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+The Project Gutenberg EBook of Das kleine Dummerle, by Agnes Sapper
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Das kleine Dummerle
+ und andere Erzählungen
+
+Author: Agnes Sapper
+
+Release Date: November 7, 2006 [EBook #19733]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS KLEINE DUMMERLE ***
+
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+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
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+
+ Das kleine Dummerle
+
+ und andere Erzählungen
+
+
+ Zum Vorlesen im Familienkreise
+ von
+ Agnes Sapper
+
+
+
+ Vierte Auflage
+ 13.–16. Tausend
+
+
+ Stuttgart 1915
+ Verlag von D. Gundert
+
+
+
+ Druck: Christliches Verlagshaus, Stuttgart.
+
+
+
+
+Vorwort zur dritten Auflage.
+
+
+Die Titelgeschichte des vorliegenden Buches hat sich im Laufe der Jahre
+weiter entwickelt. Das kleine Dummerle ist groß geworden. Wer über seine
+Kindheit und Jugend noch mehr hören möchte, findet in den beiden
+Büchern: »Die Familie Pfäffling« und »Werden und Wachsen« die weiteren
+Erlebnisse des kleinen Frieder und der ganzen Pfäfflings-Familie.
+
+Würzburg, Dezember 1912.
+ Die Verfasserin.
+
+
+
+
+ Inhalt.
+
+ Seite
+ 1. Das kleine Dummerle 5
+ 2. Hoch droben 32
+ 3. Im Thüringer Wald 36
+ 4. Der Akazienbaum 104
+ 5. Wie Johannes Ruhn Kaufmann wurde 107
+ 6. Ein geplagter Mann 118
+ 7. Helf, wer helfen kann 144
+ 8. Ein Wunderkind 150
+ 9. Mutter und Tochter 161
+10. Die Feuerschau 187
+11. In der Adlerapotheke 193
+12. Bei der Patin 228
+13. Regine Lenz 294
+
+
+
+
+Das kleine Dummerle.
+
+
+Am 1. Juli, mittags um 12 Uhr, kam Herr Musiklehrer Pfäffling in bester
+Laune aus der Musikschule. Er hatte heute seinen Gehalt eingenommen und
+außerdem noch eine ganz nette Summe für Hausunterricht. Ja, er hatte
+sich mit allerlei fleißigen und faulen Schülern redlich geplagt, das
+ganze Jahr hindurch, hatte Violin- und Flöten-, Klavier- und
+Zitherstunden gegeben von frühmorgens bis spät abends. Nun winkte die
+Ferienzeit; in 14 Tagen sollte sie beginnen, und zum erstenmal seit
+vielen Jahren hatte Herr Pfäffling so viel erspart, daß er eine
+Ferienreise unternehmen konnte. Fast unerlaubt kam es ihm vor, sich
+solchen Aufwand zu gestatten, denn er war Familienvater und hatte sieben
+Kinder. Aber seine Frau war vor Jahren auch einmal verreist gewesen,
+seitdem galt es für ausgemacht, daß nun er an der Reihe sei. So wollte
+er denn fort; nicht weit, nur nach Bayreuth, wo so herrliche Musik zu
+hören war, und von dort noch ein wenig ins Fichtelgebirge, um Wald- und
+Bergluft zu genießen, solange eben das Geld reichte. So ging Herr
+Pfäffling gleich von der Schule aus in die Buchhandlung, erwarb sich
+dort eine Karte vom Fichtelgebirge, und weil er sie schon auf dem Weg
+nach Hause studierte, so kam er später heim als sonst und fand die ganze
+Familie um den gedeckten Tisch versammelt. Da war seine getreue
+Hausfrau, die einstweilen die Suppe ausschöpfte; auf der einen Seite des
+Tisches saßen die ältesten, drei große Lateinschüler, und ihnen
+gegenüber die Zwillingsschwestern, zwei zehnjährige Mädchen. Neben der
+Mutter hatte das Jüngste seinen Platz, das dreijährige Töchterchen.
+Diese sechs saßen schon um den Tisch. Der siebente aber, der Frieder,
+ein kleiner Abcschütz mit einem gutmütigen Gesichtchen, stand am Fenster
+und spielte auf einer Ziehharmonika.
+
+In solchem Familienkreis geht es lebhaft zu und die Hausfrau findet oft
+kaum Zeit zum Essen, bis sie den Kindern vorgelegt hat, und es ist ein
+Glück, wenn für sie noch etwas auf der Platte bleibt, nachdem alle
+Teller voll sind. Sie sah auch ein wenig mager aus, die gute Frau
+Pfäffling, aber ihr Mann war auch nicht dicker, ebenso waren die drei
+Jungen lang aufgeschossen, die Zwillingsschwestern schmal und das
+jüngste, das Elschen, gar ein zartes Geschöpf. Nur der Frieder war
+rundlich und hatte frische rote Backen. Das Essen ging rasch vorüber,
+übrig blieb nichts und es waren alle so gerade zur Not satt geworden.
+Vater Pfäffling nahm gleich wieder seine Karte vom Fichtelgebirge vor,
+breitete sie aus, und so viel Köpfe darüber Platz hatten, so viele
+steckten sich zusammen, um des Vaters Finger zu folgen, der den
+geplanten Reiseweg bezeichnete.
+
+Es gibt nichts Schöneres als so im Geist zu reisen; da geht alles so
+leicht und glatt, ohne Hindernis; und doch können auch die Reisen im
+Geist jäh unterbrochen werden – es klopfte jemand an der Türe, alle
+Köpfe hoben sich, der Hausherr trat ein.
+
+Ein paar Reden wurden gewechselt über das Wetter und die bald
+beginnenden Ferien, und dann, ja dann kam es eben heraus, daß der
+Hausherr leider die Wohnung kündigen, und daß die Familie Pfäffling
+ausziehen müsse. Ein Verwandter wollte die Wohnung mieten und fast
+doppelt so viel Miete zahlen wie Herr Pfäffling, der ja die Wohnung
+halb umsonst gehabt habe; der Verwandte habe auch nur _ein_ Kind und da
+kämen nicht so fatale Sachen vor wie z. B. gestern, wo die jungen
+Pfäfflings durch den Hof gesprungen seien und die Stangen umgestoßen
+hätten, die das Waschseil hielten, so daß die frisch gewaschene Wäsche
+auf den Hof gefallen sei und die Hausfrau alles noch einmal habe waschen
+müssen.
+
+»So etwas habt ihr getan, Kinder?« rief Vater Pfäffling und wandte sich
+nach den Angeschuldigten um; aber merkwürdigerweise standen bloß noch
+die Mädchen da, die Knaben hatten sich einer nach dem andern beim
+Erscheinen des Hausherrn hinausgedrückt. Doch nicht alle, Frieder, der
+kleine Dicke, stand noch beim Vater.
+
+»Glauben Sie nicht, daß ich solche Unarten unbestraft lasse,« sagte Herr
+Pfäffling zum Hausherrn. »Sie dürfen ja nur klagen, dann werden die
+Jungen bestraft. Kommt nur gleich her, ihr Schlingel,« rief der Vater
+und faßte den Kleinen, der ihm zunächst stand. »Wo sind denn aber die
+andern, sie waren doch eben noch da? Wegen dir allein ist mir’s gar
+nicht der Mühe wert anzufangen, schnell hole deine Brüder.« Der Frieder
+ging und rief mit weinerlichem Stimmchen die Brüder; von denen war aber
+nichts zu sehen und nichts zu hören, er kam allein zurück und sagte:
+»Sie sind alle fort.«
+
+Da lachte der Hausherr und sagte: »Die sind nicht so dumm wie du, spring
+doch nur auch davon, du brauchst nicht für die andern die Schläge zu
+kriegen, du bist ja gar nicht einmal dabei gewesen.« Und dann wandte der
+Hausherr sich zu Herrn Pfäffling: »Es ist nicht nur wegen der Kinder,«
+sagte er, »die sind ja gut in Zucht, aber ich kann’s meinen Verwandten
+nicht abschlagen, daß sie zu mir ins Haus ziehen.«
+
+Der Hausherr ging, die Eltern sahen sich bestürzt an. So billig wie sie
+hier seit zehn Jahren gewohnt hatten, würden sie jetzt nirgends
+unterkommen, und schon der Auszug kostet Geld. Herr Pfäffling ging mit
+langen Schritten hin und her und schalt bald über die Kinder, bald über
+den Hausherrn. »Wäre ich nur schon fort gewesen,« rief er endlich,
+»hätte ich nur meine Reise schon in Sicherheit gebracht, jetzt wird
+nichts mehr daraus oder meinst du, es ginge doch?« fragte er, hielt mit
+seinem raschen Gang inne vor seiner Frau, die ganz betroffen am Tisch
+stand und in Gedanken verloren auf die Karte niedersah.
+
+»Meinst du, es reicht vielleicht doch zur Reise?« wiederholte Herr
+Pfäffling. Sie sah ihn traurig an: »Wenn’s nur zum _Leben_ reicht,«
+sagte sie, »wer weiß, wieviel Miete wir künftig zahlen müssen!« Da ging
+er wieder auf und ab, der Ärger wich und die Sorge kam; immer langsamer
+und nachdenklicher wanderte er durch das Zimmer und als er wieder am
+Tisch vorbeikam, faltete er sorgfältig die Karte vom Fichtelgebirge,
+reichte sie einem der Kinder und sagte traurig: »Tragt sie nur wieder in
+die Buchhandlung zurück und sagt, der Vater brauche keine Reisekarte.«
+
+ * * * * *
+
+»An Wohnungen fehlt’s wenigstens nicht,« sagte Herr Pfäffling, als er am
+nächsten Tag den Anzeiger mit heimbrachte, in dem ganze Reihen Wohnungen
+zur Miete angeboten waren. Und er machte sich auf den Weg, um solche
+anzusehen, die ihm passend erschienen. In der Langenstraße waren zwei
+ausgeschrieben. Die erste war zu teuer, die zweite noch viel teurer.
+Unser Musiklehrer erschrak ordentlich. »Wenn ich so viel Miete zahlen
+müßte, dann bliebe uns kein Geld mehr übrig fürs tägliche Brot,« sagte
+er und wanderte weiter hinaus, der Vorstadt zu, eine endlose Straße
+entlang, bis er Nr. 80 erreicht hatte, wo eine Wohnung frei war. Ja, da
+war es nicht mehr so schrecklich teuer, da konnte man sich doch auf
+Unterhandlung einlassen. Der Hausherr führte ihn durch die Zimmer. Ein
+wenig klein waren diese. Herr Pfäffling stellte im Geist die Bettstellen
+und sprach so halblaut vor sich hin: »Hier mein Bett und das von meiner
+Frau, hier Karl, Wilhelm und Otto, hier Marianne, da Frieder –«
+
+»Ja, erlauben Sie einmal,« unterbrach ihn jetzt der Hausherr, »wieviel
+haben Sie eigentlich Kinder?«
+
+»Wir haben sieben.«
+
+»Sieben. Bei sieben tut’s mir leid, daß ich Ihnen sagen muß, sieben
+nehme ich nicht in meine Wohnung. Ich habe meist so Parteien mit einem
+Kind, auch zwei und drei lasse ich mir gefallen, aber vier sind mir
+schon zu viel und gar sieben, nein, da ist mir’s doch zu leid um meine
+neuen Fußböden, lieber lasse ich die Wohnung leerstehen.« »So,«
+entgegnete Herr Pfäffling, »dann will ich auch nicht länger auf Ihren
+kostbaren Fußböden herumtreten,« und ärgerlich verließ er das Haus.
+
+Nun hinaus in die Sonnenstraße, dort gibt es auch einfache Häuser. Ein
+großer, weißer Zettel am Fenster des dritten Stocks zeigte schon von
+weitem, daß hier etwas zu hoffen war. Der Werkmeister Schall war der
+Besitzer. Er stand unter der Haustüre und zeigte bereitwillig die
+Wohnung. Diesmal überlegte Pfäffling nur ganz in der Stille, wie sich
+die Betten stellen ließen. Von seinen sieben Kindern ließ er nichts
+verlauten. Die Wohnung gefiel ihm, der Preis war nicht zu hoch, jetzt
+nur gleich fest mieten. Dem Werkmeister war es auch recht, er holte
+einen Mietvertrag zum Unterschreiben, und während er Tinte und Feder
+bereitlegte, fragte er nach dem Namen seines Mieters.
+
+»Pfäffling.«
+
+»Und der Stand, wenn ich bitten darf, der Beruf?«
+
+»Musiklehrer.«
+
+»So, das ist freilich sozusagen ein lebhafter Beruf.«
+
+»Stört in unserem Fall nicht viel,« sagte Herr Pfäffling, »ich gebe viel
+Unterricht außer Haus.«
+
+»Das ist gut, denn ich muß Ihnen gleich sagen, im untern Stock wohnt
+eine Dame, eine feine Dame, die leidet an Kopfweh und braucht Ruhe. Aber
+wenn die Stunden alle außer Haus sind, ist’s schon gut.«
+
+»Alle habe ich nicht gesagt, aber die meisten.«
+
+»Und Ihre eigene Familie ist doch nicht etwa sehr groß?«
+
+»Sehr groß?« sagte Pfäffling, »was heißt das, es gibt noch viel größere,
+und übrigens kommt alles darauf an, ob Kinder streng gehalten werden;
+die meinigen dürfen keinen Unfug treiben. Schreiben wir nur den Vertrag,
+ich habe nicht viel Zeit.«
+
+Aber der Hausherr war hartnäckig. »Wissen möchte ich doch, wieviel
+Personen ins Haus kommen und was für welche,« sagte er, »wieviel Kinder,
+bitte? Sind’s Knaben oder Mädchen?« Nun half nichts mehr, Herr Pfäffling
+mußte bekennen: »Vier Buben sind’s, und dann noch so ein paar kleine
+Mädels, die merkt man nicht viel.«
+
+Der Werkmeister legte die Feder wieder weg. »Es geht nicht,« sagte er,
+»es ist unmöglich, Musikstunden sind schon schlimm, dazu aber noch ein
+halbes Dutzend Kinder, nein, was zu viel ist, ist zu viel!«
+
+»Aber Mensch,« rief Pfäffling außer sich, »wir müssen doch auch wohnen,
+was sollen wir denn tun, wenn uns niemand hereinläßt!«
+
+In diesem Augenblick erschienen zwei ältere Damen unter der Türe, sie
+wollten die Wohnung besehen. Der Hausherr begrüßte sie höflich – für
+unsern armen Musiklehrer hatte er keinen Blick mehr, der konnte gehen.
+
+Am Torweg war auch eine Wohnung frei. Die Hausfrau hängte eben im
+Vorgärtchen Wäsche auf; als sie hörte was Pfäfflings Begehr war, holte
+sie ihren großen Schlüsselbund und schickte sich an, mit ihm
+hinaufzusteigen in den vierten Stock. Herr Pfäffling dachte bei sich:
+»Eigentlich ist’s ganz unnötig, daß ich die Wohnung ansehe, ich nehme
+sie ja doch, mag sie sein wie sie will, aber ob die Frau uns nimmt, das
+ist die Frage!« Er sagte aber nichts und ging voraus, die Treppe zum
+ersten Stock hinauf. Langsam folgte ihm die Hausfrau, die wohlbeleibt
+war und schwer atmete. Pfäffling wurde ein wenig ungeduldig, er war
+schon so lang unterwegs und ihm war es ganz gleichgültig, wie die Zimmer
+aussahen. Auf dem ersten Treppenabsatz mußte die Frau ein wenig
+ausschnaufen. Jetzt konnte er sich nicht mehr zurückhalten. »Ich will
+Ihnen lieber gleich mitteilen, daß ich Musiklehrer bin,« sagte er, »wenn
+Sie also keinen wollen, dann verlieren wir weiter keine Zeit.«
+
+Sie stutzte einen Augenblick, dann sagte sie gnädig: »Steigen Sie nur
+weiter hinauf.« Im Nu war Pfäffling die zweite Treppe droben, die
+Hausfrau keuchte nach. Auf dem zweiten Treppenabsatz wieder Pause zum
+Atemholen und Pfäffling: »Ich will Ihnen nur gleich sagen, daß wir
+sieben Kinder haben.«
+
+»Um Himmels willen,« rief die Frau, »haben Sie denn für jedes Stockwerk
+so eine Hiobspost? Bis wir in den vierten Stock hinaufkommen, spielen
+Sie die Regimentstrommel und haben noch ein Dutzend Buben in der Kost!
+Ich tu’ aber nicht mehr mit!« Und die schwerfällige Frau machte Kehrt,
+hörte gar nicht mehr auf die guten Worte, die ihr Pfäffling gab, und
+brummte noch vor sich hin: »Gott bewahre mich vor so einer
+Gesellschaft!«
+
+Unser Musiklehrer rannte zum Haus hinaus und spornstreichs heim – für
+heute hatte er’s satt!
+
+Als er bei Tisch erzählte, wie es ihm ergangen war, fühlten sich die
+Kinder ordentlich beschämt, daß die Eltern ihretwegen nirgends
+aufgenommen wurden, und nach Tisch, wo sie sonst alle im Hof
+herumtollten, standen sie ganz bescheiden in einem Eckchen beisammen und
+besprachen die Wohnungsnot. »Wir Großen können nichts dafür, daß wir so
+viele sind,« sagte der Älteste, »wir drei waren schon immer da.«
+
+»Und wir zwei auch,« sagte eine der Zwillingsschwestern, »aber der
+Frieder und Elschen sind nachher dazugekommen.« »Ja, die sind schuld,
+daß wir so viele sind.«
+
+»Ach das Elschen macht ja nichts aus, das ist so klein und still, das
+bemerkt kein Hausherr. Aber der Frieder, ja der Frieder mit seiner
+ewigen Ziehharmonika, wenn der nicht wäre, dann wären wir bloß sechs.«
+Sie sahen alle auf den Frieder, der stand da wie ein kleiner Sünder und
+fühlte sich schuld an der ganzen Wohnungsnot. Und als seine Geschwister
+längst schon die Sorge abgeschüttelt hatten und lustig im Hofe spielten,
+war er noch still und nachdenklich.
+
+Frieder stand immer ein wenig allein unter den Geschwistern. Die drei
+großen Brüder sahen auf ihn herab und nannten ihn das Dummerle. Er war
+eigentlich nicht dumm, aber weil er immer Harmonika spielte, hörte und
+sah er manchmal nicht, was um ihn vorging, und stellte oft wunderliche
+Fragen. Die Zwillingsschwestern gingen immer miteinander und brauchten
+ihn nicht, so blieb nur das Elschen übrig und mit dem konnte er noch
+nicht viel besprechen; aber er hatte es doch sehr lieb, schon weil es
+nicht auf ihn heruntersehen konnte, wie all die andern, sondern weil es
+sogar zu ihm hinaufblicken mußte; er hatte es lieb, weil es nie Dummerle
+zu ihm sagte, denn es war noch kleiner und dummer als er.
+
+Dies kleine Elschen wandte sich auch oft an ihn, denn Frieder hatte
+mehr Zeit und auch mehr Geduld als die größern Geschwister und wenn
+Elschen noch so oft des Tages eine ihrer fünf schönen Glaskugeln verlor,
+so suchte sie Frieder unverdrossen wieder zusammen. Die Kleine verstand
+noch nichts von der Wohnungsnot, aber Frieder war sehr davon bedrückt,
+und als er an diesem Nachmittag aus der Schule kam, fiel ihm ein, er
+wolle auch helfen Wohnung suchen. Sein Weg führte ihn durch die
+Kaiserstraße, das war die eleganteste Straße der Stadt. In dieser gab es
+ja prächtige Häuser, da mußten feine Wohnungen sein, wenn er so eine
+finden könnte!
+
+Mit dem Schulranzen auf dem Rücken, in seinem verwaschenen blau und weiß
+gestreiften Sommeranzug ging Frieder in eines des stattlichsten Häuser,
+die teppichbelegte Treppe hinauf und drückte auf die Klingel im ersten
+Stock. Er mußte ein wenig warten, denn das Dienstmädchen war eben am
+Scheuern; sie mußte erst ihre nasse Schürze ablegen, schnell eine weiße
+antun, rasch am Spiegel ihr Haar glatt streichen – so, nun war sie
+allerdings schön genug, um unserem Frieder aufzumachen. Der zog sein
+Mützchen ab und sagte: »Wir suchen eine Wohnung.« Er mußte es noch
+zweimal sagen, denn das Mädchen meinte immer, es habe ihn falsch
+verstanden. Dann lachte sie und sagte: »Du kleiner Däumling, du willst
+eine Wohnung suchen? Geh, da würde ich doch noch zwanzig Jahre warten,«
+und damit ließ sie den kleinen Mann stehen und schloß die Türe. »Zwanzig
+Jahre können wir doch nicht warten,« dachte Frieder und ging eine Treppe
+höher. Dort öffnete ihm ein Junge, nur ein paar Jahre älter wie er. Als
+dieser erfaßt hatte, was Frieder wollte, führte er ihn in das Zimmer und
+rief einer Dame, die da saß, zu: »Sieh doch, Mama, da ist so ein
+komischer, kleiner Junge, der will bei uns eine Wohnung suchen.«
+
+Die Mama sah dem kleinen Eindringling ein wenig mißtrauisch entgegen,
+sie fragte ihn, wem er gehöre. Der Musiklehrer Pfäffling hatte aber
+einen guten Namen und war der Dame nicht unbekannt. Sie fragte nun noch
+allerlei. Der Frieder antwortete, so gut er’s verstand. Man konnte ihm
+wohl anmerken, wie ernst es ihm war mit der Wohnungsnot. Die Dame konnte
+ihm aber doch nicht helfen. »Liebes Kind,« sagte sie, »geh du lieber
+heim, dein Vater wird schon selbst eine Wohnung finden.« Der Frieder
+schüttelte traurig das Köpfchen. »Nein,« sagte er, »uns will niemand
+nehmen, weil wir sieben Kinder sind.«
+
+»Das ist aber arg, Mama,« sagte der kleine Sohn des Hauses, »wenn sie
+keine Wohnung finden, dann müssen sie immer auf der Straße bleiben.«
+
+»Bewahre,« entgegnete die Mama, »sie kommen schon unter; sieben Kinder
+sind nicht so schlimm, da drüben wohnt eine Familie mit acht Kindern und
+es gibt auch solche mit zehn!« Da lauschte der Frieder, das war ihm eine
+gute, neue Botschaft! Jetzt war er beruhigt; das mußte er gleich daheim
+erzählen, die wußten das gewiß nicht. Er gab das Wohnungsuchen auf und
+ging heim.
+
+Als Frau Pfäffling im Kreis der Ihrigen erzählte, daß sie an diesem
+Nachmittag vergeblich in vielen Häusern gewesen sei, sagte Frieder ganz
+ernsthaft: »Ich habe auch Wohnungen gesucht und keine gefunden.« »_Du_
+hast gesucht? ja wo denn? wie denn?« fragten alle durcheinander und
+während er erzählte, wurde er von den Großen unbarmherzig ausgelacht und
+von den Eltern gezankt, daß er allein in fremde Häuser gegangen war.
+Frieder ließ das Köpfchen hängen. Niemand bemerkte, daß Tränen in seinen
+Augen standen, nur die kleine Else sah es, weil sie gerade an ihn
+herankam und zu ihm aufsah, und sie streichelte den Bruder. Sie verstand
+auch noch nicht, warum die andern lachten, und das tat dem Frieder
+wohl, in ihren Augen war er doch kein Dummerle!
+
+Frau Pfäffling hatte aber doch eine Wohnung ausfindig gemacht. Freilich
+war sie auch teurer als die seitherige, gerade etwa um soviel teurer als
+Herrn Pfäfflings Reise gekostet hätte, aber es waren doch so viele
+Zimmer darin, daß die große Familie gut Platz hatte. Frau Pfäffling
+berichtete genau über die innere Einteilung. »Du hast ja noch gar nicht
+gesagt, in welcher Straße sie liegt, das möchte ich doch vor allem
+wissen,« sagte Herr Pfäffling. Da kam es etwas zögernd heraus: »Sie
+liegt in der Hintern Katzengasse Nr. 13.«
+
+»In der Hintern Katzengasse? Die kennt man ja nicht einmal dem Namen
+nach. Wollen wir doch sehen, wo die liegt.« Auf demselben Tisch, wo
+kürzlich die Karte vom Fichtelgebirge aufgelegen war, wurde nun der
+Stadtplan ausgebreitet, und wieder steckten sich alle Köpfe zusammen,
+bis die Hintere Katzengasse gefunden wurde. Sie führte von der Vorderen
+Katzengasse nach der alten Trödlergasse. »Eine feine Lage ist’s nicht,«
+sagte Pfäffling.
+
+»Nein, aber dort nimmt man uns doch auf. Die Kaiserstraße wäre feiner
+gewesen, wo unser Dummerle gesucht hat.«
+
+»Wem gehört denn das Haus?«
+
+»Einem Seifensieder.«
+
+»Riecht’s da nicht den ganzen Tag nach dem Seifenbrei?«
+
+»Es riecht wohl ein wenig, das kann nicht anders sein.«
+
+»Da ist wohl auch kein Gärtchen oder Hof dabei, und das Haus ist
+nördlich gelegen, ein Sonnenstrahl dringt kaum in diese engen Gassen,«
+sagte Pfäffling seufzend. »Es können nicht alle auf der Sonnenseite
+wohnen,« erwiderte Frau Pfäffling, »wie viele müssen im Schatten vorlieb
+nehmen!«
+
+»Wollen wir morgen noch einmal suchen, und dann, wenn wir gar nichts
+Besseres finden, nun, dann müssen wir uns eben begnügen.«
+
+Am nächsten Tag fand sich nichts Besseres und mit schwerem Herzen wurde
+der Beschluß gefaßt, in der Hintern Katzengasse Nr. 13 einzumieten.
+
+Inzwischen war in der schönen Wohnung, die Frieder in der Kaiserstraße
+angesehen hatte, eine kleine Teegesellschaft versammelt. Die Dame des
+Hauses erzählte von dem kleinen Pfäffling, der mit dem Ränzchen auf dem
+Rücken nach einer Wohnung bei ihr gesucht habe. Wie groß mußte die
+Verlegenheit der Familie sein, wenn sie alle Kinder bis herunter zum
+sechsjährigen ausschickte auf Suche nach Wohnung! Ein älteres Fräulein
+aus der Gesellschaft, das ein warmes Herz für die Not anderer Leute
+hatte, erklärte, da müsse geholfen werden. Gleich am nächsten Morgen
+wolle sie zu Herrn B. gehen, der kenne alle Wohnungen der Stadt, der
+müsse Rat schaffen. So ging Fräulein A. zu Herrn B. und dieser wieder zu
+Frau C., und als die Sache noch ein Stück weiter durchs Alphabet
+gelaufen war, kam eines Morgens der Schreinermeister Hartwig, fragte
+nach dem Musiklehrer Pfäffling und sagte dem Dienstmädchen, er habe eine
+Wohnung anzubieten. Herr Pfäffling gab eben in seinem Zimmer Geigstunde,
+während am andern Ende der Wohnung einer seiner Jungen Klavier übte, und
+zwischen darin saßen die Zwillinge und sangen so laut sie konnten darauf
+los, weil sie die zweierlei Musik übertönen wollten.
+
+Frau Pfäffling hatte in der Küche die Frage wegen der Wohnung vernommen
+und hätte sie nur gekonnt, sie hätte heimlich alle Musik zum Schweigen
+gebracht; aber da führte ihr das Mädchen schon den Herrn her und weil
+auch gerade die andern Kinder über den Gang sprangen, so konnte man kaum
+das eigene Wort verstehen. Die Mutter führte Herrn Hartwig ins Zimmer
+und im Vorbeigehen faßte sie einen ihrer Jungen und flüsterte ihm zu:
+»Es ist ein Hausherr da, rufe den Vater, und mache, daß man euch nicht
+so hört.«
+
+Das wirkte; die Kinder wußten ja, um was es sich handelte. »Ein
+Hausherr,« so ging’s von Mund zu Mund; alle Musik, aller Lärm
+verstummte, auf den Zehen schlichen sich die Kinder hinaus, lautlos
+wurden die Türen geschlossen, eine ungewohnte Stille herrschte im Haus.
+Herr und Frau Pfäffling waren allein mit dem Schreinermeister Hartwig.
+»Wenn Sie noch keine Wohnung gefunden haben,« sagte dieser, »so möchte
+ich Ihnen eine in meinem Hause anbieten, draußen in der Frühlingsstraße.
+Platz genug gäbe es da, und es schadet auch nichts, daß Sie zehn Kinder
+haben.«
+
+»Sieben, sieben, bloß sieben,« riefen die beiden Eltern wie aus einem
+Mund.
+
+»Um so besser, uns hat man von zehn gesagt; es hat sich halt so
+herumgesprochen in der Stadt und darüber haben sich die Kinder vermehrt.
+Es ist ein großer Holzplatz am Haus, da können sich die Kinder tummeln.
+Und was den Mietzins betrifft, da werden wir uns schon einigen. Bei uns
+ist’s nämlich so: Mich hat noch nie ein Lärm gestört, und meine Frau,
+die hat die Liebhaberei Gutes zu tun, wie eben jeder Mensch so seine
+Liebhaberei hat. Darum sagt sie: Eine _gute_ Mietpartei nehmen ist keine
+Kunst, aber eine schlechte Mietpartei aufsuchen, das ist christlich.«
+
+Der »schlechten Mietpartei« klangen diese Worte wie Musik, und nach fünf
+Minuten schon war Pfäffling mit dem freundlichen Hausherrn unterwegs in
+die Frühlingsstraße und ließ sich von der Hausfrau mit der christlichen
+Liebhaberei, Gutes zu tun, die sonnige Wohnung zeigen und ohne
+Schriftstück, mit freundlichem Handschlag wurde der Mietvertrag zu
+billigem Preis abgeschlossen. Fröhlichen Herzens ging unser Musiklehrer
+von der Frühlingsstraße in die Hintere Katzengasse, freute sich, als er
+schon von ferne den Seifengeruch in die Nase bekam, und teilte dem
+Seifensieder mit, daß er sich zu einer andern Wohnung entschlossen habe.
+Dann vorbei an der Buchhandlung, wo er zum zweitenmal die Karte vom
+Fichtelgebirge verlangte, und nun heim zur begeisterten Schilderung der
+künftigen Wohnung in der Frühlingsstraße.
+
+Die ganze Familie teilte seine Freude; nur der Frieder hörte zufällig
+nichts davon, weil er eben mit seiner Harmonika im Hof war, und niemand
+dachte daran, daß er die Neuigkeit nicht erfahren hatte. Er wunderte
+sich im stillen, als beim Mittagstisch alle so vergnügt vom nahen Umzug
+sprachen und sogar sagten, sie bekämen es viel schöner als jetzt; denn
+er dachte, es handle sich noch um die Hintere Katzengasse. »Mir
+gefällt’s besser da,« sagte er, »weil wir doch einen Hof haben.« »Der
+elende Hof voll Wäschepfosten,« sagte einer der Brüder, »da will ich
+doch lieber einen Holzplatz.«
+
+»Schau, schau, dem Frieder allein ist die neue Wohnung nicht gut genug,
+der will eben in die Kaiserstraße,« sagte der Vater neckend zu ihm, und
+auch die andern lachten. Es wußte niemand, daß man _ihm_ eigentlich die
+neue Wohnung verdankte, auch er selbst nicht, und so schwieg Frieder. Er
+fand es zwar wunderlich, daß man heute so zufrieden sein sollte mit dem
+Tausch, aber ihm kam ja oft etwas sonderbar vor, was die Großen sagten,
+und er fragte nie viel, sie hatten alle immer keine Lust, ihn
+aufzuklären.
+
+So kam es, daß Frieder bei der Meinung blieb, man habe in der Hintern
+Katzengasse eingemietet.
+
+»Wenn der Umzug doch sein muß, dann so bald wie möglich,« sagte
+Pfäffling, »noch vor meiner Reise«, und mit großem Eifer wurden alle
+Vorbereitungen getroffen. Manche Bekannte boten ihre Hilfe an, und viele
+luden die Kinder für den Umzugstag zu Tisch, so daß es eine ganz
+schwierige Beratung gab, was man annehmen konnte und ablehnen mußte. Die
+Eltern hatten viel zu tun; sie überließen es den Kindern, wo und wie
+jedes zu seinem Mittagstisch gelangen würde. So fanden die großen Jungen
+glücklich heraus, daß Brauns auf zwölf Uhr und Schwarzens auf ein Uhr
+geladen hatten, das konnten sie beides vereinigen, und sie freuten sich
+königlich auf das doppelte Mittagessen.
+
+Der Tag des Umzugs kam. Gegen Mittag fuhr der vollbeladene Wagen ab, die
+Eltern folgten ihm in die neue Wohnung, während die Kinder gleich von
+ihren Schulen aus zu den Familien, die sie geladen hatten, gegangen
+waren und sich’s da schmecken ließen. Nur unser Frieder hatte nicht
+recht erfaßt, wie das alles eingerichtet war und wo er zu Mittag essen
+sollte. Er wollte die Mutter noch einmal fragen und ging wie gewöhnlich
+von der Schule aus heim, in die alte Wohnung. Alle Türen standen weit
+offen. Betroffen blieb Frieder unter der Türe der verlassenen Wohnung
+stehen. Wo war denn alles? Er ging von einem Zimmer ins andere, Papier
+und Stroh lagen auf dem Fußboden zerstreut. Da, im Winkel, mitten unter
+dem Staub, sah er eine von Elschens Kugeln, die schöne rote, die hob er
+auf und schob sie in seine Tasche. Dann ging er durch all die leeren
+Räume, seine Schritte hallten, aber sonst war alles stille. Ihm wurde
+ganz unheimlich zumute, Tränen kamen ihm in die Augen, als er sich so
+verlassen fühlte. Ja, sie waren alle ausgezogen und ihn hatten sie
+vergessen. Jetzt kamen Schritte die Treppe herauf, der Hausherr war’s
+und eine Scheuerfrau mit Besen und Wassereimer.
+
+»Bist du noch da, Frieder?« fragte er. »Deine Leute sind schon in der
+neuen Wohnung, mache nur, daß du auch hinkommst, sonst wirst du
+hinausgekehrt.« Da ging Frieder die Treppe hinunter; er wußte jetzt, was
+er zu tun hatte, er mußte in die neue Wohnung gehen. Also in die Hintere
+Katzengasse Nr. 13. Wo diese lag, wußte er ungefähr; hinter dem Markt
+hatte er sagen hören, und auf dem Markt war er schon oft gewesen. Er
+machte sich auf den Weg. Der war weit und heiß; der kleine Fußgänger mit
+dem Schulranzen kam langsam vorwärts und dachte dabei, daß er zum
+Mittagessen bei Bekannten eingeladen sei, wenn er nur gewußt hätte, wo?
+Endlich gelangte er doch auf den Markt und sah sich um. Rechts, links,
+überall gingen Straßen und Gassen ab, welche aber war die richtige?
+Zweifelnd kam er bis mitten auf den Platz, da trieben sich ein paar
+Kinder herum. An die wandte er sich. Ein Mädchen wies ihm den Weg.
+»Dort,« sagte sie, »wo der Seifenladen ist, da ist Nr. 13.«
+
+Der Seifensieder stand unter der Ladentüre und als er sah, daß der
+kleine ABC-Schütz mit dem Ränzchen auf dem Rücken unschlüssig vor dem
+Hause stehen blieb, fragte er: »Wen suchst denn du, Kleiner?«
+
+»Ich möchte in unsere neue Wohnung,« sagte Frieder. »Wie heißt du denn?«
+»Frieder Pfäffling.« »Pfäffling? Pfäffling? Gehörst du dem Musiklehrer?
+Ja? Der hat ja hereinziehen wollen, hat sich aber dann anders besonnen.
+Bist du sein Bub und weißt das nicht?«
+
+»Ich weiß gar nichts,« sagte Frieder und sah recht jämmerlich darein.
+
+»Geh nur wieder in deine alte Wohnung,« sagte der Mann, »und frage dort,
+wo du hin sollst, dort sagt man dir’s schon. So etwas ist mir aber noch
+nicht vorgekommen, daß man auszieht und sagt den Kindern nicht einmal
+wohin!«
+
+Dem Frieder kamen trübe Gedanken, während er die Hintere Katzengasse
+wieder hinaufging nach dem Markt. Seine Eltern waren also in eine andere
+Wohnung gezogen und ihm hatte man nichts davon gesagt, weil man ihn
+nicht brauchen konnte. Der neue Hausherr hatte gewiß nur sechs Kinder
+aufnehmen wollen; er war der siebente, er war zuviel. Das kam ihm alles
+ganz natürlich vor, aber traurig war es. Und jetzt war er so hungrig.
+Für heute war er wenigstens noch zum Mittagessen eingeladen. Vielleicht
+bei Brauns? Dort wollte er es einmal versuchen. Den Weg dahin konnte er
+freilich nur von zu Hause oder von der Schule aus finden. So ging er bis
+zu seinem Schulhaus. Dort traf er einen seiner Schulkameraden, der schon
+wieder in die Nachmittagsschule ging und höchlich erstaunt war, daß
+Frieder erst zum Essen gehen wollte. Auch ein anderer Kamerad, der
+kleine Meinert, kam schon des Wegs. »Du, Meinert,« rief ihm der erste
+Kamerad zu, »der Pfäffling will erst zum Essen gehen.«
+
+»O, der kommt viel zu spät!«
+
+»Gelt, ich sag’s auch, der kommt zu spät.« So eingeschüchtert wagte sich
+»der Pfäffling« auch nicht mehr weg, sondern ging hinauf in das
+Schulzimmer, setzte sich todmüde auf seinen Platz in der Bank, ließ das
+heiße Köpflein hängen und schlief ein. Aus diesem Mittagsschlaf erwachte
+er erst, als gegen zwei Uhr die andern Kinder alle heraufstürmten und
+der Lehrer kam. Sehr gut bestand Frieder heute nicht in der Schule und
+die zwei Stunden schienen ihm eine Ewigkeit.
+
+Als sie endlich überstanden waren und er die Treppe herunterkam, ohne zu
+wissen, wohin er sich dann wenden solle, da rief plötzlich eine Stimme:
+»Frieder!« Er sah auf und da stand sein Vater vor ihm und sagte
+freundlich zu ihm: »So Frieder, ich habe auf dich gewartet, ich will
+dich abholen in die neue Wohnung, die Mutter hat Angst gehabt, daß du
+sie nicht findest.«
+
+Ei, wie da der kleine Frieder verklärt zu seinem Vater aufsah, wie er
+sich dicht an ihn drängte und mit ihm ging! Und wie ihm dann auf einmal
+die Tränen aus den Augen schossen und all der Jammer im Durcheinander
+herauskam: Kein Mittagessen – die alte leere Wohnung – die Hintere
+Katzengasse und die Angst, daß man nur noch sechs Kinder haben wolle!
+Vater Pfäffling drückte fest die kleine Hand, die in der seinigen ruhte,
+und sagte: »Frieder, wo wir sind, da gehörst du auch hin und in der
+Frühlingsstraße Nr. 20 da wird auch für unser Dummerle der Tisch
+gedeckt.«
+
+In der neuen Wohnung war noch ein buntes Durcheinander und Frieder hätte
+wohl nicht so schnell etwas zu essen gefunden, wenn nicht die neue
+Hausfrau mit der Liebhaberei, Gutes zu tun, dagewesen wäre. Sie brachte
+eine riesige Kanne mit Kaffee und Milch zum Einstand, um die sich bald
+die ganze Familie scharte; viele Freunde und dankbare Musikschüler
+schickten Vorräte für die Speisekammer, so daß alles in Hülle und Fülle
+da war, wie sonst nie im Jahr, und alle Pfäfflinge, jung und alt, voll
+Vergnügen waren. Frieder wurde freilich von den Geschwistern viel
+geneckt und mußte sich oft Dummerle nennen lassen, aber er ließ sich’s
+gar nicht anfechten, er war jetzt glücklich! Und als das Elschen am
+Abend zu ihm kam mit vier Kugeln in den Händen und klagte: »Die rote
+Kugel ist nicht mit eingezogen,« da freute er sich darüber, daß er noch
+einmal in die verlassene Wohnung gekommen war und dort die Kugel
+gefunden hatte, ging mit der kleinen Schwester auf den Holzplatz, wo die
+großen Geschwister auf den Balken schaukelten und kletterten, und
+spielte mit ihren Kugeln, wie sie es in der alten Wohnung getan hatten.
+
+Bald war die neue Wohnung eingerichtet und Herr Pfäffling rüstete sich
+zur Reise. Seine Tasche war gepackt, alles lag bereit, am nächsten
+Morgen wollte er abreisen. Das Wetter war herrlich und lockte hinaus,
+er sang und pfiff den ganzen Tag vor Freude und unterbrach sich nur
+manchmal, um zu seiner Frau zu sagen: »Nächstes Jahr bist du an der
+Reihe,« oder zu den Kindern: »Wenn ihr groß seid, dürft ihr auch
+reisen.« Sie freuten sich alle mit ihm.
+
+Aber – in der Nacht wurde Elschen krank. Sie konnte nicht sagen, was ihr
+fehlte, aber sie weinte und wimmerte und wälzte sich in ihrem Bett
+herum. Am frühen Morgen wurde der Arzt geholt. Er untersuchte, fragte
+und wurde nicht klug daraus, was dem Kind fehle. Als Frau Pfäffling
+sagte: »Mein Mann kann doch unbesorgt abreisen?« da zuckte er die
+Achseln und meinte: »Ich würde doch noch einen Tag zusehen.« Den ganzen
+Tag konnte die Kleine nichts essen und lag stöhnend im Bettchen, und am
+nächsten Tag fand der Arzt sie kränker als am vorhergehenden. Traurig
+schlichen die Kinder umher, jedes teilte die Angst der Eltern um die
+Kleine, alle Musik verstummte. In diesen Tagen waren Pfäfflings eine
+gute Mietpartei für die Hausleute.
+
+Elschen aber konnte doch nicht schlafen, so sehr man ihr Ruhe
+verschaffte. Der kleine Frieder stand an ihrem Bett; ihn lächelte sie
+manchmal an und sprach auch ein paar Worte mit ihm, aber von den andern
+Geschwistern wollte sie nichts wissen. So ließ ihn die Mutter manchmal
+allein am Bett, wenn sie selbst nach der Haushaltung sehen mußte, die
+zwei hatten sich ja so lieb. Vater Pfäffling ging unruhig im Haus herum,
+an seine Reise dachte er schon fast nicht mehr, so groß war die Sorge um
+das Kind.
+
+Eben war der Arzt wieder dagewesen. »Wenn ich nur erst herausfände, was
+dem Kinde fehlte,« sagte er, »aber so kann ich ihm gar nicht helfen.«
+Die Eltern begleiteten ihn hinaus und Frieder stand am Bett. Die kleine
+Schwester sah ihn an und streckte ihm die Händchen hin. »Elschen,«
+sagte er schmeichelnd, »willst du unsre schönen Glaskugeln?« und er
+schüttelte ein wenig das Büchschen, in dem dieses ihr gemeinsames
+Lieblingsspiel verwahrt war.
+
+»Nein, nein, nein!« rief die Kleine mit ungewohnter Heftigkeit und
+streckte ihre Hände wie abwehrend gegen das Büchschen, und als Frieder
+es schnell beiseite legte, flüsterte sie ihm ganz leise zu: »Die rote
+Kugel schmeckt so hart.« Dann legte sie sich auf die Seite und schloß
+die Augen. Frieder blieb ganz still bei ihr stehen. Zuerst kam es ihm
+komisch vor, daß Elschen so etwas Dummes sagen konnte. Wer weiß denn,
+wie Kugeln schmecken! Frieder war kein großer Denker, aber nach einer
+Stunde war er doch mit seinen Gedanken so weit gekommen, daß er sich
+sagte: »Die rote Kugel ist nicht im Büchschen, vielleicht hat das
+Elschen sie gegessen.« Und nun fing er an, im Zimmer nach der Kugel zu
+suchen, ob sie nicht doch irgendwo lag. So trafen ihn die Eltern, gerade
+als er mit einem Stecken unter der Kommode herumfuhr und damit einigen
+Lärm machte.
+
+»Ruhig, ruhig,« wehrte die Mutter, und der Vater, der immer neben der
+Sorge auch ein wenig Ärger empfand wegen seiner mißlungenen Reise, fuhr
+ihn ungeduldig an: »Geh doch hinaus zu den andern, was treibst du denn
+da?« »Ich muß die rote Kugel suchen, denn – –.« »Geh hinaus mit deinen
+Kugeln! Wenn du nicht still bei Elschen bleiben kannst, dann darfst du
+auch nicht mehr zu ihr,« und unsanft wurde der Kleine zur Türe
+hinausgeschoben.
+
+Da ging er hinunter auf den Holzplatz, setzte sich auf einen Balken und
+dachte an sein Schwesterchen. Nach und nach wurde ihm alles klar: die
+rote Kugel war am Sonntag noch in der Büchse gewesen, dann war das
+Elschen krank geworden und seitdem war die Kugel weg. Und wenn das
+Elschen sie nicht gegessen hätte, dann wüßte es doch nicht, daß sie
+hart schmeckt. Und das hatte sie ihm deshalb ganz leise gesagt, damit es
+die Eltern nicht hörten, denn so eine schöne Glaskugel essen ist schade,
+da wird man gezankt. Der Bruder wollte auch seine Schwester nicht
+verraten, damit sie nicht gezankt würde, er sagte zu niemand ein Wort.
+
+Am nächsten Morgen hatte er sich doch wieder an Elschens Bett gemacht.
+Die Eltern beachteten ihn nicht und sprachen miteinander. Sie erwarteten
+den Arzt. »Wenn er nun gar nicht herausbringt, was dem Kind fehlt,«
+sagte Vater Pfäffling, »dann müssen wir doch einen andern Arzt dazu
+holen.« »O ja, bitte,« sagte die Mutter, »laß ihn holen, ehe es zu spät
+ist, heute nacht habe ich schon gemeint, sie stirbt mir« – und die
+Mutter weinte. Daß seine Schwester sterben könnte, daran hatte Frieder
+noch gar nicht gedacht, und mit einemmal wurde es ihm ganz klar, daß er
+nicht verschweigen dürfe, was er wußte, lieber Elschen verraten als sie
+sterben lassen. Da klingelte schon der Arzt. »Mutter,« fing Frieder an,
+»du weißt doch, daß wir so eine rote Kugel haben –.« Aber die Mutter
+fiel ihm ins Wort: »Aber Frieder, meinst du denn, wenn das Schwesterchen
+so krank ist, will man etwas von deinen Kugeln wissen?«
+
+Der Arzt kam und untersuchte die kleine Kranke. Unterdessen näherte sich
+Frieder dem Vater. »Vater,« begann er leise, »Vater, wir haben doch eine
+rote Kugel gehabt und – –« »O du mit deinen verwünschten Kugeln!« rief
+Herr Pfäffling so laut und ärgerlich, daß das kranke Kind erschreckt und
+der Arzt erstaunt herüber blickte und sagte: »Es wird immerhin besser
+sein, wenn die Kinder nicht im Krankenzimmer sind,« und Vater Pfäffling
+machte die Türe auf und wies mit strenger Miene dem Frieder den Weg. Der
+aber, der sonst nie wagte, ungehorsam zu sein, schlüpfte an der Türe
+vorbei zum Arzt, der über das Bett der Kleinen gebeugt stand und sie
+behorchte. Er schlang beide Arme um den Hals des Arztes und flüsterte
+ihm ganz leise zu: »Die rote Kugel hat das Elschen gegessen, ja, und
+darum ist sie krank.«
+
+Die Eltern hatten nicht verstanden, was Frieder leise gesagt hatte, und
+so sahen sie mit Staunen, daß der Doktor sich von der kleinen Kranken
+weg eifrig dem Frieder zuwandte und nun, wahrhaftig – sie hörten es ganz
+deutlich – fing auch der Doktor an, von den Kugeln zu sprechen, die Herr
+Pfäffling eben verwünscht hatte. Der Arzt nahm den Frieder, der ein
+wenig ängstlich nach dem Vater hinübersah, auf die Kniee und redete sehr
+freundlich mit ihm, während die Eltern auf seine Worte lauschten. »Wie
+war denn das mit der Kugel, Frieder? Sage mir’s nur noch einmal ganz
+genau; weißt du, das muß ich alles erfahren, wenn ich deine Schwester
+gesund machen soll. Hast du es denn gesehen, daß sie die Kugel
+geschluckt hat? Nein? Aber erzählt hat sie dir’s? Was hat sie denn
+erzählt?«
+
+»Nur daß die rote Kugel hart schmeckt. Und das weiß man doch nicht, wie
+die rote Kugel schmeckt, wenn man sie nicht gegessen hat. Und die Kugel
+ist auch nicht mehr da, sieh nur her.« Und Frieder öffnete das Kästchen.
+»Fünf müssen es sein, und es sind doch nur vier.« Elschen fing ängstlich
+an zu weinen. »Jetzt weint sie,« sagte Frieder und schien selbst den
+Tränen nahe, »ich habe sie doch auch nicht verraten wollen.«
+
+»So etwas _muß_ man verraten,« sagte der Arzt, und nun wandte er sich an
+die Eltern, die in große Aufregung versetzt waren durch Frieders
+Mitteilung. »Wenn es so ist, wie der Kleine sagt, dann kann dem Kind
+geholfen werden. Ich bin überzeugt, daß die Sache sich so verhält, denn
+nur durch so etwas läßt sich diese Krankheit erklären. Am besten ist es,
+ich bringe gleich heute nachmittag einen geschickten Chirurgen mit,
+vielleicht ist eine Operation vorzunehmen.« Frau Pfäffling erschrak
+darüber. »Unser Frieder ist so ein Dummerle,« sagte sie, »auf seine
+Reden hin kann man doch keine Operation vornehmen!«
+
+»Der scheint mir gar kein Dummerle zu sein,« sagte im Fortgehen der
+Arzt, »wer weiß, ob Sie ihm nicht das Leben Ihres Kindes verdanken.« Die
+Mutter aber traute der Sache noch nicht und sie fing an, nach der Kugel
+zu suchen und rief alle Kinder zu Hilfe. In der ganzen Wohnung wurde aus
+allen Ecken vorgekehrt, der Vater setzte einen Finderlohn aus und in
+jedem Zimmer traf man eines der Kinder der Länge nach auf dem Boden
+liegend und unter die Möbel schlupfend, um zu suchen. Nur Frieder suchte
+nicht mit, er sah dem Treiben verwundert zu und sagte nur: »Ich habe
+schon lange gesucht, da ist unsere rote Kugel nie.«
+
+Am Nachmittag wurde die Kleine so krank und schwach, daß es aussah, als
+ob sie den Abend nicht mehr erleben könnte, und so eilte Herr Pfäffling
+fort und holte die beiden Ärzte zur Hilfe. Sie kamen, brachten eine
+Krankenschwester mit, gingen ins Krankenzimmer und schlossen die Türe ab
+– niemand, nicht einmal die Eltern durften mit ihnen hinein. Das war nun
+eine bange Stunde. Die ganze Familie war im Wohnzimmer beisammen,
+lauschte auf die Geräusche, die hie und da aus dem Krankenzimmer über
+den Vorplatz herübertönten, und wartete. Der Mutter Auge ruhte auf
+Frieder. Sollte wirklich gerade dieses Kind, das kleine, unbeachtete
+Dummerle, den wahren Grund der Krankheit gefunden haben? Er saß ganz
+ruhig mit seinem Büchschen in der Hand da, während Herr Pfäffling
+aufgeregt im Zimmer hin und her lief und das lange Warten kaum ertragen
+konnte.
+
+Endlich, endlich hörte man, daß die Türe des Schlafzimmers
+aufgeschlossen wurde, Herr Pfäffling eilte hinaus in den Vorplatz, die
+Mutter ihm nach. Da kamen schon die beiden Ärzte auf sie zu und der
+Hausarzt rief ihnen entgegen: »Nun, da hätten wir ja die verlorene Kugel
+wieder,« und er hielt hoch in der Hand, daß es alle sehen konnten, die
+rote Kugel! Der Mutter stürzten die Tränen aus den Augen. »Darf ich
+hinein?« fragte sie und war schon durch die Türe und bei dem kleinen
+Liebling, ehe sie Antwort bekommen hatte. Das Kind lag bleich in seinem
+Bettchen und erkannte die Mutter nicht, aber die Krankenschwester sagte
+zu der besorgten Mutter: »Seien Sie nur ganz getrost, es ist so gut
+gegangen, die Ärzte sind ganz zufrieden.«
+
+Leise, leise schlichen sich allmählich alle Kinder herein, während
+draußen die Ärzte mit dem Vater sprachen. Die großen Brüder, die
+Zwillingsschwestern, jedes wollte das Elschen sehen. Da konnte der
+kleine Frieder nicht beikommen und das Schwesterchen nicht sehen. Er
+wollte hinausschlüpfen, aber die Herren standen unter der Türe. Der Arzt
+bemerkte ihn. »Das ist der Kleine,« sagte er zu dem Chirurgen, »ein
+kluges, aufmerksames Kind, dem verdankt die kleine Schwester
+gewissermaßen das Leben.« »Ja,« sagte Herr Pfäffling, »das kommt daher,
+daß er sein Schwesterchen so lieb hat, er ist sonst nicht der Klügste,
+da muß die Liebe den schlummernden Verstand geweckt haben.« Die
+Geschwister alle hörten das, sie wandten sich Frieder zu und sahen ihn
+staunend an. Dieser selbst beachtete das nicht, er hatte ein anderes
+Anliegen, und da er sah, daß die Ärzte ihn freundlich anblickten, wagte
+er es vorzubringen. Er streckte das Büchslein hin, in dem die vier
+Kugeln waren und sagte: »Da herein gehört die rote Kugel!«
+
+Das Elschen erholte sich so schnell, daß es schon nach einigen Tagen
+wieder ganz lustig und munter war, und Herr Pfäffling rüstete sich
+abermals zur Reise. Ohne Sorge konnte er sein Töchterchen verlassen, das
+noch im Bett lag, aber fröhlich mit Frieder plauderte. Die Mutter folgte
+dem Reisenden noch die Treppe hinunter, die Zwillingsschwestern
+begleiteten den Vater an die Bahn, die Brüder sollten ihn dafür bei der
+Heimkehr abholen. Als Frau Pfäffling allein die Treppe wieder herauf und
+ins Zimmer kam, sagte sie zu ihren drei Großen: »Gottlob, daß des Vaters
+Reise doch noch zustande gekommen ist,« und sie fing an, den Tisch
+abzuräumen, an dem der Vater noch eine kleine Mahlzeit eingenommen
+hatte.
+
+Nun kam auch Frieder, der bei dem Schwesterchen geblieben war, herein,
+nahm seine Ziehharmonika und spielte ein Lied. Aber mitten in der
+Melodie unterbrach er sich und fragte: »Wann reist denn der Vater fort?«
+Da sahen ihn alle an, lachten und fragten: »Hast du’s nicht gemerkt, daß
+der Vater abgereist ist? Er hat sich doch von dir und Elschen auch
+verabschiedet. Bist du denn doch wieder unser Dummerle? Und der Vater
+hat erst gesagt, niemand darf dich mehr so heißen.«
+
+Da besann sich der Frieder eine Weile, nahm seine Melodie wieder auf, wo
+er sie unterbrochen hatte, und spielte sie zu Ende. Dann deutete er auf
+das Klavier und sagte langsam: »Weil doch da oben noch die Karte vom
+Fichtelgebirge liegt, kann doch der Vater nicht fort sein.« Was gab es
+für einen Aufruhr bei diesen ruhig gesprochenen Worten! Die Mutter, die
+Geschwister, alle waren in einem Augenblick am Klavier: richtig, da lag
+die Karte; wie war es möglich, daß der Vater die vergessen hatte! Dann
+ein Blick auf die große Wanduhr – reicht es noch, kann man noch vor
+Abgang des Zuges an die Bahn kommen, dem Vater die Karte bringen? »Es
+geht nicht mehr,« meint die Mutter. »Es geht, es geht,« meint einer der
+Jungen und nimmt schon die Karte, reißt die Mütze vom Nagel und hinaus
+zur Türe: »Ich kann schneller laufen,« »und ich länger,« ruft der Zweite
+und Dritte, und einer hinter dem andern hinaus, die Treppe hinunter, mit
+einem Gepolter, daß sogar die freundliche Hausfrau zu ihrem Mann sagte:
+»So ein Gepolter dürfen die Kinder nicht anfangen, es ist besser, wenn
+man es ihnen gleich das erstemal verwehrt.« Der Hausherr meinte das auch
+und ging an die Türe, aber die drei waren zum Haus hinaus, schossen
+davon und man hörte nur noch, wie droben das Fenster aufgemacht wurde
+und Frau Pfäffling ihren Jungen nachrief: »Rennt nur, was ihr könnt, es
+kann noch reichen!« Aber die drei hörten schon nichts mehr und waren im
+Nu um die Ecke. »Es muß etwas Besonderes los sein,« sagte die Hausfrau
+zu ihrem Mann, »da kann man nicht zanken.«
+
+Der Musiklehrer Pfäffling war zeitig an die Bahn gegangen, er konnte
+sich in Ruhe einen guten Platz im Zug wählen, stieg ein und plauderte
+durchs offene Fenster mit seinen zwei Töchtern. Nun reichte er ihnen
+noch die Hand heraus zum Abschied: »Grüßt mir die Mutter noch einmal und
+das Elschen, und nun geht nicht so nahe an den Zug, er wird gleich
+abfahren, daß nicht noch ein Unglück geschieht –« »Und du wieder nicht
+reisen kannst,« sagte eine der Schwestern. »Ja, diesmal hat’s schwer
+gelingen wollen, gottlob, daß ich soweit bin.« »Fertig!« rief der
+Zugführer, und der Bahnbeamte setzte eben das Pfeifchen an den Mund, um
+das Zeichen zur Abfahrt zu geben, da stürzte auf den Bahnsteig heraus
+ein Bub, atemlos, schweißtriefend, und ein zweiter hinter ihm drein, und
+riefen schon von der Ferne: »Vater, Vater!« Der dritte war nicht
+nachgekommen, der hatte unterwegs einen Schuh verloren. Der Zugführer
+empfand ein menschliches Rühren, er war doch auch Vater; wenn zwei
+Kinder so nach dem Vater riefen, durfte er wohl einige Sekunden zögern.
+Er nahm das Pfeifchen von den Lippen, alle Umstehenden sahen auf die
+heranstürmenden Jungen, auch Pfäffling erblickte sie, und wie der Blitz
+durchfuhr ihn der Gedanke: »Es ist etwas geschehen – du kannst nicht
+reisen – das Elschen ist wieder krank!« Da hatte sein Ältester den Wagen
+erreicht, streckte ihm etwas entgegen: »Die Karte!« Der Pfiff ertönte,
+der Zug fuhr ab und noch aus weiter Ferne sahen die Kinder, wie der
+Vater sie grüßte und ihnen fröhlich zuwinkte mit der Karte vom
+Fichtelgebirge!
+
+
+
+
+Hoch droben.
+
+
+In Berlin war an einem heißen Juninachmittag ein Dachdecker auf dem
+Dache eines vierstöckigen Hauses beschäftigt. Am Rand des Daches saß er
+und setzte neue Schieferplatten ein, wo die alten schadhaft geworden
+waren. Manchmal sah einer der Vorübergehenden von der Straße herauf nach
+dem jungen Mann in der schwindelnden Höhe. Der Dachdecker aber blickte
+nicht hinunter, er sah nur auf das Dach mit seinen vielen Plättchen, die
+glühend heiß wurden in der Sonne, und langsam ging ihm heute die Arbeit
+von der Hand. Die Hitze wurde immer drückender, die Sonne stach durch
+die Wolken; jetzt hielt er mit seiner Arbeit inne. Eine lange Reihe
+Plättchen hatte er eingesetzt, nun kam die nächste Reihe. Er legte sein
+Werkzeug aus der Hand, wischte sich den Schweiß von der Stirne und ruhte
+einen Augenblick. Da fiel sein Blick auf die Straße, wo die Wagen fuhren
+und die Menschen wandelten. Er war heute nicht schwindelfrei wie sonst,
+wo er ruhig in die Tiefe blicken konnte, er schloß die Augen und ruhte.
+Die Sonne verbarg sich hinter schweren Wolken, ein tiefer Schatten fiel
+aufs Dach und der junge Arbeiter schlief ein.
+
+Dachdecker, hüte dich, deine Arbeit ist gefährlich, deine Ruhe ist’s
+noch mehr!
+
+Drunten in der Straße wogten die Menschen hin und her, bis ein Mann
+plötzlich stehen blieb. Er hatte nach der dunkeln Wolke geschaut, die
+sich am Himmel zusammenballte, und da hatte er die Gestalt auf dem Dache
+wahrgenommen. Andere Vorübergehende folgten unwillkürlich seinem Blick
+und blieben ebenso an den Platz gebannt stehen wie der erste. Was war
+dem Mann? Er lag da wie tot. Nein, jetzt rührte er sich ein wenig; der
+Arm, den er am Kopf gehalten hatte, sank langsam herunter über das Dach.
+Das Gesicht war halb verdeckt von der Mütze. Schlief er oder war er vom
+Hitzschlag getroffen? Von Mund zu Mund gingen diese Fragen in der immer
+mehr anwachsenden Menge, die mit Grauen in die Höhe blickte zu dem in
+Todesgefahr schwebenden Mann. Schutzleute kamen hinzu. »Der Mann muß
+gerettet werden, aber wie? Durch die Dachkammer kommt man schwer bei,
+von unten wird’s besser gehen, mit der Leiter, mit der großen
+Feuerwehrleiter; man muß die Feuerwehr benachrichtigen, aber schnell,
+schnell; wenn der Mann eine Bewegung macht, so stürzt er herunter in die
+Tiefe!«
+
+Einige eilten davon, die Feuerwehr zu holen. Inzwischen füllt sich die
+ganze Straße, Kopf an Kopf steht die Menge, Wagen halten, sie können
+nicht durch das Gedränge kommen. Aber trotzdem ist alles still und von
+Mund zu Mund geht die Losung: »Nur leise, daß der Mann nicht unruhig
+wird, sonst ist er verloren.« Ergreifend ist die Stille und die
+Spannung.
+
+Plötzlich entsteht eine Bewegung in der Menge: »Macht Platz, eine Frau
+ist ohnmächtig geworden. Es ist seine Mutter,« sagen die Leute, »macht
+Platz für die Mutter.« Sie ist’s ja nicht, sie ist ein ehrsames altes
+Jüngferlein, aber die Leute meinen es und machen willig und
+teilnahmsvoll Platz.
+
+Kommt denn die Feuerwehr immer noch nicht? Sie ist doch sonst so schnell
+zur Stelle. In Wahrheit sind erst ein paar Minuten verstrichen, seit
+man sie benachrichtigt hatte, aber sie erschienen wie eine Ewigkeit. Und
+jetzt saust sie daher mit Blitzesgeschwindigkeit, die Helme der Männer
+glänzen in der Sonne. Vor dem Haus wird die Leiter aufgestellt, das
+große Rad gedreht, bis die Leiter sich höher und immer höher aufrichtet
+und die obersten Sprossen endlich ganz nahe der Stelle am Dach kommen,
+wo der Mann liegt. Ein Feuerwehrmann steigt hinauf. Hunderte von Blicken
+folgen ihm, in atemloser Spannung sehen alle, wie der geübte Steiger in
+die schwindelnde Höhe kommt, wie er sich seinem Ziele nähert und nun, am
+Dach angelangt, von der Leiter aus sich rasch und fest gegen den
+Daliegenden stemmt.
+
+Die Berührung weckte den Schläfer, er schlug die Augen auf und sah mit
+Staunen einen Feuerwehrmann auf der Leiter vor sich. Der aber rief in
+demselben Augenblick: »Vorsicht, oder Sie fallen!« und fest drückte er
+die Hände gegen den Arbeiter.
+
+»Keine Angst,« sagte der Dachdecker, »lassen Sie mich nur aufstehen.«
+
+»Schon recht, wenn Sie können! Wo fehlt’s denn, warum liegen Sie da? Ich
+glaube wahrhaftig, Sie sind da oben eingeschlafen.«
+
+Und ein wenig beschämt sagte der junge Mann: »Es muß schon so sein, es
+war so heiß, ich wollte nur ein wenig ruhen!«
+
+»Das hätte Ihnen das Leben kosten können.«
+
+Der Dachdecker richtete sich auf und staunend sah er drunten in der
+Straße die Volksmenge, die, als der Arbeiter sich erhob, in Bewegung
+geriet und laut ihrer Freude Ausdruck gab. Den jungen Mann überkam eine
+mächtige Bewegung, als er sah, wie um seiner armen Person willen ein
+solcher Auflauf war. Furchtlos trat er vor an den äußersten Rand, zog
+seine Mütze vom Kopf, schwang sie in die Luft und rief laut hinunter:
+»Hurra!«
+
+Und fröhlich klang es aus vielen Kehlen wieder: »Hurra, Hurra!«
+
+»Jetzt nur vorsichtig die Leiter herunter,« sagte der Feuerwehrmann,
+»daß nicht zuletzt doch noch ein Unglück geschieht,« aber der Dachdecker
+deutete auf die Schieferplättchen: »Ich kann noch nicht Feierabend
+machen,« sagte er, »ich muß an die Arbeit gehen und mein Weg führt durch
+die Dachluke.«
+
+»Also gut,« sagte der Feuerwehrmann, »schlafen Sie nicht noch einmal ein
+auf dem Dache.«
+
+»Mein Lebtag nimmer,« sagte der Dachdecker, »ich mach’ meinen Dank für
+die Lebensrettung.«
+
+»Schon recht.« Der Feuerwehrmann stieg hinab. Die Menge drunten verlief
+sich, die große Leiter wurde weggefahren, bald hatte die Straße wieder
+ihr gewöhnliches Aussehen, und droben auf dem Dach arbeitete der junge
+Dachdecker. Jetzt ging ihm die Arbeit flink aus der Hand, er war nicht
+mehr müde, hatte er doch ein gutes Schläfchen gemacht; auch kamen ihm
+allerlei Gedanken über die Gefahr, in der er geschwebt hatte, über die
+hilfreichen Menschen und über Gott den Herrn!
+
+
+
+
+Im Thüringer Wald.
+
+
+Im Thüringer Wald, hoch droben zwischen den Bergen, liegt das Dörflein
+Oberhain. Kleine, schiefergraue Häuslein ohne Scheunen und Ställe, ohne
+Gärten und Felder stehen eins neben dem andern dicht am Berg, im
+Schatten der nahen Waldbäume. Wenn im Frühjahr die kleinen
+Kartoffeläcker bestellt sind, die sich am Berghang hinziehen, ist die
+Arbeit getan. Im Sommer erklingt nicht das Dengeln der Sensen, denn es
+gibt kein Heu auf den kleinen, nassen Wiesen. Im Herbst sieht man keinen
+Erntewagen, denn niemand hat Garben einzubringen; im Winter hört man
+nicht dreschen, denn es ist kein Korn gewachsen. Keine Viehherde zieht
+durchs Dorf, nur ein paar Geißen grasen da und dort oder ein Schweinlein
+läßt sein Grunzen vernehmen. So sieht ein Dorf aus ohne Bauern. Aber
+doch leben Leute genug in den schieferbedeckten Häuschen, Leute, die von
+früh bis spät fleißig sind. Was mögen sie wohl treiben?
+
+Es war im Juni des Jahres 1900 früh am Morgen. Aus der Türe eines der
+Häuschen trat eine kleine Frau; sie war nicht kräftig und rotbackig wie
+eine Bäuerin, schmächtig und blaß sah sie aus; doch ging sie ganz munter
+ums Haus und holte von den Reisern, die dort aufgeschichtet lagen, ein
+Büschel. Die Türe hatte sie weit offen stehen lassen und man konnte
+durch dieselbe in das Zimmer sehen und in die Kammer daneben. In dieser
+standen zwei Betten. Aus dem einen war eben die Frau herausgeschlüpft
+und der Mann lag noch darin. Im andern Bett ruhten zwei Kinder;
+eigentlich gehörte wohl noch ein drittes hinein, aber das war offenbar
+herausgefallen, denn es lag auf dem Boden, war halb unter die Bettstatt
+hinuntergekugelt, schlief aber dort unten ganz ruhig weiter.
+
+Als die Frau mit dem Holz wieder in die Stube kam und Feuer im Ofen
+anmachte, verließ der Mann das Bett, kleidete sich an, hob den kleinen
+Kerl unter der Bettstatt hervor, legte ihn in sein Bett und sagte zu
+seiner Frau: »Den Johann haben sie wieder herausgeworfen, hast nicht
+gesehen, daß er auf dem Boden gelegen ist?« »Wohl,« sagte die Frau,
+»aber es ist ja nicht kalt und schadet ihm nichts.«
+
+»Ja, ja, im Sommer tut sich’s noch, aber die Kinder werden alle Tag’
+größer, sie haben zu dritt nimmer Platz in dem Bett, wie soll’s im
+Winter werden?« »Geh, sorg dich nicht um den Winter, jetzt um Pfingsten
+herum,« sagte munter die kleine Frau und setzte einen Topf voll
+Kartoffeln aufs Feuer.
+
+Als der anfing zu sprudeln, erwachten die Kinder fast alle zur gleichen
+Zeit und bald saß die ganze Familie einträchtig um den Tisch. Mit dem
+Anrichten der Kartoffeln machte die Hausfrau nicht viele Umstände, sie
+wurden mitten auf den Tisch geschüttet, da kollerten sie schon von
+selbst nach allen Seiten und jedes langte zu und aß.
+
+»Mutter, der Johann schiebt die Kartoffeln mit den Schalen hinein,«
+sagte Marie, die Sechsjährige. Aber die Mutter lachte bloß: »Er denkt
+halt, so geben sie mehr aus,« sagte sie. »Geh, Marie, schäl du sie dem
+Johann,« mahnte der Vater, und die Schwester tat es auch, aber lange
+hatte sie nicht die Geduld dazu und einige Schalen bekam der Kleine
+immerhin noch mit zu essen.
+
+Nach dem Frühstück wischte Frau Greiner mit beiden Armen den Tisch ab,
+daß die Kartoffelschalen nach rechts und links auf den Boden flogen und
+rieb mit ihrer Schürze darüber. Vater Greiner war inzwischen an den Ofen
+gegangen, in dem trotz des warmen Junimorgens noch das Feuer brannte.
+Dort stand ein Kessel, von dem kein lieblicher Duft ausströmte: Aus
+alten Papierabfällen und Kreide, aus Mehl und Leimwasser rührte da
+Greiner einen wunderlichen Brei zusammen und bald brodelte die Masse und
+erfüllte mit ihrem Dunst das ganze Stübchen. Papiermasché war es, das er
+da bereitet hatte, und nun ging er an seine Arbeit. Er hatte neben sich
+eine Anzahl von Formen, so etwa, wie unsere Kinder Formen haben, wenn
+sie mit Sand spielen. Sie füllen ihre Förmchen mit dem feuchten Sand und
+pressen ihn hinein, und wenn sie dieselben umstürzen, so stehen kleine
+Törtchen oder dergleichen da. So füllte Greiner in seine Formen das
+Papiermasché, drückte es fest an, und was herauskam, das waren
+Puppenköpfe, lauter Puppenköpfe. Schön sahen diese noch nicht aus, sie
+waren weiß und weich, hatten noch keine Augen, und vorsichtig mußten sie
+zum Trocknen auf die Stäbchen gesteckt werden, die an Brettern rings um
+den Ofen gestellt waren. So saß nun auf seinem Holzstuhl Vater Greiner
+stundenlang zwischen dem übelriechenden Brei und all den dampfenden
+Köpfchen, arbeitete und hustete dabei, denn seine Lunge war krank
+geworden von der schlechten Luft.
+
+Seine Frau hatte aber auch nicht umsonst den Tisch sauber gemacht. Bald
+lag auf demselben ein Ballen weißen Hemdentuches, aus dem sie Stoff zu
+Puppenkörpern herausschnitt; das ging so flink, im Nu war ein ganzer
+Stoß geschnitten. Dann ging’s ans Nähen; ringsum mußte der Balg
+zugenäht werden, nur oben, wo später der Kopf darauf kommt, blieb er
+offen. War er genäht, so mußte er umgewendet werden, aber das tat Frau
+Greiner nie selbst, dazu war ihre Zeit zu kostbar. Jetzt lagen ein paar
+Bälge fertig genäht da. »Philipp, da komm her,« rief die Mutter dem
+Fünfjährigen zu, »umwenden! Philippchen, umwenden!«
+
+Das Philippchen wollte nicht recht. Es kugelte mit dem dreijährigen
+Bruder, dem Johann, auf dem Boden herum; da war so allerlei: Sägspäne,
+die man beim Ausstopfen der Puppenkörper verstreut hatte, Papierabfälle
+und Kartoffelschalen; denn nur am Samstag wurde das alles
+zusammengekehrt, unter der Woche gönnte sich Frau Greiner nicht die
+Zeit. Und heute war Freitag, da waren schon Abfälle aller Art auf dem
+Boden und damit unterhielten sich die zwei Kleinen.
+
+»Philippchen, geh zur Mutter,« sagte jetzt der Vater, »wenn die Marie
+aus der Schule heimkommt, dann darfst du wieder springen, aber jetzt
+mußt du halt dran, da hilft nichts.« Das Philippchen setzte sich nun auf
+die Bank am Tisch und nahm einen der genähten Puppenbälge. Er stülpte
+ihn um, das ging leicht; aber dann kam eine mühsame Arbeit: die Ärmchen
+und Beinchen umzukehren; doch mit seinen feinen Fingerchen konnte er das
+besser als große Leute. Wenn er nur auch immer fleißig weiter gearbeitet
+hätte; aber die Mutter spornte ihn an, wenn er seine Hände ruhen ließ:
+
+»Philipp, was wird der Herr sagen, wenn ich morgen zu ihm nach Sonneberg
+komme und kann nicht so viel abliefern, als ich versprochen habe!«
+
+»Was sagt er dann, Mutter?«
+
+»So,« sagt er, »so wenig Bälge bringt Ihr? Der Korb ist ja nur halb
+voll.«
+
+»Was sagst du dann, Mutter?«
+
+»Dann sag’ ich: Ja, Herr, es ist ein Jammer, mein Philipp ist halt so
+faul.«
+
+»Was sagt dann der Herr, Mutter?«
+
+»Dann sagt er: ›Euch geb’ ich keine Arbeit mehr, da geb’ ich’s lieber
+dem Haldengreiner, der ist fleißiger.‹
+
+»Und dann, Mutter?«
+
+»Und dann müssen wir alle Hungers sterben.«
+
+Auf das hin regte Philipp fleißig seine Fingerlein und sah eine ganze
+Weile nicht von seiner Arbeit auf.
+
+»Es ist ein Elend, daß man’s mit allem Fleiß nicht weiter bringt,« fing
+der Hausvater nach einer Weile an.
+
+»Warte nur, es kommt schon besser,« sagte die Frau, »am letzten Samstag
+ist in Sonneberg allgemein die Rede gewesen, daß aus Amerika große
+Bestellungen gekommen sind, da gibt’s Arbeit genug!«
+
+»Was hilft’s, wenn’s nicht besser bezahlt wird? Wir bringen doch nicht
+mehr fertig.«
+
+»Das mußt nicht meinen. Der Johann ist jetzt schon drei Jahre, mit vier
+kann man ihn schon anweisen und mit fünf hilft er so viel wie der
+Philipp!«
+
+»Dafür muß der dann in die Schule, das gibt auch wieder einen Ausfall in
+der Arbeit.«
+
+»Die paar Schulstunden mußt nicht so rechnen,« sagte die Frau, »die
+bringen sie bei Nacht herein. Dem Haldengreiner sein Achtjähriger, der
+hat schon manche Nacht durchgeschafft.«
+
+»Weiß schon, dann schlafen sie in der Schul’, soll gar nicht gut sein
+für die Kinder; dumm und schwach bleiben sie, hat der alte Lehrer
+gesagt, und der neue Lehrer sagt’s auch und er hat recht.«
+
+»Geh zu, was der Lehrer sagt, mußt nicht so anschlagen, er möcht’ halt,
+daß die Kinder lernen. Der alte hat’s immer gewollt, und der neue ist
+auch nicht besser. Da ist einer wie der andere aufs Lernen aus.«
+
+»Aber ist’s nicht wahr, daß wir Leute schwach sind? Sogar der Schulz
+sagt, die wenigsten von unseren Burschen geben Soldaten.«
+
+»Was Soldaten, wir brauchen doch keine, es ist ja seit dreißig Jahren
+Frieden im Land!«
+
+»Jetzt, Frau, du redest aber dumm daher.«
+
+Die Frau lachte. »Wird halt der Lehrer recht haben, daß wir dumm sind.
+Aber wieviel Nächte hab’ ich auch schon durchgeschafft! Aber was willst
+denn machen? Wir können’s doch nicht ändern. Geh, stopf du dir die
+Pfeife, daß dir die schweren Gedanken vergehen, am Samstag bring’ ich
+dir wieder ein Päckchen Tabak mit.«
+
+_Der_ Trost verfing am besten; über den Qualm der Pfeife kam der
+sorgliche Hausvater in gemütliche Stimmung.
+
+Inzwischen wurde es immer dumpfer und heißer in dem Stübchen; der Johann
+wollte auch nicht mehr gut tun, da kam gerade zur rechten Zeit die
+Schwester aus der Schule heim. Sie hatte noch nicht die Bücher abgelegt,
+als Philipp schon den Puppenbalg aus der Hand warf, den er eben in
+Arbeit hatte: »Da, Marie,« rief er, »jetzt komm du her.« »Halt,« sagte
+der Vater, »zuerst müssen die Köpfe hinaus in die Sonne, so lang bleibst
+du noch sitzen, Philipp.« Der kleine fünfjährige Arbeiter setzte sich
+mit weinerlichem Gesicht wieder an die Arbeit; Marie nahm eines der
+Bretter, auf dem die Köpfe standen, und trug sie hinaus. Sie wußte
+schon, wie sie’s zu machen hatte: am Gartenzaun wurde ein Köpfchen neben
+dem andern aufgesteckt, auch auf die Fensterbretter außen wurden sie zum
+Trocknen gestellt, überall, wo irgend ein Platz zu finden war. An
+sonnigen Tagen waren gar viele Gärten und Häuser im Dorf so eigenartig
+geschmückt.
+
+Jetzt kam Marie wieder zurück in die Stube; der kleine Philipp sah
+begierig auf, ob ihn die Schwester nun ablösen würde. Die aber nahm ihre
+Schiefertafel, ihr Schulbuch und ihren Griffel und machte alle
+Anstalten, ihre Schulaufgabe zu schreiben. Aber da erhob sich allgemeine
+Einsprache: »Was fällt dir denn ein, Marie,« rief die Mutter, »gerad’
+nur von der Schul’ heim und wieder schreiben, du bist wohl nicht recht
+bei Verstand! Als ob wir keine Arbeit hätten! Elias, siehst nicht den
+Übermut?« rief sie dem Mann zu. Der wandte sich um und wollte auch etwas
+dagegen sagen, aber da kam der Husten und verhinderte die Einsprache;
+sie war auch nicht mehr nötig, denn der Philipp fing so laut an zu
+heulen, daß Marie ihren »Übermut« aufgab, die Bücher beiseite schob und
+des kleinen Bruders Arbeit nahm, ohne ein Wort zu sagen.
+
+»So, Philippchen,« sagte die Mutter, »jetzt gehst du in die Wirtschaft
+und holst um zwanzig Pfennige Speck zu Mittag; nimmst auch den Johann
+mit, daß er auch sein Vergnügen hat.«
+
+»Er hat gar keinen Rock an, darf er im Hemd mit?«
+
+»Den Rock mußt ihm halt anziehen, er liegt in der Kammer auf dem Bett.«
+
+»Ja, der hat schon gestern keinen Häckel mehr gehabt, den kann man
+nimmer zumachen.«
+
+»Sei nicht so dumm, Philippchen, suchst eben, ob du nicht eine
+Stecknadel findest, daß der Rock so lange hält, bis ihr wieder
+heimkommt.«
+
+»Könntest nicht so einen Häckel hinnähen?« fragte der Vater.
+
+»Es ist halt alles zerrissen,« sagte die Mutter, »aber am Sonntag will
+ich’s schon richten. Johann, gelt, tust dein Röckchen schön halten, daß
+es auf der Gasse nicht herunterfällt!«
+
+»Das Geld, Mutter, hast keine zwanzig Pfennig?«
+
+»Was fragst so dumm, Philipp, du weißt doch, daß am Freitag das Geld
+aus ist; sag nur, die Mutter zahlt’s morgen, wenn sie von Sonneberg mit
+dem Geld heimkommt.« Die Kinder gingen; der Johann hielt mit beiden
+Händchen seinen Rock hoch, denn die krumme Stecknadel, die der Philipp
+gefunden hatte, taugte nicht viel und der Rock wollte immer
+herunterrutschen auf dem Weg zum Wirt, der zugleich der Metzger war.
+
+»Wenn man’s doch richten könnt’,« sagte Greiner zu seiner Frau, »daß man
+immer gleich bezahlen täte, was man holt!«
+
+»Der Wirt borgt gern,« entgegnete die Frau leichthin.
+
+»Aber doch rechnet er mehr an; elf Pfennige statt zehn, wenn er hat
+borgen müssen, und der Krämer macht’s auch so.«
+
+»So ist’s halt, Elias, das kannst doch nicht ändern, es war immer schon
+so.«
+
+»Aber anders wär’s halt doch besser. Wenn man nur ein einziges Mal ein
+klein Sümmchen ins Haus bekäm’, daß man das alte zahlen könnt’ und das
+neue auch; von da an dürft’ mir nichts mehr auf Borg geholt werden, kein
+Lot Kaffee. Aber wir bringen’s nie zu einem Sümmchen und wenn wir uns
+die Finger wund arbeiten.«
+
+»So red’ doch nicht so viel, mußt sonst doch nur husten, wer kann’s denn
+wissen, ob’s nicht einmal besser kommt? Deine Schwester ist doch auch
+eine reiche Frau geworden und lebt in Köln am Rhein und muß gar nichts
+arbeiten.«
+
+»Ja, die hat ihr Glück gemacht, aber an uns denkt sie nicht; das macht
+halt, sie ist so jung schon fortgekommen und hat unser Elend vergessen,
+die weiß gar nicht, wie wohl unsereinem einmal ein Goldstücklein tät!
+Schon lang hat sie nichts geschickt.«
+
+»Weil sie auch gar so weit weg ist!«
+
+»Von Köln aus könnt’ man schon etwas schicken; unsere Puppen schickt
+man doch sogar bis nach Amerika.«
+
+»Amerika! Das ist nicht so weit, da fahren die Schiffe alle Tage herüber
+und hinüber und am Samstag kannst in Sonneberg oft genug so einen Herrn
+aus Amerika sehen und aus England auch; aber aus Köln kommt keiner, das
+muß viel weiter weg sein.«
+
+»Viel näher ist’s, Frau, das könntest auch wissen, nach Amerika mußt
+übers Meer.«
+
+»Und nach Köln wirst über den Rhein müssen, der soll auch so ein großes
+Wasser sein.«
+
+»Der ist doch nur ein Fluß!«
+
+»Meinetwegen, ich hab’ auch keinen Fluß und kein Meer gesehen.«
+
+Jetzt unterbrachen die Kinder, die den Speck brachten, die Unterhaltung.
+Die Mutter setzte wieder Kartoffeln zu, und um 12 Uhr legte die ganze
+Familie für ein Stündchen die eintönige Arbeit beiseite und die müden
+Hände durften ein wenig ruhen.
+
+»Warum hast heute so schnell deine Schulaufgabe schreiben wollen?«
+fragte Vater Greiner sein Schulmädchen. Marie wollte nicht heraus mit
+der Sprache. »Warum, sag’s, bist abgestraft worden? Hast doch gestern
+abend geschrieben!«
+
+»Ja,« antwortete Marie, »aber der Lehrer hat’s nicht lesen können; ich
+soll’s bei Tag schreiben, sagt er, gleich zuerst. Denn was wir bei der
+Nacht schreiben, könne er gar nicht lesen, so schlecht sei’s.«
+
+»Wart nur,« tröstete die Mutter, »im Winter, wenn die stille Zeit kommt
+und keine Arbeit im Haus, dann kannst schreiben, wann du willst, den
+ganzen Tag. Aber jetzt geht’s halt nicht, jetzt kommt die strengste Zeit
+für uns, da muß schon der Lehrer nachgeben.«
+
+Ja, es war strenge Arbeitszeit im ganzen Dorf, denn im Sommer werden
+die Puppen gemacht, die im Winter auf dem Weihnachtstisch liegen sollen.
+Bis spät in die Nacht hinein arbeitete Vater Greiner und seine Frau, um
+alles fertig zu bringen. Am Samstagmorgen standen sie frühe auf. Da
+wurde der riesengroße Huckelkorb vollgepackt mit all den fertigen
+Puppenkörpern, die Köpfe wurden in großen Schachteln noch oben auf den
+Korb geschnürt und ein langes Tuch darüber gebunden. Solch einen Korb
+aufzuhuckeln, ist ein ganzes Kunststück, und mancher kräftige Mann
+möchte die Bürde nicht auf sich nehmen. Aber Frau Greiner, so
+schwächlich sie erschien, war von Jugend auf gewöhnt, die Last zu
+tragen, und nahm sie auch heute fröhlich auf sich. Ihr Mann zog noch
+sorglich die Schnur fest, daß nichts ins Wanken geraten konnte von den
+oben aufgepackten Schachteln, die hoch über den Kopf der Frau
+hinausragten, und die Kinder sahen ernsthaft zu; sie wußten schon, daß
+der Samstag immer der wichtigste Tag war, an dem die Mutter die Arbeit
+ablieferte und neue heimbrachte, und Geld dazu für die ganze Woche. Ein
+gut Stück Weg liefen sie neben ihr, dann mußten sie umkehren, aber
+diesmal nicht alle. Für Marie war heute ein besonderer Samstag vor
+andern, sie durfte mit in die Stadt, und die Mutter wollte für sie einen
+eigenen Huckelkorb einkaufen, damit sie künftig helfen könnte tragen,
+wenn es gar zu viel für die Mutter würde.
+
+Und so wanderte sie neben der Mutter her durchs Dörfchen. Aber sie
+blieben nicht lange allein, denn da und dort kamen aus den kleinen
+Häusern Frauen und Mädchen mit schwerbeladenen Huckelkörben und mit
+kleinen Handwagen; sie zogen alle dieselbe Straße nach Sonneberg.
+Zwischen den schönen Waldbergen hindurch gingen sie gebückt unter der
+Last, aber doch in fröhlichem Geplauder, und als sie in die Nähe der
+Stadt kamen, sahen sie von anderen Ortschaften her ähnliche Gestalten
+der Stadt zupilgern.
+
+»Mutter, was haben die in ihren Körben? Die tragen nicht so schwer wie
+du,« fragte Marie. »Das sind die von Lauscha,« sagte Frau Greiner, »die
+machen Glaskugeln und Christbaumschmuck und Puppenaugen. Die sind auch
+nicht besser bezahlt als wir, aber jetzt paß auf, der dort mit dem
+schweren Korb, das ist ein Augeneinsetzer, die sind am besten bezahlt.«
+Achtungsvoll sahen Mutter und Tochter nach dem Mann mit dem schweren
+Korb.
+
+Nun machte die Straße eine Biegung und Sonneberg, die freundliche Stadt,
+erschien mit ihren schönen, schiefergedeckten Häusern mitten unter
+grünen Hügeln. Hier strömten von allen Seiten die Bewohner der
+umliegenden Ortschaften zusammen und suchten die großen Geschäfte auf,
+die aus den abgelieferten Köpfen, Körpern und Gliedern die Puppen fertig
+machen und in alle Welt hinaus versenden. Marie ging neben der Mutter
+her, sah nach den schönen Häusern hinauf und las die Aufschriften:
+»Spielwarenfabrik« hieß es an dem einen, »Fabrik gekleideter Puppen« an
+dem andern, und so fort; die ganze Stadt schien wegen der Puppen da zu
+sein. Darüber wunderte sich Marie auch gar nicht; ihre Eltern, ja fast
+alle Menschen, die sie kannte, lebten ja auch durch die Puppen.
+
+Jetzt endlich waren sie an _der_ Fabrik angelangt, für die Greiner
+arbeitete, und mit Herzklopfen folgte Marie ihrer Mutter durch das große
+Eingangstor in den Hofraum und durch eine Tür in ein Arbeitszimmer, in
+dem schon mehrere Frauen und Mädchen standen und warteten.
+
+Eine Frau packte eben die Puppenkörper aus, die sie gebracht hatte, und
+ein Herr mit der Brille auf der Nase sah einen jeden prüfend an, warf
+ihn dann neben sich in einen großen Kasten und zählte dabei. Die Frau
+sah ängstlich zu. Jetzt warf der Herr einen der Körper beiseite und am
+Schluß noch einen.
+
+»Zwei gehen ab, die sind ungleich gearbeitet, müssen noch einmal
+aufgetrennt werden.« Die Frau legte sie stillschweigend wieder in ihren
+Korb, bekam dann einen Zettel, auf dem stand, wieviel sie abgeliefert
+hatte, und ging mit diesem in das nächste Zimmer, wo sie ausbezahlt
+wurde und neue Aufträge für die nächste Woche erhielt. So kam eine der
+Frauen nach der anderen an die Reihe, auch Frau Greiner lieferte ab.
+Ihre Arbeit wurde tadellos befunden und vergnügt strich sie ihr Geld
+ein. Für die nächste Woche gab’s Arbeit genug, fast mehr als Frau
+Greiner versprechen konnte. Der Herr vermerkte es in seinem Buch.
+
+»Mutter, so viel bringen wir doch nicht fertig?« fragte Marie, als sie
+aus dem Zimmer waren. – »Ich weiß wohl, aber das darf man nicht sagen,
+sonst heißt’s später, wenn’s weniger Arbeit gibt, gleich: Ihr habt uns
+auch im Sommer im Stich gelassen, wie die Arbeit drängte.«
+
+»Aber wenn wir’s in dieser Woche nicht fertig bringen? O da möcht’ ich
+nicht dabei sein, wenn du zu dem Herrn kommst und zu wenig ablieferst,
+da würd’ ich mich fürchten!«
+
+»Wir werden schon fertig; wenn der Tag nicht reicht, so gibt’s doch noch
+die Nacht. Jetzt komm, jetzt gehen wir zur Großmutter und schauen, wie’s
+der Alten geht, und deinen Korb kaufen wir auch.«
+
+Die Großmutter wohnte ganz oben im alten Teil des Städtchens, wo kleine
+Häuschen in engen Gassen sich am Berg hinziehen. Marie war vor Jahren
+einmal dagewesen und hatte ihre Großmutter und die Tante, bei der sie
+wohnte, besuchen dürfen, sie konnte sich’s kaum mehr erinnern.
+
+Sie stiegen eine schmale Treppe hinauf und kamen in einen dunklen Gang.
+Marie hielt sich an der Mutter. »Gelt, dir kommt’s dunkel vor?« sagte
+die Mutter, »aber ich find’ gut meinen Weg, ich bin ja da aufgewachsen,
+und wie ich so alt war wie du, bin ich durch den Gang gesprungen, wie
+wenn’s heller Tag wär’.« Sie kamen an einer Tür vorbei, man hörte
+sprechen. »Das ist noch nicht die rechte Stub’, da wohnt ein Stimmacher;
+weißt so einer, der den Puppen die Stimme einsetzt, daß sie Papa und
+Mama sagen können. Und da gegenüber ist jetzt einer, der macht
+Puppenschuh’, hörst nicht seine Maschine?«
+
+»Aber da wohnen viel Leut’, Mutter!«
+
+»Was meinst auch, in Sonneberg sind die Wohnungen gar teuer, aber jetzt
+sind wir an der rechten Tür, da wohnen wir.« Ohne anzuklopfen machte
+Frau Greiner die Türe auf: »Guten Tag, Mutter, guten Tag, Regine. Seid
+ihr wohlauf? Marie, kennst die Großmutter noch? Geh vor, gib ihr die
+Hand und deiner Tante Regine auch.«
+
+Die alte Frau, die am Fenster saß, nickte freundlich den Ankommenden zu
+und erwiderte den Gruß. Aber sie stand nicht auf von ihrem Stuhl, denn
+sie war an der Arbeit. Einen Puppenkopf hatte sie vor sich, einen ganz
+fertigen, schön bemalten, mit Augen im Kopf, aber oben war das Köpfchen
+noch offen, dem leimte sie eben das Deckelchen auf, mit dem schön
+gelockten Haar. Und die Tante, die kniete eben vor dem Ofen und zog aus
+der Röhre ein Backblech hervor. Aber Kuchen war nicht auf dem Blech,
+etwas ganz anderes kam zum Vorschein. Glasröhrchen, umwickelt mit
+blonder und brauner Mohärwolle, die wie Haar aussah, lagen da
+nebeneinander auf dem Blech und waren im Ofen getrocknet worden. Mit
+geschickten Fingern streifte Regine die aufgewickelte Wolle vom
+Glasröhrchen ab, und nun war es eine festgerollte schöne Locke, fertig
+zum Aufkleben auf den Puppenkopf.
+
+Wenn auch die beiden Frauen ihre Arbeit kaum unterbrachen, waren sie
+doch freundlich gegen ihre Besuche, fragten nach Mann und Kind und
+wunderten sich, daß Marie schon so groß sei. Auf dem Ofen stand eine
+Kanne mit Kaffee. »Schenk dir ein und deiner Marie auch,« sagte die
+Großmutter, »hol das Brot aus der Schublade und schneid euch ab, es ist
+euch vergönnt.«
+
+Da saßen sie und aßen und Marie sah dabei auf die Tante, wie sie so
+blitzschnell die Löckchen abstreifte und von der schönen Mohärwolle, die
+neben ihr stand, neue feuchte Strängchen um die Glasröhrchen wickelte,
+daß in kurzer Zeit das Blech wieder voll war und in die Herdröhre
+wanderte. »Das Frisieren ist schöner als das Bälgemachen, Mutter,« sagte
+Marie, »das möcht’ ich lieber tun.«
+
+»Gefällt dir’s?« sagte ihre Tante. »Wenn du aus der Schule bist, dann
+kommst du nur zu uns und hilfst mir. Die Großmutter wird alt, der
+zittern jetzt schon die Hände.« Aber Frau Greiner lachte. »Du wärst
+nicht dumm,« sagte sie zu ihrer Schwester. »So lang die Kinder klein
+sind, soll ich sie haben, und wenn sie aus der Schul’ sind, sollen sie
+dir verdienen helfen. Die Marie wird schon daheim bleiben müssen. Wir
+haben jetzt auch Arbeit genug, ich kann sie nimmer allein tragen; einen
+Korb will ich der Marie kaufen, daß sie mir künftig tragen hilft. Wir
+müssen gehen, daß wir vor Abend noch heimkommen.«
+
+Stolz kehrte Marie mit dem neuen Huckelkorb auf dem Rücken von Sonneberg
+heim. Im Dorf hielten sie sich mehr als einmal auf, ehe sie ins eigene
+Haus kamen. Beim Metzger und beim Krämer, beim Bäcker und bei der
+Nachbarin, die Geißmilch verkaufte, waren Schulden zu bezahlen und
+überall wurde noch ein wenig eingekauft, so daß die kleine Barschaft
+schon ziemlich zusammengeschmolzen war, als sie ihr Haus erreichten. Der
+kleine Philipp sprang ihnen entgegen.
+
+»Ihr kommt so spät heut’,« sagte er, »es steht schon lang einer da und
+wartet auf dich.«
+
+»Wer ist’s denn?«
+
+»Der den Stoff verkauft, der will Geld.« »O den kann ich schon gar nicht
+leiden,« sagte die Mutter, »hätt’ ihn der Vater doch fortgeschickt.«
+»Der Vater ist auf dem Kartoffelacker, den Johann hat er mitgenommen.«
+
+Vor dem Hause setzte Frau Greiner den Huckelkorb ab, mit dem sie gar
+nicht durch die niedrige Türe gekonnt hätte, und dann trat sie ins
+Zimmer. Am Fenster stand der Kaufmann, der von Zeit zu Zeit in den Ort
+kam und das Tuch verkaufte, aus dem die Puppenkörper angefertigt wurden.
+Ihm war Frau Greiner viel schuldig, und so ungern sie ihr Geldchen, das
+sauer verdiente, hergab, so langsam sie auch die Markstücke aufzählte,
+sie durfte sie doch nicht behalten, sie wanderten in die große Geldbörse
+des Kaufmanns. Er hätte ihr sonst keinen neuen Stoff gegeben und sie
+brauchte doch so viel für die Bestellungen, die sie angenommen hatte.
+Nachdem sie bezahlt hatte, rollte er bereitwillig seinen Ballen auf, und
+sie konnte von dem schönen weißen Stoff haben so viel sie wollte.
+
+»Wollen Sie ihn nicht gleich zahlen, Frau Greiner, oder wenigstens einen
+Teil davon? Sie haben ja noch Geld, wie ich sehe, und Sie bekommen jeden
+Meter um zehn Pfennig billiger, wenn Sie gleich bezahlen.«
+
+Aber Frau Greiner entsetzte sich ordentlich über den Vorschlag. »Noch
+mehr zahlen!« rief sie. »Was meinen Sie denn, von was sollten wir denn
+leben in der Woche? Und muß ich nicht auch was zurücklegen für den
+Hauszins und etwas für die Steuer und für die Sterbekasse? Und gerade
+heut’, wo wir einen Huckelkorb gekauft haben! Marie, zeig deinen Korb.
+Sehen Sie? Gleich bar hab’ ich die Hälfte vom Preis auf den Ladentisch
+hinlegen müssen, sonst hätte ich ihn gar nicht mitbekommen; nein, bis
+Ende der Woche reicht’s nimmer zu einem Päckchen Zichorie, das kann ich
+schon jetzt sehen.«
+
+»Nun, ich bin ja zufrieden, ich habe es ja nur gut mit Ihnen gemeint,«
+beschwichtigte der Kaufmann. »Jetzt ist ja die beste Zeit vom Jahr.
+Leben Sie wohl, und guten Verdienst!«
+
+Frau Greiner verwahrte das kleine Geldsümmchen im Schrank; auch den
+Stoff schloß sie sorgfältig hinein, denn am Samstag abend wurde nicht
+mehr gearbeitet. Der Mann kam ganz erschöpft vom Acker heim, er war die
+Feldarbeit nicht gewöhnt, auch die Frau war müde von dem langen Marsch.
+Aber als sie dann mit den Kindern um den Tisch mit den Kartoffeln saßen,
+wurden sie alle wieder guten Muts. Es sah auch heute abend ganz nett in
+der Stube aus, die Arbeit war weggeräumt, der Boden aufgekehrt. Das
+hatte der Mann besorgt, während die Frau in der Stadt war, und nun
+machte er Feierabend und setzte sich auf die Bank vor dem Haus; die
+Nachbarn erschienen auch, da und dort standen sie beisammen und
+plauderten.
+
+Aber die Frauen hatten noch nicht Feierabend. »Schlupft ins Bett,
+Kinder, daß ich euere Hemden waschen kann,« sagte Frau Greiner. Die
+Kleinen besaßen jedes nur _ein_ Hemd, das wurde immer in der Nacht von
+Samstag auf Sonntag gewaschen und am Ofen getrocknet. Marie hatte schon
+zwei Hemden, dafür mußte sie aber auch schon helfen beim Waschen. Heute
+kam’s ihr sauer an, sie war so müde, und als die Mutter einmal von der
+Waschwanne an den Brunnen ging, um Wasser zu holen und wieder ins Haus
+zurückkam, war die kleine Wäscherin nicht mehr zu sehen und nicht zu
+errufen – sie war schnell ins Bett geschlupft und schlief schon fest.
+Frau Greiner lachte und ließ sich’s gefallen.
+
+Am Montag morgen saß die Familie wieder an der Arbeit und jedes von
+ihnen hätte gedacht, daß dieser Tag und all die nächsten genau so
+verstreichen würden, wie die vorigen, denn eintönig floß das Leben
+dieser fleißigen Leute dahin; doch diese Woche brachte einen andern Ton.
+Er kam durch den ins Haus, der gar oft Aufregung bringt: durch den
+Postboten. Der Postbote war gar kein so seltener Gast in der Familie
+Greiner, denn er brachte manchmal Anerbietungen von Kaufleuten, manchmal
+auch Mahnungen wegen rückständiger Zahlungen. Derentwegen machte er die
+Türe gar nicht auf, sondern legte sie nur durchs Fenster aufs Gesimse.
+Heute aber kam er ins Zimmer und sagte: »Daß ihr nur nicht erschreckt:
+diesmal bringe ich einen Trauerbrief!« Sie erschraken aber doch. »Ich
+habe ja sonst keine Zeit, die Sachen zu lesen,« sagte der Postbote,
+»aber _die_ Anzeige habe ich lesen müssen, weil’s mich doch gewundert
+hat, wer an euch so vornehm schreibt und weil’s so eine ganz besondere
+Traueranzeige ist.« Er ging. Die Anzeige kam aus Köln. Die Aufschrift
+lautete: an »Herrn Fabrikbesitzer Greiner mit Familie« und der Inhalt
+war freilich zum Erschrecken: Herr und Frau Fabrikant Langbeck in Köln
+waren an _einem_ Tag infolge eines Unglücksfalls plötzlich gestorben.
+Frau Langbeck war Greiners Schwester. Greiner und seine Frau standen
+ganz erschüttert beisammen und starrten auf die Nachricht und konnten
+sie kaum glauben. Und dann hätten sie so gerne Näheres gewußt. Was für
+ein Unglücksfall konnte das gewesen sein? Immer wieder lasen sie das
+Blatt, aber es standen nur so wenige Worte darin.
+
+»Haben wir nicht erst in den letzten Tagen von deiner Schwester
+gesprochen?« sagte Frau Greiner. »Vielleicht gerade in der Stunde, in
+der sie verunglückt ist; das war eine Ahnung, es war mir gleich damals
+so traurig zumute.«
+
+Auch die Kinder, die manchmal von ihren reichen Verwandten in Köln
+gehört hatten, staunten das schwarzgeränderte Papier an, das solche
+Trauerkunde gebracht hatte. Aber nach einer Viertelstunde saßen Greiner
+und seine Frau wieder an der Arbeit, und wenn _er_ auch seine Schwester
+wirklich betrauerte, und wenn _sie_ auch voll Mitleid an die verwaisten
+Kinder dachte, Zeit durfte nicht versäumt werden; er mußte doch wieder
+an seine Formen zurück und sie mußte die Bälge nähen, wie wenn nichts
+geschehen wäre.
+
+Und doch sollte das, was geschehen war, mehr Einfluß auf ihr Leben
+haben, als sie ahnten. Es vergingen ein paar Tage, da reichte der
+Postbote wieder einen Brief mit Trauerrand durchs Fenster, der wieder an
+Herrn Fabrikbesitzer Greiner überschrieben war.
+
+»Was ist aber das!« rief Frau Greiner entsetzt. »Jetzt sind wohl auch
+noch die Kinder verunglückt. Ich habe doch auch so viel an sie denken
+müssen. Ich will’s nur gleich vorlesen, du hast ja doch die Hände voll
+Brei!« Der Brief war von einem Verwandten des verstorbenen Fabrikanten
+Langbeck. Er teilte mit, es habe sich leider herausgestellt, daß das
+Geschäft des Verstorbenen zurückgegangen sei und er sein Vermögen
+eingebüßt habe. Nun müsse gesorgt werden für die drei mittellos
+hinterbliebenen Kinder: ein Mädchen von sieben Jahren, ein Knabe von
+vier, und einer von einem halben Jahr. Greiner möchte erklären, ob er
+nicht eins oder zwei der Waisen aufnehmen könne. Die Kinder seien etwas
+verwöhnt, weil sie in einem reichen Hause aufgewachsen seien, aber guten
+Charakters. Nur der vierjährige sei ein wilder Junge und brauche gute
+Zucht. Baldiger Bescheid wäre erwünscht.
+
+Greiner nahm diese Anfrage schwer auf. Ihn drückte ohnedies die Sorge
+für seine Familie; es war kein Brot übrig und war kein Platz frei für
+ein weiteres Familienglied. Er war kränklich und schwach und wollte sich
+keine neue Lasten aufbürden, die alte drückte ihn schon schwer genug.
+Aber seine Frau sah’s anders an. »Wir nehmen das Mädchen,« sagte sie,
+»die Große, die Siebenjährige. Bedenk doch nur den Nutzen! Ein Bett hat
+sie, denn in reichen Familien hat jedes ein Bett, das muß sie
+mitbringen, da kann unsere Marie bei ihr schlafen, denk nur die Wohltat.
+Und dann die Arbeit, die sie tun kann! Sieben Jahre, wahrscheinlich bald
+acht, gleich kann sie Bälge füllen und jedes Jahr verdient sie mehr. Und
+dann bedenk doch, es sind doch deiner Schwester Kinder!«
+
+Vater Greiner wurde ganz überstimmt, denn auch die Kinder stellten sich
+auf der Mutter Seite, Marie vor allem freute sich bei dem Gedanken an
+eine große Schwester. Aber wenn er auch nicht mehr viel sagte, es lag
+ihm doch schwer auf der Seele, und oft mußte ihn seine Frau in den
+nächsten Tagen drängen, bis endlich ein Brief nach Köln abging, in dem
+sich Greiner bereit erklärte, Edith, das siebenjährige Töchterchen,
+aufzunehmen. Gleich darauf kam der dritte Brief aus Köln. Er war von der
+Hand eines jungen Mädchens geschrieben, das als Kinderfräulein in der
+Familie Langbeck diente, und gerichtet an Frau Greiner. Sie teilte mit,
+daß Edith, schon ehe Greiners Brief angekommen war, eine freundliche
+Unterkunft gefunden habe, nicht so die Knaben. Sie bitte nun im
+Einvernehmen mit dem Vormund herzlich, statt Edith das jüngste Knäblein,
+den kleinen Alex, aufzunehmen. »Es ist ein goldiges Kind,« schrieb das
+Fräulein. »Es war unser aller Liebling; ich mag gar nicht daran denken,
+daß ich mich nun von ihm trennen muß, und ganz gewiß werden auch Sie und
+Ihr Herr Gemahl die größte Freude an ihm haben, und er wird herrlich
+gedeihen in der köstlichen Luft des Thüringer Waldes. Ich bin im
+Begriff, in meine Heimat zu reisen, komme nahe an Thüringen vorbei und
+wurde von dem Vormund der Kinder gebeten, Ihnen den Kleinen zu
+übergeben. So bringe ich Alex, wenn Sie nicht abtelegraphieren, schon
+übermorgen. Alex ist mit Soxhlet aufgezogen, ich bringe diesen deshalb
+auch mit. [Fußnote: Unter Soxhlet versteht man eine Vorrichtung zum
+Kochen der Milch für kleine Kinder.] Wenn Sie dadurch auch mehr Mühe
+haben, wird es doch für die ersten Wochen, bis der Kleine eingewöhnt
+ist, gut sein.« Der Brief war unterschrieben: »Elisabeth Moll,
+Kindergärtnerin.«
+
+Frau Greiner hatte den Brief vorgelesen. Bei dem Wort »Soxhlet« stockte
+sie, _das_ Wort hatte sie noch nie gelesen. »Wen bringt sie mit?« fragte
+Greiner. »Den Soxhlet bringt sie mit; das muß der größere Bruder sein,
+der vierjährige, der wilde, von dem sie neulich geschrieben haben.«
+
+»Soxhlet, den Namen habe ich aber noch nie gehört,« sagte Greiner. »Die
+vornehmen Leut’ haben immer so tolle Namen«, meinte die Frau. »Alex
+steht gerade so wenig im Kalender, und Edith heißt bei uns auch niemand.
+Es kann auch gar niemand anders sein, als der größere Bub, sie schreibt
+ja, das Mädchen habe eine Unterkunft gefunden, aber die Buben nicht. So
+schicken sie halt beide zu uns, das ist eine schöne Bescherung!«
+
+Diesmal war sogar Frau Greiner besorgt, wie das gehen solle, und große
+Bestürzung herrschte in der Familie. Vater Greiner war ungehalten. »Mir
+kommt’s auch gar nicht recht vor, wenn man schreibt, man wolle ein
+Mädchen und man schickt einem dann zwei Buben! Man hätt’s nicht tun
+sollen, und wenn’s auch meiner Schwester Kinder sind!«
+
+»Wer weiß, ob sie nur Betten mitbringen,« sagte Frau Greiner. »Kinder,
+da dürft ihr euch schmal machen.«
+
+»Wie heißt der Böse, Mutter?« fragte Marie.
+
+»Soxhlet heißt er.«
+
+»Bei wem schläft der? Vor dem fürcht’ ich mich, gelt, den legst nicht zu
+mir?«
+
+»Der kommt ja nur für ein paar Wochen,« sagte die Mutter.
+
+»Ja, wenn das nur wahr ist,« sagte Greiner. »Wenn ihn aber niemand
+abholt, dann bleibt er halt an uns hängen, auf die Straße kannst ihn
+doch nicht setzen.«
+
+»Du meine Güte, du denkst auch gleich ans Schlimmste,« rief Frau
+Greiner. »Das wär doch gar zu arg. Es ist schon der Kleine schlimm, der
+schreit noch bei Tag und Nacht, und das ist noch das ärgste, wenn man
+nicht einmal seine paar Stunden Nachtruh’ hat. Aber auch noch so einen
+Wilden dazu, der die Sägspäne verstreut oder deine Köpfe umstößt, so
+einen können wir nicht brauchen. Weißt noch, wie der Lehrer einmal so
+Kostbuben gehabt hat? Gleich ist der eine zum Täuflingsmacher und hat
+das Papiermasché umgeworfen! Jetzt rechne nur einmal die Kosten!«
+
+»Sie schreibt doch etwas vom abtelegraphieren; kann man das nicht
+telegraphieren, daß sie den Soxhlet nicht mitbringen sollen?«
+
+»Wenn’s halt nicht recht teuer ist, so ein Telegramm nach Köln.«
+
+»Man könnt’ ja fragen, was es kostet.«
+
+»Jedes Wort wird da gerechnet, bis du nur überschreibst: an Fräulein
+Elisabeth Moll in Köln am Rhein, äußere Ringstraße Nr. 5, hast schon –
+zähl’ einmal – hast schon zehn Wörter und steht noch nichts vom Soxhlet
+darin. Dann, so barsch möcht’ ich auch nicht sein, daß ich nur
+schreibe, sie sollen ihn nicht mitbringen, man müßt’ doch auch
+erklären, warum. Wieviel gäb’ das Wörter! Das geht nicht in ein
+Telegramm.«
+
+»Und zum Brief ist’s zu spät?«
+
+»Ja, zu spät.«
+
+Jetzt wurde es ganz still im Zimmer. Vater Greiner bückte sich wieder
+über seine Arbeit wie immer, nur sah sein abgemagertes Gesicht noch
+sorgenvoller aus, als sonst, und auch Frau Greiner hatte nicht ihren
+gewohnten fröhlichen Ausdruck. Marie hatte sich gefreut auf die
+Genossin, nun kamen statt ihrer kleine Buben, von denen hatte sie schon
+vorher genug. So machte auch sie ein betrübtes Gesicht, während sie die
+Puppenbälge mit Sägspänen ausstopfte, und es lag eine rechte Mißstimmung
+über der ganzen Familie. Aber nach einem kleinen Weilchen erschien schon
+wieder ein heiterer Zug auf dem Gesicht von Frau Greiner, und indem sie
+nach ihrem Mann hinsah, sagte sie: »So hat dich wohl niemand genannt,
+›mein Herr Gemahl!‹« und sie lachte und die Kinder auch. »Was wohl das
+Fräulein, wenn sie kommt, für Augen macht, wenn sie meinen Herrn Gemahl
+sieht in seinem großen Schurz voll Papiermaschétropfen und in seinem
+verflickten Kittel? Ich meine, die stellen sich alles viel nobler bei
+uns vor, weil sie doch auch immer an den Herrn Fabrikbesitzer schreiben.
+Die denkt nicht, daß du nur ein Drücker bist und bei uns alles so
+armselig ist.«
+
+Ja, damit hatte Frau Greiner richtig geraten. Fräulein Elisabeth Moll,
+die seit einem Jahr in der Familie Langbeck treue Dienste leistete,
+hatte sich eine ganz falsche Vorstellung von der Familie Greiner
+gemacht. Frau Langbeck hatte von ihren Verwandten in Thüringen nur
+einmal gesprochen. »Mein Bruder,« hatte sie gesagt, »verfertigt solche
+Puppen, wie Edith hier eine hat. Auch mein Vater hat sich schon damit
+abgegeben.« Da nun Herr Langbeck Besitzer einer großen Fabrik war, so
+hatte sich das Fräulein unwillkürlich Herrn Greiner als den Besitzer
+einer eben so großen Puppenfabrik vorgestellt, und weil in der Familie
+Langbeck alles hübsch und vornehm eingerichtet war, so machte sie sich
+auch vom Haus Greiner ein solches Bild. Sie war es, die den Vormund auf
+diesen Bruder der Frau, auf den Fabrikbesitzer Greiner, aufmerksam
+gemacht hatte. Der Vormund fühlte sich sehr erleichtert, als sich eine
+anscheinend so günstige Aussicht für einen seiner kleinen
+Pflegebefohlenen eröffnete. Er war nicht allzu gewissenhaft, hielt es
+nicht für nötig, sich näher nach den Thüringer Verwandten zu erkundigen,
+noch auch mit ihnen persönlich in Briefwechsel zu treten. Im Vertrauen
+auf das bewährte Kinderfräulein beauftragte er dieses, bei der Familie
+Greiner anzufragen, und als kein absagendes Telegramm eintraf, wurden
+die Reisevorbereitungen getroffen.
+
+In einen Reisekoffer packte das Fräulein die ganze niedliche Aussteuer
+des Kindes: all die spitzenbesetzten Hemdchen, die gestickten Kleidchen
+und die feine Bettwäsche. Den Kleinen kleidete sie mit besonderer
+Sorgfalt an, damit er den Verwandten einen guten Eindruck mache. In den
+Güterwagen wurde des kleinen Reisenden Korbwagen gestellt, daß er bei
+Ankunft in Thüringen sein gewohntes Bett gleich fände. So trat das junge
+Mädchen die Reise an, froh, das Haus verlassen zu dürfen, dessen
+Zusammenbruch sie miterlebt hatte, und in der besten Zuversicht, für ihr
+geliebtes Pflegekind treu gesorgt zu haben.
+
+Der kleine Alex lachte fröhlich, als die Fahrt begann. Er wußte nicht,
+was dieser Tag für sein Leben bedeutete. Ahnungslos ließ er sich aus dem
+Haus des Reichtums und Wohllebens in die Stätte der Armut und Not
+versetzen.
+
+Die ganze Nacht hindurch und den folgenden Morgen dauerte die Reise.
+Sonneberg war die letzte Station; hier mußte Elisabeth die Bahn
+verlassen. Der Korbwagen wurde ausgeladen, der schlafende Kleine
+liebevoll hineingebettet und nun stand sie da und sah sich um. Sie hatte
+sicher gehofft, hier abgeholt zu werden und wartete, sich umsehend, eine
+gute Weile. Es mußte für Herrn Fabrikant Greiner oder seine Gemahlin ein
+leichtes sein, sie und ihr zukünftiges Pflegekind aufzufinden.
+
+Ach, sie wartete vergeblich. Greiner und seine Frau saßen an der Arbeit
+wie immer; keinem wäre auch nur der Gedanke gekommen, einen Arbeitstag
+zu versäumen, selbst wenn sie genau die Ankunftszeit der Reisenden
+gewußt hätten. Aber nun sah Fräulein Elisabeth jemand, der ihr als
+Wegweiser dienen konnte. Am Bahnhof standen wartend zwei Frauen. Die
+trugen eine große »Schanze«, einen flachen Korb, in dem wohl ein halbes
+Hundert Puppen dicht aneinandergeschichtet lagen, lauter Puppen, in
+Hemden und Häubchen, offenbar frisch aus der Fabrik – gewiß aus der
+Fabrik von Herrn Greiner, dachte das Fräulein. Sie ging auf die beiden
+Frauen zu und fragte, ob sie aus der Fabrik von Herrn Greiner in
+Oberhain kämen. Nein, daher kamen sie nicht, wußten auch nichts von dem
+Namen; aber das Dorf Oberhain war ihnen wohlbekannt und auch, daß heute
+kein Postwagen mehr dorthin ging. So erkundigte sich das junge Mädchen
+nach einem Gasthaus und bat dort um einen Wagen, der sie mit dem Kleinen
+sofort nach Oberhain fahren könnte. Ein solcher fand sich auch, groß
+genug, daß hintenauf der Korbwagen gepackt werden konnte, und Elisabeth
+stieg mit Alex ein, froh, endlich so weit zu sein. »Wo soll ich halten
+in Oberhain?« fragte der Kutscher.
+
+»Bei Herrn Fabrikbesitzer Elias Greiner,« sagte Elisabeth, »die Wohnung
+kennen Sie ja wohl?« Nein, er kannte sie nicht, er war schon oft in
+Oberhain gewesen, hatte aber nie eine Fabrik bemerkt. Er wollte sie
+aber schon erfragen. Nun ging’s vorwärts, zuerst flott und rasch durchs
+Städtchen, dann langsamer die aufwärts steigende Straße hinan, rechts
+Wald, links Wald, ein herrlicher Anblick für die Städterin. Die
+köstliche Waldluft strömte herein, Elisabeth war in glücklichster
+Stimmung.
+
+»Mein kleiner Schatz,« sagte sie zu dem schlummernden Kind, »gelt, ich
+habe dir eine schöne Heimat ausfindig gemacht, wie wirst du da rote
+Bäckchen bekommen, mein Liebling – aber Papa und Mama können sich nicht
+mehr darüber freuen, armer Schneck!«
+
+Als die ersten Schieferhäuschen von Oberhain auftauchten, fuhr der
+Kutscher langsamer, wandte sich zurück und rief in den Wagen: »Wie soll
+die Fabrik heißen?«
+
+»Elias Greiner.« Ein paar Schulkinder kamen des Wegs. »He,« rief der
+Kutscher sie an, »wo ist die Fabrik von Elias Greiner?« Die sahen sich
+an und kicherten und ein Junge sagte: »Bei uns im Dorfe ist keine
+Fabrik.« Fräulein Elisabeth wurde ängstlich. »Das kann ich nicht
+begreifen,« sagte sie. »Ich weiß aber gewiß, daß der Name richtig ist,
+wir haben erst vorige Woche so überschrieben und Antwort erhalten.«
+
+»Wir wollen’s schon herausbringen,« sagte der Kutscher, »es heißt sich
+mancher Fabrikant, der keine Fabrik hat.« Er trieb die Pferde an, daß
+sie rasch durch die Dorfstraße fuhren bis ans Wirtshaus. Bei dem
+Geräusch des vorfahrenden Wagens trat der Wirt unter die Türe. Die
+Kutsche hielt, der Kleine wachte auf und fing an zu weinen. Neugierig
+sammelten sich einige Leute um die Kutsche, während der Kutscher vom
+Bock aus mit dem Wirt Beratung hielt. Elisabeth verstand nicht genau,
+was die beiden im Thüringer Dialekt miteinander verhandelten, aber sie
+hörte, wie der Wirt dem langsam Davonfahrenden nachrief: »Es kann gar
+kein anderer gemeint sein, als der Drücker Greiner; keiner sonst heißt
+Elias.«
+
+Und nun ging’s noch ein Stück langsam weiter, die Dorfstraße wurde
+enge, ein Häuschen kam zum Vorschein mit einem halb zerfallenen
+Bretterzaun, über und über mit blassen Puppenköpfen ohne Augen besteckt
+– vor dem hielt der Kutscher, sprang vom Bock, öffnete den Schlag und
+sagte: »So, jetzt haben wir die Fabrik!« und sich dem Fenster zuwendend,
+wo Maries Kopf erschien, rief er: »Wohnt da der Elias Greiner?« Der
+hatte schon den Wagen halten hören, und nun kamen sie alle heraus: Voran
+die Frau, dann die Kinder, barfüßig alle, der Johann in bloßem Hemdchen,
+zuletzt der Mann. Ach, dem Fräulein wurde so weh ums Herz – das sollte
+die Fabrik sein, der Fabrikant! Ärmlichere Gestalten hatte sie kaum je
+gesehen! Noch hoffte sie, es möchte ein Irrtum sein, aber nun kam
+Greiner dicht heran, sah das Kind auf dem Arm des Fräuleins, betrachtete
+bewegt das liebliche Gesichtchen und sagte: »Das ist also meiner
+Schwester Kind!« »Ja,« sagte Elisabeth, aber unwillkürlich blieb sie
+dicht am Wagen stehen – keinen Schritt machte sie auf das Haus zu.
+
+Frau Greiner fand bestätigt, was sie sich schon gedacht hatte – das
+junge Mädchen war enttäuscht über das, was sie vor sich sah, bitter
+enttäuscht. Sprachlos und ratlos stand sie da, das Kind fest an sich
+drückend. Frau Greiner war nicht gekränkt darüber, das junge Mädchen
+dauerte sie. »Kommen Sie nur herein, Fräulein,« sagte sie, »das Kind ist
+ja noch so klein, das merkt den Unterschied noch gar nicht. Gelt du,
+Kleiner, gelt du bist froh, wenn du nur etwas zu essen bekommst?«
+Freundlich blickte sie das Kind an und dieses lächelte wieder, und ehe
+sich’s Elisabeth versah, hatten diese ärmliche Mutter und dieses schön
+geputzte Kind die Arme nacheinander ausgestreckt und lachend trug Frau
+Greiner den kleinen Alex ins Häuschen.
+
+Ihr folgten die Kinder, die bewundernd auf den neuen Ankömmling sahen,
+während Greiner half, den Koffer abzuladen, und Elisabeth den
+Kinderwagen richtete. Es war ihr schon ein wenig leichter ums Herz,
+hatte sie doch ihren kleinen Pflegling in Mutterarme übergeben. Sie
+folgte ins Zimmer. Da freilich war eine Hitze, ein Dunst und Geruch, daß
+sie nicht glaubte, bleiben zu können. »Sie haben Feuer an diesem heißen
+Tag?« fragte sie.
+
+»Das bringt eben das Geschäft mit sich,« sagte Greiner und deutete auf
+seine Arbeit.
+
+Jetzt aber sprach Frau Greiner die Frage aus, die allen längst auf den
+Lippen lag: »Haben Sie den Soxhlet nicht mitgebracht?«
+
+»Doch,« sagte Elisabeth, »ich werde ihn gleich hereinholen, er ist
+draußen im Koffer, ich will nur zuerst dem Kleinen das Reisekleidchen
+abnehmen.« Greiner und seine Frau warfen sich vielsagende Blicke zu, sie
+wußten nun, daß Soxhlet kein menschliches Wesen war. Nicht so die
+Kinder. Für sie war die ganze elegante Erscheinung des Fräuleins mit dem
+Kind, der schöne Korbwagen, der feine Lederkoffer so wunderbar, daß es
+ihnen auf ein Wunder mehr auch nicht ankam, und sie glaubten nicht
+anders, als daß der wilde Soxhlet im Koffer eingesperrt sei. Neugierig
+schlichen sie miteinander hinaus in den kleinen Vorplatz, wo der Koffer
+abgestellt worden war. Marie blieb vorsichtig in einiger Entfernung
+stehen, Philipp aber trat näher.
+
+»Bleib da!« rief die Schwester ängstlich und leise, daß es der Soxhlet
+nicht hören sollte. Als sich aber der unheimliche Koffer ganz still
+verhielt, wurden die Kinder kecker. Sie kamen nahe heran, Philipp wagte
+sogar mit dem Fuß einen Stoß gegen den Koffer, sprang aber dann doch
+vorsichtig zurück. »Hast nicht gehört, wie er gebrummt hat?« sagte
+Marie, »paß auf, daß er nicht herausfährt. Der muß doch arg bös sein,
+daß er so eingesperrt wird!«
+
+Jetzt kam Fräulein Elisabeth mit dem Kofferschlüssel heraus, kniete
+nieder und schloß auf. Die Kinder blieben ängstlich und fluchtbereit in
+der Ferne stehen, wunderten sich, daß ihre Mutter so ruhig herantrat,
+und dann waren sie halb beruhigt, und doch halb enttäuscht, als der
+Deckel aufgehoben wurde und lauter harmlose Dinge, Kleidungsstücke und
+Wäsche hervorkamen. »Und da ist der Soxhlet,« sagte das Fräulein und vor
+den erstaunten Augen der Umstehenden zog sie ein Blechgestell mit einer
+Anzahl leerer Fläschchen heraus, ein Ding, so harmlos und unschuldig wie
+nur möglich, so daß die Kinder sich verblüfft ansahen. »Das ist der
+Soxhlet?« sagte Frau Greiner und machte dabei ein nicht eben
+geistreiches Gesicht.
+
+»Sie haben sich den Soxhlet vielleicht anders vorgestellt,« sagte das
+Fräulein. »Ich will Ihnen gleich die Behandlung erklären. In der
+Berliner Anstalt, wo ich als Kindergärtnerin ausgebildet wurde, hat man
+uns so gelehrt: ›Um die Milch keimfrei zu machen, wird sie in die
+Fläschchen gefüllt, die mit durchlochter Gummiplatte bedeckt und in den
+Blechtopf voll kochenden Wassers gestellt werden, woselbst man sie fünf
+Minuten kochen läßt. Danach werden die Fläschchen durch Glaspfropfen
+geschlossen und die Milch noch eine halbe Stunde gekocht.‹« Frau Greiner
+hatte geduldig und aufmerksam zugehört. Jetzt schloß das Fräulein mit
+der Bemerkung: »Alex ist doch ein zartes Kind, über die Sommermonate
+sollten Sie ihn noch weiter so ernähren.«
+
+»Ja,« sagte Frau Greiner, »ich will schon alles recht machen. Milch
+haben wir ja nicht, wir kaufen halt so viel, daß es grad zum Kaffee
+reicht. Aber den wird er schon auch mögen und auch Kartoffeln, und an
+Speck und Hering soll’s ihm gewiß nicht fehlen. Das ist bei uns zulande
+die Hauptnahrung.«
+
+»Aber doch nicht für so kleine Kinder?« sagte Elisabeth entsetzt.
+
+»Es ist ja kein Wochenkind mehr,« entgegnete Frau Greiner. »Seien Sie
+nur ruhig, ich will’s ihm schon in die Soxhletfläschchen tun, so oft
+eben Milch da ist.« Inzwischen hatte Elisabeth weiter ausgepackt. »Da
+sind seine Badehandtücher,« sagte sie, »und da ist der Badethermometer,
+ich habe ihn mitgebracht, aber ich weiß nicht,« setzte sie zweifelnd
+hinzu, »ob Sie den Thermometer ver – – – ob Sie an ihn gewöhnt sind? Wir
+haben das Bad auf 24 Grad erwärmt, ich glaube, auf dem Lande prüft man
+die Wärme mehr so mit dem Arm, oder nicht? Sie baden Ihre Kinder doch
+auch?«
+
+»O ja, gebadet wird jedes, so bald als es auf die Welt kommt, aber
+hernach kommt man nimmer leicht dazu, das braucht’s auch nicht!«
+
+»Ach,« sagte Elisabeth, »uns hat man gelehrt, daß die Hautpflege so
+wichtig sei bei den Kleinen; Alex ist auch so rein am ganzen Körperchen,
+wäre es nicht möglich, daß Sie ihn wenigstens immer am Samstag baden?
+Haben Sie eine Badewanne? Nein? Ich wollte ihm gerne noch eine kaufen
+von meinem Geld, wenn hier welche zu haben sind; oder ich schicke Ihnen
+eine aus Sonneberg.«
+
+»Lassen Sie das nur, Fräulein, meine Waschwanne tut’s schon auch, und so
+oft ich Zeit habe, will ich ihn schon baden.«
+
+»Ach ja, bitte, und dann hätte ich noch etwas auf dem Herzen: In dem
+Zimmer riecht es so stark und es ist so überhitzt; Sie werden das gar
+nicht so bemerken, weil Sie es gewöhnt sind; könnte Alex nicht in einem
+andern Zimmer sein?«
+
+»Ein anderes Zimmer haben wir gerad’ nicht, aber wegen der Luft dürfen
+Sie gar nicht sorgen, liebes Fräulein, die ist berühmt im Thüringer
+Wald, deretwegen kommen die Leute oft weit hergereist. Sehen Sie nur
+meine Kinder an, die sind ja auch alle gesund, auch meine verstorbenen
+drei waren ganz gesund.«
+
+»Woran sind sie denn gestorben?« fragte Elisabeth.
+
+»Das eine ist verunglückt, das arme Tröpfle hat den heißen Brei über
+sich geschüttet, den mein Mann braucht zu den Köpfen; und eines hat’s
+auf der Lunge gehabt, und das dritte ist uns nur so über Nacht
+weggestorben, niemand hat recht gewußt, daß ihm was fehlt. Es hat uns
+weh getan, aber so ist’s halt; wir haben ja auch an dreien genug und
+jetzt sind’s eben auf einmal vier geworden!«
+
+Während dieses Gesprächs waren alle Habseligkeiten des kleinen Alex
+ausgepackt worden mit vielen Anweisungen über die Verwendung; was jetzt
+noch im Koffer verblieb, war des Fräuleins Eigentum. Sie schloß wieder
+zu und kam mit Frau Greiner ins Zimmer, wo Vater Greiner an der Arbeit
+saß.
+
+Der kleine Alex lag inzwischen in seinem Wagen, die Kinder standen
+bewundernd um ihn herum, Marie fuhr ihn vorsichtig hin und her.
+Elisabeth trat hinzu und sagte leise zu Marie: »Willst du ihm eine treue
+Schwester sein? Sieh, der arme Kleine hat es daheim so schön gehabt.
+Gelt, du fährst ihn manchmal spazieren und sorgst recht schön für ihn?«
+Die kleine Marie nickte und sah mit großen Augen das Fräulein an, das
+gegen die Tränen ankämpfte, als sie sich über den Kleinen beugte, ihn
+herzte und küßte und leise sagte: »Behüt’ dich Gott, mein Liebling, ich
+habe es gut mit dir gemeint, ich bin nicht schuld. Warum haben dich
+deine Eltern verlassen, wie konnten sie dir das antun?«
+
+»Ich muß gehen,« sagte sie, indem sie zu Greiner trat, und sie nahm sich
+zusammen, um ihren Tränen zu wehren. »Ich habe Sie noch etwas fragen
+wollen,« sagte Greiner, und nun zitterten auch seine Lippen; »was war
+denn das für ein Unglücksfall mit meiner Schwester und ihrem Mann?«
+
+»Sie starben beide in der Nacht, ehe der Zusammenbruch des Geschäfts
+bekannt wurde. Näheres kann ich nicht sagen.« Greiner fragte auch nicht
+weiter.
+
+Ein paar Stunden später fuhr das Fräulein ihrer Heimat zu, und während
+sie nach langer Zeit wieder am elterlichen Tisch saß, nahm Alex auf dem
+Schoß der neuen Pflegemutter zum erstenmal Anteil am Familienmahl und so
+oft er den kleinen Mund aufsperrte, wurde ihm ein Stückchen Kartoffel
+hineingeschoben, ein sorgsam geschältes!
+
+Danach, da es Feierabend, draußen aber noch hell und warm war, gingen
+sie alle zusammen hinaus. Frau Greiner trug stolz den schönen Kleinen
+auf dem Arm, und da er verwundert nach den Tannen sah, die am Wege
+standen und leise vom Wind bewegt wurden, hob sie ihn hoch bis zu den
+Ästen und rief ihm freundlich zu: »Da, schau nur, Alex, schau, jetzt
+bist du im Thüringer Wald!«
+
+Wieviel Arbeitsstunden waren bei Greiners versäumt worden durch all die
+Briefe, durch die Ankunft des kleinen Pflegekinds und alles, was damit
+zusammenhing! Als am Samstag der große Huckelkorb vollgepackt wurde,
+fand sich, daß alles leicht hineinging und daß Maries neuer Korb ganz
+überflüssig war; bei weitem nicht alle versprochene Arbeit war fertig
+geworden. Marie blieb auch ganz gern daheim; den eleganten Kinderwagen
+mit dem schönen neuen Brüderchen vor dem Haus herumzufahren und allen
+staunenden Nachbarn zu zeigen war noch ein größeres Vergnügen, als mit
+der Mutter zu gehen. So wanderte Frau Greiner allein der Stadt zu, die
+Arbeit abzuliefern. Aber diesmal kam sie übel an! Der Sonneberger
+Fabrikant hatte fest gerechnet auf das, was sie versprochen hatte zu
+liefern; die Zeit drängte, was er heute nicht erhielt, konnte er nicht
+fertig stellen bis zu dem Tag, wo die Sendung abgehen sollte, um das
+Schiff zu erreichen, das nach Australien ging.
+
+Frau Greiner entschuldigte sich, die Schwester ihres Mannes sei
+gestorben und sie hätten ein Waisenkind aufnehmen müssen. Die
+Entschuldigung wurde ganz ungnädig aufgenommen. Ob sie meine, daß das
+Schiff warte, bis alle Waisenkinder versorgt seien? Sie solle nicht
+_mehr_ Arbeit versprechen, als sie leisten könne. Zum Unglück hatten
+noch einige Arbeiter weniger geliefert, als sie versprochen hatten, und
+so war der Fabrikant wirklich in Verlegenheit.
+
+»Wenn ich mein Wort nicht halte,« sagte er, »so verliere ich meine
+Kundschaft, was wollen Sie dann machen, wenn keine Puppen mehr bestellt
+werden?« Ganz schuldbewußt und zerknirscht stand Frau Greiner da und
+wagte kein Wörtlein zu sagen, als ihr auf dem Zettel ein gehöriger Abzug
+am verabredeten Lohn gemacht wurde. Der Herr schien auch gar keine Lust
+zu haben, ihr neue Aufträge zu geben, und ließ sie lange stehen, wie
+wenn sie nicht mehr da wäre. Da aber noch große Bestellungen vorlagen,
+so bekam sie schließlich doch wieder Aufträge genug, und diesmal verließ
+sie ohne Verzug die Stadt und kehrte nicht einmal bei ihrer Mutter ein,
+um keine Zeit zu verlieren. Jetzt, in den besten Arbeitswochen, ein so
+elendes Sümmchen Geld heimzubringen, kam ihr fast wie eine Schande vor
+und sie fürchtete schon ihres Mannes grämliches Gesicht, wenn sie so
+wenig abliefern konnte. Im Sommer wollte er doch immer etwas zurücklegen
+für den Winter, wo das Puppengeschäft stockt. Aber schließlich konnte
+sie auch nichts dafür, es war ja _sein_ Schwesterkind an allem schuld.
+
+In diesen Gedanken ging sie ihrem Dorfe zu. Mit ihrem flinken Schritt
+holte sie bald einen jungen Burschen ein, der auch von Sonneberg kam und
+gemütlich, eine Zigarre rauchend, dem Dorfe zuschlenderte. Frau Greiner
+kannte ihn wohl, er war auch von Oberhain und war ein Neffe ihres
+Mannes. Die Woche über arbeitete er in Sonneberg in der Fabrik, Samstag
+abends kam er heim zu seinen Eltern. Frau Greiner hatte gern
+Reisegesellschaft, sie rief schon von ferne dem Burschen zu: »Georg,
+wart ein wenig!«
+
+Er wandte sich um, gesellte sich zu ihr, und vom Geschäft plaudernd
+gingen sie nebeneinander her und kamen bis zu dem Punkte, wo der Fußweg
+nach Oberhain von der großen Straße abzweigt und ein Wegweiser nach
+verschiedenen Richtungen zeigt. An diesem Wegweiser stand ein Herr, der
+an seinem Reiseanzug leicht als Fremder zu erkennen war und der nun, als
+unsere beiden Leutchen an ihm vorbeikamen, mit fremder Betonung fragte,
+wie weit es noch bis Oberhain sei. Ein Stündchen war’s immerhin noch auf
+dem Fußweg, den aber ein Fremder leicht verfehlen konnte. So schloß sich
+der Herr an und sie gingen zu dritt weiter. Zuerst schweigsam, dann
+siegte bei Frau Greiner die Neugier über die Schüchternheit und sie
+fragte, ob der Herr kein Deutscher sei? Nein, er war Amerikaner, ein
+Kaufmann, der wegen des Puppengeschäfts nach Sonneberg gekommen war. Die
+deutsche Sprache hatte er aber gut gelernt, man konnte sich wohl mit ihm
+verständigen. Er fragte Frau Greiner, was sie zu Markte gebracht habe
+und was ihr Mann sei. »Mein Mann ist Drücker,« sagte Frau Greiner.
+
+»Was ist das, Drücker?«
+
+»Wenn man das Papiermasché in die Formen drückt, daß es Puppenköpfe
+gibt.«
+
+»Helfen Sie auch drücken?«
+
+»Nein, ich bin Balgnäherin, was die Körper für die Puppen gibt. Und die
+Kinder helfen auch, sie wenden um und stopfen aus mit Sägespänen.«
+
+»Was fehlt noch an den Puppen, wenn Sie sie abliefern?«
+
+»Dann haben sie noch keine Augen und –«
+
+»Wer macht die Augen?«
+
+»Die werden in Lauscha gemacht, da kommen ganze Schachteln voll her in
+allen Größen, die muß der Augeneinsetzer hineinmachen.«
+
+»Ist das das Letzte?«
+
+»Nein, die Maler müssen doch erst die Backen malen und die Lippen, und
+die Friseurin muß die Haare aufsetzen, dann wird erst der Kopf auf den
+Balg geleimt.«
+
+»Das kann Ihr Mann nicht?«
+
+»O, mein Mann kann das alles und als jung ist er in die Industrieschule
+geschickt worden, hat schon Köpfe und all die Formen machen lernen, aber
+dann ist sein Vater gestorben; gleich hat er dann das Lernen aufgeben
+müssen und hat seines Vaters Sach übernommen und ist halt auch wieder
+Drücker geworden. Mein Mann war von den besten einer auf der Schul’,
+aber er hat halt heim müssen, die Not ist gar groß bei uns.«
+
+»Wieviel verdienen Sie in der Woche?«
+
+»Ja Herr, das wechselt sehr, bald ist’s mehr, bald weniger. Es gibt
+Wochen im Winter, da bekommt man gar keine Bestellung.«
+
+»Aber in der besten Zeit des Jahrs, auf wieviel bringen Sie es in der
+Woche, Sie mit Mann und Kindern?«
+
+»Die vorige Woche hab’ ich fünfundzwanzig Mark heimgebracht, es ist auch
+schon auf dreißig gestiegen, aber da muß man schon die Nacht
+durcharbeiten. Und davon müssen wir alles selbst anschaffen, was wir zu
+den Puppen brauchen, gar nichts bekommen wir geliefert, das meiste geht
+dafür wieder hinaus und man bringt’s fast nicht dazu, daß man sich für
+den Winter etwas zurücklegt. Mein Mann sorgt sich jetzt schon wieder
+darum; ich nicht, im Sommer mag ich gar nicht an den Winter denken,
+sonst wird man ’s ganze Jahr nicht froh.«
+
+»Ist Ihr Mann gesund?«
+
+»Er hustet halt, das kommt von dem Staub vom Papiermasché und von den
+Sägspänen, aber krank ist er nicht, gottlob.«
+
+Jetzt mischte sich Georg ins Gespräch. »Die kräftige Nahrung fehlt halt
+da außen auf dem Land, in der Stadt essen sie besser.«
+
+»Ja, Fleisch gibt’s nicht viel bei uns, der Kaffee und die Kartoffeln
+sind die Hauptsache, bei uns heißt’s: Kartoffeln in der Früh, zu Mittag
+in der Brüh, des Abends mitsamt dem Kleid, Kartoffeln in Ewigkeit!«
+
+Der Amerikaner fragte nun nicht weiter, der Weg wurde steiler und eine
+Viertelstunde gingen die drei still nebeneinander, bis sie die Höhe
+erreicht hatten, wo sie wieder auf die Landstraße einmündeten und von
+der Ferne einzelne schiefergraue Dächer sichtbar wurden.
+
+»Das ist unser Dorf,« sagte Frau Greiner; »geht der Herr noch weiter
+heut’?«
+
+»Ja, aber Mittwoch komme ich wieder hier durch und dann will ich Ihren
+Mann aufsuchen.« Er blieb stehen bei diesen Worten und sagte, indem er
+Frau Greiner ernst und forschend ansah: »Sagen Sie ihm einstweilen, daß
+ein Amerikaner zu ihm kommt und mit ihm sprechen will. Es ist vielleicht
+gut, wenn ich Ihnen vorher schon sage warum. Ich möchte so eine Familie,
+die den ganzen Puppenbetrieb versteht, mit hinübernehmen nach Amerika.
+Ich habe dort Ländereien, Wald; die Eisenbahn geht vorbei, es ist gar
+nicht viel anders wie hier. Ich sehe nicht ein, warum wir die Puppen
+alle so weit her holen sollen, das könnten wir drüben auch machen, wenn
+wir nur die Leute dazu hätten. Dreimal so viel Lohn als Sie hier in der
+besten Woche haben, kann ich Ihnen für drüben das ganze Jahr hindurch
+versprechen. Alles schriftlich, natürlich. Ich bin schon mit dieser
+Absicht herübergekommen und nehme jedenfalls Leute von hier mit. Wenn
+Sie klug sind, reden Sie Ihrem Manne zu.«
+
+Frau Greiner sah den Amerikaner staunend und sprachlos an. Der junge
+Bursche lachte und sagte: »Ihr könnt ja gar nimmer reden, es versetzt
+Euch den Atem, gelt? Dreimal soviel und das ganze Jahr hindurch, das
+wäre nicht schlecht!«
+
+»Und selbstverständlich freie Reise,« fügte der Amerikaner hinzu.
+
+»Für alle? Wir haben drei Kinder, nein, jetzt vier, das vierte ist ein
+Waisenkind, das haben wir erst aufgenommen.«
+
+»Das bleibt hier. Dazu gibt’s Waisenhäuser. Aber Ihre eigenen drei gehen
+mit. Die Kinderarbeit will ich bei uns auch einführen, dazu brauchen wir
+deutsche Kinder, die es vormachen als Beispiel, damit es unsere davon
+absehen. Verstehen Sie? Gut, also reden Sie mit Ihrem Mann und lassen
+Sie den Vorteil nicht hinaus, denn wenn _Sie_ nicht gehen, so finde ich
+genug andere, die gerne gehen. Wie heißen Sie?«
+
+Er zog sein Merkbuch, schrieb den Namen auf, reichte der Frau einen
+Taler, daß sie beim Mann ein gutes Wort für ihn einlege, und schlug die
+kleine Straße ein, die hier von der Oberhainer Straße abzweigte.
+
+Frau Greiner stand still und sah ihm nach. »Hab’ ich nun das alles
+geträumt oder ist’s wahr?« sagte sie zu Georg. Es mußte wohl wahr sein,
+denn Georg behauptete, sie habe ein unerhörtes Glück und sie hätte nur
+gleich »ja« sagen sollen, damit ihr nicht andere Leute zuvorkämen. Warum
+sie denn auch gar kein Wort geantwortet habe?
+
+»Es ist wahr,« sagte Frau Greiner, »ich war halt ganz wie aus den Wolken
+gefallen, denk nur, alle miteinander übers Meer, die weite Reise! Aber
+schön müßt’s sein, was könnt’ man da alles sehen, und ganz freie
+Überfahrt und drüben den dreifachen Lohn! Ach, der Herr wird jetzt doch
+nicht beleidigt sein, daß ich so dumm dreingeschaut hab’, er wird doch
+auch gewiß kommen? Was meinst, Georg?«
+
+Immer rascher ging Frau Greiner dem Dorf zu, sie konnte es nicht mehr
+erwarten, mit ihrem Mann zu reden. Im Ort, gerade beim Wirtshaus,
+trennte sich ihr junger Begleiter von ihr. »Sag’s noch niemand, Georg,
+weißt, es gibt so viel Neider, schweig still davon, gelt?« empfahl sie
+ihm noch an; aber er lachte nur und ehe noch Frau Greiner, die ganz oben
+im Dorf wohnte, ihr Haus erreichte, hatte Georg die merkwürdige
+Begegnung schon all seinen Hausgenossen erzählt.
+
+Es war schon fast eine wehmütige Abschiedsstimmung, mit der die junge
+Frau durchs Dorf ging. Sie sah nach rechts und nach links und grüßte mit
+besonderer Herzlichkeit die Dorfbewohner. Alle waren ihr bekannt, und in
+dem Augenblick waren sie ihr auch alle lieb, weil sie dachte, sie würde
+sich bald von ihnen trennen. Der Verdruß über die schlechte Einnahme war
+ganz überwunden durch die Hoffnung auf zukünftige Reichtümer, und dann
+hatte sie ja auch noch den Taler in der Hand als Unterpfand, als Beweis,
+wenn ihr Mann etwa die wunderbare Mär nicht glauben wollte.
+
+Aus dem Hause drang ihr Kindergeschrei entgegen und als sie die
+Stubentüre aufmachte, wurde sie von allen Seiten mit der Nachricht
+begrüßt, Alex habe fast den ganzen Tag geschrien. Da lag das arme
+Büblein in seinem schönen Wagen, zog die Beinchen in die Höhe und
+kreischte wie ein Kind, das Schmerzen hat. Es war gar keine Möglichkeit,
+die große Neuigkeit mitzuteilen, die sie eben noch ganz erfüllt hatte,
+sie verstand ihre eigenen Worte nicht. Deshalb nur schnell die guten
+Kleider abgelegt, die große Schürze umgebunden und den Kleinen auf den
+Arm genommen. Lange wollte er sich nicht beruhigen. »Ein paar Stücklein
+Hering hat er heut’ mittag gegessen und seitdem schreit er,« berichtete
+Marie. Mütterlich sprach die Frau dem Kleinen zu, ob er gleich nichts
+davon verstand: »Gelt, armer Kerl, gelt dir tut’s weh; gelt, ja, das
+sind böse Leut, die geben dir deinen Soxhlet nicht, sei nur still, mein
+Schatz, ich kauf’ dir Milch, still, still! Marie, spring in Gottes Namen
+und hol’ noch einmal Milch; geh zu Bauers hinüber, von der schönen
+weißen Geiß sollen sie dir was melken; zahlst gleich einen Groschen
+dafür. Nimm so ein Fläschchen mit von seinem Soxhlet, daß ihm’s gut
+bekommt; still, mein Bübchen, die Marie bringt dir Milch; sollst es gut
+haben, so lang du noch bei uns bist. Mußt ja doch bald ins Waisenhaus.
+Still, mein Waislein, still!«
+
+Es war spät abends, alle Kinder schliefen; Mann und Frau saßen beisammen
+und sprachen von dem großen Plan, den Frau Greiner mitgeteilt und warm
+befürwortet hatte. Wenn Greiner schon im alltäglichen Leben alles schwer
+nahm, wieviel mehr Bedenken machte er sich jetzt, wo die Frage an ihn
+herantrat, ob er mit Frau und Kind auswandern wolle in einen andern
+Weltteil! Es war kein Fertigwerden mit ihm; wenn seine Frau gegen alle
+seine Bedenken etwas vorgebracht hatte, so fing er beim ersten wieder
+an. Als sein Bundesgenosse meldete sich von Zeit zu Zeit der kleine Alex
+mit leisem Wimmern in unruhigem Schlaf. »Wo brächten wir das arme Kind
+unter?« fragte Greiner. Dann kam noch ein weiterer Bundesgenosse, das
+war der Husten: »Siehst doch, ich bin ein kranker Mann,« sagte er,
+»Kranke bleiben am besten daheim.«
+
+Wenn aber dann seine Frau sagte: »In Gottes Namen, ich will dich auch
+nicht in die Fremde treiben, so bleiben wir halt hier und den Taler geb’
+ich dem Herrn wieder zurück,« dann fing wieder Greiner an: »Freilich,
+die Hungerleiderei nimmt hierzulande kein End’, nur zwölf Mark hast
+heut’ heimgebracht und gescholten bist auch noch worden! Leicht könnt’
+man’s schöner haben in Amerika. Wieviel sagst, den dreifachen Lohn, und
+alles will er schriftlich machen? Es ist wohl wert, daß man sich’s
+überlegt.«
+
+So besprachen sie das Für und Wider und kamen zu keinem Entschluß. Es
+war eine schwüle Sommernacht, das Fensterchen der Schlafkammer stand
+offen. In seinen schweren Gedanken sah Greiner hinaus nach dem dunklen
+Wald und nach dem Mond, der mild herabschien; es war ihm, als sähe er
+dies alles zum erstenmal. Schön war’s doch im Thüringer Wald und leicht
+wäre es nicht, davonzugehen. Die Heimatliebe kam ihm deutlich zum
+Bewußtsein, und nun trat seine Frau zu ihm her ans Fensterlein und sie
+lachte nicht wie sonst über sein nachdenkliches Wesen, auch sie sah
+still und ernst hinaus ins Dunkle. »Magdalene,« sagte er, »kannst nicht
+mehr das Lied: ›In allen meinen Taten laß ich den Höchsten raten, der
+alles kann und weiß‹; wie geht’s da weiter?« Sie brachten den Vers
+zusammen, und trotz aller Unentschiedenheit war Friede in ihr Gemüt
+gekommen, als sie endlich ihr Lager aufsuchten.
+
+Am nächsten Morgen, als gerade die Familie am Tisch saß und die Mutter
+den Kindern ihren Teil von der dünnen Kaffeebrühe verabreichte, näherten
+sich feste Schritte der Türe. Frau Greiner sah ihren Mann an: »Der
+Amerikaner,« flüsterte sie. »Herein!« Aber der eintrat, war ein anderer
+Gast, ein ganz unwillkommener. Es war der Steuerbote. Ein finsteres
+Gesicht hatte er, vielleicht kam’s daher, daß er selbst so oft mit
+finsterer Miene empfangen wurde. Ein kurzer Gruß wurde gewechselt; der
+Steuerbeamte wies einen Zettel vor, Greiner stand auf, ging an die alte
+Kommode und schloß sie auf. Sein Töchterchen folgte ihm, ängstlich sah
+sie in sein Gesicht und nun auf seine Hände, die ein wenig unsicher ein
+Käßchen öffneten. »Vater, reicht’s?« fragte sie ganz leise und blickte
+besorgt zu ihm auf. Er gab keine Antwort, es war auch nicht nötig, man
+merkte ihm auch ohne Worte die Verlegenheit an.
+
+Er zählte das Geld vor dem Steuerboten auf. »Alles haben wir nun
+freilich gerade noch nicht beisammen,« sagte er entschuldigend. »Der
+Herr wird schon zufrieden sein,« setzte freundlich Frau Greiner hinzu,
+»er bekommt später den Rest, andere haben’s auch nicht beisammen.«
+
+»Anderen wird dann eben gepfändet, was sie an Mobiliar oder dergleichen
+besitzen,« sagte scharf der Beamte und sah sich im Zimmer um. Das war
+ein unheimlicher Blick. Er blieb haften auf Alex’ Kinderwagen. »Da haben
+Sie noch ein schönes Stück, das hat Geldwert,« sagte der Beamte.
+
+»Das bleibt im Haus,« erwiderte Greiner mit ungewohnter Festigkeit.
+Schon manchmal war der Steuerbote mit geringem Betrag abgezogen, aber
+heute war er so zäh! Er wich nicht eher, als bis Frau Greiner den Taler
+herbeigeholt hatte, den ihr der Amerikaner gegeben hatte. Sie hatte ihn
+so schön in einem besonderem Büchschen aufgehoben; es half nichts, er
+mußte eingewechselt und noch zur Hälfte darauf gelegt werden. Erst dann
+verschwand der unliebsame Gast. Mißmutig sah die Frau ihm nach. »Er
+wittert das Geld,« sagte sie, »er hat’s nicht wissen können, daß wir
+noch etwas haben, aber er hat’s gespürt, daß Geld im Haus ist.«
+
+»Es ist ein Elend,« seufzte Greiner, »da geht man wahrhaftig gern aus
+dem Land.«
+
+»So mein’ ich auch; der Taler ist fort, Elias, das ist ein Fingerzeig,
+wir gehen auch fort.«
+
+»Ja, und das gern.«
+
+»Bist entschlossen? Im Ernst?«
+
+»Ja, wie du sagst, es ist ein Fingerzeig.«
+
+»Kinder, Kinder, denkt’s euch nur, wir gehen nach Amerika!« rief die
+Mutter.
+
+Jetzt gab’s Fragen und Verwundern und eine Aufregung war in der kleinen
+Familie wie noch nicht leicht. Daß der Alex nicht mit durfte, das kam
+allen hart vor, aber die Mutter hatte schon einen Plan: Nach Sonneberg
+wollte sie ihn bringen, bei ihrer Mutter wäre er gut versorgt; ihre
+Schwester hatte jetzt lange genug keine Kinder gehabt, die sollte das
+arme Waislein nur nehmen.
+
+Vater Greiner sagte aber fast jede Stunde an diesem Tag: »Wenn er nur
+auch Wort hält, dein Amerikaner!« worauf dann seine Frau entgegnete:
+»Denk nur an den Taler!« Ja, der Taler war das Unterpfand, aber er lag
+nicht mehr da, so wirkte er auch nicht mehr recht.
+
+Im Dorfe hatte sich gar schnell die Nachricht verbreitet, daß die ganze
+Familie Greiner auswandern würde nach Amerika. Dafür hatte schon Georg
+gesorgt. Öfter als sonst ging in den zwei nächsten Tagen die Türe auf,
+die Verwandten und Freunde wollten alle genau hören, wie sich die Sache
+verhielt, und es wurde in Greiners Stübchen mehr gesprochen als
+gearbeitet in diesen Tagen; Greiner drückte zwar unermüdlich seine
+Puppenköpfe aus und mahnte die Seinen, denn von dem Lohn, den sie in
+Amerika bekommen sollten, würden sie jetzt noch nicht satt. Aber seine
+Frau hatte keine Seelenruhe mehr für ihre Puppenbälge; sie dachte nur
+immer an die Zukunft und wie der Auszug zu bewerkstelligen wäre, und die
+Kinder liefen vor das Haus und ließen sich anstaunen als die Reisenden,
+die übers Meer wollten. Einmal kam Georg herein und erzählte, daß ein
+Kamerad aus dem Nachbarort von dem Amerikaner erzählt habe. Ein
+vornehmer Herr sei es, der gut zahle, und beim Wirt habe er geäußert,
+daß er am Mittwoch über Oberhain nach Sonneberg zurück wolle.
+
+Dienstag abend war’s. Die Kinder lagen schon im Bett, Greiner und seine
+Frau hatten auch Feierabend gemacht. Er stand vor der Haustüre und
+rauchte sein Pfeifchen; sie nahm die Puppenköpfe ab, die da und dort
+noch zum Trocknen am Zaun standen, und plauderte dabei mit ihrem Mann,
+als sie durch den dämmernden Abend einen älteren Mann langsam und
+bedächtig die Dorfstraße herauf auf ihr Häuschen zukommen sahen. Die
+Frau bemerkte ihn zuerst, stieß ihren Mann an und sagte: »Der Schulze
+kommt zu dir.«
+
+Dieser Mann, der wohl schon ein Siebziger sein mochte und mit seinen
+weißen Haaren einen ehrwürdigen Eindruck machte, war der Ortsvorsteher
+von Oberhain, der Bauer Ruppert. Schon so lange verwaltete er dies Amt,
+daß Greiner und seine Frau sich die Zeit nicht mehr erinnern konnten, wo
+Ruppert noch nicht der Gemeindevorstand war. Greiner nahm die Pfeife aus
+dem Mund, was er andern gegenüber nie für nötig hielt, und grüßte den
+Alten, der nun zu ihnen trat, um ein Wort mit ihnen zu sprechen. Ins
+Haus wollte er nicht, er war noch rüstig, stand fest und gerade und
+erschien in seinen alten Tagen noch frischer als Greiner. Über den
+Gartenzaun besprachen sich die Männer. Ruppert wollte von Greiner selbst
+hören, was wahr sei von dem Gerede, daß sie nach Amerika übersiedeln
+wollten. Frau Greiner mußte ihm nun genau ihre Begegnung mit dem
+Amerikaner erzählen und alles, was dieser zu ihr geredet hatte.
+
+»Und ihr wollt gehen?« fragte Ruppert.
+
+»Wenn sich alles so verhält, wie der Mann zu meiner Frau gesagt hat, und
+wenn er alles schriftlich vor dem Notar macht, dann wären wir
+entschlossen zu gehen,« war Greiners Antwort.
+
+Eine Stille trat ein. Frau Greiner hatte so ein unbestimmtes Gefühl, als
+ob der Mann, der nun schweigend mit ernstem Ausdruck bei ihnen stand,
+nicht einverstanden wäre. Das konnte sie nicht ertragen. »Es ist doch
+natürlich, daß man aus seinem Elend heraus möchte, wenn man kann, nicht
+wahr? Und wenn einem jemand sagt, du kannst 60 Mark verdienen statt 20,
+so wäre man doch nicht recht gescheit, wenn man nicht zulangen wollte,
+ist’s nicht wahr? Und wie ärmlich ist mein Vater gestorben, alles hat
+man ihm verpfändet! Und meinen Kindern wird’s auch einmal nicht besser
+gehen, wenn wir sie nicht fortbringen aus dem Elend, oder nicht?«
+
+Bei jeder Frage hatte der alte Mann nur zustimmend genickt, wer kannte
+besser als er die Armut im Dorf! »Ja, ja, ja,« sagte er nun langsam und
+bedächtig, »wenn nur _eines_ nicht wäre! Wenn die da drüben in Amerika
+unser Handwerk lernen und wenn sie selbst die Arbeit machen, die wir
+jetzt tun, wer wird dann noch von Thüringen Puppen kommen lassen? Wenn
+die Amerikaner nicht mehr in Sonneberg bestellen, dann fällt die beste
+Kundschaft weg; für 2 Millionen Mark haben die Amerikaner in _einem_
+einzigen Jahr Puppen und Spielsachen nach Amerika kommen lassen und
+gerade am meisten von der Sorte, wie wir sie in unserem Dorf machen. Der
+Bürgermeister von Sonneberg hat schon gar oft mit mir darüber gesprochen
+und die Herren Fabrikanten auch. Wißt Ihr, Greiner, wie mir’s vorkommt,
+wenn Ihr geht? Da oben hinter Eurem Haus kommt doch die Quelle heraus
+für alle unsere Brunnen; gerade so kommt mir’s vor, als wolltet Ihr
+hingehen und die Quelle verschütten, daß der ganze Ort kein Wasser mehr
+hat.«
+
+Da fiel Frau Greiner ihm in die Rede: »Nein, nein,« sagte sie, »wegen
+der Quelle dürfen Sie keine Sorge haben, das tät mein Mann nie, mit dem
+Graben ist’s ohnehin nicht viel bei ihm.«
+
+»Magdalene, was red’st so ungeschickt,« sagte Greiner, »das ist nur so
+sinnbildlich gesagt!«
+
+»Ja, Greiner,« nahm der Ortsvorsteher wieder das Wort, »es ist zum
+Vergleich. Wenn eine Familie hinübergeht und zeigt’s den Amerikanern,
+wie sie’s machen sollen, so ist’s eine Gefahr für unsere Einnahmequelle.
+Für _Euch_ könnt’s ein Glück sein, aber für das ganze Dorf kann’s zum
+Unheil ausschlagen. Unsere Leute haben keinen andern Verdienst als ihre
+Puppen, das wollt’ ich Euch zu bedenken geben, darum bin ich
+heraufgekommen.«
+
+Frau Greiner sah ihren Mann ängstlich an, ob er wohl etwas gegen diese
+Worte zu sagen wüßte. Ihr selbst wollte gar nichts einfallen. Ja, jetzt
+entgegnete er etwas. »Wer weiß, ob’s dem Herrn Amerikaner gelingt da
+drüben?« fragte er. »Es wird so leicht nicht sein, daß er das gerade so
+einführt, wie’s bei uns seit hundert Jahren oder wer weiß wie lang schon
+ist.«
+
+»Da habt Ihr recht. Aber ich rechne so: Gelingt’s ihm nicht, so werdet
+auch Ihr Euer Glück nicht machen, Ihr werdet ihm bald zur Last sein.
+Gelingt’s aber, die Industrie dort einzuführen, dann ist’s der helle
+Schaden für uns herüben, das ist leicht einzusehen.« Ja, das war
+einleuchtend, die Frau war schon ganz überzeugt. Aber ihr Mann? Sie
+mußte sich nur wundern, er war halt doch ein ganzer Mann, sogar mit dem
+Schulz konnte er’s aufnehmen, denn er wußte wieder etwas dagegen zu
+reden.
+
+»Auf jeden Fall,« sagte Greiner, »braucht so etwas Zeit. Bis die da
+drüben die Kunst so los haben, wie wir, geht wohl ein Jahrzehnt dahin,
+und bis das dann im ganzen Amerika bekannt wird und sie die Puppen von
+dem Herrn beziehen, statt wie bisher von unsern Fabrikanten, da kann’s
+noch lang dauern, bis dorthin leben wir wohl nicht mehr.«
+
+Die Frau nickte beifällig. »Ja, so weit hinaus sorgt niemand,« sagte
+sie zustimmend.
+
+»Das denkt Ihr so, weil Ihr jung seid,« sagte Ruppert zur Frau. »Mir
+kommt’s nicht soviel vor, so zwanzig Jährlein, und an die Nachkommen muß
+man auch denken. Für wen hat denn der Gemeindeförster den Abhang da oben
+frisch aufgeforstet? Für uns nicht, kaum für die Kinder, für die
+Kindeskinder vielleicht. Und wo nehmen wir unser Holz her? Von _den_
+Bäumen nicht, die wir gepflanzt haben, die Alten haben uns dafür
+gesorgt, die lange schon tot sind. Darum meine ich, wir dürfen, da wir
+so arm sind in unsern Walddörfern, unsern einzigen Verdienst nicht den
+Amerikanern bringen. Warum? – weil unsere Enkelkinder auch noch essen
+wollen!«
+
+Nun nickten sie beide zustimmend, Mann und Frau. Daß die Enkelkinder
+auch noch essen wollten, das war berechtigt.
+
+»Es ist schon wahr,« sagte Greiner mit schwerem Seufzer, »am Unglück vom
+Dorf möchte ich nicht schuld sein.«
+
+»Ich noch weniger, lieber Gott, wenn man dächte, es wäre gar kein
+Verdienst mehr im Ort, es wäre ja zum Verzweifeln. Wenn aber der
+Amerikaner eine andere Familie mit hinübernimmt?« fragte Frau Greiner.
+
+»Von unserem Dorf geht keine mit,« entgegnete Ruppert, »unsere Leut
+kenn’ ich und will schon mit ihnen reden, und wegen der Nachbarorte will
+ich schon sorgen; wenn man mit dem Amtmann spricht und mit den Pfarrern
+und Lehrern und mit den Ortsvorstehern und dem Notar, dann wird der
+Amerikaner auch nichts erreichen.«
+
+Schon eine gute Weile war in den stillen Sommerabend das Schreien des
+kleinen Alex herausgedrungen, jetzt ließ sich auch noch der Johann
+vernehmen und die Mutter ging hinein. »Ihr habt jetzt ein Kostkind?«
+fragte Ruppert.
+
+»Ja, mein Schwesterkind ist’s.«
+
+»Was bekommt ihr Kostgeld dafür?«
+
+»So ein Kostkind ist’s nicht, für das man Kostgeld bekommt, wir haben’s
+bloß aus Barmherzigkeit, weil die Eltern tot sind und das Vermögen
+verloren.«
+
+»Ist denn gar nichts für die Kinder übrig geblieben? Der Mann Eurer
+Schwester war doch reich?«
+
+»Ich weiß selbst nichts weiter, der Vormund hat uns halt das Kind
+geschickt. Gewollt haben wir’s nicht; das große Mädchen hätten wir gern
+genommen, aber der Kleine ist ihnen übrig geblieben.«
+
+»Der Vormund hat sich’s leicht gemacht. Etwas Kostgeld hättet Ihr Euch
+ausbedingen sollen. Jetzt gute Nacht, Greiner. Wenn morgen wirklich der
+Amerikaner kommen sollte, so sagt’s ihm nur, er könne sich die Mühe
+sparen, in den Häusern herumzulaufen, von Oberhain gehe keiner mit, die
+halten alle fest zusammen gegen Amerika.«
+
+»Ja, ja, das tun wir auch.«
+
+Die Gestalt des alten Mannes verschwand im Halbdunkel des Sommerabends,
+und Greiner kehrte in die Hütte des Elends zurück, aus der hinaus er
+sich geträumt hatte.
+
+Bald wurde es still und dunkel im Häuschen. Doch nach Mitternacht
+erwachte Frau Greiner an einem schweren Traum: Hungrige Enkelkinder
+wollten dem kleinen Alex ein Leid tun. Sie fuhr auf in ihrem Bett: da
+stand ihr Mann am Wagen des Kleinen und schob das weinende Kind im Wagen
+sanft hin und her. »Kannst liegen bleiben,« sagte der Mann zu ihr, »es
+ist ja _meiner_ Schwester Kind.« Da legte sie sich behaglich und sagte
+schon wieder halb schlafend: »Es ist recht, Elias, du wirst nicht so müd
+sein wie ich.«
+
+Als am nächsten Morgen die Kinder kaum erwacht, schon miteinander
+anfingen zu plaudern von der Reise übers Meer, da war’s doch traurig,
+ihnen sagen zu müssen, daß über Nacht das ganze Luftschloß eingestürzt
+sei, daß man nicht nach Amerika ginge, sondern alles bliebe wie bisher.
+Sie waren noch zu klein, um den wahren Grund zu verstehen; als sie aber
+gar nicht abließen, danach zu fragen, half sich die Mutter auf ihre Art
+und sagte: »Kinder, seid zufrieden, da drüben gibt’s noch
+Menschenfresser.«
+
+»Aber der Amerikaner geht doch auch hinüber!«
+
+»Der freilich; Herren fressen sie nicht, bloß Kinder.« Da gaben sie sich
+zufrieden.
+
+Im ganzen Dorf war in diesen Tagen von nichts anderem die Rede gewesen
+als davon, daß Greiners übers Meer gingen, und dann, daß sie nun doch
+nicht gingen, weil Ruppert gesagt habe: keiner, der’s mit Oberhain gut
+meine, dürfe dem Amerikaner folgen. Als nun dieser Herr, nichts ahnend
+von der Stimmung, die gegen ihn gemacht worden war, am Mittag ins Dorf
+kam, sahen ihn alle, die ihm begegneten, scheu an, wie den Versucher zum
+Bösen, und mit knapper Not waren sie so artig, ihm die Wohnung des
+Drückers Greiner zu zeigen, nach der er fragte.
+
+Den ganzen Morgen war es unserer Frau Greiner schon unbehaglich bei dem
+Gedanken, daß der Herr nun abgewiesen werden mußte, und wohl zehnmal
+wollte sie von ihrem Manne hören, wie er es denn vorbringen wolle.
+Während sie an der Arbeit saßen, wurde der kleine Philipp immer wieder
+vors Haus geschickt, nachzusehen, ob kein Fremder die Dorfstraße
+heraufkomme, und richtig, so gegen Mittag war es, da kam er
+hereingerannt und rief: »Er kommt, er ist schon da!« Und dem kleinen
+Kerl auf dem Fuß folgte der lange Amerikaner mit dem hellen Anzug und
+dem Reiseschal schräg über die Achsel geknüpft. Er mußte sich bücken,
+als er durch die kleine Türe eintrat, denn er war wohl einen Kopf größer
+als Greiner, der nun von der Arbeit aufstand, während seine Frau ihre
+Verlegenheit zu verbergen suchte, indem sie nur um so eifriger an ihren
+Puppenbälgen nähte, als ob sie der Besuch nichts anginge.
+
+Das half ihr aber nichts, denn der Amerikaner wandte sich gleich an sie:
+»Wie geht es, Madame Greiner?« fragte er; »haben Sie meinen Vorschlag
+Ihrem Manne mitgeteilt? Ja? Haben Sie meine Sache vertreten?«
+
+Da sah Frau Greiner hilfesuchend zu ihrem Mann auf, und der antwortete
+an ihrer Stelle: »Sie hat’s schon getan, daran hat sie’s nicht fehlen
+lassen; es wäre auch nicht so ohne, elend genug ist’s bei uns, wie Sie
+sehen. Aber der Beschluß ist doch so ausgefallen, daß wir nicht gehen.«
+
+»Das wollen wir uns doch erst überlegen, Sie und ich. Ich denke mir
+wohl, daß Sie nicht gleich einem fremden Mann, wie ich bin, vertrauen
+wollen, und auch ich müßte erst vom Arzt hören, ob Sie gesund genug
+sind, und noch anderes mehr. Die Unterhandlungen fangen jetzt erst an,
+Sie müssen nicht gleich von einem Beschluß reden. Sie dürfen mir selbst
+einen Notar vorschlagen, mit dem wir die Sache besprechen wollen.«
+
+»Der Notar kann da nichts ändern,« sagte Greiner, »wir Oberhainer gehen
+nicht hinüber.«
+
+Der Amerikaner schien betroffen, er merkte jetzt, daß die Sache doch
+wohl schon reiflich überlegt war.
+
+»Sagen Sie mir, warum nicht. Ich habe Ihnen Vertrauen entgegengebracht,
+ich darf wohl auch von Ihnen Vertrauen erwarten?«
+
+Nun sprach Greiner frei heraus; sagte, daß er die Puppenindustrie nicht
+nach Amerika bringen und dadurch sein Heimatland schädigen wolle; auch
+dann nicht, wenn er selbst dabei reich werden könnte; und so wie er
+dächten auch die andern Familien im Ort.
+
+Darauf schwieg der Amerikaner. Greiner ging wieder an sein Geschäft –
+die Pause war schon lang gewesen für einen Wochentag, auch die Kinder
+rührten wieder die Hände. Philipp stopfte Sägspäne in die Bälge. Marie
+wandte mit fabelhafter Geschicklichkeit die zugenähten Körper um, und
+der lange Herr sah staunend auf sie herab. Ja, solche Familien hätte er
+gerne gehabt, drüben in seinem Wald: Leute mit solch ehrenwerter
+Gesinnung und mit solchem Fleiß und Geschick, Leute, die zufrieden waren
+in solch ärmlicher Umgebung.
+
+Als er so still dastand, sah Frau Greiner zu ihm auf und beschämt zog
+sie ein Päckchen Geld aus ihrer Tasche: »Etwas fehlt an dem Taler, den
+Sie mir gegeben haben,« sagte sie, »weil der Steuerbote so dumm
+dahergekommen ist, wie wir gerade nur noch den Taler im Besitz gehabt
+haben.«
+
+»Ich habe doch gesagt, du sollst hinuntergehen zum Schulzen,« sagte
+Greiner, »er soll dir darauf legen, was fehlt, bis nächsten Samstag. Der
+hat’s und tut’s gern.«
+
+»Nicht nötig,« sagte der Amerikaner, »es war nicht ausgemacht, daß ich
+den Taler wieder bekomme. Es war ein Geschenk.«
+
+Und nun grüßte er und sie grüßten ihn, und er zog von dannen, zum Ort
+hinaus, ohne einen Versuch bei andern Familien zu machen. –
+
+In der Nähe von Greiners Häuschen war schon den ganzen Morgen ein
+Bursche herumgestrichen: Georg, der junge Fabrikarbeiter, der bei der
+ersten Begegnung mit dem Amerikaner dabei gewesen war. Einem Kameraden
+hatte er aufgetragen, ihn wegen eines bösen Fußes in der Fabrik zu
+entschuldigen. Als aber der Amerikaner den Ort verließ, folgte ihm Georg
+mit seinem bösen Fuß erstaunlich schnell. Der Amerikaner ging mit langen
+Schritten vorwärts, Georg hielt sich immer eine Strecke hinter ihm, bis
+das Dorf außer Sicht war und sich der Wald dazwischenschob. Dann eilte
+er vorwärts, versicherte sich noch einmal, daß niemand des Weges kam,
+lief dem Fremden nach und redete ihn an. Dieser erkannte ihn sofort.
+Einen Augenblick dachte er, Greiner habe ihn nachgeschickt. Vielleicht
+bereute er die Abweisung; aber er merkte bald, daß es nicht so war.
+
+»Ich wollte den Herrn nur fragen, ob er mich nicht nach Amerika
+mitnehmen wolle. Ich bin mit dem Puppengeschäft aufgewachsen und ich
+wüßte noch einen Burschen und ein Mädchen aus dem Ort, die wären auch
+bereit, mitzugehen; wir drei könnten so gut wie die Greiners die Leute
+in Amerika anweisen.«
+
+Eine Weile besann sich der Amerikaner. »Wißt Ihr auch den Grund,« fragte
+er, »warum die Familie Greiner nicht mit mir zieht?«
+
+»Ja wohl weiß ich’s, daß sie unser Dorf nicht um seinen Verdienst
+bringen wollen. Aber ich bin aufgeklärter, ich denke: Jeder ist sich
+selbst der Nächste, und soviel ich von Amerika weiß, denken sie da
+drüben auch so und machen Geld, soviel sie können.«
+
+»Ja, ja, das ist ganz richtig,« sagte der Amerikaner. »Es ist auch das
+Vernünftigste. Aber wenn ich doch einmal Deutsche mitnehme, dann will
+ich _richtige_ Deutsche, die das Gemüt haben, wie es nur die Deutschen
+haben, die so denken wie dieser arme Mann, der Greiner, denkt. Sie sind
+kein solcher; Sie haben kein Herz für Ihr Dorf: Sie würden auch für mein
+Geschäft kein Herz haben, sondern würden mich verlassen, sobald Ihnen
+ein anderer einen Dollar mehr böte. Guten Abend.«
+
+Mit diesem unverhofften Gruß ging der Fremde nach der andern Seite der
+Straße und hatte keinen Blick mehr für Georg. Der stand da, halb zornig,
+halb beschämt, sah eine Weile dem langen Amerikaner nach, wandte sich
+dann und schlich langsam zurück ins Dorf. Wer ihm jetzt begegnete, der
+konnte eher glauben, daß er einen bösen Fuß habe.
+
+Armut und Sorge, Not und Entbehrung lasten immer schwer auf dem
+Menschen, aber am schwersten trägt er daran, wenn er einen Augenblick
+gemeint hat, er habe die Last los, und wenn sie ihm nun aufs neue
+aufgebürdet wird. Es war eine trübe Stimmung im Hause des Drückers in
+den nächsten Wochen, bis allmählich die Erinnerung an den Plan der
+Auswanderung verblaßte und sie wieder eingewöhnt waren in das alte
+Elend!
+
+Klein Alex aber schien sich nicht einzugewöhnen; er nahm nicht zu und
+wurde nicht kräftig wie andere Kinder seines Alters. Wenn gerade Geld
+und Zeit übrig war, so wurde ihm Milch geholt und er wurde so gut
+gepflegt, wie’s eben seine Pflegemutter verstand. War aber Mangel im
+Haus und drängte die Arbeit, dann mußte sich der Kleine wieder mit
+Kartoffeln begnügen und Kaffeebrühe trinken wie die andern Kinder auch.
+»Er verträgt’s nicht,« sagte dann Greiner und sah trübselig auf das
+Kleine, das bei Nacht _sein_ Pflegekind war.
+
+»Nein, er verträgt’s nicht, er ist an seinen Soxhlet gewöhnt,« sagte die
+Mutter. »Aber gut ist’s, daß er’s nicht weiß und nicht bös auf uns ist,
+gelt du Kleiner, gelt du magst uns doch? Hast’s ja so gut bei uns, kein
+Mensch darf dir was tun! Und am Sonntag, da wird’s lustig, da fahren wir
+dich in Wald hinaus, wo die Vöglein singen und pfeifen, gelt du freust
+dich, kleiner Schelm?«
+
+So plauderte sie mit ihm, ohne die Arbeit aus der Hand zu legen, und
+lachte ihm freundlich zu, und Marie, Philipp und Johann machten es der
+Mutter nach. Dann lächelte der Kleine so hold, daß sie ihn alle lieb
+hatten und ihm sein vieles Schreien verziehen. Sie beachteten es nicht
+so im Drange der Arbeit.
+
+Sommer und Herbst waren vergangen. Das letzte Schiff, das die Puppen zu
+Weihnachten nach Amerika bringen sollte, war abgefahren, und was unsere
+kleinen Leute gearbeitet hatten, war nun auf der Reise in aller Herren
+Länder. Und nun stockte die Arbeit. Die Fabriken in Sonneberg gaben
+keine Aufträge mehr. Das war alle Jahre so im Winter, aber es war immer
+wieder ein Schrecken für die Leute, wenn der Verdienst aufhörte. Und
+doch konnten sie die Ruhe so notwendig brauchen. Der Kartoffelacker
+mußte bestellt und Holz gesammelt werden. Die Kammer, der man den ganzen
+Sommer versprochen hatte, daß sie auch einmal geputzt werden sollte,
+wurde nun rein gemacht. Die Kleider wurden geflickt, und wer kein gutes
+Hemd mehr hatte, für den wurde jetzt ein neues genäht. Aber die Kost
+wurde immer schmäler.
+
+Um die Weihnachtszeit war’s am schlimmsten. »Marie, geh zum Krämer,«
+sagte die Mutter, »hol einen Hering zu Mittag. Drei Pfennige nimmst mit,
+was er mehr kostet, soll der Krämer aufschreiben.« Marie kam zurück mit
+leeren Händen. »Er gibt’s nicht mehr auf Borg; es wird ihm gar zuviel,
+sagt er; aber ich soll ein Töpfchen bringen, von der Heringsbrüh wolle
+er mir geben um drei Pfennig.« Und Marie nahm ein Töpfchen. »Sei doch
+gescheit und nimm den großen Topf mit, dann bekommst mehr,« sagte Frau
+Greiner. Aber der Krämer war auch gescheit; er machte den Topf nur zur
+Hälfte voll.
+
+»Die Brüh ist kräftig,« sagte Frau Greiner, als sie sie zu den
+Kartoffeln auf den Tisch setzte, »man könnt’ meinen, man hätte einen
+Hering, so stark schmeckt sie.« »Ja,« sagte Greiner, »aber hintennach
+merkt man’s doch, daß man keinen Hering gegessen hat. Man wird halt gar
+nicht satt von der Brüh.« »Wart nur, im Sommer, wenn die gute Einnahm’
+kommt, dann holen wir wieder Speck.« So wurde schon im Dezember die
+harte Arbeitszeit wieder ersehnt.
+
+Weihnachten kam. Die Wege waren verschneit, das Eis glitzerte an den
+Bäumen, aber doch wanderten gar viele Dorfbewohner durch den
+winterlichen Wald, Sonneberg zu, das Christfest in der Kirche zu feiern.
+Auch Greiner und seine Frau gingen miteinander hin. Die Kinder ließen
+sie ruhig allein, brav waren sie gewiß an diesem Morgen, denn sie wußten
+von vergangenen Jahren: Vater und Mutter kehrten nach der Kirche bei der
+Großmutter ein, und die schickte Lebkuchen, für jedes Kind einen, und
+diese Freude warf ihren Schimmer voraus auf das Trüpplein der Kinder,
+das daheim neben dem Ofen kauerte und wartete, wartete eine Stunde nach
+der andern, unfähig an etwas anderes denken zu können, als an den
+Lebkuchen. Jetzt stapfte jemand in den Hausgang herein; der Postbote,
+dick beschneit, erschien unter der Türe, und als er nur die Kinder sah,
+rief er: »Ist der Vater nicht da oder die Mutter? Da ist ein Paket, ist
+wohl ein Christstollen darin. Daß ihr’s nicht aufmacht! Ich leg’s lieber
+da hinauf.« Und der Bote legte den Pack oben hin auf den Kleiderschrank
+und ging. Das war nun eine Aufregung! Da standen sie alle, die Marie,
+der Philipp und der Johann und sahen andächtig hinauf nach dem großen
+Paket in seinem braunen Packpapier und wiederholten, was der Postbote
+gesagt hatte: »Es ist wohl ein Christstollen.« Der Philipp, der sich das
+Paket näher besehen wollte, trug einen Stuhl herbei und hätte den Pack
+auch wohl heruntergeholt; aber das wollte Marie nicht erlauben und darum
+fing sie an, an dem Stuhl zu rütteln, so daß der Philipp schrie und froh
+war, als er glücklich wieder auf festem Boden stand. Und nun knieten sie
+auf der Bank am Fenster, kratzten das Eis von den Scheiben und sahen
+hindurch, ob denn die Eltern immer und immer noch nicht kämen.
+
+Endlich tauchten sie auf, die zwei beschneiten Gestalten; der Vater kam
+hustend und frierend gleich auf den Ofen zu, die Mutter konnte nicht
+vorwärts kommen, so wurde sie bedrängt und umringt von den Kindern und
+ihr Korb bestürmt wegen der Lebkuchen. Auch der kleine Alex im Wagen tat
+einen kleinen Juchzer, als er die Mutter wieder sah, und auch er bekam
+von dem Weihnachtsgebäck. »Wenn’s ihm nur gut bekommt, gib’s ihm lieber
+nicht,« sagte Greiner sorglich. Aber ganz entrüstet rief seine Frau:
+»Ich werd doch nicht ihm allein keinen Lebkuchen geben, wenn alle einen
+essen? er muß doch auch merken, daß Christtag ist: da, mein Bübchen, da,
+heute ist Weihnacht!«
+
+Einen Augenblick hatte das heißhungerige Verlangen die Kinder sogar das
+Paket vergessen lassen, aber noch mit dem ersten Bissen im Mund
+verkündeten sie das Ereignis. Philipp sprang wieder auf den Stuhl und
+Marie wehrte ihm nicht, so schleppte er das Paket auf den Tisch, und
+unter gespannter Aufmerksamkeit wurden die Schnüre gelöst. Alle drängten
+sich heran und mit unbeschreiblichem Jubel wurde der Christstollen
+begrüßt, den der Postbote prophezeit hatte, und was auch dieser nicht
+geahnt hatte: ein ganzer Kranz Würste, gute feste Siedwürste, und noch
+etwas gar liebliches: ein rosa Kinderkleidchen.
+
+Die Sendung kam von Fräulein Elisabeth; sie hatte dem kleinen Alex das
+Kleid gemacht, der ganzen Familie zum Gruß für die Feiertage den Stollen
+gebacken und ihre Eltern hatten die Würste beigelegt. In einem Brief
+voll Liebe und Teilnahme fragte sie nach ihrem Liebling und ob ihn auch
+alle lieb hätten. Da umringten sie den Kleinen im Gefühl, daß sie ihm
+das alles verdankten, und sagten ihm liebe Worte, und er lachte laut,
+als sich all die freundlichen Gesichter über ihn beugten. Aber das
+schöne Kleidchen konnte ihm Frau Greiner nicht anziehen; so war er nicht
+gewachsen und gediehen, wie sich’s wohl Fräulein Elisabeth vorgestellt
+hatte. »So sollte er halt jetzt sein,« sagte Greiner. »Wir heben das
+Kleidchen gut auf, bis übers Jahr wird er hineingewachsen sein,« sagte
+die Mutter und verwahrte es sorgsam.
+
+Das gab ein Festmahl heute! Wie taute der halb erfrorene abgemagerte
+Mann auf, als die heißen Würste aufgetragen wurden, und wie schmeckte
+diese ganze Woche die Kaffeebrühe so wunderbar, wenn der köstliche
+Stollen dazu eingetunkt wurde! Ja, der Dank kam aus dem Herzen, den
+Vater Greiner in einem Brief zu Neujahr an Fräulein Elisabeth im Namen
+der ganzen Familie aussprach! –
+
+Januar war’s, kalte kurze Tage und keine Arbeit im Haus. Nicht einmal
+bei Nacht konnte man die Sorgen verschlafen, denn Alex war krank. Eine
+Frau im Dorf hatte geraten, ihm von Zeit zu Zeit Überschläge zu machen
+auf das heiße Köpfchen, und das besorgte Greiner. So saß er in der
+stillen Nacht an dem Kinderwagen, und indem er auf das schöne Kind
+seiner verstorbenen Schwester sah und sich fragte, ob es wohl bald
+seiner Mutter nachfolgen würde, kam den Mann, der jahraus jahrein
+handwerksmäßig die gewohnten Puppenköpfe formte, das Verlangen an, dies
+Kinderköpfchen nach dem Leben zu bilden. Hätte er nur Wachs gehabt, wie
+er es in seinen jungen Jahren auf der Schule verwendet hatte, so hätte
+er sich’s wohl zugetraut.
+
+Es gab aber ein paar Jungen im Dorfe, die jeden Tag nach Sonneberg in
+die Industrieschule wanderten. Dort lernten sie Menschen und Tiere aus
+Wachs bilden. Durch diese konnte er sich welches verschaffen. Er sagte
+nichts davon zu seiner Frau; aber er ging frühmorgens vors Haus, paßte
+einen der Burschen ab und am Abend hatte er schon, was er brauchte zu
+seinem Vorhaben.
+
+Und bei Nacht machte er sich an die Arbeit. Nie hatte es ihm Freude
+gemacht, in den Formen Köpfe auszudrücken, die ihm die Fabrik übergab;
+denn die Puppenköpfe, die da herauskamen, gefielen ihm nicht, er machte
+sie nur, weil er Geld dafür bekam. Aber nun hatte er eine Arbeit, die
+ihm Freude machte; er konnte etwas Schönes schaffen, wie vor zwanzig
+Jahren, wo er auf der Schule war. Mit jugendlichem Eifer ging er daran
+und nach ein paar Stunden hatte er ein Köpfchen geformt, das Ähnlichkeit
+hatte mit dem des kleinen Alex. Aber als er es am nächsten Morgen
+heimlich bei Tageslicht ansah, war er unzufrieden mit seinem Werk. Wohl
+waren die einzelnen Züge ähnlich, aber die Anmut und Lieblichkeit, die
+dem ganzen Gesichtchen einen besonderen Reiz verlieh, die fehlte. Mit
+einem einzigen Druck der Hand zerstörte er die Arbeit der vergangenen
+Nacht; er hielt wieder das formlose Wachs in Händen und legte es mutlos
+beiseite.
+
+In der nächsten Nacht, als der Kleine unruhig wurde und dann im Weinen
+innehielt und verlangend die Arme nach ihm ausstreckte, war Greiner
+wieder ergriffen von dem rührenden Ausdruck des Gesichtchens. Kaum war
+das Kind beruhigt, so konnte er dem Verlangen nicht widerstehen, setzte
+sich an die Arbeit, formte aufs neue und allmählich kam’s ihm in die
+Finger, daß er das zum Ausdruck zu bringen vermochte, was er vor sich
+sah. Ja, nun schien sein Köpfchen Leben zu haben; beglückt betrachtete
+er sein Kunstwerk. Diesmal verbarg er es nicht, er stellte es oben auf
+den Kleiderkasten; er wollte hören, was seine Frau dazu sagen würde.
+
+In der Dunkelheit des Januarmorgens bemerkten weder die Frau noch die
+Kinder beim Aufstehen das kleine Köpfchen, das auf dem Schrank stand,
+und Greiner hatte eine gewisse Scheu, davon zu sprechen. Doch lächelte
+er beim Frühstück so traumverloren vor sich hin, daß seine Frau ihn
+verwundert ansah. Sie hatte aber nichts dagegen, daß er so vergnüglich
+dreinschaute, es war ihr schon lieber als das sorgliche und grämliche
+Gesicht, das sie an ihm gewöhnt war. Gegen acht Uhr richtete Marie sich
+zur Schule. Sie ging in die Kammer, ihr Tuch zu holen. Der Vater horchte
+auf ihre Schritte – richtig, jetzt machte sie Halt, sie mußte etwa vor
+dem Schrank stehen. »Mutter,« rief sie nun aus der Kammer, »was steht
+denn da oben?«
+
+»Ich weiß doch nicht, was du meinst.«
+
+»Da oben auf dem Schrank, es sieht aus, wie ein Kopf.«
+
+Jetzt wurde die Mutter aufmerksam und Philipp sprang neugierig in die
+Kammer. »Ein Puppenkopf ist’s,« rief er, »aber kein solcher,« und er
+deutete auf die, welche sein Vater auspreßte.
+
+»Auf dem Schrank steht doch kein Puppenkopf, oder hast du etwas
+hinaufgestellt, Elias?«
+
+»Mußt eben sehen,« sagte der mit seinem wunderlichen Lächeln. Jetzt ging
+die Mutter selbst hinaus und Greiner schaute ihr nach. Vorsichtig hob
+Frau Greiner das Köpfchen herunter, nahm es vor ans Kammerfenster; die
+Kinder folgten ihr, der Vater horchte hinaus. »Das ist gar kein
+Puppenkopf,« hörte er jetzt seinen Philipp sagen, »das ist ja der Alex.«
+
+»Gerade hab’ ich’s auch gedacht,« rief die Frau, »unser Alex, ja ganz
+wie er leibt und lebt.«
+
+Da hörten sie Greiner laut und vergnügt lachen, wie sie’s gar nicht
+gewöhnt waren. »Was lachst denn du so?« fragte seine Frau und kam zu
+ihm mit dem kleinen Kunstwerk in der Hand.
+
+»Mich freut’s halt, daß ihr’s erkannt habt. Bei Nacht hab’ ich’s
+gemacht, daß wir doch ein Andenken haben, wenn der Kleine sterben
+sollte,« setzte er schon wieder in seiner gewohnten sorglichen Weise
+hinzu.
+
+»So steht’s nicht um ihn, daran brauchst gar nicht zu denken.« Sie trat
+an den Wagen, das Kind schlief, sie hielt das Köpfchen daneben. »Gut
+erraten hast’s, wirklich gut!«
+
+»Wenn man danach Formen machte, meinst nicht, das würde schönere
+Puppenköpfe geben, als die alten da?«
+
+»Ja, wahrhaftig, Elias, aber wie müßt’ man das anstellen?«
+
+»Einen andern Weg wüßt’ ich nicht, als daß man den Kopf den Fabrikherren
+zeigt, ob er einem von ihnen so gut gefiele, daß er Formen danach machen
+ließe.«
+
+»Aber der müßt ihn dir abkaufen; für einen neuen Kopf hat mancher schon
+viel Geld bekommen.«
+
+»Ich hab’ ja nichts dagegen, wenn er ihn teuer bezahlt, du mußt ihn halt
+in die Stadt tragen; meine Liebhaberei ist das nicht, zu den Herren zu
+laufen, die einen vielleicht kurz abweisen.«
+
+Die Frau sah das ein. Sie besann sich auch nicht, ob es _ihre_
+Liebhaberei sei. Sie wollte es versuchen. Es gab ja eine ganze Anzahl
+von Fabrikanten in Sonneberg; ihre Schwester wollte sie fragen, an wen
+sie sich wenden sollte, einer würde es schon annehmen. Das Kunstwerk
+wurde nun vorsichtig wieder auf den Schrank gestellt, und am folgenden
+Tage richtete sich Frau Greiner, ihr Glück in der Stadt zu versuchen.
+
+Dem lebendigen kleinen Alex versprach sie beim Abschied, daß es ihm nie
+mehr an Milch fehlen sollte, wenn sein Abbild einen Käufer fände.
+Leichtfüßig ging sie aus dem Haus – Arbeit war nicht abzuliefern, der
+große Huckelkorb hatte seine Ruhezeit. Am Arm ein kleines Körbchen, in
+dem der Schatz geborgen war, ein großes Tuch um Kopf und Brust
+geschlungen, das die Winterkälte abhalten sollte, so verließ sie ihr
+Heim. Der Mann blieb in größerer Aufregung zurück als je vorher. Wenn
+sonst seine Frau zur Stadt ging, so handelte es sich nur darum, ob sie
+etwas mehr oder weniger Geld und Bestellungen heimbringen würde; heute
+aber war die große Frage, ob sie gleichgültig abgewiesen mit leeren
+Händen beschämt heimkommen, einen kleinen Betrag bringen oder gar eine
+große Summe erhalten würde?
+
+Einmal war’s ja vorgekommen im Dorf – das mochte aber schon dreißig
+Jahre her sein – daß einer ein reicher Mann geworden war durch einen
+besonders hübschen Puppenkopf, den er geformt hatte. Es war Greiner
+zumute wie einem, der ein Los genommen, auf das er große Hoffnungen
+setzt, und nun sieht er der Ziehung entgegen – wird’s eine Niete sein,
+ein Gewinnst oder gar der Haupttreffer? Der schöne Traum mit dem großen
+Verdienst in Amerika fiel ihm wieder ein, wie schnell war er verflogen!
+Nun ja, auch _der_ schöne Traum würde wohl heute abend vorbei sein.
+Seine Frau wird den kleinen Kopf wieder heimbringen, vor ihn hinlegen
+und sagen: es hat ihn keiner gewollt. Natürlich, sie hatten ja in
+Sonneberg Formen genug, was sollten sie andere machen? Die alten
+Puppenköpfe gefielen ihnen vielleicht viel besser, sie lachten seine
+Frau wohl aus. Mit all seinem Denken und Fühlen war Greiner bei seiner
+Frau, nur körperlich weilte er unter seinen Kindern. Er sah und hörte
+kaum, was sie trieben.
+
+Inzwischen hatte Frau Greiner die Stadt erreicht und suchte Mutter und
+Schwester auf. – Auch bei diesen stockte in dieser Jahreszeit die
+Arbeit. Die alte Frau saß am Ofen und ruhte, die Schwester flickte,
+friedlich und still war’s im Stübchen. Aus dem Topf auf dem Ofen wurde
+Frau Greiner eine große Tasse voll Kaffee eingeschenkt, der sie angenehm
+erwärmte nach dem langen Marsch durch die Kälte. Sie hatte schon
+erzählt, was sie heute in die Stadt trieb, aber das Kunstwerk war noch
+im Korb.
+
+»So zeig doch einmal den Kopf,« sagte nun die alte Frau. Sorgsam nahm
+ihn Frau Greiner heraus, gespannt sah sie auf der Mutter prüfendes
+Gesicht. »Da spar’ dir nur die Müh’, Magdalene,« sagte sie jetzt, »das
+ist kein richtiger Puppenkopf. Der sieht ja aus wie ein Kinderkopf, den
+nimmt dir kein Fabrikant ab. Jetzt macht der Greiner in die dreißig Jahr
+Köpf’ und weiß noch nicht, wie sie aussehen müssen! Hättest’s ihm wohl
+sagen können, hast’s denn du nicht gesehen?«
+
+»Ja,« sagte die Frau kleinmütig, »anders ist er freilich, als sonst die
+Puppenköpfe sind, aber er hat halt gemeint, so wären sie schöner.«
+
+»Wie, laß mich’s doch auch recht sehen,« sagte die Schwester und stellte
+den Kopf an das Plätzchen, an dem sie sonst jahraus jahrein den Köpfen
+ihren Haarschmuck zurechtmachte. »So einer ist freilich noch nie
+dagestanden,« sagte sie kopfschüttelnd, »aber so unrecht ist er gerade
+nicht. Bei dem jungen Fabrikanten Weber drüben, da wär’s doch nicht
+unmöglich, daß du ihn anbrächtest; da ging’ ich hin, der ist fürs
+Neumodische; wenn der ihn nicht nimmt, dann nimmt ihn keiner.«
+
+»Kennst du den Mann? Gehst du nicht mit mir?« fragte Frau Greiner.
+
+»Bis ans Haus begleit’ ich dich und wart’ unten; hinauf möcht’ ich grad
+nicht, sie sind oft so barsch.«
+
+Die Schwestern gingen miteinander, es war nicht weit. Das Haus war
+geschlossen, am Glockenzug blieben sie zögernd stehen. »Meinst du nicht,
+man lacht mich nur aus mit meinem elenden Köpfchen? Sollt’ ich’s nicht
+bleiben lassen? Der Mutter hat’s ja gar nicht gepaßt.«
+
+»Wenn der junge Herr so zufällig herauskäm’, wär’s freilich besser, als
+wenn man so extra und großartig die Glocke zieht.« Eine Weile standen
+sie zaghaft auf dem kalten Pflaster. Da mußte die junge Frau an daheim
+denken, und es war, als ob sie es spürte, wie ihr Mann mit all seinem
+Denken bei ihr war. »Ich muß in Gottes Namen hinein,« sagte sie, »ich
+könnt’ mich ja vor meinem Elias heut’ abend nicht blicken lassen.« Sie
+läutete; die Türe wurde aufgezogen; die Schwester ging einen Schritt
+zurück und Frau Greiner vorwärts bis an eine Türe mit der Aufschrift
+»Kontor«, und tapfer hinein in das Zimmer, wo an großen Stehpulten zwei
+Herren schrieben.
+
+»Sie wünschen?« fragte der eine, der nur einen Augenblick den Kopf
+erhoben hatte, dann aber eifrig weiterschrieb. Schüchtern und unsicher
+brachte Frau Greiner ihr Anliegen vor. Einen neuen Puppenkopf habe ihr
+Mann gemacht, weil sie ein so schönes Waisenkind hätten, nach dem hätt’
+er’s gemacht, wie’s leibt und lebt; bei Nacht, weil es seiner Schwester
+Kind sei und Umschläge brauchte bei Nacht.
+
+»Ja, gute Frau, was geht denn das uns an, was wollen Sie denn
+eigentlich?« fragte der Schreiber.
+
+»Wir haben gemeint, ob Herr Weber den Kopf nicht kaufen würde?«
+
+»Kaufen? Ja, zu was denn?«
+
+»Daß man Formen danach mache zu Papiermasché-Köpfen. Mein Mann ist
+Drücker in Oberhain.«
+
+»Wenn er Drücker ist, dann soll er nur die Formen schön ausdrücken; aber
+die neuen Köpfe, das könnt’ er wissen, die bezieht Herr Weber nicht von
+den Drückern da draußen im Wald, die werden von den Künstlern geliefert,
+von rechten Künstlern, die ausgebildet sind auf der Kunstschule. So
+etwas muß gelernt sein, gute Frau. Jetzt gehen Sie nur heim und machen
+Sie Ihrem Waisenkind Umschläge, das wird besser sein.« Er lachte und der
+jüngere Herr am nächsten Schreibpult lachte auch. Aber Frau Greiner war
+nicht empfindlich; es waren eben junge Herrn, die machten sich gern
+lustig, das nahm sie nicht schwer. Zeigen wollte sie doch wenigstens den
+Kopf. Sie nahm ihn aus dem Korb. »Das wäre er,« sagte sie; »der Herr
+Weber ist wohl nicht zu Haus, daß ich ihm den Kopf zeigen könnt’?«
+
+»Nein,« sagte der Herr und schaute nur flüchtig nach dem Köpfchen. »Herr
+Weber hat genug neue Muster, fragen Sie nur anderswo; Fabriken gibt es
+ja hier in jedem dritten Haus, jedes Kind auf der Straße kann Ihnen eine
+zeigen.«
+
+Frau Greiner packte ihren Schatz sorgsam wieder ein, und dabei sagte sie
+ganz treuherzig: »Es wär’ mir doch recht gewesen, wenn ich den Herrn
+Weber hätt’ einen Augenblick sprechen können. Weil er doch fürs
+Neumodische ist, und so neumodisch wie der Kopf ist, ganz weich ist er
+noch.« Die Herren lachten, da lachte Frau Greiner mit. »Sie haben halt
+noch gut lachen,« sagte sie, »Sie sind jung. Aber für meinen Mann ist’s
+schon anders, wenn ich mit leeren Händen heimkomm’. Man könnt’s Geld so
+nötig brauchen und er hat schon wunder gemeint, wieviel ich ihm
+heimbring’! Der macht böse Falten hin!«
+
+Halblaut sagte der ältere Schreiber zum jüngeren: »So gehen Sie eben
+hinauf und bitten Sie Herrn Weber, daß er einen Augenblick
+herunterkomme.«
+
+Frau Greiner bemerkte mit großer Genugtuung, daß Herr Weber nun auf
+einmal zu Hause war. Gleich packte sie ihr Köpfchen wieder aus.
+
+So sehr jung war der Fabrikant nicht mehr, der nun eintrat und zu Frau
+Greiner sagte: »Einen Kopf hat Ihr Mann gemacht? So lassen Sie mal
+sehen.« Und während er mit dem Köpfchen in der Hand ans Fenster trat, es
+fortwährend betrachtend, fragte er: »Wie heißt denn Ihr Mann?«
+
+»Elias Greiner.«
+
+»Hat er denn schon mehr verkauft? Nein? Wo hat er’s gelernt?«
+
+»Nur als Bub war er ein halbes Jahr auf der Schul’.«
+
+»So, so, und was verlangen Sie für den Kopf?«
+
+Die letzte Frage war eine feine Frage! Die Augen von Frau Greiner
+leuchteten ordentlich, aber was sollte sie antworten? »Ich weiß nicht,
+was ich verlangen soll,« sagte sie. Inzwischen hatte Herr Weber mit
+seinem Buchhalter leise verhandelt.
+
+»Wer etwas verkaufen will, der muß auch den Preis machen,« sagte der
+Fabrikant.
+
+Da wuchs Frau Greiner der Mut. »Ich denk’ halt so,« sagte sie; »Fabriken
+gibt’s hier in jedem dritten Haus, ich könnt’ überall fragen und es dem
+Herrn geben, der’s am besten bezahlt.«
+
+Die jungen Herren lachten. Aber der Fabrikant wandte sich ernsthaft an
+sie: »Ich will Ihnen etwas sagen, Frau, und Sie können es Ihrem Mann
+ausrichten: der Kopf ist ausgezeichnet geformt, ganz nach dem Leben,
+aber trotzdem, Sie werden ihn doch nicht leicht verkaufen können. Es ist
+kein Puppenkopf, wie man es gewohnt ist. Ihr Mann soll sich einmal
+hundert Puppenköpfe ansehen: alle haben einen Mund so klein, kleiner als
+die Augen und so schmal wie die Nase. Beim Menschen ist es ja nicht so,
+und bei diesem Kopf auch nicht, darum sieht er aus wie ein
+Kinderköpfchen, nicht wie ein Puppenkopf. _Mir_ gefällt es so, weil es
+nach dem Leben ist, ich kann die großen Puppenaugen nicht leiden; aber
+ob es sich gut verkaufen läßt, das fragt sich sehr. Die Kaufleute wollen
+eben die hergebrachten Puppenköpfe, und darum dürfen Sie mir glauben,
+wenn Sie auch zu allen Fabrikanten laufen, Sie werden den Kopf schwer
+anbringen. Aber versuchen Sie es nur.«
+
+Frau Greiner hatte kein Verlangen danach, sie war froh, daß dieser Mann
+an dem Kopf Gefallen fand. Auch flößte ihr seine Art Vertrauen ein. »Ich
+weiß nicht, was ich fordern soll,« sagte sie, »aber wenn Sie ihn kaufen
+wollen, so biete ich ihn niemand anders an. Sie werden mir schon geben,
+was recht ist.«
+
+Noch einmal betrachtete der Fabrikant prüfend das kleine Kunstwerk, dann
+sagte er: »Ihr Mann soll mir schriftlich versprechen, daß er in den
+nächsten Jahren keinen Kopf für einen anderen Fabrikanten macht als für
+mich, dann zahle ich Ihnen für den Kopf 800 Mark; davon gebe ich Ihnen
+die Hälfte gleich mit und die andere Hälfte, sowie Ihr Mann mir das
+Schriftliche bringt. Wenn Sie einverstanden sind, so wird der Handel
+gleich schriftlich gemacht.«
+
+»Ja, ja, ja,« sagte Frau Greiner, »einverstanden bin ich, ganz
+einverstanden,« und die Freude über die hohe Summe überstrahlte ihr
+Gesicht, alle ihre Erwartungen waren übertroffen. Als sie die Summe
+wirklich in die Hand bekam und das Schreiben dazu, sagte der Fabrikant:
+»Ihr Mann soll die andere Hälfte des Geldes selbst holen, ich möchte mit
+ihm reden, vielleicht können wir miteinander verabreden, daß er mir den
+Kopf auch in andern Größen liefert.«
+
+Da fühlte die Frau, daß ihr für jetzt und für die Zukunft eine Last
+abgenommen war, die sie getragen hatte, solang sie zurückdenken konnte –
+die bittere Armut, unter deren Druck sie gestanden, so lange sie lebte.
+Sie sagte noch mit Tränen in den Augen: »Vergelt’s Gott, und mein Mann
+wird sich selbst bedanken,« und ging wie im Traum von dannen. Die Herren
+sahen ihr nach, der Buchhalter meinte: »Die hätt’s auch um weniger
+hergegeben.« »Ja,« sagte der Fabrikant, »aber es wäre nicht recht,
+wollte man die Unwissenheit solch armer Leute ausnützen. Ein Künstler
+hätt’ das Doppelte dafür verlangt. Der Kopf ist vorzüglich, wollen wir
+sehen, ob wir gute Geschäfte damit machen.« Das Abbild des kleinen Alex
+wurde in kostbarem Schrank verwahrt.
+
+Draußen vor dem Haus trippelte frierend Frau Greiners Schwester auf und
+ab. »Aber du hast lang gebraucht! Ich bin ganz erstarrt!«
+
+»Macht nichts, Regine, macht gar nichts. Er hat’s ja gekauft! Rat nur,
+um wieviel? Aber du hättest’s ja doch nie erraten – um 800 Mark, Regine!
+Komm zur Mutter, komm nur schnell!« –
+
+Es war schon dunkel, als Frau Greiner ihr Dorf erreichte. Auf dem langen
+Wege hatte sie sich ihren Plan gemacht: Am Krämer wollte sie vorbeigehen
+und am Metzger, Schulden bezahlen, einkaufen, bar zahlen. Dann, wenn sie
+heimkam, wollte sie die Kinder hinausschicken, die brauchten nichts zu
+wissen von dem vielen Geld. Danach wollte sie zu ihrem Manne sagen: Den
+Kopf nimmt niemand, der hat ja gar so einen großen Mund, und dann, wenn
+er sich recht gegrämt hatte, wollte sie den Korb aufmachen und statt dem
+Kopf die Geldrollen vor ihn legen. Ja, so hatte sie sich’s ausgedacht.
+Als sie aber endlich im Dorf war, mochte sie sich nicht mehr aufhalten;
+einkaufen konnte sie doch später noch, jetzt heim, heim! Und als sie
+die Zimmertüre aufmachte, wo all die Ihren beisammen saßen und auf sie
+warteten, und als ihr Mann auf sie zukam und sie ansah, wie wenn sein
+Leben abhinge von dem Wort, das jetzt über ihre Lippen kommen würde, da
+hatte sie kein Verlangen mehr, ihn zu täuschen; da fuhr sie ihm mit
+beiden Händen über seine schmalen Backen, und strahlend vor Glück rief
+sie: »Um 800 Mark haben sie ihn gekauft, und er will noch mehr von dir!
+Gelt, da kannst lachen, du alter Griesgram du!«
+
+Der kleine Alex hatte geschlafen, als die Mutter heimgekommen war. Nach
+einer Stunde etwa ließ er sein Stimmchen hören und ein einstimmiges:
+»Jetzt wacht er!« kam aus aller Mund; im Augenblick war der Wagen
+umringt von allem was Greiner hieß, denn die ganze Dankbarkeit wandte
+sich dem Kindlein zu. Des Alex’ Gesichtchen war’s ja, das solches Glück
+ins Haus gebracht hatte. Milch hatten sie schon bereit, zwei von seinen
+Soxhletfläschchen standen voll auf dem Ofen. Wie lieblich der Kleine all
+die freundlichen Gesichter anlächelte, die seinen Wagen umringten, und
+wie gierig er die Milch trank; er konnte gar nicht genug bekommen! Sie
+sahen ihm alle zu. »Jetzt sollst du Milch haben, soviel du willst, alle
+Tage frische Milch, du lieber kleiner Schelm du!«
+
+Aber wie war es nur möglich – sie bekam ihm nicht einmal gut! »Er wird
+die Milch doch vertragen, es wird doch nicht zu spät sein?« dachte
+Greiner. Am nächsten Morgen wollte er sie gar nicht nehmen; er schob das
+Soxhletfläschchen weg, wenn sie es ihm reichten und mit allen
+Schmeichelworten immer wieder anboten. In der Nacht faßte Greiner einen
+Entschluß: »Wenn ich morgen in die Stadt gehe und das Geld hole, nehme
+ich den Arzt mit heraus; wir sind’s ihm schuldig, dem Kind, wir wollen
+alles dafür tun.«
+
+Aber das war nicht des kleinen Alex Bestimmung. Er war nicht gesandt,
+Mühe und Kosten zu machen, er sollte bloß aus dem Elend helfen. Jetzt
+hatte er geholfen und jetzt nahm er Abschied. In früher, dunkler
+Morgenstunde, als Greiner an seinem Bettchen saß, lächelte der kleine
+Alex holdselig, dann schloß er halb die kleinen Äuglein und war still.
+Ganz sanft war er entschlafen. Da trat der Mann ans Bett seiner Frau.
+»Magdalene, wach auf, unser Kleiner ist gestorben.«
+
+Das Waislein wurde betrauert, wie es bei seinen eigenen Eltern und
+Geschwistern nicht mehr hätte betrauert werden können, und dem kleinen
+Fremdling folgten auf den winterlichen Friedhof alle Nachbarn und
+Freunde; denn es war keiner, dem es nicht Leid getan hätte um das
+liebliche Kind. Und sie sagten untereinander, es sei zu schön gewesen
+für diese Welt.
+
+Der Ortsvorsteher schrieb nach Köln, man sollte den Vormund ausfindig
+machen und ihm den Todesfall mitteilen. Die Familie lasse auch fragen,
+ob sie die Wäsche, den Wagen und den Soxhlet als Erbe behalten dürfe?
+Er, Ruppert, halte das für selbstverständlich. Er habe es nie gebilligt,
+daß man dieser armen Familie das Kind zugeschoben habe, und bitte den
+Vormund, die Beerdigungskosten zu zahlen.
+
+Eines Tages brachte Ruppert das Geld für die Beerdigung und eine Antwort
+mit Entschuldigung. Der Vormund habe nicht gewußt, daß Fabrikant Greiner
+in so schlechten Vermögensverhältnissen sei. Die Wäsche und den Wagen
+sollten selbstverständlich die Kostgeber als Entschädigung erhalten.
+
+»Vom Soxhlet steht nichts darin?«
+
+»Nein, von dem nicht.«
+
+»Siehst, wir sind nicht allein so dumm,« sagte Frau Greiner zu ihrem
+Mann. »Die Herren wissen halt auch nicht, was der Soxhlet ist.«
+
+Im Frühjahr, als der Schnee schmolz, richteten sie das kleine Grab.
+Rings um den Hügel gruben sie in die Erde die Soxhletfläschchen, die
+dienten als Gläser für die Schneeglöckchen und Maiblumen. Sogar ein
+schönes Kreuz schmückte das Grab, obwohl das im Dorf nicht Sitte ist bei
+Kindergräbern. Aber wo ruht auch sonst ein kleiner Erdenbürger, der, wie
+Alex, eine ganze Familie aus dem Elend errettet hat? Mancher wird alt
+und grau und hat in seinem langen Leben andern kein Glück gebracht!
+
+Wenn ihr an Weihnachten die Puppen seht, eine neben der andern
+ausgestellt in den Läden der großen Stadt, dann schaut sie genau an. Ist
+nicht eine dabei, die lebensvoll wie ein Kindergesichtchen euch ansieht
+zwischen all den großäugigen Puppengesichtern? Dann grüßt sie
+freundlich, ihr wißt ja, wie sie entstanden ist: dem kleinen Alex ist
+sie nachgebildet.
+
+
+
+
+Der Akazienbaum.
+
+
+Draußen vor dem Stadttor steht ein großes Haus, das ist das
+Kinderspital. Viele kranke Kinder liegen darin.
+
+Mitten im kalten Winter wurde das kleine Lenchen krank. Man brachte es
+in das Kinderspital. Dort wurde es in ein Bett gelegt und von der
+Schwester gepflegt, lange Zeit.
+
+»Ach, Schwester Berta,« seufzte Lenchen, »ich bin schon so lange krank,
+wann werde ich wohl wieder gesund?«
+
+Da wies Schwester Berta auf den Akazienbaum, der vor dem Fenster so kahl
+dastand und seine dürren Äste über die Gartenmauer streckte, und sie
+sagte: »Wenn die Akazie wieder grüne Blätter bekommt, dann wirst du
+wieder gesund.« Von nun an sah Lenchen von ihrem Bett aus alle Tage
+durchs Fenster, ob die Akazie noch keine grünen Blätter zeigte, und
+sehnte sich danach.
+
+Der Winter verging, die gute Schwester Berta kam fort, eine andere
+Schwester kam und pflegte die Kinder. Es wurde Frühling, alle Hecken und
+Büsche trieben Blätter, viele Bäume blühten schon, nur allein die Akazie
+stand noch kahl, wie im Winter.
+
+»Ach Schwester Marie,« seufzte Lenchen, »wann wird denn endlich die
+Akazie grün?« Da sah Schwester Marie hinaus auf den blätterlosen Baum;
+sie wußte nicht, daß die Akazien alle Jahre später grün werden als die
+andern Bäume, und da sie den kahlen Baum sah, antwortete sie: »Der wird
+wohl nie mehr grün, der ist abgestorben.« Da erschrak Lenchen und dachte
+bei sich: »dann werde ich auch nimmer gesund, dann bin ich auch
+abgestorben,« und das arme Kind weinte still in seinem Bettchen, wandte
+sich ab vom Fenster und wollte gar nicht mehr hinaussehen. Die Schwester
+wußte aber nicht warum und sagte eines Tages zum Arzt: »Ich glaube, dem
+Kind tun die Augen weh, es wendet sich immer ab vom Fenster.«
+
+»Dann muß man einen Wandschirm vor sein Bett stellen,« sagte der Arzt,
+»damit es nicht ins Helle sieht.« So kam eine Wand vor Lenchens Bett,
+und es konnte das Fenster nicht mehr sehen.
+
+Viele Wochen vergingen, alle Kinder, die man im Winter ins Spital
+gebracht hatte, waren längst wieder fort, nur mit Lenchen wurde es nicht
+besser. »Willst du nicht versuchen aufzustehen?« fragte manchmal
+Schwester Marie das stille Kind.
+
+»Ich kann nicht, ich bin ja abgestorben,« sagte die Kleine und man ließ
+sie liegen.
+
+Eines Tages sprach der Arzt: »Ich begreife gar nicht, warum es mit
+diesem Kind nicht vorwärts geht. Schwester, tragen Sie einmal die Kleine
+vor an das Fenster, damit ich sie besser sehen kann.« Lenchen wollte
+nicht ans Fenster, denn sie mochte den abgestorbenen Baum nicht sehen,
+aber Schwester Marie nahm sie auf den Arm und tat, wie der Arzt verlangt
+hatte. Lenchen drückte die Augen fest zu. Am Fenster stand der Arzt.
+»Augen auf!« befahl er. Da folgte sie und öffnete die Augen. Ihr erster
+Blick fiel auf die Akazie und siehe, der Baum war über und über voll
+grüner Blättchen, die wiegten sich im Sonnenschein und der blaue Himmel
+glänzte zwischen den Zweigen hindurch, die freundlich über die Mauer
+herübergrüßten. Da jubelte Lenchen laut auf und rief: »Die Akazie ist
+grün, jetzt bin ich gesund, Schwester Berta hat es gesagt!«
+
+Der Arzt und die Schwester sahen sich sehr verwundert an, denn sie
+verstanden gar nicht, was das Kind meinte, aber sie freuten sich, daß
+Lenchen so glücklich war. Lange, lange blieb sie am Fenster und konnte
+sich nicht satt sehen an dem grünen Baum, und als noch einige Tage
+vorüber waren, da spielte sie drunten im Garten mit andern Kindern unter
+dem schönen Akazienbaum und war bald wieder frisch und gesund.
+
+
+
+
+Wie Johannes Ruhn Kaufmann wurde.
+
+
+Die große Frage, was einst aus ihm werden solle, war für Johannes Ruhn
+schon gelöst, lange ehe er aus der Schule kam; denn er hatte eine solch
+ausgesprochene Neigung zum Kaufmannsstand, daß seine Gedanken ganz und
+gar davon erfüllt waren. Sein Vater, ein tüchtiger und verständiger
+Mann, seines Zeichens ein Bahnarbeiter, war allerdings der Ansicht, daß
+für den kaufmännischen Beruf etwas Vermögen not täte, und er hatte das
+seinige nicht in Wertpapieren angelegt, der ganze Reichtum, den er
+besaß, war eine Frau und fünf Kinder. Deshalb äußerte Vater Ruhn
+manchmal Bedenken über die Zukunftspläne seines Ältesten; aber wenn er
+seinen Johannes beobachtete, wie der mit hellen Augen ins Leben sah,
+oder wenn er ihn von seinem zukünftigen Berufe reden hörte, dann hatte
+er, ohne recht sagen zu können woran es lag, den Eindruck: der wird auch
+ohne Vermögen vorwärts kommen. Auch seine Frau, die sonst eine
+sorgliche, schüchterne Art hatte, meinte von ihrem Johannes: »Den lassen
+wir nur machen, er findet schon seinen Weg, wenn nur alle so hell wären,
+wie der!«
+
+Als nun der Junge aus der Schule kam, gingen die Eltern mit bester
+Zuversicht daran, ihm eine Lehrstelle ausfindig zu machen. Der Vater
+hielt Umfrage, die Mutter kaufte kein Salz und kein Schmalz, ohne mit
+der Frage zu schließen, ob eine Lehrstelle frei sei; Johannes selbst
+stellte sich da und dort vor – aber es wollte nicht gelingen und die
+gute Zuversicht verlor sich mit jeder Woche mehr. In manchem Geschäft
+wäre wohl Platz gewesen, aber es wurde Lehrgeld verlangt oder höhere
+Ausbildung und beides stand Johannes nicht zur Verfügung. Andere besahen
+sich den Jungen, doch ihrem Blick entging das Besondere, das die Eltern
+an ihm kannten; sie sahen nur die für sein Alter noch etwas kleine,
+zarte Gestalt, nicht die hellen Augen, die aus dem offenen Gesicht
+strahlten und von Unternehmungslust glänzten. Es boten sich so viele
+kräftige, derbe Burschen an, ihnen wurde der Vorzug gegeben, und niemand
+wollte Johannes.
+
+So ging der Sommer hin, der Herbst kam, es fand sich kein Plätzchen,
+immer kleinmütiger wurde die Stimmung bei Vater, Mutter und Sohn.
+
+Dieser machte sich einstweilen daheim nützlich. Die Mutter konnte ruhig
+auswärts Arbeit annehmen, ihr Großer ersetzte ihr Kindsmagd und Köchin,
+denn zur Untätigkeit war seine Natur nicht angelegt, er mußte immer zu
+tun haben, sonst war ihm nicht wohl. Aber trotz seines guten Willens
+vergaß er von dieser Hausarbeit, die ihm nun zufiel, doch so manches,
+und das kam daher, daß seine Gedanken nicht bei der Sache waren; die
+arbeiteten unablässig und suchten nach Mittel und Wegen, um das ersehnte
+Ziel zu erreichen: Kaufmann zu werden. Wollte man ihn in keinem Geschäft
+aufnehmen, so mußte es anderswie gehen.
+
+Und es kam der Tag der Eingebung, die Stunde, in der seine hellen Augen
+plötzlich den Weg vor sich sahen, den er gehen mußte.
+
+Lange hatte er, sinnend am Fenster stehend, in den abendlichen
+Herbstnebel hinausgeschaut; von dort war ihm das Licht nicht gekommen,
+aber woher sonst? Was ist es doch für ein geheimnisvoller Hergang, wenn
+wir nachdenken, so lange, bis unserem Geist plötzlich aufleuchtet, was
+uns ohne dieses Besinnen dunkel geblieben wäre?
+
+Johannes Ruhn hätte auch nicht sagen können, wie es zugegangen, daß er
+plötzlich wußte, was er tun mußte; aber er war glückselig über diese
+Klarheit. Sein gutes, noch kindliches Gesicht strahlte vor Freude und
+die Lust belebte seinen ganzen Menschen, er stemmte die Hände auf das
+Fensterbrett, hob sich vom Boden und warf die Beine hinaus wie ein
+junges Füllen.
+
+Und dann begann für den kleinen Geschäftsmann die Arbeit. Die erste
+mußte sein: Vater und Mutter für seinen Plan zu gewinnen. Am Abend, als
+die kleinen Geschwister zu Bette waren, begann er mit Herzklopfen seine
+Gedanken zu entwickeln: Weil er in keinem Geschäft ankomme, müsse er
+selbst eines beginnen, und weil kein Geld da sei, müsse er etwas
+verkaufen, was ihn selbst nichts koste, was er geschenkt bekäme. Er
+wußte schon etwas, nämlich: alte Kistchen, Büchsen und Pappschachteln;
+die bekomme man umsonst in den Läden und auch von seinen Kameraden würde
+ihm jeder welche schenken. Wenn er die alle sauber herrichten und
+ausbessern würde, und hätte dann einen ganzen Haufen in allen Größen und
+Formen, dann könnte er sie verkaufen, vor Weihnachten, wo jedermann
+Pakete abschicke, vielleicht auf der Messe oder an einer Straßenecke,
+und alte Packpapiere und Schnüre müßten auch dabei sein. Und wenn er
+dann etwas Geld verdient habe, dann kaufe er noch Siegellack dazu und
+Adreßkarten und Begleitscheine, daß die Leute alles bequem beieinander
+hätten, und den Ungeschickten würde er auch helfen zusammenpacken
+und – – hier unterbrach sich Johannes. Es kam ihm plötzlich zum
+Bewußtsein, daß er schon eine ganze Weile redete und die Eltern noch
+immer kein Zeichen von Beifall gaben. So hielt er inne, begierig, was
+sie sagen würden.
+
+Es kamen allerlei Einwände. Der Mutter schien der Handel nicht fein
+genug; ein Trödelgeschäft sei das, und wenn er Trödler sei, komme er
+nimmer hinauf in den richtigen Kaufmannsstand; und ein kaltes Vergnügen
+wäre das, im Dezember im Freien seine Ware feilzubieten, da könnte man
+mehr als einen Schnupfen davontragen; auch denke sie sich’s nicht schön,
+betteln zu gehen, um so eine Menge Schachteln zusammenzubekommen. Mit
+diesen und ähnlichen Einwänden wurde aber Johannes leicht fertig; denn
+ihm erschien der beabsichtigte Handel sehr fein und die Kälte fürchtete
+er gar nicht und betteln würde er nirgends, nur bitten. Aber nun kam ein
+anderes, ein schwerwiegendes Wort: »Ohne Erlaubnis geht das nicht,«
+sagte der Vater, »für so etwas muß man eine Eingabe bei dem Magistrat
+machen, muß Abgaben zahlen, wohl auch noch Gewerbesteuer entrichten,
+daran scheitert die Sache.«
+
+An so etwas hatte Johannes nicht gedacht und wollte es zuerst gar nicht
+glauben. Wie sollte denn der Magistrat sich darum kümmern, wenn er,
+Johannes Ruhn, alte Schachteln verkaufen wollte? Aber der Vater erklärte
+ihm die Sache, und die schweren großen Worte: Magistrat, Gewerbesteuer
+und Abgaben drückten so sehr auf Johannes’ Luftschloß, daß es
+einzustürzen drohte; bis die Mutter dem schönen Gebilde zu Hilfe kam,
+das sie doch selbst erst angegriffen hatte, nun aber in warmer Regung
+des Mitleids zu stützen geneigt war. Sie sagte zum Vater: »Du müßtest
+eben einen der Herren vom Magistrate darum ansprechen.«
+
+Einige Tage später kam Vater Ruhn vom Rathause heim, wo ihm eröffnet
+worden war: wenn sein Junge so ein findiger Kerl sei, so möge er die
+Sache immerhin versuchen, zunächst ohne Abgabe. Auch stünde ihm zu
+seinem Versuch ein alter Marktstand unentgeltlich zur Verfügung.
+
+Johannes Ruhn wußte sich an diesem Tage nicht zu fassen vor Glück. Seine
+Freude war so groß, daß sie wie ein Strom die Geschwister, ja auch die
+Eltern mit fortriß, die gar nicht mehr zu dem Gedanken kommen konnten,
+ob es eigentlich ein so besonderes Glück sei, wenn im günstigsten Falle
+durch den Verkauf von alten Schachteln einige Mark verdient würden? Der
+zu erwartende Gewinn war es auch nicht, der Johannes so beseligte; es
+war vielmehr die Freude des Erfinders, die ihn erfüllte und nun seine
+Unternehmungslust weckte.
+
+Es dauerte gar nicht lange, so füllten sich die Räume mit Schachteln,
+Pappkästen und Kistchen aller Art; denn es sprach sich bald in der
+Nachbarschaft herum, wie hocherwünscht solche in der Familie Ruhn seien;
+gar manche Bodenkammer wurde durchsucht und befreit von altem,
+bestaubtem Packmaterial, das von Johannes mit lebhafter Dankbarkeit in
+Empfang genommen und nun gereinigt und ausgebessert wurde. Unermüdlich
+schaffte er mit Zwirn, mit Kleister und Leim, und allmählich türmten
+sich die sauber hergerichteten Schachteln, so daß die Familie in ihren
+kleinen Zimmern bedrängt wurde von diesem Überfluß und sehnlich den Tag
+erwartete, bis sich der Segen herausergießen würde aus ihren engen
+Räumen.
+
+Endlich kam die erste Dezemberwoche, mit ihr die Weihnachtsmesse, der
+zur Eröffnung des »Geschäfts« bestimmte Zeitpunkt. Noch vor
+Tagesanbruch, ehe die kleinen Geschwister wach waren, zogen Vater,
+Mutter und Sohn hinaus nach dem Platze, der ihnen zum Aufrichten der
+alten Meßbude angewiesen war. Einmütig halfen sie zusammen, doch war den
+beiden Eltern das ungewohnte Unternehmen peinlich; sie sprachen nur
+leise miteinander, um die Aufmerksamkeit der anderen Meßleute nicht auf
+sich zu ziehen, während sie sich mühten, den Stand aufzurichten.
+Johannes dagegen war frei von dieser Befangenheit, lief zu den anderen
+Ständen, um abzusehen wie diese zusammengefügt wurden, und man durfte
+ihn nur ansehen, um auf seinen belebten Zügen zu lesen: Heute ist ein
+großer Tag!
+
+Seinem Stand gegenüber war ein solcher mit Glaswaren und
+Porzellanfiguren. Er erfaßte das sofort als einen besonderen Glücksfall;
+und als die derbe Frauensperson, die eben ihre Kiste auspackte, einmal
+innehielt und neugierig hinüberblickte zu ihm, der mit so ungewohntem
+Kram den Markt bezog, nahm er seinen Vorteil wahr, trat zu ihr heran und
+zog artig die Mütze: »Ich handle mit Packwaren,« sagte er, »und wenn Sie
+Glaswaren verkaufen, dann seien Sie doch so gut und sagen Sie den
+Leuten, daß sie bei mir Schachteln finden. Vielleicht traut sich dann
+auch mancher, mehr so zerbrechliche Dinge einzukaufen.« So hatte er
+schon in der ersten Morgenstunde eine Geschäftsverbindung geschlossen.
+Seine Mutter hatte ihm verwundert nachgesehen; wie vertrauensvoll ging
+er auf die Leute zu, während sie im bedrückenden Bewußtsein des
+»Trödelkrames« immer Angst hatte, man würde sie auslachen. So trieb sie
+auch bald ihren Mann, mit ihr heimzugehen: »der Johannes richtet es
+schon ohne uns,« meinte sie, und so überließen sie den kleinen
+Geschäftsmann seinem Schicksale.
+
+Kalt war es an diesem Dezembermorgen und still blieb es auf der Messe,
+ein Käufer kam auf fünf Verkäufer und nach leeren Schachteln fragte
+keiner. Aber doch – das bemerkte Johannes mit großer Befriedigung –
+hatten alle Vorübergehenden einen Blick für die hoch aufgebauten
+Schachteln, für die verschiedenfarbigen Packpapiere, die feine
+Holzwolle, die Schnüre, die in allen Längen und Stärken dahingen, und
+kaum einer übersah die ungewohnte Aufschrift:
+
+ _Packwaren._
+
+Gegen Mittag wurde der Markt belebter; die Porzellanhändlerin brachte
+ein zierliches Figürchen, eine Schäferin, zum Verkauf. »Nehmen Sie sich
+nur gleich da drüben eine Schachtel mit, daß der Hirtenstab nicht
+abbricht,« sagte sie zu der Käuferin, und richtig, das Fräulein wandte
+sich den Packwaren zu. Sie war Johannes’ erste Kundin, wie eifrig wurde
+sie aber auch bedient! Wie sorglich wurde die passendste Schachtel
+gewählt und wie vorsichtig die Schäferin in feinste Holzwolle gebettet!
+Bis nach Australien hätte sie ohne Ungemach in dieser Verpackung reisen
+können. Und dann nickte Johannes voll Vergnügen seinem Gegenüber zu, und
+bewachte gerne den Kram, während die Frau ging, sich einen Topf heißen
+Kaffees zu holen.
+
+Am ersten Abend brachte Johannes nur wenige Pfennige als Erlös heim, und
+in den nächsten Tagen war es nicht viel besser. Schnee und Regen fielen
+durcheinander auf die Verkäufer herab, die frierend von einem Fuß auf
+den andern trippelten, das war kein Spaß.
+
+Aber am vierten Tage verkündigte Johannes schon in der Frühe der
+Porzellanhändlerin: »Der Barometer steigt,« und bald darauf brach die
+Sonne durch und all die Glaswaren glitzerten in ihren Strahlen; der
+Himmel wurde blau und lockte die Menschen hinaus, die schnell den guten
+Tag benützen wollten. Durch die Reihen der Buden schoben und drängten
+sich immer mehr Kauflustige, und an Johannes Ecke war gar oft der Ausruf
+zu hören: Hier können wir gleich eine passende Schachtel auswählen. Das
+Geschäft ging gut; der kleine Geschäftsmann strahlte, und weil er es
+jedem Käufer als eine besondere Güte auslegte, wenn er bei ihm kaufte,
+so war er selbst voll Freundlichkeit und scheute keine Mühe, unter
+seinen Schätzen den passendsten für einen jeden auszuwählen. Dadurch
+wurden die Leute zutraulich; manche Unbeholfene ließen sich ihre Ware
+gleich von ihm verpacken, die Adresse aufkleben und wollten erst noch
+wissen, was ihre Schachtel wiege und wieviel sie wohl da- und dorthin
+Porto koste. Als das Johannes merkte, brachte er der Mutter Wage mit und
+fing an, daheim jeden Abend die Postvorschriften zu studieren, die er
+sich verschafft hatte; lernte sie auswendig, wußte bald die Postsätze
+bis in die fernsten Länder und wünschte sich nur jeden Tag, es möchte
+recht oft nach dieser Weisheit verlangt werden. Bald sprach es sich
+herum: auf der Messe ist einer, handelt mit Schachteln, sieht aus wie
+ein Bub, weiß doch alles wie ein Postbeamter, ist aber nicht so kurz
+angebunden wie diese, sondern gibt freundlich Bescheid. Längst wäre
+Johannes’ Vorrat an Schachteln zu Ende gewesen, aber die Quelle für neue
+war ja so nahe. Abends, wenn die Buden geschlossen wurden, ging er durch
+die Reihen; man kannte ihn nun schon und gab ihm, was untertags durch
+Verkauf leer geworden war. Erhielt er es auch nicht ganz umsonst, jetzt
+konnte er ja etwas dafür zahlen, ein kleiner Gewinn sprang doch noch
+dabei heraus; und was ihm die Hauptsache war, es ging doch immer lebhaft
+zu vor seiner Bude und niemand mußte mit einer unpassenden Schachtel
+davongehen.
+
+So verflogen ihm die Tage, und mit Schmerz sah er das Ende der ganzen
+Herrlichkeit nahen, noch drei Tage und die Messe war vorüber.
+
+Heute ging es noch lebhaft zu. Vor der Bude der Porzellanhändlerin stand
+ein älterer Herr mit seinem Enkeltöchterchen. Die Kleine suchte unter
+den Blumengläschen, und während sie wählte, horchte und schaute der Herr
+hinüber nach der Packwarenbude. Er hatte als Magistratsrat die
+Einwilligung zur Eröffnung dieses Handels gegeben und sah nun zufällig
+das wunderliche Geschäft im Betrieb. Was ihn aufmerksam gemacht hatte,
+war der Ruf einer noch kindlichen Stimme: »Aber legen Sie keinen Brief
+in die Schachtel, denn nach Frankreich ist das verboten!« Es war
+Johannes, der das einer Käuferin nachrief. Der alte Herr trat näher und
+beobachtete mit wachsender Teilnahme den kleinen Geschäftsmann. Wie
+betrieb der Junge seine Sache! Mit welchem Eifer war er dabei, wie
+unverdrossen half er den Käufern auswählen, und beachtete ihre Bedenken;
+er wollte nicht um jeden Preis seine Ware losschlagen, man merkte es
+wohl, daß seine Freude war, die Leute _gut_ zu bedienen; und nun fragten
+sie den kleinen Burschen nach Porto und Gewicht, und der wußte wirklich
+Bescheid zu geben! Schon eine ganze Weile war der stattliche Mann mit
+der Kleinen an der Hand als stiller Beobachter dagestanden; und,
+obgleich ihn das Kind an seiner Hand zog und bat: »Gehen wir doch
+weiter, da ist ja gar nichts Schönes,« blieb er doch auf seinem Posten.
+Johannes hatte schon mehrmals nach ihm aufgesehen. Der Herr kaufte
+nichts, sah nicht nach den Schachteln, was wollte er denn? Fast
+unheimlich wurde es ihm unter dem scharfen Blick des großen, ernst
+dreinsehenden Mannes; hatte er vielleicht etwas einzuwenden gegen sein
+Geschäft? »Ich habe die Erlaubnis vom Magistrat,« sagte Johannes und
+blickte dem Herrn offen ins Auge. »Das weiß ich,« entgegnete dieser;
+lächelte vor sich hin, blieb noch eine Weile stehen und folgte dann dem
+fortstrebenden Enkelkinde.
+
+Der letzte Meßtag war gekommen und bot ein trauriges Bild. Die Stände
+wurden abgeschlagen, Kisten standen überall in den Wegen, die mit Stroh,
+Papier und Scherben bestreut waren. Die Porzellanhändlerin schenkte
+Johannes einen kleinen Schutzengel zum Andenken und sagte: »Auf
+Wiedersehen.« Die Eltern Ruhn kamen getreulich, dem Sohne zu helfen.
+Nun war die Mutter nicht mehr schüchtern, das Geschäft war über all ihr
+Erwarten gut gegangen; stolz konnte sie sein auf ihren Johannes. Aber
+dieser war heute in ganz anderer Stimmung als bei Eröffnung der Messe.
+Wie sollte es jetzt mit ihm weitergehen? Er wußte keinen Weg. Trübselig
+packte er seinen Kram zusammen.
+
+Da kam des Wegs der Magistratsrat, den wir schon kennen. Ein wenig eilig
+ging er, wie einer, der nicht zu spät kommen möchte. »Das ist wieder der
+Herr,« sagte Johannes leise zu seinem Vater. »Der?« fragte dieser
+dagegen, »und den hast du nicht gekannt? Das ist ja der Kaufmann Ulrich
+Wagner, dem das große Kolonialgeschäft am Markt gehört. Was der jetzt
+wohl noch auf der Messe sucht!« Johannes antwortete darauf nicht, aber
+er ahnte gleich, ja, er fühlte bestimmt: mich sucht er.
+
+Und so war es. Der große Geschäftsmann kam, um den Kleinen für sich zu
+gewinnen. Er hatte dazu schon vor drei Tagen die Lust verspürt, sich
+aber die Sache wieder ausgeredet. So einen kleinen schmächtigen Lehrling
+hatte er doch noch nie in sein Geschäft aufgenommen, immer größere
+Burschen und solche mit besserer Ausbildung. Der da war ja noch das
+reinste Kind.
+
+Aber dieses Kind kam ihm nicht mehr aus dem Sinn. Er sah es vor sich in
+seinem freundlichen Eifer und konnte vor allem den Blick nicht
+vergessen, die hellen Augen, mit denen Johannes ihn angesehen hatte, als
+er sagte: Ich habe die Erlaubnis vom Magistrat. Es war ihm, wenn er
+diesen Jungen mit andern Lehrlingen verglich, als bekäme er mit ihm
+statt einer Maschine eine Seele ins Geschäft. Die wollte er sich nicht
+entgehen lassen; er eilte, sie für sich zu gewinnen.
+
+Zwischen Kisten und Karren hindurch kam er zu der Familie Ruhn, bot dem
+Jungen die Hand und fragte: »Wie geht’s, kleiner Geschäftsmann?« »Wie
+geht’s« ist eine leicht hingeworfene Rede, die oft nichts sagen will;
+aber Johannes fühlte eine wahre Teilnahme heraus, und da ihm die Not der
+Zukunft heute auf der Seele lag, so sah er ernsthaft auf zu dem Mann und
+sagte: »Es geht nimmer weiter,« und dabei lag in seiner Stimme und
+seinem Blick das Zutrauen: »Zeig’ du mir, wo der Weg weitergeht.« Und
+Ulrich Wagner machte den Wegweiser.
+
+Mitten unter dem Getriebe der packenden, abreisenden Meßleute wurde das
+Schicksal eines jungen Menschenkindes entschieden, und es fand sich
+weder der große noch der kleine Geschäftsmann in seinem Vertrauen
+getäuscht.
+
+Johannes trat ein in das Geschäft von Ulrich Wagner als der kleinste
+Lehrling; wuchs heran unter der trefflichen Leitung des großen Mannes
+und verdankte ihm viel. Doch als die Jahre vergingen, da war es das
+Geschäft, das wuchs, und Ulrich Wagner verdankte das der Lust und der
+Kraft des ehemaligen Lehrlings Johannes Ruhn.
+
+
+
+
+Ein geplagter Mann.
+
+
+Wir sind in einem schwäbischen Städtchen, zwischen Wald und Bergen
+gelegen, und versetzen uns um etwa dreißig Jahre zurück. Das Haus, in
+dem wir nur einen Tag miterleben wollen, aber einen großen Tag, liegt
+malerisch an dem Flüßchen, das in raschem Lauf das Städtchen
+durchfließt, und bildet die Ecke der Fahrstraße nach dem Bahnhof. Unser
+Haus hat zwei Besitzer; das Erdgeschoß gehört dem Schreiner Wahl zu
+eigen, der obere Stock dem Stadtschultheißen Römer. Außerdem gibt es
+noch im Dachstock sechs Kammern; ursprünglich gehörten drei dem
+Schreiner und drei dem Stadtschultheißen, aber der Schreiner, der
+manchmal in Geldverlegenheit kam, bot in solchen Fällen dem
+Stadtschultheißen eine Kammer zum Kauf an und so gehörten jetzt bereits
+fünf Kammern dem Stadtschultheißen und nur noch eine dem Schreiner.
+
+Am frühen Morgen des großen Tages, von dem wir berichten wollen,
+hantierte in einer dieser Kammern der Schreiner; und die junge Frau des
+Stadtschultheißen hörte kaum über sich seinen schweren Schritt, als sie
+auch schon im leichten Morgenrock die Treppe hinaufeilte und den Mann
+aufsuchte.
+
+»Guten Morgen, Herr Wahl,« sagte sie freundlich, »machen Sie schon die
+Fahnen hinaus, das ist recht.«
+
+»Ja,« sagte der Mann, »es ist ja gut Wetter.«
+
+»Und nicht wahr, meine Lämpchen stellen Sie mir auch rechtzeitig
+hinaus.«
+
+»Wohl, wohl, Frau Stadtschultheiß, aber doch erst am Abend, wenn man sie
+gleich anzünden kann; das ist ja schnell getan.«
+
+»Meinen Sie?« sagte sie ungläubig. »Am Fenster sind sie freilich leicht
+aufzustellen, aber ich meine die außen, die auf dem vorspringenden Sims,
+der rings ums Haus herumläuft, die muß man doch vorher aufstellen, daß
+man sieht, wie sich’s macht und ob auch die Leiter hoch genug ist.«
+
+»Frau Stadtschultheiß, auf den Sims würde ich keine aufstellen, da
+brauchen Sie furchtbar viele Lämpchen, an keinem Haus wird es hier so
+gemacht. Die Leute stellen halt ein paar Lichter vor die Fenstergesimse,
+weiter braucht’s nichts.«
+
+»Aber Herr Wahl, wir haben es doch so miteinander verabredet, und ich
+habe deshalb dreihundert Lämpchen gekauft! Unser Haus liegt doch auch
+gerade so an der Ecke; wenn die Wagen hereinfahren, nachdem die
+Felsenbeleuchtung draußen vorbei ist, kommen sie alle an unserem Haus
+vorbei, und da spiegeln sich dann unsere Lichter im Fluß. Ich habe das
+einmal in Hamburg gesehen, das macht sich wundervoll; ich wollte meinen
+Mann damit überraschen, wenn er mit den Herren hereinfährt. Sie haben
+doch vorige Woche gesagt, Sie wollten es mir machen.«
+
+»Nun ja, dann muß ich’s eben machen,« sagte der Mann zögernd.
+
+»Aber gewiß nicht zu spät, Herr Wahl. Vielleicht richten wir es um zwei
+Uhr, während die Herren im Gasthof zur Tafel sind;« und als der
+Schreiner nicht antwortete, fügte sie hinzu: »Ich fürchte immer, Ihre
+Leiter ist nicht lang genug.«
+
+»Die ist lang und Leitern gibt es genug im Städtchen, da muß man nur
+eine entlehnen.«
+
+»Frau Stadtschultheiß,« rief das Dienstmädchen, das eilig die Treppe
+heraufkam, »der Herr Stadtschultheiß möchte heute früher frühstücken,
+das Bäckermädchen ist aber noch nicht da, ich renne schnell hinüber und
+hole Brot.«
+
+Davon war sie, die Anne, das flinke, fröhliche, junge Dienstmädchen, und
+die Frau Stadtschultheiß kam schnell herab in die Wohnung und richtete
+den Frühstückstisch.
+
+Der kleine Sohn des Hauses, der kaum vierjährige Hans, turnte noch im
+Nachthemdchen in seiner Gitterbettstatt herum; und sein Schwesterchen,
+das vierteljährige, schlummerte im Wagen. Aber der Herr des Hauses,
+Stadtschultheiß Römer, stand schon wartend am Tisch. Er mochte
+vielleicht zwölf Jahre älter sein als seine Frau, trug einen großen
+schwarzen Vollbart und sah ernst und achtunggebietend aus. Jetzt trat er
+ans Fenster und horchte auf. An der Straßenecke schellte ein
+Polizeidiener und nachdem er so die Aufmerksamkeit auf sich gezogen
+hatte, las er mit lauter Stimme: »Es ergeht an die hiesige
+Einwohnerschaft die Bitte, zu Ehren des Besuchs Ihrer königlichen
+Hoheiten des Prinzen und der Prinzessin die Häuser zu beflaggen, und bei
+einbrechender Dunkelheit zu beleuchten. Ferner wird erwartet, daß die
+Straßen während des Aufenthalts der hohen Gäste sonntäglich gehalten
+werden und daß insbesondere das Federvieh von den Straßen ferngehalten
+wird.«
+
+Der Polizeidiener ging weiter, und in der Ferne hörte man wieder seine
+Schelle und danach seine laute Stimme, die die Aufforderung wiederholte.
+Die Folge seines Ausschellens war, daß bald da bald dort eine Magd mit
+dem Kehrbesen erschien und vor dem Haus kehrte; und daß manches Gänslein
+und Hühnervolk, dem soeben erst die Stalltür geöffnet worden war,
+wieder in den Stall zurückgetrieben wurde. Fahnen und Fähnchen, Kränze
+und Laubgewinde wurden an allen Häusern angemacht, und glänzten lustig
+im Sonnenschein des ersten Septembermorgens.
+
+Der Stadtschultheiß war es, der diese und noch manche andere
+Vorbereitung veranlaßt hatte. Seit Wochen schon stand die
+landwirtschaftliche Ausstellung und zugleich der Besuch des Prinzen und
+seiner jungen Gemahlin in Aussicht; und heute war nun der große Tag
+angebrochen.
+
+»Um elf Uhr werden also die Fürstlichkeiten erwartet?« fragte die Frau.
+
+»Ja, um elf Uhr ist der Empfang am Bahnhof. Es fehlt noch der
+Blumenstrauß, den wir für die Prinzessin bestellt haben. Mit der neun
+Uhr Post muß er ankommen, dann packe du ihn einstweilen aus. Ich gehe
+nun aufs Rathaus und sehe, ob alles in Ordnung ist. Magst du mir den
+Frack und all das bereitlegen, daß ich mich rasch umkleiden kann, wenn
+ich wiederkomme?«
+
+»Ja,« sagte die junge Frau, »jetzt gleich richte ich deine Sachen und
+dann Hänschens Bauernanzug.«
+
+»Wenn er sich nur brav hält, der Schlingel!«
+
+Auch der kleine Hans sollte eine Rolle spielen an diesem großen Tag.
+Eine schwäbische Bauernstube war draußen, nahe am Ausstellungsplatz,
+eingerichtet worden, genau nach dem Leben. In diese sollten die hohen
+Gäste geführt werden; und damit die Stube auch belebt sei, sollten des
+Oberamtmanns kleines Töchterlein und des Stadtschultheißen Bub, als
+Bauer und Bäuerin verkleidet, darin aufgestellt werden. »Es ist immer
+gewagt, wenn man Kinder mit hineinzieht,« sagte der Stadtschultheiß,
+»wenigstens so kleine. Ich war nicht dafür, aber die andern um so mehr.«
+
+»Es wird auch nett aussehen und Freude machen.«
+
+»Wenigstens euch Müttern,« sagte Römer. »Aber nun muß ich gehen. Solange
+es noch ein wenig ruhig ist auf dem Rathaus, will ich mir meine Rede
+zurechtlegen.«
+
+»Zur Begrüßung am Bahnhof?«
+
+»Da genügen einige Worte, aber bei Tisch habe ich die Hauptrede, und auf
+dem Ausstellungsplatz die Eröffnungsrede.«
+
+»Drei Reden! Du bist ein geplagter Mann!« sagte die Frau freundlich, sie
+sah aber stolz zu ihm auf.
+
+»Ein geplagter Mann,« wiederholte der kleine Hans mit ebensoviel Gefühl,
+wie es die Mutter gesagt hatte. Ihm gefiel dieser neue Ausdruck.
+
+Ehe der Stadtschultheiß sich auf das Rathaus begab, machte er den Umweg
+über den Rasenplatz, auf dem die landwirtschaftliche Ausstellung schon
+allerhand Leute herbeigezogen hatte, die sich die Maschinen besahen,
+während vom Land herein von jeder Gattung Vieh besonders schöne Stücke
+zugetrieben wurden. Da gab es noch manche Frage zu beantworten, manche
+Einrichtung zu beanstanden und Befehle zu erlassen, bis unser
+Stadtschultheiß auf das Rathaus kam, wo auch schon allerlei Leute mit
+verschiedenen Anliegen auf ihn warteten.
+
+Inzwischen hatte seine Frau daheim an alles gedacht, was zu ihres Mannes
+festlichem Gewand gehörte: Da lag der Frack bereit, die weiße Binde, die
+Handschuhe und der hohe schwarze Zylinderhut. Mit der Post traf richtig
+der bestellte Strauß ein; sorgfältig wurde er aus der Schachtel
+genommen; der kleine Hans und die große Anne waren so entzückt bei dem
+Anblick der Blumen, daß auch die junge Frau zufrieden war, obwohl sie
+noch etwas Schöneres und Größeres erwartet hatte.
+
+Um zehn Uhr kam der Stadtschultheiß wieder. »Julie!« rief er noch auf
+der Treppe, und der Ton, in dem er sie rief, fiel seiner Frau nicht
+angenehm auf. Er nahm sich kaum die Zeit zum Gruß, als sie ihm entgegen
+kam.
+
+»Warum ist das Holz neben unserem Haus nicht weggekommen?«
+
+»Hätte es denn wegkommen sollen? Es ist ja ganz ordentlich
+aufgeschichtet.«
+
+»Aber du weißt das doch; die Straßen sollen frei sein. Allen Leuten, die
+Holz vorn an das Haus aufgeschichtet hatten, ist anbefohlen worden, es
+wegzuräumen. Hat der Polizeidiener dir nichts gesagt? Anne!« Die Anne in
+der Küche hatte das Gespräch schon gehört, sie kam nur ungern zum
+Vorschein. »Hat der Polizeidiener nichts gesagt wegen des Holzstoßes am
+Haus?«
+
+»Er hat wohl neulich so etwas gesagt, aber weil unser Holz doch noch so
+naß ist und weil es so ordentlich aussieht –«
+
+»Gehen Sie augenblicklich und holen Sie Tannenwedel und decken Sie den
+Holzstoß damit vollständig zu!«
+
+»Wo bekomme ich wohl die Wedel?«
+
+»Das können Sie selbst erfragen.« Das Mädchen lief fort.
+
+»Es macht sich nicht gut, wenn ich von andern verlange, daß sie
+wegräumen, und vor meinem eigenen Haus bleibt die Sache liegen. Eine
+rechte Stadtschultheißin muß ein gutes Beispiel geben.«
+
+»Aber du hast mir nichts davon gesagt.«
+
+»Ich habe es nicht gesehen, weil ich gewöhnlich von der andern Seite
+herkomme.« Der Stadtschultheiß kam ins Zimmer.
+
+»Papa, sieh dort oben die schönen Blumen,« rief Hans.
+
+Römer besah die Blumen. »Das soll der Empfangsstrauß sein?« sagte er,
+»das ist ja gar nicht möglich.«
+
+»Wieso?« fragte die Frau.
+
+»So sieht doch nicht ein Strauß aus für zwanzig Mark; der ist ja
+unbrauchbar, warum hast du mir denn das nicht gleich sagen lassen?«
+
+»Den Preis wußte ich ja nicht. Klein ist er mir auch vorgekommen, aber
+doch ganz hübsch.«
+
+»Aber Julie, das ist doch kein Strauß, wie man ihn einer Prinzessin
+überreicht! Wo ist denn die Rechnung? Nun ja, da siehst du es ja – zwei
+Mark statt zwanzig Mark. Also eine Verwechslung. Daß du aber so etwas
+nicht bemerkst, ist mir unbegreiflich! Überreichen kann ich das nicht.«
+
+»Warum denn nicht?« fragte begütigend Frau Römer, »die Prinzessin ist
+noch jünger als ich, sie wird nicht so genau wissen, wie der Strauß
+aussehen sollte. Sie wird denken: So macht man sie in kleinen Städten.«
+
+»Ja, wenn alle Menschen diese Dinge so harmlos nähmen und die Prinzessin
+so wenig verstünde wie du!«
+
+Noch einmal sah der Stadtschultheiß prüfend die Blumen an: »Fort mit,
+geht unmöglich zum feierlichen Empfang. Lieber gar nichts, als etwas
+Geringes. Schicke den Strauß in den Gasthof, dort ist er verwendbar. Und
+nun sieh, daß ich ein wenig Ruhe habe, mir meine Rede zu überlegen; auf
+dem Rathaus war keine Möglichkeit dazu.«
+
+Der Stadtschultheiß begab sich in das abgelegenste Zimmerchen der
+Wohnung, in das stille Gastzimmer; der kleine Hans wurde zu Anne
+hinuntergeschickt, die inzwischen einen ganzen Arm voll Tannenzweige
+herbeigeschleppt hatte und sich bemühte, das an der Hausmauer
+aufgeschichtete Holz damit zu verdecken. »Behalte den Kleinen, Anne,
+mein Mann will Ruhe haben,« sagte die junge Mutter.
+
+Kaum ein paar Minuten vergingen, da kam ein Polizeidiener auf das Haus
+zu. »Ist der Herr Stadtschultheiß droben?« fragte er.
+
+»Ja,« sagte Anne zögernd und ebenso zögernd bejahte es droben die junge
+Frau. »Ich habe zu melden, daß die Wäscherin Matzbeck Wäsche aufhängt an
+der Bahnhofstraße, und möchte den Herrn Stadtschultheiß fragen, ob das
+zu beanstanden ist?«
+
+»Mein Mann ist an der Arbeit,« sagte die Frau, »können Sie der Wäscherin
+nicht gute Worte geben, daß sie das lassen soll bis morgen?«
+
+»Frau Stadtschultheiß, die Matzbeck ist eine brutale Person und ehe man
+sich mit ihr einläßt, ist’s besser, daß man weiß, wie der Herr
+Stadtschultheiß darüber denken.«
+
+Leise trat die junge Frau bei ihrem Mann ein. »Nur einen Augenblick,«
+sagte sie, und berichtete von des Polizeidieners Meldung. »Sage dem
+Polizeidiener, die Straßen seien sonntäglich zu halten, hat er es doch
+selbst ausgeschellt. Am Sonntag wird keine Wäsche aufgehängt.«
+
+Mit diesem Bescheid zog der Polizeidiener ab. Auf der Treppe begegnete
+ihm der Ratsdiener, ein würdiger älterer Mann. Auch er wollte den
+Stadtschultheißen sprechen.
+
+»Es _muß_ wohl jetzt sein?« fragte die Frau Stadtschultheiß. »Ja,
+dringend. Der Schultheiß von N. hat sagen lassen, daß ein Wagen voll
+Pulver durch unsere Stadt kommen werde.«
+
+»Schadet denn das etwas?«
+
+Der ergraute Ratsdiener sagte fast herablassend: »Ja, Frau
+Stadtschultheiß, ein Wagen Pulver und Prinzen und Feuerwerk im Städtchen
+paßt nicht zusammen. Bitte melden Sie es dem Herrn Stadtschultheiß.«
+Wieder öffnete die junge Frau sachte die Tür des Gastzimmerchens. Etwas
+gereizt wurde sie da empfangen. »Wenn du die Türe auch leise aufmachst,
+das hilft mir nichts, ich werde doch aus meinem Gedankengang gerissen.
+Was gibt es schon wieder?«
+
+»Der Amtsdiener ist da wegen eines Pulverwagens.«
+
+Der Stadtschultheiß warf sein Merkbüchlein beiseite und eilte hinaus.
+Diese Meldung schien ihm wichtiger als die von der Wäsche, er hörte sie
+selbst an.
+
+»Der Pulverwagen darf heute nicht hier durchkommen,« war sein Bescheid.
+
+»Er ist aber schon unterwegs, man kann keine Nachricht mehr geben.«
+
+»Schicken Sie ihm einen Eilboten entgegen mit polizeilichem Verbot. Er
+darf heute auf drei Stunden im Umkreis der Stadt nicht nahe kommen. Ich
+schreibe sofort den Befehl.« Als der Gerichtsdiener mit diesem Schreiben
+abgezogen war, sagte die Frau Stadtschultheiß: »Weil du nun doch schon
+aus deinem Gedankengang gekommen bist, laß dich nur schnell fragen:
+könnte man nicht den Strauß in die Bauernstube schicken, daß ihn Hans
+als Bauernjunge der Prinzessin überreicht? Das wäre doch sicher
+reizend?«
+
+»Wenn du nur immer den Jungen vorschieben kannst, bist du schon
+glücklich. Mir dagegen kommt es immer sicherer vor, Kinder aus dem Spiel
+zu lassen.«
+
+»Aber liebster Mann, die Prinzessin ist doch nicht wie du. Einer jungen
+Frau macht das sicher Spaß.«
+
+»Kann sein, mach es so, aber nun laß mich nur noch eine halbe Stunde in
+Ruhe.«
+
+Ach wie gerne hätte sie das getan, aber einen Augenblick später sah sie
+schon wieder den Polizeidiener aufs Haus zukommen. Es war derselbe, der
+schon einmal wegen der Wäsche, die aufgehängt wurde, da war. Richtig,
+da kam er schon die Treppe herauf. »Die Wäscherin Matzbeck,« meldete er
+nun, »hat erklärt, es könne ihr niemand verwehren, bei dem schönen
+Wetter ihre Wäsche aufzuhängen. Die Frau Stadtschultheiß habe ja auch
+das Holz vor dem Haus nicht weggeräumt, so streng werde es also nicht
+genommen. Was Lumpen und dergleichen seien, wolle sie hinten hin hängen,
+aber ihre schöne Wäsche nehme sie keinem Prinzen zuliebe ab!«
+
+»Ach Hagemann,« sagte die Frau Stadtschultheiß, »können Sie denn nicht
+der Frau sagen, sie dürfe ihre Wäsche in meinem Garten hinter dem Haus
+aufhängen? Wir können doch meinen Mann nicht noch einmal wegen der
+Wäsche fragen.«
+
+»Die tut’s eben nicht! Die kennen Sie schlecht, wenn Sie meinen, daß die
+jetzt nachgibt und die Wäsche wieder abzieht und in der Frau
+Stadtschultheiß Garten aufhängt.«
+
+»Ach, so soll sie hängen bleiben, geht denn das nicht?«
+
+»Wenn der Herr Stadtschultheiß die hohen Herrschaften am Bahnhof abholt
+und vorbeifährt und sieht das, dann fällt die Schuld auf mich.«
+
+»So gehen Sie selbst zu meinem Mann, ich mag ihn nicht schon wieder
+stören,« sagte die junge Frau und führte den Polizeidiener durch Wohn-
+und Schlafzimmer bis an das Gaststübchen, wo auf das Klopfen ein sehr
+deutliches »Herein!« erfolgte. Sie hörte, wie der Mann seinen Rapport
+machte; ach, auch die Bemerkung, daß sie Holz vor dem Haus hatten,
+wiederholte er; wäre sie lieber selbst zu ihrem Mann gegangen, das hätte
+sie gewiß weggelassen! Und nun hörte sie ihren Mann mit starker Stimme
+sagen: »Die Matzbeck hat die Wäsche binnen einer Viertelstunde
+vollständig abzuziehen, widrigenfalls die Polizei das Abziehen besorgt.
+Verstanden? Sie haben für die Ausführung zu sorgen. Was das Holz vor
+meinem Haus betrifft, so ist das auf der Seite, nicht vorn, und wird
+überdies so mit Grün überdeckt, daß es zum Schmuck dient.«
+
+Der Polizeidiener ging seiner Wege. Die Frau Stadtschultheiß folgte ihm
+die Treppe hinunter und überzeugte sich, ob der Holzstoß wirklich zum
+Schmuck diene. Ja, Anne hatte ihre Sache gut gemacht, und Hänschen hatte
+noch einen Wedel abbekommen, mit dem er nun fröhlich die Treppe
+hinaufging. Fast gleichzeitig kam wieder ein Störenfried. Der junge
+Schreiber war es, der auf dem Rathaus verwendet wurde. In ein paar
+Sätzen kam er die Treppe herauf gesprungen und fragte eilfertig: »Ist
+der Herr Stadtschultheiß da?«
+
+»Ja, aber er ist nicht zu sprechen. Was wollen Sie denn, Meyer?«
+
+»Der Vorstand des landwirtschaftlichen Vereins hat mich geschickt von
+der Wiese draußen. Der Knecht vom Weidenhof hat zur Viehausstellung
+einen Stier gebracht nur am Strick; er will ihm keine Kette anlegen,
+wie’s doch vorgeschrieben ist, weil er sagt, das Tier sei’s nicht
+gewöhnt und werde wild. Der Vorstand hat mich schnell hergeschickt, er
+fürchtet, es könnte ein Unglück geben.«
+
+»Was meint denn der Vorstand, daß man tun soll?«
+
+»Er meint, man soll sogleich den Herrn Stadtschultheiß fragen.«
+
+Diesmal trat die junge Frau laut bei ihrem Mann ein. »Wenn du nur die
+Rede früher studiert hättest,« sagte sie, »am letzten Morgen ist doch
+keine Ruhe! Nun ist wieder etwas los mit einem Stier, soll ich ihn
+hereinlassen?«
+
+»Den Stier? Du scheinst schon in so grimmiger Laune zu sein,« sagte der
+Mann, »hast aber keine Ursache dazu, wo du doch gar keine
+Unannehmlichkeiten von der Sache hast! Übrigens war bis gestern
+bestimmt, daß der Oberamtmann die Festrede halten solle, und erst heute
+ließ er mir sagen, daß er sich zu unwohl fühle, sonst wäre ich nicht so
+spät daran. Daß _du_ auch noch schlechter Laune bist, das fehlte gerade
+noch an diesem Tage, das ist doch sonst nicht deine Art.« Er ging hinaus
+und hörte den Bericht wegen des Stiers.
+
+»Der Knecht hat sofort dem Stier die vorschriftsmäßige Kette anzulegen,
+wobei ihm in der Stallung die nötige Hilfe vom Schlachtmeister geleistet
+werden soll. Widersetzt er sich, so ist der Knecht in Arrest abzuführen,
+der Stier von der Ausstellung auszuschließen und im Stall anzuketten.«
+
+Der Stadtschultheiß ging nicht mehr in das Gaststübchen zurück. »Es ist
+besser, ich kleide mich jetzt an,« sagte er, »und gehe wieder aufs
+Rathaus, dort ist es noch ruhiger als daheim.« Er verschwand im
+Schlafzimmer, wo sein Festgewand hergerichtet war. Aber etwas fehlte
+doch. Nach einer Weile ertönte seine Stimme: »Julie, wo ist meine weiße
+Halsbinde?«
+
+Frau Römer, die eben ihrem kleinen Mädelein die Flasche reichte, rief:
+»Auf dem Tisch bei deinem Hut und den Handschuhen.«
+
+»Nein, da ist sie nicht. Könntest du nicht einmal kommen? Ich habe keine
+Zeit mehr zu verlieren.«
+
+Schnöde wurde der Kleinen die Flasche vom Munde genommen, die Mutter
+sprang auf, lieber sollte das Kind warten als der Mann.
+
+»Die Binde _muß_ da liegen, ich habe sie doch hingelegt, ist sie denn
+vielleicht hinter das Schränkchen gerutscht?«
+
+Nun ging ein Suchen an, das immer ungemütlicher wurde, dazu schrie die
+Kleine zum Erbarmen.
+
+»So gib mir die andere, die du mir gestern gezeigt hast,« sagte Römer.
+
+»Die war dir ja zu alt und abgewetzt.«
+
+»So schlimm war sie ja nicht, gib sie nur her.«
+
+»Die ist jetzt nicht mehr vorhanden. Ich schicke aber Anne in den Laden,
+in fünf Minuten ist sie wieder da.« Und hinaus rannte die Frau.
+
+»Anne, schnell, spring so schnell du springen kannst, zu Geschwister
+Keller; eine weiße Halsbinde für meinen Mann, ich zahle sie morgen.«
+
+Anne flog nur so davon. Die Mutter erbarmte sich inzwischen der
+schreienden Kleinen, wahrhaftig, Tränen standen dem kleinen Wesen im
+Auge.
+
+»Wo hast du denn aber die alte Binde hingebracht?« fragte der
+Stadtschultheiß; »findest du denn auch diese nicht? Das ist aber eine
+Unordnung!« Nun kam das Geständnis: »Die alte habe ich dem Bubi
+geschenkt, der hat sich damit geschmückt und soviel Spaß daran gehabt.«
+Der Mann sagte gar nichts mehr.
+
+Nun kam atemlos Anne zurück. Frau Römer hörte sie kommen und eilte ihr
+entgegen, mochte immerhin die Kleine wieder eine Pause im Trinken
+machen. »Fräulein Keller hat keine Binden mehr, sie habe eigens ein
+halbes Dutzend für den heutigen Tag kommen lassen, aber sie seien alle
+weggegangen,« berichtete Anne.
+
+»Und im andern Geschäft?«
+
+»Fräulein Keller meint, da gäbe es keine. Aber sie hat gesagt, wenn der
+Herr Oberamtmann, der gestern schon unwohl war, heute nicht besser sei,
+so schicke die Frau Oberamtmann die Halsbinde wieder zurück, die sie
+gekauft habe; das habe sie sich gleich ausbedungen. Und nun meint
+Fräulein Keller, ich soll bei Frau Oberamtmann anfragen.«
+
+»Natürlich sollst du, Anne, wärst du doch gleich hingesprungen!«
+
+Als Frau Römer wieder zu ihrer Kleinen zurückkehren wollte, sah sie
+ihren Hans, der mit dem Tannenwedel in der Hand, die weiße Binde um den
+Hals, militärisch auf dem Gang auf und ab spazierte und dabei laut vor
+sich hinsang: »Ich bin ein geplagter Mann.« Er nahm sich so drollig aus,
+der kleine Mann mit seinen dicken roten Bäckchen; heute hatte sie noch
+kaum einen Blick gehabt für ihren Bubi, sie nickte ihm zu und sah ihn
+an. War wohl im äußersten Notfall die alte Binde auch jetzt noch zu
+brauchen? »Laß sehen, Bubi!« Aber was war denn das? Die Binde sah ja
+schöner aus als gestern. Das war gar nicht die alte – keine Frage, Hans
+hatte die neue erwischt! Aber sie war noch rein, noch unverdorben. Rasch
+machte sie sie los unter dringenden Fragen, wie Hans dazu gekommen sei?
+Genommen hatte er sie, weil er die andere nicht mehr fand. »Bitte, Mama,
+gib mir dafür eine andere.«
+
+Sie war aber ungnädig, die Mama, einen Klaps gab sie ihm, weiter nichts,
+und eilte an dem weinenden Töchterchen vorbei rasch zu ihrem Mann. »Da
+ist die Halsbinde.«
+
+»Wo war sie denn?« Die Mama wollte des Vaters Zorn nicht auf des Kleinen
+Haupt laden. »Entschuldige,« sagte sie, »ich höre jemand kommen.« Ein
+Mädchen war draußen. »Höfliche Empfehlungen von Fräulein Keller und sie
+habe doch noch ins andere Geschäft geschickt, und da seien zwei Binden
+zur Auswahl.«
+
+»So, so, das ist ja recht freundlich, ich lasse danken.« Und nun kam
+Anne schnaufend daher: »Der Herr Oberamtmann befinden sich schlechter
+und können nicht ausgehen. Frau Oberamtmann schickt die beiden
+Halsbinden, die sie zur Auswahl genommen habe.« Nun waren genug weiße
+Binden im Haus. Die Frau Stadtschultheiß ließ sich’s aber nicht merken.
+»Das ist recht, Anne,« sagte sie, »du glühst ja ganz.«
+
+»Es ist bloß von der Hitze,« antwortete das gute Mädchen.
+
+»Setze dich zu der Kleinen ans Bettchen, ruhe dich ein wenig aus; gib
+ihr die Flasche vollends, wenn die Milch nicht zu kalt geworden ist.«
+
+Anne ging zu dem Kind. »Sie schläft ja,« sagte sie.
+
+»So? Hat sie die Hoffnung aufgegeben, da hat sie recht; es ist eine
+verständige Tochter.«
+
+Der Stadtschultheiß kam nun im festlichen Anzug zum Vorschein und
+schickte sich an zu gehen.
+
+»Wann kommst du wieder?« fragte seine Frau.
+
+»Ich weiß nicht. Um elf Uhr Empfang, dann auf die Wiese zur Ausstellung;
+um zwölf Uhr etwa in die Bauernstube – da sehen wir uns wohl einen
+Augenblick; um ein Uhr Festessen, dann Preisverteilung auf der Wiese.
+Mit einbrechender Dunkelheit Stadtbeleuchtung – dazu wird dir ja unser
+Hausherr helfen; dann Felsenbeleuchtung; sodann Abfahrt des Prinzen und
+der Prinzessin. Zum Abendessen haben wir Herren uns in den Schwan
+verabredet. Es kann spät werden, ich will den Hausschlüssel mitnehmen.«
+
+Kürzer als sonst, wenn es sich um einen ganzen Tag handelte,
+verabschiedete sich Römer. Seine Frau wußte nicht recht, war er nur ganz
+mit seinen Gedanken beschäftigt oder war er nicht recht zufrieden mit
+ihr. Sie jedenfalls war mit sich selbst nicht zufrieden; er hatte sich
+heute morgen vom Rathaus heimgeflüchtet und hatte zu Hause nur Verdruß
+gehabt, das ging ihr nach und bedrückte sie. Kurz vor elf Uhr fuhren die
+Wagen am Haus vorbei, die die Gäste abholen sollten; in einem saß ihr
+Mann, er war im Gespräch mit einem anderen Herrn und sah nicht herauf
+nach dem Fenster, an dem seine Frau stand, mit der Kleinen auf dem Arm,
+und ihm gern einen Gruß zugewinkt hätte.
+
+Gegen zwölf Uhr machte sie sich mit Hans auf den Weg nach der
+Bauernstube. Sie begegneten dem Polizeidiener Hagemann.
+
+»Wie ist es denn heute morgen mit der Wäscherin gegangen?« fragte sie
+ihn.
+
+»Wie ich komme und richte aus, daß die Wäsche polizeilich abgezogen
+werden soll, sagt die Matzbeck zu mir: ›Was wollen Sie denn? Die Wäsche
+ist ja schon trocken, die muß ich so wie so abziehen‹, und sie hat sie
+heruntergenommen.«
+
+»Ist die wirklich so schnell getrocknet?«
+
+»Bewahre, Frau Stadtschultheiß, die Matzbeck hat nur so gesagt, wie sie
+den Ernst gemerkt hat, weil halt die Weiber immer recht behalten
+müssen!«
+
+In dem Gemach, das als Bauernstube eingerichtet war, hatten sich einige
+Damen versammelt, denen der Vorzug zuteil werden sollte, das junge
+prinzliche Ehepaar zu sehen. Unter ihnen war als jüngste unsere Frau
+Stadtschultheiß mit ihrem kleinen Jungen, der sich ganz prächtig in
+bäuerlicher Tracht ausnahm. Er stand nahe dem Fenster hinter seiner
+kleinen Bäuerin, dem Töchterlein des Oberamtmanns, das man an einen
+Spinnrocken gesetzt hatte; es war ein nettes Pärchen. Eine der
+anwesenden Damen, die Frau eines Fabrikbesitzers, die in jungen Jahren
+als Erzieherin im Hause der Prinzessin angestellt war, gab den Kindern
+Verhaltungsmaßregeln, wie sie beim Eintritt der Gäste knicksen sollten
+und wie Hans dann, wenn sie ihm einen Wink gäbe, der Prinzessin den
+Strauß überreichen sollte.
+
+Im Hintergrund des Zimmers stand ein riesiger Kleiderkasten und neben
+diesem, unter der geöffneten Türe eines Nebengemachs, hielten sich die
+Damen auf, um den Eindruck der Bauernstube nicht zu stören. Den Müttern
+des Pärchens war es nicht behaglich zumute, um so mehr als die Kinder
+anfingen, ungeduldig und mißmutig zu werden, und Frau Römer dachte
+daran, was ihr Mann von der Unsicherheit der kleinen Kinder gesagt
+hatte. Heute wäre es ihr ganz besonders leid gewesen, wenn ihr Hans
+irgend welche Störung verursacht hätte. Nun hörte man die Erwarteten
+kommen; rasch zogen sich die Damen zurück, nur die Frau des
+Fabrikbesitzers als persönliche Bekannte der Prinzessin hielt sich in
+der Nähe der Kinder, grüßte nun mit einer tadellosen Verbeugung die
+Eintretenden und wurde auch von der jungen Prinzessin sofort erkannt und
+begrüßt. Hinter den hohen, jugendlichen Gestalten des Prinzen und seiner
+Gemahlin erschienen als Begleiter mehrere Herren, worunter der
+Stadtschultheiß und der Vorstand des Landwirtschaftlichen Vereins, der
+nun auf alle Eigentümlichkeiten der schwäbischen Bauernstube aufmerksam
+machte. »Einige Damen,« sagte er, indem er in den Hintergrund deutete,
+»haben sich besonders bemüht um die getreue Ausstattung und haben auch
+echte kleine Bewohner gestellt.«
+
+Die Prinzessin näherte sich freundlich den Kindern, der Prinz folgte, an
+seiner Seite der Stadtschultheiß. »Was stellst du denn vor?« fragte die
+Prinzessin das kleine Mädchen, sich freundlich zu ihr beugend.
+
+»Ich bin eine Bäuerin von der schwäbischen Alb,« antwortete die Kleine
+mit höflichem Knicks. »Und du?« fragte sie, sich Hans zuwendend. Der sah
+sehr ernsthaft zu der schönen jungen Frau auf und antwortete mit tiefer
+Empfindung: »Ich bin ein geplagter Mann.« Über diese unverhoffte
+Antwort entstand große Heiterkeit. Der Prinz lachte laut und herzlich
+und sagte dann, zu Römer gewandt: »Da muß man unwillkürlich fragen, was
+ist denn der Papa dieses Kleinen?«
+
+Römer sagte lächelnd: »Er ist hier Stadtschultheiß.«
+
+»Das läßt allerlei Schlüsse zu,« entgegnete heiter der Prinz; »ja, ja,
+an dieser Äußerung bin ich vielleicht gar nicht ganz unschuldig!«
+
+Hans hielt noch immer seinen Strauß, obwohl er schon leichte Winke von
+verschiedenen Seiten bekommen hatte. Die Dame, die hinter ihm stand,
+merkte, daß sie deutlicher werden mußte. »Hans,« sagte sie, »du willst
+ja deinen Strauß der Frau Prinzessin geben!«
+
+»Oder vielleicht der Mama?« rief der Kleine und sprang lustig durchs
+Zimmer auf seine Mutter zu, die sich ganz bescheiden hinter die älteren
+Damen zurückgezogen hatte. So war denn richtig die Störung eingetreten.
+Was tun? Eine Unterhandlung konnte Frau Römer nicht mit dem Kind
+anfangen, so folgte sie einer raschen Eingebung, nahm den Strauß aus der
+Kinderhand, trat mit Hänschen vor und sagte bittend zur Prinzessin:
+»Wollen Sie die Blumen wohl von mir annehmen?«
+
+»Ja gewiß, gern,« sagte die Prinzessin liebenswürdig, »was haben Sie für
+einen prächtigen Jungen, er hat uns den größten Spaß gemacht, der kleine
+geplagte Mann.«
+
+Noch ein paar Minuten verweilten die Gäste, dann verließen sie die
+Stube; der ganze Aufenthalt hatte vielleicht zehn Minuten gedauert und
+wieviel Arbeit und Überlegung hatte die Herstellung der Bauernstube
+gekostet!
+
+Die Frauen blieben allein mit den Kindern zurück. Lebhaft wurde das
+Vorgefallene besprochen. »Es hat sich alles ganz gut gemacht,« entschied
+schließlich die ehemalige Erzieherin als Sachverständige, »nur das eine
+war ein #faux pas,# liebe Frau Stadtschultheiß, Sie hätten sagen
+müssen: ›Wollen Königliche Hoheit die Blumen annehmen‹; wollen ›_Sie_‹
+ist doch gar zu vertraulich. Aber die Prinzessin wird es Ihnen nicht
+nachtragen,« setzte sie begütigend hinzu.
+
+Der jungen Frau Römer war es beklommen zumute. Wie die prinzlichen
+Hoheiten über sie dächten, das war es nicht, was sie bekümmerte, aber ob
+ihr Mann über sie und das Kind ärgerlich war? Als sie mit ihrem kleinen
+Bauernjungen in diesen Gedanken heimging, sagte sie sich, daß am Abend
+die schöne Beleuchtung ihres Hauses alles wieder gut machen müsse. Ihr
+Mann sollte es sehen, wenn er mit dem Prinzen vorbeifuhr, daß sie doch
+ein Gefühl dafür hatte, was der richtigen Stadtschultheißin geziemte,
+trotz des Holzstoßes vor dem Haus, trotz des Zwischenfalls in der
+Bauernstube.
+
+Dreihundert kleine irdene Schälchen hatte sie sich beim Seifensieder mit
+Unschlitt füllen lassen und nun machte sie sich daran, jedem einzelnen
+Döchtchen einen Tropfen Petroleum zu geben, denn vom Seifensieder hatte
+sie gehört, daß sie auf diese Weise am leichtesten anzuzünden wären. Ja,
+von ihr aus war alles bereit, wenn sich nur endlich der Schreiner
+gezeigt hätte!
+
+Der Nachmittag rückte vor, dreimal hatte sie Anne hinuntergeschickt und
+jedesmal hatte diese die Antwort gebracht, Herr Wahl werde jetzt gleich
+kommen.
+
+Endlich ging sie selbst hinunter. »Aber Frau Wahl, was ist denn mit
+Ihrem Mann? Warum kommt er denn nicht?«
+
+Die Frau versicherte, daß sie ihn seit zwei Stunden erwarte. Sie wollte
+sich jetzt aber selbst auf den Weg machen, ihren Mann zu suchen. Es
+dauerte gewiß eine Stunde, bis sie ihn endlich brachte, aber er war in
+schlimmer Verfassung. Mit schwerer Zunge versicherte er, daß er die
+Sache gleich besorgen werde. Wieder verstrich eine Weile, da kam seine
+Frau herauf und sagte beschämt: »Es ist meinem Mann nicht gut, er hat
+sich aufs Bett gelegt; es wird auch besser sein, er schläft ein wenig.«
+
+Unsere junge Frau war so entrüstet, daß sie kein Wort mehr für die
+Hausfrau hatte; auf den Schreiner mußte sie ja doch verzichten. »Anne,«
+sagte sie, »was tun wir jetzt, wer kann uns helfen?«
+
+»Ich weiß, was wir tun,« sagte Anne. »Ich steige selbst auf die Leiter,
+wenn’s dunkel wird und die Leute es nicht so bemerken. Ich will nur erst
+einmal nach der Leiter sehen, ob die wenigstens imstand ist.« Hinter dem
+Haus, an dem Holzschuppen war sie aufbewahrt. Anne schleppte sie herbei,
+Frau Römer sah vom Fenster aus zu. Nun lehnte die Leiter am Haus. »Sie
+ist ja zu kurz!« rief Anne herauf.
+
+»Freilich, das habe ich immer gefürchtet!«
+
+»Was machen Sie denn da?« fragte der Bäcker, der gegenüber wohnte und
+neugierig herbeikam. Frau Römer schöpfte Hoffnung. Der Mann konnte
+vielleicht helfen. Sie von oben und Anne von unten legten ihm den Plan
+dar. Die Lichter sollten an dem vorspringenden Sims, der die Front des
+Hauses schmückte, angebracht werden. »Hat das der Herr Stadtschultheiß
+angeordnet?« fragte er.
+
+»Nein, ich möchte es ja zu seiner Überraschung tun.« Der Mann schüttelte
+den Kopf und schwieg. Unsere junge Frau oben sah das, und wahrhaftig
+stampfte sie ein wenig mit dem Fuß, – ihre Ungeduld war _zu_ groß. »Die
+Leute hier sind doch unausstehlich langweilig und schwerfällig,« dachte
+sie, »hätte ich nur meine Hamburger hier!«
+
+»Frau Stadtschultheiß,« rief von unten der Bäcker, »wenn ich etwas sagen
+darf, dann rate ich Ihnen, lassen Sie das bleiben. Erstens hängen die
+Fahnen über dem Sims und könnten Feuer fangen, und zweitens ist’s auch
+zugig an der Ecke, der Wind bläst doch alles aus.«
+
+Was war dagegen vorzubringen? Frau Römer schwieg. Aber Anne ergab sich
+nicht so schnell. »O Herr Breitling,« sagte sie, »Sie wollen nur nicht.
+Die Fahnen könnte man einziehen, wenn’s Nacht wird, und wie sollten denn
+die Lichter auslöschen, da könnte ja kein Mensch beleuchten. Gehen Sie
+zu, helfen Sie uns auch ein wenig, hole ich doch alle Tage die Wecken
+bei Ihnen und am Sonntag die Brezeln!«
+
+Der Mann sagte darauf gar nichts, zog sein Feuerzeug aus der Tasche und
+zündete ein Streichhölzchen an – im Nu war es vom Wind ausgeblasen.
+»Glauben Sie’s jetzt?« sagte er, »in der Fensternische, da geht’s, da
+sind die Lichter geschützt, aber, frei längs der Hausmauer, da löschen
+alle aus. Helfen tät ich gern, daran fehlt’s nicht.«
+
+Einen Augenblick war es stille. »Anne, trage die Leiter an ihren Platz,«
+ließ sich nun von oben eine bekümmerte Stimme vernehmen, und das Fenster
+wurde geschlossen. Heute wollte doch auch gar nichts gelingen! Zum
+Weinen war es der jungen Frau, als sie ihre dreihundert Lämpchen sah.
+Sie hatte es sich etwas kosten lassen! Wie schön hatte sie es sich
+ausgemalt!
+
+Anne kam herein. »Das sind Leute,« sagte sie, »der Schreiner und der
+Bäcker!«
+
+»Gegen den Bäcker will ich nichts sagen, aber der Schreiner!«
+
+Ja, der Schreiner, über den entlud sich nun der ganze Zorn, denn einen
+Sündenbock will der Mensch haben.
+
+Es wurde dunkel. Da und dort zündeten Leute schon Lämpchen an. Ein
+kühler Abendwind erhob sich. »Wir haben wenigstens viele Fenster,« sagte
+Frau Römer, »und Lichter für beide Stockwerke.« Und nun fing sie oben im
+Dachstock an den Kammern an und stellte einstweilen die Lämpchen vor
+die Fenster, eines dicht ans andere; es war ja keine Gefahr, daß sie
+nicht reichten. Dann ebenso an allen Fenstern des ersten Stockwerks. In
+der Ferne hörte man ein Knattern und Knallen von Raketen, und die großen
+Felsen, die das Städtchen auf einer Seite umsäumten, erglänzten in
+bengalischer Beleuchtung.
+
+Jetzt war es Zeit zum Anzünden. Anne wurde hinaufgeschickt, es in der
+Kammer zu besorgen; unten wollte es Frau Römer tun. Aber der Wind, der
+Wind! Kaum brannten zwei, drei Flämmchen, so kam der starke Luftzug und
+blies sie aus. Und gerade auf _der_ Seite des Eckhauses, die freistand
+und die von weiter Ferne beim Hereinfahren von den Felsen den Gästen ins
+Auge fallen mußte, gerade auf dieser Seite löschten beharrlich die
+schwachen Flämmchen aus. Wie war es denn wohl in den andern Häusern? Die
+junge Frau lehnte sich hinaus und sah an der Häuserreihe hinunter –
+schön beleuchtet glänzte sie ihr entgegen, Licht an Licht. Sie meinte es
+wenigstens, denn daß auch an den anderen Häusern viele Lichter wieder
+verlöscht waren, konnte sie nicht erkennen; sie sah nur, was brannte,
+und das war freilich mehr als an diesem ausgesetzten Punkt. Jetzt kam
+auch Anne verzweifelt herunter. »Droben verlöschen sie alle! wie ist’s
+denn unten?«
+
+»Ebenso!«
+
+»Meines brennt,« rief vergnügt der kleine Hans, der vor einem
+angezündeten Lämpchen stand, das auf dem Tisch hell brannte.
+
+»Ja, im Zimmer, das glaube ich gern,« sagte Anne.
+
+»Anne, ich weiß, wie wir es machen, wir stellen sie herein auf den
+inneren Fenstersims!« rief jetzt Frau Römer; »schnell, geh hinunter vors
+Haus und sieh, wie es sich ausnimmt,« und während das Mädchen
+hinuntersprang, legte sie ein paar Bücher auf den inneren Sims des
+geschlossenen Fensters und stellte die Lichter hoch. Anne kam wieder:
+»Prächtig sieht’s aus, kein Mensch bemerkt, daß die Lichter nicht außen
+stehen, die Fenster sind ja alle frisch geputzt.«
+
+Jetzt ging es ans Werk. »Hans, bring alle deine Bausteine herbei,
+schnell, schnell!« und mit Bausteinen und Büchern wurden nun sämtliche
+Fenstersimse so hoch belegt, daß die Lichter durch die Scheiben sichtbar
+wurden. Und dann wurden sie angezündet. Ob es nun wohl ging? Unsere
+junge Frau hätte sich ja nicht gewundert, wenn heute Lämpchen und
+Zündhölzer ihren Dienst versagt hätten. Aber sie brannten so gutmütig
+an, stellten sich ganz unschuldig. Einen Qualm gab das freilich in die
+Zimmer! Im Eckzimmer mit seinen vier Fenstern allein vierzig
+Unschlittlichtchen! und nirgends konnte man ein Fenster öffnen.
+Einerlei, wenn man auch nicht mehr im Zimmer atmen konnte, wenn es nur
+hell hinunterleuchtete! Und das tat es! Eine strahlende Helle war in
+allen Zimmern, und Anne nahm Hänschen mit hinunter, daß er es von der
+Straße aus sehen konnte. »Darf ich ein wenig mit ihm fortrennen zum
+Feuerwerk?« rief sie herauf.
+
+»Ja, ja, geht nur miteinander.«
+
+Das kleine Mädelein war aus dem qualmenden Zimmer hinausgeflüchtet
+worden in die Küche; da schlief sie ganz sanft, während ihre Mutter
+unruhig im Haus herumging. Die ungewohnte Helle, die zunehmende Hitze
+hatte etwas Beunruhigendes. Sie ging hinauf in die Kammer. Droben wurde
+es so heiß, der weiße Lack an den Fenstern fing an zu riechen, alles
+fühlte sich warm an. Wenn nur kein Brand entstand! Sie lief wieder ins
+untere Stockwerk, waren doch alle Vorhänge fest zurückgesteckt? Es war
+fast nicht auszuhalten, die Hitze, der Qualm und dabei die Angst! Eine
+Kanne Wasser in der Hand ging sie unablässig von einem Zimmer ins
+andere, wohl eine halbe Stunde lang. Endlich hörte man drunten auf der
+Straße Wagengerassel. Sie eilte ans Fenster: der Prinz und die
+Prinzessin, die Herren ihrer Begleitung, darunter der Stadtschultheiß,
+fuhren am Haus vorüber in den Gasthof zurück; das Feuerwerk war aus, die
+schaulustige Menge strömte ins Städtchen zurück. Gott Lob und Dank, die
+Lichter durften ausgelöscht werden!
+
+ * * * * *
+
+Es war neun Uhr abends, Ruhe herrschte im Haus, Frau Römer saß allein
+auf ihrem kleinen Sofa am Tisch und ruhte aus. Die Kinder und Anne
+schliefen schon. Ordnung war wiederhergestellt und frische Luft strömte
+durch die Fenster. Da näherte sich durch die stille Straße ein lauter,
+fester Tritt, ein Schlüssel wurde in die Haustüre gesteckt. »Mein Mann
+kann es nicht sein, aber doch ist er’s!« sagte sich die junge Frau und
+eilte hinaus. Ja, er war es.
+
+»Du kommst schon?« sagte sie erstaunt. »Ich hätte gedacht, heute wird es
+spät!«
+
+»Ja,« sagte er, »die andern sitzen auch noch fest beisammen!«
+
+»Und du?«
+
+»Ich habe mich in aller Stille davongemacht. Ich wollte auch einmal
+wieder bei meiner Frau sein.« Dies Wort zerstreute alle Sorgen der
+jungen Frau, sie fühlte es: alles war schön und gut zwischen ihnen und
+nun wurde es gemütlich! Sie gingen miteinander ins Zimmer und setzten
+sich behaglich zusammen.
+
+»Ist das schön, wenn so ein Tag vorbei ist!« sagte Römer.
+
+»Ist alles gut gelungen?«
+
+»So ziemlich,« sagte er. »Die Beleuchtung der Häuser war ja durch den
+Wind recht lückenhaft, nur unser Haus war glänzend. Schon von ferne
+fragte mich die Prinzessin, wem dies strahlende Häuschen gehöre. Ich war
+nicht wenig stolz, hätte fast gesagt: meiner Frau. Das Strahlen
+wenigstens kam von dir, wie hast du es denn gemacht? Überall sonst waren
+doch die meisten Lichter verlöscht.«
+
+Sie erzählte all ihre Erlebnisse. »So, deshalb riecht es so merkwürdig
+im ganzen Haus? Also hast auch du Angst ausgestanden während des
+Feuerwerks, ich aber auch!«
+
+»Wieso du?«
+
+»Du hast doch heute morgen gehört, daß ein Pulverwagen hier durchkommen
+wollte. Nun, der Eilbote, der das hintertreiben sollte, der geistreiche
+Mann, hat den Fußweg eingeschlagen, auf dem er dem Pulverwagen natürlich
+nicht begegnete! Wie wir nun abends hinausfahren nach den Felsen, die
+beleuchtet wurden, und aussteigen, kommt der Ratsdiener auf mich zu. Ich
+seh ihm gleich an, daß etwas nicht in Ordnung ist, ich nehme ihn
+beiseite. ›Sehen Sie dort hinüber, Herr Stadtschultheiß,‹ sagt er. ›Auf
+der alten Straße, an der andern Seite vom Fluß, fährt der Pulverwagen!‹
+Ich sehe hinüber: langsam bewegt sich dort der große, schwarze Wagen,
+mit der vorgeschriebenen roten Laterne und dem roten Fähnchen,
+unheimlich anzusehen. Und dabei steigen schon zischend die Raketen auf
+und der Wind jagt die Funken nach allen Seiten hoch in die Luft. ›Was
+ist zu tun?‹ fragte mich der Ratsdiener. ›Es ist nicht mehr zu ändern,‹
+sagte ich, ›lassen Sie sich nichts merken, daß kein Schrecken unter den
+Leuten entsteht. Gehen Sie hinüber, sorgen Sie, daß der Wagen ohne
+Aufenthalt weiterfährt, aber langsam und ruhig; wenn er nicht umwirft,
+kann nichts geschehen. Durch den eisernen Deckel dringt kein Funke.‹ Er
+ist ein wackerer Mann, der alte Ratsdiener, und hat sich heute wieder
+bewährt, du könntest ihm morgen eine Flasche Wein schicken. Wie er von
+mir weggeht, höre ich, wie ihn ein Mann anredet: ›Sagen Sie, ist denn
+das da drüben nicht ein Pulverwagen?‹ ›Das macht doch nichts,‹ sagt der
+Ratsdiener mit größter Seelenruhe; ›auf dem Wagen können Sie ein
+Feuerwerk abbrennen und es dringt kein Funke hinein.‹ ›So, so,‹ sagt der
+andere sofort beruhigt. Du kannst dir aber denken, wie es mir zumute
+war, während das Feuerwerk so in der Luft herumschwärmte. So oft es
+unbemerkt ging, mußte ich mich umwenden und hinübersehen nach dem
+kleinen roten Licht, das allmählich weiterrückte auf der Straße. Langsam
+kroch die Gefahr davon, bis sie endlich hinter dem Berg verschwand.«
+
+»Und der Prinz hat nichts davon erfahren?«
+
+»Nein, er war in fröhlicher Laune bis zuletzt und ebenso die Prinzessin,
+die mir noch an der Bahn einen Gruß an Hans auftrug. Er ruht jetzt wohl
+von seiner Plage?«
+
+Ja, der Kleine ruhte und ebenso genoß der Vater den friedlichen Abend;
+in der Wohnung des Stadtschultheißen gab es jetzt keinen geplagten Mann!
+
+
+
+
+Helf, wer helfen kann!
+
+
+Am heißen Herd in der Küche schaltete mit eifrigen Händen und glühenden
+Wangen Frida, der liebliche Backfisch. Die Mutter war ausgegangen, um
+vor Tisch noch einen dringenden Besuch zu machen, und Frida hatte
+versprochen, ihre ungeteilte Aufmerksamkeit dem Braten zuzuwenden. Da
+ertönte die Klingel. »Es wird der Vater sein,« dachte Frida und öffnete.
+Es war aber nicht der Vater, sondern ein Freund desselben, der ihn auf
+der Durchreise ein paar Stunden besuchen wollte. Frida geleitete ihn in
+das Besuchszimmer und setzte sich zu dem Gast, der sich freundlich mit
+ihr unterhielt. Bald aber wurde sie unruhig und hörte nur noch mit
+halbem Ohr auf den Fremden. Sie dachte an den verlassenen Braten, an das
+Feuer, das bald ausgehen mußte, und überlegte, ob es nicht unhöflich
+wäre, wenn sie den Gast allein ließe. Inzwischen hatte der Herr weiter
+mit ihr gesprochen, Frida hatte aber in ihrer Zerstreutheit nicht viel
+davon gehört.
+
+»Haben Sie auch Töchter?« fragte sie jetzt, um nur irgend etwas zu
+sagen. Er sah sie erstaunt an. »Das sind eben meine Töchter, von denen
+ich Ihnen erzählte.« Frida errötete.
+
+Es fiel ihr ein, daß er von einer Marie und einer Elise gesprochen
+hatte. »Ja, ich meine nur, ob Sie _viele_ Töchter haben?« sagte sie in
+ihrer Verwirrung.
+
+Er lächelte. »Nicht sehr viele, bloß zwei.«
+
+In diesem Augenblick hörte Frida mit wahrem Entzücken den wohlbekannten
+Tritt ihres Vaters. Mit großer Freude begrüßten sich die beiden Freunde
+und eine der ersten Fragen des Vaters an den Gast war: »Du bleibst doch
+bei uns zu Tisch?« Die Einladung wurde angenommen und Frida von ihrem
+Vater mit den Worten entlassen: »Nun geh du in die Küche und mach dein
+Meisterstück!«
+
+Ja, ein schönes Meisterstück war es, das Frida vorfand, als sie
+hinauskam! Schwarz wie eine Kohle lag der Braten in der Pfanne und der
+Geruch des angebrannten Fleisches erfüllte die ganze Küche. Da war
+nichts mehr zu retten! Verzweifelt stand die junge Köchin und hatte nur
+den _einen_ Gedanken: wenn doch die Mutter käme, die wüßte Rat!
+
+Da klingelte es wieder. Eifrig sprang Frida zu öffnen. Aber es kam bloß
+ein Dienstmädchen mit einem Korb am Arm und einem Netz, in dem ein
+großer Fisch war. Sie kam offenbar vom Markt und hatte den Auftrag,
+Fridas Eltern auf den nächsten Abend einzuladen. Aber Frida hörte nur
+halb die Worte des Mädchens. Sie konnte ihre Blicke nicht von dem Fisch
+abwenden.
+
+»Brauchen Sie diesen Fisch für heute mittag?« fragte Frida.
+
+»O nein, erst für morgen abend,« antwortete das Mädchen.
+
+»Ach, wenn Sie mir den Fisch abtreten möchten! Wir haben unerwartet
+einen Gast bekommen und ich weiß nicht, was ich ihm zu Mittag vorsetzen
+soll!«
+
+»Recht gerne,« antwortete das Mädchen, »ich kann bis morgen schon noch
+einen Fisch bekommen.«
+
+»Ist er tot?« fragte Frida.
+
+»Ja wohl, aber ganz frisch, eben erst abgeschlagen.«
+
+Das Mädchen nahm den Fisch heraus, legte ihn auf eine Platte in der
+Küche, Frida bezahlte, was das Mädchen verlangte, und gab noch ein
+schönes Trinkgeld. Als das Mädchen fort war, wandte sich Frida eifrig
+ihrem Fisch zu, um ihn kunstgerecht zu bereiten. Aber, o Schrecken, der
+»tote« Fisch hatte sich von der Platte heruntergeschnellt und schlug mit
+dem Schwanz auf den Küchentisch. Nun war Frida ratlos. Einen halbtoten
+Fisch aufschneiden, das konnte sie nicht und noch viel weniger ihn
+töten.
+
+»Und das heißt die dumme Person _tot_!« sagte sie in Verzweiflung, »wenn
+ich sie nur zurückrufen könnte.« Aber die war nicht mehr zu sehen. Da
+klingelte es wieder. Jetzt endlich mußte es doch die Mutter sein, die
+heiß ersehnte. Frida flog zur Türe. Aber diesmal war es nur ein
+Handwerksbursche und vollends einer, der etwas Warmes zu essen
+verlangte. »Ach, wir haben ja selbst gar nichts,« sagte Frida in so
+verzweifeltem Ton, daß ihr der junge Bursche aufs Wort glaubte und
+wieder davonging. Als er aber die halbe Treppe hinunter war, kam Frida
+ein Einfall. Sie rief ihm nach: »Hören Sie, können Sie einen Fisch
+töten?«
+
+»Ob ich was kann?« rief der Bursche erstaunt.
+
+»Ob Sie einen Fisch ganz tot machen können?«
+
+»Warum denn nicht?« sagte er.
+
+»O so kommen Sie doch gleich herauf,« bat Frida und der Bursche ließ
+sich’s nicht zweimal sagen. Als er den Fisch in der Küche liegen sah,
+sagte er: »Der ist ja schon tot.« »O bewahre, der tut nur so und sowie
+er allein mit mir ist, bewegt er sich wieder; Sie müssen ihn _ganz_ tot
+machen.«
+
+Da ergriff der junge Mann den Fisch und schlug ihm den Kopf mit solcher
+Macht auf, daß dieser fast davonflog.
+
+»Nun ist er gewiß ganz tot,« sagte der Bursche, »ich kann ihm aber auch
+noch den Bauch aufschlitzen, wenn Sie wollen.« Bereitwilligst reichte
+Frida ein Messer her. Sie gewann immer mehr Vertrauen zu ihrem
+Küchenjungen.
+
+»Können Sie ihn vielleicht auch ausnehmen?«
+
+»Ich habe es zwar noch nie getan, aber so fest wird’s nicht sein, daß
+ich’s nicht herausreißen kann. Wollen Sie nicht zusehen, ob ich’s recht
+mache?«
+
+»Ich sehe es gut aus der Ferne,« sagte vom Herd aus Frida, die ihr
+Grauen vor dem Fisch gar nicht mehr los werden konnte.
+
+»Darf man alles herausreißen, was darinnen ist?«
+
+»Nehmen Sie nur alles heraus, was gut ist, kann ich ja wieder
+hineintun.«
+
+Der Bursche brauchte nicht einmal seine ganze Kraft, um den Fisch
+auszunehmen, und er machte seine Sache ganz geschickt.
+
+Nun war Frida wieder in glücklicher Stimmung. Ihr Mißtrauen gegen den
+Tod des Tieres war verschwunden und eifrig machte sie sich daran, den
+Fisch kunstgerecht zuzubereiten.
+
+»Kann ich dem Fräulein sonst noch etwas helfen?« fragte der Bursche. »O
+ja, bitte, wenn Sie mir noch helfen wollten, kleine Kartoffeln zu
+richten, wäre ich recht froh.«
+
+Einträchtig machten sich die Beiden an dies Geschäft und Frida erzählte
+dabei ihr Mißgeschick mit dem Braten.
+
+»Man wird ihn _doch_ noch essen können,« tröstete der Handwerksbursche.
+
+»Ach nein, sehen Sie nur her, wie schrecklich er aussieht!« Er fand es
+nicht so schrecklich, sondern behauptete, da wären noch manche Leute
+froh daran. »Wenn Sie ihn vielleicht mitnehmen wollten,« sagte Frida
+ganz schüchtern, »dann müßte ich ihn doch nicht mehr sehen und ungesund
+ist es, glaube ich, nicht.«
+
+»Durchaus nicht,« versicherte der Bursche. Der Braten wurde eingewickelt
+und verschwand in der Tasche des jungen Mannes, der sich nun dankbar
+entfernen wollte. Frida aber schenkte ihm für seine Hilfe noch ein Stück
+Geld und dankte ihm sehr. Vergnügt eilte der Handwerksbursche die Treppe
+hinunter, auf der ihm Fridas Mutter begegnete. Diese hatte sich bei
+ihrem Besuch verspätet und kam eiligst herauf. Als sie von Frida hörte,
+daß ein Gast angekommen sei, war ihre erste Frage:
+
+»Ist auch der Braten gut geworden?«
+
+»Ach nein, Mutter, der ist verbrannt, solange ich den Herrn unterhalten
+mußte. Aber wir haben einen prächtigen Fisch für heute mittag!«
+
+»Einen Fisch? Woher?«
+
+»Von der Köchin des Herrn #Dr.# N.; sie war da, um Euch – oder nein, ich
+glaube bloß den Vater, auf morgen – oder nein – ich glaube auf
+übermorgen einzuladen.«
+
+»Aber Kind, wo hattest du denn deine Gedanken?«
+
+»Ach, bei dem Fisch!«
+
+»Nun laß nur den Braten sehen, wir schneiden noch die schönsten Stücke
+auf.«
+
+»Es geht nicht, Mutter.«
+
+»Er kann doch nicht ganz verbrannt sein?«
+
+»Ich mochte ihn gar nicht mehr sehen und habe ihn dem Handwerksburschen
+mitgegeben, der mir den schrecklichen Fisch totschlug!«
+
+»Kind, du wirst doch den dreipfündigen Rindsbraten nicht hergegeben
+haben?«
+
+Alle weiteren Erörterungen wurden durch den Gast abgeschnitten, der, als
+er die Stimme der Hausfrau hörte, herauskam, sie lebhaft begrüßte und in
+Beschlag nahm. Als Frida bei Tisch den wohlgeratenen Fisch auftrug,
+erntete sie großes Lob, aber sie schlug beschämt die Augen nieder und
+dachte an den verbrannten Braten. Die Herren aber waren in heiterer
+Stimmung.
+
+»Aha,« sprach der Gast, »da merkt man doch gleich, daß man in einer
+katholischen Stadt ist, ihr habt heute, am Freitag, Fisch. Ich finde es
+sehr hübsch, wenn man sich nach der Sitte des Ortes richtet.«
+
+Als am Abend der Gast fort war und die Mutter alles erfahren hatte,
+berechnete sie im stillen: Ein feiner Fisch und ein Trinkgeld dem
+Mädchen, ein dreipfündiger Rindsbraten und ein Trinkgeld dem
+Handwerksburschen – und sie kam zu dem Schluß, auch den dringendsten
+Besuch nie mehr vor Tisch zu machen.
+
+Der Handwerksbursche zehrte mittags und abends an dem Braten, von dem er
+nur die verbrannte Rinde abgelöst hatte, und er fragte sich, ob er es
+wohl noch einmal in seinem Leben zu so einem kräftigen Stück Fleisch
+bringen werde.
+
+Frida aber tat um Mitternacht einen lauten Schrei, denn ihr träumte, der
+Fisch sei vom Tisch herunter und in ihren Schoß gesprungen!
+
+
+
+
+Ein Wunderkind.
+
+
+Wunderkinder gibt es aller Art. Solche, die wie Mozart mit drei Jahren
+Klavier spielen, andere, die im gleichen Alter mehrere Sprachen lesen
+können.
+
+Von einem Wunderkind ganz eigener Art möchte ich erzählen. Mein
+Wunderkind heißt Fridolin und ist das älteste Kind von armen
+Arbeitersleuten. Es war sechs Jahre alt geworden, ohne daß jemand ahnte,
+was für ein besonderes Geschick in dem Kleinen steckte, bis eines Tages
+der Vater zu ihm sagte: »Nimm meinen Sonntagsrock und trag ihn zum
+Schneider, daß er den Riß am Ärmel flicke.« Fridolin trug den Rock zum
+Schneider und dieser versprach, den Schaden wieder gut zu machen. »Ich
+will darauf warten,« sagte Fridolin. »So schnell geht’s nicht,«
+entgegnete der Schneider; »ich habe vorher noch anderes zu nähen.« »Ich
+kann ja warten,« wiederholte das kleine Bürschlein. »Da dürftest du
+lange warten,« meinte der Schneider, »geh du nur wieder heim.« »Ich kann
+auch _lang_ warten,« versetzte der Kleine und rührte sich nicht von der
+Stelle. Zwei junge Burschen, ein Geselle und ein Lehrling, die auch an
+der Arbeit saßen, lachten über den Kleinen, der sich nicht vertreiben
+ließ; da lachte der Schneider auch, legte den Rock beiseite, setzte sich
+an die Arbeit und sagte zu seinem Gesellen: »Laß den Knirps nur stehen,
+er wird schon bald genug kriegen.« Aber Fridolin bekam nicht genug. Er
+stand hinter dem Gesellen und sah ihm zu, wie er Knopflöcher nähte. Acht
+Uhr war es wie er gekommen war, und um zehn Uhr stand er noch da. – Nun
+trat die Meisterin ins Zimmer mit Bier und Brot, und der Meister setzte
+sich mit dem Gesellen an den Tisch. Fridolin aber, ohne ein Wort zu
+sagen, nahm den Platz ein, an dem der Geselle gearbeitet hatte, und
+ergriff die Arbeit, die jener beiseite gelegt hatte. Der Schneider
+beobachtete den wunderlichen Kleinen aus der Ferne; als er aber merkte,
+daß er sich an des Gesellen Arbeit vergriff, trat er leise hinter ihn
+und sah ihm zu. Dann winkte er den Gesellen und alle drei sahen mit
+Staunen, wie die Kinderfingerchen die Nadel behend durch den dicken
+Stoff schoben, wie Stich an Stich kam, daß auch nicht fadenbreit
+dazwischen fehlte, und wie das Schneiderlein so in seine Arbeit vertieft
+war, daß es nicht einmal nach ihnen aufschaute. »Wer hat dich gelehrt,
+Knopflöcher machen?« fragte jetzt der Schneider. »Der da!« antwortete
+Fridolin und deutete auf den Gesellen, dem er vorher zugesehen hatte. Da
+staunte der Meister und fragte den Kleinen nach allerlei: ob er zu Hause
+auch schon genäht habe, woher er’s könne usw., aber es war aus dem
+Büblein nicht viel herauszubringen. Nun tat’s ihm der Schneider zulieb
+und machte sich an das Ausbessern des Rockes, den Fridolin gebracht
+hatte, und der Kleine stand dabei und verwandte kein Auge davon. Als die
+Arbeit fertig war und Fridolin mit dem Rock gehen wollte, sagte der
+Schneider zu ihm: »Dich freut unser Handwerk, das seh’ ich, komm du nur
+ein andermal wieder, wenn du zusehen willst.«
+
+Als am nächsten Morgen in aller Frühe die Meisterin aus der Türe trat,
+um droben in der Kammer den Lehrbuben zu wecken, saß der kleine Fridolin
+auf der Treppe und sagte: »Ich will nähen helfen.« Da ließ ihn die
+Meisterin ein und der Schneider gab ihm eine Arbeit, von der er dachte:
+Verdirbt er’s, so ist nicht viel daran verloren. Aber Fridolin verdarb
+nichts und kam nun alle Tage.
+
+Der Herbst zog ins Land und Fridolin mußte in die Schule. Er war der
+kleinste unter all seinen Kameraden und im Lernen nicht stark; aber er
+war brav, machte seine Sache, so gut er eben konnte, und der Lehrer
+konnte das stille Kind wohl leiden. Eines Tages aber saß Fridolin mit
+geschlossenen Augen auf seinem Platz in der Schule. »Schläfst du?« rief
+ihn der Lehrer an und berührte ihn mit dem Stock. Erschrocken fuhr
+Fridolin auf, aber nach ein paar Minuten drückte er schon wieder die
+Augen zu. »Was ist’s heute mit dir?« rief ihm der Lehrer zu und
+schüttelte ihn: »Bist du faul oder krank?« »Nein,« antwortete der Kleine
+weinerlich, »aber die Naht ist ganz krumm, die kann ich nicht sehen!«
+und er deutete auf die Jacke des Knaben, der vor ihm saß. Alle Kinder
+lachten, aber der Lehrer sagte: »Redest du im Traum oder hast du den
+Verstand verloren?« »Nein, nein,« rief Fridolin, »die Naht muß _so_
+laufen,« und im Nu hatte er ein Stückchen Schneiderskreide aus seiner
+Tasche genommen und zeichnete damit eine schnurgerade Linie über den
+Rücken seines Kameraden herunter. Der Lehrer sah nun wohl, daß der
+Kleine recht hatte und daß die Naht etwas krumm lief. Er wußte nicht,
+sollte er lachen über den kleinen Sonderling oder staunen über seinen
+scharfen Blick. »Setze dich vor zu mir,« sagte er und führte Fridolin an
+einen andern Platz, wo er seine Augen offen halten konnte, ohne durch
+Jackennähte zerstreut zu werden. Nach der Schule sagte Fridolin zu
+seinem Kameraden: »Wenn du mir Zwirn mitbringst, mache ich dir die Naht
+an deiner Jacke zurecht.«
+
+Und so geschah es. Von diesem Tag an wurde Fridolin der Flickschneider
+für seine ganze Klasse. Als die Ferien begannen, kam der Schneider zu
+Fridolins Eltern und bat, daß ihm der Kleine nähen helfen möchte. Der
+Vater war nicht wenig stolz auf seinen kleinen Sohn und fragte, was ihm
+der Schneider an Lohn geben wolle, denn jeder Arbeiter sei seines Lohnes
+wert. Die beiden Männer handelten hin und her, Fridolin stand dabei und
+sagte kein Wort. Endlich wurden sie miteinander eins, der Schneider
+verabschiedete sich und war schon unter der Türe, da sprach Fridolin:
+»_Geld_ will ich nicht, ich will _Tuch_!« Der Schneider kam wieder
+zurück und der Vater sagte: »Hättest auch früher reden können, sei nur
+zufrieden, jetzt ist’s schon ausgemacht.« Aber Fridolin war nicht
+zufrieden, er wiederholte ganz bestimmt: »Um Geld näh’ ich nicht, ich
+will Tuch!« »Ja, wozu denn?« fragte der Schneider. »Zu einem Anzug für
+unseren Kleinen,« antwortete Fridolin und meinte damit seinen jüngsten
+Bruder, den er sehr lieb hatte. »Er ist schon so ein Sonderling, dem man
+seinen Kopf lassen muß,« sagte der Schneider, versprach ihm schönes Tuch
+zu liefern und ging.
+
+Jeden Tag arbeitete nun Fridolin bei dem Meister; er lernte Maß nehmen
+und Zuschneiden, er sah beim Anprobieren auf den ersten Blick, wo es
+fehlte, und seine Fingerchen wurden immer geschickter und gingen so
+flink auf und ab wie eine kleine Nähmaschine, so daß es ganz wunderbar
+anzusehen war. Am liebsten aber arbeitete er für seine Geschwister
+daheim, und was er ihnen machte, das saß so nett und stand so fein, wie
+wenn es aus dem feinsten Herrenkleidergeschäft hervorgegangen wäre.
+
+Die Jahre vergingen, Fridolin kam aus der Schule und man durfte sich
+nicht lange besinnen, was er werden sollte, er war ja schon etwas: Der
+geschickteste Schneider im Städtchen. Gewachsen war er nicht viel, und
+wenn er jemand das Maß nehmen sollte, so mußte er auf einen Schemel, ja
+manchmal auf den Stuhl steigen, um hinaufreichen zu können. Er lebte
+ganz still nur für seine Arbeit, wußte nicht, wie es in der Welt draußen
+zugeht, und hatte keine anderen Freunde als seine kleinen Geschwister.
+
+Mit zwanzig Jahren sah er noch aus wie ein Kind. Um diese Zeit hörte der
+Vater, daß in der Hauptstadt ein tüchtiger Schneidermeister gestorben
+sei, der gute Kundschaft gehabt habe, und er dachte sich: »Das Geschäft
+könnte mein Fridolin übernehmen; alles, was er zum Handwerk braucht, ist
+dort, Gesellen und Lehrlinge sind da und wissen, wie es betrieben wird,
+da dürfte er sich nur hineinsetzen und könnte sein Glück machen!« Die
+Mutter hatte zwar ihre Bedenken und meinte, der Fridolin könne nicht
+ohne sie sein, er sei zu unpraktisch für so ein Geschäft. Aber der Vater
+sagte: »Wenn du ihn immer versorgst wie ein Kind, wird er nie ein Mann,
+er soll nur hinaus in die Welt, dann wird er schon klug werden.«
+Fridolin selbst redete nicht darein und ließ seine Eltern die Sache
+ausmachen.
+
+Nach kurzer Zeit saß er als Schneidermeister in der Großstadt. Ein
+ganzes Stockwerk war für ihn und seine Gesellen eingerichtet. Unten im
+Hause wohnten ordentliche Leute, diesen hatte die Mutter ihren Sohn
+anempfohlen, und so hoffte sie, es werde sich alles gut machen. Die
+Gesellen und Lehrbuben lachten zuerst über das Meisterlein, aber bald
+bekamen sie Achtung vor seiner Kunst. Der erste Kunde, der sich einfand,
+war ein alter Herr. Er hatte hier kurz vorher einen Anzug machen lassen
+und nun betrat er in diesem das Geschäft, erklärte sich nicht ganz
+zufrieden mit der Arbeit und wollte etwas daran verändert haben. Den
+kleinen Meister Fridolin sah er wohl für den jüngsten Lehrjungen an und
+beachtete ihn nicht, sondern wandte sich mit seinem Anliegen an den
+ältesten Gesellen. Der prüfte den Anzug und behauptete, er stehe
+tadellos und sei nach der neuesten Mode. Da sprang unser Meisterlein
+auf, stellte flugs einen Schemel neben den Herrn, stieg hinauf und indem
+er mit seiner Kreide ein paar Striche über das Tuch zog, sagte er: »Hier
+sitzt der Fehler.« Der Geselle mußte zugeben, daß der Meister recht
+habe, und am nächsten Tag war unter des Schneiderleins geschickten
+Händen der Fehler schon verbessert. Der alte Herr freute sich über die
+gute Arbeit und empfahl das Meisterlein seinem Hausgenossen, einem
+jungen Baron, der viel auf seine Kleider hielt. Der bestellte sofort
+unsern Fridolin, daß dieser ihm das Maß nehme. Aber Fridolin schüttelte
+bloß den Kopf, sah von seiner Arbeit nicht auf und sagte ganz ruhig zu
+dem Bedienten: »Der Herr soll zu _mir_ kommen.« Die Gesellen waren nicht
+wenig erstaunt über diese Antwort und der älteste flüsterte dem Meister
+zu, der vorige Meister sei auch immer zu den Herren ins Haus gegangen.
+Aber Fridolin sagte ganz ruhig: »Ich kann nicht, ich muß meinen Schemel
+haben und meinen Stuhl, ich bin zu klein,« und der Diener des Herrn
+Baron mußte mit dieser Antwort abziehen. Der Herr Baron war nun
+neugierig, das kleine Schneiderlein zu sehen, und bemühte sich selbst in
+die Werkstatt. Rührig sprang unser Fridolin vom Schemel auf den Stuhl
+und vom Stuhl auf den Schemel, um dem großen Herrn das Maß zu nehmen,
+und als er damit fertig war, setzte er sich sofort wieder an die Arbeit,
+ließ den hohen Herrn stehen und der Geselle mußte ihn zur Türe geleiten.
+Der Anzug wurde aber ein Meisterwerk, und bald bemühten sich die
+vornehmsten jungen Herren in das Geschäft des Schneiderleins, und sie
+taten es um so lieber, als unser guter Fridolin sie nicht mit der
+Rechnung bedrängte. »Meisterlein,« sagte eines Tages der älteste
+Geselle, der eine wahre Liebe zu ihm gefaßt hatte, »wie steht’s mit den
+Rechnungen? Früher hat der Lehrbub sie ausgetragen, ich meine es wäre
+Zeit, die Herren sollten bezahlen.« Da machte Fridolin ein ängstliches
+Gesicht, denn die Rechnungen zu stellen, das hatte er nie recht lernen
+können. »Die Rechnungen?« sagte er, »die sind schwer zu machen.« Da
+lächelte der Geselle und sagte, er werde es wohl fertig bringen, und
+besorgte die Sache. Des Barons Diener war der erste, der kam, um die
+Rechnung zu bereinigen. Fridolin, der gerad am Zuschneiden war, nahm das
+Geld, zählte es aber nicht nach, schob es beiseite, daß es bald zwischen
+den verschiedenen Tuchresten lag, und merkte nicht, wie die jungen
+Gesellen darüber kicherten, auch wohl eines oder das andere Geldstück zu
+sich nahmen, nur damit es nicht unter die Lumpen fiele; und schließlich
+wäre wohl alles verschwunden, wenn nicht der älteste Geselle das Geld
+zusammengerafft und es seinem lieben Meisterlein in die Tasche geschoben
+hätte.
+
+Ein Vierteljahr war verflossen, da schnürte der wackre Geselle, dessen
+Zeit nun abgelaufen war, sein Bündel. Er war schon viele Jahre in der
+Fremde gewesen und wollte zurückkehren in seine Heimat. Der treue
+Bursche brachte noch, ehe er abreiste, alles Geschäftliche möglichst in
+Ordnung; aber er war nicht lange weg, so ging alles nicht mehr in der
+Werkstatt, wie es sollte. Das Schneiderlein machte zwar seine Arbeit
+prächtig und war von früh bis spät so emsig, daß ein Meisterstück nach
+dem andern aus seinen Händen hervorging. Aber die Arbeiter trieben, was
+sie wollten, und hatten mehr Geld als ihr Meister. Fridolins Eltern
+wußten davon nichts. Sie hatten sich in der ersten Zeit einmal nach ihm
+umgesehen und seitdem hörten sie nichts mehr, denn das Schreiben war
+Fridolins Sache nicht. Da wurden sie eines Tages durch einen Brief aus
+der Stadt überrascht. Er war nicht von Fridolin, aber von seiner
+Hausfrau. Die schrieb, die Eltern sollten doch nach dem Sohn sehen; es
+sei gar nicht zu beschreiben, was für eine Unordnung in der Werkstatt
+herrsche und wie er von den Gesellen betrogen und bestohlen werde. Sie
+habe es ihm schon oftmals selbst gesagt, aber er könne wohl nicht
+anders, ihr Mann sage immer, bei dem habe sich der Verstand ganz auf
+_eine_ Seite geschlagen. Die Mutter seufzte: »Ich hab’s ja gleich
+gewußt, daß es nicht geht,« und der Vater wurde ganz nachdenklich und
+sprach vor sich hin: »Die Leute haben recht, der Verstand hat sich bei
+ihm ganz auf die eine Seite geschlagen.« Am nächsten Tag reiste die
+Mutter in die Hauptstadt. Das Schneiderlein sprang von der Arbeit auf,
+als es die Mutter so unverhofft vor sich sah, und aus seinen blauen
+Kinderaugen strahlte ihr die helle Freude entgegen. Aber was sie sonst
+sah und erfuhr, war schlimm genug. Obwohl Fridolin die feinste
+Kundschaft hatte und von früh bis spät arbeitete, war doch kein Geld da.
+Denn meistens vergaß er, für seine Arbeit eine Rechnung zu schicken, und
+wenn ehrliche Leute von selbst zahlten, so ließ er das Geld offen
+herumliegen, daß es nehmen konnte, wer da wollte.
+
+»So kann’s nicht fortgehen,« sagte die Mutter zum Sohn, als sie mit ihm
+allein war. »Nein, so kann’s nicht fortgehen,« gab Fridolin zu. »Das muß
+man ändern,« erklärte die Mutter. »Ja, das muß man ändern,« wiederholte
+der Sohn. »Fridolin,« erklärte nun die Mutter bestimmt, »du mußt
+heiraten, daß du eine tüchtige Hausfrau bekommst.« Da sah das
+Schneiderlein sie ganz bestürzt an und schüttelte den Kopf. »Davon
+versteh ich nichts, Mutter,« sagte er, und so sehr ihn auch die Mutter
+überreden wollte, er gab nicht nach. So mußte sich denn die Mutter auf
+einen andern Ausweg besinnen. »Ist’s dir recht, wenn wir zu dir ziehen,
+der Vater und ich und die Kinder alle?« Diesmal wurde ihr Vorschlag
+anders aufgenommen. Fridolin strahlte mit dem ganzen Gesicht. »Ja,«
+sagte er, »und bleib du nur gleich da, Mutter.« »So leicht geht das
+nicht, erst muß ich mit dem Vater reden und der Umzug kostet Geld! Wo
+soll das so schnell herkommen?« Jetzt tat es dem Fridolin zum erstenmal
+leid, daß er kein Geld hatte, und er fing an, seine Schubladen zu
+durchsuchen. »Mutter,« sagte er, »ich habe anfangs einen ehrlichen
+Gesellen gehabt, der hat immer das Geld eingenommen und manchmal hat er
+gesagt: ›Meisterlein, Ihr Geld verstecke ich vor den Buben, vielleicht
+brauchen Sie’s einmal,‹ aber ich weiß nicht mehr, wohin er’s versteckt
+hat.« Nun machte sich die Mutter auch daran, alles zu durchsuchen, und
+richtig entdeckte sie ganz unten im Kasten in einer alten Knopfschachtel
+mehrere Goldstücke. Das war nun eine Freude, und die Mutter dankte im
+Geiste dem wackeren Gesellen, der so für ihren Sohn gesorgt hatte.
+
+Nach einigen Wochen schon war die ganze Familie in die Stadt gezogen,
+und obwohl unser Schneiderlein nicht viel Worte machte, sah man ihm an,
+wie glücklich er sich fühlte. Nun kam auch Ordnung ins Haus. Gleich am
+ersten Tag blieben die Gesellen bis um 12 Uhr an der Arbeit, während sie
+sonst schon um 11 Uhr davongelaufen waren. Sie merkten, daß nun eine
+Meisterin da war, die ein strenges Regiment führte. Um 12 Uhr deckte die
+Mutter im Nebenzimmer den Tisch; der Vater kam zum Essen, die Kinder
+versammelten sich, die Mutter trug die Suppe auf, nur Fridolin fehlte
+noch. »Der merkt nicht, daß Essenszeit ist,« sagte der Vater und
+schickte den Kleinen in die Werkstatt, daß er Fridolin hole. Der war
+aber nicht da. Er war wie verschwunden. Nach einer halben Stunde kam er
+wieder, und nun stellte sich’s heraus, daß er nach alter Gewohnheit in
+sein Kosthaus gegangen war und ganz vergessen hatte, daß nun daheim für
+ihn der Tisch gedeckt war. Aber Fridolin lachte mit dem ganzen Gesicht,
+als er andern Tags mit all seinen Geschwistern um den Tisch saß, und er
+legte den kleinen Brüdern einen Kloß nach dem andern auf den Teller,
+schaute ihnen vergnügt zu und fragte immer wieder: »Schmeckt’s euch?« so
+daß die Mutter ihm wehrte und sagte: »Iß du lieber selbst.« Doch der
+Fridolin schien vom Zusehen satt zu werden, er aß nie so viel wie andere
+Leute.
+
+Der Vater sah mit Stolz, wie die vornehmsten Herrn vor dem Haus anfuhren
+und sich von dem kleinen Schneiderlein das Maß nehmen ließen; wie sie
+ihm dann wohl ein Weilchen bei der Arbeit zusahen und staunten, wenn
+seine kleinen Hände mit der Schere so flink durch den Stoff fuhren, als
+wüßte die Schere von selbst ihren Weg. Mit der Zeit kamen statt der
+fremden Arbeiter die Brüder zur Hilfe, die auch nicht ungeschickt waren,
+und so gedieh das Geschäft immer besser. Die ganze Familie lebte in
+Glück und Frieden, die Kinder alle konnten etwas Tüchtiges lernen und
+fürs Alter wurde jedes Jahr etwas zurückgelegt.
+
+Unser Schneiderlein war aber noch nicht vierzig Jahre alt, als es eines
+Tages von der Arbeit weg zur Mutter kam, die nebenan im Zimmer saß. Sie
+sah erstaunt auf, was wollte er wohl mitten am Nachmittag? »Mutter, mir
+ist so weh,« sagte Fridolin, setzte sich auf den Schemel neben sie und
+legte seinen Kopf in ihren Schoß wie ein Kind. Die Mutter erschrak. »Du
+bist krank, Fridolin,« sagte sie, »komm, wir schicken den Bruder zum
+Arzt.« Aber er hielt die Mutter zurück. »Laß nur, Mutter,« bat er,
+»einen _Riß_ kann man schon flicken, aber wenn das ganze Tuch mürb ist,
+dann kann man nimmer helfen.« »O Herzenskind, was ist dir denn?« rief
+die Mutter, »komm, lege du dich ins Bett!« »Ich lieg schon drin, ich
+lieg so gut,« antwortete Fridolin mit matter Stimme und dann legte er
+seine feinen, weißen Hände zusammen und sagte ganz leise:
+
+ »Lieber Gott, mach mich fromm,
+ Daß ich zu dir in den Himmel komm!«
+
+Dann fielen ihm die Augen zu – für immer. Die alten Eltern haben ihn nie
+verschmerzen können und die Geschwister alle haben ihm ein treues
+Andenken bewahrt und werden noch ihren Kindern und Enkeln erzählen von
+dem kleinen Schneiderlein, dem Wunderkind!
+
+
+
+
+Mutter und Tochter.
+
+
+Zwischen den stattlichen Bäumen des Schloßgartens wanderte Arm in Arm im
+Gespräch ein Paar, das die Vorübergehenden wohl für ein Ehepaar hielten,
+denn der Mann mochte ein Vierziger sein und sie in den Dreißigern
+stehen. Aber doch waren sie erst ein Brautpaar. Er, der Direktor
+Hänlein, ein Witwer, der nach zehnjähriger Ehe seine Frau verloren
+hatte; und sie die Witwe eines Missionars, der wenige Wochen nach der
+Verheiratung im fernen Indien gestorben war. Im gleichen Jahr war er
+Witwer und sie Witwe geworden. Sie kannten sich aus der Jugendzeit und
+hatten sich aus weiter Ferne Teilnahme ausgesprochen, aber nie hatten
+sie sich wieder gesehen in den fünf Jahren des Witwenstandes. Der
+Fabrikdirektor lebte mit seinem einzigen Töchterchen in München, und sie
+wirkte als Vorsteherin einer Töchterschule in Hannover.
+
+In diesen Tagen nun führte eine Versammlung den Direktor für ein paar
+Tage nach Hannover. Dort trafen die beiden sich nach langen Jahren
+wieder, und heute hatten sie den Entschluß gefaßt, den ferneren
+Lebensweg gemeinsam zu gehen.
+
+Vieles war schon besprochen worden zwischen ihnen und nun sagte die
+Frau: »Erzähle mir jetzt von deiner Tochter; ich möchte mir ein Bild von
+ihr machen. Vierzehn Jahre ist sie, nicht wahr, und wie sieht sie aus?«
+
+»Nun, wie eben so Mädchen in diesem Alter auszusehen pflegen,« sagte
+er.
+
+»Ist sie groß für ihr Alter?«
+
+»Ob sie gerade unter ihren Altersgenossen zu den Großen gehört, weiß ich
+nicht, ich denke, sie ist mittlerer Größe.«
+
+»Ist sie blond oder dunkel? Sieht sie dir ähnlich oder ihrer Mutter?«
+
+»Besondere Ähnlichkeit mit ihrer Mutter ist mir nie aufgefallen.« Die
+Braut lächelte. »Du erkennst sie aber doch, wenn sie dir auf der Straße
+begegnet?« fragte sie.
+
+Er ließ sich die Neckerei gefallen. »Ich habe keinen Blick für diese
+Dinge. Hätte ich geahnt, daß du ein so scharfes Verhör mit mir
+anstellst, hätte ich mir Berta noch genauer angesehen. Du wirst sie aber
+bald selbst sehen.«
+
+»Aber über ihr Wesen möchte ich etwas von dir hören.« Da wußte der Vater
+besser Bescheid. »Sie ist gut,« sagte er, »du wirst keine schwere
+Aufgabe mit ihr haben; die Haushälterinnen, die wir in den letzten
+Jahren hatten, haben sich nie über sie beklagt. Ein wenig zurückhaltend
+ist sie, etwas scheu und verschlossen gegen Fremde. Von ihrem
+Konfirmandenunterricht war sie sehr ergriffen, und obwohl wir nie davon
+sprechen, fühle ich doch, daß das, was sie in diesem Unterricht gelernt
+hat, lebendig in ihr geworden ist.«
+
+»O, das ist gut,« sagte die künftige Mutter, »dann finde ich schon den
+Anknüpfungspunkt mit ihr. Wie meinst du, daß sie die Nachricht von
+unserer baldigen Verheiratung aufnehmen wird?«
+
+»Das weiß ich nicht. Über solche Dinge habe ich nie mit ihr gesprochen.
+Aber du weißt ja am besten, wie die Mädchen ihres Alters ungefähr sind.«
+
+»Ich meine, sie sind sehr verschieden,« sagte die Frau, »und ich bitte
+dich, schreibe mir, wie sie deine Mitteilung aufgenommen hat.«
+
+»Ja,« sagte der Direktor.
+
+Aber seine Braut war mit der kurzen Antwort nicht zufrieden. »Ich
+fürchte, du schreibst mir doch nur: ›Sie hat es aufgenommen, wie es eben
+so Mädchen mit vierzehn Jahren aufzunehmen pflegen.‹ Ich möchte es aber
+genau hören, bitte, auch wenn sie sich unglücklich darüber aussprechen
+sollte; es kann mich nicht kränken, sie kennt mich ja noch nicht.«
+
+Der Direktor versprach es. In glücklicher Stimmung verbrachte er diesen
+Abend mit seiner Braut, und ehe er sich von ihr trennte, wurde der
+Hochzeitstag festgesetzt.
+
+Der Direktor hatte in den letzten Jahren kein schönes Familienleben
+genossen. Verschiedene Haushälterinnen hatten sich in seinem Hause
+abgelöst; die eine konnte nicht lange bleiben, die andere wollte er
+nicht behalten. Zuletzt hatte er gar keine mehr genommen, ein bewährtes
+Dienstmädchen hatte den Haushalt so notdürftig in Ordnung gehalten.
+Fröhlichen Herzens reiste er nun heim, endlich stand ihm wieder ein
+glückliches, behagliches Familienleben in Aussicht und seinem Kinde die
+richtige Leitung. Das Dienstmädchen wollte er vor der Hochzeit wechseln,
+es war zu sehr Herrin im Haus geworden, die zukünftige Hausfrau sollte
+nicht unter ihm zu leiden haben.
+
+Allerlei Geschäfte erwarteten bei seiner Heimkehr den Direktor; erst
+nachmittags fand er eine günstige Viertelstunde, um mit seiner Tochter
+zu sprechen. Er pflegte sonst um diese Zeit allein bei einer Tasse
+Kaffee seine Zeitung zu lesen. Heute rief er Berta herbei. »Du kannst
+auch einmal eine Tasse Kaffee mit mir trinken, Berta,« sagte er, »dabei
+erzähle ich dir von meiner Reise und wir feiern ganz heimlich ein
+kleines Fest.«
+
+Das Mädchen sah ihn groß an. »Der Kaffee reicht nur für dich, Vater, und
+was sollen wir denn feiern?« Dabei setzte sie sich aber doch neben ihn
+und sah sehr begierig zu ihm auf.
+
+»Meine Verlobung mit der Witwe Frau Missionar Gruner,« sagte er und
+fügte hinzu: »Sie läßt dich grüßen als ihre zukünftige Tochter; im
+nächsten Monat soll unsere Hochzeit sein.«
+
+Berta nahm diese Nachricht sehr ruhig auf. »Das ist recht,« sagte sie,
+»das ist viel gescheiter als die Haushälterinnen, die immer wieder
+wechseln, die bleibt dann doch!«
+
+»Ja, das ist zu hoffen,« sagte der Vater.
+
+»Welcher ist sie ähnlich von allen, die wir schon gehabt haben?« fragte
+Berta.
+
+»Keiner; du mußt sie dir nicht wie eine Haushälterin denken, sondern wie
+eine Frau, die dir Mutterliebe entgegenbringt, aber auch Liebe von dir
+verlangt.«
+
+»O weh, Vater,« sagte Berta mit komischem Entsetzen, »Liebe habe ich gar
+keine. Weißt du noch die erste Haushälterin, die zärtliche Fräulein
+Schmidt, die immer wollte, ich sollte sie lieb haben wie ein Kind, und
+die mich immer küßte, weißt du die noch? Die war mir von allen die
+Schrecklichste!«
+
+»Laß doch einmal die Haushälterinnen beiseite,« sagte der Vater
+ärgerlich, »vollends Fräulein Schmidt; deine künftige Mutter hat auch
+nicht die Spur von Ähnlichkeit mit ihr. Wenn du nicht ein ganz
+liebeleeres Herz hast, so wirst du der Frau mit Liebe entgegenkommen,
+die uns ersetzen will, was wir an deiner Mama verloren haben.« Berta
+schwieg. Sie besann sich über sich selbst und kam zu dem traurigen
+Schluß, daß sie wohl in der Tat ein ganz liebeleeres Herz habe, aber
+sie sprach es nicht aus. Und nun erzählte der Direktor seinem Kinde von
+den früheren Schicksalen der künftigen Mutter. Aber als er im besten
+Erzählen und sie im gespannten Zuhören war, wurden sie unterbrochen;
+denn Lisette, das Dienstmädchen, kam herein und meldete, daß Luise und
+Lore, zwei Freundinnen von Berta, gekommen seien, sie zu besuchen.
+Ärgerlich über die Störung sprach der Direktor: »Warum kommen die beiden
+schon wieder? Sie waren doch erst vor einigen Tagen da.«
+
+»Mir ist’s selbst nicht recht, daß sie fast täglich kommen und immer so
+lange bleiben; aber ich kann es doch nicht ändern,« erwiderte Berta und
+ging hinaus zu den beiden Schulfreundinnen, die ihr in diesem Augenblick
+sehr ungelegen kamen. »Das muß alles anders werden,« sprach der Vater
+vor sich hin, »es tut not, daß eine Hausfrau für Ordnung in all diesen
+Dingen sorgt und Bertas Verkehr überwacht.«
+
+Die beiden Mädchen waren inzwischen ins Wohnzimmer geführt worden, wo
+sie unaufgefordert ihre Hüte ablegten, so daß Berta wohl merken konnte,
+sie würden so bald nicht wieder gehen. Sie hätte jetzt doch so gerne
+über das nachgedacht, was der Vater ihr mitgeteilt hatte, und hätte ihn
+noch vieles fragen mögen. Unmöglich konnte sie wie sonst lustig mit den
+Freundinnen plaudern.
+
+»Was hast du denn?« fragte Luise endlich. »Du bist ja gar nicht wie
+sonst!«
+
+»Ich habe es auch schon bemerkt, was hast du denn?« fragte Lorchen; und
+nun drängten sich die beiden Mädchen an Berta und fragten und plagten
+sie so lange, bis sie ihnen endlich mitteilte, was der Vater ihr
+anvertraut hatte. »Nun begreife ich’s, daß du so ernsthaft aussiehst,«
+sagte Luise, »es wird alles ganz anders werden bei euch.«
+
+»Du hast’s auch gar so schön gehabt, wie eine kleine Hausfrau;« und
+Lorchen griff an den silbernen Schlüsselhaken, den Berta an ihrer
+Schürze trug. Er war von ihrer Mama und nach deren Tode hatte ihn Berta
+sich ausgebeten und einige Schlüssel darangehängt. »Die Schlüssel wird
+sie hergeben müssen, glaubst du nicht?« sagte Lore zu Luise. »Natürlich,
+die wird ihr die Mutter abverlangen,« sagte Luise.
+
+Berta war herzlich froh, als die beiden sich endlich verabschiedeten und
+sie allein war. Sie suchte nach dem Vater, er war inzwischen
+ausgegangen; sie ging zu Lisette in die Küche, fand diese mit verweinten
+Augen am Herd stehen und hörte, daß ihr gekündigt worden war. Berta war
+sehr bestürzt; Lisette hatte immer treulich zu ihr gehalten, sie hatten
+sich lieb gehabt, die beiden. Ja, die Freundinnen hatten recht, alles
+wurde nun anders. Berta schlich sich traurig ins Zimmer, schloß den
+Schreibtisch auf, in dem sie ihr Tagebuch verwahrte, und während sie
+sonst oft über kleine Erlebnisse ihr Herz darin ausgeschüttet hatte,
+schrieb sie heute nur die wenigen Worte hinein: »Lisette geht. Ich
+bekomme eine zweite Mutter.«
+
+Die Braut erhielt an diesem Abend einen getreuen Bericht darüber, wie
+Berta die Mitteilung aufgenommen habe. Sie las ihn aufmerksam und sagte
+sich dann: »Wenn sich das Kind nur vor meiner _Liebe_ fürchtet, werde
+ich leicht fertig werden mit ihm.«
+
+In den nächsten Wochen war ein geschäftiges Leben und Treiben im Haus
+des Direktors. Maurer und Tapezierer, Handwerksleute aller Art trieben
+ihr Wesen, um die ganze Wohnung schön herzustellen; und als sie alle
+endlich ihr Werk vollendet hatten, begann Lisette das ihrige und
+reinigte und putzte, bis alles nur so glänzte vor Sauberkeit.
+
+»Es soll mir niemand nachsagen, daß ich das Haus nicht ordentlich
+übergeben habe,« sagte sie und tat ihre Pflicht, obwohl sie wußte, daß
+sie nicht mehr da sein würde, um den Dank der neuen Hausfrau zu ernten.
+In einem besonderen Stübchen saß eine Kleidermacherin und fertigte für
+Berta ein weißes Kleid an, duftig und fein wie sie noch nie eines gehabt
+hatte. Eben hatte sie es zur Probe angezogen, da rief der Vater nach
+ihr. »Berta,« sagte er, als sie zu ihm kam, »ich finde den Schlüssel zum
+Schreibtisch nicht!«
+
+»Zu _meinem_ Schreibtisch?« fragte Berta und griff nach ihrem
+Schlüsselbund.
+
+»Zu _deinem?_ Nun, zu dem schönen Schreibtisch im Besuchszimmer, der
+gehört doch nicht dir! Gib einmal den Schlüssel!«
+
+Berta reichte ihn dem Vater hin. Er öffnete eine Schublade. »Die Sachen
+sind wohl von dir, die müssen natürlich alle heraus.«
+
+»Aber Vater, warum denn? Der Schreibtisch gehört doch mir, seit Mama tot
+ist, und ich habe auch alle die kleinen Fächer und Schubladen voll
+Andenken und wichtigen Sachen!«
+
+»Die Sachen werden so wichtig nicht sein, du mußt sie jetzt anderswo
+unterbringen. Es versteht sich doch von selbst; wo hat ein Kind wie du
+solch einen Schreibtisch! Die Mutter wird ihn brauchen, nimm also diese
+Dinge heraus und sage Lisette, sie solle die Schubladen ausputzen!«
+
+Der Vater ging, Berta aber stand ratlos da. Wo sollte sie alles
+hinräumen und warum mußte sie gerade den Schreibtisch hergeben, in
+dessen Besitz sie so glücklich und stolz gewesen war? Sie wollte es ja
+tun, nur sollte man nicht von ihr verlangen, daß sie mit Liebe der Frau
+entgegensehe, die ihr schon jetzt solche Opfer auferlegte. Mit bitterem
+Unmut nahm sie die Schätze heraus aus den kleinen Fächern und
+Schubladen, um den Platz frei zu machen für die Mutter; und Lisette, die
+sie an dieser Arbeit traf, sagte teilnahmsvoll: »Mußt du weichen? Ja,
+ja, ich muß ja auch den Platz räumen.«
+
+Der Hochzeitstag nahte, Berta sah mit klopfendem Herzen dem Augenblick
+entgegen, wo sie zum erstenmal die neue Mutter begrüßen sollte. »Wenn
+nur der Vater nicht dabei wäre,« dachte sie im stillen, »ich kann nicht
+so liebevoll sein wie er möchte, wenn ich mir auch alle Mühe gebe.« Vor
+der Abreise mußte sie von Lisette Abschied nehmen für immer. »Wenn du
+beim fröhlichen Hochzeitsmahle sitzst,« sagte Lisette, »so denke an
+mich; um zwei Uhr geht der Zug ab, der mich fortbringt von hier,« und
+Berta versprach unter Tränen, an sie zu denken.
+
+Die Hochzeit sollte bei Verwandten, nicht weit von München gefeiert
+werden.
+
+Der Direktor und seine Tochter sprachen nicht viel miteinander auf der
+Reise. Jedes war von seinen eigenen Gedanken hingenommen; aber in dem
+Augenblick, als sie in den Bahnhof einfuhren, sagte der Vater leise zu
+seiner Tochter: »Denke daran, daß dir Mutterliebe entgegengebracht wird,
+und erwidere sie um meinetwillen.« Sie nickte. Ja, gewiß wollte sie dem
+Vater heute zuliebe tun, was sie konnte, aber es kam ihr vor, als sei
+alles leer und kalt in ihrer Brust, keine Spur von Liebe konnte sie
+empfinden.
+
+Verschiedene Hochzeitsgäste waren an der Bahn; sie gingen alle zusammen
+nach dem Haus, in dem die Braut wohnte, die künftige Mutter. Wie im
+Traum wandelte Berta durch die fremden Straßen, und nun ging es in ein
+Haus hinein, und der Vater faßte sie an der Hand und sie hörte seine
+Stimme: »Hier, Berta, ist deine Mutter.« Berta sah auf. Eine große,
+stattliche Erscheinung stand vor ihr, streckte ihr die Hand entgegen und
+begrüßte sie ruhig und mit wenigen, kühlen Worten. Kein Kuß, keine
+Umarmung, gar nichts, was an eine Mutter erinnerte. Berta war erstaunt.
+Sie hatte sich das so ganz anders gedacht. Eigentlich war es ihr aber
+eine Erleichterung. Sie selbst hatte ja auch keine zärtliche Empfindung,
+so konnte ihre eigene Zurückhaltung nicht so auffallen. Die neue Mutter
+stellte sie nun einigen Mädchen vor, die auch als Gäste geladen waren,
+und überließ sie diesen.
+
+Erst in der Kirche sah Berta die Mutter wieder und sie mußte immer und
+immer wieder zu ihr hinüberblicken. Sie sah so ernst aus, nicht fröhlich
+und heiter, wie sich Berta eine Braut vorgestellt hatte. Einmal
+begegneten sich ihre Blicke. Schüchtern schlug Berta die Augen nieder
+vor dem ernsten, forschenden Blick, den sie noch lange auf sich
+gerichtet fühlte.
+
+Nach der Trauung versammelte sich die ganze Gesellschaft beim Mahle, und
+unter der jungen Welt, die Berta umgab, ging es bald sehr heiter und
+lustig zu, so daß auch sie sich vergaß und mit den andern fröhlich war.
+Schöne Trinksprüche wurden gehalten, von Braut und Bräutigam wurde viel
+Gutes gerühmt; und alle schienen es ganz gewiß zu wissen, daß auch
+Mutter und Tochter sich schon von Herzen lieb gewonnen hätten. Berta
+hörte auch etwas von ihren schönen, kastanienbraunen Haaren erwähnen und
+sah, wie alle Blicke auf sie gerichtet waren, aber genau verstand sie
+die Worte nicht, denn eben in diesem Augenblick wurden ihre Gedanken
+abgelenkt. Dort, an der Saaltüre war eine große Uhr angebracht und die
+Zeiger dieser Uhr sagten ihr, daß es jetzt zwei Uhr sei und daß in
+dieser Stunde ihre Lisette abreise. Bertas Fröhlichkeit war mit einem
+Male dahin: der ganze Abschiedsschmerz erfüllte wieder ihre Seele und
+sie kam sich wie treulos vor, daß sie ihn ein paar Stunden hatte
+vergessen können. Da wurde sie von ihrem jungen Tischnachbarn
+angesprochen: »Fräulein, der Trinkspruch gilt ja Ihnen, auf Sie wird
+angestoßen!«
+
+Da raffte sich Berta zusammen, ergriff ihr Glas, stieß mit allen an, die
+freundlich zu ihr herkamen, und suchte ein fröhliches Gesicht zu machen.
+Es gelang ihr wohl, die Fremden zu täuschen, auch der Vater schien
+nichts zu bemerken, als er mit ihr anstieß. Aber die Mutter, hatte sie
+wohl auch keine Ahnung von Bertas trauriger Stimmung? Ihr Blick ruhte
+beobachtend auf dem Mädchen, das sich ihr schüchtern näherte, und als
+sie nun zusammentrafen, beugte sie sich zu Berta herab und sagte leise,
+so daß es keines der Umstehenden hören konnte: »Nur getrost, der Tag
+wird bald überstanden sein!« Verwirrt schlug Berta die Augen nieder, sie
+fühlte, daß die Mutter sie durchschaut hatte.
+
+Der Abend war gekommen; ein Dienstmädchen hatte Berta in das
+Gaststübchen geleitet, das für sie gerichtet war, und nun hatte sie sich
+zu Bett gelegt. Da ging die Türe auf und die Mutter trat ein. Bertas
+erster Gedanke war, sich schlafend zu stellen, denn sie scheute sich,
+mit der Mutter allein zu sein; sie hatte sich schon oft vergeblich
+besonnen, was sie antworten solle, wenn die Mutter sie fragte: »Hast du
+dich gefreut auf mich? Hast du mich lieb?« Und nun, wenn sie so allein
+beisammen waren, kamen sicherlich solche Fragen. Aber Berta war nicht
+gewöhnt, sich zu verstellen; und als die Mutter fragte: »Du wachst doch
+noch?« antwortete Berta »ja« und setzte sich in ihrem Bett auf.
+
+»Ich komme nur wegen deines Haares,« sagte nun die Mutter, »es ist ja
+ganz offen und wäre morgen so verwirrt, daß dich das Mädchen wohl
+erbärmlich rupfen würde, wenn sie es dir machen sollte, ich will dir’s
+noch flechten; rücke nur ein wenig näher her zu mir, so, jetzt wird es
+ganz gut gehen.« Sie nahm die Haarbürste und strich langsam und geduldig
+durch das lange, verwirrte Haar.
+
+»Was hat der Onkel heute in seinem Trinkspruch über dein Haar gesagt?
+War es nicht, man müßte dich schon lieb haben wegen deines schönen,
+kastanienbraunen Haares?«
+
+»Ja, so ungefähr war es,« bestätigte Berta.
+
+»Nun, das ist doch ein wenig zu viel verlangt; da müßte ich viele
+Mädchen gern haben, wenn ich alle die lieb hätte, die kastanienbraunes
+Haar haben!« Berta lachte. »Auch sonst,« fuhr die Mutter fort, »ist gar
+zu viel vom Liebhaben gesprochen worden. Wie sollen wir uns denn lieb
+haben, du und ich, wir kennen uns ja noch gar nicht. Aber es kann ja
+vielleicht einmal so kommen. Wenn wir beide Gottes Willen tun, wenn wir
+beide Gottes Wege gehen, dann können wir uns wohl begegnen. Zunächst
+aber ist es ja noch gar nicht möglich.«
+
+Berta wurde es leichter ums Herz bei diesen Worten der Mutter; es kam
+ihr nun nicht mehr wie ein Unrecht vor, daß sie die Mutter nicht lieb
+hatte, diese erwartete es ja gar nicht und hatte auch sie nicht lieb.
+Eine Weile war es ganz still im Zimmer. »Wie ruhig ist es hier in dem
+Stübchen, es tut mir ganz wohl nach dem unruhigen Tag unter den vielen
+Leuten,« fing die Mutter wieder an. »Mir ist’s heute schwerer ums Herz
+gewesen, als die lustigen Hochzeitsgäste geahnt haben. Und dir war es
+auch nicht leicht, ich habe es wohl bemerkt, als der Onkel den
+Trinkspruch auf dich ausbrachte. Nicht wahr, da hattest du traurige
+Gedanken?«
+
+»Ja,« sagte Berta, »da mußte ich an unsere Lisette denken, an unser
+Mädchen. Sie hat zu mir gesagt: denke an mich um zwei Uhr, da reise ich
+ab. Es war aber gerade zwei Uhr auf der Uhr im Saal.«
+
+»Und da hast du an unsere Lisette gedacht, mitten in der Festfreude?
+Sieh, das gefällt mir jetzt von dir. Hast du sie lieb gehabt, war sie
+ein gutes Mädchen?«
+
+»O ja,« rief Berta und fing an, ihre Lisette zu rühmen.
+
+»Und was waren denn ihre schlechten Eigenschaften?« fragte jetzt die
+Mutter.
+
+»Sie hat gar keine gehabt!«
+
+»So, und ein solch tadelloses Mädchen hat dein Vater gehen lassen? Warum
+ist sie denn nicht geblieben?«
+
+»Weil – weil eben –«
+
+»Weil sie eben gegangen ist, nicht wahr,« sagte die Mutter, die den
+Grund wohl erraten mochte. »Aber höre, wie machen wir denn das, können
+wir sie nicht wieder bekommen?«
+
+»Sie ist bloß zu ihren Eltern gegangen, aber Papa will eine andere.«
+
+»Ja, ja und diese ist auch schon gedungen. Für das nächste Vierteljahr
+können wir also nichts machen; aber dann – wie meinst du, wenn....«
+
+In diesem Augenblick klopfte jemand an die Türe. Die junge Frau wurde
+gerufen, sie möchte doch kommen, man warte schon lange auf sie.
+
+»Schon gut, ich komme gleich, ich habe nur vorher noch häusliche
+Angelegenheiten mit meiner Tochter zu besprechen.«
+
+Das Haar war längst geflochten, die Mutter saß auf dem Rand des Bettes.
+»Wie meinst du, wenn wir beide an Weihnachten auf unseren Wunschzettel
+setzen, daß wir Lisette wieder möchten? Da wird sie uns dein Vater
+bescheren, meinst du nicht? Das wollen wir uns vornehmen.«
+
+»O ja,« sagte Berta, ganz beglückt über diese Aussicht, »das ist ein
+schöner Plan!«
+
+»Nun will ich aber hinübergehen,« sagte die Mutter und stand auf;
+»morgen werden wir uns nicht mehr lang sehen, dein Vater und ich reisen
+ja frühzeitig ab. Vierzehn Tage soll die Hochzeitsreise dauern und am
+Tag nach uns sollst auch du heim kommen. Du hast es gut, du kommst
+_heim,_ ich aber komme in ein ganz fremdes Haus und soll mich dort
+daheim fühlen. Ich habe Angst davor und so oft heute die Rede von der
+glücklichen Braut war, dachte ich, wenn Ihr nur wüßtet, wie es ihr
+zumute ist! Wenn ich als Erzieherin in eine neue Stelle kam, war mir
+auch oft ein wenig bange, aber ich sagte mir, wenn dir’s nicht gefällt,
+gehst du wieder. Jetzt aber muß ich bleiben. Wenn ich mit deinem Vater
+heim komme, ist kein Mensch in der Wohnung, der uns empfängt, als das
+neue Dienstmädchen; in allen Zimmern die dumpfe Luft, die verschlossenen
+Fensterladen; alles kalt und fremd. Hätte ich nicht deinen Vater so
+lieb, hätte ich mich nie dazu entschlossen. Jetzt gute Nacht, Kind; ich
+gebe dir keinen Gutenachtkuß, ich kann das Küssen nicht leiden bei
+Menschen, die sich nicht lieb haben.«
+
+»Gute Nacht, Mutter, ich danke dir für das Flechten,« sagte Berta und
+reichte der Mutter die Hand.
+
+Nun war Berta allein.
+
+Wie ganz anders hatte die Mutter mit ihr geredet, als sie es erwartet
+hatte! Alles sagte sie sich in Gedanken noch einmal vor. Daß es auch der
+Mutter bange vor der Zukunft sein könnte, daran hatte Berta vorher nie
+gedacht, deshalb hatte die Mutter wohl auch bei der Trauung so ernst
+ausgesehen. Zum erstenmal besann sie sich nicht mehr darüber, ob _ihr_
+wohl die Mutter gefiele, sondern ob es der Mutter in der neuen Heimat
+gefallen würde, und nun war es ihr recht, daß zu Hause alles so schön
+gerichtet und geputzt worden war. Aber bei der Ankunft die dumpfe Luft
+in den Zimmern und all das, was die Mutter fürchtete; wenn sie nur das
+ändern könnte! Wenn sie ihr nur einen recht freundlichen Empfang
+bereiten könnte! Warum lag ihr denn so viel daran, daß es der Mutter
+gefiele? Berta mußte sich selber darüber wundern; noch vor einer Stunde
+hatte sie gar nichts für sie empfunden, jetzt aber fühlte sie es
+deutlich: sie hatte die Mutter lieb gewonnen; und als sie so bei ihr am
+Bett gesessen war, wie es niemand mehr seit ihrer Mama Tod getan hatte,
+keine von all den Haushälterinnen, war eine heiße Sehnsucht in ihr
+erwacht, wieder an einem treuen Mutterherzen zu ruhen, wie in ihren
+früheren, seligen Kinderjahren. Aber sie hatte nicht gewagt, die Hand zu
+erfassen und die Mutter zu umschlingen, zweimal hatte sie ja deutlich
+gesagt, daß sie sich nicht lieb hätten. Aber eines hatte die Mutter
+gesagt: sie wollten beide auf Gottes Wegen gehen, dann würden sie sich
+vielleicht begegnen. Das war der Weg, den sie sich seit ihrer
+Konfirmation vorgezeichnet hatte; ja, den war wohl die Mutter schon
+lange gewandelt, sie hatte so etwas Sicheres, Vertrauen erweckendes, mit
+ihr wollte sie gehen!
+
+ * * * * *
+
+Nicht ohne große Mühe hatte Berta von den Verwandten, bei denen sie die
+nächsten vierzehn Tage zubrachte, die Erlaubnis erbeten, daß sie einen
+Tag früher heimreisen und auch dem neuen Dienstmädchen schreiben dürfe,
+daß es gleichzeitig mit ihr eintreffe. Viel Überredungskunst hatte sie
+anwenden müssen, bis man ihr die Schlüssel der Wohnung anvertraut hatte.
+Endlich hatte sie ihr Ziel erreicht und stand nun mit dem neuen
+Dienstmädchen in der Wohnung. Die Läden waren alle geschlossen, und
+sofort wurde es Berta klar, was die Mutter mit der dumpfen Luft gemeint
+hatte. »Christine,« sagte sie zu dem Mädchen, »wir wollen alle Fenster
+weit aufmachen und die Türen offen stehen lassen, daß die dumpfe Luft
+hinausgeht.«
+
+Christine war gern bereit. Sie zeigte sich willig und eifrig, alles zu
+tun, was Berta zum Empfang der Herrschaft vorschlug. Am Abend erst wurde
+diese erwartet. Mittags machte sich Berta mit Christine auf den Weg, um
+Blumen zu holen, und sie brachten so große Büsche mit heim, daß sie alle
+Gläser füllen konnten, die im Hause waren. Bekannte des Vaters schickten
+eine Torte und nun wurde der Teetisch gedeckt und die Torte, mit Blumen
+umgeben, aufgestellt. Es sah nun sehr festlich aus, und von der dumpfen
+Luft war nichts mehr zu bemerken.
+
+Am Abend zündeten sie alles an, was sie an Lampen und Lichtern in dem
+Haushalt vorfanden. Als zur bestimmten Stunde Bertas Eltern ankamen,
+bemerkten sie schon auf der Straße, daß alle Fenster ihres Stockwerks
+hell erleuchtet waren. »Ich weiß nicht, wie ich mir das erklären soll,«
+sprach der Direktor zu seiner jungen Frau. »Sicherlich haben uns die
+Bekannten eine Überraschung bereitet und sich in unserer Wohnung
+versammelt; offen gestanden ist mir solch ein feierlicher Empfang nicht
+angenehm.«
+
+»Ich bin auch von der Reise etwas müde, und wäre lieber ohne Fremde
+daheim gewesen an diesem ersten Abend,« sagte seine Frau, »aber wir
+müssen gute Miene zum bösen Spiel machen!«
+
+Als sie die Treppe heraufkamen, sahen sie Berta unter der Glastüre
+stehen. »Du bist auch hier?« riefen sie wie aus einem Munde.
+
+»Ja, ich wollte euch gerne empfangen.«
+
+»Und wer ist außer dir noch da?«
+
+»Niemand als das neue Mädchen.«
+
+»So, das ist ja herrlich, ah! und wie gemütlich sieht es hier aus!« rief
+die Mutter, als sie ins Zimmer trat. »Wer hat denn alles so schön mit
+Blumen geschmückt?«
+
+»Ich habe es mit Christine getan.«
+
+»Das ist schön von dir,« sprach der Vater sichtlich erfreut.
+
+»Ja,« sagte die Mutter, »sie ist schon eine brauchbare Haustochter und
+sie hat ihren Vater lieb.« Berta hatte freilich bei all dem mehr an die
+Mutter gedacht, als an den Vater; aber sie hatte nicht den Mut, davon
+etwas zu sagen; sie begnügte sich damit, zu sehen, daß es der Mutter gut
+gefiel in ihrem neuen Heim, in dem sie bald darauf um den Teetisch
+saßen.
+
+Als sich Berta an diesem Abend in ihr Zimmerchen zurückzog, war sie sehr
+gespannt, ob wohl die Mutter heute abend wieder zu ihr ans Bett kommen
+würde. Aber sie kam nicht, so sehr Berta auch im stillen darauf hoffte,
+so lange sie sich auch abmühte, sich den Schlaf ferne zu halten.
+
+Am nächsten Morgen war es Berta ganz merkwürdig zumute, als sie die
+Mutter als Hausfrau schalten und walten und mit ihrer Hilfe den
+Kaffeetisch ordnen sah. Wie gemütlich war dann auch das Frühstück! Sonst
+war es bei den Mahlzeiten immer sehr still zugegangen, jetzt aber war
+der Herr des Hauses heiter und fröhlich dabei, und die Mutter voll
+Freundlichkeit. Sie wußte auch so vielerlei zu erzählen, es war ein ganz
+anderes Leben als sonst!
+
+Berta konnte es niemandem aussprechen, wie gut ihr die Mutter gefiel,
+aber ihrem Tagebuch wollte sie es anvertrauen. Als Vater und Mutter mit
+dem Auspacken ihres Reisegepäcks beschäftigt waren, nahm sie das Buch
+zur Hand und schrieb: »Die Mutter ist jetzt hier, man kann sie mit gar
+keiner Haushälterin vergleichen; ich habe sie _sehr_ lieb, wenn sie mich
+nur auch lieb hätte, aber ich glaube es gar nicht bis jetzt.«
+
+»Was schreibst du denn?« fragte in diesem Augenblick die Mutter und trat
+dicht heran. Hastig klappte Berta das Buch zu und errötete über und
+über.
+
+»Aber Berta, wie unpassend!« rief der Vater, der dies bemerkt hatte.
+
+»Darf ich’s denn nicht sehen?« fragte die Mutter. »Es ist mein
+Tagebuch,« antwortete Berta.
+
+»Laß doch die Mutter sehen, was du geschrieben hast!« sagte der Vater.
+
+»Nein, ich will nicht verlangen, daß sie mich ihr Tagebuch lesen läßt,
+wenn sie es nicht gerne tut,« sprach die Mutter und fügte freundlich
+hinzu: »Aber es ist gewiß nichts Schlimmes darin, was du mich nicht
+lesen lassen möchtest?«
+
+Fragend und fast bittend sah die Mutter auf das Mädchen, das in größter
+Verlegenheit die Augen zu Boden schlug und sich nicht entschließen
+konnte, das Buch zu öffnen.
+
+»Das sind Dummheiten,« sagte der Vater ärgerlich, »ich kann solche
+Tagebücher nicht leiden, was wird da für übertriebenes Zeug
+hineingeschrieben! Nimm es weg, Berta!«
+
+Sie gehorchte, aber sie konnte lange nicht mehr vergnügt werden. Sie
+sagte sich, daß die Mutter notwendig meinen müsse, in dem Tagebuch stehe
+eine unfreundliche Bemerkung über sie; aber so leid ihr das tat, konnte
+sie doch die Schüchternheit nicht überwinden, die sie abhielt, der
+Mutter das Tagebuch zu zeigen.
+
+Am Nachmittag sollte Berta zum erstenmal wieder in ihre Schule gehen.
+Sie packte ihre Bücher zusammen, zog ihre Jacke an, nahm den Hut und
+verabschiedete sich. »Was hast du denn da für ein Jäckchen an?« fragte
+die Mutter. »Die Ärmel gehen dir ja kaum mehr über die Ellenbogen
+herunter und so eng ist es, daß es jeden Augenblick zu platzen droht!«
+
+»Freilich,« sagte Berta, »meine Freundinnen haben mir es auch alle schon
+gesagt; aber an Weihnachten und an meinem Geburtstag haben wir immer
+nicht an die Frühjahrsjacke gedacht, und zwischen der Zeit bekomme ich
+keine Kleider.«
+
+»Darüber will ich doch selbst den Vater fragen,« sagte die Frau Direktor
+und suchte ihren Mann auf.
+
+»Wie ist es denn mit Bertas Kleidern?« fragte sie, »sie sagt, du werdest
+ihr durchaus keine Jacke kaufen. Ich hätte gar nicht gedacht, daß du
+dich so eingehend um ihre Kleider kümmerst.«
+
+»Das werde ich dir auch ganz überlassen; aber bisher mußte ich schon
+Einhalt tun, Lisette hätte nie genug bekommen für Berta. Weil ich nun
+von Mädchenkleidern nichts verstehe, habe ich es ein für alle Male so
+gehalten, daß ich an Weihnachten und an ihrem Geburtstag all ihre
+Wünsche erfüllt habe und damit Punktum fürs ganze Jahr.«
+
+»Dann mag es freilich im Frühjahr und Sommer manchmal knapp ausgesehen
+haben. Ich meine, wir müssen ihr dringend eine Jacke kaufen.«
+
+»Die Zeiten sind gottlob vorbei, in denen ich mich darum kümmern mußte,«
+sagte der Direktor. »Du weißt, was nötig ist. Sieh zu, daß Berta so
+einfach wird wie du und wie auch ihre Mutter war.«
+
+Berta wunderte sich sehr, als die Mutter schon nach ein paar Minuten
+wieder ins Zimmer kam und sagte: »Ich will dich nach der Schule abholen,
+und dann kaufen wir zusammen eine Jacke.« Nie war so etwas bei ihrem
+Vater vorgekommen.
+
+Als Berta um vier Uhr aus ihrem Klassenzimmer kam, stand die Mutter in
+eifrigem Gespräch bei der Vorsteherin, die nun, als Berta herzutrat,
+freundlich zu ihr sagte: »Ich glaube, du wirst nun bald wieder einen
+bessern Platz erobern, als du im letzten Jahre inne hattest; solch gute
+Nachhilfe, wie du sie jetzt bekommen wirst, macht sich immer fühlbar!«
+
+Sehr höflich geleitete die Vorsteherin die Frau Direktor bis unter die
+Haustüre, und allmählich zerstreuten sich auch die Mitschülerinnen, die
+neugierig auf die neue Mutter gesehen hatten. »Berta,« sprach jetzt die
+Mutter, »die Vorsteherin hat mir gesagt, du seist in den letzten zwei
+Jahren ziemlich zurückgekommen. Sie meinte, du seist leichtsinnig
+geworden. Ich habe dich aber verteidigt und gesagt, du seist nicht
+leichtsinnig, aber es habe dir an der Nachhilfe und Aufsicht der Mutter
+gefehlt, die andern Kindern zuteil wird. Sie freute sich, als sie hörte,
+daß ich viel im Ausland war und Kinder gelehrt habe, und meinte, im
+Französischen fehle es dir am meisten. Französisch und Englisch ist mir
+so geläufig wie Deutsch, und wenn du willst, kann ich dir versprechen,
+daß du in _einem_ Jahr auch Französisch sprechen kannst. Ich habe sehr
+nette französische Jugendschriften und Spiele; wenn wir diese eifrig
+benützen und jede Woche zwei Tage ausmachen, an welchen wir nur
+Französisch reden, so ist dir’s in einem Jahr geläufig. Aber nur wenn du
+selbst willst!«
+
+»Freilich, freilich will ich,« rief Berta voll Eifer.
+
+»Aber du solltest noch eine Freundin dabei haben, es ist viel netter
+bei den Spielen; weißt du nicht ein liebes, fleißiges Mädchen? Es darf
+aber weder Luise noch Lore sein!«
+
+»Kennst du denn diese schon?« fragte Berta ganz erstaunt.
+
+»O ja, die kenne ich ganz genau, obwohl mir nur der Vater und die
+Vorsteherin ein paar Worte über sie gesagt haben. Das sind zudringliche
+Mädchen, die viel öfter kommen als man sie will und mit denen du
+gemeinsam gearbeitet hast; oder offen gestanden, die dich abschreiben
+ließen. Die hast du gewiß nicht wirklich lieb.«
+
+»Nicht so lieb wie Helene Flink, die kam oft mit ihrer Mama, als meine
+Mama noch lebte, und Papa hat sie auch gern.«
+
+»Gut, deren Mutter werde ich besuchen und dann machen wir ein
+französisches Kränzchen aus, willst du?« Wie gerne wollte Berta! Solche
+Geselligkeit war ihr etwas ganz neues.
+
+Inzwischen waren sie an dem Laden angekommen, in dem die Jacke gekauft
+werden sollte. Da gab es eine große Auswahl, von den einfachsten bis zu
+den feinsten.
+
+»Diese würde dir passen, gefällt sie dir?« fragte die Mutter.
+
+»Ja, sehr gut.«
+
+»Aber hier haben wir etwas ganz Elegantes, das würde dem Fräulein noch
+viel besser stehen,« sagte der Ladendiener und zeigte ein reich
+verziertes Jäckchen.
+
+»Ja, das ist die schönste von allen,« sagte ruhig die Mutter und leise
+fügte sie hinzu: »Hat deine Mama immer das Schönste gewählt oder war sie
+für das Einfache?«
+
+»Für das Einfache,« sagte Berta und legte die schöne Jacke beiseite.
+»Aber das wäre doch etwas viel Vornehmeres,« drängte der Verkäufer. »Ich
+will sie nicht, ich will die andere,« entschied Berta bestimmt, und
+mehr als die schönste Jacke freute es sie, daß die Mutter ihr offenbar
+befriedigt zunickte.
+
+An diesem Abend hatten die Eltern noch vielerlei zu ordnen und Berta
+half dabei. »Hier sind die Schlüssel zum Schreibtisch,« sprach nun der
+Vater, »dieser kleine schließt die kleinen Fächer auf.« Berta erinnerte
+sich, in welchem Unmut sie damals den Schreibtisch geleert hatte; gut,
+daß die Mutter dies nicht wußte. Inzwischen hatte der Vater das oberste
+Fächlein aufgeschlossen und siehe, es war voll von Kleinigkeiten, die
+Berta gehörten. »Was ist das, Berta,« rief der Vater, und eine böse
+Falte zog sich auf seiner Stirne zusammen, »sind diese Sachen von dir?«
+
+»Ja,« antwortete Berta, »ich habe ganz vergessen, sie herauszunehmen.«
+
+»Vergessen? das ist nicht wahr!«
+
+»Doch, Vater, ich habe es gewiß nur vergessen!«
+
+»Das kann doch wohl sein,« warf die Mutter begütigend dazwischen.
+
+»Nein, das kann nicht sein, denn ich habe ihr damals bestimmt den
+Auftrag gegeben, sofort auszuräumen, und was dabei gesprochen wurde,
+haben wir beide auch nicht vergessen.«
+
+Berta errötete tief. Hastig griff sie nach den Dingen, die in der
+kleinen Schublade waren, um sie herauszunehmen. Der Vater zog die große
+Schublade auf – sie war leer; ebenso waren die andern alle ausgeräumt,
+nur die einzige war vergessen, an die der Vater unglücklicherweise
+gerade zuerst gekommen war.
+
+»Ach so,« sagte der Direktor, »das ist etwas anderes, da habe ich dir
+Unrecht getan, ich war der Meinung, du hättest _gar_ nichts ausgeräumt;«
+und als er sah, wie Berta mit den Tränen kämpfte, fügte er freundlich
+hinzu: »Es war ja nur ein Mißverständnis.« Aber für Berta war es mehr;
+die Mutter hatte sicher erraten, daß sie widerwillig den Platz für sie
+geräumt hatte, und es war Berta, als wären nun all die lieblosen
+Gedanken aufgedeckt, die sie früher gehegt hatte. Sie fing so bitterlich
+zu weinen an, daß die Eltern wohl merkten, es müsse seinen besonderen
+Grund haben.
+
+»Ich kann mir denken, warum es dir so schwer ums Herz ist,« sagte die
+Mutter, »es tut dir weh, alle deine Sachen ausräumen zu müssen. Es war
+wohl dein Lieblingsplätzchen?«
+
+»Ja,« sagte der Vater, »seit ihrer Mutter Tod hat sie sich den
+Schreibtisch angeeignet und diese Schlüssel zu sich genommen; aber es
+versteht sich von selbst, daß sie dies alles nun abgibt; nicht wahr,
+Berta, du möchtest es nicht anders haben?«
+
+»Nein, nein,« rief sie, aber sie war so erregt, daß sie ihr Schluchzen
+nicht unterdrücken konnte. »Ich sehe, wie schwer es ihr wird,« sprach
+die Mutter, »und ich will ihr gern den Schreibtisch abtreten. Lege deine
+Sachen nur wieder herein und nimm den Schlüssel zu dir.« Der Vater
+wollte Einsprache erheben, aber die Mutter ließ sich nicht überreden.
+»Ich will nur, was man mir freiwillig und gerne gibt, es ist mir viel
+lieber so. Hier Berta, nimm deine Schlüssel.« Ungerne folgte Berta, _so_
+machte ihr der Besitz des Schreibtisches keine Freude mehr.
+
+Beim Abendessen war keine so heitere Stimmung wie am Morgen beim
+Frühstück. Der Vater war ärgerlich über den Verdruß, den es wegen des
+Tagebuchs und wegen des Schreibtisches gegeben hatte; die Mutter sah,
+daß Berta nicht wieder fröhlich war wie vorher, und konnte es sich nicht
+erklären. Sie wußte ja nicht, daß Berta mit sich selbst kämpfte, ihre
+Schüchternheit zu überwinden und der Mutter alles zu gestehen, was ihr
+auf dem Herzen lag.
+
+»Käme die Mutter nur wieder zu mir ans Bett, dann könnte ich alles
+sagen,« dachte Berta, »aber sie kommt nicht; sie ist auch am
+Hochzeitsabend nur gekommen, weil mein Haar offen war.« Unwillkürlich
+griff Berta nach ihrem Zopf: er war fest geflochten. »Ich mache ihn auf,
+dann kommt sie vielleicht, um ihn wieder zu flechten,« und sie löste das
+Zopfband; sie hoffte, daß es im Lauf des Abends von selbst aufgehen
+würde, wie oft war das schon geschehen, wenn sie es _nicht_ gewollt
+hatte! Der Zopf wollte sich aber heute gar nicht lösen und als es bald
+Zeit für sie war, zu Bett zu gehen, mußte sie noch einmal heimlich
+nachhelfen, um ihre Haare zu lockern. »Dein Haar ist ja ganz offen,«
+sagte nun die Mutter, »wie kommt das nur, der Zopf war doch heute abend
+noch ganz schön?«
+
+Berta wußte nichts weiter zu sagen: »Ja, es ist wahr, die Haare sind
+ganz offen.«
+
+»Ich will sie dir drüben noch einmal flechten,« sagte die Mutter.
+
+»Das kann Berta längst selbst,« meinte der Vater.
+
+»Aber nicht so schön, wie die Mutter,« fiel Berta eifrig ein.
+
+»Für die Nacht doch wohl schön genug,« entgegnete der Vater.
+
+»Aber nicht so fest,« behauptete nun Berta. Der Mutter fiel diese
+Beharrlichkeit auf. Ihr Blick haftete fragend auf Berta. »Ich will ihr
+gerne das Haar flechten,« versicherte sie und rasch, ehe der Vater noch
+einmal etwas einwenden konnte, sprach Berta: »Dann sage ich dir gleich
+gute Nacht, Vater« und sie verließ das Zimmer.
+
+Auf das Tischchen an ihrem Bett legte sie ihr Tagebuch offen hin,
+daneben die Schlüssel zum Schreibtisch und dann schlüpfte sie so schnell
+wie möglich ins Bett; sie wollte schon darin sein, ehe die Mutter kam,
+gerade wie am Hochzeitstag. Mit Herzklopfen wartete sie nun auf die
+Mutter. »Schon im Bett?« fragte diese ganz erstaunt, als sie nach
+wenigen Minuten ins Zimmer kam. »Eigentlich hätte ich dein Haar besser
+machen können, wenn du dich nicht vorher gelegt hättest.«
+
+»Mutter,« sagte jetzt Berta in großer Bewegung, »das Haar kann ich wohl
+selbst machen; ich möchte dich nur bitten, daß du liest, was ich heute
+in mein Tagebuch geschrieben habe, sieh, da liegt das Buch.« Und die
+Mutter las den Satz: »Die Mutter ist jetzt hier, man kann sie mit gar
+keiner Haushälterin vergleichen; ich habe sie _sehr_ lieb, wenn sie mich
+nur auch lieb hätte, aber ich glaube es gar nicht bis jetzt.«
+
+»Und das hast du vor mir verbergen wollen, dies Geständnis, das mich so
+glücklich macht?« rief die Mutter, beugte sich über Berta, zog sie an
+ihr Herz und küßte sie so innig und warm, wie es Berta nie mehr erlebt
+hatte seit ihrer Mama Tod.
+
+»Muß ich dir jetzt noch sagen, daß ich dich auch lieb habe, mein Kind,
+oder fühlst du es?« fragte die Mutter und sah mit einem Blick voll Liebe
+auf Berta.
+
+»Ich fühle es, Mutter,« sagte Berta, »aber ich habe noch eine Bitte:
+nimm jetzt die Schlüssel zu dem Schreibtisch und lege deine Sachen
+hinein, damit ich ganz gewiß weiß, daß du mir glaubst, wie gerne ich dir
+alles geben möchte, was ich nur habe!«
+
+»Ja, mein Kind, jetzt nehme ich sie gern, weiß ich doch, daß es einem
+guten Herzen eine Lust ist, denen, die es liebt, ein Opfer zu bringen.«
+
+»Ich möchte dich auch noch etwas fragen, Mutter,« sagte Berta, und
+errötend flüsterte sie: »Gingest du jetzt nicht mehr von uns fort, wenn
+es eine Stelle wäre, die man verlassen kann, wenn man will, wie du am
+Hochzeitsabend zu mir gesagt hast?«
+
+»O, du törichtes Kind, wie kannst du nur so etwas denken! Habe ich nicht
+_Liebe_ gefunden und kann es etwas Besseres geben auf Erden?«
+
+Noch manch inniges Wort wurde zwischen Mutter und Kind gewechselt, da
+ließ sich plötzlich draußen des Vaters Stimme vernehmen: »Ist das Haar
+noch nicht geflochten?«
+
+»Das Haar, ach ja, das Haar!« riefen die beiden und lachten, denn das
+Haar war ganz und gar vergessen worden. »Nein, wir kommen gar nicht
+zurecht mit dem Haar,« rief die Mutter, »komm nur herein und hilf uns!«
+
+»Ich soll helfen?« fragte der Vater, aber beim Eintreten sagte ihm der
+erste Blick, daß es sich nicht in Wahrheit um den Zopf handle. Er sah,
+daß auf einmal alles anders geworden war zwischen Mutter und Tochter,
+die sich bis jetzt, zu seinem Kummer, so kühl und zurückhaltend
+gegenüber gestanden waren. Die Mutter, die gerade noch so fröhlich
+gelacht hatte, ergriff des Vaters Hand und sagte in sichtlicher
+Bewegung:
+
+»Daß Berta und ich uns einmal in Liebe begegnen würden, habe ich sicher
+geglaubt; aber daß wir uns so schnell finden könnten, hätte ich noch
+heute abend nicht zu hoffen gewagt!«
+
+»Gott sei Dank,« sagte der Vater; und die drei, die da beisammen im
+stillen Schlafkämmerchen waren, sahen viel glücklicher aus, als damals
+im strahlenden Hochzeitssaal.
+
+Die Mutter aber richtete sich nun auf und sprach: »Mein Kind muß jetzt
+schlafen,« und schnell ergriff sie die Haarbürste und begann ihr Werk.
+»Morgen wollen wir es besser flechten, daß es sicher nicht mehr
+aufgeht.«
+
+»Ist nicht nötig, Mutter,« sagte Berta und lachte die Mutter dabei so
+schelmisch an, daß dieser auf einmal klar wurde, welche Bewandtnis es
+mit dem Haar gehabt hatte.
+
+»Von jetzt an sollst du solche kleine List nicht mehr nötig haben, ich
+komme von selbst an dein Bett.«
+
+»Und du, Mutter, sollst nicht nötig haben, die Lisette auf den
+Wunschzettel zu setzen; ich will nicht, daß du meinetwegen die Christine
+fortschickst, die dich so gern hat!«
+
+»So, solche Pläne sind da geschmiedet worden?« sagte der Vater. »Du
+wolltest wohl Lisette wieder ins Haus bringen? Das wäre euch aber nicht
+gelungen, sie heiratet!«
+
+»Ist es dir leid?« fragte die Mutter.
+
+»O nein,« antwortete Berta, »jetzt kann ich sie entbehren, jetzt,
+Mutter, wo du da bist!«
+
+
+
+
+Die Feuerschau.
+
+
+Die schönste Straße im Städtchen ist die Ringstraße, das schönste Haus
+in der Ringstraße ist das Eckhaus mit der Altane; und das schönste
+Stockwerk im Eckhaus ist der erste Stock. In diesem ist alles neu
+hergerichtet, frisch tapeziert und gestrichen, alle Möbel in den Zimmern
+sind nagelneu, alles Geschirr in der Küche blinkt und glänzt. Auch die
+junge Frau, die an dem feinen Nähtischchen sitzt und strickt, ist noch
+ein Neuling. Seit acht Tagen erst ist sie Hausfrau, eine recht
+jugendliche Hausfrau; und noch ein paar Jahre jünger als sie ist das
+Evchen, das kleine Dienstmädchen, das in frischer, weißer Schürze am
+Herd steht, ein Liedchen singt und zusieht, wie das Fleisch kocht, das
+sie und ihre junge Frau miteinander zugesetzt haben.
+
+Die kleine Magd am Herd wurde mitten in ihrem Gesang unterbrochen. Sie
+hörte ihren Namen rufen durch das offene Küchenfenster. Vom Hof herauf
+kam der Ruf. Sie sprang ans Fenster. Unten stand das Dienstmädchen der
+Hausfrau.
+
+»Was gibt’s?« fragte das Evchen hinunter.
+
+»Die Feuerschau ist bei uns, sie kommt gleich zu euch hinauf, du sollst
+es deiner Frau ansagen.«
+
+Das Evchen ging eiligst zu ihrer jungen Frau, den wichtigen Auftrag
+auszurichten. »Frau Assessor, die Feuerschau wird gleich zu uns kommen.«
+
+»Die Feuerschau? Was will die wohl?«
+
+Das Evchen wußte es nicht, denn in Weilerdinkelbach, wo sie her war, gab
+es keine Feuerschau. Die Frau Assessor hatte auch noch nie damit zu tun
+gehabt; aber es zeigte sich doch, daß sie drei Jahre älter war als ihr
+Dienstmädchen, denn sie sagte: »Ich kann mir schon denken, warum die
+Feuerschau kommt, sie wird den neuen Ofen im Besuchzimmer ansehen
+wollen, oder vielleicht muß sie alle Öfen nachsehen.«
+
+Es währte auch gar nicht lange, da klingelte es draußen und als das
+Evchen öffnete, standen zwei Herren vor ihr. Die Feuerschau war es nun
+freilich nicht, sondern zwei Freunde des Herrn Assessor, die ihn
+besuchen und seine junge Frau kennen lernen wollten. Das konnte aber das
+Evchen nicht wissen; sie dachte, sie habe die Feuerschau vor sich. »Der
+Herr Assessor ist nicht zu Hause,« sagte sie auf die Frage des Herrn,
+»aber kommen Sie nur in das Besuchzimmer.« Nachdem sie die beiden Herren
+hineingeführt hatte, eilte sie zu ihrer jungen Frau und meldete: »Die
+Feuerschau ist schon im Besuchzimmer.«
+
+Als die Frau Assessor eintrat, standen zwei fremde Herren vor ihr, und
+stellten sich vor: der eine nannte sich Ingenieur Maier, von dem andern,
+dem Archivar Rau, verstand sie nur etwas wie Wau wau; es war ihr auch
+nicht so wichtig, wie die Herren von der vermeintlichen Feuerschau
+hießen. Diese aber freuten sich, das hübsche junge Frauchen ihres
+Freundes kennen zu lernen, sprachen es auch aus und fragten, ob sie sich
+schon ein wenig heimisch fühle im Städtchen? Die Frau Assessor
+antwortete darauf sehr freundlich. Sie fand es nett und auch ganz
+natürlich, daß sogar die Feuerschau teilnahm an ihrem jungen Eheglück,
+und es wurden einige verbindliche Worte gewechselt. Freilich, zum Sitzen
+wurden die Herren nicht aufgefordert, dagegen sagte die Frau Assessor:
+»Wollen Sie vielleicht unsern neuen Ofen betrachten?« und mit einer
+Handbewegung machte sie auf den hohen weißen Kachelofen aufmerksam.
+Gehorsam wandten sich die Herrn diesem zu. »Es ist ein sehr hübscher
+Ofen,« sagte der Ingenieur. »In der Tat sehr schön,« wiederholte der
+Archivar.
+
+»Aber er ist so unbequem einzuheizen,« sagte die Hausfrau. Das
+bedauerten die zwei Fremden von Herzen. »Vielleicht könnte man es
+ändern?« fragte die junge Frau. »Das ließe sich schwer machen,«
+antwortete der Ingenieur. Da die Hausfrau keine Miene machte, sich von
+dem Ofen zu entfernen, konnten die Herren auch nicht davon wegkommen.
+Sie wollten doch artig sein, so mußten sie den Ofen eben noch weiter
+bewundern. »Die Kacheln sind sehr schön,« sagte der Ingenieur. Der
+Archivar setzte seinen Zwicker auf und besichtigte die Kacheln, aber er
+fand trotz des Zwickers nichts Besonderes an ihnen.
+
+Als die Unterhaltung stockte, entfernte sich die Hausfrau von dem Ofen,
+machte die Türe zum Eßzimmer auf und sagte: »Wollen Sie nicht den
+eisernen Ofen ansehen, den habe ich viel lieber,« und ohne die Antwort
+abzuwarten, ging sie voran. Die beiden Freunde warfen sich heimlich
+verwunderte Blicke zu, sie mußten aber wohl oder übel zu dem eisernen
+Ofen folgen. Da standen sie nun wieder alle drei wie gebannt um den Ofen
+herum. Der Ingenieur war noch gut daran, er verstand wenigstens etwas
+davon und sprach nun ganz eingehend über die Bauart des Ofens. Der
+Archivar hingegen konnte nicht recht mittun. Unser Frauchen fing an im
+stillen über die Feuerschau zu zürnen; sie fand es wunderlich, daß die
+Herren gar nicht voran machten, der Archivar besonders blieb immer in
+ehrerbietiger Entfernung vom Ofen stehen, wie wenn er sich davor
+fürchtete.
+
+Ebenso fingen die Besucher an, im stillen über die junge Frau zu
+zürnen. Sie war doch noch recht ungeschickt, daß sie ihnen nicht einmal
+einen Platz anbot! Die Frau Assessor dachte bei sich: »Ich muß ihnen
+weiter helfen,« und indem sie die Türe zum Nebenzimmer aufmachte, sagte
+sie: »Wollen Sie nicht auch den kleinen Ofen im Schlafzimmer ansehen? Es
+ist ein tönerner.« Jetzt wurden ihre Besucher widerspenstig. »Ich
+danke,« sagte der Ingenieur, »wir wollen doch nicht überall eindringen.«
+
+»Bitte, das stört gar nicht,« sagte die Hausfrau und ging voran.
+
+»Mir geht wirklich das Verständnis für Öfen gänzlich ab,« sagte der
+Archivar.
+
+»Das ist aber sehr traurig für Sie,« entgegnete die junge Hausfrau, denn
+sie dachte: »Der Mann hat offenbar seinen Beruf verfehlt.«
+
+Inzwischen hatten die Herren doch nicht anders gekonnt, als der Hausfrau
+in das Schlafzimmer folgen, und nun standen sie vor einem kleinen,
+alten, unscheinbaren Tonofen, der ihnen so gar nichts sagte.
+
+»Raucht der Ofen?« fragte nun der Archivar und war nicht wenig stolz,
+daß ihm noch eine so passende Frage einfiel.
+
+»Nein, er raucht nicht, wir haben ihn auch noch gar nie angezündet.«
+
+»Rauch soll nämlich sehr ungesund sein.«
+
+»Ja, für die Lunge, nicht wahr?«
+
+Diese geistreiche Unterhaltung wurde unterbrochen, es klingelte und
+Evchen machte die Türe auf. Diesmal kam die wirkliche Feuerschau, ein
+älterer Mann in Begleitung eines jüngeren.
+
+»Wir sind die Feuerschau,« sagte der ältere und ohne sich um das
+verblüfft darein sehende Mädchen zu kümmern, klopfte er an der nächsten
+Türe an. Das war eben die, die in das Schlafzimmer führte, in dem nun
+schon drei Leute um den Ofen standen.
+
+»Entschuldigen Sie,« sagte der ältere der beiden Männer, »wir wollen
+nicht lange stören, wir sind die Feuerschau.«
+
+»Noch eine Feuerschau!« dachte die kleine Hausfrau mit Entsetzen. Ohne
+Umstände gingen die Männer auf den Ofen zu. »Da ist auch noch so eine
+verbotene Ofenklappe,« sagte der ältere zu dem jüngeren, »schreiben Sie
+es auf.« Darauf empfahlen sich die Beiden und gingen weiter.
+
+Sie waren kaum eine Minute geblieben, aber doch lange genug, daß die
+junge Frau erkannte: das war die richtige Feuerschau. Die andere war
+offenbar keine. Sie kannte sich gar nicht mehr aus in dieser Welt, und
+sah ihre beiden Besucher ganz ratlos an, wer waren sie denn? »Sie sind
+gar nicht die Feuerschau,« sagte sie nun vorwurfsvoll, »Sie haben sich
+bloß so gestellt.«
+
+Aber auch den Herren war jetzt die Ahnung gekommen, daß hier eine
+Verwechslung vorlag. »Nein, die Feuerschau sind wir nicht,« sagte der
+Ingenieur, »aber bitte, gnädige Frau, wir haben uns doch nicht so
+gestellt.«
+
+»Sie haben doch die ganze Zeit nur die Öfen angesehen!«
+
+»Leider ja,« sagte der Archivar, »wir wollten das eigentlich gar nicht,
+aber wir konnten nicht anders, wir mußten Ihnen doch folgen.«
+
+»Nun dürfen wir uns vielleicht noch einmal vorstellen als Freunde des
+Herrn Assessors: Ingenieur Maier.«
+
+»Archivar Rau.«
+
+»Nein,« sagte die Frau Assessor halb lächelnd, halb beschämt, »was
+müssen Sie von mir gedacht haben, und was wird mein Mann sagen, wenn er
+hört, wie ich seine Freunde empfangen habe! Jetzt höre ich ihn kommen, o
+bitte, wollen wir doch wieder hinüber in das Besuchzimmer.« Sie waren
+kaum darin, so erschien der Herr des Hauses und freute sich, seine
+Freunde zu treffen.
+
+Diese waren viel zu artig, um die kleine Frau zu verraten, und nahmen
+gerne Platz, wie wenn nichts gewesen wäre, sie waren ja lange genug
+herumgestanden. Nur sahen sie so ungewöhnlich heiter aus, sie hatten
+Mühe, ihr Lachen zu verbergen. »Eine hübsche Wohnung, nicht wahr?« sagte
+der Hausherr.
+
+»Ja, und wie es scheint, gute Öfen,« bemerkte der Ingenieur. Da war die
+Verstellungskunst der jungen Frau schon zu Ende. Sie mußte lachen und
+die Herren lachten mit. Der Hausherr machte ein sehr erstauntes Gesicht,
+bis ihm seine Frau alles selbst erzählte. Ein wenig ängstlich sah sie
+trotz ihrer Heiterkeit auf ihren Mann; wie er ihr Ungeschick wohl
+aufnehmen, ob er sie tadeln würde vor den Herren. Bewahre, das tat er
+nicht. Auch er lachte und sagte zu den Freunden: »So habt ihr der
+kleinen Frau überall hin folgen müssen? Was wollt ihr, mir geht es ja
+auch nicht besser!«
+
+
+
+
+In der Adlerapotheke.
+
+
+Auf dem stattlichen Bauerngut, das dem reichen Landwirt Hollwanger
+gehörte, gab es nun schon zum dritten Male in Jahresfrist einen
+Abschied. Der älteste Sohn war zum Militär einberufen worden; den
+zweiten hatte der Vater auf die landwirtschaftliche Schule geschickt,
+und der dritte, Hermann, der jüngste, aber doch schon hoch
+aufgeschossen, war nun auch im Begriff, das Elternhaus zu verlassen. Er
+wollte Apotheker werden, und so hatte er heute, am Donnerstag nach
+Ostern, in der Adlerapotheke in Neustadt als Lehrling einzutreten.
+
+Vor dem Hause stand die Kutsche, in der der Vater den Sohn nach der
+Stadt fahren wollte. Der Koffer war hinten aufgepackt, Mutter,
+Schwester, Knecht und Magd standen vor dem Haus in dieser
+Abschiedsstunde. Die Trennung war keine von den schwersten; denn das
+Städtchen lag so nahe, daß man die Glocken von dort läuten hörte, wenn
+der richtige Wind wehte. Hermann hatte dort die Lateinschule besucht und
+täglich den Weg vom Elternhaus nach Neustadt zu Fuß gemacht. Dieser Weg
+hatte ihn immer an der Adlerapotheke vorbei, manchmal auch
+hineingeführt, und schon seit Jahren hatte er den Wunsch ausgesprochen,
+Apotheker zu werden. Sein Vater hatte nichts dagegen, er war ein reicher
+Mann und konnte seinem Sohne wohl einmal eine Apotheke kaufen.
+
+So kam es, daß Hermann mit fröhlichen Augen der Mutter Lebewohl sagte
+und erst ein ernstes Gesicht machte, als er entdeckte, daß seine
+Schwester, seine treue Jugendgespielin, Helene, mit Tränen in den Augen
+dastand. Sie war zwei Jahre jünger als er und hing mit ganzem Herzen an
+diesem Bruder. »Weine doch nicht, Helene,« sagte er, »ich komme ja alle
+vierzehn Tage heim und so oft du nach Neustadt kommst, besuchst du mich
+in der Apotheke.«
+
+Einen Abschiedskuß noch der Mutter, die ihr Töchterchen freundlich
+tröstend an der Hand nahm, ein Händeschütteln mit dem Knecht, der Magd,
+und fort ging es mit dem Vater, der flott dem Städtchen zukutschierte.
+Und Hermann konnte es nicht ändern, so herzlos es ihm vorkam, er freute
+sich über die Maßen.
+
+Als das kleine Gefährt über den Marktplatz von Neustadt fuhr und vor der
+Adlerapotheke anhielt, wurde die Ladentüre der Apotheke geöffnet, und
+der Apotheker ging Vater und Sohn entgegen. Die beiden Männer mochten
+ungefähr in demselben Alter sein; aber der Landwirt hatte die kräftigere
+Gestalt, und sein sonngebräuntes Gesicht war ein Bild der Gesundheit,
+was man von den etwas blassen aber feinen Zügen des Apothekers nicht
+sagen konnte. Er begrüßte die Ankömmlinge und reichte Hermann die Hand;
+der schlug unbefangen ein und sah voll Vertrauen zu dem Manne auf, der
+ihm kein Fremder war, und den er, ohne daß dieser es wußte, schon seit
+Jahren als seinen künftigen Lehrherrn betrachtet hatte.
+
+Durch den Laden hindurch, in dem jener den Apotheken eigentümliche
+Geruch herrschte, der für Hermann immer etwas geheimnisvoll Anziehendes
+hatte, führte Apotheker Mohr seine Gäste an die Treppe nach dem oberen
+Stock und in seine Wohnung. Hier wurden sie freundlich empfangen von der
+kleinen rundlichen Apothekerin, die gleich geschäftig den Kaffeetisch
+deckte und sich entschuldigte, daß der Kaffee noch nicht bereit sei.
+»Ich wußte nicht genau,« sagte sie, »um wieviel Uhr Sie kommen, und
+lieber möchte ich meine Gäste einen Augenblick warten lassen, als ihnen
+einen abgestandenen Kaffee vorsetzen.«
+
+Während sich die Gäste setzten, bat sie um die Erlaubnis, daß sie und
+ihr Mann zu Hermann »du« sagen dürften, es sei doch traulicher für
+Leute, die an _einem_ Tisch sitzen. Dies schien Hermann sichtlich zu
+freuen.
+
+Kaum eine Viertelstunde saß die kleine Gesellschaft gemütlich beim
+Kaffee beisammen, da ertönte die Ladenglocke der Apotheke, und Mohr
+mußte hinunter; nach einem weiteren Viertelstündchen gab es eine zweite
+Störung dadurch, daß Hermann seine Kaffeetasse umstieß. Es war seinem
+Vater und ihm selbst peinlich, daß er sich bei der ersten Mahlzeit so
+einführte, doch versicherte Frau Mohr, der Flecken in der Kaffeedecke
+sei nicht schlimm, aber sie bat doch, sie sogleich wegnehmen zu dürfen.
+Diese Gelegenheit benützte Hollwanger, um sich zu verabschieden. Bis an
+die Kutsche begleitet vom Apotheker und von Hermann stieg er ein. Die
+beiden Männer tauschten noch freundliche Worte, Hermann aber wußte
+nichts mehr zu sagen; seine Grüße an Mutter und Schwester hatte er schon
+aufgetragen, fast ungeduldig wartete er, daß sein Vater abfahre, er
+wollte doch Apotheker werden, endlich sollte es losgehen. Jetzt kam der
+letzte Gruß, das Pferd folgte dem leisen Anruf seines Herrn, der Wagen
+rasselte über den Marktplatz.
+
+Der Apotheker wandte sich Hermann zu, der nicht dem Wagen nachsah,
+sondern aufmerksam nach dem großen schwarzen Adler aufblickte, der
+dräuend über dem Eingang der Adlerapotheke wachte. Mohr klopfte ihm auf
+die Schulter und sagte in ernsthaftem Tone: »So, nun gehörst du in die
+Adlerapotheke.« »Ja,« erwiderte Hermann ebenso, und indem er fröhlich
+die wenigen Stufen vorauseilte und die Ladentüre aufmachte, fragte er:
+»und wie geht’s jetzt an?«
+
+»Wie’s angeht?« wiederholte der Apotheker und sah lächelnd auf seinen
+eifrigen Gehilfen. »Wie’s angeht, wenn man Apotheker werden will, meinst
+du? Ich denke, man schaut sich zuerst einmal die Apotheke an. Komm mit!«
+Er schloß die Ladentüre. »Es sollte freilich nicht sein, daß mitten am
+Tag kein Kunde in Sicht ist,« sagte er, »es war auch früher nicht so,
+erst seit Herbst, wo sich die neue Apotheke hier aufgetan hat, erst
+seitdem ist’s stiller bei mir. Es ist unrecht, daß man hier eine zweite
+gegründet hat; ich habe auch vorher gesprochen mit dem jungen Apotheker,
+aber er hat es nicht einsehen wollen, und nun ist bei ihm kein rechter
+Geschäftsgang und bei mir ist es auch nicht mehr wie früher.«
+
+Inzwischen hatte der Apotheker den Neuling in das Laboratorium geführt,
+da standen wunderliche Kolben und Kochgeschirre aus Glas und gläserne
+Trichter und Röhren. Wißbegierig sah Hermann dies alles an. »Da wird so
+mancherlei bereitet,« sagte Mohr, »heutzutage gibt es zwar viele
+Apotheker, die beziehen alles von auswärts, aber ich mache noch vieles
+selbst.« »Machen wir heute auch etwas?« fragte Hermann. »Diese Woche
+nicht mehr, aber nächste Woche will ich Höllenstein machen, der wird aus
+Silber bereitet. Da gibt meine Frau alte Kaffeelöffel dazu.«
+
+»Das wird fein,« sagte Hermann vergnügt. »In meiner Familie,« sagte
+Mohr, »ist diese Liebhaberei von alters her, die Mohrs sind eine
+altberühmte Chemiker- und Apotheker-Familie aus Koblenz.«
+
+Nun erklang die Apothekenglocke. »Jetzt kommt doch jemand,« rief Hermann
+so erfreut, wie wenn der Kunde schon _sein_ Kunde wäre und lief
+eiligst, die Türe zu öffnen. Ein Dienstmädchen brachte ein Rezept, in
+einer halben Stunde wollte sie wiederkommen, die Arznei abzuholen und
+dann sollte sie auch sechs Blutegel mitnehmen.
+
+»Bei der Gelegenheit kannst du gleich den Keller kennen lernen,« sagte
+der Apotheker, »in dem sind gar mancherlei Vorräte, nicht nur Blutegel.«
+Sie stiegen miteinander hinunter in die großen Kellerräume. In
+verschiedenen Abteilungen waren wohlgeordnet Fässer, Flaschen, Kolben
+aller Art. Der schöne Steinboden war tadellos rein gehalten; in jedem
+Raum hing ein Lämpchen, von denen der Apotheker eines anzündete. »Hier
+sind die Blutegel; es muß von Zeit zu Zeit nachgesehen werden, ob alle
+lebend sind, und sie müssen mit frischem Wasser versorgt werden. Futter
+brauchen sie nicht; sie bleiben ein und zwei Jahre lang ohne Nahrung,
+inzwischen kommen wieder frische.« Der Apotheker hatte einen großen, mit
+Leinwand zugebundenen Glaskolben hervorgezogen, in dem schwammen die
+schwarzen Würmer. Er nahm einige heraus in ein kleines Glas.
+
+»Das nächste Mal mußt du sie selbst holen, jetzt aber binde fest den
+Kolben zu und lösche das Lämpchen sorgfältig; ich muß hinauf, ich höre
+die Ladenglocke.«
+
+In den Abendstunden kamen mehrere Kunden, Arzneien waren einzufüllen,
+Pulver waren zu richten und in die weißen zugeschnittenen Papierchen
+einzuwickeln. »Sieh zu und mach’s nach,« sagte der Apotheker zu Hermann
+und deutete auf die Pülverchen, die auf die einzelnen Papierchen
+verteilt waren. Während Hermann mit ungeschickten Fingern eines der
+Pülverchen einwickeln wollte, schob er mit dem Ärmel die vier anderen
+kleinen Portionen zum Tisch hinunter. Ein ärgerlicher Ausruf entfuhr dem
+Apotheker; der Arbeiter, der dastand und auf die Pulver wartete, sagte
+lachend: »Der ist scheint’s nicht der geschickteste.« »Er ist neu
+eingetreten,« sagte Mohr entschuldigend und wog neue Pülverchen ab, aber
+Hermann wurde nicht mehr aufgefordert, sie einzuwickeln.
+
+Nach einer Weile schob der Apotheker ihm ein paar Gläschen hin, die er
+eben mit Arznei gefüllt hatte. »Binde die Fläschchen zu, so wie dieses,«
+sagte er, indem er ein farbiges Papierchen über den Stöpsel faltete und
+mit einem Bindfaden fest knüpfte. Es sah so einfach aus und ging wie von
+selbst und doch, als Hermann es versuchte, wollte das Papier nicht
+stramm aufliegen, das Schnürchen nicht halten. Eines der Gläser rutschte
+aus und zerbrach auf der Marmorplatte des Ladentisches. »So geht das
+nicht,« sagte Mohr und sah seinen Lehrling groß an, »so ungeschickt hat
+sich noch keiner angestellt. Passe auf, daß das nicht noch einmal
+vorkommt!«
+
+Als gegen acht Uhr abends der letzte Kunde befriedigt war und Hermann
+mit dem Apotheker und seiner Frau beim Abendessen saß, kam es ihm vor,
+als sei er nicht in der Gunst seines Lehrherrn gestiegen, denn dieser
+war sehr einsilbig bei der Mahlzeit. Nach dem Essen fragte Herr Mohr
+seinen Lehrling, ob er Sinn für Botanik habe, die jeder Lehrling
+studieren müsse, und er führte ihn an einen Bücherschrank, der viele
+naturwissenschaftliche Werke enthielt. Zu seiner Verwunderung bemerkte
+der Prinzipal, daß Hermann in Botanik und auch in anderen Zweigen der
+Naturwissenschaft schon prächtig Bescheid wußte.
+
+»Wie kommst du dazu?« fragte er. »In der Lateinschule hast du das nicht
+gelernt.«
+
+»Nein, bloß für mich; ich habe mir nie etwas anderes gewünscht und
+gekauft als naturwissenschaftliche Bücher, schon seit Jahren weiß ich
+mir nichts Schöneres.« Vor seinen Büchern stehend, sprach der Apotheker
+über die verschiedenen Werke und stellte, ohne daß es Hermann nur recht
+bemerkte, eine Prüfung mit ihm an, über deren Ergebnis er staunen mußte.
+Hermann saß an diesem Abend in ein Lehrbuch vertieft, bis der Apotheker
+ihn entschieden zum Bettgehen ermahnte und die Frau Apotheker ihn in das
+Stübchen führte, das zwischen der Kräuterkammer und der Vorratskammer
+oben im Dachraum ausgebaut war.
+
+Hermann schlief schon längst, als noch zwei Paare beisammen saßen und
+über ihn sprachen: daheim die Eltern und hier der Apotheker und seine
+Frau. »Hast du dem Apotheker nicht gesagt, wie viel unser Hermann schon
+studiert hat auf seinen Beruf?« fragte Frau Hollwanger ihren Mann.
+
+»Nein, ich kann doch nicht mein eigen Kind anpreisen.«
+
+»Anpreisen freilich nicht, aber du hättest doch so zufällig die Rede
+darauf bringen sollen, daß er schon so gelehrt ist.«
+
+»Der Apotheker wird’s bald selbst herausfinden.«
+
+»Hast aber doch wenigstens das gesagt, daß unser Hermann gar keinen
+größeren Wunsch hat, als einmal ein Apotheker zu werden, und daß ihm die
+Apothekerbücher lieber waren als alle Spiele und Kameradschaft? So etwas
+muß man doch seinem Kinde zuliebe sagen!«
+
+»Alles Nötige ist beredet worden, Frau, darüber kannst du ganz ruhig
+sein, und der Hermann ist ja auch keiner von den ängstlichen, er hat
+ganz zutraulich getan mit dem Apotheker.«
+
+»So? das sieht ihm gleich. Er wird auch bald der Liebling sein in der
+Apotheke, wie er es in der Schule auch war. Alle haben ihn gern.«
+
+»Das ist wahr. Wegen Hermann dürfen wir ruhig sein, der geht seinen Weg
+leichter als seine Brüder, gottlob! Man hat sonst genug Sorgen.«
+
+Während die Eltern so über Hermann sprachen, sagte die Frau Apotheker
+zu ihrem Mann: »Nun, wie kommt er dir vor? es ist ein lieber Mensch,
+scheint mir.«
+
+»Ja, und gescheit, aber –« und bedenklich schüttelte Mohr den Kopf.
+
+»Aber ungeschickt, gelt? Gleich hat er die Kaffeetasse umgestoßen.«
+
+»Und kann kein Gläschen zubinden und kein Pulver einwickeln, ich will
+nur sehen, wie das geht.«
+
+»Anfangs ist’s allen schwer.«
+
+»Aber nicht so. Sieh ihm nur zu, wenn er etwas mit der Hand tut, wie er
+den Daumen so steif hinausstreckt; er weiß gar nicht, wie man die Finger
+biegt, wie einer, der in seinem Leben nie etwas mit den Händen geschafft
+hat, nur hinter den Büchern gesessen ist.«
+
+»Und so einer kommt vom Land!«
+
+»Ja, vom Land, aus dem reichen Bauernhof, wo so ein Bürschlein alles nur
+auf Knecht und Magd abladen darf und angestaunt wird, weil er lateinisch
+kann.«
+
+»Aber er wird sich doch machen, es wäre mir leid um ihn.«
+
+»Mir auch, aber besser wäre es, sie würden einen Lehrer oder gar einen
+Professor aus ihm machen; Verstand ist da, Geld ist da – an was sollte
+es fehlen!«
+
+Frisch und fröhlich saß am nächsten Morgen Hermann am Frühstückstisch.
+»Wird der Mann wohl heute wieder in die Apotheke kommen, der gestern die
+Schlafpulver geholt hat?« fragte er den Apotheker.
+
+»Kann wohl sein. Was willst du von ihm?«
+
+»Ich bin nur begierig, ob die Pulver wirklich geholfen haben.«
+
+»Warum sollten sie nicht?«
+
+»Er hat doch erzählt, daß die Kranke fünf Nächte vor Schmerzen nicht
+geschlafen habe.«
+
+»Ja, und?«
+
+»Und da wäre es doch großartig, wenn sie wirklich heute Nacht gut
+geschlafen hätte.«
+
+»Sicher hat sie geschlafen, diese Pulver wirken immer.«
+
+»Das ist doch ganz herrlich, wenn man solche Mittel aus seiner Apotheke
+geben kann!« sagte Hermann.
+
+»Ja, ja,« erwiderte Mohr; aber er war seit etwa fünfundzwanzig Jahren
+daran gewöhnt und deshalb schon etwas abgestumpft gegen die Herrlichkeit
+seiner Mittel.
+
+»Und wie müssen erst die glücklich sein, die so ein Mittel entdecken!«
+fuhr Hermann fort.
+
+Sie wurden unterbrochen durch ein ängstliches, lautes Rufen, das von dem
+Mädchen draußen zu kommen schien. »Was hat doch die Mine,« rief Frau
+Mohr lebhaft aufspringend, »es ist gerade, wie wenn sie mich zu Hilfe
+riefe,« und rasch sprang sie vom Kaffeetisch auf, hinaus zum Mädchen.
+Einen Augenblick nachher kam sie wieder unter die Türe und rief ihrem
+Mann zu: »Ach, komm nur schnell, die Mine hat eben den Keller gekehrt,
+nun hat sie einen Blutegel am Fuß und sie sagt, überall im Keller
+kriechen die Blutegel umher.«
+
+»Er läßt nicht los,« rief das Mädchen, »was soll ich denn tun? Ich bring
+ihn nicht weg.«
+
+»Nicht wegreißen!« rief der Apotheker. »Salz oder Asche her.« Im Nu
+brachte Frau Mohr die Salzbüchse. Eine Hand voll wurde auf den Blutegel
+gestreut, da fiel er weg und lag harmlos auf dem Boden.
+
+Jetzt aber wandte sich der Apotheker mit ernstlich bösem Gesicht zu
+Hermann: »Hast du den Kolben mit den Blutegeln gestern abend offen
+gelassen?«
+
+»Nein, nein, ich weiß gewiß, ich habe ihn zugebunden.«
+
+»Aber wie! Komm mit in den Keller.« Drunten klärte es sich bald auf.
+Zugebunden war der Kolben, aber so lose, daß die ganze Bewohnerschaft
+zwischen dem Tuch und dem Glas durchgekrochen war, und da und dort im
+Keller war das Gewürm zu sehen. Zu Vorwürfen war keine Zeit mehr, denn
+die Glocke an der Apotheke erklang, aber die Strafe ergab sich von
+selbst: etwa ein halb hundert Blutegel aufsuchen und einfangen.
+
+Hätte die gute kleine Frau sich nicht des ungeschickten Lehrlings
+erbarmt, er hätte wohl den ganzen Vormittag in diesem Keller zubringen
+müssen. Aber sie wußte, wie die Tiere zu fassen waren, und hatte zehn im
+Glas, bis Hermann einen herein brachte.
+
+Als er endlich wieder in der Apotheke erschien, sah ihn sein Herr sehr
+ungnädig an. Aber Hermann kam ihm reumütig entgegen, so daß er nicht
+viel mehr sagte als: »Über der Sache ist das Abstauben versäumt worden,
+das sollte immer geschehen sein, ehe Kunden kommen. Jeden Morgen muß auf
+allen Fächern und Ständern abgestaubt werden. Dort ist die Leiter, aber
+das bitte ich mir aus: nichts herunterwerfen!« Glas an Glas, Büchse an
+Büchse standen an den langen Wänden. Jedes mußte abgestaubt werden. Mit
+einer Vorsicht und Gewissenhaftigkeit ging Hermann daran, daß in der Tat
+nichts fallen konnte; aber freilich, auf diese Art wäre er an _einem_
+Tag schwerlich fertig geworden. Lange konnte der Apotheker das nicht mit
+ansehen.
+
+»Geh einmal herunter, Hermann, und lasse mich hinauf, ich will dir
+zeigen, wie man das macht. So mit einem flotten Griff über das Fach,
+siehst du? Hast du denn nie in deinem Leben etwas abgeputzt?« In diesem
+Augenblick steckte die Frau Apotheker den Kopf herein. »Lieber Mann,
+kannst du Hermann einen Augenblick entbehren?« »Ja.« »Dann, Hermann,
+komme doch einmal mit mir hinauf in dein Zimmerchen.« Oben angekommen
+sagte Frau Mohr: »Nun sieh einmal, mein Junge,« und sie deutete ins
+Zimmer. Hermann schaute – aber er sah nichts Besonderes. Nachdem er rund
+herum geblickt, sah er die Gestrenge fragend an.
+
+»Was meinen Sie?«
+
+»Aber sieh doch nur, es ist ja nicht aufgeräumt, so darf es doch nie
+aussehen, am wenigsten in einer Apotheke. Bedenke nur, wenn unverhofft
+die Inspektion käme, die sieht in alle Räume des Hauses und überall muß
+tadellose Ordnung herrschen. Es ist schon vorgekommen, sagt man, daß ein
+Inspektor mit der Hand über das Treppengeländer gefahren ist und dann
+seine Hand besehen hat; und weil Staub daran war, hat man dem Apotheker
+die Apothekerberechtigung entzogen. Ja, so streng wird das genommen. Nun
+sieh nur, wie überall deine Kleider zerstreut sind, wie der Staub auf
+den Möbeln liegt! Den Fußboden reinigt das Mädchen, aber alles andere
+geht dich an. Neben der Kommode in der Ecke hängt das Körbchen mit dem
+Staubtuch. Reiche mir das einmal her. Ach, nun hast du das Körbchen
+mitsamt dem Nagel aus der Wand gerissen; er hält schwer, ich weiß es.
+Das muß gleich wieder gut gemacht werden. Siehst du, so mußt du jeden
+Tag abstauben. Du wirst nicht wollen, daß dein Lehrherr deinetwegen bei
+der Inspektion getadelt wird.«
+
+»Nein, nein,« versicherte Hermann eifrig, »ich habe nur davon gar keine
+Ahnung gehabt.« »Nun komm mit herunter, ich zeige dir, wo der Hammer ist
+und die Nagelkiste, dann klopfst du den Nagel wieder ein für das
+Staubtuchkörbchen.«
+
+Hermann folgte und kam bald wieder herauf mit dem Werkzeug. Der erste
+Nagel verbog sich in der Wand, auch der zweite wollte nicht halten. Frau
+Mohr hatte recht gehabt, daß er schwer in der Wand halte. Dann war es
+wohl besser, ihn in die Seitenwand der Kommode zu klopfen, im Holz
+hielt er wohl leichter. Hermann wählte einen kräftigen Kloben, der sich
+nicht so leicht umbiegen konnte, hämmerte ihn fest in das Holz der
+Kommode hinein und hing dann ganz befriedigt das Staubtuchkörbchen
+daran. Das war nun in Ordnung. Hammer und Nägel vergaß er freilich mit
+herunter zu nehmen, ehe er wieder in die Apotheke zurückging; daheim
+hatten sechzehn Jahre lang andere für ihn aufgeräumt – in _einem_ Tage
+lernt sich die Ordnung nicht!
+
+Der nächste Tag war ein Samstag. Früher als sonst war Hermann geweckt
+worden, denn nie ging es so lebhaft zu in der Adlerapotheke wie am
+Samstag, dem Markttag. Hermann wußte es, und freute sich darauf. Noch
+war es dämmerig, als er durch die großen Fensterscheiben der Apotheke
+auf den Markt sah. Der große Platz war leer und still, nur das Wasser im
+Marktbrunnen plätscherte und auf dem Kirchturm gegenüber schlug es fünf
+Uhr. In der Apotheke wurde der Boden aufgewaschen. Im Laboratorium wurde
+im Vorrat allerlei gekocht und gebraut und in der Stoßkammer nebenan
+mußte im großen Mörser fein zu Pulver zermalmt werden, was in harten
+Brocken hineinkam. Und nun mußten gebrauchte Arzneifläschchen in dem
+Kessel des Laboratoriums gereinigt werden.
+
+»So wird es gemacht,« sagte der Prinzipal und zeigte den Kunstgriff.
+Hermann machte sich daran, als er aber die gesäuberten Fläschchen in die
+Apotheke brachte, in der schon die ersten Kunden standen, und der
+Apotheker einen Blick auf ihn warf, sagte er leise aber sehr kurz und
+unfreundlich: »Geh’ hinaus!« Warum? Draußen stand Hermann und besann
+sich und konnte das unfreundliche »hinaus« nicht verstehen. Eine Weile
+verging, da kam Mohr herein, aber nur auf einen Augenblick. »Wie siehst
+du aus! Du vertreibst mir die Kunden aus der Apotheke. Kleide dich um,
+schnell!«
+
+Er war allerdings über und über naß und verschmiert, an den Hemdkragen
+sogar waren braune Spritzer gekommen, natürlich vom Putzen. Er hatte nie
+gedacht, daß sein eigenes Aussehen nicht ganz gleichgültig sei. Höchst
+verwunderlich kamen ihm diese Anforderungen an Reinlichkeit und Ordnung
+vor; aber er eilte in seine Kammer hinauf, richtete sich frisch her,
+warf all das nasse Zeug auf das Bett, um nur möglichst schnell wieder
+herunter in die Apotheke zu kommen, denn hier ging es nun lebhaft zu.
+Bauern und Bäuerinnen, Köchinnen mit dem Marktkorb am Arm drängten sich.
+Rezepte brachten sie, Dinge verlangten sie, die Hermann nicht einmal dem
+Namen nach kannte, aber jeder Wunsch konnte befriedigt werden, nirgends
+versagte die Adlerapotheke. Und der Apotheker hätte in dieser Stunde
+freilich einen besseren Gehilfen haben sollen, als Hermann war. Nichts,
+gar nichts konnte er ihm anvertrauen!
+
+Draußen, auf dem Marktplatz, herrschte lautes Leben, Bauernwagen fuhren
+an mit Körben voll junger Schweinchen, die ein Geschrei verführten, als
+ginge es ihnen ans Leben. Auch seines Vaters Leiterwagen erkannte
+Hermann von ferne, Hollwangers Knecht brachte Frucht zu Markte. In
+langen Reihen saßen und standen die Verkäuferinnen mit Tauben und
+Hühnern, Butter, Eiern, Gemüse und Obst. Goldgelb schimmerten die
+Apfelsinen über den ganzen Platz, auf dem die Frauen mit ihren
+Markttaschen, die Dienstmädchen mit großen Körben und Netzen sich
+drängten und schoben.
+
+»Hermann, hier!« rief der Apotheker, »einfüllen die Fläschchen, bis sie
+voll sind.« Flink war Hermann bei der Hand. Eine Kanne mit kräftig nach
+Wein duftender Arznei hatte ihm der Apotheker in die Hand gegeben,
+einen Trichter, dazu zwei leere Fläschchen. Hermann steckte den Trichter
+in das erste Fläschchen und goß rasch hinein. »Es läuft über, junger
+Herr, es läuft über,« rief eine Frau, die wartend dastand und ihm
+zugesehen hatte. Rasch stellte Hermann die Kanne ab, nahm den Trichter
+weg, ringsum floß der schöne Wein. Die gefällige Frau machte Miene, zu
+Hilfe zu kommen.
+
+»Bitte, bemühen Sie sich nicht,« sagte der Apotheker, besorgte selbst
+das Geschäft und Hermann flüsterte er zu: »Nimm deine nasse Manschette
+ab.« Die weiße Manschette hatte einen dunkelroten Flecken; wieder sprang
+Hermann in sein Zimmerchen hinauf, warf die Manschette zu den übrigen
+verunglückten Kleidungsstücken und erschien in der Apotheke wieder mit
+frischen.
+
+Gegen Mittag leerte sich die Apotheke; draußen auf dem Markt waren nicht
+mehr die Köchinnen in den weißen Schürzen zu sehen, sie standen wohl
+alle in ihren Küchen und bereiteten zu, was sie eingekauft hatten. Die
+Marktweiber saßen ruhig in ihren Ständen und verzehrten das Essen, das
+ihnen in irdenen Töpfen gebracht worden war; manche Wagen waren schon
+abgefahren, andere standen vor den Wirtschaften, in denen ihre Besitzer
+am Mittagstisch saßen.
+
+Um 1 Uhr war die Apotheke leer. Jetzt durfte auch droben im Eßzimmer die
+Frau Apotheker ihr Essen auftragen, um diese Zeit war es am ruhigsten in
+der Apotheke.
+
+»Schließe die Türe und wische den Tisch ab, Hermann, und dann komme nach
+zum Essen,« sagte Mohr und ging voraus. Droben nahm er seine Frau
+beiseite. »Laß die Suppe noch draußen,« sagte er, »ich muß erst noch
+etwas mit dir reden. Ich meine, es ist am besten, ich schicke den Jungen
+gleich heute wieder fort, denn brauchen kann ich ihn doch nicht.«
+
+»War er wieder so ungeschickt?«
+
+»Freilich, die Kunden wollten ihm zu Hilfe kommen, er kann kein
+Fläschchen füllen, er kann kein Pulver einwickeln, er verschmiert seine
+Kleider – –«
+
+»Ja, das brauchst du mir gar nicht zu erzählen,« sagte Frau Mohr, »sein
+nasses Zeug habe ich wohl gesehen, auf den frischen, weißen Bettüberwurf
+hat er es hingeworfen, obwohl ich ihm gerade die Ordnung ans Herz gelegt
+hatte. Und was ich dir nicht sagen wollte, um dich beim Essen nicht
+aufzuregen, jetzt muß ich dir’s doch sagen: einen eisernen Kloben hat er
+in die polierte Kommode geschlagen, du weißt doch, die alte Kommode mit
+den Messingknöpfen? Einen dicken eisernen Kloben und daran hat er das
+Staubtuchkörbchen gehängt!«
+
+»Das ist stark!«
+
+»Das ist einfach barbarisch! Die Kommode – –«
+
+»Nun lasse nur die Kommode, wir wollen rasch das Notwendige besprechen.
+Es ist nämlich drüben auf dem Markt des Hollwangers Knecht mit dem
+Wagen, der könnte gleich Hermanns Koffer aufladen und Hermann selbst
+könnte mit heimfahren.«
+
+»Hast du es dem Jungen schon gesagt?«
+
+»Nein,« sagte Mohr, »er tut mir leid und es wird mir schwer, es ihm zu
+sagen; aber zum Apotheker ist er entschieden unbrauchbar, könnte mir die
+größten Unannehmlichkeiten machen. Darum ist’s am besten, man schickt
+ihn gleich fort, daß er keine Zeit verliert, andere Schritte zu tun.«
+
+»Aber den Eltern müßtest du schreiben, daß er keinen schlechten Streich
+gemacht hat.«
+
+»Freilich, ich kann ihm ja das beste Lob geben, ich werde schreiben, daß
+er gescheit ist; sie sollen ihn einen Professor werden lassen; auch sein
+eifriges und freundliches Wesen, das alles kann ich ihm bezeugen, nur
+gerade zu _dem_ Beruf ist er zu ungeschickt.«
+
+In diesem Augenblick kam Hermann eiligst herauf. »Es ist ein Mädchen da,
+wollte ein Stück Glycerinseife um zehn Pfennige. Ich hätte es ihr gern
+gegeben, aber weil Sie mir gesagt haben, ich solle gar nichts abgeben,
+so fragte ich sie, ob sie ein wenig warten könne. Da sagte sie, sie
+könne die Kleinigkeit auch in der neuen Apotheke mitnehmen; aber das
+wollte ich doch nicht, sie soll nur der Adlerapotheke treu bleiben. Darf
+ich ihr von der Glycerinseife geben, die vorn liegt im Glaskasten?«
+
+»Ja, das kannst du hergeben.« Wie der Wind war Hermann verschwunden.
+
+Der Apotheker und seine Frau sahen sich an.
+
+»Er ist so liebenswürdig in seinem Eifer,« sagte die Frau, »er tut mir
+zu leid.«
+
+»Ja, ein prächtiger Mensch, und wie klug, daß er gleich an die
+Kundschaft denkt; aber fort muß er doch, er ist keine Hilfe für mich, im
+Gegenteil!«
+
+»Ich gehe hinaus, wenn du es ihm sagst, ich mag gar nicht dabei sein,«
+sagte Frau Mohr. Kurz darauf kam Hermann wieder, die Suppe wurde
+aufgetragen, aber kein harmloses Tischgespräch würzte die Mahlzeit.
+
+Hermann allein war unbefangen. »Das werde ich mir merken,« sagte er,
+»daß ein Stück Glycerinseife das erste war, das ich verkauft habe.«
+
+Bei sich selbst fügte der Apotheker hinzu »und das letzte«.
+
+»Neulich habe ich gelesen,« plauderte Hermann weiter, »daß man das
+Glycerin zu Dynamit und zu andern Sprengstoffen verwendet. Da wundert
+man sich ganz, wenn man’s auch zu einem so unschuldigen Stückchen Seife
+gebraucht. Das Glycerin muß ein feiner Stoff sein, nicht wahr?«
+
+»Ja,« sagte Herr Mohr einsilbig, ihm tat es jetzt nur weh, die
+Berufsfreudigkeit seines Lehrlings zu sehen, der nach dem Essen aufhören
+sollte, Lehrling zu sein.
+
+Kaum hatte Hermann den letzten Bissen zu sich genommen, so sprang er
+auf, wieder in das Geschäft zu gehen.
+
+»Komm ein wenig mit mir herein, Hermann,« sagte Mohr, ging voraus in den
+kleinen, neben dem Eßzimmer liegenden Empfangsraum und machte die Türe
+zu. »Ich wollte dir sagen, Hermann, daß ich es doch besser für dich
+finde, wenn du nicht Apotheker wirst, sondern Naturwissenschaften
+studierst, auf die Universität gehst und Chemiker und vielleicht
+Professor wirst, was ja eine viel angesehenere Stellung ist, als die des
+Apothekers.«
+
+»Nein, nein,« sagte Hermann ganz ahnungslos, was damit gemeint war; »ich
+will viel lieber Apotheker werden. Ich weiß wohl, daß es höhere
+Stellungen gibt, aber mir ist eine Apotheke das liebste.«
+
+»Das mag sein,« entgegnete Herr Mohr, »aber jeder Mensch muß sich den
+Beruf wählen, zu dem er geschickt ist, und an der Geschicklichkeit zum
+Apotheker fehlt es dir. Hast du das nicht selbst schon gemerkt?«
+
+»Freilich, aber ich bin doch erst ein paar Tage Lehrling und muß es drei
+Jahre bleiben, in so langer Zeit werde ich das schon lernen.«
+
+»Hermann, es tut mir leid, daß ich es dir sagen muß – ich kann dich
+nicht als Lehrling behalten, denn ich brauche einen geschickten Jungen,
+der mir von der ersten Woche an helfen kann. Um’s kurz zu machen, kehre
+du heute abend nach Hause zurück und besprich es mit deinem Vater, daß
+ich dir dringend zu einem andern Berufe rate. Euer Knecht ist wohl noch
+nicht heimgefahren, er kann den Koffer mitnehmen. Es ist mir leid,
+Hermann, ich hätte dich sehr gern behalten, ich habe dich lieb
+gewonnen.«
+
+Hermann war blaß geworden vor Schrecken bei diesen Worten. Ganz starr
+sah er auf den Mann, der so zu ihm redete. Als er aber deutlich
+wahrnahm, daß dem Apotheker die Sache selbst zu Herzen ging, da faßte er
+Mut und sagte: »Wollen Sie nicht wenigstens einen Monat zusehen? Ich
+will mir alle Mühe geben.«
+
+»Wenn ich noch einen weiteren Gehilfen hätte, ginge es vielleicht; aber
+ich bin auf meinen Lehrling angewiesen, und wenn in einer Apotheke so
+viel ungeschickte Sachen gemacht werden, so spricht sich das herum im
+Städtchen und die Leute verlieren das Vertrauen. Das schadet der
+Apotheke.«
+
+»Ja dann,« sagte Hermann, »dann muß ich freilich gehen, schaden möchte
+ich nicht.«
+
+Als Hermann ganz verstört aus dem Zimmer trat, redete ihn die Frau
+Apotheker an: »Sei nur getrost, mein Junge, du kannst es noch viel
+weiter bringen als zum Apotheker. Das ist kein so schöner Beruf wie du
+meinst. Ich sage dir: der Apotheker steht immer mit einem Fuß im
+Zuchthaus. Ein Versehen von ihm oder von seinem Gehilfen, es kommt Gift
+in die Arznei, es kostet ein Menschenleben und der Apotheker muß es im
+Kerker büßen. Ich habe dich sehr gern, Hermann, ich will es dir gar
+nicht nachtragen, daß du mir einen Kloben in die polierte Kommode meiner
+Urgroßmutter geschlagen hast, obwohl es mir leid ist um das schöne
+Möbel; auch der weiße Bettüberwurf hat einen Flecken, aber er geht
+wieder heraus, der Kaffeeflecken ist auch wieder herausgegangen aus der
+Tischdecke und du wirst auch wieder fröhlich werden, nimm es nur nicht
+so schwer, lieber Junge!«
+
+Hermann ging langsam die Treppe hinauf in sein Zimmer und packte den
+Koffer. Er war wie im Traum. Mit dem Fuhrwerk seines Vaters wollte er
+nicht heimfahren, er wollte allein und zu Fuß gehen, den Koffer konnte
+der Knecht später holen.
+
+Kaum eine Stunde nach dem Gespräch verließ er unter den freundlichsten
+Wünschen von Herrn und Frau Mohr die Apotheke. Er hob den Kopf nicht
+nach dem schwarzen Adler der Apotheke, zu dem er vor ein paar Tagen so
+hoffnungsvoll aufgeblickt hatte; mit gesenktem Haupt ging er über den
+Markt durch die Straßen der Altstadt hinaus auf die einsame Landstraße,
+seinem Dorfe zu. Und als er niemand mehr sah und ganz allein in Gottes
+freier Natur war, da verlor er die Fassung und weinte bittere Tränen der
+schmerzlichsten Enttäuschung. Zum erstenmal in seinem Leben hatte er
+eine bittere Erfahrung gemacht. Bisher war er als ein guter Sohn
+liebevoller Eltern, als ein eifriger Schüler freundlicher Lehrer ohne
+jegliche Anfechtung seinen Weg gegangen. Heute hatte ihm das Leben den
+ersten Schmerz gebracht.
+
+Als Hermann am heimatlichen Hof ankam, sah er von ferne seine Eltern auf
+den Stall zugehen. Jetzt kam ihm die Erinnerung, daß ein Kälblein an dem
+Tag zur Welt gekommen war, wo er mit seinem Vater in die Stadt gefahren
+war. Er konnte es kaum glauben, daß das erst drei Tage her war, und doch
+mußte es so sein. Er ging nach dem Stall, sie standen beide bei dem
+Kälbchen, Vater und Mutter; und nun, als helles Licht durch die
+Stalltüre hereinfiel, sahen sie auf, und wie aus _einem_ Mund riefen
+sie: »Hermann, du kommst?« und nach einem weiteren Blick auf ihren Sohn
+fügte die Mutter hinzu: »Gelt, du bist krank?«
+
+»Nein,« sagte Hermann und versuchte zu lächeln, aber es war ein
+schmerzliches Lächeln, »nein, krank bin ich nicht, aber es ist aus mit
+der Apotheke, Herr Mohr meint, ich solle lieber etwas anderes werden.«
+
+»Was hat’s gegeben, Hermann?« fragte der Vater und sah ihn scharf an.
+
+»Gar nichts Besonderes, nur so allerlei Ungeschicktes ist mir begegnet,
+und deshalb sagte der Prinzipal, ich passe nicht zum Apotheker, und das
+ist auch wahr, nichts kann ich, gar nichts; alles, was ich nur anrühre,
+fällt um, und was ich machen will, taugt nichts, meine dummen, dummen
+Hände, abhauen hätte ich sie mir mögen!« rief er und mit aller Gewalt
+schlug er sie an die hölzerne Krippe, daß ihm der Schmerz das Gesicht
+verzog und das Kälblein erschreckt zusammenfuhr.
+
+»Geh, sei doch vernünftig, Hermann, komm ins Haus und erzähle genau wie
+alles gewesen ist,« sagte der Vater. »Haben sie dich einfach
+fortgeschickt, aus dem Haus gejagt?«
+
+»So kann man nicht sagen, freundlich waren sie. Aber was hilft mich das,
+ich kann eben kein Apotheker werden.«
+
+Droben im Zimmer berichtete er mit aller Offenheit, und kurz darauf
+brachte der Knecht zugleich mit dem Koffer einen Brief vom Apotheker,
+der sich in aufrichtigen und freundlichen Worten über Hermann aussprach
+und den dringenden Rat gab, ihn auf die Universität zu schicken, er habe
+die nötigen Gaben, um eine Zierde der Wissenschaft zu werden.
+
+Diese »Zierde der Wissenschaft« eröffnete eine schöne Aussicht und
+versöhnte einigermaßen die gekränkten Eltern. »Es ist ja wahr,« sagte
+Hollwanger, »diese Laufbahn ist noch viel ehrenvoller, ein Apotheker ist
+nicht das Höchste, aber nun hat man gemeint, mit dem Hermann sei alles
+im schönsten Fahrwasser; statt dessen steht er da und ich darf anfangen
+zu schreiben und zu laufen, daß ich ihn unterbringe, und das gerade im
+Frühjahr, wo ich jede Stunde draußen sein sollte!«
+
+»Mutter,« sagte abends Hermann, »ist denn das so etwas Arges, wenn man
+in eine Kommode einen Kloben schlägt? Wäre dir das nicht ganz einerlei?«
+
+»Nein, Hermann, das ist etwas Arges; wie du darauf gekommen bist, kann
+ich nicht begreifen. Aber wer weiß, wenn du einen schönen Schinken
+mitgebracht hättest, so wär’s vielleicht doch anders gekommen, die Frau
+Apotheker hätte dann eins ins andere gerechnet und ein gutes Wort für
+dich bei ihrem Mann eingelegt. Das sage ich dir, Hermann, wenn du auf
+die Universität kommst, ohne Schinken für den Professor lasse ich dich
+nicht fort!«
+
+In den nächsten Tagen wurde manchmal über Hermanns Zukunft gesprochen,
+was er studieren könnte und ob man ihn zunächst auf das Obergymnasium
+schicken sollte. Hermann sprach nicht mit, und wenn er gefragt wurde, so
+war ein freudloses: »Wie ihr wollt« seine Antwort. »Der Bub’ ist ganz
+verwettert,« sagte der Vater, »es ist nicht recht gewesen vom Apotheker,
+er hätte erst ein paar Wochen Geduld haben sollen.«
+
+»Ja, das meine ich wahrhaftig auch,« sagte die Mutter, und sie grollten
+dem Manne. Am meisten war die Schwester über die Behandlung des Bruders
+gekränkt, denn für sie war er der Inbegriff des Guten und Gelehrten. Und
+sie allein ließ sich auch nicht trösten durch die Aussicht, daß es ihr
+Bruder auf der Universität noch viel weiter bringen könnte. »Er hat sich
+doch aber eine Apotheke gewünscht und nichts anderes,« war ihre
+Entgegnung.
+
+So war fast eine Woche vergangen, den nächsten Sonntag wollte Hollwanger
+benützen, um wegen seines Sohnes einen Brief zu schreiben. Da erschien
+am Samstag morgen Hermann wieder mit seinem früheren fröhlichen Gesicht;
+und als der Vater in früher Stunde sich auf den Weg machte, nach den
+Arbeiten draußen zu sehen, ging er mit ihm. »Hast’s jetzt verwunden?«
+fragte ihn freundlich der Vater, »gelt, wenn auch einmal Sturm und Regen
+die Frucht niederschlagen, sie steht doch wieder auf. Morgen schreiben
+wir.«
+
+»Vater, ich möchte dich nur um eins bitten, schicke mich den Sommer
+noch nicht fort, laß mich noch bis Herbst daheim!«
+
+»Daheim? wie kommst du mir vor, willst mit zur Feldarbeit? Dann wüßt’
+ich nicht, wozu du dein Latein gelernt hast?«
+
+»Nein, aufs Feld wollt’ ich nicht, bloß daheim bleiben.«
+
+»Faulenzen? Oder was? Red’ deutsch, Hermann.«
+
+»Ich weiß halt schon vorher, daß dir’s gar nicht recht sein wird, Vater,
+aber einmal muß ich’s ja doch sagen: Für mich allein arbeiten möcht ich,
+mich den Sommer über einüben, damit ich im Herbst Apotheker werden
+kann.«
+
+»Apotheker? Ein hartnäckiger, starrköpfiger Mensch bist du, Hermann. Ein
+zäher, einrissiger Kerl mit deiner verwünschten Apotheke! Hast doch
+gehört, daß du nicht taugst dazu, hast’s ja selbst gesagt!«
+
+»Freilich, aber jetzt weiß ich so genau, woran es mir fehlt, Vater, und
+sieh,« sagte Hermann, und wurde immer wärmer, während er sein
+Zukunftsbild entwickelte, »sieh, ich könnte mir in meinem Zimmer alles
+einrichten wie in einer Apotheke; daß ich mit Fläschchen und Pülverchen,
+mit Wage und Glastrichter und all den zerbrechlichen Dingen umgehen
+lerne und alles so sauber halte wie in der Apotheke, kein Stäubchen
+dürft’ mir im ganzen Zimmer sein. Von früh bis Nacht wollt’ ich mich
+einüben, ob nicht doch vielleicht meine Hände geschickt würden. Nur bis
+Herbst, Vater, und wenn mir’s dann nicht gelingt, will ich selbst nicht
+mehr.«
+
+»Also versuch’s,« sagte der Vater, »wenn du dich schon ganz vernarrt und
+verbohrt hast in den Gedanken, daß du Apotheker wirst, so will ich dir
+das halbe Jahr wohl gönnen; in irgend einer Apotheke in der Hauptstadt
+werden sie dich dann schon nehmen, es sind nicht alle so ungeduldig wie
+der Mohr in Neustadt, und ein gutes Lehrgeld kann ich zahlen.«
+
+»Und die Mutter legt einen Schinken dazu,« setzte Hermann fröhlich
+lachend hinzu und der Vater lachte auch und sagte: »Daß du dir’s nicht
+einfallen läßt, deine Mutter zu verhöhnen!«
+
+»Bewahre,« sagte Hermann, »das war ja nur Spaß,« und er schlug den
+Heimweg ein.
+
+»Wenn er nur wieder spaßen kann, der lange Schlingel,« sagte Hollwanger
+vor sich hin und sah nach dem Sohn zurück, der mit langen Schritten, von
+neuer Hoffnung belebt, dem Haus zueilte.
+
+Am liebsten hätte Hermann in aller Stille sein Wesen getrieben und
+niemand ins Vertrauen gezogen, aber das ließ sich nicht durchführen;
+denn es erregte allgemeines Aufsehen im Haus, als der Sohn, der junge
+studierte Herr, in der Küche erschien und sich einen Putzeimer und
+Wischtücher ausbat, die er für immer in seinem Zimmer behalten dürfe;
+als er den Knecht nach einer kleinen Leiter fragte und diese die Treppe
+hinauftrug in sein Zimmer. Bald drang zur Hausfrau das Gerücht, der
+junge Herr sei heute ganz wunderlich, offenbar habe er sich die Sache
+mit der Apotheke zu sehr zu Herzen genommen; schwermütig sei er ja schon
+all die Tage gewesen, durch so etwas sei schon mancher um den Verstand
+gekommen. Frau Hollwanger war mit ihren dienstbaren Geistern in der
+Waschküche beschäftigt, als dies Gerede zu ihren Ohren kam und sie
+gewaltig erschreckte. Augenblicklich verließ sie die Waschküche und
+eilte hinauf in das »Bubenzimmer«, wie es im Hause genannt wurde.
+
+Als sie die Türe aufmachte, da sah sie ihren Hermann auf der Leiter
+stehen, vor dem hohen Kleiderschrank, Wassereimer und Putztuch neben
+sich. So hatte sie ihn freilich nie früher gesehen, aber als er ihr
+jetzt bei ihrem Eintritt das Gesicht zuwandte, sah er so gar nicht
+verstört und verwirrt aus, blickte sie im Gegenteil hell und freundlich
+an und lachte über ihr verblüfftes Gesicht, daß ihr alle Sorge verging
+und nur die Neugierde blieb. Die mußte er nun freilich befriedigen und
+ihr seinen Plan und seine Hoffnung mitteilen, wie er es dem Vater
+gegenüber getan hatte. »Zuerst muß mein Zimmer so sauber werden wie die
+Apotheke,« sagte er dann, »du glaubst nicht, Mutter, wie dort alles
+blitzblank ist, kein Stäubchen wird im Haus geduldet, vom Keller bis zur
+Bodenkammer, alles rein.«
+
+»Dann will ich dir heute abend die Grete heraufschicken, daß sie dir das
+macht, laß du das nur bleiben, Hermann, du kannst es doch nicht und
+machst bloß deine Kleider schmutzig.« Aber da geriet Hermann in Eifer.
+»Nein, nein, Mutter, die Grete will ich eben gerade gar nicht, alles
+will ich selbst tun, sonst bleibe ich ja immer so ungeschickt. Das muß
+ein Apotheker alles können und wegen meiner Kleider sorge dich nur
+nicht; die müssen auch immer rein gehalten sein, ich nehme mich schon in
+acht und Flecken mache ich selbst heraus. Aber einiges muß ich mir
+anschaffen, Mutter, eine Wage brauche ich, wie man sie in den Apotheken
+hat; und ein paar Kolben und Glastrichter und einen Mörser, gelt, das
+darf ich mir kaufen? Und meinen Bücherständer darf ich ableeren, damit
+ich Platz bekomme für Gläser und dergl., Bücher brauche ich nicht, die
+packe ich alle zusammen in eine Kiste in der Bodenkammer.«
+
+Die Mutter ließ ihren Sohn gewähren. Sie hatte jetzt, im Frühjahr,
+Arbeit in Fülle, da war es nur bequem, daß für Hermann nichts getan
+werden mußte. So durfte er unbehelligt in seiner Stube sein Wesen
+treiben. Helene war die einzige nähere Vertraute bei Hermanns Arbeit;
+sobald sie nur aus der Schule kam, war sie bei dem Bruder und nicht nur
+als müßige Zuschauerin. Sie hatte bald das Ideal der Reinlichkeit
+erfaßt, das Hermann anstrebte. »Du mußt denken, du seiest der Inspektor,
+der die Apotheke besichtigt,« sagte der Bruder zur Schwester, du mußt
+überall mit den Fingern prüfen, ob du irgendwo Staub findest.«
+
+Anfangs fand sie keinen, aber allmählich wurde ihr Auge schärfer.
+»Hermann, an der Türleiste ist Staub, sieh her,« sagte sie und zeigte
+die grauen Spuren am Finger. Das war ein ernster Fall. Die Türe wurde
+von da an aufgenommen unter die abzustaubenden Gegenstände.
+
+Wenn die Ordnung tadellos erschien, dann machte sich Hermann an die
+Arbeit. Da saß er an seinem Tisch und wickelte Pülverchen ein –
+Sandkörnchen waren es – die in die vorschriftsmäßigen Pulverpapierchen
+gepackt wurden. »Das muß ich auch versuchen,« sagte die Schwester, und
+gleich das erstemal brachte sie es glücklicher zustande als der Bruder.
+Er war bekümmert darüber.
+
+»Das kommt bloß davon, daß du den Daumen so dumm hinausstreckst, sieh,
+so kann ich’s auch nicht machen,« und sie ahmte seine Handbewegung nach.
+Hermann war im Winter auf die Hand gefallen, der Daumen war eine
+zeitlang geschindelt gewesen, seitdem streckte er ihn steif hinaus. »Ich
+weiß nicht, warum er so steif ist,« sagte Hermann.
+
+»Wir wollen den Merz fragen,« schlug Helene vor, »er weiß, was man da
+machen muß.« Der Merz war der Tierarzt, er war gerade im Stall. Die
+Geschwister kamen zur Beratung. Der Tierarzt riet, den Daumen recht viel
+zu bewegen, er sei nicht steif; es sei nur so eine dumme Gewohnheit, so
+ein Glied immer noch so zu halten als wäre es krank, die Hunde machten
+es auch oft so. Mit den Hunden wollte sich Hermann nicht gleichstellen
+lassen, er fing an, seinen Daumen zu bewegen, sogar wenn er bei Tisch
+saß, konnte man bemerken, wie er den Finger einübte; bald hatte das
+Glied seine frühere Beweglichkeit wieder erlangt.
+
+Trotzdem ging die Arbeit nicht gut von statten und oft legte sich
+Hermann unglücklich und mutlos zu Bett am Schlusse eines Tages, den er
+ganz der Übung jener Handgriffe gewidmet hatte, die seine Schwester mit
+Leichtigkeit ausführte. Helene war es auch, die ihm Gläser und
+Arzneifläschchen herbeischaffte, von denen er gar nicht genug bekommen
+konnte. Sie durften alt und fleckig sein, denn Hermann wollte sie selbst
+reinigen. Und dann wurden sie durch den Glastrichter mit Salzwasser
+gefüllt, kein Tropfen sollte daneben gehen. Dann kam das Zubinden. War
+das schön gelungen, so wurden sie auf den Bücherständer gestellt; waren
+sie nicht tadellos, so wurden sie wieder und wieder aufgebunden.
+Allmählich ging das doch besser, eine schöne Reihe von Fläschchen stand
+schon auf dem Fachwerk. Oben auf den hohen Schrank hatte er große,
+schwere Glaskolben mit Wasser gestellt und wenn seine Finger müde waren
+vom Einwickeln der Pülverchen, dann kam zur Erholung die Übung, die
+Leiter hinauf und hinunter zu steigen, mit den schweren Kolben in der
+Hand.
+
+So verbrachte er mit Ordnen und Reinigen, mit Abwiegen und Einfüllen,
+mit Pulvereinwickeln und Zubinden einen Tag um den andern; und endlich,
+im dritten Monat, kam Helene, wenn sie um die Wette arbeiteten, ihm in
+der Geschwindigkeit nicht mehr nach; er fing an zu hoffen, daß sein
+Streben von Erfolg sein werde, und wurde immer eifriger.
+
+In einer Nacht hörte der Vater, der unter ihm schlief, um ein Uhr
+Schritte in Hermanns Zimmer. Schon seit längerer Zeit hatte er sich
+nicht mehr um seines Sohnes Treiben gekümmert, nun, in der schwarzen
+Stimmung, die uns nachts leicht überkommt, wurde er unruhig. Was mochte
+Hermann im Schlaf stören? Was trieb ihn, hin und her zu gehen? Leise
+erhob er sich, der Sache mußte er auf die Spur kommen. Wie er vorsichtig
+die Treppe hinaufstieg, war dem großen Mann ganz ängstlich zu Mute, was
+würde er wohl finden, wenn er nun die Türe aufmachte? In der Ordnung war
+nur, Schlafen zwischen ein und zwei Uhr nachts. Nun stand er vor dem
+»Bubenzimmer«. Er klinkte die Türe auf, verschlossen war sie nicht.
+Hermann stand, leicht angekleidet, an seinem Tisch und füllte ein
+Arzneigläschen ein. »Vater, du bist’s?« sagte er. »Ich bin ganz
+erschrocken, wie so unverhofft meine Tür aufgegangen ist.«
+
+»Was machst du, Hermann? Bist du ein Nachtwandler, oder bist du nicht
+recht bei Trost? Weißt du, wieviel Uhr es ist?«
+
+»Ja, da ist mein Wecker, ein Uhr ist’s vorbei. Ich bin ganz wach, Vater,
+und lege mich gleich wieder, sowie die Arznei fertig ist. Ich muß aber
+hie und da auch nachts etwas machen, weil das öfter vorkommt in der
+Apotheke; und das will auch gelernt sein, hat Herr Mohr gesagt, aber
+sieh, ich bin gleich fertig.« Und Hermann füllte sein Fläschchen, band
+es mit großer Ruhe zu und sagte: »Heute war ich schon nicht mehr so
+schlaftrunken wie die ersten Male.«
+
+»Hermann, alles was recht ist, aber bei Nacht muß Ruhe sein, so etwas
+kann ich nicht haben.«
+
+»Nur hie und da, Vater, wenn ich recht leise bin, daß niemand aufwacht,«
+sagte Hermann bittend, »sieh jetzt bin ich schon fertig, muß nur wieder
+aufräumen.« Das Kölbchen kam zu der stattlichen Reihe, die schon das
+zweite Fach des Gestells füllte. Alles in dem kleinen Reich sah
+wunderlich, aber tadellos geordnet aus. Ein paar Minuten später lag
+Hermann schon wieder im Bett.
+
+Getroster als er heraufgekommen war, ging Hollwanger die Treppe
+hinunter. »Dem ist’s ernst,« sagte er vor sich hin, »dem ist’s bitter
+ernst, der wird Apotheker.«
+
+Der Frühling war vergangen, der Sommer kam mit all der Arbeit, die er
+auf dem großen Bauernhof bringt. Kaum etwas davon drang in Hermanns
+Zimmer. Rastlos gewissenhaft und unermüdlich verbrachte er einen Tag wie
+den andern und mühte sich ab, um die Geschicklichkeit zu erwerben, die
+manchem andern schon in die Wiege gelegt wird. Er arbeitete jetzt nach
+der Uhr, die vor ihm hing. Hatte er im ersten Monat in der Viertelstunde
+zwei Pulver abgewogen oder eingewickelt, zwei Fläschchen gefüllt und
+zugebunden, so waren es im zweiten Monat schon vier und im dritten und
+vierten noch mehr und jetzt im fünften und letzten Monat ging es ihm von
+der Hand, daß es ein Spaß war zuzusehen. Und sie lagen alle säuberlich
+in Dutzenden zusammengebunden, die weißen Päckchen, ein großer Kasten
+voll und sie standen in ungezählten Mengen nebeneinander, die kleinen
+Fläschchen. Warum er sie aufhob, das verstand niemand; der Sand im
+Pulverpapier, das Wasser im Arzneiglas hatten doch keinen Wert?
+
+»Ein klein wenig Verrücktheit ist doch dabei,« dachte im stillen
+sorglich die Mutter.
+
+Der September neigte seinem Ende zu. Die strengste Arbeit auf den
+Feldern war getan. Der Landwirt konnte befriedigt zurückblicken auf die
+Arbeit des Sommers. Ein stiller Sonntagnachmittag, an dem der Regen
+gleichmäßig herunterrieselte, bannte die Familie ins Zimmer. Hollwanger
+saß mit den Seinigen um den Tisch, er hatte den Kalender vor sich
+liegen.
+
+»Nun, Hermann, wie steht’s jetzt eigentlich mit dir? Der Sommer wäre
+vorbei. Länger kann’s bei dir so nicht weiter gehen, höchste Zeit, daß
+etwas geschieht.«
+
+»Auf ersten Oktober, Vater, habe ich gedacht, wäre ich so weit, daß ich
+mich als Lehrling antragen könnte.«
+
+»Ja, und darum will ich heute noch an den Onkel schreiben in der
+Hauptstadt.«
+
+Hermann schwieg; man konnte ihm leicht anmerken, daß ihm der Vorschlag
+nicht recht war. »Nun, was gibt’s? Paßt dir’s wieder nicht? Du wirst
+nach und nach ein wunderlicher Kauz, was ist denn wieder nicht recht?«
+
+Da kam es zögernd heraus: »Ich möchte wieder in die Adlerapotheke.«
+
+»Aber hör!« rief die Mutter ganz vorwurfsvoll, »zu _dem_ Mann, der dich
+so schnöd aus dem Haus gejagt hat!«
+
+»Nein!« sagte der Vater, »zu _dem_ gehe ich nicht.« Helene sah ängstlich
+zum Bruder auf, wie würde das weiter gehen? Sie hatte ja schon lange
+gesagt: »Die Eltern sind bös auf den Apotheker Mohr und werden’s nicht
+erlauben.« Aber auch Hermann hatte wohl gewußt, daß die Eltern immer
+noch dem Manne grollten, der ihm das Leid angetan hatte, und er hatte
+diese Schwierigkeiten kommen sehen. Jetzt galt es, einzutreten für
+seinen Mann!
+
+»Vater,« sagte er, »fortgejagt hat er mich nicht, freundlich war er bis
+zuletzt; in aller Liebe hat er mir’s gesagt, daß er mich nicht brauchen
+könne, und er hat mich auch wirklich nicht brauchen können, ich war _zu_
+ungeschickt. Ihr glaubt gar nicht, wie das in einer Apotheke jede Stunde
+zutage kommt. Ihm danke ich’s, daß mir die Augen darüber aufgegangen
+sind, was mir fehlt, und jetzt könnt’ er mich brauchen. Und die
+Adlerapotheke, Vater, das ist eine Apotheke, wie es gewiß nicht viele
+gibt und musterhaft gehalten; und der Adlerapotheker stammt vom Mohr ab,
+von einem berühmten Chemiker, und er macht vieles selbst, was andere
+Apotheker heutzutage nicht mehr machen. Er ist ein feiner, gelehrter
+Mann, bei dem könnt’ ich etwas lernen!«
+
+Immer wärmer und eifriger hatte Hermann gesprochen, jetzt hielt er inne
+und sah gespannt auf die Eltern, die beide schwiegen. Die Schwester
+fand, daß der Bruder den besten Grund, der für die Adlerapotheke sprach,
+gar nicht vorgebracht hatte, und so wagte sie auch ein Wort: »Neustadt
+ist näher als die Hauptstadt.«
+
+Über diese Weisheit mußten die Eltern lachen. »Ja, Neustadt ist näher,«
+sagte der Vater, »dagegen läßt sich nicht viel einwenden.«
+
+»Hermann, glaub’ mir’s,« sprach Frau Hollwanger, »sie nehmen dich dort
+nicht an, Frau Mohr wird zu ihrem Mann sagen: da kommt wieder der, der
+in die polierten Möbel Nägel klopft, daß du mir den nicht herein läßt.«
+
+»Überhaupt,« sagte Hollwanger, »werden sie schon einen Lehrling haben,
+zwei können sie nicht brauchen.«
+
+»Nein, nein, sie haben keinen, einen Provisor haben sie zur Aushilfe,
+der geht aber bald.«
+
+»Du weißt’s ja sehr genau, woher denn?«
+
+»Helene hat ja eine Freundin in der Stadt, die hat ihr immer erzählen
+müssen, wie es in der Apotheke steht.«
+
+»Damit ist noch lange nicht gesagt, daß sie dich nehmen. Hermann, dort
+frage ich nicht an.«
+
+»Ich kann allein hingehen und mit dem Herrn reden; will er mich nicht,
+so gehe ich gleich wieder heim und wende mich, wohin du willst.«
+
+»Wenn du die Sache ganz allein machen willst, dann in Gottes Namen!«
+
+»Aber diesmal will ich dir etwas mitgeben, Hermann, daß die Frau
+Apotheker gut gestimmt wird, Butter oder Eier oder Rauchfleisch, was
+meinst du?«
+
+»Ich glaube, das macht’s nicht aus, Mutter, und ich kann auch gar
+nichts tragen. Ich will all meine Pulver mitnehmen und all meine
+Fläschchen, die müssen meine Empfehlung sein.«
+
+»Die Papierchen voll Sand und all die Arzneigläser voll Wasser? Die
+willst du mitnehmen? O Bub, da wirst du ausgelacht!« sagte die Mutter.
+
+Hermann stand betroffen. »Deshalb habe ich sie doch gesammelt all die
+Monate. Wenn ich die nicht zeige, weiß ich nicht, warum er mich annehmen
+sollte, darauf habe ich meine ganze Hoffnung gesetzt.«
+
+»So laß ihn’s mitnehmen,« sagte Hollwanger zu seiner Frau. »Jeder hat
+seine eigene Art. Du würdest’s mit Butter und Rauchfleisch probieren, er
+meint’s mit Pulvern und Gläsern durchzusetzen, er soll’s versuchen,
+gleich morgen.«
+
+Mit viel Kopfschütteln und Achselzucken sah Frau Hollwanger am nächsten
+Tag ihren Sohn »den ganzen Plunder«, wie sie es nannte, in den größten
+Handkoffer packen, der aufzutreiben war, und ihr Mißtrauen machte
+Hermann kleinmütig. Gestern war er voll guten Muts gewesen, da hatte er
+die Eltern überredet, heute hätte er das nicht vermocht. Aber jetzt gab
+es kein »zurück«.
+
+»Hermann,« sagte Hollwanger, »wenn’s nun fehl schlägt, so nimm’s nicht
+schwer; bitten und betteln darfst du den Apotheker nicht, du bist eines
+reichen Landwirts Sohn, hast etwas gelernt, kommst überall an.« Er ging
+und die er daheim ließ, sahen ihm nach: wie wird er wiederkommen?
+
+Der Himmel war grau, die Straße aufgeweicht vom gestrigen Regen, ein
+kalter Wind blies. »Ungut Wetter heut zum Wandern!« sagte ein Wegmacher,
+der den Schmutz von der Straße zusammenscharrte; und er sah Hermann
+nach, der mit seinem Koffer einsam dem Städtchen zuwanderte, zwischen
+Furcht und Hoffnung schwankend.
+
+An der Adlerapotheke war er nie mehr vorbeigekommen, seit er sie im
+Frühjahr verlassen, er hatte den Ort gemieden, jetzt sah er sie zum
+erstenmal wieder und blickte nach dem schwarzen Adler. »Bist mir diesmal
+hold, du finsterer Geselle?« fragte er und trat mit Herzklopfen näher.
+
+Unter der halb offenen Ladentüre stand ein junger Herr, das mochte der
+Provisor sein; mit dem wollte Hermann nichts zu schaffen haben, so ging
+er nicht die Steinstufen zum Laden hinauf, sondern durch den
+Seiteneingang ins Haus. Auf der Treppe begegnete ihm das Dienstmädchen
+und erkannte ihn gleich. »Die Frau Apotheker ist oben,« sagte sie,
+führte ihn hinauf in das kleine Besuchzimmer, suchte die Frau Apotheker
+auf und kündigte ihn an: »Der junge Herr ist da, der einmal ein paar
+Tage in der Apotheke war, wissen Sie der, der die Blutegel auf mich
+losgelassen hat!«
+
+»Was, der läßt sich auch einmal sehen? Das ist recht,« sagte Frau Mohr,
+während sie ihre Küchenschürze ablegte, und dann kam sie mit
+freundlichem Gruß zu Hermann. »Endlich sieht man Sie einmal,« sagte sie,
+»immer wollten wir schon wissen, was aus Ihnen geworden ist. Sie sind
+wohl schon im Obergymnasium und reisen nun wieder weg, wie ich am Koffer
+sehe?«
+
+Sie wartete die Antwort auf ihre Fragen nicht ab. »Das müssen Sie alles
+auch meinem Mann erzählen, ich will gleich hinunter und sehen, ob er
+sich losmachen kann, setzen Sie sich, bitte,« und fort war sie, Hermann
+allein lassend. Dieser nutzte den Augenblick, aber nicht zum Sitzen.
+Jetzt mußte sein »Plunder« wirken. Mit raschen, geschickten Bewegungen,
+wie er sie vor einem halben Jahr noch nicht zur Verfügung gehabt hätte,
+nahm er vom Tisch den feinen Plüschteppich, faltete ihn, legte ihn
+sorgsam auf das Sofa, nahm aus seinem Koffer das Kistchen, das gedrückt
+voll Pülverchen in weißem Papier war, und stürzte sie – es waren wohl
+viele Hunderte – über den Tisch aus, daß ein hoher Haufe in der Mitte
+lag; dann behend alle die Massen kleiner verkorkter, mit Papierchen
+umbundener Arzneifläschchen rings herum, es sah ganz eigenartig aus. Den
+Koffer schnell beiseite. Aber was lag denn da noch auf dem Grund?
+Richtig, doch ein Ballen Butter! Nein, er konnte sich nicht
+entschließen, ihn heraus zu nehmen, er hörte auch schon den Apotheker
+mit seiner Frau heraufkommen. Hermann ging ihm an die Tür entgegen, und
+als er wieder in das feine Gesicht des Mannes blickte, der ihn
+vertrieben hatte, und zu dem es ihn doch unwiderstehlich hinzog, überkam
+ihn eine große Bewegung, so daß er nicht gleich Worte fand, um des
+Apothekers herzlichen Gruß zu erwidern. Es wurde aber nicht bemerkt,
+denn mit lauter Verwunderung rief die Frau aus: »Ei du meine Güte, was
+haben Sie uns denn da mitgebracht, was liegt denn da?« und sie ging auf
+den Tisch zu. Der Apotheker folgte, und nun fühlte Hermann, daß die
+Erklärung kommen mußte. »Es ist nur Plunder,« sagte er bescheiden, »es
+ist nur Sand und Wasser. Ich habe das alles und noch mehr gemacht im
+letzten Halbjahr zur Übung, damit Sie mich als Lehrling brauchen
+können!«
+
+Die Frau Apotheker lachte und sah belustigt auf die Bescherung; aber er,
+der Apotheker lachte nicht; er sah genau, prüfend und ernsthaft auf das,
+was vor ihm lag, strich mit der Hand durch den großen Haufen der
+Pülverchen, nahm ein Fläschchen, band es auf, reichte es Hermann hin und
+sagte: »Wie haben Sie es gemacht? Ich möchte es sehen.« Nun galt es, das
+Zittern der Aufregung zu überwinden; wenn er jetzt auf dem kleinen
+freien Raum des glatt polierten Tisches ein Gläslein umwarf oder nicht
+gleich mit dem Schnürchen zurecht kam? Aber nein, er hatte ja nicht
+vergeblich gearbeitet; es gelang ihm im Nu; der Apotheker hatte gerade
+nur Zeit zu beobachten, daß auch der Daumen seine Schuldigkeit tat.
+Ebenso schnell machte er unaufgefordert ein Pulver zusammen. Jetzt legte
+der Apotheker dem jungen Mann die Hand auf die Schulter, und mit einem
+Ton, bei dem es Hermann warm ums Herz wurde, sagte er: »Hermann, jetzt
+gehörst du wirklich in die Adlerapotheke!« Da hatte der junge Mann
+gerade nur zu tun, daß ihm nicht ganz unmännliche Freudentränen in die
+Augen traten. Aber die Rührung wich bald einem solchen Glücksgefühl und
+einer so übermütigen Fröhlichkeit, daß dem würdigen Herrn und seiner
+Frau das Herz aufging und sie alle Drei in ungewohnter Heiterkeit
+beisammen saßen. Und wenn Hermann erzählte, wie er hundertmal des Tages
+die Leiter in seinem Zimmer hinaufgesprungen sei und von dem Schrank
+seine Wasserkolben heruntergeholt oder abgestaubt habe, wie er nach der
+Uhr Fläschchen gefüllt habe und auch nachts allwöchentlich seine Übungen
+vorgenommen habe, da machte sich die kleine Frau lustig über ihn und
+nannte ihn einen närrischen Kauz und sie lachten miteinander darüber.
+
+»Was sagen denn deine Eltern dazu?« fragte der Apotheker.
+
+»Ja, sind sie nicht bös auf uns gewesen?« setzte Frau Mohr hinzu. Da
+fiel Hermann der Butterballen ein; jetzt, ja jetzt konnte der seine
+Dienste leisten; rasch holte er ihn, überreichte ihn der Frau Apotheker
+und sagte: »Das ist ein Gruß von meiner Mutter.«
+
+»Ah,« sagte diese, »sieh, das freut mich ganz besonders, ich hatte immer
+das Gefühl, sie sei gekränkt.«
+
+Draußen hatte es wieder angefangen zu regnen, der Wind schlug die
+Tropfen gegen die Fensterscheiben. Hermann sah nach dem Fenster. »Jetzt
+gehe ich heim.«
+
+»Jetzt gerade?« fragten sie ihn.
+
+»Dem Sturm, dem Regen, dem Wind entgegen,« antwortete Hermann, »da
+draußen ist’s lustig jetzt.«
+
+War’s draußen oder war’s drinnen im Herzen so lustig? »Auf Wiedersehen
+am ersten Oktober,« sagten sie zueinander.
+
+Als sie allein waren, kehrte die Frau Apotheker an den Tisch zurück, an
+dem ihr Mann sinnend stand und mit Wohlgefallen in den Pülverchen
+wühlte. »Recht geschickt ist er geworden in der kurzen Zeit,« sagte sie.
+
+»Geschickt? ja,« antwortete der Apotheker. »Geschickt sind manche. Aber
+solchen festen Willen und solche Beharrlichkeit, hast du die schon
+getroffen, Frau? Damit richtet man Großes aus in der Welt!«
+
+»So hätte er doch studieren sollen.«
+
+»Laß ihn nur in aller Stille und Bescheidenheit heranreifen in der
+Apotheke; wenn Gott einen großen Geist in ihn gelegt hat, so bricht der
+sich Bahn, und ich will ihm helfen und ihn fördern, so gut ich kann.«
+
+Fröhlich eilte Hermann seiner Heimat zu. Keinem Menschen begegnete er in
+dem Unwetter, auch der Wegmacher hatte sich geflüchtet. Jetzt hatte er
+sein Dorf, sein Haus erreicht. Rascher und lauter als sonst ertönte sein
+Tritt im Flur des elterlichen Hauses. Sie erkannten seinen Schritt
+nicht. »Das ist nicht Hermann, wer kann’s sein? Wer kommt?« fragte die
+Mutter, als er schon die Zimmertüre öffnete und triumphierend ausrief:
+»Der Lehrling von der Adlerapotheke!«
+
+
+
+
+Bei der Patin.
+
+
+I.
+
+»Heinrich, schläfst du schon?« fragte leise eine Stimme.
+
+»Nein, ich kann nicht einschlafen,« antwortete ebenso leise eine zweite.
+In dem Schlafzimmer, in das nur durch die Straßenlaterne ein schwacher
+Lichtschimmer fiel, standen zwei Betten. Aus jedem tauchte jetzt ein
+Knabenkopf auf. »Komm zu mir, aber leise,« sprach die erste Stimme
+wieder und sofort huschte eine kleine Gestalt durchs Zimmer und Heinrich
+schlupfte zu seinem Bruder Konrad ins Bett. Sonst schliefen die beiden,
+sie waren zwölf und dreizehn Jahre alt, wohl fest um diese Zeit; aber
+heute, wo man ihre Mutter begraben hatte, die Mutter, die ihnen alles
+gewesen war seit des Vaters Tod, heute ließ der Jammer sie nicht
+einschlafen. Und zum Jammer kamen auch noch die ersten Sorgen.
+
+»Mir ist’s gar nicht recht, daß der Vormund uns zu Bett geschickt hat,«
+sagte Heinrich.
+
+»Mir auch nicht, ich hätte so gern gehört, ob er mit der Tante und mit
+Fräulein Stahlhammer über unsere Zukunft spricht. Mir ist alles recht,
+wenn sie uns nur beisammen lassen,« sagte Konrad.
+
+»Das _müssen_ sie doch! Sie können uns doch nicht aus dem Haus
+vertreiben!«
+
+»Ich glaube nicht, daß wir dableiben dürfen, wer soll denn die
+Haushaltung führen?«
+
+»Ach, das kann doch die Rike; wir zwei sind fast immer in der Schule
+und das Klärchen macht nicht viele Mühe.« Klärchen war das einzige
+Schwesterchen, fünf Jahre alt.
+
+»Ich glaube nicht, daß sie uns hier lassen. Sie werden sagen: es geht
+nicht,« meinte Konrad. »Ja,« sagte Heinrich ärgerlich, »immer heißt es
+gleich: es geht nicht, wenn einmal etwas anders ist als gewöhnlich. Wo
+meinst du denn, daß sie uns hintun wollen?«
+
+»Zu irgend welchen Verwandten.«
+
+»Da bleibe ich noch am liebsten hier, bei Onkel und Tante Kuhn.«
+
+»Ich auch.«
+
+»Ich wollte, der Onkel wäre unser Vormund, ihn habe ich tausendmal
+lieber als den Herrn Rat Stahlhammer als Vormund, warum haben wir doch
+den und nicht Onkel Kuhn?«
+
+»Der Onkel war ja doch nicht hier, wie der Vater starb, und Herr Rat
+Stahlhammer war hier und war ein Freund des Vaters, darum hat ihn nach
+des Vaters Tod die Mutter gebeten, unser Vormund zu sein. Seine
+Schwester ist ja auch die Patin von Klärchen.«
+
+»Die Patin ist gerade so steif und unheimlich groß wie der Herr Rat
+selbst; wie sie heute zur Beerdigung hereingekommen ist, hat sich
+Klärchen ordentlich vor ihr gefürchtet. Da ist doch die Tante ganz
+anders, die erinnert mich so an die Mutter!«
+
+»Ja, bei ihr wäre gewiß auch Klärchen am liebsten.«
+
+»Also, wenn über uns beschlossen wird, sagen wir: Am liebsten bleiben
+wir, wo wir sind, und wenn das nicht geht, möchten wir zu Onkel und
+Tante Kuhn hinaus in die Vorstadt; jedenfalls aber wollen wir drei
+beisammen bleiben.«
+
+»Ja,« sagte Heinrich, »und das _müssen_ sie uns erlauben.«
+
+Es schlug zwölf Uhr.
+
+»So spät schon,« sagte Konrad.
+
+»Ich gehe,« sagte Heinrich; mit einem Satz war er wieder in seinem
+Bereich und nach kurzer Zeit wurde es still im Schlafzimmer, beide
+Brüder schliefen.
+
+Während die Brüder im Schlafzimmer Beratung hielten, wurde ohne daß sie
+es wußten, in ihres verstorbenen Vaters Zimmer schon über ihr Schicksal
+entschieden. Drei Personen saßen da zur Beratung beisammen: der Vormund,
+Rat Stahlhammer; seine Schwester, Fräulein Stahlhammer, und Frau
+Professor Kuhn, die Schwester der eben verstorbenen Mutter. Diese hatte
+sich, auch im Namen ihres Mannes, bereit erklärt, die beiden Knaben zu
+sich zu nehmen und mit ihren eigenen Kindern und Kostgängern zu
+erziehen. Gerne hätte sie auch die kleine Schwester dazu genommen, doch
+war es neben der großen Knabenschar nicht möglich.
+
+Der Vormund hatte mit verbindlichem Dank das Anerbieten für die zwei
+Knaben angenommen und die Überzeugung ausgesprochen, daß seine
+Schwester, Fräulein Stahlhammer, die in dem nahen Städtchen Waldeck ein
+Häuschen besaß und die Patin der Kleinen war, diese mit Vergnügen
+aufnehmen würde. Aber Fräulein Stahlhammer, eine große, stattliche
+Gestalt von ernstem Aussehen, erklärte zu des Bruders Erstaunen, daß sie
+seinen Wunsch nicht erfüllen könne. Das kam dem Vormund sehr unbequem.
+»Ich kann nicht begreifen,« sprach er zu seiner Schwester, »warum du
+dich weigerst, dein Patenkind zu dir zu nehmen. Du lebst ganz allein mit
+deinem Dienstmädchen, du kannst frei über deine Zeit verfügen, du hast
+Platz im Hause; Ausgaben würde das Kind dir nicht machen, denn seine
+Eltern haben ja genug hinterlassen ...«
+
+»Ach wegen des Geldes wäre es mir ja nicht,« antwortete Fräulein
+Stahlhammer.
+
+»Weswegen willst du das Kind dann nicht zu dir nehmen?« sagte Herr
+Stahlhammer etwas ungeduldig. »Jedermann kann es von dir erwarten.«
+
+»Es ist ein herzig liebes Ding,« warf die Tante dazwischen.
+
+»Bei allen möglichen Vereinen und wohltätigen Anstalten bist du, da tust
+du Gutes, und hier, wo du die Nächste dazu wärst, willst du nicht. Was
+ist der Grund?«
+
+»Bruder, du weißt es doch. Ich habe schon einmal eine traurige Erfahrung
+gemacht mit zwei Waisenkindern, die ich bei mir hatte; ich habe genug
+darunter gelitten und will nicht noch einmal solch bittere Enttäuschung
+erleben.«
+
+»Das ist nun viele Jahre her, inzwischen bist du erfahrener geworden und
+wirst die Sache geschickter anstellen als damals,« sagte der Rat. Aber
+seine Schwester wollte nicht nachgeben. »Nicht jedermann versteht es mit
+Kindern,« sagte sie, »ich habe sie lieb, aber sie schließen sich nicht
+an mich an.«
+
+»Unsinn, darauf kommt’s nicht an; du hattest damals solch törichte
+Gedanken, daß du vor allem ihre Liebe gewinnen wolltest und dergleichen.
+Hättest du sie mit gehöriger Strenge von Anfang an behandelt, so wären
+sie nicht so nichtsnutzig geworden. Übrigens werde ich als Vormund meine
+Pflicht nicht versäumen. Ich werde so oft als möglich zu dir
+hinausfahren, nachsehen und der kleinen Person den Kopf zurechtsetzen,
+und es wäre doch lächerlich, wenn wir zwei Leute, die größten weit und
+breit, mit dem kleinen Ding nicht zurecht kämen. Und sage selbst, wer
+soll denn das Kind nehmen? Du kannst es doch mir, dem einsamen
+Junggesellen, nicht zumuten?«
+
+Eine lange Pause entstand. Fräulein Stahlhammer schien wankend zu
+werden. »Wenn du sie mir auf Probe geben willst,« sagte sie endlich,
+»dann will ich mich dazu verstehen, sie auf ein halbes Jahr zu mir zu
+nehmen, für mehr verpflichte ich mich nicht.«
+
+»Freilich, freilich, wenn du sie nur zunächst einmal nimmst, dann kann
+man ja später weiter sehen,« rief Herr Stahlhammer sichtlich
+erleichtert. Noch hatte er einen kleinen Kampf zu bestehen, denn die
+Schwester erklärte, daß sie am nächsten Morgen mit dem ersten Zug
+heimreisen müsse; nach einigen Tagen wollte sie wiederkommen, um das
+Kind abzuholen. Diesem Vorschlag stimmte auch die Tante der Kinder bei,
+aber der Vormund war der Meinung, daß das Kind gleich am nächsten Tag zu
+seiner Patin reisen sollte.
+
+Schließlich fügte sich die Schwester auch in diesem Punkt und so wurde
+beschlossen, daß der Vormund am nächsten Morgen das Kind abholen und es
+ihr an die Bahn bringen sollte. Er gab selbst noch dem Dienstmädchen die
+nötigen Aufträge und dann verließen alle drei das Trauerhaus.
+
+Herr Stahlhammer und seine Schwester, die heute sein Gast war,
+verabschiedeten sich von Frau Professor Kuhn. Diese sah den großen
+Gestalten, die sich ernst und schweigend miteinander entfernten, nach,
+und leise sprach sie vor sich hin: »Armes Klärchen, könnte ich dich doch
+bei uns aufnehmen!«
+
+Der Vormund war sehr befriedigt von den Besprechungen des Abends, die
+Sorge für seine drei Mündel war ihm nun abgenommen. Und seine Schwester?
+
+Während sie schweigend in nächtlicher Stunde neben dem Bruder durch die
+Straßen schritt, dachte sie zurück an eine bittere Stunde ihres Lebens,
+wo der Waisenhausvater gekommen war, ihre zwei Waisenkinder wieder
+abzuholen, weil sie auf schlimme Wege geraten waren, und sie hörte
+wieder die Worte, die er ihr gesagt: »Nicht jedermann versteht es mit
+Kindern!«
+
+
+II.
+
+»Wach’ auf, Klärchen, Herzchen, hörst du mich nicht? Wach’ auf, wach’
+auf, ich sage dir etwas.«
+
+Mit diesen Worten bemühte sich am nächsten Morgen in aller Frühe Rike,
+das Dienstmädchen, Klärchen zu wecken. Das Kind schlug endlich die Augen
+auf und sah erstaunt auf Rike, die neben ihrem Bett stand und ihr schon
+die Strümpfe herreichte. Klärchen ging noch nicht in die Schule und so
+hatte sie bisher ausschlafen dürfen, und es war für sie etwas ganz
+Ungewohntes, geweckt zu werden. Sie war noch recht kindlich für ihr
+Alter, ein herziges Mädchen, der Liebling von allen im Haus und selbst
+voll Liebe für alle, die sie umgaben. »Warum weckst du mich, Rike?«
+fragte die Kleine ganz neugierig.
+
+»Steh’ nur geschwind auf, ich sag’ dir’s schon, Herzenskind. Aber wir
+müssen schnell machen,« und nun half Rike dem Kind, das bald ganz munter
+war, beim Waschen und Ankleiden.
+
+»Aber jetzt sag’ mir doch, Rike, was es gibt?« fragte Klärchen.
+
+»Gestern abend hat der Herr Vormund gesagt, ich soll dich wecken, du
+sollst mit seiner Schwester abreisen.«
+
+»Mit meiner Patin?«
+
+»Ja.«
+
+»Warum denn?«
+
+»Weil die Mama gestorben ist.«
+
+»Wie lange soll ich bei der Patin bleiben?«
+
+Hatte Rike die Frage überhört? Sie gab keine Antwort darauf, sie knüpfte
+eifrig Klärchens Stiefelchen zu und beugte sich so darüber, daß
+Klärchen ihr Gesicht nicht sehen konnte. Plötzlich aber fiel ein Tropfen
+herunter auf die Stiefel und Rike wischte die Augen. Da blickte Klärchen
+sie teilnehmend an, strich ihr schmeichelnd mit ihren runden
+Kinderhändchen über die Backen und sagte: »Gelt, Rike, du bist traurig
+wegen der Mama.«
+
+Rike konnte nur nicken, griff nach Klärchens schwarzem Kleid, ließ sie
+hineinschlupfen und sagte dann: »Komm nur schnell, ich habe dir schon
+dein Frühstück gerichtet, du hast gar nicht mehr lange Zeit.«
+
+»Wo ist der Konrad und der Heinrich?«
+
+»Die schlafen noch.«
+
+»Gehen sie denn nicht mit mir?«
+
+Rike konnte wieder nur mit dem Kopfe schütteln.
+
+In diesem Augenblick klingelte es unten an der Haustüre. Rike sah
+hinunter. »Wahrhaftig, das ist schon der Herr Vormund. Du sollst
+herunter kommen, es sei höchste Zeit. Schnell deinen Mantel, so, und
+deinen Hut!«
+
+»Aber ich soll doch mit der Patin?«
+
+»Die wird am Bahnhof auf dich warten.«
+
+Jetzt war Klärchen fertig und Rike wollte mit ihr hinunter.
+
+»Ich muß aber doch Konrad und Heinrich lebwohl sagen.«
+
+»Du hast keine Zeit mehr, mein Herzchen.«
+
+»O nur einen Augenblick,« rief die Kleine und sprang hinüber in das
+Schlafzimmer, wo die beiden Brüder, die nachts so spät eingeschlafen
+waren, noch schliefen. »Lebwohl, Konrad, lebwohl, Heinrich, ich muß zur
+Patin,« rief sie, aber noch ehe die Brüder recht wach waren, tönte die
+Hausglocke noch einmal so heftig und laut, daß die Kleine erschreckt
+hinaussprang und schnell mit Rike die Treppe hinunter eilte.
+
+Der Herr Rat schien sehr ungeduldig, zeigte ein böses Gesicht, und als
+Rike vollends das Kind noch an sich drückte und ihm unter lautem
+Schluchzen lebewohl sagte, rief er: »Sie alberne Gans, muß sie dem Kind
+das Herz noch schwer machen?« Ungeduldig zog er das Kind von ihr weg und
+führte es in großen, eiligen Schritten nach der Bahn.
+
+Als Rike wieder hinaufkam, wurde sie von Konrad und Heinrich mit Fragen
+bestürmt. »Wo ist Klärchen hingekommen? Mit wem ist sie gegangen? Warum
+hat man uns das nicht vorher gesagt? Warum hast du uns nicht früher
+geweckt?«
+
+Da sie nun hörten, daß der Vormund ausdrücklich befohlen habe, sie nicht
+zu wecken, geriet Heinrich in eine wahre Wut, wollte der kleinen
+Schwester nacheilen und sie mit Gewalt zurückholen. Nur mit Mühe konnten
+Rike und Konrad ihn überzeugen, daß das vergeblich wäre. Wie ein Balsam
+war es für die aufgeregten Gemüter, als ganz unerwartet in aller Frühe
+die Tante, Frau Professor Kuhn, eintrat. Sie war die Schwester der
+verstorbenen Mutter und ihr sehr nahe gestanden. Sie sah sogleich, wie
+es stand: daß Konrad kaum seinen tiefen Schmerz bemeistern konnte, und
+Heinrich sich ganz dem Zorn hingab. »Ich habe mir’s gedacht, wie es euch
+ums Herz sein wird, liebe Kinder, darum bin ich so frühe schon zu euch
+gekommen. Ich hätte so gerne gestern abend den Vormund bestimmt, daß er
+die Sache anders einrichte, aber er hielt es so fürs Beste und da konnte
+ich nichts machen.«
+
+»Das ist einfach grausam und abscheulich vom Vormund,« fuhr Heinrich
+auf, »uns heimlich so die Schwester wegzunehmen ohne Abschied!«
+
+»Der Kleinen ist’s vielleicht wirklich so am leichtesten geworden,«
+begütigte die Tante, »sie war gewiß nicht so traurig, als wenn sie euren
+Schmerz gesehen hätte.«
+
+»Ja, das ist wahr,« sagte Rike, »gar nicht geweint hat sie und so
+gutwillig hat sie sich fortführen lassen wie ein Lämmlein zur
+Schlachtbank.«
+
+»Der Vergleich paßt nun doch gottlob nicht,« sagte lächelnd die Tante,
+»mit der Schlachtbank wollen wir das Haus der Patin nicht vergleichen.«
+Dabei legte sie den Hut ab, setzte sich zu den Kindern, trank ein
+Täßchen Kaffee mit ihnen und war so liebreich, daß die Brüder sich
+allmählich beruhigten.
+
+»Was ist wegen uns beiden beschlossen worden, Tante?« fragte Konrad;
+»können wir im Haus bleiben?«
+
+»Nein, das nicht, ihr würdet gar bald selbst einsehen, daß ihr in einer
+Haushaltung ohne Vater und Mutter nicht versorgt wäret. Wenn ihr aber
+gern zu uns kommt, so nehmen wir euch ganz als Kinder auf, der Onkel und
+ich. Am liebsten hätten wir freilich euch alle drei mitgenommen, aber
+wir können es mit dem besten Willen nicht machen. Es wird schon jetzt
+das Haus fast zu eng sein, aber wir wollen uns gerne behelfen, und meine
+drei Buben und auch die vier Kostgänger freuen sich auf euch.«
+
+Konrad stand auf, küßte die Tante tief bewegt und dankte ihr für ihre
+Güte und auch Heinrich war wieder getrost, ohne die Mutter und Klärchen
+wäre es doch nicht mehr schön gewesen im Haus. Die Tante hatte aber noch
+einen Trost. »Die Patin wohnt ja in Waldeck, das wißt ihr; es ist nur
+ein halbes Stündchen mit der Bahn oder ein paar Stunden zu Fuß; da könnt
+ihr Sonntags Klärchen besuchen.«
+
+»Das ist fein, Tante,« sagte Heinrich. »Wenn nur die Patin so wäre wie
+du oder die Mutter, dann wäre ich ganz getrost wegen Klärchen. Aber sie
+ist so ganz anders, ich glaube, Klärchen wird sich fürchten vor ihr.«
+
+»Es soll aber ein vortreffliches Fräulein sein, die Patin; sie tut sehr
+viel für Arme und Vereine, da muß sie doch ein gutes Herz haben, und
+Klärchen wird das schon herausfühlen.«
+
+»Wann dürfen wir zu euch übersiedeln, Tante?«
+
+»Sowie ich daheim alles für euch gerüstet habe und hier die Haushaltung
+aufgelöst ist, holt euch der Onkel. Bis dahin haltet euch still und lieb
+bei eurer Rike.«
+
+Die Tante ging und die Knaben blieben in dem Haus zurück, das ihnen ganz
+verändert schien. Seit dem Tod der Mutter und der Abreise des
+Schwesterchens war jeder Sonnenschein daraus gewichen und sie mußten
+sich selbst sagen: Es wäre nicht schön, so fortzuleben.
+
+
+III.
+
+Am Nachmittag stand Mine, das Dienstmädchen von Fräulein Stahlhammer,
+unter der Haustüre und plauderte mit dem Mädchen des Nachbarhauses.
+»Ist’s wahr, daß dein Fräulein heute ein Waisenkind mit heimgebracht
+hat, das ganz bei euch bleiben soll?«
+
+»Es ist schon so, wenigstens für ein halbes Jahr auf Probe; ein kleines
+nettes Dingchen ist es, das einen ganz treuherzig anblickt. In seinem
+schwarzen Trauerkleidchen sieht es ganz ernsthaft aus und tut einem
+leid, so früh verwaist.«
+
+»Nun, es wird’s gut bekommen bei euch, und bald wieder lustig sein.«
+Aber Mine schüttelte den Kopf. »Ich kann’s nicht brauchen, es muß mir
+wieder fort aus dem Haus.«
+
+»Wie du redest! Das wird dein Ernst nicht sein!«
+
+»Freilich ist’s mein Ernst. Kann ich ein Kind brauchen? Kann ich wie
+bisher abends ausgehen, wenn das Fräulein im Verein oder in der
+Ausschußsitzung ist und das Kind daheim läßt? Kann ich Sonntags hin, wo
+ich will, wenn das Fräulein im Mägdehaus zum Vorlesen ist und mir das
+Kind übergibt?«
+
+»Es ist wahr, so gut hast du’s dann nimmer wie bisher, aber du wirst’s
+nicht ändern können.« – »Das wollen wir erst sehen! Es waren schon
+einmal zwei Waisenkinder da, aber nicht lange, dafür habe ich gesorgt!«
+
+»Du wirst doch dem unschuldigen Kind nichts tun?«
+
+»Behüt’ mich Gott, da würde ich mich der Sünde fürchten! Im Gegenteil,
+ich tue ja dem armen Würmchen nur Gutes, wenn ich sorge, daß es
+anderswohin kommt, wo es lustiger zugeht. Das wird ganz schlau gemacht,
+du wirst sehen, es bleibt kein halbes Jahr. Aber ich muß hinauf, mein
+Fräulein hat schon zweimal gerufen; sonst braucht sie nie etwas um diese
+Zeit, so ist’s eben, wenn ein Kind da ist, fort muß es!«
+
+Oben in dem großen Wohnzimmer saß Fräulein Stahlhammer und ihr gegenüber
+das Kind. Ihm kam es so unheimlich vor in dem fremden Raum bei der
+Patin, die sie kaum kannte. Noch nie war die Kleine von zu Hause fort
+gewesen, und nun überkam sie ein schmerzliches Heimweh, und anstatt die
+Milch zu trinken, die vor ihr stand, fing sie ganz bitterlich an zu
+schluchzen. »So war es damals auch,« dachte Fräulein Stahlhammer, »als
+die zwei Waisenkinder den ersten Tag bei mir zubrachten; es ist Kindern
+unheimlich bei mir, und wenn die größeren sich nicht bei mir
+eingewöhnten, wie sollte es das kleine Geschöpfchen fertig bringen?« Ihr
+Herz trieb sie, Klärchen zu trösten, aber sie wollte dieses Kind nicht
+auch mit Liebe verwöhnen, sie hielt sich zurück und sagte: »Du wirst
+wohl müde sein, weil du früh aufgestanden bist; ich will Mine rufen, daß
+sie dein Bett richtet, dann schläfst du ein Stündchen.« Als das Bett
+gerichtet war und Fräulein Stahlhammer das weinende Kind ins
+Schlafzimmer führen wollte, ergriff Mine rasch die kleine Gestalt, hob
+sie auf den Arm und sagte: »Es wird besser sein, wenn ich sie das
+erstemal lege, sie fürchtet sich wohl noch vor der großen Patin,« und
+Fräulein Stahlhammer ließ es zu. Beim Auskleiden sagte Mine zu der
+Kleinen: »Weinen darfst du nicht, sonst wird die Patin böse, darfst auch
+nicht merken lassen, daß du nach deiner Mama Heimweh hast. Wenn du
+Heimweh hast, dann sag’ du’s nur immer mir, vor der Patin sei ganz
+still.«
+
+Bald hatte Klärchen sich in den Schlaf geweint und Mine verließ das
+Zimmer. »Ich will schon für das Kind sorgen, wenn es aufwacht, solange
+Sie in Ihrem Verein sind,« sagte Mine zu Fräulein Stahlhammer und diese
+dachte: »Wie froh bin ich, daß Mine die Kinder gern hat und besser
+versteht als ich.« Ehe sie aber in den Verein ging, schlich sie leise in
+das Schlafzimmer, saß lange an dem Kinderbett, sah auf das liebliche,
+unschuldige Gesichtchen und flüsterte endlich: »O, wie müßte es so
+köstlich sein, wenn das kleine Wesen mich lieb haben könnte!«
+
+Klärchen gehörte nicht zu den Kindern, die sich schnell an neue
+Verhältnisse gewöhnen. In den nächsten Tagen schlich sie gar trübselig
+umher, die Sehnsucht nach der Mutter und den Brüdern erfüllte ihr ganzes
+Herz. Es dauerte nicht lange, so machte der Vormund seinen ersten
+Besuch, denn es lag ihm sehr daran, daß seine Schwester gut zurecht käme
+mit dem aufgedrungenen Pflegekind. Er traf die Kleine bei dem Mädchen,
+Fräulein Stahlhammer war nicht zu Hause. »Nun, wie geht es mit dem
+Kind?« fragte er die ihm wohlbekannte Dienerin. »O, nicht gut, Herr
+Rat,« antwortete diese, »das Kind gewöhnt sich nicht an seine Patin, es
+mag sie nicht.« Klärchen stand dabei und sah ängstlich und erschrocken
+auf, als sie diese Worte hörte und bemerkte, wie sich die Züge des
+Vormunds verfinsterten. »So etwas sollten Sie gar nicht vor dem Kinde
+sagen,« sprach er verweisend zu dem Mädchen, nahm Klärchen an der Hand
+und führte sie in das Zimmer. Er wollte das Kind gehörig ausschelten und
+ihm den Kopf zurechtsetzen, wie er es seiner Schwester versprochen
+hatte. Als er aber das kleine Wesen zitternd vor sich stehen sah, so
+recht wie ein hilfsbedürftiges Geschöpfchen, da kam doch etwas wie
+Mitleid über den großen, starken Mann. »Ich tue dir nichts,« sagte er,
+»du brauchst nicht so vor mir zu zittern. Aber höre, was ich dir sage:
+Dein Vater ist gestorben und deine Mutter ist gestorben, und die Brüder
+sind fort und euer Haus ist leer. Es ist gar niemand da, der für dich
+sorgen mag außer deiner Patin; du mußt ihr gehorchen, ihr dankbar sein
+und sie lieb haben wie deine Mama; sonst bist du ein ganz undankbares
+Kind, verstehst du das?«
+
+»Ja,« antwortete leise die Kleine.
+
+»Versprich mir, daß du nicht undankbar sein willst.«
+
+»Ich will nicht undankbar sein,« wiederholte Klärchen und sah dabei ganz
+ernsthaft aus; denn sie hatte die Rede des Vormunds wohl verstanden und
+fing an zu begreifen, daß die Patin ihr etwas Gutes tun wollte, indem
+sie sie zu sich nahm, und in ihrem guten Herzen regte sich sofort etwas
+wie Liebe und Dankbarkeit.
+
+»Mine,« sagte sie später zu dem Mädchen, »ich muß die Patin lieb haben
+wie meine Mama, sonst bin ich undankbar.«
+
+»Das kann man nicht von dir verlangen,« sagte Mine, »kein Kind hat die
+Patin so lieb wie seine Mutter, und sie ist ja auch gar keine Mutter und
+hat dich nicht so lieb wie ihr Kind.«
+
+»Aber gelt, ein bißchen lieb hat sie mich doch, sie hat mich ja auch zu
+sich genommen.«
+
+»Aber nicht aus Liebe, bloß weil es der Vormund verlangt hat,« sagte
+Mine. Da fiel ein trüber Schatten über das Gesichtchen der Kleinen und
+die erwachende Liebe erlosch bei den kalten Worten: »Bloß weil es der
+Vormund verlangt hat.«
+
+
+IV.
+
+Leicht hatten sich inzwischen die Brüder bei Onkel und Tante eingewöhnt.
+Aber je mehr sie sich einlebten in der neuen Umgebung, um so sehnlicher
+wünschten sie auch ihre Schwester herbei und täglich wurde der Kleinen,
+von der sie gar keine Nachrichten hatten, in Liebe gedacht. Der Vormund
+hatte bestimmt, daß in den ersten vier Wochen die Geschwister sich nicht
+besuchen sollten, damit beide Teile vor dem ersten Wiedersehen den
+Trennungsschmerz schon überwunden und sich in die neuen Verhältnisse
+eingewöhnt hätten. Klärchen wußte davon nichts; die Brüder hingegen
+erwarteten mit Ungeduld den vierten Sonntag, für den ihnen der Besuch in
+dem Städtchen Waldeck versprochen war, und fast ebensosehr sehnte sich
+die treue Tante danach, durch die Brüder Nachricht von der kleinen
+Nichte zu erhalten.
+
+Es war ein trüber Novembertag. Die Knaben machten sich gleich nach Tisch
+auf den Weg und kamen nach einem tüchtigen Marsch in dem Städtchen an.
+Die Patin vermutete den Besuch wohl, doch wollte sie Klärchen nichts
+vorher davon sagen; sie freute sich auf die Überraschung des Kindes und
+gab nur heimlich dem Mädchen den Auftrag, etwas für den Empfang der
+jungen Wanderer bereit zu stellen. Als Mine erfuhr, was für Gäste
+erwartet wurden, spähte sie fleißig zum Fenster hinaus; denn sie wollte
+die Brüder sprechen, ehe dieselben heraufkamen. Es dauerte nicht lange,
+so sah sie zwei fremde Knaben des Wegs kommen; sie hatten Trauerflor an
+den Hüten und Mine konnte nicht zweifeln, daß es die Erwarteten seien.
+Rasch ergriff sie Klärchen, die im Vorplatz mit ihrem Puppenwagen
+spielte und flüsterte ihr zu: »Komm mit, ich weiß etwas, das dich
+freut,« und dann eilte sie mit dem Kind die Treppe hinunter. Die Brüder
+waren inzwischen schon in die Nähe des Hauses gekommen, Klärchen
+erkannte sie auf den ersten Blick und stürzte ihnen laut aufjubelnd
+entgegen. Aber im Übermaß der unerwarteten Freude und in Erinnerung
+ihrer schmerzlichen Sehnsucht ging der Jubel gleich in Tränen über, zur
+großen Bestürzung der Knaben, die sich die helle Freude des Kindes auf
+dem ganzen Wege ausgemalt hatten. »Sie dürfen sich nicht wundern, daß
+das Kind weint,« sprach nun Mine, »es hat so Heimweh nach Ihnen, und es
+ist ja auch kein Wunder, wenn man so klein schon unter fremde Leute
+kommt!«
+
+»Hat sie sich noch gar nicht eingewöhnt?« fragte Konrad bekümmert.
+
+»Nein, nein, und sie wird sich auch nicht eingewöhnen. Ein Kind gehört
+zu Kindern, da kann es sich vergessen, aber nicht bei einem einsamen
+Fräulein, die überdies halbe Tage lang gar nicht zu Hause ist.«
+
+»Aber die Patin wird doch gut mit ihr sein?« rief Heinrich und bemerkte
+in seiner Erregtheit nicht, wie der ältere Bruder ihm zu bedeuten
+suchte, daß es nicht passend sei, weiter das Dienstmädchen auszufragen.
+»Ich will nichts sagen, es schickt sich auch nicht für mich,« antwortete
+Mine, »aber das Kind ist kreuzunglücklich, und wenn das noch lange
+dauert, so wird es noch krank werden.«
+
+Besorgt sahen die Brüder in das Gesichtchen der Kleinen. Freilich, so
+frisch und blühend wie früher sah es in diesem Augenblick nicht aus, und
+jetzt hatte sie einen ihr sonst ganz fremden, ernsthaften Ausdruck; denn
+zum erstenmal kam sich das sonst so bescheidene Kind gar wichtig vor:
+es hatte erfahren, daß es unglücklich und zu bedauern sei.
+
+Als die beiden Knaben nun mit der Schwester die Treppe hinaufkamen,
+waren sie in ganz anderer Stimmung als noch vor wenigen Minuten; sie
+bedauerten die Schwester und grollten der Patin. So traten die drei
+Geschwister in das Zimmer zu Fräulein Stahlhammer. Diese hatte sich
+gefreut auf das Wiedersehen der Kinder und nun war sie ganz um ihre
+Freude gekommen. Etwas betroffen trat sie ihnen entgegen; denn ein Blick
+auf Klärchen zeigte ihr, daß diese geweint hatte. Auch klammerte sie
+sich fest an den Arm ihres großen Bruders, und die ganze Gruppe sah eher
+feindselig als zutraulich aus. Konrad aber machte sich nun los von der
+Kleinen, begrüßte Fräulein Stahlhammer artig, richtete ihr Empfehlungen
+der Tante aus und erinnerte dadurch auch Heinrich an das, was sich
+schickte; doch behielt dieser einen etwas ingrimmigen Blick bei, und den
+ganzen Nachmittag verlor sich eine gewisse Befangenheit nicht. Klärchen
+hätte im Glück über das Wiedersehen mit den Brüdern wohl alles andere
+bald vergessen, aber Mine hatte die Gelegenheit wahrgenommen, ihr
+zuzuflüstern: »Mußt recht traurig und still sein, dann nehmen dich die
+Brüder vielleicht ganz mit heim,« und so war die ganze liebliche
+Unbefangenheit der Kleinen dahin; den Brüdern kam sie gar sonderbar
+verändert vor und mit schwerem Herzen verabschiedeten sie sich abends
+von der kleinen Schwester.
+
+Zu Hause angekommen, wurden sie von allen Seiten mit teilnehmenden
+Fragen empfangen. Konrad gab nur kurzen Bescheid, es war ihm so traurig
+zumute, daß er fürchtete, seine Fassung zu verlieren. Aber Heinrich
+hatte um so mehr das Bedürfnis, sich auszusprechen. Onkel und Tante
+sollten es nur wissen, wie unglücklich sein Schwesterchen sei. Er
+schilderte das Wiedersehen auf der Straße, die Tränen der Kleinen, ihr
+verändertes Aussehen, den Bericht des Dienstmädchens und die große,
+ernste Gestalt der Patin, vor der er sich selbst gefürchtet hätte, und
+nannte es eine Grausamkeit, ihr das zarte Kind zu lassen.
+
+»Heinrich, du machst es schlimmer als es ist,« warf Konrad dazwischen,
+»sie hat eigentlich kein unfreundliches Wort gesagt.«
+
+»Natürlich nicht, wenn wir zwei dabei sind als Beschützer unserer
+Schwester; aber wenn sie allein mit Klärchen ist, wer weiß, was sie ihr
+da tut!«
+
+»Nicht zu viel sagen,« wehrte der Onkel und auch die Tante versicherte:
+»Sie ist gewiß nicht schlimm, eure Mutter hat ja so viel auf sie
+gehalten.« Und nun mischten sich die Kinder des Hauses ins Gespräch:
+alle waren voll Mitleid und urteilten hart über die Patin, bis die Tante
+sie auf andere Gedanken brachte, indem sie sagte: »Nun kommt ja bald
+Weihnachten, da wollen wir die Kleine auf längere Zeit zu uns einladen
+und ihr recht viel Freude machen.« Damit waren nun alle einverstanden
+und es begann sofort eine lebhafte Beratung, was Klärchen zu Weihnachten
+bekommen sollte. Da sagte Konrad, der sich bisher noch nicht ins
+Gespräch gemischt hatte: »Ich weiß, was ihr die Mutter zu Weihnachten
+machen wollte; wenn du ihr das geben würdest, Tante, dann wäre ihr
+Herzenswunsch erfüllt.«
+
+»Ja, was ist’s?«
+
+»Sie hat eine Puppe, die hat sie lieb – ich glaube wirklich so lieb wie
+uns; und für die möchte sie so ein Wickelkissen, wie’s die ganz kleinen
+Kinder haben. Mit solch einem Wickelkind wäre sie glückselig.«
+
+»Das mache ich ihr,« sagte die Tante eifrig, »ihr bringt mir einmal das
+Längenmaß der Puppe, dann soll’s ein echtes Wickelkind werden.«
+
+Durch die Aussicht auf eine Weihnachtsfreude für Klärchen beruhigten
+sich die erregten Gemüter, das hatte die Tante gewollt und erreicht; sie
+kannte sich aus bei ihrer jungen Schar.
+
+
+V.
+
+Nicht nur in der Familie des Professors plante man allerlei
+Weihnachtsfreuden, auch in dem kleinen Häuschen in Waldeck waren die
+Gedanken bei dem herannahenden Fest. Fräulein Stahlhammer hatte in
+dieser Zeit alle Hände voll zu tun; denn sie war Vorstandsdame bei dem
+Verein, der den armen Schulkindern bescherte; außerdem hatte sie jedes
+Jahr die Bescherung der armen Leute im Spital zu besorgen, am heiligen
+Abend, wo Hausfrauen sich nicht vom eigenen Haus los machen konnten. Nun
+hätte Fräulein Stahlhammer in diesem Jahr gerne diese Aufgabe anderen
+übertragen – hatte sie nun doch auch ein Kind zu Hause –, aber es fand
+sich niemand bereit, und so sagte sie sich, daß Klärchen wohl ebenso
+glücklich wäre, wenn ihr erst am Weihnachtsfest selbst beschert würde;
+sie kam ja mit andern Kindern nicht zusammen und war noch zu klein, um
+den Kalender selbst zu studieren. So wollte ihr Fräulein Stahlhammer am
+Christfest bescheren und sie ging nie an den Läden des Städtchens
+vorbei, ohne sich zu überlegen, womit sie das Kind erfreuen könnte.
+
+Auch Mine hatte ihre Pläne. Sie wollte sich in den Feiertagen mit ihren
+Bekannten vergnügen und hätte es gar zu gern gesehen, wenn die Kleine
+aus dem Wege gewesen wäre, damit sie wie in früheren Jahren ihre
+Freiheit hätte.
+
+Klärchen stand mit der geliebten Puppe im Arm träumend am Fenster; sah
+hinaus, wie die Schneeflocken herunterwirbelten, und dachte daran, daß
+voriges Jahr ihre Mama gesagt hatte: »Wenn’s schneit, ist Weihnachten
+nahe!« Sie hätte gerne die Patin gefragt, ob wohl hier das Christkind
+auch zu ihr käme. Aber sie wagte es nicht recht und nahm sich vor,
+zuerst mit Mine zu sprechen. Heute nun war die Patin ausgegangen, und
+Mine putzte die Fenster in der Küche. Klärchen machte sich an sie heran.
+
+»Mine,« fragte sie, »wie ist’s denn hier an Weihnachten?«
+
+»An Weihnachten? Da beschert die Patin in der Schule.«
+
+»Und dann?«
+
+»Und dann im Spital.«
+
+»Und dann?«
+
+»Und dann? Ist das noch nicht genug?« Ein Weilchen war Klärchen still.
+Sie hatte ihre Puppe im Arm und nun fing sie an nach ihrer Gewohnheit zu
+dem Puppenkind zu reden: »Gelt Rosa,« sagte sie zur Puppe, »das schöne
+Kleid hast du an Weihnachten bekommen und die neuen Locken auch, da bist
+du unter dem Christbaum gesessen und die Mama hat zu mir gesagt:
+›Herzkind, kennst du denn deine Puppe noch?‹ Aber jetzt haben wir keine
+Mama mehr und sie kann nicht mehr sagen ›Herzkind‹ und sie kann dir
+keine Kleider mehr machen; aber du darfst nicht weinen, sonst bist du
+undankbar.« Und dabei schluckte die Kleine tapfer die Tränen hinunter
+und wischte die weg, die über das Puppengesicht gerollt waren.
+
+Mine merkte wohl, wie es dem kleinen Wesen ums Herz war. »Klärchen,«
+sagte sie, »bitte doch die Patin, daß sie dich an Weihnachten zu den
+Brüdern läßt. Bei denen gibt es eine Mama, die beschert, und auch einen
+Christbaum; aber bei uns hat es noch nie einen gegeben; dort geht es
+lustig zu, aber hier ist’s langweilig. Möchtest du nicht zu den Brüdern
+an Weihnachten?«
+
+»Ich möchte schon, aber ich kann doch die Patin nicht bitten; du hast
+doch immer gesagt, ich soll sie nichts bitten, sonst wird sie böse!«
+
+»Freilich, aber das ist nun etwas anderes, das darfst du schon sagen.«
+
+»Sagst du’s nicht für mich, Mine?« fragte Klärchen ängstlich.
+»Meinetwegen, ich will davon anfangen, aber du mußt dann auch recht
+schön bitten; denke nur, wie traurig es hier für dich wäre ohne
+Christbaum!« Mine sagte wohl die Wahrheit, wenn sie behauptete, daß
+Fräulein Stahlhammer nie einen Christbaum hatte; aber konnte sie sich
+nicht denken, daß es in diesem Jahr dem Kinde zu lieb anders gemacht
+würde, oder wollte sie nichts davon wissen? Als Fräulein Stahlhammer den
+Christbaum für die Armen im Spital besorgt hatte, da hatte sie dem
+Waldschützen zugleich gesagt: »Und besorgen Sie auch für mich ein recht
+nettes, grünes Bäumchen.«
+
+An diesem Tage kam ein Brief von der Tante, in dem sie ihre kleine
+Nichte freundlich einlud, über Weihnachten zu kommen, damit die drei
+verwaisten Geschwister dies erste Christfest beisammen feiern könnten.
+Fräulein Stahlhammer kämpfte mit sich selbst. Allerdings würden die
+Kinder vergnügt beisammen sein, und Klärchen hätte ein fröhliches Fest
+in dem kinderreichen Haus; aber doch hatte sie gerade von einem schönen
+Weihnachtsabend gehofft, daß er ihr das Kinderherz näher bringen würde;
+sie wollte eine Puppenküche anschaffen und mit der Kleinen kochen. Der
+gestrenge Vormund konnte nichts dagegen sagen: an Weihnachten, wo allen
+Kindern Liebe erwiesen wird, durfte auch sie ihr Pflegekind ein wenig
+verwöhnen. Nun kam ihr recht unerwünscht diese Aufforderung. Nach
+gewissenhaftem Überlegen dankte sie freundlich für die Einladung; sagte,
+daß sie dem Kinde gern im eigenen Haus bescheren würde, und versprach,
+die Kleine über Neujahr zu schicken. Den Brief ließ sie Klärchen in den
+nahen Briefkasten einwerfen. Das Kind ahnte nicht, was er enthielt, und
+gerade als sie vom Schalter zurückkam ins Zimmer, wo Mine ihrem Fräulein
+half, Stöße von Hemden zusammen zu packen, die für die Schulbescherung
+bereit lagen, gerade da sagte Mine: »Klärchen, hast du denn der Patin
+schon gesagt, um was du schön bitten möchtest? Nicht? Muß ich es wieder
+für dich sagen? Fräulein Stahlhammer, das Kind hat bloß den _einen_
+Wunsch, daß es an Weihnachten zu den Brüdern darf, gelt Klärchen?«
+
+»Ja,« sagte Klärchen, und obgleich das ihre ganze Antwort war, sah sie
+doch so gespannt auf die Patin, daß diese wohl die Bitte von den stummen
+Lippen ablesen konnte. »Wie kommt sie darauf?« fragte Fräulein
+Stahlhammer und sah Mine mißbilligend an. »Ach, das ist doch natürlich,
+daß sie darauf kommt. Papa und Mama hat sie verloren, so möchte sie doch
+wenigstens bei ihren Geschwistern sein. Gelt, Klärchen? Mir kann’s ja
+ganz einerlei sein, aber so sind halt Kinder, sie wollen eben unter
+andere Kinder.«
+
+Fräulein Stahlhammer zog die Schnüre fester an dem Paket und dann sagte
+sie zu Klärchen: »Wenn du auch an Weihnachten nicht zu den Brüdern
+darfst, so doch an Neujahr. Das ist nur eine Woche später, so ist’s
+ausgemacht mit deiner Tante.«
+
+Mine stieß heimlich die Kleine an, sie hätte gerne gehabt, daß das Kind
+noch für sich selbst bäte; aber Klärchen hatte ein unbestimmtes Gefühl,
+daß dieses der Patin nicht recht wäre, sie wagte es nicht und schwieg,
+und somit war die Sache zu Mines großem Verdruß abgetan. Für die Brüder
+war die abschlägige Antwort zwar eine Enttäuschung, aber die Tante
+konnte den freundlichen Brief der Patin verstehen; sie vertröstete die
+Beiden auf das Wiedersehen an Neujahr und lenkte die Gedanken ab, indem
+sie die Puppenkleider und andere kleine Geschenke für Klärchen durch die
+Brüder zusammenpacken ließ. Der Professor wollte am Nachmittag vor der
+Bescherung selbst der Kleinen das Päckchen überbringen, um auch einmal
+nach seiner Nichte zu sehen.
+
+Der heilige Abend kam und brachte für Fräulein Stahlhammer große
+Geschäftigkeit. Als sie sich nachmittags auf den Weg in das Spital
+machte, tat es ihr leid, die Kleine zu verlassen. »Morgen, Klärchen,«
+sagte sie, »ist Weihnachten; aber sieh, heute hat das Christkind dir
+auch schon ein Päckchen gebracht, so eines, wie es die Schulkinder
+bekommen, sieh her,« und sie gab Klärchen eines von den neuen Hemden,
+schön mit roten Bändchen gebunden, mit einem Tannenzweiglein verziert.
+Dann eilte sie fort. Mine putzte draußen den Vorplatz und die Treppe.
+Als es dunkel wurde, so gegen fünf Uhr, saß das Kind allein am Tisch.
+Das Hemd lag vor ihr, das Tannenzweiglein drehte sie in den Fingern. Da
+kam in Eile Professor Kuhn die Treppe herauf. Er traf Mine beim Putzen.
+»Ist Fräulein Stahlhammer zu Hause?«
+
+»Nein, sie ist fort.«
+
+»Mit meiner kleinen Nichte?«
+
+»Nein, das Kind ist droben. Ich muß eben putzen vor dem Fest, sonst
+ließe ich sie nicht allein, das arme Tröpflein!«
+
+»Wann kommt Fräulein Stahlhammer wieder?«
+
+»Ach, da kann’s leicht zehn Uhr werden, bis die Bescherungen vorbei
+sind.« Der Professor sagte kein Wort, ging mit raschen Schritten die
+Treppe hinauf und ins Zimmer. Da saß die verlassene Kleine allein im
+Halbdunkel am Tisch, ein trübseliger Anblick.
+
+Beim Erscheinen des Onkels leuchtete ihr ganzes Gesichtlein: der Onkel
+gehörte zu den Brüdern, er gehörte zu der Tante, die wie die Mama
+aussah, er gehörte zu dem, was sie lieb hatte!
+
+»Onkel,« sagte sie schmeichelnd, als er dicht zu ihr kam, um sie genau
+zu sehen, »Onkele, liebes, gutes Onkele, bist du zu mir gekommen?« und
+sie schlang ihre Arme um seinen Hals. Diese Zärtlichkeit ging ihm zu
+Herzen, das Kind sah ihn doch so selten. Er schaute sich um im Zimmer.
+Er hatte gedacht, die Bescherung sei schon vorbei; aber da war kein Baum
+zu sehen. Nur ein kleiner Tannenzweig lag vor ihr. »Hat dir das
+Christkind schon beschert?« fragte er.
+
+»Ja, sieh nur, ein Hemd.«
+
+»Und sonst noch etwas? Nicht? Habt ihr keinen Christbaum?«
+
+»Bloß so viel davon,« sagte Klärchen und zeigte ihr Zweiglein; sie wußte
+ja nicht, daß im verschlossenen Gastzimmer neben der neuen Puppenküche
+schon das geputzte Christbäumlein bereit stand, um morgen seinen
+Lichterglanz zu verbreiten. Und auch der Onkel dachte an diese
+Möglichkeit nicht und war im innersten Herzen empört. Die Patin war
+unterwegs, um Fremden zu dienen, und das ihr anvertraute Geschöpfchen
+ließ sie am Weihnachtsfest ohne Bescherung, ohne Baum allein mit einem
+Hemd als Christgeschenk. Wenn sie keine Zeit und kein Herz für das Kind
+hatte, warum hatte sie dann nicht wenigstens zugegeben, daß es bei den
+Brüdern Weihnachten feiere? Es sollte aber sein Weihnachtsfest haben,
+das Kind, mochte die Patin zürnen, das war ihm ganz gleichgültig!
+
+»Klärchen,« sagte der Onkel, »zieh dich an, recht schnell, ich nehme
+dich mit mir, wir fahren gleich miteinander fort.« Und hinaus eilte er
+zu Mine: »Helfen Sie dem Kind, ziehen Sie es recht warm an, ich will es
+mitnehmen, ich bin sein Onkel.«
+
+Mine war hocherfreut, das paßte zu ihren Plänen. Klärchen selbst war
+ganz verwirrt, konnte kaum fassen, was so schnell mit ihr geschah. Aber
+Mine flüsterte ihr zu: »Zu deinen Brüdern darfst du, denke nur, die
+Freude, zur Weihnachtsbescherung! Ach, Herr Professor, wenn Sie die
+Kleine nur ganz behalten könnten, da wäre sie besser versorgt, das arme
+Ding!«
+
+»Sagen Sie Fräulein Stahlhammer, ich sei gekommen, dem Kind seine
+Weihnachtsgeschenke zu bringen, und da ich sie allein fand, hätte ich
+sie mitgenommen. Bis Neujahr bleibt sie jedenfalls bei uns, dann wollen
+wir weiter sehen. Komm Kind, komm, wir müssen gleich fort, damit wir den
+Zug noch erreichen.«
+
+Unten an der Treppe fiel dem Onkel noch etwas ein.
+
+»Mine,« rief er hinauf mit gewaltiger Stimme, die durchs ganze Haus
+dröhnte.
+
+»Was ist’s?«
+
+»Die Puppe muß mit, schnell bringen Sie sie herunter. Wo ist sie,
+Klärchen?«
+
+»Sie schläft in meinem Bett.«
+
+Im Augenblick war sie herbeigeschafft und Klärchen drückte sie sorglich
+an sich. Der Onkel trug das Weihnachtspaket; zur rechten Zeit war ihm
+noch eingefallen, daß es Puppenkleider enthielt, so war wohl die Puppe
+unentbehrlich. Nach kurzer Zeit waren sie am Bahnhof.
+
+Unterwegs sagte das Kind zu seinem Onkel: »Undankbar ist das nicht, wenn
+man fortgeht von der Patin, gelt, undankbar ist das nicht?«
+
+»Nein, nein,« beruhigte der Onkel, »ich habe dich geholt und du mußt mir
+folgen.«
+
+Ein halbes Stündchen Fahrt, ein Gang durch die Straßen der großen
+Stadt, und sie standen umringt von jubelnden Kindern, daß dem Klärchen
+aus ihrer Stille heraus ganz traumhaft zumute war.
+
+Der Professor suchte seine Frau auf, im Weihnachtszimmer traf sie eben
+die letzten Vorbereitungen zur Bescherung. Ein Loblied auf Fräulein
+Stahlhammer war es nicht, was jetzt gesungen wurde! »Du hast recht
+gehabt, ganz gewiß hast du recht gehabt, daß du das Kind entführt hast.
+Fräulein Stahlhammer soll es nur erfahren, wie anderen Menschen so etwas
+vorkommt. Ich kann es nicht begreifen, gar nicht fassen! Sie hat doch
+erst so schön geschrieben, daß sie dem Kind die neue Heimat lieb machen
+möchte durch eine schöne Weihnachtsfeier! Ist sie denn eine Heuchlerin?«
+
+– – Ach nein, eine Heuchlerin war sie nicht; hätte nur die gute Frau
+Professor gesehen, mit welch tiefem Schmerz Fräulein Stahlhammer bei
+ihrer Heimkehr – um acht Uhr war es – vernahm, daß ihr das Kind
+weggenommen worden war! Nachdem Mine ihr den ganzen Hergang berichtet
+und ein kleines Abendbrot aufgetragen hatte, fragte sie, ob sie noch zu
+ihren Verwandten gehen dürfe. Fräulein Stahlhammer sagte ja, ohne nur
+recht zu wissen auf was. Am Tisch, wo noch das Tannenzweiglein lag und
+das rotgebundene Hemd, saß sie, und bemühte sich vergeblich, Herr zu
+werden über die Empfindungen, die sie überwältigen wollten: Schmerz, daß
+sie dem Kind nicht den Weihnachtsbaum anzünden konnte; Beschämung, daß
+es so vernachlässigt erschienen war; Entrüstung, daß man ungefragt
+eingedrungen war und das Kind geholt hatte; und Befürchtung, daß es
+lieblose Worte über sie hören und von anderen um so mehr Liebesbeweise
+empfangen würde. Und je länger der Abend sich hinzog, totenstill in
+ihrem einsamen Haus, der Abend, an dem sie eben erst von den
+Schulkindern das Lied hatte singen hören: »Selbst die Hütte trieft von
+Segen,« um so bitterer empfand sie ihre Enttäuschung.
+
+Die alte, große Uhr, die in der Ecke des Eßzimmers wohl schon ein halbes
+Jahrhundert hing und in ihrem schönen, geschnitzten Kasten vom Boden bis
+hinauf reichte über die Türe, fing nun feierlich an zu schlagen mit
+einem Klang wie Orgelton, zehn Schläge. Da raffte sich Fräulein
+Stahlhammer auf und sah nach den großen goldenen Zeigern. Wirklich zehn
+Uhr? Wo waren die Stunden hingegangen? Vertrauert, verträumt, verloren!
+Das war kein »heiliger Abend«. Mit aller Gewalt riß sie sich heraus aus
+dieser Stimmung. Ihr selbst war ja das Fest verdorben, aber dem Kind
+nicht; das war wohl am glücklichsten bei den Geschwistern, so wollte sie
+ihm das Glück gönnen und nicht bitter gegen Klärchen sein. Das
+Christbäumchen konnte morgen auch eine Familie erfreuen, dann war es
+doch nicht umsonst aus dem Wald genommen. Aber dem Vormund wollte sie
+doch gleich schreiben, was sich begeben hatte; er konnte gelegentlich
+dem Onkel vorhalten, daß er nicht so eigenmächtig hätte handeln sollen.
+
+Dieser Brief, der am frühen Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertages bei
+dem Vormund ankam, versetzte den Mann in großen Zorn. Er war ein
+empfindlicher Herr, dieser Herr Rat Stahlhammer, nicht gewöhnt, daß ihm
+etwas gegen den Willen ging. Er war der Vormund, nicht der Professor,
+und wenn er als Vormund das kleine Mädel seiner Schwester übergab, so
+hatte nach seiner Meinung der Herr Professor durchaus kein Recht, sich
+das Kind eigenmächtig und gegen den Willen seiner Schwester zu holen.
+Das wollte er ihm sagen. Heute war noch Feiertag; es war wohl am besten,
+wenn er gleich heute nachmittag zum Professor ging und ihm seine Ansicht
+sagte. Gleich heute nachmittag? Das war nicht gleich, das war lang, das
+war viel zu lang für den Ärger, den er empfand und durchaus aussprechen
+mußte. Schon nach einer Viertelstunde war er unterwegs, um Professor
+Kuhn aufzusuchen.
+
+Ein langer Weg. Wie konnte man nur so weit hinausziehen! Die ganze Stadt
+mußte er durchqueren mit der Straßenbahn und dann erst noch ein Stück zu
+Fuß gehen und all das wegen des kleinen Mädels; das machte sich als
+Mündel recht unangenehm bemerkbar. Wegen so eines kleinen Rackers mußte
+er, der Rat, sich so bemühen, ganz ungehörig war das. Seine Schwester
+verstand es aber auch gar nicht, mit Kindern umzugehen! Warum war sie
+nicht daheim geblieben und hatte dem Kind einen Haufen gutes Zeug und
+Spielkram hingelegt, wie es so kleine Bälge nun einmal wollen an
+Weihnachten. Er hatte sich in einen gehörigen Zorn hineingearbeitet, der
+Herr Vormund, bis er glücklich am Haus des Professors angekommen war.
+Auch das Dienstmädchen ärgerte ihn, das die Türe aufmachte, denn auf
+seine Frage, ob Herr Professor zu Hause sei, antwortete sie: »Es tut mir
+leid.«
+
+»Ob’s Ihnen leid tut oder nicht, ist mir vollständig einerlei,« sagte er
+gereizt, »ist die Frau Professor zu Hause?« Das Mädchen hielt es nun für
+sicherer, bloß verneinend mit dem Kopf zu schütteln. Der Rat blieb einen
+Augenblick unschlüssig mit gerunzelter Stirne stehen. »Wenn die Leute
+nur immer alle fortlaufen können,« sagte er vor sich hin, »ich möchte
+nur wissen, wozu sie Häuser haben, wenn sie doch nicht darin bleiben?«
+In diesem Augenblick ging eine Zimmertüre auf, fröhliches
+Kindergelächter drang heraus; unter der Türe stand Klärchen, hinter ihr
+kamen noch mehr Kinderköpfe zum Vorschein. Da wurde dem Rat klar, was
+die beste Strafe für den Professor war.
+
+Er ging auf Klärchen zu und fragte kurz: »Hat die Patin erlaubt, daß du
+hierher kommst?«
+
+»Nein,« sagte erschrocken die Kleine.
+
+»Dann zieh dich augenblicklich an und komm mit mir.« Zugleich nahm er
+eine Besuchskarte aus der Tasche und sagte dem Mädchen: »Geben Sie diese
+Karte ab, wenn Herr Professor heimkommt.«
+
+Klärchen hatte kein Wort der Widerrede. Sie war es nicht anders gewöhnt.
+So plötzlich hatte man sie das erste Mal zur Patin gebracht, so hatte
+der Onkel sie vorgestern entführt und so wurde sie zurückgeholt. Nach
+ihrer kleinen Lebenserfahrung war das der Lauf der Welt.
+
+»Wo ist mein Mantel?« fragte die Kleine. Das Dienstmädchen ging rasch
+ins Zimmer, als wollte es die Kleider holen. Im Zimmer waren die
+kleineren Kinder und einer der Kostgänger, aber die Brüder, Konrad und
+Heinrich, waren nicht darunter, sie waren mit den Größeren auf der
+Eisbahn.
+
+Ganz aufgeregt sagte das Mädchen: »Da draußen ist ein Herr, ein ganz
+unfreundlicher, der will das Klärchen mitnehmen, was soll ich denn tun?«
+Und auf die Besuchskarte sehend, las sie: »Stahlhammer, Geheimer Rat.«
+
+»Das ist ja der Vormund von Konrad und Heinrich,« sagte der Kostgänger,
+»von dem war schon oft die Rede.«
+
+»Dann muß man Klärchen mit ihm gehen lassen?« Allgemeiner Widerspruch,
+lautes Bedauern ertönte nun in der Kinderstube und die Kinder drängten
+hinaus in den Vorplatz. Es hatte nur eine Minute gedauert, aber dem
+Herrn Rat schon zu lang. »Der Mantel, der Mantel, wo ist der Mantel? Und
+das andere Zeug, das das Kind etwa mitgebracht hat?« Das Mädchen sprang
+eilends an den Kleiderschrank, und die Kinder, als sie sahen, daß
+Klärchen wirklich gehen mußte, holten geschäftig herbei, was auf dem
+großen Bescherungstisch auf ihrem Platze lag: die Puppe im
+Wickelkissen, das Weihnachtsgebäck, ein Bilderbuch und eine Schürze. Die
+Sachen wurden notdürftig eingewickelt; der Rat war schon ein paar
+Treppenstufen hinunter gegangen, als die einzelnen Schätze Klärchen noch
+gereicht wurden.
+
+Er hatte allerdings guten Grund zu eilen, denn er wußte, daß um Mittag
+ein Zug abging, den er benützen wollte, um das Kind wieder bei seiner
+Schwester abzuliefern. Auch wünschte er nun nicht mehr den Professor zu
+sprechen, _diese_ Sprache war die deutlichste. Als er unten mit der
+Kleinen um die Straßenecke bog, kamen von der entgegengesetzten Seite
+Herr und Frau Kuhn auf das Haus zu.
+
+»Sieh nur,« sagte die Frau Professor zu ihrem Mann, »man könnte meinen,
+das Kind dort, das mit dem Herrn geht, sei Klärchen; jetzt kannst du sie
+nicht mehr sehen, sie sind schon um die Ecke, aber es kann ja unmöglich
+Klärchen sein.«
+
+In eiligen Schritten ging der Vormund mit seinem Mündel der Bahn zu;
+aber rasch kamen sie doch nicht von der Stelle, denn zuerst rutschte ihr
+das Buch aus der Hand und als sie es aufheben wollte, das Päckchen
+Backwerk. Es fiel in den Schnee, der mußte erst wieder abgeschüttelt
+werden. »Gib das Buch, ich will es tragen,« sagte der Rat und nahm es
+ab. Aber nach einiger Zeit rutschte die Schürze auf den Boden, da gab es
+wieder einen Aufenthalt. »Das will ich dir auch noch abnehmen, aber was
+du ferner auf den Boden wirfst, bleibt liegen, verstanden! Man muß auf
+seine Sachen achten lernen; nun spring so rasch du kannst, daß wir den
+Zug noch erreichen.« Er nahm sie bei der Hand. Die Kleine trippelte so
+schnell sie konnte nebenher; aber ihr Ärmchen tat ihr weh, so hoch
+hinauf zog es der große Mann, indem er sie führte, und den andern Arm
+mußte sie fest an sich pressen; denn unter dem steckte die Puppe, und in
+der Hand war das Backwerk. Allmählich wurde der Arm müde und konnte die
+Puppe nicht mehr fest pressen, so daß sie nach und nach immer weiter
+hinunter rutschte. Klärchen fühlte es, aber sie hatte ja die zweite Hand
+nicht frei, um die Puppe zu halten, und ganz sachte glitt diese endlich
+unter dem Arm hindurch und fiel sanft und leise auf den weichen Schnee.
+Klärchen wandte den Kopf zurück und wollte still halten, aber der
+Vormund, der von dem Hergang nichts bemerkt hatte, trieb sie an: »Nur
+vorwärts, Kind.« Die Kleine wagte nichts zu sagen, sie sah nur zurück,
+ach da lag ihr Wickelkind im Schnee! Immer wieder wandte sie den Kopf;
+jetzt bog sie um eine Ecke, sie sah sie nicht mehr! Ihr Liebling war
+dahin! Es war für das treue Puppenmütterlein ein Seelenschmerz. Dicke
+Tränen rollten ihr über die Wangen. Ihr Begleiter merkte es erst, als er
+ein unterdrücktes Schluchzen vernahm. Aber er fragte nicht, warum sie
+weine, er glaubte den Grund zu wissen. »Nicht weinen, Klärchen,« sagte
+er, »schäme dich, am hellen Tag auf der Straße zu weinen. Nun sind wir
+gleich zur Stelle, du wirst doch so weit marschieren können?« Es war
+eine Erleichterung, als am Bahnhof der große Mann ihre Hand frei gab,
+der Arm hatte so weh getan. Und nun saß sie im Wagenabteil zweiter
+Klasse auf weichem Kissen, und der Vormund sagte: »In deinem Alter
+durfte ich nie zweiter Klasse fahren, dir geht es besser als du es
+verdienst, sei nur recht dankbar.« Da kämpfte das kleine Wesen seinen
+Kummer nieder und sagte, die Tränen verschluckend: »Ich danke schön.«
+
+
+VI.
+
+Es war ein Uhr, als Herr Stahlhammer mit seinem Mündel in der Wohnung
+seiner Schwester ankam. Als Mine die Tür aufmachte und unerwartet an der
+Hand des Vormunds das Kind vor sich sah, von dem sie schon gehofft
+hatte, daß es vielleicht für immer wegbleiben würde, machte sie ein sehr
+erstauntes Gesicht. Für erstaunte Gesichter hatte aber Herr Stahlhammer
+keinen Sinn. Was er tat, war doch immer vernünftig, und über das
+Vernünftige hat niemand zu staunen. Er ließ sie deshalb nicht zu Wort
+kommen, sondern fragte kurz: »Fräulein Stahlhammer zu Hause?« und ging,
+als dies bejaht wurde, mit dem Kind ins Zimmer. »Ich bringe das Kind
+zurück,« sagte er zu seiner Schwester und mit einem Blick auf den Tisch,
+von dem sie offenbar im Begriff war, das Tischtuch wegzunehmen, setzte
+er mißfällig hinzu: »Schon fertig? Mir unbegreiflich, wie man so
+frühzeitig essen mag! Ich bin natürlich um mein Essen gekommen durch
+diese unangenehme Sache.«
+
+Fräulein Stahlhammer sah die unvermuteten Gäste an, den übelgelaunten
+Bruder und dann das Kind. Da kam es zurück nach zwei Tagen, stand da
+fremd und verschüchtert, mit deutlichen Spuren vergossener Tränen; einen
+erfreulichen Anblick boten die beiden nicht! Sie wollte dem Kind den
+Mantel ausziehen.
+
+»Ich denke, du sorgst zuerst für mich,« sagte der Rat, »das Kind kann
+sich wohl selbst bedienen.«
+
+Fräulein Stahlhammer ging in die Küche, die Kleine in das Schlafzimmer,
+ihr Mäntelchen abzulegen. Ach, da stand das leere Puppenbett, nun war es
+vorbei mit ihrer Selbstbeherrschung! Noch beim Essen fielen die Tränen
+in die Suppe und es war kein Wunder, daß der Vormund zu seiner Schwester
+sagte: »Das Kind macht mich nervös mit seinem ewigen Geheul, kannst du
+nicht Maßregeln treffen, es abzustellen?« Da wurde Mine gerufen, sie
+sollte die Kleine zu Bett bringen. Fräulein Stahlhammer dachte nicht
+anders, als daß die Rückkehr zu ihr dem Kinde so schwer falle, denn den
+wahren Grund des Kummers kannte sie nicht. Kaum war Klärchen mit Mine
+allein, so brach sie in den Schmerzensruf aus: »Mein Wickelkind habe ich
+fallen lassen, im kalten Schnee liegt’s auf seinem Gesicht und friert!«
+
+»Leise, leise, daß man dich nicht hört,« mahnte das Mädchen, »warum hast
+du es nicht aufgehoben, wenn es hinuntergefallen ist?«
+
+»Ich weiß nicht, ich weiß nicht!« schluchzte das Kind.
+
+»Sag’s nur niemand, daß du deine Puppe verloren hast, sonst geht dir’s
+schlecht! Schlupfe unter die Decke, daß man dich nicht weinen hört; so
+ist’s recht, jetzt schlafe!«
+
+Nachdem der Vormund getafelt hatte, sagte er zu Fräulein Stahlhammer:
+»Wie gedenkst du das Kind zu strafen dafür, daß es ohne Erlaubnis das
+Haus verlassen hat?«
+
+»Ach, Bruder, das Kind ist doch genug bestraft; du siehst ja, wie
+unglücklich es ist. Und überdies ist es nur natürlich, daß es seinem
+Onkel gefolgt ist.«
+
+»Es muß aber lernen, daß es nichts unternehmen darf ohne deine oder
+meine Genehmigung. Bestrafst du es jetzt, so weiß es das für künftige
+Fälle. Das wirst du mir zugeben?« Und als seine Schwester nicht gleich
+Antwort gab, fügte der Rat etwas gereizt hinzu: »Oder meinst du
+vielleicht, wenn du sie nicht strafst, sieht sie ihr Unrecht besser
+ein?«
+
+»Rudolf, du quälst mich. Ich kann das arme Wesen dafür nicht strafen; du
+kannst das Kind wegnehmen, – ich habe es ja nie gewollt – aber wenn du
+es bei mir lassen willst, dann muß ich es so behandeln, wie mich mein
+Herz treibt.«
+
+»Quälen wollte ich dich nicht, nur belehren, aber du läßt dich nicht
+belehren. Statt Gründe vorzubringen, kommst du mit deinem Herzen. So
+sieh eben zu, wie du zurechtkommst. Ich will mich nicht weiter
+einmischen, nur an das eine möchte ich dich noch mahnen: ohne Strenge
+wird kein Kind erzogen. Erinnere dich, wie hart wir beide erzogen
+wurden.«
+
+»Gewiß,« sagte die Patin, »das gebe ich ja zu, Strenge muß sein.«
+
+»Nun ja, das wollte ich auch nur betonen; wenn du es in diesem
+besonderen Fall durchaus nicht für angemessen hältst, so will ich da
+nicht eingreifen.« So klang die Unterredung noch versöhnlich aus. Ein
+paar Stunden später war der Vormund auf der Heimreise begriffen.
+
+Wenn wir es mit Klärchen gut meinen, so müssen wir uns jetzt nach ihrem
+verlorenen Wickelkind umsehen.
+
+Ein altes Mütterchen, das an seinem Fenster saß, während Herr
+Stahlhammer mit Klärchen vorüberging, hatte die Puppe fallen sehen. Sie
+öffnete das Fenster; es ging nur nicht so schnell, denn zuerst mußte
+vorsichtig der Vorhang weggezogen werden. Als sie sich hinauslehnte,
+waren die Beiden schon ein gutes Stück vom Haus weg und der schwache Ruf
+der Frau wurde vom Wagengerassel übertönt. Ein kleiner Junge sprang
+vorüber. »Reich’ mir die Puppe herauf!« rief die alte Frau, und so kam
+das verlorene Gut in ihre Hände. Sie hatte das ängstliche Zurückschauen
+Klärchens bemerkt und der schmerzliche Blick ging ihr nach. Wenn sie
+sich auch immer wieder sagte: »Ein dummes Dinglein ist’s gewesen, daß es
+seine Puppe nicht aufgehoben hat, es geschieht ihr recht,« so konnte sie
+sich doch nicht eher beruhigen, als bis sie in das Anzeigeblatt eine
+Anzeige eingesandt hatte: »Eine Wickelpuppe gefunden. Bahnhofstraße
+5 p.«
+
+Als am nächsten Tag Frau Professor Kuhn nach ihrer Gewohnheit den
+Anzeiger las, fiel ihr Blick auf das Wort »Wickelpuppe«. Sie hatte ja
+erst mit so viel Liebe eine solche Puppe gekleidet. Gut, daß Klärchen
+in der Eile wenigstens ihre Schätze noch mitgenommen hatte. Wie traurig,
+wenn sie auch ihr Wickelkind entbehren müßte! Wo hatte man die Puppe
+gefunden? In der Bahnhofstraße. Durch die mußte Klärchen mit dem Vormund
+gekommen sein. Wie merkwürdig, daß zwei Wickelpuppen an diesem Wintertag
+durch die Bahnhofstraße getragen wurden! Oder sollte es gar die von
+Klärchen sein? Ja, das Kind hatte so vielerlei zu tragen gehabt; gewiß
+hatte es die Puppe fallen lassen, ohne es zu bemerken. Die Tante hatte
+kaum vor den Kindern diese Befürchtung ausgesprochen, als auch Heinrich
+schon davonrannte nach der Bahnhofstraße. Frohlockend kam er nach kurzer
+Zeit mit dem kostbaren Gut zurück. Das Lächeln der Vorübergehenden, die
+den Lateinschüler so fröhlich mit der Wickelpuppe springen sahen,
+beachtete er nicht. Die Leute meinten wohl, es sei eine gewöhnliche
+Puppe, ein Spielzeug; aber das war es ja nicht, es war etwas anderes,
+war Klärchens Ein und Alles!
+
+In der Familie des Professors hatte Klärchens Entführung allgemeine
+Entrüstung hervorgerufen, und nun, da noch das Mitleid hinzukam, reifte
+bei Konrad ein Entschluß. Er wollte die Puppe nach Waldeck bringen und
+dort bleiben über die ganzen Weihnachtsferien, um zu sehen, ob Fräulein
+Stahlhammer immer so hart gegen ihr Patchen sei, wie es ihnen allen am
+heiligen Abend erschienen war. Als er am Familientisch diesen Vorschlag
+machte, kamen von allen Seiten Entgegnungen.
+
+»Fräulein Stahlhammer wird jetzt niemand aus unserem Haus willkommen
+heißen,« meinte der Onkel; die Tante fürchtete, der Vormund werde es
+nicht billigen; Heinrich fand, daß er überall sonst seine Ferien lieber
+zubringen würde als bei Fräulein Stahlhammer. Aber allen wäre es von
+Wert gewesen, Näheres zu erfahren über Klärchens neue Heimat, und so war
+das Ende der Beratung doch, daß Konrad nach Waldeck gehen und dort sein
+Glück probieren solle. Er schnürte sein Bündelchen und machte sich auf
+den Weg.
+
+An diesem Tag ging Klärchen so müßig umher, daß es der Patin auffallen
+mußte, denn sie war gewöhnt, die Kleine immer mit ihrer Puppe
+beschäftigt zu sehen. »Wo ist denn heute deine Puppe?« fragte sie.
+Klärchen erschrak, nach Mines Warnung wagte sie nicht die Wahrheit zu
+sagen. »Hole doch deine Puppe herein,« wiederholte Fräulein Stahlhammer,
+»wo hast du sie denn?«
+
+»Ich weiß nicht,« sagte Klärchen.
+
+»So suche oder frage Mine danach.«
+
+Klärchen ging in die Küche. »Mine, was soll ich sagen, die Patin fragt
+nach der Puppe?«
+
+»Sagst nur, du habest sie bei der Tante gelassen.«
+
+»Ich habe aber schon gesagt, daß ich nicht wisse, wo sie ist.«
+
+»Dann sagst du wieder so.«
+
+Lange scheute sich die Kleine, wieder ins Zimmer zu gehen; als sie es
+endlich tat, stand Fräulein Stahlhammer in Hut und Mantel da, im
+Begriff, einen Ausgang zu machen. Klärchen hoffte schon, sie würde nicht
+mehr gefragt, aber das erste Wort der Patin war: »Nun, hast du die
+Puppe? Hast du sie nicht gefunden? Und Mine auch nicht?« Die Kleine war
+in sichtlicher Verlegenheit, die Patin merkte, daß etwas nicht in
+Richtigkeit war. »Nun sag’ mir einmal, wo sie ist, Klärchen?« Da schlug
+die Kleine die Augen nieder und sagte: »Ich weiß nicht.«
+
+Fräulein Stahlhammer suchte Mine auf. »Das Kind will mir nicht sagen, wo
+die Puppe ist. Wissen Sie etwas davon?«
+
+»Ach, das arme Wurm getraut sich’s nur nicht zu gestehen, sie hat ja
+die Puppe mit auf die Reise genommen und unterwegs verloren.«
+
+Fräulein Stahlhammer war peinlich berührt. Das Kind hatte Mine ihr
+Vertrauen geschenkt, ihr selbst aber die Unwahrheit gesagt. Ja, diesmal
+mußte Strafe sein; das war ein anderer Fall, lügen durfte das Kind
+nicht, um keinen Preis. Als sie wieder ins Zimmer kam, warf die Kleine
+einen ängstlichen Blick auf sie, ein böses Gewissen war deutlich auf dem
+Gesicht geschrieben. »Klärchen,« sagte die Patin, »warum hast du mir
+nicht gesagt, daß du deine Puppe verloren hast? Warum hast du gesagt:
+ich weiß nicht? Da hast du mich angelogen, und das ist ganz abscheulich,
+so mag ich dich nicht, und so mag der liebe Gott dich nicht. Sieh, wenn
+ein Kind so böse ist, dann wird es genommen und zur Strafe da hinauf
+gesetzt.« Mit diesen Worten faßte Fräulein Stahlhammer die kleine
+Gestalt, hob sie hoch hinauf und setzte sie oben auf den Schrank, der an
+der Wand stand. Die Kleine schrie, streckte beide Arme ängstlich an die
+Wand und wagte gar nicht, von der Höhe herunter zu schauen. »Da bleibst
+du nun sitzen,« sagte Fräulein Stahlhammer, »und nimmst dir vor, daß du
+ein andermal nicht mehr lügen willst. Alle unartigen Kinder werden da
+oben ganz brav. Sei nur still, denn solange du noch weinst, bist du noch
+ganz unartig und fällst vielleicht herunter. Wenn du aber brav sein
+willst und ruhig, dann kannst du gar nicht fallen, und wenn ich
+heimkomme, hebe ich dich herunter.«
+
+Als Klärchen das hörte, war sie ganz still; die Patin ging. Draußen
+sagte sie noch zu Mine: »Ich habe das Kind zur Strafe auf den Schrank
+gesetzt. Wenn ich in einer halben Stunde nicht kommen sollte, dann holen
+Sie sie herunter, aber früher nicht.«
+
+Die Patin ging; neugierig schlich Mine sich ins Zimmer. Wirklich, da
+saß die Kleine hoch droben, regungslos an die Wand gedrückt. Mine fühlte
+sich selbst schuldig, ihr Gewissen schlug, gerne hätte sie die Kleine
+aus ihrer Lage erlöst. »Ich möchte dich gerne herunterholen, Klärchen,«
+sagte sie, »aber wenn die Patin vielleicht noch einmal umkehrt, zankt
+sie.«
+
+»Nein, du darfst mich nicht holen, sonst falle ich,« sagte Klärchen.
+»Bloß, wenn man brav ist, hält man fest, die Patin hat’s gesagt. Gelt,
+ich bin jetzt brav? Ich lüge jetzt nicht und ich lüge auch das
+nächstemal nicht, wenn ich ein Wickelkind verliere. Gelt, dann kann ich
+gar nicht fallen?«
+
+»Nein, nein, du fällst nicht,« beruhigte Mine. Sie hatte wirklich
+Mitleid. »Ich gehe schnell hinaus, weil jemand geklingelt hat, aber dann
+komme ich gleich wieder herein zu dir.« Geklingelt hatte Konrad. Daß er
+gerade in _diesem_ Augenblick erschien, paßte Mine vortrefflich; er
+sollte nur seine kleine Schwester in ihrer traurigen Lage sehen, das
+konnte schon zu dem Entschluß beitragen, sie nicht hier zu lassen. Sie
+führte ihn unvorbereitet ins Zimmer und der gute Junge erschrak, als er
+sein Klärchen in solcher Höhe erblickte. Sie aber strahlte, als sie ihn
+hereinkommen sah. »Konrad, Konrad!« rief sie, wagte sich aber nicht zu
+rühren. »Fräulein Stahlhammer hat sie da hinauf gesetzt,« sagte Mine,
+»zur Strafe; ich darf es nicht herunterholen, das arme Kind. Gut, daß
+Sie da sind, dann ist sie doch nicht so allein, denn ich sollte kochen,«
+und sie eilte in die Küche.
+
+Konrads erster Gedanke war, wie er wohl seine Schwester befreien könne,
+denn er war empört, sie in dieser hilflosen Lage zu finden. Aber als er
+nur ein Wort von seiner Absicht sagte, wehrte Klärchen ab. »Ich muß
+bleiben,« sagte sie, »bis die Patin heimkommt, ich muß still sein, daß
+ich nicht falle.« »Aber was hast du denn Böses getan?« fragte Konrad,
+und mit tiefem Ernst im Gesichtchen antwortete die Kleine: »Gelogen!«
+Das war auch nach Konrads Ermessen ein ernster Fall. »Wegen meinem
+Wickelkind,« sagte Klärchen. »Konrad, es ist in den Schnee gefallen,«
+und nun brach wieder der Jammer hervor. Aber da hatte Konrad den besten
+Trost. Schnell packte er sein kleines Ränzchen aus und hob hoch in die
+Höhe, daß es Klärchen wohl hätte erreichen können, das wiedergefundene
+Kleinod. Aber so groß auch ihr Verlangen war, sie wagte nicht, sich
+vorzubeugen. »Mein Wickelkind!« rief sie und winkte zärtlich mit den
+Händchen. »Warte, ich bringe dir’s.« Mit diesen Worten zog Konrad einen
+Tisch herbei, stieg hinauf und legte die Puppe in Klärchens Arme und
+nun, da er doch schon so hoch war, schwang er sich vollends auf den
+Schrank, setzte sich neben die kleine Schwester, legte den Arm hinter
+sie, und so beschützt fühlte sich die Kleine ganz glücklich; streichelte
+bald den Bruder, bald die Puppe, bekannte auch ihre Unwahrheit und nahm
+die brüderlichen Ermahnungen zur Wahrhaftigkeit sehr ernst auf.
+
+Während so das Geschwisterpaar nebeneinander saß, kam Fräulein
+Stahlhammer mit eilenden Schritten schon wieder auf ihr Haus zu. Sie
+hatte mehrere Besorgungen machen wollen, aber sie war kaum eine
+Viertelstunde aus dem Haus gewesen, als der Gedanke an Klärchen sie
+beunruhigte. Wenn das Kind herunterfiele? Aber sie selbst war auf diesem
+Strafplatz als kleines Mädchen auch gesessen und öfter als einmal ihr
+Bruder, und man konnte doch von dem breiten festen Schrank gar nicht
+herunterfallen. Aber Klärchen war zarter, ängstlicher, wenn sie sich zu
+sehr aufregte oder wenn sie einschliefe? Nein, sie wollte lieber ihre
+Ausgänge ein andermal machen und heimgehen. »Ich hätte nicht fortgehen
+sollen,« sagte sie sich, »aber meine Mutter ist auch einmal
+fortgegangen.« Ja, Fräulein Stahlhammer wußte es noch genau, ihr Bruder
+war wohl schon eine Stunde lang zur Strafe droben gesessen, und so oft
+ihn die Mutter fragte, ob er nun brav sein wolle, hatte er trutzig die
+Antwort verweigert. So war die Mutter fortgegangen und er hatte bis
+Abend ausharren müssen. Ob wohl auch Klärchen so trutzig sein würde? Wie
+würde sie sie wohl finden? Ungewöhnlich rasch stieg sie die Treppe
+hinauf, schloß die Wohnung auf und öffnete mit wahrem Herzklopfen die
+Türe des Zimmers. An viele Möglichkeiten hatte sie gedacht, aber an
+_die_ nicht, daß statt _eines_ Kindes zwei auf dem Schrank sitzen
+würden. Wie ein Schutzengel erschien ihr der Knabe da oben, der die
+ängstliche Kleine umschlungen hielt; nur waren die langen Beine, die da
+in beschmutzten Stiefeln am Schrank herunter hingen, so gar nicht
+engelhaft anzusehen. Und nun machte der Schutzengel einen Satz herunter
+auf den Tisch, von da auf den Boden, grüßte in einiger Verlegenheit und
+sagte: »Ich bin gerade zufällig mit der Puppe gekommen und habe sie
+Klärchen hinaufgereicht.«
+
+Im ersten Augenblick war Fräulein Stahlhammer nur glücklich gewesen, daß
+sie das Kind wohlbehalten vor sich sah, im zweiten dachte sie: Hätte
+lieber _mein_ Bruder statt _ihr_ Bruder Klärchen so getroffen. Was wird
+er denken und daheim berichten von mir! »Klärchen ist in Strafe,« sagte
+sie jetzt, »weil sie mir die Wahrheit nicht gesagt hat. Aber sie will
+jetzt gewiß wieder brav sein,« fuhr sie fort, sich zu dem Kinde wendend
+und voll Sorge, ob es nun einen peinlichen Auftritt geben werde. »Ich
+bin schon die ganze Zeit brav gewesen,« sagte Klärchen, »der Schrank hat
+auch gar nicht gewackelt.«
+
+»So ist’s recht,« sagte die Patin, der es ganz leicht ums Herz wurde,
+»dann komm, mein Kind!« Und sie faßte Klärchen und hob sie herunter.
+
+Es war inzwischen Mittag geworden und Fräulein Stahlhammer lud Konrad zu
+Tisch. Er nahm es dankbar an; noch hatte er die Frage nicht über die
+Lippen gebracht, ob er einige Tage bleiben dürfe. Daheim war er wie ein
+Märtyrer angesehen worden, daß er seine Ferienzeit bei Fräulein
+Stahlhammer zubringen wollte, jetzt aber kam er sich nur wie ein
+zudringlicher Gast vor. Die Schwester kam ihm unwillkürlich zu Hilfe.
+
+»Darf denn der Konrad jetzt oft da essen?« fragte sie und rückte ihren
+Stuhl ganz dicht an den seinigen.
+
+»Das will er selbst nicht,« sagte Fräulein Stahlhammer, »sonst dürfte
+er’s wohl.«
+
+»O doch, ich möchte schon, wenn Sie es erlauben,« sagte er, sich an die
+Patin wendend, »dürfte ich einige Tage dableiben?« Fräulein Stahlhammer
+schien betroffen. Sie hatte so ein unbestimmtes Gefühl, als habe man ihr
+einen Kundschafter ins Haus geschickt, denn freiwillig war noch nie ein
+Kind zu ihr gekommen.
+
+»_Warum_ möchtest du da bleiben?« fragte sie und sah ihn fest dabei an.
+Unwillkürlich erinnerte sich Konrad, wie er daheim gesagt hatte, er
+möchte dahinter kommen, wie Fräulein Stahlhammer eigentlich sei, und das
+harte Urteil, das man über sie gefällt hatte, kam ihm ins Gedächtnis. Er
+geriet in sichtliche Verlegenheit; den wahren Grund konnte er nicht
+angeben, Ausflüchte zu machen war er nicht gewöhnt. Aber Fräulein
+Stahlhammer brauchte auch keine Antwort mehr. Sie wußte genug. Ruhig und
+fest, ihre große Gestalt stramm aufrichtend, sagte sie: »O ja, du kannst
+hier bleiben so lange du willst; dein Onkel und deine Tante können auch
+selbst kommen, und es ist mir sogar lieber, sie bleiben länger da als
+wenn sie, wie dein Onkel an Weihnachten, auf fünf Minuten kommen und
+dann ganz falsche Eindrücke mit wegnehmen.«
+
+Es war gut, daß Klärchen in der Herzensfreude über des Bruders längeren
+Besuch voll Fröhlichkeit war und harmlos plauderte, sonst wäre das
+Mittagessen wohl etwas peinlich gewesen.
+
+Fräulein Stahlhammer war unwillkürlich zurückhaltend; es lag ihrem Wesen
+fern, sich einen guten Schein geben zu wollen; sie war in diesen Tagen
+eher weniger herzlich gegen Klärchen als sonst, und das Kind, da es
+seinen geliebten Bruder als Gespielen hatte, wandte sich nie an die
+Patin. Die Geschwister waren viel allein miteinander und da ging der
+Kleinen das Herz auf, und allmählich kam alles zu Tag, was sie erlebt
+hatte. Immer kehrte in ihren Berichten der Satz wieder: »Das darf man
+nicht vor der Patin sagen, Mine hat es verboten.« Auch daß Mine oft
+fortging und Klärchen ganz allein zu Hause ließ, kam unter dem Siegel
+der tiefsten Verschwiegenheit heraus, und Konrad war noch keine acht
+Tage im Haus, als er schon den Eindruck hatte, daß die anscheinend so
+wohlmeinende Mine auf sein Schwesterchen nur einen schlimmen Einfluß
+ausübe, obwohl er nicht recht durchschauen konnte, warum. Mit schwerem
+Herzen trennte er sich, als die Feiertage vorüber waren, von der
+Kleinen, die ihn nicht ziehen lassen wollte. Es war ihm, als ließe er
+sie unter Fremden, während er selbst in einen trauten, fröhlichen
+Familienkreis heimkehren durfte.
+
+Herr und Frau Professor Kuhn hatten inzwischen einen Beschluß gefaßt.
+Wenn Konrad mit ungünstigen Berichten zurückkäme, so wollten sie an
+Ostern, wo einer ihrer Kostgänger abgehen würde, dem Vormund anbieten,
+Klärchen zu sich zu nehmen.
+
+Und nun kam Konrad, noch betrübt von dem Abschiedsschmerz, und gleich
+der Beginn seiner Erzählung, wie er die Kleine auf dem Schrank in Strafe
+getroffen habe, weil sie nicht gewagt habe, das Ungeschick mit der Puppe
+einzugestehen, erregte einen Sturm der Entrüstung; und als er noch den
+zweifelhaften Einfluß Mines hervorhob, wurde beschlossen, noch heute an
+den Vormund zu schreiben. Der Professor faßte einen Brief ab, in dem er
+sich erbot, Klärchen zu sich zu nehmen, da sie ja nur auf Probe bei
+Fräulein Stahlhammer untergebracht sei. Die Geschwister wären wohl am
+glücklichsten, wenn sie beisammen wären.
+
+Herr Stahlhammer saß eben am Frühstück, als der Brief ankam. Er erbrach
+ihn schon mit gerunzelter Stirne und sie wurde nicht heller beim
+Durchlesen. Am nächsten Sonntag fuhr er zu seiner Schwester hinaus und
+legte den Brief vor sie. »Da lies,« sagte er, »dieses Getue mit dem Kind
+ist mir allmählich zuwider.« Fräulein Stahlhammer las den Brief. Der
+Kundschafter hatte also keine befriedigende Kunde gebracht. Das tat ihr
+weh. Sie tat doch an dem Kind was sie konnte. Sie hätte es vielleicht
+selbst nach einem halben Jahr gern abgegeben, aber daß diese Familie es
+ihr abverlangte, verletzte sie. Konrad war nett gewesen, sie hatte ihm
+zugetraut, daß er Gutes berichten würde. Er kam ihr falsch vor. »Was
+soll ich den Leuten antworten?« fragte ihr Bruder.
+
+»Daß ich das Kind behalten will,« sagte Fräulein Stahlhammer bestimmt.
+
+»Dauernd?«
+
+»Ja, dauernd!«
+
+»Das ist mir sehr angenehm, Schwester. Ich werde dem Professor Bescheid
+geben und dann wird hoffentlich von dem Mädchen nicht mehr gesprochen,
+bis es konfirmiert ist; wenn alle Mündel so viel Plage machten, fände
+man keinen Vormund mehr!« Diesmal zog der Rat sehr befriedigt heimwärts
+und schrieb ganz artig, er danke für den Vorschlag; seine Schwester
+wolle das Kind dauernd behalten, es sei dort in vorzüglicher Pflege.
+
+Als nach ihres Bruders Weggehen Fräulein Stahlhammer ihr Pflegekind
+aufsuchte, und es allein in einer Ecke des Schlafzimmers still sitzend
+fand, kam es ihr vor, als habe sie dem Kind ein schweres Leid angetan.
+Ein fröhlicher Familienkreis hatte sich ihr geboten und sie hatte es
+daraus verbannt durch ihr Wort: »Ich will es behalten.« Und dieses Wort
+hatte sie nicht aus edlen Gründen gesprochen.
+
+Bitter enttäuscht waren die Brüder, als die abschlägige Antwort des
+Vormunds eintraf. Zu ändern war daran nichts mehr, das sahen sie ein,
+aber etwas konnte doch getan werden, so dachte wenigstens Heinrich und
+er schmiedete ganz im stillen Pläne. Mußte Klärchen bei der Patin
+bleiben, so sollte wenigstens Mine fort, und das wollte er
+bewerkstelligen.
+
+Am nächsten Sonntag wanderte er ganz allein nach Waldeck. Von vier bis
+sechs Uhr war die Patin im Verein der Dienstmädchen, das wußte er. Er
+strich ums Haus herum, bis er die hohe Gestalt der Fräulein Stahlhammer
+über die Straße schreiten sah, und bis sie endlich seinen Blicken in der
+Ferne entschwand; dann ging er hinauf und als ihm Mine öffnete, folgte
+er ihr in die Küche, ohne nach seiner Schwester zu fragen. Heinrich war
+ein gut Stück kleiner als Konrad, sah noch recht kindlich aus für seine
+zwölf Jahre, aber ein schelmisches, aufgewecktes Gesicht sah unter dem
+welligen Haar hervor.
+
+»Was willst du denn von mir, Heinrich?« fragte das Mädchen verwundert.
+»Ich habe Ihnen etwas mitgebracht, Mine,« sagte er und zog aus seiner
+Tasche ein Zeitungsblatt hervor. Neugierig sah sie hinein, als er das
+Blatt aufschlug. »Da lesen Sie einmal, Mine, das ist unser
+Lokalanzeiger, da sind lauter schöne Stellen für Dienstmädchen
+ausgeschrieben. Zum Beispiel da: »Ein Dienstmädchen gesucht bei hohem
+Lohn,« und da »Bei guter Behandlung« und vollends die Anzeige müssen Sie
+lesen »Alljährlich steigender Lohn und beste Behandlung.« Mit großer
+Aufmerksamkeit folgte Mine Heinrichs Fingerzeig. »Fein,« sagte sie,
+»aber ich will ja gar nicht fort von hier.«
+
+»Warum denn nicht? In der großen Stadt ist’s doch schöner.«
+
+»Schon, aber ich habe hier einen guten Bekannten.«
+
+»Ach, gute Bekannte bekommen Sie bei uns auch, sogar einen
+Jungfrauenverein gibt’s.«
+
+»Das ist doch wieder was anderes,« sagte Mine, »und warum soll ich denn
+fort?«
+
+»Ich habe eben so gedacht,« sagte der Schelm ganz ernsthaft, »das
+Klärchen macht doch schon Arbeit und wenn nun mein Bruder und ich auch
+noch kommen –«
+
+»Zu uns? Ins Haus? Für ganz?«
+
+»Wir Geschwister möchten eben gern beisammen sein und Platz ist ja da.
+Wir haben freilich viele Sachen. Zum Beispiel meine Raupensammlung; die
+müßte ich schon in der Küche aufstellen, denn im Zimmer paßt das nicht,
+weil die Raupen doch manchmal durchgehen.«
+
+»Pfui tausend, sei mir still davon,« sagte Mine.
+
+»Oho, meine Raupen sind schön, da sehen Sie doch einmal,« und auf einmal
+zog er aus seiner Tasche ein Gläschen, in dem ein paar Raupen von der
+dicksten Sorte herumkrochen. Er band es auf, Mine wich ein paar Schritte
+zurück, er folgte ihr.
+
+»Geh mir weg mit dem häßlichen Getier, ich kann’s nicht leiden.«
+
+»So? das ist aber ärgerlich. Denn wo ich bin, da sind auch Raupen und
+beim besten Willen kann man das nicht vermeiden, daß sie manchmal
+herumkriechen.«
+
+»Schöne Aussicht!«
+
+»Darum meine ich eben auch, ob Sie nicht einen andern schönen Dienst
+suchen wollen?«
+
+»Ja, wenn drei Kinder ins Haus kommen und Ungeziefer dazu, dann gern. Es
+gibt ja auch hier Plätze genug. Mach doch dein Raupenglas wieder zu.«
+
+»Gleich, gleich, lassen Sie doch sehen, ich meine, es krabbelt schon
+eine an Ihrem Rücken, ja, jetzt kommt sie an den Hals.« Mine tat einen
+lauten Schrei. »Tu sie weg, du abscheulicher Bub du, gleich tu sie weg!«
+
+»Ja,« sagte Heinrich, »aber sachte, daß ihr nichts geschieht, es ist
+eine von meinen größten,« und der Schlingel berührte Mine sachte am
+Hals, so daß sie die Raupe zu verspüren meinte. »Ich bitte dich,
+Heinrich, sei so gut, nimm sie weg.«
+
+»Ja, wenn Sie mir versprechen, daß Sie gehen.«
+
+»Gern, gern, ich mag ja gar nicht mehr bleiben. Ist das Tier weg?«
+
+»Gleich kommt’s weg. Gehen Sie im nächsten Monat?«
+
+»Ja, ja, auf den Ersten, so bald wie möglich.«
+
+»Dann ist’s recht; da ist ja schon die Raupe wieder im Glas, sehen Sie
+nur.« Lachend lief er dem zürnenden Mädchen davon. »Jetzt will ich zu
+Klärchen,« sagte er.
+
+Als sich Mine ein wenig beruhigt hatte, nahm sie das Zeitungsblatt
+wieder; die feine Stelle mit dem alljährlich wachsenden Lohn fesselte
+sie doch und gab ihr zu denken; schließlich konnte man seine guten
+Bekannten auch von der Stadt aus treffen. Heinrich machte sich zeitig
+auf den Heimweg. Er war in vergnügter Stimmung. Der erste Plan war
+gelungen, nun kam der zweite. Zu Hause sagte er gar nichts davon, denn
+Onkel und Tante wollten sich nicht in die Angelegenheiten von Fräulein
+Stahlhammer mischen; es war ja auch nicht nötig, das konnte er schon
+selbst besorgen. Er wollte auch Konrad nicht einweihen, denn der hatte
+immer so vielerlei Bedenken und würde auch jetzt immer nur sagen: »Das
+geht nicht.« Es mußte aber fein gehen!
+
+
+VII.
+
+Unter der großen Anzahl von Dienstmädchengesuchen konnte man am nächsten
+Tag im Lokalanzeiger lesen: »Es wird ein recht gutes, freundliches
+Dienstmädchen gesucht bei stets steigendem Lohn. Näheres um zehn Uhr im
+Gymnasiumshof.«
+
+Als der Zeitungsträger den Lokalanzeiger wie jeden Tag mittags ins Haus
+brachte, sah Heinrich ganz begierig nach: richtig, da kam _seine_
+Anzeige unter vielen andern. Er war überzeugt, daß niemand außer
+Stellensuchenden diese Anzeige lesen würde und daß er gewiß ganz
+unvermerkt während der Unterrichtspause, die von zehn bis ein Viertel
+auf elf Uhr stattfand, in den Hof des Gymnasiums gehen und sich unter
+den Dienstmädchen, die da kommen würden, die freundlichste heraussuchen
+könne. Name und Wohnung der Patin hatte er schön deutlich auf einen
+Zettel geschrieben, den wollte er dann der Auserwählten geben, damit sie
+sich Fräulein Stahlhammer anbiete. Nur durfte sie nicht sagen, wer sie
+geschickt habe; wenn sie ihm nur das gewiß versprach!
+
+Es hatte aber doch noch jemand anders als nur Dienstmädchen die Anzeige
+gelesen. Der Schuldiener des Gymnasiums hatte eine Frau, die von der
+ganzen Zeitung nichts las als die Anzeigen, diese aber gründlich. Sie
+brachte am Abend ihrem Mann das Blatt. »Da sieh doch nur, wer kann das
+sein, der die Dienstmädchen in unseren Hof bestellt!« Der Schuldiener
+machte ein ernstes Gesicht. »Das ist ein Unfug,« sagte er »und muß dem
+Herrn Rektor gemeldet werden!«
+
+»Laß mich nur erst besinnen,« sagte die Frau, »es kommt doch darauf an,
+wer’s ist; das bring ich schon heraus, es muß ja von unseren Professoren
+jemand sein. Einer, der nicht will, daß das Mädchen sich in der Wohnung
+zeigt, weil der alten noch nicht gekündigt ist. Der Herr Rektor selbst
+ist’s natürlich nicht, der Herr kümmert sich nicht um das
+Dienstpersonal, und von den alten Herren täte so etwas auch keiner.
+Weißt du, wer das ist? Niemand anders als der neue Mathematikprofessor.
+Bei dem ist immer Magdnot, _sie_ ist keine rechte Hausfrau und _er_ ist
+ein guter Mann und ein absonderlicher. Der macht sich gar nichts daraus,
+wenn’s seine Frau haben will, und läßt die Mädchen kommen und schaut sie
+durch seine Brille an und nimmt dann natürlich die ungeschickteste. Da
+muß ich schon um den Weg sein und zum Rechten sehen, daß er nicht gar so
+dumm hineintappt. Brauchst dem Rektor nichts zu sagen.«
+
+Aber der Diener kannte seine Pflicht. Er ließ seine Frau reden und
+brachte das Zeitungsblatt dem Rektor der Anstalt, einem älteren ruhigen
+Herrn, dem schon Schwierigeres im Leben vorgekommen war. Ihm teilte er
+auch die Vermutung seiner Frau mit. »Es kann ja sein, daß Professor
+Graun, der hier noch fremd ist, auf diesen etwas wunderlichen Gedanken
+kam,« sagte der Rektor, »ich werde ihn vorher fragen, dann kann die
+Sache noch anders eingerichtet werden. Es wäre mir lieb, wenn sich Ihre
+Frau nicht einmischte, können Sie das verhindern?« fragte er mit feinem
+Lächeln.
+
+»Herr Rektor, Sie wissen ja selbst, sie ist ein wenig neugierig,
+sozusagen gewalttätig; man bringt sie nicht recht aus dem Weg, wenn so
+etwas los ist.« »Nun es wird sich schon machen lassen,« sagte der
+Rektor, »die Sache ist ja gar nicht so vieler Worte wert. Wenn Professor
+Graun morgen früh kommt, so bitten Sie ihn, einen Augenblick zu mir zu
+kommen.« Damit war der Diener entlassen.
+
+Am nächsten Morgen vor acht Uhr, als der Mathematikprofessor ins
+Gymnasium kam, wurde ihm der Auftrag des Rektors ausgerichtet.
+
+»Wissen Sie vielleicht, wer diese Anzeige eingerückt hat?« fragte der
+Rektor.
+
+»Nein, davon habe ich keine Ahnung.« Der Rektor ging in den großen Gang,
+der in dem alten Gymnasiums-Gebäude auf drei Seiten den Hof umschloß.
+Durch diesen Gang hatten die Klassenzimmer ihren Eingang. Mit dem
+Anzeiger in der Hand stellte sich der Rektor an eines der Fenster. Um
+diese Zeit herrschte hier lautes Leben, alle die Schüler polterten die
+Treppe herauf und trabten über den Gang nach ihren verschiedenen
+Zimmern, dazwischen war der langsamere, festere Tritt der Lehrer hörbar.
+Heute wurde von letzteren ein jeder abgefaßt; der Rektor fragte nach der
+Anzeige, aber keiner wollte etwas davon wissen. Unter diesen Professoren
+war auch Heinrichs Onkel. Professor Kuhn aber ahnte ebensowenig wie die
+andern den Urheber der Anzeige und konnte darüber keinen Aufschluß
+geben. Allmählich kamen nur noch vereinzelte Schüler, jetzt schlug es 8
+Uhr, und die größte Stille herrschte in dem noch eben so belebten
+Gebäude, der Unterricht begann.
+
+Schlag 10 Uhr ertönte unten in des Dieners Wohnung ein zweimaliges
+Glockenzeichen; dies war der verabredete Ruf, dem die Frau des Dieners
+in das Rektoratszimmer zu folgen hatte. Sie stand schon am Posten am
+Eingang des Hoftors, ihre Neugierde war aufs höchste gespannt. Nein, wie
+fatal, gerade in _dem_ Augenblick klingelte ihr der Rektor. Diesmal
+sollte nur ihr Mann an ihrer Stelle gehen. »Peter!« rief sie, Peter!«
+Von Peter kam keine Antwort, dagegen wiederholte sich noch etwas stärker
+das Glockenzeichen; da gab es kein Besinnen mehr. Sie ging die Treppe
+hinauf, so schnell als es ihr, der wohlbeleibten Frau, möglich war.
+Einen Blick warf sie noch zurück, ehe sie den Hof aus dem Auge verlor,
+und da glaubte sie gerade noch ein Mädchen, ein ganz fein gekleidetes,
+durch das Hoftor kommen zu sehen. Der Rektor wartete schon unter der
+Türe seines Zimmers auf sie.
+
+»Gehen Sie sogleich hinauf in die Bodenkammer und holen Sie mir aus dem
+Kasten Nr. 5 alle diejenigen Hefte, die mit Klasse #IX# Jahrgang 88
+bezeichnet sind.«
+
+Ach, das war bitter! Bis diese Hefte ausgesucht waren, ging jedenfalls
+eine Viertelstunde hin! Eine so bedeutsame Viertelstunde! An eine
+Widerrede war nicht zu denken, sie mußte hinauf in die Bodenkammer. Aber
+etwas Glück ist doch meist beim Unglück, der Kasten Nr. 5 stand nahe bei
+der Dachlücke, und aus dieser herunter konnte man den Hof überblicken.
+Und da sah denn die gute Frau von ihrer Höhe aus was vorging. Die
+Schüler rannten wie alle Tage während der Pause in den Hof hinunter, der
+Herr Rektor und die Herren Professoren blieben aber nicht wie sonst in
+der kalten Jahreszeit in ihren Zimmern; einer nach dem andern erschien
+auf dem Gang, offenbar war jeder neugierig zu sehen was im Hof vor sich
+ging; auch Professor Kuhn war unter ihnen; und hinter seinem Fenster im
+Erdgeschoß blickte der Schuldiener hervor.
+
+Nun kam von der Straße herein durch den Torweg ganz unbefangen ein
+Dienstmädchen und sah sich um, nicht ahnend, daß sie von so vielen
+gestrengen Herren beobachtet wurde, denn sie traten alle etwas zurück,
+um nicht bemerkt zu werden. Unter den herumtollenden Knaben trat einer
+auf das Mädchen zu. Es war Heinrich. »Das ist der kleine Schubert,«
+sagte einer der Lehrer zu dem andern. »Ihr Kostgänger, nicht wahr, Herr
+Professor Kuhn?«
+
+»Mein Neffe und Pflegesohn. Sie sind verwaist, die beiden Schuberts.«
+
+»Ein aufgeweckter, netter Bursche; von allen merkt keiner außer ihm, daß
+dies Mädchen jemanden sucht.«
+
+»Ja, er ist immer dienstfertig, und wie eingehend er Bescheid gibt!«
+
+»Der betreffende Herr oder Dame, die die Mädchen hierher bestellt hat,
+scheint sich verspätet zu haben; aber da kommt schon wieder eine, das
+ist eine stattliche Person; und richtig, der kleine Schubert nimmt sich
+ihrer wieder an.«
+
+Die Herren Professoren lachten. Hätten sie das Zwiegespräch zwischen dem
+Dienstmädchen und Heinrich gehört, so wären sie wohl erstaunt gewesen.
+
+»Ich habe mir ja gleich gedacht, daß das nichts Rechtes ist,« sagte die
+große stattliche Köchin, »nur weil ich gerade vom Markt komme, hat mich
+die Neugier hereingetrieben, wer sich denn die Mädchen in den
+Gymnasiumshof bestellt. Daß es nur so ein kleiner Lausbub ist, hätte ich
+mir aber doch nicht gedacht.«
+
+»Es ist aber eine ganz gute Stelle,« sagte Heinrich, »und ich hab’s
+getan wegen meiner kleinen Schwester.«
+
+»Was wär’ denn hernach der Lohn?« fragte die Köchin von oben herab.
+
+»So genau weiß ich das nicht,« sagte Heinrich und dann, da hierauf das
+Mädchen höhnisch lachte und so gar nicht gutmütig aussah, fügte er
+offenherzig hinzu: »Ein besonders gutes Mädchen müßte es aber sein!«
+
+»Ja, ja, und eine rechte dumme dazu! Sieh, da kommt so was, das sieht
+dumm genug aus, um auf deinen Leim zu gehen.« Die Große verschwand, ein
+kleineres, vielleicht siebzehnjähriges Mädchen erschien im Hof, und
+diesmal ging Heinrich gleich auf sie zu.
+
+Oben bemerkte der Rektor: »Man könnte meinen, der kleine Schubert habe
+sie bestellt.«
+
+»Ja, wahrhaftig,« sagte sein Klassenlehrer, »er ist oft ein rechter
+Schelm und hat närrische Einfälle.«
+
+»Es kommt mir auch wunderlich vor,« meinte Professor Kuhn, dem es schon
+geraume Zeit unbehaglich zu Mute war, während er seinen Neffen
+beobachtete. Inzwischen hatte Heinrich in eiligen Worten – denn er
+fürchtete, das Ende der Pause möchte seine Unterhandlungen unterbrechen
+– dem Mädchen gesagt, er wisse eine feine Stelle bei einem alten
+Fräulein und einem herzigen kleinen Mädchen. Und dann schilderte er so
+rührend sein verwaistes Schwesterchen, daß er des Mädchens Teilnahme
+erregte. »Ich habe meine Mutter auch schon lange verloren,« sagte sie,
+»und deshalb bin ich schon seit meinem fünfzehnten Jahr im Dienst und
+hab’s so hart als Spülerin in einer Schenke. Wenn ich in ein so feines
+Haus kommen könnte!«
+
+»Freilich können Sie, da ist Name und Wohnung aufgeschrieben. Fahren Sie
+nur gleich am Sonntag hinaus, aber ja nicht sagen, daß ich Sie geschickt
+habe, bloß: Sie hätten’s gehört, nicht von wem. Und wenn Sie erst mein
+Klärchen sehen, dann werden Sie sich gar nimmer besinnen!«
+
+»Wie ist denn die Wohnung? Viele Zimmer und weiße Böden?«
+
+»Ja freilich, Platz genug und alles sauber und rein.«
+
+»Ich meine nur so, wenn’s so viele Zimmer sind, wegen dem Putzen, wenn
+alle Böden weiß sind –«
+
+»Ja so, ich glaube, sie sind doch nicht weiß, mehr so bräunlich –«
+
+»Vielleicht Parkett?«
+
+»Ja, ja wahrscheinlich.«
+
+»Parkett ist zum Reinigen fast noch anstrengender.«
+
+»Ich glaube auch gar nicht, daß sie Parkett sind, wie heißt man die
+Böden, die so bequem sind zum Putzen?«
+
+»Die angestrichenen.«
+
+»Ja, ja, angestrichen sind glaube ich alle.«
+
+»Und wie ist denn der Lohn?«
+
+»Der ist hoch und alljährlich wachsend, so viel ich weiß. Fräulein
+Stahlhammer wird Ihnen das alles sagen.«
+
+»Ist’s ein gutes Fräulein? Ich frage ja nur, weil’s das Kind nicht gut
+hat.«
+
+»Ja so, ja das Fräulein ist in allen wohltätigen Vereinen und schreibt
+sehr schöne Briefe.«
+
+»Ich wollte schon hinaus am Sonntag und mir’s ansehen, aber ums Fahrgeld
+ist mir’s halt.«
+
+»Ach, ans Fahrgeld habe ich gar nicht gedacht; aber warten Sie nur, ich
+kann Ihnen schon etwas geben; dreißig Pfennig kostet die Fahrkarte, so
+viel habe ich vielleicht noch Taschengeld, aber die Anzeige war so
+teuer.« Heinrich zog sein Beutelchen. »Nein, siebenundzwanzig sind’s nur
+noch, aber drei können Sie wohl darauflegen?«
+
+»Ja,« sagte das Mädchen gutmütig, »den letzten Pfennig will ich Ihnen
+auch nicht abnehmen, wenn ich nur zwanzig bekomme.«
+
+»Gut,« sagte Heinrich, »dann habe ich doch noch sieben im Beutel, die
+Woche ist noch lang!«
+
+Die Professoren hatten von Heinrichs Worten nichts verstehen können,
+aber als sie sahen, daß sich allmählich eine ganze Anzahl Schüler
+neugierig um die Beiden sammelte und daß Heinrich seinen Geldbeutel
+hervorzog, machten sie der Sache ein Ende; Professor Kuhn rief seinen
+Neffen herauf, gerade in dem Augenblick, als das kleine Dienstmädchen
+durch den Torweg verschwand.
+
+Als Heinrich in fröhlicher Stimmung, dem Ruf seines Onkels folgend, die
+Treppe hinaufsprang, war er nicht wenig bestürzt, den ganzen Gang voll
+Professoren zu sehen, ja sogar den Rektor neben seinem Onkel und dem
+Klassenlehrer. Ihm ahnte nichts Gutes und sein Herz klopfte angesichts
+so vieler gestrenger Herren. Es begann auch sogleich ein peinliches
+Verhör. Der Rektor fragte zuerst: »Was hast du mit dem Mädchen im Hof
+gesprochen?«
+
+Einen Augenblick zauderte Heinrich. So gewissenhaft wie sein älterer
+Bruder war er von Natur nicht und nicht immer hatte er bei seinen
+Streichen der Versuchung widerstanden, sich ein wenig herauszuschwindeln.
+Diesmal aber, in dem Gefühl, daß er in bester Absicht gehandelt hatte
+und auch unter dem Eindruck der Würdenträger, die vor ihm standen, hielt
+er mit der Wahrheit nicht zurück, sondern sagte gerade heraus: »Ich habe
+das Mädchen gedungen für Fräulein Stahlhammer, bei der meine kleine
+Schwester ist.«
+
+»So war von dir diese Anzeige verfaßt?« fragte der Rektor.
+
+»Ja,« sagte Heinrich, »die ist von mir.«
+
+»Wer hat davon gewußt?«
+
+»Wem hast du es vorher mitgeteilt?«
+
+»Gar niemand.«
+
+»Heinrich!« sagte der Onkel vorwurfsvoll, »weder der Tante noch Konrad?«
+
+»Niemand,« sagte Heinrich, »sie wären doch alle dagegen gewesen.«
+
+»Damit gibst du zu,« sagte langsam und nachdrücklich Heinrichs
+Klassenlehrer, »daß du dir wohl einer unrechten oder törichten Handlung
+bewußt warst.«
+
+»Für unrecht habe ich’s nicht gehalten,« sagte Heinrich, »aber für
+anders als man’s gewöhnlich macht, und das wollen sie immer nicht.«
+
+»Sie wollen es nicht? Wer ›sie‹?« fragte der Klassenlehrer scharf. »Wen
+meinst du mit diesem geringschätzigen ›sie‹?«
+
+»Bloß die Menschen,« sagte Heinrich.
+
+»Ich verstehe den Zusammenhang nicht,« sagte der Rektor, sich an
+Professor Kuhn wendend, »was kann ihn veranlaßt haben, für andere Leute
+ein Mädchen zu dingen? War er beauftragt?«
+
+»Nein, es geschah offenbar aus Mitleid. Seine kleine Schwester wird in
+ihrem Kosthaus von dem Dienstmädchen allem Anschein nach nicht gut
+behandelt und beeinflußt; darüber waren die Brüder – und ich allerdings
+mit ihnen – sehr betrübt. Meine Frau und ich konnten uns aber der
+Verhältnisse wegen nicht einmischen, und so scheint er auf diesen Ausweg
+verfallen zu sein.«
+
+»Nun,« fragte der Rektor, »und was hast du denn ausgerichtet? es sind
+wie mir scheint mehrere gekommen.«
+
+»Ja, zwei waren nichts, aber die dritte ist fein, sie hat mir
+versprochen, daß sie nach Waldeck fährt.«
+
+»Man darf vielleicht,« sagte der Onkel, sich an den Rektor und den
+Klassenlehrer wendend, »die Anhänglichkeit der drei erst kürzlich
+verwaisten Geschwister als Entschuldigung für Heinrich ansehen. Er hat
+es gut gemeint mit seiner Schwester.«
+
+»Wenn Sie es so auffassen,« sagte der Rektor, »so schließe ich mich
+Ihnen an, Sie kennen die Verhältnisse. Ich sehe keine strafbare Handlung
+in dem Vorgefallenen; du kannst gehen, Heinrich.« Dieser ließ sich’s
+nicht zweimal sagen; wie ein Wiesel schlüpfte er zwischen den Herren
+hindurch, möglichst schnell, denn wer konnte wissen, ob die Sache nicht
+eine andere Wendung nehme; seinem Klassenlehrer traute er nichts Gutes
+zu, er sah ihn so ungnädig an. In der Tat sagte dieser auch etwas
+mißbilligend zum Rektor: »Er ist gut durchgekommen für diese
+unziemliche Handlung, fast zu gut.«
+
+»Ja,« sagte der Rektor, »schicken Sie ihn nach Schluß der Schule noch
+einmal allein in mein Zimmer.«
+
+Diese Worte waren sehr nach dem Sinn des gestrengen Lehrers; Heinrich
+aber war bestürzt, als er durch den Lehrer erfuhr, daß noch etwas
+nachkommen sollte. Er fand sich nach dem Schluß der Schule im Zimmer des
+Rektors ein. (Auf dem Tisch lagen die Hefte der #IX.# Klasse aus dem
+Jahrgang 88.) »Du bist heute ohne Strafe durchgekommen,« sagte der
+Rektor, »das verdankst du der Fürsprache deines Onkels. Mit väterlicher
+Treue ist er für dich eingetreten. Einen andern Mann an seiner Stelle
+hätte es gekränkt, daß du ohne sein Wissen solche Dinge unternimmst. Er
+hat bewiesen, daß er dich lieb hat. Hast du auch ihn lieb?«
+
+»Ja,« sagte Heinrich, und das kam von Herzen.
+
+»Dann beweise auch du es. _Wie,_ das muß dir dein Herz sagen.«
+
+»Ich will’s tun,« sagte Heinrich.
+
+»Und noch etwas: du hast dich darüber beschwert, daß die Menschen nie
+etwas anders machen wollen, als man es gewöhnlich macht, und das war der
+Grund, warum du deine Absicht, ein Mädchen zu dingen, nicht vorher
+verraten hast, nicht wahr?«
+
+»Ja,« sagte Heinrich, »es heißt immer: das kann man nicht, oder: so
+macht’s niemand.«
+
+»Da hast du recht. Viele Menschen getrauen sich ihr ganzes Leben
+hindurch nicht, nach eigenen Gedanken zu handeln. Bei ihnen heißt es: so
+machen’s alle Leute.« »Ja, ja,« sagte Heinrich von Herzen zustimmend.
+
+»Es soll mich freuen, wenn du einmal nicht zu denen gehörst, sondern
+wenn du später als Mann sagst: Ich tue, was gut und verständig ist,
+ob’s nun andere auch so machen oder nicht. Aber wohlverstanden: erst als
+Mann. So lange du noch jung und unselbständig bist, darfst du dir nicht
+herausnehmen, nach eigenem Gutdünken zu handeln; kannst auch überzeugt
+sein, daß es meistens nicht gut ausfallen würde. Also für die nächsten
+Jahre: Vertraue alles deinem Onkel an, und was du ihm nicht sagen magst,
+das unternimm auch nicht. Und jetzt gehe und tue was recht ist.«
+
+Heinrich kam später als sein Onkel von der Schule heim. Inzwischen hatte
+dieser noch über die Sache nachgedacht und war ärgerlich über den
+Jungen. Wer konnte wissen, was der alles anstellen würde, nachdem er
+einmal angefangen hatte, hinter seiner Pflegeeltern Rücken solche Dinge
+zu unternehmen! Und wie sollte diese Sache ausgehen! Fräulein
+Stahlhammer ließ sich kein Mädchen aufdrängen, am wenigsten, wenn es von
+dieser Seite kam; Mine würde auch nicht gehen, und bei der ganzen Sache
+nichts herauskommen als Verstimmung. Der Professor saß eben vor seinem
+Schreibtisch, in dem er seine Hefte verwahrte, ehe er zu Tisch ging. Die
+Jugend versammelte sich schon im Eßzimmer, da ging die Türe auf und
+Heinrich sah herein. Er gehörte nicht zu denen, die ihre Empfindungen
+schwer über die Lippen bringen. Lebhaft ging er zu seinem Onkel und
+dessen Hand fassend sagte er: »Das war so fein von dir, Onkel, daß du
+mir geholfen hast. Mein Professor hätte mich ja am liebsten in den
+Karzer gesteckt, wenn du mir nicht zu Hilfe gekommen wärst, ich danke
+dir recht schön dafür! Sogar der Herr Rektor hat etwas von deiner
+väterlichen Fürsorge gesagt, es war etwas sehr Schönes.«
+
+Den Onkel freute Heinrichs Dankbarkeit, er sah schon wieder ganz
+freundlich auf seinen Neffen. »Die Hauptsache ist,« sagte er, »daß du
+nicht noch einmal so etwas tust.«
+
+»Nein, in den nächsten Jahren nicht mehr, das habe ich schon mit dem
+Herrn Rektor ausgemacht. Aber dann! Gehen wir jetzt zum Essen, Onkel?
+Ich habe in der Pause nichts essen können, bin furchtbar hungrig.«
+
+»So komm,« sagte der Onkel und sie gingen unwillkürlich Hand in Hand –
+es war wohl der Rektor, der diese Hände ineinandergelegt hatte.
+
+
+VIII.
+
+Am nächsten Sonntag, als Mine eben in ihrer Küche abspülte, klingelte es
+und ein Mädchen meldete sich. Sie sei aus der Stadt hierhergeschickt
+worden, weil man hier ein Dienstmädchen suche. Mine traute kaum ihren
+Ohren. »Das ist aber unerhört,« rief sie, »ich habe ja noch gar nicht
+gekündigt und mein Fräulein weiß von nichts. Wer hat Sie denn geschickt?
+Gewiß Frau Professor Kuhn?«
+
+»Nein, die kenne ich nicht, im Hof ist’s besprochen worden.«
+
+»Das kann ich nicht begreifen. Ja was mache ich denn jetzt? Versuchen
+Sie’s eben und gehen Sie hinein. Wenn das Fräulein Sie will, dann soll’s
+mir auch recht sein.«
+
+»Da ist ein Mädchen,« sagte Mine, indem sie die Türe aufmachte zu dem
+Eßzimmer und sich rasch wieder zurückzog. Fräulein Stahlhammer saß da,
+die Zeitung lesend, und Klärchen war mit ihrer Puppe beschäftigt. »Was
+möchten Sie von mir?« fragte Fräulein Stahlhammer, »wer sind Sie?«
+
+»Katharine Schwarz heiße ich und weil ich gehört habe, daß Sie ein
+Mädchen suchen, wollte ich mich vorstellen.«
+
+»Das ist jedenfalls eine Verwechselung,« sagte Fräulein Stahlhammer,
+»ich suche keines. Wer hat Ihnen denn das gesagt?«
+
+»Im Hof ist’s gesprochen worden.«
+
+»So, da wird viel geklatscht. Ich habe mein Mädchen schon seit fünf
+Jahren und behalte sie auch.«
+
+»Dann bin ich ganz umsonst von der Stadt herüber gefahren,« sagte das
+Mädchen. »Ich wäre erst so gerne gekommen; so ein stilles Plätzchen bei
+guten Leuten, das gefiele mir.«
+
+»Das tut mir leid für Sie. Vielleicht ist’s in einem der Nachbarhäuser.
+Meine Mine weiß das. Kommen sie einmal mit mir in die Küche.« Das
+Mädchen folgte ihr. »Mine, nehmen Sie sich um das Mädchen an, sie ist
+irrtümlicher Weise zu uns gekommen. Schenken Sie ihr eine Tasse Kaffee
+ein, vielleicht wissen Sie hier auch ein Plätzchen für sie.«
+
+Nun waren die beiden zusammen in der Küche; Mine räumte noch ihr letztes
+Geschirr auf und Katharina ließ sich den Kaffee schmecken, nachdem sie
+zuerst große Umstände gemacht hatte, ihn anzunehmen. »Da gefiele mir’s,«
+sagte sie, »so ein freundliches Fräulein, das gleich Kaffee einschenken
+läßt und so stattlich und hochgewachsen und alles so nobel und fein im
+Haus, und dem Kind sieht man’s von fern an, wie gut es ist.« Im Lauf des
+Gesprächs hatte Mine bald herausgebracht, daß kein anderer als Heinrich
+das Mädchen hergeschickt hatte. Ja, der Schlingel, wenn der wirklich ins
+Haus kam mit seinen Raupen und der große Bruder auch noch dazu, dann
+waren ihre guten Tage dahin! Sie hatte ja eigentlich auch versprochen zu
+gehen.
+
+Inzwischen hatte Klärchen zur Patin gesagt: »Kann das gute Mädchen nicht
+bei uns bleiben?«
+
+»Wir haben ja unsere Mine,« sagte die Patin, »die ist auch gut.«
+Fräulein Stahlhammer nahm wieder die Zeitung, aber es war nicht viel mit
+dem Lesen. Nie hatte sie noch daran gedacht, Mine zu entlassen, und
+jetzt auf einmal kam ihr der Gedanke, wie verlockend es wäre, mit dem
+jungen Mädchen, das so freundlich aussah, ganz neu anzufangen. Mine war
+im Lauf der Jahre so selbständig geworden, sie nahm ihr auch die Kleine
+ganz aus der Hand. Sie sagte so oft: »Die Kleine spürt’s, daß Sie seine
+Mutter nicht sind,« das tat ihr jedesmal weh. Ein neues Mädchen würde so
+etwas nicht denken und jedenfalls nicht sagen. Was wohl Mine zu dem
+Vorschlag sagen würde, daß sie diesem Mädchen weichen sollte?
+Unentschlossen ging sie auf und ab, es fehlte ihr der Mut. »Was würde
+mein Bruder von mir denken?« sagte sie sich selbst, »er würde zu mir
+sagen: »Du, die große Stahlhammer, traust dich nicht mit deinem Mädchen
+zu reden?« Wirklich, sie war allmählich dieser Mine gegenüber ganz
+schüchtern geworden. Sie schämte sich ihrer Schwäche.
+
+»Klärchen, sage doch Mine, sie möge herein kommen.« Mine kam, Klärchen
+blieb in der Küche und schloß Freundschaft mit Katharine.
+
+»Es scheint ein ordentliches Mädchen zu sein?« sagte Fräulein
+Stahlhammer zu Mine. »Ja, ein gutes Zeugnis hat sie bei sich und ein
+armes Ding ist’s, dem’s immer hart gegangen ist bisher.«
+
+Nun nahm Fräulein Stahlhammer einen Anlauf: »Wie wär es, Mine, wenn ich
+es mit diesem Mädchen versuchte und Sie mit einem andern Dienst?«
+
+Zu Fräulein Stahlhammers großem Erstaunen war Mine’s sofortige Antwort:
+»Gerade wollte ich’s auch vorschlagen!«
+
+ * * * * *
+
+Einen Monat später war Mine abgezogen, in der Küche hauste das neue
+Mädchen. Es war der erste Abend. Bisher war es immer Mine gewesen, die
+Klärchen begleitet hatte, wenn sie zu Bett ging; heute besorgte das die
+Patin selbst, sie wollte es nun immer tun. Sie blieb noch ein wenig
+sitzen am Bett der Kleinen und diese plauderte ganz zutraulich. »Kommst
+du jetzt alle Tage selbst mit mir?« fragte das Kind. »Ja, wenn ich nicht
+im Verein bin.«
+
+»Hat unsere Katharina auch einen Verein?«
+
+»Nein, Kind, Mine hat ja auch keinen gehabt.«
+
+»Aber sie ist doch oft abends fortgegangen, wenn du fort warst?«
+
+»Wirklich? Das hast du mir nie gesagt. Hat sie dich dann allein
+gelassen?«
+
+»Ja, aber das hat man gar nicht sagen dürfen, nur dem Konrad habe ich’s
+gesagt.«
+
+»Das mußt du dir nicht verbieten lassen, Klärchen. Wenn die Katharina
+einmal will, daß du mir etwas nicht sagst, dann mußt du gleich
+antworten: Der Patin sage ich alles.«
+
+»So? So soll ich’s machen?« sagte die Kleine ganz verwundert.
+
+»Ja, so sollst du’s machen, so machen es alle lieben kleinen Kinder.«
+
+Die Patin gab dem Kind einen Kuß und beide hatten das Gefühl, es sei
+etwas weg, das sie bisher getrennt hatte.
+
+Mehrere Sonntage waren vergangen, ohne daß zur Familie des Professors
+irgend etwas aus dem Hause Stahlhammer gedrungen wäre. Die Brüder
+scheuten sich, hinzugehen, wußten sie doch nicht, wie Heinrichs
+Einmischung in die Dienstbotensache aufgenommen worden war. Da begegnete
+diesem eines Tages auf dem Schulweg Mine, und mit stolzer Befriedigung
+erfuhr er, daß die von ihm gesandte Katharine wirklich Gnade gefunden
+und Mine ihr Platz gemacht hatte. Aber Mine wußte auch noch das
+allerneuste. Fräulein Stahlhammer läge krank zu Bett und werde
+wahrscheinlich bald sterben. Er hatte das kaum zu Hause erzählt, als
+seine Tante erklärte: »Das ist für mich die Gelegenheit, endlich einmal
+Fräulein Stahlhammer aufzusuchen; schon lange liegt es mir schwer auf
+der Seele, daß kein freundliches Einverständnis zwischen uns herrscht,
+ich mache ihr einen Krankenbesuch!«
+
+Es war einer der ersten schönen Frühlingstage, als sie hinausfuhr aus
+der großen Stadt und das hübsche Häuschen aufsuchte, das am Ende des
+Städtchens lag, ganz nahe an den Anlagen, die bald in den Wald
+übergingen. Das neue Dienstmädchen fragte Fräulein Stahlhammer gar nicht
+erst, ob sie zu sprechen sei, sondern ließ den Besuch ohne weiteres ein.
+Im Schlafzimmer lag, unwohl, aber durchaus nicht schwer krank, Fräulein
+Stahlhammer im Bett und das Kind saß nahe dabei, spielend an seinem
+Tischchen.
+
+Die Tante hatte zuerst keine Aufmerksamkeit für das Kind, sie trat ans
+Bett und sagte: »Ich habe gehört, daß Sie krank sind, und wollte mich
+deshalb nach Ihnen umsehen.«
+
+»Danke,« sagte Fräulein Stahlhammer, »es geht mir schon besser; aber Ihr
+Besuch ist mir sehr lieb, ich wollte Ihnen schon in diesen Tagen
+schreiben und kann es doch nicht recht.«
+
+Hocherfreut über diesen unerwartet freundlichen Empfang setzte sich die
+Tante ans Bett und nach einigen Reden über die Art der Krankheit sagte
+Fräulein Stahlhammer: »Was ich mit Ihnen besprechen wollte, mag ich
+nicht gern vor der Kleinen sagen.«
+
+Lebhaft erhob sich die Tante, trug das Kindertischchen mit allem was
+darauf lag, in das Wohnzimmer, die kleine Nichte folgte und die zwei
+Frauen waren allein. »Ich habe Klärchen so viel beobachtet, seit ich
+krank bin,« sagte die Patin, »sie plaudert immer laut mit ihrer Puppe
+und da höre ich denn, wie sie so innig von ihrer Mama spricht, wie sie
+ihrem Puppenkind verspricht, wenn es groß sei, dürfe es zu Onkel und
+Tante und zu den Brüdern. Ja, einmal, als sie im Eifer des Spiels ganz
+meine Gegenwart vergessen hatte, hörte ich sie sagen: Wenn du nicht brav
+bist, mußt du zur Patin nach Waldeck.«
+
+»Das dumme Gänschen,« rief die Tante, »Sie sollten gar nicht darauf
+hören, was sie mit ihrer Puppe schwätzt.«
+
+»Ich habe es aber gehört,« sagte die Patin, »und ich weiß jetzt, daß sie
+mein Haus nur als einen Strafplatz ansieht; ich glaube, es war nicht
+recht von mir, daß ich das Kind von Ihnen fernhalten wollte. So gerne
+ich Klärchen gehabt hätte, wenn sie sich wohl bei mir gefühlt hätte, so
+möchte ich sie doch Ihnen übergeben, weil sie bei Ihnen eine
+glücklichere Kinderzeit haben wird.«
+
+Die Tante merkte wohl, daß es Fräulein Stahlhammer schwer wurde, diese
+Worte auszusprechen. Sie tat ihr so leid, die einsame Kranke. »Ich
+begreife nicht,« sagte sie, »warum das Kind Ihre Liebe nicht durchfühlt.
+Es ist vielleicht ein Mißverständnis dabei. Aber freilich, das
+Natürlichste ist, daß ein Kind unter andern Kindern aufwächst. Leider
+sind es bei uns lauter Knaben.«
+
+»Ihnen wird Klärchen ein liebes Töchterchen werden,« sagte Fräulein
+Stahlhammer.
+
+»Wir nehmen sie auch gerne zu uns. Zu Ostern läßt es sich zwar nicht
+mehr einrichten, aber von den Sommerferien an können wir sie aufnehmen.«
+
+»Dann behalte ich sie noch diesen Sommer hindurch,« sagte die Patin
+bereitwillig. »Ihre Brüder können sie besuchen so oft sie wollen, und
+ich werde ihr auch eine kleine Kamerädin verschaffen. Eine meiner
+Bekannten hat auch so ein einzelnes Töchterchen im gleichen Alter. Bis
+jetzt hielt ich das Kind absichtlich fern, damit Klärchen sich mehr an
+mich anschließe, aber nun, da sie doch fort kommt, ist’s gleichgültig.«
+
+»Bitte sprechen Sie dann selbst mit dem Vormund darüber,« sagte Frau
+Professor Kuhn, »mein Mann würde wohl nicht gern noch einmal bei ihm
+seinen Vorschlag wiederholen.«
+
+»Ja, das werde ich tun. Ich weiß, daß seit Weihnachten die beiden Männer
+nicht gut miteinander stehen. Glauben Sie mir, ich war damals nicht so
+herzlos, als Sie denken mußten; ich wollte dem Kind am Christfest
+bescheren, der geputzte Baum stand schon versteckt im Kämmerlein. Das
+Kind wußte es nur nicht und Mine sagte leider nichts davon.«
+
+»_So_ war es?« sagte die Tante. »Das zu hören freut mich noch
+nachträglich; ich werde es daheim erzählen, ich selbst war trotz allem
+Anschein immer von Ihrer edlen Gesinnung überzeugt.« Sie drückte warm
+die Hand der Patin und fügte herzlich hinzu: »Wenn Sie wieder wohl sind,
+kommen Sie mit dem Kind zu uns, nicht wahr; wir wollen uns näher kennen
+lernen und späterhin, wenn Klärchen ganz bei uns ist und Sie besuchen
+uns, dann werden Sie auf einmal merken, daß das Kind Sie doch lieb hat.«
+
+»Wollen Sie Klärchen rufen? Ich möchte es ihr gleich mitteilen.« Die
+Tante führte das Kind herein. »Klärchen,« sagte die Patin, sich im Bett
+aufrichtend, »weißt du, was deine Tante mit mir ausgedacht hat? Im
+Sommer, wenn deine Brüder Ferien haben, darfst du zu ihnen und darfst
+ganz und für immer bei Onkel und Tante bleiben!«
+
+»Aber der Vormund holt mich gleich wieder,« sagte Klärchen.
+
+»Diesmal nicht,« sagte die Patin, »jetzt erlaubt er es, er führt dich
+vielleicht selbst in die Stadt.«
+
+Nun sah man der Kleinen an, daß sie die Wichtigkeit der Nachricht
+erfaßte. Sie schmiegte sich zärtlich an die Tante und sagte: »Dann bist
+du meine Mama und der Onkel ist mein Papa und die Brüder sind wieder
+alle Tage meine Brüder!«
+
+»Ja, so wird es,« sagte die Tante; aber sie schob sanft die Kleine weg
+zur Patin hin und sagte: »Sieh, deine Patin hat das so eingerichtet,
+weil sie weiß, daß es dich freut.«
+
+»So,« sagte Klärchen freundlich, »hast du’s eingerichtet? Gelt dann bist
+du auch froh, wenn ich fort bin, dann sind alle, alle froh!« rief sie in
+einem Ton, der glückselig klang, wie ihn die Patin noch nicht an ihr
+gehört hatte.
+
+Fräulein Stahlhammer erholte sich langsam und für diesen Sommer gab sie
+ihre Tätigkeit in den Vereinen auf, sie sollte so viel wie möglich im
+Freien sein. Sie nahm Klärchen mit sich zu den täglichen Gängen in den
+nahen Wald; und nicht nur Klärchen, sondern auch die kleine
+Altersgenossin, die sie ihr zur Kamerädin bestimmt hatte. Es war ein
+Ereignis für Klärchen, als zum erstenmal die kleine Mathilde sich zu ihr
+gesellte, denn eine Freundin hatte sie noch nie gehabt.
+
+Von nun an, wenn Fräulein Stahlhammer an einer Bank am Saume des Waldes
+Rast machte, spielten die Kinder stundenlang mit ihren Puppen im Moos
+und Gebüsch und waren voll Fröhlichkeit miteinander. Mathilde kam in
+aller Unbefangenheit zu Fräulein Stahlhammer mit all ihren Anliegen, und
+Klärchen, die zuerst staunte über diese Zutraulichkeit, gewöhnte sich
+bald selbst daran; vergessen schien jetzt die Vergangenheit, vergessen
+auch die Zukunft, die Gegenwart war schön.
+
+Eines Tages, als Fräulein Stahlhammer wieder auf der Bank im Wald saß
+und die Kinder spielten, kam des Wegs eine ganze Schar kleiner Mädchen,
+zwei Lehrerinnen an der Spitze. Sie machten mit ihren Schülerinnen einen
+Waldspaziergang, und da sie Fräulein Stahlhammer kannten, blieben sie
+ein wenig stehen und begrüßten sie. Mathilde, die manche der Kinder
+kannte, kam herbeigesprungen, Klärchen hielt sich zur Patin.
+
+»Im Herbst kommt ihr beiden wohl auch in die Schule, nicht wahr?« sagte
+eine der Lehrerinnen freundlich zu den Kindern.
+
+»Ich schon,« sagte Mathilde, »ich freue mich darauf, aber Klärchen kommt
+fort.«
+
+Die lustige Schar zog wieder davon und die Kinder kehrten zu ihren
+Puppen zurück. Aber Klärchen war nicht recht bei der Sache und nach
+einer Weile kam sie zögernd zur Bank her, auf der die Patin lesend saß,
+legte ihr die Hände auf den Schoß und sagte leise: »Patin?«
+
+Diese sah auf die Kleine hinunter: »Was willst du, Kind?«
+
+»Patin, _darf_ ich zu den Brüdern, oder _muß_ ich hin?«
+
+»Du darfst, du _mußt_ nicht.«
+
+»Patin, dann will ich lieber bei dir bleiben, darf ich?«
+
+»Ob du darfst?« sagte die Patin; ihr Buch fiel auf den Boden, denn das
+Kind war auf einmal auf ihrem Schoß, das Kind, das doch schon bald
+Schulkind werden sollte; und es schlang beide Arme um ihren Hals und
+Fräulein Stahlhammer drückte es an sich und besaß nun, was sie so lange
+gewünscht hatte: ein Kinderherz, das sie lieb hatte! Wie sie es gewonnen
+hatte, wußte sie selbst nicht zu sagen; seitdem sie nicht mehr danach
+gestrebt hatte, war es ihr zugefallen. Und es wurde ihr fester,
+unbestrittener Besitz. Klärchen bestand die Probe: Mit Bangen ließ die
+Patin das Kind für einige Tage zu den Brüdern zu Besuch, um zu sehen,
+ob es sich nicht getäuscht habe; aber aus dem lauten Getümmel des
+knabenreichen Hauses in der Großstadt verlangte es bald zurück in das
+stille, ländliche Häuschen, zu der Patin und zu der kleinen Freundin.
+Onkel und Tante freuten sich darüber, auch die Brüder fanden sich nun
+leicht darein, sahen sie doch ihr Schwesterchen glücklich.
+
+Und der Vormund? Er kam, als er von dem veränderten Entschluß hörte,
+nach langer Zeit wieder einmal eines Morgens heraus nach Waldeck. Er
+sagte zu Katharine, die ihm die Türe öffnete: »Wenn Sie mich künftig
+nicht eine Viertelstunde warten lassen, ist es mir lieber;« die
+Schwester fragte er: »Hältst du es mit all deinen Beschlüssen so, daß du
+sie dreimal umstößt?« Er empfahl Klärchen: »Sei nur recht dankbar!« und
+dann kehrte er mit der Überzeugung, ein gewissenhafter Vormund zu sein,
+möglichst bald aus dem »elenden Nest« zurück, zur feinen Mittagstafel in
+der Stadt.
+
+
+
+
+Regine Lenz.
+
+
+Regine Lenz kam aus der Konfirmandenstunde heim. Wer es nicht wußte,
+hätte nicht gedacht, daß sie schon zu den Konfirmanden gehörte; sie war
+wohl die kleinste von allen, dabei schmal und schmächtig; ein
+Persönchen, das wenig Platz einnahm in der Welt und leicht zu übersehen
+war. Es achtete auch niemand viel auf sie, als sie nun in die kleine
+Wohnung eintrat, in der die Familie wohnte. Der Vater war um diese
+Nachmittagsstunde meist nicht zu Hause, sondern irgendwo als Wegmacher
+an der Arbeit; auch die zwei größeren Geschwister pflegten um diese Zeit
+nicht daheim zu sein. Deshalb wunderte sich Regine, ihren Vater, die
+älteste Schwester Marie und ihren Bruder Thomas zu treffen, hingegen von
+der Mutter und dem jüngsten Brüderchen nichts zu sehen. Alle schienen
+mit ihren Gedanken beschäftigt, und zwar mit unerfreulichen, nach ihren
+düsteren Mienen zu schließen.
+
+Regine scheute sich zu fragen, was vorgefallen sei; denn sie galt im
+Haus noch als ein Kind, das sich in die Angelegenheiten der Großen nicht
+einzumischen habe. Ihr Bruder Thomas griff jetzt nach seiner Mütze und
+ging ohne Gruß davon, worauf Marie nach einem hoch aufgeputzten Hut
+langte, ihn sich vor einem kleinen, zersprungenen Spiegel zurechtsetzte
+und sich an Regine wandte: »Ich muß jetzt fort; sorg du für den
+Kleinen. Ich weiß nicht, wo der hingelaufen ist, du mußt ihn suchen.«
+
+Sie ging und ließ Regine allein zurück mit dem Vater, der in Gedanken
+versunken am Tisch saß. Es war alles so ganz anders als sonst. »Wo ist
+denn die Mutter?« fragte nun doch Regine in dem unheimlichen Gefühl, daß
+irgend etwas vorgefallen war. Der Vater blickte auf. »Weißt du’s nicht?
+Du brauchst es auch nicht zu wissen. Sie kommt aber nicht so schnell
+wieder, die Mutter. Daß du mir ordentlich aufs Feuer achtest und daheim
+bleibst!«
+
+Er erhob sich schwerfällig, nahm seine Mütze und ging langsam mit
+gesenktem Kopf davon.
+
+Wo war die Mutter hingegangen? Regine konnte es nicht begreifen; es
+wurde ihr bang und immer bänger zumute in der verlassenen Stube. Es
+wunderte sie, daß sie nach dem Kleinen sehen sollte; er war also nicht
+bei der Mutter, während er sonst immer an ihrem Rocke hing und der
+Mutter Liebling war. Wo mochte er jetzt sein?
+
+Sie ging in den Hof und dann hinaus auf die Straße, wo ein kalter Wind
+blies und die Dämmerung sich schon herniedersenkte. Sie suchte nach dem
+Kleinen und fand ihn endlich ganz erfroren an der nächsten Straßenecke
+stehen. Ein schmächtiges Bübchen war der kleine Hansel, aber ein feines
+Gesichtchen hatte er, und seine blonden Locken waren der Mutter Stolz.
+Er stand an der Ecke und sah die Straße hinauf.
+
+»Hansel,« rief ihn die Schwester an, »komm heim. Hast ja ganz kalte
+Hände; was tust du denn da?« – »Ich wart auf die Mutter, schon so lang,«
+sagte er kläglich. Ob der Kleine etwa wußte, wo die Mutter war? Regine
+fragte das Kind.
+
+»Dorthin ist sie,« sagte er, die Straße hinauf deutend. »Der Mann hat
+sie geholt, der, mit den großen goldenen Knöpfen. Sie hat doch gar
+nicht mit ihm gewollt und hat geweint. Warum hat sie denn gestohlen? Was
+heißt das ›gestohlen‹? Wohin führt sie jetzt der Mann?«
+
+Regine konnte die Fragen nicht beantworten; sie war zu sehr bestürzt
+über die Schuld der Mutter, die das unschuldige Kind ihr verriet. Jetzt
+begriff sie alles; die Mutter war in das Gefängnis geführt worden! Mit
+Mühe konnte sie das Kind überreden, mit ihr heimzugehen.
+
+Unter der Haustüre stand die Hausfrau mit einer Nachbarin und Regine
+hörte sie sagen: »Pelzwerk hat sie gestohlen und beim Trödler verkauft.«
+Nun schwiegen die Frauen; sie sahen die zwei Geschwister kommen und
+hörten den Kleinen rufen: »Ich will aber auf die Mutter warten!«
+
+»Hansel, da kannst du lang warten,« sagte die Hausfrau und sah das
+kleine Bübchen mitleidig an. Regine, die beschämt und mit gesenkten
+Augen an den beiden Frauen vorbei das Brüderchen in das Haus zog, hörte
+sie noch sagen: »Die ganze Familie ist nichts nutz; die große Tochter
+treibt es auch schon wie die Mutter.«
+
+Nun ging Regine in das Zimmer und zog die Türe hinter sich zu; sie
+mochte nichts weiter hören.
+
+Was war das für ein langer und trauriger Abend! Der Kleine ließ sich
+endlich zu Bett bringen und weinte sich in Schlaf. Regine saß allein an
+dem großen Tisch, dachte an die Mutter; wo sie wohl wäre, und ob sie
+Heimweh hätte nach ihrem Liebling. Sie hätte gerne gewußt, wie man den
+Diebstahl entdeckt hatte. Schon manchmal hatte die Mutter, wenn sie da
+und dort in die Häuser ging, etwas mitgenommen, und Regine hatte den
+Vater warnen hören: »Man wird dich schon einmal erwischen.« Aber er nahm
+doch auch gerne an, was die Mutter »gefunden« hatte, wie sie das nannte.
+Marie, die große Tochter, hatte auf diese Weise manches Schmuckstück
+bekommen, die Mutter putzte so gerne ihre schöne Tochter. Sie versorgte
+auch Thomas mit seiner Wäsche, und dem kleinen Hans steckte sie oft gute
+Sachen zu. Nur sie selbst, Regine, wurde selten bedacht. Die Mutter
+hatte an ihr nicht das Wohlgefallen, wie an den Großen, und nicht den
+Spaß, wie an dem Kleinen. Regine wußte das und es kam ihr natürlich vor.
+War sie doch nicht schön wie Marie, nicht gescheit wie Thomas, nicht
+lustig wie der Kleine; nein, sie war auch in ihren eigenen Augen unter
+allen die geringste. Aber das hatte sie nie bedrückt; sie war in der
+Schule immer so leidlich mitgekommen, ohne Lob und Tadel, ohne
+Freundschaft und Feindschaft, und war guten Mutes ihren Weg gegangen.
+
+Aber nach dem, was jetzt vorgefallen, war ihre Seelenruhe dahin. Als sie
+sich am nächsten Morgen auf den Schulweg machte, war es ihr, als müßten
+alle Kinder ihr die Schande des Hauses ansehen. Die Worte der Nachbarin:
+»Die ganze Familie ist nichts nutz,« klangen ihr noch im Ohr; sie
+gehörte doch auch zur Familie, sie war also »nichts nutz«. Die
+Mitschülerinnen sahen sie aber doch nicht mit anderen Augen an als
+sonst, und die Schulstunden gingen vorüber wie jeden Tag. Nach der
+Schule kam aber der Konfirmanden-Unterricht. Wenn hier nun die Schande
+des Hauses bekannt würde, wenn gar der Pfarrer selbst davon gehört
+hätte? Wie schrecklich mußte ihm dies vorkommen!
+
+Es saßen wohl siebzig Mädchen im Konfirmanden-Unterricht beisammen. Dem
+Pfarrer waren nicht all diese Kinder und ihre Familien persönlich
+bekannt; auch von der Familie Lenz kannte er nur Regine und diese nicht
+näher. Sie steckte so mitten unter den Vielen, und ihre kleine Gestalt
+verschwand hinter den vor ihr Sitzenden. Heute war ihr das lieb; sie
+hätte sich gerne noch dünner gemacht, so dünn, daß alle Menschen sie
+übersehen hätten.
+
+Aber sie hatte sich unnötig geängstigt; die Stunde verlief wie alle
+vorhergehenden, und als ihr auch die nächsten Tage kein Zeichen
+brachten, daß jemand von dem Vorgefallenen wisse, beruhigte sie sich
+allmählich.
+
+Auch daheim war nicht oft davon die Rede, bis eines Tages der Vater
+mitteilte: »Heute war die Verhandlung vor Gericht. Am nächsten Montag
+kommt die Mutter fort in die Strafanstalt nach S. Vier Monate muß sie
+sitzen.«
+
+»So lang!« rief Marie, die Älteste, betroffen, und darauf fing der
+Kleine laut an zu schluchzen. Reginens erster Gedanke war, daß die
+Mutter dann nicht bis zu ihrer Konfirmation zurück sein würde. Man
+brauchte so manches für diesen Tag, wer würde ihr das Nötige
+verschaffen? »Vater,« sagte sie bekümmert, »das geht doch gar nicht; die
+Mutter wäre ja dann nicht hier, wenn ich eingesegnet werde.«
+
+»Wenn sonst nichts wäre,« entgegnete der Vater; »so wichtig wird das
+nicht sein.«
+
+Aber Regine erschien das sehr wichtig. Sorgenvoll ging sie heute in den
+Unterricht; saß stiller als sonst an ihrem Platz und hob nur selten die
+Hand auf als Zeichen, daß sie gerne eine Frage des Geistlichen
+beantwortet hätte; und als nun gar diese Fragen von der Unehrlichkeit
+handelten, von dem dunklen Punkt in der Familie Lenz, da rührte sie sich
+nicht mehr und rückte hinter den breiten Rücken der vor ihr Sitzenden,
+um dem Pfarrer ganz aus dem Gesicht zu kommen. Es war aber, als ob
+dieser es bemerkte; denn plötzlich rief er sie bei Namen und richtete
+eine Frage an sie. Regine erhob sich; sie wußte die Antwort und öffnete
+schon den Mund, um zu sprechen. – Da stockte sie plötzlich und kehrte
+sich um nach dem Mädchen, das hinter ihr saß.
+
+»Nun, Regine,« mahnte der Pfarrer. Da wandte sie ihm wieder ihr Gesicht
+zu, aber das war wie verwandelt, von Röte ganz übergossen. Sie machte
+doch noch einen Versuch zu antworten, aber Tränen erstickten ihre
+Stimme. In großer Not bedeckte sie das Gesicht mit ihrem Arm und
+schwieg.
+
+Hinter ihr flüsterten und kicherten die Mädchen, bis der Pfarrer dicht
+an die Bank herantrat und fragte, was es gäbe. Regine antwortete nicht;
+aber die neben ihr Sitzende sprach: »Ich hörte Emilie Forbes sagen:
+Regine Lenz muß ja wissen, was unehrlich heißt.«
+
+Sogleich erhob sich Emilie Forbes und sagte lebhaft: »Nun ja, es ist
+gestern in der Zeitung gestanden, daß ihre Mutter wegen Diebstahls zu
+vier Monaten Gefängnis verurteilt wurde.«
+
+»Still!« rief der Pfarrer so laut und streng, daß all seine Schülerinnen
+an dem ungewohnten Ton erschraken und lautlos nach Regine sahen, die
+sich gesetzt hatte und das Gesicht mit den Händen bedeckte, da sie aller
+Augen auf sich gerichtet fühlte, als ob sie selbst die Diebin wäre. Aber
+nicht gegen sie wandte sich nun der Pfarrer; an Emilie Forbes richtete
+er verweisende Worte: »Ob deine Anschuldigung wahr ist, weiß ich nicht,«
+sagte er; »aber das weiß ich, daß es lieblos und ganz unverzeihlich von
+dir ist, solche Worte zu sagen. Fühlst du nicht, daß du Regine damit
+wehe tust? Und kann sie etwas dafür, wenn ihre Mutter ein Unrecht
+begangen hat? Nein, sie selbst kann so ehrlich sein wie jede von euch
+und dabei nicht so herzlos wie du!«
+
+Tiefe Stille herrschte in dem Saal, und als der Pfarrer wieder den
+unterbrochenen Unterricht fortsetzte, war ihm wohl anzumerken, daß ihn
+das Vorgefallene noch bewegte. Er fühlte, daß in dieser Stunde seine
+kleine Konfirmandin etwas erlebt hatte, was sie nie im Leben wieder
+vergessen würde, ja, was ihr auch schaden mußte. Man hatte ihre Ehre
+angetastet; das hätte er gerne wieder gut gemacht, gleich in derselben
+Stunde.
+
+Regine Lenz hielt die Blicke gesenkt und sah nicht mehr um sich während
+des Unterrichts.
+
+Dieser ging zu Ende; die Bücher waren geschlossen, ein Liedervers sollte
+noch gesungen werden. Die Kinder sahen gespannt auf den Geistlichen.
+Warum stimmte er nicht an? Sie ahnten, daß er noch etwas sprechen würde
+über das Vorgefallene.
+
+»Regine Lenz,« rief er nun, »komm zu mir.«
+
+Gesenkten Hauptes folgte das Mädchen dem Ruf, und wiewohl sie nicht um
+sich sah, spürte sie doch, daß alle Blicke auf sie gerichtet waren. Der
+Pfarrer näherte sich ihr, und in freundlichem Ton, aber doch laut, daß
+alle Kinder ihn hören mußten, sprach er: »Sieh, weil ich weiß, daß du
+ehrlich bist, und damit alle deine Mitschülerinnen sehen, daß ich dir
+ganz und gar vertraue, deshalb gebe ich dir hier meine Geldbörse; die
+sollst du in das Pfarrhaus tragen und meiner Frau bringen. Es ist viel
+Geld darin, aber wieviel, weiß ich nicht; ich zähle es auch nicht, weil
+du ehrlich bist und ich dir ganz und gar vertraue. Nun geh du voraus,
+wir andern wollen noch singen.«
+
+Regine ging wie im Traum durch das stille Schulgebäude und trat durch
+das weite Tor hinaus in die belebte Straße. Krampfhaft fest hielt sie
+die Börse in der Tasche ihres Kleides, und während sie ihres Weges ging,
+wiederholte sie sich immer wieder die Worte des Pfarrers: »Weil ich
+weiß, daß du ehrlich bist und ich dir ganz und gar vertraue.« Zweimal
+hatte er es ausgesprochen, alle hatten das gehört und wußten nun, daß
+sie ehrlich war. Und sie wußte es jetzt auch, erst jetzt; denn bisher
+hatte ihr doch niemand etwas anvertraut; sie trauten sich alle einander
+nicht daheim in der Familie. Jedes nahm, was es erwischen konnte, und
+jedes versteckte, was es behalten wollte. Und sie, die sich bisher nicht
+besser gedünkt hatte als die andern, sie hatte nun eine fremde, volle
+Börse in der Tasche; ungezähltes Geld, von dem sie nehmen konnte ohne
+Gefahr der Entdeckung. Aber sie kam gar nicht in Versuchung, natürlich
+nicht; der Pfarrer hatte ja erklärt, sie sei ehrlich, und wenn sie es
+vorher vielleicht nicht war, – in dieser Stunde hatte das Vertrauen des
+Pfarrers sie dazu gemacht.
+
+Immer die Hand fest in der Tasche und die Börse darin haltend, ging
+Regine den Weg nach dem Pfarrhaus, bis sie plötzlich aus ihren Gedanken
+geschreckt wurde durch den Ruf: »Na, wohin läufst denn du und siehst
+einen nicht, wenn man dicht neben dir ist?« Sie blickte auf. Ihr Bruder
+Thomas schlenderte die Straße herab. Er kam aus der Druckerei, in der er
+für eine der schlechtesten Zeitungen der Stadt als Setzer arbeitete.
+Thomas war siebzehn Jahre alt, einen guten Kopf größer als Regine, ein
+aufgeweckter Bursche.
+
+»Wo gehst du hin,« fragte er noch einmal, »und was hältst du in der
+Tasche?« Regine erschrak, denn im Augenblick wußte sie: gegen den Bruder
+konnte sie nicht aufkommen; nie, er war immer der Stärkere, immer der
+Klügere. Wohl zog sie die Hand leer aus der Tasche; aber er hatte doch
+schon bemerkt, daß sie einen Schatz darin hatte. Ach, sie hätte diesen
+so gerne vor ihm verborgen!
+
+Er sah ihre Verlegenheit und lachte: »Mach lieber keine Umstände,« rief
+er, »es hilft dir doch nichts. Treibst du’s auch schon wie die Mutter?
+Was versteckst du in der Tasche?« – Da blickte sie auf zu ihm und sagte
+leise: »Ich will dir’s erzählen, Thomas, aber es darf es niemand hören;
+komm, wir gehen weiter.« Und nun erzählte sie mit gedämpfter Stimme:
+»Vorhin hat in der Konfirmandenstunde eine, Emilie Forbes heißt sie, dem
+Pfarrer erzählt, daß die Mutter sitzt wegen Diebstahls. Ich bin schier
+vergangen vor Scham. Aber der Herr Pfarrer hat gar nichts gegen die
+Mutter gesagt, bloß gegen die Forbes. Und zuletzt hat er mich
+vorgerufen, und vor allen hat er laut gesagt, daß ich ehrlich sei und
+daß er mir ganz und gar vertraue. Und damit das alle sähen, gäbe er mir
+seine volle Geldbörse, ungezählt, die solle ich seiner Frau bringen. Und
+dann habe ich vor dem Singen gehen dürfen, und jetzt muß ich die Börse
+ins Pfarrhaus bringen.«
+
+Diese Handlung des Pfarrers kam dem jungen Burschen fast unglaublich
+vor. »Es wird nichts als Kupfergeld in der Börse sein,« sagte er, »oder
+sie hat einen Verschluß, den du nicht aufbringst; zeig sie her! Mach
+keine Umstände!«
+
+Regine gehorchte; sie wußte gar nicht anders, als daß sie tun mußte, was
+die Großen wollten. So zog sie die Börse aus der Tasche und sah mit
+Angst und Zittern, wie der Bruder sie begierig ergriff, öffnete und mit
+den Fingern hineinfuhr. Zunächst war nur Kleingeld zu sehen, aber die
+Börse hatte ein Seitenfach und aus diesem blinkten den Geschwistern
+mehrere Goldstücke entgegen. »Respekt!« rief der Bruder bei diesem
+Anblick. Dann sah er der Schwester, die jeder seiner Bewegungen gespannt
+folgte, scharf in das aufgeregte Gesicht. »Und du nimmst nichts heraus?«
+fragte er sie. Sie schüttelte nur den Kopf. Da betrachtete er
+nachdenklich einige Augenblicke seine Schwester.
+
+»Respekt!« wiederholte er noch einmal; aber diesmal galt der Ausruf
+nicht dem Geld, sondern Regine. Die kleine Schwester flößte dem großen
+Bruder Achtung ein. Noch einen Moment zauderte er; dann schloß er
+sorgfältig wieder die Börse und gab sie der Schwester zurück. Diese,
+erlöst von einer großen Angst, sah voll Glück und Dank zu dem Bruder
+auf und sprach ganz im Ton des Pfarrers, wie ihr die Worte im Ohr
+klangen: »Du bist ehrlich; dir vertraue ich ganz und gar.«
+
+Ein paar Vorübergehende hörten diese feierlich gesprochenen Worte und
+sahen dem Paar erstaunt lächelnd nach. Aber Regine sah und hörte nichts
+von den Menschen um sie herum; sie war ganz und gar von Freude und von
+mancherlei neuen Empfindungen bewegt. »Begleite mich noch bis zum
+Pfarrhaus,« sagte sie zu dem Bruder, und dieser folgte zum erstenmal der
+Schwester. Sie sah wieder vertrauensvoll zu ihm auf und sagte: »Jetzt
+kann die Hausfrau nicht mehr sagen, die ganze Familie sei nichts nutz;
+wenn ich doch ehrlich bin und du auch. Wir zwei halten jetzt immer
+zusammen, gelt, Thomas?«
+
+Der Bruder sah verwundert auf sein schmächtiges Schwesterlein. »Wir
+zwei,« sagte sie, wie wenn sie seinesgleichen wäre. Eigentlich war es
+zum Lachen, daß die Kleine ihn zum Bundesgenossen aufforderte, ihn, den
+kräftigen jungen Mann. Aber er fühlte, hier war doch auch eine Kraft,
+wenn auch keine körperliche. Der Wille zum Guten war es, der heute in
+dieser jungen Seele lebendig geworden war und nun auch in ihm das Beste
+wachrief.
+
+Sie waren bis an das Pfarrhaus gekommen. »So,« sagte Thomas, »mach deine
+Sache geschickt; gib das Geld niemand anderem als der Frau Pfarrer
+selbst.«
+
+Regine fragte nach der Pfarrfrau, und das Dienstmädchen, das es im
+Zimmer meldete, fügte hinzu: »Es wird ein Bettelmädchen sein.« Daher war
+auch die Pfarrfrau, als sie herauskam, doppelt erstaunt, daß dieses Kind
+ihr die volle Börse ihres Mannes überreichte. Sie fragte wohl, woher und
+wieso, allein die Sache blieb ihr doch rätselhaft; denn Regine war
+verlegen, gab nicht viel Antwort, sondern schlüpfte baldmöglichst
+wieder zur Türe hinaus. Erst mittags konnte der Pfarrer erklären, was es
+für eine Bewandtnis mit dem Gelde hatte. »Vielleicht hat aber das
+Mädchen doch etwas genommen,« meinte seine Frau.
+
+»Ich glaube es nicht,« entgegnete der Pfarrer bestimmt, »und wenn auch,
+– durfte ich nicht ein Goldstück daran wagen, um einem jungen
+Menschenkind einen ehrlichen Namen zu geben?«
+
+In der nächsten Stunde suchte des Pfarrers Blick sofort diejenige, um
+die er sich inzwischen gesorgt hatte, denn hatte er sie nicht selbst in
+Versuchung geführt? Da begegnete sein Blick dem ihrigen, der voll Liebe
+und Vertrauen auf ihn gerichtet war, und verscheuchte seinen letzten
+Zweifel. Er nickte ihr freundlich in stillem Einverständnis zu. Nicht
+ein einziges Mal verschwand in dieser Unterrichtsstunde Reginens Gestalt
+hinter den Mitschülerinnen; immer war sie zwischendurch zu sehen, als ob
+sie gewachsen wäre, die Kleine.
+
+Daheim hatte sie nichts erzählt von dem Erlebten; aber am nächsten
+Sonntag sollte es doch zur Sprache kommen. Denn als sie zusammen zu
+Mittag gegessen hatten, redete Thomas plötzlich seine Schwester Marie
+an: »Wenn die Mutter nicht da ist, dann mußt _du_ eben sorgen, daß die
+Regine zur Konfirmation ihre Kleider bekommt.«
+
+Marie sah ihn erstaunt an und lachte. »Seit wann sorgst du für Regine?«
+
+»Sie muß doch haben, was sich gehört,« entgegnete der Bruder ärgerlich.
+
+»Wenn der Vater Geld hergibt,« sagte Marie, »dann schon; aber ich kann
+nicht alles hergeben für die Kleine. Sie könnte auch selbst manchmal
+etwas heimbringen, in ihrem Alter war ich längst nicht mehr so dumm!«
+
+»Dafür ist sie ehrlich,« sagte Thomas.
+
+»Wer ist ehrlich?« fragte der Vater. Er hatte bisher nur mit halbem Ohr
+zugehört; aber das hätte er doch gerne gewußt, wer in seiner Familie
+ehrlich sei.
+
+»Die da, die Konfirmandin. Der Pfarrer hat es ja vor allen gesagt; und
+sie hat seine Börse voll Gold und Silber, ungezählt, ins Pfarrhaus
+tragen müssen und hat keinen Pfennig heraus genommen. Ich aber auch
+nicht; Regine hat mir auf die Finger gesehen. Ich glaube, sie hätte mir
+einen abgebissen; ist’s nicht wahr, du?« Die beiden Verbündeten sahen
+sich vergnügt an, worüber Marie große Augen machte, denn sie konnte die
+Geschwister nicht begreifen. Der Vater sah nachdenklich auf Regine.
+»Ehrlich ist sie?« wiederholte er wie verwundert, und nach einer Weile:
+»Ein anständiges Gewand soll sie bekommen zu ihrer Einsegnung; daran
+darf’s nicht fehlen.«
+
+Die Wochen vergingen; schon war ein Monat verflossen, seitdem die Mutter
+das Haus verlassen hatte. Ein einziges Mal waren Nachrichten aus dem
+Gefängnis gekommen; einen Brief voll Heimweh hatte sie geschrieben, voll
+Sehnsucht nach dem Kleinen vor allem. Und dieser entbehrte auch am
+meisten die Mutter. Wenn die Großen morgens alle das Haus verließen,
+legten sie wohl mancherlei zu essen hin, oder sie brachten ihn zu einer
+mitleidigen Nachbarin: aber doch trieb sich der Kleine viele Stunden auf
+der Straße herum; sehnsüchtig ausschauend, ob nicht die Mutter endlich
+wieder die Straße herunterkäme, in der sie vor seinen Augen verschwunden
+war. Sie trösteten das Kind manchmal, Regine komme jetzt bald ganz aus
+der Schule und bleibe dann immer bei ihm wie früher die Mutter. Nur noch
+vier Wochen mußte sie die Schule besuchen, das war nicht mehr lang.
+
+Nein, nicht lang, und doch zu lang für das mutterlose Kind. Einmal fand
+Regine es ganz durchkältet, die Schuhe und Strümpfe vollständig
+durchnäßt, die Füße eiskalt von dem geschmolzenen Schneewasser, in dem
+es herumgestiegen war. Weinend saß der Kleine auf der steinernen
+Hausstaffel und zitterte am ganzen Körper. Nun wurde er freilich zu
+Bette gebracht, und als er nachts fieberte, holten sie den Arzt zu ihm.
+Marie blieb nun von der Fabrik daheim und pflegte mit Liebe den kleinen
+Bruder; aber die Fürsorge kam doch zu spät, und ehe sie nur recht gewußt
+hatten, daß das Kind in Lebensgefahr schwebte, war es schon einer
+Lungenentzündung erlegen.
+
+In großer Bestürzung standen sie alle an dem Bett des Kleinen, und _ein_
+Gedanke beherrschte die ganze Familie: der Gedanke an die Mutter. Wie
+würde sie die Nachricht ertragen! Was mußte das einst für ein Heimkommen
+sein, wenn sie ihren Liebling nicht mehr fände! Und welche Vorwürfe
+würde sie ihnen machen! Hätte man das Kind nicht unter Tags in Kost
+geben können, oder in eine Kinderschule schicken? Aber all diese
+Gedanken kamen zu spät.
+
+Die kleine Leiche war schon zur Erde bestattet, und noch hatte niemand
+sich entschließen können, der Mutter die Trauerbotschaft zu schreiben.
+Der Vater tat es endlich mit wenigen kurzen Worten, das Briefschreiben
+war ihm ungewohnt.
+
+Es kam darauf keine Antwort von der Mutter. Durfte sie nicht schreiben,
+oder war sie krank geworden vor Kummer? Zürnte sie ihnen, daß sie das
+Kind nicht besser behütet hatten? Sie hörten nichts von ihr.
+
+Der Pfarrer, Reginens Pfarrer, hatte das Kind beerdigt und bei diesem
+Anlaß Einblick in die Familie getan; auch war ihm so manches über sie
+bekannt geworden, was ihn für seine Konfirmandin besorgt machte. Er
+hatte das Gute, das in ihr schlummerte, geweckt. Es lebte jetzt in ihr,
+aber es mußte gepflegt werden. So hätte er dies Mädchen gern in andere
+Verhältnisse versetzt, wo es unter ehrlichen Menschen sich in der
+Ehrlichkeit befestigen konnte. So manches Mal beriet er mit seiner Frau
+darüber; aber wo sollte man ein so kleines Mädchen unterbringen, von dem
+man nicht einmal rühmen konnte: es ist aus gutem Haus!
+
+Endlich fand sich doch Rat, und eines Tages wurde Regine wieder von dem
+Pfarrer aufgefordert, nach der Stunde in das Pfarrhaus zu gehen. Dort
+wurde sie freundlich empfangen von der Pfarrfrau, die eine lebhafte,
+eifrige Frau war. Man merkte ihr wohl an, wie sie sich freute, daß sie
+für Regine ein gutes Plätzchen gefunden hatte. »Es ist bei meiner
+Schwester,« erzählte sie ihr, »bei einer Pfarrfrau auf dem Lande. Sie
+hat kleine Kinder, herzig nette Kinderchen; und ein ehrliches treues
+Dienstmädchen, das aber nicht mehr allein mit der Arbeit fertig wird.
+Dort kannst du helfen, wirst immer unter guten Menschen sein und selbst
+ein solcher werden, und das möchtest du doch gewiß?« Regine bejahte aus
+aufrichtigem Herzen.
+
+»Und ein Taschengeld sollst du auch bekommen,« fuhr die Pfarrfrau fort,
+»fünf Mark im Monat, und nach einem Jahr, wenn du dich bewährst,
+erhältst du das Doppelte. Bis dahin wirst du in der frischen Landluft
+und bei der guten Kost groß und stark geworden sein. Nun geh nur heim
+und erzähle es deinem Vater; der wird sich freuen, und deine Schwester
+bittest du, daß sie dir die nötige Wäsche und Kleider richtet. Gleich
+nach der Konfirmation müßtest du abreisen, denn meine Schwester möchte
+am liebsten schon heute eine Hilfe.«
+
+Regine eilte, ganz erfüllt von diesem Lebensplan, nach Hause. Sie fühlte
+sich so stolz und glücklich, wie wenn sie sich schon als treue Pfarrmagd
+bewährt hätte. Wie würden sie sich daheim alle wundern über das
+Vertrauen, »Respekt!« würde Thomas wieder sagen. Und sie träumte sich
+hinein unter die guten, feinen Menschen, zu den herzigen Kindern.
+
+Zu Hause saßen der Vater und Marie schon am Mittagstisch, Thomas fehlte
+noch. Sie wollte mit ihrer Erzählung warten, bis er käme; aber als es
+eine Weile gedauert hatte, konnte sie nicht mehr zurückhalten, was ihr
+ganzes Herz erfüllte. »Die Frau Pfarrer weiß mir ein gutes Plätzchen,«
+begann sie und wiederholte alles, was sie darüber gehört hatte. Und nun
+erlebte sie eine schmerzliche Enttäuschung. Mit Hohn und Geringschätzung
+wurde von diesem »Plätzchen« gesprochen und dieses so heruntergemacht,
+daß nichts, aber auch gar nichts Gutes mehr daran blieb. Als Kummer und
+Scham ihr eben Tränen in die Augen trieben, kam Thomas heim, und beim
+Anblick dieses ihres Verbündeten faßte Regine wieder Mut. Ehe sie aber
+ein Wort an ihn richten konnte, rief ihm schon Marie entgegen: »Du, als
+Magd will die Regine fortgehen, aufs Land, und fünf Mark Monatslohn
+bekommt sie; was sagst du dazu?« Und sie lachte laut.
+
+»Unsinn,« entgegnete Thomas und schien gar nichts weiter wissen zu
+wollen, sondern machte sich daran, seine Suppe zu essen. Und die andern
+sprachen auch nichts mehr darüber. Regine verstand sie alle nicht. Warum
+wollten sie ihr denn das schöne Plätzchen nicht gönnen? Sie brachte kein
+Wort mehr heraus während des Essens, so bitter und schmerzlich war ihr
+zumute. Als aber der Vater sich anschickte wegzugehen, rief sie, während
+ihr die Tränen aus den Augen stürzten: »Was soll ich denn dann der Frau
+Pfarrer sagen?«
+
+Da sah Thomas die kleine Schwester überrascht an; er merkte erst jetzt,
+daß es sich für sie um eine Lebensfrage handelte. »Was ist’s eigentlich,
+was will sie denn?« fragte er, und nun gab es ein lebhaftes Hin- und
+Herreden. »Verdingen will sie sich,« rief Marie, »statt daß sie in die
+Fabrik geht, wo sie viel mehr verdient.«
+
+»So viel mehr ist’s zwar auch nicht,« entgegnete jetzt der Vater, »du
+rechnest immer nicht, wieviel die Kost ausmacht. Im Dienst hat sie
+alles frei, Kost und Wäsche, das macht ein paar hundert Mark im Jahr;
+und dabei wird sie vielleicht nicht so liederlich, wie eine andere, die
+ich kenne.«
+
+Marie lachte. »So soll sie gehen; aber die Mutter tät’s nicht leiden,
+wenn sie da wäre.«
+
+»Ja, das ist’s,« sagte der Vater, »sie will immer hoch hinaus mit ihren
+Töchtern.«
+
+»Ja, die Mutter, das ist wahr,« meinte auch Thomas, »wenn sie heimkommt
+– das eine Kind ist tot, das andere fort; – Regine, sei gescheit, höre
+auf zu weinen. Sag dem Pfarrer, es lasse sich nicht machen, weil die
+Mutter fort sei; er weiß ja schon davon und wird’s verstehen.«
+
+Er sagte das freundlich; aber Regine war doch nicht zufrieden mit ihrem
+Bundesgenossen. Er hatte nicht zu ihr gehalten, und nun war es aus und
+vorbei mit ihrem schönen Plan. Der Vater und Marie gingen weg; nur
+Thomas blieb an dem Tisch sitzen und las den Tagesanzeiger. Regine holte
+ihren Katechismus und setzte sich an das andere Ende des Tisches, um zu
+lernen. Sie schlug das Buch auf; da fiel ihr ein Blatt Papier entgegen,
+groß und deutlich standen darauf von einer ihr unbekannten Handschrift
+geschrieben einige Worte. Unwillkürlich sagte sie laut: »Wie kommt denn
+das in mein Buch?« Thomas blickte von seiner Zeitung auf. »Was steht
+denn darauf?«
+
+»Nur ein Sprichwort; ich weiß nicht, wie das Papier in mein Buch kommt.«
+Gleichgültig schob sie es beiseite.
+
+»Zeig doch her, was ist’s für ein Sprichwort?« rief Thomas, griff nach
+dem Blatt und las laut: »Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!« Er
+behielt das Papier in der Hand und starrte darauf; während Regine wieder
+in ihren Katechismus sah und ganz erstaunt aufblickte, als nach einiger
+Zeit ihr Bruder rief: »Wer hat dir denn die Bosheit angetan? Gewiß
+wieder die Emilie Forbes! Weißt du nicht, was das heißen soll: Der
+Apfel fällt nicht weit vom Stamm?« Und als Regine ihn immer noch
+verständnislos ansah, sagte er: »Das heißt, daß du auch nicht ehrlich
+bist, weil es die Mutter nicht ist. Kannst das jetzt verstehen?«
+
+Ja, jetzt begriff Regine, was der Bruder meinte; über und über errötete
+sie und sah das Blatt Papier an wie etwas Häßliches, Feindseliges. »Aber
+das ist nicht die Schrift von Emilie Forbes,« sagte sie nach einiger
+Zeit. – »Dann hat es jemand anders für sie geschrieben; sie will
+natürlich nicht, daß euer Pfarrer ihre Handschrift erkennt, wenn du ihm
+das Blatt zeigst.«
+
+»Ich zeige es ihm nicht, sonst wird noch einmal vor allen davon
+gesprochen. O, Thomas, wenn doch die Mutter das nicht getan hätte!« Sie
+stützte den Kopf in die Hände und weinte. Es war auch heute alles so
+traurig; das gute Plätzchen durfte sie nicht annehmen, und nun kam noch
+das dazu!
+
+Der Bruder war erzürnt über Reginens Mitschülerin. »Ich schreibe dir
+auch einen Zettel,« sagte er, »den legst du in ihr Buch, und an dem soll
+sie auch keine Freude haben!« Nicht umsonst half er täglich als Setzer
+eine Zeitung drucken, die voll Gift und Galle war. Eine scharfe Antwort
+kam ihm schnell in die Feder, sie lautete nicht fein. Aber Regine wollte
+nichts davon wissen, Thomas wurde ärgerlich. »So etwas läßt man sich
+doch nicht gefallen!« sagte er, »was hilft dein Weinen? Wehren muß man
+sich!« – Aber unter bitterem Schluchzen rief Regine: »Es wird eben wahr
+sein, Thomas, was auf dem Zettel steht; wir sind alle nicht ehrlich,
+weil’s die Mutter nicht ist. Wenn das mit dem Apfel wahr ist, so muß
+doch auch das mit uns wahr sein!«
+
+Thomas war betroffen von dieser Bemerkung und sah das Sprichwort auf dem
+Papier nachdenklich an. Aber bald sprach er tröstend zur Schwester:
+»Nein, nein, es ist nicht wahr. Die Äpfel bleiben freilich liegen, wo
+sie hinfallen; aber wir Menschen können aufstehen, und gehen, wohin wir
+wollen. Und auf Diebeswegen gehen wir schon einmal nicht, wir zwei,
+gelt, du?« Da hob die Schwester vertrauensvoll den Kopf zu dem Bruder,
+der jetzt wieder mit ihr im Bunde stand. Sie rückte näher zu ihm heran
+und sah ihm zu, wie er nocheinmal ein Blättchen Papier beschrieb. »So,«
+sagte er, »das kannst du ruhig Emilie Forbes ins Buch schieben; das ist
+jetzt ganz zahm, und wenn es zufällig dein Pfarrer zu lesen bekäme, so
+hätte er selbst nichts dagegen.« – Regine las: »Ein Apfel bin ich nicht,
+der nur so liegen bleibt. Ich bin ein Mensch und kann mich frei vom
+Platz bewegen.«
+
+Zustimmend nickte sie, so gefiel es auch ihr. »Das Blatt kannst du ihr
+frei in die Hand geben, dann sieht sie gleich, daß du dich nicht vor ihr
+fürchtest. Paß auf, dann läßt sie ihre bösen Reden künftig bleiben.«
+
+Als nach der nächsten Konfirmandenstunde Emilie Forbes eben ihre Bücher
+zusammenpackte, wandte sich Regine nach ihr um, schob ihr das Blatt
+Papier entgegen und sagte: »Das gehört in dein Buch.« Betroffen sah das
+Mädchen auf die Worte, die da standen, und errötete beschämt. Aber sie
+geriet in noch größere Aufregung, als sie bemerkte, daß Regine vor allen
+andern Mädchen mit dem Pfarrer zugleich den Saal verließ; gewiß in der
+Absicht, mit ihm reden zu können. Darin hatte sie auch recht, nur daß
+Regine nicht über das sprechen wollte, was ihr Emilie Forbes angetan
+hatte; nein, sie mußte dem Pfarrer Bescheid geben wegen des schönen
+Plätzchens, das sie nicht annehmen durfte. Zögernd brachte sie die
+ablehnende Antwort heraus. Dem Pfarrer war es sichtlich leid, daß der
+Vorschlag seiner Frau nicht angenommen wurde. »Schade, schade!« sagte
+er, »es wäre so gut für dich gewesen.« Gerne hätte er in dem Herzen des
+Mädchens gelesen, ob die Abwesenheit der Mutter der wahre und einzige
+Grund der Ablehnung war. »Später, wenn deine Mutter zurück ist, dürftest
+du dann die Stelle annehmen?« fragte er. Regine wußte nichts darauf zu
+antworten. Die Mutter war ja gerade diejenige, die nichts vom Dienen
+wissen wollte. So blieb sie die Antwort auf diese Frage schuldig. Sie
+gingen noch eine Weile schweigend nebeneinander.
+
+»Zunächst ist da nichts zu machen,« sprach jetzt der Pfarrer,
+»vielleicht später, wenn deine Mutter heimkommt. Das wird ein trauriges
+Wiedersehen geben, Regine, wenn die Mutter deinen kleinen Bruder nicht
+mehr findet. Du mußt sie dann recht lieb haben, trotz dem was sie getan
+hat. Die Mutter lieben, aber die Unehrlichkeit hassen, so halte du es,
+Regine. Und an deiner Konfirmation, wenn du an den Altar trittst, so
+denke daran, was ich dir gesagt habe; und wenn ich dir die Hand zum
+Segen aufs Haupt lege, so werde ich auch daran denken: das ist eine, die
+hat einen schweren Kampf aufzunehmen, die will die Mutter innig lieben,
+aber die Unehrlichkeit grimmig hassen; Gott gebe ihr die Kraft dazu!«
+
+Der letzte Sonntag vor der Konfirmation war gekommen. Regine saß am
+Nachmittag ganz allein zu Hause; der Vater, der Bruder, die Schwester
+waren da- und dorthin gegangen. »Wenn du konfirmiert bist, nehme ich
+dich auch einmal mit dahin, wo’s lustig zugeht,« hatte Marie
+versprochen; obgleich sie selbst nicht mehr so lustig aussah wie früher,
+sondern blaß und verstimmt war. Aber sie war doch gegangen, und Regine
+war allein.
+
+Alle ihre Gedanken beschäftigten sich mit dem nächsten Sonntag. Gestern
+Abend hatte die Näherin ihr das schwarze Kleid gebracht; es sah wie neu
+aus, obwohl es aus dem der Schwester gemacht war. Sie nahm es aus dem
+Schrank und freute sich daran. Dann dachte sie an ihre Mutter. Man hörte
+gar nichts mehr von ihr, sie war wie verschollen. Ob sie wohl wußte,
+daß am nächsten Sonntag ihre Konfirmation war? Wie traurig zu denken,
+daß die Mutter eingesperrt in ihrer Keuche sitzen würde, wie der Vater
+das immer nannte; während andere Mütter in die Kirche kamen, um zu
+sehen, wie ihre Kinder eingesegnet würden. Das zu denken, tat ihr weh.
+Sie wollte ihr auch einmal schreiben, heute noch, gleich jetzt. Sie
+sollte ja die Mutter lieb haben.
+
+So setzte sich Regine an diesem einsamen Sonntag Nachmittag hin und
+schrieb der Mutter einen langen Brief; erzählte ihr von der Konfirmation
+und kam auch auf das verstorbene Brüderchen zu sprechen, wie es immer
+nach der Mutter verlangt habe, und unter Tränen beschrieb sie die
+Krankheit und den Tod des Kindes. Am nächsten Morgen bat sie den Bruder,
+daß er den Brief überschreibe und besorge. Er las ihn und meinte, wenn
+die Mutter nicht krank sei, würde sie ihn ganz gewiß beantworten. Darauf
+hoffte nun Regine, und dachte es sich schön aus, daß sie zur
+Konfirmation wenigstens einen Brief bekommen werde.
+
+Allein die Woche verging; der Tag der Konfirmation brach an, und es kam
+kein Lebenszeichen von der Mutter. Regine dachte freilich an diesem
+Morgen kaum mehr daran. Ihre Gedanken waren erfüllt von der Feier. Sie
+mußte auch nicht allein zur Kirche gehen. Der Vater, der am Sonntag
+Morgen gerne lange schlief, wollte freilich nicht mit ihr gehen; und
+Marie entschuldigte sich damit, daß sie heute etwas Gutes kochen wolle.
+Aber Thomas begleitete sie, und der war ihr doch der liebste. So gingen
+Bruder und Schwester zusammen, und sie vertraute ihm an, was der Pfarrer
+zu ihr gesagt hatte, und sie sagte nicht: »ich« soll die Mutter lieben
+und die Unehrlichkeit hassen, sondern sie sagte »wir« und zog ihren
+Bundesgenossen mit herein in die Lebensaufgabe, die ihr gestellt war.
+
+Vor der Kirche trennten sich die Geschwister, der Bruder stieg auf die
+Empore und sah von oben, wie unter dem Geläute der Glocken die
+Konfirmanden in langem Zug durch das Schiff der Kirche bis zu den Bänken
+vor dem geschmückten Altar kamen. Die Feier, die er seit der eigenen
+Konfirmation nicht mehr mitgemacht hatte, bewegte dem jungen Burschen
+das Herz.
+
+Als Regine an den Altar trat, mochte manches Glied der versammelten
+Gemeinde denken: Welch ein kleines, schmächtiges Mägdlein, noch ein
+ganzes Kind! Und doch war vielleicht keine von all den Konfirmandinnen
+mit solchem Ernst bei der Einsegnung, wie eben diese Kleine. Hatte ihr
+doch auch der Pfarrer versprochen, daß er an sie denken wollte. Sie
+erinnerte sich an seine Worte und trat, nachdem er sie eingesegnet
+hatte, mit fröhlicher Zuversicht aus der Kirche heraus, um den Kampf des
+Lebens aufzunehmen.
+
+Zu Hause sah es nicht festlich aus. Der Vater, eben erst aufgestanden,
+war mürrischer Laune; und die Schwester von eigenen Gedanken
+hingenommen, die nicht erfreulich schienen. Doch hatte sie der
+Konfirmandin zu Ehren ein gutes Essen gekocht, das nun in aller Stille
+verzehrt wurde. Seit dem Tod des Kleinen war es immer still beim Essen.
+Plötzlich ging die Türe leise auf, und in ihrem Rahmen erschien eine
+blasse Frau mit abgehärmten Zügen und sah mit großen, traurigen Augen
+auf die Anwesenden. Ein Ausruf des Erstaunens entfuhr allen: »Die
+Mutter!« Und da alle, wie vor einem Gespenst erschreckend, sie ansahen,
+so blieb die Gestalt wie gebannt an der Türe stehen und rührte sich
+nicht. Einen Augenblick währte die Bestürzung, dann erhob sich der Mann
+und ging auf seine Frau zu. »Wie kommst du heute hierher?« fragte er.
+»Ich glaube gar, du bist heimlich entwichen.« – »Nein, nein,« sagte die
+Frau und trat nun näher an den Tisch heran; »ich habe meinen
+Entlaßschein, ich bin frei. Die Hälfte der Zeit ist mir erlassen worden
+wegen guter Führung, auch wegen meiner Kränklichkeit und aus Rücksicht
+auf die Kinder. Zum Konfirmationstag haben sie mich entlassen.«
+
+Nachdem sie dies gesagt hatte, blickte sie nach der Stelle, wo noch
+immer das leere Kinderbett stand; wandte sich dorthin, warf sich
+schluchzend über das Bettchen und rief in lautem Jammer: »Mein Hansel,
+mein gutes, gutes Kind!«
+
+Sie standen alle erschüttert und mit schlechtem Gewissen diesem Kummer
+gegenüber, und jeden Augenblick erwarteten sie, daß die Mutter sich mit
+Vorwürfen an sie wenden würde. Aber sie schien nicht an sie zu denken.
+»O Kind!« rief sie, »ich bin schuld, daß du gestorben bist. Deine Mutter
+hat dich verlassen, und sie hat dich doch so lieb gehabt! Hätte ich nur
+bei dir sein und dich noch ein einziges Mal sehen können!« Allen, die da
+standen, kamen die Tränen. Wie sah auch die Frau so elend und abgehärmt
+aus! Nicht mehr wieder zu erkennen war sie.
+
+Hinter rauhen Worten suchte jetzt der Vater seine Rührung zu verbergen.
+»Laß jetzt das Jammern,« sagte er barsch. »Setz dich her und iß etwas,
+du siehst ja aus, daß es Gott erbarmt!« Da erhob sich die Frau, setzte
+sich an den Tisch und aß ein wenig, ohne vom Teller aufzusehen. Marie
+rückte ihr die Schüssel näher. »Du siehst so abgemagert aus, Mutter;
+warst du krank oder hast du Hunger leiden müssen?«
+
+»Hunger nicht; man bekommt genug zu essen. Manche sagen auch, es sei
+gut, aber mir hat keinen Tag das Essen geschmeckt,« sagte sie. »Schlaf
+habe ich auch nicht viel gefunden. Ich war doch an unsere Federbetten
+gewöhnt; die gibt’s dort nicht. Mich hat es immer gefroren. Krank war
+ich auch, zwei Wochen haben sie mich in die Krankenstube gelegt. Da hat
+man’s besser, und die Wärterin hat es wirklich gut mit einem gemeint und
+mit jeder gesprochen. Aber dann bin ich wieder in meine Keuche gekommen.
+Untertags habe ich gearbeitet; aber die langen Abende, wo man ohne
+Licht allein dasitzt, die sind schrecklich. Dann kam die Nachricht, daß
+das Kind gestorben sei. Von da an habe ich keinen Schlaf mehr finden
+können; immer mußte ich darüber nachgrübeln, daß ich’s hätte verhüten
+können. An diese Nächte werde ich denken mein Leben lang.«
+
+Sie waren alle ergriffen und hörten noch manches von der Mutter; denn
+sie war noch mit all ihren Gedanken bei dem, was hinter ihr lag, und
+hatte noch keine einzige Frage an die andern gerichtet. Jetzt stand
+Regine auf. »Ich muß in die Kirche,« sagte sie. Da schien die Mutter
+erst wieder in die Gegenwart zu kommen. Einen aufmerksamen Blick wandte
+sie der Konfirmandin zu, die nun im schwarzen Kleid, mit dem langen
+Kleiderrock vor ihr stand und ihr verändert vorkam. Daß das alles so
+geworden war trotz ihrer Abwesenheit, erschien ihr merkwürdig; und als
+nach Regine auch die andern fortgingen, eines dahin, eines dorthin, wie
+sie es an den Sonntagnachmittagen gewohnt waren, fand sich die Mutter
+ganz allein zu Hause; wußte nicht recht, wozu sie da war und warum sie
+sich heimgesehnt hatte, da doch niemand ihrer bedurfte. Bald saß sie
+wieder trauernd am Bett des verstorbenen Kindes, des einzigen, das ihr
+zugejubelt hätte.
+
+So fand Regine die Mutter, als sie aus dem Gottesdienst zurückkehrte.
+Mit einem Blick voll Liebe und Mitleid ging sie zu ihr hin. Die Mutter
+fühlte das. »Komm, setze dich her und erzähle mir was von dir,« sagte
+sie, und dann fuhr sie selbst fort: »Deinen Brief habe ich noch in der
+Krankenstube bekommen und habe ihn die Wärterin lesen lassen, denn sie
+ist eine gute gescheite Person. Sie hat auch gleich mit mir gesprochen,
+wie sie deinen Brief gelesen hat. ›Das Kind ist noch unverdorben,‹ hat
+sie gemeint, ›die dürfen Sie nicht mit der großen in die Fabrik
+schicken. Ich würde sie gleich aus dem Haus in eine gute Familie tun.‹«
+Regine horchte hoch auf, eine leise Hoffnung erwachte in ihr. »Warum
+schaust du so?« fragte die Mutter. – »Weil unser Herr Pfarrer auch so
+meint,« entgegnete Regine und schilderte mit aller Wärme die Stelle, die
+ihr angeboten war, und die sie ausgeschlagen hatte.
+
+»O,« rief die Mutter, »da hättet ihr zugreifen sollen, wenn es gleich
+nur ein geringer Platz ist. Soviel habe ich jetzt gelernt: wenn man zu
+hoch hinaus will, dann kommt man erst recht tief hinunter, bald genug
+wird das auch die Marie erleben.« »Ich will nicht hoch hinaus, Mutter,
+aber du willst ja nicht, daß wir in Dienst gehen.« – »Ich habe es
+freilich nicht gewollt, aber wenn man solche Nächte durchgemacht hat wie
+ich, dann denkt man über manches anders als vorher. Ich rate dir: danke
+deinem Gott, wenn du fortkommst, je eher je lieber!«
+
+Regine sah die Mutter freudig überrascht an. »Mutter, wenn du so sagst,
+dann gehe ich jetzt gleich ins Pfarrhaus und frage, ob das gute
+Plätzchen noch zu haben ist.« Die Mutter wunderte sich über ihre Kleine;
+die hatte sich verändert. »Geh nur gleich,« sagte sie, und eiligen
+Schritts ging die Konfirmandin dem Pfarrhaus zu. Wieder saß die Mutter
+allein im Zimmer, aber ihre Gedanken waren nicht mehr bei dem
+verstorbenen Kind. Sie begleitete im Geist das Mädchen, das voll Eifer
+ihr neues Leben beginnen wollte; und sie sagte vor sich hin, denn sie
+hatte sich in der einsamen Zelle angewöhnt, ihre Gedanken laut werden zu
+lassen: »Sie ist ganz anders als wir; es muß etwas Gutes in sie hinein
+gekommen sein, vielleicht durch den Konfirmandenunterricht. An der
+wenigstens kann man einmal Freude erleben.«
+
+Inzwischen kam auch Thomas heim und hörte staunend von dem raschen
+Entschluß. Gespannt warteten Mutter und Sohn auf Reginens Heimkehr. Sie
+sahen ihr die Freude gleich am Gesicht an. »Ich bekomme mein gutes
+Plätzchen,« rief das Mädchen in hellem Glück. »Aber nächste Woche soll
+ich fort; da ist noch viel zu richten! Ob das alles fertig wird? Marie
+hilft nicht gerne dazu.« »Wir machen’s schon ohne sie,« meinte die
+Mutter und stand rasch auf, wie wenn sie gleich an die Arbeit gehen
+wollte. »Gut, daß du wieder da bist, Mutter!« sagte Regine. Da verlor
+das traurige Gesicht der Frau den trostlosen Ausdruck, den es bisher
+gehabt hatte. »Gut, daß du wieder da bist,« die Worte taten ihr wohl;
+zeigten sie ihr doch, daß sich jemand über ihre Rückkehr freute.
+
+»So kommst du wirklich in eine Pfarrfamilie?« sagte Thomas nachdenklich
+zu der Schwester. »Dann kann ich auch nicht mehr in der Druckerei
+bleiben und für eine Zeitung arbeiten, in der nur gespottet wird über
+alles, was geistlich ist; du müßtest dich ja schämen, wenn es bekannt
+würde.« – »Was fängst du dann aber an, Thomas?« fragte die Schwester
+betroffen.
+
+»Es gibt noch mehr Druckereien; ich will sehen, daß ich bei einer
+anständigen Zeitung unterkomme. Ich habe das ewige Spotten und Schimpfen
+selber satt, es kommt nichts Gescheites dabei heraus. Weißt du, ich bin
+nur so zufällig hinuntergefallen in die schlechte Gesellschaft, wie so
+ein Apfel vom Baum in den Graben fällt; aber ich will nicht liegen
+bleiben, verstehst du?«
+
+Ja, Regine verstand ihren Bundesgenossen, und noch einmal sagte sie zu
+ihm die Worte: »Ich vertraue dir ganz und gar.«
+
+Und wir vertrauen allen beiden und können sie nun getrost verlassen; sie
+meinen es ehrlich, und es wird ihnen gelingen. Ja, mit Gottes Hilfe wird
+Segen von ihnen über ihre ganze Familie kommen.
+
+
+
+
+Von =Agnes Sapper= sind im gleichen Verlag erschienen:
+
+
+=Die Familie Pfäffling.= Eine deutsche Wintergeschichte. 288 Seiten.
+31.–40. Tausend. In Leinwand gebunden Mk. 3.–.
+
+
+=Werden und Wachsen.= Erlebnisse der großen Pfäfflingskinder. 350
+Seiten. 16.–23. Tausend. In Leinwand gebunden Mk. 4.–.
+
+ Der Glanzpunkt Sapperscher Erzählungskunst ist die Geschichte der
+ _Familie Pfäffling_ in zwei Bänden. Der erste Band mit der
+ Jugendgeschichte der Pfäfflingskinder ist eine Perle erzählender
+ Literatur, und für Kinder _und_ Eltern gleich interessant. Keine
+ großen äußeren Verhältnisse werden da vorgeführt, alles geschieht
+ nur im Rahmen einer bescheidenen, arbeitsamen Familie, und doch –
+ wie packt es, wie läßt einen von Satz zu Satz, von Seite zu Seite
+ die Spannung nicht los, und wie greift Freude und Leid im
+ Miterleben ins eigene Herz! – Dem Verlangen nach einem Mehr, das
+ auch den erwachsenen Leser dieser Geschichte befallen muß, hat
+ Agnes Sapper im zweiten Band: »_Werden und Wachsen_« entsprochen.
+ Es ist ein nachdenkliches Buch, für die reifere Jugend geschrieben
+ und, wie der erste Band, auch für Eltern und Erzieher wichtig.
+ Jenaer Volksblatt.
+
+
+=Das erste Schuljahr.= Eine Erzählung für Kinder von 7–12 Jahren. Vierte
+Aufl. Gebunden Mk. 1.20.
+
+
+=Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr.= Für Mädchen von 12–16 Jahren. 3.
+Aufl. Geb. M. 3.–.
+
+ Jede Mutter, die dies Buch prüft, wird sagen, daß dies eine der
+ gesündesten, frischesten Jung-Mädchengeschichten ist, die wir
+ haben.
+
+
+Beide Teile in _einem_ Band gebunden:
+
+=Gretchen Reinwalds erstes und letztes Schuljahr.= Dritte Auflage. In
+Leinwand Mk. 4.–.
+
+
+=Lieschens Streiche= und andere Erzählungen. Mit Bildern von Gertrud
+Caspari. Zweite Auflage. Gebunden Mk. 3.60.
+
+ Das sind fröhliche und ernste Geschichten, die aus des Kindes
+ ureigenem Quell schöpfen und darum allen Kindern gefallen werden.
+
+
+=Kriegsbüchlein.= 120 Seiten. 11.–20. Tausend. Steif geheftet Mk. 1.–.
+
+ Das ist wieder ein ganz treffliches Kinderbuch, das der bekannten
+ Verfasserin viele neue Freunde gewinnen wird. Die feine Auswahl von
+ höchst lebendig geschilderten kleinen Kriegsgeschichten aus Ost und
+ West läßt unsere Kinder hineinblicken in das große Geschehen der
+ Gegenwart, es läßt sie mitkämpfen, mitleiden, mithoffen. Manch
+ feines pädagogisches Wort weist unaufdringlich, aber dennoch
+ eindringlich darauf hin, daß das deutsche Volk nur dann siegen und
+ an die Spitze der Völker treten kann, wenn jeder einzelne auch ganz
+ und wahrhaftig ein Deutscher zu sein bestrebt ist. Eine Anzahl
+ prächtiger kleiner Kriegserlebnisse, ernst und launig, auch von
+ unserem Hindenburg, bildet den Beschluß. Allen Eltern wird dies
+ »Kriegsbüchlein« höchst willkommen sein....
+ Erlanger Tageblatt.
+
+
+=Im Thüringer Wald.= Mit Vollbildern von P. F. Messerschmitt und
+Buchschmuck von Helene Reinhardt. Ein fein illustriertes Büchlein in
+steifer Decke M. 2.–.
+
+ Diese rührende Geschichte aus dem Leben der armen Puppenmacher wird
+ in der schönen Ausstattung mit zehn Vollbildern und zahlreichen
+ hübschen kleinen Zeichnungen Kindern besondere Freude bereiten.
+
+
+=Erziehen oder Werdenlassen?= 336 Seiten. In Leinwand gebunden Mk. 4.–.
+
+ Ein verständiges, aus praktischer Erfahrung erwachsenes Buch, das
+ dem Erzieher als wertvoller Ratgeber zur Seite stehen kann vom
+ Erscheinen des Kindes an bis zu seinem Eintritt in das Leben der
+ Erwachsenen. Frei von der modernen Anbetung des Kindes, zeigt das
+ Buch doch auf jeder Seite die Achtung vor der werdenden
+ Persönlichkeit, die _eben deshalb_ kein bloßes Werdenlassen kennt,
+ sondern dem Kinde durch Erziehung zu möglichster Vollendung seiner
+ individuellen Persönlichkeit helfen will.
+ Die Frau.
+
+ ... Die Wahrheiten und Erfahrungen, die uns Agnes Sapper so oft
+ durch den bunten Schleier ihrer reinen und launigen Erzählungen
+ schimmern ließ, trägt sie in ihrem neuesten Buche als praktische
+ Pädagogik vor. Das Beste an diesem Buche ist, daß es keine Theorie,
+ daß es goldene _Erfahrungen einer Mutter_ sind von der ersten bis
+ zur letzten Zeile.
+ Deutscher Courier.
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der 1915 bei D. Gundert erschienenen vierten Auflage erstellt.
+Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+p 013: Der zog sein Mützchen ab und sagte. -> sagte:
+p 040: [Anführungszeichen] »Euch ... fleißiger.« -> ›Euch ... fleißiger.‹
+p 044: [Vereinheitlicht] kannst in Sonnenberg oft genug -> Sonneberg
+p 132: Abfahrt der Prinzen und der Prinzessin -> des Prinzen
+p 195: [Anführungszeichen] wußte nicht genau, sagte sie -> genau,« sagte
+p 203: hat man dem Apother -> Apotheker
+p 219: [Anführungszeichen] Uhr ist’s vorbei. »Ich -> vorbei. Ich
+p 230: dein Patenkind zur dir zu nehmen -> zu dir
+p 282: nicht vorher verraten hat -> hast
+p 292: [Anführungszeichen] und sagte leise: Patin?« -> »Patin?«
+
+Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung
+wurde prinzipiell beibehalten.
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Fett: =fett gedruckter Text=
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the fourth
+edition published in 1915 by D. Gundert. The table below lists all
+corrections applied to the original text.
+
+p 013: Der zog sein Mützchen ab und sagte. -> sagte:
+p 040: [inner quotes] »Euch ... fleißiger.« -> ›Euch ... fleißiger.‹
+p 044: [unified] kannst in Sonnenberg oft genug -> Sonneberg
+p 132: Abfahrt der Prinzen und der Prinzessin -> des Prinzen
+p 195: [added quote] wußte nicht genau, sagte sie -> genau,« sagte
+p 203: hat man dem Apother -> Apotheker
+p 219: [removed quote] Uhr ist’s vorbei. »Ich -> vorbei. Ich
+p 230: dein Patenkind zur dir zu nehmen -> zu dir
+p 282: nicht vorher verraten hat -> hast
+p 292: [added quote] und sagte leise: Patin?« -> »Patin?«
+
+The original spelling and minor inconsistencies in the formatting have
+been maintained.
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Bold: =bold text=
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Das kleine Dummerle, by Agnes Sapper
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS KLEINE DUMMERLE ***
+
+***** This file should be named 19733-0.txt or 19733-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/9/7/3/19733/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
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+
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
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+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+1.F.
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
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+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
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+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.