diff options
| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:03:58 -0700 |
|---|---|---|
| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:03:58 -0700 |
| commit | 07b2cbe6303b1379f66cb4916a9389d83b7d1aae (patch) | |
| tree | 09efe5ce4778e1df79234eaf77e5739b8f553a33 | |
| -rw-r--r-- | .gitattributes | 3 | ||||
| -rw-r--r-- | 19760-8.txt | 10546 | ||||
| -rw-r--r-- | 19760-8.zip | bin | 0 -> 248238 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 19760-h.zip | bin | 0 -> 265065 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 19760-h/19760-h.htm | 13440 | ||||
| -rw-r--r-- | LICENSE.txt | 11 | ||||
| -rw-r--r-- | README.md | 2 |
7 files changed, 24002 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/19760-8.txt b/19760-8.txt new file mode 100644 index 0000000..3641628 --- /dev/null +++ b/19760-8.txt @@ -0,0 +1,10546 @@ +The Project Gutenberg EBook of Auf Gottes Wegen, by Björnstjerne Björnson + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Auf Gottes Wegen + +Author: Björnstjerne Björnson + +Editor: Julius Elias + +Release Date: November 11, 2006 [EBook #19760] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUF GOTTES WEGEN *** + + + + +Produced by Ralph Janke, Juliet Sutherland and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + +ANMERKUNGEN ZUR TRANSKRIPTION + +_ umschließt im Original gesperrt gesetzten Text + += umschließt im Original kursiv gesetzten Text + + + + +BJÖRNSTJERNE BJÖRNSON + +AUF GOTTES WEGEN + +ROMAN + + * * * * * + +S. FISCHER, VERLAG, BERLIN + +1911 + + * * * * * + +Alle Rechte vorbehalten + + * * * * * + + + + +AUF GOTTES WEGEN + +ROMAN + + + + +Inhaltsverzeichnis + + + +Schultage 6 + +Jugend 56 + +Mannesalter 126 + + + +Meinem besten Freunde, + +dem Staatsrat Frederik Hegel, + +zur Erinnerung + + * * * * * + +Aulestad, 11. September 1889. + + Nie warst Du hier; doch fast beständig + Auf Schritt und Tritt begegn' ich Dir. + Es ist kein Weg, kein Zimmer hier, + Wo Dein Gedächtnis nicht lebendig + Und mich umhegt seit jenen Jahren, + Da Deine Treue, Deine Tat + In meinem Kampf mir Heimat waren. + + Wie oft, als ich dies Buch geschrieben, + Sah mir Dein warmes Auge zu; + Da waren eins wir, ich und Du + Und das, was still zum Licht getrieben. + Weil drum im Buch sich vielfach spiegelt + Dein frischer Glaub' und echter Sinn, -- + Mit Deinem Namen sei's besiegelt. + + + + +Schultage + + +1 + +Im Tauwetter, auf der Felsenkuppe nach der See zu, stand im letzten +Sonnenglanz ein vierzehnjähriger Junge, ganz in sich versunken. Er +blickte gen Westen übers Meer hinaus, er blickte gen Osten, auf die +Stadt, den Strand, die mächtigen Berge, hinter denen noch höhere +Felsengipfel emporragten. Alles in klarer Luft. + +Der Sturm hatte lange und furchtbarer gewütet, als die ältesten Leute +sich entsinnen konnten. Trotz der neuen Mole hatten sich Schiffe im +Hafen losgerissen und waren untergegangen. Der Telegraph meldete von +Schiffbrüchen die Küste entlang; in der ganzen Umgegend gab es nichts +als zerrissene Netze, fortgeschwemmte Fischreusen, verschwundene +Bootstege. Und immer noch hatten die Leute Angst, das Schlimmste komme +noch erst. + +Jetzt endlich -- seit ein paar Stunden -- war es vorüber; der Sturm +hatte sich gelegt, die Windstöße, die ruckweise aufeinander gefolgt +waren, hörten auf; kaum noch ein letzter Nachhall war zu spüren. + +Nur das Meer wollte nicht gehorchen. Die Tiefen aufrühren und dann +einfach davonlaufen -- das geht doch nicht! Wellenzüge, soweit das Auge +reichte, höher als haushoch, kamen in endlosen Reihen, mit schaumweißen +Kronen und donnerndem Fall. Über Stadt und Strand hin dröhnte ihr Tosen, +gewaltig, dumpfrollend, wie Bergrutsche in der Ferne. + +Jedesmal, wenn die Wogen in voller Höhe gegen die Klippen stürmten, +spritzte der Gischt meterhoch empor; von weitem sah es aus, wie wenn +weiße Meeresungeheuer der alten Sagen hier ans Land emporzuklimmen +versuchten. Aber nur vereinzelte salzige Spritzer gelangten an ihr Ziel. +Sie brannten dem Knaben, der da stand, auf der Wange; doch er rührte +sich nicht vom Fleck. + +Gewöhnlich sagten die Leute, nur der tollste Weststurm vermöchte den +Wellenschaum so hoch emporzuschleudern; heute kam er bei stiller Luft. +Das hatte nur _einer_ erlebt; und das war der Junge! + +Weit draußen im Westen verflossen Himmel und Meer in der Glut der +untertauchenden Sonne. Etwas wie ein goldenes Friedensreich breitete +sich da hinten aus. Alle die meerschwarzen, weißköpfigen Wellen, die +sich, soweit der Blick reichte, von dort heranwälzten, waren vertriebene +Aufrührer. Reihe auf Reihe kamen sie daher, unter millionenstimmigem +Protest. + +Eben jetzt hatte der Farbenkontrast seinen Höhepunkt erreicht. Keine +Vermittelung mehr. Nicht der leiseste rote Schimmer drang mehr bis +herüber. _Dort_ die warme Glut, _hier_ das kalte Schwarzblau +über dem Meer und dem Schneemorast am Land. Was man hoch droben von der +Stadt sah, kroch in sich zusammen und ward immer kleiner mit jedem Male. +Der Junge wandte den Blick vom Meere landwärts. Und immer unruhiger +wurde er. Das kündete Unheil. Sollte wirklich noch mehr kommen? Seine +Phantasie war aufgeschreckt und, übernächtig wie er war, hatte er keine +Widerstandskraft. + +Draußen die Pracht begann zu erlöschen; alle Farben verblichen +gleichzeitig. Das Brüllen von unten, wo die Ungeheuer heraufwollten, +klang stärker; oder war er nur hellhöriger geworden? Galt ihm das? Ihm? +Was hatte er denn wieder getan? Oder würde er vielleicht bald irgend +etwas anstellen? Schon öfter war diese unklare Angst eine böse +Vorbedeutung gewesen! + +Nicht der Sturm allein hatte ihn geschreckt. Vor kurzem hatte ein +Laienprediger geweissagt, die Welt werde untergehen. Alle Anzeichen der +Bibel täten genau stimmen, und die Zahlen bei Jeremias und Daniel seien +nicht mehr zu mißdeuten. Der Prediger erregte solches Aufsehen, daß die +Zeitungen sich der Sache bemächtigten und erklären mußten, ganz dasselbe +sei schon unendlich oft prophezeit worden, und die Zahlen bei Jeremias +und Daniel hätten _immer_ gestimmt. Aber als der Orkan losbrach, +entsetzlicher denn seit Menschengedenken, als Schiffe sich losrissen und +gegen die Brücken geschleudert wurden, zerschmettert und +zerschmetternd, und zumal als die Finsternis der Nacht das Erdreich +bedeckte, und sämtliche Lichter in den Laternen erloschen ... als man +die Brandung bloß noch hörte, ohne sie mehr zu sehen ... dazwischen +Kommandorufe, Getöse, Gekreische, langgedehntes Jammergeschrei ... und +dabei in den Straßen das Entsetzen, wenn ganze Dächer abgehoben wurden, +die Häuser erbebten, Scheiben klirrten, Steine durch die Luft flogen, +Menschen flüchteten, ferne Rufe die Angst erhöhten ... ja, da gedachten +wohl manche der Worte des Laienpredigers: So helf uns Gott! Dies ist der +jüngste Tag! Bald werden die Sterne fallen! Besonders die Kinder waren +in einer Todesangst. Die Eltern hatten keine Zeit, bei ihnen zu bleiben. +Denn noch in der letzten Stunde war man einigermaßen im Zweifel, ob es +auch wirklich die letzte Stunde war, und nach alter Gewohnheit behielt +die Sorge um den irdischen Besitz doch die Oberhand. Man mußte +verstecken und abschließen und eilen, und nach dem Feuer sehen und an +allen Ecken und Enden sein. Den Kindern aber steckte man Gebet- und +Gesangbücher in die Hände und hieß sie lesen, was da von Erdbeben und +anderen Plagen und vom jüngsten Tage stand; man schlug ihnen rasch die +Stellen auf und stürzte davon. Als ob die Kinder jetzt hätten lesen +können! + +Sie verkrochen sich lieber im Bett und zogen die Decke über den Kopf; +manche nahmen den Hund mit oder die Katze; sie fühlten sich geborgener +so; sie wollten zusammen sterben! Aber oft wollten Hund und Katze nicht +unter der Decke sterben, und dann setzte es einen Kampf. + +Der Junge, der oben auf der höchsten Felsenkuppe stand, war vor Schreck +überhaupt rein von Sinnen gewesen. Aber er war einer von denen, die das +Entsetzen von einem Ort zum anderen hetzte, vom Haus auf die Straße, von +der Straße nach dem Hafen, vom Hafen wieder nach Hause. Nicht weniger +als dreimal war sein Vater hinter ihm her gewesen, hatte ihn +eingefangen, ja, sämtliche Türen hinter ihm verrammelt; aber entwischt +war er doch. So etwas blieb doch sonst nicht unbestraft; kein Junge +wurde strenger gehalten und so reichlich mit Prügel bedacht wie Edvard +Kallem. Aber ein Gutes hatte der Sturm doch gehabt: Prügel setzte es +nicht in dieser Nacht. + +Die Nacht verging, und noch standen die Sterne am Himmel; der Tag kam, +und die Sonne schien hell wie immer. Auch der Sturm ging vorüber, und +mit ihm der letzte Rest von Angst. + +Doch hat die Angst einmal ein Menschengemüt so grenzenlos beherrscht, da +bleibt der Schrecken vor dem Schrecken zurück. Nicht allein in bösen +Träumen, nein, auch am Tage, wenn man sich am allersichersten wähnt, +lauert sie in unserer Phantasie, um beim geringsten Außergewöhnlichen +über uns herzufallen, uns mit tückischen Augen und Nebelodem zu +verschlingen, uns bisweilen in den Wahnsinn zu treiben ... + +Da stand der Knabe; es war ihm unbehaglich zu Mut in der sinkenden Sonne +und beim Toben der Brandung, --und da war auch schon die Höllenangst +wieder über ihm; die Schrecken des jüngsten Tages umbrausten ihn. Er +begriff nicht, wie er sich so gefährlich weit hier herauf hatte wagen +können, und noch dazu allein! Wie gelähmt fühlte er sich; er wagte +nicht, den Fuß zu heben --wer weiß, ob er nicht beobachtet wurde; +Feindesmächte waren um ihn her. Er betete heimlich zu seiner +verstorbenen Mutter: wenn das wirklich das Ende sei, und die +Auferstehung sie befreie, so möge sie hier heraufkommen zu ihm; nicht zu +seiner Schwester --die hatte ja Rektors; er aber hatte niemand. + +Doch alles blieb beim alten. Nur der Schimmer im Westen verblich, und im +Osten dunkelte es; der Geist der Kälte schritt unerbittlich weiter und +wurde Alleinherrscher; das gab eine gleichmäßige Größe und die +Sicherheit der Einheit. Nach und nach schöpfte Edvard wieder soviel Mut, +daß er freier zu atmen wagte --erst versuchsweise, dann ganz tief, viele +Male. Jetzt fing er an, sich zu bewegen, leise, unmerklich und nicht +ohne Angst, daß die Unsichtbaren hier oben Verdacht schöpfen könnten, -- +denn sie wollten ihn doch haben. Behutsam glitt er dem Abstieg zu und +fort vom Felshang. Keine Flucht, behüte! Er wußte gar nicht einmal, ob +er überhaupt gehen _wollte_; er wollte es nur versuchen, -- konnte ja +schließlich zurückkommen. Aber der Abstieg hier war nicht leicht und +mußte eigentlich vor Einbruch der Dunkelheit gemacht werden; und es +wurde so furchtbar schnell dunkel jetzt. Wenn er nur so weit wäre, daß +er den Fußweg, der vom Fischerdorf drunten über den Berg heraufführte, +wieder erreicht hätte, ja, dann war alle Gefahr überstanden; aber hier +-- nur vorsichtig, vorsichtig, ein ganz kleinwinziger Schritt, und noch +einer, und noch ein kleiner! Nur zum Versuch; er würde schon +wiederkommen! + +Doch kaum hatte er auf solche Art den obersten und schwierigsten Teil +der Kuppe zurückgelegt und fühlte sich sicher vor den Mächten da oben, +mit denen er feilschte, so schlug er ihnen auch gründlich ein +Schnippchen; in großen Sätzen gings abwärts; wie ein Gummiball sprang er +von einem Felsvorsprung auf den andern, bis er plötzlich unten eine +Zipfelmütze auftauchen sah --so weit, weit unten, daß er sie nur eben +erkennen konnte. Augenblicklich blieb er stehen. Seine Flucht, sein +ganzes Entsetzen, all das eben Erlebte war wie weggeblasen; nicht der +leiseste Gedanke mehr daran. Jetzt wollte _er_ Angst einjagen; auf _den_ +dort hatte er schon die ganze Zeit gelauert! Bewegung, Augen, Haltung, +alles zeigte, wie er sich über die Gewißheit freute, ihn nun bald in +Schußweite zu haben. _Der_ sollte es kriegen! + +Der andere kam einhergeschlendert, ohne zu ahnen, welcher Gefahr er +entgegenging, langsam, als ob er seine Freiheit und Einsamkeit genösse; +bald hörte man seine schweren Stiefel, den Klang der eisenbeschlagenen +Absätze gegen die Steine. + +Ein gutgewachsener Knabe, hellblond und vielleicht ein Jahr älter als +der andere, der ihm auflauerte; mit einem losen Friesanzug bekleidet, +einen wollenen Schal um den Hals, und große Fausthandschuhe an den +Händen; er trug einen ländlichen Korb -- blaugemalt, mit gelb-weißen +Rosen. + +Ein großes Geheimnis ging endlich seiner Offenbarung entgegen; seit +Tagen war die ganze Schule darauf gespannt gewesen, wie, wo und mit wem +der Zusammenstoß erfolgen werde, der jetzt drohte, wann der feierliche +Moment der Abrechnung komme, in dem Ole Tuft vor einem Mitglied der +gestrengen Schulpolizei endlich eingestehen mußte, wo er sich +nachmittags und abends herumtrieb und was er da anstellte. + +Ole Tuft war der Sohn eines wohlhabenden Bauern vom Strande draußen -- +das einzige Kind. Sein Vater, der vor einem Jahr gestorben, war der +angesehenste Laienprediger der westlichen Lande gewesen und hatte schon +frühzeitig seinen Sohn zum Geistlichen bestimmt, weshalb dieser jetzt +das Gymnasium besuchte. Ole war begabt, fleißig und seinen Lehrern +gegenüber von einer Ehrerbietung, die ihn zu ihrem erklärten Liebling +machte. + +Aber die Haare allein machen noch nicht den Hund (trau', schau', wem?). +Dieser treuherzige, höchst ehrerbietige Junge blieb plötzlich den +Nachmittagsspielen der Kameraden fern; zu Hause war er nicht (er wohnte +bei einer Tante); bei Schultzes, wo er den Kindern Nachhilfstunde gab, +war er auch nicht -- das erledigte er gleich nach Tisch; auch nicht bei +Rektors, d. h. bei Rektors Pflegetochter, Josefine Kallem, Edvards +Schwester; Ole und sie waren dicke Freunde. Zuweilen sahen die Knaben +ihn dort ins Haus gehen, aber nicht wieder herauskommen; und trotzdem +war Josefine immer allein, wenn sie ihm nachgingen, um zu inspizieren; +sie hatten nämlich Wachen ausgestellt -- die Untersuchung wurde +systematisch betrieben. Bis zum Schulhaus konnten sie seine Spur +verfolgen; dort aber verschwand sie. Die Erde konnte ihn doch nicht +verschlungen haben! Das Haus wurde durchschnüffelt von unten bis oben, +jede Ecke, jedes Schlupfloch wieder und wieder durchstöbert. Josefine +selbst führte die Jungens herum, bis hinauf unters Dach, bis hinunter in +den Keller, in sämtliche Räume, wo nicht gerade die Familie selber sich +aufhielt, versicherte auch auf Ehre und Gewissen, dort sei er nicht; sie +könnten selbst nachsehen. Wo in aller Welt steckte er nur? + +Der Primus gewann in diesen Tagen bei einer Lotterie "=Les trois +mousquetaires=" von Alexandre Dumas dem Älteren, ein Prachtwerk mit +Illustrationen; da er aber bald heraus hatte, daß das kein Buch für +einen Gelehrten war, setzte er es als Prämie aus für _den_ Kameraden, +der entdecken würde, wo Ole Tuft seine Nachmittage und Abende zubrachte, +und was er da trieb. Dies Angebot warf den zündenden Funken in Edvard +Kallems Phantasie; er hatte nämlich bis vor einem Jahr in Spanien +gelebt, er las Französisch wie seine Muttersprache, und "=Les trois +mousquetaires=" war der wundervollste Roman auf der ganzen Welt -- das +hatte er immer gehört. Jetzt stand er hier auf der Lauer, für "=Les +trois mousquetaires="! Hurra, alle Drei sollen leben! Jetzt hatte er +sie! + +Leise, leise schlich er weiter, bis er den Fußweg erreicht hatte. Der +Sünder war dicht vor ihm. + +Edvard Kallems Kopf hatte etwas, das an einen Raubvogel gemahnte -- die +Nase wie ein Schnabel -- die Augen wild, schon an und für sich und noch +mehr dadurch, daß sie ein ganz klein wenig schielten. Die Stirn scharf +und niedrig, von lichtbraunem, kurzgeschorenem Haar umrahmt. Eine +auffallende Beweglichkeit ließ ahnen, wie geschmeidig er war. Eben jetzt +wollte er ganz still stehen, aber der Körper bog sich, die Füße bewegten +sich, die Arme hoben sich, als wolle er im nächsten Augenblick durch die +Lüfte stoßen. "Bäh!" schrie er aus aller Kraft seiner Lungen. Der +Ankömmling fuhr zusammen -- fast hätte er seinen Korb fallen lassen. "So +-- jetzt _hab_' ich Dich! Jetzt hilft Dir keine Verstocktheit mehr!" + +Ole Tuft wurde zu Stein. "Jawohl -- jetzt stehst Du da! Hoho! Was hast +Du in Deinem Korb?" Und er stürzte auf Ole los. Der aber nahm +blitzschnell seinen Korb aus der rechten Hand in die linke und hielt ihn +auf den Rücken; es war Edvard nicht möglich, ihn hervorzuzerren. + +"Was denkst Du Dir denn, Mensch! Glaubst etwa, Du könntst mir noch +entwischen? Her mit dem Korb!" -- "Du kriegst ihn nicht." -- "Wirst Du +wohl gehorchen? So geh ich einfach hinunter und frag'!" --"Nein, nein!" +-- "Doch! Zum Kuckuck, wenn ich's nicht tu!" -- "Du tust's nicht!" -- +"Ich tu's!" -- Und schon drängte er an Ole vorüber, den Berg hinab. + +"Ich will's ja sagen -- versprich mir bloß, daß Du's nicht weiter +sagst!" -- "Nicht weiter sagen? Du bist wohl nicht bei Trost?" -- "Doch! +Du darfst nicht!" --"Blödsinn! was denkst Du Dir denn? Her mit dem Korb +-- oder ich geh'!" schrie Edvard. -- "Wenn Du's nicht weiter sagst -- +--". Die Tränen traten Ole in die Augen. "Ich verspreche gar nichts!" -- +"Nichts sagen, Edvard! Nein?" -- "Ich verspreche gar nichts. Den Korb +her! Fix!" -- "Es ist nichts dabei, Du!" -- "Wenn nichts dabei ist, +kannst Du's doch sagen! Fix!" Ole nahm das, nach Knabenmanier, für ein +halbes Versprechen; flehend blickte er den andern an und faßte sich ein +Herz: "Ich geh' dort hinunter, weil ich ... weil ich ... ach, Du weißt +ja selber ... auf Gottes Wegen!" Das Letzte sagte er sehr verlegen und +brach in Tränen aus. -- "Auf Gottes Wegen?" fragte Edvard, ziemlich +unsicher. Er war aufs höchste verwundert. + +Er erinnerte sich, wie der Geographielehrer in einer schläfrigen Stunde +einmal die Frage gestellt hatte: "Welche Wege sind die besten?" Im +Lehrbuch stand: "Für den Warentransport sind noch immer die Seewege die +besten." -- "Na -- also welche Wege sind die besten? Du, Tuft?" -- +"Gottes Wege!" antwortete Tuft. Die ganze Klasse war mit einemmal +munter; ein brüllendes Gelächter verkündete das. + +Aber bei alledem -- Edvard Kallem wußte wirklich nicht recht, was +"Gottes Wege" bedeute. Ole -- drunten im Fischerdorf -- auf Gottes +Wegen? Vor lauter Neugier vergaß er ganz, daß er Sittenpolizei war! +Gradheraus, wie jeder andere Junge, sagte er: "Ich versteh' nicht, was +Du damit meinst! Gottes Wege -- sagst Du?" Der andere bemerkte sogleich +die Veränderung. Die eben noch so scharfen Augen blickten freundlich; +nur der seltsame Glanz, der nie aus ihnen wich, lag noch darin. Unter +allen Schulkameraden bewunderte Ole in aller Stille keinen so sehr wie +den Edvard Kallem. Der Bauernjunge litt entsetzlich unter dem +überlegenen Scharfsinn und der Gewandtheit der Stadtjungen, und der +vornehmste Repräsentant dieser Eigenschaften war Edvard Kallem. Und noch +ein Glorienschein umgab sein Haupt ... er war der Bruder seiner +braunlockigen Schwester. + +Einen unerträglichen Fehler hatte er: er war ein Erzspottvogel. Alle +Augenblicke setzte es deswegen Haue --mal von den Lehrern, dann vom +Vater oder von den Kameraden. Und in der nächsten Minute fing er schon +wieder an. Das ging über den Verstand des Bauernjungen. Und darum wirkte +auch ein freundliches Wort, ein Lächeln von Edvard weit mehr, als es +eigentlich sagen wollte. Es hatte den Sonnenglanz der Gnade, der +Vornehmheit. Diese einschmeichelnden, milden Fragen, die der gewesene +Raubvogel (von dem jetzt bloß noch der Schnabel übrig war) stellte, +verflossen in eins mit dem Leuchten der Augen. Und Ole streckte die +Waffen. Sowie Edvard seine Taktik änderte und treuherzig bat, den Korb +sehen zu dürfen, lieferte Ole ihn aus und fühlte sich völlig beruhigt +und kampfunfähig; er trocknete sich die Augen mit seinen großen +Fausthandschuhen, zog den einen aus und schneuzte sich in die Finger +--besann sich auf einmal, daß er zu diesem Zweck ein karriertes Sacktuch +besaß, suchte darnach und fand es nicht ... + +Edvard hatte den Korbdeckel aufgemacht; ehe er ihn zurückschlug, blickte +er auf: "Du möchtest vielleicht lieber nicht -- --?" -- "Doch, gern!" -- +Edvard schob den Deckel zur Seite. Ein großes Buch lag darunter --die +Bibel. Er wurde starr, beinah ehrfürchtig. Unter der Bibel lagen +verschiedene ungebundene Hefte. Er nahm ein paar heraus, drehte sie um +und legte sie wieder hinein. Es waren Traktate. Die Bibel legte er +behutsam wieder an ihren Platz, breitete das Tuch darüber und machte den +Deckel zu. Im Grunde war er so klug wie zuvor, oder vielmehr nur noch +neugieriger. + +"Du liest doch nicht etwa den Leuten da unten aus der Bibel vor?" fragte +er. Ole Tuft errötete. "Doch --manchmal --" -- "Wem denn?" -- "Ach, den +Kranken. Aber oft komm' ich ja nicht dazu --" -- "Zu den Kranken gehst +Du?" -- "Ja -- zu den Kranken geh' ich eben." -- "Zu den Kranken? Du? +Aber lieber Gott, -- was tust Du denn da?" -- "Oh, ihnen helfen --so gut +ich eben kann!" -- "Du?" fragte Edvard mit allem Erstaunen, dessen er +fähig war. Und nach einer Pause fügte er hinzu: "Mit was denn? Mit +Essen?" --"Das auch. Ich helf' ihnen eben mit allem, was sie brauchen. +Umbetten -- --" -- "Umbetten?" -- "Ja! Sie liegen doch auf Stroh. Und +darin liegen sie, bis es stinkt, weißt Du. Manchmal machen sie's auch +noch schmutzig, wenn sie krank sind, und sich nicht selber helfen +können; tagsüber ist ja oft kein Mensch bei ihnen. Die Leute sind bei +der Arbeit, und die Kinder in der Schule. Und wenn ich dann nachmittags +hinkomme, geh' ich hinunter zu den Böten, die mit Stroh fahren; das +kauf' ich und trag's hinauf und nehm' das alte weg." -- "Wo kriegst Du +denn das Geld her?" fragte Edvard. -- "Tante spart es mir zusammen, und +auch Josefine." -- "Josefine?" rief der Bruder. -- "Ja! Aber vielleicht +hätt' ich das nicht sagen sollen." + +"Von wem kriegt denn Josefine das Geld?" fragte Edvard mit der wachsamen +Strenge des älteren Bruders. Ole überlegte einen Augenblick und erwiderte +dann fest und bestimmt: "Von Deinem Vater." -- "Von Vater?" -- -- + +Edvard wußte, selbst wenn Josefine ihn darum bäte, so würde der Vater +niemals Geld unnütz ausgeben; erst mußte er wissen, wozu er es gab. Der +Vater hatte also gebilligt, was Ole tat. Und damit war die Sache in +Edvards Augen über jeden Zweifel erhaben. Ole fühlte augenblicklich +diesen völligen Umschlag; er sah ihn auch Edvards Augen an. Jetzt kam +ihm die Lust, noch mehr zu erzählen, und das tat er auch. Er berichtete, +er habe oft furchtbar viel Arbeit, wenn er komme. Feuer müsse er machen, +das Essen aufsetzen, kochen ... -- "Kannst Du kochen?" -- "Freilich! +Und Reinmachen, und Einkaufen, und sehen, ob nicht irgend jemand +hinüberrudert, den ich nach der Apotheke schicken kann; denn oft hat der +Doktor irgend was verschrieben, aber sie haben es nicht geholt." -- "Und +zu alledem hast Du Zeit?" -- "Ja. Bei Schultzes mach' ich's gleich nach +Tisch ab, und meine eigenen Schularbeiten mach' ich nachts." Und so +erzählte er, des längeren und breiteren, bis ihm selber einfiel, daß sie +noch vor Einbruch der Dunkelheit unten sein müßten. + +In tiefen Gedanken ging Edvard voran; der andere mit dem Korb +hinterdrein. + +Hier, wo die Klippe abfiel, hörte man das Tosen des Meers, als komme es +aus der Luft, wie das Sausen eines vorüberziehenden Vogelschwarms -- +hoch, hoch oben. Es wurde kalt; man sah den Mond; aber die Sterne noch +nicht. Doch -- einen einzigen. "Wie bist Du denn eigentlich darauf +gekommen?" fragte Edvard und wandte sich um. Ole blieb gleichfalls +stehen. Er nahm seinen Korb aus einer Hand in die andere. Ob er's wagen, +ob er alles sagen sollte? Edvard merkte sofort -- da steckte noch mehr +dahinter -- und zwar war _das_ das Wichtigste. "Kannst Du's nicht sagen?" +fragte er, als wenn es ihm ganz gleichgültig sei. -- "Oh doch -- ich +_kann_ schon!" Aber Ole fuhr fort, den Korb von einer Hand in die andere +zu nehmen, und sagte nichts weiter. Jetzt konnte Edvard nicht länger an +sich halten; er fing an, Ole ordentlich deswegen zu quälen, was diesem +auch ganz lieb war -- doch immer noch überlegte er. "Es ist doch nichts +Böses?" -- "Nein, etwas Böses ist es nicht." Nach einer Pause fügte er +hinzu: "Im Gegenteil -- eher was Großes -- etwas wirklich Großes sogar!" +-- "Etwas wirklich Großes?" -- "Eigentlich das Größte in der Welt!" -- +"Nanu!" -- "Wenn Du's bloß nicht weitersagen wolltest! Keiner +Menschenseele! Hörst Du? Dann wollt' ich Dir's schon erzählen!" --"Also +-- Du -- was denn?" -- "_Ich will Missionär werden_!" -- "Missionär?" -- +"Ja -- Heidenmissionär! Ein richtiger, für die Wilden, weißt Du, die +Menschen fressen!" Er sah -- viel mehr konnte Edvard nicht ertragen; +deshalb beeilte er sich, rasch noch etwas über Zyklone, wilde Raubtiere +und giftige Schlangen hinzuzufügen: "Auf so was muß man sich einüben, +siehst Du!" -- "Einüben? Gegen reißende Tiere und giftige Schlangen?" +Edvard fing an, das Unglaubliche glaublich zu finden. -- "Das Schlimmste +sind die Menschen!" sagte Ole, die Tiere umgehend. "Das sind nämlich +ganz fürchterliche Heiden, diese Kerle, und wild, und bös, und grausam. +So ohne weiteres hinrennen -- das hat keinen Sinn. Man muß Übung haben." +-- "Aber wieso kommst Du zu denen unten? Das sind doch keine Heiden -- +die im Dorf?" -- "Das nicht. Aber man lernt doch allerhand auch bei +ihnen. Zimperlich darf man nicht bei ihnen sein -- im Gegenteil, die +ärgsten Schweinereien muten sie einem zu. Wenn einer krank ist und +querköpfig, so ist er meist auch voller Mißtrauen; manche sind geradezu +bösartig. Denk bloß, neulich abends hat ein Weib mich sogar hauen +wollen." --"Hauen?" -- "Da hab' ich zu Gott gebetet, sie sollte es tun; +aber sie hat bloß geflucht." Oles Augen glühten; sein Gesicht war +verzückt. "Hier, in einem Traktat, den ich in meinem Korbe hab', steht, +es sei der Fehler unserer Missionäre, daß sie hinausgingen, ohne sich +erst zu üben. Denn es sei eine große Kunst, Menschen zu gewinnen, steht +da. Sie zu gewinnen für das Reich Gottes, das sei die schwerste aller +Künste. Und eigentlich müßten wir uns von Jugend, ja von Kindesbeinen +an darauf einüben; so steht geschrieben, und das will ich tun. Denn +Missionär sein -- siehst Du -- das ist doch das Höchste auf Erden. Das +ist mehr als König sein, mehr als Kaiser und Papst sein; das steht in +dem Traktat. Und es steht auch darin, ein Missionär habe gesagt: Und +hätte ich zehn Leben, ich gäbe sie alle zehn hin für die Mission ... Und +das will ich auch." + +Sie gingen jetzt Seite an Seite. Ole hatte sich, ohne es zu wissen, den +aufleuchtenden Sternen zugekehrt. Beide standen eine Weile so und +starrten in die Luft. Unter ihnen der Hafen mit den Schiffen in +verschwommenen Umrissen, die Brücken, niedrig, schwer; die Stadt mit +ihren verstreuten Lichtern; weiter draußen der Strand, wollgrau von +Schnee, und daneben das schwarze Meer; hier unten hörte man es wieder, +wenn auch schwächer; das einförmige Tosen verfloß mit dem sternbesäten +Halbdunkel. Zwischen den Knaben zitterten unsichtbare Fäden hin und her; +Gefühle knüpften sich an. Von keinem andern wünschte Ole so sehnlich, +gut beurteilt zu werden, wie von dem, der in seiner leichten Pelzmütze +vor ihm stand; und Edvard dachte, wie viel besser doch Ole sei als er. +Denn daß er selber gräßlich war, das wußte er; das hörte er ja alle +Tage. Er sah seitwärts auf den Bauernjungen; -- die tief über die Ohren +gezogene Zipfelmütze, die großen Fausthandschuhe, der plumpe Schal, die +weite Friesjacke, die breiten Hosen, die schweren, eisenbeschlagenen +Stiefel --nur -- die Augen wogen das alles auf, und das treuherzige +Gesicht, wenn es auch ein bißchen altklug war ... Ole wird einmal ein +großer Mann werden! + +Sie trabten weiter, Edvard voran, Ole hinterher, hinunter zur +"Vorstadt". So hieß der Stadtteil, der an den "Berg" stieß und im +wesentlichen aus Arbeiterhäusern, Werkstätten und kleineren Fabriken +bestand. Ordentliche Straßenanlagen oder Beleuchtung gab es hier noch +nicht; es war jetzt, beim Tauwetter, ein entsetzlicher Morast, der in +der Abendkälte gerade zu gefrieren begann. Die paar Laternen, die +vorhanden waren, hingen an Stricken, die vom einen Haus zum andern quer +über die Gasse gespannt waren, und hinauf- und hinuntergezogen werden +konnten. Sie waren schwarz von Qualm und daher äußerst schlechter Laune. +Hier und dort hatte eine kleine Werkstatt ihre eigene kleine Laterne, +die über der Haustreppe hing. Unter einer solchen Laterne blieb Edvard +stehen. Er mußte wieder etwas fragen. Nämlich -- wer es eigentlich sei, +dessen Ole sich dort unten annahm? Einer, den sie beide kannten? +Frohgemut setzte Ole seinen Korb auf die Treppe und stützte sich mit der +Hand darauf. Er lächelte: "Du kennst doch die Marte von der Werft?" Ja, +die kannte die ganze Stadt; eine tüchtige Frau; aber sie trank; und oft +hatten die Schuljungen am Samstagabend ihren Jux mit ihr, wenn sie, an +eine Mauer gelehnt, dastand und sie ausschimpfte und sich schließlich +umdrehte und zum Zeichen ihrer Hochachtung -- na ja, wie das Zeichen +aussah, läßt sich nicht gut beschreiben! Aber die Bengels warteten bloß +darauf; und die Sache wurde stets mit Jubelgeheul begrüßt. + +"Die Marte von der Werft!" rief Edvard. "Die willst Du bekehren?" -- +"Still doch! Nicht so laut!" bat Ole. Er war flammend rot geworden und +sah sich erschrocken um. Edvard wiederholte flüsternd: "Glaubst Du, +irgend ein Mensch könnte die bekehren?" -- "Ich glaube, ich bin auf dem +besten Wege!" flüsterte der andere geheimnisvoll. -- "Du mußt schon +entschuldigen -- aber ich glaub' es nicht!" Die Augen schielten, der +Mund verzog sich zu einem Lächeln. -- "Wart' nur erst und hör' mich an! +Du weißt doch, im Winter ist sie auf dem Glatteis hingefallen und hat +sich bösen Schaden getan?" Jawohl, das wußte er. -- "Seitdem liegt sie +im Bett, und kein Mensch hat Lust, ihr zu helfen. Sie ist doch so +bösartig und kratzbürstig. Gegen mich war sie anfangs widerwärtig -- +kaum zum Aushalten war's. Aber ich achtete einfach nicht darauf, und +jetzt heißt es nur noch 'mein Gottesengelchen', 'mein Lämmeken', 'mein +Goldsöhnchen', 'mein gutes Kind'. Denn ich habe sie umgebettet und +Kleider und Essen und Bettzeug für sie gesammelt, und die ärgsten Dinge +für sie getan, siehst Du. Und doch hat sie eines Abends Miene gemacht, +mich zu schlagen, wie ich ihr aufhelfen wollte, und ihr krankes Bein ihr +dabei wehtat. Sie schrie wie besessen und hob ihren Stock gegen mich; +aber dann nahm sie sich zusammen und fluchte nur ganz fürchterlich und +warf mir Schimpfworte an den Kopf. Jetzt ist sie wieder ganz sanft, und +neulich hab' ich's sogar gewagt, ihr aus der Bibel vorzulesen." -- "Der +Marte von der Werft?" -- "Die Bergpredigt. Und daß Du's nur weißt -- sie +hat geweint." -- "Geweint? Hat sie's denn verstanden?" -- "Nee, sie hat +so geweint, daß sie nicht viel davon gehört hat, glaub' ich. Aber die +Bibel war es doch, siehst Du. Sie fing schon an zu weinen, als ich das +Buch nur herauszog." + +Die Knaben sahen einander an; vom Hof her klangen Hammerschläge und in +der Ferne eine Dampfpfeife; dann von der Gasse gegenüber das leise +Weinen eines Kindes. -- "Hat sie was gesagt?" -- "Sie sagte, sie sei +viel zu schlecht, um so was anzuhören, hat sie gesagt. Und ich erklärte +ihr, daß dem lieben Gott gerade die Geringsten die liebsten wären. Sie +tat aber, als höre sie das nicht, sondern sagte nur, ich solle doch +einmal beim Wäscher-Lars nachsehen, ob er daheim sei." --"Beim +Wäscher-Lars?" schrie Edvard, und Ole mußte wieder "Psst!" sagen; der +Wäscher-Lars war nämlich ihr guter Freund. -- "Du kannst mir's glauben, +der ist die ganze Zeit über furchtbar nett gewesen. Im Wäscher-Lars +steckt viel Gutes, das sagen alle. Jeden Abend kommt er und hilft ihr. +Heut Abend ist er früher gekommen als sonst, darum konnt' ich gehen; +sonst bleib' ich viel länger." -- "Hast Du ihr noch öfter vorgelesen?" +-- "Ja, heute wieder. Gleich fing sie wieder zu weinen an; aber heute, +glaub' ich, hat sie was gehört. Denn wie ich ihr das vom verlorenen Sohn +vorlas, sagte sie: ich bin ja woll eins von seinen Schweinen!" -- Beide +Jungens lachten. "Da sagt' ich denn, das glaubte ich doch nicht. Dann +wollte ich versuchen, zu beten. Ach, das nützt ja doch alles nichts! +sagte sie. Aber als ich dann das Vaterunser anfing, wurde sie ganz +verdreht, weißt Du, gerad' als ob sie sich fürchte, und sie richtete +sich auf und schrie, davon wolle sie nichts wissen --unter keinen +Umständen! Und dann legte sie sich wieder hin und heulte." -- "Es wurde +also nichts?" -- "Nein, und dann kam der Wäscher-Lars, und sie sagte, +ich solle gehen. Aber siehst Du, wie es gewirkt hat? Glaubst Du nicht, +daß ich auf dem besten Wege bin?" -- Edvard war nicht so ganz sicher. + +Seine Bewunderung hatte augenscheinlich einen kleinen Knax bekommen. + +Bald darauf trennten sie sich. + + +2 + +In den höheren Schulen herrscht bisweilen ein Geist, der dem Geist der +Stadt, in der die Schule liegt, völlig entgegengesetzt ist; ja, in der +Regel steht die Schule in gewissen Stücken unter ganz selbständigen +Einwirkungen. Ein einziger Lehrer vermag die Schüler in seinem Bann zu +halten, ebenso wie es oft von einem Kameraden oder von ein paar abhängt, +ob unter den Knaben ein Geist der Ritterlichkeit oder das Gegenteil, ein +Geist des Gehorsams oder das Gegenteil herrscht. In der Regel übernimmt +irgend ein einzelner die Führung. Auch in sittlicher Hinsicht ist das +so. Die Knaben arten ihrem Vorbild nach, und meist hat einer oder haben +mehrere die Macht, als Vorbild zu wirken. + +Gegenwärtig hatte der Primus Anders Hegge teilweise die Oberleitung in +Händen. Einen so gelehrten Schüler hatte die Schule seit ihrer Gründung +nicht gesehen; er war ein Jahr länger geblieben als nötig, nur um der +Schule den Glanz eines unzweifelhaften =prae ceteris= zu verschaffen. +Die Knaben waren unglaublich stolz auf ihn. Bewundernd erzählten sie, +wie er die Lehrer in der Gewalt habe, und daß er seine Stunden nach +eigenem Belieben wählen und kommen und gehen könne, wie es ihm gerade +passe. Meist arbeitete er für sich. Er besaß eine Bibliothek, deren +Regale längst die Wände so angefüllt hatten, daß sie jetzt den Fußboden +entlang krochen. Ein langer Bücherständer stand auf jeder Seite des +Sofas. Es gingen solche Wundergeschichten darüber um, daß sogar die +kleinsten Jungens ihn besuchen und mit eigenen Augen sehen mußten. Und +mitten drin, am Fenster, saß er selber und rauchte, in einem bis auf die +Füße reichenden Schlafrock, dem Geschenk einer verheirateten Schwester, +auf dem Kopf eine Samtmütze mit Goldquaste, das Geschenk einer Tante, an +den Füßen gestickte Pantoffeln, das Geschenk einer Patin. Er war ein +Damenprodukt -- wohnte bei seiner verwitweten Mutter, und fünf ältliche +Verwandte bezahlten seine Bücher, kleideten ihn und versahen ihn mit +Taschengeld. + +Ein großer, kräftiger Bursche mit einem regelmäßigen, feingeschnittenen +Gesicht, dem Gesicht eines alten Geschlechts. Es wäre schön gewesen, +wenn es nicht Glotzaugen und einen gierigen und lauernden Ausdruck +gehabt hätte. Ähnlich sein wohlgebauter Körper: er hätte einen +stattlichen Eindruck gemacht, wenn er nicht vornüber gebückt gegangen +wäre, als drücke eine Last seinen Rücken, und einen ungleichmäßigen Gang +gehabt hätte. Hände und Füße waren zierlich; er konnte nicht leiden, +wenn man ihn anrührte, war verfroren und zimperlich und hatte einen +durchaus weiblichen Geschmack. + +Alles, was ihm einmal gesagt worden war, behielt er, Großes und Kleines, +ohne Unterschied; oder wenn ein Unterschied war, so bestand er darin, +daß das Kleine ihm das wichtigste war. Wenige Dinge entgingen ihm; +sachte und nicht ohne eine Art Kunst stahl er sich in das Vertrauen +eines Menschen. Er kannte die Familiengeschichten aus dem ganzen Land, +auch solche aus fremden Ländern kannte er. Diese Geschichten zu erzählen +-- am liebsten Skandalgeschichten -- und in aller Stille noch andere +einzuheimsen -- das war ihm des Daseins größte Wonne! Hätten die Lehrer +geahnt, wie diese bewundernswerte Schubladeneinrichtung mit all ihrem +Inhalt die Luft der Schule verdarb -- sie hätten ihn schwerlich noch ein +Jahr dabehalten. Die ganze Schule war nichts als Kritik und Zweifel; +Klatsch und Spott waren Hoftugenden, die am ehesten zu Gunst führten; +schlüpfrige Geschichten waren die Festunterhaltung. Gierig nach Neuem +saß er inmitten seines Rauchgespinstes zwischen seinen Bücherregalen, +wenn jemand ihn besuchte. Und als Edvard an diesem Abend kam und +erzählte, nun wisse er, wohin Ole gehe und was er treibe, und nun wolle +er seine Prämie, da stand Anders auf und bat ihn, doch einen Augenblick +zu warten; er wolle nur schnell etwas Bier holen; dann wollten sie sich +einen vergnügten Abend machen. + +Das erste Glas schmeckte vortrefflich, ein anderes halbes ebenso; und +dann erzählte Edvard. Erst, daß Ole unten im Fischerdorf Kranke pflege. + +Anders war ungefähr ebenso paff, wie Edvard vorhin, als er die Bibel +sah. Edvard lachte herzlich. Aber es dauerte nicht lange, so äußerte +Anders einen leisen Zweifel. Ole habe ihm wahrscheinlich nur etwas +weismachen wollen, um sich leichter aus der Patsche zu ziehen; dahinter +stecke etwas. Bauernjungen seien immer Heimlichtuer. Und zum Beweis +erzählte er ein paar ganz amüsante Geschichtchen aus der Schule. Edvard +gefiel dieses ewige Zweifeln nicht recht, und um ein Ende zu machen (er +war im Grunde furchtbar müde), berichtete er, sein Vater wisse alles, er +sei damit einverstanden und unterstütze Ole mit Geld. Jetzt zweifelte +natürlich auch Anders nicht länger. Aber trotz allem -- es konnte etwas +dahinterstecken; Bauernjungens seien nun mal solche Heimlichtuer. + +Das wurde Edvard denn doch zu viel; er sprang von seinem Sitz auf und +fragte, ob Anders etwa glaube, daß einer von ihnen lüge. + +Anders trank ruhig einen Schluck Bier und ließ vorsichtig seine +Glotzaugen rollen. "Lügen" -- hm -- ein sonderbarer Ausdruck. Durfte +man vielleicht wissen, was das für Kranke waren, mit denen Ole sich +beschäftigte? + +Darauf war Edvard nicht gefaßt. Er hatte sich vorgenommen, gerade soviel +zu sagen, als nötig war, um die Prämie zu bekommen, und kein Wort +darüber. Er stand wieder auf. Wenn Anders es nicht glauben wolle, so +möge er's bleiben lassen; aber seine Prämie wolle er. + +Es war nicht Anders Hegges Art, mit jemand zu brechen, was Edvard auch +recht gut wußte. Natürlich sollte Edvard das Buch haben. Aber nun müsse +er erst mal eine amüsante Geschichte hören, wie sich die Kranken draußen +im Fischerdorf aufführten. Der Armenarzt und seine Frau seien gestern +bei seiner Mutter gewesen, und da habe jemand nach der Marte von der +Werft gefragt, die man schon so lange nicht mehr gesehen habe. Ob sie +noch immer von ihrem Fall im Winter bettlägrig sei? Ja freilich; und sie +litte keine Not; denn die Leute schickten ihr unbegreiflicherweise +alles, was sie brauche, und der Wäscher-Lars bringe ihr Abend für Abend +Schnaps, so daß sie sich manch liebes Mal einen recht fidelen Schwips +ansäuselten. So bald stehe die gewiß nicht wieder auf. + +Edvard wurde feuerrot, was Anders wohl bemerkte. War etwa die Marte von +der Werft eine von denen, denen Ole "half"? Ja, es ließ sich nicht +leugnen. + +Die Glotzaugen weiteten sich ordentlich, um diese Beute aufzunehmen. +Edvard sah, wie sie eingesogen und verschlungen wurde, und ihm war, als +sinke er selber mit hinein und werde zerrissen und aufgefressen. Aber +wenn es etwas gibt, was ein Schuljunge nicht verträgt, so ist es, sich +gefangen zu sehen in seiner eigenen Arglosigkeit. Er beeilte sich, den +ehrenrührigen Verdacht, als ob er das Lächerliche an Ole Tufts Vorhaben +nicht durchschaue, von sich abzuwälzen. "Und denk Dir --aus der Bibel +hat er der Marte vorgelesen!" -- Ihr aus der Bibel vorgelesen? Wieder +wurden die Glotzaugen ganz groß, um zu schlingen; aber schnell zogen sie +sich wieder zusammen. Anders kam ins Lachen; er schüttelte sich +geradezu; und Edvard mit. + +Ja, er las der Marte aus der Bibel vor, die Geschichte vom verlorenen +Sohn; und Edvard erzählte, was Marte gesagt hatte. Sie lachten um die +Wette und tranken den Rest des Biers aus. Alles, was an Anders +liebenswürdig und amüsant war, kam zum Vorschein, wenn er lachte. Das +Lachen selbst hatte einen leichten Beiklang, wie wenn man jemand am Hals +kitzelt -- --es forderte zu immer neuer Heiterkeit heraus -- zu endlos +neuer Heiterkeit. Und Edvard mußte alles erzählen -- und noch ein +bißchen mehr. + +Als er später mit dem Prachtband unterm Arm nach Hause lief, hatte er +ein scheußliches Gefühl. Der Bierdunst war verflogen; das Lachen reizte +ihn nicht mehr, und der gekränkten Eitelkeit war Genüge getan. Aber kaum +war er an der frischen Luft, da glaubte er auch schon Oles gute Augen +vor sich zu sehen. Er wollte das Gefühl abschütteln; er war so +entsetzlich müde; heut abend konnte er nicht mehr denken. Aber morgen -- +ja, morgen wollte er Anders bitten, zu schweigen. + +Doch am nächsten Morgen verschlief er die Zeit; er konnte nur gerade +noch in die Kleider springen -- und davonrasen -- mit einer Buttersemmel +im Mund und einem flüchtigen Gedanken an "=Les trois mousquetaires=", +die jetzt ihm gehörten; heut nachmittag würde er sie lesen. In der +Schule schlug er sich mit Hängen und Würgen von einer Stunde zur andern +durch; er konnte keine seiner Aufgaben, und Sonnabends war gerade immer +so viel. Bis auf die beiden letzten Stunden vor Schulschluß war er +vollauf in Anspruch genommen; dann kam Französisch und Naturgeschichte; +von den beiden Fächern war er dispensiert. Und nun ging's die Treppe +hinunter, vor allen andern. + +Wie er vor der Tür des Schulhauses stand, kam eben Anders von der andern +Seite her. Der hatte jetzt eine Stunde in der obersten Klasse. +Augenblicklich fiel Edvard der gestrige Abend ein, und es packte ihn +ein Schrecken, was Anders jetzt wohl erzählen würde. Fast in derselben +Sekunde aber erblickte er zwischen zwei Landungsbrücken ein Ungetüm von +einem Dampfer, einen Havaristen, der sich langsam dem Hafen näherte. +Solch ein Riesenschiff war noch nie im Hafen gewesen, sagten die Leute, +die vorüberliefen. Mastlos, mit zerbrochener Schanzverkleidung, mit +gestützten Schornsteinen, bis oben voll gespritzt von weißem Gischt, nur +eben noch fähig, sich fortzubewegen -- so kam es angezogen. Vielleicht +im Schlepptau eines andern Dampfers --Edvard konnte der Brücken wegen +nichts sehen. Alles rannte hinunter; und er mit. + +Unterdessen schritt Anders durch das Schultor. Eben als er öffnete, +leerten sich die Klassen; ihr ganzer Inhalt stürzte die Treppe hinunter +in den Hof -- wie durch einen langen Trichter. Ein Orkan in einem +Riesenbauch --. Das Haus erdröhnte. Zuerst ein vereinzelter scharfer +Schrei -- die jubelnde Ichverkündigung des Ersten -- dann ein Gemisch +von Diskant- und Altstimmen -- dann gebrochene Übergangsstimmen, die in +einer etwas dunkleren Klangfarbe darüber hinwischten -- dann ein +gemeinsames Emporsprühen wie von einem gen Himmel flammenden Feuermeer, +bald ein halbes Erlöschen hier -- bald eine freudig aufschießende +Feuersäule dort; dann wieder ein einheitlicher, breiter Glanz über dem +ganzen Hofe. + +Ruhig kam Anders dahergegangen. Nicht wie in einem Feuermeer, mehr wie +durch gefahrvolle Brandungen getragen, gewiegt -- hin und her gespült -- +von einem Ufer zum andern. Aber sein Ziel hatte er vor Augen. Er wollte +sich vorsichtig durchschlagen bis zu dem Bretterhaufen am Zaun des +Nachbars; dort war es still; und dort konnte er, gegen das Holz gelehnt, +sich's ein bißchen bequem machen. + +Nachdem er sich diese Rückenstütze gesichert und mit seinen Glotzaugen +vorsichtig ausgespäht hatte, ob die Luft auch rein sei, glitt sein Blick +zufrieden über die Menge hin; er genoß das reizvolle Gefühl der +Gewißheit, diesen ganzen Aufruhr durch bloße drei, vier Worte -- seinem +Nachbar ins Ohr geflüstert -- dämpfen zu können. Wie Öl auf eine tobende +See würden sie wirken, und der Lärm würde verstummen, sobald die paar +Worte über ihn hinflossen. Wo war Ole? Da --ein großer Junge hielt ihn +gerade gepackt; sie hatten sich gegenseitig am Rockkragen und wirbelten +im Kreis herum; der Große versuchte den Kleinen zu Fall zu bringen und +half mit dem Fuß nach. Oles schwere Stiefel zappelten in der Luft; die +eisenbeschlagenen Absätze blinkten; er lachte aus vollem Halse; denn der +andere wurde immer wütender und aufgeregter, ohne ihn doch werfen zu +können. + +Da beugte Anders sich zu dem ihm Zunächststehenden herab: "Jetzt weiß +ich, was Ole Tuft jeden Abend treibt." -- "Ach, Quatsch!" -- "Doch, ich +weiß es." -- "Wer hat's denn 'rausgekriegt?" -- "Edvard Kallem." -- +"Edvard Kallem? Hat der das Buch bekommen?" -- "Freilich." -- "Nee -- so +was! Edvard Kallem!" + +"Edvard Kallem? Was ist mit Edvard Kallem?" fragte jetzt ein Dritter. +Und der Zweite, der es eben gehört hatte, berichtete sofort. Ein +Vierter, ein Fünfter, ein Sechster schoß fort: "Edvard Kallem hat die +Prämie gewonnen! Anders Hegge weiß jetzt, was Ole Tuft jeden Abend +treibt!" Und überall, wo die Worte erklangen, verstummte der Lärm; alles +wollte hören, alles stürzte auf Anders Hegge zu. + +Kaum war ein Viertel der Jungens zusammengelaufen, so wurden auch die +andern drei Viertel aufmerksam. Was in aller Welt mochte dort an dem +Bretterhaufen los sein? Warum liefen denn alle dorthin? Sie scharten +sich um Anders, sie kletterten auf den Holzstoß, so viel ihrer überhaupt +Platz hatten. "Was ist los?" -- "Edvard Kallem hat die Prämie gewonnen!" +-- "Edvard Kallem?" Wieder loderte es auf. Alle fragten -- alle +antworteten --alle, außer Ole Tuft; der blieb stehen, wo der Kamerad ihn +losgelassen hatte. + +Dann wurde es mäuschenstill. Anders Hegge erzählte. Das war sein gutes +Recht; er hatte dafür bezahlt. Er erzählte gut, in einer klaren, +trockenen Art, die allem einen Schimmer von Doppelsinnigkeit verlieh. +Erst erzählte er, wo Ole sei und was er da treibe -- daß er die +Werft-Marte umbette, sie herumschleppe und trage, ihr das Essen koche +und nach der Arznei in die Apotheke laufe; dann -- _weshalb_ er das tue; +er wolle Missionär werden und wolle sich an der Werft-Marte drunten +üben; er lese ihr aus der Bibel vor, und Marte heule, und wenn dann Ole +fort sei, komme der Wäscher-Lars mit Schnaps, und dann tränken sich die +beiden, Marte und Lars, auf das Bibellesen hin einen ordentlichen +Schwips an. Zuerst standen die Jungens ganz starr -- so was war ihnen +noch nie vorgekommen! Sie faßten es in der Hauptsache als eine Art +Zeitvertreib auf, und so, wie es erzählt wurde, konnte es gar nicht +anders aufgefaßt werden. Aber Missionär und Bibelvorleser spielen? Das +hatten sie noch nie gehört. Es war lustig, aber zugleich auch noch etwas +anderes; was? -- darüber waren sie sich im Augenblick nicht klar. Da +niemand lachte, ging Anders weiter. Weshalb war Ole auf diesen Einfall +gekommen? Ganz einfach, weil er ehrgeizig war und ein Apostel werden +wollte; und das war viel, viel mehr als König werden, oder Kaiser, oder +Papst; das hatte Ole selber zu Edvard Kallem gesagt. Aber um das zu +werden, mußte er "Gottes Wege" finden, und Gottes Wege -- nun ja, die +begannen dort unten bei der Marte von der Werft. Dort wollte er sich +üben, Wunder zu tun, sich mit Heiden und wilden Tieren und giftigen +Schlangen herumzuschlagen und Zyklonen Einhalt zu gebieten. Jetzt brach +das Gebrülle los. Doch gerade in diesem Augenblick läutete es; die +Jungens konnten nur eben noch, sich vor Lachen schüttelnd, an Ole +vorüberstürmen. + +Schon einmal in seinem jungen Leben hatte Ole Tuft in einen bodenlosen +Abgrund geblickt; das war an dem Wintertag, als er am Grabe seines +Vaters stand und die ersten gefrorenen Erdschollen auf den Sarg poltern +hörte. Die Luft war voll treibenden Nebels, und das Meer wie Blei. +Alles, was er an Leid kannte, führte dorthin zurück; auch jetzt stand er +wieder dort; auch jetzt hörte er wieder die Kirchenglocke von damals. +Gerade als das hohle Dröhnen auf den Treppen und Gängen verhallt, der +letzte Nachzügler verschwunden, die letzte Tür geschlossen und mit +einemmal alles so still war -- da, durch das Schweigen, durch die Leere, +vernahm er eine Glocke -- bimbam, dingdang -- und plötzlich war er auch +schon draußen, vor der geteerten Holzkirche am Strand; die langarmigen, +alten laublosen Birken an der Mauer und die ehrwürdige Tanne vor dem +Portal rauschten; Glockenklänge, schrill, dünn, kamen dahergewankt, und +die scharfen Erdschollen auf dem Sarg schlugen ihm Wunden fürs ganze +Leben. Das unaufhaltsame Weinen der Mutter -- sie hatte es +zurückgehalten bis jetzt -- keinen Laut bis dahin -- nicht am Bett, +nicht, als sie ihn hinaustrugen; aber jetzt, mit einemmal -- ach, nicht +einzudämmen mehr! ... O Vater, Mutter, Mutter, Vater! ... Und auch er +brach in Tränen aus. + +Schon aus dem Grunde konnte er den Kameraden nicht folgen; und er wollte +überhaupt nicht mehr in die Schule. Auf das hin konnte er keinem von +ihnen mehr begegnen, konnte nicht einmal mehr in der Stadt bleiben. In +zwei Stunden würde jedermann es wissen und gaffen und fragen und +grinsen. Und das, was er vorhatte, war ja jetzt auch entweiht für ihn; +wozu noch studieren! In eine andere Stadt wollte er auch nicht. Nein -- +nur heim, heim, heim! + +Aber wenn er länger hier stehen bliebe, so würden sie bald einen aus der +Klasse herunterschicken, um ihn zu holen; er mußte gleich fort --. Nicht +erst nach Hause zur Tante; dort hätte er erzählen müssen. Nicht durch +das große Tor und über die Hauptstraße; die war immer so voll von +Menschen, und er sah so verheult aus! Nein, er mußte durch das kleine +Schlupfloch fort, das Josefine ihm zurechtgemacht hatte, und durch das +sie ihm jeden Nachmittag hinaushalf, ohne daß die Jungens es sahen. + +Das Holz war gegen des Nachbars Bretterzaun aufgestapelt; aber zur +Rechten lehnte der Stapel an einem Schuppen, und dorthin lief jetzt Ole. +Er löste zwei Planken in der Wand, die nach dem Holzhaufen ging, kroch +hindurch und machte hinter sich wieder zu. Dieses Kunststück wäre +unmöglich auszuführen gewesen, wenn nicht zwischen Schuppen und +Bretterstapel ein freier Raum gewesen wäre; und ein solcher befand sich +dort, dank einem Naturhindernis in Gestalt eines großen Steines, der +höher war als der Knabe und ein Stück von der Wand weg stand. Wäre der +Stein nicht gewesen, so hätte die zweite Holzschicht sich an die erste +angelehnt und ganz abgeschlossen; so aber blieb zu beiden Seiten des +Steins und darüber ein freier Raum. Und hier hatten die Kinder sich +Stuben eingerichtet, eine auf jeder Seite und eine auf dem Stein selbst. +Die hintere war die bequemste; dort war ein Brett zum Sitzen, und wenn +es auf beiden Seiten in den Holzstapeln festgemacht war, so konnten die +Kinder zur Not sogar aneinander vorüber. Oben drüber hatten sie Bretter +gelegt, und darauf wieder Holz, damit niemand Verdacht schöpfe; es war +ein tüchtiges Stück Arbeit gewesen für die zwei. Allzu hell war es ja +nicht gerade; aber das trug just dazu bei, es recht gemütlich zu machen. +Hier erzählte sie ihm von Spanien und er ihr von den Abenteuern der +Missionäre, sie von Stiergefechten, er von Kämpfen mit Tigern und Löwen +und Schlangen, von furchtbaren Zyklonen und Windhosen, von wilden Affen +und Menschenfressern. Seine Erzählungen hatten nach und nach die ihren +übertrumpft; sie waren reicher und sie hatten ein bestimmtes Ziel. Sie +lebte von Erinnerungen, er von allem, was seine Phantasie nur zu +ergattern vermochte, und bei allem war er selber im Mittelpunkt der +Dinge. So lange schilderte er, und so glühend, bis auch in ihr die +Sehnsucht erwachte, im Mittelpunkt dieser Dinge zu sein! Erst schickte +sie ein paar vorsichtige Fragen voraus: ob es auch angehe, daß Frauen +Missionäre würden? Das wußte er nun zwar nicht; es war sicherlich doch +bloß Männerarbeit, das Missionieren; aber Frauen von Missionären konnten +sie werden. Ob denn die Missionäre verheiratet seien, fragte sie. Er +nahm das zunächst als dogmatische Frage. Einmal habe er seinen Vater +darüber in einer Versammlung reden hören; irgendeiner habe Zweifel +darüber geäußert; denn Paulus, den man ja doch den ersten und größten +Missionär nennen müsse, sei nicht verheiratet gewesen, ja, er habe sich +dessen sogar gerühmt. Aber der Vater habe erwidert, Paulus habe +geglaubt, Jesus werde bald wiederkommen, und darum habe er sich beeilen +müssen, überall umherzuwandern und das zu verkündigen, auf das die +Menschen sich bereithalten sollten. Die Missionäre von heute dagegen +müßten im Gegenteil auf einem und demselben Fleck Erde leben, und dazu +gehörten doch wohl auch Frauen. Er habe selber von Missionärsfrauen +gelesen, die Schule für kleine Negerkinder hielten. + +Weiter war keins von den beiden gegangen; aber daß _sie_ doch ganz im +geheimen daran dachte, ging deutlich aus einigen Fragen hervor, wie z. +B., ob es wahr sei, daß die Negerkinder Schnecken äßen? Das behagte ihr +nicht. + +Und inmitten dieses Halbdunkels -- ihr brauner und sein blonder Kopf +dicht zusammengesteckt über atembeklemmenden Abenteuern -- hatten sie +unter Palmen gesessen; es wimmelte von kleinen Schwarzen, und alle waren +sie artig und bekehrt, und zahme junge Tiger gab es da, die sich dicht +vor ihren Füßen im Sand wälzten; gutmütige Affen bedienten sie, +Elefanten trugen sie behutsam, die Bäume hingen voll der Nahrung, deren +sie bedurften. + +Und jetzt kam Ole, um dies Eden zum letztenmal zu sehen und Abschied +davon zu nehmen. + +Eben hatte er sich aufgerichtet, um über den Stein zu klettern, als ihm +einfiel, heut sei Samstag. Samstag von elf Uhr ab hatte sie frei (sie +hatte Privatunterricht), und da setzte sie sich oft während der großen +Pause der Knaben hinter die Holzstapel. + +Wenn sie jetzt eben dort säße! Wenn sie alles gehört hätte! Schnell +hinauf auf den Stein, und richtig -- da saß sie unten auf dem Brett und +sah zu ihm hinauf. + +Ihr bloßer Anblick und mehr noch die Art, wie sie seinem Blick +begegnete, ließ ihn von neuem in helle Tränen ausbrechen. "Ich -- will +-- heim!" schluchzte er, "und nie -- nie wiederkommen!" Und er ließ sich +zu ihr hinuntergleiten. Sofort nahm sie sich seiner an, gab ihm +schleunigst ihr Taschentuch, damit er es sich vor den Mund halte, um +sich durch sein Weinen nicht zu verraten. Sie kannte den Schulhof, und +sie wußte, man suche ihn jetzt auf dem Hof. Und er gehorchte, wie immer, +ihrer überlegenen Führung in den Dingen, die zur guten Erziehung +gehören; nur daß er glaubte, es handle sich einmal wieder um das ewige +Geschnäuze, und so schnäuzte er sich denn und weinte, und weinte und +schnäuzte sich. Da packte sie ihn hurtig mit ihrer derben +Kleinmädelfaust im Nacken, mit der andern umspannte sie mit festem Griff +seine Hände mitsamt dem Taschentuch und preßte ihm das in den Mund; +während sie gleichzeitig ihren dunkelhaarigen Kopf unheilverkündend +dicht vor seinem Gesicht schüttelte. Jetzt begriff er! Es war auch die +höchste Zeit; denn schon rief man auf dem Schulhof seinen Namen, wieder +und wieder, in Zwischenräumen und aus verschiedenen Richtungen. Es fiel +ihm entsetzlich schwer, das Weinen zu unterdrücken, so daß er am ganzen +Körper zitterte; aber er hielt es zurück. Hielt es zurück, bis sie den +Kameraden, den man nach ihm ausgeschickt hatte, wieder hinaufstürmen +hörten. "Ich -- will -- heim!" fing er dann gleich wieder an und heulte +von neuem drauflos -- er konnte nicht anders. Dann gab er ihr das +Taschentuch zurück, nickte, stand auf und zog die Planken in des +Nachbars Bretterwand weg -- immerzu laut schluchzend und in tiefstem +Entsetzen. Kaum waren die Planken weg, so war er auch im Loch; das auf +der Schulbank blank gescheuerte Hinterteil und die glänzenden, +eisenbeschlagenen Absätze schoben sich weiter und weiter hinein, bis sie +verschwanden. Auf der andern Seite stand er auf, drängelte sich zwischen +der Bretterwand und einem Holzhaufen durch, bis zu ein paar alten +Balken, die da lagen und vermorschten; von dort eilte er zur Hintertür, +und erst, als er draußen, auf freiem Grund und Boden, in einem engen +Gäßchen stand, fiel ihm ein, daß er vergessen hatte, Josefine Lebewohl +zu sagen; ja, daß er sich nicht einmal bei ihr bedankt hatte. Auch das +noch, zu all dem andern Unglück! Nun erst recht trieb es ihn im Galopp +zur Stadt hinaus, und er machte nicht eher halt, als bis er auf Umwegen +die Landstraße erreicht hatte. Der gehörte so gewissermaßen zu seinen +Schildknappen, der alte Strandweg. + +Josefine stand eine Weile da und blickte auf die Stelle, wo die +Absatzeisen verschwunden waren; aber nicht lange. Sie sprang auf den +Stein, glitt an der Wand wieder herab, schob die Bretter beiseite, kroch +hindurch und schob sie vorsorglich hinter sich zu. Gleich darauf +erschien sie ohne Hut in der Apotheke und fragte nach ihrem Bruder; erst +in der Apotheke selbst, wo er sich am liebsten aufhielt; aber da war er +nicht; er hatte nicht einmal seine Schulbücher abgegeben. Dann +durchsuchte sie oben alle Zimmer; dort war er ebenfalls nicht; aber vom +Fenster aus sah sie den großen fremden Dampfer, umringt von zehn, zwölf +Booten; natürlich, da war er! Also rasch hinunter zur Brücke. Sie machte +ihr eigenes kleines weißgestrichenes Boot los und schoß hinaus. + +Sie ruderte, daß ihr der Schweiß von der Stirn lief, ruderte und blickte +sich um, bis sie das schwere Wrack erreicht hatte, das grüne Ungeheuer, +das dort lag und unter den Pumpen stöhnte. Weit draußen sah sie Edvard, +die Schulbücher unterm Arm, oben auf der Kommandobrücke stehen, im +Gespräch mit seinem Freund Rojert Mo. + +Sobald sie nahe genug war, rief sie seinen Namen. Er und sämtliche +Umstehenden hörten es. Die letzteren sahen ein braunhaariges Mädel, die +Ruder in der Hand, glühend rot vor Anstrengung, aufrecht dastehen und +nach der Kommandobrücke starren; sie besannen sich einen Augenblick, was +das wohl bedeuten könne, und vergaßen es dann wieder; Edvard aber gab es +einen Stich: da war irgend etwas Unangenehmes geschehen; und wie der +Wind war er von der Kommandobrücke herunter, auf Deck, darüber weg, an +der andern Seite des Dampfers hinab -- und über die andern Boote in +ihres geturnt, das er gleichzeitig abstieß. "Was ist los?" Die Bücher +legte er hinter sich ins Boot, nahm ihr die Ruder aus der Hand und +setzte sich. "Was ist los?" + +Rot und atemlos, mit fliegenden Haaren, stand sie da und sah ihn an, +während er das Boot drehte. Dann stieg sie über das mittlere Sitzbrett, +machte das zweite paar Ruder los und setzte sich ihm gegenüber auf die +hinterste Ruderbank. Er hatte keine Lust, ein drittes Mal zu fragen, und +ruderte drauflos; und nun fing sie, die Ruder über Wasser haltend, an: + +"Was hast Du Ole Tuft getan?" Er wurde blaß und rot; auch er hielt jetzt +die Ruder hoch. + +"Es ist aus mit ihm in der Schule. Er ist nach Hause und kommt nicht +wieder." + +"Ach was, Du lügst!" Aber seine eigene Stimme widersprach ihm. Er ahnte, +-- sie redete die Wahrheit. Er schlug aus Leibeskräften die Ruder ins +Wasser und ruderte, als wolle er hinter ihm drein. + +"Jawohl, es ist schon das beste, Du ruderst drauflos!" Sie selber fing +an, nachzulassen. "Das beste, Du rennst ihm gleich nach, und wenn's bis +nach Store-Tuft ist! Sonst geht Dir's schlecht! Beim Vater und auch in +der Schule! So ein Jammerkerl, wie Du bist!" -- "Halt's Maul, Du!" -- +"Wart' Du nur! Wenn Du ihm nicht augenblicklich nachsetzt und ihn wieder +mit nach Hause bringst, sag' ich's dem Vater und dem Rektor, -- verlaß +Dich drauf!" + +"Bist selber ein Jammerkerl, und eine Petze bist Du, daß Du's nur +weißt!" -- "Hättest bloß hören sollen, wie Anders Hegge und die ganze +Schule sich aufführten; alle haben sie Ole ausgelacht, alle, alle -- und +wie der arme Bengel geweint hat, als würde er ausgepeitscht -- und dann +schnurstracks heimrannte! Pfui, schäm' Dich! Wenn Du ihn nicht wieder +mitbringst, so wirst Du mal was erleben!" -- "Schafskopf! Siehst Du denn +nicht, daß ich schon rudere, was ich nur kann!" -- Seine Nägel wurden +weiß, sein Gesicht quoll auf, er beugte sich jedesmal fast bis auf den +Boden, um möglichst weit auszuholen. Ohne ein Wort weiter zu verlieren, +setzte sie sich auf die Bank dicht vor seiner und legte sich gleichfalls +tüchtig in die Stangen. + +Als er an der Brücke aufstand, um anzulegen, sagte er: "Heut morgen hab' +ich nicht mehr frühstücken können, und jetzt krieg' ich auch kein +Mittagessen. Hast Du Geld bei Dir, daß ich mir ein paar Brezeln kaufen +kann?" -- "Ja, ein paar Pfennige hab' ich", und sie zog die Ruder ein +und holte das Geld heraus. "Nimm meine Bücher!" rief er und sprang +davon. Bald darauf war auch er draußen auf der Landstraße. + + +3 + +Der Tag war nicht ganz klar gewesen; eine Unruhe war in der Luft, die +Wolken jagten in anderer Richtung als der leichte Südwind. Es war mild +und taute wieder. Die Wege waren jämmerlich, voll Schneeschlamm und +Schmutz, besonders hier, in der Nähe der Stadt, war alles zu einem Brei +zusammengetrampelt und -getreten. + +Der Junge war noch nicht zehn Minuten unterwegs, als seine etwas dünnen +Stiefel auch schon von Wasser vollgesogen waren. Na, das machte nichts! +Schlimmer war es mit der letzten Brezel; denn satt war er nicht, nicht +im entferntesten! Aber auch das machte nichts. Er würde Ole schon bald +einholen; er war schneller zu Fuß, war beweglicher, und er legte ganz +gehörig los. Wenn er ihn nur erst eingeholt hatte -- in Ordnung bringen +würde er die Sache schon, daran zweifelte er keinen Augenblick. Ole war +verträglich, und er, Edvard, würde bei den Jungens für ihn eintreten; +das zum mindesten war er ihm schuldig. Und ihm selber machte es überdies +Spaß; er würde schon noch ein paar von den andern auf seine Seite +bringen, und dann sollte es eine Schlacht setzen! + +Doch als er eine ganze Viertelmeile gegangen war, ohne in diesem Matsch +auch nur eine Spur von Oles Stiefeln, geschweige denn von ihm selber zu +entdecken, als er sich gar eine halbe Meile vorwärts geschleppt hatte, +durch die scheußlichste Unwegsamkeit, mit patschnassen Füßen, +abwechselnd schweißtriefend und eiskalt, dann wieder halbtrocken und +wieder schweißtriefend --dazu drohte Regen und Sturm, und die Landschaft +war schauerlich einsam mit ihren langen öden Bergrücken und den +dazwischenliegenden Wäldern -- da sank sein Mut bedeutend. + +Und dann -- sonderbar! Nach der ersten Viertelmeile begegnete er keiner +Menschenseele mehr. Spuren sah er genug auf dem Wege, von Pferden und +Menschen und Hunden; alle liefen sie in derselben Richtung wie er, und +die meisten waren frisch. Aber keine Menschenseele war zu erblicken, +nicht einmal in den Gehöften; keinen Hund hörte er bellen, keinen +Schornstein sah er rauchen; wie ausgestorben war alles. Eine leere Bucht +nach der andern; vorspringende Bergrücken, durch Geröll oder Erdrutsche +gebildet, trennten sie; immer wieder eine Bucht, und an jeder Bucht ein +Gehöft oder mehrere, und ein Fluß oder ein Bach; aber nirgends ein +Mensch. Ach, wie oft war der Junge schon einen kahlen Hang +hinangeklettert und oben weitergewandert, bis er die nächste Senkung +überschauen konnte, ohne Ole auf der Landstraße zu erblicken, ohne +überhaupt eine Menschenseele zu erblicken! Er merkte wohl, er würde, +ausgehungert und müde, bis hinaus nach Store-Tuft traben müssen. Das +war fast eine Meile. Dann blieb er zu lange aus, der Vater würde es +erfahren, es setzte dann doch Hausarrest und Verhör und Schelte und +Schläge, vielleicht kam's auch gar noch vor den Rektor, und die ganze +Geschichte ging noch einmal von vorn los ... Er war dem Weinen nahe. +Dieser verdammte Anders Hegge mit seinen lüsternen Fischaugen und seinem +fetten Lächeln bei allem, was ihm behagte! Und die lauernde +Freundlichkeit, das kitzliche Lachen, das Geklatsche -- o pfui! So ein +Scheusal! Und dafür mußte er hier mit schmerzenden Füßen, müde und +verzweifelt, durch den Schmutz stapfen! Das also hatte seine +entsetzliche Angst gestern abend bedeutet! Das war's gewesen! + +Ach was, zum Teufel mit dem Geflenne und der Kopfhängerei! Einmal mußt +du ja hinkommen, und Schläge hast du schon mehr als einmal gekriegt! +Trallalla! Und er fing an, ein lustiges spanisches Lied zu singen, sang +Vers für Vers -- kam außer Atem -- mußte langsam gehen, und erschrak +doch, als er seine eigene Stimme nicht mehr hörte. Also ein neues Lied +-- und wieder einmal hinauf -- den ganzen langen Steinhang. + +Auch da kein Mensch, bloß Wagenspuren und Fußspuren von Erwachsenen und +Kindern und Pferden und Hunden aus den Gehöften drunten. Alle vorwärts +laufend. Was war denn los? Eine Feuersbrunst? Auktion? Dazu hätten sie +nicht das Fuhrwerk mitgenommen. Vielleicht irgendwo ein Bergsturz? Oder +ein großes Schiffsunglück gestern? Ach, ihm konnte das eigentlich gleich +sein! Gerade, als er über den nächsten Bergrücken klettern wollte, der +eine lange Nase in den Fjord hinausstreckte, sah er zum erstenmal Oles +Spuren; da war er am Wegrand entlang gegangen; er kannte die +eisenbeschlagenen Absätze, ebenso die Holzflecken unter jedem Fuß. Die +Spuren waren ganz frisch; jetzt konnte Ole nicht mehr weit sein! Das gab +ihm neue Kraft. Er lief wacker drauflos. + +Ein hoher Tannenwald umfing ihn; alles war still. Als er beim Steigen +mit Singen aufhören mußte, wurde ihm ganz unheimlich zumute. Je höher +er kam, desto dichter wurde der Wald; der Schnee lag fester, Steine und +Heidekrautbüschel guckten neugierig daraus hervor wie Tiere. Und dann +raschelte es hier und knisterte es dort, und irgendwo schrie es; ein +großer aufgescheuchter Vogel flog mit entsetzlichem Flügelschlag auf; +der Junge suchte schweißtriefend nach Oles Fußtapfen, um sie nicht zu +verlieren; die Angst von gestern war plötzlich wieder über ihm. Wenn +er's doch über sich brachte, recht draufloszurennen! Wenn der Wald doch +ein Ende nehmen wollte! Während der unverantwortlich langen Stille nach +dem Auffliegen des Vogels hatte er schließlich das Gefühl: wenn jetzt +bloß noch das winzigste Bißchen dazu komme, so würde er verrückt! Und +der Hohlweg, durch den er mußte! Schon ganz von weitem starrte er +hinein, zwischen die hohen, schwarzen Wände; als ob sie über ihm +zusammenklappen wollten -- sahen sie aus; von oben hingen ein paar +unheimliche Bäume darüber und spähten lauernd hernieder. Als er endlich +drin war, kam er sich wie die allerwinzigste kleine Ameise im Walde vor: +wenn sie bloß stillständen, bis er vorüber war -- wenn bloß keiner sich +auf einmal von oben herunterbeugte und ihn beim Kragen packte, oder +dicht vor ihm oder dicht hinter ihm sich fallen ließ -- oder ihn anwehte +... Er ging mit starren Augen -- wie ein Nachtwandler; die +Kiefernwurzeln zogen sich krumm und verwittert über den lehmigen Pfad +hin ... und alle lebten sie ... Aber nein ... Er tat, als merke er +nichts ... + +Ganz fern, hoch oben in der Luft, flog ein Vogel nach der Stadt, aus der +er kam ... Ach! Wer auf seinem Rücken säße! So deutlich sah er die +Stadt, die Schiffe im Hafen, hörte die frohen Weisen, das helle +Ankerrasseln ... das Dröhnen an den Brücken ... den herzensfrohen Lärm +und Spektakel ... die Kommandorufe ... Nanu ... da hörte er ja _wirklich_ +Kommandorufe ... Und eine Schiffspfeife ... und noch eine ... eine ganz +derbe ... Und Stimmen! ... Jawohl ... Stimmen ... und dazu +Pferdegewieher! Und Hundegekläff! Und wieder Stimmen und Stimmen! Er +war aus dem Hohlweg heraus, -- ganz kurz war der gewesen! -- und +zwischen den Bäumen hindurch schimmerte die See ... und Schiffe ... Was +war denn das? War er denn wieder in der Stadt? War er im Ring +herumgelaufen? Er war doch immer am Strand entlang gegangen! Er fing an +zu rennen, in Sätzen -- -- Freilich, jetzt kannte er sich wieder aus! +Ja, wahrhaftig, er war immer nur geradaus gelaufen! Und da öffnete sich +der Wald ... und die Bucht ... die hatte er doch schon einmal gesehen? +Und auch die Inseln erkannte er wieder ... Er war auf dem richtigen Weg +... nun war's nicht mehr weit bis Store-Tuft! ... Aber was taten denn +diese Boote da? Was bedeutete dies gleichmäßige, ununterbrochene Gelärm? +Ein Fischzug! Hurra! Ein Fischzug! Mitten in einen Fischzug war er +hineingeraten! Hurra! Hurra! Vorbei aller Hunger, alle Müdigkeit, alle +Furcht! In langen Sprüngen setzte der Junge den Hügel hinunter. + +Eins der Netze war eben an Land gezogen, eins stand ausgespannt im +Wasser, eins wurde eben eingeholt. Von allen Seiten strömte es herbei. +Aber es war Samstagabend, es hieß warten, bis zum Sonntagabend, um die +unzähligen gefangenen Fische auszunehmen. Auf den ersten Blick hatte er +das begriffen. + +Der ganze Strand war voll Menschen, bis hinauf zur Straße, zu beiden +Seiten, Leute überall, immer mehr Leute. Wagen und Schlitten +durcheinander standen da, mit und ohne Fässer und Tonnen, Pferde vor- +oder ausgespannt -- Hunde zu Haufen; überall junges Volk, und Lachen und +Lärm ... Und draußen, in der Bucht, Boote um die Netze ... die Netze, +die eingeholt werden mußten, und ein Geschrei und ein Spektakel, und +hoch in den Lüften ein Vogelschwarm, naseweise, kreischend, +flügelflatternd -- bis weit hinaus. + +Der Himmel ward dunkler, der Dampferqualm machte die Luft noch düsterer +und drohender, die nackten Inseln paßten zu dem heraufziehenden +Unwetter: sie sahen aus, als seien sie eben erst emporgestiegen; die +bewaldete Klippe weit draußen ragte geheimnisvoll, einsam im +Regenschauer empor; die Dampfer rauchten und kreischten und fauchten und +pfiffen um die Wette um sie her; die reinen Konkurrenten. + +Die Männer stampften in Flößerstiefeln umher, Ölmäntel über ihrem +gewöhnlichen Anzug; andere trugen -- mehr nach Bauernart -- Frieswams +und Pelzmütze. Die Weiber, dicke Tücher über der gewohnten Kleidung oder +in Männerröcke eingemummt, arbeiteten mit den Männern um die Wette beim +Ausnehmen der Fische; der gewohnte stille Verkehrston war wie +ausgewechselt. + +Schon fielen vereinzelte schwere Regentropfen, die dichter und dichter +wurden. Fast alle Gesichter, in die Edvard sah, waren durch und durch +naß. Er wurde ordentlich begafft: ein schmächtiges Stadtjüngelchen, --in +solch einem Treiben -- leicht gekleidet -- mit triefendem Gesicht -- +außer Atem, die dünne Pelzmütze platt an den Kopf angeklebt! + +Aber wen sah er da vor sich? War das nicht Ingebret Syvertsen, der +lange, schwarze Kerl, der mit Vater Kallem Geschäfte machte? Dort stand +er nun und feilschte -- lang und hager -- in Öltuch gewickelt von Kopf +bis zu Füßen. Der war tüchtig mit dabei gewesen! Wie Silberschimmer lag +noch der Gischt über ihm! "Grüß Gott, Ingebret!" rief der Knabe froh. +Der lange Kerl mit dem nassen Gesicht unter dem Südwester, einen großen +herabhängenden Tropfen an der Nase, mit seinem dünnen schwarzen Bart und +den drei Zahnlücken im Oberkiefer, erkannte ihn auch sofort und lachte; +dann rief er: "Dein Vater ist auch unterwegs, Jung'! Zu Pferde!" -- +Irgend jemand sprach in diesem Augenblick Ingebret an; er drehte sich +um, wurde ärgerlich und verwickelte sich in viele Worte; und als er sich +wieder dem Jungen zuwandte, sah er ihn schon weit draußen, hinter dem +ganzen Fischertreiben, auf der Straße. + +Edvard war in hellem Schreck davongelaufen ... und erst jetzt, auf der +Straße, fiel's ihm ein -- er lief ja dem Vater geradenwegs in die Arme. +Ob er überhaupt Store-Tuft noch erreichen konnte, bevor er den Vater +traf? + +Aber -- was sollte er tun? Gesehen hatten sie ihn, alle diese Menschen; +und sie hatten ihn derart angestarrt, -- sie würden's schon +herauskriegen, wer er war! Und wenn der Vater vorüberkam, würde er's +auch erfahren! Wozu also noch lange durchbrennen! Haue jetzt gleich -- +oder Haue später -- das kam auf eins heraus. Fast wollte er wieder +anfangen zu singen. Denn ärger als es war, konnte es doch nicht werden. +Und wirklich -- er setzte auch ein, und zwar die Marseillaise auf +Französisch -- die paßte just für einen, den Schläge erwarteten ...! +Hurra! Aber er war noch nicht mit dem ersten Vers zu Ende, als ihm auch +schon das Herz in die Hosen sank. Die Stimme versagte, und auch der +Takt, und alles hatte auf einmal eine ganz andere Farbe. Ach, und wie +sauer ihm das Gehen wurde! Es regnete jetzt tüchtig. Der Gesang wurde zu +abgerissenen Strophen, bis er ganz aufhörte. Die Gedanken des Knaben +hatten sich verfangen in etwas, das er kürzlich in der Zeitung gelesen +hatte: die Überschwemmung einer großen Kohlengrube in England. Die +Menschen waren davongestürzt, so schnell sie nur konnten, und die Pferde +hinter den Menschen her; dort unten wußten sie sich nicht selber zu +helfen. Die armen Tiere! Ein Junge hatte sich retten können, und der +erzählte, wie ein Pferd hinter ihm hergekeucht war; der Junge war +hinaufgeklettert, das Pferd konnte nicht mit ... Edvard sah das Tier +ganz deutlich vor sich, den Kopf, die schönen glänzenden Augen, er hörte +das Schnauben und Wiehern, und jedesmal machte es ihn ganz krank. In +solchem Entsetzen sterben -- das war etwas! Und all das sollte am +jüngsten Tag wieder auferstehen! Was da wohl alles aus den Eingeweiden +der Gruben und Eingeweiden der Erde hervorkommen würde! Weshalb sollten +die Tiere nicht auch mit dabei sein? Sicher traten sie auch vor und +wieherten und klagten die Menschen an! Du großer Gott, mußten das +Anklagen werden! Und so viele -- wenn man bedachte -- von der +Erschaffung der Welt an! Und wo waren sie alle zu finden? Auf der Erde +und unter der Erde und --und die Wesen, die im Meer lagen, auf dem +Grunde der See? Und die Geschöpfe, die wieder unter ihnen lagen? Denn an +vielen Stellen war ja Land gewesen, wo jetzt See war. Ach ja! + +Wie hungrig er war! Und nun fror ihn; er konnte nicht länger schnell +gehen, und er war durch und durch naß. + +Viel Ursache, sich nach dem Ziel seiner Wanderung zu sehnen, hatte er ja +auch gerade nicht. Er kannte die neue Reitpeitsche nur zu gut; die alte +hatte er selber aus der Welt spediert; aber hätte er gewußt, daß die +neue noch schlimmer ausfallen würde -- er hätte die alte vermutlich noch +ein paar Jahre länger leben lassen. Au! Jetzt kribbelte es ihn auch noch +unter den Nägeln, und seine Finger wurden steif. Und die Füße! An die +durfte er gar nicht erst denken; dann würden sie nämlich noch schlimmer; +horch, wie es in den Stiefeln klatschte! Er machte sich den Spaß, die +Füße kreuzweise voreinander zu setzen; er wechselte von rechts nach +links und von links nach rechts; aber es machte ihn nur müde. Immer +zäher und zäher ging's, immer mühseliger wurde es; jetzt kam wieder eine +Steigung. Himmel, war das nicht die letzte? Lag nicht Store-Tuft in der +nächsten Senkung? Dicht am Fuß der Anhöhe? Natürlich, das war die +Tuft-Niederung! Vielleicht kam er doch noch vor dem Vater hin? Und wenn +es auch nur ein Aufschub war -- es war doch immerhin etwas! +Donnerwetter! Es war schon der Mühe wert, sich zu beeilen! In den Jungen +kam neues Leben. Frisch drauflos! + +Übrigens -- der Vater war nicht bloß streng! Er war auch gut. Besonders, +wenn Josefine zu Edvard hielt und ein gutes Wort für ihn einlegte. Und +das würde sie schon, wenn Ole wiederkam; dann hielt sie sicher zu ihm. +Sie würden versuchen, auch den Apotheker zu gewinnen. Er war furchtbar +nett, der Apotheker, und es war auf alle Fälle gut, Hilfstruppen zu +haben, so viel wie möglich. Herrgott, gab es denn nicht noch mehr ...? + +Da tauchte der rote Pferdekopf über der Hügellinie auf! Die großen +Strohschuhe, die der Vater im Winter als Steigbügel benützte, standen zu +beiden Seiten des Fuchsen ab wie die Tatzen eines Raubtieres. Der Junge +wurde zu Stein und stand still. + +"Rauen", der Fuchs, glotzte aus dem schweren, spanischen Sattelzeug +heraus Edvard an; er traute seinen eigenen klugen Augen nicht. Dem Vater +erging es augenscheinlich ebenso; denn sein runder Kopf in der grauen +Wollmütze streckte sich weiter und weiter über den Pferdehals vor, bis +er sich mit beiden Händen auf den Sattelknopf stützen mußte. Dieser +pudelnasse Bursche mit dem Pelzklex auf dem Kopf -- der dort, blaß und +erschrocken, wie ein Gespenst mitten auf der Straße stand -- war das der +Junge, der um diese Zeit zu Hause sitzen und seine Aufgaben machen +sollte, bevor er sich überhaupt rühren durfte? Am Samstag nachmittag? In +solchem Wetter, bei solchem Schmutz, und so leicht gekleidet -- hier +draußen auf dem Weg nach Store-Tuft? Und das ohne Erlaubnis? "Hölle und +Teufel, was treibst Du hier?" + +Das Pferd blieb stehen; der warme Atem füllte die Luft rings um den +Jungen und hüllte ihn in Nebel und einen unangenehmen Schweißgeruch. +Edvard vermochte sich nicht zu rühren, wagte nicht zu antworten. Er +starrte bloß durch den Nebel blöd und dumm zum Vater auf; zuletzt wußte +er gar nichts mehr von sich. + +Unverzüglich stieg der Vater ab, und gleich darauf stand er, die Zügel +um den linken Arm, die Peitsche in der rechten Hand, vor ihm. "Was +gibts, he? Woher kommst Du? Hölle und Teufel, wirst Du wohl antworten!" + +Edvard glitt mechanisch weiter und weiter zurück; der Vater ihm nach; +und ebenso mechanisch hob der Junge den rechten Arm, um das Gesicht zu +schützen; den linken hielt er abwehrend vor sich ausgestreckt. "Wo +willst Du hin?" -- "Zu Ole Tuft." -- "Was willst Du da? He? Ist Ole Tuft +zu Hause?" -- "Ja." -- "Was willst Du bei ihm?" -- "Ich will -- ich will +-- --" --"He?" -- "-- ihn um Verzeihung bitten." -- "Um Verzeihung? +Nanu? Na? He?" -- Und die Peitsche fuhr in die Höhe. Der Junge beeilte +sich: "Er will nicht mehr in die Schule kommen." -- "So? Eklig gegen ihn +gewesen? He? Und Du an der Spitze? He?" -- "Ja." --"Also Deine Schuld, +was? He?" Er kreischte. -- "Ich hab' 'rausgekriegt --" Der Junge +stockte. -- "Was?" --"-- -- daß er ... daß er ..." Er fing an zu weinen. +"-- He?" -- "... daß er Kranke pflegt." -- "Und hast's weitergesagt, he? +Gepetzt? He?" Edvard getraute sich nicht zu antworten, und nun begann +die Peitsche eklig zu werden. Beide Arme des Jungen gingen im Takt mit +der Peitsche auf und nieder, unsicher, wohin sie zielte. Er wich immer +weiter zurück. "Stillgestanden!", schnarrte es. Statt dessen sprang der +Junge mit einem Satz bis unmittelbar an den Rand des Straßengrabens. +Zornig hob der Vater die Peitsche; das Pferd hinter ihm erhielt, ohne +daß er es wußte, einen tüchtigen Hieb und zerrte so heftig, daß der +Vater fast umgerissen wurde. Edvard vermochte beim besten Willen der +überwältigenden Komik dieser erlösenden Unterbrechung nicht zu +widerstehen; er fing schallend zu lachen an, erschrak aber gleich, als +er es selber hörte, so unsinnig, daß er über den Graben wegsprang und in +den Wald hineinrannte. Sobald er dem Vater den Rücken gedreht hatte, +konnte er sich nicht mehr halten, er mußte wieder lachen, und wußte das +durch nichts Besseres zu verdecken als durch ein lautes Geheul. + +Die Verachtung des Vaters für den Jungen war grenzenlos. Er selber wurde +dadurch ganz kaltblütig, brachte das Pferd zum Stehen und schwang sich +in den Sattel. "Komm!" sagte er ruhig und wies mit der Peitsche nach +Store-Tuft. Weitere Abrechnung folgt, wenn wir dort sind! dachte der +Junge. + +Er gehorchte selbstverständlich und kam eiligst --bis auf einen +gemessenen Abstand vom Pferd. -- Und diesen Abstand hielt er auch +unverändert ein. Das Pferd schritt schnell aus, so daß es nicht ganz +leicht war. + +Und nun jagte der graue Mann auf dem roten Pferd den Sohn erbarmungslos +vor sich her durch den Schneeschlamm, trotzdem die Füße des Jungen +wundgelaufen waren -- man sah es an der Art, wie er sie setzte; trotzdem +er erfrorene Hände hatte -- er steckte sie ab und zu in den Mund; +trotzdem er bis auf die Haut durchnäßt sein mußte -- die Pelzmütze +klebte am Kopf wie ein Waschlappen! Der graue Mann selber saß trocken, +in warmen, wasserdichten Kleidern, da, in der Hand die Peitsche, mitten +im Gesicht den großen Riecher, daneben zwei funkelnde Augen. Niemand, +der den Aufzug gesehen, hätte ahnen können, daß dieser gestrenge Herr +keinen höheren Wunsch hegte, als den Jungen, den er da so wütend vor +sich hertrieb, lieben zu können. + +Aber um einen Menschen lieben zu können -- dazu gehört, daß er so ist, +wie wir wolle -- nicht wahr? Und wenn nun das der Junge nicht wollte? +Und wenn Kallem an Mißgeschick nicht gewöhnt war? Das erste ernstliche +Mißgeschick, das ihn betroffen hatte, war der Tod seiner Frau gewesen, +und ganz kurze Zeit darauf kam das mit dem Jungen. Bis dahin hatten sie +alle im Ausland gelebt, Kallem in Frieden mit seiner Frau, seinem +Geschäft und seinem Sport und seinen stillen Büchern -- er war nämlich +ein eifriger Leser; nichts hatte ihn je gestört oder geplagt. Das +Geschäft besorgte der Bruder seiner Frau; es ging ausgezeichnet; das +Haus besorgte seine Frau, ebenfalls ausgezeichnet. Alles ging ohne +Störung oder Sorge, genau so, wie es gehen sollte --bis zum Tode der +Frau. + +Aber dann! + +Weder er noch andere konnten anfänglich die unerwartete Veränderung +begreifen, die mit ihm vorging. Manche meinten, der Verlust seiner Frau +habe ihn verrückt gemacht; er selber meinte, das spanische Klima sei zu +warm für ihn; er müsse fort, er müsse nach Hause. Der spanische +Geschäftsführer stimmte sofort bei; es war nämlich eine ganz +ausgezeichnete Spekulation, das Hauptgeschäft nach Norwegen zu verlegen +und in Spanien eine Filiale zu unterhalten. So brachen sie denn auf -- +vor nunmehr etwa einem Jahr. + +Aber der Junge, der schon in Spanien schuld war, daß der Vater das +erstemal sich vergaß -- übrigens auch ein zweites, und unglücklicherweise +ein drittes, viertes, fünftes, sechstes Mal -- immer war's der +Junge!--brachte ihn leider auch in Norwegen aus dem Gleichgewicht. Im +warmen wie im kalten Klima -- der Junge war immer gleich eklig! + +Bald kamen auch aus der Schule Klagen über ihn; dann aus der Apotheke, +wo sie bei Kallems altem Freund zur Miete wohnten; dann von den Leuten, +von den Nachbarn, von den Landungsbrücken. Vielleicht mußten auch andere +Eltern Klagen anhören über ihre Jungens; vielleicht waren die Leute in +dieser Gegend überhaupt schnell mit Klagen bei der Hand; davon wußte +Kallem nichts; er war eine Einsiedlernatur. Soviel aber wußte er: sein +Sohn war der begabteste Junge in der Schule; das versicherte ihn ein +Lehrer nach dem andern; er wußte ferner, daß es dem Sohn auch im übrigen +an nichts fehle, weder an Gemüt noch an Willen; nur --er war so +gleichgültig und selbstzufrieden, mochte sich immer nur amüsieren, +mochte in alles, was ihn nichts anging, seine Nase stecken, war +gleichzeitig dreist und doch feig, ein schändlicher Spottvogel und +grenzenlos unartig. Einen Engel im Himmel konnte es um die Geduld +bringen; und nun gar Kallem, der überhaupt keine Geduld hatte. + +Dieser schmächtige, geschmeidige Krabat, der da mit feigen Seitenblicken +auf das Pferd und die Peitsche vor ihm herhinkte, hatte den Unfrieden in +seines Vaters Leben gebracht. Nicht allein, daß er ihn im tiefsten +Innern unsicher gemacht hatte, nein, er hatte ihn bisweilen seine +Ohnmacht fühlen lassen -- bis zur Hilflosigkeit; in solchen Augenblicken +hätte er den Jungen am liebsten in Stücke geschlagen. + +Dann wieder konnte er ihn vornehmen, konnte drohen, flehen. Noch in +dieser letzten Sturmnacht hatte er ihn ins Gebet genommen, hatte mit den +eindringlichsten Worten die schmähliche Angst des Knaben zu bannen +versucht, hatte ihn ermahnt, ihm durch Erzählungen aus der +Naturgeschichte erklärt, wie alle Prophezeiungen vom Untergang der Welt +nur Erfindungen seien, Lügen... Der Junge antwortete: "Hm" und "Ja" -- +und glaubte kein Wort von allem, was der Vater sagte! Sobald das +Unwetter losbrach, war er wie verrückt gewesen -- und auf und davon in +der jammervollsten Todesangst! Und heute trifft er ihn hier, auf offener +Landstraße, eine Meile vor der Stadt, in Regen und Wind und Schmutz +--selbstverständlich ohne Erlaubnis! Erst verunglimpft er den bravsten +Jungen der ganzen Schule, einen kleinen Kerl, über den Kallem sich manch +liebes Mal gefreut und den er oft mit ein paar Groschen bei seiner +kleinen Mission unterstützt hatte, wenn Josefine ihm davon erzählte; -- +und obendrein... + +"Sieh mal an! Hölle und Teufel! Ob er nicht zu allem hin noch lacht!" +dachte er, während er dabei tat, als sehe er es nicht. Und worüber +eigentlich? Na ja, über das Pferd da hinter ihm, mit "Hölle und Teufel" +auf dem Rücken -- und die Peitsche -- und die gleichmäßigen schweren +Tritte im Schneeschmutz: schwapp-schwapp -- -- schwapp-schwapp -- -- +schwapp-schwapp! Und das alles wuchs nach und nach ins Maßlose, wuchs +an, bis es zu einem ungeheuren, formlosen, verzerrten Etwas wurde ... +Der Junge versuchte hastig, an etwas anderes zu denken, -- er stürzte +sich kopfüber in die englische Steinkohlengrube, die sich mit Wasser +füllte -- er suchte das Pferd, das hinter dem Jungen herkeuchte. Aber er +kam nicht bis zur Grube hinunter; nichts als die helle Landstraße und +"schwapp-schwapp -- schwapp-schwapp" -- und Hölle und Teufel, und die +Peitsche, und er selber an der Spitze, auf anderthalb Beinen -- +hi-hi-hi! + +"He?" schrie es hinter ihm. + +Der Laut rieselte dem Jungen den Rücken hinunter wie ein spitzes Stück +Eis. Unfern sah man jetzt Store-Tuft. + +Dicht am Fuß der Böschung lag es, die sie eben hinab mußten. Es bestand +aus ziemlich vielen Gebäuden, deren Mehrzahl im Viereck den Hof umgab. +Auf der andern Seite lärmte der Fluß, mit Mühle und Sägwerk. Die Inseln +draußen und die Landspitzen zu beiden Seiten schlossen die Bucht so +völlig ab, daß das Meer ganz still lag, wie ein Teich mit vereisten +Rändern. Am Strand lag eine Reihe von Bootsschuppen. Um sämtliche +Gebäude Obstgärten, zum Teil recht ansehnliche. + +Aus dem Wohnhaus von Store-Tuft stieg Rauch auf --endlich! Dort kochte +die Mutter das Mittagmahl für Ole. Und Hunger und Kummer und Entbehren +wurden übermächtig in dem Knaben, und vor lauter Sehnsucht nach einer +warmen Stube und trockenen Kleidern und Heimweh nach seiner Mutter und +der Heimat in Spanien hätte er fast wieder zu weinen angefangen. Aber +dann dachte er daran, wie der Vater wieder sagen würde: "Hölle und +Teufel! Jetzt flennt er!" Und da bezwang er sich. + +Ängstlich blickte er nach dem Hof. + +Das Wohnhaus lag mit der Langseite nach dem Garten zu -- ein rot +angestrichener, zweistöckiger Holzbau mit weißen Fensterrahmen. Dahin +steuerten sie, der Knabe immer voran, der Vater hinterdrein. + +An der Giebelseite vorbei gelangten sie in den Hof; gegenüber lagen die +Ställe für das Vieh -- Schafstall, Kuhstall, Pferdestall -- alles unter +einem Dach. Die Gebäude waren ganz neu und lagen rechtwinklig zur +Scheune; gegenüber der Holzschuppen und die anderen Wirtschaftsgebäude. +Auf dem Hof standen Ziegen und knabberten Tannennadeln, umschwärmt von +Spatzen in unglaublichen Mengen; die Versammlung fand unmittelbar vor +der Kornscheuer statt. + +Jetzt erblickten die Ziegen die Ankömmlinge. Sie hoben die Köpfe und +streckten die Hälse, alle auf einmal, Augen gespannt, Ohren gespitzt, +starr, den letzten Bissen unbeweglich im Maul, neugierig bis aufs +äußerste. Bloß der Bock kaute weiter, während er den beiden schwerfällig +und gleichmütig entgegensah. Der Spatzenschwarm schwirrte geräuschvoll +davon. + +Zwischen der Giebelseite des Hauptgebäudes und dem Stall hielt der Vater +und stieg ab. Der Junge war schon drin und begaffte das Scheunendach, +das beschädigt war und eben ausgebessert wurde; Arbeiter waren jedoch +nicht zu sehen. Wahrscheinlich waren sie kurz vorher mit auf den +Fischzug gegangen; die Leiter stand noch auf ihrem Gestell gegen die +Scheune gelehnt. "Halt!" rief der Vater. Und der Junge blieb stehen und +wandte sich um. Der Vater war dabei, "Rauen" an einem Schleifstein +festzubinden, der an der Giebelwand des Hauptgebäudes lehnte. Der Junge +sah zu. "Merkwürdig, wie ruhig er jetzt ist!" dachte der Vater. Er trat +vor und deutete mit der Peitsche nach der großen Steinschwelle vor dem +Hauseingang; dahin sollte der Junge vorangehen. Das tat er denn auch. +Erst kam er an einem Gitterschlitten vorbei; zwei Kätzchen spielten +zwischen den Sprossen, eins innen, das andere außen. Die Fenster, an +denen sie vorbeikamen, gingen so tief herunter, daß sie durch die ganze +Schlafstube, die auf der andern Seite ebenfalls Fenster hatte, und dann +ebenso in die Wohnstube sehen konnten. Da saß Ole, in einem weißen Hemd, +das ihm bis auf die Füße reichte, am Herd mit hochgezogenen Beinen; +neben ihm stand, über ein paar Töpfe gebeugt, die Mutter. Mehr zu sehen +hatte Edvard nicht Zeit. Er stieg über die Schwelle und hinein in den +Flur, aus dem ihm ein herber Fischgeruch, alter und frischer, und ein +Geruch von etwas, was er nicht kannte, entgegenströmte. Wieder deutete +der Vater voran -- nach rechts; auch links war eine Tür, eine +feingemalte mit einer Messingklinke; da sollte er nicht hinein. Na, +dachte der Junge, soviel hätt' ich auch gewußt, daß wir irgendwohinein +wollen, wo Menschen sind, und nicht in die kalte Gaststube! Er legte +seine steifen Finger auf die Klinke und drückte. + +Der Herd war in der Ecke links, dicht an der Tür. Und große Augen +machten sie, die zwei, die da saßen! Oles Krauskopf guckte nur eben aus +Vaters blauweißem Leinenhemd heraus. Die Mutter war ziemlich +hochgewachsen und hatte feine Züge. Sie trug eine schwarze Haube. Das +blonde, mit Wasser glattgekämmte Haar schmiegte sich um die Wangen, +wodurch ihr Gesicht lang erschien. Sie richtete sich von ihren Töpfen +auf und wandte sich den Eintretenden zu, die sie alle beide kannte. Ihr +Gesicht war ernst, doch freundlich; ein bißchen ängstlich schien sie, +oder unsicher; die Augen wollten anfangs auf keinem der beiden so +richtig ruhen. Oles Stiefel standen am Herd; seine Kleider samt Hemd und +Strümpfen hingen an einer Stange, die zwischen den Dachbalken befestigt +war, zum Trocknen; auf dem andern Gestänge lag Holz und allerlei sonst. +Ringsumher Hausgerät und Geschirr, wie immer am Werktag. + +Die Stube war nicht gemalt, sondern vertäfelt; unter den Fenstern zu +beiden Seiten liefen rotgestrichene Bänke entlang; in der Ecke links, +auf der andern Seite des Fensters, stand ein Tisch mit einem Bücherregal +darüber; am Tischende, gleich neben der Kammertür, hing die Schlaguhr; +sie ging so gleichmäßig und unbekümmert, als sei der Unfriede niemals +über diese Schwelle gekommen. Draußen sah Edvard die Kätzchen im +Schlitten; das eine mit der Pfote von innen durchs Gitter heraus-, das +andere von außen hineingreifend. Und unmittelbar vor sich Oles Gesicht. +Ole lächelte; denn auch ihm war bang zumute. Aber die Töpfe! + +Die Töpfe, die waren doch das Allerbeste, dachte der verhungerte und +durchfrorene Edvard. In dem einen kleinen waren Kartoffeln; die waren +schon fertig. Aber zwei hingen noch überm Feuer. Ob Fisch war in dem +einen? Und im andern -- --? + +Die Mutter war verlegen; sie wußte nicht, was anfangen. Da standen sie, +unbeweglich, der barsche Mann und der Junge. Gerade als sie die beiden +zum Sitzen auffordern oder irgend sonst etwas sagen wollte, da ergriff +der Vater das Wort. Sie werde ja wohl wissen, was geschehen sei -- he? +Der Bengel komme und wolle um Verzeihung bitten und sich seine Strafe +holen. Das sei notwendig; denn er sei ein böser Junge, bei dem nichts +nütze, als Strafe; im Guten sei bei ihm nichts auszurichten. + +"Ach -- aber -- so schlimm ist es doch nicht!" sagte die Mutter mild. +Ihr war ganz angst, und Ole wurde so bläulich bleich wie sein Hemd. -- +"Doch! Er soll seine Haue haben! Aber erst bittest Du um Verzeihung! Und +zwar auf der Stelle -- das rat' ich Dir!" -- Ole fing zu weinen an. +Edvard nicht. Ole konnte nicht mehr sitzen bleiben. Er stand auf und sah +die Mutter an. "Da -- --" sagte er. Weiter brachte er nichts heraus. +Aber man sah, was er meinte: sie sollte sich ins Mittel legen. + +"Bitt' um Verzeihung!" knirschte es. Die Peitsche zuckte. "Mutter!" +schrie Ole. Edvard mußte vor. Ole hatte sich abgewendet; er wollte nicht +mehr sehen. So etwas war er nicht gewöhnt. Edvard wich zurück; der Vater +hinterdrein, daß die Sporen klirrten. Edvard lief, in seiner Not, mit +ausgestreckten Händen auf Oles Mutter zu; sie nahm sie nicht, und Ole +fing an, aus vollem Hals zu schreien. So großes Mitgefühl war zuviel für +den armen Edvard; auch er heulte los, während er rund um die Mutter +herumlief. Ein solcher Lärm war es, daß die Ziegen wieder, mit dem +Futter im Maul, dastanden und glotzten und aufhorchten; die Spatzen, die +zurückgekommen waren, schwirrten husch-husch aufs Dach. + +Und was geschieht? Die Spatzen wiesen dem Jungen den Weg. Mit einem +blitzschnellen Satz war er am Vater vorbei, zur Tür hinaus, die +weitoffen hinter ihm stehen blieb. Die Ziegen stoben nach allen Seiten +auseinander. Und der Junge -- die Leiter hinauf -- und aufs Dach. Sobald +er oben stand, fing er an, die Leiter nachzuziehen. -- "So ein Bengel! +So ein Bengel!" schrie der Vater, der am Fenster stand. "He?" -- Und +fort war er. + +Sobald der Sohn ihn kommen sah, ließ er die Leiter fahren, daß sie +polternd herunterfiel. Der Junge selber lief wie eine Katze das Dach +hinauf, bis zum First, guckte sich um und balancierte da, als hätt' er +sein Lebtag nichts anderes getrieben. Jetzt fühlte er augenscheinlich +keine Schmerzen mehr in den Füßen! + +Des Vaters Angst überstieg alle Grenzen. "So pass' doch auf, Du! Pass' +auf, sag' ich! Pass' auf! Willst Du wohl machen, daß Du 'runterkommst! +Und zwar auf der Stelle! Mach', daß Du 'runterkommst, Du Lümmel!" Und er +rannte in seinen Reitstiefeln im Hof herum und drohte hinauf. + +"Fällt mir gar nicht ein! Ich spring' auf den Hof hinunter! Jawohl!" + +"Bengel! Bist Du toll? Hölle und Teufel! Willst Du's wohl bleiben +lassen!" + +"Ja, wenn Du mich nicht haust!" -- "Ich verspreche gar nichts!" -- "So? +Du versprichst gar nichts?" Und der Junge kletterte noch ein bißchen +höher hinauf. + +-- "Doch! doch! Du Spitzbub! Du Lump!" -- "Also Du versprichst es?" -- +"Ich versprech's ja -- zum Teufel! Willst Du machen, daß Du +'runterkommst?" --"Auch nicht an den Haaren reißen -- und nicht hauen -- +und nichts?" -- "Ja doch, ja! Mach', daß Du 'runterkommst! Herrgott -- +Du rutschst ja aus! Edvard!" -- Er kreischte. -- "Also es gilt --? Du +hast's versprochen?" -- "Junge, wenn ich Dich hier hätte -- Du solltest +-- --" er drohte mit der Peitsche hinauf. "Ja doch -- ich hab's +versprochen! Ich versprech' alles! Pass' auf!" -- "Darf ich bis morgen +hier bleiben?" sagte jetzt der Junge, "bei Ole? Darf ich?" -- "Ich +antworte überhaupt nicht mehr, bis Du herunterkommst!" -- "Also nicht? +Na denn -- --" -- "Du Starrkopf! Du miserabler Bengel!" -- "Also Du +sagst ja?" -- "Ja doch, zum Teufel! Aber pack' Dich wenigstens fort vom +Dachrand, Du Satanslümmel!" -- "Du, Vater, eigentlich wär' mir's lieber, +wenn Du zuerst weggingst!" -- "O nein! Das schlag Dir nur aus dem Kopf! +Mach' was Du willst. Erst will ich Dich wieder hier unten sehen!" -- +Schließlich war das dem Jungen auch recht. Der Vater legte die Leiter +an, und der Junge kletterte langsam herunter; immerhin nicht eher, als +bis der Vater ein Stück weit auf den Hof hinaus gegangen war. Und er +hielt sich in gemessenem Abstand, trotzdem der Vater gern mit ihm +geredet hätte und beteuerte, er werde ihm nichts tun. Er ging auch nicht +ins Haus, solang der Vater da war, trotzdem er so naß war, und zwang den +Vater dadurch, zu gehen. + +Fünf, sechs Minuten darauf lagen beide Jungen strampelnd auf der Diele +-- Edvard in einem gleichgroßen Hemd wie Ole und im übrigen ebenso +unbekleidet; beide waren dabei, ein paar dicke wollene Strümpfe +anzuziehen, von der Art, wie die Bauern sie tragen, und die weit hinauf +bis an den Schenkel reichen. Sie fanden es am bequemsten, das Geschäft +auf dem sandbestreuten Fußboden vorzunehmen. Sie pufften einander in die +Seiten und den Rücken und lachten, als sei all das, was wir soeben +miterlebt haben, schon vor wer weiß wie langer Zeit geschehen. Ole +machte alles nach, was Edvard vormachte; und sie lachten so, daß zuletzt +auch die Mutter mitlachen mußte; dieser Edvard hatte auch die +unglaublichsten Einfälle! Die Strümpfe mußten sie anziehen, damit sie +nicht froren, wenn sie beim Essen am Tisch saßen; denn da gab's keinen +Herd für die Beine. Und endlich waren sie denn auch so weit fertig, daß +sie aufstehen konnten. Nun zeigte es sich, was das andere Gericht war; +es war Rahmbrei. Das hatte Edvard noch nie gegessen. Ole sollte ein +bißchen vergnügter werden, als er bei seiner Ankunft war; darum hatte +die Mutter den Brei noch zugegeben. Edvard klatschte in die Hände und +lachte das Essen an. + +Aber Ole saß mit einemmal so ernst und still da! Nanu, was jetzt? Die +Hände gefaltet, die Augen niedergeschlagen? Und die Mutter stand vor +ihnen -- auch sie ernst, die Hände gefaltet, die Augen niedergeschlagen. +Ihr Gesicht neigte sich; es war, als glitte es weiter und weiter weg, +oder als schöben sich Nebel davor und löschten alles Licht darin aus. +Und dann begann sie, wie aus weiter, weiter Ferne, mit einem langen, +langen Tischgebet, in einem einförmigen, leisen Ton, als rede sie still +mit jemand anderm, an einem andern Ort als hier. Edvard fühlte sich wie +ausgestoßen. Die Verlassenheit, die Angst kamen wieder über ihn, die +alten Bilder, die alte Sehnsucht nach der Mutter. Dann war es weg, +zusammengerollt wie Nebel, die am Gebirg herunter sinken. + +Edvard hatte noch nie an einem Tischgebet teilgenommen, und die Art und +das Wesen der Mutter waren für ihn etwas ganz, ganz Neues; und er +verstand sie nicht, wenn sie so murmelte. Noch lange nachher saß er +still da. Ole sprach ebenfalls nicht; die ganze Zeit, solange sie aßen, +war er einsilbig; kaum daß er einmal lächelte. Das Essen war eine +Gottesgabe; deshalb mußte Ernst herrschen. + +Aber sie aßen denn auch mit Ernst! Die Mutter fragte schließlich, ob es +nicht besser sei, ein bißchen für den Abend aufzuheben. Nein, meinten +sie, dies sei ja doch gleichzeitig auch Abendbrot. Sie durften zusammen +in der Altenteilstube schlafen, die als Gastzimmer diente; es war dort +schon alles zurecht gemacht; und jetzt wollten sie noch ein Stündchen am +Herd sitzen, dann aber zu Bett gehen. + +Die Mutter merkte, daß sie am liebsten allein sein mochten und ließ sie +denn auch allein. + +Und dann später in der Schlafstube! Erst der entsetzlichste Spektakel! +Die Pelzdecken und Federbetten stoben nur so um sie herum; dann wurde es +allmählich ruhiger, und endlich kam es zu einem Gespräch. Ole erzählte, +wie die Jungens sich benommen hatten, und Edvard versprach, er wolle den +und jenen dafür durchhauen, und wenn es Anders Hegge selber wäre; wenn +der nicht den Mund halte von "Gottes Wegen" und all dem, so würde er, +Edvard, ihn ordentlich durchwichsen. Anders Hegge sei feig. Er wisse +schon, wer ihm dabei helfen würde; das reine Kinderspiel! + +Als sie müder wurden, kam die Sentimentalität; Ole sprach von Josefine, +und Edvard ging auf seinen Ton ein und versicherte, sie sei +unvergleichlich gewesen heute; er beschrieb, wie sie ihm nachgerudert +war. Und Ole fand das groß. Ja, Josefine hatte etwas Großes; darin +stimmten sie beide überein. + +Edvard konnte nicht begreifen, weswegen Ole Missionär werden wollte. Was +zum Kuckuck hatte es denn für einen Sinn, auf wilde Abenteuer +auszuziehen, wo es doch hier in der Heimat genug zu tun gab? Ole sollte +Pastor werden, und er Arzt, und beide würden sie im selben Kirchspiel +leben. Wäre das nicht famos? + +Edvard malte das immer weiter aus; sie würden Hof an Hof wohnen und oft +zusammenkommen, besonders abends zu einem Glase Punsch, wie jetzt der +Vater und der Apotheker, und Schach spielen wie sie. Dann wollten sie +sich einen flotten Wagen kaufen, und jeder ein Pferd dazu halten, und +zusammen ausfahren; das war gemütlicher als allein. Oder sie konnten am +Strand wohnen und gemeinsam ein großes Boot haben -- alles gemeinsam. + +Ole war es, als sei bei allem Josefine mit, wenn auch Edvard davon +nichts sagte. Aber es war klar, daß sie mit dabei war. Und Ole fand +das so zart von Edvard, und war ihm so ungeheuer dankbar; und das +gab den Ausschlag. Josefine als Pfarrfrau, die auf dem Hof waltete +und schaltete ... + +Also schließlich war er einverstanden; es wurde bestimmt, der eine +sollte Pastor werden und der andere Doktor, und sie wollten +zusammenwohnen. Das letzte, wovon sie sprachen, waren Fischzüge. + +Sie hörten noch gewissermaßen die schweren Schritte und die Reden der +Männer, die vom Fischzug heimkehrten, aber sie waren so müde. + + + + +Jugend + + +1 + +Erstes Paar vor! + +Auf dem Land draußen, etwa fünf Kilometer von der Stadt entfernt, hatte +sich das junge Volk versammelt. Der Hügel, auf dessen nach der Bucht zu +abfallendem Teil sie saßen, war lustig bunt von Sommerkleidern, +besonders von Mädchenkleidern: + +"Gelbe, schwarze, braune, weiße, +Grün und violett und blau --" + +-- manche einfarbig, viele gesprenkelt, gewürfelt, gestreift; Filzhüte, +Strohhüte, Tüllhüte, Mützen, unbedeckte Köpfe, Sonnenschirme. Eben stieg +ein harmonischer Gesang aus diesem Farbenmischmasch empor, Klänge eines +vereinten Männer- und Frauenchors, in langen, farbenvollen Bogen. Kein +eigentlicher Vorsänger; ein junges, brünettes Mädchen in braunkariertem +Kleide lag in der Mitte der Schar, auf den einen Ellbogen gestützt, und +führte mit einem Sopran an, der klarer und freier als die Stimmen der +andern war; und ihr folgten sie. Sie waren gut aufeinander eingesungen. +In der Bucht unter ihnen lag ein frischgestrichenes Deckboot mit neuen, +zur Hälfte gerefften Segeln; und das Wasser spiegelglatt. + +Gesang und Boot vereinten sich zu einem lichten Bündnis unten in der +schwarzen, von nackten, im Hintergrund immer höher ansteigenden Klippen +überschatteten und eingeklemmten Bucht. Die Bucht selbst glich einem +Bergsee, der sich dereinst beim Schneegang gebildet hat und vergessen +worden ist. Die Berge -- wie schwer und stumpf in Linien und Farben -- +holperig und bleiern; die letzten da hinten schwarzblau, mit Kappen +schmutzigen Schnees, -- Ungeheuer einer wie der andere. + +In dem schwarzen Wasser lag das Boot, bereit zum Tanz; das war in +fröhlicherem Verband daheim, als die Gesellschaft jener hohen Beisitzer +des Natur- und Menschenlebens es ist, Gesang und Boot waren ein Protest +gegen alles überragend Herrschsüchtige, alles unverschämt Stumpfe und +Rohe -- ein freischwebender Protest voll stolzer Farbenfreude! + +Im übrigen merkten die Berge so wenig etwas von diesem Protest, wie das +junge Volk begriff, daß er von ihm ausging. Das "Hochgeborene", das +darin liegt, in einer Natur wie dem westlichen Norwegen zur Welt +gekommen und aufgewachsen zu sein, besteht eben darin, daß die Natur den +Menschen zwingt, ihr Trotz zu bieten, wenn er nicht unterjocht sein +will; unter oder oben -- entweder -- oder! Und sie waren oben; denn das +Volk des Westlandes ist das lebhafteste, am reichsten begabte +Skandinaviens. In so hohem Grad sind sie die Herren der Natur, in der +sie leben, daß auch nicht einer unter all diesen jungen Menschen jene +Berge als schwer oder farbenkalt empfand; die ganze Natur hier erschien +ihnen so stark und frisch wie nirgends sonst in der Welt. + +Denn nicht nur die lichten Halden und das weite Meer hatten die +Menschen, die hier saßen und sangen, geboren und aufgezogen; nein, +ebensogut waren sie Kinder der Berge, der Vorberge und der tiefer +landeinwärts gelegenen Höhen. Kurz vor dem Gesang noch war ein +Wortgefecht gewesen zwischen ihnen, so unerbittlich hart, so bleigrau +wie der grauste Berg. Und just um dies unheimlich Felsenharte in ihrem +eigenen Innern zu überwinden, hatten sie den harmonischen Gesang lange, +strahlende Bogen zwischen die Gipfel über den Abgründen spannen lassen. +Der Sommertag war an sich ziemlich grau; aber bisweilen, wie eben +jetzt, brach die Sonne mitten in Sang und Segel und Landschaft hinein. + +Zwei waren da, an die war Sonne und Sang weggeworfen. Seht dort, den -- +wie er da unten rechts, ein bißchen abseits, auf seinen Ellbogen +gestützt, im Gras liegt! Ein langer Bursch im hellen Sommeranzug, ohne +Hut. Ein runder, kurzgeschorener Kopf, eine breite, niedere Stirn, die +aussieht, als sei sie hieb- und kugelfest; _die_ Stirn muß gute Stöße +ausgeteilt haben in seinen Knabenjahren! Unter der Stirn eine Nase wie +ein Schnabel und ein paar scharfe Augen, die gerade jetzt beinah ein +bißchen schielen; aber entweder verdeckten es die Brillengläser, oder es +war an sich unbedeutend. Das ganze Gesicht hatte etwas Strenges, der +Mund war straff, das Kinn scharf. Doch wenn man es näher betrachtete, so +wechselte der Eindruck; das Scharfgeschnittene wurde eher Energie als +Strenge, und der Wille, der seinen Sitz in dieser Gebirgsgegend +aufgeschlagen hatte, konnte sicherlich auch gar freundlich und +schalkhaft sein. Selbst jetzt, wie er so dasaß, voll Ingrimm, und sich +den Teufel um Gesang und Sonnenschein scherte, -- -- viel lieber hätte +er sich eine Keilerei gewünscht! -- selbst jetzt flog ein Schimmer von +Humor über die finsteren Brauen. Er war offenbar der Sieger. + +Wer etwa zweifelte, der brauchte bloß einen Blick auf die andere Seite +der Gruppe zu werfen, auf den, der dort links, ein bißchen weiter oben, +an einen Baum gelehnt saß. Das Bild eines verwundeten Kriegers! Und noch +in den Zügen die zitternde Unruhe der Schlacht. Ein langes, blondes +Gesicht, das nicht an der Westküste daheim war, sondern im Gebirg oder +im Oberland. Entweder war er fremd hier oder von einer eingewanderten +Familie. Er ähnelte auffallend den herkömmlichen Abbildungen von +Melanchthon; nur daß vielleicht der Blick schmachtender, die Augenbrauen +ein bißchen zu hoch geschürzt waren. Die Ähnlichkeit im ganzen -- +besonders in Stirn, Augenstellung und Mund -- war so groß, daß er unter +seinen Studienkameraden auch tatsächlich den Namen Melanchthon führte. +Das war Ole Tuft, jetzt noch Student der Theologie, bald ausstudiert; +und der andere, der Sieger mit dem Adlerschnabel, der eben noch recht +kräftig zugehauen haben mochte, war sein Jugendkamerad, der Mediziner +Edvard Kallem. + +Vor mehreren Jahren schon waren ihre Wege auseinandergegangen, ohne daß +es darum zu einem Zusammenstoß gekommen wäre; heute aber war etwas +geschehen, das zu einer Entscheidung führen sollte. + +Mitten zwischen ihnen, also in der Mitte des Hügels, im Kreis der +Singenden, saß eine hochgewachsene Mädchengestalt in dotterfarbenem +seidenen Kleid, um den Hals eine breite, gelbe Spitze, die in tiefen +Falten bis an den Gürtel hinabreichte. Sie sang nicht mit, sondern +reihte einen ganzen Berg Feldblumen und Gräser zum Kranze. Man konnte +sofort erkennen, daß sie die Schwester des Siegers sein mußte, nur +dunkler von Haut und Haarfarbe. Dieselbe Kopfform -- wenn auch ihre +Stirn verhältnismäßig höher war, überhaupt das ganze Gesicht +verhältnismäßig größer -- zweifellos zu groß. Die scharfe Familiennase +war sanfter gebogen in ihrem regelmäßigen Gesicht; _seine_ schmalen Lippen +waren hier voll, sein Kinn gerundet, seine unebenen Brauen ebenmäßig, +die Augen größer --. Und doch war es dasselbe Gesicht. Der Ausdruck bei +beiden verschieden; bei ihr -- wenn nicht kalt, so doch verschlossen und +ruhig; niemand hätte so leicht diese tiefen Augen ergründet. Und doch +war auch der Ausdruck bei beiden merkwürdig verwandt. Der Kopf saß auf +einem starken, von kräftig ausgebildeten Schultern getragenen Hals; auch +die Büste war recht üppig. Das dunkle Haar war zu einem eigenartigen +Knoten verschlungen. Den Hals trug sie frei; aber das gelbe Kleid mit +der gelben Spitze schmiegte sich eng an den sammetbraunen Körper, wie +überhaupt der ganze Anzug den Eindruck von etwas fest Zugeknöpftem +machte; und ebenso ihr Wesen. Sie flocht, wie gesagt, einen Kranz und +wandte den Blick weder nach dem einen noch nach dem andern der zwei, +die da miteinander gefochten hatten. + +Hervorgerufen war der Kampf durch einen großen, schwarzen Hund; der lag +jetzt da und tat, als ob er schliefe. Sein nasser, schwerer Pelz glänzte +in der Sonne. Ein paar junge Leute hatten Stöcke ins Meer geworfen und +den Hund hinterher gehetzt; und dabei hatten sie jedesmal gerufen: +"Samson! Samson!" -- das war der Name des Hundes. Da sagte Edvard Kallem +zu einigen Umstehenden: "Samson -- das bedeutet Sonnengott". -- "Was?" +fragte ein junges Mädchen, "Samson bedeutet Sonnengott?" -- "Gewiß. Wenn +auch die Theologen sich schwer hüten, das zu sagen." Er sagte es ganz +jugendlich leichthin, gar nicht um jemand zu ärgern oder um daran +weiterzuspinnen. Aber Ole Tuft hörte es zufällig und fragte etwas +überlegen: "Weshalb sollten denn die Geistlichen den Kindern nicht +sagen, daß Samson Sonnengott bedeutet?" -- "Weil dann die ganze +Samsonerzählung nicht mehr als Vorbild für den Christusmythus zu +brauchen wäre." Das Wort saß; und das sollte es auch. Lächelnd, +überlegen sagte Ole: "Samson läßt sich wohl trotzdem als Vorbild +gebrauchen --ob er nun Sonnengott heißt oder nicht!" -- "Ja -- ob er +Sonnengott _heißt_ oder nicht; wenn er aber der Sonnengott _war_?" -- "So? +Also er war der Sonnengott?" rief Ole lachend. -- "Das sagt doch der +Name." -- "Der Name? Sind wir etwa Bären oder Wölfe, weil wir nach Bären +und Wölfen heißen? Oder Götter, weil wir nach Göttern heißen." +Verschiedene aus der Gesellschaft hörten das mit an; jetzt kamen auch +andere hinzu, unter ihnen Josefine. Und beide wandten sich sofort an +sie. + +"Der Fehler ist," sagte Edvard, "daß in die Geschichten, die von Samson +handeln, überhaupt erst Sinn kommt, wenn man weiß, daß er der Sonnengott +war." --"Ach! Heutzutag müssen ja sämtliche Ahnen und Urgeschichten +aller Völker irgendwie auf die Sonnensage Bezug haben!" Und Ole gab ein +paar amüsante Parodien auf diese wissenschaftliche Mode zum besten. +Allgemeine Heiterkeit; auch Josefine lachte. Sofort geriet Edvard in +Eifer und begann auseinanderzusetzen: als sich bei uns eine neue +Religion bildete, da wurden unsere eigenen Götter, die ursprünglich +indische Sonnengötter waren, zu Stammvätern; ihre Altäre, an denen das +Volk geopfert hatte, wurden in Grabstätten umgewandelt. Auf diese Weise +wurden auch die alten Sonnengötter der Juden umgewandelt in Stammväter, +als der Jahvekultus sie als Götter verdrängte. -- "So? Und woher will +man denn das wissen?" -- "Wissen? Mach' doch die Probe mit Samson! Wie +sinnlos, zu glauben, daß die Stärke eines Menschen in seinen Haaren +liegen kann! Sobald wir aber davon ausgehen, daß es die Sonnenstrahlen +sind -- zur Sommerzeit lang, im Schoß des Winters kurz geschnitten -- +kommt Sinn in die Sache. Und wenn die Strahlen gegen das Frühjahr hin +wieder wuchsen --nicht wahr? -- da konnte der Sonnengott wiederum die +Säulen der Welt umfassen!... Nie haben Bienen Honig gesammelt in einem +Aas; wenn wir aber hören, daß es --so oft die Sonne durch ein +Himmelszeichen ging, z. B. durch den Löwen, -- hieß: die Sonne schlug +den Löwen -- ja, dann verstehen wir, daß die Bienen Honig im Aas des +erschlagenen Löwen sammelten, d. h. in der wärmsten Zeit des Sommers." + +Jetzt waren alle ganz Ohr, und Josefine war im höchsten Grade +verwundert. Sie sah nicht zu ihrem Bruder auf, denn sie merkte, daß er +sie ansah; aber es war nicht mißzuverstehen: was Edvard anfänglich ohne +jeden andern Gedanken als den, ein bißchen zu protzen, begonnen hatte, +das erhielt eine bestimmte Bedeutung dadurch, daß Josefine zwischen +ihnen stand. "Bei den Ägyptern", erzählte er, "begann der Frühling, wenn +die Sonne das Lamm schlachtete, d. h. durch das Zeichen des Lammes ging, +und aus Freude über die Erneuerung schlachteten alle ägyptischen +Familien an diesem Tag ein Lamm. Von ihnen haben es die Juden. Wenn die +Juden dies später zu etwas umgewandelt haben, das sie von den Ägyptern +unterscheiden sollte, so ist das eine Fälschung. Gerade wie mit der +Beschneidung; auch die haben sie aus Ägypten. Aber so was verschweigen +die Herren Pfaffen." + +Von all dem wußte Ole Tuft wenig oder nichts. Sein eifriges Studium +hatte sich streng auf die Theologie beschränkt; er hatte auch gar keine +Zeit zu anderen Dingen und sein Glaube war altes Bauernerbe und in sich +selbst viel zu gefestigt, um sich mit wissenschaftlichen Zweifeln +abzugeben. Hätte er das nun geradeheraus gesagt, so wäre kaum weiter +etwas daraus entstanden. Aber auch er fühlte, daß Josefine zwischen +ihnen stand und sich bestechen ließ. So begann er voll Hohn alles als +bloße Erdichtung zu bezeichnen, die heute glänzt und morgen zergeht. + +Das ertrug die Eitelkeit des andern nicht! "Den Theologen fehlt es ganz +einfach an der primitivsten Ehrlichkeit", schrie er. "Sie verschweigen, +daß die wichtigsten Teile ihres Glaubens nicht den Juden offenbart, +sondern einfach irgendwo anders hergenommen sind. So der +Unsterblichkeitsglaube. Der stammt aus Ägypten. Ebenso die Gebote. Kein +Mensch klettert einen hohen Berg hinauf, um sich unter Donner und Blitz +offenbaren zu lassen, was die Leute schon tausend Jahre lang gewußt +haben. Woher stammt der Teufel? Woher die Strafen der Hölle? Woher der +jüngste Tag und das Gericht? Woher die Engel? Die Juden haben von all +dem nichts gewußt. Die Pfaffen sind -- na, einfach Leute, die nicht +ehrlich nachforschen und dem Volk derartiges weismachen!" Josefine +senkte den Kopf; die Jugend, besonders die männliche, war offenbar auf +Kallems Seite. Freidenkertum war Mode; und sich ein bißchen über den +angestammten Glauben lustig machen, war ganz vergnüglich. + +Ein junger Mann ergoß seinen Spott über die Schöpfungsgeschichte; Kallem +besaß geologische und paläontologische Kenntnisse und wußte sie gut +anzubringen. Dabei konnte Ole Tuft noch weniger mit; er erwähnte bloß +ein paar Versuche, die hier und dort gemacht worden waren, die +Bibellehre mit gewissen neueren Entdeckungen in Einklang zu bringen. +Aber er kam schlecht weg dabei. Und nun ging's, Trumpf über Trumpf, von +einem Dogma zum andern; am längsten stritten sie sich über die Lehre von +der Versöhnung; die stamme aus einer Zeit, so uralt, so roh, daß noch +nicht einmal die persönliche Verantwortlichkeit des Individuums +existierte, bloß die des Stammes und der Familie. Tuft war verzweifelt; +jetzt galt es! Mit lauter Stimme, bewegt und kraftvoll, fing er an, +seinen Glauben zu bekennen. Als ob _das_ was helfen konnte! Behauptungen +-- Behauptungen! Bring uns die Beweise! Zu spät erkannte Ole Tuft, daß +er zu viel verteidigt und darum alles verloren hatte. Er empfand ein +tiefes Weh; er kämpfte ohne Hoffnung, aber er kämpfte dennoch und rief +es laut in alle Welt hinaus: wenn auch nur eine dieser Wahrheiten +zweifelhaft erscheine, so trage allein er die Schuld; er sei zu schwach, +sie zu verteidigen. Aber Gottes Wort bleibe unangetastet bestehen, bis +ans Ende der Welt! -- Ja, aber was denn eigentlich Gottes Wort sei? -- +Gottes Wort -- das sei die Bibel, in ihrer Ganzheit und ihrem Geist, die +Schöpfung (oho!), der Sündenfall (hört! hört!), der Erlösungstod (hört! +hört! hört!) -- -- --Er schrie, die andern schrien, Tränen traten ihm in +die Augen; seine Stimme zitterte; er war bleich und schön. + +Ganz so unbarmherzig wie Kinder sind junge Leute nicht; aber doch auf +dieselbe Art. Einigen tat Ole leid; andere wollten ihn jetzt erst recht +"reinlegen" -- und vor allen Edvard Kallem. + +Josefine aber machte sich heimlich zu der Brünette mit der Sopranstimme. +Und augenblicklich stimmte diese eins ihrer Lieder an, und die andern +fielen nach und nach ein -- die Herren ein bißchen später als die Damen. +Die Gesellschaft bestand zufällig -- bis auf wenige Ausnahmen -- aus +einem Damen- und Herrenchor, die in den drei letzten Wintern mit einem +Fleiß und einer Eintracht geübt hatten, wie das nur in einer kleinen +Stadt möglich ist. + +Josefine setzte sich mitten auf den Hügel; die anderen um sie herum. Sie +sang nicht mit; sie war mit ihren Blumen beschäftigt. + +Die ganze Gesellschaft war mit dem Schiff hergekommen, das dort unten so +heiter in der Sonne lag. Josefine, Edvard und Ole hatten dicht +beieinander gesessen; denn viel Platz war nicht. Keiner hätte nach ihrer +heiteren, meist im Flüsterton geführten Unterhaltung ahnen können, daß +nicht alles zwischen ihnen die lautere Freundschaft und Güte war. Und +jetzt, kaum drei Stunden später, saß Ole Tuft da als Ausgestoßener. Wie +weh das tat! Ein plötzlicher Angriff auf seinen Beruf, seinen Glauben -- +vor aller Augen! Und gerade von Edvard! Und so grausam! So erbarmungslos +höhnisch! Und Josefine! Kein Wort der Teilnahme von ihr -- keinen Blick! + +Von Kindheit an hatten sie zusammengehalten, Ole und sie, hatten +einander geschrieben, als er in Kristiania war -- er alle vierzehn Tage; +sie, sooft sie etwas zu schreiben hatte. Wenn er in den Ferien zu Hause +war, kamen sie täglich zusammen. In den zwei Jahren, als sie in der +französischen Pension und in Spanien war, wurde der Briefwechsel +eifriger geführt, auch ihrerseits, -- und als sie wieder nach Hause kam +-- so sehr sie sich auch sonst verändert hatte -- im Verhältnis zu ihm +war sie dieselbe geblieben! Ihr Vater unterstützte ihn bei seinen +Studien, so daß er sich mit voller Hingabe ihnen widmen konnte; zu +Weihnachten sollte er sein letztes Examen machen; und jedermann +prophezeite ihm, es würde ganz glänzend ausfallen. Daß man ihn so +unterstützt hatte, das verdankte er ohne Zweifel ihr, vielleicht auch +ihrem Bruder. Beide hatten ihn seinerzeit bei ihrem Vater, beim Rektor, +beim Apotheker und auch sonst eingeführt; auch jetzt verschaffte sie ihm +Zutritt überall. Für gewöhnlich war sie wortkarg und manchmal recht +schwierig; aber in ihrem Freundschaftsverhältnis von unverbrüchlicher +Treue. Sie konnte ihn auszanken (er war gar nicht immer so, wie's ihr +paßte); aber das gehörte zu ihrem Verkehr; er nahm das weiter nicht +schwer, und sie erst recht nicht. Sie war ja vom ersten Tag an sein +Vormund gewesen. Noch hatte er nicht gewagt, ihr zu sagen, daß er sie +liebe; es hatte ja auch keine Eile; und im Grunde war es viel zu heilig. +Er war ja ihrer so sicher wie seines Glaubens. Er war ein Bauer; sein +Wesen war Einheit, sein Grundton Gefestigtheit. Für seinen Glauben +sorgte Gott. Für sein Wohlergehen und seine Zukunft sorgte +selbstverständlich auch Gott -- aber durch Josefine. Sie war in seinen +Augen das schönste, gesundeste, tüchtigste Mädchen im ganzen Land -- und +sehr reich. Das zählte auch mit; er war von kleinauf ein ehrgeiziger +Träumer gewesen. Nur daß die Träume jetzt nach einer andern Richtung +gingen. + +Seine Studienkameraden wußten das recht wohl; sie nannten ihn, außer +"Melanchthon", den "Bischofprätendenten der Fjorde" oder auch den +"Fjordbischof". Ihm selber war es geradezu ein Bedürfnis geworden, als +solcher betrachtet zu werden; und weil etwas Kindliches darin lag, stand +ihm diese lächelnde Überzeugtheit ganz gut. Außerdem -- er sah so gut +aus -- hatte ein so hübsches, offenes, rosiges Gesicht --; da wirkt der +Ehrgeiz nicht leicht abstoßend. + +Und jetzt fühlte er -- er war abgestürzt von seiner ruhigen, lächelnden +Höhe! Jeder, der sich immer sicher gefühlt hat und zum erstenmal eine +gründliche Niederlage erleidet, wird dadurch aus allen Fugen geraten! +Das Schlimmste war -- Josefine verleugnete ihn. Wieder und wieder +blickte er zu ihr hin; aber sie ordnete ihre Blumen und Gräser, als sei +er überhaupt nicht vorhanden. + +Zuletzt war es wirklich, als rückten alle von ihm ab, oder als sei er +tatsächlich nicht mehr da. Er saß, ohne zu sitzen, hörte, ohne zu hören, +sah, ohne zu sehen. Droben vor dem Haus deckte man den Tisch zum +Abendbrot. Sobald es fertig war, ging man hinauf, aß, trank, schwatzte, +lachte; bloß er war nicht mit dabei; er stand und starrte hinaus -- nach +dem jenseitigen Ufer der Bucht -- oder in weite, weite Fernen ... Ein +junger Kaufmann redete zu ihm über Dampferlinien -- daß sie so gar nicht +günstig lägen. -- -- Ein Mädchen mit schrägstehenden Zähnen, roten +Zöpfen und Sommersprossen -- er hatte ihr einmal Unterricht gegeben -- +versicherte ihm, die Seeleute seien gar nicht so gebildet, wie man das +von so weitgereisten Menschen erwarten sollte. Die Wirtin kam und +fragte, warum er denn nichts esse, und der Wirt stieß mit ihm an; sie +erwiesen ihm dadurch etwas vom alten Respekt; aber sie warfen beide +einen hastigen Blick auf seine Augen, vor dem er erbebte: er fühlte den +Zweifel. In seinem nagenden, immer mehr zunehmenden Schmerz sah er +überall Zweifel und Hohn, selbst in der Fröhlichkeit der andern. Edvard +war lustig bis zur Ausgelassenheit, und alles drängte sich um ihn. Ihm +zu Ehren -- er war vor etwa vierzehn Tagen heimgekehrt -- war ja auch +der ganze Ausflug unternommen. Ole sah wie im Traum, daß Josefines +Blumen jetzt auf dem Tisch standen, und hörte, wie die Zusammenstellung +der Farben gerühmt wurde. Sie selber hatte mit zwei Freundinnen an einem +kleinen steinernen Tischchen Platz genommen, an dem niemand weiter +sitzen konnte. Vielleicht, damit er sich nicht anschließen sollte? Ganz +drüben, auf der andern Seite war es. Er sah sie plaudern und lachen; +sämtliche junge Herren bedienten sie. Edvard war auch ein paarmal dort, +und brachte sie zum Lachen. Und das alles beobachtete er mit einem +sonderbaren Gefühl von Angst. Der Lärm tat ihm weh, das Lachen war wie +ein Hohn, das Essen blieb ihm im Halse stecken, das Getränk brannte, die +Menschen waren wie Automaten -- das Haus, die Bucht, das Boot, die Berge +so erdrückend nahe. + +Da Windstille eingetreten war, mußte die Gesellschaft zu Fuß nach der +Stadt zurückgehen. In geschlossener Kolonne, singend, begann man zu +marschieren; aber bald kamen aus den umliegenden Gehöften Sommergäste +herzu, und da es Bekannte waren, machte man halt. Die Neuhinzugekommenen +schlossen sich ein Stück Wegs an; dann kamen weitere; und jedesmal gab +es einen Aufenthalt, und jedesmal lösten sich einzelne Gruppen los. +Dadurch gelang es Ole, unbemerkt zurückzubleiben. Er konnte die +Gesellschaft und ihre Lustigkeit nicht mehr ertragen. + +Denn jetzt erst konzentrierte alles sich um Josefine. Edvards +plötzliches Umschwenken, sein Angriff, die Schmach der Niederlage, das +verletzte religiöse Empfinden ... alles verfloß in dem _einen_ Gedanken, +daß _sie_ nicht zu ihm gestanden war, mit keinem Wort, mit keinem Blick; +daß sie ihm erst ausgewichen war und ihn jetzt ganz im Stich ließ. Das +ertrug er nicht; denn sie war ihm viel zu teuer geworden. Er wußte es +und er schämte sich dessen nicht. Sein früherer höchster Erdenwunsch -- +Missionär zu werden -- war von ihm abgefallen wie eine Haut, als +Josefine keinen Wert mehr darauf legte. Jedesmal, wenn die Mutter ihm +gesagt hatte, er möge doch nur nicht Missionär werden, hatte er +erwidert: man solle Gott mehr gehorchen als den Menschen. Aber als +Josefine, in ihrer kraftvollen Art, in eine nähere Wirklichkeit +hineinwuchs, da gab er es auf, ohne daß sie auch nur ein Wort darüber zu +verlieren brauchte. Daß es sich strafen müsse, wenn man einen Menschen +_so_ liebe, das sagte er sich selber. Aber er konnte nicht anders. + +Unter solchen und tausend ähnlichen Gedanken blieb er nach und nach +zurück und bog vom Weg ab in ein Wäldchen ein; dort warf er sich nieder +und wartete, bis die Sommergäste zurück- und vorbeikommen würden. Er +drehte sein Gesicht der Erde zu. Das kühle Gras, das ihm Wangen und +Stirn kitzelte, und die feuchte Erde, die er einatmete, redeten zu ihm +... Solch dürftiges, im Schatten wachsendes Gras hat keinen Duft; und so +war es auch mit ihm; durch sie hatte auch er die Sonnenseite kennen +gelernt; ohne sie war nichts als Schatten. + +Und der Bruder hatte sie ihm genommen! schrie es in ihm. + +Dieser Bruder, der sich bis vor wenigen Tagen nicht um sie gekümmert +hatte, während er, Ole, von Kind auf um sie gewesen war, mit ihr +gerudert hatte, ihr vorgelesen, ihr Bruder und Schwester zugleich +gewesen war und ihr geschrieben hatte, wenn sie fern voneinander waren! +Hatte ihr Bruder das je getan? Selbst seine Niederlage durfte er sich +zugute schreiben! Denn hätte er's -- ihretwillen -- nicht so +gewissenhaft genommen mit dem Examen, zu dem ihr Vater ihm verholfen +hatte -- so hätte er mehr gewußt von den Dingen, um die sich's handelte +-- hätte vielleicht keinen solchen Abfall erlitten. Auch das mußte er um +seiner Treue willen erdulden. + +Edvard war, in Josefines Kinder- und Backfischzeit, selten mit ihr +zusammen gewesen, ohne sie zu necken. Sie war immer ein hageres Ding +gewesen, mit großen schwarzen Augen, meist sehr zerzaustem Haar, roten +Händen und einer "schlottrigen" Figur. Er hatte sie nur das "Entenküken" +genannt, und als sie einmal gefallen war und hinkte, "das lahme +Entenküken". Er konnte nie so recht klug aus ihr werden; sie war so herb +und trotzig und immer -- drei Schritt vom Leibe. Und dann -- sie war so +oft der Anlaß, daß er Schläge bekam. Sie hielt es für "gerecht", zu +erzählen, wenn er etwas Dummes angestellt hatte. Und wenn er sie dafür +verprügelte, so war es "gerecht", auch das wieder zu erzählen. Das +empörte ihn gegen sie. Bald kamen sie auch dadurch auseinander, daß er +das väterliche Haus verließ. Nach jenem unglückseligen Tag, an dem Vater +und Sohn auf dem Weg nach Store-Tuft zusammengetroffen waren, erbarmte +sich der Apotheker seines alten Freundes und nahm den Jungen ganz +regelrecht als seinen eigenen Sohn zu sich. Und was dem Vater nicht +geglückt war, das glückte _ihm_. Der Junge wurde sofort aus der Schule +genommen und durfte seinem Hauptinteresse, den Naturwissenschaften, +leben. Chemische und physikalische Analysen oder botanische Ausflüge +waren sein Höchstes, und zwei Jahre lang trieb er ausschließlich +derartige Studien. Die zum Abiturientenexamen notwendigen Fächer eignete +er sich dann durch Privatunterricht so rasch wie möglich an, und nach +der Prüfung begann er sein medizinisches Studium. So lange er daheim +war, sah er seine Schwester nur, wenn sie ihn in der Apotheke besuchte, +und da ihre Interessen auseinandergingen, war der Verkehr eigentlich +gleich Null. Später nahm ihn der Apotheker fast in jeder Vakanz mit ins +Ausland; Edvard hatte gute Sprachkenntnisse, und die gingen dem +Apotheker ab. Also kamen auch während der Ferien Bruder und Schwester +nur selten zusammen. Aber seit er als Student mit dem Apotheker seine +erste Reise ins Ausland gemacht und sie den heimgekehrten, erwachsenen +Bruder gesehen und gehört hatte -- modern in Kleidung und Gedanken, +feurig, kraftvoll, das Ideal der gesamten Jugend, besonders der +weiblichen -- hatte sie ihn heimlich bewundert. Er seinerseits übersah +sie einfach; oder er zog sie auf; das kostete sie Stunden der Qual; aber +sie schluckte es tapfer hinunter, nur damit sie sein konnte, wo er war +-- wenn auch nur ganz still in einer Ecke. + +Ole verstand sie, trotzdem sie sich nie verriet. Auch ihm gegenüber +sprach sie selten anders von Edvard als von einem "Ekel", einem "Wicht", +einer "Plappermühle" usw. Aber durch die treuen Dienste, die er ihr +erwies, so oft sie vom Bruder übersehen oder gekränkt dasaß, sammelte +Ole sich Schätze in ihrem Herzen. + +Mit Edvard war eine große Veränderung vorgegangen; seine Neugierde war +zur Wißbegier, seine Unruhe zu Energie geworden. Aber gleichzeitig +durchlief auch die Schwester verschiedene Stufen der Entwicklung, von +denen er nichts ahnte. Zweiundeinhalbes Jahr waren jetzt verflossen, +seitdem er sie zum letztenmal gesehen hatte; sie war zwei Jahre in +Frankreich und Spanien gewesen, und in den letzten Ferien, als sie zu +Hause war, hatte er mit dem Apotheker eine Reise nach England gemacht; +auch in diesem Jahr waren sie ein paar Monate zusammen fort gewesen. Die +Schwester, die er _jetzt_ sah, die kannte er nicht. Nach der ersten +Begegnung war er ganz von ihr erfüllt. + +Schön sei sie nicht, sagte er zu Ole (zu dessen größter Verwunderung), +sobald die beiden sich trafen. Aber er wurde nicht müde, von dem neuen +und eigenartigen Eindruck zu sprechen, den sie hier unter all den andern +mache. Ihre Mutter müsse sich an einer Spanierin versehen haben, als sie +mit ihr schwanger ging. Wäre nicht dieses Unnennbare -- die Augen +gewesen, was auf der ganzen Welt Volk von Volk unterscheidet -- wären +nicht die Augen gewesen, sie hätte unter Spaniern ruhig für eine +Landsmännin gelten können. Wie das in einem norwegischen Hause wirkte! +Sie sprach gut --lebendig und rasch -- war aber eigentlich wortkarg, und +hielt sich zurück. Kühn in ihrer Kleidung, mit einer Vorliebe für starke +Farben, ganz modern, fast herausfordernd, aber in jeder andern Hinsicht +eher scheu. + +Fortan war Edvard ihr Bruder. Der Vater war verreist, und während der +Zeit wohnte sie bei Rektors und war nicht immer zu haben; aber so oft es +sich machen ließ, waren sie zusammen. Sie hatte die Empfindung, als ob +er sie gern "entdeckt" hätte, und war auf ihrer Hut; aber es +schmeichelte ihr, daß er in Gesellschaft seine Worte an sie richtete und +daß seine Augen stets die ihren suchten. + + * * * * * + +Während Ole, tief unglücklich, sein Gesicht ins Gras des Waldbodens +preßte, standen sie alle vor ihm, die Stunden, da sie auf dem Ball den +Bruder hatte tanzen sehen -- mit der und mit jener -- manchmal mehrere +Tänze mit einer und derselben -- und mit ihr bloß eine "Pflichttour". + +Und jetzt? + +Jetzt war sie Edvards Schwester -- seine geliebte Schwester -- und Oles +und ihre Wege gingen auseinander ... + +Weshalb mußte Edvard sich in ein Verhältnis eindrängen, von dem er doch +gar nichts wußte? Sich Rechte anmaßen, die er sich durch nichts verdient +hatte? Nach ein paar Tagen des Zusammenseins einfach entscheiden, wer +für sie passe -- und wer nicht? + +Weshalb vor aller Augen ihn angreifen und ihn verhöhnen in dem, was ihm +Lebenssache war? Und nicht allein ihn -- sondern Gott selber. + +Und wie Ole Tuft diesem Gedanken nachhing, verbreitete sich um ihn ein +seltsam heller Lichtschimmer -- und in diesem Schimmer stieg etwas +Großes empor über den Bergen jenseits des Fjords ... Er fühlte, wie es +ihn im Nacken packte, während er so dalag, das Antlitz tief in den Rasen +gedrückt. Und es flüsterte, und das Flüstern erfüllte den ganzen Raum -- +von dort bis hier --: "Was hast Du aus mir gemacht?" + +Ah -- wie plattgedrückt kam er sich vor -- wie in die Erde +hineingepreßt! Und er begriff jetzt, weshalb der Schmerz wie mit einem +Schermesser das Kranke aus seinem Fleische schnitt. Er hatte verloren +heute, weil er als Lügner dastand. "Du sollst keine anderen Götter haben +neben mir!" "Gott, Gott! Vergib mir! Schone meiner! -- Und Deine +fleischlichen, Deine eitlen Träume!... Nimm, gleich Israel, der Nacht +wahr, um zu ringen mit mir!... Wurm, der Du Dich krümmst!" -- -- -- + +Über ihm den Raum durchbrauste der Klang von tausend Schwingen. + +Es war nicht das erstemal, daß der Ernst des Alten Testaments von den +Höhen auf ihn herniederstürzte und seine Wohnstatt aufschlug in ihm. All +diese Fragen -- ob "groß" -- oder "klein" -- ob er das "Höchste" wagen +oder sich, wie die andern, mit dem Mittelmäßigen begnügen sollte -- sie +waren ihm nichts Neues. + +Doch wenn er dann Josefine wieder traf -- bei guter Laune -- so waren +diese Fragen wie weggeblasen. Mit einem einzigen guten Händedruck schob +sie sie beiseite. Auch jetzt war es wieder so. Ohne jeden Übergang +strömte von ihr ein gesunder Protest in ihn über. Nimmermehr hätte +Josefine sich heut von ihm abgewandt, bloß weil der Bruder es wünschte! +Nimmermehr! Wenn sie es so aufgefaßt hätte, dann hätte sie gerade +entgegengesetzt gehandelt. Nein -- weil er ein Schwächling war, wandte +sie sich von ihm ab, einzig deswegen. Vielleicht auch, weil sie sich +nicht gern in einen Streit mischen mochte; sie war so scheu. Sie wandte +sich ja eigentlich auch nicht dem Bruder zu. Sie hatte mitten unter den +andern auf dem Hügel gesessen und später, beim Essen, mit einigen +Freundinnen an einem besonderen Tisch. Und auch beim Aufbruch hatte sie +sich nicht an den Bruder gehalten, der doch fast alle um sich +sammelte.... Warum hatte er denn daran nicht eher gedacht? Sie war ja +doch treu.... Ganz gewiß! Sie war treu! Er stand auf. Wieso in aller +Welt hatte er das nicht gleich gesehen? + +Er hätte gern gehabt, daß sie ihm auf eine oder die andere Weise +geholfen oder ihn wenigstens getröstet hätte, ihm gezeigt hätte, wie +leid er ihr tat. Aber dergleichen lag nicht in Josefines Natur. Was fiel +ihm denn nur ein? Besonders, wenn irgendwie ein Aufsehen entstanden war, +und die Leute sie beobachteten. + +Ein rechter Schafskopf war er gewesen. Und im Bewußtsein dieser +erfreulichen Entdeckung sprang er das Gehölz hinab über den +Straßengraben und machte sich ebenfalls auf den Heimweg. + +Großer Gott im Himmel, wie er sie liebte! Er sah sie vor sich, wie sie +sein konnte, wenn er ihr zu kindisch war; er sah den guten, großen +Blick, bei all ihrer Majestät!... + +Der späte Sonnenuntergang hinterließ keine Röte am Himmel; die Nacht war +grau und schlaff, der Weg, am Fuß einer kahlen Anhöhe entlang, anmutlos; +zu beiden Seiten kleine Anwesen, die Häuser auf der Anhöhe, ärmlicher +Kleinbetrieb, da und dort ein paar dürftige Sommervillen, niedrige Bäume +und vereinzelte Büsche. + +Er sah es und sah es nicht, während er seinen eigenen Gedanken nachhing. +Keine Seele unterwegs; ja, doch, ganz da vorn ein einzelner Mensch, der +auf die Stadt zuging. Ole mäßigte seine Schritte, um diesen einen nicht +einzuholen, und merkte gar nicht, daß vor dem, der dort ging, einer war, +der kam. Jetzt konnte er auf einmal beide unterscheiden. Himmel!... War +das nicht...? Oder täuschte er sich?... Nein, er kannte den Hut, und nun +auch den Gang, die Figur! Es gab nur _eine_ solche! Josefine kam zurück, +um ihn zu holen! Das sah ihr ähnlich. + +"Aber wo steckst Du denn?" sagte sie. Ihr großes Gesicht war gerötet, +ihr Busen wogte, die Stimme klang gedämpft, der Sonnenschirm, den sie in +der linken Hand trug, war nicht ganz ruhig. Ole antwortete nicht; er sah +ihr Gesicht, ihr Kleid, die Hutfeder, die stolze Gestalt an, bis sie +unwillkürlich lächelte; so viel stumme Bewunderung und Dankbarkeit +durchbricht am Ende jeden Panzer. "Josefine, ach, Josefine!" Von seinem +flachen Strohhut bis zu den Stiefeln herab war alles ein einziger +Widerschein von Glück und Bewunderung. Da kam sie heiter heran, legte +ihre rechte Hand auf seinen linken Arm und schob ihn sachte vorwärts: er +solle gehen. + +Sein Gesicht trug die Spuren des Grases, in das er sich geworfen hatte; +sie glaubte, er habe geweint. "Du bist zu dumm, Ole!" flüsterte sie. + +Die graue Sommernacht, die nicht schlafen kann und auch nicht wachen, +erweckt leicht das Gefühl von etwas Halberreichtem, -- für die beiden +wurde sie, was ein halbdunkles Zimmer für zwei heimlich Verlobte ist. +Sie ließ ihre Hand auf seinem Arm liegen, und als seine Augen den ihren +begegneten, sah sie ihn an, wie wenn man ein Kind zudeckt. "Siehst Du, +ich dachte," sagte er, "ich glaubte, ja, denk' nur, ich glaubte ..." +Tränen standen ihm in den Augen. "Du bist zu dumm, Ole!" flüsterte sie +wieder. Und damit waren die Stürme des Tages abgetan. + +Ihre Hand blieb auf seinem Arm liegen; es sah aus, als führe sie einen +Arrestanten. Er fühlte kaum den Druck, aber es rieselte ihm durch Mark +und Bein. Ab und zu streifte ihr seidenes Kleid sein Bein; sie gingen im +Takt, der elektrische Strom ihrer Nähe trug ihn. Sie waren ganz allein, +und es war ganz still; sie hörten ihre eigenen Schritte und das Rascheln +des seidenen Kleides. Er hielt den Arm, auf dem ihre Hand lag, ängstlich +still, als könne sonst die Hand hinunterfallen und entzweigehen. Das +einzige Unvollkommene war -- denn etwas Unvollkommenes muß ja immer sein +-- daß er eine steigende Lust verspürte, die Hand zu nehmen und sie in +seinen Arm zu stecken -- auf die allgemein übliche Weise; dann konnte er +sie drücken. Aber er wagte es nicht. + +Sie gingen und gingen. Er sah vor sich hin und entdeckte, daß kein +Mondschein war. "Es ist kein Mondschein!" sagte er. -- "Sonst wäre es +heller", erwiderte sie lächelnd. "Viel heller!" Die Stimmen waren +zusammengetroffen, die Klänge hatten sich vermischt und spielten noch +lange miteinander wie Vögel in der Luft. + +Aber gerade darum war es schwer, weitere folgen zu lassen. Während Ole +darüber nachsann, was er das nächste Mal sagen solle, wurde er gerührt +und stolz. Er dachte an jenen Samstagabend im schmutzigen Schnee, als +sie auf dem Schulhof so schlimm gegen ihn gewesen waren, und er +davongelaufen war nach Store-Tuft; er gedachte seines damaligen Elends; +aber von diesem Elend schrieb sich seine Erhöhung von heute her, heute, +da er von der andern Seite in die Stadt kam und sie am Arm führte.... +Nein, doch nicht ganz! Das war das Unvollkommene dabei. + +Sollte er es sagen? Würde sie es zu dreist finden? "Wir sind wohl ganz +allein jetzt, wir zwei beiden?" --auf schlauen Umwegen wollte er darauf +zugehen; aber seine Stimme war nicht sicher; sie verriet ihn. Und so +antwortete Josefine gar nicht. Es wurde still zwischen ihnen, ganz +still. Und plötzlich glitt ihre Hand von selbst in seinen Arm, so, wie +es bei Verlobten Sitte ist. Ein Beben ging durch sein ganzes Wesen, und +mutig gab er ihr einen leisen Druck, wagte aber nicht, sie dabei +anzusehen. Sie gingen weiter. + +Bald lag die Stadt, in Schleier gehüllt, vor ihnen; das Takelwerk der +Schiffe floß zu Türmen zusammen; es sah aus, wie die zusammengelaufenen +Maste von Zuckerwerkschiffen. Die Häuser in flaumigen Umrissen, fast +farblos; alles wohl eingepackt und verwahrt; die Berge standen und +hielten Wacht. Ein einziger, schwacher, unbestimmbarer, langgezogener +Laut, ein matter Streifen durch das lichtgraue Schweigen. "Möchtest Du +mir nicht etwas erzählen?" fragte sie schnell, als könne sie es nicht +mehr aushalten. Er fühlte sich wie erlöst und fragte, ob er vom -- Licht +erzählen solle. "Ja, vom Licht!" erwiderte sie. War es Ironie? + +Er fing an; aber er wußte es nicht klarzumachen. Beim erstenmal, als sie +eine rasche Frage stellte, um die Sache bestimmter zu gestalten, fühlte +er -- er konnte nicht weiter; er war nicht genügend daheim in diesem +Stoff. "Ich will Dir lieber das Ende von Jeanne d'Arc erzählen!" sagte +er. "Du weißt, -- wo wir gestern unterbrochen wurden." -- "Also nehmen +wir Jeanne d'Arc!" sagte sie immer lustiger; sie lachte. -- "Du magst +nicht?" -- "Doch, doch!" Das sagte sie sanfter, als wolle sie das +Vorhergehende wieder gutmachen. So erzählte er denn den Schluß der +Geschichte von Jeanne d'Arc, nach einem vor kurzem erschienenen Werk, +das er in diesen Ferien von ihrem Vater entlehnt hatte. _Der_ Stoff lag +ihm; seine westländische, singende Stimme gab dem Ganzen etwas +Schwebendes, die streng schulgemäße Behandlung des Wortes, die den +ehemaligen Bauern kennzeichnete, getragen vom gemilderten Tonfall des +Dialekts, paßten dazu wie alte Schrift. Sein weiches, lichtes +Melanchthonantlitz schwärmte; sie blickte zu ihm auf, und blickte +jedesmal in sein reines Herz. + +So kamen sie in die Stadt. Die Erzählung ergriff sie, und beide waren so +eifrig geworden, daß sie gar nicht darauf achteten, ob ihnen jemand +begegnen könne, oder daß zu beiden Seiten Häuser standen; er redete nur +ein bißchen leiser, und sprach weiter. + +Aber als sie sich der Straße näherten, wo seine Tante wohnte, und wo er +hinein mußte, hielt er inne, trotzdem seine Erzählung noch nicht zu Ende +war. Ob er sie wohl nach Hause begleiten durfte? Rektors wohnten ein +paar Häuser weiter. Wenn er nicht mit durfte, so mußte er sich hier von +ihr trennen. Dies Dilemma war übrigens nicht neu. + +Gerade deshalb meldete es sich jetzt auch bei ihr. Sie hatte dies +"Aneinanderkleben" -- daß einer mitging bis an die Haustür des andern, +wenn doch sein eigener Weg in ganz anderer Richtung lag -- nie leiden +mögen. Schon seit ihrer Kinderzeit -- weil man sie immer mit ihm geneckt +hatte. Aber sie wußte -- _er_ legte hohen Wert darauf. + +Während des kurzen Stück Wegs, das sie beide noch gemeinsam hatten, +wurde diese Frage in ihnen beiden geradezu brennend. Sollen wir uns hier +verabschieden --? Oder --? Ursprünglich etwas ganz Kindisches, war es -- +durch die Wiederholung -- etwas Großes geworden. Sie war sich selber +nicht klar über den Grund; aber als sie am Kreuzweg standen, zog sie +sachte ihre handschuhlose Hand aus seinem Arm und bot sie ihm zum +Abschied. Sie sah, wie enttäuscht er war. Und um es gleich wieder +gutzumachen, strahlte sie ihn aus ihren großen Augen an, drückte ihm +fest die Hand, und ihr "Danke, Du! Und auf Wiedersehen!" war von ganz +anderer Art und Farbe als sonst alle diese Jahre her. Wie ein Gelübde +fürs Leben sprangen die Worte von Herz zu Herzen, und so waren sie auch +gemeint. Für seine Treue dankte sie ihm, für seine Liebe jetzt und +immerdar. Er war bleich geworden. Sie sah es und überlegte einen +Augenblick. Dann zog sie die Hand zurück und ging. Unten wandte sie sich +noch einmal nach ihm um -- dankbar, daß er weder in Wort noch Tat _ihrem_ +Willen widerstrebt hatte. Sie nickte zu ihm hinauf; er zog den Hut. + +Wenige Minuten später stand sie in ihrem Zimmer, viel zu erhitzt, um +sich zu Bett zu legen, und überhaupt hellwach. Sie hatte nicht die +geringste Lust, zu schlafen; sie wollte zum mindesten erst die Sonne auf +den Dächern -- oder gar den lichten Tag sehen! Ihr Zimmer ging auf den +Hof hinaus, den großen Schulhof, dessen Abschluß die Turnhalle bildete; +einige Turnapparate standen auch draußen. Von der Straße aus lag das +Zimmer im ersten Stockwerk -- von der Hofseite im Erdgeschoß; hundertmal +war sie als Kind zum Fenster hinausgesprungen, statt die Tür zu +benützen. Sie öffnete das Fenster und verspürte fast Lust, auch heute +wieder hinauszuspringen und auf dem Hof spazierenzugehen. Am liebsten +wäre sie die ganze Nacht mit Ole umhergestreift; aber so etwas verstand +er nicht. Vielleicht hatte sie ihn bloß deswegen schon oben +verabschiedet, weil er es nicht vorgeschlagen hatte. + +Bei näherem Überlegen getraute sie sich aber doch nicht auf den Hof +hinaus. Es geschah nicht selten, daß junge Leute, wenn sie von einer +Land- oder Bootpartie oder aus einer Gesellschaft heimkehrten und dabei +an dem alten Schulhof vorbeikamen, auf den Einfall gerieten, den alten +Spielplatz ihrer Knabenjahre wieder aufzusuchen und sich ein paarmal am +Reck zu schwingen; und von halbbetrunkenen jungen Leuten gesehen werden +-- das wollte sie nicht. Sie nahm ihren Hut ab und blieb -- +vornübergebeugt -- am offenen Fenster stehen -- -- sah vor sich, was +eben geschehen war, und was auch jetzt sie noch hinauszog. + +Da hörte sie draußen Schritte -- erst auf der Treppe, dann auf dem +Sandweg, der hierherführte. Sollte das Ole sein --? War er so +sentimental, daß es ihn trieb, unter ihrem Fenster zu schmachten? Wenn +er es wirklich wäre! Gott gnade ihm, wenn er's war! -- Sie lauschte in +höchster Spannung. Nein -- die Schritte waren zu rasch. Das war -- -- +sie fühlte es -- -- dort stand -- -- ihr Bruder ... + +Ja, es war Edvard. Er war gar nicht verwundert, sie zu sehen; er kam +direkt auf sie zu. Als er unter dem offenen Fenster angelangt war, +streckte er seine rechte Hand hinauf; und sie nahm sie. Seine Augen +schielten ein bißchen -- das sicherste Zeichen, daß er erregt war. "Gut, +daß Du noch wach bist; ich hätte sonst geklopft." Forschend suchte sein +Blick den ihren; er ließ ihre Hand nicht los. "Bist Du eben erst +gekommen?" -- "Ja, eben erst," -- Sie war plötzlich ganz in seiner +Gewalt; und hätte er sie um das Unmöglichste befragt -- sie hätte +antworten müssen, solange diese Augen so in die ihren schauten. "Wie ich +Dich unter den Letzten nicht gefunden habe, dachte ich mir, Du wärst +zurückgegangen zu Ole." -- "Ja." -- Er hielt _inne_; seine Stimme +zitterte. "Ich war ein rechter Narr! Ihr seid wohl verlobt jetzt?" -- Es +dauerte eine Weile, obwohl die Antwort sofort in ihren Augen aufsprühte. +"Ich glaube!" sagte sie. + +Voll Liebe, aber auch voll Kummer sah er sie an. Sie hätte am liebsten +laut hinausgeweint. War es so töricht, was sie getan hatte? Eine +entsetzliche Angst überfiel sie. Da faßte er mit beiden Händen ihren +Kopf, zog ihn zu sich nieder und küßte sie auf die Stirn. Sie brach in +Tränen aus und legte beide Arme fest um seinen Hals. So lagen sie -- +Wange an Wange. + +"Na ja -- wenn es nun einmal so ist -- so wünsch' ich Dir alles Gute, +Josefine, liebe Josefine!" Sie umschlangen sich noch fester. Dann ließen +sie einander los. + +"Ich geh' heute fort!" flüsterte er und ergriff ihre Hand. Sie reichte +ihm alle beide. -- "Heut, Edvard?" --" -- Ich war ein Narr! Leb' wohl, +Josefine!" Sie machte ihre Hände frei, um ihr Taschentuch herauszuziehen +und an die Augen zu pressen. "Ich komm' noch und sag' Dir Adieu!" +schluchzte sie. "Nein, nein! Du mußt nicht!... Noch einmal!" -- Und um +ein Ende zu machen, preßte er sie wieder in seine Arme, küßte sie und +ging davon, ohne sich umzusehen. + + +2 + +_Zweites Paar vor!_ + +Im März des folgenden Jahres, just als Edvard Kallem vor seinem zweiten +medizinischen Examen stand, kamen plötzlich Dinge, die ihn auf ganz +andere Art in Anspruch nahmen. + +Und das müssen wir jetzt berichten. + +In der Zeit, als seine zusammenhangslosen naturgeschichtlichen Studien +mehr und mehr sich um die Physiologie kristallisierten, war unter allen +Physiologen der tüchtigste ein junger Student der exakten +Wissenschaften, Tomas Rendalen. Er war etwas älter als Edvard Kallem, +und weil es an und für sich merkwürdig war, daß ein Nicht-Mediziner in +diesem Fach Hervorragendes leistete, fiel er allen auf, und somit auch +Edvard Kallem, ohne daß dieser sich darum näher an ihn angeschlossen +hätte. Rendalen gehörte auch keineswegs zu denen, die für den ersten +besten zu haben sind. + +Erst später, eigentlich erst jetzt, nach Neujahr, als sie mit demselben +Dampfer aus den Weihnachtsferien nach Kristiania zurückfuhren, kam es zu +einer Art Annäherung. Aber das erstemal, als Kallem Tomas Rendalen in +seiner Wohnung aufsuchte, blieb er auch gleich die Nacht über. Und ein +paar Abende darauf, als Rendalen =ihn= besuchte, wanderten sie zwischen +ihren beiden Wohnungen, die übrigens ganz nah beieinanderlagen, auf und +ab, bis morgens gegen drei oder vier. Ein so genialer Mensch war Edvard +Kallem seiner Lebtag noch nicht unter die Finger gekommen; und Rendalen +seinerseits kam eines Morgens, noch ehe Kallem nach der Klinik gegangen +war, dahergestürzt, bloß um zu erklären, von all seinen Freunden und +Bekannten sei Kallem ihm der liebste. + +Rendalen war eine ursprünglichere, kraftvollere Natur als Kallem; er war +eine Mischung von Zahm und Wild, von Leidenschaft, Schwermut, Musik, +voll hoher Mitteilungsfähigkeit, aber mit verschlossenen Kammern, die +sich selten oder nie öffneten. Eine grenzenlose Energie -- und dabei +manchmal so von aller Kraft verlassen, daß er überhaupt nicht mehr +weiter konnte; die ganze Maschinerie in Unordnung, als wenn ein Rad +gesprungen wäre. In der ganzen Charakterlandschaft nicht _eine_ gerade +Linie -- lauter Unebenheiten, und doch über allem das Licht eines großen +Geistes. So unberechenbar die Schwankungen waren, so unangenehm die +Enttäuschungen -- die ganze Persönlichkeit war in ihrer Unmittelbarkeit, +ihrer Geradheit so gewinnend, daß man ihn lieben mußte. + +Sein ganzes Denken ging auf Schulwesen und Erziehung, und darin wiederum +auf den _einen_ Kern: jedes Kind über das "gefährliche Alter" +wegzubringen, das auf so ganz ungleiche Art sich äußere. Manche gingen +daran zugrunde; manche trügen Wunden davon, die erst spät heilten; die +mit gesundem Geblüt, unter besseren Verhältnissen Aufgewachsenen, +könnten heil ausgehen; aber jedenfalls seien sie in der Minderzahl. Alle +Erziehung, aller Unterricht müsse sich auf das eine Ziel konzentrieren: +einen _sittlichen_ Menschen zu schaffen. Das war sein A und O. + +Unermüdlich war er im Vortrag seines Unterrichtplans, seiner +Behandlungsweise; im Beschreiben der Schuleinrichtung und des +Zusammenarbeitens mit der Familie. Seine Mutter war Vorsteherin einer +weithin bekannten Mädchenschule an der Westküste, und die wollte er +übernehmen, um seine Pläne ins Werk zu setzen. Sein großes Ziel war die +Simultanschule --Knaben und Mädchen zusammen. Aber erst hieß es, den +Unterricht in allen Hauptfächern reformieren, und zwar so, daß die +Fächer leichter gemacht wurden, und nicht bloß zugänglich für die +Begabtesten. Und das wollte er an der Mädchenschule ausprobieren. + +Er besaß eine nicht unbedeutende Sammlung von Schulmaterial aus Amerika +und vielen europäischen Ländern, einen Schatz, den er unablässig +vermehrte. Auch eine ganze Bibliothek von Schulliteratur nannte er sein +eigen. Er wohnte mit einem Kandidaten der Theologie, Vangen, zusammen, +der zu Weihnachten fertig geworden war und sich jetzt auf das praktische +Examen vorbereitete. Alle drei Zimmer, die sie gemeinsam bewohnten, +waren angefüllt mit Rendalens Sammlungen und Bibliothek. + +Sein Äußeres war auffallend. Rotes, ins Blonde hinüberspielendes Haar, +das starr in die Höhe stand, Sommersprossen, blinzelnde graue Augen +unter weißen, kurzhaarigen Brauen, die kaum zu sehen waren, die Nase +breit und leise aufwärts strebend, der Mund zusammengekniffen; kurze, +sommersprossige Hände, jeder Finger voll Energie; nicht groß, aber +vorzüglich gebaut; sein Gang, auf auswärts gerichteten Füßen, war +leicht, als gehe er auf Tasten. Er war der erste Turner, wohin er auch +kam, und bei jeder Gelegenheit hing er an den Turnseilen. Auch Edvard, +der immer gern geturnt hatte, wurde durch ihn zu dreifachem Eifer +angespornt; denn Rendalen besaß, wie kein zweiter, die Fähigkeit, andere +für das, was er selbst liebte, zu gewinnen. Seine Hauptleidenschaft in +dieser Zeit war, auf den Händen zu gehen; und gerade das konnte Kallem +zum Entzücken; dies setzte vielleicht der Achtung, die Rendalen vor ihm +hatte, die Krone auf. + +Sie hatten viele Berührungspunkte. Beide waren Spezialisten, beide +bedeutend in dem, was sie sich als Ziel gesteckt hatten; modern in ihrem +Denken, voll reformatorischen Mutes, beide zum äußersten auf ihre Person +bedacht; beide kleideten sich mit Geschmack, --Rendalen legte sogar +übertriebenen Wert darauf. Beide hatten jenes lebhaft-wechselnde Spiel +der Gedanken, das schon errät, wenn erst die Hälfte gesagt ist. Beide +ergänzten sich gegenseitig in ihrem Wissen. Rendalen war musikalisch, +war ein Meister auf dem Klavier und sang recht gut. Kallem sang noch +besser, und Rendalen feuerte ihn immer mehr an. + +So herzlich sich auch Rendalen im einzelnen und dem einzelnen hingab -- +er hielt sich gleichzeitig immer in einer gewissen Distanz, über die +niemand hinwegkam. Er liebte seinen Pflegebruder Vangen; aber gerade an +Vangen sah man recht eigentlich, daß immer eine bestimmte Scheidewand da +war. Auch darin begegnete Kallem Rendalens Bedürfnis; er hatte ebenfalls +diese Unnahbarkeit, bei aller Hingabe. + +Daneben gab es aber auch genug Ungleichheiten, die das Verhältnis +einerseits frisch erhielten, andrerseits erschwerten. Die +Schwierigkeiten kamen fast alle auf Rendalens Konto; Kallem war +geschmeidiger und fügsamer. Wenn Rendalen gerade einmal Lust hatte, so +spielte er stundenlang Klavier, spielte, als ob überhaupt niemand im +Zimmer sei; man konnte ebensogut gleich gehen. Überhaupt war er es, der +bei jedem Zusammensein den Ton angab. Er war launisch und hatte lange +Schwermutsperioden, wo nur selten jemand ein Wort aus ihm herausbrachte. +Eine ungeheure Arbeitskraft, wenn er mit etwas beschäftigt war, das +seine Seele gefangen nahm, und dann gab er allen den Laufpaß. War er +aber in der mitteilsamen Laune und so recht "in Stimmung", so war die +ganze Luft um ihn herum mit Elektrizität geladen. + +Das medizinische Studium war für Kallem jeden Tag eine neue Entdeckung, +und bei ihren gemeinsamen physiologischen Studien trugen sie einander +getreulich alles zu -- jeder von seiner Seite. Im Januar und Februar +waren sie fast jeden Abend zusammen, wenn nicht sonst, so doch sicher +von sechs bis sieben in der Turnhalle. Meist aßen sie hinterher +zusammen, am liebsten bei Rendalen, der ein Klavier hatte. + +Anfang März kam Rendalens Mutter auf Besuch. Sie wohnte bei den +Wirtsleuten des Sohnes, die vor kurzem erst nach der Stadt gezogen +waren: ein blinder Mann aus Nordland, der noch dazu auf einer Seite +gelähmt war, und eine außerordentlich musikalische Frau, ganz jung, fast +noch ein Kind -- die seltsamste Ehe, die man sich denken konnte. +Rendalen sprach oft von ihnen. Solange die Mutter des Kameraden in der +Stadt war, hielt Kallem sich fern. Jedesmal, wenn sie vom Turnen kamen, +merkte er, daß Rendalen seine Begleitung nicht wünsche. Aber auch, als +die Mutter nach acht Tagen abgereist war, blieb es dabei; entweder +turnte Rendalen länger als Kallem, oder er ging nach den ersten paar +Übungen gleich wieder weg; er wünschte offenbar nicht, daß Kallem ihn +begleiten solle. Wahrscheinlich hat er wieder seinen Schwermutsrappel! +dachte Edvard. + +Aber eines Vormittags, als Kallem etwas früher als gewöhnlich nach Hause +gekommen war -- in der Regel war er den ganzen Vormittag fort -- hörte +er draußen läuten. Das Mädchen öffnete, und Rendalens Schritt erklang im +Vorzimmer. Er trat hastig ein, -- finster, wortkarg. Er habe ein +Anliegen: ob Kallem nicht die Wohnung mit ihm tauschen wolle. + +Kallem kannte ihn zu genau und war zu gutmütig, um sich irgendwelche +Verwunderung anmerken zu lassen; er fragte auch gar nicht nach dem +Grund, sondern sagte bloß, seine beiden kleinen Zimmer würden wohl +schwerlich für Rendalens Sammlungen und sein Klavier ausreichen. Und +Vangen? Oder wolle er nicht länger mit Vangen zusammenwohnen? Doch, +freilich! Aber neben Kallems zwei Stuben sei ein großer Saal, auf den +er, Rendalen, es schon längst abgesehen habe; die Wirtin würde ihn gern +vermieten. Und ihm passe er gerade. Allein schon Klavier zu spielen in +diesem Saal! -- "Hast Du bereits mit der Wirtin darüber gesprochen?" -- +"Nein; das will ich jetzt." Und damit war er hinaus. Dann kamen beide, +er und die Wirtin, wieder herein. Und wenige Minuten später war alles +abgemacht. Schon am Nachmittag wurde der Umzug bewerkstelligt. Als der +wackere Vangen auf seinen langen Beinen vom Mittagessen nach Hause kam, +saß Kallem im ersten Zimmer rechts neben der Korridortür in Schlafrock +und Pantoffeln und erzählte ihm, Rendalen wohne jetzt in der +Sehestedsstraße, in Kallems früherer Wohnung; sie hätten getauscht. +Beide lachten. + +"Und dabei gefiel es ihm hier so gut!" sagte Vangen. Das war aber auch +das einzige, was er sagte. + +Kallem dachte natürlich über die Ursache dieses hastigen Umzugs nach und +hatte auch die Absicht, sich jedesmal einen ausführlichen Schwatz mit +dem Mädchen zu leisten, wenn es kam, um nach dem Ofen zu sehen oder ihm +Frühstück und Abendbrot zu bringen, das er im Hause einnahm. Sie sah +aus, als wisse sie etwas. Marie hatte ein eigentümliches Lächeln, +ungefähr als wenn sie sagen wollte: "O -- ich durchschau' Euch alle +miteinander -- auch Dich, Du Schlauberger!" Gleich als sie ihm zum +erstenmal die Tür aufmachte, hatte sie dieses Lächeln. Ihre Augen waren +bis über die Hälfte verhüllt von den Lidern, die in einer hängenden +Falte darüber lagen. Die Nase war platt und aufgestülpt und zog beim +Lachen den Mund wie an zwei straffen Bändern in die Höhe, daß die +Oberlippe vorstand und eine Reihe Zähne zeigte, die sich um den Platz zu +streiten schienen; sie blitzten mit dem Lächeln um die Wette. Alles, was +sie sagte, hatte einen Unterton von Schelmerei und Spottlust; unter den +Lidern schoß es hervor, in den Mundwinkeln spielte es. Dabei eine weiche +Stimme. Im übrigen ein kerniges Mädel, gut gebaut, klug wie der Teufel +und trotz ihrer lachlustigen Kritik zurückhaltend und vorsichtig in +Worten und Benehmen. Aber das Lachen lag immer auf der Lauer. Als er +sagte: "Mein Name ist Edvard Kallem -- ich werde in Herrn Rendalens +Zimmern wohnen!" antwortete sie lächelnd: "Oh!" -- als kenne sie alle +seine Geheimnisse von Kindesbeinen an. Erwähnte er Rendalen irgendwie, +so sah sie aus, als wisse sie einen ganzen Haufen lustiger Geschichten +von ihm; aber trotzdem -- zum besten gab sie nichts. + +Das Haus, in dem er jetzt wohnte, war ein Eckgebäude, schräg gegenüber +der Universität. Die Haustür ging auf die Straße, an der auch Kallems +Zimmer gelegen waren. Sie lagen im zweiten Stock, auf demselben Korridor +wie die Wohnung der Wirtsleute, d. h. das eine Zimmer -- das andere, +sein Schlafzimmer, lag außerhalb mit eigenem Eingang. Rendalen hatte +noch ein drittes Zimmer gehabt, das Eckzimmer weiter drinnen. An der +Korridortür befestigte Kallem seine Visitenkarte, unter einem großen +Schild, auf dem "Sören Kule" stand; das war der Name des Wirts. Tags +darauf, an einem Sonntag, machte er seinen Antrittsbesuch. + +Der blinde, gelähmte Mann saß in einem großen Rollstuhl. Er war noch +jung, der Unglückliche, kaum über dreißig, von übermäßig dicker Gestalt, +mit schweren Gesichtszügen und schwerer Zunge. Schon sein: "Herein!" auf +Kallems Klopfen klang schwerfällig. Kallem nannte seinen Namen. Der +andere saß da, ohne sich zu rühren und antwortete langsam: "So, so! -- +Ich bin nämlich blind. -- Und kann mich auch nur wenig bewegen." Er +sagte es mit nordländischem Tonfall. Die einzelnen Silben kamen wie das +plumpe Trotten von Londoner Bierbrauerpferden heraus. Die Gesichtszüge +waren, trotz ihrer Fülle, scharf geschnitten und klar; es war +augenscheinlich Rasse in dem Mann. Kallem war Mediziner genug, um auf +der Stelle zu erkennen, was die Ursache seiner Blindheit und Gelähmtheit +war. Verschiedene Stahlstiche, Holzschnitte und Photographien von +Spanien an den Wänden brachten ihn auf den Gedanken, daß er vielleicht +von dort das Geschenk mitgebracht hatte, mit dem das galante Völkchen da +unten so freigebig ist. + +"Bitte, nehmen Sie Platz!" ertönte es endlich wieder. In die bewegliche +Seite des Körpers schien eine Art Leben zu kommen, während er den Kopf +nach einer Tür links wandte. "Ragni!" Niemand antwortete; niemand kam. +Die Stille färbte sich grau vor seiner Stimme, seinem gleichgültigen +Wesen, seiner schwerfälligen Ruhe. Kallem sah sich um. Wahrhaftig -- da +lagen Kinderspielsachen! War es ihm nicht, als habe er Kinderstimmen +gehört? _Hier_ waren Kinder? "Ragni!" dröhnte es noch einmal, langsam. +Dann --leiser: "Sie wird in der Küche sein und das Essen richten!" +Wieder dieselbe graue Stille. Schellengeläut von der Straße her zerriß +sie einen Augenblick; dann zog sie sich um so lastender wieder zusammen. +Die Möbel waren -- für eine kleine norwegische Stube im Winter -- zu +schwer und zu dunkel; auch waren sie zerschlissen und verblichen. Die +Kupferstiche und Photographien hingen in großen Rahmen, die nicht dicht +schlossen, so daß Staub und teilweise Feuchtigkeit das Papier verdorben +hatten. Nur das Kinderspielzeug und der Flügel hoben sich von dem andern +ab; der Flügel schien ganz neu zu sein und stammte von der besten +Pariser Firma -- augenscheinlich ein Konzertflügel. "Die gnädige Frau +spielt so gut -- habe ich gehört?" -- "Ja." -- Kallem wußte, daß sie +sich von Kind auf für die Musik ausgebildet hatte, und -- um etwas zu +sagen --griff er dies Thema auf. "Sie hat auf dem Konservatorium in +Berlin studiert, nicht wahr?" -- "Ja!" --Im Zimmer rechts, das an das +Eckzimmer stieß, wurden Stühle gerückt. Kallem griff dies Thema auf. -- +"Ich bekomme im Eckzimmer einen Nachbarn, wie ich höre?" -- "Ja." -- +"Ein Verwandter von Ihnen?" --"Ja, eine Tante." -- Wieder wandte Sören +Kule den Kopf nach links und rief gleichgültig: "Ragni!" Niemand +antwortete, niemand kam. "Mir war, als hörte ich draußen jemand gehen", +sagte er, wie um sich zu entschuldigen, daß er gerufen hatte. Kallem +stand auf und verabschiedete sich. + +Einige Tage später gab er Rendalen eine humoristische Schilderung dieses +Besuchs. Rendalen lachte. Er selber sei nur selten dort gewesen; aber er +habe viel gehört von "Sören Kule". Er versicherte, seinetwegen möge den +Kerl der Teufel holen -- er habe nicht die geringste Lust, über ihn zu +sprechen. Und er setzte sich ans Klavier und spielte. + +Wieder einige Tage später -- wem begegnete Kallem draußen im Korridor? +Wem anders, als seinem zukünftigen Schwager, Herrn Ole Tuft -- +Kandidaten der Theologie und zurzeit in Kristiania, um sein +Schlußexamen zu machen. Große Wiedersehensszene! Der eine hatte keine +Ahnung von Kallems Umzug, der andere keine, daß Ole Tuft im Hause +verkehre. Kallem lud ihn ein, mit ihm auf sein Zimmer zu kommen und +erfuhr nun, daß Ole heute zum erstenmal hier war. Er verkehrte bei der +Tante der Wirtsleute, die gestern hier eingezogen war. Edvard Kallem +wußte jetzt gleich, zu welcher Art Menschen sie gehöre, und ließ das +Thema augenblicklich fallen. Er fragte, ob Ole den Sören Kule kenne. +Nein, nur durch die Tante. Die ganze Familie stamme aus Nordland. Wer +eigentlich dieser Sören Kule sei? Ein wohlhabender Fischhändler, der +blind und lahm geworden sei; er habe sein Geschäft verkaufen müssen und +dies Haus in Kristiania erstanden; davon und von seinen Zinsen lebe er. +Sie hätten Verwandte in der Stadt und seien erst im Oktober hergekommen. +-- Ob Ole Tuft wisse, was die Ursache seiner Blindheit und Gelähmtheit +sei? -- Nein. -- Kallem erklärte, wie darüber eigentlich kein Zweifel +sein könne. Ole Tuft war ganz entsetzt! "Wie darf er's dann wagen, zu +heiraten! Und dazu zweimal!" --"Er ist zum zweitenmal verheiratet?" -- +"Ja! Seit etwa einem halben Jahr -- oder auch vielleicht einem Jahr. +--Mit der Schwester seiner verstorbenen Frau." -- "So stammen die Kinder +aus seiner ersten Ehe?" -- "Ja. Sie selber ist ja noch ein Kind. Denk +doch -- achtzehn Jahre! Und bald ein Jahr verheiratet!" -- "War er schon +so, wie er sich zum zweitenmal verheiratete?" --"Nein, das glaub' ich +doch nicht. Kränklich, ja -- aber nicht so. Die wenigsten werden es ja +begreifen können." -- "Hast Du sie gesehen?" -- "Nein. Aber sie soll ein +'feines' kleines Geschöpf sein, sagt die Tante, und musikalisch. Sie hat +schon öffentlich gespielt." -- "In Nordland wahrscheinlich?" -- "Sie +sollen ungeheuer kritisch sein da oben." -- Er kam wieder auf die Ehe +zurück. "Vielleicht haben die Eltern sie zustande gebracht --der Kinder +wegen." -- "Also Pfarrersleute?" -- hätte Kallem fast gesagt; aber er +besann sich beizeiten. "Wählerisch ist sie jedenfalls nicht -- bei +Gott!" --sagte er statt dessen. Sie sprachen dann noch ein bißchen über +gleichgültige Dinge. Die Schwester wurde nicht erwähnt. Eine Weile +später ging Ole zur Tante hinein, die er hatte besuchen wollen. Kallem +war diesen Vormittag zufällig daheim und hörte die Frau des Hauses +spielen. Erst Tonleitern, nichts als Tonleitern; dann aber ein Stück, so +meisterhaft vorgetragen, daß er einen Spalt seiner Tür öffnete, um +besser zu hören. Sie spielte vor allem so gesangvoll! Wie in aller Welt +konnte ein Weib, so jung, von diesem Kunstverstand und dieser Lyrik, +solch einen verfaulten Fleischklumpen heiraten? Es war ein Rätsel. Er +ging damit zu Rendalen; aber Rendalen wußte gar nichts. Immerhin war er +just bei guter Laune und äußerte sich voller Begeisterung über ihr +Spiel; wenig Kühnheit war darin, aber ein Gesang, ein erotischer +Farbenreiz, die ihresgleichen suchten. Er spielte ein russisches Stück +-- wie sie --oder doch -- wie er hinzufügte -- so ungefähr; er spielte +es ausgezeichnet. Kallem wollte wissen, wie sie aussehe. "Dumm sieht sie +aus!" schrie Rendalen. "Einfach dumm! Die Stirn könnte ihre Rettung +sein; aber da zerrt sie die Haare darüber. Auch die Augen könnten sie +retten. Aber mein Lebtag hab' ich noch kein Wesen gesehen, das so +blödsinnig schüchtern gewesen wäre mit seinen Augen!" -- "_Hat_ sie denn +Augen?" -- "Herrgott! Und was für vieltönige! Die meisten singen glatt +unisono -- wenn's hoch kommt zweistimmig! Aber manche -- ganz wenige -- +singen strahlende Akkorde! Wenn sie beim Spiel aufblickt, dann fühlst +Du's. Aber für gewöhnlich kleben sie an den Tischbeinen oder bohren +Löcher in die Ecken -- oder zünden das Feuer im Ofen an. Manchmal fahren +sie ein Stück an der Wand hinauf, wie eine Ratte, die keinen Ausweg +findet." Er war ganz belustigt über seine eigenen Bilder und setzte sich +an's Klavier, um einen raschen Tanz zu spielen. -- "Ist das nun nicht +des Teufels, daß solch ein musikalisches Geschöpf -- ach was! Bloß +nicht sentimental werden, Alter!" Er wollte in's Theater, und Kallem +mußte mit. + +Acht Tage waren vergangen, und noch hatte Kallem sie nicht gesehen, wie +sehr er sich auch bemühte hatte. Dann machte er einen Familienball mit, +-- der Sohn des Hauses war sein Studienfreund -- und bei einer +Kotillontour kam der Freund mit zwei Damen und fragte, was er wählen +wolle -- "Nußkern" -- oder "Heckenröschen"? Besonders geistvoll war es +ja nicht; aber Edvard wählte die "Heckenrose". Die Heckenrose hatte eine +Musikerstirn und reizende, gewölbte Augenbrauen; im übrigen war sie +schweigsam und unbedeutend. Ziemlich groß, abfallende Schultern, schöne +Arme, nicht voll, aber wohlgeformt; gerade eigentlich wie der ganze +Mensch. Sie tanzte gut; aber es hatte den Anschein, als möchte sie so +rasch wie möglich von ihm loskommen; und wie er sie an ihren Platz +zurückführte, hatte sie ihn kaum angesehen. Er war höchst erstaunt, als +sie ihn bei der nächsten Tour holte. Vielleicht kannte sie nicht viele +Menschen, und ihre Bekannten waren gerade nicht frei. Sie sah sich scheu +um, kam dann mit kleinen, zaghaften Schritten auf ihn zu und verbeugte +sich, ohne jedoch aufzublicken. Es schien fast, als fürchte sie sich, +und darum wollte er ganz besonders freundlich zu ihr sein und setzte +sich neben sie. Aber als sie auf alles, was er auch sagen mochte, nur +mit "Ja" oder "Nein" oder "Vielleicht" antwortete, wurde das einem so +gefeierten Kavalier doch zu viel; er stand auf und verließ sie. Kurz +darauf hatte er wieder die Wahl zwischen dem "Nußkern", den er vorhin +verschmäht hatte, und einem "Bonbon", und jetzt nahm er den "Nußkern". +Die gefiel ihm besser; ein rundliches, bewegliches Ding, das eine +Mischung von nordländischem und Bergener Dialekt sprach. Sie erzählte +ihm, ihr Vater stamme aus Bergen und sei jetzt Pastor in Nordland. Sie +sei hier bei ihrer Schwester zu Besuch und mache viele Bälle mit; sie +hätten so viele Verwandte in der Stadt. Alles das singend -- echt +nordländisch. Leider müsse sie bald wieder nach Hause; sie bangten sich +so nach ihr daheim, und die alten Leute möchten nicht gern allein sein. +Kallem war natürlich der galante Mann und tat, als interessiere ihn das +alles sehr; sie waren bald dicke Freunde. Sie plapperte wie ein Mühlrad; +sie sei hierhergekommen, um ihrer Schwester beim Umzug zu helfen. Die +Schwester sei so unpraktisch -- ganz im Gegensatz zu _ihr_; sie könne +überhaupt nichts als Klavierspielen. Von kindauf habe sie gespielt, und +sie sei zwei Jahre in Berlin gewesen. Jetzt begann Kallem die Ohren zu +spitzen. Und wirklich -- die Schwester war seine Tänzerin von vorhin, +die er so langweilig gefunden hatte -- seine Hauswirtin, Frau Ragni +Kule. Der "Nußkern" war übrigens gar nicht ihre Schwester; sie waren +Stiefschwestern. Und der "Nußkern" war auch nicht, wie er glaubte, die +ältere; im Gegenteil -- die Schwester war bald neunzehn und _sie_ knapp +siebzehn. + +Sofort engagierte er Frau Kule und sagte ihr ganz erstaunt, sie sei ja +seine Wirtin? Ob sie das wisse? Ob sie ihn darum vorhin geholt habe? Sie +sah aus, als fühle sie sich auf einer Sünde ertappt und wußte nichts zu +ihrer Entschuldigung vorzubringen. "Aber warum haben Sie mir denn das +nicht gesagt?" fragte er eifrig und eindringlich. Über diese neue Sünde +-- daß sie es verschwiegen hatte -- wurde sie noch viel zerknirschter; +sie wußte keine Silbe zu erwidern. Da sagte er -- übermütig und +ungeduldig: "Das Sprechen fällt Ihnen wohl schwer, gnädige Frau?" Sie +wurde sehr blaß. In ihr Gesicht trat zu dem Schrecken etwas +herzzerreißend Unglückliches. Seine ganze Ungezogenheit kam natürlich +daher, daß er von vornherein wegwerfend von einem Geschöpf dachte, das +sich dazu hergegeben hatte, solch einen Klumpen verdorbenen Fleisches zu +heiraten. Aber ihre blasse Hilflosigkeit erweckte so unmittelbar sein +Mitgefühl, daß er rasch hinzufügte: "Ich weiß ja, Sie verfügen über eine +Sprache, die Ihnen leichter fällt, als den meisten andern." Und nun ging +er ganz natürlich auf ihre Musik über, führte sie zu einem Platz, +erzählte, er habe sie spielen hören, und erwähnte Rendalens kompetentes +Urteil. Dann lenkte er die Unterhaltung auf allerhand berühmte +Virtuosen, die er selber gehört hatte und fesselte sie auf diese Art; +denn auch sie hatte viele von ihnen gehört. Nach und nach faßte sie +soviel Zutrauen, daß sie nach Rendalen zu fragen wagte; sie habe ihn +nicht wiedergesehen, seitdem er ausgezogen sei. -- Es gehe ihm recht +gut. --Und nun schilderte er Rendalens Eigenheiten so, daß sie lachen +mußte. Sie sah nicht dumm aus, wenn sie lachte; ganz und gar nicht. +Einen Augenblick konnte dann auch das "Vielstrahlige" in ihre Augen +kommen. "Weshalb ist Herr Rendalen ausgezogen?" fragte sie. Es klang +ebenfalls ein bißchen singend nordländisch; aber weniger als bei der +Schwester. Die Stimme war in all dem Lärm ziemlich schwach, aber sehr +süß. Er antwortete mit einer Gegenfrage. Nein; sie wisse nichts; und +dabei sah sie ihn an. Waren das Augen! "Ob es wegen des Zimmers war?" -- +"Des Zimmers?" fragte er zurück. -- "Ja -- daß er vielleicht gehört hat, +die Tante möchte es gern -- die Tante meines Mannes!" berichtigte sie +und war schon wieder ganz verlegen. -- Ob sie ihm denn gekündigt hätten? +-- Keineswegs! -- "Na, dann konnte er sich doch auch nicht gekränkt +fühlen!" -- Nein, das meinte sie auch. Aber Rendalen sei nicht einmal +gekommen, um sich zu verabschieden. Die Verlegenheit verließ sie nie +ganz; sie stand ihr gut, wie ein Schleier bisweilen kleiden kann. "Waren +Sie oft mit seiner Mutter zusammen?" -- "Ja!" sagte sie und lächelte. -- +"Weshalb lächeln Sie?" --"Ach -- es ist vielleicht nicht ganz recht -- +aber sie war wie ein Mann." -- Kaum hatte sie das gesagt, so wurde sie +verlegen und wollte es zurücknehmen; sie habe bloß gemeint, Frau +Rendalen sei so tüchtig. Kallem hielt sie aber dabei fest und trieb Ulk +damit; sie mußte wieder lachen, und wie gesagt, wenn sie lachte, war sie +süß. "Aber Sie können ja sprechen?" Sie sah ihn verstohlen an; machte er +sich lustig über sie? Dann erinnerte er sich, daß Rendalen ihr gesagt +hatte, sie solle die Stirn frei tragen; und heute abend trug sie die +Stirn frei. Schau', schau'! + +Wie schön sie tatsächlich war! Daß er das nicht gleich gesehen hatte! +Daß andere es nicht sahen und davon sprachen! Das Gesicht freilich +kindlich, unentwickelt, und die schlanke Figur ein bißchen schmächtig. +Ihre Stirn war entzückend; die Brauen waren fein gebogen, aber hell und +nicht stark. Die Augen bekam man auch jetzt nur schwer zu sehen; aber er +wußte nun, daß sie in ihrer graublauen Scheuheit treuherzig und daß sie +reich waren. Weich und unbestimmt waren Wange, Kinn und Mund; -- der +Mund stand ein bißchen offen; er war klein, und wirkte dadurch ganz +besonders "süß". Die Nase war unbedeutend, und auch etwas schief. Das +Haar nicht stark, jedoch mit einem rötlichen Schimmer über dem Blond. +Aber die Hautfarbe! Vom reinsten zartesten Weiß. -- Man konnte den Blick +nicht mehr davon wenden, wenn man es einmal entdeckt hatte! Man sah es +freilich nicht gleich, wenn die Farbe des Kleides sie nicht hob und die +Beleuchtung schlecht war. Sie trug keinen Schmuck, nicht einmal ein +Armband. Die Handgelenke ließen eine lange, schmale Hand ahnen, die er +gern gesehen hätte. "Sie lieben also die Musik über alles?" -- "Ja," +erwiderte sie; "es ist ja das einzige, was ich kann!" Sie blickte vor +sich nieder. Er überlegte, ob er eigentlich nichts fragen könne, was sie +nicht als Schande empfinden konnte. Aber vor allem mußte er sich selber +in acht nehmen; war er nicht auf dem besten Weg, sich zu verlieben? +Leider müsse er jetzt weiter, um mit andern zu tanzen und sich zu +unterhalten. Sobald er sie verlassen hatte, war ihm, als finde er sie +nicht wieder; aus der Entfernung wurde sie gewissermaßen unsichtbar. +Sobald es der Anstand erlaubte, war er wieder bei ihr. Sie hatte +augenscheinlich nichts dagegen. Diesmal war sie ein bißchen +zutraulicher, ja, sie sah ihn sogar ein paarmal an und lächelte ihm +gerade in die Augen. Ei, ei! Das war mehr, als Rendalen erreicht hatte! +Seine Verliebtheit hatte begonnen durch ihre Verlegenheit und wuchs +durch ihre Zutraulichkeit. Er fragte, ob er die Damen nach Hause +begleiten dürfe. Er habe doch ein größeres Anrecht darauf als andere, +weil sie seine Wirtin sei. Das wurde sofort angenommen; sie überlegte +gar nicht. Allerdings, sagte sie, ihr Neffe, der vorhin Kallem zwischen +"Nußkern" und "Heckenrose" hatte wählen lassen, würde sie begleiten; +aber sie könnten ja beide mitkommen. -- "Natürlich!" sagte er munter; +heimlich dachte er: "der Neffe" kann dann den "Nußkern" nehmen! + +Eine feuchte Nacht mit leisem Schneefall. Die Schneesterne sanken +vereinzelt und bedächtig, als wähle jeder sich seinen Platz und habe +jeder sein Geschäft. Kein Windhauch mischte sich darein. Die beiden +Damen erschienen, wohl eingemummt, mit Finnen-Schuhen[1] an den Füßen. +Drinnen waren Musik und Tanz noch in vollem Gang; im Vorsaal und auf der +Treppe klang helles, junges Lachen und von draußen das Schellengeläut +der zum Abholen bestellten Schlitten. Der "Neffe" konnte so früh nicht +fort, da er Wirt war; aber er schaffte einen Stellvertreter herbei, der +auch sofort seine Dame unter den Arm nahm und in großen Sätzen mit ihr +den Hügel hinabjagte. Als jedoch Kallem es mit der seinen ebenso machen +wollte, wurde sie ängstlich, klammerte sich fest an ihn, während sie +mitrennen mußte, rannte atemlos und bat, er möge das doch lassen. Sie +benahm sich, als wenn sie nicht gut sähe. Er blieb stehen und fragte, ob +das der Fall sei. Nein, aber sie habe eine Todesangst, sie könne fallen. +"Sie sind wohl überhaupt sehr ängstlicher Natur, wie?" -- "Ja, das bin +ich", sagte sie treuherzig. Süß war sie ja; aber im Grunde doch eine +rechte Zimperliese. Sie gingen nun ein Stück weit, ohne zu sprechen; die +beiden andern waren nicht zu sehen. Bah, dachte er, es ist nicht der +Mühe wert, sich darüber zu ärgern; sie wird eben nicht anders können. +"Es ist noch nicht einmal ein Uhr", sagte er. -- "Nein, aber das jüngere +von den Kindern ist nicht wohl; das Mädchen wacht bei ihm, und die muß +morgen wieder früh heraus." Der nordländische Singsang ihrer Stimme +versetzte ihn ans Meer. "Ich vermisse jetzt im Winter das offene Meer +so", sagte er. "Hier ist nichts als Eis. Es wird wohl allen Westländern +so gehen!" Sie antwortete, in Berlin habe sie oft, besonders beim +Spielen, das Meer geradezu gehört. "Aber ist es nicht wunderbar, daß das +Meer einen immer frisch macht, wenn man in seiner Nähe ist, und +schwermütig, wenn man daran denkt?" -- -- Ein paar Schlitten kamen rasch +von oben herunter; die beiden mußten ausweichen, und sie zog ihn mit +sich bis an den äußersten Rand des Wegs, während es vorübersauste, drei +Schlitten hintereinander, in rasendem Tempo. + +Sie gingen weiter und lauschten dem Schellengeläut, bis es sich verlor; +wieder trat die Stille ein, deren die Schneeflocken bedurften, um sich +bemerkbar zu machen. + +"Man sollte eigentlich nicht reden, wenn Schnee fällt", sagte sie. + +Jetzt warteten die beiden andern auf sie, und das Gespräch ging eine +Zeitlang zwischen dem "Nußkern" und den Herren hin und her, bis wieder +ein Hügel kam, den das erste Paar im Sturm nahm. Die andern sahen sie +nur noch durch den Schneeschleier, ohne sie zu hören. Aber sobald die +Straße dichter bebaut war und der Verkehr lebhafter wurde, schlossen +sich die Paare wieder zusammen, und damit war auch der angenehmere Teil +der Wanderung zu Ende. + +Hinterher verwuchsen die Eindrücke mit dem Naturbild: sie -- mitten +unter den Schneesternen -- das Weißeste, Feinste, was er je gesehen +hatte. Was sie vom Meer und vom Schneefall gesagt hatte, war voll +musikalischer Phantasie; zuletzt schwebte die ganze Gestalt in weicher +Unbestimmtheit. Allmählich, während alle diese Eindrucksperlen vom +Grunde seiner Seele aufstiegen, gerieten seine Sinne in wirren +Liebestaumel. Sie war in diesen Zimmern; so oft eine Tür zum Vorsaal +sich öffnete, gab es einen Widerhall in ihm; ging ein leichter Schritt +über den Gang, so war sie es; er hatte fast ein Gefühl, als ginge es +über ihn selber hinweg. Im Grunde fürchtete er sich davor, ihr wieder zu +begegnen; da schwand wohl alles wieder in nichts zusammen. Jetzt war das +Bild so schön. Und wirklich, so geschah es auch ... Als er fünf oder +sechs Tage später von der Universität kam, begegnete er ihr und ihrer +Schwester mit zwei kleinen Kindern. Es gingen viele Menschen auf dem +Fußsteig zwischen ihnen, so daß er sie erst erkannte, als sie einander +gegenüberstanden. Er grüßte; der "Nußkern" lächelte und grüßte auch; +aber die andere wurde rot und vergaß zu grüßen, und jetzt sah sie nichts +weniger als talentvoll aus. Er hielt sie an, erkundigte sich, wie ihnen +der Abend bekommen sei, und begann ein Gespräch mit der Schwester. Die +andere beugte sich über die Kinder, -- zwei reizende kleine Mädchen, +angezogen wie Puppen, das eine drei, das andere etwa vier Jahre alt. Er +lud die Gesellschaft in die Konditorei ein, was nach einigem Schwanken +angenommen wurde. Aber die junge Frau blickte nicht mehr auf, und im +Lokal konnte er sie kaum dazu bewegen, sich zu setzen. In ihrer +Verlegenheit und vor lauter Unruhe begann sie an den Kindern +herumzubasteln, bis die Kleinen ungeduldig wurden. Er bot ihnen Wein und +Kuchen an, aber sie wußte nicht, was sie nehmen sollte; zuletzt überließ +sie die Wahl der Schwester. Ihr Gesicht war heute von einer Mütze mit +Ohrenklappen eingerahmt, unter der die Stirn völlig verschwand, wodurch +das Gesicht rund und nichtssagend wurde. Ihre Figur steckte in Kleidern, +die ihr alle zu weit waren -- später hörte er, daß sie von ihrer +verstorbenen Schwester sie geerbt habe. Erst als er selber sich mit den +Kindern beschäftigte, wozu er -- als großer Kinderfreund -- ein +auffallendes Geschick hatte, kamen sie sich wieder näher; noch dazu +unten auf dem Fußboden. Das Kleinste hatte sich mit dem +Schlagsahnekuchen beschmiert, den die Frau in ihrer Ungeschicklichkeit +für das Kind gewählt hatte, und als sie es, jedes mit seinem +Taschentuch, abwischten, zerfloß sie im demütigen Gefühl ihres Vergehens +und konnte nicht aufhören zu danken. Nun wollte die Kleine, die sich so +wundervoll beschweint hatte, noch einen Kuchen von derselben Sorte, +beileibe keinen andern, und Kallem war -- obgleich er wußte, daß +allzuviel nicht gut war für das Kind -- natürlich völlig damit +einverstanden. Aber er nahm es auf den Schoß, ließ sich eine Serviette +geben und paßte auf, bis der letzte Bissen verspeist war. Die junge Frau +stand daneben und ließ sich voll Demut belehren. Jetzt wollte die Kleine +noch einen dritten Kuchen, und auch damit war Kallem einverstanden. Die +Ältere, die bis dahin geduldig zugesehen hatte, wie ihre Schwester aß, +wagte nun auch zu bitten; da nahm er sie auf sein zweites Knie und +fütterte alle beide. Alle Teile amüsierten sich während dieser wichtigen +Handlung, sogar Frau Ragni fand den Mut, zu lachen. Und wie gesagt, wenn +sie lachte, war sie "süß". Die Erwachsenen tranken noch ein Glas Wein. +Auf dem Heimweg trug Kallem das kleinste Mädelchen auf dem Arm. Sie +waren bald dicke Freunde, er und die Kleine; ihre Stiefmutter war auf +den Wein hin mutiger geworden und sagte: "Ist sie nicht süß, die kleine +Juanita?" Sie reichte ihre Hand hinauf, und die Kleine patschte mit +ihrem Fausthandschuh hinein; die junge Frau hielt ihn im Gehen eine +Weile fest. + +Kallem trug das Kind die Treppe hinauf und versäumte nicht, ihm sein +Zimmer zu zeigen und beide einzuladen, ihn am nächsten Vormittag zu +besuchen. Es war ein Sonntag. Gleich nach Tisch kaufte er Apfelsinen, +Äpfel, Feigen und kandierte Früchte, um etwas zu haben, wenn sie kämen. + +"Ist sie nicht süß, die kleine Juanita?" -- mit ihrem leisen +nordländischen Tonfall! Er setzte es in Musik und summte es vor sich +hin, so oft er an sie dachte. Dann hörte er die Stimme, sah die Augen, +wie sie zu dem Kind aufblickte, die ausgestreckte Hand. "Ist sie nicht +süß, die kleine Juanita?" wurde eine Lieblingsstrophe, die er auch +Rendalen lehrte; sie begrüßten sich damit abends beim Turnen. Aber daß +sie verlegen geworden war, als sie ihn wiedersah -- vielleicht, weil es +heller Tag war --, das behielt Kallem für sich. Er erzählte, wie putzig +sie gewesen war in ihren zu großen Kleidern, die aussahen, als seien sie +für einen Backfisch gemacht, der noch wächst. Aber daß sie in der +Konditorei unruhig geworden war, als er sie ansah, davon sagte er keinen +Ton. + +Die Kinder waren oft bei ihm. Er schenkte ihnen Apfelsinen und süße +Früchte, lief vor ihnen auf den Händen und sprang über die Stühle, und +sie waren unbändig vergnügt! Bloß das Mädchen verdarb ihm allen Spaß; er +las in ihrem Lächeln nur zu deutlich: "Du bist ein Schelm! Du tust ja +doch alles nur der Mutter wegen!" + +Er war feig genug, ihr zu sagen, die Kinder dürften jetzt eine Zeitlang +nicht mehr kommen. Es schnitt ihm ins Herz, als er am nächsten Abend +hörte, wie die Ältere die Tür aufmachte und schon auf dem Korridor war, +um zu ihm herüberzulaufen, und dann zu weinen anfing, als man sie +zurückholte. Er klingelte nach dem Mädchen und befahl ihr, den Kindern +den Rest von dem, was er für sie gekauft hatte, zu bringen. Sie nahm es. +"Das ist aber zu viel!" sagte sie und sah ihn verschmitzt lächelnd an; +prügeln hätte er sie können. Aber dann dachte er: "Zum Kuckuck auch, +wenn sie doch Verdacht hat bei allem, was ich tue, dann können auch die +Kinder wiederkommen!" Und am nächsten Abend holte er sie selber aus der +Küche zu sich herein. + +Eines Tags begegnete er der Schwester, die eben ausgehen wollte. Sie +grüßte fröhlich und sagte: "Gut bekommen neulich?" "Denken Sie nur," +fügte sie hinzu, "in ein paar Tagen reise ich nach Hause." Er meinte, da +gehöre es sich doch, daß sie Abschied feierten, etwa in der Konditorei. +Das fand sie auch, und sie verabredeten, sie wollten sich am nächsten +Tag treffen, ganz wie neulich, auch die Kinder mit dabei, und alles +sollte wiederholt werden. So geschah es auch. Frau Ragni war nicht ganz +so verlegen wie das letzte Mal, er noch munterer, die Kinder +ausgelassen. Die ganze Tollheit des Verliebten war über ihm, als sie +voll Fröhlichkeit nach Hause zurückkehrten. Er tanzte, Juanita auf dem +Kopf, voraus und lehrte die Schwestern singen: "Ist sie nicht süß, die +kleine Juanita?" + +Als die Schwester abreiste, kam er auf den Bahnhof. Eine Menge Verwandte +und andere Menschen waren da, um Abschied zu nehmen. Beide Schwestern +waren tief unglücklich, am unglücklichsten wohl die zurückbleibende. Sie +weinte unaufhörlich, auch nachdem der Zug schon fort war. Einen +Augenblick dachte er daran, sich zurückzuziehen und sie mit den +Verwandten allein zu lassen; aber sie sagte: "Ach bitte, gehen Sie +nicht!" Dabei wollte sie eigentlich gar nichts von ihm; sie ging neben +ihm her wie neben den andern und weinte den ganzen Weg über; auch als +die andern gegangen waren, und er und sie vor der Haustür standen, wußte +sie nichts zu sagen, sondern ging ohne weiteres hinauf. Auf der Treppe +fragte er, ob sie und die Kinder nicht ein bißchen mit ihm spazieren +fahren wollten; das würde sie zerstreuen. Sie schüttelte nur den Kopf. +"Aber morgen vielleicht?" fragte er ehrerbietig, während er ihr die Tür +öffnete. Sie ging hinein, kam jedoch wieder zurück. "Danke, morgen +vielleicht!" sagte sie, gab ihm die Hand und sah ihn mit ihren guten, +tränenvollen Augen an. + +Aus diesem tiefen Schmerz glaubte er schließen zu können, daß sie sich +verlassen fühlte. Im Alltagsleben vielleicht nicht; denn da füllte sie +die Zeit mit ihrer Phantasie aus; wenn aber etwas geschah, das sie aus +dem Traum herausriß, so wachte sie auf, blickte um sich und fand sich +einsam. + +Am nächsten Tag saß sie mit den Kindern in einem Schlitten, den er +selber fuhr. Nach der Fahrt ging er mit hinein zu Kule, der sich auf +seine schwerfällige Art dafür bedankte, daß er so freundlich gegen die +Kinder sei. Kallem ließ sich alle ihre Spielsachen zeigen, und Kule bat +seine Frau, etwas Musik zu machen. Die Kinder wurden hinausgeschickt; er +selber saß dabei und paffte aus einer langen Pfeife, die ihm seine Frau +hatte stopfen sollen, was Kallem ihr jedoch abgenommen hatte. Heute sah +Kallem auch zum erstenmal die Köchin, ein derbes, ältliches Mannsweib, +deren nordländischer Singsang wie Vogelgeschrei über der Meeresbrandung +klang. Sie war in der Küche und hatte zugleich Kule zu bedienen. Die +Frau des Hauses widmete sich augenscheinlich nur ihren eigenen +Angelegenheiten, d. h. den Kindern und ihrer Musik. Sie spielte in +diesem Augenblick dasselbe russische Stück, das Kallem von seinem Zimmer +aus gehört hatte; vielleicht noch besser. Nicht, daß er besonders +aufmerksam zugehört hätte; er sah nur sie selbst an. Die obere Partie +des Gesichts, das jetzt über Notenblatt und Tasten leuchtete, war eine +ganz andere, als die, die er kannte. Das war wohl, was Rendalen gesehen +hatte. Welche Entwicklung müßte sie erst durchmachen, damit auch die +untere Hälfte dazu stimmte! Vor einigen Tagen hatte er einen Brief von +einem Vetter aus Madison in Wiskonsin erhalten, der zum Professor an der +dortigen Universität ernannt worden war; seine Frau, eine Norwegerin, +studierte bei ihm. So etwas war nötig, um diese matte Wange und dieses +schlaffe Kinn, den willenlosen Mund mit der spröden Haut auf den Lippen +zu wecken und zu formen. Aber wie rührend war dabei diese ganze +kindliche Unmündigkeit! Dicht daneben sah er die ungeheure Faust des +Mannes auf der Stuhllehne -- der ganze Kerl lag im Stuhl wie ein toter +Flußgott in Hosen! Während des Spiels öffnete sich die Tür rechts, und +herein trat ein drittes überlebensgroßes Nordlandwesen, eine alte Dame +mit weißen Haaren, einem großen vollen Gesicht und einer Hornbrille. Das +war die Tante. Sie war größer als Kallem und entsprechend stark. Die +junge Frau kreuzte zwischen ihnen wie eine Lustjacht zwischen +schwerbefrachteten Ozeandampfern. Eben blickte sie zu Kallem hin wie zu +einem Vertrauten. Sie hatte ihm freilich nichts anvertraut; aber ihre +gemeinsame Jugend fand sich zusammen gegen all das, was so unbegreiflich +schwerfällig und hinderlich war. Seine Liebe verlangte ungeduldig, sie +frei zu machen; daß er es nicht konnte, lastete wie eine Schwüle in der +ganzen Stube. Es quälte ihn, dieses unfaßbare Verhältnis. + +Der Eindruck, den er von dem Besuch mitnahm, störte ihn bei den +Vorarbeiten zum Examen, die er bis zu diesem Tag regelmäßig betrieben +hatte. Er entwarf die wildesten Pläne, ja, er schrieb sogar an seinen +Vetter in Amerika und fragte an, ob sie geneigt seien, eine junge Dame +bei sich aufzunehmen. Er vertraute sich Rendalen an, der anfänglich voll +Ingrimm dagegen protestierte, sich aber später doch gewinnen ließ. Das +Gefühl ihrer Verantwortung sich selbst gegenüber mußte geweckt werden; +sie mußte die Gefahren eines fortgesetzten Zusammenlebens kennen lernen; +vor allem mußte sie fort, weit fort, damit sie geistige Freiheit zu +ihrer Entwicklung habe. Kallem wurde kraft dieser selbst übernommenen +Fürsorge immer sicherer und seine Liebe immer mächtiger. Jede Begegnung +mit ihr, wie kurz sie auch war, ja, nur ein Gruß auf der Straße oder im +Korridor bestärkte ihn in dem Gefühl, daß sie ihm und keinem andern +gehöre, und daß sie befreit werden müsse! + +Und das alles, eh' er ein einziges Wort zu ihr selbst gesagt hatte. + +Er war schon oft verliebt gewesen, hatte sich schon oft hingegeben, auch +ohne es zu sein. Aber dieses zarte und unvollkommene, dieses begabte und +verlassene Wesen begehrte er zu retten und zu formen; das lag in seiner +Natur, und darum gab er sich mit ganzer Seele hin. Sie ihrerseits verlor +mit jeder Begegnung ein bißchen von ihrer Scheu; es war, als vermöge er +sie zu trösten über die Abreise der Schwester, ja, wenn er sich nicht +täuschte, so war er ihr mehr als ein Ersatz. Ein untrügliches Zeichen +hatte er jedenfalls. Er hatte ihr gesagt, daß er abends zu Hause bleibe, +hauptsächlich, um sie spielen zu hören, und daß er immer einen Spalt +seiner Tür öffne; und seitdem spielte sie jeden Abend, oft lange. + +Wenn er ihr mit den Kindern begegnete und sie mit in die Konditorei +nahm, hatte er die größte Lust, sich auszusprechen; aber ihr Wesen war +nicht darnach. Besonders ihre Treuherzigkeit war im Wege; er durfte sie +nicht erschrecken. Seine eigene Energie drängte zu einer Lösung; aber +seine Liebe beugte sich vor ihrem Bedürfnis nach poetischem Spiel, bei +dem die Liebe nicht bei Namen genannt wurde, und doch alles zu ihrer +Bilderschrift wurde. Das gab dem Verhältnis eine Süßigkeit, der nichts, +was er bisher kennen gelernt hatte, gleich kam. + +Einen Abend in der Woche nahm sie teil an einer Art Privatkonzert, oder +wie man es nennen wollte, das bei Verwandten ihres Mannes stattfand, +denselben Leuten, wo sie damals getanzt hatte. Dazu verschaffte sich +Kallem durch seinen Studiengenossen, ihren Neffen, Zutritt. Natürlich +bloß, um sie nach Hause begleiten zu können. Es war um die Zeit der +Schneeschmelze, und die Straßen waren voll Eis. Als er ihr sagte, daß er +auch hinkäme, und bat, sie nach Hause bringen zu dürfen, -- worüber sie +sehr erfreut war -- nahm sie als selbstverständlich an, daß er im +Schlitten oder Wagen kommen werde. + +Nach einem langen Abend mit zuviel Musik in zu engen Räumen brachen sie +endlich auf. Sie zog rasch ihren Mantel an und eilte mit ihm hinaus. +Draußen nahm er ihren Arm. "Das trifft sich gut," sagte er --"eben geht +der Mond auf." Sie dachte, sie würden einen von den Schlitten nehmen, +die da standen, oder den Wagen, der eben kam. Es war Glatteis gleich vor +der Haustür, und sie stieß einen kleinen Schrei aus, schritt aber +tapfer aus. Inzwischen fuhr ein Schlitten nach dem andern davon und +zuletzt auch der Wagen. "Fahren wir nicht?" fragte sie. Der Schelm +lachte; er habe es sich gerade so hübsch gedacht, zu gehen. Sie +versuchte ihre Enttäuschung zu verbergen; aber nach einigen +verzweifelten Versuchen bat sie ganz rührend, sie wollten doch fahren. +Ihm fiel ein, wie ängstlich sie das erste Mal gewesen war, und unter +Gewissensbissen versicherte er, sie würden nur bis zum nächsten +Halteplatz gehen, der nicht weit entfernt war. Der Weg war nicht so +besonders glatt, aber abschüssig; sie klammerte sich an seinen Arm, +starrte geradeaus und stieß leise Schreie aus; etwas weiter wurde es +schlimmer; die ganze Breite des Wegs war manchmal von Eis bedeckt, +trotzdem auch hier einzelne sichere Stellen waren. Jetzt verlor er ein +bißchen den Mut, besonders, da er sie nicht dazu bewegen konnte, zu +schlittern. Etwas so Furchtsames war ihm doch noch nie vorgekommen. +Natürlich ging es nur Schritt für Schritt vorwärts, mit vielen langen +Pausen. + +Die umliegenden Gärten und Felder waren teils nackt, teils mit Schnee +oder Eis bedeckt; dorthinaus wollte sie. Aber er zeigte ihr, daß bald +ein Haus, bald ein geschlossener Garten den Weg versperrte; es war nicht +wie auf dem Lande. Die Felder sahen zerrissen aus, ebenso der Himmel. +Lange Wolkenherden zogen durch das schwarze Blau dort oben, genau wie +das Eis zwischen den kahlen Stellen hier unten lag. Der Mond schien in +rasender Hast hinter den Wolken herzujagen, sie einzuholen, durch sie +hindurch und weiter zu fahren. Da droben mußte ein Orkan toben; hier +unten war es still. Kallem fühlte sich unglücklich und unsicher seines +Fehlgriffs wegen. Das unstäte Licht über der Landschaft mit ihren +zerrissenen Farben erhöhte diese Stimmung noch; ganz gewiß würde etwas +Schlimmes geschehen. Und wie immer, wenn dieses Gefühl über ihn kam, zog +jene Schreckensnacht aus seiner Kindheit mit allen Konsequenzen an +seiner Seele vorüber. Sollte denn dies angstvolle Vorgefühl eigener +Fehlgriffe sein ganzes Leben verfolgen? Er spannte alle seine Sinne an: +sie durfte nicht hinfallen. Ohne ihre Hasenherzigkeit wären die Hügel +eine einzige lustige Schlitterbahn gewesen; nun machte sie auch ihn +ängstlich. Jede glatte Stelle wurde zu einer wirklichen Gefahr, und die +Errettung aus der einen brachte nur eine neue Gefahr, in die sie +gerieten. Sie sprachen nicht, sahen sich nicht an, beide ängstlich und +ungeduldig. Minuten brauchten sie, wo Sekunden genügt hätten; der eine +schob im Stillen die Schuld auf den andern, während sie kämpften, als +gelte es das Leben. Nur ein atemloses: "O Gott!" oder "Nehmen Sie sich +ja in acht hier!" oder ein hoffnungsloses: "Nein, es geht ja nicht!" und +ein "Versuchen Sie's noch einmal! Kommen Sie!" Zuletzt nicht einmal mehr +das. Sie mochte jammern, verzweifeln, beinahe weinen -- er antwortete +nicht mehr. Und so sehr war sie von ihrer Angst erfüllt, daß sie den +Übergang nicht einmal merkte. + +Da sahen sie in der Ferne die Rettung, nämlich zu beiden Seiten hohe +Häuser, die Schutz boten gegen die Sonne, so daß der Schnee nicht +geschmolzen war. Dorthin galt es zu kommen, dort war auch ganz in der +Nähe ein Schlittenhalteplatz. Endlich war es geglückt. Sie blieb stehen, +holte tief Atem und versuchte zu lachen; aber es ging nicht. "Wir wollen +einen Augenblick stehen bleiben!" bat sie aufs neue tief aufatmend. Sie +ließen einander los; weiter unten hörte man Schellengeklingel; beide +lauschten. "Wenn nur nicht der letzte. Schlitten gerade wegfährt!" sagte +sie. "Es ist spät." Sie nahm seinen Arm und sie gingen weiter. Ganz +leicht war es auch hier nicht, der Schnee war festgetreten, aber auf dem +Fußweg war gestreut. Sie gingen jetzt schneller und allmählich sicherer. +"Gott sei Dank!" sagte sie erleichtert, als komme sie vom Eismeer +zurück. Aber kaum hatte sie es gesagt, so lag sie auch schon am Boden. +Sie waren an eine tückische Stelle geraten, wo ausgegossenes Wasser +gefroren war und sich später mit einer Reifschicht überzogen hatte. Sie +glitt aus und zwar gerade über einen seiner Füße, so daß auch er +ausglitt und fiel -- der eine über den andern. Er machte seinem +übervollen Herzen in einem Fluch Luft und war sofort wieder auf den +Beinen, um ihr zu helfen. Aber sie lag regungslos, mit geschlossenen +Augen da. + +Es überlief ihn eisig. Eine Gehirnerschütterung? Er hob sie auf und +legte sie über sein Knie, zog mit den Zähnen seinen rechten Handschuh +aus und machte ihr den Kragen auf. Ihr Arm hing herunter, ihr Gesicht +war totenblaß. Er öffnete ihren Mantel, um ihr Luft zu schaffen. Jetzt +rührte sie sich. "Ragni!" flüsterte er. "Ragni!" und beugte sich tiefer +auf sie herab, "süße, süße Ragni! Verzeih mir!" Sie schlug die Augen +auf. "Verzeih mir, hörst Du!" In ihren Wangen stieg die Röte auf, ihre +Hand griff nach dem Mantel, der offen war; sie hatte es also gefühlt, +nur in der Betäubung des Schreckens gelegen. Er konnte seine Freude +nicht mehr zügeln, -- er zog ihren Kopf zu sich empor und küßte sie +ein-, zwei-, dreimal. "O Du -- wie ich Dich liebe!" flüsterte er und +küßte sie wieder. Sie wollte sich aufrichten; er merkte es, stand sofort +auf und zog sie mit empor. Aber sie konnte nicht allein stehen, sondern +taumelte, so daß er sie an den Gartenzaun gerade vor dem Hause lehnen +mußte. Daran hielt sie sich und neigte sich darüber, als könne sie +allein sich nicht tragen. Er ließ sie los, um zu sehen, ob sie sich +aufrecht halten konnte; ja, es ging. "Ich laufe nach einem Wagen!" sagte +er, und fort war er. Im Laufen fiel ihm ein, daß er das von Anfang an +hätte tun können, dann hätte sich alles das vermeiden lassen. Ob noch +ein Wagen zu haben war? Wenn nicht, so rannte er eben weiter. Wenn sie +nur stehen konnte! Wenn nur niemand kam ... Er sprang, er glitschte, und +als er einen Schlitten stehen sah, sprang er hinein und befahl dem +Kutscher, draufloszufahren, was das Pferd nur laufen könne, ohne ihm zu +sagen, wohin. Erst als dies erledigt war und der Schlitten davonsauste, +kam ihm zum Bewußtsein, was er gesagt und getan hatte, während er sie +in seinen Armen hielt. Es hatte wohl in ihm fortgetönt, aber jetzt erst +brach es in voller Melodie hervor. + +"Fahren Sie zu! Dort steht sie, dort rechts! Wir sind gefallen, und sie +hat sich wehgetan. Ja, dort!" Er sprang heraus und eilte zu ihr hin, +während der Kutscher umwendete und dicht heranfuhr. Sie lehnte noch +immer am Zaun, aber jetzt halb mit dem Rücken und halb von der Seite. +Den Mantel hatte sie wieder zugeknöpft und den Schleier herabgezogen. +Als er kam, streckte sie die Hand aus, um sich zu stützen; er nahm sie, +legte aber seinen andern Arm um ihren Leib, um sie vor sich herzuführen; +er wollte nicht noch einmal riskieren, daß sie ihm ein Bein stelle. Es +ging gut, er hob sie in den Schlitten, packte sie ein, bezahlte den +Kutscher und nannte die Adresse. Sie bat ihn, nicht mitzufahren. Sie +sagte nicht gute Nacht, sie blickte nicht auf. Und der Schlitten fuhr +ab. + +Er fühlte sofort -- jetzt ging sie von ihm. -- -- -- + +Nichts macht einem wackern Burschen soviel zu schaffen wie seine eigene +Dummheit und Ungebärdigkeit. Stundenlang strich er diese Nacht durch die +Straßen und schlich dann nach Hause wie ein geprügelter Hund. Am +nächsten Morgen wagte er nicht, das Mädchen zu fragen. Aber abends +erzählte sie ungefragt, die gnädige Frau sei nicht wohl gewesen; sie +habe Erbrechen gehabt und liege zu Bett; immerhin gehe es besser. Maries +mitwissendes Lächeln versetzte ihn in ohnmächtige Wut. Sie hatte noch +obendrein die Unverschämtheit, in seinem Gesicht zu forschen. Trotzdem +mußte er sich den Tag darauf bequemen, zu fragen. Ja, die gnädige Frau +sei auf, und es gehe ihr ganz gut. Aber weder diesen, noch den nächsten +Tag bekam er einen Schimmer von ihr zu sehen; auch von den Kindern hörte +er keinen Ton. Sie spielte auch nicht am Abend; er blieb eigens zu +Hause, um zu horchen. Weder sie selbst, noch die Kinder kamen den +gewohnten Weg an seiner Tür vorbei, wenn sie ausgingen; sie gingen die +Hintertreppe hinunter. Nie traf er sie mehr. Sie wählte neue Wege. + +Bisher war seine Liebe ein heimliches Glück voll von Plänen gewesen. +Jetzt war er gewaltsam ins Heiligtum eingebrochen, und ein endloser +Traum, ein fruchtloses Grübeln löste seine klaren Tage und seine +gesunden Nächte ab. Er ging alles durch, was geschehen war, jedesmal mit +brennender Selbstquälerei. Er verachtete sich selbst, ließ sich zu +Kneipereien mitschleppen und verachtete sich noch mehr. Seitdem er ihre +Lippen berührt, ihr Ohr beleidigt hatte, war ihr Bild wie mit einem +Schleier überzogen; er sah nicht das reine Taubenweiße, das von Musik +Getragene in all seiner Anmut und Hilflosigkeit; er sah ein Weib, das er +begehrte. Aber er hatte Sinn für Humor und eine gesunde Natur; er wollte +sich nicht in Selbstquälerei und törichter Begierde verzehren. Er wollte +sogleich ausziehen, und zwar unter dem Vorwand einer Reise. Damit +glaubte er über alle Schwierigkeiten hinwegzukommen wie über einen Zaun. +Er hielt es nicht aus, daß ihm das Haus verschlossen war; er hielt nicht +einmal das unverschämte Lächeln des Mädchens mehr aus. + +Auf einmal frappierte ihn die Ähnlichkeit, die sein Umzug mit dem +Aufbruch Rendalens hatte. Auch Rendalen hatte kurzen Prozeß gemacht. Es +war doch nicht etwa aus demselben Grund gewesen -- --? Er schlug eine +Lache auf. Natürlich -- genau dasselbe war auch dem widerfahren! + +Rendalens Mutter war in der Stadt gewesen und hatte hier gewohnt; +während der Zeit war Ragni viel mit den beiden zusammen gewesen; +Rendalen und sie hatten vierhändig gespielt. Das hatten sie auch nach +der Abreise der Mutter fortgesetzt -- und immer auf seinem Flügel, das +wußte er ... Er empfand dieses Zusammentreffen wie eine Demütigung. + +Eine feinere, edlere Natur als Rendalen kannte Kallem überhaupt nicht; +der hatte sich auch nicht das Geringste erlaubt. Aber daß sie auch ihn +so unruhig machte, daß er auszog! Sie mußte also etwas derartiges an +sich haben? Das redete er sich zu seiner Entschuldigung ein. Ja, noch +mehr, er empfand es als eine gesteigerte Versuchung. Am selben Abend +noch sagte er Marie, er müsse verreisen, entweder morgen oder den Tag +darauf, das wisse er noch nicht; jedenfalls solle sie um die Rechnung +bitten; selbstverständlich bezahle er das volle Quartal. Das Mädchen sah +ihn an; sie erriet sofort den tieferen Zusammenhang. Weidete sie sich +daran, -- hatte sie etwas zu erzählen? Sie fragte in ihrer bescheidenen +Art, ob er die Rechnung sogleich wünsche. Nein. + +Am nächsten Tag kam es nicht zum Umzug; aber am folgenden sollte er vor +sich gehen. Er wollte ein paar Tage verreisen, sich aber zuerst eine +neue Wohnung suchen und seine Sachen hinbringen lassen. Nachmittags ging +er aus und mietete -- und zwar in einem ganz andern Teil der Stadt. Dann +überlegte er eine Weile, was er als Grund angeben solle, namentlich +Rendalen gegenüber. Er beschloß, ihm die volle Wahrheit zu sagen, den +andern einfach, er sei in seiner jetzigen Wohnung mehrfach gestört +worden; es war ja auch wahr. Gegen fünf Uhr kam er wieder nach Hause, +ging ins Schlafzimmer, zog Schlafrock und Pantoffel an, ging dann wieder +ins Nebenzimmer und legte sich aufs Sofa, wo er in einen tiefen Schlaf +fiel; den hatte er auch nötig. Gegen sieben kam das Mädchen und heizte +ein, ohne daß er es merkte. Etwas später erwachte er, hörte das Prasseln +und sah die Helle und schloß daraus, daß es über sieben sein müsse. +Seine Gedanken waren sofort drüben bei ihr. Er hoffte ganz heimlich, +wenn sie erführe, daß er fortziehe, so würde er sie noch einmal spielen +hören. Bisher hatte er sich hierin getäuscht; aber trotzdem konnte er +den Glauben, daß seine Abreise ihr naheging, nicht aufgeben. Er lag auf +dem Bett und lauschte. Sollte er ohne weiteres zu ihr hineingehen und +Abschied nehmen? Sollte er Licht anzünden? Sollte er wieder ausgehen? Er +stand auf und starrte ins Ofenfeuer. Da hörte er im Vorsaal eine Tür +gehen und mehrere Stimmen -- ein paar Damenstimmen mit stark +nordländischem Tonfall. Er dachte, es seien wohl neu angekommene +Verwandte, die zum Besuch dagewesen waren. Die Damen wurden bis zur Tür +begleitet; er hörte die langsame Sprechweise der Tante, auch eine +Männerstimme hörte er -- war das Ole Tuft? Nur die, nach der er +lauschte, hörte er nicht. Allgemeines Abschiednehmen, die Tür wurde +zugemacht. Dann die Stimme der Tante und Ole Tufts -- wirklich, es war +seine Stimme. Er mußte also eben gekommen sein, als die andern gingen. +Beide verschwanden im Zimmer der Tante, die Tür schloß sich hinter +ihnen, gleichzeitig wurde weiter hinten eine Tür geschlossen. Wieder +klingelt es, wieder geht eine Tür auf und herausstürmen jubelnd die zwei +Kinder; sie wollen die Gelegenheit benützen und zu Kallem hinein; aber +sie dürfen nicht. Unter Gelächter wird im Korridor Jagd auf sie gemacht; +sie werden eingefangen, und eine Tür wird hinter ihnen zugeschlagen; +gleichzeitig öffnet sich die Entreetür; eine der Damen hatte ihre +Überschuhe vergessen. Und jetzt hörte er Ragnis Stimme: sie wolle Licht +holen, es sei ja ganz dunkel hier. Im Singsang der nordländischen +Schifferlieder wurde das abgelehnt. Hier waren die Gummischuhe, gleich +an der Tür; sie seien nur nicht leicht anzuziehen -- es seien ganz +"neue"! So! Nun saßen sie. Wieder ein zärtliches "Adieu, adieu!" und als +Antwort ein "Auf Wiedersehen am Freitag!" Das letzte sagte Ragni. +Täuschte er sich --oder klang es wirklich wie die Stimme eines Menschen, +der sich in der Nähe einer Gefahr glaubt? Nicht so recht ihre gewohnte +Stimme? Sprach sie, ohne es zu wollen, von ihm? Er schnellte auf und war +an der Tür, noch ehe sie draußen zugemacht hatte. Wenn er öffnete, +standen sie sich Auge in Auge gegenüber. Sollte er --? Er lauschte wie +auf ein Zeichen. Er hörte sie nicht gehen; vielleicht stand sie draußen? +Sein Herz schlug Sturm, während die Hand leise, leise auf die Türklinke +drückte und lautlos öffnete. Vor seinen Augen, die in das Ofenfeuer +gestarrt hatten, lag der Gang draußen im Stockfinstern. Er tastete sich +nach der Entreetür, fühlte das Schloß, tastete sich weiter vor; aber es +war niemand da. Sollte sie mit hinausgegangen sein? Nein, sie hatte sich +ja verabschiedet und von Wiederkommen am Freitag gesprochen. Weshalb +hatte er sie dann nicht gehen, keine Tür hinten öffnen hören? Sie mußte +hier im Flur sein. -- Er hörte sein eigenes Herz schlagen; aber vorwärts +mußte er. Jetzt fühlte er Kleider zwischen den Fingern; eisig +durchrieselte es ihn; aber gleich kam ihm die Besinnung wieder -- die +Kleider waren kalt und leer. Dann räusperte sich drinnen jemand -- das +war Kule. Von der Küche oder vom Eßzimmer her tönte Geplauder -- das +waren die Kinder. Bei diesen freundlichen Lauten aus einer Welt des +Guten stand er still wie ein Verbrecher. Er hätte das nicht tun sollen. +Nun hörte er die langgezogenen Fragen der Tante und Oles klare +Antworten, d. h. die Töne, nicht die Worte. War Ragni im Korridor? Sie +konnte ja etwas gesucht haben und, erschrocken über sein Auftauchen, +stehen geblieben sein. Wenn er weiter ging, konnte er sie erschrecken, +so daß sie geradenwegs auf eine Tür zustürzte und sie öffnete. Dann +stand er im vollen Lichte da! -- -- -- + +Nein, dazu war sie zu furchtsam. Wieder ein paar Schritte vorwärts. Er +hatte Pantoffel an; man hörte ihn kaum; aber er wünschte, sie möchte +nicht da sein. Die Kinder plauderten gerade am andern Ende des +Korridors; je näher er kam, desto deutlicher hörte er es; er sah sie im +Geist auf ihren Stühlchen knien und Häuser auf dem Tisch bauen. Er +schämte sich. Was wollte er eigentlich? Aber während er sich das fragte, +ging er weiter; er tastete von einer Seite zur andern, von einem Mantel +zu einem Schal, vom Rahmen einer Tür nach den Vorsaalfenstern, von denen +er einen Schimmer sah. Ein Wagen rumpelte vorbei, gleich darauf erklang +gedämpftes, ungleiches Schellengeläut; bei diesem Übergangswetter +benützte man beides, Wagen und Schlitten. In der Küche fiel etwas zu +Boden; Kule räusperte sich wieder; die Zeit mußte ihm lang werden; +vielleicht brauchte er Licht? Zwischen dem Kinderzimmer und der Küche +stand anscheinend die Tür offen, denn auf einmal waren die Kinder +draußen und fragten, was hinuntergefallen sei. Das Nordlandmädchen +antwortete schwerfällig, in langgezogener, süßlicher Freundlichkeit, +eine Un-ter-tas-se wäre hinuntergefallen, sie sei vom Bo-rt +heruntergerutscht. Weiter! War Ragni überhaupt hier, so stand sie in der +hintersten Ecke. Wie sie sich ängstigen mußte! Was mochte sie von ihm +denken! Und wenn er umkehrte, nahm er sich aus wie ein ertappter Dieb. +Jetzt vermochte er am Fenster ein klein wenig zu sehen; aber weiter +hinten wieder nichts, kein Lichtschimmer unten oder oben an den Türen, +auch aus den Schlüssellöchern nicht; nicht einmal geradeaus vor dem +Kinderzimmer. Ob sie vielleicht dort stand? Er bildete sich ein, daß er +sie dann sehen müsse. + +War sie vielleicht zur Tante hineingegangen -- dicht neben seiner Tür? +Oder hatte sie ganz einfach die Tür zur Stube der Kinder oder zum Zimmer +Kules hinter sich offen stehen lassen, als sie herauskam, und sie im +selben Moment geschlossen, als er seine öffnete? Und saß nun drinnen und +träumte? Das nahm er jetzt als ganz sicher an; denn er wünschte, es +möchte so sein. Dennoch ging er weiter. Endlich stand er ganz hinten an +der Tür; er hörte die Kinder und links die Köchin, die in ihrer Küche +rumorte und ab- und zuging. Jetzt kehrte er um und fühlte sich gleich +freier. Mit ausgestreckten Händen ging er zurück, diesmal schneller. Da +faßte er einen warmen, festen Arm. Er erbebte, erschauerte, Funken +sprühten vor seinen Augen; er blieb stehen. Aber der Arm regte sich +kaum, und er faßte wieder Mut. Langsam ließ er die Hand vom Arm um ihren +Leib gleiten und umschlang sie behutsam. Warm und weich fühlte es sich +an; sie stand ganz still, aber ein Zittern ging durch ihren Körper. Er +zog sie leise an sich. Mit der andern Hand faßte er die ihre und +drückte sie; auch diese zitterte. Er drückte sie wieder -- und nun +glitten sie langsam, Schritt für Schritt vorwärts -- sie ohne +Widerstreben, aber auch nicht freiwillig. Er hörte kaum seine eigenen +Schritte, die ihrigen gar nicht. Die Kinder plauderten leise. Aus den +Zimmern Kules und der Tante kam jetzt kein Laut; vor ihnen ein schwacher +Schimmer aus seiner eigenen Tür. Jetzt waren sie dort; er stieß die Tür +behutsam auf und wollte sie hineinführen. Aber nun blieb sie stehen und +wollte ihm ihre Hand entziehen. Er hörte ihr Atmen, fühlte ihren Hauch, +sah das blasse Gesicht, während er sie sachte bis zur Schwelle schob +--dann hinüber -- und die Tür hinter ihnen anlehnte. Drinnen ließ er sie +los, um so leise wie möglich ganz zuzumachen. Sie blieb stehen, wie er +sie verlassen hatte, mit dem Rücken gegen ihn, beide Hände vors Gesicht +gepreßt. Als er kam, fing sie zu weinen an. Er umschlang sie, um sie an +sich zu drücken, und jetzt ging ihr Weinen in Schluchzen über. Sie +schluchzte so schmerzlich, so unglücklich, daß sein Blut nüchtern wurde, +und er auf ganz andere Gedanken kam. Willenlos ließ sie sich nach dem +Sofa führen; sie weinte so verzweifelt, daß ihn plötzlich nach Licht +verlangte, wie wenn jemand krank wird. Darum machte er hastig die Lampe +zurecht; dann fiel ihm ein, daß er erst die Gardinen zuziehen mußte; und +nun erst zündete er an. + +Nur ein Mensch, der sein Leid Tage und Nächte lang in seinem Innern +verschlossen hat, kann so weinen. Der Tisch zitterte, an den sie sich +lehnte. + +Hundertmal hatte er über Liebhaber in Romanen und Theaterstücken +gespottet, die auf die Knie sinken. Jetzt schob er das eine Tischende +beiseite und ließ sich vor ihr aufs Knie gleiten wie der demütigste +Sünder. Er suchte ihr Gesicht; aber sie hielt mit beiden Händen ihr +Taschentuch vor. Kopf, Brust, Schultern bewegten sich stoßweise unter +ihrem heftigen Schluchzen. Er fühlte jeden Ruck und bat und bat, sie +möge ihm doch vergeben! Er sei nicht Herr seiner selbst gewesen, als er +damals, auf dem Eis, so zu ihr gesprochen habe. Er liebe sie, sie +gehörten zusammen. "So weine doch nicht so!" bat er, "das halt' ich +nicht aus!" Er nahm sie bei den Händen, zog sie neben sich aufs Sofa, +lehnte ihren Kopf an seine Brust und schlang die Arme um sie; er küßte +ihr Haar, er lehnte ihre feuchte Wange an seine. Was er auch begann -- +sie weinte. Er wollte ihr Wein zu trinken geben. Nein, nein! Aber dieses +Schluchzen war zu entsetzlich! War der Grund, weil er sie mit zu sich +hereingenommen hatte? Er habe sich so nach ihr gesehnt, daß er nicht +habe widerstehen können, als er sie draußen im Gang gehört habe. Sie +könne doch nicht wollen, daß er ohne Abschied weggehen solle? Und sie +nie wieder sehen? Sie schüttelte den Kopf, machte sich von ihm los, +legte das Gesicht auf den Tisch und weinte in ihr Taschentuch hinein, +noch heftiger als zuvor. "Soll ich _nicht_ fort?" fragte er. Doch sie +hörte es gar nicht. Da ließ er sie ruhig weinen; erst nach einer langen +Pause beugte er sich zu ihr nieder und sagte: "Ich tue alles, was Du +willst." Da hob sie sich und all ihr Weinen vom Tisch und schmiegte sich +an seine Brust. Er umschlang sie mit beiden Armen, und während er sie so +hielt, fühlte er --sie faßte es schöner und tiefer auf als er. + +Ein Geräusch wurde an der Tür hörbar und gleich darauf wurde sie +geöffnet. Das Mädchen kam mit dem Abendessen. Erschrocken ließ er die +Frau los und stand auf. Ragni aber legte sich einfach wieder über den +Tisch und schluchzte. Das Mädchen setzte das Brett behutsam auf die Ecke +des Tisches, die frei war, stellte ebenso behutsam die Lampe weg und +schob das Brett nach. Sie war rot und sah keins von den beiden an; aber +das Lächeln war da und sagte deutlich: "Das hab' ich schon längst +erwartet!" So wunderbar verschieden kann man eine und dieselbe Sache +sehen, daß Kallem jetzt fand, es liege eine verschwiegene, schalkhafte +Freude darin. Still war das Mädchen gekommen, still ging es wieder +hinaus und schloß die Tür hinter sich, so leise wie er selber vorhin. + +"Gott im Himmel, Ragni!" rief er. Sie antwortete nicht; ihr schien das +alles viel zu klein; das Leid, das sie bedrückte, überwog alles. Er kam +zurück und preßte sie wieder an sich; da sagte sie: "O Gott, was bin ich +unglücklich!" -- und das war eigentlich das einzige, was sie sagte, +solange sie da war. Er konnte nichts erwidern; alles was ihm einfiel, +kam ihm dumm vor. Er machte wohl einen leisen Versuch, und half mit +Liebkosungen nach; aber sie wehrte das eine wie das andere ab; sie stand +auf -- sie wollte fort. Er fühlte sich außerstande, sie zurückzuhalten, +sondern geleitete sie zur Tür. Ehe sie öffnete, wandte sie sich nach ihm +um, voll schmerzlicher Hingebung, wie in der Todesstunde. Er löschte die +Lampe, und sie glitt hinaus. + +Aber im selben Augenblick, als sie die Tür hinter sich schloß, fiel ein +schwacher Lichtschein auf sie; er kam aus der Vertiefung, die zum Zimmer +der Tante führte; dort wurde eben die Tür geöffnet, und sie selbst stand +davor -- in Ragnis aufgescheuchter Phantasie groß wie ein aufgerichteter +Walfisch. Natürlich -- die Tante hatte Ragni im Zimmer des Mieters +schluchzen hören und sofort erfaßt, was Ragnis seltsames Wesen in all +den Tagen zu bedeuten hatte. Nun stand sie vor ihrer Tür Wache, und im +selben Moment, als Ragni aus Kallems Zimmer kam, stieß die Tante ihre +Tür auf, so daß der Lichtschein auf die Kommende fiel. Die Tante +streckte die Hand aus; das hieß so viel als: "Hier herein, mein Kind!" +Und Ragni kam. Die Tante ließ sie an sich vorüber. Sie war nicht allein. +An der Wand gegen das Zimmer hin, das Ragni eben verlassen hatte, stand +ein Sofa, und aus der Sofaecke erhob sich ein hochgewachsener blonder +Mann mit mildem Antlitz -- Ole Tuft. Er war zuerst auf ihr Weinen +aufmerksam geworden und war sogar an Kallems Tür gewesen. Ragni sank auf +einen Stuhl zwischen Sofa und Tür. + + * * * * * + +Tags darauf lag sie zu Bett. Aber bevor Kallem ausging, schickte sie ihm +einen Zettel, auf dem sie schrieb, die Tante habe gehört, wie sie bei +ihm geweint habe, ebenso Herr Tuft; er sei sogar an der Tür gewesen. +Weiter kein Wort; doch -- ganz unten, fast unleserlich: "Nie wieder!" + +Mitten in der Angst, die auch ihn jetzt befiel, fand Kallem diese beiden +armen Wörtchen: "Nie wieder!" doch so beredt, daß sich seine Augen mit +Tränen füllten; aber auch sein Herz mit Mut. Jetzt mußte etwas +geschehen! Die Tante und Ole Tuft hatten sie ins Gebet genommen! Er +hatte nichts gehört; es mußte sehr still zugegangen sein, oder sie waren +nicht im anstoßenden Zimmer gewesen. Arme, arme Ragni! + +Tiefstes Mitleid ergriff ihn und heftigster Ingrimm, Furcht, Rachelust, +grenzenlose Liebe, Enttäuschung, Wut! + +Er kleidete sich an und eilte auf die Straße. Wohin? Richtig! Zu Ole +Tuft, diesem verdammten Duckmäuser, der sich in seine Angelegenheiten +mischen wollte! Spion und Angeber also? Was zum Teufel wollte er denn +eigentlich? Was beabsichtigte er? Waren das vielleicht auch "Gottes +Wege"? Durch Schlüssellöcher gucken und an den Türen horchen? Dieser +Kerl, der ihm "auf Gottes Wegen" seine prächtige Schwester genommen +hatte -- wollte der ihm nun auch seine Liebe nehmen? Weshalb kam er +nicht zu ihm selber? Weshalb es der Tante sagen? + +Er hatte die größte Lust, ihn aufzusuchen und ihn tüchtig durchzubläuen, +ihn halbtot zu schlagen! Verdient hätte ers, weiß Gott! Er schlug +wirklich die Richtung nach Ole Tufts Wohnung ein; aber da stiegen die +großen Augen seiner Schwester vor ihm auf und sahen ihn fest an. Er +konnte sich wenden und drehen, wie er wollte -- sie waren da, die tiefen +Augen. Und dann fühlte er ihre Wange an der seinen, wie an jenem letzten +Abend. Das Ende vom Liede war, daß er vorbeiging. Aber damit war er in +die Nähe seiner früheren Wohnung gelangt, und da fiel ihm Rendalen ein. +Zu dem wollte er! Kein Tüttelchen wollte er ihm verheimlichen; es war ja +allein schon ein Glück, sich aussprechen zu können. Als er sich +Rendalens Haustür näherte, sah er jemand herauskommen. War das nicht -- +--? Ole Tuft! Ole Tuft in eigener Person! Der Schurke! ... In Kallem +kochte es; aber Tuft ging nach einer andern Richtung und sah den +Schwager nicht. + +Kallem kannte Tuft, so wie er jetzt war, nicht. Hätte er ihn gekannt, so +hätte er begriffen, daß es ihm nur galt, zwei Seelen vom Untergang zu +retten. Um dieser beiden teuren Seelen willen lebte er in einem +schlaflosen Fieberzustand; ihretwillen rief er andere zu Hilfe. Eher +konnte er sich weder Rast noch Ruhe gönnen. Selbst zu Kallem zu gehen -- +das hatte seine Gefahren, wäre auch sicherlich zwecklos gewesen. Hier +mußten andere einschreiten. Hätte Kallem das geahnt, er wäre -- anstatt +zu Rendalen zu gehen -- Tuft nachgelaufen und hätte ihn durchgeprügelt, +bis er kein Glied mehr hätte rühren können. + +Glücklicherweise ahnte er jedoch nichts und klingelte bei Rendalen, ganz +erfüllt von dem, was er mitzuteilen hatte. Rendalen öffnete selbst, und +zwar sofort; er stand zum Ausgehen gerüstet da, hatte den Hut auf und +den Überzieher überm Arm und war aufs sorgfältigste gekleidet und +geschniegelt. Kaum erblickte er Kallem, so warf er den Kopf zurück wie +ein Pferd, das einen Feind vor sich sieht. "Du!" rief er. Kallem trat, +aufs äußerste erstaunt, rasch ein. Rendalen machte die Tür zu, schloß +sogar ab, und schleuderte Hut und Überzieher hin. "Zu Dir wollte ich +eben!" zischte er. Er war ganz weiß zwischen seinen Sommersprossen, die +schmalen Lippen waren zusammengepreßt, die grauen Augen sprühten. Und +nun ballte er seine breiten, kurzen Hände, diese Hände eines Hünen, bis +sie ganz weiß wurden. Sein aufrechtstehendes rotes Haar schien mit den +Augen um die Wette Funken zu sprühen; die ungeheure persönliche Macht, +die dem Mann eignete, beunruhigte und erschreckte Kallem. "Was zum +Henker ist denn los?" Der andere antwortete in höchster Wut, aber doch +gedämpft: "Tuft ist hier gewesen und hat mir alles erzählt. Aha! Jetzt +wirst Du bleich!" Er kam noch dichter heran: "Sie war das Unschuldigste +unter der Sonne -- Du Schurke!" Seine Stimme zitterte. + +"Na, hör mal!" sagte Kallem. Ihm wurde eiskalt. Der andere aber war ganz +von Sinnen und unterbrach ihn: "Du meinst wohl, das ginge mich nichts +an? Alle Menschen geht so etwas an! Und weißt Du, warum ich ausgezogen +bin? Glaubst Du, ich hätte weniger Macht über ein Menschenkind als Du? +Du feiger, verfluchter Schurke!" Gleich wilden Schreien entrangen sich +die dickunterstrichenen Worte seinem wilden Sinn, obwohl sie noch leiser +gesprochen waren als die vorhergehenden. Eine derartige Wut und ein +derartiger Hohn wirken ansteckend. + +"Na, na, nur nicht eifersüchtig werden, mein Junge!" rief Kallem. Wenn +man eine Bütte mit Blut über ihn ausgegossen hätte, Rendalen hätte nicht +röter werden können. Gleich darauf wurde er wieder weiß. Vergebens +versuchte er zu sprechen, und da es ihm nicht gelang, so ging er +geradenwegs auf Kallem zu, die Augen in seine gebohrt, daß sie +tatsächlich brannten. "Ich hätte die größte Lust, Dich ... Dich zu +schlagen!" brachte er nur heraus. "Bitte!" sagte Kallem und nahm +Stellung. Kaum hatte er es voller Hohn herausgestoßen, als auch schon +Rendalens rechte Hand niedersauste. Kallem bückte sich und stand +unverletzt, mit spöttischer Miene da. Rendalen nahm einen zweiten +Anlauf, Kallem wich abermals behende aus. "Bist Du denn ganz verrückt?" +rief er, so laut er konnte. + +Als wenn einer ihn von hinten gepackt hätte und festhielte, stand +Rendalen plötzlich da, und nach und nach kam es über ihn wie eine Art +Ohnmacht. Bleich, steif starrte er vor sich hin, bis er mit dem Aufgebot +seiner ganzen Willenskraft vermochte, sich umzuwenden, langsam nach dem +Fenster zu gehen und still, mit leerem Blick hinauszusehen. Sein Atem +ging so heftig, daß Kallem glaubte, der Schlag müsse Rendalen treffen. +Kallem selbst stand, ohne sich zu rühren, da; denn immerhin war er +selber doch auch so wütend, daß er es nicht über sich brachte, zu ihm +hinzugehen. Rendalen war ihm ein Rätsel -- eben noch der wildeste +Ausbruch von Leidenschaft, und jetzt wie gelähmt! Nichts als sein +heftiges Atmen war zu hören. Und dabei dieses unglückliche Gesicht -- so +über alle Beschreibung unglücklich! Was in aller Welt bedeutete denn +das? Er blickte auf den Freund, bis die alte Wärme für ihn wieder +erwachte, und ohne weiteren Übergang trat auch er ans Fenster und +stellte sich neben ihn. "Du brauchst es Dir nicht so zu Herzen zu +nehmen", sagte er. "So schlimm, wie Du vielleicht glaubst, ist es +nicht." Der andere antwortete nicht; vielleicht hörte er es nicht; er +sah noch immer zum Fenster hinaus. Oder glaubte er ihm nicht -- meinte, +es sei Spott? Da lächelte Kallem ihn an -- und dies Lächeln war nicht zu +verkennen; es war gut und aufrichtig. In Rendalens Gesicht kam wieder +Bewegung und Farbe; er wandte den Kopf. Voll froher Eile sagte Kallem: +"Nicht ein Haar habe ich ihr gekrümmt, weiß Gott, alter Junge!" Rendalen +begriff den Sinn der Worte nicht gleich; er vermochte nicht, das Ganze +so plötzlich am andern Ende zu fassen. Aber als Kallem seinen Kopf noch +dichter zu ihm hinüberbeugte und sagte: "Ich gebe Dir mein Ehrenwort -- +ich habe ihr nichts getan!" da jubelte es in Rendalen auf, und er +schlang die Arme um des Freundes Hals. + +Sie waren beide zu tief ergriffen, als daß das gegenseitige Vertrauen +hinterher nicht unbedingt gewesen wäre. Rendalen erfuhr alles, genau, +wie es zugegangen, wie in den beiden Menschen die Liebe erwacht war. Es +machte einen tiefen Eindruck auf ihn, was er auch gar nicht verbergen +wollte oder konnte. Kallem fragte nun offen, ob auch er sie liebe? Da +aber wurde Rendalen wieder blaß und zornig, und Kallem war unglücklich +über seine Unbedachtsamkeit; aber sie war nicht wieder gutzumachen. Das +Gespräch stockte; Rendalens Augen wichen den seinen aus. Endlich, als er +die Form gefunden hatte für das, was er antworten wollte, sagte er: "Ich +habe kein Recht, zu lieben. Darum bin ich ausgezogen." + +Es ging Kallem durch Mark und Bein. Rendalen hatte die Arme auf den +Tisch gestützt, zwischen den Händen hielt er ein Buch, das er +unaufhörlich hin- und herdrehte und von außen und innen besah. "In +unserer Familie ist der Wahnsinn erblich ... durch lange Generationen. +Mein Vater war geisteskrank. In mir -- ja, Du kennst ja das Unbändige in +mir ... ist es hart an der Grenze. Geradeso war mein Vater. Darum, als +Du das sagtest ... Du weißt schon ... vom Verrücktsein ... das traf! Es +sind die Worte meiner Mutter. Ich darf mir nicht nachgeben. Also auch +nicht in der Liebe. Trotzdem hab' ich's nicht immer können. Nein +--beichten kann ich nicht. Die Musik ist mein Betäubungsmittel. Aber +hier hat auch sie mich im Stich gelassen. Wie auch schon früher." -- Er +legte das Buch weg, nahm ein anderes, legte es auf das erste und +wirbelte beide auf dem Tisch herum. Da hörte er Kallem halb lachend +sagen: "Und da hast Du mich zum Stellvertreter gewählt?" -- "Was Teufel +sollt' ich denn sonst machen? Ich hab' Dich für einen anständigen Kerl +gehalten." + + * * * * * + +Am Nachmittag verfaßte Kallem im Schweiß seines Angesichtes einen Brief +an den Apotheker, der ihm helfen sollte. Je mehr er schrieb, desto +unmöglicher schien es ihm, dem alten Hagestolz und grilligen +Naturforscher verständlich zu machen, was Liebe ist, und was für tiefe +Not das Wesen litt, für das er um Hilfe bat. Er zerriß den Brief. Rasch +entschlossen schrieb er seinem Vater. Dieser brauchte ja jetzt Ole Tuft +nicht mehr zu unterstützen; ob er vielleicht einem andern helfen würde? +Sein Vater war ein Sonderling, aber ein warmherziger Mensch, der alle +Ungerechtigkeit haßte. Und etwas Ungerechteres als Ragnis +selbstgewähltes Geschick kannte Kallem nicht; er war fast überzeugt, daß +sein Vater dasselbe fühlen mußte. So erzählte er ihm denn von ihrer +Liebe -- ganz ohne Vorbehalt; er gelobte, wenn der Vater ihr helfen +würde, so wolle er diesen Bund heilig halten. Von jetzt ab wolle er +seine Studien ernsthafter betreiben als je; er wolle versuchen, das +Höchste zu erreichen, was zu erreichen sei. Und wenn es auch seiner und +ihrer Ausbildung wegen lange dauern würde, bis sie sich heiraten könnten +-- er wolle ebenso treulich auf sie warten, wie sie auf ihn; das sei +sein feierliches Gelöbnis. Er hoffe, der Vater habe keinen Grund, zu +glauben, daß er es brechen würde, sondern werde ihn vielmehr beim Wort +nehmen und ihr helfen. + +Und er hatte sich nicht getäuscht. Drei Tage darauf hatte er die +telegraphische Antwort, daß alles nach seinem Wunsche geordnet sei, und +daß das Nötige mit der ersten Post eintreffe. Mit diesem Siegestelegramm +bewaffnet, begann er nun seinen und Rendalens gemeinschaftlichen Plan -- +sie zu seinem Vetter in Madison hinüberzuschaffen -- ins Werk zu setzen. +Er schrieb sogleich an den Vetter und bat um Kabelantwort: "Ja" oder +"Nein". + +Das Mädchen, das sich als Ragni völlig ergeben erwies, vermittelte ihre +erste Zusammenkunft. Sie fand auf der Straße statt und außerhalb der +Stadt, und war nur kurz; das Mädchen begleitete sie. Er teilte ihr +sofort mit, um was es sich handle, wie alles geordnet werden könne, und +wer dabei beteiligt sei. Sie erschrak so, daß er es für unmöglich hielt, +weiter zu gehen. Unter keinen Umständen wollte sie die Kinder verlassen. +Er war ganz verzweifelt nach dieser Begegnung und ging zu Rendalen, um +ihm sein Herz auszuschütten. Dieser schlug sogleich vor, die Kinder zu +seiner Mutter zu schicken; er würde ihr darüber schreiben. Als Kallem +dies bei der nächsten Begegnung Ragni mitteilte, schien sie immerhin zu +überlegen; sie gab demütig zu, so gut könne sie selber sie nicht +erziehen. Aber immer, wenn sie an einem Tag so halbwegs auf etwas +eingegangen war, nahm sie es am andern wieder zurück; jedesmal, wenn sie +wieder mit den Kindern zusammengewesen war, erschien es ihr als +Unmöglichkeit. Und da sie jedesmal dermaßen aufgeregt wurde, daß alle +Vorübergehenden sie anstarrten, konnten sie sich nicht länger auf der +Straße treffen. Nun kam kein anderer Ort in Frage als Rendalens oder +seine Wohnung; aber Ragni war wieder so scheu geworden, daß er an ihrer +Einwilligung zweifelte. Er bereitete sie in Briefen darauf vor und bat +Marie, sie ebenfalls zu überreden und selbst mitzukommen. Hierauf waren +sie ein paarmal ganz kurze Zeit auf seinem Zimmer, ein einziges Mal auch +bei Rendalen zusammen; aber immer war es ein unbestimmtes Hin und Her. +Nie wußte sie, was sie tun solle, und immer war sie voll Verzweiflung. +Sie fürchtete sich auch vor der Reise selber. So ganz allein nach +Amerika! Und von New-York allein nach Madison -- das war noch das +Allerschlimmste! Unmöglich, ganz unmöglich! Marie erbot sich, +mitzugehen, und Kallem versprach, auch ihre Überfahrt zu bezahlen. Aber +beide die Kinder verlassen -- das konnten sie unter gar keinen +Umständen; der bloße Gedanke schon war ein Unrecht! Marie mußte also +bleiben, bis die Kinder gut versorgt waren. + +Wenn sie selber wirklich reiste, so mußte sie an Bord gebracht werden, +ohne daß jemand davon erfuhr. Also mußte das Nötigste für die Reise +gekauft werden; das mußte selbstverständlich umsichtig vorbereitet +werden. Hier erwartete er abermals Widerstand; aber so kindlich war sie +noch, daß sie sich, noch ehe etwas Bestimmtes über die Reise selbst +ausgemacht war, verführen ließ, die Reisegarderobe einzukaufen; das +machte ihr Spaß. Wenn er nur einmal länger mit ihr hätte sprechen +können, oder wenigstens eine Weile täglich; aber sie war vorsichtig bis +aufs äußerste. So schrieb er denn ellenlange Briefe; zu antworten wagte +sie nicht, da sie sich von der Tante und von der Köchin überwacht +glaubte. Aber weil die Briefe mit aller Macht der Liebe zu ihr sprachen, +und da sie auch alle List der Liebe anwandten, indem sie auf ihre +Phantasie einzuwirken suchten, so richteten sie mehr aus als die +Zusammenkünfte. Daß die Briefe an ihr Ziel gelangten, verdankten sie der +schlauen Marie, die sowohl der Tante als der Nordlandköchin über war. +Kallem lebte, solange diese Unterhandlungen andauerten und seine ganzen +Kräfte in Spannung erhielten, für nichts anderes. Beharrlichkeit erhöht +den Mut; und als endlich das Kabeltelegramm die Antwort "Ja" brachte, +wagte er es, einen kühnen Plan zu entwerfen. Dieser bestand darin, bis +zur nächsten Abfahrt des großen englischen Dampfers alles fertig zu +machen, Ragni selbst kein Wort zu sagen, sondern sich nur zu +vergewissern, daß sie an dem Tage einen Vorwand hatte, frühzeitig +auszugehen und lange fortzubleiben, und endlich es so einzurichten, daß +auch Marie frei war. Auf zwei Stunden vor der Abfahrt des Dampfers war +Ragni in seine Wohnung bestellt; Gepäck und Billet waren längst dort. + +Am bestimmten Tage und zur bestimmten Stunde kamen Marie und sie. Ragnis +Gepäck war schon früh am Morgen an Bord gebracht worden, auch der Wagen, +der sie abholen sollte, bestellt und bezahlt. Nichts im Zimmer erinnerte +an eine Abreise; aber die Art, wie er sie empfing, erweckte in ihr die +Furcht, daß etwas im Werke sei. Sonst war er immer sehr zurückhaltend +gewesen, schon weil Marie dabei war; heute umarmte er Ragni mit all der +Innigkeit, die er für sie empfand, und schien sie kaum lassen zu können. +Sein Schmerz nahm keine Rücksicht und kannte keine Umwege mehr; er nahm +ihre beiden Hände in seine, und Auge in Auge erzählte er ihr hastig, +alles sei an Bord gebracht; in zwei Stunden gehe der Dampfer; und hier +sei das Billet. + +Sie begriff sofort: jetzt mußte sie wählen zwischen ihm und allem +übrigen -- ohne Bedenkzeit. Und das brachte ihm den Sieg. Erst stand +sie in stummer Hilflosigkeit da; dann schmiegte sie sich still an ihn +und verharrte so. Er küßte sie -- wie zum Willkommen --sie hielten sich +eng umschlungen und weinten. Das Mädchen sah draußen vor den Fenstern +jemand vorbeikommen und ließ die Gardinen herunter; es wurde halbdunkel, +und in diesem Halbdunkel hörten sie auch Marie im Nebenzimmer weinen. +Ihre Umarmung ging endlich in ein Flüstern über, erst abgerissen, dann +von gedämpftem Schluchzen begleitet, das verstummte und wiederkehrte wie +Sordinespiel. Und das Flüstern sprach von dem Tag, an dem er ihr +nachreisen würde, um sich nie wieder von ihr zu trennen; welch ein +treuer Freund er ihr sein würde, und wie die Zukunft, die ihnen winke, +wohl all dieser Opfer wert sei; wie ihre Briefe Tagebücher sein sollten +-- seine und ihre. Kurze, hastige Worte von grenzenloser Liebe -- und +all die Worte waren seine; von ihr nur das sordinierte Schluchzen. + +Trotzdem die Stunde, die sie jetzt zusammen verlebten, die +Abschiedsstunde war, so war es doch die erste Stunde ungestörter +Hingabe, die sie verbrachten. Das Neue, das hierin lag, leuchtete so in +den Schmerz hinein, daß er wie zu einem Sonnennebel um sie her ward. Ihr +leises Schluchzen ging bald in Flüstern über; bei den ersten Worten, die +sie sprach, wollte er sie ansehen; aber sie ließ es nicht zu. Wenn er +ganz still sitzen und sie nicht ansehen wolle, so würde sie ihm etwas +sagen. Er sei der weiße Pascha! Sie wollte nicht recht mit der Sprache +heraus, was sie damit meine; das würde zu lang werden. Von Kind auf habe +sie auf den weißen Pascha gewartet, d. h. seit ihres Vaters Tode; damals +sei sie zwölf Jahr alt gewesen. Es sei ihr immer traurig ergangen, am +traurigsten, als sie von Berlin heimgekommen sei und nicht den Mut +gehabt habe, öffentlich zu spielen. Aber davon wolle sie auch nicht +weiter erzählen; es würde zu lange dauern. Die ganze Zeit habe sie von +dem weißen Pascha geträumt -- wenn er doch nur kommen wolle! Daß er +kommen würde, das wußte sie ganz sicher. Sogar als sie zu den +"Walfischen" hinunterstieg, wußte sie, er würde ihr nachkommen; er fand +schon den Weg. Einmal hatte sie geglaubt, Rendalen sei der weiße Pascha; +aber da er's nicht war, mußte er ausziehen, damit der richtige kommen +konnte. -- Am ersten Abend hatten sie sich mitten in dem leisen +Schneefall getroffen. Weshalb mußten sie sich gerade da treffen? Da +hatte sie ihn angesehen und gedacht: ob er wohl der weiße Pascha sei? +Das nächste Mal, als sie sich trafen, hatte er die kleine Juanita +getragen; da war sie schon beinah sicher, daß dies keinem andern habe +einfallen können. Aber dann war alles so überstürzt gekommen, und so +ganz anders, als sie sich's gedacht hatte. -- Er fragte, ebenfalls +flüsternd, ob sie ihm nicht erzählen wolle, was sie damals, vor einem +Jahr, veranlaßt habe, zu den "Walfischen" hinunterzusteigen. Ein +Schauder durchflog sie bei seiner Frage. -- Und trotzdem -- obgleich sie +verheiratet gewesen sei, habe sie noch immer auf den weißen Pascha +warten können? -- Mehr als je. --Ob sie denn nicht gewußt habe, was Ehe +ist? -- Sie schmiegte sich enger an ihn und schwieg. + +Obgleich er nun bei dem angelangt war, was er am liebsten hätte wissen +mögen, brach er dennoch ab. + +Er erzählte ihr, es sei verabredet, daß Rendalen sie an Bord erwarte; +dieser wolle gleichzeitig auf ein paar Tage nach Hause reisen und werde +für sie sorgen. Sie standen beide auf. + +Ob Kallem sie denn nicht aufs Schiff begleite? Er umfaßte sie, barg +seinen Kopf an ihrer Brust und sagte, es sei besser, nicht. Das war das +Schwerste. Einen Augenblick lang war sie ganz außer sich; sie setzten +sich aufs neue und nun kam ein langes, aufreibendes Abschiednehmen. +Marie stand wie auf Kohlen. Bis an den Wagen wollte er sie wenigstens +begleiten. Aber Marie untersagte es ganz bestimmt; niemand dürfe sie +zusammen sehen. + +Er hörte den Wagen davonfahren, ohne ihn zu sehen, und in all den +folgenden Jahren erschien ihm dieser Augenblick als das Grausamste, was +er je durchgemacht hatte. + +Er ging nicht hinunter, um das Schiff noch von fern zu sehen; erst +nachmittags ging er zu der Stelle, wo es gelegen hatte. + +Von dort machte er einen weiten Spaziergang, und zwar so, daß die Tante +ihn sehen mußte. Damit verfolgte er eine bestimmte Absicht. + +Das lenkte eine Zeitlang den Verdacht von ihm ab. Man konnte sich nicht +denken, daß der Mann zurückblieb, der Ragnis Flucht ins Werk gesetzt +hatte, um dessentwillen es geschah. + +Jeder, der sich der Begebenheit erinnert, wird sich entsinnen, wie +streng Ragni verurteilt wurde. Fremd, ohne Verkehr, scheu, hatte sie nur +die Erinnerung an ein erotisch-gesangvolles Klavierspiel zurückgelassen; +und das konnte sie hier nicht verteidigen. Vor einem Jahr hatte sie es +übernommen, für die Kinder ihrer verstorbenen Schwester zu leben; und +jetzt lief sie davon. Der blinde Mann, den sie geheiratet hatte, war +ihre eigene Wahl gewesen; sie hatte keinerlei Beschwerden durch ihn +gehabt. + +Wenn sie es jetzt bereute -- warum hatte sie es nicht gesagt? Weshalb +sich so hinterlistig benehmen? + +Für Kallem war es nicht leicht, das mitanzuhören; hatte er ihren Ruf +zugrunde gerichtet? Schon jetzt nahmen alle als sicher an, daß sie ein +Verhältnis mit einem andern gehabt habe; und die Stunde war nicht fern, +da alle wissen würden, daß er der Schuldige war. + +Eines Tages traf er die Kinder mit Marie vor der Universität, und beide +steuerten sofort auf ihn zu. Was hätte er nicht darum gegeben, wenn +Ragni lächelnd hinter ihnen hergekommen wäre! Natürlich nahm er die +Kinder mit in die Konditorei und hörte, wie sie erzählten, daß "Mama" +auf einem großen Schiff fortgereist sei; "Mama" komme aber zu +Weihnachten wieder und bringe ihnen neue Kleider und neue Puppen mit. + +Auf dem Tisch lag eine illustrierte Zeitschrift; Juanita kam auf den +Einfall, alle Damen auf den Bildern seien "Mama"; wenn die ältere +Schwester das bestritt, rückte sie bloß ihren kleinen Finger auf eine +andere: "Das ist Mama." + +Kallem hatte am selben Tage einer verunglückten Operation beigewohnt; +infolge eines bösen Mißgeschicks hatte der Patient sich verblutet. Bei +seiner gegenwärtigen Nervosität hatte das großen Eindruck auf ihn +gemacht. Und als er die Kinder verlassen hatte und zum Mittagessen ging, +kam es ihm vor, als sei er selber der unglückliche Operateur. Er hatte +Ragni retten wollen, und hatte es nur schlimmer gemacht; jetzt +verblutete ihr guter Name. Und das Gesellschaftsleben ist ein Gewebe von +Muskeln, Sehnen und Adern ... + +Einige Tage später saß er auf der Universitätsbibliothek und studierte +in einem Kartenwerk, als plötzlich lächelnd und frisch Ole Tuft vor ihm +stand. Er wisse nicht, wo Kallem jetzt wohne, und habe ihn darum hier +aufgesucht. Kallem stand auf und setzte sich zu ihm. + +Der Schwager hatte jetzt nichts mehr von Kallems Wildheit zu fürchten; +Kallem hatte kein Verlangen mehr, ihn "halbtot" zu schlagen, nicht +einmal mehr, ihn vorwurfsvoll anzusehen; er war sehr zufrieden, wenn Ole +ihn nicht vorwurfsvoll ansah. Ole wußte wahrscheinlich, was bald alle, +die der Sache näherstanden, erfahren mußten -- daß Edvard Kallem der +Sünder war, wußten es von Josefine, die es vom Vater gehört hatte. Oder +irrte er sich? Versteckte sich hinter Oles Freundlichkeit nicht Zweifel, +Verdacht an seiner vollen Ehrenhaftigkeit -- die Prophezeiung, daß ein +solcher Anfang nie zum Siege führen würde? War diese Herzlichkeit echte, +ungemischte "Brüderlichkeit", verdünnt mit dem Gehorsam eines jungen +Theologen gegen das Gebot: "Liebet alle Menschen"? + +Ole war gekommen, um ihm mitzuteilen, daß er fertig sei und nach Hause +zurückkehre; das Glück strahlte ihm aus den Augen. Er fragte, ob er +Grüße bestellen solle, und erzählte, er habe Hoffnung, bald zu Amt und +Würden zu gelangen. Er ließ durchblicken, was dann geschehen würde; der +Weg lag gebahnt vor ihm, und seine Ziele waren zweifellos keine +geringen. Der stattliche Bursch erregte Aufmerksamkeit bei allen, die in +der Bibliothek aus- und eingingen. + +Edvard blieb mit unbedecktem Kopf oben auf der Bibliothekstreppe stehen, +während Ole Tuft in seiner etwas schwerfälligen Art über den Platz +schritt. Wahrlich --da ging einer, der sicher war in sich selbst; _sein_ +Anfang war ganz, so wie seine Natur ganz war. + + + + +Mannesalter + + +1 + +"-- -- Die Rechtfertigung hat ihren Ursprung in der göttlichen Gnade. +Sie kann ihn nicht im Sünder, in seiner sittlichen Arbeit an sich selbst +haben; denn dieser ist ein Ungerechter. Als solcher verdient er sie auch +nicht, ebensowenig wie er Rechtsanspruch darauf erheben kann. Nur Gottes +erhabener Wille kann ihn rechtfertigen." + +Der Pastor ging auf und ab, ein Heft in der Hand, aus dem er flüsternd +auswendig lernte. Die Sonne schien hell durch die beiden Fenster, die +nach Südwesten lagen und weit offen standen; durch das hintere ergoß +sich milchweißer Glanz über den graugestrichenen Fußboden; das unruhige +Laub junger Espen zeichnete sich auf den Scheiben ab; die Espen mit +ihren zitternden Blättern standen draußen am Staket. Aus dem Garten +strömte der Duft von Aurikeln, Flieder und Goldregen herein; der Pastor +unterschied jede Mischung in den Luftströmungen; er hatte die Bäume und +Blumen selbst gepflanzt; sie liebkosten ihn geradezu. Sobald der Luftzug +nur um ein Winziges stärker wurde, so sandten die sprossenden Birken und +die frischen Triebe der Tannen, die außerhalb seines Pfarrhofs standen, +eine scharfe Welle herein, die rücksichtslos die Strömung des Gartens +wegspülte, und jedesmal flutete eine ganze Gesellschaft +verschiedenartiger Gerüche vom offenen Feld nach. Es roch nach Wachstum. + +Psst! + +"-- -- Was kann Gott dazu bewegen, so gnädig zu sein gegen den armen +Sünder, der aus sich selbst nicht das Geringste vermag? Seine +unbegreifliche Liebe zum Sünder, seine unverdiente Barmherzigkeit kann +ihn dazu bewegen." + +Jetzt pfiff das Dampfschiff zum drittenmal. Nein --da konnte er nicht +widerstehen -- er mußte den Dampfer sehen, wie er in großem Bogen von +der Brücke weg über die Bucht fuhr und den Wasserspiegel in zwei Hälften +teilte; der größere fiel der Insel draußen zu, der kleinere dem Strand +vor der Stadt. Der Pastor nahm sein Fernrohr vom Pult. Die Brücke unten +war voll bunter Sonnenschirme; dazwischen Männerhüte, meist in dunklen +Farben; hie und da leinene Hauben und Kopftücher, gewöhnlich mehrere +beieinander. + +Jetzt hörte man von rechts Schritte im Sand; sie kamen aus dem Garten +seiner Mutter und lenkten auf den seinen zu -- Schritte eines +Erwachsenen, und auf jeden Schritt des Erwachsenen zwei Kinderschritte. +"Du, Mutter, was hat das Dampfschiff im Bauch?" --"Haha!" -- Die Gestalt +einer Frau tauchte auf, die den Eindruck von Kraft hervorrief. Ein +starker Hals und eine volle Brust, der ganze Wuchs ungewöhnlich schön; +das Gesicht dunkel, ziemlich groß, mit gebogener Nase; das Haar fast +schwarz. Sie trug ein cremefarbenes, mit hochroten Blumen gemustertes +Musselinkleid mit einer Passe von hochroter Seide, um den Leib einen +seidenen Gürtel von gleicher Farbe. Zu ihrer dunkeln Haut, dem schwarzen +Haar und den tiefen Augen bildete das einen bezaubernden Gegensatz; sie +pries den warmen Frühlingstag mit kundiger Farbenpracht. Aber sobald sie +in das lächelnde Melanchthonantlitz am Fenster sah, senkte sich der rote +Sonnenschirm zwischen sie und ihn. An der Hand führte sie ihren +vierjährigen Knaben, ein hübsches Kerlchen mit blondem Haar und einem +Gesicht wie das Antlitz des Mannes im Fenster. Der Junge ließ die Hand +der Mutter fahren, öffnete die Tür zwischen den beiden Gärten und sprang +vorbei, um die nächste Tür, auf den Weg hinaus, zu öffnen. Als die Frau +vorüberkam, flüsterte der Pastor: "Ich gratuliere! Du siehst ja reizend +aus!" Es klang bittersüß. Wie konnte eine Pastorsfrau sich so kleiden! + +Ohne den Sonnenschirm zu senken schritt sie nach der offenen Gartentür +und weiter auf dem Weg nach der Stadt zu. "Wohin?" -- "Zum Schiff, und +zusehen!" rief der Junge, davonspringend. Ihr Nacken unter dem Hut, ihre +Figur im Sonnenlicht, der Gang, die Farben ... der Pastor lag im +Fenster, trommelte auf den Fenstersims und pfiff lautlos. Die warmen +Augen flogen ihr nach, bis er sich mit einem kräftigen Aufstemmen aller +fünf Finger von der Fensterbank erhob. + +"-- -- Gott straft nicht, er erbarmt sich unser. Doch nicht wie ein +Heerführer einen Waffenstillstand gewährt oder ein König eine Amnestie +erläßt (nein, 'Amnestie', das verstehen vielleicht nicht alle; wie sag' +ich gleich -- Erlaß? ... Nein, das genügt nicht. 'Gnadenerlaß'! Also:) +Doch nicht, wie ein Heerführer Waffenstillstand gewährt oder ein König +einen Gnadenerlaß, ist die göttliche Rechtfertigung; nein, das +widerspräche der Allheiligkeit Gottes. Die Rechtfertigung ist allerdings +eine Gnade; aber sie ist auch eine Gerichtshandlung. Sie muß eine +rechtliche Grundlage haben, d. h. den Forderungen des Gesetzes, die +Gottes eigene sind, muß _Genüge geschehen_." + +Eigentlich ist das doch sehr juristisch. + +Der Pastor sah in das Heft, das aufgeschlagen auf dem Pult zwischen den +zwei Fenstern lag; er verglich es mit dem, was er in der Hand hielt. +Dabei hörte er das laute Getöse des Dampfers, der jetzt gerade auf der +Bucht unten vorüberfuhr. Er mußte aus dem Fenster spähen, und die Folge +davon war, daß er, ohne es zu wissen, sich behaglich hinauslehnte. Die +Sonne schien auf das weiße Leinwanddach des Dampfers, die Schaumlinie +zwischen Land und Insel war wie eine straffe Schnur; am Himmel kein +Wolkenstreifen, so daß der Rauch sich vom freien Grund abhob; ebenso +ungedämpft hörte man den Lärm. Der Pastor ließ den Blick vom Dampfer +nach der Stadt, zum Strand, über die Bucht hin schweifen, bis zu den +Bergen auf der andern Seite der Bucht; die ganz hinten, die blauen +drüben waren noch nicht frei von Schnee. Das Getöse des Dampfers hallte +über die weite Landschaft hin wie eine Predigt, die seine eigene +ablöste. Ein bescheidener Duft aus dem Garten lenkte sein Auge vom +Großen aufs Kleine. Das alles hatten er und Klein-Edvard miteinander +geschafft, oder vielmehr, er hatte gearbeitet und der Kleine hatte sich +unnütz gemacht. Der Pastor besah sich namentlich die Beete, auf denen +bis jetzt noch nichts kam; dann die ersten, die schon ganz fertig waren +und leider auch schon gejätet werden mußten. Dabei konnte Edvard auch +helfen. Langweilig war es ja; aber er hatte sich nun einmal vorgenommen, +in diesem Jahre solle kein anderer den Garten anrühren; außerdem war das +Bücken gesund, da mischte sich die Galle mit dem Blut. Ohne es zu wollen +dachte er daran, wie ihm seine Frau dann manchmal ein Glas Wein und ein +Stückchen Kuchen brachte; es liegt in der Natur des Weibes, unsere +Schwächen zu ahnen und schwach gegen sie zu sein. Er blickte hinüber auf +den Weg, wo sie verschwunden war, und richtete sich straff in die Höhe: + +"-- -- Den Forderungen des Gesetzes, die Gottes sind, muß Genüge +geschehen. Könnte das durch den Sünder selbst geschehen, so wäre die +Rechtfertigung keine Gnade; folglich muß es durch den _Geist_ geschehen. + +Aber auch diese Erfüllung des Gesetzes durch einen andern muß aus Gottes +erlösender Gnade kommen, wenn sie nicht die Rechtfertigung (hu, wie +juristisch!) aufheben soll. Und soll ferner diese neue Gnadenhandlung +allen zugute kommen, so muß die Gesetzerfüllung für das _ganze sündige +Menschengeschlecht_ gelten. Einzig Gott selbst kann eine solche +Erfüllung, einen solchen 'Vergleich', eine solche, 'Sühne' +zustandebringen. + +Für den Christen ist es eine Tatsache des Glaubens, daß diese Grundlage +für eine Weltsühne, diese Auslösung der Schuld des ganzen +Menschengeschlechts ein für allemal durch _Jesum Christum_ geschaffen +worden ist, und daß sie jedem einzelnen Sünder zugute kommen kann." + +Der Pastor blickte auf. Wie weit wohl das Dampfschiff ...? Was, nirgends +mehr? Er ging ans Fenster und blieb dort stehen. In einer geraden Linie +schoß jetzt das Boot auf die Landspitze zu, die so weit hinausragte, daß +sie fast bis an die Insel stieß. Das große Kirchdorf drüben rechts auf +der Höhe, deren Ende die Landspitze bildete, schaute vom Hang herüber. +Die Bucht lag dazwischen. Hof an Hof sonnte sich dort, grün und +fruchtbar; stolze Besitztümer -- das sah man an der Entfernung zwischen +den einzelnen Gehöften. Die Seite des Hügels, die sich nach der Insel +erstreckte, hatte die Form einer flachen Zange; und dort, durch den +Sund, mußte das Dampfschiff in den großen Fjord verschwinden. + +Dies dumpfe Dröhnen des Dampfers! Ist es nicht, als habe die Natur +Sprache bekommen? Die ganze Landschaft, nicht nur ein Teil. Wenn +z. B. über die ganze Landschaft eine Saite gespannt wäre, und ein +Bogen striche darüber, dann müßte das klingen wie das Dröhnen des +Dampfers. -- -- + +Psst! + +"-- -- Gott hat gewollt und bewirkt, daß ein Sünder gerechtfertigt +werden kann durch Gottes Gnade, und zwar dadurch, daß Christus dem +Gesetz Genüge getan hat. Christi Verdienst, Christi Gerechtigkeit haben +die Schuld bezahlt. Jeder kann sich sozusagen sein Stück von der +Gerechtigkeit abschneiden, die Christus für die Welt gewonnen hat. -- +Nein -- das klingt vielleicht zu weltlich. Wenn es auch der Sinn ist." + +Bald darauf lag er wieder im Fenster, breit auf beide Ellbogen gestützt, +als wolle er überhaupt nicht mehr aufstehen. Er sah den Weg hinunter, +auf dem Josefine mit dem Kleinen verschwunden war; er blickte über die +Bucht weg nach der Insel, und dachte an das Inselkindchen, das dort +drüben links spielte; von hier aus konnte er es nicht sehen, aber er +wußte, daß es dort spiele, und wie niedlich es sei. Von den Bergen +wieder geschwind zum Dampfer, der auf den Sund lossteuerte. Dort draußen +hatte die Insel einen Waldhut auf, dem der Rauch des Dampfers eben einen +Flor umlegte. Der Wind ging dort anscheinend in anderer Richtung? Nein, +jetzt ging er auch hier in der gleichen. Um diese Zeit schlägt er so oft +um. Jetzt duftete es nicht mehr vom Garten und von den Bäumen und +Feldern herein; bald wird wohl ein Flügelschlag schwarze Streifen ins +Wasser ritzen! Eine Dampfpfeife stöhnte und keuchte links unten an der +Bucht; da ging ein Zug ab, oder ein Güterzug rangierte. + +Wie still es sonst war! Er hörte in weiter Ferne ein paar Kinderstimmen, +jede Schwingung darin. Ab und zu klopfte und hämmerte es in dem neuen +Haus drunten an der Ecke der Strandstraße und des Wegs, der hier +heraufführte. Es klang, wie es in leeren Räumen zu klingen pflegt. In +der Ferne immer noch gedämpfte Staccatotöne des Dampfergedröhns. Das +Haus, in dem er wohnte, lag frei, und diesem Umstand war es zu +verdanken, daß er einen so weiten Blick und einen so hellhörigen +Standort hatte. Aber wenn die Felder in Grundstücke parzelliert wurden, +so war es damit vorbei. + +Darüber verfiel er in Nachdenken; sollte er nicht selber aufkaufen? Er +hätte es gern getan; aber Haus und Grundbesitz und alles, was sie +hatten, gehörte seiner Frau. Der Rest seines eigenen kleinen Vermögens +steckte in dem kleinen Haus mit Garten rechts nebenan, in dem seine +Mutter wohnte. + +Es hat mancherlei Vorteile, mit einer reichen Frau verheiratet zu sein, +selbst wenn im Ehekontrakt steht, daß sie allein das Verfügungsrecht +über ihr Vermögen hat; manche Bequemlichkeiten fallen ab, die das Leben +freundlicher und die Arbeitsbedingungen leichter gestalten; es ist auch +meist der Schlüssel zu einer gewissen Macht -- namentlich für einen +Pastor. Viel Gutes läßt sich damit tun, was andere sich versagen müssen, +und das setzt sich um in Macht. Er hatte das empfunden, und hatte es mit +Behagen empfunden. Das paßte ihm. + +Aber. -- Ja, alle "Aber" wurzeln in dem einen Punkt: wie die Frau ist, +die über das Vermögen zu verfügen hat. "Aber wie nun die Gemeinde ist +Christo Untertan --." + +Psst! -- Er begann wieder zu lesen, diesmal laut: "Die äußere Grundlage +für die Rechtfertigung war also, daß Jesus dem Gesetz Genüge getan hat; +die innere Bedingung ist, daß der Sünder das _glaubt_. Wie versöhnt auch +Gott mit der Welt sein mag, er kann einzig dem Sünder seine Gnade +schenken, der in Gemeinschaft steht mit Christus, '_weil er an ihn als +seinen Erlöser glaubt_'." + +Das Heft sank; der Pastor wußte selber nicht, was er las. Denn die +Stelle im Epheserbrief hielt seine Gedanken gefangen. Ist das Weib nicht +Untertan in allen Dingen,... ja, dann sät eben der Umstand, daß die Frau +das Verfügungsrecht über das Vermögen hat, eine Saat der Ungleichheit. + +So tief war er hiervon überzeugt, so stark waren die Beweise, die er +sich dafür zurechtlegte, daß er fern und nah nichts mehr sah und hörte, +-- es nur noch wie die Erzählung eines andern in sich aufnahm. Er +trommelte auf die Fensterbank und blickte auf den Weg hinunter. Die +beiden eben ausgekrochenen Schmetterlinge, die in endlosen Schwingungen +sich über und unter seinem Fenster umkreisten, hatten keine Ahnung von +all den Schwierigkeiten, die es mit sich bringt, wenn man ein Vermögen +besitzt, über das man nicht verfügen kann. Etwas weiter drüben, hinter +dem Schemel des Jungen, der seit ein paar Tagen vergessen dalag, +läutete eine anmutige Declytera mit langem Blütenstengel voll roter +Glöckchen zur Hochzeit -- zur Hochzeit -- ohne das geringste Verständnis +für Epheser 5 Vers 24. Der Pastor übersah sie darum auch. Ja, nicht +einmal Gärtner Nergaards Bienen, die jedenfalls dieses Jahr zum +erstenmal hier oben waren (wahrhaftig! sie kannten den Weg wieder, seit +der Wind umgeschlagen war und der Duft lockte!) -- nicht einmal die +Bienen hörte er, wie sie um die frischen Triebe hinter dem Haus surrten. +Eheliche Kümmernisse im Sinne Epheser 5 Vers 24 ziehen einem eine Kappe +über den Kopf, und wenn auch die Sonnenstrahlen aufs Haar brennen! Über +das sanft abfallende Kirchdorf drüben zur Rechten mit seinen drei +Schattierungen von Grün: Wiesen, Äcker und Wald, --glitten seine Augen +so blind hin wie der Wind. Eben jetzt zog sich ein Streifen Schwarz über +die Bucht, wie versuchsweise, -- ein paar vereinzelte Furchen; er war +mitten drin und sah es nicht. Irgendwo von oben muhte eine angepflockte +Kuh sehnsuchtsvoll nach: Wasser -- Wasser! Alles um ihn her ein Warten +-- und ungesehen ..., bis ein verzweifelter Kinderschrei die warme +Blütenduftluft zerriß ... ein einziger, langgezogener Schrei. In diesem +Schrei hörte er jede Schwingung; der packte ihn an der Brust wie eine +erbarmungslose Hand. Er fuhr auf und stand mit angehaltenem Atem still +und wartete auf den nächsten. Aber er kam nicht, der nächste ... es +mußte schon beim ersten sich vollständig erschöpft haben ... nein! da +gellte es wieder! War der erste Schrei verzweifelt gewesen, so war +dieser die Todesangst selbst ... und wieder einer ... und noch einer! +Der Pastor stand blaß -- alle Sinne gespannt -- da. Da erklangen von +rechts rasche Schritte im Sand. Es war seine Mutter, die an dem Türchen +zwischen den beiden Gärten zum Vorschein kam, eine alte, hagere Frau mit +schwarzer Haube über dem schneeweißen Haar, das an den Wangen +herabgekämmt war und einen steifen Rahmen um das vorsichtige, ein +bißchen trockene Gesicht bildete. + +"Nein!" stieß der Pastor hervor, "nein, Gott sei Dank, Edvard ist das +nicht! Solches Getue leistet sich der nicht, wenn er weint! _Mein_ Bengel +macht kein solches Geschnörkel! Der heult schlankweg drauf los!" + +"Schlimm genug ist's -- einerlei, wer's ist!" antwortete sie. + +"Hast recht, Mutter!" Und er betete im Herzen sogleich für den armen +Knirps, der da so jammervoll schrie. Aber nachdem das erledigt war, +dankte er doch Gott, daß es nicht _sein_ Junge war. Das mußte man ihm +schon erlauben! + +Währenddessen kam ein hochgewachsener Mann in hellem Anzug und Panamahut +den Weg herauf. Die ganze Zeit über blickte er nach dem Haus und dem +Garten. Der Pastor sah auch ihn an, erkannte ihn aber nicht. Der Fremde +kam über die Straße herüber und geradenwegs auf die Treppe zu. Ein +hochgewachsener Mann mit kurzem, sonnverbranntem Gesicht, einer Brille, +und eigentümlich raschem Gang. Wer in aller Welt...? -- Der Pastor trat +vom Fenster zurück, eben als der Fremde die Treppe erreichte. Er mußte +sie in zwei Sätzen genommen haben, denn schon erklangen Schritte im +Gang. Es klopfte. + +"Herein!" + +Die Tür wurde geöffnet; doch der Fremde blieb draußen stehen. + +"Edvard!" + +Der andere antwortete nicht. "Aber, Edvard! Du hier! Und ohne Dich +anzumelden? Bist Du's denn wirklich?" Und der Pastor lief auf ihn zu, +streckte ihm beide Hände entgegen und zog ihn herein. "Willkommen! +Herzlich willkommen, alter lieber Kerl!" Sein Gesicht strahlte vor +Freude. + +Edvards sonnverbrannte Hände drückten zur Antwort des Schwagers Hände, +seine Augen glänzten hinter der Brille; gesprochen hatte er noch nicht. + +"Warum redest Du denn kein Wort, Alter?" rief der Pastor und legte beide +Hände auf Edvards Schultern. "Bist Du denn Deiner Schwester nicht +begegnet?" --"Doch! Von ihr hab' ich erfahren, wo ihr wohnt." --"Und Du +bist ihr davongelaufen? Wolltest wohl eher hier sein? Es ging Dir wohl +zu langsam mit dem Jungen, was?" fragte der Pastor. Seine warmen Augen +blickten voll ungeteilter Freude in die Augen des andern. --"Nicht nur +deswegen. Du wohnst hübsch hier." + +"Ja, nicht wahr? Und Du sollst gerade so hübsch wohnen, wenn ich auch +unseren Stadtteil im Norden dem Zentrum vorgezogen hätte." -- "Ich hatte +ja wohl keine Wahl." -- "Nein, das ist wahr. Wenn Du das Krankenhaus +übernehmen wolltest, so mußtest Du auch die Doktorwohnung dazu nehmen; +die beiden gehören zusammen. Übrigens nicht zu teuer -- das sagen alle. +Und sehr bequem -- und eine Menge Grundbesitz dabei. Na, jetzt hast Du +Dich aber auch lang genug draußen herumgetrieben. Wahrhaftig -- mehr als +lang -- so in einer Tour. Aber warum hast Du denn nicht geschrieben? +Warum Dich nicht angemeldet? Herrgott -- ich hab' Dich ja nicht einmal +gleich erkannt! Und dabei hast Du Dich eigentlich gar nicht verändert!" +Er betrachtete das hagere Gesicht des Schwagers, das ihm nur weicher im +Ausdruck erschien als früher. Dabei plauderte er unaufhörlich weiter, +während sie auf und ab gingen oder am Fenster standen. Jetzt wandte +Edvard sich zu ihm: "Aber Du, Ole -- Du hast Dich verändert!" -- +"Wirklich? Das hätt' ich nicht gedacht. Die andern finden das nicht." -- +"Doch -- Du hast so einen geistlichen Anstrich bekommen." -- "Geistlich? +Haha! Du meinst, ich bin ein bißchen dicker geworden? Ich kann Dir +versichern, ich tue alles, was ein Mensch tun kann, um dem abzuhelfen; +ich arbeite im Garten, ich mache weite Spaziergänge; aber -- -- -- +siehst Du, meine Frau pflegt mich eben zu gut. Und die Menschen hier +sind zu liebenswürdig zu mir." -- "Du solltest es machen wie ich." -- +"Wie machst Du's denn?" -- "Ich lauf' auf den Händen!" -- "Hahaha! auf +den Händen? In meiner Stellung?" -- "In Deiner Stellung? Wenn Du einmal +durch das ganze Kirchenschiff auf den Händen liefest -- _das_ wäre eine +Predigt!" -- "Hahaha! Und Du kannst wirklich noch auf den Händen +laufen?" -- "Und ob!" -- Und im selben Augenblick lief er auch schon. +Die lose, kurze, rohseidene Jacke hing ihm dabei über den Kopf, der +Pastor betrachtete sie, das Rückenteil der Weste, das Hemd zwischen +Weste und Hosenbund, ein Stück von den Hosenträgern, die Hosen, die +Strümpfe, die braunen Segeltuchschuhe mit den dicken Gummisohlen. Kallem +hatte mittlerweile schon fast die Runde um das Zimmer gemacht. Der +Pastor wußte nicht recht, wie er sich dazu verhalten solle. Kallem stand +tiefatmend und erhitzt auf, nahm seine Brille ab, putzte sie und begann +kurzsichtig die Bücherregale zu betrachten. + +Nun fühlte der Pastor, daß irgend etwas vorgefallen war -- etwas, +worüber der Schwager sich ärgerte. Hatte die Schwester etwas gesagt, das +ihn verstimmen konnte? Doch nein -- was hätte das wohl sein sollen! Bei +ihrer Bewunderung für ihn! Das beste war -- gleich ehrlich und offen +fragen; warum nicht lieber gleich Klarheit schaffen? Kallem hatte die +Brille wieder aufgesetzt und ging an ihm vorbei, zum Pult; darüber hing +ein Christus von Michelangelo -- ein Holzschnitt. Er sah flüchtig zu ihm +auf, dann auf das Heft, das aufgeschlagen auf dem Pult lag. Und ehe der +Pastor noch eine Frage tun konnte, sagte Kallem: "Johnsons systematische +Theologie? Die hab' ich mir gleich in Kristianssand gekauft." -- "Die? +Du?" -- "Ja. Ich hab' sie seither nie bekommen können. Dort lag sie im +Schaufenster aus. Es war wie ein Wahrzeichen der Heimat." -- "Nein! Das +ist nicht Norwegen!" sagte der Pastor. "Das ist in der Hauptsache nichts +als unhaltbare Juristerei." Verwundert über diese Antwort des Pastors +und den Ton, in dem sie vorgebracht wurde, wandte Kallem sich um: "Ist +diese Denkweise unter den jüngeren norwegischen Theologen allgemein?" -- +"Ja. Ich habe mir das alles wieder zusammengesucht, um morgen die +verschiedenen Ansichten über die Versöhnungslehre genau +auseinandersetzen zu können." -- "Aha! Na ja -- eine ganz gute Manier!" +-- Kallem sah zum Fenster hinaus. Zum vierten oder fünften Male schon. +Sicher -- da stimmte irgend etwas nicht. "Da sind sie!" sagte er. Er +stand am hinteren Fenster, der Pastor am vorderen, von wo aus er jetzt +den roten Sonnenschirm seiner Frau über dem Musselinkleid auftauchen +sah. Sie ging langsam und hielt den Jungen an der Hand, der anscheinend +unaufhörlich plapperte, denn sein kleines Gesicht war fortwährend zu ihr +emporgewandt, während er den unebenen Weg entlang stolperte. Die beiden +gingen drüben auf der andern Seite. Aber hier unmittelbar am Zaun ging +eine Dame ... Eben hob sie ihren grünen Sonnenschirm in die Höhe (wie +hübsch der war!) -- eine Dame, nicht so groß wie Josefine, aber +schlanker; sie sah sich um; ihre Bewegungen waren merkwürdig leicht; ihr +Haar war rotblond, und sie trug ein schottisches Reisekostüm von +fremdartigem Schnitt; es mußte eine Ausländerin sein. Freilich, jetzt +erklärte es sich, weshalb Edvard vorausgegangen war; er hatte allein +sein und die beiden allein lassen wollen. "Wer ist denn die Dame, die da +neben Josefine geht? Sie muß mit demselben Dampfer gekommen sein wie +Du?" -- "Ja." -- "Du kennst sie?" -- "Ja. Es ist meine Frau." -- "Deine +... Du bist verheiratet?" Er sagte es so laut, daß beide Damen +heraufsahen. Er zog den Kopf zurück und wandte sich um. Aber er sprach +ins Leere. Der Doktor sah noch immer zum Fenster hinaus. Die Antwort kam +auch von draußen: "Ja, seit sechs Jahren." --"Seit sechs --?" Des +Pastors Kopf fuhr wieder zum Fenster hinaus; ein aufs höchste +verwundertes Gesicht starrte Kallem an. Seit sechs Jahren! dachte er. +Wie lang ist es doch her, daß ...? Mein Gott, es ist ja knapp sechs +Jahre her, daß ... + +Die Damen waren mittlerweile vor dem Garten angelangt, die Fremde dicht +am Zaun, während Josefine und der Junge jetzt herüberkamen. "Du, +Mutter, warum fallen denn kleine Jungs immer grad' auf den Kopf?" Keine +Antwort. "Mutter, warum fallen sie denn nicht auf die Beine?" Keine +Antwort. "Weil der Oberkörper schwerer ist, mein Junge!" Kallem sagte +es. Alle drei sahen hinauf. + +Im selben Augenblick verließ er das Fenster, um ihnen entgegenzugehen; +der Pastor hinterdrein; aber er blieb auf der untersten Treppenstufe +stehen. + +Die Augen der Dame füllten sich mit Tränen, während Kallem auf sie +zukam; vergebens versuchte sie, es zu verbergen, indem sie bald nach +rechts, bald nach links blickte. Josefines Augen waren kalt. Der kleine +Edvard war auf seinen Vater zugelaufen und erzählte ihm, Nicolai +Andersen sei auf "die Leiter" hinaufgeklettert (er deutete dabei nach +dem neuen Haus hinunter) "und 'runtergepurzelt". Und "die neue Dame" +habe ihm ihr Taschentuch um den Kopf gebunden. Das schien den Pastor +gerade jetzt nicht so stark zu interessieren, als der Junge erwartet +hatte; deshalb lief er ums Haus herum zur Großmutter, um es der zu +erzählen. + +"Ich brauche sie Dir wohl nicht vorzustellen?" sagte Edvard Kallem, +während er die Hand seiner Frau faßte und dem Pastor in die Augen sah. +Dieser suchte nach Worten, fand keine und schielte zu Josefine hinüber, +die jedoch keine Miene machte, ihm zu helfen. + +Vor kaum acht Tagen hatte der eifrige Geistliche gegen die vielen +Scheidungen mit darauffolgender neuer Ehe im "Morgenblatt" einen Artikel +geschrieben mit der Überschrift: "Ehe oder Hurerei?" Und hatte darin mit +unwiderleglichen Beweisen dargetan, daß nach der heiligen Schrift kein +anderer Scheidungsgrund gelte als Untreue. Wer seinen Ehegenossen beim +Ehebruch betreffe, sei frei und könne sich wieder verheiraten; wenn +jedoch ein Mensch sich aus anderen Gründen scheiden lasse und sich +wieder verheirate, während sein Ehegenosse noch lebe, so bestehe die +erste Ehe fort und die zweite sei Hurerei. Vor noch nicht acht Tagen +hatte er unter voller Zustimmung seiner Frau das geschrieben. Und eben, +weil jene Begebenheit mit Kallem und Ragni Kule ihm noch frisch im +Gedächtnis stand, erzählte er in diesem Artikel, wie die Frau eines +kranken Mannes der Stellung, die Gott ihr zuerteilt hatte, überdrüssig +geworden sei und heimlich ein Liebesverhältnis mit einem andern +unterhalten habe, wie sie dann gleich nach der Entdeckung geflüchtet sei +und sich habe scheiden lassen. "Gesetzt nun den Fall," schrieb er, "daß +eine solche Frau sich wieder verheiratet und noch dazu mit dem, der ihr +geholfen hatte, ihren Mann zu betrügen? Wer könnte eine solche Ehe +anders nennen als fortgesetzten Ehebruch?" + +Wort für Wort hatte er so geschrieben. Seine Frau stimmte völlig mit ihm +überein; sie haßte die Frau, die ihren Bruder verführt hatte, im voraus. +Und nun standen beide vor ihr. Und Ragni war des Bruders Frau. + +Etwas Undenkbareres hätte das Wiedersehen gar nicht bringen können! Und +dabei waren sie so sicher gewesen, daß der Bruder all solche +Leichtfertigkeit von sich abgetan hatte! Er war ja jetzt ein Mann der +Wissenschaft, dem schon eine Professur angetragen war, unter sämtlichen +jüngeren Ärzten vielleicht der Mann, von dem die Kollegen am meisten +erwarteten. + +Das war eine Enttäuschung, die nicht zu verwinden war! Und der Gedanke, +daß sie nun mit diesen beiden an einem und demselben Ort leben, sie +ihren Bekannten in der Gemeinde als Herr und Frau Kallem vorstellen +sollten! Nachdem Tuft unter seinem vollen Namen ihr Zusammenleben für +Ehebruch erklärt hatte! + +Natürlich hatte Kallem es gelesen, er, der so eifrig nach der +Wesenseigentümlichkeit des zeitgenössischen Norwegens forschte, daß er +sogar Johnsons Dogmatik las! Natürlich las er vor allem die Zeitungen. +Er hatte es gelesen, und das erklärte alles! Sie stand da und wußte +nicht wohin, klammerte sich bloß an ihn an. Und er? Sein rechter Arm +umschlang sie jetzt, als wollte er sich laut zu ihr bekennen. Sie hielt +mit ihrer Rechten hartnäckig den Sonnenschirm über sich, als könne der +sie schützen; aber auf die Dauer ging das nicht, das Taschentuch mußte +heraus, und weil sie ihr eigenes nicht hatte, nahm sie verstohlen das +ihres Mannes. + +"Wollen wir nicht hineingehen?" sagte der Pastor mechanisch. Das +geschah. Er führte sie im Haus umher, während Josefine sich entfernte, +um für Erfrischungen zu sorgen. Vom Studierzimmer, das nach dem Garten +zu gelegen war, kamen sie ins Wohnzimmer, das nach der Straße ging, dann +in die dahinter liegende Eßstube, von dort in die Küche, die an der +Nordseite des Hauses lag und einen besonderen Eingang hatte. Auf +derselben Seite lag noch die Speisekammer und ein Fremdenzimmer, das an +das Studierzimmer stieß und eine Altane hatte, die mit der Treppe am +anderen Ende der Fassade korrespondierte. Im Oberstock verschiedene +Schlafzimmer usw. Das Herumführen dauerte kaum fünf Minuten. Von Seiten +des Pastors nur die allernotwendigsten Worte; von Seiten Kallems ein +paar spöttische Bemerkungen, erst als er aus mehreren Anzeichen ersah, +daß der Pastor zurzeit im Fremdenzimmer schlief und Josefine mit ihrem +kleinen Sohn oben, und dann, als er die seltene Sammlung von Bildern +berühmter Theologen sah, die, um Luthers Bild gruppiert, an der großen +Wand des Wohnzimmers hingen. Die Erfrischungen, die Josefine anbot, +lehnte er ab, verabschiedete sich und ging. + +Ragni war wie eine Unsichtbare nebenher gegangen. Jetzt, zum Schluß, +glitt ihre lange, schmale Hand durch die Hände des Schwagers und der +Schwägerin wie ein Hermelinschwänzchen durch ein Mauerloch. Die Augen +huschten scheu über sie hinweg wie der Schatten eines Flügels. Der +Pastor gab bis an die Treppe das Geleite; Josefine blieb an dem großen +Fenster stehen. + +Kallem ging so rasch, daß Ragni alle drei Schritt einen kleinen Sprung +machen mußte. Der Pastor stand noch draußen und sah es. Diese Hast +steigerte die Erregung, in der sie sich befand, und als sie ungefähr in +der Mitte zwischen der Strandstraße und dem Pfarrhof waren, bat sie +ihn, stehen zu bleiben, und fing zu weinen an. + +Kallem stutzte über diese von der seinen so verschiedene Gefühlsskala; +er war empört. Aber bald merkte er, daß sie wahrscheinlich gerade über +seine eigene Art sich zu benehmen weinte. Er zog sie mit sich an den +Zaun, und stellte sich mit dem Rücken dagegen: "Hab' ich mich nicht +richtig benommen?" -- "Du warst so böse -- hu, so böse, und nicht bloß +gegen sie und ihn, sondern auch gegen mich; ja, Du, -- ganz besonders +gegen mich! -- Nicht angesehen hast Du mich -- überhaupt nicht die +geringste Rücksicht darauf genommen, daß ich dabei war!" -- "Aber, +liebes Herz, das hab' ich doch gerade Deinetwegen getan!" -- "Dann laß +mich lieber gleich wieder fort! Das halt' ich nicht aus!" Und sie warf +sich an seine Brust. -- "Aber, Kind, --hast Du denn nicht gesehen, wie +Josefine war?" --"Ja doch!" erwiderte Ragni, und hob den Kopf; der Hut +saß im Nacken, das Haar war zerzaust. "Sie wird mich noch einmal töten!" +Und wieder flüchtete sie an seine Brust. -- "Na, na!" sagte er, "sie +soll Dir schon kein Härchen krümmen. Aber verteidigen werd' ich Dich +wohl noch dürfen!" -- Sofort tauchte ihr Kopf wieder auf. "Nicht so! Ich +hätt' überhaupt nie geglaubt, daß Du so sein könntest! Es war so ... so +unvornehm, Edvard!" Und sie faßte ihn am Rockkragen und zupfte daran. -- +"Nun hör' einmal", sagte er ruhig, -- "das, was der Kerl über uns +geschrieben hat, das war unvornehm! Und ihr Schweigen? Ich finde, das +war noch schlimmer als alles, was er geschrieben hat." Hierauf erwiderte +sie nichts. Nach einer Weile hörte er ein leises: "Ich passe nicht da +hinein!" Er beugte sich über ihren Kopf; der Hut fiel zu Boden; keins +von beiden achtete darauf. Leise redete er in ihr rotblondes Haar +hinein: sie müsse nicht gleich so verzweifelt sein, nicht gleich von +Sterben oder Fortgehen sprechen. "Wir müssen das mannhafter nehmen, +verstehst Du, Schatz?" -- "Ja." Ihr zerzauster Kopf richtete sich +wieder auf. "Aber Du mußt nicht vergessen, daß ich jetzt dabei bin; Du +kannst nicht so sein, als wenn Du allein wärst!" -- Nein, das merkte er +denn auch, und hatte ein recht böses Gewissen. + + * * * * * + +Zur selben Zeit war Josefine wieder in dem Zimmer, das nach der Straße +hinausging; es hatte ein einziges Fenster, das größer als zwei +gewöhnliche war, und da stand sie und lehnte den Kopf ans Fensterkreuz. +Der Pastor stand hinter ihr. Er nannte es einen bösen Zufall, daß er das +im "Morgenblatt" geschrieben hatte. "Dein Bruder hat mir erzählt, er sei +schon seit sechs Jahren verheiratet." Josefine fuhr hastig herum. Aber +nach einer Weile des Nachdenkens sagte sie nur: "Unsinn!" und wandte +sich wieder zum Fenster zurück. Der Pastor meinte auch, das könne nur +ein schlechter Witz sein. Sie hätten sich doch nicht trauen lassen +können, ehe sie gesetzlich geschieden war. -- "Ganz merkwürdig war er -- +auf einmal fing er an, auf den Händen zu laufen!" Wieder wandte sie sich +nach ihm um, mit ihren größten Augen. "Jawohl, auf den Händen ist er +gelaufen", versicherte der Pastor. "Ums ganze Studierzimmer herum. Er +behauptete, so sollte ich einmal zum Altar gehen. Wenn er Luther +verhöhnt, so muß ich mich ja wohl damit abfinden, daß er auch mich +verhöhnt!" + +Sie wünschte offenbar nicht, daß er gerade jetzt über diese Begegnung +sprechen sollte; es tat ihr zu weh. Er zog sich ins Studierzimmer +zurück; aber er sah keineswegs bloß mißvergnügt aus, während er sich +seine Pfeife stopfte. + +Josefine hatte sich so unendlich viel von dem Wiedersehen und dem +Zusammenleben mit dem Bruder versprochen. Sie hatte nicht die leiseste +Andeutung hören wollen, daß es möglicherweise anders kommen könne, als +sie erwartete. Wer weiß -- was sie jetzt litt, war ihr vielleicht ganz +gesund! + +Aber war er denn selber heut so gewesen, wie er hätte sein sollen? O +ja, er glaubte doch wohl. Gebe Gott, daß er es nur immer so sanftmütig +ertrug! Denn bei dem einen Mal blieb es nicht; das ahnte er wohl. + +Die Pfeife schmeckte, und das Predigtheft wurde wieder zur Hand +genommen; aber der Gedanke an Josefine drängte sich dazwischen. Nie +hatte er in ihrem ehelichen Verhältnis die Sicherheit gefühlt, deren +andere sich erfreuten. Sie hatte ihre schwierigen Zeiten --und dies +letztemal war es schlimm gewesen. Zweifellos, weil alle ihre Gedanken +sich mit dem einen beschäftigten, der nun bald zurückkehren würde ... + +"Psst!" + +"-- Die Rechtfertigung ist eine Tat des Augenblicks in uns, ein Vorgang +ein für allemal. Alle Sünden sind ausgelöscht; in Gottes Augen sind wir +ebenso rein und heilig wie Christus." + + +2 + +Die beiden, die dort unten auf der Straße Frieden geschlossen hatten, +wanderten Arm in Arm weiter. An der Ecke der Strandstraße stand auf +einem Gerüst Maurer Andersen, ein vierschrötiger Mensch mit langem, +braunem Bart und einer Schutzbrille -- der ganze Mann weiß von Kalk. Er +erkannte die hellgekleidete Dame wieder, die seinem Jungen beigesprungen +war, und da sie jetzt Arm in Arm mit dem Brillenmann einherkam, den er +vorher hatte hinaufgehen sehen, dachte er sich, das müsse der neue +Doktor sein. Der Pastor war ja sein Schwager; von dem kamen sie jetzt +jedenfalls zurück. Andersen hielt mit der Arbeit inne und grüßte; Ragni +hielt ihren Mann an und sagte etwas -- das sah Andersen. Er rief den +Arbeitern, die da hämmerten, zu, sie möchten einen Augenblick still +sein, und fragte dann, was sie gesagt habe. Sie wollte wissen, ob der +Junge jetzt schlafe. Jawohl; aber sie möchten doch recht gern, der Herr +Doktor solle nach ihm sehen, wenn er wieder wach sei; "Sie sind ja doch +wohl der neue Herr Doktor?" -- "Richtig geraten!" Jetzt kamen sofort +die Leute im Haus drinnen an die Fenster, ebenso die im nächsten Haus; +ein Vorübergehender blieb stehen, guckte die beiden an, ging weiter und +erzählte es der ganzen Straße. Andersen benützte die Gelegenheit, auch +gleich mit seinen schwachen Augen zu kommen. Jawohl, die würde sich der +Doktor nächstdem einmal ansehen. Aus den Fenstern und auf der Straße +sahen ihnen die Leute nach. Sie waren jung, was brauchte es weiter? Bald +hatten sie vergessen, was kürzlich vorgefallen war, und fühlten -- hier +konnten sie heimisch werden! + +Unter denen, die unwillkürlich grüßten, befand sich ein junger Mann mit +fast zu üppigem Haarwuchs, blassem, merkwürdig gewölbtem Gesicht, +schmächtig gebaut und hoch aufgeschossen; etwas Feines, Befangenes lag +über ihm. Als sie ihn ansahen, errötete er. "Da hast Du wahrhaftig schon +eine Eroberung gemacht!" flüsterte Kallem. Kurz darauf kam ein +sonderbarer Gesell ihnen entgegen, lang, vornübergebeugt, in Bluse und +Schurzfell. Schwarzes, verstaubtes Haar, das Gesicht ungewaschen, fast +rußig. Er trug allerlei Handwerkszeug in seinen schmalfingrigen Händen; +die hingen an außergewöhnlich langen Armen, die im Bogen hinter ihm +herschlenkerten. Hätten sie im Takt geschwungen, sie hätten +zusammenstoßen müssen. Eine Mütze trug er nicht; das kurzgeschnittene +Haar ließ die ganze Kopfform erkennen. Die Stirn war weder breit noch +hoch, aber ungewöhnlich fein gebaut. Die Wangenpartie länglich, mit +vortretenden Backenknochen. In den kleinen, eiskalten Augen und um den +zusammengekniffenen Mund etwas Höhnisches. Die Nase klein und flach, das +Kinn ziemlich lang. "Du, sieh doch den!" flüsterte Kallem. "Pfui!" +antwortete sie. Jetzt strich der Mensch mit forschendem Blick an ihnen +vorüber. Kallem blickte ihn ebenfalls an, und als sie aneinander vorbei +waren, drehten sich beide um. Eine alte Frau kam gewatschelt. "Wer ist +der Mann da?", fragte Kallem. Sie sah erst Kallem an, und dann den +andern. "Das ist Kristen Larssen." -- "Ein Feinschmied?" -- "Was für'n +Ding?" -- "Feinschmied." -- "O ja. Aber Uhrmacher ist er auch. Und +Büchsenmacher. Alles mögliche." + +Der Strandweg war gegen die Bucht hin offen, ohne Steindamm. Im Wasser +lag allerhand verfaultes Zeug, ebenso am Lande. Die ganze Stadt hatte +etwas Unfertiges. Ein großes Haus neben einem kleinen; einmal ein +steinernes Haus, dann ein hölzernes; und alles wie in der Eile und mit +geringen Mitteln errichtet. Die Häuser lagen nicht einmal in einer +geraden Linie, und die Straße war kaum eine Straße zu nennen. Die Leute, +denen sie begegneten, noch nicht Städter, und doch auch nicht mehr +Landleute. Durchgehends "mißtrauisch und freundlich", wie Kallem sagte. +"Mischware". + +Jetzt waren sie auf dem Marktplatz angelangt, von wo der Weg zur Kirche +hinaufführte. Diese lag frei, hoch und schlank auf der Höhe. Hier waren +sie Josefine begegnet, eben als sie hatten hinaufgehen wollen; denn dort +oben, rechts von der Kirche, frei, in einem Park mit einem Garten vorn, +lag ihr Haus. Von hier aus konnte man es nicht sehen. + +Die Straße gabelte sich unmittelbar vor der Kirche und führte nach zwei +Seiten weiter. An dem Weg rechts mußte ihr Heim liegen. Als sie sich der +Kirche näherten, sahen sie den Park hinter ihrem Haus und darin das Dach +des großen Krankenhauses. Endlich --sie gingen ganz langsam, voller +Spannung, ohne ein Wort zu reden -- endlich der große Garten, und darin +ihr Haus! Ein Holzbau im Schweizerstil, etwas zu breit, die Fenster groß +und alle weit offen. Eine Veranda auf einen sandbestreuten Platz hinaus, +zu dem eine Treppe hinunterführte. Daneben der Blumengarten, weiterhin +der Gemüsegarten, und zu beiden Seiten, der Stadt zu, ein ziemlich +großer Obstgarten. Die beiden nahmen alles gleichzeitig in sich auf. Das +also war es! Sechs lange Jahre hatten sie -- jedes für sich -- dafür +gearbeitet, es erträumt in wer weiß wie vielen Formen -- nur nicht in +dieser! Es hinverlegt nach wer weiß wie vielen Orten -- bloß nicht +hierher! All die geträumten Bilder waren ausgelöscht von dem, was sie +hier vor sich sahen! Beide wandten sich um, maßen Weite und Leuchtkraft +der Landschaft, und wandten sich dann lächelnd einander wieder zu. +Seltsam --gerade in diesem Augenblick kein Mensch zu sehen --kein Laut, +kein Geräusch, das an etwas -- nah oder fern -- erinnerte! Sie und ihr +Heim! Das eine von ihnen sah, was das andere sah; des einen Sehen und +Fühlen wurde geschärft durch das Bewußtsein, daß das andere ebenso sah +und fühlte. Ragni löste ihren Arm aus Kallems Arm, ging nach dem Zaun +hinüber -- er war aus Wachholderstäben --, faßte durch die Stäbe, und +pflückte ein paar Gräser und einen grünen Zweig; damit kam sie zurück +und befestigte es an seinem Rock. Er sah etwas weiter oben einen Büschel +Glockenblumen, ging hin, griff durchs Gitter darnach und kam damit +zurück; sie nahm sie und sammelte noch mehr dazu; als es schließlich +viele waren, sah es hübsch aus. + +Neben dem Haus und auf dem Hof lagen Kisten, unausgepackte Möbel, Stroh, +Sägespäne, Matten. Ragnis großen Flügel hatte man augenscheinlich soeben +ausgepackt und die Beine daran geschraubt; aber kein Mensch war zu +sehen. + +Ein großer, freistehender Taubenschlag war da. "Denk doch, wenn jetzt +Tauben angeflogen kämen? Tauben müssen wir uns halten!" -- "Aber denk +erst, wenn ein Hund gesprungen käme! Einen Hund müssen wir uns halten!" +-- Von hier aus führte keine Tür ins Haus; erst vom Weg aus, der Park +und Garten trennte. Hier blieben sie stehen und wandten sich noch einmal +um, der weiten Landschaft zu. + +In der reichsten Gegend vielleicht, die das Land besaß, der +sonnenfreudigsten, da lag den beiden das eigene Heim, die Mitte des +Kompasses. Ragni lugte seitwärts, ob das Pfarrhaus zu sehen sei. Keine +Spur! Kallem ahnte, nach was sie sah, und lächelte. Sie hörten durch +die offenen Fenster drin die Arbeiter; jetzt hörte man sie mit Radau und +Gelächter die Verandatreppe herunterkommen; sie gingen auf den Flügel +los, ohne die beiden zu beachten, die weiter oben standen. Sie +schwatzten, probierten, mühten sich ab, unter all dem überflüssigen +Gelärme, das eine Arbeit, an die die Leute nicht gewöhnt sind, zu +begleiten pflegt. Dann zogen sie mit dem Flügel zur Veranda ab, und bald +hörte man sie wieder auf der Treppe trampeln. Kallem und Ragni blickten +in den Park; hohe, schöne Bäume und hinten zwischen den Stämmen das +Krankenhaus, ein mächtiger Holzbau auf Steinfundament, mit großen, +kleinscheibigen Fenstern. Dann gingen sie durch die Tür in den Garten +und auf ihr eigenes Haus zu. + +Zuerst ein kleines Wirtschaftsgebäude; sonst aber lag das Hauptgebäude +nach allen Seiten frei. + +Die Obstbäume fingen schon zu blühen an; es mußte warm sein hier oben. +Und der Garten! Ragni dachte mit keinem Gedanken daran, daß der +wohlbestellte Garten Josefines Werk war; sie freute sich darauf, selbst +zuzugreifen. Das Haus mußte neu gestrichen werden; es sollte auch eine +andere Farbe bekommen, nicht diese ärmliche gelbe. _Ihr_ Haus, _ihr_ Heim! +Kallem trat dreimal fest auf die Erde; der Boden war sein! Er wollte +gleich von hier ins Haus; aber nein, sie wollte zum Vordereingang +hinein, die Verandatreppe hinauf. So gingen sie zwischen den Kisten und +dem Stroh hindurch und guckten zu den Fenstern hinein. Das Haus war im +Verhältnis zu seiner Länge und Breite niedrig, das Dach ragte weit vor +und lag schwer darauf. Aber es war gut. + +Auch die Veranda hatte keine Verhältnisse; sie war breit und die Treppe +bequem. + +Arm in Arm gingen die beiden hinauf; das erste, was ihnen in die Augen +fiel, war eine Enttäuschung; die Eingangstür, eine Glastür, befand sich +nicht in der Mitte des Zimmers, sondern ganz unten in der südlichen +Wand. Sie sahen bald, daß es nicht anders möglich war, wenn die Veranda +in der Mitte des Hauses liegen sollte; rechts lagen nämlich noch zwei +Zimmer in einer Flucht mit dem Verandazimmer. Jetzt kamen die Männer, +die den Flügel hineingetragen hatten, alle wieder heraus; sie dachten +sich gleich, wer die beiden waren, und als sie Ragni erblickten, nahm +erst der eine, dann nahmen alle andern Hut oder Mütze ab. Kallem grüßte, +Ragni schlüpfte zu ihrem Flügel hinein, der mitten im Zimmer stand, +holte den Schlüssel hervor und öffnete ihn, als müsse sie ihn gleich auf +der Stelle genau prüfen; sie konnte nicht anders, sie mußte hören, ob er +noch gestimmt war. Mit den Handschuhen an den Händen schlug sie +Longfellows "Sweet home" an. Bei den ersten Klängen dieser Hymne an die +Heimat nahm Kallem den Hut ab. Die andern sahen das, glaubten wohl, es +sei ein Choral, und folgten seinem Beispiel. + +Ragni hatte ihnen den Rücken zugewandt und bemerkte daher nicht, daß nun +von rechts noch zwei Leute zum Vorschein kamen, ein Mann mit rundem, +glänzendem Gesicht, und hinter ihm ein kleines Weibchen, das gern +hereingeguckt hätte und doch auch nicht gern gesehen sein wollte. Aber +jetzt öffnete sich auch die Tür gerade vor ihr, und ein Bauernmädchen +spähte bescheiden herein, was das wohl für seltsame Töne sein mochten. +Ragni dachte sich gleich, daß es ihr Dienstmädchen sei, das aus der +Küche kam, und ging ihr entgegen. "Du bist Sigrid?" -- Ja, freilich, es +war Sigrid. -- "Und wir sind Doktors." -- "Kann mirs denken!" sagte sie +und kam jetzt ganz herein, ein kräftiges, anmutiges Geschöpf. "Ist es +das erstemal, daß Du bei fremden Leuten bist?" fragte Kallem. -- Jawohl, +es sei das erstemal. -- "Und bei uns ist es das erstemal, daß wir +haushalten," sagte Kallem; "das wird ganz famos gehen!" + +Ragni ging mit hinaus in die Küche. Dort fiel ihr sofort ihr neues +Tischservice in die Augen, das eben ausgepackt und abgewaschen war. +Jetzt aber konnte sie es nicht mehr aushalten; sie ging hinaus in den +Korridor und die Treppe hinauf; sie mußte allein sein. Die Tür zu ihrem +Schlafzimmer stand gerade vor ihr offen; sie ging hinein und trat auf +die Altane, die über der Veranda lag. Womit hatte sie solch großes Glück +verdient? Was wog ihre Arbeit, ihre Sehnsucht im Vergleich zu dem, was +hier in dem Haus eines reichen Mannes für sie bereit stand? Und doch -- +in diesem großen, unverdienten Glück war eine Angst ... Auch von hier +spähte sie hinüber -- gen Norden. Ob das Pfarrhaus zu sehen war? Nein, +es war nicht zu sehen. + +Josefine hegte einen Groll gegen sie; das hatte sie sogleich gefühlt. +Und ob der Bruder das auch häßlich fand -- er hing doch an seiner +Schwester; ja, etwas war an ihr, das er ganz besonders liebte; in +solchen Dingen täuschte sie sich nie. + +Kallem besah sich die Räume unten. Das Paar an der Tür rechts hatte sich +wieder zurückgezogen, und die Männer waren bei der Arbeit. Das +Verandazimmer war groß; die Fenster gingen auf einer Seite nach der +Kirche, auf der andern nach dem Garten; aber er würde Ragni vorschlagen, +jene zu verhängen. Einfarbige, hellgraue Wände, die Decke hellblau mit +goldenen Sternen; die Farben waren alt; nur der Fußboden war neu +gestrichen, ebenfalls hellgrau. Im Zimmer links waren sie noch dabei, +frisch zu tapezieren. Was, immer noch nicht fertig? Und auch im nächsten +Zimmer noch nicht? Zwei waren dort an der Arbeit, der Mann und die +kleine Frau, die vorhin in der Tür aufgetaucht waren. "Guten Tag!" +grüßte Kallem. "Guten Tag!" erwiderte das runde, glänzende Gesicht mit +dänischem Tonfall. Kallem trat näher an den Tisch heran, vor dem der +Mann stand und die Tapeten zurecht schnitt. Die Frau hielt sich dicht an +seiner Seite; jetzt verkroch sie sich ganz hinter ihm. "Ist das Ihre +Frau?" -- "Jawohl, meine Frau; und außerdem mein Gesell; Gesell und +Frau; aber meine Gesellenfrau ist sie darum doch nicht!" Das kleine +Weibchen hinter ihm kicherte, wenn auch fast unhörbar. Der Mann hatte +hervorstehende rollende Augen, in denen ein Schelm saß. "Ich dachte, Ihr +wärt fertig." -- "Man arbeitet unter Hindernissen, Herr Doktor!" Sie +gluckste vor Lachen, aber immer wie aus einem dicken Pack heraus. -- +"Ist Ihre Frau auch Dänin?" -- "Nein, Norwegerin; aber wir passen +trotzdem gut zueinander." Sie duckte sich, fortwährend kichernd, noch +tiefer hinunter. + +Der Raum, in dem sie standen, war lang und schmal; Kallem sah sofort, +daß es das Eßzimmer werden mußte, wahrscheinlich auch das Wartezimmer +für die Kranken. Das dahinter, mit den Fenstern nach vornheraus und nach +Südost, war selbstverständlich sein Arbeitszimmer, in dem er Patienten +empfing, wenn er nicht im Krankenhaus war. Er ging gar nicht erst +hinein, sondern vom Eßzimmer gleich hinaus auf den Gang. Da war rechts +die Küchentür. Auf dem Küchentisch sah er eine Reihe Bierflaschen +stehen; einige leer, andere noch voll. "Wem gehören die Flaschen?" -- +"Dem Sattler." --"Sie meinen dem Tapezierer?" -- Kallem begriff mit +einemmal, was da für "Hindernisse" vorgelegen hatten, und daß der Mann +betrunken war, und die Frau noch mehr. _Da_rum waren die Männer so lang im +Hause geblieben, bis sie den Flügel geholt hatten! Sie waren mit Bier +traktiert worden. "Bitte, rufen Sie mir den Dänen mal heraus!" Das +Mädchen ging, und sofort kam auch das runde, glänzende Gesicht mit +hundert Schelmen in den Augen zum Vorschein und dahinter die Frau, die +einmal rechts und einmal links davon hervorguckte. + +"Die Flaschen da gehören Ihnen?" -- "Nicht so ganz!" -- "Ihr seid also +mehrere?" -- "Ja -- beim Trinken!" -- "Aber Sie haben sie bezahlt?" -- +"Das Bier, ja; aber nicht die Flaschen; die muß man zurückgeben." Die +Frau kicherte. + +"Darf ich fragen, wie Sie heißen?" -- "Sören Pedersen heiss' ich, +jawohl, Sören Pedersen!" -- "Also hören Sie mal, Sören Pedersen, wollen +Sie mir die Flaschen da verkaufen?" -- "Das Bier, meinen Sie?" -- "Das +Bier." -- "Aber gern!" -- "Dann haben wir heut Nacht doch was zu +trinken; wir müssen nämlich durcharbeiten heut Nacht; wir möchten morgen +fertig sein. Wir arbeiten mit. Wollen Sie?" -- "Wenn der Herr Doktor +befehlen." -- "Und dann darf ich Sie wohl bitten, heute mit uns zu Abend +zu essen?" + +In drei, vier Sätzen sprang Kallem jetzt die Treppe hinauf. Ragni stand +im Sonnenglanz draußen auf der Altane. Sie wandte sich nach ihm um. Er +fragte, ob sie ihr Gebet verrichtet habe. Ja; sie sei fertig. + +Auch er blieb ein Weilchen auf der Altane stehen und sah nach dem +Inselkindchen hinaus, das da vor seiner Mutter spielte -- von hier aus +konnte man es sehen -- auf die Bucht mit den Wasserfurchen, auf die +Berge dahinter in ihrer vornehmen Ferne. Er blickte hinüber, nach +rechts, wo Pastors wohnten; sie merkte es wohl. "Sie können uns doch zum +Donnerwetter nicht behandeln, als ob wir nicht verheiratet wären? Nicht? +Das wollen wir doch sehen!" + +Sie zog ihn ins Zimmer und wies auf die Farbe der Wände in ihrem +Schlafzimmer; mattweißer Ölanstrich, wie sie es sich gewünscht hatte. +Alles sollte weiß sein hier oben, mit Ausnahme der langen Gardinen und +Portieren, die von der Decke herab über den beiden Betten, dem +Altanfenster und der Tür hängen sollten. Die waren blau in Farbe und +Muster, zu den Ornamenten an den Betten und übrigen Möbeln passend. Sie +wurde ganz gesprächig; aber Kallem mußte das Krankenhaus besehen; und da +wollte sie mit. + +Das erste, was er auszusetzen hatte, als sie im Park davor standen, +waren ein paar alte schöne Bäume: die standen viel zu nah -- die mußten +weg. Statt ihrer sah er im Geist schon einen großen freien Platz mit +einem Springbrunnen in der Mitte, von dem nach allen Seiten hin Wege in +den Park führten. Das Krankenhaus war zweistöckig, gelb gestrichen, mit +ungewöhnlich großen Fenstern, aber sehr kleinen Scheiben. Im Unterbau, +einem mächtigen Steinsockel, war die Wohnung für die Dienerschaft und +den Verwalter eingerichtet. Es sah sehr behaglich aus; Gardinen an allen +Fenstern, und Blumen davor. Der Eingang befand sich an der linken Seite +des Hauses; ein dichtes, hohes Gitter hegte einen sehr großen Hofraum +ein. Kallem freute sich, als er längs des Gitters Ahornbäume stehen sah; +er wußte, in vierzehn Tagen konnten hier amerikanische Zelte für die +Kranken aufgeschlagen sein -- den ganzen Sommer über. + +Die Haustür war offen; kein Portier. Im Fenster der Portierloge lagen +fromme Schriften und Traktate zum Verkauf aus. Kein Anschlag an der Tür, +der angab, wann Besuchszeit sei für die Kranken. Den Portier sahen sie +dann im inneren Hof; ein älterer Mann mit ernsten, forschenden Augen; er +trug eine Brille, über die er hinwegblickte, und die er abnahm, als er +merkte, wen er vor sich hatte. "Sie sind der neue Herr Doktor?" -- "Ja." +Jetzt nahm er auch seine Mütze ab: "Willkommen!" Der Patient, mit dem er +sich eben unterhalten hatte, schlich davon; er war bleich und trug +--trotz des sommerlich warmen Tags einen dicken wollenen Schal um den +Hals; er hielt sich in der Entfernung, grüßte auch nicht. Der Portier +ging mit ihnen. + +Das Haus hatte -- zu beiden Seiten eines hellen Korridors -- je eine +Reihe Zimmer, die nach vorn groß, die nach dem Hof zu kleiner; in beiden +Stockwerken gleich. Der Portier war nicht nur Portier, sondern auch +Verwalter und ältester Aufseher des Hauses. Als solcher stellte er die +übrigen Beamten vor, wie sie ihnen gerade in den Weg liefen. Ganz nette +Leute, Männer wie Frauen; unter den letzten zwei Diakonissinnen, -- die +waren die allerfreundlichsten. + +Das erste, was Kallem notwendig erschien, war, das Haus von den alten, +verpesteten Typhusstuben zu reinigen und einen besonderen Typhuspavillon +für den Winter zu errichten. Der Operationssaal war recht hell; aber ein +neuer, gebohnter Fußboden mußte sogleich gelegt werden. Der +Ventilationsapparat war miserabel. Mit Ausnahme dieser und noch einiger +geringerer Mängel -- z. B. die kleinscheibigen Fenster -- war das Haus +gut; die Zimmer hoch, die Gänge geräumig; das Ganze machte den Eindruck +von Helle; es gefiel ihm sehr. + +Der Krankenbestand war in Anbetracht der Jahreszeit gar nicht gering. +Sein Spezialstudium, die Tuberkulose, war durch drei Patienten vertreten +-- zwei Knaben und ein etwa zehnjähriges Mädchen, magere, wachsbleiche, +armselige Geschöpfe. Er freute sich darauf, sie bald in seine +amerikanischen Zelte legen zu können. Der frühere Besitzer des +Krankenhauses, der alte Doktor Kule -- ein Onkel von Ragnis erstem Mann +--, war gestorben. Kallem hatte es sehr billig erstanden, da sich im +Augenblick niemand anders fand, der es übernehmen wollte. Hier konnte er +sich einrichten und seine Zeit einteilen, ganz wie er wollte; er hatte +freie Hand. Der Bezirk gab einen Beitrag; ein Komitee, bestehend aus dem +Distriktsarzt und einem zweiten Arzt, führte die Oberaufsicht; aber er +war ganz sein eigener Herr. Dieser erste Besuch machte ihnen beiden +Freude. Sie kehrten in ihre Wohnung zurück, guten Muts und fürchterlich +hungrig, nahmen in der Küche eine kleine Vespermahlzeit zu sich, tranken +ein Glas Wein dazu, und dann noch eins auf das große Ereignis: daß sie +zum erstenmal im eigenen Hause aßen. + +Im Wohnzimmer stand noch alles bunt durcheinander. Trotzdem ging Ragni +an den Flügel. Sie hatte sich --seit fünf oder sechs Jahren -- ganz +heimlich an Übersetzungen aus der englischen Literatur, besonders der +Versliteratur versucht. Ein bißchen warm vom Wein -- ein bißchen +verlegen -- schlug sie ein paar Akkorde an -- bat ihn, sich nicht vor +sie hin zu stellen -- schlug wieder Akkorde an und sang mit einer +kleinen, weichen Stimme, die mehr rezitierte als sang: + + Wir sind daheim! + Unser Wesen und Sein + Soll hier blühn und gedeihn + Aus zartestem Keim! + In Dingen, Gedanken, + In Stimmen, in Blumen, + Soll alles sich ranken + Um uns. + + Hier wird mein Sinn + Durch dich offenbart. + Und du, der nun sehend ward, + Sieh, wer ich bin, + Die sündig und selig-fröhlich, + Beglückt dich und kränkt, + Und stets sich versenkt + Harmonisch und selig + In dich! + + +3 + +Den nächsten Morgen wachten sie durch ein lautes, anhaltendes Dröhnen +auf. Als sie ganz munter wurden, merkten sie, daß es die Kirchenglocken +waren, die zum Kirchgang läuteten; beide hatten lang geschlafen; aber +sie hatten auch bis gegen drei Uhr, also bis in den hellen Morgen +hinein, gearbeitet. + +Eins, zwei, drei war Kallem aus dem Bett und im Badezimmer nebenan, wo +er sich mächtig abduschte. Dafür hatte der alte Doktor also doch Sinn +gehabt! Und kaum war er halb angezogen, so lief er auch schon hinaus auf +die Altane, zu der herrlichen Aussicht. Er rief Ragni zu, sie solle +ebenfalls duschen und sich ankleiden und herauskommen; aber sie hatte +schon gestern gemerkt, wie gräßlich kalt das Wasser war und lag nun mit +großen, offenen Augen da und überlegte, ob sie mogeln oder es wirklich +wagen solle. Sie zog es vor, zu mogeln und stand gleich darauf in einem +allerliebsten Morgenkleid neben ihm. Aber wie unschuldsvoll sie ihn auch +anblickte, und wie eifrig sie die wundervolle Aussicht, den köstlichen +Tag rühmte -- er vergaß die Dusche nicht. Sie hatte gestern feierlichst +gelobt, sie gleich vom ersten Tag an zu nehmen; eben weil sie sich so +leicht erkältete, sollte sie sich's zum täglichen Brot machen, und ganz +besonders hier, wo Wärme und Kälte so schroff wechselten. Also --! Sie +setzte ihr kläglichstes Frätzchen auf -- sie versuchte, darüber +wegzuscherzen; aber er deutete unbeirrt auf das Badezimmer. Wollte sie +ihr Gelübde brechen? Wenn sie's ein erstes Mal tat, so tat sie's später +noch oft. Sie küßte ihn und sagte, er sei ein Scheusal; er küßte sie, +und sagte, sie sei ein süßes Ding. Aber die Dusche! Sie rannte hinein, +streifte ihren Morgenrock ab, als wolle sie unter die Dusche gehen ... +Aber husch! lag sie wieder unter der Decke. Als er kam, zog sie die +Decke über den Kopf. Da nahm er ohne weiteres Decke samt Inhalt und trug +beides nach der Tür; und jetzt bat sie so rührend um Gnade, und das +klang so verängstigt, daß er alles beides wieder zurücktrug. Sie schlang +die Arme um ihn und zog ihn zu sich nieder; und vor ihren warmen +Gliedern zerschellte alle Logik. + +Die Glocken läuteten und läuteten. Wagen rollten vorüber, alle von der +Stadt her. Kaum war der eine vorbei, so kam schon ein anderer. Die Tür +stand offen. Sooft die Glocken nach ihren drei bekannten Schlägen +aussetzten, hörte man im Zimmer das Surren der Fliegen, und von draußen +die Vögel. Jetzt vernahmen sie auch von der Bucht her das Schnauben +eines kleinen Dampfers; sie hatten ihn vorhin vom jenseitigen Ufer +abstoßen sehen, vermutlich mit Ausflüglern an Bord. Irgendwo mußte ein +Fest sein, zu dem die Leute strömten. + +Von Südwest wehte eine leichte Brise, und bei jedem Windstoß füllte sich +das Zimmer mit Wohlgeruch; es strömte förmlich von Bäumen und Wiesen +herein. Zwischen dem Glockenklang flüsterte es und wisperte; die Luft +war trunken. + +Eine Weile später standen sie wieder auf der Altane und sahen die Leute +zur Kirche gehen. Aber fortwährend zogen daneben mit Menschen +vollgepfropfte Wagen an der Kirche vorüber und weiter. Der Dampfer war +schon ganz nahe; da pfiff es auch von der Eisenbahn her. Beide +verfolgten nun mit den Augen zwei Schwalben, die offenbar mit ihrem +eigenen Schatten auf dem Sand vor der Veranda spielten. Über- und +nebeneinandervorbei flogen sie -- die Schatten auf dem Sand machten die +Schwingungen nach; die Vögel waren bald ganz unten, dann wieder höher; +wenn sie zu hoch geflogen waren und die Schatten verloren hatten, +senkten sie sich wieder und suchten nach ihnen. "Nächstes Jahr", sagte +sie flüsternd, "wollen wir Nistkästen anbringen!" + +Sie kleideten sich völlig an, gingen hinunter und frühstückten. Sören +Pedersen und seine Frau waren längst da und hatten längst gefrühstückt; +sie waren schon in voller Tätigkeit. + +Sie erfuhren jetzt, daß fast alle Leute in das benachbarte Kirchspiel +fuhren, wo der Bezirkspfarrer Meek sein fünfzigjähriges Jubiläum feierte +und zugleich seine Abschiedspredigt hielt. Seit heut früh seien schon +die Fußgänger unterwegs; jetzt kämen die zu Wagen, und außerdem noch ein +ganzes Schiff voll Menschen vom andern Ufer. Meek sei die ganzen fünfzig +Jahre in einer und derselben Gemeinde gewesen -- "ein ganz +absonderlicher Mann". Kallem und Ragni frühstückten im Verandazimmer. +Aber das Frühstück wurde unterbrochen. Es klopfte, und herein trat +lächelnd, bescheiden, ein älterer hagerer Mann mit einer Hornbrille; es +war Doktor Kent, der zeitweilige Leiter des Krankenhauses. Er kam eben +von dort. Kallem und Ragni standen beide auf. Doktor Kent hatte eine +angenehme, leise Stimme und ein ruhiges Lächeln bei allem, was er sagte. +Er setzte sich etwas abseits, während sie weiter aßen, und machte einige +kurze Angaben über die Kranken in der "Anstalt" und über den allgemeinen +Gesundheitszustand in Stadt und Umgegend. Auf Befragen erteilte er +bündigen Bescheid, welchen von den Beamten Kallem seine Aufwartung +machen müsse, welches die Stadtverordneten, Gemeindevorsteher und +Mitglieder des Amtsgerichts waren, deren Bekanntschaft wünschenswert +sei. Selbst das rein Geschäftsmäßige klang freundlich in Doktor Kents +Mund. Als sein leichter Einspänner vorfuhr -- er hatte einen +Krankenbesuch auf dem Lande zu machen -- bat Kallem, er möge ihn +mitnehmen; sofort war auch Ragni dabei, und so bestellten sie denn einen +größeren Wagen und saßen bald alle drei darin. Als sie eben abfahren +wollten, fiel Ragni ein, daß der Flügel leicht übergestimmt werden +mußte, und sie fragte Sören Pedersen, ob er jemand wisse, der stimmen +könne, wenigstens einmal fürs erste. Freilich -- Kristen Larssen. So kam +es, daß die Fahrt mit Mitteilungen über Kristen Larssen begann. Kent +erzählte, er sei in einer der abgelegensten, elendesten Gemeinden +aufgewachsen, und dereinst einer Lappalie wegen mit dem Gesetz in +Konflikt geraten -- Kent hatte eine schwache Erinnerung, als sei es +geschehen, weil er einen Tanz, den er spielte, die "Vergebung der +Sünden" betitelt hatte. Kristen Larssen sei Erfinder; eine jetzt ganz +allgemein verbreitete Strickmaschine und verschiedenes Handwerksgeräte +stammten von ihm. Er sei ein kalter Mensch --kalt, wie Eisen im Winter, +und Sören Pedersen und seine Frau seien sein einziger Umgang. Was denn +das eigentlich für Leutchen seien? -- Ihre Antezedentien kenne er nicht; +_sie_ stamme aus hiesiger Gegend, _er_ von Fünen. Beide tüchtig in der +Arbeit; aber man habe bald gemerkt, daß sie tranken. Der Pastor hatte +dem abzuhelfen versucht; er hatte sie liebgewonnen, während sie bei ihm +in seinem Haus arbeiteten. Merkwürdigerweise glückte es; sie hörten +nicht allein auf zu trinken, sondern Sören Pedersen wurde ein überaus +eifriger Temperenzler und äußerst fromm; er konnte schließlich die ganze +Bibel auswendig. Buchstäblich wahr -- ganz auswendig! Er erzählte selber +oft, daß es sein größtes Vergnügen sei, wenn Aase ihm zuhöre, und in +kleineren Versammlungen trug er ganze Kapitel aus der Bibel aus dem +Kopfe vor, während die Leute dabei saßen und nachlasen. Der Pastor +meldete ihn in einer Bibelschule an, und er selbst hatte keinen höheren +Wunsch, als dahin zu kommen; aber Aase mußte auch mit! Da man ihm hierin +nicht willfahren konnte, verzichtete er auf die Bibelschule und wurde an +allem irre. + +So traf er mit dem Tausendkünstler Larssen zusammen, der sich gerade +damals hier in der Stadt niederließ. Kristen Larssen hatte von Sören +Pedersens Gabe zum Auswendiglernen gehört und versuchte, hinter den +Mechanismus der Sache zu kommen. Aber da war keinerlei Mechanismus; +"alles ist eine Gnadengabe Gottes; denn bei Gott ist kein Ding +unmöglich." + +"Das steht in Matthäus", antwortete Kristen Larssen; "aber im Buch der +Richter steht, daß der Herr mit Juda war, aber Juda vermochte nicht den +Feind aus dem Tal zu vertreiben, weil der Feind eiserne Wagen hatte!" + +Der ehrliche Sören Pedersen erschrak aufs tiefste darüber, daß der Gott +der Juden die eisernen Wagen nicht besiegen konnte. -- "In einem und +demselben Buch Mosis", fuhr Kristen Larssen fort, "steht ferner +geschrieben: Du sollst nicht töten! -- und gleichzeitig auch, daß der +Herr unablässig gebot, zu töten. Also sind da Widersprüche." + +Das war für Sören Pedersen etwas ganz Neues, trotzdem er die Bibel +auswendig konnte. Er wollte wissen, wie das zusammenhänge, und verlangte +nun in jeder religiösen Versammlung Auskunft darüber. Schließlich hatte +er mindestens hundert Widersprüche herausgefunden, nach denen er fragte; +es war nicht mehr auszuhalten. Die einen lachten sich halb krank, die +anderen nahmen Ärgernis daran. Zuletzt wurden er und Aase von den +Zusammenkünften ausgeschlossen. "Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen +erzählen darf" -- sagte Doktor Kent -- "aber Ihr Schwager hat Sören +Pedersen und Frau Aase eigenhändig hinausgeworfen -- zum Betsaal hinaus! +Sie waren früher als die andern gekommen und wollten nicht gehen. Ihr +Schwager ist sehr stark; aber Sören Pedersen behauptete sich, bis der +Pastor auf den Gedanken kam, erst Aase vorzunehmen, und nun rissen sie +sich um die Frau, als sei sie ein Stück Holz." Kallem und Ragni lachten +ausgelassen. "Ich habe selber einen andern Zusammenstoß miterlebt", fuhr +Doktor Kent fort. "Der Pastor hielt Prüfung ab in der Schule; ich gehöre +zur Schulkommission. Sören Pedersen und Frau Aase waren auch da und +allen ahnte Unheil. "Gott kann nicht lügen!" sagte unter anderem der +Pastor. Da stand Sören Pedersen auf: "Es steht geschrieben: Siehe der +Herr hat einen falschen Geist gegeben in aller dieser seiner Propheten +Mund." Wieder wurde Sören Pedersen hinausbefördert." + +Die Landschaft, durch die sie unter solchen schnurrigen Histörchen +fuhren, war eine hochgelegene, frühlingshelle freie Ebene, unterbrochen +von größeren oder kleineren Stücken Waldes, oder besser gesagt -- eines +Waldes, der von bebauten Feldern durchzogen war. Die Gehöfte stattlich, +die Felder fruchtbar, der Weg führte in Windungen abwechselnd durch +Wälder und Felder, über Hügel und Bäche. Steingehege, wo man's am +wenigsten vermutete, und Wege und Stege die Kreuz und die Quer. Wer von +den Prärien Amerikas und dem Flachland Mitteleuropas kam, den mußte all +diese Unruhe in gute Laune versetzen. Derselbe flimmernde Sonnenschein +wie gestern, der gleiche kräftige Duft von Wiese und Wald -- und dazu +eine Blumenpracht und ein Vogelsang! Da rief der Kuckuck! + +Es war kurz vor Johannis mit seiner üppigen Flora. Ragni freute sich +über den Reichtum ringsumher. Von allen Fächern war ihr Botanik das +liebste, und der Gegensatz zwischen der Flora, die sie studiert hatte, +und dieser hier interessierte sie lebhaft. Sie fragte, ob in vielen +Gegenden Norwegens Berberitze und Akelei wild wüchsen? Doktor Kent +meinte, sie müßten vor langer Zeit einmal eingeführt worden sein, +vielleicht von den Mönchen aus dem Kloster drunten. + +Als sie aus den Wiesen wieder in einen kleinen Streifen Wald, +größtenteils Tannenwald, kamen, sah sie zum drittenmal Linnäa; da hielt +es sie nicht länger im Wagen; alle drei stiegen aus. + +Die Linnäa hatte eben angefangen ihre glockenförmigen lichtroten Blüten +zu öffnen. Ragni und sie begannen sogleich miteinander zu wispern und zu +tuscheln: ach, wenn sie nur einmal miteinander allein sein könnten! +Sechs Jahre lang hatten sie sich nicht mehr gesehen -- nein, sie war ja +im Frühling abgereist -- also sechseinhalb Jahre! Sie hob einige zu sich +empor; und da entdeckte sie auch die =Pyrola uniflora=[2] -- einsam, mit +wehmütig gesenktem Köpfchen. Kallem hatte gerade auch eine gefunden; sie +fragte, wie sie auf norwegisch heiße. Er fragte Kent, ob man sie nicht +den "Leuchter des heiligen Olaf" nenne. Er fragte wie ein Apotheker und +erhielt Antwort wie aus einem Herbarium. Ragni verlor sich immer weiter +von den beiden weg. Der Duft, der ihr aus dem Blütenkelch +entgegenströmte, mahnte sie, weiter vorzudringen; die Blume war ja +gesandt, um sie immer tiefer hineinzulocken. Tiefer hinein und ein +bißchen weiter zurück -- fort von den andern. Sie hörte sie plaudern; im +Wald klingt jeder Laut so deutlich; sie hörte ein paar aufgescheuchte +Vögel. Doch jetzt, nur ein Stückchen weiter weg, hörte sie bloß noch das +Knistern ihrer eigenen Schritte auf dem Waldboden. Eine einzige kleine +Sauerkleeblüte fand sie noch, einen kleinen Nachzügler. Verstimmt lugte +sie aus ihren vielen kleeartigen Blättchen hervor; -- ob sie wußte, daß +sie ihre Genossen verloren hatte? + +"Weiter, weiter!" sagten sie alle; ja, dort hinein lockten sie alle, die +Linnäen und die heiligen Leuchter und der Sauerklee; bloß deswegen war +der eine, letzte noch zurückgeblieben. Und jetzt war Ragni bei den +Siebensternen[3], die große Familienzusammenkunft abhielten. Alle +warteten darauf, sie zu sehen; kein Fuß noch war hier geschritten in +diesem Jahr. Ragni kniete zwischen ihnen nieder und erzählte, daß sie +von weit, weit hergekommen sei -- erzählte ohne Worte; die waren unter +ihnen nicht nötig: Tür um Tür hatte sie aufgeschlossen, um in Norwegen +einzudringen; kaum hatte sie die eine geöffnet, so lag dahinter eine +andere ... bis Ragni jetzt endlich zu ihnen kam. Gleich, als sie die +Linnäa sah, wußte sie -- jetzt stand sie vor der letzten Tür. Und hier +war das Innerste. All das Große, Gefahrvolle draußen -- vom Meer an -- +all das Mächtige und Böse, das Bunte und Geschäftige, all die +Herrlichkeit und all die Schrecken,.. sie wiesen nur tiefer hier herein; +hier herein müssen wir, um zu verstehen, weshalb nicht alles in tausend +Stücke bricht. Ihr hier drinnen, ihr sitzt am Steuer. + +"Auch wir haben auf Dich gewartet. Hier ist das innerste Geheimnis." -- +"Ach! Sagt es mir!" -- "Gut sein!" -- "Ach ja, ich glaube, das ist auch +das einzige, wozu ich wirklich Anlage habe. Wenn nun aber die andern +nicht -- --?" -- "Laß die andern sein, wie sie wollen. Du aber sei gut!" + +Und sie verstand jetzt, denn sie war ja ins Innerste gedrungen. Sie +verstand jetzt, was das Stärkste war. Die Sternblumen. + +"Ragni!" rief Kallem aus weiter Ferne; der Wald hallte wieder von seiner +klaren Stimme. "Ja!" -- Ein paar von der Familie wollten gern mit; sie +hob sie zu sich empor. Dann eilte sie wieder dem Wege zu. Am Waldrand +stand eine =Actaea=[4] -- die stand dort, damit sie ihr den Weg ins +Innere hätte weisen können, falls sie hier ausgestiegen wäre. Jetzt +wollte sie mit. Und dicht am Weg stand ein Busch und darunter, +wohlverborgen, eine ganze Gesellschaft Maiglöckchen; wo hatte sie nur +ihre Augen gehabt? Sie wußten, woher sie kam; auch sie waren als Wachen +ausgestellt, um ihr den Weg ins Innere zu zeigen. Sobald sie einander +sahen, verstanden sie sich. Das ist so bei allen, die "von einem Stamme +sind". Einige wollten mit. + +"Ragni!" rief Kallem. "Ja, ja!" Und sie trat auf den Fahrweg hinaus. +Jetzt sah sie, wie weit zurück sie war. Die beiden Männer standen am +Wagen und unterhielten sich; sie waren ganz oben auf der Höhe. Die +schlanke Gestalt Kallems und die kleine, schmächtige Figur des Doktors +hoben sich scharf ab. Beide hatten alle Hände voll. Sie kam eilig heran +und hörte schon von weitem Kallem Vortrag halten über einen jungen +Sturmhut, den er in der Hand hielt und hin und herschwenkte; er gab, auf +Deutsch, die begeisterten Worte eines deutschen Botanikers über diese +prachtvolle Giftpflanze wieder, die er in Norwegen gefunden hatte. +Doktor Kent überreichte ihr liebenswürdig eine =Pelygala amara=[5]; er +wußte, daß ihr, die von Amerika kam, diese blaue Blume neu war. Sie +bedankte sich herzlich. Sie stiegen in den Wagen und fingen gleich an, +ihre Ausbeute zu ordnen. Die Herren baten Ragni, sich auszusuchen, was +ihr gefiel. Sie kamen von einem kleinen Moor; Kent hatte die Blüte einer +Moortanne im Knopfloch stecken; sie hatten überhaupt alles mitgenommen, +sogar ein Schmerkraut. -- "Das Raubtier!" sagte Ragni. Das wollte sie +nicht haben; es sei auch so "schmierig"! -- "Du bist doch in allem +Ästhetiker!" bemerkte Kallem. Sie warf ihm einen gewürzten Blick zu, +etwa wie der Duft ihrer Linnäen. "Ist Ihnen aufgefallen, daß wir ganz +allein unterwegs sind?" fragte Doktor Kent. Er erzählte, alle Leute +seien in der Kirche: der alte Meek halte heute, an seinem +fünfzigjährigen Jubiläum, seine Abschiedspredigt. Mit zwanzig Jahren war +er bei seinem Vater Vikar gewesen -- wie das damals so Sitte war -- und +hatte nach ihm das Amt geerbt. Jetzt war er siebzig, und wollte mit +seiner Enkelin eine Reise ins Ausland unternehmen! -- "Also ein rüstiger +Herr?" -- "Ja, und lebt gesund. Immer unterwegs, und immer zu Fuß. Er +war unser Zwischenhändler." -- "Zwischenhändler?" -- "Nun ja, jeder +Bezirk hier hat so eine Art Vermittler zwischen Wissenschaft und +Praxis. Ihm hat die Gemeinde viel von ihrem Wohlstande zu verdanken, und +durch die eine Gemeinde auch die andern." -- "Er ist also beliebt?" -- +"Er ist der beliebteste Mann weit und breit in der ganzen Umgegend." -- +"Wie ist er denn auf der Kanzel?" -- "Na ja, er hat fünfzig Jahre lang +von seiner Kanzel herunter Geschichtchen erzählt. Seinerzeit wurde viel +darüber gespottet; manche fanden es auch profan; aber jetzt machen es +ihm verschiedene nach." -- "Was für Geschichten denn?" -- Also -- die +letzte, die Kent gehört hatte, handelte von einer Frau in St. Louis in +Amerika, die dreißig Jahre lang im Gefängnis gesessen hatte und trotz +ihrer siebzig Jahre noch immer die unbotmäßigste Gefangene war. Da +sollten die Gefangenen in ein anderes Haus überführt werden, dessen +Vorsteherin Quäkerin war. Die Alte wollte sich nicht wegschaffen lassen; +sie setzte sich aus Leibeskräften zur Wehr, so daß man sie binden und +auf einem Stuhl forttragen mußte. Als sie mit ihr ankamen, stand die +Leiterin des Gefängnisses in der Tür und nahm das rasende Weib in +Empfang. "Bindet sie los!" sagte sie. -- "Aber wird das auch gehen?" -- +"Bindet sie los!" Man tat es. Sobald die Alte frei war, beugte ihre neue +Oberin sich über sie, umarmte sie und gab ihr einen Willkommenkuß, wie +eine Schwester der Schwester. Da fiel die alte Frau auf die Knie und +sagte: "Kannst Du wirklich glauben, daß an mir noch was Gutes ist?" Und +von Stund an gehorchte sie ihr. + +Jetzt stiegen Kallem und Kent aus; sie bogen in einen Bauernhof ein, der +ein Stück oberhalb des Weges lag. Vor der Altane sprang ein großer +schwarzer Hund auf; er sah den Wagen und bellte ihn an, aber bloß ein +paarmal; dann lief er den beiden einige Schritte entgegen, beschnupperte +sie, lief zurück und legte sich wieder. + +Sonst war niemand zu sehen. Der Junge lenkte die Pferde um und fuhr ein +bißchen zur Seite. Die beiden Ärzte gingen zu dem Kranken hinein, Ragni +wanderte auf dem Hof auf und ab. Durch das Fenster sah sie einen Alten +im Bett liegen; seine Frau saß neben ihm; sie sang mit zitteriger Stimme +dem Kranken etwas vor und fuhr auch, als die Tür sich hinter ihr +öffnete, ruhig fort. + +Ragni sah sich auf dem Hof um; dann setzte sie sich auf die +Scheunentreppe. + +Nichts, was in uns alles so in Stille einwiegen könnte, wie ein ruhender +Bauernhof! Nicht der Wald, denn irgendwo raschelt und raunt es da immer; +man muß lauschen oder Umschau halten; nicht das Meer, selbst wenn es +schweigt; völlig in Frieden ist es nie. Nicht die Wiese; denn da wimmelt +es von Leben. Und so überall. Aber in einem abgeschlossenen Bauernhof +--. Das Hühnervolk umpickt und umgackert dich so anheimelnd, der Hund +liegt ganz still und die Katze geht ein paar Schritte, und bleibt +stehen, und geht wieder ein paar Schritte; die Pflugschar lehnt neben +der Egge, der Schleifstein ist trocken, die Wagen lassen die Deichsel +hängen, die Gesindeglocke schweigt; alles, was sonst da lebt, ruht wie +du; und was sich etwa noch regt, erhöht nur den Frieden. Das Schwein, +das du ganz dort hinten wühlen siehst, ist nur mit sich selber +beschäftigt; das Pferd, das kaut und die Fliegen wegwedelt, kennt nur +sein eigenes Behagen; die Vögel, die kommen und dich grüßen, tragen dir +die Sorglosigkeit zu, die in allem Frieden liegt. + +Doch mitten in der Ruhe schoß in Ragni wieder die Angst auf, die sie +seit der Begegnung mit Josefine verfolgte. War etwas in ihrem eigenen +Gewissen, das sie anklagte? Nein, und tausendmal nein! Nicht einmal die +Kinder ihrer Schwester? -- Nein! Denn unter solchen Verhältnissen hätte +sie nicht einmal denen etwas sein können. Also, was denn? Was hatte sie +getan? Ihn geliebt. Weshalb sollte sie das nicht dürfen? + +Die Stille war weg. Ragni ging hinter den Hofgebäuden herum, und da fand +sie zwei Arten =Orobus=[6], nicht weit voneinander -- erst draußen auf +der Wiese die Vogelerbse, und dann noch eine andere Art im Gebüsch; auf +den Namen der letzteren konnte sie sich nicht besinnen. Als sie +zurückging, fand sie einen prächtigen Hahnenkamm und eine dritte Art +Veilchen; zwei hatten die andern ihr schon gegeben. War das eine Flora! +Und da! Da wieder! Die entzückendste Veronica; o weh, die Krone fiel ab; +aber da ist wieder eine; die hält. Später hörte sie, daß in dieser +Gegend die spröde Blume auch "Männertreu" genannt wurde. + +Und jetzt wieder auf den Hof. Durch die Fenster sah sie, wie Kallem, +tief über den Kranken gebückt, dessen Brust behorchte. Bald darauf kam +Kent heraus, neben ihm die alte Frau. Er schrie, so laut er konnte, aber +sie schien trotzdem fast nichts zu verstehen. Jetzt stand Kallems hohe +Gestalt in der Tür; er kam auf sie zu. Wie sie ihn liebte! + + * * * * * + +Nachmittags saßen sie zusammen in dem nach Südosten gelegenen +Arbeitszimmer des Doktors. Bis auf die Bücher war jetzt alles in +Ordnung. Sören Pedersen kam, begleitet von Aase, zur Eßzimmertür herein; +er pfiffig, sie verschüchtert. Eben kämen der Herr Pastor und seine Frau +durch den Garten. + +Kallem sah, wie Ragni bleich wurde. In Gegenwart der beiden begnügte er +sich damit, frischweg zu sagen: "Komm, Ragni!" und ging dann ins +Verandazimmer und von dort auf den Korridor, um die Gäste zu empfangen. + +Die Begrüßung war steif. Der Pastor bat, die ungelegene Besuchszeit zu +entschuldigen; ihm passe es so am besten, da er gerade vom +Abendgottesdienst komme. Sie hätten überhaupt bloß anfragen wollen, ob +Schwager und Schwägerin nicht heute bei ihnen zu Abend essen wollten? +Sonntags sei ja ein Geistlicher erst abends so recht sein eigener Herr. +-- Die Stimme hatte noch etwas von dem feierlichen Predigerton, und +Gesicht und Wesen trugen einen Abglanz der Kirche. Josefine stand ganz +still und sah sich im Zimmer um; und bald ging auch der Pastor dazu +über. + +Er fand es "zu gemütlich" hier! Der Flügel war ein "Prachtstück". +Während sie ihn betrachteten, wandte sich Josefine zu Ragni; es waren +die ersten Worte, die sie sprach: "Sie spielen ja so schön?" -- "O-- --" +-- n"Wollen Sie uns nicht etwas vorspielen?" Und der Pastor fügte hinzu: +"Ach ja, bitte!" + +Ragni sah ihren Mann an -- wie ein Ertrinkender, der nach Hilfe +ausschaut. "Ragni muß in Stimmung sein, um spielen zu können!" sagte er. +"Natürlich -- Sie werden müde sein!" entschuldigte der Pastor. Man +setzte sich; Kallem und der Pastor einander gegenüber, Josefine ein +bißchen abseits; Ragni blieb stehen. + +"Natürlich -- Ihr müßt beide müde sein!" fuhr der Pastor fort. "Die +lange Reise -- -- und jetzt das ganze Einrichten hier! Wie ich von +Doktor Kent höre, seid Ihr bald fertig?" -- Ja. Sie hätten aber auch +eine ganz ausgezeichnete Hilfe gehabt an Sören Pedersen und seiner Frau. +Ragni fürchtete auf einmal, die beiden könnten noch im Eßzimmer sein und +lief hinein; nein, sie waren fort. Auch im Zimmer des Doktors waren sie +nicht. + +Das Gesicht des Pastors hatte einen ganz eigenen väterlichen Ausdruck +angenommen. "Wir haben Sören Pedersen und seine Frau für Euch nehmen +müssen, weil sonst niemand zu haben war. Aber eigentlich müßte man +solchen Leuten überhaupt keine Arbeit geben." -- "So?" -— "Tüchtige +Arbeiter; aber sie vertrinken alles, was sie verdienen, und bleiben +tagelang von der Arbeit weg, wie auch hier. Sie erregen großes Ärgernis +in der Gemeinde." -- "Alle Wetter!" Ragni strich dicht an Kallem vorbei +und fuhr ihm leicht mit der Hand über den Kopf; sie tat, als wolle sie +etwas vom Flügel holen. Der Pastor ließ sich durch den leichtfertigen +Ton des Doktors nicht abschrecken. "Wir haben alles versucht bei den +beiden, was wir nur konnten -- sie trinkt geradeso wie er. Ihr würdet +Euch wundern, wenn Ihr wüßtet, wie gut alle Leute gegen sie gewesen +sind. Aber alles vergebens -- ja, schlimmer als vergebens! Nun, ich will +nicht näher auf die Sache eingehen." Und er blickte hinüber zu seiner +Frau, die in ihrem enganschließenden Kleid dasaß, kraftvoll, +undurchdringlich, aus einem Guß und tadellos vom Scheitel bis zur Sohle. +Die Augen mit dem wohlgeschulten Blick, der alles sieht, ohne bestimmtes +eigentliches "Sehen". Kallem wäre am liebsten aufgesprungen und hätte +sie angeschrien. Aber Ragni stand, im Hintergrund, unbemerkt von den +andern, ihm gerade gegenüber. + +"Zu dumm," sagte er, "daß der alte Doktor ein Haus dicht neben das +Krankenhaus gebaut hat. Daß man fremde Menschen immer so dicht auf dem +Leibe haben muß!" -- "Der Alte hat es für seinen Schwager gebaut. Und +nun ist der auch tot." -- "Ja, das hab' ich gehört. Wenn ich in der Lage +wäre, noch mehr Geld in Häuser zu stecken, so würd' ich es kaufen, +trotzdem ich keine Verwendung dafür habe." Josefine wandte sich kaum +merkbar um, vermutlich um zu sehen, ob Ragni noch da war. "Ich glaube +nicht, daß es zu verkaufen ist!" sagte sie. "Ich kenne die Erben." Eine +Weile war es still. + +Der Pastor schlug ein neues Thema an. Er hatte heut vormittag im +"Morgenblatt" einen Artikel über die Unsicherheit der amerikanischen +Verhältnisse im einzelnen und allgemeinen gelesen. Er sprach wie einer, +der die Sache kennt, und wandte sich dabei stets an seine Frau. Wenn er +einmal jemand anders ansah -- wie eben Ragni, die ja aus Amerika kam -- +so war das nur vorübergehend; gleich wandte er sich wieder seiner Frau +zu. + +Pastor Tuft war ein recht stattlicher, hübscher Mann, besonders seit +eine gewisse Behäbigkeit den knochigen Untergrund des Gesichts +ausgefüllt hatte; die Stimme klang frisch, und die Melanchthonaugen +strahlten warm in alles, was er sagte. Seine Worte und sein ganzes +Auftreten hatten etwas Mildüberredendes; aber man fühlte hinter der +Milde die Kraft! + +Ganz unerwartet machte Josefine eine aufwärtsdeutende Bewegung mit dem +Kopf. "Ja, natürlich, es ist Zeit, daß wir gehen!" sagte Tuft und stand +auf. "Ich verschwatze mich immer. -- Also, Ihr kommt mit, nicht?" +Josefine stand auf, und ebenso Kallem. Aber der hatte auch noch eine +Frau, die ihm Blicke zuwarf -- graue -- und sehr weiche. "Danke! Aber +wir sind zu müde. Ein andermal!" + +Damit geleiteten sie die beiden hinaus. Kallem trat dann ans Fenster und +sah ihnen nach, wie sie hoch und stattlich davonschritten. Bald lag die +Kirche hinter ihnen. Alle Vorübergehenden grüßten ehrerbietig. Als sie +schon nicht mehr zu sehen waren, stand er noch da. Dann schlenderte er +ein paarmal durchs Zimmer und schlug plötzlich einen Purzelbaum. "Du, +hol mir doch Sören Pedersen und Frau Aase!" und gleich darauf war er +draußen, um sie zu suchen. Aber sie waren nirgends zu finden. Sigrid +berichtete, sie seien gleich gegangen, als Pastors erschienen. +"Schockschwerenot! Pass' auf, jetzt trinken sie sich einen an! Lauf +schnell und lade sie zum Nachtessen ein! Sag' ihnen, wir seien allein!" +Das Mädchen rannte davon. "Laß nicht locker!" rief Kallem ihr nach. "Ob +sie wollen oder nicht!" + +"Hören Sie mal, Herr Sattlermeister!" sagte der Doktor, als die beiden +wieder im Wohnzimmer standen, sie natürlich hinter ihm -- "Hören Sie +mal, der Herr Pastor sagt, Sie trinken, Sie und Ihre Frau, und er habe +Sie nicht davon abbringen können?" -- "Da sagt der Herr Pastor bloß, was +wahr ist." -- "Aber das ist eine böse Krankheit, Pedersen!" -- "O ja -- +hinterher!" -- "Wollen Sie es mir überlassen, Sie zu kurieren?" -- "I, +warum denn nicht, Herr Doktor! Aber im Ernst -- es wird lange dauern." +-- "Zwei Minuten." -- "Zwei Minuten?" Er lächelte. Aber bevor er +ausgelächelt hatte, hatte Kallem ihn schon in der Gewalt seiner Augen, +die einen mächtigen, verwirrenden Ausdruck haben konnten. Der Sattler +wechselte die Farbe und wich zurück. Der Doktor ging ihm nach und hieß +ihn sich setzen. Er gehorchte augenblicklich. "Sehen Sie mich an!" Aase +wurde es fast übel. "Sie setzen sich ebenfalls!" sagte der Doktor über +die Achsel zu ihr, und wie hingeweht saß sie auf einem Stuhl. Der Doktor +hatte gestern sofort erkannt, wen er da vor sich hatte; es dauerte keine +zwei Minuten, so war Sören Pedersen weg und ebenso Frau Aase, trotzdem +diese nur zugesehen hatte. Der Doktor befahl ihnen, die Augen wieder zu +öffnen; beide gehorchten sofort. "Nun hören Sie mich an, Pedersen: von +jetzt ab hören Sie auf, Branntwein oder Spiritus in irgendwelcher Form +zu trinken; auch keinen Wein, kein starkes Bier --_einen_ -- _einen ganzen_ +Monat lang! Hören Sie? Wenn der Monat vorbei ist -- es ist jetzt halb +sieben --so kommen Sie wieder hierher -- auf die Minute!" + +"Und Sie auch, Aase. So oft er trinken will, schreien Sie. Und hinterher +singt Ihr beide." -- "Wir können nicht singen." -- "Einerlei? Ihr +singt!" + + +4 + +Josefine verließ die Stadt. Sie nahm ihren Jungen mit nach der +Westküste, wo er Seebäder nehmen sollte. Der Pastor wollte etwas später +nachkommen; er hatte, seit er Pastor war, noch keinen Urlaub gehabt. +Gleich nach dem Examen war er als Hilfsprediger hierher gekommen und +hatte das Zutrauen der Gemeinde in so hohem Maße gewonnen, daß sie, als +vor zwei Jahren die Stadt aus der Diözese ausgepfarrt wurde, einstimmig +um seine Berufung einkam; und er erhielt das Amt. Fast sechs Jahre lang +hatte er nun streng gearbeitet und konnte ein paar Wochen Ferien wohl +gebrauchen. Josefine ging eines Tages zu ihrem Bruder hinauf, als er +nicht zu Hause war, erzählte Ragni, daß sie verreise, verabschiedete +sich und bat, den Bruder zu grüßen. + +Ragni war sich sofort klar darüber, daß diese Reise nur ein Vorwand war, +um sie nicht in die Gesellschaft einführen zu müssen; sie wollten nicht +für sie eintreten. Zu Kallem, der weniger mißtrauisch war, sagte sie +jedoch nichts davon. Er vergaß bald die ganze Geschichte; denn er hatte +ungeheuer viel zu tun. Doktor Kent wollte ins Ausland, und Kallem mußte +seine Praxis übernehmen zum Dank dafür, daß Kent vor Kallems Ankunft das +Krankenhaus beaufsichtigt hatte. Der dritte Arzt am Ort war ein junger +Militärarzt und augenblicklich bei den Übungen. Er hieß Arentz und +zeichnete sich durch überaus breite, tadellos geplättete Vorhemden aus. +Kallem erkannte in seinem korrekten Wissen Wort für Wort das Lehrbuch +wieder -- er mußte sich anfangs Mühe geben, ihn nicht "Niemeyer"[7] zu +nennen; aber er mochte ihn seiner unbedingten Ehrenhaftigkeit wegen gern +leiden. Da das Herumliegen auf Landwegen und Straßen Kallem unerträglich +wurde, dachte er daran, Arentz zum Assistenten zu nehmen; wollte er +selber ein freier Mann sein, so mußte er sich anders einrichten. + +Ragni sah ihn nur mittags das Essen hinunterschlingen und spät abends +heimkommen. Vielleicht saß er einmal ein Weilchen bei ihr auf der +Veranda, oder ging im Garten umher und half ihr, wenn sie gerade bei der +Arbeit war; aber selten. Er mußte wieder hinein, zu seinen Büchern. +Anders gestaltete es sich, als sein Kollege wieder zurückkam; er +glaubte, die versäumte Zeit nachholen zu müssen und fortan saß er +beständig im Laboratorium oder in seinem Arbeitszimmer. Schließlich +siedelte auch Ragni dahin über; sie bekam ihren eigenen Stuhl und ihre +eigenen Bücherfächer; das Studierzimmer wurde zur Wohnstube. + +Stundenlang lasen sie, jedes für sich, und wechselten kaum zehn Worte. +Er versenkte sich immer mehr in ein langes, einsames Studium und ahnte +nicht, was für einen Eindruck es machte, wenn er sich in einer Pause +aufs Sofa warf, so lang er war, und sie ansah, ohne ein Wort zu reden, +oder -- wie es meist der Fall war -- am Fenster stand und hinausstarrte. +Kam er ins Zimmer zurück, so war es nur, um sich wieder ans Fenster zu +begeben. Er behauptete, nirgends könne er so gut denken, wie da; das +habe er von seinem Vater. + +An seinem Heim hatte er eine große Freude; selten kam er nach Hause, +ohne es zu rühmen, und dann wanderte er umher, sorglos und munter wie +eine Schwalbe. Nach Tisch hörte er gern Musik, doch achtete er nicht +immer darauf, was sie spielte. + +Und sie? Von Tag zu Tag fühlte sie sich inniger in Wesen und Dinge ihres +Heims ein. Ihn nannte sie wieder ihren "weißen Pascha", den Flügel "das +Märchen". "Jetzt ein Märchen!" sagte sie, wenn sie spielen wollte, und +gewöhnte es ihm ebenfalls an. Das Schlafzimmer nannte sie "zwischen den +Sternen", die Tauben, die sie zu Pfingsten bekommen hatte, "meine +Pfingstlilien", Sigrid "die Siebenarmige". Wenn sie und Kallem im +Arbeitszimmer saßen und lasen, hatte sie das Gefühl, als segelten sie +beide fort, jedes in seinem Boot, jedes nach seinem Land. "Wollen wir +jetzt hinein und segeln?" sagte sie. + +Er kannte dies Bedürfnis nach Bildern aus ihren amerikanischen Briefen. +"Wir arbeiten uns jeder von einem Ende eines Welttunnels langsam +zueinander hin", schrieb sie; und auf dies Bild vom Tunnel kam sie immer +wieder zurück; zuletzt "waren sie einander so nahe, daß sie ihn sprechen +hören konnte." Von den Dampfern, die "droben, über ihnen, aneinander +vorbeischwammen mit ihren Briefen", schrieb sie: "die Sehnsucht des +einen zieht und die des andern schiebt nach." + +Eines Abends auf der Veranda -- es regnete, aber sie selber saßen +trocken unter dem vorstehenden Dach -- sagte sie: "Solche Häuser müßten +einen Kopf haben." -- "Einen Kopf?" -- "Ja, zwischen den Flügeln, wie +jedes andere brave Huhn." -- "Ach, so meinst Du's!" -- "Ich habe immer +das Gefühl, als säße ich unter Flügeln und würde bebrütet." -- "Sag' +mal, wie kommt es, daß Du in Deiner Kindheit nicht in den Bildern der +Bibel heimisch geworden bist?" -- "Weil ich einen Vater hatte, der mir, +als ich zehn Jahr alt war, vom Ursprung der Arten erzählte; Pflanzen, +Tiere und Menschen wurden zu _einer_ Familie. Das war so etwas für mich. +Als ich dann einen Stiefvater bekam, der Geistlicher war und behauptete, +Erde und Menschen seien gleich bei der Erschaffung vollkommen gewesen +und alles sei nur um der Menschen willen da, da glaubte ich das nicht. +Außerdem war mein Vater ein stiller, kränklicher Mann, den ich lieb +hatte, und mein Stiefvater ein starker, jähzorniger Mensch, den ich +fürchtete." + +Kallem fragte, ob sie ihm nicht einmal ihre Kindheit und Entwicklung +schildern wolle. Aber darauf antwortete sie bestimmt: "Nein!" + + * * * * * + +Kristen Larssen arbeitete hin und wieder beim Doktor, -- so bei der +Einrichtung des Laboratoriums, des Ventilationsapparates usw. Mit einem +schweigsameren, mißtrauischeren Menschen hatte Kallem es noch nie zu tun +gehabt, aber auch noch nie mit einem klügeren. Eines Sonntags, Anfang +August, kam er herauf, in seinem höchsten Staat -- einem langschößigen, +braunen Rock mit außerordentlich engen Ärmeln, einer karierten, zu +kurzen Weste und einer grauen Hose von sogenanntem englischen Leder. +Alltags trug er meist keine Kopfbedeckung; Sonntags, wenn er Staat +machen wollte, trug er den Hut in der Hand; er konnte nichts auf dem +Kopf ertragen, wenn es nicht ganz besonders kalt war. Jetzt stand er da +im Studierzimmer, lang, hager, kurzgeschoren, reingewaschen, mit +schwarzen Bartstoppeln. Das einzige halbwegs Freundliche an der ganzen +Erscheinung war der über ein rotgewürfeltes Halstuch heruntergeklappte +weiße Hemdenbund. Der Doktor bat ihn, Platz zu nehmen und fragte, was +ihm fehle. Als Antwort kam erst ein forschender Blick, dann die +Erklärung, er habe ja gar nicht gesagt, daß ihm etwas fehle. + +Kallem merkte, daß es Larssen nach dieser Antwort nicht leicht fallen +würde, mit seinem Anliegen herauszurücken; aber er dachte: Geschieht dir +ganz recht! + +Na ja, endlich sagte er denn, er wisse, die "Frau Doktern" sei fünf oder +sechs Jahre in Amerika gewesen; ob sie ihm vielleicht ein paar englische +Bücher leihen könne? Vielleicht würde sie ihm auch sagen, wie er sich am +besten weiterhelfen könne; er habe auf eigene Hand ein bißchen Englisch +gelernt. + +Ob er denn ans Auswandern denke? -- Ja, könnte schon sein; "aber +hinübergehen, und drüben auch für die Norweger schuften ... dazu hab' +ich keine Lust." -- "Wie alt sind Sie?" -- "O, so reichlich an die +Vierzig!" Er sah aus, als sei er schon fünfzig. "Da fällt mir ein, +Larssen, -- meine Frau wird Sie sicher gern Englisch lehren, etwa +abends." Nein, das wollte er unter gar keinen Umständen. Aber Kallem +machte ihm begreiflich, daß man die Aussprache nur durch mündlichen +Unterricht lernen könne. Im selben Augenblick kam Ragni herein, und der +Doktor erklärte ihr, daß für Kristen Larssen die englische Sprache +gleichbedeutend sei mit einem paar Flügel. Erst wurde sie ein bißchen +rot; es war keineswegs die einzige unangenehme Aufgabe, die Kallem ihr +aufbürdete; er schien wirklich der Ansicht zu sein, sie habe nicht genug +zu tun. Sie selber war der Ansicht, daß sie gern möglichst frei sein +wollte. Aber während sie so stand und Kristen Larssen ansah, und daran +dachte, wie Kallem gesagt hatte, er habe noch nie einen klügeren +Menschen getroffen, wurde sie von Mitleid erfaßt. Eben vertiefte er sich +in ein englisches Buch; er verstand zur Not, wovon es handelte. Und da +erbot sie sich nicht nur, ihm zu helfen, sie nötigte ihm ihre Hilfe +geradezu auf. Schon am selben Nachmittag um fünf Uhr kam er, und sie +saßen zusammen am Tisch und buchstabierten sich durch einen leichten +Text durch. Kallem kam nach Hause und sah die beiden Köpfe über dasselbe +Buch gebeugt, der eine lang, dunkel und eckig, der andere klein, +feingeformt, rötlich; ein eiskaltes, dunkles Gesicht, durchfurcht, +verkniffen -- ein warmes Frühlingsauge, eine blendende Haut, eine +sonnige Laune. Sie hielt ihr Taschentuch vor den Mund und mußte sich +offenbar zwingen, neben ihm zu sitzen. Kallem erinnerte sich jetzt, daß +auch ihm schon Kristen Larssens unangenehmer Atem aufgefallen war. Er +sorgte sogleich dafür, daß sie zwei Bücher bekamen und daß jedes an +einer Seite des Tisches saß. Sobald sie konnte, machte sie sich davon. +Um das wieder gut zu machen, lud Kallem Larssen zum Abendessen ein und +versuchte, ihn zum Auftauen zu bringen; aber als er ging, war er noch +ebenso kalt und vorsichtig wie beim Kommen. Jetzt begann dieser Mann ihn +zu beschäftigen. Was in aller Welt war das für ein Mensch, und wie war +er so geworden? + +Bei Gelegenheit suchte er ihn unter einem Vorwand in seinem Hause auf. +Hier traf er die Frau, ein mageres, dürres Frauenzimmer, dessen Kopf +dicht in ein großes Tuch eingewickelt war; was der Mann zu wenig auf dem +Kopf hatte, das hatte sie zu viel. Kein Kind. Kein Feuer auf dem Herd; +sie koche immer gleich auf mehrere Tage, sagte sie. Vorsichtig und +mißtrauisch ging sie ab und zu und strickte. Kallem dachte sich, sie +müßten wohl übereingekommen sein, so dürftig zu leben, damit sie für die +Reise zurücklegen konnten. Nur um einen Vorwand zu haben, hatte er einen +Revolver mitgenommen, der nicht richtig funktionierte; die Waffe lag in +einem Kasten, und er hatte den ganzen Kasten mitgenommen, dachte aber +jetzt erst daran, daß auch die Munition darin lag. Er zeigte es ihr. +"Ach, bei uns liegt viel solches Zeugs herum!" sagte sie und nahm den +Revolver ohne eine Spur von Furcht in die Hand. "Der ist aber fein!" Und +sie legte ihn in den Kasten zurück, schloß ihn zu und stellte ihn auf +ein Wandbrett über der Werkzeugbank des Mannes. Brett und Bank lagen +voll Sachen zum Reparieren; "er hat jetzt zu viel außer dem Haus zu +tun," sagte sie, "das Kleinzeug da muß warten!" Der eine Raum diente +als Werkstatt, Küche und Schlafstube. Eine Uhr an der Wand, ein Tisch, +ein Bett, eine Schlafbank, drei hölzerne Stühle; sonst alles kahl; und +überall ein scharfer, übler Geruch. + +Den Rückweg nahm er am Sattlerladen von Sören Pedersen vorbei, dem er +bei der Etablierung eines Geschäfts geholfen hatte, das recht gut ging. +Da stand Kristen Larssen; in der einen Hand hielt er ein Glas, in der +andern eine Flasche, und Sören Pedersen und seine Frau schrien oder +sangen Glas und Flasche an; es klang wie ein langgezogenes, klägliches +Hundegeheul. Kristen Larssen lachte -- ein Lachen, wie es nur aus den +tiefsten Tiefen des Menschen kommt. Eine breite Seligkeit lag in diesem +weitaufgerissenen Maul -- die innerste Offenbarung eines bosheitsvollen +Herzens, das wildeste Freudenhalleluja des Entdeckers. Vielleicht auch +ein Interesse für die beiden -- wer weiß? Ob er das Tag für Tag so +trieb? + + * * * * * + +Das Talent Kallems, andere in Arbeit zu setzen, sollte Ragni noch in +höherem Grade kennen lernen. + +In einer kleineren Gesellschaft bei Doktor Kent sollten sie den alten +Pastor Meek und seine Enkelin, Tilla Kraby, kennen lernen; die beiden +waren von ihrer Reise ins Ausland zurückgekehrt, wollten aber bald +wieder von hier weg. Während ihres kurzen und wahrscheinlich letzten +Aufenthalts in der Gegend wurden sie sehr gefeiert; auch diese +Gesellschaft wurde ihnen zu Ehren gegeben, und Kallem und seine Frau, +die sonst ganz zurückgezogen lebten, gingen heute nur hin, um sie doch +wenigstens einmal gesehen zu haben. Die Ehrengäste ließen auf sich +warten; und unterdessen wurde Ragni eine ungewöhnlich starke Dame +vorgestellt, kaum dreißig, lebhaft und hübsch; gleich ihre ersten Worte +jagten der jungen Frau einen Schreck ein. "Ich weiß nicht, ob es Ihnen +unangenehm ist," sagte sie -- -- "ich bin nämlich die Schwester von +Sören Kule." Als sie Ragnis tiefe Verlegenheit bemerkte, zog sie sie +schnell beiseite: "Denken Sie nur ja nicht, daß ich es nicht ganz genau +ebenso gemacht hätte, wie Sie!" flüsterte sie. "Noch dazu, wenn man +einen Mann findet, wie Ihren!" -- -- und sie drückte Ragnis Arm. Sie war +sehr gewandt und fesch und hatte keine Ahnung, wie sie das feine +Geschöpf peinigte, das sie da am Arm hielt. Schon daß ihr Gesicht und +ihre Figur von der "Walfischart" waren, war ja genug; Ragni kannte das +alles so gut -- bis auf die eigentümliche Bewegung der "Flossen"; sie +mußte an Tran denken. Jetzt sah man den alten Pastor Meek und seine +Enkelin eintreten; der Gastgeber und seine Schwester -- Dr. Kent war +nicht verheiratet -- gingen ihnen entgegen -- auch die übrigen fast +alle. Zwischen das "Guten Tag!" und "Willkommen!" der Vordersten klang +das: "Nein! wie prächtig er aussieht!" und "Was diese Tilla für Reisen +macht!" der Fernerstehenden. Und während der ganzen Szene fragten Kallem +und Ragni sich, wem die beiden ähnlich sähen; diese Gesichter hatten sie +schon irgendwo erblickt. + +Pastor Meek war über mittelgroß, breitschulterig, ein bißchen +wohlbeleibt. Den Kopf, der breit und leuchtend war, trug er stark +zurückgeworfen; dichtes, weißes Haar umrahmte das Gesicht. "Jetzt weiß +ich's!" flüsterte Ragni. "Sie müssen verwandt sein mit dem jungen +Menschen, dem wir am ersten Tag begegnet sind. Du weißt doch -- der so +schön war?" -- "Ja, richtig! Dasselbe gewölbte Antlitz! Man könnte +glauben, sie gehörten zu den Bourbonen." -- Der Alte dankte für die +Willkommgrüße mit einer tiefen, wohlklingenden, langsamen Stimme. Die +Augen waren nicht unbefangen -- eher forschend und resigniert. Kein +Eindruck von Sicherheit, wohl aber von großem Wohlwollen und von +Nachdenklichkeit. Jedesmal, wenn einer der höheren Beamten ihn anredete, +kam etwas altmodisch Zeremonielles, Reserviertes über ihn. Der "neue +Doktor" wurde vorgestellt, und Frau Lili Bing sagte, wie aus einer +inneren Eingebung heraus zu Ragni: "Sie beide müssen zueinander passen! +Darf ich vorstellen: Frau Kallem -- Fräulein Kraby." Ein bißchen +schüchtern begrüßten sie einander und sprachen bald darauf von dem +jungen Mann, der ihr so ähnlich sah. Es war ihr Vetter, und er war sehr +musikalisch. Dadurch kamen sie auf Musik zu sprechen und gingen den +ganzen Abend überhaupt nicht mehr voneinander. + +Selten -- ja, Kallem ausgenommen, vielleicht niemals -- hatte Ragni +jemand gefunden, zu dem sie sich gleich so hingezogen gefühlt hatte. +Dies stille und zugleich so lebhafte blonde Wesen hatte eine so +liebenswürdige Art, und alles, was sie sagte, war so ganz ihr eigenstes +Denken. Und in wenigen Tagen verließ sie die Stadt für immer! Es gab +ihrem Zusammensein einen eigenen, wehmütigen Reiz, daß sie sich heute +wahrscheinlich zum ersten- und letztenmal sahen. Es bewirkte auch, daß +Ragni später, als der Gastgeber sie in seiner schalkhaften Weise bat, +etwas zu spielen, gleich bereit war. Sie wollte der neuen Freundin +soviel von sich geben, als sie konnte. + +"Bitte," flüsterte sie ihr zu, "stellen Sie sich so, daß ich ein +vertrautes Gesicht vor mir habe!" Dann stimmte sie "Solvejgs Lied" aus +"Peer Gynt" an. Man hatte ein Bravourstück erwartet, nicht ein einfaches +Lied; aber als sie es auf dem Flügel zu Ende "gesungen" hatte, waren +alle so hingerissen, daß der Bürgermeister, der bei solchen +Gelegenheiten gern das große Wort führte, um Wiederholung bat. Sie +spielte es noch einmal. Darnach den unvergleichlichen, humpelnden +Gnomenmarsch aus derselben Suite; und gleich darauf Seimers +"Kinderspiel" -- der feinste, anmutigste Gegensatz. Sie spielte es mit +derselben tiefeindringenden Interpretation des kleinsten Details. Dann +eine Weise von Sinding -- im alten Stil -- jeder Ton ein Wort für sich; +dann eine heitere, kernfrische Melodie von Svendsen; zum Schluß den +Festmarsch von Seimers. Heute hatte sie keine Angst; ihre Augen +wanderten mit reicher Botschaft zu Tilla, von ihr zu den anderen -- -- +reine Märchenbotschaft! Die Gesellschaft war ganz hingerissen; der +Bürgermeister wanderte durch die Zimmer wie eine schmetternde Trompete. +Der alte Meek kam voll altfränkischer Ehrerbietung; "Großvater ist so +musikalisch!" flüsterte Tilla. + +Eine Stunde darauf verabschiedete sich der alte Meek; er blieb nie +länger in Gesellschaft. Seine Enkelin begleitete ihn; Kallem und Ragni +schlossen sich an. + +Der Abend war milde, trotzdem es Ende August war, Tage, an denen die +Übergänge in der Temperatur nach Sonnenuntergang meist schroff sind; +immerhin nicht so mild, daß Sommermäntel und Überzieher überflüssig +gewesen wären. Überall Spaziergänger. Als man beim Doktorhaus angelangt +war, fragte Ragni, die sonst so zurückhaltend war, ob sie nicht mit +hinein kommen wollten. Und der alte Pastor erwiderte voll Galanterie, +wenn sie die Hoffnung hegen dürften, noch ein bißchen Musik zu hören, so +sei ihnen die Einladung nur zu willkommen. Die Lampen im Verandazimmer +wurden angezündet, der Flügel wurde geöffnet, und eine italienische +Barkarole ruderte zu den offenen Fenstern hinaus. Der alte Meek war ganz +beglückt und wagte sich mit der Frage heraus, ob nicht sein Enkel, der +hier die Schule besuche, einmal kommen dürfe, um die Frau Doktor spielen +zu hören -- natürlich bloß, wenn es ihnen nicht ungelegen sei. Er sei +leider ein solcher Musiknarr, daß er mit neunzehn Jahren noch nicht +einmal sein Abiturium gemacht habe. Aber weil man das Unglück nun eben +nicht ändern könne, so sei es immerhin das Beste, wenn er nur _gute_ Musik +höre. Ragni erwiderte, es würde ihr ein Vergnügen sein. Kallem fragte, +ob er den jungen Mann aufsuchen und es ihm sagen solle. Dafür war der +Alte ungeheuer dankbar und sagte, er wäre dem Doktor noch dankbarer, +wenn er ihn auch gleich untersuchen wolle; denn irgend etwas sei da +nicht in Ordnung. Kallem sagte, er habe das schon gemerkt; er glaube +auch zu wissen, was es sei. + +Jetzt setzte sich der Alte an den Flügel. + +"Da sollen Sie eins von seinen Liedern hören!" sagte er. Und mit +Fingern -- viel weniger steif, als man es ihm zugetraut hätte -- und +einer Stimme, so leise, als ob man mit dem Finger an eine Kirchenglocke +rühre -- vor allem mit einer ganz eigentümlichen Anwendung der Fistel, +summte er: + + Wann wird es wirklich Morgen? + Wenn goldner Strahlenglanz + Über Firnen hüpft im Tanz, + Tief in den Abgrund dringend, + Beschwingend + Den zum Lichte kletternden Stengel, + Daß er sich träumt als seligen Engel. + Dann ist es Morgen, + Wirklich, wirklich Morgen. + Doch wenn's wettert und sprüht, + Und krank mein Gemüt, + Kann das Morgen sein? + Nein. + + Wohl ist es wirklich Morgen, + Wenn Blümlein im Frühlicht blinken, + Und Vöglein Tautropfen trinken + Und zwitschernd dem Baum zum Lohne + Eine Krone + Von jungfrischem Grün versprechen, + Vom Meere erzählen den sehnenden Bächen. + Dann ist es Morgen, + Wirklich, wirklich Morgen. + Doch wenn's wettert und sprüht + Und krank mein Gemüt, + Kann das Morgen sein? + Nein. + + Wann wird es wirklich Morgen? + Wenn die Kraft, die das Leid durchdringt, + Sonne der Seele bringt, + Wenn in deinen Armen + Erwarmen + Alle die Menschen, groß und klein, + Dann gegen alle nur gut zu sein. + Dann ist es Morgen, + Wirklich, wirklich Morgen, + Die gefährliche Kraft, + Die das Höchste schafft, + Ist sie's, die dir nah? + Ja. + +Melodie wie Begleitung waren ganz eigenartig. "Wie das sich Hals +über Kopf hinauswirft!" sagte Ragni. Kallem fragte, was das für +ein Frauenzimmertext sei. Tilla erwiderte, er habe in irgendeiner +Zeitung gestanden; wahrscheinlich eine Übersetzung. Als aber die +andern gegangen waren, vertraute Ragni ihrem Mann an, der +"Frauenzimmertext" sei eine von ihren Übersetzungen. Sein Vetter habe +sie an ein norwegisch-amerikanisches Blatt eingeschickt, und von da sei +sie weitergegangen. Dies Zusammentreffen bewirkte, daß Kallem schon am +nächsten Tag Karl Meek aufsuchte, und daß dieser drei Tage darauf samt +Klavier, Büchern und Kleidern in dem großen Giebelzimmer in Kallems Haus +installiert war -- in der Stube, die nach dem Park hinausging. Kallem +hatte auch den stärksten Widerstand von seiten Ragnis überwunden. + + +5 + +Fortan saß ein langhaariger, aufgeschossener Mensch mit am Tisch, -- die +Beine um die Stuhlbeine geschlungen --und mit schmalen, roten Fingern, +die voller Frostbeulen waren und so feucht, daß Ragni es nicht über sich +brachte, sie zu berühren. Auch reden konnte sie nicht mit ihm, nach dem, +was Kallem ihr von ihm gesagt hatte; all das Schöne, das sie bei der +ersten Begegnung an ihm gesehen hatte, war durch diese Worte wie +ausgelöscht. Er trat hastig ein, als habe er es sich eingeübt; und +regelmäßig blieb dann sein Rock oder sein Ärmel an der Türklinke hängen, +oder die Tür wollte nicht beim ersten Versuch zugehen -- oder er +verhedderte sich mit den Beinen, oder er riß einen Stuhl um oder rannte +mit dem Mädchen zusammen, die etwas hereingebracht hatte und wieder +hinausging. Er sah den Menschen nie ins Gesicht; die schönen Augen waren +schläfrig und erloschen, die Gesichtsfarbe aschgrau; er studierte das +Muster auf dem Teller und dem porzellanenen Brotkorb, die vor ihm +standen. Nie redete er ein Wort. Wenn jemand ihn ansprach, fuhr er auf, +und antwortete "Ja" oder "Nein" -- als habe er glühende Kohlen im Mund. +Aber fressen tat er -- nach Ragnis Ausdruck -- wie ein Scheunendrescher. +Und wenn er dann mit den feuchtkalten Händen an seinen Hosen +herunterstrich oder sich durch das dicke, fettige Haar fuhr, dann war er +noch schlimmer als Kristen Larssen! + +Jeden und jeden Tag diesen ekligen Bengel am Tisch! Und abends Kristen +Larssen! Dazu noch die vielen alten Weiber, die Kallem ihr schickte, +damit Ragni sie mit wollenem Zeug versehe! Kinder, die sie oft von Kopf +bis zu Fuß neu kleiden mußte, -- alle seine Tuberkulosefreunde! + +Nicht nur, daß die Menschen an sich ihr unangenehm waren; sondern daß +alle Türen offenstanden --! Sie hatte keine Freistatt mehr, war nicht +mehr Herr ihrer Zeit! Mit ihm darüber zu sprechen, -- was hatte das für +einen Zweck? Wenn das, was _ihr_ die tiefste Qual bereitete, _seine_ +höchste Freude war? Ein bißchen Eifersucht war auch dabei: er hatte +überhaupt keinen Blick mehr für sie und das, was ihr lieb war! Die Sache +mit seiner Schwester ließ er auch einfach so hängen. Pastors waren schon +längst wieder da. Josefine hatte eines Morgens einen flüchtigen Besuch +gemacht -- im Garten -- und hatte Blumen vom Grab des alten Kallem +gebracht; die beiden Schwäger trafen sich auf der Straße und an den +Krankenbetten; auch seine Schwester traf Kallem bisweilen dort; sie tat +viel für die Armen. Aber weder kam sie zu ihm, noch er zu ihr; Pastors +gaben auch keine Gesellschaft für sie, wie jedermann doch erwartet +hatte; sie gaben überhaupt keine Gesellschaften mehr. Ragni war sich +keinen Augenblick unklar über den Grund. Kallem merkte nicht, wie dies +Unausgesprochene sie peinigte, auch nicht, daß es ihr in gewisser Art +die Stadt verschloß. Und sie mochte ihn damit nicht quälen. Er hatte die +ganze Freiheit des vielbeschäftigten Mannes, der über alles hinweggeht, +was ihm nicht "bequem" ist. Bei seiner täglichen Jagd auf Tuberkulose +waren ihm die alten Weiber und die Kinder, die er angeschleppt brachte, +weit wichtiger als "diese ganzen religiösen Katzbalgereien", -- leider +auch wichtiger als die Anmut und Traulichkeit, die _ihr_ ein +Lebensbedürfnis waren. + +Ganz hinten in dem großen Krankenhausgebäude war ein langgestrecktes +Vorratshaus, mit Holzschuppen usw. Dort richtete Kallem einen Turnsaal +ein, und dorthin ging's in Gesellschaft des aschgrauen Burschen jeden +Abend von sechs Uhr an. Solange das dauerte, kam er pünktlich nach +Hause, machte selber seine Turnübungen, forderte seinen Begleiter zu +einem Wettstreit heraus und brachte Ordnung und Schwung in die Sache. +Der verschüchterte Junge hatte, seitdem er ins Haus gekommen war, sein +Klavier kaum angerührt; er war zu befangen der Hausfrau gegenüber. +Deshalb setzte sich Kallem täglich gegen Abend eine halbe Stunde mit +einem Buch zu ihm aufs Zimmer; und während der Zeit mußte Karl spielen. +Als Arzt hatte er sich sein Vertrauen erzwungen und war nun mit immer +wacher Freundlichkeit auf dem Posten, und bald kam der Junge wirklich +schon viel sicherer ins Wohnzimmer und schlich auch nicht gleich wieder +heimlich hinaus. Schließlich -- auf eindringliches Zureden Kallems -- +faßte sie sich ein Herz und sagte eines Sonntagmorgens zu Karl: "Gehen +Sie nicht auf Ihr Zimmer, bitte! Wollen wir nicht einmal ein bißchen +vierhändig spielen? Wir nehmen etwas ganz Leichtes!" fügte sie hinzu. +Verzweiflung erfaßte ihn; aber das Glück wollte, daß er fast seinen +Klaviersessel umriß, als er sich setzen wollte, und beim Rettungsversuch +beinah auch ihren umwarf -- und darüber kamen sie beide ins Lachen, und +das half über das Schlimmste hinweg. + +Da saß sie nun -- frisch und schlank, in einem rotseidenen Kleid, um +Hals und Handgelenk Spitzen, die weißen langen Spielfinger neben seinen +schmalen, roten; ihr geistvolles Gesicht oft ihm zugewandt; ein +Resedaparfüm entströmte ihrem Kleid -- ein Duft ihrem Haar ... Er +zitterte vor Verlegenheit. Wie häßlich er sich selber vorkam! Und wie +sein eigenes Haar roch! Er strengte sich so an beim Spielen, daß er bald +ganz müde war und lauter Dummheiten machte. "Sie sind gewiß nicht recht +aufgelegt heute!" sagte sie und stand auf. + +Wie ein begossener Pudel zog er ab; er wand und krümmte sich -- er +wollte davonlaufen -- zum neunundneunzigstenmal. Mittags kam er nicht +zum Essen, war überhaupt im ganzen Hause nicht zu finden. Kallem fragte +nach ihm. Da erzählte Ragni, wie kläglich es gegangen sei; schon nach +einer halben Stunde sei er müde gewesen. Ein junger Mensch, der so wenig +leisten könne -- das sei ihr einfach widerlich! "Ach, Du mit Deiner +ewigen Ästhetik!" Und er machte sich auf die Suche nach dem Jungen, +opferte seinen ganzen schönen Sonntagnachmittag und kam endlich, gegen +Abend, mit ihm zurück. Drinnen, im Studierzimmer, beteuerte sie +flüsternd, sie wolle lieb sein jetzt. Und Kristen Larssen kam, und +geduldig wie ein geprügelter Hund setzte sie sich zu ihm und las mit ihm +Englisch. + +Anfangs hatte sie mit diesem wunderlichen Menschen Mitleid gehabt; aber +in seiner Gesellschaft, unter dem Hauch seines Atems gefror sie zu Eis. +Eben darum fand sie es selber gräßlich feig, daß sie weitermachte, ohne +zu mucksen; aus Mitleid geschah es ganz gewiß nicht! Zäh, -- pünktlich +auf den Glockenschlag, erschien er in seinem langen, braunen, +engärmeligen Rock, mit dem unerträglichen, jahrealten Schweißgeruch des +Arbeiters, der aus Kleidern und Körper aufstieg. Der Atem drang über den +ganzen Tisch herüber; sie fühlte ihn, sogar wenn er nicht bis zu ihr +drang. Kristen Larssen zog den Stuhl vor, setzte sich, schlug sein Buch +auf, und wenn er die Stelle gefunden hatte, bohrte er seine kalten, +fürchterlichen Augen in ihre warmen, angstvollen Taubenblicke, die +furchtsam im ganzen Zimmer umherflatterten. Seine langen, dunkeln +Finger, schwarz behaart wie die ganze Hand, griffen fest zu; die Finger +der Linken um das Buch, die Rechte fuhr nach. Dann räusperte er sich; +und endlich begann er; in der Regel mit irgendeiner Frage, die noch auf +die vorige Lektion Bezug hatte, immer klug, -- immer mißtrauisch auf +irgendeinen Irrtum, einen Mangel an Verständnis oder Logik bei ihr +lauernd. Er machte sie unsicher, selbst in den sichersten Dingen. + +Wenn er so dasaß und langsam, wohlüberlegt sich Wort für Wort +durcharbeitete, und sie sich einmal unterstand, ihn zu unterbrechen, +weil er einen Fehler gemacht hatte, so setzte er seine Finger nur um so +fester auf, um ja die Stelle zu behalten, wo sie ihn unterbrochen hatte; +und dann blickte er auf -- unwillig, mißtrauisch. Sie wiederholte ihre +Korrektur -- unsicher, bang; aber nie konnte sie es ihm klar genug +machen; immer mußte er um eine noch deutlichere Erklärung bitten. Also +sagte sie es zum drittenmal, und endlich war er so gnädig, es hingehen +zu lassen -- auf ihre Verantwortung! Und sooft sie unterbrach, wußte sie +es -- wußte, was jetzt kommen würde, wußte, daß der böse Atemhauch sie +überfluten würde, Welle um Welle. + +Was es diesen Mann kostete an Arbeit, daß er so sicher aufzutreten +vermochte, niemals einen Fehler, der einmal berichtigt worden war, +wieder machte, was für Fähigkeiten in ihm steckten, daß er diese vielen +seltsamen Fragen, die jedem Philologen Ehre gemacht hätten, überhaupt +stellen konnte -- das übersah sie keineswegs. Aber immer war er ihr +fürchterlich -- von innen heraus fürchterlich. Er war so ganz und gar +wie ein alter Affe, den sie einmal gesehen hatte, der ehrbar mit einem +silbernen Löffel speiste. Und dieses Bild umschwebte ihn verzerrend, wie +zur Rache. + +Ein sehr angenehmes Verhältnis entwickelte sich daneben in ihrem +täglichen Leben: das Zusammenarbeiten mit dem Mädchen. Sie freundeten +sich an. Beide gleich geschickt -- Ragni im Anordnen, das Mädchen im +Ausführen. Ragni arbeitete gern und rasch; das Mädchen war klug und +wißbegierig. Eins freute sich am andern. + +Vierzehn Tage nach dem mißglückten Versuch mit dem Vierhändigspielen +sagte sie zu Karl Meek: "Was meinen Sie? Wollen wir's noch einmal +versuchen?" -- "Danke, nein ... es geht doch nicht!" erwiderte er +entsetzt. -- "Ich habe schon etwas Vierhändiges hervorgesucht, das Ihnen +sicher nicht zu schwer ist!" -- Und sie legte es aufs Klavier, während +er -- auf zwei Meter Abstand -- stehen blieb und herüberschielte, rot +und immer röter wurde und sich mit den Händen durchs Haar fuhr. "Kennen +Sie das?" Er antwortete nicht; das war ja eins von seinen Stücken! +"Bergbach" hatte er es betitelt; er hatte es oben auf seinem Zimmer +Kallem öfters vorgespielt. Da stand es -- für vier Hände gesetzt; sie +wollte auf diese Weise alles wieder gut machen. + +"Also, kommen Sie!" Dasselbe rotseidene Kleid, dieselben Spitzen um die +langen Spielfinger -- dieselbe Büste -- dieselben seltsam traumvollen +Augen, die ihn manchmal anblickten, daß er erschauerte. Aber er selber +war heut auch neu gekleidet, und sein Haar und seine ganze Person +zurechtgestutzt und gestriegelt. Und nun hüpfte unter ihren +geschmeidigen Fingern der "Bergbach" hervor; wo Karl nicht folgen +konnte, wartete sie, und nahm ihn dann wieder mit. Zuletzt ging es, wenn +auch nicht gut, so doch immerhin nicht schlechter als das letztemal, und +sie versprach gnädigst, nach diesem Anfang noch häufiger mit ihm zu +spielen. + +Er verbeugte sich und wollte gehen. "Heut ist Sonntag", sagte sie. "Sie +haben doch nichts zu tun?" -- "Nein." -- "Wollen wir einen kleinen +Spaziergang machen?" -- "Gewiß ... wenn Frau Doktor ... ja, gern!" + +Wie der Blitz war er wieder da in Überzieher und Pelzmütze, sie wartete +schon in ihrem hübschen Kragen und flotten, amerikanischen Federbarett. + +"Wir wollen meinem Mann entgegengehen." Und sie gingen. Sie fühlte, sie +allein müsse die ganze Zeit über reden; und so schilderte sie denn die +Schneestürme auf den amerikanischen Prärien, und was für Folgen sie für +Menschen und Vieh hätten. Er sah, wie ihre Wangen sich nach und nach +röteten, wie ihre kleinen Füße spielend ausschritten. Der Oktobertag war +sonnenlos, aber nicht kalt. Die Felder dunkel, müde; der Laubwald im +Entblättern. Aber er sah nichts von alledem; er war wie im Rausch: sie +ging neben ihm her, sie, die feinste, die musikalischste Frau, die er +kannte! Er hätte sich freudig für sie in den Straßenstaub werfen, sich +erschießen, ins Wasser springen können! Und das war keine erdichtete +Frauengestalt -- sondern Frau Ragni Kallem, in ihrem roten Seidenkleid +unter dem weichen Umhang und dem amerikanischen Federbarett, die Frau, +für die alle seine Kameraden schwärmten. Ihre Augen sahen ihn an, und er +wagte es nicht, ihnen auf den Grund zu schauen. Vor aller Blicken ging +sie da neben ihm, unterhielt sich mit ihm. Und auch er fing an, zu +erzählen, als sie vom amerikanischen Winter auf den Winter in den +heimischen Wäldern zu sprechen kam. Sein Vater, der Sohn des alten +Pastor Meek, war Arzt, hatte aber in ein großes Bauerngut des +Waldbezirks hineingeheiratet und lebte nun dort als Bauer. Karl war oft +mit ihm hinaufgewandert über das Flußeis -- in die unendliche Einsamkeit +der Waldberge; war mitgewesen beim Holzfällen, beim Fallenstellen, auf +der Jagd. Er schilderte Landschaften und Eindrücke, von denen sie keine +Ahnung hatte; schilderte das Aussehen eines Birkhahns, sein Werben und +Spielen, seinen Flügelschlag, sein Geschrei so lebendig, daß sie ihn +fortan nur noch "den Birkhahn" nannte. + +Sie trafen Kallem nicht und gingen deshalb denselben Weg zurück. Noch +einmal spielten sie das vierhändige Stück, und viel besser. Sie wollten +es gut einüben und es eines Abends Kallem vorspielen, wenn er in seinem +Arbeitszimmer saß. Kallem -- das war für ihn das Höchste, was er kannte. + +Nach und nach erlangte sie eine Art Herrschaft über den "Birkhahn"; sie +gewöhnte sich an sein ovales Gesicht, sein ungleiches Wesen, -- bald +übermütig heiter, bald voll Mißmut, ungeduldig und auffahrend, +demütig-unterwürfig -— mit kurzen Anfällen von Fleiß und langem =Dolce +far niente=; ungeheuer geschniegelt und dabei mehr als schlampig; sie +fing an, ihn wieder fast schön zu finden, und überwand sich sogar, ihm +die Hand zu geben. Sie half ihm bei seinen Schularbeiten, besonders beim +Englischen. Seine Kenntnisse waren so ungleich, daß Kallem ihm +vorschlug, lieber die Schule zu verlassen und in Privatstunden das +nachzuholen, was ihm fehlte; er schrieb auch in dieser Angelegenheit an +Karls Vater. Seitdem saß Karl oft mit seinen Büchern und Aufsätzen im +Wohnzimmer, lernte, spielte Klavier, spielte Klavier oder lernte -- für +sich oder mit ihr. + +Nachmittags konnte man ihnen auf langen Spaziergängen begegnen. Sobald +der erste Schnee gefallen war, -- er kam schon Anfang November -- gingen +sie Kallem entgegen und fuhren mit ihm heim -- jedes auf einer +Schlittenkufe. Als die Bucht zufror, gehörten sie draußen auf dem Eis zu +den Allereifrigsten. Nur einen Sport betrieben Kallem und Karl für sich +allein: Karl sollte auf den Händen laufen lernen. Mit ungeheurem Ernst +hob der Doktor die langen Beine des andern in die Höhe und hielt sie +fest, während Karl zu gehen versuchte, bis er nicht mehr konnte. Anfangs +nur im Turnsaal, bald aber auch im Zimmer, auf dem Flur, auf der Treppe, +vor dem Mittagessen, vor dem Abendbrot. "Beine hoch, Junge!" Wie Ragni +lachte, wenn sie immer wieder herunterpurzelten! Nach und nach aber +wurde er eifrig. Einmal mußte es ja doch gelingen! Es gelang nämlich +nie -- -- er war "zu lappig"! Schließlich wurde es für ihn eine +Ehrensache; und für sie im Grunde ebenfalls. Es war ihr ganz ernstlich +darum zu tun, daß er ein "ganzer Kerl" wurde; sein weiches Wesen, sein +Hang zum Träumen, zum "die Zeit verquasen", verdroß sie; und das sagte +sie ihm auch. Aber Vorwürfe vertrug er nicht und wurde fast ungezogen. +Dann strafte sie ihn durch kühle Zurückhaltung. Es half ihm nichts, daß +er zerknirscht war, daß er hundert Annäherungsversuche machte, daß er +sogar weinte, -- sie ließ ihn in der tödlichen Angst, daß sie ihn bei +Kallem verklagen werde; sie half ihm ohne eine Miene, ohne ein Wort, das +nicht zur Sache gehörte; sie ging nicht mit ihm spazieren, sie sah ihn +überhaupt nicht -- bis sie in Kallems Gegenwart wieder redete, als wenn +nichts geschehen sei. Von dieser Schattenseite ihres Zusammenlebens +hatte Kallem keine Ahnung. + +Kallem hatte keinerlei Verkehr; er hatte keine Zeit dazu. Seine Praxis +mußte er einschränken, weshalb er auch mit seiner Absicht, Doktor +Arentz, den jungen Militärarzt, zu seiner Hilfe heranzuziehen, Ernst +machte. Ende November wurde das geordnet, und fortan nahm er mehr teil +an dem Zusammenleben und dem Unterricht, die dadurch festeren Halt +gewannen. + +Karl Meeks Vater kam eigens zu dem Zweck in die Stadt, um ihnen beiden +zu danken und sie zu bitten, zu Weihnachten mit seinem Sohn in ihr +Waldnest hinaufzukommen. Otto Meek war größer und stärker als sein +Vater, sein Gesicht großzügiger -- mehr "bourbonisch"; aber es hatte +etwas Schwermütiges oder besser gesagt Schweres. Kallem nahm die +Einladung an und traf sofort die nötigen Verabredungen mit seinen +Kollegen, damit er abkommen könne. Aber als die Zeit herankam, wurde +Doktor Kent krank, und Ragni mußte, so ungern sie es auch tat, mit Karl +allein reisen; Kallem wollte nachkommen. Ein Reisepelz wurde für sie +gekauft, pelzgefütterte Stiefel und ein Fußsack, auch eine kostbare +Pelzmütze, ein Geschenk Karls. Wie eine Grönländerin sah sie aus, als +sie alles anhatte. + +Kallem begleitete sie zur Bahn; Ragni hatte ein bißchen geweint -- es +war die erste Trennung, seit sie verheiratet waren. Als sie schon im Zug +saß und Kallem noch vor dem Wagen stand, wollte sie wieder heraus; +Kallem mußte einsteigen und schelten. Sobald der Kummer gestillt war, +stieg er wieder aus und blickte Karl an, der frisch und fröhlich dasaß. +"Hör' mal, lieber Birkhahn, von heut ab sag ich Du und Karl zu Dir! Du +bist ein braver Junge!" Karl aber sprang heraus und fiel ihm um den +Hals. + +Dann fuhren sie davon. + +Kallem arbeitete und fand es gar nicht so übel, daß er einmal völlig +Frieden hatte; sie hatten ihn in der letzten Zeit doch recht gestört. +Aber schon am dritten Tage, dem heiligen Abend, war es ihm langweilig. +Er nahm sich vor, sie zu überraschen; Doktor Kent ging es besser. + +Am heiligen Abend, als er eben von Kent kam und ins Krankenhaus wollte, +sah er von fern eine Menge Menschen vor dem Tor stehen. Ein +Langschlitten mit einem Pferd davor fuhr gerade heraus; im Schlitten +lagen Stroh und Betten -- man mußte einen Kranken gebracht haben. Er +hörte Kinder weinen. Wer war da verunglückt? Maurer Andersen war's -- +der Mann, der Kallem und Ragni an ihrem Ankunftstag in der Stadt oben +vor dem neuen Haus begrüßt hatte. Im Winter, während das Handwerk brach +lag, zog Maurer Andersen als Hausierer umher, und auf einem steilen +Waldweg hatte er sich verirrt, war abgestürzt und nur durch einen Zufall +hatte man ihn gefunden. Drinnen bei den Krankenschwestern traf Kallem +die untröstliche Frau, die erzählte, wie der unermüdliche Mann noch bis +Weihnachten herumgewandert sei; damit er zum heiligen Abend daheim wäre, +habe er einen abkürzenden Weg eingeschlagen -- er sei nun mal so ein +"Haushammel". Aber er habe schwache Augen und sei auf seinen +Finnenschuhen abgerutscht und gestürzt und habe das Bein gebrochen. Und +da liege er nun, und könne sich nicht rühren. Das sei nun sein +Weihnachten! "Und wir haben gewartet und gewartet!" schloß sie. "Und +erst die Kinder!" + +Kallem eilte zu dem Kranken, der schon im warmen Zimmer im Bett lag. Der +starke Mann mit dem großen braunen Bart, der über das Hemd wallte, war +nicht wiederzuerkennen. Die Augen zusammengedrückt, die Lider +geschwollen, starr. Die Schleimhaut des Auges ganz entzündet, die +Hornhaut bedroht, und da ihn der geringste Lichtschimmer schmerzte, war +vielleicht noch größere Gefahr im Anzug. Das Gesicht aufgedunsen, mit +bläulichroten Flecken; die Finger an beiden Händen weiß und gefühllos; +die Handrücken noch einmal so groß wie sonst und mit Wasserblasen +bedeckt. Das rechte Bein war am oberen Ende der Wade gebrochen, und der +Bruch ging bis ins Kniegelenk; die Wunde war so groß wie ein Markstück; +ein Knochensplitter ragte daraus hervor -- wie ein Finger. Dem gegenüber +war die ganze übrige Verletzung des Beins überhaupt nicht von Bedeutung. + +Andersen konnte kaum sprechen, und lallte nur dann und wann, das Bein +dürfe nicht abgenommen werden. Das könne man erst am andern Morgen +entscheiden, wenn es hell sei, beruhigte Kallem ihn immer wieder, +während er ihn zurecht legte. Er ließ das Zimmer sofort halbdunkel +machen, ließ Borwasserumschläge über die Augen legen und beorderte eine +regelmäßige Aufsicht zum Wechseln der Kompressen. Das Gesicht des +Kranken wurde mit Öl bestrichen und mit einer dünnen Watteschicht +bedeckt; ebenso verfuhr man mit den Händen. Die Beinwunde wurde mit +Karbolwasser ausgespritzt und eine kleine blutende Ader unterbunden; die +Wunde dann mit Jodoform bestrichen, mit Watte umwickelt und in eine +Drahtbandage gelegt. Wenn er aufwachte und sich schwach fühlte, sollte +er alle zwei Stunden Naphtha bekommen -- bei zu großen Schmerzen eine +Morphiumeinspritzung. + +Daraufhin schlief der Kranke ein, klagte jedesmal, wenn er erwachte, +über unleidliche Schmerzen, weniger an der Bruchstelle als hauptsächlich +im Schienbein, in der Nähe des Spanns; beständig quälte ihn die Angst, +daß ihm der Fuß abgenommen würde. + +Am nächsten Tag um neun Uhr fand Kallem ihn viel wohler, in jeder +Beziehung. Auch die Gedanken waren klarer; aber fortwährend drehten sie +sich um den Fuß, der erhalten bleiben sollte. Er äußerte den Wunsch, den +Pastor, der sein guter Freund war, zu sehen; seine Frau, die eben da +war, machte sich sofort auf den Weg, um den Pastor zu bitten, vor der +Kirche bei ihm vorzusprechen. Unterdessen wurden die Augen des Kranken +untersucht; sie waren weniger geschwollen, aber äußerst lichtscheu; man +wandte Atropin an, und die Umschläge wurden durch eine leichte Binde +ersetzt. Kallem war gerade im Krankenzimmer, als die Frau mit dem Pastor +kam; er ging den beiden entgegen. Nach seiner Ansicht mußte Andersens +rechtes Bein exartikuliert, d. h. unter dem Kniegelenk abgenommen +werden. Aber das durfte der Kranke vorläufig noch nicht erfahren. Da +brach die Frau, die bisher ihr Schicksal mit Fassung ertragen hatte, +zusammen, so daß Kallem sie gar nicht hineinlassen durfte; der Pastor +ging mit. + +Es machte einen tiefen Eindruck auf ihn, als er in dem großen +halbdunkeln Zimmer neben seinem kranken Freund stand und ihn daliegen +sah, diesen Riesen, mit verbundenen Augen, unkenntlichem Gesicht, +umwickelten Händen, und ihn klagen hörte. Aber bald fühlte er nur noch +Bewunderung -- so stark, so sicher war der Kranke im Glauben. Er äußerte +den Wunsch, man möge heut in der Kirche für ihn beten; "Sie kennen mich +ja alle!" sagte er. Der Pastor versprach ihm das. Dann aber betete er +noch von Herzen am Schmerzenslager für den Kranken und seine +Angehörigen. Das Gebet wirkte belebend auf den Kranken; er flüsterte: +"Ich habe einen Bund geschlossen mit Gott, des Fußes wegen!" und lag +dann ganz still, während der Pastor den Segen Paulus' sprach. Kaum eine +Stunde darauf kam Doktor Arentz, und Andersen wurde in den +Operationssaal geschafft. Man sagte ihm, er solle chloroformiert werden, +damit man den Schaden gründlich untersuchen könne, und da die Schmerzen +noch immer unerträglich waren, willigte er sogleich ein; "aber der Fuß +darf nicht abgenommen werden!" + +Die genauere Untersuchung ergab, daß das obere Ende des Wadenbeins bis +schräg an das Kniegelenk hinauf zersplittert war, leider auch, daß eine +größere Blutader zwischen den Bruchenden so eingeklemmt lag, daß sie mit +einer großen Blutpfropfthrombe, die sich einige Zoll den Schenkel hinauf +erstreckte, gefüllt war. + +Das Bein wurde selbstverständlich abgenommen; in einer Viertelstunde war +es geschehen. + +Alle, die mit ihm zu tun hatten, erhielten strengste Anweisung, ihn in +dem Glauben zu lassen, daß das Bein ihm erhalten sei. Man mußte ihn vor +jeder Gemütsbewegung schützen, damit er ja nicht in Versuchung komme, +sich aufzurichten, den Fuß zu bewegen oder seine Lage zu ändern; wenn +ein Blutspfropfen sich von der Thrombe löste, konnte es mit ihm zu Ende +sein. Er wurde in eine Stahldrahtbandage gelegt, die vom Hüftgelenk bis +an das Bettende herunterreichte; der Stumpf wurde mit Karbolgaze und +Jute verbunden und mit der Außenseite an einen langen Klotz +festgebunden. + +Jetzt wurde Andersen wieder geweckt, und man bedeutete ihm, sich ganz +ruhig zu verhalten. Er bekam Wein, aber löffelweise, damit er sich nicht +rührte, ebenso Fleischbrühe mit Eigelb; bald fiel er in Schlaf. + +Sowie Kallem sich umgezogen hatte, ging er hinunter in das Zimmer der +Pflegerinnen, wo die Frau wartete, und erzählte ihr den ganzen Hergang, +wies sie auch auf die Gefahr hin, die drohte, wenn Andersen sich bewege. +Er gewann ihr breites, kluges Gesicht mit der Adlernase geradezu lieb; +eine reinere Seelenstärke hatte er kaum je gesehen. "Sollte es schlimm +ablaufen," schloß er, "so haben Sie viele Freunde!" -- "Gott lebt +noch!" flüsterte sie. + +Zwischen drei und vier Uhr erwachte Andersen, und bekam wieder +löffelweise Wein, Brühe mit Eigelb, Milch; er versicherte, er fühle sich +wohl, nur sein Schienbein tue ihm weh; manchmal fühle er Schmerzen in +der Ferse. Im Lauf des Nachmittags stärkten sich seine Lebensgeister, +und er wünschte, der Pastor möge wiederkommen. Gerade als die Frau ihn +holen wollte, kam er von selbst. Kallem hatte ihn gebeten, zu tun, als +ob der Fuß noch nicht abgenommen sei. + +Es zeigte sich gleich, daß Andersen keinen anderen Gedanken hatte, als +seinen Fuß. "Ich glaube, ich darf jetzt wohl sagen, daß Gott mich erhört +hat!" sagte er; "dafür müssen wir ihm auch gebührend danken!" + +Das rührte den Pastor, und er schickte sich an, ein warmes Dankgebet +dafür emporzusenden, daß der Fuß dem Kranken ein Pfand der göttlichen +Gnade geworden sei und ihn noch inniger mit seinem Erlöser verbunden +habe. Andersen schien darüber nachzusinnen; endlich sagte er: "Jetzt +müssen Sie noch beten, daß er mir auch später den Fuß nicht nimmt!" -- +Wie er darauf komme? -- "Weil ich solche Schmerzen drin habe." -- Aber +eben habe er doch geglaubt, daß Gott ihn erhört habe? "Ja, aber man muß +beten ohne Unterlaß!" Der Pastor weigerte sich; sofort wurde der +hartnäckige Mann unruhig, und die Frau flüsterte flehend, der Herr +Pastor möge Andersen doch den Willen tun. Da tat er's; aber er tat es +mehr auf ihre Verantwortung hin als auf seine eigene, und es wirkte in +ihm nach. Kallem war eben nach Hause gekommen, als der Pastor ganz blaß +bei ihm erschien und erzählte, was vorgefallen war. "Das tu' ich nicht +noch einmal!" schloß er. "Ich kann Dir versichern, Du hast ein gutes +Werk getan!" Der Pastor stand in Überzieher und Mütze, die Hand auf der +Türklinke, da; Kallems Worte und der Ton, in dem sie gesagt wurden, +verletzten ihn. "Nur in der Wahrheit können wir uns dem Gott der +Wahrheit nähern! Adieu." Der Doktor kam ihm nach: "Du glaubst also, +wenn Du Andersen jetzt sagst, daß das Bein abgenommen ist, so kann ihn +Gott erretten?" + +"Ja!" antwortete der Pastor ärgerlich, ohne sich umzuwenden. + +Kallem wagte unter diesen Umständen nicht, zu verreisen. Er schrieb +ausführlich an Ragni und versprach, zu kommen, sobald er könne. + +Am nächsten Morgen fand er alles in gewünschter Ordnung, betonte aber +wieder, der Kranke müsse völlig still auf dem Rücken liegen, dürfe auch +nicht so viel sprechen. Am Nachmittag verlangte Andersen das heilige +Abendmahl, doch die Pflegerin entgegnete, er könne keine Gemütsbewegung +vertragen. "Ich will meinen Bund mit Gott erneuern!" gab Andersen +zurück. + +Das wagten sie ihm nicht abzuschlagen; aber sie wagten es auch nicht +zuzulassen, ohne vorher den Doktor zu fragen, und dieser war am +Vormittag an ein Wochenbett gerufen worden. Die Krankenschwester beriet +sich also mit dem Hausmeister, der von altersher allmächtig war im +Hause. Auch ihm gegenüber wiederholte Andersen seinen Wunsch aufs +bestimmteste, und der Hausmeister glaubte, man müsse ihm willfahren; er +wolle die Verantwortung auf sich nehmen. Eine Weile darauf war der +Pastor bei ihm in der Portierstube, um den Wein anzuwärmen; das Wetter +war umgeschlagen, und es war ein bitterkalter Abend. Dann gingen die +beiden hinauf. Andersen freute sich, als er hörte, wer kam. "Das wußt' +ich!" sagte er. + +Der Pastor fragte, ob er einen besonderen Wunsch habe. + +"Jawohl." + +Die ändern gingen hinaus. Jetzt erzählte Andersen, daß er in seiner +Kindheit einmal einem Jungen ein Bein gestellt habe mit eben dem Fuß, +der jetzt krank sei. Gott werde ihn doch nicht etwa dafür jetzt strafen +wollen? "Nein, nein!" -- Er sei nun aber einmal auf den Gedanken +gekommen, und fühle das Bedürfnis, das heilige Abendmahl zu nehmen. -- +Weiter liege nichts Besonderes vor? -- Nein. -- Der Pastor bat ihn, sich +zu sammeln; sie wollten miteinander beten. Andersen schwieg und sie +beteten. Nach dem Gebet erteilte ihm der Pastor die Vergebung der Sünden +und wollte ihm das Brot und den Wein reichen. -- "Nein, warten Sie noch +ein bißchen! Vergebung der Sünde habe ich nun; jetzt ist die Tafel +blank. Jetzt schreiben wir den Fuß darauf, damit man's im Himmel lesen +kann. Ich fühle mich so froh, so von Herzen froh!" + +"Der ganze Mensch ist mit in den Bund einbegriffen, lieber Andersen." -- +"Ja, aber diesmal verspricht unser Herrgott meiner Frau und meinen +Kindern, daß mein Fuß wieder gesund wird. Jetzt kommen Sie!" Und er +streckte die erfrorenen Hände aus. + +Dem Pastor trat der Schweiß auf die Stirn. "Das kann ich nicht!" +flüsterte er, völlig ohne Bewußtsein dessen, was er sagte. + +Andersens Lippen bebten, die umwickelten Hände tasteten umher; er wollte +sich damit in die Augen fahren, stieß jedoch auf den Verband. "Wir +können nicht in Gottes Ratschluß eindringen!" sagte der Pastor. +"Gesetzt, -- das, was wir wollen, wäre unmöglich?" War es ein Etwas in +des Pastors Stimme, oder war es der Widerstand an sich, was Andersen +mißtrauisch machte? + +Ohne zu antworten riß er sich den Verband von den Augen, richtete sich +auf, ganz rasch, warf die Decke zur Seite und fiel wieder auf das Kassen +zurück. Er faßte nach seiner Brust, schrie, er müsse ersticken, und fing +an zu keuchen und zu röcheln; ein Blutstropfen war in die Lunge +gedrungen. + +Der Pastor hatte das, was er in Händen hielt, weggestellt und eilte nach +der Tür, vor der der Hausmeister und die andern warteten; sie rannten zu +Doktor Arentz und Doktor Kent; aber noch eh einer von ihnen kam, war +Kallem zurück. Der Pastor war schon fort. In der Nacht starb Andersen. + + +6 + +Der Hausmeister war der erste, der es büßen mußte. Noch am selben Tag +mußte er aus dem Hause. + +Sodann ging Kallem hinunter zu Andersens Witwe. "Sie sind eine +außergewöhnlich tüchtige Frau. Wenn Sie wollen, können Sie den +Hausmeister- und Verwalterposten am Krankenhaus haben. Greifen Sie zu, +packen Sie gleich morgen Ihre Sachen zusammen und ziehen Sie mit den +Kindern hinauf. Dann denken Sie weniger an Ihren Kummer! Haben Sie ein +gutes Dienstmädchen?" -- "Ja." -- "Nehmen Sie die mit. Mehr ist nicht +nötig. Alles andere finden Sie dort oben, und die Schwestern werden +Ihnen helfen." + +Die Oberschwester erhielt eine scharfe Zurechtweisung; aber dabei ließ +es Kallem bewenden. Ihr Versehen konnte sie am besten dadurch wieder gut +machen, daß sie Mutter Andersen nach besten Kräften unterstützte. + +Den Pastor suchte er nicht auf; ebensowenig der Pastor ihn. Von andern +hörte er, daß er erkrankt sei, und fand es auch ganz erklärlich. +Josefine begegnete Kallem ein paar Tage später auf der Straße; sie tat, +als sähe sie ihn nicht. + +Wie dieser Vorfall wirkte, ist gar nicht zu beschreiben. Die ganze Stadt +geriet in Aufruhr. War es nicht etwas Seltsames um den Glauben, wenn +sogar der Glaube an eine Lüge einen Menschen vom sichern Tod hätte +retten können? + +Der Hausmeister und seine große Familie fielen natürlich dem Pastor und +seiner Frau zur Last. Josefine mußte Geld herausrücken zu einer +Buchhandlung -- und zwar weit mehr, als ihr lieb war. + +An diesem Mann hatte Kallem seitdem einen treuen und aufrichtigen Feind. +-- + +Unmittelbar darauf fuhr Kallem nach dem Walddorf hinauf. Er meldete sich +nicht an; er kam abends bei Mondschein vom Bahnhof her auf dem Gut +angefahren, just als der Gutshof und die Landstraße draußen von +angespannten Schlitten, vollen und leeren, wimmelten. Alt und jung +wollte eine Schlittenpartie machen; von hier sollte die Fahrt ausgehen, +und hierher wollte man am Schluß zurückkehren und noch tanzen. + +Man beachtete den Ankömmling nicht weiter; man glaubte, er gehöre zur +Gesellschaft. Erst als er im Flur stand, wo die Hausbewohner und Gäste +sich eben anzogen, bemerkten einige, daß er fremd war; aber sie dachten +nicht weiter darüber nach; es trotteten ja so viele pelzvermummte +Gestalten aus und ein. Ragni hatte gerade ihren Pelz angezogen, als sie +sich von rückwärts her umschlungen fühlte. Sie stieß einen Schrei aus +und sah auf. Nein, war das eine Freude! Karl, der abseits in einer Ecke +stand und sich gerade in seine Pelzstiefel hineinquälte, zog sie, ohne +ein Wort zu sagen, wieder aus, ebenso Mantel und Mütze, schmiß die Beine +in die Luft und lief Kallem auf den Händen entgegen; jetzt war die Kunst +erlernt! Der Vater mit seinem mächtigen Haar und schwermütigen Gesicht +stand daneben; er stellte Kallem seiner Frau vor, einem blassen, stillen +Geschöpf; sie sprach den Dialekt der Gegend und hatte eine zarte Stimme +-- das war so ziemlich alles, was Kallem bemerkte. Es blieb ihm zu +nichts anderem Zeit; er mußte einfach mitfahren. + +Pferdegewieher und laute Rufe, Gekreisch und Gelächter, bis die Meldung +kam, auf der ganzen Linie sei alles bereit; der erste Schlitten mit +einer Dame und einem Pelzmann hintenauf, sauste davon; und ihm nach +Schlitten auf Schlitten, breite und schmale, einspännige und +zweispännige. Eine lange, wellenförmige Schnur mit grauschwarzen Knoten +-- im Mondschein -- über das Schneefeld, dem Wald zu, in dem es bald +zwischen den Stämmen widerhallte von Schellen, Hundegebell, Lachen und +Geschwätz. Einige fingen zu singen an, andere fielen ein; aber es war +unmöglich, Takt zu halten; zusammen stimmte es nie. Kallem saß mit +seiner Frau in einem Breitschlitten; sie sah so reizend aus in ihrem +vielen Pelzwerk, daß er nicht anders konnte -- er mußte ihr ab und zu +einen Kuß geben. Eine schwierige Aufgabe! Ach, und was sie alles erlebt +hatte! Während er ihr zuhörte, wurde ihm klar, daß sie erst jetzt ihre +Jugend erlebte! Nie hatte er etwas so Fröhliches gesehen! Nie hatte er +gewußt, daß sie diesen Drang nach Freude in sich trug! Derselbe Gedanke +kam ihm, später am Abend, als alles tanzte, spielte, lachte, schwatzte, +tollte, aß: sie holte die Fröhlichkeit vieler Jahre nach. Ob ein dicker +Waldbesitzer ihre zarte Gestalt umfaßt hielt und sie dahintrug, daß sie +kaum mit den äußersten Zehenspitzen den Boden berührte; ob sie sich eins +der Kinder geholt hatte und mit dem loswalzte, oder ob Karl oder +irgendein anderer Gymnasiast oder Student sie links herumschwenkte wie +einen Kreisel -- immer dasselbe strahlende Gesicht, derselbe heilige +Eifer. Tanz und Spiel gingen in einer Eckstube vor sich, die die ganze +Breite des Hauses einnahm; aber oft flutete der Tanz auch in die anderen +Zimmer, sogar bis in die Küche auf der andern Seite des Hauses hinüber. +Die Küchentür stand offen. Ein paar ältere Herren versuchten, in einer +Ecke ein Spielchen zu machen; aber sie mußten es aufgeben. In einemfort +wurden sie zum Tanz geholt. Alt und jung -- alles war gleich fröhlich. + +Am andern Morgen um elf Uhr schlief Ragni noch, und als sie gegen Mittag +hinunterkam, ein bißchen müde und taumelig und sehr verwundert, daß sie +gar nicht gehört hatte, wie Kallem aufgestanden war, erfuhr sie, daß er +abgereist sei. Ein Telegramm von Kent, dem es wieder schlechter ging, +hatte ihn heimgerufen. Ein kurzer Brief, den er beim Frühstück noch +hingekritzelt hatte, tröstete sie ein bißchen. Er schrieb, er habe sie +nach der durchtollten Nacht nicht wecken, noch weniger sie mitnehmen +mögen; aber eine größere Freude habe er noch nie erlebt, als sie so +fröhlich zu sehen. + +Das erste, was Kallem bei seiner Rückkehr vorfand, war eine +Balleinladung vom "Verein". Die wollte er annehmen. Die Einladung war +von der Hand seiner Schwester geschrieben (sie war im Vorstand) und +lautete auf "Doktor Kallem und Frau". Sieh mal an! + +Ob er an Ragni telegraphierte? Nein, er ließ sie lieber, wo sie war; +besser konnte sie es ja nicht haben. + +Indessen kam er selber in eine recht ernste Sache hinein. Sein erster +Krankenbesuch noch am selben Abend galt einer armen Mutter mit vielen +Kindern, Sissel Aune, einer Waschfrau unten in der Stadt, die an einer +Lungenentzündung darniederlag. Hauptsächlich um ihretwillen hatte Kent +telegraphiert. Der siebente Tag war ohne Krisis hingegangen, und wenn +nun die kommende Nacht halb vorüber war, so war auch der neunte Tag +vorbei. Würde sie ihn überleben? Der obere und der untere Lungenflügel +waren angegriffen, das Herz begann auszusetzen, der Puls war sehr +schwach -- dazu noch andere schlimme Zeichen -- sollte er dem Herzen in +dem letzten Kampf mit Atropin nachhelfen? In einem solchen Fall war das +Mittel noch nicht erprobt; aber immerhin -- rationell war es. Wo er ging +und stand, was er auch vornahm -- überall verfolgte ihn diese Frage. Die +fünf Kinder der Kranken waren bei Sören Pedersen und Aase untergebracht; +in solchen Fällen waren die Zwei unbezahlbar. + +Als er zum zweitenmal hinging, blieb er gleich da; es war ein Ringkampf +-- Aug' in Auge mit dem Tod. + +Eine kleine, sehr saubere Stube mit drei Betten. Im Fenster ein +kümmerlicher Geraniumstock, und an der Wand ein Bild von König Karl XV. +zu Pferd -- unter Glas und Rahmen --, ein paar mit Stecknadeln +befestigte Photographien und eine Geige mit drei Saiten, die vierte hing +herab. Die dalag, war dereinst eine schöne Frau gewesen, war sicher auch +jetzt noch stark und kernig, wenn sie wieder gesund wurde. Jetzt lag sie +da, abgemagert bis auf die Knochen, die zerschundenen Arbeitshände auf +einer zerlumpten Decke. Aber der Mann, der neben ihr saß, der war nicht +stark, wie sie -- ach nein -- der war ein rechter Schwächling! Ein gutes +Gesicht, und verwandt mit der Geige an der Wand insofern, als +vielleicht auch in ihm eine Saite gesprungen war, bis die dort an der +Wand so verwahrloste. Müde, abgezehrt von Nachtwachen saß er da -- +allein --, nicht weil die Nachbarn ihm nicht geholfen hätten, sondern +weil die Hilfe, die zuletzt am Bett gesessen hatte, eben ausruhte, bis +das Schwerste beginnen würde. Es hatte Kallem gerührt, zu sehen, wie die +Nachbarn zu beiden Seiten des Hauses Wache standen; sie wollten +verhindern, daß allzu fröhliche Weihnachtsgäste hier vorbeizögen; nachts +lösten sich die Wachen ab. Er hörte das von der Frau, die gegen elf Uhr +wiederkam, um zu helfen. Es war nicht viel zu tun -- außer für den +Doktor, und der wußte nicht, ob er wagen dürfe, etwas zu tun. + +Zuerst machte er eine Einspritzung von ein Drittel Milligramm; darnach +wurde der Puls kräftiger. Kallem faßte Hoffnung, wagte aber nicht, sie +den flehenden Augen des Mannes zu übermitteln. Sie konnte trügen. Ein +paar Stunden lang hielt sich der Puls; dann sank er wieder. Wieder eine +Dosis; und wieder hob er sich. In größter Spannung saß er da und +beobachtete. Er hatte sich ein Buch mitgebracht, versuchte es, unter die +Lampe zu halten, brachte auch dann und wann einmal Sinn in einen Satz, +vergaß ihn aber sofort wieder. Gesprochen wurde gar nichts, nur gestöhnt +und geseufzt. Der letzte Ruf aus der Ferne, das letzte Schellengeläute +war längst verklungen, die letzte Tür geschlossen -- die Nacht leer und +grau. Fünf Kinder -- das älteste zehn Jahre -- konnten in jeder Sekunde +ihre Versorgerin verlieren; und der Mann, der dort saß und bald nickte, +bald sich über die Knie strich, bald die Ellbogen darauf legte und die +Hände faltete -- und von der Frau hinüberstierte zum Arzt -- auch der +verlor seine Versorgerin. + +Sowie der Puls nachließ, eine neue Dosis; und immer wurde er wieder +kräftiger; es schien also wirklich richtig, was er tat. Aber die Krise +wollte nicht eintreten; es war Mitternacht vorüber, der neunte Tag war +-- demnach, was die Leute sagten -- abgelaufen -- und noch immer +derselbe aufreibende Kampf. Kallem stand auf, zwischen Furcht und +Hoffnung schwankend, nahm sein Buch, hielt es gegen das Licht, legte es +wieder weg, und ging wieder ans Bett, um zu messen. Ja -- jetzt war es +bald zu Ende mit den Kräften. Der Mann sah es ihm an und kämpfte, um +nicht laut aufzuweinen. Der Doktor gebot ihm Schweigen. Wieder ein +Versuch; und bald darauf schlief sie ein. War es denn wirklich Schlaf? +Die andern sahen ihn an und er sie. Er ging auf ein Weilchen vom Bett +weg, um mit frischen Sinnen aufs neue zu horchen. Sie schlief! Einen +ruhigen, echten Schlaf! Er wandte sich dem Manne zu, der es seinem +Gesicht ablas; und ein Widerschein vom Licht des Lebens sprang von des +Arztes Gesicht über auf seines. Der Mann stand auf -- wieder krampfte +alles in ihm sich zusammen -- gleich würde es ausbrechen. "Gehen Sie zu +Bett!" flüsterte der Doktor. Der Mann warf sich über eins der drei +Betten, preßte das Gesicht in die Kissen, -- und jetzt brach es los. + +Flüsternd erteilte Kallem der Frau, die am Kochherd saß und sich jetzt +erhob, seine Anweisungen. Er versprach, am Vormittag wiederzukommen. Sie +half ihm in seinen Mantel; leise öffnete er die Tür und zog sie hinter +sich zu. Aus dem trüben Wetter war starker Schneefall geworden; nirgends +Licht, in keinem Fenster, nur das eine, das über dem neuentzündeten +Lebensfunken wachte. Kallem konnte es sich nicht versagen, als er am +Sattlerladen vorbeikam, anzuklopfen; aber die da drinnen schliefen fest. +Er klopfte noch einmal; denn er wußte ganz sicher -- die beiden hatten +ihr Bett und ihre kleine warme Stube den Kindern überlassen und +übernachteten selber im Laden. So war es auch! "Wer ist da?" fragte +Sören Pedersens fünische Stimme. "Sagen Sie den Kindern, wenn sie +aufwachen, daß ihre Mutter wieder gesund wird." -- "Das ist aber ein +Segen!" antwortete der Füne, und hinter ihm hörte man Aases +hochländisches: "Ach nee -- ist's denn die Möglichkeit?" -- "Kommt +morgen mit den Kindern zum Mittagessen zu mir!" rief Kallem. + + +7 + +Die ganze Nacht und den ganzen Tag ein unglaublicher Schneefall, und +gegen Abend Sturm, der den frischgefallenen Schnee zu großen Wehen +zusammenfegte. Der Sturm ging vorüber, doch der Schneefall dauerte mit +ungeschwächter Kraft fort. Alles vom Lande, was auf den Ball wollte, +mußte bis zur Stadt mit dem Schneepflug fahren; in der Stadt selber ging +er heut schon zum zweitenmal. Zum Ball! Zum Ball! Der erste große +Weihnachtsball! + +Zum Ball! Zum Ball! In den größeren Städten, wo der Tanz ein Geschäft +ist, das die Jugend abwechselnd in den verschiedenen Vereinen und +Familien betreibt, hat man keine Vorstellung davon, was in der +Kleinstadt alles von der Aussicht auf den ersten Weihnachtsball +aufgewirbelt wird, besonders auch unter der ländlichen Jugend, die mit +dicken Pelzen über dem Ballstaat zur Stadt fährt. Aber wie der +Schneepflug gutmütig den überflüssigen Schnee beiseite fegt, so fegt die +bestehende Sitte, die natürliche Schüchternheit mehr als die Hälfte von +dem weg, was man sich zusammenphantasiert hat. Und was zusammenkommt, +ist eine sittsame, ehrbare Gesellschaft, die sich anfangs gegenseitig +kaum zu kennen scheint. + +Kallem lag auf dem Sofa. Er war in bester Stimmung. Die prächtige Sissel +Aune erholte sich; der Mann war heute ganz berauscht von Lebenslust und +Branntwein, den die Nachbarn ihm eingegossen hatten. Die Kinder waren +zum Mittagessen dagewesen, obgleich das Mädchen keineswegs davon erbaut +war; in solchen Sachen war sie genau wie Ragni; die beiden waren sich +überhaupt ähnlich. + +Die Kinder von Sissel Aune waren nicht ganz so verlegen gewesen, wie die +von Maurer Andersen, die auch dabei waren. Kallem hatte ihnen schlecht +Klavier vorgespielt und war ihnen prachtvoll auf den Händen vorgelaufen, +und der Sattler hatte unaufhörlich von Maurer Andersens Tod geredet: +Maurer Andersen sei an der Wahrheit gestorben. "Und es gibt gerade +genug, die von der Lüge leben, daß es wirklich einmal nottut, daß einer +an der Wahrheit stirbt" -- und ähnliches Gewäsch, das Aase höchst +bedeutend fand. + +Ein langer, strahlend vergnügter Brief von Ragni lag auf Kallems Bauch. +Er hatte ihn schon zum zweitenmal gelesen. Karl hatte einen Bericht über +ihr Befinden seit des Doktors Abreise beigelegt; ganz witzig -- +namentlich eine Beschreibung ihrer ersten Skitour (die auch ihre letzte +war). Er hatte ihre tiefinnerlichste Feigheit gut gezeichnet. + +Und jetzt mußte er also auf einen Ball, an dessen Spitze eine +Pastorsfrau stand. Sie und ihre fesche Freundin, Frau Lilli Bing! Ob +Josefine das wohl gegen den Willen ihres Mannes tat? Es war übrigens ein +öffentliches Geheimnis; Lilli Bing hatte es ihm verraten. Die Pastorin +war die gefeiertste Tänzerin der Stadt. Die Herren wetteiferten +miteinander, nur um im Kotillon einmal mit ihr herumtanzen zu dürfen. Er +sah sie vor sich -- hochgewachsen, mit bloßem Hals, dunkeläugig, glühend +vom Tanz. Ja, er wollte mit ihr tanzen! Er sehnte sich nach ihr -- er +verhehlte es sich nicht. Ragnis Brief legte er beiseite, ebenso den von +Karl und das Buch, in dem er gelesen hatte; dann stand er auf, schraubte +die Lampe nieder, sagte dem Mädchen Bescheid und ging hinauf, um sich +umzukleiden! + +Merkwürdig, wie das schneite! Nicht in Flocken, sondern in großen +Fetzen, die einander jagten. Wäre es nicht windstill gewesen, man hätte +überhaupt nicht den Weg gefunden. Die Laternen verdrossen; kaum daß ihr +Schein über den Lichtkern hinausreichte; ringsum kein Laut. Der Regen +hat Klang und Landschaft; der Schnee verdeckt alles; nie ist der Mensch +so einsam, wie im Schnee. Nicht einmal einen Zaun hatte Kallem zur +Begleitung; kein Stein am Weg, der ihn begrüßt hätte; kein Baum im +Garten beugte sich vor ihm; er sah sie überhaupt nicht mehr; sie waren +weg -- eingehüllt -- fort. Die Kirche stand noch da; aber umgewandelt +in einen weißen Steinhaufen, mit einem weißen Stab darüber. Er und die +Kirche -- die Kirche und er; und sonst nichts! Die Häuser unten in der +Straße wichen zurück; sie spielten Versteckens -- mit ausgestreckten +Pranken; die Pranken waren einmal Treppen gewesen. Und unten am +Strandweg lagen ein paar umgestürzte Boote; sie sahen aus wie weiße +Elefanten, die schliefen. Die Bucht ein Schneemeer; sonderbar -- die +Insel hatte sich losgerissen und war davongeschwommen; man sah sie +nirgends mehr. Nach dem Kalender war Vollmond; und es war nicht ganz +finster; obgleich auch der Mond weggeschneit war aus dieser +verwunschenen Welt. + +Kallem stapfte vorwärts wie ein umgestülpter Zuckerhut. Er und der +Schnee, der fiel -- das war das einzige, was sich regte. Nicht einmal +aus dem Häuschen glommen Feueraugen, obgleich es kaum zehn Uhr war. +Erloschen und zugeschlossen und zugeschneit. Nur die verdrossenen +Lichtkerne in den Laternen bezeugten, daß hier zu Zeiten eine lebendige +Stadt war. + +Jetzt hörte er eine Klarinette dudeln und einen Baß rumpeln -- Fuchs und +Eisbär, die irgendwo miteinander hopsten. Es trippelte und es humpelte, +die Schneeflocken rieselten herab, und die Häuser standen und +faulenzten. + +Endlich war er so weit gekommen, daß er inmitten eines qualmigen +Feuernebels ein großes Haus erblickte; da drin war's -- da dudelte es +und stampfte. Und er steuerte drauf los. + +War er fehlgegangen? Er platzte in eine Art Kneipe oder etwas ähnliches +-- mitten in Tabaksqualm, Punschdampf und Speisendunst hinein. Dort sah +er ein paar dicke Herren wie Schweine in ihrem Fett hocken. Sie waren +nicht im Ballanzug; wohl aber die andern, die eben hereinkamen. Und als +er sich endlich zur richtigen Treppe durchgefunden hatte, begegneten ihm +noch mehrere Herren im Frack, die an ihm vorbeistürmten, dem Tabak und +dem Punsch zu. Kallem haßte und verachtete Tabak und Punsch und +Wirtshausleben, und vor allem die Herren, die nicht tanzen konnten, ohne +sich zu "stärken". + +Man sollte nie zu spät auf einen Ball kommen. Er sah auf die Uhr -- es +war elf und nicht erst zehn, wie er geglaubt hatte -- entweder war er zu +spät nach Hause gekommen, oder er hatte zu lange gelesen. Ein paar +glühende, schwitzende junge Leute, die eben aus dem Qualm auftauchten -- +jedesmal, wenn die Tür aufging, drang ein qualmiger Nebel heraus -- +begrüßten ihn und bestätigten dadurch sein Kommen; so ging er denn +mechanisch weiter und zog seinen Überzieher aus. Im Flur noch weitere +solcher überhitzten, schwitzenden Menschen. Der eine schien nur +hinunterzulaufen, weil der andere lief; nichtssagende Worte -- unstete +Augen -- ihr Lachen wie hohle Trommelwirbel. Auch Damen kamen, immer +drei oder vier zusammen, wie aufgeblühte Rosen sahen sie aus; sie +lachten -- über nichts, schwatzten -- von nichts, stets auf dem Sprung, +daß man sie wieder in Musik und Geplapper hineinführen sollte. Die Musik +schrill, die Gasflammen in einem Flor von Qualm, die Kronleuchter in +gelbrotem Dunst. + +Ein überfüllter Ballsaal; man hatte Mühe, sich durch die vielen +Kavaliere hindurchzuwinden, die müßig, in Klumpen zusammengedrängt, an +der Tür herumstanden. Eine Mischung von fein und grob -- eine echt +norwegische Mischung. + +Es wurde gerade der Walzer im Kotillon getanzt. Kallems Brillengläser +waren jetzt wieder trocken, und bei seiner Länge sah er bald, daß seine +Schwester nicht unter den Tanzenden, augenscheinlich überhaupt nicht im +Saal war. Doch er vergaß sie; denn der Anblick hier war in gewisser Art +neu für ihn; er kannte von Norwegen nur die Westküste und Kristiania. +Ein Ball in einer kleinen norwegischen Binnenstadt ist etwas ganz +Eigenartiges. Damen und Herren, die einem eleganten Pariser Ball Ehre +machen würden, gleiten leicht dahin zwischen jungen Menschen, die einen +schweren Alltagsschritt, die niemals die Kunst des Tanzes erlernt haben, +sondern ehrlich und unverdrossen wie Taglöhner, den Takt treten. Herren +im Gehrock, Herren im Frack, Damen in ausgeschnittener Balltoilette, +Damen in biederen, dunkeln, hohen Kleidern, manche älter, manche +blutjung, und jeder auf seine Weise und für sich vergnügt. + +Von dem Augenblick an, als Kallem das Pech hatte, in die Restauration +zu geraten oder vielmehr nur in ihre Nähe -- mit ihrem Punschgeruch +und Tabaksqualm, die er haßte, war er übellaunig und verdrossen +gewesen. Aber hier im Ballsaal, angesichts so viel genußfroher +Selbstverständlichkeit verzog sich das. Da walzten zwei vorüber -- er im +Frack, sie im dunkeln Wollkleid, wie mit einem Schloß zugeschlossen; sie +hielten sich so treulich umschlungen, machten keine Pause, drehten sich +nur unablässig, ernsthaft und bedächtig. Dort streifte ein langer, +blonder Bursch in kurzer Jacke, wahrscheinlich ein junger Seemann, der +zu Weihnachten nach Hause gekommen war, an ihnen vorbei; er tanzte mit +einer Frau von mindestens vierzig Jahren, -- zweifellos seine eigene +Mutter; wenn die nicht so aussah, als könne sie noch eine tüchtige +Marssegelkühlte bestehen! Dort ein bekannter Eisenbahnbeamter, das +Gesicht in die Höhe gewandt, ein dünnes Kerlchen im schwarzen Frack, das +unter fortwährenden Körperverrenkungen herumhüpfte; trat er auf den +rechten Fuß, so neigte er sich nach rechts -- trat er auf den linken +Fuß, beugte er sich nach links -- immer ganz gewissenhaft im Takt, und +dabei so vergnügt, so lokomotivenpfeifenvergnügt! Seine Tänzerin lachte +nur immerzu, aber gar nicht etwa verlegen, im Gegenteil -- sie amüsierte +sich! Und sie tanzten und tanzten, und wenn sie sich eben erst gesetzt +hatten, standen sie auch schon wieder auf. Da fegte ein junger Kaufmann +vorüber, und dicht hinterdrein ein junger Offizier, beide tadellos, mit +frischen, jungen ballmäßig gekleideten Tänzerinnen; darnach ein ganz +verrückter Kerl mit einer hohen Haartolle und einem großen, schwarzen +Frauenzimmer. Sie rasten durch die Mitte des langen Ballsaals hin und +zurück, daß alles erschrak und auswich wie vor Pferden. Da wirbelte ein +Turm vorbei -- ein dicker, hoher, runder Turm, mit einer kleinen, +schmächtigen Dame, die an ihm lehnte wie eine Leiter. Nach oben zu +rührte sich der Turm überhaupt nicht; er drehte sich nur; hätte man ihm +einen Teller Suppe auf den Kopf gesetzt, es wäre auch kein Tropfen +übergeschwappt. Da kamen zwei, die die Hände von sich streckten wie +Segel, zwei große Menschen, die Platz für drei normale Paare wegnahmen. +Aber es schien althergebrachtes Ballgesetz zu sein, daß jeder Recht +hatte auf soviel Platz, wie ihm paßte, auf soviel Gerase und Getolle, +wie ihm beliebte, überhaupt das Recht, ganz nach seiner eigenen Fasson +selig zu sein! Hier tanzte jeder einfach für sich, und keiner, um zu +tanzen, sondern alle, um sich zu amüsieren. + +Aber -- Donnerwetter -- da kamen zwei, die konnten tanzen! Sie kamen +aus einem Nebenzimmer -- ein flotter, bartloser Kavallerieleutnant und +eine hohe, ... Josefine! Sie war in roter Seide, mit Schwarz; der feste +Hals, die gedrechselten Arme in ihrer warmen Farbe -- das üppige Haar, +in den gewohnten Knoten gebunden -- die wilden Augen -- ja, wild waren +sie! --und die Figur! Ja, sie war die Ballkönigin! Wie sie tanzte! +Jetzt sah man erst die ganze Kraft und Geschmeidigkeit ihres Körpers! +Und jetzt blitzte das irische Blut auf! Das war sie! Der Bruder drängte +sich weiter vor; es war, als versage ihm der Atem. Ihm war, als ob +alles nur auf diese beiden starrte, die sich bald rechts-, bald +linksherumschwenkten, bald auf einem Fleck wirbelnd, bald den ganzen +Saal umkreisend. Kein neues Paar kam hinzu; alle schauten und schauten, +und nach und nach hielten die meisten der Tänzer inne; sie wollten +zusehen. Der Kavallerist hatte nur den einen Fehler, daß er nicht größer +war als seine Dame; aber er war ein kraftvoller, männlicher Kerl, der +vorzüglich führte. Der Tanz war diesen beiden kerngesunden Menschen +Leidenschaft und Rausch; das sah man. Und wie ein Rausch wirkte es +auch. Kallem konnte nicht widerstehen; auch er mußte tanzen -- und zwar +mit ihr -- und auf der Stelle! Als sie das nächstemal in einem +glänzenden Bogen vorbeikamen, sah er sie an -- sah sie so an, daß er +wußte, sie _mußte_ dahin blicken, wo er stand. Und so war es auch. Als +ob jemand sie umfaßt und zum Stehen gebracht hätte, stand sie still. +"Vielen Dank!" sagte sie zu ihrem Herrn. Und schon war auch der Bruder +an ihrer Seite; ebenso schnell aber auch ihre Freundin Lilli Bing. +"Komm, setz' Dich zu mir!" sagte sie, und gleich darauf, zu Kallem +gewandt: "Wie nett von Ihnen, daß Sie gekommen sind!" -- "Ich habe zu +danken -- für die Einladung!" erwiderte er sich an beide wendend. "Aber +ich hab' eine solche Lust, mit Dir zu tanzen, Josefine --" er zog seine +Handschuhe an -- "Sie gestatten?" Und er verbeugte sich vor dem +Leutnant, der sich höflich wieder verbeugte. "Hast Du auch Lust?" wandte +er sich zu Josefine. Sie war vom raschen Tanzen außer Atem; aber ihre +dunkeln Augen strahlten. "Ja!" antwortete sie leise. Der Saal hatte sich +inzwischen wieder mit Tänzern gefüllt; deshalb warteten sie ein +Weilchen. Aber als das Gedränge nicht abnehmen wollte, umfaßte er sie, +um zu beginnen. "Es geht nicht!" flüsterte sie. "Doch es geht!" sagte er +und schwenkte sie an den andern vorüber, ohne anzustoßen, ohne sich +aufhalten zu lassen; wurde es gefährlich, so trug er sie mehr, als daß +er sie führte. Aber bald merkte er, wie unnötig das war; sie bog sich +und schmiegte sich in seinem Arm dem leisesten Druck. Sie waren sich +nicht so gleich, daß es "klebrig" wirkte, und doch auch nicht so +ungleich, daß es abstieß; sie wurden sich gegenseitig interessant und +genossen diesen Augenblick der Versöhnung vor neuem Kampf. Ab und zu +sahen sie einander an, immer gleichzeitig -- er sehr rot, sie sehr +bleich. + +Jetzt strahlten die Lampen hell, die Musik war heiter, die Menschen +fröhlich und natürlich, der Ballsaal prächtig! Sie hatten nicht +miteinander getanzt, seit er Balllöwe und sie ein unausstehlicher +Backfisch war, mit dem er aus Gnade ein paarmal herumwalzte. Aber in +Haltung, Rhythmus, in ihrer ganzen Art zu tanzen waren sie wie +aufeinander eingespielt; sie tanzten so leicht -- sie waren glücklich. +Während sie sich umfangen hielten, konnten sich ihre Gedanken nicht +voneinander lösen; sie hatten sich ineinander verschlungen. Sie gehörten +zueinander in starkem Naturzusammenhang, nun sie bis auf den Urgrund der +Natur gedrungen waren. Und weil das, was sie gemeinsam erlebt hatten, +eigentlich in ihrer Kindheit lag, in einem fernen Land, so flüchteten +sie beide dorthin. In die brennendheiße Luft, Seite an Seite auf ihren +kleinen Ponys, zwischen ihnen der wunderliche Vater; er war so schön zu +Pferde! + +Der Bruder, der die Schwester überragte, blickte hinab auf ihre breite +Kopfform; daran erkannte er den Vater wieder. Sie dachte ebenfalls an +den Vater, während sie in sein scharfgeschnittenes Gesicht emporblickte; +und trotzdem ähnelte er der Mutter, mehr als sie. Sie erkannte im Bruder +das Gütige und Kluge der Mutter, wenn auch die Gewitterzüge des Vaters +dazwischen kreuzten. Sie hätte sich an ihn schmiegen mögen wie an ihre +Mutter, in dem Gefühl tiefster Geborgenheit -- wie an jenem letzten +Abend in ihrer Fjordstadt. Und eine größere Sehnsucht kannte sie nicht +auf Erden. + +Da hörte die Musik auf. + +Arm in Arm gingen sie zu dem Platz zurück, den Lilli ihr angeboten hatte +-- voll Wärme und Dankbarkeit. Sie trafen dort Lilli und den +Kavallerieleutnant -- sie in ihrer Üppigkeit ganz außer Rand und Band, +er, wie immer, korrekt und ehrerbietig. + +Bald darauf war Kallem in Überzieher und Seehundsstiefeln, die Hände +tief in die weiten Taschen vergraben, wieder draußen im Schneegestöber. + +Entweder hätten die beiden Geschwister jetzt allein sein müssen, oder er +mußte gehen. Es hatte ihn zu gewaltig gepackt. Er hatte sie unendlich +lieb, und sie ihn vielleicht noch mehr. In solchen Augenblicken -- wenn +ihr Wesen sich ganz mit dem seinen verschmolz, da formte es sich so, wie +es wollte und konnte; für gewöhnlich hielt etwas sie gebunden; das +Christentum war es kaum -- was aber war es? Sie tat alles, was sie +wollte, bis zur Rücksichtslosigkeit; und dennoch war sie gebundener als +die meisten. + +Es schneite und schneite; die Luft war mondhell, trotzdem man den Mond +nicht sah. Und vor sich in der Luft sah er seine Schwester, barhaupt, +mit nackten Armen, mit Glutaugen, und in der Ferne Musik! + +Als er aber in sein weißes Schlafzimmer trat, in dem das aufmerksame +Mädchen eingeheizt hatte, da sah er die droben im Walddorf tanzen -- +Ragni, getragen von einem dicken Waldbesitzer, daß sie den Boden kaum +mit den äußersten Zehenspitzen berührte; -- sie wirbelte mit den kleinen +Kindern im Kreis herum, sie hüpfte mit dem "Birkhahn" oder einem +schneidigen Jungen aus der Hauptstadt davon; er sah ihre Glückseligkeit +nach jedem Tanz, er hörte ihr: "Nein, wie ich mich amüsiere, Edvard!" -- +und damit schlief er ein. + +Und am andern Tag -- er hatte eben sein einsames Mittagessen beendet und +war gewohnheitsmäßig in die Wohnstube gegangen -- denn da pflegte Ragni +ihm vorzuspielen -- da öffnete sich die Tür und -- er traute seinen +eigenen Augen kaum -- ja, wirklich, in dieser Pelzvermummung steckte +Ragni! Er rief sie herbei, so, wie sie war, weiß und rosig und mollig +und zärtlich -- und hob sie in die Höhe. + +"Ach nein," sagte sie, als sie ein Weilchen nachher friedlich +beisammensaßen -- "weißt Du, es war doch immer wieder dasselbe, und dann +-- ich hatte Sehnsucht." -- "Du hast eine schiefe Nase!" -- "Und Du -- +na, warte nur -- auf dem Ball bist Du gewesen!" -- "Du hast eine schiefe +Nase!" -- "Das sieht man fast gar nicht. Du, aber weißt Du -- Karl ist +gar nicht immer lieb. Das will ich Dir nur sagen!" -- "Karl?" -- "Gegen +mich, ja! Gegen mich ist er riesig nett -- man kann sich gar nicht +vorstellen, wie nett. Aber gegen meine Geschwister ist er ganz anders +-- heftig -- furchtbar heftig, und launisch, ein Starrkopf." -- "O, das +kann ich mir ganz gut denken." -- "Und weißt auch Du, warum ich +abgereist bin? Wir wollen einmal allein sein. Nicht? Wir haben ihn ja +immer um uns." --"Du lieber Gott -- hast Du _den_ nun _auch_ schon wieder +satt?" -- "Das hab' ich doch gar nicht gesagt; aber so immer um einen +-- -- -- das wird --" -- "Langweilig?" -- "Na ja, meinetwegen langweilig; +aber es ist so. Ich bin gräßlich, ich weiß! Du, und um noch was möcht' +ich Dich bitten; aber sei gut und sag' nicht gleich Ästhetiker!" -- +"Nun, und --?" -- "Sag' Kristen Larssen nicht, daß ich wieder da bin! +Bitte, bitte nicht! Wir wollen einmal ganz ungestört sein, ja?" -- "Aber +ich hab' eben jetzt ein paar Kinder, die -- --" -- "Nein, nein! Auch +keine Kinder! Ach nein!" Und sie fing zu weinen an. + +"Aber liebste, süßeste Ragni --!" -- "Ach Gott, ich weiß ja, es ist +schrecklich egoistisch; aber ich _kann_ ganz einfach nicht! Ich bin für so +was nicht geschaffen!" + +Eine Weile später sang der Flügel in seinen vollsten Akkorden die +Jubelhymne ihrer Heimkehr! Die Geister der Schönheit nahmen Besitz vom +Haus. Sie flogen aufs Dach, zu den Fenstern und Türen hinaus, ins +Schlafzimmer hinauf, in die Küche, ins Studierzimmer hinüber. Sie +sangen, sangen, sangen, daß die Tuberkelbazillen, die der Doktor eben +untersuchte, geradenwegs lostanzten auf das, was sie vernichten sollte; +sie sangen die Küchentür auf, daß der ganze Aufwaschtisch tanzte und der +Kaffeekessel überkochte; und das neue Kleid, das Sigrid zu Weihnachten +von Frau Doktor bekommen hatte, fix und fertig, mit Sammetbesatz und +Jakett, mit Schnüren und Quasten besetzt, hoch oben auf dem Dachboden, +zu alleroberst im ganzen Haus, auf Ballgedanken verfiel. + + +8 + +Tags darauf kam Kallem von Sissel Aune, der Waschfrau. Er hatte sich +über den Mann geärgert, der in übermäßiger Freude seine Geige hatte +herrichten lassen und jetzt bei allen möglichen Gelagen aufspielte und +sich volltrank. Er wollte mit ihm denselben Versuch machen wie mit Sören +Pedersen und Aase, und ging deshalb zu ihnen, um mit ihrer Hilfe dem +lyrischen Aune beizukommen. Aber er fand die "Gattin Aase" allein im +Laden, wo sie eben einem von Sissels Kindern auf einen Sattel half; vier +hatte sie bei sich im Laden, das fünfte lag daneben in der Stube. Sören +Pedersen sei nicht zu Hause, er sei bei Kristen Larssen, der krank sei. +Kristen Larssen? -- Ja, er habe fürchterliches Erbrechen gehabt, zuletzt +das reine Blut; aber dem Doktor wolle er nichts sagen. Kallem wollte +sofort zu ihm, aber erst wollte er noch einen kleinen Beitrag zum +Unterhalt der Kinder geben; das wurde jedoch nicht angenommen. Aase +hatte heute zwei Sättel und eine Sprungfedermatratze verkauft; eine +Nichte von ihr arbeitete jetzt mit in der Werkstatt; eine Frau, die +ebenfalls Aase hieß; um die zwei voneinander zu unterscheiden, nannte +Sören die Nichte: "Aases Aase". + +Kallem fand Kristen Larssen im Bett. In seinen langbehaarten Fingern +hielt er eine Arbeit; Sören Pedersen las ihm vor. In der Ecke zwischen +Fenster und Tisch, ganz eingeklemmt in einen Winkel, saß die Frau und +strickte; das Kopftuch hatte sie so tief hereingezogen, daß das Gesicht +ganz im Schatten lag. Eine entsetzlich schlechte Luft war in der Stube. +Als Kallem den Kranken sah, erschrak er; noch schmutzig-grauer, noch +hagerer als sonst sah er aus. "Haben Sie etwas Fettes gegessen in den +Weihnachtstagen?" -- "Hm ... Sülze haben wir gehabt." -- "Haben Sie +schon früher solche Anfälle gehabt?" -- "O ja ... ab und zu." -- "Aber +nicht so schlimm, wie diesmal!" sagte sie, und strickte. -- "Haben Sie +Schmerzen jetzt?" -- "Jetzt nicht. Aber manchmal ..." -- "Unter der +Brust und im Magen?" --"Ja." -- "Und die Schmerzen kommen häufig +wieder?" -- "O ja." -- "Mit jedem Tag öfter!" sagte die Stimme aus der +Ecke. Kallem begann sofort mit der Untersuchung und fand in der +Magengrube eine Geschwulst von der Größe einer Wallnuß. Kristen Larssen +wußte schon lange davon. -- "Ist sie gewachsen?" -- "O ja." --"Jeden Tag +mehr!" sagte die Stimme in der Ecke. Kallem ward es heiß und heißer. +Weshalb hatte er sich bei Larssens abweisender Art beruhigt? Die Augen +der Frau folgten ihm -- ihre Stricknadeln gingen immer langsamer -- es +war, als erstarre sie nach und nach; der Doktor versuchte, seine ruhige +Miene zu bewahren; aber sie ließ sich nicht täuschen -- er merkte es. +Und Kristen Larssens kalte Augen folgten ihm -- forschend. Kallem hieß +sie die Herdklappe öffnen und sie offen lassen -- Tag und Nacht -- +wieviel Holz es auch kostete. Sören Pedersen stand auf, voller Eifer, +und öffnete das Ventil. Kristen Larssen und seine Frau verfolgten sein +Tun mit mißbilligenden Blicken; _sein_ Holz war es freilich nicht! Um Zeit +und Ruhe zu gewinnen, blätterte Kallem in den Büchern, die herumlagen. +Es waren seine eigenen englischen, und ein Buch über Mechanik. Dann sah +er das Schiffchen an, das der Kranke zwischen den Fingern hielt. "Was +ist denn das?" Und Sören Pedersen erklärte, es sei eine Verbesserung der +von Kristen Larssen erfundenen Strickmaschine. Und während er das +erklärte, handhabten Larssens Finger die Räder und Nadeln so zart, so +behende, daß seine ganze Gedankenkraft, seine ganze Liebe zur Sache +dabei deutlich zum Vorschein kam. + +Die ganze Stube, die Arbeitsbank, der Fußboden, der Tisch -- alles lag +wieder voll von Sachen, die neu hergerichtet werden sollten -- Gewehre, +Uhren, Nähmaschinen, Kaffeemühlen, Schlösser, zerbrochene Werkzeuge. +Kallems Revolver lag neben dem Kasten, und Kallem hörte, das sei das +einzige, was Larssen über die Weihnachtszeit fertiggemacht habe. Während +Sören Pedersens Wortschwall hatte Kallem überlegen können; jetzt wußte +er, wie er's anzugreifen hatte. Er sprach von Diät und schmerzstillenden +Mitteln und forderte dann Sören Pedersen auf, mitzukommen. + +Sowie sie auf der Straße waren, sagte ihm Kallem, daß es mit Kristen +Larssen zu Ende gehe. Es sei ohne Zweifel ein weitvorgeschrittener +Magenkrebs. + +Die selbstzufriedene Pfiffigkeit in Sören Pedersens runder, glänzender +Fratze stahl sich plötzlich auf allerhand Schleichwegen fort; das +Gesicht blieb ganz leer -- mit offenen Türen und Fenstern -- zurück. + +"Ich werde Ihnen bald Bestimmtes sagen; und dann müssen Sie, der ihn +besser kennt als ich, es ihm sagen." Aune, über die er eigentlich hatte +sprechen wollen, vergaß Kallem ganz und gar. + +Innerhalb weniger Tage wußte die ganze Stadt, daß der Tausendkünstler +Kristen Larssen an Magenkrebs hoffnungslos darniederlag; sogar ins Blatt +kam es. Er wurde darin als "ein in der ganzen Umgegend wohlbekannter +Mechaniker und Erfinder" erwähnt. Kein Haus, in das Kallem kam, kein +Bekannter, den er auf der Straße traf, ohne daß man sich nach Kristen +Larssen erkundigt hätte. Das nächste Mal, als er den Kranken besuchte, +-- nachdem Sören Pedersen sich seiner Mission entledigt hatte -- wurde +die Sache mit keinem Wort erwähnt. Larssen lag da, wie immer, zwischen +den Fingern seine Erfindung -- ein bißchen matt, nach einem +fürchterlichen Anfall von Schmerzen. Der Bart war gewachsen; er sah +abschreckend häßlich aus. Die Frau strickte; nur daß sie ein bißchen +näher am Bett saß. Die englischen Bücher lagen nicht mehr da; und das +war das einzige äußere Zeichen, daß die Zukunft aufgegeben war. + +Kallem ging von da zu Sören Pedersen, der ihm erzählte, der frühere +Hausmeister des Krankenhauses sei bei Larssen gewesen und habe versucht, +ihn zu bekehren; damit er doch nicht geradenwegs in die Hölle käme. +Larssen hatte bloß geantwortet, man möge ihn doch nicht aufhalten; er +habe eben eine Arbeit vor, die beinahe fertig sei. Dann war der Pastor +gekommen; der ging taktvoller und behutsamer zu Werke; aber vielleicht +gerade darum hatte Larssen diesmal die Geduld verloren; seine +aufgespeicherte Bitterkeit machte sich in flammenden Worten Luft, und +die Frau mit dem vorgezogenen Kopftuch und den ewigen Stricknadeln hatte +sich dicht neben die Tür gestellt. Der Pastor hatte verstanden -- und +entfernte sich geduldig; seit der Geschichte mit Maurer Andersen war er +nicht mehr der Alte. In der Gemeinde freilich erregte das +verschiedentlich Ärgernis. + +Nach einer Sitzung im Jünglingsverein versammelte sich der Jünglingschor +vor Kristen Larssens Haus und stimmte gedämpft einen Choral an. Andere +kamen dazu, in aller Stille. Es traf sich, daß der Kranke eben einen +Anfall hatte. Er sagte, es sei, als ob Tausende von Stecknadeln ihn +unablässig stächen -- und bei seinen Leiden reizte der Gesang ihn so, +daß Kallem einschreiten und alle derartigen Demonstrationen untersagen +mußte. Zwei Laienprediger, der ehemalige Hausmeister und noch einer +suchten den Doktor im Krankenhaus auf und erklärten, wie alles bloß in +bester Absicht geschehen sei, und wie man doch unmöglich einem +Sterbenden Gottes Wort vorenthalten dürfe. Kallem wurde heftig und +antwortete grob. + +Als er abends zur gewöhnlichen Zeit bei Kristen Larssen war, glaubte er +ganz bestimmt, durch das Fenster ein Gesicht hereinschauen zu sehen. Der +Kranke fragte eben, wie lange er überhaupt noch zu leben habe, und ob +die Schmerzen immer zunehmen würden. Und Kallem kümmerte sich darum +weiter nicht um die Sache draußen; er bat nur, man möchte die Fenster +verhängen. Er erwog, ob er Larssen die reine Wahrheit sagen könne, und +kam zum Schluß: ja, es ist das beste. Also erklärte er ihm, es könne +noch zwei bis drei Monate dauern --die Schmerzen würden sich immer +häufiger einstellen --wenn auch nicht alle Tage gleich oft und gleich +heftig. Die Frau hörte es mit an. + +Niemand war am Fenster, als Kallem herauskam; aber auf der Straße -- in +einiger Entfernung -- ging eine Dame, langsam, als warte sie auf jemand. +Als sie ihn erblickte, kam sie sogleich auf ihn zu. Es war seine +Schwester. "Hast Du vorhin bei Kristen Larssen zum Fenster +hereingesehen?" -- "Ich --," und er sah, wie ihr Gesicht rot wurde unter +der Kapuze -- "ich bin nicht der Mensch, der andern in die Fenster +sieht!" --"Entschuldige! Aber ich hab' wirklich jemand vor dem Fenster +gesehen. Und Du weißt, wer es war?" -- "Ja. Aber ich bin gekommen, um +mit Dir zu sprechen, Edvard. Ich weiß, wann Du gewöhnlich hier bist." -- +"Was soll ich?" Und nun erst bemerkte er, daß sie in voller Aufregung +war. + +"Ist es wahr, daß Du gesagt hast, Du nähmest die Verantwortung auf Dich, +wenn Larssen in die Hölle komme?" -- "Ich glaube überhaupt an keine +Hölle!" -- "Und das hast Du ausgesprochen?" -- "Ich weiß nicht. Ich +glaube nicht." -- "Es gibt nämlich Menschen, die sind anderer Ansicht +als Du, und die sind empört über derartige Aussprüche. Durch dergleichen +verlierst Du alles, was Du Dir hier erarbeitet hast; das kann ich Dir +nur sagen." -- Kallem kannte sie so ganz wieder in diesen Worten. "Ja, +natürlich ist es dumm, so etwas auszusprechen. Aber ist es nicht ebenso +verrückt, einen Mann wie Kristen Larssen so zu plagen! Solang er noch +bei Verstand ist, bestimmt niemand ihn, an eine Hölle zu glauben. Also +sollen sie ihn doch in Ruhe lassen!" --"_Das_ verlangen sie doch auch gar +nicht von ihm!" --"So? Und was denn?" -- "Das weißt Du so gut wie ich, +Edvard. Und ich bitte Dich um Deiner selbst willen -- verhöhne nicht +ernste und wohlmeinende Menschen!" -- "Ich habe nicht höhnen wollen. Ich +sage bloß -- sie können sich und ihm die Mühe sparen." -- "Ist er denn +so kalt?" -- "Kalt oder warm -- das kommt lediglich auf die Veranlassung +an, und darauf, wie ein Mensch sein Leben gelebt hat!" -- "Aber der +Mensch kann sich eine Seelenkälte anleben; und ganz gewiß -- so ist es +bei ihm gewesen!" -- "Vielleicht. Aber ich kenne jemand, der recht warm +ist, und der doch genau so denkt wie Kristen Larssen. Also das ist es +nicht!" -- "Ja, was ist es dann?" -- "Tausenderlei. Die, die ich meine, +denkt fast immer in Bildern, und seitdem sie einmal ein uraltes Bild der +Dreieinigkeit gesehen hat -- ein mächtiger Körper mit drei Köpfen darauf +-- und hörte, daß der Kopf in der Mitte der Sohn der beiden an der Seite +-- Vater und Mutter -- sei (Du weißt doch, der heilige Geist war im +Anfang weiblichen Geschlechts --) konnte sie nicht mehr an die +Dreieinigkeit glauben. Sie lachte darüber. Und wie gesagt -- sie ist +recht warm!" -- "Pfui!" stieß Josefine in tiefstem Zorn heraus; "warm +mag sie ja sein; aber jedenfalls ist sie _unrein_!" -- Kallem fühlte im +Herzen einen Stich; das ging auf Ragni! Die Schwester war böse und sah +böse aus, wie in ihren Backfischtagen! Und sofort wurde er auch wieder +der Junge von damals: klatsch! Da hatte sie eine Ohrfeige! Sie traf nur +die Kapuze; aber sie kam von Herzen. + +Mit blitzenden Augen sprang sie auf ihn los, wie in den Tagen, als sie +sich noch prügelten. "Ich glaube beinah, Du", -- zischte sie! Und +sprühte vor Hohn und Wut. -- -- Und wandte sich voll Verachtung ab -- +und ging. + +Ob jemand sie beide gesehen hatte? Sie waren allein auf der Straße. Aber +er empfand eine unbestimmte Angst. Vielleicht mußte Ragni es entgelten! + +Das Wort "unrein" in Josefines Mund -- meinte Kallem -- sei auf die +Vergangenheit gemünzt. Und darum war er empört. Wieviel größer wäre erst +seine Empörung gewesen, wenn er gewußt hätte, daß es eigentlich auf die +Gegenwart ging? Daß Pastors sich nach ihrer Heimkehr zurückhielten, +hatte auch darin seinen Grund, daß der Gotteslästerer Larssen Liebkind +war in Kallems Haus, daß Ragni Englisch mit ihm trieb, daß Kallem wie +ein Kamerad mit ihm verkehrte. Kristen Larssen war für den größten Teil +der Gemeinde eine Art Teufel, und wenn diese Ankömmlinge, Mann und +Frau, Gemeinschaft hielten mit ihm (wie früher mit Sören Pedersen und +seiner Frau) -- so war das eine Herausforderung. Kurz darauf war Karl +Meek ins Haus gekommen, und seitdem sah man Ragni nie anders als in +seiner Begleitung. Schließlich reisten sie sogar zusammen in das +Walddorf hinauf -- so viel war gar nicht einmal nötig, wo es sich um +eine geschiedene Frau handelte, die "freie" Ansichten hatte und schon +einmal beim Ehebruch ertappt worden war. + +Josefine war in der aufrichtigen Absicht gekommen, ihren Bruder zu +warnen. Hätte sie in Ruhe sprechen können, so hätte sie ihm das alles +gesagt; sie war unerschrocken, und sie hatte ihn lieb. Jetzt ging sie +mit dem Brandmal seiner Verachtung nach Hause zurück. + +Und nun brach ihre zurückgedrängte Leidenschaft sich Bahn; zuerst in +bitterem Haß auf die Leute, die Bruder und Schwester auseinandergebracht +hatte, allmählich aber auf alles, was zwischen ihnen stand: Maurer +Andersens Tod -- je tiefer er ihren Gatten bewegte, desto schärfer trat +der Gegensatz zwischen ihnen zutage, und das zur ungünstigsten Zeit. +Alles, dessen Tuft sich selbst anklagte, waren ja Zugeständnisse, die er +_ihr_ gemacht hatte; und gerade jetzt wollte er damit aufräumen. Schlimmer +konnt' es sich gar nicht treffen. + +Im Haus nebenan wohnte eine vertrocknete Alte, des Pastors Mutter; sie +lebte in ständigem Protest gegen das Vorderhaus. Nie setzte sie einen +Fuß über die Schwelle, wenn Besuch da war, auch sonst nur selten, außer +zu den Hausandachten und an kirchlichen Festtagen zum Mittagessen. Das +ganze Wesen der Schwiegertochter, ihr Tanzen, ihre Toilette, ihre +Freundinnen waren ihr ein Ärgernis, -- des Pastors ständiges Werben um +sie ein Frevel. Der kleine Junge wurde ihr Spion. An einem Sommertag +hatte Josefine auf der andern Seite der offenen Tür gesessen und gehört, +wie sie ihn ausfragte, wer am Tag vorher dagewesen sei, was sie gegessen +hätten, ob sie Wein getrunken hätten und wievielerlei Sorten. +"Großmutter hat gefragt, ob Mutter heut schon wieder aus ist!" sagte er +ein andermal. "Und sie hat gefragt, was Vater zu Mutter sagt, wenn +Mutter nach Hause kommt, und ob Vater oben bei uns geschlafen hat!" + +Josefine ertrug das mit Ruhe. Aber daß sie wußte --hinter den +christlichen Ermahnungen des Pastors steckte die Schwiegermutter, -- das +machte sie nicht gerade nachgiebiger. Sie gedachte ihr Leben zu führen, +wie es ihr paßte -- mochte er dasselbe tun. + +Für ihn war es immer derselbe Kampf, von Jugend an, von der Zeit, da er +um ihretwillen den Missionsgedanken aufgegeben hatte; und immer mit +demselben Ausgang: er unterlag seiner Verliebtheit. Nicht daß sie ihn +dazu verlockt hätte -- im Gegenteil! Wenn sie ihn bisweilen genug hatte +-- sie hatte immer rasch alles genug -- starke Strömungen gingen in ihr +-- dann erschien sie ihm am schönsten, am begehrenswertesten, wie die +Frauen der alten Sagazeit. Dann vermochte er nicht zu widerstehen. + +Aber die große Aufgabe, vor die Gott ihn am Krankenbett seines Freundes +gestellt hatte, die zeigte ihm, was er in seinem Leben versäumt hatte. +Das war die Frucht der Nachgiebigkeit! + +Als er in seiner Selbstprüfung so weit gekommen war, daß er mit seiner +Frau darüber hätte sprechen können --da war _sie_ stumm -- in ihrem +eigenen Kampf. Nach dem Schlag, den sie erlitten hatte, war sie sich +sofort klar über das, was jetzt die Gerechtigkeit erfordere --sich +rächen nannte sie's immer --, aber bald auch darüber, daß ihr Bruder ihr +eigenes unklares Verhältnis durchschaut hatte. Seit sie mit ihm getanzt +hatte, wußte sie, daß niemand sie so verstand wie er; seit ihrer letzten +Begegnung wußte sie, daß er ihre Einmischung in Glaubenssachen +verachtete; und darin hatte er recht. Nie hatte sie endgültig +abgerechnet; immer nur sich damit begnügt, ihres Gatten Glaube und +Handeln geachtet zu sehen, und selber ihren Frieden zu haben. So konnte +es nicht länger bleiben; ihres Bruders Verachtung ertrug sie nicht. + +Im Pastorhause war morgens und abends Andacht; dazu kam regelmäßig die +Großmutter, nach ihr die Mädchen und gleich darauf der Pastor. Zur +Morgenandacht kam Josefine nicht immer, und die Abendandacht fiel aus, +wenn Gäste da waren. Der Pastor sprach zur Einleitung und zum Schluß ein +Gebet, wie es sich eben für die Gelegenheit schickte. In dieser Zeit +waren diese Gebete lang und inbrünstig -- und Josefine blieb weg. + +Diese feierlichen "Abrechnungen" waren ihr ein Greuel -- die +öffentlichen noch mehr als die privaten. Die letzten fanden meist abends +statt, wenn es Schlafenszeit war, und der Junge zu Bette und die +Hausandacht beendet war. Wenn Josefine es voraussah, hinauf -- zu Bett; +da kam er ihr meist nicht nach. Der Boden da oben war schlüpfrig! Aber +heut Abend kam er. Sie hatte es an den Schritten unten im Studierzimmer +gehört, und jetzt vernahm sie ihn auf der Treppe. Sie riegelte nicht ab, +und ließ die große Lampe brennen. Aber als er draußen an die Türklinke +faßte, sagte sie: "Du darfst nicht herein." -- "Doch!" -- "Nicht, solang +ich beim Auskleiden bin!" -- "Ich werde warten." --Er ging wieder +hinunter, und sie machte sich langsam fertig. + +Die Schlafstube lag nach dem Garten zu, über dem Studierzimmer; rechts, +durch eine Portiere getrennt, das Ankleidezimmer, über dem +Fremdenzimmer; links eine Tür zur Garderobe. Dicht daneben führte eine +Korridortreppe vom Arbeitszimmer herauf. Und da hörte sie ihn jetzt +kommen -- zum zweitenmal -- mit festem Schritt. Sie lag schon zu Bett. +Die Zimmertür lag in der Mitte, den Fenstern gegenüber; die Betten +standen rechts von der Tür; das ihre zunächst. Der Junge schlief auf der +andern Seite, nach der Garderobe zu. + +Er fragte nicht mehr, ob er eintreten dürfe; er öffnete einfach die Tür. +Sie lag da, in ihrem weißen Nachtkleid, das schwarze Haar in einem +Knoten, wie immer, den Kopf in die linke Hand gestützt, wie auf dem +Sprung, sich aufzurichten. + +Er setzte sich zu ihr auf die Bettkante. Sofort rückte sie etwas von ihm +ab, als sei ihr die Berührung unangenehm. Er sah finster drein. -- +"Josefine, Du weichst mir aus. Das ist nicht recht von Dir. Ich brauche +Trost und Rat. Die alte Pein ist wieder über mir. -- Und wir dürfen die +Abrechnung nicht länger hinausschieben!" -- Er sah sie an -- voll +Schmerz. Sie sah ihn an -- stumm. -- "Du weißt, was es ist. Ich lebe +hier, bei Dir in Wohlsein und Genuß und draußen in der Gemeinde +allgemein verehrt. Aber in einem solchen Leben wächst sich der +Gottesmensch nicht zu seiner natürlichen Entwicklung aus! Und vor kurzem +wurde ich gewogen -- und zu leicht befunden!" -- Er barg sein Antlitz in +den Händen und saß lange ganz still, als bete er. "Liebe, liebste +Josefine!" Und er blickte auf. -- "Hilf mir! Ich muß alles anders machen +um mich her! Ich muß mein ganzes Leben anders gestalten!" --"Wieso?" -- +"Ach -- ich bin kein Pfarrer, und Du bist keine Pfarrersfrau! Wir gehen +beide zugrund -- an unserem Eigenwillen!" -- "Alle die -- die Versuche, +die Du machst, Ole, anders zu leben, fangen immer bei mir und meinem +Haus an! Fang einmal bei Dir selber an! Ich bin, wie's mir paßt. Sei Du, +wie's Dir paßt! Und unser Haushalt -- nun ja, der ist einfach nicht +anders, als eine Familie von Geschmack und Vermögen ihn erfordert; +behagt es Dir nicht, so hast Du ja Deine eigenen Zimmer; richte Dich +ein, wie Du magst. Wünscht Du eine getrennte Lebensweise -- bitte! Sag' +es nur!" -- "Ach!" erwiderte er, "Du degradierst das Ganze zu einem +Umzug im Haus oder einem veränderten Küchenzettel!" -- "Immer dieselben +allgemeinen Anklagen! Keinen Pfifferling Respekt hab' ich vor ihnen!" -- +"Weil Du den geistigen Grund in ihnen nicht erfaßt!" -- Sie wurde blaß. +-- "Soviel ich weiß", sagte sie hart, "paßte es _mir_ nicht, so +fleischlich zu sein wie Du. Und damit hat es angefangen!" -- "Das +lässest Du mich jedesmal wieder hören. Aber ich schäme mich nicht, daß +die erste Krise von meiner allzu heißen fleischlichen Begierde und von +Deinem Widerstande kam; das hat mich geweckt. Nein, ich schäme mich +dessen nicht. Denn als ich die Absicht äußerte, einmal von Grund aus zu +reformieren --" -- "Hab' ich Dir das etwa verboten?" unterbrach sie ihn. +"Ja, bei mir anzufangen, das hab' ich Dir verboten! Fang bei Dir selber +an, Ole!" -- Er stand auf. "Du verstehst mich nicht! Du verstehst nicht, +was Gott von uns will! Ich bleibe dabei -- es ist etwas Ungeistliches an +Dir, Josefine! Nie bist Du aufgegangen in Reue und Gebet! Nie hast Du +Dich hingegeben in inbrünstiger Andacht! Du kennst nicht die Sehnsucht +nach dem Unendlichen -- sondern nur nach dem Irdischen. Den Willen, +Christin zu sein, hast Du wohl; aber etwas dafür tun magst Du nicht! -- +Du antwortest nicht? Möchtest Du's nicht wenigstens versuchen? Jetzt -- +zusammen mit mir? Ach, Josefine, wie ich leide -- auch um Deinetwillen!" +Er setzte sich demütig wieder zu ihr hin. "Meinst Du damit, ich solle +Dir zu den Zulukaffern folgen?" entgegnete sie kalt. -- "Ich meine, wir +sollen uns gemeinsam in allem Guten vervollkommnen, liebe Josefine, dann +wird Gott uns weiterhelfen." -- "Leeres Geschwätz versteh' ich nicht!" +erwiderte sie. "Sag' gerad' heraus, was wir tun sollen!" -- "Wir sollen +im Glauben an Jesum Christum mit den Geringen und für sie leben." --" +Mein lieber Ole, das kann ich besser als Du! Du wachst niemals eine +Nacht am Krankenbett in einem armen Haus; ich tu' es oft. Und ich habe +auch die 'Gegenseitigkeit' gegründet" (so nannte sich ein Verein von +besser situierten Frauen der Stadt, deren jede ihre Armen hatte, denen +sie Arbeit und Unterstützung verschaffte. Josefine war Vorsitzende der +Gesellschaft und verteilte die Arbeit). -- "Ja," antwortete ihr Mann +zustimmend, "administratives Talent hast Du wie Dein Bruder. Aber darin +besteht es nicht -- selbst als große Dame zu leben und dann und wann +einmal sich zu den Geringen herabzulassen; nein --man muß mitten unter +ihnen und ganz für sie leben!" -- "Sollen wir das Haus verkaufen? In die +Vorstadt ziehen? Sag', was Du willst!" -- "Wenn Gott uns dazu treibt -- +ja! Aber es muß in und aus Glauben geschehen, um Jesu willen. Sonst hat +es keinen Wert." -- Sie antwortete mit keiner Silbe. + +"Was meinst Du, Josefine? Wollen wir nicht versuchen, ein echtes +Christenleben zu führen?" Seine Augen flehten; seine Hand suchte die +ihre: "Josefine!" Sie zog ihre Hand weg. "Nein! Du weißt ja, ich sehe +nicht ein, warum ich mir mein eigenes Leben unbehaglich machen soll; das +würde keinem nützen, und mir würde es schaden." -- "Sag' das nicht! Wenn +wir es nun einmal versuchten? Im Glauben an Jesu miteinander ganz dafür +leben, andern Gutes zu tun?" --"Ach was, Unsinn! Und wenn es Dich auch +verletzt --einerlei! Aber daß ich an Jesus glauben muß, um den Armen zu +helfen, ist Unsinn! Es hilft nichts, ich rede wie ich denke." -- "Wenn +Du an Jesus _glaubtest_, so würdest Du den Grund erfassen." -- "Ich habe +nie gesagt, daß ich nicht an Jesus glaube." -- "Ach, Josefine, das ist +kein Glauben! So verstehst Du also nicht einmal, was Glauben ist! Diesen +schweren Schaden an Deiner Seele habe ich zu verantworten! Ich, der +jahraus, jahrein mit Dir lebt und nichts weiter erreicht hat!" Er beugte +sich über sie; Tränen standen in seinen Augen. "Wie herrlich könnten wir +miteinander leben, wenn Du Dich vor Gott beugen wolltest -- bei den +Gaben, die Du hast -- und bei meiner Liebe zu Dir!" Er wollte sie +zärtlich umfassen. -- "Weg!" sagte sie und setzte sich auf. + +Er fuhr auf, wie von einer Natter gestochen. Sie legte sich wieder +zurück, beide Hände unter dem Kopf; ihre Brust wogte; sie war in vollem +Aufruhr. "Ich weiß nicht, ob wir es vor Gott verantworten können, unter +diesen Umständen zusammenzubleiben", sagte er. --"Gut! Tu, was Du +willst!" + +Er wandte sich ab; er fand es unter seiner Würde zu antworten. Der +Kleine stöhnte im Schlaf und wälzte sich herum, als beunruhige ihn +etwas. Tuft sah ihn an; mit halboffenem Mund lag das Kind auf dem einen +Arm. Tuft kannte diese Stirn, er hatte sie bei seinem Vater gesehen, es +war auch seine eigene, ebenso das Haar, der Bau der kleinen Hand, die +Finger, ja sogar die Nagelstellung. Aber er sah den Tag kommen, da auch +der Junge nicht mehr sein eigen sein würde, wenn es so weiterging. + +"Nein, Josefine, es soll auch nicht so weitergehen! Gott helfe uns +beiden! Aber fortan ruht der Kampf nimmermehr!" + +Das Breite und Mächtige in ihm, das hinter der Herzensgüte lag, war am +Hervorbrechen; sie fühlte es. Und auch in ihr quoll es empor. Sie hörte +ihn im Studierzimmer auf- und abgehen, ohne Ruhe, aber auch ohne +Zweifel. Sie konnte nicht schlafen. + + * * * * * + +Am Tag, nachdem Kristen Larssen die volle Wahrheit über seine Krankheit +erfahren hatte, erschoß er sich. Das jagte den Leuten einen furchtbaren +Schreck ein; etwas Gruseliges ging von ihm aus; man wagte kaum, am Haus +vorbeizugehen. Es verbreitete sich ein Gerücht, Kallem habe Larssen +seinen Revolver zu diesem Zweck überlassen; doch wurde das von der Frau +selbst, von Sören Pedersen und durch Kallems eigene Aussage widerlegt. + +Kristen Larssen hatte sich gedrückt, ohne Ankündigung, ohne Dank. Zu +seiner Frau hatte er gesagt, ein rascher Tod sei für ihn das beste. Aber +auch zwischen ihnen beiden war nichts weiter besprochen worden, +keinerlei Abschluß, kein Abschied hatte stattgefunden. Er hatte sie +gebeten, zu Sören Pedersen zu gehen, und während der Zeit war er aus dem +Bett gekrochen und mit der ihm eigenen überlegenen Gründlichkeit hatte +er die Tat vollbracht. + +Das herkömmliche Begräbnis wurde verweigert und eine Ecke an der +nördlichen Mauer angewiesen. Dort arbeiteten drei Männer stramm, um ein +Grab zu graben. Es war ein bitterkalter Tag, der Tag, an dem man ihn in +die Erde bettete; und es gab Leute, die auch darin eine Fügung Gottes +sahen. Zu einer ungewöhnlichen Zeit, nämlich nachmittags, ohne +Glockenläuten, ohne Pfarrer und ohne Gesang wurde Kristen Larssen +hinabgesenkt. Unter den wenigen, die zugegen waren, fiel am meisten Aune +auf; er war betrunken und machte sich fortwährend bemerkbar; dabei war +er so dünn gekleidet, daß man fror, wenn man den blaugefrorenen Kerl nur +ansah. Sören Pedersen bat ihn mehrere Male, sich ruhig zu verhalten; +aber vergebens. Von Sörens blankem Gesicht sah man nur die Augen, die +Nase und etwas von den Backen; das übrige war von unten durch einen +mächtigen, mehrmals um den Hals geschlungenen wollenen Schal und von +oben durch eine bis in die Augen gezogene Pelzmütze verdeckt. Die Hände +staken in nordländischen Handschuhen, -- einem Paar von jenen +Ungeheuern, wie sie die Leute dort zum Fischfang tragen -- und die Füße +in Pelzschlurren. Sören Pedersen war in die Breite gegangen; der +Überzieher war ihm zu eng geworden; mit diesen Auswüchsen sah er wie ein +Hummer aus. Aase in kurzem Mantel und Baschlik hielt sich an der rechten +Seite der Witwe, die lang und hager dastand, in Finnenschuhen und einem +bis an die Füße gehenden, oben und unten gleich weiten Sack, um den Kopf +ein dickes wollenes Umschlagtuch; sie hatte es offenbar darauf angelegt, +ihr Gesicht zu verbergen. Aune schwankte umher und erzählte, er habe ihr +geholfen, ihre Sachen nach der Bahn zu schaffen. Jetzt hatte er das Haus +abgeschlossen; den Schlüssel trüge er in der Tasche. Und er zog ihn +hervor. Die Witwe wollte von hier aus gleich auf den Bahnhof und bei +Verwandten -- ein paar Meilen von hier --bleiben; später wollte sie dann +weiter nach ihrem Heimatort. Außer diesen vieren waren nur noch zwei +Männer da, die das Grab gegraben hatten; der eine stand auf sein +Grabscheit gelehnt, trug Rock und Fausthandschuhe und kaute ohne +Unterlaß Tabak. Der andere hauste hinter einem braunen Bart und war +verwachsen und triefäugig. + +Etwas abseits an der Mauer war ein festgestampfter Schneehügel; Karl +Meek und Ragni, die eben zusammen anlangten, stellten sich dorthin. Alle +warteten auf Kallem, dem eine Abhaltung dazwischen gekommen war, und der +jetzt eilends herbeistürzte. Er nahm vor der Witwe seine Mütze ab, die +andern grüßten ihn; dann trat er ans Grab. Er wollte gern einige Worte +sprechen, wartete aber, ob nicht vorher sonst etwas geschehen würde. Als +nichts geschah, sagte er: + +"Ich kenne die Vergangenheit des Mannes, den wir hier begraben, nicht; +ich kannte auch ihn selbst nicht. Er hat in religiösen Dingen anders +gedacht als die Menschen, unter denen er lebte, und er hat dafür büßen +müssen. Sein und seiner Frau Lebensziel war, hinüberzugelangen nach dem +freien Amerika." (Bei dem Wort Amerika begann hinter den Taschentüchern +ein Keuchen und Schneuzen). "Er versuchte, allein Englisch zu lernen; +das war für ihn, als schüfe er sich Flügel damit. Wenn ich jedoch dies +gesagt und noch hinzugefügt habe, daß er der begabteste Mensch war, dem +ich hier begegnet bin, so habe ich ungefähr alles gesagt, was ich von +ihm weiß. + +Darum will ich auch nicht von denen sein, die ihn verurteilen. Oft, wenn +wir zusammen waren, hatte ich den Eindruck, als ob ihn fröre. Die Kälte, +die ihn rings umgab, war in sein Inneres gedrungen. + +Es hat sich so gefügt, daß nur wir fünf oder sechs ihm Lebewohl sagen. +Aber alle, denen seine sinnreiche Arbeit von Nutzen war, und besonders +alle die Tausende, denen seine Erfindungen das Leben erleichtert und +damit mehr Freude geschaffen haben, worauf es doch ankommt -- alle die +schulden ihm Dank; und den bringe ich ihm dar!" + +Es wurde still. Der kalte Schnee knirschte, wenn einer oder der andere +sich rührte; aber keiner machte Anstalt zum Gehen. Da schwankte Aune an +das Grab. "Na ja, und nun will ich Dir man auch noch für die Violine +danken! Und -- und -- vergib uns unsre Schuld! Und -- und -- leb' wohl!" +Beinah wäre er hineingetaumelt. Sören Pedersen packte ihn ärgerlich am +Arm, wandte sich zu seiner Frau und sagte: "Hör' mal, Aasechen, Du +betest das Vaterunser so schön! Sag' es doch einmal!" Und sie trat einen +Schritt vor, zog die Handschuhe aus und faltete die Hände. Die Männer +nahmen die Mützen ab und alle senkten den Kopf; dann betete Aase das +Vaterunser. + +Darauf fielen die ersten schweren Schollen auf den Sarg; es klang, als +wolle er in Stücke gehen. + +Die Frau trat auf Kallem zu. Erst jetzt konnte er sie in der Nähe sehen, +in Tränen aufgelöst, erschöpft von Nachtwachen, fast all ihrer Kraft und +ihrer letzten Hoffnung beraubt. Aber mit festem Griff nahm sie Kallems +Hand, mit starkem, tiefem Blick sah sie ihm in die Augen, in +grenzenlosem Schmerz, in verhaltener Bewegung nickte sie nur; sprechen +konnte sie nicht. Nie ist einem Menschen wärmer gedankt worden. Ebenso +nahm sie die Hand Ragnis; und Ragni erschrak; denn sie wußte in ihrem +Innern, daß sie es nicht verdiene. Die Witwe eilte an den andern vorbei, +der Stadt zu; Sören Pedersen und Aase hatten Mühe ihr zu folgen. Ragni +aber nahm Kallems Arm; sie hätte sich ihm an die Brust werfen und laut +weinen mögen. + + +9 + +Kristen Larssens Haus stand leer; kein Käufer oder Mieter fand sich. Das +Unheimliche, das ihm anhaftete, fiel auch auf die zurück, die seine +Freunde gewesen waren. Hätte Sören Pedersen nicht größere Kundschaft auf +dem Land als in der Stadt gehabt, es wäre ihm schlecht ergangen. Ragni +merkte nicht, daß man sie in dieser Zeit noch mehr beobachtete, noch +mehr über sie sprach, als vorher; sie war nicht im mindesten +vorsichtig. Schon daß Pastors nicht mit ihnen verkehrten, machte sie zur +Zielscheibe des Klatsches; etwas Neues durfte nicht mehr hinzukommen. + +Gegen das, worauf man jetzt verfiel, war sie wehrlos, weil sie nichts +davon ahnte. Wenn sie und Karl Meek Hand in Hand Schlittschuh liefen, +wenn er sie zum Lachen brachte, während er ihr die Schlittschuhe anzog, +oder wenn sie versuchte, ihn hinunterzupuffen, während sie, jeder auf +einer Kufe, auf des Doktors Schlitten standen; oder wenn sie zusammen +Kjaelke[8] fuhren oder, -- war Besuch da -- vierhändig spielten: immer +hatte man einen Blick aufgefangen, der nicht mißzuverstehen war, oder +ein Wort gehört, das eine Nebenbedeutung hatte, oder Freiheiten +beobachtet, die nur möglich waren zwischen Menschen, die an noch größere +gewöhnt waren. Das erste Mal mit einem Zimmerherrn, nun wieder mit einem +-- was konnte Kallem anders erwarten? Das war nur seine gerechte Strafe. + +Sören Kules Familie stand an der Spitze; es war eine im ganzen Oberland +verbreitete Familie, die eine blühende Phantasie hatte, besonders in +sinnlichen Dingen. + +Man mußte nur Lilli Bing loslegen hören, wie Ragni Kule seinerzeit +"Abend für Abend" zu dem Studenten Kallem auf sein Zimmer ging; es lag +ja auf demselben Flur. "Mein Gott, was war denn Schlimmes dabei, wenn +sie sich liebten? Wer konnte es auch mit dem widerwärtigen Sören +aushalten!" + +Daß die jetzige Frau Kallem nicht einmal über den Korridor zu gehen +brauchte, ließ sie immer dabei durchblicken. Einmal sagte sie: "Wenn sie +keine Kinder kriegt, was schadet's denn eigentlich!" Daß keiner von +denen, über die es herging, etwas davon hörte? + +Daß nicht einer von den üblichen anonymen Briefen hereinplatzte! Das +eine läßt sich nur damit erklären, daß sie fast keinen Umgang hatten, +das andere damit, daß man vielleicht glaubte, Kallem würde sich nicht +darum kümmern; Freidenker haben ja meist lockere Begriffe in sittlicher +Beziehung! Im Frühjahr sah man Kallem seine Frau und Karl Meek zum +Dampfschiff begleiten; sie fuhren hinüber zum anderen Ufer; Montag früh +sah man, wie er sie an der Brücke wieder abholte. Man wußte, daß er +selbst den ganzen Tag auswärts war und die beiden den ganzen Tag in Haus +und Garten zusammen steckten. + +Karl bestand sein Examen recht gut, wenn auch unter allseitiger +Spannung; der Tag nahte, an dem er seine Freunde verlassen mußte. Ragni +hatte im ganzen Freude an dem Zusammensein mit ihm gehabt; aber sein +unsteter Fleiß hatte ihr Mühe verursacht, und sein leidenschaftliches +Wesen nahm mit der Körperkraft noch zu. Seine tiefe Ergebenheit für sie +dämpfte es; aber auch die Form dieser Ergebenheit peinigte sie oft; sie +liebte Gleichmäßigkeit und Frieden. Sie prophezeite ihm, es werde ihm +einmal schlimm ergehen; er führe viel zu große Segel. + +Sie sehnte sich nach dem Alleinsein. Als sie es Kallem sagte, neckte er +sie: nach drei Wochen werde sie Karl vermissen. Karl wollte jetzt, in +den Sommerferien, zu Hause sein, dann aber nach Deutschland gehen, um +sich der Musik zu widmen. Obgleich er sich daran gewöhnt hatte, unter +Ragnis Augen zu denken und zu leben, -- im Kampf mit ihr, im Gehorsam +gegen sie, und immer voll Anbetung für sie, so freute er sich doch +darauf, selbständig zu werden. Die Trennung würde keine Schwierigkeiten +machen. + +Da geschah es, daß er an einem der letzten Tage bei einem Freund war, +dem einzigen, mit dem er dann und wann noch zusammenkam, seit er in +Kallems Hause wohnte; und als er von seiner Abreise sprach, sagte der +Freund: "Was ist denn eigentlich mit Dir und Frau Kallem?" Karl verstand +nicht, was er meinte, und floß über von Lobpreisungen und Bewunderung +für sie. Der andere unterbrach ihn. "Ja, ja, das weiß ich alles! Aber +-- offen gesagt -- hast Du nicht ein Verhältnis mit ihr? Die Leute sagen +es." Karl fuhr auf! Was unterstand er sich? Er solle Rechenschaft +ablegen für seine Worte! Aber es war des Freundes ernstliche Absicht, +Karl zu warnen; er habe selber erst kürzlich von dem Gerücht erfahren; +allgemein verbreitet sei es noch nicht. Geduldig ertrug er Karls Raserei +und machte ihm klar: er könne es nicht anders erwarten, als daß die +Leute sich -- bei ihrer beiderseitigen Unvorsichtigkeit -- allerhand +dächten. -- -- + +Zu Haus bei Kallem begriff man nicht, was auf einmal in Karl gefahren +war. Die paar letzten Tage kam er nie zu ihnen herein, war selten +daheim, und war wieder ebenso stumm, scheu und finster wie damals, als +er ins Haus zog. Der nächstliegende Gedanke war ja, daß er unglücklich +war über die Trennung, besonders von Ragni; aber es war doch merkwürdig, +daß die Verzweiflung genau zwischen drei und fünf Uhr am Mittwoch +Nachmittag begonnen hatte! Um drei hatten sie in heiterster Stimmung +miteinander vierhändig gespielt; um fünf wollte sie etwas aus seinem +letzten Examenfach mit ihm durchnehmen; und da war er so sinnlos +geistesabwesend nach Hause gekommen, daß sie es aufgeben mußte. Und so +war er seitdem immer. Kallem neckte Ragni damit, daß der Junge verliebt +sei; eben vor des "Abschieds bittrer Stunde" sei es in ihm aufgeblüht. +Und er sang: "Zwei Drosseln saßen im Buchenlaub" und prophezeite, daß +sie in allernächster Zeit eine Liebeserklärung bekommen würde, +wahrscheinlich in Versen -- er habe selbst seinerzeit mehrere +verbrochen. Vielleicht würde Karl sich auch erschießen. Sie solle sich +nur ja nicht einbilden, daß jemand in dem Alter billiger von ihrer +schiefen Nase als mit einem kleinen Herzensschnupfen loskomme. + +Wenn der Junge dasaß und sie in fürchterlichem Schweigen anstarrte, +nicht aß, nicht sprach; wenn er den Schwermütigen spielte und sich von +ihnen in die Einsamkeit zurückzog, sagte Kallem: "Hu! Das Leben ist +schwarz!" Er ahmte den Jungen nach, sah sie mit ersterbenden Augen an, +seufzte über drei Treppenstufen herauf, durchwühlte mit beiden Händen +sein Haar und heulte. Gegen Karl selbst jedoch war er die Herzlichkeit +selbst. + +In der Stunde der Trennung aber hörte aller Spaß auf; denn Karl war +so verzweifelt vor Schmerz, daß man überhaupt nicht mit ihm sprechen +konnte und den Abschied nur möglichst beschleunigen mußte. Ragni +wollte nicht mit zum Bahnhof fahren; sie fürchtete sich vor seinen +Überschwenglichkeiten. Aber als Karl sah, daß sie auf der Treppe stehen +blieb, sprang er aus dem Wagen und noch einmal zu ihr hinauf. Sie wich +zurück, er kam ihr nach, sah sie an und weinte so, daß das Mädchen, das +etwas weiter hinten stand, wirkliches Mitleid mit ihm empfand und +ebenfalls zu weinen anfing. Ragni wurde kalt und stumm; sie konnte nicht +ahnen, daß Karl in diesem Augenblick das Schönste tat, was er je getan, +das Tiefste fühlte, was er _je_ gefühlt hatte. + +Auf dem Bahnhof bemerkten verschiedene Leute seine Verzweiflung, sowie +Kallems Ernst. Besonders aber auch, daß Ragni nicht mitgekommen war. Ob +Kallem es nun erfahren hatte? + + * * * * * + +Dieser Abschluß ihres Zusammenlebens mit Karl Meek hinterließ einen +unangenehmen Nachgeschmack. Sie sprachen nicht gern von ihm, ja, sie +machten sich beide Gedanken darüber, ob sie sich eigentlich auf einen +solchen Versuch hätten einlassen sollen; sie hätten vielleicht +voraussehen müssen, daß es so enden würde. Doch davon sagte keines etwas +zum andern. Ihr eigenes Zusammenleben wurde inniger; nie war Kallem +soviel zu Hause gewesen wie jetzt, noch nie hatte er ein solches +Verständnis für alles gehabt, was sie anging. + +Der Sommer wurde ganz dem "Fieberpavillon" gewidmet; sie konnten sich +beide nicht satt daran sehen, wie er gebaut wurde, wie man ihn +einrichtete, wie man alles zum Gebrauch fertig machte. Jetzt, seit alle +Sommerzelte aufgeschlagen waren, war die gute Einrichtung und Ordnung +des Krankenhauses in aller Munde. + +Aber während sie so allein waren und ihre Zeit zwischen dem Krankenhaus, +ihren Studien, dem Garten und dem Klavier teilten, drängte sich, gerade +weil sie allein waren, zwischen alle ihre Interessen ein Gedanke, den +sie beide längst gedacht hatten, und der immer mehr wuchs, eben weil er +nie ausgesprochen wurde. Bald konnten sie nicht mehr Zusammensein, ohne +daß der eine etwas davon in den Augen des andern zu lesen glaubte. + +Weshalb hatten sie kein Kind? Lag der Fehler an Ragni? Wollte sie nichts +dafür tun? + +Er hatte sich nach und nach davon überzeugt, sie sei zu scheu, als daß +_er_ den Anfang hätte machen dürfen. Warum wagte sie nicht selbst davon zu +sprechen? Warum wagte sie nicht einmal den Wunsch zu verraten, davon zu +sprechen, damit er ihr hätte weiterhelfen können? Was war der Grund? Die +Angst vor der Untersuchung -- vor der Operation? Er sah sie selten, ohne +daß er fühlte: jetzt dachte sie daran. Und sie wieder fühlte: er +entbehrt das Kind. -- + +Ende August erhielt Ragni einen dicken Brief aus Berlin -- von Karl +Meek! Er war ihnen beiden willkommen, ja, mehr als sie sich zuerst +eingestehen mochten. + +Karl hatte die Festspiele in Bayreuth besucht und schilderte nun seine +Eindrücke in glühenden Farben und mit überschwenglichen Worten. Der +ganze Brief handelte nur davon, zuletzt vier bis fünf Zeilen des Dankes, +Grüße, und schließlich die Frage: "Darf ich Ihnen öfter schreiben?" +Beide merkten sofort, daß die vier oder fünf Zeilen den eigentlichen +Brief bildeten, und alles andere nur geistreiche Einkleidung war. Gerade +das gefiel Kallem, und er äußerte den Wunsch, daß sie mit ihm in +Briefwechsel treten solle. Das könne ihm in mehr als einer Hinsicht +während seines Aufenthaltes im Ausland von Nutzen sein. + +Ohne besondere Lust, wie oft in der Zeit, als sie noch mit Karl +gearbeitet hatte, mehr aus Gehorsam und Güte setzte sie sich hin, +schrieb -- humoristisch -- weil sie so am besten damit fertig wurde, und +erhielt Antwort -- erst eine, dann noch eine, lange Antworten, ganze +Tagebücher. + +An einem der ersten Oktobertage war Ragni im Garten, um Obst und Gemüse +zu ernten. Sie ging gerade auf den Zaun am Kirchweg zu, als ein Wagen +langsam vorüberfuhr. Darin saß ein vierschrötiger Kerl, der sich vom +Rumpeln des Wagens hin- und herwerfen ließ, wie Milch in einem +Butterfaß. Ragnis Tauben schwirrten eben vom Kirchendach über den Wagen +weg aufs Haus zu; bei dem eigentümlichen Laut des Flügelrauschens wandte +der Fremde den Kopf nach der Richtung, in der sie flogen. "Waren das +nicht Tauben?" fragte er, und der Kutscher antwortete. + +Ragni wollte eben auf eine Leiter steigen, um Äpfel zu brechen; aber sie +mußte sich festhalten. Diese schwere Stimme, dieser langsame Takt, diese +nordländische Einförmigkeit -- das war Sören Kule! Seine blinden Augen +waren halb nach der Richtung der Tauben gewandt, halb dahin, von wo die +Antwort kam, während der Wagen schlottrig weiterrumpelte. + +Sören Kule hier? Ein blinder, halbgelähmter Mann ist nicht auf Reisen! +Ob ihn die doppelte Erbschaft, die ihm zugefallen war, hierhergeführt +hatte? + +Bald darauf kam Kallem. Auch er war Kule begegnet; sie sah es ihm sofort +an -- und er sah sofort, daß sie in die Wohnstube geflüchtet war, um +sich zu verbergen. Da trafen sie einander; sie preßte ihren Kopf an +seine Brust; sie witterte böse Geister in der Luft. + +Kallem sagte sich: falls Sören Kule eine von den Besitzungen übernimmt, +die den Geschwistern zugefallen sind, also hierherzieht, dann hat +Josefine ihre Hand dabei im Spiel; da ist ihr "Gerechtigkeitsgefühl" bei +der Arbeit gewesen! + +Denn er empfand: der einzige Mensch auf Erden, gegen den er unrecht +gehandelt hatte, ohne es wieder gutzumachen, war dieser blinde Mann. + +Ich will ihn aufsuchen, dachte er. Ich will offen und ehrlich mit ihm +reden. Dann kann ich ihm zugleich begreiflich machen, daß er um Ragnis +willen nicht seinen Wohnsitz hier haben darf. + +Er erfuhr bald, wo Kule wohnte: in dem Haus gleich hinter ihnen; im Park +neben dem Krankenhaus! + +Dieser Teil der Erbschaft also war ihm zugefallen! Und in solcher Nähe +sollten sie ihn jetzt täglich haben! Lange ging er umher, um seine +Selbstbeherrschung wieder zu gewinnen; aber noch als er vor dem Haus +stand, war er so aufgeregt, daß er mühsam an sich halten mußte. Ein +kleines zweistöckiges Backsteinhaus mit einem Garten davor. Im Hausflur +hörte er von der Küche her das Geräusch des Aufwaschens und sah hinein; +da stand das nordländische Hünenweib mit aufgestreiften Ärmeln, so +unverändert, als hätten sie sich erst gestern gesehen. Als die Tür +aufging, sah sie sich um und erkannte sofort den großen Brillenmann mit +der krummen Nase und den dichten Augenbrauen wieder; sie lächelte und +wandte sich ganz nach ihm um. "Ei, wirklich -- der Herr Kallem?" sagte +sie singend. "Ja." -- "Gestern hab' ich's gehört, daß Sie hier wohnen." +Ihr Lächeln wurde breiter. Du Tranfisch Du! dachte er, Du hast es schon +längst gewußt! "Wann sind Sie angekommen?" --"Gestern." -- "Von +Kristiania?" -- "Ja, von Kristiania. Kule hat das Haus hier geerbt; und +das Leben soll hier billiger sein." Hinter Kallem öffnete sich eine Tür; +er wandte sich um. Ein vierschrötiger Kerl mit kleinen schlauen Augen, +die mißtrauisch dreinsahen, streckte vorsichtig seinen Kopf aus der +Zimmertür. Kallem schloß die Küchentür; der andere trat in den Flur und +machte die Stubentür hinter sich zu; dann standen sie einander +gegenüber. Aber die Küchentür öffnete sich wieder und die Nordlandköchin +guckte heraus und lächelte dem Vierschrötigen zu. Kallem ahnte ein süßes +Geheimnis. "Ist das _Dein_ Mann?" -- "Ja, seit'n Sommer." Der Bursche sah +wie ein Seemann aus. "Ist Herr Kule zu sprechen?" Der Vierschrötige +setzte eine feierliche Miene auf; er wollte hineingehen und fragen. Er +blieb lange fort, Kallem hörte, daß drinnen unterhandelt wurde. Bald +vernahm er Kules schleppende Stimme, bald die knappen, trockenen, in +Trondhjemer Dialekt gesprochenen Worte des andern, beides gedämpft. +Inzwischen erzählte Oline, ihr Mann sei ursprünglich Seminarist gewesen, +habe das Steuermannsexamen gemacht, spräche Spanisch und sei Kules +Sekretär und Bevollmächtigter. Dann erzählte sie, daß "die Kinderchens" +im Westland in Frau Rendalens Pensionat seien, d. h. es gehöre jetzt +nicht mehr Frau Rendalen, sondern dem Sohn, "dem Herrn, der auch mal bei +uns gewohnt hat". Und plötzlich fragte sie: "Na, und die gnäd'ge Frau? +Was macht denn die gnäd'ge Frau? So haben Sie sich doch noch gekriegt, +wa--as? Das wird aber eine Freude werden!" Jetzt öffnete sich die Tür, +der Vierschrötige stellte sich draußen auf, und Kallem ging an ihm +vorbei zu Kule hinein. + +Kule saß in demselben plumpen Rollstuhl mit demselben Brett vor den +Beinen; dieselben spanischen Bilder an der Wand; dieselben Möbel, nur +daß sie einen andern verblichenen Überzug hatten. Nur kein Flügel und +kein Kinderspielzeug. + +Kule selber war grau und bedeutend dicker geworden. Die "Flossen" lagen +auf den Armlehnen, wie gewöhnlich; eine riesige Tabakspfeife stand +unbenutzt daneben. + +Kallem nannte seinen Namen; Kule antwortete nicht. Aber eine kleine +Bewegung der gesunden Hand und ein paar heisere stöhnende Laute deuteten +an, daß die Wogen in ihm hoch gingen. + +Auch Kallem mußte sich zusammennehmen, damit er ruhig bleibe. Um die +Qual abzukürzen, sagte er sofort, Herr Kule wisse vielleicht nicht, daß +sie Nachbarn seien. -- Doch, das wisse er. -- "Das hätte ich nicht +gedacht," erwiderte Kallem und ließ den Ton seiner Worte erklären, was +er damit meine. Kule schwieg. + +"-- Sie werden hier wohnen bleiben?" + +"Ja." + +Kallem blickte in das blinde Gesicht; es war kalt und verschlossen. Er +fühlte, es war unmöglich, auch nur einen Funken Mitleid mit Ragni darin +zu erwecken. Ein entsetzlicher Widerwille packte ihn. "Dann habe ich +nichts weiter zu sagen!" sprach er und erhob sich. + +Die Küchentür stand halboffen. "Bitte, auch 'n schönen Gruß an die +Gnä--di--ge!" + +Erst draußen erinnerte sich Kallem seiner ursprünglichen Absicht; aber +diese neue Roheit Kules befreite ihn davon. Also -- fortan war er ihr +Nachbar. So hieß es eben versuchen, die eigene Vergangenheit zu tragen, +wie andere auch. + +Er wanderte zur Stadt hinaus; er hatte nicht den Mut, sogleich nach Haus +zu gehen. Schlechtigkeit ertrug sie nicht -- in keiner Form. Er mußte +erst überlegen, wie er es ihr beibringen sollte. + +Ragni war im Studierzimmer und hatte schon längst die Lampe angezündet, +als er heimkam. Sie las ihr Urteil sogleich auf seinem Gesicht -- ja, +sie hatte es schon an seinem Schritt gehört. Sie sank in einen Sessel, +und ihr war, als sei von nun an alle Freude dahin. + +Er versuchte, ihr klarzumachen, daß sie, eben weil sie schuldlos war, +nichts zu fürchten brauche. Sie schüttelte nur den Kopf. Das war es ja +nicht. Nein, die Schlechtigkeit war es, _die_ konnte sie nicht ertragen, +die Kälte. Und sie erinnerte ihn an das, was er selber an Kristen +Larssens Grab gesagt hatte. + +Aber sie könnten sich doch nicht mit Kristen Larssen vergleichen? Sie +hätten doch vieles, was Wärme gab. Freilich -- aber der gute Ruf! "Wenn +sie mir den nehmen, nehmen sie mir auch alle Wärme!" Und nach einer +Pause fuhr sie fort: "Das ist -- die Kälte!" Sie weinte nicht, wie sie +es sonst so leicht tat. + +"Dann ziehen wir fort!" rief Kallem. + +Als wenn sie das schon lang erwogen hätte, antwortete sie: "Wo gibt es +einen Arzt, der so reich wäre, daß er alles, was Du hier hineingesteckt +hast, kaufen könnte? Und Deine Arbeit? Für die Du lebst, die Dich +glücklich macht? Nein, Edvard!" -- "Aber wenn Du unglücklich bist, kann +ich nichts mehr leisten." Und er küßte sie. Sie antwortete nicht. "Woran +denkst Du?" -- "Ich glaube doch, daß Du's kannst." -- "Was?" -- "Ohne +mich arbeiten und glücklich werden!" erwiderte sie und brach in Tränen +aus. Er zog sie dicht an sich und wartete; sie mußte ja fühlen, daß sie +ihm wehgetan hatte. "Eigentlich passe ich nicht zu Dir!" -- "Aber +Ragni!" -- "Ja, als Dein guter Kamerad -- der beste, den Du auf Erden +hast! Wenn ich es doch lange sein dürfte!" -- + +Sie schmiegte sich eng an ihn, als wolle sie ihm das Siegel des +Schweigens auf den Mund drücken. + + +10 + +Am nächsten Tag war Nebel. Obwohl Ragni gut und traumlos geschlafen +hatte, war ihr doch der Kopf schwer. Sie ging umher und sah alles nur in +dem kalten Licht von gestern; nirgends mehr ein Glanz über den Dingen. +Erst wollte sie gar nicht in die Küche hinaus; sie bildete sich ein, man +könne von dort das Haus sehen, in dem Kule wohnte. Schließlich wurde ihr +das aber doch zweifelhaft, und sie getraute sich hinaus; nein, es war +nicht zu sehen. Dann wagte sie nicht ihre Morgenrunde durch den Garten +zu machen; er konnte ja vielleicht gerade vorüberfahren. Endlich setzte +sie sich an den Flügel, stand aber wieder auf, ohne gespielt zu haben. +Sie schrieb einen Brief an Karl; sie war ihm auf zwei Briefe Antwort +schuldig, und irgend etwas mußte sie ja vornehmen. Sie schrieb -- aus +ihrer Stimmung heraus -- Schlechtigkeit in jeder Form, wie Lüge, Verrat, +Hinterlist, herrschsüchtige Verfolgung, Tücke, Betrug -- sei _Todeskälte_. +Die sei es, gegen die wir kämpften. Leben sei Wärme. Manche Menschen +seien mehr anfällig für Erkältungen als andere, gerade wie der eine +empfänglich sei für Tuberkulose und der andere nicht; und sie sei +sicher eine von jenen Unglücklichen. Von frühster Kindheit an habe sie +den Hauch der Kälte gespürt, und zuletzt würde wohl dieser kalte Strom +stärker werden als die Wärme, die sie ihm als Widerstand +entgegenzusetzen vermöge; das sei die ganze Frage. + +Der Brief war nicht lang; denn während sie so an ihre Kindheit dachte +und an das, was sie später durchgemacht hatte bis zu ihrer Verheiratung +mit Kule, kam ihr die Lust, es aufzuschreiben, um es gelegentlich einmal +in Kallems treues Gedächtnis niederzulegen. Mündlich erzählen konnte sie +es nicht; aber es aufschreiben --ja, jetzt konnte sie es. Auch trieb sie +eine unbestimmte Furcht, und noch am selben Tage fing sie an. + +Sie bot ihre ganze Kraft auf, um ruhig und gefaßt zu sein, als Kallem +nach Hause kam. Er sah sie forschend an, war aber selbst in größter +Spannung -- einer ganz anderen, neuen Sache wegen. Er wollte eine +Operation vornehmen, an deren Gelingen die beiden anderen Ärzte und noch +ein dritter, der von weither geholt worden war, Zweifel hegten. + +Einer der angesehensten Männer der Umgegend, Oberst Bajer, litt seit +etwa einem Monat an Magenhautentzündung mit Anzeichen von Septichämie. +Doktor Arentz war sein Hausarzt und behandelte ihn in der üblichen Weise +mit Wasserumschlägen und Opium. Aber die Krankheit wurde bedenklich und +Arentz riet, Kallem zu Rate zu ziehen. Die Frau des Obersten widersetzte +sich -- nicht gerade, weil sie eine eifrige Christin war, sondern weil +ihr Kallem an sich unsympathisch war. Sie war ein gutes, warmherziges +Wesen, aber hysterisch, und solche Menschen ergreifen leicht Partei für +oder wider. Pastor Tuft hatte sie einmal gerettet; sie war krank gewesen +an Schwäche, nichts wollte helfen, bis er gekommen war und ihren Willen +durch den Glauben gestärkt hatte -- eine Tatsache, die niemand +bestreiten konnte; seitdem schwärmte sie für ihn. + +Der Arzt des Nachbarbezirks und Doktor Kent wurden zugezogen; aber beide +waren ehrlich genug, einzugestehen, daß nichts mehr zu machen sei; der +Oberst sei ein Todeskandidat und eine Operation unmöglich. + +Jetzt siegte die Liebe zum Gatten über allen Widerwillen; sie ließ +anspannen und fuhr selbst zu Kallem, der sich sofort und unbedingt +bereit erklärte, die Operation vorzunehmen. Ohne sich von den +Einwendungen der andern abhalten zu lassen, öffnete er die Bauchhöhle +und fand Eiter; dann öffnete er den Dickdarm. Besonders da die andern +abgeraten hatten, erforderte dies Ereignis seine ganze Charakterstärke. +Der Oberst war als Ehrenmann bekannt, in Stadt und Land nahm man Anteil, +und der Zustand der Frau war derartig, daß sie wahnsinnig werden mußte, +wenn der Mann starb. Ihre Abneigung gegen Kallem schlug in unbegrenztes +Vertrauen um; es war, als habe seine Nähe sie magnetisiert. Alles das +erfüllte Kallem mit tiefer Besorgnis. + +Nun hatte Ragni an anderes zu denken als an sich selbst; denn sie sah, +welche Seelenqual das Gefühl der Verantwortung unmittelbar vor der +Operation und mehr noch in den Tagen nachher in ihm erregte. In solchen +Zeiten hielt sie mit seltener Kunst alles Kleinliche von ihm fern, +ermutigte ihn, heiterte ihn auf, lebte überhaupt ausschließlich für ihn. +Einem solchen Mann etwas sein zu können -- das war "Wärme" genug! + +Der Oberst erholte sich; Kallem war bei übersprudelnder Laune. Ragni +spielte wieder, nahm ihre übrigen Arbeiten wieder auf, ja, sie wagte +sich sogar in den Garten und ließ die Augen zu dem Haus oben +hinüberschweifen. Sie hörte den Wagen vorbeirollen, ohne mehr als +höchstens ein ganz klein bißchen zu zittern; sie wurde von der +Nordlandsköchin, die mit ihrem Korb auf den Markt ging, angesprochen, +und obgleich sie dabei ein Gefühl hatte, als werde sie von einer +Schlange gebissen, starb sie doch nicht daran. Es kam sogar der Tag, da +sie mit ihr plaudern konnte, zuletzt konnte sie sogar jeden Morgen ihr +Kommen abwarten, ohne davonzulaufen. Das geschah nicht etwa aus Mut -- +beileibe nicht -- aber es geschah; und sie fühlte sich wohl dabei. + +Das Wetter schlug um und kehrte seine allerrauhste Seite hervor. Die +Blätter stoben im Nordwind, die Erde war festgefroren und jeden Morgen +mit Reif bedeckt. Die Öfen zogen, daß es nur so krachte, und ihr +Prasseln wetteiferte mit dem Wagengerassel, das draußen über den hohlen +Boden zog. Jeden Tag fragte man sich, ob man nicht die Doppelfenster +einsetzen und die Verandatür schließen solle. Und jeden Tag schob man es +wieder auf; wer weiß -- vielleicht kamen noch schöne Tage! + +Eines Tages brachte die Post Ragni Briefe aus Amerika, aus Nordland und +aus Berlin; einer war von Karl. Sie hatte alle geöffnet, aber keinen +gelesen; es war zu vielerlei zu tun, damit das Haus für den Winter in +Ordnung komme. Den Brief der Schwester las sie aber doch am Nachmittag; +und er machte sie betrübt; der Schwester ging es nicht gut. Ragni dachte +daran, sie zu sich zu nehmen. Die letzten zwei oder drei Briefe von Karl +hatten stark nach Heimweh geschmeckt; er war schwermütig, und sie hatte +deshalb nicht sonderliche Lust, seinen neuesten Brief zu lesen. Sie war +gerade mitten in einem amerikanischen Roman, einem der besten von +Howell; es war ein tiefeindringendes, spannendes Seelengemälde; und so +nahm sie zuerst ihr Buch vor, als sie sich gegen Abend ins Studierzimmer +setzte. Aber etwas in der Erzählung erinnerte sie an Karl; sie legte das +Buch weg und nahm seinen Brief vor. Wie immer, ganze Bogen, auch recht +interessant, aber der Ton geradezu seelisch krank. Als sie an den +letzten Bogen kam, sah sie darüber in roter Tinte die Worte: "_Bitte +allein lesen_!" + +Er schrieb: "Seit ich Ihren Brief über die 'Kälte der Schlechtigkeit' +erhalten habe, war ich in Zweifel, ob ich Ihnen sagen solle, daß ich es +sogleich verstanden habe. Ich habe schon längst gewußt, was man von uns +gesagt hat. Solch eine rohe Verleumdung! Das war es, was mich diesen +Sommer beinahe zum Wahnsinn getrieben hat, als ich es -- kurz vor +unserer Trennung --erfuhr. Ist es nicht furchtbar? Damals dachte ich, +es könne überhaupt nichts mehr kommen, was mich noch tiefer treffen +könnte; aber nun ist doch noch etwas gekommen: auch _Sie_ haben es +erfahren! Denn natürlich ist das der Sinn ihres Briefes. + +Wochenlang habe ich hin- und hergesonnen. Aber um meinet- und um +Ihretwillen ist es besser, wenn wir davon sprechen. Lassen Sie Kallem +nichts davon erfahren! Ich schäme mich so entsetzlich -- ich bin so +unglücklich -- ach, wenn Sie wüßten, wie unglücklich ich bin! -- Aber +ihm wollen wir es ersparen! + +Darum schreib' ich das auf einen besonderen Bogen; ich werd' es fortan +immer so machen. Auch des andern wegen, das nun kommt, Sie Liebe, +Liebste! + +Von der ersten Zeit an, als Sie so gut zu mir waren, hab' ich Sie +unendlich lieb gehabt. Ich hätte nie gedacht, daß ich Sie oder überhaupt +einen Menschen noch lieber haben könnte. Jetzt aber sind wir in dieser +Schmach und diesem Schmerz gleichsam miteinander verschmolzen; wir beide +sind die einzigen, die darum wissen; und jetzt, -- Gott ist mein Zeuge! +-- lebe und leide und arbeite ich nur noch in Gedanken an Sie! Immer +sind Sie um mich -- vom Morgen bis zum Abend und bis in den Traum meiner +Nächte! + +Ich liebe, liebe, liebe Sie! Ich schreib' es -- unter Tränen. Ich liebe +Sie -- ich liebe Sie -- ich liebe Sie! + +Vielleicht erschreckt Sie das Wort, erschreckt Sie mehr als das andere, +das es heraufbeschworen hat! Aber wenn Sie wüßten, welch eine Wonne es +für mich ist, es bloß niederschreiben zu dürfen, bloß zu wissen, daß Sie +es lesen! Sie sind so gut -- Sie wissen, welch grenzenlose Ehrfurcht ich +vor Ihnen habe -- -- --" + +Als Kallem um acht Uhr nach Hause kam, stand der Abendtisch im Eßzimmer +gedeckt; im Studierzimmer war geheizt und die Lampe angezündet; aber +beide Zimmer waren leer; in der Wohnstube war es dunkel. Sigrid brachte +den Tee und berichtete, Frau Doktor seien zu Bett gegangen. -- "Zu Bett? +Fehlt ihr etwas?" -- "Ich glaube, sie war nur müde." + +Kallem eilte sofort hinauf. Es war dunkel; doch im Mondschein sah er +einen Arm im weißen Nachthemd sich ihm entgegenstrecken. "Verzeih!" +sagte sie. "Ich war so müde; und dann hatte ich auch einen Brief von +meiner Schwester, der mich traurig gemacht hat. Nein, mach' kein Licht, +bitte! Es ist so schön so!" -- Was für ein frischer, gesunder Duft von +ihm ausströmte! Wie voll Kraft seine Stimme klang, während er +antwortete: "Von Deiner Schwester?" -- "Ja, sie fühlt sich unglücklich +da oben." -- "Wie wär's, wenn wir sie zu uns nähmen?" -- "Ich wollte +Dich eben darum bitten. Wie gut Du bist!" -- Sie weinte. -- "Aber +Schatz, warum weinst Du denn? Glaub' mir, der einzige Grund, weshalb ich +das nicht schon lange vorgeschlagen habe, war Dein Wunsch, wir sollten +allein sein miteinander." --"Ja, das ist ja auch das Allerschönste! Aber +wenn nun eins von uns krank wird?" -- "Dummes Zeug! Wir werden nicht +krank! Du bist doch so wohl jetzt! Die Stirn ist ein bißchen warm! Laß +mal Deinen Puls fühlen! Na ja, ein bißchen Ruhe hast Du nötig, weiter +nichts. Es war ganz richtig, daß Du zu Bett gegangen bist. Ich gehe +jetzt hinunter und esse; ich habe einen Bärenhunger. Dann hast Du Ruhe. +Karl hat geschrieben?" -- "Ja. Der Brief liegt auf Deinem Schreibtisch." +-- "Schön! Ich werd' ihn beim Essen lesen. Nachher hab' ich noch viel zu +tun. Gutnacht, Kleines!" -- Er küßte sie; Ragni schlang beide Arme um +seinen Hals, zog seinen Kopf dichter zu sich heran und küßte ihn. "Du +herrlicher Mensch!" + +Er ging. Sie hörte seine raschen Schritte auf der Treppe und unten im +Korridor, hörte, wie er die Tür öffnete und hinter sich schloß. + +Wieder dieser Schmerz in der Brust, den sein Kommen gemildert, sein +Schritt verscheucht hatte! Etwas Schweres, Entsetzliches -- nie wieder +würde sie es los werden -- und dabei fror sie so. Die Kälte, die Kälte, +die Kälte -- jetzt war sie ihr bis ins Innerste gedrungen. Jetzt begriff +sie -- zu Eis erstarrend -- weshalb der "Walfisch" gekommen war und +sich in das kleine Haus nebenan gewälzt hatte und nicht wieder hinaus +wollte. Jetzt wußte sie, weshalb die andern das zugegeben hatten. + +"Gott, ach Gott -- wie hat das nur kommen können? Was hab' ich denn +getan?" klagte sie und verkroch sich vor sich selber. Wie ein Flüstern +durch Meeresbrandung tönten Karls Liebesworte hindurch. Armer Junge! Da +lag sie -- im Dunkeln -- damit keiner sie sah --damit sie nachdenken +konnte. Was sollte sie tun? Den letzten Bogen hatte sie herausgenommen. +Sollte sie ihn Kallem zeigen? + +Als Kallem nach zwölf Uhr heraufkam, um zu Bett zu gehen, war sie über +all ihren traurigen Erwägungen eingeschlafen. Er steckte hinter ihr das +Licht an, sah ihr ins Gesicht, horchte auf ihren Atem. Sie schlief +--unschuldig -- mit offenem Mund. + +Am nächsten Vormittag wanderte sie auf der Südseite des Hauses umher, +auf und ab, auf und ab, noch immer gleich verstört, gleich ratlos. Es +hatte geschneit, zum erstenmal dieses Jahr; der Schnee war schon halb +wieder geschmolzen. Über den Bergkämmen lag dichter Nebel, so dicht, daß +er aussah wie festes Land, trotzig, undurchdringlich -- ein Land, das an +die Berge grenzte und sich über den ganzen Horizont erstreckte. Das +seltsame Land sandte eine lange Zunge hernieder nach dem Wald -- wie das +äußerste Züngeln eines Geheimnisses. Sie fror. Weit konnte sie nicht +gehen, ohne daß der Schutz des Hauses aufhörte und man sie vom Weg aus +sehen konnte; und heut ertrug sie es nicht, daß man sie sah; vielleicht +nie wieder. + +Welch ein kindischer Wettkampf das war zwischen den Baumarten da +draußen, rings um die Gehöfte! Am fernsten von den Häusern Nadelwald; +bei trübem Wetter war er fast schwarz. Mehr in der Nähe mischte Laubholz +sich dazwischen, langhalsige Espen, verrenkte Birken, die lichtgelb aus +dem Dunkel leuchteten; noch näher Eberesche und Faulbaum, blutrot; +dazwischen Ahorn und anderes; von flachsweißen bis rotgoldnen. Hohe +Erlen und Espen, die zu alt waren, um überhaupt noch Laub zu treiben, +ragten mit nackten Zweigen über der Farbenpracht der andern empor gleich +blaugrauem Rauch. + +Sie stampfte mit den Füßen, die gar nicht warm werden wollten, die nicht +wußten, ob vorwärts oder rückwärts, weil sie selber nicht wußte, wohin. +Wenn Kallem es erführe -- was dann? Und wenn er es nicht erführe? + +Die Wiesen waren von schwarzerdigem, gepflügtem Ackerland +durchschnitten. Dazwischen mattgrüne, mit Wintersaat bestellte +Roggenfelder und stoppelige Kleeäcker. Aber dort -- weit hinter den +Häusern -- mißvergnügte, graue Erdflecken, die man überhaupt nicht +beachtete, außer, wenn es sich darum handelte, sie zu plündern; nur zu +viele solcher gab es hier zu Lande. + +Juanita? Wie kam das Kind auf einmal mitten in das Herbstbild? Diese +frischeste, lebendigste Erinnerung an den ersten Frühling? Ach, hier +draußen wachte die Sehnsucht nach den Kindern auf! Jetzt wußte sie, daß +er nicht war, wo die Kinder waren; jetzt konnte sie zu Rendalens reisen +und die Kinder sehen! + +Solange sie auf der Reise war, brauchte sie auch nicht zu entscheiden, +was das Richtige sei; und sie bedurfte dringend des Aufschubs. Nur ein +kurzer Brief an Karl Meek, daß er vorläufig nicht mehr schreiben solle; +sie werde ihm später vielleicht Nachricht zukommen lassen. Ob sie die +paar Worte telegraphierte? Nicht von hier aus! Aber auf der Stelle +abreisen und von unterwegs telegraphieren. + +Ein Vorsatz, ein inneres Geheiß, so stark, als habe sie überhaupt weiter +nichts mehr zu tun als noch einmal die Kinder zu sehen, stieg in ihr +auf. Als Kallem etwas später nach Hause kam, wanderte sie im Zimmer auf +und ab, um sich warme Füße zu machen, und sagte ihm selber, sie _müsse_ +die Kinder sehen. Er empfing den unfehlbaren Eindruck, daß die +Erinnerung an ihr Zusammenleben mit Kule in Sehnsucht nach den Kindern +umgeschlagen sei. Das war ganz natürlich. "Reise nur gleich!" sagte er; +"später wird es zu kalt." Damit meinte er freilich nicht, daß es gerade +heut noch sein sollte; aber sie wollte es so, und am Nachmittag brachte +er sie zur Bahn. + +Gleich nach ihrer Ankunft bei Rendalens kam ein verzweifelter Brief: das +Wiedersehen mit den Kindern war grausam gewesen. Sie hatten sie nicht +wiedererkannt! Und auch sie die Kinder nicht. Äußerst wohlerzogene +Kinder, gewiß! Aber nicht ihrer Schwester Kinder! Nicht verwandt mit ihr +selber. Nur mit ihm! -- Sein Blut war stärker als ihres. Große, dicke +Kinder, die sie ansahen, als begriffen sie nicht, was sie wolle. Und +dazu diese vielen fremden Menschen, die sie beständig beobachteten! Am +liebsten wäre sie gleich wieder heimgereist, wenn sie nicht so erkältet +gewesen wäre. --Ein späterer Brief lautete ein bißchen lebensfroher. +Nicht daß sie zufriedener gewesen wäre mit den Kindern; die waren noch +gerade so fremd und "materiell"; sooft sie die Kinder mit sich auf ihr +Zimmer nahm, um mit ihnen zu plaudern oder ihnen vorzuspielen, fühlte +sie, daß sie sie nur aufhielt. Aber das Zusammensein mit den prächtigen +Menschen in und außerhalb der Schule machte ihr Freude; "hätten wir doch +etwas Ähnliches!" seufzte sie. + +Auch von Rendalen erhielt Kallem einen Brief, der in schwungvollen +Worten ausdrückte, wie sich die ganze Kolonie freue, Ragni in ihrer +Mitte zu haben. Er übermittelte die "einstimmige Bitte", sie ihnen doch +noch eine Zeitlang zu lassen; sie sei auch müde von der Reise und nicht +ganz wohl; die Ruhe scheine ihr gut zu tun. + +So blieb sie acht Tage und noch einmal acht Tage fort. Mittags an einem +kalten Wintertag kam sie zurück, blaß, noch immer erkältet, ängstlich, +unfähig, zu sagen, wie fürchterlich es ihr war, wieder unter Menschen zu +kommen, die sie für eine ehrlose Frau hielten. Kallem erschrak über ihr +Erkältetsein und ihr schlechtes Aussehen; ihr Wiedersehen war kein +frohes Wiederfinden, sondern eine besorgte Untersuchung ihrer Brust und +ein bißchen mattes Erzählen; sie war müde und verlangte ins Bett. + +Kallem fragte, ob Karl geschrieben habe; hierher sei kein Brief von ihm +gekommen. -- Nein, sie habe auch keinen erhalten. -- Ob sie denn nicht +geschrieben habe? -- Nein. Karl habe eine Vertraulichkeit gezeigt, die +ihr nicht gefiele. -- Es waren schon oft kleine Reibereien zwischen den +beiden vorgekommen, von denen er erst später gehört hatte; und da sie +ihn nicht ansah, fühlte er, daß er nicht fragen dürfe. + +Mehrere Tage hütete sie das Bett. Ein leidiger trockener Husten wollte +nicht weichen; sonst waren keinerlei besorgniserregende Indizien +vorhanden. Als sie wieder aufstand, kam sie ihm merkwürdig mager vor; +das Gesicht hatte einen matten kränklichen Zug; unter den Augen lagen +dunkle Ringe. Sie sehnte sich hinaus --in die frische Luft. Aber sie +weigerte sich auf das bestimmteste, außerhalb des Gartens spazieren zu +gehen. Erst behauptete sie, das sei langweilig; als er sie aus dieser +Stellung vertrieb, verschanzte sie sich hinter eine stärkere: sie fing +zu weinen an. Er hielt das für ein verdächtiges Zeichen; sie war am Ende +gar schwanger? In dieser Hoffnung gab er sich zufrieden und wartete. Sie +machte ihre Spaziergänge im Garten und erzählte es ihm voll Stolz; aber +daß sie fast immer nur in der Dämmerung ging, das verschwieg sie. Nach +und nach fand sie selber, daß ihr besser war; und er fand das auch. + +So verging eine Zeit. Er wartete auf das, was er so gern gehört hätte, +glaubte da und dort Anzeichen zu bemerken; zwischendurch aber ängstigte +es ihn, daß sie immer magerer zu werden schien; er konnte sie auch nicht +zum Essen bewegen. Eines Abends, als er fort gewesen, war sie wie +gewöhnlich draußen in der Dämmerung spazieren gegangen und hatte nachher +Schüttelfrost und Beklemmungen. Als Kallem zu Bett ging, schlief sie; +aber ihr Husten weckte ihn. Er machte Licht und sah, daß sie die Hand +gegen die Brust preßte. "Tut das weh?" -- "Ja." -- "Wo?" -- "Hier!" +--Und sie zeigte auf das rechte Schlüsselbein. -- "Hast Du Stiche da, +wenn Du hustest?" -- "Ja." -- Im selben Augenblick hatte sie einen +heftigen Hustenanfall. Er stand auf, zog sich an, legte im Ofen nach, +klingelte und schickte das Mädchen nach der Apotheke. Unterdessen +untersuchte er sie und fragte sie dabei aus. Er hörte von dem +Schüttelfrost gestern Abend, und wie sie ihre Spaziergänge am liebsten +in der Dämmerung mache. "In der Dämmerung!" rief er; mehr war nicht +nötig; sie versteckte ihren Kopf in den Kissen. -- Das möge sie doch in +Zukunft gefälligst bleiben lassen! Und vorläufig müsse sie das Bett +hüten, und zwar mehrere Tage. Das Senfpflaster auf der Brust war ihr +unangenehm, mit den Hustenpillen hatte er mehr Glück. Er verbarg seine +Besorgnis hinter allerhand Scherz und Zärtlichkeit; und wirklich -- nach +ein paar Tagen war sie wieder so wohl, als er kaum zu hoffen gewagt +hatte! Auch ganz gehorsam war sie geworden; vierzehn Tage lang hielt sie +sich still im Zimmer. Der Husten kam seltener; die einzelnen heftigen +Anfälle stachen zwar in der Brust; aber sonst fühlte sie sich ganz wohl; +nur ungeheuer matt und kurzatmig, so daß sie nicht einmal mehr Lust +hatte zu spielen. + +Im Garten wurde ein Weg für sie gebahnt, und zum erstenmal ging sie -- +mit Kallem -- wieder bei Tag aus, kehrte aber gleich wieder ins Haus +zurück. Erst ängstigte ihn das, ängstigte ihn merkwürdig; aber aus ihrer +Art und Weise schloß er, daß es nur Laune sei. Sie fühlte sich indessen +matter, als sie gestehen wollte. Am Tag darauf versuchte sie es mit +Sigrid. Aber nach den ersten Schritten versagte ihr der Atem; sie mußte +ausruhen, und bat Sigrid, nichts zu sagen; es werde schon vorübergehen, +wenn sie "mehr trainierte". Das Wetter wurde milder; über Mittag waren +sogar ein paar Grad Wärme. Sie fühlte sich wohler und konnte länger +gehen; Kallem freute sich, als er eines Tages sah, daß sie das Klavier +öffnete. -- -- + +Eines Abends erschien Sören Pedersen; bleich --allein -- beides äußerst +ungewöhnlich. Was war denn los? Kristen Larssen ginge um! Kallem brach +in schallendes Gelächter aus. Sören verzog keine Miene: Kristen Larssen +ginge, wahrhaftigen Gott, um! Im letzten Jahr seines Lebens hatte er nie +mehr Geige gespielt; er hatte seine Geige Aune gegeben. Aber jetzt +spiele er Geige in seinem alten Haus. -- Ob denn niemand drin wohne? -- +Nein. Das Haus sei abgeschlossen; aber er spiele darin! Mehrere hatten +es gleichzeitig gehört; nicht der leiseste Zweifel sei möglich. -- Ach +was -- da habe sich einfach irgendein Schelm eingeschlichen! Wer den +Schlüssel habe? --Der Neffe seiner Frau. -- "Wer ist das?" -- "Aune!" +--"Na, siehst Du wohl!" -- "Aune hat ja aber selber das ganze Haus mit +durchsucht; und Aune hat am meisten Angst von uns allen!" -- Ein +Mädchen, die ein krankes Kind hatte -- Kallem kannte sie, er war ihr +Arzt --hatte eines Nachts Kristen Larssen an der Hauswand entlang +schleichen sehen. Seitdem hatten noch mehrere ihn gesehen. "Zweifeln tat +keiner daran!" schloß Sören. Wie wollte der Herr Doktor denn das +erklären, daß Frau Bajer, die Frau des Obersten, eines Tags zu ihnen in +ihren Tapezierladen gekommen sei, und ihnen erzählt habe, sie habe +geträumt, Kristen Larssen sitze in einer langen Stube zwischen vielen +großen, gelehrten Männern, die alle buchstabieren lernten? Sie hatte +sich gedrungen gefühlt, Sören Pedersen, den Kristen Larssen ja doch +verführt hatte, das zu erzählen. "Und denken Sie sich, Herr Doktor, +gerade in der Nacht vorher haben wir beide, Aase und ich, geträumt, die +Frau Oberst komme zu uns in den Laden!" + +"Ich will Ihnen etwas ebenso Merkwürdiges erzählen, Pedersen. Am ersten +Tag, als meine Frau und ich hier in der Stadt waren, begegneten wir +Maurer Andersen, Karl Meek, Kristen Larssen, Sigrid, Ihnen und Ihrer +Frau -- alles im Lauf einer Viertelstunde!" Pedersen rollte seine +Kugelaugen, ohne zu verstehen. Daran war doch weiter nichts Besonderes? +-- "Nein, denn auf die hundert anderen, denen wir begegneten, gaben wir +gar nicht acht. Genau so wie Sie, Sören Pedersen, nicht acht geben auf +die Hunderte, von denen Sie und Aase träumen, -- wenn Sie sie nicht +gerade tags darauf in Ihrem Laden sehen!" + +Sören Pedersen war aber nicht überzeugt. + +Der Aberglaube lag nun einmal in der Luft. Einer steckte den andern an; +bald sprach die ganze Stadt von nichts weiter; besonders, nachdem sich +auch der Pastor in die Sache gemischt hatte. Seit dem Frühjahr hatte er +allein gehaust mit seiner Mutter -- Frau und Sohn waren erst kürzlich +wiedergekommen -- und in dieser ganzen Zeit hatte seine Lehre zugenommen +an Strenge, -- in der letzten Zeit mit einem Gepräge von Leidenschaft, +das Unheil prophezeite. Jetzt verkündete er im Betsaal, jeder Gläubige +wisse ganz wohl, daß Geister unter uns lebten und wirkten, und daß viele +nach dem Tode den Weg der Ruhelosen wanderten; das seien erwiesene +Tatsachen, die sich als Mahnung von Geschlecht zu Geschlecht +wiederholten. + +Als Kallem davon hörte, machte er ernst mit einem Gedanken, den er schon +längst gehabt hatte -- nämlich: sich Aunes zu bemächtigen. Aune hatte +gar keine Lust und war erfinderisch genug, ihm immer wieder zu +entschlüpfen; er besaß eine große Überredungsgabe, mit der er auch +Kallem oft zum Besten gehabt hatte; aber jetzt mußte er heran! Die Frau +war vollkommen einverstanden, und in ihrer Gegenwart nahm Kallem ihn +eines Sonntag vormittags im Krankenhause vor -- zunächst wegen des +Trinkens, dann aber vor allem, um Licht in die Spukgeschichte zu +bringen, die natürlich kein anderer als dieser Erzschelm selbst in Szene +gesetzt hatte. Und so war es auch! Jetzt kam aber die Schwierigkeit: +wurde das bekannt, so war Aune zugrunde gerichtet. Das war der Frau +sofort klar, und sie bat für ihn. Darum ließ sich nichts anderes tun in +der Sache, als es ihm zu verbieten und zu schweigen. + +Natürlich hinderte das Kallem nicht, auf seiner Vormittagsrunde Doktor +Kent, der so wenig an den Spuk glaubte, wie er selbst, zu erzählen, man +wisse jetzt, wer die ganze Geschichte mit Kristen Larssen in Szene +gesetzt habe; den Namen dürfe man nicht nennen; aber das Ganze sei ein +abgekartetes Spiel. Kent, der bei einem Kranken Josefine traf und wußte, +daß nichts ihr willkommener war als eine Nachricht von ihrem Bruder, +wiederholte ihr Kallems Worte. Beim Mittagessen erzählte der kleine +Edvard, der täglich von diesen Spukgeschichten voll war, jetzt hätten +auch zwei Jungens Kristen Larssen gesehen, Aunes Junge und der Sohn des +Laienpredigers. Edvard funkelte vor Eifer. Da erklärte die Mutter ihm +kurz und bestimmt, das sei ein Betrug; einer der Ärzte aus der Stadt +wisse, von wem der Betrug herrühre; es gebe keinen Kristen Larssen, der +umgehe. + +Als der Junge sich entfernt hatte, sagte der Pastor, er finde ihr +Benehmen rücksichtslos. "Wieso rücksichtslos?" -- "Nun, daß _Du_ dem +Jungen das sagst; Du hast doch gehört, daß er sich gleich dahinter +verschanzte, _ich_ glaubte auch an Gespenster!" Des Pastors Ton war nicht +überlegen, nicht einmal vorwurfsvoll; sie fühlte, er hatte recht, und +antwortete darum nicht. Aber es wirkte nach, und eine Weile darauf stand +sie im Studierzimmer. + +"Ich habe über das nachgedacht, was Du vorhin sagtest." Er lag auf dem +Sofa und rauchte, erhob sich aber, um Platz zu machen. Es tat ihm wohl, +daß sie zu ihm hereinkam. Aber sie blieb stehen. "Soll etwas, das Du dem +Jungen einmal gesagt hast, für ihn eine Wahrheit sein, auch wenn es +nicht wahr ist?" -- "Nein. Aber Du könntest es mir überlassen, es zu +berichtigen!" -- "Und wer sagt mir, daß Du es berichtigen willst?" +--"Was soll das heißen?" -- "Das soll heißen, daß Du dem Jungen +fortwährend Dinge beibringst, an die Du selber unmöglich glauben +kannst." -- "Was für Dinge?" --Er wurde rot; denn er begriff, jetzt kam +es zu einer Abrechnung. -- "Ich habe in der letzten Zeit oft daran +gedacht, mit Dir darüber zu reden," sagte sie, "und nun soll es einmal +geschehen. Du selbst glaubst nicht daran, daß die Welt vor etwa +sechstausend Jahren in sechs Tagen geschaffen worden ist, oder daß die +Sagen von den ersten Menschen und den Patriarchen etwas anderes seien +als Sagen, nicht wahr? Ebenso die ganze Geschichte vom Paradies. Erde +und Menschen können nicht gleich von Anfang an vollkommen gewesen sein. +Aber die Kinder lehrst Du das, und in der letzten Zeit auch Edvard." -- + +Er schritt im Zimmer auf und ab; sie stand zwischen den beiden Türen, +die zum Flur und zum Wohnzimmer führten. So oft er sich ihr näherte, +schaute er sie mit einem starken, ja mächtigen Blick an; so sieht ein +schlechtes Gewissen nicht aus; das fühlte sie. Und um ihr zu zeigen, in +welchem Geist hier verhandelt werden mußte, blieb er stehen und sagte +ruhig: "Wollen wir uns nicht setzen, Josefine?" -- "Nein", erwiderte +sie. "Ich würde ja doch gleich wieder aufstehen!" + +"Das, was Du Sage nennst," sagte er, "trägt in sich die ewige Wahrheit, +daß Gott alles und alle geschaffen hat, und daß die Sünde ein Abfall von +ihm ist." --"Weshalb es nicht so lehren, anstatt in unwahren Bildern?" +-- "Kinder fassen es am besten in Bildern, Josefine." -- "Dann sage +ihnen, daß es nur Märchen sind." -- "Darauf kommt es nicht an." -- +"Gewiß kommt es darauf an, daß die Kinder ewige Wahrheiten nicht in +unwahren Bildern lernen, meine ich!" -- Er sah, wie leidenschaftlich sie +die Sache nahm, und warnte sie; sie müßten ohne Leidenschaft darüber +reden können. "Nein", sagte sie, "das kann ich nicht. Denn Du mußt +wissen -- es geht um die Zukunft unseres Kindes --und um Deine und +meine!" Und sie trat an den Schreibtisch, wie um ihm näher zu kommen, +vielleicht auch, um sich zu stützen. + +Aber er ließ sich nicht beirren. "Wärst Du selber so durchdrungen von +jener ewigen Wahrheit, die Du im Munde führst, Josefine, -- kämpftest Du +nur um sie, so wäre all dies für Dich etwas ganz Untergeordnetes. Das, +was wir an Stelle des Alten setzen könnten, ist ja auch nichts Sicheres; +wir wissen, so, wie das ehrwürdige Buch es berichtet, kann es schwerlich +zugegangen sein; aber wir wissen auch nicht, wie es in Wirklichkeit +gewesen ist. Bloß das wissen wir: von Gott stammt unser Leben, in Gott +sind wir glücklich -- im übrigen laß Kinder und Erwachsene die ersten +Vorgänge auffassen nach der Väter Weise -- bis auf weiteres." Die +ehrliche Kraft der Überzeugung lag in seinen Worten, und sie verfehlten +ihre Wirkung nicht. Darum schwieg sie lange. Dann aber brach plötzlich +etwas anderes hervor. "Weißt Du, daß -- ohne die grenzenlose +Verschandelung meines Verstandes und Willens in meiner Kindheit auch ich +anders geworden wäre, als ich jetzt bin?" -- "Ja," sagte er kalt, "wie +ich höre, hast Du es in der letzten Zeit so weit gebracht, den Glauben +für das Unglück Deines Lebens zu halten!" -- "Das hab' ich nie gesagt!" +fuhr sie auf und wurde sehr blaß. "Und auch niemals gemeint!" Ruhiger +fügte sie hinzu: "Den Glauben an Gott und die Erlösung durch Jesus hab' +ich niemals als Zwang an meinem Verstand empfunden. Niemals!" -- +"Wirklich? Das ist ja schön!" sagte er, seufzte aber gleich darauf tief. +-- "Gut! Wenn Du mich nicht anhören willst," sagte sie, "so will ich +mich kurz fassen. Entweder Du hörst auf, dem Jungen Märchen zu erzählen, +die nicht unschuldig sind, wenn sie seinen Kinderverstand einengen +können; oder ich halte Dich nicht mehr für vollkommen gewissenhaft, +Ole!" + +Es war nicht das erste Mal, daß sie harte Worte brauchte; sie hatten +lange und schwere Kämpfe miteinander gehabt. Aber nie hatte sie so hart +gesprochen, niemals seinen Glauben angegriffen. Sie hatte ihr Recht +verteidigt, so zu sein, wie sie war, wenn auch mit heftigen Ausfällen +gegen die Art, wie er war; sie war seinen Herausforderungen mit +schneidiger Waffe begegnet; aber niemals, bis zu diesem Augenblick, +hatte sie etwas derartiges gesagt oder Bedingungen gestellt. Er hatte +schon ziemlich lange das drückende Gefühl gehabt, daß sich in ihr etwas +zusammenzog; aber ihr fest gewappneter Vorsatz -- von solchem Zorn, +solchem Willen getragen --! So standen sie sich gegenüber, Aug' in Auge; +und wollten die Tiefe ihres Willens aneinander messen. Auch in ihm +kochte es auf zu gewaltigem Zorn, und um von vornherein jede falsche +Hoffnung abzuschneiden, sagte er: "Der Junge bleibt bei mir!" -- "Bei +Dir?" -- Sie wurde aschfahl. "Hast _Du_ ein größeres Anrecht an ihn als +ich? Bist _Du_ seine Mutter?" -- "Ich bin sein Vater. Bibel und Gesetz +machen den Vater zum Eigentümer des Kindes." + +Jetzt begann sie auf- und abzugehen; aber nur zwischen Fenster und Tür, +wie zwischen den Stäben eines Käfigs. Ihre Brust wogte; ihr Atem ging +hörbar; ihre Gesichtsfarbe, ihre Augen, ihre Stimme verrieten, in welch +furchtbarer Aufregung sie war. Sie hatte nie geglaubt, daß er zu so +etwas imstande sei. -- "Schämst Du Dich nicht? Du wolltest den Jungen +behalten?" -- "Das will ich, so wahr Gott es mir gebietet! Du sollst +unsern Jungen nicht verderben." -- "Ihn verderben? Ich? Das ist zu viel! +Jetzt sollst Du die Wahrheit hören! Von Kindheit an hast Du Macht über +mich gewonnen -- _dadurch_! Hast Macht gewonnen über meinen Verstand durch +Deinen unerschütterlichen Glauben, ohne daß ich es merkte, weil Du gut +warst und Dich hingabst. Und damit hast Du meine Natur verpfuscht -- ja, +das hast Du! -- denn ich war anders geartet. Du hast meinem Leben Bahn +und Ziel gewiesen, ich merkte es selber nicht. Ich sag' es, wie es ist; +ich messe Dir keine Schuld bei. Aber Du sollst wissen, weshalb Du nicht +auch Macht gewinnen darfst über mein Kind! Das darfst Du nicht -- +solange noch ein Funken Leben in mir ist -- trotz Gesetz und Bibel! +Jetzt weißt Du's --und Du wirst es sehen!" + +Hätte sie geahnt, daß er schon lange, lange darauf gewartet hatte, sie +möge ihm einmal so gegenüberstehen, sie hätte es sich erspart, mit +solch sprühender Leidenschaftlichkeit zu reden. Er selber war vollkommen +Herr seiner Gefühle. "Ja, Deine göttlichen Gefühle hab' ich auf Abwege +geleitet -- das weiß ich längst. Ich hab' es getan durch den Glauben, +der nicht der Deine wurde. Das hab' ich gewußt, mein Kind, noch ehe Du +wegreistest!" Er sagte es breit und sicher. -- "Nun, also dann weißt Du +es!" schrie sie mit derselben funkelnden Leidenschaft. "So weißt Du es! +Dein Glaube ist niemals der meine geworden! Er paßte mir nicht! Aber +auch zu keinem andern Glauben bin ich gekommen. Immer dachte ich, es sei +Sünde, daß ich nicht glauben konnte wie Du! Es lag wie ein Stein auf +mir, daß ich nicht alle meine Kräfte aufwenden konnte für etwas, das +mein war! Darum bin ich nicht geworden wie andere. Alles war +verpfuscht!" -- "Und was hätte denn aus Dir werden sollen, wie?" -- "Oh +-- wenn Du gleich das Tollste wissen willst -- Kunstreiterin!" +antwortete sie, ohne mit der Wimper zu zucken. Er blieb stehen; er +traute seinen Ohren und Augen nicht. "Kunstreiterin!" Er lachte +höhnisch. "Wahrlich -- ein großer Verlust für die Welt und für Dich, daß +Du das nicht geworden bist, Josefine!" -- "Das wußt' ich, daß Du so +denken würdest. Aber wenn es mein Los gewesen wäre, einen Zirkus zu +leiten, so hätt' ich Hunderten Brot und Tausenden ein gesundes Vergnügen +verschafft. Das ist gar nicht so wenig, Du -- das ist mehr, als die +meisten Menschen leisten! Und was hab' ich so geleistet? Mit was für +Kleinkram hab' ich mich beschäftigt? Was hab' ich erreicht? Daß ich nahe +daran bin, Dich und mich zu verachten! Was ist aus unserm Leben, was ist +aus unserer Ehe geworden? Kannst Du ehrlich behaupten, Du fühltest noch +Liebe zu mir? Kann ich behaupten, ich hätte Dich noch lieb?" -- "Nein, +Josefine -- wen Du lieb hast, das wissen wir beide!"--Wenn er sie +geschlagen hätte, wie ihr Bruder, sie hätte nicht rasender sein können; +erstens weil es überhaupt ausgesprochen wurde -- sie wußte ja kaum, daß +man wagen konnte, es zu denken -- und dann, weil der Mann es aussprach, +der ihrem Bruder und ihr alles verdankte, was er war, und der trotzdem +Schuld daran trug, daß die Geschwister entzweit waren. "Allerdings -- _er_ +hat, was Du nicht hast!" antwortete sie, um ihn so recht empfindlich zu +verletzen. "Im übrigen ist es erbärmlich von Dir, so etwas zu sagen." -- +"So? Glaubst Du, ich wüßte nicht, daß es seine Schuld ist, wenn ich Dich +verloren habe, Dich und meinen häuslichen Frieden und dadurch die +Freudigkeit für meinen Beruf, und daß mir nun auch noch die Gefahr +droht, mein Kind zu verlieren?" + +Seine Stimme zitterte; er hatte anfangs im Zorn gesprochen, doch der +Zorn ging über in tiefes Leid, und der gleiche Vorgang war in ihr. Sie +hätte am liebsten laut geweint. Doch keines wollte einem weicheren +Gefühl nachgeben. Sie stand am Fenster und blickte hinaus. Er ging im +Zimmer auf und ab. Ein langes, langes Schweigen. Und währenddessen +gewann in ihr der Zorn wieder die Oberhand. Seine schweren Schritte +klangen ihr voll Trotz; auch in dem Schweigen lag Trotz. Und das, was er +vorhin gesagt hatte, war schändlich. + +"Also," sagte sie, ohne ihn anzusehen, "Du kennst nun die Bedingung. +Solche Märchen, wie die Spukgeschichte von Kristen Larssen ... erzählst +Du, und hast sie dabei nicht einmal untersucht. Und genau so ist es mit +den Märchen vom Paradiese, an die glaubst Du nicht einmal und erzählst +sie doch. Kann ich Achtung haben vor so etwas? Da ist mein Bruder doch +ein anderer Mensch! Der ist doch aufrichtig. Kommst Du meinem Jungen +noch weiterhin mit solchen Märchen, ohne ihm zu sagen, daß es Märchen +sind," -- und jetzt wandte sie sich um -- "so ist es aus mit uns beiden, +Ole! Bei Gott, es ist aus! Niemals wird es Dir gelingen, ihn mir +wegzunehmen durch so etwas!" Sie trat auf ihn zu. "Darin gebe ich nie +und nimmer nach, Ole!" Sie ging. + + * * * * * + +Am selben Sonntag und zur selben Zeit kam Kallem nach Hause zum +Mittagessen, das bei ihm etwas später lag als bei seinem Schwager. + +Schon durch die Küchentür sah er Ragni in einer großen Schürze, die bis +unters Kinn reichte, am Küchentisch stehen und Gemüse putzen. Er legte +im Flur ab und ging zu ihr hinein; in letzter Zeit war in ihm eine +stetig wachsende Angst, die er ihr jedoch verbarg. War es die weiße +Schürze, die einen so bleichen Schein über sie warf, oder der Dampf von +Sigrids Braten -- Ragni sah entsetzlich schlecht aus. Und sie hatte +sicher geweint! Das schnitt ihm ins Herz. Sie sah nicht von ihrer Arbeit +auf, sondern sagte: "Wir haben einen Gast zu Tisch." --"So?" -- "Ja, +Otto Meek, Karls Vater, ist heut Vormittag dagewesen und kommt zum +Essen." -- "Wie geht's denn Karl?" -- "Nicht gut. Da kommt ja Herr +Meek." Der große Kopf in der Pelzmütze tauchte jenseits des Zaunes auf; +jetzt trat Meek in den Garten; und Kallem ging ihm entgegen. Früher, als +Meek noch praktizierte, hatte auch er sich besonders mit +Brustkrankheiten befaßt, die in dieser Gegend des Landes nur allzu +verbreitet waren, und er verfolgte Kallems Arbeit am Krankenhaus und +seine Schriften mit reger Teilnahme; Kallem freute sich über sein +Kommen. Während er ihm half, den Überzieher abzulegen, sagte er, Ragni +habe ihm erzählt, es ginge Karl nicht gut. "Nein, es geht ihm nicht +gut." -- "Was ist es denn?" --"Ja, deshalb bin ich gerade gekommen," +erwiderte Meek. -- "Haben Sie mit meiner Frau darüber gesprochen?" -- +"Ja." Sie gingen beide ins Zimmer. Es war warm und gemütlich drin; der +Flügel stand offen. Hatte sie gespielt, als Meek gekommen war? Dann +konnte es ihr nicht so schlecht gehen, wie es aussah; er brannte darauf, +sie zu untersuchen. + +Meek war heute noch schwerfälliger und schweigsamer als gewöhnlich. +"Na," sagte Kallem, "haben Sie sich über Karl geeinigt, Sie und meine +Frau?" -- Meek sah ein bißchen verwundert auf. "Sie meinen, daß man ihm +schreiben soll?" -- "Na ja, das auch. Es hat natürlich -- wie schon oft +-- eine kleine Reiberei gegeben?" -- "Ja", antwortete Meek und schwieg +dann wieder. --"Sie denken wohl, ich wüßte etwas davon? Nein, mein +Bester, keinen Schimmer!" Meek schien immer nachdenklicher zu werden. +"Ich habe Ihrer Frau gesagt, sie müsse es Ihnen sagen. Es ist ja schön +von ihr, daß sie es nicht getan hat. Aber die Sache fängt an, eine +gefährliche Wendung zu nehmen." Seine schwermütigen Augen blickten in +Kallems Augen. -- "Gefährlich, sagen Sie?" -- "Ja. Ich muß ihn nach +Hause kommen lassen." -- Kallem sprang von seinem Stuhl auf; Meek fuhr +fort: "Es hat gar keinen Zweck, daß er dort ist." --"Aber, mein Gott, +was ist denn los? Wollen Sie, daß wir es wieder mit ihm versuchen?" -- +Kallem dachte, der Junge habe möglicherweise einen Rückfall gehabt. Meek +sah ihn forschend, beinah erschrocken an. "Wie geht es eigentlich Ihrer +Frau?" Kallem wurde rot; das traf wie ein Schuß mitten in seine +heimliche Angst. "Sie hat sich eine häßliche Erkältung zugezogen, die +nicht weichen will; ich habe eine Zeitlang geglaubt, ... Wissen Sie was? +Könnten Sie sie nicht einmal untersuchen?" Sein Zweifel war zur +Gewißheit geworden; sein Herz schlug so, daß er selber sie nicht hätte +untersuchen können. Meek sah ihn noch immer an; und Kallems Angst wurde +immer größer. "Ich bitte Sie, wollen Sie sie nicht untersuchen?" -- +"Doch, natürlich. Sie haben es in der letzten Zeit nicht getan?" --"In +der allerletzten Zeit nicht. Ich wollte sie nicht ängstigen. Ihre +Phantasie bemächtigt sich gleich der Sache, und das ist bei ihr +furchtbar gefährlich. Außerdem war da noch etwas anderes ... Aber jetzt +werd' ich --" Er wollte hinausgehen und sie holen. "Haben Sie ihren +Vater gekannt?" fragte Meek. Kallem überlief es kalt. "Haben _Sie_ ...?" +-- "Ja. Ich war Fischerarzt dort oben." -- "_War er_ --?" fragte Kallem +atemlos, und verschluckte den Schluß. Meek nickte bloß. Kallem griff +sich mit beiden Händen an den Kopf, eilte nach der Tür, und kam wieder +zurück: "Wollen Sie jetzt gleich, auf der Stelle, sie untersuchen, ja?" +-- "Wie Sie wünschen." -- Kallem führte sie behutsam herein, ohne daß +sie erst hatte die Schürze abbinden können; sanft zog er sie ans +Fenster. Ja, sie hatte geweint. Und diese Ringe um die Augen, die +Magerkeit, die Farbe --! Sie sah sein Entsetzen und deutete es falsch. +Draußen in der Küche hatte sie gedacht: jetzt sprechen sie von Karl. +Jetzt erfährt Kallem, was geschehen ist, und warum ich keine Briefe mehr +von ihm haben will. Als sie nun Kallems Aufregung sah, dachte sie: ist +er böse, weil ich nichts gesagt habe? Das konnte sie nicht ertragen; ihr +wurde kalt und heiß. -- "Liebe, liebste Ragni, darf Doktor Meek nicht +mal Deine Brust untersuchen?" Also das war es --! Sie erschrak aufs +heftigste und sah ihn wie ein wundes Tier an, das um Schonung fleht. +Aber er bat wieder und begann behutsam ihr die große Schürze abzubinden; +und gehorsam wie sie war, fügte sie sich. + +Gleich an der ganzen Art, wie und wo Meek innehielt und wieder horchte, +merkte Kallem, daß da etwas Entsetzliches über sie beide hereingebrochen +war. Ihre verängstigten Blicke suchten die Augen des Gatten und +vermehrten seinen eigenen Schmerz -- ahnte sie es selbst? Oder war es +ein Vorwurf, daß er einen andern das tun ließ? + +Jetzt lag der große Kopf an ihrem Rücken. An der rechten Seite -- da ... +Verdichtung in der Lungenspitze? Kavernen im Gewebe? Er dachte sich das +Schlimmste -- und sie auch; das sah er. Wußte sie vielleicht mehr, als +sie hatte sagen wollen? Verheimlichte sie ihm etwas, ebenso wie er seine +Furcht verheimlichte? O Gott, so kummervoll fragend sucht kein Auge das +andere, es sei denn in Todesangst! Auch ihn packte sie. + +"Haben Sie in der letzten Zeit außergewöhnlich viel gehustet?" Sie +schien unsicher, was sie antworten solle, und blickte flehend auf +Kallem. Ihre Hände zitterten, und sie wollte es verbergen; Meek sah es. +"Fühlen Sie sich sehr matt, wenn Sie spazieren gehen?" fragte er. Wieder +blickte sie verzweifelt auf Kallem, als wolle sie ihn dafür um +Verzeihung bitten. "Kommen Sie leicht außer Atem?" fuhr der andere fort. +-- "Ja." -- "Fühlen Sie sich manchmal sehr entkräftet, -- fast als ob +Sie ohnmächtig werden wollten?" In schrecklicher Angst sah sie jetzt +Kallem an. -- "Sind Sie etwa schon in Ohnmacht gefallen?" -- "Ja." -- +"Ist das wahr?" rief Kallem. -- "Ja, heute", sagte sie hastig, mit +zitternder Stimme. -- "Nachdem ich mit Ihnen gesprochen hatte?" -- "Ja. +Ich wollte gern ein bißchen frische Luft schöpfen, und ..." Bei diesen +Worten brachen die Tränen hervor. + +Meek wartete eine Weile. "Wenn Sie husten, --haben Sie dann Schmerzen +hier?" er zeigte auf das rechte Schlüsselbein. Sie nickte. "Haben Sie +jemals Ihren Auswurf angesehen?" Sie antwortete nicht. "Haben Sie ihn +nie angesehen?" -- "Doch, gestern Abend." -- "Nun, und -- ?" Sie schwieg +und starrte zu Boden. -- "War Blut darin?" -- Sie nickte; die Tränen +liefen ihr über die Wangen; sie wagte nicht mehr aufzusehen. + +Kallem stand da, unfähig zu sprechen. Meek fragte nicht weiter. Ragni +ordnete ihre Toilette. Meek reichte ihr stillschweigend ein Tuch, das +sie abgenommen hatte, als die Untersuchung begann. Und während sie +hilflos dasaß und es wieder umzubinden versuchte, schien Kallem etwas +einzufallen, was er im Arbeitszimmer holen mußte. Er kam nicht wieder. +Sie wußte weshalb; und eine Weile zweifelte sie, ob sie überhaupt +aufstehen könne, und hatte ein Gefühl, als würde sie wieder ohnmächtig +werden; aber der Gedanke an ihn, der da drin in seinem Studierzimmer +saß, überwand die Ohnmachtsanwandlung; sie wollte zu ihm. Sie bat Meek +um Entschuldigung, stand auf, ging auf die Eßzimmertür zu und +verschwand. Auch sie kam nicht wieder. + +Meek wartete eine Weile, wartete lang und länger. Dann ging er auf den +Flur, zog seinen Mantel an, rief zur Küchentür hinein, er müsse gehen, +und bat, die Herrschaften zu grüßen. + +Sigrid suchte sie in der Wohnstube, klopfte an die Tür des +Arbeitszimmers, -- keine Antwort. Sie horchte und öffnete schließlich. +Kallem lag auf dem Sofa; Ragni kniete, an ihn gelehnt, vor ihm. Leise +meldete Sigrid, das Essen sei fertig, und Doktor Meek sei fortgegangen. +Keines antwortete; keines blickte auf. + +Edvard und Ragni hatten bis jetzt geglaubt, der Tag, an dem Ragni nach +Amerika gereist, sei der schwerste ihres Lebens gewesen; brieflich und +mündlich hatten sie einander gesagt, das sei ein Gefühl gewesen, als +müßten sie sterben. Aber der Tod ist noch anders; er gleicht nichts +sonst auf der Welt. Das erfuhren sie jetzt. -- + +Auf diesen Tag folgte eine lange Zeit voll Kampf ohne Hoffnung, voll +Verzweiflung ohne Worte, voll innigster Liebe ohne Freude. Ragni hatte +allerlei zu "ordnen", womit sie in der Stille anfing. Sie hatte auch +verschiedenes zu schreiben, und so oft sie nur irgend konnte, machte sie +sich daran, schrieb, strich aus, -- nach langer Arbeit wurde das Ganze +nur kurz. Aber so lange sie mit dem beschäftigt war, was sie sich zu +erledigen vorgenommen hatte, ging es ihr leidlich. Kallem war ganz +erstaunt. + +Er selbst hatte allen Mut verloren. Er sah das Schlimmste kommen. Am +längsten sträubte er sich, ihren Auswurf zu untersuchen; ... er wußte im +voraus, daß er den Tuberkelbazillus darin finden würde, den Feind, zu +dessen Bekämpfung er Vermögen und Leben eingesetzt hatte. Nun war er vom +Feind in seinem eigenen Hause besiegt worden. Aber eines Tages mußte er +doch darangehen; und er fand ihn. Er rannte nicht im Laboratorium auf +und ab, er weinte nicht, er rang nicht die Hände. Er versuchte nur, ob +er ohne sie denken könne; aber immer dachte er nur an sie. Von der +ersten Stunde ihrer Begegnung an -- all die kleinen Züge, die +unbedeutendsten Beweise ihrer Anmut und Begabung, ihre Schwächen ebenso +wie ihre schweigende, poetische Liebe -- alles durchlebte er noch einmal +mit der gleichen Wonne, dem gleichen Schmerz; alles war ihm gleich lieb, +gleich unentbehrlich; unzählige Begebenheiten voll Humor, Wärme, Furcht, +Schönheitssinn, Hingebung an den Augenblick -- alle sahen sie ihn an wie +Augen. Wo sollte er hin? Was sollte er weiter? Sie war ja auch in all +seinen Arbeiten. Ihr Bild aus dem dritten Jahr in Amerika stand drüben +auf dem Kaminsims; es war seinerzeit gekommen als erster Abdruck dessen, +was ihr geistiges Entwicklungsleben in Gesicht und Augen +hineinmodelliert hatte, eine wundervolle Bestätigung dessen, was er +geahnt hatte, als er sie hinüberschickte. Aus dem Bild heraus suchten +ihre Augen wie immer die seinen; dieses Lächeln ihrer Augen war ihm in +der Wartezeit wie eine Verheißung alles Guten gewesen! Und was war es +ihm eben dadurch nicht alles gewesen! Jetzt strömten wieder die +Erinnerungen herbei an ihr erstes Wiedersehen, an die ersten Worte, die +erste Verlegenheit über das Fremde, das hinzugekommen war, das erste +ganze, volle Wiedererkennen, die erste Umarmung ... + +Und das nur, um zu sagen, daß nun alles zu Ende gehe! Auch alles, was er +im Zusammenleben mit ihr gedacht und getan hatte, seine Freude daran, +seine Kraft, sein Glaube. Was in aller Welt war nur geschehen? Er mußte +wirklich einmal mit ihr darüber sprechen. Da war etwas, was sie ihm +verheimlichte. Eine Unvorsichtigkeit, die sie nicht einzugestehen wagte? +Was konnte es sein? Aber in sie dringen mochte er nicht. + +Dann, eines Tages, als er nach Hause kam, fand er sie nicht unten. Und +als er hinaufkam, lag sie im Bett! Sie streckte ihre Hand aus -- wie +mager die geworden war! -- und richtete die großen Augen mit einem +matten, halbverschleierten Ausdruck auf ihn: "Ich hab' mich ein bißchen +hingelegt", flüsterte sie; "bloß auf einen Augenblick!" Sie sah nicht +einmal so schlecht aus, vielleicht weil sie lag. Er setzte sich an ihr +Bett und hielt ihre lange, magere Hand zwischen seinen beiden Händen. + +"Hinter all dem", begann er vorsichtig, "steckt etwas, in das ich nicht +eingeweiht bin. Einmal war ich auf vollständig falscher Fährte; aber +auch später ist es schneller gegangen, als ich begreife -- einfach, weil +ich nicht wachsam genug gewesen bin. Da steckt etwas dahinter, +irgendeine große, vielleicht wiederholte Unvorsichtigkeit, die ich nicht +mit in Rechnung gezogen habe. Schatz, sag' es mir jetzt; sonst hab' ich +keine Ruhe." + +"Ich will es Dir sagen. Ich habe es mir eben überlegt. Drunten in meinem +Schreibtisch sind ein paar Papiere, im ersten Fach links; die sind alle +für Dich. Die sollst Du lesen, wenn --" sie unterbrach sich selbst. +"Später!" fügte sie hinzu und drückte schwach seine Hand. --"Also jetzt +soll ich es nicht erfahren:" -- "Doch, das, wonach Du fragst, gewiß. Ich +kam nur nicht so weit." Sie bat ihn, sie etwas anders zu legen, und er +half ihr. --"Doch, Du sollst es wissen. Nur Dir zuliebe habe ich es +verheimlicht," -- ihre Augen füllten sich mit Tränen, -- "Du, mein ..." +Wieder ein leiser Händedruck und ein Lächeln. Er trocknete ihre Tränen +mit seinem Taschentuch ab und wischte sich heimlich die Augen hinter der +Brille. Sie lag und sah ihn an, ohne zu sprechen; hatte sie es vergessen +oder überlegte sie? Er beugte sich über sie: "Nun --?" fragte er; +"willst Du es mir nicht sagen?" -- "Doch! Das, was zu oberst liegt, von +Karls Hand, das kannst Du gleich lesen. Das andere nicht." -- "Steht es +denn in Karls Brief?" Sie nickte. "Der Schlüssel?" flüsterte er. "Der +steckt", antwortete sie, ohne die Augen zu öffnen, und ließ seine Hand +los. + +Er ging hinunter, öffnete das Fach und nahm den Brief heraus, den wir +kennen; dann setzte er sich hin, um ihn gründlich zu lesen. + +Sein Entsetzen! Und seine Empörung, -- und seine Ohnmacht! Und davon +hatte er nichts erfahren, als es noch Zeit war! Er lief wie ein Rasender +auf und ab; dann setzte er sich aufs neue hin, wie gelähmt. Er faßte +Entschlüsse und verwarf sie wieder! Vor alle Welt wollte er hintreten +und ihnen zurufen, es sei eine Lüge! In den Betsaal wollte er +einbrechen, wenn er gesteckt voll war, auf die Kanzel steigen und sie +des feigsten, erbärmlichsten Mordes anklagen! ... Und dann wieder fiel +ihm ein, daß Ragni, selbst wenn sie ganz gesund gewesen, an so etwas +gestorben wäre. + +Er selbst lebte nur dafür, den Menschen so viel Gutes zu erweisen, wie +er nur konnte; und nicht ein einziger unter ihnen war ehrlich genug, war +dankbar genug oder auch nur empört genug, ihm zu sagen, daß er wachen +müsse über seinem und seiner Frau guten Namen, über der Ehre seiner Ehe! +So viel träge Verantwortungslosigkeit! So viel Raum für +Splitterrichterei und Bosheit in dieser "christlichen" Gesellschaft! +Jetzt verstand er seine Schwester! Diese Verleumdung hatte sie geglaubt! +Das also war es, worüber sie mit ihm hatte reden wollen an jenem Abend, +als sie auf ihn gewartet! Und aus Empörung über das, was sie so steif +und fest glaubte -- was trauen die Menschen einem Freidenker nicht alles +zu? -- hatte sie ihnen den "Walfisch" auf den Hals geschickt! Alle, die +nicht fünfe gerade sein ließen, glaubten daran, alle verurteilten, +niemand erhob Einspruch, niemand kam! + +Das also hatte nun Ragni von ihrer Herzensgüte gegen Karl! Sie war um so +uneigennütziger gewesen, als sie anfangs und auch später noch oft nur +mit Überwindung ihrer eigensten Natur darangegangen war; erst jetzt, +hinterher, hatte er das erfahren. Er kannte kein lieberes Geschöpf als +sie! Und ihr großes, warmes Gemüt, das sollten diese ...! Diese +Schurken, diese gewissenlosen Zionswächter, diese psalmodierenden +Egoisten und herzenskalten Gebetmacher! Er las Karls Brief noch einmal; +Karl tat ihm so herzlich leid. Armer, armer Junge! Natürlich hatte die +Liebe in ihm erwachen müssen! Welcher brave Kerl würde nicht ein Wesen +anbeten, dem die Menschen um seinetwillen so schweres Unrecht antaten? +Da mußte ja die Dankbarkeit und Bewunderung des Jungen zuletzt zu Liebe +werden! Sowie Karl zurückkehrte, sollte er zu ihnen kommen! Ganz sicher! +Und hier sollte er bleiben, bis sie ihren letzten Atemzug getan hatte! +Und _seinen_ Arm wollte er nehmen, seinen und keinen andern ... an jenem +furchtbaren Tag ... hinter ihrem Sarg ...! Er warf sich aufs Sofa und +schrie laut auf. + +Vielleicht war er zu sehr von seinen eigenen Interessen eingenommen +gewesen; er hätte mehr mit Menschen umgehen, hätte sie unter Menschen +bringen sollen; dann wäre das nie geschehen. Keiner, der einen tieferen +Eindruck von ihrer reinen Seelengüte empfangen hätte, würde gewagt haben +... obgleich -- wer weiß? Dogmenblinde Gewohnheitstiere sehen nicht. + +Sigrid kam gerannt: der Frau Doktor sei wieder schlecht geworden; ein +Hustenanfall. In neun, zehn Sätzen nahm er Zimmer, Flur und Treppen; der +Anfall war vorüber, als er kam; sie lag da, in Schweiß wie gebadet, so +matt, so hinfällig, daß sie jeden Augenblick ohnmächtig werden konnte. +Ihr Auswurf war grünlich, mit ziemlich viel Blut darin; er kannte das. +Er erklärte es sich damit, daß er zu lange weggeblieben war; ihre +Spannung hatte sich gesteigert, sie war heiß geworden, hatte sich +aufgedeckt ... Sie lag mit geschlossenen Augen da und er verhalf ihr zum +Schlafen. Fortan verließ sie das Zimmer nicht mehr. + +Von ihrem Bett ging er sogleich an seinen Schreibtisch, um Doktor Meek +mitzuteilen, was geschehen war, und ohne sich auf weiteres einzulassen, +schloß er: "Wenn Karl zurück ist, so sehen wir ihn wohl bald? Ich weiß +jetzt alles." + +Dann ging er aus, um eine Pflegerin zu besorgen, und sowie er zurückkam, +wieder zu ihr hinauf. Sie schien sich leichter zu fühlen und schlief; +und als sie endlich aufwachte, war er das erste, was ihre Augen trafen. +Er gab ihr zu trinken, liebkoste sie, und die Fragen in ihren Blicken +erwiderte er mit Küssen auf ihre magere Hand, während es um seinen Mund +zuckte und Tränen die Brillengläser benetzten. + +Aber sie redeten von ganz anderen Dingen: daß ihre Schwester nicht +kommen könne, und daß er Sissel Aune zu Ragnis Pflege geholt habe; sie +eigne sich von allen, die er kenne, am besten dazu und sei ihnen treu +ergeben. Ragni nickte zustimmend. Und dabei sahen sie einander an, wie +Menschen, die sich nicht satt aneinander sehen können. Und beide dachten +an das, was sie nun beide wußten -- an die Ursache, weshalb sie jetzt so +dalag. "Der arme Karl!" flüsterte sie. "Der arme Karl!" wiederholte er. + +Er mußte aufstehen und tat, als habe er unten etwas vergessen; irgendein +Vorwand fand sich ja immer. + +Hätte er nur wenigstens mit ihr reden können! Aber er wagte es nicht. Er +hatte auch keine Zeit, mit sich selber allein zu sein. Er machte nur die +notwendigsten Besuche im Krankenhaus und schränkte seine Sprechstunden +möglichst ein; von allem andern machte er sich völlig frei, um bei ihr +sitzen zu können. + +Er hatte den Menschen sein Vermögen und seine Arbeit geopfert, und nun +lohnten sie ihm damit, daß sie sein Lebensglück mordeten -- wie grausam +fand er das! Was ist das für ein Maß, mit dem die Menschen messen, wenn +nicht ein Blick auf Ragni ihnen sagt, daß sie das feinste, reinste +kleine Wesen unter der Sonne ist? Das war und blieb ihm unfaßlich! Diese +Blindheit empörte ihn immer wieder! Von denen, die er kannte, schloß er +auf die andern: nichts als Mittelware, für gewöhnlich nicht uneben, aber +selbstverständlich nie über die Grenzen hinaus! Alle gingen sie in die +Kirche, viele noch obendrein in die Betstunde -- Pastor Tufts Leibgarde. +Unter ihr hatte er auch mehrere ganz anständige, vorsichtige Menschen +getroffen. Und trotzdem -- ebenso gewissenlos in ihrem Urteil, so +liebevoll-grausam -- lauter makellose Mörder! + +Nicht einer, den er an der Gurgel packen konnte: "Du bist es! Du sollst +mir Rede stehen!" Alle -- und keiner. Sanfte Mitwisser, liebenswürdige +Mitschuldige. Eine war da -- die stand abseiten -- Josefine. Josefine +hatte die Geschichte nicht aufgebracht; das war nicht ihre Art. Aber +glauben, was einmal im Umlauf war, wenn es jemand galt, gegen den sie +eingenommen war, --ja. Mit eisigem Schweigen ließ sie dann die andern +bei ihrem häßlichen Glauben beharren -- oder schürte ihn noch gar. Wie +sein Herz sich mit Erbitterung gegen sie füllte! Trotzdem sie sicher +nicht der Urheber war --das wiederholte er sich wieder und wieder; sie +hätte die Verleumdung gar nicht über ihre Lippen gebracht, dazu war sie +zu vornehm, -- aber Josefine trug die Hauptverantwortung für diesen +Mord! Er war überzeugt -- so wenig sie selbst Christin war -- die +christliche Dogmensucht hatte sich auch in ihr beleidigt gefühlt durch +die Ungläubigkeit eines kleinen Menschenwesens, -- sich beleidigt +gefühlt, weil ein so schuldbeladenes Geschöpf es wagte, _ihren_ Glauben zu +verwerfen. Daher jene merkwürdig peinliche "Gerechtigkeit", die so +sicher und so wohlmeinend tötete. + +Aber so weit war er ihr verwandt, daß auch ihn jetzt die tiefsten +Schauer der Rachsucht durchtobten. Auch er nannte sie "Gerechtigkeit"; +und auch er hatte keine Ahnung, daß er sich selbst belog. Wenn er bei +Ragni saß, fühlte er nichts davon; ihre Nähe allein machte ihn gut. Bei +ihr wurde er, wenn ihm solche Gedanken kamen, furchtbar aufgeregt, +streichelte ihre Hand, strich ihr über die Stirn, sah ihr ins Auge, +rückte ihr die Kissen zurecht -- bis er gehen mußte; denn sonst wäre er +niedergekniet und hätte alle Selbstbeherrschung verloren. + +Da saß nun die stattliche Sissel Aune. Ihre dunkeln Augen wachten mit +verständiger Ruhe und wandten sich zuweilen teilnahmsvoll ihm zu. In ihr +hatte er alle die Menschen um sich, denen er etwas gewesen war, die ihm +gern geholfen hätten, jetzt, wenn sie's nur gekonnt hätten. Aase und +Sören Pedersen kamen jeden Morgen an die Küchentür geschlichen, um +nachzufragen, wie es gehe; und je mehr die Kunde sich verbreitete, +desto mehr Menschen kamen -- alle still und voll Teilnahme. Sigrid +selber fiel es schwer, zu Ragni hinaufzugehen; sie mußte dann immer +gleich weinen. Aber manchmal kam sie doch -- z. B. wenn Frau Oberst +Bajer eine schöne Topfblume abgab, die sie den Winter über mit Liebe +großgezogen hatte und der strengen Kälte wegen unter dem Mantel +daherbrachte. Die mußte Sigrid doch ins Krankenzimmer hinauftragen und +so stellen, daß Ragni sie sehen konnte. Ein Mädchen, deren Kind Kallem +von schwerer Krankheit geheilt hatte -- dieselbe, die Kristen Larssen +hatte spuken sehen -- und die ebenfalls einen Blumentopf besaß, einen +einzigen, brachte ihn auch an, als sie von der Gabe der Oberstfrau +hörte. Der Topf, in dem die Pflanze stand, war mehr als einfach; aber +was tat's? + +Kallem hätte es ja sonst nicht ausgehalten. + +Eines Tags, als er vom Krankenhaus zurückkam, wo etwas Besonderes +vorlag, und gedankenvoll durch den Flur ging, sah er fremde Reisekleider +dort hängen. Bevor er selber ablegte, öffnete er die Wohnzimmertür. Am +Verandafenster standen Otto und Karl Meek. Karl wandte sich zuerst um, +ging auf Kallem zu und fiel ihm um den Hals. Er sah schlecht aus und +hatte etwas Unruhiges, fast Verwirrtes. Sein langes Haar war ungepflegt, +sein ovales Gesicht, schon an sich groß, schien noch größer geworden zu +sein. Die Augen darin brannten schmachtend, mit einer Leidenschaft, wie +sie Kallem nicht an ihm kannte. Und diese Augen ließen die seinen nicht +los. Ein Flehen um Nachsicht war in ihnen, die Geschichte eines großen +Schmerzes, der ihn verfolgte, wo er ging und stand. Karl konnte seine +Bewegung nicht meistern, vermochte nicht ruhig zu sein; und als Kallem +nun auch mit dem Vater reden mußte, fing er an, sich umzusehen, ging zum +Flügel hin, strich mit der Hand über die Tische, betastete die Blumen, +blätterte in den Noten, ging dann ins Eßzimmer, in die Studierstube. +Dort blieb er lange -- allein. Dann ging er hinaus in die Küche, zu +Sigrid, und blieb draußen. Kallem sah sich wiederholt nach ihm um; +Doktor Meek bemerkte es und sagte: "Wir Meeks haben alle starke Gefühle. +Wir haben versucht, sie zu zügeln; aber der dort kann seine nicht +zügeln; sie werden bloß eingezwängt auf der einen Seite, um auf der +andern wieder hervorzubrechen." Karl trat wieder ein; ganz verweint. +Kallem wollte nicht, daß er so zu Ragni hinaufgehe; jedenfalls müsse er +erst warten, bis er ruhiger geworden sei. Karl beteuerte, oben würde er +sogleich ruhig werden; er bat inständig, man solle ihn hinauf lassen; +umsonst. Er sollte sie heute überhaupt nicht mehr sehen. Der Abend war +immer ihre schlimmste Zeit; sie durfte gar nicht einmal wissen, daß er +überhaupt da sei. + +Am andern Vormittag, als sie zurecht gemacht war, teilte Kallem ihr mit, +daß Doktor Meek in der Stadt und gestern Abend dagewesen sei, um sich +nach ihr zu erkundigen. -- "Und Karl?" fragte sie. -- Ja, Karl sei auch +mitgekommen. -- Eine Weile lag sie da, ohne etwas zu sagen. "Wenn unten +gespielt wird, muß ich es hier hören!" -- "Ja, wenn die Tür offen ist; +aber meinst Du wirklich ...?" Der Flur war warm und abgeschlossen; durch +ihn wurden alle Räume oben gelüftet; also in der Beziehung stand nichts +im Wege. "Glaubst Du wirklich, Du könntest Musik vertragen?" -- "Ich +sehne mich nach Musik!" erwiderte sie. Sissel Aune sah den Doktor an; +sie war augenscheinlich nicht dafür. "Karl darf Dich wohl nicht +begrüßen, wie?" Ragni faltete den Zipfel des Leintuchs mit der einen +Hand zusammen; in der andern hielt sie das Taschentuch. Sie antwortete +nicht; es war ihr offenbar peinlich. "Aber Doktor Meek darf Dir doch +guten Tag sagen?" -- "Muß es sein?" --Kallem wäre es lieb gewesen, wenn +er sie gesehen hätte. Später kam Doktor Meek, und Kallem erzählte ihm +alles. Karl bat voller Demut, ob er nicht -- hinter den andern -- an der +Tür stehen dürfe. Er wolle kein Wort reden, sich nicht rühren, gleich +wieder gehen. Kallem fühlte Mitleid mit ihm und mochte es ihm nicht +abschlagen. Er ging erst zu Ragni hinein und meldete Doktor Meek; dann +kam dieser; und sein breiter Rücken verdeckte Karl, der sich an der Tür +aufstellte. Ragni lag mit dem Antlitz dem Licht abgekehrt, also nach der +Tür zu. Sie sah Karl nicht, er aber sah einen flüchtigen Augenblick lang +ihr abgemagertes, hohlwangiges Antlitz, die Fieberrosen, die trockenen +Lippen; die Augen mit ihrem Glanz glichen einem langen Notschrei. Um den +zehrenden Durst zu löschen, der sie Tag und Nacht quälte, trat auch +Sissel ans Bett, halb vor sie hin und stützte und erquickte sie. + +Meek fragte nach diesem und jenem; sie antwortete zerstreut und spähte +furchtsam nach beiden Seiten an ihm vorüber; ahnte sie, daß Karl da war? +Nachher veränderte sie ihre Lage etwas und Sissel glitt wieder zur +Seite; jetzt hätte sie Karl sehen müssen; aber er war schon fort. + +Sie fanden ihn nachher im Wohnzimmer, in sich verkrochen, verzweifelt. +Aber er bat, man möge ihn dalassen, ihm sein altes Zimmer wieder geben; +auch wenn er sie nicht wieder sehen dürfe -- er könne nicht fort von +hier. Kallem wagte nicht, es ihm abzuschlagen; auch sein Vater schien es +zu wünschen. Etwas an seinem ganzen Zustand ängstigte sie beide. + +Am nächsten Vormittag spielte Karl. Die Tür unten stand offen; Ragnis +Tür war angelehnt; es klang gedämpft und schön. Er hatte im Spielen +Fortschritte gemacht; das Stück kannte sie nicht, aber es ergriff sie. +Sie bat, ihn zu grüßen und ihm ihren Dank zu bestellen. Später spielte +er noch einmal, am nächsten Vormittag wieder. Schließlich erlaubte sie +ihm, heraufzukommen und sie zu begrüßen. Karl versprach, ganz, ganz +still zu sein und nur einen Augenblick zu bleiben. Schon im Flur ging er +auf den Zehen und glitt wie ein Schatten ins Zimmer. Trotzdem kostete es +ihn die größte Mühe, sich zu beherrschen. Aber sobald er unter der +Gewalt ihrer Augen stand, wie in alten Tagen, empfand er, daß sie bang +war vor ihm und es am liebsten gesehen hätte, wenn er gleich wieder +gegangen wäre. Das drückte ihn nieder; er stand da wie eine zaghafte +Bitte, bleiben zu dürfen. Sie fühlte die Veränderung, die in ihm +vorging; Kallem nahm ihre Hand, und sie beruhigte sich. Je länger er so +dastand, desto größeres Mitleid empfand sie mit ihm. Er hatte gelitten, +er war ein guter Junge; sie versuchte zu lächeln, ja, sie streckte sogar +ihre magere Hand aus. Karl sah Kallem an und nahm die Hand nicht, kam +auch nicht näher; aber eine heiße Bewegung stieg in ihm auf, und wie um +sie zu dämpfen flüsterte sie: "Guter Karl!" Da ging er. + +Nach dieser Begegnung war er still und in sich gekehrt, als grüble er +über einen Entschluß. Er sprach seltener mit Kallem, mit anderen gar +nicht. Jeden Vormittag durfte er einen kurzen Augenblick zu ihr hinein; +unten spielte er für sie und hielt sich im übrigen den ganzen Tag +abseiten. + +Eines Vormittags, als er wieder spielte, hörte sie gleich am ersten +Anschlag, daß das etwas von ihm selber war. Schon ein paarmal hatte er +kleine Bruchstücke gespielt, die augenscheinlich von ihm waren; diesmal +aber folgte er neuen Vorbildern; das Eigenartige seiner Begabung litt +darunter. Dieses neue Stück war der Anlauf zu etwas Größerem, eine wilde +Einleitung, aufgewühlte Leidenschaft -- mein Gott, gewiß soll das er +selber sein! dachte sie. Zuletzt, mitten in den Braus hinein, kam eine +Stille, und eine Melodie löste sich daraus, treuherzig und zart; ob _ich_ +das wohl sein soll? Dann fing es an zu schreien und zu heulen um diese +friedvolle, kleine Melodie herum -- ein paar Takte Melodie, darauf Takte +voll Jammer und Geschrei -- das erste Thema schmetterte und sprudelte +über das andere hinweg -- -- äußerst natürlich gemacht -- zu natürlich, +denn es wirkte unwiderstehlich komisch. Sie mußte sich zusammennehmen, +um nicht zu lachen; so etwas vertrug sie gar nicht. Sie sah Sissel Aune +an, um sie zu bitten, doch schnell hinunterzugehen und dem Spiel ein +Ende zu bereiten; aber auch auf Sissel Aunes klugem Gesicht lag ein +solches Erstaunen über dies natürliche Geschrei -- ja, können denn die +Leute auch in der Musik schreien? Der letzte vergessene Rest von Ragnis +alter Lustigkeit brach sich in einem hellen Lachen Bahn -- und noch +einem -- und dann Husten! Wieder Husten, und wieder und wieder -- ein +Anfall, schlimmer, als sie ihn je gehabt hatte. + +Karl hörte mitten im Spiele, daß es in der Küche klingelte und +klingelte; er hörte Sigrid die Treppe hinaufstürmen und gleich darauf +wieder zurückkommen und nach dem Doktor rufen. Er wußte, daß der Doktor +soeben ins Krankenhaus gegangen war, und lief selber, ohne Mantel und +Hut, ihm nach, fand ihn aber nicht gleich, so daß beide erst kamen, als +der Anfall schon vorbei war. Mehr Blut als gewöhnlich im Auswurf. Kallem +war sehr erschrocken; Karl, der ihm, ohne es selber zu wissen, ins +Krankenzimmer gefolgt war, sah es und zog sich augenblicklich zurück. + +Später wurde das Zimmer gelüftet; Kallem war noch immer bei Ragni. Da +kam Karl an die Tür und hörte ihn sprechen; er wagte, hineinzublicken. +Ragni lag matt in ihrem Bett; Kallem hatte sie eben gefragt, ob sie +nicht ein bißchen Erleichterung spüre. Undeutlich sah sie Karl, sein +großes, erschrockenes Gesicht. Sie dachte daran, daß sie ihn ausgelacht +hatte; sie hatte durch Kallem gehört, wie er in seiner Angst ohne Hut +und Mantel davongestürmt war. Und sie gab Kallem ein Zeichen, Karl +hereinzulassen. Sie lächelte ihm zu, hob sogar ein wenig -- ein ganz +klein wenig -- die Hand. War es, um zu danken? Er wagte sich näher +heran; heute wollte er ihre Hand fassen; noch mehr wollte er -- er +wollte sich über sie beugen; in seinen Augen glomm es auf. Kallem, der +rechts von Ragni stand, sah es, sah zugleich, daß die Hand, über die +Karl sich beugen, die er vielleicht küssen wollte, das Taschentuch +hielt; hastig sagte er: "Laß, Karl!" Karl richtete sich auch wieder auf +und sah sie beide an; aber wieder glomm es wunderlich in seinen Augen +auf, und wie der Blitz hatte er sich über Hand und Taschentuch gebeugt +und beide geküßt. Eh noch Zeit war, ein Wort zu sprechen, stand er +wieder aufrecht, -- stand da, wie einer, der zum Kampf gerüstet ist oder +eine große Tat vollbracht hat. Ragni lag da, mit Augen ohne Hoffnung, +ohne Verständnis; sie verstand seine kriegerische Haltung, seinen +erhabenen Vorsatz nicht; desto besser aber seine erschreckende +Unberechenbarkeit. Und Karl war schon zur Tür hinaus. + +Wenn es seine Absicht war, mit ihr zu sterben, so hatte er die Rechnung +ohne den Wirt gemacht, und unter andern Umständen hätte es komisch +wirken müssen, besonders wenn man bedachte, daß sie nach ihrem Anfall +eben wieder frisch zurecht gemacht worden, und daß das Taschentuch ganz +frisch war. Aber Kallem dachte bloß daran, wie törichte Menschen doch +die beste Absicht ins Schlechteste verkehren können: für sie war es ein +Schreck gewesen. + +Sobald er konnte, suchte er Karl auf. Der hatte sich gerade zum Ausgehen +angezogen. "Wo willst Du hin?" sagte Kallem. Karl antwortete nicht; er +war im Innersten aufgewühlt; er wollte einfach hinaus! Kallem zog ihn +mit sich ins Zimmer, stellte sich vor ihn hin und blickte ihm fest ins +Auge; dann legte er den Arm um seinen Hals. Da brach Karl in Tränen aus. +Er sei ein unmöglicher Mensch, klagte er, überflüssig, fertig, bevor er +überhaupt angefangen habe, untauglich zu allem. Lange gelang es Kallem +nicht, ein Wort dazwischen zu werfen, geschweige denn, ihn zu trösten; +seine Erbärmlichkeit, seine Unwürdigkeit seien zu groß; er habe auch gar +kein Talent. Seine letzte Komposition, seinem eigensten Leben +entsprungen, wie keine andere, das wahrste, was er zu schaffen imstande +war, habe er heut Vormittag gespielt; und da sei sie ihm einfach +komisch, furchtbar komisch vorgekommen! -- Aha! dachte Kallem. Da liegt +der Hase im Pfeffer! + +Und so war's. In ihrer Gegenwart fühlte er auch unwillkürlich ihr +Urteil. + +Kallem merkte, was für ein Mißgriff es gewesen war, ihn hierherkommen +zu lassen. Mit Schrecken dachte er daran, was Ragni seinerzeit mit ihm +hatte ausstehen müssen. Ihm selber machte es jetzt nicht geringe Mühe, +ihn im Gleichgewicht zu halten. + +Eines Tages -- sie hatte eben nach Karl gefragt -- sagte er zu ihr: +"Sicher hast Du mehr Schererei mit ihm gehabt, als ich gewußt habe?" Sie +schloß die Augen, öffnete sie wieder und lächelte. + +Karl ging nicht mehr zu ihr hinauf, bat auch nicht mehr darum. Spielen +konnte er in all seiner Selbstquälerei nicht; Kallem mußte ihn geradezu +zwingen, ihm ein paar von seinen kleinen Stücken vorzuspielen. Er tat es +nur bei geschlossenen Türen; aber Ragni hörte es doch und sagte zu +Kallem, sie seien gut, was auch er fand. Dieses Lob machte Karl wieder +froh; und so leise gewann er wieder ein bißchen Selbstvertrauen; nach +und nach wurde er umgänglicher. + +Sobald Kallem um sich her ein bißchen Ruhe geschaffen hatte, kam er +selber an die Reihe. Sein mannhaftes Kämpfen hielt nicht immer stand, +und Karl gingen endlich doch auch die Augen dafür auf, daß es noch +andere Menschen gab, die litten, und daß man sich auch um andere kümmern +konnte. Und nun schlug er vollständig um, lebte nur noch für Kallem, war +voller Aufmerksamkeit, voller Sorgfalt. Ein Trostmittel, das nie +fehlschlug, wandte er am häufigsten an: von Ragni sprechen, sie bis ins +einzelne schildern. Er konnte ein feines Bild von der Eigenart ihres +Wesens, ihres Talentes geben, eine Handlungsweise, ein Wort von ihr +künstlerisch darstellen; und die Vergötterung, mit der er das tat, war +gerade, was Kallem brauchte; er _brauchte_ die leuchtende Wärme des +Mitgefühls; denn mit ihrer zunehmenden Entkräftung brach auch er +zusammen. Sie konnte nicht einmal mehr den Kopf auf dem Kissen halten; +bald glitt er zur einen, bald zur andern Seite; ihre Augen hatten etwas +Übersinnliches, das alles verklärte, was sie ansah; ihre schmalen, +stimmlosen Lippen waren offen vor Atemnot; wie sie so dalag, in dem +weißen Zimmer, dem weißen Bett, in dem weißen Nachtgewand, glich sie +einem federlosen Vögelchen, das in einem verlassenen Daunennest nach +Luft schnappt. Oft, wenn Kallem ihr Zimmer verließ, weil er seinen +Schmerz nicht mehr beherrschen konnte, oder weil er am Rande seiner +Kraft, war es Karl, der ihn zur Ruhe brachte, der das rechte Wort fand, +oder auch ganz allmählich ihn in einen endlosen Lobgesang auf sie +hinüberleitete. + +Sie vermochte nur wenig zu sprechen, hatte auch keine Lust dazu; aber +aus allem, was sie sagte, ging hervor, daß sie sich nicht einen +Augenblick lang über ihren Zustand täuschte, wie etwa andere +Lungenkranke es tun. Eines Tags machte sie Kallem ein Zeichen, er möge +sich tiefer herabbeugen. "Kristen Larssen!" flüsterte sie. "Dort, in der +Ecke." Dann lächelte sie und fügte nach einem Weilchen hinzu: "Jetzt +fürcht' ich mich nicht mehr vor ihm." Ein andermal schickte sie nach +Kallem, bloß um ihm zu sagen: "Du sollst niemand gram sein -- +meinetwegen!" Sie nannte keinen Namen. Kallem drückte ihre durchsichtige +Hand; ihr Blick umfloß sie wie ein ganzer Himmel von Güte. Zuweilen +versuchte sie, noch ein Lächeln hinzuzufügen, das sie doch nicht mehr +besaß. Wenn sie seine Tränen sah, winkte sie ihm, er solle sich bücken, +und fuhr ihm mit den Fingern durchs Haar. Einmal, als er ihr in dieser +Stellung dankte für alles, was sie ihm gewesen war, von der ersten +Begegnung an bis jetzt, versuchte sie ihn an den Haaren zu zupfen; so +etwas solle er bleiben lassen. + +Fortan wurde zwischen ihnen kaum noch ein Wort gesprochen. Nur noch ihre +Augen und Hände sprachen. Sie waren eins in ihrem Schmerz und besaßen +nichts mehr, was unausgesprochen war. Für die Dankbarkeit, die sie +empfanden, für das Grauen, das sie vor dem Scheiden hatten, gab es ja +auch keine Worte. Die Stunde nahte. + +Eines Nachmittags hörten sie Sissel klingeln, klingeln, klingeln. Sigrid +stürzte hinauf, Kallem, Karl; Karl blieb vor der Tür stehen. Er hörte, +daß sie wieder einen Hustenanfall hatte, einen entsetzlichen. Er begriff +nicht, daß sie überhaupt noch so viel Kraft hatte; jeder Hustenausbruch +zerriß ihm die Brust, schnitt ihm ins Fleisch, zerbrach ihn; ihr +Schmerzgestöhne dazwischen trieb ihm den Schweiß auf die Stirn; er +_konnte_ nicht lauschen und wagte auch nicht, zu gehen. Das mußte ihr +Letztes sein. Er hörte Sigrid weinen, hörte sie rufen: "Frau Doktor! +Frau Doktor!" Und gleich darauf: "Sie stirbt!" Da öffnete er die Tür. +Das erste, was er sah, war Blut. Da wurde ihm schlecht, und er fiel in +Ohnmacht. + +Als er erwachte, lag er auf seinem Bett. Sigrid saß davor und weinte. +Das war das erste, was er begriff. Dann fiel ihm das andere ein und er +fragte: "Ist sie tot?" -- "Der Herr Doktor glaubt, daß es bald zu Ende +ist." + +Später durften sie zu ihr, alle beide. Sie lag im Bett, als schliefe +sie, weiß wie die Bettücher, in denen sie lag. Kallem hielt ihre Hand. +Sein Gesicht sahen die Eintretenden nicht; aber von Zeit zu Zeit ein +Zusammenzucken der Schultern; und sie hörten ihn stöhnen. Auf der andern +Seite stand Sissel. Seltsam, wie verschiedene Grade des Schmerzes es +gab! Obgleich auf ihrem kräftigen, offenen Gesicht viel Mitgefühl lag -- +es war doch das einer Fremden; meilenweit entfernt von Kallems stummer +Verzweiflung sah sie es mit an. "Ist sie tot?" flüsterte Sigrid. Sissel +schüttelte den Kopf. Und Ragni hörte die Frage; sie blickte auf. Mit +ihrer allerletzten Kraft wollte sie ihnen noch einmal etwas Liebes +erweisen -- sie versuchte -- man konnte nicht sagen zu lächeln -- dazu +war sie nicht mehr imstande -- aber ihnen noch einmal Kunde von sich zu +geben. Erst Sigrid und Karl; dann aber ausschließlich Kallem. Bald +darauf war sie tot. + +Die andern gingen; Kallem blieb. + +Als er hinunterkam, fand er niemand. Karl war auf sein Zimmer gegangen; +Sigrid saß mit Sissel in ihrer Kammer. Leer die Küche, leer die Stuben, +leer das Studierzimmer. Er hatte ihr versprochen, etwas zu lesen, was +sie geschrieben hatte -- es lag unter Karls Brief. "Nachher!" stand +darauf. Aber er konnte jetzt nicht, überhaupt nicht, solang sie noch im +Hause war. Er stellte sich vor ihren Bücherständer und sah ihn an; auch +der war ein Bild von ihr. Wie oft hatte er da gestanden und gelächelt, +wenn er die Büchertitel las! Jetzt fiel sein Auge auf die "Wildente" von +Ibsen. Bei seiner Größe konnte er das Buch gerade so weit von oben +herunter sehen, um zu bemerken, daß zwischen den letzten Blättern eine +Lücke war. Er zog das Buch heraus. Wirklich, sie hatte die Blätter, auf +denen Hedvigs unglückliche Geschichte abschließt, -- wie sie sich +erschießt und was darauf folgt -- herausgeschnitten! Herausgeschnitten! +Als habe es _so_ nicht kommen dürfen! + +Nichts hätte ihn tiefer ergreifen können. Er warf sich aufs Sofa und +schluchzte wie ein mißhandeltes Kind. Ja, sie war zu fein gewesen und zu +furchtsam. Die Welt, in der wir kämpfen, ist noch zu roh. Sie muß erst +besser werden, bis solche Wesen mitleben können. Sie hatte versucht, aus +der Welt herauszuschneiden, was sie nicht mochte, -- nun war sie selber +herausgeschnitten worden. + + +11 + +Schon einige Tage vor dem Sonntag, da es den Kampf um die Erziehung des +kleinen Edvard gab, hatte der Junge gehustet. Abends ging es ihm gar +nicht gut, so daß er das Zimmer hüten mußte. + +Nach einigen Tagen durfte er wieder hinaus und schien auch leidlich wohl +zu sein; doch eines Abends war er wieder fiebrig und verdrießlich und +hatte einen trockenen Husten. Die folgenden Tage mußte er wieder das +Haus hüten. Weil er an die frische Luft gewöhnt war, wurde er weinerlich +und verlor den Appetit; Josefine hatte viel Mühe mit ihm und wurde +zuletzt streng. Der Junge jammerte -- er wolle zur Großmutter! Das +durfte er nicht. Als jedoch die Großmutter zu ihm herüberkam, war er +eigensinnig und lief zum Vater. Von dort kam er weinend zurück: der +Vater hatte ihm nicht erlaubt, die Bücher aus den untersten Fächern +herauszunehmen und Häuser damit zu bauen. + +Er wurde ins Bett gesteckt, heiß, aufgeregt; dabei klagte er über Stiche +auf der rechten Seite der Brust beim Husten; nachts hatte er +Fieberanfälle und phantasierte: Kristen Larssen lief mit einem großen +Sack hinter den Jungens her und wollte sie in die Hölle schleppen. + +Josefine doktorte mit Terpentinumschlägen an ihm herum; aber am Morgen, +als der Pastor heraufkam, bat sie ihn, nach dem Arzt zu schicken. + +Kent war ihr Hausarzt; er konnte erst gegen Abend vorsprechen, und da +konstatierte er, daß der Junge eine Brustfellentzündung auf der rechten +Seite hatte. Was Josefine angewandt hatte, war ganz richtig gewesen; er +selber verordnete Diät und alle zwei Stunden eine Medizin und sagte, +wenn die Temperatur 39 Grad übersteige, solle man ihn rufen lassen. + +In den folgenden Tagen besserte sich das Befinden des Jungen; er aß und +hustete weniger; Temperatur abends nie mehr als 38 Grad. Gott sei Dank! + +So gering auch die Gefahr gewesen war -- Tuft und Josefine hatten beide +das Gefühl, als lege sich eine unsichtbare Hand mit leisem Druck auf +ihre Schultern. Sie wandten sich ganz allmählich einander wieder zu und +suchten Gelegenheit, miteinander zu sprechen --freilich nur über den +Zustand des Kindes; aber durch Stimme und Wesen klang es wie eine Bitte +um Verzeihung. + +Der Husten und der Schmerz in der Seite ließen nach; das Befinden des +Jungen besserte sich scheinbar; aber der Appetit wollte nicht recht +kommen, das Fieber wollte nicht ganz weichen, und so nahmen auch die +Kräfte nicht zu. Man kaufte ihm neue Spielsachen, die ihm einen Tag lang +Spaß machten und ihn am nächsten schon langweilten. Die Märchen, die +Vater und Mutter ihm abwechslungsweise erzählten, hörte er an, ohne +dazwischenzufragen; den Besuch der Großmutter beachtete er gar nicht. +Einmal war er plötzlich ganz heiß, dann fror er wieder. Am meisten +beunruhigte es Kent, daß gegen Abend die Temperatur immer stieg; er fing +an, Chinin zu geben, und legte eine spanische Fliege. Josefine wich +nicht vom Bett und wollte von Ablösung nichts wissen; der Junge duldete +auch nicht, daß andere ihm nahe kamen. + +Aber es wurde besser, und eines Abends, als sie die Temperatur gemessen +hatten, sagte der Pastor: "Ich glaube, wir kommen mit dem Schreck davon, +Josefine!" Sie sah ihn an; er streckte seine Hand aus; sie legte die +ihre flüchtig hinein, schien sich aber dessen zu schämen und zog sie +gleich wieder zurück. + +Doktor Kent hatte ihnen erzählt, Frau Kallem sei schwer krank und +verlasse ihr Zimmer im Oberstock nicht mehr. Von anderer Seite hörten +sie später, es sei Schwindsucht; sie fragten -- jeder für sich -- Doktor +Kent; und er sagte, es sei sogar galoppierende Schwindsucht. + +Josefine gegenüber erwähnte der Pastor nichts; aber zu Kent äußerte er, +es sei jedenfalls ein Glück für seinen Schwager; vielleicht werde er +jetzt ein freier Mann und würde die Schwingen regen. + +Josefine hatte eine andere Auffassung; das sah er daran, daß sie sich +völlig in sich selbst zurückzog. Kaum, daß er dann und wann ein paar +Worte von ihr zu hören bekam. + +Eines Nachmittags, lange Zeit nachher, als sie auf ihrem Bett lag und +nachsann, wie ihr Bruder Ragnis Tod ertragen würde, sah sie ihn +plötzlich. Sie dachte sich erst nichts dabei; aber das Bild wurde +seltsam deutlich. Sie sah ihn, so lang er war -- auf dem Sofa seines +Studierzimmers liegen, sie sah den ganzen Raum, die Gardinen, die +Bücherregale, die Bücher, den Schreibtisch, die zwei Tische, einen +großen Lehnsessel, verschiedene aufgeschlagene Bücher, beschriebene +Papiere bogenweise nebeneinander, ... alles sah sie, jedes Blatt, jeden +Buchstaben, -- und ihn selber, in einem braunen Anzug, den sie nicht +kannte. Und dabei war sie nie in dem Studierzimmer gewesen, seit es +möbliert war, und hatte die Möbel nie gesehen, auch nicht die Gardinen, +die Teppiche; aber sie zweifelte keinen Augenblick, daß es genau so war, +wie sie es sah. Zu jeder andern Zeit würde das einen seltsamen Eindruck +auf sie gemacht haben; aber jetzt wurde alles verdrängt durch sein +Aussehen. Er war so ganz verzehrt von Kummer! Je genauer sie ihn ansah, +desto schlimmer wurde es. In einer solchen Verzweiflung sah sie ihn, daß +es sie packte, wie nichts in ihrem Leben, nicht einmal des Vaters Tod +sie gepackt hatte. Sie sah, wie er sich herumwarf und laut aufweinte, +sah, wie er die Hände zusammengekrampft vors Gesicht hielt, sah zuletzt +bloß noch ihn, den Jammer dieser Augen unter der Brille und den +buschigen Brauen, und eine große Öde um ihn her. In kaltem Schweiß +gebadet, wachte sie auf, so matt, daß sie kein Glied rühren konnte. +Fortan lebte sie wie unter dem Druck einer unklaren Angst, die ihr den +Schlaf raubte. Galt es ihrem Bruder oder ihrem Kinde? Dort neben ihr lag +der kleine Edvard, atemlos, hustend, wie ein schon weit Entfernter. +Seine hohe Stirn schien unbewohnt; seine Augen sahen ins Leere; seine +Hände -- das waren nicht mehr die derben Bubenfäustchen, nicht mehr +lebendig.... Zuweilen stürzte sie an sein Bettchen, bloß um ihn wieder +zu haben, und war's auch nur in einem flüchtigen Blick! Ja, ja ... da +war er! Aber ... Gott im Himmel! -- Wenn sie ihn hergeben mußte? Und in +diesem Leid fühlte sie den Schmerz des Bruders mit, fühlte sich eins mit +ihm. Das Schicksal des Jungen verknüpfte sich ihr mit dem Schicksal +Ragnis. In wachen Nächten und bangen Tagen flössen die beiden so +unauflöslich ineinander, daß sie beide für sie eins wurden. + +Bisher war ihr Gottesgefühl eigentlich nur Freiheitsdrang und eine nie +versagende Wahrheitsliebe gewesen. In der Angst wurde es ihr zum +Schicksal, zum unbeugsamen, mystischen Schicksal. Alles erschreckte sie; +sie sah in allem Zeichen und Vorbedeutungen. Der Junge schien nur auf +der kranken Seite liegen zu können; sonst schmerzte es ihn so, daß er +laut jammerte, ... und jedesmal, wenn sie ihm dabei helfen mußte, kam +ihr das ganz unbegreiflich vor. Sie schob ihm Luftkissen unter; seine +einzige Antwort bestand in herzzerreißenden Bitten, sie möge ihn doch +ruhig liegen lassen. Sie wußte nicht mehr, was richtig war und was +falsch. Nicht einmal an seine Beine durfte sie mehr rühren; er zog die +Knie herauf, das eine über das andere ... lauter unerklärliche Einfälle, +durch die sie sich gänzlich überflüssig oder sogar lästig vorkommen +mußte. Ob das bedeutete, daß sie sich an den Gedanken gewöhnen mußte, +daß sie im Grund _ganz_ überflüssig war? + +Schließlich mußte sie das ja aufreiben. Schon die Angst vom einenmal zum +andern, wenn sie ihn anrühren mußte, wäre genug gewesen. Aber die +Gedanken, die dabei mit unterliefen, machten sie geradezu verrückt. +Sprechen konnte sie mit niemand darüber. Die Sache mit den Beinen +hauptsächlich kam ihr so ganz mystisch-widersinnig vor, daß sie sich +förmlich ängstigte vor ihrem Jungen; er gehörte nicht mehr ihr. Erst +später, und ganz zufällig, entdeckte sie eine Anschwellung um die +Knöchel. Das -- so hatte sie immer gehört -- war der Anfang vom Ende. +Sie vermochte sich kaum die Treppe hinunterzuschleppen ins +Studierzimmer, wo der Pastor in einer Rauchwolke saß. Er sah sie, +bleich, entsetzt in ihrem Nachtkleid vor sich stehen. "Was ist denn, +Du?" Er hörte ihren Bericht, ging mit ihr hinauf, sah ebenfalls die +Schwellungen, fiel vor dem Bett auf die Knie, den Kopf in die Hände +gedrückt: er betete. Die kurzen, hastigen Atemzüge des Kleinen, die +glänzenden und doch gänzlich gleichgültigen Augen, mit denen er seinen +Vater ansah, -- das schrie förmlich zu ihr über des Vaters Kopf weg. +Auch sie hätte beten mögen; aber im selben Augenblick schob der Junge +den Vater mit der Hand weg; der Tabakgeruch störte ihn. Und damit schob +er sie weg vom Gebet. + +Doktor Kents ruhiges Lächeln, sein stilles, bestimmtes Urteil, daß die +Krankheit noch dieselbe sei wie damals, als er zuerst die Entzündung +entdeckt hatte, daß nichts Schlimmeres hinzugekommen sei, und die +Anschwellung sicher nur von der unglücklichen Lage der Knie herrühre, +erleichterte sie beide so, daß Josefine vor Freude weinte. Die +Untersuchung des Urins bestätigte seine Diagnose. + +In dieser Nacht schlief Josefine wieder besser als seit langer Zeit; +trotzdem fühlte sie sich matter als vorher. + +Wieder verging eine Zeit; da kamen eines Abends der Pastor und Doktor +Kent mit einer gewissen Feierlichkeit herauf. Josefine lag in den +Kleidern auf dem Bett und richtete sich empor, um aufzustehen; aber Kent +und der Pastor baten sie, sich wieder hinzulegen. Doktor Kent erzählte, +gestern sei Frau Kallem gestorben. Beide Männer blickten Josefine an; +sie schloß die Augen. Eine Weile tiefes Schweigen. Als aber mehrmals ein +Zucken über ihr Gesicht lief, sagte Tuft hastig: "Unter diesen Umständen +ist es für Edvard nur gut, Josefine. Natürlich geht es ihm jetzt nahe; +aber später wird alles gut werden. Er wird daran wachsen." Josefine +wandte den Kopf ab. Ihre Augen blieben geschlossen; aber dann brachen +die Tränen hervor. + +Im selben Augenblick fühlte er, was er da gesagt hatte, war etwas +Eingelerntes; ja, er hatte sich einer Roheit schuldig gemacht. Während +der Krankheit seines Jungen, im angsterfüllten Zusammenleben dieser +letzten Zeit war er ein anderer geworden. Diese Worte aus einem früheren +Dasein -- eben weil sie in dieser Stunde fielen, auf ihren brennenden +Schmerz hin -- weil sie über ihrem eigenen kranken Kind fielen -- +gewannen selbständiges Leben, wurden ihm zu einem stummen Gefolge -- +"Sendboten Gottes". + +Bis diese Worte fielen, hatte Josefine in der Stille mitgebetet, wenn +der Pastor betete; nun tat sie es nicht mehr. Sie hatte dasselbe Gefühl, +wie in der ersten Zeit ihrer Ehe, wenn er so maßlos war und doch +zugleich von ihr forderte, daß sie mit ihm fromme Lieder singen solle. +Damals hatte er nichts gemerkt; heute fühlte er es sogleich. Aber gerade +darum _verlangte_ ihn nach einer Gemeinschaft, vor allem im Gebet für sein +krankes Kind. Er wandte sich an die Freunde der Betstunde; deren war er +sicher. Die ganze schmerzliche Abrechnung dieser Tage, das Zittern um +das Leben des Kindes, seine freudlose, wunde Liebe, all das wirkte +zusammen zu einer starken Erschütterung. Er bat sie alle, mit ihm zu +beten, er stürmte Gottes Barmherzigkeit; wenn er nur einer höheren +Gemeinschaft mit Gott würdig befunden wurde, so war die Prüfung nicht zu +hart. + +Er leuchtete von Glaubenskraft, als er nach Hause kam und berichtete. +Wenn das Stärkste in ihm einmal aufwachte, so war er wie kaum ein +anderer; aber es kam so selten dazu. + +Josefines Zustand wurde besorgniserregend. Frische Luft und regelmäßigen +Schlaf entbehren, Woche um Woche, -- den Appetit verlieren durch die +unaufhörliche Spannung -- das war fast genug, um selbst kerngesunde +Naturen wie die ihre zu brechen. Tuft sprach heimlich mit Kent darüber; +aber es war nichts zu machen, wenn sie nicht selber wollte. + +Während er jede ihrer Bewegungen überwachte, mußte er ihr, gegen seinen +Willen, eines Tages mitteilen, daß Ragni nicht hier, sondern im Friedhof +des Nachbardorfs beerdigt werden sollte. Darin offenbarte sich doch des +Schwagers Groll, ja Abscheu auf die denkbar stärkste Weise. Zweifellos +war dieser Entschluß gegen die Gesellschaft im allgemeinen, am meisten +aber gegen sie beide gerichtet. + +Was Josefine fühlte, erfuhr Tuft nicht; ihm selbst ging es nahe. Ein +einziges Mal verriet sie, wie ungeduldig sie geworden war. Er hatte sich +über den Jungen gebeugt und kam ihm dabei etwas zu nah; Edvard stöhnte +und schob ihn mit der Hand von sich. "So laß doch das ewige Rauchen!" +sagte sie erbittert. Er wandte sich nach ihr um: "Das werd' ich auch!" +antwortete er sanft. Als er sich dann wieder aufrichtete, fügte er +bekümmert hinzu: "Heute steht es nicht gut mit ihm!" --"Nein", erwiderte +sie still; die Art, wie er das aufgenommen hatte, beschämte sie. + +Der Doktor wurde geholt. Er war an diese plötzlichen Botschaften +gewöhnt, daher nahm er sie mit Ruhe auf, und er besaß die unschätzbare +Gabe, diese Ruhe auch andern mitzuteilen. Sofort schien es den Eltern, +als esse der Junge mit mehr Appetit und sei freundlicher gegen die +Großmutter. Viermal am Tag kam sie herüber, und die Art, wie er sie +empfing, galt als Barometer. + +Die Großmutter war oben im Krankenhaus gewesen und hatte von dort Kallem +und Karl Meek mit Ragnis Leiche wegfahren sehen. Der Sarg war weiß und +stand auf einem schwarzen Schlitten; vorn neben dem Kutscher saß Sigrid; +Kallem und Karl fuhren in einem Breitschlitten hinterdrein. Das war das +ganze Gefolge. + +Der Bericht über Ragnis letzte Fahrt kam ihnen überraschend. Und daß +Karl Meek dabei gewesen war, er ganz allein! Bedeutete das, Kallem hege +keinen Argwohn gegen ihn? Oder, was wahrscheinlicher war: er habe +vergeben? Wollte vielleicht die Tatsache bemänteln und ihr so diesen +letzten Dienst erweisen? Wer doch auch so gut sein könnte! + +In der Nacht darauf kam Josefine zu ihrem Mann herunter, als er schon +schlief. Ihr Haarknoten hatte sich gelöst; mit dem großen, hohläugigen +Gesicht, von dem das schwarze Haar abstand, den Augen, die starr über +die Lampe wegstierten, die sie trug, sah sie aus wie eine Besessene oder +eine Nachtwandlerin. Er richtete sich im Bett auf und wollte aufstehen. +Sie hielt ihn mit der Hand zurück und sagte eintönig: "Ich muß mit Dir +reden, Ole; ich kann nicht schlafen. Diese Frau, die Frau meines +Bruders, wird uns unsern Jungen nehmen." + +Er fühlte, wie ihm alles Blut zum Herzen strömte. "Was sagst Du da?" +flüsterte er. + +"Wir sind zu hart gewesen, wir beide. Jetzt müssen wir bezahlen; und mit +weniger begnügt sie sich nicht." -- "Liebste Josefine, Du bist ja ganz +außer Dir. Wir wollen uns doch nach Hilfe umsehen ...!" Und er sprang +aus dem Bett. -- "Ja, Hilfe suche ich! Alle, die beten können, müssen +mir jetzt beistehen! Hörst Du, Ole!" + +"Aber liebste ...!" + +"Oder glaubst Du nicht, daß Ihr stärker seid als diese Frau? Glaubst Du +es nicht? Neulich bist Du so freudig aus der Betstunde heimgekommen -- +ach, Du kennst die Leute ja, ... rufe sie, sie sollen kommen, -- hörst +Du, Ole!" Und sie fing zu jammern und zu weinen an. "Es ist doch +Christenpflicht, uns zu helfen! Sie dürfen es doch nicht ruhig mit +ansehen, daß sie ihn uns nimmt!" Die Stimme klang in einem langen +Klageton aus. Er saß auf dem Bettrand; die Unterkleider hatte er +angezogen, hielt aber nun, die Hosen in der Hand, inne. "Liebe, Liebste, +so glaub' doch nur -- Gott hat die Macht, und kein anderer! Du bist +krank, Josefine!" -- Er war voll Sorge und Liebe und eilte, sich fertig +anzukleiden. "Du holst sie, nicht wahr?" sagte sie erfreut und stellte +die Lampe hin. "Ich wußte es ja! Ich danke Dir! Sei heilig versichert, +Ole -- es eilt!" Er zog sich rasch weiter an, sagte aber: "Du weißt, +Josefine, wir müssen vorsichtig sein, wenn wir für nicht-geistliche +Dinge beten!" Das machte sie unruhig; sie streckte die Hände nach ihm +aus. Alles an ihr war lose und offen, die Ärmel glitten zurück -- +unglaublich mager war sie geworden! Eine große Angst überfiel ihn. Ihr +wildes Aussehen, die fieberkranke Sprache, die abgezehrte Gestalt.... +"Um Gotteswillen, Josefine, Du darfst nicht alles so aufs Gebet setzen! +Du könntest darüber zusammenbrechen, so, wie Du jetzt bist...." -- +"_Glaubst_ Du denn nicht, Ole?" Es entfuhr ihr wie ein Blitz. "Doch, doch! +Aber wenn nun Gottes Wille nicht der unsere ist, Kind?" -- Die +schmerzliche Erinnerung an Andersens Sterbebett stieg in ihm auf. "Du +betest um nicht mehr und nicht weniger als um ein Wunder!" -- "Ja. +Natürlich! Selbstverständlich! Um was beten wir denn sonst?" -- "Wir +beten, um Gemeinschaft zu finden mit Gott, Josefine. Wenigstens darum +bete _ich_. Dann ist alles gut; dann ist meine Seele gestärkt -- und ich +bedarf dessen oft so sehr!" -- "Gottes Herz erweichen, so steht es +geschrieben. Steht es nicht geschrieben? Gottes Herz erweichen! Hörst +Du, Ole! Gottes Herz erweichen? So antworte doch!" -- Er war vor dem +Ofen niedergekniet, in der einen Hand ein Holzscheit, in der andern ein +Messer; er wollte Feuer anmachen; sie war so leicht bekleidet. Aber +jetzt hielt er inne und sah sie voll Trauer an: "Um ein Wunder beten -- +das darf ich nicht, Josefine! Ich bin dessen nicht würdig!" Und während +er das sagte, wuchs es in ihm, und eh' er es wußte, war er so erregt, +daß er das, was er in Händen hielt, fallen lassen mußte, um sein Gesicht +zu bedecken. Als er aber wieder aufsah, sprang er in die Höhe; wenn sie +in ihrem Schoß das kostbarste Porzellan gehalten und es hätte fallen +lassen, daß es in tausend Stücke zersprang -- sie hätte nicht anders +dastehen können -- starr, von Entsetzen gelähmt, die Hände ausgestreckt +über dem, was ihr entglitten, die Augen auf ihn geheftet, der Sinne +beraubt, als müsse sie auf der Stelle umsinken. Aber das geschah nicht; +denn als er sie anfaßte, erwachte sie, faßte sich sofort und sagte rasch +ohne Übergang: "Dann müssen wir nach meinem Bruder schicken! Dann kann +nur er sie bewegen, von dem Jungen abzulassen!" Diese Worte, aus diesem +wunderlichen Gedankengang geboren, klangen ihm wie eine Eingebung. +Tausendmal hatte er dasselbe gedacht; der Fall mit dem Oberst hatte +schon den Wunsch in ihm erweckt, viele hatten es ihm geraten. Aber bis +jetzt hatte er sich immer geschämt. + +Ein paar Minuten später war er auf dem Weg zu Doktor Kent, der zuerst +gefragt werden mußte. + +Eine klare, kalte Nacht, der Weg vom Tag aufgeweicht, in der Nacht +gefroren, so daß Tuft aufpassen mußte -- dazu die Gedanken, die ihn +hetzten -- es war schwierig genug. Was wurde aus den Dogmen der Bibel, +von Schöpfung, Sündenfall und all dem andern -- was war es wert, wenn +der Tod anklopfte? Was war dann Nummer eins und was Nummer zwanzig? + +In Kents Haus wollte niemand wach werden; er klingelte und klingelte, +ohne selber den Klang der Glocke zu hören; sie mußte abgestellt sein. Er +fing an, gegen die Tür zu donnern; es klang hart und hohl; und ihm, der +an den Tod dachte, war, als klopfe der an; es war ja auch so! Endlich +kam, etwas verdrossen, ein Mädchen; als sie jedoch sah, daß es der +Pastor war, ging sie, um Doktor Kent zu benachrichtigen. Der geduldige +Kent erschien, hieß ihn eintreten und hörte ihn an. Mit Freuden wolle er +zu Kallem gehen; hätte er nur gewußt, ob es tunlich sei, so hätte er es +schon längst getan. + +Josefine war oben bei dem Jungen, als Tuft zurückkam; sie verstand ihn +nicht richtig und glaubte, ihr Bruder werde sogleich kommen; und als er +um sieben, um acht, um neun noch nicht da war, fürchtete sie, er wolle +nicht, und geriet völlig außer sich; der Pastor mußte sich wieder auf +den Weg machen. Kent war nicht gleich zu finden, gab aber Bescheid, +Kallem und er würden Punkt elf Uhr kommen. Sie kamen auch; aber da war +der Pastor eben abgerufen worden, so daß niemand zu ihrem Empfange da +war. Kallem hatte seinen Fuß nicht mehr auf diese Treppe gesetzt seit +dem Tag und der Stunde, da er die Stadt betreten hatte. + +Wenn man sich nach etwas sehnt, geht es einem leicht wie jetzt +Josefinen: seit der Nacht war der Bruder ständig in ihren Gedanken +gewesen; als er nun aber mit Kent endlich über die dicken Läufer die +Treppe heraufkam, dachte sie nicht an ihn. Sie stand gerade über den +Jungen gebeugt und gab ihm zu trinken; als es klopfte, schrak sie auf +und die Stimme versagte ihr. Die Tür wurde trotzdem geöffnet; Kent ließ +Kallem zuerst eintreten. + +Ein leiser Schrei tönte ihm entgegen. Fast hätte sie zu Boden fallen +lassen, was sie in der Hand hielt. Wie sah er aus! Das war der Tod +selbst, der da eintrat, knöchern, schneidend scharf, -- nicht um zu +helfen, sondern um über ihr Kind das Urteil zu sprechen; das fühlte sie +sofort. + +Kurz, erbarmungslos sah er sie an, ohne einen Funken Mitgefühl, obwohl +auch sie von Kummer mitgenommen war. Als er näher gekommen, blickte er +auf den Knaben; und fortan existierte sie nicht mehr für ihn. Sie trat +auch ganz von selbst beiseite. Kent kam auf sie zu und begrüßte sie +freundlich; dann ging er zu Kallem zurück. Und jetzt ging es wie +gewöhnlich -- wie es Kallem selbst neulich mit Doktor Meek gegangen war: +Kent sah das Kind auf einmal mit andern Augen, mit Kallems Augen; das +Aussehen des Jungen wurde plötzlich ein ganz anderes und erschreckte ihn +aufs tiefste. Was er bisher weit von sich gewiesen hatte -- jetzt +drängte es sich ihm von selbst auf: "Empyème?" flüsterte er auf +französisch Kallem zu. Der antwortete nicht, trat nur näher, fühlte des +Knaben leichten, schwachen Puls, beklopfte leise die Brust, horchte auf +die hastigen Atemzüge, besah sich die Temperaturliste und den letzten +Auswurf des Jungen. Darauf eine kurze Beratung der Ärzte; Josefine hörte +jeden Laut, obwohl sie ein ganzes Stück entfernt, auf der andern Seite +des Bettes stand -- das Bett des Jungen war da, wo früher das des Vaters +gestanden hatte. -- Aber sie begriff die technischen Ausdrücke und darum +auch deren Bedeutung nicht. Irgend etwas unerhört Entsetzliches war es; +das fühlte sie; ihre Hände krampften sich unter der Brust zusammen, +während ihre Augen von einem zum andern wanderten. Endlich machte Kent +ein paar Schritte auf sie zu. Er wolle nur fragen, ob sie erlaube, daß +man eine nadelfeine Spritzenspitze in die Brusthöhle einführe? "Eine +Operation?" flüsterte sie und mußte sich stützen. + +"Das werden wir dann sehen", erwiderte er ebenso leise. Sie sank auf +einen Stuhl. Ihr Bruder wartete die Antwort nicht ab, sondern zog seine +Verbandtasche hervor, nahm daraus etwas Blankes, Dünnes, Langes und +beugte sich damit über den Jungen. Mehr sah sie nicht, dachte auch +nichts mehr --, sie fühlte bloß noch eins: nicht nachgeben! Sie hörte +den Jungen jammern und "Mutter" rufen -- angstvoll, immer wieder; aber +sie konnte nicht aufstehen, sie getraute sich nicht aufzustehen. Dann +hörte sie Kent sagen: "So, jetzt ist's vorbei, Jungchen!" Aber was +vorbei war, das sah sie nicht. + +Der Kleine jammerte und jammerte: die Mutter solle wieder zu ihm kommen. +Sie versuchte es ein paarmal; aber es ging nicht; der Bruder drückte sie +immer wieder in den Sessel nieder, trotzdem er sie überhaupt nicht +ansah. + +Dann ging die Tür. Er war fort; und sie atmete auf. Kent trat auf sie +zu, mild, teilnahmvoll: "Es ist eine Operation nötig, Frau Pastor!" +flüsterte er. "Wozu denn?" Sie wußte ja, es nützte doch nichts; sie +hatte es in ihres Bruders Gesicht gelesen. "Weil wir alles versuchen +müssen", erwiderte Kent. Der Junge bat jetzt im kläglichsten Ton die +Mutter, sie möge zu ihm kommen. "Ich komme schon!" Sie kniete bei ihm +nieder und brach in Tränen aus. "Es hat so weh getan!" klagte er. Ach, +wenn sie hätte antworten können: "damit Du gesund wirst und wieder +aufstehen kannst!" Aber nicht einmal Kent wagte das. Sie suchte nach +Mut, um die Operation zu verbieten; aber sie wagte es ihrem Bruder +gegenüber nicht. Kent wartete; das fühlte sie zuletzt und sah ihn +verzweifelt an. Er beugte sich zu ihr hinab: "Ihr Bruder schickt +gewöhnlich jemand von seinen Leuten vorher zum Desinfizieren und +Vorbereiten", sagte er leise. "Heute schon?" flüsterte sie und +schluchzte bitterlich. "Nein, aber mit dem Reinmachen und Auslüften muß +jedenfalls heute begonnen werden. Die angrenzenden Zimmer müssen wir +auch dazu nehmen." Sie hatte ihren Kopf wieder neben den ihres Jungen +gelegt und antwortete nicht; sie hörte ihn weggehen. + +Als der Pastor nach Hause kam, eilte er gleich ins Krankenzimmer hinauf +und war nicht wenig verwundert, dort die Großmutter und -- Sissel Aune +zu finden. Die letztere hielt Wacht bei dem Jungen, der äußerst +empfindlich war und niemand als die Mutter um sich dulden wollte; auch +den Vater nicht; der roch noch immer nach Tabak; obgleich er das Rauchen +aufgesteckt hatte. Der Pastor fand Josefine im Studierzimmer auf dem +Sofa, verzweifelt, aufgelöst; sie stammelte zusammenhangslose Worte: +"Das Todesurteil!" antwortete sie fast auf alles, was er sagte. + +Am Nachmittag kam eine Krankenhausschwester und übernahm die Aufsicht; +mit ihr rückten neue Leute ein; das ganze Haus war in der Gewalt +Fremder. Das Scheuern klang wie das Hobeln der Sargbretter. Die +Dienstmädchen kummervoll; die Großmutter in Tränen; und als das Bett des +Kindes in ein anderes Zimmer getragen wurde und sie die Tritte der +Träger hörten, saßen die Eltern Hand in Hand und zitterten. + +Wenn jetzt jemand gesagt hätte: "Es ist gut für die Eltern, wenn der +Junge stirbt. Freilich, jetzt sehen sie das noch nicht ein; aber sie +werden daran wachsen!" Wenn jemand die Roheit hätte, ihnen so etwas zu +sagen! Tuft _mußte_ mit Josefine darüber sprechen, mußte ihr bekennen, was +seine eigenen Worte in ihm bewirkt hatten. Sie drückte ihm stumm die +Hand. + +Abends, als wieder Ruhe im Hause war, waren beide oben beim Jungen, und +beiden war es, als habe der Tod ihn schon gezeichnet. Die Hand der +Mutter in der seinen schlief er ein; dann führte Tuft sie sanft hinweg. +Es war ihr jetzt nur willkommen, daß jemand sie führte; infolge der +vielen Umänderungen im Hause war auch ein zweites Bett im Fremdenzimmer +aufgeschlagen worden. + +Am nächsten Tag saßen die Eltern von früh an bei dem Kleinen. Sobald sie +weg waren, sollte er in sein ehemaliges Zimmer geschafft werden; dort +war alles zur Operation bereit. Um zehn Uhr kamen die Ärzte. Josefine +lag auf dem Sofa im Studierzimmer. Als sie die Männer kommen hörte, +hielt sie sich die Ohren zu; die Teppiche waren fortgenommen, so daß man +das leiseste Stiefelknarren hörte. Sie ließ sich nicht trösten, ließ +sich nicht zureden, verfiel wieder in den halbbesinnungslosen Zustand, +in dem sie schon einmal gewesen war; sie wollte um jeden Preis hinauf zu +dem Jungen; er konnte ihnen ja unter den Händen sterben. Der Pastor +hätte gern mit den Ärzten gesprochen; aber sie hängte sich an ihn: sie +wollte mit. So blieb er unten. Wenn irgend jemand oben einen Fuß rührte, +so wußte sie gleich, wer es war; bewegten beide Ärzte sich zu gleicher +Zeit, dann ging etwas Besonderes vor; dann krümmte sie sich und saß in +sich zusammengekauert da, die Hände vor den Ohren. In ein anderes Zimmer +wollte sie sich nicht bringen lassen; hier wollte sie bleiben, und +Qualen erleiden. Manchmal, wenn sie sich halb zu Tode gehetzt hatte, +flüchtete sie zu Tuft, wie zu einem stillen Hafen; "hilf mir!" flüsterte +sie; es ginge um ihren Verstand, um ihr Leben; immer habe sie gewußt, +daß es einmal ein jammervolles Ende mit ihr nehmen würde. + +Tuft bewog sie endlich, sich aufs Sofa hinzulegen und sich kalte +Umschläge machen zu lassen; er bat sie so innig, und seine Liebe war so +stark, daß sie ihr einen Halt gab. "Danke, Ole, danke!" Darnach wurde +sie still. + +"Er schreit!" rief sie plötzlich und setzte sich auf; sie wollte hinauf. +Der Pastor beteuerte, er höre nichts; aber im selben Augenblick hörten +sie es beide. "Ja, ja!" rief sie und wollte hinauf. Tuft umschlang sie +mit beiden Armen, bat und beschwor. Und wieder wurde sie still. Von oben +kam kein Laut mehr jetzt. + +Oben ging alles schnell. Auf Kallems Verantwortung wurde der Junge +chloroformiert, und das Schreien, das die Eltern gehört hatten, galt der +Flanellmaske, die Kent ihm vors Gesicht hielt. Der Junge schob sie weg; +er meinte, er müsse ersticken. "Mutter! Mutter!" Aber bald schlief er +ein. Die Großmutter saß in einem frischgewaschenen Kleid auf der andern +Seite am Kopfende und hielt seine Hand; sie zitterte, die Alte. Aber sie +saß da, und sie wollte da sitzen bleiben, bis alles zu Ende war. Niemand +hatte sie darum gebeten; aber sie hatte ihren Gott darum gebeten. Sobald +der Junge eingeschläfert war, forderte Kallem sie jedoch höflich auf, zu +gehen. Langsam und stumm entfernte sie sich. + +Nun gings ans Werk. Zwischen den Rippen auf der rechten Seite wurde ein +acht Zentimeter tiefer Einschnitt gemacht. Mit stumpfen Instrumenten +bohrte Kallem tief hinein, kam bis an den Rippenrand und sägte ein +kleines Stück heraus; der Eiter strömte aus der Wunde. + +In diesem Augenblick wurden alle von einem wilden Schrei im Hintergrund +aufgeschreckt. Josefine hatte blitzschnell die Tür aufgerissen, sah die +weißen Operationsmäntel, sah Kallem voller Blut in der Brust ihres +Kindes wühlen, -- und stürzte kopfüber zu Boden. + +"War die Tür nicht abgeschlossen?" fragte Kallem. Sissel kam von innen +gelaufen, der Pastor von außen, und zusammen trugen sie sie hinaus. +"Achten Sie auf den Puls!" wurde der Diakonissin zugeflüstert. "Und +schließen Sie die Tür zu!" -- "Und Sissel --?" -- "Muß draußen bleiben!" + +Man hörte Josefine bald darauf an der Tür; aber niemand achtete ihrer. +Eine Drainröhre wurde in die Brusthöhle eingeführt, diese wurde +ausgespritzt und vorsichtig ein Gazeverband darum gelegt. Die Röhre +mußte ein paar Tage liegen bleiben und die Zimmertemperatur gleichmäßig +auf 15 Grad gehalten werden. Bald darauf zog Kallem sich samt seinen +Instrumenten ins nächste Zimmer zurück und war verschwunden, bevor noch +irgend jemand, der nicht der Operation beigewohnt hatte, wußte, daß er +fertig war. + +Die Großmutter, die Ärmste, war wieder hinaufgegangen, um an der Tür zu +horchen, als Sissel, die jetzt im Zimmer war, öffnete und etwas unter +der Schürze davontrug. Im Vorbeigehen erzählte sie schnell, es sei +alles vorüber. Die Großmutter wagte sich hinein; aber als sie das blasse +Kind sah, verlor sie alle Herrschaft über sich selbst; sie ging schnell +wieder hinaus und erreichte ihr Haus mit Mühe und Not. + +Dieses Petrefakt von der Meeresküste, pietistisch plattgedrückt, in die +Nordwand des Hauses eingemauert, war für gewöhnlich gänzlich +unzugänglich; der einzige Mensch, mit dem sie eine Art Gemeinschaft zu +haben schien, war der Knabe. Ihr ganzes Haus war seine Spielstube; +alles, was er nur wollte, durfte er ihr hineinschleppen; sie schleppte +es wieder hinaus; sie hatte ja nichts anderes zu tun, als hinter ihm her +aufzuräumen. Man hätte denken sollen, er müßte deswegen an ihr hängen; +aber es war eigen: seit er krank war, mochte er die Großmutter gar nicht +mehr sehen. Das klare Wesen der Mutter hatte, bei aller Strenge, seine +Phantasie gefangen genommen; die Nachgiebigkeit der Großmutter, mit all +ihrer Hinterhältigkeit und ihren Verboten, mit all den Gebeten, die er +auswendig lernen sollte, und all den biblischen Geschichten, die er +nicht verstand, hatte ihn gequält. Nun er matt und krank war, durfte sie +überhaupt nicht mehr reden. Ein Jammer ist es mit diesen alten Leuten! +Auch ihr Sohn vernachlässigte sie, seit Josefine wieder zugänglicher +war. Wäre nicht die Diakonissin gekommen -- die Operation wäre +vielleicht vor sich gegangen, ohne daß die Alte darum gewußt hätte. + +Einige Stunden später schlich sie sich wieder hinauf, lauschte draußen, +hörte nichts, dachte, es sei vorbei und wagte sich hinein. Sissel saß da +und nickte; aber sie sah gleich auf. "Lebt er?" fragte die Großmutter. +"Ja", antwortete Sissel, nur ebenso laut, daß man es hörte; größer +schien auch ihre Hoffnung kaum. Die Großmutter konnte nicht mehr; sie +ging. Aber schon etliche Stunden darauf war sie wieder da. Er lebte noch +immer. Diesmal hatte sie ihre Brille mitgebracht und ein altes, liebes +Buch; Sissel konnte schlafen; sie würde hier sitzen bleiben, bis es zu +Ende war. Sissel sagte ihr, was zu tun sei, und legte sich dann auf +Josefines Bett. + +Erst um sechs Uhr abends streckte der Pastor den Kopf zur Tür herein. +Erst jetzt wagte er, Josefine auf einen Augenblick zu verlassen. Er sah +seine Mutter dasitzen, mit ihrer Brille und der alten Postille; er trat +näher und forschte in ihrem Antlitz wie in einer Schrift: "Er lebt!" las +er darin. Sie nickte, wie vorhin Sissel, -- im selben Sinne. Vor dem +leichenblassen, schlafenden, schlaffen Gesicht des Jungen schauderte er +zurück und ging. + +Ganz, ganz still war das Haus. In der Küche, die abseits lag, hörte man +leise reden; überall waren die Türangeln geölt, überall lagen wieder +Läufer und Teppiche. Allstündlich kam der Pastor, immer auf den +Zehenspitzen; und immer derselbe Bescheid: bis jetzt lebe er noch. Alle +kamen und gingen, lautlos, als wandelten Gespenster. In dem +Fremdenzimmer, wo Josefine lag, und in seiner Nähe gab es keine Worte +mehr, nur noch Zeichen. + +Die Nacht war womöglich noch schweigsamer. Großmutter saß nicht mehr am +Bett, sondern Sissel; in der Küche brannte das Feuer, und irgend jemand +wachte da immer, für den Fall, daß etwas sich ereignen sollte. Auch der +Pastor wachte und ging ab und zu. Aber gegen drei Uhr schliefen er und +die Küchenwache ein. Als die Großmutter gegen vier kam, schlief auch +Sissel. Großmutter setzte sich wieder an ihren Platz. Nirgends ein Laut, +bis gegen sieben Uhr. Großmutter sah nach dem Ofen und gab dem Kranken +die Medizin; atmete der kleine Edvard leichter? Oder täuschte sie sich? + +Gegen sieben Uhr ging langsam die Tür auf. Sie glaubte, es sei ihr Sohn; +aber es war Josefine, die hereintrat. Im Zwielicht sahen ihr großes +Gesicht unter dem wirren Haar, ihre wilden Augen noch entsetzlicher aus; +die Alte, die längst für ihren Verstand gefürchtet hatte, erschrak. Aber +Josefine blieb an der Tür stehen; sie hörte Sissels feste Atemzüge, aber +nicht die des Jungen; da wagte sie nicht weiterzugehen. Das sah die +Großmutter und nickte ihr ermunternd zu. Ein paar Schritte vorwärts -- +und die Mutter sah ihren Jungen -- zum Erschrecken blaß, ohne jedes +Lebenszeichen. Aber Großmutter nickte wieder; da wagte sie sich weiter +vor. Die Gardinen waren noch zugezogen, deshalb sah sie nicht +deutlicher; aber jetzt schien ihr doch, als atme er! Sie kniete nieder. +Atmete er wirklich leichter, oder...? Sie hatte sich so verrannt in +ihren Glauben an das Todesurteil, daß sie gar nicht hörte, was sie +hörte. In äußerster Spannung lauschte sie, überlegte, hielt den Atem an, +und erst, als sie die Gewißheit hatte, daß er leichter atmete, ließ sie +den eigenen Atem unwillkürlich mit voller Gewalt über das Gesicht des +Jungen hinströmen. Der warme Hauch weckte ihn; er schlug die Augen auf +und sah seine Mutter an, und es schien, als besinne er sich. Ja, es war +die Mutter; sie war wieder da! Seine Augen wurden lebhafter, klarer, als +man sie seit Wochen gesehen hatte, und sie blickten in die ihren, bis +Josefines Augen von Tränen überflössen. + +Kein Wort sagte er, kein Glied regte er aus Furcht vor den alten +Schmerzen; und ihr war, als müsse ihm der Lebensgeist entfliehen, wenn +er es tue oder wenn sie ihn anrühre oder anrede. Ja, sie dachte sogar, +sie atme zu laut, atmete leiser, bewegte keine Hand, wandte nicht den +Kopf. Und in dieser bewegungslosen Stille war ihr, als seien Flügel +ausgebreitet über ihnen beiden. Der Augenblick glich dem, da sie ihn +geboren, da sie den ersten kleinen Laut seiner lebendigen Stimme gehört +hatte. Jetzt begann das Leben zum zweitenmal, jetzt, in diesen ersten, +scheuen Atemzügen. Seine Augen waren wie Licht im Schnee. Nicht satt +konnte sie sich sehen an ihrem frischen Glanz; sie beide schwebten +miteinander, als ob es nimmer enden solle. + +Aber dem Jungen wurde die Macht ihrer Augen zu schwer; er gab sich der +Sicherheit ihrer Nähe hin und schloß die Augen wieder, öffnete sie noch +ein paarmal, um sich zu vergewissern, ... ja, sie war noch da, und dann +schlief er ein. + +Eine Weile darauf stand sie im Studierzimmer. Draußen war heller Tag; +herein damit! Sie zog die Gardinen auf; der Tag füllte den hohen Raum +mit dem Leben des Lebens, füllte ihre eigene Seele bis in den +verborgensten Winkel; sie stieß die Tür zum Fremdenzimmer auf und +stellte sich in die Öffnung. + +Da lag Tuft, breit und stark, mit ausgestrecktem Arm, das dichte Haar, +die hohe Stirn noch glänzend vom gestrigen Schweiß, um den Mund ein +Lächeln. Jetzt weckte das Licht ihn halb aus dem Schlaf. "Ole!" sagte +sie. Er öffnete die Augen weit, kniff sie aber gleich wieder zu. Im +Geist ordnete er, was er da mit einem Blick gesehen hatte, und zugleich +hörte er aus all dem Licht heraus Josefines Stimme: "Er lebt!" + + * * * * * + +Am Sonntag sprach in der Kirche von der Kanzel herab ein Mann aus dem +heraus, was er gelernt hatte. + +Darüber nämlich, was für uns alle das Größte ist. + +Der eine vergißt es in seinem Strebersinn, der andere in seinem +Kampfeseifer, ein dritter in seiner Verranntheit und ein vierter über +seiner eigenen Weisheit, ein fünfter in seinem Alltagstrott, und alle +haben wir es mehr oder minder verkehrt gelernt. "Denn fragte ich nun +Euch, die Ihr mir zuhört, so würdet Ihr alle, just weil ich von dieser +Stätte aus frage, mir gedankenlos antworten: 'Das Höchste ist der +Glaube'." + +"Ich aber sage Euch: wahrlich er ist es nicht! Sitz am Bett Deines +Kindes, das daliegt in Atemnot, am Rande des Todes; oder laß Dein Weib, +aufgerieben von Angst und Nachtwachen, dem Kinde nachgleiten bis an +diesen äußersten Rand -- da lehrt Dich die Liebe, daß _das Leben das +Höchste_ ist. Und nie wieder von diesem Tag an werde ich Gott oder Gottes +Willen zuerst in einer Formel, in einem Sakrament oder in einem Buch +oder einer Bibelstelle suchen, als sei er vor allem hier oder dort; +nein, vor allem im Leben, in dem Leben, das der Tiefe der Todesangst +abgerungen ist, im Sieg des Lichts, in der Inbrunst der Liebe, in der +Gemeinschaft der Lebenden ist Gott. Gottes vornehmstes Wort an uns ist +das Leben; unsere höchste Gottesverehrung die Liebe zu den Lebenden. +Dieser Lehre, so selbstverständlich sie ist, bedurfte vor allen andern +ich. Diese Lehre hatte ich aus verschiedenen Gründen und auf mancherlei +Weise abgelehnt -- am stärksten in letzter Zeit. Aber niemals wieder +soll das Wort mir das Vornehmste sein, ebensowenig die Zeichen; nein, +das Größte soll mir sein die ewige Offenbarung des Lebens. Niemals +wieder will ich festfrieren in einer Lehre; die Lebenswärme soll meinen +Willen lösen. Niemals wieder will ich Menschen richten nach Dogmen und +nach der Gerechtigkeit vergangener Zeiten, wenn sie nicht den Maßstab +der Liebe unserer Zeit tragen. Niemals, so wahr ein Gott lebt! Und das, +weil ich an ihn glaube, an den Gott des Lebens, und an seine unablässige +Offenbarung im Leben!" + + +12 + +Am selben Nachmittag erschien bei Tuft ein seltener Besuch. Es klopfte +leise an, und auf das erste "Herein" zeigte sich niemand. Auf das zweite +wurde die Tür bedächtig geöffnet von Sören Pedersen, und hinter ihm +tauchte nach langem Zögern und in großer Verlegenheit Aase auf. + +Sie wollten nichts Geringeres als dem Herrn Pastor für die heutige +Predigt danken. "Denn niemand, Herr Pastor, kann leben ohne Gott; +wenigstens wir ungelehrten Leute nicht. Es geht nicht, es geht ganz +einfach nicht. Und so kommen wir wie der verlorene Sohn -- d. h. Aase +wäre da wohl die verlorene Tochter -- (komm nur näher! Na, so mach', was +Du willst!) und bitten Sie, ob Sie nicht zu Gott um Gnade für uns beide +beten wollen, Herr Pastor!" Und Tuft tat es mit einer Inbrunst, wie nur +er sie in ein Gebet zu legen vermochte. Sören sagte dann, sie wollten +jetzt gleich zu Herrn Doktor Kallem gehen. "Ganz gewiß ist er der beste +Mensch auf der ganzen Erde, jedenfalls hier in der Stadt. Aber in diesen +Dingen ist er im Irrtum, Herr Pastor. Es gibt ganz sicherlich einen Gott +und auch Geister, und das wollen wir ihm jetzt sagen." + +Tuft selber hatte beschlossen, an diesem Nachmittag noch Kallem +aufzusuchen. Er war ihm dankbar, und es drängte ihn, zu bekennen, daß +ohne das Unrecht, das sie an Ragni begangen hatten, nicht einmal die +Erlebnisse dieser Tage ihm zur Erkenntnis der Lebenswerte verholfen +hätten. Vor allem wollte er Josefine rechtfertigen, indem er ihre Schuld +auf sich nahm. In der geschäftigen Dogmen-Postkutsche, in der er getrabt +war wie ein Postpferd mit Säcken voll Papier beladen, hatte sie +mitfahren müssen, ob sie nun wollte oder nicht. Und durch dies Unrecht +war sie mißtrauisch und hart geworden. + +Als er sich eine Stunde später auf den Weg machte, stand ihre gemeinsame +Kindheit merkwürdig lebendig vor ihm. Damals hatte er Missionär werden +wollen; jetzt würde er es vielleicht im Ernst werden. Die Evolutions- +und Entwicklungslehre auch ins Religiöse zu übertragen, das war eine +Mission wert, und sie gedachte er auf sich zu nehmen. Der kleine +Dogmengott vergangener Zeiten und seine Priester mußten überwunden +werden wie die Götzen und Wundertäter der Heiden. Und hatte er später in +theologischem Machtbegehr davon geträumt, Bischof zu werden -- nun wohl! +Hier war ein gefahrvolles Bistum -- aus leicht erklärlichen Gründen -- +frei in Norwegen. + +Auf der Treppe zum oberen Eingang wartete Sigrid, als Pastor Tuft mit +langen Schritten über den Hof gesteuert kam. Sie war schwarzgekleidet +und trug ein schwarzes Tuch über dem lichtgelben Haar. "Herr Doktor ist +nicht zu Hause!" sagte sie in ihrer stillen Art. Er machte sofort Kehrt +und ging entschlossen nach dem Krankenhaus hinauf. Dort stand Mutter +Andersen, ebenfalls in Schwarz und einer Haube mit schwarzen Bändern. +"Tragen Sie noch immer Trauer um Ihren Mann?" -- "Nein, jetzt um Frau +Kallem." -- "Ist Doktor Kallem hier?" -- "Nein, er ist vor einer Weile +nach Hause gegangen." + +Da irrst Du! dachte Tuft und schlug den Weg nach der Landstraße ein; er +konnte inzwischen eine tüchtige Promenade machen. + +Es waren viele Spaziergänger unterwegs; sie grüßten ihn voll freudiger +Teilnahme, das war zweifellos. Mutter Andersens strenges Gesicht hatte +einen Schatten über ihn geworfen; aber vor der Milde der andern zog sich +der Schatten zurück. Wieder überkam den Pastor der stürmende Mut, den er +vor einer Weile noch gehabt hatte, und der den meisten Neubekehrten +eigen ist. Dicht beim Krankenhaus begegnete er Sören Pedersen und seiner +Frau; auch sie wollten sich an diesem lichten Sonntagabend voll +Frühlingsverheißung einen kleinen Spaziergang leisten. "War er zu +Hause?" fragte Tuft. "Ja, Herr Pastor", erwiderte Pedersen höchst +aufgeräumt. "Na, was hat er denn gesagt, der Doktor?" -- "Es hat mir +gefallen, was er sagte, Herr Pastor. Es gibt zwei Arten von Menschen, +sagte er; die eine glaubt nur das, was sie weiß; die andere tut das +auch, aber das, was sie glaubt, läßt sich nicht beweisen -- wenigstens +für niemand, als sie selber." -- "Er hat recht." Tuft lachte und eilte +weiter. Aber sowie er allein war, überfiel ihn Markus 16, Vers 16; das +lag noch von seiner "rechtgläubigen" Zeit her im Hinterhalt und lauerte +ihm auf. "Wer aber nicht glaubet, der wird verdammt werden!" Gott +respektiert also nicht "zwei Arten Menschen". Tuft setzte sich eifrig +zur Wehr; vom neunten Vers bis zum sechzehnten Kapitel ist alles ein +späterer Zusatz, von dem die ältesten Handschriften nichts wissen. Wenn +diese Stelle unecht ist, so enthält keins der drei Evangelien eine +Stelle, die auch nur annähernd so furchtbar wäre. Und das vierte, das +sie enthält, hat damit sich selbst "verdammt". Nein -- das Leben ist +alles -- und der Glaube ist der wunderbare Weg zur Erklärung des Lebens, +d. h. zu Gott. Auf diesem Wege werden wir dereinst die höchste +Gemeinschaft mit ihm erlangen, wenn nicht hienieden, so doch im +Jenseits. Der Glaube soll uns nicht zum Gericht werden, sondern zum +Führer. Menschen um ihres Glaubens willen zu verdammen, mochte in +entschwundenen Zeiten als Wahrheit gelten; in unserer Zeit stößt es ab. +Gott offenbart sich unserem Verstand auf höhere Weise. Wieder schritt er +eilig über den Hofraum. + +Aber wieder kam Sigrid auf die Treppe: "Herr Doktor ist nicht zu Hause." +Die verschleierten Augen wichen den seinen aus; aber sie blieb +unbeweglich stehen, das Gesicht dicht eingerahmt von ihrem Tuch. Das +Haus hinter ihr war wie ein Geheimnis, eine geschlossene Gemeinschaft, +etwas in sich Treu-Gefestigtes, von dem er ausgeschlossen war. + +Jetzt begriff er. + +Der Preis, um den er hier Einlaß fand, war doch wohl höher, als er +gedacht hatte. Demütig ging er heim; Josefine gegenüber schwieg er von +der Sache. + +Die Zurückweisung war ihm ein neuer Ansporn, weiter auf dem Wege +vorzudringen, der einzig die Geschwister wieder zusammenführen konnte. +Und das war die Bedingung für alles andere. Er gestand sich ehrlich ein, +daß er war auf seinen Schwager eifersüchtig gewesen. Dies rein +persönliche Gefühl hatte großen Einfluß auf die Beschränktheit seiner +Lehre gehabt. + +Da kam ihm von außen her Hilfe. Zuerst verwunderte Fragen, +zurückhaltendes Wesen, was ihm wehtat, ihn zuweilen schwankend machte; +bald aber offener Kampf mit seinen treusten Anhängern. Und das trieb ihn +vorwärts. Sein alter Freund, der ehemalige Krankenhausverwalter, schien +nur auf die Gelegenheit gewartet zu haben, um sich von einem +Dankbarkeitsverhältnis, das ihm lästig war, freizumachen; er schlug +gewaltig Lärm und zog Hilfstruppen sogar aus der Hauptstadt herbei. +Seminarlehrer, Schulmeister, Wanderprediger und verschiedene Pastoren +gingen Pastor Tuft in der Betstunde mit allen möglichen theologischen +Instrumenten zuleibe. Vor allem lernte er, sich deutlich ausdrücken; +denn die meisten Punkte, in denen sie ihn angriffen, beruhten auf +Mißverständnissen. Er lernte aber auch den Gebrauch von Kräften und +Kenntnissen, die er bis jetzt nicht geübt hatte. + +Im ersten Monat war Josefine nur müde und stumpf; sie war mehr +heruntergekommen, als sie wußte. Aber nach einiger Zeit fing sie an, dem +Bauernjungen, der einst ihr Herz mit seinem lichten Glauben gefangen +hatte, zu folgen.... Ob er wiederkam? + +Ein Ereignis, das sie ihrem Mann verheimlichte, hatte sie wieder so +zurückgebracht, daß sie nur langsam zu Kräften kam. Auch sie war nämlich +in aller Stille bei ihrem Bruder gewesen, sobald sie wieder ausgehen +konnte; auch sie war von Sigrid auf der Treppe empfangen worden mit dem +Bescheid, er sei nicht zu Hause; aber sie hatte ihn, als sie kam, auf +der Veranda stehen sehen! Mit knapper Not hatte sie sich heimgeschleppt. + +Sie hatte ja das tiefste Mitgefühl mit ihm gehabt und war zu jedem +Zugeständnis bereit gewesen; seine Unerbittlichkeit jedoch weckte ihren +Trotz. Von ihrer eigenen Eifersucht auf Ragni hatte Josefine selbst +keine Ahnung, also auch nicht davon, wie dadurch ihr eigenes Wesen +beeinflußt worden war. Sie sah ihre Schuld darin, daß sie unverträglich +gegen eine Frau gewesen war, die im Grunde eben doch eine Sünderin war. +Wenn Sissel Aune oben bei dem Jungen saß und ihm von Ragni erzählte, wie +liebevoll sie bis zum letzten Augenblick gewesen sei, dann empfand sie +das Unmenschliche ihres Betragens, daß sie Ragnis Herzensgüte, daß sie +Kallems Liebe hatte übersehen können. Aber abgesehen von dieser +Unversöhnlichkeit fühlte sie sich nicht schuldig. + +Die Enttäuschung war um so größer und hätte schwere Folgen gehabt, wenn +nicht gerade jetzt ihres Mannes Kampf sie mitgerissen hätte. Ein +unklarer Mensch, der wesentlich nur in Trotz gelebt hat, kann nur durch +eine große Begebenheit erlöst werden. Und zu einer solchen wurde ihr +der Tag, als Tuft zu ihr sagte: "Josefine -- hierfür müssen wir Amt und +Vermögen einsetzen!" + +Drei Monate waren vergangen, da fühlte sie sich, neubelebt vom Kampf, +stark genug, es mit ihrem Bruder aufzunehmen. Sie schrieb ihm, was +sie auch verbrochen hätten -- es müsse Klarheit sein zwischen ihnen; +einer Anklage wenigstens müßten sie gewürdigt werden. Ihre Dankbarkeit +gegen ihn sei groß, ebenso groß aber ihr Bedürfnis, mit ihm +zusammenzuarbeiten, nun, da sie ihre frühere Unverträglichkeit bereuten +und dem Geist der Liebe und der Gerechtigkeit, den sie verkannt hätten, +jedes nur mögliche Opfer zu bringen bereit seien. + +Ein sehr geschickter Brief; das sagte auch ihr Mann. + +Aber Tag auf Tag verging ohne Antwort. Es war ein wahres Glück, daß +gerade diese Tage die schwersten Kampftage für Tuft waren. In der +Betstunde und nachher auch in der Kirche hatte er die Worte angewendet, +mit denen Josefines Brief schloß: "Gerechtigkeit und Liebe" ohne +Unterschied des Glaubens (wie in der Erzählung vom barmherzigen +Samariter) sei der Kern des Christentums; deshalb müsse alles mit diesem +Maß gemessen werden, in erster Linie die Lehre selbst, bis jedes +Körnlein, das sich nicht daran messen ließe, vor der Offenbarungsmacht +der Gerechtigkeit unserer Zeit fallen müsse als eine Gotteslehre ferner +und harter Zeiten. + +Dafür wurde er noch am selben Tage zur Disputation geladen. + +Zwei Versammlungen wurden abgehalten im Verlauf der Woche, alle drei +stark besucht. Sein Hauptgegner war ein Pastor und Redakteur einer +theologischen Zeitschrift aus der Hauptstadt. Die Lehre von der Hölle +war fast ausschließlich der Gegenstand, um den es sich drehte, und Tuft +hielt daran fest: alles, was Paulus darüber gesagt habe, sei völlig +verschieden z. B. von der Offenbarung Johannis. Nach Paulus sei das +Leben hier und im Jenseits ein stetiges Fortschreiten, das damit ende, +daß Gott "Alles in Allem" werde. Diese Lehre halte das Maß der +Gerechtigkeit und der Liebe, -- und es machte Eindruck, als er mit +seiner metallreichen Stimme in der lebhaften, westländischen Tonart über +die dichtgedrängte Versammlung hinrief, ob sie denn glaubten, Krieg und +Unterdrückung durch den Stärkeren würden ein Ende nehmen, solange die +Lehre von der Hölle mit ihrer grausamen Rachsucht und Roheit in allen +Schulen und Kirchen als Gottes Gerechtigkeit und Liebe gelehrt würde! + +Die Gegner waren ganz im "Stil der Höllenlehre", indem sie alles taten, +ihn zu verketzern und zu verdammen. Unter den Zuhörern herrschte nur +eine Meinung: in Klarheit und Überzeugungstreue war Tuft den andern +allen über. + +Das letzte Mal war auch Doktor Kallem zugegen; er sah auch Josefine mit +flammenden Augen dasitzen; und am nächsten Tag gegen Abend kam seine +Antwort. + +Sie stand gerade vor dem Haus und sah ihrem Jungen zu, wie er mit der +Gartenspritze spielte, als der Brief kam; sofort erkannte sie die +Handschrift, und zitterte so, daß sie ihn gar nicht öffnen konnte. Es +erschreckte sie, wie wenig kräftig sie im Grunde doch noch war. Sollte +sie die Gesundheit ihrer Jugend nie wieder erlangen? + +Sie ging also auf ihr Zimmer und riegelte hinter sich ab. Ein dicker +Brief! Sie drehte und wendete ihn, setzte sich und überlegte, ob sie ihn +vielleicht nicht doch Tuft zuerst lesen lassen sollte. Aber +möglicherweise stand etwas über ihn darin, was er nicht sehen durfte. + +Sie öffnete. + +Kein Wort von ihrem Bruder, kein Wort an sie! Das erste, was sie sah, +war von fremder Hand geschrieben; das nächste ebenfalls, das übernächste +auch, zwei verschiedene Handschriften. Ein paar zusammengeheftete Bogen, +einige Briefe, ein paar lose Zettel ... von Edvard kein Wort. + +Was bedeutete das? Aus all den Papieren zog Josefine unwillkürlich das +kleinste hervor, ein Zettelchen mit drei Zeilen darauf: + +"Sie haben meinen guten Namen getötet und ich hab' es nicht gewußt. Denn +ich wußte nicht, daß ich einen hatte, bis er getötet war." + +Auf einem andern Zettel bloß die feingeschriebenen Worte: "Vergib ihnen; +sie wissen nicht, was sie tun." + +Diese zarte, leichtschwingende Handschrift war natürlich Ragnis. +Josefine begann zu zittern, und wußte doch nicht warum. + +Da lag ein Brief von einer andern Hand geschrieben, die ersten Worte in +roter Tinte. Keine Unterschrift. Aber als sie las, daß Kallem dies nicht +sehen dürfe, vermutete sie einen Liebesbrief von Karl Meek, den Kallem +nach ihrem Tode gefunden hatte. Was sollte sie damit? Flüchtig las sie +die ersten Worte, hielt aber inne, als es "Sie" hieß -- als er von einem +Schmerz sprach, den er hatte allein tragen wollen, der nun aber auch sie +betroffen hätte, eine Verleumdung...? War es Verleumdung gewesen? + +Überall die allerehrerbietigsten Ausdrücke! -- Wann war der Brief +geschrieben? Es war kein Datum angegeben; aber der Schreiber war im +Ausland; also nach ihrem Zusammenleben hier. Der Brief war ein einziger +großer Schrei, ein Schmerz, so echt, wie sie einen größeren nie gelesen +hatte. + +Josefines Hand zitterte; sie mußte den Brief auf den Tisch legen. + +Sie las, wie Karl infolge dieser grausamen Verleumdung an niemand anders +und an nichts anderes zu denken vermochte; sie las, wie dadurch seine +Liebe zu Ragni erwacht war; Josefine sah diese Liebe, aus Kummer, +Dankbarkeit, Anbetung geboren, ihr entgegenatmen, -- in den reinsten, +rührendsten Ausdrücken. + +Ragni unschuldig? Gott im Himmel, war sie wirklich unschuldig? Dann +waren die ergreifenden Szenen zwischen Edvard und ihr, während der Tod +sie Zoll für Zoll auseinanderriß (Sissel Aune hatte sie ihr +geschildert) ja nicht zu ertragen gewesen! Ja, dann begriff sie, +weshalb er mit ihrer Leiche von hier weggezogen war und Karl Meek +mitgenommen hatte. Sie begriff nur das eine nicht: daß er es überlebt +hatte. + +Es klopfte an die Tür; sie sprang auf; es war bloß das Mädchen, das sie +zum Abendessen holen wollte. Sie vermochte nicht zu antworten. Es +klopfte wieder. "Nein, nein!" würgte sie endlich heraus, während sie +sich wand vor Scham und Schmerz. Sie mußte zu ihrem Bruder! Sie mußte zu +ihm! und sollte sie auf den Knien zu ihm rutschen! + +Aber da waren noch mehr Papiere; und sie hatte ein Gefühl, als ob ihr +Bruder neben ihr stehe und ihr gebiete zu lesen. Zitternd las sie: + +"Ich will jetzt abschreiben, was ich nach vielen Versuchen und +Ausstreichen über meine Kindheit und meine erste Ehe zustande gebracht +habe; aber ich fühle mich auf einmal so müde und so fertig. Immer hatte +ich mir ausgedacht, ich wolle ein paar Worte als Einleitung schreiben, +und hatte mich darauf gefreut. Jetzt ist es zu spät. Jetzt kann ich Dir +bloß noch sagen, Du 'weißer Pascha' meines Lebens, wie das alles so mit +mir gekommen ist. Ganz kurz hab' ich's gesagt, weil es mir eine Qual +war. Ich hab' es auch nur gesagt, damit Du mich verteidigen kannst, +sollte irgend jemand es noch der Mühe wert finden, von mir zu sprechen, +wenn ich fort bin. Liebster Freund, ich klage nicht. Ich habe das +Schönste erlebt, was ich erleben konnte; nur daß es so kurz war! Du mußt +Dir bloß vorstellen -- ich hatte mich selber aus bloßer Furcht vor noch +etwas Schlimmerem weggeworfen; und da hast Du mich emporgetragen aus der +Tiefe des Meeres zum Frieden, zu allem Guten in guter Menschen Obhut -- +bis Du dann zum zweitenmal kamst und mich noch weitergetragen hast -- zu +Dir selbst. Und hier, in Deinem Heim, alles zu eigen zu haben, Dich, und +alles, was Dir gehört -- ohne es zu verdienen; ich hab' es oft schwer +empfunden; aber glücklich war ich doch." + +"Ich weiß, ich füllte meinen Platz nicht aus; aber nun, da es zu Ende +geht, ist mir, als schade auch das nichts mehr. Du hättest Nachsicht +gehabt mit mir, wie lang es auch gedauert hätte; das weiß ich ja gewiß." + +"Liebster, wenn ich Dir auch alles sagen wollte, was von Dank und +Bewunderung für Dich in mir ist --Du würdest es nicht begreifen; so +selbstverständlich war es Dir, daß alles Frohe in Deinem Leben von mir +kam. Und das ist auch in meinem Leben das Schönste gewesen." + +"Aber Du liest das ja erst, wenn ich nicht mehr im Sessel neben Dir +sitze, und da ist nichts, was die Erinnerung an mich besser in Dir +wachhalten könnte, so wie ich sie in Dir lebendig wissen möchte, als ein +großes unendliches + + ich danke Dir!" + +Das war die Ehe, der sie den Namen Ehe hatte absprechen wollen! Sie, +Josefine, im Vergleich mit ihrer eigenen! + +Sie glitt hernieder vom Stuhl, auf die Knie. Sie schluchzte, schluchzte +-- und zwang sich, still zu sein, damit niemand sie hier finden solle, +zusammengekauert, zusammengebrochen unter der Schmach ihres Verbrechens. +Ihre Hände tasteten um Ragnis Handschrift, ihr Kopf sank auf die Hände: +"Vergib! Vergib!" flüsterte sie, und sie wußte, daß niemand, niemand sie +höre, und daß niemand, niemand ihr vergeben könne. + +Und blitzschnell erfaßte sie, daß Ragni auch in ihrer ersten Ehe rein +gewesen, daß sie auch in ihr verleumdet worden war. Die Schriftstücke +über diese Ehe, wie sie zustande gekommen war, -- sie brauchte sie +nicht, sie konnte sie nicht lesen. Mit fiebernden Händen packte sie +alles zusammen -- Ole sollte es lesen. Jetzt mußte _er_ ihr helfen; es +galt ja ihr Leben. Sie war mitschuldig des Mordes, des Mordes an einer +ganz Unschuldigen! Nicht durch Worte oder Hetzereien; gesagt hatte sie +nichts; aber gerade durch ihr Schweigen, gerade dadurch, daß sie Ragni +vom ersten Tag an von sich gestoßen hatte -- gerade dadurch war die +Ärmste rettungslos verloren gewesen; das hatte sie getroffen wie der +Blitz; das hatte sie betäubt, schreckerstarrt zu Boden geschlagen. Das +Urteil, das sie in ihres Bruders Augen gelesen hatte, das Todesurteil, +-- sie hatte nicht falsch gelesen! -- nur galt es nicht ihrem Sohn, ihr +selber galt es. _Sie_ verdiente den Tod! + +Entsetzen packte sie; der Schweiß brach ihr aus wie nach einem +betäubenden Schlag.... _Jetzt war es da_! + +Ja, jetzt war es da, wovor sie Jahr um Jahr erschauernd gebangt hatte, +-- etwas über alle Maßen Grauenhaftes, das sie zu Staub zermalmen würde. +Nichts war sie gewesen; nichts hatte sie gewollt, nichts geleistet; und +dabei hatte sie getrotzt und verurteilt und das höchste Spiel gespielt! + +Jetzt war es da! Sie hatte geglaubt, die Sache mit dem Jungen sei das +Äußerste gewesen; nein, erst jetzt war es da, jetzt, seit sie wieder ein +frohes Zusammenleben mit ihrem Mann und festen Boden unter den Füßen +gewonnen hatte.... _Jetzt_ traf es sie -- und traf sie tödlich. + +Sie eilte hinunter ins Studierzimmer, während Tuft noch aß, und legte +den Brief auf seinen Tisch; Hut und Tuch hatte sie schon an; und nun +lief sie mehr als sie ging zum Haus des Bruders. Nun galt es biegen oder +brechen. + +An einem Fußweg bog sie nach der Kirche ab; dabei dachte sie an Oles +letzte Predigt. Wenn ihr Zusammenleben von Anfang an so freie Wahl, auf +solche Ziele eingestellt gewesen wäre! Sie weinte und lief auf das +fürchterliche Haus zu. Links hinter dem Laub erblickte sie auch die +weiße Hauswand des andern, in dem Kule wohnte -- das Mordinstrument! +Nein, nein, nein! Sie hatte ihn nicht kommen heißen; sie hatte keinen +Teil daran! Doch -- sie hatte gehört, wie man davon sprach, und es für +ganz gerecht gehalten. Einige hatten es als guten Witz aufgefaßt, andere +wieder ernst, ja, religiös. Josefine erinnerte sich jedes Wortes, zu +dem sie geschwiegen, jedes Gedankens, den sie im Stillen gehabt hatte. + +Mord, Mord! Da gab es keine Vergebung, das wußte sie. Was wollte sie bei +dem Bruder? Er hatte ihr Kind gerettet; darüber hinaus wollte er nichts +mit ihr zu schaffen haben. Und dennoch -- ihr Leben hing von jetzt an +diesem Fleck Erde; sie mußte hin, und wenn es ihr Tod war! Und sie +hastete weiter. + +Ihr Leben war geschändet; sie konnte keinem ehrlichen Menschen mehr ins +Auge sehen. Mit Kälte und Bosheit hatte sie ein völlig, völlig +unschuldiges Menschenkind getötet -- hatte ihres Bruders Heim zerstört! +Wie sollte sie darnach noch weiter leben? Was wollte sie jetzt? Ihre +gerechte Strafe suchen? Aber die konnte nur sie selbst sich auferlegen. +Zuerst mußte sie ihn gesehen, ihn gehört, selber mit ihm gesprochen +haben -- ja -- -- denn sie hatte auch etwas zu sagen, -- -- er wußte ja +gar nicht, wie sie ihn liebe, wie sie ihn immer geliebt hatte; -- er +kannte sie überhaupt nicht. Und sie weinte und hastete weiter. + +Sie sah ihn im Garten zwischen dem Haus und den Nebengebäuden stehen, +über irgend etwas gebückt, was er eben in der Hand hielt. Sie sah ihn -- +über die Johannisbeer- und Stachelbeerhecke weg, wo die höheren +Obstbäume ein bißchen weiter auseinanderstanden. Ein Frösteln durchrann +sie; aber sie schritt weiter. Bald war sie unter den Bäumen des Parks, +und bog dann nach dem Hof ab; nur die Mauer der Stallgebäude war noch +dazwischen; jetzt trat Josefine hervor. + +In einem hellgelben, rohseidenen Rock, demselben vielleicht, in dem er +vor zwei Jahren gekommen war, stand er da -- die Ärmel aufgestreift, die +Manschetten abgelegt -- und wusch unter der Pumpe einen Reisekoffer; die +vielen Zettel, die die verschiedenen Eisenbahnen übereinander +daraufgeklebt hatten, mußten aufgeweicht werden. Wollte er verreisen? Er +war sonnverbrannt und mager; im Profil erschien sein Gesicht noch +schärfer. Jetzt hörte er ihre Schritte und blickte auf. + +Blickte ihr in das verweinte, flehende Gesicht. Von ihrer einstigen +farbenfrohen Kleidung keine Spur mehr; ein dunkles Sommerkleid; um die +Taille einen Gürtel; auf dem Kopf ein breitrandiger Strohhut mit braunem +Band; über dem Arm lose ein Tuch. Ihre Tränen brachen hervor. "Edvard!" +rief sie verzweifelt; weiter kam sie nicht.... + +... Denn er hatte den Koffer fallen lassen und sich hoch emporgerichtet; +eine Stimme, die in zwei Oktaven zu klingen schien, sagte: "Nie verzeihe +ich Dir, Josefine!" "Edvard -- so laß mich doch erklären ... --" Sie +wandte sich dem Haus zu, voll Angst und Verzweiflung, so streng sah er +aus. Er glaubte, sie wolle hineingehen. + +"... Nie kommst Du über diese Schwelle!" Und er stemmte die Hände in die +Seiten, als wolle er Wache halten. + + +13 + +Tuft ging vom Abendbrot in sein Studierzimmer, sah aber die Briefe nicht +liegen, weil er gar nicht auf den Schreibtisch blickte. Wie so häufig +abends machte er einen kleinen Spaziergang; wäre Josefine dagewesen, so +hätte sie ihn wohl begleitet, dachte er. Wohl eine Stunde ging er auf +und ab; es war Sonnabend, und er überdachte seine Predigt für morgen. +Als er nach Hause kam, setzte er sich mit einem Buch ans Fenster und +las, wanderte dazwischen auf und ab, las wieder, bis es zehn Uhr war. + +Er ging nach oben, um sich zu legen; Josefine war nicht da; nicht in +ihrem eigenen Zimmer, nicht im ganzen Haus. So stieg er wieder hinunter +ins Arbeitszimmer, um auf sie zu warten; wo konnte sie nur sein? Bei +einem Kranken? Er wußte von keinem. Gedankenlos griff er nach dem Brief, +während er am Schreibtisch vorüberging; sein Name stand darauf -- von +Josefines Hand! Heiß stieg es in ihm auf; er ging ans Fenster, um besser +sehen zu können. Kein Siegel; bloß verschiedene Papiere; und obendrauf +ein Zettel mit folgenden, von Josefine geschriebenen Worten: "Ich bin +zu ihm gegangen -- es gilt mein Leben." Was war das? + +Eine Viertelstunde später war auch Tuft auf dem Weg zur Kirche; auch er +lief mehr als er ging. Er war der allein Schuldige; er hatte seinerzeit +Josefine den Gedanken eingegeben, Ragni sei ihrem ersten Mann untreu +gewesen, und damit alles ins Rollen gebracht, was seitdem geschehen war! +Und wenn er nicht auf seinen Schwager eifersüchtig gewesen wäre, so +hätte er kaum dessen Bruch mit der Kirche, den Verkehr mit Spöttern zum +Vorwand genommen, sich von den beiden zurückzuziehen. Und wenn der +Schwager antworten würde: Josefine sei ja überhaupt gar nicht Christin +genug, um aus diesem Grund Ragni zu verdammen, oder darum gleich das +Schlimmste von einem Freidenker anzunehmen -- er, Tuft, würde antworten, +daß solche, die so etwas tun, eben keine Christen sind, sondern +Halbchristen. Der, dem die Liebe zu Gott Lebensgesetz geworden ist, +urteilt überhaupt nicht; aber die anderen tun das um so eifriger. +Josefine hatte nach ihrem ganzen Lebensgang eine Halbchristin werden +müssen, und das war wiederum seine Schuld. Das theologische Studium +unterbindet alles Wachstum des Mannes. + +Wie klar er das alles jetzt überschaute! Und darum war es ihm auch so +unerträglich, sie in dieser Seelennot zu wissen. Er rannte so, daß er +ganz außer Atem in den Park, ans Tor, über den Hof und auf die Treppe +kam. Die Haustür war verschlossen, -- es war doch kaum über zehn! Er +klingelte wieder und wieder, und bald hörte er im Korridor Schritte, +Männerschritte. Kallem war es, der öffnete. + +"Ist Josefine nicht hier?" -- "Nein." -- "Ist sie nicht hier gewesen?" +-- "Doch, vor anderthalb Stunden." --"Und -- --?" -- "Ich habe ihr mein +Haus verboten." -- "Du hast nicht mit ihr gesprochen?" -- "Nein." -- Da +streckte Tuft die rechte Hand aus: "Jetzt bist auch Du dogmenbesessen!" +wandte ihm den Rücken und stürzte fort. Sein breiter Hut über den +breiten Schultern war wie ein vierkantiger Nachdruck auf seine letzten +Worte. + +Es war schon über elf Uhr -- da klingelte es wieder. Genau auf dieselbe +Art. Kallem erschien sofort. Er war also nicht zu Bett gewesen. + +Wieder war es Tuft, der dastand; aber, soweit Kallem zu unterscheiden +vermochte, noch ehe er ihn näher sah, ein ganz anderer, ein verstörter, +verzweifelter Mann. "Wo, denkst Du, könnte sie hingegangen sein, +Edvard?" -- "Ich denke, zu Ragnis Grab wird sie gegangen sein!" + +Ein wunder Laut aus der Kehle, ein fast sichtbares Aufwallen von +Schmerz. Und wieder war er auf und davon. Seine schweren Schritte +klangen noch lange herauf durch die Stille der Nacht. + +Gegen ein Uhr wieder das Klingeln; aber nur einmal, zaghaft -- +angstvoll. Kallem kam sofort aus dem Wohnzimmer; er war also noch immer +auf. + +Eine Frau stand vor der Tür. Der kurzsichtige Kallem ging hastig auf sie +zu und erkannte Sissel Aunes Stimme. "Liebster, bester Herr Doktor, +seien Sie doch gut und barmherzig!" fing sie an zu jammern. "Liebster, +bester Herr Doktor!" -- Kallem glaubte, sie komme seiner Schwester +wegen; ihr sei etwas geschehen. Es überlief ihn kalt. Aber Sissel fuhr +fort: "Niemand kann ihn mehr bändigen; jede Nacht ist er wie verrückt." +--"Aune?" fragte Kallem. "Ja. Er glaubt, Kristen Larssen sei hinter ihm +her, und da rennt er davon, immerzu, wer weiß, wie weit, in den Wald und +auf die Landstraße; heut ist's die dritte Nacht; und ich _kann_ nicht +mehr! Liebster, bester Herr Doktor -- ich hab' ja sonst niemand, zu dem +ich gehen könnte!" -- sie fing zu weinen an -- "und niemand kann ihn ja +bändigen, außer Ihnen!" + +Der muntere Buchbinder und Spielmann verrückt geworden? Also hatte er +sich seiner Macht entzogen? Oder trank er wieder? War es Delirium? Nein, +es war einfache "Verrücktheit" aus Angst vor Kristen Larssens Geist. +Kallem ging sofort mit. + +Der Himmel war bewölkt; eine dunkle Nacht. Aber ein frischer Nordwind +begann die Wolken auseinanderzufegen. Er rüttelte auch die Bäume am Weg; +das laubdichte Rauschen fragte und spürte so manches auf, während sie +vorübergingen. War es nicht auch seltsam und wunderlich, daß Aune, der +unter den Leuten den Glauben an Kristen Larssens Spukerei aufgebracht +hatte, jetzt selber davonrannte, in sinnlosem Entsetzen -- vor seiner +eigenen Luggeschichte? Jeden Abend, sobald es dunkel würde, versicherte +Sissel, erschiene ihm Kristen Larssen und wolle ihn in die Hölle mit +sich nehmen! -- "Aber liebe Sissel, es gibt ja gar keine Hölle!" -- Im +selben Augenblick hörten sie aus weiter Ferne einen Schrei, einen +einzigen, endlosen, schneidenden Hilferuf. Wie ein Gespenst stieg er auf +durch die Nacht -- man sah ihn beinahe. "Das ist er!" rief Sissel und +faltete die Hände. "Jesus Christus! Hilf!" schrie sie und fing zu laufen +an. Kallem eilte ihr nach. "Ruhig, Sissel! So kommst Du bloß langsamer +vorwärts. Ruhig gehen, ruhig! Hörst Du?" Sie gehorchte sofort, wandte +sich aber leidenschaftlich zu ihm: "Wer anders als der Satan kann einen +Menschen so hetzen?" fragte sie schweratmend. Da schlug in der Nähe ein +Hofhund an; der Schrei hatte ihn aufgeschreckt; er kläffte unaufhörlich. +Kallems Stimme überschrie den Hund: "Aune ist so wenig vom Satan +besessen als der wütige Köter dort! Weißt Du, wie überhaupt die Leute +den Satan erfunden haben? Sie glaubten, alles sei vollkommen erschaffen +auf Erden; und da hatten sie niemand, dem sie Schuld dafür geben +konnten, daß die Sünde in die Welt gekommen war." + +Im selben Augenblick fiel der rasende Hund sie an. Sissel flüchtete zu +Kallem. "So ein wütiger Pfaff!" rief der und bückte sich nach einem +Stein. Da wich der Köter ein Stück zurück. Ein neuer Schrei -- näher als +der erste -- ein Notschrei aus der letzten Kraft eines Menschen. Ein +Schauder überlief sie; sogar der Hund stutzte. Aber dann setzte er, an +ihnen vorbei, in einem großen Bogen auf den Spuk los. "Gott steh uns +bei -- jetzt hat er ihn!" weinte Sissel auf und stürzte vorwärts; dem +Hund durfte der Besessene auf keinen Fall zwischen die Zähne laufen! Und +dabei hörten sie den Köter bellen, bellen, als ob er eine wilde Bestie +vor sich habe, die er im nächsten Augenblick zerreißen wollte. Jetzt +liefen sie beide, so schnell sie konnten; Kallem war Sissel bald weit +voraus. Aune konnte es kaum sein, der da in Gefahr war, aus solcher Nähe +hatte der letzte Schrei nicht geklungen. Das rasende Tier war über den +ersten besten hergefallen. Wer aber war das? Seit seiner Kindheit war +Kallem nicht so gelaufen; er hörte am Bellen des Hundes, daß der Gegner +sich wehrte, und lief mit erneuter Kraft. Bald sah er am Wegrand vor +einem Gehölz etwas Großes, Schwarzes, und davor den Hund. Noch einmal +durchschnitt ein Schrei die Nacht; ja, er kam von dort her! Was war das +für ein großer, schwarzer Klumpen? Doch kein Tier? + +Nein, ein Mann war es, ein großer Mann, der mit einem kleineren rang, +und auf beide ging der Hund los. Der Große schlug nach ihm, sie drehten +sich umeinander; und zugleich hielt der Große mit der Linken einen +andern gepackt. Und nun erkannte Kallem den breiten Hut über den breiten +Schultern; Tuft war es, der Aune festhielt, mit Riesenkraft; der Hund +wollte auf Aune los, und Tuft stieß ihn jedesmal mit einem Fußtritt weg. +Wer weiß -- Aune mochte glauben, der Hund sei der Teufel und Kristen +Larssens Gespenst halte ihn gepackt; denn der Unglückliche schlug um +sich mit Händen und Füßen, sperrte sich, biß um sich, zerrte und riß, um +loszukommen; jetzt warf er sich hintenüber und mit dem letzten heiseren +Rest seiner Stimme kreischte er: "Hilfe! Hilfe!" War seine Angst vorher +schon groß gewesen, so wurde sie erst recht groß, als er Kallem aus dem +Halbdunkel herauswachsen sah: er warf sich zu Boden und brüllte. Der +Hund packte ihn sofort am Bein; der Pastor zog beide Beine gleichzeitig +in die Höhe; so rasend war die Bestie, daß sie Kallem nicht bemerkte, +bis der ihr einen Fußtritt versetzte, der sie ein paar Meter weit +wegschleuderte. Ein einziges kurzes Aufheulen, ein Schnappen -- ein Arzt +versteht zu treffen -- und sie sahen und hörten nichts mehr von ihr; +vielleicht war sie tot. + +Jetzt nahm Kallem Aune beim Arm und der Pastor ließ ihn los. Er war +wirklich übel zugerichtet, der Rock schleppte zerrissen hinter ihm her, +der Ärmel hing ihm in Fetzen auf die Hand herunter, ebenso sein wollenes +Hemd. Das Blut quoll ihm aus Biß- und Kratzwunden; aber er war so angst- +und wutentflammt, daß er überhaupt keinen Schmerz fühlte. Kallem packte +den armen Narren mit beiden Händen am Kragen, hob ihn zu sich empor und +bohrte mit all seiner durch den raschen Lauf und die Gemütserregung noch +gesteigerten Energie den Blick in die Augen des andern, bis sie ganz +groß und dumm und glasig wurden; mit aufgerissenem Mund und schlaffen +Gesichtsmuskeln hing der Kerl da, wie ein ausgenommener Hering. Als +endlich Sissel atemlos und weinend anlangte, lag Aune unter den Bäumen +im Gras und schlief. Die beiden Männer standen vor ihm. Kallem meinte, +Aune könne da liegen bleiben; Tau würde nicht fallen, da es windig sei. +Später würde man sie beide abholen. Er denke, er werde schon Herr dieser +Verrücktheit werden. + +Der Pastor hatte seinen Rock ausgezogen, sich das Blut abgewischt und +wurde, so gut es ging, verbunden; dann gingen er und Kallem heimwärts. + +Kein Wort mehr von Aune oder wie er auf ihn gestoßen war; aber kaum +standen sie auf dem Weg, sagte Tuft klagend: "Da war sie auch nicht, +Edvard! Da war sie auch nicht!" Und kurz darauf: "Jetzt weiß ich nichts +mehr, nein, jetzt weiß ich nichts mehr! Daß Du sie hast von Dir stoßen +können, Edvard!" Das laubschwere Sausen der Bäume wiederholte es, +wiederholte unaufhörlich: "Daß Du sie hast von Dir stoßen können, +Edvard!" + +"Weißt Du, was sie geschrieben und neben die Briefe von Dir hingelegt +hatte? Um meines Lebens willen gehe ich zu meinem Bruder!" + +Kallem überrieselte es eisig. "Um meines Lebens willen!" sauste es +tausendstimmig, und das Sausen umwand ihn, enger und enger, bis er kaum +mehr Atem zu holen vermochte. + +Der Morgen begann zu dämmern; Tufts heißes, verzweifeltes Antlitz war +gen Osten gekehrt, als flehe er unaufhörlich: "Gnade, Gnade für sie!" Er +schritt aus, so schnell er konnte; er wußte nicht, wo er sie suchen +sollte; aber er mußte gehen, gehen, gehen; -- und Kallem mit. + +"Ach, die Angst, die Angst!" jammerte er wieder. "Erinnerst Du Dich noch +der Sturmnacht in unserer Kindheit, Edvard? Wir glaubten, die Welt würde +untergehen. Weißt Du noch, wie Du Dich gefürchtet hast, am Abend darnach +auf den Klippen? Diese ganze Nacht haben auch nach mir die +'Meerungeheuer' gezüngelt! Die Angst, die Angst! Die Seelenangst vor der +Sündenstrafe! Von Kindheit an peitscht sie alles Verständnis aus uns +heraus, gerade wenn wir es am meisten nötig haben! Und wir laufen davon +und verzweifeln, oder werfen uns vor Gott in den Staub. Das Angstdogma +werden wir später vielleicht los, aber das Anererbte, das Eingeübte! Und +eben wie ich darüber nachdachte, stolperte ich über den verrückten Kerl; +er sprang auf -- die Angst war in ihm -- er glaubte, ich sei ein +Gespenst und der Hund sei der Teufel! Und Josefine! Auch sie verzweifelt +und läuft davon! Und Du, Edvard! Auch Du, auch Du stehst unter dem +Eindruck dieser Angst, wenn Du das Herz hast, sie noch mehr zu peinigen, +als sie selbst sich schon peinigt! Denn das ist das schlimmste bei +dieser Angst -- sie macht uns schlecht; wer selber geschreckt worden +ist, lernt andere schrecken!" -- Die Worte fielen schwer, wie seine +Schritte schwer klangen; Kallem redete nicht; wenn er litt, war er +stumm. + +Der Sohn des Laienpredigers aber hatte von kindauf alles Erleben in +Lehren umsetzen hören. Er verblutete in seinem Innern; aber er sprach +die ganze Zeit. Kallem dürfe nicht an Josefine zweifeln; sie sei das +ehrlichste, wahrhaftigste Geschöpf auf Erden. In dieser Sache sei sie +von ihm irregeleitet worden. Voll innigstem Mitgefühl legte er die +Geschichte ihrer Seele bloß, so wie er selbst sie sah, und bewies +deutlich -- wenn ihr Bruder sie _jetzt_ von sich stieße, so könne sie +nicht weiterleben. + +Kallem warf dann und wann ein "Lieber Ole!" -- "Hör' mal, Ole!" +dazwischen -- aber weiter kam er nicht. Denn selbst, als er den Schwager +mit sich nach Hause nahm, um seine Wunden genauer zu untersuchen, redete +Tuft unaufhörlich. Es war, als ob das Entsetzen, die Ungewißheit ihn +übermannen würden, wenn er schwiege; und dann -- Edvard _sollte_ sie so +sehen, wie _er_ sie sah, und vor allem, er sollte ihr helfen! "Allen, die +gefehlt haben, müssen wir helfen; und vor allem müssen wir denen helfen, +die gegen _uns_ gefehlt haben, sobald wir selber ihre Schuld einsehen! +Gottes Vergebung besteht darin, daß er uns dann weiter hilft!" -- Noch +als Kallem ihn zur Tür begleitete, fuhr er in seiner Auseinandersetzung +fort; seine Riesenkraft gab auch jetzt noch nicht nach. O Gott! Wenn sie +vielleicht doch mittlerweile zu ihrem Kind und zu ihm zurückgekehrt +wäre! Seine Hoffnung war freilich nur gering; aber er lief doch, so +rasch er konnte. + +Es wurde heller und heller. Kallem konnte nicht schlafen. Schließlich +hielt er es gar nicht mehr aus. In einer Angst, größer als er seinem +Schwager hatte zeigen wollen, wanderte er durch alle Zimmer, wieder und +wieder, als müsse er das Haus durchsuchen. Denn es war ja wahr: auch er +hatte nur geurteilt und verdammt. + +Die Schwester hatte immer mehr an ihm gehangen, als er an ihr. Seitdem +sie diesen Winter zusammen getanzt hatten, wußte er, daß ihre Liebe sich +nicht verringert hatte. Ja, selbst als er sie geschlagen hatte -- war +sie da nicht zu ihm gekommen, um ihm Gutes zu erweisen? Ihr Ausfall +gegen Ragni damals ... natürlich steckte da noch mehr dahinter als +Dogmenblindheit, -- Eifersucht! Eifersucht war es, weil er alles nur +noch Ragni war und ihr nichts mehr. Er hätte die beiden Frauen +zusammenführen können; daran war kein Zweifel möglich. Aber hatte er +auch nur einen Finger deswegen gerührt? + +Je mehr er in die Tiefe stieg, desto mehr schrumpfte sein Recht, streng +zu sein, zusammen; er war ja mitschuldig! Die großen Augen der Schwester +von gestern Abend, ... jetzt schauten sie ihn in der äußersten Not an, +jetzt _sah_ er sie! Ihr ganzes Leben lang hatte sie, unklar und scheu, +wenn nicht die Leidenschaft einmal die Luft reinigte, eingezwängt in +widernatürliche Lehren, trotzig auf ihrer Wahrhaftigkeit beharrend, +ausgeschaut nach ihm, Jahr für Jahr, Monat für Monat, Tag für Tag. Und +als er endlich kam, stieß er sie beiseite. Stieß sie beiseite um einer +Frau willen, die seiner nicht würdig war -- so wie _sie_ die Sache +auffassen mußte. + +Arme, arme Josefine! Er war ihr tatsächlich nie etwas gewesen, hatte ihr +nur wehgetan, und doch hatte sie sich so treulich nach ihm gesehnt! + +Es wurde ihm schwül in den Zimmern; und eine Angst überkam ihn. Es trieb +ihn hinaus, die Schwester zu suchen. Heller und heller wurde es; im +Vorgefühl des Morgens schlug er die Verandatür zurück. Aber er hatte ja +da draußen nichts zu schaffen; im Gegenteil, er mußte sie wieder +schließen, wenn er ausgehen wollte. Er trat hinaus, um sie wieder +zuzumachen, und blickte dabei zufällig zur Seite: von der Veranda gegen +den Nordwind geschützt, auf Ragnis Bank unter den Fenstern seines +Studierzimmers saß Josefine, ihr Tuch über den Knien. Sie sah ihn und +kroch in sich zusammen wie ein flügellahmer Vogel, der sich nicht vom +Fleck rühren kann und doch Angst hat, man könne ihn sehen. Und doch saß +sie ja bloß dort, damit er sie sehen solle! Nirgends anders konnte sie +sein; sie hatte es versucht! Er eilte die Treppe hinunter, auf sie zu. +Da zitterte sie. "Ach nein, nein Edvard! Laß mich sitzen!" bat sie und +brach in Tränen aus. Und noch als er ihren Arm faßte und sie emporhob, +flehte sie, weich wie ein Kind: "Ach nein, Edvard, laß mich!" Weiter +aber kam sie nicht. Sie fühlte, daß sie an seiner Brust lag, fühlte die +Bewegung, die sein Innerstes erschütterte. Nein, er war nicht böse! Er +würde sie doch vielleicht anhören! Und sie schlang ihre Arme um ihn, und +ihre Tränen mischten sich mit seinen. So standen die beiden Geschwister, +Kopf an Kopf, Wange an Wange; und alles Verwandte in ihren Nerven und +ihrem Blut, das älteste und ursprünglichste in ihrem Fühlen, das +heimisch-vertraute in ihrem Erinnern, bis auf den leisen Geruch ihrer +Kleidungsstücke draußen im Flur bei Vater und Mutter, all das strömte +jetzt zusammen im Verlangen, nimmermehr voneinander zu lassen. + +Und dennoch -- als er mit ihr der Veranda zuschritt, zögerte sie; sie +wagte nicht, ihm dahinein zu folgen. Durch Tränen sah sie zu ihm auf; er +zwang sie vorwärts, Schritt für Schritt; noch auf der Treppe zögerte +sie. Aber er zog sie weiter, bis sie in der Wohnstube standen; hier +schlang sie wieder die Arme um ihn, sank dann auf einen Stuhl und barg +das Gesicht in den Händen; das ganze Zimmer lauschte lange ihrem Weinen; +und er mit. + +Endlich ging er zu ihr hin und strich ihr übers Haar; aber er wußte, +nicht er war es, der das tat; sondern Ragni. + +Dann schritten sie in der Sommernacht Arm in Arm durch eine morgenwache +Stadt, wo die Menschen noch schliefen. Der edle Gang der beiden hohen +Geschwistergestalten hallte im Takt der alten Tage. Ohne ein Wort +darüber zu verlieren, gingen sie, um Ole zu suchen, verpaßten aber den +Richtweg und kamen hinunter auf die Strandstraße. Bald bogen sie ab, +hinauf nach dem Pfarrhaus; sie waren schon ein paar Schritte auf diesem +Weg gegangen, als Josefine, wie aus einem Zwang heraus, den Kopf nach +dem Strand zurückwandte. Sofort hielt sie Edvard an. "Da ist er!" +flüsterte sie. Von dort her kam Tuft. Er ging schnell, schnell, hielt +aber den Kopf so tief gesenkt, als vermöge er dessen Last nicht mehr zu +tragen. Vergebens hatte er den ganzen Strand abgesucht nach ihr; nun +wollte er weiter suchen, in südlicher Richtung -- ebenso vergeblich, +aber ebenso schnell. Beide verstanden; ihr Arm zitterte im Arm des +Bruders. Fest schmiegte sie sich an ihn; denn vor wenigen Augenblicken +noch hatte sie ihm gesagt: hätte der Bruder sie aus seinem Garten +verjagt, dann --! Still! Sie wandten um und gingen Ole entgegen. +Hellhörig, wie er war, vernahm er sofort die Schritte -- er blickte auf, +erkannte sie, breitete die Arme aus; weitergehen konnte er nicht mehr, +auch nicht sprechen. Josefine aber machte sich los vom Arm des Bruders +und eilte zu ihm. + + * * * * * + +Langsam gingen alle drei nach Hause; der Pastor, Josefine am Arm, -- auf +der andern Seite Kallem. Immer wieder sagte er: "Auf Gottes Wegen! Auf +Gottes Wegen!" + +"Aber ich bin nicht Deines Glaubens!" versuchte Kallem einzuwenden. +"Nein, nein, nein!" rief der Pastor eifrig. "Wo gute Menschen gehen, da +sind Gottes Wege!"FOOTNOTES: + +Anmerkungen: + +[Anmerkung 1: Halbhohe, gefütterte Schuhe aus weichem Renntierleder.] + +[Anmerkung 2: Eine Erika-Art.] + +[Anmerkung 3: Eine Violenart.] + +[Anmerkung 4: Von der Familie der Ranunkeln.] + +[Anmerkung 5: Kreuzkraut.] + +[Anmerkung 6: Linsenwicke.] + +[Anmerkung 7: _Felix Niemeyer_ (1820--1871), Arzt, Universitätsprofessor in +Greifswald und Tübingen. Hauptsächlich bekannt durch sein "Lehrbuch der +speziellen Pathologie und Therapie".] + +[Anmerkung 8: Kleiner Stoßschlitten.] + + + + + + +End of Project Gutenberg's Auf Gottes Wegen, by Björnstjerne Björnson + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUF GOTTES WEGEN *** + +***** This file should be named 19760-8.txt or 19760-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/9/7/6/19760/ + +Produced by Ralph Janke, Juliet Sutherland and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/19760-8.zip b/19760-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..4ebe09a --- /dev/null +++ b/19760-8.zip diff --git a/19760-h.zip b/19760-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..aaf5e9e --- /dev/null +++ b/19760-h.zip diff --git a/19760-h/19760-h.htm b/19760-h/19760-h.htm new file mode 100644 index 0000000..c72ca3a --- /dev/null +++ b/19760-h/19760-h.htm @@ -0,0 +1,13440 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Auf Gottes Wegen, by Björnstjerne Björnson. + </title> + <style type="text/css"> +/*<![CDATA[ XML blockout */ +<!-- + a[title].page { + position: absolute; + right: 2%; + font-size: x-small; + font-style: normal; + font-weight: normal; + color: gray; + background-color: inherit; + display: inline; /* set to "none" to make page numbers disappear */ + } + a[title].page:after { + content: attr(title); + } + p { text-indent: 1.5em; + margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; + } + h1,h2,h3,h4,h5,h6 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; + } + hr { width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + clear: both; + } + + em.gesperrt { + letter-spacing: 0.35ex; + padding-left: 0.35ex; + font-style: normal; + } + + em.antigua { + font-family: monospace; + font-style: normal; + } + + table {margin-left: auto; margin-right: auto;} + + body{margin-left: 10%; + margin-right: 10%; + } + + .contents {margin-left: 25%;} + .contents_chapter { + } + .contents_section {margin-left: 3.5em; + text-indent: -1.5em; + } + + .linenum {position: absolute; top: auto; left: 4%;} /* poetry number */ + .blockquot{margin-left: 5%; margin-right: 10%;} + .sidenote {width: 20%; padding-bottom: .5em; padding-top: .5em; + padding-left: .5em; padding-right: .5em; margin-left: 1em; + float: right; clear: right; margin-top: 1em; + font-size: smaller; color: black; background: #eeeeee; border: dashed 1px;} + + .bb {border-bottom: solid 2px;} + .bl {border-left: solid 2px;} + .bt {border-top: solid 2px;} + .br {border-right: solid 2px;} + .bbox {border: solid 2px;} + + .center {text-align: center; text-indent: 0em;} + .noindent {text-indent: 0em;} + .right {text-align: right;} + .right-indent {text-align: right; margin-right: 1.5em; } + .smcap {font-variant: small-caps;} + .u {text-decoration: underline;} + .tocheader {font-size: 130%;} + + .letterdate {text-align: right; margin-top: 2em;} + + .lettersig {text-align: right; margin-bottom: 2em;} + + .caption {font-weight: bold;} + + .figcenter {margin: auto; text-align: center;} + + .figleft {float: left; clear: left; margin-left: 0; margin-bottom: 1em; margin-top: + 1em; margin-right: 1em; padding: 0; text-align: center;} + + .figright {float: right; clear: right; margin-left: 1em; margin-bottom: 1em; + margin-top: 1em; margin-right: 0; padding: 0; text-align: center;} + + .footnotes {border: dashed 1px;} + .footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;} + .footnote .label {position: absolute; right: 84%; text-align: right;} + .trnotes {border: dashed 1px; background-color: silver; color: inherit;} + .trnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;} + .trnote .label {position: absolute; left: 9%; text-align: right;} + + .index {text-indent: 0em;} + .fnanchor {vertical-align: super; font-size: .8em; text-decoration: none;} + + .poem {margin-left:10%; margin-right:10%; text-align: left;} + .poem br {display: none;} + .poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} + .poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + .poem span.i2 {display: block; margin-left: 2em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + .poem span.i4 {display: block; margin-left: 4em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + .poem span.i1 {display: block; margin-left: 1em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + // --> + /* XML end ]]>*/ + </style> + </head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Auf Gottes Wegen, by Björnstjerne Björnson + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Auf Gottes Wegen + +Author: Björnstjerne Björnson + +Editor: Julius Elias + +Release Date: November 11, 2006 [EBook #19760] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUF GOTTES WEGEN *** + + + + +Produced by Ralph Janke, Juliet Sutherland and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + + + +<!-- Autogenerated TOC. Modify or delete as required. +<p> +<a href="#BJORNSTJERNE_BJORNSON"><b>BJÖRNSTJERNE BJÖRNSON</b></a><br /> +<a href="#AUF_GOTTES_WEGEN"><b>AUF GOTTES WEGEN</b></a><br /> +<a href="#Inhaltsverzeichnis"><b>Inhaltsverzeichnis</b></a><br /> +<a href="#Schultage"><b>Schultage</b></a><br /> +<a href="#Jugend"><b>Jugend</b></a><br /> +<a href="#Mannesalter"><b>Mannesalter</b></a><br /> +</p> +End Autogenerated TOC. --> + + + + + +<h1>BJÖRNSTJERNE BJÖRNSON</h1> + +<h2>AUF GOTTES WEGEN</h2> + +<h3>ROMAN</h3> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p class="center">S. FISCHER, VERLAG, BERLIN</p> + +<p class="center">1911</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p class="center">Alle Rechte vorbehalten</p> + + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="AUF_GOTTES_WEGEN" id="AUF_GOTTES_WEGEN"></a>AUF GOTTES WEGEN</h2> + +<h3>ROMAN</h3> + + + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="Inhaltsverzeichnis" id="Inhaltsverzeichnis"></a>Inhaltsverzeichnis</h2> + + + +<p style="margin-left: 20%;"><a href="#Schultage">Schultage</a></p> + +<p style="margin-left: 20%;"><a href="#Jugend">Jugend</a></p> + +<p style="margin-left: 20%;"><a href="#Mannesalter">Mannesalter</a></p> + + +<hr style="width: 65%;" /> + + +<p><a class="page" name="Page_5" id ="Page_5" title="5"></a>Meinem besten Freunde,</p> + +<p>dem Staatsrat Frederik Hegel,</p> + +<p>zur Erinnerung</p> + + +<p class="letterdate">Aulestad, 11. September 1889.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Nie warst Du hier; doch fast beständig<br /></span> +<span class="i0">Auf Schritt und Tritt begegn' ich Dir.<br /></span> +<span class="i0">Es ist kein Weg, kein Zimmer hier,<br /></span> +<span class="i0">Wo Dein Gedächtnis nicht lebendig<br /></span> +<span class="i0">Und mich umhegt seit jenen Jahren,<br /></span> +<span class="i0">Da Deine Treue, Deine Tat<br /></span> +<span class="i0">In meinem Kampf mir Heimat waren.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Wie oft, als ich dies Buch geschrieben,<br /></span> +<span class="i0">Sah mir Dein warmes Auge zu;<br /></span> +<span class="i0">Da waren eins wir, ich und Du<br /></span> +<span class="i0">Und das, was still zum Licht getrieben.<br /></span> +<span class="i0">Weil drum im Buch sich vielfach spiegelt<br /></span> +<span class="i0">Dein frischer Glaub' und echter Sinn, —<br /></span> +<span class="i0">Mit Deinem Namen sei's besiegelt.<br /></span> +</div></div> + + + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a class="page" name="Page_6" id ="Page_6" title="6"></a><a name="Schultage" id="Schultage"></a><a href="#Inhaltsverzeichnis">Schultage</a></h2> + + +<h3><a href="#Inhaltsverzeichnis">1</a></h3> + +<p>Im Tauwetter, auf der Felsenkuppe nach der See zu, +stand im letzten Sonnenglanz ein vierzehnjähriger +Junge, ganz in sich versunken. Er blickte gen Westen +übers Meer hinaus, er blickte gen Osten, auf die Stadt, +den Strand, die mächtigen Berge, hinter denen noch +höhere Felsengipfel emporragten. Alles in klarer Luft.</p> + +<p>Der Sturm hatte lange und furchtbarer gewütet, als +die ältesten Leute sich entsinnen konnten. Trotz der +neuen Mole hatten sich Schiffe im Hafen losgerissen +und waren untergegangen. Der Telegraph meldete von +Schiffbrüchen die Küste entlang; in der ganzen Umgegend +gab es nichts als zerrissene Netze, fortgeschwemmte +Fischreusen, verschwundene Bootstege. Und +immer noch hatten die Leute Angst, das Schlimmste +komme noch erst.</p> + +<p>Jetzt endlich — seit ein paar Stunden — war es +vorüber; der Sturm hatte sich gelegt, die Windstöße, +die ruckweise aufeinander gefolgt waren, hörten auf; +kaum noch ein letzter Nachhall war zu spüren.</p> + +<p>Nur das Meer wollte nicht gehorchen. Die Tiefen +aufrühren und dann einfach davonlaufen — das geht +doch nicht! Wellenzüge, soweit das Auge reichte, höher +als haushoch, kamen in endlosen Reihen, mit schaumweißen +Kronen und donnerndem Fall. Über Stadt und +Strand hin dröhnte ihr Tosen, gewaltig, dumpfrollend, +wie Bergrutsche in der Ferne.</p> + +<p>Jedesmal, wenn die Wogen in voller Höhe gegen die +Klippen stürmten, spritzte der Gischt meterhoch empor; +von weitem sah es aus, wie wenn weiße Meeresungeheuer +der alten Sagen hier ans Land emporzuklimmen versuchten. +Aber nur vereinzelte salzige Spritzer gelangten +an ihr Ziel. Sie brannten dem Knaben, der da stand, +auf der Wange; doch er rührte sich nicht vom Fleck.</p> + +<p>Gewöhnlich sagten die Leute, nur der tollste Weststurm +vermöchte den Wellenschaum so hoch empor<a class="page" name="Page_7" id ="Page_7" title="7"></a>zuschleudern; +heute kam er bei stiller Luft. Das hatte +nur <em class="gesperrt">einer</em> erlebt; und das war der Junge!</p> + +<p>Weit draußen im Westen verflossen Himmel und Meer +in der Glut der untertauchenden Sonne. Etwas wie ein +goldenes Friedensreich breitete sich da hinten aus. Alle +die meerschwarzen, weißköpfigen Wellen, die sich, soweit +der Blick reichte, von dort heranwälzten, waren +vertriebene Aufrührer. Reihe auf Reihe kamen sie daher, +unter millionenstimmigem Protest.</p> + +<p>Eben jetzt hatte der Farbenkontrast seinen Höhepunkt +erreicht. Keine Vermittelung mehr. Nicht der leiseste +rote Schimmer drang mehr bis herüber. <em class="gesperrt">Dort</em> die +warme Glut, <em class="gesperrt">hier</em> das kalte Schwarzblau über dem +Meer und dem Schneemorast am Land. Was man hoch +droben von der Stadt sah, kroch in sich zusammen und +ward immer kleiner mit jedem Male. Der Junge wandte +den Blick vom Meere landwärts. Und immer unruhiger +wurde er. Das kündete Unheil. Sollte wirklich noch +mehr kommen? Seine Phantasie war aufgeschreckt und, +übernächtig wie er war, hatte er keine Widerstandskraft.</p> + +<p>Draußen die Pracht begann zu erlöschen; alle Farben +verblichen gleichzeitig. Das Brüllen von unten, wo die +Ungeheuer heraufwollten, klang stärker; oder war er +nur hellhöriger geworden? Galt ihm das? Ihm? Was +hatte er denn wieder getan? Oder würde er vielleicht +bald irgend etwas anstellen? Schon öfter war diese unklare +Angst eine böse Vorbedeutung gewesen!</p> + +<p>Nicht der Sturm allein hatte ihn geschreckt. Vor +kurzem hatte ein Laienprediger geweissagt, die Welt +werde untergehen. Alle Anzeichen der Bibel täten genau +stimmen, und die Zahlen bei Jeremias und Daniel seien +nicht mehr zu mißdeuten. Der Prediger erregte solches +Aufsehen, daß die Zeitungen sich der Sache bemächtigten +und erklären mußten, ganz dasselbe sei schon unendlich +oft prophezeit worden, und die Zahlen bei Jeremias +und Daniel hätten <em class="gesperrt">immer</em> gestimmt. Aber als +der Orkan losbrach, entsetzlicher denn seit Menschengedenken, +als Schiffe sich losrissen und gegen die Brücken<a class="page" name="Page_8" id ="Page_8" title="8"></a> +geschleudert wurden, zerschmettert und zerschmetternd, +und zumal als die Finsternis der Nacht das Erdreich +bedeckte, und sämtliche Lichter in den Laternen erloschen +... als man die Brandung bloß noch hörte, ohne +sie mehr zu sehen ... dazwischen Kommandorufe, Getöse, +Gekreische, langgedehntes Jammergeschrei ... und +dabei in den Straßen das Entsetzen, wenn ganze Dächer +abgehoben wurden, die Häuser erbebten, Scheiben klirrten, +Steine durch die Luft flogen, Menschen flüchteten, +ferne Rufe die Angst erhöhten ... ja, da gedachten wohl +manche der Worte des Laienpredigers: So helf uns Gott! +Dies ist der jüngste Tag! Bald werden die Sterne fallen! +Besonders die Kinder waren in einer Todesangst. Die +Eltern hatten keine Zeit, bei ihnen zu bleiben. Denn +noch in der letzten Stunde war man einigermaßen im +Zweifel, ob es auch wirklich die letzte Stunde war, und +nach alter Gewohnheit behielt die Sorge um den irdischen +Besitz doch die Oberhand. Man mußte verstecken +und abschließen und eilen, und nach dem Feuer sehen +und an allen Ecken und Enden sein. Den Kindern aber +steckte man Gebet- und Gesangbücher in die Hände +und hieß sie lesen, was da von Erdbeben und anderen +Plagen und vom jüngsten Tage stand; man schlug ihnen +rasch die Stellen auf und stürzte davon. Als ob die +Kinder jetzt hätten lesen können!</p> + +<p>Sie verkrochen sich lieber im Bett und zogen die +Decke über den Kopf; manche nahmen den Hund mit +oder die Katze; sie fühlten sich geborgener so; sie +wollten zusammen sterben! Aber oft wollten Hund und +Katze nicht unter der Decke sterben, und dann setzte +es einen Kampf.</p> + +<p>Der Junge, der oben auf der höchsten Felsenkuppe +stand, war vor Schreck überhaupt rein von Sinnen gewesen. +Aber er war einer von denen, die das Entsetzen +von einem Ort zum anderen hetzte, vom Haus auf die +Straße, von der Straße nach dem Hafen, vom Hafen +wieder nach Hause. Nicht weniger als dreimal war sein +Vater hinter ihm her gewesen, hatte ihn eingefangen,<a class="page" name="Page_9" id ="Page_9" title="9"></a> +ja, sämtliche Türen hinter ihm verrammelt; aber entwischt +war er doch. So etwas blieb doch sonst nicht +unbestraft; kein Junge wurde strenger gehalten und so +reichlich mit Prügel bedacht wie Edvard Kallem. Aber +ein Gutes hatte der Sturm doch gehabt: Prügel setzte +es nicht in dieser Nacht.</p> + +<p>Die Nacht verging, und noch standen die Sterne am +Himmel; der Tag kam, und die Sonne schien hell wie +immer. Auch der Sturm ging vorüber, und mit ihm +der letzte Rest von Angst.</p> + +<p>Doch hat die Angst einmal ein Menschengemüt so +grenzenlos beherrscht, da bleibt der Schrecken vor dem +Schrecken zurück. Nicht allein in bösen Träumen, nein, +auch am Tage, wenn man sich am allersichersten wähnt, +lauert sie in unserer Phantasie, um beim geringsten +Außergewöhnlichen über uns herzufallen, uns mit tückischen +Augen und Nebelodem zu verschlingen, uns bisweilen +in den Wahnsinn zu treiben ...</p> + +<p>Da stand der Knabe; es war ihm unbehaglich zu Mut +in der sinkenden Sonne und beim Toben der Brandung, — +und da war auch schon die Höllenangst wieder über +ihm; die Schrecken des jüngsten Tages umbrausten ihn. +Er begriff nicht, wie er sich so gefährlich weit hier herauf +hatte wagen können, und noch dazu allein! Wie gelähmt +fühlte er sich; er wagte nicht, den Fuß zu heben — +wer weiß, ob er nicht beobachtet wurde; Feindesmächte +waren um ihn her. Er betete heimlich zu seiner verstorbenen +Mutter: wenn das wirklich das Ende sei, +und die Auferstehung sie befreie, so möge sie hier +heraufkommen zu ihm; nicht zu seiner Schwester — +die hatte ja Rektors; er aber hatte niemand.</p> + +<p>Doch alles blieb beim alten. Nur der Schimmer im +Westen verblich, und im Osten dunkelte es; der Geist +der Kälte schritt unerbittlich weiter und wurde Alleinherrscher; +das gab eine gleichmäßige Größe und die +Sicherheit der Einheit. Nach und nach schöpfte Edvard +wieder soviel Mut, daß er freier zu atmen wagte — +erst versuchsweise, dann ganz tief, viele Male. Jetzt<a class="page" name="Page_10" id ="Page_10" title="10"></a> +fing er an, sich zu bewegen, leise, unmerklich und nicht +ohne Angst, daß die Unsichtbaren hier oben Verdacht +schöpfen könnten, — denn sie wollten ihn doch haben. +Behutsam glitt er dem Abstieg zu und fort vom Felshang. +Keine Flucht, behüte! Er wußte gar nicht einmal, +ob er überhaupt gehen <em class="gesperrt">wollte</em>; er wollte es nur +versuchen, — konnte ja schließlich zurückkommen. Aber +der Abstieg hier war nicht leicht und mußte eigentlich +vor Einbruch der Dunkelheit gemacht werden; und es +wurde so furchtbar schnell dunkel jetzt. Wenn er nur +so weit wäre, daß er den Fußweg, der vom Fischerdorf +drunten über den Berg heraufführte, wieder erreicht +hätte, ja, dann war alle Gefahr überstanden; aber +hier — nur vorsichtig, vorsichtig, ein ganz kleinwinziger +Schritt, und noch einer, und noch ein kleiner! Nur +zum Versuch; er würde schon wiederkommen!</p> + +<p>Doch kaum hatte er auf solche Art den obersten und +schwierigsten Teil der Kuppe zurückgelegt und fühlte +sich sicher vor den Mächten da oben, mit denen er +feilschte, so schlug er ihnen auch gründlich ein Schnippchen; +in großen Sätzen gings abwärts; wie ein Gummiball +sprang er von einem Felsvorsprung auf den andern, +bis er plötzlich unten eine Zipfelmütze auftauchen sah — +so weit, weit unten, daß er sie nur eben erkennen konnte. +Augenblicklich blieb er stehen. Seine Flucht, sein ganzes +Entsetzen, all das eben Erlebte war wie weggeblasen; +nicht der leiseste Gedanke mehr daran. Jetzt wollte <em class="gesperrt">er</em> +Angst einjagen; auf <em class="gesperrt">den</em> dort hatte er schon die ganze +Zeit gelauert! Bewegung, Augen, Haltung, alles zeigte, +wie er sich über die Gewißheit freute, ihn nun bald in +Schußweite zu haben. <em class="gesperrt">Der</em> sollte es kriegen!</p> + +<p>Der andere kam einhergeschlendert, ohne zu ahnen, +welcher Gefahr er entgegenging, langsam, als ob er +seine Freiheit und Einsamkeit genösse; bald hörte man +seine schweren Stiefel, den Klang der eisenbeschlagenen +Absätze gegen die Steine.</p> + +<p>Ein gutgewachsener Knabe, hellblond und vielleicht ein +Jahr älter als der andere, der ihm auflauerte; mit einem<a class="page" name="Page_11" id ="Page_11" title="11"></a> +losen Friesanzug bekleidet, einen wollenen Schal um den +Hals, und große Fausthandschuhe an den Händen; er +trug einen ländlichen Korb — blaugemalt, mit gelb-weißen +Rosen.</p> + +<p>Ein großes Geheimnis ging endlich seiner Offenbarung +entgegen; seit Tagen war die ganze Schule darauf gespannt +gewesen, wie, wo und mit wem der Zusammenstoß +erfolgen werde, der jetzt drohte, wann der feierliche +Moment der Abrechnung komme, in dem Ole Tuft +vor einem Mitglied der gestrengen Schulpolizei endlich +eingestehen mußte, wo er sich nachmittags und abends +herumtrieb und was er da anstellte.</p> + +<p>Ole Tuft war der Sohn eines wohlhabenden Bauern +vom Strande draußen — das einzige Kind. Sein Vater, +der vor einem Jahr gestorben, war der angesehenste +Laienprediger der westlichen Lande gewesen und hatte +schon frühzeitig seinen Sohn zum Geistlichen bestimmt, +weshalb dieser jetzt das Gymnasium besuchte. Ole war +begabt, fleißig und seinen Lehrern gegenüber von einer +Ehrerbietung, die ihn zu ihrem erklärten Liebling machte.</p> + +<p>Aber die Haare allein machen noch nicht den Hund +(trau', schau', wem?). Dieser treuherzige, höchst ehrerbietige +Junge blieb plötzlich den Nachmittagsspielen +der Kameraden fern; zu Hause war er nicht (er wohnte +bei einer Tante); bei Schultzes, wo er den Kindern +Nachhilfstunde gab, war er auch nicht — das erledigte +er gleich nach Tisch; auch nicht bei Rektors, d. h. +bei Rektors Pflegetochter, Josefine Kallem, Edvards +Schwester; Ole und sie waren dicke Freunde. Zuweilen +sahen die Knaben ihn dort ins Haus gehen, aber nicht +wieder herauskommen; und trotzdem war Josefine immer +allein, wenn sie ihm nachgingen, um zu inspizieren; sie +hatten nämlich Wachen ausgestellt — die Untersuchung +wurde systematisch betrieben. Bis zum Schulhaus konnten +sie seine Spur verfolgen; dort aber verschwand sie. +Die Erde konnte ihn doch nicht verschlungen haben! +Das Haus wurde durchschnüffelt von unten bis oben, +jede Ecke, jedes Schlupfloch wieder und wieder durch<a class="page" name="Page_12" id ="Page_12" title="12"></a>stöbert. +Josefine selbst führte die Jungens herum, bis +hinauf unters Dach, bis hinunter in den Keller, in sämtliche +Räume, wo nicht gerade die Familie selber sich +aufhielt, versicherte auch auf Ehre und Gewissen, dort +sei er nicht; sie könnten selbst nachsehen. Wo in aller +Welt steckte er nur?</p> + +<p>Der Primus gewann in diesen Tagen bei einer Lotterie +"<i>Les trois mousquetaires</i>" von Alexandre Dumas dem Älteren, +ein Prachtwerk mit Illustrationen; da er aber bald +heraus hatte, daß das kein Buch für einen Gelehrten war, +setzte er es als Prämie aus für <em class="gesperrt">den</em> Kameraden, der +entdecken würde, wo Ole Tuft seine Nachmittage und +Abende zubrachte, und was er da trieb. Dies Angebot +warf den zündenden Funken in Edvard Kallems Phantasie; +er hatte nämlich bis vor einem Jahr in Spanien +gelebt, er las Französisch wie seine Muttersprache, und +"<i>Les trois mousquetaires</i>" war der wundervollste Roman +auf der ganzen Welt — das hatte er immer gehört. Jetzt +stand er hier auf der Lauer, für "<i>Les trois mousquetaires</i>"! +Hurra, alle Drei sollen leben! Jetzt hatte er sie!</p> + +<p>Leise, leise schlich er weiter, bis er den Fußweg erreicht hatte. +Der Sünder war dicht vor ihm.</p> + +<p>Edvard Kallems Kopf hatte etwas, das an einen Raubvogel +gemahnte — die Nase wie ein Schnabel — die +Augen wild, schon an und für sich und noch mehr dadurch, +daß sie ein ganz klein wenig schielten. Die Stirn +scharf und niedrig, von lichtbraunem, kurzgeschorenem +Haar umrahmt. Eine auffallende Beweglichkeit ließ +ahnen, wie geschmeidig er war. Eben jetzt wollte er +ganz still stehen, aber der Körper bog sich, die Füße +bewegten sich, die Arme hoben sich, als wolle er im +nächsten Augenblick durch die Lüfte stoßen. "Bäh!" +schrie er aus aller Kraft seiner Lungen. Der Ankömmling +fuhr zusammen — fast hätte er seinen Korb fallen +lassen. "So — jetzt <em class="gesperrt">hab</em>' ich Dich! Jetzt hilft Dir +keine Verstocktheit mehr!"</p> + +<p>Ole Tuft wurde zu Stein. "Jawohl — jetzt stehst Du +da! Hoho! Was hast Du in Deinem Korb?" Und er<a class="page" name="Page_13" id ="Page_13" title="13"></a> +stürzte auf Ole los. Der aber nahm blitzschnell seinen +Korb aus der rechten Hand in die linke und hielt ihn +auf den Rücken; es war Edvard nicht möglich, ihn hervorzuzerren.</p> + +<p>"Was denkst Du Dir denn, Mensch! Glaubst etwa, +Du könntst mir noch entwischen? Her mit dem Korb!" +— "Du kriegst ihn nicht." — "Wirst Du wohl gehorchen? +So geh ich einfach hinunter und frag'!" — +"Nein, nein!" — "Doch! Zum Kuckuck, wenn ich's +nicht tu!" — "Du tust's nicht!" — "Ich tu's!" — Und +schon drängte er an Ole vorüber, den Berg hinab.</p> + +<p>"Ich will's ja sagen — versprich mir bloß, daß Du's +nicht weiter sagst!" — "Nicht weiter sagen? Du bist +wohl nicht bei Trost?" — "Doch! Du darfst nicht!" — +"Blödsinn! was denkst Du Dir denn? Her mit dem +Korb — oder ich geh'!" schrie Edvard. — "Wenn Du's +nicht weiter sagst — —". Die Tränen traten Ole in +die Augen. "Ich verspreche gar nichts!" — "Nichts +sagen, Edvard! Nein?" — "Ich verspreche gar nichts. +Den Korb her! Fix!" — "Es ist nichts dabei, Du!" — +"Wenn nichts dabei ist, kannst Du's doch sagen! Fix!" +Ole nahm das, nach Knabenmanier, für ein halbes Versprechen; +flehend blickte er den andern an und faßte +sich ein Herz: "Ich geh' dort hinunter, weil ich ... weil +ich ... ach, Du weißt ja selber ... auf Gottes Wegen!" +Das Letzte sagte er sehr verlegen und brach in Tränen +aus. — "Auf Gottes Wegen?" fragte Edvard, ziemlich +unsicher. Er war aufs höchste verwundert.</p> + +<p>Er erinnerte sich, wie der Geographielehrer in einer +schläfrigen Stunde einmal die Frage gestellt hatte: +"Welche Wege sind die besten?" Im Lehrbuch stand: +"Für den Warentransport sind noch immer die Seewege +die besten." — "Na — also welche Wege sind die besten? +Du, Tuft?" — "Gottes Wege!" antwortete Tuft. Die +ganze Klasse war mit einemmal munter; ein brüllendes +Gelächter verkündete das.</p> + +<p>Aber bei alledem — Edvard Kallem wußte wirklich +nicht recht, was "Gottes Wege" bedeute. Ole <a class="page" name="Page_14" id ="Page_14" title="14"></a>— +drunten im Fischerdorf — auf Gottes Wegen? Vor +lauter Neugier vergaß er ganz, daß er Sittenpolizei war! +Gradheraus, wie jeder andere Junge, sagte er: "Ich versteh' +nicht, was Du damit meinst! Gottes Wege — sagst +Du?" Der andere bemerkte sogleich die Veränderung. +Die eben noch so scharfen Augen blickten freundlich; +nur der seltsame Glanz, der nie aus ihnen wich, lag +noch darin. Unter allen Schulkameraden bewunderte +Ole in aller Stille keinen so sehr wie den Edvard Kallem. +Der Bauernjunge litt entsetzlich unter dem überlegenen +Scharfsinn und der Gewandtheit der Stadtjungen, und +der vornehmste Repräsentant dieser Eigenschaften war +Edvard Kallem. Und noch ein Glorienschein umgab +sein Haupt ... er war der Bruder seiner braunlockigen +Schwester.</p> + +<p>Einen unerträglichen Fehler hatte er: er war ein Erzspottvogel. +Alle Augenblicke setzte es deswegen Haue — +mal von den Lehrern, dann vom Vater oder von den +Kameraden. Und in der nächsten Minute fing er schon +wieder an. Das ging über den Verstand des Bauernjungen. +Und darum wirkte auch ein freundliches Wort, +ein Lächeln von Edvard weit mehr, als es eigentlich +sagen wollte. Es hatte den Sonnenglanz der Gnade, der +Vornehmheit. Diese einschmeichelnden, milden Fragen, +die der gewesene Raubvogel (von dem jetzt bloß noch +der Schnabel übrig war) stellte, verflossen in eins mit +dem Leuchten der Augen. Und Ole streckte die Waffen. +Sowie Edvard seine Taktik änderte und treuherzig bat, +den Korb sehen zu dürfen, lieferte Ole ihn aus und +fühlte sich völlig beruhigt und kampfunfähig; er trocknete +sich die Augen mit seinen großen Fausthandschuhen, +zog den einen aus und schneuzte sich in die Finger — +besann sich auf einmal, daß er zu diesem Zweck ein +karriertes Sacktuch besaß, suchte darnach und fand es +nicht ...</p> + +<p>Edvard hatte den Korbdeckel aufgemacht; ehe er ihn +zurückschlug, blickte er auf: "Du möchtest vielleicht +lieber nicht — —?" — "Doch, gern!" — Edvard schob<a class="page" name="Page_15" id ="Page_15" title="15"></a> +den Deckel zur Seite. Ein großes Buch lag darunter — +die Bibel. Er wurde starr, beinah ehrfürchtig. Unter +der Bibel lagen verschiedene ungebundene Hefte. Er +nahm ein paar heraus, drehte sie um und legte sie wieder +hinein. Es waren Traktate. Die Bibel legte er behutsam +wieder an ihren Platz, breitete das Tuch darüber +und machte den Deckel zu. Im Grunde war er so klug +wie zuvor, oder vielmehr nur noch neugieriger.</p> + +<p>"Du liest doch nicht etwa den Leuten da unten aus +der Bibel vor?" fragte er. Ole Tuft errötete. "Doch — +manchmal —" — "Wem denn?" — "Ach, den Kranken. +Aber oft komm' ich ja nicht dazu —" — "Zu den +Kranken gehst Du?" — "Ja — zu den Kranken geh' +ich eben." — "Zu den Kranken? Du? Aber lieber +Gott, — was tust Du denn da?" — "Oh, ihnen helfen — +so gut ich eben kann!" — "Du?" fragte Edvard mit +allem Erstaunen, dessen er fähig war. Und nach einer +Pause fügte er hinzu: "Mit was denn? Mit Essen?" — +"Das auch. Ich helf' ihnen eben mit allem, was sie +brauchen. Umbetten — —" — "Umbetten?" — "Ja! +Sie liegen doch auf Stroh. Und darin liegen sie, bis es +stinkt, weißt Du. Manchmal machen sie's auch noch +schmutzig, wenn sie krank sind, und sich nicht selber +helfen können; tagsüber ist ja oft kein Mensch bei ihnen. +Die Leute sind bei der Arbeit, und die Kinder in der +Schule. Und wenn ich dann nachmittags hinkomme, +geh' ich hinunter zu den Böten, die mit Stroh fahren; +das kauf' ich und trag's hinauf und nehm' das alte +weg." — "Wo kriegst Du denn das Geld her?" fragte +Edvard. — "Tante spart es mir zusammen, und auch +Josefine." — "Josefine?" rief der Bruder. — "Ja! Aber +vielleicht hätt' ich das nicht sagen sollen."</p> + +<p>"Von wem kriegt denn Josefine das Geld?" fragte +Edvard mit der wachsamen Strenge des älteren Bruders. +Ole überlegte einen Augenblick und erwiderte dann +fest und bestimmt: "Von Deinem Vater." — "Von +Vater?" — —</p> + +<p>Edvard wußte, selbst wenn Josefine ihn darum bäte,<a class="page" name="Page_16" id ="Page_16" title="16"></a> +so würde der Vater niemals Geld unnütz ausgeben; erst +mußte er wissen, wozu er es gab. Der Vater hatte also +gebilligt, was Ole tat. Und damit war die Sache in +Edvards Augen über jeden Zweifel erhaben. Ole fühlte +augenblicklich diesen völligen Umschlag; er sah ihn auch +Edvards Augen an. Jetzt kam ihm die Lust, noch mehr +zu erzählen, und das tat er auch. Er berichtete, er habe +oft furchtbar viel Arbeit, wenn er komme. Feuer müsse +er machen, das Essen aufsetzen, kochen ... — "Kannst +Du kochen?" — "Freilich! Und Reinmachen, und Einkaufen, +und sehen, ob nicht irgend jemand hinüberrudert, +den ich nach der Apotheke schicken kann; denn +oft hat der Doktor irgend was verschrieben, aber sie +haben es nicht geholt." — "Und zu alledem hast Du +Zeit?" — "Ja. Bei Schultzes mach' ich's gleich nach +Tisch ab, und meine eigenen Schularbeiten mach' ich +nachts." Und so erzählte er, des längeren und breiteren, +bis ihm selber einfiel, daß sie noch vor Einbruch der +Dunkelheit unten sein müßten.</p> + +<p>In tiefen Gedanken ging Edvard voran; der andere +mit dem Korb hinterdrein.</p> + +<p>Hier, wo die Klippe abfiel, hörte man das Tosen des +Meers, als komme es aus der Luft, wie das Sausen eines +vorüberziehenden Vogelschwarms — hoch, hoch oben. +Es wurde kalt; man sah den Mond; aber die Sterne +noch nicht. Doch — einen einzigen. "Wie bist Du denn +eigentlich darauf gekommen?" fragte Edvard und wandte +sich um. Ole blieb gleichfalls stehen. Er nahm seinen +Korb aus einer Hand in die andere. Ob er's wagen, ob +er alles sagen sollte? Edvard merkte sofort — da steckte +noch mehr dahinter — und zwar war <em class="gesperrt">das</em> das Wichtigste. +"Kannst Du's nicht sagen?" fragte er, als wenn +es ihm ganz gleichgültig sei. — "Oh doch — ich <em class="gesperrt">kann</em> +schon!" Aber Ole fuhr fort, den Korb von einer Hand +in die andere zu nehmen, und sagte nichts weiter. Jetzt +konnte Edvard nicht länger an sich halten; er fing an, +Ole ordentlich deswegen zu quälen, was diesem auch +ganz lieb war — doch immer noch überlegte er. "Es<a class="page" name="Page_17" id ="Page_17" title="17"></a> +ist doch nichts Böses?" — "Nein, etwas Böses ist es +nicht." Nach einer Pause fügte er hinzu: "Im Gegenteil +— eher was Großes — etwas wirklich Großes sogar!" +— "Etwas wirklich Großes?" — "Eigentlich das +Größte in der Welt!" — "Nanu!" — "Wenn Du's bloß +nicht weitersagen wolltest! Keiner Menschenseele! +Hörst Du? Dann wollt' ich Dir's schon erzählen!" — +"Also — Du — was denn?" — "<em class="gesperrt">Ich will Missionär +werden</em>!" — "Missionär?" — "Ja — Heidenmissionär! +Ein richtiger, für die Wilden, weißt Du, die Menschen +fressen!" Er sah — viel mehr konnte Edvard nicht ertragen; +deshalb beeilte er sich, rasch noch etwas über +Zyklone, wilde Raubtiere und giftige Schlangen hinzuzufügen: +"Auf so was muß man sich einüben, siehst +Du!" — "Einüben? Gegen reißende Tiere und giftige +Schlangen?" Edvard fing an, das Unglaubliche glaublich +zu finden. — "Das Schlimmste sind die Menschen!" +sagte Ole, die Tiere umgehend. "Das sind nämlich ganz +fürchterliche Heiden, diese Kerle, und wild, und bös, +und grausam. So ohne weiteres hinrennen — das hat +keinen Sinn. Man muß Übung haben." — "Aber wieso +kommst Du zu denen unten? Das sind doch keine +Heiden — die im Dorf?" — "Das nicht. Aber man +lernt doch allerhand auch bei ihnen. Zimperlich darf +man nicht bei ihnen sein — im Gegenteil, die ärgsten +Schweinereien muten sie einem zu. Wenn einer krank +ist und querköpfig, so ist er meist auch voller Mißtrauen; +manche sind geradezu bösartig. Denk bloß, neulich +abends hat ein Weib mich sogar hauen wollen." — +"Hauen?" — "Da hab' ich zu Gott gebetet, sie sollte +es tun; aber sie hat bloß geflucht." Oles Augen glühten; +sein Gesicht war verzückt. "Hier, in einem Traktat, +den ich in meinem Korbe hab', steht, es sei der Fehler +unserer Missionäre, daß sie hinausgingen, ohne sich erst +zu üben. Denn es sei eine große Kunst, Menschen zu +gewinnen, steht da. Sie zu gewinnen für das Reich +Gottes, das sei die schwerste aller Künste. Und eigentlich +müßten wir uns von Jugend, ja von Kindesbeinen<a class="page" name="Page_18" id ="Page_18" title="18"></a> +an darauf einüben; so steht geschrieben, und das will +ich tun. Denn Missionär sein — siehst Du — das ist +doch das Höchste auf Erden. Das ist mehr als König +sein, mehr als Kaiser und Papst sein; das steht in dem +Traktat. Und es steht auch darin, ein Missionär habe +gesagt: Und hätte ich zehn Leben, ich gäbe sie alle +zehn hin für die Mission ... Und das will ich auch."</p> + +<p>Sie gingen jetzt Seite an Seite. Ole hatte sich, ohne +es zu wissen, den aufleuchtenden Sternen zugekehrt. +Beide standen eine Weile so und starrten in die Luft. +Unter ihnen der Hafen mit den Schiffen in verschwommenen +Umrissen, die Brücken, niedrig, schwer; die +Stadt mit ihren verstreuten Lichtern; weiter draußen +der Strand, wollgrau von Schnee, und daneben das +schwarze Meer; hier unten hörte man es wieder, wenn +auch schwächer; das einförmige Tosen verfloß mit dem +sternbesäten Halbdunkel. Zwischen den Knaben zitterten +unsichtbare Fäden hin und her; Gefühle knüpften +sich an. Von keinem andern wünschte Ole so sehnlich, +gut beurteilt zu werden, wie von dem, der in seiner +leichten Pelzmütze vor ihm stand; und Edvard dachte, +wie viel besser doch Ole sei als er. Denn daß er selber +gräßlich war, das wußte er; das hörte er ja alle Tage. +Er sah seitwärts auf den Bauernjungen; — die tief über +die Ohren gezogene Zipfelmütze, die großen Fausthandschuhe, +der plumpe Schal, die weite Friesjacke, die +breiten Hosen, die schweren, eisenbeschlagenen Stiefel — +nur — die Augen wogen das alles auf, und das treuherzige +Gesicht, wenn es auch ein bißchen altklug war ... +Ole wird einmal ein großer Mann werden!</p> + +<p>Sie trabten weiter, Edvard voran, Ole hinterher, hinunter +zur "Vorstadt". So hieß der Stadtteil, der an +den "Berg" stieß und im wesentlichen aus Arbeiterhäusern, +Werkstätten und kleineren Fabriken bestand. +Ordentliche Straßenanlagen oder Beleuchtung gab es +hier noch nicht; es war jetzt, beim Tauwetter, ein entsetzlicher +Morast, der in der Abendkälte gerade zu gefrieren +begann. Die paar Laternen, die vorhanden waren,<a class="page" name="Page_19" id ="Page_19" title="19"></a> +hingen an Stricken, die vom einen Haus zum andern +quer über die Gasse gespannt waren, und hinauf- und +hinuntergezogen werden konnten. Sie waren schwarz +von Qualm und daher äußerst schlechter Laune. Hier +und dort hatte eine kleine Werkstatt ihre eigene kleine +Laterne, die über der Haustreppe hing. Unter einer +solchen Laterne blieb Edvard stehen. Er mußte wieder +etwas fragen. Nämlich — wer es eigentlich sei, dessen +Ole sich dort unten annahm? Einer, den sie beide +kannten? Frohgemut setzte Ole seinen Korb auf die +Treppe und stützte sich mit der Hand darauf. Er lächelte: +"Du kennst doch die Marte von der Werft?" Ja, die +kannte die ganze Stadt; eine tüchtige Frau; aber sie +trank; und oft hatten die Schuljungen am Samstagabend +ihren Jux mit ihr, wenn sie, an eine Mauer gelehnt, +dastand und sie ausschimpfte und sich schließlich umdrehte +und zum Zeichen ihrer Hochachtung — na ja, +wie das Zeichen aussah, läßt sich nicht gut beschreiben! +Aber die Bengels warteten bloß darauf; und die Sache +wurde stets mit Jubelgeheul begrüßt.</p> + +<p>"Die Marte von der Werft!" rief Edvard. "Die willst +Du bekehren?" — "Still doch! Nicht so laut!" bat Ole. +Er war flammend rot geworden und sah sich erschrocken +um. Edvard wiederholte flüsternd: "Glaubst Du, irgend +ein Mensch könnte die bekehren?" — "Ich glaube, ich +bin auf dem besten Wege!" flüsterte der andere geheimnisvoll. +— "Du mußt schon entschuldigen — aber +ich glaub' es nicht!" Die Augen schielten, der Mund +verzog sich zu einem Lächeln. — "Wart' nur erst und +hör' mich an! Du weißt doch, im Winter ist sie auf +dem Glatteis hingefallen und hat sich bösen Schaden +getan?" Jawohl, das wußte er. — "Seitdem liegt sie +im Bett, und kein Mensch hat Lust, ihr zu helfen. +Sie ist doch so bösartig und kratzbürstig. Gegen mich +war sie anfangs widerwärtig — kaum zum Aushalten +war's. Aber ich achtete einfach nicht darauf, und jetzt +heißt es nur noch 'mein Gottesengelchen', 'mein Lämmeken', +'mein Goldsöhnchen', 'mein gutes Kind'.<a class="page" name="Page_20" id ="Page_20" title="20"></a> +Denn ich habe sie umgebettet und Kleider und Essen +und Bettzeug für sie gesammelt, und die ärgsten Dinge +für sie getan, siehst Du. Und doch hat sie eines Abends +Miene gemacht, mich zu schlagen, wie ich ihr aufhelfen +wollte, und ihr krankes Bein ihr dabei wehtat. Sie schrie +wie besessen und hob ihren Stock gegen mich; aber dann +nahm sie sich zusammen und fluchte nur ganz fürchterlich +und warf mir Schimpfworte an den Kopf. Jetzt +ist sie wieder ganz sanft, und neulich hab' ich's sogar +gewagt, ihr aus der Bibel vorzulesen." — "Der Marte +von der Werft?" — "Die Bergpredigt. Und daß Du's +nur weißt — sie hat geweint." — "Geweint? Hat sie's +denn verstanden?" — "Nee, sie hat so geweint, daß sie +nicht viel davon gehört hat, glaub' ich. Aber die Bibel +war es doch, siehst Du. Sie fing schon an zu weinen, +als ich das Buch nur herauszog."</p> + +<p>Die Knaben sahen einander an; vom Hof her klangen +Hammerschläge und in der Ferne eine Dampfpfeife; +dann von der Gasse gegenüber das leise Weinen eines +Kindes. — "Hat sie was gesagt?" — "Sie sagte, sie sei +viel zu schlecht, um so was anzuhören, hat sie gesagt. +Und ich erklärte ihr, daß dem lieben Gott gerade die +Geringsten die liebsten wären. Sie tat aber, als höre +sie das nicht, sondern sagte nur, ich solle doch einmal +beim Wäscher-Lars nachsehen, ob er daheim sei." — +"Beim Wäscher-Lars?" schrie Edvard, und Ole mußte +wieder "Psst!" sagen; der Wäscher-Lars war nämlich ihr +guter Freund. — "Du kannst mir's glauben, der ist die +ganze Zeit über furchtbar nett gewesen. Im Wäscher-Lars +steckt viel Gutes, das sagen alle. Jeden Abend +kommt er und hilft ihr. Heut Abend ist er früher gekommen +als sonst, darum konnt' ich gehen; sonst bleib' +ich viel länger." — "Hast Du ihr noch öfter vorgelesen?" +— "Ja, heute wieder. Gleich fing sie wieder zu weinen +an; aber heute, glaub' ich, hat sie was gehört. Denn +wie ich ihr das vom verlorenen Sohn vorlas, sagte sie: +ich bin ja woll eins von seinen Schweinen!" — Beide +Jungens lachten. "Da sagt' ich denn, das glaubte ich<a class="page" name="Page_21" id ="Page_21" title="21"></a> +doch nicht. Dann wollte ich versuchen, zu beten. Ach, +das nützt ja doch alles nichts! sagte sie. Aber als ich +dann das Vaterunser anfing, wurde sie ganz verdreht, +weißt Du, gerad' als ob sie sich fürchte, und sie richtete +sich auf und schrie, davon wolle sie nichts wissen — +unter keinen Umständen! Und dann legte sie sich wieder +hin und heulte." — "Es wurde also nichts?" — "Nein, +und dann kam der Wäscher-Lars, und sie sagte, ich +solle gehen. Aber siehst Du, wie es gewirkt hat? +Glaubst Du nicht, daß ich auf dem besten Wege bin?" +— Edvard war nicht so ganz sicher.</p> + +<p>Seine Bewunderung hatte augenscheinlich einen kleinen +Knax bekommen.</p> + +<p>Bald darauf trennten sie sich.</p> + + +<h3><a href="#Inhaltsverzeichnis">2</a></h3> + +<p>In den höheren Schulen herrscht bisweilen ein Geist, +der dem Geist der Stadt, in der die Schule liegt, +völlig entgegengesetzt ist; ja, in der Regel steht die +Schule in gewissen Stücken unter ganz selbständigen +Einwirkungen. Ein einziger Lehrer vermag die Schüler +in seinem Bann zu halten, ebenso wie es oft von einem +Kameraden oder von ein paar abhängt, ob unter den +Knaben ein Geist der Ritterlichkeit oder das Gegenteil, +ein Geist des Gehorsams oder das Gegenteil herrscht. +In der Regel übernimmt irgend ein einzelner die Führung. +Auch in sittlicher Hinsicht ist das so. Die Knaben +arten ihrem Vorbild nach, und meist hat einer oder +haben mehrere die Macht, als Vorbild zu wirken.</p> + +<p>Gegenwärtig hatte der Primus Anders Hegge teilweise +die Oberleitung in Händen. Einen so gelehrten +Schüler hatte die Schule seit ihrer Gründung nicht gesehen; +er war ein Jahr länger geblieben als nötig, nur +um der Schule den Glanz eines unzweifelhaften <i>prae +ceteris</i> zu verschaffen. Die Knaben waren unglaublich +stolz auf ihn. Bewundernd erzählten sie, wie er die +Lehrer in der Gewalt habe, und daß er seine Stunden<a class="page" name="Page_22" id ="Page_22" title="22"></a> +nach eigenem Belieben wählen und kommen und gehen +könne, wie es ihm gerade passe. Meist arbeitete er für +sich. Er besaß eine Bibliothek, deren Regale längst die +Wände so angefüllt hatten, daß sie jetzt den Fußboden +entlang krochen. Ein langer Bücherständer stand auf +jeder Seite des Sofas. Es gingen solche Wundergeschichten +darüber um, daß sogar die kleinsten Jungens ihn besuchen +und mit eigenen Augen sehen mußten. Und +mitten drin, am Fenster, saß er selber und rauchte, in +einem bis auf die Füße reichenden Schlafrock, dem Geschenk +einer verheirateten Schwester, auf dem Kopf eine +Samtmütze mit Goldquaste, das Geschenk einer Tante, +an den Füßen gestickte Pantoffeln, das Geschenk einer +Patin. Er war ein Damenprodukt — wohnte bei seiner +verwitweten Mutter, und fünf ältliche Verwandte bezahlten +seine Bücher, kleideten ihn und versahen ihn mit +Taschengeld.</p> + +<p>Ein großer, kräftiger Bursche mit einem regelmäßigen, +feingeschnittenen Gesicht, dem Gesicht eines alten Geschlechts. +Es wäre schön gewesen, wenn es nicht Glotzaugen +und einen gierigen und lauernden Ausdruck gehabt +hätte. Ähnlich sein wohlgebauter Körper: er +hätte einen stattlichen Eindruck gemacht, wenn er nicht +vornüber gebückt gegangen wäre, als drücke eine Last +seinen Rücken, und einen ungleichmäßigen Gang gehabt +hätte. Hände und Füße waren zierlich; er konnte nicht +leiden, wenn man ihn anrührte, war verfroren und zimperlich +und hatte einen durchaus weiblichen Geschmack.</p> + +<p>Alles, was ihm einmal gesagt worden war, behielt er, +Großes und Kleines, ohne Unterschied; oder wenn ein +Unterschied war, so bestand er darin, daß das Kleine +ihm das wichtigste war. Wenige Dinge entgingen ihm; +sachte und nicht ohne eine Art Kunst stahl er sich in +das Vertrauen eines Menschen. Er kannte die Familiengeschichten +aus dem ganzen Land, auch solche aus +fremden Ländern kannte er. Diese Geschichten zu erzählen +— am liebsten Skandalgeschichten — und in aller +Stille noch andere einzuheimsen — das war ihm des<a class="page" name="Page_23" id ="Page_23" title="23"></a> +Daseins größte Wonne! Hätten die Lehrer geahnt, wie +diese bewundernswerte Schubladeneinrichtung mit all +ihrem Inhalt die Luft der Schule verdarb — sie hätten +ihn schwerlich noch ein Jahr dabehalten. Die ganze +Schule war nichts als Kritik und Zweifel; Klatsch und +Spott waren Hoftugenden, die am ehesten zu Gunst +führten; schlüpfrige Geschichten waren die Festunterhaltung. +Gierig nach Neuem saß er inmitten seines +Rauchgespinstes zwischen seinen Bücherregalen, wenn +jemand ihn besuchte. Und als Edvard an diesem Abend +kam und erzählte, nun wisse er, wohin Ole gehe und +was er treibe, und nun wolle er seine Prämie, da stand +Anders auf und bat ihn, doch einen Augenblick zu +warten; er wolle nur schnell etwas Bier holen; dann +wollten sie sich einen vergnügten Abend machen.</p> + +<p>Das erste Glas schmeckte vortrefflich, ein anderes +halbes ebenso; und dann erzählte Edvard. Erst, daß +Ole unten im Fischerdorf Kranke pflege.</p> + +<p>Anders war ungefähr ebenso paff, wie Edvard vorhin, +als er die Bibel sah. Edvard lachte herzlich. Aber es +dauerte nicht lange, so äußerte Anders einen leisen +Zweifel. Ole habe ihm wahrscheinlich nur etwas weismachen +wollen, um sich leichter aus der Patsche zu +ziehen; dahinter stecke etwas. Bauernjungen seien immer +Heimlichtuer. Und zum Beweis erzählte er ein +paar ganz amüsante Geschichtchen aus der Schule. +Edvard gefiel dieses ewige Zweifeln nicht recht, und um +ein Ende zu machen (er war im Grunde furchtbar +müde), berichtete er, sein Vater wisse alles, er sei damit +einverstanden und unterstütze Ole mit Geld. +Jetzt zweifelte natürlich auch Anders nicht länger. Aber +trotz allem — es konnte etwas dahinterstecken; Bauernjungens +seien nun mal solche Heimlichtuer.</p> + +<p>Das wurde Edvard denn doch zu viel; er sprang von +seinem Sitz auf und fragte, ob Anders etwa glaube, +daß einer von ihnen lüge.</p> + +<p>Anders trank ruhig einen Schluck Bier und ließ vorsichtig +seine Glotzaugen rollen. "Lügen" — hm — ein<a class="page" name="Page_24" id ="Page_24" title="24"></a> +sonderbarer Ausdruck. Durfte man vielleicht wissen, +was das für Kranke waren, mit denen Ole sich beschäftigte?</p> + +<p>Darauf war Edvard nicht gefaßt. Er hatte sich vorgenommen, +gerade soviel zu sagen, als nötig war, um die +Prämie zu bekommen, und kein Wort darüber. Er stand +wieder auf. Wenn Anders es nicht glauben wolle, so +möge er's bleiben lassen; aber seine Prämie wolle er.</p> + +<p>Es war nicht Anders Hegges Art, mit jemand zu +brechen, was Edvard auch recht gut wußte. Natürlich +sollte Edvard das Buch haben. Aber nun müsse er erst +mal eine amüsante Geschichte hören, wie sich die +Kranken draußen im Fischerdorf aufführten. Der Armenarzt +und seine Frau seien gestern bei seiner Mutter +gewesen, und da habe jemand nach der Marte von der +Werft gefragt, die man schon so lange nicht mehr gesehen +habe. Ob sie noch immer von ihrem Fall im +Winter bettlägrig sei? Ja freilich; und sie litte keine +Not; denn die Leute schickten ihr unbegreiflicherweise +alles, was sie brauche, und der Wäscher-Lars bringe ihr +Abend für Abend Schnaps, so daß sie sich manch liebes +Mal einen recht fidelen Schwips ansäuselten. So bald +stehe die gewiß nicht wieder auf.</p> + +<p>Edvard wurde feuerrot, was Anders wohl bemerkte. +War etwa die Marte von der Werft eine von denen, +denen Ole "half"? Ja, es ließ sich nicht leugnen.</p> + +<p>Die Glotzaugen weiteten sich ordentlich, um diese +Beute aufzunehmen. Edvard sah, wie sie eingesogen +und verschlungen wurde, und ihm war, als sinke er +selber mit hinein und werde zerrissen und aufgefressen. +Aber wenn es etwas gibt, was ein Schuljunge nicht verträgt, +so ist es, sich gefangen zu sehen in seiner eigenen +Arglosigkeit. Er beeilte sich, den ehrenrührigen Verdacht, +als ob er das Lächerliche an Ole Tufts Vorhaben nicht +durchschaue, von sich abzuwälzen. "Und denk Dir — +aus der Bibel hat er der Marte vorgelesen!" — Ihr aus +der Bibel vorgelesen? Wieder wurden die Glotzaugen +ganz groß, um zu schlingen; aber schnell zogen sie sich<a class="page" name="Page_25" id ="Page_25" title="25"></a> +wieder zusammen. Anders kam ins Lachen; er schüttelte +sich geradezu; und Edvard mit.</p> + +<p>Ja, er las der Marte aus der Bibel vor, die Geschichte +vom verlorenen Sohn; und Edvard erzählte, was Marte +gesagt hatte. Sie lachten um die Wette und tranken +den Rest des Biers aus. Alles, was an Anders liebenswürdig +und amüsant war, kam zum Vorschein, wenn +er lachte. Das Lachen selbst hatte einen leichten Beiklang, +wie wenn man jemand am Hals kitzelt — — +es forderte zu immer neuer Heiterkeit heraus — zu +endlos neuer Heiterkeit. Und Edvard mußte alles erzählen +— und noch ein bißchen mehr.</p> + +<p>Als er später mit dem Prachtband unterm Arm nach +Hause lief, hatte er ein scheußliches Gefühl. Der Bierdunst +war verflogen; das Lachen reizte ihn nicht mehr, +und der gekränkten Eitelkeit war Genüge getan. Aber +kaum war er an der frischen Luft, da glaubte er auch +schon Oles gute Augen vor sich zu sehen. Er wollte +das Gefühl abschütteln; er war so entsetzlich müde; +heut abend konnte er nicht mehr denken. Aber morgen +— ja, morgen wollte er Anders bitten, zu schweigen.</p> + +<p>Doch am nächsten Morgen verschlief er die Zeit; er +konnte nur gerade noch in die Kleider springen — und +davonrasen — mit einer Buttersemmel im Mund und +einem flüchtigen Gedanken an "<i>Les trois mousquetaires</i>", +die jetzt ihm gehörten; heut nachmittag würde er sie +lesen. In der Schule schlug er sich mit Hängen und +Würgen von einer Stunde zur andern durch; er konnte +keine seiner Aufgaben, und Sonnabends war gerade +immer so viel. Bis auf die beiden letzten Stunden vor +Schulschluß war er vollauf in Anspruch genommen; +dann kam Französisch und Naturgeschichte; von den +beiden Fächern war er dispensiert. Und nun ging's die +Treppe hinunter, vor allen andern.</p> + +<p>Wie er vor der Tür des Schulhauses stand, kam eben +Anders von der andern Seite her. Der hatte jetzt eine +Stunde in der obersten Klasse. Augenblicklich fiel Edvard +der gestrige Abend ein, und es packte ihn ein<a class="page" name="Page_26" id ="Page_26" title="26"></a> +Schrecken, was Anders jetzt wohl erzählen würde. Fast +in derselben Sekunde aber erblickte er zwischen zwei +Landungsbrücken ein Ungetüm von einem Dampfer, +einen Havaristen, der sich langsam dem Hafen näherte. +Solch ein Riesenschiff war noch nie im Hafen gewesen, +sagten die Leute, die vorüberliefen. Mastlos, mit zerbrochener +Schanzverkleidung, mit gestützten Schornsteinen, +bis oben voll gespritzt von weißem Gischt, nur +eben noch fähig, sich fortzubewegen — so kam es angezogen. +Vielleicht im Schlepptau eines andern Dampfers — +Edvard konnte der Brücken wegen nichts sehen. +Alles rannte hinunter; und er mit.</p> + +<p>Unterdessen schritt Anders durch das Schultor. Eben +als er öffnete, leerten sich die Klassen; ihr ganzer Inhalt +stürzte die Treppe hinunter in den Hof — wie durch +einen langen Trichter. Ein Orkan in einem Riesenbauch —. +Das Haus erdröhnte. Zuerst ein vereinzelter +scharfer Schrei — die jubelnde Ichverkündigung des +Ersten — dann ein Gemisch von Diskant- und Altstimmen +— dann gebrochene Übergangsstimmen, die +in einer etwas dunkleren Klangfarbe darüber hinwischten +— dann ein gemeinsames Emporsprühen wie von +einem gen Himmel flammenden Feuermeer, bald ein +halbes Erlöschen hier — bald eine freudig aufschießende +Feuersäule dort; dann wieder ein einheitlicher, breiter +Glanz über dem ganzen Hofe.</p> + +<p>Ruhig kam Anders dahergegangen. Nicht wie in einem +Feuermeer, mehr wie durch gefahrvolle Brandungen +getragen, gewiegt — hin und her gespült — von einem +Ufer zum andern. Aber sein Ziel hatte er vor Augen. +Er wollte sich vorsichtig durchschlagen bis zu dem +Bretterhaufen am Zaun des Nachbars; dort war es still; +und dort konnte er, gegen das Holz gelehnt, sich's ein +bißchen bequem machen.</p> + +<p>Nachdem er sich diese Rückenstütze gesichert und mit +seinen Glotzaugen vorsichtig ausgespäht hatte, ob die +Luft auch rein sei, glitt sein Blick zufrieden über die +Menge hin; er genoß das reizvolle Gefühl der Gewiß<a class="page" name="Page_27" id ="Page_27" title="27"></a>heit, +diesen ganzen Aufruhr durch bloße drei, vier +Worte — seinem Nachbar ins Ohr geflüstert — dämpfen +zu können. Wie Öl auf eine tobende See würden sie +wirken, und der Lärm würde verstummen, sobald die +paar Worte über ihn hinflossen. Wo war Ole? Da — +ein großer Junge hielt ihn gerade gepackt; sie hatten +sich gegenseitig am Rockkragen und wirbelten im Kreis +herum; der Große versuchte den Kleinen zu Fall zu +bringen und half mit dem Fuß nach. Oles schwere +Stiefel zappelten in der Luft; die eisenbeschlagenen Absätze +blinkten; er lachte aus vollem Halse; denn der +andere wurde immer wütender und aufgeregter, ohne +ihn doch werfen zu können.</p> + +<p>Da beugte Anders sich zu dem ihm Zunächststehenden +herab: "Jetzt weiß ich, was Ole Tuft jeden Abend +treibt." — "Ach, Quatsch!" — "Doch, ich weiß +es." — "Wer hat's denn 'rausgekriegt?" — "Edvard +Kallem." — "Edvard Kallem? Hat der das Buch bekommen?" +— "Freilich." — "Nee — so was! Edvard +Kallem!"</p> + +<p>"Edvard Kallem? Was ist mit Edvard Kallem?" +fragte jetzt ein Dritter. Und der Zweite, der es eben +gehört hatte, berichtete sofort. Ein Vierter, ein Fünfter, +ein Sechster schoß fort: "Edvard Kallem hat die Prämie +gewonnen! Anders Hegge weiß jetzt, was Ole Tuft +jeden Abend treibt!" Und überall, wo die Worte erklangen, +verstummte der Lärm; alles wollte hören, alles +stürzte auf Anders Hegge zu.</p> + +<p>Kaum war ein Viertel der Jungens zusammengelaufen, +so wurden auch die andern drei Viertel aufmerksam. +Was in aller Welt mochte dort an dem Bretterhaufen +los sein? Warum liefen denn alle dorthin? Sie scharten +sich um Anders, sie kletterten auf den Holzstoß, so viel +ihrer überhaupt Platz hatten. "Was ist los?" — "Edvard +Kallem hat die Prämie gewonnen!" — "Edvard Kallem?" +Wieder loderte es auf. Alle fragten — alle antworteten — +alle, außer Ole Tuft; der blieb stehen, wo der Kamerad +ihn losgelassen hatte.</p> + +<p><a class="page" name="Page_28" id ="Page_28" title="28"></a>Dann wurde es mäuschenstill. Anders Hegge erzählte. +Das war sein gutes Recht; er hatte dafür bezahlt. Er +erzählte gut, in einer klaren, trockenen Art, die allem +einen Schimmer von Doppelsinnigkeit verlieh. Erst erzählte +er, wo Ole sei und was er da treibe — daß er +die Werft-Marte umbette, sie herumschleppe und trage, +ihr das Essen koche und nach der Arznei in die Apotheke +laufe; dann — <em class="gesperrt">weshalb</em> er das tue; er wolle Missionär +werden und wolle sich an der Werft-Marte drunten üben; +er lese ihr aus der Bibel vor, und Marte heule, und +wenn dann Ole fort sei, komme der Wäscher-Lars mit +Schnaps, und dann tränken sich die beiden, Marte und +Lars, auf das Bibellesen hin einen ordentlichen Schwips +an. Zuerst standen die Jungens ganz starr — so was +war ihnen noch nie vorgekommen! Sie faßten es in der +Hauptsache als eine Art Zeitvertreib auf, und so, wie +es erzählt wurde, konnte es gar nicht anders aufgefaßt +werden. Aber Missionär und Bibelvorleser spielen? Das +hatten sie noch nie gehört. Es war lustig, aber zugleich +auch noch etwas anderes; was? — darüber waren sie +sich im Augenblick nicht klar. Da niemand lachte, ging +Anders weiter. Weshalb war Ole auf diesen Einfall gekommen? +Ganz einfach, weil er ehrgeizig war und ein +Apostel werden wollte; und das war viel, viel mehr +als König werden, oder Kaiser, oder Papst; das hatte +Ole selber zu Edvard Kallem gesagt. Aber um das zu +werden, mußte er "Gottes Wege" finden, und Gottes +Wege — nun ja, die begannen dort unten bei der Marte +von der Werft. Dort wollte er sich üben, Wunder zu +tun, sich mit Heiden und wilden Tieren und giftigen +Schlangen herumzuschlagen und Zyklonen Einhalt zu +gebieten. Jetzt brach das Gebrülle los. Doch gerade +in diesem Augenblick läutete es; die Jungens konnten +nur eben noch, sich vor Lachen schüttelnd, an Ole +vorüberstürmen.</p> + +<p>Schon einmal in seinem jungen Leben hatte Ole +Tuft in einen bodenlosen Abgrund geblickt; das war an +dem Wintertag, als er am Grabe seines Vaters stand<a class="page" name="Page_29" id ="Page_29" title="29"></a> +und die ersten gefrorenen Erdschollen auf den Sarg +poltern hörte. Die Luft war voll treibenden Nebels, +und das Meer wie Blei. Alles, was er an Leid kannte, +führte dorthin zurück; auch jetzt stand er wieder dort; +auch jetzt hörte er wieder die Kirchenglocke von damals. +Gerade als das hohle Dröhnen auf den Treppen +und Gängen verhallt, der letzte Nachzügler verschwunden, +die letzte Tür geschlossen und mit einemmal alles +so still war — da, durch das Schweigen, durch die Leere, +vernahm er eine Glocke — bimbam, dingdang — und +plötzlich war er auch schon draußen, vor der geteerten +Holzkirche am Strand; die langarmigen, alten laublosen +Birken an der Mauer und die ehrwürdige Tanne vor +dem Portal rauschten; Glockenklänge, schrill, dünn, +kamen dahergewankt, und die scharfen Erdschollen auf +dem Sarg schlugen ihm Wunden fürs ganze Leben. Das +unaufhaltsame Weinen der Mutter — sie hatte es zurückgehalten +bis jetzt — keinen Laut bis dahin — nicht +am Bett, nicht, als sie ihn hinaustrugen; aber jetzt, mit +einemmal — ach, nicht einzudämmen mehr! ... O +Vater, Mutter, Mutter, Vater! ... Und auch er brach +in Tränen aus.</p> + +<p>Schon aus dem Grunde konnte er den Kameraden +nicht folgen; und er wollte überhaupt nicht mehr in +die Schule. Auf das hin konnte er keinem von ihnen +mehr begegnen, konnte nicht einmal mehr in der Stadt +bleiben. In zwei Stunden würde jedermann es wissen +und gaffen und fragen und grinsen. Und das, was er +vorhatte, war ja jetzt auch entweiht für ihn; wozu +noch studieren! In eine andere Stadt wollte er auch +nicht. Nein — nur heim, heim, heim!</p> + +<p>Aber wenn er länger hier stehen bliebe, so würden +sie bald einen aus der Klasse herunterschicken, um ihn +zu holen; er mußte gleich fort —. Nicht erst nach Hause +zur Tante; dort hätte er erzählen müssen. Nicht durch +das große Tor und über die Hauptstraße; die war immer +so voll von Menschen, und er sah so verheult aus! Nein, +er mußte durch das kleine Schlupfloch fort, das Josefine<a class="page" name="Page_30" id ="Page_30" title="30"></a> +ihm zurechtgemacht hatte, und durch das sie ihm +jeden Nachmittag hinaushalf, ohne daß die Jungens es +sahen.</p> + +<p>Das Holz war gegen des Nachbars Bretterzaun aufgestapelt; +aber zur Rechten lehnte der Stapel an +einem Schuppen, und dorthin lief jetzt Ole. Er löste +zwei Planken in der Wand, die nach dem Holzhaufen +ging, kroch hindurch und machte hinter sich wieder zu. +Dieses Kunststück wäre unmöglich auszuführen gewesen, +wenn nicht zwischen Schuppen und Bretterstapel ein +freier Raum gewesen wäre; und ein solcher befand sich +dort, dank einem Naturhindernis in Gestalt eines großen +Steines, der höher war als der Knabe und ein Stück +von der Wand weg stand. Wäre der Stein nicht gewesen, +so hätte die zweite Holzschicht sich an die erste +angelehnt und ganz abgeschlossen; so aber blieb zu +beiden Seiten des Steins und darüber ein freier Raum. +Und hier hatten die Kinder sich Stuben eingerichtet, +eine auf jeder Seite und eine auf dem Stein selbst. Die +hintere war die bequemste; dort war ein Brett zum +Sitzen, und wenn es auf beiden Seiten in den Holzstapeln +festgemacht war, so konnten die Kinder zur Not +sogar aneinander vorüber. Oben drüber hatten sie +Bretter gelegt, und darauf wieder Holz, damit niemand +Verdacht schöpfe; es war ein tüchtiges Stück Arbeit gewesen +für die zwei. Allzu hell war es ja nicht gerade; +aber das trug just dazu bei, es recht gemütlich zu machen. +Hier erzählte sie ihm von Spanien und er ihr von den +Abenteuern der Missionäre, sie von Stiergefechten, er +von Kämpfen mit Tigern und Löwen und Schlangen, +von furchtbaren Zyklonen und Windhosen, von wilden +Affen und Menschenfressern. Seine Erzählungen hatten +nach und nach die ihren übertrumpft; sie waren reicher +und sie hatten ein bestimmtes Ziel. Sie lebte von Erinnerungen, +er von allem, was seine Phantasie nur zu +ergattern vermochte, und bei allem war er selber im +Mittelpunkt der Dinge. So lange schilderte er, und so +glühend, bis auch in ihr die Sehnsucht erwachte, im<a class="page" name="Page_31" id ="Page_31" title="31"></a> +Mittelpunkt dieser Dinge zu sein! Erst schickte sie ein +paar vorsichtige Fragen voraus: ob es auch angehe, daß +Frauen Missionäre würden? Das wußte er nun zwar +nicht; es war sicherlich doch bloß Männerarbeit, das +Missionieren; aber Frauen von Missionären konnten sie +werden. Ob denn die Missionäre verheiratet seien, fragte +sie. Er nahm das zunächst als dogmatische Frage. Einmal +habe er seinen Vater darüber in einer Versammlung +reden hören; irgendeiner habe Zweifel darüber geäußert; +denn Paulus, den man ja doch den ersten und +größten Missionär nennen müsse, sei nicht verheiratet +gewesen, ja, er habe sich dessen sogar gerühmt. Aber +der Vater habe erwidert, Paulus habe geglaubt, Jesus +werde bald wiederkommen, und darum habe er sich +beeilen müssen, überall umherzuwandern und das zu verkündigen, +auf das die Menschen sich bereithalten sollten. +Die Missionäre von heute dagegen müßten im Gegenteil +auf einem und demselben Fleck Erde leben, und dazu +gehörten doch wohl auch Frauen. Er habe selber +von Missionärsfrauen gelesen, die Schule für kleine Negerkinder +hielten.</p> + +<p>Weiter war keins von den beiden gegangen; aber daß +<em class="gesperrt">sie</em> doch ganz im geheimen daran dachte, ging deutlich +aus einigen Fragen hervor, wie z. B., ob es wahr sei, daß +die Negerkinder Schnecken äßen? Das behagte ihr nicht.</p> + +<p>Und inmitten dieses Halbdunkels — ihr brauner und +sein blonder Kopf dicht zusammengesteckt über atembeklemmenden +Abenteuern — hatten sie unter Palmen +gesessen; es wimmelte von kleinen Schwarzen, und alle +waren sie artig und bekehrt, und zahme junge Tiger +gab es da, die sich dicht vor ihren Füßen im Sand +wälzten; gutmütige Affen bedienten sie, Elefanten +trugen sie behutsam, die Bäume hingen voll der Nahrung, +deren sie bedurften.</p> + +<p>Und jetzt kam Ole, um dies Eden zum letztenmal +zu sehen und Abschied davon zu nehmen.</p> + +<p>Eben hatte er sich aufgerichtet, um über den Stein +zu klettern, als ihm einfiel, heut sei Samstag. Samstag<a class="page" name="Page_32" id ="Page_32" title="32"></a> +von elf Uhr ab hatte sie frei (sie hatte Privatunterricht), +und da setzte sie sich oft während der großen Pause +der Knaben hinter die Holzstapel.</p> + +<p>Wenn sie jetzt eben dort säße! Wenn sie alles gehört +hätte! Schnell hinauf auf den Stein, und richtig — da +saß sie unten auf dem Brett und sah zu ihm hinauf.</p> + +<p>Ihr bloßer Anblick und mehr noch die Art, wie sie +seinem Blick begegnete, ließ ihn von neuem in helle +Tränen ausbrechen. "Ich — will — heim!" schluchzte +er, "und nie — nie wiederkommen!" Und er ließ sich +zu ihr hinuntergleiten. Sofort nahm sie sich seiner an, +gab ihm schleunigst ihr Taschentuch, damit er es sich +vor den Mund halte, um sich durch sein Weinen +nicht zu verraten. Sie kannte den Schulhof, und sie +wußte, man suche ihn jetzt auf dem Hof. Und er +gehorchte, wie immer, ihrer überlegenen Führung in +den Dingen, die zur guten Erziehung gehören; nur daß +er glaubte, es handle sich einmal wieder um das ewige +Geschnäuze, und so schnäuzte er sich denn und weinte, +und weinte und schnäuzte sich. Da packte sie ihn hurtig +mit ihrer derben Kleinmädelfaust im Nacken, mit der +andern umspannte sie mit festem Griff seine Hände +mitsamt dem Taschentuch und preßte ihm das in den +Mund; während sie gleichzeitig ihren dunkelhaarigen +Kopf unheilverkündend dicht vor seinem Gesicht schüttelte. +Jetzt begriff er! Es war auch die höchste Zeit; +denn schon rief man auf dem Schulhof seinen Namen, +wieder und wieder, in Zwischenräumen und +aus verschiedenen Richtungen. Es fiel ihm entsetzlich +schwer, das Weinen zu unterdrücken, so daß er am +ganzen Körper zitterte; aber er hielt es zurück. Hielt +es zurück, bis sie den Kameraden, den man nach ihm +ausgeschickt hatte, wieder hinaufstürmen hörten. "Ich +— will — heim!" fing er dann gleich wieder an und +heulte von neuem drauflos — er konnte nicht anders. +Dann gab er ihr das Taschentuch zurück, nickte, stand +auf und zog die Planken in des Nachbars Bretterwand +weg — immerzu laut schluchzend und in tiefstem Ent<a class="page" name="Page_33" id ="Page_33" title="33"></a>setzen. +Kaum waren die Planken weg, so war er auch im +Loch; das auf der Schulbank blank gescheuerte Hinterteil +und die glänzenden, eisenbeschlagenen Absätze schoben +sich weiter und weiter hinein, bis sie verschwanden. +Auf der andern Seite stand er auf, drängelte sich zwischen +der Bretterwand und einem Holzhaufen durch, bis zu +ein paar alten Balken, die da lagen und vermorschten; +von dort eilte er zur Hintertür, und erst, als er draußen, +auf freiem Grund und Boden, in einem engen Gäßchen +stand, fiel ihm ein, daß er vergessen hatte, Josefine +Lebewohl zu sagen; ja, daß er sich nicht einmal bei +ihr bedankt hatte. Auch das noch, zu all dem andern +Unglück! Nun erst recht trieb es ihn im Galopp zur +Stadt hinaus, und er machte nicht eher halt, als bis er +auf Umwegen die Landstraße erreicht hatte. Der gehörte +so gewissermaßen zu seinen Schildknappen, der +alte Strandweg.</p> + +<p>Josefine stand eine Weile da und blickte auf die Stelle, +wo die Absatzeisen verschwunden waren; aber nicht +lange. Sie sprang auf den Stein, glitt an der Wand +wieder herab, schob die Bretter beiseite, kroch hindurch +und schob sie vorsorglich hinter sich zu. Gleich +darauf erschien sie ohne Hut in der Apotheke und fragte +nach ihrem Bruder; erst in der Apotheke selbst, wo er +sich am liebsten aufhielt; aber da war er nicht; er hatte +nicht einmal seine Schulbücher abgegeben. Dann durchsuchte +sie oben alle Zimmer; dort war er ebenfalls nicht; +aber vom Fenster aus sah sie den großen fremden Dampfer, +umringt von zehn, zwölf Booten; natürlich, da war +er! Also rasch hinunter zur Brücke. Sie machte ihr +eigenes kleines weißgestrichenes Boot los und schoß +hinaus.</p> + +<p>Sie ruderte, daß ihr der Schweiß von der Stirn lief, +ruderte und blickte sich um, bis sie das schwere Wrack +erreicht hatte, das grüne Ungeheuer, das dort lag und +unter den Pumpen stöhnte. Weit draußen sah sie Edvard, +die Schulbücher unterm Arm, oben auf der Kommandobrücke +stehen, im Gespräch mit seinem Freund Rojert Mo.</p> + +<p><a class="page" name="Page_34" id ="Page_34" title="34"></a>Sobald sie nahe genug war, rief sie seinen Namen. +Er und sämtliche Umstehenden hörten es. Die letzteren +sahen ein braunhaariges Mädel, die Ruder in der Hand, +glühend rot vor Anstrengung, aufrecht dastehen und +nach der Kommandobrücke starren; sie besannen sich +einen Augenblick, was das wohl bedeuten könne, und +vergaßen es dann wieder; Edvard aber gab es einen +Stich: da war irgend etwas Unangenehmes geschehen; +und wie der Wind war er von der Kommandobrücke +herunter, auf Deck, darüber weg, an der andern Seite +des Dampfers hinab — und über die andern Boote in +ihres geturnt, das er gleichzeitig abstieß. "Was ist los?" +Die Bücher legte er hinter sich ins Boot, nahm ihr die +Ruder aus der Hand und setzte sich. "Was ist los?"</p> + +<p>Rot und atemlos, mit fliegenden Haaren, stand sie +da und sah ihn an, während er das Boot drehte. Dann +stieg sie über das mittlere Sitzbrett, machte das zweite +paar Ruder los und setzte sich ihm gegenüber auf die +hinterste Ruderbank. Er hatte keine Lust, ein drittes +Mal zu fragen, und ruderte drauflos; und nun fing sie, +die Ruder über Wasser haltend, an:</p> + +<p>"Was hast Du Ole Tuft getan?" Er wurde blaß und +rot; auch er hielt jetzt die Ruder hoch.</p> + +<p>"Es ist aus mit ihm in der Schule. Er ist nach Hause +und kommt nicht wieder."</p> + +<p>"Ach was, Du lügst!" Aber seine eigene Stimme +widersprach ihm. Er ahnte, — sie redete die Wahrheit. +Er schlug aus Leibeskräften die Ruder ins Wasser und +ruderte, als wolle er hinter ihm drein.</p> + +<p>"Jawohl, es ist schon das beste, Du ruderst drauflos!" +Sie selber fing an, nachzulassen. "Das beste, Du rennst +ihm gleich nach, und wenn's bis nach Store-Tuft ist! +Sonst geht Dir's schlecht! Beim Vater und auch in der +Schule! So ein Jammerkerl, wie Du bist!" — "Halt's +Maul, Du!" — "Wart' Du nur! Wenn Du ihm nicht +augenblicklich nachsetzt und ihn wieder mit nach Hause +bringst, sag' ich's dem Vater und dem Rektor, — verlaß +Dich drauf!"</p> + +<p><a class="page" name="Page_35" id ="Page_35" title="35"></a>"Bist selber ein Jammerkerl, und eine Petze bist Du, +daß Du's nur weißt!" — "Hättest bloß hören sollen, +wie Anders Hegge und die ganze Schule sich aufführten; +alle haben sie Ole ausgelacht, alle, alle — und wie der +arme Bengel geweint hat, als würde er ausgepeitscht — und +dann schnurstracks heimrannte! Pfui, schäm' Dich! +Wenn Du ihn nicht wieder mitbringst, so wirst Du mal +was erleben!" — "Schafskopf! Siehst Du denn nicht, +daß ich schon rudere, was ich nur kann!" — Seine +Nägel wurden weiß, sein Gesicht quoll auf, er beugte +sich jedesmal fast bis auf den Boden, um möglichst weit +auszuholen. Ohne ein Wort weiter zu verlieren, setzte sie +sich auf die Bank dicht vor seiner und legte sich gleichfalls +tüchtig in die Stangen.</p> + +<p>Als er an der Brücke aufstand, um anzulegen, sagte +er: "Heut morgen hab' ich nicht mehr frühstücken +können, und jetzt krieg' ich auch kein Mittagessen. +Hast Du Geld bei Dir, daß ich mir ein paar Brezeln +kaufen kann?" — "Ja, ein paar Pfennige hab' ich", +und sie zog die Ruder ein und holte das Geld heraus. +"Nimm meine Bücher!" rief er und sprang davon. Bald +darauf war auch er draußen auf der Landstraße.</p> + + +<h3><a href="#Inhaltsverzeichnis">3</a></h3> + +<p>Der Tag war nicht ganz klar gewesen; eine Unruhe +war in der Luft, die Wolken jagten in anderer +Richtung als der leichte Südwind. Es war mild und +taute wieder. Die Wege waren jämmerlich, voll Schneeschlamm +und Schmutz, besonders hier, in der Nähe der +Stadt, war alles zu einem Brei zusammengetrampelt und +-getreten.</p> + +<p>Der Junge war noch nicht zehn Minuten unterwegs, +als seine etwas dünnen Stiefel auch schon von Wasser +vollgesogen waren. Na, das machte nichts! Schlimmer +war es mit der letzten Brezel; denn satt war er nicht, +nicht im entferntesten! Aber auch das machte nichts. +Er würde Ole schon bald einholen; er war schneller zu<a class="page" name="Page_36" id ="Page_36" title="36"></a> +Fuß, war beweglicher, und er legte ganz gehörig los. +Wenn er ihn nur erst eingeholt hatte — in Ordnung +bringen würde er die Sache schon, daran zweifelte er +keinen Augenblick. Ole war verträglich, und er, Edvard, +würde bei den Jungens für ihn eintreten; das zum mindesten +war er ihm schuldig. Und ihm selber machte +es überdies Spaß; er würde schon noch ein paar von den +andern auf seine Seite bringen, und dann sollte es eine +Schlacht setzen!</p> + +<p>Doch als er eine ganze Viertelmeile gegangen war, +ohne in diesem Matsch auch nur eine Spur von Oles +Stiefeln, geschweige denn von ihm selber zu entdecken, +als er sich gar eine halbe Meile vorwärts geschleppt +hatte, durch die scheußlichste Unwegsamkeit, mit patschnassen +Füßen, abwechselnd schweißtriefend und eiskalt, +dann wieder halbtrocken und wieder schweißtriefend — +dazu drohte Regen und Sturm, und die Landschaft +war schauerlich einsam mit ihren langen öden Bergrücken +und den dazwischenliegenden Wäldern — da +sank sein Mut bedeutend.</p> + +<p>Und dann — sonderbar! Nach der ersten Viertelmeile +begegnete er keiner Menschenseele mehr. Spuren +sah er genug auf dem Wege, von Pferden und Menschen +und Hunden; alle liefen sie in derselben Richtung wie +er, und die meisten waren frisch. Aber keine Menschenseele +war zu erblicken, nicht einmal in den Gehöften; +keinen Hund hörte er bellen, keinen Schornstein sah +er rauchen; wie ausgestorben war alles. Eine leere Bucht +nach der andern; vorspringende Bergrücken, durch Geröll +oder Erdrutsche gebildet, trennten sie; immer wieder +eine Bucht, und an jeder Bucht ein Gehöft oder mehrere, +und ein Fluß oder ein Bach; aber nirgends ein +Mensch. Ach, wie oft war der Junge schon einen kahlen +Hang hinangeklettert und oben weitergewandert, bis +er die nächste Senkung überschauen konnte, ohne Ole +auf der Landstraße zu erblicken, ohne überhaupt eine +Menschenseele zu erblicken! Er merkte wohl, er würde, +ausgehungert und müde, bis hinaus nach Store-Tuft<a class="page" name="Page_37" id ="Page_37" title="37"></a> +traben müssen. Das war fast eine Meile. Dann blieb +er zu lange aus, der Vater würde es erfahren, es setzte +dann doch Hausarrest und Verhör und Schelte und +Schläge, vielleicht kam's auch gar noch vor den Rektor, +und die ganze Geschichte ging noch einmal von vorn +los ... Er war dem Weinen nahe. Dieser verdammte +Anders Hegge mit seinen lüsternen Fischaugen und +seinem fetten Lächeln bei allem, was ihm behagte! Und +die lauernde Freundlichkeit, das kitzliche Lachen, das +Geklatsche — o pfui! So ein Scheusal! Und dafür mußte +er hier mit schmerzenden Füßen, müde und verzweifelt, +durch den Schmutz stapfen! Das also hatte seine entsetzliche +Angst gestern abend bedeutet! Das war's gewesen!</p> + +<p>Ach was, zum Teufel mit dem Geflenne und der +Kopfhängerei! Einmal mußt du ja hinkommen, und +Schläge hast du schon mehr als einmal gekriegt! Trallalla! +Und er fing an, ein lustiges spanisches Lied zu +singen, sang Vers für Vers — kam außer Atem — mußte +langsam gehen, und erschrak doch, als er seine eigene +Stimme nicht mehr hörte. Also ein neues Lied — und +wieder einmal hinauf — den ganzen langen Steinhang.</p> + +<p>Auch da kein Mensch, bloß Wagenspuren und Fußspuren +von Erwachsenen und Kindern und Pferden und +Hunden aus den Gehöften drunten. Alle vorwärts +laufend. Was war denn los? Eine Feuersbrunst? Auktion? +Dazu hätten sie nicht das Fuhrwerk mitgenommen. +Vielleicht irgendwo ein Bergsturz? Oder ein großes +Schiffsunglück gestern? Ach, ihm konnte das eigentlich +gleich sein! Gerade, als er über den nächsten Bergrücken +klettern wollte, der eine lange Nase in den Fjord +hinausstreckte, sah er zum erstenmal Oles Spuren; da war +er am Wegrand entlang gegangen; er kannte die eisenbeschlagenen +Absätze, ebenso die Holzflecken unter +jedem Fuß. Die Spuren waren ganz frisch; jetzt konnte +Ole nicht mehr weit sein! Das gab ihm neue Kraft. Er +lief wacker drauflos.</p> + +<p>Ein hoher Tannenwald umfing ihn; alles war still. +Als er beim Steigen mit Singen aufhören mußte, wurde<a class="page" name="Page_38" id ="Page_38" title="38"></a> +ihm ganz unheimlich zumute. Je höher er kam, desto +dichter wurde der Wald; der Schnee lag fester, Steine +und Heidekrautbüschel guckten neugierig daraus hervor +wie Tiere. Und dann raschelte es hier und knisterte es +dort, und irgendwo schrie es; ein großer aufgescheuchter +Vogel flog mit entsetzlichem Flügelschlag auf; der +Junge suchte schweißtriefend nach Oles Fußtapfen, um +sie nicht zu verlieren; die Angst von gestern war plötzlich +wieder über ihm. Wenn er's doch über sich brachte, +recht draufloszurennen! Wenn der Wald doch ein Ende +nehmen wollte! Während der unverantwortlich langen +Stille nach dem Auffliegen des Vogels hatte er schließlich +das Gefühl: wenn jetzt bloß noch das winzigste +Bißchen dazu komme, so würde er verrückt! Und der +Hohlweg, durch den er mußte! Schon ganz von weitem +starrte er hinein, zwischen die hohen, schwarzen Wände; +als ob sie über ihm zusammenklappen wollten — sahen +sie aus; von oben hingen ein paar unheimliche Bäume +darüber und spähten lauernd hernieder. Als er endlich +drin war, kam er sich wie die allerwinzigste kleine Ameise +im Walde vor: wenn sie bloß stillständen, bis er vorüber +war — wenn bloß keiner sich auf einmal von oben +herunterbeugte und ihn beim Kragen packte, oder dicht +vor ihm oder dicht hinter ihm sich fallen ließ — oder +ihn anwehte ... Er ging mit starren Augen — wie ein +Nachtwandler; die Kiefernwurzeln zogen sich krumm +und verwittert über den lehmigen Pfad hin ... und alle +lebten sie ... Aber nein ... Er tat, als merke er nichts ...</p> + +<p>Ganz fern, hoch oben in der Luft, flog ein Vogel +nach der Stadt, aus der er kam ... Ach! Wer auf seinem +Rücken säße! So deutlich sah er die Stadt, die Schiffe +im Hafen, hörte die frohen Weisen, das helle Ankerrasseln +... das Dröhnen an den Brücken ... den herzensfrohen +Lärm und Spektakel ... die Kommandorufe ... +Nanu ... da hörte er ja <em class="gesperrt">wirklich</em> Kommandorufe ... +Und eine Schiffspfeife ... und noch eine ... eine ganz +derbe ... Und Stimmen! ... Jawohl ... Stimmen ... +und dazu Pferdegewieher! Und Hundegekläff! Und<a class="page" name="Page_39" id ="Page_39" title="39"></a> +wieder Stimmen und Stimmen! Er war aus dem Hohlweg +heraus, — ganz kurz war der gewesen! — und +zwischen den Bäumen hindurch schimmerte die See ... +und Schiffe ... Was war denn das? War er denn wieder +in der Stadt? War er im Ring herumgelaufen? Er war +doch immer am Strand entlang gegangen! Er fing an +zu rennen, in Sätzen — — Freilich, jetzt kannte er sich +wieder aus! Ja, wahrhaftig, er war immer nur geradaus +gelaufen! Und da öffnete sich der Wald ... und +die Bucht ... die hatte er doch schon einmal gesehen? +Und auch die Inseln erkannte er wieder ... Er war auf +dem richtigen Weg ... nun war's nicht mehr weit bis +Store-Tuft! ... Aber was taten denn diese Boote da? +Was bedeutete dies gleichmäßige, ununterbrochene Gelärm? +Ein Fischzug! Hurra! Ein Fischzug! Mitten +in einen Fischzug war er hineingeraten! Hurra! Hurra! +Vorbei aller Hunger, alle Müdigkeit, alle Furcht! In +langen Sprüngen setzte der Junge den Hügel hinunter.</p> + +<p>Eins der Netze war eben an Land gezogen, eins stand +ausgespannt im Wasser, eins wurde eben eingeholt. Von +allen Seiten strömte es herbei. Aber es war Samstagabend, +es hieß warten, bis zum Sonntagabend, um die unzähligen +gefangenen Fische auszunehmen. Auf den ersten +Blick hatte er das begriffen.</p> + +<p>Der ganze Strand war voll Menschen, bis hinauf zur +Straße, zu beiden Seiten, Leute überall, immer mehr +Leute. Wagen und Schlitten durcheinander standen da, +mit und ohne Fässer und Tonnen, Pferde vor- oder +ausgespannt — Hunde zu Haufen; überall junges Volk, +und Lachen und Lärm ... Und draußen, in der Bucht, +Boote um die Netze ... die Netze, die eingeholt werden +mußten, und ein Geschrei und ein Spektakel, und hoch +in den Lüften ein Vogelschwarm, naseweise, kreischend, +flügelflatternd — bis weit hinaus.</p> + +<p>Der Himmel ward dunkler, der Dampferqualm machte +die Luft noch düsterer und drohender, die nackten Inseln +paßten zu dem heraufziehenden Unwetter: sie sahen +aus, als seien sie eben erst emporgestiegen; die bewaldete<a class="page" name="Page_40" id ="Page_40" title="40"></a> +Klippe weit draußen ragte geheimnisvoll, einsam im +Regenschauer empor; die Dampfer rauchten und kreischten +und fauchten und pfiffen um die Wette um sie her; +die reinen Konkurrenten.</p> + +<p>Die Männer stampften in Flößerstiefeln umher, Ölmäntel +über ihrem gewöhnlichen Anzug; andere trugen +— mehr nach Bauernart — Frieswams und Pelzmütze. +Die Weiber, dicke Tücher über der gewohnten Kleidung +oder in Männerröcke eingemummt, arbeiteten mit den +Männern um die Wette beim Ausnehmen der Fische; +der gewohnte stille Verkehrston war wie ausgewechselt.</p> + +<p>Schon fielen vereinzelte schwere Regentropfen, die +dichter und dichter wurden. Fast alle Gesichter, in die +Edvard sah, waren durch und durch naß. Er wurde +ordentlich begafft: ein schmächtiges Stadtjüngelchen, — +in solch einem Treiben — leicht gekleidet — mit triefendem +Gesicht — außer Atem, die dünne Pelzmütze platt +an den Kopf angeklebt!</p> + +<p>Aber wen sah er da vor sich? War das nicht Ingebret +Syvertsen, der lange, schwarze Kerl, der mit Vater Kallem +Geschäfte machte? Dort stand er nun und feilschte +— lang und hager — in Öltuch gewickelt von Kopf +bis zu Füßen. Der war tüchtig mit dabei gewesen! +Wie Silberschimmer lag noch der Gischt über ihm! +"Grüß Gott, Ingebret!" rief der Knabe froh. Der lange +Kerl mit dem nassen Gesicht unter dem Südwester, einen +großen herabhängenden Tropfen an der Nase, mit seinem +dünnen schwarzen Bart und den drei Zahnlücken im +Oberkiefer, erkannte ihn auch sofort und lachte; dann +rief er: "Dein Vater ist auch unterwegs, Jung'! Zu +Pferde!" — Irgend jemand sprach in diesem Augenblick +Ingebret an; er drehte sich um, wurde ärgerlich +und verwickelte sich in viele Worte; und als er sich +wieder dem Jungen zuwandte, sah er ihn schon weit +draußen, hinter dem ganzen Fischertreiben, auf der +Straße.</p> + +<p>Edvard war in hellem Schreck davongelaufen ... und +erst jetzt, auf der Straße, fiel's ihm ein — er lief ja<a class="page" name="Page_41" id ="Page_41" title="41"></a> +dem Vater geradenwegs in die Arme. Ob er überhaupt +Store-Tuft noch erreichen konnte, bevor er den Vater +traf?</p> + +<p>Aber — was sollte er tun? Gesehen hatten sie ihn, +alle diese Menschen; und sie hatten ihn derart angestarrt, +— sie würden's schon herauskriegen, wer er +war! Und wenn der Vater vorüberkam, würde er's auch +erfahren! Wozu also noch lange durchbrennen! Haue +jetzt gleich — oder Haue später — das kam auf eins +heraus. Fast wollte er wieder anfangen zu singen. Denn +ärger als es war, konnte es doch nicht werden. Und +wirklich — er setzte auch ein, und zwar die Marseillaise +auf Französisch — die paßte just für einen, den Schläge +erwarteten ...! Hurra! Aber er war noch nicht mit +dem ersten Vers zu Ende, als ihm auch schon das Herz +in die Hosen sank. Die Stimme versagte, und auch der +Takt, und alles hatte auf einmal eine ganz andere Farbe. +Ach, und wie sauer ihm das Gehen wurde! Es regnete +jetzt tüchtig. Der Gesang wurde zu abgerissenen Strophen, +bis er ganz aufhörte. Die Gedanken des Knaben +hatten sich verfangen in etwas, das er kürzlich in der +Zeitung gelesen hatte: die Überschwemmung einer großen +Kohlengrube in England. Die Menschen waren +davongestürzt, so schnell sie nur konnten, und die +Pferde hinter den Menschen her; dort unten wußten +sie sich nicht selber zu helfen. Die armen Tiere! Ein +Junge hatte sich retten können, und der erzählte, wie +ein Pferd hinter ihm hergekeucht war; der Junge war +hinaufgeklettert, das Pferd konnte nicht mit ... Edvard +sah das Tier ganz deutlich vor sich, den Kopf, die +schönen glänzenden Augen, er hörte das Schnauben und +Wiehern, und jedesmal machte es ihn ganz krank. In +solchem Entsetzen sterben — das war etwas! Und all +das sollte am jüngsten Tag wieder auferstehen! Was +da wohl alles aus den Eingeweiden der Gruben und +Eingeweiden der Erde hervorkommen würde! Weshalb +sollten die Tiere nicht auch mit dabei sein? Sicher +traten sie auch vor und wieherten und klagten die<a class="page" name="Page_42" id ="Page_42" title="42"></a> +Menschen an! Du großer Gott, mußten das Anklagen +werden! Und so viele — wenn man bedachte — von +der Erschaffung der Welt an! Und wo waren sie alle +zu finden? Auf der Erde und unter der Erde und — +und die Wesen, die im Meer lagen, auf dem Grunde der +See? Und die Geschöpfe, die wieder unter ihnen lagen? +Denn an vielen Stellen war ja Land gewesen, wo jetzt +See war. Ach ja!</p> + +<p>Wie hungrig er war! Und nun fror ihn; er konnte nicht +länger schnell gehen, und er war durch und durch naß.</p> + +<p>Viel Ursache, sich nach dem Ziel seiner Wanderung +zu sehnen, hatte er ja auch gerade nicht. Er kannte +die neue Reitpeitsche nur zu gut; die alte hatte er +selber aus der Welt spediert; aber hätte er gewußt, +daß die neue noch schlimmer ausfallen würde — er +hätte die alte vermutlich noch ein paar Jahre länger +leben lassen. Au! Jetzt kribbelte es ihn auch noch +unter den Nägeln, und seine Finger wurden steif. Und +die Füße! An die durfte er gar nicht erst denken; dann +würden sie nämlich noch schlimmer; horch, wie es in +den Stiefeln klatschte! Er machte sich den Spaß, die +Füße kreuzweise voreinander zu setzen; er wechselte +von rechts nach links und von links nach rechts; aber +es machte ihn nur müde. Immer zäher und zäher ging's, +immer mühseliger wurde es; jetzt kam wieder eine Steigung. +Himmel, war das nicht die letzte? Lag nicht +Store-Tuft in der nächsten Senkung? Dicht am Fuß +der Anhöhe? Natürlich, das war die Tuft-Niederung! +Vielleicht kam er doch noch vor dem Vater hin? Und +wenn es auch nur ein Aufschub war — es war doch +immerhin etwas! Donnerwetter! Es war schon der Mühe +wert, sich zu beeilen! In den Jungen kam neues Leben. +Frisch drauflos!</p> + +<p>Übrigens — der Vater war nicht bloß streng! Er war +auch gut. Besonders, wenn Josefine zu Edvard hielt +und ein gutes Wort für ihn einlegte. Und das würde +sie schon, wenn Ole wiederkam; dann hielt sie sicher +zu ihm. Sie würden versuchen, auch den Apotheker zu<a class="page" name="Page_43" id ="Page_43" title="43"></a> +gewinnen. Er war furchtbar nett, der Apotheker, und +es war auf alle Fälle gut, Hilfstruppen zu haben, so viel +wie möglich. Herrgott, gab es denn nicht noch mehr ...?</p> + +<p>Da tauchte der rote Pferdekopf über der Hügellinie +auf! Die großen Strohschuhe, die der Vater im Winter +als Steigbügel benützte, standen zu beiden Seiten des +Fuchsen ab wie die Tatzen eines Raubtieres. Der Junge +wurde zu Stein und stand still.</p> + +<p>"Rauen", der Fuchs, glotzte aus dem schweren, spanischen +Sattelzeug heraus Edvard an; er traute seinen +eigenen klugen Augen nicht. Dem Vater erging es +augenscheinlich ebenso; denn sein runder Kopf in der +grauen Wollmütze streckte sich weiter und weiter über +den Pferdehals vor, bis er sich mit beiden Händen auf +den Sattelknopf stützen mußte. Dieser pudelnasse +Bursche mit dem Pelzklex auf dem Kopf — der dort, +blaß und erschrocken, wie ein Gespenst mitten auf der +Straße stand — war das der Junge, der um diese Zeit +zu Hause sitzen und seine Aufgaben machen sollte, bevor +er sich überhaupt rühren durfte? Am Samstag nachmittag? +In solchem Wetter, bei solchem Schmutz, und +so leicht gekleidet — hier draußen auf dem Weg nach +Store-Tuft? Und das ohne Erlaubnis? "Hölle und +Teufel, was treibst Du hier?"</p> + +<p>Das Pferd blieb stehen; der warme Atem füllte die +Luft rings um den Jungen und hüllte ihn in Nebel und +einen unangenehmen Schweißgeruch. Edvard vermochte +sich nicht zu rühren, wagte nicht zu antworten. Er +starrte bloß durch den Nebel blöd und dumm zum +Vater auf; zuletzt wußte er gar nichts mehr von sich.</p> + +<p>Unverzüglich stieg der Vater ab, und gleich darauf +stand er, die Zügel um den linken Arm, die Peitsche +in der rechten Hand, vor ihm. "Was gibts, he? Woher +kommst Du? Hölle und Teufel, wirst Du wohl antworten!"</p> + +<p>Edvard glitt mechanisch weiter und weiter zurück; +der Vater ihm nach; und ebenso mechanisch hob der +Junge den rechten Arm, um das Gesicht zu schützen;<a class="page" name="Page_44" id ="Page_44" title="44"></a> +den linken hielt er abwehrend vor sich ausgestreckt. +"Wo willst Du hin?" — "Zu Ole Tuft." — "Was willst +Du da? He? Ist Ole Tuft zu Hause?" — "Ja." — "Was +willst Du bei ihm?" — "Ich will — ich will — —" — +"He?" — "— ihn um Verzeihung bitten." — "Um +Verzeihung? Nanu? Na? He?" — Und die Peitsche +fuhr in die Höhe. Der Junge beeilte sich: "Er will nicht +mehr in die Schule kommen." — "So? Eklig gegen ihn +gewesen? He? Und Du an der Spitze? He?" — "Ja." — +"Also Deine Schuld, was? He?" Er kreischte. — "Ich +hab' 'rausgekriegt —" Der Junge stockte. — "Was?" — +"— — daß er ... daß er ..." Er fing an zu weinen. +"— He?" — "... daß er Kranke pflegt." — "Und +hast's weitergesagt, he? Gepetzt? He?" Edvard getraute +sich nicht zu antworten, und nun begann die Peitsche +eklig zu werden. Beide Arme des Jungen gingen im Takt +mit der Peitsche auf und nieder, unsicher, wohin sie +zielte. Er wich immer weiter zurück. "Stillgestanden!", +schnarrte es. Statt dessen sprang der Junge mit einem +Satz bis unmittelbar an den Rand des Straßengrabens. +Zornig hob der Vater die Peitsche; das Pferd hinter +ihm erhielt, ohne daß er es wußte, einen tüchtigen +Hieb und zerrte so heftig, daß der Vater fast umgerissen +wurde. Edvard vermochte beim besten Willen +der überwältigenden Komik dieser erlösenden Unterbrechung +nicht zu widerstehen; er fing schallend zu +lachen an, erschrak aber gleich, als er es selber hörte, so +unsinnig, daß er über den Graben wegsprang und in +den Wald hineinrannte. Sobald er dem Vater den +Rücken gedreht hatte, konnte er sich nicht mehr halten, +er mußte wieder lachen, und wußte das durch nichts +Besseres zu verdecken als durch ein lautes Geheul.</p> + +<p>Die Verachtung des Vaters für den Jungen war +grenzenlos. Er selber wurde dadurch ganz kaltblütig, +brachte das Pferd zum Stehen und schwang sich in +den Sattel. "Komm!" sagte er ruhig und wies mit +der Peitsche nach Store-Tuft. Weitere Abrechnung +folgt, wenn wir dort sind! dachte der Junge.</p> + +<p><a class="page" name="Page_45" id ="Page_45" title="45"></a>Er gehorchte selbstverständlich und kam eiligst — +bis auf einen gemessenen Abstand vom Pferd. — Und +diesen Abstand hielt er auch unverändert ein. Das +Pferd schritt schnell aus, so daß es nicht ganz leicht war.</p> + +<p>Und nun jagte der graue Mann auf dem roten Pferd +den Sohn erbarmungslos vor sich her durch den Schneeschlamm, +trotzdem die Füße des Jungen wundgelaufen +waren — man sah es an der Art, wie er sie setzte; trotzdem +er erfrorene Hände hatte — er steckte sie ab und +zu in den Mund; trotzdem er bis auf die Haut +durchnäßt sein mußte — die Pelzmütze klebte am Kopf +wie ein Waschlappen! Der graue Mann selber saß +trocken, in warmen, wasserdichten Kleidern, da, in der +Hand die Peitsche, mitten im Gesicht den großen +Riecher, daneben zwei funkelnde Augen. Niemand, der +den Aufzug gesehen, hätte ahnen können, daß dieser +gestrenge Herr keinen höheren Wunsch hegte, als den +Jungen, den er da so wütend vor sich hertrieb, lieben +zu können.</p> + +<p>Aber um einen Menschen lieben zu können — dazu +gehört, daß er so ist, wie wir wolle — nicht wahr? +Und wenn nun das der Junge nicht wollte? Und wenn +Kallem an Mißgeschick nicht gewöhnt war? Das erste +ernstliche Mißgeschick, das ihn betroffen hatte, war der +Tod seiner Frau gewesen, und ganz kurze Zeit darauf +kam das mit dem Jungen. Bis dahin hatten sie alle im +Ausland gelebt, Kallem in Frieden mit seiner Frau, +seinem Geschäft und seinem Sport und seinen stillen +Büchern — er war nämlich ein eifriger Leser; nichts +hatte ihn je gestört oder geplagt. Das Geschäft besorgte +der Bruder seiner Frau; es ging ausgezeichnet; das Haus +besorgte seine Frau, ebenfalls ausgezeichnet. Alles ging +ohne Störung oder Sorge, genau so, wie es gehen sollte — +bis zum Tode der Frau.</p> + +<p>Aber dann!</p> + +<p>Weder er noch andere konnten anfänglich die unerwartete +Veränderung begreifen, die mit ihm vorging. +Manche meinten, der Verlust seiner Frau habe<a class="page" name="Page_46" id ="Page_46" title="46"></a> +ihn verrückt gemacht; er selber meinte, das spanische +Klima sei zu warm für ihn; er müsse fort, er müsse nach +Hause. Der spanische Geschäftsführer stimmte sofort +bei; es war nämlich eine ganz ausgezeichnete Spekulation, +das Hauptgeschäft nach Norwegen zu verlegen +und in Spanien eine Filiale zu unterhalten. So brachen +sie denn auf — vor nunmehr etwa einem Jahr.</p> + +<p>Aber der Junge, der schon in Spanien schuld war, +daß der Vater das erstemal sich vergaß — übrigens +auch ein zweites, und unglücklicherweise ein drittes, +viertes, fünftes, sechstes Mal — immer war's der Junge!— +brachte ihn leider auch in Norwegen aus dem Gleichgewicht. +Im warmen wie im kalten Klima — der Junge +war immer gleich eklig!</p> + +<p>Bald kamen auch aus der Schule Klagen über ihn; +dann aus der Apotheke, wo sie bei Kallems altem Freund +zur Miete wohnten; dann von den Leuten, von den +Nachbarn, von den Landungsbrücken. Vielleicht mußten +auch andere Eltern Klagen anhören über ihre Jungens; +vielleicht waren die Leute in dieser Gegend überhaupt +schnell mit Klagen bei der Hand; davon wußte Kallem +nichts; er war eine Einsiedlernatur. Soviel aber wußte +er: sein Sohn war der begabteste Junge in der Schule; +das versicherte ihn ein Lehrer nach dem andern; er +wußte ferner, daß es dem Sohn auch im übrigen an +nichts fehle, weder an Gemüt noch an Willen; nur — +er war so gleichgültig und selbstzufrieden, mochte sich +immer nur amüsieren, mochte in alles, was ihn nichts +anging, seine Nase stecken, war gleichzeitig dreist und +doch feig, ein schändlicher Spottvogel und grenzenlos +unartig. Einen Engel im Himmel konnte es um die Geduld +bringen; und nun gar Kallem, der überhaupt keine +Geduld hatte.</p> + +<p>Dieser schmächtige, geschmeidige Krabat, der da mit +feigen Seitenblicken auf das Pferd und die Peitsche vor +ihm herhinkte, hatte den Unfrieden in seines Vaters +Leben gebracht. Nicht allein, daß er ihn im tiefsten +Innern unsicher gemacht hatte, nein, er hatte ihn bis<a class="page" name="Page_47" id ="Page_47" title="47"></a>weilen +seine Ohnmacht fühlen lassen — bis zur Hilflosigkeit; +in solchen Augenblicken hätte er den Jungen +am liebsten in Stücke geschlagen.</p> + +<p>Dann wieder konnte er ihn vornehmen, konnte drohen, +flehen. Noch in dieser letzten Sturmnacht hatte er ihn +ins Gebet genommen, hatte mit den eindringlichsten +Worten die schmähliche Angst des Knaben zu bannen +versucht, hatte ihn ermahnt, ihm durch Erzählungen +aus der Naturgeschichte erklärt, wie alle Prophezeiungen +vom Untergang der Welt nur Erfindungen seien, Lügen... +Der Junge antwortete: "Hm" und "Ja" — und glaubte +kein Wort von allem, was der Vater sagte! Sobald das +Unwetter losbrach, war er wie verrückt gewesen — und +auf und davon in der jammervollsten Todesangst! Und +heute trifft er ihn hier, auf offener Landstraße, eine +Meile vor der Stadt, in Regen und Wind und Schmutz — +selbstverständlich ohne Erlaubnis! Erst verunglimpft er +den bravsten Jungen der ganzen Schule, einen kleinen +Kerl, über den Kallem sich manch liebes Mal gefreut +und den er oft mit ein paar Groschen bei seiner kleinen +Mission unterstützt hatte, wenn Josefine ihm davon erzählte; +— und obendrein...</p> + +<p>"Sieh mal an! Hölle und Teufel! Ob er nicht zu +allem hin noch lacht!" dachte er, während er dabei tat, +als sehe er es nicht. Und worüber eigentlich? Na ja, +über das Pferd da hinter ihm, mit "Hölle und Teufel" +auf dem Rücken — und die Peitsche — und die gleichmäßigen +schweren Tritte im Schneeschmutz: schwapp-schwapp +— — schwapp-schwapp — — schwapp-schwapp! +Und das alles wuchs nach und nach ins Maßlose, wuchs +an, bis es zu einem ungeheuren, formlosen, verzerrten +Etwas wurde ... Der Junge versuchte hastig, an etwas +anderes zu denken, — er stürzte sich kopfüber in die +englische Steinkohlengrube, die sich mit Wasser füllte +— er suchte das Pferd, das hinter dem Jungen herkeuchte. +Aber er kam nicht bis zur Grube hinunter; +nichts als die helle Landstraße und "schwapp-schwapp +— schwapp-schwapp" — und Hölle und Teufel, und die<a class="page" name="Page_48" id ="Page_48" title="48"></a> +Peitsche, und er selber an der Spitze, auf anderthalb +Beinen — hi-hi-hi!</p> + +<p>"He?" schrie es hinter ihm.</p> + +<p>Der Laut rieselte dem Jungen den Rücken hinunter +wie ein spitzes Stück Eis. Unfern sah man jetzt Store-Tuft.</p> + +<p>Dicht am Fuß der Böschung lag es, die sie eben +hinab mußten. Es bestand aus ziemlich vielen Gebäuden, +deren Mehrzahl im Viereck den Hof umgab. +Auf der andern Seite lärmte der Fluß, mit Mühle und +Sägwerk. Die Inseln draußen und die Landspitzen zu +beiden Seiten schlossen die Bucht so völlig ab, daß das +Meer ganz still lag, wie ein Teich mit vereisten Rändern. +Am Strand lag eine Reihe von Bootsschuppen. Um +sämtliche Gebäude Obstgärten, zum Teil recht ansehnliche.</p> + +<p>Aus dem Wohnhaus von Store-Tuft stieg Rauch auf — +endlich! Dort kochte die Mutter das Mittagmahl für +Ole. Und Hunger und Kummer und Entbehren wurden +übermächtig in dem Knaben, und vor lauter Sehnsucht +nach einer warmen Stube und trockenen Kleidern und +Heimweh nach seiner Mutter und der Heimat in Spanien +hätte er fast wieder zu weinen angefangen. Aber dann +dachte er daran, wie der Vater wieder sagen würde: +"Hölle und Teufel! Jetzt flennt er!" Und da bezwang +er sich.</p> + +<p>Ängstlich blickte er nach dem Hof.</p> + +<p>Das Wohnhaus lag mit der Langseite nach dem Garten +zu — ein rot angestrichener, zweistöckiger Holzbau mit +weißen Fensterrahmen. Dahin steuerten sie, der Knabe +immer voran, der Vater hinterdrein.</p> + +<p>An der Giebelseite vorbei gelangten sie in den Hof; +gegenüber lagen die Ställe für das Vieh — Schafstall, +Kuhstall, Pferdestall — alles unter einem Dach. Die +Gebäude waren ganz neu und lagen rechtwinklig zur +Scheune; gegenüber der Holzschuppen und die anderen +Wirtschaftsgebäude. Auf dem Hof standen Ziegen und +knabberten Tannennadeln, umschwärmt von Spatzen in<a class="page" name="Page_49" id ="Page_49" title="49"></a> +unglaublichen Mengen; die Versammlung fand unmittelbar +vor der Kornscheuer statt.</p> + +<p>Jetzt erblickten die Ziegen die Ankömmlinge. Sie +hoben die Köpfe und streckten die Hälse, alle auf einmal, +Augen gespannt, Ohren gespitzt, starr, den letzten +Bissen unbeweglich im Maul, neugierig bis aufs äußerste. +Bloß der Bock kaute weiter, während er den beiden +schwerfällig und gleichmütig entgegensah. Der Spatzenschwarm +schwirrte geräuschvoll davon.</p> + +<p>Zwischen der Giebelseite des Hauptgebäudes und dem +Stall hielt der Vater und stieg ab. Der Junge war schon +drin und begaffte das Scheunendach, das beschädigt war +und eben ausgebessert wurde; Arbeiter waren jedoch +nicht zu sehen. Wahrscheinlich waren sie kurz vorher +mit auf den Fischzug gegangen; die Leiter stand noch +auf ihrem Gestell gegen die Scheune gelehnt. "Halt!" +rief der Vater. Und der Junge blieb stehen und wandte +sich um. Der Vater war dabei, "Rauen" an einem +Schleifstein festzubinden, der an der Giebelwand des +Hauptgebäudes lehnte. Der Junge sah zu. "Merkwürdig, +wie ruhig er jetzt ist!" dachte der Vater. Er +trat vor und deutete mit der Peitsche nach der großen +Steinschwelle vor dem Hauseingang; dahin sollte der +Junge vorangehen. Das tat er denn auch. Erst kam er +an einem Gitterschlitten vorbei; zwei Kätzchen spielten +zwischen den Sprossen, eins innen, das andere außen. +Die Fenster, an denen sie vorbeikamen, gingen so tief +herunter, daß sie durch die ganze Schlafstube, die auf +der andern Seite ebenfalls Fenster hatte, und dann ebenso +in die Wohnstube sehen konnten. Da saß Ole, in einem +weißen Hemd, das ihm bis auf die Füße reichte, am +Herd mit hochgezogenen Beinen; neben ihm stand, über +ein paar Töpfe gebeugt, die Mutter. Mehr zu sehen +hatte Edvard nicht Zeit. Er stieg über die Schwelle und +hinein in den Flur, aus dem ihm ein herber Fischgeruch, +alter und frischer, und ein Geruch von etwas, was er +nicht kannte, entgegenströmte. Wieder deutete der +Vater voran — nach rechts; auch links war eine Tür,<a class="page" name="Page_50" id ="Page_50" title="50"></a> +eine feingemalte mit einer Messingklinke; da sollte er +nicht hinein. Na, dachte der Junge, soviel hätt' ich +auch gewußt, daß wir irgendwohinein wollen, wo Menschen +sind, und nicht in die kalte Gaststube! Er legte +seine steifen Finger auf die Klinke und drückte.</p> + +<p>Der Herd war in der Ecke links, dicht an der Tür. +Und große Augen machten sie, die zwei, die da saßen! +Oles Krauskopf guckte nur eben aus Vaters blauweißem +Leinenhemd heraus. Die Mutter war ziemlich hochgewachsen +und hatte feine Züge. Sie trug eine schwarze +Haube. Das blonde, mit Wasser glattgekämmte Haar +schmiegte sich um die Wangen, wodurch ihr Gesicht +lang erschien. Sie richtete sich von ihren Töpfen auf +und wandte sich den Eintretenden zu, die sie alle +beide kannte. Ihr Gesicht war ernst, doch freundlich; +ein bißchen ängstlich schien sie, oder unsicher; +die Augen wollten anfangs auf keinem der beiden so +richtig ruhen. Oles Stiefel standen am Herd; seine +Kleider samt Hemd und Strümpfen hingen an einer +Stange, die zwischen den Dachbalken befestigt war, +zum Trocknen; auf dem andern Gestänge lag Holz und +allerlei sonst. Ringsumher Hausgerät und Geschirr, wie +immer am Werktag.</p> + +<p>Die Stube war nicht gemalt, sondern vertäfelt; unter +den Fenstern zu beiden Seiten liefen rotgestrichene +Bänke entlang; in der Ecke links, auf der andern Seite +des Fensters, stand ein Tisch mit einem Bücherregal +darüber; am Tischende, gleich neben der Kammertür, +hing die Schlaguhr; sie ging so gleichmäßig und unbekümmert, +als sei der Unfriede niemals über diese +Schwelle gekommen. Draußen sah Edvard die Kätzchen +im Schlitten; das eine mit der Pfote von innen durchs +Gitter heraus-, das andere von außen hineingreifend. +Und unmittelbar vor sich Oles Gesicht. Ole lächelte; +denn auch ihm war bang zumute. Aber die Töpfe!</p> + +<p>Die Töpfe, die waren doch das Allerbeste, dachte der +verhungerte und durchfrorene Edvard. In dem einen +kleinen waren Kartoffeln; die waren schon fertig.<a class="page" name="Page_51" id ="Page_51" title="51"></a> +Aber zwei hingen noch überm Feuer. Ob Fisch war +in dem einen? Und im andern — —?</p> + +<p>Die Mutter war verlegen; sie wußte nicht, was anfangen. +Da standen sie, unbeweglich, der barsche Mann +und der Junge. Gerade als sie die beiden zum Sitzen +auffordern oder irgend sonst etwas sagen wollte, da ergriff +der Vater das Wort. Sie werde ja wohl wissen, was +geschehen sei — he? Der Bengel komme und wolle um +Verzeihung bitten und sich seine Strafe holen. Das sei +notwendig; denn er sei ein böser Junge, bei dem nichts +nütze, als Strafe; im Guten sei bei ihm nichts auszurichten.</p> + +<p>"Ach — aber — so schlimm ist es doch nicht!" sagte +die Mutter mild. Ihr war ganz angst, und Ole wurde so +bläulich bleich wie sein Hemd. — "Doch! Er soll seine +Haue haben! Aber erst bittest Du um Verzeihung! +Und zwar auf der Stelle — das rat' ich Dir!" — Ole fing +zu weinen an. Edvard nicht. Ole konnte nicht mehr +sitzen bleiben. Er stand auf und sah die Mutter an. +"Da — —" sagte er. Weiter brachte er nichts heraus. +Aber man sah, was er meinte: sie sollte sich ins Mittel +legen.</p> + +<p>"Bitt' um Verzeihung!" knirschte es. Die Peitsche +zuckte. "Mutter!" schrie Ole. Edvard mußte vor. +Ole hatte sich abgewendet; er wollte nicht mehr sehen. +So etwas war er nicht gewöhnt. Edvard wich zurück; +der Vater hinterdrein, daß die Sporen klirrten. Edvard +lief, in seiner Not, mit ausgestreckten Händen auf Oles +Mutter zu; sie nahm sie nicht, und Ole fing an, aus +vollem Hals zu schreien. So großes Mitgefühl war zuviel +für den armen Edvard; auch er heulte los, während er +rund um die Mutter herumlief. Ein solcher Lärm war +es, daß die Ziegen wieder, mit dem Futter im Maul, +dastanden und glotzten und aufhorchten; die Spatzen, +die zurückgekommen waren, schwirrten husch-husch +aufs Dach.</p> + +<p>Und was geschieht? Die Spatzen wiesen dem Jungen +den Weg. Mit einem blitzschnellen Satz war er am<a class="page" name="Page_52" id ="Page_52" title="52"></a> +Vater vorbei, zur Tür hinaus, die weitoffen hinter ihm +stehen blieb. Die Ziegen stoben nach allen Seiten auseinander. +Und der Junge — die Leiter hinauf — und +aufs Dach. Sobald er oben stand, fing er an, die Leiter +nachzuziehen. — "So ein Bengel! So ein Bengel!" +schrie der Vater, der am Fenster stand. "He?" — Und +fort war er.</p> + +<p>Sobald der Sohn ihn kommen sah, ließ er die Leiter +fahren, daß sie polternd herunterfiel. Der Junge selber +lief wie eine Katze das Dach hinauf, bis zum First, +guckte sich um und balancierte da, als hätt' er sein +Lebtag nichts anderes getrieben. Jetzt fühlte er augenscheinlich +keine Schmerzen mehr in den Füßen!</p> + +<p>Des Vaters Angst überstieg alle Grenzen. "So pass' +doch auf, Du! Pass' auf, sag' ich! Pass' auf! Willst Du +wohl machen, daß Du 'runterkommst! Und zwar auf +der Stelle! Mach', daß Du 'runterkommst, Du Lümmel!" +Und er rannte in seinen Reitstiefeln im Hof herum und +drohte hinauf.</p> + +<p>"Fällt mir gar nicht ein! Ich spring' auf den Hof +hinunter! Jawohl!"</p> + +<p>"Bengel! Bist Du toll? Hölle und Teufel! Willst +Du's wohl bleiben lassen!"</p> + +<p>"Ja, wenn Du mich nicht haust!" — "Ich verspreche +gar nichts!" — "So? Du versprichst gar nichts?" Und +der Junge kletterte noch ein bißchen höher hinauf.</p> + +<p>— "Doch! doch! Du Spitzbub! Du Lump!" — "Also +Du versprichst es?" — "Ich versprech's ja — zum +Teufel! Willst Du machen, daß Du 'runterkommst?" — +"Auch nicht an den Haaren reißen — und nicht hauen +— und nichts?" — "Ja doch, ja! Mach', daß Du +'runterkommst! Herrgott — Du rutschst ja aus! Edvard!" +— Er kreischte. — "Also es gilt —? Du hast's +versprochen?" — "Junge, wenn ich Dich hier hätte — Du +solltest — —" er drohte mit der Peitsche hinauf. +"Ja doch — ich hab's versprochen! Ich versprech' +alles! Pass' auf!" — "Darf ich bis morgen hier bleiben?" +sagte jetzt der Junge, "bei Ole? Darf ich?" — "Ich<a class="page" name="Page_53" id ="Page_53" title="53"></a> +antworte überhaupt nicht mehr, bis Du herunterkommst!" +— "Also nicht? Na denn — —" — "Du +Starrkopf! Du miserabler Bengel!" — "Also Du sagst +ja?" — "Ja doch, zum Teufel! Aber pack' Dich wenigstens +fort vom Dachrand, Du Satanslümmel!" — "Du, +Vater, eigentlich wär' mir's lieber, wenn Du zuerst +weggingst!" — "O nein! Das schlag Dir nur aus dem +Kopf! Mach' was Du willst. Erst will ich Dich wieder +hier unten sehen!" — Schließlich war das dem Jungen +auch recht. Der Vater legte die Leiter an, und der Junge +kletterte langsam herunter; immerhin nicht eher, als +bis der Vater ein Stück weit auf den Hof hinaus gegangen +war. Und er hielt sich in gemessenem Abstand, +trotzdem der Vater gern mit ihm geredet hätte und +beteuerte, er werde ihm nichts tun. Er ging auch nicht +ins Haus, solang der Vater da war, trotzdem er so naß +war, und zwang den Vater dadurch, zu gehen.</p> + +<p>Fünf, sechs Minuten darauf lagen beide Jungen +strampelnd auf der Diele — Edvard in einem gleichgroßen +Hemd wie Ole und im übrigen ebenso unbekleidet; +beide waren dabei, ein paar dicke wollene +Strümpfe anzuziehen, von der Art, wie die Bauern sie +tragen, und die weit hinauf bis an den Schenkel reichen. +Sie fanden es am bequemsten, das Geschäft auf dem +sandbestreuten Fußboden vorzunehmen. Sie pufften einander +in die Seiten und den Rücken und lachten, als sei +all das, was wir soeben miterlebt haben, schon vor wer +weiß wie langer Zeit geschehen. Ole machte alles nach, +was Edvard vormachte; und sie lachten so, daß zuletzt +auch die Mutter mitlachen mußte; dieser Edvard hatte +auch die unglaublichsten Einfälle! Die Strümpfe mußten +sie anziehen, damit sie nicht froren, wenn sie beim Essen +am Tisch saßen; denn da gab's keinen Herd für die +Beine. Und endlich waren sie denn auch so weit fertig, +daß sie aufstehen konnten. Nun zeigte es sich, was das +andere Gericht war; es war Rahmbrei. Das hatte Edvard +noch nie gegessen. Ole sollte ein bißchen vergnügter +werden, als er bei seiner Ankunft war; darum hatte<a class="page" name="Page_54" id ="Page_54" title="54"></a> +die Mutter den Brei noch zugegeben. Edvard klatschte +in die Hände und lachte das Essen an.</p> + +<p>Aber Ole saß mit einemmal so ernst und still da! +Nanu, was jetzt? Die Hände gefaltet, die Augen niedergeschlagen? +Und die Mutter stand vor ihnen — auch +sie ernst, die Hände gefaltet, die Augen niedergeschlagen. +Ihr Gesicht neigte sich; es war, als glitte es weiter und +weiter weg, oder als schöben sich Nebel davor und +löschten alles Licht darin aus. Und dann begann sie, +wie aus weiter, weiter Ferne, mit einem langen, langen +Tischgebet, in einem einförmigen, leisen Ton, als rede +sie still mit jemand anderm, an einem andern Ort als hier. +Edvard fühlte sich wie ausgestoßen. Die Verlassenheit, +die Angst kamen wieder über ihn, die alten Bilder, die +alte Sehnsucht nach der Mutter. Dann war es weg, +zusammengerollt wie Nebel, die am Gebirg herunter +sinken.</p> + +<p>Edvard hatte noch nie an einem Tischgebet teilgenommen, +und die Art und das Wesen der Mutter waren +für ihn etwas ganz, ganz Neues; und er verstand sie nicht, +wenn sie so murmelte. Noch lange nachher saß er still +da. Ole sprach ebenfalls nicht; die ganze Zeit, solange +sie aßen, war er einsilbig; kaum daß er einmal lächelte. +Das Essen war eine Gottesgabe; deshalb mußte Ernst +herrschen.</p> + +<p>Aber sie aßen denn auch mit Ernst! Die Mutter +fragte schließlich, ob es nicht besser sei, ein bißchen für +den Abend aufzuheben. Nein, meinten sie, dies sei ja +doch gleichzeitig auch Abendbrot. Sie durften zusammen +in der Altenteilstube schlafen, die als Gastzimmer +diente; es war dort schon alles zurecht gemacht; +und jetzt wollten sie noch ein Stündchen am Herd +sitzen, dann aber zu Bett gehen.</p> + +<p>Die Mutter merkte, daß sie am liebsten allein sein +mochten und ließ sie denn auch allein.</p> + +<p>Und dann später in der Schlafstube! Erst der entsetzlichste +Spektakel! Die Pelzdecken und Federbetten +stoben nur so um sie herum; dann wurde es allmählich<a class="page" name="Page_55" id ="Page_55" title="55"></a> +ruhiger, und endlich kam es zu einem Gespräch. Ole +erzählte, wie die Jungens sich benommen hatten, und +Edvard versprach, er wolle den und jenen dafür +durchhauen, und wenn es Anders Hegge selber wäre; +wenn der nicht den Mund halte von "Gottes Wegen" +und all dem, so würde er, Edvard, ihn ordentlich +durchwichsen. Anders Hegge sei feig. Er wisse +schon, wer ihm dabei helfen würde; das reine Kinderspiel!</p> + +<p>Als sie müder wurden, kam die Sentimentalität; Ole +sprach von Josefine, und Edvard ging auf seinen Ton +ein und versicherte, sie sei unvergleichlich gewesen +heute; er beschrieb, wie sie ihm nachgerudert war. +Und Ole fand das groß. Ja, Josefine hatte etwas Großes; +darin stimmten sie beide überein.</p> + +<p>Edvard konnte nicht begreifen, weswegen Ole Missionär +werden wollte. Was zum Kuckuck hatte es denn +für einen Sinn, auf wilde Abenteuer auszuziehen, wo +es doch hier in der Heimat genug zu tun gab? Ole sollte +Pastor werden, und er Arzt, und beide würden sie im +selben Kirchspiel leben. Wäre das nicht famos?</p> + +<p>Edvard malte das immer weiter aus; sie würden Hof +an Hof wohnen und oft zusammenkommen, besonders +abends zu einem Glase Punsch, wie jetzt der Vater und +der Apotheker, und Schach spielen wie sie. Dann wollten +sie sich einen flotten Wagen kaufen, und jeder ein Pferd +dazu halten, und zusammen ausfahren; das war gemütlicher +als allein. Oder sie konnten am Strand wohnen +und gemeinsam ein großes Boot haben — alles gemeinsam.</p> + +<p>Ole war es, als sei bei allem Josefine mit, wenn auch +Edvard davon nichts sagte. Aber es war klar, daß sie +mit dabei war. Und Ole fand das so zart von Edvard, +und war ihm so ungeheuer dankbar; und das gab den +Ausschlag. Josefine als Pfarrfrau, die auf dem Hof +waltete und schaltete ...</p> + +<p>Also schließlich war er einverstanden; es wurde bestimmt, +der eine sollte Pastor werden und der andere<a class="page" name="Page_56" id ="Page_56" title="56"></a> +Doktor, und sie wollten zusammenwohnen. Das letzte, +wovon sie sprachen, waren Fischzüge.</p> + +<p>Sie hörten noch gewissermaßen die schweren Schritte +und die Reden der Männer, die vom Fischzug heimkehrten, +aber sie waren so müde.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="Jugend" id="Jugend"></a><a href="#Inhaltsverzeichnis">Jugend</a></h2> + + +<h3><a href="#Inhaltsverzeichnis">1</a></h3> + +<p class="center"><em class="gesperrt">Erstes Paar vor!</em></p> + +<p>Auf dem Land draußen, etwa fünf Kilometer von +der Stadt entfernt, hatte sich das junge Volk versammelt. +Der Hügel, auf dessen nach der Bucht zu +abfallendem Teil sie saßen, war lustig bunt von Sommerkleidern, +besonders von Mädchenkleidern:</p> + +<div style="margin-left: 30%"><p class="noindent"> +"Gelbe, schwarze, braune, weiße,<br /> +Grün und violett und blau —"<br /> +</p></div> + +<p>— manche einfarbig, viele gesprenkelt, gewürfelt, gestreift; +Filzhüte, Strohhüte, Tüllhüte, Mützen, unbedeckte +Köpfe, Sonnenschirme. Eben stieg ein harmonischer +Gesang aus diesem Farbenmischmasch empor, +Klänge eines vereinten Männer- und Frauenchors, in +langen, farbenvollen Bogen. Kein eigentlicher Vorsänger; +ein junges, brünettes Mädchen in braunkariertem +Kleide lag in der Mitte der Schar, auf den einen +Ellbogen gestützt, und führte mit einem Sopran an, +der klarer und freier als die Stimmen der andern war; +und ihr folgten sie. Sie waren gut aufeinander eingesungen. +In der Bucht unter ihnen lag ein frischgestrichenes +Deckboot mit neuen, zur Hälfte gerefften +Segeln; und das Wasser spiegelglatt.</p> + +<p>Gesang und Boot vereinten sich zu einem lichten +Bündnis unten in der schwarzen, von nackten, im Hintergrund +immer höher ansteigenden Klippen überschatteten +und eingeklemmten Bucht. Die Bucht selbst glich<a class="page" name="Page_57" id ="Page_57" title="57"></a> +einem Bergsee, der sich dereinst beim Schneegang gebildet +hat und vergessen worden ist. Die Berge — wie +schwer und stumpf in Linien und Farben — holperig +und bleiern; die letzten da hinten schwarzblau, mit +Kappen schmutzigen Schnees, — Ungeheuer einer wie +der andere.</p> + +<p>In dem schwarzen Wasser lag das Boot, bereit zum +Tanz; das war in fröhlicherem Verband daheim, als +die Gesellschaft jener hohen Beisitzer des Natur- und +Menschenlebens es ist, Gesang und Boot waren ein +Protest gegen alles überragend Herrschsüchtige, alles unverschämt +Stumpfe und Rohe — ein freischwebender +Protest voll stolzer Farbenfreude!</p> + +<p>Im übrigen merkten die Berge so wenig etwas von +diesem Protest, wie das junge Volk begriff, daß er von +ihm ausging. Das "Hochgeborene", das darin liegt, in +einer Natur wie dem westlichen Norwegen zur Welt gekommen +und aufgewachsen zu sein, besteht eben darin, +daß die Natur den Menschen zwingt, ihr Trotz zu +bieten, wenn er nicht unterjocht sein will; unter oder +oben — entweder — oder! Und sie waren oben; denn +das Volk des Westlandes ist das lebhafteste, am reichsten +begabte Skandinaviens. In so hohem Grad sind sie die +Herren der Natur, in der sie leben, daß auch nicht einer +unter all diesen jungen Menschen jene Berge als schwer +oder farbenkalt empfand; die ganze Natur hier erschien +ihnen so stark und frisch wie nirgends sonst in der Welt.</p> + +<p>Denn nicht nur die lichten Halden und das weite +Meer hatten die Menschen, die hier saßen und sangen, +geboren und aufgezogen; nein, ebensogut waren sie Kinder +der Berge, der Vorberge und der tiefer landeinwärts +gelegenen Höhen. Kurz vor dem Gesang noch war ein +Wortgefecht gewesen zwischen ihnen, so unerbittlich +hart, so bleigrau wie der grauste Berg. Und just um dies +unheimlich Felsenharte in ihrem eigenen Innern zu +überwinden, hatten sie den harmonischen Gesang lange, +strahlende Bogen zwischen die Gipfel über den Abgründen +spannen lassen. Der Sommertag war an sich<a class="page" name="Page_58" id ="Page_58" title="58"></a> +ziemlich grau; aber bisweilen, wie eben jetzt, brach die +Sonne mitten in Sang und Segel und Landschaft hinein.</p> + +<p>Zwei waren da, an die war Sonne und Sang weggeworfen. +Seht dort, den — wie er da unten rechts, ein +bißchen abseits, auf seinen Ellbogen gestützt, im Gras +liegt! Ein langer Bursch im hellen Sommeranzug, ohne +Hut. Ein runder, kurzgeschorener Kopf, eine breite, +niedere Stirn, die aussieht, als sei sie hieb- und kugelfest; +<em class="gesperrt">die</em> Stirn muß gute Stöße ausgeteilt haben in seinen +Knabenjahren! Unter der Stirn eine Nase wie ein +Schnabel und ein paar scharfe Augen, die gerade jetzt +beinah ein bißchen schielen; aber entweder verdeckten +es die Brillengläser, oder es war an sich unbedeutend. +Das ganze Gesicht hatte etwas Strenges, der Mund war +straff, das Kinn scharf. Doch wenn man es näher betrachtete, +so wechselte der Eindruck; das Scharfgeschnittene +wurde eher Energie als Strenge, und der Wille, +der seinen Sitz in dieser Gebirgsgegend aufgeschlagen +hatte, konnte sicherlich auch gar freundlich und schalkhaft +sein. Selbst jetzt, wie er so dasaß, voll Ingrimm, +und sich den Teufel um Gesang und Sonnenschein +scherte, — — viel lieber hätte er sich eine Keilerei gewünscht! +— selbst jetzt flog ein Schimmer von Humor +über die finsteren Brauen. Er war offenbar der Sieger.</p> + +<p>Wer etwa zweifelte, der brauchte bloß einen Blick +auf die andere Seite der Gruppe zu werfen, auf den, +der dort links, ein bißchen weiter oben, an einen Baum +gelehnt saß. Das Bild eines verwundeten Kriegers! +Und noch in den Zügen die zitternde Unruhe der +Schlacht. Ein langes, blondes Gesicht, das nicht an der +Westküste daheim war, sondern im Gebirg oder im +Oberland. Entweder war er fremd hier oder von einer +eingewanderten Familie. Er ähnelte auffallend den herkömmlichen +Abbildungen von Melanchthon; nur daß +vielleicht der Blick schmachtender, die Augenbrauen ein +bißchen zu hoch geschürzt waren. Die Ähnlichkeit im +ganzen — besonders in Stirn, Augenstellung und Mund +— war so groß, daß er unter seinen Studienkameraden<a class="page" name="Page_59" id ="Page_59" title="59"></a> +auch tatsächlich den Namen Melanchthon führte. Das +war Ole Tuft, jetzt noch Student der Theologie, bald +ausstudiert; und der andere, der Sieger mit dem Adlerschnabel, +der eben noch recht kräftig zugehauen haben +mochte, war sein Jugendkamerad, der Mediziner Edvard +Kallem.</p> + +<p>Vor mehreren Jahren schon waren ihre Wege auseinandergegangen, +ohne daß es darum zu einem Zusammenstoß +gekommen wäre; heute aber war etwas geschehen, +das zu einer Entscheidung führen sollte.</p> + +<p>Mitten zwischen ihnen, also in der Mitte des Hügels, +im Kreis der Singenden, saß eine hochgewachsene Mädchengestalt +in dotterfarbenem seidenen Kleid, um den +Hals eine breite, gelbe Spitze, die in tiefen Falten bis +an den Gürtel hinabreichte. Sie sang nicht mit, sondern +reihte einen ganzen Berg Feldblumen und Gräser +zum Kranze. Man konnte sofort erkennen, daß sie die +Schwester des Siegers sein mußte, nur dunkler von Haut +und Haarfarbe. Dieselbe Kopfform — wenn auch ihre +Stirn verhältnismäßig höher war, überhaupt das ganze +Gesicht verhältnismäßig größer — zweifellos zu groß. +Die scharfe Familiennase war sanfter gebogen in ihrem +regelmäßigen Gesicht; <em class="gesperrt">seine</em> schmalen Lippen waren +hier voll, sein Kinn gerundet, seine unebenen Brauen +ebenmäßig, die Augen größer —. Und doch war es +dasselbe Gesicht. Der Ausdruck bei beiden verschieden; +bei ihr — wenn nicht kalt, so doch verschlossen und +ruhig; niemand hätte so leicht diese tiefen Augen ergründet. +Und doch war auch der Ausdruck bei beiden +merkwürdig verwandt. Der Kopf saß auf einem starken, +von kräftig ausgebildeten Schultern getragenen Hals; +auch die Büste war recht üppig. Das dunkle Haar war +zu einem eigenartigen Knoten verschlungen. Den Hals +trug sie frei; aber das gelbe Kleid mit der gelben Spitze +schmiegte sich eng an den sammetbraunen Körper, wie +überhaupt der ganze Anzug den Eindruck von etwas fest +Zugeknöpftem machte; und ebenso ihr Wesen. Sie +flocht, wie gesagt, einen Kranz und wandte den Blick<a class="page" name="Page_60" id ="Page_60" title="60"></a> +weder nach dem einen noch nach dem andern der zwei, +die da miteinander gefochten hatten.</p> + +<p>Hervorgerufen war der Kampf durch einen großen, +schwarzen Hund; der lag jetzt da und tat, als ob er +schliefe. Sein nasser, schwerer Pelz glänzte in der Sonne. +Ein paar junge Leute hatten Stöcke ins Meer geworfen +und den Hund hinterher gehetzt; und dabei hatten sie +jedesmal gerufen: "Samson! Samson!" — das war der +Name des Hundes. Da sagte Edvard Kallem zu einigen +Umstehenden: "Samson — das bedeutet Sonnengott". +— "Was?" fragte ein junges Mädchen, "Samson bedeutet +Sonnengott?" — "Gewiß. Wenn auch die Theologen +sich schwer hüten, das zu sagen." Er sagte es +ganz jugendlich leichthin, gar nicht um jemand zu +ärgern oder um daran weiterzuspinnen. Aber Ole Tuft +hörte es zufällig und fragte etwas überlegen: "Weshalb +sollten denn die Geistlichen den Kindern nicht sagen, +daß Samson Sonnengott bedeutet?" — "Weil dann die +ganze Samsonerzählung nicht mehr als Vorbild für den +Christusmythus zu brauchen wäre." Das Wort saß; und +das sollte es auch. Lächelnd, überlegen sagte Ole: "Samson +läßt sich wohl trotzdem als Vorbild gebrauchen — +ob er nun Sonnengott heißt oder nicht!" — "Ja — ob +er Sonnengott <em class="gesperrt">heißt</em> oder nicht; wenn er aber der +Sonnengott <em class="gesperrt">war</em>?" — "So? Also er war der Sonnengott?" +rief Ole lachend. — "Das sagt doch der Name." +— "Der Name? Sind wir etwa Bären oder Wölfe, weil +wir nach Bären und Wölfen heißen? Oder Götter, weil +wir nach Göttern heißen." Verschiedene aus der Gesellschaft +hörten das mit an; jetzt kamen auch andere +hinzu, unter ihnen Josefine. Und beide wandten sich +sofort an sie.</p> + +<p>"Der Fehler ist," sagte Edvard, "daß in die Geschichten, +die von Samson handeln, überhaupt erst Sinn +kommt, wenn man weiß, daß er der Sonnengott war." — +"Ach! Heutzutag müssen ja sämtliche Ahnen und Urgeschichten +aller Völker irgendwie auf die Sonnensage Bezug +haben!" Und Ole gab ein paar amüsante Parodien<a class="page" name="Page_61" id ="Page_61" title="61"></a> +auf diese wissenschaftliche Mode zum besten. Allgemeine +Heiterkeit; auch Josefine lachte. Sofort geriet +Edvard in Eifer und begann auseinanderzusetzen: als +sich bei uns eine neue Religion bildete, da wurden unsere +eigenen Götter, die ursprünglich indische Sonnengötter +waren, zu Stammvätern; ihre Altäre, an denen das Volk +geopfert hatte, wurden in Grabstätten umgewandelt. +Auf diese Weise wurden auch die alten Sonnengötter der +Juden umgewandelt in Stammväter, als der Jahvekultus +sie als Götter verdrängte. — "So? Und woher will man +denn das wissen?" — "Wissen? Mach' doch die Probe +mit Samson! Wie sinnlos, zu glauben, daß die Stärke +eines Menschen in seinen Haaren liegen kann! Sobald +wir aber davon ausgehen, daß es die Sonnenstrahlen +sind — zur Sommerzeit lang, im Schoß des Winters kurz +geschnitten — kommt Sinn in die Sache. Und wenn die +Strahlen gegen das Frühjahr hin wieder wuchsen — +nicht wahr? — da konnte der Sonnengott wiederum die +Säulen der Welt umfassen!... Nie haben Bienen Honig +gesammelt in einem Aas; wenn wir aber hören, daß es — +so oft die Sonne durch ein Himmelszeichen ging, z. B. +durch den Löwen, — hieß: die Sonne schlug den Löwen +— ja, dann verstehen wir, daß die Bienen Honig im +Aas des erschlagenen Löwen sammelten, d. h. in der +wärmsten Zeit des Sommers."</p> + +<p>Jetzt waren alle ganz Ohr, und Josefine war im höchsten +Grade verwundert. Sie sah nicht zu ihrem Bruder +auf, denn sie merkte, daß er sie ansah; aber es war nicht +mißzuverstehen: was Edvard anfänglich ohne jeden +andern Gedanken als den, ein bißchen zu protzen, begonnen +hatte, das erhielt eine bestimmte Bedeutung dadurch, +daß Josefine zwischen ihnen stand. "Bei den +Ägyptern", erzählte er, "begann der Frühling, wenn die +Sonne das Lamm schlachtete, d. h. durch das Zeichen +des Lammes ging, und aus Freude über die Erneuerung +schlachteten alle ägyptischen Familien an diesem Tag +ein Lamm. Von ihnen haben es die Juden. Wenn die +Juden dies später zu etwas umgewandelt haben, das sie<a class="page" name="Page_62" id ="Page_62" title="62"></a> +von den Ägyptern unterscheiden sollte, so ist das eine +Fälschung. Gerade wie mit der Beschneidung; auch die +haben sie aus Ägypten. Aber so was verschweigen die +Herren Pfaffen."</p> + +<p>Von all dem wußte Ole Tuft wenig oder nichts. Sein +eifriges Studium hatte sich streng auf die Theologie +beschränkt; er hatte auch gar keine Zeit zu anderen +Dingen und sein Glaube war altes Bauernerbe und in +sich selbst viel zu gefestigt, um sich mit wissenschaftlichen +Zweifeln abzugeben. Hätte er das nun geradeheraus +gesagt, so wäre kaum weiter etwas daraus entstanden. +Aber auch er fühlte, daß Josefine zwischen +ihnen stand und sich bestechen ließ. So begann er voll +Hohn alles als bloße Erdichtung zu bezeichnen, die heute +glänzt und morgen zergeht.</p> + +<p>Das ertrug die Eitelkeit des andern nicht! "Den +Theologen fehlt es ganz einfach an der primitivsten +Ehrlichkeit", schrie er. "Sie verschweigen, daß die wichtigsten +Teile ihres Glaubens nicht den Juden offenbart, +sondern einfach irgendwo anders hergenommen sind. So +der Unsterblichkeitsglaube. Der stammt aus Ägypten. +Ebenso die Gebote. Kein Mensch klettert einen hohen +Berg hinauf, um sich unter Donner und Blitz offenbaren +zu lassen, was die Leute schon tausend Jahre lang gewußt +haben. Woher stammt der Teufel? Woher die Strafen +der Hölle? Woher der jüngste Tag und das Gericht? +Woher die Engel? Die Juden haben von all dem nichts +gewußt. Die Pfaffen sind — na, einfach Leute, die nicht +ehrlich nachforschen und dem Volk derartiges weismachen!" +Josefine senkte den Kopf; die Jugend, besonders +die männliche, war offenbar auf Kallems Seite. +Freidenkertum war Mode; und sich ein bißchen über +den angestammten Glauben lustig machen, war ganz +vergnüglich.</p> + +<p>Ein junger Mann ergoß seinen Spott über die Schöpfungsgeschichte; +Kallem besaß geologische und paläontologische +Kenntnisse und wußte sie gut anzubringen. +Dabei konnte Ole Tuft noch weniger mit; er erwähnte<a class="page" name="Page_63" id ="Page_63" title="63"></a> +bloß ein paar Versuche, die hier und dort gemacht worden +waren, die Bibellehre mit gewissen neueren Entdeckungen +in Einklang zu bringen. Aber er kam schlecht weg +dabei. Und nun ging's, Trumpf über Trumpf, von einem +Dogma zum andern; am längsten stritten sie sich über +die Lehre von der Versöhnung; die stamme aus einer +Zeit, so uralt, so roh, daß noch nicht einmal die persönliche +Verantwortlichkeit des Individuums existierte, bloß +die des Stammes und der Familie. Tuft war verzweifelt; +jetzt galt es! Mit lauter Stimme, bewegt und kraftvoll, +fing er an, seinen Glauben zu bekennen. Als ob <em class="gesperrt">das</em> +was helfen konnte! Behauptungen — Behauptungen! +Bring uns die Beweise! Zu spät erkannte Ole Tuft, +daß er zu viel verteidigt und darum alles verloren hatte. +Er empfand ein tiefes Weh; er kämpfte ohne Hoffnung, +aber er kämpfte dennoch und rief es laut in alle Welt +hinaus: wenn auch nur eine dieser Wahrheiten zweifelhaft +erscheine, so trage allein er die Schuld; er sei zu +schwach, sie zu verteidigen. Aber Gottes Wort bleibe +unangetastet bestehen, bis ans Ende der Welt! — Ja, +aber was denn eigentlich Gottes Wort sei? — Gottes +Wort — das sei die Bibel, in ihrer Ganzheit und ihrem +Geist, die Schöpfung (oho!), der Sündenfall (hört! +hört!), der Erlösungstod (hört! hört! hört!) — — — +Er schrie, die andern schrien, Tränen traten ihm in +die Augen; seine Stimme zitterte; er war bleich und +schön.</p> + +<p>Ganz so unbarmherzig wie Kinder sind junge Leute +nicht; aber doch auf dieselbe Art. Einigen tat Ole leid; +andere wollten ihn jetzt erst recht "reinlegen" — und +vor allen Edvard Kallem.</p> + +<p>Josefine aber machte sich heimlich zu der Brünette mit +der Sopranstimme. Und augenblicklich stimmte diese eins +ihrer Lieder an, und die andern fielen nach und nach +ein — die Herren ein bißchen später als die Damen. +Die Gesellschaft bestand zufällig — bis auf wenige +Ausnahmen — aus einem Damen- und Herrenchor, die +in den drei letzten Wintern mit einem Fleiß und einer<a class="page" name="Page_64" id ="Page_64" title="64"></a> +Eintracht geübt hatten, wie das nur in einer kleinen +Stadt möglich ist.</p> + +<p>Josefine setzte sich mitten auf den Hügel; die anderen +um sie herum. Sie sang nicht mit; sie war mit ihren +Blumen beschäftigt.</p> + +<p>Die ganze Gesellschaft war mit dem Schiff hergekommen, +das dort unten so heiter in der Sonne lag. +Josefine, Edvard und Ole hatten dicht beieinander gesessen; +denn viel Platz war nicht. Keiner hätte nach +ihrer heiteren, meist im Flüsterton geführten Unterhaltung +ahnen können, daß nicht alles zwischen ihnen +die lautere Freundschaft und Güte war. Und jetzt, +kaum drei Stunden später, saß Ole Tuft da als Ausgestoßener. +Wie weh das tat! Ein plötzlicher Angriff auf +seinen Beruf, seinen Glauben — vor aller Augen! Und +gerade von Edvard! Und so grausam! So erbarmungslos +höhnisch! Und Josefine! Kein Wort der Teilnahme +von ihr — keinen Blick!</p> + +<p>Von Kindheit an hatten sie zusammengehalten, Ole +und sie, hatten einander geschrieben, als er in Kristiania +war — er alle vierzehn Tage; sie, sooft sie etwas zu schreiben +hatte. Wenn er in den Ferien zu Hause war, kamen +sie täglich zusammen. In den zwei Jahren, als sie in der +französischen Pension und in Spanien war, wurde der +Briefwechsel eifriger geführt, auch ihrerseits, — und als +sie wieder nach Hause kam — so sehr sie sich auch sonst +verändert hatte — im Verhältnis zu ihm war sie dieselbe +geblieben! Ihr Vater unterstützte ihn bei seinen Studien, +so daß er sich mit voller Hingabe ihnen widmen +konnte; zu Weihnachten sollte er sein letztes Examen +machen; und jedermann prophezeite ihm, es würde ganz +glänzend ausfallen. Daß man ihn so unterstützt hatte, +das verdankte er ohne Zweifel ihr, vielleicht auch ihrem +Bruder. Beide hatten ihn seinerzeit bei ihrem Vater, +beim Rektor, beim Apotheker und auch sonst eingeführt; +auch jetzt verschaffte sie ihm Zutritt überall. Für gewöhnlich +war sie wortkarg und manchmal recht schwierig; +aber in ihrem Freundschaftsverhältnis von unverbrüch<a class="page" name="Page_65" id ="Page_65" title="65"></a>licher +Treue. Sie konnte ihn auszanken (er war gar nicht +immer so, wie's ihr paßte); aber das gehörte zu ihrem +Verkehr; er nahm das weiter nicht schwer, und sie erst +recht nicht. Sie war ja vom ersten Tag an sein Vormund +gewesen. Noch hatte er nicht gewagt, ihr zu +sagen, daß er sie liebe; es hatte ja auch keine Eile; und +im Grunde war es viel zu heilig. Er war ja ihrer so sicher +wie seines Glaubens. Er war ein Bauer; sein Wesen war +Einheit, sein Grundton Gefestigtheit. Für seinen Glauben +sorgte Gott. Für sein Wohlergehen und seine Zukunft +sorgte selbstverständlich auch Gott — aber durch +Josefine. Sie war in seinen Augen das schönste, gesundeste, +tüchtigste Mädchen im ganzen Land — und sehr +reich. Das zählte auch mit; er war von kleinauf ein ehrgeiziger +Träumer gewesen. Nur daß die Träume jetzt +nach einer andern Richtung gingen.</p> + +<p>Seine Studienkameraden wußten das recht wohl; sie +nannten ihn, außer "Melanchthon", den "Bischofprätendenten +der Fjorde" oder auch den "Fjordbischof". +Ihm selber war es geradezu ein Bedürfnis geworden, als +solcher betrachtet zu werden; und weil etwas Kindliches +darin lag, stand ihm diese lächelnde Überzeugtheit ganz +gut. Außerdem — er sah so gut aus — hatte ein so +hübsches, offenes, rosiges Gesicht —; da wirkt der Ehrgeiz +nicht leicht abstoßend.</p> + +<p>Und jetzt fühlte er — er war abgestürzt von seiner +ruhigen, lächelnden Höhe! Jeder, der sich immer sicher +gefühlt hat und zum erstenmal eine gründliche Niederlage +erleidet, wird dadurch aus allen Fugen geraten! +Das Schlimmste war — Josefine verleugnete ihn. Wieder +und wieder blickte er zu ihr hin; aber sie ordnete ihre +Blumen und Gräser, als sei er überhaupt nicht vorhanden.</p> + +<p>Zuletzt war es wirklich, als rückten alle von ihm ab, +oder als sei er tatsächlich nicht mehr da. Er saß, ohne +zu sitzen, hörte, ohne zu hören, sah, ohne zu sehen. +Droben vor dem Haus deckte man den Tisch zum Abendbrot. +Sobald es fertig war, ging man hinauf, aß, trank,<a class="page" name="Page_66" id ="Page_66" title="66"></a> +schwatzte, lachte; bloß er war nicht mit dabei; er stand +und starrte hinaus — nach dem jenseitigen Ufer der +Bucht — oder in weite, weite Fernen ... Ein junger +Kaufmann redete zu ihm über Dampferlinien — daß +sie so gar nicht günstig lägen. — — Ein Mädchen mit +schrägstehenden Zähnen, roten Zöpfen und Sommersprossen — er +hatte ihr einmal Unterricht gegeben — versicherte +ihm, die Seeleute seien gar nicht so gebildet, +wie man das von so weitgereisten Menschen erwarten +sollte. Die Wirtin kam und fragte, warum er denn nichts +esse, und der Wirt stieß mit ihm an; sie erwiesen ihm +dadurch etwas vom alten Respekt; aber sie warfen beide +einen hastigen Blick auf seine Augen, vor dem er erbebte: +er fühlte den Zweifel. In seinem nagenden, immer mehr +zunehmenden Schmerz sah er überall Zweifel und Hohn, +selbst in der Fröhlichkeit der andern. Edvard war lustig +bis zur Ausgelassenheit, und alles drängte sich um ihn. +Ihm zu Ehren — er war vor etwa vierzehn Tagen heimgekehrt +— war ja auch der ganze Ausflug unternommen. +Ole sah wie im Traum, daß Josefines Blumen jetzt auf +dem Tisch standen, und hörte, wie die Zusammenstellung +der Farben gerühmt wurde. Sie selber hatte mit +zwei Freundinnen an einem kleinen steinernen Tischchen +Platz genommen, an dem niemand weiter sitzen +konnte. Vielleicht, damit er sich nicht anschließen +sollte? Ganz drüben, auf der andern Seite war es. Er +sah sie plaudern und lachen; sämtliche junge Herren +bedienten sie. Edvard war auch ein paarmal dort, und +brachte sie zum Lachen. Und das alles beobachtete er +mit einem sonderbaren Gefühl von Angst. Der Lärm +tat ihm weh, das Lachen war wie ein Hohn, das Essen +blieb ihm im Halse stecken, das Getränk brannte, die +Menschen waren wie Automaten — das Haus, die Bucht, +das Boot, die Berge so erdrückend nahe.</p> + +<p>Da Windstille eingetreten war, mußte die Gesellschaft +zu Fuß nach der Stadt zurückgehen. In geschlossener +Kolonne, singend, begann man zu marschieren; aber +bald kamen aus den umliegenden Gehöften Sommer<a class="page" name="Page_67" id ="Page_67" title="67"></a>gäste +herzu, und da es Bekannte waren, machte man +halt. Die Neuhinzugekommenen schlossen sich ein +Stück Wegs an; dann kamen weitere; und jedesmal gab +es einen Aufenthalt, und jedesmal lösten sich einzelne +Gruppen los. Dadurch gelang es Ole, unbemerkt zurückzubleiben. +Er konnte die Gesellschaft und ihre Lustigkeit +nicht mehr ertragen.</p> + +<p>Denn jetzt erst konzentrierte alles sich um Josefine. +Edvards plötzliches Umschwenken, sein Angriff, die +Schmach der Niederlage, das verletzte religiöse Empfinden +... alles verfloß in dem <em class="gesperrt">einen</em> Gedanken, daß <em class="gesperrt">sie</em> +nicht zu ihm gestanden war, mit keinem Wort, mit +keinem Blick; daß sie ihm erst ausgewichen war und ihn +jetzt ganz im Stich ließ. Das ertrug er nicht; denn sie +war ihm viel zu teuer geworden. Er wußte es und er +schämte sich dessen nicht. Sein früherer höchster Erdenwunsch<br /> +<span style="margin-left: 0.5em;">— Missionär zu werden — war von ihm abgefallen</span><br /> +wie eine Haut, als Josefine keinen Wert mehr darauf +legte. Jedesmal, wenn die Mutter ihm gesagt hatte, +er möge doch nur nicht Missionär werden, hatte er erwidert: +man solle Gott mehr gehorchen als den Menschen. +Aber als Josefine, in ihrer kraftvollen Art, in eine +nähere Wirklichkeit hineinwuchs, da gab er es auf, ohne +daß sie auch nur ein Wort darüber zu verlieren brauchte. +Daß es sich strafen müsse, wenn man einen Menschen +<em class="gesperrt">so</em> liebe, das sagte er sich selber. Aber er konnte nicht +anders.</p> + +<p>Unter solchen und tausend ähnlichen Gedanken blieb +er nach und nach zurück und bog vom Weg ab in ein +Wäldchen ein; dort warf er sich nieder und wartete, +bis die Sommergäste zurück- und vorbeikommen würden. +Er drehte sein Gesicht der Erde zu. Das kühle Gras, +das ihm Wangen und Stirn kitzelte, und die feuchte +Erde, die er einatmete, redeten zu ihm ... Solch dürftiges, +im Schatten wachsendes Gras hat keinen Duft; +und so war es auch mit ihm; durch sie hatte auch er die +Sonnenseite kennen gelernt; ohne sie war nichts als +Schatten.</p> + +<p><a class="page" name="Page_68" id ="Page_68" title="68"></a>Und der Bruder hatte sie ihm genommen! schrie es +in ihm.</p> + +<p>Dieser Bruder, der sich bis vor wenigen Tagen nicht +um sie gekümmert hatte, während er, Ole, von Kind auf +um sie gewesen war, mit ihr gerudert hatte, ihr vorgelesen, +ihr Bruder und Schwester zugleich gewesen war +und ihr geschrieben hatte, wenn sie fern voneinander +waren! Hatte ihr Bruder das je getan? Selbst seine +Niederlage durfte er sich zugute schreiben! Denn hätte +er's — ihretwillen — nicht so gewissenhaft genommen +mit dem Examen, zu dem ihr Vater ihm verholfen hatte — so +hätte er mehr gewußt von den Dingen, um die sich's +handelte — hätte vielleicht keinen solchen Abfall erlitten. +Auch das mußte er um seiner Treue willen erdulden.</p> + +<p>Edvard war, in Josefines Kinder- und Backfischzeit, +selten mit ihr zusammen gewesen, ohne sie zu necken. +Sie war immer ein hageres Ding gewesen, mit großen +schwarzen Augen, meist sehr zerzaustem Haar, roten +Händen und einer "schlottrigen" Figur. Er hatte sie +nur das "Entenküken" genannt, und als sie einmal gefallen +war und hinkte, "das lahme Entenküken". Er +konnte nie so recht klug aus ihr werden; sie war so herb +und trotzig und immer — drei Schritt vom Leibe. +Und dann — sie war so oft der Anlaß, daß er Schläge +bekam. Sie hielt es für "gerecht", zu erzählen, wenn er +etwas Dummes angestellt hatte. Und wenn er sie dafür +verprügelte, so war es "gerecht", auch das wieder zu +erzählen. Das empörte ihn gegen sie. Bald kamen sie +auch dadurch auseinander, daß er das väterliche Haus +verließ. Nach jenem unglückseligen Tag, an dem Vater +und Sohn auf dem Weg nach Store-Tuft zusammengetroffen +waren, erbarmte sich der Apotheker seines +alten Freundes und nahm den Jungen ganz regelrecht +als seinen eigenen Sohn zu sich. Und was dem Vater +nicht geglückt war, das glückte <em class="gesperrt">ihm</em>. Der Junge wurde +sofort aus der Schule genommen und durfte seinem +Hauptinteresse, den Naturwissenschaften, leben. Che<a class="page" name="Page_69" id ="Page_69" title="69"></a>mische +und physikalische Analysen oder botanische Ausflüge +waren sein Höchstes, und zwei Jahre lang trieb er +ausschließlich derartige Studien. Die zum Abiturientenexamen +notwendigen Fächer eignete er sich dann durch +Privatunterricht so rasch wie möglich an, und nach +der Prüfung begann er sein medizinisches Studium. +So lange er daheim war, sah er seine Schwester nur, +wenn sie ihn in der Apotheke besuchte, und da ihre +Interessen auseinandergingen, war der Verkehr eigentlich +gleich Null. Später nahm ihn der Apotheker fast +in jeder Vakanz mit ins Ausland; Edvard hatte gute +Sprachkenntnisse, und die gingen dem Apotheker ab. +Also kamen auch während der Ferien Bruder und +Schwester nur selten zusammen. Aber seit er als +Student mit dem Apotheker seine erste Reise ins Ausland +gemacht und sie den heimgekehrten, erwachsenen +Bruder gesehen und gehört hatte — modern in Kleidung +und Gedanken, feurig, kraftvoll, das Ideal der gesamten +Jugend, besonders der weiblichen — hatte sie ihn heimlich +bewundert. Er seinerseits übersah sie einfach; oder +er zog sie auf; das kostete sie Stunden der Qual; aber sie +schluckte es tapfer hinunter, nur damit sie sein konnte, +wo er war — wenn auch nur ganz still in einer Ecke.</p> + +<p>Ole verstand sie, trotzdem sie sich nie verriet. Auch +ihm gegenüber sprach sie selten anders von Edvard als +von einem "Ekel", einem "Wicht", einer "Plappermühle" +usw. Aber durch die treuen Dienste, die er +ihr erwies, so oft sie vom Bruder übersehen oder gekränkt +dasaß, sammelte Ole sich Schätze in ihrem Herzen.</p> + +<p>Mit Edvard war eine große Veränderung vorgegangen; +seine Neugierde war zur Wißbegier, seine Unruhe zu +Energie geworden. Aber gleichzeitig durchlief auch die +Schwester verschiedene Stufen der Entwicklung, von +denen er nichts ahnte. Zweiundeinhalbes Jahr waren +jetzt verflossen, seitdem er sie zum letztenmal gesehen +hatte; sie war zwei Jahre in Frankreich und Spanien +gewesen, und in den letzten Ferien, als sie zu Hause +war, hatte er mit dem Apotheker eine Reise nach Eng<a class="page" name="Page_70" id ="Page_70" title="70"></a>land +gemacht; auch in diesem Jahr waren sie ein paar +Monate zusammen fort gewesen. Die Schwester, die +er <em class="gesperrt">jetzt</em> sah, die kannte er nicht. Nach der ersten Begegnung +war er ganz von ihr erfüllt.</p> + +<p>Schön sei sie nicht, sagte er zu Ole (zu dessen größter +Verwunderung), sobald die beiden sich trafen. Aber er +wurde nicht müde, von dem neuen und eigenartigen +Eindruck zu sprechen, den sie hier unter all den andern +mache. Ihre Mutter müsse sich an einer Spanierin +versehen haben, als sie mit ihr schwanger ging. Wäre +nicht dieses Unnennbare — die Augen gewesen, was auf +der ganzen Welt Volk von Volk unterscheidet — wären +nicht die Augen gewesen, sie hätte unter Spaniern +ruhig für eine Landsmännin gelten können. Wie das in +einem norwegischen Hause wirkte! Sie sprach gut — +lebendig und rasch — war aber eigentlich wortkarg, und +hielt sich zurück. Kühn in ihrer Kleidung, mit einer +Vorliebe für starke Farben, ganz modern, fast herausfordernd, +aber in jeder andern Hinsicht eher scheu.</p> + +<p>Fortan war Edvard ihr Bruder. Der Vater war verreist, +und während der Zeit wohnte sie bei Rektors und +war nicht immer zu haben; aber so oft es sich machen +ließ, waren sie zusammen. Sie hatte die Empfindung, als +ob er sie gern "entdeckt" hätte, und war auf ihrer Hut; +aber es schmeichelte ihr, daß er in Gesellschaft seine +Worte an sie richtete und daß seine Augen stets die +ihren suchten.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Während Ole, tief unglücklich, sein Gesicht ins Gras +des Waldbodens preßte, standen sie alle vor ihm, die +Stunden, da sie auf dem Ball den Bruder hatte tanzen +sehen — mit der und mit jener — manchmal mehrere +Tänze mit einer und derselben — und mit ihr bloß eine +"Pflichttour".</p> + +<p>Und jetzt?</p> + +<p>Jetzt war sie Edvards Schwester — seine geliebte +Schwester — und Oles und ihre Wege gingen auseinander ...</p> + +<p><a class="page" name="Page_71" id ="Page_71" title="71"></a>Weshalb mußte Edvard sich in ein Verhältnis eindrängen, +von dem er doch gar nichts wußte? Sich Rechte +anmaßen, die er sich durch nichts verdient hatte? Nach +ein paar Tagen des Zusammenseins einfach entscheiden, +wer für sie passe — und wer nicht?</p> + +<p>Weshalb vor aller Augen ihn angreifen und ihn verhöhnen +in dem, was ihm Lebenssache war? Und nicht +allein ihn — sondern Gott selber.</p> + +<p>Und wie Ole Tuft diesem Gedanken nachhing, verbreitete +sich um ihn ein seltsam heller Lichtschimmer — und +in diesem Schimmer stieg etwas Großes empor über +den Bergen jenseits des Fjords ... Er fühlte, wie es +ihn im Nacken packte, während er so dalag, das Antlitz +tief in den Rasen gedrückt. Und es flüsterte, und das +Flüstern erfüllte den ganzen Raum — von dort bis +hier —: "Was hast Du aus mir gemacht?"</p> + +<p>Ah — wie plattgedrückt kam er sich vor — wie in die +Erde hineingepreßt! Und er begriff jetzt, weshalb der +Schmerz wie mit einem Schermesser das Kranke aus +seinem Fleische schnitt. Er hatte verloren heute, weil +er als Lügner dastand. "Du sollst keine anderen Götter +haben neben mir!" "Gott, Gott! Vergib mir! Schone +meiner! — Und Deine fleischlichen, Deine eitlen +Träume!... Nimm, gleich Israel, der Nacht wahr, +um zu ringen mit mir!... Wurm, der Du Dich +krümmst!" — — —</p> + +<p>Über ihm den Raum durchbrauste der Klang von +tausend Schwingen.</p> + +<p>Es war nicht das erstemal, daß der Ernst des Alten +Testaments von den Höhen auf ihn herniederstürzte +und seine Wohnstatt aufschlug in ihm. All diese Fragen — ob +"groß" — oder "klein" — ob er das "Höchste" +wagen oder sich, wie die andern, mit dem Mittelmäßigen +begnügen sollte — sie waren ihm nichts Neues.</p> + +<p>Doch wenn er dann Josefine wieder traf — bei guter +Laune — so waren diese Fragen wie weggeblasen. Mit +einem einzigen guten Händedruck schob sie sie beiseite. +Auch jetzt war es wieder so. Ohne jeden Übergang<a class="page" name="Page_72" id ="Page_72" title="72"></a> +strömte von ihr ein gesunder Protest in ihn über. +Nimmermehr hätte Josefine sich heut von ihm abgewandt, +bloß weil der Bruder es wünschte! Nimmermehr! +Wenn sie es so aufgefaßt hätte, dann hätte sie gerade +entgegengesetzt gehandelt. Nein — weil er ein Schwächling +war, wandte sie sich von ihm ab, einzig deswegen. +Vielleicht auch, weil sie sich nicht gern in einen Streit +mischen mochte; sie war so scheu. Sie wandte sich ja +eigentlich auch nicht dem Bruder zu. Sie hatte mitten +unter den andern auf dem Hügel gesessen und später, +beim Essen, mit einigen Freundinnen an einem besonderen +Tisch. Und auch beim Aufbruch hatte sie sich +nicht an den Bruder gehalten, der doch fast alle um sich +sammelte.... Warum hatte er denn daran nicht eher +gedacht? Sie war ja doch treu.... Ganz gewiß! Sie +war treu! Er stand auf. Wieso in aller Welt hatte er +das nicht gleich gesehen?</p> + +<p>Er hätte gern gehabt, daß sie ihm auf eine oder die +andere Weise geholfen oder ihn wenigstens getröstet +hätte, ihm gezeigt hätte, wie leid er ihr tat. Aber dergleichen +lag nicht in Josefines Natur. Was fiel ihm +denn nur ein? Besonders, wenn irgendwie ein Aufsehen +entstanden war, und die Leute sie beobachteten.</p> + +<p>Ein rechter Schafskopf war er gewesen. Und im Bewußtsein +dieser erfreulichen Entdeckung sprang er das +Gehölz hinab über den Straßengraben und machte sich +ebenfalls auf den Heimweg.</p> + +<p>Großer Gott im Himmel, wie er sie liebte! Er sah +sie vor sich, wie sie sein konnte, wenn er ihr zu kindisch +war; er sah den guten, großen Blick, bei all ihrer Majestät!...</p> + +<p>Der späte Sonnenuntergang hinterließ keine Röte am +Himmel; die Nacht war grau und schlaff, der Weg, +am Fuß einer kahlen Anhöhe entlang, anmutlos; zu +beiden Seiten kleine Anwesen, die Häuser auf der Anhöhe, +ärmlicher Kleinbetrieb, da und dort ein paar +dürftige Sommervillen, niedrige Bäume und vereinzelte +Büsche.</p> + +<p><a class="page" name="Page_73" id ="Page_73" title="73"></a>Er sah es und sah es nicht, während er seinen eigenen +Gedanken nachhing. Keine Seele unterwegs; ja, doch, +ganz da vorn ein einzelner Mensch, der auf die Stadt +zuging. Ole mäßigte seine Schritte, um diesen einen +nicht einzuholen, und merkte gar nicht, daß vor dem, +der dort ging, einer war, der kam. Jetzt konnte er auf +einmal beide unterscheiden. Himmel!... War das +nicht...? Oder täuschte er sich?... Nein, er kannte +den Hut, und nun auch den Gang, die Figur! Es gab +nur <em class="gesperrt">eine</em> solche! Josefine kam zurück, um ihn zu holen! +Das sah ihr ähnlich.</p> + +<p>"Aber wo steckst Du denn?" sagte sie. Ihr großes +Gesicht war gerötet, ihr Busen wogte, die Stimme klang +gedämpft, der Sonnenschirm, den sie in der linken Hand +trug, war nicht ganz ruhig. Ole antwortete nicht; er +sah ihr Gesicht, ihr Kleid, die Hutfeder, die stolze Gestalt +an, bis sie unwillkürlich lächelte; so viel stumme +Bewunderung und Dankbarkeit durchbricht am Ende +jeden Panzer. "Josefine, ach, Josefine!" Von seinem +flachen Strohhut bis zu den Stiefeln herab war alles +ein einziger Widerschein von Glück und Bewunderung. +Da kam sie heiter heran, legte ihre rechte Hand auf +seinen linken Arm und schob ihn sachte vorwärts: er +solle gehen.</p> + +<p>Sein Gesicht trug die Spuren des Grases, in das er sich +geworfen hatte; sie glaubte, er habe geweint. "Du bist +zu dumm, Ole!" flüsterte sie.</p> + +<p>Die graue Sommernacht, die nicht schlafen kann und +auch nicht wachen, erweckt leicht das Gefühl von etwas +Halberreichtem, — für die beiden wurde sie, was ein halbdunkles +Zimmer für zwei heimlich Verlobte ist. Sie ließ +ihre Hand auf seinem Arm liegen, und als seine Augen +den ihren begegneten, sah sie ihn an, wie wenn man ein +Kind zudeckt. "Siehst Du, ich dachte," sagte er, "ich +glaubte, ja, denk' nur, ich glaubte ..." Tränen standen +ihm in den Augen. "Du bist zu dumm, Ole!" flüsterte +sie wieder. Und damit waren die Stürme des Tages +abgetan.</p> + +<p><a class="page" name="Page_74" id ="Page_74" title="74"></a>Ihre Hand blieb auf seinem Arm liegen; es sah aus, +als führe sie einen Arrestanten. Er fühlte kaum den +Druck, aber es rieselte ihm durch Mark und Bein. Ab +und zu streifte ihr seidenes Kleid sein Bein; sie gingen +im Takt, der elektrische Strom ihrer Nähe trug ihn. +Sie waren ganz allein, und es war ganz still; sie hörten +ihre eigenen Schritte und das Rascheln des seidenen +Kleides. Er hielt den Arm, auf dem ihre Hand lag, +ängstlich still, als könne sonst die Hand hinunterfallen +und entzweigehen. Das einzige Unvollkommene war — denn +etwas Unvollkommenes muß ja immer sein — daß +er eine steigende Lust verspürte, die Hand zu nehmen +und sie in seinen Arm zu stecken — auf die allgemein +übliche Weise; dann konnte er sie drücken. +Aber er wagte es nicht.</p> + +<p>Sie gingen und gingen. Er sah vor sich hin und entdeckte, +daß kein Mondschein war. "Es ist kein Mondschein!" +sagte er. — "Sonst wäre es heller", erwiderte +sie lächelnd. "Viel heller!" Die Stimmen waren zusammengetroffen, +die Klänge hatten sich vermischt +und spielten noch lange miteinander wie Vögel in der +Luft.</p> + +<p>Aber gerade darum war es schwer, weitere folgen zu +lassen. Während Ole darüber nachsann, was er das +nächste Mal sagen solle, wurde er gerührt und stolz. +Er dachte an jenen Samstagabend im schmutzigen +Schnee, als sie auf dem Schulhof so schlimm gegen ihn +gewesen waren, und er davongelaufen war nach Store-Tuft; +er gedachte seines damaligen Elends; aber von +diesem Elend schrieb sich seine Erhöhung von heute +her, heute, da er von der andern Seite in die Stadt kam +und sie am Arm führte.... Nein, doch nicht ganz! +Das war das Unvollkommene dabei.</p> + +<p>Sollte er es sagen? Würde sie es zu dreist finden? +"Wir sind wohl ganz allein jetzt, wir zwei beiden?" — +auf schlauen Umwegen wollte er darauf zugehen; aber +seine Stimme war nicht sicher; sie verriet ihn. Und so +antwortete Josefine gar nicht. Es wurde still zwischen<a class="page" name="Page_75" id ="Page_75" title="75"></a> +ihnen, ganz still. Und plötzlich glitt ihre Hand von +selbst in seinen Arm, so, wie es bei Verlobten Sitte ist. +Ein Beben ging durch sein ganzes Wesen, und mutig +gab er ihr einen leisen Druck, wagte aber nicht, sie dabei +anzusehen. Sie gingen weiter.</p> + +<p>Bald lag die Stadt, in Schleier gehüllt, vor ihnen; +das Takelwerk der Schiffe floß zu Türmen zusammen; +es sah aus, wie die zusammengelaufenen Maste von +Zuckerwerkschiffen. Die Häuser in flaumigen Umrissen, +fast farblos; alles wohl eingepackt und verwahrt; +die Berge standen und hielten Wacht. Ein einziger, +schwacher, unbestimmbarer, langgezogener Laut, ein +matter Streifen durch das lichtgraue Schweigen. "Möchtest +Du mir nicht etwas erzählen?" fragte sie schnell, +als könne sie es nicht mehr aushalten. Er fühlte sich +wie erlöst und fragte, ob er vom — Licht erzählen solle. +"Ja, vom Licht!" erwiderte sie. War es Ironie?</p> + +<p>Er fing an; aber er wußte es nicht klarzumachen. +Beim erstenmal, als sie eine rasche Frage stellte, um die +Sache bestimmter zu gestalten, fühlte er — er konnte +nicht weiter; er war nicht genügend daheim in diesem +Stoff. "Ich will Dir lieber das Ende von Jeanne d'Arc +erzählen!" sagte er. "Du weißt, — wo wir gestern +unterbrochen wurden." — "Also nehmen wir Jeanne +d'Arc!" sagte sie immer lustiger; sie lachte. — "Du +magst nicht?" — "Doch, doch!" Das sagte sie sanfter, +als wolle sie das Vorhergehende wieder gutmachen. So +erzählte er denn den Schluß der Geschichte von Jeanne +d'Arc, nach einem vor kurzem erschienenen Werk, das +er in diesen Ferien von ihrem Vater entlehnt hatte. <em class="gesperrt">Der</em> +Stoff lag ihm; seine westländische, singende Stimme +gab dem Ganzen etwas Schwebendes, die streng schulgemäße +Behandlung des Wortes, die den ehemaligen +Bauern kennzeichnete, getragen vom gemilderten Tonfall +des Dialekts, paßten dazu wie alte Schrift. Sein +weiches, lichtes Melanchthonantlitz schwärmte; sie +blickte zu ihm auf, und blickte jedesmal in sein reines +Herz.</p> + +<p><a class="page" name="Page_76" id ="Page_76" title="76"></a>So kamen sie in die Stadt. Die Erzählung ergriff sie, +und beide waren so eifrig geworden, daß sie gar nicht +darauf achteten, ob ihnen jemand begegnen könne, oder +daß zu beiden Seiten Häuser standen; er redete nur ein +bißchen leiser, und sprach weiter.</p> + +<p>Aber als sie sich der Straße näherten, wo seine Tante +wohnte, und wo er hinein mußte, hielt er inne, trotzdem +seine Erzählung noch nicht zu Ende war. Ob er +sie wohl nach Hause begleiten durfte? Rektors wohnten +ein paar Häuser weiter. Wenn er nicht mit durfte, so +mußte er sich hier von ihr trennen. Dies Dilemma war +übrigens nicht neu.</p> + +<p>Gerade deshalb meldete es sich jetzt auch bei ihr. +Sie hatte dies "Aneinanderkleben" — daß einer mitging +bis an die Haustür des andern, wenn doch sein eigener +Weg in ganz anderer Richtung lag — nie leiden mögen. +Schon seit ihrer Kinderzeit — weil man sie immer mit +ihm geneckt hatte. Aber sie wußte — <em class="gesperrt">er</em> legte hohen +Wert darauf.</p> + +<p>Während des kurzen Stück Wegs, das sie beide noch +gemeinsam hatten, wurde diese Frage in ihnen beiden +geradezu brennend. Sollen wir uns hier verabschieden —? +Oder —? Ursprünglich etwas ganz Kindisches, war +es — durch die Wiederholung — etwas Großes geworden. +Sie war sich selber nicht klar über den Grund; +aber als sie am Kreuzweg standen, zog sie sachte ihre +handschuhlose Hand aus seinem Arm und bot sie ihm +zum Abschied. Sie sah, wie enttäuscht er war. Und um +es gleich wieder gutzumachen, strahlte sie ihn aus ihren +großen Augen an, drückte ihm fest die Hand, und ihr +"Danke, Du! Und auf Wiedersehen!" war von ganz +anderer Art und Farbe als sonst alle diese Jahre her. +Wie ein Gelübde fürs Leben sprangen die Worte von +Herz zu Herzen, und so waren sie auch gemeint. Für +seine Treue dankte sie ihm, für seine Liebe jetzt und +immerdar. Er war bleich geworden. Sie sah es und überlegte +einen Augenblick. Dann zog sie die Hand zurück +und ging. Unten wandte sie sich noch einmal nach ihm<a class="page" name="Page_77" id ="Page_77" title="77"></a> +um — dankbar, daß er weder in Wort noch Tat <em class="gesperrt">ihrem</em> +Willen widerstrebt hatte. Sie nickte zu ihm hinauf; +er zog den Hut.</p> + +<p>Wenige Minuten später stand sie in ihrem Zimmer, +viel zu erhitzt, um sich zu Bett zu legen, und überhaupt +hellwach. Sie hatte nicht die geringste Lust, zu schlafen; +sie wollte zum mindesten erst die Sonne auf den Dächern — oder +gar den lichten Tag sehen! Ihr Zimmer ging +auf den Hof hinaus, den großen Schulhof, dessen Abschluß +die Turnhalle bildete; einige Turnapparate standen +auch draußen. Von der Straße aus lag das Zimmer +im ersten Stockwerk — von der Hofseite im Erdgeschoß; +hundertmal war sie als Kind zum Fenster hinausgesprungen, +statt die Tür zu benützen. Sie öffnete das +Fenster und verspürte fast Lust, auch heute wieder +hinauszuspringen und auf dem Hof spazierenzugehen. +Am liebsten wäre sie die ganze Nacht mit Ole umhergestreift; +aber so etwas verstand er nicht. Vielleicht +hatte sie ihn bloß deswegen schon oben verabschiedet, +weil er es nicht vorgeschlagen hatte.</p> + +<p>Bei näherem Überlegen getraute sie sich aber doch +nicht auf den Hof hinaus. Es geschah nicht selten, daß +junge Leute, wenn sie von einer Land- oder Bootpartie +oder aus einer Gesellschaft heimkehrten und dabei an +dem alten Schulhof vorbeikamen, auf den Einfall gerieten, +den alten Spielplatz ihrer Knabenjahre wieder +aufzusuchen und sich ein paarmal am Reck zu schwingen; +und von halbbetrunkenen jungen Leuten gesehen werden — das +wollte sie nicht. Sie nahm ihren Hut ab und +blieb — vornübergebeugt — am offenen Fenster stehen — — sah +vor sich, was eben geschehen war, und was auch +jetzt sie noch hinauszog.</p> + +<p>Da hörte sie draußen Schritte — erst auf der Treppe, +dann auf dem Sandweg, der hierherführte. Sollte das +Ole sein —? War er so sentimental, daß es ihn trieb, +unter ihrem Fenster zu schmachten? Wenn er es wirklich +wäre! Gott gnade ihm, wenn er's war! — Sie +lauschte in höchster Spannung. Nein — die Schritte<a class="page" name="Page_78" id ="Page_78" title="78"></a> +waren zu rasch. Das war — — sie fühlte es — — dort +stand — — ihr Bruder ...</p> + +<p>Ja, es war Edvard. Er war gar nicht verwundert, sie +zu sehen; er kam direkt auf sie zu. Als er unter dem +offenen Fenster angelangt war, streckte er seine rechte +Hand hinauf; und sie nahm sie. Seine Augen schielten +ein bißchen — das sicherste Zeichen, daß er erregt war. +"Gut, daß Du noch wach bist; ich hätte sonst geklopft." +Forschend suchte sein Blick den ihren; er ließ ihre Hand +nicht los. "Bist Du eben erst gekommen?" — "Ja, +eben erst," — Sie war plötzlich ganz in seiner Gewalt; +und hätte er sie um das Unmöglichste befragt — sie +hätte antworten müssen, solange diese Augen so in die +ihren schauten. "Wie ich Dich unter den Letzten nicht +gefunden habe, dachte ich mir, Du wärst zurückgegangen +zu Ole." — "Ja." — Er hielt <em class="gesperrt">inne</em>; seine Stimme +zitterte. "Ich war ein rechter Narr! Ihr seid wohl verlobt +jetzt?" — Es dauerte eine Weile, obwohl die Antwort sofort +in ihren Augen aufsprühte. "Ich glaube!" sagte sie.</p> + +<p>Voll Liebe, aber auch voll Kummer sah er sie an. +Sie hätte am liebsten laut hinausgeweint. War es so +töricht, was sie getan hatte? Eine entsetzliche Angst +überfiel sie. Da faßte er mit beiden Händen ihren +Kopf, zog ihn zu sich nieder und küßte sie auf die Stirn. +Sie brach in Tränen aus und legte beide Arme fest um +seinen Hals. So lagen sie — Wange an Wange.</p> + +<p>"Na ja — wenn es nun einmal so ist — so wünsch' +ich Dir alles Gute, Josefine, liebe Josefine!" Sie umschlangen +sich noch fester. Dann ließen sie einander los.</p> + +<p>"Ich geh' heute fort!" flüsterte er und ergriff ihre +Hand. Sie reichte ihm alle beide. — "Heut, Edvard?" — +" — Ich war ein Narr! Leb' wohl, Josefine!" Sie machte +ihre Hände frei, um ihr Taschentuch herauszuziehen +und an die Augen zu pressen. "Ich komm' noch und +sag' Dir Adieu!" schluchzte sie. "Nein, nein! Du +mußt nicht!... Noch einmal!" — Und um ein Ende +zu machen, preßte er sie wieder in seine Arme, küßte sie +und ging davon, ohne sich umzusehen.</p> + + +<h3><a class="page" name="Page_79" id ="Page_79" title="79"></a>2</h3> + +<p class="center"><em class="gesperrt">Zweites Paar vor!</em></p> + +<p>Im März des folgenden Jahres, just als Edvard Kallem +vor seinem zweiten medizinischen Examen stand, +kamen plötzlich Dinge, die ihn auf ganz andere Art in +Anspruch nahmen.</p> + +<p>Und das müssen wir jetzt berichten.</p> + +<p>In der Zeit, als seine zusammenhangslosen naturgeschichtlichen +Studien mehr und mehr sich um die +Physiologie kristallisierten, war unter allen Physiologen +der tüchtigste ein junger Student der exakten Wissenschaften, +Tomas Rendalen. Er war etwas älter als +Edvard Kallem, und weil es an und für sich merkwürdig +war, daß ein Nicht-Mediziner in diesem Fach +Hervorragendes leistete, fiel er allen auf, und somit +auch Edvard Kallem, ohne daß dieser sich darum näher +an ihn angeschlossen hätte. Rendalen gehörte auch keineswegs +zu denen, die für den ersten besten zu haben sind.</p> + +<p>Erst später, eigentlich erst jetzt, nach Neujahr, als +sie mit demselben Dampfer aus den Weihnachtsferien +nach Kristiania zurückfuhren, kam es zu einer Art Annäherung. +Aber das erstemal, als Kallem Tomas Rendalen +in seiner Wohnung aufsuchte, blieb er auch gleich +die Nacht über. Und ein paar Abende darauf, als Rendalen +<i>ihn</i> besuchte, wanderten sie zwischen ihren beiden +Wohnungen, die übrigens ganz nah beieinanderlagen, +auf und ab, bis morgens gegen drei oder vier. Ein so +genialer Mensch war Edvard Kallem seiner Lebtag noch +nicht unter die Finger gekommen; und Rendalen seinerseits +kam eines Morgens, noch ehe Kallem nach der +Klinik gegangen war, dahergestürzt, bloß um zu erklären, +von all seinen Freunden und Bekannten sei +Kallem ihm der liebste.</p> + +<p>Rendalen war eine ursprünglichere, kraftvollere Natur +als Kallem; er war eine Mischung von Zahm und Wild, +von Leidenschaft, Schwermut, Musik, voll hoher Mitteilungsfähigkeit, +aber mit verschlossenen Kammern,<a class="page" name="Page_80" id ="Page_80" title="80"></a> +die sich selten oder nie öffneten. Eine grenzenlose +Energie — und dabei manchmal so von aller Kraft verlassen, +daß er überhaupt nicht mehr weiter konnte; +die ganze Maschinerie in Unordnung, als wenn ein Rad +gesprungen wäre. In der ganzen Charakterlandschaft +nicht <em class="gesperrt">eine</em> gerade Linie — lauter Unebenheiten, und +doch über allem das Licht eines großen Geistes. So +unberechenbar die Schwankungen waren, so unangenehm +die Enttäuschungen — die ganze Persönlichkeit +war in ihrer Unmittelbarkeit, ihrer Geradheit so gewinnend, +daß man ihn lieben mußte.</p> + +<p>Sein ganzes Denken ging auf Schulwesen und Erziehung, +und darin wiederum auf den <em class="gesperrt">einen</em> Kern: +jedes Kind über das "gefährliche Alter" wegzubringen, +das auf so ganz ungleiche Art sich äußere. Manche +gingen daran zugrunde; manche trügen Wunden davon, +die erst spät heilten; die mit gesundem Geblüt, unter +besseren Verhältnissen Aufgewachsenen, könnten heil +ausgehen; aber jedenfalls seien sie in der Minderzahl. +Alle Erziehung, aller Unterricht müsse sich auf das eine +Ziel konzentrieren: einen <em class="gesperrt">sittlichen</em> Menschen zu +schaffen. Das war sein A und O.</p> + +<p>Unermüdlich war er im Vortrag seines Unterrichtplans, +seiner Behandlungsweise; im Beschreiben der +Schuleinrichtung und des Zusammenarbeitens mit der +Familie. Seine Mutter war Vorsteherin einer weithin +bekannten Mädchenschule an der Westküste, und die +wollte er übernehmen, um seine Pläne ins Werk zu +setzen. Sein großes Ziel war die Simultanschule — +Knaben und Mädchen zusammen. Aber erst hieß es, +den Unterricht in allen Hauptfächern reformieren, und +zwar so, daß die Fächer leichter gemacht wurden, und +nicht bloß zugänglich für die Begabtesten. Und das +wollte er an der Mädchenschule ausprobieren.</p> + +<p>Er besaß eine nicht unbedeutende Sammlung von +Schulmaterial aus Amerika und vielen europäischen Ländern, +einen Schatz, den er unablässig vermehrte. Auch +eine ganze Bibliothek von Schulliteratur nannte er sein<a class="page" name="Page_81" id ="Page_81" title="81"></a> +eigen. Er wohnte mit einem Kandidaten der Theologie, +Vangen, zusammen, der zu Weihnachten fertig +geworden war und sich jetzt auf das praktische Examen +vorbereitete. Alle drei Zimmer, die sie gemeinsam +bewohnten, waren angefüllt mit Rendalens Sammlungen +und Bibliothek.</p> + +<p>Sein Äußeres war auffallend. Rotes, ins Blonde hinüberspielendes +Haar, das starr in die Höhe stand, Sommersprossen, +blinzelnde graue Augen unter weißen, +kurzhaarigen Brauen, die kaum zu sehen waren, die Nase +breit und leise aufwärts strebend, der Mund zusammengekniffen; +kurze, sommersprossige Hände, jeder Finger +voll Energie; nicht groß, aber vorzüglich gebaut; sein +Gang, auf auswärts gerichteten Füßen, war leicht, als +gehe er auf Tasten. Er war der erste Turner, wohin er +auch kam, und bei jeder Gelegenheit hing er an den +Turnseilen. Auch Edvard, der immer gern geturnt hatte, +wurde durch ihn zu dreifachem Eifer angespornt; denn +Rendalen besaß, wie kein zweiter, die Fähigkeit, andere +für das, was er selbst liebte, zu gewinnen. Seine Hauptleidenschaft +in dieser Zeit war, auf den Händen zu gehen; +und gerade das konnte Kallem zum Entzücken; dies setzte +vielleicht der Achtung, die Rendalen vor ihm hatte, die +Krone auf.</p> + +<p>Sie hatten viele Berührungspunkte. Beide waren +Spezialisten, beide bedeutend in dem, was sie sich als +Ziel gesteckt hatten; modern in ihrem Denken, voll +reformatorischen Mutes, beide zum äußersten auf ihre +Person bedacht; beide kleideten sich mit Geschmack, — +Rendalen legte sogar übertriebenen Wert darauf. Beide +hatten jenes lebhaft-wechselnde Spiel der Gedanken, +das schon errät, wenn erst die Hälfte gesagt ist. Beide +ergänzten sich gegenseitig in ihrem Wissen. Rendalen +war musikalisch, war ein Meister auf dem Klavier und +sang recht gut. Kallem sang noch besser, und Rendalen +feuerte ihn immer mehr an.</p> + +<p>So herzlich sich auch Rendalen im einzelnen und dem +einzelnen hingab — er hielt sich gleichzeitig immer in<a class="page" name="Page_82" id ="Page_82" title="82"></a> +einer gewissen Distanz, über die niemand hinwegkam. +Er liebte seinen Pflegebruder Vangen; aber gerade an +Vangen sah man recht eigentlich, daß immer eine bestimmte +Scheidewand da war. Auch darin begegnete +Kallem Rendalens Bedürfnis; er hatte ebenfalls diese +Unnahbarkeit, bei aller Hingabe.</p> + +<p>Daneben gab es aber auch genug Ungleichheiten, die +das Verhältnis einerseits frisch erhielten, andrerseits erschwerten. +Die Schwierigkeiten kamen fast alle auf Rendalens +Konto; Kallem war geschmeidiger und fügsamer. +Wenn Rendalen gerade einmal Lust hatte, so spielte er +stundenlang Klavier, spielte, als ob überhaupt niemand +im Zimmer sei; man konnte ebensogut gleich gehen. +Überhaupt war er es, der bei jedem Zusammensein den +Ton angab. Er war launisch und hatte lange Schwermutsperioden, +wo nur selten jemand ein Wort aus ihm +herausbrachte. Eine ungeheure Arbeitskraft, wenn er +mit etwas beschäftigt war, das seine Seele gefangen nahm, +und dann gab er allen den Laufpaß. War er aber in der +mitteilsamen Laune und so recht "in Stimmung", so +war die ganze Luft um ihn herum mit Elektrizität geladen.</p> + +<p>Das medizinische Studium war für Kallem jeden Tag +eine neue Entdeckung, und bei ihren gemeinsamen +physiologischen Studien trugen sie einander getreulich +alles zu — jeder von seiner Seite. Im Januar und Februar +waren sie fast jeden Abend zusammen, wenn nicht sonst, +so doch sicher von sechs bis sieben in der Turnhalle. +Meist aßen sie hinterher zusammen, am liebsten bei +Rendalen, der ein Klavier hatte.</p> + +<p>Anfang März kam Rendalens Mutter auf Besuch. +Sie wohnte bei den Wirtsleuten des Sohnes, die vor +kurzem erst nach der Stadt gezogen waren: ein blinder +Mann aus Nordland, der noch dazu auf einer Seite gelähmt +war, und eine außerordentlich musikalische Frau, +ganz jung, fast noch ein Kind — die seltsamste Ehe, die +man sich denken konnte. Rendalen sprach oft von +ihnen. Solange die Mutter des Kameraden in der Stadt<a class="page" name="Page_83" id ="Page_83" title="83"></a> +war, hielt Kallem sich fern. Jedesmal, wenn sie vom +Turnen kamen, merkte er, daß Rendalen seine Begleitung +nicht wünsche. Aber auch, als die Mutter nach +acht Tagen abgereist war, blieb es dabei; entweder +turnte Rendalen länger als Kallem, oder er ging nach +den ersten paar Übungen gleich wieder weg; er wünschte +offenbar nicht, daß Kallem ihn begleiten solle. Wahrscheinlich +hat er wieder seinen Schwermutsrappel! dachte +Edvard.</p> + +<p>Aber eines Vormittags, als Kallem etwas früher als +gewöhnlich nach Hause gekommen war — in der Regel +war er den ganzen Vormittag fort — hörte er draußen +läuten. Das Mädchen öffnete, und Rendalens Schritt +erklang im Vorzimmer. Er trat hastig ein, — finster, +wortkarg. Er habe ein Anliegen: ob Kallem nicht die +Wohnung mit ihm tauschen wolle.</p> + +<p>Kallem kannte ihn zu genau und war zu gutmütig, +um sich irgendwelche Verwunderung anmerken zu +lassen; er fragte auch gar nicht nach dem Grund, +sondern sagte bloß, seine beiden kleinen Zimmer würden +wohl schwerlich für Rendalens Sammlungen und sein +Klavier ausreichen. Und Vangen? Oder wolle er nicht +länger mit Vangen zusammenwohnen? Doch, freilich! +Aber neben Kallems zwei Stuben sei ein großer Saal, +auf den er, Rendalen, es schon längst abgesehen habe; +die Wirtin würde ihn gern vermieten. Und ihm passe +er gerade. Allein schon Klavier zu spielen in diesem +Saal! — "Hast Du bereits mit der Wirtin darüber gesprochen?" +— "Nein; das will ich jetzt." Und damit +war er hinaus. Dann kamen beide, er und die Wirtin, +wieder herein. Und wenige Minuten später war alles +abgemacht. Schon am Nachmittag wurde der Umzug +bewerkstelligt. Als der wackere Vangen auf seinen langen +Beinen vom Mittagessen nach Hause kam, saß Kallem +im ersten Zimmer rechts neben der Korridortür in +Schlafrock und Pantoffeln und erzählte ihm, Rendalen +wohne jetzt in der Sehestedsstraße, in Kallems früherer +Wohnung; sie hätten getauscht. Beide lachten.</p> + +<p><a class="page" name="Page_84" id ="Page_84" title="84"></a>"Und dabei gefiel es ihm hier so gut!" sagte Vangen. +Das war aber auch das einzige, was er sagte.</p> + +<p>Kallem dachte natürlich über die Ursache dieses +hastigen Umzugs nach und hatte auch die Absicht, sich +jedesmal einen ausführlichen Schwatz mit dem Mädchen +zu leisten, wenn es kam, um nach dem Ofen zu sehen +oder ihm Frühstück und Abendbrot zu bringen, das er +im Hause einnahm. Sie sah aus, als wisse sie etwas. +Marie hatte ein eigentümliches Lächeln, ungefähr als +wenn sie sagen wollte: "O — ich durchschau' Euch +alle miteinander — auch Dich, Du Schlauberger!" Gleich +als sie ihm zum erstenmal die Tür aufmachte, hatte sie +dieses Lächeln. Ihre Augen waren bis über die Hälfte +verhüllt von den Lidern, die in einer hängenden Falte +darüber lagen. Die Nase war platt und aufgestülpt und +zog beim Lachen den Mund wie an zwei straffen Bändern +in die Höhe, daß die Oberlippe vorstand und eine Reihe +Zähne zeigte, die sich um den Platz zu streiten schienen; +sie blitzten mit dem Lächeln um die Wette. Alles, +was sie sagte, hatte einen Unterton von Schelmerei und +Spottlust; unter den Lidern schoß es hervor, in den +Mundwinkeln spielte es. Dabei eine weiche Stimme. +Im übrigen ein kerniges Mädel, gut gebaut, klug wie +der Teufel und trotz ihrer lachlustigen Kritik zurückhaltend +und vorsichtig in Worten und Benehmen. Aber +das Lachen lag immer auf der Lauer. Als er sagte: +"Mein Name ist Edvard Kallem — ich werde in Herrn +Rendalens Zimmern wohnen!" antwortete sie lächelnd: +"Oh!" — als kenne sie alle seine Geheimnisse von Kindesbeinen +an. Erwähnte er Rendalen irgendwie, so sah sie +aus, als wisse sie einen ganzen Haufen lustiger Geschichten +von ihm; aber trotzdem — zum besten gab +sie nichts.</p> + +<p>Das Haus, in dem er jetzt wohnte, war ein Eckgebäude, +schräg gegenüber der Universität. Die Haustür +ging auf die Straße, an der auch Kallems Zimmer +gelegen waren. Sie lagen im zweiten Stock, auf demselben +Korridor wie die Wohnung der Wirtsleute, d. h.<a class="page" name="Page_85" id ="Page_85" title="85"></a> +das eine Zimmer — das andere, sein Schlafzimmer, lag +außerhalb mit eigenem Eingang. Rendalen hatte noch ein +drittes Zimmer gehabt, das Eckzimmer weiter drinnen. +An der Korridortür befestigte Kallem seine Visitenkarte, +unter einem großen Schild, auf dem "Sören Kule" stand; +das war der Name des Wirts. Tags darauf, an einem +Sonntag, machte er seinen Antrittsbesuch.</p> + +<p>Der blinde, gelähmte Mann saß in einem großen +Rollstuhl. Er war noch jung, der Unglückliche, kaum +über dreißig, von übermäßig dicker Gestalt, mit schweren +Gesichtszügen und schwerer Zunge. Schon sein: "Herein!" +auf Kallems Klopfen klang schwerfällig. Kallem +nannte seinen Namen. Der andere saß da, ohne sich zu +rühren und antwortete langsam: "So, so! — Ich bin +nämlich blind. — Und kann mich auch nur wenig bewegen." +Er sagte es mit nordländischem Tonfall. Die +einzelnen Silben kamen wie das plumpe Trotten von +Londoner Bierbrauerpferden heraus. Die Gesichtszüge +waren, trotz ihrer Fülle, scharf geschnitten und klar; +es war augenscheinlich Rasse in dem Mann. Kallem war +Mediziner genug, um auf der Stelle zu erkennen, was +die Ursache seiner Blindheit und Gelähmtheit war. +Verschiedene Stahlstiche, Holzschnitte und Photographien +von Spanien an den Wänden brachten ihn auf +den Gedanken, daß er vielleicht von dort das Geschenk +mitgebracht hatte, mit dem das galante Völkchen da +unten so freigebig ist.</p> + +<p>"Bitte, nehmen Sie Platz!" ertönte es endlich wieder. +In die bewegliche Seite des Körpers schien eine Art +Leben zu kommen, während er den Kopf nach einer +Tür links wandte. "Ragni!" Niemand antwortete; +niemand kam. Die Stille färbte sich grau vor seiner +Stimme, seinem gleichgültigen Wesen, seiner schwerfälligen +Ruhe. Kallem sah sich um. Wahrhaftig — da +lagen Kinderspielsachen! War es ihm nicht, als habe +er Kinderstimmen gehört? <em class="gesperrt">Hier</em> waren Kinder? +"Ragni!" dröhnte es noch einmal, langsam. Dann — +leiser: "Sie wird in der Küche sein und das Essen<a class="page" name="Page_86" id ="Page_86" title="86"></a> +richten!" Wieder dieselbe graue Stille. Schellengeläut +von der Straße her zerriß sie einen Augenblick; dann +zog sie sich um so lastender wieder zusammen. Die +Möbel waren — für eine kleine norwegische Stube im +Winter — zu schwer und zu dunkel; auch waren sie zerschlissen +und verblichen. Die Kupferstiche und Photographien +hingen in großen Rahmen, die nicht dicht +schlossen, so daß Staub und teilweise Feuchtigkeit das +Papier verdorben hatten. Nur das Kinderspielzeug und +der Flügel hoben sich von dem andern ab; der Flügel +schien ganz neu zu sein und stammte von der besten +Pariser Firma — augenscheinlich ein Konzertflügel. "Die +gnädige Frau spielt so gut — habe ich gehört?" — "Ja." +— Kallem wußte, daß sie sich von Kind auf für die +Musik ausgebildet hatte, und — um etwas zu sagen — +griff er dies Thema auf. "Sie hat auf dem Konservatorium +in Berlin studiert, nicht wahr?" — "Ja!" — +Im Zimmer rechts, das an das Eckzimmer stieß, wurden +Stühle gerückt. Kallem griff dies Thema auf. — "Ich +bekomme im Eckzimmer einen Nachbarn, wie ich +höre?" — "Ja." — "Ein Verwandter von Ihnen?" — +"Ja, eine Tante." — Wieder wandte Sören Kule den +Kopf nach links und rief gleichgültig: "Ragni!" Niemand +antwortete, niemand kam. "Mir war, als hörte +ich draußen jemand gehen", sagte er, wie um sich zu +entschuldigen, daß er gerufen hatte. Kallem stand auf +und verabschiedete sich.</p> + +<p>Einige Tage später gab er Rendalen eine humoristische +Schilderung dieses Besuchs. Rendalen lachte. Er +selber sei nur selten dort gewesen; aber er habe viel +gehört von "Sören Kule". Er versicherte, seinetwegen +möge den Kerl der Teufel holen — er habe nicht die +geringste Lust, über ihn zu sprechen. Und er setzte +sich ans Klavier und spielte.</p> + +<p>Wieder einige Tage später — wem begegnete Kallem +draußen im Korridor? Wem anders, als seinem zukünftigen +Schwager, Herrn Ole Tuft — Kandidaten der +Theologie und zurzeit in Kristiania, um sein Schluß<a class="page" name="Page_87" id ="Page_87" title="87"></a>examen +zu machen. Große Wiedersehensszene! Der eine +hatte keine Ahnung von Kallems Umzug, der andere +keine, daß Ole Tuft im Hause verkehre. Kallem lud +ihn ein, mit ihm auf sein Zimmer zu kommen und +erfuhr nun, daß Ole heute zum erstenmal hier war. +Er verkehrte bei der Tante der Wirtsleute, die gestern +hier eingezogen war. Edvard Kallem wußte jetzt gleich, +zu welcher Art Menschen sie gehöre, und ließ das +Thema augenblicklich fallen. Er fragte, ob Ole den +Sören Kule kenne. Nein, nur durch die Tante. Die +ganze Familie stamme aus Nordland. Wer eigentlich +dieser Sören Kule sei? Ein wohlhabender Fischhändler, +der blind und lahm geworden sei; er habe +sein Geschäft verkaufen müssen und dies Haus in Kristiania +erstanden; davon und von seinen Zinsen lebe er. +Sie hätten Verwandte in der Stadt und seien erst im +Oktober hergekommen. — Ob Ole Tuft wisse, was die +Ursache seiner Blindheit und Gelähmtheit sei? — Nein. +— Kallem erklärte, wie darüber eigentlich kein Zweifel +sein könne. Ole Tuft war ganz entsetzt! "Wie darf +er's dann wagen, zu heiraten! Und dazu zweimal!" — +"Er ist zum zweitenmal verheiratet?" — "Ja! Seit etwa +einem halben Jahr — oder auch vielleicht einem Jahr. — +Mit der Schwester seiner verstorbenen Frau." — "So +stammen die Kinder aus seiner ersten Ehe?" — "Ja. +Sie selber ist ja noch ein Kind. Denk doch — achtzehn +Jahre! Und bald ein Jahr verheiratet!" — "War +er schon so, wie er sich zum zweitenmal verheiratete?" — +"Nein, das glaub' ich doch nicht. Kränklich, ja — aber +nicht so. Die wenigsten werden es ja begreifen können." +— "Hast Du sie gesehen?" — "Nein. Aber sie soll ein +'feines' kleines Geschöpf sein, sagt die Tante, und musikalisch. +Sie hat schon öffentlich gespielt." — "In Nordland +wahrscheinlich?" — "Sie sollen ungeheuer kritisch +sein da oben." — Er kam wieder auf die Ehe zurück. +"Vielleicht haben die Eltern sie zustande gebracht — +der Kinder wegen." — "Also Pfarrersleute?" — hätte +Kallem fast gesagt; aber er besann sich beizeiten.<a class="page" name="Page_88" id ="Page_88" title="88"></a> +"Wählerisch ist sie jedenfalls nicht — bei Gott!" — +sagte er statt dessen. Sie sprachen dann noch ein bißchen +über gleichgültige Dinge. Die Schwester wurde +nicht erwähnt. Eine Weile später ging Ole zur Tante +hinein, die er hatte besuchen wollen. Kallem war diesen +Vormittag zufällig daheim und hörte die Frau des +Hauses spielen. Erst Tonleitern, nichts als Tonleitern; +dann aber ein Stück, so meisterhaft vorgetragen, daß er +einen Spalt seiner Tür öffnete, um besser zu hören. +Sie spielte vor allem so gesangvoll! Wie in aller Welt +konnte ein Weib, so jung, von diesem Kunstverstand +und dieser Lyrik, solch einen verfaulten Fleischklumpen +heiraten? Es war ein Rätsel. Er ging damit zu Rendalen; +aber Rendalen wußte gar nichts. Immerhin war er just +bei guter Laune und äußerte sich voller Begeisterung +über ihr Spiel; wenig Kühnheit war darin, aber ein +Gesang, ein erotischer Farbenreiz, die ihresgleichen +suchten. Er spielte ein russisches Stück — wie sie — +oder doch — wie er hinzufügte — so ungefähr; er spielte +es ausgezeichnet. Kallem wollte wissen, wie sie aussehe. +"Dumm sieht sie aus!" schrie Rendalen. "Einfach +dumm! Die Stirn könnte ihre Rettung sein; aber da +zerrt sie die Haare darüber. Auch die Augen könnten +sie retten. Aber mein Lebtag hab' ich noch kein Wesen +gesehen, das so blödsinnig schüchtern gewesen wäre mit +seinen Augen!" — "<em class="gesperrt">Hat</em> sie denn Augen?" — "Herrgott! +Und was für vieltönige! Die meisten singen glatt +unisono — wenn's hoch kommt zweistimmig! Aber +manche — ganz wenige — singen strahlende Akkorde! +Wenn sie beim Spiel aufblickt, dann fühlst Du's. Aber +für gewöhnlich kleben sie an den Tischbeinen oder +bohren Löcher in die Ecken — oder zünden das Feuer +im Ofen an. Manchmal fahren sie ein Stück an der +Wand hinauf, wie eine Ratte, die keinen Ausweg findet." +Er war ganz belustigt über seine eigenen Bilder und +setzte sich an's Klavier, um einen raschen Tanz zu +spielen. — "Ist das nun nicht des Teufels, daß solch +ein musikalisches Geschöpf — ach was! Bloß nicht<a class="page" name="Page_89" id ="Page_89" title="89"></a> +sentimental werden, Alter!" Er wollte in's Theater, +und Kallem mußte mit.</p> + +<p>Acht Tage waren vergangen, und noch hatte Kallem +sie nicht gesehen, wie sehr er sich auch bemühte hatte. +Dann machte er einen Familienball mit, — der Sohn +des Hauses war sein Studienfreund — und bei einer +Kotillontour kam der Freund mit zwei Damen und fragte, +was er wählen wolle — "Nußkern" — oder "Heckenröschen"? +Besonders geistvoll war es ja nicht; aber Edvard +wählte die "Heckenrose". Die Heckenrose hatte eine +Musikerstirn und reizende, gewölbte Augenbrauen; im +übrigen war sie schweigsam und unbedeutend. Ziemlich +groß, abfallende Schultern, schöne Arme, nicht voll, +aber wohlgeformt; gerade eigentlich wie der ganze +Mensch. Sie tanzte gut; aber es hatte den Anschein, +als möchte sie so rasch wie möglich von ihm loskommen; +und wie er sie an ihren Platz zurückführte, hatte sie +ihn kaum angesehen. Er war höchst erstaunt, als sie +ihn bei der nächsten Tour holte. Vielleicht kannte sie +nicht viele Menschen, und ihre Bekannten waren gerade +nicht frei. Sie sah sich scheu um, kam dann mit kleinen, +zaghaften Schritten auf ihn zu und verbeugte sich, ohne +jedoch aufzublicken. Es schien fast, als fürchte sie sich, +und darum wollte er ganz besonders freundlich zu ihr +sein und setzte sich neben sie. Aber als sie auf alles, +was er auch sagen mochte, nur mit "Ja" oder "Nein" +oder "Vielleicht" antwortete, wurde das einem so gefeierten +Kavalier doch zu viel; er stand auf und verließ +sie. Kurz darauf hatte er wieder die Wahl zwischen +dem "Nußkern", den er vorhin verschmäht hatte, und +einem "Bonbon", und jetzt nahm er den "Nußkern". +Die gefiel ihm besser; ein rundliches, bewegliches Ding, +das eine Mischung von nordländischem und Bergener +Dialekt sprach. Sie erzählte ihm, ihr Vater stamme aus +Bergen und sei jetzt Pastor in Nordland. Sie sei hier +bei ihrer Schwester zu Besuch und mache viele Bälle +mit; sie hätten so viele Verwandte in der Stadt. Alles +das singend — echt nordländisch. Leider müsse sie bald<a class="page" name="Page_90" id ="Page_90" title="90"></a> +wieder nach Hause; sie bangten sich so nach ihr daheim, +und die alten Leute möchten nicht gern allein +sein. Kallem war natürlich der galante Mann und tat, +als interessiere ihn das alles sehr; sie waren bald dicke +Freunde. Sie plapperte wie ein Mühlrad; sie sei hierhergekommen, +um ihrer Schwester beim Umzug zu +helfen. Die Schwester sei so unpraktisch — ganz im +Gegensatz zu <em class="gesperrt">ihr</em>; sie könne überhaupt nichts als Klavierspielen. +Von kindauf habe sie gespielt, und sie sei +zwei Jahre in Berlin gewesen. Jetzt begann Kallem die +Ohren zu spitzen. Und wirklich — die Schwester war +seine Tänzerin von vorhin, die er so langweilig gefunden +hatte — seine Hauswirtin, Frau Ragni Kule. +Der "Nußkern" war übrigens gar nicht ihre Schwester; +sie waren Stiefschwestern. Und der "Nußkern" war auch +nicht, wie er glaubte, die ältere; im Gegenteil — die +Schwester war bald neunzehn und <em class="gesperrt">sie</em> knapp siebzehn.</p> + +<p>Sofort engagierte er Frau Kule und sagte ihr ganz +erstaunt, sie sei ja seine Wirtin? Ob sie das wisse? Ob +sie ihn darum vorhin geholt habe? Sie sah aus, als +fühle sie sich auf einer Sünde ertappt und wußte nichts +zu ihrer Entschuldigung vorzubringen. "Aber warum +haben Sie mir denn das nicht gesagt?" fragte er eifrig +und eindringlich. Über diese neue Sünde — daß sie +es verschwiegen hatte — wurde sie noch viel zerknirschter; +sie wußte keine Silbe zu erwidern. Da sagte er — übermütig +und ungeduldig: "Das Sprechen fällt Ihnen +wohl schwer, gnädige Frau?" Sie wurde sehr blaß. In +ihr Gesicht trat zu dem Schrecken etwas herzzerreißend +Unglückliches. Seine ganze Ungezogenheit kam natürlich +daher, daß er von vornherein wegwerfend von +einem Geschöpf dachte, das sich dazu hergegeben hatte, +solch einen Klumpen verdorbenen Fleisches zu heiraten. +Aber ihre blasse Hilflosigkeit erweckte so unmittelbar +sein Mitgefühl, daß er rasch hinzufügte: "Ich weiß ja, +Sie verfügen über eine Sprache, die Ihnen leichter fällt, +als den meisten andern." Und nun ging er ganz natürlich +auf ihre Musik über, führte sie zu einem Platz,<a class="page" name="Page_91" id ="Page_91" title="91"></a> +erzählte, er habe sie spielen hören, und erwähnte +Rendalens kompetentes Urteil. Dann lenkte er die +Unterhaltung auf allerhand berühmte Virtuosen, die er +selber gehört hatte und fesselte sie auf diese Art; denn +auch sie hatte viele von ihnen gehört. Nach und nach +faßte sie soviel Zutrauen, daß sie nach Rendalen zu +fragen wagte; sie habe ihn nicht wiedergesehen, seitdem +er ausgezogen sei. — Es gehe ihm recht gut. — +Und nun schilderte er Rendalens Eigenheiten so, daß +sie lachen mußte. Sie sah nicht dumm aus, wenn sie +lachte; ganz und gar nicht. Einen Augenblick konnte +dann auch das "Vielstrahlige" in ihre Augen kommen. +"Weshalb ist Herr Rendalen ausgezogen?" fragte sie. +Es klang ebenfalls ein bißchen singend nordländisch; +aber weniger als bei der Schwester. Die Stimme war +in all dem Lärm ziemlich schwach, aber sehr süß. Er +antwortete mit einer Gegenfrage. Nein; sie wisse +nichts; und dabei sah sie ihn an. Waren das Augen! +"Ob es wegen des Zimmers war?" — "Des Zimmers?" +fragte er zurück. — "Ja — daß er vielleicht gehört hat, +die Tante möchte es gern — die Tante meines Mannes!" +berichtigte sie und war schon wieder ganz verlegen. +— Ob sie ihm denn gekündigt hätten? — Keineswegs! +— "Na, dann konnte er sich doch auch nicht +gekränkt fühlen!" — Nein, das meinte sie auch. Aber +Rendalen sei nicht einmal gekommen, um sich zu verabschieden. +Die Verlegenheit verließ sie nie ganz; sie +stand ihr gut, wie ein Schleier bisweilen kleiden kann. +"Waren Sie oft mit seiner Mutter zusammen?" — "Ja!" +sagte sie und lächelte. — "Weshalb lächeln Sie?" — +"Ach — es ist vielleicht nicht ganz recht — aber sie +war wie ein Mann." — Kaum hatte sie das gesagt, so +wurde sie verlegen und wollte es zurücknehmen; sie +habe bloß gemeint, Frau Rendalen sei so tüchtig. +Kallem hielt sie aber dabei fest und trieb Ulk damit; +sie mußte wieder lachen, und wie gesagt, wenn sie lachte, +war sie süß. "Aber Sie können ja sprechen?" Sie +sah ihn verstohlen an; machte er sich lustig über sie?<a class="page" name="Page_92" id ="Page_92" title="92"></a> +Dann erinnerte er sich, daß Rendalen ihr gesagt hatte, +sie solle die Stirn frei tragen; und heute abend trug sie +die Stirn frei. Schau', schau'!</p> + +<p>Wie schön sie tatsächlich war! Daß er das nicht gleich +gesehen hatte! Daß andere es nicht sahen und davon +sprachen! Das Gesicht freilich kindlich, unentwickelt, +und die schlanke Figur ein bißchen schmächtig. Ihre +Stirn war entzückend; die Brauen waren fein gebogen, +aber hell und nicht stark. Die Augen bekam man auch +jetzt nur schwer zu sehen; aber er wußte nun, daß sie +in ihrer graublauen Scheuheit treuherzig und daß sie +reich waren. Weich und unbestimmt waren Wange, Kinn +und Mund; — der Mund stand ein bißchen offen; er +war klein, und wirkte dadurch ganz besonders "süß". +Die Nase war unbedeutend, und auch etwas schief. Das +Haar nicht stark, jedoch mit einem rötlichen Schimmer +über dem Blond. Aber die Hautfarbe! Vom reinsten +zartesten Weiß. — Man konnte den Blick nicht mehr +davon wenden, wenn man es einmal entdeckt hatte! +Man sah es freilich nicht gleich, wenn die Farbe des +Kleides sie nicht hob und die Beleuchtung schlecht war. +Sie trug keinen Schmuck, nicht einmal ein Armband. +Die Handgelenke ließen eine lange, schmale Hand ahnen, +die er gern gesehen hätte. "Sie lieben also die Musik +über alles?" — "Ja," erwiderte sie; "es ist ja das einzige, +was ich kann!" Sie blickte vor sich nieder. Er +überlegte, ob er eigentlich nichts fragen könne, was sie +nicht als Schande empfinden konnte. Aber vor allem +mußte er sich selber in acht nehmen; war er nicht +auf dem besten Weg, sich zu verlieben? Leider müsse +er jetzt weiter, um mit andern zu tanzen und sich zu +unterhalten. Sobald er sie verlassen hatte, war ihm, als +finde er sie nicht wieder; aus der Entfernung wurde +sie gewissermaßen unsichtbar. Sobald es der Anstand +erlaubte, war er wieder bei ihr. Sie hatte augenscheinlich +nichts dagegen. Diesmal war sie ein bißchen zutraulicher, +ja, sie sah ihn sogar ein paarmal an und +lächelte ihm gerade in die Augen. Ei, ei! Das war<a class="page" name="Page_93" id ="Page_93" title="93"></a> +mehr, als Rendalen erreicht hatte! Seine Verliebtheit +hatte begonnen durch ihre Verlegenheit und wuchs +durch ihre Zutraulichkeit. Er fragte, ob er die Damen +nach Hause begleiten dürfe. Er habe doch ein größeres +Anrecht darauf als andere, weil sie seine Wirtin sei. +Das wurde sofort angenommen; sie überlegte gar nicht. +Allerdings, sagte sie, ihr Neffe, der vorhin Kallem zwischen +"Nußkern" und "Heckenrose" hatte wählen lassen, +würde sie begleiten; aber sie könnten ja beide mitkommen. +— "Natürlich!" sagte er munter; heimlich +dachte er: "der Neffe" kann dann den "Nußkern" +nehmen!</p> + +<p>Eine feuchte Nacht mit leisem Schneefall. Die Schneesterne +sanken vereinzelt und bedächtig, als wähle jeder +sich seinen Platz und habe jeder sein Geschäft. Kein +Windhauch mischte sich darein. Die beiden Damen erschienen, +wohl eingemummt, mit Finnen-Schuhen<a name="FNanchor_1_1" id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> an +den Füßen. Drinnen waren Musik und Tanz noch in +vollem Gang; im Vorsaal und auf der Treppe klang +helles, junges Lachen und von draußen das Schellengeläut +der zum Abholen bestellten Schlitten. Der "Neffe" +konnte so früh nicht fort, da er Wirt war; aber er schaffte +einen Stellvertreter herbei, der auch sofort seine Dame +unter den Arm nahm und in großen Sätzen mit ihr +den Hügel hinabjagte. Als jedoch Kallem es mit der +seinen ebenso machen wollte, wurde sie ängstlich, klammerte +sich fest an ihn, während sie mitrennen mußte, +rannte atemlos und bat, er möge das doch lassen. Sie +benahm sich, als wenn sie nicht gut sähe. Er blieb +stehen und fragte, ob das der Fall sei. Nein, aber sie +habe eine Todesangst, sie könne fallen. "Sie sind wohl +überhaupt sehr ängstlicher Natur, wie?" — "Ja, das bin +ich", sagte sie treuherzig. Süß war sie ja; aber im +Grunde doch eine rechte Zimperliese. Sie gingen nun +ein Stück weit, ohne zu sprechen; die beiden andern +waren nicht zu sehen. Bah, dachte er, es ist nicht der<a class="page" name="Page_94" id ="Page_94" title="94"></a> +Mühe wert, sich darüber zu ärgern; sie wird eben nicht +anders können. "Es ist noch nicht einmal ein Uhr", +sagte er. — "Nein, aber das jüngere von den Kindern +ist nicht wohl; das Mädchen wacht bei ihm, und die +muß morgen wieder früh heraus." Der nordländische +Singsang ihrer Stimme versetzte ihn ans Meer. "Ich +vermisse jetzt im Winter das offene Meer so", sagte er. +"Hier ist nichts als Eis. Es wird wohl allen Westländern +so gehen!" Sie antwortete, in Berlin habe sie oft, besonders +beim Spielen, das Meer geradezu gehört. "Aber +ist es nicht wunderbar, daß das Meer einen immer frisch +macht, wenn man in seiner Nähe ist, und schwermütig, +wenn man daran denkt?" — — Ein paar Schlitten kamen +rasch von oben herunter; die beiden mußten ausweichen, +und sie zog ihn mit sich bis an den äußersten Rand des +Wegs, während es vorübersauste, drei Schlitten hintereinander, +in rasendem Tempo.</p> + +<p>Sie gingen weiter und lauschten dem Schellengeläut, +bis es sich verlor; wieder trat die Stille ein, deren die +Schneeflocken bedurften, um sich bemerkbar zu machen.</p> + +<p>"Man sollte eigentlich nicht reden, wenn Schnee +fällt", sagte sie.</p> + +<p>Jetzt warteten die beiden andern auf sie, und das +Gespräch ging eine Zeitlang zwischen dem "Nußkern" +und den Herren hin und her, bis wieder ein Hügel kam, +den das erste Paar im Sturm nahm. Die andern sahen +sie nur noch durch den Schneeschleier, ohne sie zu hören. +Aber sobald die Straße dichter bebaut war und der Verkehr +lebhafter wurde, schlossen sich die Paare wieder +zusammen, und damit war auch der angenehmere Teil +der Wanderung zu Ende.</p> + +<p>Hinterher verwuchsen die Eindrücke mit dem Naturbild: +sie — mitten unter den Schneesternen — das +Weißeste, Feinste, was er je gesehen hatte. Was sie vom +Meer und vom Schneefall gesagt hatte, war voll musikalischer +Phantasie; zuletzt schwebte die ganze Gestalt +in weicher Unbestimmtheit. Allmählich, während alle +diese Eindrucksperlen vom Grunde seiner Seele auf<a class="page" name="Page_95" id ="Page_95" title="95"></a>stiegen, +gerieten seine Sinne in wirren Liebestaumel. +Sie war in diesen Zimmern; so oft eine Tür zum Vorsaal +sich öffnete, gab es einen Widerhall in ihm; ging +ein leichter Schritt über den Gang, so war sie es; er +hatte fast ein Gefühl, als ginge es über ihn selber hinweg. +Im Grunde fürchtete er sich davor, ihr wieder zu begegnen; +da schwand wohl alles wieder in nichts zusammen. +Jetzt war das Bild so schön. Und wirklich, +so geschah es auch ... Als er fünf oder sechs Tage später +von der Universität kam, begegnete er ihr und ihrer +Schwester mit zwei kleinen Kindern. Es gingen viele +Menschen auf dem Fußsteig zwischen ihnen, so daß er +sie erst erkannte, als sie einander gegenüberstanden. Er +grüßte; der "Nußkern" lächelte und grüßte auch; aber +die andere wurde rot und vergaß zu grüßen, und jetzt +sah sie nichts weniger als talentvoll aus. Er hielt sie an, +erkundigte sich, wie ihnen der Abend bekommen sei, +und begann ein Gespräch mit der Schwester. Die andere +beugte sich über die Kinder, — zwei reizende kleine +Mädchen, angezogen wie Puppen, das eine drei, das +andere etwa vier Jahre alt. Er lud die Gesellschaft in +die Konditorei ein, was nach einigem Schwanken angenommen +wurde. Aber die junge Frau blickte nicht +mehr auf, und im Lokal konnte er sie kaum dazu bewegen, +sich zu setzen. In ihrer Verlegenheit und vor +lauter Unruhe begann sie an den Kindern herumzubasteln, +bis die Kleinen ungeduldig wurden. Er bot +ihnen Wein und Kuchen an, aber sie wußte nicht, was +sie nehmen sollte; zuletzt überließ sie die Wahl der +Schwester. Ihr Gesicht war heute von einer Mütze +mit Ohrenklappen eingerahmt, unter der die Stirn völlig +verschwand, wodurch das Gesicht rund und nichtssagend +wurde. Ihre Figur steckte in Kleidern, die ihr alle zu +weit waren — später hörte er, daß sie von ihrer verstorbenen +Schwester sie geerbt habe. Erst als er selber +sich mit den Kindern beschäftigte, wozu er — als großer +Kinderfreund — ein auffallendes Geschick hatte, kamen +sie sich wieder näher; noch dazu unten auf dem Fuß<a class="page" name="Page_96" id ="Page_96" title="96"></a>boden. +Das Kleinste hatte sich mit dem Schlagsahnekuchen +beschmiert, den die Frau in ihrer Ungeschicklichkeit +für das Kind gewählt hatte, und als sie es, jedes +mit seinem Taschentuch, abwischten, zerfloß sie im demütigen +Gefühl ihres Vergehens und konnte nicht aufhören +zu danken. Nun wollte die Kleine, die sich so +wundervoll beschweint hatte, noch einen Kuchen von +derselben Sorte, beileibe keinen andern, und Kallem +war — obgleich er wußte, daß allzuviel nicht gut +war für das Kind — natürlich völlig damit einverstanden. +Aber er nahm es auf den Schoß, ließ sich +eine Serviette geben und paßte auf, bis der letzte Bissen +verspeist war. Die junge Frau stand daneben und ließ +sich voll Demut belehren. Jetzt wollte die Kleine noch +einen dritten Kuchen, und auch damit war Kallem +einverstanden. Die Ältere, die bis dahin geduldig zugesehen +hatte, wie ihre Schwester aß, wagte nun auch +zu bitten; da nahm er sie auf sein zweites Knie und +fütterte alle beide. Alle Teile amüsierten sich während +dieser wichtigen Handlung, sogar Frau Ragni fand den +Mut, zu lachen. Und wie gesagt, wenn sie lachte, war +sie "süß". Die Erwachsenen tranken noch ein Glas +Wein. Auf dem Heimweg trug Kallem das kleinste +Mädelchen auf dem Arm. Sie waren bald dicke Freunde, +er und die Kleine; ihre Stiefmutter war auf den Wein +hin mutiger geworden und sagte: "Ist sie nicht süß, +die kleine Juanita?" Sie reichte ihre Hand hinauf, und +die Kleine patschte mit ihrem Fausthandschuh hinein; +die junge Frau hielt ihn im Gehen eine Weile fest.</p> + +<p>Kallem trug das Kind die Treppe hinauf und versäumte +nicht, ihm sein Zimmer zu zeigen und beide +einzuladen, ihn am nächsten Vormittag zu besuchen. +Es war ein Sonntag. Gleich nach Tisch kaufte er Apfelsinen, +Äpfel, Feigen und kandierte Früchte, um etwas +zu haben, wenn sie kämen.</p> + +<p>"Ist sie nicht süß, die kleine Juanita?" — mit ihrem +leisen nordländischen Tonfall! Er setzte es in Musik +und summte es vor sich hin, so oft er an sie dachte.<a class="page" name="Page_97" id ="Page_97" title="97"></a> +Dann hörte er die Stimme, sah die Augen, wie sie zu +dem Kind aufblickte, die ausgestreckte Hand. "Ist sie +nicht süß, die kleine Juanita?" wurde eine Lieblingsstrophe, +die er auch Rendalen lehrte; sie begrüßten +sich damit abends beim Turnen. Aber daß sie verlegen +geworden war, als sie ihn wiedersah — vielleicht, weil +es heller Tag war —, das behielt Kallem für sich. Er +erzählte, wie putzig sie gewesen war in ihren zu großen +Kleidern, die aussahen, als seien sie für einen Backfisch +gemacht, der noch wächst. Aber daß sie in der Konditorei +unruhig geworden war, als er sie ansah, davon +sagte er keinen Ton.</p> + +<p>Die Kinder waren oft bei ihm. Er schenkte ihnen +Apfelsinen und süße Früchte, lief vor ihnen auf den +Händen und sprang über die Stühle, und sie waren +unbändig vergnügt! Bloß das Mädchen verdarb ihm +allen Spaß; er las in ihrem Lächeln nur zu deutlich: +"Du bist ein Schelm! Du tust ja doch alles nur der +Mutter wegen!"</p> + +<p>Er war feig genug, ihr zu sagen, die Kinder dürften +jetzt eine Zeitlang nicht mehr kommen. Es schnitt ihm +ins Herz, als er am nächsten Abend hörte, wie die +Ältere die Tür aufmachte und schon auf dem Korridor +war, um zu ihm herüberzulaufen, und dann zu weinen +anfing, als man sie zurückholte. Er klingelte nach dem +Mädchen und befahl ihr, den Kindern den Rest von +dem, was er für sie gekauft hatte, zu bringen. Sie nahm +es. "Das ist aber zu viel!" sagte sie und sah ihn verschmitzt +lächelnd an; prügeln hätte er sie können. Aber +dann dachte er: "Zum Kuckuck auch, wenn sie doch +Verdacht hat bei allem, was ich tue, dann können auch +die Kinder wiederkommen!" Und am nächsten Abend +holte er sie selber aus der Küche zu sich herein.</p> + +<p>Eines Tags begegnete er der Schwester, die eben ausgehen +wollte. Sie grüßte fröhlich und sagte: "Gut bekommen +neulich?" "Denken Sie nur," fügte sie hinzu, +"in ein paar Tagen reise ich nach Hause." Er meinte, +da gehöre es sich doch, daß sie Abschied feierten, etwa<a class="page" name="Page_98" id ="Page_98" title="98"></a> +in der Konditorei. Das fand sie auch, und sie verabredeten, +sie wollten sich am nächsten Tag treffen, ganz +wie neulich, auch die Kinder mit dabei, und alles sollte +wiederholt werden. So geschah es auch. Frau Ragni +war nicht ganz so verlegen wie das letzte Mal, er noch +munterer, die Kinder ausgelassen. Die ganze Tollheit +des Verliebten war über ihm, als sie voll Fröhlichkeit +nach Hause zurückkehrten. Er tanzte, Juanita auf dem +Kopf, voraus und lehrte die Schwestern singen: "Ist +sie nicht süß, die kleine Juanita?"</p> + +<p>Als die Schwester abreiste, kam er auf den Bahnhof. +Eine Menge Verwandte und andere Menschen waren da, +um Abschied zu nehmen. Beide Schwestern waren tief unglücklich, +am unglücklichsten wohl die zurückbleibende. +Sie weinte unaufhörlich, auch nachdem der Zug schon +fort war. Einen Augenblick dachte er daran, sich zurückzuziehen +und sie mit den Verwandten allein zu lassen; +aber sie sagte: "Ach bitte, gehen Sie nicht!" Dabei +wollte sie eigentlich gar nichts von ihm; sie ging neben +ihm her wie neben den andern und weinte den ganzen +Weg über; auch als die andern gegangen waren, und er +und sie vor der Haustür standen, wußte sie nichts zu +sagen, sondern ging ohne weiteres hinauf. Auf der Treppe +fragte er, ob sie und die Kinder nicht ein bißchen mit +ihm spazieren fahren wollten; das würde sie zerstreuen. +Sie schüttelte nur den Kopf. "Aber morgen vielleicht?" +fragte er ehrerbietig, während er ihr die Tür öffnete. +Sie ging hinein, kam jedoch wieder zurück. "Danke, +morgen vielleicht!" sagte sie, gab ihm die Hand und sah +ihn mit ihren guten, tränenvollen Augen an.</p> + +<p>Aus diesem tiefen Schmerz glaubte er schließen zu +können, daß sie sich verlassen fühlte. Im Alltagsleben +vielleicht nicht; denn da füllte sie die Zeit mit ihrer +Phantasie aus; wenn aber etwas geschah, das sie aus dem +Traum herausriß, so wachte sie auf, blickte um sich und +fand sich einsam.</p> + +<p>Am nächsten Tag saß sie mit den Kindern in einem +Schlitten, den er selber fuhr. Nach der Fahrt ging er<a class="page" name="Page_99" id ="Page_99" title="99"></a> +mit hinein zu Kule, der sich auf seine schwerfällige Art +dafür bedankte, daß er so freundlich gegen die Kinder +sei. Kallem ließ sich alle ihre Spielsachen zeigen, und +Kule bat seine Frau, etwas Musik zu machen. Die +Kinder wurden hinausgeschickt; er selber saß dabei und +paffte aus einer langen Pfeife, die ihm seine Frau hatte +stopfen sollen, was Kallem ihr jedoch abgenommen +hatte. Heute sah Kallem auch zum erstenmal die Köchin, +ein derbes, ältliches Mannsweib, deren nordländischer +Singsang wie Vogelgeschrei über der Meeresbrandung +klang. Sie war in der Küche und hatte zugleich Kule +zu bedienen. Die Frau des Hauses widmete sich augenscheinlich +nur ihren eigenen Angelegenheiten, d. h. den +Kindern und ihrer Musik. Sie spielte in diesem Augenblick +dasselbe russische Stück, das Kallem von seinem +Zimmer aus gehört hatte; vielleicht noch besser. Nicht, +daß er besonders aufmerksam zugehört hätte; er sah +nur sie selbst an. Die obere Partie des Gesichts, das +jetzt über Notenblatt und Tasten leuchtete, war eine +ganz andere, als die, die er kannte. Das war wohl, +was Rendalen gesehen hatte. Welche Entwicklung müßte +sie erst durchmachen, damit auch die untere Hälfte dazu +stimmte! Vor einigen Tagen hatte er einen Brief von +einem Vetter aus Madison in Wiskonsin erhalten, der +zum Professor an der dortigen Universität ernannt +worden war; seine Frau, eine Norwegerin, studierte bei +ihm. So etwas war nötig, um diese matte Wange und +dieses schlaffe Kinn, den willenlosen Mund mit der +spröden Haut auf den Lippen zu wecken und zu formen. +Aber wie rührend war dabei diese ganze kindliche Unmündigkeit! +Dicht daneben sah er die ungeheure Faust +des Mannes auf der Stuhllehne — der ganze Kerl lag +im Stuhl wie ein toter Flußgott in Hosen! Während +des Spiels öffnete sich die Tür rechts, und herein trat +ein drittes überlebensgroßes Nordlandwesen, eine alte +Dame mit weißen Haaren, einem großen vollen Gesicht +und einer Hornbrille. Das war die Tante. Sie +war größer als Kallem und entsprechend stark. Die<a class="page" name="Page_100" id ="Page_100" title="100"></a> +junge Frau kreuzte zwischen ihnen wie eine Lustjacht +zwischen schwerbefrachteten Ozeandampfern. Eben +blickte sie zu Kallem hin wie zu einem Vertrauten. +Sie hatte ihm freilich nichts anvertraut; aber ihre gemeinsame +Jugend fand sich zusammen gegen all das, +was so unbegreiflich schwerfällig und hinderlich war. +Seine Liebe verlangte ungeduldig, sie frei zu machen; +daß er es nicht konnte, lastete wie eine Schwüle in der +ganzen Stube. Es quälte ihn, dieses unfaßbare Verhältnis.</p> + +<p>Der Eindruck, den er von dem Besuch mitnahm, +störte ihn bei den Vorarbeiten zum Examen, die er +bis zu diesem Tag regelmäßig betrieben hatte. Er entwarf +die wildesten Pläne, ja, er schrieb sogar an seinen +Vetter in Amerika und fragte an, ob sie geneigt seien, +eine junge Dame bei sich aufzunehmen. Er vertraute +sich Rendalen an, der anfänglich voll Ingrimm dagegen +protestierte, sich aber später doch gewinnen ließ. Das +Gefühl ihrer Verantwortung sich selbst gegenüber mußte +geweckt werden; sie mußte die Gefahren eines fortgesetzten +Zusammenlebens kennen lernen; vor allem +mußte sie fort, weit fort, damit sie geistige Freiheit zu +ihrer Entwicklung habe. Kallem wurde kraft dieser +selbst übernommenen Fürsorge immer sicherer und seine +Liebe immer mächtiger. Jede Begegnung mit ihr, wie +kurz sie auch war, ja, nur ein Gruß auf der Straße oder +im Korridor bestärkte ihn in dem Gefühl, daß sie ihm +und keinem andern gehöre, und daß sie befreit werden +müsse!</p> + +<p>Und das alles, eh' er ein einziges Wort zu ihr selbst +gesagt hatte.</p> + +<p>Er war schon oft verliebt gewesen, hatte sich schon +oft hingegeben, auch ohne es zu sein. Aber dieses +zarte und unvollkommene, dieses begabte und verlassene +Wesen begehrte er zu retten und zu formen; das lag in +seiner Natur, und darum gab er sich mit ganzer Seele +hin. Sie ihrerseits verlor mit jeder Begegnung ein bißchen +von ihrer Scheu; es war, als vermöge er sie zu<a class="page" name="Page_101" id ="Page_101" title="101"></a> +trösten über die Abreise der Schwester, ja, wenn er sich +nicht täuschte, so war er ihr mehr als ein Ersatz. Ein +untrügliches Zeichen hatte er jedenfalls. Er hatte ihr +gesagt, daß er abends zu Hause bleibe, hauptsächlich, +um sie spielen zu hören, und daß er immer einen Spalt +seiner Tür öffne; und seitdem spielte sie jeden Abend, +oft lange.</p> + +<p>Wenn er ihr mit den Kindern begegnete und sie mit +in die Konditorei nahm, hatte er die größte Lust, sich +auszusprechen; aber ihr Wesen war nicht darnach. Besonders +ihre Treuherzigkeit war im Wege; er durfte sie +nicht erschrecken. Seine eigene Energie drängte zu einer +Lösung; aber seine Liebe beugte sich vor ihrem Bedürfnis +nach poetischem Spiel, bei dem die Liebe nicht +bei Namen genannt wurde, und doch alles zu ihrer +Bilderschrift wurde. Das gab dem Verhältnis eine Süßigkeit, +der nichts, was er bisher kennen gelernt hatte, +gleich kam.</p> + +<p>Einen Abend in der Woche nahm sie teil an einer +Art Privatkonzert, oder wie man es nennen wollte, das +bei Verwandten ihres Mannes stattfand, denselben Leuten, +wo sie damals getanzt hatte. Dazu verschaffte +sich Kallem durch seinen Studiengenossen, ihren Neffen, +Zutritt. Natürlich bloß, um sie nach Hause begleiten +zu können. Es war um die Zeit der Schneeschmelze, +und die Straßen waren voll Eis. Als er ihr sagte, daß +er auch hinkäme, und bat, sie nach Hause bringen zu +dürfen, — worüber sie sehr erfreut war — nahm sie +als selbstverständlich an, daß er im Schlitten oder Wagen +kommen werde.</p> + +<p>Nach einem langen Abend mit zuviel Musik in zu +engen Räumen brachen sie endlich auf. Sie zog rasch +ihren Mantel an und eilte mit ihm hinaus. Draußen +nahm er ihren Arm. "Das trifft sich gut," sagte er — +"eben geht der Mond auf." Sie dachte, sie würden +einen von den Schlitten nehmen, die da standen, oder +den Wagen, der eben kam. Es war Glatteis gleich vor +der Haustür, und sie stieß einen kleinen Schrei aus,<a class="page" name="Page_102" id ="Page_102" title="102"></a> +schritt aber tapfer aus. Inzwischen fuhr ein Schlitten +nach dem andern davon und zuletzt auch der Wagen. +"Fahren wir nicht?" fragte sie. Der Schelm lachte; er +habe es sich gerade so hübsch gedacht, zu gehen. Sie versuchte +ihre Enttäuschung zu verbergen; aber nach einigen +verzweifelten Versuchen bat sie ganz rührend, sie wollten +doch fahren. Ihm fiel ein, wie ängstlich sie das erste +Mal gewesen war, und unter Gewissensbissen versicherte +er, sie würden nur bis zum nächsten Halteplatz gehen, +der nicht weit entfernt war. Der Weg war nicht so +besonders glatt, aber abschüssig; sie klammerte sich an +seinen Arm, starrte geradeaus und stieß leise Schreie +aus; etwas weiter wurde es schlimmer; die ganze Breite +des Wegs war manchmal von Eis bedeckt, trotzdem +auch hier einzelne sichere Stellen waren. Jetzt verlor +er ein bißchen den Mut, besonders, da er sie nicht dazu +bewegen konnte, zu schlittern. Etwas so Furchtsames +war ihm doch noch nie vorgekommen. Natürlich ging +es nur Schritt für Schritt vorwärts, mit vielen langen +Pausen.</p> + +<p>Die umliegenden Gärten und Felder waren teils nackt, +teils mit Schnee oder Eis bedeckt; dorthinaus wollte sie. +Aber er zeigte ihr, daß bald ein Haus, bald ein geschlossener +Garten den Weg versperrte; es war nicht +wie auf dem Lande. Die Felder sahen zerrissen aus, +ebenso der Himmel. Lange Wolkenherden zogen durch +das schwarze Blau dort oben, genau wie das Eis zwischen +den kahlen Stellen hier unten lag. Der Mond schien +in rasender Hast hinter den Wolken herzujagen, sie einzuholen, +durch sie hindurch und weiter zu fahren. Da +droben mußte ein Orkan toben; hier unten war es still. +Kallem fühlte sich unglücklich und unsicher seines Fehlgriffs +wegen. Das unstäte Licht über der Landschaft +mit ihren zerrissenen Farben erhöhte diese Stimmung +noch; ganz gewiß würde etwas Schlimmes geschehen. +Und wie immer, wenn dieses Gefühl über ihn kam, +zog jene Schreckensnacht aus seiner Kindheit mit allen +Konsequenzen an seiner Seele vorüber. Sollte denn dies<a class="page" name="Page_103" id ="Page_103" title="103"></a> +angstvolle Vorgefühl eigener Fehlgriffe sein ganzes Leben +verfolgen? Er spannte alle seine Sinne an: sie durfte nicht +hinfallen. Ohne ihre Hasenherzigkeit wären die Hügel +eine einzige lustige Schlitterbahn gewesen; nun machte +sie auch ihn ängstlich. Jede glatte Stelle wurde zu einer +wirklichen Gefahr, und die Errettung aus der einen +brachte nur eine neue Gefahr, in die sie gerieten. Sie +sprachen nicht, sahen sich nicht an, beide ängstlich und +ungeduldig. Minuten brauchten sie, wo Sekunden genügt +hätten; der eine schob im Stillen die Schuld auf +den andern, während sie kämpften, als gelte es das Leben. +Nur ein atemloses: "O Gott!" oder "Nehmen Sie sich +ja in acht hier!" oder ein hoffnungsloses: "Nein, es +geht ja nicht!" und ein "Versuchen Sie's noch einmal! +Kommen Sie!" Zuletzt nicht einmal mehr das. Sie +mochte jammern, verzweifeln, beinahe weinen — er +antwortete nicht mehr. Und so sehr war sie von ihrer +Angst erfüllt, daß sie den Übergang nicht einmal merkte.</p> + +<p>Da sahen sie in der Ferne die Rettung, nämlich zu +beiden Seiten hohe Häuser, die Schutz boten gegen die +Sonne, so daß der Schnee nicht geschmolzen war. +Dorthin galt es zu kommen, dort war auch ganz in der +Nähe ein Schlittenhalteplatz. Endlich war es geglückt. +Sie blieb stehen, holte tief Atem und versuchte zu +lachen; aber es ging nicht. "Wir wollen einen Augenblick +stehen bleiben!" bat sie aufs neue tief aufatmend. +Sie ließen einander los; weiter unten hörte man Schellengeklingel; +beide lauschten. "Wenn nur nicht der letzte. +Schlitten gerade wegfährt!" sagte sie. "Es ist spät." +Sie nahm seinen Arm und sie gingen weiter. Ganz +leicht war es auch hier nicht, der Schnee war festgetreten, +aber auf dem Fußweg war gestreut. Sie +gingen jetzt schneller und allmählich sicherer. "Gott sei +Dank!" sagte sie erleichtert, als komme sie vom Eismeer +zurück. Aber kaum hatte sie es gesagt, so lag sie auch +schon am Boden. Sie waren an eine tückische Stelle +geraten, wo ausgegossenes Wasser gefroren war und sich +später mit einer Reifschicht überzogen hatte. Sie glitt<a class="page" name="Page_104" id ="Page_104" title="104"></a> +aus und zwar gerade über einen seiner Füße, so daß +auch er ausglitt und fiel — der eine über den andern. +Er machte seinem übervollen Herzen in einem Fluch +Luft und war sofort wieder auf den Beinen, um ihr +zu helfen. Aber sie lag regungslos, mit geschlossenen +Augen da.</p> + +<p>Es überlief ihn eisig. Eine Gehirnerschütterung? Er +hob sie auf und legte sie über sein Knie, zog mit den +Zähnen seinen rechten Handschuh aus und machte ihr +den Kragen auf. Ihr Arm hing herunter, ihr Gesicht +war totenblaß. Er öffnete ihren Mantel, um ihr Luft +zu schaffen. Jetzt rührte sie sich. "Ragni!" flüsterte +er. "Ragni!" und beugte sich tiefer auf sie herab, +"süße, süße Ragni! Verzeih mir!" Sie schlug die Augen +auf. "Verzeih mir, hörst Du!" In ihren Wangen stieg +die Röte auf, ihre Hand griff nach dem Mantel, der +offen war; sie hatte es also gefühlt, nur in der Betäubung +des Schreckens gelegen. Er konnte seine Freude +nicht mehr zügeln, — er zog ihren Kopf zu sich empor +und küßte sie ein-, zwei-, dreimal. "O Du — wie ich +Dich liebe!" flüsterte er und küßte sie wieder. Sie +wollte sich aufrichten; er merkte es, stand sofort auf +und zog sie mit empor. Aber sie konnte nicht allein +stehen, sondern taumelte, so daß er sie an den Gartenzaun +gerade vor dem Hause lehnen mußte. Daran hielt +sie sich und neigte sich darüber, als könne sie allein +sich nicht tragen. Er ließ sie los, um zu sehen, ob sie +sich aufrecht halten konnte; ja, es ging. "Ich laufe +nach einem Wagen!" sagte er, und fort war er. Im +Laufen fiel ihm ein, daß er das von Anfang an hätte +tun können, dann hätte sich alles das vermeiden lassen. +Ob noch ein Wagen zu haben war? Wenn nicht, so +rannte er eben weiter. Wenn sie nur stehen konnte! +Wenn nur niemand kam ... Er sprang, er glitschte, und +als er einen Schlitten stehen sah, sprang er hinein und +befahl dem Kutscher, draufloszufahren, was das Pferd +nur laufen könne, ohne ihm zu sagen, wohin. Erst als +dies erledigt war und der Schlitten davonsauste, kam<a class="page" name="Page_105" id ="Page_105" title="105"></a> +ihm zum Bewußtsein, was er gesagt und getan hatte, +während er sie in seinen Armen hielt. Es hatte wohl +in ihm fortgetönt, aber jetzt erst brach es in voller +Melodie hervor.</p> + +<p>"Fahren Sie zu! Dort steht sie, dort rechts! Wir +sind gefallen, und sie hat sich wehgetan. Ja, dort!" Er +sprang heraus und eilte zu ihr hin, während der Kutscher +umwendete und dicht heranfuhr. Sie lehnte noch immer +am Zaun, aber jetzt halb mit dem Rücken und halb +von der Seite. Den Mantel hatte sie wieder zugeknöpft +und den Schleier herabgezogen. Als er kam, streckte +sie die Hand aus, um sich zu stützen; er nahm sie, +legte aber seinen andern Arm um ihren Leib, um sie +vor sich herzuführen; er wollte nicht noch einmal riskieren, +daß sie ihm ein Bein stelle. Es ging gut, er +hob sie in den Schlitten, packte sie ein, bezahlte den +Kutscher und nannte die Adresse. Sie bat ihn, nicht +mitzufahren. Sie sagte nicht gute Nacht, sie blickte +nicht auf. Und der Schlitten fuhr ab.</p> + +<p>Er fühlte sofort — jetzt ging sie von ihm. — — —</p> + +<p>Nichts macht einem wackern Burschen soviel zu schaffen +wie seine eigene Dummheit und Ungebärdigkeit. +Stundenlang strich er diese Nacht durch die Straßen +und schlich dann nach Hause wie ein geprügelter Hund. +Am nächsten Morgen wagte er nicht, das Mädchen zu +fragen. Aber abends erzählte sie ungefragt, die gnädige +Frau sei nicht wohl gewesen; sie habe Erbrechen gehabt +und liege zu Bett; immerhin gehe es besser. Maries +mitwissendes Lächeln versetzte ihn in ohnmächtige Wut. +Sie hatte noch obendrein die Unverschämtheit, in seinem +Gesicht zu forschen. Trotzdem mußte er sich den Tag +darauf bequemen, zu fragen. Ja, die gnädige Frau sei +auf, und es gehe ihr ganz gut. Aber weder diesen, noch +den nächsten Tag bekam er einen Schimmer von ihr zu +sehen; auch von den Kindern hörte er keinen Ton. Sie +spielte auch nicht am Abend; er blieb eigens zu Hause, +um zu horchen. Weder sie selbst, noch die Kinder kamen +den gewohnten Weg an seiner Tür vorbei, wenn sie<a class="page" name="Page_106" id ="Page_106" title="106"></a> +ausgingen; sie gingen die Hintertreppe hinunter. Nie +traf er sie mehr. Sie wählte neue Wege.</p> + +<p>Bisher war seine Liebe ein heimliches Glück voll von +Plänen gewesen. Jetzt war er gewaltsam ins Heiligtum +eingebrochen, und ein endloser Traum, ein fruchtloses +Grübeln löste seine klaren Tage und seine gesunden +Nächte ab. Er ging alles durch, was geschehen war, +jedesmal mit brennender Selbstquälerei. Er verachtete +sich selbst, ließ sich zu Kneipereien mitschleppen und +verachtete sich noch mehr. Seitdem er ihre Lippen berührt, +ihr Ohr beleidigt hatte, war ihr Bild wie mit +einem Schleier überzogen; er sah nicht das reine Taubenweiße, +das von Musik Getragene in all seiner Anmut +und Hilflosigkeit; er sah ein Weib, das er begehrte. +Aber er hatte Sinn für Humor und eine gesunde Natur; +er wollte sich nicht in Selbstquälerei und törichter Begierde +verzehren. Er wollte sogleich ausziehen, und zwar +unter dem Vorwand einer Reise. Damit glaubte er über +alle Schwierigkeiten hinwegzukommen wie über einen +Zaun. Er hielt es nicht aus, daß ihm das Haus verschlossen +war; er hielt nicht einmal das unverschämte +Lächeln des Mädchens mehr aus.</p> + +<p>Auf einmal frappierte ihn die Ähnlichkeit, die sein +Umzug mit dem Aufbruch Rendalens hatte. Auch Rendalen +hatte kurzen Prozeß gemacht. Es war doch nicht +etwa aus demselben Grund gewesen — —? Er schlug +eine Lache auf. Natürlich — genau dasselbe war auch +dem widerfahren!</p> + +<p>Rendalens Mutter war in der Stadt gewesen und hatte +hier gewohnt; während der Zeit war Ragni viel mit den +beiden zusammen gewesen; Rendalen und sie hatten +vierhändig gespielt. Das hatten sie auch nach der Abreise +der Mutter fortgesetzt — und immer auf seinem +Flügel, das wußte er ... Er empfand dieses Zusammentreffen +wie eine Demütigung.</p> + +<p>Eine feinere, edlere Natur als Rendalen kannte Kallem +überhaupt nicht; der hatte sich auch nicht das Geringste +erlaubt. Aber daß sie auch ihn so unruhig<a class="page" name="Page_107" id ="Page_107" title="107"></a> +machte, daß er auszog! Sie mußte also etwas derartiges +an sich haben? Das redete er sich zu seiner Entschuldigung +ein. Ja, noch mehr, er empfand es als eine gesteigerte +Versuchung. Am selben Abend noch sagte er +Marie, er müsse verreisen, entweder morgen oder den +Tag darauf, das wisse er noch nicht; jedenfalls solle sie +um die Rechnung bitten; selbstverständlich bezahle er +das volle Quartal. Das Mädchen sah ihn an; sie erriet +sofort den tieferen Zusammenhang. Weidete sie sich +daran, — hatte sie etwas zu erzählen? Sie fragte in +ihrer bescheidenen Art, ob er die Rechnung sogleich +wünsche. Nein.</p> + +<p>Am nächsten Tag kam es nicht zum Umzug; aber +am folgenden sollte er vor sich gehen. Er wollte ein +paar Tage verreisen, sich aber zuerst eine neue Wohnung +suchen und seine Sachen hinbringen lassen. Nachmittags +ging er aus und mietete — und zwar in einem ganz +andern Teil der Stadt. Dann überlegte er eine Weile, +was er als Grund angeben solle, namentlich Rendalen +gegenüber. Er beschloß, ihm die volle Wahrheit zu +sagen, den andern einfach, er sei in seiner jetzigen Wohnung +mehrfach gestört worden; es war ja auch wahr. +Gegen fünf Uhr kam er wieder nach Hause, ging ins +Schlafzimmer, zog Schlafrock und Pantoffel an, ging +dann wieder ins Nebenzimmer und legte sich aufs Sofa, +wo er in einen tiefen Schlaf fiel; den hatte er auch nötig. +Gegen sieben kam das Mädchen und heizte ein, ohne +daß er es merkte. Etwas später erwachte er, hörte das +Prasseln und sah die Helle und schloß daraus, daß es +über sieben sein müsse. Seine Gedanken waren sofort +drüben bei ihr. Er hoffte ganz heimlich, wenn sie erführe, +daß er fortziehe, so würde er sie noch einmal +spielen hören. Bisher hatte er sich hierin getäuscht; +aber trotzdem konnte er den Glauben, daß seine Abreise +ihr naheging, nicht aufgeben. Er lag auf dem +Bett und lauschte. Sollte er ohne weiteres zu ihr hineingehen +und Abschied nehmen? Sollte er Licht anzünden? +Sollte er wieder ausgehen? Er stand auf und starrte<a class="page" name="Page_108" id ="Page_108" title="108"></a> +ins Ofenfeuer. Da hörte er im Vorsaal eine Tür gehen +und mehrere Stimmen — ein paar Damenstimmen mit +stark nordländischem Tonfall. Er dachte, es seien wohl +neu angekommene Verwandte, die zum Besuch dagewesen +waren. Die Damen wurden bis zur Tür begleitet; +er hörte die langsame Sprechweise der Tante, +auch eine Männerstimme hörte er — war das Ole Tuft? +Nur die, nach der er lauschte, hörte er nicht. Allgemeines +Abschiednehmen, die Tür wurde zugemacht. +Dann die Stimme der Tante und Ole Tufts — wirklich, +es war seine Stimme. Er mußte also eben gekommen +sein, als die andern gingen. Beide verschwanden +im Zimmer der Tante, die Tür schloß sich hinter +ihnen, gleichzeitig wurde weiter hinten eine Tür geschlossen. +Wieder klingelt es, wieder geht eine Tür auf +und herausstürmen jubelnd die zwei Kinder; sie wollen +die Gelegenheit benützen und zu Kallem hinein; aber +sie dürfen nicht. Unter Gelächter wird im Korridor +Jagd auf sie gemacht; sie werden eingefangen, und eine +Tür wird hinter ihnen zugeschlagen; gleichzeitig öffnet +sich die Entreetür; eine der Damen hatte ihre Überschuhe +vergessen. Und jetzt hörte er Ragnis Stimme: +sie wolle Licht holen, es sei ja ganz dunkel hier. Im +Singsang der nordländischen Schifferlieder wurde das +abgelehnt. Hier waren die Gummischuhe, gleich an der +Tür; sie seien nur nicht leicht anzuziehen — es seien +ganz "neue"! So! Nun saßen sie. Wieder ein zärtliches +"Adieu, adieu!" und als Antwort ein "Auf Wiedersehen +am Freitag!" Das letzte sagte Ragni. Täuschte er sich — +oder klang es wirklich wie die Stimme eines Menschen, +der sich in der Nähe einer Gefahr glaubt? Nicht so +recht ihre gewohnte Stimme? Sprach sie, ohne es zu +wollen, von ihm? Er schnellte auf und war an der Tür, +noch ehe sie draußen zugemacht hatte. Wenn er öffnete, +standen sie sich Auge in Auge gegenüber. Sollte er —? +Er lauschte wie auf ein Zeichen. Er hörte sie nicht gehen; +vielleicht stand sie draußen? Sein Herz schlug Sturm, +während die Hand leise, leise auf die Türklinke drückte<a class="page" name="Page_109" id ="Page_109" title="109"></a> +und lautlos öffnete. Vor seinen Augen, die in das Ofenfeuer +gestarrt hatten, lag der Gang draußen im Stockfinstern. +Er tastete sich nach der Entreetür, fühlte das +Schloß, tastete sich weiter vor; aber es war niemand da. +Sollte sie mit hinausgegangen sein? Nein, sie hatte sich +ja verabschiedet und von Wiederkommen am Freitag +gesprochen. Weshalb hatte er sie dann nicht gehen, +keine Tür hinten öffnen hören? Sie mußte hier im +Flur sein. — Er hörte sein eigenes Herz schlagen; aber +vorwärts mußte er. Jetzt fühlte er Kleider zwischen +den Fingern; eisig durchrieselte es ihn; aber gleich kam +ihm die Besinnung wieder — die Kleider waren kalt und +leer. Dann räusperte sich drinnen jemand — das war +Kule. Von der Küche oder vom Eßzimmer her tönte +Geplauder — das waren die Kinder. Bei diesen freundlichen +Lauten aus einer Welt des Guten stand er still +wie ein Verbrecher. Er hätte das nicht tun sollen. +Nun hörte er die langgezogenen Fragen der Tante +und Oles klare Antworten, d. h. die Töne, nicht die +Worte. War Ragni im Korridor? Sie konnte ja etwas +gesucht haben und, erschrocken über sein Auftauchen, +stehen geblieben sein. Wenn er weiter ging, konnte er +sie erschrecken, so daß sie geradenwegs auf eine Tür zustürzte +und sie öffnete. Dann stand er im vollen Lichte +da! — — —</p> + +<p>Nein, dazu war sie zu furchtsam. Wieder ein paar +Schritte vorwärts. Er hatte Pantoffel an; man hörte +ihn kaum; aber er wünschte, sie möchte nicht da sein. +Die Kinder plauderten gerade am andern Ende des Korridors; +je näher er kam, desto deutlicher hörte er es; +er sah sie im Geist auf ihren Stühlchen knien und Häuser +auf dem Tisch bauen. Er schämte sich. Was wollte er +eigentlich? Aber während er sich das fragte, ging er +weiter; er tastete von einer Seite zur andern, von einem +Mantel zu einem Schal, vom Rahmen einer Tür nach den +Vorsaalfenstern, von denen er einen Schimmer sah. Ein +Wagen rumpelte vorbei, gleich darauf erklang gedämpftes, +ungleiches Schellengeläut; bei diesem Übergangs<a class="page" name="Page_110" id ="Page_110" title="110"></a>wetter +benützte man beides, Wagen und Schlitten. In +der Küche fiel etwas zu Boden; Kule räusperte sich +wieder; die Zeit mußte ihm lang werden; vielleicht +brauchte er Licht? Zwischen dem Kinderzimmer und +der Küche stand anscheinend die Tür offen, denn auf +einmal waren die Kinder draußen und fragten, was +hinuntergefallen sei. Das Nordlandmädchen antwortete +schwerfällig, in langgezogener, süßlicher Freundlichkeit, +eine Un-ter-tas-se wäre hinuntergefallen, sie sei vom +Bo-rt heruntergerutscht. Weiter! War Ragni überhaupt +hier, so stand sie in der hintersten Ecke. Wie sie sich +ängstigen mußte! Was mochte sie von ihm denken! +Und wenn er umkehrte, nahm er sich aus wie ein ertappter +Dieb. Jetzt vermochte er am Fenster ein klein +wenig zu sehen; aber weiter hinten wieder nichts, kein +Lichtschimmer unten oder oben an den Türen, auch +aus den Schlüssellöchern nicht; nicht einmal geradeaus +vor dem Kinderzimmer. Ob sie vielleicht dort stand? +Er bildete sich ein, daß er sie dann sehen müsse.</p> + +<p>War sie vielleicht zur Tante hineingegangen — dicht +neben seiner Tür? Oder hatte sie ganz einfach die Tür +zur Stube der Kinder oder zum Zimmer Kules hinter +sich offen stehen lassen, als sie herauskam, und sie im +selben Moment geschlossen, als er seine öffnete? Und +saß nun drinnen und träumte? Das nahm er jetzt als +ganz sicher an; denn er wünschte, es möchte so sein. +Dennoch ging er weiter. Endlich stand er ganz hinten +an der Tür; er hörte die Kinder und links die Köchin, +die in ihrer Küche rumorte und ab- und zuging. Jetzt +kehrte er um und fühlte sich gleich freier. Mit ausgestreckten +Händen ging er zurück, diesmal schneller. +Da faßte er einen warmen, festen Arm. Er erbebte, +erschauerte, Funken sprühten vor seinen Augen; er +blieb stehen. Aber der Arm regte sich kaum, und er +faßte wieder Mut. Langsam ließ er die Hand vom Arm +um ihren Leib gleiten und umschlang sie behutsam. +Warm und weich fühlte es sich an; sie stand ganz still, +aber ein Zittern ging durch ihren Körper. Er zog sie<a class="page" name="Page_111" id ="Page_111" title="111"></a> +leise an sich. Mit der andern Hand faßte er die ihre +und drückte sie; auch diese zitterte. Er drückte sie +wieder — und nun glitten sie langsam, Schritt für +Schritt vorwärts — sie ohne Widerstreben, aber auch +nicht freiwillig. Er hörte kaum seine eigenen Schritte, +die ihrigen gar nicht. Die Kinder plauderten leise. +Aus den Zimmern Kules und der Tante kam jetzt kein +Laut; vor ihnen ein schwacher Schimmer aus seiner +eigenen Tür. Jetzt waren sie dort; er stieß die Tür +behutsam auf und wollte sie hineinführen. Aber nun +blieb sie stehen und wollte ihm ihre Hand entziehen. +Er hörte ihr Atmen, fühlte ihren Hauch, sah das blasse +Gesicht, während er sie sachte bis zur Schwelle schob — +dann hinüber — und die Tür hinter ihnen anlehnte. +Drinnen ließ er sie los, um so leise wie möglich ganz +zuzumachen. Sie blieb stehen, wie er sie verlassen hatte, +mit dem Rücken gegen ihn, beide Hände vors Gesicht +gepreßt. Als er kam, fing sie zu weinen an. Er umschlang +sie, um sie an sich zu drücken, und jetzt ging +ihr Weinen in Schluchzen über. Sie schluchzte so +schmerzlich, so unglücklich, daß sein Blut nüchtern +wurde, und er auf ganz andere Gedanken kam. Willenlos +ließ sie sich nach dem Sofa führen; sie weinte so +verzweifelt, daß ihn plötzlich nach Licht verlangte, +wie wenn jemand krank wird. Darum machte er hastig +die Lampe zurecht; dann fiel ihm ein, daß er erst die +Gardinen zuziehen mußte; und nun erst zündete er an.</p> + +<p>Nur ein Mensch, der sein Leid Tage und Nächte +lang in seinem Innern verschlossen hat, kann so weinen. +Der Tisch zitterte, an den sie sich lehnte.</p> + +<p>Hundertmal hatte er über Liebhaber in Romanen und +Theaterstücken gespottet, die auf die Knie sinken. Jetzt +schob er das eine Tischende beiseite und ließ sich vor +ihr aufs Knie gleiten wie der demütigste Sünder. Er +suchte ihr Gesicht; aber sie hielt mit beiden Händen +ihr Taschentuch vor. Kopf, Brust, Schultern bewegten +sich stoßweise unter ihrem heftigen Schluchzen. Er +fühlte jeden Ruck und bat und bat, sie möge ihm doch<a class="page" name="Page_112" id ="Page_112" title="112"></a> +vergeben! Er sei nicht Herr seiner selbst gewesen, als +er damals, auf dem Eis, so zu ihr gesprochen habe. Er +liebe sie, sie gehörten zusammen. "So weine doch nicht +so!" bat er, "das halt' ich nicht aus!" Er nahm sie bei +den Händen, zog sie neben sich aufs Sofa, lehnte ihren +Kopf an seine Brust und schlang die Arme um sie; er +küßte ihr Haar, er lehnte ihre feuchte Wange an seine. +Was er auch begann — sie weinte. Er wollte ihr Wein +zu trinken geben. Nein, nein! Aber dieses Schluchzen +war zu entsetzlich! War der Grund, weil er sie mit +zu sich hereingenommen hatte? Er habe sich so nach +ihr gesehnt, daß er nicht habe widerstehen können, als +er sie draußen im Gang gehört habe. Sie könne doch +nicht wollen, daß er ohne Abschied weggehen solle? +Und sie nie wieder sehen? Sie schüttelte den Kopf, +machte sich von ihm los, legte das Gesicht auf den +Tisch und weinte in ihr Taschentuch hinein, noch +heftiger als zuvor. "Soll ich <em class="gesperrt">nicht</em> fort?" fragte er. +Doch sie hörte es gar nicht. Da ließ er sie ruhig +weinen; erst nach einer langen Pause beugte er sich zu +ihr nieder und sagte: "Ich tue alles, was Du willst." +Da hob sie sich und all ihr Weinen vom Tisch und +schmiegte sich an seine Brust. Er umschlang sie mit +beiden Armen, und während er sie so hielt, fühlte er — +sie faßte es schöner und tiefer auf als er.</p> + +<p>Ein Geräusch wurde an der Tür hörbar und gleich +darauf wurde sie geöffnet. Das Mädchen kam mit dem +Abendessen. Erschrocken ließ er die Frau los und stand +auf. Ragni aber legte sich einfach wieder über den +Tisch und schluchzte. Das Mädchen setzte das Brett +behutsam auf die Ecke des Tisches, die frei war, stellte +ebenso behutsam die Lampe weg und schob das Brett +nach. Sie war rot und sah keins von den beiden an; aber +das Lächeln war da und sagte deutlich: "Das hab' ich +schon längst erwartet!" So wunderbar verschieden kann +man eine und dieselbe Sache sehen, daß Kallem jetzt +fand, es liege eine verschwiegene, schalkhafte Freude +darin. Still war das Mädchen gekommen, still ging es<a class="page" name="Page_113" id ="Page_113" title="113"></a> +wieder hinaus und schloß die Tür hinter sich, so leise +wie er selber vorhin.</p> + +<p>"Gott im Himmel, Ragni!" rief er. Sie antwortete +nicht; ihr schien das alles viel zu klein; das Leid, das sie +bedrückte, überwog alles. Er kam zurück und preßte +sie wieder an sich; da sagte sie: "O Gott, was bin ich +unglücklich!" — und das war eigentlich das einzige, +was sie sagte, solange sie da war. Er konnte nichts erwidern; +alles was ihm einfiel, kam ihm dumm vor. Er +machte wohl einen leisen Versuch, und half mit Liebkosungen +nach; aber sie wehrte das eine wie das andere +ab; sie stand auf — sie wollte fort. Er fühlte sich außerstande, +sie zurückzuhalten, sondern geleitete sie zur +Tür. Ehe sie öffnete, wandte sie sich nach ihm um, voll +schmerzlicher Hingebung, wie in der Todesstunde. Er +löschte die Lampe, und sie glitt hinaus.</p> + +<p>Aber im selben Augenblick, als sie die Tür hinter sich +schloß, fiel ein schwacher Lichtschein auf sie; er kam +aus der Vertiefung, die zum Zimmer der Tante führte; +dort wurde eben die Tür geöffnet, und sie selbst stand +davor — in Ragnis aufgescheuchter Phantasie groß wie +ein aufgerichteter Walfisch. Natürlich — die Tante +hatte Ragni im Zimmer des Mieters schluchzen hören +und sofort erfaßt, was Ragnis seltsames Wesen in all +den Tagen zu bedeuten hatte. Nun stand sie vor ihrer +Tür Wache, und im selben Moment, als Ragni aus Kallems +Zimmer kam, stieß die Tante ihre Tür auf, so daß +der Lichtschein auf die Kommende fiel. Die Tante +streckte die Hand aus; das hieß so viel als: "Hier herein, +mein Kind!" Und Ragni kam. Die Tante ließ sie an +sich vorüber. Sie war nicht allein. An der Wand gegen +das Zimmer hin, das Ragni eben verlassen hatte, stand +ein Sofa, und aus der Sofaecke erhob sich ein hochgewachsener +blonder Mann mit mildem Antlitz — Ole +Tuft. Er war zuerst auf ihr Weinen aufmerksam geworden +und war sogar an Kallems Tür gewesen. Ragni +sank auf einen Stuhl zwischen Sofa und Tür.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p><a class="page" name="Page_114" id ="Page_114" title="114"></a>Tags darauf lag sie zu Bett. Aber bevor Kallem ausging, +schickte sie ihm einen Zettel, auf dem sie schrieb, +die Tante habe gehört, wie sie bei ihm geweint habe, +ebenso Herr Tuft; er sei sogar an der Tür gewesen. +Weiter kein Wort; doch — ganz unten, fast unleserlich: +"Nie wieder!"</p> + +<p>Mitten in der Angst, die auch ihn jetzt befiel, fand +Kallem diese beiden armen Wörtchen: "Nie wieder!" +doch so beredt, daß sich seine Augen mit Tränen füllten; +aber auch sein Herz mit Mut. Jetzt mußte etwas geschehen! +Die Tante und Ole Tuft hatten sie ins Gebet +genommen! Er hatte nichts gehört; es mußte sehr still +zugegangen sein, oder sie waren nicht im anstoßenden +Zimmer gewesen. Arme, arme Ragni!</p> + +<p>Tiefstes Mitleid ergriff ihn und heftigster Ingrimm, +Furcht, Rachelust, grenzenlose Liebe, Enttäuschung, Wut!</p> + +<p>Er kleidete sich an und eilte auf die Straße. Wohin? +Richtig! Zu Ole Tuft, diesem verdammten Duckmäuser, +der sich in seine Angelegenheiten mischen +wollte! Spion und Angeber also? Was zum Teufel +wollte er denn eigentlich? Was beabsichtigte er? Waren +das vielleicht auch "Gottes Wege"? Durch Schlüssellöcher +gucken und an den Türen horchen? Dieser Kerl, +der ihm "auf Gottes Wegen" seine prächtige Schwester +genommen hatte — wollte der ihm nun auch seine Liebe +nehmen? Weshalb kam er nicht zu ihm selber? Weshalb +es der Tante sagen?</p> + +<p>Er hatte die größte Lust, ihn aufzusuchen und ihn +tüchtig durchzubläuen, ihn halbtot zu schlagen! Verdient +hätte ers, weiß Gott! Er schlug wirklich die +Richtung nach Ole Tufts Wohnung ein; aber da stiegen +die großen Augen seiner Schwester vor ihm auf und +sahen ihn fest an. Er konnte sich wenden und drehen, +wie er wollte — sie waren da, die tiefen Augen. Und +dann fühlte er ihre Wange an der seinen, wie an jenem +letzten Abend. Das Ende vom Liede war, daß er vorbeiging. +Aber damit war er in die Nähe seiner früheren<a class="page" name="Page_115" id ="Page_115" title="115"></a> +Wohnung gelangt, und da fiel ihm Rendalen ein. Zu +dem wollte er! Kein Tüttelchen wollte er ihm verheimlichen; +es war ja allein schon ein Glück, sich aussprechen +zu können. Als er sich Rendalens Haustür näherte, sah +er jemand herauskommen. War das nicht — —? Ole +Tuft! Ole Tuft in eigener Person! Der Schurke! ... +In Kallem kochte es; aber Tuft ging nach einer andern +Richtung und sah den Schwager nicht.</p> + +<p>Kallem kannte Tuft, so wie er jetzt war, nicht. Hätte +er ihn gekannt, so hätte er begriffen, daß es ihm nur galt, +zwei Seelen vom Untergang zu retten. Um dieser beiden +teuren Seelen willen lebte er in einem schlaflosen Fieberzustand; +ihretwillen rief er andere zu Hilfe. Eher konnte +er sich weder Rast noch Ruhe gönnen. Selbst zu Kallem +zu gehen — das hatte seine Gefahren, wäre auch sicherlich +zwecklos gewesen. Hier mußten andere einschreiten. +Hätte Kallem das geahnt, er wäre — anstatt zu Rendalen +zu gehen — Tuft nachgelaufen und hätte ihn durchgeprügelt, +bis er kein Glied mehr hätte rühren können.</p> + +<p>Glücklicherweise ahnte er jedoch nichts und klingelte +bei Rendalen, ganz erfüllt von dem, was er mitzuteilen +hatte. Rendalen öffnete selbst, und zwar sofort; er +stand zum Ausgehen gerüstet da, hatte den Hut auf und +den Überzieher überm Arm und war aufs sorgfältigste +gekleidet und geschniegelt. Kaum erblickte er Kallem, +so warf er den Kopf zurück wie ein Pferd, das einen +Feind vor sich sieht. "Du!" rief er. Kallem trat, aufs +äußerste erstaunt, rasch ein. Rendalen machte die Tür +zu, schloß sogar ab, und schleuderte Hut und Überzieher +hin. "Zu Dir wollte ich eben!" zischte er. Er war ganz +weiß zwischen seinen Sommersprossen, die schmalen +Lippen waren zusammengepreßt, die grauen Augen +sprühten. Und nun ballte er seine breiten, kurzen +Hände, diese Hände eines Hünen, bis sie ganz weiß +wurden. Sein aufrechtstehendes rotes Haar schien mit +den Augen um die Wette Funken zu sprühen; die ungeheure +persönliche Macht, die dem Mann eignete, beunruhigte +und erschreckte Kallem. "Was zum Henker<a class="page" name="Page_116" id ="Page_116" title="116"></a> +ist denn los?" Der andere antwortete in höchster Wut, +aber doch gedämpft: "Tuft ist hier gewesen und hat +mir alles erzählt. Aha! Jetzt wirst Du bleich!" Er +kam noch dichter heran: "Sie war das Unschuldigste +unter der Sonne — Du Schurke!" Seine Stimme zitterte.</p> + +<p>"Na, hör mal!" sagte Kallem. Ihm wurde eiskalt. Der +andere aber war ganz von Sinnen und unterbrach ihn: +"Du meinst wohl, das ginge mich nichts an? Alle Menschen +geht so etwas an! Und weißt Du, warum ich +ausgezogen bin? Glaubst Du, ich hätte weniger Macht +über ein Menschenkind als Du? Du feiger, verfluchter +Schurke!" Gleich wilden Schreien entrangen sich die +dickunterstrichenen Worte seinem wilden Sinn, obwohl +sie noch leiser gesprochen waren als die vorhergehenden. +Eine derartige Wut und ein derartiger Hohn wirken ansteckend.</p> + +<p>"Na, na, nur nicht eifersüchtig werden, mein Junge!" +rief Kallem. Wenn man eine Bütte mit Blut über ihn +ausgegossen hätte, Rendalen hätte nicht röter werden +können. Gleich darauf wurde er wieder weiß. Vergebens +versuchte er zu sprechen, und da es ihm nicht +gelang, so ging er geradenwegs auf Kallem zu, die Augen +in seine gebohrt, daß sie tatsächlich brannten. "Ich +hätte die größte Lust, Dich ... Dich zu schlagen!" +brachte er nur heraus. "Bitte!" sagte Kallem und nahm +Stellung. Kaum hatte er es voller Hohn herausgestoßen, +als auch schon Rendalens rechte Hand niedersauste. +Kallem bückte sich und stand unverletzt, mit spöttischer +Miene da. Rendalen nahm einen zweiten Anlauf, +Kallem wich abermals behende aus. "Bist Du denn +ganz verrückt?" rief er, so laut er konnte.</p> + +<p>Als wenn einer ihn von hinten gepackt hätte und +festhielte, stand Rendalen plötzlich da, und nach und +nach kam es über ihn wie eine Art Ohnmacht. Bleich, +steif starrte er vor sich hin, bis er mit dem Aufgebot +seiner ganzen Willenskraft vermochte, sich umzuwenden, +langsam nach dem Fenster zu gehen und still,<a class="page" name="Page_117" id ="Page_117" title="117"></a> +mit leerem Blick hinauszusehen. Sein Atem ging so heftig, +daß Kallem glaubte, der Schlag müsse Rendalen treffen. +Kallem selbst stand, ohne sich zu rühren, da; denn +immerhin war er selber doch auch so wütend, daß er es +nicht über sich brachte, zu ihm hinzugehen. Rendalen +war ihm ein Rätsel — eben noch der wildeste Ausbruch +von Leidenschaft, und jetzt wie gelähmt! Nichts als +sein heftiges Atmen war zu hören. Und dabei dieses +unglückliche Gesicht — so über alle Beschreibung unglücklich! +Was in aller Welt bedeutete denn das? Er +blickte auf den Freund, bis die alte Wärme für ihn +wieder erwachte, und ohne weiteren Übergang trat +auch er ans Fenster und stellte sich neben ihn. "Du +brauchst es Dir nicht so zu Herzen zu nehmen", sagte er. +"So schlimm, wie Du vielleicht glaubst, ist es nicht." +Der andere antwortete nicht; vielleicht hörte er es +nicht; er sah noch immer zum Fenster hinaus. Oder +glaubte er ihm nicht — meinte, es sei Spott? Da +lächelte Kallem ihn an — und dies Lächeln war nicht +zu verkennen; es war gut und aufrichtig. In Rendalens +Gesicht kam wieder Bewegung und Farbe; er wandte +den Kopf. Voll froher Eile sagte Kallem: "Nicht ein +Haar habe ich ihr gekrümmt, weiß Gott, alter Junge!" +Rendalen begriff den Sinn der Worte nicht gleich; er +vermochte nicht, das Ganze so plötzlich am andern +Ende zu fassen. Aber als Kallem seinen Kopf noch +dichter zu ihm hinüberbeugte und sagte: "Ich gebe +Dir mein Ehrenwort — ich habe ihr nichts getan!" da +jubelte es in Rendalen auf, und er schlang die Arme +um des Freundes Hals.</p> + +<p>Sie waren beide zu tief ergriffen, als daß das gegenseitige +Vertrauen hinterher nicht unbedingt gewesen +wäre. Rendalen erfuhr alles, genau, wie es zugegangen, +wie in den beiden Menschen die Liebe erwacht war. +Es machte einen tiefen Eindruck auf ihn, was er auch +gar nicht verbergen wollte oder konnte. Kallem fragte +nun offen, ob auch er sie liebe? Da aber wurde +Rendalen wieder blaß und zornig, und Kallem war<a class="page" name="Page_118" id ="Page_118" title="118"></a> +unglücklich über seine Unbedachtsamkeit; aber sie war +nicht wieder gutzumachen. Das Gespräch stockte; +Rendalens Augen wichen den seinen aus. Endlich, als +er die Form gefunden hatte für das, was er antworten +wollte, sagte er: "Ich habe kein Recht, zu lieben. +Darum bin ich ausgezogen."</p> + +<p>Es ging Kallem durch Mark und Bein. Rendalen hatte +die Arme auf den Tisch gestützt, zwischen den Händen +hielt er ein Buch, das er unaufhörlich hin- und herdrehte +und von außen und innen besah. "In unserer +Familie ist der Wahnsinn erblich ... durch lange Generationen. +Mein Vater war geisteskrank. In mir — ja, +Du kennst ja das Unbändige in mir ... ist es hart an der +Grenze. Geradeso war mein Vater. Darum, als Du das +sagtest ... Du weißt schon ... vom Verrücktsein ... +das traf! Es sind die Worte meiner Mutter. Ich darf +mir nicht nachgeben. Also auch nicht in der Liebe. +Trotzdem hab' ich's nicht immer können. Nein — +beichten kann ich nicht. Die Musik ist mein Betäubungsmittel. +Aber hier hat auch sie mich im Stich gelassen. +Wie auch schon früher." — Er legte das Buch +weg, nahm ein anderes, legte es auf das erste und wirbelte +beide auf dem Tisch herum. Da hörte er Kallem halb +lachend sagen: "Und da hast Du mich zum Stellvertreter +gewählt?" — "Was Teufel sollt' ich denn sonst +machen? Ich hab' Dich für einen anständigen Kerl +gehalten."</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Am Nachmittag verfaßte Kallem im Schweiß seines +Angesichtes einen Brief an den Apotheker, der ihm +helfen sollte. Je mehr er schrieb, desto unmöglicher +schien es ihm, dem alten Hagestolz und grilligen Naturforscher +verständlich zu machen, was Liebe ist, und was +für tiefe Not das Wesen litt, für das er um Hilfe bat. +Er zerriß den Brief. Rasch entschlossen schrieb er +seinem Vater. Dieser brauchte ja jetzt Ole Tuft nicht +mehr zu unterstützen; ob er vielleicht einem andern +helfen würde? Sein Vater war ein Sonderling, aber ein<a class="page" name="Page_119" id ="Page_119" title="119"></a> +warmherziger Mensch, der alle Ungerechtigkeit haßte. +Und etwas Ungerechteres als Ragnis selbstgewähltes +Geschick kannte Kallem nicht; er war fast überzeugt, +daß sein Vater dasselbe fühlen mußte. So erzählte er +ihm denn von ihrer Liebe — ganz ohne Vorbehalt; er +gelobte, wenn der Vater ihr helfen würde, so wolle er +diesen Bund heilig halten. Von jetzt ab wolle er seine +Studien ernsthafter betreiben als je; er wolle versuchen, +das Höchste zu erreichen, was zu erreichen sei. Und +wenn es auch seiner und ihrer Ausbildung wegen lange +dauern würde, bis sie sich heiraten könnten — er wolle +ebenso treulich auf sie warten, wie sie auf ihn; das sei +sein feierliches Gelöbnis. Er hoffe, der Vater habe +keinen Grund, zu glauben, daß er es brechen würde, +sondern werde ihn vielmehr beim Wort nehmen und +ihr helfen.</p> + +<p>Und er hatte sich nicht getäuscht. Drei Tage darauf +hatte er die telegraphische Antwort, daß alles nach +seinem Wunsche geordnet sei, und daß das Nötige mit +der ersten Post eintreffe. Mit diesem Siegestelegramm +bewaffnet, begann er nun seinen und Rendalens gemeinschaftlichen +Plan — sie zu seinem Vetter in Madison +hinüberzuschaffen — ins Werk zu setzen. Er schrieb +sogleich an den Vetter und bat um Kabelantwort: "Ja" +oder "Nein".</p> + +<p>Das Mädchen, das sich als Ragni völlig ergeben erwies, +vermittelte ihre erste Zusammenkunft. Sie fand auf +der Straße statt und außerhalb der Stadt, und war nur +kurz; das Mädchen begleitete sie. Er teilte ihr sofort +mit, um was es sich handle, wie alles geordnet werden +könne, und wer dabei beteiligt sei. Sie erschrak so, daß +er es für unmöglich hielt, weiter zu gehen. Unter +keinen Umständen wollte sie die Kinder verlassen. Er +war ganz verzweifelt nach dieser Begegnung und ging +zu Rendalen, um ihm sein Herz auszuschütten. Dieser +schlug sogleich vor, die Kinder zu seiner Mutter zu +schicken; er würde ihr darüber schreiben. Als Kallem +dies bei der nächsten Begegnung Ragni mitteilte, schien<a class="page" name="Page_120" id ="Page_120" title="120"></a> +sie immerhin zu überlegen; sie gab demütig zu, so gut +könne sie selber sie nicht erziehen. Aber immer, wenn +sie an einem Tag so halbwegs auf etwas eingegangen +war, nahm sie es am andern wieder zurück; jedesmal, +wenn sie wieder mit den Kindern zusammengewesen +war, erschien es ihr als Unmöglichkeit. Und da sie jedesmal +dermaßen aufgeregt wurde, daß alle Vorübergehenden +sie anstarrten, konnten sie sich nicht länger auf der +Straße treffen. Nun kam kein anderer Ort in Frage als +Rendalens oder seine Wohnung; aber Ragni war wieder +so scheu geworden, daß er an ihrer Einwilligung zweifelte. +Er bereitete sie in Briefen darauf vor und bat Marie, +sie ebenfalls zu überreden und selbst mitzukommen. +Hierauf waren sie ein paarmal ganz kurze Zeit auf seinem +Zimmer, ein einziges Mal auch bei Rendalen zusammen; +aber immer war es ein unbestimmtes Hin und Her. +Nie wußte sie, was sie tun solle, und immer war +sie voll Verzweiflung. Sie fürchtete sich auch vor der +Reise selber. So ganz allein nach Amerika! Und von +New-York allein nach Madison — das war noch das +Allerschlimmste! Unmöglich, ganz unmöglich! Marie +erbot sich, mitzugehen, und Kallem versprach, auch +ihre Überfahrt zu bezahlen. Aber beide die Kinder +verlassen — das konnten sie unter gar keinen Umständen; +der bloße Gedanke schon war ein Unrecht! +Marie mußte also bleiben, bis die Kinder gut versorgt +waren.</p> + +<p>Wenn sie selber wirklich reiste, so mußte sie an Bord +gebracht werden, ohne daß jemand davon erfuhr. Also +mußte das Nötigste für die Reise gekauft werden; das +mußte selbstverständlich umsichtig vorbereitet werden. +Hier erwartete er abermals Widerstand; aber so kindlich +war sie noch, daß sie sich, noch ehe etwas Bestimmtes +über die Reise selbst ausgemacht war, verführen ließ, +die Reisegarderobe einzukaufen; das machte ihr Spaß. +Wenn er nur einmal länger mit ihr hätte sprechen können, +oder wenigstens eine Weile täglich; aber sie war +vorsichtig bis aufs äußerste. So schrieb er denn ellen<a class="page" name="Page_121" id ="Page_121" title="121"></a>lange +Briefe; zu antworten wagte sie nicht, da sie sich +von der Tante und von der Köchin überwacht glaubte. +Aber weil die Briefe mit aller Macht der Liebe zu ihr +sprachen, und da sie auch alle List der Liebe anwandten, +indem sie auf ihre Phantasie einzuwirken suchten, so +richteten sie mehr aus als die Zusammenkünfte. Daß +die Briefe an ihr Ziel gelangten, verdankten sie der +schlauen Marie, die sowohl der Tante als der Nordlandköchin +über war. Kallem lebte, solange diese Unterhandlungen +andauerten und seine ganzen Kräfte in +Spannung erhielten, für nichts anderes. Beharrlichkeit +erhöht den Mut; und als endlich das Kabeltelegramm +die Antwort "Ja" brachte, wagte er es, einen kühnen +Plan zu entwerfen. Dieser bestand darin, bis zur nächsten +Abfahrt des großen englischen Dampfers alles fertig +zu machen, Ragni selbst kein Wort zu sagen, sondern +sich nur zu vergewissern, daß sie an dem Tage einen +Vorwand hatte, frühzeitig auszugehen und lange fortzubleiben, +und endlich es so einzurichten, daß auch +Marie frei war. Auf zwei Stunden vor der Abfahrt des +Dampfers war Ragni in seine Wohnung bestellt; Gepäck +und Billet waren längst dort.</p> + +<p>Am bestimmten Tage und zur bestimmten Stunde +kamen Marie und sie. Ragnis Gepäck war schon früh +am Morgen an Bord gebracht worden, auch der Wagen, +der sie abholen sollte, bestellt und bezahlt. Nichts im +Zimmer erinnerte an eine Abreise; aber die Art, wie er +sie empfing, erweckte in ihr die Furcht, daß etwas im +Werke sei. Sonst war er immer sehr zurückhaltend gewesen, +schon weil Marie dabei war; heute umarmte er +Ragni mit all der Innigkeit, die er für sie empfand, und +schien sie kaum lassen zu können. Sein Schmerz nahm +keine Rücksicht und kannte keine Umwege mehr; er +nahm ihre beiden Hände in seine, und Auge in Auge +erzählte er ihr hastig, alles sei an Bord gebracht; in zwei +Stunden gehe der Dampfer; und hier sei das Billet.</p> + +<p>Sie begriff sofort: jetzt mußte sie wählen zwischen +ihm und allem übrigen — ohne Bedenkzeit. Und das<a class="page" name="Page_122" id ="Page_122" title="122"></a> +brachte ihm den Sieg. Erst stand sie in stummer Hilflosigkeit +da; dann schmiegte sie sich still an ihn und +verharrte so. Er küßte sie — wie zum Willkommen — +sie hielten sich eng umschlungen und weinten. Das +Mädchen sah draußen vor den Fenstern jemand vorbeikommen +und ließ die Gardinen herunter; es wurde halbdunkel, +und in diesem Halbdunkel hörten sie auch +Marie im Nebenzimmer weinen. Ihre Umarmung ging +endlich in ein Flüstern über, erst abgerissen, dann von +gedämpftem Schluchzen begleitet, das verstummte und +wiederkehrte wie Sordinespiel. Und das Flüstern sprach +von dem Tag, an dem er ihr nachreisen würde, um sich +nie wieder von ihr zu trennen; welch ein treuer Freund +er ihr sein würde, und wie die Zukunft, die ihnen winke, +wohl all dieser Opfer wert sei; wie ihre Briefe Tagebücher +sein sollten — seine und ihre. Kurze, hastige +Worte von grenzenloser Liebe — und all die Worte +waren seine; von ihr nur das sordinierte Schluchzen.</p> + +<p>Trotzdem die Stunde, die sie jetzt zusammen verlebten, +die Abschiedsstunde war, so war es doch die erste +Stunde ungestörter Hingabe, die sie verbrachten. Das +Neue, das hierin lag, leuchtete so in den Schmerz hinein, +daß er wie zu einem Sonnennebel um sie her ward. Ihr +leises Schluchzen ging bald in Flüstern über; bei den +ersten Worten, die sie sprach, wollte er sie ansehen; aber +sie ließ es nicht zu. Wenn er ganz still sitzen und sie nicht +ansehen wolle, so würde sie ihm etwas sagen. Er sei der +weiße Pascha! Sie wollte nicht recht mit der Sprache +heraus, was sie damit meine; das würde zu lang werden. +Von Kind auf habe sie auf den weißen Pascha gewartet, +d. h. seit ihres Vaters Tode; damals sei sie zwölf Jahr alt +gewesen. Es sei ihr immer traurig ergangen, am traurigsten, +als sie von Berlin heimgekommen sei und nicht den +Mut gehabt habe, öffentlich zu spielen. Aber davon +wolle sie auch nicht weiter erzählen; es würde zu lange +dauern. Die ganze Zeit habe sie von dem weißen +Pascha geträumt — wenn er doch nur kommen wolle! +Daß er kommen würde, das wußte sie ganz sicher.<a class="page" name="Page_123" id ="Page_123" title="123"></a> +Sogar als sie zu den "Walfischen" hinunterstieg, wußte +sie, er würde ihr nachkommen; er fand schon den Weg. +Einmal hatte sie geglaubt, Rendalen sei der weiße Pascha; +aber da er's nicht war, mußte er ausziehen, damit der +richtige kommen konnte. — Am ersten Abend hatten +sie sich mitten in dem leisen Schneefall getroffen. Weshalb +mußten sie sich gerade da treffen? Da hatte sie +ihn angesehen und gedacht: ob er wohl der weiße +Pascha sei? Das nächste Mal, als sie sich trafen, hatte +er die kleine Juanita getragen; da war sie schon beinah +sicher, daß dies keinem andern habe einfallen können. +Aber dann war alles so überstürzt gekommen, und so +ganz anders, als sie sich's gedacht hatte. — Er fragte, +ebenfalls flüsternd, ob sie ihm nicht erzählen wolle, +was sie damals, vor einem Jahr, veranlaßt habe, zu den +"Walfischen" hinunterzusteigen. Ein Schauder durchflog +sie bei seiner Frage. — Und trotzdem — obgleich +sie verheiratet gewesen sei, habe sie noch immer auf +den weißen Pascha warten können? — Mehr als je. — +Ob sie denn nicht gewußt habe, was Ehe ist? — Sie +schmiegte sich enger an ihn und schwieg.</p> + +<p>Obgleich er nun bei dem angelangt war, was er am +liebsten hätte wissen mögen, brach er dennoch ab.</p> + +<p>Er erzählte ihr, es sei verabredet, daß Rendalen sie an +Bord erwarte; dieser wolle gleichzeitig auf ein paar Tage +nach Hause reisen und werde für sie sorgen. Sie standen +beide auf.</p> + +<p>Ob Kallem sie denn nicht aufs Schiff begleite? Er +umfaßte sie, barg seinen Kopf an ihrer Brust und sagte, +es sei besser, nicht. Das war das Schwerste. Einen +Augenblick lang war sie ganz außer sich; sie setzten +sich aufs neue und nun kam ein langes, aufreibendes +Abschiednehmen. Marie stand wie auf Kohlen. Bis +an den Wagen wollte er sie wenigstens begleiten. Aber +Marie untersagte es ganz bestimmt; niemand dürfe sie +zusammen sehen.</p> + +<p>Er hörte den Wagen davonfahren, ohne ihn zu sehen, +und in all den folgenden Jahren erschien ihm dieser<a class="page" name="Page_124" id ="Page_124" title="124"></a> +Augenblick als das Grausamste, was er je durchgemacht +hatte.</p> + +<p>Er ging nicht hinunter, um das Schiff noch von fern +zu sehen; erst nachmittags ging er zu der Stelle, wo es +gelegen hatte.</p> + +<p>Von dort machte er einen weiten Spaziergang, und +zwar so, daß die Tante ihn sehen mußte. Damit verfolgte +er eine bestimmte Absicht.</p> + +<p>Das lenkte eine Zeitlang den Verdacht von ihm ab. +Man konnte sich nicht denken, daß der Mann zurückblieb, +der Ragnis Flucht ins Werk gesetzt hatte, um +dessentwillen es geschah.</p> + +<p>Jeder, der sich der Begebenheit erinnert, wird sich +entsinnen, wie streng Ragni verurteilt wurde. Fremd, +ohne Verkehr, scheu, hatte sie nur die Erinnerung +an ein erotisch-gesangvolles Klavierspiel zurückgelassen; +und das konnte sie hier nicht verteidigen. Vor einem +Jahr hatte sie es übernommen, für die Kinder ihrer +verstorbenen Schwester zu leben; und jetzt lief sie +davon. Der blinde Mann, den sie geheiratet hatte, +war ihre eigene Wahl gewesen; sie hatte keinerlei Beschwerden +durch ihn gehabt.</p> + +<p>Wenn sie es jetzt bereute — warum hatte sie es nicht +gesagt? Weshalb sich so hinterlistig benehmen?</p> + +<p>Für Kallem war es nicht leicht, das mitanzuhören; +hatte er ihren Ruf zugrunde gerichtet? Schon jetzt +nahmen alle als sicher an, daß sie ein Verhältnis mit +einem andern gehabt habe; und die Stunde war nicht +fern, da alle wissen würden, daß er der Schuldige war.</p> + +<p>Eines Tages traf er die Kinder mit Marie vor der +Universität, und beide steuerten sofort auf ihn zu. Was +hätte er nicht darum gegeben, wenn Ragni lächelnd +hinter ihnen hergekommen wäre! Natürlich nahm er +die Kinder mit in die Konditorei und hörte, wie sie +erzählten, daß "Mama" auf einem großen Schiff fortgereist +sei; "Mama" komme aber zu Weihnachten wieder +und bringe ihnen neue Kleider und neue Puppen mit.</p> + +<p>Auf dem Tisch lag eine illustrierte Zeitschrift; Juanita<a class="page" name="Page_125" id ="Page_125" title="125"></a> +kam auf den Einfall, alle Damen auf den Bildern seien +"Mama"; wenn die ältere Schwester das bestritt, rückte +sie bloß ihren kleinen Finger auf eine andere: "Das +ist Mama."</p> + +<p>Kallem hatte am selben Tage einer verunglückten +Operation beigewohnt; infolge eines bösen Mißgeschicks +hatte der Patient sich verblutet. Bei seiner +gegenwärtigen Nervosität hatte das großen Eindruck +auf ihn gemacht. Und als er die Kinder verlassen hatte +und zum Mittagessen ging, kam es ihm vor, als sei +er selber der unglückliche Operateur. Er hatte Ragni +retten wollen, und hatte es nur schlimmer gemacht; jetzt +verblutete ihr guter Name. Und das Gesellschaftsleben +ist ein Gewebe von Muskeln, Sehnen und Adern ...</p> + +<p>Einige Tage später saß er auf der Universitätsbibliothek +und studierte in einem Kartenwerk, als plötzlich +lächelnd und frisch Ole Tuft vor ihm stand. Er wisse +nicht, wo Kallem jetzt wohne, und habe ihn darum +hier aufgesucht. Kallem stand auf und setzte sich zu ihm.</p> + +<p>Der Schwager hatte jetzt nichts mehr von Kallems +Wildheit zu fürchten; Kallem hatte kein Verlangen +mehr, ihn "halbtot" zu schlagen, nicht einmal mehr, +ihn vorwurfsvoll anzusehen; er war sehr zufrieden, +wenn Ole ihn nicht vorwurfsvoll ansah. Ole wußte +wahrscheinlich, was bald alle, die der Sache näherstanden, +erfahren mußten — daß Edvard Kallem der +Sünder war, wußten es von Josefine, die es vom Vater +gehört hatte. Oder irrte er sich? Versteckte sich hinter +Oles Freundlichkeit nicht Zweifel, Verdacht an seiner +vollen Ehrenhaftigkeit — die Prophezeiung, daß ein +solcher Anfang nie zum Siege führen würde? War diese +Herzlichkeit echte, ungemischte "Brüderlichkeit", verdünnt +mit dem Gehorsam eines jungen Theologen gegen +das Gebot: "Liebet alle Menschen"?</p> + +<p>Ole war gekommen, um ihm mitzuteilen, daß er fertig +sei und nach Hause zurückkehre; das Glück strahlte +ihm aus den Augen. Er fragte, ob er Grüße bestellen +solle, und erzählte, er habe Hoffnung, bald zu Amt und<a class="page" name="Page_126" id ="Page_126" title="126"></a> +Würden zu gelangen. Er ließ durchblicken, was dann +geschehen würde; der Weg lag gebahnt vor ihm, und +seine Ziele waren zweifellos keine geringen. Der stattliche +Bursch erregte Aufmerksamkeit bei allen, die in +der Bibliothek aus- und eingingen.</p> + +<p>Edvard blieb mit unbedecktem Kopf oben auf der +Bibliothekstreppe stehen, während Ole Tuft in seiner +etwas schwerfälligen Art über den Platz schritt. Wahrlich — +da ging einer, der sicher war in sich selbst; <em class="gesperrt">sein</em> +Anfang war ganz, so wie seine Natur ganz war.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="Mannesalter" id="Mannesalter"></a><a href="#Inhaltsverzeichnis">Mannesalter</a></h2> + + +<h3><a href="#Inhaltsverzeichnis">1</a></h3> + +<p>"— — Die Rechtfertigung hat ihren Ursprung in +der göttlichen Gnade. Sie kann ihn nicht im Sünder, +in seiner sittlichen Arbeit an sich selbst haben; denn dieser +ist ein Ungerechter. Als solcher verdient er sie auch +nicht, ebensowenig wie er Rechtsanspruch darauf erheben +kann. Nur Gottes erhabener Wille kann ihn +rechtfertigen."</p> + +<p>Der Pastor ging auf und ab, ein Heft in der Hand, +aus dem er flüsternd auswendig lernte. Die Sonne +schien hell durch die beiden Fenster, die nach Südwesten +lagen und weit offen standen; durch das hintere ergoß +sich milchweißer Glanz über den graugestrichenen Fußboden; +das unruhige Laub junger Espen zeichnete sich +auf den Scheiben ab; die Espen mit ihren zitternden +Blättern standen draußen am Staket. Aus dem Garten +strömte der Duft von Aurikeln, Flieder und Goldregen +herein; der Pastor unterschied jede Mischung in den +Luftströmungen; er hatte die Bäume und Blumen selbst +gepflanzt; sie liebkosten ihn geradezu. Sobald der Luftzug +nur um ein Winziges stärker wurde, so sandten die +sprossenden Birken und die frischen Triebe der Tannen, +die außerhalb seines Pfarrhofs standen, eine scharfe +Welle herein, die rücksichtslos die Strömung des Gartens<a class="page" name="Page_127" id ="Page_127" title="127"></a> +wegspülte, und jedesmal flutete eine ganze Gesellschaft +verschiedenartiger Gerüche vom offenen Feld nach. Es +roch nach Wachstum.</p> + +<p>Psst!</p> + +<p>"— — Was kann Gott dazu bewegen, so gnädig zu +sein gegen den armen Sünder, der aus sich selbst nicht +das Geringste vermag? Seine unbegreifliche Liebe zum +Sünder, seine unverdiente Barmherzigkeit kann ihn dazu +bewegen."</p> + +<p>Jetzt pfiff das Dampfschiff zum drittenmal. Nein — +da konnte er nicht widerstehen — er mußte den Dampfer +sehen, wie er in großem Bogen von der Brücke weg +über die Bucht fuhr und den Wasserspiegel in zwei +Hälften teilte; der größere fiel der Insel draußen zu, +der kleinere dem Strand vor der Stadt. Der Pastor nahm +sein Fernrohr vom Pult. Die Brücke unten war voll +bunter Sonnenschirme; dazwischen Männerhüte, meist +in dunklen Farben; hie und da leinene Hauben und +Kopftücher, gewöhnlich mehrere beieinander.</p> + +<p>Jetzt hörte man von rechts Schritte im Sand; sie +kamen aus dem Garten seiner Mutter und lenkten auf +den seinen zu — Schritte eines Erwachsenen, und auf +jeden Schritt des Erwachsenen zwei Kinderschritte. +"Du, Mutter, was hat das Dampfschiff im Bauch?" — +"Haha!" — Die Gestalt einer Frau tauchte auf, die den +Eindruck von Kraft hervorrief. Ein starker Hals und eine +volle Brust, der ganze Wuchs ungewöhnlich schön; das +Gesicht dunkel, ziemlich groß, mit gebogener Nase; +das Haar fast schwarz. Sie trug ein cremefarbenes, mit +hochroten Blumen gemustertes Musselinkleid mit einer +Passe von hochroter Seide, um den Leib einen seidenen +Gürtel von gleicher Farbe. Zu ihrer dunkeln Haut, dem +schwarzen Haar und den tiefen Augen bildete das einen +bezaubernden Gegensatz; sie pries den warmen Frühlingstag +mit kundiger Farbenpracht. Aber sobald sie in +das lächelnde Melanchthonantlitz am Fenster sah, senkte +sich der rote Sonnenschirm zwischen sie und ihn. An +der Hand führte sie ihren vierjährigen Knaben, ein<a class="page" name="Page_128" id ="Page_128" title="128"></a> +hübsches Kerlchen mit blondem Haar und einem Gesicht +wie das Antlitz des Mannes im Fenster. Der Junge ließ +die Hand der Mutter fahren, öffnete die Tür zwischen +den beiden Gärten und sprang vorbei, um die nächste +Tür, auf den Weg hinaus, zu öffnen. Als die Frau vorüberkam, +flüsterte der Pastor: "Ich gratuliere! Du +siehst ja reizend aus!" Es klang bittersüß. Wie konnte +eine Pastorsfrau sich so kleiden!</p> + +<p>Ohne den Sonnenschirm zu senken schritt sie nach +der offenen Gartentür und weiter auf dem Weg nach +der Stadt zu. "Wohin?" — "Zum Schiff, und zusehen!" +rief der Junge, davonspringend. Ihr Nacken +unter dem Hut, ihre Figur im Sonnenlicht, der Gang, +die Farben ... der Pastor lag im Fenster, trommelte +auf den Fenstersims und pfiff lautlos. Die warmen +Augen flogen ihr nach, bis er sich mit einem kräftigen +Aufstemmen aller fünf Finger von der Fensterbank +erhob.</p> + +<p>"— — Gott straft nicht, er erbarmt sich unser. Doch +nicht wie ein Heerführer einen Waffenstillstand gewährt +oder ein König eine Amnestie erläßt (nein, +'Amnestie', das verstehen vielleicht nicht alle; wie sag' +ich gleich — Erlaß? ... Nein, das genügt nicht. 'Gnadenerlaß'! +Also:) Doch nicht, wie ein Heerführer +Waffenstillstand gewährt oder ein König einen Gnadenerlaß, +ist die göttliche Rechtfertigung; nein, das widerspräche +der Allheiligkeit Gottes. Die Rechtfertigung +ist allerdings eine Gnade; aber sie ist auch eine Gerichtshandlung. +Sie muß eine rechtliche Grundlage haben, +d. h. den Forderungen des Gesetzes, die Gottes eigene +sind, muß <em class="gesperrt">Genüge geschehen</em>."</p> + +<p>Eigentlich ist das doch sehr juristisch.</p> + +<p>Der Pastor sah in das Heft, das aufgeschlagen auf dem +Pult zwischen den zwei Fenstern lag; er verglich es mit +dem, was er in der Hand hielt. Dabei hörte er das laute +Getöse des Dampfers, der jetzt gerade auf der Bucht +unten vorüberfuhr. Er mußte aus dem Fenster spähen, +und die Folge davon war, daß er, ohne es zu wissen, sich<a class="page" name="Page_129" id ="Page_129" title="129"></a> +behaglich hinauslehnte. Die Sonne schien auf das weiße +Leinwanddach des Dampfers, die Schaumlinie zwischen +Land und Insel war wie eine straffe Schnur; am Himmel +kein Wolkenstreifen, so daß der Rauch sich vom freien +Grund abhob; ebenso ungedämpft hörte man den +Lärm. Der Pastor ließ den Blick vom Dampfer nach +der Stadt, zum Strand, über die Bucht hin schweifen, +bis zu den Bergen auf der andern Seite der Bucht; die +ganz hinten, die blauen drüben waren noch nicht frei +von Schnee. Das Getöse des Dampfers hallte über die +weite Landschaft hin wie eine Predigt, die seine eigene +ablöste. Ein bescheidener Duft aus dem Garten lenkte +sein Auge vom Großen aufs Kleine. Das alles hatten +er und Klein-Edvard miteinander geschafft, oder vielmehr, +er hatte gearbeitet und der Kleine hatte sich +unnütz gemacht. Der Pastor besah sich namentlich die +Beete, auf denen bis jetzt noch nichts kam; dann die +ersten, die schon ganz fertig waren und leider auch +schon gejätet werden mußten. Dabei konnte Edvard +auch helfen. Langweilig war es ja; aber er hatte sich +nun einmal vorgenommen, in diesem Jahre solle kein +anderer den Garten anrühren; außerdem war das Bücken +gesund, da mischte sich die Galle mit dem Blut. Ohne +es zu wollen dachte er daran, wie ihm seine Frau dann +manchmal ein Glas Wein und ein Stückchen Kuchen +brachte; es liegt in der Natur des Weibes, unsere Schwächen +zu ahnen und schwach gegen sie zu sein. Er blickte +hinüber auf den Weg, wo sie verschwunden war, und +richtete sich straff in die Höhe:</p> + +<p>"— — Den Forderungen des Gesetzes, die Gottes +sind, muß Genüge geschehen. Könnte das durch den +Sünder selbst geschehen, so wäre die Rechtfertigung +keine Gnade; folglich muß es durch den <em class="gesperrt">Geist</em> geschehen.</p> + +<p>Aber auch diese Erfüllung des Gesetzes durch einen +andern muß aus Gottes erlösender Gnade kommen, +wenn sie nicht die Rechtfertigung (hu, wie juristisch!) +aufheben soll. Und soll ferner diese neue Gnaden<a class="page" name="Page_130" id ="Page_130" title="130"></a>handlung +allen zugute kommen, so muß die Gesetzerfüllung +für das <em class="gesperrt">ganze sündige Menschengeschlecht</em> +gelten. Einzig Gott selbst kann eine solche +Erfüllung, einen solchen 'Vergleich', eine solche, 'Sühne' +zustandebringen.</p> + +<p>Für den Christen ist es eine Tatsache des Glaubens, +daß diese Grundlage für eine Weltsühne, diese Auslösung +der Schuld des ganzen Menschengeschlechts ein +für allemal durch <em class="gesperrt">Jesum Christum</em> geschaffen worden +ist, und daß sie jedem einzelnen Sünder zugute kommen +kann."</p> + +<p>Der Pastor blickte auf. Wie weit wohl das Dampfschiff ...? +Was, nirgends mehr? Er ging ans Fenster +und blieb dort stehen. In einer geraden Linie schoß +jetzt das Boot auf die Landspitze zu, die so weit hinausragte, +daß sie fast bis an die Insel stieß. Das große +Kirchdorf drüben rechts auf der Höhe, deren Ende +die Landspitze bildete, schaute vom Hang herüber. +Die Bucht lag dazwischen. Hof an Hof sonnte sich dort, +grün und fruchtbar; stolze Besitztümer — das sah man +an der Entfernung zwischen den einzelnen Gehöften. +Die Seite des Hügels, die sich nach der Insel erstreckte, +hatte die Form einer flachen Zange; und dort, durch +den Sund, mußte das Dampfschiff in den großen Fjord +verschwinden.</p> + +<p>Dies dumpfe Dröhnen des Dampfers! Ist es nicht, +als habe die Natur Sprache bekommen? Die ganze +Landschaft, nicht nur ein Teil. Wenn z. B. über die +ganze Landschaft eine Saite gespannt wäre, und ein +Bogen striche darüber, dann müßte das klingen wie das +Dröhnen des Dampfers. — —</p> + +<p>Psst!</p> + +<p>"— — Gott hat gewollt und bewirkt, daß ein Sünder +gerechtfertigt werden kann durch Gottes Gnade, und +zwar dadurch, daß Christus dem Gesetz Genüge getan +hat. Christi Verdienst, Christi Gerechtigkeit haben die +Schuld bezahlt. Jeder kann sich sozusagen sein Stück +von der Gerechtigkeit abschneiden, die Christus für die<a class="page" name="Page_131" id ="Page_131" title="131"></a> +Welt gewonnen hat. — Nein — das klingt vielleicht +zu weltlich. Wenn es auch der Sinn ist."</p> + +<p>Bald darauf lag er wieder im Fenster, breit auf beide +Ellbogen gestützt, als wolle er überhaupt nicht mehr +aufstehen. Er sah den Weg hinunter, auf dem Josefine +mit dem Kleinen verschwunden war; er blickte über die +Bucht weg nach der Insel, und dachte an das Inselkindchen, +das dort drüben links spielte; von hier aus +konnte er es nicht sehen, aber er wußte, daß es dort +spiele, und wie niedlich es sei. Von den Bergen wieder +geschwind zum Dampfer, der auf den Sund lossteuerte. +Dort draußen hatte die Insel einen Waldhut auf, dem +der Rauch des Dampfers eben einen Flor umlegte. Der +Wind ging dort anscheinend in anderer Richtung? +Nein, jetzt ging er auch hier in der gleichen. Um diese +Zeit schlägt er so oft um. Jetzt duftete es nicht mehr +vom Garten und von den Bäumen und Feldern herein; +bald wird wohl ein Flügelschlag schwarze Streifen ins +Wasser ritzen! Eine Dampfpfeife stöhnte und keuchte +links unten an der Bucht; da ging ein Zug ab, oder ein +Güterzug rangierte.</p> + +<p>Wie still es sonst war! Er hörte in weiter Ferne ein +paar Kinderstimmen, jede Schwingung darin. Ab und zu +klopfte und hämmerte es in dem neuen Haus drunten +an der Ecke der Strandstraße und des Wegs, der hier +heraufführte. Es klang, wie es in leeren Räumen zu +klingen pflegt. In der Ferne immer noch gedämpfte +Staccatotöne des Dampfergedröhns. Das Haus, in dem +er wohnte, lag frei, und diesem Umstand war es zu verdanken, +daß er einen so weiten Blick und einen so hellhörigen +Standort hatte. Aber wenn die Felder in Grundstücke +parzelliert wurden, so war es damit vorbei.</p> + +<p>Darüber verfiel er in Nachdenken; sollte er nicht +selber aufkaufen? Er hätte es gern getan; aber Haus +und Grundbesitz und alles, was sie hatten, gehörte seiner +Frau. Der Rest seines eigenen kleinen Vermögens steckte +in dem kleinen Haus mit Garten rechts nebenan, in +dem seine Mutter wohnte.</p> + +<p><a class="page" name="Page_132" id ="Page_132" title="132"></a>Es hat mancherlei Vorteile, mit einer reichen Frau +verheiratet zu sein, selbst wenn im Ehekontrakt steht, +daß sie allein das Verfügungsrecht über ihr Vermögen +hat; manche Bequemlichkeiten fallen ab, die das Leben +freundlicher und die Arbeitsbedingungen leichter gestalten; +es ist auch meist der Schlüssel zu einer gewissen +Macht — namentlich für einen Pastor. Viel Gutes läßt +sich damit tun, was andere sich versagen müssen, und +das setzt sich um in Macht. Er hatte das empfunden, +und hatte es mit Behagen empfunden. Das paßte ihm.</p> + +<p>Aber. — Ja, alle "Aber" wurzeln in dem einen Punkt: +wie die Frau ist, die über das Vermögen zu verfügen hat. +"Aber wie nun die Gemeinde ist Christo Untertan —."</p> + +<p>Psst! — Er begann wieder zu lesen, diesmal laut: +"Die äußere Grundlage für die Rechtfertigung war +also, daß Jesus dem Gesetz Genüge getan hat; die innere +Bedingung ist, daß der Sünder das <em class="gesperrt">glaubt</em>. Wie versöhnt +auch Gott mit der Welt sein mag, er kann einzig dem +Sünder seine Gnade schenken, der in Gemeinschaft steht +mit Christus, '<em class="gesperrt">weil er an ihn als seinen Erlöser +glaubt</em>'."</p> + +<p>Das Heft sank; der Pastor wußte selber nicht, was er +las. Denn die Stelle im Epheserbrief hielt seine Gedanken +gefangen. Ist das Weib nicht Untertan in allen +Dingen,... ja, dann sät eben der Umstand, daß die +Frau das Verfügungsrecht über das Vermögen hat, eine +Saat der Ungleichheit.</p> + +<p>So tief war er hiervon überzeugt, so stark waren die +Beweise, die er sich dafür zurechtlegte, daß er fern und +nah nichts mehr sah und hörte, — es nur noch wie die +Erzählung eines andern in sich aufnahm. Er trommelte +auf die Fensterbank und blickte auf den Weg hinunter. Die +beiden eben ausgekrochenen Schmetterlinge, die in endlosen +Schwingungen sich über und unter seinem Fenster +umkreisten, hatten keine Ahnung von all den Schwierigkeiten, +die es mit sich bringt, wenn man ein Vermögen +besitzt, über das man nicht verfügen kann. Etwas weiter +drüben, hinter dem Schemel des Jungen, der seit ein<a class="page" name="Page_133" id ="Page_133" title="133"></a> +paar Tagen vergessen dalag, läutete eine anmutige Declytera +mit langem Blütenstengel voll roter Glöckchen +zur Hochzeit — zur Hochzeit — ohne das geringste +Verständnis für Epheser 5 Vers 24. Der Pastor übersah +sie darum auch. Ja, nicht einmal Gärtner Nergaards +Bienen, die jedenfalls dieses Jahr zum erstenmal hier +oben waren (wahrhaftig! sie kannten den Weg wieder, +seit der Wind umgeschlagen war und der Duft lockte!) +— nicht einmal die Bienen hörte er, wie sie um die +frischen Triebe hinter dem Haus surrten. Eheliche +Kümmernisse im Sinne Epheser 5 Vers 24 ziehen einem +eine Kappe über den Kopf, und wenn auch die Sonnenstrahlen +aufs Haar brennen! Über das sanft abfallende +Kirchdorf drüben zur Rechten mit seinen drei Schattierungen +von Grün: Wiesen, Äcker und Wald, — +glitten seine Augen so blind hin wie der Wind. Eben +jetzt zog sich ein Streifen Schwarz über die Bucht, +wie versuchsweise, — ein paar vereinzelte Furchen; er +war mitten drin und sah es nicht. Irgendwo von oben +muhte eine angepflockte Kuh sehnsuchtsvoll nach: +Wasser — Wasser! Alles um ihn her ein Warten — und +ungesehen ..., bis ein verzweifelter Kinderschrei die +warme Blütenduftluft zerriß ... ein einziger, langgezogener +Schrei. In diesem Schrei hörte er jede Schwingung; +der packte ihn an der Brust wie eine erbarmungslose +Hand. Er fuhr auf und stand mit angehaltenem Atem +still und wartete auf den nächsten. Aber er kam nicht, der +nächste ... es mußte schon beim ersten sich vollständig +erschöpft haben ... nein! da gellte es wieder! War der +erste Schrei verzweifelt gewesen, so war dieser die Todesangst +selbst ... und wieder einer ... und noch einer! +Der Pastor stand blaß — alle Sinne gespannt — da. Da +erklangen von rechts rasche Schritte im Sand. Es war +seine Mutter, die an dem Türchen zwischen den beiden +Gärten zum Vorschein kam, eine alte, hagere Frau mit +schwarzer Haube über dem schneeweißen Haar, das an den +Wangen herabgekämmt war und einen steifen Rahmen um +das vorsichtige, ein bißchen trockene Gesicht bildete.</p> + +<p><a class="page" name="Page_134" id ="Page_134" title="134"></a>"Nein!" stieß der Pastor hervor, "nein, Gott sei +Dank, Edvard ist das nicht! Solches Getue leistet sich +der nicht, wenn er weint! <em class="gesperrt">Mein</em> Bengel macht kein +solches Geschnörkel! Der heult schlankweg drauf los!"</p> + +<p>"Schlimm genug ist's — einerlei, wer's ist!" antwortete +sie.</p> + +<p>"Hast recht, Mutter!" Und er betete im Herzen +sogleich für den armen Knirps, der da so jammervoll +schrie. Aber nachdem das erledigt war, dankte er doch +Gott, daß es nicht <em class="gesperrt">sein</em> Junge war. Das mußte man +ihm schon erlauben!</p> + +<p>Währenddessen kam ein hochgewachsener Mann in +hellem Anzug und Panamahut den Weg herauf. Die +ganze Zeit über blickte er nach dem Haus und dem +Garten. Der Pastor sah auch ihn an, erkannte ihn aber +nicht. Der Fremde kam über die Straße herüber und +geradenwegs auf die Treppe zu. Ein hochgewachsener +Mann mit kurzem, sonnverbranntem Gesicht, einer +Brille, und eigentümlich raschem Gang. Wer in aller +Welt...? — Der Pastor trat vom Fenster zurück, eben +als der Fremde die Treppe erreichte. Er mußte sie in +zwei Sätzen genommen haben, denn schon erklangen +Schritte im Gang. Es klopfte.</p> + +<p>"Herein!"</p> + +<p>Die Tür wurde geöffnet; doch der Fremde blieb +draußen stehen.</p> + +<p>"Edvard!"</p> + +<p>Der andere antwortete nicht. "Aber, Edvard! Du hier! +Und ohne Dich anzumelden? Bist Du's denn wirklich?" +Und der Pastor lief auf ihn zu, streckte ihm beide Hände +entgegen und zog ihn herein. "Willkommen! Herzlich +willkommen, alter lieber Kerl!" Sein Gesicht strahlte +vor Freude.</p> + +<p>Edvards sonnverbrannte Hände drückten zur Antwort +des Schwagers Hände, seine Augen glänzten hinter der +Brille; gesprochen hatte er noch nicht.</p> + +<p>"Warum redest Du denn kein Wort, Alter?" rief der +Pastor und legte beide Hände auf Edvards Schultern.<a class="page" name="Page_135" id ="Page_135" title="135"></a> +"Bist Du denn Deiner Schwester nicht begegnet?" — +"Doch! Von ihr hab' ich erfahren, wo ihr wohnt." — +"Und Du bist ihr davongelaufen? Wolltest wohl eher +hier sein? Es ging Dir wohl zu langsam mit dem Jungen, +was?" fragte der Pastor. Seine warmen Augen blickten +voll ungeteilter Freude in die Augen des andern. — +"Nicht nur deswegen. Du wohnst hübsch hier."</p> + +<p>"Ja, nicht wahr? Und Du sollst gerade so hübsch +wohnen, wenn ich auch unseren Stadtteil im Norden +dem Zentrum vorgezogen hätte." — "Ich hatte ja +wohl keine Wahl." — "Nein, das ist wahr. Wenn Du +das Krankenhaus übernehmen wolltest, so mußtest Du +auch die Doktorwohnung dazu nehmen; die beiden gehören +zusammen. Übrigens nicht zu teuer — das sagen +alle. Und sehr bequem — und eine Menge Grundbesitz +dabei. Na, jetzt hast Du Dich aber auch lang +genug draußen herumgetrieben. Wahrhaftig — mehr als +lang — so in einer Tour. Aber warum hast Du denn +nicht geschrieben? Warum Dich nicht angemeldet? +Herrgott — ich hab' Dich ja nicht einmal gleich erkannt! +Und dabei hast Du Dich eigentlich gar nicht +verändert!" Er betrachtete das hagere Gesicht des +Schwagers, das ihm nur weicher im Ausdruck erschien +als früher. Dabei plauderte er unaufhörlich weiter, +während sie auf und ab gingen oder am Fenster standen. +Jetzt wandte Edvard sich zu ihm: "Aber Du, Ole — Du +hast Dich verändert!" — "Wirklich? Das hätt' +ich nicht gedacht. Die andern finden das nicht." — "Doch — Du +hast so einen geistlichen Anstrich bekommen." — "Geistlich? +Haha! Du meinst, ich bin +ein bißchen dicker geworden? Ich kann Dir versichern, +ich tue alles, was ein Mensch tun kann, um dem abzuhelfen; +ich arbeite im Garten, ich mache weite Spaziergänge; +aber — — — siehst Du, meine Frau pflegt +mich eben zu gut. Und die Menschen hier sind zu +liebenswürdig zu mir." — "Du solltest es machen wie +ich." — "Wie machst Du's denn?" — "Ich lauf' auf den +Händen!" — "Hahaha! auf den Händen? In meiner<a class="page" name="Page_136" id ="Page_136" title="136"></a> +Stellung?" — "In Deiner Stellung? Wenn Du einmal +durch das ganze Kirchenschiff auf den Händen liefest — <em class="gesperrt">das</em> +wäre eine Predigt!" — "Hahaha! Und Du kannst +wirklich noch auf den Händen laufen?" — "Und ob!" — Und +im selben Augenblick lief er auch schon. Die lose, +kurze, rohseidene Jacke hing ihm dabei über den Kopf, +der Pastor betrachtete sie, das Rückenteil der Weste, das +Hemd zwischen Weste und Hosenbund, ein Stück von +den Hosenträgern, die Hosen, die Strümpfe, die braunen +Segeltuchschuhe mit den dicken Gummisohlen. Kallem +hatte mittlerweile schon fast die Runde um das Zimmer +gemacht. Der Pastor wußte nicht recht, wie er sich dazu +verhalten solle. Kallem stand tiefatmend und erhitzt auf, +nahm seine Brille ab, putzte sie und begann kurzsichtig +die Bücherregale zu betrachten.</p> + +<p>Nun fühlte der Pastor, daß irgend etwas vorgefallen +war — etwas, worüber der Schwager sich ärgerte. +Hatte die Schwester etwas gesagt, das ihn verstimmen +konnte? Doch nein — was hätte das wohl sein sollen! +Bei ihrer Bewunderung für ihn! Das beste war — gleich +ehrlich und offen fragen; warum nicht lieber gleich +Klarheit schaffen? Kallem hatte die Brille wieder aufgesetzt +und ging an ihm vorbei, zum Pult; darüber hing +ein Christus von Michelangelo — ein Holzschnitt. Er +sah flüchtig zu ihm auf, dann auf das Heft, das aufgeschlagen +auf dem Pult lag. Und ehe der Pastor noch eine +Frage tun konnte, sagte Kallem: "Johnsons systematische +Theologie? Die hab' ich mir gleich in Kristianssand +gekauft." — "Die? Du?" — "Ja. Ich hab' sie +seither nie bekommen können. Dort lag sie im Schaufenster +aus. Es war wie ein Wahrzeichen der Heimat." — "Nein! +Das ist nicht Norwegen!" sagte der Pastor. +"Das ist in der Hauptsache nichts als unhaltbare Juristerei." +Verwundert über diese Antwort des Pastors und +den Ton, in dem sie vorgebracht wurde, wandte Kallem +sich um: "Ist diese Denkweise unter den jüngeren norwegischen +Theologen allgemein?" — "Ja. Ich habe mir +das alles wieder zusammengesucht, um morgen die ver<a class="page" name="Page_137" id ="Page_137" title="137"></a>schiedenen +Ansichten über die Versöhnungslehre genau +auseinandersetzen zu können." — "Aha! Na ja — eine +ganz gute Manier!" — Kallem sah zum Fenster hinaus. +Zum vierten oder fünften Male schon. Sicher — da +stimmte irgend etwas nicht. "Da sind sie!" sagte er. +Er stand am hinteren Fenster, der Pastor am vorderen, +von wo aus er jetzt den roten Sonnenschirm seiner Frau +über dem Musselinkleid auftauchen sah. Sie ging langsam +und hielt den Jungen an der Hand, der anscheinend +unaufhörlich plapperte, denn sein kleines Gesicht war +fortwährend zu ihr emporgewandt, während er den unebenen +Weg entlang stolperte. Die beiden gingen drüben +auf der andern Seite. Aber hier unmittelbar am Zaun +ging eine Dame ... Eben hob sie ihren grünen Sonnenschirm +in die Höhe (wie hübsch der war!) — eine Dame, +nicht so groß wie Josefine, aber schlanker; sie sah sich +um; ihre Bewegungen waren merkwürdig leicht; ihr +Haar war rotblond, und sie trug ein schottisches Reisekostüm +von fremdartigem Schnitt; es mußte eine Ausländerin +sein. Freilich, jetzt erklärte es sich, weshalb +Edvard vorausgegangen war; er hatte allein sein und +die beiden allein lassen wollen. "Wer ist denn die Dame, +die da neben Josefine geht? Sie muß mit demselben +Dampfer gekommen sein wie Du?" — "Ja." — "Du +kennst sie?" — "Ja. Es ist meine Frau." — "Deine ... +Du bist verheiratet?" Er sagte es so laut, daß beide +Damen heraufsahen. Er zog den Kopf zurück und +wandte sich um. Aber er sprach ins Leere. Der Doktor +sah noch immer zum Fenster hinaus. Die Antwort +kam auch von draußen: "Ja, seit sechs Jahren." — +"Seit sechs —?" Des Pastors Kopf fuhr wieder zum +Fenster hinaus; ein aufs höchste verwundertes Gesicht +starrte Kallem an. Seit sechs Jahren! dachte er. Wie +lang ist es doch her, daß ...? Mein Gott, es ist ja knapp +sechs Jahre her, daß ...</p> + +<p>Die Damen waren mittlerweile vor dem Garten angelangt, +die Fremde dicht am Zaun, während Josefine +und der Junge jetzt herüberkamen. "Du, Mutter,<a class="page" name="Page_138" id ="Page_138" title="138"></a> +warum fallen denn kleine Jungs immer grad' auf den +Kopf?" Keine Antwort. "Mutter, warum fallen sie +denn nicht auf die Beine?" Keine Antwort. "Weil der +Oberkörper schwerer ist, mein Junge!" Kallem sagte es. +Alle drei sahen hinauf.</p> + +<p>Im selben Augenblick verließ er das Fenster, um +ihnen entgegenzugehen; der Pastor hinterdrein; aber +er blieb auf der untersten Treppenstufe stehen.</p> + +<p>Die Augen der Dame füllten sich mit Tränen, während +Kallem auf sie zukam; vergebens versuchte sie, es zu +verbergen, indem sie bald nach rechts, bald nach links +blickte. Josefines Augen waren kalt. Der kleine Edvard +war auf seinen Vater zugelaufen und erzählte ihm, +Nicolai Andersen sei auf "die Leiter" hinaufgeklettert +(er deutete dabei nach dem neuen Haus hinunter) "und +'runtergepurzelt". Und "die neue Dame" habe ihm +ihr Taschentuch um den Kopf gebunden. Das schien +den Pastor gerade jetzt nicht so stark zu interessieren, +als der Junge erwartet hatte; deshalb lief er ums Haus +herum zur Großmutter, um es der zu erzählen.</p> + +<p>"Ich brauche sie Dir wohl nicht vorzustellen?" sagte +Edvard Kallem, während er die Hand seiner Frau faßte +und dem Pastor in die Augen sah. Dieser suchte nach +Worten, fand keine und schielte zu Josefine hinüber, +die jedoch keine Miene machte, ihm zu helfen.</p> + +<p>Vor kaum acht Tagen hatte der eifrige Geistliche +gegen die vielen Scheidungen mit darauffolgender neuer +Ehe im "Morgenblatt" einen Artikel geschrieben mit +der Überschrift: "Ehe oder Hurerei?" Und hatte +darin mit unwiderleglichen Beweisen dargetan, daß +nach der heiligen Schrift kein anderer Scheidungsgrund +gelte als Untreue. Wer seinen Ehegenossen beim Ehebruch +betreffe, sei frei und könne sich wieder verheiraten; +wenn jedoch ein Mensch sich aus anderen Gründen +scheiden lasse und sich wieder verheirate, während sein +Ehegenosse noch lebe, so bestehe die erste Ehe fort +und die zweite sei Hurerei. Vor noch nicht acht Tagen +hatte er unter voller Zustimmung seiner Frau das ge<a class="page" name="Page_139" id ="Page_139" title="139"></a>schrieben. +Und eben, weil jene Begebenheit mit Kallem +und Ragni Kule ihm noch frisch im Gedächtnis stand, +erzählte er in diesem Artikel, wie die Frau eines kranken +Mannes der Stellung, die Gott ihr zuerteilt hatte, überdrüssig +geworden sei und heimlich ein Liebesverhältnis +mit einem andern unterhalten habe, wie sie dann gleich +nach der Entdeckung geflüchtet sei und sich habe scheiden +lassen. "Gesetzt nun den Fall," schrieb er, "daß +eine solche Frau sich wieder verheiratet und noch dazu +mit dem, der ihr geholfen hatte, ihren Mann zu betrügen? +Wer könnte eine solche Ehe anders nennen +als fortgesetzten Ehebruch?"</p> + +<p>Wort für Wort hatte er so geschrieben. Seine Frau +stimmte völlig mit ihm überein; sie haßte die Frau, die +ihren Bruder verführt hatte, im voraus. Und nun standen +beide vor ihr. Und Ragni war des Bruders Frau.</p> + +<p>Etwas Undenkbareres hätte das Wiedersehen gar +nicht bringen können! Und dabei waren sie so sicher +gewesen, daß der Bruder all solche Leichtfertigkeit von +sich abgetan hatte! Er war ja jetzt ein Mann der Wissenschaft, +dem schon eine Professur angetragen war, unter +sämtlichen jüngeren Ärzten vielleicht der Mann, von +dem die Kollegen am meisten erwarteten.</p> + +<p>Das war eine Enttäuschung, die nicht zu verwinden +war! Und der Gedanke, daß sie nun mit diesen beiden +an einem und demselben Ort leben, sie ihren Bekannten +in der Gemeinde als Herr und Frau Kallem vorstellen +sollten! Nachdem Tuft unter seinem vollen Namen +ihr Zusammenleben für Ehebruch erklärt hatte!</p> + +<p>Natürlich hatte Kallem es gelesen, er, der so eifrig +nach der Wesenseigentümlichkeit des zeitgenössischen +Norwegens forschte, daß er sogar Johnsons Dogmatik +las! Natürlich las er vor allem die Zeitungen. Er hatte +es gelesen, und das erklärte alles! Sie stand da und wußte +nicht wohin, klammerte sich bloß an ihn an. Und er? +Sein rechter Arm umschlang sie jetzt, als wollte er sich +laut zu ihr bekennen. Sie hielt mit ihrer Rechten hartnäckig +den Sonnenschirm über sich, als könne der sie<a class="page" name="Page_140" id ="Page_140" title="140"></a> +schützen; aber auf die Dauer ging das nicht, das Taschentuch +mußte heraus, und weil sie ihr eigenes nicht hatte, +nahm sie verstohlen das ihres Mannes.</p> + +<p>"Wollen wir nicht hineingehen?" sagte der Pastor +mechanisch. Das geschah. Er führte sie im Haus umher, +während Josefine sich entfernte, um für Erfrischungen +zu sorgen. Vom Studierzimmer, das nach dem +Garten zu gelegen war, kamen sie ins Wohnzimmer, +das nach der Straße ging, dann in die dahinter liegende +Eßstube, von dort in die Küche, die an der Nordseite +des Hauses lag und einen besonderen Eingang hatte. +Auf derselben Seite lag noch die Speisekammer und ein +Fremdenzimmer, das an das Studierzimmer stieß und +eine Altane hatte, die mit der Treppe am anderen Ende +der Fassade korrespondierte. Im Oberstock verschiedene +Schlafzimmer usw. Das Herumführen dauerte kaum +fünf Minuten. Von Seiten des Pastors nur die allernotwendigsten +Worte; von Seiten Kallems ein paar spöttische +Bemerkungen, erst als er aus mehreren Anzeichen +ersah, daß der Pastor zurzeit im Fremdenzimmer schlief +und Josefine mit ihrem kleinen Sohn oben, und dann, +als er die seltene Sammlung von Bildern berühmter +Theologen sah, die, um Luthers Bild gruppiert, an der +großen Wand des Wohnzimmers hingen. Die Erfrischungen, +die Josefine anbot, lehnte er ab, verabschiedete sich und ging.</p> + +<p>Ragni war wie eine Unsichtbare nebenher gegangen. +Jetzt, zum Schluß, glitt ihre lange, schmale Hand durch +die Hände des Schwagers und der Schwägerin wie ein +Hermelinschwänzchen durch ein Mauerloch. Die Augen +huschten scheu über sie hinweg wie der Schatten eines +Flügels. Der Pastor gab bis an die Treppe das Geleite; +Josefine blieb an dem großen Fenster stehen.</p> + +<p>Kallem ging so rasch, daß Ragni alle drei Schritt +einen kleinen Sprung machen mußte. Der Pastor stand +noch draußen und sah es. Diese Hast steigerte die Erregung, +in der sie sich befand, und als sie ungefähr in +der Mitte zwischen der Strandstraße und dem Pfarr<a class="page" name="Page_141" id ="Page_141" title="141"></a>hof +waren, bat sie ihn, stehen zu bleiben, und fing zu +weinen an.</p> + +<p>Kallem stutzte über diese von der seinen so verschiedene +Gefühlsskala; er war empört. Aber bald merkte +er, daß sie wahrscheinlich gerade über seine eigene Art +sich zu benehmen weinte. Er zog sie mit sich an den +Zaun, und stellte sich mit dem Rücken dagegen: "Hab' +ich mich nicht richtig benommen?" — "Du warst so +böse — hu, so böse, und nicht bloß gegen sie und ihn, +sondern auch gegen mich; ja, Du, — ganz besonders +gegen mich! — Nicht angesehen hast Du mich — überhaupt +nicht die geringste Rücksicht darauf genommen, +daß ich dabei war!" — "Aber, liebes Herz, das hab' +ich doch gerade Deinetwegen getan!" — "Dann laß +mich lieber gleich wieder fort! Das halt' ich nicht aus!" +Und sie warf sich an seine Brust. — "Aber, Kind, — +hast Du denn nicht gesehen, wie Josefine war?" — +"Ja doch!" erwiderte Ragni, und hob den Kopf; der +Hut saß im Nacken, das Haar war zerzaust. "Sie wird +mich noch einmal töten!" Und wieder flüchtete sie +an seine Brust. — "Na, na!" sagte er, "sie soll Dir +schon kein Härchen krümmen. Aber verteidigen werd' +ich Dich wohl noch dürfen!" — Sofort tauchte ihr Kopf +wieder auf. "Nicht so! Ich hätt' überhaupt nie geglaubt, +daß Du so sein könntest! Es war so ... so unvornehm, +Edvard!" Und sie faßte ihn am Rockkragen +und zupfte daran. — "Nun hör' einmal", sagte er ruhig, +— "das, was der Kerl über uns geschrieben hat, das +war unvornehm! Und ihr Schweigen? Ich finde, das +war noch schlimmer als alles, was er geschrieben hat." +Hierauf erwiderte sie nichts. Nach einer Weile hörte +er ein leises: "Ich passe nicht da hinein!" Er beugte +sich über ihren Kopf; der Hut fiel zu Boden; keins von +beiden achtete darauf. Leise redete er in ihr rotblondes +Haar hinein: sie müsse nicht gleich so verzweifelt sein, +nicht gleich von Sterben oder Fortgehen sprechen. +"Wir müssen das mannhafter nehmen, verstehst Du, +Schatz?" — "Ja." Ihr zerzauster Kopf richtete sich<a class="page" name="Page_142" id ="Page_142" title="142"></a> +wieder auf. "Aber Du mußt nicht vergessen, daß ich +jetzt dabei bin; Du kannst nicht so sein, als wenn Du +allein wärst!" — Nein, das merkte er denn auch, und +hatte ein recht böses Gewissen.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Zur selben Zeit war Josefine wieder in dem Zimmer, +das nach der Straße hinausging; es hatte ein einziges +Fenster, das größer als zwei gewöhnliche war, und da +stand sie und lehnte den Kopf ans Fensterkreuz. Der +Pastor stand hinter ihr. Er nannte es einen bösen Zufall, +daß er das im "Morgenblatt" geschrieben hatte. +"Dein Bruder hat mir erzählt, er sei schon seit sechs +Jahren verheiratet." Josefine fuhr hastig herum. Aber +nach einer Weile des Nachdenkens sagte sie nur: "Unsinn!" +und wandte sich wieder zum Fenster zurück. +Der Pastor meinte auch, das könne nur ein schlechter +Witz sein. Sie hätten sich doch nicht trauen lassen +können, ehe sie gesetzlich geschieden war. — "Ganz +merkwürdig war er — auf einmal fing er an, auf den +Händen zu laufen!" Wieder wandte sie sich nach ihm +um, mit ihren größten Augen. "Jawohl, auf den Händen +ist er gelaufen", versicherte der Pastor. "Ums ganze +Studierzimmer herum. Er behauptete, so sollte ich einmal +zum Altar gehen. Wenn er Luther verhöhnt, so +muß ich mich ja wohl damit abfinden, daß er auch mich +verhöhnt!"</p> + +<p>Sie wünschte offenbar nicht, daß er gerade jetzt über +diese Begegnung sprechen sollte; es tat ihr zu weh. Er +zog sich ins Studierzimmer zurück; aber er sah keineswegs +bloß mißvergnügt aus, während er sich seine Pfeife +stopfte.</p> + +<p>Josefine hatte sich so unendlich viel von dem Wiedersehen +und dem Zusammenleben mit dem Bruder versprochen. +Sie hatte nicht die leiseste Andeutung hören +wollen, daß es möglicherweise anders kommen könne, +als sie erwartete. Wer weiß — was sie jetzt litt, war ihr +vielleicht ganz gesund!</p> + +<p>Aber war er denn selber heut so gewesen, wie er hätte<a class="page" name="Page_143" id ="Page_143" title="143"></a> +sein sollen? O ja, er glaubte doch wohl. Gebe Gott, +daß er es nur immer so sanftmütig ertrug! Denn bei +dem einen Mal blieb es nicht; das ahnte er wohl.</p> + +<p>Die Pfeife schmeckte, und das Predigtheft wurde +wieder zur Hand genommen; aber der Gedanke an +Josefine drängte sich dazwischen. Nie hatte er in ihrem +ehelichen Verhältnis die Sicherheit gefühlt, deren andere +sich erfreuten. Sie hatte ihre schwierigen Zeiten — +und dies letztemal war es schlimm gewesen. Zweifellos, +weil alle ihre Gedanken sich mit dem einen beschäftigten, +der nun bald zurückkehren würde ...</p> + +<p>"Psst!"</p> + +<p>"— Die Rechtfertigung ist eine Tat des Augenblicks +in uns, ein Vorgang ein für allemal. Alle Sünden sind +ausgelöscht; in Gottes Augen sind wir ebenso rein und +heilig wie Christus."</p> + + +<h3><a href="#Inhaltsverzeichnis">2</a></h3> + +<p>Die beiden, die dort unten auf der Straße Frieden +geschlossen hatten, wanderten Arm in Arm weiter. +An der Ecke der Strandstraße stand auf einem Gerüst +Maurer Andersen, ein vierschrötiger Mensch mit langem, +braunem Bart und einer Schutzbrille — der ganze Mann +weiß von Kalk. Er erkannte die hellgekleidete Dame +wieder, die seinem Jungen beigesprungen war, und da +sie jetzt Arm in Arm mit dem Brillenmann einherkam, +den er vorher hatte hinaufgehen sehen, dachte er sich, +das müsse der neue Doktor sein. Der Pastor war ja sein +Schwager; von dem kamen sie jetzt jedenfalls zurück. +Andersen hielt mit der Arbeit inne und grüßte; Ragni +hielt ihren Mann an und sagte etwas — das sah Andersen. +Er rief den Arbeitern, die da hämmerten, zu, sie möchten +einen Augenblick still sein, und fragte dann, was sie +gesagt habe. Sie wollte wissen, ob der Junge jetzt +schlafe. Jawohl; aber sie möchten doch recht gern, der +Herr Doktor solle nach ihm sehen, wenn er wieder +wach sei; "Sie sind ja doch wohl der neue Herr<a class="page" name="Page_144" id ="Page_144" title="144"></a> +Doktor?" — "Richtig geraten!" Jetzt kamen sofort +die Leute im Haus drinnen an die Fenster, ebenso die +im nächsten Haus; ein Vorübergehender blieb stehen, +guckte die beiden an, ging weiter und erzählte es der +ganzen Straße. Andersen benützte die Gelegenheit, +auch gleich mit seinen schwachen Augen zu kommen. +Jawohl, die würde sich der Doktor nächstdem einmal +ansehen. Aus den Fenstern und auf der Straße sahen +ihnen die Leute nach. Sie waren jung, was brauchte es +weiter? Bald hatten sie vergessen, was kürzlich vorgefallen +war, und fühlten — hier konnten sie heimisch +werden!</p> + +<p>Unter denen, die unwillkürlich grüßten, befand sich +ein junger Mann mit fast zu üppigem Haarwuchs, +blassem, merkwürdig gewölbtem Gesicht, schmächtig +gebaut und hoch aufgeschossen; etwas Feines, Befangenes +lag über ihm. Als sie ihn ansahen, errötete er. +"Da hast Du wahrhaftig schon eine Eroberung gemacht!" +flüsterte Kallem. Kurz darauf kam ein sonderbarer Gesell +ihnen entgegen, lang, vornübergebeugt, in Bluse und +Schurzfell. Schwarzes, verstaubtes Haar, das Gesicht +ungewaschen, fast rußig. Er trug allerlei Handwerkszeug +in seinen schmalfingrigen Händen; die hingen an +außergewöhnlich langen Armen, die im Bogen hinter +ihm herschlenkerten. Hätten sie im Takt geschwungen, +sie hätten zusammenstoßen müssen. Eine Mütze trug +er nicht; das kurzgeschnittene Haar ließ die ganze Kopfform +erkennen. Die Stirn war weder breit noch hoch, +aber ungewöhnlich fein gebaut. Die Wangenpartie länglich, +mit vortretenden Backenknochen. In den kleinen, +eiskalten Augen und um den zusammengekniffenen Mund +etwas Höhnisches. Die Nase klein und flach, das Kinn +ziemlich lang. "Du, sieh doch den!" flüsterte Kallem. +"Pfui!" antwortete sie. Jetzt strich der Mensch mit +forschendem Blick an ihnen vorüber. Kallem blickte +ihn ebenfalls an, und als sie aneinander vorbei waren, +drehten sich beide um. Eine alte Frau kam gewatschelt. +"Wer ist der Mann da?", fragte Kallem. Sie sah erst<a class="page" name="Page_145" id ="Page_145" title="145"></a> +Kallem an, und dann den andern. "Das ist Kristen +Larssen." — "Ein Feinschmied?" — "Was für'n Ding?" +— "Feinschmied." — "O ja. Aber Uhrmacher ist er +auch. Und Büchsenmacher. Alles mögliche."</p> + +<p>Der Strandweg war gegen die Bucht hin offen, ohne +Steindamm. Im Wasser lag allerhand verfaultes Zeug, +ebenso am Lande. Die ganze Stadt hatte etwas Unfertiges. +Ein großes Haus neben einem kleinen; einmal +ein steinernes Haus, dann ein hölzernes; und alles wie +in der Eile und mit geringen Mitteln errichtet. Die +Häuser lagen nicht einmal in einer geraden Linie, und +die Straße war kaum eine Straße zu nennen. Die Leute, +denen sie begegneten, noch nicht Städter, und doch +auch nicht mehr Landleute. Durchgehends "mißtrauisch +und freundlich", wie Kallem sagte. "Mischware".</p> + +<p>Jetzt waren sie auf dem Marktplatz angelangt, von +wo der Weg zur Kirche hinaufführte. Diese lag frei, +hoch und schlank auf der Höhe. Hier waren sie Josefine +begegnet, eben als sie hatten hinaufgehen wollen; denn +dort oben, rechts von der Kirche, frei, in einem Park +mit einem Garten vorn, lag ihr Haus. Von hier aus +konnte man es nicht sehen.</p> + +<p>Die Straße gabelte sich unmittelbar vor der Kirche +und führte nach zwei Seiten weiter. An dem Weg +rechts mußte ihr Heim liegen. Als sie sich der Kirche +näherten, sahen sie den Park hinter ihrem Haus und +darin das Dach des großen Krankenhauses. Endlich — +sie gingen ganz langsam, voller Spannung, ohne ein +Wort zu reden — endlich der große Garten, und darin +ihr Haus! Ein Holzbau im Schweizerstil, etwas zu +breit, die Fenster groß und alle weit offen. Eine Veranda +auf einen sandbestreuten Platz hinaus, zu dem eine +Treppe hinunterführte. Daneben der Blumengarten, +weiterhin der Gemüsegarten, und zu beiden Seiten, +der Stadt zu, ein ziemlich großer Obstgarten. Die +beiden nahmen alles gleichzeitig in sich auf. Das also +war es! Sechs lange Jahre hatten sie — jedes für sich <a class="page" name="Page_146" id ="Page_146" title="146"></a>— +dafür gearbeitet, es erträumt in wer weiß wie vielen +Formen — nur nicht in dieser! Es hinverlegt nach wer +weiß wie vielen Orten — bloß nicht hierher! All die +geträumten Bilder waren ausgelöscht von dem, was sie +hier vor sich sahen! Beide wandten sich um, maßen +Weite und Leuchtkraft der Landschaft, und wandten +sich dann lächelnd einander wieder zu. Seltsam — +gerade in diesem Augenblick kein Mensch zu sehen — +kein Laut, kein Geräusch, das an etwas — nah oder +fern — erinnerte! Sie und ihr Heim! Das eine von +ihnen sah, was das andere sah; des einen Sehen und +Fühlen wurde geschärft durch das Bewußtsein, daß das +andere ebenso sah und fühlte. Ragni löste ihren Arm +aus Kallems Arm, ging nach dem Zaun hinüber — er +war aus Wachholderstäben —, faßte durch die Stäbe, +und pflückte ein paar Gräser und einen grünen Zweig; +damit kam sie zurück und befestigte es an seinem Rock. +Er sah etwas weiter oben einen Büschel Glockenblumen, +ging hin, griff durchs Gitter darnach und kam damit +zurück; sie nahm sie und sammelte noch mehr dazu; +als es schließlich viele waren, sah es hübsch aus.</p> + +<p>Neben dem Haus und auf dem Hof lagen Kisten, +unausgepackte Möbel, Stroh, Sägespäne, Matten. Ragnis +großen Flügel hatte man augenscheinlich soeben ausgepackt +und die Beine daran geschraubt; aber kein Mensch war zu sehen.</p> + +<p>Ein großer, freistehender Taubenschlag war da. +"Denk doch, wenn jetzt Tauben angeflogen kämen? +Tauben müssen wir uns halten!" — "Aber denk erst, +wenn ein Hund gesprungen käme! Einen Hund müssen +wir uns halten!" — Von hier aus führte keine Tür ins +Haus; erst vom Weg aus, der Park und Garten trennte. +Hier blieben sie stehen und wandten sich noch einmal +um, der weiten Landschaft zu.</p> + +<p>In der reichsten Gegend vielleicht, die das Land +besaß, der sonnenfreudigsten, da lag den beiden das +eigene Heim, die Mitte des Kompasses. Ragni lugte +seitwärts, ob das Pfarrhaus zu sehen sei. Keine Spur!<a class="page" name="Page_147" id ="Page_147" title="147"></a> +Kallem ahnte, nach was sie sah, und lächelte. Sie hörten +durch die offenen Fenster drin die Arbeiter; jetzt hörte +man sie mit Radau und Gelächter die Verandatreppe +herunterkommen; sie gingen auf den Flügel los, ohne +die beiden zu beachten, die weiter oben standen. Sie +schwatzten, probierten, mühten sich ab, unter all dem +überflüssigen Gelärme, das eine Arbeit, an die die Leute +nicht gewöhnt sind, zu begleiten pflegt. Dann zogen +sie mit dem Flügel zur Veranda ab, und bald hörte man +sie wieder auf der Treppe trampeln. Kallem und +Ragni blickten in den Park; hohe, schöne Bäume und +hinten zwischen den Stämmen das Krankenhaus, ein +mächtiger Holzbau auf Steinfundament, mit großen, +kleinscheibigen Fenstern. Dann gingen sie durch die +Tür in den Garten und auf ihr eigenes Haus zu.</p> + +<p>Zuerst ein kleines Wirtschaftsgebäude; sonst aber lag +das Hauptgebäude nach allen Seiten frei.</p> + +<p>Die Obstbäume fingen schon zu blühen an; es mußte +warm sein hier oben. Und der Garten! Ragni dachte +mit keinem Gedanken daran, daß der wohlbestellte +Garten Josefines Werk war; sie freute sich darauf, selbst +zuzugreifen. Das Haus mußte neu gestrichen werden; +es sollte auch eine andere Farbe bekommen, nicht diese +ärmliche gelbe. <em class="gesperrt">Ihr</em> Haus, <em class="gesperrt">ihr</em> Heim! Kallem trat +dreimal fest auf die Erde; der Boden war sein! Er +wollte gleich von hier ins Haus; aber nein, sie wollte zum +Vordereingang hinein, die Verandatreppe hinauf. So +gingen sie zwischen den Kisten und dem Stroh hindurch +und guckten zu den Fenstern hinein. Das Haus war +im Verhältnis zu seiner Länge und Breite niedrig, das +Dach ragte weit vor und lag schwer darauf. Aber es +war gut.</p> + +<p>Auch die Veranda hatte keine Verhältnisse; sie war +breit und die Treppe bequem.</p> + +<p>Arm in Arm gingen die beiden hinauf; das erste, +was ihnen in die Augen fiel, war eine Enttäuschung; +die Eingangstür, eine Glastür, befand sich nicht in der +Mitte des Zimmers, sondern ganz unten in der süd<a class="page" name="Page_148" id ="Page_148" title="148"></a>lichen +Wand. Sie sahen bald, daß es nicht anders möglich +war, wenn die Veranda in der Mitte des Hauses +liegen sollte; rechts lagen nämlich noch zwei Zimmer +in einer Flucht mit dem Verandazimmer. Jetzt kamen +die Männer, die den Flügel hineingetragen hatten, alle +wieder heraus; sie dachten sich gleich, wer die beiden +waren, und als sie Ragni erblickten, nahm erst der eine, +dann nahmen alle andern Hut oder Mütze ab. Kallem +grüßte, Ragni schlüpfte zu ihrem Flügel hinein, der mitten +im Zimmer stand, holte den Schlüssel hervor und öffnete +ihn, als müsse sie ihn gleich auf der Stelle genau prüfen; +sie konnte nicht anders, sie mußte hören, ob er noch gestimmt +war. Mit den Handschuhen an den Händen +schlug sie Longfellows "Sweet home" an. Bei den ersten +Klängen dieser Hymne an die Heimat nahm Kallem +den Hut ab. Die andern sahen das, glaubten wohl, es +sei ein Choral, und folgten seinem Beispiel.</p> + +<p>Ragni hatte ihnen den Rücken zugewandt und bemerkte +daher nicht, daß nun von rechts noch zwei +Leute zum Vorschein kamen, ein Mann mit rundem, +glänzendem Gesicht, und hinter ihm ein kleines Weibchen, +das gern hereingeguckt hätte und doch auch nicht +gern gesehen sein wollte. Aber jetzt öffnete sich auch +die Tür gerade vor ihr, und ein Bauernmädchen spähte +bescheiden herein, was das wohl für seltsame Töne sein +mochten. Ragni dachte sich gleich, daß es ihr Dienstmädchen +sei, das aus der Küche kam, und ging ihr entgegen. +"Du bist Sigrid?" — Ja, freilich, es war Sigrid. — "Und +wir sind Doktors." — "Kann mirs denken!" +sagte sie und kam jetzt ganz herein, ein kräftiges, anmutiges +Geschöpf. "Ist es das erstemal, daß Du bei +fremden Leuten bist?" fragte Kallem. — Jawohl, es +sei das erstemal. — "Und bei uns ist es das erstemal, +daß wir haushalten," sagte Kallem; "das wird ganz +famos gehen!"</p> + +<p>Ragni ging mit hinaus in die Küche. Dort fiel ihr +sofort ihr neues Tischservice in die Augen, das eben +ausgepackt und abgewaschen war. Jetzt aber konnte<a class="page" name="Page_149" id ="Page_149" title="149"></a> +sie es nicht mehr aushalten; sie ging hinaus in den +Korridor und die Treppe hinauf; sie mußte allein sein. +Die Tür zu ihrem Schlafzimmer stand gerade vor ihr +offen; sie ging hinein und trat auf die Altane, die über +der Veranda lag. Womit hatte sie solch großes Glück +verdient? Was wog ihre Arbeit, ihre Sehnsucht im +Vergleich zu dem, was hier in dem Haus eines reichen +Mannes für sie bereit stand? Und doch — in diesem +großen, unverdienten Glück war eine Angst ... Auch +von hier spähte sie hinüber — gen Norden. Ob das +Pfarrhaus zu sehen war? Nein, es war nicht zu sehen.</p> + +<p>Josefine hegte einen Groll gegen sie; das hatte sie +sogleich gefühlt. Und ob der Bruder das auch häßlich +fand — er hing doch an seiner Schwester; ja, etwas war +an ihr, das er ganz besonders liebte; in solchen Dingen +täuschte sie sich nie.</p> + +<p>Kallem besah sich die Räume unten. Das Paar an +der Tür rechts hatte sich wieder zurückgezogen, und +die Männer waren bei der Arbeit. Das Verandazimmer +war groß; die Fenster gingen auf einer Seite nach der +Kirche, auf der andern nach dem Garten; aber er würde +Ragni vorschlagen, jene zu verhängen. Einfarbige, hellgraue +Wände, die Decke hellblau mit goldenen Sternen; +die Farben waren alt; nur der Fußboden war neu gestrichen, +ebenfalls hellgrau. Im Zimmer links waren sie +noch dabei, frisch zu tapezieren. Was, immer noch +nicht fertig? Und auch im nächsten Zimmer noch nicht? +Zwei waren dort an der Arbeit, der Mann und die +kleine Frau, die vorhin in der Tür aufgetaucht waren. +"Guten Tag!" grüßte Kallem. "Guten Tag!" erwiderte +das runde, glänzende Gesicht mit dänischem Tonfall. +Kallem trat näher an den Tisch heran, vor dem der +Mann stand und die Tapeten zurecht schnitt. Die +Frau hielt sich dicht an seiner Seite; jetzt verkroch sie +sich ganz hinter ihm. "Ist das Ihre Frau?" — "Jawohl, +meine Frau; und außerdem mein Gesell; Gesell und +Frau; aber meine Gesellenfrau ist sie darum doch nicht!" +Das kleine Weibchen hinter ihm kicherte, wenn auch<a class="page" name="Page_150" id ="Page_150" title="150"></a> +fast unhörbar. Der Mann hatte hervorstehende rollende +Augen, in denen ein Schelm saß. "Ich dachte, Ihr wärt +fertig." — "Man arbeitet unter Hindernissen, Herr +Doktor!" Sie gluckste vor Lachen, aber immer wie +aus einem dicken Pack heraus. — "Ist Ihre Frau auch +Dänin?" — "Nein, Norwegerin; aber wir passen trotzdem +gut zueinander." Sie duckte sich, fortwährend +kichernd, noch tiefer hinunter.</p> + +<p>Der Raum, in dem sie standen, war lang und schmal; +Kallem sah sofort, daß es das Eßzimmer werden mußte, +wahrscheinlich auch das Wartezimmer für die Kranken. +Das dahinter, mit den Fenstern nach vornheraus und +nach Südost, war selbstverständlich sein Arbeitszimmer, +in dem er Patienten empfing, wenn er nicht im Krankenhaus +war. Er ging gar nicht erst hinein, sondern vom +Eßzimmer gleich hinaus auf den Gang. Da war rechts +die Küchentür. Auf dem Küchentisch sah er eine Reihe +Bierflaschen stehen; einige leer, andere noch voll. +"Wem gehören die Flaschen?" — "Dem Sattler." — +"Sie meinen dem Tapezierer?" — Kallem begriff mit +einemmal, was da für "Hindernisse" vorgelegen hatten, +und daß der Mann betrunken war, und die Frau noch +mehr. <em class="gesperrt">Da</em>rum waren die Männer so lang im Hause +geblieben, bis sie den Flügel geholt hatten! Sie waren +mit Bier traktiert worden. "Bitte, rufen Sie mir den +Dänen mal heraus!" Das Mädchen ging, und sofort +kam auch das runde, glänzende Gesicht mit hundert +Schelmen in den Augen zum Vorschein und dahinter +die Frau, die einmal rechts und einmal links davon +hervorguckte.</p> + +<p>"Die Flaschen da gehören Ihnen?" — "Nicht so +ganz!" — "Ihr seid also mehrere?" — "Ja — beim +Trinken!" — "Aber Sie haben sie bezahlt?" — "Das +Bier, ja; aber nicht die Flaschen; die muß man zurückgeben." +Die Frau kicherte.</p> + +<p>"Darf ich fragen, wie Sie heißen?" — "Sören Pedersen +heiss' ich, jawohl, Sören Pedersen!" — "Also hören Sie +mal, Sören Pedersen, wollen Sie mir die Flaschen da<a class="page" name="Page_151" id ="Page_151" title="151"></a> +verkaufen?" — "Das Bier, meinen Sie?" — "Das Bier." +— "Aber gern!" — "Dann haben wir heut Nacht doch +was zu trinken; wir müssen nämlich durcharbeiten heut +Nacht; wir möchten morgen fertig sein. Wir arbeiten +mit. Wollen Sie?" — "Wenn der Herr Doktor befehlen." +— "Und dann darf ich Sie wohl bitten, heute +mit uns zu Abend zu essen?"</p> + +<p>In drei, vier Sätzen sprang Kallem jetzt die Treppe +hinauf. Ragni stand im Sonnenglanz draußen auf der +Altane. Sie wandte sich nach ihm um. Er fragte, ob +sie ihr Gebet verrichtet habe. Ja; sie sei fertig.</p> + +<p>Auch er blieb ein Weilchen auf der Altane stehen +und sah nach dem Inselkindchen hinaus, das da vor +seiner Mutter spielte — von hier aus konnte man es +sehen — auf die Bucht mit den Wasserfurchen, auf die +Berge dahinter in ihrer vornehmen Ferne. Er blickte +hinüber, nach rechts, wo Pastors wohnten; sie merkte +es wohl. "Sie können uns doch zum Donnerwetter nicht +behandeln, als ob wir nicht verheiratet wären? Nicht? +Das wollen wir doch sehen!"</p> + +<p>Sie zog ihn ins Zimmer und wies auf die Farbe der +Wände in ihrem Schlafzimmer; mattweißer Ölanstrich, +wie sie es sich gewünscht hatte. Alles sollte weiß sein +hier oben, mit Ausnahme der langen Gardinen und Portieren, +die von der Decke herab über den beiden Betten, +dem Altanfenster und der Tür hängen sollten. Die +waren blau in Farbe und Muster, zu den Ornamenten +an den Betten und übrigen Möbeln passend. Sie wurde +ganz gesprächig; aber Kallem mußte das Krankenhaus +besehen; und da wollte sie mit.</p> + +<p>Das erste, was er auszusetzen hatte, als sie im Park +davor standen, waren ein paar alte schöne Bäume: die +standen viel zu nah — die mußten weg. Statt ihrer +sah er im Geist schon einen großen freien Platz mit +einem Springbrunnen in der Mitte, von dem nach allen +Seiten hin Wege in den Park führten. Das Krankenhaus +war zweistöckig, gelb gestrichen, mit ungewöhnlich +großen Fenstern, aber sehr kleinen Scheiben. Im Unter<a class="page" name="Page_152" id ="Page_152" title="152"></a>bau, +einem mächtigen Steinsockel, war die Wohnung +für die Dienerschaft und den Verwalter eingerichtet. +Es sah sehr behaglich aus; Gardinen an allen Fenstern, +und Blumen davor. Der Eingang befand sich an der +linken Seite des Hauses; ein dichtes, hohes Gitter hegte +einen sehr großen Hofraum ein. Kallem freute sich, als er +längs des Gitters Ahornbäume stehen sah; er wußte, in +vierzehn Tagen konnten hier amerikanische Zelte für die +Kranken aufgeschlagen sein — den ganzen Sommer über.</p> + +<p>Die Haustür war offen; kein Portier. Im Fenster der +Portierloge lagen fromme Schriften und Traktate zum +Verkauf aus. Kein Anschlag an der Tür, der angab, +wann Besuchszeit sei für die Kranken. Den Portier +sahen sie dann im inneren Hof; ein älterer Mann mit +ernsten, forschenden Augen; er trug eine Brille, über die +er hinwegblickte, und die er abnahm, als er merkte, +wen er vor sich hatte. "Sie sind der neue Herr Doktor?" +— "Ja." Jetzt nahm er auch seine Mütze ab: "Willkommen!" +Der Patient, mit dem er sich eben unterhalten +hatte, schlich davon; er war bleich und trug — +trotz des sommerlich warmen Tags einen dicken wollenen +Schal um den Hals; er hielt sich in der Entfernung, +grüßte auch nicht. Der Portier ging mit ihnen.</p> + +<p>Das Haus hatte — zu beiden Seiten eines hellen Korridors +— je eine Reihe Zimmer, die nach vorn groß, +die nach dem Hof zu kleiner; in beiden Stockwerken +gleich. Der Portier war nicht nur Portier, sondern auch +Verwalter und ältester Aufseher des Hauses. Als solcher +stellte er die übrigen Beamten vor, wie sie ihnen gerade +in den Weg liefen. Ganz nette Leute, Männer wie +Frauen; unter den letzten zwei Diakonissinnen, — die +waren die allerfreundlichsten.</p> + +<p>Das erste, was Kallem notwendig erschien, war, das +Haus von den alten, verpesteten Typhusstuben zu reinigen +und einen besonderen Typhuspavillon für den +Winter zu errichten. Der Operationssaal war recht hell; +aber ein neuer, gebohnter Fußboden mußte sogleich +gelegt werden. Der Ventilationsapparat war miserabel.<a class="page" name="Page_153" id ="Page_153" title="153"></a> +Mit Ausnahme dieser und noch einiger geringerer Mängel +— z.~B. die kleinscheibigen Fenster — war das Haus +gut; die Zimmer hoch, die Gänge geräumig; das Ganze +machte den Eindruck von Helle; es gefiel ihm sehr.</p> + +<p>Der Krankenbestand war in Anbetracht der Jahreszeit +gar nicht gering. Sein Spezialstudium, die Tuberkulose, +war durch drei Patienten vertreten — zwei +Knaben und ein etwa zehnjähriges Mädchen, magere, +wachsbleiche, armselige Geschöpfe. Er freute sich darauf, +sie bald in seine amerikanischen Zelte legen zu können. +Der frühere Besitzer des Krankenhauses, der alte Doktor +Kule — ein Onkel von Ragnis erstem Mann —, war +gestorben. Kallem hatte es sehr billig erstanden, da +sich im Augenblick niemand anders fand, der es übernehmen +wollte. Hier konnte er sich einrichten und seine +Zeit einteilen, ganz wie er wollte; er hatte freie Hand. +Der Bezirk gab einen Beitrag; ein Komitee, bestehend +aus dem Distriktsarzt und einem zweiten Arzt, führte +die Oberaufsicht; aber er war ganz sein eigener Herr. +Dieser erste Besuch machte ihnen beiden Freude. Sie +kehrten in ihre Wohnung zurück, guten Muts und +fürchterlich hungrig, nahmen in der Küche eine kleine +Vespermahlzeit zu sich, tranken ein Glas Wein dazu, +und dann noch eins auf das große Ereignis: daß sie zum +erstenmal im eigenen Hause aßen.</p> + +<p>Im Wohnzimmer stand noch alles bunt durcheinander. +Trotzdem ging Ragni an den Flügel. Sie hatte sich — +seit fünf oder sechs Jahren — ganz heimlich an Übersetzungen +aus der englischen Literatur, besonders der +Versliteratur versucht. Ein bißchen warm vom Wein +— ein bißchen verlegen — schlug sie ein paar Akkorde +an — bat ihn, sich nicht vor sie hin zu stellen — schlug +wieder Akkorde an und sang mit einer kleinen, weichen +Stimme, die mehr rezitierte als sang:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Wir sind daheim!<br /></span> +<span class="i0">Unser Wesen und Sein<br /></span> +<span class="i0">Soll hier blühn und gedeihn<br /></span> +<span class="i0"><a class="page" name="Page_154" id ="Page_154" title="154"></a>Aus zartestem Keim!<br /></span> +<span class="i0">In Dingen, Gedanken,<br /></span> +<span class="i0">In Stimmen, in Blumen,<br /></span> +<span class="i0">Soll alles sich ranken<br /></span> +<span class="i0">Um uns.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Hier wird mein Sinn<br /></span> +<span class="i0">Durch dich offenbart.<br /></span> +<span class="i0">Und du, der nun sehend ward,<br /></span> +<span class="i0">Sieh, wer ich bin,<br /></span> +<span class="i0">Die sündig und selig-fröhlich,<br /></span> +<span class="i0">Beglückt dich und kränkt,<br /></span> +<span class="i0">Und stets sich versenkt<br /></span> +<span class="i0">Harmonisch und selig<br /></span> +<span class="i0">In dich!<br /></span> +</div></div> + + +<h3><a href="#Inhaltsverzeichnis">3</a></h3> + +<p>Den nächsten Morgen wachten sie durch ein lautes, +anhaltendes Dröhnen auf. Als sie ganz munter +wurden, merkten sie, daß es die Kirchenglocken waren, +die zum Kirchgang läuteten; beide hatten lang geschlafen; +aber sie hatten auch bis gegen drei Uhr, also +bis in den hellen Morgen hinein, gearbeitet.</p> + +<p>Eins, zwei, drei war Kallem aus dem Bett und im +Badezimmer nebenan, wo er sich mächtig abduschte. +Dafür hatte der alte Doktor also doch Sinn gehabt! +Und kaum war er halb angezogen, so lief er auch schon +hinaus auf die Altane, zu der herrlichen Aussicht. Er +rief Ragni zu, sie solle ebenfalls duschen und sich ankleiden +und herauskommen; aber sie hatte schon gestern +gemerkt, wie gräßlich kalt das Wasser war und lag nun +mit großen, offenen Augen da und überlegte, ob sie +mogeln oder es wirklich wagen solle. Sie zog es vor, +zu mogeln und stand gleich darauf in einem allerliebsten +Morgenkleid neben ihm. Aber wie unschuldsvoll sie +ihn auch anblickte, und wie eifrig sie die wundervolle +Aussicht, den köstlichen Tag rühmte — er vergaß die<a class="page" name="Page_155" id ="Page_155" title="155"></a> +Dusche nicht. Sie hatte gestern feierlichst gelobt, sie +gleich vom ersten Tag an zu nehmen; eben weil sie +sich so leicht erkältete, sollte sie sich's zum täglichen +Brot machen, und ganz besonders hier, wo Wärme und +Kälte so schroff wechselten. Also —! Sie setzte ihr +kläglichstes Frätzchen auf — sie versuchte, darüber wegzuscherzen; +aber er deutete unbeirrt auf das Badezimmer. +Wollte sie ihr Gelübde brechen? Wenn sie's +ein erstes Mal tat, so tat sie's später noch oft. Sie küßte +ihn und sagte, er sei ein Scheusal; er küßte sie, und +sagte, sie sei ein süßes Ding. Aber die Dusche! Sie +rannte hinein, streifte ihren Morgenrock ab, als wolle +sie unter die Dusche gehen ... Aber husch! lag sie +wieder unter der Decke. Als er kam, zog sie die Decke +über den Kopf. Da nahm er ohne weiteres Decke samt +Inhalt und trug beides nach der Tür; und jetzt bat +sie so rührend um Gnade, und das klang so verängstigt, +daß er alles beides wieder zurücktrug. Sie schlang die +Arme um ihn und zog ihn zu sich nieder; und vor +ihren warmen Gliedern zerschellte alle Logik.</p> + +<p>Die Glocken läuteten und läuteten. Wagen rollten vorüber, +alle von der Stadt her. Kaum war der eine vorbei, +so kam schon ein anderer. Die Tür stand offen. Sooft die +Glocken nach ihren drei bekannten Schlägen aussetzten, +hörte man im Zimmer das Surren der Fliegen, und von +draußen die Vögel. Jetzt vernahmen sie auch von der +Bucht her das Schnauben eines kleinen Dampfers; sie +hatten ihn vorhin vom jenseitigen Ufer abstoßen sehen, +vermutlich mit Ausflüglern an Bord. Irgendwo mußte +ein Fest sein, zu dem die Leute strömten.</p> + +<p>Von Südwest wehte eine leichte Brise, und bei jedem +Windstoß füllte sich das Zimmer mit Wohlgeruch; es +strömte förmlich von Bäumen und Wiesen herein. Zwischen +dem Glockenklang flüsterte es und wisperte; die +Luft war trunken.</p> + +<p>Eine Weile später standen sie wieder auf der Altane +und sahen die Leute zur Kirche gehen. Aber fortwährend +zogen daneben mit Menschen vollgepfropfte<a class="page" name="Page_156" id ="Page_156" title="156"></a> +Wagen an der Kirche vorüber und weiter. Der Dampfer +war schon ganz nahe; da pfiff es auch von der Eisenbahn +her. Beide verfolgten nun mit den Augen zwei Schwalben, +die offenbar mit ihrem eigenen Schatten auf dem +Sand vor der Veranda spielten. Über- und nebeneinandervorbei +flogen sie — die Schatten auf dem Sand +machten die Schwingungen nach; die Vögel waren bald +ganz unten, dann wieder höher; wenn sie zu hoch geflogen +waren und die Schatten verloren hatten, senkten +sie sich wieder und suchten nach ihnen. "Nächstes Jahr", +sagte sie flüsternd, "wollen wir Nistkästen anbringen!"</p> + +<p>Sie kleideten sich völlig an, gingen hinunter und frühstückten. +Sören Pedersen und seine Frau waren längst +da und hatten längst gefrühstückt; sie waren schon in +voller Tätigkeit.</p> + +<p>Sie erfuhren jetzt, daß fast alle Leute in das benachbarte +Kirchspiel fuhren, wo der Bezirkspfarrer Meek +sein fünfzigjähriges Jubiläum feierte und zugleich seine +Abschiedspredigt hielt. Seit heut früh seien schon die +Fußgänger unterwegs; jetzt kämen die zu Wagen, und +außerdem noch ein ganzes Schiff voll Menschen vom +andern Ufer. Meek sei die ganzen fünfzig Jahre in einer +und derselben Gemeinde gewesen — "ein ganz absonderlicher +Mann". Kallem und Ragni frühstückten +im Verandazimmer. Aber das Frühstück wurde unterbrochen. +Es klopfte, und herein trat lächelnd, bescheiden, +ein älterer hagerer Mann mit einer Hornbrille; +es war Doktor Kent, der zeitweilige Leiter des Krankenhauses. +Er kam eben von dort. Kallem und Ragni +standen beide auf. Doktor Kent hatte eine angenehme, +leise Stimme und ein ruhiges Lächeln bei allem, was +er sagte. Er setzte sich etwas abseits, während sie weiter +aßen, und machte einige kurze Angaben über die Kranken +in der "Anstalt" und über den allgemeinen Gesundheitszustand +in Stadt und Umgegend. Auf Befragen erteilte +er bündigen Bescheid, welchen von den Beamten Kallem +seine Aufwartung machen müsse, welches die Stadtverordneten, +Gemeindevorsteher und Mitglieder des<a class="page" name="Page_157" id ="Page_157" title="157"></a> +Amtsgerichts waren, deren Bekanntschaft wünschenswert +sei. Selbst das rein Geschäftsmäßige klang freundlich +in Doktor Kents Mund. Als sein leichter Einspänner +vorfuhr — er hatte einen Krankenbesuch auf dem Lande +zu machen — bat Kallem, er möge ihn mitnehmen; +sofort war auch Ragni dabei, und so bestellten sie denn +einen größeren Wagen und saßen bald alle drei darin. +Als sie eben abfahren wollten, fiel Ragni ein, daß der +Flügel leicht übergestimmt werden mußte, und sie fragte +Sören Pedersen, ob er jemand wisse, der stimmen könne, +wenigstens einmal fürs erste. Freilich — Kristen Larssen. +So kam es, daß die Fahrt mit Mitteilungen über Kristen +Larssen begann. Kent erzählte, er sei in einer der abgelegensten, +elendesten Gemeinden aufgewachsen, und +dereinst einer Lappalie wegen mit dem Gesetz in Konflikt +geraten — Kent hatte eine schwache Erinnerung, +als sei es geschehen, weil er einen Tanz, den er spielte, +die "Vergebung der Sünden" betitelt hatte. Kristen +Larssen sei Erfinder; eine jetzt ganz allgemein verbreitete +Strickmaschine und verschiedenes Handwerksgeräte +stammten von ihm. Er sei ein kalter Mensch — +kalt, wie Eisen im Winter, und Sören Pedersen und seine +Frau seien sein einziger Umgang. Was denn das eigentlich +für Leutchen seien? — Ihre Antezedentien kenne +er nicht; <em class="gesperrt">sie</em> stamme aus hiesiger Gegend, <em class="gesperrt">er</em> von Fünen. +Beide tüchtig in der Arbeit; aber man habe bald gemerkt, +daß sie tranken. Der Pastor hatte dem abzuhelfen +versucht; er hatte sie liebgewonnen, während sie +bei ihm in seinem Haus arbeiteten. Merkwürdigerweise +glückte es; sie hörten nicht allein auf zu trinken, sondern +Sören Pedersen wurde ein überaus eifriger Temperenzler +und äußerst fromm; er konnte schließlich die ganze Bibel +auswendig. Buchstäblich wahr — ganz auswendig! Er +erzählte selber oft, daß es sein größtes Vergnügen sei, +wenn Aase ihm zuhöre, und in kleineren Versammlungen +trug er ganze Kapitel aus der Bibel aus dem Kopfe vor, +während die Leute dabei saßen und nachlasen. Der +Pastor meldete ihn in einer Bibelschule an, und er selbst<a class="page" name="Page_158" id ="Page_158" title="158"></a> +hatte keinen höheren Wunsch, als dahin zu kommen; +aber Aase mußte auch mit! Da man ihm hierin nicht +willfahren konnte, verzichtete er auf die Bibelschule und +wurde an allem irre.</p> + +<p>So traf er mit dem Tausendkünstler Larssen zusammen, +der sich gerade damals hier in der Stadt niederließ. +Kristen Larssen hatte von Sören Pedersens Gabe zum +Auswendiglernen gehört und versuchte, hinter den +Mechanismus der Sache zu kommen. Aber da war +keinerlei Mechanismus; "alles ist eine Gnadengabe +Gottes; denn bei Gott ist kein Ding unmöglich."</p> + +<p>"Das steht in Matthäus", antwortete Kristen Larssen; +"aber im Buch der Richter steht, daß der Herr mit +Juda war, aber Juda vermochte nicht den Feind aus +dem Tal zu vertreiben, weil der Feind eiserne Wagen +hatte!"</p> + +<p>Der ehrliche Sören Pedersen erschrak aufs tiefste darüber, +daß der Gott der Juden die eisernen Wagen nicht +besiegen konnte. — "In einem und demselben Buch +Mosis", fuhr Kristen Larssen fort, "steht ferner geschrieben: +Du sollst nicht töten! — und gleichzeitig +auch, daß der Herr unablässig gebot, zu töten. Also +sind da Widersprüche."</p> + +<p>Das war für Sören Pedersen etwas ganz Neues, trotzdem +er die Bibel auswendig konnte. Er wollte wissen, +wie das zusammenhänge, und verlangte nun in jeder +religiösen Versammlung Auskunft darüber. Schließlich +hatte er mindestens hundert Widersprüche herausgefunden, +nach denen er fragte; es war nicht mehr +auszuhalten. Die einen lachten sich halb krank, die +anderen nahmen Ärgernis daran. Zuletzt wurden er +und Aase von den Zusammenkünften ausgeschlossen. +"Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen erzählen darf" — sagte +Doktor Kent — "aber Ihr Schwager hat Sören Pedersen +und Frau Aase eigenhändig hinausgeworfen — zum Betsaal +hinaus! Sie waren früher als die andern gekommen +und wollten nicht gehen. Ihr Schwager ist sehr stark; +aber Sören Pedersen behauptete sich, bis der Pastor auf<a class="page" name="Page_159" id ="Page_159" title="159"></a> +den Gedanken kam, erst Aase vorzunehmen, und nun +rissen sie sich um die Frau, als sei sie ein Stück Holz." +Kallem und Ragni lachten ausgelassen. "Ich habe selber +einen andern Zusammenstoß miterlebt", fuhr Doktor +Kent fort. "Der Pastor hielt Prüfung ab in der Schule; +ich gehöre zur Schulkommission. Sören Pedersen und +Frau Aase waren auch da und allen ahnte Unheil. "Gott +kann nicht lügen!" sagte unter anderem der Pastor. +Da stand Sören Pedersen auf: "Es steht geschrieben: +Siehe der Herr hat einen falschen Geist gegeben in aller +dieser seiner Propheten Mund." Wieder wurde Sören +Pedersen hinausbefördert."</p> + +<p>Die Landschaft, durch die sie unter solchen schnurrigen +Histörchen fuhren, war eine hochgelegene, frühlingshelle +freie Ebene, unterbrochen von größeren oder +kleineren Stücken Waldes, oder besser gesagt — eines +Waldes, der von bebauten Feldern durchzogen war. Die +Gehöfte stattlich, die Felder fruchtbar, der Weg führte +in Windungen abwechselnd durch Wälder und Felder, +über Hügel und Bäche. Steingehege, wo man's am +wenigsten vermutete, und Wege und Stege die Kreuz +und die Quer. Wer von den Prärien Amerikas und dem +Flachland Mitteleuropas kam, den mußte all diese Unruhe +in gute Laune versetzen. Derselbe flimmernde +Sonnenschein wie gestern, der gleiche kräftige Duft von +Wiese und Wald — und dazu eine Blumenpracht und +ein Vogelsang! Da rief der Kuckuck!</p> + +<p>Es war kurz vor Johannis mit seiner üppigen Flora. +Ragni freute sich über den Reichtum ringsumher. Von +allen Fächern war ihr Botanik das liebste, und der +Gegensatz zwischen der Flora, die sie studiert hatte, +und dieser hier interessierte sie lebhaft. Sie fragte, ob +in vielen Gegenden Norwegens Berberitze und Akelei +wild wüchsen? Doktor Kent meinte, sie müßten vor +langer Zeit einmal eingeführt worden sein, vielleicht +von den Mönchen aus dem Kloster drunten.</p> + +<p>Als sie aus den Wiesen wieder in einen kleinen Streifen +Wald, größtenteils Tannenwald, kamen, sah sie zum<a class="page" name="Page_160" id ="Page_160" title="160"></a> +drittenmal Linnäa; da hielt es sie nicht länger im +Wagen; alle drei stiegen aus.</p> + +<p>Die Linnäa hatte eben angefangen ihre glockenförmigen +lichtroten Blüten zu öffnen. Ragni und sie begannen +sogleich miteinander zu wispern und zu tuscheln: +ach, wenn sie nur einmal miteinander allein sein könnten! +Sechs Jahre lang hatten sie sich nicht mehr gesehen — nein, +sie war ja im Frühling abgereist — also sechseinhalb +Jahre! Sie hob einige zu sich empor; und da +entdeckte sie auch die <i>Pyrola uniflora</i><a name="FNanchor_2_2" id="FNanchor_2_2"></a><a href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> — einsam, mit +wehmütig gesenktem Köpfchen. Kallem hatte gerade +auch eine gefunden; sie fragte, wie sie auf norwegisch +heiße. Er fragte Kent, ob man sie nicht den "Leuchter +des heiligen Olaf" nenne. Er fragte wie ein Apotheker +und erhielt Antwort wie aus einem Herbarium. Ragni +verlor sich immer weiter von den beiden weg. Der +Duft, der ihr aus dem Blütenkelch entgegenströmte, +mahnte sie, weiter vorzudringen; die Blume war ja gesandt, +um sie immer tiefer hineinzulocken. Tiefer hinein +und ein bißchen weiter zurück — fort von den andern. +Sie hörte sie plaudern; im Wald klingt jeder Laut so +deutlich; sie hörte ein paar aufgescheuchte Vögel. Doch +jetzt, nur ein Stückchen weiter weg, hörte sie bloß noch +das Knistern ihrer eigenen Schritte auf dem Waldboden. +Eine einzige kleine Sauerkleeblüte fand sie noch, einen +kleinen Nachzügler. Verstimmt lugte sie aus ihren vielen +kleeartigen Blättchen hervor; — ob sie wußte, daß sie +ihre Genossen verloren hatte?</p> + +<p>"Weiter, weiter!" sagten sie alle; ja, dort hinein +lockten sie alle, die Linnäen und die heiligen Leuchter +und der Sauerklee; bloß deswegen war der eine, letzte +noch zurückgeblieben. Und jetzt war Ragni bei den +Siebensternen<a name="FNanchor_3_3" id="FNanchor_3_3"></a><a href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a>, die große Familienzusammenkunft abhielten. +Alle warteten darauf, sie zu sehen; kein Fuß +noch war hier geschritten in diesem Jahr. Ragni kniete +zwischen ihnen nieder und erzählte, daß sie von weit,<a class="page" name="Page_161" id ="Page_161" title="161"></a> +weit hergekommen sei — erzählte ohne Worte; die +waren unter ihnen nicht nötig: Tür um Tür hatte +sie aufgeschlossen, um in Norwegen einzudringen; kaum +hatte sie die eine geöffnet, so lag dahinter eine andere ... +bis Ragni jetzt endlich zu ihnen kam. Gleich, als sie +die Linnäa sah, wußte sie — jetzt stand sie vor der +letzten Tür. Und hier war das Innerste. All das Große, +Gefahrvolle draußen — vom Meer an — all das Mächtige +und Böse, das Bunte und Geschäftige, all die Herrlichkeit +und all die Schrecken,.. sie wiesen nur tiefer +hier herein; hier herein müssen wir, um zu verstehen, +weshalb nicht alles in tausend Stücke bricht. Ihr hier +drinnen, ihr sitzt am Steuer.</p> + +<p>"Auch wir haben auf Dich gewartet. Hier ist das +innerste Geheimnis." — "Ach! Sagt es mir!" — "Gut +sein!" — "Ach ja, ich glaube, das ist auch das einzige, +wozu ich wirklich Anlage habe. Wenn nun aber die +andern nicht — —?" — "Laß die andern sein, wie sie +wollen. Du aber sei gut!"</p> + +<p>Und sie verstand jetzt, denn sie war ja ins Innerste +gedrungen. Sie verstand jetzt, was das Stärkste war. +Die Sternblumen.</p> + +<p>"Ragni!" rief Kallem aus weiter Ferne; der Wald +hallte wieder von seiner klaren Stimme. "Ja!" — Ein +paar von der Familie wollten gern mit; sie hob sie zu +sich empor. Dann eilte sie wieder dem Wege zu. Am +Waldrand stand eine <i>Actaea</i><a name="FNanchor_4_4" id="FNanchor_4_4"></a><a href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> — die stand dort, damit sie +ihr den Weg ins Innere hätte weisen können, falls sie +hier ausgestiegen wäre. Jetzt wollte sie mit. Und dicht +am Weg stand ein Busch und darunter, wohlverborgen, +eine ganze Gesellschaft Maiglöckchen; wo hatte sie nur +ihre Augen gehabt? Sie wußten, woher sie kam; auch +sie waren als Wachen ausgestellt, um ihr den Weg ins +Innere zu zeigen. Sobald sie einander sahen, verstanden +sie sich. Das ist so bei allen, die "von einem Stamme +sind". Einige wollten mit.</p> + +<p><a class="page" name="Page_162" id ="Page_162" title="162"></a>"Ragni!" rief Kallem. "Ja, ja!" Und sie trat auf +den Fahrweg hinaus. Jetzt sah sie, wie weit zurück sie +war. Die beiden Männer standen am Wagen und unterhielten +sich; sie waren ganz oben auf der Höhe. Die +schlanke Gestalt Kallems und die kleine, schmächtige +Figur des Doktors hoben sich scharf ab. Beide hatten +alle Hände voll. Sie kam eilig heran und hörte schon +von weitem Kallem Vortrag halten über einen jungen +Sturmhut, den er in der Hand hielt und hin und herschwenkte; +er gab, auf Deutsch, die begeisterten Worte +eines deutschen Botanikers über diese prachtvolle Giftpflanze +wieder, die er in Norwegen gefunden hatte. +Doktor Kent überreichte ihr liebenswürdig eine <i>Pelygala +amara</i><a name="FNanchor_5_5" id="FNanchor_5_5"></a><a href="#Footnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a>; er wußte, daß ihr, die von Amerika kam, +diese blaue Blume neu war. Sie bedankte sich herzlich. +Sie stiegen in den Wagen und fingen gleich an, ihre +Ausbeute zu ordnen. Die Herren baten Ragni, sich +auszusuchen, was ihr gefiel. Sie kamen von einem kleinen +Moor; Kent hatte die Blüte einer Moortanne im Knopfloch +stecken; sie hatten überhaupt alles mitgenommen, +sogar ein Schmerkraut. — "Das Raubtier!" sagte Ragni. +Das wollte sie nicht haben; es sei auch so "schmierig"! — "Du +bist doch in allem Ästhetiker!" bemerkte Kallem. +Sie warf ihm einen gewürzten Blick zu, etwa wie der +Duft ihrer Linnäen. "Ist Ihnen aufgefallen, daß wir +ganz allein unterwegs sind?" fragte Doktor Kent. Er +erzählte, alle Leute seien in der Kirche: der alte Meek +halte heute, an seinem fünfzigjährigen Jubiläum, seine +Abschiedspredigt. Mit zwanzig Jahren war er bei seinem +Vater Vikar gewesen — wie das damals so Sitte war — und +hatte nach ihm das Amt geerbt. Jetzt war er +siebzig, und wollte mit seiner Enkelin eine Reise ins +Ausland unternehmen! — "Also ein rüstiger Herr?" — "Ja, +und lebt gesund. Immer unterwegs, und immer +zu Fuß. Er war unser Zwischenhändler." — "Zwischenhändler?" — "Nun +ja, jeder Bezirk hier hat so eine<a class="page" name="Page_163" id ="Page_163" title="163"></a> +Art Vermittler zwischen Wissenschaft und Praxis. Ihm +hat die Gemeinde viel von ihrem Wohlstande zu verdanken, +und durch die eine Gemeinde auch die andern." +— "Er ist also beliebt?" — "Er ist der beliebteste Mann +weit und breit in der ganzen Umgegend." — "Wie ist +er denn auf der Kanzel?" — "Na ja, er hat fünfzig +Jahre lang von seiner Kanzel herunter Geschichtchen +erzählt. Seinerzeit wurde viel darüber gespottet; manche +fanden es auch profan; aber jetzt machen es ihm verschiedene +nach." — "Was für Geschichten denn?" — Also — die +letzte, die Kent gehört hatte, handelte von +einer Frau in St. Louis in Amerika, die dreißig Jahre +lang im Gefängnis gesessen hatte und trotz ihrer siebzig +Jahre noch immer die unbotmäßigste Gefangene war. +Da sollten die Gefangenen in ein anderes Haus überführt +werden, dessen Vorsteherin Quäkerin war. Die +Alte wollte sich nicht wegschaffen lassen; sie setzte sich +aus Leibeskräften zur Wehr, so daß man sie binden und +auf einem Stuhl forttragen mußte. Als sie mit ihr ankamen, +stand die Leiterin des Gefängnisses in der Tür +und nahm das rasende Weib in Empfang. "Bindet +sie los!" sagte sie. — "Aber wird das auch gehen?" — "Bindet +sie los!" Man tat es. Sobald die Alte frei war, +beugte ihre neue Oberin sich über sie, umarmte sie und +gab ihr einen Willkommenkuß, wie eine Schwester der +Schwester. Da fiel die alte Frau auf die Knie und sagte: +"Kannst Du wirklich glauben, daß an mir noch was +Gutes ist?" Und von Stund an gehorchte sie ihr.</p> + +<p>Jetzt stiegen Kallem und Kent aus; sie bogen in +einen Bauernhof ein, der ein Stück oberhalb des Weges +lag. Vor der Altane sprang ein großer schwarzer Hund +auf; er sah den Wagen und bellte ihn an, aber bloß ein +paarmal; dann lief er den beiden einige Schritte entgegen, +beschnupperte sie, lief zurück und legte sich wieder.</p> + +<p>Sonst war niemand zu sehen. Der Junge lenkte die +Pferde um und fuhr ein bißchen zur Seite. Die beiden +Ärzte gingen zu dem Kranken hinein, Ragni wanderte +auf dem Hof auf und ab. Durch das Fenster sah sie einen<a class="page" name="Page_164" id ="Page_164" title="164"></a> +Alten im Bett liegen; seine Frau saß neben ihm; sie sang +mit zitteriger Stimme dem Kranken etwas vor und fuhr +auch, als die Tür sich hinter ihr öffnete, ruhig fort.</p> + +<p>Ragni sah sich auf dem Hof um; dann setzte sie sich +auf die Scheunentreppe.</p> + +<p>Nichts, was in uns alles so in Stille einwiegen könnte, +wie ein ruhender Bauernhof! Nicht der Wald, denn +irgendwo raschelt und raunt es da immer; man muß +lauschen oder Umschau halten; nicht das Meer, selbst +wenn es schweigt; völlig in Frieden ist es nie. Nicht +die Wiese; denn da wimmelt es von Leben. Und so +überall. Aber in einem abgeschlossenen Bauernhof —. +Das Hühnervolk umpickt und umgackert dich so anheimelnd, +der Hund liegt ganz still und die Katze geht +ein paar Schritte, und bleibt stehen, und geht wieder +ein paar Schritte; die Pflugschar lehnt neben der Egge, +der Schleifstein ist trocken, die Wagen lassen die Deichsel +hängen, die Gesindeglocke schweigt; alles, was sonst da +lebt, ruht wie du; und was sich etwa noch regt, erhöht +nur den Frieden. Das Schwein, das du ganz dort hinten +wühlen siehst, ist nur mit sich selber beschäftigt; das +Pferd, das kaut und die Fliegen wegwedelt, kennt nur +sein eigenes Behagen; die Vögel, die kommen und dich +grüßen, tragen dir die Sorglosigkeit zu, die in allem +Frieden liegt.</p> + +<p>Doch mitten in der Ruhe schoß in Ragni wieder die +Angst auf, die sie seit der Begegnung mit Josefine verfolgte. +War etwas in ihrem eigenen Gewissen, das +sie anklagte? Nein, und tausendmal nein! Nicht einmal +die Kinder ihrer Schwester? — Nein! Denn unter +solchen Verhältnissen hätte sie nicht einmal denen etwas +sein können. Also, was denn? Was hatte sie getan? Ihn +geliebt. Weshalb sollte sie das nicht dürfen?</p> + +<p>Die Stille war weg. Ragni ging hinter den Hofgebäuden +herum, und da fand sie zwei Arten <i>Orobus</i><a name="FNanchor_6_6" id="FNanchor_6_6"></a><a href="#Footnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a>, nicht weit +voneinander — erst draußen auf der Wiese die Vogel<a class="page" name="Page_165" id ="Page_165" title="165"></a>erbse, +und dann noch eine andere Art im Gebüsch; +auf den Namen der letzteren konnte sie sich nicht besinnen. +Als sie zurückging, fand sie einen prächtigen +Hahnenkamm und eine dritte Art Veilchen; zwei hatten +die andern ihr schon gegeben. War das eine Flora! +Und da! Da wieder! Die entzückendste Veronica; +o weh, die Krone fiel ab; aber da ist wieder eine; die +hält. Später hörte sie, daß in dieser Gegend die spröde +Blume auch "Männertreu" genannt wurde.</p> + +<p>Und jetzt wieder auf den Hof. Durch die Fenster +sah sie, wie Kallem, tief über den Kranken gebückt, +dessen Brust behorchte. Bald darauf kam Kent heraus, +neben ihm die alte Frau. Er schrie, so laut er konnte, +aber sie schien trotzdem fast nichts zu verstehen. Jetzt +stand Kallems hohe Gestalt in der Tür; er kam auf sie +zu. Wie sie ihn liebte!</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Nachmittags saßen sie zusammen in dem nach Südosten +gelegenen Arbeitszimmer des Doktors. Bis +auf die Bücher war jetzt alles in Ordnung. Sören +Pedersen kam, begleitet von Aase, zur Eßzimmertür +herein; er pfiffig, sie verschüchtert. Eben kämen der +Herr Pastor und seine Frau durch den Garten.</p> + +<p>Kallem sah, wie Ragni bleich wurde. In Gegenwart +der beiden begnügte er sich damit, frischweg zu sagen: +"Komm, Ragni!" und ging dann ins Verandazimmer +und von dort auf den Korridor, um die Gäste zu empfangen.</p> + +<p>Die Begrüßung war steif. Der Pastor bat, die ungelegene +Besuchszeit zu entschuldigen; ihm passe es +so am besten, da er gerade vom Abendgottesdienst +komme. Sie hätten überhaupt bloß anfragen wollen, +ob Schwager und Schwägerin nicht heute bei ihnen +zu Abend essen wollten? Sonntags sei ja ein Geistlicher +erst abends so recht sein eigener Herr. — Die +Stimme hatte noch etwas von dem feierlichen +Predigerton, und Gesicht und Wesen trugen einen Abglanz +der Kirche. Josefine stand ganz still und sah<a class="page" name="Page_166" id ="Page_166" title="166"></a> +sich im Zimmer um; und bald ging auch der Pastor +dazu über.</p> + +<p>Er fand es "zu gemütlich" hier! Der Flügel war ein +"Prachtstück". Während sie ihn betrachteten, wandte +sich Josefine zu Ragni; es waren die ersten Worte, die +sie sprach: "Sie spielen ja so schön?" — "O— —" — n"Wollen +Sie uns nicht etwas vorspielen?" Und der +Pastor fügte hinzu: "Ach ja, bitte!"</p> + +<p>Ragni sah ihren Mann an — wie ein Ertrinkender, +der nach Hilfe ausschaut. "Ragni muß in Stimmung +sein, um spielen zu können!" sagte er. "Natürlich — Sie +werden müde sein!" entschuldigte der Pastor. Man +setzte sich; Kallem und der Pastor einander gegenüber, +Josefine ein bißchen abseits; Ragni blieb stehen.</p> + +<p>"Natürlich — Ihr müßt beide müde sein!" fuhr der +Pastor fort. "Die lange Reise — — und jetzt das ganze +Einrichten hier! Wie ich von Doktor Kent höre, seid +Ihr bald fertig?" — Ja. Sie hätten aber auch eine +ganz ausgezeichnete Hilfe gehabt an Sören Pedersen +und seiner Frau. Ragni fürchtete auf einmal, die beiden +könnten noch im Eßzimmer sein und lief hinein; nein, +sie waren fort. Auch im Zimmer des Doktors waren +sie nicht.</p> + +<p>Das Gesicht des Pastors hatte einen ganz eigenen +väterlichen Ausdruck angenommen. "Wir haben Sören +Pedersen und seine Frau für Euch nehmen müssen, weil +sonst niemand zu haben war. Aber eigentlich müßte +man solchen Leuten überhaupt keine Arbeit geben." — "So?" -— "Tüchtige +Arbeiter; aber sie vertrinken alles, +was sie verdienen, und bleiben tagelang von der Arbeit +weg, wie auch hier. Sie erregen großes Ärgernis in der +Gemeinde." — "Alle Wetter!" Ragni strich dicht an +Kallem vorbei und fuhr ihm leicht mit der Hand über +den Kopf; sie tat, als wolle sie etwas vom Flügel holen. +Der Pastor ließ sich durch den leichtfertigen Ton des +Doktors nicht abschrecken. "Wir haben alles versucht +bei den beiden, was wir nur konnten — sie trinkt +geradeso wie er. Ihr würdet Euch wundern, wenn Ihr<a class="page" name="Page_167" id ="Page_167" title="167"></a> +wüßtet, wie gut alle Leute gegen sie gewesen sind. Aber +alles vergebens — ja, schlimmer als vergebens! Nun, +ich will nicht näher auf die Sache eingehen." Und er +blickte hinüber zu seiner Frau, die in ihrem enganschließenden +Kleid dasaß, kraftvoll, undurchdringlich, +aus einem Guß und tadellos vom Scheitel bis zur Sohle. +Die Augen mit dem wohlgeschulten Blick, der alles +sieht, ohne bestimmtes eigentliches "Sehen". Kallem +wäre am liebsten aufgesprungen und hätte sie angeschrien. +Aber Ragni stand, im Hintergrund, unbemerkt +von den andern, ihm gerade gegenüber.</p> + +<p>"Zu dumm," sagte er, "daß der alte Doktor ein +Haus dicht neben das Krankenhaus gebaut hat. Daß +man fremde Menschen immer so dicht auf dem Leibe +haben muß!" — "Der Alte hat es für seinen Schwager +gebaut. Und nun ist der auch tot." — "Ja, das hab' +ich gehört. Wenn ich in der Lage wäre, noch mehr +Geld in Häuser zu stecken, so würd' ich es kaufen, +trotzdem ich keine Verwendung dafür habe." Josefine +wandte sich kaum merkbar um, vermutlich um zu +sehen, ob Ragni noch da war. "Ich glaube nicht, daß +es zu verkaufen ist!" sagte sie. "Ich kenne die Erben." +Eine Weile war es still.</p> + +<p>Der Pastor schlug ein neues Thema an. Er hatte heut +vormittag im "Morgenblatt" einen Artikel über die Unsicherheit +der amerikanischen Verhältnisse im einzelnen +und allgemeinen gelesen. Er sprach wie einer, der die +Sache kennt, und wandte sich dabei stets an seine Frau. +Wenn er einmal jemand anders ansah — wie eben Ragni, +die ja aus Amerika kam — so war das nur vorübergehend; +gleich wandte er sich wieder seiner Frau zu.</p> + +<p>Pastor Tuft war ein recht stattlicher, hübscher Mann, +besonders seit eine gewisse Behäbigkeit den knochigen +Untergrund des Gesichts ausgefüllt hatte; die Stimme +klang frisch, und die Melanchthonaugen strahlten warm +in alles, was er sagte. Seine Worte und sein ganzes +Auftreten hatten etwas Mildüberredendes; aber man +fühlte hinter der Milde die Kraft!</p> + +<p><a class="page" name="Page_168" id ="Page_168" title="168"></a>Ganz unerwartet machte Josefine eine aufwärtsdeutende +Bewegung mit dem Kopf. "Ja, natürlich, es +ist Zeit, daß wir gehen!" sagte Tuft und stand auf. +"Ich verschwatze mich immer. — Also, Ihr kommt mit, +nicht?" Josefine stand auf, und ebenso Kallem. Aber +der hatte auch noch eine Frau, die ihm Blicke zuwarf — graue — und +sehr weiche. "Danke! Aber wir sind zu +müde. Ein andermal!"</p> + +<p>Damit geleiteten sie die beiden hinaus. Kallem trat +dann ans Fenster und sah ihnen nach, wie sie hoch und +stattlich davonschritten. Bald lag die Kirche hinter +ihnen. Alle Vorübergehenden grüßten ehrerbietig. Als +sie schon nicht mehr zu sehen waren, stand er noch da. +Dann schlenderte er ein paarmal durchs Zimmer und +schlug plötzlich einen Purzelbaum. "Du, hol mir doch +Sören Pedersen und Frau Aase!" und gleich darauf war +er draußen, um sie zu suchen. Aber sie waren nirgends +zu finden. Sigrid berichtete, sie seien gleich gegangen, +als Pastors erschienen. "Schockschwerenot! Pass' auf, +jetzt trinken sie sich einen an! Lauf schnell und lade +sie zum Nachtessen ein! Sag' ihnen, wir seien allein!" +Das Mädchen rannte davon. "Laß nicht locker!" rief +Kallem ihr nach. "Ob sie wollen oder nicht!"</p> + +<p>"Hören Sie mal, Herr Sattlermeister!" sagte der Doktor, +als die beiden wieder im Wohnzimmer standen, sie +natürlich hinter ihm — "Hören Sie mal, der Herr Pastor +sagt, Sie trinken, Sie und Ihre Frau, und er habe Sie +nicht davon abbringen können?" — "Da sagt der Herr +Pastor bloß, was wahr ist." — "Aber das ist eine böse +Krankheit, Pedersen!" — "O ja — hinterher!" — "Wollen +Sie es mir überlassen, Sie zu kurieren?" — "I, warum +denn nicht, Herr Doktor! Aber im Ernst — es wird lange +dauern." — "Zwei Minuten." — "Zwei Minuten?" +Er lächelte. Aber bevor er ausgelächelt hatte, hatte +Kallem ihn schon in der Gewalt seiner Augen, die einen +mächtigen, verwirrenden Ausdruck haben konnten. Der +Sattler wechselte die Farbe und wich zurück. Der Doktor +ging ihm nach und hieß ihn sich setzen. Er gehorchte<a class="page" name="Page_169" id ="Page_169" title="169"></a> +augenblicklich. "Sehen Sie mich an!" Aase wurde es +fast übel. "Sie setzen sich ebenfalls!" sagte der Doktor +über die Achsel zu ihr, und wie hingeweht saß sie auf +einem Stuhl. Der Doktor hatte gestern sofort erkannt, +wen er da vor sich hatte; es dauerte keine zwei Minuten, +so war Sören Pedersen weg und ebenso Frau Aase, trotzdem +diese nur zugesehen hatte. Der Doktor befahl ihnen, +die Augen wieder zu öffnen; beide gehorchten sofort. +"Nun hören Sie mich an, Pedersen: von jetzt ab hören +Sie auf, Branntwein oder Spiritus in irgendwelcher Form +zu trinken; auch keinen Wein, kein starkes Bier — +<em class="gesperrt">einen</em> — <em class="gesperrt">einen ganzen</em> Monat lang! Hören Sie? +Wenn der Monat vorbei ist — es ist jetzt halb sieben — +so kommen Sie wieder hierher — auf die Minute!"</p> + +<p>"Und Sie auch, Aase. So oft er trinken will, schreien +Sie. Und hinterher singt Ihr beide." — "Wir können +nicht singen." — "Einerlei? Ihr singt!"</p> + + +<h3><a href="#Inhaltsverzeichnis">4</a></h3> + +<p>Josefine verließ die Stadt. Sie nahm ihren Jungen +mit nach der Westküste, wo er Seebäder nehmen +sollte. Der Pastor wollte etwas später nachkommen; er +hatte, seit er Pastor war, noch keinen Urlaub gehabt. +Gleich nach dem Examen war er als Hilfsprediger hierher +gekommen und hatte das Zutrauen der Gemeinde +in so hohem Maße gewonnen, daß sie, als vor zwei +Jahren die Stadt aus der Diözese ausgepfarrt wurde, +einstimmig um seine Berufung einkam; und er erhielt +das Amt. Fast sechs Jahre lang hatte er nun streng +gearbeitet und konnte ein paar Wochen Ferien wohl +gebrauchen. Josefine ging eines Tages zu ihrem Bruder +hinauf, als er nicht zu Hause war, erzählte Ragni, daß +sie verreise, verabschiedete sich und bat, den Bruder zu +grüßen.</p> + +<p>Ragni war sich sofort klar darüber, daß diese Reise nur +ein Vorwand war, um sie nicht in die Gesellschaft einführen +zu müssen; sie wollten nicht für sie eintreten.<a class="page" name="Page_170" id ="Page_170" title="170"></a> +Zu Kallem, der weniger mißtrauisch war, sagte sie jedoch +nichts davon. Er vergaß bald die ganze Geschichte; +denn er hatte ungeheuer viel zu tun. Doktor Kent +wollte ins Ausland, und Kallem mußte seine Praxis +übernehmen zum Dank dafür, daß Kent vor Kallems +Ankunft das Krankenhaus beaufsichtigt hatte. Der dritte +Arzt am Ort war ein junger Militärarzt und augenblicklich +bei den Übungen. Er hieß Arentz und zeichnete +sich durch überaus breite, tadellos geplättete Vorhemden +aus. Kallem erkannte in seinem korrekten Wissen Wort +für Wort das Lehrbuch wieder — er mußte sich anfangs +Mühe geben, ihn nicht "Niemeyer"<a name="FNanchor_7_7" id="FNanchor_7_7"></a><a href="#Footnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a> zu nennen; +aber er mochte ihn seiner unbedingten Ehrenhaftigkeit +wegen gern leiden. Da das Herumliegen auf Landwegen +und Straßen Kallem unerträglich wurde, dachte +er daran, Arentz zum Assistenten zu nehmen; wollte +er selber ein freier Mann sein, so mußte er sich anders +einrichten.</p> + +<p>Ragni sah ihn nur mittags das Essen hinunterschlingen +und spät abends heimkommen. Vielleicht saß er einmal +ein Weilchen bei ihr auf der Veranda, oder ging im +Garten umher und half ihr, wenn sie gerade bei der +Arbeit war; aber selten. Er mußte wieder hinein, zu +seinen Büchern. Anders gestaltete es sich, als sein Kollege +wieder zurückkam; er glaubte, die versäumte Zeit +nachholen zu müssen und fortan saß er beständig im +Laboratorium oder in seinem Arbeitszimmer. Schließlich +siedelte auch Ragni dahin über; sie bekam ihren +eigenen Stuhl und ihre eigenen Bücherfächer; das Studierzimmer +wurde zur Wohnstube.</p> + +<p>Stundenlang lasen sie, jedes für sich, und wechselten +kaum zehn Worte. Er versenkte sich immer mehr in +ein langes, einsames Studium und ahnte nicht, was für +einen Eindruck es machte, wenn er sich in einer Pause +aufs Sofa warf, so lang er war, und sie ansah, ohne ein<a class="page" name="Page_171" id ="Page_171" title="171"></a> +Wort zu reden, oder — wie es meist der Fall war — am +Fenster stand und hinausstarrte. Kam er ins Zimmer +zurück, so war es nur, um sich wieder ans Fenster zu +begeben. Er behauptete, nirgends könne er so gut +denken, wie da; das habe er von seinem Vater.</p> + +<p>An seinem Heim hatte er eine große Freude; selten +kam er nach Hause, ohne es zu rühmen, und dann wanderte +er umher, sorglos und munter wie eine Schwalbe. +Nach Tisch hörte er gern Musik, doch achtete er nicht +immer darauf, was sie spielte.</p> + +<p>Und sie? Von Tag zu Tag fühlte sie sich inniger in +Wesen und Dinge ihres Heims ein. Ihn nannte sie +wieder ihren "weißen Pascha", den Flügel "das Märchen". +"Jetzt ein Märchen!" sagte sie, wenn sie spielen +wollte, und gewöhnte es ihm ebenfalls an. Das Schlafzimmer +nannte sie "zwischen den Sternen", die Tauben, +die sie zu Pfingsten bekommen hatte, "meine Pfingstlilien", +Sigrid "die Siebenarmige". Wenn sie und Kallem +im Arbeitszimmer saßen und lasen, hatte sie das Gefühl, +als segelten sie beide fort, jedes in seinem Boot, +jedes nach seinem Land. "Wollen wir jetzt hinein und +segeln?" sagte sie.</p> + +<p>Er kannte dies Bedürfnis nach Bildern aus ihren amerikanischen +Briefen. "Wir arbeiten uns jeder von einem +Ende eines Welttunnels langsam zueinander hin", schrieb +sie; und auf dies Bild vom Tunnel kam sie immer wieder +zurück; zuletzt "waren sie einander so nahe, daß sie +ihn sprechen hören konnte." Von den Dampfern, die +"droben, über ihnen, aneinander vorbeischwammen mit +ihren Briefen", schrieb sie: "die Sehnsucht des einen +zieht und die des andern schiebt nach."</p> + +<p>Eines Abends auf der Veranda — es regnete, aber +sie selber saßen trocken unter dem vorstehenden Dach — sagte +sie: "Solche Häuser müßten einen Kopf haben." — "Einen +Kopf?" — "Ja, zwischen den Flügeln, wie jedes +andere brave Huhn." — "Ach, so meinst Du's!" — "Ich +habe immer das Gefühl, als säße ich unter Flügeln und +würde bebrütet." — "Sag' mal, wie kommt es, daß Du<a class="page" name="Page_172" id ="Page_172" title="172"></a> +in Deiner Kindheit nicht in den Bildern der Bibel +heimisch geworden bist?" — "Weil ich einen Vater +hatte, der mir, als ich zehn Jahr alt war, vom Ursprung +der Arten erzählte; Pflanzen, Tiere und Menschen +wurden zu <em class="gesperrt">einer</em> Familie. Das war so etwas für +mich. Als ich dann einen Stiefvater bekam, der Geistlicher +war und behauptete, Erde und Menschen seien +gleich bei der Erschaffung vollkommen gewesen und +alles sei nur um der Menschen willen da, da glaubte +ich das nicht. Außerdem war mein Vater ein stiller, +kränklicher Mann, den ich lieb hatte, und mein Stiefvater +ein starker, jähzorniger Mensch, den ich fürchtete."</p> + +<p>Kallem fragte, ob sie ihm nicht einmal ihre Kindheit +und Entwicklung schildern wolle. Aber darauf antwortete +sie bestimmt: "Nein!"</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Kristen Larssen arbeitete hin und wieder beim Doktor, +— so bei der Einrichtung des Laboratoriums, des +Ventilationsapparates usw. Mit einem schweigsameren, +mißtrauischeren Menschen hatte Kallem es noch nie zu +tun gehabt, aber auch noch nie mit einem klügeren. +Eines Sonntags, Anfang August, kam er herauf, in seinem +höchsten Staat — einem langschößigen, braunen Rock +mit außerordentlich engen Ärmeln, einer karierten, zu +kurzen Weste und einer grauen Hose von sogenanntem +englischen Leder. Alltags trug er meist keine Kopfbedeckung; +Sonntags, wenn er Staat machen wollte, +trug er den Hut in der Hand; er konnte nichts auf +dem Kopf ertragen, wenn es nicht ganz besonders kalt +war. Jetzt stand er da im Studierzimmer, lang, hager, +kurzgeschoren, reingewaschen, mit schwarzen Bartstoppeln. +Das einzige halbwegs Freundliche an der ganzen +Erscheinung war der über ein rotgewürfeltes Halstuch +heruntergeklappte weiße Hemdenbund. Der Doktor bat +ihn, Platz zu nehmen und fragte, was ihm fehle. Als +Antwort kam erst ein forschender Blick, dann die Erklärung, +er habe ja gar nicht gesagt, daß ihm etwas fehle.</p> + +<p><a class="page" name="Page_173" id ="Page_173" title="173"></a>Kallem merkte, daß es Larssen nach dieser Antwort +nicht leicht fallen würde, mit seinem Anliegen herauszurücken; +aber er dachte: Geschieht dir ganz recht!</p> + +<p>Na ja, endlich sagte er denn, er wisse, die "Frau +Doktern" sei fünf oder sechs Jahre in Amerika gewesen; +ob sie ihm vielleicht ein paar englische Bücher leihen +könne? Vielleicht würde sie ihm auch sagen, wie er sich +am besten weiterhelfen könne; er habe auf eigene Hand +ein bißchen Englisch gelernt.</p> + +<p>Ob er denn ans Auswandern denke? — Ja, könnte +schon sein; "aber hinübergehen, und drüben auch für +die Norweger schuften ... dazu hab' ich keine Lust." — "Wie +alt sind Sie?" — "O, so reichlich an die Vierzig!" +Er sah aus, als sei er schon fünfzig. "Da fällt mir ein, +Larssen, — meine Frau wird Sie sicher gern Englisch +lehren, etwa abends." Nein, das wollte er unter gar +keinen Umständen. Aber Kallem machte ihm begreiflich, +daß man die Aussprache nur durch mündlichen +Unterricht lernen könne. Im selben Augenblick kam +Ragni herein, und der Doktor erklärte ihr, daß für +Kristen Larssen die englische Sprache gleichbedeutend +sei mit einem paar Flügel. Erst wurde sie ein bißchen +rot; es war keineswegs die einzige unangenehme Aufgabe, +die Kallem ihr aufbürdete; er schien wirklich der +Ansicht zu sein, sie habe nicht genug zu tun. Sie selber +war der Ansicht, daß sie gern möglichst frei sein wollte. +Aber während sie so stand und Kristen Larssen ansah, +und daran dachte, wie Kallem gesagt hatte, er habe +noch nie einen klügeren Menschen getroffen, wurde sie +von Mitleid erfaßt. Eben vertiefte er sich in ein englisches +Buch; er verstand zur Not, wovon es handelte. +Und da erbot sie sich nicht nur, ihm zu helfen, sie +nötigte ihm ihre Hilfe geradezu auf. Schon am selben +Nachmittag um fünf Uhr kam er, und sie saßen zusammen +am Tisch und buchstabierten sich durch einen +leichten Text durch. Kallem kam nach Hause und sah +die beiden Köpfe über dasselbe Buch gebeugt, der eine +lang, dunkel und eckig, der andere klein, feingeformt,<a class="page" name="Page_174" id ="Page_174" title="174"></a> +rötlich; ein eiskaltes, dunkles Gesicht, durchfurcht, verkniffen +— ein warmes Frühlingsauge, eine blendende +Haut, eine sonnige Laune. Sie hielt ihr Taschentuch +vor den Mund und mußte sich offenbar zwingen, neben +ihm zu sitzen. Kallem erinnerte sich jetzt, daß auch +ihm schon Kristen Larssens unangenehmer Atem aufgefallen +war. Er sorgte sogleich dafür, daß sie zwei +Bücher bekamen und daß jedes an einer Seite des Tisches +saß. Sobald sie konnte, machte sie sich davon. Um das +wieder gut zu machen, lud Kallem Larssen zum Abendessen +ein und versuchte, ihn zum Auftauen zu bringen; +aber als er ging, war er noch ebenso kalt und vorsichtig +wie beim Kommen. Jetzt begann dieser Mann ihn zu +beschäftigen. Was in aller Welt war das für ein Mensch, +und wie war er so geworden?</p> + +<p>Bei Gelegenheit suchte er ihn unter einem Vorwand +in seinem Hause auf. Hier traf er die Frau, ein mageres, +dürres Frauenzimmer, dessen Kopf dicht in ein großes +Tuch eingewickelt war; was der Mann zu wenig auf +dem Kopf hatte, das hatte sie zu viel. Kein Kind. +Kein Feuer auf dem Herd; sie koche immer gleich auf +mehrere Tage, sagte sie. Vorsichtig und mißtrauisch +ging sie ab und zu und strickte. Kallem dachte sich, +sie müßten wohl übereingekommen sein, so dürftig zu +leben, damit sie für die Reise zurücklegen konnten. +Nur um einen Vorwand zu haben, hatte er einen Revolver +mitgenommen, der nicht richtig funktionierte; +die Waffe lag in einem Kasten, und er hatte den ganzen +Kasten mitgenommen, dachte aber jetzt erst daran, daß +auch die Munition darin lag. Er zeigte es ihr. "Ach, +bei uns liegt viel solches Zeugs herum!" sagte sie und +nahm den Revolver ohne eine Spur von Furcht in die +Hand. "Der ist aber fein!" Und sie legte ihn in den +Kasten zurück, schloß ihn zu und stellte ihn auf ein +Wandbrett über der Werkzeugbank des Mannes. Brett +und Bank lagen voll Sachen zum Reparieren; "er +hat jetzt zu viel außer dem Haus zu tun," sagte sie, +"das Kleinzeug da muß warten!" Der eine Raum diente<a class="page" name="Page_175" id ="Page_175" title="175"></a> +als Werkstatt, Küche und Schlafstube. Eine Uhr an +der Wand, ein Tisch, ein Bett, eine Schlafbank, drei +hölzerne Stühle; sonst alles kahl; und überall ein scharfer, +übler Geruch.</p> + +<p>Den Rückweg nahm er am Sattlerladen von Sören +Pedersen vorbei, dem er bei der Etablierung eines Geschäfts +geholfen hatte, das recht gut ging. Da stand +Kristen Larssen; in der einen Hand hielt er ein Glas, +in der andern eine Flasche, und Sören Pedersen und +seine Frau schrien oder sangen Glas und Flasche an; +es klang wie ein langgezogenes, klägliches Hundegeheul. +Kristen Larssen lachte — ein Lachen, wie es nur aus den +tiefsten Tiefen des Menschen kommt. Eine breite Seligkeit +lag in diesem weitaufgerissenen Maul — die innerste +Offenbarung eines bosheitsvollen Herzens, das wildeste +Freudenhalleluja des Entdeckers. Vielleicht auch ein +Interesse für die beiden — wer weiß? Ob er das Tag +für Tag so trieb?</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Das Talent Kallems, andere in Arbeit zu setzen, sollte +Ragni noch in höherem Grade kennen lernen.</p> + +<p>In einer kleineren Gesellschaft bei Doktor Kent sollten +sie den alten Pastor Meek und seine Enkelin, Tilla Kraby, +kennen lernen; die beiden waren von ihrer Reise ins +Ausland zurückgekehrt, wollten aber bald wieder von +hier weg. Während ihres kurzen und wahrscheinlich +letzten Aufenthalts in der Gegend wurden sie sehr gefeiert; +auch diese Gesellschaft wurde ihnen zu Ehren +gegeben, und Kallem und seine Frau, die sonst ganz +zurückgezogen lebten, gingen heute nur hin, um sie +doch wenigstens einmal gesehen zu haben. Die Ehrengäste +ließen auf sich warten; und unterdessen wurde +Ragni eine ungewöhnlich starke Dame vorgestellt, kaum +dreißig, lebhaft und hübsch; gleich ihre ersten Worte +jagten der jungen Frau einen Schreck ein. "Ich weiß +nicht, ob es Ihnen unangenehm ist," sagte sie — — "ich +bin nämlich die Schwester von Sören Kule." Als +sie Ragnis tiefe Verlegenheit bemerkte, zog sie sie schnell<a class="page" name="Page_176" id ="Page_176" title="176"></a> +beiseite: "Denken Sie nur ja nicht, daß ich es nicht +ganz genau ebenso gemacht hätte, wie Sie!" flüsterte +sie. "Noch dazu, wenn man einen Mann findet, wie +Ihren!" — — und sie drückte Ragnis Arm. Sie war +sehr gewandt und fesch und hatte keine Ahnung, wie +sie das feine Geschöpf peinigte, das sie da am Arm hielt. +Schon daß ihr Gesicht und ihre Figur von der "Walfischart" +waren, war ja genug; Ragni kannte das alles +so gut — bis auf die eigentümliche Bewegung der +"Flossen"; sie mußte an Tran denken. Jetzt sah man +den alten Pastor Meek und seine Enkelin eintreten; der +Gastgeber und seine Schwester — Dr. Kent war nicht +verheiratet — gingen ihnen entgegen — auch die übrigen +fast alle. Zwischen das "Guten Tag!" und "Willkommen!" +der Vordersten klang das: "Nein! wie prächtig +er aussieht!" und "Was diese Tilla für Reisen macht!" +der Fernerstehenden. Und während der ganzen Szene +fragten Kallem und Ragni sich, wem die beiden ähnlich +sähen; diese Gesichter hatten sie schon irgendwo erblickt.</p> + +<p>Pastor Meek war über mittelgroß, breitschulterig, ein +bißchen wohlbeleibt. Den Kopf, der breit und leuchtend +war, trug er stark zurückgeworfen; dichtes, weißes Haar +umrahmte das Gesicht. "Jetzt weiß ich's!" flüsterte +Ragni. "Sie müssen verwandt sein mit dem jungen +Menschen, dem wir am ersten Tag begegnet sind. Du +weißt doch — der so schön war?" — "Ja, richtig! Dasselbe +gewölbte Antlitz! Man könnte glauben, sie gehörten +zu den Bourbonen." — Der Alte dankte für +die Willkommgrüße mit einer tiefen, wohlklingenden, +langsamen Stimme. Die Augen waren nicht unbefangen — eher +forschend und resigniert. Kein Eindruck von +Sicherheit, wohl aber von großem Wohlwollen und von +Nachdenklichkeit. Jedesmal, wenn einer der höheren +Beamten ihn anredete, kam etwas altmodisch Zeremonielles, +Reserviertes über ihn. Der "neue Doktor" +wurde vorgestellt, und Frau Lili Bing sagte, wie aus +einer inneren Eingebung heraus zu Ragni: "Sie beide +müssen zueinander passen! Darf ich vorstellen: Frau<a class="page" name="Page_177" id ="Page_177" title="177"></a> +Kallem — Fräulein Kraby." Ein bißchen schüchtern +begrüßten sie einander und sprachen bald darauf von +dem jungen Mann, der ihr so ähnlich sah. Es war ihr +Vetter, und er war sehr musikalisch. Dadurch kamen +sie auf Musik zu sprechen und gingen den ganzen Abend +überhaupt nicht mehr voneinander.</p> + +<p>Selten — ja, Kallem ausgenommen, vielleicht niemals — hatte +Ragni jemand gefunden, zu dem sie sich +gleich so hingezogen gefühlt hatte. Dies stille und zugleich +so lebhafte blonde Wesen hatte eine so liebenswürdige +Art, und alles, was sie sagte, war so ganz ihr +eigenstes Denken. Und in wenigen Tagen verließ sie +die Stadt für immer! Es gab ihrem Zusammensein einen +eigenen, wehmütigen Reiz, daß sie sich heute wahrscheinlich +zum ersten- und letztenmal sahen. Es bewirkte +auch, daß Ragni später, als der Gastgeber sie +in seiner schalkhaften Weise bat, etwas zu spielen, gleich +bereit war. Sie wollte der neuen Freundin soviel von +sich geben, als sie konnte.</p> + +<p>"Bitte," flüsterte sie ihr zu, "stellen Sie sich so, daß +ich ein vertrautes Gesicht vor mir habe!" Dann stimmte +sie "Solvejgs Lied" aus "Peer Gynt" an. Man hatte ein +Bravourstück erwartet, nicht ein einfaches Lied; aber +als sie es auf dem Flügel zu Ende "gesungen" hatte, +waren alle so hingerissen, daß der Bürgermeister, der +bei solchen Gelegenheiten gern das große Wort führte, +um Wiederholung bat. Sie spielte es noch einmal. Darnach +den unvergleichlichen, humpelnden Gnomenmarsch +aus derselben Suite; und gleich darauf Seimers "Kinderspiel" +— der feinste, anmutigste Gegensatz. Sie spielte +es mit derselben tiefeindringenden Interpretation des +kleinsten Details. Dann eine Weise von Sinding — im +alten Stil — jeder Ton ein Wort für sich; dann eine +heitere, kernfrische Melodie von Svendsen; zum Schluß +den Festmarsch von Seimers. Heute hatte sie keine +Angst; ihre Augen wanderten mit reicher Botschaft zu +Tilla, von ihr zu den anderen — — reine Märchenbotschaft! +Die Gesellschaft war ganz hingerissen; der<a class="page" name="Page_178" id ="Page_178" title="178"></a> +Bürgermeister wanderte durch die Zimmer wie eine +schmetternde Trompete. Der alte Meek kam voll altfränkischer +Ehrerbietung; "Großvater ist so musikalisch!" +flüsterte Tilla.</p> + +<p>Eine Stunde darauf verabschiedete sich der alte Meek; +er blieb nie länger in Gesellschaft. Seine Enkelin begleitete +ihn; Kallem und Ragni schlossen sich an.</p> + +<p>Der Abend war milde, trotzdem es Ende August war, +Tage, an denen die Übergänge in der Temperatur nach +Sonnenuntergang meist schroff sind; immerhin nicht so +mild, daß Sommermäntel und Überzieher überflüssig +gewesen wären. Überall Spaziergänger. Als man beim +Doktorhaus angelangt war, fragte Ragni, die sonst so +zurückhaltend war, ob sie nicht mit hinein kommen +wollten. Und der alte Pastor erwiderte voll Galanterie, +wenn sie die Hoffnung hegen dürften, noch ein bißchen +Musik zu hören, so sei ihnen die Einladung nur zu +willkommen. Die Lampen im Verandazimmer wurden +angezündet, der Flügel wurde geöffnet, und eine italienische +Barkarole ruderte zu den offenen Fenstern +hinaus. Der alte Meek war ganz beglückt und wagte +sich mit der Frage heraus, ob nicht sein Enkel, der +hier die Schule besuche, einmal kommen dürfe, um die +Frau Doktor spielen zu hören — natürlich bloß, wenn +es ihnen nicht ungelegen sei. Er sei leider ein solcher +Musiknarr, daß er mit neunzehn Jahren noch nicht einmal +sein Abiturium gemacht habe. Aber weil man das +Unglück nun eben nicht ändern könne, so sei es +immerhin das Beste, wenn er nur <em class="gesperrt">gute</em> Musik höre. +Ragni erwiderte, es würde ihr ein Vergnügen sein. +Kallem fragte, ob er den jungen Mann aufsuchen und +es ihm sagen solle. Dafür war der Alte ungeheuer dankbar +und sagte, er wäre dem Doktor noch dankbarer, +wenn er ihn auch gleich untersuchen wolle; denn irgend +etwas sei da nicht in Ordnung. Kallem sagte, er habe +das schon gemerkt; er glaube auch zu wissen, was es sei.</p> + +<p>Jetzt setzte sich der Alte an den Flügel.</p> + +<p>"Da sollen Sie eins von seinen Liedern hören!" sagte<a class="page" name="Page_179" id ="Page_179" title="179"></a> +er. Und mit Fingern — viel weniger steif, als man es +ihm zugetraut hätte — und einer Stimme, so leise, als +ob man mit dem Finger an eine Kirchenglocke rühre — vor +allem mit einer ganz eigentümlichen Anwendung +der Fistel, summte er:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Wann wird es wirklich Morgen?<br /></span> +<span class="i0">Wenn goldner Strahlenglanz<br /></span> +<span class="i0">Über Firnen hüpft im Tanz,<br /></span> +<span class="i0">Tief in den Abgrund dringend,<br /></span> +<span class="i0">Beschwingend<br /></span> +<span class="i0">Den zum Lichte kletternden Stengel,<br /></span> +<span class="i0">Daß er sich träumt als seligen Engel.<br /></span> +<span class="i0">Dann ist es Morgen,<br /></span> +<span class="i0">Wirklich, wirklich Morgen.<br /></span> +<span class="i1">Doch wenn's wettert und sprüht,<br /></span> +<span class="i1">Und krank mein Gemüt,<br /></span> +<span class="i1">Kann das Morgen sein?<br /></span> +<span class="i1">Nein.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Wohl ist es wirklich Morgen,<br /></span> +<span class="i0">Wenn Blümlein im Frühlicht blinken,<br /></span> +<span class="i0">Und Vöglein Tautropfen trinken<br /></span> +<span class="i0">Und zwitschernd dem Baum zum Lohne<br /></span> +<span class="i0">Eine Krone<br /></span> +<span class="i0">Von jungfrischem Grün versprechen,<br /></span> +<span class="i0">Vom Meere erzählen den sehnenden Bächen.<br /></span> +<span class="i0">Dann ist es Morgen,<br /></span> +<span class="i0">Wirklich, wirklich Morgen.<br /></span> +<span class="i1">Doch wenn's wettert und sprüht<br /></span> +<span class="i1">Und krank mein Gemüt,<br /></span> +<span class="i1">Kann das Morgen sein?<br /></span> +<span class="i1">Nein.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Wann wird es wirklich Morgen?<br /></span> +<span class="i0">Wenn die Kraft, die das Leid durchdringt,<br /></span> +<span class="i0">Sonne der Seele bringt,<br /></span> +<span class="i0">Wenn in deinen Armen<br /></span> +<span class="i0">Erwarmen<br /></span> +<span class="i0"><a class="page" name="Page_180" id ="Page_180" title="180"></a>Alle die Menschen, groß und klein,<br /></span> +<span class="i0">Dann gegen alle nur gut zu sein.<br /></span> +<span class="i0">Dann ist es Morgen,<br /></span> +<span class="i0">Wirklich, wirklich Morgen,<br /></span> +<span class="i1">Die gefährliche Kraft,<br /></span> +<span class="i1">Die das Höchste schafft,<br /></span> +<span class="i1">Ist sie's, die dir nah?<br /></span> +<span class="i1">Ja.<br /></span> +</div></div> + +<p>Melodie wie Begleitung waren ganz eigenartig. "Wie +das sich Hals über Kopf hinauswirft!" sagte Ragni. +Kallem fragte, was das für ein Frauenzimmertext sei. +Tilla erwiderte, er habe in irgendeiner Zeitung gestanden; +wahrscheinlich eine Übersetzung. Als aber die +andern gegangen waren, vertraute Ragni ihrem Mann +an, der "Frauenzimmertext" sei eine von ihren Übersetzungen. +Sein Vetter habe sie an ein norwegisch-amerikanisches +Blatt eingeschickt, und von da sei sie +weitergegangen. Dies Zusammentreffen bewirkte, daß +Kallem schon am nächsten Tag Karl Meek aufsuchte, +und daß dieser drei Tage darauf samt Klavier, Büchern +und Kleidern in dem großen Giebelzimmer in Kallems +Haus installiert war — in der Stube, die nach dem Park +hinausging. Kallem hatte auch den stärksten Widerstand +von seiten Ragnis überwunden.</p> + + +<h3><a href="#Inhaltsverzeichnis">5</a></h3> + +<p>Fortan saß ein langhaariger, aufgeschossener Mensch +mit am Tisch, — die Beine um die Stuhlbeine geschlungen — +und mit schmalen, roten Fingern, die voller +Frostbeulen waren und so feucht, daß Ragni es nicht +über sich brachte, sie zu berühren. Auch reden konnte +sie nicht mit ihm, nach dem, was Kallem ihr von ihm +gesagt hatte; all das Schöne, das sie bei der ersten Begegnung +an ihm gesehen hatte, war durch diese Worte +wie ausgelöscht. Er trat hastig ein, als habe er es sich +eingeübt; und regelmäßig blieb dann sein Rock oder +sein Ärmel an der Türklinke hängen, oder die Tür wollte<a class="page" name="Page_181" id ="Page_181" title="181"></a> +nicht beim ersten Versuch zugehen — oder er verhedderte +sich mit den Beinen, oder er riß einen Stuhl +um oder rannte mit dem Mädchen zusammen, die etwas +hereingebracht hatte und wieder hinausging. Er sah den +Menschen nie ins Gesicht; die schönen Augen waren +schläfrig und erloschen, die Gesichtsfarbe aschgrau; er +studierte das Muster auf dem Teller und dem porzellanenen +Brotkorb, die vor ihm standen. Nie redete +er ein Wort. Wenn jemand ihn ansprach, fuhr er auf, +und antwortete "Ja" oder "Nein" — als habe er +glühende Kohlen im Mund. Aber fressen tat er — nach +Ragnis Ausdruck — wie ein Scheunendrescher. +Und wenn er dann mit den feuchtkalten Händen an +seinen Hosen herunterstrich oder sich durch das dicke, +fettige Haar fuhr, dann war er noch schlimmer als +Kristen Larssen!</p> + +<p>Jeden und jeden Tag diesen ekligen Bengel am Tisch! +Und abends Kristen Larssen! Dazu noch die vielen +alten Weiber, die Kallem ihr schickte, damit Ragni sie +mit wollenem Zeug versehe! Kinder, die sie oft von +Kopf bis zu Fuß neu kleiden mußte, — alle seine Tuberkulosefreunde!</p> + +<p>Nicht nur, daß die Menschen an sich ihr unangenehm +waren; sondern daß alle Türen offenstanden —! Sie +hatte keine Freistatt mehr, war nicht mehr Herr ihrer +Zeit! Mit ihm darüber zu sprechen, — was hatte das +für einen Zweck? Wenn das, was <em class="gesperrt">ihr</em> die tiefste Qual +bereitete, <em class="gesperrt">seine</em> höchste Freude war? Ein bißchen +Eifersucht war auch dabei: er hatte überhaupt keinen +Blick mehr für sie und das, was ihr lieb war! Die Sache +mit seiner Schwester ließ er auch einfach so hängen. +Pastors waren schon längst wieder da. Josefine hatte +eines Morgens einen flüchtigen Besuch gemacht — im +Garten — und hatte Blumen vom Grab des alten Kallem +gebracht; die beiden Schwäger trafen sich auf der +Straße und an den Krankenbetten; auch seine Schwester +traf Kallem bisweilen dort; sie tat viel für die Armen. +Aber weder kam sie zu ihm, noch er zu ihr; Pastors<a class="page" name="Page_182" id ="Page_182" title="182"></a> +gaben auch keine Gesellschaft für sie, wie jedermann +doch erwartet hatte; sie gaben überhaupt keine Gesellschaften +mehr. Ragni war sich keinen Augenblick +unklar über den Grund. Kallem merkte nicht, wie dies +Unausgesprochene sie peinigte, auch nicht, daß es ihr +in gewisser Art die Stadt verschloß. Und sie mochte +ihn damit nicht quälen. Er hatte die ganze Freiheit +des vielbeschäftigten Mannes, der über alles hinweggeht, +was ihm nicht "bequem" ist. Bei seiner täglichen +Jagd auf Tuberkulose waren ihm die alten Weiber und +die Kinder, die er angeschleppt brachte, weit wichtiger +als "diese ganzen religiösen Katzbalgereien", — leider +auch wichtiger als die Anmut und Traulichkeit, die <em class="gesperrt">ihr</em> +ein Lebensbedürfnis waren.</p> + +<p>Ganz hinten in dem großen Krankenhausgebäude war +ein langgestrecktes Vorratshaus, mit Holzschuppen usw. +Dort richtete Kallem einen Turnsaal ein, und dorthin +ging's in Gesellschaft des aschgrauen Burschen jeden +Abend von sechs Uhr an. Solange das dauerte, kam er +pünktlich nach Hause, machte selber seine Turnübungen, +forderte seinen Begleiter zu einem Wettstreit heraus und +brachte Ordnung und Schwung in die Sache. Der verschüchterte +Junge hatte, seitdem er ins Haus gekommen +war, sein Klavier kaum angerührt; er war zu befangen +der Hausfrau gegenüber. Deshalb setzte sich Kallem +täglich gegen Abend eine halbe Stunde mit einem Buch +zu ihm aufs Zimmer; und während der Zeit mußte +Karl spielen. Als Arzt hatte er sich sein Vertrauen erzwungen +und war nun mit immer wacher Freundlichkeit +auf dem Posten, und bald kam der Junge wirklich +schon viel sicherer ins Wohnzimmer und schlich auch +nicht gleich wieder heimlich hinaus. Schließlich — auf +eindringliches Zureden Kallems — faßte sie sich +ein Herz und sagte eines Sonntagmorgens zu Karl: +"Gehen Sie nicht auf Ihr Zimmer, bitte! Wollen wir +nicht einmal ein bißchen vierhändig spielen? Wir nehmen +etwas ganz Leichtes!" fügte sie hinzu. Verzweiflung +erfaßte ihn; aber das Glück wollte, daß er fast seinen<a class="page" name="Page_183" id ="Page_183" title="183"></a> +Klaviersessel umriß, als er sich setzen wollte, und beim +Rettungsversuch beinah auch ihren umwarf — und darüber +kamen sie beide ins Lachen, und das half über +das Schlimmste hinweg.</p> + +<p>Da saß sie nun — frisch und schlank, in einem rotseidenen +Kleid, um Hals und Handgelenk Spitzen, die +weißen langen Spielfinger neben seinen schmalen, roten; +ihr geistvolles Gesicht oft ihm zugewandt; ein Resedaparfüm +entströmte ihrem Kleid — ein Duft ihrem +Haar ... Er zitterte vor Verlegenheit. Wie häßlich er +sich selber vorkam! Und wie sein eigenes Haar roch! +Er strengte sich so an beim Spielen, daß er bald ganz +müde war und lauter Dummheiten machte. "Sie sind +gewiß nicht recht aufgelegt heute!" sagte sie und stand +auf.</p> + +<p>Wie ein begossener Pudel zog er ab; er wand und +krümmte sich — er wollte davonlaufen — zum neunundneunzigstenmal. +Mittags kam er nicht zum Essen, +war überhaupt im ganzen Hause nicht zu finden. Kallem +fragte nach ihm. Da erzählte Ragni, wie kläglich +es gegangen sei; schon nach einer halben Stunde sei er +müde gewesen. Ein junger Mensch, der so wenig leisten +könne — das sei ihr einfach widerlich! "Ach, Du mit +Deiner ewigen Ästhetik!" Und er machte sich auf die +Suche nach dem Jungen, opferte seinen ganzen schönen +Sonntagnachmittag und kam endlich, gegen Abend, mit +ihm zurück. Drinnen, im Studierzimmer, beteuerte sie +flüsternd, sie wolle lieb sein jetzt. Und Kristen Larssen +kam, und geduldig wie ein geprügelter Hund setzte sie +sich zu ihm und las mit ihm Englisch.</p> + +<p>Anfangs hatte sie mit diesem wunderlichen Menschen +Mitleid gehabt; aber in seiner Gesellschaft, unter dem +Hauch seines Atems gefror sie zu Eis. Eben darum +fand sie es selber gräßlich feig, daß sie weitermachte, +ohne zu mucksen; aus Mitleid geschah es ganz gewiß +nicht! Zäh, — pünktlich auf den Glockenschlag, erschien +er in seinem langen, braunen, engärmeligen Rock, +mit dem unerträglichen, jahrealten Schweißgeruch des<a class="page" name="Page_184" id ="Page_184" title="184"></a> +Arbeiters, der aus Kleidern und Körper aufstieg. Der +Atem drang über den ganzen Tisch herüber; sie fühlte +ihn, sogar wenn er nicht bis zu ihr drang. Kristen +Larssen zog den Stuhl vor, setzte sich, schlug sein Buch +auf, und wenn er die Stelle gefunden hatte, bohrte er +seine kalten, fürchterlichen Augen in ihre warmen, angstvollen +Taubenblicke, die furchtsam im ganzen Zimmer +umherflatterten. Seine langen, dunkeln Finger, schwarz +behaart wie die ganze Hand, griffen fest zu; die Finger +der Linken um das Buch, die Rechte fuhr nach. +Dann räusperte er sich; und endlich begann er; in der +Regel mit irgendeiner Frage, die noch auf die vorige +Lektion Bezug hatte, immer klug, — immer mißtrauisch +auf irgendeinen Irrtum, einen Mangel an Verständnis +oder Logik bei ihr lauernd. Er machte sie unsicher, +selbst in den sichersten Dingen.</p> + +<p>Wenn er so dasaß und langsam, wohlüberlegt sich Wort +für Wort durcharbeitete, und sie sich einmal unterstand, +ihn zu unterbrechen, weil er einen Fehler gemacht +hatte, so setzte er seine Finger nur um so fester +auf, um ja die Stelle zu behalten, wo sie ihn unterbrochen +hatte; und dann blickte er auf — unwillig, +mißtrauisch. Sie wiederholte ihre Korrektur — unsicher, +bang; aber nie konnte sie es ihm klar genug machen; +immer mußte er um eine noch deutlichere Erklärung +bitten. Also sagte sie es zum drittenmal, und endlich +war er so gnädig, es hingehen zu lassen — auf ihre Verantwortung! +Und sooft sie unterbrach, wußte sie es — wußte, +was jetzt kommen würde, wußte, daß der böse +Atemhauch sie überfluten würde, Welle um Welle.</p> + +<p>Was es diesen Mann kostete an Arbeit, daß er so +sicher aufzutreten vermochte, niemals einen Fehler, der +einmal berichtigt worden war, wieder machte, was für +Fähigkeiten in ihm steckten, daß er diese vielen seltsamen +Fragen, die jedem Philologen Ehre gemacht +hätten, überhaupt stellen konnte — das übersah sie +keineswegs. Aber immer war er ihr fürchterlich — von +innen heraus fürchterlich. Er war so ganz und gar wie<a class="page" name="Page_185" id ="Page_185" title="185"></a> +ein alter Affe, den sie einmal gesehen hatte, der ehrbar +mit einem silbernen Löffel speiste. Und dieses Bild +umschwebte ihn verzerrend, wie zur Rache.</p> + +<p>Ein sehr angenehmes Verhältnis entwickelte sich daneben +in ihrem täglichen Leben: das Zusammenarbeiten +mit dem Mädchen. Sie freundeten sich an. Beide gleich +geschickt — Ragni im Anordnen, das Mädchen im Ausführen. +Ragni arbeitete gern und rasch; das Mädchen +war klug und wißbegierig. Eins freute sich am andern.</p> + +<p>Vierzehn Tage nach dem mißglückten Versuch mit +dem Vierhändigspielen sagte sie zu Karl Meek: "Was +meinen Sie? Wollen wir's noch einmal versuchen?" — "Danke, +nein ... es geht doch nicht!" erwiderte er entsetzt. — "Ich +habe schon etwas Vierhändiges hervorgesucht, +das Ihnen sicher nicht zu schwer ist!" — Und +sie legte es aufs Klavier, während er — auf zwei Meter +Abstand — stehen blieb und herüberschielte, rot und +immer röter wurde und sich mit den Händen durchs +Haar fuhr. "Kennen Sie das?" Er antwortete nicht; +das war ja eins von seinen Stücken! "Bergbach" hatte +er es betitelt; er hatte es oben auf seinem Zimmer +Kallem öfters vorgespielt. Da stand es — für vier Hände +gesetzt; sie wollte auf diese Weise alles wieder gut +machen.</p> + +<p>"Also, kommen Sie!" Dasselbe rotseidene Kleid, dieselben +Spitzen um die langen Spielfinger — dieselbe +Büste — dieselben seltsam traumvollen Augen, die ihn +manchmal anblickten, daß er erschauerte. Aber er selber +war heut auch neu gekleidet, und sein Haar und seine +ganze Person zurechtgestutzt und gestriegelt. Und nun +hüpfte unter ihren geschmeidigen Fingern der "Bergbach" +hervor; wo Karl nicht folgen konnte, wartete sie, +und nahm ihn dann wieder mit. Zuletzt ging es, wenn +auch nicht gut, so doch immerhin nicht schlechter als +das letztemal, und sie versprach gnädigst, nach diesem +Anfang noch häufiger mit ihm zu spielen.</p> + +<p>Er verbeugte sich und wollte gehen. "Heut ist Sonntag", +sagte sie. "Sie haben doch nichts zu tun?" <a class="page" name="Page_186" id ="Page_186" title="186"></a>— +"Nein." — "Wollen wir einen kleinen Spaziergang +machen?" — "Gewiß ... wenn Frau Doktor ... ja, gern!"</p> + +<p>Wie der Blitz war er wieder da in Überzieher und +Pelzmütze, sie wartete schon in ihrem hübschen Kragen +und flotten, amerikanischen Federbarett.</p> + +<p>"Wir wollen meinem Mann entgegengehen." Und +sie gingen. Sie fühlte, sie allein müsse die ganze Zeit +über reden; und so schilderte sie denn die Schneestürme +auf den amerikanischen Prärien, und was für +Folgen sie für Menschen und Vieh hätten. Er sah, +wie ihre Wangen sich nach und nach röteten, wie ihre +kleinen Füße spielend ausschritten. Der Oktobertag war +sonnenlos, aber nicht kalt. Die Felder dunkel, müde; +der Laubwald im Entblättern. Aber er sah nichts von +alledem; er war wie im Rausch: sie ging neben ihm +her, sie, die feinste, die musikalischste Frau, die er +kannte! Er hätte sich freudig für sie in den Straßenstaub +werfen, sich erschießen, ins Wasser springen können! +Und das war keine erdichtete Frauengestalt — sondern +Frau Ragni Kallem, in ihrem roten Seidenkleid +unter dem weichen Umhang und dem amerikanischen +Federbarett, die Frau, für die alle seine Kameraden +schwärmten. Ihre Augen sahen ihn an, und er wagte +es nicht, ihnen auf den Grund zu schauen. Vor aller +Blicken ging sie da neben ihm, unterhielt sich mit ihm. +Und auch er fing an, zu erzählen, als sie vom amerikanischen +Winter auf den Winter in den heimischen +Wäldern zu sprechen kam. Sein Vater, der Sohn des +alten Pastor Meek, war Arzt, hatte aber in ein großes +Bauerngut des Waldbezirks hineingeheiratet und lebte +nun dort als Bauer. Karl war oft mit ihm hinaufgewandert +über das Flußeis — in die unendliche Einsamkeit +der Waldberge; war mitgewesen beim Holzfällen, beim +Fallenstellen, auf der Jagd. Er schilderte Landschaften +und Eindrücke, von denen sie keine Ahnung hatte; schilderte +das Aussehen eines Birkhahns, sein Werben und +Spielen, seinen Flügelschlag, sein Geschrei so lebendig, +daß sie ihn fortan nur noch "den Birkhahn" nannte.</p> + +<p><a class="page" name="Page_187" id ="Page_187" title="187"></a>Sie trafen Kallem nicht und gingen deshalb denselben +Weg zurück. Noch einmal spielten sie das vierhändige +Stück, und viel besser. Sie wollten es gut +einüben und es eines Abends Kallem vorspielen, wenn +er in seinem Arbeitszimmer saß. Kallem — das war +für ihn das Höchste, was er kannte.</p> + +<p>Nach und nach erlangte sie eine Art Herrschaft über +den "Birkhahn"; sie gewöhnte sich an sein ovales Gesicht, +sein ungleiches Wesen, — bald übermütig heiter, +bald voll Mißmut, ungeduldig und auffahrend, demütig-unterwürfig -— mit +kurzen Anfällen von Fleiß und +langem <i>Dolce far niente</i>; ungeheuer geschniegelt und +dabei mehr als schlampig; sie fing an, ihn wieder fast +schön zu finden, und überwand sich sogar, ihm die +Hand zu geben. Sie half ihm bei seinen Schularbeiten, +besonders beim Englischen. Seine Kenntnisse waren so +ungleich, daß Kallem ihm vorschlug, lieber die Schule +zu verlassen und in Privatstunden das nachzuholen, was +ihm fehlte; er schrieb auch in dieser Angelegenheit an +Karls Vater. Seitdem saß Karl oft mit seinen Büchern +und Aufsätzen im Wohnzimmer, lernte, spielte Klavier, +spielte Klavier oder lernte — für sich oder mit ihr.</p> + +<p>Nachmittags konnte man ihnen auf langen Spaziergängen +begegnen. Sobald der erste Schnee gefallen war, — er +kam schon Anfang November — gingen sie Kallem +entgegen und fuhren mit ihm heim — jedes auf +einer Schlittenkufe. Als die Bucht zufror, gehörten sie +draußen auf dem Eis zu den Allereifrigsten. Nur einen +Sport betrieben Kallem und Karl für sich allein: Karl +sollte auf den Händen laufen lernen. Mit ungeheurem +Ernst hob der Doktor die langen Beine des andern in +die Höhe und hielt sie fest, während Karl zu gehen +versuchte, bis er nicht mehr konnte. Anfangs nur im +Turnsaal, bald aber auch im Zimmer, auf dem Flur, +auf der Treppe, vor dem Mittagessen, vor dem Abendbrot. +"Beine hoch, Junge!" Wie Ragni lachte, wenn +sie immer wieder herunterpurzelten! Nach und nach +aber wurde er eifrig. Einmal mußte es ja doch ge<a class="page" name="Page_188" id ="Page_188" title="188"></a>lingen! +Es gelang nämlich nie — — er war "zu lappig"! +Schließlich wurde es für ihn eine Ehrensache; und für +sie im Grunde ebenfalls. Es war ihr ganz ernstlich +darum zu tun, daß er ein "ganzer Kerl" wurde; sein +weiches Wesen, sein Hang zum Träumen, zum "die +Zeit verquasen", verdroß sie; und das sagte sie ihm +auch. Aber Vorwürfe vertrug er nicht und wurde fast +ungezogen. Dann strafte sie ihn durch kühle Zurückhaltung. +Es half ihm nichts, daß er zerknirscht war, +daß er hundert Annäherungsversuche machte, daß er +sogar weinte, — sie ließ ihn in der tödlichen Angst, daß +sie ihn bei Kallem verklagen werde; sie half ihm ohne +eine Miene, ohne ein Wort, das nicht zur Sache gehörte; +sie ging nicht mit ihm spazieren, sie sah ihn +überhaupt nicht — bis sie in Kallems Gegenwart wieder +redete, als wenn nichts geschehen sei. Von dieser +Schattenseite ihres Zusammenlebens hatte Kallem keine +Ahnung.</p> + +<p>Kallem hatte keinerlei Verkehr; er hatte keine Zeit +dazu. Seine Praxis mußte er einschränken, weshalb er +auch mit seiner Absicht, Doktor Arentz, den jungen +Militärarzt, zu seiner Hilfe heranzuziehen, Ernst machte. +Ende November wurde das geordnet, und fortan nahm +er mehr teil an dem Zusammenleben und dem Unterricht, +die dadurch festeren Halt gewannen.</p> + +<p>Karl Meeks Vater kam eigens zu dem Zweck in die +Stadt, um ihnen beiden zu danken und sie zu bitten, +zu Weihnachten mit seinem Sohn in ihr Waldnest +hinaufzukommen. Otto Meek war größer und stärker +als sein Vater, sein Gesicht großzügiger — mehr "bourbonisch"; +aber es hatte etwas Schwermütiges oder besser +gesagt Schweres. Kallem nahm die Einladung an und +traf sofort die nötigen Verabredungen mit seinen Kollegen, +damit er abkommen könne. Aber als die Zeit +herankam, wurde Doktor Kent krank, und Ragni mußte, +so ungern sie es auch tat, mit Karl allein reisen; Kallem +wollte nachkommen. Ein Reisepelz wurde für sie gekauft, +pelzgefütterte Stiefel und ein Fußsack, auch eine<a class="page" name="Page_189" id ="Page_189" title="189"></a> +kostbare Pelzmütze, ein Geschenk Karls. Wie eine Grönländerin +sah sie aus, als sie alles anhatte.</p> + +<p>Kallem begleitete sie zur Bahn; Ragni hatte ein bißchen +geweint — es war die erste Trennung, seit sie verheiratet +waren. Als sie schon im Zug saß und Kallem noch +vor dem Wagen stand, wollte sie wieder heraus; Kallem +mußte einsteigen und schelten. Sobald der Kummer +gestillt war, stieg er wieder aus und blickte Karl an, +der frisch und fröhlich dasaß. "Hör' mal, lieber Birkhahn, +von heut ab sag ich Du und Karl zu Dir! Du +bist ein braver Junge!" Karl aber sprang heraus und +fiel ihm um den Hals.</p> + +<p>Dann fuhren sie davon.</p> + +<p>Kallem arbeitete und fand es gar nicht so übel, daß +er einmal völlig Frieden hatte; sie hatten ihn in der +letzten Zeit doch recht gestört. Aber schon am dritten +Tage, dem heiligen Abend, war es ihm langweilig. Er +nahm sich vor, sie zu überraschen; Doktor Kent ging +es besser.</p> + +<p>Am heiligen Abend, als er eben von Kent kam und +ins Krankenhaus wollte, sah er von fern eine Menge +Menschen vor dem Tor stehen. Ein Langschlitten mit +einem Pferd davor fuhr gerade heraus; im Schlitten lagen +Stroh und Betten — man mußte einen Kranken gebracht +haben. Er hörte Kinder weinen. Wer war da +verunglückt? Maurer Andersen war's — der Mann, der +Kallem und Ragni an ihrem Ankunftstag in der Stadt +oben vor dem neuen Haus begrüßt hatte. Im Winter, +während das Handwerk brach lag, zog Maurer Andersen +als Hausierer umher, und auf einem steilen Waldweg +hatte er sich verirrt, war abgestürzt und nur durch +einen Zufall hatte man ihn gefunden. Drinnen bei den +Krankenschwestern traf Kallem die untröstliche Frau, +die erzählte, wie der unermüdliche Mann noch bis Weihnachten +herumgewandert sei; damit er zum heiligen +Abend daheim wäre, habe er einen abkürzenden Weg +eingeschlagen — er sei nun mal so ein "Haushammel". +Aber er habe schwache Augen und sei auf seinen Finnen<a class="page" name="Page_190" id ="Page_190" title="190"></a>schuhen +abgerutscht und gestürzt und habe das Bein +gebrochen. Und da liege er nun, und könne sich nicht +rühren. Das sei nun sein Weihnachten! "Und wir +haben gewartet und gewartet!" schloß sie. "Und erst +die Kinder!"</p> + +<p>Kallem eilte zu dem Kranken, der schon im warmen +Zimmer im Bett lag. Der starke Mann mit dem großen +braunen Bart, der über das Hemd wallte, war nicht +wiederzuerkennen. Die Augen zusammengedrückt, die +Lider geschwollen, starr. Die Schleimhaut des Auges +ganz entzündet, die Hornhaut bedroht, und da ihn der +geringste Lichtschimmer schmerzte, war vielleicht noch +größere Gefahr im Anzug. Das Gesicht aufgedunsen, +mit bläulichroten Flecken; die Finger an beiden Händen +weiß und gefühllos; die Handrücken noch einmal so +groß wie sonst und mit Wasserblasen bedeckt. Das rechte +Bein war am oberen Ende der Wade gebrochen, und der +Bruch ging bis ins Kniegelenk; die Wunde war so groß wie +ein Markstück; ein Knochensplitter ragte daraus hervor +— wie ein Finger. Dem gegenüber war die ganze übrige +Verletzung des Beins überhaupt nicht von Bedeutung.</p> + +<p>Andersen konnte kaum sprechen, und lallte nur dann +und wann, das Bein dürfe nicht abgenommen werden. +Das könne man erst am andern Morgen entscheiden, +wenn es hell sei, beruhigte Kallem ihn immer wieder, +während er ihn zurecht legte. Er ließ das Zimmer sofort +halbdunkel machen, ließ Borwasserumschläge über die +Augen legen und beorderte eine regelmäßige Aufsicht +zum Wechseln der Kompressen. Das Gesicht des +Kranken wurde mit Öl bestrichen und mit einer dünnen +Watteschicht bedeckt; ebenso verfuhr man mit den +Händen. Die Beinwunde wurde mit Karbolwasser ausgespritzt +und eine kleine blutende Ader unterbunden; +die Wunde dann mit Jodoform bestrichen, mit Watte +umwickelt und in eine Drahtbandage gelegt. Wenn er +aufwachte und sich schwach fühlte, sollte er alle zwei +Stunden Naphtha bekommen — bei zu großen Schmerzen +eine Morphiumeinspritzung.</p> + +<p><a class="page" name="Page_191" id ="Page_191" title="191"></a>Daraufhin schlief der Kranke ein, klagte jedesmal, +wenn er erwachte, über unleidliche Schmerzen, weniger +an der Bruchstelle als hauptsächlich im Schienbein, in +der Nähe des Spanns; beständig quälte ihn die Angst, +daß ihm der Fuß abgenommen würde.</p> + +<p>Am nächsten Tag um neun Uhr fand Kallem ihn +viel wohler, in jeder Beziehung. Auch die Gedanken +waren klarer; aber fortwährend drehten sie sich um den +Fuß, der erhalten bleiben sollte. Er äußerte den Wunsch, +den Pastor, der sein guter Freund war, zu sehen; seine +Frau, die eben da war, machte sich sofort auf den +Weg, um den Pastor zu bitten, vor der Kirche bei ihm +vorzusprechen. Unterdessen wurden die Augen des +Kranken untersucht; sie waren weniger geschwollen, +aber äußerst lichtscheu; man wandte Atropin an, und +die Umschläge wurden durch eine leichte Binde ersetzt. +Kallem war gerade im Krankenzimmer, als die Frau mit +dem Pastor kam; er ging den beiden entgegen. Nach +seiner Ansicht mußte Andersens rechtes Bein exartikuliert, +d. h. unter dem Kniegelenk abgenommen werden. Aber +das durfte der Kranke vorläufig noch nicht erfahren. +Da brach die Frau, die bisher ihr Schicksal mit Fassung +ertragen hatte, zusammen, so daß Kallem sie gar nicht +hineinlassen durfte; der Pastor ging mit.</p> + +<p>Es machte einen tiefen Eindruck auf ihn, als er in +dem großen halbdunkeln Zimmer neben seinem kranken +Freund stand und ihn daliegen sah, diesen Riesen, mit +verbundenen Augen, unkenntlichem Gesicht, umwickelten +Händen, und ihn klagen hörte. Aber bald fühlte er +nur noch Bewunderung — so stark, so sicher war der +Kranke im Glauben. Er äußerte den Wunsch, man +möge heut in der Kirche für ihn beten; "Sie kennen +mich ja alle!" sagte er. Der Pastor versprach ihm das. +Dann aber betete er noch von Herzen am Schmerzenslager +für den Kranken und seine Angehörigen. Das +Gebet wirkte belebend auf den Kranken; er flüsterte: +"Ich habe einen Bund geschlossen mit Gott, des Fußes +wegen!" und lag dann ganz still, während der Pastor<a class="page" name="Page_192" id ="Page_192" title="192"></a> +den Segen Paulus' sprach. Kaum eine Stunde darauf +kam Doktor Arentz, und Andersen wurde in den Operationssaal +geschafft. Man sagte ihm, er solle chloroformiert +werden, damit man den Schaden gründlich untersuchen +könne, und da die Schmerzen noch immer unerträglich +waren, willigte er sogleich ein; "aber der +Fuß darf nicht abgenommen werden!"</p> + +<p>Die genauere Untersuchung ergab, daß das obere +Ende des Wadenbeins bis schräg an das Kniegelenk +hinauf zersplittert war, leider auch, daß eine größere +Blutader zwischen den Bruchenden so eingeklemmt lag, +daß sie mit einer großen Blutpfropfthrombe, die sich +einige Zoll den Schenkel hinauf erstreckte, gefüllt war.</p> + +<p>Das Bein wurde selbstverständlich abgenommen; in +einer Viertelstunde war es geschehen.</p> + +<p>Alle, die mit ihm zu tun hatten, erhielten strengste +Anweisung, ihn in dem Glauben zu lassen, daß das Bein +ihm erhalten sei. Man mußte ihn vor jeder Gemütsbewegung +schützen, damit er ja nicht in Versuchung +komme, sich aufzurichten, den Fuß zu bewegen oder +seine Lage zu ändern; wenn ein Blutspfropfen sich von +der Thrombe löste, konnte es mit ihm zu Ende sein. +Er wurde in eine Stahldrahtbandage gelegt, die vom +Hüftgelenk bis an das Bettende herunterreichte; der +Stumpf wurde mit Karbolgaze und Jute verbunden +und mit der Außenseite an einen langen Klotz festgebunden.</p> + +<p>Jetzt wurde Andersen wieder geweckt, und man bedeutete +ihm, sich ganz ruhig zu verhalten. Er bekam +Wein, aber löffelweise, damit er sich nicht rührte, ebenso +Fleischbrühe mit Eigelb; bald fiel er in Schlaf.</p> + +<p>Sowie Kallem sich umgezogen hatte, ging er hinunter +in das Zimmer der Pflegerinnen, wo die Frau wartete, +und erzählte ihr den ganzen Hergang, wies sie auch +auf die Gefahr hin, die drohte, wenn Andersen sich +bewege. Er gewann ihr breites, kluges Gesicht mit +der Adlernase geradezu lieb; eine reinere Seelenstärke +hatte er kaum je gesehen. "Sollte es schlimm ablaufen,"<a class="page" name="Page_193" id ="Page_193" title="193"></a> +schloß er, "so haben Sie viele Freunde!" — "Gott lebt +noch!" flüsterte sie.</p> + +<p>Zwischen drei und vier Uhr erwachte Andersen, und +bekam wieder löffelweise Wein, Brühe mit Eigelb, +Milch; er versicherte, er fühle sich wohl, nur sein Schienbein +tue ihm weh; manchmal fühle er Schmerzen in +der Ferse. Im Lauf des Nachmittags stärkten sich +seine Lebensgeister, und er wünschte, der Pastor möge +wiederkommen. Gerade als die Frau ihn holen wollte, +kam er von selbst. Kallem hatte ihn gebeten, zu tun, +als ob der Fuß noch nicht abgenommen sei.</p> + +<p>Es zeigte sich gleich, daß Andersen keinen anderen +Gedanken hatte, als seinen Fuß. "Ich glaube, ich darf +jetzt wohl sagen, daß Gott mich erhört hat!" sagte er; +"dafür müssen wir ihm auch gebührend danken!"</p> + +<p>Das rührte den Pastor, und er schickte sich an, ein +warmes Dankgebet dafür emporzusenden, daß der Fuß +dem Kranken ein Pfand der göttlichen Gnade geworden +sei und ihn noch inniger mit seinem Erlöser verbunden +habe. Andersen schien darüber nachzusinnen; endlich +sagte er: "Jetzt müssen Sie noch beten, daß er mir +auch später den Fuß nicht nimmt!" — Wie er darauf +komme? — "Weil ich solche Schmerzen drin habe." — Aber +eben habe er doch geglaubt, daß Gott ihn erhört +habe? "Ja, aber man muß beten ohne Unterlaß!" Der +Pastor weigerte sich; sofort wurde der hartnäckige Mann +unruhig, und die Frau flüsterte flehend, der Herr Pastor +möge Andersen doch den Willen tun. Da tat er's; +aber er tat es mehr auf ihre Verantwortung hin als auf +seine eigene, und es wirkte in ihm nach. Kallem war +eben nach Hause gekommen, als der Pastor ganz blaß +bei ihm erschien und erzählte, was vorgefallen war. +"Das tu' ich nicht noch einmal!" schloß er. "Ich kann +Dir versichern, Du hast ein gutes Werk getan!" Der +Pastor stand in Überzieher und Mütze, die Hand auf +der Türklinke, da; Kallems Worte und der Ton, in dem +sie gesagt wurden, verletzten ihn. "Nur in der Wahrheit +können wir uns dem Gott der Wahrheit nähern!<a class="page" name="Page_194" id ="Page_194" title="194"></a> +Adieu." Der Doktor kam ihm nach: "Du glaubst also, +wenn Du Andersen jetzt sagst, daß das Bein abgenommen +ist, so kann ihn Gott erretten?"</p> + +<p>"Ja!" antwortete der Pastor ärgerlich, ohne sich umzuwenden.</p> + +<p>Kallem wagte unter diesen Umständen nicht, zu verreisen. +Er schrieb ausführlich an Ragni und versprach, +zu kommen, sobald er könne.</p> + +<p>Am nächsten Morgen fand er alles in gewünschter +Ordnung, betonte aber wieder, der Kranke müsse völlig +still auf dem Rücken liegen, dürfe auch nicht so viel +sprechen. Am Nachmittag verlangte Andersen das heilige +Abendmahl, doch die Pflegerin entgegnete, er könne +keine Gemütsbewegung vertragen. "Ich will meinen +Bund mit Gott erneuern!" gab Andersen zurück.</p> + +<p>Das wagten sie ihm nicht abzuschlagen; aber sie +wagten es auch nicht zuzulassen, ohne vorher den +Doktor zu fragen, und dieser war am Vormittag an ein +Wochenbett gerufen worden. Die Krankenschwester +beriet sich also mit dem Hausmeister, der von altersher +allmächtig war im Hause. Auch ihm gegenüber wiederholte +Andersen seinen Wunsch aufs bestimmteste, und +der Hausmeister glaubte, man müsse ihm willfahren; +er wolle die Verantwortung auf sich nehmen. Eine Weile +darauf war der Pastor bei ihm in der Portierstube, um +den Wein anzuwärmen; das Wetter war umgeschlagen, +und es war ein bitterkalter Abend. Dann gingen die +beiden hinauf. Andersen freute sich, als er hörte, wer +kam. "Das wußt' ich!" sagte er.</p> + +<p>Der Pastor fragte, ob er einen besonderen Wunsch +habe.</p> + +<p>"Jawohl."</p> + +<p>Die ändern gingen hinaus. Jetzt erzählte Andersen, +daß er in seiner Kindheit einmal einem Jungen ein Bein +gestellt habe mit eben dem Fuß, der jetzt krank sei. +Gott werde ihn doch nicht etwa dafür jetzt strafen +wollen? "Nein, nein!" — Er sei nun aber einmal auf +den Gedanken gekommen, und fühle das Bedürfnis,<a class="page" name="Page_195" id ="Page_195" title="195"></a> +das heilige Abendmahl zu nehmen. — Weiter liege nichts +Besonderes vor? — Nein. — Der Pastor bat ihn, sich +zu sammeln; sie wollten miteinander beten. Andersen +schwieg und sie beteten. Nach dem Gebet erteilte ihm +der Pastor die Vergebung der Sünden und wollte ihm +das Brot und den Wein reichen. — "Nein, warten Sie +noch ein bißchen! Vergebung der Sünde habe ich nun; +jetzt ist die Tafel blank. Jetzt schreiben wir den Fuß +darauf, damit man's im Himmel lesen kann. Ich fühle +mich so froh, so von Herzen froh!"</p> + +<p>"Der ganze Mensch ist mit in den Bund einbegriffen, +lieber Andersen." — "Ja, aber diesmal verspricht unser +Herrgott meiner Frau und meinen Kindern, daß mein +Fuß wieder gesund wird. Jetzt kommen Sie!" Und er +streckte die erfrorenen Hände aus.</p> + +<p>Dem Pastor trat der Schweiß auf die Stirn. "Das +kann ich nicht!" flüsterte er, völlig ohne Bewußtsein +dessen, was er sagte.</p> + +<p>Andersens Lippen bebten, die umwickelten Hände +tasteten umher; er wollte sich damit in die Augen +fahren, stieß jedoch auf den Verband. "Wir können +nicht in Gottes Ratschluß eindringen!" sagte der Pastor. +"Gesetzt, — das, was wir wollen, wäre unmöglich?" +War es ein Etwas in des Pastors Stimme, oder war es +der Widerstand an sich, was Andersen mißtrauisch +machte?</p> + +<p>Ohne zu antworten riß er sich den Verband von den +Augen, richtete sich auf, ganz rasch, warf die Decke +zur Seite und fiel wieder auf das Kassen zurück. Er +faßte nach seiner Brust, schrie, er müsse ersticken, und +fing an zu keuchen und zu röcheln; ein Blutstropfen +war in die Lunge gedrungen.</p> + +<p>Der Pastor hatte das, was er in Händen hielt, weggestellt +und eilte nach der Tür, vor der der Hausmeister +und die andern warteten; sie rannten zu Doktor Arentz +und Doktor Kent; aber noch eh einer von ihnen kam, +war Kallem zurück. Der Pastor war schon fort. In der +Nacht starb Andersen.</p> + + +<h3><a class="page" name="Page_196" id ="Page_196" title="196"></a>6</h3> + +<p>Der Hausmeister war der erste, der es büßen mußte. +Noch am selben Tag mußte er aus dem Hause.</p> + +<p>Sodann ging Kallem hinunter zu Andersens Witwe. +"Sie sind eine außergewöhnlich tüchtige Frau. Wenn +Sie wollen, können Sie den Hausmeister- und Verwalterposten +am Krankenhaus haben. Greifen Sie zu, packen +Sie gleich morgen Ihre Sachen zusammen und ziehen +Sie mit den Kindern hinauf. Dann denken Sie weniger +an Ihren Kummer! Haben Sie ein gutes Dienstmädchen?" +— "Ja." — "Nehmen Sie die mit. Mehr ist +nicht nötig. Alles andere finden Sie dort oben, und +die Schwestern werden Ihnen helfen."</p> + +<p>Die Oberschwester erhielt eine scharfe Zurechtweisung; +aber dabei ließ es Kallem bewenden. Ihr +Versehen konnte sie am besten dadurch wieder gut +machen, daß sie Mutter Andersen nach besten Kräften +unterstützte.</p> + +<p>Den Pastor suchte er nicht auf; ebensowenig der +Pastor ihn. Von andern hörte er, daß er erkrankt sei, +und fand es auch ganz erklärlich. Josefine begegnete +Kallem ein paar Tage später auf der Straße; sie tat, als +sähe sie ihn nicht.</p> + +<p>Wie dieser Vorfall wirkte, ist gar nicht zu beschreiben. +Die ganze Stadt geriet in Aufruhr. War es nicht etwas +Seltsames um den Glauben, wenn sogar der Glaube +an eine Lüge einen Menschen vom sichern Tod hätte +retten können?</p> + +<p>Der Hausmeister und seine große Familie fielen natürlich +dem Pastor und seiner Frau zur Last. Josefine +mußte Geld herausrücken zu einer Buchhandlung — und +zwar weit mehr, als ihr lieb war.</p> + +<p>An diesem Mann hatte Kallem seitdem einen treuen +und aufrichtigen Feind. —</p> + +<p>Unmittelbar darauf fuhr Kallem nach dem Walddorf +hinauf. Er meldete sich nicht an; er kam abends bei +Mondschein vom Bahnhof her auf dem Gut angefahren,<a class="page" name="Page_197" id ="Page_197" title="197"></a> +just als der Gutshof und die Landstraße draußen von +angespannten Schlitten, vollen und leeren, wimmelten. +Alt und jung wollte eine Schlittenpartie machen; von +hier sollte die Fahrt ausgehen, und hierher wollte man +am Schluß zurückkehren und noch tanzen.</p> + +<p>Man beachtete den Ankömmling nicht weiter; man +glaubte, er gehöre zur Gesellschaft. Erst als er im Flur +stand, wo die Hausbewohner und Gäste sich eben anzogen, +bemerkten einige, daß er fremd war; aber sie +dachten nicht weiter darüber nach; es trotteten ja so +viele pelzvermummte Gestalten aus und ein. Ragni +hatte gerade ihren Pelz angezogen, als sie sich von rückwärts +her umschlungen fühlte. Sie stieß einen Schrei +aus und sah auf. Nein, war das eine Freude! Karl, der +abseits in einer Ecke stand und sich gerade in seine Pelzstiefel +hineinquälte, zog sie, ohne ein Wort zu sagen, +wieder aus, ebenso Mantel und Mütze, schmiß die +Beine in die Luft und lief Kallem auf den Händen entgegen; +jetzt war die Kunst erlernt! Der Vater mit +seinem mächtigen Haar und schwermütigen Gesicht +stand daneben; er stellte Kallem seiner Frau vor, einem +blassen, stillen Geschöpf; sie sprach den Dialekt der +Gegend und hatte eine zarte Stimme — das war so +ziemlich alles, was Kallem bemerkte. Es blieb ihm zu +nichts anderem Zeit; er mußte einfach mitfahren.</p> + +<p>Pferdegewieher und laute Rufe, Gekreisch und Gelächter, +bis die Meldung kam, auf der ganzen Linie sei +alles bereit; der erste Schlitten mit einer Dame und +einem Pelzmann hintenauf, sauste davon; und ihm nach +Schlitten auf Schlitten, breite und schmale, einspännige +und zweispännige. Eine lange, wellenförmige Schnur +mit grauschwarzen Knoten — im Mondschein — über +das Schneefeld, dem Wald zu, in dem es bald zwischen +den Stämmen widerhallte von Schellen, Hundegebell, +Lachen und Geschwätz. Einige fingen zu singen an, +andere fielen ein; aber es war unmöglich, Takt zu halten; +zusammen stimmte es nie. Kallem saß mit seiner Frau +in einem Breitschlitten; sie sah so reizend aus in ihrem<a class="page" name="Page_198" id ="Page_198" title="198"></a> +vielen Pelzwerk, daß er nicht anders konnte — er +mußte ihr ab und zu einen Kuß geben. Eine schwierige +Aufgabe! Ach, und was sie alles erlebt hatte! Während +er ihr zuhörte, wurde ihm klar, daß sie erst jetzt ihre +Jugend erlebte! Nie hatte er etwas so Fröhliches gesehen! +Nie hatte er gewußt, daß sie diesen Drang nach +Freude in sich trug! Derselbe Gedanke kam ihm, später +am Abend, als alles tanzte, spielte, lachte, schwatzte, +tollte, aß: sie holte die Fröhlichkeit vieler Jahre nach. +Ob ein dicker Waldbesitzer ihre zarte Gestalt umfaßt +hielt und sie dahintrug, daß sie kaum mit den äußersten +Zehenspitzen den Boden berührte; ob sie sich eins der +Kinder geholt hatte und mit dem loswalzte, oder ob +Karl oder irgendein anderer Gymnasiast oder Student +sie links herumschwenkte wie einen Kreisel — immer +dasselbe strahlende Gesicht, derselbe heilige Eifer. Tanz +und Spiel gingen in einer Eckstube vor sich, die die +ganze Breite des Hauses einnahm; aber oft flutete der +Tanz auch in die anderen Zimmer, sogar bis in die +Küche auf der andern Seite des Hauses hinüber. Die +Küchentür stand offen. Ein paar ältere Herren versuchten, +in einer Ecke ein Spielchen zu machen; aber sie +mußten es aufgeben. In einemfort wurden sie zum Tanz +geholt. Alt und jung — alles war gleich fröhlich.</p> + +<p>Am andern Morgen um elf Uhr schlief Ragni noch, +und als sie gegen Mittag hinunterkam, ein bißchen müde +und taumelig und sehr verwundert, daß sie gar nicht +gehört hatte, wie Kallem aufgestanden war, erfuhr sie, +daß er abgereist sei. Ein Telegramm von Kent, dem es +wieder schlechter ging, hatte ihn heimgerufen. Ein +kurzer Brief, den er beim Frühstück noch hingekritzelt +hatte, tröstete sie ein bißchen. Er schrieb, er habe sie +nach der durchtollten Nacht nicht wecken, noch weniger +sie mitnehmen mögen; aber eine größere Freude habe +er noch nie erlebt, als sie so fröhlich zu sehen.</p> + +<p>Das erste, was Kallem bei seiner Rückkehr vorfand, +war eine Balleinladung vom "Verein". Die wollte er +annehmen. Die Einladung war von der Hand seiner<a class="page" name="Page_199" id ="Page_199" title="199"></a> +Schwester geschrieben (sie war im Vorstand) und lautete +auf "Doktor Kallem und Frau". Sieh mal an!</p> + +<p>Ob er an Ragni telegraphierte? Nein, er ließ sie lieber, +wo sie war; besser konnte sie es ja nicht haben.</p> + +<p>Indessen kam er selber in eine recht ernste Sache +hinein. Sein erster Krankenbesuch noch am selben +Abend galt einer armen Mutter mit vielen Kindern, +Sissel Aune, einer Waschfrau unten in der Stadt, die an +einer Lungenentzündung darniederlag. Hauptsächlich +um ihretwillen hatte Kent telegraphiert. Der siebente +Tag war ohne Krisis hingegangen, und wenn nun die +kommende Nacht halb vorüber war, so war auch der +neunte Tag vorbei. Würde sie ihn überleben? Der +obere und der untere Lungenflügel waren angegriffen, +das Herz begann auszusetzen, der Puls war sehr schwach — dazu +noch andere schlimme Zeichen — sollte er dem +Herzen in dem letzten Kampf mit Atropin nachhelfen? +In einem solchen Fall war das Mittel noch nicht erprobt; +aber immerhin — rationell war es. Wo er ging und +stand, was er auch vornahm — überall verfolgte ihn +diese Frage. Die fünf Kinder der Kranken waren bei +Sören Pedersen und Aase untergebracht; in solchen +Fällen waren die Zwei unbezahlbar.</p> + +<p>Als er zum zweitenmal hinging, blieb er gleich da; +es war ein Ringkampf — Aug' in Auge mit dem Tod.</p> + +<p>Eine kleine, sehr saubere Stube mit drei Betten. Im +Fenster ein kümmerlicher Geraniumstock, und an der +Wand ein Bild von König Karl XV. zu Pferd — unter +Glas und Rahmen —, ein paar mit Stecknadeln befestigte +Photographien und eine Geige mit drei Saiten, +die vierte hing herab. Die dalag, war dereinst eine +schöne Frau gewesen, war sicher auch jetzt noch stark +und kernig, wenn sie wieder gesund wurde. Jetzt lag +sie da, abgemagert bis auf die Knochen, die zerschundenen +Arbeitshände auf einer zerlumpten Decke. Aber +der Mann, der neben ihr saß, der war nicht stark, wie +sie — ach nein — der war ein rechter Schwächling! +Ein gutes Gesicht, und verwandt mit der Geige an der<a class="page" name="Page_200" id ="Page_200" title="200"></a> +Wand insofern, als vielleicht auch in ihm eine Saite +gesprungen war, bis die dort an der Wand so verwahrloste. +Müde, abgezehrt von Nachtwachen saß er da — allein —, nicht +weil die Nachbarn ihm nicht geholfen +hätten, sondern weil die Hilfe, die zuletzt am Bett gesessen +hatte, eben ausruhte, bis das Schwerste beginnen +würde. Es hatte Kallem gerührt, zu sehen, wie die Nachbarn +zu beiden Seiten des Hauses Wache standen; sie wollten +verhindern, daß allzu fröhliche Weihnachtsgäste hier +vorbeizögen; nachts lösten sich die Wachen ab. Er hörte +das von der Frau, die gegen elf Uhr wiederkam, um zu +helfen. Es war nicht viel zu tun — außer für den Doktor, +und der wußte nicht, ob er wagen dürfe, etwas zu tun.</p> + +<p>Zuerst machte er eine Einspritzung von ein Drittel +Milligramm; darnach wurde der Puls kräftiger. Kallem +faßte Hoffnung, wagte aber nicht, sie den flehenden +Augen des Mannes zu übermitteln. Sie konnte trügen. +Ein paar Stunden lang hielt sich der Puls; dann sank er +wieder. Wieder eine Dosis; und wieder hob er sich. In +größter Spannung saß er da und beobachtete. Er hatte +sich ein Buch mitgebracht, versuchte es, unter die Lampe +zu halten, brachte auch dann und wann einmal Sinn in +einen Satz, vergaß ihn aber sofort wieder. Gesprochen +wurde gar nichts, nur gestöhnt und geseufzt. Der letzte +Ruf aus der Ferne, das letzte Schellengeläute war längst +verklungen, die letzte Tür geschlossen — die Nacht leer +und grau. Fünf Kinder — das älteste zehn Jahre — konnten +in jeder Sekunde ihre Versorgerin verlieren; +und der Mann, der dort saß und bald nickte, bald sich +über die Knie strich, bald die Ellbogen darauf legte +und die Hände faltete — und von der Frau hinüberstierte +zum Arzt — auch der verlor seine Versorgerin.</p> + +<p>Sowie der Puls nachließ, eine neue Dosis; und immer +wurde er wieder kräftiger; es schien also wirklich richtig, +was er tat. Aber die Krise wollte nicht eintreten; es +war Mitternacht vorüber, der neunte Tag war — demnach, +was die Leute sagten — abgelaufen — und noch +immer derselbe aufreibende Kampf. Kallem stand auf,<a class="page" name="Page_201" id ="Page_201" title="201"></a> +zwischen Furcht und Hoffnung schwankend, nahm sein +Buch, hielt es gegen das Licht, legte es wieder weg, und +ging wieder ans Bett, um zu messen. Ja — jetzt war es +bald zu Ende mit den Kräften. Der Mann sah es ihm +an und kämpfte, um nicht laut aufzuweinen. Der Doktor +gebot ihm Schweigen. Wieder ein Versuch; und +bald darauf schlief sie ein. War es denn wirklich Schlaf? +Die andern sahen ihn an und er sie. Er ging auf ein +Weilchen vom Bett weg, um mit frischen Sinnen aufs +neue zu horchen. Sie schlief! Einen ruhigen, echten +Schlaf! Er wandte sich dem Manne zu, der es seinem +Gesicht ablas; und ein Widerschein vom Licht des +Lebens sprang von des Arztes Gesicht über auf seines. +Der Mann stand auf — wieder krampfte alles in ihm +sich zusammen — gleich würde es ausbrechen. "Gehen +Sie zu Bett!" flüsterte der Doktor. Der Mann warf +sich über eins der drei Betten, preßte das Gesicht in die +Kissen, — und jetzt brach es los.</p> + +<p>Flüsternd erteilte Kallem der Frau, die am Kochherd +saß und sich jetzt erhob, seine Anweisungen. Er versprach, +am Vormittag wiederzukommen. Sie half ihm +in seinen Mantel; leise öffnete er die Tür und zog sie +hinter sich zu. Aus dem trüben Wetter war starker +Schneefall geworden; nirgends Licht, in keinem Fenster, +nur das eine, das über dem neuentzündeten Lebensfunken +wachte. Kallem konnte es sich nicht versagen, +als er am Sattlerladen vorbeikam, anzuklopfen; aber die +da drinnen schliefen fest. Er klopfte noch einmal; denn +er wußte ganz sicher — die beiden hatten ihr Bett und +ihre kleine warme Stube den Kindern überlassen und +übernachteten selber im Laden. So war es auch! "Wer +ist da?" fragte Sören Pedersens fünische Stimme. +"Sagen Sie den Kindern, wenn sie aufwachen, daß ihre +Mutter wieder gesund wird." — "Das ist aber ein +Segen!" antwortete der Füne, und hinter ihm hörte +man Aases hochländisches: "Ach nee — ist's denn die +Möglichkeit?" — "Kommt morgen mit den Kindern +zum Mittagessen zu mir!" rief Kallem.</p> + + +<h3><a class="page" name="Page_202" id ="Page_202" title="202"></a>7</h3> + +<p>Die ganze Nacht und den ganzen Tag ein unglaublicher +Schneefall, und gegen Abend Sturm, der den +frischgefallenen Schnee zu großen Wehen zusammenfegte. +Der Sturm ging vorüber, doch der Schneefall +dauerte mit ungeschwächter Kraft fort. Alles vom Lande, +was auf den Ball wollte, mußte bis zur Stadt mit dem +Schneepflug fahren; in der Stadt selber ging er heut +schon zum zweitenmal. Zum Ball! Zum Ball! Der +erste große Weihnachtsball!</p> + +<p>Zum Ball! Zum Ball! In den größeren Städten, +wo der Tanz ein Geschäft ist, das die Jugend abwechselnd +in den verschiedenen Vereinen und Familien betreibt, +hat man keine Vorstellung davon, was in der +Kleinstadt alles von der Aussicht auf den ersten Weihnachtsball +aufgewirbelt wird, besonders auch unter der +ländlichen Jugend, die mit dicken Pelzen über dem +Ballstaat zur Stadt fährt. Aber wie der Schneepflug +gutmütig den überflüssigen Schnee beiseite fegt, so +fegt die bestehende Sitte, die natürliche Schüchternheit +mehr als die Hälfte von dem weg, was man sich zusammenphantasiert +hat. Und was zusammenkommt, ist eine +sittsame, ehrbare Gesellschaft, die sich anfangs gegenseitig +kaum zu kennen scheint.</p> + +<p>Kallem lag auf dem Sofa. Er war in bester Stimmung. +Die prächtige Sissel Aune erholte sich; der Mann war +heute ganz berauscht von Lebenslust und Branntwein, +den die Nachbarn ihm eingegossen hatten. Die Kinder +waren zum Mittagessen dagewesen, obgleich das Mädchen +keineswegs davon erbaut war; in solchen Sachen +war sie genau wie Ragni; die beiden waren sich überhaupt +ähnlich.</p> + +<p>Die Kinder von Sissel Aune waren nicht ganz so verlegen +gewesen, wie die von Maurer Andersen, die auch +dabei waren. Kallem hatte ihnen schlecht Klavier vorgespielt +und war ihnen prachtvoll auf den Händen vorgelaufen, +und der Sattler hatte unaufhörlich von Maurer<a class="page" name="Page_203" id ="Page_203" title="203"></a> +Andersens Tod geredet: Maurer Andersen sei an der +Wahrheit gestorben. "Und es gibt gerade genug, die +von der Lüge leben, daß es wirklich einmal nottut, +daß einer an der Wahrheit stirbt" — und ähnliches +Gewäsch, das Aase höchst bedeutend fand.</p> + +<p>Ein langer, strahlend vergnügter Brief von Ragni lag +auf Kallems Bauch. Er hatte ihn schon zum zweitenmal +gelesen. Karl hatte einen Bericht über ihr Befinden +seit des Doktors Abreise beigelegt; ganz witzig — namentlich +eine Beschreibung ihrer ersten Skitour (die +auch ihre letzte war). Er hatte ihre tiefinnerlichste +Feigheit gut gezeichnet.</p> + +<p>Und jetzt mußte er also auf einen Ball, an dessen +Spitze eine Pastorsfrau stand. Sie und ihre fesche Freundin, +Frau Lilli Bing! Ob Josefine das wohl gegen den +Willen ihres Mannes tat? Es war übrigens ein öffentliches +Geheimnis; Lilli Bing hatte es ihm verraten. +Die Pastorin war die gefeiertste Tänzerin der Stadt. +Die Herren wetteiferten miteinander, nur um im Kotillon +einmal mit ihr herumtanzen zu dürfen. Er sah sie +vor sich — hochgewachsen, mit bloßem Hals, dunkeläugig, +glühend vom Tanz. Ja, er wollte mit ihr tanzen! +Er sehnte sich nach ihr — er verhehlte es sich nicht. +Ragnis Brief legte er beiseite, ebenso den von Karl und +das Buch, in dem er gelesen hatte; dann stand er auf, +schraubte die Lampe nieder, sagte dem Mädchen Bescheid +und ging hinauf, um sich umzukleiden!</p> + +<p>Merkwürdig, wie das schneite! Nicht in Flocken, +sondern in großen Fetzen, die einander jagten. Wäre +es nicht windstill gewesen, man hätte überhaupt nicht +den Weg gefunden. Die Laternen verdrossen; kaum +daß ihr Schein über den Lichtkern hinausreichte; ringsum +kein Laut. Der Regen hat Klang und Landschaft; +der Schnee verdeckt alles; nie ist der Mensch so einsam, +wie im Schnee. Nicht einmal einen Zaun hatte Kallem +zur Begleitung; kein Stein am Weg, der ihn begrüßt +hätte; kein Baum im Garten beugte sich vor ihm; er +sah sie überhaupt nicht mehr; sie waren weg — ein<a class="page" name="Page_204" id ="Page_204" title="204"></a>gehüllt +— fort. Die Kirche stand noch da; aber umgewandelt +in einen weißen Steinhaufen, mit einem weißen +Stab darüber. Er und die Kirche — die Kirche und er; +und sonst nichts! Die Häuser unten in der Straße +wichen zurück; sie spielten Versteckens — mit ausgestreckten +Pranken; die Pranken waren einmal Treppen +gewesen. Und unten am Strandweg lagen ein paar umgestürzte +Boote; sie sahen aus wie weiße Elefanten, die +schliefen. Die Bucht ein Schneemeer; sonderbar — die +Insel hatte sich losgerissen und war davongeschwommen; +man sah sie nirgends mehr. Nach dem Kalender +war Vollmond; und es war nicht ganz finster; obgleich +auch der Mond weggeschneit war aus dieser verwunschenen +Welt.</p> + +<p>Kallem stapfte vorwärts wie ein umgestülpter Zuckerhut. +Er und der Schnee, der fiel — das war das einzige, +was sich regte. Nicht einmal aus dem Häuschen glommen +Feueraugen, obgleich es kaum zehn Uhr war. Erloschen +und zugeschlossen und zugeschneit. Nur die verdrossenen +Lichtkerne in den Laternen bezeugten, daß hier +zu Zeiten eine lebendige Stadt war.</p> + +<p>Jetzt hörte er eine Klarinette dudeln und einen Baß +rumpeln — Fuchs und Eisbär, die irgendwo miteinander +hopsten. Es trippelte und es humpelte, die Schneeflocken +rieselten herab, und die Häuser standen und +faulenzten.</p> + +<p>Endlich war er so weit gekommen, daß er inmitten +eines qualmigen Feuernebels ein großes Haus erblickte; +da drin war's — da dudelte es und stampfte. Und er +steuerte drauf los.</p> + +<p>War er fehlgegangen? Er platzte in eine Art Kneipe +oder etwas ähnliches — mitten in Tabaksqualm, Punschdampf +und Speisendunst hinein. Dort sah er ein paar +dicke Herren wie Schweine in ihrem Fett hocken. Sie +waren nicht im Ballanzug; wohl aber die andern, die +eben hereinkamen. Und als er sich endlich zur richtigen +Treppe durchgefunden hatte, begegneten ihm noch +mehrere Herren im Frack, die an ihm vorbeistürmten,<a class="page" name="Page_205" id ="Page_205" title="205"></a> +dem Tabak und dem Punsch zu. Kallem haßte und +verachtete Tabak und Punsch und Wirtshausleben, und +vor allem die Herren, die nicht tanzen konnten, ohne +sich zu "stärken".</p> + +<p>Man sollte nie zu spät auf einen Ball kommen. Er +sah auf die Uhr — es war elf und nicht erst zehn, wie er +geglaubt hatte — entweder war er zu spät nach Hause +gekommen, oder er hatte zu lange gelesen. Ein paar +glühende, schwitzende junge Leute, die eben aus dem +Qualm auftauchten — jedesmal, wenn die Tür aufging, +drang ein qualmiger Nebel heraus — begrüßten ihn +und bestätigten dadurch sein Kommen; so ging er denn +mechanisch weiter und zog seinen Überzieher aus. Im +Flur noch weitere solcher überhitzten, schwitzenden +Menschen. Der eine schien nur hinunterzulaufen, weil +der andere lief; nichtssagende Worte — unstete Augen — ihr +Lachen wie hohle Trommelwirbel. Auch Damen +kamen, immer drei oder vier zusammen, wie aufgeblühte +Rosen sahen sie aus; sie lachten — über nichts, schwatzten — von +nichts, stets auf dem Sprung, daß man sie +wieder in Musik und Geplapper hineinführen sollte. +Die Musik schrill, die Gasflammen in einem Flor von +Qualm, die Kronleuchter in gelbrotem Dunst.</p> + +<p>Ein überfüllter Ballsaal; man hatte Mühe, sich durch +die vielen Kavaliere hindurchzuwinden, die müßig, in +Klumpen zusammengedrängt, an der Tür herumstanden. +Eine Mischung von fein und grob — eine echt norwegische +Mischung.</p> + +<p>Es wurde gerade der Walzer im Kotillon getanzt. +Kallems Brillengläser waren jetzt wieder trocken, und +bei seiner Länge sah er bald, daß seine Schwester nicht +unter den Tanzenden, augenscheinlich überhaupt nicht +im Saal war. Doch er vergaß sie; denn der Anblick hier +war in gewisser Art neu für ihn; er kannte von Norwegen +nur die Westküste und Kristiania. Ein Ball in einer +kleinen norwegischen Binnenstadt ist etwas ganz Eigenartiges. +Damen und Herren, die einem eleganten Pariser +Ball Ehre machen würden, gleiten leicht dahin zwischen<a class="page" name="Page_206" id ="Page_206" title="206"></a> +jungen Menschen, die einen schweren Alltagsschritt, die +niemals die Kunst des Tanzes erlernt haben, sondern ehrlich +und unverdrossen wie Taglöhner, den Takt treten. +Herren im Gehrock, Herren im Frack, Damen in ausgeschnittener +Balltoilette, Damen in biederen, dunkeln, +hohen Kleidern, manche älter, manche blutjung, und +jeder auf seine Weise und für sich vergnügt.</p> + +<p>Von dem Augenblick an, als Kallem das Pech hatte, +in die Restauration zu geraten oder vielmehr nur in +ihre Nähe — mit ihrem Punschgeruch und Tabaksqualm, +die er haßte, war er übellaunig und verdrossen +gewesen. Aber hier im Ballsaal, angesichts so viel genußfroher +Selbstverständlichkeit verzog sich das. Da +walzten zwei vorüber — er im Frack, sie im dunkeln +Wollkleid, wie mit einem Schloß zugeschlossen; sie +hielten sich so treulich umschlungen, machten keine +Pause, drehten sich nur unablässig, ernsthaft und bedächtig. +Dort streifte ein langer, blonder Bursch in +kurzer Jacke, wahrscheinlich ein junger Seemann, der +zu Weihnachten nach Hause gekommen war, an ihnen +vorbei; er tanzte mit einer Frau von mindestens vierzig +Jahren, — zweifellos seine eigene Mutter; wenn die nicht +so aussah, als könne sie noch eine tüchtige Marssegelkühlte +bestehen! Dort ein bekannter Eisenbahnbeamter, +das Gesicht in die Höhe gewandt, ein dünnes Kerlchen +im schwarzen Frack, das unter fortwährenden Körperverrenkungen +herumhüpfte; trat er auf den rechten Fuß, +so neigte er sich nach rechts — trat er auf den linken +Fuß, beugte er sich nach links — immer ganz gewissenhaft +im Takt, und dabei so vergnügt, so lokomotivenpfeifenvergnügt! +Seine Tänzerin lachte nur immerzu, +aber gar nicht etwa verlegen, im Gegenteil — sie amüsierte +sich! Und sie tanzten und tanzten, und wenn sie +sich eben erst gesetzt hatten, standen sie auch schon +wieder auf. Da fegte ein junger Kaufmann vorüber, +und dicht hinterdrein ein junger Offizier, beide tadellos, +mit frischen, jungen ballmäßig gekleideten Tänzerinnen; +darnach ein ganz verrückter Kerl mit einer hohen Haar<a class="page" name="Page_207" id ="Page_207" title="207"></a>tolle +und einem großen, schwarzen Frauenzimmer. Sie +rasten durch die Mitte des langen Ballsaals hin und +zurück, daß alles erschrak und auswich wie vor Pferden. +Da wirbelte ein Turm vorbei — ein dicker, hoher, +runder Turm, mit einer kleinen, schmächtigen Dame, +die an ihm lehnte wie eine Leiter. Nach oben zu rührte +sich der Turm überhaupt nicht; er drehte sich nur; +hätte man ihm einen Teller Suppe auf den Kopf gesetzt, +es wäre auch kein Tropfen übergeschwappt. Da kamen +zwei, die die Hände von sich streckten wie Segel, zwei +große Menschen, die Platz für drei normale Paare wegnahmen. +Aber es schien althergebrachtes Ballgesetz zu +sein, daß jeder Recht hatte auf soviel Platz, wie ihm +paßte, auf soviel Gerase und Getolle, wie ihm beliebte, +überhaupt das Recht, ganz nach seiner eigenen Fasson +selig zu sein! Hier tanzte jeder einfach für sich, und +keiner, um zu tanzen, sondern alle, um sich zu amüsieren.</p> + +<p>Aber — Donnerwetter — da kamen zwei, die konnten +tanzen! Sie kamen aus einem Nebenzimmer — ein +flotter, bartloser Kavallerieleutnant und eine hohe, ... +Josefine! Sie war in roter Seide, mit Schwarz; der feste +Hals, die gedrechselten Arme in ihrer warmen Farbe — das +üppige Haar, in den gewohnten Knoten gebunden — die +wilden Augen — ja, wild waren sie! — und die +Figur! Ja, sie war die Ballkönigin! Wie sie tanzte! +Jetzt sah man erst die ganze Kraft und Geschmeidigkeit +ihres Körpers! Und jetzt blitzte das irische Blut auf! +Das war sie! Der Bruder drängte sich weiter vor; es +war, als versage ihm der Atem. Ihm war, als ob alles +nur auf diese beiden starrte, die sich bald rechts-, bald +linksherumschwenkten, bald auf einem Fleck wirbelnd, +bald den ganzen Saal umkreisend. Kein neues Paar +kam hinzu; alle schauten und schauten, und nach und +nach hielten die meisten der Tänzer inne; sie wollten +zusehen. Der Kavallerist hatte nur den einen Fehler, +daß er nicht größer war als seine Dame; aber er war ein +kraftvoller, männlicher Kerl, der vorzüglich führte. Der +Tanz war diesen beiden kerngesunden Menschen Leiden<a class="page" name="Page_208" id ="Page_208" title="208"></a>schaft +und Rausch; das sah man. Und wie ein Rausch +wirkte es auch. Kallem konnte nicht widerstehen; auch +er mußte tanzen — und zwar mit ihr — und auf der +Stelle! Als sie das nächstemal in einem glänzenden +Bogen vorbeikamen, sah er sie an — sah sie so an, daß +er wußte, sie <em class="gesperrt">mußte</em> dahin blicken, wo er stand. Und +so war es auch. Als ob jemand sie umfaßt und zum +Stehen gebracht hätte, stand sie still. "Vielen Dank!" +sagte sie zu ihrem Herrn. Und schon war auch der Bruder +an ihrer Seite; ebenso schnell aber auch ihre Freundin +Lilli Bing. "Komm, setz' Dich zu mir!" sagte sie, und +gleich darauf, zu Kallem gewandt: "Wie nett von +Ihnen, daß Sie gekommen sind!" — "Ich habe zu +danken — für die Einladung!" erwiderte er sich an beide +wendend. "Aber ich hab' eine solche Lust, mit Dir zu +tanzen, Josefine —" er zog seine Handschuhe an — "Sie +gestatten?" Und er verbeugte sich vor dem Leutnant, +der sich höflich wieder verbeugte. "Hast Du auch +Lust?" wandte er sich zu Josefine. Sie war vom raschen +Tanzen außer Atem; aber ihre dunkeln Augen strahlten. +"Ja!" antwortete sie leise. Der Saal hatte sich inzwischen +wieder mit Tänzern gefüllt; deshalb warteten sie ein +Weilchen. Aber als das Gedränge nicht abnehmen +wollte, umfaßte er sie, um zu beginnen. "Es geht +nicht!" flüsterte sie. "Doch es geht!" sagte er und +schwenkte sie an den andern vorüber, ohne anzustoßen, +ohne sich aufhalten zu lassen; wurde es gefährlich, so +trug er sie mehr, als daß er sie führte. Aber bald merkte +er, wie unnötig das war; sie bog sich und schmiegte sich +in seinem Arm dem leisesten Druck. Sie waren sich +nicht so gleich, daß es "klebrig" wirkte, und doch auch +nicht so ungleich, daß es abstieß; sie wurden sich gegenseitig +interessant und genossen diesen Augenblick der Versöhnung +vor neuem Kampf. Ab und zu sahen sie einander an, +immer gleichzeitig — er sehr rot, sie sehr bleich.</p> + +<p>Jetzt strahlten die Lampen hell, die Musik war heiter, +die Menschen fröhlich und natürlich, der Ballsaal +prächtig! Sie hatten nicht miteinander getanzt, seit er Ball<a class="page" name="Page_209" id ="Page_209" title="209"></a>löwe +und sie ein unausstehlicher Backfisch war, mit dem +er aus Gnade ein paarmal herumwalzte. Aber in Haltung, +Rhythmus, in ihrer ganzen Art zu tanzen waren sie wie +aufeinander eingespielt; sie tanzten so leicht — sie waren +glücklich. Während sie sich umfangen hielten, konnten +sich ihre Gedanken nicht voneinander lösen; sie hatten +sich ineinander verschlungen. Sie gehörten zueinander +in starkem Naturzusammenhang, nun sie bis auf den +Urgrund der Natur gedrungen waren. Und weil das, +was sie gemeinsam erlebt hatten, eigentlich in ihrer +Kindheit lag, in einem fernen Land, so flüchteten sie +beide dorthin. In die brennendheiße Luft, Seite an +Seite auf ihren kleinen Ponys, zwischen ihnen der wunderliche +Vater; er war so schön zu Pferde!</p> + +<p>Der Bruder, der die Schwester überragte, blickte +hinab auf ihre breite Kopfform; daran erkannte er den +Vater wieder. Sie dachte ebenfalls an den Vater, während +sie in sein scharfgeschnittenes Gesicht emporblickte; +und trotzdem ähnelte er der Mutter, mehr als sie. Sie +erkannte im Bruder das Gütige und Kluge der Mutter, +wenn auch die Gewitterzüge des Vaters dazwischen +kreuzten. Sie hätte sich an ihn schmiegen mögen wie +an ihre Mutter, in dem Gefühl tiefster Geborgenheit — wie +an jenem letzten Abend in ihrer Fjordstadt. Und +eine größere Sehnsucht kannte sie nicht auf Erden.</p> + +<p>Da hörte die Musik auf.</p> + +<p>Arm in Arm gingen sie zu dem Platz zurück, den Lilli +ihr angeboten hatte — voll Wärme und Dankbarkeit. +Sie trafen dort Lilli und den Kavallerieleutnant — sie +in ihrer Üppigkeit ganz außer Rand und Band, er, wie +immer, korrekt und ehrerbietig.</p> + +<p>Bald darauf war Kallem in Überzieher und Seehundsstiefeln, +die Hände tief in die weiten Taschen vergraben, +wieder draußen im Schneegestöber.</p> + +<p>Entweder hätten die beiden Geschwister jetzt allein +sein müssen, oder er mußte gehen. Es hatte ihn zu +gewaltig gepackt. Er hatte sie unendlich lieb, und +sie ihn vielleicht noch mehr. In solchen Augenblicken<a class="page" name="Page_210" id ="Page_210" title="210"></a> +— wenn ihr Wesen sich ganz mit dem seinen verschmolz, +da formte es sich so, wie es wollte und konnte; für gewöhnlich +hielt etwas sie gebunden; das Christentum +war es kaum — was aber war es? Sie tat alles, was sie +wollte, bis zur Rücksichtslosigkeit; und dennoch war sie +gebundener als die meisten.</p> + +<p>Es schneite und schneite; die Luft war mondhell, +trotzdem man den Mond nicht sah. Und vor sich in +der Luft sah er seine Schwester, barhaupt, mit nackten +Armen, mit Glutaugen, und in der Ferne Musik!</p> + +<p>Als er aber in sein weißes Schlafzimmer trat, in dem +das aufmerksame Mädchen eingeheizt hatte, da sah er +die droben im Walddorf tanzen — Ragni, getragen von +einem dicken Waldbesitzer, daß sie den Boden kaum mit +den äußersten Zehenspitzen berührte; — sie wirbelte +mit den kleinen Kindern im Kreis herum, sie hüpfte +mit dem "Birkhahn" oder einem schneidigen Jungen +aus der Hauptstadt davon; er sah ihre Glückseligkeit +nach jedem Tanz, er hörte ihr: "Nein, wie ich mich +amüsiere, Edvard!" — und damit schlief er ein.</p> + +<p>Und am andern Tag — er hatte eben sein einsames +Mittagessen beendet und war gewohnheitsmäßig in die +Wohnstube gegangen — denn da pflegte Ragni ihm +vorzuspielen — da öffnete sich die Tür und — er traute +seinen eigenen Augen kaum — ja, wirklich, in dieser +Pelzvermummung steckte Ragni! Er rief sie herbei, so, +wie sie war, weiß und rosig und mollig und zärtlich — und +hob sie in die Höhe.</p> + +<p>"Ach nein," sagte sie, als sie ein Weilchen nachher +friedlich beisammensaßen — "weißt Du, es war doch +immer wieder dasselbe, und dann — ich hatte Sehnsucht." — "Du +hast eine schiefe Nase!" — "Und Du — na, +warte nur — auf dem Ball bist Du gewesen!" — "Du +hast eine schiefe Nase!" — "Das sieht man fast +gar nicht. Du, aber weißt Du — Karl ist gar nicht +immer lieb. Das will ich Dir nur sagen!" — "Karl?" — "Gegen +mich, ja! Gegen mich ist er riesig nett — man +kann sich gar nicht vorstellen, wie nett. Aber gegen<a class="page" name="Page_211" id ="Page_211" title="211"></a> +meine Geschwister ist er ganz anders — heftig — furchtbar +heftig, und launisch, ein Starrkopf." — "O, das +kann ich mir ganz gut denken." — "Und weißt auch +Du, warum ich abgereist bin? Wir wollen einmal allein +sein. Nicht? Wir haben ihn ja immer um uns." — +"Du lieber Gott — hast Du <em class="gesperrt">den</em> nun <em class="gesperrt">auch</em> schon wieder +satt?" — "Das hab' ich doch gar nicht gesagt; aber so +immer um einen — — — das wird —" — "Langweilig?"<br /> +<span style="margin-left: 0.5em;">— "Na ja, meinetwegen langweilig; aber es</span><br /> +ist so. Ich bin gräßlich, ich weiß! Du, und um noch +was möcht' ich Dich bitten; aber sei gut und sag' nicht +gleich Ästhetiker!" — "Nun, und —?" — "Sag' +Kristen Larssen nicht, daß ich wieder da bin! Bitte, +bitte nicht! Wir wollen einmal ganz ungestört sein, +ja?" — "Aber ich hab' eben jetzt ein paar Kinder, +die — —" — "Nein, nein! Auch keine Kinder! Ach +nein!" Und sie fing zu weinen an.</p> + +<p>"Aber liebste, süßeste Ragni —!" — "Ach Gott, +ich weiß ja, es ist schrecklich egoistisch; aber ich <em class="gesperrt">kann</em> +ganz einfach nicht! Ich bin für so was nicht geschaffen!"</p> + +<p>Eine Weile später sang der Flügel in seinen vollsten +Akkorden die Jubelhymne ihrer Heimkehr! Die Geister +der Schönheit nahmen Besitz vom Haus. Sie flogen aufs +Dach, zu den Fenstern und Türen hinaus, ins Schlafzimmer +hinauf, in die Küche, ins Studierzimmer hinüber. +Sie sangen, sangen, sangen, daß die Tuberkelbazillen, +die der Doktor eben untersuchte, geradenwegs lostanzten +auf das, was sie vernichten sollte; sie sangen die Küchentür +auf, daß der ganze Aufwaschtisch tanzte und der +Kaffeekessel überkochte; und das neue Kleid, das Sigrid +zu Weihnachten von Frau Doktor bekommen hatte, +fix und fertig, mit Sammetbesatz und Jakett, mit +Schnüren und Quasten besetzt, hoch oben auf dem +Dachboden, zu alleroberst im ganzen Haus, auf Ballgedanken +verfiel.</p> + + +<h3><a class="page" name="Page_212" id ="Page_212" title="212"></a>8</h3> + +<p>Tags darauf kam Kallem von Sissel Aune, der Waschfrau. +Er hatte sich über den Mann geärgert, der in +übermäßiger Freude seine Geige hatte herrichten lassen +und jetzt bei allen möglichen Gelagen aufspielte und +sich volltrank. Er wollte mit ihm denselben Versuch +machen wie mit Sören Pedersen und Aase, und ging +deshalb zu ihnen, um mit ihrer Hilfe dem lyrischen +Aune beizukommen. Aber er fand die "Gattin Aase" +allein im Laden, wo sie eben einem von Sissels Kindern +auf einen Sattel half; vier hatte sie bei sich im Laden, +das fünfte lag daneben in der Stube. Sören Pedersen +sei nicht zu Hause, er sei bei Kristen Larssen, der krank +sei. Kristen Larssen? — Ja, er habe fürchterliches Erbrechen +gehabt, zuletzt das reine Blut; aber dem Doktor +wolle er nichts sagen. Kallem wollte sofort zu ihm, aber +erst wollte er noch einen kleinen Beitrag zum Unterhalt +der Kinder geben; das wurde jedoch nicht angenommen. +Aase hatte heute zwei Sättel und eine Sprungfedermatratze +verkauft; eine Nichte von ihr arbeitete jetzt +mit in der Werkstatt; eine Frau, die ebenfalls Aase hieß; +um die zwei voneinander zu unterscheiden, nannte +Sören die Nichte: "Aases Aase".</p> + +<p>Kallem fand Kristen Larssen im Bett. In seinen langbehaarten +Fingern hielt er eine Arbeit; Sören Pedersen +las ihm vor. In der Ecke zwischen Fenster und Tisch, +ganz eingeklemmt in einen Winkel, saß die Frau und +strickte; das Kopftuch hatte sie so tief hereingezogen, +daß das Gesicht ganz im Schatten lag. Eine entsetzlich +schlechte Luft war in der Stube. Als Kallem den Kranken +sah, erschrak er; noch schmutzig-grauer, noch hagerer +als sonst sah er aus. "Haben Sie etwas Fettes gegessen +in den Weihnachtstagen?" — "Hm ... Sülze haben +wir gehabt." — "Haben Sie schon früher solche Anfälle +gehabt?" — "O ja ... ab und zu." — "Aber nicht so +schlimm, wie diesmal!" sagte sie, und strickte. — "Haben +Sie Schmerzen jetzt?" — "Jetzt nicht. Aber<a class="page" name="Page_213" id ="Page_213" title="213"></a> +manchmal ..." — "Unter der Brust und im Magen?" — +"Ja." — "Und die Schmerzen kommen häufig wieder?" +— "O ja." — "Mit jedem Tag öfter!" sagte die Stimme +aus der Ecke. Kallem begann sofort mit der Untersuchung +und fand in der Magengrube eine Geschwulst +von der Größe einer Wallnuß. Kristen Larssen wußte +schon lange davon. — "Ist sie gewachsen?" — "O ja." — +"Jeden Tag mehr!" sagte die Stimme in der Ecke. +Kallem ward es heiß und heißer. Weshalb hatte er sich +bei Larssens abweisender Art beruhigt? Die Augen der +Frau folgten ihm — ihre Stricknadeln gingen immer +langsamer — es war, als erstarre sie nach und nach; +der Doktor versuchte, seine ruhige Miene zu bewahren; +aber sie ließ sich nicht täuschen — er merkte es. Und +Kristen Larssens kalte Augen folgten ihm — forschend. +Kallem hieß sie die Herdklappe öffnen und sie offen +lassen — Tag und Nacht — wieviel Holz es auch kostete. +Sören Pedersen stand auf, voller Eifer, und öffnete das +Ventil. Kristen Larssen und seine Frau verfolgten sein +Tun mit mißbilligenden Blicken; <em class="gesperrt">sein</em> Holz war es +freilich nicht! Um Zeit und Ruhe zu gewinnen, blätterte +Kallem in den Büchern, die herumlagen. Es waren seine +eigenen englischen, und ein Buch über Mechanik. Dann +sah er das Schiffchen an, das der Kranke zwischen den +Fingern hielt. "Was ist denn das?" Und Sören Pedersen +erklärte, es sei eine Verbesserung der von Kristen Larssen +erfundenen Strickmaschine. Und während er das erklärte, +handhabten Larssens Finger die Räder und +Nadeln so zart, so behende, daß seine ganze Gedankenkraft, +seine ganze Liebe zur Sache dabei deutlich zum +Vorschein kam.</p> + +<p>Die ganze Stube, die Arbeitsbank, der Fußboden, +der Tisch — alles lag wieder voll von Sachen, die neu +hergerichtet werden sollten — Gewehre, Uhren, Nähmaschinen, +Kaffeemühlen, Schlösser, zerbrochene Werkzeuge. +Kallems Revolver lag neben dem Kasten, und +Kallem hörte, das sei das einzige, was Larssen über +die Weihnachtszeit fertiggemacht habe. Während Sören<a class="page" name="Page_214" id ="Page_214" title="214"></a> +Pedersens Wortschwall hatte Kallem überlegen können; +jetzt wußte er, wie er's anzugreifen hatte. Er sprach +von Diät und schmerzstillenden Mitteln und forderte +dann Sören Pedersen auf, mitzukommen.</p> + +<p>Sowie sie auf der Straße waren, sagte ihm Kallem, +daß es mit Kristen Larssen zu Ende gehe. Es sei ohne +Zweifel ein weitvorgeschrittener Magenkrebs.</p> + +<p>Die selbstzufriedene Pfiffigkeit in Sören Pedersens +runder, glänzender Fratze stahl sich plötzlich auf allerhand +Schleichwegen fort; das Gesicht blieb ganz leer — mit +offenen Türen und Fenstern — zurück.</p> + +<p>"Ich werde Ihnen bald Bestimmtes sagen; und dann +müssen Sie, der ihn besser kennt als ich, es ihm sagen." +Aune, über die er eigentlich hatte sprechen wollen, +vergaß Kallem ganz und gar.</p> + +<p>Innerhalb weniger Tage wußte die ganze Stadt, daß +der Tausendkünstler Kristen Larssen an Magenkrebs +hoffnungslos darniederlag; sogar ins Blatt kam es. Er +wurde darin als "ein in der ganzen Umgegend wohlbekannter +Mechaniker und Erfinder" erwähnt. Kein Haus, +in das Kallem kam, kein Bekannter, den er auf der +Straße traf, ohne daß man sich nach Kristen Larssen +erkundigt hätte. Das nächste Mal, als er den Kranken +besuchte, — nachdem Sören Pedersen sich seiner Mission +entledigt hatte — wurde die Sache mit keinem Wort erwähnt. +Larssen lag da, wie immer, zwischen den Fingern +seine Erfindung — ein bißchen matt, nach einem fürchterlichen +Anfall von Schmerzen. Der Bart war gewachsen; +er sah abschreckend häßlich aus. Die Frau +strickte; nur daß sie ein bißchen näher am Bett saß. Die +englischen Bücher lagen nicht mehr da; und das war das +einzige äußere Zeichen, daß die Zukunft aufgegeben war.</p> + +<p>Kallem ging von da zu Sören Pedersen, der ihm erzählte, +der frühere Hausmeister des Krankenhauses sei +bei Larssen gewesen und habe versucht, ihn zu bekehren; +damit er doch nicht geradenwegs in die Hölle +käme. Larssen hatte bloß geantwortet, man möge ihn +doch nicht aufhalten; er habe eben eine Arbeit vor, die<a class="page" name="Page_215" id ="Page_215" title="215"></a> +beinahe fertig sei. Dann war der Pastor gekommen; +der ging taktvoller und behutsamer zu Werke; aber +vielleicht gerade darum hatte Larssen diesmal die Geduld +verloren; seine aufgespeicherte Bitterkeit machte sich +in flammenden Worten Luft, und die Frau mit dem +vorgezogenen Kopftuch und den ewigen Stricknadeln +hatte sich dicht neben die Tür gestellt. Der Pastor hatte +verstanden — und entfernte sich geduldig; seit der Geschichte +mit Maurer Andersen war er nicht mehr der +Alte. In der Gemeinde freilich erregte das verschiedentlich +Ärgernis.</p> + +<p>Nach einer Sitzung im Jünglingsverein versammelte +sich der Jünglingschor vor Kristen Larssens Haus und +stimmte gedämpft einen Choral an. Andere kamen +dazu, in aller Stille. Es traf sich, daß der Kranke eben +einen Anfall hatte. Er sagte, es sei, als ob Tausende von +Stecknadeln ihn unablässig stächen — und bei seinen +Leiden reizte der Gesang ihn so, daß Kallem einschreiten +und alle derartigen Demonstrationen untersagen mußte. +Zwei Laienprediger, der ehemalige Hausmeister und +noch einer suchten den Doktor im Krankenhaus auf und +erklärten, wie alles bloß in bester Absicht geschehen sei, +und wie man doch unmöglich einem Sterbenden Gottes +Wort vorenthalten dürfe. Kallem wurde heftig und antwortete +grob.</p> + +<p>Als er abends zur gewöhnlichen Zeit bei Kristen +Larssen war, glaubte er ganz bestimmt, durch das +Fenster ein Gesicht hereinschauen zu sehen. Der Kranke +fragte eben, wie lange er überhaupt noch zu leben habe, +und ob die Schmerzen immer zunehmen würden. Und +Kallem kümmerte sich darum weiter nicht um die Sache +draußen; er bat nur, man möchte die Fenster verhängen. +Er erwog, ob er Larssen die reine Wahrheit sagen könne, +und kam zum Schluß: ja, es ist das beste. Also erklärte +er ihm, es könne noch zwei bis drei Monate dauern — +die Schmerzen würden sich immer häufiger einstellen — +wenn auch nicht alle Tage gleich oft und gleich heftig. +Die Frau hörte es mit an.</p> + +<p><a class="page" name="Page_216" id ="Page_216" title="216"></a>Niemand war am Fenster, als Kallem herauskam; aber +auf der Straße — in einiger Entfernung — ging eine +Dame, langsam, als warte sie auf jemand. Als sie ihn +erblickte, kam sie sogleich auf ihn zu. Es war seine +Schwester. "Hast Du vorhin bei Kristen Larssen zum +Fenster hereingesehen?" — "Ich —," und er sah, wie +ihr Gesicht rot wurde unter der Kapuze — "ich bin +nicht der Mensch, der andern in die Fenster sieht!" — +"Entschuldige! Aber ich hab' wirklich jemand vor dem +Fenster gesehen. Und Du weißt, wer es war?" — "Ja. +Aber ich bin gekommen, um mit Dir zu sprechen, +Edvard. Ich weiß, wann Du gewöhnlich hier bist." — "Was +soll ich?" Und nun erst bemerkte er, daß sie in +voller Aufregung war.</p> + +<p>"Ist es wahr, daß Du gesagt hast, Du nähmest die +Verantwortung auf Dich, wenn Larssen in die Hölle +komme?" — "Ich glaube überhaupt an keine Hölle!" — "Und +das hast Du ausgesprochen?" — "Ich weiß nicht. +Ich glaube nicht." — "Es gibt nämlich Menschen, die +sind anderer Ansicht als Du, und die sind empört über +derartige Aussprüche. Durch dergleichen verlierst Du +alles, was Du Dir hier erarbeitet hast; das kann ich Dir +nur sagen." — Kallem kannte sie so ganz wieder in diesen +Worten. "Ja, natürlich ist es dumm, so etwas auszusprechen. +Aber ist es nicht ebenso verrückt, einen Mann +wie Kristen Larssen so zu plagen! Solang er noch bei +Verstand ist, bestimmt niemand ihn, an eine Hölle zu +glauben. Also sollen sie ihn doch in Ruhe lassen!" — +"<em class="gesperrt">Das</em> verlangen sie doch auch gar nicht von ihm!" — +"So? Und was denn?" — "Das weißt Du so gut wie +ich, Edvard. Und ich bitte Dich um Deiner selbst +willen — verhöhne nicht ernste und wohlmeinende +Menschen!" — "Ich habe nicht höhnen wollen. Ich +sage bloß — sie können sich und ihm die Mühe sparen." — "Ist +er denn so kalt?" — "Kalt oder warm — das +kommt lediglich auf die Veranlassung an, und darauf, +wie ein Mensch sein Leben gelebt hat!" — "Aber der +Mensch kann sich eine Seelenkälte anleben; und ganz<a class="page" name="Page_217" id ="Page_217" title="217"></a> +gewiß — so ist es bei ihm gewesen!" — "Vielleicht. +Aber ich kenne jemand, der recht warm ist, und der +doch genau so denkt wie Kristen Larssen. Also das ist +es nicht!" — "Ja, was ist es dann?" — "Tausenderlei. +Die, die ich meine, denkt fast immer in Bildern, und +seitdem sie einmal ein uraltes Bild der Dreieinigkeit +gesehen hat — ein mächtiger Körper mit drei Köpfen +darauf — und hörte, daß der Kopf in der Mitte der Sohn +der beiden an der Seite — Vater und Mutter — sei +(Du weißt doch, der heilige Geist war im Anfang weiblichen +Geschlechts —) konnte sie nicht mehr an die +Dreieinigkeit glauben. Sie lachte darüber. Und wie +gesagt — sie ist recht warm!" — "Pfui!" stieß Josefine +in tiefstem Zorn heraus; "warm mag sie ja sein; aber +jedenfalls ist sie <em class="gesperrt">unrein</em>!" — Kallem fühlte im Herzen +einen Stich; das ging auf Ragni! Die Schwester war +böse und sah böse aus, wie in ihren Backfischtagen! Und +sofort wurde er auch wieder der Junge von damals: +klatsch! Da hatte sie eine Ohrfeige! Sie traf nur die +Kapuze; aber sie kam von Herzen.</p> + +<p>Mit blitzenden Augen sprang sie auf ihn los, wie in +den Tagen, als sie sich noch prügelten. "Ich glaube +beinah, Du", — zischte sie! Und sprühte vor Hohn und +Wut. — — Und wandte sich voll Verachtung ab — und +ging.</p> + +<p>Ob jemand sie beide gesehen hatte? Sie waren allein +auf der Straße. Aber er empfand eine unbestimmte +Angst. Vielleicht mußte Ragni es entgelten!</p> + +<p>Das Wort "unrein" in Josefines Mund — meinte +Kallem — sei auf die Vergangenheit gemünzt. Und +darum war er empört. Wieviel größer wäre erst seine +Empörung gewesen, wenn er gewußt hätte, daß es +eigentlich auf die Gegenwart ging? Daß Pastors sich +nach ihrer Heimkehr zurückhielten, hatte auch darin +seinen Grund, daß der Gotteslästerer Larssen Liebkind +war in Kallems Haus, daß Ragni Englisch mit ihm trieb, +daß Kallem wie ein Kamerad mit ihm verkehrte. Kristen +Larssen war für den größten Teil der Gemeinde eine<a class="page" name="Page_218" id ="Page_218" title="218"></a> +Art Teufel, und wenn diese Ankömmlinge, Mann und +Frau, Gemeinschaft hielten mit ihm (wie früher mit +Sören Pedersen und seiner Frau) — so war das eine Herausforderung. +Kurz darauf war Karl Meek ins Haus +gekommen, und seitdem sah man Ragni nie anders als +in seiner Begleitung. Schließlich reisten sie sogar zusammen +in das Walddorf hinauf — so viel war gar nicht +einmal nötig, wo es sich um eine geschiedene Frau +handelte, die "freie" Ansichten hatte und schon einmal +beim Ehebruch ertappt worden war.</p> + +<p>Josefine war in der aufrichtigen Absicht gekommen, +ihren Bruder zu warnen. Hätte sie in Ruhe sprechen +können, so hätte sie ihm das alles gesagt; sie war unerschrocken, +und sie hatte ihn lieb. Jetzt ging sie mit +dem Brandmal seiner Verachtung nach Hause zurück.</p> + +<p>Und nun brach ihre zurückgedrängte Leidenschaft sich +Bahn; zuerst in bitterem Haß auf die Leute, die Bruder +und Schwester auseinandergebracht hatte, allmählich aber +auf alles, was zwischen ihnen stand: Maurer Andersens +Tod — je tiefer er ihren Gatten bewegte, desto schärfer +trat der Gegensatz zwischen ihnen zutage, und das zur +ungünstigsten Zeit. Alles, dessen Tuft sich selbst anklagte, +waren ja Zugeständnisse, die er <em class="gesperrt">ihr</em> gemacht +hatte; und gerade jetzt wollte er damit aufräumen. +Schlimmer konnt' es sich gar nicht treffen.</p> + +<p>Im Haus nebenan wohnte eine vertrocknete Alte, des +Pastors Mutter; sie lebte in ständigem Protest gegen +das Vorderhaus. Nie setzte sie einen Fuß über die +Schwelle, wenn Besuch da war, auch sonst nur selten, +außer zu den Hausandachten und an kirchlichen Festtagen +zum Mittagessen. Das ganze Wesen der Schwiegertochter, +ihr Tanzen, ihre Toilette, ihre Freundinnen +waren ihr ein Ärgernis, — des Pastors ständiges Werben +um sie ein Frevel. Der kleine Junge wurde ihr Spion. +An einem Sommertag hatte Josefine auf der andern +Seite der offenen Tür gesessen und gehört, wie sie ihn +ausfragte, wer am Tag vorher dagewesen sei, was sie +gegessen hätten, ob sie Wein getrunken hätten und wie<a class="page" name="Page_219" id ="Page_219" title="219"></a>vielerlei +Sorten. "Großmutter hat gefragt, ob Mutter +heut schon wieder aus ist!" sagte er ein andermal. +"Und sie hat gefragt, was Vater zu Mutter sagt, wenn +Mutter nach Hause kommt, und ob Vater oben bei +uns geschlafen hat!"</p> + +<p>Josefine ertrug das mit Ruhe. Aber daß sie wußte — +hinter den christlichen Ermahnungen des Pastors steckte +die Schwiegermutter, — das machte sie nicht gerade +nachgiebiger. Sie gedachte ihr Leben zu führen, wie +es ihr paßte — mochte er dasselbe tun.</p> + +<p>Für ihn war es immer derselbe Kampf, von Jugend +an, von der Zeit, da er um ihretwillen den Missionsgedanken +aufgegeben hatte; und immer mit demselben +Ausgang: er unterlag seiner Verliebtheit. Nicht daß +sie ihn dazu verlockt hätte — im Gegenteil! Wenn sie +ihn bisweilen genug hatte — sie hatte immer rasch alles +genug — starke Strömungen gingen in ihr — dann +erschien sie ihm am schönsten, am begehrenswertesten, +wie die Frauen der alten Sagazeit. Dann vermochte er +nicht zu widerstehen.</p> + +<p>Aber die große Aufgabe, vor die Gott ihn am Krankenbett +seines Freundes gestellt hatte, die zeigte ihm, was +er in seinem Leben versäumt hatte. Das war die Frucht +der Nachgiebigkeit!</p> + +<p>Als er in seiner Selbstprüfung so weit gekommen war, +daß er mit seiner Frau darüber hätte sprechen können — +da war <em class="gesperrt">sie</em> stumm — in ihrem eigenen Kampf. Nach +dem Schlag, den sie erlitten hatte, war sie sich sofort +klar über das, was jetzt die Gerechtigkeit erfordere — +sich rächen nannte sie's immer —, aber bald auch +darüber, daß ihr Bruder ihr eigenes unklares Verhältnis +durchschaut hatte. Seit sie mit ihm getanzt hatte, +wußte sie, daß niemand sie so verstand wie er; seit ihrer +letzten Begegnung wußte sie, daß er ihre Einmischung +in Glaubenssachen verachtete; und darin hatte er recht. +Nie hatte sie endgültig abgerechnet; immer nur sich +damit begnügt, ihres Gatten Glaube und Handeln geachtet +zu sehen, und selber ihren Frieden zu haben.<a class="page" name="Page_220" id ="Page_220" title="220"></a> +So konnte es nicht länger bleiben; ihres Bruders +Verachtung ertrug sie nicht.</p> + +<p>Im Pastorhause war morgens und abends Andacht; +dazu kam regelmäßig die Großmutter, nach ihr die +Mädchen und gleich darauf der Pastor. Zur Morgenandacht +kam Josefine nicht immer, und die Abendandacht +fiel aus, wenn Gäste da waren. Der Pastor +sprach zur Einleitung und zum Schluß ein Gebet, wie +es sich eben für die Gelegenheit schickte. In dieser +Zeit waren diese Gebete lang und inbrünstig — und +Josefine blieb weg.</p> + +<p>Diese feierlichen "Abrechnungen" waren ihr ein +Greuel — die öffentlichen noch mehr als die privaten. +Die letzten fanden meist abends statt, wenn es Schlafenszeit +war, und der Junge zu Bette und die Hausandacht +beendet war. Wenn Josefine es voraussah, hinauf +— zu Bett; da kam er ihr meist nicht nach. Der Boden +da oben war schlüpfrig! Aber heut Abend kam er. +Sie hatte es an den Schritten unten im Studierzimmer +gehört, und jetzt vernahm sie ihn auf der Treppe. +Sie riegelte nicht ab, und ließ die große Lampe brennen. +Aber als er draußen an die Türklinke faßte, sagte sie: +"Du darfst nicht herein." — "Doch!" — "Nicht, solang +ich beim Auskleiden bin!" — "Ich werde warten." — +Er ging wieder hinunter, und sie machte sich langsam +fertig.</p> + +<p>Die Schlafstube lag nach dem Garten zu, über dem +Studierzimmer; rechts, durch eine Portiere getrennt, +das Ankleidezimmer, über dem Fremdenzimmer; links +eine Tür zur Garderobe. Dicht daneben führte eine +Korridortreppe vom Arbeitszimmer herauf. Und da +hörte sie ihn jetzt kommen — zum zweitenmal — mit +festem Schritt. Sie lag schon zu Bett. Die Zimmertür +lag in der Mitte, den Fenstern gegenüber; die Betten +standen rechts von der Tür; das ihre zunächst. Der Junge +schlief auf der andern Seite, nach der Garderobe zu.</p> + +<p>Er fragte nicht mehr, ob er eintreten dürfe; er öffnete +einfach die Tür. Sie lag da, in ihrem weißen Nachtkleid,<a class="page" name="Page_221" id ="Page_221" title="221"></a> +das schwarze Haar in einem Knoten, wie immer, den +Kopf in die linke Hand gestützt, wie auf dem Sprung, +sich aufzurichten.</p> + +<p>Er setzte sich zu ihr auf die Bettkante. Sofort rückte +sie etwas von ihm ab, als sei ihr die Berührung unangenehm. +Er sah finster drein. — "Josefine, Du weichst +mir aus. Das ist nicht recht von Dir. Ich brauche Trost +und Rat. Die alte Pein ist wieder über mir. — Und +wir dürfen die Abrechnung nicht länger hinausschieben!" +— Er sah sie an — voll Schmerz. Sie sah ihn +an — stumm. — "Du weißt, was es ist. Ich lebe hier, +bei Dir in Wohlsein und Genuß und draußen in der +Gemeinde allgemein verehrt. Aber in einem solchen +Leben wächst sich der Gottesmensch nicht zu seiner +natürlichen Entwicklung aus! Und vor kurzem wurde +ich gewogen — und zu leicht befunden!" — Er barg +sein Antlitz in den Händen und saß lange ganz still, als +bete er. "Liebe, liebste Josefine!" Und er blickte auf. +— "Hilf mir! Ich muß alles anders machen um mich +her! Ich muß mein ganzes Leben anders gestalten!" — +"Wieso?" — "Ach — ich bin kein Pfarrer, und Du bist +keine Pfarrersfrau! Wir gehen beide zugrund — an +unserem Eigenwillen!" — "Alle die — die Versuche, +die Du machst, Ole, anders zu leben, fangen immer bei +mir und meinem Haus an! Fang einmal bei Dir selber +an! Ich bin, wie's mir paßt. Sei Du, wie's Dir paßt! +Und unser Haushalt — nun ja, der ist einfach nicht +anders, als eine Familie von Geschmack und Vermögen +ihn erfordert; behagt es Dir nicht, so hast Du ja Deine +eigenen Zimmer; richte Dich ein, wie Du magst. +Wünscht Du eine getrennte Lebensweise — bitte! +Sag' es nur!" — "Ach!" erwiderte er, "Du degradierst +das Ganze zu einem Umzug im Haus oder einem veränderten +Küchenzettel!" — "Immer dieselben allgemeinen +Anklagen! Keinen Pfifferling Respekt hab' ich +vor ihnen!" — "Weil Du den geistigen Grund in ihnen +nicht erfaßt!" — Sie wurde blaß. — "Soviel ich weiß", +sagte sie hart, "paßte es <em class="gesperrt">mir</em> nicht, so fleischlich zu sein<a class="page" name="Page_222" id ="Page_222" title="222"></a> +wie Du. Und damit hat es angefangen!" — "Das lässest +Du mich jedesmal wieder hören. Aber ich schäme mich +nicht, daß die erste Krise von meiner allzu heißen +fleischlichen Begierde und von Deinem Widerstande +kam; das hat mich geweckt. Nein, ich schäme mich +dessen nicht. Denn als ich die Absicht äußerte, einmal +von Grund aus zu reformieren —" — "Hab' ich Dir +das etwa verboten?" unterbrach sie ihn. "Ja, bei mir +anzufangen, das hab' ich Dir verboten! Fang bei Dir +selber an, Ole!" — Er stand auf. "Du verstehst mich +nicht! Du verstehst nicht, was Gott von uns will! Ich +bleibe dabei — es ist etwas Ungeistliches an Dir, Josefine! +Nie bist Du aufgegangen in Reue und Gebet! +Nie hast Du Dich hingegeben in inbrünstiger Andacht! +Du kennst nicht die Sehnsucht nach dem Unendlichen +— sondern nur nach dem Irdischen. Den Willen, +Christin zu sein, hast Du wohl; aber etwas dafür tun +magst Du nicht! — Du antwortest nicht? Möchtest +Du's nicht wenigstens versuchen? Jetzt — zusammen +mit mir? Ach, Josefine, wie ich leide — auch um Deinetwillen!" +Er setzte sich demütig wieder zu ihr hin. +"Meinst Du damit, ich solle Dir zu den Zulukaffern +folgen?" entgegnete sie kalt. — "Ich meine, wir sollen +uns gemeinsam in allem Guten vervollkommnen, liebe +Josefine, dann wird Gott uns weiterhelfen." — "Leeres +Geschwätz versteh' ich nicht!" erwiderte sie. "Sag' +gerad' heraus, was wir tun sollen!" — "Wir sollen im +Glauben an Jesum Christum mit den Geringen und für +sie leben." —" Mein lieber Ole, das kann ich besser als +Du! Du wachst niemals eine Nacht am Krankenbett in +einem armen Haus; ich tu' es oft. Und ich habe auch +die 'Gegenseitigkeit' gegründet" (so nannte sich ein +Verein von besser situierten Frauen der Stadt, deren +jede ihre Armen hatte, denen sie Arbeit und Unterstützung +verschaffte. Josefine war Vorsitzende der Gesellschaft +und verteilte die Arbeit). — "Ja," antwortete +ihr Mann zustimmend, "administratives Talent hast +Du wie Dein Bruder. Aber darin besteht es nicht <a class="page" name="Page_223" id ="Page_223" title="223"></a>— +selbst als große Dame zu leben und dann und wann +einmal sich zu den Geringen herabzulassen; nein — +man muß mitten unter ihnen und ganz für sie leben!" +— "Sollen wir das Haus verkaufen? In die Vorstadt +ziehen? Sag', was Du willst!" — "Wenn Gott uns +dazu treibt — ja! Aber es muß in und aus Glauben +geschehen, um Jesu willen. Sonst hat es keinen Wert." +— Sie antwortete mit keiner Silbe.</p> + +<p>"Was meinst Du, Josefine? Wollen wir nicht versuchen, +ein echtes Christenleben zu führen?" Seine +Augen flehten; seine Hand suchte die ihre: "Josefine!" +Sie zog ihre Hand weg. "Nein! Du weißt ja, ich sehe +nicht ein, warum ich mir mein eigenes Leben unbehaglich +machen soll; das würde keinem nützen, und mir +würde es schaden." — "Sag' das nicht! Wenn wir es +nun einmal versuchten? Im Glauben an Jesu miteinander +ganz dafür leben, andern Gutes zu tun?" — +"Ach was, Unsinn! Und wenn es Dich auch verletzt — +einerlei! Aber daß ich an Jesus glauben muß, um den +Armen zu helfen, ist Unsinn! Es hilft nichts, ich rede +wie ich denke." — "Wenn Du an Jesus <em class="gesperrt">glaubtest</em>, so +würdest Du den Grund erfassen." — "Ich habe nie +gesagt, daß ich nicht an Jesus glaube." — "Ach, Josefine, +das ist kein Glauben! So verstehst Du also nicht +einmal, was Glauben ist! Diesen schweren Schaden an +Deiner Seele habe ich zu verantworten! Ich, der jahraus, +jahrein mit Dir lebt und nichts weiter erreicht hat!" +Er beugte sich über sie; Tränen standen in seinen Augen. +"Wie herrlich könnten wir miteinander leben, wenn +Du Dich vor Gott beugen wolltest — bei den Gaben, die +Du hast — und bei meiner Liebe zu Dir!" Er wollte sie +zärtlich umfassen. — "Weg!" sagte sie und setzte sich auf.</p> + +<p>Er fuhr auf, wie von einer Natter gestochen. Sie legte +sich wieder zurück, beide Hände unter dem Kopf; ihre +Brust wogte; sie war in vollem Aufruhr. "Ich weiß +nicht, ob wir es vor Gott verantworten können, unter +diesen Umständen zusammenzubleiben", sagte er. — +"Gut! Tu, was Du willst!"</p> + +<p><a class="page" name="Page_224" id ="Page_224" title="224"></a>Er wandte sich ab; er fand es unter seiner Würde zu +antworten. Der Kleine stöhnte im Schlaf und wälzte +sich herum, als beunruhige ihn etwas. Tuft sah ihn an; +mit halboffenem Mund lag das Kind auf dem einen +Arm. Tuft kannte diese Stirn, er hatte sie bei seinem +Vater gesehen, es war auch seine eigene, ebenso das +Haar, der Bau der kleinen Hand, die Finger, ja sogar +die Nagelstellung. Aber er sah den Tag kommen, da +auch der Junge nicht mehr sein eigen sein würde, wenn +es so weiterging.</p> + +<p>"Nein, Josefine, es soll auch nicht so weitergehen! +Gott helfe uns beiden! Aber fortan ruht der Kampf +nimmermehr!"</p> + +<p>Das Breite und Mächtige in ihm, das hinter der +Herzensgüte lag, war am Hervorbrechen; sie fühlte es. +Und auch in ihr quoll es empor. Sie hörte ihn im +Studierzimmer auf- und abgehen, ohne Ruhe, aber auch +ohne Zweifel. Sie konnte nicht schlafen.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Am Tag, nachdem Kristen Larssen die volle Wahrheit +über seine Krankheit erfahren hatte, erschoß er +sich. Das jagte den Leuten einen furchtbaren Schreck +ein; etwas Gruseliges ging von ihm aus; man wagte +kaum, am Haus vorbeizugehen. Es verbreitete sich ein +Gerücht, Kallem habe Larssen seinen Revolver zu +diesem Zweck überlassen; doch wurde das von der Frau +selbst, von Sören Pedersen und durch Kallems eigene +Aussage widerlegt.</p> + +<p>Kristen Larssen hatte sich gedrückt, ohne Ankündigung, +ohne Dank. Zu seiner Frau hatte er gesagt, +ein rascher Tod sei für ihn das beste. Aber auch zwischen +ihnen beiden war nichts weiter besprochen worden, +keinerlei Abschluß, kein Abschied hatte stattgefunden. +Er hatte sie gebeten, zu Sören Pedersen zu gehen, und +während der Zeit war er aus dem Bett gekrochen und +mit der ihm eigenen überlegenen Gründlichkeit hatte er +die Tat vollbracht.</p> + +<p>Das herkömmliche Begräbnis wurde verweigert und<a class="page" name="Page_225" id ="Page_225" title="225"></a> +eine Ecke an der nördlichen Mauer angewiesen. Dort +arbeiteten drei Männer stramm, um ein Grab zu graben. +Es war ein bitterkalter Tag, der Tag, an dem man ihn +in die Erde bettete; und es gab Leute, die auch darin +eine Fügung Gottes sahen. Zu einer ungewöhnlichen +Zeit, nämlich nachmittags, ohne Glockenläuten, ohne +Pfarrer und ohne Gesang wurde Kristen Larssen hinabgesenkt. +Unter den wenigen, die zugegen waren, fiel +am meisten Aune auf; er war betrunken und machte +sich fortwährend bemerkbar; dabei war er so dünn gekleidet, +daß man fror, wenn man den blaugefrorenen +Kerl nur ansah. Sören Pedersen bat ihn mehrere Male, +sich ruhig zu verhalten; aber vergebens. Von Sörens +blankem Gesicht sah man nur die Augen, die Nase und +etwas von den Backen; das übrige war von unten durch +einen mächtigen, mehrmals um den Hals geschlungenen +wollenen Schal und von oben durch eine bis in die +Augen gezogene Pelzmütze verdeckt. Die Hände staken +in nordländischen Handschuhen, — einem Paar von +jenen Ungeheuern, wie sie die Leute dort zum Fischfang +tragen — und die Füße in Pelzschlurren. Sören Pedersen +war in die Breite gegangen; der Überzieher war +ihm zu eng geworden; mit diesen Auswüchsen sah er wie +ein Hummer aus. Aase in kurzem Mantel und Baschlik +hielt sich an der rechten Seite der Witwe, die lang und +hager dastand, in Finnenschuhen und einem bis an die +Füße gehenden, oben und unten gleich weiten Sack, +um den Kopf ein dickes wollenes Umschlagtuch; sie +hatte es offenbar darauf angelegt, ihr Gesicht zu verbergen. +Aune schwankte umher und erzählte, er habe +ihr geholfen, ihre Sachen nach der Bahn zu schaffen. +Jetzt hatte er das Haus abgeschlossen; den Schlüssel +trüge er in der Tasche. Und er zog ihn hervor. Die +Witwe wollte von hier aus gleich auf den Bahnhof +und bei Verwandten — ein paar Meilen von hier — +bleiben; später wollte sie dann weiter nach ihrem Heimatort. +Außer diesen vieren waren nur noch zwei Männer +da, die das Grab gegraben hatten; der eine stand auf<a class="page" name="Page_226" id ="Page_226" title="226"></a> +sein Grabscheit gelehnt, trug Rock und Fausthandschuhe +und kaute ohne Unterlaß Tabak. Der andere +hauste hinter einem braunen Bart und war verwachsen +und triefäugig.</p> + +<p>Etwas abseits an der Mauer war ein festgestampfter +Schneehügel; Karl Meek und Ragni, die eben zusammen +anlangten, stellten sich dorthin. Alle warteten auf Kallem, +dem eine Abhaltung dazwischen gekommen war, +und der jetzt eilends herbeistürzte. Er nahm vor der +Witwe seine Mütze ab, die andern grüßten ihn; dann +trat er ans Grab. Er wollte gern einige Worte sprechen, +wartete aber, ob nicht vorher sonst etwas geschehen +würde. Als nichts geschah, sagte er:</p> + +<p>"Ich kenne die Vergangenheit des Mannes, den wir +hier begraben, nicht; ich kannte auch ihn selbst nicht. +Er hat in religiösen Dingen anders gedacht als die Menschen, +unter denen er lebte, und er hat dafür büßen +müssen. Sein und seiner Frau Lebensziel war, hinüberzugelangen +nach dem freien Amerika." (Bei dem Wort +Amerika begann hinter den Taschentüchern ein Keuchen +und Schneuzen). "Er versuchte, allein Englisch zu lernen; +das war für ihn, als schüfe er sich Flügel damit. Wenn +ich jedoch dies gesagt und noch hinzugefügt habe, daß +er der begabteste Mensch war, dem ich hier begegnet bin, +so habe ich ungefähr alles gesagt, was ich von ihm weiß.</p> + +<p>Darum will ich auch nicht von denen sein, die ihn +verurteilen. Oft, wenn wir zusammen waren, hatte ich +den Eindruck, als ob ihn fröre. Die Kälte, die ihn rings +umgab, war in sein Inneres gedrungen.</p> + +<p>Es hat sich so gefügt, daß nur wir fünf oder sechs +ihm Lebewohl sagen. Aber alle, denen seine sinnreiche +Arbeit von Nutzen war, und besonders alle die Tausende, +denen seine Erfindungen das Leben erleichtert +und damit mehr Freude geschaffen haben, worauf es +doch ankommt — alle die schulden ihm Dank; und den +bringe ich ihm dar!"</p> + +<p>Es wurde still. Der kalte Schnee knirschte, wenn einer +oder der andere sich rührte; aber keiner machte Anstalt<a class="page" name="Page_227" id ="Page_227" title="227"></a> +zum Gehen. Da schwankte Aune an das Grab. "Na ja, +und nun will ich Dir man auch noch für die Violine +danken! Und — und — vergib uns unsre Schuld! +Und — und — leb' wohl!" Beinah wäre er hineingetaumelt. +Sören Pedersen packte ihn ärgerlich am Arm, +wandte sich zu seiner Frau und sagte: "Hör' mal, +Aasechen, Du betest das Vaterunser so schön! Sag' es +doch einmal!" Und sie trat einen Schritt vor, zog die +Handschuhe aus und faltete die Hände. Die Männer +nahmen die Mützen ab und alle senkten den Kopf; +dann betete Aase das Vaterunser.</p> + +<p>Darauf fielen die ersten schweren Schollen auf den +Sarg; es klang, als wolle er in Stücke gehen.</p> + +<p>Die Frau trat auf Kallem zu. Erst jetzt konnte er +sie in der Nähe sehen, in Tränen aufgelöst, erschöpft +von Nachtwachen, fast all ihrer Kraft und ihrer letzten +Hoffnung beraubt. Aber mit festem Griff nahm sie +Kallems Hand, mit starkem, tiefem Blick sah sie ihm in +die Augen, in grenzenlosem Schmerz, in verhaltener Bewegung +nickte sie nur; sprechen konnte sie nicht. Nie +ist einem Menschen wärmer gedankt worden. Ebenso +nahm sie die Hand Ragnis; und Ragni erschrak; denn sie +wußte in ihrem Innern, daß sie es nicht verdiene. Die +Witwe eilte an den andern vorbei, der Stadt zu; Sören +Pedersen und Aase hatten Mühe ihr zu folgen. Ragni +aber nahm Kallems Arm; sie hätte sich ihm an die +Brust werfen und laut weinen mögen.</p> + + +<h3><a href="#Inhaltsverzeichnis">9</a></h3> + +<p>Kristen Larssens Haus stand leer; kein Käufer oder +Mieter fand sich. Das Unheimliche, das ihm anhaftete, +fiel auch auf die zurück, die seine Freunde gewesen +waren. Hätte Sören Pedersen nicht größere +Kundschaft auf dem Land als in der Stadt gehabt, es +wäre ihm schlecht ergangen. Ragni merkte nicht, daß +man sie in dieser Zeit noch mehr beobachtete, noch +mehr über sie sprach, als vorher; sie war nicht im<a class="page" name="Page_228" id ="Page_228" title="228"></a> +mindesten vorsichtig. Schon daß Pastors nicht mit ihnen +verkehrten, machte sie zur Zielscheibe des Klatsches; +etwas Neues durfte nicht mehr hinzukommen.</p> + +<p>Gegen das, worauf man jetzt verfiel, war sie wehrlos, +weil sie nichts davon ahnte. Wenn sie und Karl Meek +Hand in Hand Schlittschuh liefen, wenn er sie zum +Lachen brachte, während er ihr die Schlittschuhe anzog, +oder wenn sie versuchte, ihn hinunterzupuffen, während +sie, jeder auf einer Kufe, auf des Doktors Schlitten +standen; oder wenn sie zusammen Kjaelke<a name="FNanchor_8_8" id="FNanchor_8_8"></a><a href="#Footnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a> fuhren oder, +— war Besuch da — vierhändig spielten: immer hatte +man einen Blick aufgefangen, der nicht mißzuverstehen +war, oder ein Wort gehört, das eine Nebenbedeutung +hatte, oder Freiheiten beobachtet, die nur möglich waren +zwischen Menschen, die an noch größere gewöhnt waren. +Das erste Mal mit einem Zimmerherrn, nun wieder mit +einem — was konnte Kallem anders erwarten? Das war +nur seine gerechte Strafe.</p> + +<p>Sören Kules Familie stand an der Spitze; es war eine +im ganzen Oberland verbreitete Familie, die eine +blühende Phantasie hatte, besonders in sinnlichen +Dingen.</p> + +<p>Man mußte nur Lilli Bing loslegen hören, wie Ragni +Kule seinerzeit "Abend für Abend" zu dem Studenten +Kallem auf sein Zimmer ging; es lag ja auf demselben +Flur. "Mein Gott, was war denn Schlimmes dabei, +wenn sie sich liebten? Wer konnte es auch mit dem +widerwärtigen Sören aushalten!"</p> + +<p>Daß die jetzige Frau Kallem nicht einmal über den +Korridor zu gehen brauchte, ließ sie immer dabei durchblicken. +Einmal sagte sie: "Wenn sie keine Kinder +kriegt, was schadet's denn eigentlich!" Daß keiner von +denen, über die es herging, etwas davon hörte?</p> + +<p>Daß nicht einer von den üblichen anonymen Briefen +hereinplatzte! Das eine läßt sich nur damit erklären, +daß sie fast keinen Umgang hatten, das andere damit,<a class="page" name="Page_229" id ="Page_229" title="229"></a> +daß man vielleicht glaubte, Kallem würde sich nicht +darum kümmern; Freidenker haben ja meist lockere +Begriffe in sittlicher Beziehung! Im Frühjahr sah man +Kallem seine Frau und Karl Meek zum Dampfschiff +begleiten; sie fuhren hinüber zum anderen Ufer; Montag +früh sah man, wie er sie an der Brücke wieder abholte. +Man wußte, daß er selbst den ganzen Tag auswärts +war und die beiden den ganzen Tag in Haus und Garten +zusammen steckten.</p> + +<p>Karl bestand sein Examen recht gut, wenn auch unter +allseitiger Spannung; der Tag nahte, an dem er seine +Freunde verlassen mußte. Ragni hatte im ganzen Freude +an dem Zusammensein mit ihm gehabt; aber sein +unsteter Fleiß hatte ihr Mühe verursacht, und sein +leidenschaftliches Wesen nahm mit der Körperkraft +noch zu. Seine tiefe Ergebenheit für sie dämpfte es; +aber auch die Form dieser Ergebenheit peinigte sie oft; +sie liebte Gleichmäßigkeit und Frieden. Sie prophezeite +ihm, es werde ihm einmal schlimm ergehen; er führe +viel zu große Segel.</p> + +<p>Sie sehnte sich nach dem Alleinsein. Als sie es Kallem +sagte, neckte er sie: nach drei Wochen werde sie Karl +vermissen. Karl wollte jetzt, in den Sommerferien, +zu Hause sein, dann aber nach Deutschland gehen, um +sich der Musik zu widmen. Obgleich er sich daran gewöhnt +hatte, unter Ragnis Augen zu denken und zu +leben, — im Kampf mit ihr, im Gehorsam gegen sie, +und immer voll Anbetung für sie, so freute er sich doch +darauf, selbständig zu werden. Die Trennung würde +keine Schwierigkeiten machen.</p> + +<p>Da geschah es, daß er an einem der letzten Tage +bei einem Freund war, dem einzigen, mit dem er dann +und wann noch zusammenkam, seit er in Kallems Hause +wohnte; und als er von seiner Abreise sprach, sagte der +Freund: "Was ist denn eigentlich mit Dir und Frau +Kallem?" Karl verstand nicht, was er meinte, und floß +über von Lobpreisungen und Bewunderung für sie. +Der andere unterbrach ihn. "Ja, ja, das weiß ich alles!<a class="page" name="Page_230" id ="Page_230" title="230"></a> +Aber — offen gesagt — hast Du nicht ein Verhältnis +mit ihr? Die Leute sagen es." Karl fuhr auf! Was +unterstand er sich? Er solle Rechenschaft ablegen für +seine Worte! Aber es war des Freundes ernstliche Absicht, +Karl zu warnen; er habe selber erst kürzlich von +dem Gerücht erfahren; allgemein verbreitet sei es noch +nicht. Geduldig ertrug er Karls Raserei und machte +ihm klar: er könne es nicht anders erwarten, als daß +die Leute sich — bei ihrer beiderseitigen Unvorsichtigkeit +— allerhand dächten. — —</p> + +<p>Zu Haus bei Kallem begriff man nicht, was auf einmal +in Karl gefahren war. Die paar letzten Tage kam er nie +zu ihnen herein, war selten daheim, und war wieder +ebenso stumm, scheu und finster wie damals, als er ins +Haus zog. Der nächstliegende Gedanke war ja, daß er +unglücklich war über die Trennung, besonders von +Ragni; aber es war doch merkwürdig, daß die Verzweiflung +genau zwischen drei und fünf Uhr am Mittwoch +Nachmittag begonnen hatte! Um drei hatten sie in +heiterster Stimmung miteinander vierhändig gespielt; +um fünf wollte sie etwas aus seinem letzten Examenfach +mit ihm durchnehmen; und da war er so sinnlos +geistesabwesend nach Hause gekommen, daß sie es aufgeben +mußte. Und so war er seitdem immer. Kallem +neckte Ragni damit, daß der Junge verliebt sei; eben vor +des "Abschieds bittrer Stunde" sei es in ihm aufgeblüht. +Und er sang: "Zwei Drosseln saßen im Buchenlaub" +und prophezeite, daß sie in allernächster Zeit eine +Liebeserklärung bekommen würde, wahrscheinlich in +Versen — er habe selbst seinerzeit mehrere verbrochen. +Vielleicht würde Karl sich auch erschießen. Sie solle +sich nur ja nicht einbilden, daß jemand in dem Alter +billiger von ihrer schiefen Nase als mit einem kleinen +Herzensschnupfen loskomme.</p> + +<p>Wenn der Junge dasaß und sie in fürchterlichem +Schweigen anstarrte, nicht aß, nicht sprach; wenn er +den Schwermütigen spielte und sich von ihnen in die +Einsamkeit zurückzog, sagte Kallem: "Hu! Das Leben<a class="page" name="Page_231" id ="Page_231" title="231"></a> +ist schwarz!" Er ahmte den Jungen nach, sah sie mit +ersterbenden Augen an, seufzte über drei Treppenstufen +herauf, durchwühlte mit beiden Händen sein +Haar und heulte. Gegen Karl selbst jedoch war er die +Herzlichkeit selbst.</p> + +<p>In der Stunde der Trennung aber hörte aller Spaß +auf; denn Karl war so verzweifelt vor Schmerz, daß +man überhaupt nicht mit ihm sprechen konnte und +den Abschied nur möglichst beschleunigen mußte. Ragni +wollte nicht mit zum Bahnhof fahren; sie fürchtete sich +vor seinen Überschwenglichkeiten. Aber als Karl sah, +daß sie auf der Treppe stehen blieb, sprang er aus dem +Wagen und noch einmal zu ihr hinauf. Sie wich zurück, +er kam ihr nach, sah sie an und weinte so, daß das Mädchen, +das etwas weiter hinten stand, wirkliches Mitleid +mit ihm empfand und ebenfalls zu weinen anfing. +Ragni wurde kalt und stumm; sie konnte nicht ahnen, +daß Karl in diesem Augenblick das Schönste tat, was +er je getan, das Tiefste fühlte, was er <em class="gesperrt">je</em> gefühlt hatte.</p> + +<p>Auf dem Bahnhof bemerkten verschiedene Leute seine +Verzweiflung, sowie Kallems Ernst. Besonders aber +auch, daß Ragni nicht mitgekommen war. Ob Kallem +es nun erfahren hatte?</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Dieser Abschluß ihres Zusammenlebens mit Karl Meek +hinterließ einen unangenehmen Nachgeschmack. Sie +sprachen nicht gern von ihm, ja, sie machten sich beide +Gedanken darüber, ob sie sich eigentlich auf einen +solchen Versuch hätten einlassen sollen; sie hätten vielleicht +voraussehen müssen, daß es so enden würde. +Doch davon sagte keines etwas zum andern. Ihr eigenes +Zusammenleben wurde inniger; nie war Kallem soviel +zu Hause gewesen wie jetzt, noch nie hatte er ein solches +Verständnis für alles gehabt, was sie anging.</p> + +<p>Der Sommer wurde ganz dem "Fieberpavillon" gewidmet; +sie konnten sich beide nicht satt daran sehen, +wie er gebaut wurde, wie man ihn einrichtete, wie man +alles zum Gebrauch fertig machte. Jetzt, seit alle<a class="page" name="Page_232" id ="Page_232" title="232"></a> +Sommerzelte aufgeschlagen waren, war die gute Einrichtung +und Ordnung des Krankenhauses in aller Munde.</p> + +<p>Aber während sie so allein waren und ihre Zeit +zwischen dem Krankenhaus, ihren Studien, dem Garten +und dem Klavier teilten, drängte sich, gerade weil sie +allein waren, zwischen alle ihre Interessen ein Gedanke, +den sie beide längst gedacht hatten, und der immer +mehr wuchs, eben weil er nie ausgesprochen wurde. +Bald konnten sie nicht mehr Zusammensein, ohne daß +der eine etwas davon in den Augen des andern zu lesen +glaubte.</p> + +<p>Weshalb hatten sie kein Kind? Lag der Fehler an +Ragni? Wollte sie nichts dafür tun?</p> + +<p>Er hatte sich nach und nach davon überzeugt, sie +sei zu scheu, als daß <em class="gesperrt">er</em> den Anfang hätte machen dürfen. +Warum wagte sie nicht selbst davon zu sprechen? +Warum wagte sie nicht einmal den Wunsch zu verraten, +davon zu sprechen, damit er ihr hätte weiterhelfen +können? Was war der Grund? Die Angst vor der +Untersuchung — vor der Operation? Er sah sie selten, +ohne daß er fühlte: jetzt dachte sie daran. Und sie +wieder fühlte: er entbehrt das Kind. —</p> + +<p>Ende August erhielt Ragni einen dicken Brief aus +Berlin — von Karl Meek! Er war ihnen beiden willkommen, +ja, mehr als sie sich zuerst eingestehen mochten.</p> + +<p>Karl hatte die Festspiele in Bayreuth besucht und +schilderte nun seine Eindrücke in glühenden Farben und +mit überschwenglichen Worten. Der ganze Brief handelte +nur davon, zuletzt vier bis fünf Zeilen des Dankes, +Grüße, und schließlich die Frage: "Darf ich Ihnen +öfter schreiben?" Beide merkten sofort, daß die vier +oder fünf Zeilen den eigentlichen Brief bildeten, und +alles andere nur geistreiche Einkleidung war. Gerade +das gefiel Kallem, und er äußerte den Wunsch, daß +sie mit ihm in Briefwechsel treten solle. Das könne ihm +in mehr als einer Hinsicht während seines Aufenthaltes +im Ausland von Nutzen sein.</p> + +<p><a class="page" name="Page_233" id ="Page_233" title="233"></a>Ohne besondere Lust, wie oft in der Zeit, als sie noch +mit Karl gearbeitet hatte, mehr aus Gehorsam und Güte +setzte sie sich hin, schrieb — humoristisch — weil sie +so am besten damit fertig wurde, und erhielt Antwort +— erst eine, dann noch eine, lange Antworten, ganze +Tagebücher.</p> + +<p>An einem der ersten Oktobertage war Ragni im +Garten, um Obst und Gemüse zu ernten. Sie ging +gerade auf den Zaun am Kirchweg zu, als ein Wagen +langsam vorüberfuhr. Darin saß ein vierschrötiger Kerl, +der sich vom Rumpeln des Wagens hin- und herwerfen +ließ, wie Milch in einem Butterfaß. Ragnis Tauben +schwirrten eben vom Kirchendach über den Wagen +weg aufs Haus zu; bei dem eigentümlichen Laut des +Flügelrauschens wandte der Fremde den Kopf nach der +Richtung, in der sie flogen. "Waren das nicht Tauben?" +fragte er, und der Kutscher antwortete.</p> + +<p>Ragni wollte eben auf eine Leiter steigen, um Äpfel +zu brechen; aber sie mußte sich festhalten. Diese +schwere Stimme, dieser langsame Takt, diese nordländische +Einförmigkeit — das war Sören Kule! Seine +blinden Augen waren halb nach der Richtung der +Tauben gewandt, halb dahin, von wo die Antwort kam, +während der Wagen schlottrig weiterrumpelte.</p> + +<p>Sören Kule hier? Ein blinder, halbgelähmter Mann +ist nicht auf Reisen! Ob ihn die doppelte Erbschaft, +die ihm zugefallen war, hierhergeführt hatte?</p> + +<p>Bald darauf kam Kallem. Auch er war Kule begegnet; +sie sah es ihm sofort an — und er sah sofort, daß sie in +die Wohnstube geflüchtet war, um sich zu verbergen. +Da trafen sie einander; sie preßte ihren Kopf an seine +Brust; sie witterte böse Geister in der Luft.</p> + +<p>Kallem sagte sich: falls Sören Kule eine von den +Besitzungen übernimmt, die den Geschwistern zugefallen +sind, also hierherzieht, dann hat Josefine ihre +Hand dabei im Spiel; da ist ihr "Gerechtigkeitsgefühl" +bei der Arbeit gewesen!</p> + +<p>Denn er empfand: der einzige Mensch auf Erden,<a class="page" name="Page_234" id ="Page_234" title="234"></a> +gegen den er unrecht gehandelt hatte, ohne es wieder +gutzumachen, war dieser blinde Mann.</p> + +<p>Ich will ihn aufsuchen, dachte er. Ich will offen und +ehrlich mit ihm reden. Dann kann ich ihm zugleich +begreiflich machen, daß er um Ragnis willen nicht +seinen Wohnsitz hier haben darf.</p> + +<p>Er erfuhr bald, wo Kule wohnte: in dem Haus gleich +hinter ihnen; im Park neben dem Krankenhaus!</p> + +<p>Dieser Teil der Erbschaft also war ihm zugefallen! +Und in solcher Nähe sollten sie ihn jetzt täglich haben! +Lange ging er umher, um seine Selbstbeherrschung wieder +zu gewinnen; aber noch als er vor dem Haus stand, +war er so aufgeregt, daß er mühsam an sich halten mußte. +Ein kleines zweistöckiges Backsteinhaus mit einem Garten +davor. Im Hausflur hörte er von der Küche her das +Geräusch des Aufwaschens und sah hinein; da stand das +nordländische Hünenweib mit aufgestreiften Ärmeln, so +unverändert, als hätten sie sich erst gestern gesehen. +Als die Tür aufging, sah sie sich um und erkannte sofort +den großen Brillenmann mit der krummen Nase und den +dichten Augenbrauen wieder; sie lächelte und wandte +sich ganz nach ihm um. "Ei, wirklich — der Herr +Kallem?" sagte sie singend. "Ja." — "Gestern hab' +ich's gehört, daß Sie hier wohnen." Ihr Lächeln wurde +breiter. Du Tranfisch Du! dachte er, Du hast es schon +längst gewußt! "Wann sind Sie angekommen?" — +"Gestern." — "Von Kristiania?" — "Ja, von Kristiania. +Kule hat das Haus hier geerbt; und das Leben soll +hier billiger sein." Hinter Kallem öffnete sich eine Tür; +er wandte sich um. Ein vierschrötiger Kerl mit kleinen +schlauen Augen, die mißtrauisch dreinsahen, streckte +vorsichtig seinen Kopf aus der Zimmertür. Kallem +schloß die Küchentür; der andere trat in den Flur und +machte die Stubentür hinter sich zu; dann standen sie +einander gegenüber. Aber die Küchentür öffnete sich +wieder und die Nordlandköchin guckte heraus und +lächelte dem Vierschrötigen zu. Kallem ahnte ein +süßes Geheimnis. "Ist das <em class="gesperrt">Dein</em> Mann?" — "Ja, seit'n<a class="page" name="Page_235" id ="Page_235" title="235"></a> +Sommer." Der Bursche sah wie ein Seemann aus. "Ist +Herr Kule zu sprechen?" Der Vierschrötige setzte eine +feierliche Miene auf; er wollte hineingehen und fragen. +Er blieb lange fort, Kallem hörte, daß drinnen unterhandelt +wurde. Bald vernahm er Kules schleppende +Stimme, bald die knappen, trockenen, in Trondhjemer +Dialekt gesprochenen Worte des andern, beides gedämpft. +Inzwischen erzählte Oline, ihr Mann sei ursprünglich +Seminarist gewesen, habe das Steuermannsexamen +gemacht, spräche Spanisch und sei Kules Sekretär +und Bevollmächtigter. Dann erzählte sie, daß "die +Kinderchens" im Westland in Frau Rendalens Pensionat +seien, d. h. es gehöre jetzt nicht mehr Frau Rendalen, +sondern dem Sohn, "dem Herrn, der auch mal bei uns +gewohnt hat". Und plötzlich fragte sie: "Na, und die +gnäd'ge Frau? Was macht denn die gnäd'ge Frau? +So haben Sie sich doch noch gekriegt, wa—as? Das +wird aber eine Freude werden!" Jetzt öffnete sich die +Tür, der Vierschrötige stellte sich draußen auf, und +Kallem ging an ihm vorbei zu Kule hinein.</p> + +<p>Kule saß in demselben plumpen Rollstuhl mit demselben +Brett vor den Beinen; dieselben spanischen Bilder +an der Wand; dieselben Möbel, nur daß sie einen andern +verblichenen Überzug hatten. Nur kein Flügel und kein +Kinderspielzeug.</p> + +<p>Kule selber war grau und bedeutend dicker geworden. +Die "Flossen" lagen auf den Armlehnen, wie gewöhnlich; +eine riesige Tabakspfeife stand unbenutzt daneben.</p> + +<p>Kallem nannte seinen Namen; Kule antwortete nicht. +Aber eine kleine Bewegung der gesunden Hand und ein +paar heisere stöhnende Laute deuteten an, daß die +Wogen in ihm hoch gingen.</p> + +<p>Auch Kallem mußte sich zusammennehmen, damit +er ruhig bleibe. Um die Qual abzukürzen, sagte er sofort, +Herr Kule wisse vielleicht nicht, daß sie Nachbarn +seien. — Doch, das wisse er. — "Das hätte ich nicht +gedacht," erwiderte Kallem und ließ den Ton seiner +Worte erklären, was er damit meine. Kule schwieg.</p> + +<p><a class="page" name="Page_236" id ="Page_236" title="236"></a>"— Sie werden hier wohnen bleiben?"</p> + +<p>"Ja."</p> + +<p>Kallem blickte in das blinde Gesicht; es war kalt und +verschlossen. Er fühlte, es war unmöglich, auch nur +einen Funken Mitleid mit Ragni darin zu erwecken. +Ein entsetzlicher Widerwille packte ihn. "Dann habe +ich nichts weiter zu sagen!" sprach er und erhob sich.</p> + +<p>Die Küchentür stand halboffen. "Bitte, auch 'n +schönen Gruß an die Gnä—di—ge!"</p> + +<p>Erst draußen erinnerte sich Kallem seiner ursprünglichen +Absicht; aber diese neue Roheit Kules befreite +ihn davon. Also — fortan war er ihr Nachbar. So hieß +es eben versuchen, die eigene Vergangenheit zu tragen, +wie andere auch.</p> + +<p>Er wanderte zur Stadt hinaus; er hatte nicht den +Mut, sogleich nach Haus zu gehen. Schlechtigkeit ertrug +sie nicht — in keiner Form. Er mußte erst überlegen, +wie er es ihr beibringen sollte.</p> + +<p>Ragni war im Studierzimmer und hatte schon längst +die Lampe angezündet, als er heimkam. Sie las ihr +Urteil sogleich auf seinem Gesicht — ja, sie hatte es +schon an seinem Schritt gehört. Sie sank in einen Sessel, +und ihr war, als sei von nun an alle Freude dahin.</p> + +<p>Er versuchte, ihr klarzumachen, daß sie, eben weil +sie schuldlos war, nichts zu fürchten brauche. Sie schüttelte +nur den Kopf. Das war es ja nicht. Nein, die +Schlechtigkeit war es, <em class="gesperrt">die</em> konnte sie nicht ertragen, +die Kälte. Und sie erinnerte ihn an das, was er selber +an Kristen Larssens Grab gesagt hatte.</p> + +<p>Aber sie könnten sich doch nicht mit Kristen Larssen +vergleichen? Sie hätten doch vieles, was Wärme gab. +Freilich — aber der gute Ruf! "Wenn sie mir den +nehmen, nehmen sie mir auch alle Wärme!" Und nach +einer Pause fuhr sie fort: "Das ist — die Kälte!" Sie +weinte nicht, wie sie es sonst so leicht tat.</p> + +<p>"Dann ziehen wir fort!" rief Kallem.</p> + +<p>Als wenn sie das schon lang erwogen hätte, antwortete +sie: "Wo gibt es einen Arzt, der so reich wäre, daß er<a class="page" name="Page_237" id ="Page_237" title="237"></a> +alles, was Du hier hineingesteckt hast, kaufen könnte? +Und Deine Arbeit? Für die Du lebst, die Dich glücklich +macht? Nein, Edvard!" — "Aber wenn Du unglücklich +bist, kann ich nichts mehr leisten." Und er küßte sie. +Sie antwortete nicht. "Woran denkst Du?" — "Ich +glaube doch, daß Du's kannst." — "Was?" — "Ohne +mich arbeiten und glücklich werden!" erwiderte sie und +brach in Tränen aus. Er zog sie dicht an sich und wartete; +sie mußte ja fühlen, daß sie ihm wehgetan hatte. "Eigentlich +passe ich nicht zu Dir!" — "Aber Ragni!" — "Ja, +als Dein guter Kamerad — der beste, den Du auf Erden +hast! Wenn ich es doch lange sein dürfte!" —</p> + +<p>Sie schmiegte sich eng an ihn, als wolle sie ihm das +Siegel des Schweigens auf den Mund drücken.</p> + + +<h3><a href="#Inhaltsverzeichnis">10</a></h3> + +<p>Am nächsten Tag war Nebel. Obwohl Ragni gut und +traumlos geschlafen hatte, war ihr doch der Kopf +schwer. Sie ging umher und sah alles nur in dem kalten +Licht von gestern; nirgends mehr ein Glanz über den +Dingen. Erst wollte sie gar nicht in die Küche hinaus; sie +bildete sich ein, man könne von dort das Haus sehen, in +dem Kule wohnte. Schließlich wurde ihr das aber doch +zweifelhaft, und sie getraute sich hinaus; nein, es war +nicht zu sehen. Dann wagte sie nicht ihre Morgenrunde +durch den Garten zu machen; er konnte ja vielleicht +gerade vorüberfahren. Endlich setzte sie sich an den +Flügel, stand aber wieder auf, ohne gespielt zu haben. +Sie schrieb einen Brief an Karl; sie war ihm auf zwei +Briefe Antwort schuldig, und irgend etwas mußte sie +ja vornehmen. Sie schrieb — aus ihrer Stimmung +heraus — Schlechtigkeit in jeder Form, wie Lüge, +Verrat, Hinterlist, herrschsüchtige Verfolgung, Tücke, +Betrug — sei <em class="gesperrt">Todeskälte</em>. Die sei es, gegen die wir +kämpften. Leben sei Wärme. Manche Menschen seien +mehr anfällig für Erkältungen als andere, gerade wie der +eine empfänglich sei für Tuberkulose und der andere<a class="page" name="Page_238" id ="Page_238" title="238"></a> +nicht; und sie sei sicher eine von jenen Unglücklichen. +Von frühster Kindheit an habe sie den Hauch der Kälte +gespürt, und zuletzt würde wohl dieser kalte Strom +stärker werden als die Wärme, die sie ihm als Widerstand +entgegenzusetzen vermöge; das sei die ganze Frage.</p> + +<p>Der Brief war nicht lang; denn während sie so an +ihre Kindheit dachte und an das, was sie später durchgemacht +hatte bis zu ihrer Verheiratung mit Kule, kam +ihr die Lust, es aufzuschreiben, um es gelegentlich einmal +in Kallems treues Gedächtnis niederzulegen. Mündlich +erzählen konnte sie es nicht; aber es aufschreiben — +ja, jetzt konnte sie es. Auch trieb sie eine unbestimmte +Furcht, und noch am selben Tage fing sie an.</p> + +<p>Sie bot ihre ganze Kraft auf, um ruhig und gefaßt +zu sein, als Kallem nach Hause kam. Er sah sie forschend +an, war aber selbst in größter Spannung — einer ganz +anderen, neuen Sache wegen. Er wollte eine Operation +vornehmen, an deren Gelingen die beiden anderen Ärzte +und noch ein dritter, der von weither geholt worden war, +Zweifel hegten.</p> + +<p>Einer der angesehensten Männer der Umgegend, +Oberst Bajer, litt seit etwa einem Monat an Magenhautentzündung +mit Anzeichen von Septichämie. Doktor +Arentz war sein Hausarzt und behandelte ihn in der +üblichen Weise mit Wasserumschlägen und Opium. +Aber die Krankheit wurde bedenklich und Arentz riet, +Kallem zu Rate zu ziehen. Die Frau des Obersten +widersetzte sich — nicht gerade, weil sie eine eifrige +Christin war, sondern weil ihr Kallem an sich unsympathisch +war. Sie war ein gutes, warmherziges Wesen, +aber hysterisch, und solche Menschen ergreifen leicht +Partei für oder wider. Pastor Tuft hatte sie einmal gerettet; +sie war krank gewesen an Schwäche, nichts wollte +helfen, bis er gekommen war und ihren Willen durch +den Glauben gestärkt hatte — eine Tatsache, die niemand +bestreiten konnte; seitdem schwärmte sie für ihn.</p> + +<p>Der Arzt des Nachbarbezirks und Doktor Kent wurden +zugezogen; aber beide waren ehrlich genug, ein<a class="page" name="Page_239" id ="Page_239" title="239"></a>zugestehen, +daß nichts mehr zu machen sei; der Oberst +sei ein Todeskandidat und eine Operation unmöglich.</p> + +<p>Jetzt siegte die Liebe zum Gatten über allen Widerwillen; +sie ließ anspannen und fuhr selbst zu Kallem, +der sich sofort und unbedingt bereit erklärte, die Operation +vorzunehmen. Ohne sich von den Einwendungen +der andern abhalten zu lassen, öffnete er die Bauchhöhle +und fand Eiter; dann öffnete er den Dickdarm. Besonders +da die andern abgeraten hatten, erforderte dies +Ereignis seine ganze Charakterstärke. Der Oberst war +als Ehrenmann bekannt, in Stadt und Land nahm man +Anteil, und der Zustand der Frau war derartig, daß +sie wahnsinnig werden mußte, wenn der Mann starb. +Ihre Abneigung gegen Kallem schlug in unbegrenztes +Vertrauen um; es war, als habe seine Nähe sie magnetisiert. +Alles das erfüllte Kallem mit tiefer Besorgnis.</p> + +<p>Nun hatte Ragni an anderes zu denken als an sich +selbst; denn sie sah, welche Seelenqual das Gefühl der +Verantwortung unmittelbar vor der Operation und mehr +noch in den Tagen nachher in ihm erregte. In solchen +Zeiten hielt sie mit seltener Kunst alles Kleinliche von +ihm fern, ermutigte ihn, heiterte ihn auf, lebte überhaupt +ausschließlich für ihn. Einem solchen Mann etwas +sein zu können — das war "Wärme" genug!</p> + +<p>Der Oberst erholte sich; Kallem war bei übersprudelnder +Laune. Ragni spielte wieder, nahm ihre übrigen +Arbeiten wieder auf, ja, sie wagte sich sogar in den +Garten und ließ die Augen zu dem Haus oben hinüberschweifen. +Sie hörte den Wagen vorbeirollen, ohne mehr +als höchstens ein ganz klein bißchen zu zittern; sie wurde +von der Nordlandsköchin, die mit ihrem Korb auf den +Markt ging, angesprochen, und obgleich sie dabei ein +Gefühl hatte, als werde sie von einer Schlange gebissen, +starb sie doch nicht daran. Es kam sogar der Tag, da +sie mit ihr plaudern konnte, zuletzt konnte sie sogar +jeden Morgen ihr Kommen abwarten, ohne davonzulaufen. +Das geschah nicht etwa aus Mut — beileibe +nicht — aber es geschah; und sie fühlte sich wohl dabei.</p> + +<p><a class="page" name="Page_240" id ="Page_240" title="240"></a>Das Wetter schlug um und kehrte seine allerrauhste +Seite hervor. Die Blätter stoben im Nordwind, die Erde +war festgefroren und jeden Morgen mit Reif bedeckt. +Die Öfen zogen, daß es nur so krachte, und ihr Prasseln +wetteiferte mit dem Wagengerassel, das draußen über +den hohlen Boden zog. Jeden Tag fragte man sich, ob +man nicht die Doppelfenster einsetzen und die Verandatür +schließen solle. Und jeden Tag schob man es wieder auf; +wer weiß — vielleicht kamen noch schöne Tage!</p> + +<p>Eines Tages brachte die Post Ragni Briefe aus Amerika, +aus Nordland und aus Berlin; einer war von Karl. +Sie hatte alle geöffnet, aber keinen gelesen; es war zu +vielerlei zu tun, damit das Haus für den Winter in +Ordnung komme. Den Brief der Schwester las sie aber +doch am Nachmittag; und er machte sie betrübt; der +Schwester ging es nicht gut. Ragni dachte daran, sie +zu sich zu nehmen. Die letzten zwei oder drei Briefe +von Karl hatten stark nach Heimweh geschmeckt; er +war schwermütig, und sie hatte deshalb nicht sonderliche +Lust, seinen neuesten Brief zu lesen. Sie war gerade +mitten in einem amerikanischen Roman, einem der besten +von Howell; es war ein tiefeindringendes, spannendes +Seelengemälde; und so nahm sie zuerst ihr Buch vor, +als sie sich gegen Abend ins Studierzimmer setzte. +Aber etwas in der Erzählung erinnerte sie an Karl; sie +legte das Buch weg und nahm seinen Brief vor. Wie +immer, ganze Bogen, auch recht interessant, aber der +Ton geradezu seelisch krank. Als sie an den letzten +Bogen kam, sah sie darüber in roter Tinte die Worte: +"<em class="gesperrt">Bitte allein lesen</em>!"</p> + +<p>Er schrieb: "Seit ich Ihren Brief über die 'Kälte der +Schlechtigkeit' erhalten habe, war ich in Zweifel, ob +ich Ihnen sagen solle, daß ich es sogleich verstanden +habe. Ich habe schon längst gewußt, was man von uns +gesagt hat. Solch eine rohe Verleumdung! Das war es, +was mich diesen Sommer beinahe zum Wahnsinn getrieben +hat, als ich es — kurz vor unserer Trennung — +erfuhr. Ist es nicht furchtbar? Damals dachte ich, es<a class="page" name="Page_241" id ="Page_241" title="241"></a> +könne überhaupt nichts mehr kommen, was mich noch +tiefer treffen könnte; aber nun ist doch noch etwas +gekommen: auch <em class="gesperrt">Sie</em> haben es erfahren! Denn natürlich +ist das der Sinn ihres Briefes.</p> + +<p>Wochenlang habe ich hin- und hergesonnen. Aber um +meinet- und um Ihretwillen ist es besser, wenn wir +davon sprechen. Lassen Sie Kallem nichts davon erfahren! +Ich schäme mich so entsetzlich — ich bin so +unglücklich — ach, wenn Sie wüßten, wie unglücklich +ich bin! — Aber ihm wollen wir es ersparen!</p> + +<p>Darum schreib' ich das auf einen besonderen Bogen; +ich werd' es fortan immer so machen. Auch des andern +wegen, das nun kommt, Sie Liebe, Liebste!</p> + +<p>Von der ersten Zeit an, als Sie so gut zu mir waren, +hab' ich Sie unendlich lieb gehabt. Ich hätte nie gedacht, +daß ich Sie oder überhaupt einen Menschen noch +lieber haben könnte. Jetzt aber sind wir in dieser +Schmach und diesem Schmerz gleichsam miteinander +verschmolzen; wir beide sind die einzigen, die darum +wissen; und jetzt, — Gott ist mein Zeuge! — lebe und +leide und arbeite ich nur noch in Gedanken an Sie! +Immer sind Sie um mich — vom Morgen bis zum +Abend und bis in den Traum meiner Nächte!</p> + +<p>Ich liebe, liebe, liebe Sie! Ich schreib' es — unter +Tränen. Ich liebe Sie — ich liebe Sie — ich liebe Sie!</p> + +<p>Vielleicht erschreckt Sie das Wort, erschreckt Sie mehr +als das andere, das es heraufbeschworen hat! Aber wenn +Sie wüßten, welch eine Wonne es für mich ist, es bloß +niederschreiben zu dürfen, bloß zu wissen, daß Sie es +lesen! Sie sind so gut — Sie wissen, welch grenzenlose +Ehrfurcht ich vor Ihnen habe — — —"</p> + +<p>Als Kallem um acht Uhr nach Hause kam, stand der +Abendtisch im Eßzimmer gedeckt; im Studierzimmer +war geheizt und die Lampe angezündet; aber beide +Zimmer waren leer; in der Wohnstube war es dunkel. +Sigrid brachte den Tee und berichtete, Frau Doktor +seien zu Bett gegangen. — "Zu Bett? Fehlt ihr etwas?" +— "Ich glaube, sie war nur müde."</p> + +<p><a class="page" name="Page_242" id ="Page_242" title="242"></a>Kallem eilte sofort hinauf. Es war dunkel; doch im +Mondschein sah er einen Arm im weißen Nachthemd +sich ihm entgegenstrecken. "Verzeih!" sagte sie. "Ich +war so müde; und dann hatte ich auch einen Brief von +meiner Schwester, der mich traurig gemacht hat. Nein, +mach' kein Licht, bitte! Es ist so schön so!" — Was für +ein frischer, gesunder Duft von ihm ausströmte! Wie +voll Kraft seine Stimme klang, während er antwortete: +"Von Deiner Schwester?" — "Ja, sie fühlt sich unglücklich +da oben." — "Wie wär's, wenn wir sie zu uns +nähmen?" — "Ich wollte Dich eben darum bitten. Wie +gut Du bist!" — Sie weinte. — "Aber Schatz, warum +weinst Du denn? Glaub' mir, der einzige Grund, weshalb +ich das nicht schon lange vorgeschlagen habe, war +Dein Wunsch, wir sollten allein sein miteinander." — +"Ja, das ist ja auch das Allerschönste! Aber wenn nun +eins von uns krank wird?" — "Dummes Zeug! Wir +werden nicht krank! Du bist doch so wohl jetzt! Die +Stirn ist ein bißchen warm! Laß mal Deinen Puls +fühlen! Na ja, ein bißchen Ruhe hast Du nötig, weiter +nichts. Es war ganz richtig, daß Du zu Bett gegangen +bist. Ich gehe jetzt hinunter und esse; ich habe einen +Bärenhunger. Dann hast Du Ruhe. Karl hat geschrieben?" +— "Ja. Der Brief liegt auf Deinem Schreibtisch." +— "Schön! Ich werd' ihn beim Essen lesen. +Nachher hab' ich noch viel zu tun. Gutnacht, Kleines!" +— Er küßte sie; Ragni schlang beide Arme um seinen +Hals, zog seinen Kopf dichter zu sich heran und küßte +ihn. "Du herrlicher Mensch!"</p> + +<p>Er ging. Sie hörte seine raschen Schritte auf der +Treppe und unten im Korridor, hörte, wie er die Tür +öffnete und hinter sich schloß.</p> + +<p>Wieder dieser Schmerz in der Brust, den sein Kommen +gemildert, sein Schritt verscheucht hatte! Etwas +Schweres, Entsetzliches — nie wieder würde sie es los +werden — und dabei fror sie so. Die Kälte, die Kälte, +die Kälte — jetzt war sie ihr bis ins Innerste gedrungen. +Jetzt begriff sie — zu Eis erstarrend — weshalb der<a class="page" name="Page_243" id ="Page_243" title="243"></a> +"Walfisch" gekommen war und sich in das kleine Haus +nebenan gewälzt hatte und nicht wieder hinaus wollte. +Jetzt wußte sie, weshalb die andern das zugegeben hatten.</p> + +<p>"Gott, ach Gott — wie hat das nur kommen können? +Was hab' ich denn getan?" klagte sie und verkroch sich +vor sich selber. Wie ein Flüstern durch Meeresbrandung +tönten Karls Liebesworte hindurch. Armer Junge! +Da lag sie — im Dunkeln — damit keiner sie sah — +damit sie nachdenken konnte. Was sollte sie tun? Den +letzten Bogen hatte sie herausgenommen. Sollte sie ihn +Kallem zeigen?</p> + +<p>Als Kallem nach zwölf Uhr heraufkam, um zu Bett +zu gehen, war sie über all ihren traurigen Erwägungen +eingeschlafen. Er steckte hinter ihr das Licht an, sah +ihr ins Gesicht, horchte auf ihren Atem. Sie schlief — +unschuldig — mit offenem Mund.</p> + +<p>Am nächsten Vormittag wanderte sie auf der Südseite +des Hauses umher, auf und ab, auf und ab, noch +immer gleich verstört, gleich ratlos. Es hatte geschneit, +zum erstenmal dieses Jahr; der Schnee war schon halb +wieder geschmolzen. Über den Bergkämmen lag dichter +Nebel, so dicht, daß er aussah wie festes Land, +trotzig, undurchdringlich — ein Land, das an die Berge +grenzte und sich über den ganzen Horizont erstreckte. +Das seltsame Land sandte eine lange Zunge hernieder +nach dem Wald — wie das äußerste Züngeln eines Geheimnisses. +Sie fror. Weit konnte sie nicht gehen, ohne +daß der Schutz des Hauses aufhörte und man sie vom +Weg aus sehen konnte; und heut ertrug sie es nicht, +daß man sie sah; vielleicht nie wieder.</p> + +<p>Welch ein kindischer Wettkampf das war zwischen +den Baumarten da draußen, rings um die Gehöfte! +Am fernsten von den Häusern Nadelwald; bei trübem +Wetter war er fast schwarz. Mehr in der Nähe mischte +Laubholz sich dazwischen, langhalsige Espen, verrenkte +Birken, die lichtgelb aus dem Dunkel leuchteten; noch +näher Eberesche und Faulbaum, blutrot; dazwischen +Ahorn und anderes; von flachsweißen bis rotgoldnen.<a class="page" name="Page_244" id ="Page_244" title="244"></a> +Hohe Erlen und Espen, die zu alt waren, um überhaupt +noch Laub zu treiben, ragten mit nackten Zweigen +über der Farbenpracht der andern empor gleich blaugrauem +Rauch.</p> + +<p>Sie stampfte mit den Füßen, die gar nicht warm +werden wollten, die nicht wußten, ob vorwärts oder +rückwärts, weil sie selber nicht wußte, wohin. Wenn +Kallem es erführe — was dann? Und wenn er es nicht +erführe?</p> + +<p>Die Wiesen waren von schwarzerdigem, gepflügtem +Ackerland durchschnitten. Dazwischen mattgrüne, mit +Wintersaat bestellte Roggenfelder und stoppelige Kleeäcker. +Aber dort — weit hinter den Häusern — mißvergnügte, +graue Erdflecken, die man überhaupt nicht +beachtete, außer, wenn es sich darum handelte, sie zu +plündern; nur zu viele solcher gab es hier zu Lande.</p> + +<p>Juanita? Wie kam das Kind auf einmal mitten in +das Herbstbild? Diese frischeste, lebendigste Erinnerung +an den ersten Frühling? Ach, hier draußen wachte +die Sehnsucht nach den Kindern auf! Jetzt wußte sie, +daß er nicht war, wo die Kinder waren; jetzt konnte +sie zu Rendalens reisen und die Kinder sehen!</p> + +<p>Solange sie auf der Reise war, brauchte sie auch nicht +zu entscheiden, was das Richtige sei; und sie bedurfte +dringend des Aufschubs. Nur ein kurzer Brief an Karl +Meek, daß er vorläufig nicht mehr schreiben solle; +sie werde ihm später vielleicht Nachricht zukommen +lassen. Ob sie die paar Worte telegraphierte? Nicht +von hier aus! Aber auf der Stelle abreisen und von unterwegs +telegraphieren.</p> + +<p>Ein Vorsatz, ein inneres Geheiß, so stark, als habe +sie überhaupt weiter nichts mehr zu tun als noch einmal +die Kinder zu sehen, stieg in ihr auf. Als Kallem etwas +später nach Hause kam, wanderte sie im Zimmer auf +und ab, um sich warme Füße zu machen, und sagte ihm +selber, sie <em class="gesperrt">müsse</em> die Kinder sehen. Er empfing den +unfehlbaren Eindruck, daß die Erinnerung an ihr Zusammenleben +mit Kule in Sehnsucht nach den Kindern<a class="page" name="Page_245" id ="Page_245" title="245"></a> +umgeschlagen sei. Das war ganz natürlich. "Reise nur +gleich!" sagte er; "später wird es zu kalt." Damit meinte +er freilich nicht, daß es gerade heut noch sein sollte; +aber sie wollte es so, und am Nachmittag brachte er +sie zur Bahn.</p> + +<p>Gleich nach ihrer Ankunft bei Rendalens kam ein verzweifelter +Brief: das Wiedersehen mit den Kindern +war grausam gewesen. Sie hatten sie nicht wiedererkannt! +Und auch sie die Kinder nicht. Äußerst wohlerzogene +Kinder, gewiß! Aber nicht ihrer Schwester +Kinder! Nicht verwandt mit ihr selber. Nur mit ihm! +— Sein Blut war stärker als ihres. Große, dicke Kinder, +die sie ansahen, als begriffen sie nicht, was sie wolle. +Und dazu diese vielen fremden Menschen, die sie beständig +beobachteten! Am liebsten wäre sie gleich wieder +heimgereist, wenn sie nicht so erkältet gewesen wäre. — +Ein späterer Brief lautete ein bißchen lebensfroher. +Nicht daß sie zufriedener gewesen wäre mit den Kindern; +die waren noch gerade so fremd und "materiell"; sooft +sie die Kinder mit sich auf ihr Zimmer nahm, um mit +ihnen zu plaudern oder ihnen vorzuspielen, fühlte sie, +daß sie sie nur aufhielt. Aber das Zusammensein mit +den prächtigen Menschen in und außerhalb der Schule +machte ihr Freude; "hätten wir doch etwas Ähnliches!" +seufzte sie.</p> + +<p>Auch von Rendalen erhielt Kallem einen Brief, der +in schwungvollen Worten ausdrückte, wie sich die ganze +Kolonie freue, Ragni in ihrer Mitte zu haben. Er übermittelte +die "einstimmige Bitte", sie ihnen doch noch +eine Zeitlang zu lassen; sie sei auch müde von der Reise +und nicht ganz wohl; die Ruhe scheine ihr gut zu tun.</p> + +<p>So blieb sie acht Tage und noch einmal acht Tage +fort. Mittags an einem kalten Wintertag kam sie zurück, +blaß, noch immer erkältet, ängstlich, unfähig, zu sagen, +wie fürchterlich es ihr war, wieder unter Menschen zu +kommen, die sie für eine ehrlose Frau hielten. Kallem +erschrak über ihr Erkältetsein und ihr schlechtes Aussehen; +ihr Wiedersehen war kein frohes Wiederfinden,<a class="page" name="Page_246" id ="Page_246" title="246"></a> +sondern eine besorgte Untersuchung ihrer Brust und +ein bißchen mattes Erzählen; sie war müde und verlangte +ins Bett.</p> + +<p>Kallem fragte, ob Karl geschrieben habe; hierher +sei kein Brief von ihm gekommen. — Nein, sie habe +auch keinen erhalten. — Ob sie denn nicht geschrieben +habe? — Nein. Karl habe eine Vertraulichkeit gezeigt, +die ihr nicht gefiele. — Es waren schon oft kleine Reibereien +zwischen den beiden vorgekommen, von denen +er erst später gehört hatte; und da sie ihn nicht ansah, +fühlte er, daß er nicht fragen dürfe.</p> + +<p>Mehrere Tage hütete sie das Bett. Ein leidiger +trockener Husten wollte nicht weichen; sonst waren +keinerlei besorgniserregende Indizien vorhanden. Als +sie wieder aufstand, kam sie ihm merkwürdig mager vor; +das Gesicht hatte einen matten kränklichen Zug; unter +den Augen lagen dunkle Ringe. Sie sehnte sich hinaus — +in die frische Luft. Aber sie weigerte sich auf das bestimmteste, +außerhalb des Gartens spazieren zu gehen. +Erst behauptete sie, das sei langweilig; als er sie aus dieser +Stellung vertrieb, verschanzte sie sich hinter eine stärkere: +sie fing zu weinen an. Er hielt das für ein verdächtiges +Zeichen; sie war am Ende gar schwanger? +In dieser Hoffnung gab er sich zufrieden und wartete. +Sie machte ihre Spaziergänge im Garten und erzählte +es ihm voll Stolz; aber daß sie fast immer nur in der +Dämmerung ging, das verschwieg sie. Nach und nach +fand sie selber, daß ihr besser war; und er fand das auch.</p> + +<p>So verging eine Zeit. Er wartete auf das, was er so +gern gehört hätte, glaubte da und dort Anzeichen zu +bemerken; zwischendurch aber ängstigte es ihn, daß sie +immer magerer zu werden schien; er konnte sie auch +nicht zum Essen bewegen. Eines Abends, als er fort +gewesen, war sie wie gewöhnlich draußen in der Dämmerung +spazieren gegangen und hatte nachher Schüttelfrost +und Beklemmungen. Als Kallem zu Bett ging, +schlief sie; aber ihr Husten weckte ihn. Er machte Licht +und sah, daß sie die Hand gegen die Brust preßte.<a class="page" name="Page_247" id ="Page_247" title="247"></a> +"Tut das weh?" — "Ja." — "Wo?" — "Hier!" — +Und sie zeigte auf das rechte Schlüsselbein. — "Hast +Du Stiche da, wenn Du hustest?" — "Ja." — Im selben +Augenblick hatte sie einen heftigen Hustenanfall. Er +stand auf, zog sich an, legte im Ofen nach, klingelte und +schickte das Mädchen nach der Apotheke. Unterdessen +untersuchte er sie und fragte sie dabei aus. Er hörte +von dem Schüttelfrost gestern Abend, und wie sie ihre +Spaziergänge am liebsten in der Dämmerung mache. +"In der Dämmerung!" rief er; mehr war nicht nötig; +sie versteckte ihren Kopf in den Kissen. — Das möge +sie doch in Zukunft gefälligst bleiben lassen! Und vorläufig +müsse sie das Bett hüten, und zwar mehrere Tage. +Das Senfpflaster auf der Brust war ihr unangenehm, +mit den Hustenpillen hatte er mehr Glück. Er verbarg +seine Besorgnis hinter allerhand Scherz und Zärtlichkeit; +und wirklich — nach ein paar Tagen war sie wieder so +wohl, als er kaum zu hoffen gewagt hatte! Auch ganz +gehorsam war sie geworden; vierzehn Tage lang hielt +sie sich still im Zimmer. Der Husten kam seltener; die +einzelnen heftigen Anfälle stachen zwar in der Brust; +aber sonst fühlte sie sich ganz wohl; nur ungeheuer matt +und kurzatmig, so daß sie nicht einmal mehr Lust hatte +zu spielen.</p> + +<p>Im Garten wurde ein Weg für sie gebahnt, und zum +erstenmal ging sie — mit Kallem — wieder bei Tag +aus, kehrte aber gleich wieder ins Haus zurück. Erst +ängstigte ihn das, ängstigte ihn merkwürdig; aber aus +ihrer Art und Weise schloß er, daß es nur Laune sei. +Sie fühlte sich indessen matter, als sie gestehen wollte. +Am Tag darauf versuchte sie es mit Sigrid. Aber nach +den ersten Schritten versagte ihr der Atem; sie mußte +ausruhen, und bat Sigrid, nichts zu sagen; es werde +schon vorübergehen, wenn sie "mehr trainierte". Das +Wetter wurde milder; über Mittag waren sogar ein paar +Grad Wärme. Sie fühlte sich wohler und konnte länger +gehen; Kallem freute sich, als er eines Tages sah, daß +sie das Klavier öffnete. — <a class="page" name="Page_248" id ="Page_248" title="248"></a>—</p> + +<p>Eines Abends erschien Sören Pedersen; bleich — +allein — beides äußerst ungewöhnlich. Was war denn +los? Kristen Larssen ginge um! Kallem brach in +schallendes Gelächter aus. Sören verzog keine Miene: +Kristen Larssen ginge, wahrhaftigen Gott, um! Im +letzten Jahr seines Lebens hatte er nie mehr Geige +gespielt; er hatte seine Geige Aune gegeben. Aber jetzt +spiele er Geige in seinem alten Haus. — Ob denn +niemand drin wohne? — Nein. Das Haus sei abgeschlossen; +aber er spiele darin! Mehrere hatten es +gleichzeitig gehört; nicht der leiseste Zweifel sei möglich. +— Ach was — da habe sich einfach irgendein +Schelm eingeschlichen! Wer den Schlüssel habe? — +Der Neffe seiner Frau. — "Wer ist das?" — "Aune!" — +"Na, siehst Du wohl!" — "Aune hat ja aber selber das +ganze Haus mit durchsucht; und Aune hat am meisten +Angst von uns allen!" — Ein Mädchen, die ein krankes +Kind hatte — Kallem kannte sie, er war ihr Arzt — +hatte eines Nachts Kristen Larssen an der Hauswand +entlang schleichen sehen. Seitdem hatten noch mehrere +ihn gesehen. "Zweifeln tat keiner daran!" schloß Sören. +Wie wollte der Herr Doktor denn das erklären, daß +Frau Bajer, die Frau des Obersten, eines Tags zu ihnen +in ihren Tapezierladen gekommen sei, und ihnen erzählt +habe, sie habe geträumt, Kristen Larssen sitze in +einer langen Stube zwischen vielen großen, gelehrten +Männern, die alle buchstabieren lernten? Sie hatte sich +gedrungen gefühlt, Sören Pedersen, den Kristen Larssen +ja doch verführt hatte, das zu erzählen. "Und denken +Sie sich, Herr Doktor, gerade in der Nacht vorher haben +wir beide, Aase und ich, geträumt, die Frau Oberst +komme zu uns in den Laden!"</p> + +<p>"Ich will Ihnen etwas ebenso Merkwürdiges erzählen, +Pedersen. Am ersten Tag, als meine Frau und ich hier +in der Stadt waren, begegneten wir Maurer Andersen, +Karl Meek, Kristen Larssen, Sigrid, Ihnen und Ihrer +Frau — alles im Lauf einer Viertelstunde!" Pedersen +rollte seine Kugelaugen, ohne zu verstehen. Daran war<a class="page" name="Page_249" id ="Page_249" title="249"></a> +doch weiter nichts Besonderes? — "Nein, denn auf die +hundert anderen, denen wir begegneten, gaben wir gar +nicht acht. Genau so wie Sie, Sören Pedersen, nicht +acht geben auf die Hunderte, von denen Sie und Aase +träumen, — wenn Sie sie nicht gerade tags darauf in +Ihrem Laden sehen!"</p> + +<p>Sören Pedersen war aber nicht überzeugt.</p> + +<p>Der Aberglaube lag nun einmal in der Luft. Einer +steckte den andern an; bald sprach die ganze Stadt von +nichts weiter; besonders, nachdem sich auch der Pastor +in die Sache gemischt hatte. Seit dem Frühjahr hatte +er allein gehaust mit seiner Mutter — Frau und Sohn +waren erst kürzlich wiedergekommen — und in dieser +ganzen Zeit hatte seine Lehre zugenommen an Strenge, +— in der letzten Zeit mit einem Gepräge von Leidenschaft, +das Unheil prophezeite. Jetzt verkündete er im +Betsaal, jeder Gläubige wisse ganz wohl, daß Geister unter +uns lebten und wirkten, und daß viele nach dem Tode +den Weg der Ruhelosen wanderten; das seien erwiesene +Tatsachen, die sich als Mahnung von Geschlecht zu +Geschlecht wiederholten.</p> + +<p>Als Kallem davon hörte, machte er ernst mit einem +Gedanken, den er schon längst gehabt hatte — nämlich: +sich Aunes zu bemächtigen. Aune hatte gar keine Lust +und war erfinderisch genug, ihm immer wieder zu entschlüpfen; +er besaß eine große Überredungsgabe, mit +der er auch Kallem oft zum Besten gehabt hatte; aber +jetzt mußte er heran! Die Frau war vollkommen einverstanden, +und in ihrer Gegenwart nahm Kallem ihn eines +Sonntag vormittags im Krankenhause vor — zunächst +wegen des Trinkens, dann aber vor allem, um Licht in +die Spukgeschichte zu bringen, die natürlich kein anderer +als dieser Erzschelm selbst in Szene gesetzt hatte. Und +so war es auch! Jetzt kam aber die Schwierigkeit: wurde +das bekannt, so war Aune zugrunde gerichtet. Das war +der Frau sofort klar, und sie bat für ihn. Darum ließ +sich nichts anderes tun in der Sache, als es ihm zu verbieten +und zu schweigen.</p> + +<p><a class="page" name="Page_250" id ="Page_250" title="250"></a>Natürlich hinderte das Kallem nicht, auf seiner Vormittagsrunde +Doktor Kent, der so wenig an den Spuk +glaubte, wie er selbst, zu erzählen, man wisse jetzt, +wer die ganze Geschichte mit Kristen Larssen in Szene +gesetzt habe; den Namen dürfe man nicht nennen; +aber das Ganze sei ein abgekartetes Spiel. Kent, der bei +einem Kranken Josefine traf und wußte, daß nichts ihr +willkommener war als eine Nachricht von ihrem Bruder, +wiederholte ihr Kallems Worte. Beim Mittagessen erzählte +der kleine Edvard, der täglich von diesen Spukgeschichten +voll war, jetzt hätten auch zwei Jungens Kristen +Larssen gesehen, Aunes Junge und der Sohn des Laienpredigers. +Edvard funkelte vor Eifer. Da erklärte die +Mutter ihm kurz und bestimmt, das sei ein Betrug; +einer der Ärzte aus der Stadt wisse, von wem der Betrug +herrühre; es gebe keinen Kristen Larssen, der umgehe.</p> + +<p>Als der Junge sich entfernt hatte, sagte der Pastor, +er finde ihr Benehmen rücksichtslos. "Wieso rücksichtslos?" +— "Nun, daß <em class="gesperrt">Du</em> dem Jungen das sagst; Du hast +doch gehört, daß er sich gleich dahinter verschanzte, +<em class="gesperrt">ich</em> glaubte auch an Gespenster!" Des Pastors Ton war +nicht überlegen, nicht einmal vorwurfsvoll; sie fühlte, +er hatte recht, und antwortete darum nicht. Aber es +wirkte nach, und eine Weile darauf stand sie im Studierzimmer.</p> + +<p>"Ich habe über das nachgedacht, was Du vorhin +sagtest." Er lag auf dem Sofa und rauchte, erhob sich +aber, um Platz zu machen. Es tat ihm wohl, daß sie zu +ihm hereinkam. Aber sie blieb stehen. "Soll etwas, +das Du dem Jungen einmal gesagt hast, für ihn eine +Wahrheit sein, auch wenn es nicht wahr ist?" — "Nein. +Aber Du könntest es mir überlassen, es zu berichtigen!" +— "Und wer sagt mir, daß Du es berichtigen willst?" — +"Was soll das heißen?" — "Das soll heißen, daß Du dem +Jungen fortwährend Dinge beibringst, an die Du selber +unmöglich glauben kannst." — "Was für Dinge?" — +Er wurde rot; denn er begriff, jetzt kam es zu einer +Abrechnung. — "Ich habe in der letzten Zeit oft daran<a class="page" name="Page_251" id ="Page_251" title="251"></a> +gedacht, mit Dir darüber zu reden," sagte sie, "und +nun soll es einmal geschehen. Du selbst glaubst nicht +daran, daß die Welt vor etwa sechstausend Jahren in +sechs Tagen geschaffen worden ist, oder daß die Sagen +von den ersten Menschen und den Patriarchen etwas +anderes seien als Sagen, nicht wahr? Ebenso die ganze +Geschichte vom Paradies. Erde und Menschen können +nicht gleich von Anfang an vollkommen gewesen sein. +Aber die Kinder lehrst Du das, und in der letzten Zeit +auch Edvard." —</p> + +<p>Er schritt im Zimmer auf und ab; sie stand zwischen +den beiden Türen, die zum Flur und zum Wohnzimmer +führten. So oft er sich ihr näherte, schaute er sie mit +einem starken, ja mächtigen Blick an; so sieht ein +schlechtes Gewissen nicht aus; das fühlte sie. Und um +ihr zu zeigen, in welchem Geist hier verhandelt werden +mußte, blieb er stehen und sagte ruhig: "Wollen wir +uns nicht setzen, Josefine?" — "Nein", erwiderte sie. +"Ich würde ja doch gleich wieder aufstehen!"</p> + +<p>"Das, was Du Sage nennst," sagte er, "trägt in sich +die ewige Wahrheit, daß Gott alles und alle geschaffen +hat, und daß die Sünde ein Abfall von ihm ist." — +"Weshalb es nicht so lehren, anstatt in unwahren Bildern?" +— "Kinder fassen es am besten in Bildern, +Josefine." — "Dann sage ihnen, daß es nur Märchen +sind." — "Darauf kommt es nicht an." — "Gewiß +kommt es darauf an, daß die Kinder ewige Wahrheiten +nicht in unwahren Bildern lernen, meine ich!" — Er +sah, wie leidenschaftlich sie die Sache nahm, und warnte +sie; sie müßten ohne Leidenschaft darüber reden können. +"Nein", sagte sie, "das kann ich nicht. Denn Du mußt +wissen — es geht um die Zukunft unseres Kindes — +und um Deine und meine!" Und sie trat an den Schreibtisch, +wie um ihm näher zu kommen, vielleicht auch, um +sich zu stützen.</p> + +<p>Aber er ließ sich nicht beirren. "Wärst Du selber so +durchdrungen von jener ewigen Wahrheit, die Du im +Munde führst, Josefine, — kämpftest Du nur um sie,<a class="page" name="Page_252" id ="Page_252" title="252"></a> +so wäre all dies für Dich etwas ganz Untergeordnetes. +Das, was wir an Stelle des Alten setzen könnten, ist ja +auch nichts Sicheres; wir wissen, so, wie das ehrwürdige +Buch es berichtet, kann es schwerlich zugegangen sein; +aber wir wissen auch nicht, wie es in Wirklichkeit gewesen +ist. Bloß das wissen wir: von Gott stammt unser +Leben, in Gott sind wir glücklich — im übrigen laß +Kinder und Erwachsene die ersten Vorgänge auffassen +nach der Väter Weise — bis auf weiteres." Die ehrliche +Kraft der Überzeugung lag in seinen Worten, und sie +verfehlten ihre Wirkung nicht. Darum schwieg sie lange. +Dann aber brach plötzlich etwas anderes hervor. "Weißt +Du, daß — ohne die grenzenlose Verschandelung meines +Verstandes und Willens in meiner Kindheit auch ich +anders geworden wäre, als ich jetzt bin?" — "Ja," +sagte er kalt, "wie ich höre, hast Du es in der letzten +Zeit so weit gebracht, den Glauben für das Unglück +Deines Lebens zu halten!" — "Das hab' ich nie gesagt!" +fuhr sie auf und wurde sehr blaß. "Und auch +niemals gemeint!" Ruhiger fügte sie hinzu: "Den Glauben +an Gott und die Erlösung durch Jesus hab' ich niemals +als Zwang an meinem Verstand empfunden. +Niemals!" — "Wirklich? Das ist ja schön!" sagte er, +seufzte aber gleich darauf tief. — "Gut! Wenn Du +mich nicht anhören willst," sagte sie, "so will ich +mich kurz fassen. Entweder Du hörst auf, dem Jungen +Märchen zu erzählen, die nicht unschuldig sind, wenn +sie seinen Kinderverstand einengen können; oder ich +halte Dich nicht mehr für vollkommen gewissenhaft, +Ole!"</p> + +<p>Es war nicht das erste Mal, daß sie harte Worte +brauchte; sie hatten lange und schwere Kämpfe miteinander +gehabt. Aber nie hatte sie so hart gesprochen, +niemals seinen Glauben angegriffen. Sie hatte ihr Recht +verteidigt, so zu sein, wie sie war, wenn auch mit heftigen +Ausfällen gegen die Art, wie er war; sie war seinen +Herausforderungen mit schneidiger Waffe begegnet; aber +niemals, bis zu diesem Augenblick, hatte sie etwas der<a class="page" name="Page_253" id ="Page_253" title="253"></a>artiges +gesagt oder Bedingungen gestellt. Er hatte schon +ziemlich lange das drückende Gefühl gehabt, daß sich in +ihr etwas zusammenzog; aber ihr fest gewappneter Vorsatz +— von solchem Zorn, solchem Willen getragen —! +So standen sie sich gegenüber, Aug' in Auge; und wollten +die Tiefe ihres Willens aneinander messen. Auch in +ihm kochte es auf zu gewaltigem Zorn, und um von +vornherein jede falsche Hoffnung abzuschneiden, sagte +er: "Der Junge bleibt bei mir!" — "Bei Dir?" — Sie +wurde aschfahl. "Hast <em class="gesperrt">Du</em> ein größeres Anrecht an +ihn als ich? Bist <em class="gesperrt">Du</em> seine Mutter?" — "Ich bin sein +Vater. Bibel und Gesetz machen den Vater zum Eigentümer +des Kindes."</p> + +<p>Jetzt begann sie auf- und abzugehen; aber nur zwischen +Fenster und Tür, wie zwischen den Stäben eines Käfigs. +Ihre Brust wogte; ihr Atem ging hörbar; ihre Gesichtsfarbe, +ihre Augen, ihre Stimme verrieten, in welch +furchtbarer Aufregung sie war. Sie hatte nie geglaubt, +daß er zu so etwas imstande sei. — "Schämst Du Dich +nicht? Du wolltest den Jungen behalten?" — "Das +will ich, so wahr Gott es mir gebietet! Du sollst unsern +Jungen nicht verderben." — "Ihn verderben? Ich? +Das ist zu viel! Jetzt sollst Du die Wahrheit hören! +Von Kindheit an hast Du Macht über mich gewonnen +— <em class="gesperrt">dadurch</em>! Hast Macht gewonnen über meinen Verstand +durch Deinen unerschütterlichen Glauben, ohne +daß ich es merkte, weil Du gut warst und Dich hingabst. +Und damit hast Du meine Natur verpfuscht — ja, das +hast Du! — denn ich war anders geartet. Du hast +meinem Leben Bahn und Ziel gewiesen, ich merkte es +selber nicht. Ich sag' es, wie es ist; ich messe Dir keine +Schuld bei. Aber Du sollst wissen, weshalb Du nicht +auch Macht gewinnen darfst über mein Kind! Das +darfst Du nicht — solange noch ein Funken Leben in +mir ist — trotz Gesetz und Bibel! Jetzt weißt Du's — +und Du wirst es sehen!"</p> + +<p>Hätte sie geahnt, daß er schon lange, lange darauf +gewartet hatte, sie möge ihm einmal so gegenüberstehen,<a class="page" name="Page_254" id ="Page_254" title="254"></a> +sie hätte es sich erspart, mit solch sprühender Leidenschaftlichkeit +zu reden. Er selber war vollkommen Herr +seiner Gefühle. "Ja, Deine göttlichen Gefühle hab' +ich auf Abwege geleitet — das weiß ich längst. Ich hab' +es getan durch den Glauben, der nicht der Deine wurde. +Das hab' ich gewußt, mein Kind, noch ehe Du wegreistest!" +Er sagte es breit und sicher. — "Nun, also +dann weißt Du es!" schrie sie mit derselben funkelnden +Leidenschaft. "So weißt Du es! Dein Glaube ist niemals +der meine geworden! Er paßte mir nicht! Aber +auch zu keinem andern Glauben bin ich gekommen. +Immer dachte ich, es sei Sünde, daß ich nicht glauben +konnte wie Du! Es lag wie ein Stein auf mir, daß ich +nicht alle meine Kräfte aufwenden konnte für etwas, +das mein war! Darum bin ich nicht geworden wie andere. +Alles war verpfuscht!" — "Und was hätte denn aus Dir +werden sollen, wie?" — "Oh — wenn Du gleich das +Tollste wissen willst — Kunstreiterin!" antwortete sie, +ohne mit der Wimper zu zucken. Er blieb stehen; er +traute seinen Ohren und Augen nicht. "Kunstreiterin!" +Er lachte höhnisch. "Wahrlich — ein großer Verlust +für die Welt und für Dich, daß Du das nicht geworden +bist, Josefine!" — "Das wußt' ich, daß Du so denken +würdest. Aber wenn es mein Los gewesen wäre, einen +Zirkus zu leiten, so hätt' ich Hunderten Brot und Tausenden +ein gesundes Vergnügen verschafft. Das ist gar +nicht so wenig, Du — das ist mehr, als die meisten +Menschen leisten! Und was hab' ich so geleistet? Mit +was für Kleinkram hab' ich mich beschäftigt? Was +hab' ich erreicht? Daß ich nahe daran bin, Dich und +mich zu verachten! Was ist aus unserm Leben, was ist +aus unserer Ehe geworden? Kannst Du ehrlich behaupten, +Du fühltest noch Liebe zu mir? Kann ich +behaupten, ich hätte Dich noch lieb?" — "Nein, Josefine +— wen Du lieb hast, das wissen wir beide!"— +Wenn er sie geschlagen hätte, wie ihr Bruder, sie hätte +nicht rasender sein können; erstens weil es überhaupt +ausgesprochen wurde — sie wußte ja kaum, daß man<a class="page" name="Page_255" id ="Page_255" title="255"></a> +wagen konnte, es zu denken — und dann, weil der Mann +es aussprach, der ihrem Bruder und ihr alles verdankte, +was er war, und der trotzdem Schuld daran trug, daß die +Geschwister entzweit waren. "Allerdings — <em class="gesperrt">er</em> hat, +was Du nicht hast!" antwortete sie, um ihn so recht +empfindlich zu verletzen. "Im übrigen ist es erbärmlich +von Dir, so etwas zu sagen." — "So? Glaubst Du, ich +wüßte nicht, daß es seine Schuld ist, wenn ich Dich +verloren habe, Dich und meinen häuslichen Frieden und +dadurch die Freudigkeit für meinen Beruf, und daß +mir nun auch noch die Gefahr droht, mein Kind zu +verlieren?"</p> + +<p>Seine Stimme zitterte; er hatte anfangs im Zorn gesprochen, +doch der Zorn ging über in tiefes Leid, und +der gleiche Vorgang war in ihr. Sie hätte am liebsten +laut geweint. Doch keines wollte einem weicheren Gefühl +nachgeben. Sie stand am Fenster und blickte hinaus. +Er ging im Zimmer auf und ab. Ein langes, langes +Schweigen. Und währenddessen gewann in ihr der Zorn +wieder die Oberhand. Seine schweren Schritte klangen +ihr voll Trotz; auch in dem Schweigen lag Trotz. Und +das, was er vorhin gesagt hatte, war schändlich.</p> + +<p>"Also," sagte sie, ohne ihn anzusehen, "Du kennst +nun die Bedingung. Solche Märchen, wie die Spukgeschichte +von Kristen Larssen ... erzählst Du, und +hast sie dabei nicht einmal untersucht. Und genau so +ist es mit den Märchen vom Paradiese, an die glaubst +Du nicht einmal und erzählst sie doch. Kann ich +Achtung haben vor so etwas? Da ist mein Bruder doch +ein anderer Mensch! Der ist doch aufrichtig. Kommst +Du meinem Jungen noch weiterhin mit solchen Märchen, +ohne ihm zu sagen, daß es Märchen sind," — und jetzt +wandte sie sich um — "so ist es aus mit uns beiden, +Ole! Bei Gott, es ist aus! Niemals wird es Dir gelingen, +ihn mir wegzunehmen durch so etwas!" Sie trat auf +ihn zu. "Darin gebe ich nie und nimmer nach, Ole!" +Sie ging.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p><a class="page" name="Page_256" id ="Page_256" title="256"></a>Am selben Sonntag und zur selben Zeit kam Kallem +nach Hause zum Mittagessen, das bei ihm etwas +später lag als bei seinem Schwager.</p> + +<p>Schon durch die Küchentür sah er Ragni in einer +großen Schürze, die bis unters Kinn reichte, am Küchentisch +stehen und Gemüse putzen. Er legte im Flur ab +und ging zu ihr hinein; in letzter Zeit war in ihm eine +stetig wachsende Angst, die er ihr jedoch verbarg. War +es die weiße Schürze, die einen so bleichen Schein über +sie warf, oder der Dampf von Sigrids Braten — Ragni sah +entsetzlich schlecht aus. Und sie hatte sicher geweint! +Das schnitt ihm ins Herz. Sie sah nicht von ihrer Arbeit +auf, sondern sagte: "Wir haben einen Gast zu Tisch." — +"So?" — "Ja, Otto Meek, Karls Vater, ist heut Vormittag +dagewesen und kommt zum Essen." — "Wie +geht's denn Karl?" — "Nicht gut. Da kommt ja Herr +Meek." Der große Kopf in der Pelzmütze tauchte +jenseits des Zaunes auf; jetzt trat Meek in den Garten; +und Kallem ging ihm entgegen. Früher, als Meek noch +praktizierte, hatte auch er sich besonders mit Brustkrankheiten +befaßt, die in dieser Gegend des Landes +nur allzu verbreitet waren, und er verfolgte Kallems +Arbeit am Krankenhaus und seine Schriften mit reger +Teilnahme; Kallem freute sich über sein Kommen. +Während er ihm half, den Überzieher abzulegen, sagte +er, Ragni habe ihm erzählt, es ginge Karl nicht gut. +"Nein, es geht ihm nicht gut." — "Was ist es denn?" — +"Ja, deshalb bin ich gerade gekommen," erwiderte +Meek. — "Haben Sie mit meiner Frau darüber gesprochen?" +— "Ja." Sie gingen beide ins Zimmer. +Es war warm und gemütlich drin; der Flügel stand offen. +Hatte sie gespielt, als Meek gekommen war? Dann +konnte es ihr nicht so schlecht gehen, wie es aussah; er +brannte darauf, sie zu untersuchen.</p> + +<p>Meek war heute noch schwerfälliger und schweigsamer +als gewöhnlich. "Na," sagte Kallem, "haben Sie +sich über Karl geeinigt, Sie und meine Frau?" — Meek +sah ein bißchen verwundert auf. "Sie meinen, daß man<a class="page" name="Page_257" id ="Page_257" title="257"></a> +ihm schreiben soll?" — "Na ja, das auch. Es hat natürlich +— wie schon oft — eine kleine Reiberei gegeben?" +— "Ja", antwortete Meek und schwieg dann wieder. — +"Sie denken wohl, ich wüßte etwas davon? Nein, mein +Bester, keinen Schimmer!" Meek schien immer nachdenklicher +zu werden. "Ich habe Ihrer Frau gesagt, +sie müsse es Ihnen sagen. Es ist ja schön von ihr, daß +sie es nicht getan hat. Aber die Sache fängt an, eine +gefährliche Wendung zu nehmen." Seine schwermütigen +Augen blickten in Kallems Augen. — "Gefährlich, sagen +Sie?" — "Ja. Ich muß ihn nach Hause kommen lassen." +— Kallem sprang von seinem Stuhl auf; Meek fuhr +fort: "Es hat gar keinen Zweck, daß er dort ist." — +"Aber, mein Gott, was ist denn los? Wollen Sie, daß +wir es wieder mit ihm versuchen?" — Kallem dachte, +der Junge habe möglicherweise einen Rückfall gehabt. +Meek sah ihn forschend, beinah erschrocken an. "Wie +geht es eigentlich Ihrer Frau?" Kallem wurde rot; +das traf wie ein Schuß mitten in seine heimliche Angst. +"Sie hat sich eine häßliche Erkältung zugezogen, die +nicht weichen will; ich habe eine Zeitlang geglaubt, ... +Wissen Sie was? Könnten Sie sie nicht einmal untersuchen?" +Sein Zweifel war zur Gewißheit geworden; +sein Herz schlug so, daß er selber sie nicht hätte untersuchen +können. Meek sah ihn noch immer an; und +Kallems Angst wurde immer größer. "Ich bitte Sie, +wollen Sie sie nicht untersuchen?" — "Doch, natürlich. +Sie haben es in der letzten Zeit nicht getan?" — +"In der allerletzten Zeit nicht. Ich wollte sie nicht +ängstigen. Ihre Phantasie bemächtigt sich gleich der +Sache, und das ist bei ihr furchtbar gefährlich. Außerdem +war da noch etwas anderes ... Aber jetzt werd' +ich —" Er wollte hinausgehen und sie holen. "Haben +Sie ihren Vater gekannt?" fragte Meek. Kallem überlief +es kalt. "Haben <em class="gesperrt">Sie</em> ...?" — "Ja. Ich war Fischerarzt +dort oben." — "<em class="gesperrt">War er</em> —?" fragte Kallem atemlos, +und verschluckte den Schluß. Meek nickte bloß. Kallem +griff sich mit beiden Händen an den Kopf, eilte nach<a class="page" name="Page_258" id ="Page_258" title="258"></a> +der Tür, und kam wieder zurück: "Wollen Sie jetzt +gleich, auf der Stelle, sie untersuchen, ja?" — "Wie +Sie wünschen." — Kallem führte sie behutsam herein, +ohne daß sie erst hatte die Schürze abbinden können; +sanft zog er sie ans Fenster. Ja, sie hatte geweint. Und +diese Ringe um die Augen, die Magerkeit, die Farbe —! +Sie sah sein Entsetzen und deutete es falsch. Draußen +in der Küche hatte sie gedacht: jetzt sprechen sie von +Karl. Jetzt erfährt Kallem, was geschehen ist, und +warum ich keine Briefe mehr von ihm haben will. Als +sie nun Kallems Aufregung sah, dachte sie: ist er böse, +weil ich nichts gesagt habe? Das konnte sie nicht ertragen; +ihr wurde kalt und heiß. — "Liebe, liebste +Ragni, darf Doktor Meek nicht mal Deine Brust untersuchen?" +Also das war es —! Sie erschrak aufs heftigste +und sah ihn wie ein wundes Tier an, das um Schonung +fleht. Aber er bat wieder und begann behutsam ihr die +große Schürze abzubinden; und gehorsam wie sie war, +fügte sie sich.</p> + +<p>Gleich an der ganzen Art, wie und wo Meek innehielt +und wieder horchte, merkte Kallem, daß da etwas +Entsetzliches über sie beide hereingebrochen war. Ihre +verängstigten Blicke suchten die Augen des Gatten und +vermehrten seinen eigenen Schmerz — ahnte sie es +selbst? Oder war es ein Vorwurf, daß er einen andern +das tun ließ?</p> + +<p>Jetzt lag der große Kopf an ihrem Rücken. An der +rechten Seite — da ... Verdichtung in der Lungenspitze? +Kavernen im Gewebe? Er dachte sich das +Schlimmste — und sie auch; das sah er. Wußte sie +vielleicht mehr, als sie hatte sagen wollen? Verheimlichte +sie ihm etwas, ebenso wie er seine Furcht verheimlichte? +O Gott, so kummervoll fragend sucht kein Auge +das andere, es sei denn in Todesangst! Auch ihn +packte sie.</p> + +<p>"Haben Sie in der letzten Zeit außergewöhnlich viel +gehustet?" Sie schien unsicher, was sie antworten solle, +und blickte flehend auf Kallem. Ihre Hände zitterten,<a class="page" name="Page_259" id ="Page_259" title="259"></a> +und sie wollte es verbergen; Meek sah es. "Fühlen Sie +sich sehr matt, wenn Sie spazieren gehen?" fragte er. +Wieder blickte sie verzweifelt auf Kallem, als wolle sie +ihn dafür um Verzeihung bitten. "Kommen Sie leicht +außer Atem?" fuhr der andere fort. — "Ja." — "Fühlen +Sie sich manchmal sehr entkräftet, — fast als ob Sie +ohnmächtig werden wollten?" In schrecklicher Angst +sah sie jetzt Kallem an. — "Sind Sie etwa schon in Ohnmacht +gefallen?" — "Ja." — "Ist das wahr?" rief +Kallem. — "Ja, heute", sagte sie hastig, mit zitternder +Stimme. — "Nachdem ich mit Ihnen gesprochen hatte?" +— "Ja. Ich wollte gern ein bißchen frische Luft schöpfen, +und ..." Bei diesen Worten brachen die Tränen hervor.</p> + +<p>Meek wartete eine Weile. "Wenn Sie husten, — +haben Sie dann Schmerzen hier?" er zeigte auf das +rechte Schlüsselbein. Sie nickte. "Haben Sie jemals +Ihren Auswurf angesehen?" Sie antwortete nicht. +"Haben Sie ihn nie angesehen?" — "Doch, gestern +Abend." — "Nun, und — ?" Sie schwieg und starrte +zu Boden. — "War Blut darin?" — Sie nickte; die +Tränen liefen ihr über die Wangen; sie wagte nicht mehr +aufzusehen.</p> + +<p>Kallem stand da, unfähig zu sprechen. Meek fragte +nicht weiter. Ragni ordnete ihre Toilette. Meek reichte +ihr stillschweigend ein Tuch, das sie abgenommen hatte, +als die Untersuchung begann. Und während sie hilflos +dasaß und es wieder umzubinden versuchte, schien +Kallem etwas einzufallen, was er im Arbeitszimmer holen +mußte. Er kam nicht wieder. Sie wußte weshalb; und +eine Weile zweifelte sie, ob sie überhaupt aufstehen +könne, und hatte ein Gefühl, als würde sie wieder ohnmächtig +werden; aber der Gedanke an ihn, der da drin +in seinem Studierzimmer saß, überwand die Ohnmachtsanwandlung; +sie wollte zu ihm. Sie bat Meek um Entschuldigung, +stand auf, ging auf die Eßzimmertür zu +und verschwand. Auch sie kam nicht wieder.</p> + +<p>Meek wartete eine Weile, wartete lang und länger. +Dann ging er auf den Flur, zog seinen Mantel an, rief<a class="page" name="Page_260" id ="Page_260" title="260"></a> +zur Küchentür hinein, er müsse gehen, und bat, die +Herrschaften zu grüßen.</p> + +<p>Sigrid suchte sie in der Wohnstube, klopfte an die +Tür des Arbeitszimmers, — keine Antwort. Sie horchte +und öffnete schließlich. Kallem lag auf dem Sofa; +Ragni kniete, an ihn gelehnt, vor ihm. Leise meldete +Sigrid, das Essen sei fertig, und Doktor Meek sei fortgegangen. +Keines antwortete; keines blickte auf.</p> + +<p>Edvard und Ragni hatten bis jetzt geglaubt, der Tag, +an dem Ragni nach Amerika gereist, sei der schwerste +ihres Lebens gewesen; brieflich und mündlich hatten +sie einander gesagt, das sei ein Gefühl gewesen, als +müßten sie sterben. Aber der Tod ist noch anders; er +gleicht nichts sonst auf der Welt. Das erfuhren sie +jetzt. —</p> + +<p>Auf diesen Tag folgte eine lange Zeit voll Kampf +ohne Hoffnung, voll Verzweiflung ohne Worte, voll +innigster Liebe ohne Freude. Ragni hatte allerlei zu +"ordnen", womit sie in der Stille anfing. Sie hatte +auch verschiedenes zu schreiben, und so oft sie nur +irgend konnte, machte sie sich daran, schrieb, strich +aus, — nach langer Arbeit wurde das Ganze nur kurz. +Aber so lange sie mit dem beschäftigt war, was sie sich +zu erledigen vorgenommen hatte, ging es ihr leidlich. +Kallem war ganz erstaunt.</p> + +<p>Er selbst hatte allen Mut verloren. Er sah das +Schlimmste kommen. Am längsten sträubte er sich, +ihren Auswurf zu untersuchen; ... er wußte im voraus, +daß er den Tuberkelbazillus darin finden würde, den +Feind, zu dessen Bekämpfung er Vermögen und Leben +eingesetzt hatte. Nun war er vom Feind in seinem +eigenen Hause besiegt worden. Aber eines Tages mußte +er doch darangehen; und er fand ihn. Er rannte nicht +im Laboratorium auf und ab, er weinte nicht, er rang +nicht die Hände. Er versuchte nur, ob er ohne sie denken +könne; aber immer dachte er nur an sie. Von der ersten +Stunde ihrer Begegnung an — all die kleinen Züge, die +unbedeutendsten Beweise ihrer Anmut und Begabung,<a class="page" name="Page_261" id ="Page_261" title="261"></a> +ihre Schwächen ebenso wie ihre schweigende, poetische +Liebe — alles durchlebte er noch einmal mit der gleichen +Wonne, dem gleichen Schmerz; alles war ihm gleich +lieb, gleich unentbehrlich; unzählige Begebenheiten voll +Humor, Wärme, Furcht, Schönheitssinn, Hingebung an +den Augenblick — alle sahen sie ihn an wie Augen. +Wo sollte er hin? Was sollte er weiter? Sie war ja auch +in all seinen Arbeiten. Ihr Bild aus dem dritten Jahr +in Amerika stand drüben auf dem Kaminsims; es war +seinerzeit gekommen als erster Abdruck dessen, was ihr +geistiges Entwicklungsleben in Gesicht und Augen +hineinmodelliert hatte, eine wundervolle Bestätigung +dessen, was er geahnt hatte, als er sie hinüberschickte. +Aus dem Bild heraus suchten ihre Augen wie immer die +seinen; dieses Lächeln ihrer Augen war ihm in der Wartezeit +wie eine Verheißung alles Guten gewesen! Und +was war es ihm eben dadurch nicht alles gewesen! Jetzt +strömten wieder die Erinnerungen herbei an ihr erstes +Wiedersehen, an die ersten Worte, die erste Verlegenheit +über das Fremde, das hinzugekommen war, das +erste ganze, volle Wiedererkennen, die erste Umarmung ...</p> + +<p>Und das nur, um zu sagen, daß nun alles zu Ende +gehe! Auch alles, was er im Zusammenleben mit ihr +gedacht und getan hatte, seine Freude daran, seine +Kraft, sein Glaube. Was in aller Welt war nur geschehen? +Er mußte wirklich einmal mit ihr darüber sprechen. +Da war etwas, was sie ihm verheimlichte. Eine Unvorsichtigkeit, +die sie nicht einzugestehen wagte? Was +konnte es sein? Aber in sie dringen mochte er nicht.</p> + +<p>Dann, eines Tages, als er nach Hause kam, fand er sie +nicht unten. Und als er hinaufkam, lag sie im Bett! +Sie streckte ihre Hand aus — wie mager die geworden +war! — und richtete die großen Augen mit einem +matten, halbverschleierten Ausdruck auf ihn: "Ich hab' +mich ein bißchen hingelegt", flüsterte sie; "bloß auf +einen Augenblick!" Sie sah nicht einmal so schlecht +aus, vielleicht weil sie lag. Er setzte sich an ihr Bett und<a class="page" name="Page_262" id ="Page_262" title="262"></a> +hielt ihre lange, magere Hand zwischen seinen beiden +Händen.</p> + +<p>"Hinter all dem", begann er vorsichtig, "steckt etwas, +in das ich nicht eingeweiht bin. Einmal war ich auf vollständig +falscher Fährte; aber auch später ist es schneller +gegangen, als ich begreife — einfach, weil ich nicht +wachsam genug gewesen bin. Da steckt etwas dahinter, +irgendeine große, vielleicht wiederholte Unvorsichtigkeit, +die ich nicht mit in Rechnung gezogen habe. +Schatz, sag' es mir jetzt; sonst hab' ich keine Ruhe."</p> + +<p>"Ich will es Dir sagen. Ich habe es mir eben überlegt. +Drunten in meinem Schreibtisch sind ein paar Papiere, +im ersten Fach links; die sind alle für Dich. Die sollst +Du lesen, wenn —" sie unterbrach sich selbst. "Später!" +fügte sie hinzu und drückte schwach seine Hand. — +"Also jetzt soll ich es nicht erfahren:" — "Doch, das, +wonach Du fragst, gewiß. Ich kam nur nicht so weit." +Sie bat ihn, sie etwas anders zu legen, und er half ihr. — +"Doch, Du sollst es wissen. Nur Dir zuliebe habe ich +es verheimlicht," — ihre Augen füllten sich mit +Tränen, — "Du, mein ..." Wieder ein leiser Händedruck +und ein Lächeln. Er trocknete ihre Tränen mit +seinem Taschentuch ab und wischte sich heimlich die +Augen hinter der Brille. Sie lag und sah ihn an, +ohne zu sprechen; hatte sie es vergessen oder überlegte +sie? Er beugte sich über sie: "Nun —?" fragte er; +"willst Du es mir nicht sagen?" — "Doch! Das, was +zu oberst liegt, von Karls Hand, das kannst Du gleich +lesen. Das andere nicht." — "Steht es denn in Karls +Brief?" Sie nickte. "Der Schlüssel?" flüsterte er. "Der +steckt", antwortete sie, ohne die Augen zu öffnen, und +ließ seine Hand los.</p> + +<p>Er ging hinunter, öffnete das Fach und nahm den +Brief heraus, den wir kennen; dann setzte er sich hin, +um ihn gründlich zu lesen.</p> + +<p>Sein Entsetzen! Und seine Empörung, — und seine +Ohnmacht! Und davon hatte er nichts erfahren, als +es noch Zeit war! Er lief wie ein Rasender auf und ab;<a class="page" name="Page_263" id ="Page_263" title="263"></a> +dann setzte er sich aufs neue hin, wie gelähmt. Er +faßte Entschlüsse und verwarf sie wieder! Vor alle +Welt wollte er hintreten und ihnen zurufen, es sei eine +Lüge! In den Betsaal wollte er einbrechen, wenn er +gesteckt voll war, auf die Kanzel steigen und sie des +feigsten, erbärmlichsten Mordes anklagen! ... Und +dann wieder fiel ihm ein, daß Ragni, selbst wenn sie +ganz gesund gewesen, an so etwas gestorben wäre.</p> + +<p>Er selbst lebte nur dafür, den Menschen so viel Gutes +zu erweisen, wie er nur konnte; und nicht ein einziger +unter ihnen war ehrlich genug, war dankbar genug oder +auch nur empört genug, ihm zu sagen, daß er wachen +müsse über seinem und seiner Frau guten Namen, über +der Ehre seiner Ehe! So viel träge Verantwortungslosigkeit! +So viel Raum für Splitterrichterei und Bosheit +in dieser "christlichen" Gesellschaft! Jetzt verstand +er seine Schwester! Diese Verleumdung hatte sie geglaubt! +Das also war es, worüber sie mit ihm hatte reden +wollen an jenem Abend, als sie auf ihn gewartet! Und +aus Empörung über das, was sie so steif und fest glaubte +— was trauen die Menschen einem Freidenker nicht +alles zu? — hatte sie ihnen den "Walfisch" auf den +Hals geschickt! Alle, die nicht fünfe gerade sein ließen, +glaubten daran, alle verurteilten, niemand erhob Einspruch, +niemand kam!</p> + +<p>Das also hatte nun Ragni von ihrer Herzensgüte gegen +Karl! Sie war um so uneigennütziger gewesen, als sie +anfangs und auch später noch oft nur mit Überwindung +ihrer eigensten Natur darangegangen war; erst jetzt, +hinterher, hatte er das erfahren. Er kannte kein lieberes +Geschöpf als sie! Und ihr großes, warmes Gemüt, das +sollten diese ...! Diese Schurken, diese gewissenlosen +Zionswächter, diese psalmodierenden Egoisten und +herzenskalten Gebetmacher! Er las Karls Brief noch +einmal; Karl tat ihm so herzlich leid. Armer, armer +Junge! Natürlich hatte die Liebe in ihm erwachen +müssen! Welcher brave Kerl würde nicht ein Wesen +anbeten, dem die Menschen um seinetwillen so schweres<a class="page" name="Page_264" id ="Page_264" title="264"></a> +Unrecht antaten? Da mußte ja die Dankbarkeit und +Bewunderung des Jungen zuletzt zu Liebe werden! +Sowie Karl zurückkehrte, sollte er zu ihnen kommen! +Ganz sicher! Und hier sollte er bleiben, bis sie ihren +letzten Atemzug getan hatte! Und <em class="gesperrt">seinen</em> Arm wollte +er nehmen, seinen und keinen andern ... an jenem +furchtbaren Tag ... hinter ihrem Sarg ...! Er warf +sich aufs Sofa und schrie laut auf.</p> + +<p>Vielleicht war er zu sehr von seinen eigenen Interessen +eingenommen gewesen; er hätte mehr mit Menschen +umgehen, hätte sie unter Menschen bringen sollen; +dann wäre das nie geschehen. Keiner, der einen tieferen +Eindruck von ihrer reinen Seelengüte empfangen hätte, +würde gewagt haben ... obgleich — wer weiß? Dogmenblinde +Gewohnheitstiere sehen nicht.</p> + +<p>Sigrid kam gerannt: der Frau Doktor sei wieder +schlecht geworden; ein Hustenanfall. In neun, zehn +Sätzen nahm er Zimmer, Flur und Treppen; der Anfall +war vorüber, als er kam; sie lag da, in Schweiß wie +gebadet, so matt, so hinfällig, daß sie jeden Augenblick +ohnmächtig werden konnte. Ihr Auswurf war +grünlich, mit ziemlich viel Blut darin; er kannte das. +Er erklärte es sich damit, daß er zu lange weggeblieben +war; ihre Spannung hatte sich gesteigert, sie war heiß +geworden, hatte sich aufgedeckt ... Sie lag mit geschlossenen +Augen da und er verhalf ihr zum Schlafen. +Fortan verließ sie das Zimmer nicht mehr.</p> + +<p>Von ihrem Bett ging er sogleich an seinen Schreibtisch, +um Doktor Meek mitzuteilen, was geschehen war, +und ohne sich auf weiteres einzulassen, schloß er: "Wenn +Karl zurück ist, so sehen wir ihn wohl bald? Ich weiß +jetzt alles."</p> + +<p>Dann ging er aus, um eine Pflegerin zu besorgen, und +sowie er zurückkam, wieder zu ihr hinauf. Sie schien sich +leichter zu fühlen und schlief; und als sie endlich aufwachte, +war er das erste, was ihre Augen trafen. Er gab +ihr zu trinken, liebkoste sie, und die Fragen in ihren +Blicken erwiderte er mit Küssen auf ihre magere Hand,<a class="page" name="Page_265" id ="Page_265" title="265"></a> +während es um seinen Mund zuckte und Tränen die +Brillengläser benetzten.</p> + +<p>Aber sie redeten von ganz anderen Dingen: daß ihre +Schwester nicht kommen könne, und daß er Sissel Aune +zu Ragnis Pflege geholt habe; sie eigne sich von allen, +die er kenne, am besten dazu und sei ihnen treu ergeben. +Ragni nickte zustimmend. Und dabei sahen sie einander +an, wie Menschen, die sich nicht satt aneinander sehen +können. Und beide dachten an das, was sie nun beide +wußten — an die Ursache, weshalb sie jetzt so dalag. +"Der arme Karl!" flüsterte sie. "Der arme Karl!" +wiederholte er.</p> + +<p>Er mußte aufstehen und tat, als habe er unten etwas +vergessen; irgendein Vorwand fand sich ja immer.</p> + +<p>Hätte er nur wenigstens mit ihr reden können! Aber +er wagte es nicht. Er hatte auch keine Zeit, mit sich +selber allein zu sein. Er machte nur die notwendigsten +Besuche im Krankenhaus und schränkte seine Sprechstunden +möglichst ein; von allem andern machte er sich +völlig frei, um bei ihr sitzen zu können.</p> + +<p>Er hatte den Menschen sein Vermögen und seine +Arbeit geopfert, und nun lohnten sie ihm damit, daß +sie sein Lebensglück mordeten — wie grausam fand er +das! Was ist das für ein Maß, mit dem die Menschen +messen, wenn nicht ein Blick auf Ragni ihnen sagt, daß +sie das feinste, reinste kleine Wesen unter der Sonne +ist? Das war und blieb ihm unfaßlich! Diese Blindheit +empörte ihn immer wieder! Von denen, die er kannte, +schloß er auf die andern: nichts als Mittelware, für gewöhnlich +nicht uneben, aber selbstverständlich nie über +die Grenzen hinaus! Alle gingen sie in die Kirche, +viele noch obendrein in die Betstunde — Pastor Tufts +Leibgarde. Unter ihr hatte er auch mehrere ganz anständige, +vorsichtige Menschen getroffen. Und trotzdem +— ebenso gewissenlos in ihrem Urteil, so liebevoll-grausam +— lauter makellose Mörder!</p> + +<p>Nicht einer, den er an der Gurgel packen konnte: +"Du bist es! Du sollst mir Rede stehen!" Alle — und<a class="page" name="Page_266" id ="Page_266" title="266"></a> +keiner. Sanfte Mitwisser, liebenswürdige Mitschuldige. +Eine war da — die stand abseiten — Josefine. Josefine +hatte die Geschichte nicht aufgebracht; das war nicht +ihre Art. Aber glauben, was einmal im Umlauf war, +wenn es jemand galt, gegen den sie eingenommen war, — +ja. Mit eisigem Schweigen ließ sie dann die andern bei +ihrem häßlichen Glauben beharren — oder schürte ihn +noch gar. Wie sein Herz sich mit Erbitterung gegen sie +füllte! Trotzdem sie sicher nicht der Urheber war — +das wiederholte er sich wieder und wieder; sie hätte +die Verleumdung gar nicht über ihre Lippen gebracht, +dazu war sie zu vornehm, — aber Josefine trug die +Hauptverantwortung für diesen Mord! Er war überzeugt +— so wenig sie selbst Christin war — die christliche +Dogmensucht hatte sich auch in ihr beleidigt gefühlt +durch die Ungläubigkeit eines kleinen Menschenwesens, +— sich beleidigt gefühlt, weil ein so schuldbeladenes +Geschöpf es wagte, <em class="gesperrt">ihren</em> Glauben zu verwerfen. Daher +jene merkwürdig peinliche "Gerechtigkeit", die so +sicher und so wohlmeinend tötete.</p> + +<p>Aber so weit war er ihr verwandt, daß auch ihn jetzt +die tiefsten Schauer der Rachsucht durchtobten. Auch +er nannte sie "Gerechtigkeit"; und auch er hatte keine +Ahnung, daß er sich selbst belog. Wenn er bei Ragni +saß, fühlte er nichts davon; ihre Nähe allein machte ihn +gut. Bei ihr wurde er, wenn ihm solche Gedanken +kamen, furchtbar aufgeregt, streichelte ihre Hand, strich +ihr über die Stirn, sah ihr ins Auge, rückte ihr die Kissen +zurecht — bis er gehen mußte; denn sonst wäre er niedergekniet +und hätte alle Selbstbeherrschung verloren.</p> + +<p>Da saß nun die stattliche Sissel Aune. Ihre dunkeln +Augen wachten mit verständiger Ruhe und wandten +sich zuweilen teilnahmsvoll ihm zu. In ihr hatte er alle +die Menschen um sich, denen er etwas gewesen war, die +ihm gern geholfen hätten, jetzt, wenn sie's nur gekonnt +hätten. Aase und Sören Pedersen kamen jeden Morgen +an die Küchentür geschlichen, um nachzufragen, wie es +gehe; und je mehr die Kunde sich verbreitete, desto<a class="page" name="Page_267" id ="Page_267" title="267"></a> +mehr Menschen kamen — alle still und voll Teilnahme. +Sigrid selber fiel es schwer, zu Ragni hinaufzugehen; sie +mußte dann immer gleich weinen. Aber manchmal kam +sie doch — z. B. wenn Frau Oberst Bajer eine schöne +Topfblume abgab, die sie den Winter über mit Liebe +großgezogen hatte und der strengen Kälte wegen unter +dem Mantel daherbrachte. Die mußte Sigrid doch ins +Krankenzimmer hinauftragen und so stellen, daß Ragni +sie sehen konnte. Ein Mädchen, deren Kind Kallem +von schwerer Krankheit geheilt hatte — dieselbe, die +Kristen Larssen hatte spuken sehen — und die ebenfalls +einen Blumentopf besaß, einen einzigen, brachte ihn +auch an, als sie von der Gabe der Oberstfrau hörte. Der +Topf, in dem die Pflanze stand, war mehr als einfach; +aber was tat's?</p> + +<p>Kallem hätte es ja sonst nicht ausgehalten.</p> + +<p>Eines Tags, als er vom Krankenhaus zurückkam, wo +etwas Besonderes vorlag, und gedankenvoll durch den +Flur ging, sah er fremde Reisekleider dort hängen. +Bevor er selber ablegte, öffnete er die Wohnzimmertür. +Am Verandafenster standen Otto und Karl Meek. Karl +wandte sich zuerst um, ging auf Kallem zu und fiel ihm +um den Hals. Er sah schlecht aus und hatte etwas +Unruhiges, fast Verwirrtes. Sein langes Haar war ungepflegt, +sein ovales Gesicht, schon an sich groß, schien +noch größer geworden zu sein. Die Augen darin brannten +schmachtend, mit einer Leidenschaft, wie sie Kallem +nicht an ihm kannte. Und diese Augen ließen die seinen +nicht los. Ein Flehen um Nachsicht war in ihnen, die +Geschichte eines großen Schmerzes, der ihn verfolgte, +wo er ging und stand. Karl konnte seine Bewegung +nicht meistern, vermochte nicht ruhig zu sein; und als +Kallem nun auch mit dem Vater reden mußte, fing er +an, sich umzusehen, ging zum Flügel hin, strich mit der +Hand über die Tische, betastete die Blumen, blätterte +in den Noten, ging dann ins Eßzimmer, in die Studierstube. +Dort blieb er lange — allein. Dann ging er +hinaus in die Küche, zu Sigrid, und blieb draußen.<a class="page" name="Page_268" id ="Page_268" title="268"></a> +Kallem sah sich wiederholt nach ihm um; Doktor Meek +bemerkte es und sagte: "Wir Meeks haben alle starke +Gefühle. Wir haben versucht, sie zu zügeln; aber der +dort kann seine nicht zügeln; sie werden bloß eingezwängt +auf der einen Seite, um auf der andern wieder +hervorzubrechen." Karl trat wieder ein; ganz verweint. +Kallem wollte nicht, daß er so zu Ragni hinaufgehe; +jedenfalls müsse er erst warten, bis er ruhiger +geworden sei. Karl beteuerte, oben würde er sogleich +ruhig werden; er bat inständig, man solle ihn hinauf +lassen; umsonst. Er sollte sie heute überhaupt nicht +mehr sehen. Der Abend war immer ihre schlimmste Zeit; +sie durfte gar nicht einmal wissen, daß er überhaupt da sei.</p> + +<p>Am andern Vormittag, als sie zurecht gemacht war, +teilte Kallem ihr mit, daß Doktor Meek in der Stadt +und gestern Abend dagewesen sei, um sich nach ihr zu +erkundigen. — "Und Karl?" fragte sie. — Ja, Karl sei +auch mitgekommen. — Eine Weile lag sie da, ohne etwas +zu sagen. "Wenn unten gespielt wird, muß ich es hier +hören!" — "Ja, wenn die Tür offen ist; aber meinst Du +wirklich ...?" Der Flur war warm und abgeschlossen; +durch ihn wurden alle Räume oben gelüftet; also in der +Beziehung stand nichts im Wege. "Glaubst Du wirklich, +Du könntest Musik vertragen?" — "Ich sehne mich +nach Musik!" erwiderte sie. Sissel Aune sah den Doktor +an; sie war augenscheinlich nicht dafür. "Karl darf +Dich wohl nicht begrüßen, wie?" Ragni faltete den +Zipfel des Leintuchs mit der einen Hand zusammen; +in der andern hielt sie das Taschentuch. Sie antwortete +nicht; es war ihr offenbar peinlich. "Aber Doktor Meek +darf Dir doch guten Tag sagen?" — "Muß es sein?" — +Kallem wäre es lieb gewesen, wenn er sie gesehen hätte. +Später kam Doktor Meek, und Kallem erzählte ihm +alles. Karl bat voller Demut, ob er nicht — hinter den +andern — an der Tür stehen dürfe. Er wolle kein Wort +reden, sich nicht rühren, gleich wieder gehen. Kallem +fühlte Mitleid mit ihm und mochte es ihm nicht abschlagen. +Er ging erst zu Ragni hinein und meldete<a class="page" name="Page_269" id ="Page_269" title="269"></a> +Doktor Meek; dann kam dieser; und sein breiter Rücken +verdeckte Karl, der sich an der Tür aufstellte. Ragni +lag mit dem Antlitz dem Licht abgekehrt, also nach +der Tür zu. Sie sah Karl nicht, er aber sah einen flüchtigen +Augenblick lang ihr abgemagertes, hohlwangiges +Antlitz, die Fieberrosen, die trockenen Lippen; die +Augen mit ihrem Glanz glichen einem langen Notschrei. +Um den zehrenden Durst zu löschen, der sie +Tag und Nacht quälte, trat auch Sissel ans Bett, halb +vor sie hin und stützte und erquickte sie.</p> + +<p>Meek fragte nach diesem und jenem; sie antwortete +zerstreut und spähte furchtsam nach beiden Seiten an +ihm vorüber; ahnte sie, daß Karl da war? Nachher +veränderte sie ihre Lage etwas und Sissel glitt wieder +zur Seite; jetzt hätte sie Karl sehen müssen; aber er +war schon fort.</p> + +<p>Sie fanden ihn nachher im Wohnzimmer, in sich verkrochen, +verzweifelt. Aber er bat, man möge ihn dalassen, +ihm sein altes Zimmer wieder geben; auch wenn +er sie nicht wieder sehen dürfe — er könne nicht fort +von hier. Kallem wagte nicht, es ihm abzuschlagen; +auch sein Vater schien es zu wünschen. Etwas an seinem +ganzen Zustand ängstigte sie beide.</p> + +<p>Am nächsten Vormittag spielte Karl. Die Tür unten +stand offen; Ragnis Tür war angelehnt; es klang gedämpft +und schön. Er hatte im Spielen Fortschritte gemacht; +das Stück kannte sie nicht, aber es ergriff sie. +Sie bat, ihn zu grüßen und ihm ihren Dank zu bestellen. +Später spielte er noch einmal, am nächsten Vormittag +wieder. Schließlich erlaubte sie ihm, heraufzukommen +und sie zu begrüßen. Karl versprach, ganz, ganz still +zu sein und nur einen Augenblick zu bleiben. Schon im +Flur ging er auf den Zehen und glitt wie ein Schatten +ins Zimmer. Trotzdem kostete es ihn die größte Mühe, +sich zu beherrschen. Aber sobald er unter der Gewalt +ihrer Augen stand, wie in alten Tagen, empfand er, +daß sie bang war vor ihm und es am liebsten gesehen +hätte, wenn er gleich wieder gegangen wäre. Das drückte<a class="page" name="Page_270" id ="Page_270" title="270"></a> +ihn nieder; er stand da wie eine zaghafte Bitte, bleiben +zu dürfen. Sie fühlte die Veränderung, die in ihm vorging; +Kallem nahm ihre Hand, und sie beruhigte sich. +Je länger er so dastand, desto größeres Mitleid empfand +sie mit ihm. Er hatte gelitten, er war ein guter Junge; +sie versuchte zu lächeln, ja, sie streckte sogar ihre +magere Hand aus. Karl sah Kallem an und nahm die +Hand nicht, kam auch nicht näher; aber eine heiße +Bewegung stieg in ihm auf, und wie um sie zu dämpfen +flüsterte sie: "Guter Karl!" Da ging er.</p> + +<p>Nach dieser Begegnung war er still und in sich gekehrt, +als grüble er über einen Entschluß. Er sprach +seltener mit Kallem, mit anderen gar nicht. Jeden Vormittag +durfte er einen kurzen Augenblick zu ihr hinein; +unten spielte er für sie und hielt sich im übrigen den +ganzen Tag abseiten.</p> + +<p>Eines Vormittags, als er wieder spielte, hörte sie gleich +am ersten Anschlag, daß das etwas von ihm selber war. +Schon ein paarmal hatte er kleine Bruchstücke gespielt, +die augenscheinlich von ihm waren; diesmal aber folgte +er neuen Vorbildern; das Eigenartige seiner Begabung +litt darunter. Dieses neue Stück war der Anlauf zu +etwas Größerem, eine wilde Einleitung, aufgewühlte +Leidenschaft — mein Gott, gewiß soll das er selber sein! +dachte sie. Zuletzt, mitten in den Braus hinein, kam +eine Stille, und eine Melodie löste sich daraus, treuherzig +und zart; ob <em class="gesperrt">ich</em> das wohl sein soll? Dann fing +es an zu schreien und zu heulen um diese friedvolle, +kleine Melodie herum — ein paar Takte Melodie, darauf +Takte voll Jammer und Geschrei — das erste Thema +schmetterte und sprudelte über das andere hinweg — — äußerst +natürlich gemacht — zu natürlich, denn es +wirkte unwiderstehlich komisch. Sie mußte sich zusammennehmen, +um nicht zu lachen; so etwas vertrug +sie gar nicht. Sie sah Sissel Aune an, um sie zu bitten, +doch schnell hinunterzugehen und dem Spiel ein Ende zu +bereiten; aber auch auf Sissel Aunes klugem Gesicht lag +ein solches Erstaunen über dies natürliche Geschrei <a class="page" name="Page_271" id ="Page_271" title="271"></a>— +ja, können denn die Leute auch in der Musik schreien? +Der letzte vergessene Rest von Ragnis alter Lustigkeit +brach sich in einem hellen Lachen Bahn — und noch +einem — und dann Husten! Wieder Husten, und wieder +und wieder — ein Anfall, schlimmer, als sie ihn je gehabt +hatte.</p> + +<p>Karl hörte mitten im Spiele, daß es in der Küche +klingelte und klingelte; er hörte Sigrid die Treppe +hinaufstürmen und gleich darauf wieder zurückkommen +und nach dem Doktor rufen. Er wußte, daß der Doktor +soeben ins Krankenhaus gegangen war, und lief selber, +ohne Mantel und Hut, ihm nach, fand ihn aber nicht +gleich, so daß beide erst kamen, als der Anfall schon +vorbei war. Mehr Blut als gewöhnlich im Auswurf. +Kallem war sehr erschrocken; Karl, der ihm, ohne es +selber zu wissen, ins Krankenzimmer gefolgt war, sah +es und zog sich augenblicklich zurück.</p> + +<p>Später wurde das Zimmer gelüftet; Kallem war noch +immer bei Ragni. Da kam Karl an die Tür und hörte +ihn sprechen; er wagte, hineinzublicken. Ragni lag matt +in ihrem Bett; Kallem hatte sie eben gefragt, ob sie +nicht ein bißchen Erleichterung spüre. Undeutlich sah +sie Karl, sein großes, erschrockenes Gesicht. Sie dachte +daran, daß sie ihn ausgelacht hatte; sie hatte durch +Kallem gehört, wie er in seiner Angst ohne Hut und +Mantel davongestürmt war. Und sie gab Kallem ein +Zeichen, Karl hereinzulassen. Sie lächelte ihm zu, hob +sogar ein wenig — ein ganz klein wenig — die Hand. +War es, um zu danken? Er wagte sich näher heran; +heute wollte er ihre Hand fassen; noch mehr wollte er +— er wollte sich über sie beugen; in seinen Augen +glomm es auf. Kallem, der rechts von Ragni stand, +sah es, sah zugleich, daß die Hand, über die Karl sich +beugen, die er vielleicht küssen wollte, das Taschentuch +hielt; hastig sagte er: "Laß, Karl!" Karl richtete sich +auch wieder auf und sah sie beide an; aber wieder glomm +es wunderlich in seinen Augen auf, und wie der Blitz +hatte er sich über Hand und Taschentuch gebeugt und<a class="page" name="Page_272" id ="Page_272" title="272"></a> +beide geküßt. Eh noch Zeit war, ein Wort zu sprechen, +stand er wieder aufrecht, — stand da, wie einer, der +zum Kampf gerüstet ist oder eine große Tat vollbracht +hat. Ragni lag da, mit Augen ohne Hoffnung, ohne +Verständnis; sie verstand seine kriegerische Haltung, +seinen erhabenen Vorsatz nicht; desto besser aber seine +erschreckende Unberechenbarkeit. Und Karl war schon +zur Tür hinaus.</p> + +<p>Wenn es seine Absicht war, mit ihr zu sterben, so hatte +er die Rechnung ohne den Wirt gemacht, und unter +andern Umständen hätte es komisch wirken müssen, +besonders wenn man bedachte, daß sie nach ihrem Anfall +eben wieder frisch zurecht gemacht worden, und daß +das Taschentuch ganz frisch war. Aber Kallem dachte +bloß daran, wie törichte Menschen doch die beste Absicht +ins Schlechteste verkehren können: für sie war es +ein Schreck gewesen.</p> + +<p>Sobald er konnte, suchte er Karl auf. Der hatte sich +gerade zum Ausgehen angezogen. "Wo willst Du hin?" +sagte Kallem. Karl antwortete nicht; er war im Innersten +aufgewühlt; er wollte einfach hinaus! Kallem zog +ihn mit sich ins Zimmer, stellte sich vor ihn hin und +blickte ihm fest ins Auge; dann legte er den Arm um +seinen Hals. Da brach Karl in Tränen aus. Er sei ein +unmöglicher Mensch, klagte er, überflüssig, fertig, bevor +er überhaupt angefangen habe, untauglich zu allem. +Lange gelang es Kallem nicht, ein Wort dazwischen zu +werfen, geschweige denn, ihn zu trösten; seine Erbärmlichkeit, +seine Unwürdigkeit seien zu groß; er habe auch +gar kein Talent. Seine letzte Komposition, seinem +eigensten Leben entsprungen, wie keine andere, das +wahrste, was er zu schaffen imstande war, habe er heut +Vormittag gespielt; und da sei sie ihm einfach komisch, +furchtbar komisch vorgekommen! — Aha! dachte Kallem. +Da liegt der Hase im Pfeffer!</p> + +<p>Und so war's. In ihrer Gegenwart fühlte er auch +unwillkürlich ihr Urteil.</p> + +<p>Kallem merkte, was für ein Mißgriff es gewesen war,<a class="page" name="Page_273" id ="Page_273" title="273"></a> +ihn hierherkommen zu lassen. Mit Schrecken dachte er +daran, was Ragni seinerzeit mit ihm hatte ausstehen +müssen. Ihm selber machte es jetzt nicht geringe Mühe, +ihn im Gleichgewicht zu halten.</p> + +<p>Eines Tages — sie hatte eben nach Karl gefragt — sagte +er zu ihr: "Sicher hast Du mehr Schererei mit +ihm gehabt, als ich gewußt habe?" Sie schloß die Augen, +öffnete sie wieder und lächelte.</p> + +<p>Karl ging nicht mehr zu ihr hinauf, bat auch nicht +mehr darum. Spielen konnte er in all seiner Selbstquälerei +nicht; Kallem mußte ihn geradezu zwingen, ihm ein +paar von seinen kleinen Stücken vorzuspielen. Er tat +es nur bei geschlossenen Türen; aber Ragni hörte es +doch und sagte zu Kallem, sie seien gut, was auch er +fand. Dieses Lob machte Karl wieder froh; und so leise +gewann er wieder ein bißchen Selbstvertrauen; nach +und nach wurde er umgänglicher.</p> + +<p>Sobald Kallem um sich her ein bißchen Ruhe geschaffen +hatte, kam er selber an die Reihe. Sein mannhaftes +Kämpfen hielt nicht immer stand, und Karl +gingen endlich doch auch die Augen dafür auf, daß +es noch andere Menschen gab, die litten, und daß man +sich auch um andere kümmern konnte. Und nun schlug +er vollständig um, lebte nur noch für Kallem, war voller +Aufmerksamkeit, voller Sorgfalt. Ein Trostmittel, das +nie fehlschlug, wandte er am häufigsten an: von Ragni +sprechen, sie bis ins einzelne schildern. Er konnte ein +feines Bild von der Eigenart ihres Wesens, ihres Talentes +geben, eine Handlungsweise, ein Wort von ihr künstlerisch +darstellen; und die Vergötterung, mit der er +das tat, war gerade, was Kallem brauchte; er <em class="gesperrt">brauchte</em> +die leuchtende Wärme des Mitgefühls; denn mit ihrer +zunehmenden Entkräftung brach auch er zusammen. Sie +konnte nicht einmal mehr den Kopf auf dem Kissen +halten; bald glitt er zur einen, bald zur andern Seite; +ihre Augen hatten etwas Übersinnliches, das alles verklärte, +was sie ansah; ihre schmalen, stimmlosen Lippen +waren offen vor Atemnot; wie sie so dalag, in dem weißen<a class="page" name="Page_274" id ="Page_274" title="274"></a> +Zimmer, dem weißen Bett, in dem weißen Nachtgewand, +glich sie einem federlosen Vögelchen, das in einem +verlassenen Daunennest nach Luft schnappt. Oft, wenn +Kallem ihr Zimmer verließ, weil er seinen Schmerz nicht +mehr beherrschen konnte, oder weil er am Rande seiner +Kraft, war es Karl, der ihn zur Ruhe brachte, der das +rechte Wort fand, oder auch ganz allmählich ihn in +einen endlosen Lobgesang auf sie hinüberleitete.</p> + +<p>Sie vermochte nur wenig zu sprechen, hatte auch +keine Lust dazu; aber aus allem, was sie sagte, ging +hervor, daß sie sich nicht einen Augenblick lang über +ihren Zustand täuschte, wie etwa andere Lungenkranke +es tun. Eines Tags machte sie Kallem ein Zeichen, er +möge sich tiefer herabbeugen. "Kristen Larssen!" +flüsterte sie. "Dort, in der Ecke." Dann lächelte sie +und fügte nach einem Weilchen hinzu: "Jetzt fürcht' +ich mich nicht mehr vor ihm." Ein andermal schickte +sie nach Kallem, bloß um ihm zu sagen: "Du sollst +niemand gram sein — meinetwegen!" Sie nannte keinen +Namen. Kallem drückte ihre durchsichtige Hand; ihr +Blick umfloß sie wie ein ganzer Himmel von Güte. +Zuweilen versuchte sie, noch ein Lächeln hinzuzufügen, +das sie doch nicht mehr besaß. Wenn sie seine Tränen +sah, winkte sie ihm, er solle sich bücken, und fuhr ihm +mit den Fingern durchs Haar. Einmal, als er ihr in +dieser Stellung dankte für alles, was sie ihm gewesen +war, von der ersten Begegnung an bis jetzt, versuchte +sie ihn an den Haaren zu zupfen; so etwas solle er +bleiben lassen.</p> + +<p>Fortan wurde zwischen ihnen kaum noch ein Wort +gesprochen. Nur noch ihre Augen und Hände sprachen. +Sie waren eins in ihrem Schmerz und besaßen nichts +mehr, was unausgesprochen war. Für die Dankbarkeit, +die sie empfanden, für das Grauen, das sie vor dem +Scheiden hatten, gab es ja auch keine Worte. Die Stunde +nahte.</p> + +<p>Eines Nachmittags hörten sie Sissel klingeln, klingeln, +klingeln. Sigrid stürzte hinauf, Kallem, Karl; Karl blieb<a class="page" name="Page_275" id ="Page_275" title="275"></a> +vor der Tür stehen. Er hörte, daß sie wieder einen +Hustenanfall hatte, einen entsetzlichen. Er begriff +nicht, daß sie überhaupt noch so viel Kraft hatte; jeder +Hustenausbruch zerriß ihm die Brust, schnitt ihm +ins Fleisch, zerbrach ihn; ihr Schmerzgestöhne dazwischen +trieb ihm den Schweiß auf die Stirn; er <em class="gesperrt">konnte</em> +nicht lauschen und wagte auch nicht, zu gehen. Das +mußte ihr Letztes sein. Er hörte Sigrid weinen, hörte +sie rufen: "Frau Doktor! Frau Doktor!" Und gleich +darauf: "Sie stirbt!" Da öffnete er die Tür. Das erste, +was er sah, war Blut. Da wurde ihm schlecht, und er +fiel in Ohnmacht.</p> + +<p>Als er erwachte, lag er auf seinem Bett. Sigrid saß +davor und weinte. Das war das erste, was er begriff. +Dann fiel ihm das andere ein und er fragte: "Ist sie +tot?" — "Der Herr Doktor glaubt, daß es bald zu +Ende ist."</p> + +<p>Später durften sie zu ihr, alle beide. Sie lag im Bett, +als schliefe sie, weiß wie die Bettücher, in denen sie lag. +Kallem hielt ihre Hand. Sein Gesicht sahen die Eintretenden +nicht; aber von Zeit zu Zeit ein Zusammenzucken +der Schultern; und sie hörten ihn stöhnen. +Auf der andern Seite stand Sissel. Seltsam, wie verschiedene +Grade des Schmerzes es gab! Obgleich auf +ihrem kräftigen, offenen Gesicht viel Mitgefühl lag — es +war doch das einer Fremden; meilenweit entfernt +von Kallems stummer Verzweiflung sah sie es mit an. +"Ist sie tot?" flüsterte Sigrid. Sissel schüttelte den +Kopf. Und Ragni hörte die Frage; sie blickte auf. Mit +ihrer allerletzten Kraft wollte sie ihnen noch einmal +etwas Liebes erweisen — sie versuchte — man konnte +nicht sagen zu lächeln — dazu war sie nicht mehr imstande — aber +ihnen noch einmal Kunde von sich zu +geben. Erst Sigrid und Karl; dann aber ausschließlich +Kallem. Bald darauf war sie tot.</p> + +<p>Die andern gingen; Kallem blieb.</p> + +<p>Als er hinunterkam, fand er niemand. Karl war auf +sein Zimmer gegangen; Sigrid saß mit Sissel in ihrer<a class="page" name="Page_276" id ="Page_276" title="276"></a> +Kammer. Leer die Küche, leer die Stuben, leer das +Studierzimmer. Er hatte ihr versprochen, etwas zu lesen, +was sie geschrieben hatte — es lag unter Karls Brief. +"Nachher!" stand darauf. Aber er konnte jetzt nicht, +überhaupt nicht, solang sie noch im Hause war. Er +stellte sich vor ihren Bücherständer und sah ihn an; +auch der war ein Bild von ihr. Wie oft hatte er da +gestanden und gelächelt, wenn er die Büchertitel las! +Jetzt fiel sein Auge auf die "Wildente" von Ibsen. +Bei seiner Größe konnte er das Buch gerade so weit +von oben herunter sehen, um zu bemerken, daß zwischen +den letzten Blättern eine Lücke war. Er zog das Buch +heraus. Wirklich, sie hatte die Blätter, auf denen Hedvigs +unglückliche Geschichte abschließt, — wie sie sich +erschießt und was darauf folgt — herausgeschnitten! +Herausgeschnitten! Als habe es <em class="gesperrt">so</em> nicht kommen +dürfen!</p> + +<p>Nichts hätte ihn tiefer ergreifen können. Er warf +sich aufs Sofa und schluchzte wie ein mißhandeltes +Kind. Ja, sie war zu fein gewesen und zu furchtsam. +Die Welt, in der wir kämpfen, ist noch zu roh. Sie +muß erst besser werden, bis solche Wesen mitleben +können. Sie hatte versucht, aus der Welt herauszuschneiden, +was sie nicht mochte, — nun war sie selber +herausgeschnitten worden.</p> + + +<h3><a href="#Inhaltsverzeichnis">11</a></h3> + +<p>Schon einige Tage vor dem Sonntag, da es den Kampf +um die Erziehung des kleinen Edvard gab, hatte der +Junge gehustet. Abends ging es ihm gar nicht gut, so +daß er das Zimmer hüten mußte.</p> + +<p>Nach einigen Tagen durfte er wieder hinaus und +schien auch leidlich wohl zu sein; doch eines Abends +war er wieder fiebrig und verdrießlich und hatte einen +trockenen Husten. Die folgenden Tage mußte er wieder +das Haus hüten. Weil er an die frische Luft gewöhnt +war, wurde er weinerlich und verlor den Appetit;<a class="page" name="Page_277" id ="Page_277" title="277"></a> +Josefine hatte viel Mühe mit ihm und wurde zuletzt +streng. Der Junge jammerte — er wolle zur Großmutter! +Das durfte er nicht. Als jedoch die Großmutter +zu ihm herüberkam, war er eigensinnig und lief +zum Vater. Von dort kam er weinend zurück: der Vater +hatte ihm nicht erlaubt, die Bücher aus den untersten +Fächern herauszunehmen und Häuser damit zu bauen.</p> + +<p>Er wurde ins Bett gesteckt, heiß, aufgeregt; dabei +klagte er über Stiche auf der rechten Seite der Brust +beim Husten; nachts hatte er Fieberanfälle und phantasierte: +Kristen Larssen lief mit einem großen Sack +hinter den Jungens her und wollte sie in die Hölle +schleppen.</p> + +<p>Josefine doktorte mit Terpentinumschlägen an ihm +herum; aber am Morgen, als der Pastor heraufkam, bat +sie ihn, nach dem Arzt zu schicken.</p> + +<p>Kent war ihr Hausarzt; er konnte erst gegen Abend +vorsprechen, und da konstatierte er, daß der Junge eine +Brustfellentzündung auf der rechten Seite hatte. Was +Josefine angewandt hatte, war ganz richtig gewesen; er +selber verordnete Diät und alle zwei Stunden eine +Medizin und sagte, wenn die Temperatur 39 Grad übersteige, +solle man ihn rufen lassen.</p> + +<p>In den folgenden Tagen besserte sich das Befinden +des Jungen; er aß und hustete weniger; Temperatur +abends nie mehr als 38 Grad. Gott sei Dank!</p> + +<p>So gering auch die Gefahr gewesen war — Tuft und +Josefine hatten beide das Gefühl, als lege sich eine unsichtbare +Hand mit leisem Druck auf ihre Schultern. +Sie wandten sich ganz allmählich einander wieder zu +und suchten Gelegenheit, miteinander zu sprechen — +freilich nur über den Zustand des Kindes; aber durch +Stimme und Wesen klang es wie eine Bitte um Verzeihung.</p> + +<p>Der Husten und der Schmerz in der Seite ließen nach; +das Befinden des Jungen besserte sich scheinbar; aber +der Appetit wollte nicht recht kommen, das Fieber +wollte nicht ganz weichen, und so nahmen auch die<a class="page" name="Page_278" id ="Page_278" title="278"></a> +Kräfte nicht zu. Man kaufte ihm neue Spielsachen, die +ihm einen Tag lang Spaß machten und ihn am nächsten +schon langweilten. Die Märchen, die Vater und Mutter +ihm abwechslungsweise erzählten, hörte er an, ohne dazwischenzufragen; +den Besuch der Großmutter beachtete +er gar nicht. Einmal war er plötzlich ganz heiß, +dann fror er wieder. Am meisten beunruhigte es Kent, +daß gegen Abend die Temperatur immer stieg; er +fing an, Chinin zu geben, und legte eine spanische Fliege. +Josefine wich nicht vom Bett und wollte von Ablösung +nichts wissen; der Junge duldete auch nicht, daß andere +ihm nahe kamen.</p> + +<p>Aber es wurde besser, und eines Abends, als sie die +Temperatur gemessen hatten, sagte der Pastor: "Ich +glaube, wir kommen mit dem Schreck davon, Josefine!" +Sie sah ihn an; er streckte seine Hand aus; sie legte die +ihre flüchtig hinein, schien sich aber dessen zu schämen +und zog sie gleich wieder zurück.</p> + +<p>Doktor Kent hatte ihnen erzählt, Frau Kallem sei +schwer krank und verlasse ihr Zimmer im Oberstock +nicht mehr. Von anderer Seite hörten sie später, es +sei Schwindsucht; sie fragten — jeder für sich — Doktor +Kent; und er sagte, es sei sogar galoppierende Schwindsucht.</p> + +<p>Josefine gegenüber erwähnte der Pastor nichts; aber +zu Kent äußerte er, es sei jedenfalls ein Glück für seinen +Schwager; vielleicht werde er jetzt ein freier Mann und +würde die Schwingen regen.</p> + +<p>Josefine hatte eine andere Auffassung; das sah er daran, +daß sie sich völlig in sich selbst zurückzog. Kaum, daß er +dann und wann ein paar Worte von ihr zu hören bekam.</p> + +<p>Eines Nachmittags, lange Zeit nachher, als sie auf +ihrem Bett lag und nachsann, wie ihr Bruder Ragnis +Tod ertragen würde, sah sie ihn plötzlich. Sie dachte +sich erst nichts dabei; aber das Bild wurde seltsam deutlich. +Sie sah ihn, so lang er war — auf dem Sofa seines +Studierzimmers liegen, sie sah den ganzen Raum, die +Gardinen, die Bücherregale, die Bücher, den Schreib<a class="page" name="Page_279" id ="Page_279" title="279"></a>tisch, +die zwei Tische, einen großen Lehnsessel, verschiedene +aufgeschlagene Bücher, beschriebene Papiere +bogenweise nebeneinander, ... alles sah sie, jedes Blatt, +jeden Buchstaben, — und ihn selber, in einem braunen +Anzug, den sie nicht kannte. Und dabei war sie nie in +dem Studierzimmer gewesen, seit es möbliert war, und +hatte die Möbel nie gesehen, auch nicht die Gardinen, +die Teppiche; aber sie zweifelte keinen Augenblick, daß +es genau so war, wie sie es sah. Zu jeder andern Zeit +würde das einen seltsamen Eindruck auf sie gemacht +haben; aber jetzt wurde alles verdrängt durch sein Aussehen. +Er war so ganz verzehrt von Kummer! Je genauer +sie ihn ansah, desto schlimmer wurde es. In einer +solchen Verzweiflung sah sie ihn, daß es sie packte, wie +nichts in ihrem Leben, nicht einmal des Vaters Tod +sie gepackt hatte. Sie sah, wie er sich herumwarf und +laut aufweinte, sah, wie er die Hände zusammengekrampft +vors Gesicht hielt, sah zuletzt bloß noch ihn, +den Jammer dieser Augen unter der Brille und den +buschigen Brauen, und eine große Öde um ihn her. +In kaltem Schweiß gebadet, wachte sie auf, so matt, +daß sie kein Glied rühren konnte. Fortan lebte sie wie +unter dem Druck einer unklaren Angst, die ihr den +Schlaf raubte. Galt es ihrem Bruder oder ihrem Kinde? +Dort neben ihr lag der kleine Edvard, atemlos, hustend, +wie ein schon weit Entfernter. Seine hohe Stirn schien +unbewohnt; seine Augen sahen ins Leere; seine Hände — das +waren nicht mehr die derben Bubenfäustchen, +nicht mehr lebendig.... Zuweilen stürzte sie an sein +Bettchen, bloß um ihn wieder zu haben, und war's auch +nur in einem flüchtigen Blick! Ja, ja ... da war er! +Aber ... Gott im Himmel! — Wenn sie ihn hergeben +mußte? Und in diesem Leid fühlte sie den Schmerz +des Bruders mit, fühlte sich eins mit ihm. Das Schicksal +des Jungen verknüpfte sich ihr mit dem Schicksal Ragnis. +In wachen Nächten und bangen Tagen flössen die +beiden so unauflöslich ineinander, daß sie beide für +sie eins wurden.</p> + +<p><a class="page" name="Page_280" id ="Page_280" title="280"></a>Bisher war ihr Gottesgefühl eigentlich nur Freiheitsdrang +und eine nie versagende Wahrheitsliebe gewesen. +In der Angst wurde es ihr zum Schicksal, zum unbeugsamen, +mystischen Schicksal. Alles erschreckte sie; sie +sah in allem Zeichen und Vorbedeutungen. Der Junge +schien nur auf der kranken Seite liegen zu können; sonst +schmerzte es ihn so, daß er laut jammerte, ... und +jedesmal, wenn sie ihm dabei helfen mußte, kam ihr das +ganz unbegreiflich vor. Sie schob ihm Luftkissen unter; +seine einzige Antwort bestand in herzzerreißenden +Bitten, sie möge ihn doch ruhig liegen lassen. Sie +wußte nicht mehr, was richtig war und was falsch. +Nicht einmal an seine Beine durfte sie mehr rühren; +er zog die Knie herauf, das eine über das andere ... +lauter unerklärliche Einfälle, durch die sie sich gänzlich +überflüssig oder sogar lästig vorkommen mußte. Ob +das bedeutete, daß sie sich an den Gedanken gewöhnen +mußte, daß sie im Grund <em class="gesperrt">ganz</em> überflüssig war?</p> + +<p>Schließlich mußte sie das ja aufreiben. Schon die +Angst vom einenmal zum andern, wenn sie ihn anrühren +mußte, wäre genug gewesen. Aber die Gedanken, die +dabei mit unterliefen, machten sie geradezu verrückt. +Sprechen konnte sie mit niemand darüber. Die Sache +mit den Beinen hauptsächlich kam ihr so ganz mystisch-widersinnig +vor, daß sie sich förmlich ängstigte vor ihrem +Jungen; er gehörte nicht mehr ihr. Erst später, und +ganz zufällig, entdeckte sie eine Anschwellung um die +Knöchel. Das — so hatte sie immer gehört — war der +Anfang vom Ende. Sie vermochte sich kaum die Treppe +hinunterzuschleppen ins Studierzimmer, wo der Pastor +in einer Rauchwolke saß. Er sah sie, bleich, entsetzt +in ihrem Nachtkleid vor sich stehen. "Was ist denn, +Du?" Er hörte ihren Bericht, ging mit ihr hinauf, sah +ebenfalls die Schwellungen, fiel vor dem Bett auf die +Knie, den Kopf in die Hände gedrückt: er betete. Die +kurzen, hastigen Atemzüge des Kleinen, die glänzenden +und doch gänzlich gleichgültigen Augen, mit +denen er seinen Vater ansah, — das schrie förmlich zu<a class="page" name="Page_281" id ="Page_281" title="281"></a> +ihr über des Vaters Kopf weg. Auch sie hätte beten +mögen; aber im selben Augenblick schob der Junge den +Vater mit der Hand weg; der Tabakgeruch störte ihn. +Und damit schob er sie weg vom Gebet.</p> + +<p>Doktor Kents ruhiges Lächeln, sein stilles, bestimmtes +Urteil, daß die Krankheit noch dieselbe sei wie damals, +als er zuerst die Entzündung entdeckt hatte, daß nichts +Schlimmeres hinzugekommen sei, und die Anschwellung +sicher nur von der unglücklichen Lage der Knie herrühre, +erleichterte sie beide so, daß Josefine vor Freude +weinte. Die Untersuchung des Urins bestätigte seine +Diagnose.</p> + +<p>In dieser Nacht schlief Josefine wieder besser als seit +langer Zeit; trotzdem fühlte sie sich matter als vorher.</p> + +<p>Wieder verging eine Zeit; da kamen eines Abends der +Pastor und Doktor Kent mit einer gewissen Feierlichkeit +herauf. Josefine lag in den Kleidern auf dem Bett und +richtete sich empor, um aufzustehen; aber Kent und +der Pastor baten sie, sich wieder hinzulegen. Doktor Kent +erzählte, gestern sei Frau Kallem gestorben. Beide +Männer blickten Josefine an; sie schloß die Augen. +Eine Weile tiefes Schweigen. Als aber mehrmals ein +Zucken über ihr Gesicht lief, sagte Tuft hastig: "Unter +diesen Umständen ist es für Edvard nur gut, Josefine. +Natürlich geht es ihm jetzt nahe; aber später wird alles +gut werden. Er wird daran wachsen." Josefine wandte +den Kopf ab. Ihre Augen blieben geschlossen; aber +dann brachen die Tränen hervor.</p> + +<p>Im selben Augenblick fühlte er, was er da gesagt +hatte, war etwas Eingelerntes; ja, er hatte sich einer +Roheit schuldig gemacht. Während der Krankheit seines +Jungen, im angsterfüllten Zusammenleben dieser letzten +Zeit war er ein anderer geworden. Diese Worte aus +einem früheren Dasein — eben weil sie in dieser Stunde +fielen, auf ihren brennenden Schmerz hin — weil sie +über ihrem eigenen kranken Kind fielen — gewannen +selbständiges Leben, wurden ihm zu einem stummen +Gefolge — "Sendboten Gottes".</p> + +<p><a class="page" name="Page_282" id ="Page_282" title="282"></a>Bis diese Worte fielen, hatte Josefine in der Stille +mitgebetet, wenn der Pastor betete; nun tat sie es nicht +mehr. Sie hatte dasselbe Gefühl, wie in der ersten Zeit +ihrer Ehe, wenn er so maßlos war und doch zugleich +von ihr forderte, daß sie mit ihm fromme Lieder singen +solle. Damals hatte er nichts gemerkt; heute fühlte er +es sogleich. Aber gerade darum <em class="gesperrt">verlangte</em> ihn nach +einer Gemeinschaft, vor allem im Gebet für sein krankes +Kind. Er wandte sich an die Freunde der Betstunde; +deren war er sicher. Die ganze schmerzliche Abrechnung +dieser Tage, das Zittern um das Leben des Kindes, +seine freudlose, wunde Liebe, all das wirkte zusammen +zu einer starken Erschütterung. Er bat sie alle, mit ihm +zu beten, er stürmte Gottes Barmherzigkeit; wenn er +nur einer höheren Gemeinschaft mit Gott würdig befunden +wurde, so war die Prüfung nicht zu hart.</p> + +<p>Er leuchtete von Glaubenskraft, als er nach Hause +kam und berichtete. Wenn das Stärkste in ihm einmal +aufwachte, so war er wie kaum ein anderer; aber es kam +so selten dazu.</p> + +<p>Josefines Zustand wurde besorgniserregend. Frische +Luft und regelmäßigen Schlaf entbehren, Woche um +Woche, — den Appetit verlieren durch die unaufhörliche +Spannung — das war fast genug, um selbst kerngesunde +Naturen wie die ihre zu brechen. Tuft sprach heimlich +mit Kent darüber; aber es war nichts zu machen, wenn +sie nicht selber wollte.</p> + +<p>Während er jede ihrer Bewegungen überwachte, +mußte er ihr, gegen seinen Willen, eines Tages mitteilen, +daß Ragni nicht hier, sondern im Friedhof des +Nachbardorfs beerdigt werden sollte. Darin offenbarte +sich doch des Schwagers Groll, ja Abscheu auf die denkbar +stärkste Weise. Zweifellos war dieser Entschluß +gegen die Gesellschaft im allgemeinen, am meisten aber +gegen sie beide gerichtet.</p> + +<p>Was Josefine fühlte, erfuhr Tuft nicht; ihm selbst ging +es nahe. Ein einziges Mal verriet sie, wie ungeduldig +sie geworden war. Er hatte sich über den Jungen ge<a class="page" name="Page_283" id ="Page_283" title="283"></a>beugt +und kam ihm dabei etwas zu nah; Edvard stöhnte +und schob ihn mit der Hand von sich. "So laß doch das +ewige Rauchen!" sagte sie erbittert. Er wandte sich +nach ihr um: "Das werd' ich auch!" antwortete er +sanft. Als er sich dann wieder aufrichtete, fügte er bekümmert +hinzu: "Heute steht es nicht gut mit ihm!" — +"Nein", erwiderte sie still; die Art, wie er das aufgenommen +hatte, beschämte sie.</p> + +<p>Der Doktor wurde geholt. Er war an diese plötzlichen +Botschaften gewöhnt, daher nahm er sie mit Ruhe auf, +und er besaß die unschätzbare Gabe, diese Ruhe auch +andern mitzuteilen. Sofort schien es den Eltern, als +esse der Junge mit mehr Appetit und sei freundlicher +gegen die Großmutter. Viermal am Tag kam sie herüber, +und die Art, wie er sie empfing, galt als Barometer.</p> + +<p>Die Großmutter war oben im Krankenhaus gewesen +und hatte von dort Kallem und Karl Meek mit Ragnis +Leiche wegfahren sehen. Der Sarg war weiß und stand +auf einem schwarzen Schlitten; vorn neben dem Kutscher +saß Sigrid; Kallem und Karl fuhren in einem Breitschlitten +hinterdrein. Das war das ganze Gefolge.</p> + +<p>Der Bericht über Ragnis letzte Fahrt kam ihnen überraschend. +Und daß Karl Meek dabei gewesen war, er +ganz allein! Bedeutete das, Kallem hege keinen Argwohn +gegen ihn? Oder, was wahrscheinlicher war: er habe +vergeben? Wollte vielleicht die Tatsache bemänteln und +ihr so diesen letzten Dienst erweisen? Wer doch auch +so gut sein könnte!</p> + +<p>In der Nacht darauf kam Josefine zu ihrem Mann +herunter, als er schon schlief. Ihr Haarknoten hatte +sich gelöst; mit dem großen, hohläugigen Gesicht, von +dem das schwarze Haar abstand, den Augen, die starr +über die Lampe wegstierten, die sie trug, sah sie aus wie +eine Besessene oder eine Nachtwandlerin. Er richtete +sich im Bett auf und wollte aufstehen. Sie hielt ihn +mit der Hand zurück und sagte eintönig: "Ich muß mit +Dir reden, Ole; ich kann nicht schlafen. Diese Frau, die +Frau meines Bruders, wird uns unsern Jungen nehmen."</p> + +<p><a class="page" name="Page_284" id ="Page_284" title="284"></a>Er fühlte, wie ihm alles Blut zum Herzen strömte. +"Was sagst Du da?" flüsterte er.</p> + +<p>"Wir sind zu hart gewesen, wir beide. Jetzt müssen +wir bezahlen; und mit weniger begnügt sie sich nicht." — "Liebste +Josefine, Du bist ja ganz außer Dir. Wir +wollen uns doch nach Hilfe umsehen ...!" Und er +sprang aus dem Bett. — "Ja, Hilfe suche ich! Alle, die +beten können, müssen mir jetzt beistehen! Hörst Du, +Ole!"</p> + +<p>"Aber liebste ...!"</p> + +<p>"Oder glaubst Du nicht, daß Ihr stärker seid als diese +Frau? Glaubst Du es nicht? Neulich bist Du so freudig +aus der Betstunde heimgekommen — ach, Du kennst +die Leute ja, ... rufe sie, sie sollen kommen, — hörst +Du, Ole!" Und sie fing zu jammern und zu weinen an. +"Es ist doch Christenpflicht, uns zu helfen! Sie dürfen +es doch nicht ruhig mit ansehen, daß sie ihn uns nimmt!" +Die Stimme klang in einem langen Klageton aus. Er +saß auf dem Bettrand; die Unterkleider hatte er angezogen, +hielt aber nun, die Hosen in der Hand, inne. +"Liebe, Liebste, so glaub' doch nur — Gott hat die +Macht, und kein anderer! Du bist krank, Josefine!" — Er +war voll Sorge und Liebe und eilte, sich fertig anzukleiden. +"Du holst sie, nicht wahr?" sagte sie erfreut +und stellte die Lampe hin. "Ich wußte es ja! Ich danke +Dir! Sei heilig versichert, Ole — es eilt!" Er zog sich +rasch weiter an, sagte aber: "Du weißt, Josefine, wir +müssen vorsichtig sein, wenn wir für nicht-geistliche +Dinge beten!" Das machte sie unruhig; sie streckte +die Hände nach ihm aus. Alles an ihr war lose und offen, +die Ärmel glitten zurück — unglaublich mager war sie +geworden! Eine große Angst überfiel ihn. Ihr wildes +Aussehen, die fieberkranke Sprache, die abgezehrte Gestalt.... +"Um Gotteswillen, Josefine, Du darfst nicht +alles so aufs Gebet setzen! Du könntest darüber zusammenbrechen, +so, wie Du jetzt bist...." — "<em class="gesperrt">Glaubst</em> +Du denn nicht, Ole?" Es entfuhr ihr wie ein Blitz. +"Doch, doch! Aber wenn nun Gottes Wille nicht der<a class="page" name="Page_285" id ="Page_285" title="285"></a> +unsere ist, Kind?" — Die schmerzliche Erinnerung an +Andersens Sterbebett stieg in ihm auf. "Du betest um +nicht mehr und nicht weniger als um ein Wunder!" — "Ja. +Natürlich! Selbstverständlich! Um was beten wir +denn sonst?" — "Wir beten, um Gemeinschaft zu finden +mit Gott, Josefine. Wenigstens darum bete <em class="gesperrt">ich</em>. Dann +ist alles gut; dann ist meine Seele gestärkt — und ich +bedarf dessen oft so sehr!" — "Gottes Herz erweichen, +so steht es geschrieben. Steht es nicht geschrieben? Gottes +Herz erweichen! Hörst Du, Ole! Gottes Herz erweichen? +So antworte doch!" — Er war vor dem Ofen niedergekniet, +in der einen Hand ein Holzscheit, in der andern +ein Messer; er wollte Feuer anmachen; sie war so leicht +bekleidet. Aber jetzt hielt er inne und sah sie voll +Trauer an: "Um ein Wunder beten — das darf ich +nicht, Josefine! Ich bin dessen nicht würdig!" Und +während er das sagte, wuchs es in ihm, und eh' er +es wußte, war er so erregt, daß er das, was er in +Händen hielt, fallen lassen mußte, um sein Gesicht zu +bedecken. Als er aber wieder aufsah, sprang er in die +Höhe; wenn sie in ihrem Schoß das kostbarste Porzellan +gehalten und es hätte fallen lassen, daß es in tausend +Stücke zersprang — sie hätte nicht anders dastehen +können — starr, von Entsetzen gelähmt, die Hände +ausgestreckt über dem, was ihr entglitten, die Augen +auf ihn geheftet, der Sinne beraubt, als müsse sie auf +der Stelle umsinken. Aber das geschah nicht; denn als +er sie anfaßte, erwachte sie, faßte sich sofort und sagte +rasch ohne Übergang: "Dann müssen wir nach meinem +Bruder schicken! Dann kann nur er sie bewegen, von +dem Jungen abzulassen!" Diese Worte, aus diesem +wunderlichen Gedankengang geboren, klangen ihm wie +eine Eingebung. Tausendmal hatte er dasselbe gedacht; +der Fall mit dem Oberst hatte schon den Wunsch in +ihm erweckt, viele hatten es ihm geraten. Aber bis jetzt +hatte er sich immer geschämt.</p> + +<p>Ein paar Minuten später war er auf dem Weg zu +Doktor Kent, der zuerst gefragt werden mußte.</p> + +<p><a class="page" name="Page_286" id ="Page_286" title="286"></a>Eine klare, kalte Nacht, der Weg vom Tag aufgeweicht, +in der Nacht gefroren, so daß Tuft aufpassen +mußte — dazu die Gedanken, die ihn hetzten — es war +schwierig genug. Was wurde aus den Dogmen der Bibel, +von Schöpfung, Sündenfall und all dem andern — was +war es wert, wenn der Tod anklopfte? Was war dann +Nummer eins und was Nummer zwanzig?</p> + +<p>In Kents Haus wollte niemand wach werden; er +klingelte und klingelte, ohne selber den Klang der Glocke +zu hören; sie mußte abgestellt sein. Er fing an, gegen die +Tür zu donnern; es klang hart und hohl; und ihm, der an +den Tod dachte, war, als klopfe der an; es war ja auch +so! Endlich kam, etwas verdrossen, ein Mädchen; als sie +jedoch sah, daß es der Pastor war, ging sie, um Doktor +Kent zu benachrichtigen. Der geduldige Kent erschien, +hieß ihn eintreten und hörte ihn an. Mit Freuden wolle +er zu Kallem gehen; hätte er nur gewußt, ob es tunlich +sei, so hätte er es schon längst getan.</p> + +<p>Josefine war oben bei dem Jungen, als Tuft zurückkam; +sie verstand ihn nicht richtig und glaubte, ihr +Bruder werde sogleich kommen; und als er um sieben, +um acht, um neun noch nicht da war, fürchtete sie, +er wolle nicht, und geriet völlig außer sich; der Pastor +mußte sich wieder auf den Weg machen. Kent war +nicht gleich zu finden, gab aber Bescheid, Kallem und +er würden Punkt elf Uhr kommen. Sie kamen auch; +aber da war der Pastor eben abgerufen worden, so daß +niemand zu ihrem Empfange da war. Kallem hatte +seinen Fuß nicht mehr auf diese Treppe gesetzt seit +dem Tag und der Stunde, da er die Stadt betreten hatte.</p> + +<p>Wenn man sich nach etwas sehnt, geht es einem leicht +wie jetzt Josefinen: seit der Nacht war der Bruder +ständig in ihren Gedanken gewesen; als er nun aber mit +Kent endlich über die dicken Läufer die Treppe heraufkam, +dachte sie nicht an ihn. Sie stand gerade über den +Jungen gebeugt und gab ihm zu trinken; als es klopfte, +schrak sie auf und die Stimme versagte ihr. Die Tür wurde +trotzdem geöffnet; Kent ließ Kallem zuerst eintreten.</p> + +<p><a class="page" name="Page_287" id ="Page_287" title="287"></a>Ein leiser Schrei tönte ihm entgegen. Fast hätte sie +zu Boden fallen lassen, was sie in der Hand hielt. Wie +sah er aus! Das war der Tod selbst, der da eintrat, +knöchern, schneidend scharf, — nicht um zu helfen, +sondern um über ihr Kind das Urteil zu sprechen; das +fühlte sie sofort.</p> + +<p>Kurz, erbarmungslos sah er sie an, ohne einen Funken +Mitgefühl, obwohl auch sie von Kummer mitgenommen +war. Als er näher gekommen, blickte er auf +den Knaben; und fortan existierte sie nicht mehr für +ihn. Sie trat auch ganz von selbst beiseite. Kent kam +auf sie zu und begrüßte sie freundlich; dann ging er +zu Kallem zurück. Und jetzt ging es wie gewöhnlich — wie +es Kallem selbst neulich mit Doktor Meek gegangen +war: Kent sah das Kind auf einmal mit andern Augen, +mit Kallems Augen; das Aussehen des Jungen wurde +plötzlich ein ganz anderes und erschreckte ihn aufs +tiefste. Was er bisher weit von sich gewiesen hatte — jetzt +drängte es sich ihm von selbst auf: "Empyème?" +flüsterte er auf französisch Kallem zu. Der antwortete +nicht, trat nur näher, fühlte des Knaben leichten, +schwachen Puls, beklopfte leise die Brust, horchte +auf die hastigen Atemzüge, besah sich die Temperaturliste +und den letzten Auswurf des Jungen. Darauf +eine kurze Beratung der Ärzte; Josefine hörte jeden +Laut, obwohl sie ein ganzes Stück entfernt, auf der +andern Seite des Bettes stand — das Bett des Jungen +war da, wo früher das des Vaters gestanden hatte. — Aber +sie begriff die technischen Ausdrücke und darum +auch deren Bedeutung nicht. Irgend etwas unerhört +Entsetzliches war es; das fühlte sie; ihre Hände krampften +sich unter der Brust zusammen, während ihre Augen +von einem zum andern wanderten. Endlich machte +Kent ein paar Schritte auf sie zu. Er wolle nur fragen, +ob sie erlaube, daß man eine nadelfeine Spritzenspitze +in die Brusthöhle einführe? "Eine Operation?" flüsterte +sie und mußte sich stützen.</p> + +<p>"Das werden wir dann sehen", erwiderte er ebenso<a class="page" name="Page_288" id ="Page_288" title="288"></a> +leise. Sie sank auf einen Stuhl. Ihr Bruder wartete die +Antwort nicht ab, sondern zog seine Verbandtasche +hervor, nahm daraus etwas Blankes, Dünnes, Langes +und beugte sich damit über den Jungen. Mehr sah sie +nicht, dachte auch nichts mehr —, sie fühlte bloß noch +eins: nicht nachgeben! Sie hörte den Jungen jammern +und "Mutter" rufen — angstvoll, immer wieder; aber +sie konnte nicht aufstehen, sie getraute sich nicht aufzustehen. +Dann hörte sie Kent sagen: "So, jetzt ist's vorbei, +Jungchen!" Aber was vorbei war, das sah sie nicht.</p> + +<p>Der Kleine jammerte und jammerte: die Mutter +solle wieder zu ihm kommen. Sie versuchte es ein paarmal; +aber es ging nicht; der Bruder drückte sie immer +wieder in den Sessel nieder, trotzdem er sie überhaupt +nicht ansah.</p> + +<p>Dann ging die Tür. Er war fort; und sie atmete auf. +Kent trat auf sie zu, mild, teilnahmvoll: "Es ist eine +Operation nötig, Frau Pastor!" flüsterte er. "Wozu +denn?" Sie wußte ja, es nützte doch nichts; sie hatte +es in ihres Bruders Gesicht gelesen. "Weil wir alles +versuchen müssen", erwiderte Kent. Der Junge bat +jetzt im kläglichsten Ton die Mutter, sie möge zu ihm +kommen. "Ich komme schon!" Sie kniete bei ihm nieder +und brach in Tränen aus. "Es hat so weh getan!" klagte +er. Ach, wenn sie hätte antworten können: "damit Du +gesund wirst und wieder aufstehen kannst!" Aber nicht +einmal Kent wagte das. Sie suchte nach Mut, um die +Operation zu verbieten; aber sie wagte es ihrem Bruder +gegenüber nicht. Kent wartete; das fühlte sie zuletzt +und sah ihn verzweifelt an. Er beugte sich zu ihr hinab: +"Ihr Bruder schickt gewöhnlich jemand von seinen +Leuten vorher zum Desinfizieren und Vorbereiten", +sagte er leise. "Heute schon?" flüsterte sie und schluchzte +bitterlich. "Nein, aber mit dem Reinmachen und Auslüften +muß jedenfalls heute begonnen werden. Die angrenzenden +Zimmer müssen wir auch dazu nehmen." +Sie hatte ihren Kopf wieder neben den ihres Jungen +gelegt und antwortete nicht; sie hörte ihn weggehen.</p> + +<p><a class="page" name="Page_289" id ="Page_289" title="289"></a>Als der Pastor nach Hause kam, eilte er gleich ins +Krankenzimmer hinauf und war nicht wenig verwundert, +dort die Großmutter und — Sissel Aune zu finden. Die +letztere hielt Wacht bei dem Jungen, der äußerst empfindlich +war und niemand als die Mutter um sich dulden +wollte; auch den Vater nicht; der roch noch immer +nach Tabak; obgleich er das Rauchen aufgesteckt hatte. +Der Pastor fand Josefine im Studierzimmer auf dem +Sofa, verzweifelt, aufgelöst; sie stammelte zusammenhangslose +Worte: "Das Todesurteil!" antwortete sie fast +auf alles, was er sagte.</p> + +<p>Am Nachmittag kam eine Krankenhausschwester und +übernahm die Aufsicht; mit ihr rückten neue Leute ein; +das ganze Haus war in der Gewalt Fremder. Das +Scheuern klang wie das Hobeln der Sargbretter. Die +Dienstmädchen kummervoll; die Großmutter in Tränen; +und als das Bett des Kindes in ein anderes Zimmer getragen +wurde und sie die Tritte der Träger hörten, +saßen die Eltern Hand in Hand und zitterten.</p> + +<p>Wenn jetzt jemand gesagt hätte: "Es ist gut für die +Eltern, wenn der Junge stirbt. Freilich, jetzt sehen sie +das noch nicht ein; aber sie werden daran wachsen!" +Wenn jemand die Roheit hätte, ihnen so etwas zu sagen! +Tuft <em class="gesperrt">mußte</em> mit Josefine darüber sprechen, mußte ihr +bekennen, was seine eigenen Worte in ihm bewirkt hatten. +Sie drückte ihm stumm die Hand.</p> + +<p>Abends, als wieder Ruhe im Hause war, waren beide +oben beim Jungen, und beiden war es, als habe der Tod +ihn schon gezeichnet. Die Hand der Mutter in der +seinen schlief er ein; dann führte Tuft sie sanft hinweg. +Es war ihr jetzt nur willkommen, daß jemand sie führte; +infolge der vielen Umänderungen im Hause war auch +ein zweites Bett im Fremdenzimmer aufgeschlagen +worden.</p> + +<p>Am nächsten Tag saßen die Eltern von früh an bei +dem Kleinen. Sobald sie weg waren, sollte er in sein +ehemaliges Zimmer geschafft werden; dort war alles +zur Operation bereit. Um zehn Uhr kamen die Ärzte.<a class="page" name="Page_290" id ="Page_290" title="290"></a> +Josefine lag auf dem Sofa im Studierzimmer. Als sie die +Männer kommen hörte, hielt sie sich die Ohren zu; die +Teppiche waren fortgenommen, so daß man das leiseste +Stiefelknarren hörte. Sie ließ sich nicht trösten, ließ +sich nicht zureden, verfiel wieder in den halbbesinnungslosen +Zustand, in dem sie schon einmal gewesen war; +sie wollte um jeden Preis hinauf zu dem Jungen; er +konnte ihnen ja unter den Händen sterben. Der Pastor +hätte gern mit den Ärzten gesprochen; aber sie hängte +sich an ihn: sie wollte mit. So blieb er unten. Wenn +irgend jemand oben einen Fuß rührte, so wußte sie +gleich, wer es war; bewegten beide Ärzte sich zu gleicher +Zeit, dann ging etwas Besonderes vor; dann krümmte +sie sich und saß in sich zusammengekauert da, die Hände +vor den Ohren. In ein anderes Zimmer wollte sie sich +nicht bringen lassen; hier wollte sie bleiben, und Qualen +erleiden. Manchmal, wenn sie sich halb zu Tode gehetzt +hatte, flüchtete sie zu Tuft, wie zu einem stillen Hafen; +"hilf mir!" flüsterte sie; es ginge um ihren Verstand, +um ihr Leben; immer habe sie gewußt, daß es einmal +ein jammervolles Ende mit ihr nehmen würde.</p> + +<p>Tuft bewog sie endlich, sich aufs Sofa hinzulegen +und sich kalte Umschläge machen zu lassen; er bat sie +so innig, und seine Liebe war so stark, daß sie ihr einen +Halt gab. "Danke, Ole, danke!" Darnach wurde sie +still.</p> + +<p>"Er schreit!" rief sie plötzlich und setzte sich auf; +sie wollte hinauf. Der Pastor beteuerte, er höre nichts; +aber im selben Augenblick hörten sie es beide. "Ja, ja!" +rief sie und wollte hinauf. Tuft umschlang sie mit +beiden Armen, bat und beschwor. Und wieder wurde +sie still. Von oben kam kein Laut mehr jetzt.</p> + +<p>Oben ging alles schnell. Auf Kallems Verantwortung +wurde der Junge chloroformiert, und das Schreien, +das die Eltern gehört hatten, galt der Flanellmaske, die +Kent ihm vors Gesicht hielt. Der Junge schob sie weg; +er meinte, er müsse ersticken. "Mutter! Mutter!" +Aber bald schlief er ein. Die Großmutter saß in einem<a class="page" name="Page_291" id ="Page_291" title="291"></a> +frischgewaschenen Kleid auf der andern Seite am Kopfende +und hielt seine Hand; sie zitterte, die Alte. Aber +sie saß da, und sie wollte da sitzen bleiben, bis alles zu +Ende war. Niemand hatte sie darum gebeten; aber sie +hatte ihren Gott darum gebeten. Sobald der Junge +eingeschläfert war, forderte Kallem sie jedoch höflich +auf, zu gehen. Langsam und stumm entfernte sie sich.</p> + +<p>Nun gings ans Werk. Zwischen den Rippen auf der +rechten Seite wurde ein acht Zentimeter tiefer Einschnitt +gemacht. Mit stumpfen Instrumenten bohrte +Kallem tief hinein, kam bis an den Rippenrand und +sägte ein kleines Stück heraus; der Eiter strömte aus +der Wunde.</p> + +<p>In diesem Augenblick wurden alle von einem wilden +Schrei im Hintergrund aufgeschreckt. Josefine hatte +blitzschnell die Tür aufgerissen, sah die weißen Operationsmäntel, +sah Kallem voller Blut in der Brust ihres +Kindes wühlen, — und stürzte kopfüber zu Boden.</p> + +<p>"War die Tür nicht abgeschlossen?" fragte Kallem. +Sissel kam von innen gelaufen, der Pastor von außen, +und zusammen trugen sie sie hinaus. "Achten Sie auf +den Puls!" wurde der Diakonissin zugeflüstert. "Und +schließen Sie die Tür zu!" — "Und Sissel —?" — "Muß +draußen bleiben!"</p> + +<p>Man hörte Josefine bald darauf an der Tür; aber +niemand achtete ihrer. Eine Drainröhre wurde in die +Brusthöhle eingeführt, diese wurde ausgespritzt und vorsichtig +ein Gazeverband darum gelegt. Die Röhre +mußte ein paar Tage liegen bleiben und die Zimmertemperatur +gleichmäßig auf 15 Grad gehalten werden. +Bald darauf zog Kallem sich samt seinen Instrumenten +ins nächste Zimmer zurück und war verschwunden, +bevor noch irgend jemand, der nicht der Operation +beigewohnt hatte, wußte, daß er fertig war.</p> + +<p>Die Großmutter, die Ärmste, war wieder hinaufgegangen, +um an der Tür zu horchen, als Sissel, die jetzt +im Zimmer war, öffnete und etwas unter der Schürze +davontrug. Im Vorbeigehen erzählte sie schnell, es sei<a class="page" name="Page_292" id ="Page_292" title="292"></a> +alles vorüber. Die Großmutter wagte sich hinein; aber +als sie das blasse Kind sah, verlor sie alle Herrschaft über +sich selbst; sie ging schnell wieder hinaus und erreichte +ihr Haus mit Mühe und Not.</p> + +<p>Dieses Petrefakt von der Meeresküste, pietistisch +plattgedrückt, in die Nordwand des Hauses eingemauert, +war für gewöhnlich gänzlich unzugänglich; der +einzige Mensch, mit dem sie eine Art Gemeinschaft +zu haben schien, war der Knabe. Ihr ganzes Haus war +seine Spielstube; alles, was er nur wollte, durfte er ihr +hineinschleppen; sie schleppte es wieder hinaus; sie +hatte ja nichts anderes zu tun, als hinter ihm her aufzuräumen. +Man hätte denken sollen, er müßte deswegen +an ihr hängen; aber es war eigen: seit er krank +war, mochte er die Großmutter gar nicht mehr sehen. +Das klare Wesen der Mutter hatte, bei aller Strenge, +seine Phantasie gefangen genommen; die Nachgiebigkeit +der Großmutter, mit all ihrer Hinterhältigkeit und ihren +Verboten, mit all den Gebeten, die er auswendig lernen +sollte, und all den biblischen Geschichten, die er nicht +verstand, hatte ihn gequält. Nun er matt und krank war, +durfte sie überhaupt nicht mehr reden. Ein Jammer ist es +mit diesen alten Leuten! Auch ihr Sohn vernachlässigte +sie, seit Josefine wieder zugänglicher war. Wäre nicht die +Diakonissin gekommen — die Operation wäre vielleicht +vor sich gegangen, ohne daß die Alte darum gewußt hätte.</p> + +<p>Einige Stunden später schlich sie sich wieder hinauf, +lauschte draußen, hörte nichts, dachte, es sei vorbei +und wagte sich hinein. Sissel saß da und nickte; aber +sie sah gleich auf. "Lebt er?" fragte die Großmutter. +"Ja", antwortete Sissel, nur ebenso laut, daß man es +hörte; größer schien auch ihre Hoffnung kaum. Die +Großmutter konnte nicht mehr; sie ging. Aber schon +etliche Stunden darauf war sie wieder da. Er lebte noch +immer. Diesmal hatte sie ihre Brille mitgebracht und +ein altes, liebes Buch; Sissel konnte schlafen; sie würde +hier sitzen bleiben, bis es zu Ende war. Sissel sagte ihr, +was zu tun sei, und legte sich dann auf Josefines Bett.</p> + +<p><a class="page" name="Page_293" id ="Page_293" title="293"></a>Erst um sechs Uhr abends streckte der Pastor den Kopf +zur Tür herein. Erst jetzt wagte er, Josefine auf einen +Augenblick zu verlassen. Er sah seine Mutter dasitzen, +mit ihrer Brille und der alten Postille; er trat näher und +forschte in ihrem Antlitz wie in einer Schrift: "Er +lebt!" las er darin. Sie nickte, wie vorhin Sissel, — im +selben Sinne. Vor dem leichenblassen, schlafenden, +schlaffen Gesicht des Jungen schauderte er zurück und +ging.</p> + +<p>Ganz, ganz still war das Haus. In der Küche, die +abseits lag, hörte man leise reden; überall waren die +Türangeln geölt, überall lagen wieder Läufer und Teppiche. +Allstündlich kam der Pastor, immer auf den +Zehenspitzen; und immer derselbe Bescheid: bis jetzt +lebe er noch. Alle kamen und gingen, lautlos, als wandelten +Gespenster. In dem Fremdenzimmer, wo Josefine +lag, und in seiner Nähe gab es keine Worte mehr, nur +noch Zeichen.</p> + +<p>Die Nacht war womöglich noch schweigsamer. Großmutter +saß nicht mehr am Bett, sondern Sissel; in der +Küche brannte das Feuer, und irgend jemand wachte +da immer, für den Fall, daß etwas sich ereignen sollte. +Auch der Pastor wachte und ging ab und zu. Aber +gegen drei Uhr schliefen er und die Küchenwache ein. +Als die Großmutter gegen vier kam, schlief auch Sissel. +Großmutter setzte sich wieder an ihren Platz. Nirgends +ein Laut, bis gegen sieben Uhr. Großmutter sah nach +dem Ofen und gab dem Kranken die Medizin; atmete +der kleine Edvard leichter? Oder täuschte sie sich?</p> + +<p>Gegen sieben Uhr ging langsam die Tür auf. Sie +glaubte, es sei ihr Sohn; aber es war Josefine, die hereintrat. +Im Zwielicht sahen ihr großes Gesicht unter dem +wirren Haar, ihre wilden Augen noch entsetzlicher +aus; die Alte, die längst für ihren Verstand gefürchtet +hatte, erschrak. Aber Josefine blieb an der Tür stehen; +sie hörte Sissels feste Atemzüge, aber nicht die des +Jungen; da wagte sie nicht weiterzugehen. Das sah die +Großmutter und nickte ihr ermunternd zu. Ein paar<a class="page" name="Page_294" id ="Page_294" title="294"></a> +Schritte vorwärts — und die Mutter sah ihren Jungen — zum +Erschrecken blaß, ohne jedes Lebenszeichen. +Aber Großmutter nickte wieder; da wagte sie sich weiter +vor. Die Gardinen waren noch zugezogen, deshalb sah +sie nicht deutlicher; aber jetzt schien ihr doch, als +atme er! Sie kniete nieder. Atmete er wirklich leichter, +oder...? Sie hatte sich so verrannt in ihren Glauben +an das Todesurteil, daß sie gar nicht hörte, was sie hörte. +In äußerster Spannung lauschte sie, überlegte, hielt den +Atem an, und erst, als sie die Gewißheit hatte, daß er +leichter atmete, ließ sie den eigenen Atem unwillkürlich +mit voller Gewalt über das Gesicht des Jungen hinströmen. +Der warme Hauch weckte ihn; er schlug die +Augen auf und sah seine Mutter an, und es schien, als +besinne er sich. Ja, es war die Mutter; sie war wieder +da! Seine Augen wurden lebhafter, klarer, als man sie +seit Wochen gesehen hatte, und sie blickten in die ihren, +bis Josefines Augen von Tränen überflössen.</p> + +<p>Kein Wort sagte er, kein Glied regte er aus Furcht +vor den alten Schmerzen; und ihr war, als müsse ihm +der Lebensgeist entfliehen, wenn er es tue oder wenn +sie ihn anrühre oder anrede. Ja, sie dachte sogar, +sie atme zu laut, atmete leiser, bewegte keine Hand, +wandte nicht den Kopf. Und in dieser bewegungslosen +Stille war ihr, als seien Flügel ausgebreitet über ihnen +beiden. Der Augenblick glich dem, da sie ihn geboren, +da sie den ersten kleinen Laut seiner lebendigen Stimme +gehört hatte. Jetzt begann das Leben zum zweitenmal, +jetzt, in diesen ersten, scheuen Atemzügen. Seine +Augen waren wie Licht im Schnee. Nicht satt konnte +sie sich sehen an ihrem frischen Glanz; sie beide schwebten +miteinander, als ob es nimmer enden solle.</p> + +<p>Aber dem Jungen wurde die Macht ihrer Augen zu +schwer; er gab sich der Sicherheit ihrer Nähe hin und +schloß die Augen wieder, öffnete sie noch ein paarmal, +um sich zu vergewissern, ... ja, sie war noch da, und +dann schlief er ein.</p> + +<p>Eine Weile darauf stand sie im Studierzimmer. Draußen<a class="page" name="Page_295" id ="Page_295" title="295"></a> +war heller Tag; herein damit! Sie zog die Gardinen auf; +der Tag füllte den hohen Raum mit dem Leben des +Lebens, füllte ihre eigene Seele bis in den verborgensten +Winkel; sie stieß die Tür zum Fremdenzimmer auf und +stellte sich in die Öffnung.</p> + +<p>Da lag Tuft, breit und stark, mit ausgestrecktem Arm, +das dichte Haar, die hohe Stirn noch glänzend vom +gestrigen Schweiß, um den Mund ein Lächeln. Jetzt +weckte das Licht ihn halb aus dem Schlaf. "Ole!" sagte +sie. Er öffnete die Augen weit, kniff sie aber gleich +wieder zu. Im Geist ordnete er, was er da mit einem +Blick gesehen hatte, und zugleich hörte er aus all dem +Licht heraus Josefines Stimme: "Er lebt!"</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Am Sonntag sprach in der Kirche von der Kanzel +herab ein Mann aus dem heraus, was er gelernt +hatte.</p> + +<p>Darüber nämlich, was für uns alle das Größte ist.</p> + +<p>Der eine vergißt es in seinem Strebersinn, der andere +in seinem Kampfeseifer, ein dritter in seiner Verranntheit +und ein vierter über seiner eigenen Weisheit, ein +fünfter in seinem Alltagstrott, und alle haben wir es +mehr oder minder verkehrt gelernt. "Denn fragte ich +nun Euch, die Ihr mir zuhört, so würdet Ihr alle, just +weil ich von dieser Stätte aus frage, mir gedankenlos +antworten: 'Das Höchste ist der Glaube'."</p> + +<p>"Ich aber sage Euch: wahrlich er ist es nicht! Sitz +am Bett Deines Kindes, das daliegt in Atemnot, am +Rande des Todes; oder laß Dein Weib, aufgerieben von +Angst und Nachtwachen, dem Kinde nachgleiten bis +an diesen äußersten Rand — da lehrt Dich die Liebe, +daß <em class="gesperrt">das Leben das Höchste</em> ist. Und nie wieder +von diesem Tag an werde ich Gott oder Gottes Willen +zuerst in einer Formel, in einem Sakrament oder in +einem Buch oder einer Bibelstelle suchen, als sei er +vor allem hier oder dort; nein, vor allem im Leben, in +dem Leben, das der Tiefe der Todesangst abgerungen +ist, im Sieg des Lichts, in der Inbrunst der Liebe, in der<a class="page" name="Page_296" id ="Page_296" title="296"></a> +Gemeinschaft der Lebenden ist Gott. Gottes vornehmstes +Wort an uns ist das Leben; unsere höchste +Gottesverehrung die Liebe zu den Lebenden. Dieser +Lehre, so selbstverständlich sie ist, bedurfte vor allen +andern ich. Diese Lehre hatte ich aus verschiedenen +Gründen und auf mancherlei Weise abgelehnt — am +stärksten in letzter Zeit. Aber niemals wieder soll das +Wort mir das Vornehmste sein, ebensowenig die Zeichen; +nein, das Größte soll mir sein die ewige Offenbarung des +Lebens. Niemals wieder will ich festfrieren in einer +Lehre; die Lebenswärme soll meinen Willen lösen. +Niemals wieder will ich Menschen richten nach Dogmen +und nach der Gerechtigkeit vergangener Zeiten, wenn +sie nicht den Maßstab der Liebe unserer Zeit tragen. +Niemals, so wahr ein Gott lebt! Und das, weil ich an +ihn glaube, an den Gott des Lebens, und an seine unablässige +Offenbarung im Leben!"</p> + + +<h3><a href="#Inhaltsverzeichnis">12</a></h3> + +<p>Am selben Nachmittag erschien bei Tuft ein seltener +Besuch. Es klopfte leise an, und auf das erste "Herein" +zeigte sich niemand. Auf das zweite wurde die Tür +bedächtig geöffnet von Sören Pedersen, und hinter ihm +tauchte nach langem Zögern und in großer Verlegenheit +Aase auf.</p> + +<p>Sie wollten nichts Geringeres als dem Herrn Pastor +für die heutige Predigt danken. "Denn niemand, Herr +Pastor, kann leben ohne Gott; wenigstens wir ungelehrten +Leute nicht. Es geht nicht, es geht ganz einfach +nicht. Und so kommen wir wie der verlorene Sohn — d. +h. Aase wäre da wohl die verlorene Tochter — (komm +nur näher! Na, so mach', was Du willst!) und bitten Sie, +ob Sie nicht zu Gott um Gnade für uns beide beten +wollen, Herr Pastor!" Und Tuft tat es mit einer Inbrunst, +wie nur er sie in ein Gebet zu legen vermochte. +Sören sagte dann, sie wollten jetzt gleich zu Herrn +Doktor Kallem gehen. "Ganz gewiß ist er der beste<a class="page" name="Page_297" id ="Page_297" title="297"></a> +Mensch auf der ganzen Erde, jedenfalls hier in der +Stadt. Aber in diesen Dingen ist er im Irrtum, Herr +Pastor. Es gibt ganz sicherlich einen Gott und auch +Geister, und das wollen wir ihm jetzt sagen."</p> + +<p>Tuft selber hatte beschlossen, an diesem Nachmittag +noch Kallem aufzusuchen. Er war ihm dankbar, und +es drängte ihn, zu bekennen, daß ohne das Unrecht, +das sie an Ragni begangen hatten, nicht einmal die +Erlebnisse dieser Tage ihm zur Erkenntnis der Lebenswerte +verholfen hätten. Vor allem wollte er Josefine +rechtfertigen, indem er ihre Schuld auf sich nahm. +In der geschäftigen Dogmen-Postkutsche, in der er getrabt +war wie ein Postpferd mit Säcken voll Papier beladen, +hatte sie mitfahren müssen, ob sie nun wollte +oder nicht. Und durch dies Unrecht war sie mißtrauisch +und hart geworden.</p> + +<p>Als er sich eine Stunde später auf den Weg machte, +stand ihre gemeinsame Kindheit merkwürdig lebendig +vor ihm. Damals hatte er Missionär werden wollen; +jetzt würde er es vielleicht im Ernst werden. Die +Evolutions- und Entwicklungslehre auch ins Religiöse +zu übertragen, das war eine Mission wert, und sie gedachte +er auf sich zu nehmen. Der kleine Dogmengott +vergangener Zeiten und seine Priester mußten überwunden +werden wie die Götzen und Wundertäter der +Heiden. Und hatte er später in theologischem Machtbegehr +davon geträumt, Bischof zu werden — nun +wohl! Hier war ein gefahrvolles Bistum — aus leicht +erklärlichen Gründen — frei in Norwegen.</p> + +<p>Auf der Treppe zum oberen Eingang wartete Sigrid, +als Pastor Tuft mit langen Schritten über den Hof gesteuert +kam. Sie war schwarzgekleidet und trug ein +schwarzes Tuch über dem lichtgelben Haar. "Herr +Doktor ist nicht zu Hause!" sagte sie in ihrer stillen Art. +Er machte sofort Kehrt und ging entschlossen nach dem +Krankenhaus hinauf. Dort stand Mutter Andersen, +ebenfalls in Schwarz und einer Haube mit schwarzen +Bändern. "Tragen Sie noch immer Trauer um Ihren<a class="page" name="Page_298" id ="Page_298" title="298"></a> +Mann?" — "Nein, jetzt um Frau Kallem." — "Ist +Doktor Kallem hier?" — "Nein, er ist vor einer Weile +nach Hause gegangen."</p> + +<p>Da irrst Du! dachte Tuft und schlug den Weg +nach der Landstraße ein; er konnte inzwischen eine +tüchtige Promenade machen.</p> + +<p>Es waren viele Spaziergänger unterwegs; sie grüßten +ihn voll freudiger Teilnahme, das war zweifellos. Mutter +Andersens strenges Gesicht hatte einen Schatten über +ihn geworfen; aber vor der Milde der andern zog sich +der Schatten zurück. Wieder überkam den Pastor der +stürmende Mut, den er vor einer Weile noch gehabt hatte, +und der den meisten Neubekehrten eigen ist. Dicht beim +Krankenhaus begegnete er Sören Pedersen und seiner +Frau; auch sie wollten sich an diesem lichten Sonntagabend +voll Frühlingsverheißung einen kleinen Spaziergang +leisten. "War er zu Hause?" fragte Tuft. "Ja, +Herr Pastor", erwiderte Pedersen höchst aufgeräumt. +"Na, was hat er denn gesagt, der Doktor?" — "Es hat +mir gefallen, was er sagte, Herr Pastor. Es gibt zwei +Arten von Menschen, sagte er; die eine glaubt nur das, +was sie weiß; die andere tut das auch, aber das, was sie +glaubt, läßt sich nicht beweisen — wenigstens für niemand, +als sie selber." — "Er hat recht." Tuft lachte +und eilte weiter. Aber sowie er allein war, überfiel +ihn Markus 16, Vers 16; das lag noch von seiner "rechtgläubigen" +Zeit her im Hinterhalt und lauerte ihm auf. +"Wer aber nicht glaubet, der wird verdammt werden!" +Gott respektiert also nicht "zwei Arten Menschen". +Tuft setzte sich eifrig zur Wehr; vom neunten Vers bis +zum sechzehnten Kapitel ist alles ein späterer Zusatz, +von dem die ältesten Handschriften nichts wissen. Wenn +diese Stelle unecht ist, so enthält keins der drei Evangelien +eine Stelle, die auch nur annähernd so furchtbar +wäre. Und das vierte, das sie enthält, hat damit sich +selbst "verdammt". Nein — das Leben ist alles — und +der Glaube ist der wunderbare Weg zur Erklärung +des Lebens, d. h. zu Gott. Auf diesem Wege werden<a class="page" name="Page_299" id ="Page_299" title="299"></a> +wir dereinst die höchste Gemeinschaft mit ihm erlangen, +wenn nicht hienieden, so doch im Jenseits. Der Glaube +soll uns nicht zum Gericht werden, sondern zum Führer. +Menschen um ihres Glaubens willen zu verdammen, +mochte in entschwundenen Zeiten als Wahrheit gelten; +in unserer Zeit stößt es ab. Gott offenbart sich unserem +Verstand auf höhere Weise. Wieder schritt er eilig über +den Hofraum.</p> + +<p>Aber wieder kam Sigrid auf die Treppe: "Herr +Doktor ist nicht zu Hause." Die verschleierten Augen +wichen den seinen aus; aber sie blieb unbeweglich stehen, +das Gesicht dicht eingerahmt von ihrem Tuch. Das +Haus hinter ihr war wie ein Geheimnis, eine geschlossene +Gemeinschaft, etwas in sich Treu-Gefestigtes, von dem +er ausgeschlossen war.</p> + +<p>Jetzt begriff er.</p> + +<p>Der Preis, um den er hier Einlaß fand, war doch wohl +höher, als er gedacht hatte. Demütig ging er heim; +Josefine gegenüber schwieg er von der Sache.</p> + +<p>Die Zurückweisung war ihm ein neuer Ansporn, +weiter auf dem Wege vorzudringen, der einzig die Geschwister +wieder zusammenführen konnte. Und das war +die Bedingung für alles andere. Er gestand sich ehrlich +ein, daß er war auf seinen Schwager eifersüchtig gewesen. +Dies rein persönliche Gefühl hatte großen Einfluß auf +die Beschränktheit seiner Lehre gehabt.</p> + +<p>Da kam ihm von außen her Hilfe. Zuerst verwunderte +Fragen, zurückhaltendes Wesen, was ihm wehtat, ihn +zuweilen schwankend machte; bald aber offener Kampf +mit seinen treusten Anhängern. Und das trieb ihn vorwärts. +Sein alter Freund, der ehemalige Krankenhausverwalter, +schien nur auf die Gelegenheit gewartet zu +haben, um sich von einem Dankbarkeitsverhältnis, das +ihm lästig war, freizumachen; er schlug gewaltig Lärm +und zog Hilfstruppen sogar aus der Hauptstadt herbei. +Seminarlehrer, Schulmeister, Wanderprediger und verschiedene +Pastoren gingen Pastor Tuft in der Betstunde +mit allen möglichen theologischen Instrumenten zu<a class="page" name="Page_300" id ="Page_300" title="300"></a>leibe. +Vor allem lernte er, sich deutlich ausdrücken; +denn die meisten Punkte, in denen sie ihn angriffen, +beruhten auf Mißverständnissen. Er lernte aber auch +den Gebrauch von Kräften und Kenntnissen, die er bis +jetzt nicht geübt hatte.</p> + +<p>Im ersten Monat war Josefine nur müde und stumpf; +sie war mehr heruntergekommen, als sie wußte. Aber +nach einiger Zeit fing sie an, dem Bauernjungen, der +einst ihr Herz mit seinem lichten Glauben gefangen +hatte, zu folgen.... Ob er wiederkam?</p> + +<p>Ein Ereignis, das sie ihrem Mann verheimlichte, hatte +sie wieder so zurückgebracht, daß sie nur langsam zu +Kräften kam. Auch sie war nämlich in aller Stille bei +ihrem Bruder gewesen, sobald sie wieder ausgehen +konnte; auch sie war von Sigrid auf der Treppe empfangen +worden mit dem Bescheid, er sei nicht zu Hause; +aber sie hatte ihn, als sie kam, auf der Veranda stehen +sehen! Mit knapper Not hatte sie sich heimgeschleppt.</p> + +<p>Sie hatte ja das tiefste Mitgefühl mit ihm gehabt und +war zu jedem Zugeständnis bereit gewesen; seine Unerbittlichkeit +jedoch weckte ihren Trotz. Von ihrer +eigenen Eifersucht auf Ragni hatte Josefine selbst keine +Ahnung, also auch nicht davon, wie dadurch ihr eigenes +Wesen beeinflußt worden war. Sie sah ihre Schuld +darin, daß sie unverträglich gegen eine Frau gewesen +war, die im Grunde eben doch eine Sünderin war. +Wenn Sissel Aune oben bei dem Jungen saß und ihm +von Ragni erzählte, wie liebevoll sie bis zum letzten +Augenblick gewesen sei, dann empfand sie das Unmenschliche +ihres Betragens, daß sie Ragnis Herzensgüte, +daß sie Kallems Liebe hatte übersehen können. +Aber abgesehen von dieser Unversöhnlichkeit fühlte sie +sich nicht schuldig.</p> + +<p>Die Enttäuschung war um so größer und hätte +schwere Folgen gehabt, wenn nicht gerade jetzt ihres +Mannes Kampf sie mitgerissen hätte. Ein unklarer +Mensch, der wesentlich nur in Trotz gelebt hat, kann +nur durch eine große Begebenheit erlöst werden. Und<a class="page" name="Page_301" id ="Page_301" title="301"></a> +zu einer solchen wurde ihr der Tag, als Tuft zu ihr sagte: +"Josefine — hierfür müssen wir Amt und Vermögen einsetzen!"</p> + +<p>Drei Monate waren vergangen, da fühlte sie sich, +neubelebt vom Kampf, stark genug, es mit ihrem Bruder +aufzunehmen. Sie schrieb ihm, was sie auch verbrochen +hätten — es müsse Klarheit sein zwischen ihnen; einer +Anklage wenigstens müßten sie gewürdigt werden. Ihre +Dankbarkeit gegen ihn sei groß, ebenso groß aber ihr +Bedürfnis, mit ihm zusammenzuarbeiten, nun, da sie +ihre frühere Unverträglichkeit bereuten und dem Geist +der Liebe und der Gerechtigkeit, den sie verkannt +hätten, jedes nur mögliche Opfer zu bringen bereit seien.</p> + +<p>Ein sehr geschickter Brief; das sagte auch ihr Mann.</p> + +<p>Aber Tag auf Tag verging ohne Antwort. Es war ein +wahres Glück, daß gerade diese Tage die schwersten +Kampftage für Tuft waren. In der Betstunde und +nachher auch in der Kirche hatte er die Worte angewendet, +mit denen Josefines Brief schloß: "Gerechtigkeit +und Liebe" ohne Unterschied des Glaubens (wie in +der Erzählung vom barmherzigen Samariter) sei der Kern +des Christentums; deshalb müsse alles mit diesem Maß +gemessen werden, in erster Linie die Lehre selbst, bis +jedes Körnlein, das sich nicht daran messen ließe, vor +der Offenbarungsmacht der Gerechtigkeit unserer Zeit +fallen müsse als eine Gotteslehre ferner und harter +Zeiten.</p> + +<p>Dafür wurde er noch am selben Tage zur Disputation +geladen.</p> + +<p>Zwei Versammlungen wurden abgehalten im Verlauf +der Woche, alle drei stark besucht. Sein Hauptgegner +war ein Pastor und Redakteur einer theologischen Zeitschrift +aus der Hauptstadt. Die Lehre von der Hölle +war fast ausschließlich der Gegenstand, um den es sich +drehte, und Tuft hielt daran fest: alles, was Paulus +darüber gesagt habe, sei völlig verschieden z. B. von +der Offenbarung Johannis. Nach Paulus sei das Leben +hier und im Jenseits ein stetiges Fortschreiten, das damit<a class="page" name="Page_302" id ="Page_302" title="302"></a> +ende, daß Gott "Alles in Allem" werde. Diese Lehre +halte das Maß der Gerechtigkeit und der Liebe, — und +es machte Eindruck, als er mit seiner metallreichen +Stimme in der lebhaften, westländischen Tonart über +die dichtgedrängte Versammlung hinrief, ob sie denn +glaubten, Krieg und Unterdrückung durch den Stärkeren +würden ein Ende nehmen, solange die Lehre von +der Hölle mit ihrer grausamen Rachsucht und Roheit +in allen Schulen und Kirchen als Gottes Gerechtigkeit +und Liebe gelehrt würde!</p> + +<p>Die Gegner waren ganz im "Stil der Höllenlehre", +indem sie alles taten, ihn zu verketzern und zu verdammen. +Unter den Zuhörern herrschte nur eine +Meinung: in Klarheit und Überzeugungstreue war +Tuft den andern allen über.</p> + +<p>Das letzte Mal war auch Doktor Kallem zugegen; +er sah auch Josefine mit flammenden Augen dasitzen; +und am nächsten Tag gegen Abend kam seine Antwort.</p> + +<p>Sie stand gerade vor dem Haus und sah ihrem Jungen +zu, wie er mit der Gartenspritze spielte, als der Brief +kam; sofort erkannte sie die Handschrift, und zitterte +so, daß sie ihn gar nicht öffnen konnte. Es erschreckte +sie, wie wenig kräftig sie im Grunde doch noch war. +Sollte sie die Gesundheit ihrer Jugend nie wieder erlangen?</p> + +<p>Sie ging also auf ihr Zimmer und riegelte hinter sich +ab. Ein dicker Brief! Sie drehte und wendete ihn, setzte +sich und überlegte, ob sie ihn vielleicht nicht doch Tuft +zuerst lesen lassen sollte. Aber möglicherweise stand +etwas über ihn darin, was er nicht sehen durfte.</p> + +<p>Sie öffnete.</p> + +<p>Kein Wort von ihrem Bruder, kein Wort an sie! Das +erste, was sie sah, war von fremder Hand geschrieben; +das nächste ebenfalls, das übernächste auch, zwei verschiedene +Handschriften. Ein paar zusammengeheftete +Bogen, einige Briefe, ein paar lose Zettel ... von Edvard +kein Wort.</p> + +<p>Was bedeutete das? Aus all den Papieren zog Josefine<a class="page" name="Page_303" id ="Page_303" title="303"></a> +unwillkürlich das kleinste hervor, ein Zettelchen mit +drei Zeilen darauf:</p> + +<p>"Sie haben meinen guten Namen getötet und ich +hab' es nicht gewußt. Denn ich wußte nicht, daß ich +einen hatte, bis er getötet war."</p> + +<p>Auf einem andern Zettel bloß die feingeschriebenen +Worte: "Vergib ihnen; sie wissen nicht, was sie tun."</p> + +<p>Diese zarte, leichtschwingende Handschrift war +natürlich Ragnis. Josefine begann zu zittern, und wußte +doch nicht warum.</p> + +<p>Da lag ein Brief von einer andern Hand geschrieben, +die ersten Worte in roter Tinte. Keine Unterschrift. +Aber als sie las, daß Kallem dies nicht sehen dürfe, vermutete +sie einen Liebesbrief von Karl Meek, den Kallem +nach ihrem Tode gefunden hatte. Was sollte sie damit? +Flüchtig las sie die ersten Worte, hielt aber inne, als +es "Sie" hieß — als er von einem Schmerz sprach, den +er hatte allein tragen wollen, der nun aber auch sie betroffen +hätte, eine Verleumdung...? War es Verleumdung +gewesen?</p> + +<p>Überall die allerehrerbietigsten Ausdrücke! — Wann +war der Brief geschrieben? Es war kein Datum angegeben; +aber der Schreiber war im Ausland; also nach +ihrem Zusammenleben hier. Der Brief war ein einziger +großer Schrei, ein Schmerz, so echt, wie sie einen größeren +nie gelesen hatte.</p> + +<p>Josefines Hand zitterte; sie mußte den Brief auf den +Tisch legen.</p> + +<p>Sie las, wie Karl infolge dieser grausamen Verleumdung +an niemand anders und an nichts anderes zu denken +vermochte; sie las, wie dadurch seine Liebe zu Ragni +erwacht war; Josefine sah diese Liebe, aus Kummer, +Dankbarkeit, Anbetung geboren, ihr entgegenatmen, — in +den reinsten, rührendsten Ausdrücken.</p> + +<p>Ragni unschuldig? Gott im Himmel, war sie wirklich +unschuldig? Dann waren die ergreifenden Szenen zwischen +Edvard und ihr, während der Tod sie Zoll für +Zoll auseinanderriß (Sissel Aune hatte sie ihr geschildert)<a class="page" name="Page_304" id ="Page_304" title="304"></a> +ja nicht zu ertragen gewesen! Ja, dann begriff sie, +weshalb er mit ihrer Leiche von hier weggezogen war +und Karl Meek mitgenommen hatte. Sie begriff nur +das eine nicht: daß er es überlebt hatte.</p> + +<p>Es klopfte an die Tür; sie sprang auf; es war bloß das +Mädchen, das sie zum Abendessen holen wollte. Sie +vermochte nicht zu antworten. Es klopfte wieder. "Nein, +nein!" würgte sie endlich heraus, während sie sich wand +vor Scham und Schmerz. Sie mußte zu ihrem Bruder! +Sie mußte zu ihm! und sollte sie auf den Knien zu ihm +rutschen!</p> + +<p>Aber da waren noch mehr Papiere; und sie hatte ein +Gefühl, als ob ihr Bruder neben ihr stehe und ihr gebiete +zu lesen. Zitternd las sie:</p> + +<p>"Ich will jetzt abschreiben, was ich nach vielen Versuchen +und Ausstreichen über meine Kindheit und meine +erste Ehe zustande gebracht habe; aber ich fühle mich +auf einmal so müde und so fertig. Immer hatte ich +mir ausgedacht, ich wolle ein paar Worte als Einleitung +schreiben, und hatte mich darauf gefreut. Jetzt ist es +zu spät. Jetzt kann ich Dir bloß noch sagen, Du 'weißer +Pascha' meines Lebens, wie das alles so mit mir gekommen +ist. Ganz kurz hab' ich's gesagt, weil es mir +eine Qual war. Ich hab' es auch nur gesagt, damit Du +mich verteidigen kannst, sollte irgend jemand es noch +der Mühe wert finden, von mir zu sprechen, wenn ich +fort bin. Liebster Freund, ich klage nicht. Ich habe +das Schönste erlebt, was ich erleben konnte; nur daß +es so kurz war! Du mußt Dir bloß vorstellen — ich +hatte mich selber aus bloßer Furcht vor noch etwas +Schlimmerem weggeworfen; und da hast Du mich emporgetragen +aus der Tiefe des Meeres zum Frieden, zu +allem Guten in guter Menschen Obhut — bis Du dann +zum zweitenmal kamst und mich noch weitergetragen +hast — zu Dir selbst. Und hier, in Deinem Heim, alles +zu eigen zu haben, Dich, und alles, was Dir gehört — ohne +es zu verdienen; ich hab' es oft schwer empfunden; +aber glücklich war ich doch."</p> + +<p><a class="page" name="Page_305" id ="Page_305" title="305"></a>"Ich weiß, ich füllte meinen Platz nicht aus; aber +nun, da es zu Ende geht, ist mir, als schade auch das +nichts mehr. Du hättest Nachsicht gehabt mit mir, +wie lang es auch gedauert hätte; das weiß ich ja gewiß."</p> + +<p>"Liebster, wenn ich Dir auch alles sagen wollte, was +von Dank und Bewunderung für Dich in mir ist — +Du würdest es nicht begreifen; so selbstverständlich +war es Dir, daß alles Frohe in Deinem Leben von mir +kam. Und das ist auch in meinem Leben das Schönste +gewesen."</p> + +<p>"Aber Du liest das ja erst, wenn ich nicht mehr im +Sessel neben Dir sitze, und da ist nichts, was die Erinnerung +an mich besser in Dir wachhalten könnte, so +wie ich sie in Dir lebendig wissen möchte, als ein großes +unendliches</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i1">ich danke Dir!"<br /></span> +</div></div> + +<p>Das war die Ehe, der sie den Namen Ehe hatte absprechen +wollen! Sie, Josefine, im Vergleich mit ihrer +eigenen!</p> + +<p>Sie glitt hernieder vom Stuhl, auf die Knie. Sie +schluchzte, schluchzte — und zwang sich, still zu sein, +damit niemand sie hier finden solle, zusammengekauert, +zusammengebrochen unter der Schmach ihres Verbrechens. +Ihre Hände tasteten um Ragnis Handschrift, ihr Kopf +sank auf die Hände: "Vergib! Vergib!" flüsterte sie, und +sie wußte, daß niemand, niemand sie höre, und daß +niemand, niemand ihr vergeben könne.</p> + +<p>Und blitzschnell erfaßte sie, daß Ragni auch in ihrer +ersten Ehe rein gewesen, daß sie auch in ihr verleumdet +worden war. Die Schriftstücke über diese Ehe, wie sie +zustande gekommen war, — sie brauchte sie nicht, sie +konnte sie nicht lesen. Mit fiebernden Händen packte +sie alles zusammen — Ole sollte es lesen. Jetzt mußte <em class="gesperrt">er</em> +ihr helfen; es galt ja ihr Leben. Sie war mitschuldig des +Mordes, des Mordes an einer ganz Unschuldigen! Nicht +durch Worte oder Hetzereien; gesagt hatte sie nichts; +aber gerade durch ihr Schweigen, gerade dadurch, daß<a class="page" name="Page_306" id ="Page_306" title="306"></a> +sie Ragni vom ersten Tag an von sich gestoßen hatte — gerade +dadurch war die Ärmste rettungslos verloren gewesen; +das hatte sie getroffen wie der Blitz; das hatte +sie betäubt, schreckerstarrt zu Boden geschlagen. Das +Urteil, das sie in ihres Bruders Augen gelesen hatte, +das Todesurteil, — sie hatte nicht falsch gelesen! — nur +galt es nicht ihrem Sohn, ihr selber galt es. <em class="gesperrt">Sie</em> verdiente +den Tod!</p> + +<p>Entsetzen packte sie; der Schweiß brach ihr aus wie +nach einem betäubenden Schlag.... <em class="gesperrt">Jetzt war es da</em>!</p> + +<p>Ja, jetzt war es da, wovor sie Jahr um Jahr erschauernd +gebangt hatte, — etwas über alle Maßen Grauenhaftes, +das sie zu Staub zermalmen würde. Nichts war sie gewesen; +nichts hatte sie gewollt, nichts geleistet; und +dabei hatte sie getrotzt und verurteilt und das höchste +Spiel gespielt!</p> + +<p>Jetzt war es da! Sie hatte geglaubt, die Sache mit dem +Jungen sei das Äußerste gewesen; nein, erst jetzt war +es da, jetzt, seit sie wieder ein frohes Zusammenleben +mit ihrem Mann und festen Boden unter den Füßen +gewonnen hatte.... <em class="gesperrt">Jetzt</em> traf es sie — und traf sie +tödlich.</p> + +<p>Sie eilte hinunter ins Studierzimmer, während Tuft +noch aß, und legte den Brief auf seinen Tisch; Hut und +Tuch hatte sie schon an; und nun lief sie mehr als sie +ging zum Haus des Bruders. Nun galt es biegen oder +brechen.</p> + +<p>An einem Fußweg bog sie nach der Kirche ab; dabei +dachte sie an Oles letzte Predigt. Wenn ihr Zusammenleben +von Anfang an so freie Wahl, auf solche Ziele +eingestellt gewesen wäre! Sie weinte und lief auf das +fürchterliche Haus zu. Links hinter dem Laub erblickte +sie auch die weiße Hauswand des andern, in dem Kule +wohnte — das Mordinstrument! Nein, nein, nein! Sie +hatte ihn nicht kommen heißen; sie hatte keinen Teil +daran! Doch — sie hatte gehört, wie man davon sprach, +und es für ganz gerecht gehalten. Einige hatten es als +guten Witz aufgefaßt, andere wieder ernst, ja, religiös.<a class="page" name="Page_307" id ="Page_307" title="307"></a> +Josefine erinnerte sich jedes Wortes, zu dem sie geschwiegen, +jedes Gedankens, den sie im Stillen gehabt hatte.</p> + +<p>Mord, Mord! Da gab es keine Vergebung, das wußte +sie. Was wollte sie bei dem Bruder? Er hatte ihr Kind +gerettet; darüber hinaus wollte er nichts mit ihr zu +schaffen haben. Und dennoch — ihr Leben hing von +jetzt an diesem Fleck Erde; sie mußte hin, und wenn es +ihr Tod war! Und sie hastete weiter.</p> + +<p>Ihr Leben war geschändet; sie konnte keinem ehrlichen +Menschen mehr ins Auge sehen. Mit Kälte und Bosheit +hatte sie ein völlig, völlig unschuldiges Menschenkind +getötet — hatte ihres Bruders Heim zerstört! Wie sollte +sie darnach noch weiter leben? Was wollte sie jetzt? +Ihre gerechte Strafe suchen? Aber die konnte nur sie +selbst sich auferlegen. Zuerst mußte sie ihn gesehen, +ihn gehört, selber mit ihm gesprochen haben — ja — — denn +sie hatte auch etwas zu sagen, — — er wußte ja +gar nicht, wie sie ihn liebe, wie sie ihn immer geliebt +hatte; — er kannte sie überhaupt nicht. Und sie weinte +und hastete weiter.</p> + +<p>Sie sah ihn im Garten zwischen dem Haus und den +Nebengebäuden stehen, über irgend etwas gebückt, was +er eben in der Hand hielt. Sie sah ihn — über die +Johannisbeer- und Stachelbeerhecke weg, wo die höheren +Obstbäume ein bißchen weiter auseinanderstanden. Ein +Frösteln durchrann sie; aber sie schritt weiter. Bald +war sie unter den Bäumen des Parks, und bog dann nach +dem Hof ab; nur die Mauer der Stallgebäude war noch +dazwischen; jetzt trat Josefine hervor.</p> + +<p>In einem hellgelben, rohseidenen Rock, demselben +vielleicht, in dem er vor zwei Jahren gekommen war, +stand er da — die Ärmel aufgestreift, die Manschetten +abgelegt — und wusch unter der Pumpe einen Reisekoffer; +die vielen Zettel, die die verschiedenen Eisenbahnen +übereinander daraufgeklebt hatten, mußten aufgeweicht +werden. Wollte er verreisen? Er war sonnverbrannt +und mager; im Profil erschien sein Gesicht +noch schärfer. Jetzt hörte er ihre Schritte und blickte auf.</p> + +<p><a class="page" name="Page_308" id ="Page_308" title="308"></a>Blickte ihr in das verweinte, flehende Gesicht. Von +ihrer einstigen farbenfrohen Kleidung keine Spur mehr; +ein dunkles Sommerkleid; um die Taille einen Gürtel; +auf dem Kopf ein breitrandiger Strohhut mit braunem +Band; über dem Arm lose ein Tuch. Ihre Tränen +brachen hervor. "Edvard!" rief sie verzweifelt; weiter +kam sie nicht....</p> + +<p>... Denn er hatte den Koffer fallen lassen und sich +hoch emporgerichtet; eine Stimme, die in zwei Oktaven +zu klingen schien, sagte: "Nie verzeihe ich Dir, Josefine!" +"Edvard — so laß mich doch erklären ... —" +Sie wandte sich dem Haus zu, voll Angst und Verzweiflung, +so streng sah er aus. Er glaubte, sie wolle hineingehen.</p> + +<p>"... Nie kommst Du über diese Schwelle!" Und er +stemmte die Hände in die Seiten, als wolle er Wache +halten.</p> + + +<h3><a href="#Inhaltsverzeichnis">13</a></h3> + +<p>Tuft ging vom Abendbrot in sein Studierzimmer, sah +aber die Briefe nicht liegen, weil er gar nicht auf +den Schreibtisch blickte. Wie so häufig abends machte er +einen kleinen Spaziergang; wäre Josefine dagewesen, so +hätte sie ihn wohl begleitet, dachte er. Wohl eine Stunde +ging er auf und ab; es war Sonnabend, und er überdachte +seine Predigt für morgen. Als er nach Hause kam, setzte +er sich mit einem Buch ans Fenster und las, wanderte +dazwischen auf und ab, las wieder, bis es zehn Uhr war.</p> + +<p>Er ging nach oben, um sich zu legen; Josefine war +nicht da; nicht in ihrem eigenen Zimmer, nicht im +ganzen Haus. So stieg er wieder hinunter ins Arbeitszimmer, +um auf sie zu warten; wo konnte sie nur sein? +Bei einem Kranken? Er wußte von keinem. Gedankenlos +griff er nach dem Brief, während er am Schreibtisch +vorüberging; sein Name stand darauf — von Josefines +Hand! Heiß stieg es in ihm auf; er ging ans Fenster, +um besser sehen zu können. Kein Siegel; bloß verschiedene +Papiere; und obendrauf ein Zettel mit folgen<a class="page" name="Page_309" id ="Page_309" title="309"></a>den, +von Josefine geschriebenen Worten: "Ich bin zu +ihm gegangen — es gilt mein Leben." Was war das?</p> + +<p>Eine Viertelstunde später war auch Tuft auf dem +Weg zur Kirche; auch er lief mehr als er ging. Er war +der allein Schuldige; er hatte seinerzeit Josefine den +Gedanken eingegeben, Ragni sei ihrem ersten Mann untreu +gewesen, und damit alles ins Rollen gebracht, was seitdem +geschehen war! Und wenn er nicht auf seinen +Schwager eifersüchtig gewesen wäre, so hätte er kaum +dessen Bruch mit der Kirche, den Verkehr mit Spöttern +zum Vorwand genommen, sich von den beiden zurückzuziehen. +Und wenn der Schwager antworten würde: +Josefine sei ja überhaupt gar nicht Christin genug, um +aus diesem Grund Ragni zu verdammen, oder darum +gleich das Schlimmste von einem Freidenker anzunehmen — er, +Tuft, würde antworten, daß solche, die +so etwas tun, eben keine Christen sind, sondern Halbchristen. +Der, dem die Liebe zu Gott Lebensgesetz +geworden ist, urteilt überhaupt nicht; aber die anderen +tun das um so eifriger. Josefine hatte nach ihrem ganzen +Lebensgang eine Halbchristin werden müssen, und das +war wiederum seine Schuld. Das theologische Studium +unterbindet alles Wachstum des Mannes.</p> + +<p>Wie klar er das alles jetzt überschaute! Und darum +war es ihm auch so unerträglich, sie in dieser Seelennot +zu wissen. Er rannte so, daß er ganz außer Atem in den +Park, ans Tor, über den Hof und auf die Treppe kam. +Die Haustür war verschlossen, — es war doch kaum über +zehn! Er klingelte wieder und wieder, und bald hörte +er im Korridor Schritte, Männerschritte. Kallem war +es, der öffnete.</p> + +<p>"Ist Josefine nicht hier?" — "Nein." — "Ist sie nicht +hier gewesen?" — "Doch, vor anderthalb Stunden." — +"Und — —?" — "Ich habe ihr mein Haus verboten." — "Du +hast nicht mit ihr gesprochen?" — "Nein." — Da +streckte Tuft die rechte Hand aus: "Jetzt bist auch +Du dogmenbesessen!" wandte ihm den Rücken und +stürzte fort. Sein breiter Hut über den breiten Schultern<a class="page" name="Page_310" id ="Page_310" title="310"></a> +war wie ein vierkantiger Nachdruck auf seine letzten +Worte.</p> + +<p>Es war schon über elf Uhr — da klingelte es wieder. +Genau auf dieselbe Art. Kallem erschien sofort. Er +war also nicht zu Bett gewesen.</p> + +<p>Wieder war es Tuft, der dastand; aber, soweit Kallem +zu unterscheiden vermochte, noch ehe er ihn näher sah, +ein ganz anderer, ein verstörter, verzweifelter Mann. +"Wo, denkst Du, könnte sie hingegangen sein, Edvard?" — "Ich +denke, zu Ragnis Grab wird sie gegangen sein!"</p> + +<p>Ein wunder Laut aus der Kehle, ein fast sichtbares +Aufwallen von Schmerz. Und wieder war er auf und +davon. Seine schweren Schritte klangen noch lange +herauf durch die Stille der Nacht.</p> + +<p>Gegen ein Uhr wieder das Klingeln; aber nur einmal, +zaghaft — angstvoll. Kallem kam sofort aus dem Wohnzimmer; +er war also noch immer auf.</p> + +<p>Eine Frau stand vor der Tür. Der kurzsichtige Kallem +ging hastig auf sie zu und erkannte Sissel Aunes Stimme. +"Liebster, bester Herr Doktor, seien Sie doch gut und +barmherzig!" fing sie an zu jammern. "Liebster, bester +Herr Doktor!" — Kallem glaubte, sie komme seiner +Schwester wegen; ihr sei etwas geschehen. Es überlief +ihn kalt. Aber Sissel fuhr fort: "Niemand kann ihn +mehr bändigen; jede Nacht ist er wie verrückt." — +"Aune?" fragte Kallem. "Ja. Er glaubt, Kristen Larssen +sei hinter ihm her, und da rennt er davon, immerzu, +wer weiß, wie weit, in den Wald und auf die Landstraße; +heut ist's die dritte Nacht; und ich <em class="gesperrt">kann</em> nicht mehr! +Liebster, bester Herr Doktor — ich hab' ja sonst niemand, +zu dem ich gehen könnte!" — sie fing zu weinen +an — "und niemand kann ihn ja bändigen, außer +Ihnen!"</p> + +<p>Der muntere Buchbinder und Spielmann verrückt +geworden? Also hatte er sich seiner Macht entzogen? +Oder trank er wieder? War es Delirium? Nein, es war +einfache "Verrücktheit" aus Angst vor Kristen Larssens +Geist. Kallem ging sofort mit.</p> + +<p><a class="page" name="Page_311" id ="Page_311" title="311"></a>Der Himmel war bewölkt; eine dunkle Nacht. Aber +ein frischer Nordwind begann die Wolken auseinanderzufegen. +Er rüttelte auch die Bäume am Weg; das laubdichte +Rauschen fragte und spürte so manches auf, +während sie vorübergingen. War es nicht auch seltsam +und wunderlich, daß Aune, der unter den Leuten den +Glauben an Kristen Larssens Spukerei aufgebracht hatte, +jetzt selber davonrannte, in sinnlosem Entsetzen — vor +seiner eigenen Luggeschichte? Jeden Abend, sobald es +dunkel würde, versicherte Sissel, erschiene ihm Kristen +Larssen und wolle ihn in die Hölle mit sich nehmen! — "Aber +liebe Sissel, es gibt ja gar keine Hölle!" — Im +selben Augenblick hörten sie aus weiter Ferne einen +Schrei, einen einzigen, endlosen, schneidenden Hilferuf. +Wie ein Gespenst stieg er auf durch die Nacht — man +sah ihn beinahe. "Das ist er!" rief Sissel und faltete +die Hände. "Jesus Christus! Hilf!" schrie sie und fing +zu laufen an. Kallem eilte ihr nach. "Ruhig, Sissel! +So kommst Du bloß langsamer vorwärts. Ruhig gehen, +ruhig! Hörst Du?" Sie gehorchte sofort, wandte sich +aber leidenschaftlich zu ihm: "Wer anders als der Satan +kann einen Menschen so hetzen?" fragte sie schweratmend. +Da schlug in der Nähe ein Hofhund an; der +Schrei hatte ihn aufgeschreckt; er kläffte unaufhörlich. +Kallems Stimme überschrie den Hund: "Aune ist so +wenig vom Satan besessen als der wütige Köter dort! +Weißt Du, wie überhaupt die Leute den Satan erfunden +haben? Sie glaubten, alles sei vollkommen erschaffen +auf Erden; und da hatten sie niemand, dem sie Schuld +dafür geben konnten, daß die Sünde in die Welt gekommen +war."</p> + +<p>Im selben Augenblick fiel der rasende Hund sie an. +Sissel flüchtete zu Kallem. "So ein wütiger Pfaff!" +rief der und bückte sich nach einem Stein. Da wich der +Köter ein Stück zurück. Ein neuer Schrei — näher als +der erste — ein Notschrei aus der letzten Kraft eines +Menschen. Ein Schauder überlief sie; sogar der Hund +stutzte. Aber dann setzte er, an ihnen vorbei, in einem<a class="page" name="Page_312" id ="Page_312" title="312"></a> +großen Bogen auf den Spuk los. "Gott steh uns bei — jetzt +hat er ihn!" weinte Sissel auf und stürzte vorwärts; +dem Hund durfte der Besessene auf keinen Fall zwischen +die Zähne laufen! Und dabei hörten sie den Köter +bellen, bellen, als ob er eine wilde Bestie vor sich habe, +die er im nächsten Augenblick zerreißen wollte. Jetzt +liefen sie beide, so schnell sie konnten; Kallem war Sissel +bald weit voraus. Aune konnte es kaum sein, der da in +Gefahr war, aus solcher Nähe hatte der letzte Schrei +nicht geklungen. Das rasende Tier war über den ersten +besten hergefallen. Wer aber war das? Seit seiner Kindheit +war Kallem nicht so gelaufen; er hörte am Bellen +des Hundes, daß der Gegner sich wehrte, und lief mit +erneuter Kraft. Bald sah er am Wegrand vor einem Gehölz +etwas Großes, Schwarzes, und davor den Hund. +Noch einmal durchschnitt ein Schrei die Nacht; ja, +er kam von dort her! Was war das für ein großer, schwarzer +Klumpen? Doch kein Tier?</p> + +<p>Nein, ein Mann war es, ein großer Mann, der mit +einem kleineren rang, und auf beide ging der Hund los. +Der Große schlug nach ihm, sie drehten sich umeinander; +und zugleich hielt der Große mit der Linken +einen andern gepackt. Und nun erkannte Kallem den +breiten Hut über den breiten Schultern; Tuft war es, +der Aune festhielt, mit Riesenkraft; der Hund wollte +auf Aune los, und Tuft stieß ihn jedesmal mit einem +Fußtritt weg. Wer weiß — Aune mochte glauben, der +Hund sei der Teufel und Kristen Larssens Gespenst +halte ihn gepackt; denn der Unglückliche schlug um +sich mit Händen und Füßen, sperrte sich, biß um sich, +zerrte und riß, um loszukommen; jetzt warf er sich +hintenüber und mit dem letzten heiseren Rest seiner +Stimme kreischte er: "Hilfe! Hilfe!" War seine Angst +vorher schon groß gewesen, so wurde sie erst recht groß, +als er Kallem aus dem Halbdunkel herauswachsen sah: +er warf sich zu Boden und brüllte. Der Hund packte +ihn sofort am Bein; der Pastor zog beide Beine gleichzeitig +in die Höhe; so rasend war die Bestie, daß sie<a class="page" name="Page_313" id ="Page_313" title="313"></a> +Kallem nicht bemerkte, bis der ihr einen Fußtritt versetzte, +der sie ein paar Meter weit wegschleuderte. +Ein einziges kurzes Aufheulen, ein Schnappen — ein +Arzt versteht zu treffen — und sie sahen und hörten +nichts mehr von ihr; vielleicht war sie tot.</p> + +<p>Jetzt nahm Kallem Aune beim Arm und der Pastor +ließ ihn los. Er war wirklich übel zugerichtet, der Rock +schleppte zerrissen hinter ihm her, der Ärmel hing ihm +in Fetzen auf die Hand herunter, ebenso sein wollenes +Hemd. Das Blut quoll ihm aus Biß- und Kratzwunden; +aber er war so angst- und wutentflammt, daß er überhaupt +keinen Schmerz fühlte. Kallem packte den armen +Narren mit beiden Händen am Kragen, hob ihn zu sich +empor und bohrte mit all seiner durch den raschen Lauf +und die Gemütserregung noch gesteigerten Energie den +Blick in die Augen des andern, bis sie ganz groß und +dumm und glasig wurden; mit aufgerissenem Mund +und schlaffen Gesichtsmuskeln hing der Kerl da, wie +ein ausgenommener Hering. Als endlich Sissel atemlos +und weinend anlangte, lag Aune unter den Bäumen im +Gras und schlief. Die beiden Männer standen vor ihm. +Kallem meinte, Aune könne da liegen bleiben; Tau +würde nicht fallen, da es windig sei. Später würde man +sie beide abholen. Er denke, er werde schon Herr dieser +Verrücktheit werden.</p> + +<p>Der Pastor hatte seinen Rock ausgezogen, sich das +Blut abgewischt und wurde, so gut es ging, verbunden; +dann gingen er und Kallem heimwärts.</p> + +<p>Kein Wort mehr von Aune oder wie er auf ihn gestoßen +war; aber kaum standen sie auf dem Weg, sagte +Tuft klagend: "Da war sie auch nicht, Edvard! Da +war sie auch nicht!" Und kurz darauf: "Jetzt weiß +ich nichts mehr, nein, jetzt weiß ich nichts mehr! +Daß Du sie hast von Dir stoßen können, Edvard!" +Das laubschwere Sausen der Bäume wiederholte es, +wiederholte unaufhörlich: "Daß Du sie hast von Dir +stoßen können, Edvard!"</p> + +<p>"Weißt Du, was sie geschrieben und neben die Briefe<a class="page" name="Page_314" id ="Page_314" title="314"></a> +von Dir hingelegt hatte? Um meines Lebens willen +gehe ich zu meinem Bruder!"</p> + +<p>Kallem überrieselte es eisig. "Um meines Lebens +willen!" sauste es tausendstimmig, und das Sausen umwand +ihn, enger und enger, bis er kaum mehr Atem zu +holen vermochte.</p> + +<p>Der Morgen begann zu dämmern; Tufts heißes, verzweifeltes +Antlitz war gen Osten gekehrt, als flehe er +unaufhörlich: "Gnade, Gnade für sie!" Er schritt aus, +so schnell er konnte; er wußte nicht, wo er sie suchen +sollte; aber er mußte gehen, gehen, gehen; — und +Kallem mit.</p> + +<p>"Ach, die Angst, die Angst!" jammerte er wieder. +"Erinnerst Du Dich noch der Sturmnacht in unserer +Kindheit, Edvard? Wir glaubten, die Welt würde untergehen. +Weißt Du noch, wie Du Dich gefürchtet hast, +am Abend darnach auf den Klippen? Diese ganze Nacht +haben auch nach mir die 'Meerungeheuer' gezüngelt! +Die Angst, die Angst! Die Seelenangst vor der Sündenstrafe! +Von Kindheit an peitscht sie alles Verständnis +aus uns heraus, gerade wenn wir es am meisten nötig +haben! Und wir laufen davon und verzweifeln, oder +werfen uns vor Gott in den Staub. Das Angstdogma +werden wir später vielleicht los, aber das Anererbte, +das Eingeübte! Und eben wie ich darüber nachdachte, +stolperte ich über den verrückten Kerl; er sprang auf — die +Angst war in ihm — er glaubte, ich sei ein Gespenst +und der Hund sei der Teufel! Und Josefine! Auch sie +verzweifelt und läuft davon! Und Du, Edvard! Auch +Du, auch Du stehst unter dem Eindruck dieser Angst, +wenn Du das Herz hast, sie noch mehr zu peinigen, als +sie selbst sich schon peinigt! Denn das ist das schlimmste +bei dieser Angst — sie macht uns schlecht; wer selber +geschreckt worden ist, lernt andere schrecken!" — Die +Worte fielen schwer, wie seine Schritte schwer klangen; +Kallem redete nicht; wenn er litt, war er stumm.</p> + +<p>Der Sohn des Laienpredigers aber hatte von kindauf +alles Erleben in Lehren umsetzen hören. Er verblutete<a class="page" name="Page_315" id ="Page_315" title="315"></a> +in seinem Innern; aber er sprach die ganze Zeit. Kallem +dürfe nicht an Josefine zweifeln; sie sei das ehrlichste, +wahrhaftigste Geschöpf auf Erden. In dieser Sache sei +sie von ihm irregeleitet worden. Voll innigstem Mitgefühl +legte er die Geschichte ihrer Seele bloß, so wie er +selbst sie sah, und bewies deutlich — wenn ihr Bruder +sie <em class="gesperrt">jetzt</em> von sich stieße, so könne sie nicht weiterleben.</p> + +<p>Kallem warf dann und wann ein "Lieber Ole!" — "Hör' +mal, Ole!" dazwischen — aber weiter kam er +nicht. Denn selbst, als er den Schwager mit sich nach +Hause nahm, um seine Wunden genauer zu untersuchen, +redete Tuft unaufhörlich. Es war, als ob das Entsetzen, +die Ungewißheit ihn übermannen würden, wenn er +schwiege; und dann — Edvard <em class="gesperrt">sollte</em> sie so sehen, wie +<em class="gesperrt">er</em> sie sah, und vor allem, er sollte ihr helfen! "Allen, +die gefehlt haben, müssen wir helfen; und vor allem +müssen wir denen helfen, die gegen <em class="gesperrt">uns</em> gefehlt haben, +sobald wir selber ihre Schuld einsehen! Gottes Vergebung +besteht darin, daß er uns dann weiter hilft!" — Noch +als Kallem ihn zur Tür begleitete, fuhr er in +seiner Auseinandersetzung fort; seine Riesenkraft gab +auch jetzt noch nicht nach. O Gott! Wenn sie vielleicht +doch mittlerweile zu ihrem Kind und zu ihm zurückgekehrt +wäre! Seine Hoffnung war freilich nur gering; +aber er lief doch, so rasch er konnte.</p> + +<p>Es wurde heller und heller. Kallem konnte nicht +schlafen. Schließlich hielt er es gar nicht mehr aus. +In einer Angst, größer als er seinem Schwager hatte +zeigen wollen, wanderte er durch alle Zimmer, wieder +und wieder, als müsse er das Haus durchsuchen. Denn +es war ja wahr: auch er hatte nur geurteilt und verdammt.</p> + +<p>Die Schwester hatte immer mehr an ihm gehangen, +als er an ihr. Seitdem sie diesen Winter zusammen getanzt +hatten, wußte er, daß ihre Liebe sich nicht verringert +hatte. Ja, selbst als er sie geschlagen hatte — war +sie da nicht zu ihm gekommen, um ihm Gutes zu +erweisen? Ihr Ausfall gegen Ragni damals ... natür<a class="page" name="Page_316" id ="Page_316" title="316"></a>lich +steckte da noch mehr dahinter als Dogmenblindheit, — Eifersucht! +Eifersucht war es, weil er alles nur noch +Ragni war und ihr nichts mehr. Er hätte die beiden +Frauen zusammenführen können; daran war kein Zweifel +möglich. Aber hatte er auch nur einen Finger deswegen +gerührt?</p> + +<p>Je mehr er in die Tiefe stieg, desto mehr schrumpfte +sein Recht, streng zu sein, zusammen; er war ja mitschuldig! +Die großen Augen der Schwester von gestern +Abend, ... jetzt schauten sie ihn in der äußersten Not +an, jetzt <em class="gesperrt">sah</em> er sie! Ihr ganzes Leben lang hatte sie, +unklar und scheu, wenn nicht die Leidenschaft einmal +die Luft reinigte, eingezwängt in widernatürliche +Lehren, trotzig auf ihrer Wahrhaftigkeit beharrend, ausgeschaut +nach ihm, Jahr für Jahr, Monat für Monat, +Tag für Tag. Und als er endlich kam, stieß er sie beiseite. +Stieß sie beiseite um einer Frau willen, die seiner +nicht würdig war — so wie <em class="gesperrt">sie</em> die Sache auffassen +mußte.</p> + +<p>Arme, arme Josefine! Er war ihr tatsächlich nie etwas +gewesen, hatte ihr nur wehgetan, und doch hatte sie +sich so treulich nach ihm gesehnt!</p> + +<p>Es wurde ihm schwül in den Zimmern; und eine Angst +überkam ihn. Es trieb ihn hinaus, die Schwester zu +suchen. Heller und heller wurde es; im Vorgefühl des +Morgens schlug er die Verandatür zurück. Aber er +hatte ja da draußen nichts zu schaffen; im Gegenteil, +er mußte sie wieder schließen, wenn er ausgehen wollte. +Er trat hinaus, um sie wieder zuzumachen, und blickte +dabei zufällig zur Seite: von der Veranda gegen den +Nordwind geschützt, auf Ragnis Bank unter den Fenstern +seines Studierzimmers saß Josefine, ihr Tuch über den +Knien. Sie sah ihn und kroch in sich zusammen wie ein +flügellahmer Vogel, der sich nicht vom Fleck rühren +kann und doch Angst hat, man könne ihn sehen. Und +doch saß sie ja bloß dort, damit er sie sehen solle! +Nirgends anders konnte sie sein; sie hatte es versucht! +Er eilte die Treppe hinunter, auf sie zu. Da zitterte sie.<a class="page" name="Page_317" id ="Page_317" title="317"></a> +"Ach nein, nein Edvard! Laß mich sitzen!" bat sie +und brach in Tränen aus. Und noch als er ihren Arm +faßte und sie emporhob, flehte sie, weich wie ein Kind: +"Ach nein, Edvard, laß mich!" Weiter aber kam sie +nicht. Sie fühlte, daß sie an seiner Brust lag, fühlte die +Bewegung, die sein Innerstes erschütterte. Nein, er +war nicht böse! Er würde sie doch vielleicht anhören! +Und sie schlang ihre Arme um ihn, und ihre Tränen +mischten sich mit seinen. So standen die beiden Geschwister, +Kopf an Kopf, Wange an Wange; und alles +Verwandte in ihren Nerven und ihrem Blut, das älteste +und ursprünglichste in ihrem Fühlen, das heimisch-vertraute +in ihrem Erinnern, bis auf den leisen Geruch +ihrer Kleidungsstücke draußen im Flur bei Vater und +Mutter, all das strömte jetzt zusammen im Verlangen, +nimmermehr voneinander zu lassen.</p> + +<p>Und dennoch — als er mit ihr der Veranda zuschritt, +zögerte sie; sie wagte nicht, ihm dahinein zu folgen. +Durch Tränen sah sie zu ihm auf; er zwang sie vorwärts, +Schritt für Schritt; noch auf der Treppe zögerte sie. +Aber er zog sie weiter, bis sie in der Wohnstube standen; +hier schlang sie wieder die Arme um ihn, sank dann +auf einen Stuhl und barg das Gesicht in den Händen; +das ganze Zimmer lauschte lange ihrem Weinen; und +er mit.</p> + +<p>Endlich ging er zu ihr hin und strich ihr übers Haar; +aber er wußte, nicht er war es, der das tat; sondern Ragni.</p> + +<p>Dann schritten sie in der Sommernacht Arm in Arm +durch eine morgenwache Stadt, wo die Menschen noch +schliefen. Der edle Gang der beiden hohen Geschwistergestalten +hallte im Takt der alten Tage. Ohne ein Wort +darüber zu verlieren, gingen sie, um Ole zu suchen, +verpaßten aber den Richtweg und kamen hinunter auf +die Strandstraße. Bald bogen sie ab, hinauf nach dem +Pfarrhaus; sie waren schon ein paar Schritte auf diesem +Weg gegangen, als Josefine, wie aus einem Zwang heraus, +den Kopf nach dem Strand zurückwandte. Sofort hielt sie +Edvard an. "Da ist er!" flüsterte sie. Von dort her kam<a class="page" name="Page_318" id ="Page_318" title="318"></a> +Tuft. Er ging schnell, schnell, hielt aber den Kopf so +tief gesenkt, als vermöge er dessen Last nicht mehr zu +tragen. Vergebens hatte er den ganzen Strand abgesucht +nach ihr; nun wollte er weiter suchen, in südlicher Richtung +— ebenso vergeblich, aber ebenso schnell. Beide +verstanden; ihr Arm zitterte im Arm des Bruders. Fest +schmiegte sie sich an ihn; denn vor wenigen Augenblicken +noch hatte sie ihm gesagt: hätte der Bruder sie +aus seinem Garten verjagt, dann —! Still! Sie wandten +um und gingen Ole entgegen. Hellhörig, wie er war, +vernahm er sofort die Schritte — er blickte auf, erkannte +sie, breitete die Arme aus; weitergehen konnte +er nicht mehr, auch nicht sprechen. Josefine aber +machte sich los vom Arm des Bruders und eilte zu ihm.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Langsam gingen alle drei nach Hause; der Pastor, +Josefine am Arm, — auf der andern Seite Kallem. +Immer wieder sagte er: "Auf Gottes Wegen! Auf +Gottes Wegen!"</p> + +<p>"Aber ich bin nicht Deines Glaubens!" versuchte +Kallem einzuwenden. "Nein, nein, nein!" rief der +Pastor eifrig. "Wo gute Menschen gehen, da sind +Gottes Wege!"</p> + +<div class="footnotes"><h3>Anmerkungen:</h3> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1_1" id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Halbhohe, gefütterte Schuhe aus weichem Renntierleder.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_2_2" id="Footnote_2_2"></a><a href="#FNanchor_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Eine Erika-Art.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_3_3" id="Footnote_3_3"></a><a href="#FNanchor_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Eine Violenart.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_4_4" id="Footnote_4_4"></a><a href="#FNanchor_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Von der Familie der Ranunkeln.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_5_5" id="Footnote_5_5"></a><a href="#FNanchor_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Kreuzkraut.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_6_6" id="Footnote_6_6"></a><a href="#FNanchor_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Linsenwicke.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_7_7" id="Footnote_7_7"></a><a href="#FNanchor_7_7"><span class="label">[7]</span></a> <em class="gesperrt">Felix Niemeyer</em> (1820—1871), Arzt, Universitätsprofessor in +Greifswald und Tübingen. Hauptsächlich bekannt durch sein "Lehrbuch +der speziellen Pathologie und Therapie".</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_8_8" id="Footnote_8_8"></a><a href="#FNanchor_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Kleiner Stoßschlitten.</p></div> + +</div> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of Project Gutenberg's Auf Gottes Wegen, by Björnstjerne Björnson + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUF GOTTES WEGEN *** + +***** This file should be named 19760-h.htm or 19760-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/9/7/6/19760/ + +Produced by Ralph Janke, Juliet Sutherland and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..a0214af --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #19760 (https://www.gutenberg.org/ebooks/19760) |
