt oder ein K&ouml;nig einen Gnadenerla&szlig;,
+ist die g&ouml;ttliche Rechtfertigung; nein, das widerspr&auml;che
+der Allheiligkeit Gottes. Die Rechtfertigung
+ist allerdings eine Gnade; aber sie ist auch eine Gerichtshandlung.
+Sie mu&szlig; eine rechtliche Grundlage haben,
+d. h. den Forderungen des Gesetzes, die Gottes eigene
+sind, mu&szlig; <em class="gesperrt">Gen&uuml;ge geschehen</em>."</p>
+
+<p>Eigentlich ist das doch sehr juristisch.</p>
+
+<p>Der Pastor sah in das Heft, das aufgeschlagen auf dem
+Pult zwischen den zwei Fenstern lag; er verglich es mit
+dem, was er in der Hand hielt. Dabei h&ouml;rte er das laute
+Get&ouml;se des Dampfers, der jetzt gerade auf der Bucht
+unten vor&uuml;berfuhr. Er mu&szlig;te aus dem Fenster sp&auml;hen,
+und die Folge davon war, da&szlig; er, ohne es zu wissen, sich<a class="page" name="Page_129" id ="Page_129" title="129"></a>
+behaglich hinauslehnte. Die Sonne schien auf das wei&szlig;e
+Leinwanddach des Dampfers, die Schaumlinie zwischen
+Land und Insel war wie eine straffe Schnur; am Himmel
+kein Wolkenstreifen, so da&szlig; der Rauch sich vom freien
+Grund abhob; ebenso unged&auml;mpft h&ouml;rte man den
+L&auml;rm. Der Pastor lie&szlig; den Blick vom Dampfer nach
+der Stadt, zum Strand, &uuml;ber die Bucht hin schweifen,
+bis zu den Bergen auf der andern Seite der Bucht; die
+ganz hinten, die blauen dr&uuml;ben waren noch nicht frei
+von Schnee. Das Get&ouml;se des Dampfers hallte &uuml;ber die
+weite Landschaft hin wie eine Predigt, die seine eigene
+abl&ouml;ste. Ein bescheidener Duft aus dem Garten lenkte
+sein Auge vom Gro&szlig;en aufs Kleine. Das alles hatten
+er und Klein-Edvard miteinander geschafft, oder vielmehr,
+er hatte gearbeitet und der Kleine hatte sich
+unn&uuml;tz gemacht. Der Pastor besah sich namentlich die
+Beete, auf denen bis jetzt noch nichts kam; dann die
+ersten, die schon ganz fertig waren und leider auch
+schon gej&auml;tet werden mu&szlig;ten. Dabei konnte Edvard
+auch helfen. Langweilig war es ja; aber er hatte sich
+nun einmal vorgenommen, in diesem Jahre solle kein
+anderer den Garten anr&uuml;hren; au&szlig;erdem war das B&uuml;cken
+gesund, da mischte sich die Galle mit dem Blut. Ohne
+es zu wollen dachte er daran, wie ihm seine Frau dann
+manchmal ein Glas Wein und ein St&uuml;ckchen Kuchen
+brachte; es liegt in der Natur des Weibes, unsere Schw&auml;chen
+zu ahnen und schwach gegen sie zu sein. Er blickte
+hin&uuml;ber auf den Weg, wo sie verschwunden war, und
+richtete sich straff in die H&ouml;he:</p>
+
+<p>"&mdash; &mdash; Den Forderungen des Gesetzes, die Gottes
+sind, mu&szlig; Gen&uuml;ge geschehen. K&ouml;nnte das durch den
+S&uuml;nder selbst geschehen, so w&auml;re die Rechtfertigung
+keine Gnade; folglich mu&szlig; es durch den <em class="gesperrt">Geist</em> geschehen.</p>
+
+<p>Aber auch diese Erf&uuml;llung des Gesetzes durch einen
+andern mu&szlig; aus Gottes erl&ouml;sender Gnade kommen,
+wenn sie nicht die Rechtfertigung (hu, wie juristisch!)
+aufheben soll. Und soll ferner diese neue Gnaden<a class="page" name="Page_130" id ="Page_130" title="130"></a>handlung
+allen zugute kommen, so mu&szlig; die Gesetzerf&uuml;llung
+f&uuml;r das <em class="gesperrt">ganze s&uuml;ndige Menschengeschlecht</em>
+gelten. Einzig Gott selbst kann eine solche
+Erf&uuml;llung, einen solchen 'Vergleich', eine solche, 'S&uuml;hne'
+zustandebringen.</p>
+
+<p>F&uuml;r den Christen ist es eine Tatsache des Glaubens,
+da&szlig; diese Grundlage f&uuml;r eine Welts&uuml;hne, diese Ausl&ouml;sung
+der Schuld des ganzen Menschengeschlechts ein
+f&uuml;r allemal durch <em class="gesperrt">Jesum Christum</em> geschaffen worden
+ist, und da&szlig; sie jedem einzelnen S&uuml;nder zugute kommen
+kann."</p>
+
+<p>Der Pastor blickte auf. Wie weit wohl das Dampfschiff ...?
+Was, nirgends mehr? Er ging ans Fenster
+und blieb dort stehen. In einer geraden Linie scho&szlig;
+jetzt das Boot auf die Landspitze zu, die so weit hinausragte,
+da&szlig; sie fast bis an die Insel stie&szlig;. Das gro&szlig;e
+Kirchdorf dr&uuml;ben rechts auf der H&ouml;he, deren Ende
+die Landspitze bildete, schaute vom Hang her&uuml;ber.
+Die Bucht lag dazwischen. Hof an Hof sonnte sich dort,
+gr&uuml;n und fruchtbar; stolze Besitzt&uuml;mer &mdash; das sah man
+an der Entfernung zwischen den einzelnen Geh&ouml;ften.
+Die Seite des H&uuml;gels, die sich nach der Insel erstreckte,
+hatte die Form einer flachen Zange; und dort, durch
+den Sund, mu&szlig;te das Dampfschiff in den gro&szlig;en Fjord
+verschwinden.</p>
+
+<p>Dies dumpfe Dr&ouml;hnen des Dampfers! Ist es nicht,
+als habe die Natur Sprache bekommen? Die ganze
+Landschaft, nicht nur ein Teil. Wenn z. B. &uuml;ber die
+ganze Landschaft eine Saite gespannt w&auml;re, und ein
+Bogen striche dar&uuml;ber, dann m&uuml;&szlig;te das klingen wie das
+Dr&ouml;hnen des Dampfers. &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Psst!</p>
+
+<p>"&mdash; &mdash; Gott hat gewollt und bewirkt, da&szlig; ein S&uuml;nder
+gerechtfertigt werden kann durch Gottes Gnade, und
+zwar dadurch, da&szlig; Christus dem Gesetz Gen&uuml;ge getan
+hat. Christi Verdienst, Christi Gerechtigkeit haben die
+Schuld bezahlt. Jeder kann sich sozusagen sein St&uuml;ck
+von der Gerechtigkeit abschneiden, die Christus f&uuml;r die<a class="page" name="Page_131" id ="Page_131" title="131"></a>
+Welt gewonnen hat. &mdash; Nein &mdash; das klingt vielleicht
+zu weltlich. Wenn es auch der Sinn ist."</p>
+
+<p>Bald darauf lag er wieder im Fenster, breit auf beide
+Ellbogen gest&uuml;tzt, als wolle er &uuml;berhaupt nicht mehr
+aufstehen. Er sah den Weg hinunter, auf dem Josefine
+mit dem Kleinen verschwunden war; er blickte &uuml;ber die
+Bucht weg nach der Insel, und dachte an das Inselkindchen,
+das dort dr&uuml;ben links spielte; von hier aus
+konnte er es nicht sehen, aber er wu&szlig;te, da&szlig; es dort
+spiele, und wie niedlich es sei. Von den Bergen wieder
+geschwind zum Dampfer, der auf den Sund lossteuerte.
+Dort drau&szlig;en hatte die Insel einen Waldhut auf, dem
+der Rauch des Dampfers eben einen Flor umlegte. Der
+Wind ging dort anscheinend in anderer Richtung?
+Nein, jetzt ging er auch hier in der gleichen. Um diese
+Zeit schl&auml;gt er so oft um. Jetzt duftete es nicht mehr
+vom Garten und von den B&auml;umen und Feldern herein;
+bald wird wohl ein Fl&uuml;gelschlag schwarze Streifen ins
+Wasser ritzen! Eine Dampfpfeife st&ouml;hnte und keuchte
+links unten an der Bucht; da ging ein Zug ab, oder ein
+G&uuml;terzug rangierte.</p>
+
+<p>Wie still es sonst war! Er h&ouml;rte in weiter Ferne ein
+paar Kinderstimmen, jede Schwingung darin. Ab und zu
+klopfte und h&auml;mmerte es in dem neuen Haus drunten
+an der Ecke der Strandstra&szlig;e und des Wegs, der hier
+herauff&uuml;hrte. Es klang, wie es in leeren R&auml;umen zu
+klingen pflegt. In der Ferne immer noch ged&auml;mpfte
+Staccatot&ouml;ne des Dampfergedr&ouml;hns. Das Haus, in dem
+er wohnte, lag frei, und diesem Umstand war es zu verdanken,
+da&szlig; er einen so weiten Blick und einen so hellh&ouml;rigen
+Standort hatte. Aber wenn die Felder in Grundst&uuml;cke
+parzelliert wurden, so war es damit vorbei.</p>
+
+<p>Dar&uuml;ber verfiel er in Nachdenken; sollte er nicht
+selber aufkaufen? Er h&auml;tte es gern getan; aber Haus
+und Grundbesitz und alles, was sie hatten, geh&ouml;rte seiner
+Frau. Der Rest seines eigenen kleinen Verm&ouml;gens steckte
+in dem kleinen Haus mit Garten rechts nebenan, in
+dem seine Mutter wohnte.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_132" id ="Page_132" title="132"></a>Es hat mancherlei Vorteile, mit einer reichen Frau
+verheiratet zu sein, selbst wenn im Ehekontrakt steht,
+da&szlig; sie allein das Verf&uuml;gungsrecht &uuml;ber ihr Verm&ouml;gen
+hat; manche Bequemlichkeiten fallen ab, die das Leben
+freundlicher und die Arbeitsbedingungen leichter gestalten;
+es ist auch meist der Schl&uuml;ssel zu einer gewissen
+Macht &mdash; namentlich f&uuml;r einen Pastor. Viel Gutes l&auml;&szlig;t
+sich damit tun, was andere sich versagen m&uuml;ssen, und
+das setzt sich um in Macht. Er hatte das empfunden,
+und hatte es mit Behagen empfunden. Das pa&szlig;te ihm.</p>
+
+<p>Aber. &mdash; Ja, alle "Aber" wurzeln in dem einen Punkt:
+wie die Frau ist, die &uuml;ber das Verm&ouml;gen zu verf&uuml;gen hat.
+"Aber wie nun die Gemeinde ist Christo Untertan &mdash;."</p>
+
+<p>Psst! &mdash; Er begann wieder zu lesen, diesmal laut:
+"Die &auml;u&szlig;ere Grundlage f&uuml;r die Rechtfertigung war
+also, da&szlig; Jesus dem Gesetz Gen&uuml;ge getan hat; die innere
+Bedingung ist, da&szlig; der S&uuml;nder das <em class="gesperrt">glaubt</em>. Wie vers&ouml;hnt
+auch Gott mit der Welt sein mag, er kann einzig dem
+S&uuml;nder seine Gnade schenken, der in Gemeinschaft steht
+mit Christus, '<em class="gesperrt">weil er an ihn als seinen Erl&ouml;ser
+glaubt</em>'."</p>
+
+<p>Das Heft sank; der Pastor wu&szlig;te selber nicht, was er
+las. Denn die Stelle im Epheserbrief hielt seine Gedanken
+gefangen. Ist das Weib nicht Untertan in allen
+Dingen,... ja, dann s&auml;t eben der Umstand, da&szlig; die
+Frau das Verf&uuml;gungsrecht &uuml;ber das Verm&ouml;gen hat, eine
+Saat der Ungleichheit.</p>
+
+<p>So tief war er hiervon &uuml;berzeugt, so stark waren die
+Beweise, die er sich daf&uuml;r zurechtlegte, da&szlig; er fern und
+nah nichts mehr sah und h&ouml;rte, &mdash; es nur noch wie die
+Erz&auml;hlung eines andern in sich aufnahm. Er trommelte
+auf die Fensterbank und blickte auf den Weg hinunter. Die
+beiden eben ausgekrochenen Schmetterlinge, die in endlosen
+Schwingungen sich &uuml;ber und unter seinem Fenster
+umkreisten, hatten keine Ahnung von all den Schwierigkeiten,
+die es mit sich bringt, wenn man ein Verm&ouml;gen
+besitzt, &uuml;ber das man nicht verf&uuml;gen kann. Etwas weiter
+dr&uuml;ben, hinter dem Schemel des Jungen, der seit ein<a class="page" name="Page_133" id ="Page_133" title="133"></a>
+paar Tagen vergessen dalag, l&auml;utete eine anmutige Declytera
+mit langem Bl&uuml;tenstengel voll roter Gl&ouml;ckchen
+zur Hochzeit &mdash; zur Hochzeit &mdash; ohne das geringste
+Verst&auml;ndnis f&uuml;r Epheser 5 Vers 24. Der Pastor &uuml;bersah
+sie darum auch. Ja, nicht einmal G&auml;rtner Nergaards
+Bienen, die jedenfalls dieses Jahr zum erstenmal hier
+oben waren (wahrhaftig! sie kannten den Weg wieder,
+seit der Wind umgeschlagen war und der Duft lockte!)
+&mdash; nicht einmal die Bienen h&ouml;rte er, wie sie um die
+frischen Triebe hinter dem Haus surrten. Eheliche
+K&uuml;mmernisse im Sinne Epheser 5 Vers 24 ziehen einem
+eine Kappe &uuml;ber den Kopf, und wenn auch die Sonnenstrahlen
+aufs Haar brennen! &Uuml;ber das sanft abfallende
+Kirchdorf dr&uuml;ben zur Rechten mit seinen drei Schattierungen
+von Gr&uuml;n: Wiesen, &Auml;cker und Wald, &mdash;
+glitten seine Augen so blind hin wie der Wind. Eben
+jetzt zog sich ein Streifen Schwarz &uuml;ber die Bucht,
+wie versuchsweise, &mdash; ein paar vereinzelte Furchen; er
+war mitten drin und sah es nicht. Irgendwo von oben
+muhte eine angepflockte Kuh sehnsuchtsvoll nach:
+Wasser &mdash; Wasser! Alles um ihn her ein Warten &mdash; und
+ungesehen ..., bis ein verzweifelter Kinderschrei die
+warme Bl&uuml;tenduftluft zerri&szlig; ... ein einziger, langgezogener
+Schrei. In diesem Schrei h&ouml;rte er jede Schwingung;
+der packte ihn an der Brust wie eine erbarmungslose
+Hand. Er fuhr auf und stand mit angehaltenem Atem
+still und wartete auf den n&auml;chsten. Aber er kam nicht, der
+n&auml;chste ... es mu&szlig;te schon beim ersten sich vollst&auml;ndig
+ersch&ouml;pft haben ... nein! da gellte es wieder! War der
+erste Schrei verzweifelt gewesen, so war dieser die Todesangst
+selbst ... und wieder einer ... und noch einer!
+Der Pastor stand bla&szlig; &mdash; alle Sinne gespannt &mdash; da. Da
+erklangen von rechts rasche Schritte im Sand. Es war
+seine Mutter, die an dem T&uuml;rchen zwischen den beiden
+G&auml;rten zum Vorschein kam, eine alte, hagere Frau mit
+schwarzer Haube &uuml;ber dem schneewei&szlig;en Haar, das an den
+Wangen herabgek&auml;mmt war und einen steifen Rahmen um
+das vorsichtige, ein bi&szlig;chen trockene Gesicht bildete.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_134" id ="Page_134" title="134"></a>"Nein!" stie&szlig; der Pastor hervor, "nein, Gott sei
+Dank, Edvard ist das nicht! Solches Getue leistet sich
+der nicht, wenn er weint! <em class="gesperrt">Mein</em> Bengel macht kein
+solches Geschn&ouml;rkel! Der heult schlankweg drauf los!"</p>
+
+<p>"Schlimm genug ist's &mdash; einerlei, wer's ist!" antwortete
+sie.</p>
+
+<p>"Hast recht, Mutter!" Und er betete im Herzen
+sogleich f&uuml;r den armen Knirps, der da so jammervoll
+schrie. Aber nachdem das erledigt war, dankte er doch
+Gott, da&szlig; es nicht <em class="gesperrt">sein</em> Junge war. Das mu&szlig;te man
+ihm schon erlauben!</p>
+
+<p>W&auml;hrenddessen kam ein hochgewachsener Mann in
+hellem Anzug und Panamahut den Weg herauf. Die
+ganze Zeit &uuml;ber blickte er nach dem Haus und dem
+Garten. Der Pastor sah auch ihn an, erkannte ihn aber
+nicht. Der Fremde kam &uuml;ber die Stra&szlig;e her&uuml;ber und
+geradenwegs auf die Treppe zu. Ein hochgewachsener
+Mann mit kurzem, sonnverbranntem Gesicht, einer
+Brille, und eigent&uuml;mlich raschem Gang. Wer in aller
+Welt...? &mdash; Der Pastor trat vom Fenster zur&uuml;ck, eben
+als der Fremde die Treppe erreichte. Er mu&szlig;te sie in
+zwei S&auml;tzen genommen haben, denn schon erklangen
+Schritte im Gang. Es klopfte.</p>
+
+<p>"Herein!"</p>
+
+<p>Die T&uuml;r wurde ge&ouml;ffnet; doch der Fremde blieb
+drau&szlig;en stehen.</p>
+
+<p>"Edvard!"</p>
+
+<p>Der andere antwortete nicht. "Aber, Edvard! Du hier!
+Und ohne Dich anzumelden? Bist Du's denn wirklich?"
+Und der Pastor lief auf ihn zu, streckte ihm beide H&auml;nde
+entgegen und zog ihn herein. "Willkommen! Herzlich
+willkommen, alter lieber Kerl!" Sein Gesicht strahlte
+vor Freude.</p>
+
+<p>Edvards sonnverbrannte H&auml;nde dr&uuml;ckten zur Antwort
+des Schwagers H&auml;nde, seine Augen gl&auml;nzten hinter der
+Brille; gesprochen hatte er noch nicht.</p>
+
+<p>"Warum redest Du denn kein Wort, Alter?" rief der
+Pastor und legte beide H&auml;nde auf Edvards Schultern.<a class="page" name="Page_135" id ="Page_135" title="135"></a>
+"Bist Du denn Deiner Schwester nicht begegnet?" &mdash;
+"Doch! Von ihr hab' ich erfahren, wo ihr wohnt." &mdash;
+"Und Du bist ihr davongelaufen? Wolltest wohl eher
+hier sein? Es ging Dir wohl zu langsam mit dem Jungen,
+was?" fragte der Pastor. Seine warmen Augen blickten
+voll ungeteilter Freude in die Augen des andern. &mdash;
+"Nicht nur deswegen. Du wohnst h&uuml;bsch hier."</p>
+
+<p>"Ja, nicht wahr? Und Du sollst gerade so h&uuml;bsch
+wohnen, wenn ich auch unseren Stadtteil im Norden
+dem Zentrum vorgezogen h&auml;tte." &mdash; "Ich hatte ja
+wohl keine Wahl." &mdash; "Nein, das ist wahr. Wenn Du
+das Krankenhaus &uuml;bernehmen wolltest, so mu&szlig;test Du
+auch die Doktorwohnung dazu nehmen; die beiden geh&ouml;ren
+zusammen. &Uuml;brigens nicht zu teuer &mdash; das sagen
+alle. Und sehr bequem &mdash; und eine Menge Grundbesitz
+dabei. Na, jetzt hast Du Dich aber auch lang
+genug drau&szlig;en herumgetrieben. Wahrhaftig &mdash; mehr als
+lang &mdash; so in einer Tour. Aber warum hast Du denn
+nicht geschrieben? Warum Dich nicht angemeldet?
+Herrgott &mdash; ich hab' Dich ja nicht einmal gleich erkannt!
+Und dabei hast Du Dich eigentlich gar nicht
+ver&auml;ndert!" Er betrachtete das hagere Gesicht des
+Schwagers, das ihm nur weicher im Ausdruck erschien
+als fr&uuml;her. Dabei plauderte er unaufh&ouml;rlich weiter,
+w&auml;hrend sie auf und ab gingen oder am Fenster standen.
+Jetzt wandte Edvard sich zu ihm: "Aber Du, Ole &mdash; Du
+hast Dich ver&auml;ndert!" &mdash; "Wirklich? Das h&auml;tt'
+ich nicht gedacht. Die andern finden das nicht." &mdash; "Doch &mdash; Du
+hast so einen geistlichen Anstrich bekommen." &mdash; "Geistlich?
+Haha! Du meinst, ich bin
+ein bi&szlig;chen dicker geworden? Ich kann Dir versichern,
+ich tue alles, was ein Mensch tun kann, um dem abzuhelfen;
+ich arbeite im Garten, ich mache weite Spazierg&auml;nge;
+aber &mdash; &mdash; &mdash; siehst Du, meine Frau pflegt
+mich eben zu gut. Und die Menschen hier sind zu
+liebensw&uuml;rdig zu mir." &mdash; "Du solltest es machen wie
+ich." &mdash; "Wie machst Du's denn?" &mdash; "Ich lauf' auf den
+H&auml;nden!" &mdash; "Hahaha! auf den H&auml;nden? In meiner<a class="page" name="Page_136" id ="Page_136" title="136"></a>
+Stellung?" &mdash; "In Deiner Stellung? Wenn Du einmal
+durch das ganze Kirchenschiff auf den H&auml;nden liefest &mdash; <em class="gesperrt">das</em>
+w&auml;re eine Predigt!" &mdash; "Hahaha! Und Du kannst
+wirklich noch auf den H&auml;nden laufen?" &mdash; "Und ob!" &mdash; Und
+im selben Augenblick lief er auch schon. Die lose,
+kurze, rohseidene Jacke hing ihm dabei &uuml;ber den Kopf,
+der Pastor betrachtete sie, das R&uuml;ckenteil der Weste, das
+Hemd zwischen Weste und Hosenbund, ein St&uuml;ck von
+den Hosentr&auml;gern, die Hosen, die Str&uuml;mpfe, die braunen
+Segeltuchschuhe mit den dicken Gummisohlen. Kallem
+hatte mittlerweile schon fast die Runde um das Zimmer
+gemacht. Der Pastor wu&szlig;te nicht recht, wie er sich dazu
+verhalten solle. Kallem stand tiefatmend und erhitzt auf,
+nahm seine Brille ab, putzte sie und begann kurzsichtig
+die B&uuml;cherregale zu betrachten.</p>
+
+<p>Nun f&uuml;hlte der Pastor, da&szlig; irgend etwas vorgefallen
+war &mdash; etwas, wor&uuml;ber der Schwager sich &auml;rgerte.
+Hatte die Schwester etwas gesagt, das ihn verstimmen
+konnte? Doch nein &mdash; was h&auml;tte das wohl sein sollen!
+Bei ihrer Bewunderung f&uuml;r ihn! Das beste war &mdash; gleich
+ehrlich und offen fragen; warum nicht lieber gleich
+Klarheit schaffen? Kallem hatte die Brille wieder aufgesetzt
+und ging an ihm vorbei, zum Pult; dar&uuml;ber hing
+ein Christus von Michelangelo &mdash; ein Holzschnitt. Er
+sah fl&uuml;chtig zu ihm auf, dann auf das Heft, das aufgeschlagen
+auf dem Pult lag. Und ehe der Pastor noch eine
+Frage tun konnte, sagte Kallem: "Johnsons systematische
+Theologie? Die hab' ich mir gleich in Kristianssand
+gekauft." &mdash; "Die? Du?" &mdash; "Ja. Ich hab' sie
+seither nie bekommen k&ouml;nnen. Dort lag sie im Schaufenster
+aus. Es war wie ein Wahrzeichen der Heimat." &mdash; "Nein!
+Das ist nicht Norwegen!" sagte der Pastor.
+"Das ist in der Hauptsache nichts als unhaltbare Juristerei."
+Verwundert &uuml;ber diese Antwort des Pastors und
+den Ton, in dem sie vorgebracht wurde, wandte Kallem
+sich um: "Ist diese Denkweise unter den j&uuml;ngeren norwegischen
+Theologen allgemein?" &mdash; "Ja. Ich habe mir
+das alles wieder zusammengesucht, um morgen die ver<a class="page" name="Page_137" id ="Page_137" title="137"></a>schiedenen
+Ansichten &uuml;ber die Vers&ouml;hnungslehre genau
+auseinandersetzen zu k&ouml;nnen." &mdash; "Aha! Na ja &mdash; eine
+ganz gute Manier!" &mdash; Kallem sah zum Fenster hinaus.
+Zum vierten oder f&uuml;nften Male schon. Sicher &mdash; da
+stimmte irgend etwas nicht. "Da sind sie!" sagte er.
+Er stand am hinteren Fenster, der Pastor am vorderen,
+von wo aus er jetzt den roten Sonnenschirm seiner Frau
+&uuml;ber dem Musselinkleid auftauchen sah. Sie ging langsam
+und hielt den Jungen an der Hand, der anscheinend
+unaufh&ouml;rlich plapperte, denn sein kleines Gesicht war
+fortw&auml;hrend zu ihr emporgewandt, w&auml;hrend er den unebenen
+Weg entlang stolperte. Die beiden gingen dr&uuml;ben
+auf der andern Seite. Aber hier unmittelbar am Zaun
+ging eine Dame ... Eben hob sie ihren gr&uuml;nen Sonnenschirm
+in die H&ouml;he (wie h&uuml;bsch der war!) &mdash; eine Dame,
+nicht so gro&szlig; wie Josefine, aber schlanker; sie sah sich
+um; ihre Bewegungen waren merkw&uuml;rdig leicht; ihr
+Haar war rotblond, und sie trug ein schottisches Reisekost&uuml;m
+von fremdartigem Schnitt; es mu&szlig;te eine Ausl&auml;nderin
+sein. Freilich, jetzt erkl&auml;rte es sich, weshalb
+Edvard vorausgegangen war; er hatte allein sein und
+die beiden allein lassen wollen. "Wer ist denn die Dame,
+die da neben Josefine geht? Sie mu&szlig; mit demselben
+Dampfer gekommen sein wie Du?" &mdash; "Ja." &mdash; "Du
+kennst sie?" &mdash; "Ja. Es ist meine Frau." &mdash; "Deine ...
+Du bist verheiratet?" Er sagte es so laut, da&szlig; beide
+Damen heraufsahen. Er zog den Kopf zur&uuml;ck und
+wandte sich um. Aber er sprach ins Leere. Der Doktor
+sah noch immer zum Fenster hinaus. Die Antwort
+kam auch von drau&szlig;en: "Ja, seit sechs Jahren." &mdash;
+"Seit sechs &mdash;?" Des Pastors Kopf fuhr wieder zum
+Fenster hinaus; ein aufs h&ouml;chste verwundertes Gesicht
+starrte Kallem an. Seit sechs Jahren! dachte er. Wie
+lang ist es doch her, da&szlig; ...? Mein Gott, es ist ja knapp
+sechs Jahre her, da&szlig; ...</p>
+
+<p>Die Damen waren mittlerweile vor dem Garten angelangt,
+die Fremde dicht am Zaun, w&auml;hrend Josefine
+und der Junge jetzt her&uuml;berkamen. "Du, Mutter,<a class="page" name="Page_138" id ="Page_138" title="138"></a>
+warum fallen denn kleine Jungs immer grad' auf den
+Kopf?" Keine Antwort. "Mutter, warum fallen sie
+denn nicht auf die Beine?" Keine Antwort. "Weil der
+Oberk&ouml;rper schwerer ist, mein Junge!" Kallem sagte es.
+Alle drei sahen hinauf.</p>
+
+<p>Im selben Augenblick verlie&szlig; er das Fenster, um
+ihnen entgegenzugehen; der Pastor hinterdrein; aber
+er blieb auf der untersten Treppenstufe stehen.</p>
+
+<p>Die Augen der Dame f&uuml;llten sich mit Tr&auml;nen, w&auml;hrend
+Kallem auf sie zukam; vergebens versuchte sie, es zu
+verbergen, indem sie bald nach rechts, bald nach links
+blickte. Josefines Augen waren kalt. Der kleine Edvard
+war auf seinen Vater zugelaufen und erz&auml;hlte ihm,
+Nicolai Andersen sei auf "die Leiter" hinaufgeklettert
+(er deutete dabei nach dem neuen Haus hinunter) "und
+'runtergepurzelt". Und "die neue Dame" habe ihm
+ihr Taschentuch um den Kopf gebunden. Das schien
+den Pastor gerade jetzt nicht so stark zu interessieren,
+als der Junge erwartet hatte; deshalb lief er ums Haus
+herum zur Gro&szlig;mutter, um es der zu erz&auml;hlen.</p>
+
+<p>"Ich brauche sie Dir wohl nicht vorzustellen?" sagte
+Edvard Kallem, w&auml;hrend er die Hand seiner Frau fa&szlig;te
+und dem Pastor in die Augen sah. Dieser suchte nach
+Worten, fand keine und schielte zu Josefine hin&uuml;ber,
+die jedoch keine Miene machte, ihm zu helfen.</p>
+
+<p>Vor kaum acht Tagen hatte der eifrige Geistliche
+gegen die vielen Scheidungen mit darauffolgender neuer
+Ehe im "Morgenblatt" einen Artikel geschrieben mit
+der &Uuml;berschrift: "Ehe oder Hurerei?" Und hatte
+darin mit unwiderleglichen Beweisen dargetan, da&szlig;
+nach der heiligen Schrift kein anderer Scheidungsgrund
+gelte als Untreue. Wer seinen Ehegenossen beim Ehebruch
+betreffe, sei frei und k&ouml;nne sich wieder verheiraten;
+wenn jedoch ein Mensch sich aus anderen Gr&uuml;nden
+scheiden lasse und sich wieder verheirate, w&auml;hrend sein
+Ehegenosse noch lebe, so bestehe die erste Ehe fort
+und die zweite sei Hurerei. Vor noch nicht acht Tagen
+hatte er unter voller Zustimmung seiner Frau das ge<a class="page" name="Page_139" id ="Page_139" title="139"></a>schrieben.
+Und eben, weil jene Begebenheit mit Kallem
+und Ragni Kule ihm noch frisch im Ged&auml;chtnis stand,
+erz&auml;hlte er in diesem Artikel, wie die Frau eines kranken
+Mannes der Stellung, die Gott ihr zuerteilt hatte, &uuml;berdr&uuml;ssig
+geworden sei und heimlich ein Liebesverh&auml;ltnis
+mit einem andern unterhalten habe, wie sie dann gleich
+nach der Entdeckung gefl&uuml;chtet sei und sich habe scheiden
+lassen. "Gesetzt nun den Fall," schrieb er, "da&szlig;
+eine solche Frau sich wieder verheiratet und noch dazu
+mit dem, der ihr geholfen hatte, ihren Mann zu betr&uuml;gen?
+Wer k&ouml;nnte eine solche Ehe anders nennen
+als fortgesetzten Ehebruch?"</p>
+
+<p>Wort f&uuml;r Wort hatte er so geschrieben. Seine Frau
+stimmte v&ouml;llig mit ihm &uuml;berein; sie ha&szlig;te die Frau, die
+ihren Bruder verf&uuml;hrt hatte, im voraus. Und nun standen
+beide vor ihr. Und Ragni war des Bruders Frau.</p>
+
+<p>Etwas Undenkbareres h&auml;tte das Wiedersehen gar
+nicht bringen k&ouml;nnen! Und dabei waren sie so sicher
+gewesen, da&szlig; der Bruder all solche Leichtfertigkeit von
+sich abgetan hatte! Er war ja jetzt ein Mann der Wissenschaft,
+dem schon eine Professur angetragen war, unter
+s&auml;mtlichen j&uuml;ngeren &Auml;rzten vielleicht der Mann, von
+dem die Kollegen am meisten erwarteten.</p>
+
+<p>Das war eine Entt&auml;uschung, die nicht zu verwinden
+war! Und der Gedanke, da&szlig; sie nun mit diesen beiden
+an einem und demselben Ort leben, sie ihren Bekannten
+in der Gemeinde als Herr und Frau Kallem vorstellen
+sollten! Nachdem Tuft unter seinem vollen Namen
+ihr Zusammenleben f&uuml;r Ehebruch erkl&auml;rt hatte!</p>
+
+<p>Nat&uuml;rlich hatte Kallem es gelesen, er, der so eifrig
+nach der Wesenseigent&uuml;mlichkeit des zeitgen&ouml;ssischen
+Norwegens forschte, da&szlig; er sogar Johnsons Dogmatik
+las! Nat&uuml;rlich las er vor allem die Zeitungen. Er hatte
+es gelesen, und das erkl&auml;rte alles! Sie stand da und wu&szlig;te
+nicht wohin, klammerte sich blo&szlig; an ihn an. Und er?
+Sein rechter Arm umschlang sie jetzt, als wollte er sich
+laut zu ihr bekennen. Sie hielt mit ihrer Rechten hartn&auml;ckig
+den Sonnenschirm &uuml;ber sich, als k&ouml;nne der sie<a class="page" name="Page_140" id ="Page_140" title="140"></a>
+sch&uuml;tzen; aber auf die Dauer ging das nicht, das Taschentuch
+mu&szlig;te heraus, und weil sie ihr eigenes nicht hatte,
+nahm sie verstohlen das ihres Mannes.</p>
+
+<p>"Wollen wir nicht hineingehen?" sagte der Pastor
+mechanisch. Das geschah. Er f&uuml;hrte sie im Haus umher,
+w&auml;hrend Josefine sich entfernte, um f&uuml;r Erfrischungen
+zu sorgen. Vom Studierzimmer, das nach dem
+Garten zu gelegen war, kamen sie ins Wohnzimmer,
+das nach der Stra&szlig;e ging, dann in die dahinter liegende
+E&szlig;stube, von dort in die K&uuml;che, die an der Nordseite
+des Hauses lag und einen besonderen Eingang hatte.
+Auf derselben Seite lag noch die Speisekammer und ein
+Fremdenzimmer, das an das Studierzimmer stie&szlig; und
+eine Altane hatte, die mit der Treppe am anderen Ende
+der Fassade korrespondierte. Im Oberstock verschiedene
+Schlafzimmer usw. Das Herumf&uuml;hren dauerte kaum
+f&uuml;nf Minuten. Von Seiten des Pastors nur die allernotwendigsten
+Worte; von Seiten Kallems ein paar sp&ouml;ttische
+Bemerkungen, erst als er aus mehreren Anzeichen
+ersah, da&szlig; der Pastor zurzeit im Fremdenzimmer schlief
+und Josefine mit ihrem kleinen Sohn oben, und dann,
+als er die seltene Sammlung von Bildern ber&uuml;hmter
+Theologen sah, die, um Luthers Bild gruppiert, an der
+gro&szlig;en Wand des Wohnzimmers hingen. Die Erfrischungen,
+die Josefine anbot, lehnte er ab, verabschiedete sich und ging.</p>
+
+<p>Ragni war wie eine Unsichtbare nebenher gegangen.
+Jetzt, zum Schlu&szlig;, glitt ihre lange, schmale Hand durch
+die H&auml;nde des Schwagers und der Schw&auml;gerin wie ein
+Hermelinschw&auml;nzchen durch ein Mauerloch. Die Augen
+huschten scheu &uuml;ber sie hinweg wie der Schatten eines
+Fl&uuml;gels. Der Pastor gab bis an die Treppe das Geleite;
+Josefine blieb an dem gro&szlig;en Fenster stehen.</p>
+
+<p>Kallem ging so rasch, da&szlig; Ragni alle drei Schritt
+einen kleinen Sprung machen mu&szlig;te. Der Pastor stand
+noch drau&szlig;en und sah es. Diese Hast steigerte die Erregung,
+in der sie sich befand, und als sie ungef&auml;hr in
+der Mitte zwischen der Strandstra&szlig;e und dem Pfarr<a class="page" name="Page_141" id ="Page_141" title="141"></a>hof
+waren, bat sie ihn, stehen zu bleiben, und fing zu
+weinen an.</p>
+
+<p>Kallem stutzte &uuml;ber diese von der seinen so verschiedene
+Gef&uuml;hlsskala; er war emp&ouml;rt. Aber bald merkte
+er, da&szlig; sie wahrscheinlich gerade &uuml;ber seine eigene Art
+sich zu benehmen weinte. Er zog sie mit sich an den
+Zaun, und stellte sich mit dem R&uuml;cken dagegen: "Hab'
+ich mich nicht richtig benommen?" &mdash; "Du warst so
+b&ouml;se &mdash; hu, so b&ouml;se, und nicht blo&szlig; gegen sie und ihn,
+sondern auch gegen mich; ja, Du, &mdash; ganz besonders
+gegen mich! &mdash; Nicht angesehen hast Du mich &mdash; &uuml;berhaupt
+nicht die geringste R&uuml;cksicht darauf genommen,
+da&szlig; ich dabei war!" &mdash; "Aber, liebes Herz, das hab'
+ich doch gerade Deinetwegen getan!" &mdash; "Dann la&szlig;
+mich lieber gleich wieder fort! Das halt' ich nicht aus!"
+Und sie warf sich an seine Brust. &mdash; "Aber, Kind, &mdash;
+hast Du denn nicht gesehen, wie Josefine war?" &mdash;
+"Ja doch!" erwiderte Ragni, und hob den Kopf; der
+Hut sa&szlig; im Nacken, das Haar war zerzaust. "Sie wird
+mich noch einmal t&ouml;ten!" Und wieder fl&uuml;chtete sie
+an seine Brust. &mdash; "Na, na!" sagte er, "sie soll Dir
+schon kein H&auml;rchen kr&uuml;mmen. Aber verteidigen werd'
+ich Dich wohl noch d&uuml;rfen!" &mdash; Sofort tauchte ihr Kopf
+wieder auf. "Nicht so! Ich h&auml;tt' &uuml;berhaupt nie geglaubt,
+da&szlig; Du so sein k&ouml;nntest! Es war so ... so unvornehm,
+Edvard!" Und sie fa&szlig;te ihn am Rockkragen
+und zupfte daran. &mdash; "Nun h&ouml;r' einmal", sagte er ruhig,
+&mdash; "das, was der Kerl &uuml;ber uns geschrieben hat, das
+war unvornehm! Und ihr Schweigen? Ich finde, das
+war noch schlimmer als alles, was er geschrieben hat."
+Hierauf erwiderte sie nichts. Nach einer Weile h&ouml;rte
+er ein leises: "Ich passe nicht da hinein!" Er beugte
+sich &uuml;ber ihren Kopf; der Hut fiel zu Boden; keins von
+beiden achtete darauf. Leise redete er in ihr rotblondes
+Haar hinein: sie m&uuml;sse nicht gleich so verzweifelt sein,
+nicht gleich von Sterben oder Fortgehen sprechen.
+"Wir m&uuml;ssen das mannhafter nehmen, verstehst Du,
+Schatz?" &mdash; "Ja." Ihr zerzauster Kopf richtete sich<a class="page" name="Page_142" id ="Page_142" title="142"></a>
+wieder auf. "Aber Du mu&szlig;t nicht vergessen, da&szlig; ich
+jetzt dabei bin; Du kannst nicht so sein, als wenn Du
+allein w&auml;rst!" &mdash; Nein, das merkte er denn auch, und
+hatte ein recht b&ouml;ses Gewissen.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Zur selben Zeit war Josefine wieder in dem Zimmer,
+das nach der Stra&szlig;e hinausging; es hatte ein einziges
+Fenster, das gr&ouml;&szlig;er als zwei gew&ouml;hnliche war, und da
+stand sie und lehnte den Kopf ans Fensterkreuz. Der
+Pastor stand hinter ihr. Er nannte es einen b&ouml;sen Zufall,
+da&szlig; er das im "Morgenblatt" geschrieben hatte.
+"Dein Bruder hat mir erz&auml;hlt, er sei schon seit sechs
+Jahren verheiratet." Josefine fuhr hastig herum. Aber
+nach einer Weile des Nachdenkens sagte sie nur: "Unsinn!"
+und wandte sich wieder zum Fenster zur&uuml;ck.
+Der Pastor meinte auch, das k&ouml;nne nur ein schlechter
+Witz sein. Sie h&auml;tten sich doch nicht trauen lassen
+k&ouml;nnen, ehe sie gesetzlich geschieden war. &mdash; "Ganz
+merkw&uuml;rdig war er &mdash; auf einmal fing er an, auf den
+H&auml;nden zu laufen!" Wieder wandte sie sich nach ihm
+um, mit ihren gr&ouml;&szlig;ten Augen. "Jawohl, auf den H&auml;nden
+ist er gelaufen", versicherte der Pastor. "Ums ganze
+Studierzimmer herum. Er behauptete, so sollte ich einmal
+zum Altar gehen. Wenn er Luther verh&ouml;hnt, so
+mu&szlig; ich mich ja wohl damit abfinden, da&szlig; er auch mich
+verh&ouml;hnt!"</p>
+
+<p>Sie w&uuml;nschte offenbar nicht, da&szlig; er gerade jetzt &uuml;ber
+diese Begegnung sprechen sollte; es tat ihr zu weh. Er
+zog sich ins Studierzimmer zur&uuml;ck; aber er sah keineswegs
+blo&szlig; mi&szlig;vergn&uuml;gt aus, w&auml;hrend er sich seine Pfeife
+stopfte.</p>
+
+<p>Josefine hatte sich so unendlich viel von dem Wiedersehen
+und dem Zusammenleben mit dem Bruder versprochen.
+Sie hatte nicht die leiseste Andeutung h&ouml;ren
+wollen, da&szlig; es m&ouml;glicherweise anders kommen k&ouml;nne,
+als sie erwartete. Wer wei&szlig; &mdash; was sie jetzt litt, war ihr
+vielleicht ganz gesund!</p>
+
+<p>Aber war er denn selber heut so gewesen, wie er h&auml;tte<a class="page" name="Page_143" id ="Page_143" title="143"></a>
+sein sollen? O ja, er glaubte doch wohl. Gebe Gott,
+da&szlig; er es nur immer so sanftm&uuml;tig ertrug! Denn bei
+dem einen Mal blieb es nicht; das ahnte er wohl.</p>
+
+<p>Die Pfeife schmeckte, und das Predigtheft wurde
+wieder zur Hand genommen; aber der Gedanke an
+Josefine dr&auml;ngte sich dazwischen. Nie hatte er in ihrem
+ehelichen Verh&auml;ltnis die Sicherheit gef&uuml;hlt, deren andere
+sich erfreuten. Sie hatte ihre schwierigen Zeiten &mdash;
+und dies letztemal war es schlimm gewesen. Zweifellos,
+weil alle ihre Gedanken sich mit dem einen besch&auml;ftigten,
+der nun bald zur&uuml;ckkehren w&uuml;rde ...</p>
+
+<p>"Psst!"</p>
+
+<p>"&mdash; Die Rechtfertigung ist eine Tat des Augenblicks
+in uns, ein Vorgang ein f&uuml;r allemal. Alle S&uuml;nden sind
+ausgel&ouml;scht; in Gottes Augen sind wir ebenso rein und
+heilig wie Christus."</p>
+
+
+<h3><a href="#Inhaltsverzeichnis">2</a></h3>
+
+<p>Die beiden, die dort unten auf der Stra&szlig;e Frieden
+geschlossen hatten, wanderten Arm in Arm weiter.
+An der Ecke der Strandstra&szlig;e stand auf einem Ger&uuml;st
+Maurer Andersen, ein vierschr&ouml;tiger Mensch mit langem,
+braunem Bart und einer Schutzbrille &mdash; der ganze Mann
+wei&szlig; von Kalk. Er erkannte die hellgekleidete Dame
+wieder, die seinem Jungen beigesprungen war, und da
+sie jetzt Arm in Arm mit dem Brillenmann einherkam,
+den er vorher hatte hinaufgehen sehen, dachte er sich,
+das m&uuml;sse der neue Doktor sein. Der Pastor war ja sein
+Schwager; von dem kamen sie jetzt jedenfalls zur&uuml;ck.
+Andersen hielt mit der Arbeit inne und gr&uuml;&szlig;te; Ragni
+hielt ihren Mann an und sagte etwas &mdash; das sah Andersen.
+Er rief den Arbeitern, die da h&auml;mmerten, zu, sie m&ouml;chten
+einen Augenblick still sein, und fragte dann, was sie
+gesagt habe. Sie wollte wissen, ob der Junge jetzt
+schlafe. Jawohl; aber sie m&ouml;chten doch recht gern, der
+Herr Doktor solle nach ihm sehen, wenn er wieder
+wach sei; "Sie sind ja doch wohl der neue Herr<a class="page" name="Page_144" id ="Page_144" title="144"></a>
+Doktor?" &mdash; "Richtig geraten!" Jetzt kamen sofort
+die Leute im Haus drinnen an die Fenster, ebenso die
+im n&auml;chsten Haus; ein Vor&uuml;bergehender blieb stehen,
+guckte die beiden an, ging weiter und erz&auml;hlte es der
+ganzen Stra&szlig;e. Andersen ben&uuml;tzte die Gelegenheit,
+auch gleich mit seinen schwachen Augen zu kommen.
+Jawohl, die w&uuml;rde sich der Doktor n&auml;chstdem einmal
+ansehen. Aus den Fenstern und auf der Stra&szlig;e sahen
+ihnen die Leute nach. Sie waren jung, was brauchte es
+weiter? Bald hatten sie vergessen, was k&uuml;rzlich vorgefallen
+war, und f&uuml;hlten &mdash; hier konnten sie heimisch
+werden!</p>
+
+<p>Unter denen, die unwillk&uuml;rlich gr&uuml;&szlig;ten, befand sich
+ein junger Mann mit fast zu &uuml;ppigem Haarwuchs,
+blassem, merkw&uuml;rdig gew&ouml;lbtem Gesicht, schm&auml;chtig
+gebaut und hoch aufgeschossen; etwas Feines, Befangenes
+lag &uuml;ber ihm. Als sie ihn ansahen, err&ouml;tete er.
+"Da hast Du wahrhaftig schon eine Eroberung gemacht!"
+fl&uuml;sterte Kallem. Kurz darauf kam ein sonderbarer Gesell
+ihnen entgegen, lang, vorn&uuml;bergebeugt, in Bluse und
+Schurzfell. Schwarzes, verstaubtes Haar, das Gesicht
+ungewaschen, fast ru&szlig;ig. Er trug allerlei Handwerkszeug
+in seinen schmalfingrigen H&auml;nden; die hingen an
+au&szlig;ergew&ouml;hnlich langen Armen, die im Bogen hinter
+ihm herschlenkerten. H&auml;tten sie im Takt geschwungen,
+sie h&auml;tten zusammensto&szlig;en m&uuml;ssen. Eine M&uuml;tze trug
+er nicht; das kurzgeschnittene Haar lie&szlig; die ganze Kopfform
+erkennen. Die Stirn war weder breit noch hoch,
+aber ungew&ouml;hnlich fein gebaut. Die Wangenpartie l&auml;nglich,
+mit vortretenden Backenknochen. In den kleinen,
+eiskalten Augen und um den zusammengekniffenen Mund
+etwas H&ouml;hnisches. Die Nase klein und flach, das Kinn
+ziemlich lang. "Du, sieh doch den!" fl&uuml;sterte Kallem.
+"Pfui!" antwortete sie. Jetzt strich der Mensch mit
+forschendem Blick an ihnen vor&uuml;ber. Kallem blickte
+ihn ebenfalls an, und als sie aneinander vorbei waren,
+drehten sich beide um. Eine alte Frau kam gewatschelt.
+"Wer ist der Mann da?", fragte Kallem. Sie sah erst<a class="page" name="Page_145" id ="Page_145" title="145"></a>
+Kallem an, und dann den andern. "Das ist Kristen
+Larssen." &mdash; "Ein Feinschmied?" &mdash; "Was f&uuml;r'n Ding?"
+&mdash; "Feinschmied." &mdash; "O ja. Aber Uhrmacher ist er
+auch. Und B&uuml;chsenmacher. Alles m&ouml;gliche."</p>
+
+<p>Der Strandweg war gegen die Bucht hin offen, ohne
+Steindamm. Im Wasser lag allerhand verfaultes Zeug,
+ebenso am Lande. Die ganze Stadt hatte etwas Unfertiges.
+Ein gro&szlig;es Haus neben einem kleinen; einmal
+ein steinernes Haus, dann ein h&ouml;lzernes; und alles wie
+in der Eile und mit geringen Mitteln errichtet. Die
+H&auml;user lagen nicht einmal in einer geraden Linie, und
+die Stra&szlig;e war kaum eine Stra&szlig;e zu nennen. Die Leute,
+denen sie begegneten, noch nicht St&auml;dter, und doch
+auch nicht mehr Landleute. Durchgehends "mi&szlig;trauisch
+und freundlich", wie Kallem sagte. "Mischware".</p>
+
+<p>Jetzt waren sie auf dem Marktplatz angelangt, von
+wo der Weg zur Kirche hinauff&uuml;hrte. Diese lag frei,
+hoch und schlank auf der H&ouml;he. Hier waren sie Josefine
+begegnet, eben als sie hatten hinaufgehen wollen; denn
+dort oben, rechts von der Kirche, frei, in einem Park
+mit einem Garten vorn, lag ihr Haus. Von hier aus
+konnte man es nicht sehen.</p>
+
+<p>Die Stra&szlig;e gabelte sich unmittelbar vor der Kirche
+und f&uuml;hrte nach zwei Seiten weiter. An dem Weg
+rechts mu&szlig;te ihr Heim liegen. Als sie sich der Kirche
+n&auml;herten, sahen sie den Park hinter ihrem Haus und
+darin das Dach des gro&szlig;en Krankenhauses. Endlich &mdash;
+sie gingen ganz langsam, voller Spannung, ohne ein
+Wort zu reden &mdash; endlich der gro&szlig;e Garten, und darin
+ihr Haus! Ein Holzbau im Schweizerstil, etwas zu
+breit, die Fenster gro&szlig; und alle weit offen. Eine Veranda
+auf einen sandbestreuten Platz hinaus, zu dem eine
+Treppe hinunterf&uuml;hrte. Daneben der Blumengarten,
+weiterhin der Gem&uuml;segarten, und zu beiden Seiten,
+der Stadt zu, ein ziemlich gro&szlig;er Obstgarten. Die
+beiden nahmen alles gleichzeitig in sich auf. Das also
+war es! Sechs lange Jahre hatten sie &mdash; jedes f&uuml;r sich <a class="page" name="Page_146" id ="Page_146" title="146"></a>&mdash;
+daf&uuml;r gearbeitet, es ertr&auml;umt in wer wei&szlig; wie vielen
+Formen &mdash; nur nicht in dieser! Es hinverlegt nach wer
+wei&szlig; wie vielen Orten &mdash; blo&szlig; nicht hierher! All die
+getr&auml;umten Bilder waren ausgel&ouml;scht von dem, was sie
+hier vor sich sahen! Beide wandten sich um, ma&szlig;en
+Weite und Leuchtkraft der Landschaft, und wandten
+sich dann l&auml;chelnd einander wieder zu. Seltsam &mdash;
+gerade in diesem Augenblick kein Mensch zu sehen &mdash;
+kein Laut, kein Ger&auml;usch, das an etwas &mdash; nah oder
+fern &mdash; erinnerte! Sie und ihr Heim! Das eine von
+ihnen sah, was das andere sah; des einen Sehen und
+F&uuml;hlen wurde gesch&auml;rft durch das Bewu&szlig;tsein, da&szlig; das
+andere ebenso sah und f&uuml;hlte. Ragni l&ouml;ste ihren Arm
+aus Kallems Arm, ging nach dem Zaun hin&uuml;ber &mdash; er
+war aus Wachholderst&auml;ben &mdash;, fa&szlig;te durch die St&auml;be,
+und pfl&uuml;ckte ein paar Gr&auml;ser und einen gr&uuml;nen Zweig;
+damit kam sie zur&uuml;ck und befestigte es an seinem Rock.
+Er sah etwas weiter oben einen B&uuml;schel Glockenblumen,
+ging hin, griff durchs Gitter darnach und kam damit
+zur&uuml;ck; sie nahm sie und sammelte noch mehr dazu;
+als es schlie&szlig;lich viele waren, sah es h&uuml;bsch aus.</p>
+
+<p>Neben dem Haus und auf dem Hof lagen Kisten,
+unausgepackte M&ouml;bel, Stroh, S&auml;gesp&auml;ne, Matten. Ragnis
+gro&szlig;en Fl&uuml;gel hatte man augenscheinlich soeben ausgepackt
+und die Beine daran geschraubt; aber kein Mensch war zu sehen.</p>
+
+<p>Ein gro&szlig;er, freistehender Taubenschlag war da.
+"Denk doch, wenn jetzt Tauben angeflogen k&auml;men?
+Tauben m&uuml;ssen wir uns halten!" &mdash; "Aber denk erst,
+wenn ein Hund gesprungen k&auml;me! Einen Hund m&uuml;ssen
+wir uns halten!" &mdash; Von hier aus f&uuml;hrte keine T&uuml;r ins
+Haus; erst vom Weg aus, der Park und Garten trennte.
+Hier blieben sie stehen und wandten sich noch einmal
+um, der weiten Landschaft zu.</p>
+
+<p>In der reichsten Gegend vielleicht, die das Land
+besa&szlig;, der sonnenfreudigsten, da lag den beiden das
+eigene Heim, die Mitte des Kompasses. Ragni lugte
+seitw&auml;rts, ob das Pfarrhaus zu sehen sei. Keine Spur!<a class="page" name="Page_147" id ="Page_147" title="147"></a>
+Kallem ahnte, nach was sie sah, und l&auml;chelte. Sie h&ouml;rten
+durch die offenen Fenster drin die Arbeiter; jetzt h&ouml;rte
+man sie mit Radau und Gel&auml;chter die Verandatreppe
+herunterkommen; sie gingen auf den Fl&uuml;gel los, ohne
+die beiden zu beachten, die weiter oben standen. Sie
+schwatzten, probierten, m&uuml;hten sich ab, unter all dem
+&uuml;berfl&uuml;ssigen Gel&auml;rme, das eine Arbeit, an die die Leute
+nicht gew&ouml;hnt sind, zu begleiten pflegt. Dann zogen
+sie mit dem Fl&uuml;gel zur Veranda ab, und bald h&ouml;rte man
+sie wieder auf der Treppe trampeln. Kallem und
+Ragni blickten in den Park; hohe, sch&ouml;ne B&auml;ume und
+hinten zwischen den St&auml;mmen das Krankenhaus, ein
+m&auml;chtiger Holzbau auf Steinfundament, mit gro&szlig;en,
+kleinscheibigen Fenstern. Dann gingen sie durch die
+T&uuml;r in den Garten und auf ihr eigenes Haus zu.</p>
+
+<p>Zuerst ein kleines Wirtschaftsgeb&auml;ude; sonst aber lag
+das Hauptgeb&auml;ude nach allen Seiten frei.</p>
+
+<p>Die Obstb&auml;ume fingen schon zu bl&uuml;hen an; es mu&szlig;te
+warm sein hier oben. Und der Garten! Ragni dachte
+mit keinem Gedanken daran, da&szlig; der wohlbestellte
+Garten Josefines Werk war; sie freute sich darauf, selbst
+zuzugreifen. Das Haus mu&szlig;te neu gestrichen werden;
+es sollte auch eine andere Farbe bekommen, nicht diese
+&auml;rmliche gelbe. <em class="gesperrt">Ihr</em> Haus, <em class="gesperrt">ihr</em> Heim! Kallem trat
+dreimal fest auf die Erde; der Boden war sein! Er
+wollte gleich von hier ins Haus; aber nein, sie wollte zum
+Vordereingang hinein, die Verandatreppe hinauf. So
+gingen sie zwischen den Kisten und dem Stroh hindurch
+und guckten zu den Fenstern hinein. Das Haus war
+im Verh&auml;ltnis zu seiner L&auml;nge und Breite niedrig, das
+Dach ragte weit vor und lag schwer darauf. Aber es
+war gut.</p>
+
+<p>Auch die Veranda hatte keine Verh&auml;ltnisse; sie war
+breit und die Treppe bequem.</p>
+
+<p>Arm in Arm gingen die beiden hinauf; das erste,
+was ihnen in die Augen fiel, war eine Entt&auml;uschung;
+die Eingangst&uuml;r, eine Glast&uuml;r, befand sich nicht in der
+Mitte des Zimmers, sondern ganz unten in der s&uuml;d<a class="page" name="Page_148" id ="Page_148" title="148"></a>lichen
+Wand. Sie sahen bald, da&szlig; es nicht anders m&ouml;glich
+war, wenn die Veranda in der Mitte des Hauses
+liegen sollte; rechts lagen n&auml;mlich noch zwei Zimmer
+in einer Flucht mit dem Verandazimmer. Jetzt kamen
+die M&auml;nner, die den Fl&uuml;gel hineingetragen hatten, alle
+wieder heraus; sie dachten sich gleich, wer die beiden
+waren, und als sie Ragni erblickten, nahm erst der eine,
+dann nahmen alle andern Hut oder M&uuml;tze ab. Kallem
+gr&uuml;&szlig;te, Ragni schl&uuml;pfte zu ihrem Fl&uuml;gel hinein, der mitten
+im Zimmer stand, holte den Schl&uuml;ssel hervor und &ouml;ffnete
+ihn, als m&uuml;sse sie ihn gleich auf der Stelle genau pr&uuml;fen;
+sie konnte nicht anders, sie mu&szlig;te h&ouml;ren, ob er noch gestimmt
+war. Mit den Handschuhen an den H&auml;nden
+schlug sie Longfellows "Sweet home" an. Bei den ersten
+Kl&auml;ngen dieser Hymne an die Heimat nahm Kallem
+den Hut ab. Die andern sahen das, glaubten wohl, es
+sei ein Choral, und folgten seinem Beispiel.</p>
+
+<p>Ragni hatte ihnen den R&uuml;cken zugewandt und bemerkte
+daher nicht, da&szlig; nun von rechts noch zwei
+Leute zum Vorschein kamen, ein Mann mit rundem,
+gl&auml;nzendem Gesicht, und hinter ihm ein kleines Weibchen,
+das gern hereingeguckt h&auml;tte und doch auch nicht
+gern gesehen sein wollte. Aber jetzt &ouml;ffnete sich auch
+die T&uuml;r gerade vor ihr, und ein Bauernm&auml;dchen sp&auml;hte
+bescheiden herein, was das wohl f&uuml;r seltsame T&ouml;ne sein
+mochten. Ragni dachte sich gleich, da&szlig; es ihr Dienstm&auml;dchen
+sei, das aus der K&uuml;che kam, und ging ihr entgegen.
+"Du bist Sigrid?" &mdash; Ja, freilich, es war Sigrid. &mdash; "Und
+wir sind Doktors." &mdash; "Kann mirs denken!"
+sagte sie und kam jetzt ganz herein, ein kr&auml;ftiges, anmutiges
+Gesch&ouml;pf. "Ist es das erstemal, da&szlig; Du bei
+fremden Leuten bist?" fragte Kallem. &mdash; Jawohl, es
+sei das erstemal. &mdash; "Und bei uns ist es das erstemal,
+da&szlig; wir haushalten," sagte Kallem; "das wird ganz
+famos gehen!"</p>
+
+<p>Ragni ging mit hinaus in die K&uuml;che. Dort fiel ihr
+sofort ihr neues Tischservice in die Augen, das eben
+ausgepackt und abgewaschen war. Jetzt aber konnte<a class="page" name="Page_149" id ="Page_149" title="149"></a>
+sie es nicht mehr aushalten; sie ging hinaus in den
+Korridor und die Treppe hinauf; sie mu&szlig;te allein sein.
+Die T&uuml;r zu ihrem Schlafzimmer stand gerade vor ihr
+offen; sie ging hinein und trat auf die Altane, die &uuml;ber
+der Veranda lag. Womit hatte sie solch gro&szlig;es Gl&uuml;ck
+verdient? Was wog ihre Arbeit, ihre Sehnsucht im
+Vergleich zu dem, was hier in dem Haus eines reichen
+Mannes f&uuml;r sie bereit stand? Und doch &mdash; in diesem
+gro&szlig;en, unverdienten Gl&uuml;ck war eine Angst ... Auch
+von hier sp&auml;hte sie hin&uuml;ber &mdash; gen Norden. Ob das
+Pfarrhaus zu sehen war? Nein, es war nicht zu sehen.</p>
+
+<p>Josefine hegte einen Groll gegen sie; das hatte sie
+sogleich gef&uuml;hlt. Und ob der Bruder das auch h&auml;&szlig;lich
+fand &mdash; er hing doch an seiner Schwester; ja, etwas war
+an ihr, das er ganz besonders liebte; in solchen Dingen
+t&auml;uschte sie sich nie.</p>
+
+<p>Kallem besah sich die R&auml;ume unten. Das Paar an
+der T&uuml;r rechts hatte sich wieder zur&uuml;ckgezogen, und
+die M&auml;nner waren bei der Arbeit. Das Verandazimmer
+war gro&szlig;; die Fenster gingen auf einer Seite nach der
+Kirche, auf der andern nach dem Garten; aber er w&uuml;rde
+Ragni vorschlagen, jene zu verh&auml;ngen. Einfarbige, hellgraue
+W&auml;nde, die Decke hellblau mit goldenen Sternen;
+die Farben waren alt; nur der Fu&szlig;boden war neu gestrichen,
+ebenfalls hellgrau. Im Zimmer links waren sie
+noch dabei, frisch zu tapezieren. Was, immer noch
+nicht fertig? Und auch im n&auml;chsten Zimmer noch nicht?
+Zwei waren dort an der Arbeit, der Mann und die
+kleine Frau, die vorhin in der T&uuml;r aufgetaucht waren.
+"Guten Tag!" gr&uuml;&szlig;te Kallem. "Guten Tag!" erwiderte
+das runde, gl&auml;nzende Gesicht mit d&auml;nischem Tonfall.
+Kallem trat n&auml;her an den Tisch heran, vor dem der
+Mann stand und die Tapeten zurecht schnitt. Die
+Frau hielt sich dicht an seiner Seite; jetzt verkroch sie
+sich ganz hinter ihm. "Ist das Ihre Frau?" &mdash; "Jawohl,
+meine Frau; und au&szlig;erdem mein Gesell; Gesell und
+Frau; aber meine Gesellenfrau ist sie darum doch nicht!"
+Das kleine Weibchen hinter ihm kicherte, wenn auch<a class="page" name="Page_150" id ="Page_150" title="150"></a>
+fast unh&ouml;rbar. Der Mann hatte hervorstehende rollende
+Augen, in denen ein Schelm sa&szlig;. "Ich dachte, Ihr w&auml;rt
+fertig." &mdash; "Man arbeitet unter Hindernissen, Herr
+Doktor!" Sie gluckste vor Lachen, aber immer wie
+aus einem dicken Pack heraus. &mdash; "Ist Ihre Frau auch
+D&auml;nin?" &mdash; "Nein, Norwegerin; aber wir passen trotzdem
+gut zueinander." Sie duckte sich, fortw&auml;hrend
+kichernd, noch tiefer hinunter.</p>
+
+<p>Der Raum, in dem sie standen, war lang und schmal;
+Kallem sah sofort, da&szlig; es das E&szlig;zimmer werden mu&szlig;te,
+wahrscheinlich auch das Wartezimmer f&uuml;r die Kranken.
+Das dahinter, mit den Fenstern nach vornheraus und
+nach S&uuml;dost, war selbstverst&auml;ndlich sein Arbeitszimmer,
+in dem er Patienten empfing, wenn er nicht im Krankenhaus
+war. Er ging gar nicht erst hinein, sondern vom
+E&szlig;zimmer gleich hinaus auf den Gang. Da war rechts
+die K&uuml;chent&uuml;r. Auf dem K&uuml;chentisch sah er eine Reihe
+Bierflaschen stehen; einige leer, andere noch voll.
+"Wem geh&ouml;ren die Flaschen?" &mdash; "Dem Sattler." &mdash;
+"Sie meinen dem Tapezierer?" &mdash; Kallem begriff mit
+einemmal, was da f&uuml;r "Hindernisse" vorgelegen hatten,
+und da&szlig; der Mann betrunken war, und die Frau noch
+mehr. <em class="gesperrt">Da</em>rum waren die M&auml;nner so lang im Hause
+geblieben, bis sie den Fl&uuml;gel geholt hatten! Sie waren
+mit Bier traktiert worden. "Bitte, rufen Sie mir den
+D&auml;nen mal heraus!" Das M&auml;dchen ging, und sofort
+kam auch das runde, gl&auml;nzende Gesicht mit hundert
+Schelmen in den Augen zum Vorschein und dahinter
+die Frau, die einmal rechts und einmal links davon
+hervorguckte.</p>
+
+<p>"Die Flaschen da geh&ouml;ren Ihnen?" &mdash; "Nicht so
+ganz!" &mdash; "Ihr seid also mehrere?" &mdash; "Ja &mdash; beim
+Trinken!" &mdash; "Aber Sie haben sie bezahlt?" &mdash; "Das
+Bier, ja; aber nicht die Flaschen; die mu&szlig; man zur&uuml;ckgeben."
+Die Frau kicherte.</p>
+
+<p>"Darf ich fragen, wie Sie hei&szlig;en?" &mdash; "S&ouml;ren Pedersen
+heiss' ich, jawohl, S&ouml;ren Pedersen!" &mdash; "Also h&ouml;ren Sie
+mal, S&ouml;ren Pedersen, wollen Sie mir die Flaschen da<a class="page" name="Page_151" id ="Page_151" title="151"></a>
+verkaufen?" &mdash; "Das Bier, meinen Sie?" &mdash; "Das Bier."
+&mdash; "Aber gern!" &mdash; "Dann haben wir heut Nacht doch
+was zu trinken; wir m&uuml;ssen n&auml;mlich durcharbeiten heut
+Nacht; wir m&ouml;chten morgen fertig sein. Wir arbeiten
+mit. Wollen Sie?" &mdash; "Wenn der Herr Doktor befehlen."
+&mdash; "Und dann darf ich Sie wohl bitten, heute
+mit uns zu Abend zu essen?"</p>
+
+<p>In drei, vier S&auml;tzen sprang Kallem jetzt die Treppe
+hinauf. Ragni stand im Sonnenglanz drau&szlig;en auf der
+Altane. Sie wandte sich nach ihm um. Er fragte, ob
+sie ihr Gebet verrichtet habe. Ja; sie sei fertig.</p>
+
+<p>Auch er blieb ein Weilchen auf der Altane stehen
+und sah nach dem Inselkindchen hinaus, das da vor
+seiner Mutter spielte &mdash; von hier aus konnte man es
+sehen &mdash; auf die Bucht mit den Wasserfurchen, auf die
+Berge dahinter in ihrer vornehmen Ferne. Er blickte
+hin&uuml;ber, nach rechts, wo Pastors wohnten; sie merkte
+es wohl. "Sie k&ouml;nnen uns doch zum Donnerwetter nicht
+behandeln, als ob wir nicht verheiratet w&auml;ren? Nicht?
+Das wollen wir doch sehen!"</p>
+
+<p>Sie zog ihn ins Zimmer und wies auf die Farbe der
+W&auml;nde in ihrem Schlafzimmer; mattwei&szlig;er &Ouml;lanstrich,
+wie sie es sich gew&uuml;nscht hatte. Alles sollte wei&szlig; sein
+hier oben, mit Ausnahme der langen Gardinen und Portieren,
+die von der Decke herab &uuml;ber den beiden Betten,
+dem Altanfenster und der T&uuml;r h&auml;ngen sollten. Die
+waren blau in Farbe und Muster, zu den Ornamenten
+an den Betten und &uuml;brigen M&ouml;beln passend. Sie wurde
+ganz gespr&auml;chig; aber Kallem mu&szlig;te das Krankenhaus
+besehen; und da wollte sie mit.</p>
+
+<p>Das erste, was er auszusetzen hatte, als sie im Park
+davor standen, waren ein paar alte sch&ouml;ne B&auml;ume: die
+standen viel zu nah &mdash; die mu&szlig;ten weg. Statt ihrer
+sah er im Geist schon einen gro&szlig;en freien Platz mit
+einem Springbrunnen in der Mitte, von dem nach allen
+Seiten hin Wege in den Park f&uuml;hrten. Das Krankenhaus
+war zweist&ouml;ckig, gelb gestrichen, mit ungew&ouml;hnlich
+gro&szlig;en Fenstern, aber sehr kleinen Scheiben. Im Unter<a class="page" name="Page_152" id ="Page_152" title="152"></a>bau,
+einem m&auml;chtigen Steinsockel, war die Wohnung
+f&uuml;r die Dienerschaft und den Verwalter eingerichtet.
+Es sah sehr behaglich aus; Gardinen an allen Fenstern,
+und Blumen davor. Der Eingang befand sich an der
+linken Seite des Hauses; ein dichtes, hohes Gitter hegte
+einen sehr gro&szlig;en Hofraum ein. Kallem freute sich, als er
+l&auml;ngs des Gitters Ahornb&auml;ume stehen sah; er wu&szlig;te, in
+vierzehn Tagen konnten hier amerikanische Zelte f&uuml;r die
+Kranken aufgeschlagen sein &mdash; den ganzen Sommer &uuml;ber.</p>
+
+<p>Die Haust&uuml;r war offen; kein Portier. Im Fenster der
+Portierloge lagen fromme Schriften und Traktate zum
+Verkauf aus. Kein Anschlag an der T&uuml;r, der angab,
+wann Besuchszeit sei f&uuml;r die Kranken. Den Portier
+sahen sie dann im inneren Hof; ein &auml;lterer Mann mit
+ernsten, forschenden Augen; er trug eine Brille, &uuml;ber die
+er hinwegblickte, und die er abnahm, als er merkte,
+wen er vor sich hatte. "Sie sind der neue Herr Doktor?"
+&mdash; "Ja." Jetzt nahm er auch seine M&uuml;tze ab: "Willkommen!"
+Der Patient, mit dem er sich eben unterhalten
+hatte, schlich davon; er war bleich und trug &mdash;
+trotz des sommerlich warmen Tags einen dicken wollenen
+Schal um den Hals; er hielt sich in der Entfernung,
+gr&uuml;&szlig;te auch nicht. Der Portier ging mit ihnen.</p>
+
+<p>Das Haus hatte &mdash; zu beiden Seiten eines hellen Korridors
+&mdash; je eine Reihe Zimmer, die nach vorn gro&szlig;,
+die nach dem Hof zu kleiner; in beiden Stockwerken
+gleich. Der Portier war nicht nur Portier, sondern auch
+Verwalter und &auml;ltester Aufseher des Hauses. Als solcher
+stellte er die &uuml;brigen Beamten vor, wie sie ihnen gerade
+in den Weg liefen. Ganz nette Leute, M&auml;nner wie
+Frauen; unter den letzten zwei Diakonissinnen, &mdash; die
+waren die allerfreundlichsten.</p>
+
+<p>Das erste, was Kallem notwendig erschien, war, das
+Haus von den alten, verpesteten Typhusstuben zu reinigen
+und einen besonderen Typhuspavillon f&uuml;r den
+Winter zu errichten. Der Operationssaal war recht hell;
+aber ein neuer, gebohnter Fu&szlig;boden mu&szlig;te sogleich
+gelegt werden. Der Ventilationsapparat war miserabel.<a class="page" name="Page_153" id ="Page_153" title="153"></a>
+Mit Ausnahme dieser und noch einiger geringerer M&auml;ngel
+&mdash; z.~B. die kleinscheibigen Fenster &mdash; war das Haus
+gut; die Zimmer hoch, die G&auml;nge ger&auml;umig; das Ganze
+machte den Eindruck von Helle; es gefiel ihm sehr.</p>
+
+<p>Der Krankenbestand war in Anbetracht der Jahreszeit
+gar nicht gering. Sein Spezialstudium, die Tuberkulose,
+war durch drei Patienten vertreten &mdash; zwei
+Knaben und ein etwa zehnj&auml;hriges M&auml;dchen, magere,
+wachsbleiche, armselige Gesch&ouml;pfe. Er freute sich darauf,
+sie bald in seine amerikanischen Zelte legen zu k&ouml;nnen.
+Der fr&uuml;here Besitzer des Krankenhauses, der alte Doktor
+Kule &mdash; ein Onkel von Ragnis erstem Mann &mdash;, war
+gestorben. Kallem hatte es sehr billig erstanden, da
+sich im Augenblick niemand anders fand, der es &uuml;bernehmen
+wollte. Hier konnte er sich einrichten und seine
+Zeit einteilen, ganz wie er wollte; er hatte freie Hand.
+Der Bezirk gab einen Beitrag; ein Komitee, bestehend
+aus dem Distriktsarzt und einem zweiten Arzt, f&uuml;hrte
+die Oberaufsicht; aber er war ganz sein eigener Herr.
+Dieser erste Besuch machte ihnen beiden Freude. Sie
+kehrten in ihre Wohnung zur&uuml;ck, guten Muts und
+f&uuml;rchterlich hungrig, nahmen in der K&uuml;che eine kleine
+Vespermahlzeit zu sich, tranken ein Glas Wein dazu,
+und dann noch eins auf das gro&szlig;e Ereignis: da&szlig; sie zum
+erstenmal im eigenen Hause a&szlig;en.</p>
+
+<p>Im Wohnzimmer stand noch alles bunt durcheinander.
+Trotzdem ging Ragni an den Fl&uuml;gel. Sie hatte sich &mdash;
+seit f&uuml;nf oder sechs Jahren &mdash; ganz heimlich an &Uuml;bersetzungen
+aus der englischen Literatur, besonders der
+Versliteratur versucht. Ein bi&szlig;chen warm vom Wein
+&mdash; ein bi&szlig;chen verlegen &mdash; schlug sie ein paar Akkorde
+an &mdash; bat ihn, sich nicht vor sie hin zu stellen &mdash; schlug
+wieder Akkorde an und sang mit einer kleinen, weichen
+Stimme, die mehr rezitierte als sang:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wir sind daheim!<br /></span>
+<span class="i0">Unser Wesen und Sein<br /></span>
+<span class="i0">Soll hier bl&uuml;hn und gedeihn<br /></span>
+<span class="i0"><a class="page" name="Page_154" id ="Page_154" title="154"></a>Aus zartestem Keim!<br /></span>
+<span class="i0">In Dingen, Gedanken,<br /></span>
+<span class="i0">In Stimmen, in Blumen,<br /></span>
+<span class="i0">Soll alles sich ranken<br /></span>
+<span class="i0">Um uns.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Hier wird mein Sinn<br /></span>
+<span class="i0">Durch dich offenbart.<br /></span>
+<span class="i0">Und du, der nun sehend ward,<br /></span>
+<span class="i0">Sieh, wer ich bin,<br /></span>
+<span class="i0">Die s&uuml;ndig und selig-fr&ouml;hlich,<br /></span>
+<span class="i0">Begl&uuml;ckt dich und kr&auml;nkt,<br /></span>
+<span class="i0">Und stets sich versenkt<br /></span>
+<span class="i0">Harmonisch und selig<br /></span>
+<span class="i0">In dich!<br /></span>
+</div></div>
+
+
+<h3><a href="#Inhaltsverzeichnis">3</a></h3>
+
+<p>Den n&auml;chsten Morgen wachten sie durch ein lautes,
+anhaltendes Dr&ouml;hnen auf. Als sie ganz munter
+wurden, merkten sie, da&szlig; es die Kirchenglocken waren,
+die zum Kirchgang l&auml;uteten; beide hatten lang geschlafen;
+aber sie hatten auch bis gegen drei Uhr, also
+bis in den hellen Morgen hinein, gearbeitet.</p>
+
+<p>Eins, zwei, drei war Kallem aus dem Bett und im
+Badezimmer nebenan, wo er sich m&auml;chtig abduschte.
+Daf&uuml;r hatte der alte Doktor also doch Sinn gehabt!
+Und kaum war er halb angezogen, so lief er auch schon
+hinaus auf die Altane, zu der herrlichen Aussicht. Er
+rief Ragni zu, sie solle ebenfalls duschen und sich ankleiden
+und herauskommen; aber sie hatte schon gestern
+gemerkt, wie gr&auml;&szlig;lich kalt das Wasser war und lag nun
+mit gro&szlig;en, offenen Augen da und &uuml;berlegte, ob sie
+mogeln oder es wirklich wagen solle. Sie zog es vor,
+zu mogeln und stand gleich darauf in einem allerliebsten
+Morgenkleid neben ihm. Aber wie unschuldsvoll sie
+ihn auch anblickte, und wie eifrig sie die wundervolle
+Aussicht, den k&ouml;stlichen Tag r&uuml;hmte &mdash; er verga&szlig; die<a class="page" name="Page_155" id ="Page_155" title="155"></a>
+Dusche nicht. Sie hatte gestern feierlichst gelobt, sie
+gleich vom ersten Tag an zu nehmen; eben weil sie
+sich so leicht erk&auml;ltete, sollte sie sich's zum t&auml;glichen
+Brot machen, und ganz besonders hier, wo W&auml;rme und
+K&auml;lte so schroff wechselten. Also &mdash;! Sie setzte ihr
+kl&auml;glichstes Fr&auml;tzchen auf &mdash; sie versuchte, dar&uuml;ber wegzuscherzen;
+aber er deutete unbeirrt auf das Badezimmer.
+Wollte sie ihr Gel&uuml;bde brechen? Wenn sie's
+ein erstes Mal tat, so tat sie's sp&auml;ter noch oft. Sie k&uuml;&szlig;te
+ihn und sagte, er sei ein Scheusal; er k&uuml;&szlig;te sie, und
+sagte, sie sei ein s&uuml;&szlig;es Ding. Aber die Dusche! Sie
+rannte hinein, streifte ihren Morgenrock ab, als wolle
+sie unter die Dusche gehen ... Aber husch! lag sie
+wieder unter der Decke. Als er kam, zog sie die Decke
+&uuml;ber den Kopf. Da nahm er ohne weiteres Decke samt
+Inhalt und trug beides nach der T&uuml;r; und jetzt bat
+sie so r&uuml;hrend um Gnade, und das klang so ver&auml;ngstigt,
+da&szlig; er alles beides wieder zur&uuml;cktrug. Sie schlang die
+Arme um ihn und zog ihn zu sich nieder; und vor
+ihren warmen Gliedern zerschellte alle Logik.</p>
+
+<p>Die Glocken l&auml;uteten und l&auml;uteten. Wagen rollten vor&uuml;ber,
+alle von der Stadt her. Kaum war der eine vorbei,
+so kam schon ein anderer. Die T&uuml;r stand offen. Sooft die
+Glocken nach ihren drei bekannten Schl&auml;gen aussetzten,
+h&ouml;rte man im Zimmer das Surren der Fliegen, und von
+drau&szlig;en die V&ouml;gel. Jetzt vernahmen sie auch von der
+Bucht her das Schnauben eines kleinen Dampfers; sie
+hatten ihn vorhin vom jenseitigen Ufer absto&szlig;en sehen,
+vermutlich mit Ausfl&uuml;glern an Bord. Irgendwo mu&szlig;te
+ein Fest sein, zu dem die Leute str&ouml;mten.</p>
+
+<p>Von S&uuml;dwest wehte eine leichte Brise, und bei jedem
+Windsto&szlig; f&uuml;llte sich das Zimmer mit Wohlgeruch; es
+str&ouml;mte f&ouml;rmlich von B&auml;umen und Wiesen herein. Zwischen
+dem Glockenklang fl&uuml;sterte es und wisperte; die
+Luft war trunken.</p>
+
+<p>Eine Weile sp&auml;ter standen sie wieder auf der Altane
+und sahen die Leute zur Kirche gehen. Aber fortw&auml;hrend
+zogen daneben mit Menschen vollgepfropfte<a class="page" name="Page_156" id ="Page_156" title="156"></a>
+Wagen an der Kirche vor&uuml;ber und weiter. Der Dampfer
+war schon ganz nahe; da pfiff es auch von der Eisenbahn
+her. Beide verfolgten nun mit den Augen zwei Schwalben,
+die offenbar mit ihrem eigenen Schatten auf dem
+Sand vor der Veranda spielten. &Uuml;ber- und nebeneinandervorbei
+flogen sie &mdash; die Schatten auf dem Sand
+machten die Schwingungen nach; die V&ouml;gel waren bald
+ganz unten, dann wieder h&ouml;her; wenn sie zu hoch geflogen
+waren und die Schatten verloren hatten, senkten
+sie sich wieder und suchten nach ihnen. "N&auml;chstes Jahr",
+sagte sie fl&uuml;sternd, "wollen wir Nistk&auml;sten anbringen!"</p>
+
+<p>Sie kleideten sich v&ouml;llig an, gingen hinunter und fr&uuml;hst&uuml;ckten.
+S&ouml;ren Pedersen und seine Frau waren l&auml;ngst
+da und hatten l&auml;ngst gefr&uuml;hst&uuml;ckt; sie waren schon in
+voller T&auml;tigkeit.</p>
+
+<p>Sie erfuhren jetzt, da&szlig; fast alle Leute in das benachbarte
+Kirchspiel fuhren, wo der Bezirkspfarrer Meek
+sein f&uuml;nfzigj&auml;hriges Jubil&auml;um feierte und zugleich seine
+Abschiedspredigt hielt. Seit heut fr&uuml;h seien schon die
+Fu&szlig;g&auml;nger unterwegs; jetzt k&auml;men die zu Wagen, und
+au&szlig;erdem noch ein ganzes Schiff voll Menschen vom
+andern Ufer. Meek sei die ganzen f&uuml;nfzig Jahre in einer
+und derselben Gemeinde gewesen &mdash; "ein ganz absonderlicher
+Mann". Kallem und Ragni fr&uuml;hst&uuml;ckten
+im Verandazimmer. Aber das Fr&uuml;hst&uuml;ck wurde unterbrochen.
+Es klopfte, und herein trat l&auml;chelnd, bescheiden,
+ein &auml;lterer hagerer Mann mit einer Hornbrille;
+es war Doktor Kent, der zeitweilige Leiter des Krankenhauses.
+Er kam eben von dort. Kallem und Ragni
+standen beide auf. Doktor Kent hatte eine angenehme,
+leise Stimme und ein ruhiges L&auml;cheln bei allem, was
+er sagte. Er setzte sich etwas abseits, w&auml;hrend sie weiter
+a&szlig;en, und machte einige kurze Angaben &uuml;ber die Kranken
+in der "Anstalt" und &uuml;ber den allgemeinen Gesundheitszustand
+in Stadt und Umgegend. Auf Befragen erteilte
+er b&uuml;ndigen Bescheid, welchen von den Beamten Kallem
+seine Aufwartung machen m&uuml;sse, welches die Stadtverordneten,
+Gemeindevorsteher und Mitglieder des<a class="page" name="Page_157" id ="Page_157" title="157"></a>
+Amtsgerichts waren, deren Bekanntschaft w&uuml;nschenswert
+sei. Selbst das rein Gesch&auml;ftsm&auml;&szlig;ige klang freundlich
+in Doktor Kents Mund. Als sein leichter Einsp&auml;nner
+vorfuhr &mdash; er hatte einen Krankenbesuch auf dem Lande
+zu machen &mdash; bat Kallem, er m&ouml;ge ihn mitnehmen;
+sofort war auch Ragni dabei, und so bestellten sie denn
+einen gr&ouml;&szlig;eren Wagen und sa&szlig;en bald alle drei darin.
+Als sie eben abfahren wollten, fiel Ragni ein, da&szlig; der
+Fl&uuml;gel leicht &uuml;bergestimmt werden mu&szlig;te, und sie fragte
+S&ouml;ren Pedersen, ob er jemand wisse, der stimmen k&ouml;nne,
+wenigstens einmal f&uuml;rs erste. Freilich &mdash; Kristen Larssen.
+So kam es, da&szlig; die Fahrt mit Mitteilungen &uuml;ber Kristen
+Larssen begann. Kent erz&auml;hlte, er sei in einer der abgelegensten,
+elendesten Gemeinden aufgewachsen, und
+dereinst einer Lappalie wegen mit dem Gesetz in Konflikt
+geraten &mdash; Kent hatte eine schwache Erinnerung,
+als sei es geschehen, weil er einen Tanz, den er spielte,
+die "Vergebung der S&uuml;nden" betitelt hatte. Kristen
+Larssen sei Erfinder; eine jetzt ganz allgemein verbreitete
+Strickmaschine und verschiedenes Handwerksger&auml;te
+stammten von ihm. Er sei ein kalter Mensch &mdash;
+kalt, wie Eisen im Winter, und S&ouml;ren Pedersen und seine
+Frau seien sein einziger Umgang. Was denn das eigentlich
+f&uuml;r Leutchen seien? &mdash; Ihre Antezedentien kenne
+er nicht; <em class="gesperrt">sie</em> stamme aus hiesiger Gegend, <em class="gesperrt">er</em> von F&uuml;nen.
+Beide t&uuml;chtig in der Arbeit; aber man habe bald gemerkt,
+da&szlig; sie tranken. Der Pastor hatte dem abzuhelfen
+versucht; er hatte sie liebgewonnen, w&auml;hrend sie
+bei ihm in seinem Haus arbeiteten. Merkw&uuml;rdigerweise
+gl&uuml;ckte es; sie h&ouml;rten nicht allein auf zu trinken, sondern
+S&ouml;ren Pedersen wurde ein &uuml;beraus eifriger Temperenzler
+und &auml;u&szlig;erst fromm; er konnte schlie&szlig;lich die ganze Bibel
+auswendig. Buchst&auml;blich wahr &mdash; ganz auswendig! Er
+erz&auml;hlte selber oft, da&szlig; es sein gr&ouml;&szlig;tes Vergn&uuml;gen sei,
+wenn Aase ihm zuh&ouml;re, und in kleineren Versammlungen
+trug er ganze Kapitel aus der Bibel aus dem Kopfe vor,
+w&auml;hrend die Leute dabei sa&szlig;en und nachlasen. Der
+Pastor meldete ihn in einer Bibelschule an, und er selbst<a class="page" name="Page_158" id ="Page_158" title="158"></a>
+hatte keinen h&ouml;heren Wunsch, als dahin zu kommen;
+aber Aase mu&szlig;te auch mit! Da man ihm hierin nicht
+willfahren konnte, verzichtete er auf die Bibelschule und
+wurde an allem irre.</p>
+
+<p>So traf er mit dem Tausendk&uuml;nstler Larssen zusammen,
+der sich gerade damals hier in der Stadt niederlie&szlig;.
+Kristen Larssen hatte von S&ouml;ren Pedersens Gabe zum
+Auswendiglernen geh&ouml;rt und versuchte, hinter den
+Mechanismus der Sache zu kommen. Aber da war
+keinerlei Mechanismus; "alles ist eine Gnadengabe
+Gottes; denn bei Gott ist kein Ding unm&ouml;glich."</p>
+
+<p>"Das steht in Matth&auml;us", antwortete Kristen Larssen;
+"aber im Buch der Richter steht, da&szlig; der Herr mit
+Juda war, aber Juda vermochte nicht den Feind aus
+dem Tal zu vertreiben, weil der Feind eiserne Wagen
+hatte!"</p>
+
+<p>Der ehrliche S&ouml;ren Pedersen erschrak aufs tiefste dar&uuml;ber,
+da&szlig; der Gott der Juden die eisernen Wagen nicht
+besiegen konnte. &mdash; "In einem und demselben Buch
+Mosis", fuhr Kristen Larssen fort, "steht ferner geschrieben:
+Du sollst nicht t&ouml;ten! &mdash; und gleichzeitig
+auch, da&szlig; der Herr unabl&auml;ssig gebot, zu t&ouml;ten. Also
+sind da Widerspr&uuml;che."</p>
+
+<p>Das war f&uuml;r S&ouml;ren Pedersen etwas ganz Neues, trotzdem
+er die Bibel auswendig konnte. Er wollte wissen,
+wie das zusammenh&auml;nge, und verlangte nun in jeder
+religi&ouml;sen Versammlung Auskunft dar&uuml;ber. Schlie&szlig;lich
+hatte er mindestens hundert Widerspr&uuml;che herausgefunden,
+nach denen er fragte; es war nicht mehr
+auszuhalten. Die einen lachten sich halb krank, die
+anderen nahmen &Auml;rgernis daran. Zuletzt wurden er
+und Aase von den Zusammenk&uuml;nften ausgeschlossen.
+"Ich wei&szlig; nicht, ob ich es Ihnen erz&auml;hlen darf" &mdash; sagte
+Doktor Kent &mdash; "aber Ihr Schwager hat S&ouml;ren Pedersen
+und Frau Aase eigenh&auml;ndig hinausgeworfen &mdash; zum Betsaal
+hinaus! Sie waren fr&uuml;her als die andern gekommen
+und wollten nicht gehen. Ihr Schwager ist sehr stark;
+aber S&ouml;ren Pedersen behauptete sich, bis der Pastor auf<a class="page" name="Page_159" id ="Page_159" title="159"></a>
+den Gedanken kam, erst Aase vorzunehmen, und nun
+rissen sie sich um die Frau, als sei sie ein St&uuml;ck Holz."
+Kallem und Ragni lachten ausgelassen. "Ich habe selber
+einen andern Zusammensto&szlig; miterlebt", fuhr Doktor
+Kent fort. "Der Pastor hielt Pr&uuml;fung ab in der Schule;
+ich geh&ouml;re zur Schulkommission. S&ouml;ren Pedersen und
+Frau Aase waren auch da und allen ahnte Unheil. "Gott
+kann nicht l&uuml;gen!" sagte unter anderem der Pastor.
+Da stand S&ouml;ren Pedersen auf: "Es steht geschrieben:
+Siehe der Herr hat einen falschen Geist gegeben in aller
+dieser seiner Propheten Mund." Wieder wurde S&ouml;ren
+Pedersen hinausbef&ouml;rdert."</p>
+
+<p>Die Landschaft, durch die sie unter solchen schnurrigen
+Hist&ouml;rchen fuhren, war eine hochgelegene, fr&uuml;hlingshelle
+freie Ebene, unterbrochen von gr&ouml;&szlig;eren oder
+kleineren St&uuml;cken Waldes, oder besser gesagt &mdash; eines
+Waldes, der von bebauten Feldern durchzogen war. Die
+Geh&ouml;fte stattlich, die Felder fruchtbar, der Weg f&uuml;hrte
+in Windungen abwechselnd durch W&auml;lder und Felder,
+&uuml;ber H&uuml;gel und B&auml;che. Steingehege, wo man's am
+wenigsten vermutete, und Wege und Stege die Kreuz
+und die Quer. Wer von den Pr&auml;rien Amerikas und dem
+Flachland Mitteleuropas kam, den mu&szlig;te all diese Unruhe
+in gute Laune versetzen. Derselbe flimmernde
+Sonnenschein wie gestern, der gleiche kr&auml;ftige Duft von
+Wiese und Wald &mdash; und dazu eine Blumenpracht und
+ein Vogelsang! Da rief der Kuckuck!</p>
+
+<p>Es war kurz vor Johannis mit seiner &uuml;ppigen Flora.
+Ragni freute sich &uuml;ber den Reichtum ringsumher. Von
+allen F&auml;chern war ihr Botanik das liebste, und der
+Gegensatz zwischen der Flora, die sie studiert hatte,
+und dieser hier interessierte sie lebhaft. Sie fragte, ob
+in vielen Gegenden Norwegens Berberitze und Akelei
+wild w&uuml;chsen? Doktor Kent meinte, sie m&uuml;&szlig;ten vor
+langer Zeit einmal eingef&uuml;hrt worden sein, vielleicht
+von den M&ouml;nchen aus dem Kloster drunten.</p>
+
+<p>Als sie aus den Wiesen wieder in einen kleinen Streifen
+Wald, gr&ouml;&szlig;tenteils Tannenwald, kamen, sah sie zum<a class="page" name="Page_160" id ="Page_160" title="160"></a>
+drittenmal Linn&auml;a; da hielt es sie nicht l&auml;nger im
+Wagen; alle drei stiegen aus.</p>
+
+<p>Die Linn&auml;a hatte eben angefangen ihre glockenf&ouml;rmigen
+lichtroten Bl&uuml;ten zu &ouml;ffnen. Ragni und sie begannen
+sogleich miteinander zu wispern und zu tuscheln:
+ach, wenn sie nur einmal miteinander allein sein k&ouml;nnten!
+Sechs Jahre lang hatten sie sich nicht mehr gesehen &mdash; nein,
+sie war ja im Fr&uuml;hling abgereist &mdash; also sechseinhalb
+Jahre! Sie hob einige zu sich empor; und da
+entdeckte sie auch die <i>Pyrola uniflora</i><a name="FNanchor_2_2" id="FNanchor_2_2"></a><a href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> &mdash; einsam, mit
+wehm&uuml;tig gesenktem K&ouml;pfchen. Kallem hatte gerade
+auch eine gefunden; sie fragte, wie sie auf norwegisch
+hei&szlig;e. Er fragte Kent, ob man sie nicht den "Leuchter
+des heiligen Olaf" nenne. Er fragte wie ein Apotheker
+und erhielt Antwort wie aus einem Herbarium. Ragni
+verlor sich immer weiter von den beiden weg. Der
+Duft, der ihr aus dem Bl&uuml;tenkelch entgegenstr&ouml;mte,
+mahnte sie, weiter vorzudringen; die Blume war ja gesandt,
+um sie immer tiefer hineinzulocken. Tiefer hinein
+und ein bi&szlig;chen weiter zur&uuml;ck &mdash; fort von den andern.
+Sie h&ouml;rte sie plaudern; im Wald klingt jeder Laut so
+deutlich; sie h&ouml;rte ein paar aufgescheuchte V&ouml;gel. Doch
+jetzt, nur ein St&uuml;ckchen weiter weg, h&ouml;rte sie blo&szlig; noch
+das Knistern ihrer eigenen Schritte auf dem Waldboden.
+Eine einzige kleine Sauerkleebl&uuml;te fand sie noch, einen
+kleinen Nachz&uuml;gler. Verstimmt lugte sie aus ihren vielen
+kleeartigen Bl&auml;ttchen hervor; &mdash; ob sie wu&szlig;te, da&szlig; sie
+ihre Genossen verloren hatte?</p>
+
+<p>"Weiter, weiter!" sagten sie alle; ja, dort hinein
+lockten sie alle, die Linn&auml;en und die heiligen Leuchter
+und der Sauerklee; blo&szlig; deswegen war der eine, letzte
+noch zur&uuml;ckgeblieben. Und jetzt war Ragni bei den
+Siebensternen<a name="FNanchor_3_3" id="FNanchor_3_3"></a><a href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a>, die gro&szlig;e Familienzusammenkunft abhielten.
+Alle warteten darauf, sie zu sehen; kein Fu&szlig;
+noch war hier geschritten in diesem Jahr. Ragni kniete
+zwischen ihnen nieder und erz&auml;hlte, da&szlig; sie von weit,<a class="page" name="Page_161" id ="Page_161" title="161"></a>
+weit hergekommen sei &mdash; erz&auml;hlte ohne Worte; die
+waren unter ihnen nicht n&ouml;tig: T&uuml;r um T&uuml;r hatte
+sie aufgeschlossen, um in Norwegen einzudringen; kaum
+hatte sie die eine ge&ouml;ffnet, so lag dahinter eine andere ...
+bis Ragni jetzt endlich zu ihnen kam. Gleich, als sie
+die Linn&auml;a sah, wu&szlig;te sie &mdash; jetzt stand sie vor der
+letzten T&uuml;r. Und hier war das Innerste. All das Gro&szlig;e,
+Gefahrvolle drau&szlig;en &mdash; vom Meer an &mdash; all das M&auml;chtige
+und B&ouml;se, das Bunte und Gesch&auml;ftige, all die Herrlichkeit
+und all die Schrecken,.. sie wiesen nur tiefer
+hier herein; hier herein m&uuml;ssen wir, um zu verstehen,
+weshalb nicht alles in tausend St&uuml;cke bricht. Ihr hier
+drinnen, ihr sitzt am Steuer.</p>
+
+<p>"Auch wir haben auf Dich gewartet. Hier ist das
+innerste Geheimnis." &mdash; "Ach! Sagt es mir!" &mdash; "Gut
+sein!" &mdash; "Ach ja, ich glaube, das ist auch das einzige,
+wozu ich wirklich Anlage habe. Wenn nun aber die
+andern nicht &mdash; &mdash;?" &mdash; "La&szlig; die andern sein, wie sie
+wollen. Du aber sei gut!"</p>
+
+<p>Und sie verstand jetzt, denn sie war ja ins Innerste
+gedrungen. Sie verstand jetzt, was das St&auml;rkste war.
+Die Sternblumen.</p>
+
+<p>"Ragni!" rief Kallem aus weiter Ferne; der Wald
+hallte wieder von seiner klaren Stimme. "Ja!" &mdash; Ein
+paar von der Familie wollten gern mit; sie hob sie zu
+sich empor. Dann eilte sie wieder dem Wege zu. Am
+Waldrand stand eine <i>Actaea</i><a name="FNanchor_4_4" id="FNanchor_4_4"></a><a href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> &mdash; die stand dort, damit sie
+ihr den Weg ins Innere h&auml;tte weisen k&ouml;nnen, falls sie
+hier ausgestiegen w&auml;re. Jetzt wollte sie mit. Und dicht
+am Weg stand ein Busch und darunter, wohlverborgen,
+eine ganze Gesellschaft Maigl&ouml;ckchen; wo hatte sie nur
+ihre Augen gehabt? Sie wu&szlig;ten, woher sie kam; auch
+sie waren als Wachen ausgestellt, um ihr den Weg ins
+Innere zu zeigen. Sobald sie einander sahen, verstanden
+sie sich. Das ist so bei allen, die "von einem Stamme
+sind". Einige wollten mit.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_162" id ="Page_162" title="162"></a>"Ragni!" rief Kallem. "Ja, ja!" Und sie trat auf
+den Fahrweg hinaus. Jetzt sah sie, wie weit zur&uuml;ck sie
+war. Die beiden M&auml;nner standen am Wagen und unterhielten
+sich; sie waren ganz oben auf der H&ouml;he. Die
+schlanke Gestalt Kallems und die kleine, schm&auml;chtige
+Figur des Doktors hoben sich scharf ab. Beide hatten
+alle H&auml;nde voll. Sie kam eilig heran und h&ouml;rte schon
+von weitem Kallem Vortrag halten &uuml;ber einen jungen
+Sturmhut, den er in der Hand hielt und hin und herschwenkte;
+er gab, auf Deutsch, die begeisterten Worte
+eines deutschen Botanikers &uuml;ber diese prachtvolle Giftpflanze
+wieder, die er in Norwegen gefunden hatte.
+Doktor Kent &uuml;berreichte ihr liebensw&uuml;rdig eine <i>Pelygala
+amara</i><a name="FNanchor_5_5" id="FNanchor_5_5"></a><a href="#Footnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a>; er wu&szlig;te, da&szlig; ihr, die von Amerika kam,
+diese blaue Blume neu war. Sie bedankte sich herzlich.
+Sie stiegen in den Wagen und fingen gleich an, ihre
+Ausbeute zu ordnen. Die Herren baten Ragni, sich
+auszusuchen, was ihr gefiel. Sie kamen von einem kleinen
+Moor; Kent hatte die Bl&uuml;te einer Moortanne im Knopfloch
+stecken; sie hatten &uuml;berhaupt alles mitgenommen,
+sogar ein Schmerkraut. &mdash; "Das Raubtier!" sagte Ragni.
+Das wollte sie nicht haben; es sei auch so "schmierig"! &mdash; "Du
+bist doch in allem &Auml;sthetiker!" bemerkte Kallem.
+Sie warf ihm einen gew&uuml;rzten Blick zu, etwa wie der
+Duft ihrer Linn&auml;en. "Ist Ihnen aufgefallen, da&szlig; wir
+ganz allein unterwegs sind?" fragte Doktor Kent. Er
+erz&auml;hlte, alle Leute seien in der Kirche: der alte Meek
+halte heute, an seinem f&uuml;nfzigj&auml;hrigen Jubil&auml;um, seine
+Abschiedspredigt. Mit zwanzig Jahren war er bei seinem
+Vater Vikar gewesen &mdash; wie das damals so Sitte war &mdash; und
+hatte nach ihm das Amt geerbt. Jetzt war er
+siebzig, und wollte mit seiner Enkelin eine Reise ins
+Ausland unternehmen! &mdash; "Also ein r&uuml;stiger Herr?" &mdash; "Ja,
+und lebt gesund. Immer unterwegs, und immer
+zu Fu&szlig;. Er war unser Zwischenh&auml;ndler." &mdash; "Zwischenh&auml;ndler?" &mdash; "Nun
+ja, jeder Bezirk hier hat so eine<a class="page" name="Page_163" id ="Page_163" title="163"></a>
+Art Vermittler zwischen Wissenschaft und Praxis. Ihm
+hat die Gemeinde viel von ihrem Wohlstande zu verdanken,
+und durch die eine Gemeinde auch die andern."
+&mdash; "Er ist also beliebt?" &mdash; "Er ist der beliebteste Mann
+weit und breit in der ganzen Umgegend." &mdash; "Wie ist
+er denn auf der Kanzel?" &mdash; "Na ja, er hat f&uuml;nfzig
+Jahre lang von seiner Kanzel herunter Geschichtchen
+erz&auml;hlt. Seinerzeit wurde viel dar&uuml;ber gespottet; manche
+fanden es auch profan; aber jetzt machen es ihm verschiedene
+nach." &mdash; "Was f&uuml;r Geschichten denn?" &mdash; Also &mdash; die
+letzte, die Kent geh&ouml;rt hatte, handelte von
+einer Frau in St. Louis in Amerika, die drei&szlig;ig Jahre
+lang im Gef&auml;ngnis gesessen hatte und trotz ihrer siebzig
+Jahre noch immer die unbotm&auml;&szlig;igste Gefangene war.
+Da sollten die Gefangenen in ein anderes Haus &uuml;berf&uuml;hrt
+werden, dessen Vorsteherin Qu&auml;kerin war. Die
+Alte wollte sich nicht wegschaffen lassen; sie setzte sich
+aus Leibeskr&auml;ften zur Wehr, so da&szlig; man sie binden und
+auf einem Stuhl forttragen mu&szlig;te. Als sie mit ihr ankamen,
+stand die Leiterin des Gef&auml;ngnisses in der T&uuml;r
+und nahm das rasende Weib in Empfang. "Bindet
+sie los!" sagte sie. &mdash; "Aber wird das auch gehen?" &mdash; "Bindet
+sie los!" Man tat es. Sobald die Alte frei war,
+beugte ihre neue Oberin sich &uuml;ber sie, umarmte sie und
+gab ihr einen Willkommenku&szlig;, wie eine Schwester der
+Schwester. Da fiel die alte Frau auf die Knie und sagte:
+"Kannst Du wirklich glauben, da&szlig; an mir noch was
+Gutes ist?" Und von Stund an gehorchte sie ihr.</p>
+
+<p>Jetzt stiegen Kallem und Kent aus; sie bogen in
+einen Bauernhof ein, der ein St&uuml;ck oberhalb des Weges
+lag. Vor der Altane sprang ein gro&szlig;er schwarzer Hund
+auf; er sah den Wagen und bellte ihn an, aber blo&szlig; ein
+paarmal; dann lief er den beiden einige Schritte entgegen,
+beschnupperte sie, lief zur&uuml;ck und legte sich wieder.</p>
+
+<p>Sonst war niemand zu sehen. Der Junge lenkte die
+Pferde um und fuhr ein bi&szlig;chen zur Seite. Die beiden
+&Auml;rzte gingen zu dem Kranken hinein, Ragni wanderte
+auf dem Hof auf und ab. Durch das Fenster sah sie einen<a class="page" name="Page_164" id ="Page_164" title="164"></a>
+Alten im Bett liegen; seine Frau sa&szlig; neben ihm; sie sang
+mit zitteriger Stimme dem Kranken etwas vor und fuhr
+auch, als die T&uuml;r sich hinter ihr &ouml;ffnete, ruhig fort.</p>
+
+<p>Ragni sah sich auf dem Hof um; dann setzte sie sich
+auf die Scheunentreppe.</p>
+
+<p>Nichts, was in uns alles so in Stille einwiegen k&ouml;nnte,
+wie ein ruhender Bauernhof! Nicht der Wald, denn
+irgendwo raschelt und raunt es da immer; man mu&szlig;
+lauschen oder Umschau halten; nicht das Meer, selbst
+wenn es schweigt; v&ouml;llig in Frieden ist es nie. Nicht
+die Wiese; denn da wimmelt es von Leben. Und so
+&uuml;berall. Aber in einem abgeschlossenen Bauernhof &mdash;.
+Das H&uuml;hnervolk umpickt und umgackert dich so anheimelnd,
+der Hund liegt ganz still und die Katze geht
+ein paar Schritte, und bleibt stehen, und geht wieder
+ein paar Schritte; die Pflugschar lehnt neben der Egge,
+der Schleifstein ist trocken, die Wagen lassen die Deichsel
+h&auml;ngen, die Gesindeglocke schweigt; alles, was sonst da
+lebt, ruht wie du; und was sich etwa noch regt, erh&ouml;ht
+nur den Frieden. Das Schwein, das du ganz dort hinten
+w&uuml;hlen siehst, ist nur mit sich selber besch&auml;ftigt; das
+Pferd, das kaut und die Fliegen wegwedelt, kennt nur
+sein eigenes Behagen; die V&ouml;gel, die kommen und dich
+gr&uuml;&szlig;en, tragen dir die Sorglosigkeit zu, die in allem
+Frieden liegt.</p>
+
+<p>Doch mitten in der Ruhe scho&szlig; in Ragni wieder die
+Angst auf, die sie seit der Begegnung mit Josefine verfolgte.
+War etwas in ihrem eigenen Gewissen, das
+sie anklagte? Nein, und tausendmal nein! Nicht einmal
+die Kinder ihrer Schwester? &mdash; Nein! Denn unter
+solchen Verh&auml;ltnissen h&auml;tte sie nicht einmal denen etwas
+sein k&ouml;nnen. Also, was denn? Was hatte sie getan? Ihn
+geliebt. Weshalb sollte sie das nicht d&uuml;rfen?</p>
+
+<p>Die Stille war weg. Ragni ging hinter den Hofgeb&auml;uden
+herum, und da fand sie zwei Arten <i>Orobus</i><a name="FNanchor_6_6" id="FNanchor_6_6"></a><a href="#Footnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a>, nicht weit
+voneinander &mdash; erst drau&szlig;en auf der Wiese die Vogel<a class="page" name="Page_165" id ="Page_165" title="165"></a>erbse,
+und dann noch eine andere Art im Geb&uuml;sch;
+auf den Namen der letzteren konnte sie sich nicht besinnen.
+Als sie zur&uuml;ckging, fand sie einen pr&auml;chtigen
+Hahnenkamm und eine dritte Art Veilchen; zwei hatten
+die andern ihr schon gegeben. War das eine Flora!
+Und da! Da wieder! Die entz&uuml;ckendste Veronica;
+o weh, die Krone fiel ab; aber da ist wieder eine; die
+h&auml;lt. Sp&auml;ter h&ouml;rte sie, da&szlig; in dieser Gegend die spr&ouml;de
+Blume auch "M&auml;nnertreu" genannt wurde.</p>
+
+<p>Und jetzt wieder auf den Hof. Durch die Fenster
+sah sie, wie Kallem, tief &uuml;ber den Kranken geb&uuml;ckt,
+dessen Brust behorchte. Bald darauf kam Kent heraus,
+neben ihm die alte Frau. Er schrie, so laut er konnte,
+aber sie schien trotzdem fast nichts zu verstehen. Jetzt
+stand Kallems hohe Gestalt in der T&uuml;r; er kam auf sie
+zu. Wie sie ihn liebte!</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Nachmittags sa&szlig;en sie zusammen in dem nach S&uuml;dosten
+gelegenen Arbeitszimmer des Doktors. Bis
+auf die B&uuml;cher war jetzt alles in Ordnung. S&ouml;ren
+Pedersen kam, begleitet von Aase, zur E&szlig;zimmert&uuml;r
+herein; er pfiffig, sie versch&uuml;chtert. Eben k&auml;men der
+Herr Pastor und seine Frau durch den Garten.</p>
+
+<p>Kallem sah, wie Ragni bleich wurde. In Gegenwart
+der beiden begn&uuml;gte er sich damit, frischweg zu sagen:
+"Komm, Ragni!" und ging dann ins Verandazimmer
+und von dort auf den Korridor, um die G&auml;ste zu empfangen.</p>
+
+<p>Die Begr&uuml;&szlig;ung war steif. Der Pastor bat, die ungelegene
+Besuchszeit zu entschuldigen; ihm passe es
+so am besten, da er gerade vom Abendgottesdienst
+komme. Sie h&auml;tten &uuml;berhaupt blo&szlig; anfragen wollen,
+ob Schwager und Schw&auml;gerin nicht heute bei ihnen
+zu Abend essen wollten? Sonntags sei ja ein Geistlicher
+erst abends so recht sein eigener Herr. &mdash; Die
+Stimme hatte noch etwas von dem feierlichen
+Predigerton, und Gesicht und Wesen trugen einen Abglanz
+der Kirche. Josefine stand ganz still und sah<a class="page" name="Page_166" id ="Page_166" title="166"></a>
+sich im Zimmer um; und bald ging auch der Pastor
+dazu &uuml;ber.</p>
+
+<p>Er fand es "zu gem&uuml;tlich" hier! Der Fl&uuml;gel war ein
+"Prachtst&uuml;ck". W&auml;hrend sie ihn betrachteten, wandte
+sich Josefine zu Ragni; es waren die ersten Worte, die
+sie sprach: "Sie spielen ja so sch&ouml;n?" &mdash; "O&mdash; &mdash;" &mdash; n"Wollen
+Sie uns nicht etwas vorspielen?" Und der
+Pastor f&uuml;gte hinzu: "Ach ja, bitte!"</p>
+
+<p>Ragni sah ihren Mann an &mdash; wie ein Ertrinkender,
+der nach Hilfe ausschaut. "Ragni mu&szlig; in Stimmung
+sein, um spielen zu k&ouml;nnen!" sagte er. "Nat&uuml;rlich &mdash; Sie
+werden m&uuml;de sein!" entschuldigte der Pastor. Man
+setzte sich; Kallem und der Pastor einander gegen&uuml;ber,
+Josefine ein bi&szlig;chen abseits; Ragni blieb stehen.</p>
+
+<p>"Nat&uuml;rlich &mdash; Ihr m&uuml;&szlig;t beide m&uuml;de sein!" fuhr der
+Pastor fort. "Die lange Reise &mdash; &mdash; und jetzt das ganze
+Einrichten hier! Wie ich von Doktor Kent h&ouml;re, seid
+Ihr bald fertig?" &mdash; Ja. Sie h&auml;tten aber auch eine
+ganz ausgezeichnete Hilfe gehabt an S&ouml;ren Pedersen
+und seiner Frau. Ragni f&uuml;rchtete auf einmal, die beiden
+k&ouml;nnten noch im E&szlig;zimmer sein und lief hinein; nein,
+sie waren fort. Auch im Zimmer des Doktors waren
+sie nicht.</p>
+
+<p>Das Gesicht des Pastors hatte einen ganz eigenen
+v&auml;terlichen Ausdruck angenommen. "Wir haben S&ouml;ren
+Pedersen und seine Frau f&uuml;r Euch nehmen m&uuml;ssen, weil
+sonst niemand zu haben war. Aber eigentlich m&uuml;&szlig;te
+man solchen Leuten &uuml;berhaupt keine Arbeit geben." &mdash; "So?" -&#8212; "T&uuml;chtige
+Arbeiter; aber sie vertrinken alles,
+was sie verdienen, und bleiben tagelang von der Arbeit
+weg, wie auch hier. Sie erregen gro&szlig;es &Auml;rgernis in der
+Gemeinde." &mdash; "Alle Wetter!" Ragni strich dicht an
+Kallem vorbei und fuhr ihm leicht mit der Hand &uuml;ber
+den Kopf; sie tat, als wolle sie etwas vom Fl&uuml;gel holen.
+Der Pastor lie&szlig; sich durch den leichtfertigen Ton des
+Doktors nicht abschrecken. "Wir haben alles versucht
+bei den beiden, was wir nur konnten &mdash; sie trinkt
+geradeso wie er. Ihr w&uuml;rdet Euch wundern, wenn Ihr<a class="page" name="Page_167" id ="Page_167" title="167"></a>
+w&uuml;&szlig;tet, wie gut alle Leute gegen sie gewesen sind. Aber
+alles vergebens &mdash; ja, schlimmer als vergebens! Nun,
+ich will nicht n&auml;her auf die Sache eingehen." Und er
+blickte hin&uuml;ber zu seiner Frau, die in ihrem enganschlie&szlig;enden
+Kleid dasa&szlig;, kraftvoll, undurchdringlich,
+aus einem Gu&szlig; und tadellos vom Scheitel bis zur Sohle.
+Die Augen mit dem wohlgeschulten Blick, der alles
+sieht, ohne bestimmtes eigentliches "Sehen". Kallem
+w&auml;re am liebsten aufgesprungen und h&auml;tte sie angeschrien.
+Aber Ragni stand, im Hintergrund, unbemerkt
+von den andern, ihm gerade gegen&uuml;ber.</p>
+
+<p>"Zu dumm," sagte er, "da&szlig; der alte Doktor ein
+Haus dicht neben das Krankenhaus gebaut hat. Da&szlig;
+man fremde Menschen immer so dicht auf dem Leibe
+haben mu&szlig;!" &mdash; "Der Alte hat es f&uuml;r seinen Schwager
+gebaut. Und nun ist der auch tot." &mdash; "Ja, das hab'
+ich geh&ouml;rt. Wenn ich in der Lage w&auml;re, noch mehr
+Geld in H&auml;user zu stecken, so w&uuml;rd' ich es kaufen,
+trotzdem ich keine Verwendung daf&uuml;r habe." Josefine
+wandte sich kaum merkbar um, vermutlich um zu
+sehen, ob Ragni noch da war. "Ich glaube nicht, da&szlig;
+es zu verkaufen ist!" sagte sie. "Ich kenne die Erben."
+Eine Weile war es still.</p>
+
+<p>Der Pastor schlug ein neues Thema an. Er hatte heut
+vormittag im "Morgenblatt" einen Artikel &uuml;ber die Unsicherheit
+der amerikanischen Verh&auml;ltnisse im einzelnen
+und allgemeinen gelesen. Er sprach wie einer, der die
+Sache kennt, und wandte sich dabei stets an seine Frau.
+Wenn er einmal jemand anders ansah &mdash; wie eben Ragni,
+die ja aus Amerika kam &mdash; so war das nur vor&uuml;bergehend;
+gleich wandte er sich wieder seiner Frau zu.</p>
+
+<p>Pastor Tuft war ein recht stattlicher, h&uuml;bscher Mann,
+besonders seit eine gewisse Beh&auml;bigkeit den knochigen
+Untergrund des Gesichts ausgef&uuml;llt hatte; die Stimme
+klang frisch, und die Melanchthonaugen strahlten warm
+in alles, was er sagte. Seine Worte und sein ganzes
+Auftreten hatten etwas Mild&uuml;berredendes; aber man
+f&uuml;hlte hinter der Milde die Kraft!</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_168" id ="Page_168" title="168"></a>Ganz unerwartet machte Josefine eine aufw&auml;rtsdeutende
+Bewegung mit dem Kopf. "Ja, nat&uuml;rlich, es
+ist Zeit, da&szlig; wir gehen!" sagte Tuft und stand auf.
+"Ich verschwatze mich immer. &mdash; Also, Ihr kommt mit,
+nicht?" Josefine stand auf, und ebenso Kallem. Aber
+der hatte auch noch eine Frau, die ihm Blicke zuwarf &mdash; graue &mdash; und
+sehr weiche. "Danke! Aber wir sind zu
+m&uuml;de. Ein andermal!"</p>
+
+<p>Damit geleiteten sie die beiden hinaus. Kallem trat
+dann ans Fenster und sah ihnen nach, wie sie hoch und
+stattlich davonschritten. Bald lag die Kirche hinter
+ihnen. Alle Vor&uuml;bergehenden gr&uuml;&szlig;ten ehrerbietig. Als
+sie schon nicht mehr zu sehen waren, stand er noch da.
+Dann schlenderte er ein paarmal durchs Zimmer und
+schlug pl&ouml;tzlich einen Purzelbaum. "Du, hol mir doch
+S&ouml;ren Pedersen und Frau Aase!" und gleich darauf war
+er drau&szlig;en, um sie zu suchen. Aber sie waren nirgends
+zu finden. Sigrid berichtete, sie seien gleich gegangen,
+als Pastors erschienen. "Schockschwerenot! Pass' auf,
+jetzt trinken sie sich einen an! Lauf schnell und lade
+sie zum Nachtessen ein! Sag' ihnen, wir seien allein!"
+Das M&auml;dchen rannte davon. "La&szlig; nicht locker!" rief
+Kallem ihr nach. "Ob sie wollen oder nicht!"</p>
+
+<p>"H&ouml;ren Sie mal, Herr Sattlermeister!" sagte der Doktor,
+als die beiden wieder im Wohnzimmer standen, sie
+nat&uuml;rlich hinter ihm &mdash; "H&ouml;ren Sie mal, der Herr Pastor
+sagt, Sie trinken, Sie und Ihre Frau, und er habe Sie
+nicht davon abbringen k&ouml;nnen?" &mdash; "Da sagt der Herr
+Pastor blo&szlig;, was wahr ist." &mdash; "Aber das ist eine b&ouml;se
+Krankheit, Pedersen!" &mdash; "O ja &mdash; hinterher!" &mdash; "Wollen
+Sie es mir &uuml;berlassen, Sie zu kurieren?" &mdash; "I, warum
+denn nicht, Herr Doktor! Aber im Ernst &mdash; es wird lange
+dauern." &mdash; "Zwei Minuten." &mdash; "Zwei Minuten?"
+Er l&auml;chelte. Aber bevor er ausgel&auml;chelt hatte, hatte
+Kallem ihn schon in der Gewalt seiner Augen, die einen
+m&auml;chtigen, verwirrenden Ausdruck haben konnten. Der
+Sattler wechselte die Farbe und wich zur&uuml;ck. Der Doktor
+ging ihm nach und hie&szlig; ihn sich setzen. Er gehorchte<a class="page" name="Page_169" id ="Page_169" title="169"></a>
+augenblicklich. "Sehen Sie mich an!" Aase wurde es
+fast &uuml;bel. "Sie setzen sich ebenfalls!" sagte der Doktor
+&uuml;ber die Achsel zu ihr, und wie hingeweht sa&szlig; sie auf
+einem Stuhl. Der Doktor hatte gestern sofort erkannt,
+wen er da vor sich hatte; es dauerte keine zwei Minuten,
+so war S&ouml;ren Pedersen weg und ebenso Frau Aase, trotzdem
+diese nur zugesehen hatte. Der Doktor befahl ihnen,
+die Augen wieder zu &ouml;ffnen; beide gehorchten sofort.
+"Nun h&ouml;ren Sie mich an, Pedersen: von jetzt ab h&ouml;ren
+Sie auf, Branntwein oder Spiritus in irgendwelcher Form
+zu trinken; auch keinen Wein, kein starkes Bier &mdash;
+<em class="gesperrt">einen</em> &mdash; <em class="gesperrt">einen ganzen</em> Monat lang! H&ouml;ren Sie?
+Wenn der Monat vorbei ist &mdash; es ist jetzt halb sieben &mdash;
+so kommen Sie wieder hierher &mdash; auf die Minute!"</p>
+
+<p>"Und Sie auch, Aase. So oft er trinken will, schreien
+Sie. Und hinterher singt Ihr beide." &mdash; "Wir k&ouml;nnen
+nicht singen." &mdash; "Einerlei? Ihr singt!"</p>
+
+
+<h3><a href="#Inhaltsverzeichnis">4</a></h3>
+
+<p>Josefine verlie&szlig; die Stadt. Sie nahm ihren Jungen
+mit nach der Westk&uuml;ste, wo er Seeb&auml;der nehmen
+sollte. Der Pastor wollte etwas sp&auml;ter nachkommen; er
+hatte, seit er Pastor war, noch keinen Urlaub gehabt.
+Gleich nach dem Examen war er als Hilfsprediger hierher
+gekommen und hatte das Zutrauen der Gemeinde
+in so hohem Ma&szlig;e gewonnen, da&szlig; sie, als vor zwei
+Jahren die Stadt aus der Di&ouml;zese ausgepfarrt wurde,
+einstimmig um seine Berufung einkam; und er erhielt
+das Amt. Fast sechs Jahre lang hatte er nun streng
+gearbeitet und konnte ein paar Wochen Ferien wohl
+gebrauchen. Josefine ging eines Tages zu ihrem Bruder
+hinauf, als er nicht zu Hause war, erz&auml;hlte Ragni, da&szlig;
+sie verreise, verabschiedete sich und bat, den Bruder zu
+gr&uuml;&szlig;en.</p>
+
+<p>Ragni war sich sofort klar dar&uuml;ber, da&szlig; diese Reise nur
+ein Vorwand war, um sie nicht in die Gesellschaft einf&uuml;hren
+zu m&uuml;ssen; sie wollten nicht f&uuml;r sie eintreten.<a class="page" name="Page_170" id ="Page_170" title="170"></a>
+Zu Kallem, der weniger mi&szlig;trauisch war, sagte sie jedoch
+nichts davon. Er verga&szlig; bald die ganze Geschichte;
+denn er hatte ungeheuer viel zu tun. Doktor Kent
+wollte ins Ausland, und Kallem mu&szlig;te seine Praxis
+&uuml;bernehmen zum Dank daf&uuml;r, da&szlig; Kent vor Kallems
+Ankunft das Krankenhaus beaufsichtigt hatte. Der dritte
+Arzt am Ort war ein junger Milit&auml;rarzt und augenblicklich
+bei den &Uuml;bungen. Er hie&szlig; Arentz und zeichnete
+sich durch &uuml;beraus breite, tadellos gepl&auml;ttete Vorhemden
+aus. Kallem erkannte in seinem korrekten Wissen Wort
+f&uuml;r Wort das Lehrbuch wieder &mdash; er mu&szlig;te sich anfangs
+M&uuml;he geben, ihn nicht "Niemeyer"<a name="FNanchor_7_7" id="FNanchor_7_7"></a><a href="#Footnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a> zu nennen;
+aber er mochte ihn seiner unbedingten Ehrenhaftigkeit
+wegen gern leiden. Da das Herumliegen auf Landwegen
+und Stra&szlig;en Kallem unertr&auml;glich wurde, dachte
+er daran, Arentz zum Assistenten zu nehmen; wollte
+er selber ein freier Mann sein, so mu&szlig;te er sich anders
+einrichten.</p>
+
+<p>Ragni sah ihn nur mittags das Essen hinunterschlingen
+und sp&auml;t abends heimkommen. Vielleicht sa&szlig; er einmal
+ein Weilchen bei ihr auf der Veranda, oder ging im
+Garten umher und half ihr, wenn sie gerade bei der
+Arbeit war; aber selten. Er mu&szlig;te wieder hinein, zu
+seinen B&uuml;chern. Anders gestaltete es sich, als sein Kollege
+wieder zur&uuml;ckkam; er glaubte, die vers&auml;umte Zeit
+nachholen zu m&uuml;ssen und fortan sa&szlig; er best&auml;ndig im
+Laboratorium oder in seinem Arbeitszimmer. Schlie&szlig;lich
+siedelte auch Ragni dahin &uuml;ber; sie bekam ihren
+eigenen Stuhl und ihre eigenen B&uuml;cherf&auml;cher; das Studierzimmer
+wurde zur Wohnstube.</p>
+
+<p>Stundenlang lasen sie, jedes f&uuml;r sich, und wechselten
+kaum zehn Worte. Er versenkte sich immer mehr in
+ein langes, einsames Studium und ahnte nicht, was f&uuml;r
+einen Eindruck es machte, wenn er sich in einer Pause
+aufs Sofa warf, so lang er war, und sie ansah, ohne ein<a class="page" name="Page_171" id ="Page_171" title="171"></a>
+Wort zu reden, oder &mdash; wie es meist der Fall war &mdash; am
+Fenster stand und hinausstarrte. Kam er ins Zimmer
+zur&uuml;ck, so war es nur, um sich wieder ans Fenster zu
+begeben. Er behauptete, nirgends k&ouml;nne er so gut
+denken, wie da; das habe er von seinem Vater.</p>
+
+<p>An seinem Heim hatte er eine gro&szlig;e Freude; selten
+kam er nach Hause, ohne es zu r&uuml;hmen, und dann wanderte
+er umher, sorglos und munter wie eine Schwalbe.
+Nach Tisch h&ouml;rte er gern Musik, doch achtete er nicht
+immer darauf, was sie spielte.</p>
+
+<p>Und sie? Von Tag zu Tag f&uuml;hlte sie sich inniger in
+Wesen und Dinge ihres Heims ein. Ihn nannte sie
+wieder ihren "wei&szlig;en Pascha", den Fl&uuml;gel "das M&auml;rchen".
+"Jetzt ein M&auml;rchen!" sagte sie, wenn sie spielen
+wollte, und gew&ouml;hnte es ihm ebenfalls an. Das Schlafzimmer
+nannte sie "zwischen den Sternen", die Tauben,
+die sie zu Pfingsten bekommen hatte, "meine Pfingstlilien",
+Sigrid "die Siebenarmige". Wenn sie und Kallem
+im Arbeitszimmer sa&szlig;en und lasen, hatte sie das Gef&uuml;hl,
+als segelten sie beide fort, jedes in seinem Boot,
+jedes nach seinem Land. "Wollen wir jetzt hinein und
+segeln?" sagte sie.</p>
+
+<p>Er kannte dies Bed&uuml;rfnis nach Bildern aus ihren amerikanischen
+Briefen. "Wir arbeiten uns jeder von einem
+Ende eines Welttunnels langsam zueinander hin", schrieb
+sie; und auf dies Bild vom Tunnel kam sie immer wieder
+zur&uuml;ck; zuletzt "waren sie einander so nahe, da&szlig; sie
+ihn sprechen h&ouml;ren konnte." Von den Dampfern, die
+"droben, &uuml;ber ihnen, aneinander vorbeischwammen mit
+ihren Briefen", schrieb sie: "die Sehnsucht des einen
+zieht und die des andern schiebt nach."</p>
+
+<p>Eines Abends auf der Veranda &mdash; es regnete, aber
+sie selber sa&szlig;en trocken unter dem vorstehenden Dach &mdash; sagte
+sie: "Solche H&auml;user m&uuml;&szlig;ten einen Kopf haben." &mdash; "Einen
+Kopf?" &mdash; "Ja, zwischen den Fl&uuml;geln, wie jedes
+andere brave Huhn." &mdash; "Ach, so meinst Du's!" &mdash; "Ich
+habe immer das Gef&uuml;hl, als s&auml;&szlig;e ich unter Fl&uuml;geln und
+w&uuml;rde bebr&uuml;tet." &mdash; "Sag' mal, wie kommt es, da&szlig; Du<a class="page" name="Page_172" id ="Page_172" title="172"></a>
+in Deiner Kindheit nicht in den Bildern der Bibel
+heimisch geworden bist?" &mdash; "Weil ich einen Vater
+hatte, der mir, als ich zehn Jahr alt war, vom Ursprung
+der Arten erz&auml;hlte; Pflanzen, Tiere und Menschen
+wurden zu <em class="gesperrt">einer</em> Familie. Das war so etwas f&uuml;r
+mich. Als ich dann einen Stiefvater bekam, der Geistlicher
+war und behauptete, Erde und Menschen seien
+gleich bei der Erschaffung vollkommen gewesen und
+alles sei nur um der Menschen willen da, da glaubte
+ich das nicht. Au&szlig;erdem war mein Vater ein stiller,
+kr&auml;nklicher Mann, den ich lieb hatte, und mein Stiefvater
+ein starker, j&auml;hzorniger Mensch, den ich f&uuml;rchtete."</p>
+
+<p>Kallem fragte, ob sie ihm nicht einmal ihre Kindheit
+und Entwicklung schildern wolle. Aber darauf antwortete
+sie bestimmt: "Nein!"</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Kristen Larssen arbeitete hin und wieder beim Doktor,
+&mdash; so bei der Einrichtung des Laboratoriums, des
+Ventilationsapparates usw. Mit einem schweigsameren,
+mi&szlig;trauischeren Menschen hatte Kallem es noch nie zu
+tun gehabt, aber auch noch nie mit einem kl&uuml;geren.
+Eines Sonntags, Anfang August, kam er herauf, in seinem
+h&ouml;chsten Staat &mdash; einem langsch&ouml;&szlig;igen, braunen Rock
+mit au&szlig;erordentlich engen &Auml;rmeln, einer karierten, zu
+kurzen Weste und einer grauen Hose von sogenanntem
+englischen Leder. Alltags trug er meist keine Kopfbedeckung;
+Sonntags, wenn er Staat machen wollte,
+trug er den Hut in der Hand; er konnte nichts auf
+dem Kopf ertragen, wenn es nicht ganz besonders kalt
+war. Jetzt stand er da im Studierzimmer, lang, hager,
+kurzgeschoren, reingewaschen, mit schwarzen Bartstoppeln.
+Das einzige halbwegs Freundliche an der ganzen
+Erscheinung war der &uuml;ber ein rotgew&uuml;rfeltes Halstuch
+heruntergeklappte wei&szlig;e Hemdenbund. Der Doktor bat
+ihn, Platz zu nehmen und fragte, was ihm fehle. Als
+Antwort kam erst ein forschender Blick, dann die Erkl&auml;rung,
+er habe ja gar nicht gesagt, da&szlig; ihm etwas fehle.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_173" id ="Page_173" title="173"></a>Kallem merkte, da&szlig; es Larssen nach dieser Antwort
+nicht leicht fallen w&uuml;rde, mit seinem Anliegen herauszur&uuml;cken;
+aber er dachte: Geschieht dir ganz recht!</p>
+
+<p>Na ja, endlich sagte er denn, er wisse, die "Frau
+Doktern" sei f&uuml;nf oder sechs Jahre in Amerika gewesen;
+ob sie ihm vielleicht ein paar englische B&uuml;cher leihen
+k&ouml;nne? Vielleicht w&uuml;rde sie ihm auch sagen, wie er sich
+am besten weiterhelfen k&ouml;nne; er habe auf eigene Hand
+ein bi&szlig;chen Englisch gelernt.</p>
+
+<p>Ob er denn ans Auswandern denke? &mdash; Ja, k&ouml;nnte
+schon sein; "aber hin&uuml;bergehen, und dr&uuml;ben auch f&uuml;r
+die Norweger schuften ... dazu hab' ich keine Lust." &mdash; "Wie
+alt sind Sie?" &mdash; "O, so reichlich an die Vierzig!"
+Er sah aus, als sei er schon f&uuml;nfzig. "Da f&auml;llt mir ein,
+Larssen, &mdash; meine Frau wird Sie sicher gern Englisch
+lehren, etwa abends." Nein, das wollte er unter gar
+keinen Umst&auml;nden. Aber Kallem machte ihm begreiflich,
+da&szlig; man die Aussprache nur durch m&uuml;ndlichen
+Unterricht lernen k&ouml;nne. Im selben Augenblick kam
+Ragni herein, und der Doktor erkl&auml;rte ihr, da&szlig; f&uuml;r
+Kristen Larssen die englische Sprache gleichbedeutend
+sei mit einem paar Fl&uuml;gel. Erst wurde sie ein bi&szlig;chen
+rot; es war keineswegs die einzige unangenehme Aufgabe,
+die Kallem ihr aufb&uuml;rdete; er schien wirklich der
+Ansicht zu sein, sie habe nicht genug zu tun. Sie selber
+war der Ansicht, da&szlig; sie gern m&ouml;glichst frei sein wollte.
+Aber w&auml;hrend sie so stand und Kristen Larssen ansah,
+und daran dachte, wie Kallem gesagt hatte, er habe
+noch nie einen kl&uuml;geren Menschen getroffen, wurde sie
+von Mitleid erfa&szlig;t. Eben vertiefte er sich in ein englisches
+Buch; er verstand zur Not, wovon es handelte.
+Und da erbot sie sich nicht nur, ihm zu helfen, sie
+n&ouml;tigte ihm ihre Hilfe geradezu auf. Schon am selben
+Nachmittag um f&uuml;nf Uhr kam er, und sie sa&szlig;en zusammen
+am Tisch und buchstabierten sich durch einen
+leichten Text durch. Kallem kam nach Hause und sah
+die beiden K&ouml;pfe &uuml;ber dasselbe Buch gebeugt, der eine
+lang, dunkel und eckig, der andere klein, feingeformt,<a class="page" name="Page_174" id ="Page_174" title="174"></a>
+r&ouml;tlich; ein eiskaltes, dunkles Gesicht, durchfurcht, verkniffen
+&mdash; ein warmes Fr&uuml;hlingsauge, eine blendende
+Haut, eine sonnige Laune. Sie hielt ihr Taschentuch
+vor den Mund und mu&szlig;te sich offenbar zwingen, neben
+ihm zu sitzen. Kallem erinnerte sich jetzt, da&szlig; auch
+ihm schon Kristen Larssens unangenehmer Atem aufgefallen
+war. Er sorgte sogleich daf&uuml;r, da&szlig; sie zwei
+B&uuml;cher bekamen und da&szlig; jedes an einer Seite des Tisches
+sa&szlig;. Sobald sie konnte, machte sie sich davon. Um das
+wieder gut zu machen, lud Kallem Larssen zum Abendessen
+ein und versuchte, ihn zum Auftauen zu bringen;
+aber als er ging, war er noch ebenso kalt und vorsichtig
+wie beim Kommen. Jetzt begann dieser Mann ihn zu
+besch&auml;ftigen. Was in aller Welt war das f&uuml;r ein Mensch,
+und wie war er so geworden?</p>
+
+<p>Bei Gelegenheit suchte er ihn unter einem Vorwand
+in seinem Hause auf. Hier traf er die Frau, ein mageres,
+d&uuml;rres Frauenzimmer, dessen Kopf dicht in ein gro&szlig;es
+Tuch eingewickelt war; was der Mann zu wenig auf
+dem Kopf hatte, das hatte sie zu viel. Kein Kind.
+Kein Feuer auf dem Herd; sie koche immer gleich auf
+mehrere Tage, sagte sie. Vorsichtig und mi&szlig;trauisch
+ging sie ab und zu und strickte. Kallem dachte sich,
+sie m&uuml;&szlig;ten wohl &uuml;bereingekommen sein, so d&uuml;rftig zu
+leben, damit sie f&uuml;r die Reise zur&uuml;cklegen konnten.
+Nur um einen Vorwand zu haben, hatte er einen Revolver
+mitgenommen, der nicht richtig funktionierte;
+die Waffe lag in einem Kasten, und er hatte den ganzen
+Kasten mitgenommen, dachte aber jetzt erst daran, da&szlig;
+auch die Munition darin lag. Er zeigte es ihr. "Ach,
+bei uns liegt viel solches Zeugs herum!" sagte sie und
+nahm den Revolver ohne eine Spur von Furcht in die
+Hand. "Der ist aber fein!" Und sie legte ihn in den
+Kasten zur&uuml;ck, schlo&szlig; ihn zu und stellte ihn auf ein
+Wandbrett &uuml;ber der Werkzeugbank des Mannes. Brett
+und Bank lagen voll Sachen zum Reparieren; "er
+hat jetzt zu viel au&szlig;er dem Haus zu tun," sagte sie,
+"das Kleinzeug da mu&szlig; warten!" Der eine Raum diente<a class="page" name="Page_175" id ="Page_175" title="175"></a>
+als Werkstatt, K&uuml;che und Schlafstube. Eine Uhr an
+der Wand, ein Tisch, ein Bett, eine Schlafbank, drei
+h&ouml;lzerne St&uuml;hle; sonst alles kahl; und &uuml;berall ein scharfer,
+&uuml;bler Geruch.</p>
+
+<p>Den R&uuml;ckweg nahm er am Sattlerladen von S&ouml;ren
+Pedersen vorbei, dem er bei der Etablierung eines Gesch&auml;fts
+geholfen hatte, das recht gut ging. Da stand
+Kristen Larssen; in der einen Hand hielt er ein Glas,
+in der andern eine Flasche, und S&ouml;ren Pedersen und
+seine Frau schrien oder sangen Glas und Flasche an;
+es klang wie ein langgezogenes, kl&auml;gliches Hundegeheul.
+Kristen Larssen lachte &mdash; ein Lachen, wie es nur aus den
+tiefsten Tiefen des Menschen kommt. Eine breite Seligkeit
+lag in diesem weitaufgerissenen Maul &mdash; die innerste
+Offenbarung eines bosheitsvollen Herzens, das wildeste
+Freudenhalleluja des Entdeckers. Vielleicht auch ein
+Interesse f&uuml;r die beiden &mdash; wer wei&szlig;? Ob er das Tag
+f&uuml;r Tag so trieb?</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Das Talent Kallems, andere in Arbeit zu setzen, sollte
+Ragni noch in h&ouml;herem Grade kennen lernen.</p>
+
+<p>In einer kleineren Gesellschaft bei Doktor Kent sollten
+sie den alten Pastor Meek und seine Enkelin, Tilla Kraby,
+kennen lernen; die beiden waren von ihrer Reise ins
+Ausland zur&uuml;ckgekehrt, wollten aber bald wieder von
+hier weg. W&auml;hrend ihres kurzen und wahrscheinlich
+letzten Aufenthalts in der Gegend wurden sie sehr gefeiert;
+auch diese Gesellschaft wurde ihnen zu Ehren
+gegeben, und Kallem und seine Frau, die sonst ganz
+zur&uuml;ckgezogen lebten, gingen heute nur hin, um sie
+doch wenigstens einmal gesehen zu haben. Die Ehreng&auml;ste
+lie&szlig;en auf sich warten; und unterdessen wurde
+Ragni eine ungew&ouml;hnlich starke Dame vorgestellt, kaum
+drei&szlig;ig, lebhaft und h&uuml;bsch; gleich ihre ersten Worte
+jagten der jungen Frau einen Schreck ein. "Ich wei&szlig;
+nicht, ob es Ihnen unangenehm ist," sagte sie &mdash; &mdash; "ich
+bin n&auml;mlich die Schwester von S&ouml;ren Kule." Als
+sie Ragnis tiefe Verlegenheit bemerkte, zog sie sie schnell<a class="page" name="Page_176" id ="Page_176" title="176"></a>
+beiseite: "Denken Sie nur ja nicht, da&szlig; ich es nicht
+ganz genau ebenso gemacht h&auml;tte, wie Sie!" fl&uuml;sterte
+sie. "Noch dazu, wenn man einen Mann findet, wie
+Ihren!" &mdash; &mdash; und sie dr&uuml;ckte Ragnis Arm. Sie war
+sehr gewandt und fesch und hatte keine Ahnung, wie
+sie das feine Gesch&ouml;pf peinigte, das sie da am Arm hielt.
+Schon da&szlig; ihr Gesicht und ihre Figur von der "Walfischart"
+waren, war ja genug; Ragni kannte das alles
+so gut &mdash; bis auf die eigent&uuml;mliche Bewegung der
+"Flossen"; sie mu&szlig;te an Tran denken. Jetzt sah man
+den alten Pastor Meek und seine Enkelin eintreten; der
+Gastgeber und seine Schwester &mdash; Dr. Kent war nicht
+verheiratet &mdash; gingen ihnen entgegen &mdash; auch die &uuml;brigen
+fast alle. Zwischen das "Guten Tag!" und "Willkommen!"
+der Vordersten klang das: "Nein! wie pr&auml;chtig
+er aussieht!" und "Was diese Tilla f&uuml;r Reisen macht!"
+der Fernerstehenden. Und w&auml;hrend der ganzen Szene
+fragten Kallem und Ragni sich, wem die beiden &auml;hnlich
+s&auml;hen; diese Gesichter hatten sie schon irgendwo erblickt.</p>
+
+<p>Pastor Meek war &uuml;ber mittelgro&szlig;, breitschulterig, ein
+bi&szlig;chen wohlbeleibt. Den Kopf, der breit und leuchtend
+war, trug er stark zur&uuml;ckgeworfen; dichtes, wei&szlig;es Haar
+umrahmte das Gesicht. "Jetzt wei&szlig; ich's!" fl&uuml;sterte
+Ragni. "Sie m&uuml;ssen verwandt sein mit dem jungen
+Menschen, dem wir am ersten Tag begegnet sind. Du
+wei&szlig;t doch &mdash; der so sch&ouml;n war?" &mdash; "Ja, richtig! Dasselbe
+gew&ouml;lbte Antlitz! Man k&ouml;nnte glauben, sie geh&ouml;rten
+zu den Bourbonen." &mdash; Der Alte dankte f&uuml;r
+die Willkommgr&uuml;&szlig;e mit einer tiefen, wohlklingenden,
+langsamen Stimme. Die Augen waren nicht unbefangen &mdash; eher
+forschend und resigniert. Kein Eindruck von
+Sicherheit, wohl aber von gro&szlig;em Wohlwollen und von
+Nachdenklichkeit. Jedesmal, wenn einer der h&ouml;heren
+Beamten ihn anredete, kam etwas altmodisch Zeremonielles,
+Reserviertes &uuml;ber ihn. Der "neue Doktor"
+wurde vorgestellt, und Frau Lili Bing sagte, wie aus
+einer inneren Eingebung heraus zu Ragni: "Sie beide
+m&uuml;ssen zueinander passen! Darf ich vorstellen: Frau<a class="page" name="Page_177" id ="Page_177" title="177"></a>
+Kallem &mdash; Fr&auml;ulein Kraby." Ein bi&szlig;chen sch&uuml;chtern
+begr&uuml;&szlig;ten sie einander und sprachen bald darauf von
+dem jungen Mann, der ihr so &auml;hnlich sah. Es war ihr
+Vetter, und er war sehr musikalisch. Dadurch kamen
+sie auf Musik zu sprechen und gingen den ganzen Abend
+&uuml;berhaupt nicht mehr voneinander.</p>
+
+<p>Selten &mdash; ja, Kallem ausgenommen, vielleicht niemals &mdash; hatte
+Ragni jemand gefunden, zu dem sie sich
+gleich so hingezogen gef&uuml;hlt hatte. Dies stille und zugleich
+so lebhafte blonde Wesen hatte eine so liebensw&uuml;rdige
+Art, und alles, was sie sagte, war so ganz ihr
+eigenstes Denken. Und in wenigen Tagen verlie&szlig; sie
+die Stadt f&uuml;r immer! Es gab ihrem Zusammensein einen
+eigenen, wehm&uuml;tigen Reiz, da&szlig; sie sich heute wahrscheinlich
+zum ersten- und letztenmal sahen. Es bewirkte
+auch, da&szlig; Ragni sp&auml;ter, als der Gastgeber sie
+in seiner schalkhaften Weise bat, etwas zu spielen, gleich
+bereit war. Sie wollte der neuen Freundin soviel von
+sich geben, als sie konnte.</p>
+
+<p>"Bitte," fl&uuml;sterte sie ihr zu, "stellen Sie sich so, da&szlig;
+ich ein vertrautes Gesicht vor mir habe!" Dann stimmte
+sie "Solvejgs Lied" aus "Peer Gynt" an. Man hatte ein
+Bravourst&uuml;ck erwartet, nicht ein einfaches Lied; aber
+als sie es auf dem Fl&uuml;gel zu Ende "gesungen" hatte,
+waren alle so hingerissen, da&szlig; der B&uuml;rgermeister, der
+bei solchen Gelegenheiten gern das gro&szlig;e Wort f&uuml;hrte,
+um Wiederholung bat. Sie spielte es noch einmal. Darnach
+den unvergleichlichen, humpelnden Gnomenmarsch
+aus derselben Suite; und gleich darauf Seimers "Kinderspiel"
+&mdash; der feinste, anmutigste Gegensatz. Sie spielte
+es mit derselben tiefeindringenden Interpretation des
+kleinsten Details. Dann eine Weise von Sinding &mdash; im
+alten Stil &mdash; jeder Ton ein Wort f&uuml;r sich; dann eine
+heitere, kernfrische Melodie von Svendsen; zum Schlu&szlig;
+den Festmarsch von Seimers. Heute hatte sie keine
+Angst; ihre Augen wanderten mit reicher Botschaft zu
+Tilla, von ihr zu den anderen &mdash; &mdash; reine M&auml;rchenbotschaft!
+Die Gesellschaft war ganz hingerissen; der<a class="page" name="Page_178" id ="Page_178" title="178"></a>
+B&uuml;rgermeister wanderte durch die Zimmer wie eine
+schmetternde Trompete. Der alte Meek kam voll altfr&auml;nkischer
+Ehrerbietung; "Gro&szlig;vater ist so musikalisch!"
+fl&uuml;sterte Tilla.</p>
+
+<p>Eine Stunde darauf verabschiedete sich der alte Meek;
+er blieb nie l&auml;nger in Gesellschaft. Seine Enkelin begleitete
+ihn; Kallem und Ragni schlossen sich an.</p>
+
+<p>Der Abend war milde, trotzdem es Ende August war,
+Tage, an denen die &Uuml;berg&auml;nge in der Temperatur nach
+Sonnenuntergang meist schroff sind; immerhin nicht so
+mild, da&szlig; Sommerm&auml;ntel und &Uuml;berzieher &uuml;berfl&uuml;ssig
+gewesen w&auml;ren. &Uuml;berall Spazierg&auml;nger. Als man beim
+Doktorhaus angelangt war, fragte Ragni, die sonst so
+zur&uuml;ckhaltend war, ob sie nicht mit hinein kommen
+wollten. Und der alte Pastor erwiderte voll Galanterie,
+wenn sie die Hoffnung hegen d&uuml;rften, noch ein bi&szlig;chen
+Musik zu h&ouml;ren, so sei ihnen die Einladung nur zu
+willkommen. Die Lampen im Verandazimmer wurden
+angez&uuml;ndet, der Fl&uuml;gel wurde ge&ouml;ffnet, und eine italienische
+Barkarole ruderte zu den offenen Fenstern
+hinaus. Der alte Meek war ganz begl&uuml;ckt und wagte
+sich mit der Frage heraus, ob nicht sein Enkel, der
+hier die Schule besuche, einmal kommen d&uuml;rfe, um die
+Frau Doktor spielen zu h&ouml;ren &mdash; nat&uuml;rlich blo&szlig;, wenn
+es ihnen nicht ungelegen sei. Er sei leider ein solcher
+Musiknarr, da&szlig; er mit neunzehn Jahren noch nicht einmal
+sein Abiturium gemacht habe. Aber weil man das
+Ungl&uuml;ck nun eben nicht &auml;ndern k&ouml;nne, so sei es
+immerhin das Beste, wenn er nur <em class="gesperrt">gute</em> Musik h&ouml;re.
+Ragni erwiderte, es w&uuml;rde ihr ein Vergn&uuml;gen sein.
+Kallem fragte, ob er den jungen Mann aufsuchen und
+es ihm sagen solle. Daf&uuml;r war der Alte ungeheuer dankbar
+und sagte, er w&auml;re dem Doktor noch dankbarer,
+wenn er ihn auch gleich untersuchen wolle; denn irgend
+etwas sei da nicht in Ordnung. Kallem sagte, er habe
+das schon gemerkt; er glaube auch zu wissen, was es sei.</p>
+
+<p>Jetzt setzte sich der Alte an den Fl&uuml;gel.</p>
+
+<p>"Da sollen Sie eins von seinen Liedern h&ouml;ren!" sagte<a class="page" name="Page_179" id ="Page_179" title="179"></a>
+er. Und mit Fingern &mdash; viel weniger steif, als man es
+ihm zugetraut h&auml;tte &mdash; und einer Stimme, so leise, als
+ob man mit dem Finger an eine Kirchenglocke r&uuml;hre &mdash; vor
+allem mit einer ganz eigent&uuml;mlichen Anwendung
+der Fistel, summte er:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Wann wird es wirklich Morgen?<br /></span>
+<span class="i0">Wenn goldner Strahlenglanz<br /></span>
+<span class="i0">&Uuml;ber Firnen h&uuml;pft im Tanz,<br /></span>
+<span class="i0">Tief in den Abgrund dringend,<br /></span>
+<span class="i0">Beschwingend<br /></span>
+<span class="i0">Den zum Lichte kletternden Stengel,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; er sich tr&auml;umt als seligen Engel.<br /></span>
+<span class="i0">Dann ist es Morgen,<br /></span>
+<span class="i0">Wirklich, wirklich Morgen.<br /></span>
+<span class="i1">Doch wenn's wettert und spr&uuml;ht,<br /></span>
+<span class="i1">Und krank mein Gem&uuml;t,<br /></span>
+<span class="i1">Kann das Morgen sein?<br /></span>
+<span class="i1">Nein.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wohl ist es wirklich Morgen,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn Bl&uuml;mlein im Fr&uuml;hlicht blinken,<br /></span>
+<span class="i0">Und V&ouml;glein Tautropfen trinken<br /></span>
+<span class="i0">Und zwitschernd dem Baum zum Lohne<br /></span>
+<span class="i0">Eine Krone<br /></span>
+<span class="i0">Von jungfrischem Gr&uuml;n versprechen,<br /></span>
+<span class="i0">Vom Meere erz&auml;hlen den sehnenden B&auml;chen.<br /></span>
+<span class="i0">Dann ist es Morgen,<br /></span>
+<span class="i0">Wirklich, wirklich Morgen.<br /></span>
+<span class="i1">Doch wenn's wettert und spr&uuml;ht<br /></span>
+<span class="i1">Und krank mein Gem&uuml;t,<br /></span>
+<span class="i1">Kann das Morgen sein?<br /></span>
+<span class="i1">Nein.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wann wird es wirklich Morgen?<br /></span>
+<span class="i0">Wenn die Kraft, die das Leid durchdringt,<br /></span>
+<span class="i0">Sonne der Seele bringt,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn in deinen Armen<br /></span>
+<span class="i0">Erwarmen<br /></span>
+<span class="i0"><a class="page" name="Page_180" id ="Page_180" title="180"></a>Alle die Menschen, gro&szlig; und klein,<br /></span>
+<span class="i0">Dann gegen alle nur gut zu sein.<br /></span>
+<span class="i0">Dann ist es Morgen,<br /></span>
+<span class="i0">Wirklich, wirklich Morgen,<br /></span>
+<span class="i1">Die gef&auml;hrliche Kraft,<br /></span>
+<span class="i1">Die das H&ouml;chste schafft,<br /></span>
+<span class="i1">Ist sie's, die dir nah?<br /></span>
+<span class="i1">Ja.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Melodie wie Begleitung waren ganz eigenartig. "Wie
+das sich Hals &uuml;ber Kopf hinauswirft!" sagte Ragni.
+Kallem fragte, was das f&uuml;r ein Frauenzimmertext sei.
+Tilla erwiderte, er habe in irgendeiner Zeitung gestanden;
+wahrscheinlich eine &Uuml;bersetzung. Als aber die
+andern gegangen waren, vertraute Ragni ihrem Mann
+an, der "Frauenzimmertext" sei eine von ihren &Uuml;bersetzungen.
+Sein Vetter habe sie an ein norwegisch-amerikanisches
+Blatt eingeschickt, und von da sei sie
+weitergegangen. Dies Zusammentreffen bewirkte, da&szlig;
+Kallem schon am n&auml;chsten Tag Karl Meek aufsuchte,
+und da&szlig; dieser drei Tage darauf samt Klavier, B&uuml;chern
+und Kleidern in dem gro&szlig;en Giebelzimmer in Kallems
+Haus installiert war &mdash; in der Stube, die nach dem Park
+hinausging. Kallem hatte auch den st&auml;rksten Widerstand
+von seiten Ragnis &uuml;berwunden.</p>
+
+
+<h3><a href="#Inhaltsverzeichnis">5</a></h3>
+
+<p>Fortan sa&szlig; ein langhaariger, aufgeschossener Mensch
+mit am Tisch, &mdash; die Beine um die Stuhlbeine geschlungen &mdash;
+und mit schmalen, roten Fingern, die voller
+Frostbeulen waren und so feucht, da&szlig; Ragni es nicht
+&uuml;ber sich brachte, sie zu ber&uuml;hren. Auch reden konnte
+sie nicht mit ihm, nach dem, was Kallem ihr von ihm
+gesagt hatte; all das Sch&ouml;ne, das sie bei der ersten Begegnung
+an ihm gesehen hatte, war durch diese Worte
+wie ausgel&ouml;scht. Er trat hastig ein, als habe er es sich
+einge&uuml;bt; und regelm&auml;&szlig;ig blieb dann sein Rock oder
+sein &Auml;rmel an der T&uuml;rklinke h&auml;ngen, oder die T&uuml;r wollte<a class="page" name="Page_181" id ="Page_181" title="181"></a>
+nicht beim ersten Versuch zugehen &mdash; oder er verhedderte
+sich mit den Beinen, oder er ri&szlig; einen Stuhl
+um oder rannte mit dem M&auml;dchen zusammen, die etwas
+hereingebracht hatte und wieder hinausging. Er sah den
+Menschen nie ins Gesicht; die sch&ouml;nen Augen waren
+schl&auml;frig und erloschen, die Gesichtsfarbe aschgrau; er
+studierte das Muster auf dem Teller und dem porzellanenen
+Brotkorb, die vor ihm standen. Nie redete
+er ein Wort. Wenn jemand ihn ansprach, fuhr er auf,
+und antwortete "Ja" oder "Nein" &mdash; als habe er
+gl&uuml;hende Kohlen im Mund. Aber fressen tat er &mdash; nach
+Ragnis Ausdruck &mdash; wie ein Scheunendrescher.
+Und wenn er dann mit den feuchtkalten H&auml;nden an
+seinen Hosen herunterstrich oder sich durch das dicke,
+fettige Haar fuhr, dann war er noch schlimmer als
+Kristen Larssen!</p>
+
+<p>Jeden und jeden Tag diesen ekligen Bengel am Tisch!
+Und abends Kristen Larssen! Dazu noch die vielen
+alten Weiber, die Kallem ihr schickte, damit Ragni sie
+mit wollenem Zeug versehe! Kinder, die sie oft von
+Kopf bis zu Fu&szlig; neu kleiden mu&szlig;te, &mdash; alle seine Tuberkulosefreunde!</p>
+
+<p>Nicht nur, da&szlig; die Menschen an sich ihr unangenehm
+waren; sondern da&szlig; alle T&uuml;ren offenstanden &mdash;! Sie
+hatte keine Freistatt mehr, war nicht mehr Herr ihrer
+Zeit! Mit ihm dar&uuml;ber zu sprechen, &mdash; was hatte das
+f&uuml;r einen Zweck? Wenn das, was <em class="gesperrt">ihr</em> die tiefste Qual
+bereitete, <em class="gesperrt">seine</em> h&ouml;chste Freude war? Ein bi&szlig;chen
+Eifersucht war auch dabei: er hatte &uuml;berhaupt keinen
+Blick mehr f&uuml;r sie und das, was ihr lieb war! Die Sache
+mit seiner Schwester lie&szlig; er auch einfach so h&auml;ngen.
+Pastors waren schon l&auml;ngst wieder da. Josefine hatte
+eines Morgens einen fl&uuml;chtigen Besuch gemacht &mdash; im
+Garten &mdash; und hatte Blumen vom Grab des alten Kallem
+gebracht; die beiden Schw&auml;ger trafen sich auf der
+Stra&szlig;e und an den Krankenbetten; auch seine Schwester
+traf Kallem bisweilen dort; sie tat viel f&uuml;r die Armen.
+Aber weder kam sie zu ihm, noch er zu ihr; Pastors<a class="page" name="Page_182" id ="Page_182" title="182"></a>
+gaben auch keine Gesellschaft f&uuml;r sie, wie jedermann
+doch erwartet hatte; sie gaben &uuml;berhaupt keine Gesellschaften
+mehr. Ragni war sich keinen Augenblick
+unklar &uuml;ber den Grund. Kallem merkte nicht, wie dies
+Unausgesprochene sie peinigte, auch nicht, da&szlig; es ihr
+in gewisser Art die Stadt verschlo&szlig;. Und sie mochte
+ihn damit nicht qu&auml;len. Er hatte die ganze Freiheit
+des vielbesch&auml;ftigten Mannes, der &uuml;ber alles hinweggeht,
+was ihm nicht "bequem" ist. Bei seiner t&auml;glichen
+Jagd auf Tuberkulose waren ihm die alten Weiber und
+die Kinder, die er angeschleppt brachte, weit wichtiger
+als "diese ganzen religi&ouml;sen Katzbalgereien", &mdash; leider
+auch wichtiger als die Anmut und Traulichkeit, die <em class="gesperrt">ihr</em>
+ein Lebensbed&uuml;rfnis waren.</p>
+
+<p>Ganz hinten in dem gro&szlig;en Krankenhausgeb&auml;ude war
+ein langgestrecktes Vorratshaus, mit Holzschuppen usw.
+Dort richtete Kallem einen Turnsaal ein, und dorthin
+ging's in Gesellschaft des aschgrauen Burschen jeden
+Abend von sechs Uhr an. Solange das dauerte, kam er
+p&uuml;nktlich nach Hause, machte selber seine Turn&uuml;bungen,
+forderte seinen Begleiter zu einem Wettstreit heraus und
+brachte Ordnung und Schwung in die Sache. Der versch&uuml;chterte
+Junge hatte, seitdem er ins Haus gekommen
+war, sein Klavier kaum anger&uuml;hrt; er war zu befangen
+der Hausfrau gegen&uuml;ber. Deshalb setzte sich Kallem
+t&auml;glich gegen Abend eine halbe Stunde mit einem Buch
+zu ihm aufs Zimmer; und w&auml;hrend der Zeit mu&szlig;te
+Karl spielen. Als Arzt hatte er sich sein Vertrauen erzwungen
+und war nun mit immer wacher Freundlichkeit
+auf dem Posten, und bald kam der Junge wirklich
+schon viel sicherer ins Wohnzimmer und schlich auch
+nicht gleich wieder heimlich hinaus. Schlie&szlig;lich &mdash; auf
+eindringliches Zureden Kallems &mdash; fa&szlig;te sie sich
+ein Herz und sagte eines Sonntagmorgens zu Karl:
+"Gehen Sie nicht auf Ihr Zimmer, bitte! Wollen wir
+nicht einmal ein bi&szlig;chen vierh&auml;ndig spielen? Wir nehmen
+etwas ganz Leichtes!" f&uuml;gte sie hinzu. Verzweiflung
+erfa&szlig;te ihn; aber das Gl&uuml;ck wollte, da&szlig; er fast seinen<a class="page" name="Page_183" id ="Page_183" title="183"></a>
+Klaviersessel umri&szlig;, als er sich setzen wollte, und beim
+Rettungsversuch beinah auch ihren umwarf &mdash; und dar&uuml;ber
+kamen sie beide ins Lachen, und das half &uuml;ber
+das Schlimmste hinweg.</p>
+
+<p>Da sa&szlig; sie nun &mdash; frisch und schlank, in einem rotseidenen
+Kleid, um Hals und Handgelenk Spitzen, die
+wei&szlig;en langen Spielfinger neben seinen schmalen, roten;
+ihr geistvolles Gesicht oft ihm zugewandt; ein Resedaparf&uuml;m
+entstr&ouml;mte ihrem Kleid &mdash; ein Duft ihrem
+Haar ... Er zitterte vor Verlegenheit. Wie h&auml;&szlig;lich er
+sich selber vorkam! Und wie sein eigenes Haar roch!
+Er strengte sich so an beim Spielen, da&szlig; er bald ganz
+m&uuml;de war und lauter Dummheiten machte. "Sie sind
+gewi&szlig; nicht recht aufgelegt heute!" sagte sie und stand
+auf.</p>
+
+<p>Wie ein begossener Pudel zog er ab; er wand und
+kr&uuml;mmte sich &mdash; er wollte davonlaufen &mdash; zum neunundneunzigstenmal.
+Mittags kam er nicht zum Essen,
+war &uuml;berhaupt im ganzen Hause nicht zu finden. Kallem
+fragte nach ihm. Da erz&auml;hlte Ragni, wie kl&auml;glich
+es gegangen sei; schon nach einer halben Stunde sei er
+m&uuml;de gewesen. Ein junger Mensch, der so wenig leisten
+k&ouml;nne &mdash; das sei ihr einfach widerlich! "Ach, Du mit
+Deiner ewigen &Auml;sthetik!" Und er machte sich auf die
+Suche nach dem Jungen, opferte seinen ganzen sch&ouml;nen
+Sonntagnachmittag und kam endlich, gegen Abend, mit
+ihm zur&uuml;ck. Drinnen, im Studierzimmer, beteuerte sie
+fl&uuml;sternd, sie wolle lieb sein jetzt. Und Kristen Larssen
+kam, und geduldig wie ein gepr&uuml;gelter Hund setzte sie
+sich zu ihm und las mit ihm Englisch.</p>
+
+<p>Anfangs hatte sie mit diesem wunderlichen Menschen
+Mitleid gehabt; aber in seiner Gesellschaft, unter dem
+Hauch seines Atems gefror sie zu Eis. Eben darum
+fand sie es selber gr&auml;&szlig;lich feig, da&szlig; sie weitermachte,
+ohne zu mucksen; aus Mitleid geschah es ganz gewi&szlig;
+nicht! Z&auml;h, &mdash; p&uuml;nktlich auf den Glockenschlag, erschien
+er in seinem langen, braunen, eng&auml;rmeligen Rock,
+mit dem unertr&auml;glichen, jahrealten Schwei&szlig;geruch des<a class="page" name="Page_184" id ="Page_184" title="184"></a>
+Arbeiters, der aus Kleidern und K&ouml;rper aufstieg. Der
+Atem drang &uuml;ber den ganzen Tisch her&uuml;ber; sie f&uuml;hlte
+ihn, sogar wenn er nicht bis zu ihr drang. Kristen
+Larssen zog den Stuhl vor, setzte sich, schlug sein Buch
+auf, und wenn er die Stelle gefunden hatte, bohrte er
+seine kalten, f&uuml;rchterlichen Augen in ihre warmen, angstvollen
+Taubenblicke, die furchtsam im ganzen Zimmer
+umherflatterten. Seine langen, dunkeln Finger, schwarz
+behaart wie die ganze Hand, griffen fest zu; die Finger
+der Linken um das Buch, die Rechte fuhr nach.
+Dann r&auml;usperte er sich; und endlich begann er; in der
+Regel mit irgendeiner Frage, die noch auf die vorige
+Lektion Bezug hatte, immer klug, &mdash; immer mi&szlig;trauisch
+auf irgendeinen Irrtum, einen Mangel an Verst&auml;ndnis
+oder Logik bei ihr lauernd. Er machte sie unsicher,
+selbst in den sichersten Dingen.</p>
+
+<p>Wenn er so dasa&szlig; und langsam, wohl&uuml;berlegt sich Wort
+f&uuml;r Wort durcharbeitete, und sie sich einmal unterstand,
+ihn zu unterbrechen, weil er einen Fehler gemacht
+hatte, so setzte er seine Finger nur um so fester
+auf, um ja die Stelle zu behalten, wo sie ihn unterbrochen
+hatte; und dann blickte er auf &mdash; unwillig,
+mi&szlig;trauisch. Sie wiederholte ihre Korrektur &mdash; unsicher,
+bang; aber nie konnte sie es ihm klar genug machen;
+immer mu&szlig;te er um eine noch deutlichere Erkl&auml;rung
+bitten. Also sagte sie es zum drittenmal, und endlich
+war er so gn&auml;dig, es hingehen zu lassen &mdash; auf ihre Verantwortung!
+Und sooft sie unterbrach, wu&szlig;te sie es &mdash; wu&szlig;te,
+was jetzt kommen w&uuml;rde, wu&szlig;te, da&szlig; der b&ouml;se
+Atemhauch sie &uuml;berfluten w&uuml;rde, Welle um Welle.</p>
+
+<p>Was es diesen Mann kostete an Arbeit, da&szlig; er so
+sicher aufzutreten vermochte, niemals einen Fehler, der
+einmal berichtigt worden war, wieder machte, was f&uuml;r
+F&auml;higkeiten in ihm steckten, da&szlig; er diese vielen seltsamen
+Fragen, die jedem Philologen Ehre gemacht
+h&auml;tten, &uuml;berhaupt stellen konnte &mdash; das &uuml;bersah sie
+keineswegs. Aber immer war er ihr f&uuml;rchterlich &mdash; von
+innen heraus f&uuml;rchterlich. Er war so ganz und gar wie<a class="page" name="Page_185" id ="Page_185" title="185"></a>
+ein alter Affe, den sie einmal gesehen hatte, der ehrbar
+mit einem silbernen L&ouml;ffel speiste. Und dieses Bild
+umschwebte ihn verzerrend, wie zur Rache.</p>
+
+<p>Ein sehr angenehmes Verh&auml;ltnis entwickelte sich daneben
+in ihrem t&auml;glichen Leben: das Zusammenarbeiten
+mit dem M&auml;dchen. Sie freundeten sich an. Beide gleich
+geschickt &mdash; Ragni im Anordnen, das M&auml;dchen im Ausf&uuml;hren.
+Ragni arbeitete gern und rasch; das M&auml;dchen
+war klug und wi&szlig;begierig. Eins freute sich am andern.</p>
+
+<p>Vierzehn Tage nach dem mi&szlig;gl&uuml;ckten Versuch mit
+dem Vierh&auml;ndigspielen sagte sie zu Karl Meek: "Was
+meinen Sie? Wollen wir's noch einmal versuchen?" &mdash; "Danke,
+nein ... es geht doch nicht!" erwiderte er entsetzt. &mdash; "Ich
+habe schon etwas Vierh&auml;ndiges hervorgesucht,
+das Ihnen sicher nicht zu schwer ist!" &mdash; Und
+sie legte es aufs Klavier, w&auml;hrend er &mdash; auf zwei Meter
+Abstand &mdash; stehen blieb und her&uuml;berschielte, rot und
+immer r&ouml;ter wurde und sich mit den H&auml;nden durchs
+Haar fuhr. "Kennen Sie das?" Er antwortete nicht;
+das war ja eins von seinen St&uuml;cken! "Bergbach" hatte
+er es betitelt; er hatte es oben auf seinem Zimmer
+Kallem &ouml;fters vorgespielt. Da stand es &mdash; f&uuml;r vier H&auml;nde
+gesetzt; sie wollte auf diese Weise alles wieder gut
+machen.</p>
+
+<p>"Also, kommen Sie!" Dasselbe rotseidene Kleid, dieselben
+Spitzen um die langen Spielfinger &mdash; dieselbe
+B&uuml;ste &mdash; dieselben seltsam traumvollen Augen, die ihn
+manchmal anblickten, da&szlig; er erschauerte. Aber er selber
+war heut auch neu gekleidet, und sein Haar und seine
+ganze Person zurechtgestutzt und gestriegelt. Und nun
+h&uuml;pfte unter ihren geschmeidigen Fingern der "Bergbach"
+hervor; wo Karl nicht folgen konnte, wartete sie,
+und nahm ihn dann wieder mit. Zuletzt ging es, wenn
+auch nicht gut, so doch immerhin nicht schlechter als
+das letztemal, und sie versprach gn&auml;digst, nach diesem
+Anfang noch h&auml;ufiger mit ihm zu spielen.</p>
+
+<p>Er verbeugte sich und wollte gehen. "Heut ist Sonntag",
+sagte sie. "Sie haben doch nichts zu tun?" <a class="page" name="Page_186" id ="Page_186" title="186"></a>&mdash;
+"Nein." &mdash; "Wollen wir einen kleinen Spaziergang
+machen?" &mdash; "Gewi&szlig; ... wenn Frau Doktor ... ja, gern!"</p>
+
+<p>Wie der Blitz war er wieder da in &Uuml;berzieher und
+Pelzm&uuml;tze, sie wartete schon in ihrem h&uuml;bschen Kragen
+und flotten, amerikanischen Federbarett.</p>
+
+<p>"Wir wollen meinem Mann entgegengehen." Und
+sie gingen. Sie f&uuml;hlte, sie allein m&uuml;sse die ganze Zeit
+&uuml;ber reden; und so schilderte sie denn die Schneest&uuml;rme
+auf den amerikanischen Pr&auml;rien, und was f&uuml;r
+Folgen sie f&uuml;r Menschen und Vieh h&auml;tten. Er sah,
+wie ihre Wangen sich nach und nach r&ouml;teten, wie ihre
+kleinen F&uuml;&szlig;e spielend ausschritten. Der Oktobertag war
+sonnenlos, aber nicht kalt. Die Felder dunkel, m&uuml;de;
+der Laubwald im Entbl&auml;ttern. Aber er sah nichts von
+alledem; er war wie im Rausch: sie ging neben ihm
+her, sie, die feinste, die musikalischste Frau, die er
+kannte! Er h&auml;tte sich freudig f&uuml;r sie in den Stra&szlig;enstaub
+werfen, sich erschie&szlig;en, ins Wasser springen k&ouml;nnen!
+Und das war keine erdichtete Frauengestalt &mdash; sondern
+Frau Ragni Kallem, in ihrem roten Seidenkleid
+unter dem weichen Umhang und dem amerikanischen
+Federbarett, die Frau, f&uuml;r die alle seine Kameraden
+schw&auml;rmten. Ihre Augen sahen ihn an, und er wagte
+es nicht, ihnen auf den Grund zu schauen. Vor aller
+Blicken ging sie da neben ihm, unterhielt sich mit ihm.
+Und auch er fing an, zu erz&auml;hlen, als sie vom amerikanischen
+Winter auf den Winter in den heimischen
+W&auml;ldern zu sprechen kam. Sein Vater, der Sohn des
+alten Pastor Meek, war Arzt, hatte aber in ein gro&szlig;es
+Bauerngut des Waldbezirks hineingeheiratet und lebte
+nun dort als Bauer. Karl war oft mit ihm hinaufgewandert
+&uuml;ber das Flu&szlig;eis &mdash; in die unendliche Einsamkeit
+der Waldberge; war mitgewesen beim Holzf&auml;llen, beim
+Fallenstellen, auf der Jagd. Er schilderte Landschaften
+und Eindr&uuml;cke, von denen sie keine Ahnung hatte; schilderte
+das Aussehen eines Birkhahns, sein Werben und
+Spielen, seinen Fl&uuml;gelschlag, sein Geschrei so lebendig,
+da&szlig; sie ihn fortan nur noch "den Birkhahn" nannte.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_187" id ="Page_187" title="187"></a>Sie trafen Kallem nicht und gingen deshalb denselben
+Weg zur&uuml;ck. Noch einmal spielten sie das vierh&auml;ndige
+St&uuml;ck, und viel besser. Sie wollten es gut
+ein&uuml;ben und es eines Abends Kallem vorspielen, wenn
+er in seinem Arbeitszimmer sa&szlig;. Kallem &mdash; das war
+f&uuml;r ihn das H&ouml;chste, was er kannte.</p>
+
+<p>Nach und nach erlangte sie eine Art Herrschaft &uuml;ber
+den "Birkhahn"; sie gew&ouml;hnte sich an sein ovales Gesicht,
+sein ungleiches Wesen, &mdash; bald &uuml;berm&uuml;tig heiter,
+bald voll Mi&szlig;mut, ungeduldig und auffahrend, dem&uuml;tig-unterw&uuml;rfig -&#8212; mit
+kurzen Anf&auml;llen von Flei&szlig; und
+langem <i>Dolce far niente</i>; ungeheuer geschniegelt und
+dabei mehr als schlampig; sie fing an, ihn wieder fast
+sch&ouml;n zu finden, und &uuml;berwand sich sogar, ihm die
+Hand zu geben. Sie half ihm bei seinen Schularbeiten,
+besonders beim Englischen. Seine Kenntnisse waren so
+ungleich, da&szlig; Kallem ihm vorschlug, lieber die Schule
+zu verlassen und in Privatstunden das nachzuholen, was
+ihm fehlte; er schrieb auch in dieser Angelegenheit an
+Karls Vater. Seitdem sa&szlig; Karl oft mit seinen B&uuml;chern
+und Aufs&auml;tzen im Wohnzimmer, lernte, spielte Klavier,
+spielte Klavier oder lernte &mdash; f&uuml;r sich oder mit ihr.</p>
+
+<p>Nachmittags konnte man ihnen auf langen Spazierg&auml;ngen
+begegnen. Sobald der erste Schnee gefallen war, &mdash; er
+kam schon Anfang November &mdash; gingen sie Kallem
+entgegen und fuhren mit ihm heim &mdash; jedes auf
+einer Schlittenkufe. Als die Bucht zufror, geh&ouml;rten sie
+drau&szlig;en auf dem Eis zu den Allereifrigsten. Nur einen
+Sport betrieben Kallem und Karl f&uuml;r sich allein: Karl
+sollte auf den H&auml;nden laufen lernen. Mit ungeheurem
+Ernst hob der Doktor die langen Beine des andern in
+die H&ouml;he und hielt sie fest, w&auml;hrend Karl zu gehen
+versuchte, bis er nicht mehr konnte. Anfangs nur im
+Turnsaal, bald aber auch im Zimmer, auf dem Flur,
+auf der Treppe, vor dem Mittagessen, vor dem Abendbrot.
+"Beine hoch, Junge!" Wie Ragni lachte, wenn
+sie immer wieder herunterpurzelten! Nach und nach
+aber wurde er eifrig. Einmal mu&szlig;te es ja doch ge<a class="page" name="Page_188" id ="Page_188" title="188"></a>lingen!
+Es gelang n&auml;mlich nie &mdash; &mdash; er war "zu lappig"!
+Schlie&szlig;lich wurde es f&uuml;r ihn eine Ehrensache; und f&uuml;r
+sie im Grunde ebenfalls. Es war ihr ganz ernstlich
+darum zu tun, da&szlig; er ein "ganzer Kerl" wurde; sein
+weiches Wesen, sein Hang zum Tr&auml;umen, zum "die
+Zeit verquasen", verdro&szlig; sie; und das sagte sie ihm
+auch. Aber Vorw&uuml;rfe vertrug er nicht und wurde fast
+ungezogen. Dann strafte sie ihn durch k&uuml;hle Zur&uuml;ckhaltung.
+Es half ihm nichts, da&szlig; er zerknirscht war,
+da&szlig; er hundert Ann&auml;herungsversuche machte, da&szlig; er
+sogar weinte, &mdash; sie lie&szlig; ihn in der t&ouml;dlichen Angst, da&szlig;
+sie ihn bei Kallem verklagen werde; sie half ihm ohne
+eine Miene, ohne ein Wort, das nicht zur Sache geh&ouml;rte;
+sie ging nicht mit ihm spazieren, sie sah ihn
+&uuml;berhaupt nicht &mdash; bis sie in Kallems Gegenwart wieder
+redete, als wenn nichts geschehen sei. Von dieser
+Schattenseite ihres Zusammenlebens hatte Kallem keine
+Ahnung.</p>
+
+<p>Kallem hatte keinerlei Verkehr; er hatte keine Zeit
+dazu. Seine Praxis mu&szlig;te er einschr&auml;nken, weshalb er
+auch mit seiner Absicht, Doktor Arentz, den jungen
+Milit&auml;rarzt, zu seiner Hilfe heranzuziehen, Ernst machte.
+Ende November wurde das geordnet, und fortan nahm
+er mehr teil an dem Zusammenleben und dem Unterricht,
+die dadurch festeren Halt gewannen.</p>
+
+<p>Karl Meeks Vater kam eigens zu dem Zweck in die
+Stadt, um ihnen beiden zu danken und sie zu bitten,
+zu Weihnachten mit seinem Sohn in ihr Waldnest
+hinaufzukommen. Otto Meek war gr&ouml;&szlig;er und st&auml;rker
+als sein Vater, sein Gesicht gro&szlig;z&uuml;giger &mdash; mehr "bourbonisch";
+aber es hatte etwas Schwerm&uuml;tiges oder besser
+gesagt Schweres. Kallem nahm die Einladung an und
+traf sofort die n&ouml;tigen Verabredungen mit seinen Kollegen,
+damit er abkommen k&ouml;nne. Aber als die Zeit
+herankam, wurde Doktor Kent krank, und Ragni mu&szlig;te,
+so ungern sie es auch tat, mit Karl allein reisen; Kallem
+wollte nachkommen. Ein Reisepelz wurde f&uuml;r sie gekauft,
+pelzgef&uuml;tterte Stiefel und ein Fu&szlig;sack, auch eine<a class="page" name="Page_189" id ="Page_189" title="189"></a>
+kostbare Pelzm&uuml;tze, ein Geschenk Karls. Wie eine Gr&ouml;nl&auml;nderin
+sah sie aus, als sie alles anhatte.</p>
+
+<p>Kallem begleitete sie zur Bahn; Ragni hatte ein bi&szlig;chen
+geweint &mdash; es war die erste Trennung, seit sie verheiratet
+waren. Als sie schon im Zug sa&szlig; und Kallem noch
+vor dem Wagen stand, wollte sie wieder heraus; Kallem
+mu&szlig;te einsteigen und schelten. Sobald der Kummer
+gestillt war, stieg er wieder aus und blickte Karl an,
+der frisch und fr&ouml;hlich dasa&szlig;. "H&ouml;r' mal, lieber Birkhahn,
+von heut ab sag ich Du und Karl zu Dir! Du
+bist ein braver Junge!" Karl aber sprang heraus und
+fiel ihm um den Hals.</p>
+
+<p>Dann fuhren sie davon.</p>
+
+<p>Kallem arbeitete und fand es gar nicht so &uuml;bel, da&szlig;
+er einmal v&ouml;llig Frieden hatte; sie hatten ihn in der
+letzten Zeit doch recht gest&ouml;rt. Aber schon am dritten
+Tage, dem heiligen Abend, war es ihm langweilig. Er
+nahm sich vor, sie zu &uuml;berraschen; Doktor Kent ging
+es besser.</p>
+
+<p>Am heiligen Abend, als er eben von Kent kam und
+ins Krankenhaus wollte, sah er von fern eine Menge
+Menschen vor dem Tor stehen. Ein Langschlitten mit
+einem Pferd davor fuhr gerade heraus; im Schlitten lagen
+Stroh und Betten &mdash; man mu&szlig;te einen Kranken gebracht
+haben. Er h&ouml;rte Kinder weinen. Wer war da
+verungl&uuml;ckt? Maurer Andersen war's &mdash; der Mann, der
+Kallem und Ragni an ihrem Ankunftstag in der Stadt
+oben vor dem neuen Haus begr&uuml;&szlig;t hatte. Im Winter,
+w&auml;hrend das Handwerk brach lag, zog Maurer Andersen
+als Hausierer umher, und auf einem steilen Waldweg
+hatte er sich verirrt, war abgest&uuml;rzt und nur durch
+einen Zufall hatte man ihn gefunden. Drinnen bei den
+Krankenschwestern traf Kallem die untr&ouml;stliche Frau,
+die erz&auml;hlte, wie der unerm&uuml;dliche Mann noch bis Weihnachten
+herumgewandert sei; damit er zum heiligen
+Abend daheim w&auml;re, habe er einen abk&uuml;rzenden Weg
+eingeschlagen &mdash; er sei nun mal so ein "Haushammel".
+Aber er habe schwache Augen und sei auf seinen Finnen<a class="page" name="Page_190" id ="Page_190" title="190"></a>schuhen
+abgerutscht und gest&uuml;rzt und habe das Bein
+gebrochen. Und da liege er nun, und k&ouml;nne sich nicht
+r&uuml;hren. Das sei nun sein Weihnachten! "Und wir
+haben gewartet und gewartet!" schlo&szlig; sie. "Und erst
+die Kinder!"</p>
+
+<p>Kallem eilte zu dem Kranken, der schon im warmen
+Zimmer im Bett lag. Der starke Mann mit dem gro&szlig;en
+braunen Bart, der &uuml;ber das Hemd wallte, war nicht
+wiederzuerkennen. Die Augen zusammengedr&uuml;ckt, die
+Lider geschwollen, starr. Die Schleimhaut des Auges
+ganz entz&uuml;ndet, die Hornhaut bedroht, und da ihn der
+geringste Lichtschimmer schmerzte, war vielleicht noch
+gr&ouml;&szlig;ere Gefahr im Anzug. Das Gesicht aufgedunsen,
+mit bl&auml;ulichroten Flecken; die Finger an beiden H&auml;nden
+wei&szlig; und gef&uuml;hllos; die Handr&uuml;cken noch einmal so
+gro&szlig; wie sonst und mit Wasserblasen bedeckt. Das rechte
+Bein war am oberen Ende der Wade gebrochen, und der
+Bruch ging bis ins Kniegelenk; die Wunde war so gro&szlig; wie
+ein Markst&uuml;ck; ein Knochensplitter ragte daraus hervor
+&mdash; wie ein Finger. Dem gegen&uuml;ber war die ganze &uuml;brige
+Verletzung des Beins &uuml;berhaupt nicht von Bedeutung.</p>
+
+<p>Andersen konnte kaum sprechen, und lallte nur dann
+und wann, das Bein d&uuml;rfe nicht abgenommen werden.
+Das k&ouml;nne man erst am andern Morgen entscheiden,
+wenn es hell sei, beruhigte Kallem ihn immer wieder,
+w&auml;hrend er ihn zurecht legte. Er lie&szlig; das Zimmer sofort
+halbdunkel machen, lie&szlig; Borwasserumschl&auml;ge &uuml;ber die
+Augen legen und beorderte eine regelm&auml;&szlig;ige Aufsicht
+zum Wechseln der Kompressen. Das Gesicht des
+Kranken wurde mit &Ouml;l bestrichen und mit einer d&uuml;nnen
+Watteschicht bedeckt; ebenso verfuhr man mit den
+H&auml;nden. Die Beinwunde wurde mit Karbolwasser ausgespritzt
+und eine kleine blutende Ader unterbunden;
+die Wunde dann mit Jodoform bestrichen, mit Watte
+umwickelt und in eine Drahtbandage gelegt. Wenn er
+aufwachte und sich schwach f&uuml;hlte, sollte er alle zwei
+Stunden Naphtha bekommen &mdash; bei zu gro&szlig;en Schmerzen
+eine Morphiumeinspritzung.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_191" id ="Page_191" title="191"></a>Daraufhin schlief der Kranke ein, klagte jedesmal,
+wenn er erwachte, &uuml;ber unleidliche Schmerzen, weniger
+an der Bruchstelle als haupts&auml;chlich im Schienbein, in
+der N&auml;he des Spanns; best&auml;ndig qu&auml;lte ihn die Angst,
+da&szlig; ihm der Fu&szlig; abgenommen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Tag um neun Uhr fand Kallem ihn
+viel wohler, in jeder Beziehung. Auch die Gedanken
+waren klarer; aber fortw&auml;hrend drehten sie sich um den
+Fu&szlig;, der erhalten bleiben sollte. Er &auml;u&szlig;erte den Wunsch,
+den Pastor, der sein guter Freund war, zu sehen; seine
+Frau, die eben da war, machte sich sofort auf den
+Weg, um den Pastor zu bitten, vor der Kirche bei ihm
+vorzusprechen. Unterdessen wurden die Augen des
+Kranken untersucht; sie waren weniger geschwollen,
+aber &auml;u&szlig;erst lichtscheu; man wandte Atropin an, und
+die Umschl&auml;ge wurden durch eine leichte Binde ersetzt.
+Kallem war gerade im Krankenzimmer, als die Frau mit
+dem Pastor kam; er ging den beiden entgegen. Nach
+seiner Ansicht mu&szlig;te Andersens rechtes Bein exartikuliert,
+d. h. unter dem Kniegelenk abgenommen werden. Aber
+das durfte der Kranke vorl&auml;ufig noch nicht erfahren.
+Da brach die Frau, die bisher ihr Schicksal mit Fassung
+ertragen hatte, zusammen, so da&szlig; Kallem sie gar nicht
+hineinlassen durfte; der Pastor ging mit.</p>
+
+<p>Es machte einen tiefen Eindruck auf ihn, als er in
+dem gro&szlig;en halbdunkeln Zimmer neben seinem kranken
+Freund stand und ihn daliegen sah, diesen Riesen, mit
+verbundenen Augen, unkenntlichem Gesicht, umwickelten
+H&auml;nden, und ihn klagen h&ouml;rte. Aber bald f&uuml;hlte er
+nur noch Bewunderung &mdash; so stark, so sicher war der
+Kranke im Glauben. Er &auml;u&szlig;erte den Wunsch, man
+m&ouml;ge heut in der Kirche f&uuml;r ihn beten; "Sie kennen
+mich ja alle!" sagte er. Der Pastor versprach ihm das.
+Dann aber betete er noch von Herzen am Schmerzenslager
+f&uuml;r den Kranken und seine Angeh&ouml;rigen. Das
+Gebet wirkte belebend auf den Kranken; er fl&uuml;sterte:
+"Ich habe einen Bund geschlossen mit Gott, des Fu&szlig;es
+wegen!" und lag dann ganz still, w&auml;hrend der Pastor<a class="page" name="Page_192" id ="Page_192" title="192"></a>
+den Segen Paulus' sprach. Kaum eine Stunde darauf
+kam Doktor Arentz, und Andersen wurde in den Operationssaal
+geschafft. Man sagte ihm, er solle chloroformiert
+werden, damit man den Schaden gr&uuml;ndlich untersuchen
+k&ouml;nne, und da die Schmerzen noch immer unertr&auml;glich
+waren, willigte er sogleich ein; "aber der
+Fu&szlig; darf nicht abgenommen werden!"</p>
+
+<p>Die genauere Untersuchung ergab, da&szlig; das obere
+Ende des Wadenbeins bis schr&auml;g an das Kniegelenk
+hinauf zersplittert war, leider auch, da&szlig; eine gr&ouml;&szlig;ere
+Blutader zwischen den Bruchenden so eingeklemmt lag,
+da&szlig; sie mit einer gro&szlig;en Blutpfropfthrombe, die sich
+einige Zoll den Schenkel hinauf erstreckte, gef&uuml;llt war.</p>
+
+<p>Das Bein wurde selbstverst&auml;ndlich abgenommen; in
+einer Viertelstunde war es geschehen.</p>
+
+<p>Alle, die mit ihm zu tun hatten, erhielten strengste
+Anweisung, ihn in dem Glauben zu lassen, da&szlig; das Bein
+ihm erhalten sei. Man mu&szlig;te ihn vor jeder Gem&uuml;tsbewegung
+sch&uuml;tzen, damit er ja nicht in Versuchung
+komme, sich aufzurichten, den Fu&szlig; zu bewegen oder
+seine Lage zu &auml;ndern; wenn ein Blutspfropfen sich von
+der Thrombe l&ouml;ste, konnte es mit ihm zu Ende sein.
+Er wurde in eine Stahldrahtbandage gelegt, die vom
+H&uuml;ftgelenk bis an das Bettende herunterreichte; der
+Stumpf wurde mit Karbolgaze und Jute verbunden
+und mit der Au&szlig;enseite an einen langen Klotz festgebunden.</p>
+
+<p>Jetzt wurde Andersen wieder geweckt, und man bedeutete
+ihm, sich ganz ruhig zu verhalten. Er bekam
+Wein, aber l&ouml;ffelweise, damit er sich nicht r&uuml;hrte, ebenso
+Fleischbr&uuml;he mit Eigelb; bald fiel er in Schlaf.</p>
+
+<p>Sowie Kallem sich umgezogen hatte, ging er hinunter
+in das Zimmer der Pflegerinnen, wo die Frau wartete,
+und erz&auml;hlte ihr den ganzen Hergang, wies sie auch
+auf die Gefahr hin, die drohte, wenn Andersen sich
+bewege. Er gewann ihr breites, kluges Gesicht mit
+der Adlernase geradezu lieb; eine reinere Seelenst&auml;rke
+hatte er kaum je gesehen. "Sollte es schlimm ablaufen,"<a class="page" name="Page_193" id ="Page_193" title="193"></a>
+schlo&szlig; er, "so haben Sie viele Freunde!" &mdash; "Gott lebt
+noch!" fl&uuml;sterte sie.</p>
+
+<p>Zwischen drei und vier Uhr erwachte Andersen, und
+bekam wieder l&ouml;ffelweise Wein, Br&uuml;he mit Eigelb,
+Milch; er versicherte, er f&uuml;hle sich wohl, nur sein Schienbein
+tue ihm weh; manchmal f&uuml;hle er Schmerzen in
+der Ferse. Im Lauf des Nachmittags st&auml;rkten sich
+seine Lebensgeister, und er w&uuml;nschte, der Pastor m&ouml;ge
+wiederkommen. Gerade als die Frau ihn holen wollte,
+kam er von selbst. Kallem hatte ihn gebeten, zu tun,
+als ob der Fu&szlig; noch nicht abgenommen sei.</p>
+
+<p>Es zeigte sich gleich, da&szlig; Andersen keinen anderen
+Gedanken hatte, als seinen Fu&szlig;. "Ich glaube, ich darf
+jetzt wohl sagen, da&szlig; Gott mich erh&ouml;rt hat!" sagte er;
+"daf&uuml;r m&uuml;ssen wir ihm auch geb&uuml;hrend danken!"</p>
+
+<p>Das r&uuml;hrte den Pastor, und er schickte sich an, ein
+warmes Dankgebet daf&uuml;r emporzusenden, da&szlig; der Fu&szlig;
+dem Kranken ein Pfand der g&ouml;ttlichen Gnade geworden
+sei und ihn noch inniger mit seinem Erl&ouml;ser verbunden
+habe. Andersen schien dar&uuml;ber nachzusinnen; endlich
+sagte er: "Jetzt m&uuml;ssen Sie noch beten, da&szlig; er mir
+auch sp&auml;ter den Fu&szlig; nicht nimmt!" &mdash; Wie er darauf
+komme? &mdash; "Weil ich solche Schmerzen drin habe." &mdash; Aber
+eben habe er doch geglaubt, da&szlig; Gott ihn erh&ouml;rt
+habe? "Ja, aber man mu&szlig; beten ohne Unterla&szlig;!" Der
+Pastor weigerte sich; sofort wurde der hartn&auml;ckige Mann
+unruhig, und die Frau fl&uuml;sterte flehend, der Herr Pastor
+m&ouml;ge Andersen doch den Willen tun. Da tat er's;
+aber er tat es mehr auf ihre Verantwortung hin als auf
+seine eigene, und es wirkte in ihm nach. Kallem war
+eben nach Hause gekommen, als der Pastor ganz bla&szlig;
+bei ihm erschien und erz&auml;hlte, was vorgefallen war.
+"Das tu' ich nicht noch einmal!" schlo&szlig; er. "Ich kann
+Dir versichern, Du hast ein gutes Werk getan!" Der
+Pastor stand in &Uuml;berzieher und M&uuml;tze, die Hand auf
+der T&uuml;rklinke, da; Kallems Worte und der Ton, in dem
+sie gesagt wurden, verletzten ihn. "Nur in der Wahrheit
+k&ouml;nnen wir uns dem Gott der Wahrheit n&auml;hern!<a class="page" name="Page_194" id ="Page_194" title="194"></a>
+Adieu." Der Doktor kam ihm nach: "Du glaubst also,
+wenn Du Andersen jetzt sagst, da&szlig; das Bein abgenommen
+ist, so kann ihn Gott erretten?"</p>
+
+<p>"Ja!" antwortete der Pastor &auml;rgerlich, ohne sich umzuwenden.</p>
+
+<p>Kallem wagte unter diesen Umst&auml;nden nicht, zu verreisen.
+Er schrieb ausf&uuml;hrlich an Ragni und versprach,
+zu kommen, sobald er k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen fand er alles in gew&uuml;nschter
+Ordnung, betonte aber wieder, der Kranke m&uuml;sse v&ouml;llig
+still auf dem R&uuml;cken liegen, d&uuml;rfe auch nicht so viel
+sprechen. Am Nachmittag verlangte Andersen das heilige
+Abendmahl, doch die Pflegerin entgegnete, er k&ouml;nne
+keine Gem&uuml;tsbewegung vertragen. "Ich will meinen
+Bund mit Gott erneuern!" gab Andersen zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Das wagten sie ihm nicht abzuschlagen; aber sie
+wagten es auch nicht zuzulassen, ohne vorher den
+Doktor zu fragen, und dieser war am Vormittag an ein
+Wochenbett gerufen worden. Die Krankenschwester
+beriet sich also mit dem Hausmeister, der von altersher
+allm&auml;chtig war im Hause. Auch ihm gegen&uuml;ber wiederholte
+Andersen seinen Wunsch aufs bestimmteste, und
+der Hausmeister glaubte, man m&uuml;sse ihm willfahren;
+er wolle die Verantwortung auf sich nehmen. Eine Weile
+darauf war der Pastor bei ihm in der Portierstube, um
+den Wein anzuw&auml;rmen; das Wetter war umgeschlagen,
+und es war ein bitterkalter Abend. Dann gingen die
+beiden hinauf. Andersen freute sich, als er h&ouml;rte, wer
+kam. "Das wu&szlig;t' ich!" sagte er.</p>
+
+<p>Der Pastor fragte, ob er einen besonderen Wunsch
+habe.</p>
+
+<p>"Jawohl."</p>
+
+<p>Die &auml;ndern gingen hinaus. Jetzt erz&auml;hlte Andersen,
+da&szlig; er in seiner Kindheit einmal einem Jungen ein Bein
+gestellt habe mit eben dem Fu&szlig;, der jetzt krank sei.
+Gott werde ihn doch nicht etwa daf&uuml;r jetzt strafen
+wollen? "Nein, nein!" &mdash; Er sei nun aber einmal auf
+den Gedanken gekommen, und f&uuml;hle das Bed&uuml;rfnis,<a class="page" name="Page_195" id ="Page_195" title="195"></a>
+das heilige Abendmahl zu nehmen. &mdash; Weiter liege nichts
+Besonderes vor? &mdash; Nein. &mdash; Der Pastor bat ihn, sich
+zu sammeln; sie wollten miteinander beten. Andersen
+schwieg und sie beteten. Nach dem Gebet erteilte ihm
+der Pastor die Vergebung der S&uuml;nden und wollte ihm
+das Brot und den Wein reichen. &mdash; "Nein, warten Sie
+noch ein bi&szlig;chen! Vergebung der S&uuml;nde habe ich nun;
+jetzt ist die Tafel blank. Jetzt schreiben wir den Fu&szlig;
+darauf, damit man's im Himmel lesen kann. Ich f&uuml;hle
+mich so froh, so von Herzen froh!"</p>
+
+<p>"Der ganze Mensch ist mit in den Bund einbegriffen,
+lieber Andersen." &mdash; "Ja, aber diesmal verspricht unser
+Herrgott meiner Frau und meinen Kindern, da&szlig; mein
+Fu&szlig; wieder gesund wird. Jetzt kommen Sie!" Und er
+streckte die erfrorenen H&auml;nde aus.</p>
+
+<p>Dem Pastor trat der Schwei&szlig; auf die Stirn. "Das
+kann ich nicht!" fl&uuml;sterte er, v&ouml;llig ohne Bewu&szlig;tsein
+dessen, was er sagte.</p>
+
+<p>Andersens Lippen bebten, die umwickelten H&auml;nde
+tasteten umher; er wollte sich damit in die Augen
+fahren, stie&szlig; jedoch auf den Verband. "Wir k&ouml;nnen
+nicht in Gottes Ratschlu&szlig; eindringen!" sagte der Pastor.
+"Gesetzt, &mdash; das, was wir wollen, w&auml;re unm&ouml;glich?"
+War es ein Etwas in des Pastors Stimme, oder war es
+der Widerstand an sich, was Andersen mi&szlig;trauisch
+machte?</p>
+
+<p>Ohne zu antworten ri&szlig; er sich den Verband von den
+Augen, richtete sich auf, ganz rasch, warf die Decke
+zur Seite und fiel wieder auf das Kassen zur&uuml;ck. Er
+fa&szlig;te nach seiner Brust, schrie, er m&uuml;sse ersticken, und
+fing an zu keuchen und zu r&ouml;cheln; ein Blutstropfen
+war in die Lunge gedrungen.</p>
+
+<p>Der Pastor hatte das, was er in H&auml;nden hielt, weggestellt
+und eilte nach der T&uuml;r, vor der der Hausmeister
+und die andern warteten; sie rannten zu Doktor Arentz
+und Doktor Kent; aber noch eh einer von ihnen kam,
+war Kallem zur&uuml;ck. Der Pastor war schon fort. In der
+Nacht starb Andersen.</p>
+
+
+<h3><a class="page" name="Page_196" id ="Page_196" title="196"></a>6</h3>
+
+<p>Der Hausmeister war der erste, der es b&uuml;&szlig;en mu&szlig;te.
+Noch am selben Tag mu&szlig;te er aus dem Hause.</p>
+
+<p>Sodann ging Kallem hinunter zu Andersens Witwe.
+"Sie sind eine au&szlig;ergew&ouml;hnlich t&uuml;chtige Frau. Wenn
+Sie wollen, k&ouml;nnen Sie den Hausmeister- und Verwalterposten
+am Krankenhaus haben. Greifen Sie zu, packen
+Sie gleich morgen Ihre Sachen zusammen und ziehen
+Sie mit den Kindern hinauf. Dann denken Sie weniger
+an Ihren Kummer! Haben Sie ein gutes Dienstm&auml;dchen?"
+&mdash; "Ja." &mdash; "Nehmen Sie die mit. Mehr ist
+nicht n&ouml;tig. Alles andere finden Sie dort oben, und
+die Schwestern werden Ihnen helfen."</p>
+
+<p>Die Oberschwester erhielt eine scharfe Zurechtweisung;
+aber dabei lie&szlig; es Kallem bewenden. Ihr
+Versehen konnte sie am besten dadurch wieder gut
+machen, da&szlig; sie Mutter Andersen nach besten Kr&auml;ften
+unterst&uuml;tzte.</p>
+
+<p>Den Pastor suchte er nicht auf; ebensowenig der
+Pastor ihn. Von andern h&ouml;rte er, da&szlig; er erkrankt sei,
+und fand es auch ganz erkl&auml;rlich. Josefine begegnete
+Kallem ein paar Tage sp&auml;ter auf der Stra&szlig;e; sie tat, als
+s&auml;he sie ihn nicht.</p>
+
+<p>Wie dieser Vorfall wirkte, ist gar nicht zu beschreiben.
+Die ganze Stadt geriet in Aufruhr. War es nicht etwas
+Seltsames um den Glauben, wenn sogar der Glaube
+an eine L&uuml;ge einen Menschen vom sichern Tod h&auml;tte
+retten k&ouml;nnen?</p>
+
+<p>Der Hausmeister und seine gro&szlig;e Familie fielen nat&uuml;rlich
+dem Pastor und seiner Frau zur Last. Josefine
+mu&szlig;te Geld herausr&uuml;cken zu einer Buchhandlung &mdash; und
+zwar weit mehr, als ihr lieb war.</p>
+
+<p>An diesem Mann hatte Kallem seitdem einen treuen
+und aufrichtigen Feind. &mdash;</p>
+
+<p>Unmittelbar darauf fuhr Kallem nach dem Walddorf
+hinauf. Er meldete sich nicht an; er kam abends bei
+Mondschein vom Bahnhof her auf dem Gut angefahren,<a class="page" name="Page_197" id ="Page_197" title="197"></a>
+just als der Gutshof und die Landstra&szlig;e drau&szlig;en von
+angespannten Schlitten, vollen und leeren, wimmelten.
+Alt und jung wollte eine Schlittenpartie machen; von
+hier sollte die Fahrt ausgehen, und hierher wollte man
+am Schlu&szlig; zur&uuml;ckkehren und noch tanzen.</p>
+
+<p>Man beachtete den Ank&ouml;mmling nicht weiter; man
+glaubte, er geh&ouml;re zur Gesellschaft. Erst als er im Flur
+stand, wo die Hausbewohner und G&auml;ste sich eben anzogen,
+bemerkten einige, da&szlig; er fremd war; aber sie
+dachten nicht weiter dar&uuml;ber nach; es trotteten ja so
+viele pelzvermummte Gestalten aus und ein. Ragni
+hatte gerade ihren Pelz angezogen, als sie sich von r&uuml;ckw&auml;rts
+her umschlungen f&uuml;hlte. Sie stie&szlig; einen Schrei
+aus und sah auf. Nein, war das eine Freude! Karl, der
+abseits in einer Ecke stand und sich gerade in seine Pelzstiefel
+hineinqu&auml;lte, zog sie, ohne ein Wort zu sagen,
+wieder aus, ebenso Mantel und M&uuml;tze, schmi&szlig; die
+Beine in die Luft und lief Kallem auf den H&auml;nden entgegen;
+jetzt war die Kunst erlernt! Der Vater mit
+seinem m&auml;chtigen Haar und schwerm&uuml;tigen Gesicht
+stand daneben; er stellte Kallem seiner Frau vor, einem
+blassen, stillen Gesch&ouml;pf; sie sprach den Dialekt der
+Gegend und hatte eine zarte Stimme &mdash; das war so
+ziemlich alles, was Kallem bemerkte. Es blieb ihm zu
+nichts anderem Zeit; er mu&szlig;te einfach mitfahren.</p>
+
+<p>Pferdegewieher und laute Rufe, Gekreisch und Gel&auml;chter,
+bis die Meldung kam, auf der ganzen Linie sei
+alles bereit; der erste Schlitten mit einer Dame und
+einem Pelzmann hintenauf, sauste davon; und ihm nach
+Schlitten auf Schlitten, breite und schmale, einsp&auml;nnige
+und zweisp&auml;nnige. Eine lange, wellenf&ouml;rmige Schnur
+mit grauschwarzen Knoten &mdash; im Mondschein &mdash; &uuml;ber
+das Schneefeld, dem Wald zu, in dem es bald zwischen
+den St&auml;mmen widerhallte von Schellen, Hundegebell,
+Lachen und Geschw&auml;tz. Einige fingen zu singen an,
+andere fielen ein; aber es war unm&ouml;glich, Takt zu halten;
+zusammen stimmte es nie. Kallem sa&szlig; mit seiner Frau
+in einem Breitschlitten; sie sah so reizend aus in ihrem<a class="page" name="Page_198" id ="Page_198" title="198"></a>
+vielen Pelzwerk, da&szlig; er nicht anders konnte &mdash; er
+mu&szlig;te ihr ab und zu einen Ku&szlig; geben. Eine schwierige
+Aufgabe! Ach, und was sie alles erlebt hatte! W&auml;hrend
+er ihr zuh&ouml;rte, wurde ihm klar, da&szlig; sie erst jetzt ihre
+Jugend erlebte! Nie hatte er etwas so Fr&ouml;hliches gesehen!
+Nie hatte er gewu&szlig;t, da&szlig; sie diesen Drang nach
+Freude in sich trug! Derselbe Gedanke kam ihm, sp&auml;ter
+am Abend, als alles tanzte, spielte, lachte, schwatzte,
+tollte, a&szlig;: sie holte die Fr&ouml;hlichkeit vieler Jahre nach.
+Ob ein dicker Waldbesitzer ihre zarte Gestalt umfa&szlig;t
+hielt und sie dahintrug, da&szlig; sie kaum mit den &auml;u&szlig;ersten
+Zehenspitzen den Boden ber&uuml;hrte; ob sie sich eins der
+Kinder geholt hatte und mit dem loswalzte, oder ob
+Karl oder irgendein anderer Gymnasiast oder Student
+sie links herumschwenkte wie einen Kreisel &mdash; immer
+dasselbe strahlende Gesicht, derselbe heilige Eifer. Tanz
+und Spiel gingen in einer Eckstube vor sich, die die
+ganze Breite des Hauses einnahm; aber oft flutete der
+Tanz auch in die anderen Zimmer, sogar bis in die
+K&uuml;che auf der andern Seite des Hauses hin&uuml;ber. Die
+K&uuml;chent&uuml;r stand offen. Ein paar &auml;ltere Herren versuchten,
+in einer Ecke ein Spielchen zu machen; aber sie
+mu&szlig;ten es aufgeben. In einemfort wurden sie zum Tanz
+geholt. Alt und jung &mdash; alles war gleich fr&ouml;hlich.</p>
+
+<p>Am andern Morgen um elf Uhr schlief Ragni noch,
+und als sie gegen Mittag hinunterkam, ein bi&szlig;chen m&uuml;de
+und taumelig und sehr verwundert, da&szlig; sie gar nicht
+geh&ouml;rt hatte, wie Kallem aufgestanden war, erfuhr sie,
+da&szlig; er abgereist sei. Ein Telegramm von Kent, dem es
+wieder schlechter ging, hatte ihn heimgerufen. Ein
+kurzer Brief, den er beim Fr&uuml;hst&uuml;ck noch hingekritzelt
+hatte, tr&ouml;stete sie ein bi&szlig;chen. Er schrieb, er habe sie
+nach der durchtollten Nacht nicht wecken, noch weniger
+sie mitnehmen m&ouml;gen; aber eine gr&ouml;&szlig;ere Freude habe
+er noch nie erlebt, als sie so fr&ouml;hlich zu sehen.</p>
+
+<p>Das erste, was Kallem bei seiner R&uuml;ckkehr vorfand,
+war eine Balleinladung vom "Verein". Die wollte er
+annehmen. Die Einladung war von der Hand seiner<a class="page" name="Page_199" id ="Page_199" title="199"></a>
+Schwester geschrieben (sie war im Vorstand) und lautete
+auf "Doktor Kallem und Frau". Sieh mal an!</p>
+
+<p>Ob er an Ragni telegraphierte? Nein, er lie&szlig; sie lieber,
+wo sie war; besser konnte sie es ja nicht haben.</p>
+
+<p>Indessen kam er selber in eine recht ernste Sache
+hinein. Sein erster Krankenbesuch noch am selben
+Abend galt einer armen Mutter mit vielen Kindern,
+Sissel Aune, einer Waschfrau unten in der Stadt, die an
+einer Lungenentz&uuml;ndung darniederlag. Haupts&auml;chlich
+um ihretwillen hatte Kent telegraphiert. Der siebente
+Tag war ohne Krisis hingegangen, und wenn nun die
+kommende Nacht halb vor&uuml;ber war, so war auch der
+neunte Tag vorbei. W&uuml;rde sie ihn &uuml;berleben? Der
+obere und der untere Lungenfl&uuml;gel waren angegriffen,
+das Herz begann auszusetzen, der Puls war sehr schwach &mdash; dazu
+noch andere schlimme Zeichen &mdash; sollte er dem
+Herzen in dem letzten Kampf mit Atropin nachhelfen?
+In einem solchen Fall war das Mittel noch nicht erprobt;
+aber immerhin &mdash; rationell war es. Wo er ging und
+stand, was er auch vornahm &mdash; &uuml;berall verfolgte ihn
+diese Frage. Die f&uuml;nf Kinder der Kranken waren bei
+S&ouml;ren Pedersen und Aase untergebracht; in solchen
+F&auml;llen waren die Zwei unbezahlbar.</p>
+
+<p>Als er zum zweitenmal hinging, blieb er gleich da;
+es war ein Ringkampf &mdash; Aug' in Auge mit dem Tod.</p>
+
+<p>Eine kleine, sehr saubere Stube mit drei Betten. Im
+Fenster ein k&uuml;mmerlicher Geraniumstock, und an der
+Wand ein Bild von K&ouml;nig Karl XV. zu Pferd &mdash; unter
+Glas und Rahmen &mdash;, ein paar mit Stecknadeln befestigte
+Photographien und eine Geige mit drei Saiten,
+die vierte hing herab. Die dalag, war dereinst eine
+sch&ouml;ne Frau gewesen, war sicher auch jetzt noch stark
+und kernig, wenn sie wieder gesund wurde. Jetzt lag
+sie da, abgemagert bis auf die Knochen, die zerschundenen
+Arbeitsh&auml;nde auf einer zerlumpten Decke. Aber
+der Mann, der neben ihr sa&szlig;, der war nicht stark, wie
+sie &mdash; ach nein &mdash; der war ein rechter Schw&auml;chling!
+Ein gutes Gesicht, und verwandt mit der Geige an der<a class="page" name="Page_200" id ="Page_200" title="200"></a>
+Wand insofern, als vielleicht auch in ihm eine Saite
+gesprungen war, bis die dort an der Wand so verwahrloste.
+M&uuml;de, abgezehrt von Nachtwachen sa&szlig; er da &mdash; allein &mdash;, nicht
+weil die Nachbarn ihm nicht geholfen
+h&auml;tten, sondern weil die Hilfe, die zuletzt am Bett gesessen
+hatte, eben ausruhte, bis das Schwerste beginnen
+w&uuml;rde. Es hatte Kallem ger&uuml;hrt, zu sehen, wie die Nachbarn
+zu beiden Seiten des Hauses Wache standen; sie wollten
+verhindern, da&szlig; allzu fr&ouml;hliche Weihnachtsg&auml;ste hier
+vorbeiz&ouml;gen; nachts l&ouml;sten sich die Wachen ab. Er h&ouml;rte
+das von der Frau, die gegen elf Uhr wiederkam, um zu
+helfen. Es war nicht viel zu tun &mdash; au&szlig;er f&uuml;r den Doktor,
+und der wu&szlig;te nicht, ob er wagen d&uuml;rfe, etwas zu tun.</p>
+
+<p>Zuerst machte er eine Einspritzung von ein Drittel
+Milligramm; darnach wurde der Puls kr&auml;ftiger. Kallem
+fa&szlig;te Hoffnung, wagte aber nicht, sie den flehenden
+Augen des Mannes zu &uuml;bermitteln. Sie konnte tr&uuml;gen.
+Ein paar Stunden lang hielt sich der Puls; dann sank er
+wieder. Wieder eine Dosis; und wieder hob er sich. In
+gr&ouml;&szlig;ter Spannung sa&szlig; er da und beobachtete. Er hatte
+sich ein Buch mitgebracht, versuchte es, unter die Lampe
+zu halten, brachte auch dann und wann einmal Sinn in
+einen Satz, verga&szlig; ihn aber sofort wieder. Gesprochen
+wurde gar nichts, nur gest&ouml;hnt und geseufzt. Der letzte
+Ruf aus der Ferne, das letzte Schellengel&auml;ute war l&auml;ngst
+verklungen, die letzte T&uuml;r geschlossen &mdash; die Nacht leer
+und grau. F&uuml;nf Kinder &mdash; das &auml;lteste zehn Jahre &mdash; konnten
+in jeder Sekunde ihre Versorgerin verlieren;
+und der Mann, der dort sa&szlig; und bald nickte, bald sich
+&uuml;ber die Knie strich, bald die Ellbogen darauf legte
+und die H&auml;nde faltete &mdash; und von der Frau hin&uuml;berstierte
+zum Arzt &mdash; auch der verlor seine Versorgerin.</p>
+
+<p>Sowie der Puls nachlie&szlig;, eine neue Dosis; und immer
+wurde er wieder kr&auml;ftiger; es schien also wirklich richtig,
+was er tat. Aber die Krise wollte nicht eintreten; es
+war Mitternacht vor&uuml;ber, der neunte Tag war &mdash; demnach,
+was die Leute sagten &mdash; abgelaufen &mdash; und noch
+immer derselbe aufreibende Kampf. Kallem stand auf,<a class="page" name="Page_201" id ="Page_201" title="201"></a>
+zwischen Furcht und Hoffnung schwankend, nahm sein
+Buch, hielt es gegen das Licht, legte es wieder weg, und
+ging wieder ans Bett, um zu messen. Ja &mdash; jetzt war es
+bald zu Ende mit den Kr&auml;ften. Der Mann sah es ihm
+an und k&auml;mpfte, um nicht laut aufzuweinen. Der Doktor
+gebot ihm Schweigen. Wieder ein Versuch; und
+bald darauf schlief sie ein. War es denn wirklich Schlaf?
+Die andern sahen ihn an und er sie. Er ging auf ein
+Weilchen vom Bett weg, um mit frischen Sinnen aufs
+neue zu horchen. Sie schlief! Einen ruhigen, echten
+Schlaf! Er wandte sich dem Manne zu, der es seinem
+Gesicht ablas; und ein Widerschein vom Licht des
+Lebens sprang von des Arztes Gesicht &uuml;ber auf seines.
+Der Mann stand auf &mdash; wieder krampfte alles in ihm
+sich zusammen &mdash; gleich w&uuml;rde es ausbrechen. "Gehen
+Sie zu Bett!" fl&uuml;sterte der Doktor. Der Mann warf
+sich &uuml;ber eins der drei Betten, pre&szlig;te das Gesicht in die
+Kissen, &mdash; und jetzt brach es los.</p>
+
+<p>Fl&uuml;sternd erteilte Kallem der Frau, die am Kochherd
+sa&szlig; und sich jetzt erhob, seine Anweisungen. Er versprach,
+am Vormittag wiederzukommen. Sie half ihm
+in seinen Mantel; leise &ouml;ffnete er die T&uuml;r und zog sie
+hinter sich zu. Aus dem tr&uuml;ben Wetter war starker
+Schneefall geworden; nirgends Licht, in keinem Fenster,
+nur das eine, das &uuml;ber dem neuentz&uuml;ndeten Lebensfunken
+wachte. Kallem konnte es sich nicht versagen,
+als er am Sattlerladen vorbeikam, anzuklopfen; aber die
+da drinnen schliefen fest. Er klopfte noch einmal; denn
+er wu&szlig;te ganz sicher &mdash; die beiden hatten ihr Bett und
+ihre kleine warme Stube den Kindern &uuml;berlassen und
+&uuml;bernachteten selber im Laden. So war es auch! "Wer
+ist da?" fragte S&ouml;ren Pedersens f&uuml;nische Stimme.
+"Sagen Sie den Kindern, wenn sie aufwachen, da&szlig; ihre
+Mutter wieder gesund wird." &mdash; "Das ist aber ein
+Segen!" antwortete der F&uuml;ne, und hinter ihm h&ouml;rte
+man Aases hochl&auml;ndisches: "Ach nee &mdash; ist's denn die
+M&ouml;glichkeit?" &mdash; "Kommt morgen mit den Kindern
+zum Mittagessen zu mir!" rief Kallem.</p>
+
+
+<h3><a class="page" name="Page_202" id ="Page_202" title="202"></a>7</h3>
+
+<p>Die ganze Nacht und den ganzen Tag ein unglaublicher
+Schneefall, und gegen Abend Sturm, der den
+frischgefallenen Schnee zu gro&szlig;en Wehen zusammenfegte.
+Der Sturm ging vor&uuml;ber, doch der Schneefall
+dauerte mit ungeschw&auml;chter Kraft fort. Alles vom Lande,
+was auf den Ball wollte, mu&szlig;te bis zur Stadt mit dem
+Schneepflug fahren; in der Stadt selber ging er heut
+schon zum zweitenmal. Zum Ball! Zum Ball! Der
+erste gro&szlig;e Weihnachtsball!</p>
+
+<p>Zum Ball! Zum Ball! In den gr&ouml;&szlig;eren St&auml;dten,
+wo der Tanz ein Gesch&auml;ft ist, das die Jugend abwechselnd
+in den verschiedenen Vereinen und Familien betreibt,
+hat man keine Vorstellung davon, was in der
+Kleinstadt alles von der Aussicht auf den ersten Weihnachtsball
+aufgewirbelt wird, besonders auch unter der
+l&auml;ndlichen Jugend, die mit dicken Pelzen &uuml;ber dem
+Ballstaat zur Stadt f&auml;hrt. Aber wie der Schneepflug
+gutm&uuml;tig den &uuml;berfl&uuml;ssigen Schnee beiseite fegt, so
+fegt die bestehende Sitte, die nat&uuml;rliche Sch&uuml;chternheit
+mehr als die H&auml;lfte von dem weg, was man sich zusammenphantasiert
+hat. Und was zusammenkommt, ist eine
+sittsame, ehrbare Gesellschaft, die sich anfangs gegenseitig
+kaum zu kennen scheint.</p>
+
+<p>Kallem lag auf dem Sofa. Er war in bester Stimmung.
+Die pr&auml;chtige Sissel Aune erholte sich; der Mann war
+heute ganz berauscht von Lebenslust und Branntwein,
+den die Nachbarn ihm eingegossen hatten. Die Kinder
+waren zum Mittagessen dagewesen, obgleich das M&auml;dchen
+keineswegs davon erbaut war; in solchen Sachen
+war sie genau wie Ragni; die beiden waren sich &uuml;berhaupt
+&auml;hnlich.</p>
+
+<p>Die Kinder von Sissel Aune waren nicht ganz so verlegen
+gewesen, wie die von Maurer Andersen, die auch
+dabei waren. Kallem hatte ihnen schlecht Klavier vorgespielt
+und war ihnen prachtvoll auf den H&auml;nden vorgelaufen,
+und der Sattler hatte unaufh&ouml;rlich von Maurer<a class="page" name="Page_203" id ="Page_203" title="203"></a>
+Andersens Tod geredet: Maurer Andersen sei an der
+Wahrheit gestorben. "Und es gibt gerade genug, die
+von der L&uuml;ge leben, da&szlig; es wirklich einmal nottut,
+da&szlig; einer an der Wahrheit stirbt" &mdash; und &auml;hnliches
+Gew&auml;sch, das Aase h&ouml;chst bedeutend fand.</p>
+
+<p>Ein langer, strahlend vergn&uuml;gter Brief von Ragni lag
+auf Kallems Bauch. Er hatte ihn schon zum zweitenmal
+gelesen. Karl hatte einen Bericht &uuml;ber ihr Befinden
+seit des Doktors Abreise beigelegt; ganz witzig &mdash; namentlich
+eine Beschreibung ihrer ersten Skitour (die
+auch ihre letzte war). Er hatte ihre tiefinnerlichste
+Feigheit gut gezeichnet.</p>
+
+<p>Und jetzt mu&szlig;te er also auf einen Ball, an dessen
+Spitze eine Pastorsfrau stand. Sie und ihre fesche Freundin,
+Frau Lilli Bing! Ob Josefine das wohl gegen den
+Willen ihres Mannes tat? Es war &uuml;brigens ein &ouml;ffentliches
+Geheimnis; Lilli Bing hatte es ihm verraten.
+Die Pastorin war die gefeiertste T&auml;nzerin der Stadt.
+Die Herren wetteiferten miteinander, nur um im Kotillon
+einmal mit ihr herumtanzen zu d&uuml;rfen. Er sah sie
+vor sich &mdash; hochgewachsen, mit blo&szlig;em Hals, dunkel&auml;ugig,
+gl&uuml;hend vom Tanz. Ja, er wollte mit ihr tanzen!
+Er sehnte sich nach ihr &mdash; er verhehlte es sich nicht.
+Ragnis Brief legte er beiseite, ebenso den von Karl und
+das Buch, in dem er gelesen hatte; dann stand er auf,
+schraubte die Lampe nieder, sagte dem M&auml;dchen Bescheid
+und ging hinauf, um sich umzukleiden!</p>
+
+<p>Merkw&uuml;rdig, wie das schneite! Nicht in Flocken,
+sondern in gro&szlig;en Fetzen, die einander jagten. W&auml;re
+es nicht windstill gewesen, man h&auml;tte &uuml;berhaupt nicht
+den Weg gefunden. Die Laternen verdrossen; kaum
+da&szlig; ihr Schein &uuml;ber den Lichtkern hinausreichte; ringsum
+kein Laut. Der Regen hat Klang und Landschaft;
+der Schnee verdeckt alles; nie ist der Mensch so einsam,
+wie im Schnee. Nicht einmal einen Zaun hatte Kallem
+zur Begleitung; kein Stein am Weg, der ihn begr&uuml;&szlig;t
+h&auml;tte; kein Baum im Garten beugte sich vor ihm; er
+sah sie &uuml;berhaupt nicht mehr; sie waren weg &mdash; ein<a class="page" name="Page_204" id ="Page_204" title="204"></a>geh&uuml;llt
+&mdash; fort. Die Kirche stand noch da; aber umgewandelt
+in einen wei&szlig;en Steinhaufen, mit einem wei&szlig;en
+Stab dar&uuml;ber. Er und die Kirche &mdash; die Kirche und er;
+und sonst nichts! Die H&auml;user unten in der Stra&szlig;e
+wichen zur&uuml;ck; sie spielten Versteckens &mdash; mit ausgestreckten
+Pranken; die Pranken waren einmal Treppen
+gewesen. Und unten am Strandweg lagen ein paar umgest&uuml;rzte
+Boote; sie sahen aus wie wei&szlig;e Elefanten, die
+schliefen. Die Bucht ein Schneemeer; sonderbar &mdash; die
+Insel hatte sich losgerissen und war davongeschwommen;
+man sah sie nirgends mehr. Nach dem Kalender
+war Vollmond; und es war nicht ganz finster; obgleich
+auch der Mond weggeschneit war aus dieser verwunschenen
+Welt.</p>
+
+<p>Kallem stapfte vorw&auml;rts wie ein umgest&uuml;lpter Zuckerhut.
+Er und der Schnee, der fiel &mdash; das war das einzige,
+was sich regte. Nicht einmal aus dem H&auml;uschen glommen
+Feueraugen, obgleich es kaum zehn Uhr war. Erloschen
+und zugeschlossen und zugeschneit. Nur die verdrossenen
+Lichtkerne in den Laternen bezeugten, da&szlig; hier
+zu Zeiten eine lebendige Stadt war.</p>
+
+<p>Jetzt h&ouml;rte er eine Klarinette dudeln und einen Ba&szlig;
+rumpeln &mdash; Fuchs und Eisb&auml;r, die irgendwo miteinander
+hopsten. Es trippelte und es humpelte, die Schneeflocken
+rieselten herab, und die H&auml;user standen und
+faulenzten.</p>
+
+<p>Endlich war er so weit gekommen, da&szlig; er inmitten
+eines qualmigen Feuernebels ein gro&szlig;es Haus erblickte;
+da drin war's &mdash; da dudelte es und stampfte. Und er
+steuerte drauf los.</p>
+
+<p>War er fehlgegangen? Er platzte in eine Art Kneipe
+oder etwas &auml;hnliches &mdash; mitten in Tabaksqualm, Punschdampf
+und Speisendunst hinein. Dort sah er ein paar
+dicke Herren wie Schweine in ihrem Fett hocken. Sie
+waren nicht im Ballanzug; wohl aber die andern, die
+eben hereinkamen. Und als er sich endlich zur richtigen
+Treppe durchgefunden hatte, begegneten ihm noch
+mehrere Herren im Frack, die an ihm vorbeist&uuml;rmten,<a class="page" name="Page_205" id ="Page_205" title="205"></a>
+dem Tabak und dem Punsch zu. Kallem ha&szlig;te und
+verachtete Tabak und Punsch und Wirtshausleben, und
+vor allem die Herren, die nicht tanzen konnten, ohne
+sich zu "st&auml;rken".</p>
+
+<p>Man sollte nie zu sp&auml;t auf einen Ball kommen. Er
+sah auf die Uhr &mdash; es war elf und nicht erst zehn, wie er
+geglaubt hatte &mdash; entweder war er zu sp&auml;t nach Hause
+gekommen, oder er hatte zu lange gelesen. Ein paar
+gl&uuml;hende, schwitzende junge Leute, die eben aus dem
+Qualm auftauchten &mdash; jedesmal, wenn die T&uuml;r aufging,
+drang ein qualmiger Nebel heraus &mdash; begr&uuml;&szlig;ten ihn
+und best&auml;tigten dadurch sein Kommen; so ging er denn
+mechanisch weiter und zog seinen &Uuml;berzieher aus. Im
+Flur noch weitere solcher &uuml;berhitzten, schwitzenden
+Menschen. Der eine schien nur hinunterzulaufen, weil
+der andere lief; nichtssagende Worte &mdash; unstete Augen &mdash; ihr
+Lachen wie hohle Trommelwirbel. Auch Damen
+kamen, immer drei oder vier zusammen, wie aufgebl&uuml;hte
+Rosen sahen sie aus; sie lachten &mdash; &uuml;ber nichts, schwatzten &mdash; von
+nichts, stets auf dem Sprung, da&szlig; man sie
+wieder in Musik und Geplapper hineinf&uuml;hren sollte.
+Die Musik schrill, die Gasflammen in einem Flor von
+Qualm, die Kronleuchter in gelbrotem Dunst.</p>
+
+<p>Ein &uuml;berf&uuml;llter Ballsaal; man hatte M&uuml;he, sich durch
+die vielen Kavaliere hindurchzuwinden, die m&uuml;&szlig;ig, in
+Klumpen zusammengedr&auml;ngt, an der T&uuml;r herumstanden.
+Eine Mischung von fein und grob &mdash; eine echt norwegische
+Mischung.</p>
+
+<p>Es wurde gerade der Walzer im Kotillon getanzt.
+Kallems Brillengl&auml;ser waren jetzt wieder trocken, und
+bei seiner L&auml;nge sah er bald, da&szlig; seine Schwester nicht
+unter den Tanzenden, augenscheinlich &uuml;berhaupt nicht
+im Saal war. Doch er verga&szlig; sie; denn der Anblick hier
+war in gewisser Art neu f&uuml;r ihn; er kannte von Norwegen
+nur die Westk&uuml;ste und Kristiania. Ein Ball in einer
+kleinen norwegischen Binnenstadt ist etwas ganz Eigenartiges.
+Damen und Herren, die einem eleganten Pariser
+Ball Ehre machen w&uuml;rden, gleiten leicht dahin zwischen<a class="page" name="Page_206" id ="Page_206" title="206"></a>
+jungen Menschen, die einen schweren Alltagsschritt, die
+niemals die Kunst des Tanzes erlernt haben, sondern ehrlich
+und unverdrossen wie Tagl&ouml;hner, den Takt treten.
+Herren im Gehrock, Herren im Frack, Damen in ausgeschnittener
+Balltoilette, Damen in biederen, dunkeln,
+hohen Kleidern, manche &auml;lter, manche blutjung, und
+jeder auf seine Weise und f&uuml;r sich vergn&uuml;gt.</p>
+
+<p>Von dem Augenblick an, als Kallem das Pech hatte,
+in die Restauration zu geraten oder vielmehr nur in
+ihre N&auml;he &mdash; mit ihrem Punschgeruch und Tabaksqualm,
+die er ha&szlig;te, war er &uuml;bellaunig und verdrossen
+gewesen. Aber hier im Ballsaal, angesichts so viel genu&szlig;froher
+Selbstverst&auml;ndlichkeit verzog sich das. Da
+walzten zwei vor&uuml;ber &mdash; er im Frack, sie im dunkeln
+Wollkleid, wie mit einem Schlo&szlig; zugeschlossen; sie
+hielten sich so treulich umschlungen, machten keine
+Pause, drehten sich nur unabl&auml;ssig, ernsthaft und bed&auml;chtig.
+Dort streifte ein langer, blonder Bursch in
+kurzer Jacke, wahrscheinlich ein junger Seemann, der
+zu Weihnachten nach Hause gekommen war, an ihnen
+vorbei; er tanzte mit einer Frau von mindestens vierzig
+Jahren, &mdash; zweifellos seine eigene Mutter; wenn die nicht
+so aussah, als k&ouml;nne sie noch eine t&uuml;chtige Marssegelk&uuml;hlte
+bestehen! Dort ein bekannter Eisenbahnbeamter,
+das Gesicht in die H&ouml;he gewandt, ein d&uuml;nnes Kerlchen
+im schwarzen Frack, das unter fortw&auml;hrenden K&ouml;rperverrenkungen
+herumh&uuml;pfte; trat er auf den rechten Fu&szlig;,
+so neigte er sich nach rechts &mdash; trat er auf den linken
+Fu&szlig;, beugte er sich nach links &mdash; immer ganz gewissenhaft
+im Takt, und dabei so vergn&uuml;gt, so lokomotivenpfeifenvergn&uuml;gt!
+Seine T&auml;nzerin lachte nur immerzu,
+aber gar nicht etwa verlegen, im Gegenteil &mdash; sie am&uuml;sierte
+sich! Und sie tanzten und tanzten, und wenn sie
+sich eben erst gesetzt hatten, standen sie auch schon
+wieder auf. Da fegte ein junger Kaufmann vor&uuml;ber,
+und dicht hinterdrein ein junger Offizier, beide tadellos,
+mit frischen, jungen ballm&auml;&szlig;ig gekleideten T&auml;nzerinnen;
+darnach ein ganz verr&uuml;ckter Kerl mit einer hohen Haar<a class="page" name="Page_207" id ="Page_207" title="207"></a>tolle
+und einem gro&szlig;en, schwarzen Frauenzimmer. Sie
+rasten durch die Mitte des langen Ballsaals hin und
+zur&uuml;ck, da&szlig; alles erschrak und auswich wie vor Pferden.
+Da wirbelte ein Turm vorbei &mdash; ein dicker, hoher,
+runder Turm, mit einer kleinen, schm&auml;chtigen Dame,
+die an ihm lehnte wie eine Leiter. Nach oben zu r&uuml;hrte
+sich der Turm &uuml;berhaupt nicht; er drehte sich nur;
+h&auml;tte man ihm einen Teller Suppe auf den Kopf gesetzt,
+es w&auml;re auch kein Tropfen &uuml;bergeschwappt. Da kamen
+zwei, die die H&auml;nde von sich streckten wie Segel, zwei
+gro&szlig;e Menschen, die Platz f&uuml;r drei normale Paare wegnahmen.
+Aber es schien althergebrachtes Ballgesetz zu
+sein, da&szlig; jeder Recht hatte auf soviel Platz, wie ihm
+pa&szlig;te, auf soviel Gerase und Getolle, wie ihm beliebte,
+&uuml;berhaupt das Recht, ganz nach seiner eigenen Fasson
+selig zu sein! Hier tanzte jeder einfach f&uuml;r sich, und
+keiner, um zu tanzen, sondern alle, um sich zu am&uuml;sieren.</p>
+
+<p>Aber &mdash; Donnerwetter &mdash; da kamen zwei, die konnten
+tanzen! Sie kamen aus einem Nebenzimmer &mdash; ein
+flotter, bartloser Kavallerieleutnant und eine hohe, ...
+Josefine! Sie war in roter Seide, mit Schwarz; der feste
+Hals, die gedrechselten Arme in ihrer warmen Farbe &mdash; das
+&uuml;ppige Haar, in den gewohnten Knoten gebunden &mdash; die
+wilden Augen &mdash; ja, wild waren sie! &mdash; und die
+Figur! Ja, sie war die Ballk&ouml;nigin! Wie sie tanzte!
+Jetzt sah man erst die ganze Kraft und Geschmeidigkeit
+ihres K&ouml;rpers! Und jetzt blitzte das irische Blut auf!
+Das war sie! Der Bruder dr&auml;ngte sich weiter vor; es
+war, als versage ihm der Atem. Ihm war, als ob alles
+nur auf diese beiden starrte, die sich bald rechts-, bald
+linksherumschwenkten, bald auf einem Fleck wirbelnd,
+bald den ganzen Saal umkreisend. Kein neues Paar
+kam hinzu; alle schauten und schauten, und nach und
+nach hielten die meisten der T&auml;nzer inne; sie wollten
+zusehen. Der Kavallerist hatte nur den einen Fehler,
+da&szlig; er nicht gr&ouml;&szlig;er war als seine Dame; aber er war ein
+kraftvoller, m&auml;nnlicher Kerl, der vorz&uuml;glich f&uuml;hrte. Der
+Tanz war diesen beiden kerngesunden Menschen Leiden<a class="page" name="Page_208" id ="Page_208" title="208"></a>schaft
+und Rausch; das sah man. Und wie ein Rausch
+wirkte es auch. Kallem konnte nicht widerstehen; auch
+er mu&szlig;te tanzen &mdash; und zwar mit ihr &mdash; und auf der
+Stelle! Als sie das n&auml;chstemal in einem gl&auml;nzenden
+Bogen vorbeikamen, sah er sie an &mdash; sah sie so an, da&szlig;
+er wu&szlig;te, sie <em class="gesperrt">mu&szlig;te</em> dahin blicken, wo er stand. Und
+so war es auch. Als ob jemand sie umfa&szlig;t und zum
+Stehen gebracht h&auml;tte, stand sie still. "Vielen Dank!"
+sagte sie zu ihrem Herrn. Und schon war auch der Bruder
+an ihrer Seite; ebenso schnell aber auch ihre Freundin
+Lilli Bing. "Komm, setz' Dich zu mir!" sagte sie, und
+gleich darauf, zu Kallem gewandt: "Wie nett von
+Ihnen, da&szlig; Sie gekommen sind!" &mdash; "Ich habe zu
+danken &mdash; f&uuml;r die Einladung!" erwiderte er sich an beide
+wendend. "Aber ich hab' eine solche Lust, mit Dir zu
+tanzen, Josefine &mdash;" er zog seine Handschuhe an &mdash; "Sie
+gestatten?" Und er verbeugte sich vor dem Leutnant,
+der sich h&ouml;flich wieder verbeugte. "Hast Du auch
+Lust?" wandte er sich zu Josefine. Sie war vom raschen
+Tanzen au&szlig;er Atem; aber ihre dunkeln Augen strahlten.
+"Ja!" antwortete sie leise. Der Saal hatte sich inzwischen
+wieder mit T&auml;nzern gef&uuml;llt; deshalb warteten sie ein
+Weilchen. Aber als das Gedr&auml;nge nicht abnehmen
+wollte, umfa&szlig;te er sie, um zu beginnen. "Es geht
+nicht!" fl&uuml;sterte sie. "Doch es geht!" sagte er und
+schwenkte sie an den andern vor&uuml;ber, ohne anzusto&szlig;en,
+ohne sich aufhalten zu lassen; wurde es gef&auml;hrlich, so
+trug er sie mehr, als da&szlig; er sie f&uuml;hrte. Aber bald merkte
+er, wie unn&ouml;tig das war; sie bog sich und schmiegte sich
+in seinem Arm dem leisesten Druck. Sie waren sich
+nicht so gleich, da&szlig; es "klebrig" wirkte, und doch auch
+nicht so ungleich, da&szlig; es abstie&szlig;; sie wurden sich gegenseitig
+interessant und genossen diesen Augenblick der Vers&ouml;hnung
+vor neuem Kampf. Ab und zu sahen sie einander an,
+immer gleichzeitig &mdash; er sehr rot, sie sehr bleich.</p>
+
+<p>Jetzt strahlten die Lampen hell, die Musik war heiter,
+die Menschen fr&ouml;hlich und nat&uuml;rlich, der Ballsaal
+pr&auml;chtig! Sie hatten nicht miteinander getanzt, seit er Ball<a class="page" name="Page_209" id ="Page_209" title="209"></a>l&ouml;we
+und sie ein unausstehlicher Backfisch war, mit dem
+er aus Gnade ein paarmal herumwalzte. Aber in Haltung,
+Rhythmus, in ihrer ganzen Art zu tanzen waren sie wie
+aufeinander eingespielt; sie tanzten so leicht &mdash; sie waren
+gl&uuml;cklich. W&auml;hrend sie sich umfangen hielten, konnten
+sich ihre Gedanken nicht voneinander l&ouml;sen; sie hatten
+sich ineinander verschlungen. Sie geh&ouml;rten zueinander
+in starkem Naturzusammenhang, nun sie bis auf den
+Urgrund der Natur gedrungen waren. Und weil das,
+was sie gemeinsam erlebt hatten, eigentlich in ihrer
+Kindheit lag, in einem fernen Land, so fl&uuml;chteten sie
+beide dorthin. In die brennendhei&szlig;e Luft, Seite an
+Seite auf ihren kleinen Ponys, zwischen ihnen der wunderliche
+Vater; er war so sch&ouml;n zu Pferde!</p>
+
+<p>Der Bruder, der die Schwester &uuml;berragte, blickte
+hinab auf ihre breite Kopfform; daran erkannte er den
+Vater wieder. Sie dachte ebenfalls an den Vater, w&auml;hrend
+sie in sein scharfgeschnittenes Gesicht emporblickte;
+und trotzdem &auml;hnelte er der Mutter, mehr als sie. Sie
+erkannte im Bruder das G&uuml;tige und Kluge der Mutter,
+wenn auch die Gewitterz&uuml;ge des Vaters dazwischen
+kreuzten. Sie h&auml;tte sich an ihn schmiegen m&ouml;gen wie
+an ihre Mutter, in dem Gef&uuml;hl tiefster Geborgenheit &mdash; wie
+an jenem letzten Abend in ihrer Fjordstadt. Und
+eine gr&ouml;&szlig;ere Sehnsucht kannte sie nicht auf Erden.</p>
+
+<p>Da h&ouml;rte die Musik auf.</p>
+
+<p>Arm in Arm gingen sie zu dem Platz zur&uuml;ck, den Lilli
+ihr angeboten hatte &mdash; voll W&auml;rme und Dankbarkeit.
+Sie trafen dort Lilli und den Kavallerieleutnant &mdash; sie
+in ihrer &Uuml;ppigkeit ganz au&szlig;er Rand und Band, er, wie
+immer, korrekt und ehrerbietig.</p>
+
+<p>Bald darauf war Kallem in &Uuml;berzieher und Seehundsstiefeln,
+die H&auml;nde tief in die weiten Taschen vergraben,
+wieder drau&szlig;en im Schneegest&ouml;ber.</p>
+
+<p>Entweder h&auml;tten die beiden Geschwister jetzt allein
+sein m&uuml;ssen, oder er mu&szlig;te gehen. Es hatte ihn zu
+gewaltig gepackt. Er hatte sie unendlich lieb, und
+sie ihn vielleicht noch mehr. In solchen Augenblicken<a class="page" name="Page_210" id ="Page_210" title="210"></a>
+&mdash; wenn ihr Wesen sich ganz mit dem seinen verschmolz,
+da formte es sich so, wie es wollte und konnte; f&uuml;r gew&ouml;hnlich
+hielt etwas sie gebunden; das Christentum
+war es kaum &mdash; was aber war es? Sie tat alles, was sie
+wollte, bis zur R&uuml;cksichtslosigkeit; und dennoch war sie
+gebundener als die meisten.</p>
+
+<p>Es schneite und schneite; die Luft war mondhell,
+trotzdem man den Mond nicht sah. Und vor sich in
+der Luft sah er seine Schwester, barhaupt, mit nackten
+Armen, mit Glutaugen, und in der Ferne Musik!</p>
+
+<p>Als er aber in sein wei&szlig;es Schlafzimmer trat, in dem
+das aufmerksame M&auml;dchen eingeheizt hatte, da sah er
+die droben im Walddorf tanzen &mdash; Ragni, getragen von
+einem dicken Waldbesitzer, da&szlig; sie den Boden kaum mit
+den &auml;u&szlig;ersten Zehenspitzen ber&uuml;hrte; &mdash; sie wirbelte
+mit den kleinen Kindern im Kreis herum, sie h&uuml;pfte
+mit dem "Birkhahn" oder einem schneidigen Jungen
+aus der Hauptstadt davon; er sah ihre Gl&uuml;ckseligkeit
+nach jedem Tanz, er h&ouml;rte ihr: "Nein, wie ich mich
+am&uuml;siere, Edvard!" &mdash; und damit schlief er ein.</p>
+
+<p>Und am andern Tag &mdash; er hatte eben sein einsames
+Mittagessen beendet und war gewohnheitsm&auml;&szlig;ig in die
+Wohnstube gegangen &mdash; denn da pflegte Ragni ihm
+vorzuspielen &mdash; da &ouml;ffnete sich die T&uuml;r und &mdash; er traute
+seinen eigenen Augen kaum &mdash; ja, wirklich, in dieser
+Pelzvermummung steckte Ragni! Er rief sie herbei, so,
+wie sie war, wei&szlig; und rosig und mollig und z&auml;rtlich &mdash; und
+hob sie in die H&ouml;he.</p>
+
+<p>"Ach nein," sagte sie, als sie ein Weilchen nachher
+friedlich beisammensa&szlig;en &mdash; "wei&szlig;t Du, es war doch
+immer wieder dasselbe, und dann &mdash; ich hatte Sehnsucht." &mdash; "Du
+hast eine schiefe Nase!" &mdash; "Und Du &mdash; na,
+warte nur &mdash; auf dem Ball bist Du gewesen!" &mdash; "Du
+hast eine schiefe Nase!" &mdash; "Das sieht man fast
+gar nicht. Du, aber wei&szlig;t Du &mdash; Karl ist gar nicht
+immer lieb. Das will ich Dir nur sagen!" &mdash; "Karl?" &mdash; "Gegen
+mich, ja! Gegen mich ist er riesig nett &mdash; man
+kann sich gar nicht vorstellen, wie nett. Aber gegen<a class="page" name="Page_211" id ="Page_211" title="211"></a>
+meine Geschwister ist er ganz anders &mdash; heftig &mdash; furchtbar
+heftig, und launisch, ein Starrkopf." &mdash; "O, das
+kann ich mir ganz gut denken." &mdash; "Und wei&szlig;t auch
+Du, warum ich abgereist bin? Wir wollen einmal allein
+sein. Nicht? Wir haben ihn ja immer um uns." &mdash;
+"Du lieber Gott &mdash; hast Du <em class="gesperrt">den</em> nun <em class="gesperrt">auch</em> schon wieder
+satt?" &mdash; "Das hab' ich doch gar nicht gesagt; aber so
+immer um einen &mdash; &mdash; &mdash; das wird &mdash;" &mdash; "Langweilig?"<br />
+<span style="margin-left: 0.5em;">&mdash; "Na ja, meinetwegen langweilig; aber es</span><br />
+ist so. Ich bin gr&auml;&szlig;lich, ich wei&szlig;! Du, und um noch
+was m&ouml;cht' ich Dich bitten; aber sei gut und sag' nicht
+gleich &Auml;sthetiker!" &mdash; "Nun, und &mdash;?" &mdash; "Sag'
+Kristen Larssen nicht, da&szlig; ich wieder da bin! Bitte,
+bitte nicht! Wir wollen einmal ganz ungest&ouml;rt sein,
+ja?" &mdash; "Aber ich hab' eben jetzt ein paar Kinder,
+die &mdash; &mdash;" &mdash; "Nein, nein! Auch keine Kinder! Ach
+nein!" Und sie fing zu weinen an.</p>
+
+<p>"Aber liebste, s&uuml;&szlig;este Ragni &mdash;!" &mdash; "Ach Gott,
+ich wei&szlig; ja, es ist schrecklich egoistisch; aber ich <em class="gesperrt">kann</em>
+ganz einfach nicht! Ich bin f&uuml;r so was nicht geschaffen!"</p>
+
+<p>Eine Weile sp&auml;ter sang der Fl&uuml;gel in seinen vollsten
+Akkorden die Jubelhymne ihrer Heimkehr! Die Geister
+der Sch&ouml;nheit nahmen Besitz vom Haus. Sie flogen aufs
+Dach, zu den Fenstern und T&uuml;ren hinaus, ins Schlafzimmer
+hinauf, in die K&uuml;che, ins Studierzimmer hin&uuml;ber.
+Sie sangen, sangen, sangen, da&szlig; die Tuberkelbazillen,
+die der Doktor eben untersuchte, geradenwegs lostanzten
+auf das, was sie vernichten sollte; sie sangen die K&uuml;chent&uuml;r
+auf, da&szlig; der ganze Aufwaschtisch tanzte und der
+Kaffeekessel &uuml;berkochte; und das neue Kleid, das Sigrid
+zu Weihnachten von Frau Doktor bekommen hatte,
+fix und fertig, mit Sammetbesatz und Jakett, mit
+Schn&uuml;ren und Quasten besetzt, hoch oben auf dem
+Dachboden, zu alleroberst im ganzen Haus, auf Ballgedanken
+verfiel.</p>
+
+
+<h3><a class="page" name="Page_212" id ="Page_212" title="212"></a>8</h3>
+
+<p>Tags darauf kam Kallem von Sissel Aune, der Waschfrau.
+Er hatte sich &uuml;ber den Mann ge&auml;rgert, der in
+&uuml;berm&auml;&szlig;iger Freude seine Geige hatte herrichten lassen
+und jetzt bei allen m&ouml;glichen Gelagen aufspielte und
+sich volltrank. Er wollte mit ihm denselben Versuch
+machen wie mit S&ouml;ren Pedersen und Aase, und ging
+deshalb zu ihnen, um mit ihrer Hilfe dem lyrischen
+Aune beizukommen. Aber er fand die "Gattin Aase"
+allein im Laden, wo sie eben einem von Sissels Kindern
+auf einen Sattel half; vier hatte sie bei sich im Laden,
+das f&uuml;nfte lag daneben in der Stube. S&ouml;ren Pedersen
+sei nicht zu Hause, er sei bei Kristen Larssen, der krank
+sei. Kristen Larssen? &mdash; Ja, er habe f&uuml;rchterliches Erbrechen
+gehabt, zuletzt das reine Blut; aber dem Doktor
+wolle er nichts sagen. Kallem wollte sofort zu ihm, aber
+erst wollte er noch einen kleinen Beitrag zum Unterhalt
+der Kinder geben; das wurde jedoch nicht angenommen.
+Aase hatte heute zwei S&auml;ttel und eine Sprungfedermatratze
+verkauft; eine Nichte von ihr arbeitete jetzt
+mit in der Werkstatt; eine Frau, die ebenfalls Aase hie&szlig;;
+um die zwei voneinander zu unterscheiden, nannte
+S&ouml;ren die Nichte: "Aases Aase".</p>
+
+<p>Kallem fand Kristen Larssen im Bett. In seinen langbehaarten
+Fingern hielt er eine Arbeit; S&ouml;ren Pedersen
+las ihm vor. In der Ecke zwischen Fenster und Tisch,
+ganz eingeklemmt in einen Winkel, sa&szlig; die Frau und
+strickte; das Kopftuch hatte sie so tief hereingezogen,
+da&szlig; das Gesicht ganz im Schatten lag. Eine entsetzlich
+schlechte Luft war in der Stube. Als Kallem den Kranken
+sah, erschrak er; noch schmutzig-grauer, noch hagerer
+als sonst sah er aus. "Haben Sie etwas Fettes gegessen
+in den Weihnachtstagen?" &mdash; "Hm ... S&uuml;lze haben
+wir gehabt." &mdash; "Haben Sie schon fr&uuml;her solche Anf&auml;lle
+gehabt?" &mdash; "O ja ... ab und zu." &mdash; "Aber nicht so
+schlimm, wie diesmal!" sagte sie, und strickte. &mdash; "Haben
+Sie Schmerzen jetzt?" &mdash; "Jetzt nicht. Aber<a class="page" name="Page_213" id ="Page_213" title="213"></a>
+manchmal ..." &mdash; "Unter der Brust und im Magen?" &mdash;
+"Ja." &mdash; "Und die Schmerzen kommen h&auml;ufig wieder?"
+&mdash; "O ja." &mdash; "Mit jedem Tag &ouml;fter!" sagte die Stimme
+aus der Ecke. Kallem begann sofort mit der Untersuchung
+und fand in der Magengrube eine Geschwulst
+von der Gr&ouml;&szlig;e einer Wallnu&szlig;. Kristen Larssen wu&szlig;te
+schon lange davon. &mdash; "Ist sie gewachsen?" &mdash; "O ja." &mdash;
+"Jeden Tag mehr!" sagte die Stimme in der Ecke.
+Kallem ward es hei&szlig; und hei&szlig;er. Weshalb hatte er sich
+bei Larssens abweisender Art beruhigt? Die Augen der
+Frau folgten ihm &mdash; ihre Stricknadeln gingen immer
+langsamer &mdash; es war, als erstarre sie nach und nach;
+der Doktor versuchte, seine ruhige Miene zu bewahren;
+aber sie lie&szlig; sich nicht t&auml;uschen &mdash; er merkte es. Und
+Kristen Larssens kalte Augen folgten ihm &mdash; forschend.
+Kallem hie&szlig; sie die Herdklappe &ouml;ffnen und sie offen
+lassen &mdash; Tag und Nacht &mdash; wieviel Holz es auch kostete.
+S&ouml;ren Pedersen stand auf, voller Eifer, und &ouml;ffnete das
+Ventil. Kristen Larssen und seine Frau verfolgten sein
+Tun mit mi&szlig;billigenden Blicken; <em class="gesperrt">sein</em> Holz war es
+freilich nicht! Um Zeit und Ruhe zu gewinnen, bl&auml;tterte
+Kallem in den B&uuml;chern, die herumlagen. Es waren seine
+eigenen englischen, und ein Buch &uuml;ber Mechanik. Dann
+sah er das Schiffchen an, das der Kranke zwischen den
+Fingern hielt. "Was ist denn das?" Und S&ouml;ren Pedersen
+erkl&auml;rte, es sei eine Verbesserung der von Kristen Larssen
+erfundenen Strickmaschine. Und w&auml;hrend er das erkl&auml;rte,
+handhabten Larssens Finger die R&auml;der und
+Nadeln so zart, so behende, da&szlig; seine ganze Gedankenkraft,
+seine ganze Liebe zur Sache dabei deutlich zum
+Vorschein kam.</p>
+
+<p>Die ganze Stube, die Arbeitsbank, der Fu&szlig;boden,
+der Tisch &mdash; alles lag wieder voll von Sachen, die neu
+hergerichtet werden sollten &mdash; Gewehre, Uhren, N&auml;hmaschinen,
+Kaffeem&uuml;hlen, Schl&ouml;sser, zerbrochene Werkzeuge.
+Kallems Revolver lag neben dem Kasten, und
+Kallem h&ouml;rte, das sei das einzige, was Larssen &uuml;ber
+die Weihnachtszeit fertiggemacht habe. W&auml;hrend S&ouml;ren<a class="page" name="Page_214" id ="Page_214" title="214"></a>
+Pedersens Wortschwall hatte Kallem &uuml;berlegen k&ouml;nnen;
+jetzt wu&szlig;te er, wie er's anzugreifen hatte. Er sprach
+von Di&auml;t und schmerzstillenden Mitteln und forderte
+dann S&ouml;ren Pedersen auf, mitzukommen.</p>
+
+<p>Sowie sie auf der Stra&szlig;e waren, sagte ihm Kallem,
+da&szlig; es mit Kristen Larssen zu Ende gehe. Es sei ohne
+Zweifel ein weitvorgeschrittener Magenkrebs.</p>
+
+<p>Die selbstzufriedene Pfiffigkeit in S&ouml;ren Pedersens
+runder, gl&auml;nzender Fratze stahl sich pl&ouml;tzlich auf allerhand
+Schleichwegen fort; das Gesicht blieb ganz leer &mdash; mit
+offenen T&uuml;ren und Fenstern &mdash; zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>"Ich werde Ihnen bald Bestimmtes sagen; und dann
+m&uuml;ssen Sie, der ihn besser kennt als ich, es ihm sagen."
+Aune, &uuml;ber die er eigentlich hatte sprechen wollen,
+verga&szlig; Kallem ganz und gar.</p>
+
+<p>Innerhalb weniger Tage wu&szlig;te die ganze Stadt, da&szlig;
+der Tausendk&uuml;nstler Kristen Larssen an Magenkrebs
+hoffnungslos darniederlag; sogar ins Blatt kam es. Er
+wurde darin als "ein in der ganzen Umgegend wohlbekannter
+Mechaniker und Erfinder" erw&auml;hnt. Kein Haus,
+in das Kallem kam, kein Bekannter, den er auf der
+Stra&szlig;e traf, ohne da&szlig; man sich nach Kristen Larssen
+erkundigt h&auml;tte. Das n&auml;chste Mal, als er den Kranken
+besuchte, &mdash; nachdem S&ouml;ren Pedersen sich seiner Mission
+entledigt hatte &mdash; wurde die Sache mit keinem Wort erw&auml;hnt.
+Larssen lag da, wie immer, zwischen den Fingern
+seine Erfindung &mdash; ein bi&szlig;chen matt, nach einem f&uuml;rchterlichen
+Anfall von Schmerzen. Der Bart war gewachsen;
+er sah abschreckend h&auml;&szlig;lich aus. Die Frau
+strickte; nur da&szlig; sie ein bi&szlig;chen n&auml;her am Bett sa&szlig;. Die
+englischen B&uuml;cher lagen nicht mehr da; und das war das
+einzige &auml;u&szlig;ere Zeichen, da&szlig; die Zukunft aufgegeben war.</p>
+
+<p>Kallem ging von da zu S&ouml;ren Pedersen, der ihm erz&auml;hlte,
+der fr&uuml;here Hausmeister des Krankenhauses sei
+bei Larssen gewesen und habe versucht, ihn zu bekehren;
+damit er doch nicht geradenwegs in die H&ouml;lle
+k&auml;me. Larssen hatte blo&szlig; geantwortet, man m&ouml;ge ihn
+doch nicht aufhalten; er habe eben eine Arbeit vor, die<a class="page" name="Page_215" id ="Page_215" title="215"></a>
+beinahe fertig sei. Dann war der Pastor gekommen;
+der ging taktvoller und behutsamer zu Werke; aber
+vielleicht gerade darum hatte Larssen diesmal die Geduld
+verloren; seine aufgespeicherte Bitterkeit machte sich
+in flammenden Worten Luft, und die Frau mit dem
+vorgezogenen Kopftuch und den ewigen Stricknadeln
+hatte sich dicht neben die T&uuml;r gestellt. Der Pastor hatte
+verstanden &mdash; und entfernte sich geduldig; seit der Geschichte
+mit Maurer Andersen war er nicht mehr der
+Alte. In der Gemeinde freilich erregte das verschiedentlich
+&Auml;rgernis.</p>
+
+<p>Nach einer Sitzung im J&uuml;nglingsverein versammelte
+sich der J&uuml;nglingschor vor Kristen Larssens Haus und
+stimmte ged&auml;mpft einen Choral an. Andere kamen
+dazu, in aller Stille. Es traf sich, da&szlig; der Kranke eben
+einen Anfall hatte. Er sagte, es sei, als ob Tausende von
+Stecknadeln ihn unabl&auml;ssig st&auml;chen &mdash; und bei seinen
+Leiden reizte der Gesang ihn so, da&szlig; Kallem einschreiten
+und alle derartigen Demonstrationen untersagen mu&szlig;te.
+Zwei Laienprediger, der ehemalige Hausmeister und
+noch einer suchten den Doktor im Krankenhaus auf und
+erkl&auml;rten, wie alles blo&szlig; in bester Absicht geschehen sei,
+und wie man doch unm&ouml;glich einem Sterbenden Gottes
+Wort vorenthalten d&uuml;rfe. Kallem wurde heftig und antwortete
+grob.</p>
+
+<p>Als er abends zur gew&ouml;hnlichen Zeit bei Kristen
+Larssen war, glaubte er ganz bestimmt, durch das
+Fenster ein Gesicht hereinschauen zu sehen. Der Kranke
+fragte eben, wie lange er &uuml;berhaupt noch zu leben habe,
+und ob die Schmerzen immer zunehmen w&uuml;rden. Und
+Kallem k&uuml;mmerte sich darum weiter nicht um die Sache
+drau&szlig;en; er bat nur, man m&ouml;chte die Fenster verh&auml;ngen.
+Er erwog, ob er Larssen die reine Wahrheit sagen k&ouml;nne,
+und kam zum Schlu&szlig;: ja, es ist das beste. Also erkl&auml;rte
+er ihm, es k&ouml;nne noch zwei bis drei Monate dauern &mdash;
+die Schmerzen w&uuml;rden sich immer h&auml;ufiger einstellen &mdash;
+wenn auch nicht alle Tage gleich oft und gleich heftig.
+Die Frau h&ouml;rte es mit an.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_216" id ="Page_216" title="216"></a>Niemand war am Fenster, als Kallem herauskam; aber
+auf der Stra&szlig;e &mdash; in einiger Entfernung &mdash; ging eine
+Dame, langsam, als warte sie auf jemand. Als sie ihn
+erblickte, kam sie sogleich auf ihn zu. Es war seine
+Schwester. "Hast Du vorhin bei Kristen Larssen zum
+Fenster hereingesehen?" &mdash; "Ich &mdash;," und er sah, wie
+ihr Gesicht rot wurde unter der Kapuze &mdash; "ich bin
+nicht der Mensch, der andern in die Fenster sieht!" &mdash;
+"Entschuldige! Aber ich hab' wirklich jemand vor dem
+Fenster gesehen. Und Du wei&szlig;t, wer es war?" &mdash; "Ja.
+Aber ich bin gekommen, um mit Dir zu sprechen,
+Edvard. Ich wei&szlig;, wann Du gew&ouml;hnlich hier bist." &mdash; "Was
+soll ich?" Und nun erst bemerkte er, da&szlig; sie in
+voller Aufregung war.</p>
+
+<p>"Ist es wahr, da&szlig; Du gesagt hast, Du n&auml;hmest die
+Verantwortung auf Dich, wenn Larssen in die H&ouml;lle
+komme?" &mdash; "Ich glaube &uuml;berhaupt an keine H&ouml;lle!" &mdash; "Und
+das hast Du ausgesprochen?" &mdash; "Ich wei&szlig; nicht.
+Ich glaube nicht." &mdash; "Es gibt n&auml;mlich Menschen, die
+sind anderer Ansicht als Du, und die sind emp&ouml;rt &uuml;ber
+derartige Ausspr&uuml;che. Durch dergleichen verlierst Du
+alles, was Du Dir hier erarbeitet hast; das kann ich Dir
+nur sagen." &mdash; Kallem kannte sie so ganz wieder in diesen
+Worten. "Ja, nat&uuml;rlich ist es dumm, so etwas auszusprechen.
+Aber ist es nicht ebenso verr&uuml;ckt, einen Mann
+wie Kristen Larssen so zu plagen! Solang er noch bei
+Verstand ist, bestimmt niemand ihn, an eine H&ouml;lle zu
+glauben. Also sollen sie ihn doch in Ruhe lassen!" &mdash;
+"<em class="gesperrt">Das</em> verlangen sie doch auch gar nicht von ihm!" &mdash;
+"So? Und was denn?" &mdash; "Das wei&szlig;t Du so gut wie
+ich, Edvard. Und ich bitte Dich um Deiner selbst
+willen &mdash; verh&ouml;hne nicht ernste und wohlmeinende
+Menschen!" &mdash; "Ich habe nicht h&ouml;hnen wollen. Ich
+sage blo&szlig; &mdash; sie k&ouml;nnen sich und ihm die M&uuml;he sparen." &mdash; "Ist
+er denn so kalt?" &mdash; "Kalt oder warm &mdash; das
+kommt lediglich auf die Veranlassung an, und darauf,
+wie ein Mensch sein Leben gelebt hat!" &mdash; "Aber der
+Mensch kann sich eine Seelenk&auml;lte anleben; und ganz<a class="page" name="Page_217" id ="Page_217" title="217"></a>
+gewi&szlig; &mdash; so ist es bei ihm gewesen!" &mdash; "Vielleicht.
+Aber ich kenne jemand, der recht warm ist, und der
+doch genau so denkt wie Kristen Larssen. Also das ist
+es nicht!" &mdash; "Ja, was ist es dann?" &mdash; "Tausenderlei.
+Die, die ich meine, denkt fast immer in Bildern, und
+seitdem sie einmal ein uraltes Bild der Dreieinigkeit
+gesehen hat &mdash; ein m&auml;chtiger K&ouml;rper mit drei K&ouml;pfen
+darauf &mdash; und h&ouml;rte, da&szlig; der Kopf in der Mitte der Sohn
+der beiden an der Seite &mdash; Vater und Mutter &mdash; sei
+(Du wei&szlig;t doch, der heilige Geist war im Anfang weiblichen
+Geschlechts &mdash;) konnte sie nicht mehr an die
+Dreieinigkeit glauben. Sie lachte dar&uuml;ber. Und wie
+gesagt &mdash; sie ist recht warm!" &mdash; "Pfui!" stie&szlig; Josefine
+in tiefstem Zorn heraus; "warm mag sie ja sein; aber
+jedenfalls ist sie <em class="gesperrt">unrein</em>!" &mdash; Kallem f&uuml;hlte im Herzen
+einen Stich; das ging auf Ragni! Die Schwester war
+b&ouml;se und sah b&ouml;se aus, wie in ihren Backfischtagen! Und
+sofort wurde er auch wieder der Junge von damals:
+klatsch! Da hatte sie eine Ohrfeige! Sie traf nur die
+Kapuze; aber sie kam von Herzen.</p>
+
+<p>Mit blitzenden Augen sprang sie auf ihn los, wie in
+den Tagen, als sie sich noch pr&uuml;gelten. "Ich glaube
+beinah, Du", &mdash; zischte sie! Und spr&uuml;hte vor Hohn und
+Wut. &mdash; &mdash; Und wandte sich voll Verachtung ab &mdash; und
+ging.</p>
+
+<p>Ob jemand sie beide gesehen hatte? Sie waren allein
+auf der Stra&szlig;e. Aber er empfand eine unbestimmte
+Angst. Vielleicht mu&szlig;te Ragni es entgelten!</p>
+
+<p>Das Wort "unrein" in Josefines Mund &mdash; meinte
+Kallem &mdash; sei auf die Vergangenheit gem&uuml;nzt. Und
+darum war er emp&ouml;rt. Wieviel gr&ouml;&szlig;er w&auml;re erst seine
+Emp&ouml;rung gewesen, wenn er gewu&szlig;t h&auml;tte, da&szlig; es
+eigentlich auf die Gegenwart ging? Da&szlig; Pastors sich
+nach ihrer Heimkehr zur&uuml;ckhielten, hatte auch darin
+seinen Grund, da&szlig; der Gottesl&auml;sterer Larssen Liebkind
+war in Kallems Haus, da&szlig; Ragni Englisch mit ihm trieb,
+da&szlig; Kallem wie ein Kamerad mit ihm verkehrte. Kristen
+Larssen war f&uuml;r den gr&ouml;&szlig;ten Teil der Gemeinde eine<a class="page" name="Page_218" id ="Page_218" title="218"></a>
+Art Teufel, und wenn diese Ank&ouml;mmlinge, Mann und
+Frau, Gemeinschaft hielten mit ihm (wie fr&uuml;her mit
+S&ouml;ren Pedersen und seiner Frau) &mdash; so war das eine Herausforderung.
+Kurz darauf war Karl Meek ins Haus
+gekommen, und seitdem sah man Ragni nie anders als
+in seiner Begleitung. Schlie&szlig;lich reisten sie sogar zusammen
+in das Walddorf hinauf &mdash; so viel war gar nicht
+einmal n&ouml;tig, wo es sich um eine geschiedene Frau
+handelte, die "freie" Ansichten hatte und schon einmal
+beim Ehebruch ertappt worden war.</p>
+
+<p>Josefine war in der aufrichtigen Absicht gekommen,
+ihren Bruder zu warnen. H&auml;tte sie in Ruhe sprechen
+k&ouml;nnen, so h&auml;tte sie ihm das alles gesagt; sie war unerschrocken,
+und sie hatte ihn lieb. Jetzt ging sie mit
+dem Brandmal seiner Verachtung nach Hause zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Und nun brach ihre zur&uuml;ckgedr&auml;ngte Leidenschaft sich
+Bahn; zuerst in bitterem Ha&szlig; auf die Leute, die Bruder
+und Schwester auseinandergebracht hatte, allm&auml;hlich aber
+auf alles, was zwischen ihnen stand: Maurer Andersens
+Tod &mdash; je tiefer er ihren Gatten bewegte, desto sch&auml;rfer
+trat der Gegensatz zwischen ihnen zutage, und das zur
+ung&uuml;nstigsten Zeit. Alles, dessen Tuft sich selbst anklagte,
+waren ja Zugest&auml;ndnisse, die er <em class="gesperrt">ihr</em> gemacht
+hatte; und gerade jetzt wollte er damit aufr&auml;umen.
+Schlimmer konnt' es sich gar nicht treffen.</p>
+
+<p>Im Haus nebenan wohnte eine vertrocknete Alte, des
+Pastors Mutter; sie lebte in st&auml;ndigem Protest gegen
+das Vorderhaus. Nie setzte sie einen Fu&szlig; &uuml;ber die
+Schwelle, wenn Besuch da war, auch sonst nur selten,
+au&szlig;er zu den Hausandachten und an kirchlichen Festtagen
+zum Mittagessen. Das ganze Wesen der Schwiegertochter,
+ihr Tanzen, ihre Toilette, ihre Freundinnen
+waren ihr ein &Auml;rgernis, &mdash; des Pastors st&auml;ndiges Werben
+um sie ein Frevel. Der kleine Junge wurde ihr Spion.
+An einem Sommertag hatte Josefine auf der andern
+Seite der offenen T&uuml;r gesessen und geh&ouml;rt, wie sie ihn
+ausfragte, wer am Tag vorher dagewesen sei, was sie
+gegessen h&auml;tten, ob sie Wein getrunken h&auml;tten und wie<a class="page" name="Page_219" id ="Page_219" title="219"></a>vielerlei
+Sorten. "Gro&szlig;mutter hat gefragt, ob Mutter
+heut schon wieder aus ist!" sagte er ein andermal.
+"Und sie hat gefragt, was Vater zu Mutter sagt, wenn
+Mutter nach Hause kommt, und ob Vater oben bei
+uns geschlafen hat!"</p>
+
+<p>Josefine ertrug das mit Ruhe. Aber da&szlig; sie wu&szlig;te &mdash;
+hinter den christlichen Ermahnungen des Pastors steckte
+die Schwiegermutter, &mdash; das machte sie nicht gerade
+nachgiebiger. Sie gedachte ihr Leben zu f&uuml;hren, wie
+es ihr pa&szlig;te &mdash; mochte er dasselbe tun.</p>
+
+<p>F&uuml;r ihn war es immer derselbe Kampf, von Jugend
+an, von der Zeit, da er um ihretwillen den Missionsgedanken
+aufgegeben hatte; und immer mit demselben
+Ausgang: er unterlag seiner Verliebtheit. Nicht da&szlig;
+sie ihn dazu verlockt h&auml;tte &mdash; im Gegenteil! Wenn sie
+ihn bisweilen genug hatte &mdash; sie hatte immer rasch alles
+genug &mdash; starke Str&ouml;mungen gingen in ihr &mdash; dann
+erschien sie ihm am sch&ouml;nsten, am begehrenswertesten,
+wie die Frauen der alten Sagazeit. Dann vermochte er
+nicht zu widerstehen.</p>
+
+<p>Aber die gro&szlig;e Aufgabe, vor die Gott ihn am Krankenbett
+seines Freundes gestellt hatte, die zeigte ihm, was
+er in seinem Leben vers&auml;umt hatte. Das war die Frucht
+der Nachgiebigkeit!</p>
+
+<p>Als er in seiner Selbstpr&uuml;fung so weit gekommen war,
+da&szlig; er mit seiner Frau dar&uuml;ber h&auml;tte sprechen k&ouml;nnen &mdash;
+da war <em class="gesperrt">sie</em> stumm &mdash; in ihrem eigenen Kampf. Nach
+dem Schlag, den sie erlitten hatte, war sie sich sofort
+klar &uuml;ber das, was jetzt die Gerechtigkeit erfordere &mdash;
+sich r&auml;chen nannte sie's immer &mdash;, aber bald auch
+dar&uuml;ber, da&szlig; ihr Bruder ihr eigenes unklares Verh&auml;ltnis
+durchschaut hatte. Seit sie mit ihm getanzt hatte,
+wu&szlig;te sie, da&szlig; niemand sie so verstand wie er; seit ihrer
+letzten Begegnung wu&szlig;te sie, da&szlig; er ihre Einmischung
+in Glaubenssachen verachtete; und darin hatte er recht.
+Nie hatte sie endg&uuml;ltig abgerechnet; immer nur sich
+damit begn&uuml;gt, ihres Gatten Glaube und Handeln geachtet
+zu sehen, und selber ihren Frieden zu haben.<a class="page" name="Page_220" id ="Page_220" title="220"></a>
+So konnte es nicht l&auml;nger bleiben; ihres Bruders
+Verachtung ertrug sie nicht.</p>
+
+<p>Im Pastorhause war morgens und abends Andacht;
+dazu kam regelm&auml;&szlig;ig die Gro&szlig;mutter, nach ihr die
+M&auml;dchen und gleich darauf der Pastor. Zur Morgenandacht
+kam Josefine nicht immer, und die Abendandacht
+fiel aus, wenn G&auml;ste da waren. Der Pastor
+sprach zur Einleitung und zum Schlu&szlig; ein Gebet, wie
+es sich eben f&uuml;r die Gelegenheit schickte. In dieser
+Zeit waren diese Gebete lang und inbr&uuml;nstig &mdash; und
+Josefine blieb weg.</p>
+
+<p>Diese feierlichen "Abrechnungen" waren ihr ein
+Greuel &mdash; die &ouml;ffentlichen noch mehr als die privaten.
+Die letzten fanden meist abends statt, wenn es Schlafenszeit
+war, und der Junge zu Bette und die Hausandacht
+beendet war. Wenn Josefine es voraussah, hinauf
+&mdash; zu Bett; da kam er ihr meist nicht nach. Der Boden
+da oben war schl&uuml;pfrig! Aber heut Abend kam er.
+Sie hatte es an den Schritten unten im Studierzimmer
+geh&ouml;rt, und jetzt vernahm sie ihn auf der Treppe.
+Sie riegelte nicht ab, und lie&szlig; die gro&szlig;e Lampe brennen.
+Aber als er drau&szlig;en an die T&uuml;rklinke fa&szlig;te, sagte sie:
+"Du darfst nicht herein." &mdash; "Doch!" &mdash; "Nicht, solang
+ich beim Auskleiden bin!" &mdash; "Ich werde warten." &mdash;
+Er ging wieder hinunter, und sie machte sich langsam
+fertig.</p>
+
+<p>Die Schlafstube lag nach dem Garten zu, &uuml;ber dem
+Studierzimmer; rechts, durch eine Portiere getrennt,
+das Ankleidezimmer, &uuml;ber dem Fremdenzimmer; links
+eine T&uuml;r zur Garderobe. Dicht daneben f&uuml;hrte eine
+Korridortreppe vom Arbeitszimmer herauf. Und da
+h&ouml;rte sie ihn jetzt kommen &mdash; zum zweitenmal &mdash; mit
+festem Schritt. Sie lag schon zu Bett. Die Zimmert&uuml;r
+lag in der Mitte, den Fenstern gegen&uuml;ber; die Betten
+standen rechts von der T&uuml;r; das ihre zun&auml;chst. Der Junge
+schlief auf der andern Seite, nach der Garderobe zu.</p>
+
+<p>Er fragte nicht mehr, ob er eintreten d&uuml;rfe; er &ouml;ffnete
+einfach die T&uuml;r. Sie lag da, in ihrem wei&szlig;en Nachtkleid,<a class="page" name="Page_221" id ="Page_221" title="221"></a>
+das schwarze Haar in einem Knoten, wie immer, den
+Kopf in die linke Hand gest&uuml;tzt, wie auf dem Sprung,
+sich aufzurichten.</p>
+
+<p>Er setzte sich zu ihr auf die Bettkante. Sofort r&uuml;ckte
+sie etwas von ihm ab, als sei ihr die Ber&uuml;hrung unangenehm.
+Er sah finster drein. &mdash; "Josefine, Du weichst
+mir aus. Das ist nicht recht von Dir. Ich brauche Trost
+und Rat. Die alte Pein ist wieder &uuml;ber mir. &mdash; Und
+wir d&uuml;rfen die Abrechnung nicht l&auml;nger hinausschieben!"
+&mdash; Er sah sie an &mdash; voll Schmerz. Sie sah ihn
+an &mdash; stumm. &mdash; "Du wei&szlig;t, was es ist. Ich lebe hier,
+bei Dir in Wohlsein und Genu&szlig; und drau&szlig;en in der
+Gemeinde allgemein verehrt. Aber in einem solchen
+Leben w&auml;chst sich der Gottesmensch nicht zu seiner
+nat&uuml;rlichen Entwicklung aus! Und vor kurzem wurde
+ich gewogen &mdash; und zu leicht befunden!" &mdash; Er barg
+sein Antlitz in den H&auml;nden und sa&szlig; lange ganz still, als
+bete er. "Liebe, liebste Josefine!" Und er blickte auf.
+&mdash; "Hilf mir! Ich mu&szlig; alles anders machen um mich
+her! Ich mu&szlig; mein ganzes Leben anders gestalten!" &mdash;
+"Wieso?" &mdash; "Ach &mdash; ich bin kein Pfarrer, und Du bist
+keine Pfarrersfrau! Wir gehen beide zugrund &mdash; an
+unserem Eigenwillen!" &mdash; "Alle die &mdash; die Versuche,
+die Du machst, Ole, anders zu leben, fangen immer bei
+mir und meinem Haus an! Fang einmal bei Dir selber
+an! Ich bin, wie's mir pa&szlig;t. Sei Du, wie's Dir pa&szlig;t!
+Und unser Haushalt &mdash; nun ja, der ist einfach nicht
+anders, als eine Familie von Geschmack und Verm&ouml;gen
+ihn erfordert; behagt es Dir nicht, so hast Du ja Deine
+eigenen Zimmer; richte Dich ein, wie Du magst.
+W&uuml;nscht Du eine getrennte Lebensweise &mdash; bitte!
+Sag' es nur!" &mdash; "Ach!" erwiderte er, "Du degradierst
+das Ganze zu einem Umzug im Haus oder einem ver&auml;nderten
+K&uuml;chenzettel!" &mdash; "Immer dieselben allgemeinen
+Anklagen! Keinen Pfifferling Respekt hab' ich
+vor ihnen!" &mdash; "Weil Du den geistigen Grund in ihnen
+nicht erfa&szlig;t!" &mdash; Sie wurde bla&szlig;. &mdash; "Soviel ich wei&szlig;",
+sagte sie hart, "pa&szlig;te es <em class="gesperrt">mir</em> nicht, so fleischlich zu sein<a class="page" name="Page_222" id ="Page_222" title="222"></a>
+wie Du. Und damit hat es angefangen!" &mdash; "Das l&auml;ssest
+Du mich jedesmal wieder h&ouml;ren. Aber ich sch&auml;me mich
+nicht, da&szlig; die erste Krise von meiner allzu hei&szlig;en
+fleischlichen Begierde und von Deinem Widerstande
+kam; das hat mich geweckt. Nein, ich sch&auml;me mich
+dessen nicht. Denn als ich die Absicht &auml;u&szlig;erte, einmal
+von Grund aus zu reformieren &mdash;" &mdash; "Hab' ich Dir
+das etwa verboten?" unterbrach sie ihn. "Ja, bei mir
+anzufangen, das hab' ich Dir verboten! Fang bei Dir
+selber an, Ole!" &mdash; Er stand auf. "Du verstehst mich
+nicht! Du verstehst nicht, was Gott von uns will! Ich
+bleibe dabei &mdash; es ist etwas Ungeistliches an Dir, Josefine!
+Nie bist Du aufgegangen in Reue und Gebet!
+Nie hast Du Dich hingegeben in inbr&uuml;nstiger Andacht!
+Du kennst nicht die Sehnsucht nach dem Unendlichen
+&mdash; sondern nur nach dem Irdischen. Den Willen,
+Christin zu sein, hast Du wohl; aber etwas daf&uuml;r tun
+magst Du nicht! &mdash; Du antwortest nicht? M&ouml;chtest
+Du's nicht wenigstens versuchen? Jetzt &mdash; zusammen
+mit mir? Ach, Josefine, wie ich leide &mdash; auch um Deinetwillen!"
+Er setzte sich dem&uuml;tig wieder zu ihr hin.
+"Meinst Du damit, ich solle Dir zu den Zulukaffern
+folgen?" entgegnete sie kalt. &mdash; "Ich meine, wir sollen
+uns gemeinsam in allem Guten vervollkommnen, liebe
+Josefine, dann wird Gott uns weiterhelfen." &mdash; "Leeres
+Geschw&auml;tz versteh' ich nicht!" erwiderte sie. "Sag'
+gerad' heraus, was wir tun sollen!" &mdash; "Wir sollen im
+Glauben an Jesum Christum mit den Geringen und f&uuml;r
+sie leben." &mdash;" Mein lieber Ole, das kann ich besser als
+Du! Du wachst niemals eine Nacht am Krankenbett in
+einem armen Haus; ich tu' es oft. Und ich habe auch
+die 'Gegenseitigkeit' gegr&uuml;ndet" (so nannte sich ein
+Verein von besser situierten Frauen der Stadt, deren
+jede ihre Armen hatte, denen sie Arbeit und Unterst&uuml;tzung
+verschaffte. Josefine war Vorsitzende der Gesellschaft
+und verteilte die Arbeit). &mdash; "Ja," antwortete
+ihr Mann zustimmend, "administratives Talent hast
+Du wie Dein Bruder. Aber darin besteht es nicht <a class="page" name="Page_223" id ="Page_223" title="223"></a>&mdash;
+selbst als gro&szlig;e Dame zu leben und dann und wann
+einmal sich zu den Geringen herabzulassen; nein &mdash;
+man mu&szlig; mitten unter ihnen und ganz f&uuml;r sie leben!"
+&mdash; "Sollen wir das Haus verkaufen? In die Vorstadt
+ziehen? Sag', was Du willst!" &mdash; "Wenn Gott uns
+dazu treibt &mdash; ja! Aber es mu&szlig; in und aus Glauben
+geschehen, um Jesu willen. Sonst hat es keinen Wert."
+&mdash; Sie antwortete mit keiner Silbe.</p>
+
+<p>"Was meinst Du, Josefine? Wollen wir nicht versuchen,
+ein echtes Christenleben zu f&uuml;hren?" Seine
+Augen flehten; seine Hand suchte die ihre: "Josefine!"
+Sie zog ihre Hand weg. "Nein! Du wei&szlig;t ja, ich sehe
+nicht ein, warum ich mir mein eigenes Leben unbehaglich
+machen soll; das w&uuml;rde keinem n&uuml;tzen, und mir
+w&uuml;rde es schaden." &mdash; "Sag' das nicht! Wenn wir es
+nun einmal versuchten? Im Glauben an Jesu miteinander
+ganz daf&uuml;r leben, andern Gutes zu tun?" &mdash;
+"Ach was, Unsinn! Und wenn es Dich auch verletzt &mdash;
+einerlei! Aber da&szlig; ich an Jesus glauben mu&szlig;, um den
+Armen zu helfen, ist Unsinn! Es hilft nichts, ich rede
+wie ich denke." &mdash; "Wenn Du an Jesus <em class="gesperrt">glaubtest</em>, so
+w&uuml;rdest Du den Grund erfassen." &mdash; "Ich habe nie
+gesagt, da&szlig; ich nicht an Jesus glaube." &mdash; "Ach, Josefine,
+das ist kein Glauben! So verstehst Du also nicht
+einmal, was Glauben ist! Diesen schweren Schaden an
+Deiner Seele habe ich zu verantworten! Ich, der jahraus,
+jahrein mit Dir lebt und nichts weiter erreicht hat!"
+Er beugte sich &uuml;ber sie; Tr&auml;nen standen in seinen Augen.
+"Wie herrlich k&ouml;nnten wir miteinander leben, wenn
+Du Dich vor Gott beugen wolltest &mdash; bei den Gaben, die
+Du hast &mdash; und bei meiner Liebe zu Dir!" Er wollte sie
+z&auml;rtlich umfassen. &mdash; "Weg!" sagte sie und setzte sich auf.</p>
+
+<p>Er fuhr auf, wie von einer Natter gestochen. Sie legte
+sich wieder zur&uuml;ck, beide H&auml;nde unter dem Kopf; ihre
+Brust wogte; sie war in vollem Aufruhr. "Ich wei&szlig;
+nicht, ob wir es vor Gott verantworten k&ouml;nnen, unter
+diesen Umst&auml;nden zusammenzubleiben", sagte er. &mdash;
+"Gut! Tu, was Du willst!"</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_224" id ="Page_224" title="224"></a>Er wandte sich ab; er fand es unter seiner W&uuml;rde zu
+antworten. Der Kleine st&ouml;hnte im Schlaf und w&auml;lzte
+sich herum, als beunruhige ihn etwas. Tuft sah ihn an;
+mit halboffenem Mund lag das Kind auf dem einen
+Arm. Tuft kannte diese Stirn, er hatte sie bei seinem
+Vater gesehen, es war auch seine eigene, ebenso das
+Haar, der Bau der kleinen Hand, die Finger, ja sogar
+die Nagelstellung. Aber er sah den Tag kommen, da
+auch der Junge nicht mehr sein eigen sein w&uuml;rde, wenn
+es so weiterging.</p>
+
+<p>"Nein, Josefine, es soll auch nicht so weitergehen!
+Gott helfe uns beiden! Aber fortan ruht der Kampf
+nimmermehr!"</p>
+
+<p>Das Breite und M&auml;chtige in ihm, das hinter der
+Herzensg&uuml;te lag, war am Hervorbrechen; sie f&uuml;hlte es.
+Und auch in ihr quoll es empor. Sie h&ouml;rte ihn im
+Studierzimmer auf- und abgehen, ohne Ruhe, aber auch
+ohne Zweifel. Sie konnte nicht schlafen.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Am Tag, nachdem Kristen Larssen die volle Wahrheit
+&uuml;ber seine Krankheit erfahren hatte, erscho&szlig; er
+sich. Das jagte den Leuten einen furchtbaren Schreck
+ein; etwas Gruseliges ging von ihm aus; man wagte
+kaum, am Haus vorbeizugehen. Es verbreitete sich ein
+Ger&uuml;cht, Kallem habe Larssen seinen Revolver zu
+diesem Zweck &uuml;berlassen; doch wurde das von der Frau
+selbst, von S&ouml;ren Pedersen und durch Kallems eigene
+Aussage widerlegt.</p>
+
+<p>Kristen Larssen hatte sich gedr&uuml;ckt, ohne Ank&uuml;ndigung,
+ohne Dank. Zu seiner Frau hatte er gesagt,
+ein rascher Tod sei f&uuml;r ihn das beste. Aber auch zwischen
+ihnen beiden war nichts weiter besprochen worden,
+keinerlei Abschlu&szlig;, kein Abschied hatte stattgefunden.
+Er hatte sie gebeten, zu S&ouml;ren Pedersen zu gehen, und
+w&auml;hrend der Zeit war er aus dem Bett gekrochen und
+mit der ihm eigenen &uuml;berlegenen Gr&uuml;ndlichkeit hatte er
+die Tat vollbracht.</p>
+
+<p>Das herk&ouml;mmliche Begr&auml;bnis wurde verweigert und<a class="page" name="Page_225" id ="Page_225" title="225"></a>
+eine Ecke an der n&ouml;rdlichen Mauer angewiesen. Dort
+arbeiteten drei M&auml;nner stramm, um ein Grab zu graben.
+Es war ein bitterkalter Tag, der Tag, an dem man ihn
+in die Erde bettete; und es gab Leute, die auch darin
+eine F&uuml;gung Gottes sahen. Zu einer ungew&ouml;hnlichen
+Zeit, n&auml;mlich nachmittags, ohne Glockenl&auml;uten, ohne
+Pfarrer und ohne Gesang wurde Kristen Larssen hinabgesenkt.
+Unter den wenigen, die zugegen waren, fiel
+am meisten Aune auf; er war betrunken und machte
+sich fortw&auml;hrend bemerkbar; dabei war er so d&uuml;nn gekleidet,
+da&szlig; man fror, wenn man den blaugefrorenen
+Kerl nur ansah. S&ouml;ren Pedersen bat ihn mehrere Male,
+sich ruhig zu verhalten; aber vergebens. Von S&ouml;rens
+blankem Gesicht sah man nur die Augen, die Nase und
+etwas von den Backen; das &uuml;brige war von unten durch
+einen m&auml;chtigen, mehrmals um den Hals geschlungenen
+wollenen Schal und von oben durch eine bis in die
+Augen gezogene Pelzm&uuml;tze verdeckt. Die H&auml;nde staken
+in nordl&auml;ndischen Handschuhen, &mdash; einem Paar von
+jenen Ungeheuern, wie sie die Leute dort zum Fischfang
+tragen &mdash; und die F&uuml;&szlig;e in Pelzschlurren. S&ouml;ren Pedersen
+war in die Breite gegangen; der &Uuml;berzieher war
+ihm zu eng geworden; mit diesen Ausw&uuml;chsen sah er wie
+ein Hummer aus. Aase in kurzem Mantel und Baschlik
+hielt sich an der rechten Seite der Witwe, die lang und
+hager dastand, in Finnenschuhen und einem bis an die
+F&uuml;&szlig;e gehenden, oben und unten gleich weiten Sack,
+um den Kopf ein dickes wollenes Umschlagtuch; sie
+hatte es offenbar darauf angelegt, ihr Gesicht zu verbergen.
+Aune schwankte umher und erz&auml;hlte, er habe
+ihr geholfen, ihre Sachen nach der Bahn zu schaffen.
+Jetzt hatte er das Haus abgeschlossen; den Schl&uuml;ssel
+tr&uuml;ge er in der Tasche. Und er zog ihn hervor. Die
+Witwe wollte von hier aus gleich auf den Bahnhof
+und bei Verwandten &mdash; ein paar Meilen von hier &mdash;
+bleiben; sp&auml;ter wollte sie dann weiter nach ihrem Heimatort.
+Au&szlig;er diesen vieren waren nur noch zwei M&auml;nner
+da, die das Grab gegraben hatten; der eine stand auf<a class="page" name="Page_226" id ="Page_226" title="226"></a>
+sein Grabscheit gelehnt, trug Rock und Fausthandschuhe
+und kaute ohne Unterla&szlig; Tabak. Der andere
+hauste hinter einem braunen Bart und war verwachsen
+und trief&auml;ugig.</p>
+
+<p>Etwas abseits an der Mauer war ein festgestampfter
+Schneeh&uuml;gel; Karl Meek und Ragni, die eben zusammen
+anlangten, stellten sich dorthin. Alle warteten auf Kallem,
+dem eine Abhaltung dazwischen gekommen war,
+und der jetzt eilends herbeist&uuml;rzte. Er nahm vor der
+Witwe seine M&uuml;tze ab, die andern gr&uuml;&szlig;ten ihn; dann
+trat er ans Grab. Er wollte gern einige Worte sprechen,
+wartete aber, ob nicht vorher sonst etwas geschehen
+w&uuml;rde. Als nichts geschah, sagte er:</p>
+
+<p>"Ich kenne die Vergangenheit des Mannes, den wir
+hier begraben, nicht; ich kannte auch ihn selbst nicht.
+Er hat in religi&ouml;sen Dingen anders gedacht als die Menschen,
+unter denen er lebte, und er hat daf&uuml;r b&uuml;&szlig;en
+m&uuml;ssen. Sein und seiner Frau Lebensziel war, hin&uuml;berzugelangen
+nach dem freien Amerika." (Bei dem Wort
+Amerika begann hinter den Taschent&uuml;chern ein Keuchen
+und Schneuzen). "Er versuchte, allein Englisch zu lernen;
+das war f&uuml;r ihn, als sch&uuml;fe er sich Fl&uuml;gel damit. Wenn
+ich jedoch dies gesagt und noch hinzugef&uuml;gt habe, da&szlig;
+er der begabteste Mensch war, dem ich hier begegnet bin,
+so habe ich ungef&auml;hr alles gesagt, was ich von ihm wei&szlig;.</p>
+
+<p>Darum will ich auch nicht von denen sein, die ihn
+verurteilen. Oft, wenn wir zusammen waren, hatte ich
+den Eindruck, als ob ihn fr&ouml;re. Die K&auml;lte, die ihn rings
+umgab, war in sein Inneres gedrungen.</p>
+
+<p>Es hat sich so gef&uuml;gt, da&szlig; nur wir f&uuml;nf oder sechs
+ihm Lebewohl sagen. Aber alle, denen seine sinnreiche
+Arbeit von Nutzen war, und besonders alle die Tausende,
+denen seine Erfindungen das Leben erleichtert
+und damit mehr Freude geschaffen haben, worauf es
+doch ankommt &mdash; alle die schulden ihm Dank; und den
+bringe ich ihm dar!"</p>
+
+<p>Es wurde still. Der kalte Schnee knirschte, wenn einer
+oder der andere sich r&uuml;hrte; aber keiner machte Anstalt<a class="page" name="Page_227" id ="Page_227" title="227"></a>
+zum Gehen. Da schwankte Aune an das Grab. "Na ja,
+und nun will ich Dir man auch noch f&uuml;r die Violine
+danken! Und &mdash; und &mdash; vergib uns unsre Schuld!
+Und &mdash; und &mdash; leb' wohl!" Beinah w&auml;re er hineingetaumelt.
+S&ouml;ren Pedersen packte ihn &auml;rgerlich am Arm,
+wandte sich zu seiner Frau und sagte: "H&ouml;r' mal,
+Aasechen, Du betest das Vaterunser so sch&ouml;n! Sag' es
+doch einmal!" Und sie trat einen Schritt vor, zog die
+Handschuhe aus und faltete die H&auml;nde. Die M&auml;nner
+nahmen die M&uuml;tzen ab und alle senkten den Kopf;
+dann betete Aase das Vaterunser.</p>
+
+<p>Darauf fielen die ersten schweren Schollen auf den
+Sarg; es klang, als wolle er in St&uuml;cke gehen.</p>
+
+<p>Die Frau trat auf Kallem zu. Erst jetzt konnte er
+sie in der N&auml;he sehen, in Tr&auml;nen aufgel&ouml;st, ersch&ouml;pft
+von Nachtwachen, fast all ihrer Kraft und ihrer letzten
+Hoffnung beraubt. Aber mit festem Griff nahm sie
+Kallems Hand, mit starkem, tiefem Blick sah sie ihm in
+die Augen, in grenzenlosem Schmerz, in verhaltener Bewegung
+nickte sie nur; sprechen konnte sie nicht. Nie
+ist einem Menschen w&auml;rmer gedankt worden. Ebenso
+nahm sie die Hand Ragnis; und Ragni erschrak; denn sie
+wu&szlig;te in ihrem Innern, da&szlig; sie es nicht verdiene. Die
+Witwe eilte an den andern vorbei, der Stadt zu; S&ouml;ren
+Pedersen und Aase hatten M&uuml;he ihr zu folgen. Ragni
+aber nahm Kallems Arm; sie h&auml;tte sich ihm an die
+Brust werfen und laut weinen m&ouml;gen.</p>
+
+
+<h3><a href="#Inhaltsverzeichnis">9</a></h3>
+
+<p>Kristen Larssens Haus stand leer; kein K&auml;ufer oder
+Mieter fand sich. Das Unheimliche, das ihm anhaftete,
+fiel auch auf die zur&uuml;ck, die seine Freunde gewesen
+waren. H&auml;tte S&ouml;ren Pedersen nicht gr&ouml;&szlig;ere
+Kundschaft auf dem Land als in der Stadt gehabt, es
+w&auml;re ihm schlecht ergangen. Ragni merkte nicht, da&szlig;
+man sie in dieser Zeit noch mehr beobachtete, noch
+mehr &uuml;ber sie sprach, als vorher; sie war nicht im<a class="page" name="Page_228" id ="Page_228" title="228"></a>
+mindesten vorsichtig. Schon da&szlig; Pastors nicht mit ihnen
+verkehrten, machte sie zur Zielscheibe des Klatsches;
+etwas Neues durfte nicht mehr hinzukommen.</p>
+
+<p>Gegen das, worauf man jetzt verfiel, war sie wehrlos,
+weil sie nichts davon ahnte. Wenn sie und Karl Meek
+Hand in Hand Schlittschuh liefen, wenn er sie zum
+Lachen brachte, w&auml;hrend er ihr die Schlittschuhe anzog,
+oder wenn sie versuchte, ihn hinunterzupuffen, w&auml;hrend
+sie, jeder auf einer Kufe, auf des Doktors Schlitten
+standen; oder wenn sie zusammen Kjaelke<a name="FNanchor_8_8" id="FNanchor_8_8"></a><a href="#Footnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a> fuhren oder,
+&mdash; war Besuch da &mdash; vierh&auml;ndig spielten: immer hatte
+man einen Blick aufgefangen, der nicht mi&szlig;zuverstehen
+war, oder ein Wort geh&ouml;rt, das eine Nebenbedeutung
+hatte, oder Freiheiten beobachtet, die nur m&ouml;glich waren
+zwischen Menschen, die an noch gr&ouml;&szlig;ere gew&ouml;hnt waren.
+Das erste Mal mit einem Zimmerherrn, nun wieder mit
+einem &mdash; was konnte Kallem anders erwarten? Das war
+nur seine gerechte Strafe.</p>
+
+<p>S&ouml;ren Kules Familie stand an der Spitze; es war eine
+im ganzen Oberland verbreitete Familie, die eine
+bl&uuml;hende Phantasie hatte, besonders in sinnlichen
+Dingen.</p>
+
+<p>Man mu&szlig;te nur Lilli Bing loslegen h&ouml;ren, wie Ragni
+Kule seinerzeit "Abend f&uuml;r Abend" zu dem Studenten
+Kallem auf sein Zimmer ging; es lag ja auf demselben
+Flur. "Mein Gott, was war denn Schlimmes dabei,
+wenn sie sich liebten? Wer konnte es auch mit dem
+widerw&auml;rtigen S&ouml;ren aushalten!"</p>
+
+<p>Da&szlig; die jetzige Frau Kallem nicht einmal &uuml;ber den
+Korridor zu gehen brauchte, lie&szlig; sie immer dabei durchblicken.
+Einmal sagte sie: "Wenn sie keine Kinder
+kriegt, was schadet's denn eigentlich!" Da&szlig; keiner von
+denen, &uuml;ber die es herging, etwas davon h&ouml;rte?</p>
+
+<p>Da&szlig; nicht einer von den &uuml;blichen anonymen Briefen
+hereinplatzte! Das eine l&auml;&szlig;t sich nur damit erkl&auml;ren,
+da&szlig; sie fast keinen Umgang hatten, das andere damit,<a class="page" name="Page_229" id ="Page_229" title="229"></a>
+da&szlig; man vielleicht glaubte, Kallem w&uuml;rde sich nicht
+darum k&uuml;mmern; Freidenker haben ja meist lockere
+Begriffe in sittlicher Beziehung! Im Fr&uuml;hjahr sah man
+Kallem seine Frau und Karl Meek zum Dampfschiff
+begleiten; sie fuhren hin&uuml;ber zum anderen Ufer; Montag
+fr&uuml;h sah man, wie er sie an der Br&uuml;cke wieder abholte.
+Man wu&szlig;te, da&szlig; er selbst den ganzen Tag ausw&auml;rts
+war und die beiden den ganzen Tag in Haus und Garten
+zusammen steckten.</p>
+
+<p>Karl bestand sein Examen recht gut, wenn auch unter
+allseitiger Spannung; der Tag nahte, an dem er seine
+Freunde verlassen mu&szlig;te. Ragni hatte im ganzen Freude
+an dem Zusammensein mit ihm gehabt; aber sein
+unsteter Flei&szlig; hatte ihr M&uuml;he verursacht, und sein
+leidenschaftliches Wesen nahm mit der K&ouml;rperkraft
+noch zu. Seine tiefe Ergebenheit f&uuml;r sie d&auml;mpfte es;
+aber auch die Form dieser Ergebenheit peinigte sie oft;
+sie liebte Gleichm&auml;&szlig;igkeit und Frieden. Sie prophezeite
+ihm, es werde ihm einmal schlimm ergehen; er f&uuml;hre
+viel zu gro&szlig;e Segel.</p>
+
+<p>Sie sehnte sich nach dem Alleinsein. Als sie es Kallem
+sagte, neckte er sie: nach drei Wochen werde sie Karl
+vermissen. Karl wollte jetzt, in den Sommerferien,
+zu Hause sein, dann aber nach Deutschland gehen, um
+sich der Musik zu widmen. Obgleich er sich daran gew&ouml;hnt
+hatte, unter Ragnis Augen zu denken und zu
+leben, &mdash; im Kampf mit ihr, im Gehorsam gegen sie,
+und immer voll Anbetung f&uuml;r sie, so freute er sich doch
+darauf, selbst&auml;ndig zu werden. Die Trennung w&uuml;rde
+keine Schwierigkeiten machen.</p>
+
+<p>Da geschah es, da&szlig; er an einem der letzten Tage
+bei einem Freund war, dem einzigen, mit dem er dann
+und wann noch zusammenkam, seit er in Kallems Hause
+wohnte; und als er von seiner Abreise sprach, sagte der
+Freund: "Was ist denn eigentlich mit Dir und Frau
+Kallem?" Karl verstand nicht, was er meinte, und flo&szlig;
+&uuml;ber von Lobpreisungen und Bewunderung f&uuml;r sie.
+Der andere unterbrach ihn. "Ja, ja, das wei&szlig; ich alles!<a class="page" name="Page_230" id ="Page_230" title="230"></a>
+Aber &mdash; offen gesagt &mdash; hast Du nicht ein Verh&auml;ltnis
+mit ihr? Die Leute sagen es." Karl fuhr auf! Was
+unterstand er sich? Er solle Rechenschaft ablegen f&uuml;r
+seine Worte! Aber es war des Freundes ernstliche Absicht,
+Karl zu warnen; er habe selber erst k&uuml;rzlich von
+dem Ger&uuml;cht erfahren; allgemein verbreitet sei es noch
+nicht. Geduldig ertrug er Karls Raserei und machte
+ihm klar: er k&ouml;nne es nicht anders erwarten, als da&szlig;
+die Leute sich &mdash; bei ihrer beiderseitigen Unvorsichtigkeit
+&mdash; allerhand d&auml;chten. &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Zu Haus bei Kallem begriff man nicht, was auf einmal
+in Karl gefahren war. Die paar letzten Tage kam er nie
+zu ihnen herein, war selten daheim, und war wieder
+ebenso stumm, scheu und finster wie damals, als er ins
+Haus zog. Der n&auml;chstliegende Gedanke war ja, da&szlig; er
+ungl&uuml;cklich war &uuml;ber die Trennung, besonders von
+Ragni; aber es war doch merkw&uuml;rdig, da&szlig; die Verzweiflung
+genau zwischen drei und f&uuml;nf Uhr am Mittwoch
+Nachmittag begonnen hatte! Um drei hatten sie in
+heiterster Stimmung miteinander vierh&auml;ndig gespielt;
+um f&uuml;nf wollte sie etwas aus seinem letzten Examenfach
+mit ihm durchnehmen; und da war er so sinnlos
+geistesabwesend nach Hause gekommen, da&szlig; sie es aufgeben
+mu&szlig;te. Und so war er seitdem immer. Kallem
+neckte Ragni damit, da&szlig; der Junge verliebt sei; eben vor
+des "Abschieds bittrer Stunde" sei es in ihm aufgebl&uuml;ht.
+Und er sang: "Zwei Drosseln sa&szlig;en im Buchenlaub"
+und prophezeite, da&szlig; sie in allern&auml;chster Zeit eine
+Liebeserkl&auml;rung bekommen w&uuml;rde, wahrscheinlich in
+Versen &mdash; er habe selbst seinerzeit mehrere verbrochen.
+Vielleicht w&uuml;rde Karl sich auch erschie&szlig;en. Sie solle
+sich nur ja nicht einbilden, da&szlig; jemand in dem Alter
+billiger von ihrer schiefen Nase als mit einem kleinen
+Herzensschnupfen loskomme.</p>
+
+<p>Wenn der Junge dasa&szlig; und sie in f&uuml;rchterlichem
+Schweigen anstarrte, nicht a&szlig;, nicht sprach; wenn er
+den Schwerm&uuml;tigen spielte und sich von ihnen in die
+Einsamkeit zur&uuml;ckzog, sagte Kallem: "Hu! Das Leben<a class="page" name="Page_231" id ="Page_231" title="231"></a>
+ist schwarz!" Er ahmte den Jungen nach, sah sie mit
+ersterbenden Augen an, seufzte &uuml;ber drei Treppenstufen
+herauf, durchw&uuml;hlte mit beiden H&auml;nden sein
+Haar und heulte. Gegen Karl selbst jedoch war er die
+Herzlichkeit selbst.</p>
+
+<p>In der Stunde der Trennung aber h&ouml;rte aller Spa&szlig;
+auf; denn Karl war so verzweifelt vor Schmerz, da&szlig;
+man &uuml;berhaupt nicht mit ihm sprechen konnte und
+den Abschied nur m&ouml;glichst beschleunigen mu&szlig;te. Ragni
+wollte nicht mit zum Bahnhof fahren; sie f&uuml;rchtete sich
+vor seinen &Uuml;berschwenglichkeiten. Aber als Karl sah,
+da&szlig; sie auf der Treppe stehen blieb, sprang er aus dem
+Wagen und noch einmal zu ihr hinauf. Sie wich zur&uuml;ck,
+er kam ihr nach, sah sie an und weinte so, da&szlig; das M&auml;dchen,
+das etwas weiter hinten stand, wirkliches Mitleid
+mit ihm empfand und ebenfalls zu weinen anfing.
+Ragni wurde kalt und stumm; sie konnte nicht ahnen,
+da&szlig; Karl in diesem Augenblick das Sch&ouml;nste tat, was
+er je getan, das Tiefste f&uuml;hlte, was er <em class="gesperrt">je</em> gef&uuml;hlt hatte.</p>
+
+<p>Auf dem Bahnhof bemerkten verschiedene Leute seine
+Verzweiflung, sowie Kallems Ernst. Besonders aber
+auch, da&szlig; Ragni nicht mitgekommen war. Ob Kallem
+es nun erfahren hatte?</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Dieser Abschlu&szlig; ihres Zusammenlebens mit Karl Meek
+hinterlie&szlig; einen unangenehmen Nachgeschmack. Sie
+sprachen nicht gern von ihm, ja, sie machten sich beide
+Gedanken dar&uuml;ber, ob sie sich eigentlich auf einen
+solchen Versuch h&auml;tten einlassen sollen; sie h&auml;tten vielleicht
+voraussehen m&uuml;ssen, da&szlig; es so enden w&uuml;rde.
+Doch davon sagte keines etwas zum andern. Ihr eigenes
+Zusammenleben wurde inniger; nie war Kallem soviel
+zu Hause gewesen wie jetzt, noch nie hatte er ein solches
+Verst&auml;ndnis f&uuml;r alles gehabt, was sie anging.</p>
+
+<p>Der Sommer wurde ganz dem "Fieberpavillon" gewidmet;
+sie konnten sich beide nicht satt daran sehen,
+wie er gebaut wurde, wie man ihn einrichtete, wie man
+alles zum Gebrauch fertig machte. Jetzt, seit alle<a class="page" name="Page_232" id ="Page_232" title="232"></a>
+Sommerzelte aufgeschlagen waren, war die gute Einrichtung
+und Ordnung des Krankenhauses in aller Munde.</p>
+
+<p>Aber w&auml;hrend sie so allein waren und ihre Zeit
+zwischen dem Krankenhaus, ihren Studien, dem Garten
+und dem Klavier teilten, dr&auml;ngte sich, gerade weil sie
+allein waren, zwischen alle ihre Interessen ein Gedanke,
+den sie beide l&auml;ngst gedacht hatten, und der immer
+mehr wuchs, eben weil er nie ausgesprochen wurde.
+Bald konnten sie nicht mehr Zusammensein, ohne da&szlig;
+der eine etwas davon in den Augen des andern zu lesen
+glaubte.</p>
+
+<p>Weshalb hatten sie kein Kind? Lag der Fehler an
+Ragni? Wollte sie nichts daf&uuml;r tun?</p>
+
+<p>Er hatte sich nach und nach davon &uuml;berzeugt, sie
+sei zu scheu, als da&szlig; <em class="gesperrt">er</em> den Anfang h&auml;tte machen d&uuml;rfen.
+Warum wagte sie nicht selbst davon zu sprechen?
+Warum wagte sie nicht einmal den Wunsch zu verraten,
+davon zu sprechen, damit er ihr h&auml;tte weiterhelfen
+k&ouml;nnen? Was war der Grund? Die Angst vor der
+Untersuchung &mdash; vor der Operation? Er sah sie selten,
+ohne da&szlig; er f&uuml;hlte: jetzt dachte sie daran. Und sie
+wieder f&uuml;hlte: er entbehrt das Kind. &mdash;</p>
+
+<p>Ende August erhielt Ragni einen dicken Brief aus
+Berlin &mdash; von Karl Meek! Er war ihnen beiden willkommen,
+ja, mehr als sie sich zuerst eingestehen mochten.</p>
+
+<p>Karl hatte die Festspiele in Bayreuth besucht und
+schilderte nun seine Eindr&uuml;cke in gl&uuml;henden Farben und
+mit &uuml;berschwenglichen Worten. Der ganze Brief handelte
+nur davon, zuletzt vier bis f&uuml;nf Zeilen des Dankes,
+Gr&uuml;&szlig;e, und schlie&szlig;lich die Frage: "Darf ich Ihnen
+&ouml;fter schreiben?" Beide merkten sofort, da&szlig; die vier
+oder f&uuml;nf Zeilen den eigentlichen Brief bildeten, und
+alles andere nur geistreiche Einkleidung war. Gerade
+das gefiel Kallem, und er &auml;u&szlig;erte den Wunsch, da&szlig;
+sie mit ihm in Briefwechsel treten solle. Das k&ouml;nne ihm
+in mehr als einer Hinsicht w&auml;hrend seines Aufenthaltes
+im Ausland von Nutzen sein.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_233" id ="Page_233" title="233"></a>Ohne besondere Lust, wie oft in der Zeit, als sie noch
+mit Karl gearbeitet hatte, mehr aus Gehorsam und G&uuml;te
+setzte sie sich hin, schrieb &mdash; humoristisch &mdash; weil sie
+so am besten damit fertig wurde, und erhielt Antwort
+&mdash; erst eine, dann noch eine, lange Antworten, ganze
+Tageb&uuml;cher.</p>
+
+<p>An einem der ersten Oktobertage war Ragni im
+Garten, um Obst und Gem&uuml;se zu ernten. Sie ging
+gerade auf den Zaun am Kirchweg zu, als ein Wagen
+langsam vor&uuml;berfuhr. Darin sa&szlig; ein vierschr&ouml;tiger Kerl,
+der sich vom Rumpeln des Wagens hin- und herwerfen
+lie&szlig;, wie Milch in einem Butterfa&szlig;. Ragnis Tauben
+schwirrten eben vom Kirchendach &uuml;ber den Wagen
+weg aufs Haus zu; bei dem eigent&uuml;mlichen Laut des
+Fl&uuml;gelrauschens wandte der Fremde den Kopf nach der
+Richtung, in der sie flogen. "Waren das nicht Tauben?"
+fragte er, und der Kutscher antwortete.</p>
+
+<p>Ragni wollte eben auf eine Leiter steigen, um &Auml;pfel
+zu brechen; aber sie mu&szlig;te sich festhalten. Diese
+schwere Stimme, dieser langsame Takt, diese nordl&auml;ndische
+Einf&ouml;rmigkeit &mdash; das war S&ouml;ren Kule! Seine
+blinden Augen waren halb nach der Richtung der
+Tauben gewandt, halb dahin, von wo die Antwort kam,
+w&auml;hrend der Wagen schlottrig weiterrumpelte.</p>
+
+<p>S&ouml;ren Kule hier? Ein blinder, halbgel&auml;hmter Mann
+ist nicht auf Reisen! Ob ihn die doppelte Erbschaft,
+die ihm zugefallen war, hierhergef&uuml;hrt hatte?</p>
+
+<p>Bald darauf kam Kallem. Auch er war Kule begegnet;
+sie sah es ihm sofort an &mdash; und er sah sofort, da&szlig; sie in
+die Wohnstube gefl&uuml;chtet war, um sich zu verbergen.
+Da trafen sie einander; sie pre&szlig;te ihren Kopf an seine
+Brust; sie witterte b&ouml;se Geister in der Luft.</p>
+
+<p>Kallem sagte sich: falls S&ouml;ren Kule eine von den
+Besitzungen &uuml;bernimmt, die den Geschwistern zugefallen
+sind, also hierherzieht, dann hat Josefine ihre
+Hand dabei im Spiel; da ist ihr "Gerechtigkeitsgef&uuml;hl"
+bei der Arbeit gewesen!</p>
+
+<p>Denn er empfand: der einzige Mensch auf Erden,<a class="page" name="Page_234" id ="Page_234" title="234"></a>
+gegen den er unrecht gehandelt hatte, ohne es wieder
+gutzumachen, war dieser blinde Mann.</p>
+
+<p>Ich will ihn aufsuchen, dachte er. Ich will offen und
+ehrlich mit ihm reden. Dann kann ich ihm zugleich
+begreiflich machen, da&szlig; er um Ragnis willen nicht
+seinen Wohnsitz hier haben darf.</p>
+
+<p>Er erfuhr bald, wo Kule wohnte: in dem Haus gleich
+hinter ihnen; im Park neben dem Krankenhaus!</p>
+
+<p>Dieser Teil der Erbschaft also war ihm zugefallen!
+Und in solcher N&auml;he sollten sie ihn jetzt t&auml;glich haben!
+Lange ging er umher, um seine Selbstbeherrschung wieder
+zu gewinnen; aber noch als er vor dem Haus stand,
+war er so aufgeregt, da&szlig; er m&uuml;hsam an sich halten mu&szlig;te.
+Ein kleines zweist&ouml;ckiges Backsteinhaus mit einem Garten
+davor. Im Hausflur h&ouml;rte er von der K&uuml;che her das
+Ger&auml;usch des Aufwaschens und sah hinein; da stand das
+nordl&auml;ndische H&uuml;nenweib mit aufgestreiften &Auml;rmeln, so
+unver&auml;ndert, als h&auml;tten sie sich erst gestern gesehen.
+Als die T&uuml;r aufging, sah sie sich um und erkannte sofort
+den gro&szlig;en Brillenmann mit der krummen Nase und den
+dichten Augenbrauen wieder; sie l&auml;chelte und wandte
+sich ganz nach ihm um. "Ei, wirklich &mdash; der Herr
+Kallem?" sagte sie singend. "Ja." &mdash; "Gestern hab'
+ich's geh&ouml;rt, da&szlig; Sie hier wohnen." Ihr L&auml;cheln wurde
+breiter. Du Tranfisch Du! dachte er, Du hast es schon
+l&auml;ngst gewu&szlig;t! "Wann sind Sie angekommen?" &mdash;
+"Gestern." &mdash; "Von Kristiania?" &mdash; "Ja, von Kristiania.
+Kule hat das Haus hier geerbt; und das Leben soll
+hier billiger sein." Hinter Kallem &ouml;ffnete sich eine T&uuml;r;
+er wandte sich um. Ein vierschr&ouml;tiger Kerl mit kleinen
+schlauen Augen, die mi&szlig;trauisch dreinsahen, streckte
+vorsichtig seinen Kopf aus der Zimmert&uuml;r. Kallem
+schlo&szlig; die K&uuml;chent&uuml;r; der andere trat in den Flur und
+machte die Stubent&uuml;r hinter sich zu; dann standen sie
+einander gegen&uuml;ber. Aber die K&uuml;chent&uuml;r &ouml;ffnete sich
+wieder und die Nordlandk&ouml;chin guckte heraus und
+l&auml;chelte dem Vierschr&ouml;tigen zu. Kallem ahnte ein
+s&uuml;&szlig;es Geheimnis. "Ist das <em class="gesperrt">Dein</em> Mann?" &mdash; "Ja, seit'n<a class="page" name="Page_235" id ="Page_235" title="235"></a>
+Sommer." Der Bursche sah wie ein Seemann aus. "Ist
+Herr Kule zu sprechen?" Der Vierschr&ouml;tige setzte eine
+feierliche Miene auf; er wollte hineingehen und fragen.
+Er blieb lange fort, Kallem h&ouml;rte, da&szlig; drinnen unterhandelt
+wurde. Bald vernahm er Kules schleppende
+Stimme, bald die knappen, trockenen, in Trondhjemer
+Dialekt gesprochenen Worte des andern, beides ged&auml;mpft.
+Inzwischen erz&auml;hlte Oline, ihr Mann sei urspr&uuml;nglich
+Seminarist gewesen, habe das Steuermannsexamen
+gemacht, spr&auml;che Spanisch und sei Kules Sekret&auml;r
+und Bevollm&auml;chtigter. Dann erz&auml;hlte sie, da&szlig; "die
+Kinderchens" im Westland in Frau Rendalens Pensionat
+seien, d. h. es geh&ouml;re jetzt nicht mehr Frau Rendalen,
+sondern dem Sohn, "dem Herrn, der auch mal bei uns
+gewohnt hat". Und pl&ouml;tzlich fragte sie: "Na, und die
+gn&auml;d'ge Frau? Was macht denn die gn&auml;d'ge Frau?
+So haben Sie sich doch noch gekriegt, wa&mdash;as? Das
+wird aber eine Freude werden!" Jetzt &ouml;ffnete sich die
+T&uuml;r, der Vierschr&ouml;tige stellte sich drau&szlig;en auf, und
+Kallem ging an ihm vorbei zu Kule hinein.</p>
+
+<p>Kule sa&szlig; in demselben plumpen Rollstuhl mit demselben
+Brett vor den Beinen; dieselben spanischen Bilder
+an der Wand; dieselben M&ouml;bel, nur da&szlig; sie einen andern
+verblichenen &Uuml;berzug hatten. Nur kein Fl&uuml;gel und kein
+Kinderspielzeug.</p>
+
+<p>Kule selber war grau und bedeutend dicker geworden.
+Die "Flossen" lagen auf den Armlehnen, wie gew&ouml;hnlich;
+eine riesige Tabakspfeife stand unbenutzt daneben.</p>
+
+<p>Kallem nannte seinen Namen; Kule antwortete nicht.
+Aber eine kleine Bewegung der gesunden Hand und ein
+paar heisere st&ouml;hnende Laute deuteten an, da&szlig; die
+Wogen in ihm hoch gingen.</p>
+
+<p>Auch Kallem mu&szlig;te sich zusammennehmen, damit
+er ruhig bleibe. Um die Qual abzuk&uuml;rzen, sagte er sofort,
+Herr Kule wisse vielleicht nicht, da&szlig; sie Nachbarn
+seien. &mdash; Doch, das wisse er. &mdash; "Das h&auml;tte ich nicht
+gedacht," erwiderte Kallem und lie&szlig; den Ton seiner
+Worte erkl&auml;ren, was er damit meine. Kule schwieg.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_236" id ="Page_236" title="236"></a>"&mdash; Sie werden hier wohnen bleiben?"</p>
+
+<p>"Ja."</p>
+
+<p>Kallem blickte in das blinde Gesicht; es war kalt und
+verschlossen. Er f&uuml;hlte, es war unm&ouml;glich, auch nur
+einen Funken Mitleid mit Ragni darin zu erwecken.
+Ein entsetzlicher Widerwille packte ihn. "Dann habe
+ich nichts weiter zu sagen!" sprach er und erhob sich.</p>
+
+<p>Die K&uuml;chent&uuml;r stand halboffen. "Bitte, auch 'n
+sch&ouml;nen Gru&szlig; an die Gn&auml;&mdash;di&mdash;ge!"</p>
+
+<p>Erst drau&szlig;en erinnerte sich Kallem seiner urspr&uuml;nglichen
+Absicht; aber diese neue Roheit Kules befreite
+ihn davon. Also &mdash; fortan war er ihr Nachbar. So hie&szlig;
+es eben versuchen, die eigene Vergangenheit zu tragen,
+wie andere auch.</p>
+
+<p>Er wanderte zur Stadt hinaus; er hatte nicht den
+Mut, sogleich nach Haus zu gehen. Schlechtigkeit ertrug
+sie nicht &mdash; in keiner Form. Er mu&szlig;te erst &uuml;berlegen,
+wie er es ihr beibringen sollte.</p>
+
+<p>Ragni war im Studierzimmer und hatte schon l&auml;ngst
+die Lampe angez&uuml;ndet, als er heimkam. Sie las ihr
+Urteil sogleich auf seinem Gesicht &mdash; ja, sie hatte es
+schon an seinem Schritt geh&ouml;rt. Sie sank in einen Sessel,
+und ihr war, als sei von nun an alle Freude dahin.</p>
+
+<p>Er versuchte, ihr klarzumachen, da&szlig; sie, eben weil
+sie schuldlos war, nichts zu f&uuml;rchten brauche. Sie sch&uuml;ttelte
+nur den Kopf. Das war es ja nicht. Nein, die
+Schlechtigkeit war es, <em class="gesperrt">die</em> konnte sie nicht ertragen,
+die K&auml;lte. Und sie erinnerte ihn an das, was er selber
+an Kristen Larssens Grab gesagt hatte.</p>
+
+<p>Aber sie k&ouml;nnten sich doch nicht mit Kristen Larssen
+vergleichen? Sie h&auml;tten doch vieles, was W&auml;rme gab.
+Freilich &mdash; aber der gute Ruf! "Wenn sie mir den
+nehmen, nehmen sie mir auch alle W&auml;rme!" Und nach
+einer Pause fuhr sie fort: "Das ist &mdash; die K&auml;lte!" Sie
+weinte nicht, wie sie es sonst so leicht tat.</p>
+
+<p>"Dann ziehen wir fort!" rief Kallem.</p>
+
+<p>Als wenn sie das schon lang erwogen h&auml;tte, antwortete
+sie: "Wo gibt es einen Arzt, der so reich w&auml;re, da&szlig; er<a class="page" name="Page_237" id ="Page_237" title="237"></a>
+alles, was Du hier hineingesteckt hast, kaufen k&ouml;nnte?
+Und Deine Arbeit? F&uuml;r die Du lebst, die Dich gl&uuml;cklich
+macht? Nein, Edvard!" &mdash; "Aber wenn Du ungl&uuml;cklich
+bist, kann ich nichts mehr leisten." Und er k&uuml;&szlig;te sie.
+Sie antwortete nicht. "Woran denkst Du?" &mdash; "Ich
+glaube doch, da&szlig; Du's kannst." &mdash; "Was?" &mdash; "Ohne
+mich arbeiten und gl&uuml;cklich werden!" erwiderte sie und
+brach in Tr&auml;nen aus. Er zog sie dicht an sich und wartete;
+sie mu&szlig;te ja f&uuml;hlen, da&szlig; sie ihm wehgetan hatte. "Eigentlich
+passe ich nicht zu Dir!" &mdash; "Aber Ragni!" &mdash; "Ja,
+als Dein guter Kamerad &mdash; der beste, den Du auf Erden
+hast! Wenn ich es doch lange sein d&uuml;rfte!" &mdash;</p>
+
+<p>Sie schmiegte sich eng an ihn, als wolle sie ihm das
+Siegel des Schweigens auf den Mund dr&uuml;cken.</p>
+
+
+<h3><a href="#Inhaltsverzeichnis">10</a></h3>
+
+<p>Am n&auml;chsten Tag war Nebel. Obwohl Ragni gut und
+traumlos geschlafen hatte, war ihr doch der Kopf
+schwer. Sie ging umher und sah alles nur in dem kalten
+Licht von gestern; nirgends mehr ein Glanz &uuml;ber den
+Dingen. Erst wollte sie gar nicht in die K&uuml;che hinaus; sie
+bildete sich ein, man k&ouml;nne von dort das Haus sehen, in
+dem Kule wohnte. Schlie&szlig;lich wurde ihr das aber doch
+zweifelhaft, und sie getraute sich hinaus; nein, es war
+nicht zu sehen. Dann wagte sie nicht ihre Morgenrunde
+durch den Garten zu machen; er konnte ja vielleicht
+gerade vor&uuml;berfahren. Endlich setzte sie sich an den
+Fl&uuml;gel, stand aber wieder auf, ohne gespielt zu haben.
+Sie schrieb einen Brief an Karl; sie war ihm auf zwei
+Briefe Antwort schuldig, und irgend etwas mu&szlig;te sie
+ja vornehmen. Sie schrieb &mdash; aus ihrer Stimmung
+heraus &mdash; Schlechtigkeit in jeder Form, wie L&uuml;ge,
+Verrat, Hinterlist, herrschs&uuml;chtige Verfolgung, T&uuml;cke,
+Betrug &mdash; sei <em class="gesperrt">Todesk&auml;lte</em>. Die sei es, gegen die wir
+k&auml;mpften. Leben sei W&auml;rme. Manche Menschen seien
+mehr anf&auml;llig f&uuml;r Erk&auml;ltungen als andere, gerade wie der
+eine empf&auml;nglich sei f&uuml;r Tuberkulose und der andere<a class="page" name="Page_238" id ="Page_238" title="238"></a>
+nicht; und sie sei sicher eine von jenen Ungl&uuml;cklichen.
+Von fr&uuml;hster Kindheit an habe sie den Hauch der K&auml;lte
+gesp&uuml;rt, und zuletzt w&uuml;rde wohl dieser kalte Strom
+st&auml;rker werden als die W&auml;rme, die sie ihm als Widerstand
+entgegenzusetzen verm&ouml;ge; das sei die ganze Frage.</p>
+
+<p>Der Brief war nicht lang; denn w&auml;hrend sie so an
+ihre Kindheit dachte und an das, was sie sp&auml;ter durchgemacht
+hatte bis zu ihrer Verheiratung mit Kule, kam
+ihr die Lust, es aufzuschreiben, um es gelegentlich einmal
+in Kallems treues Ged&auml;chtnis niederzulegen. M&uuml;ndlich
+erz&auml;hlen konnte sie es nicht; aber es aufschreiben &mdash;
+ja, jetzt konnte sie es. Auch trieb sie eine unbestimmte
+Furcht, und noch am selben Tage fing sie an.</p>
+
+<p>Sie bot ihre ganze Kraft auf, um ruhig und gefa&szlig;t
+zu sein, als Kallem nach Hause kam. Er sah sie forschend
+an, war aber selbst in gr&ouml;&szlig;ter Spannung &mdash; einer ganz
+anderen, neuen Sache wegen. Er wollte eine Operation
+vornehmen, an deren Gelingen die beiden anderen &Auml;rzte
+und noch ein dritter, der von weither geholt worden war,
+Zweifel hegten.</p>
+
+<p>Einer der angesehensten M&auml;nner der Umgegend,
+Oberst Bajer, litt seit etwa einem Monat an Magenhautentz&uuml;ndung
+mit Anzeichen von Septich&auml;mie. Doktor
+Arentz war sein Hausarzt und behandelte ihn in der
+&uuml;blichen Weise mit Wasserumschl&auml;gen und Opium.
+Aber die Krankheit wurde bedenklich und Arentz riet,
+Kallem zu Rate zu ziehen. Die Frau des Obersten
+widersetzte sich &mdash; nicht gerade, weil sie eine eifrige
+Christin war, sondern weil ihr Kallem an sich unsympathisch
+war. Sie war ein gutes, warmherziges Wesen,
+aber hysterisch, und solche Menschen ergreifen leicht
+Partei f&uuml;r oder wider. Pastor Tuft hatte sie einmal gerettet;
+sie war krank gewesen an Schw&auml;che, nichts wollte
+helfen, bis er gekommen war und ihren Willen durch
+den Glauben gest&auml;rkt hatte &mdash; eine Tatsache, die niemand
+bestreiten konnte; seitdem schw&auml;rmte sie f&uuml;r ihn.</p>
+
+<p>Der Arzt des Nachbarbezirks und Doktor Kent wurden
+zugezogen; aber beide waren ehrlich genug, ein<a class="page" name="Page_239" id ="Page_239" title="239"></a>zugestehen,
+da&szlig; nichts mehr zu machen sei; der Oberst
+sei ein Todeskandidat und eine Operation unm&ouml;glich.</p>
+
+<p>Jetzt siegte die Liebe zum Gatten &uuml;ber allen Widerwillen;
+sie lie&szlig; anspannen und fuhr selbst zu Kallem,
+der sich sofort und unbedingt bereit erkl&auml;rte, die Operation
+vorzunehmen. Ohne sich von den Einwendungen
+der andern abhalten zu lassen, &ouml;ffnete er die Bauchh&ouml;hle
+und fand Eiter; dann &ouml;ffnete er den Dickdarm. Besonders
+da die andern abgeraten hatten, erforderte dies
+Ereignis seine ganze Charakterst&auml;rke. Der Oberst war
+als Ehrenmann bekannt, in Stadt und Land nahm man
+Anteil, und der Zustand der Frau war derartig, da&szlig;
+sie wahnsinnig werden mu&szlig;te, wenn der Mann starb.
+Ihre Abneigung gegen Kallem schlug in unbegrenztes
+Vertrauen um; es war, als habe seine N&auml;he sie magnetisiert.
+Alles das erf&uuml;llte Kallem mit tiefer Besorgnis.</p>
+
+<p>Nun hatte Ragni an anderes zu denken als an sich
+selbst; denn sie sah, welche Seelenqual das Gef&uuml;hl der
+Verantwortung unmittelbar vor der Operation und mehr
+noch in den Tagen nachher in ihm erregte. In solchen
+Zeiten hielt sie mit seltener Kunst alles Kleinliche von
+ihm fern, ermutigte ihn, heiterte ihn auf, lebte &uuml;berhaupt
+ausschlie&szlig;lich f&uuml;r ihn. Einem solchen Mann etwas
+sein zu k&ouml;nnen &mdash; das war "W&auml;rme" genug!</p>
+
+<p>Der Oberst erholte sich; Kallem war bei &uuml;bersprudelnder
+Laune. Ragni spielte wieder, nahm ihre &uuml;brigen
+Arbeiten wieder auf, ja, sie wagte sich sogar in den
+Garten und lie&szlig; die Augen zu dem Haus oben hin&uuml;berschweifen.
+Sie h&ouml;rte den Wagen vorbeirollen, ohne mehr
+als h&ouml;chstens ein ganz klein bi&szlig;chen zu zittern; sie wurde
+von der Nordlandsk&ouml;chin, die mit ihrem Korb auf den
+Markt ging, angesprochen, und obgleich sie dabei ein
+Gef&uuml;hl hatte, als werde sie von einer Schlange gebissen,
+starb sie doch nicht daran. Es kam sogar der Tag, da
+sie mit ihr plaudern konnte, zuletzt konnte sie sogar
+jeden Morgen ihr Kommen abwarten, ohne davonzulaufen.
+Das geschah nicht etwa aus Mut &mdash; beileibe
+nicht &mdash; aber es geschah; und sie f&uuml;hlte sich wohl dabei.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_240" id ="Page_240" title="240"></a>Das Wetter schlug um und kehrte seine allerrauhste
+Seite hervor. Die Bl&auml;tter stoben im Nordwind, die Erde
+war festgefroren und jeden Morgen mit Reif bedeckt.
+Die &Ouml;fen zogen, da&szlig; es nur so krachte, und ihr Prasseln
+wetteiferte mit dem Wagengerassel, das drau&szlig;en &uuml;ber
+den hohlen Boden zog. Jeden Tag fragte man sich, ob
+man nicht die Doppelfenster einsetzen und die Verandat&uuml;r
+schlie&szlig;en solle. Und jeden Tag schob man es wieder auf;
+wer wei&szlig; &mdash; vielleicht kamen noch sch&ouml;ne Tage!</p>
+
+<p>Eines Tages brachte die Post Ragni Briefe aus Amerika,
+aus Nordland und aus Berlin; einer war von Karl.
+Sie hatte alle ge&ouml;ffnet, aber keinen gelesen; es war zu
+vielerlei zu tun, damit das Haus f&uuml;r den Winter in
+Ordnung komme. Den Brief der Schwester las sie aber
+doch am Nachmittag; und er machte sie betr&uuml;bt; der
+Schwester ging es nicht gut. Ragni dachte daran, sie
+zu sich zu nehmen. Die letzten zwei oder drei Briefe
+von Karl hatten stark nach Heimweh geschmeckt; er
+war schwerm&uuml;tig, und sie hatte deshalb nicht sonderliche
+Lust, seinen neuesten Brief zu lesen. Sie war gerade
+mitten in einem amerikanischen Roman, einem der besten
+von Howell; es war ein tiefeindringendes, spannendes
+Seelengem&auml;lde; und so nahm sie zuerst ihr Buch vor,
+als sie sich gegen Abend ins Studierzimmer setzte.
+Aber etwas in der Erz&auml;hlung erinnerte sie an Karl; sie
+legte das Buch weg und nahm seinen Brief vor. Wie
+immer, ganze Bogen, auch recht interessant, aber der
+Ton geradezu seelisch krank. Als sie an den letzten
+Bogen kam, sah sie dar&uuml;ber in roter Tinte die Worte:
+"<em class="gesperrt">Bitte allein lesen</em>!"</p>
+
+<p>Er schrieb: "Seit ich Ihren Brief &uuml;ber die 'K&auml;lte der
+Schlechtigkeit' erhalten habe, war ich in Zweifel, ob
+ich Ihnen sagen solle, da&szlig; ich es sogleich verstanden
+habe. Ich habe schon l&auml;ngst gewu&szlig;t, was man von uns
+gesagt hat. Solch eine rohe Verleumdung! Das war es,
+was mich diesen Sommer beinahe zum Wahnsinn getrieben
+hat, als ich es &mdash; kurz vor unserer Trennung &mdash;
+erfuhr. Ist es nicht furchtbar? Damals dachte ich, es<a class="page" name="Page_241" id ="Page_241" title="241"></a>
+k&ouml;nne &uuml;berhaupt nichts mehr kommen, was mich noch
+tiefer treffen k&ouml;nnte; aber nun ist doch noch etwas
+gekommen: auch <em class="gesperrt">Sie</em> haben es erfahren! Denn nat&uuml;rlich
+ist das der Sinn ihres Briefes.</p>
+
+<p>Wochenlang habe ich hin- und hergesonnen. Aber um
+meinet- und um Ihretwillen ist es besser, wenn wir
+davon sprechen. Lassen Sie Kallem nichts davon erfahren!
+Ich sch&auml;me mich so entsetzlich &mdash; ich bin so
+ungl&uuml;cklich &mdash; ach, wenn Sie w&uuml;&szlig;ten, wie ungl&uuml;cklich
+ich bin! &mdash; Aber ihm wollen wir es ersparen!</p>
+
+<p>Darum schreib' ich das auf einen besonderen Bogen;
+ich werd' es fortan immer so machen. Auch des andern
+wegen, das nun kommt, Sie Liebe, Liebste!</p>
+
+<p>Von der ersten Zeit an, als Sie so gut zu mir waren,
+hab' ich Sie unendlich lieb gehabt. Ich h&auml;tte nie gedacht,
+da&szlig; ich Sie oder &uuml;berhaupt einen Menschen noch
+lieber haben k&ouml;nnte. Jetzt aber sind wir in dieser
+Schmach und diesem Schmerz gleichsam miteinander
+verschmolzen; wir beide sind die einzigen, die darum
+wissen; und jetzt, &mdash; Gott ist mein Zeuge! &mdash; lebe und
+leide und arbeite ich nur noch in Gedanken an Sie!
+Immer sind Sie um mich &mdash; vom Morgen bis zum
+Abend und bis in den Traum meiner N&auml;chte!</p>
+
+<p>Ich liebe, liebe, liebe Sie! Ich schreib' es &mdash; unter
+Tr&auml;nen. Ich liebe Sie &mdash; ich liebe Sie &mdash; ich liebe Sie!</p>
+
+<p>Vielleicht erschreckt Sie das Wort, erschreckt Sie mehr
+als das andere, das es heraufbeschworen hat! Aber wenn
+Sie w&uuml;&szlig;ten, welch eine Wonne es f&uuml;r mich ist, es blo&szlig;
+niederschreiben zu d&uuml;rfen, blo&szlig; zu wissen, da&szlig; Sie es
+lesen! Sie sind so gut &mdash; Sie wissen, welch grenzenlose
+Ehrfurcht ich vor Ihnen habe &mdash; &mdash; &mdash;"</p>
+
+<p>Als Kallem um acht Uhr nach Hause kam, stand der
+Abendtisch im E&szlig;zimmer gedeckt; im Studierzimmer
+war geheizt und die Lampe angez&uuml;ndet; aber beide
+Zimmer waren leer; in der Wohnstube war es dunkel.
+Sigrid brachte den Tee und berichtete, Frau Doktor
+seien zu Bett gegangen. &mdash; "Zu Bett? Fehlt ihr etwas?"
+&mdash; "Ich glaube, sie war nur m&uuml;de."</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_242" id ="Page_242" title="242"></a>Kallem eilte sofort hinauf. Es war dunkel; doch im
+Mondschein sah er einen Arm im wei&szlig;en Nachthemd
+sich ihm entgegenstrecken. "Verzeih!" sagte sie. "Ich
+war so m&uuml;de; und dann hatte ich auch einen Brief von
+meiner Schwester, der mich traurig gemacht hat. Nein,
+mach' kein Licht, bitte! Es ist so sch&ouml;n so!" &mdash; Was f&uuml;r
+ein frischer, gesunder Duft von ihm ausstr&ouml;mte! Wie
+voll Kraft seine Stimme klang, w&auml;hrend er antwortete:
+"Von Deiner Schwester?" &mdash; "Ja, sie f&uuml;hlt sich ungl&uuml;cklich
+da oben." &mdash; "Wie w&auml;r's, wenn wir sie zu uns
+n&auml;hmen?" &mdash; "Ich wollte Dich eben darum bitten. Wie
+gut Du bist!" &mdash; Sie weinte. &mdash; "Aber Schatz, warum
+weinst Du denn? Glaub' mir, der einzige Grund, weshalb
+ich das nicht schon lange vorgeschlagen habe, war
+Dein Wunsch, wir sollten allein sein miteinander." &mdash;
+"Ja, das ist ja auch das Allersch&ouml;nste! Aber wenn nun
+eins von uns krank wird?" &mdash; "Dummes Zeug! Wir
+werden nicht krank! Du bist doch so wohl jetzt! Die
+Stirn ist ein bi&szlig;chen warm! La&szlig; mal Deinen Puls
+f&uuml;hlen! Na ja, ein bi&szlig;chen Ruhe hast Du n&ouml;tig, weiter
+nichts. Es war ganz richtig, da&szlig; Du zu Bett gegangen
+bist. Ich gehe jetzt hinunter und esse; ich habe einen
+B&auml;renhunger. Dann hast Du Ruhe. Karl hat geschrieben?"
+&mdash; "Ja. Der Brief liegt auf Deinem Schreibtisch."
+&mdash; "Sch&ouml;n! Ich werd' ihn beim Essen lesen.
+Nachher hab' ich noch viel zu tun. Gutnacht, Kleines!"
+&mdash; Er k&uuml;&szlig;te sie; Ragni schlang beide Arme um seinen
+Hals, zog seinen Kopf dichter zu sich heran und k&uuml;&szlig;te
+ihn. "Du herrlicher Mensch!"</p>
+
+<p>Er ging. Sie h&ouml;rte seine raschen Schritte auf der
+Treppe und unten im Korridor, h&ouml;rte, wie er die T&uuml;r
+&ouml;ffnete und hinter sich schlo&szlig;.</p>
+
+<p>Wieder dieser Schmerz in der Brust, den sein Kommen
+gemildert, sein Schritt verscheucht hatte! Etwas
+Schweres, Entsetzliches &mdash; nie wieder w&uuml;rde sie es los
+werden &mdash; und dabei fror sie so. Die K&auml;lte, die K&auml;lte,
+die K&auml;lte &mdash; jetzt war sie ihr bis ins Innerste gedrungen.
+Jetzt begriff sie &mdash; zu Eis erstarrend &mdash; weshalb der<a class="page" name="Page_243" id ="Page_243" title="243"></a>
+"Walfisch" gekommen war und sich in das kleine Haus
+nebenan gew&auml;lzt hatte und nicht wieder hinaus wollte.
+Jetzt wu&szlig;te sie, weshalb die andern das zugegeben hatten.</p>
+
+<p>"Gott, ach Gott &mdash; wie hat das nur kommen k&ouml;nnen?
+Was hab' ich denn getan?" klagte sie und verkroch sich
+vor sich selber. Wie ein Fl&uuml;stern durch Meeresbrandung
+t&ouml;nten Karls Liebesworte hindurch. Armer Junge!
+Da lag sie &mdash; im Dunkeln &mdash; damit keiner sie sah &mdash;
+damit sie nachdenken konnte. Was sollte sie tun? Den
+letzten Bogen hatte sie herausgenommen. Sollte sie ihn
+Kallem zeigen?</p>
+
+<p>Als Kallem nach zw&ouml;lf Uhr heraufkam, um zu Bett
+zu gehen, war sie &uuml;ber all ihren traurigen Erw&auml;gungen
+eingeschlafen. Er steckte hinter ihr das Licht an, sah
+ihr ins Gesicht, horchte auf ihren Atem. Sie schlief &mdash;
+unschuldig &mdash; mit offenem Mund.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Vormittag wanderte sie auf der S&uuml;dseite
+des Hauses umher, auf und ab, auf und ab, noch
+immer gleich verst&ouml;rt, gleich ratlos. Es hatte geschneit,
+zum erstenmal dieses Jahr; der Schnee war schon halb
+wieder geschmolzen. &Uuml;ber den Bergk&auml;mmen lag dichter
+Nebel, so dicht, da&szlig; er aussah wie festes Land,
+trotzig, undurchdringlich &mdash; ein Land, das an die Berge
+grenzte und sich &uuml;ber den ganzen Horizont erstreckte.
+Das seltsame Land sandte eine lange Zunge hernieder
+nach dem Wald &mdash; wie das &auml;u&szlig;erste Z&uuml;ngeln eines Geheimnisses.
+Sie fror. Weit konnte sie nicht gehen, ohne
+da&szlig; der Schutz des Hauses aufh&ouml;rte und man sie vom
+Weg aus sehen konnte; und heut ertrug sie es nicht,
+da&szlig; man sie sah; vielleicht nie wieder.</p>
+
+<p>Welch ein kindischer Wettkampf das war zwischen
+den Baumarten da drau&szlig;en, rings um die Geh&ouml;fte!
+Am fernsten von den H&auml;usern Nadelwald; bei tr&uuml;bem
+Wetter war er fast schwarz. Mehr in der N&auml;he mischte
+Laubholz sich dazwischen, langhalsige Espen, verrenkte
+Birken, die lichtgelb aus dem Dunkel leuchteten; noch
+n&auml;her Eberesche und Faulbaum, blutrot; dazwischen
+Ahorn und anderes; von flachswei&szlig;en bis rotgoldnen.<a class="page" name="Page_244" id ="Page_244" title="244"></a>
+Hohe Erlen und Espen, die zu alt waren, um &uuml;berhaupt
+noch Laub zu treiben, ragten mit nackten Zweigen
+&uuml;ber der Farbenpracht der andern empor gleich blaugrauem
+Rauch.</p>
+
+<p>Sie stampfte mit den F&uuml;&szlig;en, die gar nicht warm
+werden wollten, die nicht wu&szlig;ten, ob vorw&auml;rts oder
+r&uuml;ckw&auml;rts, weil sie selber nicht wu&szlig;te, wohin. Wenn
+Kallem es erf&uuml;hre &mdash; was dann? Und wenn er es nicht
+erf&uuml;hre?</p>
+
+<p>Die Wiesen waren von schwarzerdigem, gepfl&uuml;gtem
+Ackerland durchschnitten. Dazwischen mattgr&uuml;ne, mit
+Wintersaat bestellte Roggenfelder und stoppelige Klee&auml;cker.
+Aber dort &mdash; weit hinter den H&auml;usern &mdash; mi&szlig;vergn&uuml;gte,
+graue Erdflecken, die man &uuml;berhaupt nicht
+beachtete, au&szlig;er, wenn es sich darum handelte, sie zu
+pl&uuml;ndern; nur zu viele solcher gab es hier zu Lande.</p>
+
+<p>Juanita? Wie kam das Kind auf einmal mitten in
+das Herbstbild? Diese frischeste, lebendigste Erinnerung
+an den ersten Fr&uuml;hling? Ach, hier drau&szlig;en wachte
+die Sehnsucht nach den Kindern auf! Jetzt wu&szlig;te sie,
+da&szlig; er nicht war, wo die Kinder waren; jetzt konnte
+sie zu Rendalens reisen und die Kinder sehen!</p>
+
+<p>Solange sie auf der Reise war, brauchte sie auch nicht
+zu entscheiden, was das Richtige sei; und sie bedurfte
+dringend des Aufschubs. Nur ein kurzer Brief an Karl
+Meek, da&szlig; er vorl&auml;ufig nicht mehr schreiben solle;
+sie werde ihm sp&auml;ter vielleicht Nachricht zukommen
+lassen. Ob sie die paar Worte telegraphierte? Nicht
+von hier aus! Aber auf der Stelle abreisen und von unterwegs
+telegraphieren.</p>
+
+<p>Ein Vorsatz, ein inneres Gehei&szlig;, so stark, als habe
+sie &uuml;berhaupt weiter nichts mehr zu tun als noch einmal
+die Kinder zu sehen, stieg in ihr auf. Als Kallem etwas
+sp&auml;ter nach Hause kam, wanderte sie im Zimmer auf
+und ab, um sich warme F&uuml;&szlig;e zu machen, und sagte ihm
+selber, sie <em class="gesperrt">m&uuml;sse</em> die Kinder sehen. Er empfing den
+unfehlbaren Eindruck, da&szlig; die Erinnerung an ihr Zusammenleben
+mit Kule in Sehnsucht nach den Kindern<a class="page" name="Page_245" id ="Page_245" title="245"></a>
+umgeschlagen sei. Das war ganz nat&uuml;rlich. "Reise nur
+gleich!" sagte er; "sp&auml;ter wird es zu kalt." Damit meinte
+er freilich nicht, da&szlig; es gerade heut noch sein sollte;
+aber sie wollte es so, und am Nachmittag brachte er
+sie zur Bahn.</p>
+
+<p>Gleich nach ihrer Ankunft bei Rendalens kam ein verzweifelter
+Brief: das Wiedersehen mit den Kindern
+war grausam gewesen. Sie hatten sie nicht wiedererkannt!
+Und auch sie die Kinder nicht. &Auml;u&szlig;erst wohlerzogene
+Kinder, gewi&szlig;! Aber nicht ihrer Schwester
+Kinder! Nicht verwandt mit ihr selber. Nur mit ihm!
+&mdash; Sein Blut war st&auml;rker als ihres. Gro&szlig;e, dicke Kinder,
+die sie ansahen, als begriffen sie nicht, was sie wolle.
+Und dazu diese vielen fremden Menschen, die sie best&auml;ndig
+beobachteten! Am liebsten w&auml;re sie gleich wieder
+heimgereist, wenn sie nicht so erk&auml;ltet gewesen w&auml;re. &mdash;
+Ein sp&auml;terer Brief lautete ein bi&szlig;chen lebensfroher.
+Nicht da&szlig; sie zufriedener gewesen w&auml;re mit den Kindern;
+die waren noch gerade so fremd und "materiell"; sooft
+sie die Kinder mit sich auf ihr Zimmer nahm, um mit
+ihnen zu plaudern oder ihnen vorzuspielen, f&uuml;hlte sie,
+da&szlig; sie sie nur aufhielt. Aber das Zusammensein mit
+den pr&auml;chtigen Menschen in und au&szlig;erhalb der Schule
+machte ihr Freude; "h&auml;tten wir doch etwas &Auml;hnliches!"
+seufzte sie.</p>
+
+<p>Auch von Rendalen erhielt Kallem einen Brief, der
+in schwungvollen Worten ausdr&uuml;ckte, wie sich die ganze
+Kolonie freue, Ragni in ihrer Mitte zu haben. Er &uuml;bermittelte
+die "einstimmige Bitte", sie ihnen doch noch
+eine Zeitlang zu lassen; sie sei auch m&uuml;de von der Reise
+und nicht ganz wohl; die Ruhe scheine ihr gut zu tun.</p>
+
+<p>So blieb sie acht Tage und noch einmal acht Tage
+fort. Mittags an einem kalten Wintertag kam sie zur&uuml;ck,
+bla&szlig;, noch immer erk&auml;ltet, &auml;ngstlich, unf&auml;hig, zu sagen,
+wie f&uuml;rchterlich es ihr war, wieder unter Menschen zu
+kommen, die sie f&uuml;r eine ehrlose Frau hielten. Kallem
+erschrak &uuml;ber ihr Erk&auml;ltetsein und ihr schlechtes Aussehen;
+ihr Wiedersehen war kein frohes Wiederfinden,<a class="page" name="Page_246" id ="Page_246" title="246"></a>
+sondern eine besorgte Untersuchung ihrer Brust und
+ein bi&szlig;chen mattes Erz&auml;hlen; sie war m&uuml;de und verlangte
+ins Bett.</p>
+
+<p>Kallem fragte, ob Karl geschrieben habe; hierher
+sei kein Brief von ihm gekommen. &mdash; Nein, sie habe
+auch keinen erhalten. &mdash; Ob sie denn nicht geschrieben
+habe? &mdash; Nein. Karl habe eine Vertraulichkeit gezeigt,
+die ihr nicht gefiele. &mdash; Es waren schon oft kleine Reibereien
+zwischen den beiden vorgekommen, von denen
+er erst sp&auml;ter geh&ouml;rt hatte; und da sie ihn nicht ansah,
+f&uuml;hlte er, da&szlig; er nicht fragen d&uuml;rfe.</p>
+
+<p>Mehrere Tage h&uuml;tete sie das Bett. Ein leidiger
+trockener Husten wollte nicht weichen; sonst waren
+keinerlei besorgniserregende Indizien vorhanden. Als
+sie wieder aufstand, kam sie ihm merkw&uuml;rdig mager vor;
+das Gesicht hatte einen matten kr&auml;nklichen Zug; unter
+den Augen lagen dunkle Ringe. Sie sehnte sich hinaus &mdash;
+in die frische Luft. Aber sie weigerte sich auf das bestimmteste,
+au&szlig;erhalb des Gartens spazieren zu gehen.
+Erst behauptete sie, das sei langweilig; als er sie aus dieser
+Stellung vertrieb, verschanzte sie sich hinter eine st&auml;rkere:
+sie fing zu weinen an. Er hielt das f&uuml;r ein verd&auml;chtiges
+Zeichen; sie war am Ende gar schwanger?
+In dieser Hoffnung gab er sich zufrieden und wartete.
+Sie machte ihre Spazierg&auml;nge im Garten und erz&auml;hlte
+es ihm voll Stolz; aber da&szlig; sie fast immer nur in der
+D&auml;mmerung ging, das verschwieg sie. Nach und nach
+fand sie selber, da&szlig; ihr besser war; und er fand das auch.</p>
+
+<p>So verging eine Zeit. Er wartete auf das, was er so
+gern geh&ouml;rt h&auml;tte, glaubte da und dort Anzeichen zu
+bemerken; zwischendurch aber &auml;ngstigte es ihn, da&szlig; sie
+immer magerer zu werden schien; er konnte sie auch
+nicht zum Essen bewegen. Eines Abends, als er fort
+gewesen, war sie wie gew&ouml;hnlich drau&szlig;en in der D&auml;mmerung
+spazieren gegangen und hatte nachher Sch&uuml;ttelfrost
+und Beklemmungen. Als Kallem zu Bett ging,
+schlief sie; aber ihr Husten weckte ihn. Er machte Licht
+und sah, da&szlig; sie die Hand gegen die Brust pre&szlig;te.<a class="page" name="Page_247" id ="Page_247" title="247"></a>
+"Tut das weh?" &mdash; "Ja." &mdash; "Wo?" &mdash; "Hier!" &mdash;
+Und sie zeigte auf das rechte Schl&uuml;sselbein. &mdash; "Hast
+Du Stiche da, wenn Du hustest?" &mdash; "Ja." &mdash; Im selben
+Augenblick hatte sie einen heftigen Hustenanfall. Er
+stand auf, zog sich an, legte im Ofen nach, klingelte und
+schickte das M&auml;dchen nach der Apotheke. Unterdessen
+untersuchte er sie und fragte sie dabei aus. Er h&ouml;rte
+von dem Sch&uuml;ttelfrost gestern Abend, und wie sie ihre
+Spazierg&auml;nge am liebsten in der D&auml;mmerung mache.
+"In der D&auml;mmerung!" rief er; mehr war nicht n&ouml;tig;
+sie versteckte ihren Kopf in den Kissen. &mdash; Das m&ouml;ge
+sie doch in Zukunft gef&auml;lligst bleiben lassen! Und vorl&auml;ufig
+m&uuml;sse sie das Bett h&uuml;ten, und zwar mehrere Tage.
+Das Senfpflaster auf der Brust war ihr unangenehm,
+mit den Hustenpillen hatte er mehr Gl&uuml;ck. Er verbarg
+seine Besorgnis hinter allerhand Scherz und Z&auml;rtlichkeit;
+und wirklich &mdash; nach ein paar Tagen war sie wieder so
+wohl, als er kaum zu hoffen gewagt hatte! Auch ganz
+gehorsam war sie geworden; vierzehn Tage lang hielt
+sie sich still im Zimmer. Der Husten kam seltener; die
+einzelnen heftigen Anf&auml;lle stachen zwar in der Brust;
+aber sonst f&uuml;hlte sie sich ganz wohl; nur ungeheuer matt
+und kurzatmig, so da&szlig; sie nicht einmal mehr Lust hatte
+zu spielen.</p>
+
+<p>Im Garten wurde ein Weg f&uuml;r sie gebahnt, und zum
+erstenmal ging sie &mdash; mit Kallem &mdash; wieder bei Tag
+aus, kehrte aber gleich wieder ins Haus zur&uuml;ck. Erst
+&auml;ngstigte ihn das, &auml;ngstigte ihn merkw&uuml;rdig; aber aus
+ihrer Art und Weise schlo&szlig; er, da&szlig; es nur Laune sei.
+Sie f&uuml;hlte sich indessen matter, als sie gestehen wollte.
+Am Tag darauf versuchte sie es mit Sigrid. Aber nach
+den ersten Schritten versagte ihr der Atem; sie mu&szlig;te
+ausruhen, und bat Sigrid, nichts zu sagen; es werde
+schon vor&uuml;bergehen, wenn sie "mehr trainierte". Das
+Wetter wurde milder; &uuml;ber Mittag waren sogar ein paar
+Grad W&auml;rme. Sie f&uuml;hlte sich wohler und konnte l&auml;nger
+gehen; Kallem freute sich, als er eines Tages sah, da&szlig;
+sie das Klavier &ouml;ffnete. &mdash; <a class="page" name="Page_248" id ="Page_248" title="248"></a>&mdash;</p>
+
+<p>Eines Abends erschien S&ouml;ren Pedersen; bleich &mdash;
+allein &mdash; beides &auml;u&szlig;erst ungew&ouml;hnlich. Was war denn
+los? Kristen Larssen ginge um! Kallem brach in
+schallendes Gel&auml;chter aus. S&ouml;ren verzog keine Miene:
+Kristen Larssen ginge, wahrhaftigen Gott, um! Im
+letzten Jahr seines Lebens hatte er nie mehr Geige
+gespielt; er hatte seine Geige Aune gegeben. Aber jetzt
+spiele er Geige in seinem alten Haus. &mdash; Ob denn
+niemand drin wohne? &mdash; Nein. Das Haus sei abgeschlossen;
+aber er spiele darin! Mehrere hatten es
+gleichzeitig geh&ouml;rt; nicht der leiseste Zweifel sei m&ouml;glich.
+&mdash; Ach was &mdash; da habe sich einfach irgendein
+Schelm eingeschlichen! Wer den Schl&uuml;ssel habe? &mdash;
+Der Neffe seiner Frau. &mdash; "Wer ist das?" &mdash; "Aune!" &mdash;
+"Na, siehst Du wohl!" &mdash; "Aune hat ja aber selber das
+ganze Haus mit durchsucht; und Aune hat am meisten
+Angst von uns allen!" &mdash; Ein M&auml;dchen, die ein krankes
+Kind hatte &mdash; Kallem kannte sie, er war ihr Arzt &mdash;
+hatte eines Nachts Kristen Larssen an der Hauswand
+entlang schleichen sehen. Seitdem hatten noch mehrere
+ihn gesehen. "Zweifeln tat keiner daran!" schlo&szlig; S&ouml;ren.
+Wie wollte der Herr Doktor denn das erkl&auml;ren, da&szlig;
+Frau Bajer, die Frau des Obersten, eines Tags zu ihnen
+in ihren Tapezierladen gekommen sei, und ihnen erz&auml;hlt
+habe, sie habe getr&auml;umt, Kristen Larssen sitze in
+einer langen Stube zwischen vielen gro&szlig;en, gelehrten
+M&auml;nnern, die alle buchstabieren lernten? Sie hatte sich
+gedrungen gef&uuml;hlt, S&ouml;ren Pedersen, den Kristen Larssen
+ja doch verf&uuml;hrt hatte, das zu erz&auml;hlen. "Und denken
+Sie sich, Herr Doktor, gerade in der Nacht vorher haben
+wir beide, Aase und ich, getr&auml;umt, die Frau Oberst
+komme zu uns in den Laden!"</p>
+
+<p>"Ich will Ihnen etwas ebenso Merkw&uuml;rdiges erz&auml;hlen,
+Pedersen. Am ersten Tag, als meine Frau und ich hier
+in der Stadt waren, begegneten wir Maurer Andersen,
+Karl Meek, Kristen Larssen, Sigrid, Ihnen und Ihrer
+Frau &mdash; alles im Lauf einer Viertelstunde!" Pedersen
+rollte seine Kugelaugen, ohne zu verstehen. Daran war<a class="page" name="Page_249" id ="Page_249" title="249"></a>
+doch weiter nichts Besonderes? &mdash; "Nein, denn auf die
+hundert anderen, denen wir begegneten, gaben wir gar
+nicht acht. Genau so wie Sie, S&ouml;ren Pedersen, nicht
+acht geben auf die Hunderte, von denen Sie und Aase
+tr&auml;umen, &mdash; wenn Sie sie nicht gerade tags darauf in
+Ihrem Laden sehen!"</p>
+
+<p>S&ouml;ren Pedersen war aber nicht &uuml;berzeugt.</p>
+
+<p>Der Aberglaube lag nun einmal in der Luft. Einer
+steckte den andern an; bald sprach die ganze Stadt von
+nichts weiter; besonders, nachdem sich auch der Pastor
+in die Sache gemischt hatte. Seit dem Fr&uuml;hjahr hatte
+er allein gehaust mit seiner Mutter &mdash; Frau und Sohn
+waren erst k&uuml;rzlich wiedergekommen &mdash; und in dieser
+ganzen Zeit hatte seine Lehre zugenommen an Strenge,
+&mdash; in der letzten Zeit mit einem Gepr&auml;ge von Leidenschaft,
+das Unheil prophezeite. Jetzt verk&uuml;ndete er im
+Betsaal, jeder Gl&auml;ubige wisse ganz wohl, da&szlig; Geister unter
+uns lebten und wirkten, und da&szlig; viele nach dem Tode
+den Weg der Ruhelosen wanderten; das seien erwiesene
+Tatsachen, die sich als Mahnung von Geschlecht zu
+Geschlecht wiederholten.</p>
+
+<p>Als Kallem davon h&ouml;rte, machte er ernst mit einem
+Gedanken, den er schon l&auml;ngst gehabt hatte &mdash; n&auml;mlich:
+sich Aunes zu bem&auml;chtigen. Aune hatte gar keine Lust
+und war erfinderisch genug, ihm immer wieder zu entschl&uuml;pfen;
+er besa&szlig; eine gro&szlig;e &Uuml;berredungsgabe, mit
+der er auch Kallem oft zum Besten gehabt hatte; aber
+jetzt mu&szlig;te er heran! Die Frau war vollkommen einverstanden,
+und in ihrer Gegenwart nahm Kallem ihn eines
+Sonntag vormittags im Krankenhause vor &mdash; zun&auml;chst
+wegen des Trinkens, dann aber vor allem, um Licht in
+die Spukgeschichte zu bringen, die nat&uuml;rlich kein anderer
+als dieser Erzschelm selbst in Szene gesetzt hatte. Und
+so war es auch! Jetzt kam aber die Schwierigkeit: wurde
+das bekannt, so war Aune zugrunde gerichtet. Das war
+der Frau sofort klar, und sie bat f&uuml;r ihn. Darum lie&szlig;
+sich nichts anderes tun in der Sache, als es ihm zu verbieten
+und zu schweigen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_250" id ="Page_250" title="250"></a>Nat&uuml;rlich hinderte das Kallem nicht, auf seiner Vormittagsrunde
+Doktor Kent, der so wenig an den Spuk
+glaubte, wie er selbst, zu erz&auml;hlen, man wisse jetzt,
+wer die ganze Geschichte mit Kristen Larssen in Szene
+gesetzt habe; den Namen d&uuml;rfe man nicht nennen;
+aber das Ganze sei ein abgekartetes Spiel. Kent, der bei
+einem Kranken Josefine traf und wu&szlig;te, da&szlig; nichts ihr
+willkommener war als eine Nachricht von ihrem Bruder,
+wiederholte ihr Kallems Worte. Beim Mittagessen erz&auml;hlte
+der kleine Edvard, der t&auml;glich von diesen Spukgeschichten
+voll war, jetzt h&auml;tten auch zwei Jungens Kristen
+Larssen gesehen, Aunes Junge und der Sohn des Laienpredigers.
+Edvard funkelte vor Eifer. Da erkl&auml;rte die
+Mutter ihm kurz und bestimmt, das sei ein Betrug;
+einer der &Auml;rzte aus der Stadt wisse, von wem der Betrug
+herr&uuml;hre; es gebe keinen Kristen Larssen, der umgehe.</p>
+
+<p>Als der Junge sich entfernt hatte, sagte der Pastor,
+er finde ihr Benehmen r&uuml;cksichtslos. "Wieso r&uuml;cksichtslos?"
+&mdash; "Nun, da&szlig; <em class="gesperrt">Du</em> dem Jungen das sagst; Du hast
+doch geh&ouml;rt, da&szlig; er sich gleich dahinter verschanzte,
+<em class="gesperrt">ich</em> glaubte auch an Gespenster!" Des Pastors Ton war
+nicht &uuml;berlegen, nicht einmal vorwurfsvoll; sie f&uuml;hlte,
+er hatte recht, und antwortete darum nicht. Aber es
+wirkte nach, und eine Weile darauf stand sie im Studierzimmer.</p>
+
+<p>"Ich habe &uuml;ber das nachgedacht, was Du vorhin
+sagtest." Er lag auf dem Sofa und rauchte, erhob sich
+aber, um Platz zu machen. Es tat ihm wohl, da&szlig; sie zu
+ihm hereinkam. Aber sie blieb stehen. "Soll etwas,
+das Du dem Jungen einmal gesagt hast, f&uuml;r ihn eine
+Wahrheit sein, auch wenn es nicht wahr ist?" &mdash; "Nein.
+Aber Du k&ouml;nntest es mir &uuml;berlassen, es zu berichtigen!"
+&mdash; "Und wer sagt mir, da&szlig; Du es berichtigen willst?" &mdash;
+"Was soll das hei&szlig;en?" &mdash; "Das soll hei&szlig;en, da&szlig; Du dem
+Jungen fortw&auml;hrend Dinge beibringst, an die Du selber
+unm&ouml;glich glauben kannst." &mdash; "Was f&uuml;r Dinge?" &mdash;
+Er wurde rot; denn er begriff, jetzt kam es zu einer
+Abrechnung. &mdash; "Ich habe in der letzten Zeit oft daran<a class="page" name="Page_251" id ="Page_251" title="251"></a>
+gedacht, mit Dir dar&uuml;ber zu reden," sagte sie, "und
+nun soll es einmal geschehen. Du selbst glaubst nicht
+daran, da&szlig; die Welt vor etwa sechstausend Jahren in
+sechs Tagen geschaffen worden ist, oder da&szlig; die Sagen
+von den ersten Menschen und den Patriarchen etwas
+anderes seien als Sagen, nicht wahr? Ebenso die ganze
+Geschichte vom Paradies. Erde und Menschen k&ouml;nnen
+nicht gleich von Anfang an vollkommen gewesen sein.
+Aber die Kinder lehrst Du das, und in der letzten Zeit
+auch Edvard." &mdash;</p>
+
+<p>Er schritt im Zimmer auf und ab; sie stand zwischen
+den beiden T&uuml;ren, die zum Flur und zum Wohnzimmer
+f&uuml;hrten. So oft er sich ihr n&auml;herte, schaute er sie mit
+einem starken, ja m&auml;chtigen Blick an; so sieht ein
+schlechtes Gewissen nicht aus; das f&uuml;hlte sie. Und um
+ihr zu zeigen, in welchem Geist hier verhandelt werden
+mu&szlig;te, blieb er stehen und sagte ruhig: "Wollen wir
+uns nicht setzen, Josefine?" &mdash; "Nein", erwiderte sie.
+"Ich w&uuml;rde ja doch gleich wieder aufstehen!"</p>
+
+<p>"Das, was Du Sage nennst," sagte er, "tr&auml;gt in sich
+die ewige Wahrheit, da&szlig; Gott alles und alle geschaffen
+hat, und da&szlig; die S&uuml;nde ein Abfall von ihm ist." &mdash;
+"Weshalb es nicht so lehren, anstatt in unwahren Bildern?"
+&mdash; "Kinder fassen es am besten in Bildern,
+Josefine." &mdash; "Dann sage ihnen, da&szlig; es nur M&auml;rchen
+sind." &mdash; "Darauf kommt es nicht an." &mdash; "Gewi&szlig;
+kommt es darauf an, da&szlig; die Kinder ewige Wahrheiten
+nicht in unwahren Bildern lernen, meine ich!" &mdash; Er
+sah, wie leidenschaftlich sie die Sache nahm, und warnte
+sie; sie m&uuml;&szlig;ten ohne Leidenschaft dar&uuml;ber reden k&ouml;nnen.
+"Nein", sagte sie, "das kann ich nicht. Denn Du mu&szlig;t
+wissen &mdash; es geht um die Zukunft unseres Kindes &mdash;
+und um Deine und meine!" Und sie trat an den Schreibtisch,
+wie um ihm n&auml;her zu kommen, vielleicht auch, um
+sich zu st&uuml;tzen.</p>
+
+<p>Aber er lie&szlig; sich nicht beirren. "W&auml;rst Du selber so
+durchdrungen von jener ewigen Wahrheit, die Du im
+Munde f&uuml;hrst, Josefine, &mdash; k&auml;mpftest Du nur um sie,<a class="page" name="Page_252" id ="Page_252" title="252"></a>
+so w&auml;re all dies f&uuml;r Dich etwas ganz Untergeordnetes.
+Das, was wir an Stelle des Alten setzen k&ouml;nnten, ist ja
+auch nichts Sicheres; wir wissen, so, wie das ehrw&uuml;rdige
+Buch es berichtet, kann es schwerlich zugegangen sein;
+aber wir wissen auch nicht, wie es in Wirklichkeit gewesen
+ist. Blo&szlig; das wissen wir: von Gott stammt unser
+Leben, in Gott sind wir gl&uuml;cklich &mdash; im &uuml;brigen la&szlig;
+Kinder und Erwachsene die ersten Vorg&auml;nge auffassen
+nach der V&auml;ter Weise &mdash; bis auf weiteres." Die ehrliche
+Kraft der &Uuml;berzeugung lag in seinen Worten, und sie
+verfehlten ihre Wirkung nicht. Darum schwieg sie lange.
+Dann aber brach pl&ouml;tzlich etwas anderes hervor. "Wei&szlig;t
+Du, da&szlig; &mdash; ohne die grenzenlose Verschandelung meines
+Verstandes und Willens in meiner Kindheit auch ich
+anders geworden w&auml;re, als ich jetzt bin?" &mdash; "Ja,"
+sagte er kalt, "wie ich h&ouml;re, hast Du es in der letzten
+Zeit so weit gebracht, den Glauben f&uuml;r das Ungl&uuml;ck
+Deines Lebens zu halten!" &mdash; "Das hab' ich nie gesagt!"
+fuhr sie auf und wurde sehr bla&szlig;. "Und auch
+niemals gemeint!" Ruhiger f&uuml;gte sie hinzu: "Den Glauben
+an Gott und die Erl&ouml;sung durch Jesus hab' ich niemals
+als Zwang an meinem Verstand empfunden.
+Niemals!" &mdash; "Wirklich? Das ist ja sch&ouml;n!" sagte er,
+seufzte aber gleich darauf tief. &mdash; "Gut! Wenn Du
+mich nicht anh&ouml;ren willst," sagte sie, "so will ich
+mich kurz fassen. Entweder Du h&ouml;rst auf, dem Jungen
+M&auml;rchen zu erz&auml;hlen, die nicht unschuldig sind, wenn
+sie seinen Kinderverstand einengen k&ouml;nnen; oder ich
+halte Dich nicht mehr f&uuml;r vollkommen gewissenhaft,
+Ole!"</p>
+
+<p>Es war nicht das erste Mal, da&szlig; sie harte Worte
+brauchte; sie hatten lange und schwere K&auml;mpfe miteinander
+gehabt. Aber nie hatte sie so hart gesprochen,
+niemals seinen Glauben angegriffen. Sie hatte ihr Recht
+verteidigt, so zu sein, wie sie war, wenn auch mit heftigen
+Ausf&auml;llen gegen die Art, wie er war; sie war seinen
+Herausforderungen mit schneidiger Waffe begegnet; aber
+niemals, bis zu diesem Augenblick, hatte sie etwas der<a class="page" name="Page_253" id ="Page_253" title="253"></a>artiges
+gesagt oder Bedingungen gestellt. Er hatte schon
+ziemlich lange das dr&uuml;ckende Gef&uuml;hl gehabt, da&szlig; sich in
+ihr etwas zusammenzog; aber ihr fest gewappneter Vorsatz
+&mdash; von solchem Zorn, solchem Willen getragen &mdash;!
+So standen sie sich gegen&uuml;ber, Aug' in Auge; und wollten
+die Tiefe ihres Willens aneinander messen. Auch in
+ihm kochte es auf zu gewaltigem Zorn, und um von
+vornherein jede falsche Hoffnung abzuschneiden, sagte
+er: "Der Junge bleibt bei mir!" &mdash; "Bei Dir?" &mdash; Sie
+wurde aschfahl. "Hast <em class="gesperrt">Du</em> ein gr&ouml;&szlig;eres Anrecht an
+ihn als ich? Bist <em class="gesperrt">Du</em> seine Mutter?" &mdash; "Ich bin sein
+Vater. Bibel und Gesetz machen den Vater zum Eigent&uuml;mer
+des Kindes."</p>
+
+<p>Jetzt begann sie auf- und abzugehen; aber nur zwischen
+Fenster und T&uuml;r, wie zwischen den St&auml;ben eines K&auml;figs.
+Ihre Brust wogte; ihr Atem ging h&ouml;rbar; ihre Gesichtsfarbe,
+ihre Augen, ihre Stimme verrieten, in welch
+furchtbarer Aufregung sie war. Sie hatte nie geglaubt,
+da&szlig; er zu so etwas imstande sei. &mdash; "Sch&auml;mst Du Dich
+nicht? Du wolltest den Jungen behalten?" &mdash; "Das
+will ich, so wahr Gott es mir gebietet! Du sollst unsern
+Jungen nicht verderben." &mdash; "Ihn verderben? Ich?
+Das ist zu viel! Jetzt sollst Du die Wahrheit h&ouml;ren!
+Von Kindheit an hast Du Macht &uuml;ber mich gewonnen
+&mdash; <em class="gesperrt">dadurch</em>! Hast Macht gewonnen &uuml;ber meinen Verstand
+durch Deinen unersch&uuml;tterlichen Glauben, ohne
+da&szlig; ich es merkte, weil Du gut warst und Dich hingabst.
+Und damit hast Du meine Natur verpfuscht &mdash; ja, das
+hast Du! &mdash; denn ich war anders geartet. Du hast
+meinem Leben Bahn und Ziel gewiesen, ich merkte es
+selber nicht. Ich sag' es, wie es ist; ich messe Dir keine
+Schuld bei. Aber Du sollst wissen, weshalb Du nicht
+auch Macht gewinnen darfst &uuml;ber mein Kind! Das
+darfst Du nicht &mdash; solange noch ein Funken Leben in
+mir ist &mdash; trotz Gesetz und Bibel! Jetzt wei&szlig;t Du's &mdash;
+und Du wirst es sehen!"</p>
+
+<p>H&auml;tte sie geahnt, da&szlig; er schon lange, lange darauf
+gewartet hatte, sie m&ouml;ge ihm einmal so gegen&uuml;berstehen,<a class="page" name="Page_254" id ="Page_254" title="254"></a>
+sie h&auml;tte es sich erspart, mit solch spr&uuml;hender Leidenschaftlichkeit
+zu reden. Er selber war vollkommen Herr
+seiner Gef&uuml;hle. "Ja, Deine g&ouml;ttlichen Gef&uuml;hle hab'
+ich auf Abwege geleitet &mdash; das wei&szlig; ich l&auml;ngst. Ich hab'
+es getan durch den Glauben, der nicht der Deine wurde.
+Das hab' ich gewu&szlig;t, mein Kind, noch ehe Du wegreistest!"
+Er sagte es breit und sicher. &mdash; "Nun, also
+dann wei&szlig;t Du es!" schrie sie mit derselben funkelnden
+Leidenschaft. "So wei&szlig;t Du es! Dein Glaube ist niemals
+der meine geworden! Er pa&szlig;te mir nicht! Aber
+auch zu keinem andern Glauben bin ich gekommen.
+Immer dachte ich, es sei S&uuml;nde, da&szlig; ich nicht glauben
+konnte wie Du! Es lag wie ein Stein auf mir, da&szlig; ich
+nicht alle meine Kr&auml;fte aufwenden konnte f&uuml;r etwas,
+das mein war! Darum bin ich nicht geworden wie andere.
+Alles war verpfuscht!" &mdash; "Und was h&auml;tte denn aus Dir
+werden sollen, wie?" &mdash; "Oh &mdash; wenn Du gleich das
+Tollste wissen willst &mdash; Kunstreiterin!" antwortete sie,
+ohne mit der Wimper zu zucken. Er blieb stehen; er
+traute seinen Ohren und Augen nicht. "Kunstreiterin!"
+Er lachte h&ouml;hnisch. "Wahrlich &mdash; ein gro&szlig;er Verlust
+f&uuml;r die Welt und f&uuml;r Dich, da&szlig; Du das nicht geworden
+bist, Josefine!" &mdash; "Das wu&szlig;t' ich, da&szlig; Du so denken
+w&uuml;rdest. Aber wenn es mein Los gewesen w&auml;re, einen
+Zirkus zu leiten, so h&auml;tt' ich Hunderten Brot und Tausenden
+ein gesundes Vergn&uuml;gen verschafft. Das ist gar
+nicht so wenig, Du &mdash; das ist mehr, als die meisten
+Menschen leisten! Und was hab' ich so geleistet? Mit
+was f&uuml;r Kleinkram hab' ich mich besch&auml;ftigt? Was
+hab' ich erreicht? Da&szlig; ich nahe daran bin, Dich und
+mich zu verachten! Was ist aus unserm Leben, was ist
+aus unserer Ehe geworden? Kannst Du ehrlich behaupten,
+Du f&uuml;hltest noch Liebe zu mir? Kann ich
+behaupten, ich h&auml;tte Dich noch lieb?" &mdash; "Nein, Josefine
+&mdash; wen Du lieb hast, das wissen wir beide!"&mdash;
+Wenn er sie geschlagen h&auml;tte, wie ihr Bruder, sie h&auml;tte
+nicht rasender sein k&ouml;nnen; erstens weil es &uuml;berhaupt
+ausgesprochen wurde &mdash; sie wu&szlig;te ja kaum, da&szlig; man<a class="page" name="Page_255" id ="Page_255" title="255"></a>
+wagen konnte, es zu denken &mdash; und dann, weil der Mann
+es aussprach, der ihrem Bruder und ihr alles verdankte,
+was er war, und der trotzdem Schuld daran trug, da&szlig; die
+Geschwister entzweit waren. "Allerdings &mdash; <em class="gesperrt">er</em> hat,
+was Du nicht hast!" antwortete sie, um ihn so recht
+empfindlich zu verletzen. "Im &uuml;brigen ist es erb&auml;rmlich
+von Dir, so etwas zu sagen." &mdash; "So? Glaubst Du, ich
+w&uuml;&szlig;te nicht, da&szlig; es seine Schuld ist, wenn ich Dich
+verloren habe, Dich und meinen h&auml;uslichen Frieden und
+dadurch die Freudigkeit f&uuml;r meinen Beruf, und da&szlig;
+mir nun auch noch die Gefahr droht, mein Kind zu
+verlieren?"</p>
+
+<p>Seine Stimme zitterte; er hatte anfangs im Zorn gesprochen,
+doch der Zorn ging &uuml;ber in tiefes Leid, und
+der gleiche Vorgang war in ihr. Sie h&auml;tte am liebsten
+laut geweint. Doch keines wollte einem weicheren Gef&uuml;hl
+nachgeben. Sie stand am Fenster und blickte hinaus.
+Er ging im Zimmer auf und ab. Ein langes, langes
+Schweigen. Und w&auml;hrenddessen gewann in ihr der Zorn
+wieder die Oberhand. Seine schweren Schritte klangen
+ihr voll Trotz; auch in dem Schweigen lag Trotz. Und
+das, was er vorhin gesagt hatte, war sch&auml;ndlich.</p>
+
+<p>"Also," sagte sie, ohne ihn anzusehen, "Du kennst
+nun die Bedingung. Solche M&auml;rchen, wie die Spukgeschichte
+von Kristen Larssen ... erz&auml;hlst Du, und
+hast sie dabei nicht einmal untersucht. Und genau so
+ist es mit den M&auml;rchen vom Paradiese, an die glaubst
+Du nicht einmal und erz&auml;hlst sie doch. Kann ich
+Achtung haben vor so etwas? Da ist mein Bruder doch
+ein anderer Mensch! Der ist doch aufrichtig. Kommst
+Du meinem Jungen noch weiterhin mit solchen M&auml;rchen,
+ohne ihm zu sagen, da&szlig; es M&auml;rchen sind," &mdash; und jetzt
+wandte sie sich um &mdash; "so ist es aus mit uns beiden,
+Ole! Bei Gott, es ist aus! Niemals wird es Dir gelingen,
+ihn mir wegzunehmen durch so etwas!" Sie trat auf
+ihn zu. "Darin gebe ich nie und nimmer nach, Ole!"
+Sie ging.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p><a class="page" name="Page_256" id ="Page_256" title="256"></a>Am selben Sonntag und zur selben Zeit kam Kallem
+nach Hause zum Mittagessen, das bei ihm etwas
+sp&auml;ter lag als bei seinem Schwager.</p>
+
+<p>Schon durch die K&uuml;chent&uuml;r sah er Ragni in einer
+gro&szlig;en Sch&uuml;rze, die bis unters Kinn reichte, am K&uuml;chentisch
+stehen und Gem&uuml;se putzen. Er legte im Flur ab
+und ging zu ihr hinein; in letzter Zeit war in ihm eine
+stetig wachsende Angst, die er ihr jedoch verbarg. War
+es die wei&szlig;e Sch&uuml;rze, die einen so bleichen Schein &uuml;ber
+sie warf, oder der Dampf von Sigrids Braten &mdash; Ragni sah
+entsetzlich schlecht aus. Und sie hatte sicher geweint!
+Das schnitt ihm ins Herz. Sie sah nicht von ihrer Arbeit
+auf, sondern sagte: "Wir haben einen Gast zu Tisch." &mdash;
+"So?" &mdash; "Ja, Otto Meek, Karls Vater, ist heut Vormittag
+dagewesen und kommt zum Essen." &mdash; "Wie
+geht's denn Karl?" &mdash; "Nicht gut. Da kommt ja Herr
+Meek." Der gro&szlig;e Kopf in der Pelzm&uuml;tze tauchte
+jenseits des Zaunes auf; jetzt trat Meek in den Garten;
+und Kallem ging ihm entgegen. Fr&uuml;her, als Meek noch
+praktizierte, hatte auch er sich besonders mit Brustkrankheiten
+befa&szlig;t, die in dieser Gegend des Landes
+nur allzu verbreitet waren, und er verfolgte Kallems
+Arbeit am Krankenhaus und seine Schriften mit reger
+Teilnahme; Kallem freute sich &uuml;ber sein Kommen.
+W&auml;hrend er ihm half, den &Uuml;berzieher abzulegen, sagte
+er, Ragni habe ihm erz&auml;hlt, es ginge Karl nicht gut.
+"Nein, es geht ihm nicht gut." &mdash; "Was ist es denn?" &mdash;
+"Ja, deshalb bin ich gerade gekommen," erwiderte
+Meek. &mdash; "Haben Sie mit meiner Frau dar&uuml;ber gesprochen?"
+&mdash; "Ja." Sie gingen beide ins Zimmer.
+Es war warm und gem&uuml;tlich drin; der Fl&uuml;gel stand offen.
+Hatte sie gespielt, als Meek gekommen war? Dann
+konnte es ihr nicht so schlecht gehen, wie es aussah; er
+brannte darauf, sie zu untersuchen.</p>
+
+<p>Meek war heute noch schwerf&auml;lliger und schweigsamer
+als gew&ouml;hnlich. "Na," sagte Kallem, "haben Sie
+sich &uuml;ber Karl geeinigt, Sie und meine Frau?" &mdash; Meek
+sah ein bi&szlig;chen verwundert auf. "Sie meinen, da&szlig; man<a class="page" name="Page_257" id ="Page_257" title="257"></a>
+ihm schreiben soll?" &mdash; "Na ja, das auch. Es hat nat&uuml;rlich
+&mdash; wie schon oft &mdash; eine kleine Reiberei gegeben?"
+&mdash; "Ja", antwortete Meek und schwieg dann wieder. &mdash;
+"Sie denken wohl, ich w&uuml;&szlig;te etwas davon? Nein, mein
+Bester, keinen Schimmer!" Meek schien immer nachdenklicher
+zu werden. "Ich habe Ihrer Frau gesagt,
+sie m&uuml;sse es Ihnen sagen. Es ist ja sch&ouml;n von ihr, da&szlig;
+sie es nicht getan hat. Aber die Sache f&auml;ngt an, eine
+gef&auml;hrliche Wendung zu nehmen." Seine schwerm&uuml;tigen
+Augen blickten in Kallems Augen. &mdash; "Gef&auml;hrlich, sagen
+Sie?" &mdash; "Ja. Ich mu&szlig; ihn nach Hause kommen lassen."
+&mdash; Kallem sprang von seinem Stuhl auf; Meek fuhr
+fort: "Es hat gar keinen Zweck, da&szlig; er dort ist." &mdash;
+"Aber, mein Gott, was ist denn los? Wollen Sie, da&szlig;
+wir es wieder mit ihm versuchen?" &mdash; Kallem dachte,
+der Junge habe m&ouml;glicherweise einen R&uuml;ckfall gehabt.
+Meek sah ihn forschend, beinah erschrocken an. "Wie
+geht es eigentlich Ihrer Frau?" Kallem wurde rot;
+das traf wie ein Schu&szlig; mitten in seine heimliche Angst.
+"Sie hat sich eine h&auml;&szlig;liche Erk&auml;ltung zugezogen, die
+nicht weichen will; ich habe eine Zeitlang geglaubt, ...
+Wissen Sie was? K&ouml;nnten Sie sie nicht einmal untersuchen?"
+Sein Zweifel war zur Gewi&szlig;heit geworden;
+sein Herz schlug so, da&szlig; er selber sie nicht h&auml;tte untersuchen
+k&ouml;nnen. Meek sah ihn noch immer an; und
+Kallems Angst wurde immer gr&ouml;&szlig;er. "Ich bitte Sie,
+wollen Sie sie nicht untersuchen?" &mdash; "Doch, nat&uuml;rlich.
+Sie haben es in der letzten Zeit nicht getan?" &mdash;
+"In der allerletzten Zeit nicht. Ich wollte sie nicht
+&auml;ngstigen. Ihre Phantasie bem&auml;chtigt sich gleich der
+Sache, und das ist bei ihr furchtbar gef&auml;hrlich. Au&szlig;erdem
+war da noch etwas anderes ... Aber jetzt werd'
+ich &mdash;" Er wollte hinausgehen und sie holen. "Haben
+Sie ihren Vater gekannt?" fragte Meek. Kallem &uuml;berlief
+es kalt. "Haben <em class="gesperrt">Sie</em> ...?" &mdash; "Ja. Ich war Fischerarzt
+dort oben." &mdash; "<em class="gesperrt">War er</em> &mdash;?" fragte Kallem atemlos,
+und verschluckte den Schlu&szlig;. Meek nickte blo&szlig;. Kallem
+griff sich mit beiden H&auml;nden an den Kopf, eilte nach<a class="page" name="Page_258" id ="Page_258" title="258"></a>
+der T&uuml;r, und kam wieder zur&uuml;ck: "Wollen Sie jetzt
+gleich, auf der Stelle, sie untersuchen, ja?" &mdash; "Wie
+Sie w&uuml;nschen." &mdash; Kallem f&uuml;hrte sie behutsam herein,
+ohne da&szlig; sie erst hatte die Sch&uuml;rze abbinden k&ouml;nnen;
+sanft zog er sie ans Fenster. Ja, sie hatte geweint. Und
+diese Ringe um die Augen, die Magerkeit, die Farbe &mdash;!
+Sie sah sein Entsetzen und deutete es falsch. Drau&szlig;en
+in der K&uuml;che hatte sie gedacht: jetzt sprechen sie von
+Karl. Jetzt erf&auml;hrt Kallem, was geschehen ist, und
+warum ich keine Briefe mehr von ihm haben will. Als
+sie nun Kallems Aufregung sah, dachte sie: ist er b&ouml;se,
+weil ich nichts gesagt habe? Das konnte sie nicht ertragen;
+ihr wurde kalt und hei&szlig;. &mdash; "Liebe, liebste
+Ragni, darf Doktor Meek nicht mal Deine Brust untersuchen?"
+Also das war es &mdash;! Sie erschrak aufs heftigste
+und sah ihn wie ein wundes Tier an, das um Schonung
+fleht. Aber er bat wieder und begann behutsam ihr die
+gro&szlig;e Sch&uuml;rze abzubinden; und gehorsam wie sie war,
+f&uuml;gte sie sich.</p>
+
+<p>Gleich an der ganzen Art, wie und wo Meek innehielt
+und wieder horchte, merkte Kallem, da&szlig; da etwas
+Entsetzliches &uuml;ber sie beide hereingebrochen war. Ihre
+ver&auml;ngstigten Blicke suchten die Augen des Gatten und
+vermehrten seinen eigenen Schmerz &mdash; ahnte sie es
+selbst? Oder war es ein Vorwurf, da&szlig; er einen andern
+das tun lie&szlig;?</p>
+
+<p>Jetzt lag der gro&szlig;e Kopf an ihrem R&uuml;cken. An der
+rechten Seite &mdash; da ... Verdichtung in der Lungenspitze?
+Kavernen im Gewebe? Er dachte sich das
+Schlimmste &mdash; und sie auch; das sah er. Wu&szlig;te sie
+vielleicht mehr, als sie hatte sagen wollen? Verheimlichte
+sie ihm etwas, ebenso wie er seine Furcht verheimlichte?
+O Gott, so kummervoll fragend sucht kein Auge
+das andere, es sei denn in Todesangst! Auch ihn
+packte sie.</p>
+
+<p>"Haben Sie in der letzten Zeit au&szlig;ergew&ouml;hnlich viel
+gehustet?" Sie schien unsicher, was sie antworten solle,
+und blickte flehend auf Kallem. Ihre H&auml;nde zitterten,<a class="page" name="Page_259" id ="Page_259" title="259"></a>
+und sie wollte es verbergen; Meek sah es. "F&uuml;hlen Sie
+sich sehr matt, wenn Sie spazieren gehen?" fragte er.
+Wieder blickte sie verzweifelt auf Kallem, als wolle sie
+ihn daf&uuml;r um Verzeihung bitten. "Kommen Sie leicht
+au&szlig;er Atem?" fuhr der andere fort. &mdash; "Ja." &mdash; "F&uuml;hlen
+Sie sich manchmal sehr entkr&auml;ftet, &mdash; fast als ob Sie
+ohnm&auml;chtig werden wollten?" In schrecklicher Angst
+sah sie jetzt Kallem an. &mdash; "Sind Sie etwa schon in Ohnmacht
+gefallen?" &mdash; "Ja." &mdash; "Ist das wahr?" rief
+Kallem. &mdash; "Ja, heute", sagte sie hastig, mit zitternder
+Stimme. &mdash; "Nachdem ich mit Ihnen gesprochen hatte?"
+&mdash; "Ja. Ich wollte gern ein bi&szlig;chen frische Luft sch&ouml;pfen,
+und ..." Bei diesen Worten brachen die Tr&auml;nen hervor.</p>
+
+<p>Meek wartete eine Weile. "Wenn Sie husten, &mdash;
+haben Sie dann Schmerzen hier?" er zeigte auf das
+rechte Schl&uuml;sselbein. Sie nickte. "Haben Sie jemals
+Ihren Auswurf angesehen?" Sie antwortete nicht.
+"Haben Sie ihn nie angesehen?" &mdash; "Doch, gestern
+Abend." &mdash; "Nun, und &mdash; ?" Sie schwieg und starrte
+zu Boden. &mdash; "War Blut darin?" &mdash; Sie nickte; die
+Tr&auml;nen liefen ihr &uuml;ber die Wangen; sie wagte nicht mehr
+aufzusehen.</p>
+
+<p>Kallem stand da, unf&auml;hig zu sprechen. Meek fragte
+nicht weiter. Ragni ordnete ihre Toilette. Meek reichte
+ihr stillschweigend ein Tuch, das sie abgenommen hatte,
+als die Untersuchung begann. Und w&auml;hrend sie hilflos
+dasa&szlig; und es wieder umzubinden versuchte, schien
+Kallem etwas einzufallen, was er im Arbeitszimmer holen
+mu&szlig;te. Er kam nicht wieder. Sie wu&szlig;te weshalb; und
+eine Weile zweifelte sie, ob sie &uuml;berhaupt aufstehen
+k&ouml;nne, und hatte ein Gef&uuml;hl, als w&uuml;rde sie wieder ohnm&auml;chtig
+werden; aber der Gedanke an ihn, der da drin
+in seinem Studierzimmer sa&szlig;, &uuml;berwand die Ohnmachtsanwandlung;
+sie wollte zu ihm. Sie bat Meek um Entschuldigung,
+stand auf, ging auf die E&szlig;zimmert&uuml;r zu
+und verschwand. Auch sie kam nicht wieder.</p>
+
+<p>Meek wartete eine Weile, wartete lang und l&auml;nger.
+Dann ging er auf den Flur, zog seinen Mantel an, rief<a class="page" name="Page_260" id ="Page_260" title="260"></a>
+zur K&uuml;chent&uuml;r hinein, er m&uuml;sse gehen, und bat, die
+Herrschaften zu gr&uuml;&szlig;en.</p>
+
+<p>Sigrid suchte sie in der Wohnstube, klopfte an die
+T&uuml;r des Arbeitszimmers, &mdash; keine Antwort. Sie horchte
+und &ouml;ffnete schlie&szlig;lich. Kallem lag auf dem Sofa;
+Ragni kniete, an ihn gelehnt, vor ihm. Leise meldete
+Sigrid, das Essen sei fertig, und Doktor Meek sei fortgegangen.
+Keines antwortete; keines blickte auf.</p>
+
+<p>Edvard und Ragni hatten bis jetzt geglaubt, der Tag,
+an dem Ragni nach Amerika gereist, sei der schwerste
+ihres Lebens gewesen; brieflich und m&uuml;ndlich hatten
+sie einander gesagt, das sei ein Gef&uuml;hl gewesen, als
+m&uuml;&szlig;ten sie sterben. Aber der Tod ist noch anders; er
+gleicht nichts sonst auf der Welt. Das erfuhren sie
+jetzt. &mdash;</p>
+
+<p>Auf diesen Tag folgte eine lange Zeit voll Kampf
+ohne Hoffnung, voll Verzweiflung ohne Worte, voll
+innigster Liebe ohne Freude. Ragni hatte allerlei zu
+"ordnen", womit sie in der Stille anfing. Sie hatte
+auch verschiedenes zu schreiben, und so oft sie nur
+irgend konnte, machte sie sich daran, schrieb, strich
+aus, &mdash; nach langer Arbeit wurde das Ganze nur kurz.
+Aber so lange sie mit dem besch&auml;ftigt war, was sie sich
+zu erledigen vorgenommen hatte, ging es ihr leidlich.
+Kallem war ganz erstaunt.</p>
+
+<p>Er selbst hatte allen Mut verloren. Er sah das
+Schlimmste kommen. Am l&auml;ngsten str&auml;ubte er sich,
+ihren Auswurf zu untersuchen; ... er wu&szlig;te im voraus,
+da&szlig; er den Tuberkelbazillus darin finden w&uuml;rde, den
+Feind, zu dessen Bek&auml;mpfung er Verm&ouml;gen und Leben
+eingesetzt hatte. Nun war er vom Feind in seinem
+eigenen Hause besiegt worden. Aber eines Tages mu&szlig;te
+er doch darangehen; und er fand ihn. Er rannte nicht
+im Laboratorium auf und ab, er weinte nicht, er rang
+nicht die H&auml;nde. Er versuchte nur, ob er ohne sie denken
+k&ouml;nne; aber immer dachte er nur an sie. Von der ersten
+Stunde ihrer Begegnung an &mdash; all die kleinen Z&uuml;ge, die
+unbedeutendsten Beweise ihrer Anmut und Begabung,<a class="page" name="Page_261" id ="Page_261" title="261"></a>
+ihre Schw&auml;chen ebenso wie ihre schweigende, poetische
+Liebe &mdash; alles durchlebte er noch einmal mit der gleichen
+Wonne, dem gleichen Schmerz; alles war ihm gleich
+lieb, gleich unentbehrlich; unz&auml;hlige Begebenheiten voll
+Humor, W&auml;rme, Furcht, Sch&ouml;nheitssinn, Hingebung an
+den Augenblick &mdash; alle sahen sie ihn an wie Augen.
+Wo sollte er hin? Was sollte er weiter? Sie war ja auch
+in all seinen Arbeiten. Ihr Bild aus dem dritten Jahr
+in Amerika stand dr&uuml;ben auf dem Kaminsims; es war
+seinerzeit gekommen als erster Abdruck dessen, was ihr
+geistiges Entwicklungsleben in Gesicht und Augen
+hineinmodelliert hatte, eine wundervolle Best&auml;tigung
+dessen, was er geahnt hatte, als er sie hin&uuml;berschickte.
+Aus dem Bild heraus suchten ihre Augen wie immer die
+seinen; dieses L&auml;cheln ihrer Augen war ihm in der Wartezeit
+wie eine Verhei&szlig;ung alles Guten gewesen! Und
+was war es ihm eben dadurch nicht alles gewesen! Jetzt
+str&ouml;mten wieder die Erinnerungen herbei an ihr erstes
+Wiedersehen, an die ersten Worte, die erste Verlegenheit
+&uuml;ber das Fremde, das hinzugekommen war, das
+erste ganze, volle Wiedererkennen, die erste Umarmung ...</p>
+
+<p>Und das nur, um zu sagen, da&szlig; nun alles zu Ende
+gehe! Auch alles, was er im Zusammenleben mit ihr
+gedacht und getan hatte, seine Freude daran, seine
+Kraft, sein Glaube. Was in aller Welt war nur geschehen?
+Er mu&szlig;te wirklich einmal mit ihr dar&uuml;ber sprechen.
+Da war etwas, was sie ihm verheimlichte. Eine Unvorsichtigkeit,
+die sie nicht einzugestehen wagte? Was
+konnte es sein? Aber in sie dringen mochte er nicht.</p>
+
+<p>Dann, eines Tages, als er nach Hause kam, fand er sie
+nicht unten. Und als er hinaufkam, lag sie im Bett!
+Sie streckte ihre Hand aus &mdash; wie mager die geworden
+war! &mdash; und richtete die gro&szlig;en Augen mit einem
+matten, halbverschleierten Ausdruck auf ihn: "Ich hab'
+mich ein bi&szlig;chen hingelegt", fl&uuml;sterte sie; "blo&szlig; auf
+einen Augenblick!" Sie sah nicht einmal so schlecht
+aus, vielleicht weil sie lag. Er setzte sich an ihr Bett und<a class="page" name="Page_262" id ="Page_262" title="262"></a>
+hielt ihre lange, magere Hand zwischen seinen beiden
+H&auml;nden.</p>
+
+<p>"Hinter all dem", begann er vorsichtig, "steckt etwas,
+in das ich nicht eingeweiht bin. Einmal war ich auf vollst&auml;ndig
+falscher F&auml;hrte; aber auch sp&auml;ter ist es schneller
+gegangen, als ich begreife &mdash; einfach, weil ich nicht
+wachsam genug gewesen bin. Da steckt etwas dahinter,
+irgendeine gro&szlig;e, vielleicht wiederholte Unvorsichtigkeit,
+die ich nicht mit in Rechnung gezogen habe.
+Schatz, sag' es mir jetzt; sonst hab' ich keine Ruhe."</p>
+
+<p>"Ich will es Dir sagen. Ich habe es mir eben &uuml;berlegt.
+Drunten in meinem Schreibtisch sind ein paar Papiere,
+im ersten Fach links; die sind alle f&uuml;r Dich. Die sollst
+Du lesen, wenn &mdash;" sie unterbrach sich selbst. "Sp&auml;ter!"
+f&uuml;gte sie hinzu und dr&uuml;ckte schwach seine Hand. &mdash;
+"Also jetzt soll ich es nicht erfahren:" &mdash; "Doch, das,
+wonach Du fragst, gewi&szlig;. Ich kam nur nicht so weit."
+Sie bat ihn, sie etwas anders zu legen, und er half ihr. &mdash;
+"Doch, Du sollst es wissen. Nur Dir zuliebe habe ich
+es verheimlicht," &mdash; ihre Augen f&uuml;llten sich mit
+Tr&auml;nen, &mdash; "Du, mein ..." Wieder ein leiser H&auml;ndedruck
+und ein L&auml;cheln. Er trocknete ihre Tr&auml;nen mit
+seinem Taschentuch ab und wischte sich heimlich die
+Augen hinter der Brille. Sie lag und sah ihn an,
+ohne zu sprechen; hatte sie es vergessen oder &uuml;berlegte
+sie? Er beugte sich &uuml;ber sie: "Nun &mdash;?" fragte er;
+"willst Du es mir nicht sagen?" &mdash; "Doch! Das, was
+zu oberst liegt, von Karls Hand, das kannst Du gleich
+lesen. Das andere nicht." &mdash; "Steht es denn in Karls
+Brief?" Sie nickte. "Der Schl&uuml;ssel?" fl&uuml;sterte er. "Der
+steckt", antwortete sie, ohne die Augen zu &ouml;ffnen, und
+lie&szlig; seine Hand los.</p>
+
+<p>Er ging hinunter, &ouml;ffnete das Fach und nahm den
+Brief heraus, den wir kennen; dann setzte er sich hin,
+um ihn gr&uuml;ndlich zu lesen.</p>
+
+<p>Sein Entsetzen! Und seine Emp&ouml;rung, &mdash; und seine
+Ohnmacht! Und davon hatte er nichts erfahren, als
+es noch Zeit war! Er lief wie ein Rasender auf und ab;<a class="page" name="Page_263" id ="Page_263" title="263"></a>
+dann setzte er sich aufs neue hin, wie gel&auml;hmt. Er
+fa&szlig;te Entschl&uuml;sse und verwarf sie wieder! Vor alle
+Welt wollte er hintreten und ihnen zurufen, es sei eine
+L&uuml;ge! In den Betsaal wollte er einbrechen, wenn er
+gesteckt voll war, auf die Kanzel steigen und sie des
+feigsten, erb&auml;rmlichsten Mordes anklagen! ... Und
+dann wieder fiel ihm ein, da&szlig; Ragni, selbst wenn sie
+ganz gesund gewesen, an so etwas gestorben w&auml;re.</p>
+
+<p>Er selbst lebte nur daf&uuml;r, den Menschen so viel Gutes
+zu erweisen, wie er nur konnte; und nicht ein einziger
+unter ihnen war ehrlich genug, war dankbar genug oder
+auch nur emp&ouml;rt genug, ihm zu sagen, da&szlig; er wachen
+m&uuml;sse &uuml;ber seinem und seiner Frau guten Namen, &uuml;ber
+der Ehre seiner Ehe! So viel tr&auml;ge Verantwortungslosigkeit!
+So viel Raum f&uuml;r Splitterrichterei und Bosheit
+in dieser "christlichen" Gesellschaft! Jetzt verstand
+er seine Schwester! Diese Verleumdung hatte sie geglaubt!
+Das also war es, wor&uuml;ber sie mit ihm hatte reden
+wollen an jenem Abend, als sie auf ihn gewartet! Und
+aus Emp&ouml;rung &uuml;ber das, was sie so steif und fest glaubte
+&mdash; was trauen die Menschen einem Freidenker nicht
+alles zu? &mdash; hatte sie ihnen den "Walfisch" auf den
+Hals geschickt! Alle, die nicht f&uuml;nfe gerade sein lie&szlig;en,
+glaubten daran, alle verurteilten, niemand erhob Einspruch,
+niemand kam!</p>
+
+<p>Das also hatte nun Ragni von ihrer Herzensg&uuml;te gegen
+Karl! Sie war um so uneigenn&uuml;tziger gewesen, als sie
+anfangs und auch sp&auml;ter noch oft nur mit &Uuml;berwindung
+ihrer eigensten Natur darangegangen war; erst jetzt,
+hinterher, hatte er das erfahren. Er kannte kein lieberes
+Gesch&ouml;pf als sie! Und ihr gro&szlig;es, warmes Gem&uuml;t, das
+sollten diese ...! Diese Schurken, diese gewissenlosen
+Zionsw&auml;chter, diese psalmodierenden Egoisten und
+herzenskalten Gebetmacher! Er las Karls Brief noch
+einmal; Karl tat ihm so herzlich leid. Armer, armer
+Junge! Nat&uuml;rlich hatte die Liebe in ihm erwachen
+m&uuml;ssen! Welcher brave Kerl w&uuml;rde nicht ein Wesen
+anbeten, dem die Menschen um seinetwillen so schweres<a class="page" name="Page_264" id ="Page_264" title="264"></a>
+Unrecht antaten? Da mu&szlig;te ja die Dankbarkeit und
+Bewunderung des Jungen zuletzt zu Liebe werden!
+Sowie Karl zur&uuml;ckkehrte, sollte er zu ihnen kommen!
+Ganz sicher! Und hier sollte er bleiben, bis sie ihren
+letzten Atemzug getan hatte! Und <em class="gesperrt">seinen</em> Arm wollte
+er nehmen, seinen und keinen andern ... an jenem
+furchtbaren Tag ... hinter ihrem Sarg ...! Er warf
+sich aufs Sofa und schrie laut auf.</p>
+
+<p>Vielleicht war er zu sehr von seinen eigenen Interessen
+eingenommen gewesen; er h&auml;tte mehr mit Menschen
+umgehen, h&auml;tte sie unter Menschen bringen sollen;
+dann w&auml;re das nie geschehen. Keiner, der einen tieferen
+Eindruck von ihrer reinen Seeleng&uuml;te empfangen h&auml;tte,
+w&uuml;rde gewagt haben ... obgleich &mdash; wer wei&szlig;? Dogmenblinde
+Gewohnheitstiere sehen nicht.</p>
+
+<p>Sigrid kam gerannt: der Frau Doktor sei wieder
+schlecht geworden; ein Hustenanfall. In neun, zehn
+S&auml;tzen nahm er Zimmer, Flur und Treppen; der Anfall
+war vor&uuml;ber, als er kam; sie lag da, in Schwei&szlig; wie
+gebadet, so matt, so hinf&auml;llig, da&szlig; sie jeden Augenblick
+ohnm&auml;chtig werden konnte. Ihr Auswurf war
+gr&uuml;nlich, mit ziemlich viel Blut darin; er kannte das.
+Er erkl&auml;rte es sich damit, da&szlig; er zu lange weggeblieben
+war; ihre Spannung hatte sich gesteigert, sie war hei&szlig;
+geworden, hatte sich aufgedeckt ... Sie lag mit geschlossenen
+Augen da und er verhalf ihr zum Schlafen.
+Fortan verlie&szlig; sie das Zimmer nicht mehr.</p>
+
+<p>Von ihrem Bett ging er sogleich an seinen Schreibtisch,
+um Doktor Meek mitzuteilen, was geschehen war,
+und ohne sich auf weiteres einzulassen, schlo&szlig; er: "Wenn
+Karl zur&uuml;ck ist, so sehen wir ihn wohl bald? Ich wei&szlig;
+jetzt alles."</p>
+
+<p>Dann ging er aus, um eine Pflegerin zu besorgen, und
+sowie er zur&uuml;ckkam, wieder zu ihr hinauf. Sie schien sich
+leichter zu f&uuml;hlen und schlief; und als sie endlich aufwachte,
+war er das erste, was ihre Augen trafen. Er gab
+ihr zu trinken, liebkoste sie, und die Fragen in ihren
+Blicken erwiderte er mit K&uuml;ssen auf ihre magere Hand,<a class="page" name="Page_265" id ="Page_265" title="265"></a>
+w&auml;hrend es um seinen Mund zuckte und Tr&auml;nen die
+Brillengl&auml;ser benetzten.</p>
+
+<p>Aber sie redeten von ganz anderen Dingen: da&szlig; ihre
+Schwester nicht kommen k&ouml;nne, und da&szlig; er Sissel Aune
+zu Ragnis Pflege geholt habe; sie eigne sich von allen,
+die er kenne, am besten dazu und sei ihnen treu ergeben.
+Ragni nickte zustimmend. Und dabei sahen sie einander
+an, wie Menschen, die sich nicht satt aneinander sehen
+k&ouml;nnen. Und beide dachten an das, was sie nun beide
+wu&szlig;ten &mdash; an die Ursache, weshalb sie jetzt so dalag.
+"Der arme Karl!" fl&uuml;sterte sie. "Der arme Karl!"
+wiederholte er.</p>
+
+<p>Er mu&szlig;te aufstehen und tat, als habe er unten etwas
+vergessen; irgendein Vorwand fand sich ja immer.</p>
+
+<p>H&auml;tte er nur wenigstens mit ihr reden k&ouml;nnen! Aber
+er wagte es nicht. Er hatte auch keine Zeit, mit sich
+selber allein zu sein. Er machte nur die notwendigsten
+Besuche im Krankenhaus und schr&auml;nkte seine Sprechstunden
+m&ouml;glichst ein; von allem andern machte er sich
+v&ouml;llig frei, um bei ihr sitzen zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Er hatte den Menschen sein Verm&ouml;gen und seine
+Arbeit geopfert, und nun lohnten sie ihm damit, da&szlig;
+sie sein Lebensgl&uuml;ck mordeten &mdash; wie grausam fand er
+das! Was ist das f&uuml;r ein Ma&szlig;, mit dem die Menschen
+messen, wenn nicht ein Blick auf Ragni ihnen sagt, da&szlig;
+sie das feinste, reinste kleine Wesen unter der Sonne
+ist? Das war und blieb ihm unfa&szlig;lich! Diese Blindheit
+emp&ouml;rte ihn immer wieder! Von denen, die er kannte,
+schlo&szlig; er auf die andern: nichts als Mittelware, f&uuml;r gew&ouml;hnlich
+nicht uneben, aber selbstverst&auml;ndlich nie &uuml;ber
+die Grenzen hinaus! Alle gingen sie in die Kirche,
+viele noch obendrein in die Betstunde &mdash; Pastor Tufts
+Leibgarde. Unter ihr hatte er auch mehrere ganz anst&auml;ndige,
+vorsichtige Menschen getroffen. Und trotzdem
+&mdash; ebenso gewissenlos in ihrem Urteil, so liebevoll-grausam
+&mdash; lauter makellose M&ouml;rder!</p>
+
+<p>Nicht einer, den er an der Gurgel packen konnte:
+"Du bist es! Du sollst mir Rede stehen!" Alle &mdash; und<a class="page" name="Page_266" id ="Page_266" title="266"></a>
+keiner. Sanfte Mitwisser, liebensw&uuml;rdige Mitschuldige.
+Eine war da &mdash; die stand abseiten &mdash; Josefine. Josefine
+hatte die Geschichte nicht aufgebracht; das war nicht
+ihre Art. Aber glauben, was einmal im Umlauf war,
+wenn es jemand galt, gegen den sie eingenommen war, &mdash;
+ja. Mit eisigem Schweigen lie&szlig; sie dann die andern bei
+ihrem h&auml;&szlig;lichen Glauben beharren &mdash; oder sch&uuml;rte ihn
+noch gar. Wie sein Herz sich mit Erbitterung gegen sie
+f&uuml;llte! Trotzdem sie sicher nicht der Urheber war &mdash;
+das wiederholte er sich wieder und wieder; sie h&auml;tte
+die Verleumdung gar nicht &uuml;ber ihre Lippen gebracht,
+dazu war sie zu vornehm, &mdash; aber Josefine trug die
+Hauptverantwortung f&uuml;r diesen Mord! Er war &uuml;berzeugt
+&mdash; so wenig sie selbst Christin war &mdash; die christliche
+Dogmensucht hatte sich auch in ihr beleidigt gef&uuml;hlt
+durch die Ungl&auml;ubigkeit eines kleinen Menschenwesens,
+&mdash; sich beleidigt gef&uuml;hlt, weil ein so schuldbeladenes
+Gesch&ouml;pf es wagte, <em class="gesperrt">ihren</em> Glauben zu verwerfen. Daher
+jene merkw&uuml;rdig peinliche "Gerechtigkeit", die so
+sicher und so wohlmeinend t&ouml;tete.</p>
+
+<p>Aber so weit war er ihr verwandt, da&szlig; auch ihn jetzt
+die tiefsten Schauer der Rachsucht durchtobten. Auch
+er nannte sie "Gerechtigkeit"; und auch er hatte keine
+Ahnung, da&szlig; er sich selbst belog. Wenn er bei Ragni
+sa&szlig;, f&uuml;hlte er nichts davon; ihre N&auml;he allein machte ihn
+gut. Bei ihr wurde er, wenn ihm solche Gedanken
+kamen, furchtbar aufgeregt, streichelte ihre Hand, strich
+ihr &uuml;ber die Stirn, sah ihr ins Auge, r&uuml;ckte ihr die Kissen
+zurecht &mdash; bis er gehen mu&szlig;te; denn sonst w&auml;re er niedergekniet
+und h&auml;tte alle Selbstbeherrschung verloren.</p>
+
+<p>Da sa&szlig; nun die stattliche Sissel Aune. Ihre dunkeln
+Augen wachten mit verst&auml;ndiger Ruhe und wandten
+sich zuweilen teilnahmsvoll ihm zu. In ihr hatte er alle
+die Menschen um sich, denen er etwas gewesen war, die
+ihm gern geholfen h&auml;tten, jetzt, wenn sie's nur gekonnt
+h&auml;tten. Aase und S&ouml;ren Pedersen kamen jeden Morgen
+an die K&uuml;chent&uuml;r geschlichen, um nachzufragen, wie es
+gehe; und je mehr die Kunde sich verbreitete, desto<a class="page" name="Page_267" id ="Page_267" title="267"></a>
+mehr Menschen kamen &mdash; alle still und voll Teilnahme.
+Sigrid selber fiel es schwer, zu Ragni hinaufzugehen; sie
+mu&szlig;te dann immer gleich weinen. Aber manchmal kam
+sie doch &mdash; z. B. wenn Frau Oberst Bajer eine sch&ouml;ne
+Topfblume abgab, die sie den Winter &uuml;ber mit Liebe
+gro&szlig;gezogen hatte und der strengen K&auml;lte wegen unter
+dem Mantel daherbrachte. Die mu&szlig;te Sigrid doch ins
+Krankenzimmer hinauftragen und so stellen, da&szlig; Ragni
+sie sehen konnte. Ein M&auml;dchen, deren Kind Kallem
+von schwerer Krankheit geheilt hatte &mdash; dieselbe, die
+Kristen Larssen hatte spuken sehen &mdash; und die ebenfalls
+einen Blumentopf besa&szlig;, einen einzigen, brachte ihn
+auch an, als sie von der Gabe der Oberstfrau h&ouml;rte. Der
+Topf, in dem die Pflanze stand, war mehr als einfach;
+aber was tat's?</p>
+
+<p>Kallem h&auml;tte es ja sonst nicht ausgehalten.</p>
+
+<p>Eines Tags, als er vom Krankenhaus zur&uuml;ckkam, wo
+etwas Besonderes vorlag, und gedankenvoll durch den
+Flur ging, sah er fremde Reisekleider dort h&auml;ngen.
+Bevor er selber ablegte, &ouml;ffnete er die Wohnzimmert&uuml;r.
+Am Verandafenster standen Otto und Karl Meek. Karl
+wandte sich zuerst um, ging auf Kallem zu und fiel ihm
+um den Hals. Er sah schlecht aus und hatte etwas
+Unruhiges, fast Verwirrtes. Sein langes Haar war ungepflegt,
+sein ovales Gesicht, schon an sich gro&szlig;, schien
+noch gr&ouml;&szlig;er geworden zu sein. Die Augen darin brannten
+schmachtend, mit einer Leidenschaft, wie sie Kallem
+nicht an ihm kannte. Und diese Augen lie&szlig;en die seinen
+nicht los. Ein Flehen um Nachsicht war in ihnen, die
+Geschichte eines gro&szlig;en Schmerzes, der ihn verfolgte,
+wo er ging und stand. Karl konnte seine Bewegung
+nicht meistern, vermochte nicht ruhig zu sein; und als
+Kallem nun auch mit dem Vater reden mu&szlig;te, fing er
+an, sich umzusehen, ging zum Fl&uuml;gel hin, strich mit der
+Hand &uuml;ber die Tische, betastete die Blumen, bl&auml;tterte
+in den Noten, ging dann ins E&szlig;zimmer, in die Studierstube.
+Dort blieb er lange &mdash; allein. Dann ging er
+hinaus in die K&uuml;che, zu Sigrid, und blieb drau&szlig;en.<a class="page" name="Page_268" id ="Page_268" title="268"></a>
+Kallem sah sich wiederholt nach ihm um; Doktor Meek
+bemerkte es und sagte: "Wir Meeks haben alle starke
+Gef&uuml;hle. Wir haben versucht, sie zu z&uuml;geln; aber der
+dort kann seine nicht z&uuml;geln; sie werden blo&szlig; eingezw&auml;ngt
+auf der einen Seite, um auf der andern wieder
+hervorzubrechen." Karl trat wieder ein; ganz verweint.
+Kallem wollte nicht, da&szlig; er so zu Ragni hinaufgehe;
+jedenfalls m&uuml;sse er erst warten, bis er ruhiger
+geworden sei. Karl beteuerte, oben w&uuml;rde er sogleich
+ruhig werden; er bat inst&auml;ndig, man solle ihn hinauf
+lassen; umsonst. Er sollte sie heute &uuml;berhaupt nicht
+mehr sehen. Der Abend war immer ihre schlimmste Zeit;
+sie durfte gar nicht einmal wissen, da&szlig; er &uuml;berhaupt da sei.</p>
+
+<p>Am andern Vormittag, als sie zurecht gemacht war,
+teilte Kallem ihr mit, da&szlig; Doktor Meek in der Stadt
+und gestern Abend dagewesen sei, um sich nach ihr zu
+erkundigen. &mdash; "Und Karl?" fragte sie. &mdash; Ja, Karl sei
+auch mitgekommen. &mdash; Eine Weile lag sie da, ohne etwas
+zu sagen. "Wenn unten gespielt wird, mu&szlig; ich es hier
+h&ouml;ren!" &mdash; "Ja, wenn die T&uuml;r offen ist; aber meinst Du
+wirklich ...?" Der Flur war warm und abgeschlossen;
+durch ihn wurden alle R&auml;ume oben gel&uuml;ftet; also in der
+Beziehung stand nichts im Wege. "Glaubst Du wirklich,
+Du k&ouml;nntest Musik vertragen?" &mdash; "Ich sehne mich
+nach Musik!" erwiderte sie. Sissel Aune sah den Doktor
+an; sie war augenscheinlich nicht daf&uuml;r. "Karl darf
+Dich wohl nicht begr&uuml;&szlig;en, wie?" Ragni faltete den
+Zipfel des Leintuchs mit der einen Hand zusammen;
+in der andern hielt sie das Taschentuch. Sie antwortete
+nicht; es war ihr offenbar peinlich. "Aber Doktor Meek
+darf Dir doch guten Tag sagen?" &mdash; "Mu&szlig; es sein?" &mdash;
+Kallem w&auml;re es lieb gewesen, wenn er sie gesehen h&auml;tte.
+Sp&auml;ter kam Doktor Meek, und Kallem erz&auml;hlte ihm
+alles. Karl bat voller Demut, ob er nicht &mdash; hinter den
+andern &mdash; an der T&uuml;r stehen d&uuml;rfe. Er wolle kein Wort
+reden, sich nicht r&uuml;hren, gleich wieder gehen. Kallem
+f&uuml;hlte Mitleid mit ihm und mochte es ihm nicht abschlagen.
+Er ging erst zu Ragni hinein und meldete<a class="page" name="Page_269" id ="Page_269" title="269"></a>
+Doktor Meek; dann kam dieser; und sein breiter R&uuml;cken
+verdeckte Karl, der sich an der T&uuml;r aufstellte. Ragni
+lag mit dem Antlitz dem Licht abgekehrt, also nach
+der T&uuml;r zu. Sie sah Karl nicht, er aber sah einen fl&uuml;chtigen
+Augenblick lang ihr abgemagertes, hohlwangiges
+Antlitz, die Fieberrosen, die trockenen Lippen; die
+Augen mit ihrem Glanz glichen einem langen Notschrei.
+Um den zehrenden Durst zu l&ouml;schen, der sie
+Tag und Nacht qu&auml;lte, trat auch Sissel ans Bett, halb
+vor sie hin und st&uuml;tzte und erquickte sie.</p>
+
+<p>Meek fragte nach diesem und jenem; sie antwortete
+zerstreut und sp&auml;hte furchtsam nach beiden Seiten an
+ihm vor&uuml;ber; ahnte sie, da&szlig; Karl da war? Nachher
+ver&auml;nderte sie ihre Lage etwas und Sissel glitt wieder
+zur Seite; jetzt h&auml;tte sie Karl sehen m&uuml;ssen; aber er
+war schon fort.</p>
+
+<p>Sie fanden ihn nachher im Wohnzimmer, in sich verkrochen,
+verzweifelt. Aber er bat, man m&ouml;ge ihn dalassen,
+ihm sein altes Zimmer wieder geben; auch wenn
+er sie nicht wieder sehen d&uuml;rfe &mdash; er k&ouml;nne nicht fort
+von hier. Kallem wagte nicht, es ihm abzuschlagen;
+auch sein Vater schien es zu w&uuml;nschen. Etwas an seinem
+ganzen Zustand &auml;ngstigte sie beide.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Vormittag spielte Karl. Die T&uuml;r unten
+stand offen; Ragnis T&uuml;r war angelehnt; es klang ged&auml;mpft
+und sch&ouml;n. Er hatte im Spielen Fortschritte gemacht;
+das St&uuml;ck kannte sie nicht, aber es ergriff sie.
+Sie bat, ihn zu gr&uuml;&szlig;en und ihm ihren Dank zu bestellen.
+Sp&auml;ter spielte er noch einmal, am n&auml;chsten Vormittag
+wieder. Schlie&szlig;lich erlaubte sie ihm, heraufzukommen
+und sie zu begr&uuml;&szlig;en. Karl versprach, ganz, ganz still
+zu sein und nur einen Augenblick zu bleiben. Schon im
+Flur ging er auf den Zehen und glitt wie ein Schatten
+ins Zimmer. Trotzdem kostete es ihn die gr&ouml;&szlig;te M&uuml;he,
+sich zu beherrschen. Aber sobald er unter der Gewalt
+ihrer Augen stand, wie in alten Tagen, empfand er,
+da&szlig; sie bang war vor ihm und es am liebsten gesehen
+h&auml;tte, wenn er gleich wieder gegangen w&auml;re. Das dr&uuml;ckte<a class="page" name="Page_270" id ="Page_270" title="270"></a>
+ihn nieder; er stand da wie eine zaghafte Bitte, bleiben
+zu d&uuml;rfen. Sie f&uuml;hlte die Ver&auml;nderung, die in ihm vorging;
+Kallem nahm ihre Hand, und sie beruhigte sich.
+Je l&auml;nger er so dastand, desto gr&ouml;&szlig;eres Mitleid empfand
+sie mit ihm. Er hatte gelitten, er war ein guter Junge;
+sie versuchte zu l&auml;cheln, ja, sie streckte sogar ihre
+magere Hand aus. Karl sah Kallem an und nahm die
+Hand nicht, kam auch nicht n&auml;her; aber eine hei&szlig;e
+Bewegung stieg in ihm auf, und wie um sie zu d&auml;mpfen
+fl&uuml;sterte sie: "Guter Karl!" Da ging er.</p>
+
+<p>Nach dieser Begegnung war er still und in sich gekehrt,
+als gr&uuml;ble er &uuml;ber einen Entschlu&szlig;. Er sprach
+seltener mit Kallem, mit anderen gar nicht. Jeden Vormittag
+durfte er einen kurzen Augenblick zu ihr hinein;
+unten spielte er f&uuml;r sie und hielt sich im &uuml;brigen den
+ganzen Tag abseiten.</p>
+
+<p>Eines Vormittags, als er wieder spielte, h&ouml;rte sie gleich
+am ersten Anschlag, da&szlig; das etwas von ihm selber war.
+Schon ein paarmal hatte er kleine Bruchst&uuml;cke gespielt,
+die augenscheinlich von ihm waren; diesmal aber folgte
+er neuen Vorbildern; das Eigenartige seiner Begabung
+litt darunter. Dieses neue St&uuml;ck war der Anlauf zu
+etwas Gr&ouml;&szlig;erem, eine wilde Einleitung, aufgew&uuml;hlte
+Leidenschaft &mdash; mein Gott, gewi&szlig; soll das er selber sein!
+dachte sie. Zuletzt, mitten in den Braus hinein, kam
+eine Stille, und eine Melodie l&ouml;ste sich daraus, treuherzig
+und zart; ob <em class="gesperrt">ich</em> das wohl sein soll? Dann fing
+es an zu schreien und zu heulen um diese friedvolle,
+kleine Melodie herum &mdash; ein paar Takte Melodie, darauf
+Takte voll Jammer und Geschrei &mdash; das erste Thema
+schmetterte und sprudelte &uuml;ber das andere hinweg &mdash; &mdash; &auml;u&szlig;erst
+nat&uuml;rlich gemacht &mdash; zu nat&uuml;rlich, denn es
+wirkte unwiderstehlich komisch. Sie mu&szlig;te sich zusammennehmen,
+um nicht zu lachen; so etwas vertrug
+sie gar nicht. Sie sah Sissel Aune an, um sie zu bitten,
+doch schnell hinunterzugehen und dem Spiel ein Ende zu
+bereiten; aber auch auf Sissel Aunes klugem Gesicht lag
+ein solches Erstaunen &uuml;ber dies nat&uuml;rliche Geschrei <a class="page" name="Page_271" id ="Page_271" title="271"></a>&mdash;
+ja, k&ouml;nnen denn die Leute auch in der Musik schreien?
+Der letzte vergessene Rest von Ragnis alter Lustigkeit
+brach sich in einem hellen Lachen Bahn &mdash; und noch
+einem &mdash; und dann Husten! Wieder Husten, und wieder
+und wieder &mdash; ein Anfall, schlimmer, als sie ihn je gehabt
+hatte.</p>
+
+<p>Karl h&ouml;rte mitten im Spiele, da&szlig; es in der K&uuml;che
+klingelte und klingelte; er h&ouml;rte Sigrid die Treppe
+hinaufst&uuml;rmen und gleich darauf wieder zur&uuml;ckkommen
+und nach dem Doktor rufen. Er wu&szlig;te, da&szlig; der Doktor
+soeben ins Krankenhaus gegangen war, und lief selber,
+ohne Mantel und Hut, ihm nach, fand ihn aber nicht
+gleich, so da&szlig; beide erst kamen, als der Anfall schon
+vorbei war. Mehr Blut als gew&ouml;hnlich im Auswurf.
+Kallem war sehr erschrocken; Karl, der ihm, ohne es
+selber zu wissen, ins Krankenzimmer gefolgt war, sah
+es und zog sich augenblicklich zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Sp&auml;ter wurde das Zimmer gel&uuml;ftet; Kallem war noch
+immer bei Ragni. Da kam Karl an die T&uuml;r und h&ouml;rte
+ihn sprechen; er wagte, hineinzublicken. Ragni lag matt
+in ihrem Bett; Kallem hatte sie eben gefragt, ob sie
+nicht ein bi&szlig;chen Erleichterung sp&uuml;re. Undeutlich sah
+sie Karl, sein gro&szlig;es, erschrockenes Gesicht. Sie dachte
+daran, da&szlig; sie ihn ausgelacht hatte; sie hatte durch
+Kallem geh&ouml;rt, wie er in seiner Angst ohne Hut und
+Mantel davongest&uuml;rmt war. Und sie gab Kallem ein
+Zeichen, Karl hereinzulassen. Sie l&auml;chelte ihm zu, hob
+sogar ein wenig &mdash; ein ganz klein wenig &mdash; die Hand.
+War es, um zu danken? Er wagte sich n&auml;her heran;
+heute wollte er ihre Hand fassen; noch mehr wollte er
+&mdash; er wollte sich &uuml;ber sie beugen; in seinen Augen
+glomm es auf. Kallem, der rechts von Ragni stand,
+sah es, sah zugleich, da&szlig; die Hand, &uuml;ber die Karl sich
+beugen, die er vielleicht k&uuml;ssen wollte, das Taschentuch
+hielt; hastig sagte er: "La&szlig;, Karl!" Karl richtete sich
+auch wieder auf und sah sie beide an; aber wieder glomm
+es wunderlich in seinen Augen auf, und wie der Blitz
+hatte er sich &uuml;ber Hand und Taschentuch gebeugt und<a class="page" name="Page_272" id ="Page_272" title="272"></a>
+beide gek&uuml;&szlig;t. Eh noch Zeit war, ein Wort zu sprechen,
+stand er wieder aufrecht, &mdash; stand da, wie einer, der
+zum Kampf ger&uuml;stet ist oder eine gro&szlig;e Tat vollbracht
+hat. Ragni lag da, mit Augen ohne Hoffnung, ohne
+Verst&auml;ndnis; sie verstand seine kriegerische Haltung,
+seinen erhabenen Vorsatz nicht; desto besser aber seine
+erschreckende Unberechenbarkeit. Und Karl war schon
+zur T&uuml;r hinaus.</p>
+
+<p>Wenn es seine Absicht war, mit ihr zu sterben, so hatte
+er die Rechnung ohne den Wirt gemacht, und unter
+andern Umst&auml;nden h&auml;tte es komisch wirken m&uuml;ssen,
+besonders wenn man bedachte, da&szlig; sie nach ihrem Anfall
+eben wieder frisch zurecht gemacht worden, und da&szlig;
+das Taschentuch ganz frisch war. Aber Kallem dachte
+blo&szlig; daran, wie t&ouml;richte Menschen doch die beste Absicht
+ins Schlechteste verkehren k&ouml;nnen: f&uuml;r sie war es
+ein Schreck gewesen.</p>
+
+<p>Sobald er konnte, suchte er Karl auf. Der hatte sich
+gerade zum Ausgehen angezogen. "Wo willst Du hin?"
+sagte Kallem. Karl antwortete nicht; er war im Innersten
+aufgew&uuml;hlt; er wollte einfach hinaus! Kallem zog
+ihn mit sich ins Zimmer, stellte sich vor ihn hin und
+blickte ihm fest ins Auge; dann legte er den Arm um
+seinen Hals. Da brach Karl in Tr&auml;nen aus. Er sei ein
+unm&ouml;glicher Mensch, klagte er, &uuml;berfl&uuml;ssig, fertig, bevor
+er &uuml;berhaupt angefangen habe, untauglich zu allem.
+Lange gelang es Kallem nicht, ein Wort dazwischen zu
+werfen, geschweige denn, ihn zu tr&ouml;sten; seine Erb&auml;rmlichkeit,
+seine Unw&uuml;rdigkeit seien zu gro&szlig;; er habe auch
+gar kein Talent. Seine letzte Komposition, seinem
+eigensten Leben entsprungen, wie keine andere, das
+wahrste, was er zu schaffen imstande war, habe er heut
+Vormittag gespielt; und da sei sie ihm einfach komisch,
+furchtbar komisch vorgekommen! &mdash; Aha! dachte Kallem.
+Da liegt der Hase im Pfeffer!</p>
+
+<p>Und so war's. In ihrer Gegenwart f&uuml;hlte er auch
+unwillk&uuml;rlich ihr Urteil.</p>
+
+<p>Kallem merkte, was f&uuml;r ein Mi&szlig;griff es gewesen war,<a class="page" name="Page_273" id ="Page_273" title="273"></a>
+ihn hierherkommen zu lassen. Mit Schrecken dachte er
+daran, was Ragni seinerzeit mit ihm hatte ausstehen
+m&uuml;ssen. Ihm selber machte es jetzt nicht geringe M&uuml;he,
+ihn im Gleichgewicht zu halten.</p>
+
+<p>Eines Tages &mdash; sie hatte eben nach Karl gefragt &mdash; sagte
+er zu ihr: "Sicher hast Du mehr Schererei mit
+ihm gehabt, als ich gewu&szlig;t habe?" Sie schlo&szlig; die Augen,
+&ouml;ffnete sie wieder und l&auml;chelte.</p>
+
+<p>Karl ging nicht mehr zu ihr hinauf, bat auch nicht
+mehr darum. Spielen konnte er in all seiner Selbstqu&auml;lerei
+nicht; Kallem mu&szlig;te ihn geradezu zwingen, ihm ein
+paar von seinen kleinen St&uuml;cken vorzuspielen. Er tat
+es nur bei geschlossenen T&uuml;ren; aber Ragni h&ouml;rte es
+doch und sagte zu Kallem, sie seien gut, was auch er
+fand. Dieses Lob machte Karl wieder froh; und so leise
+gewann er wieder ein bi&szlig;chen Selbstvertrauen; nach
+und nach wurde er umg&auml;nglicher.</p>
+
+<p>Sobald Kallem um sich her ein bi&szlig;chen Ruhe geschaffen
+hatte, kam er selber an die Reihe. Sein mannhaftes
+K&auml;mpfen hielt nicht immer stand, und Karl
+gingen endlich doch auch die Augen daf&uuml;r auf, da&szlig;
+es noch andere Menschen gab, die litten, und da&szlig; man
+sich auch um andere k&uuml;mmern konnte. Und nun schlug
+er vollst&auml;ndig um, lebte nur noch f&uuml;r Kallem, war voller
+Aufmerksamkeit, voller Sorgfalt. Ein Trostmittel, das
+nie fehlschlug, wandte er am h&auml;ufigsten an: von Ragni
+sprechen, sie bis ins einzelne schildern. Er konnte ein
+feines Bild von der Eigenart ihres Wesens, ihres Talentes
+geben, eine Handlungsweise, ein Wort von ihr k&uuml;nstlerisch
+darstellen; und die Verg&ouml;tterung, mit der er
+das tat, war gerade, was Kallem brauchte; er <em class="gesperrt">brauchte</em>
+die leuchtende W&auml;rme des Mitgef&uuml;hls; denn mit ihrer
+zunehmenden Entkr&auml;ftung brach auch er zusammen. Sie
+konnte nicht einmal mehr den Kopf auf dem Kissen
+halten; bald glitt er zur einen, bald zur andern Seite;
+ihre Augen hatten etwas &Uuml;bersinnliches, das alles verkl&auml;rte,
+was sie ansah; ihre schmalen, stimmlosen Lippen
+waren offen vor Atemnot; wie sie so dalag, in dem wei&szlig;en<a class="page" name="Page_274" id ="Page_274" title="274"></a>
+Zimmer, dem wei&szlig;en Bett, in dem wei&szlig;en Nachtgewand,
+glich sie einem federlosen V&ouml;gelchen, das in einem
+verlassenen Daunennest nach Luft schnappt. Oft, wenn
+Kallem ihr Zimmer verlie&szlig;, weil er seinen Schmerz nicht
+mehr beherrschen konnte, oder weil er am Rande seiner
+Kraft, war es Karl, der ihn zur Ruhe brachte, der das
+rechte Wort fand, oder auch ganz allm&auml;hlich ihn in
+einen endlosen Lobgesang auf sie hin&uuml;berleitete.</p>
+
+<p>Sie vermochte nur wenig zu sprechen, hatte auch
+keine Lust dazu; aber aus allem, was sie sagte, ging
+hervor, da&szlig; sie sich nicht einen Augenblick lang &uuml;ber
+ihren Zustand t&auml;uschte, wie etwa andere Lungenkranke
+es tun. Eines Tags machte sie Kallem ein Zeichen, er
+m&ouml;ge sich tiefer herabbeugen. "Kristen Larssen!"
+fl&uuml;sterte sie. "Dort, in der Ecke." Dann l&auml;chelte sie
+und f&uuml;gte nach einem Weilchen hinzu: "Jetzt f&uuml;rcht'
+ich mich nicht mehr vor ihm." Ein andermal schickte
+sie nach Kallem, blo&szlig; um ihm zu sagen: "Du sollst
+niemand gram sein &mdash; meinetwegen!" Sie nannte keinen
+Namen. Kallem dr&uuml;ckte ihre durchsichtige Hand; ihr
+Blick umflo&szlig; sie wie ein ganzer Himmel von G&uuml;te.
+Zuweilen versuchte sie, noch ein L&auml;cheln hinzuzuf&uuml;gen,
+das sie doch nicht mehr besa&szlig;. Wenn sie seine Tr&auml;nen
+sah, winkte sie ihm, er solle sich b&uuml;cken, und fuhr ihm
+mit den Fingern durchs Haar. Einmal, als er ihr in
+dieser Stellung dankte f&uuml;r alles, was sie ihm gewesen
+war, von der ersten Begegnung an bis jetzt, versuchte
+sie ihn an den Haaren zu zupfen; so etwas solle er
+bleiben lassen.</p>
+
+<p>Fortan wurde zwischen ihnen kaum noch ein Wort
+gesprochen. Nur noch ihre Augen und H&auml;nde sprachen.
+Sie waren eins in ihrem Schmerz und besa&szlig;en nichts
+mehr, was unausgesprochen war. F&uuml;r die Dankbarkeit,
+die sie empfanden, f&uuml;r das Grauen, das sie vor dem
+Scheiden hatten, gab es ja auch keine Worte. Die Stunde
+nahte.</p>
+
+<p>Eines Nachmittags h&ouml;rten sie Sissel klingeln, klingeln,
+klingeln. Sigrid st&uuml;rzte hinauf, Kallem, Karl; Karl blieb<a class="page" name="Page_275" id ="Page_275" title="275"></a>
+vor der T&uuml;r stehen. Er h&ouml;rte, da&szlig; sie wieder einen
+Hustenanfall hatte, einen entsetzlichen. Er begriff
+nicht, da&szlig; sie &uuml;berhaupt noch so viel Kraft hatte; jeder
+Hustenausbruch zerri&szlig; ihm die Brust, schnitt ihm
+ins Fleisch, zerbrach ihn; ihr Schmerzgest&ouml;hne dazwischen
+trieb ihm den Schwei&szlig; auf die Stirn; er <em class="gesperrt">konnte</em>
+nicht lauschen und wagte auch nicht, zu gehen. Das
+mu&szlig;te ihr Letztes sein. Er h&ouml;rte Sigrid weinen, h&ouml;rte
+sie rufen: "Frau Doktor! Frau Doktor!" Und gleich
+darauf: "Sie stirbt!" Da &ouml;ffnete er die T&uuml;r. Das erste,
+was er sah, war Blut. Da wurde ihm schlecht, und er
+fiel in Ohnmacht.</p>
+
+<p>Als er erwachte, lag er auf seinem Bett. Sigrid sa&szlig;
+davor und weinte. Das war das erste, was er begriff.
+Dann fiel ihm das andere ein und er fragte: "Ist sie
+tot?" &mdash; "Der Herr Doktor glaubt, da&szlig; es bald zu
+Ende ist."</p>
+
+<p>Sp&auml;ter durften sie zu ihr, alle beide. Sie lag im Bett,
+als schliefe sie, wei&szlig; wie die Bett&uuml;cher, in denen sie lag.
+Kallem hielt ihre Hand. Sein Gesicht sahen die Eintretenden
+nicht; aber von Zeit zu Zeit ein Zusammenzucken
+der Schultern; und sie h&ouml;rten ihn st&ouml;hnen.
+Auf der andern Seite stand Sissel. Seltsam, wie verschiedene
+Grade des Schmerzes es gab! Obgleich auf
+ihrem kr&auml;ftigen, offenen Gesicht viel Mitgef&uuml;hl lag &mdash; es
+war doch das einer Fremden; meilenweit entfernt
+von Kallems stummer Verzweiflung sah sie es mit an.
+"Ist sie tot?" fl&uuml;sterte Sigrid. Sissel sch&uuml;ttelte den
+Kopf. Und Ragni h&ouml;rte die Frage; sie blickte auf. Mit
+ihrer allerletzten Kraft wollte sie ihnen noch einmal
+etwas Liebes erweisen &mdash; sie versuchte &mdash; man konnte
+nicht sagen zu l&auml;cheln &mdash; dazu war sie nicht mehr imstande &mdash; aber
+ihnen noch einmal Kunde von sich zu
+geben. Erst Sigrid und Karl; dann aber ausschlie&szlig;lich
+Kallem. Bald darauf war sie tot.</p>
+
+<p>Die andern gingen; Kallem blieb.</p>
+
+<p>Als er hinunterkam, fand er niemand. Karl war auf
+sein Zimmer gegangen; Sigrid sa&szlig; mit Sissel in ihrer<a class="page" name="Page_276" id ="Page_276" title="276"></a>
+Kammer. Leer die K&uuml;che, leer die Stuben, leer das
+Studierzimmer. Er hatte ihr versprochen, etwas zu lesen,
+was sie geschrieben hatte &mdash; es lag unter Karls Brief.
+"Nachher!" stand darauf. Aber er konnte jetzt nicht,
+&uuml;berhaupt nicht, solang sie noch im Hause war. Er
+stellte sich vor ihren B&uuml;cherst&auml;nder und sah ihn an;
+auch der war ein Bild von ihr. Wie oft hatte er da
+gestanden und gel&auml;chelt, wenn er die B&uuml;chertitel las!
+Jetzt fiel sein Auge auf die "Wildente" von Ibsen.
+Bei seiner Gr&ouml;&szlig;e konnte er das Buch gerade so weit
+von oben herunter sehen, um zu bemerken, da&szlig; zwischen
+den letzten Bl&auml;ttern eine L&uuml;cke war. Er zog das Buch
+heraus. Wirklich, sie hatte die Bl&auml;tter, auf denen Hedvigs
+ungl&uuml;ckliche Geschichte abschlie&szlig;t, &mdash; wie sie sich
+erschie&szlig;t und was darauf folgt &mdash; herausgeschnitten!
+Herausgeschnitten! Als habe es <em class="gesperrt">so</em> nicht kommen
+d&uuml;rfen!</p>
+
+<p>Nichts h&auml;tte ihn tiefer ergreifen k&ouml;nnen. Er warf
+sich aufs Sofa und schluchzte wie ein mi&szlig;handeltes
+Kind. Ja, sie war zu fein gewesen und zu furchtsam.
+Die Welt, in der wir k&auml;mpfen, ist noch zu roh. Sie
+mu&szlig; erst besser werden, bis solche Wesen mitleben
+k&ouml;nnen. Sie hatte versucht, aus der Welt herauszuschneiden,
+was sie nicht mochte, &mdash; nun war sie selber
+herausgeschnitten worden.</p>
+
+
+<h3><a href="#Inhaltsverzeichnis">11</a></h3>
+
+<p>Schon einige Tage vor dem Sonntag, da es den Kampf
+um die Erziehung des kleinen Edvard gab, hatte der
+Junge gehustet. Abends ging es ihm gar nicht gut, so
+da&szlig; er das Zimmer h&uuml;ten mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Nach einigen Tagen durfte er wieder hinaus und
+schien auch leidlich wohl zu sein; doch eines Abends
+war er wieder fiebrig und verdrie&szlig;lich und hatte einen
+trockenen Husten. Die folgenden Tage mu&szlig;te er wieder
+das Haus h&uuml;ten. Weil er an die frische Luft gew&ouml;hnt
+war, wurde er weinerlich und verlor den Appetit;<a class="page" name="Page_277" id ="Page_277" title="277"></a>
+Josefine hatte viel M&uuml;he mit ihm und wurde zuletzt
+streng. Der Junge jammerte &mdash; er wolle zur Gro&szlig;mutter!
+Das durfte er nicht. Als jedoch die Gro&szlig;mutter
+zu ihm her&uuml;berkam, war er eigensinnig und lief
+zum Vater. Von dort kam er weinend zur&uuml;ck: der Vater
+hatte ihm nicht erlaubt, die B&uuml;cher aus den untersten
+F&auml;chern herauszunehmen und H&auml;user damit zu bauen.</p>
+
+<p>Er wurde ins Bett gesteckt, hei&szlig;, aufgeregt; dabei
+klagte er &uuml;ber Stiche auf der rechten Seite der Brust
+beim Husten; nachts hatte er Fieberanf&auml;lle und phantasierte:
+Kristen Larssen lief mit einem gro&szlig;en Sack
+hinter den Jungens her und wollte sie in die H&ouml;lle
+schleppen.</p>
+
+<p>Josefine doktorte mit Terpentinumschl&auml;gen an ihm
+herum; aber am Morgen, als der Pastor heraufkam, bat
+sie ihn, nach dem Arzt zu schicken.</p>
+
+<p>Kent war ihr Hausarzt; er konnte erst gegen Abend
+vorsprechen, und da konstatierte er, da&szlig; der Junge eine
+Brustfellentz&uuml;ndung auf der rechten Seite hatte. Was
+Josefine angewandt hatte, war ganz richtig gewesen; er
+selber verordnete Di&auml;t und alle zwei Stunden eine
+Medizin und sagte, wenn die Temperatur 39 Grad &uuml;bersteige,
+solle man ihn rufen lassen.</p>
+
+<p>In den folgenden Tagen besserte sich das Befinden
+des Jungen; er a&szlig; und hustete weniger; Temperatur
+abends nie mehr als 38 Grad. Gott sei Dank!</p>
+
+<p>So gering auch die Gefahr gewesen war &mdash; Tuft und
+Josefine hatten beide das Gef&uuml;hl, als lege sich eine unsichtbare
+Hand mit leisem Druck auf ihre Schultern.
+Sie wandten sich ganz allm&auml;hlich einander wieder zu
+und suchten Gelegenheit, miteinander zu sprechen &mdash;
+freilich nur &uuml;ber den Zustand des Kindes; aber durch
+Stimme und Wesen klang es wie eine Bitte um Verzeihung.</p>
+
+<p>Der Husten und der Schmerz in der Seite lie&szlig;en nach;
+das Befinden des Jungen besserte sich scheinbar; aber
+der Appetit wollte nicht recht kommen, das Fieber
+wollte nicht ganz weichen, und so nahmen auch die<a class="page" name="Page_278" id ="Page_278" title="278"></a>
+Kr&auml;fte nicht zu. Man kaufte ihm neue Spielsachen, die
+ihm einen Tag lang Spa&szlig; machten und ihn am n&auml;chsten
+schon langweilten. Die M&auml;rchen, die Vater und Mutter
+ihm abwechslungsweise erz&auml;hlten, h&ouml;rte er an, ohne dazwischenzufragen;
+den Besuch der Gro&szlig;mutter beachtete
+er gar nicht. Einmal war er pl&ouml;tzlich ganz hei&szlig;,
+dann fror er wieder. Am meisten beunruhigte es Kent,
+da&szlig; gegen Abend die Temperatur immer stieg; er
+fing an, Chinin zu geben, und legte eine spanische Fliege.
+Josefine wich nicht vom Bett und wollte von Abl&ouml;sung
+nichts wissen; der Junge duldete auch nicht, da&szlig; andere
+ihm nahe kamen.</p>
+
+<p>Aber es wurde besser, und eines Abends, als sie die
+Temperatur gemessen hatten, sagte der Pastor: "Ich
+glaube, wir kommen mit dem Schreck davon, Josefine!"
+Sie sah ihn an; er streckte seine Hand aus; sie legte die
+ihre fl&uuml;chtig hinein, schien sich aber dessen zu sch&auml;men
+und zog sie gleich wieder zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Doktor Kent hatte ihnen erz&auml;hlt, Frau Kallem sei
+schwer krank und verlasse ihr Zimmer im Oberstock
+nicht mehr. Von anderer Seite h&ouml;rten sie sp&auml;ter, es
+sei Schwindsucht; sie fragten &mdash; jeder f&uuml;r sich &mdash; Doktor
+Kent; und er sagte, es sei sogar galoppierende Schwindsucht.</p>
+
+<p>Josefine gegen&uuml;ber erw&auml;hnte der Pastor nichts; aber
+zu Kent &auml;u&szlig;erte er, es sei jedenfalls ein Gl&uuml;ck f&uuml;r seinen
+Schwager; vielleicht werde er jetzt ein freier Mann und
+w&uuml;rde die Schwingen regen.</p>
+
+<p>Josefine hatte eine andere Auffassung; das sah er daran,
+da&szlig; sie sich v&ouml;llig in sich selbst zur&uuml;ckzog. Kaum, da&szlig; er
+dann und wann ein paar Worte von ihr zu h&ouml;ren bekam.</p>
+
+<p>Eines Nachmittags, lange Zeit nachher, als sie auf
+ihrem Bett lag und nachsann, wie ihr Bruder Ragnis
+Tod ertragen w&uuml;rde, sah sie ihn pl&ouml;tzlich. Sie dachte
+sich erst nichts dabei; aber das Bild wurde seltsam deutlich.
+Sie sah ihn, so lang er war &mdash; auf dem Sofa seines
+Studierzimmers liegen, sie sah den ganzen Raum, die
+Gardinen, die B&uuml;cherregale, die B&uuml;cher, den Schreib<a class="page" name="Page_279" id ="Page_279" title="279"></a>tisch,
+die zwei Tische, einen gro&szlig;en Lehnsessel, verschiedene
+aufgeschlagene B&uuml;cher, beschriebene Papiere
+bogenweise nebeneinander, ... alles sah sie, jedes Blatt,
+jeden Buchstaben, &mdash; und ihn selber, in einem braunen
+Anzug, den sie nicht kannte. Und dabei war sie nie in
+dem Studierzimmer gewesen, seit es m&ouml;bliert war, und
+hatte die M&ouml;bel nie gesehen, auch nicht die Gardinen,
+die Teppiche; aber sie zweifelte keinen Augenblick, da&szlig;
+es genau so war, wie sie es sah. Zu jeder andern Zeit
+w&uuml;rde das einen seltsamen Eindruck auf sie gemacht
+haben; aber jetzt wurde alles verdr&auml;ngt durch sein Aussehen.
+Er war so ganz verzehrt von Kummer! Je genauer
+sie ihn ansah, desto schlimmer wurde es. In einer
+solchen Verzweiflung sah sie ihn, da&szlig; es sie packte, wie
+nichts in ihrem Leben, nicht einmal des Vaters Tod
+sie gepackt hatte. Sie sah, wie er sich herumwarf und
+laut aufweinte, sah, wie er die H&auml;nde zusammengekrampft
+vors Gesicht hielt, sah zuletzt blo&szlig; noch ihn,
+den Jammer dieser Augen unter der Brille und den
+buschigen Brauen, und eine gro&szlig;e &Ouml;de um ihn her.
+In kaltem Schwei&szlig; gebadet, wachte sie auf, so matt,
+da&szlig; sie kein Glied r&uuml;hren konnte. Fortan lebte sie wie
+unter dem Druck einer unklaren Angst, die ihr den
+Schlaf raubte. Galt es ihrem Bruder oder ihrem Kinde?
+Dort neben ihr lag der kleine Edvard, atemlos, hustend,
+wie ein schon weit Entfernter. Seine hohe Stirn schien
+unbewohnt; seine Augen sahen ins Leere; seine H&auml;nde &mdash; das
+waren nicht mehr die derben Bubenf&auml;ustchen,
+nicht mehr lebendig.... Zuweilen st&uuml;rzte sie an sein
+Bettchen, blo&szlig; um ihn wieder zu haben, und war's auch
+nur in einem fl&uuml;chtigen Blick! Ja, ja ... da war er!
+Aber ... Gott im Himmel! &mdash; Wenn sie ihn hergeben
+mu&szlig;te? Und in diesem Leid f&uuml;hlte sie den Schmerz
+des Bruders mit, f&uuml;hlte sich eins mit ihm. Das Schicksal
+des Jungen verkn&uuml;pfte sich ihr mit dem Schicksal Ragnis.
+In wachen N&auml;chten und bangen Tagen fl&ouml;ssen die
+beiden so unaufl&ouml;slich ineinander, da&szlig; sie beide f&uuml;r
+sie eins wurden.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_280" id ="Page_280" title="280"></a>Bisher war ihr Gottesgef&uuml;hl eigentlich nur Freiheitsdrang
+und eine nie versagende Wahrheitsliebe gewesen.
+In der Angst wurde es ihr zum Schicksal, zum unbeugsamen,
+mystischen Schicksal. Alles erschreckte sie; sie
+sah in allem Zeichen und Vorbedeutungen. Der Junge
+schien nur auf der kranken Seite liegen zu k&ouml;nnen; sonst
+schmerzte es ihn so, da&szlig; er laut jammerte, ... und
+jedesmal, wenn sie ihm dabei helfen mu&szlig;te, kam ihr das
+ganz unbegreiflich vor. Sie schob ihm Luftkissen unter;
+seine einzige Antwort bestand in herzzerrei&szlig;enden
+Bitten, sie m&ouml;ge ihn doch ruhig liegen lassen. Sie
+wu&szlig;te nicht mehr, was richtig war und was falsch.
+Nicht einmal an seine Beine durfte sie mehr r&uuml;hren;
+er zog die Knie herauf, das eine &uuml;ber das andere ...
+lauter unerkl&auml;rliche Einf&auml;lle, durch die sie sich g&auml;nzlich
+&uuml;berfl&uuml;ssig oder sogar l&auml;stig vorkommen mu&szlig;te. Ob
+das bedeutete, da&szlig; sie sich an den Gedanken gew&ouml;hnen
+mu&szlig;te, da&szlig; sie im Grund <em class="gesperrt">ganz</em> &uuml;berfl&uuml;ssig war?</p>
+
+<p>Schlie&szlig;lich mu&szlig;te sie das ja aufreiben. Schon die
+Angst vom einenmal zum andern, wenn sie ihn anr&uuml;hren
+mu&szlig;te, w&auml;re genug gewesen. Aber die Gedanken, die
+dabei mit unterliefen, machten sie geradezu verr&uuml;ckt.
+Sprechen konnte sie mit niemand dar&uuml;ber. Die Sache
+mit den Beinen haupts&auml;chlich kam ihr so ganz mystisch-widersinnig
+vor, da&szlig; sie sich f&ouml;rmlich &auml;ngstigte vor ihrem
+Jungen; er geh&ouml;rte nicht mehr ihr. Erst sp&auml;ter, und
+ganz zuf&auml;llig, entdeckte sie eine Anschwellung um die
+Kn&ouml;chel. Das &mdash; so hatte sie immer geh&ouml;rt &mdash; war der
+Anfang vom Ende. Sie vermochte sich kaum die Treppe
+hinunterzuschleppen ins Studierzimmer, wo der Pastor
+in einer Rauchwolke sa&szlig;. Er sah sie, bleich, entsetzt
+in ihrem Nachtkleid vor sich stehen. "Was ist denn,
+Du?" Er h&ouml;rte ihren Bericht, ging mit ihr hinauf, sah
+ebenfalls die Schwellungen, fiel vor dem Bett auf die
+Knie, den Kopf in die H&auml;nde gedr&uuml;ckt: er betete. Die
+kurzen, hastigen Atemz&uuml;ge des Kleinen, die gl&auml;nzenden
+und doch g&auml;nzlich gleichg&uuml;ltigen Augen, mit
+denen er seinen Vater ansah, &mdash; das schrie f&ouml;rmlich zu<a class="page" name="Page_281" id ="Page_281" title="281"></a>
+ihr &uuml;ber des Vaters Kopf weg. Auch sie h&auml;tte beten
+m&ouml;gen; aber im selben Augenblick schob der Junge den
+Vater mit der Hand weg; der Tabakgeruch st&ouml;rte ihn.
+Und damit schob er sie weg vom Gebet.</p>
+
+<p>Doktor Kents ruhiges L&auml;cheln, sein stilles, bestimmtes
+Urteil, da&szlig; die Krankheit noch dieselbe sei wie damals,
+als er zuerst die Entz&uuml;ndung entdeckt hatte, da&szlig; nichts
+Schlimmeres hinzugekommen sei, und die Anschwellung
+sicher nur von der ungl&uuml;cklichen Lage der Knie herr&uuml;hre,
+erleichterte sie beide so, da&szlig; Josefine vor Freude
+weinte. Die Untersuchung des Urins best&auml;tigte seine
+Diagnose.</p>
+
+<p>In dieser Nacht schlief Josefine wieder besser als seit
+langer Zeit; trotzdem f&uuml;hlte sie sich matter als vorher.</p>
+
+<p>Wieder verging eine Zeit; da kamen eines Abends der
+Pastor und Doktor Kent mit einer gewissen Feierlichkeit
+herauf. Josefine lag in den Kleidern auf dem Bett und
+richtete sich empor, um aufzustehen; aber Kent und
+der Pastor baten sie, sich wieder hinzulegen. Doktor Kent
+erz&auml;hlte, gestern sei Frau Kallem gestorben. Beide
+M&auml;nner blickten Josefine an; sie schlo&szlig; die Augen.
+Eine Weile tiefes Schweigen. Als aber mehrmals ein
+Zucken &uuml;ber ihr Gesicht lief, sagte Tuft hastig: "Unter
+diesen Umst&auml;nden ist es f&uuml;r Edvard nur gut, Josefine.
+Nat&uuml;rlich geht es ihm jetzt nahe; aber sp&auml;ter wird alles
+gut werden. Er wird daran wachsen." Josefine wandte
+den Kopf ab. Ihre Augen blieben geschlossen; aber
+dann brachen die Tr&auml;nen hervor.</p>
+
+<p>Im selben Augenblick f&uuml;hlte er, was er da gesagt
+hatte, war etwas Eingelerntes; ja, er hatte sich einer
+Roheit schuldig gemacht. W&auml;hrend der Krankheit seines
+Jungen, im angsterf&uuml;llten Zusammenleben dieser letzten
+Zeit war er ein anderer geworden. Diese Worte aus
+einem fr&uuml;heren Dasein &mdash; eben weil sie in dieser Stunde
+fielen, auf ihren brennenden Schmerz hin &mdash; weil sie
+&uuml;ber ihrem eigenen kranken Kind fielen &mdash; gewannen
+selbst&auml;ndiges Leben, wurden ihm zu einem stummen
+Gefolge &mdash; "Sendboten Gottes".</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_282" id ="Page_282" title="282"></a>Bis diese Worte fielen, hatte Josefine in der Stille
+mitgebetet, wenn der Pastor betete; nun tat sie es nicht
+mehr. Sie hatte dasselbe Gef&uuml;hl, wie in der ersten Zeit
+ihrer Ehe, wenn er so ma&szlig;los war und doch zugleich
+von ihr forderte, da&szlig; sie mit ihm fromme Lieder singen
+solle. Damals hatte er nichts gemerkt; heute f&uuml;hlte er
+es sogleich. Aber gerade darum <em class="gesperrt">verlangte</em> ihn nach
+einer Gemeinschaft, vor allem im Gebet f&uuml;r sein krankes
+Kind. Er wandte sich an die Freunde der Betstunde;
+deren war er sicher. Die ganze schmerzliche Abrechnung
+dieser Tage, das Zittern um das Leben des Kindes,
+seine freudlose, wunde Liebe, all das wirkte zusammen
+zu einer starken Ersch&uuml;tterung. Er bat sie alle, mit ihm
+zu beten, er st&uuml;rmte Gottes Barmherzigkeit; wenn er
+nur einer h&ouml;heren Gemeinschaft mit Gott w&uuml;rdig befunden
+wurde, so war die Pr&uuml;fung nicht zu hart.</p>
+
+<p>Er leuchtete von Glaubenskraft, als er nach Hause
+kam und berichtete. Wenn das St&auml;rkste in ihm einmal
+aufwachte, so war er wie kaum ein anderer; aber es kam
+so selten dazu.</p>
+
+<p>Josefines Zustand wurde besorgniserregend. Frische
+Luft und regelm&auml;&szlig;igen Schlaf entbehren, Woche um
+Woche, &mdash; den Appetit verlieren durch die unaufh&ouml;rliche
+Spannung &mdash; das war fast genug, um selbst kerngesunde
+Naturen wie die ihre zu brechen. Tuft sprach heimlich
+mit Kent dar&uuml;ber; aber es war nichts zu machen, wenn
+sie nicht selber wollte.</p>
+
+<p>W&auml;hrend er jede ihrer Bewegungen &uuml;berwachte,
+mu&szlig;te er ihr, gegen seinen Willen, eines Tages mitteilen,
+da&szlig; Ragni nicht hier, sondern im Friedhof des
+Nachbardorfs beerdigt werden sollte. Darin offenbarte
+sich doch des Schwagers Groll, ja Abscheu auf die denkbar
+st&auml;rkste Weise. Zweifellos war dieser Entschlu&szlig;
+gegen die Gesellschaft im allgemeinen, am meisten aber
+gegen sie beide gerichtet.</p>
+
+<p>Was Josefine f&uuml;hlte, erfuhr Tuft nicht; ihm selbst ging
+es nahe. Ein einziges Mal verriet sie, wie ungeduldig
+sie geworden war. Er hatte sich &uuml;ber den Jungen ge<a class="page" name="Page_283" id ="Page_283" title="283"></a>beugt
+und kam ihm dabei etwas zu nah; Edvard st&ouml;hnte
+und schob ihn mit der Hand von sich. "So la&szlig; doch das
+ewige Rauchen!" sagte sie erbittert. Er wandte sich
+nach ihr um: "Das werd' ich auch!" antwortete er
+sanft. Als er sich dann wieder aufrichtete, f&uuml;gte er bek&uuml;mmert
+hinzu: "Heute steht es nicht gut mit ihm!" &mdash;
+"Nein", erwiderte sie still; die Art, wie er das aufgenommen
+hatte, besch&auml;mte sie.</p>
+
+<p>Der Doktor wurde geholt. Er war an diese pl&ouml;tzlichen
+Botschaften gew&ouml;hnt, daher nahm er sie mit Ruhe auf,
+und er besa&szlig; die unsch&auml;tzbare Gabe, diese Ruhe auch
+andern mitzuteilen. Sofort schien es den Eltern, als
+esse der Junge mit mehr Appetit und sei freundlicher
+gegen die Gro&szlig;mutter. Viermal am Tag kam sie her&uuml;ber,
+und die Art, wie er sie empfing, galt als Barometer.</p>
+
+<p>Die Gro&szlig;mutter war oben im Krankenhaus gewesen
+und hatte von dort Kallem und Karl Meek mit Ragnis
+Leiche wegfahren sehen. Der Sarg war wei&szlig; und stand
+auf einem schwarzen Schlitten; vorn neben dem Kutscher
+sa&szlig; Sigrid; Kallem und Karl fuhren in einem Breitschlitten
+hinterdrein. Das war das ganze Gefolge.</p>
+
+<p>Der Bericht &uuml;ber Ragnis letzte Fahrt kam ihnen &uuml;berraschend.
+Und da&szlig; Karl Meek dabei gewesen war, er
+ganz allein! Bedeutete das, Kallem hege keinen Argwohn
+gegen ihn? Oder, was wahrscheinlicher war: er habe
+vergeben? Wollte vielleicht die Tatsache bem&auml;nteln und
+ihr so diesen letzten Dienst erweisen? Wer doch auch
+so gut sein k&ouml;nnte!</p>
+
+<p>In der Nacht darauf kam Josefine zu ihrem Mann
+herunter, als er schon schlief. Ihr Haarknoten hatte
+sich gel&ouml;st; mit dem gro&szlig;en, hohl&auml;ugigen Gesicht, von
+dem das schwarze Haar abstand, den Augen, die starr
+&uuml;ber die Lampe wegstierten, die sie trug, sah sie aus wie
+eine Besessene oder eine Nachtwandlerin. Er richtete
+sich im Bett auf und wollte aufstehen. Sie hielt ihn
+mit der Hand zur&uuml;ck und sagte eint&ouml;nig: "Ich mu&szlig; mit
+Dir reden, Ole; ich kann nicht schlafen. Diese Frau, die
+Frau meines Bruders, wird uns unsern Jungen nehmen."</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_284" id ="Page_284" title="284"></a>Er f&uuml;hlte, wie ihm alles Blut zum Herzen str&ouml;mte.
+"Was sagst Du da?" fl&uuml;sterte er.</p>
+
+<p>"Wir sind zu hart gewesen, wir beide. Jetzt m&uuml;ssen
+wir bezahlen; und mit weniger begn&uuml;gt sie sich nicht." &mdash; "Liebste
+Josefine, Du bist ja ganz au&szlig;er Dir. Wir
+wollen uns doch nach Hilfe umsehen ...!" Und er
+sprang aus dem Bett. &mdash; "Ja, Hilfe suche ich! Alle, die
+beten k&ouml;nnen, m&uuml;ssen mir jetzt beistehen! H&ouml;rst Du,
+Ole!"</p>
+
+<p>"Aber liebste ...!"</p>
+
+<p>"Oder glaubst Du nicht, da&szlig; Ihr st&auml;rker seid als diese
+Frau? Glaubst Du es nicht? Neulich bist Du so freudig
+aus der Betstunde heimgekommen &mdash; ach, Du kennst
+die Leute ja, ... rufe sie, sie sollen kommen, &mdash; h&ouml;rst
+Du, Ole!" Und sie fing zu jammern und zu weinen an.
+"Es ist doch Christenpflicht, uns zu helfen! Sie d&uuml;rfen
+es doch nicht ruhig mit ansehen, da&szlig; sie ihn uns nimmt!"
+Die Stimme klang in einem langen Klageton aus. Er
+sa&szlig; auf dem Bettrand; die Unterkleider hatte er angezogen,
+hielt aber nun, die Hosen in der Hand, inne.
+"Liebe, Liebste, so glaub' doch nur &mdash; Gott hat die
+Macht, und kein anderer! Du bist krank, Josefine!" &mdash; Er
+war voll Sorge und Liebe und eilte, sich fertig anzukleiden.
+"Du holst sie, nicht wahr?" sagte sie erfreut
+und stellte die Lampe hin. "Ich wu&szlig;te es ja! Ich danke
+Dir! Sei heilig versichert, Ole &mdash; es eilt!" Er zog sich
+rasch weiter an, sagte aber: "Du wei&szlig;t, Josefine, wir
+m&uuml;ssen vorsichtig sein, wenn wir f&uuml;r nicht-geistliche
+Dinge beten!" Das machte sie unruhig; sie streckte
+die H&auml;nde nach ihm aus. Alles an ihr war lose und offen,
+die &Auml;rmel glitten zur&uuml;ck &mdash; unglaublich mager war sie
+geworden! Eine gro&szlig;e Angst &uuml;berfiel ihn. Ihr wildes
+Aussehen, die fieberkranke Sprache, die abgezehrte Gestalt....
+"Um Gotteswillen, Josefine, Du darfst nicht
+alles so aufs Gebet setzen! Du k&ouml;nntest dar&uuml;ber zusammenbrechen,
+so, wie Du jetzt bist...." &mdash; "<em class="gesperrt">Glaubst</em>
+Du denn nicht, Ole?" Es entfuhr ihr wie ein Blitz.
+"Doch, doch! Aber wenn nun Gottes Wille nicht der<a class="page" name="Page_285" id ="Page_285" title="285"></a>
+unsere ist, Kind?" &mdash; Die schmerzliche Erinnerung an
+Andersens Sterbebett stieg in ihm auf. "Du betest um
+nicht mehr und nicht weniger als um ein Wunder!" &mdash; "Ja.
+Nat&uuml;rlich! Selbstverst&auml;ndlich! Um was beten wir
+denn sonst?" &mdash; "Wir beten, um Gemeinschaft zu finden
+mit Gott, Josefine. Wenigstens darum bete <em class="gesperrt">ich</em>. Dann
+ist alles gut; dann ist meine Seele gest&auml;rkt &mdash; und ich
+bedarf dessen oft so sehr!" &mdash; "Gottes Herz erweichen,
+so steht es geschrieben. Steht es nicht geschrieben? Gottes
+Herz erweichen! H&ouml;rst Du, Ole! Gottes Herz erweichen?
+So antworte doch!" &mdash; Er war vor dem Ofen niedergekniet,
+in der einen Hand ein Holzscheit, in der andern
+ein Messer; er wollte Feuer anmachen; sie war so leicht
+bekleidet. Aber jetzt hielt er inne und sah sie voll
+Trauer an: "Um ein Wunder beten &mdash; das darf ich
+nicht, Josefine! Ich bin dessen nicht w&uuml;rdig!" Und
+w&auml;hrend er das sagte, wuchs es in ihm, und eh' er
+es wu&szlig;te, war er so erregt, da&szlig; er das, was er in
+H&auml;nden hielt, fallen lassen mu&szlig;te, um sein Gesicht zu
+bedecken. Als er aber wieder aufsah, sprang er in die
+H&ouml;he; wenn sie in ihrem Scho&szlig; das kostbarste Porzellan
+gehalten und es h&auml;tte fallen lassen, da&szlig; es in tausend
+St&uuml;cke zersprang &mdash; sie h&auml;tte nicht anders dastehen
+k&ouml;nnen &mdash; starr, von Entsetzen gel&auml;hmt, die H&auml;nde
+ausgestreckt &uuml;ber dem, was ihr entglitten, die Augen
+auf ihn geheftet, der Sinne beraubt, als m&uuml;sse sie auf
+der Stelle umsinken. Aber das geschah nicht; denn als
+er sie anfa&szlig;te, erwachte sie, fa&szlig;te sich sofort und sagte
+rasch ohne &Uuml;bergang: "Dann m&uuml;ssen wir nach meinem
+Bruder schicken! Dann kann nur er sie bewegen, von
+dem Jungen abzulassen!" Diese Worte, aus diesem
+wunderlichen Gedankengang geboren, klangen ihm wie
+eine Eingebung. Tausendmal hatte er dasselbe gedacht;
+der Fall mit dem Oberst hatte schon den Wunsch in
+ihm erweckt, viele hatten es ihm geraten. Aber bis jetzt
+hatte er sich immer gesch&auml;mt.</p>
+
+<p>Ein paar Minuten sp&auml;ter war er auf dem Weg zu
+Doktor Kent, der zuerst gefragt werden mu&szlig;te.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_286" id ="Page_286" title="286"></a>Eine klare, kalte Nacht, der Weg vom Tag aufgeweicht,
+in der Nacht gefroren, so da&szlig; Tuft aufpassen
+mu&szlig;te &mdash; dazu die Gedanken, die ihn hetzten &mdash; es war
+schwierig genug. Was wurde aus den Dogmen der Bibel,
+von Sch&ouml;pfung, S&uuml;ndenfall und all dem andern &mdash; was
+war es wert, wenn der Tod anklopfte? Was war dann
+Nummer eins und was Nummer zwanzig?</p>
+
+<p>In Kents Haus wollte niemand wach werden; er
+klingelte und klingelte, ohne selber den Klang der Glocke
+zu h&ouml;ren; sie mu&szlig;te abgestellt sein. Er fing an, gegen die
+T&uuml;r zu donnern; es klang hart und hohl; und ihm, der an
+den Tod dachte, war, als klopfe der an; es war ja auch
+so! Endlich kam, etwas verdrossen, ein M&auml;dchen; als sie
+jedoch sah, da&szlig; es der Pastor war, ging sie, um Doktor
+Kent zu benachrichtigen. Der geduldige Kent erschien,
+hie&szlig; ihn eintreten und h&ouml;rte ihn an. Mit Freuden wolle
+er zu Kallem gehen; h&auml;tte er nur gewu&szlig;t, ob es tunlich
+sei, so h&auml;tte er es schon l&auml;ngst getan.</p>
+
+<p>Josefine war oben bei dem Jungen, als Tuft zur&uuml;ckkam;
+sie verstand ihn nicht richtig und glaubte, ihr
+Bruder werde sogleich kommen; und als er um sieben,
+um acht, um neun noch nicht da war, f&uuml;rchtete sie,
+er wolle nicht, und geriet v&ouml;llig au&szlig;er sich; der Pastor
+mu&szlig;te sich wieder auf den Weg machen. Kent war
+nicht gleich zu finden, gab aber Bescheid, Kallem und
+er w&uuml;rden Punkt elf Uhr kommen. Sie kamen auch;
+aber da war der Pastor eben abgerufen worden, so da&szlig;
+niemand zu ihrem Empfange da war. Kallem hatte
+seinen Fu&szlig; nicht mehr auf diese Treppe gesetzt seit
+dem Tag und der Stunde, da er die Stadt betreten hatte.</p>
+
+<p>Wenn man sich nach etwas sehnt, geht es einem leicht
+wie jetzt Josefinen: seit der Nacht war der Bruder
+st&auml;ndig in ihren Gedanken gewesen; als er nun aber mit
+Kent endlich &uuml;ber die dicken L&auml;ufer die Treppe heraufkam,
+dachte sie nicht an ihn. Sie stand gerade &uuml;ber den
+Jungen gebeugt und gab ihm zu trinken; als es klopfte,
+schrak sie auf und die Stimme versagte ihr. Die T&uuml;r wurde
+trotzdem ge&ouml;ffnet; Kent lie&szlig; Kallem zuerst eintreten.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_287" id ="Page_287" title="287"></a>Ein leiser Schrei t&ouml;nte ihm entgegen. Fast h&auml;tte sie
+zu Boden fallen lassen, was sie in der Hand hielt. Wie
+sah er aus! Das war der Tod selbst, der da eintrat,
+kn&ouml;chern, schneidend scharf, &mdash; nicht um zu helfen,
+sondern um &uuml;ber ihr Kind das Urteil zu sprechen; das
+f&uuml;hlte sie sofort.</p>
+
+<p>Kurz, erbarmungslos sah er sie an, ohne einen Funken
+Mitgef&uuml;hl, obwohl auch sie von Kummer mitgenommen
+war. Als er n&auml;her gekommen, blickte er auf
+den Knaben; und fortan existierte sie nicht mehr f&uuml;r
+ihn. Sie trat auch ganz von selbst beiseite. Kent kam
+auf sie zu und begr&uuml;&szlig;te sie freundlich; dann ging er
+zu Kallem zur&uuml;ck. Und jetzt ging es wie gew&ouml;hnlich &mdash; wie
+es Kallem selbst neulich mit Doktor Meek gegangen
+war: Kent sah das Kind auf einmal mit andern Augen,
+mit Kallems Augen; das Aussehen des Jungen wurde
+pl&ouml;tzlich ein ganz anderes und erschreckte ihn aufs
+tiefste. Was er bisher weit von sich gewiesen hatte &mdash; jetzt
+dr&auml;ngte es sich ihm von selbst auf: "Empy&egrave;me?"
+fl&uuml;sterte er auf franz&ouml;sisch Kallem zu. Der antwortete
+nicht, trat nur n&auml;her, f&uuml;hlte des Knaben leichten,
+schwachen Puls, beklopfte leise die Brust, horchte
+auf die hastigen Atemz&uuml;ge, besah sich die Temperaturliste
+und den letzten Auswurf des Jungen. Darauf
+eine kurze Beratung der &Auml;rzte; Josefine h&ouml;rte jeden
+Laut, obwohl sie ein ganzes St&uuml;ck entfernt, auf der
+andern Seite des Bettes stand &mdash; das Bett des Jungen
+war da, wo fr&uuml;her das des Vaters gestanden hatte. &mdash; Aber
+sie begriff die technischen Ausdr&uuml;cke und darum
+auch deren Bedeutung nicht. Irgend etwas unerh&ouml;rt
+Entsetzliches war es; das f&uuml;hlte sie; ihre H&auml;nde krampften
+sich unter der Brust zusammen, w&auml;hrend ihre Augen
+von einem zum andern wanderten. Endlich machte
+Kent ein paar Schritte auf sie zu. Er wolle nur fragen,
+ob sie erlaube, da&szlig; man eine nadelfeine Spritzenspitze
+in die Brusth&ouml;hle einf&uuml;hre? "Eine Operation?" fl&uuml;sterte
+sie und mu&szlig;te sich st&uuml;tzen.</p>
+
+<p>"Das werden wir dann sehen", erwiderte er ebenso<a class="page" name="Page_288" id ="Page_288" title="288"></a>
+leise. Sie sank auf einen Stuhl. Ihr Bruder wartete die
+Antwort nicht ab, sondern zog seine Verbandtasche
+hervor, nahm daraus etwas Blankes, D&uuml;nnes, Langes
+und beugte sich damit &uuml;ber den Jungen. Mehr sah sie
+nicht, dachte auch nichts mehr &mdash;, sie f&uuml;hlte blo&szlig; noch
+eins: nicht nachgeben! Sie h&ouml;rte den Jungen jammern
+und "Mutter" rufen &mdash; angstvoll, immer wieder; aber
+sie konnte nicht aufstehen, sie getraute sich nicht aufzustehen.
+Dann h&ouml;rte sie Kent sagen: "So, jetzt ist's vorbei,
+Jungchen!" Aber was vorbei war, das sah sie nicht.</p>
+
+<p>Der Kleine jammerte und jammerte: die Mutter
+solle wieder zu ihm kommen. Sie versuchte es ein paarmal;
+aber es ging nicht; der Bruder dr&uuml;ckte sie immer
+wieder in den Sessel nieder, trotzdem er sie &uuml;berhaupt
+nicht ansah.</p>
+
+<p>Dann ging die T&uuml;r. Er war fort; und sie atmete auf.
+Kent trat auf sie zu, mild, teilnahmvoll: "Es ist eine
+Operation n&ouml;tig, Frau Pastor!" fl&uuml;sterte er. "Wozu
+denn?" Sie wu&szlig;te ja, es n&uuml;tzte doch nichts; sie hatte
+es in ihres Bruders Gesicht gelesen. "Weil wir alles
+versuchen m&uuml;ssen", erwiderte Kent. Der Junge bat
+jetzt im kl&auml;glichsten Ton die Mutter, sie m&ouml;ge zu ihm
+kommen. "Ich komme schon!" Sie kniete bei ihm nieder
+und brach in Tr&auml;nen aus. "Es hat so weh getan!" klagte
+er. Ach, wenn sie h&auml;tte antworten k&ouml;nnen: "damit Du
+gesund wirst und wieder aufstehen kannst!" Aber nicht
+einmal Kent wagte das. Sie suchte nach Mut, um die
+Operation zu verbieten; aber sie wagte es ihrem Bruder
+gegen&uuml;ber nicht. Kent wartete; das f&uuml;hlte sie zuletzt
+und sah ihn verzweifelt an. Er beugte sich zu ihr hinab:
+"Ihr Bruder schickt gew&ouml;hnlich jemand von seinen
+Leuten vorher zum Desinfizieren und Vorbereiten",
+sagte er leise. "Heute schon?" fl&uuml;sterte sie und schluchzte
+bitterlich. "Nein, aber mit dem Reinmachen und Ausl&uuml;ften
+mu&szlig; jedenfalls heute begonnen werden. Die angrenzenden
+Zimmer m&uuml;ssen wir auch dazu nehmen."
+Sie hatte ihren Kopf wieder neben den ihres Jungen
+gelegt und antwortete nicht; sie h&ouml;rte ihn weggehen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_289" id ="Page_289" title="289"></a>Als der Pastor nach Hause kam, eilte er gleich ins
+Krankenzimmer hinauf und war nicht wenig verwundert,
+dort die Gro&szlig;mutter und &mdash; Sissel Aune zu finden. Die
+letztere hielt Wacht bei dem Jungen, der &auml;u&szlig;erst empfindlich
+war und niemand als die Mutter um sich dulden
+wollte; auch den Vater nicht; der roch noch immer
+nach Tabak; obgleich er das Rauchen aufgesteckt hatte.
+Der Pastor fand Josefine im Studierzimmer auf dem
+Sofa, verzweifelt, aufgel&ouml;st; sie stammelte zusammenhangslose
+Worte: "Das Todesurteil!" antwortete sie fast
+auf alles, was er sagte.</p>
+
+<p>Am Nachmittag kam eine Krankenhausschwester und
+&uuml;bernahm die Aufsicht; mit ihr r&uuml;ckten neue Leute ein;
+das ganze Haus war in der Gewalt Fremder. Das
+Scheuern klang wie das Hobeln der Sargbretter. Die
+Dienstm&auml;dchen kummervoll; die Gro&szlig;mutter in Tr&auml;nen;
+und als das Bett des Kindes in ein anderes Zimmer getragen
+wurde und sie die Tritte der Tr&auml;ger h&ouml;rten,
+sa&szlig;en die Eltern Hand in Hand und zitterten.</p>
+
+<p>Wenn jetzt jemand gesagt h&auml;tte: "Es ist gut f&uuml;r die
+Eltern, wenn der Junge stirbt. Freilich, jetzt sehen sie
+das noch nicht ein; aber sie werden daran wachsen!"
+Wenn jemand die Roheit h&auml;tte, ihnen so etwas zu sagen!
+Tuft <em class="gesperrt">mu&szlig;te</em> mit Josefine dar&uuml;ber sprechen, mu&szlig;te ihr
+bekennen, was seine eigenen Worte in ihm bewirkt hatten.
+Sie dr&uuml;ckte ihm stumm die Hand.</p>
+
+<p>Abends, als wieder Ruhe im Hause war, waren beide
+oben beim Jungen, und beiden war es, als habe der Tod
+ihn schon gezeichnet. Die Hand der Mutter in der
+seinen schlief er ein; dann f&uuml;hrte Tuft sie sanft hinweg.
+Es war ihr jetzt nur willkommen, da&szlig; jemand sie f&uuml;hrte;
+infolge der vielen Um&auml;nderungen im Hause war auch
+ein zweites Bett im Fremdenzimmer aufgeschlagen
+worden.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Tag sa&szlig;en die Eltern von fr&uuml;h an bei
+dem Kleinen. Sobald sie weg waren, sollte er in sein
+ehemaliges Zimmer geschafft werden; dort war alles
+zur Operation bereit. Um zehn Uhr kamen die &Auml;rzte.<a class="page" name="Page_290" id ="Page_290" title="290"></a>
+Josefine lag auf dem Sofa im Studierzimmer. Als sie die
+M&auml;nner kommen h&ouml;rte, hielt sie sich die Ohren zu; die
+Teppiche waren fortgenommen, so da&szlig; man das leiseste
+Stiefelknarren h&ouml;rte. Sie lie&szlig; sich nicht tr&ouml;sten, lie&szlig;
+sich nicht zureden, verfiel wieder in den halbbesinnungslosen
+Zustand, in dem sie schon einmal gewesen war;
+sie wollte um jeden Preis hinauf zu dem Jungen; er
+konnte ihnen ja unter den H&auml;nden sterben. Der Pastor
+h&auml;tte gern mit den &Auml;rzten gesprochen; aber sie h&auml;ngte
+sich an ihn: sie wollte mit. So blieb er unten. Wenn
+irgend jemand oben einen Fu&szlig; r&uuml;hrte, so wu&szlig;te sie
+gleich, wer es war; bewegten beide &Auml;rzte sich zu gleicher
+Zeit, dann ging etwas Besonderes vor; dann kr&uuml;mmte
+sie sich und sa&szlig; in sich zusammengekauert da, die H&auml;nde
+vor den Ohren. In ein anderes Zimmer wollte sie sich
+nicht bringen lassen; hier wollte sie bleiben, und Qualen
+erleiden. Manchmal, wenn sie sich halb zu Tode gehetzt
+hatte, fl&uuml;chtete sie zu Tuft, wie zu einem stillen Hafen;
+"hilf mir!" fl&uuml;sterte sie; es ginge um ihren Verstand,
+um ihr Leben; immer habe sie gewu&szlig;t, da&szlig; es einmal
+ein jammervolles Ende mit ihr nehmen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Tuft bewog sie endlich, sich aufs Sofa hinzulegen
+und sich kalte Umschl&auml;ge machen zu lassen; er bat sie
+so innig, und seine Liebe war so stark, da&szlig; sie ihr einen
+Halt gab. "Danke, Ole, danke!" Darnach wurde sie
+still.</p>
+
+<p>"Er schreit!" rief sie pl&ouml;tzlich und setzte sich auf;
+sie wollte hinauf. Der Pastor beteuerte, er h&ouml;re nichts;
+aber im selben Augenblick h&ouml;rten sie es beide. "Ja, ja!"
+rief sie und wollte hinauf. Tuft umschlang sie mit
+beiden Armen, bat und beschwor. Und wieder wurde
+sie still. Von oben kam kein Laut mehr jetzt.</p>
+
+<p>Oben ging alles schnell. Auf Kallems Verantwortung
+wurde der Junge chloroformiert, und das Schreien,
+das die Eltern geh&ouml;rt hatten, galt der Flanellmaske, die
+Kent ihm vors Gesicht hielt. Der Junge schob sie weg;
+er meinte, er m&uuml;sse ersticken. "Mutter! Mutter!"
+Aber bald schlief er ein. Die Gro&szlig;mutter sa&szlig; in einem<a class="page" name="Page_291" id ="Page_291" title="291"></a>
+frischgewaschenen Kleid auf der andern Seite am Kopfende
+und hielt seine Hand; sie zitterte, die Alte. Aber
+sie sa&szlig; da, und sie wollte da sitzen bleiben, bis alles zu
+Ende war. Niemand hatte sie darum gebeten; aber sie
+hatte ihren Gott darum gebeten. Sobald der Junge
+eingeschl&auml;fert war, forderte Kallem sie jedoch h&ouml;flich
+auf, zu gehen. Langsam und stumm entfernte sie sich.</p>
+
+<p>Nun gings ans Werk. Zwischen den Rippen auf der
+rechten Seite wurde ein acht Zentimeter tiefer Einschnitt
+gemacht. Mit stumpfen Instrumenten bohrte
+Kallem tief hinein, kam bis an den Rippenrand und
+s&auml;gte ein kleines St&uuml;ck heraus; der Eiter str&ouml;mte aus
+der Wunde.</p>
+
+<p>In diesem Augenblick wurden alle von einem wilden
+Schrei im Hintergrund aufgeschreckt. Josefine hatte
+blitzschnell die T&uuml;r aufgerissen, sah die wei&szlig;en Operationsm&auml;ntel,
+sah Kallem voller Blut in der Brust ihres
+Kindes w&uuml;hlen, &mdash; und st&uuml;rzte kopf&uuml;ber zu Boden.</p>
+
+<p>"War die T&uuml;r nicht abgeschlossen?" fragte Kallem.
+Sissel kam von innen gelaufen, der Pastor von au&szlig;en,
+und zusammen trugen sie sie hinaus. "Achten Sie auf
+den Puls!" wurde der Diakonissin zugefl&uuml;stert. "Und
+schlie&szlig;en Sie die T&uuml;r zu!" &mdash; "Und Sissel &mdash;?" &mdash; "Mu&szlig;
+drau&szlig;en bleiben!"</p>
+
+<p>Man h&ouml;rte Josefine bald darauf an der T&uuml;r; aber
+niemand achtete ihrer. Eine Drainr&ouml;hre wurde in die
+Brusth&ouml;hle eingef&uuml;hrt, diese wurde ausgespritzt und vorsichtig
+ein Gazeverband darum gelegt. Die R&ouml;hre
+mu&szlig;te ein paar Tage liegen bleiben und die Zimmertemperatur
+gleichm&auml;&szlig;ig auf 15 Grad gehalten werden.
+Bald darauf zog Kallem sich samt seinen Instrumenten
+ins n&auml;chste Zimmer zur&uuml;ck und war verschwunden,
+bevor noch irgend jemand, der nicht der Operation
+beigewohnt hatte, wu&szlig;te, da&szlig; er fertig war.</p>
+
+<p>Die Gro&szlig;mutter, die &Auml;rmste, war wieder hinaufgegangen,
+um an der T&uuml;r zu horchen, als Sissel, die jetzt
+im Zimmer war, &ouml;ffnete und etwas unter der Sch&uuml;rze
+davontrug. Im Vorbeigehen erz&auml;hlte sie schnell, es sei<a class="page" name="Page_292" id ="Page_292" title="292"></a>
+alles vor&uuml;ber. Die Gro&szlig;mutter wagte sich hinein; aber
+als sie das blasse Kind sah, verlor sie alle Herrschaft &uuml;ber
+sich selbst; sie ging schnell wieder hinaus und erreichte
+ihr Haus mit M&uuml;he und Not.</p>
+
+<p>Dieses Petrefakt von der Meeresk&uuml;ste, pietistisch
+plattgedr&uuml;ckt, in die Nordwand des Hauses eingemauert,
+war f&uuml;r gew&ouml;hnlich g&auml;nzlich unzug&auml;nglich; der
+einzige Mensch, mit dem sie eine Art Gemeinschaft
+zu haben schien, war der Knabe. Ihr ganzes Haus war
+seine Spielstube; alles, was er nur wollte, durfte er ihr
+hineinschleppen; sie schleppte es wieder hinaus; sie
+hatte ja nichts anderes zu tun, als hinter ihm her aufzur&auml;umen.
+Man h&auml;tte denken sollen, er m&uuml;&szlig;te deswegen
+an ihr h&auml;ngen; aber es war eigen: seit er krank
+war, mochte er die Gro&szlig;mutter gar nicht mehr sehen.
+Das klare Wesen der Mutter hatte, bei aller Strenge,
+seine Phantasie gefangen genommen; die Nachgiebigkeit
+der Gro&szlig;mutter, mit all ihrer Hinterh&auml;ltigkeit und ihren
+Verboten, mit all den Gebeten, die er auswendig lernen
+sollte, und all den biblischen Geschichten, die er nicht
+verstand, hatte ihn gequ&auml;lt. Nun er matt und krank war,
+durfte sie &uuml;berhaupt nicht mehr reden. Ein Jammer ist es
+mit diesen alten Leuten! Auch ihr Sohn vernachl&auml;ssigte
+sie, seit Josefine wieder zug&auml;nglicher war. W&auml;re nicht die
+Diakonissin gekommen &mdash; die Operation w&auml;re vielleicht
+vor sich gegangen, ohne da&szlig; die Alte darum gewu&szlig;t h&auml;tte.</p>
+
+<p>Einige Stunden sp&auml;ter schlich sie sich wieder hinauf,
+lauschte drau&szlig;en, h&ouml;rte nichts, dachte, es sei vorbei
+und wagte sich hinein. Sissel sa&szlig; da und nickte; aber
+sie sah gleich auf. "Lebt er?" fragte die Gro&szlig;mutter.
+"Ja", antwortete Sissel, nur ebenso laut, da&szlig; man es
+h&ouml;rte; gr&ouml;&szlig;er schien auch ihre Hoffnung kaum. Die
+Gro&szlig;mutter konnte nicht mehr; sie ging. Aber schon
+etliche Stunden darauf war sie wieder da. Er lebte noch
+immer. Diesmal hatte sie ihre Brille mitgebracht und
+ein altes, liebes Buch; Sissel konnte schlafen; sie w&uuml;rde
+hier sitzen bleiben, bis es zu Ende war. Sissel sagte ihr,
+was zu tun sei, und legte sich dann auf Josefines Bett.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_293" id ="Page_293" title="293"></a>Erst um sechs Uhr abends streckte der Pastor den Kopf
+zur T&uuml;r herein. Erst jetzt wagte er, Josefine auf einen
+Augenblick zu verlassen. Er sah seine Mutter dasitzen,
+mit ihrer Brille und der alten Postille; er trat n&auml;her und
+forschte in ihrem Antlitz wie in einer Schrift: "Er
+lebt!" las er darin. Sie nickte, wie vorhin Sissel, &mdash; im
+selben Sinne. Vor dem leichenblassen, schlafenden,
+schlaffen Gesicht des Jungen schauderte er zur&uuml;ck und
+ging.</p>
+
+<p>Ganz, ganz still war das Haus. In der K&uuml;che, die
+abseits lag, h&ouml;rte man leise reden; &uuml;berall waren die
+T&uuml;rangeln ge&ouml;lt, &uuml;berall lagen wieder L&auml;ufer und Teppiche.
+Allst&uuml;ndlich kam der Pastor, immer auf den
+Zehenspitzen; und immer derselbe Bescheid: bis jetzt
+lebe er noch. Alle kamen und gingen, lautlos, als wandelten
+Gespenster. In dem Fremdenzimmer, wo Josefine
+lag, und in seiner N&auml;he gab es keine Worte mehr, nur
+noch Zeichen.</p>
+
+<p>Die Nacht war wom&ouml;glich noch schweigsamer. Gro&szlig;mutter
+sa&szlig; nicht mehr am Bett, sondern Sissel; in der
+K&uuml;che brannte das Feuer, und irgend jemand wachte
+da immer, f&uuml;r den Fall, da&szlig; etwas sich ereignen sollte.
+Auch der Pastor wachte und ging ab und zu. Aber
+gegen drei Uhr schliefen er und die K&uuml;chenwache ein.
+Als die Gro&szlig;mutter gegen vier kam, schlief auch Sissel.
+Gro&szlig;mutter setzte sich wieder an ihren Platz. Nirgends
+ein Laut, bis gegen sieben Uhr. Gro&szlig;mutter sah nach
+dem Ofen und gab dem Kranken die Medizin; atmete
+der kleine Edvard leichter? Oder t&auml;uschte sie sich?</p>
+
+<p>Gegen sieben Uhr ging langsam die T&uuml;r auf. Sie
+glaubte, es sei ihr Sohn; aber es war Josefine, die hereintrat.
+Im Zwielicht sahen ihr gro&szlig;es Gesicht unter dem
+wirren Haar, ihre wilden Augen noch entsetzlicher
+aus; die Alte, die l&auml;ngst f&uuml;r ihren Verstand gef&uuml;rchtet
+hatte, erschrak. Aber Josefine blieb an der T&uuml;r stehen;
+sie h&ouml;rte Sissels feste Atemz&uuml;ge, aber nicht die des
+Jungen; da wagte sie nicht weiterzugehen. Das sah die
+Gro&szlig;mutter und nickte ihr ermunternd zu. Ein paar<a class="page" name="Page_294" id ="Page_294" title="294"></a>
+Schritte vorw&auml;rts &mdash; und die Mutter sah ihren Jungen &mdash; zum
+Erschrecken bla&szlig;, ohne jedes Lebenszeichen.
+Aber Gro&szlig;mutter nickte wieder; da wagte sie sich weiter
+vor. Die Gardinen waren noch zugezogen, deshalb sah
+sie nicht deutlicher; aber jetzt schien ihr doch, als
+atme er! Sie kniete nieder. Atmete er wirklich leichter,
+oder...? Sie hatte sich so verrannt in ihren Glauben
+an das Todesurteil, da&szlig; sie gar nicht h&ouml;rte, was sie h&ouml;rte.
+In &auml;u&szlig;erster Spannung lauschte sie, &uuml;berlegte, hielt den
+Atem an, und erst, als sie die Gewi&szlig;heit hatte, da&szlig; er
+leichter atmete, lie&szlig; sie den eigenen Atem unwillk&uuml;rlich
+mit voller Gewalt &uuml;ber das Gesicht des Jungen hinstr&ouml;men.
+Der warme Hauch weckte ihn; er schlug die
+Augen auf und sah seine Mutter an, und es schien, als
+besinne er sich. Ja, es war die Mutter; sie war wieder
+da! Seine Augen wurden lebhafter, klarer, als man sie
+seit Wochen gesehen hatte, und sie blickten in die ihren,
+bis Josefines Augen von Tr&auml;nen &uuml;berfl&ouml;ssen.</p>
+
+<p>Kein Wort sagte er, kein Glied regte er aus Furcht
+vor den alten Schmerzen; und ihr war, als m&uuml;sse ihm
+der Lebensgeist entfliehen, wenn er es tue oder wenn
+sie ihn anr&uuml;hre oder anrede. Ja, sie dachte sogar,
+sie atme zu laut, atmete leiser, bewegte keine Hand,
+wandte nicht den Kopf. Und in dieser bewegungslosen
+Stille war ihr, als seien Fl&uuml;gel ausgebreitet &uuml;ber ihnen
+beiden. Der Augenblick glich dem, da sie ihn geboren,
+da sie den ersten kleinen Laut seiner lebendigen Stimme
+geh&ouml;rt hatte. Jetzt begann das Leben zum zweitenmal,
+jetzt, in diesen ersten, scheuen Atemz&uuml;gen. Seine
+Augen waren wie Licht im Schnee. Nicht satt konnte
+sie sich sehen an ihrem frischen Glanz; sie beide schwebten
+miteinander, als ob es nimmer enden solle.</p>
+
+<p>Aber dem Jungen wurde die Macht ihrer Augen zu
+schwer; er gab sich der Sicherheit ihrer N&auml;he hin und
+schlo&szlig; die Augen wieder, &ouml;ffnete sie noch ein paarmal,
+um sich zu vergewissern, ... ja, sie war noch da, und
+dann schlief er ein.</p>
+
+<p>Eine Weile darauf stand sie im Studierzimmer. Drau&szlig;en<a class="page" name="Page_295" id ="Page_295" title="295"></a>
+war heller Tag; herein damit! Sie zog die Gardinen auf;
+der Tag f&uuml;llte den hohen Raum mit dem Leben des
+Lebens, f&uuml;llte ihre eigene Seele bis in den verborgensten
+Winkel; sie stie&szlig; die T&uuml;r zum Fremdenzimmer auf und
+stellte sich in die &Ouml;ffnung.</p>
+
+<p>Da lag Tuft, breit und stark, mit ausgestrecktem Arm,
+das dichte Haar, die hohe Stirn noch gl&auml;nzend vom
+gestrigen Schwei&szlig;, um den Mund ein L&auml;cheln. Jetzt
+weckte das Licht ihn halb aus dem Schlaf. "Ole!" sagte
+sie. Er &ouml;ffnete die Augen weit, kniff sie aber gleich
+wieder zu. Im Geist ordnete er, was er da mit einem
+Blick gesehen hatte, und zugleich h&ouml;rte er aus all dem
+Licht heraus Josefines Stimme: "Er lebt!"</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Am Sonntag sprach in der Kirche von der Kanzel
+herab ein Mann aus dem heraus, was er gelernt
+hatte.</p>
+
+<p>Dar&uuml;ber n&auml;mlich, was f&uuml;r uns alle das Gr&ouml;&szlig;te ist.</p>
+
+<p>Der eine vergi&szlig;t es in seinem Strebersinn, der andere
+in seinem Kampfeseifer, ein dritter in seiner Verranntheit
+und ein vierter &uuml;ber seiner eigenen Weisheit, ein
+f&uuml;nfter in seinem Alltagstrott, und alle haben wir es
+mehr oder minder verkehrt gelernt. "Denn fragte ich
+nun Euch, die Ihr mir zuh&ouml;rt, so w&uuml;rdet Ihr alle, just
+weil ich von dieser St&auml;tte aus frage, mir gedankenlos
+antworten: 'Das H&ouml;chste ist der Glaube'."</p>
+
+<p>"Ich aber sage Euch: wahrlich er ist es nicht! Sitz
+am Bett Deines Kindes, das daliegt in Atemnot, am
+Rande des Todes; oder la&szlig; Dein Weib, aufgerieben von
+Angst und Nachtwachen, dem Kinde nachgleiten bis
+an diesen &auml;u&szlig;ersten Rand &mdash; da lehrt Dich die Liebe,
+da&szlig; <em class="gesperrt">das Leben das H&ouml;chste</em> ist. Und nie wieder
+von diesem Tag an werde ich Gott oder Gottes Willen
+zuerst in einer Formel, in einem Sakrament oder in
+einem Buch oder einer Bibelstelle suchen, als sei er
+vor allem hier oder dort; nein, vor allem im Leben, in
+dem Leben, das der Tiefe der Todesangst abgerungen
+ist, im Sieg des Lichts, in der Inbrunst der Liebe, in der<a class="page" name="Page_296" id ="Page_296" title="296"></a>
+Gemeinschaft der Lebenden ist Gott. Gottes vornehmstes
+Wort an uns ist das Leben; unsere h&ouml;chste
+Gottesverehrung die Liebe zu den Lebenden. Dieser
+Lehre, so selbstverst&auml;ndlich sie ist, bedurfte vor allen
+andern ich. Diese Lehre hatte ich aus verschiedenen
+Gr&uuml;nden und auf mancherlei Weise abgelehnt &mdash; am
+st&auml;rksten in letzter Zeit. Aber niemals wieder soll das
+Wort mir das Vornehmste sein, ebensowenig die Zeichen;
+nein, das Gr&ouml;&szlig;te soll mir sein die ewige Offenbarung des
+Lebens. Niemals wieder will ich festfrieren in einer
+Lehre; die Lebensw&auml;rme soll meinen Willen l&ouml;sen.
+Niemals wieder will ich Menschen richten nach Dogmen
+und nach der Gerechtigkeit vergangener Zeiten, wenn
+sie nicht den Ma&szlig;stab der Liebe unserer Zeit tragen.
+Niemals, so wahr ein Gott lebt! Und das, weil ich an
+ihn glaube, an den Gott des Lebens, und an seine unabl&auml;ssige
+Offenbarung im Leben!"</p>
+
+
+<h3><a href="#Inhaltsverzeichnis">12</a></h3>
+
+<p>Am selben Nachmittag erschien bei Tuft ein seltener
+Besuch. Es klopfte leise an, und auf das erste "Herein"
+zeigte sich niemand. Auf das zweite wurde die T&uuml;r
+bed&auml;chtig ge&ouml;ffnet von S&ouml;ren Pedersen, und hinter ihm
+tauchte nach langem Z&ouml;gern und in gro&szlig;er Verlegenheit
+Aase auf.</p>
+
+<p>Sie wollten nichts Geringeres als dem Herrn Pastor
+f&uuml;r die heutige Predigt danken. "Denn niemand, Herr
+Pastor, kann leben ohne Gott; wenigstens wir ungelehrten
+Leute nicht. Es geht nicht, es geht ganz einfach
+nicht. Und so kommen wir wie der verlorene Sohn &mdash; d.
+h. Aase w&auml;re da wohl die verlorene Tochter &mdash; (komm
+nur n&auml;her! Na, so mach', was Du willst!) und bitten Sie,
+ob Sie nicht zu Gott um Gnade f&uuml;r uns beide beten
+wollen, Herr Pastor!" Und Tuft tat es mit einer Inbrunst,
+wie nur er sie in ein Gebet zu legen vermochte.
+S&ouml;ren sagte dann, sie wollten jetzt gleich zu Herrn
+Doktor Kallem gehen. "Ganz gewi&szlig; ist er der beste<a class="page" name="Page_297" id ="Page_297" title="297"></a>
+Mensch auf der ganzen Erde, jedenfalls hier in der
+Stadt. Aber in diesen Dingen ist er im Irrtum, Herr
+Pastor. Es gibt ganz sicherlich einen Gott und auch
+Geister, und das wollen wir ihm jetzt sagen."</p>
+
+<p>Tuft selber hatte beschlossen, an diesem Nachmittag
+noch Kallem aufzusuchen. Er war ihm dankbar, und
+es dr&auml;ngte ihn, zu bekennen, da&szlig; ohne das Unrecht,
+das sie an Ragni begangen hatten, nicht einmal die
+Erlebnisse dieser Tage ihm zur Erkenntnis der Lebenswerte
+verholfen h&auml;tten. Vor allem wollte er Josefine
+rechtfertigen, indem er ihre Schuld auf sich nahm.
+In der gesch&auml;ftigen Dogmen-Postkutsche, in der er getrabt
+war wie ein Postpferd mit S&auml;cken voll Papier beladen,
+hatte sie mitfahren m&uuml;ssen, ob sie nun wollte
+oder nicht. Und durch dies Unrecht war sie mi&szlig;trauisch
+und hart geworden.</p>
+
+<p>Als er sich eine Stunde sp&auml;ter auf den Weg machte,
+stand ihre gemeinsame Kindheit merkw&uuml;rdig lebendig
+vor ihm. Damals hatte er Mission&auml;r werden wollen;
+jetzt w&uuml;rde er es vielleicht im Ernst werden. Die
+Evolutions- und Entwicklungslehre auch ins Religi&ouml;se
+zu &uuml;bertragen, das war eine Mission wert, und sie gedachte
+er auf sich zu nehmen. Der kleine Dogmengott
+vergangener Zeiten und seine Priester mu&szlig;ten &uuml;berwunden
+werden wie die G&ouml;tzen und Wundert&auml;ter der
+Heiden. Und hatte er sp&auml;ter in theologischem Machtbegehr
+davon getr&auml;umt, Bischof zu werden &mdash; nun
+wohl! Hier war ein gefahrvolles Bistum &mdash; aus leicht
+erkl&auml;rlichen Gr&uuml;nden &mdash; frei in Norwegen.</p>
+
+<p>Auf der Treppe zum oberen Eingang wartete Sigrid,
+als Pastor Tuft mit langen Schritten &uuml;ber den Hof gesteuert
+kam. Sie war schwarzgekleidet und trug ein
+schwarzes Tuch &uuml;ber dem lichtgelben Haar. "Herr
+Doktor ist nicht zu Hause!" sagte sie in ihrer stillen Art.
+Er machte sofort Kehrt und ging entschlossen nach dem
+Krankenhaus hinauf. Dort stand Mutter Andersen,
+ebenfalls in Schwarz und einer Haube mit schwarzen
+B&auml;ndern. "Tragen Sie noch immer Trauer um Ihren<a class="page" name="Page_298" id ="Page_298" title="298"></a>
+Mann?" &mdash; "Nein, jetzt um Frau Kallem." &mdash; "Ist
+Doktor Kallem hier?" &mdash; "Nein, er ist vor einer Weile
+nach Hause gegangen."</p>
+
+<p>Da irrst Du! dachte Tuft und schlug den Weg
+nach der Landstra&szlig;e ein; er konnte inzwischen eine
+t&uuml;chtige Promenade machen.</p>
+
+<p>Es waren viele Spazierg&auml;nger unterwegs; sie gr&uuml;&szlig;ten
+ihn voll freudiger Teilnahme, das war zweifellos. Mutter
+Andersens strenges Gesicht hatte einen Schatten &uuml;ber
+ihn geworfen; aber vor der Milde der andern zog sich
+der Schatten zur&uuml;ck. Wieder &uuml;berkam den Pastor der
+st&uuml;rmende Mut, den er vor einer Weile noch gehabt hatte,
+und der den meisten Neubekehrten eigen ist. Dicht beim
+Krankenhaus begegnete er S&ouml;ren Pedersen und seiner
+Frau; auch sie wollten sich an diesem lichten Sonntagabend
+voll Fr&uuml;hlingsverhei&szlig;ung einen kleinen Spaziergang
+leisten. "War er zu Hause?" fragte Tuft. "Ja,
+Herr Pastor", erwiderte Pedersen h&ouml;chst aufger&auml;umt.
+"Na, was hat er denn gesagt, der Doktor?" &mdash; "Es hat
+mir gefallen, was er sagte, Herr Pastor. Es gibt zwei
+Arten von Menschen, sagte er; die eine glaubt nur das,
+was sie wei&szlig;; die andere tut das auch, aber das, was sie
+glaubt, l&auml;&szlig;t sich nicht beweisen &mdash; wenigstens f&uuml;r niemand,
+als sie selber." &mdash; "Er hat recht." Tuft lachte
+und eilte weiter. Aber sowie er allein war, &uuml;berfiel
+ihn Markus 16, Vers 16; das lag noch von seiner "rechtgl&auml;ubigen"
+Zeit her im Hinterhalt und lauerte ihm auf.
+"Wer aber nicht glaubet, der wird verdammt werden!"
+Gott respektiert also nicht "zwei Arten Menschen".
+Tuft setzte sich eifrig zur Wehr; vom neunten Vers bis
+zum sechzehnten Kapitel ist alles ein sp&auml;terer Zusatz,
+von dem die &auml;ltesten Handschriften nichts wissen. Wenn
+diese Stelle unecht ist, so enth&auml;lt keins der drei Evangelien
+eine Stelle, die auch nur ann&auml;hernd so furchtbar
+w&auml;re. Und das vierte, das sie enth&auml;lt, hat damit sich
+selbst "verdammt". Nein &mdash; das Leben ist alles &mdash; und
+der Glaube ist der wunderbare Weg zur Erkl&auml;rung
+des Lebens, d. h. zu Gott. Auf diesem Wege werden<a class="page" name="Page_299" id ="Page_299" title="299"></a>
+wir dereinst die h&ouml;chste Gemeinschaft mit ihm erlangen,
+wenn nicht hienieden, so doch im Jenseits. Der Glaube
+soll uns nicht zum Gericht werden, sondern zum F&uuml;hrer.
+Menschen um ihres Glaubens willen zu verdammen,
+mochte in entschwundenen Zeiten als Wahrheit gelten;
+in unserer Zeit st&ouml;&szlig;t es ab. Gott offenbart sich unserem
+Verstand auf h&ouml;here Weise. Wieder schritt er eilig &uuml;ber
+den Hofraum.</p>
+
+<p>Aber wieder kam Sigrid auf die Treppe: "Herr
+Doktor ist nicht zu Hause." Die verschleierten Augen
+wichen den seinen aus; aber sie blieb unbeweglich stehen,
+das Gesicht dicht eingerahmt von ihrem Tuch. Das
+Haus hinter ihr war wie ein Geheimnis, eine geschlossene
+Gemeinschaft, etwas in sich Treu-Gefestigtes, von dem
+er ausgeschlossen war.</p>
+
+<p>Jetzt begriff er.</p>
+
+<p>Der Preis, um den er hier Einla&szlig; fand, war doch wohl
+h&ouml;her, als er gedacht hatte. Dem&uuml;tig ging er heim;
+Josefine gegen&uuml;ber schwieg er von der Sache.</p>
+
+<p>Die Zur&uuml;ckweisung war ihm ein neuer Ansporn,
+weiter auf dem Wege vorzudringen, der einzig die Geschwister
+wieder zusammenf&uuml;hren konnte. Und das war
+die Bedingung f&uuml;r alles andere. Er gestand sich ehrlich
+ein, da&szlig; er war auf seinen Schwager eifers&uuml;chtig gewesen.
+Dies rein pers&ouml;nliche Gef&uuml;hl hatte gro&szlig;en Einflu&szlig; auf
+die Beschr&auml;nktheit seiner Lehre gehabt.</p>
+
+<p>Da kam ihm von au&szlig;en her Hilfe. Zuerst verwunderte
+Fragen, zur&uuml;ckhaltendes Wesen, was ihm wehtat, ihn
+zuweilen schwankend machte; bald aber offener Kampf
+mit seinen treusten Anh&auml;ngern. Und das trieb ihn vorw&auml;rts.
+Sein alter Freund, der ehemalige Krankenhausverwalter,
+schien nur auf die Gelegenheit gewartet zu
+haben, um sich von einem Dankbarkeitsverh&auml;ltnis, das
+ihm l&auml;stig war, freizumachen; er schlug gewaltig L&auml;rm
+und zog Hilfstruppen sogar aus der Hauptstadt herbei.
+Seminarlehrer, Schulmeister, Wanderprediger und verschiedene
+Pastoren gingen Pastor Tuft in der Betstunde
+mit allen m&ouml;glichen theologischen Instrumenten zu<a class="page" name="Page_300" id ="Page_300" title="300"></a>leibe.
+Vor allem lernte er, sich deutlich ausdr&uuml;cken;
+denn die meisten Punkte, in denen sie ihn angriffen,
+beruhten auf Mi&szlig;verst&auml;ndnissen. Er lernte aber auch
+den Gebrauch von Kr&auml;ften und Kenntnissen, die er bis
+jetzt nicht ge&uuml;bt hatte.</p>
+
+<p>Im ersten Monat war Josefine nur m&uuml;de und stumpf;
+sie war mehr heruntergekommen, als sie wu&szlig;te. Aber
+nach einiger Zeit fing sie an, dem Bauernjungen, der
+einst ihr Herz mit seinem lichten Glauben gefangen
+hatte, zu folgen.... Ob er wiederkam?</p>
+
+<p>Ein Ereignis, das sie ihrem Mann verheimlichte, hatte
+sie wieder so zur&uuml;ckgebracht, da&szlig; sie nur langsam zu
+Kr&auml;ften kam. Auch sie war n&auml;mlich in aller Stille bei
+ihrem Bruder gewesen, sobald sie wieder ausgehen
+konnte; auch sie war von Sigrid auf der Treppe empfangen
+worden mit dem Bescheid, er sei nicht zu Hause;
+aber sie hatte ihn, als sie kam, auf der Veranda stehen
+sehen! Mit knapper Not hatte sie sich heimgeschleppt.</p>
+
+<p>Sie hatte ja das tiefste Mitgef&uuml;hl mit ihm gehabt und
+war zu jedem Zugest&auml;ndnis bereit gewesen; seine Unerbittlichkeit
+jedoch weckte ihren Trotz. Von ihrer
+eigenen Eifersucht auf Ragni hatte Josefine selbst keine
+Ahnung, also auch nicht davon, wie dadurch ihr eigenes
+Wesen beeinflu&szlig;t worden war. Sie sah ihre Schuld
+darin, da&szlig; sie unvertr&auml;glich gegen eine Frau gewesen
+war, die im Grunde eben doch eine S&uuml;nderin war.
+Wenn Sissel Aune oben bei dem Jungen sa&szlig; und ihm
+von Ragni erz&auml;hlte, wie liebevoll sie bis zum letzten
+Augenblick gewesen sei, dann empfand sie das Unmenschliche
+ihres Betragens, da&szlig; sie Ragnis Herzensg&uuml;te,
+da&szlig; sie Kallems Liebe hatte &uuml;bersehen k&ouml;nnen.
+Aber abgesehen von dieser Unvers&ouml;hnlichkeit f&uuml;hlte sie
+sich nicht schuldig.</p>
+
+<p>Die Entt&auml;uschung war um so gr&ouml;&szlig;er und h&auml;tte
+schwere Folgen gehabt, wenn nicht gerade jetzt ihres
+Mannes Kampf sie mitgerissen h&auml;tte. Ein unklarer
+Mensch, der wesentlich nur in Trotz gelebt hat, kann
+nur durch eine gro&szlig;e Begebenheit erl&ouml;st werden. Und<a class="page" name="Page_301" id ="Page_301" title="301"></a>
+zu einer solchen wurde ihr der Tag, als Tuft zu ihr sagte:
+"Josefine &mdash; hierf&uuml;r m&uuml;ssen wir Amt und Verm&ouml;gen einsetzen!"</p>
+
+<p>Drei Monate waren vergangen, da f&uuml;hlte sie sich,
+neubelebt vom Kampf, stark genug, es mit ihrem Bruder
+aufzunehmen. Sie schrieb ihm, was sie auch verbrochen
+h&auml;tten &mdash; es m&uuml;sse Klarheit sein zwischen ihnen; einer
+Anklage wenigstens m&uuml;&szlig;ten sie gew&uuml;rdigt werden. Ihre
+Dankbarkeit gegen ihn sei gro&szlig;, ebenso gro&szlig; aber ihr
+Bed&uuml;rfnis, mit ihm zusammenzuarbeiten, nun, da sie
+ihre fr&uuml;here Unvertr&auml;glichkeit bereuten und dem Geist
+der Liebe und der Gerechtigkeit, den sie verkannt
+h&auml;tten, jedes nur m&ouml;gliche Opfer zu bringen bereit seien.</p>
+
+<p>Ein sehr geschickter Brief; das sagte auch ihr Mann.</p>
+
+<p>Aber Tag auf Tag verging ohne Antwort. Es war ein
+wahres Gl&uuml;ck, da&szlig; gerade diese Tage die schwersten
+Kampftage f&uuml;r Tuft waren. In der Betstunde und
+nachher auch in der Kirche hatte er die Worte angewendet,
+mit denen Josefines Brief schlo&szlig;: "Gerechtigkeit
+und Liebe" ohne Unterschied des Glaubens (wie in
+der Erz&auml;hlung vom barmherzigen Samariter) sei der Kern
+des Christentums; deshalb m&uuml;sse alles mit diesem Ma&szlig;
+gemessen werden, in erster Linie die Lehre selbst, bis
+jedes K&ouml;rnlein, das sich nicht daran messen lie&szlig;e, vor
+der Offenbarungsmacht der Gerechtigkeit unserer Zeit
+fallen m&uuml;sse als eine Gotteslehre ferner und harter
+Zeiten.</p>
+
+<p>Daf&uuml;r wurde er noch am selben Tage zur Disputation
+geladen.</p>
+
+<p>Zwei Versammlungen wurden abgehalten im Verlauf
+der Woche, alle drei stark besucht. Sein Hauptgegner
+war ein Pastor und Redakteur einer theologischen Zeitschrift
+aus der Hauptstadt. Die Lehre von der H&ouml;lle
+war fast ausschlie&szlig;lich der Gegenstand, um den es sich
+drehte, und Tuft hielt daran fest: alles, was Paulus
+dar&uuml;ber gesagt habe, sei v&ouml;llig verschieden z. B. von
+der Offenbarung Johannis. Nach Paulus sei das Leben
+hier und im Jenseits ein stetiges Fortschreiten, das damit<a class="page" name="Page_302" id ="Page_302" title="302"></a>
+ende, da&szlig; Gott "Alles in Allem" werde. Diese Lehre
+halte das Ma&szlig; der Gerechtigkeit und der Liebe, &mdash; und
+es machte Eindruck, als er mit seiner metallreichen
+Stimme in der lebhaften, westl&auml;ndischen Tonart &uuml;ber
+die dichtgedr&auml;ngte Versammlung hinrief, ob sie denn
+glaubten, Krieg und Unterdr&uuml;ckung durch den St&auml;rkeren
+w&uuml;rden ein Ende nehmen, solange die Lehre von
+der H&ouml;lle mit ihrer grausamen Rachsucht und Roheit
+in allen Schulen und Kirchen als Gottes Gerechtigkeit
+und Liebe gelehrt w&uuml;rde!</p>
+
+<p>Die Gegner waren ganz im "Stil der H&ouml;llenlehre",
+indem sie alles taten, ihn zu verketzern und zu verdammen.
+Unter den Zuh&ouml;rern herrschte nur eine
+Meinung: in Klarheit und &Uuml;berzeugungstreue war
+Tuft den andern allen &uuml;ber.</p>
+
+<p>Das letzte Mal war auch Doktor Kallem zugegen;
+er sah auch Josefine mit flammenden Augen dasitzen;
+und am n&auml;chsten Tag gegen Abend kam seine Antwort.</p>
+
+<p>Sie stand gerade vor dem Haus und sah ihrem Jungen
+zu, wie er mit der Gartenspritze spielte, als der Brief
+kam; sofort erkannte sie die Handschrift, und zitterte
+so, da&szlig; sie ihn gar nicht &ouml;ffnen konnte. Es erschreckte
+sie, wie wenig kr&auml;ftig sie im Grunde doch noch war.
+Sollte sie die Gesundheit ihrer Jugend nie wieder erlangen?</p>
+
+<p>Sie ging also auf ihr Zimmer und riegelte hinter sich
+ab. Ein dicker Brief! Sie drehte und wendete ihn, setzte
+sich und &uuml;berlegte, ob sie ihn vielleicht nicht doch Tuft
+zuerst lesen lassen sollte. Aber m&ouml;glicherweise stand
+etwas &uuml;ber ihn darin, was er nicht sehen durfte.</p>
+
+<p>Sie &ouml;ffnete.</p>
+
+<p>Kein Wort von ihrem Bruder, kein Wort an sie! Das
+erste, was sie sah, war von fremder Hand geschrieben;
+das n&auml;chste ebenfalls, das &uuml;bern&auml;chste auch, zwei verschiedene
+Handschriften. Ein paar zusammengeheftete
+Bogen, einige Briefe, ein paar lose Zettel ... von Edvard
+kein Wort.</p>
+
+<p>Was bedeutete das? Aus all den Papieren zog Josefine<a class="page" name="Page_303" id ="Page_303" title="303"></a>
+unwillk&uuml;rlich das kleinste hervor, ein Zettelchen mit
+drei Zeilen darauf:</p>
+
+<p>"Sie haben meinen guten Namen get&ouml;tet und ich
+hab' es nicht gewu&szlig;t. Denn ich wu&szlig;te nicht, da&szlig; ich
+einen hatte, bis er get&ouml;tet war."</p>
+
+<p>Auf einem andern Zettel blo&szlig; die feingeschriebenen
+Worte: "Vergib ihnen; sie wissen nicht, was sie tun."</p>
+
+<p>Diese zarte, leichtschwingende Handschrift war
+nat&uuml;rlich Ragnis. Josefine begann zu zittern, und wu&szlig;te
+doch nicht warum.</p>
+
+<p>Da lag ein Brief von einer andern Hand geschrieben,
+die ersten Worte in roter Tinte. Keine Unterschrift.
+Aber als sie las, da&szlig; Kallem dies nicht sehen d&uuml;rfe, vermutete
+sie einen Liebesbrief von Karl Meek, den Kallem
+nach ihrem Tode gefunden hatte. Was sollte sie damit?
+Fl&uuml;chtig las sie die ersten Worte, hielt aber inne, als
+es "Sie" hie&szlig; &mdash; als er von einem Schmerz sprach, den
+er hatte allein tragen wollen, der nun aber auch sie betroffen
+h&auml;tte, eine Verleumdung...? War es Verleumdung
+gewesen?</p>
+
+<p>&Uuml;berall die allerehrerbietigsten Ausdr&uuml;cke! &mdash; Wann
+war der Brief geschrieben? Es war kein Datum angegeben;
+aber der Schreiber war im Ausland; also nach
+ihrem Zusammenleben hier. Der Brief war ein einziger
+gro&szlig;er Schrei, ein Schmerz, so echt, wie sie einen gr&ouml;&szlig;eren
+nie gelesen hatte.</p>
+
+<p>Josefines Hand zitterte; sie mu&szlig;te den Brief auf den
+Tisch legen.</p>
+
+<p>Sie las, wie Karl infolge dieser grausamen Verleumdung
+an niemand anders und an nichts anderes zu denken
+vermochte; sie las, wie dadurch seine Liebe zu Ragni
+erwacht war; Josefine sah diese Liebe, aus Kummer,
+Dankbarkeit, Anbetung geboren, ihr entgegenatmen, &mdash; in
+den reinsten, r&uuml;hrendsten Ausdr&uuml;cken.</p>
+
+<p>Ragni unschuldig? Gott im Himmel, war sie wirklich
+unschuldig? Dann waren die ergreifenden Szenen zwischen
+Edvard und ihr, w&auml;hrend der Tod sie Zoll f&uuml;r
+Zoll auseinanderri&szlig; (Sissel Aune hatte sie ihr geschildert)<a class="page" name="Page_304" id ="Page_304" title="304"></a>
+ja nicht zu ertragen gewesen! Ja, dann begriff sie,
+weshalb er mit ihrer Leiche von hier weggezogen war
+und Karl Meek mitgenommen hatte. Sie begriff nur
+das eine nicht: da&szlig; er es &uuml;berlebt hatte.</p>
+
+<p>Es klopfte an die T&uuml;r; sie sprang auf; es war blo&szlig; das
+M&auml;dchen, das sie zum Abendessen holen wollte. Sie
+vermochte nicht zu antworten. Es klopfte wieder. "Nein,
+nein!" w&uuml;rgte sie endlich heraus, w&auml;hrend sie sich wand
+vor Scham und Schmerz. Sie mu&szlig;te zu ihrem Bruder!
+Sie mu&szlig;te zu ihm! und sollte sie auf den Knien zu ihm
+rutschen!</p>
+
+<p>Aber da waren noch mehr Papiere; und sie hatte ein
+Gef&uuml;hl, als ob ihr Bruder neben ihr stehe und ihr gebiete
+zu lesen. Zitternd las sie:</p>
+
+<p>"Ich will jetzt abschreiben, was ich nach vielen Versuchen
+und Ausstreichen &uuml;ber meine Kindheit und meine
+erste Ehe zustande gebracht habe; aber ich f&uuml;hle mich
+auf einmal so m&uuml;de und so fertig. Immer hatte ich
+mir ausgedacht, ich wolle ein paar Worte als Einleitung
+schreiben, und hatte mich darauf gefreut. Jetzt ist es
+zu sp&auml;t. Jetzt kann ich Dir blo&szlig; noch sagen, Du 'wei&szlig;er
+Pascha' meines Lebens, wie das alles so mit mir gekommen
+ist. Ganz kurz hab' ich's gesagt, weil es mir
+eine Qual war. Ich hab' es auch nur gesagt, damit Du
+mich verteidigen kannst, sollte irgend jemand es noch
+der M&uuml;he wert finden, von mir zu sprechen, wenn ich
+fort bin. Liebster Freund, ich klage nicht. Ich habe
+das Sch&ouml;nste erlebt, was ich erleben konnte; nur da&szlig;
+es so kurz war! Du mu&szlig;t Dir blo&szlig; vorstellen &mdash; ich
+hatte mich selber aus blo&szlig;er Furcht vor noch etwas
+Schlimmerem weggeworfen; und da hast Du mich emporgetragen
+aus der Tiefe des Meeres zum Frieden, zu
+allem Guten in guter Menschen Obhut &mdash; bis Du dann
+zum zweitenmal kamst und mich noch weitergetragen
+hast &mdash; zu Dir selbst. Und hier, in Deinem Heim, alles
+zu eigen zu haben, Dich, und alles, was Dir geh&ouml;rt &mdash; ohne
+es zu verdienen; ich hab' es oft schwer empfunden;
+aber gl&uuml;cklich war ich doch."</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_305" id ="Page_305" title="305"></a>"Ich wei&szlig;, ich f&uuml;llte meinen Platz nicht aus; aber
+nun, da es zu Ende geht, ist mir, als schade auch das
+nichts mehr. Du h&auml;ttest Nachsicht gehabt mit mir,
+wie lang es auch gedauert h&auml;tte; das wei&szlig; ich ja gewi&szlig;."</p>
+
+<p>"Liebster, wenn ich Dir auch alles sagen wollte, was
+von Dank und Bewunderung f&uuml;r Dich in mir ist &mdash;
+Du w&uuml;rdest es nicht begreifen; so selbstverst&auml;ndlich
+war es Dir, da&szlig; alles Frohe in Deinem Leben von mir
+kam. Und das ist auch in meinem Leben das Sch&ouml;nste
+gewesen."</p>
+
+<p>"Aber Du liest das ja erst, wenn ich nicht mehr im
+Sessel neben Dir sitze, und da ist nichts, was die Erinnerung
+an mich besser in Dir wachhalten k&ouml;nnte, so
+wie ich sie in Dir lebendig wissen m&ouml;chte, als ein gro&szlig;es
+unendliches</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i1">ich danke Dir!"<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Das war die Ehe, der sie den Namen Ehe hatte absprechen
+wollen! Sie, Josefine, im Vergleich mit ihrer
+eigenen!</p>
+
+<p>Sie glitt hernieder vom Stuhl, auf die Knie. Sie
+schluchzte, schluchzte &mdash; und zwang sich, still zu sein,
+damit niemand sie hier finden solle, zusammengekauert,
+zusammengebrochen unter der Schmach ihres Verbrechens.
+Ihre H&auml;nde tasteten um Ragnis Handschrift, ihr Kopf
+sank auf die H&auml;nde: "Vergib! Vergib!" fl&uuml;sterte sie, und
+sie wu&szlig;te, da&szlig; niemand, niemand sie h&ouml;re, und da&szlig;
+niemand, niemand ihr vergeben k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Und blitzschnell erfa&szlig;te sie, da&szlig; Ragni auch in ihrer
+ersten Ehe rein gewesen, da&szlig; sie auch in ihr verleumdet
+worden war. Die Schriftst&uuml;cke &uuml;ber diese Ehe, wie sie
+zustande gekommen war, &mdash; sie brauchte sie nicht, sie
+konnte sie nicht lesen. Mit fiebernden H&auml;nden packte
+sie alles zusammen &mdash; Ole sollte es lesen. Jetzt mu&szlig;te <em class="gesperrt">er</em>
+ihr helfen; es galt ja ihr Leben. Sie war mitschuldig des
+Mordes, des Mordes an einer ganz Unschuldigen! Nicht
+durch Worte oder Hetzereien; gesagt hatte sie nichts;
+aber gerade durch ihr Schweigen, gerade dadurch, da&szlig;<a class="page" name="Page_306" id ="Page_306" title="306"></a>
+sie Ragni vom ersten Tag an von sich gesto&szlig;en hatte &mdash; gerade
+dadurch war die &Auml;rmste rettungslos verloren gewesen;
+das hatte sie getroffen wie der Blitz; das hatte
+sie bet&auml;ubt, schreckerstarrt zu Boden geschlagen. Das
+Urteil, das sie in ihres Bruders Augen gelesen hatte,
+das Todesurteil, &mdash; sie hatte nicht falsch gelesen! &mdash; nur
+galt es nicht ihrem Sohn, ihr selber galt es. <em class="gesperrt">Sie</em> verdiente
+den Tod!</p>
+
+<p>Entsetzen packte sie; der Schwei&szlig; brach ihr aus wie
+nach einem bet&auml;ubenden Schlag.... <em class="gesperrt">Jetzt war es da</em>!</p>
+
+<p>Ja, jetzt war es da, wovor sie Jahr um Jahr erschauernd
+gebangt hatte, &mdash; etwas &uuml;ber alle Ma&szlig;en Grauenhaftes,
+das sie zu Staub zermalmen w&uuml;rde. Nichts war sie gewesen;
+nichts hatte sie gewollt, nichts geleistet; und
+dabei hatte sie getrotzt und verurteilt und das h&ouml;chste
+Spiel gespielt!</p>
+
+<p>Jetzt war es da! Sie hatte geglaubt, die Sache mit dem
+Jungen sei das &Auml;u&szlig;erste gewesen; nein, erst jetzt war
+es da, jetzt, seit sie wieder ein frohes Zusammenleben
+mit ihrem Mann und festen Boden unter den F&uuml;&szlig;en
+gewonnen hatte.... <em class="gesperrt">Jetzt</em> traf es sie &mdash; und traf sie
+t&ouml;dlich.</p>
+
+<p>Sie eilte hinunter ins Studierzimmer, w&auml;hrend Tuft
+noch a&szlig;, und legte den Brief auf seinen Tisch; Hut und
+Tuch hatte sie schon an; und nun lief sie mehr als sie
+ging zum Haus des Bruders. Nun galt es biegen oder
+brechen.</p>
+
+<p>An einem Fu&szlig;weg bog sie nach der Kirche ab; dabei
+dachte sie an Oles letzte Predigt. Wenn ihr Zusammenleben
+von Anfang an so freie Wahl, auf solche Ziele
+eingestellt gewesen w&auml;re! Sie weinte und lief auf das
+f&uuml;rchterliche Haus zu. Links hinter dem Laub erblickte
+sie auch die wei&szlig;e Hauswand des andern, in dem Kule
+wohnte &mdash; das Mordinstrument! Nein, nein, nein! Sie
+hatte ihn nicht kommen hei&szlig;en; sie hatte keinen Teil
+daran! Doch &mdash; sie hatte geh&ouml;rt, wie man davon sprach,
+und es f&uuml;r ganz gerecht gehalten. Einige hatten es als
+guten Witz aufgefa&szlig;t, andere wieder ernst, ja, religi&ouml;s.<a class="page" name="Page_307" id ="Page_307" title="307"></a>
+Josefine erinnerte sich jedes Wortes, zu dem sie geschwiegen,
+jedes Gedankens, den sie im Stillen gehabt hatte.</p>
+
+<p>Mord, Mord! Da gab es keine Vergebung, das wu&szlig;te
+sie. Was wollte sie bei dem Bruder? Er hatte ihr Kind
+gerettet; dar&uuml;ber hinaus wollte er nichts mit ihr zu
+schaffen haben. Und dennoch &mdash; ihr Leben hing von
+jetzt an diesem Fleck Erde; sie mu&szlig;te hin, und wenn es
+ihr Tod war! Und sie hastete weiter.</p>
+
+<p>Ihr Leben war gesch&auml;ndet; sie konnte keinem ehrlichen
+Menschen mehr ins Auge sehen. Mit K&auml;lte und Bosheit
+hatte sie ein v&ouml;llig, v&ouml;llig unschuldiges Menschenkind
+get&ouml;tet &mdash; hatte ihres Bruders Heim zerst&ouml;rt! Wie sollte
+sie darnach noch weiter leben? Was wollte sie jetzt?
+Ihre gerechte Strafe suchen? Aber die konnte nur sie
+selbst sich auferlegen. Zuerst mu&szlig;te sie ihn gesehen,
+ihn geh&ouml;rt, selber mit ihm gesprochen haben &mdash; ja &mdash; &mdash; denn
+sie hatte auch etwas zu sagen, &mdash; &mdash; er wu&szlig;te ja
+gar nicht, wie sie ihn liebe, wie sie ihn immer geliebt
+hatte; &mdash; er kannte sie &uuml;berhaupt nicht. Und sie weinte
+und hastete weiter.</p>
+
+<p>Sie sah ihn im Garten zwischen dem Haus und den
+Nebengeb&auml;uden stehen, &uuml;ber irgend etwas geb&uuml;ckt, was
+er eben in der Hand hielt. Sie sah ihn &mdash; &uuml;ber die
+Johannisbeer- und Stachelbeerhecke weg, wo die h&ouml;heren
+Obstb&auml;ume ein bi&szlig;chen weiter auseinanderstanden. Ein
+Fr&ouml;steln durchrann sie; aber sie schritt weiter. Bald
+war sie unter den B&auml;umen des Parks, und bog dann nach
+dem Hof ab; nur die Mauer der Stallgeb&auml;ude war noch
+dazwischen; jetzt trat Josefine hervor.</p>
+
+<p>In einem hellgelben, rohseidenen Rock, demselben
+vielleicht, in dem er vor zwei Jahren gekommen war,
+stand er da &mdash; die &Auml;rmel aufgestreift, die Manschetten
+abgelegt &mdash; und wusch unter der Pumpe einen Reisekoffer;
+die vielen Zettel, die die verschiedenen Eisenbahnen
+&uuml;bereinander daraufgeklebt hatten, mu&szlig;ten aufgeweicht
+werden. Wollte er verreisen? Er war sonnverbrannt
+und mager; im Profil erschien sein Gesicht
+noch sch&auml;rfer. Jetzt h&ouml;rte er ihre Schritte und blickte auf.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_308" id ="Page_308" title="308"></a>Blickte ihr in das verweinte, flehende Gesicht. Von
+ihrer einstigen farbenfrohen Kleidung keine Spur mehr;
+ein dunkles Sommerkleid; um die Taille einen G&uuml;rtel;
+auf dem Kopf ein breitrandiger Strohhut mit braunem
+Band; &uuml;ber dem Arm lose ein Tuch. Ihre Tr&auml;nen
+brachen hervor. "Edvard!" rief sie verzweifelt; weiter
+kam sie nicht....</p>
+
+<p>... Denn er hatte den Koffer fallen lassen und sich
+hoch emporgerichtet; eine Stimme, die in zwei Oktaven
+zu klingen schien, sagte: "Nie verzeihe ich Dir, Josefine!"
+"Edvard &mdash; so la&szlig; mich doch erkl&auml;ren ... &mdash;"
+Sie wandte sich dem Haus zu, voll Angst und Verzweiflung,
+so streng sah er aus. Er glaubte, sie wolle hineingehen.</p>
+
+<p>"... Nie kommst Du &uuml;ber diese Schwelle!" Und er
+stemmte die H&auml;nde in die Seiten, als wolle er Wache
+halten.</p>
+
+
+<h3><a href="#Inhaltsverzeichnis">13</a></h3>
+
+<p>Tuft ging vom Abendbrot in sein Studierzimmer, sah
+aber die Briefe nicht liegen, weil er gar nicht auf
+den Schreibtisch blickte. Wie so h&auml;ufig abends machte er
+einen kleinen Spaziergang; w&auml;re Josefine dagewesen, so
+h&auml;tte sie ihn wohl begleitet, dachte er. Wohl eine Stunde
+ging er auf und ab; es war Sonnabend, und er &uuml;berdachte
+seine Predigt f&uuml;r morgen. Als er nach Hause kam, setzte
+er sich mit einem Buch ans Fenster und las, wanderte
+dazwischen auf und ab, las wieder, bis es zehn Uhr war.</p>
+
+<p>Er ging nach oben, um sich zu legen; Josefine war
+nicht da; nicht in ihrem eigenen Zimmer, nicht im
+ganzen Haus. So stieg er wieder hinunter ins Arbeitszimmer,
+um auf sie zu warten; wo konnte sie nur sein?
+Bei einem Kranken? Er wu&szlig;te von keinem. Gedankenlos
+griff er nach dem Brief, w&auml;hrend er am Schreibtisch
+vor&uuml;berging; sein Name stand darauf &mdash; von Josefines
+Hand! Hei&szlig; stieg es in ihm auf; er ging ans Fenster,
+um besser sehen zu k&ouml;nnen. Kein Siegel; blo&szlig; verschiedene
+Papiere; und obendrauf ein Zettel mit folgen<a class="page" name="Page_309" id ="Page_309" title="309"></a>den,
+von Josefine geschriebenen Worten: "Ich bin zu
+ihm gegangen &mdash; es gilt mein Leben." Was war das?</p>
+
+<p>Eine Viertelstunde sp&auml;ter war auch Tuft auf dem
+Weg zur Kirche; auch er lief mehr als er ging. Er war
+der allein Schuldige; er hatte seinerzeit Josefine den
+Gedanken eingegeben, Ragni sei ihrem ersten Mann untreu
+gewesen, und damit alles ins Rollen gebracht, was seitdem
+geschehen war! Und wenn er nicht auf seinen
+Schwager eifers&uuml;chtig gewesen w&auml;re, so h&auml;tte er kaum
+dessen Bruch mit der Kirche, den Verkehr mit Sp&ouml;ttern
+zum Vorwand genommen, sich von den beiden zur&uuml;ckzuziehen.
+Und wenn der Schwager antworten w&uuml;rde:
+Josefine sei ja &uuml;berhaupt gar nicht Christin genug, um
+aus diesem Grund Ragni zu verdammen, oder darum
+gleich das Schlimmste von einem Freidenker anzunehmen &mdash; er,
+Tuft, w&uuml;rde antworten, da&szlig; solche, die
+so etwas tun, eben keine Christen sind, sondern Halbchristen.
+Der, dem die Liebe zu Gott Lebensgesetz
+geworden ist, urteilt &uuml;berhaupt nicht; aber die anderen
+tun das um so eifriger. Josefine hatte nach ihrem ganzen
+Lebensgang eine Halbchristin werden m&uuml;ssen, und das
+war wiederum seine Schuld. Das theologische Studium
+unterbindet alles Wachstum des Mannes.</p>
+
+<p>Wie klar er das alles jetzt &uuml;berschaute! Und darum
+war es ihm auch so unertr&auml;glich, sie in dieser Seelennot
+zu wissen. Er rannte so, da&szlig; er ganz au&szlig;er Atem in den
+Park, ans Tor, &uuml;ber den Hof und auf die Treppe kam.
+Die Haust&uuml;r war verschlossen, &mdash; es war doch kaum &uuml;ber
+zehn! Er klingelte wieder und wieder, und bald h&ouml;rte
+er im Korridor Schritte, M&auml;nnerschritte. Kallem war
+es, der &ouml;ffnete.</p>
+
+<p>"Ist Josefine nicht hier?" &mdash; "Nein." &mdash; "Ist sie nicht
+hier gewesen?" &mdash; "Doch, vor anderthalb Stunden." &mdash;
+"Und &mdash; &mdash;?" &mdash; "Ich habe ihr mein Haus verboten." &mdash; "Du
+hast nicht mit ihr gesprochen?" &mdash; "Nein." &mdash; Da
+streckte Tuft die rechte Hand aus: "Jetzt bist auch
+Du dogmenbesessen!" wandte ihm den R&uuml;cken und
+st&uuml;rzte fort. Sein breiter Hut &uuml;ber den breiten Schultern<a class="page" name="Page_310" id ="Page_310" title="310"></a>
+war wie ein vierkantiger Nachdruck auf seine letzten
+Worte.</p>
+
+<p>Es war schon &uuml;ber elf Uhr &mdash; da klingelte es wieder.
+Genau auf dieselbe Art. Kallem erschien sofort. Er
+war also nicht zu Bett gewesen.</p>
+
+<p>Wieder war es Tuft, der dastand; aber, soweit Kallem
+zu unterscheiden vermochte, noch ehe er ihn n&auml;her sah,
+ein ganz anderer, ein verst&ouml;rter, verzweifelter Mann.
+"Wo, denkst Du, k&ouml;nnte sie hingegangen sein, Edvard?" &mdash; "Ich
+denke, zu Ragnis Grab wird sie gegangen sein!"</p>
+
+<p>Ein wunder Laut aus der Kehle, ein fast sichtbares
+Aufwallen von Schmerz. Und wieder war er auf und
+davon. Seine schweren Schritte klangen noch lange
+herauf durch die Stille der Nacht.</p>
+
+<p>Gegen ein Uhr wieder das Klingeln; aber nur einmal,
+zaghaft &mdash; angstvoll. Kallem kam sofort aus dem Wohnzimmer;
+er war also noch immer auf.</p>
+
+<p>Eine Frau stand vor der T&uuml;r. Der kurzsichtige Kallem
+ging hastig auf sie zu und erkannte Sissel Aunes Stimme.
+"Liebster, bester Herr Doktor, seien Sie doch gut und
+barmherzig!" fing sie an zu jammern. "Liebster, bester
+Herr Doktor!" &mdash; Kallem glaubte, sie komme seiner
+Schwester wegen; ihr sei etwas geschehen. Es &uuml;berlief
+ihn kalt. Aber Sissel fuhr fort: "Niemand kann ihn
+mehr b&auml;ndigen; jede Nacht ist er wie verr&uuml;ckt." &mdash;
+"Aune?" fragte Kallem. "Ja. Er glaubt, Kristen Larssen
+sei hinter ihm her, und da rennt er davon, immerzu,
+wer wei&szlig;, wie weit, in den Wald und auf die Landstra&szlig;e;
+heut ist's die dritte Nacht; und ich <em class="gesperrt">kann</em> nicht mehr!
+Liebster, bester Herr Doktor &mdash; ich hab' ja sonst niemand,
+zu dem ich gehen k&ouml;nnte!" &mdash; sie fing zu weinen
+an &mdash; "und niemand kann ihn ja b&auml;ndigen, au&szlig;er
+Ihnen!"</p>
+
+<p>Der muntere Buchbinder und Spielmann verr&uuml;ckt
+geworden? Also hatte er sich seiner Macht entzogen?
+Oder trank er wieder? War es Delirium? Nein, es war
+einfache "Verr&uuml;cktheit" aus Angst vor Kristen Larssens
+Geist. Kallem ging sofort mit.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_311" id ="Page_311" title="311"></a>Der Himmel war bew&ouml;lkt; eine dunkle Nacht. Aber
+ein frischer Nordwind begann die Wolken auseinanderzufegen.
+Er r&uuml;ttelte auch die B&auml;ume am Weg; das laubdichte
+Rauschen fragte und sp&uuml;rte so manches auf,
+w&auml;hrend sie vor&uuml;bergingen. War es nicht auch seltsam
+und wunderlich, da&szlig; Aune, der unter den Leuten den
+Glauben an Kristen Larssens Spukerei aufgebracht hatte,
+jetzt selber davonrannte, in sinnlosem Entsetzen &mdash; vor
+seiner eigenen Luggeschichte? Jeden Abend, sobald es
+dunkel w&uuml;rde, versicherte Sissel, erschiene ihm Kristen
+Larssen und wolle ihn in die H&ouml;lle mit sich nehmen! &mdash; "Aber
+liebe Sissel, es gibt ja gar keine H&ouml;lle!" &mdash; Im
+selben Augenblick h&ouml;rten sie aus weiter Ferne einen
+Schrei, einen einzigen, endlosen, schneidenden Hilferuf.
+Wie ein Gespenst stieg er auf durch die Nacht &mdash; man
+sah ihn beinahe. "Das ist er!" rief Sissel und faltete
+die H&auml;nde. "Jesus Christus! Hilf!" schrie sie und fing
+zu laufen an. Kallem eilte ihr nach. "Ruhig, Sissel!
+So kommst Du blo&szlig; langsamer vorw&auml;rts. Ruhig gehen,
+ruhig! H&ouml;rst Du?" Sie gehorchte sofort, wandte sich
+aber leidenschaftlich zu ihm: "Wer anders als der Satan
+kann einen Menschen so hetzen?" fragte sie schweratmend.
+Da schlug in der N&auml;he ein Hofhund an; der
+Schrei hatte ihn aufgeschreckt; er kl&auml;ffte unaufh&ouml;rlich.
+Kallems Stimme &uuml;berschrie den Hund: "Aune ist so
+wenig vom Satan besessen als der w&uuml;tige K&ouml;ter dort!
+Wei&szlig;t Du, wie &uuml;berhaupt die Leute den Satan erfunden
+haben? Sie glaubten, alles sei vollkommen erschaffen
+auf Erden; und da hatten sie niemand, dem sie Schuld
+daf&uuml;r geben konnten, da&szlig; die S&uuml;nde in die Welt gekommen
+war."</p>
+
+<p>Im selben Augenblick fiel der rasende Hund sie an.
+Sissel fl&uuml;chtete zu Kallem. "So ein w&uuml;tiger Pfaff!"
+rief der und b&uuml;ckte sich nach einem Stein. Da wich der
+K&ouml;ter ein St&uuml;ck zur&uuml;ck. Ein neuer Schrei &mdash; n&auml;her als
+der erste &mdash; ein Notschrei aus der letzten Kraft eines
+Menschen. Ein Schauder &uuml;berlief sie; sogar der Hund
+stutzte. Aber dann setzte er, an ihnen vorbei, in einem<a class="page" name="Page_312" id ="Page_312" title="312"></a>
+gro&szlig;en Bogen auf den Spuk los. "Gott steh uns bei &mdash; jetzt
+hat er ihn!" weinte Sissel auf und st&uuml;rzte vorw&auml;rts;
+dem Hund durfte der Besessene auf keinen Fall zwischen
+die Z&auml;hne laufen! Und dabei h&ouml;rten sie den K&ouml;ter
+bellen, bellen, als ob er eine wilde Bestie vor sich habe,
+die er im n&auml;chsten Augenblick zerrei&szlig;en wollte. Jetzt
+liefen sie beide, so schnell sie konnten; Kallem war Sissel
+bald weit voraus. Aune konnte es kaum sein, der da in
+Gefahr war, aus solcher N&auml;he hatte der letzte Schrei
+nicht geklungen. Das rasende Tier war &uuml;ber den ersten
+besten hergefallen. Wer aber war das? Seit seiner Kindheit
+war Kallem nicht so gelaufen; er h&ouml;rte am Bellen
+des Hundes, da&szlig; der Gegner sich wehrte, und lief mit
+erneuter Kraft. Bald sah er am Wegrand vor einem Geh&ouml;lz
+etwas Gro&szlig;es, Schwarzes, und davor den Hund.
+Noch einmal durchschnitt ein Schrei die Nacht; ja,
+er kam von dort her! Was war das f&uuml;r ein gro&szlig;er, schwarzer
+Klumpen? Doch kein Tier?</p>
+
+<p>Nein, ein Mann war es, ein gro&szlig;er Mann, der mit
+einem kleineren rang, und auf beide ging der Hund los.
+Der Gro&szlig;e schlug nach ihm, sie drehten sich umeinander;
+und zugleich hielt der Gro&szlig;e mit der Linken
+einen andern gepackt. Und nun erkannte Kallem den
+breiten Hut &uuml;ber den breiten Schultern; Tuft war es,
+der Aune festhielt, mit Riesenkraft; der Hund wollte
+auf Aune los, und Tuft stie&szlig; ihn jedesmal mit einem
+Fu&szlig;tritt weg. Wer wei&szlig; &mdash; Aune mochte glauben, der
+Hund sei der Teufel und Kristen Larssens Gespenst
+halte ihn gepackt; denn der Ungl&uuml;ckliche schlug um
+sich mit H&auml;nden und F&uuml;&szlig;en, sperrte sich, bi&szlig; um sich,
+zerrte und ri&szlig;, um loszukommen; jetzt warf er sich
+hinten&uuml;ber und mit dem letzten heiseren Rest seiner
+Stimme kreischte er: "Hilfe! Hilfe!" War seine Angst
+vorher schon gro&szlig; gewesen, so wurde sie erst recht gro&szlig;,
+als er Kallem aus dem Halbdunkel herauswachsen sah:
+er warf sich zu Boden und br&uuml;llte. Der Hund packte
+ihn sofort am Bein; der Pastor zog beide Beine gleichzeitig
+in die H&ouml;he; so rasend war die Bestie, da&szlig; sie<a class="page" name="Page_313" id ="Page_313" title="313"></a>
+Kallem nicht bemerkte, bis der ihr einen Fu&szlig;tritt versetzte,
+der sie ein paar Meter weit wegschleuderte.
+Ein einziges kurzes Aufheulen, ein Schnappen &mdash; ein
+Arzt versteht zu treffen &mdash; und sie sahen und h&ouml;rten
+nichts mehr von ihr; vielleicht war sie tot.</p>
+
+<p>Jetzt nahm Kallem Aune beim Arm und der Pastor
+lie&szlig; ihn los. Er war wirklich &uuml;bel zugerichtet, der Rock
+schleppte zerrissen hinter ihm her, der &Auml;rmel hing ihm
+in Fetzen auf die Hand herunter, ebenso sein wollenes
+Hemd. Das Blut quoll ihm aus Bi&szlig;- und Kratzwunden;
+aber er war so angst- und wutentflammt, da&szlig; er &uuml;berhaupt
+keinen Schmerz f&uuml;hlte. Kallem packte den armen
+Narren mit beiden H&auml;nden am Kragen, hob ihn zu sich
+empor und bohrte mit all seiner durch den raschen Lauf
+und die Gem&uuml;tserregung noch gesteigerten Energie den
+Blick in die Augen des andern, bis sie ganz gro&szlig; und
+dumm und glasig wurden; mit aufgerissenem Mund
+und schlaffen Gesichtsmuskeln hing der Kerl da, wie
+ein ausgenommener Hering. Als endlich Sissel atemlos
+und weinend anlangte, lag Aune unter den B&auml;umen im
+Gras und schlief. Die beiden M&auml;nner standen vor ihm.
+Kallem meinte, Aune k&ouml;nne da liegen bleiben; Tau
+w&uuml;rde nicht fallen, da es windig sei. Sp&auml;ter w&uuml;rde man
+sie beide abholen. Er denke, er werde schon Herr dieser
+Verr&uuml;cktheit werden.</p>
+
+<p>Der Pastor hatte seinen Rock ausgezogen, sich das
+Blut abgewischt und wurde, so gut es ging, verbunden;
+dann gingen er und Kallem heimw&auml;rts.</p>
+
+<p>Kein Wort mehr von Aune oder wie er auf ihn gesto&szlig;en
+war; aber kaum standen sie auf dem Weg, sagte
+Tuft klagend: "Da war sie auch nicht, Edvard! Da
+war sie auch nicht!" Und kurz darauf: "Jetzt wei&szlig;
+ich nichts mehr, nein, jetzt wei&szlig; ich nichts mehr!
+Da&szlig; Du sie hast von Dir sto&szlig;en k&ouml;nnen, Edvard!"
+Das laubschwere Sausen der B&auml;ume wiederholte es,
+wiederholte unaufh&ouml;rlich: "Da&szlig; Du sie hast von Dir
+sto&szlig;en k&ouml;nnen, Edvard!"</p>
+
+<p>"Wei&szlig;t Du, was sie geschrieben und neben die Briefe<a class="page" name="Page_314" id ="Page_314" title="314"></a>
+von Dir hingelegt hatte? Um meines Lebens willen
+gehe ich zu meinem Bruder!"</p>
+
+<p>Kallem &uuml;berrieselte es eisig. "Um meines Lebens
+willen!" sauste es tausendstimmig, und das Sausen umwand
+ihn, enger und enger, bis er kaum mehr Atem zu
+holen vermochte.</p>
+
+<p>Der Morgen begann zu d&auml;mmern; Tufts hei&szlig;es, verzweifeltes
+Antlitz war gen Osten gekehrt, als flehe er
+unaufh&ouml;rlich: "Gnade, Gnade f&uuml;r sie!" Er schritt aus,
+so schnell er konnte; er wu&szlig;te nicht, wo er sie suchen
+sollte; aber er mu&szlig;te gehen, gehen, gehen; &mdash; und
+Kallem mit.</p>
+
+<p>"Ach, die Angst, die Angst!" jammerte er wieder.
+"Erinnerst Du Dich noch der Sturmnacht in unserer
+Kindheit, Edvard? Wir glaubten, die Welt w&uuml;rde untergehen.
+Wei&szlig;t Du noch, wie Du Dich gef&uuml;rchtet hast,
+am Abend darnach auf den Klippen? Diese ganze Nacht
+haben auch nach mir die 'Meerungeheuer' gez&uuml;ngelt!
+Die Angst, die Angst! Die Seelenangst vor der S&uuml;ndenstrafe!
+Von Kindheit an peitscht sie alles Verst&auml;ndnis
+aus uns heraus, gerade wenn wir es am meisten n&ouml;tig
+haben! Und wir laufen davon und verzweifeln, oder
+werfen uns vor Gott in den Staub. Das Angstdogma
+werden wir sp&auml;ter vielleicht los, aber das Anererbte,
+das Einge&uuml;bte! Und eben wie ich dar&uuml;ber nachdachte,
+stolperte ich &uuml;ber den verr&uuml;ckten Kerl; er sprang auf &mdash; die
+Angst war in ihm &mdash; er glaubte, ich sei ein Gespenst
+und der Hund sei der Teufel! Und Josefine! Auch sie
+verzweifelt und l&auml;uft davon! Und Du, Edvard! Auch
+Du, auch Du stehst unter dem Eindruck dieser Angst,
+wenn Du das Herz hast, sie noch mehr zu peinigen, als
+sie selbst sich schon peinigt! Denn das ist das schlimmste
+bei dieser Angst &mdash; sie macht uns schlecht; wer selber
+geschreckt worden ist, lernt andere schrecken!" &mdash; Die
+Worte fielen schwer, wie seine Schritte schwer klangen;
+Kallem redete nicht; wenn er litt, war er stumm.</p>
+
+<p>Der Sohn des Laienpredigers aber hatte von kindauf
+alles Erleben in Lehren umsetzen h&ouml;ren. Er verblutete<a class="page" name="Page_315" id ="Page_315" title="315"></a>
+in seinem Innern; aber er sprach die ganze Zeit. Kallem
+d&uuml;rfe nicht an Josefine zweifeln; sie sei das ehrlichste,
+wahrhaftigste Gesch&ouml;pf auf Erden. In dieser Sache sei
+sie von ihm irregeleitet worden. Voll innigstem Mitgef&uuml;hl
+legte er die Geschichte ihrer Seele blo&szlig;, so wie er
+selbst sie sah, und bewies deutlich &mdash; wenn ihr Bruder
+sie <em class="gesperrt">jetzt</em> von sich stie&szlig;e, so k&ouml;nne sie nicht weiterleben.</p>
+
+<p>Kallem warf dann und wann ein "Lieber Ole!" &mdash; "H&ouml;r'
+mal, Ole!" dazwischen &mdash; aber weiter kam er
+nicht. Denn selbst, als er den Schwager mit sich nach
+Hause nahm, um seine Wunden genauer zu untersuchen,
+redete Tuft unaufh&ouml;rlich. Es war, als ob das Entsetzen,
+die Ungewi&szlig;heit ihn &uuml;bermannen w&uuml;rden, wenn er
+schwiege; und dann &mdash; Edvard <em class="gesperrt">sollte</em> sie so sehen, wie
+<em class="gesperrt">er</em> sie sah, und vor allem, er sollte ihr helfen! "Allen,
+die gefehlt haben, m&uuml;ssen wir helfen; und vor allem
+m&uuml;ssen wir denen helfen, die gegen <em class="gesperrt">uns</em> gefehlt haben,
+sobald wir selber ihre Schuld einsehen! Gottes Vergebung
+besteht darin, da&szlig; er uns dann weiter hilft!" &mdash; Noch
+als Kallem ihn zur T&uuml;r begleitete, fuhr er in
+seiner Auseinandersetzung fort; seine Riesenkraft gab
+auch jetzt noch nicht nach. O Gott! Wenn sie vielleicht
+doch mittlerweile zu ihrem Kind und zu ihm zur&uuml;ckgekehrt
+w&auml;re! Seine Hoffnung war freilich nur gering;
+aber er lief doch, so rasch er konnte.</p>
+
+<p>Es wurde heller und heller. Kallem konnte nicht
+schlafen. Schlie&szlig;lich hielt er es gar nicht mehr aus.
+In einer Angst, gr&ouml;&szlig;er als er seinem Schwager hatte
+zeigen wollen, wanderte er durch alle Zimmer, wieder
+und wieder, als m&uuml;sse er das Haus durchsuchen. Denn
+es war ja wahr: auch er hatte nur geurteilt und verdammt.</p>
+
+<p>Die Schwester hatte immer mehr an ihm gehangen,
+als er an ihr. Seitdem sie diesen Winter zusammen getanzt
+hatten, wu&szlig;te er, da&szlig; ihre Liebe sich nicht verringert
+hatte. Ja, selbst als er sie geschlagen hatte &mdash; war
+sie da nicht zu ihm gekommen, um ihm Gutes zu
+erweisen? Ihr Ausfall gegen Ragni damals ... nat&uuml;r<a class="page" name="Page_316" id ="Page_316" title="316"></a>lich
+steckte da noch mehr dahinter als Dogmenblindheit, &mdash; Eifersucht!
+Eifersucht war es, weil er alles nur noch
+Ragni war und ihr nichts mehr. Er h&auml;tte die beiden
+Frauen zusammenf&uuml;hren k&ouml;nnen; daran war kein Zweifel
+m&ouml;glich. Aber hatte er auch nur einen Finger deswegen
+ger&uuml;hrt?</p>
+
+<p>Je mehr er in die Tiefe stieg, desto mehr schrumpfte
+sein Recht, streng zu sein, zusammen; er war ja mitschuldig!
+Die gro&szlig;en Augen der Schwester von gestern
+Abend, ... jetzt schauten sie ihn in der &auml;u&szlig;ersten Not
+an, jetzt <em class="gesperrt">sah</em> er sie! Ihr ganzes Leben lang hatte sie,
+unklar und scheu, wenn nicht die Leidenschaft einmal
+die Luft reinigte, eingezw&auml;ngt in widernat&uuml;rliche
+Lehren, trotzig auf ihrer Wahrhaftigkeit beharrend, ausgeschaut
+nach ihm, Jahr f&uuml;r Jahr, Monat f&uuml;r Monat,
+Tag f&uuml;r Tag. Und als er endlich kam, stie&szlig; er sie beiseite.
+Stie&szlig; sie beiseite um einer Frau willen, die seiner
+nicht w&uuml;rdig war &mdash; so wie <em class="gesperrt">sie</em> die Sache auffassen
+mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Arme, arme Josefine! Er war ihr tats&auml;chlich nie etwas
+gewesen, hatte ihr nur wehgetan, und doch hatte sie
+sich so treulich nach ihm gesehnt!</p>
+
+<p>Es wurde ihm schw&uuml;l in den Zimmern; und eine Angst
+&uuml;berkam ihn. Es trieb ihn hinaus, die Schwester zu
+suchen. Heller und heller wurde es; im Vorgef&uuml;hl des
+Morgens schlug er die Verandat&uuml;r zur&uuml;ck. Aber er
+hatte ja da drau&szlig;en nichts zu schaffen; im Gegenteil,
+er mu&szlig;te sie wieder schlie&szlig;en, wenn er ausgehen wollte.
+Er trat hinaus, um sie wieder zuzumachen, und blickte
+dabei zuf&auml;llig zur Seite: von der Veranda gegen den
+Nordwind gesch&uuml;tzt, auf Ragnis Bank unter den Fenstern
+seines Studierzimmers sa&szlig; Josefine, ihr Tuch &uuml;ber den
+Knien. Sie sah ihn und kroch in sich zusammen wie ein
+fl&uuml;gellahmer Vogel, der sich nicht vom Fleck r&uuml;hren
+kann und doch Angst hat, man k&ouml;nne ihn sehen. Und
+doch sa&szlig; sie ja blo&szlig; dort, damit er sie sehen solle!
+Nirgends anders konnte sie sein; sie hatte es versucht!
+Er eilte die Treppe hinunter, auf sie zu. Da zitterte sie.<a class="page" name="Page_317" id ="Page_317" title="317"></a>
+"Ach nein, nein Edvard! La&szlig; mich sitzen!" bat sie
+und brach in Tr&auml;nen aus. Und noch als er ihren Arm
+fa&szlig;te und sie emporhob, flehte sie, weich wie ein Kind:
+"Ach nein, Edvard, la&szlig; mich!" Weiter aber kam sie
+nicht. Sie f&uuml;hlte, da&szlig; sie an seiner Brust lag, f&uuml;hlte die
+Bewegung, die sein Innerstes ersch&uuml;tterte. Nein, er
+war nicht b&ouml;se! Er w&uuml;rde sie doch vielleicht anh&ouml;ren!
+Und sie schlang ihre Arme um ihn, und ihre Tr&auml;nen
+mischten sich mit seinen. So standen die beiden Geschwister,
+Kopf an Kopf, Wange an Wange; und alles
+Verwandte in ihren Nerven und ihrem Blut, das &auml;lteste
+und urspr&uuml;nglichste in ihrem F&uuml;hlen, das heimisch-vertraute
+in ihrem Erinnern, bis auf den leisen Geruch
+ihrer Kleidungsst&uuml;cke drau&szlig;en im Flur bei Vater und
+Mutter, all das str&ouml;mte jetzt zusammen im Verlangen,
+nimmermehr voneinander zu lassen.</p>
+
+<p>Und dennoch &mdash; als er mit ihr der Veranda zuschritt,
+z&ouml;gerte sie; sie wagte nicht, ihm dahinein zu folgen.
+Durch Tr&auml;nen sah sie zu ihm auf; er zwang sie vorw&auml;rts,
+Schritt f&uuml;r Schritt; noch auf der Treppe z&ouml;gerte sie.
+Aber er zog sie weiter, bis sie in der Wohnstube standen;
+hier schlang sie wieder die Arme um ihn, sank dann
+auf einen Stuhl und barg das Gesicht in den H&auml;nden;
+das ganze Zimmer lauschte lange ihrem Weinen; und
+er mit.</p>
+
+<p>Endlich ging er zu ihr hin und strich ihr &uuml;bers Haar;
+aber er wu&szlig;te, nicht er war es, der das tat; sondern Ragni.</p>
+
+<p>Dann schritten sie in der Sommernacht Arm in Arm
+durch eine morgenwache Stadt, wo die Menschen noch
+schliefen. Der edle Gang der beiden hohen Geschwistergestalten
+hallte im Takt der alten Tage. Ohne ein Wort
+dar&uuml;ber zu verlieren, gingen sie, um Ole zu suchen,
+verpa&szlig;ten aber den Richtweg und kamen hinunter auf
+die Strandstra&szlig;e. Bald bogen sie ab, hinauf nach dem
+Pfarrhaus; sie waren schon ein paar Schritte auf diesem
+Weg gegangen, als Josefine, wie aus einem Zwang heraus,
+den Kopf nach dem Strand zur&uuml;ckwandte. Sofort hielt sie
+Edvard an. "Da ist er!" fl&uuml;sterte sie. Von dort her kam<a class="page" name="Page_318" id ="Page_318" title="318"></a>
+Tuft. Er ging schnell, schnell, hielt aber den Kopf so
+tief gesenkt, als verm&ouml;ge er dessen Last nicht mehr zu
+tragen. Vergebens hatte er den ganzen Strand abgesucht
+nach ihr; nun wollte er weiter suchen, in s&uuml;dlicher Richtung
+&mdash; ebenso vergeblich, aber ebenso schnell. Beide
+verstanden; ihr Arm zitterte im Arm des Bruders. Fest
+schmiegte sie sich an ihn; denn vor wenigen Augenblicken
+noch hatte sie ihm gesagt: h&auml;tte der Bruder sie
+aus seinem Garten verjagt, dann &mdash;! Still! Sie wandten
+um und gingen Ole entgegen. Hellh&ouml;rig, wie er war,
+vernahm er sofort die Schritte &mdash; er blickte auf, erkannte
+sie, breitete die Arme aus; weitergehen konnte
+er nicht mehr, auch nicht sprechen. Josefine aber
+machte sich los vom Arm des Bruders und eilte zu ihm.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Langsam gingen alle drei nach Hause; der Pastor,
+Josefine am Arm, &mdash; auf der andern Seite Kallem.
+Immer wieder sagte er: "Auf Gottes Wegen! Auf
+Gottes Wegen!"</p>
+
+<p>"Aber ich bin nicht Deines Glaubens!" versuchte
+Kallem einzuwenden. "Nein, nein, nein!" rief der
+Pastor eifrig. "Wo gute Menschen gehen, da sind
+Gottes Wege!"</p>
+
+<div class="footnotes"><h3>Anmerkungen:</h3>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1_1" id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Halbhohe, gef&uuml;tterte Schuhe aus weichem Renntierleder.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_2_2" id="Footnote_2_2"></a><a href="#FNanchor_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Eine Erika-Art.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_3_3" id="Footnote_3_3"></a><a href="#FNanchor_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Eine Violenart.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_4_4" id="Footnote_4_4"></a><a href="#FNanchor_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Von der Familie der Ranunkeln.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_5_5" id="Footnote_5_5"></a><a href="#FNanchor_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Kreuzkraut.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_6_6" id="Footnote_6_6"></a><a href="#FNanchor_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Linsenwicke.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_7_7" id="Footnote_7_7"></a><a href="#FNanchor_7_7"><span class="label">[7]</span></a> <em class="gesperrt">Felix Niemeyer</em> (1820&mdash;1871), Arzt, Universit&auml;tsprofessor in
+Greifswald und T&uuml;bingen. Haupts&auml;chlich bekannt durch sein "Lehrbuch
+der speziellen Pathologie und Therapie".</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_8_8" id="Footnote_8_8"></a><a href="#FNanchor_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Kleiner Sto&szlig;schlitten.</p></div>
+
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Auf Gottes Wegen, by Björnstjerne Björnson
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUF GOTTES WEGEN ***
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
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+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
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+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
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+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
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+No investigation has been made concerning possible copyrights in
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